The Project Gutenberg eBook of Prophezeiungen
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Title: Prophezeiungen
Alter Aberglaube oder neue Wahrheit?
Author: Max Kemmerich
Release date: February 8, 2026 [eBook #77888]
Language: German
Original publication: München: Albert Langen, 1911
Credits: Peter Becker, Martin Oswald and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was produced from images generously made available by The Internet Archive)
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK PROPHEZEIUNGEN ***
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Prophezeiungen
Von Dr. =Max Kemmerich= erschien im Verlage von
=Albert Langen= in München:
Kultur-Kuriosa Erster Band
Zehntes Tausend
Kultur-Kuriosa Zweiter Band
Sechstes Tausend
Dinge, die man nicht sagt
Siebentes Tausend
Prophezeiungen
Alter Aberglaube oder
neue Wahrheit?
Von
Dr. Max Kemmerich
[Illustration: Verlagssignet]
Albert Langen
=Verlag für Litteratur und Kunst=
München
Copyright 1911 by Albert Langen, Munich
Vorwort
Nicht eine Geschichte der Prophezeiungen zu schreiben, stellte ich mir
zur Aufgabe. Auch lag es mir fern, den flauen Geschäftsbetrieb der
Wahrsagerinnen in eine Hausse überzuleiten. Ich müßte daher eine mir
von dieser Seite etwa zugedachte Ehrung dankend ablehnen.
Was ich beweisen wollte und bewiesen habe, ist lediglich das
Vorhandensein einer Kraft des zeitlichen Fernsehens. Und zwar trat ich
ursprünglich an die Frage heran im Glauben, die Prophetie als Rest
mittelalterlichen Denkens endgültig abtun zu können. Erst im Laufe der
Untersuchung und unter dem Gewicht der Argumente verwandelte sich der
Verfasser von einem Saulus in einen Paulus.
Ich übergebe diese Blätter der Öffentlichkeit in der festen
Überzeugung, eine neue Wahrheit gefunden, als erster den Glauben der
Jahrtausende zum Wissen erhoben zu haben. Daß es Jahrzehnte dauern
wird, bis daraus die notwendigen Schlüsse auf unsere Weltanschauung
gezogen werden, darüber bin ich mir im klaren. Ebenso darüber, daß
die erdrückende Mehrzahl der Zeitgenossen mit jener beneidenswerten
Sicherheit, die nur die absolute Ignoranz verleiht, das Thema, wie
seine Beantwortung ablehnen wird. Die Gewißheit aber, daß noch einmal
die Zeit kommen wird, in der die gedankenlose Menge unter unserem
Einfluß ebenso ungeprüft das in Bausch und Bogen ablehnen wird, was sie
jetzt, gleichfalls ungeprüft, anbetet, um das anzubeten, was sie heute
verwirft, wird mir niemand rauben können.
Für freundliche Unterstützung und Anregung in Gesprächen ist es mir
ein Bedürfnis, den Herren Privatdozent Dr. Alfred Brunswig, Dr. Hans
F. Helmolt und Friedrich Freih. von Stromer-Reichenbach, sämtlich in
München, meinen herzlichsten Dank auszusprechen. Besonders aber Herrn
Geheimrat Prof. Dr. Ferdinand Lindemann, der die große Güte hatte,
den mathematischen Teil meiner Beweisführung in den Korrekturbogen
einzusehen und zu begutachten.
Für den Hinweis auf Versehen irgendwelcher Art werde ich jederzeit
dankbar sein.
=München=, im März 1911
Der Verfasser
Inhaltsverzeichnis
Seite
Einleitung 1
Erstes Kapitel
Einzelne Prophezeiungen und Vorahnungen
Das Altertum 23
Zweites Kapitel
Einzelne Prophezeiungen und Vorzeichen
Mittelalter und Neuzeit 75
Drittes Kapitel
Unsere Beweisführung. Einwände und deren Widerlegung 137
Viertes Kapitel
Die lehninsche Weissagung
I. Der Text 157
II. Kommentar 177
Fünftes Kapitel
Christina Ponitowssken 191
Sechstes Kapitel
Die Prophezeiungen des Christian Heering aus Prossen 203
Siebentes Kapitel
Die Art der Prophezeiung Heerings 231
Achtes Kapitel
Johann Adam Müller 241
Neuntes Kapitel
Cazotte’s Weissagung der französischen Revolution 293
Zehntes Kapitel
Die Prophezeiungen der Frau de Ferriëm 325
Elftes Kapitel
Michel Nostradamus 346
Zwölftes Kapitel
Stellung der Wissenschaft zur Prophezeiung 403
Einleitung
Wer heute den Mut hat, über Prophetie zu sprechen, kann sicher sein,
auf ein überlegenes Lächeln der sogenannten Gebildeten zu stoßen. Der
Glaube an die Möglichkeit des räumlichen, mehr noch des zeitlichen
Fernsehens gilt ja als Rest finstersten mittelalterlichen Aberglaubens,
so etwa wie der an Inkubus und Sukkubus. Jedermann hält es für unter
seiner Würde, derartige Phänomene überhaupt zu prüfen, so wenig es
jemandem einfällt, den alchimistischen Lehren anders, als mit einem
Achselzucken entgegenzutreten.
Nun wird man zugeben, daß die Wahrheit die allerschärfsten Prüfungen
vertragen kann und nur der Irrtum Schonung fordern muß. Wenn es also
keine fernseherischen Phänomene gibt, so wird sich die Wissenschaft
sicherlich durch einwandfreie Feststellung der Tatsache nichts
vergeben, wohl aber in schiefes Licht kommen durch hochmütiges
Ignorieren. Und das zumal in einer Zeit, die so überaus reich an
umstürzenden Entdeckungen und Erfindungen ist, wie die unserige.
Man denke an die Röntgenstrahlen, Radium, drahtlose Telegraphie,
lenkbare Luftschiffe usw. usw. Alle diese neuen Erweiterungen unseres
Gesichtskreises lehren uns oder sollten uns doch wenigstens lehren, daß
selbst das Unwahrscheinlichste, ja für unmöglich Gehaltene wirklich
sein kann; daß nach wenigen Jahren dem Schulkinde selbstverständlich
scheint, was die größten Denker der vorangehenden Generation für
unmöglich erklärten.
»Unmöglichkeit«, das ist der Angelpunkt der Frage. Die Autoritäten, die
heute modern sind – denn auch wissenschaftliche Ansichten, Hypothesen,
Theorien und Dogmen sind der Mode unterworfen – erklären die Prophetie
für unmöglich. Nicht alle, ein Plato, Cicero, Augustinus, ja noch
ein Kant und Schopenhauer zweifelten nicht an der Wirklichkeit der
Phänomene, aber ohne dadurch das Denken der Gegenwart zu beeinflussen.
Entschuldigte man die ersteren mit ihrer Zeit, so galt der Glaube an
Prophetie bei den letzteren als Schwäche, als mystischer Einschlag,
den man bei Männern, an deren Intelligenz sonst ja nicht gerade viel
auszusetzen ist, gern vermißt hätte. Um es also nochmals festzustellen:
Seit den Zeiten der Aufklärung, also seit etwa anderthalb
Jahrhunderten, gilt die Prophetie oder – da dieses Wort einen
biblischen Beigeschmack hat – das Fernsehen in der Zeit für unmöglich.
Deshalb hat der Gebildete das Recht, einzelne Fälle des Vorhersehens
zu leugnen, und wo das gänzlich untunlich ist, sie durch Zufall zu
erklären. Geht er dem Problem nach – was doch voraussetzt, daß er seine
Möglichkeit zugibt, wenn er auch die Wirklichkeit bestreitet – so
blamiert er sich.
Ich bin nicht müde geworden, nachzuweisen, daß etwas darum weder
töricht, noch schlecht, noch viel weniger unmöglich zu sein braucht,
weil die Autoritäten es behaupten. Sie haben sich dem Genialen und
Neuen gegenüber regelmäßig und nahezu grundsätzlich blamiert. So als
die Ingenieure bewiesen, daß es unmöglich sei, Lasten fortzubewegen,
wenn glatte Räder auf glatten Schienen liefen, oder daß die Eisenbahnen
unmöglich auf Dämmen laufen könnten, sondern nur auf gemauerten
Unterbauten; oder als das kgl. Bayerische Medizinalkollegium den
Beweis erbrachte, daß die schnelle Bewegung der Eisenbahnzüge – es
war in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts! – nicht nur bei
den Insassen, sondern auch bei den Zuschauern die schrecklichsten
Gehirnstörungen hervorrufen müßte und deshalb die Errichtung von
unübersehbaren Planken längs der Bahnlinien geboten sei.
Nicht anders war es, als Hegel nachwies, daß der von Piazzi
1801 entdeckte Planetoid Ceres unmöglich existieren könne – aus
philosophischen Gründen. Oder als Gassendi, ja noch Bertholon und
Vaudin die Möglichkeit der Meteorfälle leugneten und das, wiewohl
dem ersteren ein eben niedergefallener, noch heißer Stein gebracht
wurde, die andern aber den protokollarischen Bericht von einem Fall
mit der Unterschrift des Maires und von 200 Zeugen vor Augen hatten.
Bekannt ist ja auch, daß Galvani auf die geniale Entdeckung der nach
ihm benannten Naturkraft hin von seinen Zeitgenossen verlacht wurde,
wie ja auch der große Davy über den Gedanken lachte, daß London jemals
mit Gas beleuchtet werden könne. Ein Heiterkeitsausbruch und die
Weigerung, den Vortrag zu drucken, war ja auch das einzige Resultat
Franklins, nachdem er der englischen Akademie der Wissenschaften den
von ihm entdeckten Blitzableiter entwickelt hatte. Daß Semmelweiß,
der Entdecker des Kindbettfiebers, im Irrenhaus starb, daß es Robert
Mayer, dem Entdecker des Gesetzes von der Erhaltung der Energie, ebenso
gegangen wäre, wenn seine kräftige Konstitution die Mißhandlungen
nicht überwunden hätte, gehört nicht zu den Ruhmesblättern deutscher
Geistesgeschichte[1].
Diese wenigen Fälle, die sich ins Endlose fortsetzen ließen, führten
wir nicht an, um etwa die Autoritäten als halbe Idioten hinzustellen.
Das wäre nicht nur für einen jüngeren Gelehrten höchst unangemessen, es
wäre auch sehr töricht, würden wir doch die Wissenschaft herabsetzen,
indem wir ihre Leuchten brandmarken. Denn wenn diese Männer auch
Mißgriffe begingen und oft den Fortschritt der Wissenschaft durch die
Wucht ihres Namens hemmten, so hat doch die Menschheit andrerseits
ihnen außerordentlich viel zu verdanken. Sind es doch ausnahmslos
Leute, die durch Intelligenz ihre Zeitgenossen, wenigstens die älteren
von ihnen, mit ganz wenigen Ausnahmen um Hauptes-, ja um Turmeslänge
überragten.
Wir registrieren sie vielmehr aus einem doppelten Grunde. Zunächst
um die Worte des großen Mathematikers Arago, man müsse mit Anwendung
des Wortes »unmöglich« außerhalb der Mathematik sehr zurückhaltend
sein, es am besten überhaupt nicht gebrauchen, zu bestätigen. Dann
aber, und das ist noch wichtiger, um die Leser nach Tunlichkeit
in die Seelenstimmung oder Verstandesverfassung – um das Modewort
Weltanschauung zu vermeiden – des Autors zu versetzen, in die des
=Zweifels=.
»Zweifel? Wie ist das zu verstehen, wo Sie uns da mittelalterliche
Märchen auftischen wollen und Ihr Möglichstes tun, Ihren Namen zu
diskreditieren! Sie meinen wohl Glauben, ja Wunderglauben?«
So wird man mir ins Wort fallen und mir dadurch willkommene Gelegenheit
geben, meinen Gedanken näher auszuführen.
Ich fordere allerdings Zweifel, Kritik, Skeptizismus, denn das ist
die Grundlage =meiner= Weltanschauung. Nicht daß ich als radikaler
Skeptiker die Unmöglichkeit jeder Erkenntnis behauptete und damit
viel mehr, als ich jemals beweisen könnte, noch dazu etwas überaus
Törichtes, weil Unfruchtbares. Wohl aber in dem Sinne, daß ich nur und
in erster Linie gut beobachtete =Tatsachen= für wahr halte. In zweiter
Linie kommen dann an Wahrheitsgehalt die auf Grund einer zwingenden
Logik daraus gezogenen Schlüsse.
Daraus ergibt sich, daß bei einer Disharmonie zwischen bewiesener
Tatsache und erklärender Hypothese oder Theorie selbstverständlich
die erstere bedingungslos anzuerkennen, die letztere zu verwerfen
ist. Denn dann ist =niemals die Tatsache falsch, sondern die Theorie,
das Dogma ist falsch= oder zum mindesten lückenhaft und daher
ergänzungsbedürftig. Nur diese Denkweise ganz allein ermöglicht
einen dauernden Fortschritt der Wissenschaft. =Nur wer jede, auch
die am besten gestützte Theorie aufzugeben bereit ist, wenn eine
einzige Tatsache sich durch sie nicht erklären läßt, nur der denkt
wissenschaftlich frei.=
Auch die Lehre von den vier Elementen hatte großartige Entdeckungen
ermöglicht, und doch war sie falsch und fiel mit dem Augenblick, als es
dem großen Lavoisier zur hellen Entrüstung seiner Zeitgenossen gelungen
war, die Luft in ihre Bestandteile zu zerlegen. Nicht anders stand es
mit der Phlogistontheorie, die darum doch falsch war. Wenn mir daher
heute jemand ein Perpetuum mobile zeigen würde, was ja bekanntlich
nach dem Gesetz von der Erhaltung der Energie unmöglich wäre, so würde
ich mich durchaus nicht weigern, es zu prüfen. Denn so machten es die
peripatetischen Kollegen des großen Gallilei, als sie sich sträubten,
das Fernrohr zu benutzen, aus Angst, seine Entdeckung der Jupitermonde
bestätigen zu müssen. Vielmehr würde ich das Instrument sehr, sehr
eingehend prüfen und ev. zum Resultat kommen, daß das große Gesetz, die
genialste Geistestat des 19. Jahrhunderts, lückenhaft ist.
Und wenn mir jemand den Stein der Weisen brächte und behauptete,
damit Gold machen zu können, so würde ich für einen Augenblick die
Theorie von der Unverwandelbarkeit der Elemente vergessen und den
Fall genauestens prüfen. Und wenn mir dabei einfiele, daß der große
Chemiker van Helmont und vor ihm Paracelsus behaupten, Gold hergestellt
zu haben, so wäre diese alchimistische Bestätigung kein Grund, die
Nachprüfung überlegen lächelnd abzulehnen.
Die Autoritäten, mögen sie auch noch so geniale Männer gewesen sein,
sind eben auch nur Menschen, und darum sind alle ihre Theorien dem
Irrtum unterworfen. Absolute Wahrheit oder doch Beweisbarkeit finden
wir wohl ausschließlich in der reinen Mathematik. Mit dem Augenblick
aber, wo die Mathematik in die reale Welt eingreift, etwa bei der
Konstruktion einer Eisenbahnbrücke oder in der Unfallstatistik, ist
auch sie nicht mehr unfehlbar, wenn auch zugegeben werden muß, daß ihr
immer ein hoher Grad von Beweiskraft beizumessen ist.
Wenn man sich darüber wundert, daß ich in einer historischen Studie
zum Beweise für die Fehlbarkeit der Autoritäten nur Beispiele aus dem
Gebiete der Naturwissenschaften anführe, so geschieht das ganz und
gar nicht deshalb, weil sich etwa hier die Autoritäten mehr blamiert
hätten, wie in den Geisteswissenschaften. Es hat lediglich in der
besseren Kontrollierbarkeit der Resultate seine Begründung.
Die Geisteswissenschaften stehen im Gegensatz zu den Naturwissenschaften
noch durchaus in den Anfängen. Von der Logik, die ja rein formaler
Natur ist, abgesehen, gibt es auch nicht einen einzigen philosophischen
Lehrsatz, der allseitig anerkannt wäre. Grundwahrheiten hat die
Philosophie überhaupt nicht. Ähnlich ist es etwa um die Psychologie
oder Geschichte bestellt. Gibt es doch Leute, die die Möglichkeit
historischer Gesetze rundweg leugnen. Mit der Tatsache aber, daß Ritter
Kunz in diesem oder jenem Jahre gestorben ist, oder daß soundso viele
Soldaten in der Schlacht bei Adorf fochten, lockt man keinen Hund vom
Ofen fort.
Die Naturwissenschaften verfügen dagegen über eine ganze Reihe
zwar nicht unfehlbarer, wohl aber gut fundierter Gesetze, und
dadurch, daß sie das Experiment als Beweismittel besitzen, sind
sie den Geisteswissenschaften gegenüber weit im Vorteil. Wenn es
also sogar bei ihnen schwer fällt und oft Jahrzehnte erfordert, die
Fachwelt von einer neuen Entdeckung zu überzeugen, so muß das auf
geisteswissenschaftlichem Gebiete noch viel schwerer sein.
Geradezu unmöglich wird es aber, wenn der neue Gedanke dem
materialistischen Modedogma, einem indirekten Resultate der Aufklärung,
widerspricht oder zu widersprechen scheint.
Die Aufklärung hat uns zweifellos unendlichen Segen gebracht, viel
mehr als Schaden. Sie beseitigte den Wunderglauben, d. h. den
Glauben, daß Gott mit Durchbrechung der Naturgesetze irgendeinen
Eingriff in die Weltordnung tun könne. Das allein schon ist ein
nicht zu überschätzender Gewinn. Sie befreite uns vom Hexenwahn,
diesem Schandfleck der christlichen Kirchen. Sie lehrte überall nach
natürlichen Gründen, nach Gesetzmäßigkeiten suchen und verhalf dem
gesunden Menschenverstand zu seinem Rechte.
Aber sie schoß auch über das Ziel hinaus, indem sie eine Überkritik
walten ließ, die besonders in der Geschichtswissenschaft noch üppige
Triebe zeitigt. Sie verwarf vor allem alles Übersinnliche, erklärte
es für unmöglich. Das aber ist vorläufig, d. h. für die nächsten
Jahrhunderttausende, bis wir nämlich alle Naturkräfte kennen,
unsinnig. Sie erklärte für »freie Geister« nur jene, die an die
=Hypothese= von der Unmöglichkeit alles nicht Alltäglichen, jederzeit
willkürlich und durch das Experiment Hervorrufbaren glauben. Aber das
ist ein =Glaube=, ein falscher Glaube sogar, wie ich in vorliegendem
Werke nachzuweisen versuchen werde.
Da jedoch das wunderbar Scheinende – nicht etwa nur das endgültig
als nicht existierend bewiesene »Wunder« – die Ausnahme bildet,
durch bereits bekannte Naturgesetze Erklärbares oder doch auf sie
Zurückführbares aber die Regel, so war der von der Aufklärung und
ihren heute noch herrschenden Schülern angerichtete Schaden bei weitem
nicht so groß, wie der Nutzen. Denn wenn wir auch die Existenz echter
Prophetie beweisen werden, so werden wir doch nicht leugnen, daß es
sich um relativ seltene Phänomene handelt.
Wogegen wir mit aller Energie und mit Berufung auf die Irrtümer der
sogenannten Autoritäten sowohl, als auf die Lückenhaftigkeit unserer
Kenntnisse des Naturgeschehens zu Felde ziehen müssen, das ist vor
allem die =unbewiesene und unbeweisbare Hypothese von der Unmöglichkeit
irgendeiner Erscheinung nur deshalb, weil sie einer Theorie
widerspricht, oder weil wir sie nicht erklären können=.
Nicht der ist frei, der einer Theorie zuliebe widersprechende Tatsachen
ungeprüft ablehnt, der in lächerlicher Überschätzung des derzeitigen
Standes unserer Kenntnisse etwas für unmöglich hält, sondern =ganz
allein, wer vorurteilslos und tendenzlos alles prüft, was ihm
fremdartig erscheint, ohne sich dabei im allergeringsten über die
Urteile der Autoritäten aufzuregen=.
Sehr lehrreich für die Macht des materialistischen Dogmas, das nur
Kraft und Stoff kennt und den fehlerhaften Analogieschluß fordert, die
Gesetze der materiellen Welt seien auf die des Geistes ohne weiteres
übertragbar, ist die Leidensgeschichte des Hypnotismus.
Da ich sie an anderer Stelle[2] ausführlich erzählte, möge es genügen,
hier daran zu erinnern, daß Mesmer, der Entdecker oder vielmehr der
Wiederentdecker – und auch das nur mit Einschränkung, denn das Phänomen
war schon Jahrtausende bekannt – einer geheimnisvollen Kraft, mit der
er Heilungen und höchst wunderbare Phänomene erzeugte, auf Grund einer
eingehenden Prüfung von der Pariser Akademie der Wissenschaften, und
zwar von Männern wie Leroy, Bailly, Lavoisier, für einen Phantasten
erklärt wurde. Als Schwindler verschrien mußte er sterben, ohne die
Anerkennung seiner Lehre erlebt zu haben. Auch dem Arzte James Baid,
der 1843, 59 Jahre nach der ersten Prüfung, die Frage neuerdings in
Angriff nahm, gelang es nicht, die Anerkennung der Zeitgenossen zu
finden. Erst durch die Vorführungen des gewerbsmäßigen Hypnotiseurs
Hansen im Jahre 1879 wurde die Aufmerksamkeit der Welt auf die
wunderbaren Erscheinungen gelenkt. Aber noch Virchow leugnete sie bis
zu seinem Tode, weil sie in das gerade herrschende System nicht paßten
und wohl auch, weil Phantasten aus ihnen zu weit gehende Schlüsse
zogen.
Heute kennt jedes Kind Suggestion und Hypnotismus, und doch sind wir
noch durchaus nicht imstande, die Phänomene, obwohl wir sie jederzeit
hervorrufen können, zu erklären.
Genau wie hier verhält es sich mit dem zeitlichen und räumlichen
Fernsehen und wohl auch noch mit ungezählten anderen Dingen: =sie
werden geleugnet, weil sie nicht erklärt werden können=. Erst wenn eine
unübersehbare Fülle von Daten vorliegt, gibt man eine unerklärbare
Tatsache zu, oder man bildet sich ein, sie erklärt zu haben, indem man
für sie einen Namen prägt. Dies ist wieder ein schlagender Beweis für
den oft erschreckenden Mangel an Logik, den wir auch bei Gebildeten
finden.
Ein anderer Grund – neben Aufklärung und Materialismus – für das
Widerstreben, Tatsachen anzuerkennen, die nicht in das Modedogma
passen, ist die Furcht, für kirchengläubig zu gelten. Nun, gegen diesen
Verdacht schützen mich meine anderen Bücher. Aber ich fühle mich auch
von dem Vorurteile gegen das Vorurteil frei oder habe doch das redliche
Streben, es zu werden.
Daß die Kirche an Prophezeiungen und Offenbarungen glaubt, kann für
mich natürlich kein Grund sein, es auch zu tun, aber es ist auch keiner
aus wohlbegründeter Abneigung gegen sie, und zwar nur aus ihr – denn
träten Gründe dazu, dann wären ja diese ausschlaggebend – die Prophetie
abzulehnen. Das wäre ein Rückfall in jene Intoleranz und Borniertheit,
die ich zu bekämpfen nicht müde werde.
Was ich suche, ist ganz allein die =Wahrheit=. Ob sie nützt oder
schadet, ob meine Gegner sie gutheißen oder nicht, ist mir vollkommen
gleichgültig. Selbst wenn ich ihnen Waffen gegen mich in die Hand
drückte, so könnte diese Befürchtung mich nicht zu einer Unehrlichkeit
verleiten.
Aber so liegt hier der Fall gar nicht. Denn wenn wir auch zum
Resultate kommen werden, daß echte Prophetie existiert, so ist damit
=selbstverständlich noch nicht im allergeringsten etwas darüber
ausgesagt, daß irgendeine Prophezeiung, deren Eintreffen noch aussteht,
auch richtig sein muß=. So wenig, wie aus der Konstruktion des
lenkbaren Luftschiffes gefolgert werden kann, daß nun auch jedes, oder
auch nur die Mehrzahl ihr Ziel erreicht. Deshalb möchte ich meinen
orthodoxen Freunden in beiden Lagern raten, nicht zu früh über den
verlorenen und wieder gefundenen Sohn zu frohlocken und sich nicht
auf mich zu berufen, wenn sie einen Gewährsmann für die Richtigkeit
der Apokalypse oder der Weissagungen irgendeines Nönnlein benötigen.
Sie würden mich zwar nicht zu einer Polemik bewegen können – dazu
Nachhilfestunden in der Logik zu erteilen, fehlen mir wirklich Lust und
Zeit – aber sie würden einen groben Denkfehler begehen.
Noch ein weiterer Grund wird der Annahme meines Beweises hindernd im
Wege stehen: die Furcht, durch Zugabe der Prophetie die Willensfreiheit
zu leugnen. Ich stehe der sogenannten Willensfreiheit sehr skeptisch
gegenüber, würde aber den einer historischen Untersuchung gesteckten
Rahmen weit überschreiten, wollte ich mich auf diesen schlüpferigen
Boden, auf dem schon die größten Geister strauchelten, begeben. Ob die
Anerkennung der Prophetie für oder gegen die Willensfreiheit spricht,
mag mich als Privatmann interessieren. Hier ist es mir ebenfalls
gleichgültig. Denn die Konsequenzen, die man aus einer richtigen
Tatsache zieht, dürfen, mögen sie auch noch so unerfreulich sein, ihre
Anerkennung doch nicht verhindern.
Als letzten Grund für die Feindschaft gegen die Prophetie, wie
übrigens gegen alle seltenen Phänomene, mag noch der demokratische
Gleichheitswahn angeführt werden. Da alle Menschen, wenigstens in
ihren politischen Rechten, gleich zu sein behaupten oder es doch
beanspruchen, liegt der Schluß nahe, sie seien es überhaupt. Nun ist
die Gabe der Weissagung zweifellos selten. Sie unterscheidet den
mit ihr Begnadeten – oder Belasteten – von den anderen Menschen.
Das Zugeständnis aber, daß es Leute mit Fähigkeiten gibt, die nicht
etwa nur quantitativ, sondern auch ihrem ganzen Wesen nach über der
Durchschnittsmenschheit stehen, will gar nicht dem modernen Denken
entsprechen. Man mag – widerstrebend allerdings – zugeben, daß dieser
oder jener klüger ist, als man selbst, aber das ist noch kein Verzicht
auf die Fähigkeit zu denken überhaupt. Zuzugestehen aber, daß irgend
jemand einer Gabe teilhaftig ist, von der uns anderen auch die leiseste
Spur fehlt, kostet schmerzliche Überwindung.
Ich selbst besitze die Gabe der Prophetie nicht. Ich bin auch weder
Spiritist noch Okkultist. Nicht etwa deshalb, weil ich die von jener
Seite behaupteten Erscheinungen für unmöglich hielte, sondern lediglich
deshalb, weil ich noch keine Gelegenheit hatte und sie wohl auch nicht
suchte, mich von ihrer Richtigkeit zu überzeugen. Ich bin lediglich als
Historiker an diese Frage herangetreten, und zwar kam das so:
In meiner Untersuchung »Lebensdauer und Todesursachen innerhalb
der deutschen Kaiser- und Königsfamilien«[3], in der ich auf
historisch-statistischer Basis erstmalig den Beweis erbrachte, daß die
Lebensdauer im geraden Verhältnis zur Höhe der materiellen Kultur steht
und daß die Menschen seit dem frühen Mittelalter immer älter werden,
stieß ich auf folgende Stellen:
»Mit des Kaisers Kräften ging es zur Neige, als er Ende September
1518 von Augsburg durch die Ehrenberger Klause in sein geliebtes
Tirol gezogen kam ... Die Ärzte konnten nichts helfen, zumal einer,
Collinitius (Tannstetter), hoffnungslos war wegen eines Horoskopes, das
er vor Jahren vor Zeugen über des Kaisers Todesepoche gestellt hatte
...« Der Kaiser Maximilian I. starb am 12. Januar 1519[4].
Oder von Kaiser Rudolf II., der schon viele Jahre geistig und
körperlich krank, seit 1612 andauernd ans Bett gefesselt war, fand ich:
Ende des Jahres 1619 ging es mit ihm schlechter. »Er versank in tiefe
Melancholie, da er seinen Tod für unvermeidlich hielt. Tycho Brahe,
sein großer Astronom, hatte nämlich durch das Horoskop gefunden, daß er
und sein Lieblingslöwe unter demselben Einfluß stünden. Letzterer war
aber in diesen Tagen gestorben.« Der Kaiser starb am 20. Januar 1620[5].
Noch eine dritte Stelle sei angeführt. Sie handelt von Kaiser Karl
VI., dem letzten Habsburger. Der Kaiser hatte, wiewohl ganz gesund,
am 1. Oktober des Jahres 1740 plötzlich ein Vorgefühl des nahen Todes
geäußert. Um ihn zu zerstreuen, war eine große Jagd veranstaltet
worden, von der er todkrank heimkehrte. Und zwar hatte er am 13.
Oktober plötzlich heftigen Schnupfen und Leibschmerzen, so daß er auf
der Heimfahrt mehrmals ohnmächtig wurde. Am 20. Oktober hauchte er
seine Seele aus[6].
Diese und andere historisch völlig einwandfrei feststehende Tatsachen,
die ich in meinem Gedächtnis nachkramend noch fand, machten mich
stutzig, und ich entschloß mich, die Frage einer eingehenderen Prüfung
zu unterziehen. Wäre ich =gläubig= gewesen, d. h. hätte für mich
die Hypothese der Unmöglichkeit derartiger übersinnlicher Phänomene
festgestanden, dann hätte ich mich mit dem Zufall als Erklärung begnügt
und nicht weiter darüber nachgedacht. Aber ich war und bin ganz und
gar =nicht= gläubig, weder der Kirche und ihren Dogmen, noch den
Autoritäten oder den gerade aktuellen Zeitdogmen gegenüber, und so ging
ich vor auf die Gefahr hin, einen Schlag ins Wasser zu tun.
Einigermaßen zögerte ich noch, weil mir die Konsequenzen eines ev.
Eintretens für die Wahrheit der Prophetie keinen Augenblick zweifelhaft
sein konnten. Hätte ich gefunden, daß alle überlieferten Daten falsch
sind, dann wäre damit gegen die Möglichkeit der Prophetie ebenso wenig
bewiesen gewesen, wie etwa die Nichterreichung der Pole etwas gegen die
Möglichkeit, doch einmal ans Ziel zu gelangen, aussagen will.
Wie aber, wenn ich mich von der Wirklichkeit überzeugte und dann den
selbstverständlichen Bekennermut der Wahrheit beweisen müßte? Ein
Fall, der, wie das Folgende zeigen wird, eintrat. Oder wenn es mir
nicht gelingen sollte, den zwingenden Beweis zu erbringen, nachdem ich
persönlich überzeugt worden war?
Ich hätte mich unfehlbar lächerlich gemacht. Es ist ja ein
beneidenswertes Vorrecht der absoluten Ignoranz, a limine alles das
abzulehnen, was ihr nicht sofort plausibel erscheint. Je mehr wir uns
mit irgendeiner Materie beschäftigen, desto mehr werden wir finden, daß
es nur sehr wenig Irrtümer gibt, die sich nicht mit einigen Argumenten
stützen ließen, aber andrerseits auch nur sehr wenig Wahrheiten, gegen
die sich nicht gleichfalls triftige Gründe ins Feld führen lassen. Da
nun aber gerade auf diesem Gebiete die Zahl derer, die sich mit der
Materie beschäftigten, sehr minimal ist; da sie zumeist nicht den Mut
haben, das zu bekennen, was sie fanden oder – wenn sie es tun – es
zumeist in Organen geschieht, die durch die geringe kritische Sichtung
ihres sonstigen Materiales auch das Richtige schädigen, so befinde ich
mich unbedingt in der verschwindenden Minorität und muß sehen, wie ich
den Kampf allein durchführen kann.
Besonders die große Zahl der Freunde meiner anderen Schriften wird,
dachte ich mir, an mir irre werden. Denn sie lachte mit mir die
Ignoranz und Borniertheit der Pfaffen und Bureaukraten aus und freute
sich über Dummheiten anmaßender »Autoritäten«. Sie wird – das bewiesen
mir schon Zuschriften – glauben, ich sei Apostat geworden, wo doch
das gerade Gegenteil der Fall ist. Gerade meine Autoritätslosigkeit
und mein Wahrheitsdrang befähigten und ermutigten mich eine Frage,
die für die gedankenlosen Nachbeter des Zeitdogmas längst gelöst ist,
nachzuprüfen. =Also nicht Apostasie, sondern konsequente Verfolgung
des eingeschlagenen Weges führte zu diesem Ziele.= Wenn es auch
verdienstvoll ist, mit Irrtümern aufzuräumen, wie ich das in früheren
Schriften tat, so ist es doch zweifellos noch dankenswerter, eine neue
Wahrheit zu finden. Brach ich also Bahn für dogmenfreies Denken nach
jeder Richtung, so war es nur natürlich, wenn ich als einer der ersten
diese Bahn auch beschritt.
Ein weiterer Einwand, den ich mir machte, um ihn gleich dem vorigen zu
widerlegen, war folgender: Die Prophetie ist ein Phänomen, das seit
Jahrtausenden bekannt ist und das das Volk – neben mancher anderen
Wahrheit – auch niemals vergessen hat, trotz aller Gelehrten. Man
wird also, wenn ich den Beweis für die Tatsächlichkeit erbringe, in
ganz kurzer Zeit vergessen, daß ich mich damit aufs entschiedenste
gegen die Zeitdogmen gestemmt habe, daß ich den Mut bewies, den
Fluch der Lächerlichkeit zu riskieren und tatsächlich eine neue
Wahrheit, wenigstens für die Wissenschaft, fand. Man wird sich vielmehr
breitbeinig vor mich hinstellen und mir mit Stentorstimme zuschreien:
»Du glaubst eine neue Wahrheit gefunden zu haben? Du Narr! Das haben ja
schon die alten Babylonier, Hebräer und Griechen gewußt.«
Und man wird glauben, mir eine große Neuigkeit geoffenbart zu haben.
Doch selbst wenn es so kommen wird – dachte ich mir – ist es nicht so
schlimm. Denn nicht nur die Goldbarren der Wahrheit aus tiefem Schacht
ans Licht zu fördern, ist des Schweißes der Edeln wert. Auch aus ihnen
Dukaten zu schlagen und sie so unter die Leute zu bringen, ist nicht
ohne Verdienst.
So weit freilich, daß man den berühmten Tric anwenden kann, erst
eine neue Wahrheit mit allen Mitteln, selbst gegen besseres Wissen
zu bekämpfen und dann, wenn sie glücklich zum Siege geführt ist,
zu beweisen, daß sie gar nicht neu ist, sind wir noch lange nicht.
Vorläufig befinden wir uns noch im ersten Stadium dieses Prozesses. Das
beweist auch folgender Vorfall:
Als mir neulich ein Bekannter sagte: »Was machen Sie denn eigentlich?
Ich habe Sie immer für einen modernen Menschen gehalten und nun treiben
Sie solche Sachen«, da konnte ich ihm ruhig antworten: »Nicht wiewohl,
sondern eben weil ich mich bemühe, ein moderner Mensch zu sein, darum
tue ich es. Denn in zehn Jahren werden es die Spatzen von den Dächern
pfeifen.«
Es gibt also tatsächlich noch Leute, und sie haben die öffentliche
Meinung ganz auf ihrer Seite, die die Beschäftigung mit solchen
übersinnlichen Phänomenen für eines modernen Menschen unwürdig halten.
Das war mir eine große Beruhigung, denn da ich den =Beweis= gefunden
habe, ist es mir natürlich wertvoll, zu wissen und bestätigt zu finden,
daß ich damit vorläufig wenigstens etwas Unerhörtes sage.
Es ist ja ein trauriges Los aller Entdecker und Förderer einer neuen
Wahrheit, daß das, was sie fanden – um so bedeutender es war, desto
schlimmer –, bald Gemeinplatz wird und man sich nachträglich kaum mehr
vorstellen kann, welcher Kämpfe und Gedankenarbeit es bedurfte, es so
weit zu bringen.
Doch alle diese Erwägungen und wohl auch noch andere brachte ich durch
den schlagenden Gegengrund zum Schweigen, daß es unehrenhaft ist, eine
Wahrheit, die man gefunden zu haben glaubt, aus keinem anderen Grunde
zu verschweigen, als weil man persönliche Unbequemlichkeiten fürchtet.
Hätten nicht zu allen Zeiten mutige und ehrenhafte Männer so gedacht,
dann wären wir heute noch Kannibalen und Troglodyten.
Allerdings war mir eines klar: allein durch die Zusammentragung
beglaubigter Prophezeiungen ist das Problem niemals zwingend zu
lösen. Denn mögen die Daten auch noch so zahlreich sein, so wird die
Möglichkeit des Zufalles doch niemals ganz von der Hand gewiesen werden
können. Es handelte sich also vor allem darum, eine =Methode= zu
ersinnen, die diesen Rückzug endgültig abschneidet.
Sie fand ich durch Verbindung der =Wahrscheinlichkeitsrechnung= mit den
historischen Tatsachen. Dadurch gelang es mir, an die Stelle eines
Glaubens oder Nichtglaubens an Prophetie das unbedingt feststehende
=Wissen= von ihrer Existenz zu setzen.
=Das ist eine neue Wahrheit.= Denn die Voraussetzung der Wahrheit,
das, was sie vom Glauben oder Aberglauben unterscheidet, ist ihre
=Beweisbarkeit=. In die Wissenschaft wird etwas nur durch den Beweis
eingeführt. Und ihn zu erbringen, gelang mir als erstem. Denn was
die größten Denker früher auch über Prophetie geschrieben haben
mögen, alles war mehr oder weniger hypothetisch, mag es auch noch
so geistreich oder genial gewesen sein. Die feste Basis des exakten
wissenschaftlichen Beweises legte sich.
Nun wird man noch fragen können, warum ein Buch, das die strengsten
wissenschaftlichen Ansprüche erhebt und den ersten zwingenden Nachweis
einer zwar vermuteten, aber doch noch völlig unbekannten Naturkraft
erbringt, in einem Verlage erscheint, der vornehmlich populäre und
belletristische Literatur pflegt.
Ich könnte darauf antworten, daß eine solche Äußerlichkeit nicht der
Rede wert sei. Damit würde ich allerdings die Denkweise der gelehrten
Zunft verkennen, die sich mit Vorliebe an äußerliche Kriterien hält.
Sie wird sich in diesem Falle wohl oder übel mit der Tatsache abfinden
müssen, daß eine Wahrheit, die in ihren Konsequenzen an Bedeutung alle
Klostergeschichten und Aktenpublikationen turmhoch überragt, in einer
Form und in einem Verlage erscheint, der nichts weniger als für den
Ausschluß der Öffentlichkeit bestimmt ist.
Um es gerade heraus zu sagen: Mir genügt es nicht, wenn ein Dutzend
Gelehrte von meiner Entdeckung Kenntnis erlangen. Ich verzichte auf
die papierne Unsterblichkeit der Bibliotheken und Anmerkungen. Ich
will =wirken=, das Denken meiner Zeitgenossen beeinflussen. Ich will
verhüten, daß einige übelwollende oder neidische Fachgenossen, einige
dogmatisch befangene Fachzeitschriften mein Werk auf Jahrzehnte
totschweigen können. Vestigia terrent. Darum versuchte ich strenge
Wissenschaftlichkeit des Tatsachenmateriales und der Beweisführung
mit einer Form zu verbinden, die auch der versteht, der über nichts
weiter als seinen gesunden Menschenverstand und leidliche Schulbildung
verfügt. Und ich trug Sorge, daß dieses Buch eine Verbreitung findet,
ebenso groß, oder noch größer, als die meiner übrigen Schriften.
Daß mir Hohn und Spott von der einen Seite, der Vorwurf, ich stieße
offene Türen ein, von der anderen, orthodoxen, die ein Glauben an
Prophetie mit dem exakten Nachweis ihrer Existenz verwechselt, nicht
erspart bleiben wird, des bin ich gewiß. Es schreckt mich nicht. Ich
kann sogar meinen Gegnern die Versicherung geben, daß es gar nichts
Ungefährlicheres gibt, als mich anzugreifen. Denn da die Wahrheit für
sich spricht und sprechen wird, habe ich keine Veranlassung, mich
in Polemiken einzulassen und damit Leuten zu einem Bekanntwerden zu
verhelfen, auf das sie sonst wohl verzichten müßten. Nur Gelehrten
von Ruf und Namen rate ich zu einiger Vorsicht. Sie könnten sich
sonst leicht in meinen Kultur-Kuriosa unter der Liste der entgleisten
»Autoritäten« wieder finden.
Ich schließe mit einer Bitte an alle jene, denen es wirklich um die
Wahrheit zu tun ist. Ich bitte nicht um irgendeinen Glauben, im
Gegenteil, ich bitte um =Zweifel=. =Aber um einen Zweifel, der nicht
stehen bleibt bei der Kritik der einzelnen Tatsache, sondern der auch
nicht halt macht weder vor Hypothesen, noch Theorien, noch Zeitdogmen.
Auch nicht vor dem der Unmöglichkeit der Prophetie.=
Fußnoten:
[1] Eine große Zahl weiterer Fälle findet man in meinen
»Kultur-Kuriosa«, 8. Aufl., S. 268 ff., und II. Band, 6. Aufl., S. 42
ff. Meine Ansichten über Autoritäten im allgemeinen sprach ich aus in
»Dinge, die man nicht sagt«, 7. Aufl., S. 98 ff.
[2] Kultur-Kuriosa II, S. 61 ff.
[3] Bei Franz Deuticke, Wien und Leipzig 1909.
[4] H. Ulmann, »Kaiser Maximilian I.«, II. Bd., S. 760 ff. Über die
letzte Krankheit des Kaisers sind wir genauestens informiert durch das
Schreiben J. Spiegels an den Arzt Stromair. Vgl. Knod. Spiegel, 1.
Schlettstädter Programm 1884, Beil. VII, S. 51 f.
[5] Vgl. Anton Gindely, Rudolf II. und seine Zeit, Prag 1863, II. Bd.,
S. 325 ff.
[6] P. A. Lelande, Histoire de l’empereur Charles VI, Haag 1743, VI.
Bd., S. 114 ff.
Erstes Kapitel
Einzelne Prophezeiungen und Vorahnungen
Das Altertum
Die Zahl der uns aus der Vergangenheit erhaltenen und als eingetroffen
beglaubigten Prophezeiungen ist außerordentlich groß. Dabei ist es
keineswegs nötig, die Weissagungen religiösen Inhaltes in den Kreis der
Betrachtung zu ziehen. Auf sie werden wir in diesem Buche überhaupt
nicht näher eingehen, und zwar aus verschiedenen Gründen.
Zunächst hat das an Prophezeiungen reiche Alte Testament verschiedene
Redaktionen und Interpolationen sich gefallen lassen müssen, so daß wir
oft nicht wissen, ob es sich um eine beglaubigte Vorhersage handelt.
Das schließt das Vorhandensein der echten nicht aus. Auf sie werden wir
später zurückkommen. Daß die messianischen Prophezeiungen ausscheiden,
ist klar, denn es ist eine mißliche Sache, sich mit solchen mystischen
Dingen zu befassen, wenn man eine neue Wahrheit finden oder doch
eine alte durch neue Argumente stützen will. Die Juden stehen ja
bekanntlich noch heute auf dem Standpunkt, daß der Messias noch kommen
wird.
=Eine= Prophezeiung allerdings zieht sich durch das Alte Testament,
die wir nicht vergessen dürfen, zumal sie profaner Natur ist: die das
jüdische Volk und seine Zukunft betreffende. Von ihr wissen wir auch
mit absoluter Sicherheit, daß sie nicht nachträglich erst abgefaßt sein
kann. Mag man einwerfen, sie sei prophezeit nicht etwa auf visionärem
Wege, sondern als Wunsch, oder in der Absicht, durch diese Hoffnung das
kleine Judenvolk auch in den schlimmsten Zeiten aufrecht zu erhalten,
so sind das Hypothesen, die an der verblüffenden Tatsache nichts ändern.
Wo sind sie alle geblieben, die Herren der alten Welt? Wo sind die
Babylonier, die Assyrer, die Griechen, Römer?
Sie sind wie die Spreu vom Winde verweht. Da und dort Trümmer
gewaltiger Bauwerke, Reste ihrer Literatur, Spuren in unserem Geiste
hinterlassend, aber im wesentlichen hat nur der Name die Jahrtausende
überdauert. Was an den alten Herrenvölkern von Fleisch und Blut war,
das ist ausgestorben. Gewiß mag noch in den Adern von manchen unter uns
ein Tropfen ihres Blutes rollen. Aber es ist =ein= Tropfen.
Und =leben= nicht die Juden? =Sie ganz allein= von allen Völkern,
die einst vor Jahrtausenden über die Erde wandelten? Und auch sind
sie es wiederum ganz allein, die seit zweiundeinhalb Jahrtausenden
=kein Vaterland= besitzen, sondern verfolgt, gehaßt, verachtet unter
Wirtsvölkern wohnen, die oftmals wechselten, während sie blieben.
Aber es ist nicht genug zu sagen, daß das Judenvolk der einzige Rest
der Antike ist, der lebend mit Fleisch und Blut in die Gegenwart
hineinragt. Sie sind jetzt bedeutend =zahlreicher= als je zuvor.
Schätzt man doch das ganze Volk auf etwa 11½ Millionen Seelen,
während das alte Palästina, ein Land nicht größer als die Provinzen
Sachsen oder Westpreußen, kaum mehr als eine halbe Million Bewohner
ernährte, und von diesen waren keineswegs alles Juden. Das Volk hat
sich also nach allermindester Schätzung verzwanzigfacht.
Doch es ist nicht genug an dem, daß das Judenvolk als einziges des
Altertums heute noch besteht, daß es ohne Vaterland dies Wunder
ermöglichte, daß es sich verzwanzigfachte, es =herrscht= auch! Unser
Handel und Geldwesen ist leider zum großen Teile durch die törichten
kirchlichen Wucherverbote den Landesherren entwunden und in ihre
Hand gelegt. Ebenso steht es mit dem größten Teil der Presse. Und
daß auch politisch das Judenvolk keineswegs machtlos ist, wenigstens
nicht im Westen und Süden Europas, beweisen die zahlreichen Minister
israelitischen Glaubens in Italien und Frankreich, beweist ein Disraeli
im stolzen England und mancher hohe Beamte bei uns. Dabei sehen wir
ganz davon ab, daß sehr viel jüdisches Blut sich mit dem blauen unseres
Adels vermischt hat.
Fürwahr: Keine Prophezeiung ist in jeder Hinsicht in so wunderbarer
Weise in Erfüllung gegangen, wie die alttestamentliche das Judenvolk
betreffende.
Wir wollen nun im folgenden eine Anzahl das Judenvolk betreffender
Prophezeiungen notieren[7].
Der älteste bekannte Prophet ist =Amos=, dessen Leben wir um 800
vor Chr. ansetzen dürfen. Er verkündet deutlich den Untergang des
Zehnstämme-Reiches in der Zeit, als es unter Jerobeam II. wieder auf
der Höhe der Macht stand und sich vom Hermon im Norden bis zum Toten
Meer erstreckte. Die Vorhersagen lauten: »Durchs Schwert wird Jerobeam
umkommen, und Israel wird auswandern von seinem Boden« (Amos 7, 11).
Ferner: »Ich werde euch vertreiben weit über Damaskus hinaus« (Amos
5, 27) oder »Ich werde unter alle Völker das Haus Israel zerstreuen«
(9, 9) und endlich: »Ich werde gegen euch, Haus Israel, spricht Gott,
ein Volk auftreten lassen, das euch bedrängen wird, von gen Chamat bis
zum Flusse der Araba« (des Toten Meeres), d. h. im ganzen Lande (6,
14). Amos nennt das Volk nicht, welches die Transportation vollziehen
soll, kennt es noch nicht einmal, weiß aber, daß das Faktum bestimmt
eintreffen wird. Nun ist das Zehnstämme-Reich erst ein Jahrhundert
später (um 720) durch die Assyrer vernichtet worden. Diese von Amos so
lange vorher verkündete Vorhersage hat sich also buchstäblich erfüllt.
Man könnte das Faktum zwar zugeben, trotzdem aber leugnen, daß es auf
prophetischem, übersinnlichem Wege von Amos vorhergesehen wurde. Man
würde es dann einer richtigen politischen Kombination zuschreiben.
Denn schon damals hätten die Assyrer Lust gezeigt, Ägypten zu erobern,
auf dem Wege dorthin aber müßten sie Palästina berühren und unterwerfen.
Dieser Einwurf läßt sich leicht damit widerlegen, daß im Falle der
politischen Kombination auch das Reich Juda hätte hineingezogen
werden müssen, und das um so mehr, als es damals viel schwächer
als das Zehnstämme-Reich war. Ganz im Gegenteil hat aber Amos den
=Fortbestand Judas ausdrücklich betont= (9, 8. 11). »Ich werde das Haus
Jakob (Juda-Benjamin) nicht vertilgen, an jenem Tage werde ich die
einfallende Hütte Davids aufrichten.« Tatsächlich hat sich das Haus
Jakobs noch 134 Jahre länger als das Haus Israels gehalten. Es hat sich
erst fast zwei Jahrhunderte nach Amos aufgelöst. Es handelt sich hier
also um eine richtige prophetische Vorhersage, bei der Kombination
ausgeschlossen sein dürfte.
Recht inhaltreich und im vollen Umfang eingetroffen ist auch folgende
Verkündigung: »Von Zion wird Belehrung ausgehen und =das Wort Gottes
von Jerusalem für viele Völker=« (Jesaia 2, 2–4 und gleichlautend Micha
4, 1–3). Jedermann kennt den ungeheuren, bis heute noch fortwirkenden
Einfluß der jüdischen Lehre auf das Denken des Abendlandes, durch
Vermittlung des Mohammedanismus aber auf den Orient.
In Erfüllung gegangen ist auch Michas Verkündigung des Unterganges
Jerusalems, ein Jahrhundert vor dem Eintreten des Ereignisses. Micha
prophezeite zur Zeit des Königs Hiskija (etwa 711–695). Aber mehr als
das: Micha verkündete auch, daß das Exilland der Juden Babylonien
sein würde (Micha 3, 9–12 und 4, 10). »Kreise, Tochter Zions, wie eine
Gebärerin; denn bald wirst du hinausziehen aus der Stadt, wirst weilen
auf dem Felde, wirst bis Babel kommen, dort wirst du gerettet werden,
dort wird der Herr dich aus der Hand deiner Feinde erlösen.« Diese
Prophezeiung ist deshalb nicht gut als Kombination einzuschätzen, weil
Babylonien damals ohnmächtig in der Hand der Assyrer war und weil auch
der Rücktransport der Gefangenen vorhergesagt wird.
Übrigens hat auch Jesaia dem König Hiskija 124 Jahre vor der Erfüllung
vorhergesagt, daß dessen Nachkommen nach Babylonien transportiert und
Eunuchen im Palast des Königs von Babel sein werden (Jesaia 39, 5–7).
Auch Jeremia hat nicht nur den Transport der Juden nach Babylonien
vorhergesagt, sondern auch den Wiederaufbau Jerusalems nach Rückkehr
der Judäer (Jeremia 1, 13. 15 und 37, 7–10). Und zwar war Jeremia
ein Jüngling, als er Niedergang und späteren Aufstieg seinem Volke
vorhersagte, was politische Kombination noch unwahrscheinlicher macht.
Er war von seiner Prophezeiung so überzeugt, daß er während der
hoffnungslosen Zeit der Belagerung Jerusalems durch Nebukadnezar auf
innere Eingebung hin ein Grundstück kaufte (32, 24 f.).
Ein weiterer Verkünder der Schicksale des Judenvolkes ist der
Prophet Ezechiel. Auch er weissagte den Untergang Jerusalems und
das Exil, aber auch die Rückkehr und Verjüngung des Volkes. Er
sagte mit unzweideutigen Worten voraus, daß die Verbannten in Babel
den Grundstock zu einem neuen Volke und zu einer neuen, edleren
historischen Entwicklung bilden würden (11, 16–20). Auffällig ist,
daß auch er im Anfange seiner prophetischen Laufbahn diese Sehergabe
bewies. =Sein Bild von den vertrockneten und zerstreuten Gebeinen,
die plötzlich wieder lebendig werden, hat sich buchstäblich erfüllt=
(Ezechiel, Kap. 37).
Von den exilischen Propheten verkünden sowohl der Deutero-Jesaia
(Jes. 40–66), der Prophet des Stückes Kap. 13–14 und 24–27, als auch
der Deutero-jeremianische Prophet (Jerem. 50–51) zuversichtlich
die Rückkehr aus dem Exil und ein fürchterliches Strafgericht über
Babylonien. Mag das letztere auf politischer Kombination beruhen,
da die gewaltige Gestalt des Cyros bereits am Horizont auftauchte,
so war doch weder die Vernichtung Babyloniens – da ja Unterwerfung
genügt hätte – vorauszusehen, noch vor allem, daß gerade das winzige
Judenvölkchen die Aufmerksamkeit des Eroberers auf sich lenkte.
Berücksichtigt man ferner, daß gerade der letzte König Babylons die
Juden besonders hart behandelte, so ist kaum zu bestreiten, daß die
Vorhersagen erstaunlich sind.
Endlich führen wir noch zwei nachexilische Propheten an, nämlich
Chaggai und Zacharia. Als man über die Winzigkeit des Tempels während
der Regierung des Darius seufzte, sagte der erstere: »Größer wird
die Ehre dieses (kleinen) Tempels, als des ersten sein« (2, 6–9) und
der andere: »Entfernte werden kommen und werden an dem Tempel Gottes
teilnehmen« (6, 15). Tatsächlich kamen zum zweiten Tempel Heiden
in Menge aus Syrien, den Euphratländern, Kleinasien, Griechenland
und selbst Rom, um sich zum Judentum zu bekennen oder Weihgeschenke
zu schicken. Erst die »Fülle der Heiden«, die in das Haus Jakobs
einkehrten, hat Paulus auf den Gedanken gebracht, die Heiden zu
bekehren und zur Kindschaft Abrahams zu berufen.
Besonders merkwürdig aber ist folgende Verkündigung des nachexilischen
Zacharia: »=Es werden noch Völker und Bewohner großer Städte kommen und
einander auffordern, Gott den Herren in Jerusalem aufzusuchen. Zehn
Männer von allen Zungen der Völker werden den Zipfel eines jüdischen
Mannes erfassen, sprechend: »Wir wollen mit euch gehen, denn wir haben
Gott mit Euch gehört=« (8, 20–23). Dabei ist zu berücksichtigen,
daß die Juden bei ihrer Heimkehr von seiten der Nachbarvölker nur
Verachtung und Haß fanden.
In allen oben angeführten Fällen ist ein Vatecinium post eventum
völlig ausgeschlossen, Kombination aber unwahrscheinlich. Inwiefern
der berühmte Zufall eine Rolle spielt, möge jeder selbst entscheiden.
Ausgeschlossen in der obigen Liste sind alle Prophezeiungen, die in den
Geschichtsbüchern erzählt werden, da ihre Authentizität angefochten
werden kann.
Daß einige Prophezeiungen nicht in Erfüllung gingen, sei nicht in
Abrede gestellt. Wir werden das später noch sehr häufig finden und an
anderer Stelle ausführlich auf diese Frage zurückkommen.
Das Neue Testament ist als Quellenschrift unbrauchbar, da – von
den Briefen abgesehen – alle Berichte auf Hörensagen beruhen. Das
älteste Evangelium, das des Markus, ist keinesfalls vor dem Jahre 70
geschrieben worden, die auf ihm fußenden Evangelien des Lukas und
Matthäus sind etwa zwei Generationen jünger, und das des Johannes ist
gar erst gegen die Mitte des 2. Jahrhunderts verfaßt; also reichlich
ein Jahrhundert nach Christi Tode. Daß unter diesen Umständen den
evangelischen Prophezeiungen keine Bedeutung zuzuerkennen ist, liegt
auf der Hand[8].
Was die mittelalterliche Heiligenliteratur betrifft, so kann es nicht
zweifelhaft sein, daß sich in ihr eine stattliche Anzahl echter
Prophezeiungen würde nachweisen lassen. Jedoch ist sie in der Regel
erst viel später und überdies außerordentlich unkritisch und mit der
Absicht dem Heiligen möglichst viele Wunder zuzuschreiben, abgefaßt
worden, so daß sie wenig Glauben verdient. Es mag eine dankbare
Aufgabe der Zukunft sein, hier kritisch zu sichten. Daß durchaus nicht
nur leeres Stroh gedroschen werden muß, ergibt sich z. B. aus der
interessanten Arbeit von Merkt über die Stigmatisation des Heiligen
Franz von Assisi[9]. Sie hat unzweifelhaft den Beweis erbracht,
daß dieser außerordentliche Mensch Stigmen in der Art der Wundmale
Christi hatte, ein Phänomen, für das, wie für so manches andere, die
heutige Wissenschaft noch keine ausreichende Erklärung hat. Ohne
Prophetengabe zu besitzen, können wir mit größter Bestimmtheit
vorhersagen, daß es nicht mehr lange dauern wird, bis diese ganze
Literatur von urteilsfähigen allen kirchlichen Dogmen ebenso frei,
wie allen materialistischen gegenüberstehenden Männern nach unsern
Gesichtspunkten durchforscht werden wird.
Die Skepsis des Autors gegenüber der religiösen Literatur, sowie die
nicht geringere der Gebildeten im allgemeinen gegen derartige Quellen
wird es rechtfertigen, wenn wir hier nicht länger verweilen, sondern –
von wenigen gut beglaubigten Ausnahmen abgesehen – uns auf die profanen
beschränken.
Wir leben unzweifelhaft noch in einer Zeit der Hyperkritik, die ohne
weiteres ablehnt, was ihr irgendwie außergewöhnlich erscheint. Das wird
sich ja wohl dereinst ändern, aber unsere Aufgabe kann es nicht sein,
hier mehr dem Zeitgeist zu trotzen, als es unbedingt nötig ist. Daß
trotzdem auch die kritischste Quellenbearbeitung Glauben fordert – man
denke an die zahlreichen Fälle, in denen ein Faktum nur durch einen
einzigen Bericht überliefert ist – steht fest. Aber in diesen Fällen
muß das Faktum eben möglichst alltäglich sein. Bei unserer Untersuchung
jedoch, die sich mit einer Materie befaßt, die rundweg in ihrem
Bestande geleugnet wird, in den Fällen aber, wo sich die Tatsachen
nicht fortdisputieren lassen, nach Tunlichkeit durch Zufall erklärt zu
werden pflegt, tut doppelte und dreifache Vorsicht not.
Diese Erwägungen objektiver Art – soweit sie die tatsächlich
unkritische und panegyrische religiöse Literatur betreffen – sowie die
ebenso beachtenswerten subjektiver Natur – d. h. die Skepsis allem
gegenüber, was irgendwie das Alltägliche, das Allerheiligste unserer
demokratischen Zeit, übersteigt – lassen größte Vorsicht in Verwertung
unverdächtiger Quellen als Pflicht der Klugheit erscheinen. Es muß
unser Bestreben sein, möglichst gar nichts auf den guten Glauben des
Lesers ankommen zu lassen.
Beginnen wir mit einigen beglaubigten Beispielen, die um so weniger
Widerspruch finden werden, als sie gar keine echten Prophezeiungen sind.
Am bekanntesten ist das Orakel zu Delphi, das Krösus auf seine Frage
hin die Antwort gab: wenn er den Halys überschreite, werde er ein
großes Reich zerstören. Der Doppelsinn dieses Ausspruches ist so klar,
daß man sich nur wundern muß, daß Krösus ihn nicht merkte.
Ebenso doppelsinnig ist das von Cicero überlieferte Apollinische
Orakel, das Pyrrhus gegeben wurde:
Ajo te, Aeacida, Romanos vincere posse.
Da es sowohl heißen kann »ich sage dir, Aeacide, daß du die Römer
besiegen kannst«, als auch »ich sage dir, Aeacide, daß die Römer dich
besiegen können«, so ist es weder verwunderlich, daß es in Erfüllung
ging, noch daß wir Cicero glauben, wiewohl er insofern keine lautere
Quelle genannt werden darf, als er zwei Jahrhunderte nach dem großen
Epiroten lebte.
Endlich wollen wir noch ein Orakel von Heliopolis in Aegypten anführen,
das uns Macrobius[10] überliefert: Vor seinem Partherkriege wandte
sich Trajan dorthin, um Auskunft über den Ausgang zu erhalten. Die
Heliopolitaner schickten ihm statt einer Antwort einen zerbrochenen
goldenen Weinstock, der im Tempel des Gottes geopfert worden war. Der
Kaiser starb auf dem Feldzuge und man brachte die Gebeine, die durch
den zerbrochenen Weinstock symbolisiert worden waren, nach Rom. Hätte
er die Parther geschlagen, dann hätte man selbstverständlich auf sie
das Symbol des Weinstocks gedeutet.
Daß uns mit solchen doppelsinnigen Aussprüchen, die unter allen
Umständen in Erfüllung gehen müssen, nicht gedient ist, liegt auf der
Hand. Zu verurteilen aber ist die Neigung der Gegenwart =alle= Orakel
als ebenso doppelsinnig oder schwindelhaft hinzustellen.
Interessanter schon ist das alte Orakel, das uns Thukydides in seiner
Geschichte des Peloponnesischen Krieges mitteilt.
Nachdem er die Pest und die furchtbare Not in Athen beschrieben hat,
fährt er fort: »Und in diesen unglücklichen Zeiten fiel ihnen, wie man
leicht denken kann, die Weissagung ein, die, wie die älteren unter
ihnen versicherten, vor langen Zeiten gesungen worden sei:
=Kommen wird einst ein dorischer Krieg und mit ihm die Seuche.= Die
Meinungen hatten sich darüber geteilt, ob die Alten in diesem Vers
λοιμός (Pest) oder λιμός (Hungersnot) gemeint hätten. Doch bei den
damaligen Begegnissen der Stadt behielt, wie leicht zu erachten, die
erste Meinung die Oberhand, wie denn einem gewöhnlich dasjenige am
ersten in den Sinn kommt, was mit dem, was uns wirklich begegnet, die
nächste Verwandtschaft hat. Und ich stelle mir vor, wenn einmal nach
diesem ein anderer dorischer Krieg ausbrechen, und eben eine Hungersnot
dabei eintreten sollte, so würde man natürlich auch die Weissagung
so auslegen. Nicht minder gedachten nunmehr auch diejenigen, welche
darum wußten, an das den Lakedämoniern erteilte Orakel, da Apollo
ihnen auf die Anfrage, ob sie den Krieg anfangen sollten, zur Antwort
gegeben: =wenn sie den Krieg mit Nachdruck führten, so würde der Sieg
auf ihrer Seite sein, ja selbst ihnen beizustehen versprochen hatte=.
Mit diesem Orakel hielten sie den bisherigen Verlauf der Sache ganz
übereinstimmend. Die Seuche brach gleich von der Zeit an aus, als die
Peloponnesier ins Attische einfielen, und, was ein merkwürdiger Umstand
war, die Peloponnes blieb gänzlich davon frei. Ihre stärkste Wirkung
äußerte sie in Athen, sodann aber auch in andern Plätzen, die vor
andern volkreich waren[11].«
Daß Thukydides Skeptiker ist und deshalb seine Mitteilung auch bei
modernen Gesinnungsgenossen keinem Zweifel begegnen wird, dürfen wir
als bekannt voraussetzen. Schrieb er doch seine berühmte Geschichte,
ein bis heute unübertroffenes Meisterwerk, in ausgesprochenem Gegensatz
zu seinem Vorgänger Herodot. Ihm kommt es im Gegensatz zu jenem darauf
an, überall den natürlichen Zusammenhang der Dinge nachzuweisen,
weshalb er alles Mythische und Göttliche, insoweit es die menschlichen
Geschicke beeinflußt, ablehnt.
Aber selbst wenn jemand das nicht wissen sollte, geht es aus obiger
Stelle unzweideutig hervor. Es ist kaum möglich, nüchterner und
rationalistischer einem immerhin höchst merkwürdigen Phänomen
entgegenzutreten.
Tatsache ist, daß das Orakel folgende durch die Geschichte bestätigte
Weissagungen gemacht hatte:
1. Es findet ein dorischer Krieg statt.
2. Während dieses Krieges bricht eine Seuche aus. Selbst wenn wir
mißtrauisch, wie wir nun einmal sind, die ungünstigere Interpretation,
nämlich die Hungersnot, annehmen, dann wäre die Prophezeiung doch
insofern richtig gewesen, als es sich um eine über das ganze Volk
hereinbrechende, vom Kriege direkt unabhängige Katastrophe handelt.
Es besteht aber gar keine Veranlassung für den objektiv urteilenden
Menschen, die ungünstigere Interpretation zu wählen. Wollte man das
prinzipiell tun, dann könnte man fast jeden noch so geistreichen
Ausspruch eines noch so großen Mannes zum Unsinn stempeln.
3. Die Spartaner sollten nur angreifen, dann würden sie siegen.
4. Apollo, bekanntlich Gott der Pest, werde ihnen beistehen. Letzteres
ist, wie ja auch Thukydides bemerkt, außerordentlich merkwürdig. Und
zwar nach zwei Richtungen hin: Sowohl, weil der Ausbruch der Pest mit
dem Einfall der Spartaner genau zusammenfällt, und zwar nicht etwa
– was eine rationalistische, aber doch nur oberflächliche Erklärung
wäre, da sie ja die Richtigkeit der Prophezeiung nicht umstoßen würde
– weil sie von ihnen eingeschleppt wurde, sondern völlig unabhängig
davon. Begann sie doch im Piräus, was die Vermutung nahe legt, daß sie
von Übersee eingeschleppt wurde, worauf auch Thukydides im 48. Kapitel
hinweist.
Ferner, weil der Peloponnes davon verschont wurde, so daß die Pest
(Apollo) also tatsächlich nur den Spartanern half.
Ob wir diese merkwürdigen Vorhersagen als Zufall betrachten wollen, sei
der Denkart jedes Lesers überlassen. Auf alle Fälle aber ergibt sich
daraus eines, daß nämlich die Orakel keineswegs nur zweideutige und
nichtssagende Auskünfte erteilten, sondern oft recht präzis antworteten.
Das läßt sich auch aus einem anderen Grunde voraussetzen, selbst
wenn wir aus der antiken Literatur keine Belegstellen hätten, die es
beweisen ließen.
Gewiß kann man die Dummheit des Volkes in gewissen Fragen gar
nicht überschätzen. Sobald die Furcht vor dem Tode, das Seelenheil
und ähnliche Dinge in Frage kommen, läßt es sich Jahrtausende die
größten Bären aufbinden und opfert einen guten Teil seines sauer
verdienten Geldes den Pfaffen. Wäre es nicht so, dann hätte es nie
Priesterherrschaften gegeben und es wäre nicht möglich gewesen, daß die
vorgeblichen Nachfolger eines Mannes, der am Morgen nicht wußte, wo
er am Abend sein müdes Haupt niederlegen sollte, an Luxus die Fürsten
übertrafen und man ihnen und ihren Dienern Schätze geradezu aufzwang.
Anders liegt aber der Fall weltlichen, praktischen Fragen gegenüber.
Hier hat sich seit je die Klugheit des Volkes, die Bauernschlauheit,
bewährt. Hier, wo es gilt, im Kampf mit gleichen Mitteln, im Geschäft,
seinen Vorteil zu finden, stellt und stellte auch das ungebildete und
ungelehrte Volk seit je seinen Mann.
Nun haben die Orakel aber weit über ein Jahrtausend, in Ägypten sicher
mehrere Jahrtausende, bestanden, und die reichen Schätze, die sich
aus freiwilligen Gaben in ihren Tempeln und Hainen aufspeicherten,
beweisen, daß sie in hohem Grade die Zufriedenheit all der zahllosen
Generationen zu erringen wußten. Daß das niemals der Fall gewesen
wäre, wenn sie ausschließlich plumpe Zweideutigkeiten oder gar unwahre
Aussprüche zum besten gegeben hätten, bedarf doch eigentlich keines
Beweises.
Die rationalistischen Beurteiler der Orakel sehen in ihrer
Priesterschaft nur politisch kluge, welterfahrene Männer. Daß sie
das waren, können wir als sicher annehmen. Auch daß sich manche
Prophezeiung nur deshalb realisierte, weil der Frager sein Verhalten
genau nach dem Wahrspruch einrichtete, nicht minder, daß auch hie und
da – aber das müssen verschwindend seltene Ausnahmen gewesen sein –
eine Prophezeiung nicht in Erfüllung ging. Diese Erklärungen genügen
aber auf die Dauer nicht.
Dem einfachen Manne mag der kluge Rat immer wertvoll sein. Was aber
mächtige Könige und Staaten für ein Interesse daran haben sollten,
sich von auswärts, noch dazu von einer Priesterschaft, die unter
religiöser Maske vielleicht Interessenpolitik trieb, Anweisungen
erteilen zu lassen, das will uns nicht einleuchten. Gerade der Umstand,
daß die Orakel ihre Autorität völlig verloren, als sie sich eine
politische anzumaßen versuchten, beweist hinlänglich, wie grundfalsch
es ist, nur mit Schlagworten wie: Sophismen, zweideutige Aussprüche,
weltkluge Priester, politisches Intrigenspiel usw. zu operieren. Man
tut nie klug daran, den Gegner für weniger intelligent zu halten, wie
sich selbst. Es ist auch nicht weise, dem Altertum, das uns neben
den Sophisten einen Sokrates, Plato und Aristoteles schenkte, eine
Naivität zuzutrauen, die wir uns scheuen würden, beim simplen Bauern
vorauszusetzen.
Daß es sich bei den Orakeln, nach unserer festen Überzeugung, um
mehr handelt als normale Klugheit oder gar Betrug – was keineswegs
ausschließt, daß beide zuzeiten nicht fehlten[12] – möge auch aus der
Art der Abgabe der Weisungen gefolgert werden.
In Delphi trank die Pythia, bevor sie ihre anstrengende Tätigkeit
begann, vom heiligen Wasser und kaute Lorbeerblätter und Gerste,
worauf sie in Verzückung geriet. »Angeblich« – die Philologie ist
gar vorsichtig! – infolge eines unterirdischen Luftstromes, eines
divinus adflatus, bzw. durch Dämpfe, die aus der Erde unter ihrem
Sitz aufstiegen und durch ihren Schoß in den Leib eindrangen[13]. Daß
dieser Luftstrom keineswegs nebensächlich war, erhellt daraus, daß
Plutarch und Cicero den Verfall des Delphischen Orakels mit der Abnahme
des inspirierenden Gases in Zusammenhang bringen.
Nach diesem uns von mehreren alten Autoren überlieferten Bericht
steht es fest, daß die Pythia nicht in normaler Verfassung, sondern
in Trance[14] war, wenn sie weissagte. Das Orakel war also kein
Produkt intensiver Verstandesarbeit, sondern vielmehr ein solches
des Unterbewußtseins. Das ist um so einleuchtender, als Plutarch
ausdrücklich berichtet, man habe zu Pythien schlichte und unwissende
Frauen gewählt. Dafür spricht auch, daß die Seherin durchaus nicht
immer in Versen sprach, sondern ihre Aussagen oft abgehackt, ja
bisweilen wohl auch unartikuliert waren und deshalb von Priestern
stilisiert werden mußten. Genau, wie man es von modernen Somnambulen
weiß, nur daß man heute ihre Aussprüche stenographisch, also ganz genau
nach ihrem Wortlaut, festhält und so herausgibt.
Pausanias erwähnt eine Prophetie der Phännis, welche die Invasion der
Gallier in Asien vorher verkündete. Auch führt er eine Vorhersage der
Schlacht bei Aigos potamoi von Musaios und der Sybille an (X, 12 und
X, 9) und ein anderes sybillinisches Orakel, nach welchem die durch
Philippos gegründete makedonische Macht unter einem andern Philippos
untergehen sollte (X, 15, X, 9 und VII, 8).
Cicero legt seinem Bruder die Argumente der Verteidiger der Orakel in
den Mund. Schließen wir den kurzen Abstecher auf dieses Gebiet mit
seinen Worten: »Wer weiß nicht, was der pythische Apollo dem Kroisos,
was er den Athenern, den Lakedaimoniern, den Tegeaten, den Argeiern,
den Korinthern geantwortet hat? Unzählige Orakel hat Chrysippus
gesammelt, und keines ohne einen vollgültigen Gewährsmann und Zeugen;
ich übergehe sie aber, weil sie dir bekannt sind. Nur so viel sage ich
der Verteidigung wegen: Nie würde das Orakel zu Delphoi so besucht
und berühmt gewesen sein, nie wäre es mit so ansehnlichen Geschenken
aller Könige und Völker angefüllt worden, wenn nicht alle Zeitalter die
Wahrhaftigkeit seiner Orakel erprobt hätten[15].«
Wir wollen nun noch einige Fälle von Prophetie bzw. Vorahnung oder
Vorzeichen aus der alten Geschichte anführen[16].
Zu den bekanntesten Prophezeiungen des Altertums gehört jene, die sich
auf Cäsars Ermordung bezieht. Sueton erzählt in seiner Biographie des
Gajus Julius Cäsar, im 81. Kapitel, den Vorgang wie folgt[17]:
»Dem Cäsar wurde unterdessen der bevorstehende gewaltsame Tod durch
die offenbarsten Vorzeichen verkündet. Wenige Monate zuvor, da in
der Kolonie Capua die Kolonisten, die infolge des Julischen Gesetzes
dorthin übersiedelten, zum Aufbau ihrer Landhäuser uralte Gräber
umgruben, und dies um so eifriger taten, weil sie dabei eine große
Menge Gefäße von alter Kunstarbeit fanden, entdeckte man in einem
Monumente, das für das Grabmal des Capys, des Gründers von Capua, galt,
eine eherne Tafel mit griechischer Schrift und Sprache, des Inhalts:
»Wenn einst die Gebeine des Capys ans Licht gekommen sein würden, werde
ein Sprosse des Julus von der Hand seiner Blutsverwandten getötet, sein
Tod aber bald durch schreckliche Heimsuchungen Italiens gerächt werden.«
Niemand darf diese Tatsache für fabelhaft oder erdichtet halten; es
bezeugt sie Cornelius Balbus, Cäsars vertrautester Freund. Wenige
Tage vor seinem Ende berichtete man ihm, daß die Rosse, die er beim
Uebergang über den Rubiko den Göttern geweiht und ohne Hüter frei hatte
laufen lassen, durchaus nicht mehr fressen wollten und häufige Tränen
vergössen. Beim Verrichten eines Opfers erteilte ihm der Opferschauer
Spurinna die Warnung: er möge sich vor einer Gefahr hüten, die nicht
länger als bis zu den =Iden des März= ausbleiben werde. Am Tage aber
vor diesen Iden des März sah man eine Vogelschar vor dem nahegelegenen
Haine einen Zaunkönig, der mit einem Lorbeerzweiglein in die
Pompejanische Kurie flog, verfolgen und daselbst zerreißen. Ja in der
Nacht, auf die der Tag des Mordes anbrach, sah Cäsar seinerseits im
Traume sich mehrmals über den Wolken schweben, und dann wieder einmal,
wie er dem Jupiter die Hand reichte; und Calpurnia, seine Gattin, sah
im Traum, wie der Giebel ihres Hauses einstürzte, und wie man ihren
Gemahl in ihren Armen erdolchte; zugleich sprangen plötzlich die Türen
ihres Schlafgemaches von selbst weit auf.
Teils dieser Dinge wegen, teils weil er sich unwohl fühlte, war er
längere Zeit unentschlossen, ob er sich nicht lieber zu Hause halten
und das, was er dem Senate vorzutragen beschlossen hatte, vertagen
sollte. Endlich aber machte er sich, da ihm Decimus Brutus vorstellte,
doch den zahlreich versammelten und bereits längere Zeit auf ihn
wartenden Senat nicht vergeblich sitzen zu lassen, etwa um die fünfte
Stunde (d. h. zwischen 10 und 11 Uhr vormittags) auf den Weg.
Eine Schrift, die ihm unterwegs von jemandem überreicht wurde, und die
eine Anzeige des Verschwörungsplans enthielt, steckte er unter die
übrigen Schriften, die er in der Linken hielt, um dieselben später zu
lesen. Als er darauf das Opfer hielt und die Opfertiere, trotzdem daß
man deren mehrere schlachtete, keine glücklichen Vorzeichen gaben, ging
er ohne Rücksicht auf diese religiöse Bedenklichkeit in die Kurie. Dort
sah er den Spurinna und bemerkte ihm mit spottendem Lächeln, um ihn
als falschen Propheten zu bezeichnen: »=des Märzen Idus sind ja ohne
Unglück gekommen=«, worauf jener warnend erwiderte: »=gekommen sind
sie, aber noch nicht vorüber=.«
So weit Sueton.
Was jeder von den Vorzeichen halten will, etwa dem Weinen der Rosse,
das auch Homer von des Achilleus Pferden erzählt, die des Patroklos
Tod beweinen, oder Vergil vom Leibroß des Pallas, Shakespeare von
denen des Duncan berichtet, ist seine Sache. Solche Geschichten sind
besonders in der mittelalterlichen Literatur überaus zahlreich und
dürfen nur als dichterische Freiheiten gewertet werden. Unmaßgeblichst
vermute ich dagegen, daß die Eingeweideschau und die übrigen Vorzeichen
der römischen, wie aber auch etwa der babylonischen Divination, die
bestimmte Zeichen ganz bestimmt deutet, nicht Schwindel, sondern
Selbsttäuschung ist. Es handelt sich wohl um eine Autosuggestion,
wie wir sie beim Prophezeien aus Karten, Kaffeesatz, der Hand usw.
antreffen. In Wahrheit dürfte es ein visionäres Schauen des Sehers
sein, ein Trancezustand, in den er aber nur auf Grund solcher Zeichen
versetzt wird. Wir könnten uns dann den Vorgang etwa so vorstellen,
wie den Aberglauben fast aller Schauspieler, die nur aufzutreten
wagen, nachdem sie gewisses getan, oder bestimmte Talismane zu sich
gesteckt haben. Durch Autosuggestion wird der Schauspieler sonst
vom Lampenfieber gelähmt werden, während er sich vermittelst seines
Amulettes oder eines bestimmten abergläubischen Spruches in die
erforderliche Inspiration leicht versetzt.
Anders liegt hier aber der Fall mit dem Traume Cäsars, sowie dem seiner
Gemahlin, und den warnenden Worten des Spurinna am Unglückstage. Der
»Freigeist«, d. h. der durch das materialistische Dogma Gebundene,
wird keinen Augenblick zögern, das Vorhersehen eines Ereignisses
im Traume für Schwindel oder Selbsttäuschung zu erklären. Und das,
wiewohl sicher ein außerordentlich hoher Prozentsatz der Menschen von
Wahrträumen heimgesucht wird, sich aber aus Furcht, den Spott der
Superklugen auf sich zu laden, hütet anderen davon Mitteilung zu machen.
Wir gehen gleich an dieser Stelle auf die Frage der =Wahrträume= ein,
weil wir aller Voraussicht nach, wenn wir uns auch nur etwas mit
der Materie beschäftigt haben werden, nicht mehr so ohne weiteres
jede historische Überlieferung von Wahrträumen für Aberglauben oder
Schwindel erklären werden. Die Analogien der Gegenwart werden uns
Gerechtigkeit oder doch mindestens Vorsicht den alten Autoren gegenüber
rätlich erscheinen lassen.
Da ist zunächst das Zeugnis des Justinus Kerner, den mancher für
leichtgläubig halten mag, dem aber niemand eine Lüge zutraut. Er
schreibt in seinen Kindheitserinnerungen:
»... reine Wahrheit ist, daß ich von dieser Zeit an durch mein ganzes
Leben voraussagende Träume behielt, die mir zu einer wahren Qual im
Leben wurden, eine Qual, die ich keinem wünsche und die mich gleichsam
praktisch kennen lehrte, welch ein Unglück es für den Menschen wäre,
hätte ihm Gottes weise Hand die Zukunft nicht verschlossen. Diese
voraussagenden Träume finden bei mir gegen Morgen statt, besonders wenn
eine schlaflose Nacht mich erst gegen Morgen ruhen und in Schlaf sinken
läßt. Sie kamen immer unter Bildern und symbolisch vor. Erscheinen von
Licht bedeutet kommende Freude ...«[18] (S. 242 folgt eine Erklärung
der Symbole, z. B. Wasser bedeutet Betrübnis, Schnee und Eis Krankheit,
Essen von Trauben oder Beeren Krankheiten usw.).
»Da ich auf das Eintreffen solcher voraussagenden Träume gewiß rechnen
kann, so sind sie mir eine wahre Pein im Leben, besonders da ihre
Erfüllung oft erst nach drei Tagen stattfindet, doch meist am gleichen
Tage des Erwachens aus ihnen.«
Der verstorbene Weltreisende, Professor Dr. Wilhelm =Joest=,
übrigens ein Schulfreund meines Vaters und auch mir persönlich als
wahrheitsliebend bekannt, richtete an die Zeitschrift »Sphinx«[19] am
25. September 1886 folgenden Brief:
Sehr geehrter Herr!
Sie werden sich wahrscheinlich wundern, einen Brief von mir zu
erhalten, mehr noch, wenn Sie ihn gelesen haben. Sie wissen, daß ich
ebensowenig Spiritist wie Bibelchrist bin, und ich hoffe, auch nie eins
oder das andere zu werden. Wo es sich aber um Tatsachen handelt, da bin
ich Ihr Mann, und wenn heute jemand behauptete, die Stockfische wären
Säugetiere und ich wäre – natürlich bona fide – in der Lage, dem Manne
mit irgendeinem Faktum unter die Arme zu greifen, ich würde es gewiß
tun.
Sie können also von dem Untenstehenden jeglichen Gebrauch machen, =ich
teile Ihnen nur die Tatsache mit, für die ich voll und ganz einstehe=.
Ich selbst erfuhr es erst vor vierzehn Tagen, darum teilte ich sie
Ihnen nicht früher mit.
Ich hatte Europa 1884 verlassen, bereiste Südafrika, die Ostküste und
kam Ende Mai in Aden an, mit der Absicht von dort über die Maskarenen
nach Madagaskar, später über Mauritius nach Australien, Südsee usw.
zu reisen. Ich war für 2–3 Jahre ausgerüstet. In Aden wurde ich sehr
krank. Am 30. Mai schrieb ich in mein Tagebuch: »Es geht zu Ende,
Energie weg« usw. Am 3. Juni 1885 entschloß ich mich zur Rückkehr nach
Europa und telegraphierte an meinen Vater, den Geheimen Kommerzienrat
Eduard Joest in Köln, folgende Worte: Retourne malade gefahrlos. Diese
Depesche kam nachmittags in Köln an.
Am =Morgen desselben Tages= war ein Dienstmädchen meines Vaters,
»Tilla« mit Namen, ziemlich aufgeregt zu der Gesellschafterin meines
Vaters, Fräulein Anna W. aus R., gekommen und hatte ihr folgendes
gesagt: »Fräulein, der Herr Wilhelm ist krank, ich weiß es, ich habe
es geträumt. Ich habe geträumt, daß er zurückkommt, ich muß sein Bett
machen.« Zwei Stunden später traf meine Depesche ein.
Ich teile Ihnen diese Tatsache mit und enthalte mich jeglicher
Bemerkungen.
Obengenannte Tilla ist übrigens durchaus kein irgendwie ätherisches
Wesen, sondern eine nicht mehr junge, wohlgenährte, brave und tüchtige
Magd – nur behauptet sie, daß das, was sie im Traume sähe, häufig
einträfe u. dgl.
Vielleicht interessiert Sie diese Mitteilung.
In vorzüglicher Hochachtung, Ihr ergebenster
Dr. Wilhelm Joest.«
Ich selbst hatte zwar seit dem Frühjahr 1910 einige Male telepathische
Erlebnisse räumlicher Art, niemals aber Visionen, Halluzinationen oder
ähnliches. Von einem einzigen Wahrtraum kann ich aus persönlicher
Erfahrung Zeugnis ablegen. Bevor ich ihn erzähle, möchte ich bemerken,
daß ich außerordentlich selten träume oder – in praxi dasselbe – mich
des Traumes beim Erwachen erinnere.
Meine »Dinge, die man nicht sagt,« waren eben erschienen – das
Buch war am 26. April 1910 ausgegeben worden – ich befand mich
begreiflicherweise in einiger Spannung über seine Schicksale. Nicht ob
es gelobt oder getadelt würde, was mich völlig kalt läßt, sondern ob es
Beachtung finden würde.
Da träumte ich – es war am 18. Mai – ich hätte einen Brief des
Verlegers Albert Langen erhalten, der mir eine Neuauflage – 4. und
5. Tausend – der »Dinge« ankündigte. Ich hatte im Traum Langen
antelephoniert und gesagt, der Verlag hätte sich wohl verschrieben, da
ich viel eher an eine Neuauflage der Kulturkuriosa dachte. Aber Langen
hatte mir – im Traume – den telephonischen Bescheid erteilt: der Brief
sei inhaltlich völlig richtig, es handle sich um die »Dinge«.
Am Morgen erzählte ich diesen Traum meiner Frau und schrieb ihn
überdies nieder. Ich fügte hinzu, daß hier einmal wieder der Wunsch
Vater des Gedankens geworden sei.
Da kam – zu meiner größten Überraschung – am 21. Mai ein Brief von
Langen mit genau demselben Inhalt und – wie mir schien – auch Wortlaut,
wie ich es geträumt hatte. Von den Kulturkuriosa aber – und das erhöht
das Merkwürdige des Falles – erschien wider Erwarten die nächste
Auflage – das 8. Tausend – erst im November 1910.
Während Träume neutralen oder gar erfreulichen Inhaltes recht selten
zu sein scheinen, sind solche tragischer Natur desto häufiger. Sei es,
daß es sich um den eigenen Tod handelt, sei es um den naher Angehöriger
oder Verwandter.
Da das ja beim Falle Caesars zutreffen würde, so seien nachstehend
einige Beispiele angeführt, nicht ohne zu erwähnen, daß Camille
Flammarion auf Grund einer Umfrage ein sehr reiches Material über
dieses Thema zusammen brachte. Zitieren wir daraus:
»In den letzten Tagen des November 1871 – es war an einem Mittwoch und,
wie ich glaube, der 22. – weilte ich bei der mir befreundeten Familie
Davidson in New Orleans. Eine Frau Thilton war anwesend und erzählte
verschiedene Träume, die sie gehabt und die immer in Erfüllung gegangen
waren. Die Anwesenden kannten bereits die Wahrheit ihrer Berichte.
Betroffen von einer Erzählung dieser Dame rief nun unser Wirt aus:
»Madame, ich ersuche Sie, ja nicht von mir zu träumen!«
»Zu spät, mein Herr! Erst gestern abend habe ich von Ihnen geträumt.«
Alles bestürmt sie, den Traum zu erzählen.
»Mir hat geträumt, daß ich von heute in sechs Wochen einer dringenden
Einladung von Ihnen folgend Sie besuchte.«
»O, der Traum läßt sich leicht verwirklichen, Madame! Ich werde Sie an
dem bestimmten Tage zu uns bitten, und Sie, mein Fräulein,« wendete
sich der Hausherr zu mir, »werden sicher uns auch die Ehre geben.
Welcher Tag ist es?«
Einer der Anwesenden sah im Kalender nach: »Mittwoch, der 3. Januar
1872.«
»Gut, wir wollen alle den Traum von Madame mit erleben!«
»O, bitte, warten Sie, das ist noch nicht alles,« warf Frau Thilton
ein, »mir träumte noch,« fuhr die Dame fort, »daß ich beim Eintreten
dieses Haus leer und verlassen fände und daß ich Sie vergebens
suche. Endlich habe ich in der Mitte des zweiten Salons einen großen
Metallsarg gesehen; der Deckel war geschlossen, ich sah weiter nichts,
aber ich wußte, daß Sie in dem Sarg liegen.«
Unser Wirt brach in Gelächter aus, ebenso alle Anwesenden, und Herr
Davidson sagte scherzend zu seiner Frau: »O, nur keinen Metallsarg, ich
mag Metall nicht! Nur einen Sarg aus Palisanderholz bitte ich mir aus.«
Lachend versprach seine Frau, falls sie ihn überleben sollte, seinen
Wunsch zu erfüllen.
Frau Thilton fuhr fort: »Ich sah nur einen Menschen im Salon und
stellte mich neben ihn. An den Längsseiten des Sargdeckels sah ich
sechs silberne Rosen.« Man lachte von neuem über diesen bizarren
Sargschmuck; aber Frau Thilton blieb ernst und sagte: »Es hat, selbst
im Traum, einen tiefen Eindruck auf mich gemacht.«
Man trennte sich lachend und gab sich ein Stelldichein für Mittwoch
den 3. Januar. Noch während der folgenden sechs Wochen wurde der Traum
öfters scherzhaft erwähnt.
Am 2. Januar 1872 fiel unser Wirt, Herr Davidson, einem fürchterlichen
Zufall zum Opfer: er wurde von einer Lokomotive erfaßt und zermalmt.
Am andern Morgen wurde er in den Sarg gelegt; die Familie wünschte, daß
niemand sein entstelltes Gesicht sehe, und ich übernahm die Wache am
Sarge und blieb auch, nachdem der Deckel geschlossen worden war, auf
meinem Posten.
Frau Thilton kam, der Einladung folgend, in das Haus und fand im
zweiten Salon den Sarg und nur mich bei ihm. Sie stellte sich an meine
Seite; stumm, ohne uns anzusehen, standen wir bei dem Sarge. Plötzlich
berührte sie meinen Arm und deutete auf sechs silberne Rosen, die die
Längsseiten des Metallsarges zierten. Ich sah sie fragend an, und sie
sagte: »O, erinnern Sie sich nicht? Die sechs silbernen Rosen, die ich
genau so in meinem Traum gesehen habe?«
Vierzehn Tage später sagte mir die Witwe: »Erinnern Sie sich jenes
außergewöhnlichen Traumes? Alles kam, wie unsere Freundin es
vorausgesehen! Bis auf den Sarg! Selbst in meinem Schmerz habe ich
seinen Wunsch nicht vergessen!«
Ich war unfähig mich zu verstellen und stammelte: »Aber es war doch ein
Metallsarg!«
»Niemals! O mein Gott! Wer hat es gewagt, mir entgegenzuhandeln?«
»Und die sechs silbernen Rosen waren auch auf jeder Seite.«
Meine arme Freundin war ganz erschüttert. Man stellte den
Leichenbestatter zur Rede. Ein Palisandersarg war nicht aufzutreiben
gewesen und nur ein Metallsarg war in der nötigen Größe vorrätig, so
daß man diesen hatte nehmen müssen.
Von den dreizehn Zeugen jenes Traumes leben heute nur noch neun. Die
Familie (Calvinisten) würde sehr empört sein, wenn ihr Name mit einem
Aberglauben in Verbindung gebracht würde, doch ist sie viel zu ehrlich
und wahrheitsliebend, um die Tatsache zu leugnen.
Sara Morgan-Dawson, 36, rue de Varenne.
Paris, 20. Dezember 1901.
Frau Dawson ist seit Jahren mit mir (d. h. Flammarion) bekannt und eine
durchaus wahrheitsliebende Dame; da wir alle aber auf unser Gedächtnis
nicht schwören können, habe ich die in New Orleans lebende Tochter des
Verstorbenen ersucht, mir ihrerseits diese Geschichte mitzuteilen.
Hier die Abschrift ihrer Antwort vom 24. Januar 1902:
»Jawohl erinnere ich mich, wenigstens teilweise, jenes Traumes. Eines
Tages, nach dem Diner, erzählte uns Frau Thilton, daß sie im Traum
meinen Vater in einem verschlossenen Metallsarg habe liegen sehen. Mein
Vater erwiderte damals lachend, Metallsärge seien ihm ein Greuel, und
er wolle sich nur in einem Holzsarg begraben lassen. Tatsächlich starb
mein Vater am zweiten Tage des neuen Jahres und sein Leichnam wurde in
einen Metallsarg gebettet.
Frau Thilton hat dies auch getan[20].«
Ein weiteres Vorkommnis nach Flammarion:
»Am 25. November 1860 waren wir auf der Wasserjagd. Es war vier Uhr
nachmittags und unsere Barke näherte sich dem Ufer. Da erwähnte einer
meiner Freunde, er habe in der Nacht geträumt, er werde heute im Meer
ertrinken.
Ich versicherte ihm, daß wir in zehn Minuten landen würden. Einen
Augenblick später kenterte unser Boot und trotz unserer größten
Anstrengung ertranken zwei meiner Freunde, darunter der, der seinen Tod
vorhergesehen. Sein Bruder ist noch heute Advokat in Havre, wo sich die
Katastrophe ereignet hat. (Sie können es auch in den Tageszeitungen von
Havre vom 26. November 1860 nachschlagen). E. B. rue de Phalsbourg,
Havre[21].«
Ein weiterer Fall nach demselben Gewährsmann:
L. Bouthors, Direkteur des Contributions directes in Chartres schreibt:
»Es war während des Krieges 1870–71; eine Freundin von mir, eine
Offiziersfrau in Metz, träumt, daß mein Vater, ein Arzt, den sie sehr
liebte und schätzte, an ihr Bett tritt und sagt: »Sehen Sie, ich sterbe
jetzt.« Sobald die Festung wieder mit der Außenwelt in Verbindung
treten konnte, schrieb mir meine Freundin und beschwor mich, ihr
genaue Nachrichten über meine Angehörigen zu geben und ob nicht am 18.
September meinem Vater ein Unglück zugestoßen sei. Sie hätte an dem Tag
von ihm geträumt. Mein armer Vater war uns tatsächlich am 18. September
um 5 Uhr morgens plötzlich durch den Tod entrissen worden.
Als ich im Sommer darauf meine Freundin sah, erzählte sie mir, der
Traum hätte sie tief berührt, weil sie kurz vorher von einer ebenfalls
in Metz wohnenden Freundin einen ähnlichen Traum gehabt hätte und am
Morgen darauf ihren Tod erfuhr[22].«
Mit diesem Fall, der ja rein räumlich-telepatischer Natur ist, haben
wir eigentlich den Rahmen unserer Untersuchung schon überschritten.
Denn wir beschränken uns ja auf das Fernsehen in der Zeit, ohne
auf das im Raume eingehen zu wollen. Nicht weil letzteres etwa
zweifelhafter wäre. Im Gegenteil: es gibt viel mehr Menschen, die
ähnliche Erfahrungen gesammelt haben. Sie bestreiten zu wollen, wäre
geradeso nutzlos und töricht, wie eine Fata morgana oder ein Gewitter
zu leugnen, nur weil man es nicht beliebig reproduzieren kann. Wenn wir
auf dieses Thema nicht näher eingehen, so geschieht es vornehmlich, um
nicht den Umfang des Buches allzusehr anschwellen zu lassen. Und doch
ist auch der letztgenannte Fall einschlägig, weil er die Wahrheit des
bisweilen im Traume Geschauten beweist. Wir lassen weitere Fälle folgen:
Sehr merkwürdig ist die Erzählung eines österreichischen Oberleutnants
von F. von einem Wahrtraum, der zur Zeit der Schlacht bei Wagram spielt.
»Kaum graute der Morgen der denkwürdigen Schlacht von Wagram (5. Juli
1809), als das Regiment, in welchem ich diente, Order erhielt, das vor
dem rechten Flügel unserer Position gelegene, vom Feinde besetzte Dorf
Großhosten nebst der dort aufgestellten Batterie zu stürmen. Da trat
mein Flügelkorporal – Wittenbart hieß der Wackere – zu mir und bat,
seine Uhr und Barschaft, das einzige Erbteil der Seinen, womöglich
in Sicherheit zu bringen, da er gewiß sei, diesen Morgen zu fallen.
Von niemandem als diesem tapferen Krieger, der damals noch in der
vollen Kraft seines Lebens stand, hätte mich eine solche Anrede mehr
befremden können, da selbst seine Geistesbildung jene seiner meisten
Standesgenossen weit übertraf. Natürlich fragte ich vor allem um den
Grund einer solchen Besorgnis; folgendes war seine Antwort:
›Sie kennen mich, Herr Oberleutnant, und werden es daher mir glauben,
daß ich ohne alle Ängstlichkeit, ermüdet von den gestrigen Strapazen,
fest und ruhig bei der Gewehrpyramide meiner Leute einschlief. Da
träumte ich, bevor wir geweckt wurden, ein Wesen von himmlischer
Schönheit stände vor mir und betrachte mich eine ziemliche Zeit
mit unendlichem Wohlgefallen; von einem unnennbaren Gefühle zu ihm
hingezogen, streckte ich meine Arme nach ihm aus; da sprach es: »Heute
noch wirst du bei mir sein; nimm dies Band als Wahrzeichen!« Und mit
diesen Worten hing es mir ein breites rotes Band über die rechte
Schulter und Brust; ich erwachte. Sie wissen, daß Furcht und Kleinmut
meine geringsten Fehler sind; trotzdem halte ich mich für überzeugt,
der heutige Tag sei der meines Todes, und ich bitte daher noch einmal
um die Erfüllung meines Wunsches. Die paar Taler übrigens, welche ich
zurückbehalten habe, gehören dem Kameraden, welcher mir die Augen
zudrücken wird, oder denen, die mich beerdigen.‹
Vergeblich erschöpfte ich alle Vernunftgründe, ihm die Unzuverlässigkeit
eines Traumes zu beweisen; der Befehl zum Vorrücken endete meine
nutzlosen Bemühungen.
