The Project Gutenberg eBook of Im Kampf um Ideale
This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and
most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
of the Project Gutenberg License included with this ebook or online
at www.gutenberg.org. If you are not located in the United States,
you will have to check the laws of the country where you are located
before using this eBook.
Title: Im Kampf um Ideale
Die Geschichte eines Suchenden
Author: Georg Bonne
Release date: February 8, 2026 [eBook #77887]
Language: German
Original publication: München: Verlag von Ernst Reinhardt, 1917
Credits: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK IM KAMPF UM IDEALE ***
Anmerkungen zur Transkription.
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des
Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler
sind stillschweigend korrigiert worden.
Folgende Zeichen sind für die verschiedenen Schriftformen benutzt
worden:
~gesperrt gedruckter Text~
+antiqua gedruckter Text+
Im Kampf um die Ideale
Ein Gegenwartsroman
Im Kampf um die Ideale
Die Geschichte eines Suchenden
Ein
Gegenwartsroman
von
Georg Bonne
Gekürzte
Volksausgabe
17.-19. Tausend
[Illustration]
München 1917
Verlag von Ernst Reinhardt
Roßberg'sche Buchdruckerei, Leipzig
»Diese Blätter enthalten Wellenringe meines Geistes. Hilf ihnen, daß
sie frei werden.«
Mit diesen Worten vertraute mir mein Freund auf seinem Sterbebette ein
Manuskript, das Werk seines Lebens, an. In der Arbeit für andere, in
seinem Helferberufe, hatte er seine Kräfte erschöpft. Bei der Pflege
des kranken Kindes einer armen Witwe hatte er den Keim des Todes
eingeatmet. Sein Lebenslicht war erloschen. Aber der Samen seiner
Liebestätigkeit spreute weit über die Lande.
Nun hatten wir ihn da droben in den Bergen zur Ruhe gebracht, hoch oben
in den Schneeregionen, wie er gebeten, -- um der Sonne recht nahe zu
sein. --
Und wie wir ihn betteten, war es mir, als hörte ich deutlich drei
schrille Hammerschläge und spürte den Zauber, der von einer unendlichen
Kette unsichtbarer Hände ausging, die den Erdball umspannten, wie eine
wunderbare, schier übermenschliche Kraft. --
So flutet denn hinaus, ihr Wellenringe seines Geistes, um zu wirken,
wie er es gewünscht!
Die Geschichte eines Suchenden.
Ich war müde geworden im Kampfe gegen das Unglück und die Torheiten der
Menschen, gegen Krankheit und Tod, gegen Härte und Verzagtheit.
Von Jugend auf hatte ich Körper und Seele gestählt für diesen Kampf,
hatte als zarter Knabe Abend für Abend Gott angefleht, mich zum starken
Manne werden zu lassen, um meinem Vaterlande dienen zu können. Die
Spartaner und alten Germanen hatte ich mir zum Vorbild genommen, Hitze
und Kälte ertragen gelernt. Meine Muskeln waren hart und die Nerven
zähe geworden. Dulden von Schmerzen und Entsagung hatte ich auf mich
genommen, um mich für den Kampf des Geistes zu stählen. Sollte ich nun
doch unterliegen?
Ich fühlte, wie tausend Gegner nach meinem Leben zielten mit Haß und
Verleumdung, mit Hinterlist und Verhetzung, fühlte, wie Neid und
Eifersucht, wie wilde Kaninchen und Maulwürfe einen gut gehaltenen
Garten, mein Arbeitsfeld unterminierten. Und daß ich diese ganze
Gesellschaft von Philistern, von Kriechern und Strebern, von Heuchlern
und hoffärtigen Toren, die ich gewohnt war nur mit Mitleid zu
betrachten, in meinem Lebensgarten an der Arbeit sah: daß ich diese
ganze Gesellschaft als dräuende Gegnerschaft empfand, das machte schon,
daß ich mich doppelt elend und müde fühlte.
Ritt oder fuhr ich durch unser herrliches Land, über mir den blauen
Himmel, auf dem wie silberne Schwäne einzelne schneeweiße Wölkchen
schwammen, so sah ich über der nahen Stadt den Dunst stehen wie eine
große dunkle Mauer. Die erinnerte mich täglich, ja stündlich an die
Riesengröße meiner Aufgaben. Denn hinter dieser großen dunklen Mauer
da wohnten das Elend, der Tod, die Krankheiten, die Verkommenheit, die
Härte und Kälte, die Leichtfertigkeit und Gleichgültigkeit.
Und aus diesem großen dunklen Dunstkreise heraus kamen zu mir, wie
droben am Himmel die kleinen einzelnen Wölkchen, die bei Ostwind
von der Stadt her über unserer grünen Gartenlandschaft dahinzogen,
gleichsam, als wollten sie dem eklen Dunst entfliehen: Hungernde und
Verzweifelte, Ratlose, Liebelose, Kranke und Sieche, wie die Großstadt
sie aus dem Taumel der Arbeit und der sogenannten Genüsse gebiert. Und
alle wollten Hilfe, -- der wollte Rat, jener Liebe, dieser Brot, jener
Arbeit, einer sein Recht, ein anderer Aufklärung oder einen handfesten
Rippenstoß in die Seele, daß er aufwachte. Und ich gab, was ich hatte,
und was ich wußte.
Aber nun war ich müde geworden. Denn riesengroß, als ob sie mich
erdrücken und ersticken wollte, sah ich tagtäglich die dunkle Wand
am Horizonte stehen und wachsen, -- wie die riesengroße Verkörperung
meiner Lebensaufgaben, die ich mir gestellt: mein Volk, mein geliebtes
deutsches Volk, reich und frei, stark, gesund und glücklich machen zu
helfen.
Wohl klang mir das Wort des Altmeisters Goethe durch die Seele: Mensch
sein, heißt Kämpfer sein, wie ein steter Weckruf, nicht nachzulassen im
Kampf. -- Aber je mehr ich kämpfte, desto mehr erkannte ich die Größe
des Elends.
Manchmal war es mir geradezu, als schwanke der Boden unter meinen
Füßen. -- Ich hatte ein Gefühl wie vor langen Jahren, wenn ich als
Knabe über die Moore meiner Heimat schweifte: mir kam es vor, als
ob der Lebensboden unserer Heimat hohl sei, -- leer an Liebe. Ja,
das war's, die Liebe fehlte in der Welt! Und weil die Liebe fehlte,
zersetzte sich unser Lebensboden, und tausend Giftpflanzen schossen
auf, -- die Sünden unserer Zeit: Selbstsucht und Habgier, Neid und
Eifersucht, Unzucht und schrankenlose Genußsucht. Herrgott --, schenke
uns doch die Liebe wieder, wie du in jedem Frühling die Sonne der Erde
wiederschenkst, damit sie wieder erwärmt wird, grünt, blüht und Früchte
trägt.
Und so liebeleer schien mir die Welt trotz alles Glückes daheim, daß
ich schließlich nur noch das Elend sah und die Not, nur noch die Sünde
und die Lieblosigkeit, -- hoffnungslos.
Mir aber war's, als ob alle Kraft von mir gewichen sei.
Da ging ich in die Heide, um, -- wie einst der Riese Antäus im Kampfe
mit Herkules durch die Berührung mit seiner Mutter Gäa, der Erde, neue
Kraft gewann, -- im engen Zusammenleben mit Mutter Natur neue Kräfte zu
sammeln zu neuem Kampf und neuem Leben.
Ich zog über den Elbstrom in die schwarzen Berge des Hannoverlandes,
die den Nordrand der Lüneburger Heide bilden. An den Buchen hing
noch zum Teil goldgelbes Laub, durch das das satte Grün der Tannen
tröstend und wärmend leuchtete. Noch stand die Heide im Braunrot ihres
Herbstgewandes; Erde und Moos strömten ihren kräftigen Dunst aus.
Würzig frisch strich die Luft durch Heide und Wald, -- eine Zeit, so
recht zum Genesen und zum Kräftesammeln. Tag um Tag, Woche um Woche
schlenderte ich durch das Land. Mein Weggenosse war der Herbstwind, der
kühler und kühler wurde. Ich hielt Zwiesprache mit den Eichhörnchen
und den Rehen im Walde und den Hasen auf der Heide. Warf ich im
Tannendickicht meine Kleider ab, um in der frischen Herbstluft die
Glieder zu recken und mir von Wind und Sonne den Körper stählen zu
lassen, so kam das Wild und lugte neugierig nach dem Fremdling.
Freilich, die Kräfte und der Schlaf kamen wieder bei dem Leben, das ich
da führte, aber die Seele wurde doch nicht frei. Und das kam so. Wenn
die Sonne im Westen, dort, wo die Elbe sich ins Meer ergießt, versank,
und ihr letzter matter Strahl verglommen war, dann saß ich oben am
waldigen Bergesabhang, wo ich als Knabe schon gesessen und mich satt
getrunken hatte an der Abendsonnenglut, und schaute über die Elbe,
dorthin, wo in grünen Hügeln mein Heim versteckt lag, wo meine Lieben
hausten, mein Weib, die treue Gefährtin meines Lebens, meine Buben und
Mädel. Ich sah sie im Geiste ihre Schiffe bauen und ihre Spiele spielen
mit selbstgeschnitztem Pfeil und Bogen, sah sie ihre Gärtchen bestellen
und die Tauben füttern, ich sah, -- nein, ich durfte nicht sehen, sonst
erfaßte mich die große schlimme Krankheit, welche die Menschen befällt,
wenn sie eine Heimat haben, -- das Heimweh. Aber ich war ja kein Knabe
mehr, das Heimweh meisterte ich schon.
Doch es war ein Schlimmeres da, was ich sah, was meine Seele selbst
aus der Ferne nicht ruhen ließ, sondern wie ein ätzendes Gift in ihr
fraß und bohrte. Wenn über die Heide und den Wald, über die weiten
Marschwiesen und den Strom das Dunkel sich gesenkt hatte, dann
strahlte drüben im Westen, von Blankenese an bis zum Osten, da, wo
Harburg an den Elbstrom stößt, ein Riesenkranz von Lichtern auf, wie
eine ungeheure Perlenkette als Schmuck für die Königin Nacht. Wo
tagsüber die Dunstwolke über der großen Stadt gestanden hatte, flammte
jetzt eine heiße, qualmende Glut auf: der Widerschein von Tausenden
von Lampen und Lichtern. Gleichzeitig drang deutlich vernehmbar ein
Summen und Brausen an mein Ohr, wie das Rauschen eines fernen Meeres.
Mir klang es wie das Ächzen und Stöhnen eines großen Elends. Wohl hörte
ich das Rasseln und Stampfen der schweren Wagen und Maschinen, das
Pfeifen der Lokomotiven und das Tuten der Nebelhörner der Schiffe, --
das waren nur Zeichen des tätigen Lebens, -- die störten mich nicht,
die liebte ich. Waren sie mir doch vertraut von Jugend auf. Aber aus
all dem Lärm heraus hörte ich immer wieder, leise, doch ganz deutlich,
das Ächzen und Stöhnen der Tausende und Abertausende von Unglücklichen,
von Hungernden und Verzweifelnden, von Verführten und Verkommenen,
von Obdachlosen und Arbeitslosen, von Kranken und Siechen, die krank
und siech geworden waren durch eigene Schuld, durch den Trunk, zu dem
andere sie verführt, und zu dem sie wiederum andere verführt hatten,
krank und siech durch liederliche Dirnen, die, selbst ein Opfer des
großen Molochs, mit ihren Opfern elend zugrunde gingen.
Und durch das trunkene Jauchzen und wilde Schreien hörte ich das
Wimmern elender Kinder und das Schluchzen hungernder, gemißhandelter
Frauen, das Stöhnen der Reue und der Verzweiflung und das Röcheln
reuevoll und ruhelos Sterbender. Und nicht helfen zu können mit allem
guten Willen, das machte mich schier rasend! Und in ohnmächtigem
Schmerz sah ich die Glutwolke über der Vaterstadt und hörte den
Puls seines Lebens und das Stöhnen und Röcheln seiner Elenden und
Sterbenden. Und von der Vaterstadt flog mein Geist weiter durchs
deutsche Land und überall sah er das nämliche Elend. So nagte der Gram
weiter, und die müde Seele kam nicht zur Ruhe.
* * * * *
Eisiger wurde der Wind; kahl stand der Buchenwald; graubraun lag die
Heide. Regenschauer wechselten mit Nebeltagen, heulender Weststurm mit
Schneetreiben aus Osten. Da wurde mir allmählich klar, was mir fehlte.
Ich hatte den Glauben an die Menschheit verloren. Ich hatte verlernt zu
hoffen, daß sie je aus dem Elend herauskommen könnte; hatte den Glauben
verlernt, daß je das Gute das Böse werde besiegen können. Aber ohne
diesen Glauben, ohne dieses Hoffen gleichen wir hungernden Reptilien,
die in dunkler Erde eklem Gewürm nachkriechen, um zu leben!
Tief im Herzen wohnte mir die Sehnsucht nach der Sonne, nach Wärme und
Licht, -- ich war ja Licht und Wärme und Sonne gewohnt, -- das rettete
mich -- aber nur zu oft kam immer wieder ein dunkler Drang über mich,
es ebenso zu machen, wie die Tiere des Waldes, wenn sie den Tod nahen
fühlen! Ich wußte oben im Tannendickicht ein lauschiges Plätzchen, wo
kaum je der Fuß eines Wanderers hinkam. Wenn ich mich dort hinlegte und
mit Laub ganz zudeckte und einschlief, einschlief für immer, -- dann
war ich alle meine Qualen los.
Eines Tages tat ich es, schlief ein dort oben. Da träumte mir, ein
überirdisch schönes Weib, nur mit dem Schmuck ihrer langen blonden
Haare angetan, trat zu mir und weckte mich mit Küssen, die neues Leben
durch meine Adern rieseln ließen. Und als sie mir entwich durch den
Tann, eilte ich ihr nach und holte sie ein. »Wer bist du?«, fragte ich.
»Ich bin die Hoffnung,« sprach sie, »verzage nicht, ich will dir Wege,
immer neue Wege zeigen, wenn du am Ende deines Tuns und Könnens glaubst
angelangt zu sein.« -- Da wachte ich auf.
An einem der nächsten Abende, -- ich war wiederum völlig verzagt, --
wanderte ich weit, weit durch die Heide, durch braune, schweigende
Dünentäler, die kaum betreten schienen. In ehrfurchtgebietender Ruhe
lagen sie da, wie eine in sich abgeschlossene Welt, wie der verlassene
Riesentempel eines unbekannten Gottes.
Da war es mir, als hörte ich neben mir Schritte. Wie ich zur Seite
schaue, schreitet neben mir ernst und still ein Weib. So heilig ernst
und doch fröhlich heiter. Wunderlich wurde mir zu Sinn. Mir war's, als
käme die Stimme von ihr, und kam doch nur aus meinem Herzen: »Ich bin
die Pflicht. Hast du das Elend deines Volkes erkannt, so darfst du auch
nicht verzagen, mußt arbeiten und schaffen und helfen, solange noch ein
Atemzug in dir ist.« -- Und wie sie sprach, ging im Westen die Sonne
unter.
Am frostklaren Himmel stand eine große, zerrissene Wolke. Die sah aus
wie ein gigantischer Cherubim mit zwei Flügeln, die von Osten nach
Westen reichten. Dunkler wurde die Heide. Ihr Braun wich blauschwarzem
Violett. Plötzlich strahlten die Flügel des Wolkenengels in leuchtendem
Purpurgold, und es schien mir, als ob sein ausgestreckter linker Arm
nach Westen reiche und seine Rechte mich faßte, als ob sie mir den Weg
weisen wollte. Dann versank Himmel und Heide in tiefes nächtliches
Schwarz.
Da tauchte in mir wie ein heller Hoffnungsschimmer der Gedanke auf:
Geh' übers Meer, weit, weit fort, daß tausend Meilen zwischen dir und
dem Elend sind, damit du lernst, es aus der Ferne schauen. Dann wird es
dir kleiner scheinen, als jetzt, wo du es täglich vor Augen hast. Du
wirst zur Ruhe kommen und genesen. Und mit frischer Hoffnung und neuem
Mut, mit neuer Kraft wirst du ans Werk, an deine Arbeit, deine Pflicht
gehen!
So schüttelte ich den Staub von den Füßen und stieg zu Schiff, um
hinaus zu fahren über das Meer, um mir neue Kräfte und klaren Blick zum
Helfen und Schaffen und Kämpfen zu suchen.
Der Hafen von Hamburg war in Eis verwandelt. Krachend und stöhnend
arbeiteten sich die Schlepper durch die weißen Schollen der Elbe
hindurch. Mühsam drangen die Jollen hinterher. Ein grauer Nebel
lag über den Fluten der Elbe. Schrille Signale der Dampfsirenen
durchschnitten die kalte Luft. Von den Türmen der Stadt klang zitternd
der Ton der Glocken, die den ersten Weihnachtsfeiertag einläuteten.
Kalt und grau lagen Hafen und Stadt. Vereist und verschneit die Straßen
am Hafen. Vereist und verschneit das Schiff.
Fröstelnd bis in das Innerste meiner Seele betrat ich seinen Boden.
Doch was war das! Waren die Menschen, die mich begrüßten, eine andere
Rasse? Aus dem rauhen Ton ihrer Stimme klang etwas unendlich Warmes
und Weiches heraus, etwas Herzliches, als ob es aus einer anderen
Zeit stamme, etwas, was der Seele so wohl tat, wie dem Leibe bei
kaltem Wetter ein heißes Getränk. Ein kurzes, männliches, herzliches
»Willkommen«, ein derber Händedruck, »auf gute Kameradschaft für die
Reise«, und eingereiht war ich als Schiffsarzt in die Besatzung. Ich
trat in meine Kabine, und seltsam, -- als ich dies kleine Raumgeviert
betreten hatte, das wohldurchwärmt und behaglich erleuchtet war, so
groß, daß ich mit ausgestreckten Armen nach allen vier Richtungen fast
die Wände berühren konnte, da wurde mir so seltsam wohlig zumute,
es kam solche innere Ruhe über mich, wie ich sie seit Jahren nicht
gekannt. Ich hätte aufschluchzen können vor Glück und Frieden: hier in
den vier sauberen engen Wänden wird dir unendlich wohl sein. Ich hatte
die Empfindung, als ob ich in meinem eigenen Herzen zu Besuch war.
Ich saß und saß und träumte und fühlte mich selig wie ein Kind. Ab
und zu hörte ich wie aus weiter Ferne und doch ganz in meiner Nähe,
daß geklopft und gerasselt wurde. Doch es störte mich nicht in meinem
Glücke. So saß ich Stunden. Dann schritt ich hinaus auf Deck.
Knirschend schob sich unser Schiff durch das Eis des Hafens. Leer
gähnte in dem die Stadt verhüllenden Nebel die Lücke, wo einst mit
grünleuchtendem Haupte der hohe Turm der großen Michaeliskirche den
seewärts fahrenden Schiffern sein letztes Lebewohl zugewinkt hatte.
Mir war der mächtige Turm von Jugend auf wie ein steter Mahner zur
christlichen Liebe erschienen. Und nun hatten Gedankenlosigkeit und
Fahrlässigkeit, die so oft das Beste im Leben vernichten, ihn zu Schutt
und Asche werden lassen. Da faßte mich aufs neue namenlose Bitterkeit.
Dieses Kunstwerk, eines der schönsten, das Menschen je geschaffen
zu Ehren des Höchsten, des Gottes der Liebe, durch Nachlässigkeit
und Gedankenlosigkeit zerstört! Aber, machten sie es nicht mit der
ganzen christlichen Kirche so, mit der ganzen Lehre Christi? Ließen
sie die nicht ebenso verbrennen, wie die Handwerker bei ihrer Arbeit
den herrlichen Turm, beim Streit um das Dogma, beim Tanz um das
goldene Kalb, in ihrer öden Genußsucht? Wohl übten sie Wohltätigkeit,
veranstalteten Basare und Konzerte, Sammlungen und Tees, -- aber Liebe,
-- Liebe hatten sie nicht, oder doch nur die allerwenigsten unter
ihnen, keine Liebe und kein Nachdenken! Denn sonst hätten sie all das
Elend nicht entstehen lassen können bei all ihrem Reichtum, geschweige
denn dulden, daß es so fortwucherte, namenlos, riesengroß. Oh, sie
taten so viel mit Ferienkolonien und Lungenheilstätten, mit Asylen und
Kinderkrippen, mit Krankenhäusern und Arbeiterkolonien, in denen sie
den Armen die Brosamen reichten, die von ihren reichen Tischen fielen,
hielten fromme Reden und warnten das Volk vor Begehrlichkeit. Aber
ihre Hypothekenzinsen und ihre Einnahmen aus dem Bodenwucher wollten
sie nicht einbüßen; und deshalb bauten sie immer neue Massenquartiere
als Brutstätten des Elends um die alten herum. Oh, ich kannte wohl den
Dunst, der aus ihnen emporstieg, und was er sagen wollte. -- --
Eindringlich und gigantisch hob sich das Riesenstandbild unseres großen
Bismarck in den Nebel hinaus, warnend, mahnend, zur Tat aufrufend, wie
ein Herold aus alter, großer Zeit. --
Immer rascher wurde die Fahrt, immer freier das Fahrwasser. Hinter
uns lag die Stadt in Rauch und Nebel. Wir glitten vorbei an den
verschneiten Gärten der Hamburger Patrizier, vorbei an den weiten,
jetzt durch verschneite Deiche geschützten Marschen Schleswig-Holsteins
und Hannovers.
Längst war das Eis aus dem Strome verschwunden, nur an dem Ufer schob
es sich schneeig und glitzernd zusammen. In voller Fahrt eilte unser
Schiff dem Meere zu, und in der Brust erwachte und wuchs ein neues
seliges Gefühl -- Freiheit! Und dieses Gefühl wuchs und dehnte sich
aus, als wollte es das ganze Wesen, die ganze Seele erfüllen, als
wollte es alle Hüllen sprengen, die den inneren Menschen gefesselt
hielten. Es war, als ob in jenem leichten Dunstnebel, der nur von fern
anzeigte, wo Rauch und Qualm der großen Stadt verschwunden waren, alles
Kleinliche, alle Sorgen, alle Qualen hängengeblieben wären. Frei und
groß lag vor uns das Meer, frei und groß wurde die Seele, und es war,
als ob die Seele mit dem Meere verwandt wäre.
Der Tag ging zu Ende. Schatten um Schatten senkte sich hernieder auf
die Wogen. Der Mann am Steuer verfolgte seinen Kurs unverwandt, das
Auge auf den kleinen, erleuchteten Kompaß gerichtet. Um uns herum
tiefe, schwarze Nacht und eine eigenartig kraftvolle Symphonie,
deren Melodie gebildet ward von dem Stampfen der Maschine, und deren
Begleitung das tosende Grollen des Meeres bildete.
Da plötzlich, wie aus unendlicher Ferne, durch alles Dunkel ein heller
Lichtschimmer in der Gegend, aus der wir kamen. Wie ein magischer
Strahl durchzitterte er hell auf Sekundendauer die finstere Nacht, und
wieder und wieder in regelmäßigen Zwischenräumen, so regelmäßig wie der
Schlag unseres Herzens: Das Leuchtfeuer von Helgoland. Wie ein letzter
Gruß aus der Heimat winkte er herüber, als wollte er sagen: nun, wo
du die Heimat hinter dir gelassen, laß dort alles Trübe und Schwere,
alles, was dich bedrückt und kränkt, und nimm nur mit hinaus aufs Meer
das Lichte, Helle, was dich erfreut, und was du liebst, -- so grüß' ich
dich, leb' wohl, fahr' wohl! --
Und weiter ging es in die schwarze, stürmende, tosende Nacht. Bald
tauchte rechts, bald links ein Lichtschein auf, als wollte er
uns warnen vor dräuender Gefahr. So geht es dem Wanderer auf dem
Lebenswege. Er schreitet dahin mit verbundenen Augen, keiner von uns
weiß, was die Zukunft bringt. Es ist, als ob unser Leben in Dunkel
gehüllt wäre. Unsere Pflicht, unser Lebenskompaß, weist uns den Weg
durch die Nacht. Weh' dem, der seines Lebenskompasses vergißt und auf
die Klippen und Riffe zusteuert, vor denen blinkende Lichter ihn warnen.
Eisig warf der Sturm schneeige Böen über das Schiff. Krachend und
donnernd schlugen die Wogen an seinen Bug. Ruhig und stolz kämpfte es
sich hindurch, dem Morgen entgegen.
Da suchte ich für kurze Stunden mein Lager auf. Mein kleines
Zimmerchen, fast kam es mir vor wie ein traulicher Sarg, in dem ich
lag. Mir war's, als ob alles Leibliche und Weltliche von mir abgeweht
sei, und ein unendlicher Friede und eine unendliche Ruhe kam über mich.
Das Wogen des Meeres wurde mir schließlich so vertraut, daß es mir war,
als würde ich in meine früheste Kindheit zurückversetzt und im Arme der
Mutter gewiegt.
Und so losgelöst von Zeit und Raum schlief ich erquickt bis in den
hellen Tag.
Mächtig umbrausten die Wogen der Nordsee das stampfende Schiff. Mit
rauher Hand umstrich mich der Sturm. Mir war es stärkende Wohltat. Und
jauchzend löste sich die Seele vom erdrückenden Gram:
Du urgewaltiges Wunder, du Nordsee!
Die du die weiten Strecken fruchtbarer Länder
In wildflutendem Wogenschwalle
Für ewige Zeiten grausig begrubst;
Und Kirchen und Dörfer
Und abertausend freie Friesen, --
Sie schlummern ewig in deinem Schoß!
Und jetzt noch nagst du mit tückischem Zahn
Der rollenden Brandung am ragenden Riff.
Vom Sturme gepeitscht brechen die Wogen
Der alten Riesen Grabgesteine,
Der nord'schen Gletscher ew'gen Granit,
Heraus aus den Dünen:
Und donnernd poltert die steile Küste
Hinab ins Meer!
Und ewig nagst du!
Wie lang wird's dauern,
Und nichts zu nagen beut sich dir, Meer!
Zerstörerin du! --
Doch Wunder, o Wunder,
Du Schöpferin du!
Das, was du dir rissest vom ragenden Riffe
Mit rastloser Hand, --
Das spülest du an mit lieblicher Woge
Als blühende Fluren
Am anderen Strand,
Und schaffst dort grünende Felder und Weiden,
Mit Blumen und Gras für die Herden bedeckt!
Und der nämliche Mensch, der dir fluchend grollte,
Dankt dir von Herzen
Für dein Geschenk!
Und wie du Länder nagend zerstörst
Und Länder schufst mit der nämlichen Wog',
So hast du der Menschen Tausend vernichtet, -- --
Nun mußt du Tausende retten dafür,
Und Heilung spenden
Dem, der im Wogenpralle des Lebens
Die Kräfte verlor!
Wer zu zagen beginnt,
Und matt sich fühlt zum Kampfe um's Sein:
Der eile zu dir!
Mit brausender Woge
Und tosendem Sturm,
Mit linde wärmendem Sonnenschein,
Mit kühlender Flut
Und Heideduft,
Mit Möwenflug und Dünenruh',
Mit des Leuchtturms tröstend schimmerndem Licht
Ins Herz pflanz'st du ihm Kraft und Ruh,
Und selig gestärkt und himmlisch erquickt
Ruft er aus überquellender Seele dir zu:
Hab dank, du Nordsee,
Du urgewaltiges Wunder! -- --
Brausend ließ ich den Sturm seinen Riesenarm um meine Glieder
schlingen. Mir war's, als ob die Urkraft selbst mich küßte. Alles
dehnte und reckte sich in mir.
Ich stand vorn im Schiff. Donnernd schlugen die Wellen über den Bug,
zerstäubten in silbern glänzendem Gischt und überschütteten mich mit
wundervoller Kraft.
Oben im Mastkorb saß der Schiffsjunge, putzte seine Laterne und sang
dabei:
Scheltet mir nicht mein Heimatland!
Ist es auch neblig und kalt,
Scheint doch bei uns auch die Sonn' gar oft,
Rauscht doch gar lieblich der Wald!
Scheltet mir nicht mein Heimatland!
Sind doch die Menschen gar treu!
Sittsam die Mädchen mit blauem Aug',
Ach, und die Männer so frei!
Höret mich, alle im schönen Süd'!
Scheltet mir nicht mein Heimatland,
Lieben würdet ihr's heiß, wie ich,
Wär's euch nur besser bekannt!
Mir klang es wie ein Widerhall des eigenen Empfindens, o Heimat, -- du
Wiege unseres Seins, du Urquell all unserer Kraft, unseres Schaffens!
Und wieder neigte sich der Tag. Mit dem Wachsen der Finsternis nahm der
Sturm zu. Zur Linken begannen Hollands Leuchtfeuer aufzublinken.
An der Scheldemündung stoppte plötzlich der Dampfer. Wie ein Falke
schoß durch die brandenden Wogen ein Boot auf uns zu und, nachdem es
unseren Schiffsrumpf berührte, wieder zurück in die dunkle stürmische
Nacht. Wir hatten den Scheldelotsen an Bord genommen.
Ehe er an sein Amt ging, setzte er sich zu uns an die Abendtafel. Und
da der Kapitän auf der Kommandobrücke blieb, nahm er dessen Platz
ein. Er war ein großer, starker Mann mit ruhigem, festem Gesicht und
Blick. Unsere Mitreisenden waren alle mehr oder minder seekrank. Eine
große Schüssel mit Spargel wurde aufgetragen. Unser Lotse, gewohnt mit
Geistesgegenwart die Situation zu überschauen und mit Schnelligkeit zu
handeln, ließ einen prüfenden Blick über die Tafelrunde gleiten, und da
er sah, daß ich bereits genommen hatte, und die anderen krank waren,
schnitt er mit ruhiger Hand dem gesamten Spargel die Köpfe ab und
legte sie schmunzelnd auf seinen Teller. Das ist die Überlegenheit der
starken, gesunden Menschen im praktischen Leben über die Schwachen.
Als ich die blassen Gesichter der anderen sah, meist Leute in
jüngeren Jahren, denen man aber anmerkte, daß sie beim Becher oder in
nächtlichen Kaffeestunden oder durch zu langes Sitzen in der Schule, im
Bureau und Kontor, oder bei dunklen Dingen, die das Licht des Tages zu
scheuen haben, ihre jungen Manneskräfte gelassen hatten, da befiel mich
ein Grausen vor der Zukunft unseres deutschen Volkes.
Ich sah vor meinen geistigen Augen die Scharen ausgemergelter
Industriearbeiter in unseren Großstädten vorüberziehen. Und wie Hohn
kam es mir vor, wie auf all den Kongressen mit den schön klingenden
Namen für die Bekämpfung der Tuberkulose gesorgt werden sollte. Und ich
sah hinein in die Hunderttausende von Proletarierwohnungen im deutschen
Vaterlande, klein, dumpf, dunkel, ohne Licht und Luft, vollgepfropft
mit Menschen und Lampen und Petroleumkochherden, Einmietlinge mitten
zwischen den Familien untergebracht, alle gleich stumpf, übermüdet,
unlustig, verbittert. Und heißer Groll stieg in mir hoch, wenn ich
daran dachte, wie all die klugen Professoren und Geheimräte und all
die Minister und Landräte, und wie sie alle heißen, so schön ihres
Amtes walten, und wie die Fürsorgevereine und Frauenvereine und alle
diese Menschen sich Mühe geben, das grenzenlose Elend zu lindern, und
wie sie Erholungsheime bauen und Waldkurorte und Sanatorien, und wie
keiner den Mut hat, hervorzutreten und die Wahrheit zu sagen, daß das
alles ja Humbug ist und eitel Schwindel und Selbstbetrug. Seht ihr denn
nicht, wie die großen Städte aus ihren Gängevierteln und Höfen, aus
ihren Mietskasernen und Mansardenstübchen immer neue Hunderttausende
bleicher, ausgemergelter, müder, verbitterter Gestalten hervorquellen
lassen, als ob eine Welt von Finsternis und Krankheit und Unglück sich
entladen wollte?
Was nützt es euch denn, den krankgewordenen Familienvater ein paar
Wochen aus seinem Elend herauszureißen und in ein Sanatorium zu
stecken, um ihn nachher in sein häusliches Elend wieder zurückzusenden,
das er nun doppelt empfindet? Wenn daheim sein Weib und seine Kinder in
der dunklen Mietswohnung dahinsiechen?
Krank und müde und verbittert schleppt sich eine Generation nach der
anderen an ihr Tagewerk, und warum? Weil einige Tausende in unserem
Volke in dem Grund und Boden der Städte und in den Häusern ihr Geld in
Hypotheken angelegt haben. Sie wollen ihre Zinsen einsäckeln, sie haben
die Gewalt in Händen, dafür zu sorgen, daß es nicht anders wird, daß es
so bleibt bis an der Welt Ende.
Und im Gewirbel der Wogen, die schaumsprühend an die Kajütenfenster
klatschten, zogen sturmschnell andere Bilder an meiner Seele vorüber.
Da saßen sie, dicht gedrängt wie Heringe, die Knaben mit blassen
Gesichtern, die Mädchen schmalbrüstig, blaß, in einer Luft zum
Ersticken, ein übler Geruch den ganzen Raum erfüllend, in der Schule.
Ich hörte die pedantisch harte Stimme des Lehrers, der mit dem in
jahrelangem Dienste angewöhnten Berufspathos sein Pensum dozierte und
seine Fragen stellte. Und die Jungen und Mädchen machten gelangweilte
Gesichter und hatten nur den einen Gedanken: ach, wenn es doch nur erst
Pause wäre und Frühling, und die Schule zu Ende und Ferien! Und alles,
was der Lehrer sagte, ging zu dem einen Ohr herein und zu dem anderen
wieder hinaus. Und als sie die Schule verließen, hatten sie vieles
gelernt, was sie schnell wieder vergaßen, aber nur bitterwenig, was sie
fürs Leben reicher, froher, glücklicher machte. Und vielen waren die
Schwingen gebrochen, und sie waren schwach und krank und unlustig und
unfähig zu eigener Denkarbeit von all dem Druck aus ihrer Schulzeit! --
Mächtig stampfte das Schiff. Die Wogen prasselten aufs Deck, als
wollten sie alles, was nicht niet- und nagelfest war, mit sich reißen.
Traumverloren saß ich da. Wieder schweiften meine Gedanken zurück zu
all dem Elend, das ich in der Heimat gelassen. Ich sah die Scharen
von Studenten auf der Universität mit verhauenen, biergedunsenen
Gesichtern, und manche von ihnen mit einem Ausdruck, der an die
Physiognomien ihrer großen Verbindungshunde erinnerte. Herrgott im
Himmel, was hat denn diese jahrzehntelange Fütterung mit humanistischer
Bildung genützt, wenn sie weiter nichts vermochte, als solch' stumpfe,
anmaßende Gesellen zutage zu bringen? Freilich, es waren auch andere
da. Einzelne feine Kerle mit blitzenden Augen und frischen, roten
Gesichtern, biegsam wie Stahl, blondgelockt, aber es waren wenige
Ausnahmen. Ich sah Kneipen in feudalem Kreise, buntbebänderte
Jünglinge, trunken vom Saft des Gambrinus. Und mancher, der einer
der Ersten sein sollte und der Besten, tanzte wie ein Wahnsinniger
auf den Tischen, rasend in der Tollheit des Trunkes, ekelhaft und
bemitleidenswert zugleich. Es war ein Jammer. Und aus der Rausch- und
Katerstimmung der Zechgelage spann sich wie ein giftiges Kraut heraus
das hochmütige und herztötende +odi profanum vulgus et arceo+ des
Horaz.
Und diejenigen, denen die Nation ihre köstlichen geistigen Güter von
Jugend auf überliefert hatte, um mit diesem Pfande zu wuchern und
die Gedanken der Humanitas und Charitas ins Leben zu übersetzen,
sie, die nach ihrem Wissen und mit ihrer Bildung in der Lage hätten
sein sollen, zu übersehen, was unserem Volke nötig war, um die große
Masse des Volkes nicht weiter in Elend und Verkommenheit versinken zu
lassen, sondern es hochzureißen aus der Stumpfheit, alle seine geheimen
Samenkörner zu pflegen, ihm zu helfen, alle seine schlummernden
Keime zu entfalten, -- sie denken überhaupt nicht an dich, mein Volk
-- odi profanum vulgus. Und wenn sie an dich denken oder über dich
schreiben und reden, so fehlt ihnen nur zu oft zum Worte die Tat,
und wenn sie etwas für dich tun, so tun sie es, weil sie es müssen,
denn eins fehlt ihnen allen, bis auf einige Ausnahmen, die heiße,
glühende Liebe zu dir, die Liebe, die sie sich selbst vergessen läßt.
-- Aber auf ihren Gütern pflanzen und ernten sie das Korn, um es zu
dem Gifte umzuwandeln, mit dem sie sich und dich vergiften. Freilich,
deinen Branntwein trinken sie nicht, dazu sind sie zu wohlanständig,
den brennen sie nur, -- aber die Weinhändler sorgen dafür, daß
das sogenannte edle Rebenblut mit ihrem Spiritus verschnitten
wird, und dieser ihnen so wieder zugute kommt. Und das nennen sie
Nationalökonomie und sich selbst konservativ. Und ihre Gelder legen
sie in Brauereiaktien an, denn das trägt zehn und vierzehn und mehr
Prozente, und gaukeln dem Volke vor, daß es die deutsche Tugend
der Germanen sei, zu trinken. Und so füllen sich ihre Taschen und
gleichzeitig die Gefängnisse und die Irrenhäuser.
Und die Trinksitten der hohen Herren von den Korpskneipen und den
Offizierskasinos, sie spreuen wie giftiger Unkrautsamen aus durch das
Beispiel, das der Offiziersbursche daheim in seiner Heimat, in seinem
Dorfe in Hinterpommern gibt, und der Lohnkellner der Korpskneipe in
seinem Kreise, bis der Handwerksbursche in der Fuhrmannskneipe am Wege
mit seinem Kumpanen Komment trinkt.
Und weiter sah ich, wie diesen Sitten Mord und Totschlag folgte. Hier
ist der Handwerksbursche auf einsamer Landstraße, vom Branntwein
berauscht, zum Wegelagerer geworden. Dort fällt der Sohn des greisen
Gelehrten durch den Schuß seines Gegenübers, weil sie sich im Ballsaal
im Champagnerrausche auf die Füße getreten oder um ein Mädel geschimpft
haben.
Wirbelnd, stürmend jagten diese Bilder und Gedanken sich, und immer
wieder endigten sie in dem Ausruf: »Herrgott, Kaiser, ist denn niemand
da, der dir ob all des Elendes die Augen öffnet, der dir zeigt, wie
dein Volk wohnt, wie die Kinder von stumpfen Lehrern in überfüllten
Klassen stumpf gemacht werden fürs Leben, wie dein Volk sich dumpf und
siech und müde trinkt und seine Keime und Knospen vergiftet durch den
Trunk. Und wie es glücklich und froh und frei und stark sein könnte,
wenn es die Wissenschaft als schöne Blume pflanzte und als heilige
Frucht zöge, und wenn der Grund und Boden wieder in den Besitz der
Allgemeinheit käme, der er gehört, so daß jedem sein Plätzchen an der
Sonne sicher wäre! Oh, könnte man den Menschen das verfluchte Gift doch
nehmen, das sie so aufgeblasen und hart und voll falschen Stolzes
und Dünkels macht, und so siech und so schlecht, und Tausende so
todunglücklich.
Und wenn dir, mein Kaiser, niemand einen alten Hut und Mantel borgen
will, so nimm den meinen und tue endlich das, was schon vor dir mehr
als ein König und Kaiser tat, und gehe ohne Kling Klang Gloria und ohne
Töff-Töff hinaus in dein Volk, still und unerkannt, aber mit offenen
Augen und Ohren, und sieh zu, wie es ihm geht, was es treibt, und was
es leidet, was es sündigt, wie es sich quält, was es ersehnt, was es
sich wünscht, was es glaubt, und was es hofft, was ihm fehlt und ihm
mangelt. Dann bist du ein Kaiser, nein -- dann bist du ein Vater!
Jetzt bist du nur ein glänzender Kaiser. O Gott, Kaiser, könntest du
doch groß sein, was könntest du schaffen, was könntest du helfen,
was könntest du aus unserem Vaterlande machen, was für ein Denkmal
könntest du dir setzen! Wenn du auf all den Firlefanz verzichtetest,
Schnurrbartbinden und Purpurmantel, Champagner und Paradefrühstück, --
Kaiser, mein Kaiser, wie könntest du glücklich sein!« -- --
* * * * *
Bitterkalt war die Nacht. Scharf trieb ein schneidender Oststurm dichte
Schneemassen unserem Schiff entgegen, als wir die Schelde hinauffuhren.
Weißgrau dehnten sich im Morgennebel rechts und links die Ufer hin.
Dunkel hoben sich aus dem Grau die Türme Antwerpens ab. Lautes Pfeifen
und Tuten kündeten an, daß wir im Hafen waren, Schiff bei Schiff, fast
alles deutsche Schiffe. Ich sehe es, mein Volk, noch wohnt Riesenkraft
in dir, noch Tatenlust und Unternehmungslust, -- Gott Lob und Dank.
Nach langem hin und her der Lotsen und Hafenpolizei erhielten auch
wir endlich unser Plätzchen am Kai. Meterhoch lag der Schnee auf den
Straßen. Grau und kalt hob sich die Silhouette des Steen von dem
Häusergewirr der Stadt ab. Alles überragte die majestätische Pyramide
des Domes. Starkknochige, schwere Pferde zogen am Hafen Karren voll
Schnee. Zahlreiche Arbeiter, die sonst wohl keinen Verdienst fanden,
schaufelten den Schnee aus den Straßen. Alle, ebenso wie die Frauen des
Volks, derb, starkknochig wie ihre Pferde.
Wie wohltätig, trotz Schnee und Frost, wieder Land unter den Füßen
zu haben, wenn es auch fremde Erde war. Je mehr ich dieses Antwerpen
kennen lernte, um so mehr drängte sich in mir die Empfindung auf, daß
hier eigentlich zwei Städte in eine vermengt waren: Hier eine Stadt
der Gegenwart, die lebte nur im Handel und vom Handel. Es war, als ob
der Trieb nach Provision, die Jagd nach Gewinn alles andere erstickt
hätte, den Trieb zu großem, freiem Schaffen und Handeln. Die Anlagen am
Hafen, sie machten den Eindruck, als wenn sie neu, aber unter dem Druck
der dringendsten Erfordernisse entstanden wären. Wo waren die Schiffe,
die Flotte der einst so stolz die Meere beherrschenden Holländer und
Belgier? -- Und dann im Gegensatz zu dieser, fast möchte ich sagen
nüchternen Gegenwartstadt diese warm empfindende sonnige Stadt der
Vergangenheit, die, obwohl Jahrhunderte tot, doch so intensiv gelebt
haben muß, daß man den Puls ihres Lebens noch jetzt zu spüren vermeint
-- die Stadt Rubens' und van Dycks.
Einsam schlenderte ich durch die verschneiten Straßen, von Museum zu
Museum, von Kirche zu Kirche.
Niemals in meinem Leben bin ich von einem Kunstwerk so ergriffen
gewesen, wie von Rubens' Kreuzabnahme in der Kathedrale. Das ist
tatsächlich ein vollendetes Meisterwerk. Will der Meister uns hier
zu Gesichte führen, was die Liebe vermag, -- daß sie selbst den Tod
überwindet? Fast scheint es so! Sieh nur, wie der Leichnam Christi,
von der Liebe getragen, sanft und leise vom Kreuz herabgleitet, wie
die Schulter der Maria dem gleitenden Fuß Halt bietet, wie alle Hände
beschäftigt sind, mit größter Sorgfalt den Körper zu stützen, wie
selbst der Mund mithelfen muß, das Leinentuch zu halten, wie alle
Blicke und Gebärden sich in der einen Aufgabe vereinigen, ihn zu
stützen, ihm durch dieses letzte Liebeswerk noch irgend etwas Gutes zu
erweisen. Hier hat menschliche Kunst wahrhaft Unsterbliches geschaffen.
Im Königlichen Museum erkannte ich, wie dieses wunderbare Werk zustande
gekommen war. Saal bei Saal, gefüllt mit Hunderten von Zeichnungen,
Entwürfen, Skizzen und Bildern, großen und kleinen, und immer wieder
die Kreuzabnahme. Ein ganzes, langes Leben hat der Meister sich mit
eiserner Selbsterziehung und Selbstkritik durchgearbeitet, bis er das
Werk zustande brachte, nach dem seine Seele dürstete. Hier könnt ihr
Modernen lernen, ihr, die ihr so viel Wesens macht von eurer Kunst,
und die ihr mit so viel Leinwand die modernen Kunsthallen schmückt
und bezeugt, daß euer Können auch noch nicht annähernd eurem Wollen
entspricht, hier könnt ihr lernen, wie man ein Meister wird, und daß
das Genie nur zur Reife gelangen kann durch eisernen Fleiß.
Ich sah in der Kathedrale das unsagbar fein gemalte Christushaupt von
Leonardo da Vinci auf weißer Marmorplatte, -- kunstvoll geschnitzte
Altäre und über dem allen ein Duft von Mystizismus, der sonderbar
kontrastierte mit dem nüchternen Geschäftsleben draußen.
Sieh, lauschig, in schwere Eichenholzschnitzereien eingebettet ein
Beichtstuhl, dessen traulicher Charakter beinahe etwas Verführerisches
hat zugunsten des Katholizismus. Als ich dann aber im Steen die Mittel
der Inquisition sah, die Marterwerkzeuge und die dunklen, engen
Kerkerverließe, gerade wie in Nürnberg auf der Burg, da packte mich ein
Schauder vor der Kirche, die solches vollbringen konnte.
Aber ist es heute denn anders? Ist es bei uns im evangelischen Lande
anders? Verfolgt nicht auch heute noch bei uns die Kirche jedes Streben
nach Wahrheit? Will sie nicht heute noch herrschen, hart, liebeleer,
unerbittlich? Jesus Christus, daß du so falsch verstanden werden
konntest und heute noch so falsch verstanden wirst!
Und wie ich in Sinnen und Schaudern versunken stand vor all den
finsteren Kerkerlöchern mit ihren eisernen Ketten und Ringen, da war
es mir, als quöllen aus den dunklen, modrigen Winkeln wie greulicher
Schrecken die Geister der Vergangenheit heraus, unheimlich, schwarz,
tödlich kalt, die Geister der Inquisition, der Unduldsamkeit, des
Pharisäertums, der Härte und Lieblosigkeit, des Fanatismus, -- und wie
sie quollen, -- Entsetzen --, da nahmen sie Gesichter an von heute
noch lebenden Menschen, Erzbischöfen und Kultusministern, Vikaren und
Superintendenten, von Katholischen und Lutherischen, die alle den
rechten Glauben hatten -- nur eins fehlte ihnen: die Liebe!
Da, Gott sei Dank, ein heller Strahl der Wintersonne, und verschwunden
der grausige Spuk. Und als ich hinaustrat in Eis und Schnee, da schien
es mir frühlingswarm im Vergleich zu dem eisigen Grabeshauch, welcher
der Fronfeste einstiger Unduldsamkeit entströmte.
Während ich so in der Stadt herumschlenderte, herrschte an Bord reges
Treiben. Unaufhörlich hoben die Kräne aus den Eisenbahnzügen die an das
Schiff herangeführten Ballen um Ballen in den Raum. Nürnberger Tand
und Webereien waren da aus dem Rheinland, Stahl aus Westfalen; ganz
Deutschland entlud hier die Produkte seiner Industrie.
Wie aber, wenn die Belgier in Antwerpen und die Holländer in Rotterdam
darauf kämen, selbst Schiffe zu bauen und die Produkte deutschen
Gewerbefleißes über die See zu führen? Dann würde ein großer Teil
deutscher Arbeiter brach liegen, unser Sechzig-Millionenvolk um ein
gut Teil seiner Schiffahrt verkürzt werden, und +navigare necesse
est, vivere non necesse+. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Ei, so
baut doch eure Kanäle, wie der Kaiser sie wollte, mit klarem Blicke und
scharfem Verstande, vom Rhein zur Weser, von der Weser zur Elbe; warum
laßt ihr nicht Emden und Bremen die Ausfuhrhäfen deutschen Fleißes sein?
Kaiser, mein Kaiser, hat dich das Junkertum, das dir schon andere
Suggestionen um den klaren Verstand herumgesponnen hat, so weit
schon untergekriegt, daß du deinen guten Willen zu großer Tat nicht
mehr durchsetzen kannst? Das nämliche Junkertum, das dir das +odi
profanum+, das deinem warmen Herzen so fern lag, als Jüngling in die
Seele gehaucht hat, daß es sich wie Mehltau auf dein ernstes, großes,
heiliges Wollen legte, damals, als du ein Kaiser werden wolltest
dem ganzen Volke, ein Arbeiterkaiser. Besteht doch dein ganzes Volk
aus Arbeitern, mit Ausnahme jener kleinen Schar giftiger Drohnen,
die dir dein Leben zu verbittern und zu lähmen drohen! Sie, die dir
beständig vorgaukeln, daß sie deine treuesten Freunde seien, die
sich die Konservativen nennen, die Erhalter des Reiches, und die dir
jedesmal lähmend in den Arm fallen, wenn du zu großem Wurf und Werk
ausholen willst? Klar hattest du erkannt, daß große Wasserwege unser
Binnenland mit unseren Häfen verbinden müssen, um die Landesprodukte
billig und schnell ans Schiff bringen zu können. Werde stark und
vollende dein Werk, fahre über das Meer und ziehe in die Fremde und
sieh, wie notwendig das ist, was du als richtig erkannt hast. Und dann
jage die selbstgefälligen Schmarotzer zum Teufel, die vor dir kriechen
und dienern, so lange es ihnen Vorteil bringt, und die dir Gruben
und Fallstricke bereiten, sobald es ihrem Geldbeutel frommt, und für
die dein Volk nur Bagage ist, die ihnen Geld einzubringen hat, bis es
zugrunde geht. --
* * * * *
Reges Leben herrschte trotz des Feiertages am Hafen. Knirschend und
schreiend flogen die großen Kräne von den Eisenbahnwagen, die an der
Kaimauer entlang standen, hinüber zum Schiff und wieder herüber.
Kommandorufe der Schiffsoffiziere, Fluchen und Lachen der belgischen
Schauerleute, Klirren der Ketten und das Aufknirschen der Lasten
im Schiffsraum, Pfeifen der Dampfsignale im Hafen ringsum, und zum
Zeichen, daß Feiertag ist, von den Türmen der Stadt feierliches
Glockengeläute.
Endlich ist die Ladung fertig, die Luken werden geschlossen. Alles
drängt zur Abfahrt, der Lotse schilt und mahnt, daß wir mit der Tide
fortkommen. Schon rasseln die Ankerketten in die Höhe, fauchend
entweicht aus dem Bauche des Schiffes der Dampf.
Ein Dutzend und mehr der belgischen Schauerleute sind noch an Bord
beschäftigt mit Stauen und Packen. Da löst sich unser Schiff vom Ufer
und stromabwärts geht's, die Schelde hinunter, dem Meere zu. Neues
Fluchen und Schelten der Männer, daß sie nun mit müssen, bis der
Lotsenschoner kommt, den Lotsen von Bord zu holen. Frierend und hungrig
stehen sie am Deck. Ein junger Mensch tritt höflich auf mich zu und
teilt mir auf französisch mit, daß er den ganzen Tag eigentlich noch
nichts genossen hätte, ob ich ihm ein Stück Brot verschaffen könne. Ich
spreche mit dem behäbigen Obersteward. Doch der kennt keine Not. Er
regiert in seiner Sphäre wie ein Fürst. Das +odi profanum+ steht
auch ihm auf den Lippen geschrieben. Mit harten Worten fährt er die
Bittenden an, so daß sie scheu zurückweichen, aber unter sich grollend
und murrend. Merkwürdig, daß das Wohlleben und der Luxus die Menschen
oft gerade so hart und herzlos macht, wie die Not und die bittere Armut.
Die kleine Stewardeß hat unseren kurzen Wortwechsel belauscht, sie
weiß noch, wie der Hunger tut. Ehe sie aufs Schiff kam, hatte sie es
erfahren. Viele, viele Pfunde Brot und Speisereste wandern tagtäglich
ins Meer, ein Fraß für den Mövenschwarm, der von Hamburg her schreiend
und kreischend unser Schiff begleitet. Und da sollte man diesen
Männern nichts zu essen geben? Kaum ist der gestrenge Obersteward um
die Ecke verschwunden, so wandert Teller um Teller mit Bröten durchs
Küchenfenster in die Hände der hungrigen Gesellen.
Vorbei ziehen wieder die schnee- und eisbedeckten flachen Ufer der
Schelde, schon holt der Lotsenschoner die Belgier vom Schiff, und
hinaus geht es wieder in die wogende See, in Schneegestöber und Sturm.
Nach der Abfahrt von Hamburg hatte ich anfangs noch genug mit
mir selbst zu tun gehabt, so daß ich wenig Muße fand, auf meine
Mitreisenden zu achten. Jetzt schaute ich um mich. Mein Kapitän war ein
trefflicher Mann, Sohn eines Predigers in der alten Hohenzollernburg.
So rühmte er sich denn mit gutem Humor, er sei auch ein Hohenzoller,
aber höher geboren als der Kaiser. Unser erster Offizier, ein
breitschultriger Friese, der schon drei Schiffbrüche mitgemacht
hatte. Der erste Maschinist, im Dienste ergraut, hatte vor wenigen
Jahren seinen Dampfer allein mit einem kleinen Rest der Mannschaft,
nachdem Kapitän, Offiziere und Mannschaften im Hafen von Santos dem
gelben Fieber erlegen waren, sicher nach Hamburg zurückgeleitet. Die
Mannschaft, vom Bootsmann bis zum Schiffsjungen, bestand zumeist aus
Friesen, echt deutschen Gestalten, breitschultrig, blondbärtig, mit
herzgewinnenden, offnen blauen Augen und gesunden, von Sonne und Sturm
gebräunten Gesichtern. -- Als Kajütspassagiere hatten wir von Hamburg
her, außer einem kindlichen jungen Hanseaten, nur zwei österreichische
Juden mit, die sich bei der Vorstellung stolz als »Magyaren« bezeichnet
hatten, weil sie, die in Wien geboren waren, in Pest wohnten. Verlebte,
läppische Kerle, von denen der eine, nachdem er den Tag in seiner
Koje mit Katzenjammer und Seekrankheit gekämpft hatte, immer erst in
den Abendstunden erschien, um dann mit seinem älteren Bruder zusammen
um die Wette Zigaretten zu rauchen, Bier zu trinken und Zoten zu
erzählen. Mit letzteren hatten sie freilich kein Glück; denn keiner
von uns Schiffsoffizieren zeigte Neigung, ihr fades, unsauberes
Gewäsch anzuhören. Außer diesen führten wir von der Heimat noch
zwei Zwischendeckspassagiere mit, einen vierschrötigen, rothaarigen
dänischen Kapitän, der sein Segelschiff in Lissabon treffen wollte,
nebst seinem neu angemusterten Schiffsjungen, den er, da dessen Vater
gestorben war, unter seine Flügel genommen hatte, um ihn für das
Seehandwerk auszubilden, einen blassen, schmalbrüstigen Jungen. Der
arme Schelm tat mir von Herzen leid, da er vor Seekrankheit kaum auf
den Beinen stehen konnte. Ich gab ihm von meinen Äpfeln und Nüssen und
meinem Weißbrot, weil es das einzige war, was er bei sich behielt.
In Antwerpen erhielten wir eine ganze Anzahl frischer Kajütspassagiere.
Der erste, der auf unser Schiff stieg, war ein junger sächsischer
Offizier von höchst sympathischem Äußeren, männlich, vornehm in
seinem Auftreten, mit freien, offnen, ehrlichen Augen. Nach ihm kam
ein Thüringer auf Deck, ein feiner Mensch, gesund und kräftig; ich
hielt ihn anfangs für einen Musikus. Später stellte sich heraus, daß
er Eisenbahningenieur war, voll Sinn für Kunst. Von ernstem, fast
finsterem Ausdruck war ein Balte, ein Mann in reifen Jahren, dem der
Ernst des Lebens tiefe Furchen ins Antlitz gegraben hatte. Um seinen
Mund zuckte es oft wie in schmerzlicher Verzweiflung. Mit schwerem,
müdem Schritt war er die Schiffstreppe emporgestiegen.
Mit fröhlichem Lachen betrat nach ihm ein Ehepaar in mittleren Jahren
unser Schiff. Frohe Hoffnung lag auf ihren Gesichtern. Sie war blond,
schlank, mit den grau-blauen Augen, die man in Norddeutschland so viel
findet, die bei flüchtiger Bekanntschaft eher fernhalten, als anziehen,
die aber bei näherem Kennenlernen die ganze Tiefe und Wärme der Seele
erkennen lassen.
Den gleichen lebensbejahenden Zug, nur froher noch als bei der Frau,
fand ich bei ihrem Gatten, einem sehnigen, augenscheinlich an Arbeit
gewöhnten Manne, dem der Schalk und die Schwärmerei aus den blauen
Augen leuchtete. Mir war es gleich, als ich ihn sah, als ob ein
Stückchen Heimathimmel sich in ihnen widerspiegelte.
Ganz im Gegensatz zu diesen schien mir ein junger badenser Lehrer,
ein weicher, fast zarter Geselle mit großen, träumerischen, braunen
Augen, die aber doch von gesundem, kräftigem Wollen sprachen. In
seiner Begleitung befand sich ein junges Mädchen, braunlockig, mit
seelenvollen Augen, deren Dialekt an österreichische Abkunft erinnerte.
Als sie das Schiff betreten hatte, war es, als ob plötzlich etwas
Frühlingsartiges, Märchenhaftes auf unser überschneites Fahrzeug
geraten war, -- so eine Art verirrter Märzensonnenschein, nach dem man
sich schon im Dezember sehnt.
Einen höchst sympathischen Eindruck machte mir ein rheinländischer
Kollege, eine auffallende schöne, kräftige Erscheinung mit hoher Stirn
und edlen, energischen Zügen.
Pustend und schnaubend, auf alles, auf den Schnee, die Kälte,
Antwerpen, das Schiff, den Kapitän, die Mannschaft, Belgien und Gott
weiß was schimpfend, kam ein dicker, aufgeschwemmter Mensch an Bord,
wie sich herausstellte, ein geborener Ostpreuße, der als Delegierter
zum internationalen Gastwirtstag nach Lissabon wollte. Und weil er
gleichzeitig Vorsitzender des Kriegerverbandes seiner Heimat war,
reiste er mit einer Art Ordensbändchen im Knopfloch. Er streckte den
dicken Bauch immer möglichst weit vor, als ob er sagen wollte: »Platz
da, ich komme!« Ein grenzenlos unausstehlicher Mensch, an dem man schon
genug hatte, wenn man ihn zum erstenmal sah.
Schließlich kam noch ein junges Kerlchen aufs Schiff, ein
Elsaß-Lothringer, dem man das Muttersöhnchen auf den ersten Blick
ansah. Und endlich, damit das weibliche Element nicht fehle, eine
fragwürdige junge Polin aus Warschau, die angeblich ihre Schwester in
Manáos besuchen wollte, die aber, wie unsere beiden ungarischen Juden
bald, nachdem sie angekommen war, ausbaldowert hatten, sich in ihrer
Heimat für ein bekanntes Bordell in Manáos hatte anwerben lassen.
Als unser braver Kapitän von diesen Dingen erfuhr, schüttelte er den
Kopf. Hatte er an den beiden Lästermäulen von Juden schon genug gehabt,
so machte ihm die Ergänzung dieser beiden zu einem Kleeblatt ernste
Kopfschmerzen. Etwas von Aberglauben steckt in jedem Seemann. Und wenn
ein Schiff untergeht, so sagt ein alter Seemannsglaube, war einer an
Bord, der's verdient hatte, den Fischen zum Fraß zu dienen. Und nun
drei, -- das war ein bißchen viel.
Das Wetter war danach, um solchen Gedanken Vorschub zu leisten.
Schreiend umkreisten die Möwen wie Boten der Sorge das stampfende
Schiff. Stockfinster war die Nacht, als wir aus der Schelde wieder in
den Kanal einliefen. Dabei dicker Nebel, der von Hagel und Schneeböen
nicht lichter wurde. Unaufhörlich warnten die Sirenen. Aber tapfer
kämpfte sich unser braver Dampfer durch Wetter und Wogen hindurch.
In dickem, graugelbem Nebel lag Englands Küste versteckt. Mir aber
war es, als hörte ich durch das Donnern der Wogen und das Brausen
des Sturmes hindurch das Hämmern auf den Werften unserer englischen
Vettern, auf denen sie Schiff um Schiff bauten in siegdürstendem
Eifer, um über uns Deutsche herzufallen und unseren aufkeimenden
Welthandel brachzulegen. Und im Geiste sah ich den gekrönten Moloch
der Pall-Mall-Gazette als +Commis voyageur+ im Hermelin unter dem
Frack von Hof zu Hof reisen, das Feuer zum Weltbrand zu schüren.
Seid ihr blind, oder sollen wir in kurzem wiederum einem Jena
entgegentreiben? Die Weltgeschichte schreitet im Zeitalter des Dampfes
und der Elektrizität schneller als in der Zeit der Postkutschen und
Galeeren. England hat mit Japan sein Schutz- und Trutzbündnis; mit
Amerika ist es durch die Sprachverwandtschaft enger verbunden als wir;
-- an Frankreich ist es durch herzliches Einvernehmen verknüpft, --
mit Rußland fädelt es Verhandlungen ein, die einem Bündnis verzweifelt
ähnlich sehen, -- Österreich buhlt augenscheinlich um Englands
Freundschaft, -- Frankreichs Kriegsflotte schwärmt an der Nordsee wie
eine Schar Krähen, -- und von Englands besten Schiffen liegen siebenzig
kriegsbereit an der Küste des Atlantischen Ozeans. -- Und unser Heer,
unsere Offiziere, unser Volk? Sollte es doch an der Zeit sein, daß wir
wieder einmal die Not des Krieges kennen lernen? Für viele unserer
Offiziere wäre es ein Aufrütteln aus eitler Streberei und fadem
Genußleben. Ist nicht unser ganzes Bürgertum angesteckt von diesen
beiden Krankheiten?
Ja, der Krieg ist furchtbar, und doch möchte man fast ausrufen: »Kommt,
ihr Feinde, greift uns an, damit der deutsche Michel, damit der
Stammtischphilister in Uniform und Zivil erwache aus seiner Narkose,
damit wir herauskommen aus dem Zeitalter der Phrase in das Zeitalter
der Tat.«
Ihr Gedanken, wohin verirrt ihr euch! -- Freilich ist es verführerisch,
diese schlaffe Masse mit einem Male aufgerüttelt zu sehen durch
den dröhnenden Kriegslärm, aber tausendfach ehrenvoller und größer
ist es doch, in tausend und abertausendfacher Arbeit, in Liebe und
Gerechtigkeit ein Volk zu heben und aufzuklären und vorwärts zu führen
zur Gesundheit, zur Freiheit, zur wahren Kultur.
Mit diesen Gedanken kam ich zur Tafel. Gleich zum Beginn fielen unsere
neuen Gäste über mich her, ich solle berichten, warum ich nichts
tränke, warum ich den guten deutschen Trunk verabscheue. Ich blieb
ihnen die Antwort nicht schuldig: »Sicherlich,« führte ich aus, »rührt
nicht alles menschliche Elend aus der Trinksitte und von der Trunksucht
her; aber ebenso sicher ist es, daß wir einen sehr großen Teil aller
Not und allen Elends aus der Welt schaffen könnten, wenn wir die
Trinksitte, das heißt, die Sitte, berauschende Getränke als Genußmittel
zu gebrauchen, aus der Welt schafften. Und ich an meinem Teil will
diese Sitte nicht stützen helfen.«
Ich sah, wie der eine und der andere nachdenklich wurde. Zwei oder
drei riefen, während die Stewards aus und ein liefen: »Doktor,
erzählen Sie mehr!« Und da sagte ich ihnen kurz, wie ich's wußte, und
wie es mir in den Sinn kam: »Es ist im Laufe der letzten Jahrzehnte
tatsächlich eine ganz neue Wissenschaft entstanden, die leider selbst
manchem sonst ausgezeichneten Gelehrten ein noch unbekanntes Gebiet
ist. Sie umfaßt eine neue Volkswirtschaftslehre und eine neue und
doch uralte Sittenlehre. Sie lehrt uns die Schädlichkeit selbst
des mäßigen Trinkens; sie lehrt uns, wie schon durch dieses unser
Denken verlangsamt und unsere Widerstandskraft gegen Krankheiten
herabgesetzt wird. Diese neue Wissenschaft zeigt uns, daß eine Reihe
wichtigster Kulturaufgaben in unserem Volke liegen bleibt wegen
angeblichen Geldmangels; aber unser Volk vertrinkt den zehnten Teil
seines Gesamteinkommens und gibt noch einmal die gleiche Summe aus, um
die Opfer unserer Trinksitten in Krankenhäusern, Irrenanstalten und
Gefängnissen unterzubringen.«
Da warf einer der beiden Juden ein: »Doktor, Sie vergessen die
vielen Tausende, die in der Alkoholindustrie ihr Brot verdienen.«
»Jawohl,« antwortete ich, »anderthalb Millionen deutsche Männer.«
»Sehen Sie wohl,« zischte triumphierend der Jude über den Tisch
herüber, »die macht der Doktor brotlos mit seiner Temperenzlerei.«
»Nein, Herr,« erwiderte ich ruhig und ernst, »nicht brotlos. In der
Alkoholindustrie haben sie die schlechteste Sterbestatistik. Alle
diese Wirte und Brenner und Brauer und Direktoren und Weinhändler
und Whiskyreisenden« -- bei diesem Worte zuckte die Begleiterin des
Badensers schmerzlich zusammen, ich wußte nicht warum, weil er mir
nicht danach aussah, als ob er je im Leben Whiskyreisender gewesen
wäre -- »haben eine schlechtere Sterbestatistik als die Feilenhauer
und die Arbeiter in den Schwefelbergwerken.« »Ach was,« schnarrte
der andere edle Magyare über den Tisch hinüber in einem Ton, mit dem
er offenbar den Anschein erwecken wollte, als habe er in den Kreisen
von Honvedoffizieren verkehrt, »auf Statistik gebe ich gar nichts!
Alles läßt sich auf statistischem Wege beweisen.« -- »Nun,« erwiderte
ich, »Sie haben ja einen gut ausgeprägten Geschäftssinn, Sie wissen
selbst, die deutschen Lebensversicherungsgesellschaften nehmen keine
Alkoholisten auf, geschweige denn die englischen. Nun lehnen schon
seit Jahren viele deutsche Gesellschaften Brauereidirektoren und
Weinreisende von vornherein ab und machen selbst oft bei den solidesten
Hotelwirten die größten Schwierigkeiten. Warum wohl? -- Aber noch
mehr. Eine Reihe großer, englischer Lebensversicherungsgesellschaften
führt getrennte Statistiken über die Lebenschancen der Mäßigen und der
Totalenthaltsamen und gibt den letzteren auf Grund ihrer Erfahrungen
erheblichen Prämienrabatt. Bis zu fünfundzwanzig Prozent! Glauben
Sie, daß diese Engländer so geschäftsunkundig sind, daß sie das tun
würden, wenn sie nicht ihren Profit dabei machten?« Ich sah, wie unsere
beiden ungarischen Helden um eine Nuance nachdenklicher wurden; der
jüngere der beiden Brüder bestellte sich eine Flasche Apollinaris,
und als der Steward sie brachte, folgte der ältere seinem Beispiel,
schenkte sich ein und rief mir mit verlegenem Grinsen über den Tisch
zu: »Prost Doktor.« »Aber diese anderthalb Millionen, die jetzt in der
Alkoholindustrie ihr Brot verdienen, die machen Sie brotlos; das müssen
Sie doch zugeben?« »Meine Herren,« erwiderte ich, »wir haben Gott sei
Dank noch eine derartige Fülle großer Kulturaufgaben zu erledigen, daß
die Hände und Köpfe dieser anderthalb Millionen Männer kaum ausreichen
werden, um diese Aufgaben in Deutschland zu erfüllen. Sehen Sie unsere
Schulen. Tausende sind überfüllt, und die Kinder unseres Volkes aus
allen Ständen erleiden durch die Überfüllung der Klassen in dumpfiger,
übelriechender Atmosphäre von ermüdeten und überangestrengten Lehrern
unterrichtet, dauernden Schaden und erhalten, statt daß sie fürs
Leben mit Herzens- und Geistesbildung ausgerüstet werden, im besten
Falle einen Geistesdrill, der sie aufjubeln läßt, wenn die Zeit
des Schulbankdrückens für sie vorüber ist. Jetzt schlagen Sie aber
einmal im Staate oder in der Gemeinde vor, daß mehr Schulen gebaut
werden müssen, da heißt es gleich: Es ist kein Geld vorhanden. Aber
über dreitausend Millionen Mark vertrinken wir jährlich! Gehen Sie
durch unsere Großstädte, und sehen Sie, wie unser Volk dort haust,
in engen Höfen und finsteren Mietskasernen zusammengepfercht, und
da wundern wir uns noch, wenn diese Leute, die einen großen Teil
ihres sauer verdienten Geldes für Wohnungen ausgeben müssen, die die
meisten von ihnen sich scheuen würden zu betreten, Sozialdemokraten
werden, unzufrieden mit der heutigen Staats- und Gesellschaftsordnung
........« »Aha,« rief der Delegierte vom deutschen Gastwirtsverbande
und gleichzeitiger Ehrenvorsitzender im Provinzialkriegerverein,
»merken Sie es, meine Herren, wohin der Doktor hinaus will? Das sind ja
die reinen sozialdemokratischen Anschauungen.« »Mann,« erwiderte ich
ihm, »ich bin Arzt und Offizier und weiß, was ich meinem Vaterlande
und meinem Kaiser an Treue schuldig bin. Aber das sage ich Ihnen,
wenn Sie und ich und wir alle, die wir hier sitzen, einfache Arbeiter
wären und in diesen Gängevierteln und Kasernen unserer Großstädte
wohnten, wir wären Narren oder Schwächlinge, wenn wir uns nicht
gegen eine Weltordnung aufbäumten, die so viel Ungerechtigkeit und
Elend im Gefolge hat.« Alle stimmten mir bei, der patriotische
Gastwirtsvertreter wurde rot wie ein Krebs und schwieg. Der Ingenieur
fragte gespannt: »Und wie denken Sie diese Zustände zu ändern?«
»Sehr einfach,« erwiderte ich, »statt der jetzigen Zentralisation
der Bevölkerung in die Städte müssen unsere Städte systematisch
dezentralisiert werden. Der Staat muß das die Städte umgebende Gelände
zu dem Preise ankaufen, der dem Werte entspricht, den der jetzige
Besitzer seinem Grund und Boden verliehen hat. Dieses Land wird vom
Staate nur in Erbpacht gegeben. Durch geeignete Bauverordnungen wird
die Bebauung des Landes in der Weise geregelt, daß die sozial und
hygienisch verderbliche, heute beliebte großstädtische Bebauungsweise
vermieden wird. Sodann müssen in radiärer Weise Verkehrswege aus der
Stadt nach diesen neuen Ortschaften geführt werden, die dem Arbeiter
und den draußen Wohnenden ermöglichen, auf schnellstem Wege des
Morgens in der Frühe in die Stadt zu den Arbeitsstätten zu gelangen.«
»Beim Zeus,« sagte der Rheinländer, »das scheint einleuchtend und
einfach genug, und warum wird's nicht so gemacht?« »Freund,« sagte
ich, »wir haben kein Geld, unser Patriotismus und der Gastwirtestand
verlangen, daß wir alljährlich dreitausend Millionen Mark vertrinken.«
Der dicke Ostpreuße brummte etwas in den Bart, was ich nicht verstand.
»Nun, Herr Kollege,« sagte der rheinländische Doktor, der mit einem
Blick voll Heimweh übers Meer hinüber sich nach seiner herrlichen
Heimat zu sehnen schien, »wenn Sie durch die Befreiung unseres Volkes
von seinem sinnlosen Trinken so viele Millionen flüssig bekommen, so
tun Sie mir eine Liebe und helfen Sie mir, unseren schönen Rhein,
dessen früher grüne Fluten von unseren Dichtern besungen wurden,
von seinen entsetzlichen Verunreinigungen zu befreien.« Da fiel ihm
der Thüringer ins Wort: »Ach, Doktor, und unsere Saale und unsere
Unstrut, -- die reinen Kloaken! Es ist doch der reine Hohn, wenn
unsere Studenten singen: An der Saale hellem Strande. Sind doch in
ganz Sachsen und Thüringen fast alle Flüsse und Bäche bis ins Gebirge
hinein verpestet und verjaucht.« »Bei uns ist's kaum besser,« klagte
der Badenser. »Was wollen Sie denn mit allem Wasser aus den Flüssen und
Bächen machen?« brummte der Baß des Ostpreußen. »Als ich noch Lehrer
war, ließ ich mich auf einer Turnfahrt von meinen Jungens verleiten,
einen Schluck aus einer Quelle zu nehmen. Den schönsten Typhus hätte
ich mir beinahe geholt, so hatte ich mir den Magen dabei erkältet! In
einem guten Restaurant ein gutes Glas Bier, wenn möglich einen Kognak
vorher, oder ein gutes Glas Wein, noch besser eine Flasche, das sind
die einzigen Getränke, an denen ein echter Deutscher seinen Durst
löschen sollte.« Keiner der Anwesenden würdigte sein fades Geschwätz,
mit dem gewohnheitsgemäßen Pathos des Bierphilisters vorgebracht, auch
nur eines Wortes. Es war einen Augenblick so still, daß man durch das
Klatschen der Wogen gegen die Kajütenfenster den gellenden Schrei der
Sturmmöwen, meiner Sorgenvögel, hören konnte, die kreischend, durch
das Licht der Kajüte angezogen, im Dunkel der Nacht an der Schiffswand
entlangstrichen.
Weh dir, Deutschland, dachte ich, daß so viele solcher Subjekte in
deinem Volke ihr ungewaschenes Maul auftun dürfen.
»Nun Doktor, worüber sinnen Sie,« fragte mich unser erster Maschinist
über den Tisch herüber, »wollen Sie von Ihren Millionen etwas hergeben
oder nicht?« »Und ob ich will! Hat mir unser Reichskanzler doch selbst
zu wiederholten Malen versichert, daß er die Reinhaltung unserer
deutschen Gewässer, für die ich seit Jahren mit meinen Freunden mit
allen Kräften kämpfe, für eine der wichtigsten Kulturaufgaben des
Reiches halte.« »Der Reichskanzler?« fragte mein rheinländischer
Kollege mit einem leichten Anflug von Ironie, und fügte gleichzeitig
hinzu: »Ich bin überzeugt, er hat Ihnen mit guter Absicht und
redlichstem Willen sein Versprechen gegeben. Aber wird er's halten? Er
ist ein so gutherziger Kerl, daß er allen alles verspricht, -- aber die
Tat, -- die fehlt ihm. Er will's allen recht machen und kommt nicht
dazu, es auch nur einem recht zu machen. Und diese Schwäche wird ihn
eines Tages noch zu Fall bringen. Herr Gott, wenn wir doch endlich
einmal wieder einen Mann der Tat unter uns hätten. Aber verzeihen Sie,
Kollege, daß ich Sie unterbrach.«
Ich fuhr fort.
»Vor gut einem Menschenalter noch brachte die Elbe einen schier
überreichen Segen an Fischen aller Art, und die Ortschaften an ihren
Ufern waren bevölkert von Hunderten von fleißigen Fischern, die in
ihrem gesunden Gewerbe behaglichen Wohlstand fanden. Längst ist das
Wasser verpestet, die Ufer sind verschlammt und die Fische zum großen
Teil verschwunden.
Gut ein halbes Menschenalter ist es erst her, daß die Cholera wie ein
furchtbarer Würgengel Tausende und Abertausende von Bürgern des reichen
Hamburgs ins Grab warf und grenzenloses Elend über die Einwohnerschaft
brachte, weil die Regierung der Stadt in unglaublicher Verblendung es
gelitten hatte, daß ihre Bewohnerschaft mit dem ungereinigten Wasser
des verseuchten Flusses versorgt wurde. Sie hatten die Kosten für die
Klärung gescheut. Und das Vielfache dieser Kosten wird alljährlich in
Hamburgs Mauern vertrunken. Freilich, wer gewohnt ist, seinen Durst
nur mit Wein und Bier zu löschen« -- hier bebte meine Stimme vor Zorn,
so viel ich mir auch Mühe gab, mich zu beherrschen -- »und sich dabei
das Denken immer mehr abgewöhnt, der braucht sich über die Umwandlung
unserer deutschen Flüsse in Kloaken keine grauen Haare wachsen zu
lassen.« Der Ostpreuße schwieg, weil er offenbar instinktiv scheute,
einen neuen Sturm zu entfesseln. So tat er, als wenn er meine Worte
nicht gehört hätte und kaute um so eifriger als der Vertreter des
Materialismus und der Streberei an dem gebratenen Geflügel.
»Aber Doktor,« warf der Badenser ein, »bedenken Sie unsere herrlichen
Weinberge im Rheinland und bei uns in Baden, was soll aus ihnen
werden? Hat man mich doch im Elternhause, so streng mäßig wie es bei
den ernsten Lebensanschauungen meines Vaters und meiner Mutter auch
herging, gelehrt, den Wein als eine edle Gottesgabe zu betrachten.«
»Laßt uns da,« erwiderte ich, »wo mehr Trauben wachsen, als wir
verzehren können, unsere herrlichen übrigen Früchte anbauen. Ist's doch
ein Jammer, daß wir alljährlich Hunderte von Millionen für Früchte ins
Ausland schicken! Und dabei bekommt ein guter Teil unseres deutschen
Volkes beinahe überhaupt kein Obst auf seinen kärglichen Tisch. Ich
gehe aber noch viel weiter.«
In diesem Augenblick wollte der dicke Ostpreuße sein volles Rotweinglas
an die Lippen setzen. Man sah's auf seinem Gesicht geschrieben, wie
es ihm schmeckte, weil er's nicht zu bezahlen brauchte, denn es war
von dem offiziellen Tischwein, der in offener Karaffe vor ihm stand.
Plötzlich legte sich das Schiff nach Lee hinüber -- unser Ostpreuße,
sein Glas mit Rotwein, die Kompottschüssel, die vor ihm stand, die
Karaffe mit Wein, beschrieben gemeinsam eine große Bogenlinie nach
der Schiffswand hin. Als sich der Dicke wieder erhob, scheltend
und fluchend über die schlechte Gangart des Schiffes, über die
Unberechenbarkeit der Meereswogen, über mangelhafte Führung des Kahnes,
wie er sich ausdrückte, mußte er es sich gefallen lassen, daß irgend
jemand aus der Gesellschaft ihn fragte, ob er es dem seligen König
Jerome hätte nachmachen und in seinem Rotspon hätte baden wollen.