Wir marschierten mit halben Divisionen rechts ab, setzten uns vor dem
linken Flügel en colonne und passierten solchergestalt ein seichtes
Defilee, welches gegen den Feind ausmündete. Kaum gewahrten die
Franzosen unsere Bewegung, als sie ihr schweres Geschütz auf den
Ausgang des seichten Hohlwegs richteten und Kugel auf Kugel in unsere
Reihen sandten. Wohl niemand wird es mir verargen, wenn meine Augen
mehr gegen die feindliche Batterie als irgendanderswohin gerichtet
waren; da erblickte ich eine Kanonenkugel, welche rikochettiert hatte
und gerade auf mich zuflog. Zur Seite springen und meinen Leuten
zurufen: ›Bückt euch!‹ war das Werk eines Augenblickes, und dennoch
kam meine Warnung zu spät; mein braver Wittenbart lag – die rechte
Brust und Schulter zerschmettert und regungslos – auf dem Boden, mein
und sein Nebenmann (ersterer bloß durch die Luft niedergerissen) neben
ihm[23].«
Der berühmte Ägyptologe Heinrich Brugsch schreibt in seinen
Lebenserinnerungen[24] über einen merkwürdigen Wahrtraum des Khedive im
Jahre 1875 folgendes:
»Ich selbst nahm meinen Weg nach Göttingen, um von meiner dort
befindlichen Familie Abschied zu nehmen und ohne längeren Aufenthalt
die Weiterreise auf einem Bremer Dampfer anzutreten. Im Begriff,
nach dem nahgelegenen Bahnhof zu gehen, um den nach Bremen abgehenden
Frühzug zu benutzen, erhielt ich auf dem Wege eine Drahtmeldung,
die ich sofort öffnete, um ihren Inhalt noch vor der Abreise kennen
zu lernen. Sie lautete kurz und bündig: ›Der Khedive ersucht Sie,
augenblicklich nach Kairo zurückzukehren.‹ Mit dem nächsten Eilzuge
schlug ich die Richtung nach Triest ein, um mit dem fälligen
Lloyddampfer mich nach Ägypten zurückzubegeben. Ich hatte seit meiner
Abreise keine Zeitung gelesen und mußte nicht wenig überrascht sein,
als mir von dem Kommandanten des Schiffes die Nachricht mitgeteilt
wurde, daß auf dem letzten Bremer Dampfer, demselben, mit welchem ich
die Reise antreten wollte, eine von einem Amerikaner namens =Thomas=
konstruierte Höllenmaschine vorzeitig explodiert sei und mehrere
Reisende und sonstige Personen getötet und verwundet habe. Ich dankte
Gott im stillen, einer möglichen Gefahr für Leib und Leben durch meine
Rückberufung entgangen zu sein, und stellte mich bei meiner Ankunft in
Kairo sofort dem Vizekönig vor. In der Meinung, von ihm nachträglich
besondere Aufträge zu erhalten, die er mir nur mündlich mitteilen
könne, war ich nicht wenig erstaunt, aus seinem Munde die Versicherung
zu erhalten, er sei hoch erfreut, mich heil und gesund zu sehen, habe
mir aber durchaus nichts zu sagen. Er habe sich bewogen gefühlt, mich
sofort durch den Draht zurückzuberufen, da in der Nacht ein Traumbild
ihm angeraten habe, mich sofort kommen zu lassen, widrigenfalls mir ein
großes Unglück bevorstünde.«
Nachstehend noch ein weiteres Beispiel für die Erfüllung eines Traumes:
»Mein ältester Bruder, Emile Zipelius, Maler, starb am 16. September
1865 im Alter von 25 Jahren, indem er in der Mosel ertrank. Er wohnte
in Paris, war aber bei seinen Eltern in Pompey bei Nancy zu Besuch.
Meine Mutter hatte zweimal in ziemlich langen Zwischenräumen geträumt,
daß ihr Sohn ertrunken sei. Als der Überbringer der schrecklichen
Nachricht zu meinen Eltern kam, vermutete meine Mutter gleich ein
Unglück und fragte zuerst nach einer abwesenden Tochter, von der sie
seit längerer Zeit keine Nachricht hatte. Als man ihr sagte, es handle
sich nicht um ihre Tochter, rief sie aus: »O, fahren Sie nicht fort,
ich weiß was geschehen ist; mein Sohn ist ertrunken!« Denselben Tag
noch hatten wir einen Brief von ihm erhalten.
Mein Bruder selbst hatte kurz vorher zu seiner Hausfrau gesagt: »Wenn
ich eines Abends nicht nach Hause komme, so gehen Sie am nächsten
Morgen in die Morgue. Ich habe das Gefühl, daß ich im Wasser sterben
werde. Mir träumte, ich läge tot und mit offenen Augen am Grund des
Flusses.«
In der Tat hatte man ihn so gefunden, er war infolge eines
Schlagaderbruchs im Wasser beim Baden gestorben. Meine Mutter und mein
Bruder glaubten fest an ihre Vorahnung. An dem Tage seines Todes wollte
er nicht schwimmen gehen, gegen Abend aber verlockte ihn die Kühle des
Wassers und wir verloren ihn zu unserm größten Schmerz.«
J. Vogelsang-Zipelius, Mühlhausen i. E.[25]
Endlich wollen wir einen Eideshelfer anrufen, an dessen Glaubwürdigkeit
wohl niemand zu zweifeln wagen wird und der ein Ereignis berichtet, das
an Bedeutung dem Traume der Calpurnia in nichts nachsteht: =Bismarck=!
Der greise Heldenkaiser Wilhelm I. machte dem großen Kanzler am 18.
Dezember 1881 Mitteilung von einem besonders lebhaften Traume, der eine
Reichstagsverhandlung zum Gegenstande hatte. Bismarck antwortete darauf
am gleichen Tage u. a. folgendes:
»Euer Majestät Mitteilung ermutigt mich zur Erzählung eines Traumes,
den ich Frühjahr 1863 in den schwersten Confliktstagen hatte, aus denen
ein menschliches Auge keinen gangbaren Ausweg sah. Mir träumte, und
ich erzählte es sofort am Morgen meiner Frau und anderen Zeugen, daß
ich auf einem schmalen Alpenpfad ritt, rechts Abgrund, links Felsen;
der Pfad wurde schmaler, so daß das Pferd sich weigerte, und Umkehr
und Absitzen wegen Mangel an Platz unmöglich; da schlug ich mit meiner
Gerte in der linken Hand gegen die glatte Felswand und rief Gott an;
die Gerte wurde unendlich lang, die Felswand stürzte wie eine Coulisse
und eröffnete einen breiten Weg mit dem Blick auf Hügel und Waldland
wie in Böhmen, preußische Truppen mit Fahnen und in mir noch im Traume
der Gedanke, wie ich das schleunig Eurer Majestät melden könne. Dieser
Traum erfüllte sich, und ich erwachte froh und gestärkt aus ihm[26].«
Also ein Vorgesicht der drei Jahre später Wirklichkeit werdenden
Ereignisse in Böhmen und des Krieges um die Hegemonie mit Österreich!
Die angeführten Fälle, die sich natürlich ins Endlose vermehren lassen,
sollen keineswegs beweisen, daß Caesar oder seine Gattin wirklich
die Ermordung geträumt haben. Wenn die Überlieferung auch gut ist,
so läßt sich das doch heute nicht mehr mit unanfechtbarer Sicherheit
feststellen. Was sie aber beweisen sollen, ist, =daß der Traum uns gar
nicht so selten ein bevorstehendes Unglück enthüllt=. Wenn mancher
Leser dieses Buches durch die wenigen angeführten Beispiele auch zu
nichts anderem bewogen wird, als dazu ähnliche Überlieferungen nicht
ohne Prüfung als Unsinn abzulehnen, so ist damit für den weiteren Gang
der Untersuchung schon manches gewonnen.
Nun gibt es aber außer partiellen Enthüllungen der Zukunft durch den
Traum auch noch Vorahnungen anderer Art, die ebenfalls zumeist den
eigenen Tod, oder den naher Angehöriger zum Gegenstande haben. Von
ihnen einige Beispiele anzuführen, scheint um so mehr am Platz, als
wir später noch wiederholt ähnlichen, historisch gut beglaubigten
Vorkommnissen begegnen werden.
»Ein junges Mädchen aus der Gegend von Nancy, 18 Jahre alt, wurde
oft von ihren Angehörigen eingeschläfert. In einen Zustand von
Somnambulismus geraten, wiederholte sie bei jeder neuen Sitzung, daß
eine nahe Verwandte, die sie mit Namen nannte, noch vor dem 1. Januar
sterben würde. Es war im November 1883. Ihre Beharrlichkeit veranlaßte
den Familienvater, eine Lebensversicherung von 10000 Franken für jene
Dame, die übrigens ganz gesund war, aufzunehmen. Um das nötige Geld
aufzutreiben, schrieb er an Herrn M. L. mehrere Briefe und teilte ihm
in einem das Motiv seiner Handlungsweise mit. Herr L. bewahrte diese
Briefe als unwiderleglichen Beweis für die Möglichkeit der Vorhersage
zukünftiger Ereignisse und hat sie mir gezeigt. Da man sich über die
Zinsen nicht einigen konnte, ließ man die Angelegenheit fallen. In
der Tat starb die in Frage stehende Dame am 31. Dezember, und der
am 2. Januar an Herrn L. gerichtete letzte Brief übermittelt diese
Nachricht[27].«
Ein merkwürdiges Beispiel einer Ahnung erzählt Jung-Stilling[28] vom
Professor der Mathematik Böhm, einer keineswegs schwärmerischen Natur,
was ja schon der Beruf vermuten läßt.
»Er war einmal an einem Nachmittag in einer angenehmen Gesellschaft
bei einer Tasse Tee und einer Pfeife Tabak recht vergnügt, ohne über
irgend etwas nachzudenken, als er auf einmal eine Anregung im Gemüt
empfindet, nach Hause zu gehen. Da er nun nichts zu Hause zu tun
hatte, so sagte ihm sein mathematischer Verstand, er solle nicht nach
Hause gehen, sondern bei der Gesellschaft bleiben. Indessen wurde
die innere Aufforderung immer stärker und dringender, so daß endlich
jede mathematische Demonstration erlag, und Böhm seinem inneren Trieb
folgte. So wie er auf sein Zimmer kam und sich umsah, aber nichts
Besonderes entdecken konnte, fühlte er eine neue Anregung in seinem
Inneren, das Bett, worinnen er schlief, müsse von da weg und in jene
Ecke gebracht werden. Auch hier räsonierte seine Vernunft und stellte
ihm vor, das Bett habe ja immer da gestanden, überdem sei das ja auch
der schicklichste Platz und jener der unschicklichste, allein das alles
half nicht, die Aufforderung ließ ihm keine Ruhe, er mußte die Magd
rufen, welche nun das Bett an die verlangte Stelle rückte; hierauf
wurde er ruhig im Gemüt, er ging weiter zur Gesellschaft und empfand
nichts mehr von jenen Anregungen. Er blieb auch zum Abendessen bei der
Gesellschaft, ging gegen zehn Uhr nach Haus, dann legte er sich in
sein Bett und schlief ganz ruhig ein. Um Mitternacht weckte ihn ein
schreckliches Krachen und Poltern, er fuhr aus dem Bett auf und sah
nun, daß ein schwerer Balken mit einem großen Teil der Zimmerdecke
gerade da niedergefallen war, wo vorhin das Bett gestanden hatte. Jetzt
dankte Böhm dem barmherzigen Vater der Menschen, daß er ihn so gnädig
hatte warnen lassen.«
Die rationalistische Erklärung oder, besser gesagt, der
rationalistische Erklärungsversuch dieser merkwürdigen Vorahnung wird
annehmen, daß der brüchige Balken in der vorigen Nacht bereits gekracht
habe. Das habe Böhm im Schlaf gehört und aus diesem Dämmerzustande
nur das Denkresultat, daß er das Bett von dieser gefährlichen Stelle
fortschaffen müsse, ins Wachen gerettet.
Möglich, daß der Erklärungsversuch das Richtige trifft. Sicher ist,
daß wir bei der folgenden Geschichte damit nicht auskommen.
Frau von Beaumont erzählt folgende Begebenheit[29]:
»Meine ganze Familie besinnt sich noch auf einen Zufall, vor dem
mein Vater durch Hilfe der Ahnung in seiner Jugend bewahrt wurde.
Das Fahren auf dem Fluß ist eine der gewöhnlichen Vergnügungen der
Einwohner der Stadt Rouen in Frankreich. Auch mein Vater fand an
diesen Spazierfahrten ein großes Vergnügen und er ließ wenige Wochen
vorbeigehen, ohne daß er dasselbe genoß. Er vereinigte sich einstmals
mit einer Gesellschaft zwei Meilen weit von Rouen nach Port St. Quen zu
fahren. Man hatte ein Mittagsmahl und Instrumente ins Schiff gebracht
und alles zu einer angenehmen Fahrt vorbereitet. Als es Zeit war
aufzubrechen, stieß eine von den Tanten meines Vaters, welche taubstumm
war, eine Art von Geheul aus, stellte sich an die Tür, versperrte sie
mit ihren Armen, schlug die Hände zusammen und gab durch Zeichen zu
verstehen, daß sie ihn beschwöre, er möchte zu Hause bleiben. Mein
Vater, der sich von dieser Spazierfahrt viel Vergnügen versprochen
hatte, trieb nur seinen Spott mit ihren Bitten, allein das Frauenzimmer
fiel ihm zu Füßen und äußerte eine so heftige Betrübnis, daß er sich
endlich entschloß, ihren Bitten nachzugeben und seine Lustfahrt auf
einen andern Tag zu verschieben. Er bemühte sich daher, die andern
auch zurückzuhalten und bat sie seinem Beispiel zu folgen, allein man
lachte über seine Nachgiebigkeit und reiste ab. Kaum hatte das Schiff
die Hälfte des Weges zurückgelegt, so bekamen diejenigen, die sich
darin befanden, die größte Ursache zur Reue, daß sie ihm nicht gefolgt
hatten. Ihr Schiff riß voneinander, viele kamen dabei ums Leben,
und diejenigen, die sich durch Schwimmen retteten, wurden von dem
Schrecken, der sie dabei überfallen hatte, in die äußerste Lebensgefahr
gestürzt.«
Zum Schluß folgende Zeitungsnotiz:
»Der Jugendschriftsteller Boussénard, der in Frankreich, wo er für
den Erben Jules Vernes gilt, bekannt und beliebt ist, ist letzten
Sonntag gestorben. Er fühlte seinen Tod herannahen und verfaßte
selbst seine Todesanzeige, die folgendermaßen lautet: ›Louis
Boussénard, Schriftsteller, beehrt sich, Sie zu seinem bürgerlichen
Leichenbegängnis einzuladen, das Montag, den 12. September (1910)
nachmittags, stattfindet. Untröstlich über den Tod seiner Frau, erliegt
er in seinem 63. Lebensjahre einem Schmerz, den nichts hat lindern
können. Sein letzter Gedanke gilt seinen zahlreichen Freunden und
treuen Lesern. Man versammelt sich im Sterbehaus, um den Leichenzug bis
zum Bahnhof zu geleiten, von wo der Zug um zwölf Uhr abgeht.‹ – Der Tod
trat ein, wie Boussénard es erwartete, und die Anordnungen, die er für
die Beerdigung getroffen hat, konnten, was die Zeitangaben betrifft,
buchstäblich befolgt werden[30].«
Kehren wir nach diesem Exkurs zu Caesar zurück!
Die Art der Überlieferung nicht minder, als – das bezeugten unsere
Beispiele – ihr Inhalt, würden uns berechtigen, Suetons Erzählung
Glauben zu schenken. Im übrigen möge das jeder nach Gefallen tun. So
viel ist aber sicher, daß Caesar, wäre er dem Übersinnlichen weniger
abgeneigt gewesen, den warnenden Stimmen Gehör geschenkt hätte. Dann
würde der größte Staatsmann der Geschichte, dessen Eigenname zur
höchsten Standesbezeichnung der Menschheit wurde, wohl kaum unter den
Dolchen von Mördern haben verbluten müssen.
Sueton erzählt noch von anderen Wahrträumen, bzw. ähnlichen Vorzeichen
in seinem Leben des Augustus, der im Gegensatz zu seinem großen Onkel
sehr geneigt war, ihnen Glauben zu schenken.
Wir begegnen hier dem einfältigsten Aberglauben. Etwa wenn Augustus,
wenn man ihm den linken Schuh statt des rechten anzog, das als
ungünstige Vorbedeutung nahm, oder wenn starker Taufall seine
Entscheidungen beeinflussen konnte. Daneben finden wir auch den Glauben
an Vorzeichen von größerer Bedeutung (Kap. 93). Damit ist nicht nur
gesagt, daß er seltene Naturereignisse, wie das ja in einer Zeit, die
dem Wesen der Natur noch sehr fern steht, gang und gäbe ist, auf sich
deutete, sondern daß er auch echten Weissagungen Glauben schenkte.
Sueton erzählt im 94. Kapitel der Biographie[31]: »Atia träumte kurz
vor ihrer Niederkunft, daß ihre Eingeweide gen Himmel flögen und sich
dort über den ganzen Umfang von Himmel und Erde ausbreiteten. Auch
Augusts Vater, Octavius, träumte, daß aus dem Schoße der Atia der
Strahlenkranz der aufgehenden Sonne sich erhebe. Am Tage seiner Geburt,
wo gerade über die Verschwörung Catilinas in der Kurie verhandelt
wurde, und Octavius wegen der Niederkunft seiner Frau etwas zu spät
in die Sitzung kam, steht es als eine allbekannte Tatsache fest,
daß Nigidius Figulus[32], als er die Ursache der Verzögerung und
zugleich die Stunde der Geburt selbst vernahm, den Ausspruch getan
hat: In dieser Stunde sei dem Erdkreis der Herr geboren. Die gleiche
Versicherung erhielt Octavius später, als er bei seinem Heerzug durch
Thraziens Öden in einem Haine des Liber pater das dortige thrazische
Orakel über seinen Sohn befragte, von den Priestern, weil, als er
den Wein über den Altar goß, eine Flamme aufschlug, die über das
Tempeldach hinaus bis zum Himmel aufstieg: ein Wunderzeichen, das, wie
die Priester sagten, ähnlich nur allein noch dem großen Alexander, als
er an denselben Altären opferte, zuteil wurde. Gleich in der darauf
folgenden Nacht sah er denn auch seinen Sohn in übermenschlicher Größe
mit Blitz und Zepter, sowie mit den Prachtgewändern des Olympischen
Jupiter und einer Strahlenkrone angetan, hoch thronend auf einem
lorbeerbekränzten Wagen, den zweimal sechs glänzend weiße Rosse zogen.«
Halten wir hier inne.
Was zunächst das thrazische Orakel betrifft, so werden wir – wenn die
Überlieferung überhaupt auf Wahrheit beruht – recht mißtrauisch sein.
Wer mit Heeresmacht Auskunft über die Zukunft heischt, wird in 99 von
100 Fällen eine günstige erhalten. Und wenn eine Flamme gen Himmel
schlug, so liegt die Vermutung nahe, daß die schlauen Priester hier
einen Taschenspielertric sich leisteten.
Die mitgeteilten Träume sind an sich durchaus möglich. Wenn wir uns
gegen sie skeptisch verhalten, so ist ihre Häufung daran schuld.
Gewiß kommt es vor, daß zwei dasselbe träumen, und wenn es sich um
Ehegatten handelt, die beide nicht nur einen Sohn, sondern auch einen
berühmten und tüchtigen Sohn erhoffen, so ist es ganz und gar nicht
unwahrscheinlich, wenn ihnen der Traum verlockende Bilder über seine
Zukunft vorgaukelt. Das ereignet sich alle Tage bei ungezählten
Elternpaaren. Da hier aber der Wunsch unbedenklich für die Vaterschaft
des Traumes haftbar gemacht werden kann, da ferner auch Millionen
träumender Eltern nur ein Weltherrscher trifft, so werden wir, auch
wenn wir der Überlieferung keinen Zweifel entgegensetzen, uns doch sehr
hüten müssen, hier einen Beweis für unsere Behauptung von der Existenz
der Wahrträume zu suchen. Bei Cäsar war der Fall ganz anders gelagert.
Meuchelmord hofft man nicht, sondern man fürchtet ihn. Da zudem die
Ermordung des Staatsoberhauptes in Rom ein ganz unerhörter Fall war, so
kann man auch mit Zufall hier nicht wohl operieren. Zum Belege dafür,
daß bei Eheleuten Doppelträume vorkommen, sei folgender Fall mitgeteilt:
»Als im Junius des Jahres 1812 mein zweiter Sohn, Karl, ein Knabe von
früh entwickeltem Talente und hoher Herzensgüte, in seinem neunten
Lebensjahre so gefährlich krank darnieder lag, daß der Gedanke an
seinen möglichen nahen Verlust bisweilen düster durch meine und meiner
Gattin Seele fuhr, wagten wir es, aus gegenseitiger Schonung, dennoch
nicht, das wahrscheinliche baldige Hinscheiden des holden Kindes laut
auszusprechen. Wir beweinten, oft von dem lieben Kranken getröstet,
unser Los im stillen. In der Nacht vom 17.–18. Junius hatte ich
folgenden, mir unvergeßlichen Traum: Ich führte meinen Karl auf einer
blühenden Aue an der Hand, er schritt freudig rasch einher und sah mich
lächelnd an: ›Wie?‹ rief ich froh, ›du kannst wieder gehen, lieber
Karl?‹ (Schon seit mehreren Monaten war ihm dies unmöglich gewesen).
Kaum hatte ich ausgeredet, so erblick’ ich einen großen prächtigen
Palast vor mir, der Knabe reißt sich von mir los und eilt in jenen
Palast. ›Ach,‹ sprach ich, ›du wirst mich doch nicht verlassen?‹ Ich
versuche es, ihm nachzueilen und kann nicht von der Stelle. In dem
schmerzhaftesten Gefühl erwach’ ich. Schlaf und Ruhe waren verschwunden.
Um meine Gattin nicht zu betrüben, verschwieg ich ihr diesen leicht zu
deutenden Traum. Indessen sitzen wir am Abend desselben Tages noch spät
in einer wehmütigen Stimmung zusammen. Wir reden von unserm kranken
Lieblinge, mein Herz war zu voll, und zum ersten Male spreche ich
meine bange Besorgnis um sein Leben aus. Endlich erzähle ich auch, mit
pochender Brust, den in der letzten Nacht gehabten Traum. Aber noch
kaum habe ich die Erzählung geendigt, so tat meine Gattin einen lauten
Schrei und ruft unter heißen Tränen aus: ›Mein Gott, denselben Traum
habe ich ja auch in der letzten Nacht geträumt!‹ Sie ruft sogleich
unser Dienstmädchen in das Zimmer und läßt es ihren eigenen Traum
erzählen, den sie ihm gleich am Morgen mitgeteilt, aber auch verboten
hatte, ihn mir zu erzählen. Ich fühlte mich tief ergriffen, aber auch
das Mädchen wußte sich kaum zu fassen, als es nachher den meinigen
erfuhr. Nur im Ausgange des Traums fand eine kleine Verschiedenheit
statt.
Meiner Gattin träumte: Sie und ihr Mädchen führten unsern Knaben auf
einer blühenden Aue an der Hand. Er ging freudig-rasch, blickte seine
Führerinnen lächelnd an; beide verwundern sich seines raschen Ganges.
Auf einmal erblickten sie einen großen prächtigen Palast vor sich.
Der Knabe reißt sich von ihnen los und eilt hinein. Beide eilen ihm
nach, finden in dem Palaste eine außerordentlich große Menschenmenge,
durchsuchen unter Tränen mehrere Säle und finden den Knaben nicht. ›O
Gott, was wird mein Mann sagen, daß wir unsern Karl verloren haben?‹
ruft meine Gattin trostlos aus und – erwacht.
Leider bewährten sich die Worte des Ennius (beim Cicero, de divinat.
II, 61) ›aliquot somnia vera!‹ Drei Tage nach diesem merkwürdigen
Doppel-Traum entschlief unser Liebling sanft, unter unsern Küssen und
Zähren. Auch hier war ›ein Bund des Traumes mit dem Wachen!‹ (Jean
Pauls Herbstblumen, 2. Bändchen, S. 275) – aber wir hatten die trübe
Wirklichkeit nicht sowohl =nach=, als =vorgeträumt=! –
Marburg.
D. Justi[33].«
Es handelt sich also um ein Erlebnis des berühmten Theologen Karl
Wilhelm Justi (geb. 1767 gest. 1846), an dessen Wahrheit zu zweifeln
wohl niemand den Mut haben wird.
Wenn wir auch Gedankenübertragung annehmen – was ja immerhin räumliche
Telepathie voraussetzt und damit bereits das Wichtigste, eine
Übertragung äußerer Eindrücke ohne Vermittlung der Sinne einräumt – so
genügt das nicht. Daß die Sorge die Eltern auch nicht nachts verläßt
und sich in Träumen äußert, ist gewiß natürlich. Sehr merkwürdig aber
die symbolische Einkleidung. Es liegt hier zweifellos ein noch nicht
näher ergründetes Phänomen der Prophetie vor. Dazu kommt, daß schon
nach drei Tagen die Erfüllung sich einstellt.
Bedeutungsvoller als die Träume von Augustus’ Eltern sind die Worte
des Nigidius Figulus. Über seine Prophezeiung sind wir durch Dio
Cassius[34] unterrichtet. Er schreibt:
»Kaum war der Knabe geboren, so prophezeite ihm der Senator Nigidius
Figulus die Alleinherrschaft. Unter allen seinen Zeitgenossen verstand
sich dieser am besten auf die Sternkunde und die Konstellation und
wußte, was jedes Gestirn einzeln oder in Konjunktion oder Opposition
mit andern für einen Einfluß übte; deshalb sagte man ihm auch nach,
daß er sich mit geheimen Künsten befasse. Als dieser sah, daß Octavius
(wegen der Geburt seines Kindes) etwas später in die Kurie kam (es
wurde gerade Senat gehalten), trat er ihm entgegen und fragte ihn,
warum er so spät komme. Als er ihm die Veranlassung nannte, so rief
er aus: =du hast uns einen Herrn= gezeugt! Octavius, darüber bestürzt,
wollte das Kind töten lassen; er aber hielt ihn davon ab, indem er
sagte: es wäre nicht möglich, daß dem Kinde etwas der Art widerführe.«
Sueton erzählt im 94. Kapitel von einem anderen Horoskop, das dem
Augustus der Astrolog Theogenes gestellt hatte, und zwar als jungem
Manne. Als er dem Astrologen seine Geburtsstunde nannte, da soll
Theogenes aufgesprungen und ihm verehrend zu Füßen gefallen sein.
Seitdem hatte Augustus großes Vertrauen auf seinen Stern und ließ auch
einst eine Münze mit dem Bild des Steinbockes, unter dem er geboren
war, prägen.
Was nun die Glaubwürdigkeit von diesen Berichten – die wir nur im
Auszug wiedergeben – betrifft – so mag man sagen: ein Mann, der so
einfältiges Zeug erzählt, wie etwa, daß Augustus als kleines Kind den
Fröschen geboten hätte zu schweigen, was zur Folge hatte, daß sie in
dieser Gegend noch zur Zeit Suetons nicht quakten, verdient keinen
Glauben.
Das gehört zu jenen logischen Schnitzern, an denen unsere Hyperkritik
nur allzu reich ist.
Wenn es auch heißt: »wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn
er auch die Wahrheit spricht«, so ist das Sprichwort doch klug genug
zuzugeben, daß auch ein Lügner die Wahrheit reden kann. Daß man ihm
dann nicht glaubt, ist ein Fehler der Zuhörer.
Nun ist aber Sueton nichts weniger als ein Lügner, wenn er auch
leichtgläubig sein mag und häufig unkritisch alles wiedererzählt, was
er von mancherlei Leuten gehört hat. Er ist so wenig ein Lügner, wie
unsere offiziellen Hyperkritiker es sind, wenn sie die Möglichkeit der
Weissagung oder anderer nicht alltäglicher Begebenheiten leugnen. Man
könnte daraus ja auch mit gleichem Rechte folgern, daß alles, was sie
für unglaublich erklären, doch glaubwürdig sei. Ein Denkfehler, der
nicht um ein Haar geringer ist, als wollte man alle Berichte des Sueton
über ungewöhnliche Dinge lediglich deshalb ablehnen, weil er, wie wir
auf Grund unserer heutigen Naturkenntnis wissen, auch Unmögliches im
guten Glauben überliefert.
Gibt es etwas Natürlicheres, als die Anschauung, ein so großer Mann wie
Augustus müßte auch anders als ein gewöhnlicher Sterblicher in die Welt
eintreten und durch sie wandeln? Dieser stillschweigenden Voraussetzung
ist es doch allein zuzuschreiben, daß man Plato so gut wie Alexander,
Buddha oder Christus zu Söhnen Gottes stempelte. So wenig es uns aber
deshalb einfällt, in Bausch und Bogen alles zu verwerfen, was von
diesen Geisteshelden überliefert ist, so wenig dürfen wir das etwa vom
Bericht des Sueton tun.
Während früher die Tendenz durch die Geschichtschreibung ging
– besonders ausgeprägt finden wir sie in der mittelalterlichen
Heiligenliteratur –, daß ein geistig oder sittlich großer Mann auch
über außergewöhnliche Kräfte verfüge, Wunder wirken könne, läßt sich
gegenwärtig die entgegengesetzte feststellen. Das hängt nicht allein
mit den Fortschritten der Naturwissenschaften zusammen, es hat, wie
schon in der Einleitung angedeutet, auch einen politischen Grund: die
Demokratisierung unserer Denkweise hält es mit ihren Dogmen nicht für
vereinbarlich, daß irgend jemand eine besondere Stellung einnimmt.
Im übrigen liegt es uns fern, uns im einzelnen für die Wahrheit
oder Glaubwürdigkeit dieser Erzählungen zu erhitzen. Uns genügt der
Nachweis, daß es sich ganz und gar nicht um Unmögliches, ja noch
nicht einmal besonders Seltenes handelt und daß man gut tut, die
Berichterstatter solcher Phänomene nicht ohne weiteres abzulehnen.
Indem wir es jedem Leser anheimstellen, davon zu glauben oder nicht zu
glauben, so viel ihm beliebt, unterlassen wir nicht zu bemerken, daß
Sueton wohl bei jedem Herrscher von Träumen, Vorzeichen oder ähnlichem
zu erzählen weiß. Mag das auch gewiß bei flüchtiger Betrachtung seine
Glaubwürdigkeit herabsetzen, so läßt sich nicht leugnen, daß der Grund
hierfür zumeist bei uns selber liegt. Die Zahl der Selbstbiographien
– auch von sehr nüchternen Leuten – in denen der Verfasser von
übersinnlichen Erlebnissen erzählt, ist auch heute noch, trotz des
entgegenstehenden Modedogmas und trotz des leichten Risikos, das jeder,
der Übersinnliches von sich erzählt, läuft, sehr groß. Fast jeder hat –
das ist heute genau so, wie in der fernsten Vorzeit – in seinem Leben
irgendwelches Erlebnis gehabt, das er sich nicht oder nur durch Zufall,
was das Gleiche ist, erklären kann. Früher achtete man darauf, heute
tut man es nicht mehr. Das ist der Unterschied. Früher mag man sein
Sinnen und Trachten so sehr auf Vorzeichen und Ähnliches gerichtet
haben, daß die Phantasie manchen bösen Streich spielte. Heute hält
man für einen Lügner oder Phantasten jeden, der wahrheitsgemäß etwas
berichtet, was nicht jeden Tag passiert. In beiden Fällen ist der
Aberglaube fast der gleiche; nur das Objekt hat gewechselt.
Doch genug vom Altertum. Leicht ließe sich noch mehr Material
beibringen. Für unsere Zwecke genügt das Gesagte und wir wollen uns in
einem neuen Kapitel dem Mittelalter und der Neuzeit zuwenden.
Fußnoten:
[7] Vgl. zu Nachstehendem H. Graetz, Geschichte der Juden, 1. Bd.,
Leipzig 1874, S. 372 ff., worauf mich aufmerksam zu machen Herr
Rabbiner Dr. C. Werner die Freundlichkeit hatte.
[8] Otto Pfleiderer, Die Entstehung des Christentums, München 1905, S.
191 ff. und 291.
[9] Josef Merkt, Die Wundmale des heiligen Franz von Assisi. Leipzig
und Berlin 1910, besonders S. 65 ff.
[10] in Saturnalibus I. 23.
[11] II, 37. Übersetzung von J. D. Heilmann, Neuausgabe von Otto
Güthling, Reclams Universalbibliothek S. 167 f.
[12] Pausanias kennt nur =ein einziges= bei Herodot (VI, 66) erzähltes
Beispiel von Bestechung eines Orakels (Pausanias III, 7).
[13] Vgl. Paulys Realenzyklopädie der klassischen
Altertumswissenschaft, 2. Aufl., 8. Hlbd., Artikel Delphoi, S. 2533,
und O. Gruppe, Griechische Mythologie und Religionsgeschichte II,
S. 928, in J. v. Müllers Klassischer Altertumswissenschaft V, 2, 2,
sowie Ed. Döhler, Die Orakel, Berlin 1872, eine nachstehend wiederholt
benutzte Studie, und Erwin Rohde, Psyche, besonders S. 112 ff., 313 f.
und 344 ff. Bouché-Leclerq, Histoire de la divination dans l’antiquité,
Paris 1879/81, war mir nicht zugänglich.
[14] Unter Trance versteht man einen der Hypnose ähnlichen Zustand.
Trance tritt in sehr verschiedenen Intensitätsgraden auf, doch kann
es nicht unsere Aufgabe sein, hier näher darauf einzugehen. Als
vortreffliche Einführung in die okkulten Wissenschaften sei Ludwig
=Deinhard=, Das Mysterium des Menschen im Lichte der psychischen
Forschung, Berlin 1910, empfohlen.
[15] Cicero, de Divinatione, I, 19.
[16] Viele Orakelsprüche bei R. Hendess Oracula Graeca, Halle a. S.
1877.
[17] Übersetzung von Adolf Stahr in Langenscheidts Bibliothek, 2.
Aufl., S. 97 f.
[18] Justinus Kerner, Das Bilderbuch aus meiner Knabenzeit.
Erinnerungen aus den Jahren 1786–1804. 2. Aufl. Stuttgart 1886. S. 240
f. Die nächste Stelle auf S. 243.
[19] Vgl. »Sphinx« 3. Bd. 1887. S. 62.
[20] Flammarion, Rätsel des Seelenlebens, Stuttgart 1909, S. 374 ff.
[21] Eb. S. 385, Brief Nr. 194.
[22] Eb. 28. Brief, p. 295, Nr. II.
[23] Justinus Kerner, Magikon, III. Bd., S. 568.
[24] Mein Leben und mein Wandern, Berlin 1894, S. 330 f.
[25] Flammarion, Rätsel des Seelenlebens, S. 384 f., 127. Brief.
[26] Otto Fürst von Bismarck, Gedanken und Erinnerungen, 2. Bd.
Stuttgart 1898, S. 194.
[27] Nach Dr. Liébaut, Thérapeutique suggestive, zitiert nach
Flammarion, Rätsel des Seelenlebens, S. 408.
[28] Heinrich Jung, genannt Stilling, Theorie der Geisterkunde, 1808,
S. 78 f.
[29] Jung-Stilling, Theorie der Geisterkunde, S. 84, übernommen aus dem
»Museum des Wundervollen«, 2. Bd., 2. Stück, S. 152.
[30] Münchener Neueste Nachrichten, 1910, Nr. 441.
[31] Übersetzung von Adolph Stahr, Langenscheidtsche Bibliothek,
Sueton, 106. Bd., S. 191. Eine Anzahl historischer Träume hat Kleinpaul
im Magazin für die Literatur des In- und Auslandes, 1886, Nr. 16 und
17, zusammengestellt.
[32] Nigidius Figulus war ein sehr gelehrter Mann, Senator, großer
Astronom und Astrolog und Freund des Cicero.
[33] Vgl. (Vulpius) »Curiositäten«, 5. Bd., Weimar 1816, S. 274 ff.
[34] 45, 1. Übersetzung der »Römischen Geschichte« von L. Tafel,
Stuttgart 1837.
Zweites Kapitel
Einzelne Prophezeiungen und Vorzeichen
Mittelalter und Neuzeit
Ist schon die Literatur des klassischen Altertums reich an mehr oder
minder beglaubigten übersinnlichen Phänomenen, so gilt dies noch
weit mehr von der des Mittelalters. Das Altertum hat zweifellos
die Kritik häufig vermissen lassen, was freilich bei dem damaligen
Stande der naturwissenschaftlichen Kenntnisse nicht verwunderlich
ist. Das christliche Mittelalter ging darin, gemäß dem allgemeinen
Kultursturze, noch viel weiter. Kann man sagen: die Antike berichtet
manches Unglaubwürdige, =wiewohl= es unglaubwürdig oder gar unmöglich
ist, so mag es vom christlichen Mittelalter heißen: gerade =weil= etwas
unmöglich scheint, wird es erzählt und geglaubt.
Besonders die umfangreiche Literatur der Heiligengeschichten bringt
es mit sich, daß nach Außerordentlichem geradezu gefahndet wird. Noch
heute findet die Kirche es zur Heiligsprechung erforderlich, daß der
also Ausgezeichnete auch »Wunder« gewirkt habe. Noch heute gilt
das sacrificium intellectus, das kritiklose Glauben selbst an den
haarsträubendsten Blödsinn für verdienstvoll.
Ist es da erstaunlich, wenn eine Zeit, die zur allgemeinen
Kritiklosigkeit infolge mangelnder Naturkenntnis noch die Sucht,
möglichst viele und möglichst verblüffende Wunder verzeichnen zu
können, hinzufügt, an Wust, Unsinn und wildesten Phantasmagorien alles
je Dagewesene in den Schatten stellt?
Damit ist aber keineswegs gesagt, daß nun =alles=, was berichtet
wird, weil es uns erstaunlich scheint, auch falsch sein müßte. Die
»voraussetzungslose« Forschung der Gegenwart macht es sich sehr bequem,
wenn sie alles ablehnt, was sie noch nicht erklären kann. Und doch
sollte sie gelernt haben, daß dieses negative Verhalten nicht viel
unkritischer ist, als das der verspotteten Vorzeit.
Heute wissen wir, daß es tatsächlich Stein- und Fischregen gab und
noch gibt, wir wissen, daß die »blutige« Hostie weniger auf einem
Fehler der Beobachtung, als der Interpretation des Beobachteten beruht.
Wir wissen ferner, daß eine große Zahl von Phänomenen, die noch vor
wenigen Jahrzehnten einfach geleugnet wurden, nunmehr zugegeben und
durch Hypnose oder Suggestion erklärt werden. Wie der »singende« oder
nahende Karawanen verkündende Sandberg den Geologen kein Rätsel mehr
ist und seitdem die Erklärung gefunden, seine Existenz auch eingeräumt
wird – daß es mehrere solcher Berge gibt, wissen wir auch erst seit
ganz kurzer Zeit –, so wurde schon vieles und wird noch mehr aus
den Berichten der Alten sich bewahrheiten. Hier waren es nicht die
Erzähler von wunderbar scheinenden Dingen, die sich blamierten, sondern
die superklugen Gelehrten waren es, die, bewaffnet mit dem berühmten
Rüstzeug der modernen Kritik, die Frage nicht vorurteilslos prüften,
sondern kategorisch negierten.
Aus alledem ergibt sich, daß auch die mittelalterliche Literatur, bei
gehöriger kritischer Verarbeitung, für unsere und noch manch andere
Zwecke zweifellos viel wertvolles Material beizusteuern geeignet wäre.
Hier kritische Methoden zu ersinnen – denn die gegenwärtig geübten
der Negation lassen durchaus im Stich –, wird ein dankbares Feld der
Zukunft sein. Wir können uns der Aufgabe nicht unterziehen. Weniger,
weil es den Rahmen der Untersuchung zu weit ausdehnen würde, als
deshalb, weil wir damit unserer Beweisführung nicht dienen würden.
Wie die Festigkeit einer Kette nicht durch das stärkste, sondern durch
das schwächste Glied bestimmt wird, so auch die einer Beweisführung.
Wir müssen uns deshalb ängstlich hüten, allzuviel Material zu
verwenden, bei dem der Kritiker einwenden kann, es =könne= ja wahr
sein, =müsse= es aber nicht sein.
Deshalb wollen wir uns im Nachstehenden, unter teilweisem Verzicht auf
die oben skizzierte, an sich gewiß außerordentlich verlockende Aufgabe,
damit begnügen, einige Beispiele für Prophetie anzuführen, an deren
Authentizität sich kaum zweifeln läßt. Dabei schicken wir aber voraus,
daß wir hier nur den Boden für die weitere Untersuchung bereiten wollen
und uns völlig darüber klar sind, daß ein zwingender Beweis auf dem in
den beiden ersten Kapiteln dieses Buches eingeschlagenen Wege nicht zu
erbringen ist.
=Tommaso Parentucelli=, Bischof von Bologna, bestieg 1447 als Nikolaus
V. den Stuhl Petri. Er hatte in der Nacht vor Papst Eugens Tode seine
Wahl geträumt, ja, mehr als das, Kaiser Friedrich III. hatte in der
Nacht, als Parentucelli Österreich verließ, geträumt, daß er von ihm
zum Kaiser gekrönt werde, und sich gewundert, daß ein einfacher Bischof
diese feierliche Handlung vornehmen würde. Als nun Nikolaus wirklich
Papst geworden war, zweifelte der Habsburger nicht, daß er auch die
Kaiserkrone aus seinen Händen empfangen würde. Da Äneas Sylvius, der
nachmalige Papst Pius II., zugegen war, als Nikolaus und Friedrich sich
gegenseitig ihre Träume erzählten, auch in seinem Berichte beifügt,
daß vier weitere Zeugen anwesend waren, ist die Beglaubigung dieser
Vorahnung völlig einwandfrei[35].
Der bekannte Arzt =Thurneysser= gab von 1573 bis 1585 Kalender
heraus, wobei er den einzelnen Monatstagen »Prognostika« beisetzte.
Wunderbarerweise traf manche Vorhersage erstaunlich richtig ein, so
daß die Vermutung nicht ferne liegt, Thurneysser habe eine gewisse
Sehergabe besessen.
Um ein Beispiel anzuführen, steht im Kalender von 1579 beim 17.
Dezember: »Eine schändliche Tat einer fürstlichen Person.« Die
Erklärung lautete im Kalender des folgenden Jahres: »Auf diesen Tag hat
Signora Bianca Capelli ihren Stiefsohn zu Florenz mit Gift vergeben,
welcher am 18. Dezember gestorben, da denn bald hernach folget ›Mord
oder Totschlag einer fürstlichen Person‹, welches also erfolget[36].«
Es sei niemandem verwehrt, hier Zufall anzunehmen; immerhin ist es ein
recht merkwürdiger Zufall, denn solche Taten passierten auch damals
nicht allzuoft, und ihre Festlegung auf einen bestimmten Tag gibt
zweifellos zu denken.
=Pierre d’Ailly= (geb. 1350 zu Compiègne, gest. zu Avignon zwischen
1419 und 1425), Kanzler der Sorbonne, Almosenier und Beichtvater des
Königs Karl VI., Bischof von Puy, dann von Cambray, seit 1411 Kardinal,
schrieb unter dem latinisierten Namen Petrus de Aliace mit dem Titel
»Concordantia Astronomiae cum Theologia, Concordantia Astronomiae cum
Historica Narratione« ein Buch, das erst im Jahre 1490 in Augsburg im
Druck erschien.
Pierre d’Ailly, der übrigens vornehmlich den Tod des Johann Huß auf
dem Konstanzer Konzil verschuldet hat, war einer der angesehensten
Männer seiner Zeit und wurde wegen seines Scharfblicks »der Adler der
französischen Gelehrten« zubenannt.
Wie Ersch und Grubers »Encyklopädie« bemerkt, hatte er aber die
»Schwäche«, astrologischen Berechnungen zu glauben. Fast könnte er uns
zu dieser Schwäche durch die Lektüre des 60. Kapitels genannten Werkes
bekehren.
In diesem »de octava coniunctione maxima« betitelten Abschnitt ist
zu lesen, daß nach der großen achten »Konjunktion« des Saturn die
Vollendung von gewissen 10 Umdrehungen dieses größten Planeten im
Jahre 1789 stattfinden wird.
»Wenn die Welt bis zu jenen Zeiten stehen wird, was allein Gott
weiß, dann werden große und erstaunliche Umwälzungen und Wandlungen
geschehen, die am meisten die Gesetze und das Parteiwesen betreffen.«
Also eine Vorherbestimmung der großen französischen Revolution[37]!
Es bedarf keiner Betonung, daß uns der astrologische Weg völlig
unverständlich ist. Das ändert aber natürlich nichts daran, daß
Berechnung und Wirklichkeit hier harmonieren. Jedermann sei es auch
hier freigestellt, den Zufall als Begründung anzunehmen.
Was im übrigen die Astrologie betrifft, in früheren Jahrhunderten
die bevorzugte und mit Gold überhäufte Schwester der Astronomie, so
beruht der Glaube an sie bekanntlich auf einem supponierten Einfluß der
Gestirne auf das Leben des einzelnen.
Es ist ohne weiteres klar, daß nur kindische Spielerei aus der
Übereinstimmung des Planetennamens Mars mit dem Kriegsgott, oder des
Planetennamens Venus mit der freundlichen Göttin der Liebe irgend etwas
zu folgern vermag. Man hätte selbstverständlich die Gestirne auch
anders taufen können und die Analogie käme dann in Fortfall.
Anders läßt sich allerdings die Sache betrachten unter der Annahme,
daß jahrhunderte-, ja, jahrtausendelange Erfahrung ein Zusammentreffen
gewisser Ereignisse und Schicksale mit bestimmten Konjunktionen der
Gestirne ergeben habe. Wie es etwa zahlreiche Menschen gibt, die bei
Witterungswechsel Rheumatismus oder Kopfweh bekommen.
Wäre letztere Annahme richtig, dann müßte allerdings – eine
ausreichende Erfahrung und genügend scharfe Beobachtung vorausgesetzt
– wenigstens in der Regel die schwierige astrologische Berechnung mit
den Tatsachen übereinstimmen. Das ist nun aber keineswegs der Fall.
Vielmehr sind die Beispiele, daß selbst die größten Astronomen – die
also keine Kunstfehler machen – sich ganz gründlich irren, nichts
weniger als selten.
So sandten zum Beispiel im Jahre 1179 sämtliche Astrologen Briefe an
alle Länder und verkündeten den Untergang des Menschengeschlechtes
für das Jahr 1186. Oder Johann Stoffler berechnete für das Jahr 1524
eine neue Sintflut und erregte damit das größte Entsetzen in ganz
Europa. Andere, so Georg Tannstetter in Wien, griffen zur Feder, um das
Irrtümliche dieser Prophezeiung zu beweisen. Es war auch notwendig,
etwas zur Beruhigung der Gemüter zu tun, denn man hatte schon begonnen
Archen zu bauen, um für alle Fälle gesichert zu sein.
Cyprianus Leovitius, Hofmathematiker des Kurfürsten Otto Heinrich von
der Pfalz, verkündete aus den Sternen den Weltuntergang für das Jahr
1584[38]. Diesen Vorhersagen des Weltunterganges folgten noch viele
andere, auf die einzugehen wenig Interesse bietet.
Noch im 18. Jahrhundert hat ein gewisser Ziehen die einfältigsten
astrologischen Weissagungen zum besten gegeben. So, daß die
Erdoberfläche Europas sich immer mehr gegen Süden senken würde, daß der
Ärmelkanal austrocknen würde und anderes mehr[39].
Überhaupt ist an falschen astrologischen Prophezeiungen gewiß kein
Mangel. So hat z. B. Kepler dem damals sechsundzwanzigjährigen
Wallenstein im Jahre 1609 das Horoskop gestellt, das heute noch im
Original erhalten ist. Darin sagt er dem späteren großen Feldherrn
neben einigem Richtigen auch voraus, er werde im siebzigsten
Lebensjahre einem viertägigen Fieber erliegen.
Melanchthon, ein heftiger Gegner des Kopernikanischen Sonnensystems,
der zu einem astrologischen Handbuch des Johann Schoner eine lange
Vorrede verfaßte, kehrte einst auf einer Reise bei seinem Freunde
Melander ein. Er stellte dessen jüngstem, etwa halbjährigen Kind das
Horoskop und prophezeite, daß es gleich seinem Vater sehr gelehrt sein
werde und als tapferer Streiter Gottes zu hohen geistlichen Würden
gelangen würde. Darauf rief Melander lachend aus: »Philippe, Philippe,
es ist ja ein Mägdlein[40]!«
Solche und ähnliche Entgleisungen der Astrologie sind außerordentlich
häufig. Dagegen werden wir aber noch sehen, daß auch Vorhersagen
erstaunlich richtig eintreffen. Letzteres läßt sich natürlich am
einfachsten durch Zufall erklären, was einem Verzicht auf Erklärung
gleichkäme. Ob wir zu diesem Auskunftmittel in allen Fällen greifen
müssen, wollen wir vorläufig dahingestellt sein lassen. Soviel ist
jedenfalls sicher: eine Methode, die zu so zahlreichen Mißgriffen
führt, wie die astrologische, ist mangelhaft, vielleicht überhaupt
ganz falsch. Auf keinem Fall kann der Astrologie für sich allein und
in ihrer bisherigen Handhabung ein hoher prophetischer Wert beigelegt
werden.
Daß =Goethe= der Astrologie nicht völlig fern stand, was gewiß manchen
interessieren wird, mag aus dem Anfang seiner »Dichtung und Wahrheit«
hervorgehen. Er schreibt hier im ersten Buche des ersten Teils:
»Am 28. August 1749, mittags mit dem Glockenschlage zwölf, kam ich
in Frankfurt am Main auf die Welt. Die Konstellation war glücklich;
die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau und kulminierte für den
Tag; Jupiter und Venus blickten sich freundlich an, Merkur nicht
widerwärtig; Saturn und Mars verhielten sich gleichgültig: nur der
Mond, der soeben voll ward, übte die Kraft seines Gegenscheins um so
mehr, als zugleich seine Planetenstunde eingetreten war. Er widersetzte
sich daher meiner Geburt, die nicht eher erfolgen konnte, als bis diese
Stunde vorübergegangen.
Diese guten Aspekten, welche mir die Astrologen in der Folgezeit sehr
hoch anzurechnen wußten, mögen wohl Ursache an meiner Erhaltung gewesen
sein: denn durch Ungeschicklichkeit der Hebamme kam ich für tot auf die
Welt, und nur durch vielfache Bemühungen brachte man es dahin, daß ich
das Licht erblickte.«
=Tycho de Brahe= deutete den neuen Stern, der 1572 in der Cassiopeia
erschien, als Ursache der Geburt eines tapferen Prinzen, dessen Waffen
Deutschland überstrahlen, der selbst aber 1632 wieder verschwinden
würde. Er verfaßte darüber die Schrift: »De stella nova in Cassiopea
exorta.« Die Deutung auf Gustav Adolf von Schweden liegt nahe genug.
Allerdings wurde er erst 1594 geboren, starb aber 1632.
=Kepler= sagte in seiner astrologischen »Practica« für das Jahr
1619 den Tod des Kaisers Matthias richtig voraus, und zwar durch
ein sechsfaches M. _M_(agnus) _M_(onracha) _M_(atthias) _M_(ense)
_M_(artis) _M_(orietur), d. h. der große Monarch Matthias wird im Monat
März sterben. Das war auch richtig, denn der Kaiser schloß die Augen am
20. dieses Monats.
Der Astronom =J. H. Vogtius= sagte nicht nur das Ende seines Sohnes,
der als Mörder hingerichtet wurde, sondern auch im Jahre 1682 den
Untergang Moskaus vorher mit den Worten: »Moscovia infortunium suum noc
evitabit.« Bekanntlich verbrannte die alte Hauptstadt im Jahre 1812.
Vogtius, ein gelehrter Mann, starb zu Stade im Jahre 1691[41].
Der Astrologe Andreas =Goldmayer= (geb. 1603) sagte 1632 in Straßburg
voraus, daß Gustav Adolf bei Lützen eines gewaltsamen Todes sterben
würde. Diese Vorhersage war Ursache, daß er die Stadt verlassen mußte.
Als sie sich aber erfüllt hatte, erntete er Ruhm und Ferdinand III.
zeichnete ihn aus[42].
Man wird zugeben, daß das Eintreffen dieser Vorhersage ein merkwürdiger
Zufall ist. Wallenstein war ganz begeistert von der treffenden
Sicherheit, mit der Kepler aus den ihm, ohne nähere Kenntnis der
Person, übermittelten astrologischen Daten, Charakter und Gestalt der
Herzogin erkannt hatte.
Übrigens versäumte der große Astronom nie, einem Horoskop oder einer
Nativität die Bemerkung hinzuzufügen, die seinen Zweifel an der
Richtigkeit dieser Kunst ausdrückte[43].
Auch der Tod =Eduards VII.= wurde im Horoskop vorgesehen[44]. Zu
denken gibt auch, daß der Astrologe A. J. Peare schon 1868 aus dem
Horoskop des jetzigen Königs von England, der damals 2 Jahre zählte,
voraussagte, »dieser Prinz wird, wenn er am Leben bleibt, König von
England werden mit dem Namen =Georg V.=« Übrigens hat der König das
beklagenswerte Schicksal seines Bruders auch im Horoskop, und seiner
Regierung sollen Katastrophen zu Lande und Wasser bevorstehen[45].
In jüngster Zeit sagte die Pariser Astrologin Mme. =Thebes= in der
Neujahrsnummer des »Gaulois« 1899 =den Tod des Präsidenten Felix Faure=
vorher, der auch wirklich am 16. Februar dieses Jahres eintrat. Auch
hier überlassen wir es selbstverständlich dem Leser, Zufall anzunehmen.
Das ist um so mehr erlaubt, als bei einem Manne Ende der fünfziger
Jahre die Todeswahrscheinlichkeit in einem Jahre etwa 1 : 20 beträgt,
also keineswegs die Irrtumsmöglichkeit enorm ist. Im Keplerschen Falle
wäre diese Zahl, da der Monat angegeben ist, natürlich noch mit 12 zu
multiplizieren.
Bemerkenswert ist auch, daß ein englischer und ein französischer
Astrologe, deren Namen verschwiegen werden, durch das Horoskop gefunden
haben, daß =Dreyfuß unschuldig= sei und Ende des Jahres 1899, wohl im
Oktober, freigelassen würde. Bis dahin werde er trotz seiner Unschuld
im Exil bleiben müssen. Tatsächlich wurde der unglückliche Hauptmann am
21. September 1899 begnadigt.
Was an diesen Astrologen Wahres ist, entzieht sich meiner Kenntnis.
Da aber die angegebene Vorhersage bereits in der siebenten Nummer der
Zeitschrift für Spiritismus vom 18. Februar 1899 erschien, so handelt
es sich zweifellos um eine richtige Vorhersage.
Gerade hier scheint es aber nicht am Platze, dem Fall außerordentliche
Bedeutung beizulegen. Denn da die Dreyfußaffäre die ganze Welt,
in erster Linie Frankreich beschäftigte, so werden zahllose Leute
prophezeit haben. Da es ferner nur die Möglichkeiten schuldig oder
unschuldig, Freilassung oder Exil gab und auch der Natur der Sache
nach nicht viele Termine in Frage kommen konnten, so läßt sich eine
Wahrscheinlichkeitsrechnung ohne Schwierigkeit konstruieren. Da das
Verhältnis der wirklichen zu den möglichen Fällen nur begrenzt ist, so
wäre gerade bei dieser Prophezeiung Zufall keineswegs ausgeschlossen.
Cardanus, einer der geistreichsten Astrologen und, wie bekannt,
berühmter Mathematiker und Arzt, ließ im Jahre 1543 in Nürnberg
ein Werk »Zwei Bücher des Cardanus usw.« erscheinen, in dem er 67
Horoskope von bedeutenden Menschen aller Zeiten veröffentlicht, so das
des Patrarcha, Karls V., Albrecht Dürers u. a. Hier findet sich auch
folgende Charakterskizze Luthers, dessen Geburtstag er fälschlich auf
den 22. Oktober 1483 festgesetzt. Sie lautet:
»Dies ist das wahre Horoskop Luthers. Auch mußte eine so bedeutende
Erscheinung einen solchen Anfang haben, und bei einer so wunderbaren
Konstellation konnten solche Folgen nicht ausbleiben. Denn Mars,
Venus und Jupiter traten neben der Ähre der Jungfrau im untersten
Winkel des Himmels zusammen, so daß aus ihrer Verschwörung notwendig
auch ohne königliches Blut eine fast königliche Gewalt hervorgehen
mußte. Unglaublich ist es, welche große Anzahl von Anhängern sich
diese Lehre in kürzester Zeit erworben hat. Schon entbrennt die Welt
in wildem Kampfe ob dieses Wahnes, der doch, weil Mars sich in seine
Erzeugung mischte, in sich selbst zerfallen muß. Unzählig sind die
Köpfe, welche in ihm herrschen wollen, und wenn nichts anderes uns
von seiner Nichtigkeit überzeugen könnte, so müßte es die Menge der
verschiedenen streitenden Meinungen sein, da doch die Wahrheit nur
eine einzige ist, die vielen verschiedenen Ansichten also notwendig
abirren. Nichtsdestoweniger zeigen uns Sonne und Saturn an dem Orte der
zukünftigen großen Konjunktion die =Festigkeit und lange Dauer dieser
Ketzerei=.«
Selbst Schleiden muß zugeben, daß diese Prophezeiung, wenigstens
was ihren Schluß betrifft, von erstaunlicher Richtigkeit ist, und
das wiewohl Cardanus das dogmatische Gezänk, den Krebsschaden der
Reformation, ganz richtig als Gefahr erkannt hatte.
Einigermaßen merkwürdig ist auch die Prophezeiung, die =Johannes
Capistrano= in seiner »Astronomie« im Jahre 1460 nebst mancher anderen
bemerkenswerten für das Jahr 1622 gibt. Sie lautet: »=Der große Löw von
Mitternacht= zeucht auß, und kömpt nicht heim, er habe dann verricht,
was ihme befohlen, viel, die sich für klug achten, werden sprechen:
Non putaram, andere werden sagen: Hab ich das nicht ehe gesagt, die
aber, so es am härtsten treffen wird, werden blind seyn, und den Löwen
für einen Hanen halten, für welchem sich auch kein Adler fürchtet. Er
wird aber im 1622. Jahr sehr brüllen, daß die Erde erzittert, unnd alle
Menschen sehr erschrecken werden.«
Wenn Capistranus sich auch um einige Jahre irrte, so stimmt doch die
Tatsache. Denn die Deutung auf Gustav Adolf ist geboten. Bedenkt man,
daß damals Skandinavien noch gar keine Rolle spielte, so wird man,
angenommen es spiele hier der Zufall, immerhin zugeben müssen, daß es
ein merkwürdiger Zufall ist.
Merkwürdig ist auch der unmittelbar anschließende Passus: »Niederland
wird sich heiß und hefftig umb aller Welt Händel annemen, unnd uberall
vorne an der spitzen seyn wollen.« Daß in diese Zeit der Kriege mit
Spanien die höchste Blüte der Niederlande, damals des reichsten Landes
Europas, fällt, ist hinlänglich bekannt. Daß ab 1620 Deutschland in
eine große Kriegsperiode eintritt, sagt Capistrano auch voraus. Gewiß
ist der Anfang nicht genau richtig angegeben, die Tatsache stimmt
aber[46].
Die angeführten Beispiele aus der Astrologie dürften um so mehr
genügen, als sie aus einschlägigen Werken leicht vermehrt werden
können. Wir wollen nun noch nachstehend eine Reihe von Vorhersagen
zusammenstellen ohne Rücksicht darauf, auf welchem Wege sie gewonnen
wurden.
Als im Jahre 1610 König Heinrich IV. von Frankreich gegen Spanien
rüstete, bestimmte er für die Zeit seiner Abwesenheit seine Gemahlin
Maria von Medici zur Regentin. Schon im Begriff der Abreise zur Armee,
wiederholte seine Gemahlin ihre Bitte, sich vor seiner Abreise salben
und krönen zu lassen, um dadurch ihrer Regentschaft in den Augen
des Volkes mehr Glanz zu verleihen. Er zeigte anfangs die größte
Abneigung dagegen. Nicht nur, weil diese Feierlichkeit bedeutende
Summen kosten und ihn noch einige Zeit in Paris zurückhalten würde,
sondern auch wegen der gegen Sully ausgesprochenen Besorgnis, daß sie
die Ursache seines Todes sein würde. Denn ihm war verkündet worden,
er werde bei dem =ersten Feste, das er veranstalte, getötet werden=.
Endlich willigte er in die Bitte der Königin und bestimmte am 12. Mai
den folgenden Tag zu ihrer Krönung und den 16. zu ihrem feierlichen
Einzug in Paris. Die Krönung und Salbung fand mit großer Pracht zu St.
Denys statt. Am folgenden Tage, dem 14. Mai 1610, wollte der König
vom Louvre zum Arsenal fahren, um Sully, der hier wohnte und krank
war, zu besuchen. In seinem Wagen, der wegen des schönen Wetters offen
war, saßen noch die Herzöge von Epernon und Montbazon und fünf weitere
Personen. Eine kleine Anzahl Edelleute zu Pferde und einige Diener zu
Fuß folgten ihm. Die Straße La Ferronnerie, welche schon durch Buden,
die an die Mauer des neben ihr liegenden Kirchhofes gebaut waren, sehr
verengt war, wurde durch einen mit Wein beladenen Wagen und einen
Heuwagen gesperrt, so daß der König anhalten mußte. Die meisten der
ihm folgenden Edelleute und Diener schlugen den Weg über den Kirchhof
ein, um an dem anderen Ende der Straße sich wieder dem königlichen
Wagen anzuschließen. Während von den zwei Zurückgebliebenen der eine
vorwärts ging, um Platz zu machen, und der andere sich bückte, um sein
Knieband zu befestigen, trat ein Mann auf das Hinterrad des Wagens
und stieß dem König, der soeben aufmerksam einen Brief anhörte, den
Epernon ihm vorlas, ein =Messer etwas oberhalb des Herzens in die
Brust=. Der König, rief aus »ich bin verwundet!« Im selben Augenblick
traf ein zweiter Stoß sein Herz und sogleich stürzte ihm das Blut in
solcher Menge aus dem Mund, daß er =erstickte=. Der Mörder hieß Franz
Ravaillac[47].
Bassompierre, der in seinen Memoiren diese Erzählung bestätigt, weiß
noch von Vorzeichen bzw. Vorahnungen zu berichten: »Er (der König)
sagte mir kurze Zeit vorher (d. h. vor seiner Ermordung): ›Ich weiß
nicht, was das ist, Bassompierre, aber ich kann mich nicht davon
überzeugen, daß ich nach Deutschland gehen werde und das Herz sagt mir
nicht, daß du auch nach Italien gehen wirst‹. Wiederholt sagte er mir
und auch andern: ›Ich glaube bald zu sterben‹. Und am ersten Tage des
Mai, als er aus den Tuilerien durch die große Galerie zurückkehrte (er
stützte sich immer auf jemand) und er Mr. de Guyse an der einen Seite
führte und mich auf der andern und uns erst verließ, als er im Begriffe
war, ins Gemach der Königin einzutreten: da sagte er uns: ›Gehen Sie
nicht fort, ich gehe nur fort, um meine Frau zu veranlassen, sich
schnell anzuziehen, damit sie mich beim Essen nicht warten läßt‹, denn
er speiste gewöhnlich mit seiner Gemahlin.
Wir stützten uns, ihn erwartend, auf das eiserne Geländer, das auf den
Hof des Louvre geht; als plötzlich der Maibaum den man hier in der
Mitte eingesetzt hatte, umfiel, ohne durch den Wind oder eine andere
Ursache erschüttert worden zu sein, und dabei nach der Seite der
kleinen Treppe zu, die zum Zimmer des Königs führt, stürzte. Ich sagte
darauf zu Herrn von Guyse: ›Ich wollte viel darum geben, wenn das nicht
passiert wäre; das ist ein sehr schlechtes Omen. Gott wolle den König
schützen, der ja der Maibaum des Louvre ist.‹
Er antwortete mir: ›Was sind Sie närrisch, an solche Sachen zu denken!‹
Ich entgegnete: ›In Italien und Deutschland würde man von einem solchen
Vorzeichen noch ganz anderes Aufhebens machen, wie wir jetzt hier. Gott
schütze den König und alles was ihn betrifft.‹
Der König, der nur ins Gemach der Königin eingetreten war und es gleich
wieder verlassen hatte, war ganz leise herangetreten, um uns zuzuhören,
im Glauben, wir sprächen von irgendeiner Dame, vernahm alles, was ich
gesagt hatte und unterbrach uns mit den Worten: ›Ihr seid närrisch euch
über solche Vorzeichen zu unterhalten: seit dreißig Jahren haben alle
Astrologen und Charlatans, die es zu sein vorspiegeln, mir alljährlich
vorherverkündet, daß ich mein Leben aufs Spiel setze; et celle que je
mourray, on remarquera lors tous les presages quy m’en ont adverti en
celle, dont l’on fera cas, et on ne parlera pas de ceux quy sont avenus
les années precedentes[48].‹
Nach diesem Bericht, der den Stempel der Wahrheit an der Stirn trägt,
wird man wohl kaum an der Tatsächlichkeit der Vorhersage eines
gewaltsamen Todes zweifeln können.
Übrigens soll auch ein Edelmann Namens Villandry und der Astrolog
Rizacasa das Attentat auf Heinrich IV. vorhergesagt haben[49].
Katharina von Medici sagte dem Herzog von Biron seinen Tod bei der
Belagerung von Epernay voraus.
Der Bruder des Herzogs, der denselben Astrologen fragte, dessen sich
auch Katharina bediente, erhielt folgende Antwort:
»Er wird unter dem Henkerbeil sterben.«
»Was soll das heißen?« rief Biron aus.
»Gnädiger Herr, wenn ich mich besser ausdrücken soll, so muß ich sagen,
daß ihm der Kopf zerrissen wird.«
Der erzürnte Biron richtete in seiner Wut den armen Astrologen darauf
übel zu und ließ ihn auf dem Boden liegen. Dieser Gewaltakt hinderte
nicht, daß die Prophezeiung nach sechs Monaten in Erfüllung ging. Eine
Kanonenkugel raffte den Herzog hinweg.
Ein besonderes Interesse verdienen die Visionen des sonst unbekannten
=Joachim Greulich=, die ihrer Zeit ein ungeheures Aufsehen machten.
Die somnambulen Zustände des Greulich stellten sich öfter und zuletzt
täglich ein. Greulich verlor im tagwachen Zustande nicht die Erinnerung
an seine auf die politische Lage der Staaten und Hauptstädte Europas
bezüglichen Visionen, sondern führte über sie ein Tagebuch. Einige
Stellen dieses Tagebuches seien nachstehend wiedergegeben[50]:
Am 18. August »kam der Engel GOttes wieder zu mir um die
mitternachtsstunde und sprach zu mir: Siehe in den himmel, wie er so
blutig ist; da sahe ich darinne ein blutiges schwerd, und neben dem
schwerd stund mit güldenen buchstaben geschrieben: Du schöne stadt
Erfurt; und auff der andern seiten stund wieder mit güldenen buchstaben
geschrieben: Große feuersbrünsten, die in dieser stadt auskommen
werden; über dem schwerdt aber stund geschrieben, =groß auffruhr=,
rebellerey wird sich da begeben, sonsten keinen krieg weiß ich ihnen
anzuzeigen; dann dieses schwerd ist ihnen selbst in ihre hand gegeben.«
Tatsächlich legten einige Jahre später – die Visionen wurden 1653
niedergeschrieben – mehrere große Feuersbrünste das damals bedeutende
Erfurt fast ganz in Asche. Anfangs der sechziger Jahre entstanden
Reibereien zwischen der Bürgerschaft und dem Rat, welche jahrelang
dauerten und in offene Empörung gegen Kurmainz ausarteten. Als die
Erfurter einen kaiserlichen Herold, der der Stadt die Reichsacht
verkünden sollte (1660), schwer mißhandelt hatten, beauftragte
Kaiser Leopold I. den Kurfürsten Johann Philipp von Mainz mit der
Reichsexekution. Dieser belagerte, weil wegen der Türkenkriege kein
Reichskontingent verfügbar war, die Stadt mit französischen aus Ungarn
zurückkehrenden Hilfstruppen und nahm sie durch Kapitulation (1664)[51].
Greulich hatte auch eine auf die =Belagerung Wiens= durch Kara Mustapha
und die große Pest, die 80000 Menschen dahinraffte, bezügliche Vision:
»Den 29. August um 4 uhr zu nachts kam der Engel GOttes wieder zu mir
und sprach: Siehe wieder in den Himmel, wie er so blutig ist; da sahe
ich darin pfitzschpfeile, bögen und blutige säbel, und ein creutz auch
dabey, und neben dem säbel stund geschrieben mit güldenen buchstaben:
Du schöne stadt =Wien=, du wirst schrecklich von den Türcken betränget
werden; und über den pfitzschpfeilen, bögen und blutigem säbel stund
ein schöner adler, und ich fragte den Engel GOttes, was der adler
bedeuten wird; da sagte er mir, der Engel GOttes, nach eroberung der
stadt Raab werden sich die Türcken für Wien machen, daß gleichsam
Käyserliche Majestät von seiner Residentz-stelle weichen wird müssen,
jedoch werde unsere Käyserl. Majestät den Türcken gewaltig schlagen,
und die Türcken mit schand und spott wieder vor Wien werden abziehen
müssen; keinen Teutschen krieg kan ich der stadt Wien anzeigen, auch
keine straff als sterben und den Türken.«
Auch über die Vertreibung der Bourbonen hatte Greulich zwei Visionen:
Die erste beschreibt er (p. 253) folgendermaßen: »Ady den 28. Aug. zu
nacht um 4 auff der großen uhr, kam der Engel GOttes wieder zu mir und
sprach: ... Und nach diesem sprach der Engel GOttes wieder zu mir, ich
solte in den himmel sehen, wie er so blutig sey, da sahe ich darinnen
ein blutiges schwerd, und ein kreyß oben darauff, und auf der rechten
seiten neben dem schwerd stund geschrieben mit güldenen buchstaben: Ihr
Königl. Majestät in =Franckreich=, und auf der lincken stund abermal
mit güldenen buchstaben geschrieben: Schönes Franckreich, es wird
jämmerlich mit dir zugehen, da fragte ich den Engel GOttes, was das
bedeuten wird, da sagte er zu mir, siehe wol an den himmel, wie des
Königes in Franckreich sein Name sich =daran verdunckelt, und er hat
sich gantz verlohren, das bedeut, daß er soll mit den seinen verjagt
und verderbet werden=, und es wird ein sterben auch dazu kommen.«
Die zweite Vision Greulichs lautet:
»... Über eine weile kam der Engel GOttes wieder zu mir und sprach:
Sihe in den himmel, wie er so blutig ist, und ich sahe darinnen einen
grausamen stuhl gesetzt; und auf dem stuhl saß einer in einer güldenen
crone, und er hatte in seiner rechten Hand Scepter und Reichs-apfel,
und über seinen stuhl (der grausam schön war anzusehen) stund mit
güldenen buchstaben geschrieben: =Königl. Majestät in Franckreich=,
und über der schrifft stund eine blutige fahne; und der Engel GOttes
sagte zu mir: Siehe jüngling, da kommen des Königs in Franckreich
seine Räthe, die ältisten so wol als die jüngsten, daß beysamt der
blutigen fahnen kniend für dem König in Franckreich sie müssen einen
eid ablegen, daß sie bey ihrer treu und glauben bey ihme leben und
sterben wollen, und auch gegen ihres Königs feinde seyn (der Schwur im
Ballhause und die große Feier auf dem Marsfeld!) und wie das verrichtet
war, saß der König noch auf seinem stuhl, =und der Engel GOttes sprach
zu mir: Siehe, jüngling, wie des Königs seine crone, scepter und
Reichsapfel alles verrostet=, und es anfangs alles schöne geglissen
hat, nun aber siehestu, daß es mit allem Königlichen Ornat von seinem
stuhl herunter gestoßen wird[52].«
Wenn wir uns bei der Betrachtung obiger Visionen vor Augen halten,
daß sie, selbst wenn wir an Arnolds Quelle zweifeln sollten, da er
ungedruckte Papiere benutzt zu haben behauptet, ein volles Jahrhundert
früher publiziert wurden, als sie eintraten, daß also auch nur der
allerleiseste Zweifel an ihrer Authentizität hinfällig ist – denn auch
Arnold konnte ja gar keine Ahnung davon haben, daß neunzig Jahre,
nachdem er es im Druck erschienen ließ, das Gesicht sich realisieren
würde – dann wird wohl auch der größte Verfechter der Unmöglichkeits-
und Zufallstheorie einigermaßen bedenklich werden.
Um die volle Wunderbarkeit der Prophezeiung richtig bewerten zu können,
müssen wir uns vergegenwärtigen, daß Greulich so gut wie Arnold in
der Zeit des auf die Spitze gesteigerten Absolutismus lebten. Man muß
ferner wissen, daß Frankreich, vom Sonnenkönig Ludwig XIV. regiert,
damals auf dem Gipfel seiner Macht und seines Ansehens stand. Es lag
außerhalb jeder menschlichen Berechnung sowohl an einen Sturz des
Königtums irgendwo in Europa, als besonders an den der glänzenden,
allmächtigen Bourbonen Frankreichs zu denken.
Die Vision wird noch erstaunlicher durch den Nebenumstand, daß der
König erst vertrieben wird – und zwar wie der »grausame stuhl« und
die »blutige fahne« andeuten nicht eben sänftiglich; den Henkerstod
zu prophezeien scheute sich wohl auch ein Greulich – nachdem ihm
der Treueid geleistet worden war. Daß dieser Zug jede Berechnung
ausschließt, dürfte kaum bestritten werden können.
Wir haben es hier – und zwar zum ersten Male in diesem Buche – mit
einer richtigen Vision zu tun. Die Form, in der die Zukunft enthüllt
wird, das Erscheinen eines Engels, ist höchst befremdlich und der
Verdacht, es handele sich um Schwindel oder Wahnideen, liegt nahe.
Wir werden aber später noch häufig Gelegenheit haben, bei anderen
Sehern ganz Ähnliches zu finden. Entscheidend ist hier eben nur, ob
die Vorhersage eintrifft oder nicht. Und da hier letzteres der Fall
ist, müssen wir wohl oder übel das Phänomen hinnehmen, wie es sich uns
bietet.
Zur Warnung für vorschnelle Urteile ist es nicht überflüssig, daran zu
erinnern, daß das Problem der Prophetie noch Neuland ist. Unsere erste
Aufgabe muß es sein, festzustellen, ob es überhaupt ein Fernsehen in
der Zeit gibt. Erst wenn das geschehen ist, kann die Untersuchung der
Bedingungen, unter denen diese Kraft wirksam wird, uns beschäftigen.
Wenn wir also auch die allerwunderlichsten Berichte finden – wie
etwa in bezug auf Greulichs Engel – so werden wir uns hüten müssen,
daran herumzukritisieren. Vielmehr handelt es sich für uns zunächst
nur darum, ob dieser angebliche Engel sich durch die Wahrheit seiner
Eingebung sozusagen legitimiert.
Wenn eine neue Naturkraft oder irgendeine Erscheinung der Natur
untersucht werden soll, so bedient sich der Naturforscher zu diesem
Zweck des Experimentes. Dann ist es seine Aufgabe nicht etwa – wie
der Laie meinen mag – der Natur das Experiment aufzutrotzen, sondern
ganz im Gegenteil ihr die Bedingungen abzulauschen, unter denen sie
den Versuch gelingen läßt. Nicht der Naturforscher stellt also die
Bedingungen auf, sondern die Natur.
Um ein Beispiel zu gebrauchen: die Entwicklung der photographischen
Platte ist nur in der Dunkelkammer bei rotem Lichte zu bewerkstelligen.
Dieser Bedingung des roten Lichtes hat sich der Photograph einfach zu
fügen und erst wenn er auf Grund von vielfachen Versuchen zum Resultate
gekommen ist, daß Licht von anderer Farbe ihm die Platte verdirbt, wird
er dazu übergehen die Gründe dieser Erscheinung zu prüfen. Hier stellen
also das rote Licht, die Natur, die Beschaffenheit der Platte die
Bedingungen, und die Aufgabe des Experimentators kann nur sein, diese
Bedingungen herauszufinden und sich ihnen zu fügen. Erst auf einer
höheren Stufe wird er dazu übergehen können die Natur – scheinbar – zu
zwingen.
Leute, die sich am Engel in der Prophetie oder am Symbolismus vieler
Vorhersagen stoßen, erscheinen fast so, als wollte jemand das
Schwimmen der Fische untersuchen und sich darüber aufregen, daß das
nur im Wasser vor sich geht. Auf dem trockenen Lande wären doch die
Beobachtungsbedingungen viel bequemer!
Was übrigens den Sturz der Bourbonen bzw. die große Revolution
betrifft, so wurde sie – von Cazottes Prophezeiung, auf die wir noch
eingehend zurückkommen werden, abgesehen – außer von Greulich und
Ailly noch von =Johannes Cario= in seiner 1522 zu Berlin erschienenen
»Prognosticatio« vorhergesagt. Es ist nun sehr spaßhaft, daß der
superkluge Adelung noch im Jahre 1787 die Richtigkeit dieser Prognose
mit folgenden Worten bestreitet:
»Noch unbarmherziger soll es in dem Jahre 1789 zugehen; das sollte
das schrecklichste unter allen sein, indem in demselben große und
wunderbare Geschichten, Veränderungen und Zerstörungen vorfallen
würden. Allein, so sehr sich der Narr in Ansehung des 1693sten
Jahres betrogen hat, so sehr wird er vermutlich auch 1789 zum Lügner
werden[53].«
Kehren wir noch einen Augenblick zum »Engel« zurück! Daß es sich
nicht um einen der biblischen Engel handeln kann, sondern nur um
ein Phantasieprodukt unterliegt natürlich bei Greulich so wenig,
als bei irgendeinem andern Seher dem allergeringsten Zweifel. Das
Wahrscheinlichste ist, daß das Kausalitätsbedürfnis der Propheten, die
Eingebungen haben ohne zu wissen, woher sie stammen, einen Geist oder
Engel oder gar Gott selbst erfinden und die Figuren ihrer Phantasie
dann für wirkliche Personen halten. Damit ist keine Erklärung des
hellseherischen Phänomens gegeben, es sollen lediglich die Seher nach
Tunlichkeit von dem Verdacht des Schwindels oder Irreredens befreit
werden. Denn daß es sich hierum nicht handelt – wenn auch gewiß beides
da und dort vorkommen mag – geht aus dem Inhalt des Geschauten und
dessen Uebereinstimmung mit der Wirklichkeit zur Evidenz hervor. Im
übrigen müssen wir den Leser vorläufig noch um Geduld bitten.
Ebenso merkwürdig fast, wie der Engel als Vermittler der Zukunft,
sind Karten und Kaffeesatz der Wahrsagerinnen. Daß es noch zahllose
andere angebliche Mittel gibt Zukünftiges zu sehen, Spiegel, Kristalle
usw. sei im Vorbeigehen bemerkt. Darauf näher einzugehen, müssen wir
ablehnen, da wir ja nicht untersuchen wollen, auf welchem Wege das
zeitliche Fernsehen zustande kommt, sondern uns ganz bescheiden damit
begnügen müssen, festzustellen, ob und daß es ein solches tatsächlich
existiert.
Um aber das Unsere zu tun, um den Leser vor vorschnellem Aburteil zu
bewahren, sei folgende interessante Geschichte hier zum besten gegeben.
»Eine Freundin von mir, Lady A., wohnte in den Champs-Elysées. An
einem Oktoberabend 1883 hatte ich bei ihr diniert. Trotz ihres großen
Vermögens war sie eine sehr häusliche, ordnungsliebende Dame und machte
jeden Abend ihre Abrechnung vor dem Schlafengehen.
Wie sehr war sie betroffen, als ihr an diesem Abend 3500 Frs. aus der
Innentasche ihres großen Reisekoffers fehlten, in dem sie ihre Juwelen
und ihr Geld verwahrte.
Das Schloß war nicht verletzt; nur die Ränder der Tasche waren ein
wenig verbogen. Und doch war Lady A. überzeugt, daß sie um 2 Uhr
nachmittags in Gegenwart ihrer Kammerfrau die Tasche geöffnet und eine
Nota bezahlt hatte. Dann hatte sie das Geld bestimmt wieder an seinen
Platz gelegt. Sie schellte ihrer Kammerfrau und teilte ihr den Verlust
mit. Diese wußte auch nichts anzugeben, erzählte aber dem Personal den
Verlust. Die Folge war, daß der oder die Schuldige Zeit finden konnte,
das gestohlene Gut in Sicherheit zu bringen.
Zeitig früh wurde der Polizeikommissar der rue Berryer benachrichtigt.
Alles wurde verhört und durchsucht, umsonst.
Der Kommissar besprach noch mit Lady A. den Fall und fragte sie aus,
wen sie am ehesten für den Schuldigen halte.
Lady A. gab ihre ganze Dienerschaft als vertrauenswürdig an; ganz
ausgeschlossen sei aber von dem Verdacht der zweite Kammerdiener, ein
großer, 19jähriger Mensch, den sie aus einer Art Protektion, die er
sich durch seine musterhafte Haltung erworben, zärtlich ›den Kleinen‹
zu nennen pflegte.
Der Morgen verlief resultatlos. Um 11 Uhr vormittags schickte Lady A.
die Erzieherin ihrer jüngsten Tochter zu mir mit der Bitte, ich möchte
diese Dame doch zu einer Hellseherin begleiten, deren Fähigkeit ich vor
einigen Tagen gerühmt hatte.
Ich kannte diese Hellseherin auch nur aus den Erzählungen einer Dame
und wir machten uns auf den Weg.
Unsere Hellseherin, Frau E., brachte eine mit Kaffeesatz gefüllte Tasse
und ersuchte die Erzieherin, dreimal darauf zu blasen. Dann goß sie den
Kaffeesatz in eine zweite Tasse und in der ersten blieb in verworrenen
Linien nur der festere Kaffeestaub zurück. Darin schien unsere Pythia
zu lesen.
Sie breitete ihre Karten aus und begann: ›Ah! ein Diebstahl ... Der
Dieb ist im Hause selbst und hat sich nicht erst eingeschlichen. Warten
Sie, jetzt will ich aus dem Kaffeesatz die Details herauslesen.‹
Sie nahm die Tasse, die Erzieherin mußte wieder dreimal blasen und sie
griff nach ihrem Lorgnon.
* * * * *
Als hätte sie der Szene beigewohnt, beschrieb sie auf das genaueste das
Zimmer der Lady A. Sieben Bediente, die sie dem Alter und Geschlecht
nach genau beschrieb, sah sie in dem Haus. Dann kam sie wieder in Lady
As. Zimmer zurück und bemerkte einen eigenartigen Schrank[54].
›Warum ist dieser Schrank nicht versperrt? Er enthält viel Geld ... in
... wie komisch das Ding ist! ... es öffnet sich wie ein Portemonnaie
... es ist kein Koffer ... ah, ist weiß ... ein Reisesack ... welche
Idee, hier sein Geld aufzubewahren und wie unvorsichtig, es so
unverschlossen zu lassen! – Die Diebe kennen den Sack wohl ... sie
haben das Schloß nicht verletzt. Sie biegen die Seiten auseinander
und mit einer Schere oder mit einer Pinzette ziehen sie die Banknoten
heraus.‹
Wir lassen sie sprechen; alles, was sie sagt, stimmt in den feinsten
Details mit der Wahrheit überein. Sie hält ermüdet inne. Wir beschwören
sie, uns den Schuldigen zu nennen. Sie erklärt, dies sei gegen die
französischen Gesetze, denn man dürfe ohne Beweise, nur durch okkultes
Wissen, niemand als einen Verbrecher bezeichnen.
Da wir weiter in sie dringen, erklärt sie, das Geld werde niemals
gefunden und der Dieb nicht für den Diebstahl bestraft werden, aber in
zwei Jahren würde er die Todesstrafe erleiden.
So oft sie von dem ›Kleinen‹ spricht, sieht sie ihn bei den Pferden.
Wir versichern ihr, er sei Kammerdiener und komme mit den Pferden gar
nicht in Berührung. Aber sie besteht auf ihrer Behauptung.
Wir lassen also diese Kleinigkeit fallen, die uns aber in ihren sonst
so richtigen Angaben stört.
Vierzehn Tage später entläßt Lady A. ihren Portier und ihre Kinderfrau;
der ›Kleine‹ tritt ohne Grund einige Wochen später aus ihrem Dienst.
Das Geld wird nicht gefunden, und ein Jahr später reist Lady A. nach
Ägypten.
Zwei Jahre nach dem Diebstahl erhält Lady A. die Aufforderung vom
Tribunal de la Seine, als Zeugin nach Paris zu kommen. Man hatte den
Dieb gefunden. Es war Marchandon, der Mörder Frau Cornets, ehemals der
so hochgeschätzte ›Kleine‹.
Wie es die Hellseherin von rue Notre-Dame-de-Lorette vorausgesehen,
erlitt er die Todesstrafe. Im Prozeß konstatierte man auch, daß der
›Kleine‹ ganz nahe der Residenz von Lady A. einen Bruder hatte, der
als Kutscher in einem großen Haus bedienstet war. Der ›Kleine‹ war ein
großer Pferdeliebhaber und hatte jeden freien Moment bei seinem Bruder
im Stall zugebracht.
So hatte die Hellseherin in jedem Detail recht behalten.
L. d’Ervieux.
Ich bestätige, daß dies der Wahrheit entspricht, da ich der
Konsultation beiwohnte.
C. Deslions.«
Zu diesem außerordentlich interessanten Fall, einer Verbindung von
zeitlichem und räumlichem Fernsehen, macht Dariex die Anmerkung:
»Dieser Fall von Hellsehen ist äußerst interessant. Lady A. hat mir
ihn in allen Einzelheiten bestätigt. Die Karten und der Kaffeesatz
sind nur ein nebensächliches Mittel, das das Medium unbewußt anwendet,
um sich in Autosomnambulismus zu versetzen, d. i. in einen Zustand,
worin das normale Bewußtsein außer Tätigkeit tritt, und zwar zugunsten
des unbewußten Handelns. Es ist möglich, daß in diesem Zustand die
unbewußten Fähigkeiten ihren größten Aufschwung nehmen können und daß
die hellseherische Fähigkeit, die vielleicht in uns allen schlummert,
bei manchen Individuen ziemlich viel zu leisten vermag.«
Ob es sich auch bei der Astrologie um ein ähnliches nebensächliches
Mittel, wie Kaffeesatz und Karten, handelt, bleibe dahin gestellt.
Desgleichen was es mit dem Engel für eine Bewandtnis hat. Denn wie man
auch darüber denken mag, der Sache selbst bringt es uns nicht näher.
Wenn die gut beglaubigte Geschichte, die durchaus nicht vereinzelt
ist, den Erfolg hat, daß die Leser dieser Zeilen sich nicht lediglich
deshalb unwillig abwenden, weil in den Visionsberichten Engel oder
sonst was Merkwürdiges vorkommt, so ist der Zweck des Autors vollauf
erreicht.
Kehren wir nach dieser Abschweifung wieder zur Sammlung historischer
Beispiele für ein richtiges Vorhersehen der Zukunft zurück! Daß die
chronologische Reihenfolge nicht strenge innegehalten wird, dürfte die
Natur des Gegenstandes rechtfertigen.
=Alessandro de Medici= wurde im Jahre 1536 von seinem Vertrauten und
Vetter Lorenzino auf raffinierte Weise ermordet. Dieses Ende war dem
Herzog wiederholt vorhergesagt worden, sogar mit Bezeichnung der Person
des Mörders. Ein Page aus Perugia hatte es geträumt und der Astrologe
Giuliano del Carmine in seiner Nativität gelesen. Und zwar nicht nur,
daß er ermordet, sondern sogar, daß ihm die Gurgel durchschnitten
würde, und zwar durch seinen Vetter Lorenzino. Alessandro, der nicht an
Astrologie glaubte, hatte darüber nur gelacht.
Ja, er hatte zum Entsetzen der Florentiner zur Hochzeit mit Margarete
von Parma einen astrologischen Unglückstag gewählt, nämlich eine
Sonnenfinsternis und noch dazu einen Dreizehnten.
Es gab eben zu allen Zeiten Leute, die von Wahrsagerei, Astrologie oder
andern Versuchen, die Zukunft zu enthüllen, nichts hielten. Hatte doch
schon Villani davor gewarnt[55]. Diese Skepsis, die also keineswegs
absolut neu ist, nur daß die Gegenwart in der Ablehnung viel weiter
geht, als frühere Zeiten, ist dazu angetan, die Glaubwürdigkeit einiger
Berichte zu erhöhen.
Alessandro war auch von verschiedenen Personen, denen Lorenzinos
Benehmen aufgefallen war, gewarnt worden, jedoch ohne jeden Erfolg.
Deshalb glaubte man allgemein in Florenz, sein Tod sei ihm vom
Schicksal bestimmt.
Ein Soldat von Alessandros Leibwache hatte geträumt, der Herzog sei
von einem kleinen, schmächtigen Menschen, dessen Äußeres er sich genau
erinnerte, ermordet. Er redete darauf seinen Herrn des Morgens an der
Tür an, um ihm den Traum zu erzählen. Und als Lorenzino eben dazu trat,
rief er: »Dieser ist es.« Der Herzog aber schickte den Warner mit
barschen Worten fort[56].
Unterm 27. Dezember 1759 hatte der =Marquis d’Argens= König Friedrich
dem Großen gemeldet: daß ein Mensch, der vor einundeinhalb Jahren für
einen Narren gegolten, ihm im Jahre 59 großes Unglück prophezeit, für
das Jahr 60 aber glücklichere Ereignisse. Er fährt in einem zweiten
Briefe von 1760 fort:
»Sire! mein Prophet, über den Sie sich lustig machen, sagt noch immer
Wunderdinge vorher.«
Hier folgt eine niedliche Antwort, die der Prophet dem einfältigen
Markgrafen von Schwedt gab, der ihn mit vornehmen Worten abzuspeisen
versuchte: »Geht, Ihr seid ein Narr!«
»Meine Frau sagt mir das täglich, aber ich achte nicht darauf, weil ich
den Umfang ihres Geistes kenne,« replizierte der schlagfertige Prophet.
D’Argens erzählt jetzt weiter, daß der Seher die =Schlacht bei Küstrin
einen ganzen Monat vorher mit folgenden Worten angekündigt habe=: »Der
König wird in dreißig Tagen eine blutige Schlacht über die Russen
gewinnen; an 15000 werden bleiben und lange Zeit auf dem Schlachtfeld
liegen und den Vögeln zur Beute werden.«
»=Der Tag=«, fährt Argens wörtlich fort, »=war gerade der Tag der
Schlacht=. Ich weiß wohl, das Ungefähr hat die Vorhersage dieses Mannes
wahr gemacht, aber man muß doch gestehen, es war ein sonderbares
Ungefähr.«
Der Marquis betont ausdrücklich, daß er trotzdem =nicht= an Propheten
glaube – wie konnte er auch anders in der Zeit der Aufklärung und in
einem Briefe an einen ihrer glänzendsten Vertreter?! – sondern ein
treuer Anhänger Epikurs nach wie vor sei[57].
Der Tod des Königs =Friedrich von Württemberg= im Jahre 1816 wurde
bereits 1812 von den Stuttgarter Somnambulen Wanner und Krämer
vorhergesagt. Eschenmayer berichtet darüber im ersten Bande des
»Archivs für tierischen Magnetismus«[58] ausführlich. Das wesentliche
seines Berichtes lautet:
»Die erste Vorhersage geschah im Jahre 1812, wahrscheinlich am 12.
Juli, in Gegenwart von Hofmedikus Klein, Oberfinanzrat St..., dessen
Frau und Tochter. Sie lautete: »S. M. stirbt im Jahre 1816 zwischen dem
18. und 20. April auf ungewöhnliche Weise.« (Zu Klein): »Zu Dir wird
noch vorher geschickt werden und eine andere Person (die sie nannte)
wird vorangehen.«
Die Somnambule verpflichtete alle zu strengstem Stillschweigen aus
Furcht, man werde sie für eine Irrin erklären, wenn ihre Prophezeiung
bekannt würde. Später sagte die Wanner: »Das Jahr des Todes sei
zuverlässig, aber im Monat könne sie sich irren.« Dem fügte Frau von
St... hinzu, »daß nachmals ihr Mann ihr gesagt hätte, er habe noch
besonders herausgebracht, daß der Monat der Oktober sein könne.«
Eschenmayer wollte den Finanzrat von St... deshalb interpellieren,
traf ihn jedoch nicht an und sagt: »Soviel ist aber gewiß, daß
St... das Ende des Monats Oktober vom Jahre 1816 mit einer solchen
Zuverlässigkeit als den wahren Termin der Erfüllung annahm, daß er
sich gegen mehrere meiner Bekannten äußerte, er biete seinen ganzen
Weinvorrat als Wette auf dieses Ereignis an.«
Die in der Behandlung des Dr. Nick befindliche Somnambule =Krämer=
führte mit diesem ihrem Arzte, dem Hofmedikus Klein und Professor L...t
am 17. April 1816 folgendes Gespräch:
Krämer: »S. M. stirbt in diesem Jahre im Monat Oktober.«
Nick: »Ist es der Anfang, die Mitte oder das Ende des Oktobers?«
Krämer: »Das Ende des Oktobers.«
Nick: »Du kannst wohl den Tag bestimmen? Ist es wohl der 26.?«
Krämer: »Nein.«
Nick: »Aber der 28. Oktober?«
Krämer: »Da trifft ihn ein Kopf- und Brustschlag.«
Der Leibarzt Dr. Klein hatte eine Reise nach Augsburg gemacht, von
der er am 28. Oktober zurückgekehrt war, als ein königlicher Läufer
erschien und ein chirurgisches Instrument für den König holen wollte.
»Wie ein Blitzschlag erinnerte sich Klein an diesen Vorboten, der
den Tod verkündigte.« Und wirklich traf an diesem Tage den König ein
Schlaganfall, welchem er am 29. erlag. Bezüglich der Zeugenschaft führt
Eschenmayer folgendes an:
»Dr. Christian Reuß. Diesem übergab Professor L...t mehrere Monate
vorher einen versiegelten Zettel, auf welchem die vorhergesagte
Begebenheit stand, mit der Bemerkung, denselben nach Ablauf der Zeit
zu erbrechen. Da aber späterhin durch die allmähliche Verbreitung
des Gerüchts diese Vorsicht unnütz wurde, so ließ L...t durch R...ß
den Zettel öffnen. Mit dem Inhalt und den Umständen vertraut, bekam
R...ß selbst Glauben an die Geschichte, wettete darauf und gewann zwei
förmliche Wetten. Einer der Wettenden ist der Major C..., der andere
ist mir unbekannt.
Minister von W..., ein tätiger Beschützer des Magnetismus, sprach
selbst in Gesellschaften von dieser sonderbaren Vorhersage, um die
Möglichkeit solcher Phänomene in wissenschaftlicher Hinsicht zu
beleuchten. Tatsache ist es, daß er mit Graf G...z eine Wette eingehen
wollte.
Geheimrat von St... ist Zeuge, daß St... drei bis vier Monate vorher
auf das letzte Drittel des Oktobers mit Einschluß bis zum 11. November
seinen ganzen Weinvorrat als Wette anbot.
Madame von W... teilte ich selbst etwa drei Monate vorher auf besondere
Veranlassung diese Vorhersage mit. Sie bekam später Gelegenheit mit
St... darüber zu sprechen, der ihr gleichfalls äußerte, daß er jede
Wette darauf eingehe.«
Die Legationsräte K...e und von B...r hatten lange vor dem Tode des
Königs über diese Prophezeiung mit Eschenmayer gesprochen. Letzterer
bemerkt, daß er mit Leichtigkeit noch 200 Zeugen für diese Begebenheit
beibringen könne. Eschenmayer hält diese Weissagung Hufeland und
Stieglitz entgegen, welche Tatsachen und keine Räsonnements begehrten,
und bemerkt am Schluß: »Doch, noch eine Ausflucht! =Alles war Zufall.=
– Nichtiges Wort der Erbärmlichkeit.«
Es wird wohl kaum jemand an der Wahrheit obiger Mitteilung zu
zweifeln wagen. Eschenmayers Persönlichkeit bürgt nicht minder dafür,
als die stattliche Zahl sozial angesehener Zeugen, die er unter
so durchsichtigem Schleier verbirgt, daß man noch heute viele mit
Leichtigkeit identifizieren könnte. Beachten wir ferner, daß der
Bericht über die merkwürdige Vorhersage bereits ein Jahr nach ihrem
Eintreffen veröffentlicht wurde, also zu einer Zeit, wo noch alle, oder
doch fast alle der genannten Zeugen lebten, so wird man um so weniger
geneigt sein, ihm irgendwie zu mißtrauen.
Hier sei eine allgemeingültige Bemerkung eingeschaltet: Daß Eschenmayer
nur die Anfangsbuchstaben, aber nicht den ganzen Namen nennt, mag
in einer Anzahl von Fällen damit motiviert werden können, daß es
tatsächlich nicht allzu großes Feingefühl verrät, wenn man über den Tod
eines Menschen, noch dazu des eigenen Landesherrn, Wetten abschließt.
Aber auch die anderen Personen werden durch ähnliche Rücksichtnahme
ausgezeichnet. Das ist bezeichnend, nicht nur für die damalige
Zeit, sondern auch für die Gegenwart. Auch heute – das beweisen die
zahlreichen von Flammarion veröffentlichten Tatberichte, die so und
so oft die Bitte um Verschweigen des Namens ›wegen meiner amtlichen
Stellung‹ usw. enthalten, – ist die Feigheit weitester Kreise, auch der
Gebildeten, geradezu fabelhaft.
Es mag manchem unangenehm sein, wenn mit Namen und Adresse von
ihm berichtet wird, daß er silberne Löffel gestohlen oder einen
Notzuchtversuch gemacht hat. Wie es aber jemand unangenehm sein kann,
die Wahrheit eines Vorganges zu bezeugen ist – wenn er dabei nicht
riskieren muß die Segnungen unserer Rechtspflege kennen zu lernen
– völlig unverständlich. Oder vielmehr, es wäre es, wenn es nicht
durch gewisse Folgen, die unsere aufgeklärte Zeit damit verbindet,
verständlich gemacht würde.