Er sah aus, seine weiße Weste mit roten Kirsch- und Weinflecken
übersät, das dicke Gesicht fast grün vor Ärger, wie ein halbverblühtes
Rhododendronbeet.
Der Ostpreuße verschwand in seiner Kabine. Die andern hatten große
Neigung, mich meinen Vortrag weiter halten zu lassen. Mich aber drängte
es hinaus in die Nacht und den Sturm. Schwer rollten die Wogen,
hochauf spritzte der Gischt am Bug des Schiffes -- kein Stern am Himmel.
Ich ging hinauf zur Kommandobrücke, weil es mir ein Labsal war,
nach dem Zusammensein mit diesem faden Menschen, dessen Kaumuskel
ich noch im Geiste immer arbeiten sah, einen Augenblick mit unserem
braven Kapitän zu verplaudern. Seine ernste Ruhe tat mir wohl. Mit
sicherer, ruhiger Stimme gab er dem Steuermann seine Befehle. Mir
war's, als ob der Glaube an sein Ziel ihn durch das Dunkel der Nacht
seinen Weg finden ließ, und doch, welcher Fleiß, welches Nachdenken,
welche Gewissenhaftigkeit, welche Umsicht, zugleich aber welches
Selbstvertrauen gehörte dazu, mit diesem schwankenden Werk von
Menschenhand sich seinen Weg durch diese schier undurchdringliche
schwarze Wand, die ständig vor uns stand, zu bahnen.
Der Glaube an uns selbst, das ist eine der Quellen der Kraft für unser
Handeln, die wir uns bewahren müssen. Wer den Glauben an sich selbst
verloren hat, der lasse alles andere beiseite stehen und sehe zu, daß
er diesen Kompaß des Lebens wiederfinde.
Ich fühlte es, es war nicht nur der Sturm und die frische Nachtluft,
das Atmen des Meeres, was mir neue Kraft einflößte, sondern es war
immer wieder die Nähe dieses kraftvollen, ruhigen, festen Mannes,
die auf mich wie ein beruhigender und stärkender Zauber wirkte. Wir
wechselten nur wenige Worte: »Nach Boulogne werden wir gut kommen; was
dann kommt, müssen wir abwarten. Boulogne erreichen wir morgen früh um
zehn und nehmen neue Passagiere an Bord. Nach einer Stunde dampfen wir
weiter in die Biscaya.« »Gute Nacht.« »Gute Ruh'!« Ein Händedruck, und
durch den sprühenden Gischt kletterte ich treppauf, treppab, bis ich in
meinem kleinen, hellerleuchteten Traumreich wieder anlangte.
Mir kam der Disput von der Mittagstafel wieder ins Gedächtnis. Wie
war's denn eigentlich gekommen, daß der Streit um die alt geheiligten
Trinksitten unseres Volkes solchen Raum in meinem geistigen Leben
eingenommen hatte? Wie war's gekommen, daß ich in diesem Riesenkampf
in vorderster Reihe mit stand? -- Wie es kam, ich weiß es selbst
nicht. Das Bild meines guten lieben Mütterchens tauchte plötzlich
vor mir auf, ich sah ihren tränenschweren Blick, sah sie mit ihrer
sorgendurchfurchten Stirn sich zu uns, ihren Knaben, wenden, als ob
sie in banger Sorge um uns und unsere Zukunft sei, in banger Sorge, was
wohl das Leben mit seinen tausend Versuchungen aus uns machen würde.
Wie oft hatte sie uns Jungen gesagt: »Vor allem hütet euch vor einem,
vor dem Trinken. Der Wein macht hitzig, und das Bier macht dumm. Und
gebt acht, wo ihr Elend findet in der Welt, zum allergrößten Teil rührt
es vom Trunk her! Bleibt nüchtern und gut, wie euer Vater es war.
Alles, was Gott in euch hineingelegt hat, das baut aus und verwertet es
für euch und eure Mitmenschen.
In jedem, auch in dem Geringsten, achtet den Nächsten. Nur aus dieser
Achtung kann die Liebe zum Nächsten erwachsen.
In jedem Mädchen achtet eure eigene Schwester, in jeder Frau eure
Mutter; dann werdet ihr euch am leichtesten vor der Sünde hüten.
Euer Körper sei euch das heilige Gefäß eurer Seele. Seele und Körper
untrennbar voneinander hat euch eine wunderbare Güte geschenkt. Haltet
das Gefäß eurer Seele rein und heilig, damit eure Seele rein und heilig
bleibe.«
Mit solcher Lehre zog ich hinaus in die Welt.
Und dann sah ich mich als Schüler auf dem Gymnasium der kleinen Stadt,
die rote Primanermütze keck auf die Locken gedrückt im Kreise der
Kommilitonen. Ich wollte sie herausreißen aus ihren Kneipgewohnheiten.
Aber wie? Da lockte ich sie mit der Einladung zu einem Wurstessen in
mein Bodenkämmerchen: Doch die Wurst wurde erst aufgetischt, nachdem
wir »Die Räuber« mit verteilten Rollen gelesen hatten. Und siehe, es
gefiel ihnen so sehr, daß wir die Wurst fast ganz vergessen hätten,
wenn »Philipp der Eiserne«, unser Athlet der Prima, zum Schluß des
letzten Aktes nicht daran erinnert hätte.
Dann kamen sie allwöchentlich, und wir verschlangen die Dramen von
Schiller, Goethe, Lessing, Shakespeare und vergaßen darüber Wurst
und Bier. Und sie nannten mich ihren Führer, ihren Achilles. Wir
Myrmidonen hielten gute Freundschaft bis auf den heutigen Tag. --
Und die nicht zu unserem Kreise gehörten, -- wo sind sie geblieben?
Verdorben, gestorben. Der eine ertrank im Rausch bei einer Bootfahrt
auf der Elbe, der andere starb im Gefängnis, der dritte im Delirium,
der vierte siechte an der Schwindsucht dahin, und der fünfte, der als
Zwischendecker nach den Vereinigten Staaten auswanderte, verscholl als
Schafhirte in den Prärien Amerikas.
Und was war der Dank von seiten der Lehrer dafür, daß ich die
entsetzlichen Trinksitten auf der Schule durch Erweckung der Liebe
zur Kunst und zu allem Guten, durch Sport und Turnen, in einem Teil
der Schülerschaft ausgerottet hatte, dafür, daß mir in kurzer Zeit
gelang, was die Herren Magister in jahrelangem Kampfe mit drakonisch
strengen Polizeimaßregeln nicht hatten erreichen können? Ich sehe sie
noch, die vom Weinfrühschoppen geröteten und gedunsenen Gesichter der
Herren, wie sie aus der Tür ihres Stammlokals auf mich Ahnungslosen
zugesegelt kamen, gleichsam als ob meine rote Primanermütze die gleiche
Anziehungskraft auf sie ausgeübt hätte, wie das rote Tuch auf den
Stier. »Wir kennen Sie! Unter dem Vorwand, das neue Fußballspiel von
Hamburg hier einzuführen, treiben Sie Politik! Wir werden Ihnen das
eintränken!« -- Zu ihrer Entschuldigung konnte ich nur anführen, daß
wir in den Attentatsjahren lebten. Kurze Zeit war verstrichen, nachdem
jener wahnsinnige Verbrecher auf unseren geliebten greisen Kaiser
geschossen hatte.
Ich und Politik! Aber ich wollte den Schmutz und die Gemeinheit aus dem
Leben meiner Mitschüler ausmerzen. Und da galt ich ihnen als Idealist,
und Idealisten sind Schwärmer, sind gefährlich. Und dabei lag mir die
Politik schon damals so weltenfern, wie heutigen Tages noch.
Aber halt -- ich hatte mit meinen 17 Jahren einen Vortrag gehalten
über die Wohnungsnot in meiner Vaterstadt Hamburg. Das hatte der
Schmidt, der Judas Ischariot in unserem Kreise, der würdige Sohn
eines preußischen Subalternbeamten, seinem Vater hinterbracht, und
dieser hatte es gewissenhaft der Schulbehörde weiter gemeldet, und
diese hatte den Fall pflichtgemäß registriert, -- und daher die Wut
und der Zorn der Herren Schulmänner, nachdem sie sich soeben mit dem
edlen Wein gestärkt hatten. Über Wohnungsnot zu sprechen in einem
Schülerleseverein, -- das war ja tatsächlich kolossal verdächtig. Wie
ich dazu gekommen war? --
Hatten im Vater die Überlieferungen nachgewirkt, daß die Vorfahren
aus edlem Hugenottengeschlecht ihr Vaterland Frankreich um ihres
Glaubens willen verlassen hatten, um in der alten Hansastadt ungestört
ihrem Glauben nachleben zu können? Hatte das Christentum der Tat, das
mein Vater von den Ahnen ererbte, ihn veranlaßt, seinen blühenden
Handel nach Brasilien in andere Hände zu legen, nachdem er so viel
verdient hatte, um seine und der Seinen Zukunft vor Not und Sorge
gesichert zu sehen, damit er den Rest seines Lebens als Armenpfleger
in der Vaterstadt wirken und auf seinen täglichen Gängen durch die
Höfe und Gassen der Stadt das Elend der Ärmsten lindern könne? Hatte
die Mutter dieses Erbteil des früh verstorbenen Vaters auf den Sohn
verpflanzt, hatte dazu das eigene warme Herz, das sie von ihren Vätern
ererbt hatte, auf ihre Kinder wieder vererbt? Sicher nicht ohne Grund
hatte sie ihren hoch aufhorchenden Kindern von den Vorfahren erzählt,
wie diese in Urzeiten als edle Ritter im Westfälinger Lande gesessen
hatten. Wie der Erzbischof von Bremen sie als die Tapfersten und
Zuverlässigsten in die Marschen an der Elbmündung gesandt, damit sie
das reiche Land dort gegen den verheerenden Ansturm der Wenden und die
räuberischen Überfälle der Normanen schützen sollten. Und wie sich
die Bauern des Landes um sie sammelten zu einer Heldenschar, genannt
die Männer vom Morgenstern. Die bauten für sich und ihre ritterlichen
Schirmherren, die Ritter von Lappen, die feste Burg Ritzebüttel,
die heute noch steht wie ein aus der Urzeit ragendes Wahrzeichen
schirmender Kraft.
Es war wohl beides gewesen, das Gefühl der Pflicht, den Sinn des Vaters
auf die Kinder zu vererben, und das eigene warme, mitempfindende Herz,
das die Mutter antrieb, uns als Kinder schon in die Wohnstätten der
Armut zu schicken, um Not lindern zu helfen, wo immer sie davon erfuhr.
Und wenn ich mit der Schwester, dem guten Geiste meiner Kindheit, die
engen finsteren Stiegen in den dunklen Gassen und Höfen hinaufstieg, um
in den dumpfigen Wohnungen der Armen uns unserer kleinen Aufträge zu
entledigen, und wir all das namenlose Elend und Unglück dieser Menschen
sahen, die doch auch Menschen waren, wie wir, deren Kinder Kinder
waren, wie wir, dann krampfte sich mein jugendliches Herz zusammen, und
wenn ich abends auf meinem Bette lag, betete ich inbrünstig zu meinem
Gott: »Herr, hilf mir, daß, wenn ich ein Mann bin, ich dieses Elend
lindern kann.«
Aus diesen Erfahrungen heraus hielt ich eines Tages meinen Myrmidonen
einen Vortrag über die Wohnungsnot in meiner Vaterstadt. Und daraus
drehten sie mir den ersten Strick.
Als die Zeit heranrückte, in der wir uns vorbereiten sollten für
das Reifeexamen, da warf der Ordinarius mit seinem weingeröteten
Gesicht mir, dem Primus, mein Zeugnisbuch durch die Klasse zu mit dem
höhnischen Ruf: »Bei mir werden Sie nie das Examen machen.« Ich ließ
das Heft unter dem Tische liegen, wohin es geflogen war, nahm meine
Bücher unter den Arm und verließ mit einem stolzen: »Lebt wohl, --
Kameraden!« die Klasse.
Oh, wie danke ich es euch guten, freundlichen Menschen heute noch, dir,
meinem alten guten Direktor Detlefsen, und dir, meinem alten treuen
Freunde und Magister Reuter, daß ihr mich, wie einst die Phäaken den
irrfahrtmüden Odysseus, in Glückstadt's traulichen Mauern so freundlich
aufnahmt. Ihr kanntet kein Polizeiregiment und keinen Frühschoppen,
und mit warmem Herzen halft ihr dem Vorwärtsstrebenden, die Flügel zur
Fahrt durchs Leben zu entfalten.
Und dann hinaus zur Universität, nach Leipzig, in das geistige Zentrum
akademischen Lebens. Wohl schäumte dem jungen Studio fröhlich das Leben
entgegen. Aber die Klinge war scharf und gut geübt, um dem eklen Zwang
zum viehischen Saufen mit Trotz zu begegnen. --
Nun aber war ich zwanzig Jahre gegen den Strom geschwommen und hatte
geliebt, wo die anderen verachteten und haßten. Zwanzig Jahre lang
hatte ich versucht, ihnen klar zu machen, wo sie fehlten. Ich sah, wie
Lieblosigkeit und Härte, Genußsucht und Gewinnsucht, Ungerechtigkeit
und Hochmut Tausende und Abertausende krank und elend, hart und trotzig
und schließlich fähig zu allem Bösen machten. Ich sah, wie man Scharen
unserer Volksgenossen in Gefängnisse und Zuchthäuser sperrte, weil sie
schlimme Dinge getan hatten, Junge und Alte, und sah, wie die Alten, im
Verbrechen grau Gewordenen, die Jungen, deren Herz noch weich und gut
war, die nur der Taumel ins Gefängnis geworfen hatte, in den Morast der
Sünde hinabzerrten.
Ich sah die Irrenhäuser und Krankenanstalten sich füllen mit Siechen
und Schwächlingen. Unzählige lebensunfähige Kinder, -- andere, die den
Keim elenden Siechtums in sich trugen, sah ich geboren werden; Kinder,
die entweder keinen Vater hatten, oder wenn sie einen hatten, besser
daran gewesen wären, wenn sie keinen gehabt hätten. Und ich sah den
Staat und seine hochweisen Behörden lächelnd an Toren und Schurken die
Erlaubnis erteilen, Brotkorn in Gift zu verwandeln und dieses Gift dem
Volke zu verkaufen.
Ich sah die nämlichen Herren, die diesen großen unbekannten Geist,
»Regierung« genannt, zusammensetzen, lächelnd bei Tisch aus ihren
Pokalen das nämliche Gift schlürfen und abends aus schweren Krügen noch
einmal das gleiche Gift beim Qualm der Zigarren, der ihnen half, die
Sorgen um Land und Volk in ein sanftes Grau zu hüllen. Und weil sie
selbst von dem Gifte schlürften, gaben sie ruhigen Gewissens und dreist
die Erlaubnis, dieses Gift auch dem Volke zu schenken. Und Scharen um
Scharen deutscher Männer zogen alljährlich, vergiftet durch den Trank,
ein in die Gefängnisse und Zuchthäuser und füllten die Lücken, die dort
der Tod durch die Bazillen der Schwindsucht alljährlich riß. Schar um
Schar taumelte in eklem Rausch in die Bordelle, um sich dort bei den
unglücklichen Opfern ihrer Lüste mit den Seuchen zu vergiften, die sie
daheim dann ihren Frauen und Kindern einimpften, -- körperliches und
geistiges Siechtum verbreitend nach Mosis grausigem Wort: Ich will die
Sünde der Väter heimsuchen bis ins dritte und vierte Glied.
Und als meine Seele mit ihrem geistigen Auge dieses grauenhafte Elend
überschaute, schluchzte sie auf, und in ohnmächtigem Schmerz und Zorn
krampfte sich mein Geist, daß trotz aller Arbeit es nicht gelingen
wollte, die beim eignen Becher erstarrten Gewissen der klugen Herren,
die an der Spitze des Volkes stehen, aufzurütteln.
An den Grenzen unseres Landes hörte ich das Klirren der feindlichen
Schwerter. Und wie dunkle Gewitterwolken gefahrdräuend eine blühende
Ortschaft mit Nacht überziehen, so sah ich an unseren Grenzen die
Gefahr feindlichen Überfalles von Westen und Osten. Anstatt aber wie in
alten Zeiten zusammenzuhalten, wie ein Volk, wie Kinder einer Familie,
in deren Haus ein feindlicher Nachbar eindringt, hörte ich in unserem
Volke Gekeif und Geschelt von beiden Seiten, von den Besitzenden und
Besitzlosen. Die einen sollten alles, die anderen wollten alles. Und
ich sah, wie die einen, die im Besitz waren, nur danach strebten,
ihren Besitz zu mehren. Sie hatten das Land, sie hatten das Geld und
damit die Macht, Häuser zu bauen. Da suchten sie diejenigen, die kein
Heim hatten, auf kleiner Fläche hoch übereinander in den Städten
zusammenzuschichten, nicht duldend, daß jeder ein Heim hatte; damit sie
aus ihren steinernen Quartieren den höchstmöglichen Zins zögen. Und
nachdem sie so den Volksgenossen das Vaterland genommen, schalten sie
sie noch dazu vaterlandslose Gesellen!
Und die Besitzlosen, anstatt in Ruhe nachzudenken, was ihnen fehle,
suchten und suchten, in ihrer Erbitterung und Wut blind, und fanden
nicht den Ausweg aus dieser Wirrnis. Bald suchten sie Arbeit, wenn der
Hunger sie quälte, bald warfen sie ihr Arbeitszeug hin und ließen die
Maschinen stille stehen. Und der Gifttrank verwirrte ihr Hirn vollends.
Und die weisen Herren dort oben sahen es, runzelten die Stirn über
die Unzufriedenen, gaben Gesetze über Gesetze und wußten sich doch
keinen Rat. Und der Staat, den sie regierten, hätte mit leichter Hand
rings um die Städte das Ödland von den Bauern kaufen können; fleißige
Genossenschaften würden Häuschen um Häuschen errichten, mit Stall und
Garten; der Dung von Mensch und Vieh konnte in Kürze aus den sandigsten
Einöden blühende Gefilde schaffen. Auf Schienensträngen müßte der Zug
morgens in der Frühe, wie in Holland und Nordamerika, arbeitsfreudige
Scharen aus ihren dörflichen Gärten in wenigen Minuten in die Städte
tragen, wo sie auf den Speichern und auf der Werft rüstig die
kräftigen Hände regen könnten. Und abends hätte die nämliche Bahn die
Heimatdurstenden aus den Städten wieder hinausgeführt zu den von Luft
und Sonne gebräunten Ihrigen.
Aber die Väter der Städte wollen steuer- und zinszahlende Massen, und
mit Schank und Trunk und Flitter und Lärm und mit Licht und Fladusen
locken sie die noch mit dem Erdgeruch behafteten Kinder des Landes
hinein in die Städte. Sind die Wurzelfäden jener dann zerrissen,
sind sie benebelt von Branntwein und Bier, das die reichen und
vornehmtuenden Herren ihnen brennen und brauen, sind sie verwildert
und entnervt und stumpf und erschlafft in der Großstadtluft: dann
zetert und stöhnt und schilt und schreit kein Mensch mehr über die
»verwilderte Bande«, als Brenner und Brauer! So bilden diese, mit
den Wirten und Hausbesitzern im Bunde, einen wahrhaft edlen Kern der
staatserhaltenden Elemente.
Kein Tyrann knechtet unser Volk so wie diese Gesellschaft. Keinen
Tyrannen hat je die Weltgeschichte gesehen, der einem ganzen großen
Volke so das Mark aus den Knochen gesogen hat, wie dieses Kleber-Vier.
Und weiter sah ich. Wo waren die Nachen unserer fleißigen Fischer
geblieben, die bei Tag und Nacht auf schwankendem Kahn den schimmernden
Segen, die wimmelnden Fische, den Flüssen und Seen unseres schönen
Vaterlandes mit Netz und Angel entlockten? Wo sind die Scharen
geblieben von Knaben und Jünglingen, die schwimmend im reißenden Strome
die Kräfte erprobten? Dunkel und trübe ziehen die einst so klaren
Fluten der meisten unserer deutschen Bäche und Ströme dahin, seit der
Unrat unserer Städte und die Abwässer der Fabriken sie verpesten.
Und wiederum waren es die Reichen und Mächtigen der Städte und große
Fabrikherren, die sich sträubten, die deutschen Ströme rein zu halten.
Mochten selbst die Wiesen und Äcker vergiftet werden durch die trüben
Fluten der Ströme! Mochten die Fischer doch ihr Gewerbe aufgeben und in
die Städte ziehen, wenn die Flüsse ihnen keine Nahrung mehr lieferten,
-- was geht das die reichen Fabrikherren, was geht es die Magistrate
der Städte an! Jene sparen ihr Geld, und diese halten sich schadlos
durch Hinzuzug der reichen Leute, die nicht sehen mögen, wie ihr Dünger
dem Acker, der ihnen Brot und Gemüse liefert, zugeführt wird.
Alle diese Reichen und Mächtigen hören und sehen eins nicht. Ihr Hunger
nach Genuß und ihr Durst nach Geld macht sie blind und taub. Und ihr
vom Rauschtrank umnebeltes Gehirn dämmt ihnen ihren Horizont ein,
daß sie die Leiden und den Kummer und die Sorgen ihrer Volksgenossen
nicht sehen und nicht hören, sondern nur an sich denken. Und so hören
sie nicht, wie es im Volke gärt und murrt, in dem Volke, zu dem doch
auch sie gehören; wie es auseinanderfällt wie eine Ehe, aus der die
Liebe gewichen ist. Und doch könnten sie gerade tagtäglich in nächster
Umgebung prüfen, was es für die Ehe heißt, wenn die Liebe hinauszieht.
Da sind Hunderte von Paaren -- und gerade unter den Reichen und
Mächtigen, denen die Kinder versagt sind, weil der Gatte in jungen
Jahren ein lustiges Leben führte und sich, wie man sagte, die Hörner
ablaufen mußte. Da sind andere, deren Kinder siech und elend und
idiotisch sind, weil ihre Väter so urgermanisch den Becher schwingen
konnten. Und weiter gibt es Hunderte und Tausende von Ehen in allen
Ständen, und in ihnen Hunderte und Tausende von Frauen, die dem Manne,
der vor seiner Ehe nur käufliche Dirnen oder nur oberflächliche
Gesellschaftsbekanntschaften hatte, nur Magd oder Haushälterin im Hause
sind: Frauen, die als Mädchen mit höchsten Lebenszielen in die Ehen
gingen, und nun schaudernd gewahr werden, daß ihr Lebensschifflein als
sinkendes Wrack auf trübem Strome dahinfährt.
Und all der Tausende von Frauen mit ihrem Martyrium mußte ich
tagtäglich gedenken, weil ich tagtäglich Frauentränen zu trocknen
hatte. Und das war das schwerste für mich von allem: die Trauer und das
Leid um die Trauer und das Leid derjenigen, die die Seelen der Welt
bedeuten.
Und schließlich ward diese Trauer und das Leid über all dieses Elend
so groß, die dunkle Wand stieg so schwarz, so riesengroß vor mir auf,
daß sie mich zu Boden drückte, und alles Glück im eigenen Heim, alle
Liebe daheim, der Jubel meiner Kinder, mein Haus, mein blumen- und
vögelreicher Garten, die Freunde, die Freude am Gelingen der täglichen
Pflicht, mich nicht froh machen konnten. Ich war müde geworden. Und
wenn ich mich auch meiner Müdigkeit noch so sehr schämte, mir war's,
als ob alle Kraft von mir gewichen sei.
Nun war ich übers Meer gegangen. Hatte ich das Glück suchen wollen?
oder Frieden und Ruhe? oder neue Kraft?
Das Glück? was ist das Glück? Mir fiel ein Lied aus früherer Zeit
wieder ein:
Mir träumte bang, -- ein wundersamer Traum!
Mein Lieb und ich, wir flogen durch die Welt
Mit Fittichen, die uns die Nacht gelieh'n:
Wir wollten seh'n, ob außer uns noch Glück
In dieser Welt verborgen sei, --
Ob aller Sonnenglanz des Glücks
Vom Sonnenglanze unseres Glücks entsprang;
So voll von Sonne schien unser Herz!
Und unser Flügel trug uns in ein Dorf.
Still lag sein Kirchlein, leise rauscht der Fluß,
In dessen Wellen sich das Mondlicht barg.
An seiner Ufer Rand in einer Laube still,
Von jungem Frühlingsgrün verdeckt,
Saß, küssend sich, ein junges Paar.
Die Nachtigall sang zaubrisch hell
Dazu ihr Liebeslied, all Leid bezwingend.
Da raunt mein Lieb: da ist das Glück. --
Allein der Eifersucht häßlicher Stachel saß
Der Braut im Herzen, -- und das Glück entwich. --
Da stiegen wir selband in einen Kahn,
Der, wie von Geisterhand geführt, sich von dem Ufer löste
Und leise auf des Stromes Wellen trieb.
Wir saßen eng und traulich angeschmiegt;
Der kühle Nachtwind wärmte sich an uns, --
Wir hatten ja das Glück, und Glück macht warm.
Und an den Ufern trieb der Kahn entlang.
Das Dorf verschwand; der Kirchturm blieb zurück. --
In dufterfüllten Gärten reihte sich Palast
Stolz an Palast. -- Der Reichtum thronte hier,
Von Wein und Braten satt; die Fenster strahlten hell. --
Doch Kronenglanz ist noch kein Sonnenschein!
Hier war kein Sonnenquell des Glücks zu sehn.
Und weiter trieb der Kahn zum Lichtermeer
Der großen Stadt. Leis stieß er auf.
Wir stiegen aus und wandelten zu zweit,
Unsichtbar für der gier'gen Menge Blick,
Von unserm Zauberfittich treu gedeckt,
Zum hellen Festsaal. Zimbeln, Geigenspiel
Und Jauchzen, Beifallklatschen! Froher Sang
Schien lauter Glückeszeuge. -- Doch
Wir sah'n der Gäste Schar mit müdem Blick
Das Fest verlassen, arm an Sonnenglück.
Da raunt mein Lieb mir zu: vielleicht im Volk,
Im niedern Volk, da wohnt vielleicht das Glück.
Allein das wogte, lärmte, schrie und stritt, --
Ein trüber Nebel überm Häusermeer. --
Nur dort ein Fenster hell, als ob
Ein Sonnenstrahl vom Tag sich dort verirrt.
Wir stiegen auf mit leichtem Flügelschlag:
Sieh da, ein armes Judenmädchen ruht'
Matt und gelähmt auf seiner Lagerstatt.
Und doch im Angesicht ein sanfter Zug
Von Dankbarkeit und Glück und Sonnenschein.
Sein Mütterlein, vom Alter tief gebeugt,
War treu bemüht in warmer Mutterlieb':
Ein Blumenstrauß auf schlichtem, weißem Tisch,
Ein blankes Glas, ein großes Herz voll Lieb', --
Hier war ein Hauch vom wahren Sonnenglück,
Ein Hauch von Frieden, Liebe, wie wir ihn gesucht. --
Bacchantischer erscholl das Stadtgewühl;
Die Pulse schienen fieberhaft zu schlagen;
Fast wollten uns die Flügel nicht mehr tragen;
Mit gier'ger Klammer faßte es nach uns.
Mit eklem Dunst umnebelt's unser Hirn
Und raunte heiser: Kommt, ich bin das Glück.
Die Menschen nennen auch die Sünde mich; --
Doch meine Maske ziert der Totenkopf.
Laut schluchzt' mein Lieb und packte meinen Arm.
Mich schüttelte der kalte Fieberfrost.
Kaum trug ich sie auf meinem Fittich fort.
Mir war's, als hing wie schwerer Morgentau
Sich zentnerschwer die Reue an uns an.
Da wacht' ich auf, und heller Sonnenglanz
Schien in das Fenster, und an meiner Brust
Lag jubelnd mir mein blütenrosig Lieb, --
Da wußt' ich es, es gibt kein Sonnenglück,
Das unserer Seele nicht wie reiner Quell entspringt:
Ein Dach, daß uns der Regen nicht durchnäßt,
Ein Stückchen Brot und eine reife Frucht,
Ein Eckchen Garten für der Blumen Flor
Und reine Kunst, die uns das Leben schönt,
Ein blühend Kind, das unsre Seelen erbt,
Und Liebe, Liebe, Liebe noch einmal:
Das ist das Glück! -- -- --
Das Glück hatte ich in reichstem Maße, -- für mich. Aber die anderen?
mein Volk?
Und wieder legte sich der Gedanke an sein Elend wie Alpdruck auf meine
Seele.
Aber das Ächzen und Stöhnen klang wie aus weiter Ferne. Und dazwischen
klang Kinderjubel und Nachtigallensang, und wie Heimatduft kam es zu
mir. Da wurde mir leichter.
Und wie ich so lag in meiner Kabine und von den alten Zeiten träumte,
spürte ich kaum noch das Stampfen des Schiffes und hörte kaum noch, wie
die Wogen brandend an seine Brüstung schlugen. Ich drehte mein Lämpchen
wieder an, das am Kopfende meines Bettes hing, und griff nach meinem
kleinen Bücherbord hinüber. Dort stand in sauberem festen Einband
eine Mappe mit Erinnerungen aus alter und neuer Zeit, mit Briefen und
Liedern und kleinen Schriften, die ich veröffentlicht hatte im Laufe
der Jahre, mit Tagebuchblättern aus dem Leben und aus der Praxis,
Bildern von meinen Liebsten, von Weib und Kindern, und dazwischen
Rosenblätter und Zypressenzweige, -- das Ganze eine kleine Welt für
sich: Mein liebes Weib hatte es mir als Talisman mit auf die Reise
gegeben. »Wenn du in deiner Einsamkeit schwere Stunden hast, so nimm es
und zaubere dir aus der Vergangenheit eine neue Gegenwart und vergiß,
was dich drückt.« So hatte sie gesagt.
Und da fiel mir, als ich die Mappe öffnete, ein Heftchen in die Hand:
mein Erstlingswerk, das gedruckt war.
Zu Anfang der achtziger Jahre war es gewesen. Tschechische Studenten
hatten damals in Prag die deutschen Kommilitonen überfallen. Die
Leipziger Studenten hatten keine Zeit, sich um die Schmach der
deutschen Brüder im Osten zu kümmern. Sie hatten offizielle und
inoffizielle Kneipen Abend für Abend. Da gelang es mir, einen Leipziger
Cherusker, mit dem ich auf dem Fechtboden Freundschaft geschlossen
hatte, für meinen Plan zu gewinnen: Die Gelegenheit zu benutzen und
die Kommilitonen aus ihrer Lethargie aufzurütteln. Wir eilten von
Verbindung zu Verbindung, von Behörde zu Behörde. Endlich hatten wir
die Genehmigung zu einer großen Studentenversammlung. Annoncen wurden
veröffentlicht, Einladungen erlassen. Hofprediger Stöcker, der uns
jungen Studenten als Hauptvertreter des nationalen Gedankens am meisten
empfohlen worden war, wurde zum Vortrag gewonnen. In meisterhafter,
flammender Rede wußte er die Sympathien für das bedrohte Deutschtum
im Osten zu entfesseln. Aber als wir nach dem Vortrage im kleinen
Kreise mit ihm bei einem Glase Bier zusammen saßen, da schien es mir,
als ob er die Maske abwürfe und alles, was er in seinem Vortrage an
Begeisterung in unsere jugendlichen Herzen gepflanzt hatte, wieder
herausrisse und zerträte.
Hatte er vorher davon gesprochen, daß die akademische Jugend vor allem
dazu berufen sei, das Deutschtum hochzuhalten dadurch, daß es die
deutschen Tugenden pflege, so schwächte er die Wirkung seiner Rede
nunmehr gründlich dadurch ab, daß er erklärte, an dem Niedergange
des Deutschtums seien einzig und allein die Juden schuld; die Juden
müßten bekämpft werden. So säete er, ein gefährlicher Aufrührer im
Priesterkleide, damals die schlimme Saat des Antisemitismus in die
deutsche Studentenschaft, anstatt ihr das einzige zu bringen, aus
dem unserer Jugend neue Kraft zu neuen Taten erwachsen kann. Das ist
Selbsterkenntnis. Hatten doch die alten Athener nicht umsonst über
den Tempel des Apollo die Worte geschrieben: Γνῶθι σ'αὺτόν! »erkenne
dich selbst!« Ein neuer politischer Studentenverein entstand mit
deutschnationaler Tendenz. Es wurden viele Reden gehalten, und noch
mehr wurde gekneipt. Nach Prag wurden einige Begrüßungsdepeschen
gesandt. Es gehörte zum guten Ton, auf die Juden zu schimpfen und
germanisch zu kneipen. Das war die Frucht unserer Bemühungen gewesen!
Da nahm ich meinen Wanderstab und wanderte von Leipzig zu Fuß durch
die Goldene Aue über den Kyffhäuser nach Göttingen. Und wie ich da
oben auf dem sagenumsponnenen Kyffhäuser stand, allein in stiller
Wald- und Bergeinsamkeit --, noch stand kein Denkmal da oben, noch
kein Wirtshaus, -- da reifte in mir der Entschluß, für unser Volk zu
kämpfen und zu arbeiten, solange Gott mir Leben ließe.
Als ich in Göttingen ankam, rüsteten sich die Freunde gerade zur Fahrt
zum Kyffhäuser --, von dem ich eben herkam, -- um dort die erste
große Versammlung der deutschnational gesinnten Studenten aus ganz
Deutschland mitzumachen. Ich kannte von Leipzig her schon genug, was
bei solchen Versammlungen herauskam. Doch der Freunde wegen ging ich
mit. Es kam, wie ich gefürchtet hatte. Nur wenige Stunden des Redens
und des Hurrarufens, und die allgemeine Berauschung an Phrasen ging
über in eine große Berauschung durch das Bier, das in Strömen floß.
Da bäumte sich alles in mir auf, und weinend lief ich querfeldein, den
Berg hinunter. Unterwegs begegneten mir bereits Scharen von betrunkenen
Studenten, die gemeinsten Lieder gröhlend ... Im Wartesaal der kleinen
Eisenbahnstation an der Bahn, die mich nach Göttingen zurückführen
sollte, kam ich gerade dazu, wie ein angetrunkener Student sich an
einem Mädchen vergreifen wollte, das schüchtern in einer Ecke Platz
genommen hatte. Meine drohende Haltung verlieh meinem flammenden
Protest Nachdruck. Ich war voll Ekel!
Und dann, anstatt nach meiner Rückkehr in Göttingen zur Ruhe zu gehen,
schrieb ich voll Zorn und Scham über das Erlebte meinen »Mahnruf aus
Jungdeutschland an Jungdeutschland«.
Allein wanderte ich weiter über den Großen Meißner nach Marburg, von
Marburg rheinabwärts bis nach Bonn. -- Überall traf ich Freunde und
überall das gleiche sinnlose Kneipen. Und was hatte ich auf meinen
Tagen der Wanderfahrt alles gesehen und erlebt! Wie hatte sich der
Nüchterne berauscht an den Schönheiten der Natur, an der Größe und
Herrlichkeit des deutschen Vaterlandes! Wie hatte er mitgejubelt
und gefeiert, mitgetanzt und mitgesungen, wo immer er zu fröhlichen
Menschen kam! Wie war er auf einsamer Wanderung eingedrungen in das
Empfinden und die Sprache unseres Volkes, wie hatte er gelernt, es zu
achten und zu lieben!
Dann kam die Zeit des Kampfes um den Mahnruf.
Manch einer fühlte sich getroffen und glaubte, an dem Verfasser sich
reiben zu müssen. Keiner wagte es zum zweiten Male.
Aber eines Tages traf aus Würzburg ein Brief ein von dem Physiologen
Professor Fick. Der hatte den Mahnruf im Buchhandel entdeckt. Er
schrieb begeistert, ich solle dorthin kommen, mit ihm arbeiten, mit ihm
zusammen kämpfen. Welche Aussicht! Wie schlug das Herz höher! Der erste
Erfolg im Kampf. Ein Mitkämpfer und was für einer!
Und dann ein herrliches Jahr mit diesem vortrefflichen Manne zusammen.
Aber ein neues ging mir auf im Umgange mit ihm: nicht die Begeisterung
allein konnte zum Siege führen, -- die wissenschaftliche Erkenntnis
mußte helfen.
Jahrelang versuchte ich als Arzt in der Praxis meinen Mitmenschen zu
predigen, daß sie Maß halten müßten mit dem Trinken, damit sie nicht
krank würden. Alles vergeblich. Es war, als ob sie blind wären. Sie
sahen in allen Ständen die Männer sterben, -- fünfzig Familienväter
starben mir in zehn Jahren im besten Mannesalter am Trunk dahin, Reiche
und Arme, -- und die andern tranken weiter.
Da erhielt ich eines Tages wiederum einen Brief aus Würzburg, in dem
der Freund mir schrieb: seine physiologischen Studien hätten ihn aus
logischen Gründen geradezu gezwungen, gänzlich enthaltsam zu werden.
Ich aber verstand ihn nicht und schrieb ihm, ich hätte ihn immer
für einen so mäßigen und verständigen Mann gehalten und könne nicht
begreifen, warum er jetzt so übertrieben strenge sei. Und dann ging
ich zu meinem Freunde und früheren Lehrer, dem Professor Reuter, und
klagte ihm meine Skrupel. Ich wußte, daß er als Student ein flotter,
schneidiger Burschenschafter gewesen war. Er erwiderte mir auf meine
Zweifel: »Männer von so radikalem Standpunkt wie Ihr Freund, der
Professor Fick, sind in Zeiten des Niederganges gleichsam ragende
Säulen, Stützen, an denen die große Masse sich wieder aufrichten kann.«
Und doch -- wie schien es schwer, mit der alten Gewohnheit, der alten
Form der Geselligkeit zu brechen.
Da war unser Gänseessen im November, zu dem die Kollegen aus der
Stadt kamen. Wie mancher hatte sich ein fröhliches Räuschlein beim
gut temperierten Rotspon dabei geholt. Wie harmlos vergnügt waren wir
gewesen, und doch --, war irgend etwas von bleibendem Werte aus irgend
einer dieser Gesellschaften entstanden? -- Wie mancher Bocksbeutel
mit altem Steinwein war mit Kennermiene im engsten Freundeskreise
geleert worden bei ernstem, anregendem Gespräch, bei welchem Gedanken
über Pläne und Ziele des Lebens ausgetauscht wurden, nachdem wir
wissenschaftliche Arbeiten prüften und Kunst pflegten. Was hatte das
alles mit dem alten Wein zu tun! Und doch war es so unsagbar schwer,
mit dem alten Vorurteil zu brechen, daß ein gutes Glas Wein notwendig
sei zum Leben! Hatte ich doch meinem Mütterchen bei der Hochzeit
versprechen müssen, -- dieser einzig guten und klugen Mutter, -- meine
halbe Flasche Wein bei Tisch zu trinken. Das hätte ich nötig bei meinem
schweren Beruf. --
Draußen klatschte der Regen an die Kabinentür. Das Ohr gewöhnte sich
allmählich an das brandende Gewoge und die stampfende Gangart des
Schiffes.
In der Hand hielt ich noch immer die Mappe mit den Erinnerungen. Da
waren sie ja, die Tagebuchblätter aus dieser Übergangszeit, die mich
bald hinausführen sollte in den großen heiligen Kampf um die besten
Güter der Menschheit. Da hielt ich sie alle in der Hand, die Zeugen aus
jenen Tagen der ersten Kämpfe und der ersten Erfolge. Ich erinnerte
mich an jedes einzelne Erlebnis, als ob es gestern gewesen wäre. Und
während ich las, vergaß ich völlig, daß ich mit einem Dampfer mitten im
Schneesturm in nebliger Nacht durch den Kanal dahinfuhr, vergaß, daß
Jahre schwerer Arbeit und schweren Kämpfens dahingegangen waren, und
genoß in vollen Zügen aus den schlichten Blättern noch einmal die Zeit
des Erkennens und des Erwachens und der ersten Taten.