Im Mittelalter war es bekanntlich höchst gefährlich, die Existenz
der Hexen zu leugnen. Denn wer das tat, erklärte indirekt die
Hexeninquisitoren für Toren oder Mörder, ein Verbrechen, das nach
Recht und Billigkeit mit dem Tode geahndet wurde. Seit dem Siege der
Aufklärung ist es umgekehrt. Was nicht alle Tage passiert, was nicht
die Spatzen von den Dächern pfeifen, und das Begriffsvermögen von Hinz
und Kunz übersteigt, gilt eo ipso für phantastisch oder unwahr. Darum
riskiert jeder, der das Dogma von der Unmöglichkeit aller in die gerade
heute herrschenden naturwissenschaftlichen Hypothesen und Theorien
nicht hineinpassenden Phänomene nicht bedingungslos unterschreibt,
die unangenehmsten Folgen. Entweder er wird als Phantast verschrien,
der in den Wolken wandert, oder aber er gilt als Lügner. Nun ist es
nicht jedermanns Sache, sich einer capitis diminutio seiner Ehre oder
Urteilsfähigkeit unterziehen zu müssen. Nur wenige haben den, unter den
obwaltenden Verhältnissen nicht geringen Mut, sich dem Geschrei der
zwar urteilslosen, aber desto stimmkräftigeren und zahlreicheren Menge
entgegenzustemmen.
Daraus folgt zwingend, daß heute das Dogma genau so herrscht, wie im
finstersten Mittelalter. Nur sein Inhalt ist dem früheren konträr.
Kritiklos aber wird es nachgebetet und befolgt von Leuten, die – und
das ist das Komische an der Sache – sich für frei, aufgeklärt und
vorurteilslos halten.
Die obige Prophezeiung ist abgesehen von ihrer guten Beglaubigung
noch durch etwas anderes interessant. Die Fälle, daß jemandem der Tod
vorherverkündet wurde und dann auch wirklich eintrat, sind nichts
weniger als selten. Aber wir können häufig dem – bisweilen völlig
berechtigten – Einwand begegnen, daß die Prophezeiung Ursache des
Todes wurde. Denn es ist klar, daß suggestible Gemüter ihre ganze
Widerstandskraft verlieren, wenn ihnen ein vorgeblich unentrinnbares
Schicksal vorher verkündet wird[59].
Diese Erklärungsmöglichkeit schaltet hier vollkommen aus. Denn der
König hatte von dieser Vorhersage natürlich keine Ahnung.
Der Skeptiker wird gegen solche Todesankündigungen immer einwenden
können, daß sie – wie alle Vorhersagen – um beweiskräftig zu sein,
vorher hätten gedruckt sein müssen. Das wird sich freilich gerade in
diesen Fällen kaum verwirklichen lassen. Denn die Kitzlichkeit dieser
Prophezeiungen schließt deren frühere Veröffentlichung geradezu aus.
Man wird hier also immer mehr oder minder den Gewährsmännern Glauben
schenken müssen.
Regelmäßig wird dabei ein ganz merkwürdiger Trugschluß begangen. Da
nur wenige Personen ähnliche, sagen wir, mystische Daten überliefern,
was ja in einer Zeit, die sie ungeprüft für Schwindel hält, ganz
begreiflich ist; da diese wenigen Interessenten aber zumeist eine
Reihe solcher Phänomene bezeugen, so wird stets gesagt: »Das ist wenig
glaubwürdig, denn X. ist ja bekanntlich Mystiker.« Und doch liegt der
Fall gerade umgekehrt. Nicht weil X. Mystiker ist, erzählt er okkulte
Fälle und verdient deshalb kein Vertrauen, sondern er wurde Mystiker,
weil er solche Erlebnisse hatte oder deren Zeuge war. Hier liegt also
eine Verwechslung von Ursache und Wirkung vor.
Wir wollen nun noch einige Fälle des Vorgefühles des eigenen Todes
anführen. Nachdem wir im vorigen Kapitel gesehen haben, daß sich
noch in der Gegenwart Ähnliches sehr häufig ereignet, werden wir um
so weniger an den historischen Berichten zweifeln. Und zwar wählen
wir ausdrücklich Beispiele, in denen der Tod gewaltsam eintritt.
Damit hoffen wir dem Einwurf begegnen zu können, daß das physische
Übelbefinden, das vielleicht nicht klar zum Bewußtsein kommt, Ursache
der Vorahnung ist.
De Baudus, der ehemalige Adjutant des Marschalls Bessières, erzählt in
seinen »Etudes sur Napoléon«[60]:
»Am 30. Mai 1813 brachte das kaiserliche Hauptquartier die Nacht
in Weißenfels zu. Auch der Marschall Bessières, welcher die ganze
Kavallerie kommandierte, schlief hier. Ich frühstückte am anderen
Morgen allein mit ihm, fand ihn sehr traurig und niedergeschlagen, und
konnte ihn lange nicht bewegen, etwas von den aufgetragenen Speisen zu
genießen; er antwortete immer, er habe keinen Hunger. Ich machte ihm
bemerklich, daß unsere und die feindlichen Vorposten einander gegenüber
ständen und wir folglich einen ernsthaften Kampf erwarten müßten,
der uns wahrscheinlich den ganzen Tag nicht erlauben würde, etwas zu
essen. Der Marschall gab endlich nach und sagte: ›Nun, wenn mich diesen
Vormittag eine Kugel trifft, so soll sie mich wenigstens nicht mit
nüchternem Magen finden.‹
Als er vom Tische aufstand, gab mir der Marschall den Schlüssel zu
seinem Portefeuille und sagte: ›Suchen Sie doch gefälligst die Briefe
von meiner Frau.‹ – Ich tat es und gab sie ihm. Er nahm sie und warf
sie ins Feuer. Bis dahin hatte er sie sorgfältig aufbewahrt. Die Frau
Herzogin von Istrien[61] hat mich seitdem versichert, der Marschall
habe beim Abschiede zu mehreren Personen gesagt, er werde von diesem
Feldzuge nicht zurückkommen.
Der Kaiser stieg zu Pferde, und der Marschall folgte ihm. Sein Gesicht
war so bleich und seine Züge verrieten so tiefe Traurigkeit, daß es mir
nicht entgehen konnte, und ich sagte zu einem Kameraden: ›Wenn es heute
zu einer Schlacht kommt, wird der Marschall wohl bleiben.‹ –
Die Schlacht begann. Der Herzog von Elchingen[62] hatte das Dorf
Rippach mit seiner Infanterie besetzt, und der Herzog von Istrien
bereitete sich das Defilé zu rekognoszieren, aus welchem der Feind
verdrängt war, während er mit seinen Truppen hindurch marschieren
wollte. Als er auf der Höhe angelangt war, welche das Dorf
beherrscht[63], am Ende desselben nach Leipzig zu, befand er sich vor
einer Batterie, die der Feind da aufgefahren hatte, um die Straße zu
bestreichen. Die erste Kugel, welche von dieser Batterie kam, riß
einem Quartiermeister der Garde der polnischen Chevaulegers den Kopf
weg; er hatte seit mehreren Jahren Ordonnanzdienste beim Herzog getan.
Dieser Verlust verstimmte den Herzog von Istrien und er entfernte sich
im Galopp. Nach einigen Augenblicken kam er jedoch mit Gefolge wieder
zurück und sagte, indem er auf den Leichnam deutete: ›Der junge Mann
muß begraben werden; auch würde der Kaiser unzufrieden sein, wenn er
einen Unteroffizier seiner Garde tot hier liegen sähe; denn wenn der
Posten wieder gewonnen wird, könnte der Feind glauben, die Garde sei
zurückgewichen.‹
Eine Kugel, welche von derselben Batterie kam, streckte den Marschall
in dem Augenblicke tot nieder, als er diese Worte gesagt hatte. Die
linke Hand, welche den Zügel hielt, als er gerade sein Fernrohr
einsteckte, wurde ganz zerschmettert; die Kugel ging ihm durch den
Leib. Seine Uhr blieb stehen, ob sie gleich nicht getroffen wurde; sie
zeigt noch jetzt seine Todesstunde an, denn sie wurde seitdem nicht
wieder aufgezogen.«
So weit der Bericht des Augenzeugen de Baudus.
Auch Marschall Lannes fühlte seinen Tod voraus. Als 1809 der Krieg
mit Österreich ausbrach, nahm er von Frau und Kindern in der festen
Überzeugung Abschied, daß er sie nicht wieder sehen werde. Er fiel am
22. Mai bei Eßlingen[64].
Der General Lasalle konnte vor der Schlacht bei Wagram, von
Todesahnungen beunruhigt, nicht schlafen. Er schrieb an Napoleon und
empfahl ihm Frau und Kinder. Seinen Freunden gegenüber sprach er
mit Bestimmtheit davon, daß er den Tag nicht überleben würde. Diese
Tatsache wird nicht nur von Zeugen bestätigt, sondern Napoleon selbst
erzählt in seinen Memoiren von St. Helena, Lasalle habe ihm mitten
in der Nacht geschrieben und ihn gebeten, sein Majorat auf seinen
Sohn übergehen zu lassen, da er fürchte, in der morgigen Schlacht zu
fallen[65].
Auch von Cervoni erzählt Napoleon, daß er vor der Schlacht von Eckmühl
Todesahnungen ausgesprochen habe, die eintrafen.
Ebenso hatte Duroc vor der Schlacht bei Bautzen Todesahnungen. Er
sprach hiervon zu Napoleon, der ihn nicht beruhigen konnte, vielmehr
von Durocs innerer Erregung gleichfalls ergriffen wurde. Während der
Schlacht brachte ein Adjutant die Nachricht, daß der Marschall gefallen
sei und die Augenzeugen erzählen, daß sich Napoleon vor die Stirn
schlug und ausrief: »Meine Ahnungen trügen niemals.« Napoleon war
nämlich selbst von Ahnungen heimgesucht und hielt viel von ihnen.
Ein Kapitel für sich bilden die Prophezeiungen von Davis.
Der um die Mitte des 19. Jahrhunderts in Amerika lebende Andrew Jackson
Davis besaß die Gabe des räumlichen und zeitlichen Fernsehens. Man kann
sich davon leicht aus seinen Büchern überzeugen, nachdem eine Reihe von
Vorhersagen erst jetzt in Erfüllung gegangen ist.
In seinem Werke »The principels of nature« (New York 1847), das er in
somnambulen Zustande diktierte, stellt Davis die Behauptung auf, es
gäbe noch einen transneptunischen =neunten Planeten=. Damals hatte
man noch kaum eine Ahnung vom achten Planeten. Gegenwärtig aber sind
die Astronomen dabei, den neunten zu entdecken, was nur auf Grund
der neuesten Instrumente und der Himmelsphotographie möglich ist,
Mittel, die für Davis gar nicht in Frage kamen. Zweifellos ist diese
Entdeckung ein idealer Beweis für das räumliche Fernsehen.
Da wir uns aber auf das Zeitliche beschränken, seien einige
Prophezeiungen Davis’ noch angeführt. In seinem Werke »The Penetralia«
(New York 1856, deutsch Leipzig 1884 bei Wilhelm Besser) findet sich
auf Seite 219 folgende Vorhersage:
»Gebet acht in jenen Tagen! – auf Wagen, Equipagen, Reisesalons auf
der Landstraße, ohne Pferde, ohne Dampf, ohne jedwede sichtbare
Bewegungskraft, alles bewegt sich mit großer Schnelle und weit größerer
Sicherheit als gegenwärtig. Equipagen und Wagen schwerer Gattung werden
durch eine seltsame und dabei einfache Verbindung von Wasser und
atmosphärischen Gasen bewegt werden. Diese Verbindung wird so leicht
kondensiert, so einfach entzündet und unseren gegenwärtigen Lokomotiven
ähnlich angewendet, daß der ganze Apparat zwischen den Vorderrädern
verborgen und gehandhabt werden kann. Diese Fahrgelegenheiten werden
viele Verlegenheiten verhindern, wie solche jetzt die Bewohner wenig
bevölkerter Gegenden durchzumachen haben. Die erste Bedingung für diese
Landlokomotiven wird eine gute Straße sein, auf der mit der neuen
Lokomotive ohne Pferde mit großer Schnelligkeit gefahren wird. Diese
Fahrgelegenheiten werden von wenig komplizierter Bauart sein.«
Interessant ist, daß dieses visionär geschaute Automobil wie die
allerneuesten Fabrikate den Motor zwischen den Vorderrädern hat!
Bedenkt man, daß es noch gar nicht lange her ist, daß hervorragende
Techniker vor Versuchen, Automobile zu konstruieren, als Utopie
abrieten, daß der erste brauchbare Motorwagen erst 1885 erschien, das
erste brauchbare Straßenlokomobil 1890, so muß man allerdings über
diese Prophezeiung aus dem Jahre 1856 staunen.
Auf derselben Seite schreibt Davis auch über die Luftschiffahrt. »Es
ist nur ein Ding notwendig, um Luftschiffahrt zu haben, und das ist die
Anwendung dieser soeben in Betracht gezogenen höheren Bewegungskraft,
die eben jetzt im Begriff ist, entdeckt zu werden. Der nötige
Mechanismus, die Gegenluftströmung zu überwinden, um in der Luft ebenso
leicht, sicher und angenehm wie die Vögel zu segeln, – hängt ebenfalls
von dieser neuen Bewegungskraft ab. =Diese Kraft wird kommen!= Sie wird
nicht nur die Lokomotiven auf den Schienen, die Wagen aller Gattung
auf der Landstraße, sondern auch die Luftwagen in Bewegung setzen, die
durch den Äther hin von Land zu Land reisen.«
Es handelt sich hier augenscheinlich um den Explosionsmotor, der damals
noch nicht einmal geahnt wurde und dessen Erfindung Voraussetzung der
Luftschiffahrt mit Fahrzeugen schwerer als die Luft war.
Solche Vorhersagen, die teils schon eingetroffen sind, zum Teil wohl
noch eintreffen werden, enthalten die Werke von Davis noch viele.
Doch auch eine politische Vorhersage aus einem Briefe vom Jahre 1868
an den Übersetzer seiner Werke, Dr. Gregor Constantin Wittig, sei
angeführt.
»Es scheint mir« – schreibt Davis – »daß Preußen bestimmt ist, eine
Art Amerika im alten Europa zu werden. Ich glaube, daß es nicht lange
mehr dauern wird und der ›Bund‹ wird Süd- und Norddeutschland in sich
vereinigen. Napoleon kann jetzt nichts dagegen tun; und die, =wenn es
mir gestattet ist, sie so zu nennen=, große deutsche Republik, wird
dann Europa seine Geschicke vorschreiben. Und sie wird immer größere
Freiheit und immer mehr Fortschritt erringen.«
Der Brief wurde 1869, also vor Ausbruch des Deutsch-Französischen
Krieges in den Vorbemerkungen zu dem erstgenannten Werk »Die Prinzipien
der Natur« usw. Seite LXIV abgedruckt[66].
* * * * *
Endlich wollen wir noch einige Fälle von bemerkenswerten Vorhersagen
aus der jüngsten Vergangenheit anführen.
Der furchtbare Pariser Bazarbrand in der Nähe der Champs Elysées,
dem am 4. Mai 1897 außer vielen anderen vornehmen Personen auch die
Herzogin von Alançon, die Schwester der ermordeten Kaiserin Elisabeth
von Österreich, zum Opfer fiel, wurde von Fräulein Couédon, Tochter
eines Pariser Rechtsanwalts, anfangs Mai 1896 im Salon des Grafen
Urbain de Maillé vorhergesagt. Und zwar trug sich die Begebenheit
folgendermaßen zu:
Der Graf Maillé machte – wie der »Temps« unterm 16. Mai 1897 – also
allerdings kurz =nach= dem Brande – mitteilte, folgende Angaben:
»Ich hatte Mlle. Couédon in ihrer Wohnung befragt, und obwohl ich
durchaus nicht an die Mitwirkung des Erzengels Gabriel[67] glaubte,
so schienen mir doch die Enthüllungen des jungen Mädchens äußerst
merkwürdig zu sein. Auf meine Bitte willigte Mlle. Couédon ein,
ausnahmsweise einmal entgegen ihren sonstigen Gepflogenheiten sich bei
mir hören zu lassen, und zwar in Gegenwart von etwa hundert Personen,
unter denen sich die Frau Gräfin Aimery de la Rochefoucauld, Frau v.
Mesnard, die Marquise d’Anglade, die Gräfin Virien, der Graf Fleury
und verschiedene andere befanden. Nachdem Mlle. Couédon die Neugier
derjenigen Geladenen, welche sie jeder für seine Person befragt hatten,
befriedigt hatte, kam der Moment, wo sie uns von dem bevorstehenden
Brande sprach. Vielleicht sprach sie nicht dieselben Worte, die Sie
mir berichten, aber jedenfalls war der Sinn fast derselbe. Sie sprach
von ›=einem großen Brande, welcher in einer zu Wohltätigkeitszwecken
gebildeten Gesellschaft ausbrechen würde=‹ – ›Ich sehe‹, sagte sie,
– ich zitiere aus dem Gedächtnis – ›daß die Spitzen der Gesellschaft
werden getroffen werden. Und ganz besonders wird das =Faubourg St.
Germain zu leiden haben=.‹ Und ganz genau entsinne ich mich, daß die
Seherin hinzufügte: ›=Keine der hier versammelten Personen wird in
Mitleidenschaft gezogen werden!=‹ – und sich mir persönlich zuwendend:
›Sie selbst werden nur ganz von ferne davon berührt werden, sozusagen
nur auf indirektem Wege.‹ In der Tat ist keiner unserer Gäste von dem
Unglück betroffen worden. Was mich anbelangt, so habe ich gemäß den
Voraussagen der Mlle. Couédon eine ganz entfernte Kusine verloren,
welche ich kaum kenne.«
So weit die Worte des Grafen in dem im Temps veröffentlichten Briefe.
Außer diesem Zeugnis besitzen wir noch eines vom Redakteur der Pariser
Zeitung »La libre Parole« und »L’Echo de Merveilleux«, Gaston Méry. Im
letztgenannten Organ schreibt er am 25. Mai u. a.
»Man weiß daß Fräulein Couédon sich stets beharrlich geweigert hat,
in Gesellschaft zu gehen. Ein einziges Mal – nur einmal – machte sie
zugunsten der Gräfin de Maillé eine Ausnahme; es war zu Anfang Mai
1896. In den Salons der Frau von Maillé hatte sich das ganze Viertel
Rendezvous gegeben. Zuerst sprach Fräulein Couédon privatim mit denen
unter den Eingeladenen, die sie konsultieren wollten. Aber ihre
Anzahl war so groß, daß Fräulein Couédon auf Bitten der Herrin des
Hauses einwilligte, nachdem sie den ›Engel Gabriel‹ angerufen hatte,
vor der ganzen versammelten Gesellschaft zu sprechen. Unter anderen
Prophezeiungen machte sie die nachfolgende, deren sich mehrere Zeugen
vollkommen erinnern und deren Wortlaut sie selbst rekonstruiert hat:
In deutschen Zeitungen wurde der
Inhalt folgendermaßen
wiedergegeben:
»Près des Champs-Elysées, »In der Elysäischen Felder Nähe
Je vois un endroit pas élevé, Ich ein wüstes Gedränge sehe.
Qui n’est pas pour la piété, Erst dem Mitleid war es geweiht,
Mais qui en est approché Dann aber macht es viel Herzeleid.
Dans un but de charité Flammen seh’ ich lodern und sengen,
Qui n’est pas la vérité ... Ängstlich die Menge sich furchtbar
Je vois le feu s’élever ... drängen;
Et les gens hurler Lebendes Fleisch seh’ ich geröstet,
Des chairs grillées, Körper verbrannt, die Luft
Des corps calcinés, verpestet!«
J’en vois comme par pelletés.« –
Der »Engel« fügte hinzu, daß alle zuhörenden Personen verschont
werden würden. Darauf sagte einer der Anwesenden, der Vicomte de
Fleury, sehr ungläubig und scherzend zu der Seherin: »Ach, Sie sagen
das nur so, um uns zu schmeicheln!« In der Tat ist =keiner der zu
dieser Soirée Eingeladenen, die alle mehr oder minder regelmäßig bei
den Wohltätigkeitsverkäufen zugegen waren, umgekommen oder bei der
schrecklichen Katastrophe des 4. Mai verwundet worden=. Unter den bei
dieser Soirée Anwesenden befanden sich: die Marquise d’Anglade, die
Komtesse Virien, die Grafen Divonne usw.«
Die Tatsache, daß Fräulein Couédon in der Rue Jean Coujon diese
schreckliche Brandkatastrophe, bei der über hundert Menschen, meist
aus der ersten Gesellschaft, ums Leben kamen und deren sich wohl die
meisten noch erinnern werden, vorhergesehen hat, unterliegt nach den
Berichten, wiewohl sie erst ein Jahr später zu Papier gebracht wurden,
nicht dem allergeringsten Zweifel.
Die Übereinstimmung der gleichzeitig und unabhängig voneinander
abgefaßten Berichte des Grafen Maillé und des Herrn Gaston Méry sind ja
schon hinlängliche Beweise für die Authentizität des Mitgeteilten. Dazu
kommen die genannten Zeugen, des weiteren, daß sich viele von ihnen,
wenn nicht an den Wortlaut, so doch an den Inhalt erinnerten, daß man
schon vor der Katastrophe zu andern davon gesprochen hatte usw.
In diesem Falle ist Autosuggestion ganz ausgeschlossen. Denn eine
Gesellschaft, die mehr oder minder in Wohltätigkeitsbazaren aufgeht,
erinnert sich – wahrscheinlich ihr ganzes Leben lang –, wenn jemand
vor sie hintritt, der ihr zuruft, daß sie bei solcher Gelegenheit auf
gräßliche Weise ums Leben kommt. Sie atmet aber auch erleichtert auf,
wenn sie damit beruhigt wird, daß keine der anwesenden Personen noch
deren nahen Anverwandten dem Unglück zum Opfer fällt. Ein Irrtum des
Gedächtnisses bezüglich des essentiellen Inhaltes der Prophezeiung ist
in diesem Falle ganz ausgeschlossen. Das wurde auch meines Wissens von
keiner Seite behauptet.
Eine Kritik, die Dinge, die sich vor Hunderten von Zeugen, die dazu
zusammenkamen, um eben diese Dinge zu beobachten, leugnen wollte,
würde einen viel größeren Fehler begehen, als die alten Astronomen,
die das Vorkommen von Meteoren bestritten. Und da von diesen Zeugen
alle noch lebten, viele heute noch leben, so kann die Kritik leichter
leugnen, daß Napoleon I. existiert hat, als die Tatsächlichkeit dieser
Prophezeiung.
Und das, wiewohl der Text der Vision rekonstruiert wurde. Denn was
für uns ausschlaggebend ist und mit Rücksicht auf die Fixierung erst
nach dem Ereignis auch nur beweiskräftig sein kann, ist ja nur der
wesentliche Kern der Prophezeiung. Der aber lautet:
=Es wird in der Nähe der Champs-Elysées, also in Paris, bei einem
Wohltätigkeitsfest ein großes Brandunglück geben.=
Ist diese Prophezeiung schon interessant genug, so wird sie durch
den mündlichen Zusatz – der gut beglaubigt ist –, daß =niemand der
Anwesenden oder aus deren Verwandtschaft zugrunde gehen würde=,
verblüffend. Denn gerade diese, numerisch gar nicht sehr zahlreiche
Gesellschaftsschicht, veranstaltet doch in Paris, wie in jeder
anderen Großstadt, derartige Festlichkeiten. Wir dürften daher in der
Prophezeiung des Fräulein Couédon einen der besten Beweise für die
Existenz dieser Gabe sehen.
Über die Sprechweise der Seherin berichtet Méry im genannten Aufsatz:
»Sie spricht oder vielmehr: sie leiert eintönig rhythmisch abgemessene
Sätze her, welche assonierend klingen und von denen manche refrainartig
wiederkehren. Es sind keine Verse und auch keine Prosa; ein Mittelding,
etwas Unfaßbares ist es, was sich mit einer gewissen Melancholie
und Eintönigkeit endlos abwickelt, wobei fast unverändert dieselben
Assonanzen immer wieder hörbar werden.«
* * * * *
In Nummer 290 vom 1. Februar 1909 brachte das »Echo du merveilleux«
folgenden Bericht[68]:
»Eine römische Dame, welche seit mehreren Monaten an akuter
Neurasthenie, oder besser gesagt, Hysterie leidet, hat =seit dem
verflossenen 2. Dezember vorigen Jahres die Katastrophe vorausgesagt,
die Messina zerstört und Kalabrien verheert hat=. Diese Dame,
welche einer hervorragenden Familie der Aristokratie angehört, ließ
schleunigst den Dr. Sarti rufen, nachdem sie in der Nacht durch ein
schreckliches Traumgesicht gepeinigt worden war, das bei ihr eine
quälende Beunruhigung zurückgelassen hatte. Vergebens bot der Arzt alle
Mittel auf, die Dame zu beruhigen; dies gelang ihm erst, als er ihr
versprach, einen von ihr geschriebenen Brief dem König zu übergeben.
=In diesem Briefe wurde S. Majestät der König Viktor Emanuel gebeten,
der Stadt Messina zur Hilfe zu kommen, welche von einem furchtbaren
Erdbeben bedroht sei.= »=Ich sehe=,« so heißt es in dem Briefe, »=sich
Land und Meer vereinigen, um die schöne Stadt zu verschlingen.
Dieses entsetzliche Unglück wird sich am 8., 18., oder 28. des Monats
ereignen.=«
In der Überzeugung, daß er es mit einer Halluzinierenden zu tun habe,
steckt der Arzt den Brief in sein Portefeuille, und als er andern Tages
so tat, als habe er die Botschaft an den Souverän habe gelangen lassen,
zeigte sich die Kranke ruhiger und bereit, einige Nahrung, sowie die
verordnete Medizin zu sich zu nehmen. Aber in der Nacht vom 7. auf den
8. Dezember wurde sie von einer heftigen hysterischen Krise befallen.
Sie wand sich, weinte, schrie und fragte unaufhörlich, ob der König
angeordnet habe, daß Messina geräumt werde. Auch eine weitere Krisis
in der Nacht vom 17. Dezember spielte sich höchst dramatisch ab und
eine solche vom 27. war derart ernst, daß man in der Umgebung der
Patientin glaubte, ihre letzte Stunde sei gekommen. Sie lamentierte und
schüttelte sich vor Angst bis zum Abend des 28. Alsdann verfiel sie in
einen tiefen Schlaf ... Die Katastrophe hatte stattgefunden.
Dr. Sarti war im höchsten Grade betroffen über die Richtigkeit der
Prophezeiung seiner Kranken. Die grauenvolle Brutalität, mit welcher
die Vorschau seiner Patientin in Erfüllung gegangen ist, hat bei
ihm jeden Zweifel für immer erstickt. Er bereitet über diesen Fall
eine Denkschrift für die Akademie vor, und will seine Klientin den
italienischen Autoritäten auf dem Gebiete der Psychologie vorstellen.
Der fragliche Brief ist nachträglich dem König übergeben worden, der
mit dem größten Interesse den Untersuchungen entgegen sieht, welche
die Fakultät bei der Prophetin anstellen wird.
Diese Mitteilung wurde zuerst im »Gil Blas« am 20. Januar 1910
veröffentlicht. Das »Echo« bemerkt dazu: »Wenn der betreffende Brief
wirklich das enthält, was behauptet wird, die genauen Angaben über das
bevorstehende Unglück von Messina und Reggio, über das Datum und die
Art des Ereignisses, so hätten wir ein überaus wertvolles Dokument vor
uns.«
Aus später noch zu erörternden Gründen hätte es nicht viel Wert, noch
weitere vereinzelte Beispiele zeitlichen Vorhersehens hier zusammen zu
stellen. Gewiß könnten wir noch recht viel des Interessanten bieten,
aber ein =zwingender= Beweis ist auf diesem Wege für den hartnäckigen
Zweifler kaum zu erbringen. Immerhin möchten wir der Überzeugung
Ausdruck geben, daß es nicht allzu schwer sein würde, den Nachweis
zu liefern, daß =jedes oder doch fast jedes bedeutende Ereignis der
Weltgeschichte, besonders tragische Dinge, mehr oder minder klar und
genau von dazu befähigten Personen vorhergesagt wurde=.
Zum Schlusse dieses fast allzulangen Kapitels wollen wir noch
einen Gewährsmann für den Glauben an Telepathie anführen – denn er
bekennt ausdrücklich, kein bestimmtes Wissen davon zu haben – einen
Eideshelfer, dessen Intelligenz und Wahrheitsliebe wohl von niemand in
Zweifel gezogen wird: Goethe!
Bekannt ist Goethes Vision, die er in seiner »Dichtung und Wahrheit«
(3. Teil, 11. Buch) erzählt:
»In solchem Drang und Verwirrung konnte ich doch nicht unterlassen,
Friederiken noch einmal zu sehen. Es waren peinliche Tage, deren
Erinnerung mir nicht geblieben ist. Als ich ihr die Hand noch vom
Pferde reichte, standen ihr die Tränen in den Augen, und mir war sehr
übel zumute. Nun ritt ich auf dem Fußpfade gegen Drusenheim, und
da überfiel mich eine der sonderbarsten Ahnungen. Ich sah nämlich,
nicht mit den Augen des Leibes, sondern des Geistes, mich mir selbst,
denselben Weg, zu Pferde wieder entgegen kommen, und zwar in einem
Kleide, wie ich es nie getragen: es war hechtgrau mit etwas Gold.
Sobald ich mich aus diesem Traum aufschüttelte, war die Gestalt ganz
hinweg. Sonderbar ist es jedoch, daß ich nach acht Jahren in dem
Kleide, das mir geträumt hatte und das ich nicht aus Wahl, sondern aus
Zufall gerade trug, mich auf demselben Wege fand, um Friederiken noch
einmal zu besuchen. Es mag sich übrigens mit diesen Dingen, wie es
will, verhalten, das wunderliche Trugbild gab mir in jenen Augenblicken
des Scheidens einige Beruhigung.«
Wie Goethe im übrigen den okkulten Phänomenen gegenüber stand, ergibt
sich aus folgendem Passus aus seinen Wahlverwandtschaften. Bekannt ist
oder könnte doch sein, was er im elften Kapitel des zweiten Teiles über
die Wünschelrute erzählt. Da dieses Phänomen aber seit zwei Jahren
sogar von der Fachwelt anerkannt zu werden beginnt, hat es für uns
weniger Interesse, als die andere Stelle, die wie folgt lautet (2.
Teil, 8. Kapitel):
»Wenn sie (Ottilie) sich abends zur Ruhe gelegt und im süßen Gefühl
noch zwischen Schlaf und Wachen schwebte, schien es ihr, als wenn sie
in einen ganz hellen, doch mild erleuchteten Raum hineinblickte. In
diesem sah sie Eduarden ganz deutlich, und zwar nicht gekleidet, wie
sie ihn sonst gesehen, sondern im kriegerischen Anzug, jedesmal in
einer anderen Stellung, die aber vollkommen natürlich war und nichts
Phantastisches an sich hatte: stehend, gehend, liegend, reitend.
Die Gestalt, bis aufs kleinste ausgemalt, bewegte sich willig vor
ihr, ohne daß sie das mindeste dazu tat, ohne daß sie wollte oder
die Einbildungskraft anstrengte. Manchmal sah sie ihn auch umgeben,
besonders von etwas Beweglichem, das dunkler war, als der helle
Grund, aber sie unterschied kaum Schattenbilder, die ihr zuweilen
als Menschen, als Pferde, als Bäume oder Gebirge vorkommen konnten.
Gewöhnlich schlief sie über der Erscheinung ein, und wenn sie nach
einer ruhigen Nacht morgens wieder erwachte, so war sie erquickt,
getröstet, sie fühlte sich überzeugt: Eduard lebe noch, sie stehe mit
ihm noch in dem innigsten Verhältnis.«
Es handelt sich hier unzweifelhaft um ein telepathisches Phänomen. Mag
Goethe nun Ähnliches aus zuverlässiger Quelle erfahren, mag er es,
wie seine Drusenheimer Vision, selbst erlebt haben, eines ist sicher:
er hielt es für möglich, denn sonst hätte er ganz gewiß nicht gewagt,
in einer Zeit der rücksichtslosesten Aufklärung solche erstaunliche
Begebenheiten zu schildern.
Übrigens verleiht er seiner Ottilie in den »Wahlverwandtschaften«
(2. Teil, 11. Kapitel) noch eine andere Fähigkeit, die dem Vorgefühl
eines Witterungswechsels, unter dem ja viele Leute leiden und das
Shakespeare im Hamlet bereits in die Literatur einführt, verwandt zu
sein scheint. Der Passus lautet:
»Ottilie, die uns begleitete, stand an zu folgen, und bat sich auf
dem Kahne dorthin begeben zu dürfen. Ich setzte mich mit ihr ein und
hatte meine Freude an der Gewandtheit der schönen Schifferin. Ich
versicherte ihr, daß ich seit der Schweiz, wo auch die reizendsten
Mädchen die Stelle des Fährmanns vertreten, nicht so angenehm sei über
die Wellen geschaukelt worden, konnte mich aber nicht enthalten sie zu
fragen, warum sie eigentlich abgelehnt, jenen Seitenweg zu machen: denn
wirklich war in ihrem Ausweichen eine Art von ängstlicher Verlegenheit.
Wenn Sie mich nicht auslachen wollen, versetzte sie freundlich, so kann
ich Ihnen darüber wohl einige Auskunft geben, obgleich selbst für mich
dabei ein Geheimnis obwaltet. Ich habe jenen Nebenweg niemals betreten,
ohne daß mich ein ganz eigener Schauer überfallen hätte, den ich sonst
nirgends empfinde und den ich mir nicht zu erklären weiß. Ich vermeide
daher lieber mich einer solchen Empfindung auszusetzen, um so mehr, als
sich gleich darauf ein Kopfweh an der linken Seite einstellt, woran ich
sonst auch manchmal leide.
Wir landeten, Ottilie unterhielt sich mit Ihnen, und ich untersuchte
indes die Stelle, die sie mir aus der Ferne deutlich angegeben hatte.
Aber wie groß war meine Verwunderung, als ich eine sehr deutliche Spur
von Steinkohlen entdeckte, die mich überzeugt, man würde bei einigem
Nachgraben vielleicht ein ergiebiges Lager in der Tiefe finden.«
Goethe hatte selbst wiederholt telepathische Erlebnisse gehabt. Er
sagt: »Unter Liebenden ist diese magnetische Kraft besonders stark
und wirkt sogar in die Ferne. Ich habe in meinen Jünglingsjahren
Fälle genug erlebt, wo mich auf einsamen Spaziergängen ein mächtiges
Verlangen nach einer Geliebten überfiel, und wo ich so lange an sie
dachte, bis sie mir wirklich entgegen kam. Es wurde mir in meinem
Stübchen unleidlich, sagte sie; ich konnte mir nicht mehr helfen, ich
mußte hierher.« Einen solchen Fall erzählt Goethe ausführlich[69]. Das
ist allerdings ein räumliches Ferngefühl.
Die Gabe der Weissagung oder doch die der Visionen – man erinnere sich
des Drusenheimer Falles – war in Goethes Familie heimisch. Man höre,
was er darüber in »Dichtung und Wahrheit« erzählt[70]:
»Was jedoch die Ehrfurcht, die wir für diesen würdigen Greis
(Großvater, der Schultheiß Johann Wolfgang Textor) empfanden, bis
zum Höchsten steigerte, war die Überzeugung, daß derselbe die Gabe
der Weissagung besitze, besonders in Dingen, die ihn selbst und sein
Schicksal betrafen. Zwar ließ er sich gegen niemand als gegen die
Großmutter entschieden und umständlich heraus; aber wir alle wußten
doch, daß er durch bedeutende Träume von dem, was sich ereignen
sollte, unterrichtet werde. So versicherte er z. B. seiner Gattin,
zur Zeit als er noch unter die jüngeren Ratsherren gehörte, daß er
bei der nächsten Vakanz auf der Schöffenbank zu der erledigten Stelle
gelangen würde. Und als wirklich bald darauf einer der Schöffen, vom
Schlage gerührt, starb, verordnete er am Tage der Wahl und Kugelung
daß zu Hause im stillen alles zum Empfang der Gäste und Gratulanten
solle eingerichtet werden, und die entscheidende goldene Kugel ward
wirklich für ihn gezogen. Den einfachen Traum, der ihn hiervon belehrt,
vertraute er seiner Gattin folgendermaßen: Er habe sich in voller
gewöhnlicher Ratsversammlung gesehen, wo alles nach hergebrachter Weise
vorgegangen. Auf einmal habe sich der nun verstorbene Schöff von seinem
Sitze erhoben, sei herabgestiegen und habe ihm auf eine verbindliche
Weise das Kompliment gemacht; er möge den verlassenen Platz einnehmen,
und sei darauf zur Türe hinausgegangen.
Etwas Ähnliches begegnete, als der Schultheiß mit dem Tode abging. Man
zaudert in solchem Falle nicht lange mit Besetzung dieser Stelle, weil
man immer zu fürchten hat, der Kaiser werde sein altes Recht, einen
Schultheißen zu bestellen, irgend einmal wieder hervorrufen. Diesmal
ward um Mitternacht eine außerordentliche Sitzung auf den andern Morgen
durch den Gerichtsboten angesagt. Weil diesem nun das Licht in der
Laterne verlöschen wollte, so erbat er sich ein Stümpfchen, um seinen
Weg weiter fortsetzen zu können. ›Gebt ihm ein ganzes‹, sagte der
Großvater zu den Frauen; ›er hat ja doch die Mühe um meinetwillen.‹
Dieser Äußerung entsprach auch der Erfolg: er wurde wirklich
Schultheiß; wobei der Umstand noch besonders merkwürdig war, daß,
obgleich sein Repräsentant bei der Kugelung an der dritten und letzten
Stelle zu ziehen hatte, die zwei silbernen Kugeln zuerst herauskamen
und also die goldne für ihn auf dem Grunde des Beutels liegen blieb.
Völlig prosaisch, einfach und ohne Spur von Phantastischem oder
Wundersamem waren auch die übrigen der uns bekannt gewordnen Träume.
Ferner erinnere ich mich, daß ich als Knabe unter seinen Büchern
und Schreibkalendern gestöbert und darin unter andern auf Gärtnerei
bezüglichen Anmerkungen aufgezeichnet gefunden: ›Heute nacht kam N.
N. zu mir und sagte ..... Name und Offenbarung waren in Chiffren
geschrieben. Oder es stand auf gleiche Weise: Heute nacht sah ich ....
Das übrige war wieder in Chiffren, bis auf die Verbindungs- und andere
Worte, aus denen sich nichts abnehmen ließ.
Bemerkenswert bleibt es bei, daß Personen, welche sonst keine Spur
von Ahnungsvermögen zeigten, in seiner Sphäre für den Augenblick die
Fähigkeit erlangten, daß sie von gewissen gleichzeitigen, obwohl in
der Entfernung vorgehenden Krankheits- und Todesereignissen durch
sinnliche Wahrzeichen eine Vorempfindung hatten. Aber auf keines seiner
Kinder und Enkel hat eine solche Gabe fortgeerbt; vielmehr waren sie
meistenteils rüstige Personen, lebensfroh und nur aufs Wirkliche
gestellt[71].«
Fußnoten:
[35] Vgl. Enneas Sylvius (Piccolomini), Historia Friderici, ed. Kollar,
p. 136.
[36] Vgl. Eduard Vehse, Geschichte des preußischen Hofes und Adels (in
der Geschichte der deutschen Höfe), I. Bd., S. 48.
[37] Vgl. Walter Bormann, »Die Nornen«, S. 206 f. Ailly beruft sich
noch auf einen »tractatus de magnis coniunctionibus« von Abumasar.
M. J. Schleiden bespricht in seinen »Studien«, Leipzig 1855, S. 264
ff., diese Vorhersage und kommt zu dem Resultate, daß sie auf einem
astronomischen Rechenfehler beruhe, da der große Saturnumlauf nicht
300, sondern nur 294½ Jahre betrage. Das braucht uns nicht weiter zu
kümmern, da es an der Tatsache der richtigen Vorhersage nichts ändert.
[38] Vgl. Schleiden, Studien, S. 247 f. Über Astrologie – vom
gegnerischen Standpunkt aus – vergleiche dessen Aufsatz »Wallenstein
und die Astrologie«, Studien, S. 217 f. Es mag Vielen neu sein, daß
unter dem Namen »Zodiakus« seit 1910 eine deutsche astrologische
Zeitschrift erscheint.
[39] Vgl. Ch. Lichtenberg, Vermischte Schriften, IV. Band. Göttingen
1802, S. 214.
[40] Schleiden, Studien, S. 243.
[41] Vgl. Tharsander, Schauplatz sonderbarer Meinungen I, S. 187.
Goclenii Libri Uraniae divinatricis. Marp. 1694. Zitiert nach (Vulpius)
»Curiositäten der Vor- und Mitwelt« 5. Bd., Weimar 1816, S. 15. Hier
sei nicht verschwiegen, daß die Tradition, Lucas Gauricus habe den Tod
Heinrichs II. von Frankreich vorhergesagt – vgl. »Curiositäten« S. 15
– falsch ist. Vgl. (Adelung) Geschichte der menschlichen Narrheit, II.
Bd., Leipzig 1786, S. 261. Hier sind noch andere falsche Nativitäten
notiert. Vgl. auch Suden, Gelehrter Kritikus, 3. Bd., S. 62. Weitere
Literatur in »Curiositäten«, 5. Bd., S. 15 Anm. ***. Was Keplers
Vorhersage des Todes von Matthias betrifft, so kann ich sie bei Frisch,
J. Kepleri opera omnia, I. B., Frankfurt 1858, p. 483 ff., nicht finden.
[42] Vgl. Freher, Theatrum virorum eruditorum, p. 1551. Die Schriften
Goldmayers bei (Adelung) Geschichte der menschlichen Narrheit, 4. Bd.,
S. 218 ff.
[43] Vgl. Allgemeine deutsche Biographie, 15. Bd., p. 618.
[44] Vgl. Albert Kniepf, Zodiakus, 1911, S. 3 ff.
[45] Vgl. Zadkiels Almanac 1911, London, nach gütiger Mitteilung des
Herrn A. Kniepf.
[46] Zitiert nach »Woldenckwürdige Weissagung unnd Propheceyung, von
den jetzigen Läufften, unnd sonderlich von dem noch innstehenden 1619.
Unnd nachfolgenden 1620. 1621. 1622. 1623 Jahre. Von Johanne Capistrano
usw.« 1619. VII. Abschnitt.
[47] Vgl. E. A. Schmidt, Geschichte von Frankreich in Heeren und Ukert,
Geschichte der europäischen Staaten, 3. Bd., Hamburg 1846, S. 386 f.
[48] »Journal de ma vie« Mémoires du maréchal de Bassompierre. I. Bd.,
Paris 1870, p. 270 f.
[49] Vgl. A. Debay, Histoire des sciences occultes. Paris 1860, p. 103.
Das Folgende eb. p. 103 f.
[50] Zitiert nach Gottfried Arnold, Kirchen- und Ketzerhistorie, 3.
Teil, Frankfurt a. M. 1700, Kap. 26, S. 248 ff. Die (ungedruckte)
»Relation«, der Arnold diese Visionsberichte entnommen hat, trägt die
Aufschrift: »So schrieb anno 1653. am II. Pfingsttage im namen der
Heiligen Dreyfaltigkeit, ich Joachim Greulich, und bekenne mit GOTT und
dem Vater, den Sohn, und den Heiligen Geist, wie folgt ...«
[51] Vgl. v. Tettau, Erfurts Unterwerfung unter die mainzische
Landeshoheit 1648–1664. Halle 1887 in den »Neujahrsblättern«,
herausgegeben von der historischen Kommission der Provinz Sachsen und
»Thüringische Lesehalle«, 1886, S. 173 f.
[52] Wir haben hier und weiter oben nur gesperrt, was auch im Original
gesperrt gedruckt ist!
[53] (Adelung) Geschichte der menschlichen Narrheit, III. Bd., S. 118.
[54] Anm. der Erzählerin: Ein englischer Schrank, wie sie ihn wohl
noch nie gesehen hatte. – Der Fall trägt bei Flammarion, Rätsel des
Seelenlebens, die Nummer LXXV und steht auf S. 411 ff.
[55] Vgl. G. Villani, Chronik von Florenz, Geschichte der Vorzeit, XIV.
Jahrh., II. Bd., S. 137. Eine Verulkung der Prophetie hat sich aus
dem Jahre 1536 erhalten unter der Titel »Propheci und wunder–/ barlich
Pronostication, uff das 1536./ jar kürtzlich gefunden zu Rätersch/ eym
im Nergaw.« Vgl. O. Clemen, Archiv für Kulturgeschichte, 7. Bd., 1909,
S. 1 ff.
[56] Diese Mitteilung verdanke ich Fräulein Isolde Kurz. Vgl. unter
anderen zeitgenössischen Quellen: Benedetto Varchi, Storia Florentina,
Florenz 1844, 3. Bd., p. 262 ff. Auch Nardi und Guicciandini berichten
ähnliches.
[57] Friedrichs des Großen Werke, Frankfurt und Leipzig 1788, S. 88–95.
[58] Leipzig 1817. Karl August von Eschenmayer, geb. 1768, gest. 1852,
war Professor der Medizin und Philosophie in Tübingen. Seit 1836 ins
Privatleben zurückgezogen, beschäftigte er sich viel mit Mystizismus,
was ihm natürlich Spott eintrug. Immermann stellte ihn im »Münchhausen«
unter dem Namen »Eschenmichel« satirisch dar.
[59] Vgl. A. J. Davis, Die Wirklichkeit eingebildeter Krankheiten:
Sphinx, 2. Bd., 1886, S. 216 ff.
[60] Übersetzung von Kiesewetter, Psychische Studien, 17. Bd., 1890, S.
402 f.
[61] Bessières führte den Titel eines Herzogs von Istrien.
[62] Marschall Ney.
[63] Nach einer Anmerkung von Kiesewetter ist das ein Gedächtnisfehler
von Baudus, da die Anhöhe, auf der sich jetzt ein Bessières’ Namen
tragender Gedächtnisstein befindet, unweit Weißenfels nach Rippach zu
liegt.
[64] Vgl. Justinus Kerner, »Magikon«, III. Bd., S. 262. Zitiert nach
Kiesewetter a. a. O. gleich dem Folgenden.
[65] Nach Du Prel in den Psychischen Studien, 17. Bd., 1890, S. 207.
Die in Kerners Magikon II, 263 berichtete Tatsache wurde von Du Prels
Großonkel, einem Verwandten und Waffengefährten Lasalles, bestätigt. –
Das Folgende nach Brierre de Boismont, Des hallucinations, S. 295 (nach
Du Prel).
[66] Zu Davis vgl. H. Johannsen »Gibt es ein Hellsehen?« Psychische
Studien, 36. Bd., 1909, S. 480 ff.
[67] Hierzu machte Frau de Ferriëm, »Mein geistiges Schauen in die
Zukunft«, Berlin 1895, S. 105 Anm., der wir obenstehenden Bericht
entnehmen, die Bemerkung: daß sich damals durch die französische
Seherin ein Spirit kundgab, der sich merkwürdigerweise ebenso wie
=ihr= »Haupt-Kontroll-Geist« »Gabriel« nannte usw. Die Erklärung für
diese prophetischen »Geister« dürfte meines Dafürhaltens wie schon
weiter oben bemerkt, im Kausalitätsbedürfnis der Seherinnen liegen.
Sie beobachten an sich das Phänomen der Visionen usw., ohne es sich
erklären zu können und greifen deshalb zur Spirithypothese, die weder
bisher bewiesen wurde, noch auch notwendig ist, so wenig wir zum
Hypnotismus oder zur drahtlosen Telegraphie »Spirits« benötigen. Es
handelt sich hier jedenfalls um eine uns noch nicht näher bekannte
Naturkraft.
[68] Zitiert nach den »Psychischen Studien«, 36. Bd., 1909, S. 78 ff.
[69] Vgl. Eckermann, Gespräche mit Goethe, III. S. 137–139. Die ebenda
wiedergegebene Erzählung, der Dichter habe das Erdbeben, das am 5.
Februar 1783 Messina zerstörte, in Weimar auf telepathischem Wege
gespürt, ist nicht stichhaltig. Vgl. R. Hennig, Gartenlaube 1910, S.
758 (Nr. 36).
[70] 1. Teil, erstes Buch, Cottasche Ausgabe ed. Goedeke, 20. Bd., S.
38 ff.
[71] Vgl. auch den Aufsatz von A. P. Brumm, »Seltsames und Mystisches
aus der englischen Dichterwelt«. »Sphinx«, II. Bd., 1886, S. 187 ff.
Hier werden merkwürdige Dinge von W. Blake, Thomas de Quincey, Shelley
und Walter Scott erzählt.
Drittes Kapitel
Unsere Beweisführung
Einwände und deren Widerlegung
Wir haben in den beiden vorangehenden Kapiteln eine ganze Reihe von
Prophezeiungen angeführt und schlossen mit der Bemerkung, daß wir
trotzdem nicht behaupten, schon einen =zwingenden= Beweis erbracht zu
haben.
Das bedarf einer eingehenden Begründung.
Gegen unser Material muß zunächst eingeworfen werden, daß es sich zum
Teil um Berichte handelt, die erst veröffentlicht wurden, =nachdem= das
vorhergesagte Ereignis auch =eingetreten= war. Da ist die Vermutung
möglich, die Zeugen hätten bewußt oder unbewußt die Unwahrheit gesagt.
Daß Lügen, gerade wenn es sich um so Ungewöhnliches handelt, wie
in unserer Untersuchung, möglich sind, soll gewiß nicht bestritten
werden. Immerhin stammt eine ganze Reihe von Daten von Leuten, an deren
Wahrheitsliebe zu zweifeln schlechterdings nicht zulässig ist. Wer
selbst auf seine Ehre etwas hält, wird sehr vorsichtig sein, wenn er in
Versuchung kommt, der eines anderen zu nahe zu treten. Deshalb wollen
wir den bewußten Schwindel ganz ausschalten. Es kämen ja überhaupt nur
ganz wenige der hier mitgeteilten Phänomene für diese Art des Zweifels
in Frage.
Wie aber steht es mit dem andern Einwurf, dem, die Gewährsmänner hätten
=unbewußt= die Unwahrheit gesagt?
Wer die Psychologie der Zeugenaussage kennt, weiß, daß unser Gedächtnis
uns oft in einer Weise im Stich läßt, die wir nicht für möglich
gehalten hätten. In vieler Erinnerung wird noch das Experiment sein,
das der große Strafrechtslehrer Franz von Liszt in seinem Seminar –
also mit lauter gebildeten jungen Leuten – anstellte und das gänzlich
negativen Erfolg hatte. Es handelte sich damals um den Bericht über ein
von ihm im Hörsaal inszeniertes Attentat, wobei die Zeugen keine Ahnung
davon hatten, daß es sich um eine abgekartete Sache handle. Allerdings
mag damals die große Erregung und die Schnelligkeit, mit der sich die
Vorgänge abspielten, das Resultat ungünstig beeinflußt haben. Aber
zuzugeben ist, daß unserem Gedächtnis, zumal wenn es sich um Details
handelt und besonders, wenn das Erlebnis lange zurück liegt, nicht
allzuviel Glauben beizumessen ist.
Das liegt hauptsächlich in der Art begründet, in der solche
Gedächtnisbilder zustande kommen. Es sind keineswegs, wie man annehmen
sollte, lauter Beobachtungen, Eindrücke, die wie die Bilder auf der
photographischen Platte festgehalten und nach Hause getragen werden.
Vielmehr ist nur ein Bruchteil wirklich beobachtet, das andere aber
kombiniert, und zwar ganz unbewußt kombiniert.
Sehen wir jemanden in großer Erregung mit gezücktem Dolch auf einen
Dritten zustürzen und ihm scheinbar die Waffe in den Körper bohren,
dann glauben wir auch sofort den Blutstrahl aufspritzen zu sehen. Auch
wenn gar nicht zugestochen wurde. Unsere Phantasie, verbunden mit dem
Kausalitätsbedürfnis, mit der Erfahrung, daß bei Wunden auch Blut
fließt, spielte uns einen Streich.
Die Beispiele ließen sich beliebig vermehren. Das Fazit, daß auch
intelligente Menschen mit großer Wahrheitsliebe objektiv unwahre Dinge
berichten, können wir schon jetzt ziehen. Die Vermutung bei besonders
merkwürdigen Phänomenen, wie denen, um die es sich hier ausschließlich
handelt, sei die Phantasie doppelt geschäftig, liegt gewiß nahe.
Nun ist aber dagegen einzuwenden, daß es sich fast regelmäßig um so
Wichtiges – etwa den vorhergesagten Tod naher Angehöriger – handelt,
daß =das Essentielle der Vorhersage behalten wird=, wenn auch
=Irrtümer= in bezug auf die =Nebenumstände vorkommen mögen=. Denn wenn
wir daran zweifeln wollen, daß jemand Fragen von solcher Bedeutung in
sein Gedächtnis eingraben kann, dann müssen wir das Gedächtnis als
Gehirntätigkeit überhaupt streichen. Dann kann auch jemand vergessen,
daß er irgendwo verwundet wurde oder daß sein Vater starb. Auch hier
führt eine Hyperkritik zu absurden Konsequenzen.
Einräumen wollen wir aber, daß in allen jenen Fällen, in denen die
Vorhersage eines Ereignisses erst =nach= dessen Eintreffen publiziert
wird, der Leser das Recht hat, an der Glaubwürdigkeit des oder der
Zeugnisse zu zweifeln.
Deshalb schreibt der bekannte verstorbene Vorkämpfer des Okkultismus,
Freiherr von Du Prel, ein Forscher, dessen Verdienste im vollen Umfange
auch erst die Zukunft anerkennen wird:
Solche Visionen müssen »vor dem Eintreffen in einer Zeitschrift
=publiziert= werden, selbst auf die Gefahr hin, daß einzelne nicht
eintreffen. – Das bloße Deponieren im Archiv der betr. Gesellschaft
hätte höchstens für die Gesellschaftsmitglieder einen Wert«.
Nun ist aber eine große Anzahl der von uns mitgeteilten Fälle von
zeitlichem Fernsehen bereits früher, ja oft schon Jahrhunderte vorher,
im Druck erschienen.
Was läßt sich gegen deren Beweiskraft anführen? Da besteht zunächst
der Einwand, diese Prophezeiungen seien so unklar gefaßt, daß sie
vielleicht auch auf andere Ereignisse bezogen werden könnten. Er ist
häufig schwer oder gar nicht zu widerlegen.
Oder es heißt – und das ist einer der beliebtesten Gegengründe –
man erinnere sich zwar genau der wenigen Vorhersagen, die zutrafen,
vergesse aber alle jene, die falsch gewesen seien.
Diese Erwägung besteht zweifellos zu Recht. Es ist ja fabelhaft,
wie viel und was für haarsträubend dummes Zeug prophezeit wurde und
noch wird. In früheren Jahrhunderten gab man solche Elaborate gern
in den Druck, heute ist man darin – nicht zum Schaden der Sache –
zurückhaltender geworden.
Wenn wir nun auch ohne weiteres die Berechtigung dieser Art des
Zweifels zugeben und es uns gar nicht einfällt, zu bestreiten, daß es
geradezu ein Wunder sein müßte, wenn unter den Myriaden von Vorhersagen
nicht diese oder jene wahr geworden wäre, so bedarf doch anderseits
diese Frage eingehenderer Prüfung.
Es sind drei Möglichkeiten für die richtige Vorhersage von etwas
Zukünftigem gegeben: 1. die =Berechnung=. Sie ist Aufgabe der
Wissenschaft und wird es in späteren Zeiten noch mehr werden. Wenn ein
warmer Sommer im nördlichen Polargebiet war, so daß große Massen von
Eis schwimmend ins Meer gelangten und nach Süden trieben, so hat die
metereologische Erfahrung ergeben, daß der nächste Winter in unseren
Breiten kalt werden wird.
Oder wenn ich als Bevölkerungsstatistiker aus ungezählten Millionen
von Einzelbeobachtungen zum Resultat gelangt bin, daß auf 106
Knabengeburten in Deutschland 100 Mädchengeburten treffen, dann kann
ich folgern, daß auch in künftigen Jahren das Verhältnis ebenso
sein wird. Wenn auch das sogenannte Gesetz der großen Zahl nicht
Notwendigkeit fordert, so werde ich mich auch doch in praxi nur um
Dezimalen irren.
Oder wenn ich als Arzt die Erfahrungstatsache kenne, daß ein
Prießnitz-Umschlag um die Brust katarrhalische Affektionen der
Atmungsorgane günstig beeinflußt, dann bin ich dazu berechtigt, bei
meinem Patienten dieses Mittel bei gleicher Erkrankung mit einiger
Aussicht auf Erfolg anzuwenden.
In allen diesen Fällen, im Versicherungswesen, in der Politik, in
der Volkswirtschaft und noch auf zahlreichen – um nicht zu sagen auf
allen Gebieten – ist der Sachverhalt der gleiche: Auf Grund einer
möglichst umfassenden Induktion gelangen wir zu deduktiven Schlüssen,
zu Erfahrungsregeln, ja zu Gesetzen und wenden sie nun auf Zukünftiges
an. Hier handelt es sich, das ist klar, um Berechnung, Kalkulation oder
Kombination.
Wenn auch nicht bestritten werden kann, daß die obigen Berechnungen
auch irrtümlich sein können, daß ihr Umfang und Inhalt gewissen
Beschränkungen unterliegt, daß auch unvorhergesehene und
unvorhersehbare Momente sie modifizieren mögen, so wird es doch keinem
Menschen einfallen, ein richtiges Resultat auf Zufall zurückzuführen.
Vielmehr wird man geneigt sein, einen Mißerfolg damit zu erklären bzw.
zu beschönigen.
2. Können wir das Eintreffen der Vorhersage eines zukünftigen
Ereignisses dem =Zufall= zuschreiben.
Was ist Zufall?
»Zufall nennt man alles, was durch keine Gründe und Ursachen bedingt
zu sein scheint, also das =Unbeabsichtigte= und das =Unerklärliche=.
Der Begriff des Zufalls ist jedoch ein bloß =subjektiver=; denn an sich
ist alles durch Ursachen bedingt. Aber ein Kausalzusammenhang kann für
uns unter Umständen dunkel und unbekannt oder auch unbeabsichtigt sein.
Zufällig heißt demnach dasjenige Ereignis, welches aus einem System
von Ursachen entspringt, das nicht in der Macht des Wollenden oder der
Kenntnis des Auffassenden liegt, z. B. eine Folge, die weder von uns
beabsichtigt, noch auch vorhergesehen ist[72].«
Anders ausgedrückt: =einen objektiven Zufall gibt es nicht=, da mit
seiner Annahme die Kausalität geleugnet würde. Es kann sich also – auch
in allen für uns in Frage kommenden Fällen – niemals darum handeln,
daß etwas keine Ursachen hat, sondern nur darum, daß wir diese 1.
=nicht kennen=; 2. nicht beweisen können, daß der Erfolg auch wirklich
=beabsichtigt= war.
Was das Nichtkennen betrifft, so schränkt sich naturgemäß dessen
Bereich mit dem Fortschreiten der Wissenschaft immer mehr ein. Wir
lernen mehr Gesetze, die die Welt beherrschen, kennen und haben deshalb
immer weniger Veranlassung, unsere Unwissenheit durch Gebrauch des
Wortes Zufall zu beschönigen. Hier tritt dann zuletzt bei genauer
Ermittlung der Anwendungsbedingungen die Notwendigkeit an seine Stelle.
So hat man vor noch gar nicht langer Zeit das Gedankenlesen für ein
zwar geschicktes aber doch immerhin mehr oder minder zufälliges
=Erraten= der Gedanken anderer gehalten, bis wir nunmehr positiv
wissen, daß es Gedankenübertragung gibt[73]. Genau ebenso verhielt es
sich mit der Hypnose und Suggestion, mit der Erprobung neuer Heilmittel
usw. usw. Etwas anders ist der Sachverhalt etwa im folgenden Falle:
A. geht an einem Hause in demselben Augenblick vorbei, in dem ein
Ziegelstein herabfällt und ihn tot schlägt. Daß A. zur bestimmten
Sekunde am Hause vorbei geht, ist durchaus kein Zufall, sondern damit
hinlänglich begründet, daß er zu seinem Raseur will und kein anderer
Weg hinführt. Ebenso hat der Fall des Ziegelsteines seine Ursache in
einem Windstoß. Wenn also für jede der beiden Tatsachenreihen, das
Vorbeigehen des A. und den Fall des Steines die kausale Begründung
gegeben ist, so fehlt sie doch scheinbar für den Schnittpunkt, daß
nämlich in derselben Sekunde der Stein fällt, in dem der Passant
vorbeikommt.
Letzten Endes handelt es sich aber auch hier um ein Nichtwissen der
Ursachen. Auch hier ist der Zufall subjektiv. Ein Architekt wird die
Schadhaftigkeit des Daches bereits erkannt und vorhergesagt haben, daß
ein Wind das Herabfallen von Ziegeln bewirken werde. Ein Meteorologe
wird den Windstoß vorhersehen, und die Zeit seines Eintreffens an
gedachter Stelle berechnen können. Er weiß allerdings so wenig
wie der Architekt, ob gerade der bestimmte Windstoß einen Ziegel
hinabschleudern wird. Was man aber wissen kann, ist, daß das Dach durch
einen der nächsten beschädigt werden wird. Dadurch läßt sich eine
Wahrscheinlichkeitsrechnung mit sehr kleinem Divisor aufstellen. Was
endlich den Passanten betrifft, so war sein Vorbeikommen sehr leicht zu
berechnen. So merkwürdig hier der Zufall also auch gespielt zu haben
scheint, so läßt er sich doch in eine Rechnung fassen, deren Divisor
keineswegs sehr groß zu sein braucht.
Schwierig ist oft im zweiten Fall der Nachweis, ob ein Erfolg auch
=beabsichtigt= war. Um diese Art des Zufalles handelt es sich zumeist
bei uns. Wie jedes Medikament neben der Wirkung, um derentwillen es
verabreicht wird, auch – oft recht unerwünschte – Nebenwirkungen hat,
so ist das mutatis mutandis fast bei allem und jedem, was wir tun,
der Fall. Nur selten lassen sich alle Ursachen so beherrschen, daß
unbeabsichtigte Nebenwirkungen oder Mißerfolge ausgeschlossen sind. So
geht trotz der großen Zuverlässigkeit unserer Post dann und wann einmal
ein Brief verloren; trotz der hohen Sicherheit unseres Verkehrswesen
verunglückt auch hie und da ein Reisender; trotz der sorgfältigsten
Herstellung unserer Geschütze und Munition kommt es doch bisweilen
vor, daß ein Kanonenrohr platzt oder ein Geschoß zur unrechten Zeit
explodiert. Kurz: es ereignet sich auch bei größter Genauigkeit in
der Anwendung der klar erkannten Gesetze doch dann und wann ein
unvorhergesehenes und selbstredend unbeabsichtigtes Mißgeschick, das
wir dann als (unglücklichen) Zufall bezeichnen.
Je seltener ein solcher Zufall – so geheißen durchaus nicht, weil er
nicht kausal begründet wäre, kennen wir doch oft die Ursache, etwa
die gesprungene Schiene bei der Eisenbahnkatastrophe, sondern weil
er unbeabsichtigt ist – nun eintritt, desto vollkommener ist eine
Institution, eine Technik usw. Je häufiger, desto mangelhafter. Ja, es
können Fälle eintreten, wo das Unbeabsichtigte so häufig oder fast so
häufig ist, wie sein Gegenteil, wie wir das ja leider zu Beginn der
lenkbaren Luftschiffahrt erleben mußten.
Um nun zu bestimmen was Absicht, was »Zufall« ist, bleibt uns nur der
Weg der =Wahrscheinlichkeitsrechnung=.
Wenn jemand mit der Bahn von München nach Berlin reisend sein Ziel
erreicht, wird es niemand einfallen, hier von Zufall zu reden. Denn
die Gründe für das Gelingen der Reise sind bekannt, ebenso ist die
Ankunft beabsichtigt. Und doch läßt sich mit Leichtigkeit eine
Wahrscheinlichkeitsrechnung aufstellen.
Aus der Statistik der deutschen Eisenbahnen für das Rechnungsjahr
1900/1901 ergibt sich, daß ein tötlicher Unfall auf 168 Millionen in
der Eisenbahn zurückgelegter Personenkilometer trifft. Nun beträgt
die Bahnstrecke München–Berlin 700 klm. Wir erhalten also folgende
Rechnung: Die Wahrscheinlichkeit Berlin zu erreichen, verhält sich zu
der tötlich zu verunglücken wie 168000000 : 700 = 240000.
Mit andern Worten: von 240000 Reisenden auf der Strecke Berlin–München
verunglückt einer tötlich. Diese Wahrscheinlichkeit von 1 : 240000 ist
derart gering, daß das tödliche Unglück als sehr seltener Zufall in
praxi in die Kalkulation gar nicht einbezogen wird.
Aber eine so hohe Wahrscheinlichkeitsquote ist keineswegs erforderlich.
Von hundert dreißigjährigen Durchschnittsmännern stirbt in Deutschland
einer im Jahr, also 1/12 im Monat, 1/360 am Tag. Anders ausgedrückt:
Der normale dreißigjährige deutsche Mann hat eine Wahrscheinlichkeit
von 1200 noch einen Monat, eine solche von 36000 noch ein Jahr zu leben.
Keinem Menschen wird es einfallen zu sagen: es ist Zufall, wenn der
dreißigjährige X. den kommenden Monat, oder gar den kommenden Tag
erlebt. Man wird es vielmehr als Zufall bezeichnen, wenn das Gegenteil
eintritt.
Im bürgerlichen Leben ist also die Wahrscheinlichkeit 1 : 100 schon
groß, 1 : 1200 sehr groß, mit der 1 : 36000 wird in der Praxis schon
überhaupt nicht mehr gerechnet.
Übertragen wir nun das Gesagte auf die Prophetie!
Wenn ein Astrolog jemandem sein Todesjahr vorhersagt, so handelt es
sich immer um eine Wahrscheinlichkeit geringer als 100, bei einem
reiferen Mann sogar geringer als 50 oder 25. Macht er also genügend
Horoskope, so wäre der Zufall immer zu irren viel größer, als der mal
das Richtige zu treffen. Da wir nun in der Regel die Zahl der Horoskope
nicht kennen, da ferner der Tod ein Ereignis ist, dessen Eintreffen
absolut sicher ist und bei dem nur der Zeitpunkt in gewissen mehr oder
minder engen Grenzen schwankt, so werden wir auf Grund derartiger
Voraussagen niemals die Existenz einer übersinnlichen Prophetengabe,
eines wirklichen zeitlichen Fernsehens beweisen können.
Ganz ähnlich verhält es sich bei der Vorhersage von Kriegen usw. Das
alles sind Ereignisse, die im Leben eines Volkes schon so und so
oft da waren und deren Wiederholung ganz und gar nicht verwunderlich
ist. Die vierzigjährige Friedensperiode, die Deutschland – von den
überseeischen Expeditionen abgesehen – jetzt genießt, ist schon
anormal lang. Wenn also der eine Seher für 1912, der andere für
1913, der dritte für 1914 usf. einen Krieg prophezeit, wenn er die
wenigen überhaupt in Frage kommenden Gegner namhaft macht, so ist das
glückliche Eintreffen einer solchen Vorhersage ganz und gar nicht
wunderbar und beweist nicht das Allergeringste für das Vorhandensein
seiner Sehergabe.
Dies ist auch der Grund, weshalb eine weitere Häufung historischer
Prophezeiungen, deren wir ja eine ganze Reihe in den vorhergehenden
Kapiteln zusammentrugen, selbst in den Fällen, in denen ein Zweifel
daran, daß sie wirklich =vorher= verkündet worden sind, ausgeschlossen
ist, keinen Nutzen hätte. Wir kämen höchstens in den Verdacht,
Vollständigkeit zu erstreben. Dieses Ideal aller Flachköpfe ist aber
ganz und gar nicht das unsrige. Denn was wir anstreben, ist etwas ganz
anderes.
Wir sagten oben, daß das richtige Eintreffen eines vorhergesagten
Ereignisses entweder eine Folge der Berechnung oder des Zufalles sein
kann. Ist beides nicht der Fall, dann bleibt als
3. Möglichkeit nur mehr die, daß es sich hier um eine uns nicht näher
bekannte Ursache handelt, die wir mit =Sehergabe= oder =Prophetie=
bezeichnen.
=Wenn wir also auch nur in einem einzigen Fall den Nachweis erbringen
können, daß ein richtig vorhergesagtes Ereignis weder durch
Berechnung, noch durch Zufall eintraf, dann ist damit die Existenz
des zeitlichen Fernsehens bewiesen.= Demnach handelt es sich jetzt in
unserer Beweisführung, darum Berechnung und Zufall auszuschalten.
Das ist nun viel leichter gesagt als getan. Denn wenn es auch nicht
schwer sein wird, die Berechnung auszuschließen, so kann das für
den Zufall nur dann gelingen, wenn wir eine außerordentlich hohe
Wahrscheinlichkeit zu berechnen in der Lage sind. Da genügt keineswegs
die Vorhersage des – sicheren – Todes einer bestimmten Person, sei es
auch für einen bestimmten Tag. Beweiskräftig wäre das höchstens, wenn
wir alle übrigen Todesvorhersagen kennen würden bzw. wüßten, daß keine
andere existiert. Das ist aber so gut wie ausgeschlossen, denn man
vergißt schnell falsche Prophezeiungen. Überdies wäre selbst in diesem
Falle der Koeffizient nur 36000 bei einem Dreißigjährigen, etwa ein
Drittel so groß bei einem Fünfzigjährigen. Das würde nicht genügen, den
Zweifler zu überzeugen, mir wenigstens nicht.
Noch viel weniger ist natürlich die Ankündigung eines Krieges oder
anderer Ereignisse mit geringerem Nenner beweisend.
Wir müssen danach trachten, folgende Formel zu erhalten:
w (Wahrscheinlichkeit, Zufall) = n (Zahl der wirklichen Fälle)
dividiert durch m (Zahl der möglichen Fälle) = unendlich klein oder 0
also: w = n/∞ = 0.
Mathematisch genau wird sich dieses Resultat nicht errechnen lassen,
wohl aber können wir zu einem Annäherungswert gelangen.
Stellen wir uns vor jemand werfe hundertmal eine Münze auf, und zwar
so, daß jedesmal das Wappen nach oben kommt. Die Wahrscheinlichkeit
hierfür ist:
1/2^{100} gemäß der Wahrscheinlichkeitsrechnung.
Nun ist aber 2^{100} mehr als 10^{30} Quintillion. Darum – sagt
Grimsehl gegen die Mathematiker Marbe und d’Alembert – weil eine so
große Zahl von Würfen von allen Menschen der Erde erst in 20 Billionen
Jahren ausgeführt werden können, kann die Wahrscheinlichkeitsrechnung
hier 0 ansetzen[74].
Wenn schon die reine Mathematik bei einem so ungeheuren Divisor aus
praktischen Erwägungen zum Resultat 0 gelangt, so können wir das um so
eher. Nur muß allerdings auch unser Divisor außerordentlich groß sein.
Da wir zu ihm auf dem oben eingeschlagenen Wege nicht gelangen werden,
müssen wir es auf einem andern versuchen.
Vor allem aber muß es unsere Aufgabe sein, festzustellen, =wieviel
Vorhersagen überhaupt existieren=. Das ist in dieser Fassung eine
unmögliche Forderung. Wohl aber läßt sich der gleiche Erfolg dadurch
erzielen, daß wir das ganze Material eines Sehers betrachten und
die eingetroffenen Vorhersagen zu den nicht eingetroffenen in ein
Verhältnis bringen.
Setzen wir voraus, von =einem= Seher existierten fünf Prophezeiungen,
von denen drei eintrafen, zwei ausblieben, so spricht die
Wahrscheinlichkeit dafür, daß er etwas Prophetengabe besaß. Trafen alle
ein, so werden wir kaum zögern, ihn für einen richtigen, traf keine
oder nur zwei ein, aber für einen falschen Propheten zu halten.
Diese Wahrscheinlichkeitsrechnung, so einleuchtend sie scheint,
ist trotzdem =falsch=. Denn sie operiert mit ungleichwertigen,
inkommensurablen Größen.
Das bedarf einer näheren Ausführung, da es von außerordentlicher
Wichtigkeit ist.
Wenn jemand »prophezeit«, er werde aus einem Kartenspiel rot ziehen, so
ist die Wahrscheinlichkeit des richtigen Erratens ebenso groß, wie die
des Irrens, da das Spiel genau ebenso viel rote, wie schwarze Karten
aufweist.
Diese Wahrscheinlichkeit sinkt auf ¼, wenn es sich darum handelt,
eine Karo zu treffen, auf ein ⅛ beim König und wenn jemand sich gar
anheischig macht, den Karokönig zu ziehen, so hat er, bei einem Spiel
von 32 Karten, nur ¹⁄₃₂ Wahrscheinlichkeiten.
Noch viel ungünstiger sind natürlich die Chancen, wenn jemand in einer
Lotterie mit 100000 Losen das Gewinnlos vorher richtig angeben will.
Hier hat er nur ¹⁄₁₀₀₀₀₀ Wahrscheinlichkeit. Sollte das jemand gelingen
– angenommen es existiert überhaupt nur eine derartige Vorhersage, denn
wenn es deren viele gibt, dann ist die Chance ¹⁄₁₀₀₀₀₀ multipliziert
mit allen anderen Vorhersagen – so werden wir kaum zögern ihm
Sehergabe zuzuerkennen.
In allen den genannten Beispielen war die Zahl der Möglichkeiten
bekannt. Wir wußten genau, daß das vorhergesagte Ereignis unbedingt
eintreffen muß. Fraglich bleibt eben nur, ob es so eintrifft, wie der
Prophet es vorhersagt.
Besser ausgedrückt: Wir wußten genau, daß eines der hunderttausend Lose
mit dem großen Treffer gezogen werden mußte. Es fragte sich nur, ob die
vorher bezeichnete Nummer richtig war.
Ganz anders verhält es sich, wenn ein vorhergesagtes Ereignis
eintreffen oder auch ausbleiben kann.
Angenommen, ich bestimme jemandes Todestag. Daß er sterben wird, ist
ganz sicher. Irren kann ich nur bezüglich des Datums. Wie aber, wenn
ich jemand ankündige, daß er eine Reise um die Erde machen wird – was
nichts weniger als notwendig ist – und den Tag der Abreise und Rückkehr
richtig angebe?
Oder wenn ich vorhersage, daß jemand an einem bestimmten Tage durch
einen bestimmten Unfall ums Leben kommt?
Oder – um den Divisor ins Ungeheure wachsen zu lassen – daß ihn an
einem bestimmten Tage mit einem bezeichneten Mordinstrument ein Mann
umbringen wird, dessen Namen ich richtig nenne. Hier handelte es sich
um ungezählte Millionen oder Milliarden von Irrtumsmöglichkeiten, die
der einen einzigen des richtigen Vorhersagens gegenüber stehen.
Oder wenn ich gar ein zukünftiges Parlament namentlich und richtig
angebe?
Das Fazit dieser Erwägung ist klar: Der innere Wert der Vorhersagen
kann schwanken zwischen 1 : 2 (rote Karte) und 1 : X Milliarden
(letzter Fall). Wenn wir daher sagen: dieser Prophet ist jenem
überlegen, weil unter fünf Vorhersagen bei ersterem vier, bei letzterem
nur drei eintrafen, während ein dritter überhaupt keine prophetische
Gabe besitze, denn von seinen fünf Vorhersagen sind nur zwei
eingetroffen, also weniger als das arithmetische Mittel, so begehen
wir damit eine ganz riesige Gedankenlosigkeit. Es ist gerade so, als
wenn jemand Königreiche und Sandkörner als gleichwertige Größen in eine
Rechnung einsetzen würde, etwa weil beide Ausdehnung besitzen.
So evident das Gesagte ist, so schwer verständlich mag manchem das
Folgende scheinen.
Einer der beliebtesten Einwände gegen die Prophetie ist nämlich der,
daß der Besitzer der Prophetengabe =niemals= irren dürfe. Man wendet
ganz landläufig ein: X mag ja so und so oft die Zukunft richtig
vorhergesagt haben; daß es sich hierbei aber nicht um Prophetie,
sondern um Berechnung oder Zufall handelt, geht daraus hervor, daß er
auch so und so oft irrte.
Das ist nun ein Denkfehler, weil man über eine noch völlig unbekannte
Naturkraft etwas Positives aussagen will: nämlich daß diese Kraft
=jederzeit= und in vollem Umfange zur Verfügung des mit ihr Begabten
sein muß.
Wir kennen die Funktionen und Leistungen unserer Gewehre und Geschütze
ganz genau und doch fällt es keinem Verständigen ein zu sagen: das ist
alles Plunder, denn mit dem gleichen Gewehr, mit dem getroffen wird,
wird auch gefehlt. Vielmehr wissen wir, daß auch ein guter Schütze
fehlen kann, ja wir wissen, daß im Feldzuge auf hundert abgegebene
Schüsse nur ein einziger Treffer kommt. Und endlich ist uns genau
bekannt, daß auch ein tadellos abgegebener Schuß aus einem Idealgewehr
fehlen kann, ja nur durch Zufall überhaupt trifft, wenn nämlich der
Streuungskegel größer ist, als das Ziel.
Statt also zu sagen: es gibt keine Prophetie, weil es auch falsche
Prophezeiungen gibt – auf diese Formel gebracht, ist jedermann der
Paralogismus sofort klar –, muß es Aufgabe der Wissenschaft sein,
=festzustellen, unter welchen Bedingungen diese Kraft wirksam wird= und
den Streuungskegel bei ihr zu bestimmen.
Indem wir uns vorbehalten, im weiteren Verlaufe unserer Untersuchung
darauf zurückzukommen und vielleicht einiges zur Klärung der Frage
beisteuern werden, wollen wir nunmehr den weiteren Gang unserer
Beweisführung näher präzisieren.
Wir wollen den Nachweis liefern, daß es ein wirkliches zeitliches
Fernsehen, echte Prophetie, gibt.
Das kann uns nur dadurch gelingen, daß wir nachweisen, die richtige
Vorhersage irgendwelcher Ereignisse sei weder auf Berechnung, noch auf
Zufall zurückzuführen.
Die Ausschaltung der Berechnung ist sehr einfach, die des Zufalls
überaus schwer und nur möglich
1. durch größtmögliche Festlegung des Materiales.
2. Durch Errechnung eines möglichst hohen Divisors, so daß sich das
Resultat dem Werte Null nähert.
Während wir den zweiten, bei weitem schwierigeren Teil des Beweises für
die Schlußkapitel aufsparen, beschränken wir uns in den folgenden auf
den ersten, die Festlegung des Materiales.
Wie schon gesagt, ist es unmöglich, sämtliche umlaufende Prophezeiungen
zu sammeln und in Hinblick auf die falschen und richtigen statistisch
zu verarbeiten. Wir würden damit auch insofern wenig gewinnen, als
gewisse Vorhersage – keineswegs alle – ungleichwertig sind, was ein
rein äußerlich zahlenmäßiges Erfassen ausschließt.
Da es aber eine große Fülle von Vorhersagen gibt, die sich
widersprechen, so daß entweder die eine oder die andere richtig sein
muß; da ferner eine stattliche Reihe so beschaffen ist, daß die
Wahrscheinlichkeit des Irrens nur gering ist – etwa bei Vorhersage
eines Krieges für ein bestimmtes Jahr –, so ist eine gewisse Sichtung
und Festlegung des Materiales keineswegs unnütz. Liegt es doch auf der
Hand, daß es für die Beweisführung einen großen Unterschied bedeutet,
ob aus ungezählten Millionen von Prophetien mal eine mit einem
vielleicht höchst verblüffenden Inhalt eintrifft, oder ob dies bei ein
und demselben Seher der Fall ist, womöglich mit mehreren oder gar allen
Vorhersagen.
Deshalb soll es nun unsere nächste Aufgabe sein, möglichst das ganze
prophetische Material einzelner Seher nachstehend zu sammeln und
kritisch zu beleuchten.
Fußnoten:
[72] Vgl. Fr. Kirchner und Carl Michaëlis, Wörterbuch der
philosophischen Begriffe, 4. Aufl., Leipzig 1903, Artikel Zufall.
Ferner Windelband, Die Lehren vom Zufall, Berlin 1870. Übrigens
existiert keine stichhaltige Lehre vom Zufall, wenigstens nicht vom
absoluten, der dem Kausalitätsgesetz widerspricht. Mit dem relativen
operieren die Wahrscheinlichkeitsrechnung, sowie die auf sie
begründeten statistischen Methoden.
[73] Ich hatte Gelegenheit, den Experimenten beizuwohnen, die der
italienische Gedankenleser Ernesto Bellini am 28. Januar 1911 vor
Ärzten in München mit sich vornehmen ließ. Danach kann es nicht mehr
dem allergeringsten Zweifel unterliegen, daß Gedankenübertragung
existiert.
[74] Vgl. Constantin Gutberlet, Logik und Erkenntnistheorie, 4. Aufl.,
Münster 1909, S. 177.
Viertes Kapitel
Die lehninsche Weissagung
I. Der Text
Um 1300 soll ein Abt Hermann des Cisterzienserklosters Lehnin in der
Mark folgende Prophezeiung über die Schicksale des Brandenburgischen
Hauses verfaßt haben:
1) Jetzo will ich, Lehnin, dir Nunc tibi cum cura, Lehnin!
sorgsam singen die Zukunft[75], cano fata futura
Die mir gezeigt der Herr, Quae mihi monstravit Dominus,
der alles einst hat geschaffen. qui cuncta creavit;
Denn obschon du erglänzest Nam licet insigni sicut sol
im hellen Licht, wie die Sonne, splendeas igni,
Und der Andacht allein dein Et vitam totam nunc degas
ganzes Leben jetzt widmest, summe devotam,
5) Reichtum auch und der Segen des Abundentque rite tranquillae
friedlichen Daseins dir commoda vitae:
zuströmt:
So wird doch kommen die Zeit, die Tempus erit tandem, quod te
dich nicht erschaut, wie du non cernet eandem,
jetzt bist,
Nein, kaum etwas von dir, ja Immo vix ullam, aut, si bene
richtig gesagt, vielmehr gar dixero, nullam.
nichts.
Allzeit hat das Geschlecht dich Quae te fundavit gens, haec
geliebt, das einst dich te semper amavit.
begründet[76].
Sinkt es dahin, fällst auch du, Hac pereunte, peris, nec
und bleibst nicht liebwerte mater amabilis eris.
Mutter.
10) Und jetzt naht sich ohne Verzug Et nunc, absque mora,
die traurige Stunde, propinquat flebilis hora,
Da Ottos Geschlecht, die Zierde Qua stirps Othonis, nostrae
unserer Gegend, decus regionis,
Durch schweres Schicksal Magno ruit fato,
dahinsinkt, da Leibeserben nullo superstite nato;
nicht da sind.
Und dann fällst du zuerst, doch Tuncque cadis primum, sed
noch nicht fällst du am nondum venis ad imum.
tiefsten.
Unterdes wird die Mark durch Interea diris angetur
schreckliche Drangsal Marchia miris.
geängstigt.
15) Denn der Ottonen Haus wird werden Nam domus Ottonum fiet
die Höhle des Löwen[77]. spelunca Leonum.
Und verstoßen wird sein, wer Ac erit extrusus vero de
echtem Blute entsproßte. sanguine fusus;
Dann dringen Fremdlinge vor bis Quando peregrini venient
zum Dache des Klosters ad claustra Chorini,
Chorin[78].
Des Kaisers List aber bald Cerbereos fastus mox
beseitigt den höllischen tollet Caesaris astus.
(des Cerberus) Hochmut.
Doch wird wenig die Mark sich Sed parum tuto gaudebit
freuen des sicheren Schutzes, Marchia scuto.
20) Denn auf anderer Bahn wird Regalis leo rursum tendit
wandeln der Löwenkönig. ad altera cursum,
Nicht wird sehen das Land die Nec dominos veros haec terra
wahren Herrn und Gebieter. videbit et heros.
Alles werden Regenten verwirren Omnia turbabunt rectores,
und Schaden ihm machen; damnaque dabunt
Quälen wird allerwärts der Nobilitas dives vexabit
reiche Adel die Bürger, undique cives,
Und berauben den Klerus, ohne Raptabit clerum nullo
irgendwie Auswahl zu treffen. discrimine rerum:
25) Und werden tun alsdann, was man Et facient isti, quod
tat zu den Zeiten des Heilands. factum tempore Christi.
Und vieler Leiber verkaufen, was Corpora multorum vendentur
gegen den göttlichen Willen[79]. contra decorum.
Daß dir Mark nicht völlig ein Ne penitus desit tibi, qui,
Herrscher fehle, so steigst du, mea Marchia, praesit,
Durch zwei Burgen berühmt, empor Ex humili surgis, binis nunc
aus niederer Stellung, inclyte burgis,
Zündest die Kriegsfackel an, da Accendisque facem jactando
dein Name doch Friede bedeutet. nomine pacem,
30) Während die Wölfe du tötest, Dumque lupos necas, ovibus
zerschneidest das Herz du den praecordia secas.
Schafen.
Wahrheit künde ich dir: dein Dico tibi verum, tua stirps
Stamm von sehr langer Zukunft, longaeva dierum
Wird mit schwacher Gewalt nur die Imperiis parvis patriis
heimischen Gaue beherrschen, dominabitur arvis,
Bis zu Boden gestreckt, die Donec prostrati fuerint,
bisher mit Ehren bekleidet, qui tunc honorati
Städte verwüsteten und die Herren Urbes vastabant, dominos
am Herrschen gehindert[80]. regnare vetabant.
35) Wer dem Vater jetzt folgt, der Succedens patri tollet
nimmt dem Bruder sein Vorrecht, privilegia fratri,
Aber kein Testament macht Recht, Nec faciet testum (andere
was wider das Recht ist. Lesart: bustum) non
(oder: Nicht wird machen das justum credere justum.
Grab, daß Unrecht für Recht
wird geachtet)
Ihm von mancherlei Krieg und Defesso bellis variis,
Schicksalsschlägen ermüdet, sortisque procellis,
Folgt bald zur Zeit des Tods Mox frater fortis succedit
der tapfere Heldenbruder[81], tempore mortis,
Tapfer ist dieser gewiß, Fortis et ille quidem,
doch auch der eitelsten einer. sed vir vanissimus idem.
40) Während er denkt an den Berg, Dum cogitat montem, poterit
kann kaum er besteigen die vix scandere pontem.
Brücke.
Schaut nur, er schärfet das En acuit enses! Miseri
Schwert! Weh euch, ihr armen vos, o Lehninenses!
Lehniner!
Wie will schonen der Brüder, Quid curet fratres, qui
der die Väter sinnt zu vult exscindere patres?
vernichten?[82]
Wer ihm folgt, der versteht durch Alter ab hoc martem scit
Künste den Mars zu verspotten ludificare per artem,
Und weissaget den Söhnen der Auspicium natis hic praebet
Zukunft reichlichen Segen; felicitatis;
45) Solange man dessen gedenkt, ist Quod dum servatur, ingens
riesiges Glück im entstehen. fortuna paratur.
Gleiches Glückslos wird ja seinen Hujus erunt nati conformi
Söhnen zuteil[83], sorte beati.
Doch wird tragen ein Weib dann Inferet at tristem patriae
traurige Pest in die Lande. tunc foemina pestem,
Dieses Weib durchseucht vom Foemina, serpentis tabe
Gifte der neuen Schlange. contacta recentis.
Gar bis zum elften Glied wird Hoc et ad undenum durabit
dauern das Gift in dem stemma venenum.
Stammbaum[84].
50) Nun wird der, oh Lehnin, der dich Et nunc is prodit, qui te,
maßlos hasset, hervorgehn: Lehnin! nimis odit:
Der dich wie ein Messer zerteilt, Dividit ut culter, atheus,
ein gottloser, ehbrechender scortator, adulter!
Lüstling!
Er verwüstet die Kirche, Ecclesiam vastat, bona
versteigert die geistlichen religiosa subhastat.
Güter.
Geh von dannen, mein Volk! kein Ite, meus populus! protector
Schützer wird dir verbleiben, est tibi nullus,
Bis die Stunde dir schlägt, die Hora donec veniet,
das Verlorne zurückbringt[85]. qua restitutio fiet.
55) Des Wahnsinnigen Sohn billigt Filius amentis probat
das Treiben des Vaters; instituta parentis;
Gänzlich ohne Verstand, beugt er Insipiens totus, tamen
sich dem Willen des Pöbels; audit vulgo devotus;
Weil er nicht strenge genug, Nec sat severus, hinc
nennt ihn man den Besten der dicitur optimus herus.
Helden.
Er darf aus seinem Geschlecht Huic datur ex genere, qui non
einen sehn, der nicht ist, (andere Lesart: Quinos)
wie er selber, qualis ipse, videre,
(oder: Er darf aus seinem
Geschlecht fünf sehn, wie er
selber geraten)
Und in dem Todesjahr an ehrbarem Et anno funesto vitam loco
Orte verscheiden[86]. linquit honesto.
60) Fordern wird nun die Herrschaft Postulat hinc turbae praeponi
des Volks, der städtisch natus in urbe.
Geborne
(Meinhold übersetzt: Hierauf
erklärt sein Sohn in einer
Stadt sich zum Bischof).
Hegend mit Furcht sein Kind, das Spe caeteri sobolem; fovet
andere hegen mit Hoffnung. hie formidine prolem.
Was er fürchtet ist dunkel, doch Quod timet obscurum: certe
sicher wird es geschehen[87]. – tamen, ecce, futurum. –
Neu wird bald der Dinge Gestalt, Forma rerum nova mox fit,
da der Herr es gestattet! patiente Jehova!
Fehler an tausend hat er, dessen Mille scatet naevis,
Leben so kurz ist, cujus duratio brevis.
65) Vieles verwirrt er durch seinen Multa per edictum, sed
Befehl, noch mehr durch sein turbans plura per ictum.
Schlagen,
Doch was durch seine Befehle sich Quae tamen in pejus mutantur
hat zum Schlechten gestaltet, jussibus ejus,
Kann, o glaube es mir, durchs In melius fato converti
Schicksal zum Guten sich posse putato.
wandeln[88].
Markgraf wird nun wieder nach Post patrem natus princeps
seinem Vater der Sohn sein, erit Marchionatus,
Viele läßt straflos er leben Ingenio nullos non vivere
gemäß seiner Geistesrichtung. sinit inultos.
70) Während zu viel er vertraut, Dum nimium credit, miserum
frißt der Wolf ihm die arme pecus lupus edit,
Herde,
Und der schamlose Knecht folgt Et sequitur servus domini
bald im Tode dem Herren[89]. mox fata protervus.
Nunmehr kommen heran, die nach Tunc veniunt, quibus de
drei Burgen sich nennen, burgis nomina tribus,
Und ein großer Fürst läßt wachsen Et crescit latus sub magno
den Staat in die Breite[90]. principe status,
Sicherheit seinem Volk schafft Securitas gentis fortitudo
die Kraft des tücht’gen Regentis:
Regenten:
75) Doch nichts nützt es ihm, wenn Sed nil juvabit, prudentia
die Klugheit schlafen quando cubabit.
gegangen[91].
Wer ihm nachfolgen wird, folgt Qui successor erit, patris
nicht den Spuren des Vaters. haud vestigis terit.
Betet, ihr Brüder, und spart auch Orate, fratres, lacrymis nec
nicht die Tränen, ihr Mütter! parcite matres!
Täuschung ist ja sein Name, der Fallit in hoc nomen
frohe Regierung verheißet. laeti regiminis omen.
Nichts bleibt vom Guten zurück: Nil superest boni:
ziehet aus, ihr alten Bewohner! veteres migrate coloni!
80) Und entseelt liegt er da, Et jacet exstinctus,
zerbrochen von außen, wie foris quassatus et intus.
innen[92].
Bald braust ein Jüngling daher, Mox juvenis fremit,
die große Gebärerin seufzet, dum magna puerpera gemit.
Doch wer könnte den Staat wieder Sed quis turbatum
aufbaun nach solcher poterit refingere statum?
Zerrüttung?
Nehmen wird er die Fahne, doch Vexillum tanget, sed
grauses Schicksal beklagen: fata crudelia planget:
Während der Südwind weht, will Flantibus hinc austris,
sein Leben vertraun er den vitam vult credere
Klöstern[93]. claustris.
(Meinhold übersetzt:
»Weht es im Süden hierauf, will
Leben er borgen den Klöstern«).
85) Der ihm als Schlechtesten folgt Qui sequitur, pravos
ahmt nach böse Sitten der imitatur pessimus avos.
Väter,
Hat weder Kräfte des Geists, Non robur menti,
noch Gottesfurcht lebt jetzt non adsunt Numina genti.
im Volke;
Der, des Hilf’ er begehrt, wird Cujus opem petit,
feindlich entgegen ihm treten, contrarius hic sibi stetit:
Und er im Wasser sterben, das Et perit in undis,
Oberste kehren zu unterst[94], dum miscet summa profundis.
Blühen wird aber sein Sohn und Natus florebit; quod
erhalten, was nie er gehofft non sperasset, habebit:
hat,
90) Doch sein trauriges Volk wird Sed populus tristis
weinen in selbigen Zeiten. flebit temporibus istis.
Denn von erstaunlicher Art Nam sortis mirae
scheint sich das Schicksal videntur fata venire,
zu nahn.
Und es ahnt nicht der Fürst, Et princeps nescit,
welch neue Macht da quod nova potentia
heranwächst[95]. crescit.
Endlich führet der Letzte von Tandem sceptra gerit, qui
diesem Stamme das Zepter. stemmatis ultimus serit:
Israel, wagt eine Tat, Israël infandum scelus
unaussprechlich, mit dem Tod audet, morte piandum.
nur zu sühnen[96].
95) Und die Herde der Hirt, Germania Et pastor gregem
den König erhält nun[97], recipit, Germania regem.
Jegliches Unglück vergißt die Marchia, cunctorum
Mark nun völlig und gänzlich, penitus oblite malorum,
Wagt es die Ihren zu pflegen, Ipsa suos audet
kein Fremdling darf mehr fovere, nec advena gaudet,
frohlocken.
Und von Lehnin und Chorin Priscaque Lehnini
ersteht die alte Bedachung, surgunt et tecta Chorini,
Und die Geistlichkeit glänzt Et veteri more
nach alter Weise in Ehren clerus splendescit honore,
100) Und es stellet kein Wolf mehr Nec lupus nobili
nach dem edlen Schafstall plus insidiatur ovili.
II. Kommentar
Wie bereits kurz erwähnt, wird die Lehninsche Prophezeiung als Werk
eines Bruders Hermann aus dem Zisterzienserkloster Lehnin in der Mark
Brandenburg ausgegeben, bzw. gibt sich selbst als solche aus. Wenn sich
auch zahlreiche Abschriften der 100 leonischen Verse erhalten haben,
so existiert doch keine, die in die mittelalterlichen Jahrhunderte
hinaufreicht.[98] Vielmehr gehen die ältesten existierenden
Handschriften auf das Ende des 17. Jahrhunderts – etwa 1690 – zurück.
Im Druck erschien das Vaticinium Lehniense zuerst von G. P. Schulz
bis auf 4 Verse vollständig in »das gelahrte Preußen II. Teil S. 290«
(Königsberg 1723), dann, ohne Angabe des Druckortes, im Jahre 1741 und
hierauf noch außerordentlich oft.
Legt das Fehlen alter Handschriften schon den Gedanken nahe, es handle
sich insofern um eine Fälschung, als einer neueren Dichtung aus
irgendwelchen Gründen ein wesentlich höheres Alter zugeschrieben wurde,
so wird diese Vermutung noch durch zwei andere Momente gestützt.
Erstens sind die »Prophezeiungen« aus den mittelalterlichen
Jahrhunderten (Vers 1–75), wenn auch häufig verschwommen in der
Fassung, so doch inhaltlich ausnahmslos zutreffend, während die
neuzeitlichen (Vers 76–100) zum Teil falsch sind. Das legt den
Verdacht nahe, daß es sich für die älteren Zeiten um ein Vaticinium
post eventum handelt, d. h. daß der Verfasser seine historischen
Kenntnisse =nachträglich= in die Form einer Prophezeiung kleidete.
Es sei nicht verschwiegen, daß sich hiergegen auch in der Literatur,
die außerordentlich reich ist[99], Stimmen erhoben haben, die für
die Authentizität auch des ältesten Teiles und die Verfasserschaft
eines der im 13. Jahrhundert in Lehnin nachweisbaren Äbte mit dem
Namen Hermann eintreten[100]. Besonders seien hier genannt: Wilhelm
=Meinhold=, Die Lehninsche Weissagung, Leipzig 1849, Neuausgabe
von Paul Majunke, Regensburg 1896. Ferner Johannes =Ponk= (=Knop=),
Schrammen-Lehnin. Untersuchung, ob in dem Schriftchen: »Des seligen
Bruders Hermann aus Lehnin Prophezeiung über die Schicksale und
das Ende der Hohenzollern von Johannes Schrammen« die Lehninsche
Prophezeiung unwiderleglich als Fälschung nachgewiesen ist. Regensburg
1896. Daß ausschließlich kirchliche Kreise bisher Verteidiger stellten
macht umso mißtrauischer als, worauf wir noch zurückkommen werden, die
Prophezeiung zweifellos der Kirche und zwar der katholischen Kirche
wohl will.
Anderseits darf man nicht vergessen, daß alle weltlichen Gelehrten und
Schriftsteller von dem ungeprüften Dogma ausgehen, daß Prophezeiungen
unmöglich sind, während die Kirchen deren Möglichkeit zugeben, ohne im
einzelnen Falle für die Wirklichkeit offiziell einzutreten. Wenigstens
nicht für die Wirklichkeit der nachevangelischen Prophezeiungen, die
uns ja in unserer Untersuchung allein interessieren. Deshalb ist – so
merkwürdig es klingen mag – in dieser Frage die Kirche aufgeklärter –
ja freiheitlicher als die profane Wissenschaft. Denn der dogmatischen
Gebundenheit der letzteren mit ihrem Zwange die Möglichkeit der
Prophetie a limine abzulehnen und als Schwindel oder Zufall zu
erklären, steht das kirchlicherseits gewährte Prüfungsrecht, jedes
einzelnen derartigen Phänomens gegenüber bei gleichzeitigem Zwange
die Möglichkeit der Prophetie prinzipiell anzuerkennen. Da also der
Kirchengläubige das Recht der unbeschränkten Prüfung besitzt, der
»voraussetzungslose« Gelehrte aber verwerfen muß, so ist in diesem
Falle dem ersteren von vorn herein mehr Vertrauen entgegenzubringen.