* * * * *
So muß es kommen. Treffe ich da heute den Hausmann angetrunken auf der
Straße. Als ich ihn stelle und ihm eine Standrede halte, daß er doch
das alte Schnapssaufen nachlassen solle, kümmerlich genug ging es doch
her in seinem Hause, und für sein Herz und seinen Rheumatismus tauge es
erst recht nicht, -- was antwortet er mir? »Ja, Herr Doktor, ich habe
kein Geld zu Bier und Wein, wie Sie, da trinke ich eben Schnaps!« Und
als ich ihm antworte: »Ja, mein Lieber, das wenige, was ich trinke, das
habe ich nötig als Anregung bei meinem schweren ärztlichen Beruf! Sie
wissen, Tag und Nacht muß ich heraus, immer soll man frisch sein.«
»Will ich auch gar nicht sagen, Herr Doktor, aber den ganzen Tag in dem
nassen Lehm stehen, ist auch was, da brauche ich eben meinen Schnaps,
wie Sie Ihren Wein.« -- Ich fühle mich doch recht beschämt. Was sollte
ich dem Manne nur darauf antworten? Und ich möchte dem armen Teufel
doch gern helfen.
* * * * *
Kommt da heute solch junger Fant zu mir zum Besuch, ein Studentlein,
lang aufgeschossen, mit hellblondem Flaum unter der langen, geraden
Nase, mit blitzenden, blauen Augen, ein echter junger Germane,
gesund, fröhlich, der Typ der Ariers. Ich kenne ihn von Jugend auf;
stammt aus altdeutschem Geschlecht; die Väter seit zwei Jahrhunderten
protestantische Prediger im Holsteinischen, Hannoverschen und in den
Hansestädten. Das ist Urrasse. Als ich ihn frage, wie er denn mit
seinem Wassertrinken auf der Universität durchkomme, -- hat er doch
überhaupt noch niemals Wein oder Bier in den Mund genommen --, lacht er
mich strahlend an: »Fein! wenn die anderen benebelt sind, bin ich fein
klar und fröhlich, und dann gehe ich nach Hause.« --
Von dem kann man lernen! Und als er mir rät, es doch einmal ebenso zu
machen, ich solle nur mal sehen, wie viel besser es sich ohne alle
diese Getränke leben ließe, schlage ich kurzerhand ein und verspreche
ihm, die nächsten vier Wochen nicht zu trinken. Wollen sehen, was es
gibt.
Ob ich den Hausmann nun durch mein Beispiel wohl nüchtern mache?
* * * * *
Wieder einer! Es ist ein Jammer, diese Zunahme der
Geschlechtskrankheiten. Und nicht nur unter der Stadtbevölkerung, nein,
auch die Landbevölkerung wird durchseucht. Entweder kommen die jungen
Burschen krank vom Militär zurück, oder die Knechte und die jungen
Bauernsöhne gehen in die Stadt, um sich zu »amüsieren«. Und nachher?
Kommen sie heulend in unsere ärztliche Sprechstunde und jammern um ihre
schöne verloren gegangene Gesundheit und um ihr Lebensglück. Denn
daß dies was auf sich hat, empfinden sie alle, und mit Recht. Wohin
ich komme als Arzt, fast überall sind diese Jugendsünden die Ursache
alles Elendes in der Ehe. Und wie ein Strom schwellen die Folgen dieser
Entgleisungen unserer jungen Männer an. Da lese ich kürzlich, daß die
Geschlechtskrankheiten unseren Krankenkassen bereits 100 Millionen
Mark kosten, und daß die Zeit nicht fern sei, wo sie mit 300 Millionen
rechnen müßten. Aber was nützt alles Predigen und Ermahnen, alles
Resolutionenfassen und Konferenzenmachen der Sittlichkeitsvereine
und des Vereins zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten, solange
alle diese vielen Herren in ihren maßgebenden Stellungen selbst noch
dem Sekt, dem Wein und dem Bier huldigen. Denn eins ist doch klar!
Nehmt unseren jungen Männern die Gelegenheit, den alten Adam in
ihnen mit diesen Getränken zu stacheln und gleichzeitig ihr Gewissen
einzuschläfern; gebt ihnen andererseits dafür Gelegenheit, sich zu
tummeln und auszutoben; gewöhnt sie, im zwanglosen täglichen Verkehr
das andere Geschlecht als ein ihnen gleichstehendes anzusehen; lehrt
sie, in jedem Mädchen die eigene Schwester, in jeder Frau die eigene
Mutter zu achten! Vor allem aber schafft unserem wachsenden Volke Raum
auf der Erde und besonders im eigenen Lande, daß es sich wieder seßhaft
machen kann auf eigener Scholle, -- heraus aus dem Dunst der Städte, --
wofür haben wir denn Eisenbahnen und Elektrische --: so muß es anders
werden! Aber mit Reden ist nichts getan, nur mit Taten.
* * * * *
Wenn wir doch lernen wollten, die Gesetze der Physik auf das Geistige
zu übertragen! Denn da die sichtbare Welt nur ein Gleichnis ist für die
unsichtbare, so müßten die Gesetze der sichtbaren Welt auch Gültigkeit
für die geistige haben! Und sie haben sie. Wir sehen es täglich; Kälte
erzeugt Kälte, Wärme Wärme. Das Gesetz der Polarisation, der Anziehung,
der Abstoßung, der Anhäufung der elektrischen Spannungen mit ihren
Entladungen, -- ist es nicht das gleiche in der sichtbaren Welt, wie
in der geistigen? Kann daher in dieser irgend etwas verloren gehen an
Kraft, da doch von der Kraft, die den Stoff bewegt und erwärmt, nichts
verloren geht? Die Kraft des Dampfes und der Gase, die unter Druck
stehen, ist sie nicht zu vergleichen mit der Kraft niedergehaltenen
Hasses, der eines Tages, übermächtig geworden, jeglichen Druck
überwindet? Sollte die Macht des Beispiels nicht ebenso nach gleichen
Gesetzen wirken?
* * * * *
Nun habe ich vier Wochen weder Wein noch Bier getrunken. Als ich dann
das erste Glas von meinem leichten Landwein an die Lippen setze, rieche
ich den Spiritus. Der erste Schluck schmeckt wie Branntwein. Da lasse
ich das Glas stehen. Ich schreibe an den Weinhändler, er solle mir
nicht so verschnittenen Wein schicken. Der tut bis in den Tod beleidigt
und verlangt gerichtliche Untersuchung seiner Vorräte. Kein Tropfen
Spiritus komme in seinen Keller. Nun weiß ich es, was ich längst wußte:
diese ganze Geschichte von dem sogenannten Göttertrank, mit der die
Weinhändler uns allen und sich selbst ein X für ein U vormachen, ist
Mumpitz. Vergorener, verdorbener Traubensaft ist's und weiter nichts,
der die Menschen duselig macht, weil satanische Hefezellen den süßen
Zucker der Trauben in noch satanischeren Sprit verwandelt haben. Das
ist der ganze Zauber, der uns hypnotisiert.
* * * * *
So geht es nicht weiter. Der dritte Fall von Kindbettfieber in vier
Wochen. Aber die Leute sind selbst schuld. Haben sie dem armen Weib
von Hebamme bei ihren Wochenbettbesuchen, an Kindbetten und Kindtaufen
das Trinken beigebracht, und nun scheinen Seife und Lysol unbekannte
Dinge für sie zu sein, und die armen Frauen müssen es büßen, und die
Männer werden zu Witwern und die Kinder zu Waisen. Was soll ich tun?
Der Kreisarzt reagiert nicht auf meine Meldungen, die Regierung nicht
auf meine Beschwerden. Es scheint, man sieht mich als unbequemen
Querulanten an. Und ich kann doch meine jungen Frauen nicht um dieses
Weibes willen dem sicheren Tode ausliefern!
* * * * *
Der Tischler ist untröstlich. Noch kein Jahr verheiratet! Und was hatte
er für eine Frau, -- fleißig, sauber, liebevoll wie nur eine. Nun liegt
sie da, -- mit verfallenem Gesicht und aufgetriebenem Leib, -- vier
Tage hat die pflichtvergessene Person sie schon mit heißen Umschlägen
behandelt. Bis heute abend wird die Kranke ausgelitten haben. Und das
Kind, den kleinen strammen Burschen, der erst acht Tage lang mit seinen
blauen Augen den Vater angeleuchtet hat, den können wir ihr getrost
mit in den Sarg legen, -- Nabelvereiterung. Natürlich, -- mit rostiger
Schere und ungewaschenen Händen besorgt. Es ist zum Rasendwerden.
* * * * *
Es lebe die Konkurrenz! Heute stellt sich eine neue Hebamme bei
mir vor, eine saubere junge Witwe mit gutem Gesicht. Ob ich sie
unterstützen wolle, eine Praxis zu bekommen. Sie habe schon gehört, daß
ich aus bestimmten Gründen die andere umgehe, wo ich könne.
Halt, -- Witwe ist die andere auch; aber ich kann die Verantwortung
nicht tragen. Drum, es sei! Vielleicht, daß die Not sie kuriert. Und
doch, ich kann nicht anders. Ich sage der neuen gleich dabei, wenn die
alte sich bessert, müssen sich beide in das Feld teilen.
* * * * *
Wir alle zusammen sind nur Tagelöhner, die die Türme ihres Lebens
bauen. Die einen kommen kaum dazu, ein paar Steine zum Fundament
zusammenzutragen; die anderen bauen das Fundament notdürftig; wieder
andere schleppen ihr ganzes Leben rüstig Steine, kommen aber nie zum
Bauen; nur wenige, die zum Bau von Türmen kommen, von denen sie ein
wenig Ausschau halten können; -- aber nur einzelnen Auserwählten
gelingt es, sich Lebenstürme zu errichten, von denen aus sie über die
Wälder des Irrtums, die Täler der Vergangenheit, die Schluchten der
Sünde und die Berge der Zukunft in die unendliche Weite der Ewigkeit
blicken können.
* * * * *
Heute war ich bei dem Hofbesitzer Helmers. Er lag um zwei Uhr noch
betrunken im Bett. Der Gülzow ist nun schon von Haus und Hof und
arbeitet als Gelegenheitsarbeiter in der Stadt. Und was war er für ein
netter Kerl. Ein echter Germane. Und der Evers? Sitzt im Armenhaus und
erwartet mit seinem gebrochenen Bein sein Letztes. Der reichste Bauer
in der Gegend einst. Aber nun wollte ihn niemand als Knecht mehr haben.
Und da sitzt der Krugwirt und reibt sich die Hände. Man sagt, er habe
sich in der Nähe von Berlin eine Villa gebaut, -- natürlich von den
Hufen unserer Bauern, die er ins Garn gelockt hat. Es ist eine Schande!
Was nützt uns da Agrarpolitik und Innenkolonisation! Sitzt da so eine
verfluchte Kreuzspinne in ihrem Netze und zieht ihre Opfer an sich
heran: Besprechung über den Bauernbund, Karpfenessen, Skatabend, -- und
schließlich sitzen die Brüder da abends und morgens und würfeln und
bilden sich ein, sie wären alte Germanen und sehen nicht, wie ihnen der
Teufel von Wirt das Blut aussaugt. Und ehe sie es sich versehen, zieht
der Jude die Schnüre zu, klagt die Wechsel ein, und der Hof kommt unter
den Hammer.
Meinem Bäuerlein habe ich einen Denkzettel mit großen, schwarzen
Buchstaben an seine Stubentür geheftet, daß er draufschauen muß,
sobald er aufwacht: »Wenn ich so weiter trinke, wie bisher, so muß
ich bald eines elendigen Todes sterben.« Der Helmers ist aufgestanden
am andern Tag, liest den Zettel über der Tür, zuckt zusammen und sagt
ruhigen, festen Tones zu seiner Frau: »Frau, nimm den Zettel von der
Tür. Ich trinke nichts mehr.« Wirklich zieht der gute Kerl tagtäglich
in der Früh mit zu Felde, wie er's seit Jahren nicht mehr getan hat,
nimmt seine Blechflasche voll Milch mit und setzt keinen Fuß mehr zum
Krugwirt hinüber.
Der grüßt mich seitdem nicht mehr. Ist mir auch recht. Spar' ich meinen
Hutrand.
* * * * *
Als ich heute zu Hofbesitzer Helmers komme, sitzt dort ein Weib aus dem
Nachbardorf, eines Kätners Frau. Sie habe gehört, daß ich den Bauer vom
Trunk befreit hätte, so solle ich auch ihr das Mittel geben. Auch ihr
Mann trinke so, schlage sie und die Kinder und versaufe den ganzen Hof.
Ich sage ihr, sie solle sich an ihren Arzt wenden. Der wüßte nichts
dafür, antwortet sie. Ich suche ihr klar zu machen, ich hätte keine
Medizin dafür, ich hätte dem Helmers nur etwas aufgeschrieben auf einen
Zettel, das habe er gelesen --, freilich hätte ich schon vorher auf
ihn einzuwirken versucht. So solle ich ihr das gleiche auf den Zettel
schreiben, drängt sie. Vielleicht hülfe es auch, und schaden könne es
ja nicht. Da das arme Weib mir leid tat und so flehte, schrieb ich ihr
mit innerem Widerstreben auf ein Stück Papier das nämliche auf, wie
erst kürzlich dem Helmers, und gab ihr das Blatt. Hocherfreut dankt sie
und fragt, was sie schuldig sei. Ich lehne ab, weil es mir im Innern
graust, als ob sie mir einen Judaslohn böte. Und weiß doch nicht,
warum. Ob's hilft? Wenn nur, sie haben sieben Kinder.
* * * * *
Durch ein Stück Papier zum Mörder geworden! Herrgott, daß mir das
widerfahren mußte! Wollte Segen stiften und trieb einen in den Tod.
Heute erzählt mir Frau Gärtner, sie sei die Schwester des Kätners,
dessen Frau ich neulich den Zettel aufgeschrieben habe. Mich schüttelt
es wie im Fieberfrost. Weiter, weiter. Sie habe das Blatt, wie ich
geheißen, über die Tür genagelt; da habe der Mann es gelesen, habe
mit der Faust auf den Tisch geschlagen und gerufen: »Und wenn ich
nicht mehr trinken soll, hänge ich mich auf.« Damit sei er aus der
Stube gestürzt. Als er nach einer Stunde noch nicht zurückgekehrt sei,
hätten sie ihn gesucht. -- Endlich hätten sie ihn auf dem Heuboden am
Dachsparren erhängt aufgefunden.
Die Sinne wollten mir schwinden. Ein Stück Papier, ein einfaches
kleines Stück Papier, bekritzelt mit ein paar Worten, die einen
Menschen warnen, ihm helfen sollen, treiben ihn in den Tod.
Grundgütiger Vater, konntest du so grausam sein und das dulden?
Dachtest du nicht an seine sieben Kinder? Und ich, ich habe ihn
ermordet! Hätte ich nicht lieber hinüberreiten sollen übers Moor und
ihn aufklären und trösten und heben? Statt dessen schicke ich, ich, der
Liebe säen will, ihm ein Stück Papier. Ich solle mich trösten, sagt
die Schwester des Toten. »Gut,« sagt sie, »daß das Schwein tot ist,
es ist ein Glück für ihn und die Familie; die kommt ohne ihn besser
durch als mit ihm.« Gott im Himmel, wohin sind wir geraten, in welchen
Höllensumpf von Herzensroheit und Verzweiflung. Und dabei ist diese
Schwester keineswegs ein schlechtes Weib, ist eine kreuzbrave Gattin
und Mutter. Aber ein Stück Papier! Daß das eine solche Macht haben
kann! Und da will einer leugnen, daß leblose Dinge Kraft und Geist an
sich haben können, den wir nicht sehen, nicht schmecken, nicht fühlen
noch wägen können!
Ich will sehen, was ich für die Witwe tun kann. Aber es ist furchtbar!
* * * * *
Nein, es ist schier zu arg. Sechs- oder siebenmal habe ich versucht,
den Lehrer Horst zu retten. Das Stadtverordnetenkollegium, der
Superintendent ebenfalls, hatten mich hingeschickt, -- er würde ohne
Gnade kassiert, wenn er sich noch einmal betränke. -- Auf den Knien hat
er vor mir gelegen, seiner braven Frau und seiner Kinder willen solle
ich ein gutes Wort für ihn einlegen, er selbst habe es nicht verdient.
Aber nun solle es anders werden. Bei allem, was ihm heilig sei, schwöre
er es, -- und drei Tage darauf war er wieder total betrunken in die
Klasse gestolpert. Ich weiß es wohl, wer der eigentlich Schuldige
war. Die Herren Honoratioren am Stammtisch, vor allem der schneidige
Herr Brauereidirektor, der ihn angrölte: »Nanu, Sie wollen doch kein
lappiger Wassertrinker werden? Oder gar eine Teeschwester?« -- Da
hatte er sich seinen Stammschoppen kommen lassen und Bescheid getan,
bis er lallte. Und nun? Kommt da ein alter Bettfedernfabrikant, und
was ich als Arzt und Stadtverordneter mit aller meiner Autorität nicht
erreichen konnte, erreicht er mit ein wenig -- Liebe.
Liebe, Liebe, was bist du? Frage, die mich nicht verlassen will! Ich
rufe dich hinaus in den sonnenwarmen Tag und in die sternenklare
Nacht, in den heulenden Sturm, in den leis rauschenden Wald und die
stille Heide und in das Getriebe der Menschen, und immer wieder
tönt es mir zurück: es ist das Aufgehen des einen in den anderen,
das Sichselbstvergessen und Selbstverlieren, um sich im anderen
wiederzugewinnen. Wie die Sonne die Erde erwärmt, und die Erde die
Wärme wieder ausstrahlt; wie die Sterne sie erhellen, und sie ihr Licht
zurückgibt, wie der Sturm die Wolken türmt, daß sie bersten und den
Wald und die Heide tränken, bis diese, vom Regen gesättigt, dem Himmel
den Tau zurückgeben unter dem Kuß der Sonne, daß er neue Wolken aus
ihm forme! Es ist Hingabe der Mutter an ihr Kind, das sie hegt von der
wachsenden Zelle, deren Befruchtung sie in liebender Umarmung erfuhr.
Es ist das ewige »Nicht ich, sondern du!«, mit dem Christus dahinging,
um uns vom Todgedanken zu befreien, um uns zu zeigen, daß es keinen
Tod gäbe, um uns alle Angst und allen Schrecken zu nehmen und uns zu
lehren: seid eins mit eurem Vater im Himmel, dem Inbegriff aller Liebe,
und es gibt keinen Tod für euch, wie es keinen für mich gibt, denn ich
bin die Liebe und das Leben. Lieben und Leben sind eins, denn Gott ist
die Liebe!
* * * * *
Heute war ein wunderlicher Alter bei mir, der Bettfedernfabrikant aus
der Stadt, Sonnemann. Mit seinem langen, grauen Bart sah er gar würdig
aus, fast wie der Weihnachtsmann in den Bilderbüchern der Kinder. Er
sei Guttempler, habe von mir gehört, daß ich mich für Trinkerrettung
interessiere, auch, daß ich schon mehrmals versucht habe, auf den
Gärtner einzuwirken, bis jetzt allerdings nur mit zweifelhaftem
Erfolg. Ich wisse wohl selbst, daß er trinke wie immer. Ob es mir als
Arzt recht sei, wenn er nun einen Rettungsversuch unternähme und den
Gärtner dem Guttemplerorden zuführe. Ich dankte ihm und freute mich im
voraus auf seinen Erfolg. Dann erzählte ich ihm von meinem Erfolg bei
dem Hofbesitzer, von dem er bereits wußte, und von meinem Unglück bei
dem Kätner im Moor, und sagte ihm, wie tief unglücklich ich darüber
sei. Er sagte nichts, und doch lag in seinem ganzen Wesen eine solche
sichere Ruhe, ein solcher Frieden und so viel warme Menschenliebe,
daß mir selbst ganz warm ums Herz wurde. Mir war zumute, als säße ich
beim Beichtvater. Ich wüßte selbst, fuhr ich fort, woher das Unglück
käme. Mein geschriebener Spruch habe den alten Trinker zu unvorbereitet
getroffen. Da erhebt der Alte sein Gesicht, sieht mich ernst und warm
an und sagt nur: »Es war keine Liebe dabei. Daher kam es.«
Daher kam es. Ja, bei Gott, daher kam es. Es war keine Liebe dabei.
Das Weib hatte keine mehr für den Mann, der sie und die Kinder so oft
verprügelt hatte. Und in meinem Zettel war auch nichts vom Geiste der
Liebe zu spüren.
Herr Gott, lehre mich, im Geiste der Liebe zu arbeiten! In deinem
Geiste!
* * * * *
Kommt da heute abend spät der Tischler weinend bei mir angerannt.
»Mensch,« sage ich, »was haben Sie, armer Kerl, denn schon wieder?«
»Herr Doktor, kaum vier Wochen ist meine Frau tot, und nun liegt über
mir die Frau von dem Schneidermeister krank im Wochenbett. Und der Kerl
sitzt schon den ganzen Tag beim Wirt ›Zur Eiche‹ und säuft und will
nicht heimkommen. Und meine Frau ist tot, und er hat noch eine und
kümmert sich nicht darum. Ich kann's nicht mit ansehen!«
Halt, -- nun ist's genug. Etwas in mir regt sich und gibt mir neue
Kraft. Ein heißer Strom rinnt durch meine Adern. Den Lindwurm, der
mit seinen Ringen unser herrliches deutsches Volk erdrosseln will,
sehe ich leibhaftig vor mir! -- Wohlan, ich nehme den Kampf auf. Hier,
Obermeister, hast du meine Hand: in deinem Geiste! Bis zum letzten
Atemzuge! Ich habe einen Augenblick vergessen, daß mein verzweifelter
Tischlermeister neben mir steht, -- mir ist, als stände ich auf hohem
Berge.
Plötzlich zerreißen die Nebel um mich her, und mit einem Male wird
es klar und licht vor meinen Augen. Da ist der Drache, furchtbar und
dräuend, voll Riesenkraft und arger Hinterlist: Mit schmeichelndem
Lockruf lockt er die Opfer, ein ganzes Volk, -- nein, ganze Völker!
Mit Nebeldunst betört er die Hirne der Besten und Klügsten, der Ersten
im Volk, und die Menge läuft ihnen nach, wie eine Herde Hammel. Und
immer neue Hekatomben verschlingt er, und doch merken sie es nicht,
betäubt von seinem eklen Atem. Sie sehen nicht, wie die Frauen und
Kinder dahinsiechen, die Höfe verfallen, das Land verdorrt; sehen
nicht, wie das Volk in den Städten, angelockt wie die Fliegen im Sommer
vom Sirupfaß, in den Branntweinschänken und Bierpalästen verdummt und
verwildert, die Kinder verrohen und die Mütter ermüden im Kampfe um
den Tag. Sie taumeln und taumeln endlich in den Rachen des Ungetüms,
lachend und jauchzend, gröhlend und schreiend, bis es auch sie
verschlingt.
Aber es soll und muß anders werden! Gib mir, mein Gott, ein Schwert,
flammend, unter den Händen mir wachsend; gib, daß mein Auge sehend
wird! Zeige mir Wege, die ich sonst nie geschaut, Sonnenblicke in die
Zukunft, die ich sonst nicht geahnt.
»Herr Doktor, kommen Sie recht bald, die Frau ist sehr krank«, weckt
mich mein Tischler aus meinen Sinnen. -- »Ich komme sofort mit.«
Bleich und abgezehrt liegt die kleine gute Frau auf ihrem Bette. Der
Gram hat tiefe Furchen in ihr noch jugendliches Gesicht gegraben.
Ich untersuche sie. Sie ist noch zu retten. Ich fasse ihre Hand und
sehe ihr ins Auge und sage fest und ruhig: »Haben Sie guten Mut. Ich
weiß alles, was Sie drückt. Es wird noch alles gut.« Da bricht der
Tränenstrom befreiend los, und ein Hoffnungsstrahl überflutet das
Gesicht.
»So, Tischler, nun gehen Sie mit diesem Rezept in die ›Eiche‹ und sagen
Sie ihm, ich hieße ihn sich beeilen, er solle mit diesem Rezept sofort
zur Apotheke gehen.« -- »Er wird nicht gehen.« -- »Sagen Sie es ihm in
dem nämlichen Tone, wie ich es Ihnen eben sage.«
* * * * *
Der Schneider ist denn richtig sofort aufgestanden und ist zur Apotheke
gegangen. Mein Tischler war selbst starr über seinen Erfolg. Hatte
in meiner Stimme etwas vom Geiste deiner Liebe gelegen, du Ewiger,
und hatte mein kleiner Tischler das hinübergetragen in das lärmende,
rauchige Wirtshauszimmer? Es kann schon nicht anders sein.
Der Frau geht's heute besser.
Er stand am Fenster, machte ein Gesicht wie ein Schulbube, der was
ausgefressen hat.
Da trat ich zu ihm und legte meinen Arm um seinen Nacken und strich ihm
mit der Hand über den Kopf: »Lieber!« -- Da blickte er mich an, als ob
er etwas fragen wollte.
Ich sah ihn zum ersten Male.
Plötzlich stürzten ihm die Tränen aus den Augen.
»Nicht wahr,« sagte ich, »Sie wollen ein recht glücklicher Mensch
werden, so glücklich, wie damals, als Sie um Ihre kleine Frau freiten?«
Da schüttelt es den Mann, und schluchzend kommen die erstickten Worte
heraus: »Helfen Sie mir.« »Werden Sie Guttempler!« -- »Wie die in
Hamburg? Nein, niemals! -- Zum Gespött der Leute werden? -- Ja, wenn
ich wüßte, daß Sie Guttempler wären, -- dann ja.« -- »Ich gehe mit,
morgen nachmittag um 7 Uhr treffen wir uns auf dem Bahnhof.«
* * * * *
Heute früh um sieben Uhr hinausgerufen zu Gärtner Friedrichs. Sollte
Verbandzeug mitbringen. Schußverletzung. Was war's? Der Sohn, 25 Jahre,
hatte gestern abend gekneipt. Als er heute früh um sechs Uhr vom
Vater geweckt wird, hält der ihm noch eine Gardinenpredigt, daß er so
spät nach Hause gekommen sei, überhaupt in letzter Zeit die Gärtnerei
vernachlässige und viel herumkneipe. Nimmt der Kerl seinen Revolver vom
Nachttisch und schießt sich kurzerhand eine Kugel in die Brust. Er hat
aber Glück gehabt. Ich konnte ihm das Blei hinten zwischen den Rippen
aus der Haut herausschneiden. Es muß aber doch die Lunge verletzt
haben, denn er röchelte bös und hustete Blut.
* * * * *
Friedrichs ging es besser. Morphium und Kampfer, gegeben, um den
Schmerz und den Hustenreiz zu lindern und gleichzeitig die erlahmende
Herzkraft in Gang zu halten, haben ihre Schuldigkeit getan. Als ich ihm
heute ins Auge sehe und ihm sage, daß er genesen würde, da bricht's
durch, und unter Schluchzen meint er, es sei doch nichts mehr an ihm
gelegen, er sei zu tief gesunken. Da nahm ich seine Hand und mache
ihm klar, daß er ja eigentlich erst zu leben anfange. Wie er da so
etwas sagen könne. Er solle einfach den alten Menschen abschütteln und
ein neues Leben beginnen. Sieht er mich mit großen Augen verwundert
an und fragt: »Ja, aber wie?« Da erzähle ich ihm von dem neuen
Enthaltsamkeitsverein, der jetzt in Deutschland so viel von sich reden
mache und auch in der Stadt schon Anhänger habe. Dem solle er sich
anschließen. »Zu den Guttemplern?« Er schüttelt den Kopf. »Nein, -- ja
das heißt, wenn ich wüßte, daß Sie auch dazu gehörten.« -- Da überläuft
es mich heiß. Nun schon der zweite! Trinken tue ich ja sowieso
nichts mehr, -- hab' ich ja meinem urdeutschen Studentelein schon
abgeschworen, -- nun kann ich hier vielleicht schon wieder ein junges,
hoffnungsreiches Menschenleben retten, einem Vater seinen Sohn, einer
Mutter ihr alles, einer Braut den Verlobten! »Schön, es sei. Heute
abend werde ich Guttempler. Aber nun hübsch still liegen. Und nachher
werden Sie ein ganz gesunder, tüchtiger, glücklicher Mensch, und Ihre
Eltern erleben frohe Tage.« Wir hatten beide Tränen in den Augen. Der
wird gut. Die Eltern können's noch nicht fassen, daß ihr Sohn nicht
nur am Leben bleibt, sondern, -- vielleicht, -- noch ein tüchtiger
Mensch wird. Ich aber weiß es, -- denn der Augenblick war zu heilig, --
der kann nicht trügen.
* * * * *
Nun habe ich ihn kennen gelernt, den Mann mit dem eisernen Willen und
dem reichen, warmen Herzen, Asmussen. Tags leitet er auf der großen
Werft von Blohm & Voß den Bau der großen Schiffe, Hunderte von Händen
packen zu nach seinem Wort, Kräne drehen sich, Maschinen schwirren,
Schiffe gleiten ins Wasser nach seinem klugen, starken Willen, und
abends steht er in der Loge, trocknet Tränen, richtet gebrochene Herzen
wieder auf und sammelt die Geister zur Geisterschlacht.
Er hat auch mich eingeführt in den Orden. Nun weiß ich, was Liebe
heißt, und was sie wirken kann.
* * * * *
Heute waren drei Frauen aus Westhusen bei mir, um mich zu bitten, doch
dafür zu sorgen, daß der Stein die Schankkonzession in dem Neubau
nicht bekäme. »Warum?« Sie wohnten dort in der Nähe. Und bekäme er die
Konzession, dann würde er so lange hinter ihren Männern her sein, bis
er sie zu Stammgästen hätte, die dort ihren Wochenlohn verzehrten, und
sie und ihre Kinder könnten dann darben. Ich versprach ihnen, zu tun,
was ich könnte, -- ich fürchtete aber, ich würde nichts ausrichten.
Verwandte des Stein säßen im Kreisausschuß, die würden schon dafür
sorgen, daß er die Konzession erhielte.
Das beste ist, ich beuge vor und bringe die Männer vorher zu den
Guttemplern. Dann hat der Stein sich doch verrechnet. Denn die
Konzession ist ihm sicher.
* * * * *
Wie ich's gefürchtet, so ist's gekommen. Der Landrat wand sich wie ein
Wurm. Der Kreisausschuß habe die Konzession anstandslos bewilligt;
insbesondere hätten mehrere angesehene Leute aus Westhusen dieselbe
aufs wärmste befürwortet, auch die patriotische Gesinnung des Stein
lobend hervorgehoben. -- Womit hat derselbe denn diese betätigt?
Vielleicht damit, daß er zu faul ist, mit seinen derben Knochen irgend
eine ehrliche Arbeit zu tun? Und wovon soll er nun leben? Er kann nur
existieren, wenn er die Nachbarschaft zum Saufen verführt; denn fremder
Verkehr ist nicht da. Gottlob, daß ich meine Leute aufgeklärt und fest
habe. Freilich, den einen oder anderen wird er doch wohl in seine
Schlingen ziehen.
* * * * *
Was soll nun die Tollheit! Hat der Lautenthal seine schöne Krämerei. In
der kleinen Gaststube kehren die Fuhrleute ein, die ihre Pferde tränken
wollen und nebenbei ihre Einkäufe besorgen. Aber der Kerl ist zu faul,
um sein Geschäft zu betreiben. Lieber liegt er den ganzen Tag hinter
der Tonbank. Nun hat er einen Kriegerverein im Dorf gegründet. Zum Lohn
bekommt er die Konzession zum vollen Wirtschaftsbetrieb und zur Anlage
eines Salons. Die Krämerei wird verpachtet. Er selbst liegt den ganzen
Tag auf der Lauer, wen er wohl zum Mittrinken verführen kann. Sein Land
hat er ebenfalls verpachtet. Man kennt in drei Monaten den früher so
gesunden und fleißigen Mann nicht wieder, so dick und aufgeschwemmt
sieht er aus. Mich grüßt er nicht mehr. Solange er die Kneipe nicht
hatte, war ich der beste Doktor!
Herrgott, Landrat, siehst du denn nicht oder willst du nicht sehen?
Kennt ihr das Leben denn nicht? Kennt ihr unser Volk denn, ihr Herren
vom grünen Tisch? Wißt ihr denn nicht, daß ihr mit jeder neuen
Konzession eine Anzahl neuer Witwen und Waisen macht, mit jeder neuen
Konzession zu einer Kneipe unsere Krankenhäuser und Gefängnisse füllt?
Denn der, dem ihr die Konzession verleiht, will leben, muß leben, --
er kann aber nicht von den paar Mäßigen leben; er muß die Mäßigen zu
Trinkern, zu Unmäßigen machen, sonst kommt er nicht auf seine Kosten!
Und während die Spinne ihren Opfern das Blut aussaugt, vergiftet
sie sich selbst und geht mit zugrunde! Schaut, ihr Landräte und ihr
Kreisausschüsse, guckt doch nur in die Statistik, -- nein, besser
schaut ins Leben, schaut in eure Dörfer und Flecken, lernt das Leben
der Bürger in den Städten kennen, -- und dann wagt noch zu behaupten,
daß wir unrecht haben! Ihr spielt mit einem furchtbaren Gift, als ob
es Milch wäre! Was würdet ihr wohl zu uns Ärzten sagen, wenn wir
so leichtfertig mit der Verschreibung von medizinischen Giften sein
würden? Und doch besitzen wir im ganzen Arzneischatz keins, das aus
Verständigen Toren, aus ruhigen Menschen Berserker, aus Wohlanständigen
Bestien macht, wie es das Gift in euren Kneipen-Apotheken tut, die ihr
konzessioniert, als ob es Kindergärten wären.
Bei Gott im Himmel, ich klag euch an, -- nein, ich brauche euch nicht
anzuklagen: Hunderttausende Witwen und mißhandelte Frauen im ganzen
Reich, Hunderttausende darbende und entartete Kinder klagen euch an,
daß ihr den Strom des Wohlstandes unseres Volkes -- 3000 Millionen
Mark! -- nicht in die Bäckereien und Mühlen, nicht zu den Schlachtern
und Fruchthändlern, nicht zu den Schneidern und Schustern, nicht zum
Maurer und Zimmermann hindämmt, sondern zum Kneipwirt, zum Brauer, zum
Brennereibesitzer. -- Ist's vielleicht gar euer leiblicher Vetter, dem
ihr die Kundschaft nicht verderben wollt? -- Tod und Hölle, ist unserer
Regierung denn das Hirn vertrocknet oder das Herz versteinert?
* * * * *
Heute kommt in die Sprechstunde eine weinende Frau aus der Stadt
bei mir an, ob ich ihren Mann nicht retten kann. Vor Jahren sei er
Guttempler gewesen. Vorher ein arger Trinker. Eines Tages fiel er vom
Gerüst und brach ein Bein. Im Krankenhause hat er seine abendliche
Flasche Bier standhaft täglich wieder hinausgeschickt. Aber als er
entlassen werden soll, sagt der junge Assistenzarzt zu ihm: »Recht
so, Meves, Bier taugt nicht viel. Ist mir auch zu wabbelig. Macht
dicken Bauch. Aber ein kleiner Schnaps, der schadet nicht, wärmt die
Eingeweide.« Da ist er hingegangen und hat einen getrunken. Seitdem
säuft er nun und ist noch nicht nüchtern gewesen. -- -- »Will sehen,
was ich tun kann.«
* * * * *
Kommt da heute zu mir ein blasses Weib. Ob ich nicht ein Häuschen
für sie wüßte, am liebsten da oben am Wald. Sie hätten eine so
feuchte Kellerwohnung in der Stadt. Und zwei Kinder seien ihnen schon
gestorben, an Tuberkulose. Nun wollten sie die anderen beiden so gern
retten. Und sie wüßten nun, es käme von der Wohnung her.
* * * * *
Wieder geht durch die Zeitungen ein Wort des Kaisers von den
»vaterlandslosen Gesellen«. Merkwürdig, -- als ich es las, tauchten
zwei Bilder der Vergangenheit vor mir auf. Ich sah einen Jüngling in
meinem Geiste. Der besuchte das letzte Jahr vor dem Abiturientenexamen
das Gymnasium und erzählte mit leuchtenden Augen den Freunden, wie
er als Kaiser schaffen wollte, um sein Volk zum ersten der Welt zu
machen, -- ein Kaiser des ganzen Volkes wollte er sein, -- ja, lieber
wollte er ein »Arbeiterkaiser« heißen, als ein Kaiser für die oberen
Zehntausend sein. Not und Elend sollten unbekannte Gespenster in seinem
Reiche werden. Jeder, auch der Ärmste, sollte zu ihm kommen dürfen. Den
Vornehmen wollte er durch die Tat zeigen, wozu Adel verpflichtet. Die
Gerechtigkeit gegen die Geringsten des Volkes solle ihm Richtschnur
seines Handelns sein. Alles wolle er praktisch kennen lernen, wie
Kaiser Franz wolle er sich ungekannt und ungesehen unter sein Volk
mischen! Die Not des Bergmannes und des Fabrikarbeiters sollte ihm
nicht fremd bleiben, die Armut der Weber und der Heimarbeiter wolle er
kennen lernen, das Wohnungselend in den Großstädten und die Arbeitsnot
auf dem Lande.
Früh kam er ans Ruder, jung, überschäumend an Kraft und gutem Willen.
Dann kamen die Erlasse! Die Bergleute kamen an den Hof!
Arbeiterdeputationen wurden gehört. Versprechungen wurden gemacht. Das
Volk fing an, aufzuhorchen: es könnte wahr werden! Der Kaiser, die
Regierung hatten Herz fürs Volk. Der Not sollte gesteuert werden! Wie
eine warme Welle ging der Glaube durch das Land.
Aber die Schmeichler und Scharfmacher waren an der Arbeit -- der
Kaiser solle nicht blind sein: Nattern zöge er an seinem Herzen groß;
Falsche seien es, Erbschleicher, Lügner, Heuchler, -- Sozialisten
seien sie alle, Landes- und Hochverräter, -- ausgerottet werden müßten
sie, niedergetreten! Zugeständnisse würden nur neue Unzufriedenheiten
wecken. Altar und Thron, die Heiligkeit der Familie, die Fundamente des
Staates seien in Gefahr durch die Umstürzler! -- Solche Leute rühmten
sich öffentlich seiner Gunst.
Freilich waren es Sozialisten, -- aber er wollte sie ja gewinnen,
gewinnen zur Mitarbeit an seiner großen Aufgabe: sein Volk reich und
glücklich zu machen!
Er aber vergaß im Rausch der höfischen Feste, daß er das Elend und
die Not ja noch nie mit eigenen Augen gesehen hatte, den Urgrund, aus
dem die »umstürzlerischen« Bestrebungen, wie eine dunkle Quelle aus
mooriger Tiefe, empordrangen; -- kaum daß er ihr leises Murmeln je
hörte --; und wie er die Not und das Elend zu sehen, selbst mit eigenen
Augen zu sehen, vergaß, so trat auch im täglichen Glanz der Wunsch,
hier Wandel, gründlich Wandel zu schaffen, in den Hintergrund; --
anderen, anscheinend größeren Zielen schlug sein jugendlich stürmisches
Herrscherherz entgegen: Deutschland sollte Weltmacht sein; eine Periode
des Glanzes sollte anbrechen, eine neue Renaissance -- in der Allianz
der Fürsten der Erde wollte er als glanzvollster sein Kaiserreich
vertreten! -- Persönlich wollte er jeden einzelnen gewinnen, überall
Glanz und Licht verbreiten helfen! -- So begann die Zeit der Reisen
und der Reden; und das Volk vergaß, daß es einen Kaiser hatte. Und
weil Hunderttausende kein Heim besaßen, das ihnen auch nur einen
Blutstropfen wert war, so vergaßen sie auch ihr Vaterland, und so
wurden sie »vaterlandslose Gesellen«, -- und du, und du, mein Kaiser,
warst mit schuld daran!