Das zweite für die Abfassung der Weissagung in späteren Jahrhunderten
sprechende Moment ist der in ihr zutage tretende tendenziöse Geist. Es
war überhaupt das Unglück dieser Prophezeiung, daß sie, statt ruhiger
wissenschaftlicher Prüfung unterzogen zu werden, seit je Parteizwecken
dienen mußte. Waren es z. B. im Jahre 1848 die Demokraten, die
frohlockend auf den Sturz des preußischen Königtums hinwiesen, so waren
es seit dem Kulturkampf die Ultramontanen, die den Sieg des Papsttums
aus den Worten des Sehers ableiteten.
Sehen wir uns die Schrift mit Rücksicht auf die in ihr waltende Tendenz
näher an, dann werden wir die merkwürdige Beobachtung machen, daß zwar
jeder Kommentator von ihr spricht, aber auch fast jeder eine andere in
ihr findet.
Während der Pfarrer J. C. Weiß in Lehnin bereits im Jahre 1746 durch
das Buch »Vaticinium metricum D. F. Hermanni in Lenyn ...« die Schrift
widerlegte, war es das Ziel späterer Forscher den Verfasser zu
ermitteln und das besonders aus der Tendenz des Gedichtes heraus.
Wilken erklärte, 1827 von König Friedrich Wilhelm III. mit
Nachforschungen betraut, den im Jahre 1693 verstorbenen
Kammergerichtsrat Martin Friedrich Seidel für den Autor. Das bestreitet
u. a. Giesebrecht, weil Seidel weder Katholik, noch Feind des Hauses
Hohenzollern gewesen, gegen das die Weissagung als Schmähschrift
gerichtet sei. Giesebrecht macht dafür einen ehemaligen Rittmeister
Oelven namhaft.
Heffter entgegnet mit anderen, daß der Verfasser des Gedichtes
keineswegs Katholik gewesen sein müsse und bestreitet auch die
antihohenzollernsche Tendenz. Daß andrerseits die Tatsache, daß Seidel,
der sich im Besitze einer Abschrift befand, zu einzelnen Versen Zusätze
gemacht hat – z. B. zu Vers 95, daß innerhalb fünfzig Jahren kein
Reformierter und innerhalb hundert Jahren kein Lutheraner mehr in der
Mark sein würde, sondern nur mehr Katholiken – kein Beweis für seine
Autorschaft ist, liegt allerdings auf der Hand. Uns interessiert am
meisten, daß die Vertreter Seidels in dem Verfasser einen Protestanten
sehen, der unmutig über die damaligen relativ toleranten Maßregeln
der brandenburgischen Regierung, seinen lauen Glaubensgenossen das
künftige Schicksal der Mark in kirchlicher Beziehung habe vor Augen
führen wollen und zu dem Zweck die Maske eines prophetischen Katholiken
angenommen habe.
Andere glauben einen gewissen Andreas Fromm identifizieren zu können.
Fromm war Probst zu St. Petri in Berlin bis 1666, wurde dann seines
Amtes entsetzt, trat 1668 in Prag zum Katholizismus über und erhielt,
trotz seiner Verheiratung daselbst ein Dekanat, dann zu Leitmeritz
ein Kanonikat. Das Vaticinium wäre dann nichts als ein Racheakt. Er
starb, etwa siebzigjährig, im Jahre 1685. Dagegen wird angeführt,
daß er dazu zu früh gestorben sei, da die wirkliche Abfassung in
die Jahre 1691 oder 1692 falle, ferner, daß der Verfasser ja nicht
durchaus ein Katholik gewesen sein müsse. Was den Einwurf des frühen
Todes betrifft, so ist er genau genommen eine petitio principii, da
wir die Entstehungszeit des Gedichtes keineswegs genau kennen. Das
einzige, was wir in dieser Hinsicht mit Bestimmtheit wissen, ist der
von Gieseler[101] erbrachte Nachweis, daß die =Weissagungen spätestens
seit 1693 bekannt sind=. Ferner ist es richtig, daß das ausgehende 17.
Jahrhundert zu weissagen liebte. Aber das ist keine Spezialität dieser
Zeit, denn das ganze Mittelalter hatte dieselbe Neigung.
Andere sehen in der Prophezeiung eine Staatsschrift gegen den
Kurfürsten Friedrich III., nachmaligen ersten König von Preußen,
unter Billigung seiner Stiefmutter gerichtet in der Absicht den
großen Kurfürsten zur Enterbung seines ältesten Sohnes zu Gunsten des
Markgrafen von Schwedt zu bestimmen.
Nach Heinrich Pröhle[102] ist der Grundgedanke der Weissagung
keineswegs der Haß gegen die Hohenzollern, sondern das Verlangen nach
einer Rückgabe der geistlichen Güter. Das Thema sei das Glück der
Mönche, das, wie das Kloster Lehnin zeige, immer wieder im Wechsel der
Zeiten zum Vorschein komme. Für den Verfasser hält Pröhle – wie schon
früher Gieseler – den Abt von Huysburg, von Zitzwitz. (Geb. 1643, gest.
1704).
Ist diese Vermutung richtig, dann wäre die ganze Prophezeiung
entstanden, weil im Jahre 1691 Lehnin eine Kolonie reformierter
Schweizer erhielt. Das soll den zum Katholizismus übergetretenen
Zitzwitz empört haben. Andrerseits wäre es auch eine Zurücksetzung der
lutherischen märkischen Bauern gewesen. Zitzwitz soll bei Abfassung des
Vaticinium Virgils Hirtengedichte nachgeahmt haben. Guhrauer vermutet
einen Jesuiten Friedrich Wolf († 1708) als Autor.
Uns ist es recht gleichgültig, wer der Verfasser der Prophezeiungen
war. Feststellen wollen wir aber, daß kein genügender Gegenbeweis
für das hohe Alter des Vaticinium erbracht ist, wenn es auch sehr
wahrscheinlich ist, daß es erst am Ausgang des 17. Jahrhunderts,
keinesfalls später, entstand. Ferner, daß aus der Unsicherheit des
Verfassers sowohl wie seiner Tendenz hervorgeht, daß es keineswegs so
überaus leicht ist die Weissagung als Fälschung zu brandmarken.
Mir scheint sogar die Strittigkeit der Tendenz die Vermutung nahe zu
legen, daß eine solche überhaupt =nicht= vorhanden ist. Das schließt
ja gewiß nicht aus, daß der Verfasser, auf dem Boden einer bestimmten
Weltanschauung stehend, die Dinge durch eine konfessionelle Brille
betrachtet. Aber braucht das in gehässiger Absicht zu geschehen?
Ist der Gedanke so unerhört, daß jemand aus keinem anderen Grunde
prophezeit als dem, die Wahrheit zu entschleiern? Jedenfalls können wir
das annehmen.
Da das für uns einzig wertvolle der Nachweis ist, daß es zu allen
Zeiten mit Sehergabe ausgerüstete Menschen gab, ihr Name aber recht
gleichgültig ist, so lassen wir uns nicht auf irgendwie strittige
Momente ein, sondern konzedieren den Gegnern sowohl die Abfassung am
Ende des 17. Jahrhunderts, als auch die katholische Richtung. Nicht
weil wir beides für bewiesen hielten, sondern lediglich weil es wenig
Wert hat sich mit Fragen aufzuhalten, deren unumstößlich richtige
Beantwortung kaum möglich ist.
Selbst mit der obigen Einräumung bleiben immerhin noch reichlich zwei
Jahrhunderte, für die geweissagt wird, ohne daß die Möglichkeit eines
Schwindels gegeben wäre.
Wir haben bereits früher die historischen Tatsachen notiert, die auf
die Weissagungen bezogen werden können. Daß dazu etwas guter Wille
nötig ist, sei keineswegs geleugnet. Aber ihn brauchen wir naturgemäß
bei jeder Auslegung, und das um so mehr, je dunkler der Text ist. Wir
bestreiten aber ausdrücklich, daß hierzu mehr bona fides unsererseits
nötig ist, als beim Gegner mala fides, um das Unsinnige des Vaticinium
zu beweisen. Ja, wir gehen so weit, zu behaupten, daß eine Reihe von
Vorhersagen nur durch Unwissenheit oder Gehässigkeit mißzuverstehen
sind. Denn da nun einmal das profane Dogma zu Recht besteht, daß ein
Enthüllen der Zukunft unmöglich sei, wird jede Beweisführung mit dem
Endziel und der unausgesprochenen Voraussetzung geführt, daß alles
Geweissagte falsch sein müsse.
Nichts liegt uns, die wir ohne jegliche Tendenz an die Prüfung des
Phänomens herantreten und nicht, wie die Gegner behaupten werden, uns
zum Anwalt der Prophetie machen, weil wir a priori ihre Richtigkeit
voraussetzen, sondern im Gegenteil, weil a potiori sie uns beweisbar
und bewiesen dünkt, ferner als die These, alles, was prophezeit sei,
müsse auch eintreffen. Im Gegenteil zögern wir nicht, zuzugeben, daß
sowohl die Vorhersage, der elfte im Stammbaum werde auch der letzte
protestantische Herrscher aus dem Hause Hohenzollern sein, falsch ist,
als auch die andere, daß Deutschland zum Katholizismus zurückkehren
wird, sich bis dato nicht erfüllt hat und auch hoffentlich nie erfüllen
wird.
Das hindert aber nicht, die verblüffende Übereinstimmung der Weissagung
mit vielem, was sich später ereignete, anzuerkennen. Daß auch die
zünftige Geschichtsschreibung so ein unbestimmtes Gefühl hat, geht
schlagend aus der Tatsache hervor, daß man am liebsten das ganze
Vaticinium als nachträglich konstruiert hinstellen möchte und mit
Bedauern nur anerkennt, daß es unbedingt spätestens im Jahre 1692 in
der vorliegenden Form abgefaßt war.
Ein sehr wichtiger Punkt ist noch vorauszuschicken: Wir nehmen an,
daß die Verse 72 und 73 sich auf den Großen Kurfürsten beziehen,
was ja auch die Gegner zugeben. Während diese aber noch die beiden
folgenden ihm zuschreiben, geben wir sie mit Meinhold und anderen
Friedrich I. Und zwar nicht allein deshalb, weil nur auf diese Weise
das Folgende einen Sinn, und zwar einen erstaunlich zutreffenden Sinn
erhält. Wiewohl auch dieser Grund völlig zulässig wäre. Denn wie jeder
Herausgeber eines alten Schriftstellers so lange Konjekturen macht – und
oft was für welche! – und deutelt, bis sein Autor etwas Vernünftiges
sagt, so besteht gar kein Grund, dieses Recht dem Interpreten einer
Weissagung zu beschneiden. Um so weniger, als kein Wort verändert, noch
ein Vers umgestellt werden muß.
Wir sind noch deshalb hierzu vollauf berechtigt, weil Vers 73 von einem
princeps spricht, während Vers 74 ausdrücklich den Regens, denjenigen,
der Rex ist – wie die wohlwollende Interpretation um so eher annehmen
kann, je mehr sie den Standpunkt vertritt, die Prophezeiung stamme
erst aus dem Ende des 17. Jahrhunderts – nennt und dazu in Gegensatz
stellt. Auf Friedrich I. beziehen sich dann also die Verse 74 und 75,
die folgenden 76–80 aber auf den Soldatenkönig. Daß aber Vers 78 wieder
von regimen spricht, ist ein weiterer Hinweis darauf, daß der Seher die
Erhebung Preußens zum Königreich im Auge hatte.
Die Gegner beziehen, mindestens ebenso übelwollend wie wir wohlwollend,
die vier Verse von 72–75 auf den Großen Kurfürsten, ohne sich am Worte
Regens zu stoßen. Daß dann alle weiteren Verse bis zum Schluß Unsinn
enthalten müssen, und das um so mehr, je präziser und verblüffender
ihre Angaben sind, das stört sie nicht nur nicht, ist im Gegenteil
gerade das Motiv, das sie zu dieser Zuteilung veranlaßte.
Auch auf einem Umwege, Majunke folgend, kommen wir zu demselben
Resultat. Wir argumentieren dann: die konkreten Tatsachen der Verse
72 und 73 deuten, was noch niemand bestritt, zweifellos auf den
Großen Kurfürsten. Ebenso die konkreten Tatsachen des Verses 77,
der Jammer im Lande über das brutale Aushebungssystem, auf Friedrich
Wilhelm I. Also müssen – allerdings unter einer Voraussetzung, die
wir =nicht= teilen, daß nämlich jede Prophezeiung eintreffen =müsse=
– die dazwischen liegenden Verse auf den ersten König Preußens
bezogen werden. Das ist ja gewiß nicht zwingend, aber es erhöht die
Wahrscheinlichkeit für die Richtigkeit unserer Zuteilung. Und dies um
so mehr, als das nunmehr in allen wichtigen Punkten – von dem bereits
erwähnten Irrtum bezüglich der elften Generation abgesehen – mit den
historischen Tatsachen harmonierende Vaticinium gewiß den Anspruch
erheben darf, nicht sinnwidrig ausgelegt zu werden. Wenn wir auch
keinem Menschen Unfehlbarkeit einräumen, so werden wir doch bei einem
als klug bekannten Manne jedem Ausspruch mehr Beachtung schenken, als
bei einem Toren und sogar in gewissen Fällen geneigt sein, bei Worten,
die uns anstößig erscheinen, den Fehler eher bei uns, als beim andern
zu suchen. Diesen Analogieschluß fordern wir auch für das Vaticinium.
Daß Vers 80 nur teilweise auf den Soldatenkönig paßt, sei nicht
geleugnet. Der Seher sah eben nicht nur bisweilen falsch, er sah auch
manchmal unklar, wie das ja bei Weissagungen sehr häufig ist.
Dies berücksichtigt muß jeder, der tendenzlos an die Weissagung
herantritt, zugeben, daß ihr Inhalt in ganz wunderbarer Weise von der
späteren Geschichte bestätigt wurde.
Friedrich der Große ist nicht minder treffend charakterisiert, wie
sein Neffe und Nachfolger Friedrich Wilhelm II., auch wenn man nicht
zugeben wollte, daß er im Wasser gestorben ist. Desgleichen Friedrich
Wilhelm III., dessen Regierung bedeutend günstiger endete, als er es
nach seinen Fähigkeiten und der politischen Konstellation Europas je
hätte hoffen dürfen. Und zwar, wie das Vaticinum ganz richtig andeutet,
durch eine neu heranwachsende Macht, nämlich durch den Patriotismus
eines Volkes, das sich mündig zu fühlen beginnt.
Der letzte des Stammes, Friedrich Wilhelm IV., soll nicht heißen der
letzte Hohenzoller, wie aus Vers 49 hervorgeht, sondern der letzte
Protestant. Denn das durch das verruchte Weib in die Familie getragene
und elf Generationen fortwirkende Gift, ist ja der Protestantismus. Daß
die Hohenzollern noch heute Protestanten sind, ist hinlänglich bekannt.
Trotzdem stimmt die Prophezeiung wunderbar in anderer Beziehung, da
Friedrich Wilhelm der letzte absolute Beherrscher Preußens war. Wer
aber das wichtigste Ereignis in der Regierungszeit dieses hochbegabten
Monarchen angeben wollte, würde die Revolution des Jahres 1848 nennen
müssen mit ihren konstitutionellen Folgen. Und mit diesem Ereignis sind
tatsächlich die beiden einzigen Verse, die von diesem König handeln,
Vers 93 und 94, ausgefüllt.
Und wer wird endlich die verblüffende Wahrheit des 95. Verses leugnen
wollen? Hier ist ja mit klaren und deutlichen Worten, ohne jede
symbolisierende Einkleidung, die Neuerrichtung des deutschen Reiches
unter Wilhelm I. vorhergesagt. Diesen Vers hatte übrigens bereits
Seyler in seiner im Jahre 1741 zu Frankfurt und Leipzig erschienenen
Schrift: »Weitere Ausführung derer ohnlängst bekannt gewordenen, und
jetzo in einem Zusammenhang gebrachten, auf das allerdurchlauchtigste
Königliche Haus Preußen und dessen noch bevorstehende glückliche Fata,
abzielender, nachdenklichen, wundersamen und =in gegenwärtigen Zeiten
eingeschlagenen= Weissagungen usw.« richtig interpretiert. Allerdings
glaubte er – was er ja nach der damaligen politischen Konstellation
auch glauben mußte – ein König von Preußen würde zum römischen Kaiser
erwählt werden.
Sind wir also auch der Ansicht, daß es sich in diesem Vaticinium um
eine Weissagung handelt, deren Inhalt in einer stattlichen Reihe
von Punkten in Erfüllung gegangen ist, so ist damit allerdings
noch nichts über die Gründe dafür gesagt. Mancher, der unserer
Ansicht in materieller Beziehung beipflichten wird, mag den Zufall
als Erklärungsgrund zur Hilfe nehmen. Wir sind nicht in der Lage
diesen Skeptiker zu widerlegen. Aber wir halten es für höchst
unwahrscheinlich, daß eine so lange und komplizierte Reihe von
Vorhersagen durch weiter nichts als den Zufall in Erfüllung gegangen
sein soll.
Doch wollen wir vorläufig das Urteil hierüber noch dem Leser überlassen.
Fahren wir in unserem Beweise fort. Wir gingen von einzelnen
Prophezeiungen, bei denen Zufall oder Berechnung eine mehr oder minder
große, bisweilen ausschlaggebende Rolle spielen können, aus, um im
Vaticinium lehniense eine ganze Reihe von Vorhersagen =derselben=
Person, anzuführen, und finden, daß die große Mehrzahl der Vorhersagen
in Erfüllung ging. Allerdings haben wir es hier mit Versen, also mit
stilisierten Visionen zu tun, was in mancher Hinsicht freilich ihre
Realisierung desto erstaunlicher macht.
Gegen das Vaticinium lehniense kann der Einwand erhoben werden, man
kenne noch nicht einmal den Verfasser – wiewohl das sachlich ja gar
nichts ändert – auch die Interpretationen stammten nicht vom Seher
selbst, sondern zum Teil von uns. Deshalb wollen wir im folgenden das
Rohmaterial einiger Personen anführen, deren historische Persönlichkeit
völlig einwandfrei identifizierbar ist und die womöglich selbst ihre
Visionen deuteten.
Fußnoten:
[75] Übersetzt in Anlehnung an Wilhelm =Meinhold=. Die Lehninsche
Weissagung, Neuausgabe von Paul Majunke, Regensburg 1896, S. 156 ff.
Die Anmerkungen sind zum Teil Meinhold (S. 172–234) entnommen, zum Teil
=M. W. Heffter=, Die Geschichte des Klosters Lehnin, Brandenburg 1851,
S. 95 ff.
[76] Lehnin wurde im Jahre 1180 vom Markgrafen Otto I. aus dem Hause
der Askanier, dem Vater Albrechts des Bären, begründet. Das Haus ging
1313 unter, tatsächlich sehr schnell (V. 10), da Leutinger (Topograph.
March. Tom. II, Opera 1119 nov. edit.) erzählt, daß neunzehn Fürsten
aus diesem Stamme innerhalb zweier Jahre gestorben seien. Der letzte
war Waldemar.
[77] Die »Höhle der Löwen«, da sowohl die Wittelsbacher, die von
1323–1373 über die Mark herrschten, als auch die Luxemburger, von
1373–1415 Herren der Mark, den Löwen im Wappen führen. Der 16. Vers
bezieht sich auf den sogenannten falschen Waldemar, der 1319 die Leiche
eines fremden Mannes als die seinige hatte begraben lassen und nach
Jerusalem pilgerte. Den nach 28 Jahren Zurückgekehrten erkannte fast
das ganze Land an, auch Kaiser Karl IV., der ihn am 3. Oktober 1348
feierlich zum zweiten Male mit allen Landen, die er früher besessen
hatte, belehnte. Da der junge Ludwig dagegen sich auflehnte, entbrannte
ein vierjähriger Kampf, bis sich Waldemar nach Dessau zurückzog.
[78] Bezieht sich vielleicht auf den Einfall der Polen und Littauer in
die Mark 1326. Ob Chorin, ein um 1272 angelegtes Tochterkloster von
Lehnin, dabei berührt wurde, läßt sich nicht feststellen. Meinhold
glaubt dagegen, die »Fremdlinge« seien Karl IV., der mit seinen Söhnen
Wenzel und Sigismund 1374 nach Chorin kam, und die in Bruderzwist
geratenen Wittelsbacher Otto, Stephan und Friedrich, drei Brüder gleich
den drei Häuptern des Cerberus, bändigte, indem er seinem Schwiegersohn
Otto die Mark für 200000 Dukaten abkaufte.
[79] Da Karl die Mark bald verließ, Sigismund sie gar an Jobst von
Mähren, der sie schamlos ausbeutete, verpfändete, der Adel (Quitzow,
Jagow, Bredow usw.) sein Unwesen trieb, so ist das düstere Bild
historisch.
[80] V. 27–34 betreffen Friedrich I. von Hohenzollern, seit 1415
Markgraf von Brandenburg († 1440), der durch Unterwerfung des
Adels (Wölfe) natürlich auch die Untertanen (Schafe), wenigstens
vorübergehend, schädigte. Ob Meinhold (S. 182) das Richtige trifft,
wenn er longaeva dierum adverbaliter auffassend, übersetzt: »dein Stamm
wird nach langen Zeiten mit geringer Gewalt die väterlichen Fluren
beherrschen«, als Vorahnung der Konstitution des 19. Jahrhunderts,
lassen wir dahingestellt. Grammatikalisch dürfte diese Übersetzung
zulässig sein.
[81] Nach dem Recht der Erstgeburt wäre Friedrichs Nachfolger sein Sohn
Johann der Alchymist gewesen. Friedrich aber bestimmte ihn, zugunsten
des tapferen Friedrich II. zu verzichten. »Ermüdet« durch immerwährende
Kriege zog er sich auf die Plassenburg zurück, nachdem er seinem
jüngeren Bruder Albrecht die Regierung übergeben hatte. Er starb am 11.
Februar 1471. Die Lesart bustum (Grab) könnte als Anspielung darauf
gedeutet werden, daß Friedrich II. und Johann im gleichen Kloster
Heilsbronn bestattet wurden. (Vers 35–38.)
[82] Albrecht Achilles folgte »zur Zeit des Todes« – 1472 war eine
heftige Pest – seinem Bruder. Seine Fehden gegen Nürnberg (»den Berg«)
sind bekannt. Er konnte kaum das kleine Heersbrück (»die Brücke«)
erobern. Vielleicht ist hier auch eine Anspielung auf seine Niederlage
bei Brück an der Rednitz gemacht. Er war einer der prunkliebendsten
Fürsten seiner Zeit. Lehnin hat er nichts getan, wohl aber mit zwei
Bischöfen, dem von Würzburg und dem von Bamberg, in Fehde gelegen. Er
starb 1486. (Vers 39–42.)
[83] Johannes Cicero, Freund der schönen Künste und sehr beredt.
Er soll durch seine Rednergabe die Versöhnung des römischen Königs
Matthias mit den Königen Kasimir von Polen und Wladislaw von Böhmen
vermittelt haben. Kurz vor seinem Tode (1499) ermahnte er seine Söhne,
guttätig, gottesfürchtig, gerecht und treue Stützen ihrer Untertanen zu
sein, denn – so heißt es am Schlusse des noch erhaltenen Briefes: »lebt
und regiert ihr gerecht, so werden euch die Guten lieben, und die Bösen
fürchten, und unsterblicher Ruhm wird euer Teil werden.« Das ging in
Erfüllung, da beide Söhne Kurfürsten wurden: Joachim von Brandenburg
und Albert Erzbischof von Mainz. (Vers 43–46.)
[84] Gemeint ist die Kurfürstin Elisabeth, Gemahlin Joachims I.,
Tochter Königs Johann von Dänemark, die der Reformation (»traurige
Pest«) zuneigte. Tatsächlich dauert das »Gift« schon länger als 11
Generationen, denn folgende Hohenzollern sind protestantisch gewesen
bzw. sind es noch heute: Johann Georg, Joachim Friedrich, Johann
Sigismund, Georg Wilhelm, Friedrich Wilhelm (der Große Kurfürst),
Friedrich I., Friedrich Wilhelm I., Friedrich der Große, Friedrich
Wilhelm II., Friedrich Wilhelm III., Friedrich Wilhelm IV. (als
elfter!), Wilhelm I., Friedrich III. und Wilhelm II. Bis heute also
14 Generationen. Aber selbst wenn wir die Kinderlosen Friedrich den
Großen und Friedrich Wilhelm IV., weil genau genommen keinen Stammbaum
(Stemma) bildend, streichen, sind es bereits 12 Generationen. Stimmt
also diese Prophezeiung auch nicht wörtlich, so ist sie doch richtig
hinsichtlich der langen Reihe protestantischer Herrscher. Diese ließ
sich um so weniger voraussehen, als inzwischen das Glaubensbekenntnis
der deutschen Herrscherfamilien stark gewechselt hat. Man denke an die
protestantischen pfälzischen Wittelsbacher, deren Nachkommen heute
als katholische Könige herrschen, ferner an den Glaubenswechsel im
Königreich Sachsen, den bevorstehenden in Württemberg usw. (Vers 46–49.)
[85] Joachim II. trat mit seinem Lande dem Protestantismus bei, hob
1542 die Klöster, auch Lehnin, auf, brach den seinem Vater geleisteten
Eid, dem Katholizismus treu zu bleiben, und führte ein lockeres Leben.
Er starb 1571. (Vers 50–54.)
[86] Johann Georg setzte die Reformation fort, befehdete die
Calvinisten und war schwach. Er starb im Pestjahr 1598 in seinem
prächtigen Schloß zu Köln an der Spree. (Vers 55–59.)
[87] Joachim Friedrich war der erste in Berlin geborene Kurfürst, ein
eifriger Anhänger des Luthertums, der, mit Recht, den Übertritt seines
Sohnes zum verhaßten Calvinismus befürchtete. Er starb 1608. (Vers
60–62.)
[88] Joachim Sigismund trat zum Calvinismus über (eine Erfüllung
des Vers 58) und verursachte durch sein dahingehendes Edikt viel
Verstimmung, mehr aber noch durch die Ohrfeige, die er 1613 dem
Pfalzgrafen von Neuburg in Wesel bei der Tafel gab. Der Prophet hält
(Vers 66) den Calvinismus für noch schlechter als das Luthertum. Der
Kurfürst konnte seine Ansprüche auf das Jülische Erbe nicht voll
durchsetzen und litt unter der Übermacht der Städte. Er starb 1620.
(Vers 63–67.)
[89] Georg Wilhelm war ein schwacher Fürst, unter dessen zwischen den
Schweden und dem Kaiser schwankenden Regierung das Land durch den
Dreißigjährigen Krieg schwer litt. Sein Vertrauen zum allmächtigen
Grafen Adam von Schwarzenberg, dem österreichischen Gesandten am
Berliner Hof, schädigte das Land. Der Kurfürst starb am 21. November
1690, schon 3½ Monate später Schwarzenberg (4. März 1691), der
allerdings nicht sein Diener war. »Schamlos« wird er wohl genannt, weil
er Gustav Adolf nicht energisch begegnete. (Vers 68–71.)
[90] Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst, in der Prophezeiung
interessanterweise »groß« genannt, hat tatsächlich sein Land bedeutend
vergrößert, nämlich um etwa 30000 qkm. Die dritte Burg (Nürnberg,
Brandenburg) wäre das im Westfälischen Frieden zu Preußen geschlagene
Magdeburg. Der Große Kurfürst starb 1688. (Vers 72–73.)
[91] Diese Verse könnten auf den klugen Kurfürst Friedrich III., als
König Friedrich I. Anwendung finden, sind allerdings sehr verschwommen.
Daß er Preußen zum Königreich erhob, hätte immerhin betont werden
können. Allerdings scheint das Wort Regens (statt des sonstigen
dominus, heros, princeps) eine Anspielung auf die Königswürde zu
enthalten. (Vers 74–75.)
Übrigens darf nicht verschwiegen werden, daß nicht notwendigerweise die
Verse 72–75 auf zwei Herrscher bezogen werden müssen, doch ist es nach
dem Wortlaut der Prophezeiung zulässig.
[92] Friedrich Wilhelm I., Sohn des Vorigen, trat allerdings nicht in
die Fußtapfen des Vaters, was aber sicherlich für Preußen kein Unglück
war. Der Name täuschte insofern, als Friedrich Wilhelm bekanntlich ein
Soldatenkönig war. Seine brutale Werbemethode mag auch die Tränen der
Mütter erklären. Voltaire meinte, die damalige Türkei sei ein wahrer
Freistaat gegen das damalige Preußen gewesen. Der König, der 1740 an
der Wassersucht starb, war allerdings sehr entstellt, aber keineswegs
innerlich gebrochen. Mag es damals in Preußen auch barbarisch und
ungemütlich zugegangen sein, so steht doch fest, daß Friedrich Wilhelm
das Schwert schmiedete, dessen sein Sohn sich bediente. (Vers 76–89.)
[93] Die Verse 83–84 beziehen sich auf Friedrich den Großen, der als
achtundzwanzigjähriger Jüngling den Krieg mit Maria Theresia, der
»großen Gebärerin«, die damals mit Joseph II. in der Hoffnung war und
im ganzen 15 Kinder hatte, begann. Die schweren Leiden des Staates
im Siebenjährigen Kriege sind hinlänglich bekannt. Was das Beklagen
des »grausen Schicksals« betrifft, so schrieb der große König am 28.
Oktober 1760 an den Marquis d’Argens (Hinterlassene Werke, Bd. 10,
S. 292): »Ich habe alle meine Freunde, meine geliebtesten Verwandten
verloren, mich trifft jede nur mögliche Art von Unglück; mir bleibt gar
keine Hoffnung übrig; ich sehe mich von meinen Feinden verspottet, und
ihr Stolz trifft Anstalten, mich unter die Füße zu treten. Ach! Marquis,
Wenn alles uns verläßt, die Hoffnung selber flieht,
Dann wird das Leben Schmach, und eine Pflicht der Tod!«
Daß auch das »Seufzen« der Königin, zumal sie ja geschlagen wurde,
historisch ist, bedarf keiner näheren Ausführung. Was den Südwind
(auster) betrifft, so liegt die Anspielung auf Österreich nahe genug.
Sogar das Kloster spielte eine vorübergehende Rolle in Friedrichs
Leben. Denn im Zweiten Schlesischen Kriege (1745) mußte er, vor
einer Schwadron ungarischer Husaren fliehend, sich im Kloster Kamenz
verbergen. Hier wurde er als Zisterziensermönch verkleidet und unter
die übrigen Mönche im Chor versteckt. König Friedrich Wilhelm IV.
ließ sich im Jahre 1846 noch die Stelle in der Klosterkirche von
Kamenz zeigen, wo Friedrich im Chor als Mönch verkleidet gesessen und
mitgesungen hatte. Flautibus austris mit »vor den heranstürmenden
Österreichern« mit Ponk (Knop) zu übersetzen, will mir doch zu kühn
scheinen, wenn es auch dem Sinne nach sicher richtig ist. Aber wenn
wir sogar »vor den wehenden Südwinden will er sein Leben den Klöstern
anvertrauen« übersetzen, womit wir keinerlei Gewalt antun, ist der Sinn
klar und die Erfüllung buchstäblich eingetroffen.
[94] Friedrich Wilhelm II., der Neffe Friedrichs des Großen – daß hier
der Prophet die Bezeichnung als Sohn, was doch sonst bei ihm die Regel
ist, fortließ, ist auf alle Fälle merkwürdig, zumal Friedrich Wilhelms
Nachfolger in den späteren Versen wieder richtig als Sohn bezeichnet
wird – war tatsächlich ein nach jeder Richtung schlechter Herrscher,
der auch insofern die Sitten der Väter nachahmte, als er an seinem Hofe
eine schamlose Maitressenwirtschaft einführte. Daß die Religiosität
damals wie überall, so auch in Preußen danieder lag – wenigstens wenn
wir unter Religiosität Kirchengläubigkeit verstehen – ist hinreichend
bekannt. Auch die öffentliche Sittlichkeit stand sehr tief. Vgl. Ed.
Vehse, Geschichte des preußischen Volks und Adels. I. Abt., 5. Bd. und
Paulig, Friedrich Wilhelm II., sein Privatleben und seine Regierung.
Vers 87 mag sich auf Kaiser Franz II. beziehen, der sich 1792 am
Kriege gegen Frankreich beteiligte, und im Frieden von Basel, am
5. April 1795, von ihm im Stich gelassen wurde. Friedrich Wilhelm
erleichterte dadurch zweifellos die späteren Erfolge der Franzosen
gegen Deutschland. Massenbach schreibt »Der Staat war seiner Auflösung
nahe«.
Der König starb (1797) tatsächlich im Wasser, nämlich in seinem von
Seen umgebenen Schlosse zu Potsdam an der Wassersucht.
Interessant ist, daß der König sich nicht lange vor seinem Tode die
Lehninsche Prophezeiung kommen ließ, und zwar das älteste Exemplar der
in der Berliner Bibliothek vorhandenen Handschriften. Er gab es nicht
zurück. Es soll das Original der Weissagungen gewesen sein. (Vgl. Otto
Glagau »Kulturkämpfer«, Heft 93, S. 32.) (Vers 85–88.)
[95] Die ersten beiden Verse (89 und 90) passen in erstaunlicher Weise
auf Friedrich Wilhelm III. Denn tatsächlich hat dieser schwache und
unfähige Monarch, nachdem er im Tilsiter Frieden alles Land westlich
der Elbe hatte abtreten müssen, so daß Preußen von 5551 qkm und
8687000 Einwohnern unter seinem Vorgänger auf 2859 qkm mit 4940000
Einwohnern zusammengeschmolzen war, am Ende seiner Regierung wieder
über 5050 qkm mit 10400000 Einwohnern verfügt. Ja, das Rheinland und
einen großen Teil Sachsens hatte er neu gewonnen. Die furchtbaren
Leiden des Volkes während der Napoleonischen und Freiheitskriege sind
hinlänglich bekannt, ebenso, daß das Volk und durchaus nicht der König
die Wiederaufrichtung des Staates ermöglichte. Ferner ist zu beachten,
daß in die Regierung des Königs die Säkularisationen von Klöstern
und Kirchengut fallen, was wenigstens der katholischen Bevölkerung
schmerzlich war. Die neu heranwachsende Macht des Volkes, die sein Sohn
verspüren sollte, ahnte Friedrich Wilhelm III. allerdings nicht. Daß
die Untertanen durch ihr Gut und Blut das Schicksal abwenden und nach
vollbrachter Tat sich ruhig knechten lassen sollten, war seine naive
Auffassung. (Vers 89–92.)
[96] Vers 93 und 94 beziehen sich auf Friedrich Wilhelm IV. Ohne
gewaltsame Interpretation anzuwenden, werden wir finden, daß auch
sie wunderbar zutreffen. Allerdings ist der König nicht der letzte
protestantische Hohenzoller, wohl aber der letzte, der das Zepter
führt im Sinne eines absoluten Monarchen. Denn die Märztage des Jahres
1848, auf die Vers 94 deutlich anspielt, brachten bekanntlich die
Konstitution, die Friedrich Wilhelm III. zwar zu geben geschworen,
aber nicht gehalten hatte, wirklich. Beziehen wir Vers 92 statt auf
Friedrich Wilhelm III., auf seinen Sohn, so trifft es ebenfalls
vortrefflich zu. Denn beide Fürsten hatten keine Ahnung davon, was
für eine Macht im Verlangen des Volkes, sein Schicksal selbst mit zu
bestimmen, heranwuchs.
[97] Am verblüffendsten ist das Eintreffen des 95. Verses: =Das 1871
durch Wilhelm I. errichtete deutsche Kaisertum.=
Ob die folgenden Verse nun in Erfüllung gehen oder nicht, d. h. ob der
Katholizismus wieder ausschließlich herrschen wird, können wir der
Zukunft überlassen. Richtig ist ja leider, daß die Klostergründungen
ebenso wie die Macht des Zentrums in den letzten Dezennien beängstigend
zugenommen haben.
[98] Vgl. =M. W. Heffter=, Die Geschichte des Klosters Lehnin,
Brandenburg 1851, S. 103 ff. Dagegen führt Ponk (Schrammen-Lehnin
S. 15 ff.) eine Reihe von Zeugnissen für die Existenz weit älterer
Handschriften an. Zwingende Beweiskraft hat keines, wenn auch höchst
merkwürdig die Tatsache anmutet, daß die Prophezeiung des P. Speer über
Bayern zum Teil wörtlich mit der Lehninschen übereinstimmt. Da Speer
aber bereits 1632 starb, muß entweder unsere fast ein Jahrhundert älter
sein, als behauptet wird, oder aber der angebliche Hermann hat Speer
kopiert. –
[99] =Sabell=, Literatur der sogenannten Lehninschen Weissagung.
Heilbronn 1879.
[100] Nämlich Hermann I. 1234–1243; Hermann II. 1248–1257 und Hermann
III. bis 1296. Vgl. D. B. Dettmar, Lehnin und seine Fürstengräber,
Regensburg 1885, S. 119.
[101] J. C. L. Gieseler, Die Lehninsche Weissagung gegen das Haus
Hohenzollern als ein Gedicht des Abtes von Huysburg, Nicolaus von
Zitzwitz, aus dem Jahre 1692 nachgewiesen, erklärt und in Hinsicht auf
Veranlassung und Zweck beleuchtet. Erfurt 1849.
[102] Die Lehninsche Weissagung, Berlin 1888, S. VII.
Fünftes Kapitel
Christina Ponitowssken
Unter den außerordentlich zahlreichen vermeintlichen und wirklichen
Sehern des 17. Jahrhunderts verdient die Jungfrau Christina
Ponitowssken schon deshalb Beachtung, weil es gar keinem Zweifel
unterliegen kann, daß sie von der Göttlichkeit ihrer Mission und dem
hohen Wert ihrer Visionen überzeugt war. Was letzteres betrifft, so
sind wir darüber allerdings anderer Ansicht und neben Bewunderern hat
es auch unter ihren Zeitgenossen nicht an solchen gefehlt, die ihnen
allen Wert absprachen[103].
Tatsächlich handelt es sich auch in der Regel um recht allgemeine,
phantastisch verbrämte, biblische Redensarten und Ermahnungen, deren
Unterlassung die Welt nicht aus ihren Gleisen geworfen hätte.
Als Beispiel für die Art der Visionen, aber auch um ihres Inhaltes
willen, den man immerhin auf die Schwedenkriege beziehen kann, sei
nachstehend eine Vision vom 13. Januar 1628 mitgeteilt.
Es sei vorausgeschickt, daß Christina die Tochter eines böhmischen
Geistlichen war, etwa sechzehnjährig in eine schwere Krankheit verfiel
und von da ab zahlreiche Visionen hatte, die im Jahre 1629 im Druck
erschienen. Die erste auf die hin sie dann krank wurde, trat am 2.
November 1627 ein. Sie sah eine blutige Rute am Himmel, deren Stiel
gegen Mitternacht, deren Spitzen aber gegen Mittag gekehrt war.
Daß nach dem Einfall Gustav Adolfs diese Vision als Voranzeige des
Schwedenkrieges, der ja wenige Jahre später ausbrach, gedeutet wurde,
ist nahe liegend.
Die Vision vom 13. Januar lautet[104]:
»Donnerstags hatte ich um 2 Uhr nach Mittage folgendes Gesicht:
Erstlich kam zu mir der HERR, in schöner Gestalt, both mir die Handt,
und sprach: Mein Segen sey mit dir jmmer und zu ewigen Zeiten.
Weiter sprach er: Komm mit mir: Und ich ging mit ihm, gleich als in
einen schönen Garten, da kam zu uns der Alte[105], grüßte mich mit
Handgebung, giengen also spatzieren, der HErr mir zur Rechten, der Alte
zur Linken, ich aber in der Mitten, von ihren beyden Händen geführet:
Da klagte ich dem Alten mein Elend, daß ich nun gantzer 8 Tage meine
Ohren verstopfft, und meine Zunge gebunden hette gehabt, unnd bahte,
daß er mir meine Ohren öffnen, unnd meine Zunge wieder lösen wolte,
weil der HErr, solches zu thun, sich geweigert, und gesaget, Er der
Alte, hette eben die Gewalt als er, weil sie gleich an Macht und Ehren:
Darauff sprach der Alte: Wie bistu doch so ungeduldig, unnd warumb
klagest du also? Ich antwortet: Darumb O HErr ist mein Herz betrübet
gewesen, weil ich gedachte, das were eine Straffe und Züchtigung von
dir, und eine Anzeigung deines Zorns gegen mir, wie ich denn weiß, daß
ich nicht allein zeitliche, sondern auch wol ewige Straffe verdienet:
Er sprach abermal: Worbey merckestu, daß das ein Zornzeichen sey, an
deiner Zunge und an deinen Ohren[106]?«
Überspringen wir die Wechselreden, um zum tatsächlichen Inhalt der
Vision zu kommen: »Mit den Worten ergriff er mich bey der lincken, und
der HERR bey der rechten Hand, und führeten mich an einen Ort des
Gartens, und als bald kam gelauffen ein großer Löw, und von der andern
Seithen her ein anderer, auch sehr groß, daß ich mich sehr fürchte:
Unnd einer war roth der ander blaw, und ein jeder hatte ein sehr großes
Schwerdt in den fördern füßen, auff den hindern aber stunden sie, und
hatten auch sehr lange scharffe und spitzige Klawen. Siehe für dich
sprach der Alte: und siehe, da kam ein überauss großes weißes Pferdt,
auch auff zweyen Füßen her getretten, unnd hatte zween große Köpffe,
in den fördern Füßen aber hilt es eine eisserne glüende Kugel, das
gieng und tratt starck unter sich, daß der Erdbodem erschutterte, als
es aber zu den Löwen nahete, gieng es langsam und mählich, gleich als
wenn es sich für jnen fürchtete, die Löwen aber stunden muthig gegen
einander, und sahen das Pferd an, neigeten auch bissweilen die Köpffe
zusammen, als wenn sie heimlich mit einander redeten, unnd gaben doch
gute Achtung auff das Pferdt: Als nun das Pferdt hart an sie kam,
warff es die Kugel unter sie hin, gleichsam in Hoffnung, wann sie sich
mit einander darumb rauffen würden, es unter dessen ungehindert davon
kommen köndte: aber die Löwen ließen die Kugel ligen, setzen an das
Pferdt, rießen ihm beyde Köpffe herunter, zermalmeten es auch in kleine
Stücklein, redeten abermahls was mit einander, unnd stießen die Kugel
von sich: Unnd der Alte sprach: Siehe ferner, und mercke auff: Und als
bald sahe ich einen Baum, der war hoch und breit, stunde mitten unter
den Löwen, und bedecket sie mit seinen Asten, weil er so groß war: Und
sihe, auff dem Wipffel desselben Baums sahe ich ein Adler sitzen, der
war sehr groß, und hatte 2. Köpffe, 4. Füße, 4. Flügel, 2. Schwäntze,
und ich hörete daß der Adler ein groß Geschrey führete, davon ich aber
nichts verstund, sondern fragte den Alten, warumb, und was doch der
Vogel also schrie? Der Alte sprach: Dieser Vogel ruffet also: Sihe,
ich sitze hoch, und bin erhöhet uber alle, darumb wer ist so keckes
Hertzens, das er keme, und mich von meinem Ort vertreibe? Niemand ist,
es wird auch niemand seyn. Als er aber ausgeredt, tratten die Löwen
zu dem Baum, machten sich dran, rüttelten ihn mit solcher Gewalt, daß
der Vogel herunter fiel, unnd von den Löwen zerrissen unnd verzehret
wurde, eben wie das Pferdt. Abermahl sprach der Alte: Komm noch weiter
mit mir, unnd sie beyde brachten mich zu einem großem Wasser, darbey
abermahl ein uberauss großer Baum stund, der sich sehr aussbreitet: Der
Alte sprach: Merck auff: Unnd siehe, die Löwen kamen wieder, hieben und
hackten in den Baum, zerbrachen und zerspelten ihn mit großem Krachen,
kratzen auch die Wurzeln mit den Klauen auss der Erden, worffen das
alles ins Wasser, und verscharreten die Löcher, da die Wurtzeln
gestanden, unnd vertratens wieder fein glatt, daß kein Anzeigung, wo
der Baum gestanden, uberbliebe. Der Alte sprach weiter: Komm, jetzt
soltu das Ende sehen: Und ich gieng, und sahe ein trefflich schön
unnd wolgebawtes Hauss, von lauter Werckstücken erbawet, und volles
Glantzes: Da fragte ich den Alten, was das für ein schön unnd wol
gebawtes Hauss were? Er antwortet: Diss Hauss ist das Widerspenstige,
stachlichte unnd verstockte Hauss, von außen scheinet unnd glentzet es
zwar, aber innwendig ist es voll Unreinigkeit, Grewel, Boßheit, unnd
aller Gottlosigkeit. =Ist das große Babel, dessen Fall nun vorhanden:
Dann es ist gar unmüglich, daß es lenger solte stehen bleiben, darumb,
daß seine Sünde unnd Missethat nunmehr biss an den Himmel reichen=:
Derohalben mercke fleißig drauff, was geschehen wird. Bald kamen die
vorigen zween Löwen, unnd neben ihnen noch einer schneeweiß: Diese alle
drey fielen das Hauss an, brachen einen Stein nach dem andern herauss,
(der weiße Löw thet allhier das beste) biss das Hauss also untergraben
wurde, daß es uber einen Hauffen fiel, unnd ward zu malmet wie Sandt.
Und die drey Löwen spatzierten auff dem Sande hin und her, und schryen
uber laut: =Babel ist gefallen, Babel ist gefallen: Das große Hauss ist
gefallen: Siehe, das prächtige hochmütige Hauss ist gefallen, und soll
nicht wieder erbawet werden. Es ist vollkömlich das Hauss, so voller
Grewel und Hurerey war, umbgekehret: Doch nicht durch unsere Macht,
sondern durch Krafft des starcken Löwens von dem Stamm Juda=[107].
Mit den Worten giengen die Löwen von einander, und der Dritte kam mir
auch auss dem Gesichte: Unnd bald hernach erhub sich ein starcker
Wind, unnd zerstrewet den Sand so gar, daß nichts davon uberblieb.
Der Alte aber sprach: Hastu gesehen, was da geschehen ist? Ich sagte:
Ja Herr: Ich bitte aber, unterrichte mich, was durch das Pferd, den
Adler, den Baum unnd das Hauss verstanden werde? Er sprach: Durch diss
alles, soltu nichts anderes verstehen, als das große F. unnd P. unnd
den gantzen =Antichristischen Anhang=, welches alles in kurtzer Zeit
uber die massen schnell verderbet, unnd aussgerottet werden wird. Die
Löwen aber sind V. T. T. Sch. D. St. E. F. U. S. W. durch diese wird
Babylon, Antichrist, und das gantze Reich des Teuffels erstritten,
niedergerissen unnd zerstöret, wie du selbst gesehen, daß sie diss
alles so grawsam weg gereumbt, zu mahl das große Hauss: Welches alles
zwar, sie nicht hetten können einreißen, sondern der dritte Löwe auss
dem Stamm Juda muste kommen: Wie ernstlich er ihnen geholffen, hastu
wol gesehen; Der wird ihre Krafft und Stärcke seyn, daß sie in seiner
Krafft werden siegen können ...«
Wer diesen Bericht liest, wird nicht zögern alles für einen Fiebertraum
oder, noch einfacher, für Blödsinn zu erklären. Nun werden wir
aber noch im weiteren Verlaufe dieser Untersuchung wiederholt die
Beobachtung machen, daß sich Visionen in symbolische Gestalt hüllen,
und zwar Visionen, deren Richtigkeit durch den folgenden Gang der
Ereignisse zweifellos bewiesen wird. Meistens wird auch das symbolische
Bild sofort vom Seher selbst richtig gedeutet.
Wenn uns also auch der Bericht höchst befremdlich anmutet, so ist das
noch durchaus kein zureichender Grund, um ihn als Hirngespinst oder
völlig wertlos zu verwerfen. Wir werden überhaupt sehr gut daran tun
in unserem Urteil uns einer weitgehenden Zurückhaltung zu befleißigen.
Denn da es sich hier um Dinge handelt, die noch so gut wie garnicht
untersucht sind, gibt uns keine genaue Kenntnis des Sachverhaltes das
Recht gewisse Forderungen aufzustellen, also etwa zu verlangen, daß es
sich nicht um symbolische Visionen, sondern ausschließlich um klare und
greifbare Bilder handelt, etwa wie die, die wir im Traume sehen.
Nun liegt es mir natürlich völlig fern für die Sehergabe der
Poniatowssken Lanzen zu brechen. Was ich ganz allein beweisen will und
auch beweisen werde, ist, daß es echte Prophetie gibt. Das ist etwas
ganz anderes als sich für die übersinnliche Gabe einer bestimmten
Person zu erwärmen, oder gar an irgend eine noch nicht eingetroffene
Prophezeiung zu glauben.
Hier sei ausschließlich betont, daß das befremdliche Bild, unter dem
hier die Zukunft enthüllt werden soll, nicht zur Annahme zwingt, als
handle es sich um Phantasmagorien eines hysterischen jungen Mädchens.
Das kann ja sein, muß aber nicht sein.
Wenn wir auch keine in Einzelheiten richtige Interpretation der
merkwürdigen Vision geben wollen oder können, so ist doch immerhin
die Deutung auf Gustav Adolfs Einfall in Deutschland zulässig. Was
die Buchstaben zu bedeuten haben, entzieht sich meiner Kenntnis.
Berücksichtigt man, daß die Seherin Protestantin ist und in den
politisch und konfessionell erregten Zeiten des Dreißigjährigen Krieges
die Gegner jeder im andern den Antichrist verabscheute, dann wird der
Ton so wenig wunder nehmen, wie der Vergleich der katholischen Gegner
bzw. des österreichischen Kaiserhauses mit Babel, des Schwedenkönigs
aber mit dem Löwen aus Juda.
Doch mag dem sein, wie ihm wolle. So viel ist sicher, daß die Jungfrau
von ihrer Mission überzeugt war. Also um eine Schwindlerin handelt
es sich keinesfalls. Denn sonst wäre es völlig unverständlich, daß
sie sich den Gefahren einer Reise zu Wallenstein unterzog, um ihm,
dem damals Allmächtigen, sehr unangenehme Dinge zu sagen. Wir werden
später noch häufig auf Ähnliches stoßen, daß nämlich ein Seher, völlig
überzeugt von seiner göttlichen Mission, ohne jegliche Rücksicht auf
persönliche Nachteile und Gefahren den ihm seiner Überzeugung nach
erteilten Auftrag ausführt.
Die Mission an Wallenstein ward der Poniatowssken am 25. Januar
aufgetragen und zwar folgendermaßen:
»Am Tag Pauli Bekehrung, hatte ich abermahls ein Gesicht. Es kam zu
mir der HErr selbst, bot mir die Hand und sprach: Die Krafft meiner
Gegenwart sey mit dir: Ich wil, daß du einen Brieff schreibest, mit
den Worten, welche du hören wirst: Wann du aber den wirst geschrieben
haben, so leg ihn zusammen, versiegle ihn mit drey Siegeln, und trag
ihn selbst hin nach Gitzschin, und ubergieb ihn dem rasenden Hund, dem
von Wallenstein, wirst ihn aber nicht zu Hause finden, so übergieb
ihn seinem Weibe, ihr selbsten, und ich wil verschaffen, daß er dem
Bluthunde in seine eigne Hände zu kommen wird. Denn so war als ich
lebe, spricht der HErr, meine Seele haz keinen Gefallen am Todte des
Gottlosen, unnd seine Lust am Untergange der Unbußfertigen: Sondern das
ist mein Wille, daß sich der Ruchlose von seinem bösen Wege bekehre und
lebe. Darumb vermahne ich diesen Gottlosen Mann selbst, und stelle
ihm die größe seiner Sünden vor Augen unnd seine Tyranney, damit er
doch in sich gehen, sich entsetzen, unnd erkennen wolle, daß ich der
HErr alle seine Wercke gesehen habe, und sie sehr wol kenne, unnd daß
ich vergelten wil, einem jeden nach seinen Wercken, wie er gehandelt
hat, wider umbkehren, seine Sünde für mich berewen, unnd sich also
von dem Blut, welches er uberflüssig vergossen, reinigen, so wil ich
die Gnadenthür noch für ihm öffnen, und seine Schuldt von ihm nehmen,
wie groß die auch sey. Wird er sich aber nicht bedencken, sondern
meine Warnung für Schimpff und Schertz halten, und sich hinfort nicht
bekehren, siehe, so wil ich auch mein Hertz wieder ihn verkehren wie
Eisen und Stahl, und mein Schwerdt wieder ihn wetzen, und meinen Bogen
spannen, und zu seinem Hertzen zielen: Ich wil mir auch tödtlichen
Geschoß zu richten, und damit in sein Hertz schießen, biss ich ihn
umbbracht unnd ausgerottet habe. Dieses aber soltu wissen, daß, wo
er nicht auf gewiese Zeit, die ich ihm noch bestimmt, sich bekehret,
=er schon wie ein Kalb zum ewigen Schlachten übergeben sey=. Mein Aug
sol sich nicht mehr erbarmen, es sol sich, sag ich, nicht erbarmen,
jhn auch nicht mehr anschawen. Du aber thu also, wie ich dir befehle:
Künftigen Freytag fahre hin gen Gitzschin, mit denen Personen, so ich
darzu erkohren, welche du zu Zeugen haben wirst. Furchte dich aber
für dem Tyrannen nicht, noch für andern, die dir zu schaden bekehren
möchten: Denn sihe, ich bin bey dir: Wil auch meine Engel zum Schutz
und Wache mit dir schicken, dieselben, welche du offt sihest, und sie
kennest, ja auch der andern eine große Menge, die du noch nie gesehen:
mit denen wil ich dich, wie mit einer fewrigen Mawer umbgeben, und du
wirst sie auch mit deinen leiblichen Augen sehen. Wenn du aber hin
kommst, sorge nicht, was du reden solt, denn ich werde bey und in dir
seyn, und wird dir, kein Mensch etwas thun können, darumb, daß ich bey
dir bin. Am Sambstage aber, wirstu den Brief erst ubergeben, und ein
wenig daselbst verharren. Dennn (sic!) ich wil dir erscheinen, und die
Hertzen derer, so dich sehen werden, bewegen und erschrecken.«
Die Jungfrau reiste tatsächlich nach Gitschin, traf Wallenstein nicht
anwesend und wurde nach verschiedenen Schwierigkeiten von der Fürstin
in Audienz empfangen.
»Als ich aber ein wenig da gesessen, ward ich entzückt, und der HErr
erscheint mir und sprach: Wie sicher du hierher gekommen bist, also
sicher wirstu auch von hinnen kommen. Sihe aber, ich werde mich allhie
nicht lange seumen, denn diess gottloss Hauss ist meiner Gegenwart
nicht werth: darumb so gehe auch du bald weg. Hiermit bot er mir die
Hand, und schied von mir: Ich kam auch zu mir selbst, und sahe alle die
Umstehenden, und die Fürstin selbst, erschrocken und weinend: gieng
aber bald von dannen, und vermahnete die, so mit mir wahren, daß wir
uns bald von dannen machten, wie auch geschehen. etc.«
Man mag von dieser Vision halten, was man will und wird sich gewiß
nicht darüber wundern, daß Wallenstein darüber spottete, daß der
Kaiser nur Briefe aus Rom, Konstantinopel, Madrid usw. erhielte,
er selbst aber sogar aus dem Himmel[108]. Das ändert aber nichts an
der merkwürdigen Tatsache, daß der oben gesperrt gedruckte Passus,
der Wallensteins gewaltsamen Tod verkündet, als einziger auch im
Original fett gedruckt ist und das fünf Jahre vor der Ermordung des
großen Feldherrn in Eger. Mag sein, daß nur die ewige Verdammnis und
nicht der leibliche Tod hier verkündet wird. Daß die Beteiligten es
anders auffaßten, scheint aus den Tränen der Fürstin mit Sicherheit
hervorzugehen.
Wir führten diesen stark gekürzten Visionsbericht nicht als
Beweismaterial für die Existenz echter Prophetie an, sondern mehr
als Beispiel für die verschwommene Art, in der in der Regel in der
Vergangenheit geweissagt wurde. Aber auch zur Illustration unserer
Behauptung, daß auch den phantastischsten Visionen ein wahrer Kern inne
wohnen kann.
Von ganz anderem Werte und ganz anderer Beweiskraft ist der folgende
Visionsbericht, obgleich auch er in symbolischem Gewande auftritt.
Fußnoten:
[103] Gottfried Arnold nennt in seiner »Kirchen- und Ketzer-Historie«,
3. Teil, Frankfurt a. M. 1700, S. 216, § 16, Überzeugte und Zweifler.
Übrigens heißt die Ponitowssken bei ihm fälschlich Poniatovia oder
Poniatowizsch.
[104] Zitiert nach »Göttliches Wunderbuch, darinnen auffgezeichnet und
geschrieben stehen, 1. Himlische Offenbahrungen und Gesichte, einer
gottfürchtigen Jungfrawen auss Böhmen, vom Zustand der Christlichen
Kirchen, deren Erlösung, und schrecklichen Untergang ihrer Feinde
usw.« (Stettin) 1629. Der Sammelband Nr. 5502, Weissagungen 2 der kgl.
Bibliothek in Berlin enthält noch eine große Zahl von Prophezeiungen
von 1613–1689.
Vom rationalistischen Standpunkte aus behandelt Adelung in seiner
anonym erschienenen »Geschichte der menschlichen Narrheit«, Leipzig
1785 noch eine Reihe von Sehern, die er als Schwindler oder Narren
hinstellt, darunter auch VI. Bd., S. 267 ff. die Poniatowssken, von
ihm Poniatowa genannt. Er stützt sich auf Comenius, der an sie glaubt,
als Zeugen und Gewährsmann ohne das Original der Visionen von 1629 zu
kennen.
Außer den vielen Sehern bei Arnold und im obigen Sammelbande behandelt
Adelung unter anderen noch aus dem 16. Jahrhundert Elisabeth Barton, I.
Bd., S. 301, Johannes Cario, III. Bd., S. 118 ff., und Lucas Gauricus,
II., S. 261 ff., die teilweise viel Falsches prophezeien. Besonders
viel Unsinn produzierte Christoph Kotter, eb. VI., S. 231 ff. Ein
interessanter Seher des beginnenden 18. Jahrhunderts ist Durand Fage,
eb. III., S. 93 ff.
[105] Erschien ihr öfter.
[106] Die Seherin hatte eine Zeit lang Gehör und Sprache verloren. Die
höchst uninteressante Unterredung geht noch eine Zeit lang so fort.
[107] Was hier gesperrt wurde, ist es auch im Original.
[108] Vgl. Arnold, l. c. p. 218.
Sechstes Kapitel
Die Prophezeiungen des Christian Heering aus Prossen
Um die Mitte des 18. Jahrhunderts erregte ein Mann namens =Christian
Heering= in Prossen bei Königstein (Sachsen) durch seine Visionen um
so mehr Aufsehen, als sich bald herausstellte, daß sie in wunderbarer
Weise eintrafen. Seinem Beichtvater =Johann Gabriel Süße=, der sich
jahrelang mit dem Phänomen beschäftigte und seine Erfahrungen unter
dem Titel »=Umständliche Nachricht von dem sogenannten Prossner
Manne, Christian Heerings=, eines Elb-Fischers und Innwohners zu
Prossen bey Königstein, seit etliche zwanzig Jahren bekannt gewordene
Voraussagungen betreffend«[109] am 11. Juli 1759 niederschrieb, im
Jahre 1772 aber in Dresden und Leipzig erscheinen ließ, haben wir die
zuverlässigen Nachrichten über den merkwürdigen Mann zu danken.
Betrachten wir zunächst an Hand des Buches (S. 8–15) die Persönlichkeit
des Sehers. Er war aus Postelwitz bei Schandau an der Elbe unweit der
Böhmischen Grenze am Rande der sogenannten Sächsischen Schweiz, um
1710 geboren als Sohn eines Fischers, der gleichfalls die Gabe des
Hellsehens besaß. Von Jugend auf wurde er von seinem Vater auf der Elbe
zur Ausübung des Fischergewerbes angehalten und blieb in Postelwitz,
wo er von seinem Vater ein Haus und Garten erbte, bis zum Jahre 1746.
Nun übersiedelte er nach Prossen, da seine Frau von ihrem Vater Hanns
Schmidt, einem Häußler und Schiffer, dort ein Haus mit Garten geerbt
hatte. Durch diesen Wohnungswechsel kam Heering als Beichtkind in die
Obhut des Diakonen Johann Gabriel Süße, unseres Gewährsmannes.
Dieser stellt der religiösen und sittlichen Führung seines
Beichtkindes, das er 13 Jahre unter Augen hatte, bevor er die
»Umständliche Nachricht« schrieb, diese aber wiederum 12 Jahre
zurückhielt, um die Wahrheit der Prophezeiungen prüfen zu können,
mithin Heering 25 Jahre kannte, ein in jeder Beziehung glänzendes
Zeugnis aus. Er war ein guter Hausvater, der seine Kinder zu allem
Guten anleitete, ein fleißiger Kirchengänger und andächtiger Zuhörer
der Predigt usw. =Seine Bildung war mangelhaft.= Denn da er schon als
Kind dem Vater helfen mußte, beschränkten sich seine Schulkenntnisse
auf fließendes Lesen und das Schreiben seines Namens.
»Von Weltlicher oder politischer Erkäntniss hat der Fischer Heering gar
wenig erlangen können, indem ihm seine Berufs- und Lebensumstände, da
er seine Zeit von Jugend auf Tag und Nacht mehrenteils auf dem Wasser
zugebracht, auch sonst noch jetzo keine Gesellschaft liebt, niemals
zugelassen, noch ihn auch sonst seine Neigung dahin angetrieben, weder
Zeitungen, noch Geschichtsbücher zu lesen, oder Umgang mit belesenen
und cultivirten Personen zu haben, von welchen er etwa von alten und
neuen Staatssachen etwas hören oder lernen möge; sondern in Betracht
einer politischen Einsicht kann man von dem Fischer Heering wenig oder
nichts, jedoch sonst mit Wahrheit dieses sagen, daß er ein so genannter
=guter einfältiger Mann= sey.«
Diese Charakteristik des Bildungsgrades ist von erhöhtem Interesse
im Hinblick auf den Inhalt der Visionen. Wir machen sehr oft die
Erfahrung, daß die Seher den unteren Ständen angehören und Visionen
haben, deren Inhalt ihrem Interessenkreis fernliegt.
In seinem Benehmen zeichnete er sich durch Ehrerbietung und Gehorsam
gegen Vorgesetzte und Obrigkeit, durch Verträglichkeit gegen die
Nachbarn und Bescheidenheit und Dienstfertigkeit gegen jedermann
aus. In seinem Fischhandel war er sehr billig, da er viel Glück im
Fang hatte und glaubte, Gott verpflichte ihn durch den ihm zugehenden
reichen Fischsegen zu Billigkeit. Er hatte bei mäßigem Vermögen und
Zufriedenheit stets sein Auskommen gehabt und auch alle seine Kinder
versorgt. In seinen alten Tagen zog er als Austrägler mit seiner
Frau zu seiner ältesten verheirateten Tochter, der er sein Prossener
Haus übergab, übte aber – unter andächtigem Gesang – immer noch sein
Fischergewerbe aus. Wegen seiner redlichen Führung verwaltete er
jahrelang das Amt eines Gerichtsschöppen.
Was nun endlich seine Konstitution betrifft, so war er bis zu seinem
sechzigsten Lebensjahre kräftig und gesund, trotz der schwersten
Arbeit, die er von Jugend auf bei Hitze und Frost verrichten mußte. Die
einzigen Spuren dieser Tätigkeit waren ein etwas gebückter Gang und –
eine Folge des schweren Ziehens – ein etwas verdickter Hals. Er hatte
einen Sprachfehler und stockte in der Rede.
Sein Gesicht war aufrichtig, sein Wesen beständig freundlich,
sein Temperament sanguinisch-cholerisch, »und wenn auch etwas vom
Temperamento Melancholico bey ihm influiret, so hat man doch zu keiner
Zeit das geringste Unordentliche, oder etwas Vitiös-Melancholisches
in seiner Gesinnung, Thun und Lassen verspüret, immaßen er sonst
auch bey der Prossner Gemeinde nicht als ein Gerichtsschöppe hätte
mögen bestellet und gebrauchet werden können. Und wie er mit keiner
Melancholie behaftet ist, so kann man in seinem Wandel weder ein
herrschendes Laster überhaupt, noch insonderheit einen Ehrgeiz oder
Hochmuth an ihm finden, indem er sich sowohl in seiner Kleidung
sparsam und gering hält, als auch in seinen Worten, Werken, Thun und
Lassen, im äußerlichen Bezeigen, alle Demuth und Niedrigkeit von sich
an den Tag leget, und sich darneben mit geringer Kost begnüget.
So ist auch der Fischer am allerwenigsten ein Sonderling, oder einer
falsch eingebildeten vorzüglichen Heiligkeit, eines schwärmerischen
enthusiastischen Unwesens, noch irgend einem andern sektirischen
Wesen zugetan, sondern hält sich in seiner Evangelischen Bekäntniss
zur Lauterkeit in unserer Religion, und unter Göttlichen Beystande in
der Thätigkeit des Glaubens zu denen Schranken, in welchen ein Christ
suchen muß, sein Gewissen allenthalben zu bewahren, worbey er sich
jedoch unausgesetzt als einen armen Sünder vor GOtt demüthig bekennt.«
Zum Schluß ruft Süße die ganze Gemeinde und alle die Heering kennen,
zum Zeugen auf, daß er in keiner Weise bezüglich seiner Personalien
übertrieben habe. Wir glauben das um so eher, als – von äußeren Gründen
ganz abgesehen – der Bericht das Zeugnis innerer Wahrheit an der Stirne
trägt.
Fassen wir die wichtigsten Momente aus der Charakteristik zusammen,
so steht fest, daß es sich beim Prossener nicht um einen überspannten
Schwärmer, sondern um einen an Körper und Seele =gesunden=, in Arbeit
ergrauten, ehrlichen, fleißigen Bürger und Familienvater handelt,
dessen soziales Niveau gleich dem seiner Bildung tief liegt[110].
Daß Heering die Gabe der Prophezeiung besaß, war bald im Volke
bekannt. Während man ihm aber Visionen andichtete, die er nie gehabt
hatte, hat sein Beichtvater Süße bereits seit dem Jahre 1756, als die
Weissagungen ernsten Inhalt bekamen und schon mit Rücksicht auf den
beginnenden Krieg bedenklicher wurden, den Mann gewissenhaft beobachtet
und darüber einen Aufsatz verfaßt, in dem er Heerings Charakteristik
und Vergangenheit skizzierte. Und zwar tat er das auf Veranlassung
des Prossener hin, nicht aber umgekehrt. Damit fällt der Verdacht,
Süße habe, um sich interessant zu machen oder aus anderen Gründen,
Heering »entdeckt« oder habe ihn gar zu kirchlichen Propagandazwecken
benutzt[111].
Zwar enthielt der erwähnte Aufsatz, die Art, in der die Visionen sich
einstellten, angegeben, nichts aber von deren Inhalt, mit alleiniger
Ausnahme der Voraussage einer damals noch nicht existierenden hohen
Allianz.
Dieser Aufsatz war also lediglich zu privaten Zwecken verfaßt worden,
um nämlich Süße als Grundlage für weitere Forschung an Heering zu
dienen, ferner um Freunden, die sich bei ihm über den merkwürdigen Mann
erkundigten, Auskunft erteilen zu können. Wiewohl also die Absicht
der Publikation nicht bestand, hat ein Freund Süßes eine Abschrift
ohne sein Wissen und Willen und ohne Revision, auch nicht vollständig,
veröffentlicht, und zwar in zwei einzelnen halben Druckbogen. Dadurch
sah sich Süße veranlaßt in Nr. XXXVIII der »Dresdner wöchentlichen
Frag- und Anzeigen des politischen Blats« vom Jahre 1757 dagegen
öffentlich Stellung zu nehmen.
Die Verwahrung, die für uns, wenn wir an Süßes Ehrenhaftigkeit zweifeln
wollten, doppelt wertvoll ist, da sie beweist, wie frühzeitig schon die
Öffentlichkeit sich mit dem interessanten Phänomen beschäftigte und wie
viele Jahre lang Süße nachweisbar den Mann unter Augen hatte, lautet:
»Man siehet ohne beniemten Ort des Abdrucks im Druck: =Zuverlässige
Nachricht derer außerordentlichen Anzeigen und Voraussagungen Christian
Heerings, eines Fischers zu Prossen bey Königstein=, 1757[112].
Es ist dieses ein Aufsatz, mit welchem sich der Verfasser veranlasset
gesehen, einestheils denen, über den Fischer Heering und seine
neuerliche Anzeigen, bisher rouillirenden so mancherley Andichtungen,
ungleichen Beurtheilen, und auch wohl einem unbilligen Verspotten,
Einhalt zu thun; anderntheils verschiedenen Anfragen in einer
zuverlässigen Nachricht eine Idee, oder einen wahren Begriff von dem
Fischer Heering und seinen Anzeigen zu machen, wie auch die Schranken
wohlmeynend anzuzeigen, wornach von dergleichen außerordentlichen
Begebenheiten und Vorfällen, bewandten Umständen nach, ein
christbilliges Urtheil zu fällen seyn möchte.
Es ist indessen dieser Aufsatz weder von dem Verfasser selbst, noch
sonst mit seinem Wissen und Willen, dem Druck überlassen worden, da
er, erwehntermaßen, solchen Aufsatz nur zu einer Privatnachricht für
einige Anfragende, in und außer seiner Kirchfahrt, entworfen, und
das Manuscript davon, oder eine Abschrift desselben, in den Druck zu
geben nie gesonnen gewesen. Daher auch dem Verfasser, dem allerdings
dieser eigenmächtig, und ohne vorher von ihm geschehene Revision seines
Aufsatzes unternommene Druck, nicht anders als zuwider sein muß, keinen
Antheil an solchem sub- und obreptitie zum Vorschein gekommenen Abdruck
nimmt.
M. S.«
Trotz dieser Verwahrung erschien noch ein zweimaliger Abdruck der
inkriminierten Schrift, d. h. der vorgenannten Halbbogen, in Sammlungen
von Prophezeiungen. Den Titel dieser Schriften nennt Süße nicht. Sie
hätten ja auch schließlich nur bibliographischen Wert. Endlich erschien
ohne Angabe des Druckortes und anonym im Jahre 1758 ein Schriftchen
mit dem Titel »Einige Prophezeiungen, welche von einem Fischer und
Einwohner in einem Dorfe bey Königstein, auf die Jahre 1759 und 1760
gestellet sind«. Da Süße auch dieser Publikation fern stand, wir
in ihnen also kein authentisches Dokument zu erblicken haben – ein
Exemplar befindet sich auf der kgl. Bibliothek in London – ist sie für
uns ohne Interesse.
Süße konstatiert sogar ausdrücklich (S. 5 f), daß bis auf =einen=
Punkt, daß nämlich die Türkei sich in den Krieg mischen würde, keine
einzige der genannten Prophezeiungen mit den authentischen des Fischers
übereinstimme, daß ihm vielmehr vieles angedichtet worden sei, woran
er nicht gedacht habe, und daß er sich deshalb ausdrücklich Süße und
anderen gegenüber darüber beklagt habe.
Was nun zunächst die Zahl der Prophezeiungen betrifft, so war sie
durchaus nicht so groß, wie Fernstehende meinten (S. 16). Sie traten
schon in seiner Jugend auf, um sich später zu mehren.
Gehen wir nun auf den Inhalt der Visionen ein!
Die erste, von der wir Kenntnis haben, fällt in das Jahr 1744, als
Heering ein Mann von etwa 34 Jahren war. Süße schreibt darüber (S. 16
f):
»So begegnete ihm im Jahre 1744 die Erscheinung, als er sich noch bey
Tage bey Postelwitz zu Lande, am Ufer des Elbstroms, auf dem Wege nach
Hause zu gehen befand, daß er eine Menge Menschen und den HErrn JEsum
sahe, wie er seine Hand über die wenige Ihn begleitende Nachfolger
Aufhub, worbey Heering das Lied, weil die mehresten Menschen den
breiten Weg zur Verdammnis giengen, von einem derer Nachfolger JEsu
anstimmen hörete:
Mache dich mein Geist bereit,
Wache, fleh’ und bete,
Daß dich nicht die böse Zeit
Unverhofft betrete etc.
Welche Erscheinung mir der Fischer zu wiederholten malen mit innigster
Gemüthsbewegung und vergossenen Thränen erzehlet hat.«
Begreiflicher Weise können wir mit dieser Vision oder Halluzination
nicht das geringste anfangen. Sie hat für uns keinen anderen Wert als
den festzustellen, daß der sonst nüchterne Mann zeitweilig religiösen
Exaltationen unterworfen war. Das ist bei einer anscheinend sehr
religiösen oder doch kirchlichen Natur nicht weiter verwunderlich.
Ganz anders liegt der Fall bei der zweiten Vision des Jahres 1744. Wenn
auch sie religiösen Ursprungs war, insofern ihm das fünfte Kapitel des
Propheten Jeremias, eine Klage über Unglauben und Ruchlosigkeit in
allen Ständen, erschien, so ist der weitere Verlauf doch von höchstem
Interesse. Es wurde ihm nämlich »vom HErrn gezeigt«. =Daß ein Held mit
seinem feindlichen Heer würde nach Sachsen kommen, und das Schwerdt bis
an das Heft ins Blut tauchen, und dieser Held würde hernach zu Dresden
wie in einem offenen Garten einziehen, aber bald darauf wieder zum
Obern Thor hinaus ziehen.=«
Hier haben wir die erste kontrollierbare Prophezeiung vor uns,
interessant sowohl durch ihren dem einfachen Bildungsgrade des Fischers
an sich fernliegenden politischen Inhalt, als nicht minder durch die
begleitenden Nebenumstände.
Heering muß von dem bedeutungsvollen Inhalt der Vision aufs heftigste
berührt worden sein, denn er begab sich nach Dresden, um von ihr
hohen Orts persönlich Mitteilung zu machen. Er hielt sich in der
Landeshauptstadt mehrere Wochen »in einem hohen Hause« auf und ließ
sich hinsichtlich seiner Aufführung und Charakters prüfen, auch ob er
dem Trunk ergeben oder geldgierig wäre. Gleichzeitig ließ er einen
umständlichen Bericht von seiner Prophezeiung machen und war bemüht,
ihn dem König einzuhändigen[113].
Aus der, wie gesagt nicht authentischen, »Zuverlässigen Nachricht«
von 1756 erfahren wir Näheres. Heering »suchte seine damaligen
Voraussagungen schriftlich in die Hände des Cabinets-Ministri, Grafen
von Brühl Excellenz zu bringen, er ließ auch eine Zeit hernach, in
eben diesem Jahre, um Johannis-Tag, einen Aufsatz an Ihro Majestät
unserm allergnädigsten König selber richten, und übergab solchen Sr.
Hochwürden, den Königl. Beichtvater, Herrn P. Ludovico Ligeritz S.
J., welcher Herigen zwar anhörete, ihm aber antwortete, weil er sein
Glaubens-Genoß nicht sey, so könne er sich mit der Sache nichts zu thun
machen, er müsse sich an seinen Beicht-Vater wenden.
Der Herr Pater gab Herigen hierauf etliche Groschen Geld, welche
Herig anzunehmen sich weigerte, und sagte, daß er Geldes wegen zu Sr.
Hochwürden nicht gekommen wäre, doch dabey durch fernere Verweigerung
dem Respect nicht entgegen handeln wolte.«
Mag der Bericht, dem wir diese Stelle entnehmen, auch apokryph sein,
so haben wir doch um so weniger Grund an der Wahrheit zu zweifeln, als
Graf Brühl, der allmächtige Premierminister, erst 1763 starb, und man
es kaum gewagt haben würde, seinen Namen oder den des Beichtvaters
Ligeritz zu mißbrauchen. Dasselbe gilt von dem weiter unten genannten
Grafen Hennicke. Die Vermutung liegt nahe, daß Süße die Namen aus
Gründen der Diskretion verschwieg. Im Kern stimmen übrigens die
Berichte ja völlig überein, nur daß der anonyme eine Ergänzung liefert.
=Diese Prophezeiung nun traf im vollen Umfange ein=! Als Heering die
Vision hatte, operierten die Preußen noch in Schlesien, niemand konnte
etwas von ihrem Übergreifen auf Sachsen, geschweige denn dem Ausgang
der Operationen sagen. Die Schlacht bei Kesselsdorf, in der Leopold von
Dessau die Sachsen schlug, fand ja erst am 15. Dezember 1745 statt,
Dresden wurde besetzt, doch schon am 25. Dezember daselbst der Friede
zwischen Preußen, Sachsen und Österreich geschlossen. Berücksichtigt
man noch, daß es Preußen im Jahre 1744, als Heering die Vision
hatte, militärisch sehr übel ging, so erscheint das Eintreffen der
Prophezeiung noch merkwürdiger.
Das muß auch – nach der »Zuverlässigen Nachricht« – Graf von Hennicke
gefühlt haben, denn er ließ nach der Schlacht bei Kesselsdorf den
Fischer zu sich kommen »und sich von im mündlich anzeigen, was
Herigen fast 2 Jahr vor der Kesselsdorffer Bataille (wie Herig zu
reden pfleget) vom HErrn gezeiget, und anzuzeigen befohlen worden,
bey welchem Verhör aber Herig, wie er erzehlet, abermals wenig
Glauben gefunden, sondern weil er unter seinen Anführungen unter
andern anzeigete, daß er auch bey dem ihm angezeigeten Sachsenlande
bevorstehenden Ungewitter das fünfte Capitel des Propheten Jeremiä
aufgeschlagen, wäre er von vorerwehnten hohen Minister mit dem
Bescheide dimittiret worden, daß Herig verschiedenes aus der Bibel
nehme, und solches auf künftig geschehen sollende Dinge, und auf sich
applicire.« Heering ist seitdem viele Jahre lang seiner Vorahnungen
wegen nicht wieder nach Dresden gekommen.
Die rationalistische Erklärung des Grafen Hennicke ist zweifellos die
nächstliegende. Wir würden sie uns auch ohne weiteres zu eigen machen
und den Fischer als Eideshelfer für die bei einigen Personen bestehende
Prophetengabe nicht nennen, wenn dem nicht die gewichtigsten Bedenken
entgegenstehen würden.
Zunächst ist es auffällig, daß – selbst angenommen, er habe biblische
Verhältnisse auf seine Zeit übertragen – diese Übertragung durch die
Tatsachen bestätigt wurde. Denn statt von Sachsen, Dresden, dem Oberen
Tor und der kurzen Frist des Abzuges, hätte er auch von ganz anderen
Parteien und Lokalitäten reden können. Immerhin ist die Möglichkeit,
es handle sich hier lediglich um Zufall, nicht völlig von der Hand zu
weisen. Stutzig macht allerdings die in den »Zuverlässigen Nachrichten«
mitgeteilte Äußerung des Generals Bose, Kommandierenden in Dresden,
der König Friedrich antwortete: »=Aus einem Lustgarten könne er sich
nicht wehren=«. Die Übereinstimmung dieser Worte bei Übergabe der Stadt
mit den in der Vision gebrauchten, das Heer würde in Dresden »=wie in
einen offenen Garten einziehen=«, ist auf alle Fälle erstaunlich.
Doch der Deutung auf Zufall bei Zugrundelegung dieses einzigen Falles
steht noch ein anderes sehr gewichtiges Bedenken entgegen: Heering war
es unbenommen, aus der Bibel nach Herzenslust zu prophezeien. =Warum
tut er es nur in diesem konkreten Falle? Warum ist er vor allem so sehr
von der Richtigkeit des Geschauten überzeugt, daß er die langwierige
und kostspielige Reise nach Dresden unternimmt= und dabei zum mindesten
Gefahr läuft als Phantast verspottet zu werden?
Mir persönlich scheint es sich hier tatsächlich um eine =Vision= zu
handeln, die Heering vielleicht nachträglich – seinem Bildungsgrade und
Ideenkreis entsprechend – biblisch verbrämte.
Doch unterlassen wir es, Erklärungsversuche zu machen, bevor die
Tatsachen einwandfrei feststehen.
Die Vermutung, daß es sich hier tatsächlich um eine Vision handelt,
wird zur Gewißheit erhoben durch die nachfolgenden Prophezeiungen
desselben Mannes. Er fuhr nicht etwa fort, Biblisches auf seine Zeit
zu übertragen – was bei dem Erfolge der ersten Prophezeiung das
Nächstliegende gewesen wäre –, sondern er hat im Gegenteil mehr als ein
volles Jahrzehnt überhaupt nichts mehr geweissagt.
Erst Mitte März 1756 stellte sich die erste Vision wieder ein und
damals war es auch, daß er erstmalig, und zwar aus freien Stücken, zu
seinem Beichtvater Süße kam. Das zweitemal suchte er Süße am Karfreitag
des gleichen Jahres auf, zum drittenmal aber Ende Juli 1756, »bey
welchem seinen dreymaligen Anbringen er einmal wie das andremal mit
innigster Gemüthsbewegung, ja mit Jammern und mit Thränen anzeigete,
wie er sein mir bereits etlichemal eröffnetes Anbringen nicht weiter
mehr zu verbergen wüßte, er fände sich Tag und Nacht getrieben, es dem
Allergnädigsten Landesvater anzuzeigen. Das Unglück wäre nahe und nicht
weit mehr entfernet.«
Wiewohl nun Süße fürchtete, daß Heering kein Gehör finden würde, da
er, wie bei seinem Bildungsgrade ja natürlich, keinen ordentlichen
Vortrag halten konnte und überdies mit einem Sprachfehler behaftet war,
konnte er ihm doch das verlangte Führungsattest nicht vorenthalten. Es
war datiert vom 2. August 1756[114]. Gleichzeitig verschaffte Heering
sich ein Attest von seinem ehemaligen Beichtvater M. Clauß, Pfarrer in
Schandau.
Ausgestattet mit beiden Dokumenten ging er gleich nach Dresden, wurde
von einem Minister gnädig aufgenommen, brachte seine Prophezeiung vor
und ging dann »ruhig und freudig, sich seines Anliegens entledigt zu
haben« wieder heim.
Auch der größte Skeptiker wird zugeben, daß es sich hier nicht um einen
Schwindler handelt, sondern um einen Mann, der zweifellos persönlich
von der Wahrheit und Wichtigkeit seiner Visionen überzeugt ist. Stellt
sich nun heraus, daß diese auch objektiv zutreffen – und zwar nicht
etwa nur in einem einzelnen Fall, sondern wiederholt und in mehreren
Punkten, so daß der Zufall auszuscheiden scheint –, dann steht nichts
im Wege, Heering unter die Zahl der mit Prophetie ausgestatteten
Personen einzureihen.
Vorausgeschickt sei, daß nach Süße (S. 20) seine Visionen =nicht=
»Glaubens – oder die H. Göttliche Offenbarung der Bibel angehende
Sachen, sondern lediglich Dinge und Vorfälle sind, welche die
bevorstehende Schicksale des Weltlichen Regiments, der Policey und
Kirche vornämlich anbelangen.« Das bestärkt unsere Vermutung, daß es
sich nur um unbewußte religiöse Einkleidung handelt.
Gehen wir nun auf den Inhalt der Prophezeiungen des Jahres 1756 ein!
=Süße schreibt darüber (S. 20 f.): »Der HErr habe ihn sehen lassen,
daß nächstens ein großes Ungewitter entstehen würde, durch welches
unser Sächsisches Vaterland mit Krieg überzogen werde, und solches
unsere hiesige Elbgegend zuerst betreffen würde. Hierbey würde es hart
zugehen; Und dieses Ungewitter wäre sehr nahe, so, daß Ihro Königl.
Majestät, unser Allergnädigster Landesvater, an Dero Reise nach Dero
Königreichen würden gehindert werden, Höchst-Dieselben würden nicht
von Dero Volke gehen[115]. Es würde aber das Ungewitter mit seiner
Heftigkeit in unserer Gegend nicht von langer Dauer seyn[116], sondern
es würde sich noch weiter ziehen und viel Blut vergossen werden.
Besonders würde dieses Ungewitter in unsserm Vaterlande auch daher
viel Elend nach sich ziehen, weil die junge Mannschaft würde viel
leiden müssen. Er hätte auch Brandstätte gesehen, und er wäre sogar
auf selbigen herumgeführet worden. So sei ihm auch ein Acker gezeiget
worden, welcher als ein bisher unfruchtbar gelegner Acker hätte müssen
umgerissen und von neuem geflüget und besäet werden, und dis darum,
weil der Acker theils gar unfruchtbar und verwildert gelegen, theils
Gerste darauf gesäet worden. Gerste bringe aber ein herbes Brot.
Ferner zeigte der Fischer mit an: Wie ihm auch zwo Kirchen gezeiget
worden wären, eine in der Stadt, die andere außer der Stadt, in welchen
man aber dem HErrn nur das halbe Herz gegeben habe; der Herr hätte aber
gesprochen: Ich will das ganze Herz haben, das ganze Herz will ich
haben, und das will ich mit dem Finger des Heil. Geistes rühren[117].
Noch ferner führete der Fischer an: Daß sich Dresden ihm in den
Prospekt eines Gartens gezeiget hätte, aus welchem Garten die
stärksten Bäume wären mit den Wurzeln herausgerissen, und vom Lande
hinweggeführet worden[118].= So habe er auch gesehen, daß der alte
Grundstein wäre herausgerissen, und ein neuer gelegt, auch die Kirche
außer der Stadt geschlossen worden.
Der angegebene Hauptzweck von allen diesen Anzeigen war endlich dieser,
daß der Fischer Heering sagte, daß ihm der Herr befohlen hätte, dem
=Allergnädigsten Landesvater= es anzuzeigen, daß um des herannahenden
Ungewitters willen, =möchte ernstlich im Lande Buße geprediget, und die
Verbindung mit Süd-Ost und Süd-West möchte verlassen werden, so wolle
Gott dem Hause Sachsen wohlthun.=
Fragte ich den Fischer Heering, woher dieses von ihm beniemte
herannahende Ungewitter entstehen sollte; so antwortete er mir
folgendergestalt: =Es würde sich Süd-Ost und Süd-West mit einander
wider Nord-West verbinden, Süd-West wäre gedemüthiget worden, wie Vier
Helden neben einander gegen Süd-Ost und Süd-West stünden, welche vier
Helden so lange hinter und neben einander stehen würden, bis Süd-Ost
und Süd-West von einander abließen.= Er setzte hinzu: =Es wäre ihm
endlich gezeiget worden, daß der aus Morgen, welcher ihm mit dem Namen
wäre genennet worden, daß es der Türke sey[119], herangezogen wäre,
worauf sich der Krieg seitwärts gegen Norden gezogen hätte=.«
Auf diese ziemlich unklaren Äußerungen hin fragte Süße sein Beichtkind,
was er denn unter den Himmelsrichtungen verstehe. Er erfuhr dabei,
daß Heering die Potentaten nach der Lage ihrer Länder bezeichne, daß
also Süd-Osten die Kaiserin Maria Theresia sei, Süd-Westen aber König
Ludwig XV. von Frankreich und daß er eine zwischen beiden Mächten sich
vollziehende Alliance vorhersehe. Das war um so merkwürdiger, als das
Publikum – und demnach auch der Fischer – von diesen hohen Bündnissen
nichts ahnte und auch tatsächlich ein Vertrag zwischen Wien und
Versailles noch gar nicht geschlossen war.
Unter Nord-Westen verstand Heeringen den König Friedrich den Großen
von Preußen. Wer aber die drei Helden wären, »welche mit des Königs
von Preußen Majestät zusammen =vier= Helden neben einander stehend,
ausmacheten, konnte er mir damals so wenig, als noch jetzo anzeigen.
Es müßten also vermutlich die Preußischen Alliierten seyn, worüber
sich aber Heering, etwa wegen Mangel der Erkenntnis derer Geschichte
und derer Staaten, eigentlich aber, wie er ausdrücklich sagt: =weils
ihm nicht weiter gezeigt worden wäre=, nicht deutlicher zu erklären
wußte[120]. Der Fischer setzte dieser seiner Anzeige nur noch dieses
hinzu, die vier Helden wären jetzo noch nicht beysammen, sie würden
aber schon noch erscheinen, und da werde der Held aus Nord-Westen,
der König in Preußen, wenn er ziemlich ins Enge getrieben, und matt
geworden sey, neue Kräfte bekommen; diese Hilfsvölker des einen zu
des Königs in Preußen getretenen Helden, wären grün gekleidet gewesen.
Hierauf wären die vier Helden standhaft bey einander gestanden,
und wären nicht gewichen, =bis ein neuer Grundstein wäre geleget
worden=[121].«
Süße ließ darauf die Prophezeiungen auf sich beruhen und ermahnte
den Fischer zur Ruhe, ja er dachte gar nicht weiter an Heering und
seine seit etwa dem 15. März 1756 und dann noch einige Male dem
Geistlichen erzählten Visionen. Da fand er auf einmal in Nummer 61
der =Erlanger Zeitung= vom 22. Juni des Jahres die =Bekanntgabe des
»Unions-Freundschafts-Defensiv-Traktats« zwischen Maria Theresia und
Ludwig XV. Und zwar war er am 1. Mai 1756 zu Versailles geschlossen
worden, also tatsächlich etwa sieben Wochen später, als der Fischer
die Vision gehabt hatte. Die Erlanger Zeitung aber fing jetzt erst an
ihre Stellungnahme dem Vertrag gegenüber zu ändern, hatte sie sich doch
noch in ihrer Nummer 51 vom 15. Mai des Jahres in dem Artikel »von
allgemeinen Staatshändeln« ablehnend verhalten=.
Damals hatte sie nämlich (S. 393) geschrieben, man hätte
verschiedentlich in den Zeitungen einen rätselhaften Artikel gelesen,
nach dem zwischen zwei der vornehmsten Höfe wichtige Verhandlungen
im Gange wären. Diese Höfe, so sei leicht zu raten, sei der
österreichische und französische. Sie brachte dann aus der Leydener
Zeitung zwei Artikel mit der Mitteilung, zwischen Wien und Versailles
bestehe die Absicht ein Bündnis zu schließen, ja es sei bereits
geschlossen. Das war also am 15. Mai!
Daß vorher der Fischer nicht die allergeringste Ahnung von den
Vorgängen der hohen Politik haben konnte, liegt auf der Hand. Aber
selbst die Vermutung, er habe sich – was nach Lebensstellung und
Bildungsgrade völlig ausgeschlossen ist – mit politischem Instinkt
begabt, zum Sprachrohr der öffentlichen Meinung machen wollen, schießt
völlig daneben.
Wie die öffentliche Meinung noch zwei Monate =nach= seiner Vision den
Bündnisfall beurteilte, geht deutlich aus der Erlanger Zeitung vom 15.
Mai hervor. Sie fährt fort: »Diesen beyden Artickeln öffentlich zu
widersprechen, sehn wir uns sowohl aus natürlichem Trieb, als Pflicht
halber, verbunden.
.... Wie gesagt, es streiten diese Gerüchte sowohl wider die Vernunft
als die Erfahrung ...
Es ist offenbar, daß dergleichen wunderliche Gerüchte bloß von gall-
und milz- und hirnsüchtigen Gemüthern, die ihren Mäusekoth auch gern
für politischen Pfeffer verkaufen wollen, herrühren, und ob sie wohl
nicht ungeahndet bleiben werden, dennoch nicht die geringste Attention
des Publici verdienen.« Auf S. 481 der Nr. 61 revoziert die Zeitung
natürlich alles. Das war also schon damals so!
=Daraus geht zur Evidenz hervor, daß wir es bei der Vorhersehung des
Bündnisses zwischen Österreich und Frankreich mit einer richtigen
Prophezeiung zu tun haben=. Denn 1. lag das Geschaute völlig außerhalb
des Interessen- oder Wissensbereichs des Fischers. 2. Wußte er von dem
Vertrage schon geraume Zeit, bevor er überhaupt abgeschlossen war.
Ja, noch nach seiner Unterzeichnung hielt die öffentliche Meinung ihn
für eine Unmöglichkeit. Damit fällt aber die Vermutung, Heering habe
kombiniert, in sich zusammen. Wie bei der Voransage des Jahres 1744
handelt es sich also auch hier um eine richtige Vision.
Das war auch Süße sofort klar und gerade dem Umstande, daß sich unter
seinen Augen ein solches auffallendes Phänomen abgespielt hatte, ist es
zuzuschreiben, daß er Heering hinfort erhöhte Aufmerksamkeit schenkte.
Merkwürdig ist übrigens, daß nicht nur Heering sich bei der
Prophezeiung des Bildes eines Unwetters bediente bzw. daß ein solches
ihm erschien, sondern daß auch die Erlanger Zeitung in ihrer Nummer
75 vom 10. August 1756 (S. 393) – wie Süße feststellt – die gleiche
Metapher gebraucht.
Nachdem sie von den täglich bedenklicher werdenden Zeichen der
Zeit gesprochen, fährt sie fort: »... Alles, was uns zu sagen
erlaubt seyn mag, besteht darinnen, daß, wenn bey schwülen Tagen
heftige trübe Wolken aufsteigen, und selbige sich thürmen, anzünden
und zusammenstoßen, gemeiniglich Blitz, Donner, Hagel und andere
schwere Wetterschäden darauf zu folgen pflegen ... Wolken ziehen auf
(geharnischte Wolken), das sehen wir vor Augen. Ob sie sich aber
thürmen, zusammenstoßen, blitzen und donnern werden, steht zu erwarten.«
Süße macht dazu die Anmerkung (S. 29), daß das Zusammenstoßen, Blitzen
und Donnern, das der Zeitung im August noch ungewiß erschienen war,
bereits im Oktober des gleichen Jahres 1756 eintraf. Denn am 1. Oktober
hörte man in der Prossner Gegend den Schlachtendonner von Lobositz und
als am 12. Oktober das Lager der Sachsen aufbrach, ging es auch nicht
ohne Blitzen und Donnern ab. =Tatsächlich hatte Heering den Ausbruch
des Siebenjährigen Krieges sechs und einen halben Monat früher unter
dem Bilde eines Unwetters gesehen und prophezeit=.
Es ist dies also die =zweite Vision= des Jahres 1756, die in Erfüllung
ging.
Es liegt auf der Hand, daß die verblüffende Übereinstimmung der
Aussagen des ungelehrten Fischers mit den sich später einstellenden
hochpolitischen Ereignissen im Lande bekannt wurde. Als daher um die
Mitte des August die Sachsen auf dem Marsche gegen Pirna bei Schandau
eine Schiffbrücke schlugen, sondierte man Heeringen, der sich damals
gerade dort aufhielt, was er von der Brücke hielte.
»Worauf er, ob er schon merkte, daß man ihn mehr spöttisch aufziehen,
als im Ernst befragen wollte, diese Antwort gab: =Daß diese Brücke hier
nicht viel nütze seyn, und nicht gebraucht werden würde, aber Leipzig
möchte man wohl verwahren, da habe er fremde Völker ankommen sehen.=«
(S. 31.)
Damals wußte man weder, daß die Schiffbrücke unnütz sei – denn sonst
hätte man sie ja nicht geschlagen – noch auch vermutete man den am 29.
August erfolgten Einzug der Preußen in Leipzig, der den Hof zur Flucht
zwang.
Dies war also die =dritte richtige Prophezeiung= Heerings im gleichen
Jahre, und zwar ging sie diesmal bereits nach 14 Tagen in Erfüllung.
Im Oktober 1757 aber kamen auch fremde Kontingente bestehend aus der
kombinierten Reichs- und der französischen Auxiliararmee, nach Leipzig,
so daß auch diese Prophezeiung, wenn auch nicht sofort, so doch nach
einiger Zeit eintraf.
Endlich prophezeite Heering Süße und anderen einen Rückzug an, der
während die sächsischen Truppen zwischen Pirna und Königstein lagerten,
vom Hauptlager Struppen aus über Markersbach versucht, aber durch den
preußischen Kordon verhindert wurde. Das geschah einige Wochen vor der
Ausführung.
Bedeutungsvoller war eine weitere Vision des Fischers neun Tage vor der
Schlacht bei Roßbach am 5. November 1757. »Nach seinem gewöhnlichen
Trieb, wie sonst, ohne das geringste Veranlassen und dessein,« kam
er zu Süße und zeigte ihm an, daß wieder etwas Wichtiges bevorstehe,
»worbei er ebenfalls, wie sonst ängstlich wünschte, daß er solches
Hohen Orts möchte eröffnen können. Er sagte indessen so viel hiervon:
=Man möchte Gott ernstlich anrufen, daß das vorseyende Unternehmen
möchte können abgewendet werden, indem es in der Schärfe nicht gut
hinaus gehen würde. Es zögen nämlich zwey Heere in unserm Lande gegen
einander, ein großes und ein kleines, von welchen er gesehen, daß das
letztere gesieget hätte, und das große wäre ganz zerstreuet worden.=«
(S. 32.)
Als =diese Prophezeiung wider Erwarten in Erfüllung ging=, kam Heering
zu Süße und erinnerte ihn, ob er auch an seine Vorhersage gedacht hätte.
Also wieder eine erfüllte Vision!
Am meisten Aufmerksamkeit erregte der Fischer mit zwei Prophezeiungen
des Jahres 1758 sowohl bei den Landeseinwohnern, als auch bei den
beiden sich in der Königsteiner Gegend gegenüber stehenden Armeen.