* * * * *
Nun sag' einer, daß unser niederes Volk kein Herz hat! Hat der Ahrends
vor Freude geweint, als ich ihm sagte, sein Junge würde gerettet.
Schwere, eitrige Rippenfellentzündung. Aber die Operation ist glatt
verlaufen. Nun einige Wochen Geduld, und dann hat er seinen Buben
wieder.
* * * * *
Der Hochtempler der Loge, welcher der Sattler Meves angehört, ist bei
mir gewesen. Mit einer Kriegslist will er den Meves veranlassen, zu
mir in die Sprechstunde zu kommen. Er selbst könne ihn nicht wieder
zum Eintritt in den Orden bewegen, und er habe doch schon so manchen
gewonnen.
* * * * *
Meves war da. Pochte ganz siegesgewiß darauf, daß der Doktor ihm den
Schnaps selbst, freilich nur einen kleinen, empfohlen habe. Da erinnere
ich ihn an die Zeit, als er nüchtern war und zum Orden gehörte, und
frage ihn, welche Zeit schöner war, damals oder jetzt, da er nicht aus
dem Rausch herauskommt. Da bricht er zusammen und weint wie ein Kind.
Nun wollen wir zusammen den Doktor retten, denn der hat's auch nötig.
* * * * *
Ich weiß nicht, der Ahrends ist nicht mehr, wie früher. Er sieht elend
und schlapp aus; auch sein Blick hat etwas Unstetes. Ich kann mir nicht
denken, daß er trinkt.
* * * * *
Da haben wir's! Das erste Opfer der Konzessionserteilung an den faulen
Halunken, den Lautenthal. Heut hat mir die Frau Ahrends, als ich sie
so gar elend und verweint antraf, denn gebeichtet, sie habe schon den
Plan gehabt, mit ihrem Jungen ins Wasser zu gehen. So ginge es nicht
weiter. Kaum, daß sie Brot im Hause hätten! Und ihr Mann hätte doch
seine gute Arbeit. Der aber sei seit einiger Zeit wie verwandelt. Und
nun, -- vor Schluchzen konnte sie kaum sprechen, -- niemals habe er sie
früher belogen; heute aber habe sie von dem Krämer, dem Pächter des
Lautenthal, eine Rechnung für Mehl und Salz und dergleichen bekommen,
und da habe sie denn erfahren, daß ihr Mann das Geld, das sie ihm zum
Einkauf mitgegeben, beim Wirt vertrunken, und die Waren beim Krämer
hätte anschreiben lassen.
Zum Glück kam er gerade nach Hause. Ich sagte ihm sein Sündenregister
auf den Kopf zu. Beschämt schwieg er. Als ich ihn nun aber an seine
gute Zeit erinnerte, wie glücklich er mit Weib und Kind gehaust habe,
-- da schluchzte der Mann bitterlich. Heute abend fährt er mit zur
Loge. Das wird ein guter Mitkämpfer. Gerade zur Aufklärung unter seinen
Mitarbeitern am Kanal kann ich ihn gut gebrauchen.
* * * * *
Heute war schon wieder einer von den Führern der Arbeiterpartei bei
mir. Warum ich bei meinen menschenfreundlichen Bestrebungen nicht zu
ihnen käme. In kurzem würde ich einen der ersten Plätze in ihrer Partei
einnehmen. Wie das auf meine Praxis einwirken würde, -- die ganze
Arbeiterschaft sei mir sicher! Toren, -- die über ihren Brotkorb und
ihren Ehrgeiz nicht hinaussehen können. Als ob man dazu auf der Welt
ist! Und nicht vielmehr dazu, zu helfen, zu fördern, wo immer es not
tut. Mir erzählte kürzlich ein Schiffsoffizier von der Woermann-Linie,
ein rotbärtiger, stämmiger Urgermane, wenn dort an der Südwestküste
Afrikas, bei Swakopmund, die Neger die schweren Mahagoniblöcke nicht
durch die Brandung wälzen könnten, dann spränge er wohl aus seinem Boot
ins Wasser und legte selbst Hand mit ans Werk, da es unter Umständen
darauf ankäme, zur rechten Zeit den Block über die richtige Kante zu
rollen. So ist's im Menschenleben, wie im Volksleben. Ich muß frei
sein, um da zupacken zu können, wo es not tut.
Was wollen denn alle unsere heutigen Parteien? -- Laßt sie doch
endlich ihre fadenscheinigen, politisch klingenden Deckmäntelchen
abwerfen und sich offen und ehrlich nach ihren Interessen benennen: die
katholische Partei, die Arbeiterpartei, die Großgrundbesitzerpartei,
die Kleinbauernpartei, die Handelspartei, die Industriepartei,
die Gelehrten- und Beamtenpartei, die Kleinhändler- und die
Handwerkerpartei -- dann könnte noch wieder Ehrlichkeit in unsere
Politik kommen. So aber triefen sie von Patriotismus und meinen sich
selbst. Wenn sie aber ehrlich wären und sagten, dies und das brauchen
wir für uns, dann könnten die anderen Stände kommen und sagen: »soweit
können wir euch entgegenkommen und soweit nicht«, und jeder Stand fände
die natürliche Begrenzung seiner Interessen in denen der anderen. Und
das Ganze könnte gesunden.
* * * * *
Das kommt davon. Immer wollte ich hinein in die Stadt. Aber Abend für
Abend kommen neue Kranke. Nun ist's zu spät. Der Doktor, den der Meves
und ich retten wollten, ist tot. Ist im Rausche nach Hause gekommen,
-- »alter Herrenabend« -- die Lampe hat geschwelt -- ist erstickt.
Kohlschwarz von Ruß haben sie ihn auf dem Fußboden gefunden. Schade um
ihn -- es war ein heller Kopf und der Sohn einer Mutter. Warum hat die
Mutterliebe ihn nicht gerettet? Kam auch sie zu spät, wie ich? Mein
Gott, gib mir zwei Köpfe und zweimal zwei Arme und zwei Beine. Es ist
zum Wildwerden, daß man nicht so kann, wie man möchte.
* * * * *
Das mögen die Bauern aber. Kommt da der Militärfiskus und kauft ihnen
ihr schlechtes Sand- und Heideland für 200 Mark den Morgen ab, um einen
neuen großen Truppenübungsplatz zu schaffen, -- und kaum 20 Mark ist er
wert.
Hei, wie die neuen Scheunen in die Höhe fliegen und neue
Schweineställe und Anbauten an die Gehöfte, damit die Frau eine gute
Stube und die Kinder ein großes Schlafzimmer erhalten. Nur für die
Tagelöhnerwohnungen bleibt nichts übrig. Es geht mit dem Mammonsrausch,
wie mit dem Alkoholrausch -- er umnebelt die Sinne, daß sie nur ihr
eigenes Joch noch merken.
Ein paar machen mir Sorgen, daß sie ihr ganzes schönes Geld in den Krug
tragen werden.
* * * * *
Sie wundern sich alle darüber, daß ich von der Alkoholfrage so viel
Aufhebens mache. Alkoholfrage? Kaum wissen sie, was es bedeutet! Zum
Donnerwetter, -- ist es denn etwas Gleichgültiges, wenn wir alljährlich
mit einem Kostenaufwand von dreitausend Millionen Mark die Gehirne
unserer Nation lähmen, von den Regierenden an bis zu den Strolchen
der Landstraße! Dreitausend Millionen Mark alljährlich in unsere
Nachtgeschirre und Kloaken fließen lassen, anstatt so viele dringende
Kulturaufgaben mit ihnen zu lösen! Für dreitausend Millionen Mark
jährlich Elend, Krankheit und Tod uns kaufen, und in was für unsagbaren
Zahlen! Und hätten das Geld so dringend nötig, um sechzig Millionen
Deutsche gesund und glücklich zu halten! --
* * * * *
Die Bauern in Groß-Wandendorf bekommen, glaube ich, den
Größenwahnsinn. Nun ist ein Konsortium aufgetaucht, das will neben
dem Truppenübungsplatz eine Villenkolonie anlegen, die Höhen sollen
aufgeforstet und mit Gartenanlagen versehen werden. Die ersten
Villenbewohner werden mehrere von den Bauern selbst sein. Denn was
sollen sie sich nun noch mit Arbeit schinden. Ein paar ziehen nach
Hamburg und Berlin als Rentiers. Und den Rest ihrer Höfe, den haben
sie teuer an Leute verkauft, die dort mit ihrer Hände Arbeit ihren
Unterhalt verdienen wollen und nun mit ihrem Schweiß dem mageren Boden
nicht nur ihr Brot abringen müssen, wie es vorher die Bauern getan,
sondern noch obendrein die unsinnigen Zinsen, die sie den früheren
Besitzern schulden.
* * * * *
Ich sag's ja, der Mammonismus ist so schlimm, wie der Alkoholismus,
oder vielmehr, er ist noch schlimmer als dieser. Will da eine
verständige Gesellschaft neben dem Truppenübungsplatz ein Soldatenheim
errichten. Verlangen die Bauern für zwei Morgen Land 1400 Mark! Es
ist ein Skandal, -- vierzig wäre es wert. Ist denn da ein Unterschied
zwischen Geldwucher und Bodenwucher?
* * * * *
Hei, das war eine Fahrt! Wie der Sleipnir, der brave Hengst, vor dem
Schlitten ausholte, um seinen Doktor möglichst schnell aus dem rasenden
Schneegestöber ins warme Nest zu bringen!
Aber der Heinsen war doch dankbar, daß ich kam. Leid tut er mir doch,
trotz seines Trinkens und seiner selbstverschuldeten Not. Das Wasser
in den Beinen zu haben und dabei das Bewußtsein, daß einem kein Ziegel
auf dem Dache mehr gehört, das ist keine Kleinigkeit. Ja, wenn er seine
Maria nicht hätte, sein braves Weib. Und wenn sie auch dreimal von
Juden abstammt, -- fix ist sie doch. Wo wäre heute dieser alte trunkene
Germane wohl, wenn sie ihm nicht seit Jahresfrist die Schlüssel und
Bücher aus der Hand genommen und wenigstens erst einmal Ordnung in
diesen Wust von Schulden gebracht hätte. Und kein Wort der Klage
darüber, daß er fast ihr ganzes Erbteil durchgebracht hat, daß Vater
und Mutter sich, weil sie treu zum Gatten hielt, von ihr losgesagt
haben. -- Und wie die Felder anders bestellt sind als früher! Wie
sehen die Gebäude, wie die Leute schon anders aus. Unter den ganzen
Leuten ist ein anderer Zug. Man merkt, sie haben Achtung vor der Frau.
Aber eine Kunst muß es sein, die drängenden Gläubiger von Tag zu Tag
hinzuhalten, bis man endlich wieder Boden unter den Füßen fühlt. Aber
nur so, wie sie's macht, ist's möglich.
Jede Ecke im Garten selbst wird ausgenutzt. Hier für Beerenobst, da
für Erdbeeren, dort hat sie Gemüse angebaut gehabt, alles Dinge,
die schnell Geld bringen; kein Ei geht in die Wirtschaft, kein Maß
Milch wird gebucht, zu dem sie nicht ihr ja und Amen gesagt. Und was
sie in unserer Kreisstadt nicht absetzt, geht wohlverpackt zu noch
besserem Preise zur Stadt. Ich wette, daß sie in absehbarer Zeit den
Hof schuldenfrei gearbeitet hat, während ihr Gatte seine geschwollene
Leber, das Resultat eleganter Herrendiners und feiner Bowlen, im
Lehnstuhl pflegt. Das Ganze ist ein Stück unserer Agrarfrage, wie es
im Buche steht. Entweder kaufen diese Herren ihre Güter zu teuer,
weil sie nun mal versessen darauf sind, und der Verkäufer nutzt
das aus. Oder sie kaufen aus Ehrgeiz oder jugendlichem Tatendrang
eins, das größer ist, als ihre Mittel es erlauben, so daß sie kein
Betriebskapital in Händen behalten, -- da nützt denn freilich kein
Fleiß und keine Umsicht! -- Oder aber der Herr Papa setzt sie so recht
warm in die Wolle, und sie verstehen nichts von der Landwirtschaft oder
zechen und reisen im Lande herum, als ob sie der Kaiser selbst seien,
und überlassen ihrem Inspektor die Verwaltung, der dann mit seinen
akademischen Kenntnissen bestenfalls so viel herausackert, wie er
versteht, -- wenn er's nicht ebenso macht, wie sein Herr, und sich bei
Skat und Bier auf die faule Haut legt. Und dann kommt Herr Diederich
Hahn, unser Reichstagsabgeordneter, mit seinen Genossen im Land und in
der Presse und schreit über die Not der Landwirtschaft, bis die Bauern,
bis die Parteien, die Minister und der Kaiser selbst es glauben: Und
schwupps hagelt es Getreidezölle und Grenzsperre fürs Vieh, und der
kleine Bauer hat das Nachsehen, weil er das Futter fürs Vieh zukaufen
muß und nicht bezahlen kann bei den hohen Preisen, und der Arbeiter in
den Städten klagt über die hohen Fleischpreise und verlangt mehr Lohn.
Und je mehr Lohn er erhält, desto mehr laufen die deutschen Knechte vom
Lande in die Stadt, und weil sie dort nicht ihr gesuchtes Brot finden
können, wenden sie sich weiter nach Westen übers Meer und werden drüben
zu Konkurrenten für uns. Und statt ihrer kommen zu uns die Polen. Und
da auch sie von den hohen Löhnen in den Städten und im Westen hören,
wenden sie sich ebenfalls weiter, und so kommen die Russen über die
Grenze. Und das nennt man »nationale Wirtschaftspolitik«!
Heilige Einfalt! Und hier zeigt ein Weib, wie man es machen muß. Das
Geheimnis heißt: arbeiten, rechnen, sparen, gerecht sein. Ist ihr doch
in diesem ganzen Jahr kein Knecht, keine Magd weggelaufen! Freilich
kriseln tut's auch hier. Wenn ich ihr nur helfen könnte!
* * * * *
Dann kam eine schwere Zeit. -- Da lagen die Blätter, die davon
berichteten. Ich kannte ihren Inhalt nur zu genau. Ein halbes Jahr
unter unsäglichen Qualen und Schmerzen, sehenden Auges ständig zwischen
Tod und Leben. Aber mein Geist rang mit dem Körper, -- ich mußte ja
leben, leben meines Weibes, meiner Kinder, meiner Armen, meines Volkes
willen!
Doch leise traten meine vom Trunk geretteten Freunde an mein
Krankenbett: »Bruder, wir haben schon wieder einen! den haben wir
gerettet!« »Und wieder einen!« »Und noch einen! Und bald sind wir so
viele, daß wir selbst eine Loge gründen können.« »Ja, -- ich bleibe am
Leben und helfe euch, treu als Bruder Hand in Hand! Und dann wollen wir
gemeinsam retten, helfen, Samen des Guten ausstreuen!« Das half. Wie
Feuerstrom glitt es durch die Adern. Wahrhaftig! die Seele überwand den
Körper. -- Ich genas.
Die Loge wurde gegründet. Sie wuchs und gedieh. Töchterlogen wurden
abgezweigt in die Umgegend. Einer riß den andern aus dem Sumpf. Die
Inhaber der Branntweinschenken, die schon in sicherer Hoffnung auf
meinen Tod wahre Orgien in ihren Spelunken gefeiert hatten, sie mußten
bald sehen, wer der Stärkere war. Wir siegten. Nein, -- die Wahrheit
und die Liebe siegten.
Bald gab's kaum noch einen Trinker in unseren Gemeinden!
Und dann sprach es sich herum. Da sitzt einer, der rettet die Menschen
vom Trunk. Da kamen sie heran, in Scharen, flehend, Hilfe suchend,
Frauen und Mütter, Bräute und Schwestern, Greise und Jünglinge, Arme
und Reiche. Offiziere, die als junge Leutnants durch das Beispiel des
Herrn Hauptmanns oder des Herrn Obersten an den Trunk gebracht waren,
Grafen, Minister- und Professorensöhne, die der Sekt an der elterlichen
Tafel ins Elend gestürzt hatte, Lehrer, die den Trunk auf dem Seminar
vom Herrn Direktor oder auf der Universität vom Professor gelernt,
Ärzte, die ihren reichen Patienten zuliebe sich das Trinken angewöhnt
hatten.
Auch ein Pfarrer kam. Er hatte in seiner Gemeinde viel Gutes getan,
viel Segen gestiftet. Sein Superintendent konnte viel vertragen, er
aber nicht, weil sein Vater gern pokuliert hatte. Aß er nun aber bei
seinem Vorgesetzten zu Mittag, so trank ihm dieser fleißig zu. Daher
kam es, daß er eines Tages nach der Nachmittagspredigt, noch erhitzt
von dem Wein des Herrn Superintendenten, sich in der Sakristei am
Abendmahlswein vergriff, dann im Halbrausch, um das Fehlen des Weins
zu maskieren, die Kirchenfenster einschlug, den Chorrock zerriß und so
einen Einbruch mit Schändung des Gotteshauses vortäuschte. Durch Zufall
wurde er entlarvt.
Der nämliche Herr Superintendent, der ihn an seinem Tische das Trinken
gelehrt hatte, und der selbst so viel vertragen konnte, saß über ihn zu
Gericht. Mit Schimpf und Schande wurde der Pfarrer aus dem Amte gejagt.
Da kam er zu mir. Und ich half ihm. Nun sitzt er wieder in Ehren im
Amt, trinkt aber nichts mehr und ist ein Segen für seine Gemeinde.
Draußen heulte der Schneesturm, rasselten die Ketten am Schornstein.
Stampfend arbeitete das Schiff sich vorwärts. Wunderlich drängten sich
die Erinnerungen. Wie Scharen lebender Menschen quollen sie aus der
Tiefe empor. Ich sah die verweinten Gesichter, die gramdurchfurchten
Züge, sah die Verzweiflung, die Reue, -- sah das ungläubige Aufhorchen,
das Aufleuchten der Augen und fühlte den dankbaren Druck der Hände. Mir
wurde ganz warm ums Herz. Aber weiter, weiter wie das Schiff, jagten
die Gedanken.
Neue Aufgaben drängten. Immer teurer wurden die Wohnungen, immer
knapper der Boden, immer größer die Not. Es mußte Wandel geschaffen
werden.
Eine Baugenossenschaft wollte ich gründen, wie sie anderswo auch
bestanden. Keiner wollte helfen. Jeder hatte eine andere Ausrede: in
unserer Gegend sei das Land zu teuer. Ein anderer: die Löhne seien
zu hoch. Solche Häuschen, wie ich sie wollte, würden unerschwinglich
werden für die Arbeiter. Der dritte: Wer denn für alle die vielen
Arbeiterkinder, die in den Häusern geboren werden würden, die
Schullasten tragen sollte! -- Als ob in den Mietskasernen der
Herren Unternehmer keine Kinder geboren würden! Der vierte: die
Schweineställe würden riechen und Ratten herbeiziehen. -- Als ob
die Schweine der Herren Ortsvorsteher und Honoratioren im Dorfe nach
Eau de Cologne röchen! -- Der fünfte hielt die ganze Sache für sehr
riskant, -- er wolle kein Risiko laufen und sich die Finger verbrennen.
Das Genossenschaftsgesetz -- na, und dann ... Der Sechste war der
Patriotische: er sähe im voraus, in den Häusern würden Sozialdemokraten
wohnen, und denen auch noch obendrein Häuser bauen, -- nee, Deibel. --
Da wünschte ich ihnen eine »gute Nacht«, -- dann würde ich das Werk
allein angreifen. Aber gemacht würde es. Das half. Der eine und der
andere lenkte ein: Wenn ich denn durchaus meinte, daß es ginge, dann
wollten sie auch nicht zurückbleiben.
Aber die Feigen, die Halben und diejenigen, die sahen, daß es nichts
für sie zu fischen gab, verzogen sich leise im Hintergrund.
Die Baugenossenschaft wurde gegründet.
Hier und dort wurde unter der Hand ein Stückchen Land gekauft, hier
ein sandiges Feld, da eine Ecke Heideland, dort ein Stück Wald; die
Landesversicherungsanstalt gab uns Kredit, -- der Landpreis blieb als
Hypothek stehen; Häuschen um Häuschen entstieg dem Boden, weiß, mit
rotem Dach und grünen Fensterrahmen, einem Stall fürs Schweinchen und
die Ziege, ein Gärtchen für Obstbäume und Gemüse lockte zur Arbeit, --
Himmel, welch ein glückliches Leben entwickelte sich da!
Aber Sozialisten waren dazwischen, hatten Häuser erhalten, --
Staatsfeinde bauten Kohl und freuten sich am Gedeihen ihres Schweines.
Das war ja der reine Landesverrat, -- diesen Feinden von Thron und
Altar auch noch Häuser bauen, und noch dazu mit staatlichen Geldern!
Das mußte gerochen werden. Und Neid und Haß und Klatschsucht machten
sich an die Hetze und Wühlarbeit. Da nahm ich mein Schwert in die Hand
und ließ es funkeln, und die Feinde schwiegen feige eine Zeitlang, um
aber immer aufs neue wieder zu stören. Ich aber ließ nicht nach im
Kampf, so müde er auch machte.
Eines Tages wurde ich vor den Landesdirektor zitiert. So ginge es nicht
weiter mit der Baugenossenschaft. Mit staatlichen Geldern, mit den
Mitteln der Landesversicherungsanstalt den Sozialisten Häuser bauen, --
das hieße auf den Landesverrat Prämien aussetzen.
Während der alte Herr auf mich einsprach in ständig steigender
Erregung, sah ich durchs Fenster die jungen Apfelbäume in seinem
Garten. Als er geendet hatte, stand ich ruhig auf, zeigte mit der Hand
in seinen Garten und sprach: »Die Bäume haben Sie neu gepflanzt, Herr
Graf?« »Jawohl, Herr Doktor, -- was soll's?« »Wie lange müssen Sie wohl
warten, bis sie Früchte tragen?« »Fünf bis sechs Jahre schätze ich.«
»Und dann verlangen Sie von mir, daß ich aus verbitterten Proletariern,
die durch den Mangel an Liebe und Weisheit in unserer Regierung zu
verbitterten Feinden der Gesellschaft geworden sind, im Handumdrehen
hurrarufende Bürger mache? Warten Sie wenigstens so lange, wie Sie bei
Ihren Apfelbäumen auf die Frucht warten, und Sie sollen aus diesen
verarmten, heruntergekommenen, verbitterten Leuten wieder Menschen,
Staatsbürger werden sehen. Aber damit sie's werden, werden können,
braucht's Zeit und -- Liebe.«
Mit Tränen in den Augen reichte mir der alte brave Mann über den Tisch
hinüber die Hand: »Bauen Sie nur, -- Sie haben den Kredit, den Sie
brauchen.«
* * * * *
Wie ich heute meinen Vortrag im ärztlichen Verein über die Fortschritte
unserer Wissenschaft in der Erkenntnis der Giftwirkungen kleinster
Mengen von berauschenden Getränken gehalten habe, -- natürlich unter
verstecktem Gekicher und schlecht unterdrücktem Grinsen einer großen
Zahl der zuhörenden Kollegen, -- was erwidert mir in der Diskussion
der Klügsten einer? 's ist kaum zu glauben! Als Antwort auf die
Mitteilungen von all den nackten Tatsachen und exakten Forschungen
unserer besten Gelehrten, unserer ersten Nervenärzte und Physiologen:
»er glaube nicht, daß ein mäßiges Glas so schädlich sei, -- ihm sei
es immer vortrefflich bekommen, -- und dann solle man doch einmal an
unseren größten Deutschen, an Bismarck, denken, -- der habe einen
tüchtigen Humpen gehoben und habe doch so viel geleistet!« --
Da erwachte teutonischer Zorn in mir: »Meinen Bismarck sollten sie mir
unangetastet lassen! Freilich habe er zeitweise reichlich getrunken,
-- eine Folge alter studentischer Suggestionen aus der Zeit des
Korpsstudententums, -- aber selbst diesen urgermanischen Recken habe
das heillose Gift zerrüttet, wie er oft genug selbst bitter geklagt
hat, kaum aus Doktors Händen ist der alte Riese gekommen sein Leben
lang, -- er selbst hat in nüchternen Stunden dem Nationallaster unseres
Volkes arg genug gegrollt, -- und was er, der Gewaltige, wenn er stets
nüchtern gewesen wäre, unserem Volke noch mehr geleistet hätte, als er
so schon getan hat, -- von uns Epigonen soll's keiner sagen!« --
Die Diskussion war zu Ende. Aber Sturm gab's. Die einen waren für
mich, die anderen gegen mich. Wenn sie nur erst zum Nachdenken kommen.
Die Wahrheit siegt doch. Haben die Sklavenbefreier unter ihrem Banner
gesiegt, so werden auch wir unter dem gleichen Zeichen siegen!
* * * * *
Da -- ein neues Blatt!
Kaiserparade! -- Ich hatte mit meiner Sanitätskolonne den
Sicherheitsdienst beim Publikum, dort, wo der Kaiser aufs
Paradefeld ritt. Das Gedränge war fürchterlich. Zehntausende waren
zusammengeströmt, von weit her, um das glänzende Schauspiel zu sehen.
Von hinten drängte das Volk, von vorn die Pferde der zur Absperrung
kommandierten Reiter. Fast schien größeres Unglück unvermeidbar. Da
postierte ich in Zwischenräumen meine braven Sanitäter, ich selbst ging
ständig durchs Gedränge, -- vor der Uniform bahnten sie willig eine
Gasse, -- und ermahnte in ruhigem, freundlichem Ton die Massen zur
Vernunft, ihnen die Gefahr kurz auseinandersetzend. Und siehe da, -- in
weniger als einer halben Stunde hatte sich die wogende Menschenmasse
beruhigt, -- kein Unfall kam vor, -- jeder stand auf seinem Platz; die
Hintersten gaben die Aufklärung gleich in dem gleichen Tone weiter an
die Neuzukommenden, -- in Ruhe und Frieden verlief das ursprünglich
unheimliche Gedränge. Mir aber wurde klar, wie der Ton die Musik macht,
-- wie das Samenkorn zur Ernte wird, -- wie sich das Geistige in
Wellenringen fortpflanzt bis ins Urewige, -- wie nichts verloren geht,
was wir tun, wie auch das Geringste seine Wirkung hat fort und fort,
wie die Kraft unbeschränkt weiterwirkt im Reiche der Natur.
* * * * *
Paradeessen im Rathaussaal! Sämtliche »Spitzen der Behörden« waren
geladen. Der Kaiser ließ sich alle vorstellen, redete mit diesem und
jenem ein paar Worte und war anscheinend befriedigt von der »Fühlung«,
die er mit seinem Volke hatte.
Während der Tafel saß ihm zur Rechten der Erzbischof von Stablewsky,
jener polnische Schürer, der im geheimen die Brandfackel durchs Land
trägt. Verdenken kann's ihm kein Mensch; denn er ist Pole und will
seine Polen polnisch erhalten. Dann soll er aber ehrlich sein und
vor den Kaiser hintreten und sagen: »Kaiser, ich kann dir nicht in
deinem Geiste zu Willen sein. Ich und meine Volksgenossen wollen keine
Deutschen sein, sondern Polen, freie Polen.« -- Aber hier mit ruhiger
Stirn neben dem Kaiser zu sitzen, mit diesem süßlichen, devoten Lächeln
das Zutrinken des Kaisers erwidern und dabei im Innern brütend, wie er
die Seinen zum Siege führen könne gegen den verhaßten Deutschen; --
Kaiser, mein Kaiser, bist du denn blind?
Der Kaiser trank hastig von seinem Sekt; sein Auge glühte, als er
den Trinkspruch ausbrachte auf sein Heer, auf die Provinz, auf die
Zunahme des Deutschtums -- glatt, wie ein Meer vor dem Sturme, waren
die Züge des Erzbischofs, -- auf die Zunahme von Wohlstand und Bildung
im Bürgertum, -- die Philister schmeckten mit Wollust noch das letzte
Genossene. -- Allgemeines Hurra! Und jeder schlürfte andächtig sein
Glas aus. Wie war man patriotisch!
Dann sprach der Bürgermeister. Er erstarb in Ehrerbietung und
Dankbarkeit und zählte beredt alle guten Eigenschaften der
allerdurchlauchtigsten Majestät auf, alle guten Absichten und
Ziele; zum Schluß ein dreimaliges Hurra, -- die Herren vom
Honoratiorenstammtisch riefen so laut, daß sie sicher alle den
Kronenorden vierter Güte zu erwarten haben, -- dann schlürften alle
ihren Sekt und setzten sich mit höchst befriedigten Mienen in dem
Bewußtsein, eine große patriotische Tat getan zu haben, wieder auf ihre
Polster.
Nach Tisch sprach der Monarch leutselig mit diesem und jenem ein
paar Worte und bekam überall höchst zufriedenstellende Auskünfte und
schied endlich, -- eine Wolke von Patriotismus hinterlassend; die aber
verflog, wie der Rauch der Zigarren, die sie qualmten.
Ich hatte zum Schluß noch einen langen Disput mit den anwesenden
Geistlichen über die Alkoholfrage. Sie machten mir mein Wassertrinken
zum argen Vorwurf. Dies taten sie aber offenkundig nur aus Neid!
Sie konnten nicht von ihrem eigenen Glase lassen, obwohl sie in
innerster Seele einsahen, daß sie eigentlich als Seelsorger und Hüter
des geistigen Wohles zum mindesten ebenso viele Ursache hatten, den
Menschen mit gutem Beispiele voranzugehen, wie ich als Arzt und Hüter
des leiblichen Wohles meiner Mitmenschen, da die Seele ja immerhin
noch etwas Vornehmeres ist, als der Leib, und die Seele durch den
Rausch noch mehr leidet, als der Körper. Ihr gröbstes Geschütz
führten sie wider mich zu Felde. Anmaßung sei es, mich auszuschließen
von allgemeiner Sitte, sagte der Propst; der Erzbischof meinte mit
lächelnder Miene, da selbst das Oberhaupt der Christenheit den Wein
nicht verschmähe, so dürfe wohl jeder gläubige Christ das nämliche
tun. Der rechtgläubige Pastor meinte, Gott habe nichts Schlechtes
geschaffen, also könne auch der Wein nicht schlecht sein, worauf ich
ihm erwiderte, Gott habe auch das Opium geschaffen, ein vortreffliches
Heilmittel gegen Schmerzen, so sei der Wein ein herrlich linderndes
Trugmittel für den Sterbenden. Das Volk, das sich dem Opiumgenuß
ergäbe, ging unter, wie auch die Goten in Italien nicht dem römischen
Schwerte, sondern dem römischen Weine erlegen seien. Der alte
Burschenschaftler, der liberale Pastor, zitierte singend »wer nicht
liebt Wein, Weib und Gesang!« Er hielte es mit Dr. Martin Luther, --
was? -- das Lied ist ja gar nicht von Luther, -- hat Luther selbst
doch den Erfinder des Bieres eine Pest für Deutschland genannt! Ob sie
denn alle nicht den Zusammenhang zwischen ihren Gläsern und dem ganzen
entsetzlichen Elend im ganzen Reiche, ja, in der ganzen Menschheit
durchschauen könnten? Es nützte nichts.
Der Kaiser war längst gegangen. Mit ihm sein Gefolge. Die Honoratioren
nur noch waren geblieben. Bald hörte man hier ein lautes: »nach Hause
gehen wir nicht«, -- bald dort ein: »und so wollen wir denn noch mal«.
Wo der Patriotismus wohl heute endigt? -- --
* * * * *
Das war ein wunderlicher Traum! Erst das Kaiserdiner und dann der
Disput mit der Geistlichkeit. So schwer habe ich lange nicht geschlafen
und geträumt.
Ich stand am Säuleneingang eines hohen Tempels. Mir zu Füßen war eine
Riesentafel gedeckt. An ihrer Spitze saß der Kaiser, umgeben von seinen
Generälen in goldblitzenden Uniformen, von Prälaten und Bischöfen,
Ministern und Räten, dann kamen die Ratsherren, die Gelehrten, und
unten drängte sich in endloser, bunter Reihe das Volk. Es ging hoch
her. Trinksprüche wurden ausgebracht, Hurra gerufen, der Jubel wollte
kein Ende nehmen. Der Sekt am Kopf der Tafel floß in Strömen, bei
andern Gruppen der Wein, lange Reihen saßen beim schäumenden Bier, und
die grölende Menge, weil ihr Beutel für Wein und Bier nicht ausreichte,
stürzte Gläser voll Branntwein in sich hinein. Und nicht lange dauerte
es, da begann da unten am Tisch ein Schreien und Streiten; Messer
wurden gezogen, Blut floß, und mehr als einer sank tödlich getroffen
unter den Tisch. Aber die Tafel war so lang, daß sie oben nicht
hören noch sehen konnten, was unten geschah. Da aber das obere Ende
des Tisches höher lag, sahen die unten Sitzenden wohl, wie die oben
Sitzenden schmausten und pokulierten. Aber die silbernen Schüsseln mit
den Pasteten und Fasanen kamen nicht bis zu ihnen, -- und je mehr sie
tranken, desto kleiner waren die Schüsseln, die zu ihnen gelangten, ja,
schließlich kam nur ab und zu eine trockene Brotrinde von oben nach
unten heruntergereicht. Dann murrten die Zechenden wohl. Doch vergaßen
sie über den Trunk die trockene Rinde.
Und um die Bier und Schnaps zechende Menge drängte sich ein blasses
und hungriges Völklein, elende Kindlein und gramgebeugte Frauen, --
die zupften hin und wieder wohl leise die trinkenden Väter und Gatten
von hinten am Rockärmel und flehten, sie möchten doch mit nach Hause
kommen. Der eine oder andere erhob sich auch und schlich sich leise
mit den Seinigen fort; andere nahmen seinen Platz ein; für jeden, der
ausschied, waren drei frische Trinker da.
Aber halt, was war das? Bald erblaßte hier ein Bischof, dort ein
General, -- zwei verglaste Augen, -- ein Toter sank unter den Tisch,
-- bald dort ein Rat, der noch eben eine Flasche Sekt geleert, -- dort
einer, der schon längst Grimassen, wie vor Schmerzen, schnitt, -- --
die Opfer des Gelages, des Trunkes! -- Einer nach dem anderen sank
unter die Tafel. Ein kurzes Verwundern, -- schnell schloß sich wieder
die Reihe der Zechenden und Schmausenden.
Aber allmählich, -- der Kaiser stutzte, als ob ihn etwas schüttelte,
-- eine Unruhe, ein Zittern durchlief die Gesellschaft, -- ein
durchdringender Geruch, wie von Leichen, erfüllte den Saal, -- da hob
der Kaiser den Zipfel des Tafeltuches empor, schaute unter den Tisch
und sprang auf: er hatte die Tausende von Opfern seiner Tafelrunde
erblickt, die unter dem Tische verwesten.
Hoch aufgerichtet stand er da. Klirrend stieß er sein Schwert auf
den Boden. Die Zornesader auf seiner Stirn schwoll hoch, seine Augen
funkelten, und wie Donner klang seine Stimme: »Warum verschwieg man mir
dies?« -- Wie erstarrt hielt er inne, alles lauschte.
Während des Gelages hatten die wenigsten beachtet, daß unablässig
eine Schar von Männern und Frauen sich an die Reihe der Trinkenden
heran machte, und wo sie sahen, daß einer in Gefahr war, durch das
taumelerzeugende Gift zu erkranken, ihm winkten. Und manch einer stand
auf und folgte ihnen. Und mit seltsamen, frommen und frohen Gesängen
geleiteten sie ihn über die Brücke, die hoch im Bogen im Hintergrunde
der Tafel in selige Gefilde führte. Und Scharen von Geretteten
überschritten sie, und Reihen von Rettern und Helferinnen zogen singend
an ihnen vorüber, aufs neue ihr Werk an der Tafel zu tun.
Sprachlos schaute der Kaiser dem Treiben zu. Der Zorn wich aus seinem
Antlitz. Tiefer Ernst legte sich um seine Züge; -- um viele Jahre
reifer schien er plötzlich geworden; -- dann aber, festen Schrittes,
das Haupt geradeaus der Brücke zugewandt, als wollte er den Lärm der im
Zechen Gestörten nicht hören, schritt er dem Zuge der Singenden nach,
hinüber über die Brücke! Da erhoben sich viele und eilten ihm nach. Nur
ein Rest blieb sitzen und trank weiter, bis auch die letzten unter die
Tafel sanken, zu denen, die da schon moderten.
Plötzlich entstand eine Flamme, blitzschnell zu loderndem Feuer
entfacht, -- sie verzehrte die Tafel, die Zecher und die Leichname, --
und erlosch -- und ungetrübt schaute mein Blick von des Tempels Stufen,
auf denen ich stand, hinüber in die Gefilde der Seligen.
Da wachte ich auf.
* * * * *
In der Generalversammlung vom Bauverein meldeten sich zwanzig Genossen
für die neuen Häuser am Walde. Jeder will eins haben. Es ist aber auch
ein schönes Stück Land dabei und viel Sonne. Und ein Duft von Tannen!
Es ist schier zum Gesundwerden. Aber das blasse Weib aus der Stadt, dem
die Kinder in der Kellerwohnung gestorben waren! Sie sind eben erst
eingetreten in den Verein, haben noch kein Anrecht. Es ist gegen die
Statuten. Was mache ich nun? Da erzählte ich den Genossen, wie sie es
mir gesagt hat, und ich weiß, es ist alles wahr. Aber schließlich kann
ich nicht weiter. Mir läuft es naß über die Backe. Die Stimme will
nicht weiter.
Ja, -- was ist los? Alle zwanzig wollen zurücktreten. Kinder, -- eine
Wohnung brauche ich nur. Da erhebt sich ein wohlgenährter Brauer und
sagt bestimmt und gutherzig: »Mir macht's nichts. Ich kann in meiner
Wohnung gern noch ein Jahr wohnen bleiben. Für mich lost der Neue!«
Ich gehe zu ihm hin und schüttle ihm die Hand. Es ist ganz still. Dann
losten die anderen. -- Der Mann mit der blassen Frau hat sein Haus am
Wald.
Das sind nun die gefürchteten und gehaßten Sozialisten. Kinder sind es.
Mir ist zum Weinen, und doch bin ich so froh, daß ich am liebsten hell
lachte.
* * * * *
Wenn's nicht so bitter ernst wäre, -- zum Lachen wäre es! Heute mittag
zum Fischereikongreß in die Stadt hinein. Es war das reine Theater.
Wirklich dramatisch war es.
Ich sollte auf Wunsch des Vorsitzenden einen kurzen einleitenden
Vortrag über die Folgen der Flußverunreinigung für die Fischzucht
halten. Kaum hatte ich geendet, erhoben sich die Gegner. Aber nicht
mehr mit den früheren billigen Einsprüchen: die Schiffsschrauben
bewirkten durch die Wasserbewegung eine Sauerstoffanreicherung des
durch die Fäulnisprozesse an Sauerstoff verarmten Elbewassers. Das
hatte ein alter Apotheker ausgeklügelt. Und wütend waren die Herren
geworden, als ich ihnen in der Presse spottend vorwarf: das bißchen
Schiffsverkehr könnte den Schaden, den die Kloakenwässer der Elbe
zufügten, wohl nicht wettmachen. -- Hamburgs Welthandel, -- und den
nannte ich »das bißchen Schiffsverkehr!« Nun natürlich doch nur im
Verhältnis zu der Menge des Elbewassers und des Schmutzes, den die
Hamburger ihrem Trinkwasser zusetzten.