=»Er zeigete nämlich fast ein Vierteljahr vorher, ehe und bevor
in der Mitte des Augusts erwehnten 1758sten Jahres die Annäherung
der Kayserlichen und Reichsarmee in unserer Elbgegend geschahe, an
glaubwürdige noch lebende und es allezeit geständige Personen des
Schandauer Kirchspiels an, wie er gesehen hätte, daß auf dem Schandauer
so genannten Kirchstück am Elbufer wäre geschanzt, und gegen das
sogenannte Krippner Horn über, eine Schiffsbrücke geschlagen worden,
über welche er fremde Völker hätte sehen übergehen.«=
=Diese Vision ging in der Zeit vom 14. zum 19. August in Erfüllung!=
Tatsächlich wurde von fremden Kriegsvölkern am angegebenen Orte eine
Schiffsbrücke geschlagen, sowohl bei Krippen, als auch am andern
Elbufer zwischen Postelwitz und Schandau. Auf dem vorgezeichneten
Schandauer Kirchstück, wurde ein Brückenkopf gebaut und Schanzen,
die nebst den Bäckereigebäuden der kaiserlichen Regimenter und der
Reichsarmee noch in späteren Jahren zu sehen waren. Die Brücke aber
passierten die Truppen des Lagers, das im August 1758 auf der Höhe der
Rathmansdorfer Felder neben Schandau errichtet wurde.
Die zweite Prophezeiung dieses Jahres erregte noch größeres Aufsehen.
Heering erzählte seinem Beichtvater und einigen Bekannten bei
Annäherung der kaiserlichen und der Reichsarmee folgendes:
»=Die Zeit ist nun da, wen das Schwert trift, den wirds treffen. Über
der Elbe= (d. h. auf dem Königstein gegenüberliegenden Ufer) =wird sich
vornehmlich noch ein größeres Heer zusammenziehen, bey selbigen wird
es blutig zugehen, und es wird auch endlich noch herüber über die Elbe
kommen müssen.=« (S. 53 f.)
=Diese Vision ging in Erfüllung, als die große Daunsche Armee eintraf=,
von deren Herannahen in der Königsteiner Gegend noch niemand etwas
Näheres wußte oder wissen konnte.
Der Prophezeiung fügte Heering die Worte hinzu:
=»Der Herr zeigete mir endlich, daß das heranziehende Reichsheer
sich wiederum über die Berge nach Böhmen zurückzog. Ich sahe recht
eigentlich die Maulthiere nach einander hinüberziehen, und jenes Heer
(das preußische) zog hernach, da erst alles vollbracht war, auch in
Frieden aus Sachsen.«=
Die Erfüllung dieser Prophezeiung war damals ganz unwahrscheinlich
mit Rücksicht auf die gegen Dresden im Vormarsch befindliche große
Heeresmacht und die überall getroffenen festen Dispositionen. =Als
trotzdem die Vision sich nach drei Monaten bewahrheitete=, war
jedermann verwundert und viele Standespersonen, besonders ein damals
in Pirna bei der kaiserlichen Armee liegender Fürst, trugen Verlangen
den Fischer vor ihrem Abmarsch zu sehen und zu sprechen. Da er so
Gelegenheit hatte, seine Prophezeiungen hohen Orts vorzubringen, war er
befriedigt und hielt sich – auch auf den wiederholten Rat Süßes hin –
ruhig. Er sah damals nur noch, daß es jenseits der Elbe und im Norden
von Sachsen am schlimmsten zugehen würde und daß jenseits Neustadt
bei Dresden »ein Balgen« sein würde, sowie daß endlich eine solche
Heeresmacht in Sachsen sich versammeln würde, daß das Land wie eine
Tenne zertreten würde und die Hufeisenspuren auf der Erde unzählig
seien. Im übrigen bat und flehte er nur noch, daß das Werk der Buße und
Besserung unter den Menschen noch mehr zunehmen möchte. Hierbei bezog
er sich weinend auf Christi Bußgleichnis (Luc. 13).
Die Vision läßt sich ungezwungen auf die Schlacht bei Kunnersdorf 1760
deuten, sowie auf das Eintreffen der Österreicher bei Dresden-Neustadt,
die vergebliche Belagerung Dresdens durch Friedrich II. und den
berühmten Finkenfang bei Maxen, alles im Jahre 1760.
Sollte jemand an der Wahrhaftigkeit Süßes zweifeln, was mir nach dem
ganzen Tenor des Berichtes ausgeschlossen scheint, so mag er sich
daran halten, daß die Prophezeiungen auch in außerkirchlichen Kreisen
Aufsehen erregten.
Fußnoten:
[109] Der Titel geht noch fort: »benebst einer Historisch-Theologischen
Abhandlung der Casual-Frage: Ob es noch heut zu Tage neue Offenbarungen
von wichtigen Revolutionen in der Kirche, im Staat, und von besonderen
Schicksalen einzelner Personen gebe, und was von selbigen zu halten
sey? Auf Veranlassen des dieserhalben längst begierig gewesenen Publici
entworfen, und zusammt Johannis Charliers, sonst Gerson genannt,
Tractat: von der Prüfung derer Geister, allhier ins Teutsche übersetzt
und mit Anmerkungen erläutert, dem Druck überlassen von M. Johann
Gabriel Süßen, Pfarrern zu Königstein, und der Societät Christl. Liebe
und der Wissenschaften zu Dresden Mitglied.« Der Bericht von 1759 wurde
bis 1771 von Süße zurückgehalten, um, wie er im »Vorbericht« sagt, das
Eintreffen von weiteren Prophezeiungen abzuwarten. Der Bericht erschien
unverändert in der Fassung von 1759, nur in einigen Anmerkungen nimmt
der Verfasser auf Späteres Bezug.
[110] Ich lege Gewicht auf die Feststellung, daß Heering kein
Hysteriker war, wiewohl das ja selbstredend auch nur ein Name ist, der
nicht das allergeringste zur Aufklärung des Phänomens beiträgt, aus
folgendem Grunde. Im »Türmer« 1910, S. 842, hatte ich u. a. auch auf
die unbedingt feststehende, aber z. Z. noch unerklärte Tatsache der
Stigmatisation des heil. Franz von Assisi hingewiesen. Dagegen erschien
ein Aufsatz eines Dr. Karl Oetker in der Züricher Zeitschrift »Wissen
und Leben«, (S. 358–372) indem er (S. 366) folgende goldene Worte
schreibt. »Daß der heilige Franz von Assisi einer der interessantesten
Hysteriker war, die je gelebt haben, das wußte man längst ... doch was
ist da schließlich Besonderes daran? Einer muß doch der größte sein.«
So erklärt die moderne Wissenschaft!!
[111] »Umständliche Nachricht«, S. 1 ff. Auch ein Exemplar der weiter
unten genannten »Zuverlässigen Nachricht« liegt mir vor.
[112] In Süßes Werk ist der Name Heering in der »Zuverlässigen
Nachricht« aber Herig geschrieben. Süße zitiert hier also unkorrekt.
Zugleich lehrt dieses Beispiel, wie lange man die mittelalterliche
Gleichgültigkeit gegen Namensformen beibehielt.
[113] Eine Anfrage beim Staatsarchiv in Dresden führte zu keinem
Resultat. Danach scheint das Original des Berichtes in Verlust geraten
zu sein.
[114] Abgedruckt in »Zuverlässige Nachricht«, S. 11. Der Zweifler möge
daraus ersehen, daß wenigstens die in der »Umständlichen Nachricht«
berichteten Nebenumstände richtig sind. Denn die »Zuverlässige
Nachricht« erschien ja bereits 1756 im Druck.
[115] Diese Prophezeiung ging insofern in Erfüllung, als Friedrich
August II. am 10. September ins Lager bei Pirna ging, dann, als die
Armee kapitulierte, auf den Königstein flüchtete. Später begab er
sich allerdings nach Warschau und kehrte erst nach dem Friedensschluß
wieder nach Sachsen zurück. Daß die junge Mannschaft viel leiden mußte,
erfüllte sich ganz, denn Friedrich der Große stellte die gefangenen
Sachsen in sein eigenes Heer ein und zwang sie, so gegen ihr Vaterland
zu fechten.
[116] Zu dieser Stelle bringt Süße die Anmerkung: »Die erste Heftigkeit
des unsere Gegend betroffenen Kriegs müßten etwa 7 bis 8 Wochen seyn,
da gleich zu Anfang des Krieges 1756 vom Anfang des Septembr. bis zur
Mitte des Octbr. die Preußische Armee einen Cordon um unsere Elbgegend
des Sächsischen Lagers gezogen, und solche auf drey Meilen lang und
zwey Meilen breit eingeschlossen hatten.«
[117] Die zwei Kirchen sind zweifellos eine symbolische Anspielung auf
die beiden Konfessionen, da bekanntlich das sächsische Fürstenhaus (die
Kirche in der Stadt) katholisch war, das Volk aber protestantisch. Die
Vision fordert augenscheinlich Freiheit des Glaubens.
[118] Anm. S. 22: »Dieser Bäume wegen meynete man, als der Fischer
Veranlassung und Erlaubnis bekam, seine Anzeigen vor Hohen Personen
zu eröffnen, er hätte damit seine Rücksicht auf die Worte der
Johannitischen Bußpredigt, Matth. III, 10. Daher der Fischer befraget
wurde, ob die Bäume abgehauen, und ins Feuer geworfen worden wären?
Worauf er geantwortet: Die Bäume wären ausgerissen, und vom Lande
weggeführet worden. Wovon man sonst einen Parallelausdruck findet,
1. Buch der Könige XIV. v. 15.« Vielleicht ist es eine symbolische
Andeutung auf die Flucht der Vornehmen.
[119] Anm. zu S. 23: »Als Referent und Concipient dieses Vorberichts,
unter den 4ten März 1758 aus einer ausländischen Residenz, durch den
Secretair der Gemahlin eines vornehmen Ministers, vermittelst eines
Briefes, sondiret wurde, was denn, bey denen damaligen Kriegstroublen,
der Proßner Fischer (welches ehrlichen Mannes vormals entdeckte
Gedanken gar nicht zu verwerfen gewesen, sondern in billige Erwegung zu
ziehen wären) noch gegenwärtig äußere, und ich derhalben den Fischer
auf sein Gewissen fragte, blieb er beharrlich bey seinen bisherigen
Anzeigen, und bat mit Thränen, den endlichen ihm gezeigten Heranzug des
Türken, besonders und ausdrücklich mit zu melden.«
[120] Es werden wohl außer Friedrich dem Großen, dessen Bruder
Heinrich, und der Herzog von Braunschweig gemeint sein. Vielleicht ist
der vierte Zar Peter III.
[121] Der »neue Grundstein« ist zweifellos der russische
Regierungswechsel, als auf den Freund Friedrichs, den Zaren Peter III.,
die preußenfeindliche Katharina II. folgte. Mit den Hilfsvölkern sind
russische gemeint. Heering verwechselt überhaupt die Russen mit den
Türken.
Siebentes Kapitel
Die Art der Prophezeiung Heerings
Was nun die Art und Weise betrifft, in der sich bei Heering die
Prophezeiungen einstellten, so gibt auch darüber Süße (S. 36 ff.)
ausführlichen Bericht.
Er hatte seine Vorahnungen oder Visionen keineswegs im Schlaf, vielmehr
sah er im Wachen »Gestalten, Vorbildungen und Prospekte«, hörte Stimmen
oder verspürte in sich immerwährende »Anregungen, worbei er allemal
eine Freudigkeit, es bald anzuzeigen, verspüret«.
So sah er bei der ersten Erscheinung des Jahres 1744 Gestalten, es war
also eine richtige Vision. Die Vorahnung der Schlacht bei Kesselsdorf
stellte sich als »Vorbildung« ein, wobei ihm das fünfte Kapitel Jeremiä
aufgeschlagen wurde. (Wie man sich das zu denken hat, sagt Süße nicht.
Ich kann mir daraus keinen Vers machen.)
Den Ein- und Auszug der Preußen in Dresden im Jahre 1745 sah er
in einem »Prospekt«, also gleichfalls als Vision, ebenso den
unfruchtbar liegenden Acker und das Unwetter des Jahres 1756, die
sich gegenüberstehenden Mächte, das 1757 gegen die Preußen stehende
Reichsheer im gleichen Jahre und endlich das Reichsheer im Jahre 1758
drei Monate vorher im Rückzuge auf Böhmen.
Als er Jesus und die beiden Kirchen sah, hörte er die Stimme Christi
wieder. Hatte er eine solche Vision oder Eingebung gehabt, dann drängte
es ihn, sie hohen Orts zu melden.
In einer Anmerkung (S. 38) des, wie bereits eingangs erwähnt,
=unveränderten= Abdrucks von Heerings vom 11. Juli 1759 datiertem
Bericht erwähnt er, daß er dem kranken Heering am 24. November 1760
das Abendmahl gereicht habe. Hierbei erzählte er, daß er »etwa vor
drey Wochen, eine Versammlung gesehen, welche von einem, der das
Handwerkszeug eines Maurers, besonders eine Maurerkelle, in der
Hand gehabt, wäre angeführet worden, von welcher Versammlung er den
Gesang: Allein GOtt in der Höh sey Ehr etc. hätte anstimmen und singen
hören, und ohnerachtet sich immer noch mehrere zu dieser Versammlung
hinzugefunden, welche das Getöse dieses Liedes immer heller gemacht, so
wäre doch von beyden Seiten dieser Versammlung eine noch größere Menge
gewesen, welche solchen Gesang mit seinen Worten: =all’ Fehd hat nun
ein Ende=, nicht hätten stören wollen, und sich mit dem Gehöre Feldweg
gewendet, es aber dennoch hätten hören müssen.«
Zu dieser Erscheinung bemerkt Süße (S. 39): »Ob dieses von dem nach
zwey Jahren erfolgeten, aber von den Partheyen mit ganz ungleicher
Gesinnung angenommenen Frieden, abermals eine Heeringische Voraussagung
hat seyn mögen, solches überlasset man dem G(eneigten) L.(eser) zur
selbstbeliebigen billigen Beurtheilung.«
Daß jeder Krieg einmal aufhören muß, wissen wir auch ohne besondere
Inspiration. Deshalb scheint mir Süße mit seiner Reserve gut getan
zu haben. Überhaupt will es mir scheinen, als hätten bei Heering die
akustischen Erscheinungen weniger zu bedeuten, als die optischen, ganz
zu geschweigen davon, daß hier der Verdacht, es handle sich lediglich
um religiöse Exaltationszustände, nicht leicht von der Hand zu weisen
ist. Ein Mann, der immer in die Kirche geht, viel die Bibel liest, bei
jeder Gelegenheit zu seinem Beichtvater läuft, beweist dadurch, daß
er völlig in der Weihrauchatmosphäre der Kirche lebt. Da dürfte auf
religiöse Visionen auch dann wenig Gewicht gelegt werden, wenn nicht
gleich mit so schwerem Geschütz, wie einer persönlichen Erscheinung und
Anrede Christi aufgefahren wird.
Von seinen Visionen machte Heering meistens in Form eines Gleichnisses
Mitteilung. Und zwar sagte er: »Ich prophezeye nicht, ich deute auch
nicht, sondern ich zeige nur an, was mir der HErr anzuzeigen befohlen
hat. Und darbey habe ich dem HErrn dreymal geschworen, daß ich von dem
allen, was mir der HErr befohlen hat, nichts verhalten, und mich keine
Furcht um meinet und der Meinigen willen abhalten lassen will.« Dabei
weinte er heftig.
Was seine Empfindung oder richtiger, was sein Gefühl im Augenblick der
Prophezeiung betrifft, so sagte er davon: »Es ist mir vom HErrn gegeben
worden, der HErr hat mirs befohlen, der HErr hat mirs gezeigt, Er hat
mirs sehen und – bisweilen – der HErr hat michs schmecken lassen.«
Der Fischer glaubte also zweifellos im göttlichen Auftrage zu handeln.
Aber selbst wenn das nicht der Fall gewesen wäre, wenn er hätte
täuschen wollen, was ja allerdings nach Lage des Falles unmöglich ist,
so würde das nicht das allergeringste an dem wunderbaren Phänomen
ändern, daß seine Prophezeiungen, soweit es sich um Irdisches und nicht
um religiöse Phantasmagorien handelte, eintrafen.
Nachdem Süße in dieser eingehenden und gewissenhaften Weise seine
Beobachtungen am Fischer niedergelegt hat, wobei er dem hartnäckigen
Zweifler rät, doch den Prossener persönlich aufzusuchen, präzisiert er
seine eigene Stellungnahme.
Er betont ausdrücklich (S. 42 f.), daß er »der Sache neuer
Offenbarungen niemals zugethan gewesen, sondern jederzeit ein
Mißtrauen gegen selbige gehabt habe.« Das ließ sich ja bei einem Mann
der Aufklärungszeit, nicht zum mindesten bei einem protestantischen
Geistlichen, voraussetzen und ist auch ganz der Standpunkt, den
Schreiber dieses allen solchen Phänomenen gegenüber einnimmt. Aber
jeder Zweifel muß bei einem denkenden und sich gegen jegliches Dogma,
sei es nun ein kirchliches, naturwissenschaftliches, philosophisches
oder sonst eines auflehnenden Menschen der Gewalt der Tatsachen
gegenüber verstummen.
So ging es auch Süße. Und das, wiewohl er schon mit Rücksicht auf sein
Amt aus einer gewissen Reserve nicht heraustrat, dem Fischer zahlreiche
Einwendungen machte und keinen Beifall zeigte »und diss zwar aus der
guten Absicht, dass ich eine etwa bey ihm excedirende Phantasey, und
einen gemeiniglich damit verknüpften Hochmut, oder auch wohl einen
ungeziemend partheyische Absichten verdeckt hegenden Sinn, nicht
verstärken möchte.«
In seiner Ratlosigkeit, wie sich diese merkwürdige Gabe des Fischers
erklären lasse, wandte sich Süße, aber erst =nachdem= er den
Tatbestand, wie wir ihn oben finden, festgestellt hatte, an Werke
protestantischer und katholischer Theologen. Was er dort fand, hat für
uns wenig Interesse, deshalb unterlassen wir es, ihm in eine Literatur
zu folgen, die der Erklärung nicht näher steht, als wir[122]. Nur mit
dem Unterschied, daß wir ehrlich bekennen, bei dem gegenwärtigen Stande
der Wissenschaft ein ignoramus aussprechen zu müssen.
Begeht die offizielle Wissenschaft den grotesken Fehler, die Tatsachen
zu leugnen, weil sie keine befriedigende Erklärung weiß, so die
Theologie den andern – allerdings weit geringeren –, daß sie eine
Lösung des Rätsels gefunden zu haben glaubt, wenn sie mit Worten
wie Gott, Heiliger Geist, Offenbarung usw. operiert. Uns genügt die
Feststellung des Tatsächlichen, d. h. in diesem Falle:
=daß der Fischer Heering aus Prossen die Gabe der Prophezeiung besaß=.
Nun wird man zwar ohne weiteres zugeben müssen, daß die bei weitem
überwiegende Zahl der Prophezeiungen in Erfüllung ging, aber man
wird darauf hinweisen können, daß in unserem obigen Bericht bei
einigen nichts vom Ausgang gesagt wurde. Deshalb wollen wir aus dem
»Vorbericht« der »Umständlichen Nachricht«, der am 20. August 1771
abgeschlossen wurde, also 12 Jahre nach dem Tatbestand, wie wir ihn
oben kennen lernten, einiges nachtragen.
Damals hatte Heering prophezeit, daß »=das Preußische Heer, nachdem
alles vollbracht war, in Frieden aus Sachsen zurückgezogen=« =werden=
würde. An dieser Voraussage hielt Heering fest, wiewohl der Krieg
noch sechs Jahre währte und die Verhältnisse oft so kritisch waren,
daß nichts ferner lag, als die Wahrscheinlichkeit, die Preußen würden
friedlich aus Sachsen abziehen. =Und doch trat dieser Fall ein!=
Eine weitere Prophezeiung Heerings =nach= dem Friedensschluß, »daß er
auf das künftige =viel Brand-Stätte, wie auch viele entkleidete und
beraubete Menschen in Pohlen gesehen=« ging gleichfalls in Erfüllung.
Wir erinnern uns noch der die Türken (»der aus Morgen«) betreffenden
Voranzeige, daß sie sich künftig =in den Krieg= einmischen würden. Der
Fischer hatte gesagt: »daß nach denen damaligen, im Deutschen Reich,
sich geendigten Troubeln, sich =der Krieg nordwärts gezogen hätte=«,
daß es sich also nicht um kriegerische Verwicklungen mit Deutschland
handeln würde. Da, wie wir sahen, alle Prophezeiungen Heerings in
erstaunlich kurzer Zeit in Erfüllung gingen, so würde die Vermutung
nahe liegen, daß das auch hier der Fall hätte sein müssen. Aber Heering
sagte – wie auch sonst wiederholt – in diesem Falle ausdrücklich:
»=Zeit und Stunde hat mir der HErr hiervon nicht bestimmt=«.
Unter diesen Umständen dürfte es nicht allzugewagt erscheinen, auch
die Erfüllung dieser Prophezeiung allerdings erst nach einem Jahrzehnt
zuzugeben, und zwar mit dem Eingreifen der Türken in den Polnischen
Krieg. Zur Verteidigung der Herrschaft des katholischen Glaubens in
Polen und der Verfassung erhob sich im Jahre 1768 die Konföderation zu
Bar unter Führung des Marschalls Michael Krasinski, wurde aber, da der
polnische Senat die Russen zu Hilfe rief =trotz Unterstützung durch die
Türken=, vernichtet.
Bei dieser Gelegenheit können wir Süßes Vorsicht bzw. Skepsis kennen
lernen, schreibt er doch (Vorbericht, S. 25): »Indessen ist meine
Absicht nicht, einen präzisen Apologeten, oder absoluten Verteidiger
von des Fischer Heerings Visionssache überhaupt, abzugeben, indem
ich nicht in Abrede seyn kann, daß ich ihn allemal, bey seinen
verschiedenen eröfneten indeterminirten oder unbestimmten Ideen
und Ausdrücken, und bey seiner bisweilen hervorgeblickten Neigung,
zu gleichsam ecstatischen Umständen, für ein Objekt der Versuchung
gehalten und ihn daher (wie er mir dessen Zeugniß geben wird) auf
die genaueste Selbstprüfung einer vielleicht bey sich vorwaltend
lassenden starken Imagination oder Vorbildung, geführet, und daß er
sich dadurch nicht verleiten lassen möchte, sorgfältig angewiesen
habe, und noch fernerweit anweisen werde ...« Bemerkenswert ist auch,
daß er auf Seite 6 der »Umständlichen Nachricht«, in einer Anmerkung
zu der Türkenprophezeiung schreibt »GOtt gebe, und erhöre uns in dem
demüthigen Gebet unserer Lithaney auch darinnen Gnädiglich, daß zu
keiner Zeit, und auch jetzo, bey denen unter einander entrüsteten Hohen
Mächten, die Interposition oder Einmischung, deren Türken nicht nöthig
und erfolglich sey.« Aus einer Kleinigkeit, wie dem Stehnbleiben dieses
Ausrufes, ergibt sich auch, daß der Bericht von 1759 =unverändert=
abgedruckt wurde.
Mir scheint die Skepsis hier übertrieben. Heering sagte ausdrücklich,
daß die Türken sich erst =nach= Friedensschluß einmischen würden. Der
Hubertusburger Friede wurde 1763 geschlossen, die Türken aber griffen
in die polnischen Unruhen 1768 ein, also fünf Jahre später. Das will
mir nicht so ungeheuerlich erscheinen[123].
Wir wissen ja gar nichts über die zeitliche Begrenztheit der
Prophetengabe. Im Gegenteil werden wir später noch sehen, daß es
möglich ist, Ereignisse, die erst nach Jahrhunderten eintreten werden,
genauestens vorher zu sehen. Daß die Erfüllung zumeist den Voraussagen
Heerings auf den Fuß folgte, läßt den Schluß durchaus nicht zu, daß
es aus inneren Gründen so sein mußte. Wir würden, wollten wir uns
ablehnend gegen die Türkenvision verhalten, stillschweigend die
enge zeitliche Begrenzung der Prophetie oder überhaupt irgendwelche
gesetzmäßige Gebundenheit voraussetzen. Dazu sind wir aber bei dem
geringen Grade unserer Kenntnis von dem ganzen Phänomen um so weniger
berechtigt, als die ganze Schulwissenschaft ja bis zur Stunde überhaupt
die Tatsache noch leugnet.
Erst wenn diese nicht nur einwandfrei festgestellt ist – was ja in
vorliegender Schrift geschieht – sondern wenn wir auch Tausende von
gesicherten Fakten kennen, erst dann können wir ein Gesetz oder – sagen
wir bescheidener – eine Regel abstrahieren. So weit sind wir aber noch
lange nicht und deshalb besteht kein triftiger Grund, die Erfüllung der
Türkenvision nicht zuzugeben.
An eine völlig unbekannte Sache mit aprioristischen Regeln oder
Gesetzen heranzutreten, verbietet die Logik. Das war und ist auch heute
noch der Kardinalfehler der gelehrten Zunft, dem es zugeschrieben
werden muß, wenn sie allen großen und genialen Neuerungen oder
Entdeckungen gegenüber bankrott machte.
Zum Schluß noch eine Vision Heerings, die er »schon vor anderthalb
Jahren« hatte, das wäre zu Beginn des Jahres 1770, da der »Vorbericht«
das Datum des 20. August 1771 trägt: Unweit des Ortes Prossen erschien
ihm die Gestalt eines kleinen Mädchens, die ein altes Büchlein in den
Händen hatte, auf dessen einem Blatt die Worte standen: =schwere und
theure Zeit=; »über welche Anzeige er sich noch immer beklagt, daß ihm
damals niemand habe Glauben beymessen wollen«. (Vorbericht, S. 19, Anm.)
Resümieren wir, dann kann es nicht dem allergeringsten Zweifel
unterliegen, daß – selbst, wenn wir annehmen wollen, die Interpretation
einiger weniger Vorhersagen sei gewaltsam – doch die erdrückende Menge
in Erfüllung ging. Daß Berechnung ausgeschlossen ist, wird kaum jemand
bestreiten wollen. Also besteht nur die Annahme des Zufalls, wenn wir
den Beweis für die Sehergabe Heerings nicht für erbracht halten.
Nun wollen wir nicht bestreiten, daß die Möglichkeit des Zufalls
besteht. Denn es handelt sich in keinem einzigen Falle um ganz
außerordentliche Dinge mit sehr hohem Divisor. Die möglichen Fälle sind
vielmehr relativ begrenzt. Zugeben wird man uns aber müssen, daß es
sich sicherlich um einen sehr merkwürdigen Zufall handelt.
Auf alle Fälle beweist auch diese Vision, daß Heering keineswegs nur
ganz kurze Zeit vorher sehen konnte.
Es ist nun sehr interessant, daß Süße, als er am 20. August 1771 diesen
Visionsbericht abschloß, noch nicht wissen konnte, daß er im nächsten
Jahre in Erfüllung gehen würde, und zwar in ungeahnt schrecklicher
Weise. Denn es kann nur die große Hungersnot gemeint sein, die im
Jahre 1772 allein in Kursachsen 15000 Menschen hinweg raffte. Wir
haben hier also einen jener seltenen und günstigen Fälle, daß eine
Prophezeiung vor ihrem Eintreffen im Druck erschienen ist. Das verleiht
auch allen anderen Angaben Süßes in den Augen der unverbesserlichsten
Hyperkritiker erhöhte Glaubwürdigkeit.
Fußnoten:
[122] Die von Süße genannten Schriften sind: 1. Johann =Charlier=,
genannt Gerson, Traktat de discernendis veris visionibis a falsis.
Helmstedt 1692. Als »Abhandlung von Prüfung derer Geister« ist die
Übersetzung dieser Schrift im Anhang der »Umständlichen Nachricht«
S. 131–164 abgedruckt. Hier auch 2. ein Auszug von D. Philipp Jacob
=Speners= »Erklärung, was von den Gesichten zu halten sey«, S. 165–184.
Frankfurt a. M. 3. =Luthers= und 4. Gottlieb =Wernssdorfs= Ansichten
gibt Süße S. 106 bis 120 wieder. Endlich berücksichtigt er die
Gutachten der Wittenberger theologischen Fakultät.
[123] Wahrscheinlicher ist allerdings die Deutung, Heering habe die
Polen für Türken gehalten. Da er ja in seinen Visionen =sah=, also die
Uniformen usw. agnostizieren mußte, scheint diese Interpretation nicht
gewagt. Wir werden in einem spätern Kapitel noch darauf zurückkommen.
Achtes Kapitel
Johann Adam Müller
Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts erregten die Prophezeiungen eines
Landwirtes namens =Johann Adam Müller= vom Maisbacher Hofe, unweit
Heidelberg viel Aufsehen. Dieser Mann, der in mancher Beziehung große
Ähnlichkeit mit dem Fischer Heering aus Prossen besitzt, sollte sogar
in die Politik eingreifen. Bevor wir auf seine Person des Näheren
eingehen, sei das Protokoll hier wiedergegeben, das der Pfarrer Hautz
in Mekels, nachmals in Neckargemünd, im Jahre 1808 nach dem mündlichen
Bericht Müllers zu Papier gab[124].
Es lautet:
»Ein Jahr vor dem Anfang des letzten österreichischen Krieges erschien
mir des Nachts eine ganz weiße Gestalt, die mich bei der Hand nahm,
daß ich darüber erwachte; ich glaubte anfangs, es sey meine Frau,
fand aber, daß diese ruhig neben mir schlief. Einige Zeit blieb ich
wachend im Bette sitzen und die Gestalt verschwand. Darauf legte
ich mich wieder nieder und fing an zu schlummern, aber kaum war ich
eingeschlummert, als mich wieder etwas an der Hand faßte und mich
aufweckte. Die Gestalt glich vollkommen einem Menschen. Sie ging hin
zum Tisch in meiner Stube, und als ich mich ihr näherte, verschwand
sie plötzlich; worauf außen vor dem Hause am Himmel ein sehr starker
Blitz erfolgte. Ich öffnete das Fenster und sah an dem Himmel einen
großen Zug Kanonen, der sich von Frankreich gegen Österreich hin
bewegte. – Vierzehn Tage vor Weihnachten 1805 erhielt ich eine andere
Erscheinung, die mich abermals erweckte, und mir sagte, daß bald auch
ein Krieg zwischen Frankreich, Preußen und Rußland ausbrechen würde,
und nach Verlauf eines Jahres müsse ich zum König von Preußen gehen;
der russische Kaiser werde auch dazu kommen. Doch sagte mir diese
Erscheinung noch nicht, was ich bei dem König von Preußen tun sollte.
Am 2. Mai 1806 tat es abends gleich nach Sonnenuntergang einen starken
Blitz; ich stand unter der Haustüre und sah ein Schwert vom Himmel
hin- und gerade durch den eben vollgewesenen Mond fahren; das Schwert
wurde rot und fuhr dann gegen Norden.
Nach Verlauf eines Jahres dachte ich wohl wieder an diese Erscheinung,
aber mein Herz dachte nicht daran fortgehen zu wollen. Am ersten
Sonntag im Jahre 1807 kam jene weiße Gestalt wieder und sagte mir: ich
sollte mich eilends aufmachen und zum König von Preußen gehen. Wenn
ich zum König käme, sollte ich mich gar nicht besinnen, was ich sagen
solle, denn Gott würde mir schon in den Sinn geben, was ich sagen
solle. Der russische Kaiser würde auch dazu kommen, ich solle mich
aber gar nicht vor ihnen scheuen, denn es werde mir nichts zuleide
geschehen. Darauf versprach ich, daß ich fortgehen wolle; da verschwand
die Gestalt. Weil ich nun aber nicht wußte, was ich bei dem Könige
zu tun habe, so bat ich Gott, er möge mir dies doch offenbaren, und
14 Tage hernach erschien mir wieder die Gestalt, und sagte mir, ich
sollte mich 7 Tage meiner Frau enthalten, dann würde mir offenbart
werden, was ich dem König zu sagen hätte. Nach Verlauf dieser 7 Tage
in der achten Nacht kam wieder etwas, und nahm mich bei der Hand. Als
ich erwachte, war alles um mich her so hell (NB es war nachts 12 Uhr)
als ob das ganze Haus im Brand stände. Ich sah aber wohl, daß es kein
Brand war, denn es war so hell weiß, wie die Sonne am Mittag ist. Da
stand ein alter Mann, dem Ansehn nach etwa 80 Jahr alt, der hatte zwei
Bücher unter dem Arm, die ganz veraltet schienen, ohne Deckel und
voller Falten. Ich betrachtete den Mann und besonders seine Bücher
sehr aufmerksam. Er fragte mich, was mich so in Erstaunen setze? Ich
schwieg stille und nun fragte er: ob es etwa die Bücher seien? Ich
sagte ja! und nun antwortete er: darüber brauche ich mich weiter nicht
zu wundern! So wie diese veraltet seien, so sei Gott, Jesus Christus
und Gottes Wort, das in diesen Büchern stände, leider! auch veraltet.
Darauf zog er das eine Buch unter dem Arm hervor, schlug den Jesaias
auf, zeigte mir das 58ste bis in das 64ste Kapitel und sagte mir: ich
solle mich jetzt schnell auf den Weg machen und zum König von Preußen
gehn, und ihm so wie dem russischen Kaiser, wenn er dazu käme, diese
Kapitel vorlegen und ihnen verkündigen, nach Anweisung dieser Kapitel
sollen sie ihre Länder einrichten, denn so wie ich gesehen hätte,
das Schwert durch den Mond fahren und hell rot werden, so werde die
Finsternis bestraft werden, wenn sie sich nicht bekehre. Noch setzte
er hinzu, ich solle mich nicht scheuen, er werde mich gesund hin,
und wieder zurück zu meiner Frau und meinen Kindern bringen. Als ich
versprochen hatte, dem Berufe zu folgen, kam ich auf einmal weg[125],
und wußte gar nicht mehr, wo ich war, der alte Mann aber blieb bei
mir. Wir kamen in eine Stadt, wo ein Haufen Wölfe, Bären und Löwen
waren. Diese sprangen an mich hin; der alte Mann aber wehrte ihnen und
beschützte mich. Wir kamen wieder weiter und an ein Wasser, ohne daß
wir hinüber kommen konnten. Nach einigen Tagen kam ich aber hinüber
ohne, zu wissen wie? Bald darauf kam abermals ein Haufen Wölfe, Bären
und Löwen, die mich noch fürchterlicher anfielen. Mir war zugleich
ich sei auf einem Wagen. Ein besonders großer Löwe verwundete mich,
daß ich blutete. Der alte Mann fragte mich, ob es arg wäre? als ich
nein! antwortete (ich blutete nur an der Nase), sagte er, es werde mir
das nicht schaden, und mir auch sonst nichts mehr zuleide geschehen.
Nun kamen wir zu Leuten, die Feuer hatten, aber ich konnte nicht
sehen, von was das Feuer brannte. Sie hatten auch etwas, was ihnen
zur Speise diente; mir aber kam es vor, als könne man es nicht essen.
Ich fragte sie daher, von was sie lebten und welches ihnen recht gut
schmecke. Dann kamen wir an einen sehr schönen gepflanzten Weinberg,
worin einige Reihen Reben, dann eine Reihe von Obstbäumen, und dann
ein Weg war. Da sagte mir der alte Mann: in diesem Weinberg würde ich
eine Zeitlang bleiben. Darauf kam ich in eine große schöne Stadt, in
welcher man mich überall herumführte. Mitten in der Stadt kam ich in
eine ungemein große Kirche. In den 4 Ecken der Stadt standen vier
Königsschlösser. Der alte Mann sagte mir nun, diese Stadt sei die Stadt
=Zion= und =Neu-Jerusalem=, sie solle aber noch erst gebauet werden,
zum Gedächtnis, wenn die Menschen sich gebessert und sich wieder zu
Gott gewendet hätten. Er zeigte mir den Platz, wo die Stadt sollte
hingebaut werden[126]. Darauf verschwand der alte Mann, und ich befand
mich wieder, jedoch =wachend=, in meinem Bett.«
Ich muß den Leser um Entschuldigung bitten, daß ich alles dieses
phantastische Zeug ihm wortgetreu aus dem Protokoll vorführe. Aber
nur so dürfte das ausreichende Material zu einem Urteil gegeben sein.
Daß Müller Visionen hatte, die er für reale Dinge hielt und daß er der
festen Überzeugung war mit dem »alten Mann« leibhaftig zu verkehren,
scheint festzustehen. Daß es sich – so merkwürdig und abenteuerlich
alles anmutet – doch keineswegs nur um Phantastereien, wie zweifellos
beim Traum von Neu-Jerusalem, handelt, ergibt sich aus dem Folgenden
zwingend. Besonders merkwürdig ging die Vision (oder war es ein Traum?)
von den wilden Tieren in Erfüllung. Es wird sich überhaupt empfehlen,
das Mißbehagen bei Lektüre des Protokolles zu überwinden und auch, mit
Rücksicht auf das Folgende, auf Einzelheiten zu achten.
Doch fahren wir im Protokoll (S. 30) fort!
»Jetzt wußte ich nicht, was ich tun sollte. Gern wäre ich fortgegangen,
aber der Gedanke an meine Frau und Kinder hielt mich zurück; ich ließ
es also anstehen. Zehn Tage darnach kam ein Mann von mittleren Jahren
des Nachts zu mir, und sagte: wenn ich nicht fortginge, so würde all
das Blut auf meinen Kopf kommen und von meinen Händen gefordert werden.
Ich wußte nicht, was ich machen sollte, und fragte also einmal des
Nachts meine Frau, was sie machen werde, wenn ich einmal ¼ oder ½
Jahr nicht bei ihr sein sollte. Sie antwortete: »Lieber Gott! da wüßte
ich mir weder zu raten noch zu helfen!« Darauf nahm ich mir fest vor,
=nicht= fort zu gehen, es möge kommen wie es wolle. Am dritten Tage
aber ward ich unruhig im Gemüt, und diese Unruhe nahm mit jedem Tage
zu. Am siebenten Tage sagte ich zu meiner Frau: Du siehst nun, es tut
nicht gut, wenn ich dableibe, es gehe also in Gottes Namen wie es will,
da antwortete sie: »So gehe denn in Gottes Namen hin und richte deinen
Befehl aus.«
Darauf ließ ich meinen Schwager holen, wozu auch der Schuhmacher
Sattler aus Nußloch gekommen war. Beiden legte ich die ganze Sache vor,
erzählte ihnen alles ganz genau und verlangte von ihnen, sie sollten
mir raten. Sie antworteten aber, sie könnten mir hierin nicht raten,
die Sache sei zu wunderbar. Wenn es nur 30 Stunden Weges wäre, so
wollten sie wohl noch eher dazu raten, aber dieser Weg sei =zu weit=;
wie ich denn hin und wieder zurückkommen wollte? Am Ende wenn ich denn
auch hingekommen wäre, so werde ich doch nicht vor den König kommen
können. Ich versetze: =das= weiß ich sicher, daß ich hin, wieder zurück
und auch vor den König kommen werde. Da sagte der Schuhmacher, ich
sollte es meinem Pfarrer vorstellen und hören, was der davon halte.
Ich antwortete ihm, wenn es ein Pfarrer wissen sollte, so würde es ihm
unser Herr Gott schon gesagt haben; doch (setzte ich hinzu), wenn ich
den Sonntag in die Kirche gehe, will ich mit unserm Pfarrer reden.
Am folgenden Sonntag blieb ich bis zuletzt in der Kirche, und wollte
dann zu dem Pfarrer ins Haus gehen; als ich aber die Haustreppe hinauf
stieg, zog mich etwas am Rock zurück, worauf ich denn auch fortging,
ohne mit dem Pfarrer über die Sache zu reden. Zwei Nächte darauf hörte
ich (jedoch ohne etwas zu sehen) eine Stimme, die zu mir sprach: »Ich
sollte eilends fortgehen, der Verderber sei hinweg!«
Am folgenden Abend ging ich zu meinem Nachbar und vertrautesten
Freunde und sagte ihm, daß ich fort müsse, ob er sich nicht in
meiner Abwesenheit meiner Frau und meiner Kinder annehmen wolle. Ich
verschwieg ihm aber, wohin ich gehen werde, und was ich auszurichten
habe. Er versprach mir, meiner Frau zu helfen, so viel er könne, und
setzte hinzu: ich solle nur in Gottes Namen fortgehen. Ich sagte also
zu meiner Frau, ich werde des andern Morgens fortgehen, und belehrte
sie, wie sie inzwischen ihre Geschäfte und Haushaltung besorgen solle.
Des andern Morgens kochte mir meine Frau ein Stück Dörrfleisch ab,
dies, ein Stück Brot und 15 Kreuzer an Geld[127] nahm ich mit, und so
trat ich meine Reise, ohne Paß, in Gottes Namen an.«
Die Ähnlichkeit der Vorgeschichte des Ganges zum König mit der des
Prossener ist unverkennbar. Beide handeln aus unwiderstehlichem inneren
Drange in der unerschütterlichen Überzeugung, Werkzeuge in Gottes Hand
zu sein. Daß in beiden Fällen alles Sensationelle, so merkwürdig die
erzählten Vorgänge auch sein mögen, völlig ausgeschlossen ist, sei
ausdrücklich hervorgehoben. Was Müllers Charakter betrifft, so werden
wir noch später auf ihn zurückkommen. Den des Prossener kennen wir ja
bereits als völlig einwandfrei.
Doch fahren wir fort (S. 32):
»Als ich in die Gegend von Frankfurt kam, sah ich einen Berg mit
Weingärten, an dem ein Weg hinauf ging. Dieser Weg war mir früher
durch den alten Mann gezeigt. Nachher kam ich in einen Wald und so
von Dorf zu Dorf bis Miltenberg. Hier fragte ich nach dem Wege nach
Würzburg. Von da ging ich nach Baireuth, dann über Leipzig, Wittemberg,
Berlin, bis nach Prenzlow. Vor Prenzlow fragte mich ein Mann, wohin ich
wolle? Ich antwortete, nach Stettin, um dort einen Badenschen Dragoner,
meiner Frau Schwestersohn, zu besuchen. Da erbot er sich, mir den Weg
um die Stadt herum zu zeigen, damit ich nicht nötig habe, durch die
Stadt zu gehn, weil ich sonst leicht angehalten werden könnte. Ich nahm
es aber nicht an, sondern ging durch die Stadt, weil ich sie als eine
von denen erkannte, die mir der alte Mann gezeigt hatte.
Am Tore fragte mich die Bürgerwache, wohin ich wollte? und ob ich
einen Paß habe? Ich antwortete: nach Stettin! Einen Paß hätte ich
aber nicht. Da wurde ich denn durch einen Gefreiten vor den Stadtrat
geführt. Dieser hatte nun eben gerade eine solche Gestalt und Kleidung,
wie mir es durch den alten Mann vorgestellt worden war. Jetzt, als ich
sah, wie alles, was mir früher vorgestellt war, in Erfüllung zu gehen
anfange, lachte mir das Herz im Leibe. Auf dem Wege nach dem Rathaus
bedauerte mich der Gefreite! »Mann! Ihr dauert mich,« sagte er, »denn
Ihr werdet lange sitzen müssen, ehe Ihr fortkommt!« Ich antwortete
aber, das habe nichts zu bedeuten. Vor dem Magistrat in Prenzlow wurde
ich gefragt, wohin ich wolle? Ich antwortete: nach Stettin, um einen
badischen Dragoner, meiner Frauen Schwestersohn, zu besuchen. Nun
wurde ich zu dem französischen Kommandanten geführt. Mein Wächter
bedauerte mich jetzt noch mehr, aber ich antwortete ihm abermals, er
solle meinetwegen außer Sorgen sein. Der französische Kommandant fragte
mich das Obige wieder, und ich beantwortete es gerade wie vorher. Er
entließ mich mit den Worten: ich solle in Gottes Namen sehen, wie ich
weiter nach Stettin komme. Beim Weggehen sagte jener Gefreite, ob ich
denn nicht weiter wollte, als bis Stettin? Ich antwortete: Nein! aber
er versetzte: Ihr geht doch weiter und müßt wohl einen ganz besonderen
Auftrag haben. Nun! glückliche Reise! Zugleich brachte er mich auf den
rechten Weg.
Bei meiner Ankunft in Stettin, ging ich gerade durch die Stadt durch,
ohne angehalten zu werden, und doch mußte jeder andere seinen Paß
vorzeigen. Mitten auf der Oderbrücke aber wurde auch ich angehalten,
auf die Wache geführt und nach meinem Paß gefragt. Ich sagte jetzt, ich
wolle nach Kolberg. Man führte mich nun zum französischen Kommandanten,
welcher befahl, mich nicht über die Oderbrücke zu lassen. Ich ging
also wieder in die Stadt, trank ein Glas Bier und wollte nun zur Stadt
hinaus. Da rief mir ein badischer Dragoner zu, wo ich herkäme und wo
ich hinwollte? Ich antwortete ihm das mehrmals Erwähnte, und er führte
mich dann zu seinem Offizier, bei welchem er zugleich Bedienter war.
Auch dieser fragte nach dem Zweck meiner Reise, und ich sagte auch ihm,
ich wolle zu meiner Frau Schwestersohn. Es wurde nun ein Chirurgus
gefragt, ob mein Vetter nicht etwa im Lazarett sei! Es hieß aber: Nein!
auch konnte man mir nicht sagen, ob er in der Gegend von Kolberg oder
Danzig sei.
Als ich wieder vor die Stadt kam, sah ich den mir früher vorgestellten
Berg, zugleich auch ein Dorf, in welches ich ging und in einem Hause
(es war das Pfarrhaus) einkehrte. Der Pfarrer kam mir entgegen und
fragte mich, was ich wolle? Ich bat ihn, mir doch zu sagen, wo und
wie ich über die Oder kommen könne? Zugleich entdeckte ich ihm etwas
über den eigentlichen Zweck meiner Reise. Darauf ließ der Pfarrer
einen Mann holen und fragte ihn, ob er, Müller von jenseits der Oder,
die Bienen schon abgeholt habe? Es hieß: Nein! doch wisse man nicht,
ob er sie heute oder morgen holen werde. Da sagte der Pfarrer zu
dem Manne, er solle doch sorgen, daß ich mit über die Oder gebracht
werde, wenn der Müller die Bienen hole, denn an mir könne man einen
Gotteslohn verdienen. Er setzte mir auch Butterbrot vor und gab mir
einen preußischen Gulden mit dem Zusatze, ich sollte mich in einem mir
von ihm angewiesenen Wirtshause so lange aufhalten, ohne mich viel
umzusehen, bis dieser Mann kommen werde mich abzuholen. Ich war aber
kaum eine halbe Stunde in dem Wirtshause, als der Mann mich schon
abholte.
Dann fuhr ich mit dem Manne über die Oder, ging mit ihm in sein Haus
und blieb die Nacht bei ihm. Er riet mir nun, mich nach Stolpmünde
hinzuwenden, da würde ich vielleicht ein Schiff treffen, mit welchem
ich weiter reisen könnte. Eine Stunde von Stolpmünde blieb ich über
Nacht, und hier traf ich das Brot, welches ich nicht essen konnte.
Des andern Tages (Sonntags) trank ich erst in einem Wirtshause ein
Glas Branntwein[128]. Hier traf ich zwei preußische Soldaten, die sich
selbst ranzioniert hatten. Sie erkundigten sich, wo ich hinwollte? Ich
antwortete: nach Danzig. Sie baten mich bis Mittag zu warten, weil
sie dann mit mir gehen wollten, und ich blieb. Ich ging indes in die
Kirche. Während dem hatten die Bauern den Soldaten gesagt, ich sei
ein Spion, sie mögen mich daher nach Kolberg abliefern. Es wurde auch
wirklich ein Wagen bestellt, auf welchen ich mich mit den 2 Soldaten
setzte. Man tat mir aber nichts zuleide. Im nächsten Dorfe, wo der
Wagen gewechselt wurde, wollte einer der Soldaten mich mit Gewalt von
dem Wagen reißen, aber er zerriß bloß meine Hutschnur. Ich sagte ihm
er solle sich nicht unterstehen, mir etwas zuleide zu tun. Sie mögen
mich zu den Preußen oder zu den Franzosen führen, ich werde mich
allenthalben verantworten. Die Bauern drohten mir auf allerlei Art.
Ein dabeistehender Edelmann aber sagte, sie sollten mich zufrieden
lassen, sie sähen ja, daß ich mich gutwillig in alles ergäbe. Da
ließen sie mich ruhig. In der Nacht kamen wir in ein anderes Dorf.
Der Edelmann wollte uns aber nicht die Nacht dabehalten, auch keinen
Wächter hergeben mich zu bewachen. Der eine von den 2 Soldaten wurde
also grob gegen ihn und gegen mich und schlug mich mit seinem Stock
über die Nase, daß sie blutete[129]. Der Edelmann fragte mich, ob es
mir wehe täte? Ich antwortete aber: Nein. Auf des Edelmanns Befehl ward
ich durchsucht, ob ich etwas Verdächtiges bei mir habe? Man fand aber
nichts. Der eine Soldat versuchte meinen Stock zu zerbrechen, weil er
glaubte, daß darin etwas verborgen sei. Er konnte es aber nicht und
der Edelmann bemerkte, wenn er hohl sei, wäre er schon längst gewiß
zerbrochen. Der Mann, setzte er dann gegen die Soldaten hinzu, ist
ehrlicher als Ihr! Mir gab er jetzt ein Glas Branntwein. Als nun der
Soldat immer noch drohte, er wolle mich erstechen, tröstete mich der
Edelmann, das solle nicht geschehen dürfen, denn er werde mir zu meinem
Schutze einige Bauern zu Pferde mitgeben. Dies geschah auch und zwar
1½ Meile von Rügenwalde.
In einem der folgenden Dörfer, wohin wir morgens um 2 Uhr abfuhren,
bekamen wir einen frischen Wagen und wieder einige Bauern zur Wache.
Bei Rügenwalde erhielten wir abermals eine frische Fuhre, die uns bis
ein an der See liegendes Dorf brachte. Die Soldaten begehrten wieder
eine Fuhre, der Schulze aber verweigerte sie. Der eine Soldat schimpfte
darauf, und der Schulze drohte, ihn den Polacken zu überliefern. Wir
gingen nun an den Strand hin gegen Stolpmünde, aber ich bedauerte
insgeheim, mit einem so rohen Menschen gehen zu müssen, und bat Gott,
mich von ihm zu erlösen. Nach einer halben Stunde zeigte der Soldat
Lust, sich in die See zu stürzen. (Man meinte überhaupt, er sei nicht
recht bei Verstand.) Sein Kamerad verwies ihm sein Betragen. Bisher,
sagte er, hast du diesen (auf mich deutend) umbringen wollen, und nun
willst du dich selbst töten. Du siehst daraus, was für ein böser Mensch
du bist. Bald nachher fiel der andere Soldat im Gehen um und konnte
auf keinem Fuße mehr stehen. Wir suchten ihm zu helfen, aber es ging
nicht. Er bat daher seinen Kameraden, er möge dem Schulzen des nächsten
Dorfes auftragen, ihn durch eine herausgeschickte Fuhre nachholen zu
lassen. Der Soldat tat dies aber nicht. Ich erinnerte ihn zwar daran,
er antwortete mir aber: Nein! Denn jener habe durch sein Betragen
deutlich genug gezeigt, daß er nicht besser als ein Vieh sei. Auch
wäre er schuld, daß ich so schlimm behandelt sei, er habe dafür von
den Bauern Geld genommen. In Stolpmünde, in einem Wirtshause, trafen
wir den Bedienten eines gewissen Herrn Inspektors. Der Bediente hatte
von mir gesprochen. Der Herr Inspektor ließ mich also in der Nacht des
Ostersamstags zu sich kommen. Ich erzählte ihm meinen Auftrag und mein
Geschäft und blieb bis 2 Uhr morgens bei ihm. Ich sollte noch länger
bei ihm bleiben, aber ich wollte nicht. Er erbot sich dazu, daß auch er
sich vor dem Könige stellen wolle, wenn derselbe mir etwa nicht glauben
wolle.
Es hieß, 3 Meilen unter Stolpmünde werde ein Schiff nach Danzig
abgehen, es war aber keins da. Ich wurde also mit mehreren preußischen
Soldaten, die sich selbst ranzioniert hatten, die Osterfeiertage über
einquartiert. Am Osterdienstag hieß es, es werde ein Boot ausgerüstet,
mit welchem wir nach Danzig fahren sollten. Wir gingen also die
See aufwärts und fanden da wirklich ein großes Boot. Man sagte uns
aber, wir sollten einen günstigen Wind abwarten. Ich wurde also zu 6
preußischen Soldaten einquartiert. In der Nacht segelten die andern
ohne uns 7 ab. Früher schon sagten sie, sie nähmen uns nicht mit, es
sei denn, daß ich ihnen verspräche, daß sie glücklich nach Danzig
kommen würden. Ich hatte ihnen aber geantwortet: »Daß ich glücklich
ankommen würde, wisse ich gewiß; wenn sie also mit mir reiseten, würden
sie ja auch wohl glücklich ankommen!« 6 Stunden nach ihrer Abreise
ohne uns mußten sie aber widrigen Windes halber wieder zurück. Wir 7
gingen nun zu Fuß wieder nach Rügenwalde zurück. Hier trafen wir einen
Husarenwachtmeister vom Schillschen Korps an. Er erkundigte sich zuvor
nach mir bei den 6 Soldaten und bezeigte sich dann ungemein liebreich
und freundlich gegen mich. Schon am folgenden Tage wurden wir auf einem
Boote nach Kolberg eingeschifft. Zwar wollten die Soldaten es nicht
leiden, daß ich mit in das Boot käme, aber der Wachtmeister jagte sie
aus dem Boote und ließ mich hinein kommen. Alle Mitfahrenden bekamen
die Seekrankheit, ich aber nicht.
In Kolberg wurden wir alle vor den Kommandanten geführt. Er fragte mich
nach dem Zweck meiner Reise und lachte anfangs darüber, war aber doch
nachher zur Fortsetzung meiner Reise sehr behilflich. So schickte er
einen Korporal mit mir an das Schiff, damit auch ich mit denjenigen
Soldaten, die unter Schill nicht dienen wollten, nach Pillau gebracht
werde. Es war ein so großes Schiff, daß 118 Mann, mehrere Pferde und
Gewehre darauf fahren konnten. Mit anbrechendem Tag fuhren wir fort;
ich legte mich nieder, und jene 6 Soldaten legten sich zu mir.
Gleich am ersten Tage spotteten 6 Offiziere über Gott und alles, was
heilig ist. Ich konnte es zuletzt nicht mehr anhören und bestrafte sie.
Mich, sagte ich, könnten sie verspotten; aber über Gott sollten sie
nicht spotten, sondern bedenken, daß sie auf einem gefährlichen Platze
wären. Sie spotteten jetzt aber noch viel mehr und sagten: der besorgt
gewiß, der Teufel werde ihn holen. Ich erwiderte: Mich holt der Teufel
nicht, aber an euch könnte wohl die Reihe kommen. In der Nacht darauf
kam in dem Schiffe Feuer aus, und brannte es bis in der Nacht um 1 Uhr.
Der Jammer ward unbeschreiblich und stieg noch höher, als es hieß, die
Schiffsleute wollten sich von dem Schiffe wegbegeben. Jetzt ermahnte
ich sie zur Ruhe und zum Beten zu Gott um Hilfe, und versicherte sie,
daß keiner von uns umkommen solle. Jeder legte sich nun wieder auf
seinen Platz und in Zeit von einer halben Stunde war das Feuer aus; die
brennenden Bretter wurden abgehauen und ins Wasser geworfen. (NB. die
Offiziere, die so sehr gespottet hatten, beteten nun am lautesten.)
Nun wurde es so stürmisch, daß die Wellen hoch über das Schiff hinweg
schlugen. Die Matrosen mußten sogar angebunden werden, damit das
Wasser sie nicht mit fortrisse. Am andern Tage stieg ich bei heiterem
Wetter auf das Schiff, um Tabak zu rauchen, hatte aber mein Pfeifenrohr
verloren. Die Offiziere wollte ich nicht um ein Rohr ansprechen,
damit sie nicht aufs neue Gelegenheit zum Spotten bekämen, deshalb
wendete ich mich an 3 badische Soldaten, die vor Kolberg gefangen
genommen waren. Kaum aber bemerkten dies die Offiziere, so litten sie
es nicht, sondern gaben selbst mir eine Pfeife mit dem Zusatz: wenn
ich nicht gewesen wäre, würden sie alle zugrunde gegangen sein. Der
Schiffskapitän erwiderte: Dieser (mich meinend) hätte können glücklich
davon kommen und doch ihr alle versaufen, denn solche Spötter habe ich
noch nie gehört. Geschieht dergleichen aber wieder einmal, so werde ich
die Spötter in die See werfen.
In Pillau wollte der Schiffer mich auf dem Schiffe behalten; der
Schiffskapitän aber wollte mich mitnehmen. Der Kommandant gab es jedoch
nicht zu, weil ich erst verhört werden müßte. Man brachte mich daher
auf die Wache, wo ich drei Tage warten mußte, bis der zurück kam, der
mich verhören sollte. Am ersten dieser 3 Tage kam ein Offizier dahin
und ließ mich in das Zimmer des wachthabenden Offiziers holen. Da fand
ich ihrer mehrere, die sich mit mir über meinen Auftrag unterredeten.
Einer von ihnen, ein kleiner Mensch, setzte mir den bloßen Degen
auf die Brust und fragte mich, ob ich glaube, daß dieser Degen mich
durchbohren könne? Ich antwortete ihm: Das können Sie probieren! Am
zweiten Tage kamen wieder andere Offiziere auf die Wache und ließen
mich holen. Sie legten mir zwei bloße Degen auf den Kopf und ließen
mich schwören, daß ich kein Spion sei, welches ich denn auch mit gutem
Gewissen tat. Dann fragten sie: Wenn sie mich nun aber nicht zum Könige
ließen, sondern mich wieder zurückschickten? Ich antwortete: Zum Könige
käme ich doch, wenn sie mich auch wieder zurückschickten. Darauf
antworteten sie: Nun, so sollte ich dann zum Könige kommen. Endlich
kam ich ins Verhör zu einem Offizier, den ich aber weiter nicht kenne.
Ich setzte ihm alles auseinander, und er schrieb es auf. Am folgenden
Tage ging ich mit unbewehrten Soldaten nach Königsberg. Ein Junker
hatte das Protokoll über mich bei sich und trug es, während ich mit den
Soldaten in der Wachtstube blieb, zum General Rüchel. Nach einer halben
Stunde kam dessen Bedienter, um mich zu seinem Herrn zu holen. Es war
Mittagsessenszeit, als ich zum General Rüchel kam. In dem Zimmer,
in welches ich gebracht wurde, fand ich viele Offiziere, russische,
schwedische, englische und preußische. Auch sie fragten mich nach
meinem Geschäfte. Ich sagte es ihnen. Dann wollten sie wissen, ob ich
ihnen denn auch =alles= gesagt hätte. Ich antwortete: »Ein paar Worte
könne und dürfe ich nur dem Könige selbst sagen. An sie sei ich nicht
gesandt. Wollte der König sie ihnen aber sagen, so habe ich nichts
dawider.«
Einer derselben führte mich in ein anderes Zimmer und gab mir zu essen
und Wein. Wohl 5–6mal fragte er mich über meine gehabten Erscheinungen,
ich antwortete ihm aber jedesmal die Wahrheit. Dann wurde ich ins
Bedientenzimmer geführt. Am andern Tage sollte ich vor die Königin.
Ein Bedienter des General Rüchel führte mich dahin. Ich fand wohl an
200 Offiziere. Man fragte mich, ob ich denn der Königin nicht =alles=
sagen wolle? »Nein!« antwortete ich, »wenn ich aber mit dem Könige
rede, so kann die Königin dabei mir zuhören.« Ich wurde dann wieder
nach Hause gebracht, bis der König käme. Die Königin konnte dies aber
doch nicht erwarten, sondern sie und ihre Schwester ließen mich an
demselben Tage wieder holen.
Ich fand niemand in dem Zimmer, als die Königin, ihre Schwester[130]
und einen Prinzen. Die Königin fragte mich, ob ich ihr denn nicht
=alles= sagen wolle? Und warum nicht? Ich antwortete: »Es schicke sich
nicht, ihr dasjenige früher mitzuteilen, was ich dem Könige zu sagen
habe.« Sie versicherte mich dann, der König sei ein braver Herr, ich
sollte mich nur gar nicht vor ihm scheuen, sondern ihm alles ohne
Furcht sagen. Ich antwortete ihr, daß ich mich auch gar nicht vor dem
Könige scheue. Darauf gab sie Befehl, daß man mir täglich 1 Gulden
gebe, und daß der General Rüchel mich speisen sollte, bis der König
komme. Auch sie selbst gab mir etwas Geld. Die Sache wurde dem Könige
gemeldet, und am fünften Tage nachher kam derselbe nach Königsberg. In
der Nacht um 10 Uhr ward ich zum Könige geholt. Er war mit der Königin
ganz allein. Er stand mir zur linken und sie zur rechten Seite. Ich
machte dem Könige mein Kompliment und bat ihn, er möge es mir nicht
übelnehmen, daß ich, als ein geringer Mann, es wage, ihm Vorschriften
zu geben, wie er seine Sachen einrichten solle. Der König klopfte mir
auf die Achsel und sagte: ich solle ihm gar nichts verhehlen, sondern
ihm alles sagen, er nehme es mir nicht übel. Da erzählte ich ihm, daß
ich die verschiedenen Erscheinungen gehabt, und daß der alte Mann mir
die Kapitel aus dem Jesaias gezeigt habe, die er lesen und darnach
sein Land regieren sollte. Daß er ferner seine Untertanen durch die
Geistlichkeit auffordern solle, Buße zu tun und sich zu bessern, weil
sonst nicht Friede werden könne. Wenn aber dies geschehe, so werde es
wieder besser werden. Frankreich werde in drei Teile geteilt[131] und
die neue Stadt zum Gedächtnis erbauet werden.
Der König antwortete: Er allein könne das nicht und die Köpfe der Leute
seien zu verdreht. Ich erwiderte: Er solle nur seine Schuldigkeit tun,
ich wolle die meinige auch tun. Der alte Mann habe mich versichert, daß
Gott den König und den Kaiser von Rußland dazu ausersehen hätten.
Täten sie es aber nicht, so werde Gott durch Hungersnot und Pest
strafen, so daß von 100 Mann nur 10 übrig blieben, diese aber würden
dann Gott die Ehre geben und sich bekehren. Der König versprach, er
wolle seine Schuldigkeit tun. Es wurde auch an den russischen Kaiser
geschrieben, auch war es bestimmt, daß er kommen wolle, so daß der
König und gar viele Offiziere ihm entgegen ritten, aber er kam nicht.
Der König griff in die Tasche und wollte mir Geld geben; ich bedankte
mich aber, weil ich kein Geld nötig hätte. Meine Kost hätte ich beim
General Rüchel, sagte ich, und die Königin habe schon befohlen, daß man
mir des Tages 1 Gulden gebe, und das sei mehr als genug. Die Königin
sagte jetzt, ich sollte jetzt künftig 2 Gulden haben, welches ich aber
ausschlug. Der König sagte, ich möchte das Geld nur nehmen, es sei
teuer in Königsberg und Geld brauche man doch immer. Darauf drückte mir
die Königin das Geld in die Hand.
Der König gab mir nun zu erkennen, daß ich fortgehen möge. Ich tat es.
Vor dem Zimmer stand die Schwester der Königin. Auch =sie selbst= kam
mir nach und beide sprachen noch ¾ Stunden mit mir, befragten mich
nach der Gegend von Wiesloch, sowie nach manchen Gastwirten[132], ob
sie noch lebten. Dann ging ich wieder in das Haus des General Rüchel.
Da der russische Kaiser nicht kam, fuhr der König wieder fort von
Königsberg. Ich ließ die Sache wegen des russischen Kaisers auf sich
beruhen, weil doch der König versprochen hatte, es zu besorgen.
Am 4. Junius hatte ich wieder eine Erscheinung. Ich sah nämlich die
Franzosen gegen Königsberg anmarschieren und bemerkte deutlich, woher
sie kamen. Ferner, daß es eine heiße Schlacht gebe und daß man meinen
werde, es sei alles verloren; daß man aber nicht zurückweichen solle,
denn am 17ten werde alles wieder gewonnen werden. Unter anderm wurde
mir befohlen, ich möge mit 6000 Mann auf das flache Feld gehen, wo
mir denn der Feind in die Hände gegeben werden solle. Ich bat aber
mich damit zu verschonen, weil, wenn auch alles so geschehe, die Ehre
doch immer nicht Gott werde gegeben werden. Darauf antwortete die
Erscheinung: so möge ich es denn gehen lassen, es werde alles wieder
gut werden. Aber es kam so weit nicht; – denn es wurde Waffenstillstand
gemacht.
Am 4ten Julius abends, als ich eben zu Bette gehen wollte und nur bloß
die Beinkleider an hatte, kam ich auf einmal weg und wußte nicht,
wo ich war. Es schien mir, als wenn viele Soldaten an mir vorüber
marschierten, ein =Teil von Abend her=, ein anderer von =Mitternacht=
her, alle aber gegen Frankreich. Morgens, beim Aufstehen, erzählte
mir der Kammerdiener: es werde bald Friede sein. Ich antwortete: das
werde nichts helfen, der Friede werde nicht lange dauern, denn ich
hätte in der vergangenen Nacht die eben erwähnte Erscheinung gehabt.
Der Kammerdiener erzählte dies dem General Rüchel und dieser dem
Geheimrat Simson und dem Grafen Brühl. Vielleicht hat er es auch dem
König erzählt, doch weiß ich dies nicht. Darauf ging ich am Tage vor
dem Einmarsch der Franzosen in Königsberg mit dem General Rüchel und
seinem Gepäcke von Königsberg ab nach Memel. In Memel wurden wir im
Hause des Kaufmann Wachs einquartiert. Als bald nachher der General
Rüchel seinen Abschied bekommen hatte, ging er mit seinem Kammerdiener
zu Wasser nach Stralsund.
Sein Adjutant, ein Hauptmann, sollte mir nun das Geld, täglich 1
Gulden, ausbezahlen, wie die Königin befohlen hatte; allein ich
forderte es nicht und er ging ab, ohne es mir zu geben. Die Bedienten
und Pferde blieben da und ich mit ihnen.
Unser Quartier war in Wachsens Hofe. Da sie denn aber nach Pommern
abgehen wollten, verlangten sie, ich sollte mit ihnen reisen. Ich
antwortete, ich müsse es noch einmal mit dem Könige besprechen, wogegen
sie meinen, ich solle doch lieber an ihn schreiben.
Wirklich schrieb ich nun an den König und gab den Brief seinem
Kammerdiener, erhielt aber keine Antwort darauf. Der Geheimrat Simson
fragte mich bald darauf, ob ich keine Antwort bekommen habe? und ich
versicherte ihn: Nein! Ei, meinte er, wenn der König meinen Brief
bekommen habe, so hätte ich gewiß auch Antwort erhalten, er wisse nicht
wie das sei. Als ich einige Tage nachher wieder zu ihm kam, fragte er
mich, wo ich mich jetzt aufhielte? Ich antwortete in Wachsens Hofe
und setzte hinzu: es seien aber dort lauter Russen. Da sagte er, ich
möge doch am nächsten Sonntage in Bachmanns Hoff (Haus) kommen, dort
sei General Knobloch einquartiert, und der Graf Brühl werde auch dahin
kommen. Ich ging also hin. Als sie gespeist hatten, redeten sie mit mir
und befahlen mir am andern Tage wieder zu kommen; der General werde mir
geben, was ich brauche und der Hof-Inspektor das Essen.
Etwa einen bis zwei Tage nachher kamen der Graf Brühl und der Geheimrat
Simson zu mir und ratschlagten, wie es anzufangen sei, daß ich den
König sprechen könne. Ich teilte ihnen alles mit, was ich wußte,
und setzte hinzu, daß alles so kommen werde, wie ich gesagt hätte,
folglich =schlimm=, wenn man nicht tue, was ich angedeutet habe.
Endlich beschlossen sie, ich möge alles aufschreiben z. E. was ich für
Erscheinungen gehabt habe usw. Das tat ich dann und der Planinspektor
mußte es abschreiben. Der Graf Brühl wollte es dem Könige übergeben,
hat es aber nicht getan. So oft ich darnach fragte, antwortete er: er
habe noch keine schickliche Gelegenheit dazu gefunden. Ich erwiderte,
wenn es sich nicht schicken wolle, es dem König selbst zu geben, so
möge er es seiner Gemahlin, der Königin geben. Er tat aber auch dies
nicht.
Späterhin schrieb ich alles noch einmal auf und gab es auf die Post, da
erhielt ich mit der Post folgende Antwort:
»Sr. Königl. Majestät von Preußen machen dem Johann Adam Müller
hierdurch nachrichtlich bekannt, daß Sie seine unterm 3ten dieses
eingereichte Eingabe wohl erhalten haben und die von ihm dabei gehabte
gute Absicht nicht verkennen wollen.
Memel den 3ten Jannar 1808
Friedrich Wilhelm.«
Einige Zeit nachher hatte ich wieder eine Erscheinung. Ein Engel
nämlich hatte ein Schwert in der Hand, so hell wie ich noch nie eins
gesehen habe. Er gab es mir in die Hand und sagte: damit solle der
Feind geschlagen werden. Ich möge aufstehen und dem Könige sagen, er
solle den Propheten Amos und Jonas, aber beide Bücher =ganz= durchlesen.
Nicht lange nachher faßte mich des Nachts etwas bei der Hand. Ich
erwachte, richtete mich auf und sah zwei weibliche Gestalten in ganz
weißen Kleidern. Die zur Rechten hatte ein rotes, die zur Linken ein
blaues Band um den Leib. Sie trugen ein großes Buch in die Hände auf
mein Bette. Ich betrachtete die Krone genau und bemerkte ein Wort,
dessen eine Hälfte auf der linken, die andere auf der rechten Seite der
Krone stand. Das Wort war so geschrieben:
Bera – beae.
Ich fragte sie, wer sie wären? Sie antworteten sie wären zwei
Königinnen. Sie hätten dem Könige der Ehren noch nie ein Lied gesungen,
auch hätten sie kein Lied ihm damit zu dienen. Ich sann hin und her
und dann versicherte ich sie, daß ich ihnen 2 Lieder machen wolle,
wenn sie darauf warteten. Die Lieder würden von Gott und Jesu Christo
handeln. Gut, antworteten sie, ich möge sie nur recht schön machen; und
vor großer Freude darüber lächelten sie mich an. Dann aber sagten sie,
sie hätten nicht länger Zeit darauf zu warten; doch wollten sie wieder
kommen die Lieder abzuholen. Nun nahmen sie das Buch wieder zu sich und
verschwanden. Über ihr schnelles Verschwinden erschrak ich[133].
Einige Tage nachher erschienen mir zwei Adler, ein schwarzer und
ein gelber, und kämpften sehr lange miteinander, dicht vor meiner
Bettlade. Endlich wurde der gelbe Adler besiegt, so daß er sich vor
Mattigkeit auf den Boden legte. Da trat der schwarze auf ihn, bis der
gelbe allmählich verging. Als dieser verschwunden war, verschwand auch
nachher der schwarze.
Dann kam der alte Mann, der mir in meinem eigenen Hause erschienen
war, zum drittenmal zu mir, und wurde es dabei wieder so hell, als das
erstemal. Ich wachte vollkommen. Er setzte sich nun mir zur Seite und
hatte ein Buch wie eine Handbibel, es war aber sehr prächtig und mit
lauter =goldenen= Buchstaben. Er redete mir zu, ich sollte mich nicht
fürchten und mutig verrichten, was ich zu tun habe; denn es solle mir
kein Unglück widerfahren, er werde mir allemal helfen. Dann öffnete er
mir das Buch und sagte: Die zwei Königinnen, die mir erschienen wären,
seien zwei Königreiche, die das Christentum noch nicht angenommen
hätten. Sobald die Christen sich gebessert hätten, würden sie kommen
und den christlichen Glauben annehmen.
Dann las ich folgendes:
So ihr mich liebet, so werde ich euch wieder lieben, und so ihr mich
ehret, so werde ich euch wieder ehren. Dann will ich mit meinem
heiligen Engel vor euch hergehen und will für euch streiten. Und
ein jeder soll erkennen, daß ich der Herr bin und tun kann, was ich
will. Die aber, die es nicht auf- und annehmen und wollen mein Werk
verhindern, auf die wird Feuer vom Himmel fallen und die Erde wird
ihren Rachen auftun und sie verzehren, damit ein jeder erkennen müsse,
daß ein Gott im Himmel sei.
Dann verschwand der alte Mann für diesmal.
Zum viertenmal erschien er mir in einem blauen Rocke. Da kam ich mit
ihm weg und wußte nicht, wie mir war. Unterwegs gesellte sich einer
zu uns mit einem weißen Kleide. Der alte Mann fragte ihn, wo er hin
wollte? »Ich bin von Gott gesandt,« sagte er. Gut, antwortete der alte
Mann, so komm und hilf mir streiten, damit der böse Feind überwunden
werde, der so viele Menschen verderbt hat! Dies hat Gott gesagt. Darauf
versprach der im weißen Kleide, er wolle ihm helfen kämpfen, aber er
solle dann auch mit ihm gehen und ihm helfen, daß er seine Sache, die
ihm Gott befohlen habe, auch ausrichten könne, worauf der alte Mann,
ja! antwortete.
Mit einem Male befand ich mich wieder im Bette und wachte vollkommen,
gerade wie zuvor. Dies alles habe ich ebenfalls dem Könige geschrieben.
Am 17. April erhielt ich folgenden ersten Brief von meiner Frau:
(Folgt Seite 56–58 der Brief, dessen wesentlicher Inhalt die Bitte um
baldige Rückkehr ist. Der Familie Müller geht es gut.)
Ich war früher entschlossen gewesen, bald zu den Meinigen
zurückzukehren, aber etwa sechs Wochen vorher hatte ich eine
Erscheinung, wobei mir angekündigt wurde, ich werde noch acht Wochen
in Memel bleiben, müsse aber vor meiner Abreise mein Schreiben an den
König ihm selbst überreichen.
Der Kaufmann Concentius, in dessen Hause der König in Memel gewohnt
hatte, brachte mir persönlich den Brief von meiner Frau und fragte
mich, was ich zu tun willens sei? Ich antwortete, ich sei auch ohne
diesen Brief schon zur Rückreise entschlossen gewesen, ich wollte bloß
noch einmal mit dem Könige in Königsberg sprechen. Da bot er mir an, er
wollte mir einen Kahn bis Königsberg bestellen und mir auch das nötige
Reisegeld geben. Ich erfuhr aber, daß der General Knobloch zu Lande,
und der Planinspektor zur See nach Königsberg reisen würden und daß
ich mit dem Letzteren dahin kommen könne. Weil wir nun noch zwei Tage
lang auf günstigen Wind zur Abfahrt warten mußten, so wurden die mir
angekündigten acht Wochen gerade vollendet.
In Königsberg kam ich in das Haus des Planinspektors. Er übergab mir
dann einen Brief von dem Herrn Concentius an Herrn Abegg und ein paar
Zeilen an den Geheimenrat Simson und an den Herrn Oberhofprediger in
Königsberg. Letzterer nahm mich sehr gütig auf und fragte mich, ob ich
derjenige sei, von dem er schon so vieles gehört habe? Er wünschte
meine Geschichte zu wissen, ich antwortete aber: sie sei zum Erzählen
zu weitläuftig, aber ich habe alles zu Papier gebracht, um es dem
Könige zu übergeben und wolle es ihm zum Durchlesen bringen.
Er las das Ganze durch und sagte dann: »Wollte doch Gott, daß alles
das geschehe, was hierin geschrieben ist!« Darauf bot er mir seine
Hilfe an, insofern ich ihrer bedürfe.
Da ich den König selbst zu sprechen wünschte, gab er mir den Rat,
meinen Aufsatz am folgenden Tage dem Könige beim Exerzieren zu
überreichen, so sich dazu die beste Gelegenheit finden werde. Ich
antwortete ihm, ich scheue mich gar nicht vor dem König und wolle also
lieber zu ihm ins Schloß gehen. Er hieß auch dies gut und bot mir noch
einmal seine Hilfe an, wenn ich ihrer bedürfe. Als ich ans Schloß kam,
standen so viele Offiziere da, daß ich nicht hinein gehen wollte; ich
wartete also die Wachtparade ab. Indes hatte aber ein Offizier, der
mich kannte, dem General Göcking gesagt: Müller sei da! Darauf kam
dieser zu mir und fragte mich, was ich wolle? Ich bat ihn, mich beim
Könige zu melden; aber er antwortete: das gehe nicht wohl an! Darauf
wurde mich der Bruder des Königs gewahr. Zugleich sagte man mir, wenn
ich etwas Schriftliches bei mir hätte, so sollte ich es nur abgeben,
es werde besorgt werden. Ich gab also das Schreiben dem General
Göcking und bemerkte dabei, daß es ja der König selbst erhalte. Wenn
es dem Könige zu schwierig sein sollte, so möge er den Königsberger
Oberhofprediger und noch irgendeinen andern Geistlichen dazu nehmen.
Man versprach mir dies alles zu bestellen.
Am andern Tage kam der Graf Brühl zu mir und brachte mir vom Könige
einen Louisdor; ich wollte ihn aber nicht nehmen. Er behauptete, ich
=müsse= ihn nehmen, denn er habe Befehl vom Könige ihn mir zu geben.
Zugleich erzählte er mir, die beiden Oberhofprediger, sowohl der von
Berlin, als der von Königsberg, seien berufen worden. Der erstere habe
aber die ganze Sache verworfen, und nichts daraus gemacht. »Die Herren
meinen,« setzte Graf Brühl hinzu, »wenn sie nur in Berlin wären, so
seien sie im Himmel!«
Am Himmelfahrtstage bezog sich der Oberhofprediger in Gegenwart
der königlichen Prinzen in seiner Predigt auf meine Angelegenheit
und wünschte, daß Gott alle Herzen regieren möge, damit alle sich
bekehrten, denn sie sähen ja deutlich, die Hand des Herrn aufgehoben,
sie zu strafen[134].
Am zweiten Tage danach kam der Graf Brühl zu mir und sagte: Der
Hofmeister des einen königlichen Prinzen, der Geheimerrat Reimann,
wünschte sehr mich zu sprechen, ich möchte doch also in das Graf
Brühlsche Haus kommen, der genannte Hofmeister werde auch hinkommen.
Doch stehe es in meinem Willen. Ich ging an demselben Abend 4½ Uhr
hin und fand den Hofmeister und noch einen Offizier. Beide verlangten,
ich solle ihnen die ganze Sache noch einmal erzählen, sie wollten sie
aufsetzen, sie dem Könige, bei dem sie täglich wären, vortragen und
dafür sorgen, daß sie nicht vergessen werde. Der Offizier, dessen
Namen ich aber nicht weiß, mußte nun aufschreiben. Ich erzählte ihnen
in drei verschiedenen Tagen alles vom Anfang bis zu Ende. Als alles
aufgeschrieben war, las der Hofmeister es durch und sagte, dies sei
eine Geschichte, wie keine besser in der Bibel stehe.
Er verlangte nun von mir zu wissen, was das oben angeführte fremde
Wort bedeute? Ich antwortete: daß ich das nicht wisse. Er verstehe
ja mehrere Sprachen, müsse es also wohl besser wissen, als ich. Dann
fragte er, aus welcher Sprache denn das Wort sei? Ich antwortete: das
wisse ich wohl, daß es griechisch sei. Dann besann er sich lange, und
ich zeichnete ihm das Wort noch einmal vor, und die Krone dazu, gerade
so, wie ich beide gesehen hatte. Darauf sagte er: das sehe er nun
wohl ein, daß es ein griechisches Wort sei, auch wisse er nun, was es
bedeute. Darauf bat er sich vom Grafen Brühl aus, das Schreiben mit
nach Hause zu nehmen, mit dem Versprechen jedoch, es dem Grafen wieder
zurück zu geben. – Mir gestand er, daß er bei der Königin im Anfange
über meine Geschichte gelacht habe, jetzt aber einsehe, daß alles wahr
sei, daß er nun nicht mehr darüber lachen werde. Auch wünschte er noch
einmal mit mir zu sprechen, ehe ich fortginge.
Dann bat ich den Grafen Brühl, er möge mich mit dem Wagen, der nach
Berlin gehe, abreisen lassen, aber er meinte, das werde mir zu
beschwerlich sein, er wolle mir einen Freiplatz auf der Post besorgen.
Wirklich tat er dies und ich hatte den Freiplatz schon abgegeben, als
er sagte, ich könne noch nicht abreisen, weil das Reisegeld noch nicht
beisammen sei. Ich holte mir also meinen Freiplatz von der Post wieder
ab. Dann fragte mich aber Herr Abegg, ob ich denn wirklich am andern
Tag abreisen werde? Ich erzählte ihm darauf den Vorfall mit dem Grafen
Brühl. O, antwortete er, das kann noch lange so gehen! und redete mir
dann zu, meine Reise zu beschleunigen, weil meine Frau so sehnlich nach
mir verlange. Das nötige Reisegeld bot er selbst mir an und fragte
mich deshalb, wie viel ich wolle? Zwanzig Taler, antwortete ich,
aber er behauptete, daß ich damit nicht auskommen werde und gab mir
fünfunddreißig Taler. Hierauf nahm ich Abschied beim Grafen Brühl und
beim Oberhofprediger und beide versprachen mir, sie wollten gern alles
anwenden, um die gute Sache zu fördern.
Am ersten Pfingsttage abends um 7 Uhr reiste ich mit der freien Post
von Königsberg ab bis Berlin. Von Berlin bis Nürnberg bezahlte ich das
Postgeld, von Nürnberg aus machte ich den Weg zu Fuße. Meine ganze
Reise dauerte gerade drei Wochen. Die Meinigen fand ich gesund.
(Unterschrieben)
Hautz, Pfarrer in Meckesheim.
Johann Adam Müller.«
(Soweit das Protokoll.)
Außer obigem langem Protokoll hat Müller noch Briefe an den König
Friedrich Wilhelm III. von Preußen verfaßt, in denen er immer
wieder die Notwendigkeit betont an Gott und Christus zu glauben
und mit biblischen Phrasen aufs verschwenderischste umgeht. Mit
dem nichtssagenden Gefasel würden wir uns nicht weiter befassen,
wenn nicht auch Stellen in den Briefen enthalten wären, die sich
auf die seinerzeit dem König gemachten Prophezeiungen beziehen und
beweisen, daß tatsächlich eine =ganze Reihe von ihnen in Erfüllung
gegangen ist=. Es läßt sich durchaus nicht annehmen, daß ein Mann wie
Müller, der nach Berichten, aber auch nach dem ganzen Tenor seines
»Protokolles« zweifellos an seine Mission glaubte – warum hätte er
sonst ohne Geld und Paß die weite Reise gewagt, was ihm doch neben der
Trennung von Frau und fünf Kindern auch berufliche Schädigung brachte?
– daß ein solcher Mann es hätte wagen sollen, sich auf Prophezeiungen
zu beziehen, die er gar nicht gemacht hatte. Aber selbst wenn er
diese ungewöhnliche Frechheit besessen hätte, so würde der König sie
zweifellos haben zurückweisen lassen statt ihm zu danken.
Wir entnehmen dem Briefe Müllers vom 28. Januar 1815 an den König
folgenden Passus[135]:
... Ihro Majestät, es wird Ihnen noch wohl bekannt sein, wie mich
Gott zu Ihnen gesandt im Jahre Christ 1807, wie ich nach Königsberg
gekommen bin, da wurde ich zum General Rüchel und Herrn General Blücher
und sonst noch zu vielen Herren geführt, mit welchen ich wegen dessen
sprach, um welches willen mich Gott zu Ihnen gesandt hatte. Dann hat
der General Rüchel mich bei Ihro Majestät der Hochseeligen Königin
gemeldet, und sie ließ mich bei sich kommen. Da ich mit ihr gesprochen
hatte, da war Freude über Freude. Auch der Kronprinz hat mit zugehört,
welcher noch alles wissen wird, was ich mit seiner seligen Frau Mutter
gesprochen habe.
Da mich Gott mit seiner großen Vatergüte vor Sie gestellet hat, um
mündlich mit Ihnen zu reden, was Sie tun sollten, habe ich Sie dabei
getröstet, daß =Sie ein größeres Reich bekommen sollten, als Sie je
gehabt, und daß Frankreich in drei Teile geteilt werden solle, und
daß Zion und Jerusalem gebauet werden soll=, welches alles Sie mir
als König heilig zugesagt haben. Ich habe es auch öfters schriftlich
eingegeben und von Ihnen zur Antwort erhalten, daß Sie das Gute nicht
verkennen wollten.
Und die =drei Schlachten in Sachsen, welche mir Gott vorher gezeigt,
daß Sie und Ihre Majestät der Kaiser von Rußland selbst dabei sein
werden (habe ich Ihnen vorausgesagt). Sie sollten nur nicht verzagen,
der Feind werde überwältigt werden=.
Und daß mich der Hofmeister der Prinzen zum letztenmal verhört und
alles zu Papier genommen hat, woran wir drei Tage gearbeitet. Dann hat
der Hofmeister zu mir gesagt: »Müller, wenn wir aber mit allen Mächten
Frieden halten und alles gehen lassen, so kann das nicht geschehen, was
er hier sagt.« Da sagte ich zu dem Hofmeister: »=Sie mögden machen, was
Sie wollten, es würde doch geschehen=[136].«
Müller erzählt dann noch einige religiöse Erlebnisse, um endlich noch
folgende Vision (oder Traum) zu berichten:
»Ihro Majestät von Preußen, ich will Ihnen kund tun, daß ich eine
Erscheinung gehabt habe und mir Gott zu wissen getan hat im Jahr
Christi 1814 in der Christnacht, da mir der Geist Gottes erschien. Ich
war da in einem großen Saale. Da sprach einer zu mir: Müller, ist er
auch hier? Ich antwortete: Ja! Dann sagte der Mann zu mir: ich werde
vor die Herren kommen.
Nun stand ich auf einem großen ebenen Felde. Da sind Sie, der König
von Preußen, und der König von Hannover und der König von Würtemberg
und der König von Baiern gegenwärtig gewesen, und es sind vier Pfähle
aufgerichtet worden. Da es aber an den 4ten kam, so wollte der König
von Baiern diesen nicht aufrichten lassen. Der Geist des Herrn sprach
aber: Es =muß= sein! da ist es denn geschehen.
Eine Weile nachher war der König von Baiern sehr freundlich.
In der zweiten Christnacht erschien mir der Geist des Herrn abermals
und brachte mich auf eine Anhöhe. Da sahe ich eine so fürchterliche
Schlacht, daß ich vor lauter Feuer zuletzt nichts mehr erkennen konnte.
Dann zogen sich die Deutschen von einander und die Franzosen drangen
hinein, aber über eine kleine Weile sprach der Geist des Herrn:
=Die Franzosen sind alle gefangen[137]!=«
Da der Brief, den wir hier abbrechen wollen, verloren ging, schickte am
12. März Müller ein Duplikat, dessen Empfang der König bestätigt:
»Ich schätze den religiösen Sinn, welcher den Johann Adam Müller
seine Erbauung in der heiligen Schrift finden läßt und lasse auf
seine Eingabe vom 12ten d. M. seinen guten Gesinnungen Gerechtigkeit
widerfahren.
Wien den 29sten März 1815.
Friedrich Wilhelm[138].«
Unzweifelhaft ist der Brief erstaunlich kühl. Wenn auch kein Mensch dem
König zumuten kann, daß er an dem biblischen Bombast der Müllerschen
Diktion Gefallen fand, so hätte er doch immerhin anerkennen können, daß
eine Reihe von Vorhersagen eintrafen, als niemand es geahnt hatte. Der
Gedanke, der König, nun wieder im Glück, habe Müller so gern vergessen,
wie die seinem Volke versprochene Verfassung, liegt ja allerdings nahe.
Für uns hat diese Korrespondenz den großen Wert, dokumentarischer
Beweis dafür zu sein, daß Müller mit dem Hofe wirklich in Verbindung
stand und – das wird wohl der größte Skeptiker zugeben müssen – zum
wenigsten sich selbst für einen Seher gehalten hat.
Eine nicht uninteressante Wiederholung der Prophezeiungen enthält auch
der Brief, den Müller am 4. August an den König Friedrich Wilhelm
schrieb und auf den er ihm unterm 15. August von Paris aus noch kürzer
dankt. Der einschlägige Passus lautet[139]:
»Da sagte ich Ihnen, =daß Gott Sie und Sr. Majestät den Kaiser von
Rußland ausersehen hätte, Frankreich zu demütigen und die Völker zu
befreien; daß sie Mut und Vertrauen zu Gott, zu sich und zu Ihrem
treuen Volke fassen sollten und daß Gott Sie und Ihr Reich größer
als je machen wollte, wenn Gott und sein Wort wieder in Ihrem Lande
gefürchtet und geehrt würde=.
=Damals in Königsberg hat mir auch die Erscheinung den Zug der
nordischen Völker nach Frankreich und die Vernichtung des französischen
Adlers gezeigt, ferner daß Ew. Majestät bei einer Schlacht in den
sächsischen Gebirgen, wo Sie selbst kommandieren, den Feind besiegen
würden usw.=«
Nach einem ganzen Schwall biblischer Reminiszenzen fährt der Bauer
fort: »Monarchen! Gott rufet Ihnen durch meinen Mund zu, was Sie tun
sollen =und bevor das nicht geschehen ist, wird keine Ruhe werden auf
Erden=.
=Sie sollen Frankreich in drei Teile teilen=, es soll nicht mehr
Frankreich heißen, sondern mit einem andern Namen benannt werden.
=Sie sollen dem Könige von Frankreich die Krone nicht geben, auch nicht
dem jungen Napoleon=, damit diese nicht eine Geißel werden über ganz
Europa, wie Gott den Jehu wider Joram und Ahab gewendet hat. Gott hat
befohlen und ich rufe es Ihnen in seinem Namen zu: Es ist ein Wort der
Gerechtigkeit, dabei soll es bleiben, er hat uns alle berufen, daß wir
seinen Willen ausrichten wie die Engel im Himmel.
Sie sollen, das hat mir die Erscheinung schon 1807 kund getan, zur
Erinnerung für ewige Zeiten eine Bundesstadt erbauen, in derselben
sollen die vier Monarchen: Preußen, Rußland, Österreich und England
alle Jahr einmal zusammen kommen, sich über das Wohl ihrer Völker
beraten und sollen alle gleichmäßig von hieraus über Frankreich
herrschen.
Ich habe den Plan der Stadt, die nach Gottes Befehl Neujerusalem und
die dabei liegende Burg Zion genannt werden soll, so wie sie mir
die Erscheinung gezeigt und mich darin umhergeführt hat, auf Papier
gezeichnet und gedachte sie Ihro Majestät dem Könige von Preußen bei
Ihrer Durchreise zu übergeben....«
Am 7. Oktober 1815 schrieb Müller noch einen dritten Brief an den
König[140], in dem er wieder an seine Königsberger Prophezeiungen
erinnert, die dem König im tiefsten Elend künftige Größe vorhergesagt
habe. Er kommt wieder auf die Vierteilung Frankreichs und auf die
Bundesstadt zurück und prophezeit, daß »alle Religionen sich zur
Anbetung eines Gottes und Jesu Christi bekennen werden.«
Er beruft sich – mit Recht – auf die zahlreichen eingetroffenen
Vorhersagen, die niemand glauben wollte – zuletzt habe er noch den
Krieg von 1815 durch eine Erscheinung voraus gesehen – und stellt das
Eintreffen der anderen in Aussicht.
Er bittet den König, ihn wiederum zu empfangen wie 1807 in Königsberg.
Der König lehnte in einem Schreiben, das Berlin, den 27. Oktober 1815
datiert ist, das Gesuch ab. Wir können es ihm nicht verübeln, denn wenn
es überhaupt etwas gibt, was selbst den Sanftesten zur Raserei bringen
kann, dann sind es die schwülstigen mit biblischen Zutaten durchsetzten
Expektorationen Müllers. Hie und da möchte man glauben, er sei vom
religiösen Wahnsinn befallen worden. Aber ob uns dieser ungebildete und
ehrliche, recht selbstbewußte Bauer sympathisch ist oder nicht: die
Billigkeit fordert es seine Vorhersagen zu prüfen.
Und da finden wir denn, daß, abgesehen von denen, die sich auf
Frankreichs Teilungen beziehen und einige religiösen Inhalts, fast
alles in Erfüllung ging.
Wir tun am besten das Urteil Ehrlichs, der sich eingehend mit der
Person Müllers und seine Vorhersagen beschäftigt, nachstehend
wiederzugeben.
Müller hatte, wie so oft die ehrlichen Seher, nur den einen Wunsch, daß
die =Wahrheit= und nichts als sie über ihn verbreitet würde. Deshalb
kam er Ehrlichs Bemühungen, sie zu ergründen, durchaus entgegen.
Letzterer sammelte alles, was Müller betraf, vollständig[141].
Wie er dazu kam, erzählt er auf S. 5 ff. der Vorrede seiner Geschichte
dieses Mannes. Als er im Jahre 1807 und 1808 in Königsberg bei der
preußischen Königsfamilie weilte und merkte, daß Geheimrat Reimann, der
Erzieher des Prinzen Friedrich, über ihn lachte, sagte er: »Ich sage
und tue, was ich muß und kümmere mich weiter um nichts.« Auf Reimanns
Einwendungen hin sagte er: »Von dem allen verstehe ich nichts; aber
es wird doch so kommen, wie ich gesagt habe, denn der Geist, der es
mich versichert hat, kann nicht lügen, und ich habe es durch denselben
ja selbst =gesehen=.« Endlich veranlaßte diese Sicherheit Müllers
doch Reimann, die Sache ernst zu nehmen. Er verfaßte also ein langes
Protokoll über Müllers Aussagen, das er sorgfältig aufhob und das nach
seinem Tode in die Hände Ehrlichs gelangte.
Letzterer war sich über die Ehrlichkeit Müllers klar. Im Lobe seiner
Redlichkeit, Mäßigkeit und Arbeitsamkeit stimmten alle überein,
besonders der Pfarrer Hautz in Neckargemünd, der sehr lange in Müllers
Geburtsort Meckersheim Pfarrer gewesen war, versicherte, daß er eine
treue und ehrliche Seele war. Auch andere Pfarrer, die ihn kannten,
bestätigten dies Urteil. Die Frage, ob er ein Betrogener oder Schwärmer
sei, beantwortet er damit, daß Müller =das Glück Preußens zu einer Zeit
voraussagte, als es im allertiefsten Unglück war=. Das hatte er damals
schon felsenfest selbst gegen die Einwürfe des Königs und der Königin
behauptet, wiewohl man seine Aussagen albern und unmöglich nannte.
Im Laufe der Zeit aber sollte er nicht nur in der Hauptsache recht
behalten, sondern selbst in Nebenumständen.
=Der Krieg Frankreichs von 1812 mit Rußland, Frankreichs Niederlage
und der ungeheure Brand Moskaus, die Verfolgung durch die Russen, der
Enthusiasmus des preußischen Volkes für Freiheit und König, Preußens
Krieg mit Frankreich und die Besiegung der Franzosen, bei welcher
namentlich Schlachten in Sachsen erwähnt sind, in denen der König von
Preußen und der Kaiser von Rußland kommandieren würden. Ferner der
Übergang der Deutschen über den Rhein, Müllers persönliche Begrüßung
des Königs bei dieser Gelegenheit=, das und noch manches andere steht
in diesen Papieren, die schon 1807 auf 1808 für den preußischen Hof
niedergeschrieben wurden.
Ehrlich so gut wie die über Müller befragten Pfarrer waren sich darin
einig, daß sie am liebsten die Prophezeiungen Müllers fortgeleugnet
hätten. Aber es ging nicht, da so manches, was früher lächerlich
erschienen war, später in Erfüllung ging.
Ehrlich genoß in kurzer Zeit Müllers Vertrauen, daher kann er wertvolle
Nebenumstände mitteilen. Als er am 4. Januar 1815 das Gespräch auf
seine neuesten Erscheinungen brachte, erzählte er, daß bald ein
blutiger Krieg mit Frankreich ausbrechen werde.
»Gerade damals fanden sehr =ernste= Spannungen zwischen Österreich,
Preußen, Bayern, Rußland, Frankreich usw. statt; ich bezog daher –
=politisch vernünftelnd= – alles, was er mir sagte, =darauf=, und
wünschte =seine= Gründe zu wissen, weshalb er so =bestimmt glaube=, daß
es zum Kriege unter den Erwähnten kommen müsse. Er lächelte aber ruhig
und heiter, gerade wie ein Mensch, welcher jenseits der Wolken und
Stürme sicher steht, über mein Vernünfteln, Politisieren und Zweifeln,
und sagte zuletzt:
›=Ja, das verstehe ich alles nicht, aber der Geist hat mir gesagt, daß
es wieder Krieg mit Frankreich gibt, und das bald!=‹
Er besuchte mich seit der Zeit sehr oft, =ungeachtet ich ihm –
absichtlich! – nie ein Geschenk gab und jedesmal sein Gegner war und
blieb=[142].
Allmählich ließen die Spannungen auf dem Wiener Kongreß nach. Die
Angelegenheiten mit Polen, Sachsen usw. kamen eine nach der andern in
Ordnung, und ein tiefer Friede wurde (dem Anschein nach) mit jedem
Tage gewisser. Jetzt durfte Müller nur die Türe öffnen, so scherzte
ich schon mit ihm und spöttelte (jedoch freundlich heiter!) über
=seinen baldigen blutigen Krieg gegen Frankreich=. Sein Benehmen dabei
blieb sich immer gleich. Er erzählte nämlich stets aufs neue seine
Erscheinungen in den Weihnachtsträumen, und schloß jedesmal damit:
›=Sie werden sehen, daß alles zutrifft, und das bald! Denn der Geist
kann nicht lügen!=‹
Endlich in den ersten Tagen des März 1815 kam er abermals zu uns;
diesmal um Abschied von uns zu nehmen, weil wir verreisen wollten.
Jetzt war, nach =aller Vernünftigen= Meinung, an gar keinen Krieg
mehr zu denken! Ich scherzte wie gewöhnlich mit ihm; ergriff ihn
unter anderm am Kinn und wiegte schäkernd seinen Kopf hin und her mit
den Worten: ›=Nun, mein lieber Müller! Nun ist es mit dem blutigen
Kriege gegen Frankreich rein aus, denn jetzt ist tiefer, tiefer
Friede!=‹ (Zugleich erzählte ich ihm den ganzen Stand der politischen
Verhältnisse.)
Er hörte mich ganz aus, antwortete dann aber mit ungewöhnlicher
Lebhaftigkeit: ›=Und ich sage Ihnen, nun dauert’s gar nicht lange mehr!
Nun geht’s gleich los in Frankreich.=‹
Wir lachten gegenseitig über unsere, so höchst verschiedenen
Behauptungen, schieden aber, wie immer, als gute Freunde voneinander.
Am Nachmittage desselben Tages ließ unsere Reisegesellschafterin uns
bitten, die beabsichtigte Reise noch einige Tage auszusetzen, weil
sie sich nicht ganz wohl befinde. Wir willigten ein. Ehe aber noch
ihre Kränklichkeit völlig gehoben war, erfuhren wir schon aus den
öffentlichen Blättern, daß Napoleon in Frankreich gelandet sey. In
demselben Augenblicke, in welchem ich dies las, strafte ich mich selbst
durch den unwillkürlichen Ausruf: =Nun hat Müller doch recht!= –
Jetzt begriff jedermann, daß ein =Krieg=, und wahrscheinlich ein =sehr
blutiger= Krieg entstehen =müsse=. Die Reihe wäre also nun an Müllern
gewesen, =uns auszulachen=, aber er tat es =nicht=, sondern sagte bloß
– etwa wie ein Mensch, dem man etwas abgestritten hat, was er =doch
vor Augen sah=: – ›=Ich sagte es Ihnen ja immer! Geschehen mußte es
durchaus! Denn – Gott kann ja nicht lügen.=‹«
Soweit der Bericht Ehrlichs. Wir sperrten nur die Stellen, die auch im
Original gesperrt sind.
Ferner versicherte Müller, daß die Gegend von Mannheim und Heidelberg
in diesem Kriege von 1815 vom Feinde verschont bleiben werde. Aber
auch diese Prophezeiung war außerordentlich gewagt und keineswegs,
wie der Zweifler in solchen Fällen gern annimmt, Resultat einer
Wahrscheinlichkeitsrechnung. Denn diese Gegend war damals fast ganz
von Truppen entblößt, die russische Armee noch sehr weit zurück und,
wie leider unsere Geschichte lehrt, der Weg den Franzosen nur zu
gut bekannt. Deshalb zitterte alles vor der drohenden Gefahr. Und
doch behielt Müller recht. Daß die mit Haut und Haar dem Dogma der
Unmöglichkeit jeglicher Prophetie Verschriebenen =nachher= sagten, es
hätte so kommen müssen, ist selbstverständlich.
Ehrlich betont ausdrücklich, daß er weder für noch gegen Müller Partei
ergreife, sondern nur Tatsachen berichte und es jedem überlasse,
darüber zu denken, was er wolle. Ehrlich weist daher auch ruhig auf die
Irrtümer Müllers hin.
Die Erscheinung, die er in den Weihnachtsnächten 1814 hatte, stimmen
vollkommen mit den Begebenheiten des 16. und 18. Juni 1815 überein.
Aber die zweite Schlacht zwischen Elsaß und Lothringen, die Müller
vorhergesehen hatte, wurde nicht geschlagen, weil die außerordentlichen
Leistungen der Preußen Napoleon entscheidende Niederlagen beigebracht
hatten. Sie wäre wahrscheinlich gewesen, aber sie war nicht wirklich.
Ebenso wäre es in jeder Beziehung besser gewesen, Napoleon wäre damals
gefallen, wie Müller wahrsagt bzw. andeutet, als er ihn mit seinen
Generalen am Rande eines frischen Grabes stehen sah. Und doch erfüllte
sich diese, wie wir gleich sehen werden falsch interpretierte, Vision
nicht. Wie wir ja bei allen Wahrsagern die Beobachtung machen, daß hie
und da ein Spruch nicht in Erfüllung geht.
Dem »Protokoll« sind noch einige Visionsberichte mit Müllers
Unterschrift aus den Jahren 1815 und 1816 angereiht. Daß die
Prophezeiung von Napoleons Grab nicht in Erfüllung ging, hatte bereits
Ehrlich konstatiert.
Wir lassen hier den Bericht (S. 120 f.) folgen:
»Am 18. April 1815, Dienstag nachts um 12 Uhr, brachte mich der Geist
des Herren auf eine Anhöhe im Elsaß und zeigte mir ein frischgemachtes
Grab mit den Worten: ›Es sei für Napoleon. =Er wird gleich selbst
kommen!=‹ setzte der Geist hinzu.
Bald darauf kam Napoleon mit zwei Generalen, diese blieben jedoch
200–300 Schritte zurück. Napoleon aber ging grade auf sein Grab los,
und zwar so ganz dicht darauf zu, daß man glauben mußte, er werde
jetzt, und jetzt hineinstürzen. Er betrachtete es lange und aufmerksam.
Dann sagte ich zu ihm, er hätte bleiben sollen, wo er gewesen wäre.
Darauf sahe er mich sehr verdrießlich an, und sprach viel Französisch,
welches ich nicht verstand.
Nun ging er zu den Generalen zurück, und damit hörte meine Erscheinung
auf.
Johann Adam Müller.«
Da Napoleon vom Grabe zu den Generalen zurück ging, muß daraus meines
Erachtens gefolgert werden, daß er =nicht= sterben würde. Die Vision
würde also höchstens so zu deuten sein, daß er in großer Gefahr war,
oder daß er sich mit dem Gedanken getragen habe zu sterben, d. h. wohl
den Tod zu suchen und es dann unterließ. Ehrlich geht also hier in
seiner Skepsis zu weit, denn von einer falschen Prophezeiung kann gar
keine Rede sein, höchstens von einer falschen Interpretation.
Dagegen ist die zweite Vision Müllers vom 12. August 1815 nicht
in Erfüllung gegangen. Darin heißt es, Frankreich würde unter die
vier Monarchen geteilt werden, die vier Religionen, die heidnische,
türkische, jüdische und christliche würden miteinander vereint werden
und eine Bundesstadt müsse gebaut werden.
In der dritten Vision wird Müller auf den Römerbrief, Kapitel 5,
hingewiesen, was er – am 26. September 1815 – so deutet: »Jetzt werde
nun alles gut werden, Friede kommen, die Erkenntnis Christi und die
Befolgung seiner Lehre ausbreiten usw., aber, meint er ferner, die
früher erwähnte Schlacht müsse doch wohl noch erst erfolgen. Es werde
auf jeden Fall noch etwas Hartes vorfallen.«
Mit dem Frieden – einer erstaunlich langen Friedensperiode – behielt
Müller recht, ebenso mit einer anderen Vision, daß die Russen nicht
wieder nach Deutschland kämen. Das hat sich ja nun ein Jahrhundert
bewahrheitet und war damals sicher nicht vorauszusehen, da in den
Jahren Müllers sehr häufige Grenzüberschreitungen stattfanden.
Auch daß Napoleon von St. Helena aus nicht wieder in den Gang der
Weltereignisse eingreifen würde, war eine richtige, wenn auch sehr nahe
liegende Vorhersage.
Dann folgen noch zwei religiöse und zwei politische Visionen, letztere
auf einen Krieg Österreichs mit Frankreich deutend, also falsch.
Unser Bericht wäre unvollständig, würden wir nicht die Kritik
erwähnen, die Ehrlich (S. 90–119) an einem Schriftchen »Neue
Prophezeiungen des Johann Adam Müller«, das anonym und ohne Wissen
Müllers erschien, übt.
Es enthält massenhaft falsche Daten, die Ehrlich, auf Grund von Müllers
Angaben, berichtigt. Dadurch sind wir zu dem Schluß berechtigt, daß
die unwidersprochen gebliebenen Behauptungen der kleinen Schrift auf
Wahrheit beruhen.
Indem wir von einer Reihe an sich nicht uninteressanter Momente
absehen, sei folgendes wiedergegeben: »Die erste meiner Erscheinungen
hatte ich in der Nacht des neuen Jahres von 1804 auf 1805.« Ein Geist
trat da an sein Bett und sagte: »Dies Jahr entsteht ein Krieg zwischen
Frankreich und Österreich, und wenn letzteres nicht Friede macht, so
wird es alles verlieren. Hierauf blitzte es am Himmel und die Gestalt
verschwand. Ich ging nach dem Fenster, durch das der Blitz leuchtete,
da sah ich deutlich am Himmel Artillerie von Frankreich gegen
Österreich zu fahren, welcher Zug ¾ Stunden währte. Pferde, Knechte,
Kanonen, Pulverwagen, alles war deutlich zu erkennen, nur daß sie ganz
feurig waren.«
Müller beachtete diese Vision weiter nicht und erzählte erst von
ihr, als er nach einer Schlappe der Franzosen einige Leute die
Befürchtung aussprechen hörte, Österreich würde siegen. Daß diese ganze
Prophezeiung in Erfüllung gegangen ist, steht fest. (S. 96 f.)
Auf die gleiche Weise wurde Müller in der Neujahrsnacht 1805 auf 1806
der Krieg Frankreichs mit Preußen verkündet.
Andere Visionen hatte er 1807. Ein Mann (Geist) trug ihm auf, zu dem
König von Preußen zu gehen und ihm zu sagen, er solle gemäß Jesaias,
Kapitel 53 bis 64 handeln. Frankreich müsse unter vier Monarchen
verteilt werden und Preußen werde so groß werden, wie es noch niemals
war. Dann würden sich die Heiden und Türken taufen lassen und zuletzt
die Juden und es werde nur eine Religion geben und tausendjährigen
Frieden. Der »Geist« führte Müller dann nach Königsberg durch vier
Städte und zeigte ihm alles, was er auf dem Wege erleben würde. So
sah er Stettin, Königsberg, Memel und eine Stadt am Rhein zwischen
Philippsburg und Nußloch, die für die vier Monarchen zu einmaliger
Zusammenkunft jedes Jahr bestimmt war. (S. 98–102.)
Auf wiederholte Mahnung hin trat er dann seine weite Reise, von der das
»Protokoll« eingehend berichtet, mit 15 Kreuzern in der Tasche und ohne
jedes Gepäck an. Überall fand er kostenlose Unterkunft und Verpflegung,
weil er dem Befehle des »Geistes« folgte und dort einkehrte, wo eine
innere Stimme ihn hinwies. (S. 102–108.)
Friedrich Wilhelm III. hatte schon schriftlichen Bericht über Müller
erhalten. Er mußte dem König alle angezeigten Kapitel aus der Bibel
auslegen. Als er dem König die Treue seiner Untertanen, die Gut und
Blut opfern würden, rühmte, antwortete er – und das ist bezeichnend für
die allgemeine Lage, beweisend aber dafür, daß Müller unmöglich durch
Kombinationen zu seinen Vorhersagen gekommen ist: »Ach nein! Es ist mir
jetzt alles abtrünnig geworden!« (S. 108, Anm.)
Müller prophezeite dem König, daß Frankreich im Norden zugrunde gehen
würde, daß Preußen so groß werden würde, wie noch nie, ferner die
Vereinigung der Religionen und die Erbauung der bewußten Stadt. Als
Friedrich Wilhelm erwiderte, daß er den Krieg ja nicht fortsetze und
daher alles Geweissagte nicht eintreffen könne, gab Müller zur Antwort,
der König möge machen, was er wolle, es würde doch so geschehen.
Auf die Frage, welche Religion denn übrig bleiben werde, antwortete
Müller regelmäßig: »Die Religion, welche =bleiben= werde, sei weder
die katholische, noch die lutherische, noch die reformierte, sondern
diejenige, welche Christus selbst gelehret habe.« (Seite 109, Anm.)
Es folgen dann die Vorhersagen, die wir im »Protokoll« schon eingehend
kennen lernten.
In Heidelberg hatte Müller eine halbstündige Unterredung mit König
Friedrich Wilhelm III. Auch Blücher hat manches Pfeifchen mit Müller
geraucht und manche Stunde mit ihm verplaudert. Die von Ehrlich
ausgesprochene Vermutung Müllers felsenfeste Versicherungen der Jahre
1807 und 1808 hätten in den Freiheitskriegen im alten Marschall
Vorwärts nachgewirkt, läßt sich jedenfalls hören. Seinem Adjutanten
hatte er 1814, am 13. Juni, aufgetragen: »Er solle den Blücher von dem
Müller grüßen und er werde nun bald =viel= mit den Franzosen zu tun
kriegen, wenn er (der Adjutant) anders noch früh genug komme, um dies
=vorher= bestellen zu können.« (S. 114 f., Anm.) Da die Schlacht schon
am 15. begann, kam dieser Bote zu spät.
Übrigens erwartete Müller 1815 noch einen kurzen Krieg, da nicht
sämtliche Prophezeiungen in Erfüllung gegangen seien, vor allem die auf
die Teilung Frankreichs bezügliche und die, welche eine große, sehr
blutige Schlacht zwischen Deutschen und Franzosen vorhersagt.
Endlich hatte er noch eine merkwürdige Vision. Er sah eine große Zahl
Equipagen mit vornehmen Insassen. Dahinter kam der Teufel in einem
Wagen. Diese Vision soll auf den Wiener Kongreß Bezug haben.
Für die Beurteilung Müllers ist nicht unwichtig Ehrlichs Versicherung,
daß er, wiewohl nur Eigentümer eines kleinen Gutes von acht Morgen,
doch niemals um Geschenke bat, sie auch nur von Reichen annahm. Wiewohl
er durch seine Gabe ein wohlhabender, wenn nicht gar reicher Mann hätte
werden können, verschmähte er es doch.
Auch seine Mäßigkeit ist bemerkenswert und schneidet von vorn herein
den Verdacht ab, seine Visionen – ganz abgesehen von ihrer späteren
Erfüllung – seien Wirkungen des Alkohols gewesen, wie ja mancher
doppelt sieht oder gar weiße Mäuse zu erkennen glaubt. Wein und
Branntwein trank er seit 6 bis 8 Jahren – also gerade in der Zeit
seiner Visionen – überhaupt nicht. Ebenso Kaffee nur bei festlichen
Gelegenheiten. Bei Gastmählern, zu denen er oft geladen wurde, begnügte
er sich mit Suppe, Gemüse und Fleisch ohne je Braten usw. anzurühren.
Nur auf dringende Bitten griff er zur Mehlspeise. In Memel und
Königsberg war seine Nahrung durch fast volle neun Monate nur trockenes
Brot und etwas Milch. Und das, wiewohl er natürlich viel Besseres hätte
haben können.
Das Protokoll, das wir oben in extenso brachten ist nicht das
Königsberger, das verloren gegangen zu sein scheint oder vielleicht
noch einmal aus einem Archiv das Tageslicht erblicken wird. Trotzdem
ist es durchaus =authentisch=, denn es wurde im Jahre 1808, also =vor
sämtlichen Ereignissen= aufgenommen und befand sich seit dieser Zeit in
den Händen des Pfarrers Hautz und seit mehreren Jahren (d. h. vor 1816)
des Kirchenrates Abegg.
Übrigens scheint das Protokoll =nicht alles= zu enthalten, was Müller
seinerzeit dem König Friedrich Wilhelm III. mitteilte. Denn er sagte
darüber Ehrlich:
»Ich war in betreff dieser Punkte nur an den König von Preußen
gesandt, also hielt ich es für Pflicht, gegen hiesige Menschen davon
zu schweigen. Außerdem riet es mir auch die Klugheit, denn hier war
damals alles noch im höchsten Grade französisch gesinnt. Man hätte mich
vielleicht umgebracht, wenn ich das alles schon damals hier bekannt
gemacht hätte.«
Der seltene Fall, daß von durchaus glaubwürdiger Seite – Ehrlich hat
stets die Prophezeiungen Müllers nach seinem Diktat niedergeschrieben
– eingehende Berichte über einen Seher vorliegen, und daß, wie aus den
Briefen des Königs Friedrich Wilhelm, wie auch aus einem bei Ehrlich
abgedruckten Brief, der die Anfrage der russischen Kaiserin enthält,
hervorgeht, jede Mystifikation ausgeschlossen ist, rechtfertigen es,
wenn wir uns eingehend mit Müller befaßten.
Für unsere Beweisführung im Speziellen aber ergibt sich folgendes
Resultat:
Wir haben das =gesamte= Material eines Sehers zur Verfügung und konnten
auf dieser Grundlage feststellen, daß nicht nur die wichtigsten und
zur Zeit ihrer Verbreitung am wenigstens glaubwürdigen Vorhersagen in
Erfüllung gingen, sondern auch die erdrückende Mehrheit. Daraus geht
aber hervor, daß der Einwand, man entsinne sich nur der erfüllten,
vergesse aber die unerfüllten Weissagungen, wenn es sich um »Seher«
handelt, hinfällig ist.
Was nun den Inhalt der Vorhersagen betrifft, so sind sie gewiß zum Teil
sehr merkwürdig. Aber keine einzige ist darunter, die so erstaunlich
wäre, daß wir eine Gleichung mit einem Divisor aufstellen könnten, die
den Zufall ausschließt.
Desto verblüffender sind die folgenden Weissagungen.
Fußnoten:
[124] Zitiert nach »Geschichte, Erscheinungen und Prophezeiungen des
Joh. Adam Müller eines Landmanns auf dem Maisbacher Hofe, zwei Stunden
von Heidelberg. Aus seinem eignen Munde aufgesetzt. Nebst allen dazu
gehörigen Original-Briefen in getreuen Abschriften und der Widerlegung
von 37 Unrichtigkeiten in der ohne sein Wissen, erschienenen Schrift:
Johann Adam Müller, der neue Prophet usw. Mit dem getreuen Bildnisse
des Mannes, einer genauen Nachahmung seiner Handschrift, der Abbildung
seines Wohnhauses nebst der Umgegend, und dem von ihm selbst
entworfenen Plane der noch zu erbauenden Bundesstadt Neu-Jerusalem und
der Burg Zion. Frankfurt a. M., bei den Gebrüdern Wilmans 1816«, S. 25
ff. Ich benutzte wie bei Heering das Exemplar der Kgl. Bibliothek in
Berlin.
[125] Heißt bei Müller jedesmal: »Ich geriet in Verzückung«.
[126] Ein Stadtplan von Neu-Jerusalem, nach dem Entwurf von Müller
gezeichnet von F. L. Hoffmeister, befindet sich im Anhang der zitierten
Schrift.
[127] Eigentlich waren es 24 Kreuzer. In Heidelberg aber trank er ½
Maass Bier und kaufte sich 2 Päckchen Tabak, behielt also nur noch 15
Kreuzer (Anm. im Original).
[128] Damals trank er noch, wiewohl selten, wenig, und nur vor
Mattigkeit, Branntwein. Seit 6–8 Jahren gar nicht mehr. (Anm. des
Protokolls Seite 36 des Buches.)
[129] Hier und im folgenden handelt es sich deutlich um eine Erfüllung
des Gesichts vor Antritt der Reise, als die Feinde ihm in Gestalt
von wilden Tieren erschienen. Hier dürfte es angezeigt sein, auf den
Aufsatz von Rudolf Kleinpaul »Die Traumsprache« im »Magazin für die
Literatur des In- und Auslandes«, 55. Jahrg., 1886, S. 241 ff. und 265
ff. hinzuweisen. Die Frage der Traumsymbolik ist selbst von solchen,
die ihre Realität zugeben, noch keineswegs gelöst. Es gibt hier eine
unerschöpfliche Mannigfaltigkeit des Ausdrucks – man denke im Gegensatz
zu Müller an Kerner – und daher sind Fehler der Interpretation sehr
naheliegend.
[130] Die damalige verwitwete Prinzessin Ludwig, nachmalige Herzogin
von Cumberland.
[131] Diese Vorhersage kehrt immer wieder. Tatsächlich wurde Frankreich
ja später verkleinert, aber von einer Dreiteilung zu reden, ist doch
nicht angängig. Auch Neu-Jerusalem vergißt Müller nie. Daß solche
Prophezeiungen religiöser Art nicht in Erfüllung gehen, konnten wir
schon wiederholt beobachten. Das dürfte zum Teil daher kommen, daß es
sich hier gar nicht um Fernsehen, sondern um biblische Reminiszenzen
handelt.
[132] Beide sind durch jene Gegenden gereist (Anm. des Protokolls S.
48).
[133] Ich bemerke eventuellen Vermutungen gegenüber, daß ich durchaus
=nicht= Spiritist bin und daher an eine objektive »Erscheinung« auch
nicht glauben kann. Vielmehr dürfte es sich hier um nichts anderes als
Träume handeln. Daß es zum guten Teil =Wahrträume= sind, geht aus der
folgenden Erscheinung hervor. Müller hatte sich zweifellos in die Rolle
einer Art von Glaubensapostel hineingelebt.
[134] Frau von St...s hat diese Predigt mit angehört, und versichert,
daß sie allgemeinen und sehr tiefen Eindruck gemacht habe. (Anm. des
Protokolls, S. 61.)
[135] Geschichte, Erscheinungen und Prophezeiungen des Joh. Adam
Müller, Frankfurt a. M., 1816, S. 73 ff.
[136] Von mir gesperrt.
[137] Von mir gesperrt.
[138] a. a. O., S. 79.
[139] a. a. O., S. 80 ff.
[140] a. a. O., S. 84 ff. Die zweite Antwort des Königs ist abgedruckt
auf S. 84, die dritte auf S. 89.
[141] »Geschichte, Erscheinungen und Prophezeiungen des Joh.
Adam Müller«, Frankfurt a. M. 1816. Auf dem Titel steht =kein=
Verfassername, sondern Wilhelm Ehrlich hat die Vorrede (S. 3–24), der
wir obige Angaben über Müllers Person und Prophezeiungen, soweit sie
nicht im »Protokoll« enthalten sind, entnehmen, unterzeichnet.
[142] Ehrlich verhält sich zu Müller also geradeso skeptisch, wie ein
halbes Jahrhundert früher Süße gegenüber Heering.
Neuntes Kapitel
Cazotte’s Weissagung der französischen Revolution.
Eine der berühmtesten Weissagungen, der des Klosters Lehnin an Ruf
wohl vergleichbar, ist die des Jaques Cazotte[143], die uns Laharpe
überliefert. Sie gilt im allgemeinen, besonders bei allen jenen, die
Prophetie für unmöglich halten, als ein stilistisches Meisterwerk
Laharpes[144], zugleich aber auch als Produkt seiner Phantasie. Bevor
wir diese Frage näher prüfen wollen, sei der Wortlaut der Weissagung
nach der Übersetzung von Jung-Stilling[145] nachstehend mitgeteilt:
»Es dünkt mich, als sei es gestern geschehen, und doch geschah es
im Anfang des Jahres 1788. Wir waren zu Tische bei einem unserer
Kollegen an der Akademie, einem vornehmen und geistreichen Manne. Die
Gesellschaft war zahlreich und aus allen Ständen ausgewählt, Hofleute,
Richter, Gelehrte, Akademiker usw. Man hatte sich an einer wie
gewöhnlich wohlbesetzten Tafel recht wohl sein lassen. Beim Nachtisch
erhöhte der Malvasier und der Capwein die Fröhlichkeit und vermehrte
in guter Gesellschaft jene Art Freiheit, die sich nicht immer in den
genauen Schranken hält.
Man war damals in der Welt auf den Punkt gekommen, wo es erlaubt
war, alles zu sagen, wenn man den Zweck hatte Lachen zu erregen.
Chamfort[146] hatte uns von seinen gotteslästerlichen und unzüchtigen
Erzählungen vorgelesen und die vornehmen Damen hörten sie an, ohne
sogar zum Fächer ihre Zuflucht zu nehmen. Hierauf folgte ein ganzer
Schwall von Spöttereien auf die Religion. Der eine führte eine
Tirade aus der Pucelle von Voltaire an; der andere erinnerte an jene
philosophischen Verse Diderots, worin er sagt: »Mit den Gedärmen des
letzten Priesters schnüret dem letzten König die Gurgel zu!« und alle
klatschten Beifall. Ein anderer steht auf, hält das volle Glas in die
Höhe und ruft: »Ja, meine Herren! ich bin ebenso gewiß, daß kein Gott
ist, als ich gewiß bin, daß Homer ein Narr ist;« – und in der Tat, er
war von dem einen so gewiß, wie von dem anderen, und man hatte gerade
von Homer und von Gott gesprochen, und es waren Gäste da, die von dem
einen und dem anderen Gutes gesagt hatten.
Die Unterredung wurde nun ernsthafter. Man spricht mit Verwunderung von
der Revolution, die Voltaire bewirkt hat, und man stimmte ein, daß sie
der vorzüglichste Grund seines Ruhmes sei. Er habe seinem Jahrhundert
den Ton gegeben; er habe so geschrieben, daß man ihn in den Vorzimmern,
wie in den Sälen liest. Einer der Gäste erzählte uns lachend, daß sein
Friseur ihm, während er ihn puderte, sagte: »Sehen Sie, mein Herr, wenn
ich gleich nur ein elender Geselle bin, so hab’ ich dennoch nicht mehr
Religion als ein anderer.« Man schloß, daß die Revolution unverzüglich
vollendet sein würde, und daß durchaus Aberglauben und Fanatismus der
Philosophie Platz machen müßten; man berechnete die Wahrscheinlichkeit
des Zeitpunktes, und wer etwa von der Gesellschaft das Glück haben
würde, die Herrschaft der Vernunft zu erleben. Die älteren bedauerten,
daß sie sich dessen nicht schmeicheln dürften. Die jüngeren freuten
sich über die wahrscheinliche Hoffnung, daß sie dieselben erleben
würden; und man beglückwünschte besonders die Akademie, daß sie das
große Werk vorbereitet habe und der Hauptort, der Mittelpunkt, die
Triebfeder der Freiheit zu denken gewesen sei.
Ein einziger von den Gästen hatte an aller dieser fröhlichen
Unterhaltung keinen Anteil genommen und hatte sogar ganz sachte einige
Scherzreden in Rücksicht unseres so schönen Enthusiasmus eingestreut.
Es war Mr. Cazotte, ein liebenswürdiger, origineller Mann, der aber
unglücklicherweise von den Träumereien derer, die an eine höhere
Erleuchtung glaubten, ganz eingenommen war. Er nahm nun das Wort und
sagte mit dem ernsthaftesten Tone: »Meine Herren! freuen Sie sich; Sie
alle werden Zeugen jener großen und erhabenen Revolution sein, die Sie
so sehr wünschen. Sie wissen, daß ich mich ein wenig aufs Prophezeien
lege; ich wiederhole es Ihnen: Sie werden sie sehen.«
»Dazu braucht man eben keine Prophetengabe«, antwortete man ihm.
»Das ist wahr,« erwiderte er, »aber wohl etwas mehr für das, was ich
Ihnen noch zu sagen habe. Wissen Sie, was aus dieser Revolution – wo
nämlich die Vernunft gegenüber der geoffenbarten Religion triumphiert
– entstehen wird? was sie für alle, die hier sind, sein wird? Was ihre
unmittelbare Folge ihre unleugbare und anerkannte Wirkung sein wird? –«
»Laßt uns sehen,« sagte Condorcet[147] mit seiner sich einfältig
stellenden Miene; – »einem Philosophen ist es nicht leid, einen
Propheten anzutreffen.«
»Sie, Mr. Condorcet« – fuhr Cazotte fort – »Sie werden ausgestreckt auf
dem Boden eines unterirdischen Gefängnisses den Geist aufgeben; Sie
werden an dem Gift sterben, das Sie verschluckt haben werden, um den
Henkern zu entgehen, an dem Gift, welches Sie das Glück der Zeiten, die
alsdann sein werden, zwingen wird, immer bei sich zu tragen.«
Dies erregte anfangs großes Staunen, aber man erinnert sich bald, daß
der gute Cazotte bisweilen wachend träumte, und bricht in ein lautes
Gelächter aus.
»Mr. Cazotte« – sagte einer der Gäste – »das Märchen, das Sie uns da
erzählen, ist nicht gar so lustig, wie Ihr »Verliebter Teufel«; was
für ein Teufel hat Ihnen denn das Gefängnis, das Gift und die Henker
eingegeben? Was hat denn dies mit der Philosophie der Vernunft gemein?«
»Dies ist es gerade, was ich Ihnen sage,« versetzte Cazotte. – »Im
Namen der Philosophie, im Namen der Menschlichkeit, der Freiheit, unter
der Vernunft, wird es eben geschehen, daß Sie ein solches Ende nehmen
werden; und alsdann wird doch wohl die Vernunft herrschen, denn sie
wird Tempel haben; ja, es wird in derselben Zeit in ganz Frankreich
keine anderen Tempel geben, als Tempel der Vernunft.«
»Wahrlich« – sprach Chamfort mit einem höhnischen Lächeln – »Sie werden
keiner von den Priestern dieser Tempel da sein.«
Cazotte erwiderte: »Dies hoffe ich; aber Sie, Mr. de Chamfort, der
Sie einer derselben sein werden und sehr würdig sind, es zu sein, Sie
werden sich die Adern mit 22 Einschnitten mit dem Schermesser öffnen,
und dennoch werden Sie erst einige Monate darauf sterben.«
Man sieht sich an und lacht wieder. Cazotte fährt fort:
»Sie, Mr. Vicq. d’Azir[148], Sie werden sich die Adern nicht selbst
öffnen; aber hernach werden Sie sich dieselben an einem Tage sechsmal
in einem Anfall von Podagra öffnen lassen, um Ihrer Sache desto
gewisser zu sein, und in der Nacht werden Sie sterben.«
»Sie, Mr. Nicolai[149], Sie werden auf dem Schaffot sterben.«
»Sie, Mr. Bailly[150], auf dem Schaffot.«
»Sie, Mr. de Malesherbes[151], auf dem Schaffot.«
»Gott sei gedankt!« – ruft Mr. Roucher[152] – »Es scheint Mr. Cazotte
hat es nur mit der Akademie zu tun; er hat eben ein schreckliches
Gemetzel unter ihr angerichtet: ich – dem Himmel sei es gedankt ...«
Cazotte fiel ihm in die Rede: »Sie? – Sie werden auch auf dem Schaffot
sterben.«
»Ha! was gilt die Wette?« – ruft man aller Orten aus – »er hat
geschworen alles auszurotten.« Er: »Nein, ich habe es keineswegs
geschworen.«
Die Gesellschaft: »So werden wir denn von Türken und Tartaren
unterjocht werden? Und dennoch –«
Er: »Nichts weniger; ich habe es Ihnen schon gesagt, Sie werden
alsdann allein unter der Regierung der Philosophie und der Vernunft
stehen. Die, welche Sie so behandeln, werden lauter Philosophen sein,
werden immer dieselben Redensarten führen, die Sie seit einer Stunde
auskramen, werden alle Ihre Maximen wiederholen, werden, wie Sie, die
Verse Diderots und der ›Pucelle‹ anführen.«
Man sagte sich ins Ohr: »Sie sehen wohl, daß er den Verstand verloren
hat (denn er blieb bei diesen Reden sehr ernsthaft). Sehen Sie nicht,
daß er spaßt? – Und Sie wissen, daß er in alle seine Scherzreden
Wunderbares einmischt.«
»Ja!« sagte Chamfort, »aber ich muß gestehen, sein Wunderbares ist
nicht lustig; es ist allzu galgenartig. Und wann soll denn dies alles
geschehen?«
Er: »Es werden nicht sechs Jahre vorbeigehen, daß nicht alles, was ich
Ihnen sage, erfüllt ist.«
»Dies sind viele Wunder« (diesmal war ich es, nämlich Laharpe, der das
Wort nahm) – und von mir sagen Sie nichts?«
»Bei Ihnen,« antwortete Cazotte, »wird ein Wunder vorgehen, das
wenigstens ebenso außerordentlich sein wird: Sie werden alsdann ein
Christ sein.«
Allgemeines Ausrufen! »Nun bin ich beruhigt,« rief Chamfort, »kommen
wir erst um, wenn Laharpe ein Christ ist, so sind wir unsterblich.«
»Wir, vom weiblichen Geschlecht,« sagte hierauf die Herzogin von
Grammont, »wir sind glücklich, daß wir bei der Revolution nichts gelten
werden. Wenn ich sage ›nichts‹, so heißt das nicht so viel, als ob wir
uns nicht ein wenig darein mischten; aber es ist so Brauch, daß man
sich deswegen nicht an uns und unser Geschlecht hält.«
Er: »Ihr Geschlecht, meine Damen, wird Ihnen diesmal nicht zum Schutze
dienen, und Sie mögen noch so sehr sich in nichts mischen wollen, man
wird Sie gerade wie die Männer behandeln und in Ansehung Ihrer keinen
Unterschied machen.«
Sie: »Aber was sagen Sie uns da, Mr. Cazotte? Sie predigen uns ja das
Ende der Welt.«
Er: »Das weiß ich nicht; was ich aber weiß, ist, daß Sie, Frau
Herzogin, werden zum Schaffot geführt werden, Sie und viele andere
Damen mit Ihnen, und zwar auf dem Schinderkarren, mit auf den Rücken
gebundenen Händen.«
Sie: »In diesem Falle hoffe ich doch, daß ich eine schwarz
ausgeschlagene Kutsche haben werde.«
Er: »Nein, Madame! Vornehmere Damen als Sie werden auf dem
Schinderkarren, die Hände auf den Rücken gebunden, geführt werden.«
Sie: »Vornehmere Damen? – Wie? – Die Prinzessinnen von Geblüt?«
Er: »Noch vornehmere.«
Jetzt bemerkte man in der ganzen Gesellschaft eine sichtbare Bewegung,
und der Herr vom Hause nahm eine finstere Miene an; man fing an
einzusehen, daß der Scherz zu weit getrieben werde. Madame de Grammont
ließ, um das Gewölk zu zerstreuen, diese letzte Antwort fallen und
begnügte sich, im scherzhaftesten Tone zu sagen: »Sie werden sehen, daß
er mir nicht einmal den Trost eines Beichtvaters lassen wird.«
Er: »Nein, Madame, man wird Ihnen keinen geben, weder Ihnen noch sonst
jemandem. Der letzte Hingerichtete, der aus Gnaden einen Beichtvater
haben wird« – hier hielt er einen Augenblick inne.
Sie: »Nun, wohlan! Wer wird denn der glückliche Sterbliche sein, dem
man diesen Vorzug gönnen wird?«
Er: »Es wird der einzige Vorzug sein, den er noch behält; und es wird
dies der König von Frankreich sein.«
Nun stand der Herr vom Hause schnell vom Tisch auf und alle mit ihm. Er
ging zu Mr. Cazotte und sagte zu ihm mit tief bewegtem Tone:
»Mein lieber Herr Cazotte! Dieser klägliche Scherz hat lange genug
gedauert. Sie treiben ihn zu weit und bis auf einen Grad, wo Sie die
Gesellschaft, in der Sie sich befinden, und sich selbst in Gefahr
bringen.«
Cazotte antwortete nichts und schickte sich an wegzugehen, als Madame
de Grammont, die immerfort verhindern wollte, daß man die Sache ernst
nähme, und sich bemühte, die Fröhlichkeit wieder herzustellen, zu ihm
hinging und sagte:
»Nun, mein Herr Prophet! Sie haben uns allen gewahrsagt; aber von Ihrem
eigenen Schicksal sagen Sie uns nichts?«
Er schwieg, schlug die Augen nieder; dann sprach er: »Haben Sie,
Madame, die Geschichte der Belagerung Jerusalems im Josephus gelesen?«
Sie: »Freilich. Wer wird sie nicht gelesen haben? Aber tun Sie, als
wenn ich sie nicht gelesen hätte.«
Er: »Wohlan, Madame! Während dieser Belagerung ging ein Mann sieben
Tage nacheinander auf den Wällen um die Stadt, im Angesichte der
Belagerer und Belagerten, und schrie unaufhörlich mit kläglicher
Stimme: ›Wehe Jerusalem! Wehe Jerusalem!‹ Am siebenten Tage schrie
er: ›Wehe Jerusalem! =Wehe auch mir!=‹ – und im selben Augenblicke
zerschmetterte ihn ein ungeheurer Stein, den die Maschinen der Feinde
geschleudert hatten.«
Nach diesen Worten verbeugte sich Mr. Cazotte und ging fort.«
Soweit der Bericht bei Laharpe.
Nichts liegt näher als der Einwand, gerade weil alles so eintraf, wie
es angeblich Cazotte prophezeite, sei es ein vaticinium post eventum,
eine Dichtung des Laharpe.
Bereits Jung-Stilling nimmt zu dieser Frage Stellung. Seine
Ausführungen können immerhin einiges Interesse beanspruchen. Wir setzen
sie deshalb im Auszuge hierher:
»Ich frage jeden wahrheitsliebenden Kenner der Kunst, der Ideale
von getreuen Kopien der Kunst zu unterscheiden versteht, ob diese
Erzählung erdichtet sein könne? Sie hat so viele kleine Nuancen
und Umständlichkeiten, die keinem Dichter eingefallen wären, und
die er auch nicht für nötig gehalten hätte. Und dann, was konnte
diese Erdichtung für einen Zweck haben? Ein Freigeist konnte sie
nicht erdichten, weil er dadurch allen seinen Grundsätzen entgegen
arbeitete; denn er verbreitete dadurch Vorstellungen, denen er todfeind
ist, und die er für den dümmsten Aberglauben hält. Will man annehmen,
ein Fanatiker, ein Schwärmer habe sie erdichtet, um etwas recht
Auffallendes zu sagen, so widerspricht dieser Vermutung die Natur der
Erzählung selbst, die nicht so wie ein Gedicht aussieht, und dann
die Gewißheit, daß sie der selige =Laharpe eigenhändig= geschrieben
hat ... Gewiß, apodiktisch gewiß ist, daß Laharpe die Erzählung
selbst geschrieben hat. Dies kann aus oben angeführten Gründen nicht
geschehen sein, als er noch Freigeist war, und wer die gründliche
Bekehrung dieses großen Mannes und großen Freigeistes weiß, denen kann
der Gedanke nicht einfallen, daß er in diesem bußfertigen Zustand,
wo er sein voriges Leben mit blutigen Tränen beweinte, einen solchen
gottesvergessenen Frevel sollte begangen haben, so etwas zu erdichten;
das ist =moralisch unmöglich=. Diese Sache vor seinem Tode bekannt zu
machen, das war in der Zeit, in der er starb, nicht ratsam, und noch
weniger durften es die Gäste vor der Revolution und während derselben
erzählen[153].«
Die Möglichkeit der Erdichtung des Vorganges ist trotz der »vielen
kleinen Nuancen und Umständlichkeiten« keineswegs von der Hand
zu weisen. Mit solcher literarisch-ästhetischen Kritik kommt man
nicht weit[154]. Andrerseits ist zuzugeben, daß Laharpe, von
dem das Schriftstück zweifellos herrührt und aus dessen Nachlaß
es herausgegeben wurde, während der Periode seines sogenannten
Freidenkertumes unmöglich eine derartige Arbeit, die, wenn sie nicht
wahr ist, zweifellos im hohen Grade mystisch genannt werden muß,
abgefaßt haben kann. Wohl aber wäre das nachträglich möglich gewesen.
Denn es hätte doch sicherlich einen nicht geringen Reiz, sich einen
Mann vorzustellen, der die Zukunft bis in alle Einzelheiten genau
vorhergesehen hatte, und ihn in das bewegte und geistig hochstehende
Milieu dieser Gesellschaft zu stellen. Den »gottvergessenen Frevel«
dieses Vorganges können wir uns nicht recht klar machen.
Die einzigen Punkte, in denen Jung-Stilling unbedingt rechtzugeben
ist, wären demnach folgende: daß Laharpe, angenommen, alles hätte sich
wirklich so ereignet, wie er es berichtet, aus politischen Gründen von
einer Veröffentlichung in der kritischen Zeit, also vor Ausbruch der
Revolution, Abstand nehmen mußte. Und dann als weiterer, zwar nichts
Positives aussagender, der, daß er in der Periode des Freidenkertums
die Dichtung – angenommen, es handelte sich um eine solche – nicht
abgefaßt oder auch nur konzipiert haben konnte.
Damit kommen wir aber nicht weiter. Denn die Möglichkeit der späteren
Dichtung ist keineswegs beseitigt. Sie auszuschalten, haben wir
folgende Wege:
1. Eine Erklärung Laharpes, daß es sich um tatsächliche Vorgänge
handelt. Eine solche ist zwar nicht unbedingt beweiskräftig, denn wenn
es sich um eine Mystifikation handeln sollte, so läge der Gedanke nahe,
der Autor habe mit allen Mitteln versucht, sie aufrecht zu erhalten.
Beispiele dafür bietet die Literaturgeschichte in nicht geringer Anzahl.
2. Die Erklärung von Zeugen, die entweder dem Gastmahle selbst
beiwohnten, oder aber =vor= Eintritt der verkündeten Ereignisse von den
Vorgängen Kenntnis erhielten. Auch das ist kein unbedingt zwingender
Beweis, da bekanntlich Gedächtnisfehler nichts weniger als selten
sind. Immerhin würde – die Glaubwürdigkeit der Zeugen vorausgesetzt
– daraus zu folgern sein, zwar nicht, daß sich alles gerade so
verhielt, wie Laharpe mit großer Künstlerschaft erzählt, wohl aber, daß
bemerkenswerte Vorhersagen auf die Revolution und wohl auch auf den Tod
einiger Personen aus dem Munde Cazottes tatsächlich vorliegen.
3. Einen authentischen Bericht irgendeines Teilnehmers oder einer
anderen Person, die von Cazotte oder einem Teilnehmer informiert war,
vorausgesetzt, dieser Bericht sei =vor= Eintritt der prophezeiten
Ereignisse schriftlich festgelegt worden. Letzteres allein wäre ein
absolut zwingender Beweis. Es bliebe, gelänge es den gedachten Nachweis
zu erbringen, nicht mehr der Ausweg, die Cazottesche Vorhersage zu
bezweifeln. Nur die Erklärung bliebe frei, insofern Skeptiker nicht
Prophetie, sondern Berechnung oder den beliebten Zufall heranziehen
könnten. Allerdings ohne Aussicht zu haben, viel Gläubige zu finden.
Versuchen wir nun den Weg des Beweises, vom Unsicheren zum Sicheren
fortschreitend, so zurückzulegen, wie wir ihn oben skizzierten.
Walter Bormann, der sich große Verdienste nicht nur um das Studium
des Fernsehens in Raum und Zeit, sondern auch besonders um Aufhellung
der Cazotteschen Prophezeiung erworben hat, führt in Ergänzung von
Jung-Stillings Beweisführung Tatsachen an, die zweifellos geeignet
sind, nachdenklich zu machen[155].
Die Niederschrift der Prophetie von Laharpes eigener Hand befand sich
nach dem Tode des Autors im Besitz eines Herrn Boulard. Sie besaß
noch einen Zusatz, den der Verleger aus irgendwelchen Gründen bei
der Herausgabe der gesammelten Schriften Laharpes unterdrückte. Nach
Mitteilung des vorgenannten Herren Boulard machte ihn die Zeitschrift
»L’Imprimée« in Nr. 40 des Jahrganges 1820 bekannt. Er lautet:
»Jemand hat mir gesagt: »Das wäre wahr? Das, was Sie mir da erzählen,
wäre wahr?« – Was nennt ihr denn wahr? Habt ihr es denn nicht gesehen
mit euren eigenen Augen? – Ja, die =Tatsachen=; aber die Prophezeiung,
eine so außerordentliche Prophezeiung? – Das will sagen, daß alles,
was euch daran höchstens wunderbar erscheint, die Prophezeiung ist.
Ihr täuscht euch zweifellos; die Kenntnis der Zukunft gehört nur
Gott, und keiner ist Prophet, es wäre denn durch Gottes Eingebung.
Allein das ist kein so ganz seltenes Wunder. Gott hat davon tausend
verbürgte Beispiele gegeben, und es widerstreitet keiner moralischen,
noch philosophischen Anschauung, daß er die Kenntnis der Zukunft, wenn
es ihm gefällt, mitteilen könne. Dagegen ein Wunder, oder vielmehr
eine Menge von Wundern, die in ganz anderer Weise außergewöhnlich
sind, das ist diese Häufung von unerhörten und ungeheuerlichen
Tatsachen, die jedweder bisher bekannten Anschauung widerstreiten,
welche alle menschlichen Begriffe von Grund aus umstürzen, sogar im
=Schlechten= und in dem, was man von den =Verbrechen= des Menschen
wußte. Seht, das ist das reale Wunder, so wie die Prophezeiung bloß
etwas Vorausgesetztes ist, und wenn ihr noch immer nicht dazu gekommen
seid, in dem, was wir gesehen haben, etwas anderes zu erblicken als
das, was man eine Revolution heißt; wenn ihr glaubt, daß diese so sei,
wie eine andere, dann habt ihr sie nicht gelesen, noch bedacht, noch
gefühlt. =In diesem Falle= würde sogar die Prophezeiung, =wenn sie so
stattgefunden hätte=, höchstens ein Wunder sein, =das für euch nur
verloren wäre, wie für die anderen=, und dies wäre dann das größte
Unglück.«
Aus diesen Worten Laharpes läßt sich nicht viel machen. Dazu sind sie
zu unklar. So viel ist aber sicher, daß er an Prophetie glaubt und
sagen will, daß sie nicht so wunderbar ist, als die Ereignisse selbst.
Auf die Erklärung durch Gott brauchen wir natürlich nicht einzugehen.
Sie heißt nicht mehr und nicht weniger als ein X durch eine andere
unbekannte Größe, deren Existenz noch nicht einmal beweisbar ist,
erklären zu wollen. Indem wir uns vorbehalten, später auf Laharpes
Ausführung zurückzukommen, wollen wir zunächst im Anschluß an Bormann
versuchen, Zeugen für die Weissagung Cazottes aufzutreiben.
Deren gibt es nun mehrere: 1. Hat ein Herr de N. – also leider ein
Anonymus – in den Pariser Zeitungen erzählt, daß er oft von Cazotte,
den er gut kannte, die Ankündigung der schweren Drangsale Frankreichs
gehört habe, während alle Welt noch in vollkommener Sicherheit
lebte[156]. Derselbe Gewährsmann bestätigt auch die Wahrheit der
Erzählung, daß Cazotte seine nach drei Tagen erfolgende Hinrichtung
vorhergesagt habe. Ob das von ihm Vernommene sich mit Larharpes
Darstellung deckte, sagt er allerdings nicht. Immerhin beweist dieser
Zeuge, daß Cazotte eine gewisse Gabe des zeitlichen Fernsehens besessen
hat.
2. Bekundet die Gräfin de Genlis schriftlich folgendes: »Ich habe
das hundert Male Mr. de Laharpe =vor der Revolution erzählen hören
und immer durchweg= genau, wie ich es gedruckt gesehen habe, und
wie er selbst es hat drucken lassen. Im November 1825. Comtesse de
Genlis[157].« Diese Zeugin ist die bekannte Erzieherin der Kinder des
Herzogs von Orléans. Als sie dies Zeugnis ablegt, ist sie bereits
79 Jahre alt. Alte Leute leiden oft an Gedächtnisschwäche, erinnern
sich aber auch andrerseits fast stets mit wunderbarer Klarheit an
Vorgänge aus ihrer Jugend. Wenn wir uns also auch hüten müssen, aus
diesem Zeugnis zu folgern, daß Laharpe tatsächlich wörtlich Cazottes
Vorhersage wiederholt und überliefert habe, so werden wir doch nicht
umhin können zuzugeben, daß irgendeine wunderbare Prophezeiung kursiert
haben muß.
3. Der Sohn von Jaques Cazotte sagt nur aus, daß sein Vater oft Proben
seines zeitlichen Fernsehens abgelegt habe, was übrigens Jung-Stilling
auch von anderer Seite erfahren hatte. Ob die Darstellung Laharpes in
allen Ausdrücken genau ist, weiß er nicht anzugeben. Er bestätigt aber
jenen Vorfall, wo die Schwester ihren 72jährigen Vater den Mordbanden
entriß und Cazotte darauf seinen nach drei Tagen bevorstehenden Tod
richtig prophezeite. – Diese Zeugenschaft beweist zweifellos – und das
ist sehr wichtig – daß Cazotte im Rufe eines Sehers stand und auch
Sehergabe besaß. Die Annahme dürfte daher nahe liegen, daß es sich
gar nicht um eine Dichtung Laharpes, sondern um dichterisch verklärte
Wahrheit handelt. Denn wenn Cazotte, was ja nach dem Zeugnis des Sohnes
nicht bezweifelt werden kann – Hellseher war, dann besteht gar kein
triftiger Grund an der Wahrheit des Berichtes bzw. daran, daß ihm ein
wahrer Kern zugrunde liegt, zu zweifeln.
4. Bezeugt ein Anonymus Mr. N. in Rennes, daß der bekannte Arzt Vicq.
d’Azir =mehrere Jahre vor der Revolution= die Weissagungen Cazottes die
er mit angehört hatte, und die trotz seines Unglaubens ihn beunruhigt
hätten, erzählte. Es wird nicht angegeben, ob er sie genau so erzählte,
wie Laharpe überliefert. Aber selbst wenn das wäre, könnten wir darauf
nicht bauen, da das Gedächtnis besonders hinsichtlich des Wortlautes
höchst unzuverlässig ist. Immerhin ist dieses Zeugnis – wenn wir ihm
trotz seiner Anonymität Glauben schenken wollen – nicht ohne hohen
Wert. Denn wenn es auch nichts über den Inhalt der Prophetie verrät, so
beweist es doch, wie das der Gräfin de Genlis, daß mindestens Gerüchte
von Vorhersagen umliefen. Daran und daß ihnen irgend etwas Reales
zugrunde lag, werden wir kaum mehr zweifeln dürfen. Aber – das sei ohne
weiteres zugegeben – für den konkreten Fall ist damit nicht allzuviel
gewonnen.
Rekapitulieren wir kurz den gegenwärtigen Stand der Untersuchung:
1. Es ist absolut feststehend, daß Cazotte Visionen hatte, die in
Erfüllung gingen.
2. Es kursierten zweifellos, anscheinend schon vor der Revolution,
Gerüchte, nach denen Teilnehmer an jener Abendgesellschaft – die Gräfin
Genlis nennt Laharpe, der vierte Zeuge in Rennes den Arzt d’Azir, der
erste gar Cazotte selbst als Gewährsmann – aus Cazottes Munde Unglück
verheißende Aussagen über die Zukunft Frankreichs gehört haben.
Damit können wir noch nicht viel anfangen. Denn wenn es auch sicher
interessant ist zu wissen, daß Vorhersagen der Revolution – wie
übrigens wohl fast jedes bedeutenden Ereignisses der Weltgeschichte
existieren, so ist das noch ein großer Unterschied von Cazottes
Prophetie, die jedem einzelnen Teilnehmer sein Ende vorhersagt. Gerade
bei dieser überaus wunderbaren Weissagung kommt alles aufs Detail an
und hiervon wissen wir gar nichts.
Zudem haben wir bisher noch keine =unbedingt zuverlässigen= Zeugnisse
dafür, daß die Gerüchte bereits vor der Revolution umliefen. Gewiß
könnte man aus dem Fehlen solcher Zeugen nichts gegen die Wahrheit
folgern, denn es ist klar, daß man sich in stürmischen oder kritischen
Zeiten hüten wird, solch gefährliche Prognosen zu verbreiten. Aber
das genügt uns nicht. Die ein Menschenalter später ausgestellten
Beglaubigungen sind aber nicht beweiskräftig genug.
Deshalb kann uns auch das fünfte Zeugnis nicht genügen, wiewohl es
an tatsächlichen Angaben so ungefähr alles enthält, was wir nur
wünschen können. Es handelt sich um die schriftliche Bekundung des
Barons Delamothe-Langon des Inhalts, daß eine Gräfin Beauharnais
als Teilnehmerin an jener Abendgesellschaft ihm und vielen anderen
Personen, die 1833 bei Abgabe dieses Zeugnisses noch lebten und es
bezeugen konnten, die Wahrsagungen Cazottes in der Wiedergabe Laharpes
als echt bestätigten. Allerdings erfahren wir auch hier weder, wo diese
Abendgesellschaft stattgefunden hatte, noch auch in welchem Jahre die
Gräfin Beauharnais dieses Zeugnis abgelegt hat. Wir freuen uns immerhin
darüber als neuerliche Bestätigung dafür, daß Weissagungen, die auf
Cazotte zurückgeführt wurden, kursierten.
So müßten wir also mit einem Non liquet schließen, wenn wir nicht noch
ein 6. und wichtigstes Zeugnis, das Deleuze unbekannt war und von
Bormann in seiner Bedeutung erstmalig voll gewürdigt wurde, heranziehen
könnten.
Wir finden es in den Memoiren der Baronin Oberkirch, die als Tochter
des Barons Waldner-Freundstein auf Schloß Schweighausen im Oberelsaß
1753 geboren wurde und sich mit dem Baron Oberkirch, in zweiter Ehe
mit dem Grafen Montbrison vermählte. Die Denkwürdigkeiten dieser
hochgebildeten Frau, die mit den bedeutendsten Zeitgenossen in
Frankreich und Deutschland in Verbindung stand, wurden nach ihren
eigenen Angaben in ihrem 35. Lebensjahre 1789 verfaßt. Sie erschienen
zuerst 1852 in englischer Sprache, von ihrem Enkel Montbrison
herausgegeben, und erst das folgende Jahr in französischer Übersetzung
in drei Bänden.
Daß die letzte Zeile des Werkes wirklich noch 1789 geschrieben wurde,
beweist der Schluß des 3. Bandes, der in Übersetzung lautet:
»Mein Werk ist zu Ende. Um die Welt möchte ich nicht der scheußlichen
Morde gedenken, welche sich rings um mich ausbreiten, mit Verheerung
drohend allem, was ich liebe und verehre. Ein Lebewohl also rufe
ich dieser genußreichen Beschäftigung, den glücklichen Stunden, die
ich schildernd verbrachte, zu; dahin seid ihr Tage, die ich in der
Gesellschaft teurer Freunde genoß. Mein Herz sinkt, wenn ich die Wolken
schaue, die am Horizont auftauchen und mit Unglück für unser unseliges
Land beladen scheinen. In welchen unglücklichen Stunden habe ich unsere
Kinder geboren! Eine von Unsternen erfüllte Zukunft scheint ihnen
entgegen zu schreiten. Gott wende von uns die furchtbaren Vorzeichen!«
Daraus geht hervor, daß das Werk vor Ausbruch der wirklichen Revolution
mit allen ihren Schrecknissen beendet wurde, augenscheinlich bald nach
dem Sturm auf die Bastille, deren erschütternden Eindruck wir in diesen
Zeilen nachklingen fühlen.
In diesem Werk nun, das nach Angabe der Verfasserin und, wie eben
gezeigt, auch aus inneren Gründen im Jahre 1789, also =vor der
eigentlichen Revolution und jedenfalls vor Eintreffen der in der
Prophezeiung Cazottes vorhergesagten= Ereignisse beendet war, heißt es
im letzten Kapitel, daß »=viele Personen die Prophezeiungen Cazottes
angehört hätten, deren Realität zu bezweifeln unmöglich sei=«.
Ferner berichtet die Verfasserin über ein merkwürdiges Erlebnis aus
den letzten Tagen von 1788 oder dem Beginn des folgenden Jahres, das
ihre bereits damalige Bekanntschaft mit schriftlichen Aufzeichnungen
Laharpes über die bewußten Prophezeiungen Cazottes bezeugt.
In Straßburg bei dem Marquis de Puységur, dem Entdecker des
Somnambulismus, wohnte die Baronin Oberkirch Experimenten mit einer
bedeutenden Somnambulen, einem jungen Mädchen aus dem Schwarzwalde,
bei, als der Maréchal de Stainville hereintrat und das Ersuchen
stellte, die Somnambule einige Minuten zu befragen. Diese aber sagte
ihm, daß sie den Grund seines Kommens wisse: er wolle sie über die
Zukunft Frankreichs befragen und sei über das Schicksal der Königin
besorgt. In der Tat wollte der Marschall sie das fragen.
Zitieren wir nun die Baronin Oberkirch[158]!
»Das ist vollkommen wahr,« sagte Herr von Stainville verwundert.
=Damals sprach jeder Mensch von den Prophezeiungen des M. de
Cazotte=[159], und die Mehrzahl der Leute war geneigt, sie für Träume
oder Wahngebilde einer überreichen Einbildungskraft zu halten. Der
Marschall dachte, dies sei eine gute Gelegenheit, um sie auf ihre
Wahrheit hin zu prüfen, und frug das Mädchen, ob sie sich je erfüllen
würden.
Gerade als er seine Frage beendet hatte, öffnete sich die Tür, und
es trat der Marquis de Peschery ein, dem wir erklärten, was vorging.
Darauf wiederholte der Marschall seine Frage.
»Bevor ich antworte, muß ich nachdenken,« sagte das Mädchen. »Diese
Dinge sind so wichtig und gegenwärtig noch so verworren.«
»Sagen Sie mir nur, ob die Prophezeiungen, welche ich gehört habe, sich
erfüllen werden, und ob ich daran glauben kann?«
»Sie können an alle glauben,« antwortete sie ohne zu zögern.
Wir sahen uns entsetzt an, und ich gestehe, daß =ich zitterte, da ich
erst am Abend vorher M. de Cazottes Prophezeiungen gelesen hatte,
welche mir von der Großherzogin geschickt worden waren=. –
»Was,« sagte der Marschall, »alle diese Dinge sollen sich wirklich
ereignen!«
»Alle und mehr noch.«
»Wann?«
»Von heute an in einigen Jahren.«
»Können Sie die Zeit nicht genau angeben?«
Sie zögerte einige Augenblicke und sagte dann: »Sie werden noch in
diesem selben Jahre beginnen und werden vielleicht ein Jahrhundert lang
andauern.«
»Wir werden demnach deren Erfüllung nicht erleben?«
»Viele von Ihnen werden den Anfang nicht sehen.« Das war eine
schreckliche Ankündigung.
Nach einer kleinen Weile sagte der Marschall: »Was geht jetzt in
Frankreich vor?«
»Eine Verschwörung ist im Gange, und der, welcher verschwört, wird das
Opfer seiner eigenen Schlechtigkeit werden. Eine Weile lang wird er
triumphieren, aber sein Geschick wird das seiner Opfer sein. O mein
Gott! Mein Gott! Welch Ströme von Blut! Es ist zu grauenhaft.«
»Sie sind sicher, daß das vielen erhabenen Persönlichkeiten prophezeite
Geschick sich erfüllen wird?«
»Ich bin es.«
»Was, sie werden eines gewaltsamen Todes sterben?«
»Sie werden eines gewaltsamen Todes sterben.«
»Und ich! Werde ich teilhaben an den meiner Familie prophezeiten
Unglücksfällen?«
»Sie werden es nicht.«
»Ach! Werde ich mich abseits von diesem Getümmel (mélée) halten? Das
würde einem alten Soldaten, wie mir, nicht passen.«
Die Somnambule schwieg.
»Was wird mein Schicksal sein?«
Sie wollte nicht antworten.
»Sie fürchten sich, es mir zu sagen. Meine Freunde werden geköpft
werden, und vielleicht blüht mir etwas Schlimmeres. Werde ich gehenkt?
Das wäre ein Schicksal, unwürdig eines Kavaliers. Aber sprechen Sie;
der Tod und ich sind alte Bekannte; wir haben uns oft ins Angesicht
gesehen.«
Während einer langen Weile weigerte sich das Mädchen zu antworten,
aber auf die Bitte des Marschalls bestand Herr de Puységur auf ihrer
Antwort.
»Armer Herr!« sagte sie langsam, »warum frägt er mich, was er in
einigen Monaten selbst wissen wird?«
»In einigen Monaten?« sagte der Marschall. »Werde ich in einigen
Monaten sterben? Ach! Um so besser, so werde ich den Ruin und die
Entehrung Frankreichs nicht sehen. Ich danke Gott dafür; werde ich in
meinem Bett sterben?«
»Sie werden,« sagte sie, aber mit so leiser Stimme, daß wir sie nur mit
Mühe hören konnten.
Aus dieser Aussage folgt mit einer jeden Zweifel ausschließenden
Sicherheit, daß gleich nach der bewußten Abendgesellschaft, auf der
Cazotte durch seine Prophezeiungen allgemeines Entsetzen verursacht
hatte, die Vorgänge aufgezeichnet wurden. Denn, wie Laharpe selbst
erzählt, fand die Gesellschaft 1788 statt, während der Séance beim
Marquis de Puységur am Schlusse des gleichen oder zu Beginn des
nächsten Jahres abgehalten wurde[160]. Damals aber war der Bericht
Laharpes aus Rußland bereits wieder zurückgekehrt.
Die Beweiskraft des bereits 1789, also, um es nochmals zu konstatieren,
vor Eintritt der Ereignisse schriftlich abgelegten Zeugnisses ist
absolut. Dadurch wird aber auch den früher genannten Bestätigungen
Sanktion erteilt. Und zwar sowohl den Gewährsmännern, die =vor der
Revolution= aus Laharpes Munde die Erzählung jener Wahrsagungen
in Übereinstimmung mit seinem posthumen Bericht vernommen haben
wollen, als auch den Zeugen, die von anderen Teilnehmern der bewußten
Abendgesellschaft von solchen Prophezeiungen Cazottes hörten.
Nun ist noch eine Inkongruenz zu beseitigen, die auf den ersten
Blick recht frappierend wirkt. Wir bewiesen aus den Memoiren der
Frau von Oberkirch soeben, daß Laharpe die Aufzeichnung von Cazottes
Prophezeiungen sehr bald nach der Gesellschaft, jedenfalls aber noch
im gleichen Jahre, niedergeschrieben haben muß. Denn schon 1788 sandte
er sie nach Rußland. Und doch beginnt der Bericht mit den Worten:
»Es dünkt mich, als sei es gestern geschehen und doch geschah es im
Anfang des Jahres 1788.« Daraus geht hervor, daß schon Jahre darüber
hingegangen waren, als Laharpe diese Zeile schrieb.
Hier ergibt sich also ein scheinbar unlöslicher Widerspruch.
Wie, wenn Laharpe nach vielen vielen Jahren das Originalmanuskript
wieder hervor holte und ihm nun diese Zeilen der Einleitung
vorausschickte?
Das ist gewiß möglich. Wahrscheinlicher ist aber etwas anderes: Laharpe
hat auf Grund seines wahrheitsgetreuen Berichtes nach Jahren einen,
Wahrheit mit Dichtung verquickenden, gemacht und dieser ist es, den wir
vor uns haben. Vielleicht schrieb er ihn nur aus dem Gedächtnis nieder,
da ja das Original in Rußland war. Sehr groß =kann= die Abweichung aber
nicht sein, da Bormann mit Recht es als unglaublich bezeichnet, daß
Laharpe eine unechte Darstellung gab, nachdem er vor Jahren durch die
echte die Welt in Staunen versetzt hatte[161].
Mit dem Einwurf, die Gräfinnen Genlis und Beauharnais bestätigten
ausdrücklich die Übereinstimmung von Laharpes Erzählung mit dem
gedruckten Text, finden wir uns leicht ab. Denn selbst ein gutes
Gedächtnis wird das nach Jahren nicht mehr zu konstatieren vermögen.
Zwingend allerdings geht sowohl aus diesem Zeugnis, wie aus dem anderen
hervor, daß auch die echte Prophezeiung Cazottes, bzw. der authentische
Bericht von Laharpes Hand, nennen wir ihn die erste Redaktion, genug
der verblüffenden Vorhersagen enthielt die nachher in Erfüllung gingen.
Da die Baronin Oberkirch so wenig wie die anderen Zeugen auf die
Details eingehen, fehlt uns die Möglichkeit, die Laharpesche
Prophezeiung mit dem ersten Bericht von Cazottes Seherworten zu
vergleichen. Wir können also unmöglich den uns vorliegenden Bericht
einfach mit dem tatsächlichen Vorkommnis identifizieren.
Was wir aber können, ja müssen, ist die Feststellung, daß =Cazotte
bereits vor der großen Revolution diese vorhergesagt hat, und zwar auch
mit schrecklichen und später in Erfüllung gegangenen Einzelheiten, so
der Hinrichtung der Königin und anderen illustren Personen=. Möglich
ist, daß ja alles sich so verhielt, wie es Laharpe uns hinterließ. Aber
es ist nicht gewiß. Gewiß aber ist auch, daß wir in der Prophezeiung
des Cazotte eine der bedeutendsten der Geschichte zu erblicken haben.
Denn es ist, wie Bormann richtig betont, vollkommen ausgeschlossen, daß
zwischen den Vorhersagen Cazottes und der folgenden Erfüllung größere
Inkongruenzen liegen. Denn Laharpe hätte damit einen Propheten, dessen
Vorhersagen vielen Zeitgenossen bekannt waren, nicht gefeiert, sondern
lächerlich gemacht. =Als Ganzes, darüber kann gar kein Zweifel mehr
obwalten, ist daher die Cazottesche Prophezeiung historisch und durch
die nachfolgenden Tatsachen bestätigt worden.= Wenn wir auch nicht
berechtigt sind, jeden einzelnen Zug als beglaubigt anzusehen, so geht
doch Hübbe-Schleiden mit der Annahme, daß Cazotte zu verschiedenen
Zeiten und privatim den genannten Personen ihr trauriges Schicksal
vorhergesagt habe, unbedingt zu weit. Die Gesellschaft =hat=
stattgefunden.
Greifen wir nun noch einmal auf Laharpes oben zitiertes Nachwort
zurück, das leider nur als Bruchstück auf uns gekommen ist!
Ihr Sinn ist zweifellos der, daß den ewig Blinden, denen die
furchtbaren Ereignisse der großen Revolution nicht die Augen darüber
geöffnet haben, daß durch Gott die größten Wunder gewirkt werden,
auch nicht gedient ist, wenn die Vorhersage der Schrecknisse auf
Wirklichkeit beruht. Denn das ist das geringere Wunder, das größere
aber – in des frommen Laharpe Augen – wäre die zeitlich unglaublich
rasche Folge der grauenhaftesten Begebenheiten und noch dazu die
Zusammendrängung so vieler Personen, denen das alles widerfuhr, an
demselben Orte.
Es läßt sich nicht leugnen, daß sich Laharpe in dem Satz: »Voilà le
prodige réel comme la prophétie n’est que supposée« mißverständlich
ausgedrückt hat. Bormann übersetzt meines Erachtens richtig: »Seht,
das ist das reale Wunder, so wie die Prophezeiung bloß vorausgesetzt
ist,« und fährt dann fort: »Laharpe setzt also das =Wunder= der
=handgreiflichen Tatsachen=, die ein jeder mit seinen Sinnen tasten
konnte, dem =Wunder= einer =Prophezeiung= mit =inneren= Vorgängen
des Sehers gegenüber, die eben nur zu =glauben= sind. Etwas
Vorausgesetztes, Angenommenes, Geglaubtes bleibt ja die Echtheit und
das ›Wunder‹ jeder Prophezeiung, insofern der Zusammenhang zwischen
ihr und dem entsprechenden Ereignisse als Probe geheimnisvoller
Geisteskraft, welche den Zufall ausschließt, von uns erst aufgefaßt
wird und nicht unmittelbar mit sinnlicher Bestimmtheit wahrgenommen
werden kann. Das Wort ›supposer‹ bedeutet aber zuweilen, obwohl
seltener, auch: ›unterschieben, fälschen.‹ Es muß zugegeben werden,
daß es ohne Würdigung aller Umstände, das eine hier so gut bedeuten
konnte, wie das andere. Der letzte Satz des Nachwortes werde noch
einmal wiederholt. Er heißt: ›=In diesem Falle=‹, d. h. gemäß den
vorhergehenden Worten Laharpes: ›Wenn ihr die besondere Furchtbarkeit
dieser Revolution in ihrem Unterschiede von allen anderen nicht
faßt.‹ – »=In diesem Falle= würde sogar die Prophezeiung, wenn sie
stattgefunden hätte, höchstens ein Wunder sein, das für euch nur
verloren wäre wie für die anderen, und das wäre dann das schlimmste
Unglück. – Gerade dieser Satz scheint mir, trotz dem eingestreuten
Bedingungssatz, der wohl das Urteil flüchtiger Beurteiler gefangen
nehmen mag, sehr kräftig für die Echtheit der Prophezeiungen zu
sprechen. Laharpe sagt deutlich hier, er wolle über die Echtheit der
Weissagungen gar kein Wort verlieren, weil ihm das als das schlimmste
Unglück erschiene, wenn die Prophezeiung in ihrer Echtheit den ewig
Blinden, welche nicht einmal die Wunderstimme der Geschichte hören, als
Wunder höchstens doch verloren sein würde. Die aber, meint er, welche
die Taten der Geschichte als Wunder begreifen, werden auch an dem viel
geringeren Wunder der Prophezeiungen kaum zu zweifeln brauchen.«
So weit Bormann, dem wir uns anschließen.
Für uns wäre es natürlich von allerhöchstem Interesse zu wissen, in
welchem Umfange der Wortlaut der echten Vorhersage Cazottes mit der
Niederschrift Laharpes übereinstimmt. Das festzustellen ist uns nicht
möglich, wohl aber in der Zukunft nicht ausgeschlossen, da ja der
Originalbericht Laharpes an die Großfürstin Maria Feodorowna geborene
Prinzessin Sophie Dorothea von Montbéliard vielleicht noch einmal ans
Tageslicht gefördert wird.
Bis dahin müssen wir uns mit der Feststellung begnügen, daß Cazotte
tatsächlich die große Revolution und sogar einzelne Details aus ihr
vorhergesehen hat.
Als weitere Zeugnisse für Cazottes Prophezeiung führt Hübbe-Schleiden
(l. c. S. 75 ff.) an: 1. Die Memoiren der Du Barry, der letzten
Mätresse Ludwigs XV., die der Herausgeber E. L. de la Motte Houdancourt
in der Vorrede zur 2. Aufl., Paris 1829, als »historischen Roman«
bezeichnet. Da er aber in der Nachschrift zum 4. Bd. (S. 450 f.)
erklärt, daß es sich durchweg um =originale= Aufzeichnungen handle,
die er nur sprachlich modernisiert habe, kommt ihnen wohl doch
Glaubwürdigkeit zu. Sie schreibt (Bd. VI, S. 391): »Dann erzählte mir
die Herzogin de Gramont eines Abends, als sie Cazotte in einer großen
Gesellschaft getroffen habe, sei man in ihn gedrungen, die Planeten
zu befragen nach dem Schicksal der Anwesenden. Dies habe er durchaus
abgelehnt und jede nur erdenkliche Ausflucht gesucht. Jedoch als man
unbedingt die Wahrheit habe wissen wollen, sei soviel herausgekommen:
daß kaum einer von der ganzen Gesellschaft einem gewaltsamen und
öffentlichen Tode entgehen werde, und daß auch der König und die
Königin nicht ausgenommen sein würden.« Natürlich ist der Ausdruck »die
Planeten befragen« ganz falsch.
2. Die Memoiren der Marquise de Créquy (1719 bis 1803), die von einem
Individuum namens Couson als »Souvenirs de 1710 à 1803 par la Marquise
De Créquy« 1834/35 in 7 Bänden erschienen und sehr viele Fälschungen
enthalten. Es befinden sich hier mehrere auf Cazottes Prophezeiung
bezügliche Stellen. S. 43 f. des VIII. Bandes der Ausgabe von 1840
lautet: »Es ist wahr, daß Cazotte der Herzogin de Gramont eine
schreckliche Prophezeiung gemacht hat in Gegenwart der Damen de Simiane
und de Tessé. Aber soweit ich mich deren erinnere, war sie keineswegs
so genau, wie man es nach den Angaben vermuten könnte, die La Harpe
davon machte, seitdem er aus dem Gefängnis entlassen ist ...«
Fußnoten:
[143] =Jaques Cazotte=, geb. 1719, war ein fruchtbarer Schriftsteller.
Er war sehr fromm, beschäftigte sich mit mystischen Studien und trat
zur Sekte der Martinisten über. Er hatte häufig Visionen. Seine
berühmtesten Werke sind das Schlummerlied »Tout au beau des Ardennes«,
das Rittergedicht »Olivier« (Paris 1762, 2 Bde.) und »Le diable
amoureux« (Paris 1772), ein Märchen, das heute noch gelesen wird.
Seine Gewandtheit im Versemachen bewies er, als er in einer einzigen
Nacht einen siebenten Gesang zu Voltaires »Guerre civile de Genève«
hinzudichtete. Seine Gesamtwerke erschienen unter dem Titel »Oeuvres
badines et morales, historiques et philosophiques de Cazotte«, Paris
1816–17, 4 Bde. Als ausgesprochener Feind der Revolution wurde er
am 10. August 1792 gefangen gesetzt. Als man ihm zur Rettung durch
seine Tochter, die ihn mit heroischem Mute den Händen der Mörderbande
entriß, gratulierte, sagte er: »In drei Tagen werde ich guillotiniert.«
Er schilderte ein ausführliches Gesicht seiner Abführung vor das
Revolutionstribunal und seiner Hinrichtung. Er war seiner Sache so
gewiß, daß er alle seine Angelegenheiten ordnete und die letzten Grüße
an seine Frau bestellte. Am 25. Sept. 1792 fiel sein Haupt unter dem
Fallbeil. Das Original »Prophétie de Cazotte, rapportée par Laharpe«,
gedruckt in Laharpe, »Oeuvres choisies et posthumes«, 1806, I, p.
XXI–XXVI.
[144] Jean François de =Laharpe=, geb. 1739, einer der besten Stilisten
der französischen Literatur, war anfangs ein Freund, nachdem er
1794 fünf Monate im Gefängnis gesessen hatte, heftigster Gegner der
Revolution. Von seinen zahlreichen Bühnenwerken sind die Tragödie
»Warwick« (1763) und das Drama »Mélanie« (1770) die bedeutendsten.
Besonders geschätzt waren seine Vorlesungen über Literatur, die unter
dem Titel »Lycée ou Cours de Littérature« (Paris 1799 ff.) erschienen.
Er starb 1803.
[145] Johann Heinrich Jung genannt Stilling, »Theorie der
Geisterkunde«, Frankfurt und Leipzig 1808, S. 122 ff. Die Übersetzung
ist von mir etwas korrigiert. Abdruck auch in Bormanns »Nornen«, S. 173
ff. Die dort befindlichen Noten sind hier wiederholt verwertet.
[146] Sebastien =Chamfort= (1741–1794), durch geistreiche Konversation,
kaustischen Humor und Zynismus ausgezeichnet, unterstützte die
Revolution literarisch und wurde Sekretär des Jakobinerklubs.
Angewidert von der Schreckensherrschaft wurde er verhaftet, dann wieder
in Freiheit gesetzt. Einer ihm drohenden neuerlichen Verhaftung entzog
er sich durch einen Selbstmordversuch, an dessen Folgen er starb.
[147] Marie Jean Marquis de Condorcet (1743–1794), Mathematiker,
stimmte in der Assemblée nationale meist mit den Girondisten. Er wurde
im Oktober 1793 von der Bergpartei als Mitschuldiger des Girondisten
Brissot angeklagt, hielt sich fünf Monate versteckt und wurde dann
verhaftet. Man fand ihn am ersten Morgen seiner Gefangenschaft,
wahrscheinlich vergiftet, tot am Boden liegen.
[148] Bekannter Arzt.
[149] Nicht zu identifizieren.
[150] Jean =Bailly=, (1736–1793) Astronom, war Präsident der ersten
Assemblée nationale und Maire von Paris. Den Jakobinern verdächtig
geworden, zog er sich zurück, ward aber in der Schreckenszeit verhaftet
und guillotiniert.
[151] Chrétien Guillaume de Lamoignon de =Malesherbes= (1721–94) war
Jurist und Staatsmann von seltener Gerechtigkeit und Freimütigkeit.
Er trat der Willkür des Absolutismus schon unter Ludwig XV. entgegen
und wurde unter Ludwig XVI. zweimal Minister, ohne jedoch mit seinen
edlen Absichten durchdringen zu können. Als dem König der Prozeß
gemacht wurde, verteidigte er ihn vor dem Konvent und flehte nach der
Verurteilung um einen Appell an das Volk. Als er nach der Hinrichtung
des Königs den Konvent heftig angriff, wurde er mit seiner Familie
festgenommen. Er verteidigte nur die Seinen, nicht sich selbst und
starb mutig auf dem Schaffot.
[152] Jean Antoine =Roucher=, (1745–94), mittelmäßiger Dichter, der die
Gräuel der Revolution heftig bekämpfte. Er wurde nachts verhaftet und
schnell hingerichtet, nachdem er sich noch am Tage vor seinem Tode für
seine Familie hatte malen lassen.
[153] Jung-Stilling, Theorie der Geisterkunde, S. 149 f.
[154] Hübbe-Schleiden z. B. kommt in den Psychischen Studien,
XXXVIII. Bd. 1911, 1. und 2. Heft, aus psychologischen Erwägungen zum
entgegengesetzten Resultat. Er schreibt (S. 22): »Die Schilderung
dieses Auftrittes ist ein elendes Machwerk im Stile eines
Hintertreppenromans ohne irgendeine seelische oder geistige Feinheit
darin. Die dichterische Erfindung ist so plump wie unwahr, sie ist
dramatisch sensationell, aber nur eine abgeschmackte Effekthascherei
...« Natürlich beweist dieses Urteil nicht mehr =gegen= die
Prophezeiung, als Jungs Darlegungen für sie.
[155] »Nornen«, Leipzig 1909, S. 182 ff. Die Übersetzung weiter unten
nach Bormann.
[156] Vgl. Jung-Stilling, »Theorie der Geisterkunde«, S. 130 ff. Das
Gesicht Cazottes vor seiner Hinrichtung ist recht mitteilenswert. De
N... berichtet Cazottes Worte: »Ja, mein Freund! In drei Tagen sterbe
ich auf dem Schaffot.« Indem er dies sagte, war er innigst gerührt
und setzte hinzu: »Kurz vor Ihrer Ankunft sah ich einen Gensdarmen
hereintreten, der mich auf Befehl des Pethion abholte; ich ward
genötigt, ihm zu folgen; ich erschien vor dem Maire von Paris, der
mich in die Conciergerie abführen ließ, und von da kam ich vor das
Revolutionsgericht. Sie sehen also – (aus diesem Gesicht nämlich, das
Herr Cazotte gehabt hatte) – mein Freund! daß meine Stunde gekommen
ist, und ich bin so sehr davon überzeugt, daß ich alle meine Geschäfte
in Ordnung bringe. Hier sind Papiere, an welchen mir viel gelegen ist,
daß sie meiner Frau zugestellt werden; ich bitte Sie, ihr dieselben
zu übergeben und sie zu trösten.« Alles traf ganz genau nach den
Vorhersagen ein. Jung-Stilling, S. 131. Dieser Bericht, soweit er die
Todesahnung Cazottes betrifft, trägt in so hohem Grade den Stempel der
Wahrheit an sich, daß wir ihn auch glauben müßten, wenn ihn nicht –
wie wir weiter unten sehen werden – Cazottes Sohn noch ausdrücklich
bestätigte. Jungs Quelle ist eine in Frankfurt bei Silbermann
gedruckte Broschüre »Merkwürdige Vorhersage, die französische
Schreckens-Revolution betreffend: Aus den hinterlassenen Papieren des
Herrn La Harpe ...«
[157] Der bekannte Arzt und Magnetiseur Joseph Phil. Deleuze hat in
seiner 1836 erschienenen Schrift »Mémoire sur la faculté de prévision«
mehrere solche Zeugenaussagen gesammelt, die wir nachstehend,
im Anschluß an Bormanns »Nornen«, S. 185 f., wiedergeben. Die
Originalausgabe war mir nicht zugänglich.
[158] Memoirs of the Baronesse d’Oberkirch, Countes de Montbrison, III.
Bd., London 1852, S. 301 ff. Der oben zitierte Schluß steht p. 317 f.
[159] Nächst dem Folgenden von mir gesperrt. Die unten genannte
»Großherzogin« ist die Großfürstin Maria Feodorowna.
[160] Wir haben keinen Grund, zu zweifeln, daß Laharpe selbst schon
damals den Bericht verfaßt hatte. Was den angekündigten Tod Stainvilles
betrifft, so trat er tatsächlich bald nach der Sitzung ein.
[161] Vgl. Bormann, Psychische Studien, 38. Jahrgang, 1911, S. 174 f.
Zehntes Kapitel
Die Prophezeiungen der Frau de Ferriëm
=Frau von Ferriëm= (dies der Mediumname), eine in Berlin wohnende Dame
mit der Gabe des räumlichen und zeitlichen Fernsehens, hat fast täglich
Visionen, über die sie in ihrem Büchlein »Mein geistiges Schauen in die
Zukunft« berichtet. Neben den abenteuerlichsten Gesichten: über den
Untergang des Mohammedanismus (S. 81), den kommenden Weltreformator (S.
88), einen neuen König in Jerusalem (S. 91), den Sieg des Christentums
in Ostasien (S. 93) oder gar über den Untergang des Papsttums, eine
neue Zeitrechnung und eine »neue Erde« (S. 98 f.), Visionen, deren
religiös-phantastischer Inhalt uns die Weisheit der alten Theologen
bewundern läßt, die die Unmöglichkeit von den Glauben betreffenden
Prophezeiungen behaupteten, finden sich profane von allerhöchstem
Interesse.
Das möge die nachstehend angeführte Reihe von Beispielen beweisen!
Die »Zeitschrift für Spiritismus«, vom 24. Juni 1899[162] brachte
folgenden Artikel:
In Nr. 46, Jahrgang 1898, der amerikanischen Wochenschrift
»Lichtstrahlen«, Zeitschrift für Philosophie, Wissenschaft usw.
West-Point, Nebr., befindet sich folgender Redaktionsartikel[163]:
=Erfüllte Voraussage.= Im Juniheft der in Leipzig erscheinenden
»Psychischen Studien« finden wir eine Notiz, in der über einen Artikel
in dem »Illustrierten Wiener Extrablatt« Nr. 114 vom 26. April 1898
bezüglich der Aussagen der Berliner Seherin berichtet wird. In
derselben lautet ein Ausspruch der Seherin, welche über eine blutige
Zukunft in Deutschland, Krieg und viele Duelle in Frankreich berichtet,
wie folgt: »Ich sehe viel Blut in Frankreich; =Dreyfus kommt von der
Insel fort=.« – Dies wurde im April 1898 gegeben, als noch niemand
eine so große Bewegung zu Gunsten Dreyfus, wie sie augenblicklich
in ganz Frankreich im Gange ist, ahnen konnte, und scheint bereits
in Bezug auf Dreyfus seine Bestätigung gefunden zu haben; denn den
neuesten telegraphischen Meldungen nach zu urteilen, scheint Dreyfus
nicht mehr auf der Teufelsinsel zu sein und bereiten sich in Frankreich
unangenehme Dinge vor.
Zu der Zeit als die »Lichtstrahlen« diese Mitteilung brachten (23.
September 1898), hatte Dreyfus indes die Insel noch nicht verlassen;
jedoch nunmehr – am 8. Juni 1899 – ist die bezügliche Weissagung der
Berliner Clairvoyante (de Ferriëm) eingetroffen.«
Das heißt mit anderen Worten: =Frau de Ferriëm hat nachweisbar, und
zwar durch vorher im Druck erschienene Voraussagen, die Freilassung des
Hauptmann Dreyfus= 1½ Jahre vor =ihrem Eintritt prophezeit=.
Im Januar 1898 erschien in den »Neuen Spiritualistischen Blättern« in
Berlin folgender Visionsbericht der Frau de Ferriëm:
=Brand im Hafen von New York.= (Die Seherin blickt anscheinend auf
einen ca. 5 Meter von ihr entfernten Punkt des Fußbodens starr mit
weit geöffneten Augen hin und spricht darauf nach wenigen Augenblicken
stillen Verhaltens in dieser Stellung folgendes):
»Das ist ein großer Brand, ein mächtiges Feuer. So viele Schiffe.
Es brennt ein Schiff. (Das Medium senkt das Haupt und schließt die
Augen dabei.) Alles schwarzer Rauch, kohlrabenschwarzer Rauch; o, und
wie dick! Das ist am Land. Das brennt im Hafen. Oh, o, das ist aber
schlimm. (Hebt den Kopf etwas und senkt ihn wieder. Dann schlägt es die
Augen auf und sagt): Nimm ab, nimm mal das Tuch ab[164]. (Noch etwas
benommen, ruft sie darauf): Ist ein Riesenbrand in New York. Ich sehe
ihn ja.« (Das Medium war schon in New York und hat daher die in der
Vision erschaute Stadt jedenfalls als New York erkannt.)
Eine weitere, dasselbe Ereignis betreffende Prophezeiung erschien
u. a. im Maiheft 1899 der »Psyche«, Berlin, und im Juniheft 1899,
der »Übersinnlichen Welt«, S. 205, Anm., Berlin, gelegentlich eines
Visionsberichtes der Dame über Ereignisse im 20. Jahrhundert. Sie
lautet:
»Ich sehe ein brennendes Schiff im Hafen von New York und höre einen
furchtbaren Knall. Soviel ich sehe, ist es kein amerikanisches Schiff.
Die Stadt ist New York; ich irre mich nicht, weil ich sie genau von
meiner Amerikareise her kenne.«
Bekanntlich traf diese doppelte Prophezeiung am 30. Juni 1900 ein.
Damals ereignete sich die furchtbare Schiffbrandkatastrophe im Hafen
von New York, durch die der Norddeutsche Lloyd schweren Schaden erlitt,
aber keine amerikanische Gesellschaft geschädigt wurde. Das Feuer griff
vom Hafen auf einen Teil der Hafenanlagen von Hoboken über.
Daß diese Prophezeiung in Erfüllung gegangen war – was ja mit dem
schlechtesten Willen niemand wird bestreiten können – konstatierte der
New York »Herald« bereits am anderen Tage. Dieses große Blatt hatte
auch am 25. April 1899 die Vorhersage der Frau von Ferriëm bereits
publiziert gehabt[165].
Auch die furchtbare Erdbebenkatastrophe auf der Insel =Martinique=
wurde von Frau de Ferriëm vorher gesehen.
Die »Zeitschrift für Spiritismus« brachte in ihrer Nummer 23 vom 7.
Juni 1902 darüber folgenden Bericht:
Die furchtbare Katastrophe, von welcher die Antillen-Insel Martinique
heimgesucht worden ist – durch die entfesselten Kräfte der Erde wurde
am Himmelfahrtstage (1902) die Stadt Pierre und deren Umgebung,
ein paradiesisch schöner Fleck Erde, vollständig verheert, wobei
Zehntausende von Menschen auf die entsetzlichste Weise ihren Tod fanden
– ruft folgenden Ausspruch der Berliner Somnambulen Ferriëm, welcher
zuerst in der »Zeitschrift für Spiritismus« vom 24. Juni 1899 (S. 221),
sowie weiterhin in der Schrift »Die Seherin (de) Ferriëm« Ausgabe 2,
vom 20. September 1899, und in der »Spiritistischen Rundschau«, Berlin,
Juli 1901, publiziert worden ist, lebhaft in Erinnerung:
»Berlin, 10. Mai (1899). (Die Clairvoyante nicht im Trance:) ›In
wenigen Jahren wird sich ein großes Erdbeben ereignen. Es dürfte
im Jahre 1902 sein. Ich habe es aus den Gestirnen berechnet. Ich
könnte höchstens um ein Jahr zurückgerechnet haben. Die Sache
differiert zwischen 3 und 4 Jahren; aber 4 Jahre werden nicht voll
von jetzt an gezählt. Das Beben wird so furchtbar sein, daß selbst
=Kabelzerstörungen= vorkommen werden.«
Die Voraussage wurde also genau =drei= Jahre vor der Katastrophe
gegeben. Durch die Erwähnung der =Kabel=zerstörungen wurde in der
Prognose darauf hingewiesen, daß das schreckliche Ereignis sich, wie
=geschehen=, auch speziell =am Meere= abspielen würde. Infolge des den
Eruptionen des Mont Pelé vorangegangenen und dieselben begleitenden
starken =Erdbebens zerrissen die Kabel=, sodaß die Verbindung zwischen
Martinique und der Außenwelt während der Katastrophe vollständig
abgeschnitten war. Eine weitere Meldung besagt: Der Kommandant des
Kreuzers »Suchet« hat die Stadt und die Umgebung durchforscht und
berichtet, daß sich im nördlichen Teile der Insel große Spalten
gebildet haben, daß das =ganze Gelände sich in Bewegung befindet= und
daß sich plötzlich neue Täler bilden[166].
Man wird bei einiger Skepsis gegen diese Prophezeiung, deren hoher
Wert ja gleichfalls darin besteht, daß sie =vorher=, noch dazu an
mehreren Stellen, im Druck erschienen ist, einwenden, daß irgendmal
an irgendeinem Ort der Erde mit Naturnotwendigkeit Erdbeben eintreten
müssen. Das ist ja gewiß richtig. Da eine Ortsbezeichnung – auch nur
ungefährer Art – fehlt, so käme ja der ganze Erdball in Frage.
Und doch ist dem entgegen zu halten, daß das Unglück von Martinique
seit dem im Jahre 1883 erfolgten furchtbaren Ausbruch von Krakatau
in der Sundastraße, der direkt oder indirekt auf der ganzen Erde
sich bemerkbar machte, das größte seiner Art im letzten halben
Jahrhundert war. Ferner, daß die Prophezeiung wenigstens zeitlich,
wenn auch nicht örtlich, erstaunlich genau eintraf. Immerhin geben
wir gerne zu, daß die vorher genannten Vorhersagen für die Tatsache,
daß es Prophezeiungen bzw. Menschen gibt, die die Gabe des zeitlichen
Fernsehens besitzen, beweiskräftiger sind.
Was übrigens den von Frau de Ferriëm gebrauchten Ausdruck »aus den
Gestirnen berechnet« und »zurückgerechnet« betrifft, so bemerkt die
Dame dazu, daß sie sich nicht mit astrologischer Berechnung befaßt
und eine solche auch hier nicht vorliegt. Vielmehr meint sie damit
die Deutung von Erscheinungen, die sie »mit =geistigem= Auge am
Sternenhimmel beobachtete«[167]. Ich gebe zu, daß ich mir von diesem
Modus des Hellsehens keine rechte Vorstellung machen kann. Doch das
will ja um so weniger für die Sache selbst bedeuten, als uns der Weg,
auf dem die Somnambulen zu ihren Prophezeiungen gelangen, zurzeit
überhaupt noch dunkel ist.
Während die vorige Prophezeiung der Frau de Ferriëm den =Ort= mit
Namen und der Szenerie nach genauestens angab, sowie den Verlauf der
Katastrophe schilderte, ist diese interessant durch ihre =Zeitangabe=.
Wie die Seherin sagt – und wie ja ein Vergleich der wiedergegebenen
Prophezeiungen auch ergibt – kommen bestimmte Zeitangaben bezüglich
des Eintreffens ihrer Gesichte fast gar nicht vor. Erfahrungsgemäß
sind aber Zeitangaben von Sehern, auch wo sie gemacht sind, ziemlich
unzuverlässig, und zwar aus einem sehr naheliegenden Grunde. Da es sich
bei den Gesichten doch um =räumlich anschauliche= Vorgänge handelt,
die die Aufmerksamkeit des Sehers ganz und gar auf sich ziehen, so
verwirren sich eventuelle zeitliche Bestimmungen in allen derartigen
Angaben leicht. Dazu kommt aber noch ein Moment: Je deutlicher die
Vorgänge gesehen werden, desto näher steht – das ist aber natürlich
nur Vermutung – ihr Eintritt bevor. Mag dieser Anhaltspunkt richtig
sein, so fehlt doch ein fester Maßstab vollkommen. Es handelt sich
naturnotwendig um eine Taxe. Wie sollte denn in einem räumlichen Bilde,
sagen wir dem der Landschaft oder eines untergehenden Schiffes auch
eine Zeitangabe unterzubringen sein? Höchstens daß =neben= die visuelle
Vision noch eine akustische treten müßte, die das Datum zuruft. Oder
daß durch Zufall etwa ein Abreißkalender mit bestimmtem Datum erblickt
wird. Sonst ist ja der Natur der Sache nach eine bestimmte zeitliche
Fixierung ausgeschlossen. Es kann sich – von seltenen Ausnahmen
abgesehen – immer nur um approximative Schätzungen handeln. Aber auch
sie sind aus inneren Gründen nur dann richtig, wenn ein und dieselbe
Seherin aus zahlreichen Selbstbeobachtungen eine gewisse Praxis in der
zeitlichen Fixierung eines räumlichen Bildes gewonnen hat.
Erfahrungsgemäß ist die =Mehrzahl der Gesichte tragisch=. Ob das
daher kommt, daß das Tragische im Leben überwiegt, oder weil sehr
unglückliche Ereignisse die Nerven am stärksten erregen? Genug, es ist
so. Dabei zeigt sich aber, daß häufig ein Ereignis nach der schlimmen
Seite hin noch übertrieben wird.
Frau de Ferriëm führt als Beweis dafür die Vorhersage des im Mai 1897
eingetroffenen furchtbaren Brandes des Wohltätigkeitsbazars in Paris
an[168].
Diese Katastrophe wurde unter anderm auch in dem in England
weitverbreiteten, Prophezeiungen für das laufende Jahr enthaltenden
Volkskalender »Old Moores Almanack« vorhergesagt. Die betreffende
Stelle in der bereits 1896 erschienenen Ausgabe für 1897 lautet: »Fast
mit Sicherheit werden wir in den letzten Tagen des April eine Nachricht
von einem furchtbaren Feuer in Paris hören, welches viele Menschenopfer
verschlingen wird, während eine Schar Banditen unter den Trümmern Beute
zu machen suchen wird.« Die Schar Banditen sind Irrtum. Frau de Ferriëm
glaubt ihn damit erklären zu können, daß der Seher in der Vision Leute
nach den Erkennungszeichen, Kleinodien und Leichenresten suchen sah.
Für denjenigen, der die Existenz von Visionen, die wir uns etwa einer
in unser Inneres verlegten Fata Morgana ähnlich vorzustellen haben,
zugibt – und das muß doch wohl oder übel jeder, der die Macht der
Tatsachen höher bewertet, als ein gegenwärtig noch herrschendes aber
bald gleich anderem Gerümpel aus der Zeit des Materialismus ad acta
gelegten Dogma – hat dieser Erklärungsversuch viel Wahrscheinlichkeit
für sich.
Übrigens sei im Vorbeigehen bemerkt, daß »Old Moore« damals in seinem
Kalender den Tod des Herzogs von Clarence auf den Tag vorausgesagt
hat. Auch der Untergang der »Victoria« stand in seinem Kalender
prognostiziert, nur irrte sich der Alte um eine Woche.
Daß Übertreibungen nach der schlimmen Seite hin an der Tagesordnung
sind, ist nichts weniger als verwunderlich. Denn wenn wir einen
großen Brand oder ein Unglück sehen, stellen wir es uns ja auch im
ersten Schrecken fast ausnahmslos bedeutend schlimmer vor, als es
in Wirklichkeit ist. Man lese nur die Unglücksfälle in irgendeiner
Zeitung nach und wird finden, daß mit seltenen Ausnahmen die ersten
Nachrichten stark übertrieben wurden, um erst allmählich ihre richtigen
Dimensionen anzunehmen.
Am 15. Mai 1897 erschien im »Führer«, Milwaukee (Wisc.) und am 18.
September 1897 in der »Kritik«, Wochenschrift des öffentlichen Lebens,
Berlin, folgender Visionsbericht:
»=Kohlengruben-Unglück bei Brüx (Dux), Böhmen.=
=Erstes Gesicht.= (Die Dame schließt die Augen und spricht):
Schrecklich, die Menschen alle hier bei der Grube! Wie bleich sie
aussehen! – Wie die Leichen. – Ach, das sind ja auch lauter Leichen.
Ja, sie kommen heraus und werden jetzt alle fortgebracht. Und die ganze
Gegend ist so schwarz, und es sind lauter kleine Hütten da. Die Leute,
die ich sehe, reden eine andere Sprache, auch verschiedene Sprachen,
– alles durcheinander. Und so leichenblaß sind sie alle! – Jetzt wird
da einer herausgebracht, welcher einen Gurt mit einer blanken Schnalle
um hat. Es ist Weihnachten bald; eine Hundekälte. Dort ist einer, der
hat eine Lampe mit einem Gitter. – Es ist ein =Kohlenbergwerk=. Es ist
alles so schwarz und so kahl. Ich sehe bloß die alten Hütten. Die ganze
Gegend ist so öde. – Ich verstehe, was der eine da jetzt sagt. Er sagt:
»Die Ärzte kommen alle aus =Brüx=« ... Ach, das ist ein =böhmischer=
Ort ... Siehst du denn nicht? (Ich sehe nicht) ... Was? Du siehst
nichts! (Letzteres sagt die Seherin sozusagen erschreckt und schlägt
die Augen auf.)
=Zweites Gesicht.= (Am Nachmittage des auf die erste Vision folgenden
Tages.) Wie traurig das hier aussieht! Die Menschen alle: O weh, so
viele! – So viele Frauen sind da; wie sie weinen! Die Männer sind tot;
es leben nicht viele mehr. Sie sind alle heraufgebracht worden. Ach,
Gott, die Armen tun mir so leid! Sieh mal, die Kinder alle! Wie die
Männer aussehen, sie sind ganz von Rauch geschwärzt, sind gewiß alle
in der Erde erstickt. – Das sind =Böhmen=. Die Weiber und die Kinder
haben Kopftücher um. Ja, das sind Böhmen. Ach, die armen Menschen nun
gerade um die =Weihnachtszeit=. Ist doch schrecklich! – Mit solch einem
Zug, der eben angekommen, bin ich schon gefahren. Da steht es dran; der
kommt doch über Eger. Ja, es ist Böhmen. – Wie sie dort liegen! – Das
sind wohl Ärzte, die da reiben? – Feine Männer. Viele haben Binden mit
einem Kreuz um die Arme. – Was haben die Frauen und Kinder denn da in
der Hand? Eine Kette. Wozu haben sie die Kette? Ach, sie bekreuzigen
sich jetzt. Das ist ein Rosenkranz. Ach, sie beten; aber sie weinen
doch alle! – An dem Eisenbahnzug sehe ich einen österreichischen Adler,
einen Doppeladler. – Ach, das ist wohl ein Schaffner, der da steht?
Ich höre, was er sagt. »In den Kohlengruben von =Dux=,« sagt er; =ich
lese aber Brüx=. Der da hat’s an der Binde. – Ach, die sind von der
Sanitätswache. – Aber sie können nichts machen mit den armen Menschen.