Dann kam der gelehrte Herr Professor und wollte den Herren Kollegen im
ärztlichen Verein, nachdem ich meinen Vortrag über meine Untersuchungen
des Flusses und seiner Ufer gehalten und ihnen den ganzen Schmutz +ad
oculus+ demonstriert hatte, mit Pathos weismachen: Die Möwen mit
ihren Augen, die schärfer sähen, als die der Menschen, fischten den
Unrat aus der Elbe wieder heraus.
Aber da kam er schön an. Den Unsinn ließen sie sich doch nicht
vorschwätzen. So wurde denn getrampelt und gezischt.
Aber heute war's bitter ernst. Sie hatten sich jetzt einen
»Spezialfachmann« herangebildet, um zu beweisen, »daß die Elbe
rein sei, und all der Schmutz aus ihren Kloaken die Elbe nur in
dankenswerter Weise -- dünge!« Der Herr fischte tagaus tagein auf
Infusorien, und da die Infusorien Fischnahrung bilden, und die Elbe
infolge von all der faulenden Substanz sehr reich, ja schier überreich
an Infusorien ist, so mußte die Elbe schier überreich an Fischen sein.
Und Inspektor Meier und Schulze, die von auswärts kamen, die haben es
auch gesagt und haben sehr viel Weißfische gefangen. Und alles, was ich
geschrieben hätte, sei Phantasie und stamme vom grünen Tisch.
Schon wollte ich antworten, da kam unerwartet Hilfe: ein Fischer nach
dem anderen stand auf: »der grüne Tisch sei auf der anderen Seite.
Recht habe ich: die Laichplätze seien vergiftet und verschlickt durch
den Kloakenschmutz, die Fische, vor allem der Lachs, könnten nun nicht
stromaufwärts wandern wegen des verpesteten Wassers, und im heißen
Sommer stürbe durch die Fäulnisprozesse die junge Brut zu Tausenden und
Abertausenden. Und ihnen, den Fischern, ginge es ans Portemonnaie. Und
wenn die Elbe dreimal von Infusorien wimmele.«
Und dann kamen sie an, bieder und kernig, und schüttelten mir die Hand.
Das tat wohl.
Ich wollt', ich könnte den Kaiser selbst einmal an seiner geliebten
Elbe spazieren führen und ihm persönlich den Schweinekram
demonstrieren. Sonst kriegt er es doch nicht zu sehen! -- Herr
Gott, wenn der wüßte, was die Hamburger Herren ihm in seinem Kaffee
und seiner Bouillon vorsetzen, wenn er in Hamburg zu Gast ist, --
verdünnte Abtrittsjauche hat schon vor zwanzig Jahren der verstorbene
große Pettenkofer das Elbewasser genannt, -- und der mußte es doch
wissen! -- und wenn's auch filtriert und mit Grundwasser verdünnt ist,
-- es bleibt, was es ist! -- Daß sich aber alle die Tausende reicher
Leute in Hamburg und Altona eine derartige Schmutzerei tagtäglich
gefallen lassen, wo sie doch sonst so peinlich sauber mit ihrem Essen
und Trinken sind, das ist mir ein psychologisches Rätsel. Vielleicht
kommt es daher, weil sie diese heillosen Zustände von Kindesbeinen auf
gewohnt sind. Vielleicht fürchten sie auch, etwas mehr Steuern zahlen
zu müssen. -- Pfui Deubel aber, -- begreifen kann ich es doch nicht.
Wie bin ich dankbar, daß ich für mein Haus meinen schönen Brunnen habe!
* * * * *
In Mörchingen sind nach der amtlichen Statistik 30 Prozent der Garnison
syphilitisch.
Mein Kaiser, schläfst du, daß du nicht weißt, wie es in deinem Heere
hergeht?
Nach der amtlichen Statistik sind 25 Prozent der Marine syphilitisch,
8 Prozent vom Landheer! Und die Zahlen werden in den öffentlichen
Blättern gedruckt, und die Stammtischphilister lesen sie mit Grinsen
und pharisäerhafter Entrüstung.
Wer aber treibt die Söhne unseres Volkes, wenn sie als Soldaten ihrer
Pflicht gegen das Vaterland genügen, in die Bordelle? Der Schnaps, das
Bier, der Wein, bei den Einjährigen und Offizieren außerdem der Sekt.
Mein Kaiser, -- ich weiß ein Mittel. Kein Erlaß, kein Armeebefehl,
kein Verbot, keine Rede kann so wirken, als wenn du mit der Tat
voraufgingest! Leb enthaltsam, und du rettest Hunderttausenden
deutscher Eltern ihre Söhne, dir und dem Vaterlande Hunderttausende
tüchtiger Soldaten! Du säest in unzählige Familien, in unabsehbare
Generationen, die sonst von Siechtum verzehrt würden, Kraft und
Gesundheit. Du hebst den Sinn für Wissenschaft und Kunst in deinem
ganzen Volke, du hebst unsere ganze Kultur, -- aber die Philister am
Stammtisch werden dir grollen, und die Brenner und Brauer und die Wirte
werden dir fluchen.
* * * * *
Es gibt offenbar Wissenschaften, die beharrlich stehenbleiben,
anstatt sich weiter zu entwickeln. Das sind vorzugsweise diejenigen
Wissenschaften, deren Betätigung vorwiegend abhängig von den
Charakteren ist, die ihre Träger sind. Und da die Charaktere der
Menschen sich seit Jahrhunderten, vielleicht seit Jahrtausenden
nicht geändert haben, sofern es immer schon Sanftmütige und Heftige,
Bescheidene und Anmaßende, Demütige und Hochmütige gab, so ist es
wohl kein Wunder, daß gerade diese Wissenschaften in all der Zeit
kaum fortgeschritten sind. Dahin gehört vor allem die Pädagogik. Das
fiel mir ein, als heute morgen die kleine Doktorswitwe mit ihrem
zehnjährigen blonden Krauskopf zu mir kam, dem der Oberlehrer B. mit
der Faust einen Schlag ins Gesicht versetzt hatte. Warum? -- Weil der
Junge die Luftklappe geschlossen hatte, ohne dazu befugt zu sein. »Es
habe auf seinem Platze so gezogen.« Ich versprach der braven Mutter,
die ihren Jungen vortrefflich erzieht, selbst zu dem Lehrer zu gehen,
um solchen Vorkommnissen vorzubeugen. Ich kannte den schneidigen
Oberlehrer, der sich sehr viel auf seinen Reserveleutnant zugute
tut, seit Jahren schon als einen jähzornigen, bildungsbedürftigen,
von sich übermäßig eingenommenen Herrn. So ging ich denn gleich auf
den Kern meines Besuches ein und sagte ihm, ich käme wegen einer
pädagogischen Eigentümlichkeit von ihm, deren Begründung zu erfahren
mir als Psychologe interessant sei. Er meinte, er wüßte nicht, --
worauf ich ihn kurzerhand fragte, wie er psychologisch oder pädagogisch
wissenschaftlich seine Erziehungsregel begründete, die Jungen mit
der Faust ins Gesicht zu schlagen. Er errötete, stotterte etwas
von Übertreibung, worauf ich aufstand und ihm empfahl, die beiden
mitgebrachten Bücher zu studieren: Försters Erziehungslehre, von dem
ausgezeichneten Pädagogen in Zürich, und Gottfried Kämpfer, eine
Herrenhuter Erziehungsgeschichte, aus der jeder Pädagoge lernen kann,
wie er es nicht, und wie er es machen soll. Ich würde mich freuen, wenn
er mir an einem der nächsten Sonntagnachmittage zur Kaffeestunde die
Bücher wiederbringen wollte.
* * * * *
Wie hat Bismarck doch so schön gesagt? »An seinen Geheimräten wird
Deutschland noch einmal zugrunde gehen.« -- Es ist zu fidel: seit
Jahren haben meine Freunde und ich immer wieder darauf hingewiesen in
Dutzenden von Publikationen, daß ebenso wie die Flüsse, die Meere allen
Unrat, alles Tote an ihren Ufern absetzen, um sich rein zu halten, --
jeder Geheimrat kann's beobachten, wenn er in seinem Sommerurlaub ins
Seebad reist, -- nichts hat's genutzt: ertrinken da in einer Sturmnacht
oben im Schleswigschen an die achthundert Rinder. Als bei der Regierung
telegraphisch angefragt wird, was sie mit den achthundert Kadavern
machen sollen, telegraphiert irgend ein kluger Herr zurück: ins Meer
damit. Dabei ist in Kiel eine große Kadaververwertungsanstalt! Und
achthundert Rinder haben doch wahrlich einen respektablen Wert an Fett
und Knochen und Fleisch zu Dung- und Futterzwecken aller Art. Allein
der grüne Tisch kommandiert »ins Meer«, -- also ins Meer. Aber siehe
da, -- alsbald speit das Meer die Kadaver ans Land, jetzt heißt es,
schleunigst die verwesenden Teile sammeln und beerdigen, um Seuchen
vorzubeugen; und nun hat man zu den Extrakosten noch den Hohn und Spott
zu tragen.
Ja, ja, die Unfehlbarkeit ist ein eigen Ding!
* * * * *
Heute wurde ich eilends zur Brauerei gerufen. Einem der Heizer war ein
schweres Kohlenstück auf den Fuß gefallen. Nachdem ich ihn verbunden
und gelagert hatte, -- auf der Pritsche unten im Heizkeller neben den
Dampfkesseln, -- kamen wir miteinander ins Gespräch. Der Krankenwagen
war bestellt, um ihn ins Krankenhaus zu fahren. Ich mußte noch seine
Personalien aufnehmen wegen der Meldung an die Berufsgenossenschaft.
Er war bekannt als einer der Hauptsozialisten auf dem Platz. Ein
tüchtiger Arbeiter, nüchtern, riesenstark. Ich fragte nach seinen
Familienverhältnissen. Sieben Kinder. Er hatte ein Haus vom Bauverein
bekommen. Nun ging's ein wenig besser. Er hatte doch nun wenigstens
einen Keller und einen Schweinestall und einen Garten. So konnte in
der kleinen Wirtschaft alles verwertet werden. Jeder Pfennig schlug zu
Buch. Die Milch und Fleischreste, die früher verdorben waren, -- sie
konnten im Keller bis zum nächsten Tage geborgen werden. Die Abfälle
bekam das Schweinchen. Der Mist düngte das Land. Das war Gewinn. Aber
es kneift doch arg mit der Miete bei sieben Kindern; die putzen was
weg. Und Kleider und Schuhe sollen auch da sein. Die Frau kann nicht
mehr vom Hause fort, -- der Jüngste bedarf der Mutter, -- und dann
die Krampfadern an den Beinen von den Wochenbetten. Ja, -- wenn er
noch einen kleinen Handel würde anfangen können, eine kleinere Hökerei
im Hause, der die Frau von der Küche aus vorzustehen vermöchte. Ich
versprach zu tun, was möglich sei.
Dann fragte ich ihn, warum er Sozialist geworden sei. Da erzählte
er, wie er als Bergmann in den Steinkohlengruben gearbeitet habe,
in Schlesien, im Ruhrgebiet, in Gruben, die in Privatbesitz und in
solchen, die fiskalisch waren. Fast überall seien die Bergleute von
den Vorgesetzten gedrückt, oft übers Ohr gehauen, und wenn sie sich's
merken ließen, schikaniert worden bis aufs Blut. Die polizeilich
vorgeschriebenen Vorsichtsmaßregeln seien oft nicht getroffen gewesen.
Habe einer sich beschwert, sei er als Nörgler gebrandmarkt worden und
Schikanen und Härten seien ihr Los gewesen. Um die Frage, wie die
Arbeiter hausten, habe kein Mensch sich gekümmert, ob sie mit dem
Lohn auskämen, noch viel weniger. Aber Kantinen und Wirtshäuser seien
massenhaft dagewesen. Denn die Grubenbesitzer seien oft auch selbst
Besitzer von Brennereien, und wenn sie nicht, ihre Freunde. So habe
das Geschäft doppelt geblüht: einmal habe die Kohle, die der Bergmann
mit Gefahr seines Lebens aus den Tiefen der Erde heraushole, die
Herren reich gemacht, -- dann aber sei der karge Lohn, den die Herren
dafür zahlten, zu einem guten Teil für Schnaps, den sie den Leuten
verkauften, wieder in ihre eigenen Taschen zurückgeflossen. Gerad wie
die Engländer es mit den Kulis, Hottentotten und Abenteurern in den
Diamantgruben und Bergwerken in Südafrika machten. Und weil er die
anderen vom Trinken abhielt, wurde er als unruhiger Kopf notiert und
erfuhr die üblichen Schikanen. Daher der Groll und die Verbitterung
unter den Leuten. Daher das Gefühl, daß von diesen Zuständen nur
Befreiung möglich sei, wenn alle zusammenhielten. Früher sei es anders
gewesen. Da habe jeder Bergmann sein Häuschen gehabt. Schnaps sei kaum
ins Revier gekommen. Der einzelne Besitzer habe getan, was er konnte,
habe jeden Bergmann gekannt, für jeden ein Herz gehabt. Aber nun!
Seitdem die Aktiengesellschaften da seien, kümmere sich kein Mensch um
die Arbeiter, und die ausrangierten Unteroffiziere, die als Aufseher
angestellt würden, trügen den Kasernenhofton auf die Arbeitsstätte. Und
das halte kein Mensch aus. Und dann das Saufen! Bei solchem Leben würde
der Beste zum Vieh. Da sei er abgewandert, und trotzdem, daß er es
sich sauer genug hier werden lassen müsse, wolle er's in seinem Leben
nicht besser haben. Er sei völlig zufrieden. Nur die kleine Hökerei,
-- die hätte er zu gern. »Ja, aber, -- wenn er so zufrieden sei, warum
er dann noch Sozialist wäre?« »Nicht für mich, Herr Doktor, können's
mir glauben,« -- und sein Gesicht leuchtet so ehrlich, -- das lügt er
nicht, -- »ich krieg's in Bebel seinem Zukunftsstaat nicht um einen
Deut besser, als ich's jetzt hab' -- aber ich denke an die anderen,
da in den großen Städten, in den Gängevierteln, an meine früheren
Kameraden, die noch in den Bergwerken sich abschinden und nicht
herauskommen aus ihrem Elend, -- ein Hundsfott wär ich, wenn ich die
vergessen wollt'.«
Der Krankenwagen kam. Er wurde hineingehoben. Ich mußte eilends zur
Sprechstunde. In meinem Ohr klingt immer noch sein: »ein Hundsfott wäre
ich, wenn ich die vergessen wollt'!«
* * * * *
Was für naive Menschen sind doch diese Theologen. Da glauben sie immer
noch, daß mit der Taufe und der Konfirmation der Mensch etwas Neues,
Bestimmtes geworden sei, -- und ist doch nichts von alledem, sondern
er ist und bleibt ein Werdender und Wachsender, der, wenn er gesund
ist und bleibt, sich durchringt zur Erkenntnis dessen, was Geist
bedeutet. Als der Pastor heute beim Abendmahl sein: »Das ist der Leib
Christi« sprach, -- da wollt' ich in dem Augenblick wahrhaftig lieber
Reformierter, als Lutheraner sein. Denn lediglich als symbolische
Handlung hat Christus das Abendmahl doch eingesetzt! Warum also diese
Verdrehung der Tatsachen? Warum in aller Welt diese ganzen Dogmen,
die auf den verschiedenen Konzilien von den Päpsten und den Parteien
zusammengeschroben sind, als ob es sich um Paragraphen irgend eines
menschlichen Gesetzbuches oder um Abmachungen eines Geschäftes handelte?
Seht ihr Männer auf der Kanzel denn nicht, daß das Volk nicht nur
der Kirche entfremdet ist, -- aber wohlvermerkt das ganze Volk, mit
Ausnahme einer kleinen, noch gläubigen Gemeinde, -- das ganze Volk,
arm und reich, gebildet und ungebildet, weil es an eure Dogmen nicht
mehr glauben kann und glauben will? Und weil es an eure im Laufe der
Jahrhunderte künstlich zusammengeschmiedeten Dogmen nicht mehr glaubt,
wirft es ohne Bedenken die Lehre Christi mit über Bord, als ob die
eins sei mit euren Dogmen, und -- vergißt sein oberstes Gebot, wie die
meisten von euch es vergessen haben über euren Streit um die Dogmen!
Mein Gott, wann wacht ihr auf und werdet klug?
* * * * *
Nein, so etwas, -- wer hätte das gedacht! Bringt mir der alte
Zigarrenmacher, der mich vor noch nicht allzu langer Zeit in der
Generalversammlung vom Bauverein so höhnisch angriff, als er sich mit
seinem Glase Bier Mut angetrunken hatte, -- er wolle den Genossen
nur sagen, warum ich den Bauverein gegründet habe, -- meinen reichen
Patienten, die Geld zu dem Häuserbau hergegeben hätten, wolle ich
nur hohe Zinsen damit verschaffen, -- bringt mir der heute in der
Sprechstunde, als ich ihm seinen Krankenschein unterschreiben soll,
ein Buch, sauber eingewickelt: Er sei ein anderer geworden. Seit zwei
Jahren habe er sein eigenes Haus. Seit einem Jahre sei er Guttempler.
Nun sei ihm erst so recht aufgegangen, wie reich und schön das Leben
sei. Und daß er mir das Buch bringe, solle ich ihm nicht übelnehmen.
Seine Frau habe ihn davon zurückhalten wollen, -- ich könne es als
Anmaßung auffassen und ihm übelnehmen. Er wolle mich aber sicher nicht
beleidigen, -- denn es sei so wundervoll schön und groß, daß, falls ich
es nicht kenne, ich es kennen lernen müsse. -- Und was ist es? Trines
herrliches Werk: In Harmonie mit dem Unendlichen.
O, nehmt unserem Volke das verfluchte Bier und den verfluchten Schnaps,
und gebt ihm wieder ein Heim, und ganz von selbst findet es sich
wieder, und das Volk der Dichter und Denker ersteht aus ihm von neuem!
* * * * *
Es geht nichts über den Patriotismus, der nebenbei bemerkt, nichts
gemein hat mit der Vaterlandsliebe. Es ist eben eins dieser vielen
Fremdwörter, mit denen wir Deutsche uns so gern beduseln, weil wir
uns bei ihnen nichts zu denken und somit keinen von ihnen angeregten
Gedanken in die Tat umzusetzen brauchen. -- Sitzt da der dicke
Kanzleirat Abend für Abend bei dem Lautenthal in der Wirtschaft,
streicht seinen langen Schnurrbart und trinkt und trinkt, nicht etwa
aus Lasterhaftigkeit oder Genußsucht, i Gott bewahre! -- nein, aus
reinem Patriotismus und treuer konservativer Gesinnung (d. h. der
»Konservativen« der Kreuzzeitung usw.). Denn wenn er dort nicht säße
und den anderen Gästen, die durch sein Dortsein angelockt werden,
nicht so reichlich spendierte, so könnte der Lautenthal sich nicht
halten, oder er müßte, -- schrecklich auszudenken --, sein Lokal den
Sozialdemokraten für ihre Versammlungen vermieten. »Aber so weit darf
es nicht kommen in unserem Dorf! Kinder, sauft, sauft, sauft, damit der
Lautenthal leben kann, und wenn wir alle darüber das Zipperlein oder
den Schlagfluß kriegen.«
Herr Kanzleirat, -- ich wollte, der Teufel holte dich, ehe du mir noch
mehr Unheil im Dorfe anstiftest!
* * * * *
Meine Ursula Lorenzen! Liegt das liebe Kind da, röchelnd, mit kurzem
Atem, doppelseitiger Lungenentzündung, -- den Rippenfellerguß habe ich
ihr abgezapft, hat gute Linderung gegeben. Aber nun muß sie schwitzen,
das mag sie gar nicht. Ich verspreche ihr für jedes Schwitzen zehn
Pfennige. Wie ich nach ein paar Stunden wiederkomme, hat sie sie
verdient. »Weißt du, Onkel Doktor, das Geld kann ich prachtvoll
brauchen.« »Wofür denn, Schatz?« »Erika braucht so schrecklich viel
Geld!« »So, die Erika?« frage ich neugierig, »wofür denn die?« »Für
ihren Kanarienvogel, -- der frißt so schrecklich viel Rübsamen! Aber
nun schenke ich ihr von meinem Geld.« -- Du wonniges Kind, wie du
deinem Schwesterchen eine Freude machen kannst, -- in all deiner Not
denkst du daran. O Liebe, wie bist du groß! Selbst in solch schwachem
Kinderherzen! -- Vielleicht da am meisten.
* * * * *
Nun ist der Kronprinz schon viermal in dieser albernen Narrensposse
»Die lustige Witwe« gewesen! Er soll sich ausgezeichnet amüsiert
haben, berichten die Blätter, ja, sogar seine Leibkompagnie habe er ins
Theater führen lassen.
Und das ist der Mann, der uns vielleicht einmal, wie Hermann der
Cherusker vor 2000 Jahren die alten Deutschen vom Joch der Römer
befreite, durch die Kämpfe des Weltbrandes führen soll!
Und dabei soll er durchaus einen guten Kern in sich und guten Willen
haben. Ist denn kein Mann in seiner Umgebung, der ihm zeigt, wie
sein Geschmack maßgebend ist für breite Schichten unserer Nation?
Verflachend, herunterziehend -- oder hinaufführend.
* * * * *
Heute ist großer Festtag im Dorf: Stiftungsfest des Vereins zur
Bekämpfung der Sozialdemokratie mit Karpfenessen beim Lautenthal,
nachher Vortrag über Capri, zum Schluß Ball und Preisskat.
Und mir wollen sie keine Baukonzession für die Häuschen von unserem
Bauverein geben, angeblich, weil sie die Schweineställe beim Hause
nicht wollen, der Ratten und des Geruchs wegen, -- als ob der
Schweinestall vom Herrn Bauernvogt nicht stänke und der Pferdestall
des Herrn Kanzleirat keine Ratten anzöge! -- Oh, ich weiß es wohl, ihr
wollt nicht, daß die von euch so gehaßten Sozialdemokraten ein eigen
Heim haben, -- diese Landesverräter verdienen das nicht.
Aber wenn der Herr Maurermeister Schulze oder Zimmermeister Müller
eine ordentliche Proletarierkaserne aufbaut, in der die Wohnungen fast
die Hälfte mehr kosten, als unsere wohnlichen Häuschen mit Stall und
Garten, dann gibt es prompt die Bauerlaubnis. In solcher Kaserne kann
das Pack hausen.
Daß ihr es aber zu dem macht, was ihr sie schimpft, durch euren Haß,
euren Mangel an Liebe; daß ihr sie von ihren Frauen, ihren Kindern,
ihren feuchten, dunklen, kalten, öden Heimstätten hinaustreibt in die
Kneipen, wo sie sich vollsaugen mit Bitterkeit und Haß gegen euch und
eure Gerechtigkeit, -- daran denkt keiner von euch, ihr selbstgerechten
Pharisäer!
Und jeder einzelne von euch, wenn er nicht der Herr Kanzleirat wäre,
oder der Herr Bauernvogt, oder der Herr Gemeindediener, sondern
Erdarbeiter oder Zigarrendreher, und sollte mit seinen sechs oder acht
Kindern in der feuchten Kate oder dem dunklen, muffigen Keller wohnen
und sehen, wie er trotz allen Fleißes und Sparens nicht um einen Deut
vorwärts kommt, und wie die Frau blaß und blässer wird, und die Kinder
immer krank sind, und wie nun das zweite schon stirbt, wer weiß, das
dritte, -- Herren, ihr wäret samt und sonders so knallrot, wie nur
irgend einer von jenen da und schriet und balltet die Fäuste noch
ingrimmiger in der Tasche als jene.
* * * * *
Nun haben wir auf Anraten von Freund Landesrat Schuldverschreibungen
ausgegeben für den Bauverein, zu tausend, zu hundert, zu fünfzig und
zu zwanzig Mark. Ich hatte gehofft, es würde ordentlich etwas bringen.
Und was hat's gebracht? Lumpige paar tausend Mark! Und von wem? Von ein
paar Leuten, die mir einen Gefallen tun wollen; der eine oder andere
auch, weil er es für »praktisch« hält, auch etwas von »gutem Zweck«
wittert. Kaum einer mit der warmen, brennenden Liebe, die nicht anders
kann, die jener hatte, den sie alle im Munde führen, aber den keiner
von ihnen im Herzen, und von dem mancher nicht einmal eine Ahnung hat.
Und könnten mit ihrem Kapital ihre vier Prozent verdienen und
gleichzeitig unsagbaren Segen stiften. Herr Gott, was für Segen. Aber
sie ahnen es nicht, wie Samen der Liebe aufgeht!
* * * * *
Vor kurzem habe ich meine Rundfrage an die deutschen Fischereivereine
geschickt. Und nun hagelt es Antworten und Bitten. Als ob ich der
Herrgott selbst sei. Es ist, als ob diese Männer aufatmen, daß
endlich jemand da ist, der sich ihrer annimmt, und der den Mut hat,
den Mächtigen die Wahrheit zu sagen, -- denn hier ein armer Fischer,
-- und dort die große Stadt oder der reiche Fabrikherr, die den Fluß
verpesten: wie könnte einer dagegen ankommen!
Aber der eine Brief von dem ostpreußischen Dorfvorsteher, der ist
doch zu bunt. Die Zuckerfabrik hat das ganze Flüßchen, aus dessen
Fischereiertrag das einst arme Dörfchen sich zur Wohlhabenheit
heraufgearbeitet hatte, in eine Kloake umgewandelt. Kein Fisch ist
mehr darin. Beschwerden beim Landrat -- fruchtlos. Der Landrat ist
gut Freund mit den Fabrikherren. Beschwerde beim Kreisausschuß
-- fruchtlos. Der Landrat sei Vorsitzender. Beschwerde bei der
Provinzialregierung. Alles umsonst. Ging an den Landrat zur
Berichterstattung. Vorher hätten sie alle konservativ gewählt. Nun
seien sie fast alle Sozialisten geworden, weil sie sich nicht anders
zu helfen wüßten. Ihr Kandidat habe gesagt, er wolle es im Reichstag
schon an die große Glocke bringen. Aber nun hätte er zu mir doch noch
größeres Vertrauen. Sei ihm auch lieber, wenn die Sache in Frieden
geschlichtet werde. Aber geschehen müßte bald etwas. Ich habe ihm
geraten, schleunigst eine dringliche Eingabe beim Reichsgesundheitsamt
einzureichen. Habe ihm auch gleich die Eingabe dazu mitgeschickt, da er
mit der Feder nicht recht Bescheid weiß. Hoffentlich hilft's was!
Und wie in Ostpreußen, so sind auch hier bei uns die ganzen Flüsse
verpestet, -- kein Lachs, kein Aal, kaum noch ein Weißfisch darin. Es
ist ein Skandal. Die Gerbereien richten alles zugrunde. Und vor zwanzig
Jahren noch Lachse bis oben hinauf. Wegen des Schmutzes kommen sie
nicht mehr zum Laichen in den Fluß.
* * * * *
Heute nacht hatte ich einen wunderlichen Traum. In einem Garten
stand eine Tulpe dicht neben einer Narzisse im hellen, warmen
Frühlingssonnenschein. War es die Wärme, oder war es der Duft der
Narzisse, der die Tulpe sich zur Narzisse neigen ließ, ich weiß es
nicht. Aber die beiden freundeten sich an, sie tauschten Duft um Duft
und waren guter Dinge dabei und blühten und dufteten, daß es eine
Freude war. Und die Tulpe dachte nicht anders, als daß die Narzisse nur
ganz allein für sie blühte und duftete. Da kam der Gärtner, schnitt
beide ab und stellte sie mit anderen Blumen in eine Vase mit Wasser.
Als die Tulpe nun sah, in wie enge Berührung die Narzisse mit den
anderen Blumen trat, da richtete sie sich stracks auf, so daß ihr
Blumenhaupt möglichst weit von der Narzisse sich wegbog, und machte ein
steifes, selbstbewußtes Gesicht. Vor Scham über die Kälte der Freundin
ließ die Narzisse ihr Blütenhaupt hängen. Das merkten die anderen
Blumen und sprachen: »Tröste dich doch, sie hat nur zu viel Wasser
geschluckt. Sie wird verblühen, wie wir alle. Daher laß uns duften und
Freude spenden, solange es Zeit ist. Mag sie in ihrem Stolze prangen.
Dufte du nur und erquicke die Menschen.«
Als ich aufwachte, fiel mir ein kleines Erlebnis ein, das ich kürzlich
auf der Straße gehabt hatte. Ich hörte im Vorbeigehen, wie zwei
Bürschchen von vier bis fünf Jahren sich zankten, nachdem sie mir
ihre Patschhände gegeben und guten Tag gesagt hatten: »Dat is mien
Doktor!« »Nee,« sagt der andere, »dat is mien Doktor!« So fliegt Rede
und Gegenrede immer erregter herüber und hinüber, bis schließlich der
eine weinerlich ausruft: »Wenn dat ok dien Doktor is, denn mag ick em
gornich mehr lieden.«
Merkwürdig, daß die Menschen die Neigung haben, alles ganz besitzen zu
wollen, während doch unser ganzes Leben darauf hinweist, daß uns allen
alles gemeinsam ist; das Sonnenlicht, das uns alle umflutet, die Luft,
die wir alle gemeinsam einatmen, die Töne, die gemeinsam unser Ohr
treffen. So sollten auch wir lernen, neidlos Liebe um Liebe zu geben
und zu nehmen, uns an ihr zu freuen und zu erquicken, wie am Duft der
Blumen, und uns in ihr stärken, wie durch das Licht der Sonne; denn die
Liebe ist das Sonnenlicht der Seele!
* * * * *
Da schreibt mir der Ökonomierat Ahsbahs aus Glückstadt, daß 1890 im
Deutschen Reiche an Milzbrand und Rauschbrand 2798 Stück Rindvieh
krepiert sind, 1906 schon 7333 Stück, in Schleswig-Holstein 1890
86 Rinder, 1906 1324 Stück. Er habe meine Schriften gelesen und
eingesehen, daß ich völlig recht habe. So dürfe es nicht weitergehen.
Die verjauchten Flüsse träten bei Hochwasser über ihre Ufer und
verpesteten die ganzen Weideländereien. Die ganze holsteinische
Pferdezucht litte darunter. Seine besten Rassetiere unter den Kühen
seien dem Milzbrand zum Opfer gefallen. Nun wolle er mit mir Schulter
an Schulter für die Wahrheit kämpfen.
* * * * *
Der König von Schweden, der schon als Kronprinz durch seine
Mitgliedschaft des schwedischen Nüchternheitsvereins ein tapferer
Vorkämpfer im Kampfe gegen das Elend war, hat die Vertreter des
Guttemplerordens auf der Weltlogensitzung in seiner Sommerresidenz
empfangen, und offen vor allem Volk die Notwendigkeit unseres Kampfes
anerkannt. Nun muß er sich den Haß von Brennern und Brauern gefallen
lassen. Aber sein Volk liebt und verehrt ihn mit heißem Herzen.
* * * * *
Ich sah in einer Gemäldesammlung ein wunderlich ergreifendes Bild.
Auf einem sandigen, kahlen Hügel, auf dem nur spärlich stachlichtes
Kraut wuchs, stand ein Kreuz, aus drei rohen Balken gezimmert. An ihm
hing ein jugendliches Weib. Sein Antlitz zeigte noch im Tode ein selig
verklärtes Lächeln und eine schier überirdische Güte. Zart umhüllte
das weiße Gewand den vollendet schönen Körper. An dem Fuß des Hügels
brandete grau und tot das Meer. Am fernen Horizont ging in trübem Nebel
die Sonne unter. Das Bild war ergreifend gemalt. Erschüttert stand ich
vor ihm. Wollte es mir eine Geschichte unseres Lebens erzählen, einen
Schlüssel des menschlichen Lebens geben? Plötzlich berührte jemand von
hinten meine Schulter. »Gefällt es Ihnen,« kicherte eine leise Stimme.
»Soll ich Ihnen sagen, was es bedeutet? Ich weiß es, denn ich bin der
Maler, der es gemalt hat. Sehen Sie, das schöne Weib dort am Kreuz
ist das Glück. Der Hügel, auf dem das Kreuz steht, mit seinen Nesseln
und Disteln, -- das ist der Alltag, -- die drei Balken, die das Kreuz
zusammenhalten, sind der Hochmut, die Herzlosigkeit und die Genußsucht.
Das Meer sind die unnützen Sorgen, die wir uns machen, der Nebel ist
der Kleinmut, der die Sonne, unsere Tatkraft, verdunkelt.« Der Maler
hatte recht, aber er war über seine Erkenntnis wahnsinnig geworden. Ihm
hatte offenbar die Kraft gefehlt, die Nebel zu verscheuchen, das Weib
vom Kreuz zu erlösen und vom Hügel herab durch die Wogen des Meeres zum
Land der Sonne zu tragen.
* * * * *
Herrgott, -- ich wollte, ich wäre ein reicher Kerl; ich wüßte, was
ich täte! Ich legte mein ganzes Geld in Bauvereinen an. Aber nur
Einzelhäuser mit Gärten müßten sie schaffen, weit draußen, wo das Land
noch billig ist, aber so, daß die Leute mit der Bahn doch schnell zur
Stadt kommen könnten, -- und mit den Zinsen, die sie in ihrer Miete
zahlen müßten, schüfe ich immer neuen Segen, trocknete ich Tränen von
Witwen, hülfe Kranken und Armen und trüge Aufklärung in unser Volk und
immer wieder Aufklärung. So schüfe ich ihnen Leben und Vaterland und
zeigte ihnen, wie sie beides lieben könnten. Denn Aufklärung heißt
Lieben. Nur wo die Aufklärung fehlt, wo die Beschränktheit das eigene
Ich in den Vordergrund schiebt, fehlt die Liebe! Nur hier fehlt sie auf
die Dauer!
* * * * *
Ist es Zufall? Oder sind es die Wellenkreise des Geistes, die unser
menschliches Leben ausmachen und, unsichtbar für uns und, oft genug von
uns nicht beachtet, sich gegenseitig schneidend uns berühren?
Heute abend war ich bei Professor U., einem der Führer des neuen
Monistenbundes, zum Herrenabend eingeladen, »zu Ehren von Professor
Verworn«, dem Physiologen und Philosophen aus Göttingen. Lange schon
haben sie an mir herumgebastelt, daß ich in ihr Lager übertrete; ich,
als alter Naturwissenschaftler, Anhänger der Deszendenztheorie, Schüler
von Darwin und Haeckel, könne und dürfe gar nicht anders. Aber mich
hielt etwas zurück, wußte selbst nicht was.
Monisten? »Monos?« »Nur Eins« -- das ist's, was mich abhielt: Ihr seht
nur den Stoff und seine Kraftäußerungen. Für euch ist die Seele nur die
Tätigkeit der Ganglienzellen in euren Gehirnen, die aufhört zu sein,
wenn euer Gehirn nach eurem Tode wieder in Atome zerfällt, -- aber
ihr vergeßt die Wellenringe, die von diesen Ganglienzellen ausgingen,
als sie noch zusammenhielten, diese Wellenringe des Geistes, die
ebensowenig vergehen können wie irgend eine Kraftäußerung der Materie.
Und nun nehmt die Summe dieser Wellenringe des Guten, Schönen; nehmt
die Summe dieser Wellenringe der Liebe, die, ehe es Lebendiges auf der
Welt gab, das All durchfluten, die es durchfluten seit Ewigkeiten;
nehmt die Summe aller jener Gesetze, die so wunderbar das Ganze
»werden« ließen, in denen auch ihr die Zweckmäßigkeit bewundern müßt,
die wir Weisheit nennen, -- was wollt ihr mit der Summe all dieser
Liebe und Weisheit anfangen, die seit Ewigkeiten wirkt und webt?
Ich kenne ihren Träger nicht und hüte mich, das Gebot Mosis zu
verletzen, mir ein Bildnis von ihm zu machen! Aber diese Summe ist da,
-- ist »Er!« --
Sie wollen auf meine Kinderstubenweisheit nicht hören. »Man könne
nicht ins Aschgraue weiterfragen. Man müsse sich mit der erreichbaren
Erkenntnis der Gesetze zufrieden geben.« Ein schöner Trost.
Aber es sind feine, kluge, gute Menschen, zumeist Juden. Und einer
der klügsten und besten mein Professor U. Es ist wirklich schade, daß
er »Monist« ist, und hat doch solch starke Dosis von dieser großen
Summe der »Liebe« abbekommen, jener Charitas, die Christus der Welt
als Lebensbasis gepredigt hat, Er, der doch auch aus dem Judentum
hervorgegangen ist, wenn auch manche jetzt behaupten wollen, Christus
sei arischen Stammes gewesen. Aber gelernt hat er im jüdischen Tempel.
Mehr als einmal hat mir der gute Professor geholfen, wo es galt, Not zu
lindern, Kollegen, Mitmenschen aus tiefster Not wieder emporzureißen zu
menschenwürdiger Existenz. Und nun Monist? Zu schade.
Nach dem Essen komme ich mit seiner braven Frau ins Gespräch, einer
feingebildeten, strenggläubigen Jüdin.
»Sie wissen, Doktor, wie lieb ich meinen Mann habe, und wie ich ihn
verehre, -- aber in seinen Monistenbund kann ich nicht mit eintreten.
Als mein Mann vor einem Jahre so krank war, daß wir uns alle auf das
schlimmste gefaßt machten, da habe ich zu Gott gebetet, täglich,
stündlich, -- und mein Mann genas. Und nun, wo es uns so gut geht,
da soll ich Gott abdanken und in den Bund eintreten, -- das kann ich
nicht. Das käme mir zu treulos und undankbar vor.«
Mich durchrieselt es wie von heiliger Scheu vor dieser Frau,
die so still und schlicht und dabei so offen und ehrlich ihr
Glaubensbekenntnis ablegt. Ich wollte, recht viele von unseren
kaltherzigen, modernen Christenfrauen könnten ihr Glaubensbekenntnis
hören. Vielleicht würden sie dann auch mehr Dankbarkeit und Liebe für
ihre Männer haben.
Und was mich da aus dem kindlichen, unwissenschaftlichen Bekenntnis
dieser Jüdin packt, -- ist's nicht wieder ein Wellenring jenes großen
Geistes, der eben die Summe aller jener guten, großen, liebevollen
Gedanken umfaßt, die die Welt des Geistes seit ihrem Bestehen erwärmt
haben? --
Wie ich daheim auf der Eisenbahnstation unserer Vorortsbahn in unserem
Gottesgarten aussteige, -- 's ist der letzte Zug, Mitternacht ist
vorbei --, treffe ich den Hochtempler unserer Loge, meinen braven
Schulmeister. Er sieht so gedrückt aus, fast, als habe er geweint,
und etwas Zorniges, Festes liegt auch noch auf dem Gesicht. »Hallo,
Bruder, was gibt's? Wo drückt der Schuh?« -- Da erzählt er mir, während
wir durch den nächtlichen Nebel heimwärtsschreiten, er käme aus der
Distriktslogensitzung. Heiße Köpfe habe es gegeben. »Was war denn los?«
-- Zwei Ordensbrüder, -- ich kenne sie wohl, intelligente Köpfe sind es
und eifrig an der Rettungsarbeit, -- hätten den Antrag gestellt, aus
unserem Ritual alles, was von Gott, Christus oder Gebet darin vorkomme,
zu streichen. Es sei nicht mehr zeitgemäß. Wir lebten im Zeitalter der
Naturwissenschaften, und da sei es an der Zeit, mit den Überbleibseln
der alten Dogmen aufzuräumen. Aber er wolle sich seinen Gott und seinen
Christus nicht rauben lassen; lieber träte er ganz aus dem Orden aus.
-- So heftig und scharf habe ich den sanftmütigen Mann noch nie reden
hören.
Der Teufel soll drein schlagen! Was hat denn Gott und Christus mit
dem Dogma zu tun! Mag doch ein jeder sich seinen Gott so groß und so
behaglich denken, wie er's kann nach seinem bißchen Verstande. Aber ihn
so einfach mir und dir nichts streichen, das ist ja gerade wie zur Zeit
der Französischen Revolution!
»Wann ist die nächste Sitzung?« -- »In vierzehn Tagen.« -- Da muß ich
hin, ich will ihnen Wellenkreise um ihre Köpfe ziehen, daß ihnen die
Schuppen von ihren Augen fallen, und ...
* * * * *
Das war eine heiße Sitzung. Das Gebet sollte fallen. Es sollte nur eine
Aufforderung erlassen werden zu einem sittlichen Lebenswandel. -- Warum
nicht in Form des Gebetes?
Wunderlich, die Antragsteller sind alle Beamte. Da liegt's. Sie wollen
außerhalb ihres Amtes keinen Vorgesetzten haben. Und wenn sie bitten:
Herr, hilf mir --, so spüren sie in dem »Herrn« eben den über ihnen
Stehenden. Und weil sie von der Schule her gewohnt sind, dabei an den
»Persönlichen« zu denken, so wollen sie ihn abschütteln, wollen frei
sein.
Da sagte ich ihnen, wie ich es erschaut hatte: ich halte es für einen
Frevel, von einem »persönlichen Gott« zu reden, für einen Frevel gegen
das Wort im 2. Buch Mosis: »Ihr sollt euch kein Bildnis machen!« Denn
diesen »persönlichen Gott« haben sich die Menschen nach ihrem kleinen
Menschenbildnis zurechtmodelliert.
Ich aber beuge mich vor dem »Unbekannten«, -- der in der Welt ist
als Seele der Welt, unvergänglich, wie die Welt unvergänglich ist,
unvergänglich, wie jede Kraftäußerung der Materie, -- eins mit ihr und
doch über ihr stehend, wie eure guten, mitfühlenden Herzen, die euch zu
eurem Samariterwerk treiben, die Verlorenen aufzusuchen und zu retten;
die euch treiben, die Wahrheit zu bekennen, Aufklärung zu verbreiten
und Samen des Guten auszustreuen, Samen, der, wenn eure Körper längst
in Atome zerflattert sind, weiterwächst und weiterwuchert, wie ein
feiner Same, heute und weiter wohl in alle Ewigkeit.
Und mögen sie tausendmal beweisen, daß der Christus, den sie sich
in ihren Dogmen zurechtgeschnitzt haben, nicht gelebt hat, -- Einer
hat sicher gelebt, Der, dessen Wellenringe der Liebe nun schon zwei
Jahrtausende die Menschen lebendig gemacht haben; die, wie die Sonne,
Wärme und Licht in die Menschheit ausgestrahlt haben! Und wenn sie
sagen, daß Christi Lehre schuld sei, daß so viel Blut vergossen ist,
und so viel Martyrium erduldet ist, so sage ich euch: nicht Christus,
nicht Christi Lehre ist daran schuld, sondern einzig und allein der
Mangel an Liebe, die Genußsucht und die Selbstsucht der Fürsten,
Pfaffen und ihrer Knechte.
Aber dieses: »Herr, hilf uns!« -- Da sagte ich ihnen: »dann laßt uns
beten: Du Unfaßbarer, Unendlicher, von dem jeder von uns ein Teil ist,
der du das Ganze, das All umfassest und mit ihm eins bist, wie das
Gute, das aus irgendeinem von uns herausging, eins ist mit dir und
doch noch weiterwirkt, wenn der Leib, dem es entsprang, längst verweht
ist, du Großer, Inbegriff alles Guten, aller Liebe, sei in mir, sei
in uns lebendig, damit wir dich ausströmen in die Menschheit als neue
lebendige Liebe, als neue lebendige Kraft, wie die Sonne tagtäglich
neue Wärme ausstrahlt in das allnächtlich erkaltende All. -- -- So
wollen wir uns konzentrieren, um möglichst gut und groß zu werden.«
Das war ihnen wieder zu lang. Da blieben wir denn bei dem kurzen: Herr,
hilf uns!
* * * * *
Heute war ich bei dem Ehepaar Waldbrecht. Mein Gott, was ist das
für ein Elend. Beides brave, tüchtige, gesunde Menschen. Sie eine
kühle, nordische Natur, nüchtern, ihrem Hause, ihren Kindern lebend,
er mit seinem heißeren, südlichen Temperament alles ergreifend, was
ihm in den Weg kommt, in sich verarbeitend, von Tag zu Tag, von Jahr
zu Jahr über sich selbst hinauswachsend. Aber anstatt in ihrer Ehe
immer mehr in eins zusammen zu wachsen, entfremden sie sich immer
mehr, und anstatt in Frieden und Freundschaft ehrlich zu sagen: »wir
hatten uns ineinander geirrt, laß uns wie ein paar gute Kameraden, die
ein Stück Weg zusammen gewandert sind, auseinandergehen und unseren
heranwachsenden Kindern, jeder in seiner Art, Freund und Berater sein«,
zerquälen sie sich gegenseitig in diesem Martyrium ihrer Ehe ihr
schönes Leben und machen sich gegenseitig, ohne es selbst zu wissen
und zu wollen, krank. Und unser Leben auf dieser Welt fliegt doch gar
so schnell dahin und wird uns doch nur einmal geschenkt. Da ist eine
ehrliche und reinliche Scheidung doch das einzig Sittliche.
* * * * *
Es gibt Menschen, die von Natur jeder Verinnerlichung und Vergeistigung
abhold, und andere, für die die gesamte äußere Welt lediglich Symbole
des Geistigen sind, und die in sich nicht zur Ruhe kommen, die nicht
leben können, wenn sie nicht diesen geistigen Kern der Außendinge
erfaßt, in sich verarbeitet und aufgenommen, -- ihn genossen haben.
Wenn zwei derart verschiedene Naturen in einer Ehe zusammenkommen, so
muß das zur Katastrophe führen, -- früher oder später.
* * * * *
Heute zum Hofbesitzer R. gerufen. Herzlähmung. Tod. -- Jahrelang
habe ich um ihn gekämpft. Als ich ihn vorzeiten zum erstenmal
untersuchte, merkte ich gleich, wo der Hase im Pfeffer lag. Herz und
Leber vergrößert. Die Bäuerin sagte nichts. Aber ihr gramerfülltes,
stummes Gesicht und das angsterfüllte Auge sprachen mehr als eine
lange Jeremiade. Er war einer der Hauptkunden von dem patriotischen
Lautenthal. »Junge, so'n Kerl as du, de ward doch wol noch 'n Grog
drinken können.« »Du warst di doch von de Waterdrinkers nich int
Slepptau nehmen loten? 'n Kerl as du!« »Wenn du di dat nich leisten
wullt, wokeen kann sik denn sünst dat leisten?« -- Mit solchen
Redensarten umgarnte die fette Kreuzspinne ihn immer wieder, wenn er
eben versuchte, den stummen Bitten der Augen seiner Frau zu folgen
und daheim zu bleiben. Nun hatten sie ihn so weit. Ein Glück, daß der
Sohn inzwischen herangereift war. Der hatte sein Einjährigenexamen
bestanden, sein Dienstjahr hinter sich, -- nun leitete er mit seinen
zwanzig Jahren den Hof, so gut er's konnte. Vom Vater hatte er keinen
Rat. Der stand nur höchstens störend auf der Tenne oder dem Hofe herum,
wo er am wenigsten am Platze war.
Aber ehe der Sohn zum Militär ging, hatte er Sommertags auf dem Hofe
gearbeitet und im Winter die landwirtschaftliche Schule besucht. Daher
befremdete es mich auch nicht, als ich den Hof betrat, in dem ich den
Vater auf dem Totenlager wußte, daß auf der Diele die Dreschmaschine
ging, -- es war der Pulsschlag gesunden Lebens. Den Vater hatten sie
schon längst zu den Toten gerechnet.
Als ich auf dem Heimweg den Kanzleirat traf und meinem Kummer Luft
machte, daß der 54jährige Mann so früh hätte ins Gras beißen müssen,
meinte der achselzuckend: »trank zu viel.« --
An sämtliche Ecken im Dorf möchte ich mich stellen und rufen: »Die da
sind seine Mörder! Die da sind die Räuber, die seinem Weibe den Gatten,
seinen Kindern den Vater geraubt haben, um seine Taler zu kriegen,
die er mit Pflug und Egge aus seinem Acker herausgearbeitet hat im
Schweiße seines Angesichts. Mit Lug und Trug haben sie ihn umnebelt,
bis sein Geist umnachtet war, und er als halber Idiot auf seinem Hofe
herumschlich.«
Oh, -- aber es ist so patriotisch zu saufen! Der Lautenthal muß ja
doch gehalten werden gegen die verdammten Roten. Und erst neulich im
Reichstage haben die Konservativen wieder einstimmig dagegen Front
gemacht, daß der Zehnte aus der Branntweinsteuer zur Bekämpfung der
Trunksucht verwandt würde, -- das sei keine Sache des Reiches, das sei
»Privatsache«. Jawohl, Privatsache! Privatsache von euch adligen und
bürgerlichen Branntweinbrennern, die ihr euch die »staatserhaltenden
Elemente« schelten laßt, -- als ob man unser Volk wie Museumspräparate
in Spiritus konservieren könnte!
Wie sich in alten Zeiten die Germanen gegenseitig in Bruderkriegen
abschlachteten, so vernichten sie sich heutzutage gegenseitig mit der
Verführung zum Trunk aus schmutziger Erwerbssucht, aus Eitelkeit, aus
Stumpfsinn, aus »Patriotismus« und aus sonstigen blödsinnigen Gründen.
Man möchte mit dem Schwerte dreinschlagen!
* * * * *
Heidi, nun tobt der Kampf! Aber Methode haben die Gegner, -- das muß
ihnen der Feind lassen. Die Arbeiter unter meinen Kranken hetzen
sie dadurch gegen mich auf, daß sie ihnen vorhalten, ich sei so ein
hochnasiger Reserveoffizier, und was ich für sie täte, tue ich nur
aus politischen Gründen, aus Eitelkeit und aus Selbstsucht. Den
Unternehmern sagen sie, ich hetze ihnen die Arbeiter auf, mache sie
begehrlich und verwöhne sie mit meinen Häusern, die ich ihnen mit
Hilfe der Baugenossenschaft baue. Den Führern in der Arbeiterschaft
haben sie klar gemacht, daß ihre politischen Versammlungen nur
deshalb so schlecht besucht seien, weil die Arbeiter jetzt diese
verdammte Genügsamkeit sich angewöhnten und mehr an Schweineschlachten
und Kohlpflanzen und Kartoffelbauen dächten als an Politik. Und
gleichzeitig denunzierten sie mich bei meinem Bezirkskommando, ich
hielte es mit den Arbeitern und sei nur so ein verkappter Roter, und
das dürfe doch nicht gelitten werden! Aber sie sagen nicht dabei, daß
sie nur deswegen so wütend auf mich sind, weil ihr Schnapshandel nicht
mehr so floriert und die Schankstuben nicht mehr alle vierundzwanzig
Stunden des Tages so voll gepfropft sind voll rauchender und trinkender
Menschen, die dort ihr Geld und ihre Gesundheit lassen, wie ehedem.
Und sterben doch immer noch genug Männer in den Dörfern ringsumher, die
nicht auf uns Guttempler hören wollen, die auf uns schimpfen und über
uns lachen, Wirte und Stammtischler, Arbeiter, Handwerksmeister und
Rentnersleute, denen kein Mensch ansah, daß Herz und Leber längst gelb
und verfettet waren.
Daß ich aber mit meiner Nüchternheit und mit meinem Häuserbauen nur
eins will: gesunde, glückliche Menschen schaffen, -- oder vielmehr --
auf eine praktische Art den Menschen helfen will, gesund und glücklich
zu werden, -- ein Sandkorn beitragen will mit meinen schwachen Kräften,
daß unser geliebtes deutsches Volk stark und tüchtig bleibe für
alle Zeiten, das sagen diese edlen Patrioten, obwohl sie es selbst
klar genug wissen und durchschauen, weder den Arbeitern, noch den
Unternehmern, weder den Führern, noch meinem Bezirkskommando. Nun wohl,
-- so muß ich's allen diesen wohl selber sagen.
* * * * *
Sie wollten's nicht wahr haben mit ihrer Verurteilung und hatten
Revision eingelegt. Nun haben sie noch die Kosten und den Spott dazu.
Hatten gedacht, sie könnten's mit mir ebenso machen, wie mit dem armen
Landpfarrer, den das Gericht zu 200 Mark Geldstrafe verurteilt hat,
weil er öffentlich gesagt hat, das Braugewerbe sei ein unsittliches
Gewerbe.
Zurücknehmen sollte ich, was ich in meinem letzten Vortrage von den
Vampyren und Kreuzspinnen unter den Wirten gesagt hätte. Nichts nähme
ich zurück, habe ich ihnen geantwortet. Aber beleidigend für mich und
albern sei es, mir, der ich, wenn ich hungrig und durstig auf der
Praxis sei, tagtäglich bei den Wirten einkehre, um mich mit Milch und
Brot oder Früchten oder Bouillon zu restaurieren, zuzumuten, diese
Leute, die mir helfen, mich zu erquicken, schlechthin von Standes wegen
zu Vampyren stempeln zu wollen.
Da habe ich es ihnen naturwissenschaftlich klargemacht, was ich gesagt
habe. Vampyre und Kreuzspinnen sögen ihren Mitgeschöpfen das Blut aus.
Und daß viele, nur zu viele unter den Wirten dieses ebenso machten,
dafür wolle ich den Beweis der Wahrheit antreten und ihnen reihenweise
die Bierfahrer aufführen als Zeugen an Gerichtsstelle, die mir, ihrem
Arzte, ihr Leid geklagt, daß sie, um ihre Familie ernähren zu können,
erst ordentlich trinken müßten bei den Wirten, weil diese ihnen sonst
kein Bier abkauften, und wieder trinken, damit sie nur ihr Geld beim
Einkassieren erhielten. Und die Witwen und Waisen von solchen, die sich
auf diese Weise zu Tode getrunken hätten.
Und wie das Gericht eine Pause machte, tritt aus dem Zuschauerraum
ein Milchhändler auf meinen Rechtsanwalt und mich zu und bietet sich
gleich als weiteren Zeugen an, um das, was ich gesagt, sofort unter
seinem Eid zu bekräftigen. Champagner hätte er ausgeben müssen, nur um
die Ehre zu haben, in einer Wirtschaft seine Milch zu verkaufen, und
Wirt und Wirtsfrau und Kellnerin hätten mittrinken müssen, um die Zeche
hochzubringen. Da hätte er die Sache vor Gericht gebracht, und der Wirt
sei wegen Nötigung und Begünstigung der Völlerei verurteilt und mit
Entziehung der Konzession bedroht.
Aber meine Richter kannten die Gesellschaft offenbar ebensogut wie
ich. Der Vorsitzende hat hochdeutsch mit ihnen geredet. Nun ist ihr
Schimpfen und Verleumden ihnen teuer zu stehen gekommen.
* * * * *
Ich kann nicht darüber wegkommen, daß die Juden in der Monistenbewegung
wiederum die Hauptrolle spielen. Das Gute, das sie dabei tun, ist
wieder die zersetzende Kritik, die sie damit an unseren verspakten
Dogmen üben, an die ja doch von hundert keine drei mehr glauben. Es ist
die reine Bakterienarbeit, die sie treiben: wie die mikroskopischen
Tausendkünstler der Chemie zersetzen sie, was immer in unserem
Kulturleben sich als Absterbendes, Totes zeigt, in Rußland, in
Österreich, in Italien, in Frankreich, in Spanien, wie bei uns. So sind
sie in der Tat der Sauerteig der Erde.
Wunderbar, wie fein die Bibel diese Wirkung der Hefezellen des
Sauerteigs bereits auf das Geistige zu übertragen wußte, obgleich sie
von der mikroskopischen und mikrochemischen Natur dieser kleinsten
Lebewesen noch keine Ahnung hatte. Aber es ist keine Frage; die alte
Prophezeiung ist eingetroffen: sie sind der Sauerteig der Erde.
Aber wirken sie nur zersetzend, nicht auch aufbauend, schaffend? Ist
nicht die Tätigkeit jener zahllosen jüdischen Frauen, die ihr Leben
selbstlos der Wohltätigkeit, besonders in den Frauenvereinen widmen und
gewidmet haben, -- ich denke an eine Rahel Varnhagen, Lina Morgenstern,
-- ist nicht die Tätigkeit aller dieser eine aufbauende? Ja und nein.
Vor allem zersetzen sie die Kälte, die Lieblosigkeit, die ein Zeichen
des Todes ist, und bringen die Herzen in Gärung, und Gärung erzeugt
Wärme, und Wärme ist Liebe.
Wohlan, ihr tapferen, warmherzigen, jüdischen Frauen, kommt mit eurer
Wärme, die ihr vor tausend Jahren mit der wärmeren Sonne eures
Vaterlandes Palästina eingesogen habt, und helft die Gleichgültigkeit
und Kälte des Nordens in Gärung versetzen! Ich heiße euch willkommen im
Kampfe der Geister!
* * * * *
So mußte es kommen. Haben sie den großen starken Lümmel, den Jacobsen,
auf der Schulbank festgehalten, anstatt ihn, der mit seinen vierzehn
Jahren so ungeschlacht war, wie ein starker Zweiundzwanzigjähriger,
laufen zu lassen. Der Vater hat gebeten, -- er könne den Jungen nicht
mehr zahm halten, -- der Großvater habe mit fünfundsechzig Jahren noch
die fünfte Frau gefreit.
Die Mutter hat gefleht, -- sie sollten den Jungen konfirmieren, damit
er zur See könne. Ungern ließe sie den Einzigen aufs Schiff; aber sie,
als Mutter, wisse am ehesten, daß es das Beste für den Jungen sei.
Er müsse sich ausarbeiten; könne die Kraft nicht mehr zügeln. Alles
umsonst. »Er weiß noch nicht genug. Soll noch ein Jahr zur Schule
gehen.«
Vor einem halben Jahre erst hat er den Streich gemacht und ist mit
des Brückenwarts Boot die Elbe hinuntergesegelt, -- hat nach Amerika
wollen, -- fort, nur fort!
Nun ist es über ihn gekommen, der große dunkle Drang, -- alles Denken
hatte aufgehört in ihm, wie er nachher selbst geäußert hat.
Mit des Nachbars Zehnjährigen hat er Holz gesammelt am Strand. Da hat
er sie niedergeworfen in den weichen Sand. Und da ist's geschehen. Das
Mädel ist nachher zur Mutter gelaufen, die Mutter zum Gendarmen, -- der
hat den Burschen gleich verhaftet. Dann ist sie mit dem Kind zu mir
gekommen. Ich sollte es untersuchen. Nichts ist ihm geschehen zum Glück.
Aber der Bursche! Wenn er gelind davonkommt, stecken sie ihn in die
Fürsorgeerziehung. Einstweilen sitzt er erst einmal Wochen, Monate in
Untersuchungshaft, wie sie das so schön nennen, bis diese entsetzlich
langsam arbeitende Maschine Justiz Untersuchung und Urteil beendet hat.
Und dann? Dann ist aus dem kräftigen Burschen mit seinem ungebändigten
Naturtrieb ein elender, verkommener Wicht geworden. So züchtet man
Verbrecher, -- +im maximam Dei gloriam et scholae+.
* * * * *
Alle Kämpfe, die wir draußen im Leben kämpfen, müssen wir zuerst in
unserem Herzen durchgekämpft haben. Sei es, daß es sich um die Klarheit
in unserem Verhältnis zu dem handelt, was wir Gott nennen, sei es, daß
es sich um unsere Stellung handelt, die wir den sozialen Fragen unserer
Zeit und unserer Regierung gegenüber einnehmen wollen, vor allen Dingen
unseren Mitmenschen gegenüber, -- sei es, und das ist das Wichtigste
für den Mann, daß wir das Weib zu gewinnen suchen, mit dem zusammen wir
in eins verschmolzen uns zu dem Gemeinschaftswesen »Mensch« verbinden
und erheben wollen, in der Erkenntnis, daß weder der Mann allein,
noch das Weib allein den Ehrennamen Mensch verdient! -- -- -- Nur die
Unklarheit diesen Fragen gegenüber ist es, die uns schwächt und lähmt
und nur zu oft die Sucht in uns großzieht, uns zu betäuben, damit wir
nicht an sie zu denken brauchen. Und doch ist dieser Kampf in uns das
einzige, was uns Klarheit und Ruhe und damit die Kraft zum Weiterleben
und den Sieg über uns selbst wiedergeben kann.
Wie ich es vorher gesagt, ist es gekommen! Nun gibt es was zu reden
für die Sittlichkeitsrichter, unter denen sich nur zu oft Leute
befinden, die sich mit ihrem vielen Bier dicke Bäuche herangezüchtet,
und, wie Bismarck so schön gesagt hat, »impotent getrunken« haben, nun
jammern und zetern sie über das Zunehmen der Sinnlichkeit. Und was
ist geschehen? Ein unreifer Schlingel, der längst auf dem Schiff oder
auf dem Acker sich seine pferdestarken Muskeln und Knochen hätte müde
arbeiten sollen, hat, krank vor unverbrauchter Kraft, unreife Früchte
pflücken wollen.
Diese verfluchten scheinheiligen Pharisäer mit ihrem Zetern über die
Zunahme der Sinnlichkeit, als ob die an sich eine Sünde wäre. Und ist
doch eingesetzt von der ewig gütigen und allweisen Mutter Natur zur
Erhaltung der Menschheit! Ist zu vergleichen einer reinen und schönen
Quelle, die uns Gesundheit und Kraft zu geben bestimmt ist. Aber die
Torheit und Gemeinheit der Menschen wirft Kot und Unrat hinein und
verunreinigt und vergiftet sie und wundert sich dann, wenn diese Quelle
ekle Krankheiten und Tod hervorbringt, oder die Menschen lassen sie
versiegen, wie diese Stammtischpharisäer mit ihren dicken Bäuchen, und
schelten dann neidisch auf die Gesunden, bei denen sie sprudelt. Und
dabei fangen die deutschen Regierungen bereits an, sich zu sorgen
über die Abnahme der Geburten! -- Verdammt noch mal, -- schließt doch
diese verfluchten Schnapshöllen, Bierpaläste und Bordelle, und gebt
unserem Volke Land, Land und nochmal Land, und unser Volk wird für alle
Ewigkeiten der Menschheit eine Quelle sein für Kraft und Gesundheit und
Fortschritt zum Guten!
* * * * *
Ich kann in mir nicht zur Ruhe kommen. Was heißt denn Sünde? Ich
habe herumgefragt bei den Autoritäten, auch den amtlich für solche
Fragen angestellten, -- aber keiner scheint es zu wissen. Auch mein
Pfarrer nicht. Der eine sagt, alles, was den Gesetzen widerspricht.
Den Gesetzen? Welchen Gesetzen? Jenen, die von Menschenhand gemacht
sind und anders sind in diesem oder jenem Land, anders heute und
anders morgen? Ein anderer sagt, alles sei Sünde, was unserem Gewissen
widerspricht. Da haben die Menschen es sich freilich bequem gemacht,
-- denn Fürst, Minister, Professor, Doktor bis zum jüngsten Lehrling,
-- sie betäuben einfach ihr Gewissen mit ein wenig oder -- mit etwas
viel Wein, Bier, Sekt oder Schnaps, -- und dann schweigt der unbequeme
Schlingel Gewissen, -- und die Sünde ist keine mehr. So machen sie es,
wenn sie nach ihren Diners, Kommersen, patriotischen Festgelagen und
Kneipereien in Gott weiß was für Winkelschenken ins Bordell taumeln,
wie neulich erst wieder die Turner nach ihrem großen Fest zu Hunderten,
-- so machen sie's am Regierungstische, wenn sie zugeben, daß unseren
so wertvollen, ja unentbehrlichen Arbeitskräften in unseren Kolonien,
den Negern, schiffsladungsweise der Schnaps, den unsere hohen Herren
brennen, verkauft wird, und dann, wenn sie zu Säufern geworden sind,
noch obendrein Gewehre hinterher. Denn Menschen mit klarem Gewissen und
nüchternem Verstande können doch solche an Wahnsinn grenzende Taten
nicht begehen oder auch nur gutheißen!
Auch das mit dem Gewissen genügt also nicht. --
Halt, -- ich hab's: Sünde ist alles das an Gedanken, Worten oder
Werken, wodurch wir selbst oder andere krank oder unglücklich werden
oder gar sterben.
* * * * *
Mir ist so angst, seitdem mir seit gestern das Wesen der Sünde, wie es
schon in der Macht des Gedankens beruhen kann, klar geworden ist. Der
einzige Mensch, den ich je in meinem Leben wirklich gehaßt habe, aus
ganzer tiefster Seele gehaßt habe, weil er gar so verlogen und falsch
ist, die Jugend zum Trinken verführt und mit seiner Gehässigkeit so
viel Unglück stiftet unter den Menschen, saß mir im Gericht gegenüber,
wohin ich ihn zitiert. Und wie ich ihm gegenüber saß, hatte ich nur den
einen Gedanken, ihm im Zweikampf mit einer Hand, die, wenn sie will,
nicht fehlt, eine Kugel in die Stirn zu jagen, damit er nicht weiter
Haß und Unheil unter den Menschen säen kann. -- Und grauenhaft! Seit
dem Tage fast trägt der Mensch an seiner Stirn ein Kainszeichen, just
an der Stelle, an der meine Gedanken sich wie eine Kugel einbohrten, um
ihn zu töten. Und die Stelle heilt nicht, -- will nicht heilen, kann
nicht heilen. --
Die Okkultisten nennen das »schwarze Magie«. Aber das ist ja Unsinn.
Ich glaub' nicht daran.
Ich weiß als Arzt, woher die Stelle stammt und kann doch nicht ruhig
werden.
Herrgott im Himmel, -- gib, daß seine Stelle heilt! Hilf mir, wenn es
nicht anders sein kann, meinen Haß besiegen, damit sie heilen kann! --
* * * * *
Es ist entsetzlich in diesen ganzen Monaten. Ich habe sie nicht
gehaßt! Bei Gott im Himmel, ich habe sie nicht gehaßt, und sie
sterben reihenweise; der eine an Zuckerkrankheit, der andere an
Arterienverkalkung, der dritte und vierte an Herz- und Leberverfettung
und ich weiß nicht was alles. Ich weiß aber, sie haben sich gebrüstet
damit, wieviel sie vertragen könnten und haben auf uns Wassersimpel
geschimpft, haben uns verleumdet und schlecht gemacht. Wir haben
versucht, sie aufzuklären, ich habe es wahrhaftig an Mühe nicht fehlen
lassen, und nun sterben sie weg, diese armen Kerle, wie die Fliegen.
Sie sagten, wir wären ihre Gegner und ruinierten ihr Gewerbe. Mein
Gott, aber sie ruinierten die Menschen, und mehr als ein Dutzend
kräftiger, junger Männer könnte ich an den Fingern herzählen, die
gesund und arbeitsfroh in unsere Gegend kamen, und die sie an ihren
Stammtischen festgehalten haben, und die nun schon längst auf dem
Kirchhofe liegen. Ich habe sie nicht gehaßt, wahrhaftig, ich weiß
es, ich habe sie nicht gehaßt. -- Warum, mein Gott, hast du sie denn
sterben lassen und sie nicht aufgeklärt, daß sie gesund blieben?
Vielleicht hätten sie doch Einsicht bekommen und hätten alles anders
gemacht. Mein Gott, es ist zu entsetzlich!
* * * * *
Das erschwert uns den Kampf aufs äußerste, daß dieser Mann, dessen
Beispiel als Tat so unsagbar segenbringend für unser ganzes Volk,
für unsere ganze Nation wirken könnte, beständig hin und her gezogen
wird durch die Einflüsse seiner Umgebung. Da sind auf der einen Seite
diese vielen vortrefflichen, klugen Männer, mit allen Waffen der
modernen Wissenschaft und Technik ausgerüstet. Und ist er durch diese
aufgeklärt, so hält er vortreffliche Reden in unserem Sinne, begeistert
und begeisternd. Und alsbald kommt die Gegenpartei; Leute, die große
Brennereien haben auf ihren Rittergütern und die für den Absatz ihres
Branntweins fürchten, hohe Herren, deren Verwandte Brauereidirektoren
sind, und tuscheln ihm ins Ohr, der deutsche Trunk müßte hochgehalten
werden, die Alkoholgegner wären schlappe Kerle und Guttempler vollends
mit ihren internationalen Gefühlen verdächtig. Das »international«
erinnert womöglich ein wenig an die »internationale« Sozialdemokratie.
Und alsbald wird an einer passenden oder unpassenden Stelle wieder ein
freundliches Wort über das deutsche Trinken gesagt, und der Alkohol
müßte hochgehalten werden, und der Wein soll leben, und begeistert wird
von der ganzen Alkoholpresse und Alkoholindustrie das Wort aufgenommen
und in tausendfachem Echo in der deutschen Tagespresse breitgetreten.
Und dann wird wieder drauflos gesoffen, und wir Guttempler haben wieder
die Rettungsarbeiten in erhöhtem Maßstabe. So kommen wir nimmer und
nimmer vorwärts!
* * * * *
Heut morgen war die junge Heidbäuerin bei mir. Ich solle ihr helfen,
ihren Mann wieder auf den richtigen Weg bringen. Die braune Lisbeth
mache ihn ihr abspenstig.
Ich kenne die Bäuerin von klein auf. Das hübscheste Weib ist es in
ihrem Dorfe, und er ein kreuzbraver Kerl, und gut und tüchtig.
Ich lege ihr die Hände auf die Schultern, schau ihr ins Gesicht und
frage: »Sag, Margreth, hast ihm schon fix zugeredet?« -- »Und ob, --
ich passe ihm auf Schritt und Tritt auf, und kommt er mir einmal später
nach Hause, lese ich ihm tüchtig den Text.«
»So ist's recht, Heidbäuerin, dann wirst ihn bald los sein und der
anderen ins Garn jagen!« --
Oh, über euch törichten Weiber!
Ihr wollt, daß euere Männer euch lieb haben und euch treu seien, und
das einzige Zaubermittel, das unfehlbar wirkt, das nichts kostet und
euch nur Glück bringt, das wendet ihr nicht an!
»Deern, sei nicht so kreuzdumm, sondern leg' ihm Schlingen der Liebe um
seinen Hals und seinen Nacken, daß er dir nicht durchbrennen kann, --
sollst sehen, er ist zahm wie der Stier, der dem Hütejungen am dünnen
Strick folgt.«
Sie sieht mich ungläubig an. Als sie aber mein ernstes Gesicht sieht,
begreift sie. Dankbar schüttelt sie mir unter Tränen lachend die Hand.
Da schiebe ich sie zur Tür hinaus.
* * * * *
Der dicke Brauereidirektor aus der Stadt war bei mir wegen seines
Fettherzens und seiner Leber wegen, ein humaner, guter Mensch. Tausende
hat er mir gegeben für meinen Bauverein und 300 Mark für meine
Bestrebungen, die Elbe reinzuhalten, und manches Zwanzigmarkstück
für unsere Rettungsarbeit an Trunksüchtigen. Ist nun sein Gewerbe
ein sittliches oder unsittliches? Ich muß an den Brauer Jacobsen
in Kopenhagen denken, der seiner Vaterstadt die wunderbarsten
Kunstschätze und herrlichen Museen geschenkt und sie damit zu einer der
kunstreichsten und schönsten Städte der Erde gemacht hat.
Aber ich muß auch an unseren guten Br. Wobsen denken in Flensburg,
der vor fast einem Menschenalter in Dänemark den Vortrag eines
schwedischen Guttemplers hörte und dadurch aufwachte und erkannte,
welch furchtbares Unheil er mit seinem Schnapshandel über seine
Mitmenschen und Mitbürger die langen Jahre gebracht hatte. Als er
nach Hause kam, nahm er seine Flaschen und Demijohns mit den giftigen
Getränken und schüttete sie in den Handstein in seiner Küche, eine nach
der anderen, -- und wurde Guttempler! Er rettete durch seine Tat der
Erkenntnis und der Liebe Hunderten und Tausenden Leben und Gesundheit,
wie er früher Leben und Gesundheit von vielen, ohne es zu wissen und
zu wollen, vernichtet hatte. Das ist der Markstein, ich möchte sagen
die mathematische Lösung, die die Erkenntnis uns gibt: Nicht der
Beruf, nicht das Geschäft, alle diese giftigen Getränke herzustellen
und zu vertreiben, an sich ist unsittlich. Aber sie werden unsittlich
und werden zum Verbrechen, sobald diejenigen, die diese Getränke
herstellen und vertreiben, Wissende geworden sind, sobald sie diese
Getränke herstellen und vertreiben, trotzdem sie wissen, daß sie mit
den Groschen und den Milliarden Mark, die sie daran verdienen, ihre
Mitmenschen auf den Weg des Verbrechens und auf den Kirchhof bringen
und ihr Vaterland in Not und Gefahr. Sobald sie dies wissen und erkannt
haben, handeln sie nicht viel besser als der Straßenräuber, der sein
Opfer mit der einen Hand an der Gurgel packt und ihm mit der anderen
das Messer in die Brust stößt, um ihm sein Geld abzunehmen. Ob er ihn
langsam hinwürgt oder schnell, das bleibt sich für seine Gesinnung und
für das Endresultat gleich. Nicht die Verschiedenheit der Anschauungen
macht es, -- auf die Gesinnung kommt es an. Und weil sie instinktiv
fühlen, daß diese eigene Erkenntnis des furchtbaren Unheils, das
von diesen Trinksitten ausgeht, ihnen selbst ihr Urteil spricht, so
fürchten und hassen sie diese Erkenntnis, und alle, die sie ihnen
bringen. Und belügen sich und andere, um sich und ihr Gewissen zu
betäuben! -- Das ist der Kernpunkt unseres Kampfes!
* * * * *
Und wenn er nicht zu uns kommen will, weil er nicht ganz von seinem
Glase lassen will, so mag er doch die Kelle in die Hand nehmen und zu
den anderen gehen, wie sein Vater und Großvater getan haben. Dort wird
er manches lernen und erfahren, was ihm seine Höflinge doch niemals
sagen. Und wir Menschen können nie genug lernen. Besonders, wenn wir an
einer solchen Stelle stehen, wie er!
* * * * *
Ich fühle es, wie sie hetzen und schüren, die Gegner. Und da sie mir
sonst nichts anhaben können, versuchen sie es mit Lügengespinsten und
Verleumdungen.
Als mir ihre Stammtischausgeburten zu toll wurden, habe ich das ganze
Nest wieder einmal dem Staatsanwalt überantwortet. Der hat wacker
zugegriffen und sie als Verleumder festgenagelt und ihnen den Kopf
gewaschen, daß es dampfte.
Da sind sie zu Kreuz gekrochen, haben Abbitte getan und zugegeben, es
sei »nur ein Bierwitz« gewesen. Nicht meinetwegen hab' ich es getan,
-- aber von meinem Wirken sollen sie mir ihre unsauberen Hände lassen,
damit ich ungestört weiter schaffen kann für meine Armen und mein Volk!
Wie aber, wenn solch ein »Bierwitz« einen trifft, der dieses schmutzige
Gift nicht so, wie ich es getan habe, von sich abstreifen kann, als ob
er mit seinen Stiefeln in etwas getreten hat? Da kann's auch mal ein
Unglück geben, an das die Herren Stammtischphilosophen nicht gedacht
haben.
* * * * *
Unsere Knicks, die die Felder so lieblich umsäumten, die Hecken, in
denen die Vögel im Frühling nisteten und im Winter Schutz suchten,
zerstören sie, um Bauland zu gewinnen oder den Streifen ihrem Acker
zuzuschlagen. Unseren Wald holzen sie ab, und die Heide, meine geliebte
Heide, pflügen sie um. Aus allem wollen sie Geld machen. Ja, --
freilich! Unser Volk wächst und braucht Land und Brot. O mein Gott, daß
ich doch reich wäre und möglichst viel von dem Land aufkaufen könnte,
damit es uns wenigstens hülfe Häuser darauf zu bauen für meine Armen.
Ich fürchte aber, das meiste wird der Spekulation anheimfallen, bis
es schier unerschwinglich teuer wird. Und dann? -- Aber einen Teil
wenigstens muß ich für meine Arbeiter retten, und wenn die Gemeinden
mir auch noch so viele Schwierigkeiten machen! --
* * * * *
Nun kann ich nicht mehr. Eine seltsame Sehnsucht nach Ruhe erfaßt mich.
Heute morgen kommt der junge Heidbauer in meine Sprechstunde, fällt mir
wie ein Kind, -- der große starke Mann, -- um den Hals und schluchzt:
»Doktor, ich hab' sie geschlagen! Sie, die ich so über alle Maßen lieb
gehabt, lieber als mein Leben, die hab ich geschlagen, -- mit dieser
meiner Hand.«
Und dabei sieht er seine Hand an, als ob sie Blutflecken hätte.
Tribuliert hat sie ihn, gequält mit Eifersüchteleien, -- da hat's ihn
übermannt. Erst hat er sie gewarnt: tu's nicht, -- angefleht hat er
sie, -- aber sie hat weiter tribuliert. Dann ist's geschehen.
Und nun könnt' er sie nicht mehr lieb haben, weil sie ihn so weit
gebracht, daß er sich vor sich selber schämen müßte.
Ich red' ihm Mut und Trost ein, an den ich selbst nicht glaube. Dann
fahre ich auf Praxis.
* * * * *
Wie ich durch Nienhusen komme, werde ich angehalten: »Doktor, um
Himmels willen, schnell! Ein Gräßliches ist geschehen! In unserem Dorf!«
Ich denke zunächst an den Heidbauern.
Gott sei Dank, -- der ist's nicht. Aber der Hansen ist's.
Wie ich in den Buschwinkel komme, da steht Hinrich Hansen sein
rothaariger Bub in der Gartenpforte, den Kopf auf den Arm gebeugt,
und weint in sich hinein, daß es einen Kiesel erweichen könnte. Ich
streiche ihm über den struppigen Kopf und trete über den Flur ins
Zimmer.
Barmherziger Gott, liegt die Frau ausgestreckt auf dem Boden, -- tot,
-- der Kopf in einer großen Blutlache.
Ich gehe nebenan hin, wo unter dem nämlichen Dache der Bruder, der
Jakob, wohnt. Sitzt die Frau in der Küche am Kaffeetisch, die Kinder um
sie herum. Alle wie versteinert. Die abgebissenen Butterbröte und die
halbgeleerten Kaffeetassen verlassen und kalt auf dem Tisch.
Um Gottes willen, was ist denn passiert? Tränenlos, mit müder Hand
zeigt die Frau durchs Küchenfenster auf den Hof.
Ich trete hinaus, und Grausen packt mich. Blut und Gehirnfetzen rings
auf dem Erdboden. Und mitten drin liegt der Jakob, tot, starr, der Kopf
von der Küchenschürze der Frau bedeckt. Neben ihm sein Gewehr.