Sie fahren sie alle auf so komischen Wagen fort. (Die Somnambule
erwacht.)«
Diese Vision hatte Frau de Ferriëm[169] bereits im Jahre 1896. Vier
Jahre später nun fand in den =Kohlenbergwerken von Dux bei Brüx in
Böhmen ein Gruben-Unglück= statt, bei dem sehr viele Bergleute ums
Leben kamen.
Da das Unglück aber nach der Mitte des September 1900 sich ereignete,
so stimmt die Zeitangabe bezüglich Weihnachtszeit und Kälte nicht.
Wie aber Godefroy, der die Vision nachgeschrieben hatte[170], dem Dr.
Walter Bormann schrieb[171], dauerte die Herausschaffung der Leichen
aus den Gruben mehrere Wochen. Noch Ende Oktober wurde bei starker
Kälte eine Anzahl der Opfer zutage gefördert. Also ging diese Vision
vollkommen in Erfüllung.
Diese Prophezeiungen sind für uns von unschätzbarem Werte aus dem
naheliegenden Grunde, weil sie alle =vorher= im Druck erschienen
sind, was ja leicht nachkontrolliert werden kann. Mag man auch zur
Wahrhaftigkeit eines Zeugen, der das nachherige Eintreten einer
Voraussage behauptet, das größte Vertrauen haben, so wird man doch
die Möglichkeit eines Erinnerungsfehlers nie bestreiten können. Man
wird auch gern einwenden, daß der betreffende nur von den Fällen
spricht, die wirklich eintrafen, jene aber, die sich nicht erfüllten,
verschweigt. Es wird sich also mehr oder minder immer um ein =Glauben=
handeln. In unseren oben angeführten Fällen dagegen handelt es sich um
ein =Wissen=. Das gibt ihnen eine ganz außerordentliche Bedeutung. Denn
auch der größte Zweifler wird nicht leugnen können, daß es sich um ganz
ungewöhnliche Ereignisse handelt, bei denen wir nicht leicht mit dem
Zufall operieren können.
Bormann weist mit Recht auf die große Anschaulichkeit der angeführten
Weissagungen hin. »Alles, was die Seherin angibt, stellt sich
bewegt und farbenfrisch ganz unmittelbar dem =Auge= dar, und noch
die Ortsbezeichnungen Dux und Brüx werden durch die Aufschriften
am Eisenbahnzuge, durch die Binde eines Mannes und durch die mit
dem Ohr vernommenen Worte eines Schaffners uns vermittelt. Auch bei
solchem zeitlichen Fernsehen also ist hier nichts bloß abgezogenes
Denken; alles ist ein Schauen des Lebens, und obwohl keine vorhandene
Erscheinung der =Gegenwart= und noch =nichts Wirkliches= im
menschlichen Sinne, wird es doch =räumlich= wahrgenommen, als ob diese
Zukunft bereits sinnliche Gegenwart wäre[172].«
Bormann, der sich als Vorsitzender der »Gesellschaft für
wissenschaftliche Psychologie« in München viel und gründlich mit diesen
Phänomenen beschäftigte, sagt mit Recht, die Erklärbarkeit dieses
=zugleich zeitlichen und räumlichen Fernsehens= sei ein schwer zu
lösendes Rätsel. Wir wollen uns auch nicht darauf einlassen, sondern
nur feststellen, daß, wenn uns überhaupt etwas diese Phänomene, an
deren Existenz zu zweifeln nur wohl mehr Böswilligkeit noch vermag,
verständlich machen kann, es solche authentische Berichte sind. Auch
wir haben ja im Traum Ähnliches alle schon erlebt, nur handelt es
sich hier um Vergangenes. Wenn wir aber den Vergleich des Traumes
festhalten, dann werden uns sofort Irrtümer in der Interpretation
der Visionen klar. Das Gesicht entschwindet oft, wenn wir einen
bestimmten Punkt festhalten wollen. Es löst sich in Nebel auf, und im
Bestreben, zu rekonstruieren, erfinden wir. Oder die Seherin sieht
zwar eine Gegend ganz deutlich vor sich. Da sie aber nirgends, weder
auf Stationschildern, noch auf Reklamen oder sonst wo den Namen des
Ortes lesen kann, auch nicht ihn rufen hört oder das Gelände aus der
Erinnerung wiederzuerkennen vermag, so hat sie zwar eine richtige
Vision, weiß aber nicht, wohin den Schauplatz zu verlegen. Oder sie
glaubt eine Gegend wiederzuerkennen und irrt sich dabei. Natürlich wird
dann die Prophezeiung, weil irrig lokalisiert, auch nicht eintreffen.
Solche und ähnliche Fehlerquellen existieren immer. Deshalb ist es
desto verwunderlicher, wenn alles genau zutrifft.
Doch wir werden später noch auf dieses Thema zurückkommen.
Wunderbarerweise sind wir nämlich noch keineswegs am Ende der
eingetroffenen Prophezeiungen der Frau de Ferriëm angelangt.
Im Oktober 1900 wurde in Nr. 43 der »Zeitschrift für Spiritismus«
(Köln) folgende Vision der Dame mitgeteilt:
»Es taucht vor mir eine schwarze Masse auf. – Was es ist? – Ich kann’s
noch nicht deutlich erkennen. – Ja, so, ein =Felsen im Meer=, daran
es zerschmettert ist. Sehe nämlich ein =deutsches Kriegsschiff=. Die
schwarze Masse ist ein Teil des untergegangenen Schiffes. – Viele
Menschen gehen beim Untergange desselben zugrunde. Ich sehe sie
deutlich verzweifelt mit den Wellen kämpfen. Alles =deutsche= Matrosen.
– Es ist bestimmt ein Kriegsschiff. Ich sehe den Kommandanten, wie
er seine Hände zum Himmel hochstreckt. Er schreit noch seine letzten
Befehle. Er trägt einen Bart, wie ihn Kaiser Friedrich trug, nur kürzer
und ziemlich dunkel, fast schwarz. – Das Wasser ist fast ganz ruhig
geworden. – – Ich sehe auch, daß es in =fremdem= Lande ist – – Naht
denn keine Rettung? – Noch nicht. – Ein Schiff in Sicht. Hurra! – Und
doch, es ist wenig Aussicht auf Rettung. – Und naht denn keine Hilfe? –
Ja, ja, aber viel zu spät.« Godefroy hatte diese Prophezeiung von der
Seherin stenographiert aus Österreich erhalten.«
=Anderthalb Monate später, am 7. Dezember 1900, ging diese Vision mit
dem Untergang des deutschen Schulschiffes Gneisenau in Erfüllung.=
Bormann schreibt darüber[173]:
»Der ›Gneisenau‹ scheiterte am Felsen Morro Levante (im Vorhafen von
Malaga). Sein Untergang traf auch in einzelnem erstaunlich mit der
Weissagung überein. Der Schiffskommandant hob in der Tat seine Arme
gen Himmel, indem er laut seine Mannschaften in Gottes Hut befahl. Es
ist auch richtig, daß die Bemannung nicht mit dem Schiffe zugrunde
ging; die Leute stürzten sich in die Wellen und gingen im Kampfe mit
ihnen zahlreich unter. Der Bart des Schiffskommandanten Beckmann ist
in der Tat gewesen wie der des Kaisers Friedrich, nur kürzer, wie
Bilder ausweisen. Wie die Farbe des Bartes war, weiß ich nicht. Die
Seherin sah das Gesicht ungewöhnlich deutlich und kündigte daher dessen
=schnelle= Erfüllung an, wie es auch geschah.« Übrigens sah sie noch,
daß das Schiff nicht völlig unter der Wasseroberfläche verschwand, wie
es auch in Wirklichkeit der Fall war.
Daß gottlob der Untergang eines deutschen Kriegsschiffes zu den größten
Seltenheiten gehört, ist hinlänglich bekannt. Aus diesem verblüffenden
Zusammentreffen einer Reihe von ganz seltenen Fällen – man denke an den
Bart des Kapitäns! – eine Wahrscheinlichkeitsrechnung zu konstruieren,
dürfte jedoch auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen.
Eine Prophezeiung der Frau de Ferriëm über das =lenkbare Luftschiff=
ist deshalb außerordentlich interessant und kann unbedenklich als
Beweis für die Tatsache der Prophetie gelten, weil zur Zeit der Vision
– 1899 – und auch noch viel später ein solches Fahrzeug von den ersten
Autoritäten für =unmöglich= erklärt wurde. In vieler Erinnerung wird
die schmähliche Behandlung sein, die noch drei Jahre später dem Grafen
Zeppelin auf dem deutschen Ingenieurtage in Kiel zuteil wurde. Man
verspottete ihn als Phantasten. Erst seit dem Jahre 1906 hatten seine
Versuche Erfolg.
Wie das breite Publikum im Jahre der Vision (1899) dachte, geht u.
a. aus der Faschingsnummer der Münchner Neuesten Nachrichten vom 12.
Februar gleichen Jahres hervor. Da heißt es als Mitteilung aus dem
Jahre 2899: »Aus St. Franzisko kommt uns folgende Lichtstrahlendepesche
zu: Heute Nacht 11 Uhr 47 Minuten (Welteinheitszeit) ist das
Luft-Expreßschiff Nr. 724 der »Union-Aero-Expreß-Companie-Comfortable«
in 3000 m Höhe über Meer mit einem Meteor zusammengestoßen.«
Fast möchte man glauben, der Verfasser dieser Ulknotiz habe selbst
die Gabe des Hellsehens besessen, denn bis auf das Vergreifen im
Datum um fast ein Jahrtausend – man sieht daraus, wie entfernt, ja
unmöglich die Zukunftsphantasie damals noch allen erschien – stimmt
alles verblüffend. Die Höhe von 3000 m wurde inzwischen erreicht,
der erste, zwar verunglückte, aber zum Teil auch gelungene Versuch
des Überfliegens des Weltmeeres wurde im Herbst 1910 von Wellmann
unternommen, ja – und das ist das Erstaunlichste – wir haben von ihm
durch »Lichtstrahlendepeschen«, nämlich durch drahtlose Telegraphie,
von der damals noch niemand eine Ahnung haben konnte – Mitteilung
erhalten.
Doch nun zur Vision der Frau de Ferriëm. Der Bericht lautet:
»Das elektrische Luftschiff, das große, vollkommen lenkbare Luftschiff
mit elektrischer Bewegung und Beleuchtung der Zukunft wird bald
erfunden werden. Kapitäne werden Patent auf das Fahren mit diesem
adlergleich dahin fliegenden oder segelnden Luftschiff erhalten, und
man wird mit dem letzteren es dazu bringen, in zweimal 24 Stunden den
Atlantischen Ozean zu überfliegen. Dasselbe wird so eingerichtet sein,
daß, wenn in der Luft Unglück bei der Fahrt über das Meer passiert,
man sich noch aufs Wasser retten kann. Die Erfindung wird vor 1950
gemacht und vervollkommnet sein; viele werden allerdings noch wegen
Grübeleien darüber ins Irrenhaus müssen. Ich habe den Erfinder gesehen,
wie er die erste Konstruktion vorführte; derselbe beherrschte mehrere
Sprachen, die deutsche sprach er gebrochen. – Eine furchtbare Arbeit
durch die Luft machte es, als ich’s über das Meer brausen sah. – Das
ist der feurige Drache, von dem Propheten schon vor Christi Geburt
sprachen[174].«
Erwähnen wir noch, daß neuerdings tatsächlich Patente, die zur Führung
von lenkbaren Luftschiffen berechtigen, ausgestellt werden, so wird
man nicht umhin können, die Prophezeiung im wesentlichen für erfüllt
anzusehen, auch wenn man betreffs des biblischen feurigen Drachens sich
etwas reserviert verhalten sollte.
Ferner hatte Frau de Ferriëm noch Visionen, die die Erreichung des
Nordpols mit Luftschiffen und Schlitten betreffen. Die letztere
Prognose ist ja schon in Erfüllung gegangen. Was die erstere betrifft,
so scheint auch ihre Realisierung in die Wege geleitet zu sein, da
bekanntlich Graf Zeppelin dieses Unternehmen plant[175].
Fassen wir unser Urteil über die Prophezeiungen der Frau de Ferriëm
zusammen, so steht es fest, daß zwar eine Reihe von Prognosen nicht
eintrafen bzw. noch nicht eintrafen, daß dafür aber andere in
erstaunlicher Weise in Erfüllung gingen.
Wer die Visionsberichte liest, kann nicht darüber im Zweifel sein,
daß es sich durchaus nicht um verstandesmäßige Berechnungen oder
Vermutungen handelt, sondern um echte Visionen, um traumartige Bilder,
die in der Seherin auf eine uns nicht näher bekannte Weise erzeugt
werden.
Dem Einwand, es könne sich hier um Halluzinationen handeln, denen
nichts Reales entspricht, muß entgegengehalten werden, daß wir keine
einwandfreie Definition von Halluzination einerseits und Vision
andrerseits besitzen[176]. Ferner handelt es sich hier durchaus nicht
um »Erscheinungen«, von denen behauptet wird, daß sie außerhalb der
Person der Seherin liegen sollen, sondern lediglich um =Vorgänge in
ihrem Innern=, die nur kontrollierbar sind durch die Art, in der die
Seherin von ihnen Kenntnis gibt und durch ihr späteres Eintreffen. Und
dieses letztere kann für uns ganz allein ausschlaggebend sein.
Wenn es auch nicht mehr viele geben mag, die auf Grund obigen Materials
noch Lust haben, die Eselsbrücke des Zufalls zu betreten, sondern wohl
die überwältigende Mehrheit der Leser nunmehr von der Existenz des
zeitlichen Fernsehens überzeugt sein wird, so muß doch auch hier die
Möglichkeit des Zufalls geprüft werden.
An der Vorhersage des Seebebens von Martinique wird man das Fehlen der
Ortsangabe rügen. Beim Untergang der Gneisenau gleichfalls. Was die
Erreichung des Nordpoles betrifft, so kann man auf den prophezeiten
Weg auch durch Berechnung kommen. Beim Hafenbrand in Neuyork dürfte
es schon recht schwer fallen, mit der Kritik einzusetzen, denn da
alle Vorhersagen der Frau de Ferriëm sich im Laufe weniger Jahre
erfüllen, wird man kaum einwenden können, ein ähnliches Ereignis spiele
sich früher oder später in jedem Hafen ab. Ebenso kann nur, wer den
damaligen Stand der Frage gar nicht kennt, sich mit der Vorhersage des
lenkbaren Luftschiffes leicht abfinden.
Besonders winden wird sich aber der Skeptiker bzw. materialistische
Dogmatiker bei der Vorhersage des Grubenunglückes von Brüx-Dux. Gewiß
läßt sich für jede Grube eine Wahrscheinlichkeitsrechnung aufstellen
und so errechnen, wann an sie die Reihe kommt. Aber hier haben wir
die ausdrückliche Konstatierung, daß die Katastrophe =bald= eintreten
wird. Ja, als sie nach zwei Jahren noch aussteht, wird in verschiedenen
Blättern darauf hingewiesen, daß sie nunmehr bald kommen müsse. Das
soll ein zufälliges Zusammentreffen von Vorhersage und Ereignis sein?
Alle Vorgänge werden mit einer Deutlichkeit geschildert, wie sie nur
ein Augenzeuge zu bieten vermag. Daß Traum und Vision, nicht aber
Phantasie die Plastik und Greifbarkeit des sinnlich Wahrgenommenen
besitzen, hat schon Schopenhauer festgestellt. Deshalb ist es
schlechterdings ausgeschlossen, daß die von der Seherin geschauten
Bilder Erzeugnisse ihrer überhitzten Phantasie sind, sondern wir haben
es ganz unzweifelhaft hier mit echtem zeitlichen Fernsehen zu tun.
Leider ist es in allen obigen Fällen kaum angängig, eine
Wahrscheinlichkeitsrechnung mit hohem Divisor aufzustellen. Um nun aber
dem unverbesserlichen Skeptiker die letzte Möglichkeit, sich auf den
Zufall hinauszureden, zu nehmen, werden wir im nächsten Kapitel unser
schwerstes Geschütz auffahren.
Fußnoten:
[162] Leipzig, 3. Bd., Nr. 25, S. 220.
[163] Zitiert nach de Ferriëm, Mein geistiges Schauen in die Zukunft,
Berlin 1905, S. 67 f. Die im Text angegebenen Zitate der Druckorte und
Daten wurden von mir nachgeprüft und, bei mangelhafter Wiedergabe,
korrigiert. Einige seltene Zeitschriften, so die »Lichtstrahlen«,
konnten nicht verglichen werden. Da aber stets Organe herangezogen
wurden, in denen die angekündigten Ereignisse _vor_ ihrem Eintritt
veröffentlicht waren, so ist auch in diesen Fällen das Material
einwandfrei.
[164] Dieser Zuruf gilt ihrem Begleiter, Kerkau bzw. Godefroy, dem wir
die stenographischen Berichte verdanken.
[165] Gleichfalls zitiert nach de Ferriëm a. a. O.
[166] Ferriëm, »Mein geistiges Schauen usw.«, S. 661.
[167] Eb. S. 67.
[168] S. 68, Anm. Hier auch das Folgende »Old Moore« betreffende, das
ich leider nicht kontrollieren konnte.
[169] Vgl. »Mein geistiges Schauen in die Zukunft«, S. 63 f. Den
»Führer« und die »Kritik« konnte ich nicht einsehen, wohl aber ist im
3. Band der Zeitschrift für Spiritismus, S. 71, am 4. März 1899, darauf
hingewiesen, daß die Erfüllung der Vision noch ausstehe, ebenso auf S.
57, am 18. Februar in der gleichen Zeitschrift. Also _vor_ Eintreffen!
[170] Im Druck erschienen in den von Godefroy (Kerkau) herausgegebenen
gedruckten Berichten, Nr. 2 vom 20. September 1899, also =ein Jahr vor
dem Unglück=. Godefroy hatte dazu bemerkt: »Das Gesicht dürfte sich
jedenfalls bald erfüllen, bzw. in einem der kommenden Jahre.«
[171] Vgl. Walter Bormann »Die Nornen. Forschungen über Fernsehen in
Raum und Zeit«. Leipzig 1909, S. 130.
[172] »Nornen«, S. 130 f.
[173] »Nornen«, S. 134. Die Vision selbst in »Mein geistiges Schauen«,
S. 65.
[174] Vgl. Kerkau, Zeitschrift für Spiritismus, 3. Bd., 1899, Nr. 8,
vom 25. Februar 1899, S. 62 f.
[175] »Mein geistiges Schauen«, S. 84, und Zeitschrift für Spiritismus,
2. Bd., 1898, S. 53 f.
[176] Lucian Pusch, »Spiritualistische Philosophie ist erweiterter
Realismus« (Broschüre), Leipzig 1886, der selbst hell sieht,
behauptet, die Gegenstände des Hellsehens seien klarer, als die der
Halluzinationen. Das ist aber kein objektives Kriterium und setzt
die Existenz =beider= Phänomene voraus. Überdies ist es falsch, weil
suggerierte Halluzinationen ebenso lebhaft empfunden werden, wie die
»Geister«. Vgl. Sphinx, 2. Bd. 1886, S. 342. Danach müßten Visionen
auch an anderen beobachtenden Personen kontrolliert werden können,
wären also etwas objektives, =außerhalb= der wahrnehmenden Person
Vorhandenes. Mir scheint auf diesem Gebiete die nötige Klarheit noch
nicht zu herrschen.
Elftes Kapitel
Michel Nostradamus
Michael Nostradamus wurde am 14. Dezember 1503 zu St. Remy geboren
und starb 1566 in Salon. Eigentlich hieß er Michel und war jüdischer
Herkunft. Sein Vater war Leibarzt des bekannten romantischen Königs
René. Sein Großvater mütterlicherseits, Johann de St. Remy, Leibarzt
des Herzogs von Kalabrien, erzog den kleinen Michel und weckte in
ihm die Liebe zur Naturkunde. Vielleicht bildete er auch das jenem
angeborene übersinnliche Wahrnehmungsvermögen aus.
Nach dem Tode des Großvaters trieb Nostradamus in Avignon humanistische
und philosophische Studien, siedelte dann aber nach Montpellier über,
um Medizin zu studieren. Dort erwarb er auch den Doktorhut.
Seine ärztliche Praxis übte er in Agen aus, wo er innige Freundschaft
mit dem berühmten Philologen Julius Caesar Scaliger schloß. Hier
heiratete er ein adeliges Fräulein, verlor sie und die beiden Kinder
dieser Ehe aber bald durch den Tod. Dieses tragische Schicksal suchte
er durch eine zehnjährige Reise durch Frankreich und Italien zu
vergessen. Im Jahre 1544 ließ er sich in Salon nieder und heiratete
eine Patriziertochter Anna Pontia Gemella. Bei der großen Pest des
Jahres 1546 zeichnete er sich so aus, daß ihm die Stadt Salon als einem
um das öffentliche Wohl hochverdienten Mann für längere Zeit einen
Jahresgehalt aussetzte. Auch in Lyon erwarb er sich als Pestarzt den
Dank der Leidenden.
Nach Salon zurückgekehrt gab der gefeierte Arzt seine Praxis gänzlich
auf, da er als heimlicher Kalvinist angefeindet wurde. Er hatte mit der
äußeren Welt abgeschlossen und zog sich ganz in die innere zurück. Wie
er in der Vorrede zu seinen Centuries sich ausdrückt, erhob diese ihn
über die Schranken der Endlichkeit und – das hintereinander Stehende
nebeneinander stellend und in ein großes Bild zusammen fassend – führte
sie ihm die Geschichte in ihrem Zusammenhang und ohne Vermittlung der
Zeitformen an seinem inneren Blick vorüber[177].
Bei Nacht zog er sich in ein kleines Kabinett, das ihm die Übersicht
über den ganzen Horizont seines Wohnortes gestattete, zurück. Man zeigt
es noch jetzt in Salon. Von hier aus beobachtete er die Sterne und ließ
zugleich in seinem Inneren jenes wunderbare Licht heller leuchten,
dessen er sich bereits früher bewußt geworden war[178].
Diese Stelle ist von Bedeutung, weil aus ihr hervorgeht, daß es sich
nicht um reine Astrologie handelt, sondern daß diese abenteuerliche
Wissenschaft nur ergänzend zur Sehergabe hinzutritt. Übrigens wird man
gut tun, sich über das Zustandekommen der Prophezeiungen möglichst
vorsichtig zu äußern, solange noch ihre Tatsächlichkeiten von der
offiziellen Wissenschaft bestritten wird.
Sicher ist, daß Nostradamus die Sehergabe – vorausgesetzt, daß wir ihm
eine solche auf Grund des Folgenden zugestehen – von seinen Vorfahren
geerbt hat. Das ist interessant, weil wir schon früher =wiederholt
auf Fälle von Erblichkeit der Gabe= gestoßen sind. Daß Nostradamus
keineswegs an eine Vererbung der rechnerischen Kunst der Astrologie,
also von einer Art Geschäftsgeheimnis, denkt, sondern ganz zweifellos
an seine prophetische Veranlagung, geht aus der Vorrede zu seinen
Centurie, die er an seinen Sohn Cäsar als Säugling richtet, klar hervor.
Hier sagt er, daß er »=geoffenbarte Inspirationen=« erhielt, »wenn er
bisweilen in der Woche sympathisch[179] angeregt worden sei und sich
die Nächte durch lange Berechnungen versüßt habe.« Er konnte also die
Zukunft nur völlig ermitteln, wenn er seine astrologischen Berechnungen
in einer Art von Trance ausführte.
Nach Nostradamus’ Anschauung ist alles Seiende Notwendig und notwendig
=so=, =wie= es ist, und alles Geschehende geschieht notwendig in =der=
Weise, zu =der= Zeit und an =dem= Ort, wie und wo es geschieht. Dadurch
ist jedem Ereignis eine bestimmte Stelle und Zahl gegeben, die sich
berechnen läßt.
Wenn nun in gewissen Stunden die Ereignisse der Zukunft vor dem inneren
Auge des Nostradamus vorüberzogen, so schrieb er sie in französischer
Prosa, aber in mystischen Ausdrücken oder – wie er selbst sagt – in
dunklen und verworrenen Sätzen nieder, um weder zu viel Klarheit zu
geben, noch auch zu großen Irrtum zu verursachen. Ferner um eine
gewisse Scheu und Ehrfurcht vor seinen Weissagungen zu erwecken.
Als er diese Sprache später immer noch für zu offen hielt, übertrug
er sie aus der Prosa in gebundene Rede und stellte sie in vierzeilige
Strophen, =Quatrains=, zusammen. Diese teilte er nach Hunderten als
=Centuries= ab. Bei dieser Versifikation wurde die ohnehin dunkle
Sprache noch mystischer, obschon sie dem Seher immer noch zu offen
schien und er sich deshalb lange nicht zur Herausgabe seiner Verse
entschließen konnte. Um auch keine chronologische Handhabung zur
Deutung der Vorhersagen zu geben, mischte er überdies die für die
verschiedensten Zeiten geltenden Sprüche noch durcheinander. Erst als
verschiedene vorausgesagte Ereignisse, die Abdankung Karls V., der Tod
Heinrichs II. und die Hugenottenkriege nahe bevorstanden, entschloß er
sich 1555 die ersten sieben Centuries herauszugeben. Drei Jahre darauf
folgten weitere drei Centuries, die Nostradamus Heinrich II. zueignete.
Kaum waren die Prophezeiungen erschienen, als sie mit Hohn und Spott
überschüttet wurden. Man zögerte nicht, Nostradamus als Betrüger und
Scharlatan zu erklären. Katharina von Medici aber ließ den Astrologen
am 15. August 1556 an ihren Hof kommen und ihren vier Söhnen in Blois
die Nativität stellen. Er sagte ihnen wahrheitsgemäß voraus, daß drei
Könige werden würden, verschwieg aber diplomatisch, daß die Krönung des
einen durch den Tod des andern bedingt würde.
So hatte auch Cornelius Agrippa dreißig Jahre früher Karl von Bourbon
zwar die Einnahme Roms vorhergesagt, seinen Tod dabei aber verheimlicht.
Mit Gold und Ehren überhäuft, kehrte Nostradamus nach Salon zurück. Er
war so berühmt geworden, daß Fälscher Prophetien unter seinem Namen
herausgaben. Dadurch, durch die Dunkelheit seiner echten Prophetien und
das Fehlen der Jahreszahlen wurden viele am Können des Sehers irre.
Da ging während des Nostradamusstreites eine Prophezeiung in Erfüllung,
die er im 35. Quatrain der ersten Centurie gegeben hatte.
In der in Lyon im Jahre 1555 erschienenen ersten, noch unvollständigen
Ausgabe seiner Prophezeiungen finden wir folgenden Vierzeiler:
»Le lyon jeune le vieux surmontera
En champ bellique par singulier duelle:
Dans cage d’or les yeux luy crevera,
Deux classes une, puis mourir, mort cruelle.«
Auf deutsch:
Der junge Löwe wird den alten überwinden
Auf kriegerischem Felde durch Einzel-Zweikampf:
In goldenem Käfig wird er ihm die Augen ausstechen,
Von zwei Brüchen der erste, dann sterben eines grausigen Todes.
Le Pelletier[180], der diesen Quatrain kommentiert, umschreibt classe
mit κλάσις brisur, ébrachement und une als una, die erste. Daher sind
wir zu obiger Übersetzung berechtigt.
Nun die Erklärung:
Im Juli 1559, gelegentlich der Doppelhochzeit von Töchtern Heinrichs
II. – Elisabeth heiratete Philipp II. von Spanien, Margarete den
Herzog Emanuel Philibert von Savoyen – streckte der »junge Löwe« Graf
Montgomery den »alten« König Heinrich II. von Frankreich in den Sand,
und zwar im Tjost, bei dem einer gegen den anderen, also einzeln (par
singulier duel) die Kräfte maß. Das steht im Gegensatz zu den zur
Ritterzeit gebräuchlichen Buhurt, einem ungefährlichen Reiterspiel
mit stumpfen Waffen, oder dem Turnier, wo größere Scharen von Rittern
gleichzeitig gegeneinander die – stumpfen – Lanzen verstechen[181].
Dabei drang seine Lanze durch das goldene Visier des Helmes (cage d’or)
ins rechte Auge. Der König starb am 10. Juli erst vierzigjährig an der
erhaltenen Wunde. Das war der erste gewaltsame Bruch am Aste der Valois.
Der zweite ereignete sich am 1. August 1589, als der junge fanatische
Dominikanermönch Jaques Clément König Heinrich III. im Lager zu St.
Cloud mit einem Dolche den Unterleib durchbohrte. Der König starb noch
am gleichen Abend unter furchtbaren Schmerzen und mit ihm erlosch das
berühmte Geschlecht im Mannesstamme.
Daß diese Prophezeiung richtig gedeutet wurde, wissen wir nicht nur
von Hörensagen und aus der Tatsache, daß von nun an Nostradamus ein
berühmter Mann war, sondern auch aus der gleichzeitigen Literatur.
Brantôme in seinen Vies des Hommes illustres erzählt in dem Heinrich
II. gewidmeten Abschnitt ebenso wie Guynaud in seiner Concordance des
Prophétie de Nostradamus die Umstände bei diesem Turnier genau. Ja,
wir wissen auch, daß dem König, der sich in Kraftproben gefiel, das
bevorstehende Unglück vorhergesagt worden war, jedoch ohne ihn von
seinem Vorhaben abzubringen.
Einst besuchte Herzog Philibert Emanuel von Savoyen mit seiner Gemahlin
Margarete den Seher. Als letztere in gesegneten Umständen war, ließ
sie Nostradamus zu sich nach Nizza kommen und befragte ihn über das
Geschlecht des zu erhoffenden Kindes. Er antwortete, daß es ein Sohn
sein werde, der Karl getauft und ein großer Feldherr werde. Am 12.
Januar 1562 kam der Knabe zur Welt und Nostradamus stellte ihm die
Nativität[182].
In dieser Nativität hieß es, daß er in einem bestimmten Jahre
verwundet, aber nicht sterben werde, als bis eine 9 vor einer 7
komme. Der Prinz, der sein Horoskop sorgfältig verwahrte, sprach
eines Tages mit dem Grafen Carignan über das geheimnisvolle und
unsichere Helldunkel der astrologischen Prognostika und erzählte,
daß ihm Nostradamus für das laufende Jahr eine bedeutende Verwundung
vorhergesagt habe. Der Graf konnte nicht begreifen, wie er im tiefsten
Frieden schwer verwundet werden könne, worauf der Prinz rasch aufstand,
um die Nativität herbeizuholen. In der Eile stieß er den Tisch um, der
ihm auf ein Bein fiel und es bedeutend verletzte.
Da sich die erste Prophezeiung so schlagend bewahrheitet hatte,
glaubte Prinz Karl, daß nun auch die zweite bezüglich seines Alters
eintreffen würde und rechnete auf 97 Jahre. Als er aber schon im 69.
Jahre starb, erkannte man, daß auch hier eine 9 vor einer 7 komme,
weil auf 69 unmittelbar 70 folgt. So war der Prophet gerechtfertigt.
Allerdings beweist dieser Fall – wie zahllose andere – auch die große
Schwierigkeit der Interpretation selbst einer richtigen Vorhersage.
Im Jahre 1564, als der junge König Karl IX. mit seiner Mutter den
berühmten Propheten aufsuchte, weissagte er letzterer im geheimen, daß
ihr Lieblingssohn, der damalige Herzog Heinrich von Anjou, den Thron
besteigen würde. Auch Heinrich von Navarra, dem nachmaligen König
Heinrich IV., weissagte Nostradamus die Krone.
Übrigens ernannte Karl IX. den Seher zu seinem Leibarzt und überreichte
ihm ein Geschenk von zweihundert Goldtalern, Katharina aber fügte
noch hundert aus eigener Tasche hinzu. So fehlte es ihm weder an Geld
noch an Ehren. Da er ein Wohltäter der Armen und Kranken war, ein
aufopfernder, pflichtgetreuer Arzt, so wußten auch seine Mitbürger ihn
zu schätzen.
Sein Freund Jean Aimè Chavigni – latinisiert Janus Gallicus –
erzählt[183], daß er des Nostradamus’ Krankenbett spät in der Nacht des
1. Juli 1566 verließ und mit Sonnenaufgang wiederzukehren versprach.
Der Kranke, der die letzten sechzehn Lebensmonate an der Gicht gelitten
hatte und bereits acht Tage vor seinem Tode das Abendmahl empfing, zwei
Tage vorher aber sein Testament machte, antwortete dem Freund: »Der
Sonnenaufgang wird mich nicht mehr unter den Lebenden finden.«
Da er jedoch leicht atmete und man überhaupt keine Anzeichen des
herannahenden Todes an ihm wahrnahm, zogen sich alle zurück, um einige
Stunden der Ruhe zu pflegen. Als man dann in der Morgendämmerung ins
Krankenzimmer trat, fand man Nostradamus tot auf einer Bank in einer
Stellung, die deutlich bewies, daß er ein sanftes Ende gefunden hatte.
Man entdeckte unter den Papieren des Verstorbenen folgendes nach seiner
Rückkehr von Arles, wohin Karl IX. im Jahre 1564 ihn hatte kommen
lassen, geschriebene Quatrain, in dem er die Umstände seines Todes
schildert[184]:
Zurückgekehrt legt’ ich des Königs De retour d’Ambassade, don de
Gabe nieder; Roi mis au lieu;
Die Arbeit ist vollbracht, ich geh Plus n’en fera: sera allé à
zu Gott; Dieu:
Mir nahn Verwandte, Freunde, Parans plus proches, amis,
Blutesbrüder – freres du sang –
Bei einer Bank an meinem Bett Trouvé tout mort près du lict
werd’ ich gefunden tot. et du banc.
Am 2. Juli wurde Nostradamus links vom Haupteingang der Minoritenkirche
in Salon in einer Nische beigesetzt, was auch einer Prophezeiung
entsprach. Hier möge es offen bleiben, ob sein Grab nicht danach
gewählt wurde.
Nostradamus hinterließ außer den Centuries noch in Prosa geschriebene
Prophezeiungen, die Chavigni in zwölf Büchern zusammenstellte. Sie
sollen klarer gewesen sein, als die Centuries, gingen aber verloren.
Die Prophetien beginnen im Jahre 1555 und enden am Schlusse des ersten
angeblichen Geschichtsweltalters im Jahre 3797 n. Chr. Räumlich
behandeln sie, wie Nostradamus im Anschreiben an Heinrich II. mitteilt,
ganz Europa und einen Teil Afrikas und Asiens, während sie den Osten
Asiens oder Indien nicht umfassen. Besonders zahlreich sind die auf
Frankreich bezüglichen Sprüche, und auch hier ist es besonders sein
Heimatland Provence und das angrenzende Piemont.
Bevor wir weiter auf die Prophezeiungen eingehen, die besser
überliefert sind, als man bei der Schwierigkeit der Sprache und den
zahlreichen eingestreuten Provinzialismen, Fremdworten und Neubildungen
– die dem Abschreiber bzw. Drucker natürlich große Schwierigkeit
bereiteten – erwarten sollte, wollen wir einen Blick auf die
Fälschungen werfen.
Sie sind zahlreich und in der Regel nur auf Grund alter Ausgaben bzw.
der kritischen von Le Pelletier festzustellen. Dann allerdings ohne
Schwierigkeit. Bis in die allerneueste Zeit haben sich Fälscher oder
Spaßvögel des Namens des großen Astrologen bedient.
So zirkulierte etwa im Jahre 1903 folgendes =nicht= in einer
Originalausgabe enthaltene Quatrain:
Albion royne de la mer
Alors qu’ira montagne de l’air
Cloche en canon, navir en cloche
Dis que la dernière heure approche.
Hieraus las man den Untergang der Seeherrschaft Englands zur Zeit der
Luftschiffe, Hohlgeschosse und Unterseebote. Natürlich war es eine
Fälschung.
Im Jahre 1870 tauchte ein anderer angeblicher Quatrain des Nostradamus
auf, in dem dem zweiten Kaiserreich eine Lebensdauer von genau 17¾
Jahren »et pas un jour de plus« vorausgesagt war. Da es vom 2. Dezember
1852 bis zum 2. Dezember 1870 dauerte, so war die Prophezeiung richtig,
nur findet sich leider bei Nostradamus nichts davon[185].
Mit welchem geradezu unglaublichen Mangel an Logik zu Werke gegangen
wird, wenn es gilt, eine unangenehme Tatsache aus der Welt zu schaffen,
zeigt sich hier wieder einmal deutlich. Man folgert daraus, daß es
auch gefälschte Prophezeiungen gibt, etwas gegen die echten! Und
doch könnte jeder des Lesens Kundige sich durch einen Blick in alten
Ausgaben überzeugen, daß es auch echte gibt und zwar sehr viele. Es
ist ein Vorrecht der Ignoranz apodiktisch aufzutreten, und die gerade
modernen wissenschaftlichen Theorien scheinen zu ihrer Unterstützung
die gröbsten logischen Schnitzer nicht entbehren zu können.
Wir wollen nun aus der großen Zahl von eingetroffenen Prophezeiungen
einige herausgreifen. Wir betonen dabei wiederum, daß =eine einzige=
wahre Vorhersage, d. h. eine, die Zufall und Berechnung ausschließt,
die Tatsächlichkeit des Phänomens bereits beweist.
Der 75. Quatrain der VI. Centurie lautet:
Le grand pillot par Roy sera mandé,
Laisser la classe pour plus haut lieu atteindre:
Sept ans après sera-contrebandé,
Barbare armée viendra Venise craindre.
Diese Vorhersage ging schon sehr bald in Erfüllung. Wollen wir sie
zunächst übersetzen und mit Le Pelletier kommentieren[186].
»Der große Pilot wird vom König mit einem Amt betraut werden (mandé =
mandatus, das Mandat erhalten). Er wird die Flotte verlassen, um zu
einem noch höheren Range emporzusteigen: Sieben Jahre nachher wird
er Schleichhändler sein (d. h. sich gegen die legitimen Gewalten
auflehnen), eine barbarische Armee wird Venedig Furcht einjagen.«
Gaspard de Coligny wurde vom König Heinrich II. zum Admiral befördert
im Jahre 1552. Er dankte im Jahre 1559, beim Tode des Königs, ab, um
als Parteihaupt der Kalvinisten tatsächlich eine mächtigere Stellung
einzunehmen. Hier wurde er im Jahre 1562 zum ersten General-Leutnant
ernannt. Im Jahre 1567, also sieben Jahre nach seinem Ausscheiden
aus dem königlichen Dienst, stand er auf der Höhe als Organisator
des Bürgerkrieges (Contrebandé). In die Jahre 1567 bis 1569 fallen
die drei großen von den Protestanten gelieferten Schlachten bei
Saint-Denis, Jarnac und Moncontour. In der letzten war Coligny
Höchstkommandierender. Diese Ereignisse fielen zeitlich zusammen mit
dem bedrohlichen Vordringen der Waffen des Sultans Selim II., der
Venedig im Jahre 1570 die Insel Zypern abnahm. Im gleichen Jahre 1570
schlossen die Protestanten und Katholiken zu St.-Germain Frieden.
Daß diese Ereignisse sich gut mit dem Quatrain identifizieren lassen,
wird wohl niemand bestreiten. Ja, sie =müssen= sogar identifiziert
werden, da gar nicht so viele Jahre in Frage kommen, in denen Venedig
vor den Türken zittern mußte. Ferner dürfte Coligny der einzige Admiral
gewesen sein, der es zum Führer der Revolution gebracht hat. Auch die
Zeitangabe von sieben Jahren wird stutzig machen. Immerhin können wir
den Einwand nicht widerlegen, daß diese Ereignisse, weil teils noch
zu Lebzeiten des Nostradamus, teils kurz nach seinem Tode eintretend,
durch Kombination von ihm hätten erraten werden können, oder daß man
Ereignisse später dem Quatrain unterlegte.
Obiger Quatrain diene übrigens als gutes Beispiel für die schwer
verständliche Sprache des Astrologen. pillot ist ein italienisches Wort
(piloto, pillotare); la classe, von classis abgeleitet ist lateinisch,
contrebandé ebenso wie mandé ist romanisch. Dazu kommt die Inversion
des letzten Verses, der natürlich gelesen werden muß: Venise craindra
une armée barbare qui viendra. Diese Dunkelheit bewirkt, daß es nahezu
unmöglich ist, eine Prophezeiung zu verstehen, bevor sie eingetreten
ist. Ist dies aber der Fall gewesen, dann wird alles, fast jedes Wort,
erstaunlich klar.
Um nicht den Vorwurf zu riskieren, wir verschwiegen etwas, was zu
Ungunsten des Nostradamus angeführt werden kann, sei mitgeteilt, daß
man den Nachweis erbrachte, daß er zahlreiche Prophezeiungen älterer
und auch zeitgenössischer Seher in seine Sammlung aufgenommen habe.
Das gilt in den Augen von manchen als Beweis seiner betrügerischen
Scharlatanerie.
Abgesehen davon, daß viele Seher ebenso handelten, kommt es doch ganz
allein darauf an, daß eine Prophezeiung auch wirklich eintrifft.
Damit, daß Nostradamus da und dort Sprüche anderer aufnimmt, um sie
seinem eigenen Werke einzuverleiben, übernimmt er für sie auch die
Verantwortung. Er wird sie zweifellos, schon mit Rücksicht auf seinen
Namen, vorher nachgeprüft haben. Es wäre von ihm sehr töricht gewesen,
wenn er wertvolle Vorhersagen nur deshalb aus seinem Werke fortgelassen
hätte, weil sie nicht von ihm selbst stammen. Das wäre ja etwa so,
als wenn jemand über irgend eine Wissenschaft, sagen wir über Chemie
schriebe, und dabei ausschließlich das im Buche aufführte, was er
selbst entdeckt hat.
Auch der Vorwurf des Plagiates wäre vorschnell. Denn abgesehen davon,
daß das Mittelalter den Begriff kaum kannte, wäre es ja eine ganz
unmögliche Forderung im Quatrain den Namen des Autors anzugeben.
Gehen wir jetzt zu weiteren Prophezeiungen des großen Sehers über in
der Hoffnung, allmählich selbst dem hartnäckigsten Zweifler die Augen
zu öffnen.
Wir nehmen einen Quatrain, der uns beweiskräftig scheint, weil die
Identifizierung sehr leicht ist. Es ist der 55. der III. Centurie und
lautet:
En l’an qu’un oeil en France regnera
La Cour sera en un bien fascheux trouble:
Le Grand de Blois son amy tuera;
Le regne mis en mal et doute double.
Mit Le Pelletier[187], dem gründlichsten Kenner und liebevollsten
Interpreten unseres Astrologen, übersetzen und kommentieren wir wie
folgt:
Im Jahre, in welchem ein Einäugiger in Frankreich herrschen wird, wird
der Hof in einer höchst unangenehmen Verlegenheit sein: Der Große von
Blois (d. h. der König von Frankreich, der sein lit de Justice in Blois
abhielt)[188] wird seinen Freund töten; das Königreich, in üble und
unsichere Situation versetzt, wird (sera ist zu ergänzen) doppelt sein,
d. h. in zwei Teile gespalten werden.
Diese Vorhersage =muß= auf das Jahr 1559 datiert werden, weil es das
einzige in der ganzen französischen Geschichte ist, in dem es einen
einäugigen König gab. Wie wir schon früher gesehen haben, war ja
Heinrich II. vom Grafen von Montgomery das Auge ausgestochen worden,
eine Verwundung, die der König kurze Zeit überlebte. Gerade vom Jahre
1559 ab ereigneten sich aber die ungünstigen Dinge, die Nostradamus
andeutet, wenn sie sich auch allerdings nicht im gleichen Jahre schon
erfüllten, so daß man ev. sagen könnte, der Seher habe sich in der Zeit
geirrt.
Der französische Hof wurde damals in die allerunangenehmste Lage
versetzt. Heinrichs II. Nachfolger, der sechzehnjährige, schwache Franz
II., unter dem die Hugenotten sich empörten – auch der Name tritt jetzt
zuerst auf – war in keiner Weise fähig, den beginnenden Religionskrieg
im Keime zu ersticken. Als er schon 1560 starb und der zehnjährige Karl
IX. unter der Regentschaft der Katharina von Medici folgte, wurde es
nicht besser. Er beteiligte sich bekanntlich persönlich am Blutbad der
Bartholomäusnacht, in der Tausende der Hugenotten ermordet wurden. Die
Guise spielten im Reich die erste Rolle. Gegen Heinrich III., Karls
Nachfolger, konspirierten sie. Da holte er zu einem Gewaltstreich aus,
bei dem er seine Generalstände nach Blois berief und dort den Herzog
von Guise in seinem Kabinett ermorden ließ. Vorher hatte er mit ihm
als Beweis für seine Freundschaft die Hostie geteilt (daher son amy).
Die Folge der Bluttat war, daß sich die zwei feindlichen Parteien, die
Royalisten und die Ligisten, mit höchster Wut bekämpften. Paris ging
zu offener Revolution über, die Sorbonne entband vom Treueid, und als
Heinrich die Stadt belagern wollte, wurde er ermordet[189].
Man kann =nicht= sagen, daß die Voraussage des Nostradamus weniger
wunderbar ist, weil sie sich bereits nach vier Jahren erfüllte; denn
daß dieser Quatrain bereits in der im Jahre 1555 abgeschlossenen
und edierten unvollständigen Ausgabe steht, ist sicher. Wenn wir
das Phänomen der Prophetie beweisen wollen, dann ist es aber ganz
gleichgültig, ob eine Vorhersage sich nach einigen Tagen oder einigen
Jahrhunderten realisiert. Ausschlaggebend muß nur sein, daß es sich
weder um Zufall, noch um Berechnung handelt.
Was das letztere betrifft, so wird wohl kein Mensch auf der Welt so
einfältig sein, zu behaupten, daß irgend jemand auf gewöhnlichem Wege
ausrechnen könnte, daß Frankreich einmal von einem einäugigen König
beherrscht werden würde. So etwas zu kombinieren – das kann ohne
jegliches Zögern ausgesprochen werden – ist schlechthin unmöglich.
Tatsächlich ereignete sich in Blois – der Name ist ja angegeben – das
scheußliche Verbrechen mit seinen Folgen! =Jedes Wort= beruht auf
Wahrheit!
Bleibt noch der Zufall. Da sich diese Ereignisse: die Einäugigkeit
des Königs, das Zusammentreffen der Einäugigkeit mit dem späteren
Vorgang, insofern Frankreich, von einem erfahrenen und energischen
Monarchen geleitet, wohl kaum die Wirren hätte erdulden müssen, die
es unter Kindern und Unreifen erlitt, die Tat des Königs, der Ort
Blois, der »Freund«, die Zerspaltung Frankreichs und die üble Lage
des Hofes, weil z. T. überhaupt Unica bildend, nicht gut in eine
Wahrscheinlichkeitsrechnung einfangen lassen, wollen wir vorläufig
darauf verzichten, den Koeffizienten zu berechnen.
Übrigens nimmt auch der 51. Quatrain der III. Centurie auf den Mord in
Blois Bezug:
»Paris conjure un grand meurtre commetre,
Blois le fera sortir en plain effect.«
Nachdenklich mag auch die Présage 58 stimmen:
Le Roy-Roy n’estre, du Doux la pernicie,
L’an pestilent, les esmeus nubileux.
Tien’qui tiendra, des grands non letitie:
Et passera terme de cavilleux.«
Le Roy-Roy, der doppelte König, ist Heinrich III. der, wie bereits
erwähnt, die Krone Polens vor der Frankreichs getragen hatte. Die
Übersetzung lautet:
Der zweifache König stirbt (n’estre = n’est plus) als Mordtat des
Süßen. (pernicie = lateinisch pernicies Verderben, Untergang).
Im unglückseligen Jahr, wenn die Anstifter der Unruhen sorgenvoll sind.
Daß der, der halten wird, nicht los läßt! den Großen nicht zur Freude.
(letitie = lateinisch laetitia).
Und er wird das Ziel passieren, das ihm die Spötter (cavilleux =
railleur vom lat. cavillator) bestimmt haben.
Daß König Heinrich ermordet wird von einem »Süßen«, ist ein offenbarer
Unsinn, denn Mörder pflegen mit diesem Epitheton nicht belegt zu
werden. Wie aber, wenn wir hören, daß der Mörder =Clément= hieß? Was
dem Sinne nach ungefähr dasselbe bedeutet? Das legt den Gedanken nahe,
Nostradamus habe den Namen gekannt, aber absichtlich zum Zweck der
Verdunklung durch ein Synonym ausgedrückt.
Ja, ist es denn möglich, daß die Prophetie uns sogar die =Namen=
zukünftiger geschichtlicher Personen enthüllt?
Wir sehen hier, daß es aller Wahrscheinlichkeit nach sogar wirklich
ist. Aber erst wenn wir durch spätere Quatrains den zwingenden
Beweis, daß sogar die Angabe des Namens im Bereiche von Nostradamus
wunderbarer Kunst lag, erbracht haben, fordern wir vom Leser, daß er
sich auch hier bekehrt und zugibt, daß »du Doux« gleichbedeutend mit
»Clement« ist.
Alles andere stimmt ganz genau mit der Wahrheit überein. Heinrich
III. wurde 1589 ermordet, einem Jahre, das besonders durch Bürger-
und Religionskrieg verhängnisvoll sich vor anderen auszeichnete
(pestilent). Die Revolutionäre waren damals tatsächlich sehr besorgt
(nubileux), denn der König zog ja vor Paris und hätte es unzweifelhaft
erobert und die Ligisten vernichtet, wäre die Mörderhand nicht
dazwischen gekommen[190].
Geradezu bewundernswert ist das »Tien’qui tiendra«, wenn wir Heinrich
IV., damals noch König von Navarra, substituieren. Er, der später die
Krone tragen wird, soll nur ja nicht loslassen! Das wird allerdings
seinen großen Gegnern, Philipp II., Mayenne, Herzog von Aumale und
den anderen katholischen Herren wenig angenehm sein. Tatsächlich
überschritt Heinrich IV. das Ziel, das die Spötter von der Partei der
Guise ihm gesteckt hatten in jeder Hinsicht durch die Macht, die er,
der einstige Kalvinist und Herr des kleinen Navarra, als König ausübte.
Daß dieser Quatrain im vollen Umfange in Erfüllung gegangen ist, wird
ja kaum jemand bestreiten wollen. Da das erst 25 Jahre nach dem Tode
des Sehers eintrat, ist Kombination ausgeschlossen und der Beweis für
die Existenz echter Prophetie wäre hinreichend erbracht.
Doch wir wollen uns nicht mit der Feststellung der Tatsache begnügen,
sondern auch den Umfang der Gabe zu bestimmen versuchen. Die schwersten
Proben werden zweifellos richtige Angaben von Namen und Jahreszahlen
sein. Denn gegen die tatsächlichen Vorgänge werden unverbesserliche
Skeptiker immer wieder anführen können: irgend etwas ereignet
sich immer mal in der Weltgeschichte, und sei es die verwegenste
Konstruktion, zumal wenn man – wie bei Nostradamus – zwei Jahrtausende
Zeit hat, seine Auswahl zwecks Identifikation zu treffen. Da hier der
Gegenbeweis sehr schwer wäre, wollen wir also durch Namen, die sich in
der Weltgeschichte durchaus nicht wiederholen und stets Identifizierung
der Nation, häufig auch sogar Datierung gestatten, dem Gegner die
Rückzugslinie abschneiden.
Der 18. Quatrain der IX. Zenturie lautet:
Le lys Dauffois portera dans Nanci
Jusques en Flandres electeur de l’Empire;
Neusve obturée au grand Montmorency,
Hors lieux prouvés delivré à clere peyne[191].
An Namen ist hier kein Mangel. Übersetzen wir nun mit Le Pelletier (I.,
p. 113):
»Die Lilie des (bisherigen) Dauphin (die Lilie war bekanntlich das
Wappen der Bourbons; Dauffois ist Synkope für Dauphinois = Dauphin)
wird nach Nancy kommen und wird bis nach Flandern einen Kurfürsten des
Reiches unterstützen (portera = supportera).
Neues Gefängnis (obturée lateinisch = obturare, einsperren) dem großen
Montmorency.
Außerhalb des dazu bestimmten Ortes (prouvés für approuvés) wird er
ausgeliefert werden dem Clerepeyne (oder: einer berühmten Strafe).«
Alle angegebenen Daten und Namen passen auf Ludwig XIII., den wir auch
aus einem anderen Grunde mit dem lys-Dauffois identifizieren müssen.
Seine Truppen drangen am 24. September 1633 in Nancy ein und der
König selbst folgte am andern Tage. Daß Nancy, die Hauptstadt des
Herzogtums Lothringen, =nicht= zu Frankreich gehörte, es sich vielmehr
um einen Kriegszug handelt, weil Lothringen französische Rebellen
unterstützte, ist immerhin erwähnenswert. Er drang im Jahre 1635 bis
nach Flandern vor, um die Sache des Kurfürsten von Trier, der 1635
in spanische Gefangenschaft geraten und nach Brüssel entführt worden
war, zu unterstützen. Und zwar war diese Gefangennahme Anlaß der
Kriegserklärung und Ludwig belagerte Löwen in Flandern. Etwa um die
gleiche Zeit – im Jahre 1632 – wurde Heinrich II. Montmorency wegen
Rebellion gegen seinen Herren Ludwig XIII. im neu erbauten Gefängnis
des Rathauses in Toulouse eingesperrt (neusve obturée). Darauf wurde er
einem Soldaten namens =Clerepeyne= übergeben, der ihm =nicht= an dem
dafür bestimmten Orte (hors lieux prouvés), das wäre der Stadtplatz,
place du Salin, in Toulouse gewesen, sondern – als Gnade – im
verschlossenen Hofe des Rathauses am 30. Oktober 1632 den Kopf abschlug
vor der Statue seines Paten, Heinrichs IV., dem sein Vater zum Teil
die Krone Frankreichs verdankte. Auch ersteres war eine Gnade, die die
Familie Montmorency beim König erwirkte, daß nämlich der Verurteilte
von der entehrenden Hand des Henkers verschont bleiben sollte.
Was den Namen des Soldaten betrifft, so bezeugt der =Zeitgenosse=
Etienne Joubert[192] dieses Faktum nicht minder, wie der Chevalier
de Jant, wie Le Pelletier feststellt. Motret[193] hat diesem höchst
merkwürdigen Sachverhalt, merkwürdig insofern als jedes Wort des
Nostradamus in verblüffender Weise durch die nachträglichen Ereignisse
bestätigt wurde, eine eingehende Untersuchung gewidmet.
Übrigens haben wir hier neuerdings ein Beispiel für die ungeheure
Schwierigkeit, ja Unmöglichkeit die Quatrains zu deuten, bevor sie sich
erfüllt haben. clere peyne würde – auch wenn es nicht der Familienname
des mit der Exekution betrauten Soldaten gewesen wäre – einen völlig
zutreffenden Sinn geben. Denn es ist zweifellos eine berühmte Strafe,
wenn ein Herzog hingerichtet wird.
Zugetroffen sind also in diesem Quatrain: 1. der Name Dauphin, da
Ludwig XIII. seit einem Jahrhundert d. h. seit dem Jahre 1566, als die
IX. Centurie erschien, der =erste= König von Frankreich war, der vor
seiner Thronbesteigung diesen Titel geführt hatte.
2. Die Ortsnamen Nancy, das der König eroberte, und Flandern, in das er
eindrang, womit implicite auch zwei Kriege richtig prophezeit sind.
3. Die Person des Kurfürsten, der den Krieg verursacht hatte.
4. Der Name Montmorency, mit dessen Tode die Hauptlinie des uralten
Geschlechtes erlosch, und der mit Recht »der Große« heißt[194]. Denn
mit 17 Jahren war er bereits Admiral, zeichnete sich bei der Eroberung
von La Rochelle aus und setzte 1630 den Grafen Doria gefangen.
5. Der Name des hinrichtenden Soldaten Clerepeyne.
Endlich die Nebenumstände als: Neubau des Rathauses, die Hinrichtung
außerhalb der Richtstätte und zwar nicht durch Henkershand, sondern
durch einen Soldaten.
=Der Beweis, daß Nostradamus die Namen, und zwar gleich eine ganze
Reihe, richtig zu bestimmen wußte, ist durch dieses Quatrain über jeden
Zweifel sicher erbracht.=
Nun wir diese Gewißheit erlangt haben, werden wir auch nicht mehr
zögern, den Namen »Doux« oben richtig in den Eigennamen des Mörders
Clement aufzulösen. Aus welchen Gründen Nostradamus damals das Synonym
wählte, vielleicht, weil das Ereignis zu nahe seiner Lebenszeit lag,
bleibe dahingestellt.
Schon jetzt wird niemand es Vermessenheit nennen können, wenn wir
Nostradamus die Gabe der Prophetie in hohem, ja, wie wir noch sehen
werden, in bisher nie wieder erreicht hohem Grade zuerkennen.
Es handelt sich bei ihm nicht um ein Tappen im Dunkeln, um ein
Herumraten und Aufstellen von Luftschlössern, deren Realisierung er
der Weltgeschichte überläßt. Es ist durchaus unzulässig anzunehmen –
wie wir das früher hypothetisch taten – daß die Prophezeiungen nur
deshalb zum Teil in Erfüllung gehen, weil eben alles, was Menschen sich
nur ausdenken können, irgend einmal und irgendwo in der Geschichte
greifbare Gestalt annimmt.
Das Gegenteil ist der Fall: Der Seher sieht hell in die Zukunft. Aber
er hat Gründe, seine Sprüche so zu redigieren, daß sie erst nach ihrer
Erfüllung verstanden werden können. Er weiß also viel mehr, als er
sagt. Noch ein paar Beispiele mögen den Beweis unterstützen. Dabei
möchten wir bemerken, daß von den annähernd zwei Jahrtausenden,
auf die sich die Prophezeiungen erstrecken, ja erst dreieinhalb
Jahrhunderte verflossen sind, so daß es ganz selbstverständlich ist,
daß auch erst ein Bruchteil der Quatrains hat identifiziert werden
können. Immerhin sind es schon gegen 200, die Le Pelletier sammelte und
die neuerdings noch vermehrt werden konnten. Für unsere Beweisführung
würde freilich ein einwandfrei feststehender Fall genügen – und wir
haben deren ja schon eine stattliche Reihe – aber wir setzen voraus,
daß der Leser, dem Zeit und Lust fehlen, bei Le Pelletier sich zu
informieren, einiges Interesse an weiteren Voraussagen hat.
Der 92. Quatrain der II. Centurie lautet:
»Feu couleur d’or du ciel en terre veu,
Frappé du haut nay, faict cas merveilleux,
Grand meurtre humain: prins du grand le nepveu,
Morts d’espactacles éschappé l’orgueilleux.«
Zu deutsch:
Goldfarbenen Feuerschein sieht man vom Himmel bis zum Erden,
Geschlagen vom Hochgeborenen, wunderbares Geschehnis,
Großes Menschengemetzel: Gefangen genommen wird der Neffe des Großen,
Der Stolze entgeht einem aufsehenerregenden (theatralischen) Tode.«
Da »Le nepveu« (neveu) der ständige Name =Napoleons= III. bei
Nostradamus ist, wird auch der Geschichtsunkundige ohne Schwierigkeit
feststellen können, daß die Katastrophe von =Sedan= gemeint ist.
Jedes Wort stimmt hier wieder. Das brennende =Sedan als Hintergrund=.
Der Hochgeborene, eigentlich der Höhergeborene, ist König Wilhelm
I., ein treffender Gegensatz zu der kurzen Familiengeschichte des
Franzosenkaisers. Der Fall der Gefangennahme einer so großen Armee
war tatsächlich ein wunderbares Vorkommnis. Die Weltgeschichte bietet
hierzu bis zum heutigen Tage kein weiteres Beispiel. Besonders
verblüffend, mehr noch als die Vorhersage der furchtbar blutigen
Schlachten und der Gefangennahme des Neffen des großen Napoleon ist
die letzte Zeile. Bekanntlich war es dem dritten Napoleon vollkommener
Ernst, als er in dem berühmten durch den Grafen Reille Wilhelm I.
überreichten Briefe schrieb: »N’ayant pas pu mourir au milieu de mes
troupes etc.« Er hatte den Heldentod gesucht, aber das Schicksal war
grausam genug, dem unglücklichen Manne diese letzte Gunst zu versagen.
»Morts d’espactacles« nennt es Nostradamus, gemeint ist dasselbe.
Die Worte »faict cas merveilleux« scheinen, wie Albert Kniepf, der
zuerst den Quatrain identifizierte[195] bemerkt, eine Reminiszenz an
1806 und Jena zu sein.
Le Pelletier hatte seine Erläuterungen zu den Quatrains am 1. Januar
1867 abgeschlossen und bemerkt, daß er sich in bezug auf die Zukunft
des Kaisers »eine gewisse Reserve auferlege, da einige Quatrains sich
noch auf dessen Fatum kurz über lang zu beziehen scheinen«[196]. Er
hatte also augenscheinlich diese Vorhersage, die nicht allzuschwer
zu identifizieren war, nachdem man wußte, daß »le neveu«, der Neffe
des großen Napoleons war, schon bemerkt, verschwieg sie aber aus
persönlichen Gründen. Eine Vorsicht, die also nicht nur Nostradamus
walten ließ, als er seine Vorhersagen möglichst verdunkelte, die
noch bis zum heutigen Tage jeder Seher beobachtet. Es ist ja sehr
naheliegend, aus welchen Gründen.
Der 34. Quatrain der IX. Centurie lautet in der im Todesjahre
des Nostradamus (1566) zu Lyon erschienenen Ausgabe von Rigaud
folgendermaßen:
Le part soluz mary sera mitré
Retour: conflict passera sur le thuille
Par cinq cens: un trahyr sera tiltré
Narbon: et Saulce par coutaux avous d’huille.
Le Pelletier, der seine Ausgabe aufs sorgfältigste nach dem alten Druck
von Pierre Rigaud (Lyon 1558–1566) mit den Varianten der folgenden
Ausgaben hergestellt hat, erklärt die altfranzösischen etc. Ausdrücke
wie folgt:
Part ist = époux, Gatte; soluz = solus, lateinisch: also seul, allein;
mary = affligé, betrübt, par in der letzten Zeile ist soviel wie parmi,
unter; coutaux = lateinisch custos, Wächter, Hüter. Avous = lateinisch
avus, aieux, Vorfahren. Tiltré = tituliert.
Demnach heißt der Vierzeiler: Der Gatte wird einsam betrübt mit
der Mitra geschmückt werden nach seiner Rückkehr. Ein Angriff wird
geschehen auf den Tuille durch fünfhundert: ein Verräter wird sein
Narbon mit hohem Titel und Saulce unter seinen Vorfahren Hüter des Öls
(habend).
Die Sprache ist zweifellos höchst dunkel. Das Wort hat eben, wie
Bormann, der diesem Quatrain eingehende Untersuchungen widmet,
denen wir uns nachstehend anschließen[197], richtig bemerkt, in der
gedrängten Orakelsprache oft weittragenden Sinn unter Bezug auf lange
Begebenheiten.
Wenn wir allerdings die historischen Begebenheiten als Auflösung in die
Rechnung einsetzen, dann sind wir gezwungen, die Prophezeiung zu den
verblüffendsten zu rechnen, die überhaupt möglich sind.
Am 20. Juni 1791 ereignete sich bekanntlich die Flucht des Königs
Ludwigs XVI. von Frankreich und seiner Gemahlin Marie Antoinette.
Genau ein Jahr später, am 20. Juni 1792 fand die Massendemonstration
der Jakobiner gegen den König statt und der Einfall eines Pöbelhaufens
in die Tuilerien. Dabei wurden der König sowie seine Gemahlin nicht
nur beschimpft, sondern ihnen auch die rote Jakobinermütze aufs Haupt
gesetzt, bzw. er setzte sie sich nach anderen Berichten selbst auf.
Jetzt hat der erste Satz einen erstaunlichen Sinn erhalten, wie kaum
jemand wird bestreiten können. Er heißt also: Der betrübte Gatte,
nämlich Ludwig XVI., wird allein – denn er war von der Königin
getrennt, die im Beratungssaal der Minister ähnlichen Kränkungen
wie der König im Saale Oeil de Boeuf ausgesetzt war – mit der Mütze
geschmückt nach seiner Rückkehr. =Jedes Wort stimmt!=
Übersetzt man mit Bormann mitré mit Infuliert, was durchaus zulässig
wäre, so würde die bittere Ironie desto drastischer wirken, da hier
statt des Priesters der »Gatte« infuliert wird. Übrigens sei bemerkt,
daß die bischöfliche Mitra gleich der Jakobinermütze rot ist.
Der eigentliche Angriff auf die =Tuilerien= (le thuille) erfolgte
in der Nacht vom 9. auf den 10. August 1792, als die sogenannten
=Fünfhundert= féderés marseillais, die den schlimmsten Auswurf
der großen Hafenstadt enthielten, sich in die Hauptstadt ergossen
hatten. Die Folge war bekanntlich die Niedermetzelung der tapferen
Schweizergarde sowie die Gefangennahme des Königs und das Ende des
Königtums. Also sogar die =Zahl=, die ja den Mordbrennern ihren Namen
gab, wird im Quatrain =richtig angegeben=!
Ebenso der Ort. Katharina von Medici hatte erst kurz vor dem Tode des
Nostradamus (1564) an der Stelle, wo früher Ziegeleien standen – daher
der Name – den Grundstein zu den Tuilerien gelegt. Das Schloß wurde
später von den Königen erweitert. Bekanntlich war die gewöhnliche
Residenz nicht dieses Schloß, sondern das von Versailles, das Ludwig
XIV. mit ungeheurer Pracht und Verschwendung gebaut hatte. Ludwig XVI.
war erst, dem Zwange folgend, am 5. Oktober 1789 in das Pariser Schloß
übergesiedelt. Berücksichtigt man noch, daß das älteste Königsschloß
der Louvre war, so ist diese Ortsbestimmung nur desto verblüffender.
Als Nostradamus seine Prophezeiungen schrieb, ja als sie – 1566 –
bereits im Druck erschienen, existierten die Tuilerien noch gar nicht.
Um das Rätselhafte der Prophezeiung voll zu machen, wollen wir noch auf
die Namen eingehen.
Narbon »mit hohem Titel« wird als »Verräter« bezeichnet. Dieser Narbon
ist natürlich identisch mit Louis Graf Narbonne-Lara (1755–1813), der
vom Dezember 1791 bis 10. März 1792 Kriegsminister Ludwigs XVI. war.
Seine Mutter, aus spanischem Geschlecht, war eine natürliche Tochter
Ludwigs XV. Er selbst wurde am königlichen Hofe in Frankreich erzogen
und auf alle Weise bevorzugt, wie ja schon daraus hervorgeht, daß er im
Alter von 36 Jahren ein Minister-Portefeuille inne hatte.
Da er über den Parteien stehen wollte und sowohl dem Königtum, wie
der neuen Verfassung gerecht zu werden trachtete, das Königtum im
Kriege gegen das Ausland, Österreich und Preußen, stärken wollte und
gleichzeitig vor der Nationalversammlung Reden voll Elan über die
militärischen Hilfsmittel Frankreichs hielt, wurde er von beiden
Parteien verdächtigt. Der König entließ ihn unter dem Einfluß der
Hofkreise kurzer Hand durch einen lakonischen ungnädigen Brief.
Ein Verräter war der Graf, der am 10. August von den Jakobinern fast
umgebracht worden wäre, dann nach England floh, später in die Dienste
Napoleons trat und dessen Gesandter in Wien wurde, sicherlich nicht.
Da nun aber, wie Kiesewetter in einer Untersuchung der Prophezeiungen
des Nostradamus feststellt, diese durchgehends vom royalistischen
Standpunkt aus geschrieben sind, ist es begreiflich, daß unter diesem
Gesichtswinkel der Enkel Ludwigs XV., der nicht =unbedingt= seinem
König durch dick und dünn beisteht, sondern über den Parteien schweben
will, als Verräter gilt.
Der andere Verräter ist Saulce »unter seinen Ahnen Hüter des Öls«.
=Auch dieser Name ist historisch.=
Sauce, ohne l, hieß nämlich der Krämer und Gastwirt in Varennes, der
Ludwig XVI. auf der Flucht erkannte und anhalten ließ. Wie Le Pelletier
feststellte, waren schon die Vorfahren von Sauce seit langem Inhaber
dieses Krämerladens. Wie Madame Campan[198] erzählt, saß in diesem
Laden Marie Antoinette zwischen zwei Paketen Talglichtern im Gespräch
mit der Frau des Inhabers Sauce. Was das »Hüter des Öls« betrifft,
so entspricht dieser Ausdruck, wie auf der Hand liegt, etwa unserem
»Heringsbändiger«. Er soll als despektierliche Bezeichnung des kleinen
Krämers im Gegensatz zum vornehmen Narbonne dienen.
Übrigens wurde der Verrat des Sauce, bestehend in der Verhinderung
der Flucht des Königs am 18. August 1791, durch Beschluß der
Nationalversammlung feierlich anerkannt und durch eine Dotation von
20000 Livres belohnt.
Hyperkritikern, die aus der Namensverschiedenheit bzw. der
verschiedenen Schreibweise Saulce und Sauce Einwände herleiten zu
können glauben, sei eröffnet, daß beide Worte dasselbe bedeuten,
nämlich Brühe, und daß der Ausfall eines Konsonanten im modernen
Französischen gegenüber dem hochmittelalterlichen eine außerordentlich
häufige Erscheinung ist.
Der überaus erstaunliche Inhalt des Quatrain legt den Verdacht nahe, es
handle sich hier um eine Fälschung, d. h. er sei erst nachträglich von
einem Verehrer des Nostradamus eingeschoben worden. Da mit der Echtheit
dieser Vorhersage eines unserer Hauptargumente für die Existenz eines
wirklichen Fernsehens in der Zeit steht und fällt, dürfen wir uns keine
Mühe verdrießen lassen, die Frage aufs gründlichste zu untersuchen.
Le Pelletier hat zu Beginn des I. Bandes seiner großen Nostradamusausgabe
eine lange Reihe alter Drucke angeführt. Er benützte davon die erste
unvollständige Ausgabe der »Centuries« von 1555 (Lyon Macé Bonhomme),
die äußerst selten ist, ebenso die erste vollständige Edition, die
Pierre Rigaud von 1558 bis 1566 in Lyon druckte. Von letzterer befindet
sich ein Exemplar in der Pariser Nationalbibliothek, in der die beiden
ersten Verse des Vierzeilers am Schluß der Seite 144, die beiden
folgenden am Anfang der Seite 145 in Wortlaut und Schreibweise, wie wir
sie oben gaben, stehen.
Da es nun von hohem Wert wäre, zu wissen, ob diese Ausgabe wirklich
in den angeblichen Erscheinungsjahren herauskam und es sich nicht um
eine Fälschung handelt, die später zurückdatiert wurde, wandte sich Dr.
Bormann an die Nationalbibliothek, von der er folgende Auskunft erhielt:
»Quant à la date de l’entrée à la Bibliothèque des ›Prophéties de
Nostradamus‹ de 1566, il ne m’est pas possible de la préciser. Tout ce
que je puis vous dire, c’est que le vol. est depuis longtemps sur nos
rayons.
Paris, 10. Octobre 1908
Paul Marchal
Conservateur des Imprimés.«
Da diese Auskunft insofern unbefriedigend war, als »lange« noch
nichts Genügendes sagt, also immerhin die Möglichkeit einer Fälschung
nicht völlig von der Hand zu weisen wäre, sahen Bormann, wie auch
der Schreiber dieses die Kölner Ausgabe von 1689 an. Ihr Titel – ein
Exemplar befindet sich auf der Münchner Hof- und Staatsbibliothek
– lautet: »Les Vrayes Centuries et Prophéties de Maistre Michael
Nostradamus, où se void réprésenté tout ce, que s’est passé tant en
France, Espagne, Italie, Allemagne, Angleterre qu’autres parties du
monde. Reveuës et corrigées suivant les Editions imprimées à Lyon l’an
1644 et à Amsterdam 1668. Avec la vie de L’Autheur à Cologne, chez Jean
Volcker, Marchand libraire l’an 1689.«
Da diese Kölner Ausgabe bereits ein volles Jahrhundert vor den in
Frage kommenden Ereignissen erschienen ist und sich auf ältere
Editionen beruft bzw. sie nachdruckt, so ist =jede Fälschung vollkommen
ausgeschlossen=.
Wir sehen, daß selbst die vorsichtigste Kritik dieses erstaunliche und
in der Geschichte der Prophezeiungen wohl ziemlich vereinzelte Faktum
anzuerkennen gezwungen ist.
Meinen Nachforschungen auf der Münchner Hof- und Staatsbibliothek,
die von Herrn Oberbibliothekar Dr. Leidinger in der liebenswürdigsten
Weise gefördert wurden, gelang es nun, noch die folgenden Ausgaben
aufzufinden und einzusehen[199]:
1. Mit dem Titel: »Les Propheties de M. Michel Nostradamus. Dont il y
en a trois cents qui n’ont iamais esté imprimés. Adioustées de nouveau
par ledit Autheur. A Lyon chez André Olier, en ruë Tupin.«
Auf dem Titelblatt befindet sich ein Holzschnitt, Nostradamus
darstellend, der, wie Dr. Leidinger, Bibliothekar Fr. Freys und ich
feststellen konnten, dem =ausgehenden 16. Jahrhundert= angehört.
Der 34. Quatrain der IX. Centurie ist durch Druckfehler zum 24.
geworden. Daß nur ein Druckfehler vorliegt, ist zweifellos, weil der
vorangehende Quatrain als 33., der folgende als 35. bezeichnet ist. Er
befindet sich auf der 135. Seite und lautet genau so, wie wir den Text
wiedergaben.
2. Eine Ausgabe vom Jahre 1665, zu Lyon erschienen, mit genau demselben
Titel wie die vorige. Unser 34. Quatrain befindet sich auf S. 135 und
lautet, wie bekannt, mit der einzigen Änderung, daß »thuile« mit einem
l geschrieben ist, daß bei »trahyr« das Schluß-r fehlt und daß es in
der vierten Zeile coûteaux heißt, also mit Akzent cirkumflex.
3. Eine Ausgabe mit folgendem Titel: »Les Vrayes Centuries et
Propheties de Maistre Michael Nostradamus, où se void representé
tout ce qui s’est passé, tant en France, Espagne, Italie, Alemagne,
Angleterre, qu’autres parties du monde. Reveuës & corrigées suyvant les
premieres Editions imprimées en Avignon en l’an 1556 et à Lyon en l’an
1558. Avec la vie de l’Autheur. Imprimé à Leyde, chez Pierre Leffen,
l’An 1650.«
Diese Leydener Ausgabe, in der unser 34. Quatrain der IX. Zenturie auf
S. 136 steht, hat einige kleine Abweichungen vom guten alten Text. Hier
lauten die Verse:
La part sous mary sera mitré,
Retour conflict passera sur la thuille:
Par cinq cens un trahyr sera tiltré,
Narbon et Saulce par coutaux avous d’huille.«
Die Kölner Ausgabe endlich von 1689, in der unser Quatrain sich auf S.
155 befindet, schreibt wie der alte Olier mit der Abweichung, daß das
erste Wort Lepart heißt und später »trahyt« geschrieben wird.
In Summa sind die Abweichungen also außerordentlich minimal.
Erwähnen wir nun noch, daß diese Bücher im Jahre 1803 aus den
säkularisierten Klöstern in die Staatsbibliothek kamen und daß
sie handschriftliche Eintragungen der Eigentümernamen in den
charakteristischen Zügen früherer Jahrhunderte aufweisen, dann muß
auch der größte Skeptiker zugeben, daß an der Authentizität der
Druckwerke ein Zweifel unmöglich ist.
Wir begnügen uns aber keineswegs mit der einwandfreien Feststellung,
daß die genannten Ausgaben vor 1791 erschienen, sondern legen das
größte Gewicht auf die Konstatierung, daß wir die =Originalausgabe=
benutzten und daß =alle= Quatrains, auf die wir in diesem Kapitel Bezug
nehmen, bereits in ihr enthalten sind.
Daß es sich bei der unter 1. oben genannten Ausgabe, ebenso bei der
früher zitierten der 8. bis 10. Centuries, die Baudraud veranstaltete,
um die =Originale= handelt, oder, vorsichtiger ausgedrückt, daß =diese
Ausgaben ganz zweifellos aus dem 16. Jahrhundert stammen=, was ja für
uns das Ausschlaggebende ist, geht nicht nur aus dem Titelblatt hervor
– das ja gefälscht sein könnte – es ist auch einwandfrei feststellbar
an den Drucktypen, Papier, Wasserzeichen usw. Das bestätigten mir
so hervorragende Kenner wie die Herren Oberbibliothekar Dr. Georg
Leidinger, Vorstand der Handschriftenabteilung, und Bibliothekar Dr.
Freys, Herausgeber der neuen großen Inkunabeledition. Ich legte den
Herren das dortige Exemplar vor, ohne zu sagen, worauf es für mich
ankäme, um ihr Urteil nicht zu beeinflussen, und erhielt die Auskunft,
daß es sich zweifellos um einen Druck =vor= 1600 handelt.
Damit ist jeder Einwand gegen unser Material widerlegt.
Um kurz den jetzigen Stand unserer Beweisführung zu rekapitulieren: Wir
bewiesen, daß Nostradamus in zahlreichen Fällen weltgeschichtliche
Ereignisse vorhergesehen hat. Den Einwand, daß sich schließlich alles
einmal ereignen wird, daß wir daher mit der Deutung eines Geschehnisses
auf ein bestimmtes Quatrain, eine Selbsttäuschung begingen, widerlegten
wir dadurch, daß wir nachwiesen, Nostradamus habe sogar die Namen der
handelnden Personen gekannt.
Das ist so ungeheuerlich und geradezu unheimlich, daß der
nächstliegende Einwand der sein wird, das Material sei gefälscht,
es handle sich gar nicht um Vorhersagen des Nostradamus, sondern um
Einschiebsel. Diesen sehr begreiflichen Zweifel brachten wir zum
Schweigen durch Hinweis auf die Originalausgabe und zahlreiche andere,
die sich auf den Druck des 16. Jahrhunderts stützen und dabei sämtlich
die einschlägigen Quatrains enthalten.
Wenn wir jetzt noch die Existenz der Prophetie bestreiten wollen – den
Einwurf, es handle sich hier um Berechnung, wird niemand machen – so
bleibt nur mehr der arme, berühmte, zu Tode gehetzte Zufall.
Gegen ihn holen wir nun zum vernichtenden Schlage aus.
Betrachten wir noch einmal den 18. Quatrain der IX. Centurie: Die
ersten beiden Zeilen lassen sich schwer oder gar nicht in eine
Wahrscheinlichkeitsrechnung einfangen; wohl aber die beiden folgenden,
wenigstens teilweise.
Dem großen Montmorency wird Gefängnis und Tod durch die Henkershand des
Clerepeyne vorhergesagt. Das trat 1632 ein, also rund 80 Jahre nach der
ersten Veröffentlichung der Prophezeiungen.
Für diese zweieinhalb Generationen kommen nun acht Montmorency
in Frage, da die Familie in diesem Zeitraum nicht mehr männliche
Mitglieder hatte[200]. Von diesen aber genau genommen auch nur Heinrich
II., da er damals der einzige war, der mit einigem Recht den Beinamen
»der Große« führt. Da das damalige Frankreich etwa 20 Millionen
Einwohner zählte, in zweieinhalb Generationen also 50 Millionen,
erhielten wir als Dividend diese Zahl. Um aber auch den Anschein,
wir rechneten zu günstig, zu vermeiden, wollen wir diese Zahl durch
10 dividieren. Denn es ist ja immerhin möglich, daß wir nicht alle
männliche Sprossen gefunden haben, sowie die Hälfte, weil weiblich,
abziehen.
Die so gewonnene Zahl 2½ Millionen müssen wir mit der, der im
Jahre 1632 existierenden Clerepeyne multiplizieren. Dieser Name ist
außerordentlich selten. Wenn wir daher annehmen, daß es damals in
Frankreich fünf gab[201], die so hießen und alles Männer waren, die als
Soldaten oder Henker in der Lage waren eine Exekution auszuführen –
was sicherlich niemand glauben wird – so müssen wir die Einwohnerzahl
von 20 Millionen durch 5 dividieren und erhalten dann, nach Abzug der
weiblichen, 2000000.
Jetzt können wir folgende Wahrscheinlichkeitsrechnung aufstellen:
Die Wahrscheinlichkeit, daß Nostradamus die Namen Montmorency und
Clerepeyne durch glücklichen Zufall richtig erriet, ist gleich
1 : 2½ Millionen mal 2000000 also = 1 : 5000 Milliarden, eine
=vierzehnzeilige Zahl=!
Dabei lassen wir alle Nebenumstände, das neue Gefängnis, die ungewohnte
Stätte usw. usw. völlig außer acht, ganz davon zu schweigen, daß
die erste Hälfte dieses Quatrain die wunderbarsten gleichzeitig
eingetroffenenen Voraussagen enthielt.
Anders ausgedrückt: wer immer noch glaubt, daß Nostradamus durch Zufall
die Namen richtig ermittelte, muß sich klar machen, daß er =eins gegen
5000 Milliarden Wahrscheinlichkeiten wettet=.
Um das an einem Beispiel klar zu machen:
Die Wahrscheinlichkeit, daß Nostradamus zufällig die beiden Namen
erriet, ist etwa um 20 Millionen mal kleiner als die, daß jemand auf
der Fahrt von Berlin nach München tödlich verunglückt!
Rechnen wir also hier mit dem Zufall, dann müssen wir selbstverständlich
alle unsere Fahrpläne abschaffen, die Post hat ihren Betrieb
einzustellen usw. usw., weil es hier stets die Zahl der günstigen Fälle
um das Vielmillionenfache unwahrscheinlicher ist, als im Falle
Montmorency-Clerepeyne.
Noch grandioser wird die Rechnung beim 34. Quatrain der IX. Centurie.
Zwischen dem Erscheinungsdatum der Prophezeiungen und dem Eintritt des
Ereignisses 1791 liegen 2¼ Jahrhunderte oder rund 7 Generationen.
Damals hatte Frankreich eine ungefähre Bevölkerung von 30 Millionen
oder, des leichteren Rechnens wegen, von 28 Millionen. Wenn wir diese
Zahl nun durch die 7 überhaupt in Frage kommenden Generationen der
Grafen Narbon dividieren, erhalten wir als Koeffizienten die Zahl 4
Millionen, von denen die Hälfte als weibliche Personen ausscheidet.
Dabei ist bemerkenswert, daß m. W. die Familie zur Zeit des Nostradamus
noch gar nicht existierte.
Das heißt mit anderen Worten: Daß Nostradamus gerade auf den Namen
Narbon verfiel, statt einen anderen zu wählen ist – als Zufall
betrachtet – eben so groß, wie der aus 2 Millionen Losen, den
Haupttreffer bei einmaligem Wählen zu finden.
Waren wir über die Zeit und demgemäß auch über die Generation, der
Narbon angehörte, im ungewissen, so ist so viel sicher, daß Sausse sein
Zeitgenosse ist. Wieviele Sausse es damals in Frankreich gab, entzieht
sich natürlich meiner Kenntnis. Aber so viel ist sicher, daß der Name
äußerst selten ist. Nehmen wir nun an, daß es 5 Sausse damals gegeben
habe, die alle – also exorbitant hoch gegriffen – Krämer waren, ja,
sogar schon seit Generationen! dann erhalten wir folgende Rechnung:
Die Einwohnerschaft von 30 Millionen dividiert durch 5 ergibt als
Koeffizienten 6 Millionen, wovon die Hälfte als weiblich ausscheidet.
Diesen müssen wir mit den vorher gewonnenen multiplizieren, um die
Wahrscheinlichkeit von 6000 Milliarden zu erreichen.
Aber das ist keineswegs alles, selbst wenn wir von den geschichtlichen
Vorgängen, die zahlenmäßig nicht faßbar sind, absehen. »Thuille«
Tuillerien, gab es nur einmal. Demnach müssen wir die Zahl von 6000
Milliarden mit der aller damals in Frankreich befindlichen Gebäude,
oder doch zum mindesten aller Schlösser – denn jedes hätte Schauplatz
des Kampfes sein können – multiplizieren. Nehmen wir nur an, das
damalige Frankreich habe 10000 Schlösser besessen, was annähernd
richtig sein dürfte, dann gelangen wir zu folgender Rechnung:
Die Wahrscheinlichkeit die Namen und den Schauplatz der Tuilerien zu
erraten = 1/(10000 · 6000,000,000,000). Berücksichtigen wir den übrigen
Inhalt des Quatrain, das mitré, ein Fall, der in der Geschichte ohne
Analogen ist usw. usw., so werden wir sagen können
w = 1/∞ = 0.
_Wenn also das früher angeführte Beispiel der Münzen richtig ist,
dann haben wir hier streng mathematisch den Beweis erbracht, daß
Zufall praktisch unmöglich ist und Nostradamus ein echter Prophet war,
ausgerüstet mit der Gabe des zeitlichen Fernsehens._
Nicht um weiteres Beweismaterial anzuführen, was nach Vorstehendem ganz
überflüssig wäre, sondern lediglich des historischen Interesses wegen,
wollen wir noch einige Quatrains mitteilen.
Geradezu unheimlich in seiner Fülle grausiger Gesichte ist der 20.
Quatrain der IX. Centurie:
»De nuict viendra par la forest de Reines
Deux pars, vaultorte, Herne la pierre blanche,
Le moyne noir en gris dedans Varennes:
Esleu Cap. cause tempeste, feu, sang, tranche.
Des Nachts werden kommen durch die Pforte der Königin (forest =
lateinisch fores, Pforte)
Zwei Ehegatten (pars = époux), Irrweg (vaultorte romanisch,
zusammengesetzt aus vaulx = vallée und de torte = tortueuse), die
Königin (Herne ist Anagramm von reine mit Ersetzung des i durch h),
der weiße (Edel)stein,
Der verlassene (moyne, griechisch aus monos, allein) König (noir ist
Anagramm von roi mit Zufügung des n) in grau (gekleidet). Sie
(werden) in Varennes (ankommen)
Die Wahl des Kapetingers (Cap. = Capet) ist Ursache des Sturmes,
Feuer, Blut, Hackmesser (tranche ist romanisch).«
Der Kommentar, den ja der Leser im Geiste selbst geben wird, läßt
=jedes= Wort als zutreffend gewählt erkennen.
König Ludwig XVI. und die königliche Familie verließen in der Nacht
vom 20. zum 21. Juni 1791 die Tuilerien durch eine Geheimtüre des
Appartement der Königin. Die Gazette nationale (Moniteur Universel)
vom 14. Juli 1791 erzählt dieses Detail. Diese Flucht, die in Varennes
endete, war bekanntlich ein »Irrweg«, denn die königliche Familie wurde
gefangen genommen und nach Paris zurück geführt. Hätte der König, wie
er vor hatte, die Straße nach Verdun eingeschlagen, statt nach links
(Varennes) abzubiegen, wäre der Ausgang vielleicht glücklicher gewesen.
Marie Antoinette trug ein weißes Kleid (pierre blanche), während der
König grau (gris) angezogen war. Übrigens könnte das »blanche« auch
eine Anspielung darauf sein, daß die Königin, wie Mme. Campan erzählt
(II, p. 150), in der einen Nacht der Unglücksflucht weiße Haare
bekommen hatte und plötzlich wie eine Siebzigjährige aussah. Sie hatte
einen Ring für die Prinzessin Lamballe machen lassen, in den einige
weiße Haare eingeschlossen waren. Er trug die Aufschrift: blanchis par
le malheur.
Der letzte Vers ist noch besonders inhaltreich. Die =Wahl= des
Kapetingers, d. h. die Verwandlung der absoluten französischen
Monarchie in eine Konstitutionelle, wie sie die Nationalversammlung
am 21. Juni 1791 und besonders am 1. September des gleichen Jahres
vorgenommen hatte, war in gewisser Beziehung sicherlich die Ursache
der folgenden Greuel. Ein eiserner, absoluter Monarch, der von seiner
Gewalt umfassenden Gebrauch gemacht hätte – was die Beseitigung vieler
Mißstände ja keineswegs ausgeschlossen hätte – würde jedenfalls der
Revolution in ihren Anfängen noch Herr geworden sein. Das letzte Wort
des Quatrain, Hackmesser oder Fallbeil war bekanntlich auch das Ende
des großen Dramas[202].
Recht merkwürdig ist auch folgender Quatrain (II. Centurie, Nr. 93),
den Le Pelletier noch nicht ganz richtig deuten konnte, weil er 1867
noch nicht in Erfüllung gegangen war:
»Bien près du Tymbre presse la Lybitine,
Un peu devant grand inondation:
Le chef du nef prins, mis à la sentine,
Chasteau, palais en conflagration.«
Sehr nach dem Tiber (Tymbre = Tiber) herrscht der Tod (Lybitine =
Libitina, Todesgöttin),
Etwas vorher große Überschwemmung:
Das Haupt des Schiffes (nef = naire, das Schifflein Petri) gefangen,
gesetzt auf den Grund des Schiffes (wo man die Gefangenen
unterbrachte!)
In ein Schloß, der Palast in Umwälzung[203].«
Bekanntlich eroberten die Italiener, nachdem sie in die Porta Pia
Bresche geschossen hatten, am 20. September 1870 Rom und beseitigten
die weltliche Herrschaft des Papstes. Was die Tiberüberschwemmung
betrifft, die im gleichen Jahre große Verwüstungen anrichtete, so fiel
sie allerdings auf den 10. und 28. Dezember, also kurz =nach= und
nicht, wie Nostradamus angibt, kurz =vor= dem politischen Ereignis
von welthistorischer Bedeutung. Er hat sich hier also in einem
unwesentlichen Punkte geirrt[204].
Bekannt ist die Fabel von der Gefangenschaft des Papstes im Vatikan.
Daß aber diese Fiktion bis zur Stunde von päpstlicher Seite aufrecht
erhalten wird, gibt dem Seher recht.
Der 100. Quatrain der X. Centurie lautet:
»Le grand empire sera par Angleterre
Le pempotam des ans plus de trois cens:
Grandes copies passer par mer et terre,
Les Lusitains n’en seront pas contens.«
Zu deutsch: Das große Reich England wird allmächtig (pempotam,
zusammengesetzt aus dem Griechischen und Lateinischen = πᾶς und potens)
sein mehr als drei Jahrhunderte.
Große Heere (copies-copia, Truppen lateinisch) werden zu Wasser und zu
Lande kommen.
Die Spanier (Lateinisch Lusitani) werden darüber nicht erfreut
sein[205].«
Berücksichtigt man, daß England, als Nostradamus dies schrieb,
noch klein und unbedeutend war, – hat ja Elisabeth erst die Flotte
geschaffen – während Spanien die Weltherrschaft besaß, um mit dem
Untergang der großen Armada 1588 eine Wunde zu empfangen, die nie mehr
ganz verheilen sollte, dann wird man nicht umhin können neuerdings zu
staunen. Wann die 3 Jahrhunderte abgelaufen sind, läßt sich nicht gut
voraussagen. Da von Englands Weltherrschaft erst nach dem Niederringen
der Niederlande, also seit der Mitte des 17. Jahrhunderts gesprochen
werden kann, würde ihm noch fast ein halbes Jahrhundert gegeben sein.
Napoleon I. und seinen Hof zum Gegenstand hat der 60. Quatrain der I.
Centurie:
Un Empereur naistra près d’Italie,
Qui à l’Empire sera vendu bien cher:
Diront avec quels gens il se ralie,
Qu’on trouvera moins prince que boucher[206].
Ein Kaiser wird in Italiens Nähe (Korsika!) geboren werden, der seinem
Reiche teuer zu stehen kommen wird.
Von den Leuten, mit denen er sich verbinden wird (die seinen Hof bilden
werden), wird man sagen, daß man dort weniger Prinzen, als Metzger
finden wird.
Ein Kommentar erübrigt sich!
Nun wird man noch sagen können, daß zwar Namen und Ereignisse bei
Nostradamus wunderbar stimmen, daß aber etwas sehr Wichtiges,
nämlich die Angabe der =Jahreszahl=, fehle. Dieser Einwurf ist um so
berechtigter, als es sich ja um astrologische =Berechnung= handeln
soll. Hier aber doch die Zahl leichter zu finden sein sollte, als etwa
der Name. Ja, aus dem Fehlen der Zahlenangabe könnte man zur Folgerung
verleitet werden, daß es sich gar nicht um Berechnung, sondern um
Hellsehen handelt, was ja =teilweise=, nach des Sehers eigener Angabe,
richtig ist.
Nostradamus hat selbst die Jahre der Ereignisse berechnet, und zwar bis
zum Schluß des angeblich ersten Geschichtsweltzeitalters im Jahre 3797
n. Chr. Was es mit diesem Schluß für eine Bewandtnis hat, können wir
ruhig dahingestellt sein lassen bzw. der Zukunft überantworten.
Die Daten teilt Nostradamus nicht mit bis auf zwei. Bevor wir sie
untersuchen, seien erst noch einige weniger klar ausgesprochene
Zahlenangaben mitgeteilt.
So bestimmt er die Regierungszeit des großen Napoleon ganz richtig auf
14 Jahre (vom 19. November 1799 bis zum 13. April 1814). Der Quatrain
ist der 13. der VII. Centurie und lautet:
De la cité marine et tributaire
La teste raze prendra la satrapie:
Chasser sordide qui puis sera contraire,
Par quatorze ans tiendra la tyrannie.
Zu deutsch: Der Mann mit den kurzen Haaren (so wird Napoleon
wiederholt bei Nostradamus genannt im Gegensatz zu den französischen
Königen, die lange Haare trugen, und weil er sich auch bekanntlich
sein langes Haar schneiden ließ zum Zeichen der Beendigung der
Revolutionszeit) wird die Gewalt (la satrapie) in der Seestadt (Toulon,
das cité marine auch in Cent. VIII, Quatrain 17 genannt wird), die
tributpflichtig ist bzw. war (nämlich den Engländern), an sich reißen.
Er wird die Gemeinheit vertreiben (wohl das Direktoire), die ihm von da
ab (puis = depuis) feindlich sein wird; =vierzehn Jahre lang= wird er
die Tyrannis ausüben[207].
Daß die Tatsachen richtig sind, wird niemand leugnen. Aber wie erklärt
es sich, daß auch die Jahre stimmen? Zufall?!
Für irgendeinen Zweifler an der Identität der Tête rasée mit Napoleon
wollen wir aus den diversen Quatrains, die aus dem Leben des großen
Korsen berichten, noch einen herausgreifen. Es ist der 88. der I.
Centurie und lautet[208]:
Le divin mal surprendra le grand Prince,
Un peu devant aura femme espousée:
Son appuy et credit à un coup viendra mince,
Conseil mourra pour la teste rasée.
Es handelt sich natürlich um die am 15. Dezember 1809 vollzogene
Scheidung von Josephine Beauharnais bzw. die Wiederverheiratung mit
Marie Luise. Wir übersetzen:
»Der göttliche Zorn wird den großen Fürsten schlagen,
Etwas vorher hat er eine Gemahlin genommen (zu lesen ist: le grand
prince aura espousé femme un peu devant que le mal divin le
surprenne),
Seine Macht und Ansehen werden plötzlich schwinden
Und die Klugheit (das Genie) wird ersterben beim kurzhaarigen Kopf.«
Wer sich an die bald nach der Verheiratung mit Marie Luise von
Österreich eintretenden Katastrophen, den russischen Feldzug usw.
erinnert, wird die Richtigkeit auch dieses Quatrain nicht bestreiten.
Der hartnäckige Zweifler möge im Index der großen Ausgabe von Le
Pelletier die auf die tête rasée bezüglichen Quatrains nachschlagen.
Doch gehen wir zu weiteren Zeitangaben über, nicht ohne
vorauszuschicken, daß Nostradamus die Jahre, in welchen seine
Vorhersagen in Erfüllung gehen sollten, zu kennen behauptet und
=absichtlich verschweigt=. Das bemerkt er einmal ausdrücklich.
Nun kann es niemand verwehrt werden, daran zu zweifeln, wenn es nicht
gelingen sollte, wenigstens durch Stichproben zu beweisen, daß der
Seher seine Fähigkeit nicht höher veranschlug, als sie es verdiente.
Außer Perioden, wie oben bei Napoleon, die sich häufiger finden, sind
mir aus Nostradamus drei positive Zeitangaben bekannt. Die erste finden
wir in einem der X. Centurie angehängten Quatrain der Ausgabe von 1605.
Quand le fourchu sera soustenu de deux paux,
Avec six demi-corps, et six sizeaux ouvers,
Le très puissant Seigneur, heritier des crapaux,
Alors subjuguera sous soy tout l’univers.
Zu deutsch:
Wenn die Gabel unterstützt sein wird von zwei Pfählen (paux ist Plural
von pal = pieu)
Mit sechs Halb-Hörnern (corps ist Schreibfehler statt cors) und sechs
offenen Scheren,
Dann wird der sehr mächtige Herr, Erbe der Kröten,
Sich unterwerfen das ganze Reich.«
Das ist heller Blödsinn. Daran ist auf den ersten Blick nicht zu
zweifeln. Bei einigem Nachdenken werden wir aber finden, daß die ersten
beiden Zeilen notwendig eine Zeitangabe enthalten müssen. Und das ist
auch tatsächlich der Fall.
Le Pelletier[209] löst in folgender absolut überzeugender Weise auf:
Der Buchstabe V kann sehr wohl als Gabel bezeichnet werden. Dann
entsteht, wenn wir in der Bildersprache fortfahren, durch Unterstützung
des V mit je einem Pfahl an der Seite der Buchstabe M. Der Zahlenwert
dieses lateinischen M ist aber 1000.
Ein Halb-Horn, d. h. die Hälfte eines Jagdhornes, bildet ein C, dessen
Zahlenwert 100 entspricht.
Ein Paar geöffnete Scheren bildet ein X mit dem Zahlenwert zehn. Dann
erhalten wir ein M, sechs C und sechs X zusammen schreibend, also
MCCCCCCXXXXXX die Jahreszahl 1660.
Die Kröte war das Wappentier der ersten Merowinger, das erst unter den
späteren durch die Lilie ersetzt wurde. Es handelt sich also um einen
König von Frankreich, und zwar um einen sehr mächtigen, nämlich Ludwig
XIV.
Dann aber heißt die Prophezeiung: Im Jahre 1660 wird der sehr mächtige
Herrscher, Erbe des merowingischen Wappens, unter sein persönliches
Regiment sein ganzes Reich bringen[210].
Und diese Prophezeiung stimmt. Denn nach dem Tode des allmächtigen
Kardinals Mazarin, am 9. März 1661, ergriff tatsächlich der Sonnenkönig
die Zügel der Regierung mit jener Energie, die ihn in der Geschichte
als Prototyp des absoluten Monarchen fortleben läßt.
Aber – wird man einwerfen können – das ist ja alles sehr geistreich,
doch müssen wir es so lange für Konstruktion halten, bis nicht aus ganz
klar und eindeutig ausgesprochenen Zahlenangaben mit zwingender Gewalt
hervorgeht, daß Nostradamus tatsächlich über die Zeit der Realisierung
seiner Prophezeiungen informiert war. Erst wenn wir das wissen, geben
wir auch zu, daß dieser Quatrain nur absichtlich dunkel gehalten
ist. Und zwar von einer Dunkelheit, die sein Verständnis vor seiner
Erfüllung geradezu zur Unmöglichkeit macht.
Glücklicherweise sind wir in der Lage, auch diesen Beweis mit
unbedingter Logik führen zu können.
Wie schon gesagt, wollte Nostradamus möglichst dunkel sein und warf
deshalb seine Quatrains, um ja keine chronologische Handhabe zu bieten,
kunterbunt durcheinander. Nur ein einziges Mal machte er eine Ausnahme:
Im Briefe an König Heinrich II., den er als Widmung der zweiten
Sammlung seiner Centuries vorausschickt und vom 27. Juni 1558 datiert.
Hier finden wir neben einer Zusammenstellung der wichtigsten und
sensationellsten Ereignisse auch die beiden Zahlenangaben. Der 89. der
kurzen Abschnitte – im ganzen sind es 118 – lautet:
»... et sera le commencement comprenant ce de ce que durera et
començant =icelle année sera faicte plus grande persecution à l’Eglise
Chrestienne=, que n’a esté faicte en Afrique, et durera ceste-icy
iusques, à l’an mil sept cens nonante deux que l’ô cuydera estre une
renouation de siecle[211].«
»Und dann wird der Anfang sein, versteht sich von dem, was dauern
wird, und in diesem Jahre wird beginnend eine größere Verfolgung der
christlichen Kirche stattfinden, wie die in Afrika war, und ebenso
lange dauern; im gleichen =Jahre 1792 wird man glauben, eine neue
Zeitrechnung einzuführen=.«
Hier haben wir also zwei datierte Ereignisse von welthistorischer
Bedeutung, und =beide Datierungen sind richtig=!
Der neue Kalender der Republik, durch Dekret des Nationalkonventes
vom 5. Oktober 1793 eingeführt, begann seine Zeitrechnung mit der
Herbstnachtgleiche 22. September 1792 um Mitternacht[212].
Bekanntlich ist in den christlichen Staaten seit den anderthalb
Jahrtausenden unserer Zeitrechnung niemals der Versuch gemacht worden,
den Kalender bzw. die Zeitrechnung zu ändern. Die Kalenderkorrektur
Gregors gehört nicht hierher, da sie ja an der christlichen Rechnung
festhält und nur aus praktischen Gründen, um den Kalender wieder mit
seiner astronomischen Grundlage in Harmonie zu bringen, die julianische
Rechnung verbessert.
Was nun den »Glauben« betrifft, eine neue Zeitrechnung einzuführen,
so war der Ausdruck nur zu berechtigt. Denn die Herrlichkeit des
revolutionären Kalenders war von erschreckend kurzer Dauer. Schon im
Jahre 1804 beseitigte ihn Napoleon, um der christlichen Rechnung wieder
die offizielle Geltung zu verschaffen.
Auch die große Kirchenverfolgung, deren Ausdruck ja die Abschaffung
der christlichen Zeitrechnung war, ist historisch. Bekanntlich war die
Revolution gegen den Klerus nicht weniger gerichtet, wie gegen den
Adel. Man konfiszierte im Jahre 1789 den Kirchenbesitz – man schätzte
3 Milliarden! – und zwang, allerdings mit sehr geringem Erfolge, den
Klerus, den Bürgereid zu leisten. Wer ihn nicht leisten wollte – so
wurde am 26. Januar 1791 bestimmt – hatte auf sein Amt zu verzichten.
Nicht genug damit, wurde das Christentum ganz abgeschafft und dafür
der alberne Kultus der Göttin der Vernunft eingeführt, als ob die
Religion ein Verstandes- und nicht ein Gemütsbedürfnis sei. Damals – es
war im Jahre 1793 – hatte man in der Kirche Notre Dame in Paris einen
Tempel der Philosophie errichtet und irgendeine griechisch kostümierte
Operndiva agierte dort in der Rolle der Göttin der Vernunft. Manche
trugen sich mit dem Gedanken, die Kirchtürme niederzulegen. Daß der
Kalender aus Haß gegen das Christentum geändert wurde und nicht etwa
aus praktischen Gründen, ist wohl auch erwähnenswert.
Das alles geschah 1793. Am 7. November dieses Jahres erschien der
konstitutionelle Bischof Gobel mit einer Anzahl Geistlicher vor dem
Konvent, und entsagte feierlich seinem Amt, weil es keinen anderen
Kultus als den der Freiheit und Gleichheit geben könne. Übrigens war
der Kultus der Vernunft niemals Staatsreligion.
Wenn also auch der Höhepunkt des Kampfes erst ins Jahr 1793 fällt, so
ist die Prophezeiung des Nostradamus doch vollkommen richtig, denn die
Feindseligkeiten gegen die Kirche dauerten ja mehrere Jahre.
Daß die Verfolgung länger dauern werde wie in Afrika, womit nur die
Unterdrückung der orthodoxen Kirche durch die arianischen Vandalen
gemeint sein kann, ging auch in Erfüllung.
Denn seit der französischen Revolution herrscht eine Animosität gegen
die Kirche, überhaupt gegen das Christentum, wie kaum zur Zeit der
Reformation gegen erstere allein. Jedenfalls dachte Nostradamus an die
Saecularisation, die Beseitigung der weltlichen Herrschaft des Papstes,
an die Trennung von Staat und Kirche in Italien und Frankreich, die
Vorgänge in Portugal, die antikirchliche Bewegung in Spanien usw. Nach
den Proben seiner Kunst ist das keineswegs ausgeschlossen. Es erfordert
nicht viel Urteilsfähigkeit, um auch für Deutschland über kurz oder
lang eine antikirchliche Bewegung, die hoffentlich mit der Trennung
vom Staate enden wird, vorherzusagen und an einen – diesmal geistigen
– Aderlaß, der stärker sein wird als die Konfiskationen zu Beginn des
vorigen Jahrhunderts.
Wenn wir endlich noch hören, daß Nostradamus den Untergang des
Papsttumes prophezeit – deshalb stehen seine Werke auf dem römischen
Index – dann wird man auch an dem Ausdruck »Verfolgung« und dem
Vergleich mit afrikanischen Verhältnissen nur mit größter Reserve zu
kritisieren wagen.
Sehr merkwürdig ist auch die Prophezeiung im Absatz 109 ff. des
Widmungsbriefes an Heinrich II.
»Encores par la derniere foy trembleront tous les Royaumes de la
Chrestienté, et aussi des infideles, par l’espace de vingt cinq ans;
et seront plus grieves guerres et batailles; et seront villes, cités,
chateaux et tous autres edifices bruslés ...«[213]
»In dieser letzten Epoche werden alle Königreiche der Christenheit
zittern, und ebenso die Ungläubigen, den Zeitraum von 25 Jahren
hindurch; die blutigsten Kriege und Schlachten werden stattfinden,
Städte, Ortschaften, Schlösser und allerlei andere Bauwerke werden in
Flammen aufgehen und zerstört werden usw.«
Wir stehen – wie die vorhergehenden Abschnitte des Widmungsbriefes
ergeben – in einer Periode, deren Beginn Nostradamus durch die
Jahreszahl 1792 festlegt. Rechnen wir dazu 25 Jahre, so kommen wir zum
Jahre 1817. In diesen Zeitraum – tatsächlich schloß die Kriegsperiode
ja schon 1816 – fallen so viele Kriege, wie sie nur selten die
Geschichte verzeichnen kann. Um nur die wichtigsten zu nennen: die
republikanischen Feldzüge gegen Deutschland und Österreich, Napoleons
Expedition nach Italien und Ägypten, die Kriege in Spanien und gegen
England, seine Siege über Preußen und Österreich, die Expedition
nach Rußland, die Feldzüge der Verbündeten und die Niederwerfung
Frankreichs, endlich der letzte durch Napoleons Flucht von Elba
entfachte Feldzug, der mit dem endgültigen Siege der Verbündeten
endete. Also auch diese Prophezeiung, die durch zeitliche Fixierung
und Angabe der Dauer beweist, daß Nostradamus über den Verlauf der
europäischen Geschichte aufs beste unterrichtet war, sehen wir im
vollen Umfange erfüllt.
Das Wesentliche ist, daß die wenigen Stichproben, die wir machen
konnten, unbedingt zugunsten des Sehers ausfielen. =Nostradamus konnte
also nicht nur zukünftige Ereignisse, die Namen der in späteren
Jahrhunderten handelnden Personen vorhersehen, er wußte auch das Jahr
anzugeben, wann seine Vorhersagen in Erfüllung gehen würden.=
Das sagt er selbst im 73. Abschnitt seines Widmungsbriefes an Heinrich
II.: »Wenn ich gewollt hätte, hätte ich jedes Quatrain nach der Zeit
seiner Erfüllung beziffern können.«
Wir haben allen Anlaß, dem Seher das zu glauben. Wenn er aber da und
dort irrte, so beweist das nichts gegen seine Kunst, denn Unfehlbarkeit
wird man billigerweise bei niemand fordern.
In Nummer 86–88 desselben Briefes gibt Nostradamus in Form von
Planetenperioden sogar an, wie er zur Angabe des Jahres 1792 kam.
Kniepf, der sich in astrologischen Berechnungen wohl auskennt,
bemerkt jedoch, daß uns der Schlüssel dazu fehlt. Nostradamus hat die
einschlägigen Schriften, die er von seinen Vorfahren geerbt hatte, vor
seinem Tode verbrannt.
Sollte es also wirklich möglich sein, durch astrologische Berechnung
die Zukunft zu ergründen?
Wir wissen es nicht, können es uns nicht vorstellen, sind auch nicht
in der Lage zu ermitteln, welcher Anteil an den Weissagungen auf Konto
der Astrologie, welcher auf hellseherische Veranlagung gesetzt werden
kann: das alles liegt auch außerhalb des Rahmens einer historischen
Untersuchung.
Was wir aber mit allem Nachdruck betonen müssen ist, daß =Nostradamus
die Zukunft enthüllen konnte, wie niemand vor ihm oder nach ihm, von
dem wir wissen. Er ist eines der größten Genies der Weltgeschichte.=
Fußnoten:
[177] Vgl. Karl Kiesewetter, Nostradamus und seine Prophezeiungen in
»Sphinx«, 3. Bd., 1887, S. 41 ff.
[178] Wie er in der Widmung der achten Centurie an König Heinrich
II. von Frankreich sagt, hat er seine Weissagungen »nach dem Laufe
des Himmels berechnet, in Verbindung mit einer zu gewissen Stunden
eintretenden Anregung, dem Erbtum seiner Urväter«. Er brachte seinen
»natürlichen Instinkt in Zusammenhang und Einklang mit einer langen
fortlaufenden Berechnung, indem er Seele, Geist und Gemüt von aller
Sorge, Kümmernis und Aufregung frei machte durch Ruhe und Stille des
Inneren«.
[179] oder »lymphatiquant«, was mit extatisch zu übersetzen wäre. Denn
»Lympatiques« nannte man diejenigen, die vom Anblick eines schönen
Mädchens liebestoll wurden. Da der erste dieser sinnlos Verliebten
sich ins Wasser (lympha) stürzte, erhielt der Zustand diesen Namen.
Vgl. »Eclaircissement des veritables Quatrains de Maistre Michel
Nostradamus«, 1656 (ohne Erscheinungsort und Verfasser), S. 59. Die
Stelle findet sich in der Nostradamus-Ausgabe von Le Pelletier II, p.
15.
[180] Anatole Le Pelletier, Les Oracles de Michel de Nostradame. Paris
1867, I, p. 72 f.
[181] Vgl. A. Schultz, Das höfische Leben zur Zeit der Minnesänger, 2.
Bd., S. 111 ff.
[182] Vgl. – auch zum Folgenden – Kiesewetter, Sphinx, 3. Bd. 1887, S.
44 ff.
[183] Chavigneus, Jani Gallici Facies prior. Lion 1594, p. 4.
[184] Présage 141, Le Pelletier I., p. 91.
[185] Vgl. Albert Kniepf in den Psychischen Studien, 36. Bd., 1909.
S. 247 und 276. Übrigens ist es auf alle Fälle merkwürdig, daß die
Vossische Zeitung schon am =28. August= 1870, also =vor= Sedan, die
Prophezeiung abdruckte mit dem Zusatz, daß Napoleon seinen Untergang
für den =2. September= befürchte. Damals hatte noch gar niemand in
Deutschland eine Ahnung davon, daß sich Napoleon bei Mac Mahons Armee
befand. – Herr Dr. R. Hennig hat die Freundlichkeit, mir seinen
Aufsatz »Zur Psychologie der Deutelsucht« in der »Zeitschrift für
Psychotherapie und Medizinische Psychologie« zu übersenden. Hier finde
ich auf S. 186 des 2. Bandes die Angabe, der gefälschte, aber doch in
so wunderbarer Weise in Erfüllung gegangene Quatrain sei gedruckt in
den »Ronces et Chardons« des Chevalier Jean Baptiste François Ernest de
Chatelain, angeblich S. 181. Das Buch soll 1869 in London erschienen
sein. Vielleicht stammt er von einem wirklichen Propheten, der sich des
Namens seines großen Vorgängers bediente.
[186] Les Oracles de Nostradame, I., p. 87 f.
[187] Le Pelletier, I, S. 93 f.
[188] Übrigens heißt Heinrich III., als Person ein jämmerliches
Individuum, insofern mit Recht an dieser Stelle »le Grand«, weil er
zuerst König der Polen gewesen war und erst nach Karls XI. frühem Tode
die Krone Frankreichs sich aufs Haupt setzte.
[189] Vgl. auch Theodor Lindner, Weltgeschichte seit der
Völkerwanderung, 5. Bd., S. 184–202.
[190] Vgl. Th. Lindner, Weltgeschichte, 5. Bd., S. 198–201, und – zum
Ganzen – Le Pelletier I., p. 103 f.
[191] In der mir vorliegenden =ersten= Ausgabe mit dem Titel »Les
Prophéties de M. Michel Nostradamus. Centuries VIII. IX. X. Qui n’ont
encore iamais esté imprimés. A. Lyon, Chez Antoine Boudraud, en rue
confort à la Fortune« finden sich folgende unbedeutende Varianten:
Nansy statt Nanci, und deliure statt delivré. Letzteres – so auch
prouez statt prouvés – noch daher kommend, daß bekanntlich das
Mittelalter zwischen u und v in der Schreibweise keinen Unterschied
macht.
[192] Vgl. sein anonym und ohne Druckort im Jahre 1656 erschienenes
»Eclaircissement des véritables quatrains de maistre Michel
Nostradamus«, p. 18. Hier ist der Name angeführt unter einer
beträchtlichen Anzahl anderer, die der Astrologe vorher gewußt hatte,
und in einem Ton, als sei es eine bekannte Tatsache, die es damals ja
wohl auch gewesen sein mag.
[193] Essai d’éxplication de deux Quatrains de Nostradamus, Nevers
1806, p. 30–39, (nach Le Pelletier).
[194] Was die Persönlichkeit Heinrichs II. Montmorency betrifft, so war
er »der Abgott des Hofes und der Provinzen, des Volkes und der Armee«.
Als der Kapitän Guitaut, =gegen= den er im Feuer gestanden hatte, vom
Richter gefragt wurde, ob er den Herzog im Kampfe erkannt hätte, sagte
er mit Tränen im Auge:
»Feuer, Blut und Rauch, die ihn bedeckten, hinderten mich erst ihn zu
kennen. Aber als ich einen Mann sah, der, nachdem er sechs unserer
Reihen durchbrochen hatte, noch in der siebenten Soldaten tötete, da
war ich mir darüber klar, daß das nur M. de Montmorency sein könne.«
Der ganze Hochadel, Freund und Feind, verwandten sich umsonst für das
Leben dieses Helden, dessen Leben und Tod überreich an echter Tragik
ist.
Vgl. (Michaud) Biographie universelle, 2. Aufl., 29. Bd., S. 176 ff.
[195] Vgl. A. Kniepf, Echte und gefälschte Prophetien des Nostradamus,
Psychische Studien, 36. Bd., 1909, S. 276 f. und 520 ff. Er meint im
ersten Vers des Quatrains könnte »en terre veu« auch eine Anspielung
auf die »Entrevue« Bismarcks und Napoleon III. sein. Nostradamus liebt
zweifellos den Doppelsinn und sagt oft mit =einem= Worte zweierlei
Dinge, die beide richtig sind. Vgl. z. B. Centurie IX., Quatrain
18, »claire peyne« = clara poena und = dem =richtigen= Eigennamen
Clerepeyne. Der Spott Hennings über diese auf alle Fälle scharfsinnige
Interpretation Kniepfs ist mir daher unverständlich. Vgl. Zeitschrift
für Psychotherapie, 2. Bd., S. 177 ff.
[196] Le Pelletier, I., p. 279.
[197] Walter Bormann, »Die Nornen«, S. 245–264.
[198] Campan, Mémoires sur la vie privée de Marie Antoinette, Paris
1826, p. 158.
[199] Herr Karl Graf Klinkowstroem in München besitzt eine Sammlung
von 10 Nostradamus-Ausgaben, darunter die ersten. Demnächst wird in
der Zeitschrift für Bücherfreunde aus der Feder dieses Gelehrten eine
Nostradamus-Bibliographie erscheinen. Für die mannigfachen Förderungen
sei ihm an dieser Stelle mein wärmster Dank ausgesprochen. Nach
diesem Kenner ist die Ausgabe von Pierre Rigaud erst zwischen 1605
und 1610 erschienen. Die unvollständige von A. du Rosne in Lyon schon
1557. Bereits 1605 tauchen falsche Quatrains auf, z. B. die der 11.
und 12. Centurie. Die Ausgabe von Benoist Rigaud erschien als erste
vollständige 1568.
[200] Soviel stellte ich bei M. Desormeaux, Histoire de la maison
de Montmorency, Paris 1764, 3. Bd., fest. Eines dieser männlichen
Mitglieder starb bereits in der Wiege.
[201] Im Adreßbuch von Paris, von dem mein Freund Herr Konsul A.
Schillinger mehrere Jahrgänge einsah, kommt der Name Clerepeyne,
Clairepeyne, Clairpeyn usw. usw. überhaupt =nicht= vor. Ebenso der
Name Saulce, Sauce, Sause, Salce, Sosse oder Soce mit allen möglichen
Varianten =nur einmal= im Adreßbuch 1889 in der Form Sausse, in der
Person eines Gewürzkrämers und einer Versicherungsgesellschaft. 1911
gibt es einen Schreiner Saucet.
[202] Vgl. Le Pelletier, I., p. 174 ff.
[203] Le Pelletier, I., p. 305.
[204] Vgl. Ferdinand Gregorovius, Wanderjahre in Italien, 2. Bd. 7.
Aufl., S. 185.
[205] Le Pelletier, I. p. 143 f.
[206] Le Pelletier, I. p. 168.
[207] Le Pelletier, I, p. 213.
[208] Le Pelletier, I, p. 216.
[209] I, p. 118 f.
[210] Wer uns etwa vorwirft, die Deutung dieses Verses sei gekünstelt,
möge sich der in der Vergangenheit so beliebten Chronogramme erinnern.
Beispiele hierfür sind etwa: LVtetIa Mater natos sVos DeVoraVIt, d. h.
die Mutter Paris verschlang ihre eigenen Kinder. Es handelt sich um
die Pariser Bluthochzeit im Jahre 1572. Diese Jahreszahl ist im Text
enthalten: M = 1000, D = 500, L = 50, vier V = 20 und zwei I = 2. Als
weiteres Beispiel mag das Distichon auf den Hubertusburger Frieden
angeführt sein:
Aspera beLLa sILent: reDIIt bona gratIa paCIs. O sI parta foret seMper
In orbe qVIes!
Zählen wir nach dem oben angegebenen Vorgang die Zahlzeichen zusammen,
so erhalten wir das Jahr 1763.
[211] Le Pelletier, II. Bd., p. 157.
[212] Vgl. W. Bormann, »Nornen«, S. 257 f., und A. Kniepf, Psychische
Studien, 36. Bd., 1909, S. 278 f.
[213] Le Pelletier, II. p. 160 f.
Zwölftes Kapitel
Stellung der Wissenschaft zur Prophezeiung
Es ist sattsam bekannt, daß die Theologie zu allen Zeiten und auch
heute noch die biblischen Prophezeiungen für »Offenbarungen«,
unmittelbare Äußerungen Gottes, hielt und hält. Wir haben zu dieser
Frage nicht Stellung zu nehmen. Der Historiker hat die Aufgabe,
das Tatsächliche festzustellen. Er verläßt den sicheren Boden mit
dem Augenblick, wo er die Ursachen einer Erscheinung klarzulegen
versucht, um völlig in der Luft zu schweben, wenn er sich hierbei gar
zu mystischen Hypothesen versteigt. Die Erklärung von Erscheinungen,
die wir in den Rahmen unserer derzeitigen Kenntnis der Natur noch
nicht einzupassen vermögen durch transzendentale Ursachen, ist eine
Bankrotterklärung.
Es bedarf deshalb keiner besonderen Betonung, daß wir der Theologie
auf diesem Wege zu folgen uns weigern. Nicht nur, daß wir die dem
Historiker gezogenen Grenzen dann überschreiten würden, wir kämen auch
dem Problem nicht um Haaresbreite näher. Denn – selbst das Dasein
Gottes vorausgesetzt – da wir Umfang und Inhalt dieses Begriffes nicht
kennen, würden wir ein uns wenigstens teilweise, d. h. als Erscheinung
Bekanntes – nämlich die einzelnen Tatsachen der Prophezeiung – durch
ein völlig Unbekanntes, ja in seiner Existenz vielfach angezweifeltes X
(Gott) uns verstandesmäßig näher zu bringen suchen.
Das ist aber keine Erklärung. Denn klarer wird uns etwas nur dann, wenn
wir es auf bekannte oder doch bekanntere Ursachen zurückführen. Daß das
hier nicht der Fall wäre, ist klar.
Immerhin mag es nicht ohne einiges Interesse sein, sich einmal zu
vergegenwärtigen, welche Stellung die Theologie dem Problem der
nachbiblischen Prophezeiung gegenüber einnahm.
Wir werden finden, daß die Hauptsorge der Theologen die war, die
=Quelle= der Prophezeiungen festzustellen und zu erörtern, =ob es
überhaupt noch nach dem Alten und Neuen Testament Propheten gegeben
habe=. Denn darin, daß es sich in diesen Werken um wirkliche, und zwar
von Gott unmittelbar inspirierte Propheten handelt, war man sich bis
zur Stunde immer und in allen theologischen Lagern einig.
Zur Zeit des Konstanzer Konzils schon suchte der große französische
Gelehrte Jean Le Charlier de =Gerson= (geb. 14. Dez. 1363 in
Gerson, gest. 12. Juli 1429 in Lyon), Doctor christianissimus wegen
seiner hervorragenden Verdienste auf dem Konzil genannt, die Frage
zu ergründen. Und zwar geschah dies in der Schrift De probatione
spirituum[214] und dem zweiten Traktat De distinctione verarum
visionum a falsis.
Der Inhalt beider Schriften[215] ist kurz folgender:
Der Apostel Johannes (1. Joh. 4, 1) befiehlt mit den Worten:
»Ihr Lieben, glaubet nicht einem jeglichen Geist, sondern prüfet
die Geister, ob sie von Gott sind; denn es sind viele falsche
Propheten ausgegangen in die Welt« Vorsicht gegenüber Propheten und
Prophezeiungen. Das geschieht, weil der Satan seine Hand im Spiele
haben kann (2. Korinth. 11, 14).
Die Prüfung der Geister (d. h. Propheten, Visionen usw.) ist aber ein
schwieriges Ding, denn der Heilige Geist hat nur wenigen die Befähigung
dazu verliehen. Genaue Kenntnis der Hl. Schrift mag ja in manchen
Fällen genügen (Modus doctrinalis), in anderen reicht ein größeres
inneres Gefühl, eine innere Erfahrung dazu aus (Modus experimentalis).
Da der normale menschliche Verstand aber zumeist versagt, ist innere
Erleuchtung fast unerläßlich (Modus officialis) (1. Korinth. 12, 10).
Die mit dieser Prüfungsgabe von Gott Ausgerüsteten sind sich ihres
Besitzes bewußt und auch in der Lage, bei andern anzugeben, ob sie die
gleiche Fähigkeit besitzen. Das sind aber nur wenige. Nur sie sind
imstande, mit untrüglicher Gewißheit zu entscheiden.
So wenig man eine allgemeingültige Regel aufstellen kann, wodurch
ein Traumgesicht sich von dem, was wir wachend sehen, unterscheidet,
wiewohl doch der Wachende es weiß, was er wirklich sah, und sich
erinnert, daß er ähnliches im Traum sah, so weiß auch der göttlich
Erleuchtete, daß und wann er es ist. Und doch kann auch er auf den
Gedanken kommen, teuflischem Blendwerk zum Opfer gefallen zu sein;
denn wenn er auch wach ist, so kann er darum doch im höheren Sinne dem
Göttlichen gegenüber schlafen. Das erkannte schon der selige Gregorius,
als er schrieb: »Der Geist der Prophetie ist nicht immer in der Gewalt
der Propheten, noch in ihrem eigenen klaren Bewußtsein[216].«
Die Prüfung modo doctrinandi, also auf Grund einer Lehrmethode, hat auf
folgende Punkte ihr Augenmerk zu richten: 1. Auf die Person dessen, der
eine Erscheinung hat. 2. Auf den Inhalt der Offenbarung. 3. Auf die
Ursache der Mitteilung dieser Offenbarung. 4. Insbesondere zu wessen
Beratung die Offenbarung geschieht und mitgeteilt werden soll. 5.
Welchen Lebenswandel derjenige hat, dem etwas offenbart wurde, und 6.
Woher diese Person stammt.
Auf diese einzelnen Fragen geht Gerson näher ein, wobei er eine Kritik
beweist, die man dem Mittelalter im allgemeinen nicht zutrauen möchte.
So sagt er z. B. zum 3. Punkt, der die Gründe prüft, aus denen sich
jemand zur Mitteilung seiner Vision bewogen fühlt, u. a.:
Der Anhörende müsse sich hüten, dem Offenbarenden Beifall zu spenden,
oder ihn zu bewundern. Vielmehr solle er widersprechen und tadeln,
ihn als hochmütig verächtlich behandeln, weil er sich einbilde, mit
Gott und den Engeln in Verkehr zu stehen. Man solle aus der Geschichte
Beispiele dafür anführen, wie schädlich und trügerisch solche
Einbildungen seien und wie verabscheuungswürdig die Sucht sei, Visionen
zu erleben. Auch vor Täuschungen durch den Teufel müsse man warnen.
Denn oft habe das Verlangen, zukünftige und verborgene Dinge zu wissen,
Wunder zu sehen und zu tun, die Menschen betrogen und vom wahren
Gottesdienst abgeführt.
Beim vierten Punkt macht Gerson den sehr verständigen Einwand, man
solle doch bedenken, wenn etwas durch menschliche Mittel erreichbar
sei, warum man dann noch nötig habe, eine unmittelbare Unterweisung des
Himmels zu erwarten. Auch sei genau zu prüfen, welche Gründe jemand
habe, seine Visionen mitzuteilen. Er rate, mit dem Apostel Petrus
ehrerbietig zu sprechen: »Herr, gehe hinaus von mir, ich bin ein
sündiger Mensch, ich bin zu gering und deiner Erscheinung unwürdig, die
ich in diesem Leben weder verlange noch annehme, sondern vielmehr von
mir abwende usw.«
Zum sechsten Punkt bemerkt Gerson, daß der hl. Bernhard niemals hätte
bestimmen können, woher ein Geist (Vision) käme, wiewohl er öfter
dessen Gegenwart gespürt habe. Deshalb müsse man mißtrauisch werden,
wenn eine geringe Person genau zu wissen sich einbilde, woher der
»Geist« komme. Wisse man doch noch nicht einmal im einzelnen Falle,
woher eine Anfechtung komme. Dabei gäbe es viererlei Arten »Geist«: den
Gottes, eines guten Engels, eines bösen Engels und den menschlichen,
der sich wieder differenzieren lasse.
Soweit Gersons Ansichten in Nuce.
Besonders das 17. Jahrhundert beschäftige sich wieder viel mit
unserer Materie, wobei die lutherischen Theologen begreiflicherweise
sich an Luthers Ansichten anschlossen. Dieser hatte im 8.
Schmalkaldischen Artikel von der Beichte sich dahin geäußert, daß alle
nachtestamentliche religiöse Offenbarung ein Werk des Teufels sei, aber
auch Prophezeiungen in weltlichen Dingen sei wenig Glauben beizumessen,
wenn er deren Existenz auch nicht leugnet[217].
Es hat für uns wenig Interesse, im einzelnen den Streit der Theologen
zu verfolgen. Wertvoll aber ist die Feststellung, daß man sich zu
Beginn des 18. Jahrhunderts so ziemlich darauf einigte, daß »noch
heut zu Tage sich solche Offenbarungen ereignen könnten, welche den
Zustand der Kirche, oder der Policey, oder das gemeine menschliche
Leben insonderheit angiengen[218].« Offenbarungen religiöser Natur aber
wurden verworfen.
Diese Konkordienformel am klarsten gefaßt hat Johann Olearius[219]. Aus
dem Lateinischen übersetzt heißt sie:
»Man kann zwar nicht alle Erscheinungen oder besondere Offenbarungen
leugnen, soweit sie die Zukunft der Kirche (soweit deren äußerer
Zustand in Frage steht), oder des Staates, oder einer einzelnen Person
(als da sind die Visionen Sterbender, Warnungen vor drohenden Gefahren
usw.) betreffen. Nicht erlaubt jedoch ist, um in einzelnen Fragen
des Glaubens oder der Sittlichkeit zu einer bestimmten Meinung zu
gelangen, entweder auf eine unmittelbare innerliche oder äußerliche
Offenbarung zu bauen oder eine solche von Gott zu erbitten oder gar
mit Bestimmtheit zu erwarten. Noch viel weniger darf man glauben, ein
Mensch könne durch sie (die Offenbarung) mit Gott inniger vereint und
gleichsam vergöttlicht werden.«
War man sich so in der =Anerkennung der Prophetie=, wenigstens
soweit das =profane Leben= in Frage kam, einig, so drängte sich doch
naturgemäß die schon, wie wir sahen, Gerson beschäftigende Frage auf:
wie erkennt man eine echte Offenbarung?
Löscher suchte in seiner Disputation die Beantwortung im wesentlichen
in Gersons Kriterien, die er auf 8 vermehrt, durch Hinzunahme der
Forderung, der Offenbarende müsse über seinen gesunden Menschenverstand
verfügen und weder körperliche noch geistige Defekte haben, und
ferner: eine Prophezeiung könne erst dann für wahr gelten, wenn sie
=eingetroffen= ist und sie weder der wahren Glaubenslehre, noch den
guten Sitten zuwiderläuft.
Man wird zugeben müssen, daß man mit dem besten Willen keinen
strengeren Maßstab anlegen kann. Es kann gewiß nicht ohne Interesse
sein, daß derselbe Kampf, der heute noch nicht ausgefochten ist,
bereits vor 2 Jahrhunderten zugunsten der Prophetie entschieden
wurde. Allerdings nicht auf dem Wege zwingender Beweise, sondern durch
den Glauben. Während aber die heutige offizielle Wissenschaft treu
ihrem guten alten Brauch die ausgetretensten Wege immer noch weiter
auszutreten, dafür aber dem Neuen kein Verständnis entgegenzubringen,
die Frage völlig ignoriert, so daß es auch hier wieder Aufgabe der
Outsider ist, eine neue Wahrheit zu finden, hatte man vor zwei
Jahrhunderten wenigstens Verständnis für ihre Bedeutung. Damals schon
hat die neue und im Grunde Jahrtausende alte und durch tausendjährige
Erfahrung bestätigte Lehre ihre Feuerprobe bestanden. Denn daß es
nicht leicht war, Luthers Autorität und die Bedenken großer Theologen
zu beseitigen, liegt auf der Hand. Allein es gelang doch, wie es in
wenigen Jahrzehnten wieder gelungen sein wird.
Daß die Theologen mit der Ablehnung der Prophetie in religiösen Fragen
das Richtige trafen, wenn auch aus ganz anderem Grunde, als sie
meinten, scheint mir festzustehen. Auch wir machten bei der Kontrolle
der Voraussagen die Beobachtung, daß sie sehr häufig eintreffen, wenn
sie profaner Natur sind, dagegen aber phantastisch und unrealisierbar
werden mit dem Moment, wo religiöse Vorstellungen sich einmischen.
Der Grund hierfür dürfte mit Mystik nicht das allergeringste zu
tun haben. Er liegt, scheint mir, daran, daß die Hellseher und
Hellseherinnen häufig – wiewohl das mit ihrer Gabe an sich nicht
notwendig verbunden ist – zu religiösen Wahnideen neigen. Deshalb wogen
in ihrem Unterbewußtsein alt- und neutestamentliche, oft unverstandene
Vorstellungen und, oft wörtliche, Erinnerungen, extravagante
Hoffnungen, Wünsche und Befürchtungen durcheinander. Dazu kommt wohl
auch die – im wachen Zustande nicht eingeräumte – Einbildung, etwas
Besonderes, womöglich ein neuer Messias zu sein, eine Einbildung, der
die Somnambule willenlos die Zügel schießen läßt.
Bei der Vorhersage profaner Dinge sind diese Faktoren weit besser
ausgeschaltet. Wenn auch die Kraft, durch deren Hilfe die Prophetie
zustande kommt, wie ungezählte andere, uns noch nicht näher bekannt
ist, so befinden wir uns doch hier, befreit von jeglicher Mystik, auf
dem festen Boden des Experimentes.
Doch kehren wir zu den alten Theologen zurück!
Auf die Frage, was man von einer bestimmten Prophezeiung zu halten
habe, gibt Gottlieb Wernßdorff in seiner Disputation »De Primordiis
emendatae per Lutherum Religionis« (Wittenberg 1708)[220] folgende
Antwort:
Man muß drei Fälle beim Eintreffen einer Prophezeiung unterscheiden:
erstens daß sie Casu, durch Zufall, zweitens Iudicio, durch Berechnung,
und drittens daß sie Afflatu Numinis, durch göttliche Eingebung
sich erfüllten. Wir sehen hier also eine Weiterbildung Löschers!
Der Gedankengang ist genau der gleiche, den wir, aus selbständigen
Erwägungen dazu geführt, in dieser Untersuchung einhielten.
Für die Kritik, die Wernßdorff walten läßt, diene folgende Geschichte
als Beispiel:
Als Johann =Jessenius=, ein böhmischer Arzt und Kanzler der Akademie
zu Prag, als Gesandter aus Ungarn zurückkam, wurde er in Wien gefangen
gesetzt. Bevor er sein Gefängnis wieder verließ, schrieb er die
folgenden 5 Buchstaben an die Wand: I. M. M. M. M. Niemand konnte den
Sinn enträtseln bis auf den Erzherzog Ferdinand, nachmaligen Kaiser
Ferdinand II. Er las: Imperator Matthias Mense Martio Morietur, was
später eintraf, denn Kaiser Mathias starb im März. Außerdem schrieb er
aber darunter: Jesseni Mentiris, Mala Morte Morieris, d. h. Jessenius
du lügst, du wirst eines bösen Todes sterben. Als das Jessenius hörte,
sagte er – und das beweist, daß er die Mächtigen seiner Zeit kannte:
»Wie ich nicht gelogen habe, so wird sich Ferdinand bemühen, nicht zum
falschen Propheten zu werden.« Darin behielt er recht, denn er wurde
1620 hingerichtet.
Wiewohl also beide Vorhersagen eintrafen, führt Wernßdorff das doch
lediglich auf Zufall zurück. So leichtgläubig, wie wir es gerne ihnen
zuschreiben, waren unsere Vorfahren gar nicht!
Das Eintreffen durch Vorherberechnung ist zu einleuchtend, als daß
wir uns hier weiter mit den Beispielen Wernßdorffs aufhalten wollten.
Was der Verfasser Afflatu Numinis nennt, ist natürlich die einzige
Art der Prophezeiung, die für uns in Frage kommt und der wir diese
Untersuchung widmeten. Es ist eben die Prophezeiung auf einem Wege,
der die fünf Sinne und das Denkvermögen ausschaltet, dafür aber Kräfte
spielen läßt, die wir nicht weiter kennen und die auch nur eine
verschwindende Minderheit besitzt oder wenigstens anwendet. Es handelt
sich für uns zwar nicht um ein übernatürliches Phänomen – so wenig wie
Hypnotismus und räumliches Fernsehen übernatürlich sind – wohl aber um
ein übersinnliches.
Demnach genügt es keineswegs, wie Wernßdorff unter Hinweis auf
Berechnung und Zufall richtig hervorhebt, daß eine Vorhersage
eintrifft, um sie unter die Prophezeiungen aufzunehmen. Vielmehr ist
es lediglich die =Art und Weise=, auf welche eine Vorhersage zuwege
kam, die ihr ihren Platz unter den Prophezeiungen anweist. Am Charakter
der Vision ändert auch die Tatsache nichts, daß diese oder jene –
bei solchen religiöser Art fast alle – nicht in Erfüllung gehen. So
wenig wie der verstümmelte Text etwas gegen die drahtlose Übermittlung
einer Depesche beweist, oder so wenig jemand die menschliche Denkkraft
leugnen wird, wiewohl es bekanntlich sehr wenig Menschen gibt, die
immer fehlerlos und logisch richtig denken.
Ändert demnach das Nichteintreffen einer Prophezeiung auch nichts an
ihrem visionären Charakter, so ist es doch in anderer Weise keineswegs
bedeutungslos. Denn wir werden in Visionen, denen in der Wirklichkeit
kein Äquivalent gegenübersteht, geneigt sein, Halluzinationen, nicht
aber Äußerungen einer besonderen Prophetengabe zu erblicken.
Wenn wir auch weit davon entfernt sind zu versuchen, die Prophetie zu
erklären – die Naturwissenschaft hat diese meist nur auf Prägung neuer
Worte hinauslaufende Illusion längst aufgegeben – so reizt es doch
möglichst die Fehlerquellen zu ermitteln. Denn daß solche existieren
müssen, ist einleuchtend, da es sonst nicht verständlich wäre, weshalb
Personen, die durch zahlreiche zutreffende, Zufall und Berechnung
ausschließende, Prophezeiungen, den Beweis für ihre Gabe erbrachten,
doch da und dort irren.
Es muß also unsere Aufgabe sein zu versuchen die Kriterien
festzustellen, die erfahrungsgemäß sich bei den unerfüllten
Prophezeiungen finden. Daß wir hier nicht aprioristisch oder deduktiv
vorgehen können, ist einleuchtend. Denn wo es sich um eine zurzeit
noch so rätselhafte Erscheinung handelt, wie die vorliegende, wäre die
Aufstellung eines Dogmas oder auch nur einer Theorie Verblendung. Es
kann sich also nur um schüchterne Hypothesen handeln.
Mit vollem Bewußtsein verlasse ich hier die historische Basis, um mich
auf ein Gebiet zu begeben, das mir fremd ist. Sollte es mir trotzdem
gelingen durch aus den Tatsachen selbst gewonnene Schlüsse das Richtige
zu treffen, so wäre mir das eine nicht geringe Genugtuung.
Schon weiter oben konstatierten wir, daß 1. religiöse Visionen so gut
wie nie eintreffen. Es handelt sich hier eben entweder überhaupt nicht
um richtige Visionen, sondern um Ausflüsse einer überhitzten Phantasie,
oder aber es wird der Wunsch Vater des Gedankens.
2. Sehen wir mit Frau de Ferriëm[221] eine Fehlerquelle in den von
seiten der Sitzungsteilnehmer geäußerten =Wünschen= oder =bestimmten
Fragen=! »Die Gesichte müssen am besten spontan eintreten. Die spontan
kommenden Visionen und Weissagungen haben sich als die zuverlässigsten
erwiesen und tritt die Clairvoyance auch spontan bei mir ein. Wenn
jemand z. B. wünscht, ich soll ihm seine Zukunft sagen oder etwas über
seine Vergangenheit – ich könnte es nicht bzw. könnte es wenigstens
nicht so ohne weiteres. Wie bemerkt, sehe ich fast täglich geistig
genug und vielerlei, aber ohne irgend etwas Bestimmtes in dieser
Beziehung gewünscht zu haben. Wohl könnte die gewünschte Clairvoyance,
in welcher ich dem Betreffenden die questionierten Mitteilungen über
seine Person usw. machen kann, eintreten; zu garantieren vermag ich
indes nicht dafür. Noch weniger vermag ich aber auch dann, wenn solche
Visionsmitteilungen oder Weissagungen durch mich gegeben werden, nicht
die Gewähr dafür zu übernehmen, ob das Gesagte, soviel auch sonst
schon immer, wie konstatiert worden, nach dieser Richtung eingetroffen
ist, auch wirklich eintrifft; denn ich fürchte leicht, daß infolge
des geäußerten Wunsches und des dadurch, wenn auch unmerklich auf
mich ausgeübten geistigen Druckes die Vision, die Weissagung auch,
ohne daß ich es eben will, ein Bild meiner für mich selber unbemerkt
einsetzenden Phantasie werden könnte.« Am wichtigsten ist der Satz der
Frau de Ferriëm: »=Was mich betrifft, so kann ich auf Wunsch fast nie
prognostizieren oder hellsehen.=«
Diese von der Seherin abgegebene Erklärung ist ohne weiteres
einleuchtend. Sie dürfte auch für das Nichteintreffen vieler unter
den erwähnten Bedingungen zustande gekommener Weissagungen genügende
Begründung sein.
Damit beantwortet sich auch die Frage, was von Prophezeiungen der
gewerbsmäßigen Wahrsagerinnen zu halten ist, ganz von selbst. Es soll
weder bestritten werden, daß viele von ihnen die Gabe des Hellsehens
besitzen, noch auch daß manche Vorhersage verblüffend genau, ja bis
ins kleinste Detail, eintrifft, wie ja solche Personen auch oft aus
der Vergangenheit Dinge wissen, die sie auf normalem Wege unmöglich in
Erfahrung gebracht haben können.
Das hindert aber nicht, daß wir mit dem größten Mißtrauen diesen
Prophetinnen begegnen müssen. Wer für einige Mark sich täglich so
und so oft in einen Zustand versetzen soll, der nicht viel mehr vom
Willen abhängig ist, wie der Fall eines Meteors, muß notgedrungen
zum Schwindel greifen, um seine Kundschaft nicht zu verlieren. Er
wird allgemeine Redensarten gebrauchen, die mehr oder minder für
jeden passen. Er wird, selbst wenn er eine Vision haben sollte, sie
vermittelst der Phantasie nach Tunlichkeit ausmalen. Er wird sich auch
absichtlich möglichst dunkel und geheimnisvoll ausdrücken. Schließlich
verstehen diese Frauen wohl auch oft mehr von den Menschen und ihren
Wünschen, als von der Prophetie, so daß nicht dringend genug vor ihrer
Konsultation gewarnt werden kann.
Aber selbst angenommen, die Wahrsagerinnen könnten wirklich dem
einzelnen die Zukunft vorher verkünden – was wäre der Gewinn?
Entweder sie stellen goldene Berge – buchstäblich und metaphorisch
– in Aussicht, dann wird die Mehrzahl der mit solchem Prognostikon
Beglückten durch die Gegenwart hasten, nur den Blick auf das verheißene
Ziel gerichtet, um, selbst wenn sie es ja erlangen sollten, zu spät zu
bemerken, daß sie um ihr Lebensglück, um den Genuß des Augenblickes,
betrogen wurden.
Oder aber die Prophetie lautet traurig, dann wird das arme Opfer seiner
unangebrachten Neugier wie Damokles sich keiner frohen und sorglosen
Minute mehr erfreuen.
Das Leben eines jeden von uns ist nun mal ein großes Drama. Mögen die
retardierenden Momente auch mehr oder minder zahlreich sein, mag der
Abgang mit größerem oder geringerem Glanz, mit größerer oder geringerer
Pein verbunden sein:
omnes una manet nox et calcanda semel via leti[222].
Schlimmer aber noch als das eigene Ende, ist die Trennung von unseren
Lieben, ist der Verlust der Achtung vor sich selbst oder jahrelanges
Siechtum. Und wie vielen von uns steht das bevor?!
Wenn wir daher dem Schicksal für etwas danken müssen, so ist es für
seine Dunkelheit. Gibt es Prophezeiungen, gibt es Personen, die die
wunderbare Gabe besitzen, unsern Lebensweg zu schauen, bevor wir ihn
vollendeten; so bewahre uns ein gütiges Geschick davor, in ihren
Bannkreis zu geraten!
So sehr es das Problem der Prophetie verdient, daß die Besten sich
mühen, das Rätsel dieser Naturkraft zu lösen, – denn welche schönere
Aufgabe könnte der Wissenschaft winken als die durch Findung einer
neuen Wahrheit das Weltbild zu ergänzen? – so sehr wir bestrebt sein
müssen, nach Ausschaltung der Fehlerquellen die allgemeingültige Formel
in Händen zu halten, so sehr – das kann jetzt schon gesagt werden
– wäre es zu beklagen, wenn der Einzelne sich dieses Instrumentes
bedienen würde, um damit Dinge zu enthüllen, die eine gnädige Vorsehung
in Dunkel tauchte.
3. Eine weitere Fehlerquelle ist die =Gedankenübertragung=. Mir ist
sehr wohl bekannt, daß die gelehrte Zunft dieses Phänomen noch nicht
anerkennt, wiewohl die Beweise dafür längst erbracht sind. Es ist
hier nicht der Ort näher darauf einzugehen, wir wollen uns daher auf
folgende Erwägung beschränken:
Wenn Gedankenübertragung überhaupt vorkommt, dann liegt es auf der
Hand, daß wir sie am ehesten bei besonders sensiblen Individuen finden
werden. Nun scheint es doch unbestreitbar zu sein, daß die mit der
Gabe des Hellsehens ausgestatteten Personen besonders feinfühlig sind.
Wir werden also bei ihnen auch zuerst Reaktion auf Gedanken anderer
voraussetzen dürfen. Angenommen nun in einer prophetischen Sitzung
denke jemand intensiv in einer bestimmten Richtung mit, so liegt die
Vermutung einer dadurch herbeigeführten Beinflussung nahe. Sie wird zur
Gewißheit durch die Bekundungen der Somnambulen selbst.
Wenn wir die Möglichkeit einiger Visionen zugeben, so braucht man
durchaus nicht mit gewissen Spiritisten an ungezogene oder böswillige
Kobolde zu glauben, die aus reiner Freude am Unfug falsche Bilder
vorgaukeln. Man braucht auch mit Dr. Egbert Müller[223] nicht
einverstanden zu sein, wenn er schreibt: »Nicht in Erfüllung gehende
Visionen können dennoch wirkliche Visionen sein, weil es doch scheinen
will, daß für die Vorgeschichte des Sehers von dem wirklich in der
Zukunft geschehenden erst noch =Zwischengesichte= durchdrungen
werden müssen, gerade wie wir mit unserem Denken oft erst durch eine
Fülle =unzutreffender= Gedanken endlich zu dem brauchbar =richtigen=
hingelangen.« Denn wenn wir so argumentieren, dann machen wir uns die
Sache zu leicht. Eine richtige Vision kann doch nur da vorliegen, wo
sich wirklich die Ereignisse so abspielen, wie der Seher sie schaut.
Aufs Räumliche übertragen: das beste Fernrohr, das uns Dinge zeigt,
die für das unbewaffnete Auge unsichtbar sind, sieht doch Dinge,
die wirklich da sein müssen, wenn auch in großer Ferne. Machten wir
uns den Gedanken Dr. Müllers zu eigen, dann könnte ein Fernrohr uns
auch Objekte zeigen, die nicht existieren oder doch solche, die in
Wirklichkeit anders aussehen. Denn was den »Zwischengesichten« in der
Zeit entspricht, wären hier die räumlichen Strecken zwischen unserem
Auge und dem Objekt.
Der Vergleich dürfte zeigen, daß Dr. Müllers Deutung irrig ist.
Die Vision muß, wenn sie als Prophezeiung gelten soll, unbedingt
richtig sein. Allerdings braucht sie keineswegs den Schluß eines
Vorganges, noch nicht einmal den wichtigsten Moment herauszugreifen. Es
genügt völlig, wenn sie, wie etwa eine Platte des Kinematographen, nur
=einen= Moment einer Handlung festhält.
Mir scheinen irrige Visionen – nicht etwa Halluzinationen – nicht
wahrscheinlich. Wir sind auch nicht gehalten, sie anzunehmen. Denn wie
wir ja auch in die größte Verlegenheit kämen, aus einem oder wenigen
Momenten des kinographischen Vorganges die ganze Handlung, deren
Vorstadien und besonders deren Ende zu rekonstruieren, so muß es auch
auf die größten Schwierigkeiten stoßen, eine flüchtige Vision richtig
zu interpretieren.
Méry meint, die vom Propheten verkündeten Ereignisse könnten doch von
ihm nicht aus dem Schoß der Zukunft herausgenommen werden, wie etwa
Zigarren aus ihrer Kiste. Vielmehr handle es sich um die Wahrnehmung
entfernter Wirklichkeiten, deren Ursachen zur Zeit der Vorhersage
bereits gegeben sind.
Verdient der letzte Satz unsere Zustimmung, so der vorhergehende
unseren teilweisen Widerspruch.
»Genommen« wird vom Propheten gewiß nichts, denn die Visionen,
wenigstens die echten und zuverlässigen, kommen ebenso spontan – darin
müssen wir den Hellsehern glauben – wie die Träume. Die produzierende
Tätigkeit des Sehers, wenigstens die bewußte, ist also annähernd
gleich Null. Wohl aber sind die einzelnen Visionen so isoliert,
wie es einzelne kinematographische Platten wären, die uns, aus dem
Zusammenhang der Handlung gerissen, vor Augen gestellt würden. In
diesem Sinne entsprechen also die Visionen allerdings den Zigarren, nur
daß sie nicht von uns freiwillig aus der Kiste gewählt, sondern von
einem andern uns in die Hand gedrückt werden.
Der Vergleich hinkt allerdings: zunächst ist eine Zigarre ein von der
Umgebung losgelöster Einzelgegenstand, während die Vision gleich einem
Relief stets mit dem Hintergrund – unserem Bewußtsein, Unterbewußtsein
oder Phantasie, sagen wir kurz: unserer Seele – zusammenhängt. Sie kann
deshalb nicht isoliert betrachtet werden.
Dazu kommt ein zweites, noch wichtigeres Moment: Die Vision ist doch
kein Gegenstand, den wir nach Herzenslust und mit aller Gründlichkeit
beliebig lange betrachten können, sondern sie ist in Bewegung, ein
Vorüberhuschen, genau wie die Films des Kinematographen.
Nehmen wir an, jemand von uns solle einige Momente einer
kinematographisch reproduzierten Handlung erzählen. Er würde nicht
nur im Detail große Irrtümer begehen, er würde auch vor allem
wichtige Momente übersehen, Nebensächliches in den Vordergrund rücken
und so durch unrichtige Beleuchtung das Bild verzerren. Dazu aber
kommen Kausalitätsbedürfnis und Kombination. Er wird also Vorstadien
rekonstruieren, die seines Erachtens den veranschaulichten Momenten
vorangingen, ohne sich dieser seiner Tätigkeit bewußt zu sein.
Ferner wird er das Bild automatisch fortsetzen und auch dieses sein
Phantasieprodukt für etwas wirklich Gesehenes halten.
Nun ist noch zu bedenken, daß auch das schnell vorbeiziehende Gemälde
des Kinematographen aus Einzelbildern zusammengesetzt ist, von denen
jedes wenigstens ganz scharfe Konturen hat. Die Folge der Einzelbilder
ist nur zu schnell, um jedes scharf erfassen zu können, aber die Bilder
selbst sind vollkommen deutlich.
Anders bei der Vision, oder doch bei sehr vielen Visionen. Hier ziehen
die Bilder nicht nur oft mit großer Geschwindigkeit vorüber, sie sind
auch in sich häufig unklar, nebelhaft.
Berücksichtigen wir diese Faktoren alle, so liegt die Erklärung – unter
der Voraussetzung, die Vision sei echt und die Bilder wahr – für irrige
Voraussagen auf der Hand: Sie beruhen auf =Fehler des Sehens oder
Hörens=, auf =Fehler des Gedächtnisses= und endlich auf =Fehler der
Interpretation=.
Denn daß die Auslegung des Gesehenen von ausschlaggebender Bedeutung
ist, leuchtet ohne weiteres ein.
Folgende Fehler scheinen mir in der Natur der Sache zu liegen:
1. Die Seherin erblickt ein Landschaftsbild, das sie nicht kennt. Sie
wird in diesem Falle eine allgemeine Voraussage machen, die zwar die
Handlung bzw. die Geschehnisse – unter den obigen Einschränkungen –
richtig enthält, aber den Ort offen läßt. Diese Vision hat dann durch
ihre Unbestimmtheit weniger Wert und wird von den Skeptikern nicht als
Beweis für die Tatsache der Prophezeiung zugelassen. Denn, so heißt
es dann sogar mit einigem Recht: jedes Unglück wird sich mal irgendwo
ereignen. Das würde man z. B. auch gegen die Vorhersage des Scheiterns
der »Gneisenau« anführen können, wenn nicht andere Momente, etwa der
Bart des Kapitäns, dagegen sprächen. Rein als Geschehnis genommen, d.
h. Auflaufen eines deutschen Kriegsschiffes auf einen Felsen, hätte die
Vision aber wenig Wert, da das ja ein Unfall ist, dem leider unsere
Marine schon öfter Verluste zuzuschreiben hatte.
2. Die Seherin erblickt ein Landschafts- oder ein Stadtbild, das
sie mit einem bekannten identifizieren zu können glaubt. Sie wird
nun apodiktisch erklären: Xstadt wird von einem Erdbeben zerstört!
Tatsächlich hat sie sich aber insofern geirrt, als das Stadtbild zwar
richtig gesehen, aber falsch gedeutet war. Es war nämlich Astadt. Hier
liegt dann der Fehler nicht in der Vision, sondern in der falschen
Interpretation eines richtig gesehenen Vorganges.
Da auch die weitestgereiste Seherin unmöglich die ganze Erde kennen
und ihr Bild – das ja noch dazu im Laufe der Jahre sich ändert – im
Gedächtnis behalten kann, da auch Irrtümer in der Agnostizierung leicht
vorkommen können, so werden die beiden genannten Lücken bzw. Fehler der
Interpretation sehr häufig sein.
3. Die Seherin liest eine Inschrift oder ein Datum falsch, weil die
betreffende Tafel ihr nur verschwommen erscheint.
4. Die Seherin liest zwar die Tafel richtig, kombiniert dann aber
falsch.
Ein solcher Fall ist mir in der Praxis passiert: Eine bekannte Dame,
Hellseherin, aber weder ausgebildet noch gegen Entgeld ausübend,
erzählte mir, sie hätte den Tod des Prinzregenten von Bayern für den
Herbst 1907 vorhergesehen. Natürlich fragte ich, wie sie das gemacht
habe, da ich damals noch Visionen für unmöglich hielt und es mir die
größte Freude gemacht hätte, die Dame ad absurdum zu führen. Sie teilte
mir dann mit – und ich brachte es zu Papier – sie habe fürstlichen
Trauerfeierlichkeiten, die sie beschrieb, in der Theatinerkirche
beigewohnt, habe auch die Inschrift auf dem Katafalk gesehen, aber,
wegen zu großer Entfernung, nur verschwommen lesen können. Immerhin
konnte sie den Monat entziffern – es war der November – und vom Datum
mit Bestimmtheit die erste Ziffer 1, und dann glaubte sie noch eine 3
oder 5 gesehen zu haben. Das wisse sie aber nicht genau.
Tatsächlich starb ein königlicher Prinz am 12. November des genannten
Jahres und wurde, wie in der Vision gesehen, beigesetzt. Der Landesherr
war es aber nicht. Hier war nicht die Vision falsch, sondern die
Interpretation. Die Dame hatte sich =gedacht=, es sei der Regent.
Daß Irrtümer der sinnlichen Wahrnehmung auch beim Hören von Tönen
vorkommen können, und daß ferner die irrige Interpretation sich auf
alles erstrecken kann, leuchtet ein. Wir wollen daher auf diesem Punkt
nicht weiter verharren, um mit der Konstatierung zu schließen, daß
eine falsche Prophezeiung sehr wohl bei richtiger Vision möglich ist,
ja daß sogar in der Regel die Prophezeiung keine exakte Wiedergabe des
auf übersinnlichem Wege Wahrgenommenen sein wird. Deshalb beweist das
Nichteintreffen einer Vorhersage gar nichts gegen die Tatsache, daß es
richtige Prophezeiungen gibt.
Bisher nahmen wir an, daß es sich um richtige Visionen handelt, wenn
sie auch – etwa durch Gedankenübertragung – beeinflußt sein mögen. Aber
sehr häufig wird der Seher eine Vision zu haben glauben, und es ist gar
keine; die Phantasie spielte ihm einen Streich.
Da die Grenzen zwischen Vision und Halluzination bzw. Phantasiebild
sehr schwer zu ziehen sind, wohl oft noch schwerer als die zwischen
Traum und Wachen, so kommt es zweifellos sehr häufig vor, daß die
Somnambule in Trance gewesen zu sein glaubt, während sie wachte. Dann
wird sie etwas als eine auf übersinnlichem Wege gewonnene Wahrheit
verkünden, was nur ihr Phantasieprodukt ist.
Aus allen diesen Fehlerquellen, die wir hier aufzuzeigen versuchten,
ohne uns einzubilden, Vollständigkeit erreicht zu haben[224], geht
so viel mit Sicherheit hervor, daß es weder leicht ist eine richtige
Vision bzw. Prophezeiung als solche zu erkennen und zu interpretieren,
noch auch zulässig ist aus Irrtümern, die der Seher begeht, zu folgern,
daß es kein zeitliches Fernsehen gibt.
Ein von mir im übrigen hochverehrter Gelehrter suchte sich über die
Realität des Fernsehens zu informieren, indem er Hellseherinnen oder
Personen, die im Rufe standen, es zu sein, die Fragen vorlegte: was
er in der Tasche habe? was er heute Mittag gegessen habe? usw. Da die
betreffenden Personen darauf meistens die Antwort schuldig bleiben
mußten, so stand für den Professor die Tatsache fest, daß Prophetie
Schwindel sei.
Der gute Mann forderte Allwissenheit. Das war ein kleiner Irrtum. Er
war ferner naiv genug, zu glauben, man erforsche die Natur, indem man
ihr Bedingungen stelle, statt daß man sich den von ihr aufgestellten
unterordnet.
Ärzte finden sich mit dem Problem auch sehr leicht ab. Wo sie mit
dem Zufall nicht auskommen, nennen sie es Hysterie. Denn wo Begriffe
fehlen, da stellt zur rechten Zeit ein Wort sich ein. Übrigens ist
es ziemlich leicht, schon äußerlich den mit der Gabe des zeitlichen
Fernsehens ausgestatteten zu erkennen. Man sieht es an den Augen. Ich
habe mich fast nie geirrt.
Dagegen möchten wir darauf hinweisen, daß auch der beste Schütze
Fehlschüsse tut, daß sogar ein Idealgewehr in gewissen Fällen nicht
treffen =kann=, wenn nämlich der Streuungskegel größer ist als das Ziel
(vgl. S. 153 f.).
Wir haben festgestellt, daß es eine Kraft der Prophetie gibt, ein
zeitliches Fernsehen. Aufgabe der Wissenschaft muß es nun in Zukunft
sein, aufzudecken, unter welchen Voraussetzungen diese Kraft in
Wirksamkeit tritt, ihre Stärke zu ermitteln und ihren Streuungskegel
zu berechnen. Ist das alles geschehen, dann mag sie mit Kant und
Schopenhauer nach einer metaphysischen Erklärung suchen, aber sie nicht
schon in der Leugnung der Realität der Zeit gefunden zu haben glauben.
Wir, die wir als Historiker die Frage prüften, müssen uns mit folgender
Konstatierung begnügen:
=Der Glaube an Prophetie ist kein mittelalterlicher Aberglaube. Er ist
eine neue Wahrheit, die wir erstmalig zwingend bewiesen.= Wir =wissen=
nunmehr von der Existenz des zeitlichen Fernsehens.
Fußnoten:
[214] Gedruckt in der Ausgabe du Pin, Antwerpen 1706, I. Bd., Spalte 37
ff., der folgende Traktat eb. Sp. 43 ff.
[215] Übersetzung beider Traktate nach der Ausgabe von Hardt (Helmstädt
1692) von Johann Gabriel Süße, als Anhang der »Umständlichen Nachricht
von dem sogenannten Prossner Manne. Christian Heerings ...« Dresden und
Leipzig 1772.
[216] Spiritus Prophetarum non semper esse in potestate, vel distincta
cogitatione Prophetarum.
[217] Die Geschichte des ganzen Streites ist eingehend von Süße
behandelt unter dem Titel: »Historisch-Theologische Abhandlung über die
Casual-Frage: Obs noch heut zu Tage neue Offenbarungen von wichtigen
Revolutionen in dem Kirchen- und Weltlichen Staat, und von besondern
Schicksalen einzelner Personen, gebe, und was von selbigen zu halten
sey?« im Anhang der »Umständlichen Nachricht«, S. 49–124.
[218] Die wichtigste Literatur dieser Streitschriften dürfte nach Süße
sein: =Jacob Stolterfoht=, »Schriftmäßiges Bedenken von Gesichten«,
Lübeck 1632. =Jacob Fabricius=, »Probatio Visionum«, Nürnberg 1642
(von der theol. Fakultät zu Wittenberg in einem Gutachten zensuriert,
vgl. Süße, S. 76 ff., gedruckt in den Consilia Theologica Wittenberg,
p. 804–817). =Jacob Stolterfohts= Nothwendige Wahrheit- und
Ehren-Rettung wider Fabricii Probationem Visionum invictam, Lübeck
1647. =Johann Wilhelm Petersen=, »Sendschreiben an einige Theologos
und Gottesgelahrten, betreffend die Frage: Ob Gott nach der Auffahrt
Christi nicht mehr heutiges Tages durch göttliche Erscheinung denen
Menschen-Kindern sich offenbaren wolle, und sich dessen ganz begeben
habe ...«, Lübeck 1691. (Petersen behauptet göttliche Offenbarung auch
in Glaubensfragen) dagegen u. a.: =Valentin Ernst Löscher=, Repetitio
orthodoxae doctrinae de Visionibus et Revelationibus«, Wittenberg
1692. =Caspar Löscher=, »de Visionibus«, eb. 1693. =Ph. Jac. Spener=,
»Theologisches Bedenken usw.«, 1692 von einem Anonymus ohne Druckort
herausg. Ders., »Theologisches Bedenken Herrn D. Speners über Heinr.
Kratzenstein usw.«, 1693. Ohne Druckort. (Ohne Einwilligung Speners
erschienen.) Neudruck im gleichen Jahre mit dem Zusatz »Erklärung
über die Frage: Was von Gesichten und Erscheinungen zu halten sey?«
Frankfurt a. O. Ein Auszug aus diesen Schriften bei Süße, »Umständliche
Nachricht«, S. 165 bis 184. =Joh. Lysius=, »Schelwigische Synopsi
controversiarum«, 1712. =Johann Mich. Heineccius=, »Schriftmäßige
Prüfung der sogenannten neuen Propheten«, Halle 1715. =Joachim Lange=,
»Nöthiger Unterricht von unmittelbaren Offenbarungen«, eb. 1715.
=Joh. Porst=, »Verhalten derer Gläubigen bey denen außerordentlichen
Bewegungen und Aussprachen«, 1715. =Joh. Lysius=, »Wahrhaftige
Erzehlung dessen, was zu Berlin mit einigen sogenannten Inspirirten
vorgegangen«, 1715. =Martin Chladenius=, »De Inspiratis sine Spiritu«,
Wittenberg 1715. =Lysius=, »Schutzschrift wider die Beschuldigungen
Chladenii«, 1715. =Christoph Ludwig Stieglitz=, »Nothwendige Erinnerung
an Herrn Johann Lysium«, Naumburg 1716, dagegen Repliken von Lysius und
»Gegenvorstellung« von Stieglitz.
[219] Joh. =Olearius=, Synopses Controversiarum, Synops. V. concern.
Controversias cura Fanaticis, Thes. IX., Quartausg. p. 7, Oktavausg. p.
485.
[220] Zweite erweiterte Aufl. 1717. S. 4–25 der Schrift werden die
Weissagungen der Reformation durch Johannes Hus, Hieronimus von Prag,
Johann Wessel, Johann Keisersberg, Sebastian Brand, Johan Hilten,
Andreas Proles und Johann Spangenberg angeführt. Sie beruhten zwar zum
Teil auf Zufall oder Berechnung, doch leuchte auch aus vielen etwas
Göttliches heraus.
[221] »Mein geistiges Schauen in die Zukunft«, S. 102.
[222] Horaz, Carm. I, 28.
[223] Zitiert nach Ferriëm, S. 108 Anm.
[224] Der Interessent sei nachstehend auf die wichtigste einschlägige
Literatur, soweit wir sie nicht im Text nannten, verwiesen. Ihre
Bekanntschaft verdanke ich der Liebenswürdigkeit des Grafen Karl von
Klinkowström. Ich bemerke aber ausdrücklich, daß ich sie =nicht=
studierte, da ich bewußt als =Historiker= an das Thema herantrat und
mir meine Unbefangenheit bis zum Schluß bewahren wollte. E. Parish,
Zur Kritik des telepathischen Beweismaterials, 1897; M. Dessoir,
»Doppelich«; L. Loewenfeld, »Somnambulismus und Spiritismus«, 1907; N.
Kotik, »Die Emanation der psychophysischen Energie«, Wiesbaden 1908.
Alphabetisches Verzeichnis der wichtigeren Personen und Sachen
Achilleus 44.
Adelung 100 f., 192.
Agrippa, Cornelius, 350.
Aigospotamoi 40.
Alexander 66, 72.
Amos 26 f.
Apollo 33, 35 f., 41.
Arago 4.
Argens, Marquis d’, 108 f., 172.
Arnold 97 f.
Assyrer 26 f., 28.
Astrologie 70 f., 79 ff., 347 ff., 402.
Athen 34 f.
Atia 65 f.
Aufklärung 8 f.
Augustinus 2.
Augustus 65 ff., 71 f.
Automobil, vorhergesagt, 120.
Autoritäten 3 f., 7.
Babylonisches Exil 28.
Baid 10.
Bailly 10, 299.
Barry, du, 323.
Barton, Elisabeth, 92.
Bassompierre 91.
Baudus, de, 116 ff.
Bazarbrand in Paris, vorhergesagt, 122 ff., 333.
Beauharnais 313.
Beaumont, Frau von, 63 f.
Beckmann 340.
Bellini 143.
Berechnung 141 f.
Bernhard, hl., 407.
Bertholon 3.
Bessières, Marschall, 116 f.
Biron, Herzog, 93 f.
Bismarck 59 f., 372.
Blake, W., 136.
Blücher 273, 289.
Böhm 61 f.
Bormann, W., 307 ff., 313, 320 ff., 336 f., 339 f., 374 f., 378 f.
Bouland 307.
Bourbonen, Vorhersage des Unterganges, 96 f.
Boussénard 64.
Bouthors 53.
Bose, General, 216.
Brahe, Tycho de, 14, 84.
Brand, Sebastian, 412.
Brantôme 352.
Brugsch, H., 56.
Brühl, Graf, 213 f., 262, 264, 269 ff.
Brunswig, Alfred, Vorwort.
Brüx-Dux, Kohlenbergwerk, 334 ff.
Buddha 72.
Caesar 41 ff., 60, 64 f., 67.
Calpurnia 43.
Campan 377, 388.
Capelli, Bianca, 78.
Capistrano 88 f.
Capys 42.
Cardanus 87 f.
Cario, Joh., 100 f., 192.
Carmine, Giuliano del, 106.
Cassius, Dio, 70.
Cazotte, 293, 296 ff., 306 ff.
Chamfort 295, 298, 300 f.
Chavigni 354 f.
Chronogramme 396.
Chrysippos 41.
Cervoni 119.
Cicero 2, 33, 69, 140.
Clarence, Herzog von, 333.
Clément 350, 364 f., 370.
Clerepeyne 366 ff., 383 f.
Coligny 358.
Collinitius-Tannstetter 14.
Comenius 192.
Condorcet 297.
Cornelius Balbus 42.
Couédon 122 ff.
Créqui, Marquise, 324.
Dariex 105.
Davidson 49 ff.
Davis, A. J., 119 ff.
Davy 3.
Eduard VII., Vorhersage des Todes, 86.
Ehrlich 279 ff., 289 ff.
Eingeweideschau 44.
Engel 123.
England, Weltherrschaft, 390 f.
Ennius 69.
Erfurt, Vorhersage, 94 f.
Ervieux, d’, 105.
Eschenmayer 109 ff.
Eugen, Papst, 78.
Ezechiel 28 f.
Fage, Durand, 192 f.
Faure, Felix, 86.
Feldzug von 1805, Vorhersage, 287.
Feldzug von 1815, Vorhersage, 281 ff.
Ferdinand II., Kaiser, 413.
Ferdinand III., Kaiser, 85.
Fernsehen, räumliches, 54.
Ferriëm, de, 325 ff., 415 f.
Flammarion, Camille, 49, 52.
Franklin 4.
Frankreich, Niederlage u. a., 276 f., Revolution von 1789,
Vorhersage, 80, 100, 320 ff.
Franz II., Kaiser, 173.
Franz II. von Frankreich 362.
Franz von Assisi 29.
Freys 380, 382.
Fromm, A., 181 f.
Friedrich von Württemberg, Vorhersage des Todes, 109 ff.
Friedrich der Große 108 f., 171 f., 187, 219, 222.
Friedrich I. von Preußen 170, 185 f.
Friedrich III., deutscher Kaiser, 78.
Friedrich III. von Preußen 170, 182.
Friedrich August II. von Sachsen 219.
Friedrich Wilhelm der Große Kurfürst 169, 182, 185 f.
Friedrich Wilhelm I. von Preußen 171, 186.
Friedrich Wilhelm II. von Preußen 173, 188.
Friedrich Wilhelm III. von Preußen 174 f., 188, 259 ff., 273 ff.,
288 f.
Friedrich Wilhelm IV. von Preußen 175, 188, 273.
Galilei 6.
Gallier, Vorhersage des Einfalls in Asien 40.
Galvani 3.
Gassendi 3.
Gauricus, Lukas, 85, 192.
Gedankenübertragung 419.
Genlis, Gräfin, 310 f.
Georg V. von England 86.
Gerson 404 ff., 410.
Giesebrecht 180 f.
Gieseler 182 f.
Gneisenau, Untergang des Kriegsschiffes, 339 f.
Godefroy siehe Kerkau.
Goethe 83, 130 ff.
Goldmayer 85.
Gramont, Herzogin, 301 ff., 323 f.
Greulich 94 ff.
Guhrauer 183.
Guise, Herzog von, 362.
Gustav Adolf von Schweden 84 f., 88 f.
Guynaud 352.
Hansen 10.
Hautz 241, 280.
Heering 203 ff., 248.
Hegel 3.
Heiligenliteratur 19 f.
Heinrich II. von Frankreich 85, 350 ff., 361, 397.
Heinrich III. von Frankreich 352, 354, 361 f., 364 f.
Heinrich IV. von Frankreich 90 ff., 354, 365.
Heliopolis, Orakel, 33 ff.
Helmolt, Dr. Hans F., Vorwort.
Helmont, van, 6.
Hennicke, Graf, 204 f.
Hennig 357, 372.
Hermann von Lehnin 157, 177 ff.
Herodot 35.
Hieronymus von Prag 412.
Hilten, Joh., 412.
Hiskija 27 f.
Horoskop 14, vgl. auch Astrologie.
Homer 44.
Houdancaut, de la Motte, 323.
Hübbe-Schleiden 304 f., 321, 323.
Hufeland 112.
Hungersnot, Vorhersage, 240.
Hus, Joh., 412.
Jant, Chevalier de, 368.
Jeremia 28.
Jeremia, Deutero-, 29.
Jerobeam II. 26.
Jerusalem, Vorhersage, 27 f.
Jesaia 28.
Jesaia, Deutero-, 29.
Jessenius 413.
Joest, Wilhelm, 46 f.
Johann Philipp von Mainz 95.
Joubert 368.
Juden 24 ff., 27, 29.
Jung-Stilling 61, 294, 303 ff., 309 f.
Justi 69 f.
Kaiserproklamation, Vorhersage, 175.
Kalender, Einführung des revolutionären, 397 f.
Kant 2, 427.
Kara Mustapha 95.
Karl von Bourbon 350.
Karl V., Kaiser, 87, 350.
Karl VI., Kaiser, 15.
Karl von Savoyen 353 f.
Karl IX. von Frankreich 353 f., 362.
Keiserberg, Joh., 412.
Kepler 82, 84 ff.
Kerkau 327, 336.
Kerner, Justinus, 45 f.
Kesselsdorf, Vorhersage der Schlacht, 214.
Kiesewetter 347, 353, 372, 376 f.
Kirchenverfolgung 398 f.
Klein 109 ff.
Klinkowstroem, Graf, 380, 426.
Kniepf 86, 356, 402.
Kotter 192.
Krämer 109 ff.
Krösus 33.
Kunnersdorf, Vorhersage der Schlacht, 230.
Küstrin, Vorhersage der Schlacht, 108.
Kurz, Isolde, 108.
Laharpe 294, 300 ff., 321.
Lakedämonier 35 f.
Langen 48.
Lannes, General, 118.
Lasalle, General, 118.
Lehninsche Weissagung 156 ff.
Leidinger, Georg, 380, 382.
Leipzig, Schlachten, 274, 277.
Leopold I. 95.
Leovitius, Cyprianus, 81.
Le Pelletier 356 ff.
Leroy 10.
Ligeritz 213.
Lindemann, Ferdinand, Geheimrat, Vorwort.
Liszt, Franz von, 138.
Löscher 410.
Ludwig XIII. von Frankreich 367 ff.
Ludwig XIV. 395 f.
Ludwig XV. 223.
Ludwig XVI. 301 f., 374 ff., 388 f.
Luftschiffahrt 121, 340 ff.
Luise, Königin, 259 f., 273.
Luther 87 f., 408, 411.
Macrobius 33.
Maillé, Graf von, 122 ff.
Majunke 186.
Makedonier 41.
Malesherbes 299.
Marchandon 105.
Margarete von Parma 107.
Maria Feodorowna 315.
Maria Theresia 171 f., 223.
Marie Antoinette 374 ff., 388 f.
Marie Luise 394.
Martinique, Erdbeben, 329 f.
Materialismus 10 f.
Matthias, Kaiser, 84, 413.
Maximilian I., Kaiser, 14.
Mayer, Robert, 4.
Medici: Alessandro 106 ff.
Katharina 93, 350, 353 f., 362.
Lorenzino 106 ff.
Maria 20 f.
Meinhold, W., 178.
Melanchton 82.
Melander 82 f.
Merkt 29.
Méry, Gaston, 124 f., 421.
Mesmer 10.
Messina, Vorhersage der Zerstörung, 128 f.
Micha 27 f.
Miller, J. A., 241 ff.
Montgomery 351.
Montmorency, Heinrich II., 366 ff., 383 f.
Morgan-Dawson 52.
Moskau, Vorhersage der Zerstörung, 84.
Motret 368.
Müller, Egbert, 419 f.
Musaios 40.
Napoleon I. 118 f., 283 ff., 391 ff.
Napoleon III. 356 f., 371 f.
Napoleonische Kriege, Vorhersage, 400 f.
Narbonne, Graf, 376 ff.
Nebukadnezar 28.
New-York, Vorhersage des Hafenbrandes, 327 f.
Ney, Marschall, 117.
Nick, Arzt, 110.
Nicolai 299.
Niederlande, Vorhersage ihrer Blüte, 89.
Nigidius Figulus 66, 70.
Nikolaus V., Parentucelli, Papst, 78.
Nostradamus 346 ff.
– gefälschte Quatrains 356 f.
Oberkirch, Baronin, 313 ff.
Octavius 65 ff.
Old Moore 332 f.
Olearius, Joh., 409.
Ölven, Rittmeister, 181.
Orakel 33 ff., 66.
Österreichisch-französisches Bündnis, Vorhersage, 222 f.
Österreichisch-Preußischer Krieg 59 f.
Otto Heinrich von der Pfalz 81.
Pallas 40.
Papsttum, Beseitigung der weltlichen Herrschaft, 389 f.
Paracelsus 6.
Pausanias 40.
Peare, A. J., 86.
Pest, Vorhersage, 34 ff.
Petrarcha 87.
Phännis 40.
Philibert Emanuel von Savoyen 352 f.
Philippos 41.
Piazzi 3.
Pierre d’Ailly 79.
Pius II., Piccolomini, Papst, 78.
Planet, neunter, Vorhersage, 119.
Plato, 2, 72.
Plutarch 40.
Poniatowssken 191 ff.
Ponk-Knop 179.
Prel, Du, 140.
Preußen, Wiederaufrichtung, Vorhersage, 274, 276 f. etc.
Pröhle, H., 182.
Proles, Andreas, 412.
Prophetie, Unmöglichkeit, 3 ff., 8 f., 16.
– Allgemeines, 99 ff.
Prophezeiungen, falsche, 153 f.,
Gründe dafür: 415 ff.
Protestantismus, lange Dauer, Vorhersage, 88.
Puységur, Marquis, 315, 318.
Pyrrhus 33.
Pythia 39 f.
Quincey 136.
Ravaillac 91.
Reimann 270 f., 279 f.
Reuß 111.
Rizacasa 93.
Roßbach, Schlacht, Vorhersage, 227.
Roucher 299.
Rüchel, General, 258 ff., 273.
Rudolf II., Kaiser, 14.
Sarti 128 f.
Sauce 377 ff., 384.
Schoner, Joh., 82.
Schopenhauer 2, 345, 427.
Scott, W., 136.
Schwedt, Markgraf von, 182.
Sedan, Vorhersage, 371 f.
Seidel, M. F., 180.
Semmelweiß 4.
Seyler 188.
Shelley 136.
Siebenjähriger Krieg, Vorhersage, 226.
Simiane, de, 324.
Simson, Geheimrat, 262 ff.
Soliman II. 358.
Spangenberg, Joh., 412.
Speer 177.
Spurinna 42 f., 44.
Stainville, Marschall, 315 ff.
Stieglitz 112.
Stoffler, Joh., 81.
Stromer-Reichenbach, Friedrich Frh. v., Vorwort.
Sueton 41 ff., 65, 71 ff.
Sully 90.
Süße, Joh. G., 203 ff., 405, 408.
Sybille 40.
Symbol, Symbolismus 46, 70, 99 ff.
Tannstetter-Collinitius 81.
Tessé, de, 324.
Testament, Altes, 23 ff.
Textor, J. W., 134 ff.
Thebes, Mme., 86.
Theogenes 71.
Thilton 49 ff.
Thomas 57.
Thukydides 34 ff.
Thurneyßer 78.
Tragik 332.
Trajan 34, 49 ff.
Traum 78, 134. Siehe auch Doppeltraum.
Traumsprache 253.
Vaudin 3.
Vergil 44.
Victor Emanuel 128 f.
Villandry 93.
Villani 107.
Virchow 10.
Visionen 337 f., 343 f, 420 ff.
Vogtius 84 f.
Vorahnungen 60 ff.
Vogelgesang-Zipelius 58.
Wahrsagerinnen 407.
Wahrsagung aus Kaffeesatz 101–106.
Wahrscheinlichkeitsrechnung 146 ff., 383 ff.
Wahrträume 45 ff. Siehe auch Traum.
Wallenstein 82, 85, 199 ff.
Wanner 109 f.
Wernstorff 412 ff.
Wessel, Joh., 412.
Wien, Vorhersage von Belagerung und Pest, 95 f.
Wilhelm I., Kaiser, 59, 175, 188, 372.
Wilken 180.
Willensfreiheit 12 f.
Wittenbart 55 f.
Wittig 121.
Wolf, Fr., 183.
Zeitangaben 331 ff.
Zeppelin, Graf, 340.
Ziehen 82.
Zipelius 58.
Zitzwitz 182 f.
Zufall 142 ff., 384 ff.
Zweifel 22.
Dr. MAX KEMMERICH
Kultur-Kuriosa
Erster Band (10. Tausend) – Zweiter Band (6. Tausend)
Jeder Band geheftet 3 Mark 50 Pfg., gebunden 5 Mark
Münchner Neueste Nachrichten: Wenn ich den Verfasser recht verstanden
habe, so hat er mit dieser Veröffentlichung von Kulturdokumenten
aller Zeiten und Völker das ethische Ziel verfolgt, im Spiegel der
Vergangenheit das Bild der Gegenwart zu zeigen und dadurch auch
seinerseits dazu beizutragen, daß Leben, Ehre, Freiheit und fremde
Überzeugung jene Achtung genieße, die er mit vollem Recht als das
wichtigste Kulturkriterium betrachtet, wichtiger als alle technischen
und wissenschaftlichen Fortschritte und alle künstlerischen Großtaten.
Der Tag, Berlin: Ein ganz verflixtes Buch. Vom Standpunkt der
Orthodoxie aus – hüben wie drüben – höchst verwerflich nach Tendenz
und Inhalt. Und nun gar: wenn man sich »Töchterschülerinnen« als
seine ungebetenen Leserinnen vorstellen wollte – einfach Pfui Deibel!
Und dennoch: recht zum Nachdenken bewegend, zur Einkehr stimmend,
zur Umschau anregend. Notabene: Für solche, die ihr bißchen Spiritus
gewöhnt sind nicht nach einem irgendwie vorgeschriebenen Schema F
einzustellen. Bei allem Pessimismus, der daraus spricht, eine sinnige
Gabe für geborene Optimisten .... Der wahre Satiriker will nicht nur
bloßstellen, sondern auch bessern; so will auch dies Buch bei aller
Boshaftigkeit oder doch Ungeschminktheit den unserer »Bildung« durchaus
nicht überall adäquaten Stand unserer sogenannten Kultur heben.
Möchte es vor allen Dingen unter die Augen der Männer geraten, die es
namentlich angeht!
(Dr. Hans F. Helmolt.)
Generalanzeiger Mannheim: Solche Bücher sind selten. Denn zu gern
verschließt sich der Mensch solch grassem Bekenntnis der Wahrheit. Aber
sie haben eben dadurch doppelten Wert. Kemmerichs »Kultur-Kuriosa«
sollte jeder besitzen, der Anteil nimmt an menschlicher Kultur, und es
ist jedem von uns heilsam, mitunter in dem Buche zu blättern.
Neue Züricher Zeitung: Eine Sammlung drastischer Anekdoten aus dem
weiten Reiche der Kulturgeschichte mit viel Geschick ausgewählt zum
Behufe des Nachweises, »daß unsere Kultur, soweit sie auf Befreiung
von Grausamkeit, Intoleranz und Borniertheit beruht, noch sehr jungen
Datums ist«. In der Tat ist es unglaublich, von welcher Barbarei wir
herkommen, und in welcher Barbarei wir vielfach heute noch stecken, auf
dem Gebiete des Rechts, der Ehe, der Sittlichkeit, des Glaubenslebens
usw. Manchmal traut man seinen Augen nicht; aber der Verfasser beruft
sich in einem überaus reichen Literaturnachweis durchgängig auf die
besten Quellen.
Liberales Wochenblatt Straßburg i. E.: So wirkt das Büchlein
kulturkräftig, als eine Mahnung zur Offenheit und Freimütigkeit in dem
Eintreten für ein wahrhaft humanes, sittliches Kulturideal.
Albert Langen, Verlag, München
Dr. MAX KEMMERICH
Dinge, die man nicht sagt
Siebentes Tausend
Geheftet 3 Mark 50 Pfg., gebunden 5 Mark
Straßburger Post: Mit diesem Bande ist uns ein ganz köstliches Buch
geschenkt worden. Es handelt von allem, was das Leben an Erscheinungen
und Fragen bringt, von Schule und Universität und von Nationalgefühl
und Moral, von Kunst und Humanität und von Kritik und Polemik. Es
wird keinen einzigen Leser finden – außer den Kritiklosen, die dies
Buch nicht wert sind –, der mit einem einzigen seiner Aufsätze ganz
einverstanden wäre. Aber auch keinen, der nicht gerade dort, wo er
nicht zustimmt, über die rücksichtslose Offenherzigkeit und das
fröhliche Draufgängertum sich freute, mit dem der Verfasser seine
Meinung sagt. Dieser Mut zur Wahrhaftigkeit macht das Buch anziehend.
Allerdings ist aber die besondere Gabe des Verfassers auf ein enges
Gebiet begrenzt. Er ist ein überaus glücklicher Beobachter des bunten
Treibens unserer »Gesellschaft«, das man in den beteiligten Kreisen
als »unsere Kultur« bezeichnet. Aber zum tieferen Eindringen in die
Probleme zeigt er hier entweder keine Lust oder kein Geschick. Darum
sind die Abschnitte, deren Gegenstände am meisten ein Einsetzen der
Kritik nicht an den Zweigen, sondern an der Wurzel erheischten, die
unbefriedigendsten. Aber man soll sich durch die Gegenstände, deren
Wahl ein Fehlgreifen ist, nicht den Genuß an dem andern, glücklich
gewählten, verderben lassen.
Die Propyläen: Die »Kultur-Kuriosa« sind mehr als eine bloße
Raritätensammlung, sie wollen den Nachweis führen, daß auch unser
herrliches 20. Jahrhundert das dunkle Mittelalter noch immer
nicht überwunden hat, während die »Dinge, die man nicht sagt« in
systematischem Kriegsplan gegen die Gebrechen unserer Zeit vorgehen.
Beide Bücher, insbesondere das zweite, das ich vorziehen möchte, müssen
und wollen auf Schritt und Tritt anstoßen, aber sie enthalten eben doch
einen wahren Kern, wie jeder zugeben muß, der sich von den Fesseln der
Voreingenommenheit und der Phrase freimacht.
Niederschlesische Zeitung, Görlitz: Vielleicht ist man mit der
Behandlung des einen oder anderen Themas nicht völlig einverstanden,
aber in sehr vielen Punkten, ja man kann sagen in den meisten, muß
man den Verfasser als einen grundgescheiten Menschen, der sich unter
allen Umständen bestrebt, die Dinge ohne alle Schönfärberei zu
betrachten, oder einfacher gesagt, der den Mut hat, vernünftig zu
sein, recht geben. Wenn man ihm beispielsweise zuhört, wie er über
»Wissensdurst und Universität« urteilt, wie er das zopfige Gelehrtentum
herunterputzt, das an Stelle einer universellen lebendigen Darstellung
stundenlanges trockenes Aufzählen der Quellen, der Werke, die der
Darstellung zugrunde liegen, für die richtige geistige Kost hält, dann
spricht einem der Verfasser aus dem Herzen! Nach dieser Richtung hin
bietet das Buch eine Summe von Beobachtung aus dem täglichen Leben, und
wenn nur die Hälfte von dem, was er sagt, Nachachtung fände, so würde
es um vieles besser stehen um unsere Kultur.
Albert Langen, Verlag, München
Druck von Hesse & Becker in Leipzig
Papier von Bohnenberger & Cie., Papierfabrik, Niefern bei Pforzheim
Einbände von E. A. Enders, Großbuchbinderei, Leipzig
Liste korrigierter Druckfehler
Seite 24: „Assyrier“ ersetzt durch „Assyrer“: Wo sind die Babylonier,
die Assyrer, die Griechen, Römer?
Seite 31: „eine“ ersetzt durch „ein“: ..., ein Phänomen, für das, wie
für so manches andere, die heutige Wissenschaft noch keine ausreichende
Erklärung hat.
Seite 32: „panegyrischen“ ersetzt durch „panegyrische“: ... soweit
sie die tatsächlich unkritische und panegyrische religiöse Literatur
betreffen ...
Seite 35: „Peleponnes“ ersetzt durch „Peloponnes“: ... und, was ein
merkwürdiger Umstand war, die Peloponnes blieb gänzlich davon frei.
Seite 49: „ihnen“ ersetzt durch „Ihnen“: ..., daß ich von heute in
sechs Wochen einer dringenden Einladung von Ihnen folgend Sie besuchte.
Seite 50: Fehlendes öffnendes Anführungszeichen ergänzt: ... fuhr die
Dame fort, »daß ich beim Eintreten dieses Haus leer und verlassen fände
...
Seite 65: „konnten“ ersetzt durch „konnte“: ..., oder wenn starker
Taufall seine Entscheidungen beeinflussen konnte.
Seite 70: „zweiflos“ ersetzt durch „zweifellos“: Es liegt hier
zweifellos ein noch nicht näher ergründetes Phänomen der Prophetie vor.
Seite 81: „Konjunkturen“ ersetzt durch „Konjunktionen“: ...,
jahrtausendelange Erfahrung ein Zusammentreffen gewisser Ereignisse und
Schicksale mit bestimmten Konjunktionen der Gestirne ergeben habe.
Seite 101: „Das“ ersetzt durch „Daß“: Daß es sich nicht um einen der
biblischen Engel handeln kann, ...
Seite 102: Einleitendes einfaches durch doppeltes Anführungszeichen
ersetzt: »Eine Freundin von mir, Lady A., wohnte in den Champs-Elysées.
...
Seite 113: „Tatbeberichte“ ersetzt durch „Tatberichte“: ... das
beweisen die zahlreichen von Flammarion veröffentlichten Tatberichte,
...
Seite 123 (Fußnote): „phrophetischen“ ersetzt durch „prophetischen“:
Die Erklärung für diese prophetischen »Geister« dürfte ...
Seite 135: „Komppliment“ ersetzt durch „Kompliment“: ..., sei
herabgestiegen und habe ihm auf eine verbindliche Weise das Kompliment
gemacht; ...
Seite 136: „gestört“ ersetzt durch „gestöbert“: ..., daß ich als Knabe
unter seinen Büchern und Schreibkalendern gestöbert ...
Seite 142: „Berechung“ ersetzt durch „Berechnung“: Hier handelt es
sich, das ist klar, um Berechnung, Kalkulation oder Kombination.
Seite 142: „Unbeabsichtige“ ersetzt durch „Unbeabsichtigte“: ..., also
das =Unbeabsichtigte= und das =Unerklärliche=.
Seite 144: „Metereologe“ ersetzt durch „Meteorologe“: Ein Meteorologe
wird den Windstoß vorhersehen, ...
Seite 146: „verunglückten“ ersetzt durch „verunglücken“: Die
Wahrscheinlichkeit Berlin zu erreichen, verhält sich zu der tötlich zu
verunglücken ... (– das Wort „tötlich“ wurde hier nicht korrigiert, da
diese Schreibweise mehrfach vorkam.)
Seite 150: „Devisor“ ersetzt durch „Divisor“: Wenn schon die reine
Mathematik bei einem so ungeheuren Divisor aus praktischen Erwägungen
zum Resultat 0 gelangt, ...
Seite 155: „wiedersprechen“ ersetzt durch „widersprechen“: Da es aber
eine große Fülle von Vorhersagen gibt, die sich widersprechen, ...
Seite 177: „Lehnische“ ersetzt durch „Lehninsche“: Wie bereits kurz
erwähnt, wird die Lehninsche Prophezeiung als Werk eines Bruders
Hermann ...
Seite 177 (Fußnote): „wörtsich“ ersetzt durch „wörtlich“: ..., daß
die Prophezeiung des P. Speer über Bayern zum Teil wörtlich mit der
Lehninschen übereinstimmt.
Seite 182 (Fußnote): „Leninsche“ ersetzt durch „Lehninsche“: J. C. L.
Gieseler, Die Lehninsche Weissagung gegen das Haus Hohenzollern ...
Seite 184: „wert“ ersetzt durch „Wert“: ..., sondern lediglich weil es
wenig Wert hat sich mit Fragen aufzuhalten, ...
Seite 192: „Krankkeit“ ersetzt durch „Krankheit“: ..., etwa
sechzehnjährig in eine schwere Krankheit verfiel und ...
Seite 192: „Stil“ ersetzt durch „Stiel“: Sie sah eine blutige Rute am
Himmel, deren Stiel gegen Mitternacht, ...
Seite 198: „Interprätation“ ersetzt durch „Interpretation“: Wenn wir
auch keine in Einzelheiten richtige Interpretation der merkwürdigen
Vision geben wollen ...
Seite 208: „skizierte“ ersetzt durch „skizzierte“: ... und darüber
einen Aufsatz verfaßt, in dem er Heerings Charakteristik und
Vergangenheit skizzierte.
Seite 208: „ihm“ ersetzt durch „ihn“: Damit fällt der Verdacht, Süße
habe, um sich interessant zu machen oder aus anderen Gründen, Heering
»entdeckt« oder habe ihn gar zu kirchlichen Propagandazwecken benutzt.
Seite 250: „Offfzier“ ersetzt durch „Offizier“: ..., und er führte mich
dann zu seinem Offizier, bei welchem er zugleich Bedienter war.
Seite 272: „Potokoll“ ersetzt durch „Protokoll“: Außer obigem langem
Protokoll hat Müller noch Briefe an den König Friedrich Wilhelm III.
von Preußen verfaßt, ...
Seite 279: „religiöse“ ersetzt durch „religiösen“: ... und einige
religiösen Inhalts, fast alles in Erfüllung ging.
Seite 280: „Frankreich“ ersetzt durch „Frankreichs“: Der Krieg
Frankreichs von 1812 mit Rußland, Frankreichs Niederlage und der
ungeheure Brand Moskaus, ...
Seite 291: „abgedruckter“ ersetzt durch „abgedruckten“: ..., wie
auch aus einem bei Ehrlich abgedruckten Brief, der die Anfrage der
russischen Kaiserin enthält, hervorgeht, ...
Seite 294 (Fußnote): Anführungszeichen vor „Lycée“ ergänzt: Besonders
geschätzt waren seine Vorlesungen über Literatur, die unter dem Titel
»Lycée ou Cours de Littérature« (Paris 1799 ff.) erschienen.
Seite 311: „Cräfin“ ersetzt durch „Gräfin“: ..., so beweist es doch,
wie das der Gräfin de Genlis, ...
Seite 327: Anführungszeichen „«“ ersetzt durch schließende Klammer:
(Das Medium war schon in New York und hat daher die in der Vision
erschaute Stadt jedenfalls als New York erkannt.)
Seite 336 (Fußnote): Schließendes Anführungszeichen ergänzt: »Das
Gesicht dürfte sich jedenfalls bald erfüllen, bzw. in einem der
kommenden Jahre.«
Seite 341: „, Das“ ersetzt durch „, das“: Das elektrische Luftschiff,
das große, vollkommen lenkbare Luftschiff mit elektrischer Bewegung ...
Seite 358: „der“ ersetzt durch „des“: ..., stand er auf der Höhe als
Organisator des Bürgerkrieges (Contrebandé).
Seite 359: „Katkoliken“ ersetzt durch „Katholiken“: Im gleichen Jahre
1570 schlossen die Protestanten und Katholiken zu St.-Germain Frieden.
Seite 359: „Zeitabgabe“ ersetzt durch „Zeitangabe“: Auch die Zeitangabe
von sieben Jahren wird stutzig machen.
Seite 361 (Fußnote): „Le Pelletrier“ ersetzt durch „Le Pelletier“:
[187] Le Pelletier, I, S. 93 f.
Seite 369 (Fußnote): „bebetrifft“ ersetzt durch „betrifft“: Was die
Persönlichkeit Heinrichs II. Montmorency betrifft, so war er ...
Seite 385: Diese Stelle wurde nicht korrigiert: „... also = 1 : 5000
Milliarden, eine =vierzehnzeilige Zahl=!“ – Es müsste eigentlich „eine
dreizehnstellige Zahl“ heißen.
Seite 386: „Das“ ersetzt durch „Daß“: Daß Nostradamus gerade auf den
Namen Narbon verfiel, ...
Seite 386: „war“ ersetzt durch „gab“: Wieviele Sausse es damals in
Frankreich gab, entzieht sich natürlich meiner Kenntnis.
Seite 388: „griechich“ ersetzt durch „griechisch“: (moyne, griechisch
aus monos, allein)
Seite 405: schließende Klammer ergänzt: (Modus officialis)
Seite 416: „Phanthasie“ ersetzt durch „Phantasie“: ..., ein Bild meiner
für mich selber unbemerkt einsetzenden Phantasie werden könnte.
Seite 417: „gewerbsmässigen Wahrsagerinen“ ersetzt durch
„gewerbsmäßigen Wahrsagerinnen“: Damit beantwortet sich auch die Frage,
was von Prophezeiungen der gewerbsmäßigen Wahrsagerinnen zu halten ist,
ganz von selbst.
Seite 417: „einem“ ersetzt durch „einen“: Wer für einige Mark sich
täglich so und so oft in einen Zustand versetzen soll, ...
Seite 426: „interprätieren“ ersetzt durch „interpretieren“, „zuläßig“
ersetzt durch „zulässig“: ..., daß es weder leicht ist eine richtige
Vision bzw. Prophezeiung als solche zu erkennen und zu interpretieren,
noch auch zulässig ist aus Irrtümern, die der Seher begeht, ...
Seite 427: „Steuungskegel“ ersetzt durch „Streuungskegel“: ..., wenn
nämlich der Streuungskegel größer ist als das Ziel ...
*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK PROPHEZEIUNGEN ***
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opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
without further opportunities to fix the problem.
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in paragraph 1.F.3, this work is provided to you ‘AS-IS’, WITH NO
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LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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