Ich lüfte die Schürze. Schuß in den Mund. Der Schädel
auseinandergesprengt. --
Wie ich wieder vor der Frau stehe und ihr stumm die Hand reiche, löst
sich der Krampf. Unter Schluchzen stürzt es heraus: »O, er war so gut.
Trank nicht. Spielte nicht. Aber das Wildern konnt' er nicht lassen.
Vorige Woche hat er einen Fasan geschossen. Da hat der Flurschütz ihn
angezeigt.
Und nun ging's los. Ging er über's Feld, hänselten ihn die Arbeiter
schon von weitem, legten die Spaten an die Backe und taten, als ob sie
schössen.
Vom Stammtisch schickten sie ihm eine namenlose Karte, er solle sich
den Fasan nur gut schmecken lassen.
Die Schwägerin hat ihn auch geneckt und gehänselt. Er hat sich's
verbeten, ein-, zwei-, dreimal -- sie konnt's nicht lassen.
Morgen sollte er vor's Gericht. Das konnte er nicht überleben.
Drei Glas Grog hat er auf dem Heimweg hinuntergestürzt. Ganz gegen
seine Gewohnheit. Den Gram und den Groll hatte er hinunterspülen wollen.
Und wie er beim Kaffee sitzt mit den Seinen, geht die Schwägerin über
den Hof am Küchenfenster vorbei und macht ihm eine Grimasse zu.
Da ist sein Maß voll gewesen. Die Verbitterung und der aufgespeicherte
Groll haben ein Opfer verlangt. Das hat er mit hinübernehmen wollen in
das Nichts.
Denn der Haß ist der Tod. Nur die Liebe bedeutet Leben.
Plötzlich ist er aufgestanden vom Tisch. -- Gleich darauf zwei Schüsse.
Und nun haben zwei Kinder keine Mutter und sechs keinen Vater mehr. Und
alles um einen Fasan.«
Herr Gott, Vater, nimm mich zu dir. Ich kann nicht mehr. Das ist zuviel
für einen Tag. Erst der Heidbauer und nun dieses.
Zwanzig Jahre habe ich Liebe zu säen versucht, und überall geht der Haß
hoch, und überwuchert die Liebe. Denn wo sie Haß säen, geht er auf, wie
Distelsamen auf Weizenland, daß der Weizen schier erstickt wird.
Was nützt da noch ein Leben in Liebe? Ich kann nicht mehr. Und hab' in
meinem eigenen Herzen mit meinem eigenen Haß zu kämpfen! -- --
Und den Gott der Liebe wollen sie auch noch abschaffen? Wie mag es dann
erst werden! -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
* * * * *
Als ich am Morgen erwachte, hielt ich meine Tageblätter noch in den
Händen. Der Himmel hatte sich etwas aufgehellt. Von Englands Küste
war kaum etwas zu sehen. Dort im Nebel mußte Dungeneß liegen, weiter
nach Süden Brighton, dort Hastings, dort der Leuchtturm von Quessant.
Plötzlich trat die englische Majorsfrau auf mich zu, die sich bis jetzt
nur selten an der Tafel gezeigt hatte.
Wir hatten sie in Antwerpen mit an Bord genommen, da sie ihren
Gatten in Boulogne treffen wollte. In ihrem englischen Akzent, der
die amerikanische Herkunft verriet, fragte sie mich: »Nun, Doktor,
Sie schauen ja mit so bitterbösem Blick nach England hinüber, als
suchten Sie dort jemanden, den Sie erdrosseln möchten.« »Ich denke,«
erwiderte ich ihr, »mit banger Sorge an das, was der Minotaurus von
England wieder Schlimmes für England und für die Welt spinnt.« -- »Der
Minotaurus von England,« fragte sie, gespannt aufhorchend? »Erinnern
Sie sich nicht, Mrs. Elson, an die Artikelreihe aus der Pall Mall
Gazette, in der dieses Blatt vor rund zwanzig Jahren von einem Moloch,
dann wieder von einem Minotaurus berichtete, von einem Ungeheuer,
dem alljährlich Hunderte unschuldiger Kinder Englands geopfert
wurden? Haben Sie nie von diesem gekrönten Ungeheuer gehört?« »Nein,«
erwiderte sie, »die Geschichte ist mir entfallen. Richtig, sie war in
der Presse erschienen, als mein Gatte und ich in Afrika in unseren
englischen Kolonien waren und viele Monate fern von aller Kultur in
der Wildnis lebten. Ich weiß, wen Sie meinen. Und ich will Ihnen eine
kleine Geschichte aus meinem Leben erzählen, die Ihre Kenntnis dieser
Persönlichkeit bereichern wird.
Mein Gatte und ich waren damals verlobt. Ich besuchte ihn in Aldershot,
wo er damals als Leutnant stand, um mit ihm noch einige Dinge für
unsere nahe bevorstehende Hochzeit zu besprechen. Wir saßen an einem
Tischchen in einem der ersten Hotels der Stadt, um unser Frühstück
einzunehmen. An einem zweiten Tischchen in unserer Nachbarschaft saß
ein General. Ich fühlte instinktiv, auch wenn ich nicht zu ihm hinsah,
wie derselbe mich fast unausgesetzt fixierte. Mein Verlobter mußte
bald nach unserer kurzen Mahlzeit in den Dienst. Mein Zug, der mich
nach London zurückführen sollte, fuhr früh abends, ehe mein Verlobter
den Dienst beendet hatte, so daß ich in dem nämlichen Hotel vor meiner
Abfahrt noch zu Mittag speiste. Kaum hatte ich mich an meinem Platze
niedergelassen, als ich an dem Nachbartischchen wieder jenen General
erblickte, der mich genau in derselben unverschämten Weise fixierte,
wie am Vormittage. Ich beendete, unangenehm berührt, hastig mein Mahl,
zahlte und fuhr nach Hause. Am andern Morgen meldete mir mein Diener
einen Herrn. Ich fragte nach seinem Namen. Der Diener antwortete,
der Herr hätte seinen Namen nicht nennen wollen. Ich nahm an, daß es
sich um irgend eine Überraschung oder einen Scherz meines Verlobten
handle und ließ den Herrn bitten. Wer beschreibt mein Erstaunen, als
mit der verlegensten Miene von der Welt und mit tiefsten Bücklingen
der Wirt des Hotels in Aldershot bei mir eintrat. Ich unterbrach
seine endlosen Entschuldigungen, daß er es wage, sich bei mir melden
zu lassen, mit der Frage, was er von mir wünsche. Mit dem Zeichen
der höchsten Verlegenheit fragte er mich, ob ich mich entsinne, daß
an einem Nebentischchen im Hotel ein älterer Herr gesessen, der sich
sichtlich für mich interessiert habe. Ich nickte bejahend. »Was
ist's?« -- Er erwiderte: »Der Herr war General E.« -- »Ich habe ihn
erkannt; was wünscht der Herr von mir?« Der Wirt, sich sichtlich vor
Verlegenheit krümmend: »Der Herr General läßt das gnädige Fräulein
fragen, ob dem gnädigen Fräulein daran läge, Seiner Königlichen Hoheit,
dem Prinzen von Wales, vorgestellt zu werden.« Ich fühlte, wie mir
alles Blut zum Herzen schoß, als ob ich einer Ohnmacht nahe wäre,
und wie gleich darauf mir eine flammende Röte ins Gesicht stieg. Nur
einen kurzen Augenblick besann ich mich auf meine Antwort, -- dann
erklärte ich dem verlegen auf Antwort Harrenden mit so eisiger Stimme,
daß ich mein eigenes Organ kaum wiedererkannte: »Sagen Sie General
E., ich wäre die Braut des Herrn Leutnant R. bei den 4. Dragonern. In
vierzehn Tagen wäre unsere Hochzeit. Nach meiner Hochzeit würde es mir
eine Ehre sein, mit meinem Gatten zusammen Seiner Königlichen Hoheit
vorgestellt zu werden.« Wie der Wirt aus dem Zimmer gekommen ist, weiß
ich nicht mehr, -- ich hatte nur ein Gefühl von grenzenlosem Ekel, von
unsagbarer Scham, wie nach einer tödlichen Beleidigung. War doch in der
Gesellschaft genugsam bekannt, was eine derartige Einladung bedeutete.
-- Mir, der Tochter der großen Republik, der Braut eines königlichen
Offiziers, eine solche Schmach! -- Aber ich war schön und jung, von
tadellosem Wuchs, und so schien ich dem General geeignete frische Ware
für seinen königlichen Herrn. Wenige Tage nach unserer Hochzeit erhielt
mein Gatte seine Versetzung in die afrikanischen Kolonien, wohin ich
ihm selbstverständlich folgte. »Wissen Sie,« fuhr sie fort, »es mag
Mörder und Verbrecher in England und auf dem Kontinent geben, -- dieser
Minotaurus der Pall Mall Gazette ist der größte unter ihnen, der
blutgierigste, der habgierigste, der skrupelloseste. Erinnern Sie sich
an die Entstehungsgeschichte des Burenkrieges, den Jamesoneinfall in
Transvaal und die Gerichtskomödie mit der Bestrafung seiner Urheber?«
Ich nickte. Sie fuhr fort: »Ich kannte sie alle, diese Herren, den
Jameson, Cecil Rodes sowohl, wie Beit.
Die Depesche Ihres Kaisers war ein Zeugnis für das reine, gesunde und
starke Empfinden dieses großen Mannes, daß es sich um einen gemeinen
Schurkenstreich, um einen frechen, räuberischen Überfall auf ein
scheinbar wehrloses Volk handelte. Aber hinter diesem Jameson standen
Chamberlain, Cecil Rodes und Beit, von dessen Hotel geheime Gänge
zu den Gemächern im Palaste ihres Freundes führten, des Minotaurus
der Pall Mall Gazette. Und lediglich die gemeinste Habsucht war die
Triebfeder ihres verbrecherischen Vorgehens. Der gewinnbringende Handel
nach Afrika mit Branntwein, an dem alle diese Herren beteiligt waren,
war bedroht durch die antialkoholische Politik der Burenrepubliken;
die Goldgruben und die Diamantenfelder in Transvaal lockten diese
Mörderbande; die Waffen und Pulverfabriken, deren Mitinhaber sie waren,
mußten bei einem Kriege enorme Gewinne abwerfen. So wurde mit Hilfe
des käuflichen Teiles der englischen Presse der englischen Nation
und der übrigen Kulturwelt das Märchen aufgebunden, der Krieg gegen
die Burenrepubliken sei eine Ehrensache für England. Es sei eine
Kulturaufgabe für die englische Nation, aufzuräumen mit dem verkommenen
Volke dieser Freistaaten. Es ist die alte Geschichte: Wenn der großen
Masse das Verlogenste, Widersinnigste nur immer wieder aufgetischt
wird, vergißt sie, was ursprünglich wahr war, und glaubt das, was sie
glauben soll. Ich habe durch unseren jahrelangen Aufenthalt in Afrika
die Buren gründlich kennen gelernt, und ich kann Ihnen sagen, es waren,
natürlich von Ausnahmen abgesehen, die fleißigsten, intelligentesten
Leute, die ich je gesehen. Sie wären eine Quelle von unschätzbarem
Werte zur Regeneration unserer Kulturwelt gewesen. Sie wissen, wie
der Krieg verlief. Ein reiches, glückliches, lebensfrohes Volk wurde
vernichtet unter unsäglichen Martern, Englands Waffen befleckten sich
mit Schimpf und Schande, bis endlich die Scharte einigermaßen wieder
ausgewetzt wurde, bis endlich der schwächere Gegner nach jahrelangem
Ringen von dem um das Vielfache stärkeren erwürgt wurde. Aber um
welchen Preis! -- Wieviel gutes englisches Blut ist geflossen, wieviel
Elend über englische Familien gekommen, wieviel Glück zerstört! Ich
schweige von meinem eigenen angesichts des endlosen Jammers im ganzen
Königreiche. -- Und warum? Lediglich der gewissenlosen Habsucht dieses
Minotaurus und seiner verbrecherischen Freunde willen. Begreifen Sie,
daß ich diesen Menschen, der kein Mensch ist, hasse, hasse, wie man
die Sünde haßt? Mir ist es, als ob alles Böse, alle Verlogenheit, alle
Grausamkeit der Welt von ihm ausginge. Denken Sie an den Krieg zwischen
Rußland und Japan! Wer hat ihn geschürt? Der Minotaurus! Und nun
sehen Sie, wie er und seine Henkersknechte die Welt durch die Presse
beherrschen.
Haben Sie seinerzeit den Umschwung der öffentlichen Meinung beachtet,
als endlich unter Lord Roberts und Kitcheners Führung das Kriegsglück
sich zugunsten Englands wandte? Wie plötzlich der ganze Haß gegen
England verstummte? Wie plötzlich die Kulturtat Englands in allen
Tonarten gepriesen wurde?
Aber so wahr ein Gott lebt,« und hier hob sich ihre Stimme, daß sie
bei dem herrschenden Sturm und der Brandung des Meeres fast etwas
Dämonisches bekam, »so wahr es eine Gerechtigkeit im Leben des
einzelnen und der Völker gibt, es wird und muß der Tag kommen, wo
dieser Minotaurus entlarvt sein wird, wo er zusammenbrechen wird unter
der Wucht seiner Verbrechen, verfolgt von den Geistern seiner zahllosen
Opfer, die er gemordet hat, und wo endlich Frieden auf Erden sein
wird!«
Das war nicht mehr das in ihrer Frauenehre beleidigte, haßerfüllte,
rachedürstende Weib: wie eine Prophetin stand sie da, -- ihr
rotgoldenes Haar, vom Winde zerzaust, leuchtete durch den Gischt, der
uns entgegensprühte, wie strahlende Abendsonne, die in der Heimat im
Herbstnebel untergeht.
In mir aber war etwas, das mir Mut und Ruhe verlieh: der Glaube an
meinen Kaiser. --
Wie eine Lichtgestalt sah ich ihn durch das Dunkel der Nacht in die
Zukunft unseres Volkes schreiten. --
In diesem Augenblick kam ein Steward und bat mich, zu dem jungen
Elsässer zu kommen, der sich sehr elend fühle. Er saß vor seiner
Kabinentür zwischen seinem wohlverschnürten Handgepäck und seinen
fertig gepackten Koffern. »Wollen Sie an Land gehen?« fragte ich ihn
lachend, wohl wissend, daß sein Billett nach Brasilien lautete. »Ich
will wieder nach Hause,« stöhnte er, »ich kann nicht mehr. Sagen
Sie dem Kapitän, Doktor, daß er den nächsten Hafen anlaufen solle,
koste es, was es koste, ich muß an Land.« -- »Aber Ihr Billett?«
-- »Ist mir einerlei! -- Ich will an Land, ich will wieder nach
Hause.« Ich versuchte, ihm Mut einzureden. Ich erinnerte ihn an seine
kühnfliegenden Pläne, mit denen er prahlte, als er in Antwerpen aufs
Schiff gekommen war. Ich malte ihm aus, wie seine Landsleute ihn
verspotten würden, wenn er so bald und unverrichteterweise wieder
heimkehren würde, -- alles umsonst. Kalter Schweiß perlte auf seiner
Stirn, und mühsam stieß er die Worte heraus: »Durch die Biskaya bringen
Sie mich nicht lebendig durch, -- ich kann nicht mehr!« Er dauerte mich.
Bis zur seiner Abreise hatte er im Elternhause gelebt, unter der
Obhut des alternden Vaters und der schwächlichen Mutter, verzogen als
einziger Bruder von drei Schwestern, -- so hatte er niemals gelernt,
die Kraft im Kampfe ums Dasein zu erproben und zu stählen.
Sind doch die kleinen und großen Widerwärtigkeiten des Lebens,
auf welche die allermeisten Menschen schimpfen und schelten, die
notwendigen Heilmittel der Natur und des Lebens, um unsere Seelenkräfte
zu stärken, unseren Willen zu kräftigen, um unser ganzes geistiges und
damit auch unser körperliches Sein vor Erschlaffung zu behüten. Wehe
dem, dem diese Widerwärtigkeiten des Daseins in seiner Jugend allzusehr
erspart werden. Er bleibt ein Muscheltier ohne Schale, und ist den
Unbilden des Lebens in einer Weise ausgesetzt, wie der Hummer seinen
Feinden, wenn er im Frühling seinen Panzer abgeworfen hat.
Unwillkürlich mußte ich, während ich bei meinem Elsässer auf einem
seiner Koffer Platz genommen hatte, an eine Reihe junger und älterer
Leute denken, die bis ins reifere Alter im Elternhause geblieben und
dadurch in ihrer ganzen Entwicklung gehemmt, ja, geradezu geistig
verkümmert und krank geworden waren. Und plötzlich tauchte mein Garten
vor meinem Auge auf, und ich mußte daran denken, daß unter den Buchen
keine Buche, unter den Tannen keine Tanne, unter den Eichen keine Eiche
gedeihen könne.
Da ich sah, daß alles Zureden nutzlos sei, kalkulierte ich einfach:
stirbt er in der Biskaya vor Angst, mag er ebensogut nach seinem Willen
zu Hause sterben. Hoffentlich sorgt ein gütiges Geschick dafür, daß er
seine willensschwache Rasse nicht vererbt.
* * * * *
Da lag Boulogne auch schon vor uns. In sanftem Halbkreise lag die
freundliche Stadt mit ihrem Badestrand da, geschützt gegen die
anbrandende und hochaufschäumende See durch einen in großem Bogen
mehrere Kilometer in das Meer hinausgebauten Steindamm, hinter dessen
felsigen Böschungen haushoch das Meer seine Wellen in schneeweißem
Gischt emporpeitschte.
Kaum legte der Hafendampfer unserer Kompagnie längseits an unserem
Schiff an, so warf unser Elsässer auch schon sein Gepäck über die
Reeling in das Boot und sprang mit einem Satze nach, -- auf ein Haar
beide Beine brechend, -- begleitet von dem schallenden Hohngelächter
unserer Matrosen.
Statt seiner stieg ein fetter Herr mit gerötetem Gesicht an Bord, dem
man den Weinhändler aus Bordeaux auf den ersten Blick ansah, aber mit
mehr deutschem, als französischem Typus; ferner ein hagerer Franzose
mit Augen, die den fanatischen Politiker verrieten; nicht zu vergessen
eine allerliebste kleine Französin, mit großen dunkelbraunen Augen und
einem entzückend fein geschnittenen Mund, das fast schwarze Haar glatt
gescheitelt. Auf ihren Armen trug sie ein Kindchen, blondlockig, das
mich unwillkürlich an die Christuskinder von Rubens in der Antwerpener
Galerie erinnerte.
Als unsere neuen Passagiere an Bord waren, verließ unser treuer Lotse,
der uns so sicher durch den Kanal geleitet hatte, das Schiff. So führt
den Menschen, der in die Fremde zieht, durch Sturm und Klippen des
Lebens, die Erinnerung an die Heimat, dachte ich und wußte nicht, wie
bald die Erinnerung an die Heimat, an die Jugend, an alles, was ich
hinter mir gelassen, mein Lotse durch Sturmesnot mir werden sollte.
Unser kurzer Aufenthalt in Boulogne war beendet. Nun hinaus ins offene
Meer!
Wir Reisenden, die wir von Hamburg und Antwerpen schon an Bord waren,
hatten uns allmählich an den Sturm gewöhnt. Unsere Neuankömmlinge
hatten die Fahrt auch schon einige Male gemacht. So saßen wir trotz des
Unwetters ziemlich vollzählig bei der Mittagstafel.
»Ja, was ist denn das, meine Herren,« platzte der Weinhändler aus
Bordeaux heraus, »ich scheine hier ja auf ein nettes Schiff geraten zu
sein. Was muß ich sehen, der Kapitän trinkt nichts, der Doktor trinkt
nichts, -- lauter Selterswasser und Apollinaris, -- sind Sie denn alle
krank?« Ein schallendes Gelächter war die Antwort auf seine Frage.
Der dicke Ostpreuße brummte: »Bedanken Sie sich bei dem Doktor, der
verdirbt Ihnen das ganze Geschäft. Der hat die anderen alle angesteckt
mit der verdrehten Wassertrinkerei.« -- »Werde meinem Schwager in
Hamburg davon Mitteilung machen,« schnarrte der Weinhändler, »Mitglied
der Bürgerschaft. Wird dafür sorgen, daß künftig solche Leute auf
Hamburger Schiffen nicht mehr angestellt werden. Hat das größte
Rotweingeschäft in Hamburg, Herr, wird dem gerade passen, sich von
Ihnen und Ihren Gesinnungsgenossen das Geschäft verderben zu lassen.«
Die anderen Gäste der Tafel fochten statt meiner das Thema, über das
sie inzwischen genügend Kenntnisse, gesammelt hatten, in geschickter
Weise durch.
Ich versuchte der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben und lenkte
das Gespräch noch einmal auf die Kunstschätze Antwerpens, die wir
erst vor wenigen Tagen genossen hatten, und erwähnte beiläufig, wie
auffallend es doch sei, daß wir zurzeit und eigentlich seit langem
schon nicht einen Künstler gehabt hätten, der so wie Rubens einer
ganzen Zeitepoche den Stempel aufdrückte. »Mir will es immer wie ein
Zeichen des Niederganges erscheinen, wenn ein Künstler nicht wie der
gigantische Rubens oder Michelangelo aus sich selbst heraus aus seiner
Zeit heraustritt, sondern vielmehr den Künstlern von den regierenden
Fürsten, wie jetzt oft von unserem Kaiser, gewissermaßen die Richtung
vorgeschrieben wird, in der die Kunst ihrem Wunsche gemäß sich weiter
entwickeln soll.« -- »Kaiser, -- großartiger Mann,« schnarrte der
Weinhändler dazwischen, »kenne S. M.! Habe mit ihm in der Kieler Woche
an einer Tafel gespeist, -- kolossal gebildet, von allem unterrichtet,
-- steckt die ganzen Geheimräte in die Tasche! Sind die Herren mal
in Berlin gewesen? Hat Berlin überhaupt erst zu dem gemacht, was es
ist! Schönste Stadt der Welt!« »Kann ich nicht behaupten,« warf ich
dazwischen. »Eine Stadt, die solche Unsummen von Elend in sich birgt,
kann nie und nimmer eine schöne Stadt genannt werden. Wer gewohnt
ist, mit geistigem Auge zu sehen, sieht nicht nur die paar Statuen,
Paläste, Denkmäler, die breiten Parkstraßen und die glänzenden Läden,
sondern sieht in dem engen Häusergewirr die vielen, vielen Tausende von
Hungernden und Verkommenen.« »Na, Doktorchen,« sagte der Weinhändler,
»das ist wohl nur halb so schlimm, als Sie meinen.« -- »Lassen Sie
uns, meine Herren,« sagte ich, »nur eine Zahl nehmen, nur den einen
Umstand, daß diese schönste Stadt der Welt, wie unser neuer Freund aus
Bordeaux sie eben nannte, über 50000 Prostituierte in ihren Mauern
birgt. Können Sie ermessen, welche Unsummen von Menschenelend hinter
dieser Riesenschar von Unglücklichen lauert? Können Sie ermessen,
welche unglaubliche Flut von Unglück und Krankheit durch diese eine
Schar Unglücklicher über unser ganzes Volk gebracht wird? In wie viele
hunderttausend Familien durch den Verkehr mit diesen Unseligen die
entsetzlichsten Krankheiten getragen werden? Wie viele Hunderttausende
von Frauen mit den furchtbarsten Krankheiten durch ihre Männer
vergiftet werden, die diese sich im Verkehr mit jenen Verlorenen
zugezogen haben?« -- »Wir kennen schon Ihre trübselige Art,« grunzte
der Ostpreuße, »immer die Schattenseiten des Lebens zu sehen.« -- »Ich
sehe die Wahrheit«, entgegnete ich. »Diese Dinge waren immer so und
werden immer so bleiben«, behauptete der Ostpreuße gleichmütig. »Der
Doktor hat recht,« unterbrach ihn mein rheinländischer Kollege, »das
furchtbarste an der Sache ist nur, daß es in kaum einer deutschen Stadt
besser aussieht, als in Berlin, und daß die Pest dieser Krankheiten
unser ganzes deutsches Volk längst durchseucht hat. Wenn es so
weitergeht, werden wir in wenigen Generationen entartet sein, wie die
untergegangenen Völker des Altertums.« »Ach was,« rief der Ostpreuße
und schlug mit der Faust auf den Tisch, »so schlapp sind wir noch lange
nicht. Freilich, wenn die Wassertrinkerei so weiter zunimmt, -- wir
müssen nur ordentlich am deutschen Trunk festhalten! Steward, bringen
Sie mir noch eine Münchener!« -- »Mir noch eine Flasche Bordeaux«, rief
der Weinhändler.
Plötzlich wurden die beiden Vertreter des germanischen Trunkes
aschfahl, -- das Schiff stampfte wie ein Roß, das seinen Zügel
zerrissen hat, und legte sich bald auf die linke, bald auf die rechte
Seite. Schweigend standen sie auf und wanden sich mit tastender Hand
zur Kajüte hinaus aufs Deck.
Wir Zurückbleibenden schauten uns an, keiner sprach ein Wort. Aber auf
den Mienen aller lag es halb wie Verachtung und halb wie Mitleid. Mein
Herz aber war voll banger Sorge, weil ich diese Stimmen der Gemeinheit
und der Kurzsichtigkeit nur zu oft schon gehört hatte. Ich dankte
meinem Schöpfer, als ich erst wieder im nächtlichen Dunkel oben auf
Deck stand, umbraust vom Sturm, der uns den Gischt entgegenpeitschte.
Das Donnern der Wogen und das Kreischen der Möwen klang mir wie Musik
gegen das, was ich soeben wieder gehört hatte. Ich hatte das Gefühl,
als müßte ich mich, ehe ich zur Nachtruhe in meine kleine, weiße Kabine
ging, vom Sturm erst einmal ordentlich wieder reinigen lassen.
Und wie ich da oben stand, war es mir, als sähe ich wieder die
Hunderttausende blasser Schulkinder in Deutschland und die Tausende
junger Studenten mit bierstumpfen Gesichtern und die Millionen
deutscher Bier-, Wein- und Sektphilister, die Millionen deutscher
Schnapsbrüder, die Millionen von geschlechtskranken Männern, von eitlen
Strebern, von faulen Nichtsnutzen und albernen, hochmütigen Gecken! O,
könnte ich meinem Herzen Luft machen und den Mann treffen durch Sturm
und Schneeböen, der im Grunde doch maßgebend ist für die Erziehung
unseres Volkes, von dessen Beispiel der Geist ausgeht, der in die
Seelen der jungen Generationen gelegt wird.
Da fiel mir ein, was unser deutscher Philosoph Fechner, der Amerikaner
Trine und viele andere Philosophen schon, und mit Recht, behauptet
haben: daß die Wellenringe des Geistes ebensowenig der körperlichen
Leitung bedürfen, wie die Wellenringe des Äthers, die durch Schall,
Licht oder Elektrizität erzeugt werden. So setzte ich denn meine Hände
an den Mund und rief, um meinen Gedanken möglichsten Nachdruck zu
verleihen, in den Schneesturm hinaus:
Heda, Herr Kultusminister!
Jetzt hab' ich dich! -- --
Merkst du's,
Wie die schwingenden Wellen
Meines Geistes dich treffen? --
Gegen den Nordoststurm an,
Der mir die Schneeflocken übers Meer ins Gesicht peitscht,
Schießen sie zu dir hinüber
Übers Meer
Und treffen dich und packen dich, -- --
Du willst Minister sein
Über das Unterrichtswesen?
Ja, schläfst du denn,
Oder bist du tot?
Schau doch nach Amerika, nach Skandinavien und Finnland!
Schau doch, wie sie's dort machen! -- --
Du tust deine Pflicht nicht!
Du siehst nichts und hörst nichts!
Tausendmal schon habe ich dir zugerufen,
Daß unsere Kinder blaß und elend sind! --
Tausendmal habe ich dir schon zugerufen,
Daß du nur Lernmaschinen erziehst!
Keine Charaktere bildest,
Sondern Mollusken!
Aber keine Männer
Mit Knochen, mit Rückgrat! --
Weichlinge, die nachher
Den Verführungen im Leben nicht standhalten! --
Du bist schuld,
Denn du hast dafür zu sorgen,
Daß die Schule Charaktere bildet! -- --
Hörst du denn nichts?
Siehst du denn nichts?
Ein Viertel unserer männlichen Jugend
Ist erkrankt an ekelhaften Krankheiten!
Hunderttausend deutscher Mädchen werden zu Dirnen!
Durch deine Hand sind sie gegangen!
Du hast nicht acht gegeben! -- --
Herr Minister!
Du hast es geschehen lassen,
Daß die teuflischen Gifte
So viele krank und elend
Und zu Verbrechern gemacht haben! -- -- --
Ha, ich weiß, warum du schweigst!
Du selbst trinkst gern Sekt
Und Weißwein,
Aber nur mäßig!
-- Natürlich! -- --
Aber ich zerre dich,
Und die Wellen meines Geistes
Sollen dich einengen und klemmen,
Wie die brandende See!
Und die Wahrheit soll dich pressen,
Wie eiserne Klammern!
Du selbst trinkst gern Sekt und Weißwein!
Und darum lässest du's geschehen,
Daß die andern sich
In Bier und Branntwein berauschen! -- --
Ein Wort von dir,
Und der Kaiser würde
Mit dem Beispiel vorangehen,
Und der Reichstag würde dem Beispiel folgen,
Und die Brauer und Brenner
Würden dir fluchen,
Aber die Mütter dich segnen! -- --
Und warum lässest du
Die Kinder verderben?
Warum kannst du nicht einsehen,
Wo die Quellen des Übels,
Der Krankheiten,
Des Elends
Entspringen? -- --
Du verschleuderst deine Kraft
In Kleinigkeiten,
In Quengeleien und Disziplinarverfahren! --
Doch nun ergreife die Axt
Und leg' Hand
An die Wurzel des Übels,
Wenn du Herr sein willst
Über das Unterrichtswesen eines ganzen Volkes! -- --
Nun wohl, die Quelle alles
Übels und Unheils
Ist Unterdrückung der Freiheit,
Die Mollusken erzieht
Statt Männer! -- --
Gib den Kindern gesunde Geistesnahrung,
Daß sie Einsicht bekommen,
Was gesund ist und gut,
Daß sie gefeit werden
Gegen die Sünde,
Die sie krank und elend macht! --
Dulde nicht,
Daß unsrer jungen Mannschaft
Durch diese Kreuzspinnen
Von Wirten und Brennern und Brauern
Das Mark
Ausgesogen wird!
Und vor allem:
Sä' Liebe in diese jungen Menschenherzen,
Warme, lebendige Liebe,
Und noch einmal Liebe! -- --
Du bist schuld an all dem Elend!
Hast du denn Liebe?
Nein, du bist träge und stumpf
Den Zeichen der Zeit gegenüber! --
Aber ich will dich rütteln,
Und dich in die Wellen hineinziehen!
Du mußt sie spüren, -- -- --
Gib acht!
Die Brandung wird so stark werden,
Daß sie dich zerschmettert,
Wenn du nicht auf mich hörst! -- -- --
Der Sturm schleuderte Hagelböen und Wogenschwall auf das Schiff. Er
donnerte durch die Takelage und die Rahen an den Schornstein, daß die
schweren eisernen Ketten, die ihn hielten, klirrten und kreischten.
Dann entfaltete er plötzlich seine Schwingen und wehte mit aller
Macht aus einem Atem der Heimat zu, als wolle er die Worte, die ich
ihm mitgegeben, in rasendem Schwunge hinüber tragen in mein geliebtes
Vaterland.
Warm und licht umfing mich meine Kabine. Vom Wärmeraum für die
Mannschaft hörte ich die Stimme unseres Schiffsjungen, der dort sein
triefendes Ölzeug trocknete. Seine Stimme, die sonst so froh klang,
hatte einen sehnsuchtsvollen Ton. Wort für Wort drang durch die dünne
Wand zu mir, und meine Seele, die auf den gleichen Ton gestimmt war,
sang mit:
Über die Matten, über die Sande
Streichet die Möwe hin zum Meer;
Über die Heiden, durch die Lande
Irr' ich wandernd hin und her.
Nach dem Lieb mein unter den Linden,
Wie sie ruht an meiner Brust,
Nach den meeresfrischen Winden
Geht mein Sehnen, meine Lust.
Über die Heiden, durch die Lande
Zieh' ich mit dem Wanderstab;
Ach, der Heimat süße Bande
Halten fest mich bis zum Grab.
Als ich dann in meiner Koje lag, wohl merkend, wie das Wetter zunahm,
mußte ich noch einmal unseres Lotsen gedenken, und wie er mir
vorgekommen war wie die Erinnerung, die uns durch die Stürme des Lebens
hindurchführt.
Und da kam sie schon selbst, die gütige Zauberin.
Das Lied des Schiffsjungen weckte alte Melodien und traute Farben und
süßen, berauschenden Erdgeruch. Ich vergaß den Sturm, vergaß, daß wir
im gefürchteten spanischen Meere auf schwankem Schiffe von brüllenden
Wogen auf und nieder gehoben wurden. Ich fand mich wieder im Geiste,
wie ich als Knabe mit meinem treuen Hunde durch die braune Heide
streifte. Ich lag in der duftenden Erika und sang mein Lied. Über mir
blaute der Himmel und aus dem nahen Kornfeld stieg jubelnd die Lerche
in die Luft.
Und mit dem Lerchengesang und dem Heideduft kamen die Lieder wieder
angeflogen, die der Zauber der Heide mir zugetragen hatte vor langer,
langer Zeit. Und eins nach dem anderen sang ich leise für mich hin, --
meine Begleitung war das Heulen des Sturmes draußen -- oft genug hatte
ich meine Lieder bei meinen nächtlichen Wanderungen durch die heimische
Heide mir gesungen, wenn die Äquinoktialstürme über die Erde brausten.
So war mir das Toben der Sturmgeister im Zauber der Erinnerungen an die
Jugendzeit doppelt heimisch.
Unwillkürlich griff die Hand nach dem Buche der Erinnerungen, das
mein Weib mir mitgegeben hatte beim Abschied. Da lagen sie sauber
eins beim anderen, und dazwischen gepreßter Jasmin, rote Rosenblätter
und Veilchen, da ein Goldlack aus ihrem Fenster und hier ein
Myrtenzweiglein von einem Bäumchen, das ich ihr einst in einer Scherbe
geschenkt. Und da, fast wehmuthauchend ein Taxuszweig, ein getrocknetes
Distelblatt, -- Erinnerungszeichen an all die kleinen Schmerzen
und Kämpfe der ersten Liebe, an dieses Suchen und Sehnen, dieses
Ausweichen und Fliehen, an all dieses wonnige Wiederfinden und zarte
Hoffen.
Und da kam die Zeit der Trennung, -- ich mußte hinaus in die Fremde,
die Kräfte wollten wachsen, -- ich mußte die Welt sehen, hinaus,
hinaus. Doch wo ich auch ging und stand, wie zog's mich immer wieder
zur Heimat hin. O wundervolle, sehnsuchtsvolle Zeit des Wanderns. Wie
stärkst du die Kraft, wie weitest du den Blick, wie lehrst du das Gute
der Heimat schätzen!
Aber auch diese Zeit des Drängens und Stürmens ging vorüber. Die
Sehnsucht nach dem eigenen Herd, der Drang, Wurzel zu fassen im eigenen
Lande, wurde so stark, daß der Wanderfalke sein Nest sich baute. Doch
nicht in der Stadt -- dahin paßte der freie Falke nicht, -- da hätte
er die Flügel sich wund gestoßen im engen Gemäuer. Aber da draußen,
weit vor dem Tore am Ufer des blinkenden Stromes, mitten im Grünen, da
fand er Platz, sein Nest zu bauen. Ein Häuschen, klein, aber sonnig
und freundlich, ein Rosenkranz über der Gartenpforte und Goldregen und
Jasmin, daß es nur ein Leuchten und ein Duften war, -- dahinein führte
er den Schatz. Und nicht zu lange dauerte es, da sandte Gott die erste
Frucht der Liebe, ein liebliches, rosiges Kind. Und siehe da, bald kam
ein zweites und drittes. Da ward das Häuschen zu klein.
War das das Glück? Himmel, welchen Sonnenschein hast du zu vergeben!
Mitten in jener weiten herrlichen Gartenstadt, die sich an den Ufern
der Elbe von Hamburg abwärts hinzieht, liegt mein Heim. Wie ein
geheimnisvolles Zauberschloß liegst du da, nach der Straße hin von
deinen alten Buchen und Eichen, zartnickenden Birken, deinen schattigen
Kastanien, hochragenden dunklen Zypressen und tiefgrünen Stechpalmen
umgeben. Den Eintretenden grüßen die Wappen der beiden seit Urzeiten
landeingesessenen Familien, das der eigenen und das meines Weibes.
Bilder und Wandschmuck im Treppenhaus, soweit das Auge reicht; -- doch
halt, gleich hier an der Wand bei der Tür, auch für den Geringsten,
der eintritt, leicht erreichbar, eine Reihe von Bauzeichnungen --
Einzelhäuser für Arbeiter --, damit sie sich leicht aussuchen können,
was für ein Häuschen sie in der Baugenossenschaft erwerben wollen.
In alle Fenster versucht der Sonnenschein einzufluten. Und vom Garten
her jubelnder Kinderlärm. Da erscheint die Hausfrau, mich willkommen
zu heißen, -- halb Krimhilde gleich an sonniger Lieblichkeit und
Innigkeit, halb Brunhilde an Kraft, groß, schlank, goldblond das Haar,
als ob ein Sonnenleuchten von ihrem Haupte ausginge und doch bei
aller Herzlichkeit und Wärme etwas Gebieterisches, als ob sie eine
Königin sei, gewohnt in ihrem Reiche zu herrschen. Und wie herrscht
sie! War das das Verhältnis der Herrin zur Dienerin, wie sie mit ihren
Mägden umging, oder waren es Freundinnen, die der Freundin einen
Gefallen erwiesen, indem sie ihr dienten? Wie flogen die Weisungen an
die Kinder, sobald das wilde Spiel Knaben und Mädchen in zu lauten
Jubel hineinriß: »Magda, vergiß deine Geige nicht, -- Emma, deine
Rosen müssen noch Wasser haben, -- Rudolf und Ernst, wird das neue
Segelschiff auch zum Wettsegeln zeitig fertig?«
Da lag es auf den Helgen, fast zwei Meter lang, aus Rippen und Planken
kunstfertig gefügt, -- die Späne auf der Hobelbank und am Fußboden
zeugten von dem Fleiß, der hier in der Knaben Werkstatt geherrscht
hatte.
Sinnig half ein blonder Lockenkopf der Schwester im Gießkännchen Wasser
tragen für die Blumenbeete und den Gemüsegarten, während aus offenem
Fenster ein Trio erscholl: Schwester und Bruder begleiteten die Älteste
zum Gesang, -- alles Schönheit, Kunst, Sonnenschein, Kraft, Gesundheit
und Leben.
Kinder von Armen kamen und holten Speisen für kranke Mütter, Väter,
Kinder, -- das war kein Wohltun an Fremde, sie traten ein, als ob sie
hier hingehörten, ohne Scheu, wie in das Haus ihres Bruders.
Leidende kamen und holten sich Rat. Freundlich wurden sie empfangen;
froher als sie gekommen, gingen sie wieder. Und über allem lag
Sonnenschein.
Hungrige klopften an und erhielten ihren Platz im Zimmer: -- »Hast
Arbeit?« -- »Nein.« »Weißt, wo du welche erhältst?« -- »Bin fremd
hier.« Da gab ihnen der Hausherr ein Verzeichnis mit, das er sich hatte
drucken lassen, mit allen genauen Angaben aller Arbeitsnachweise der
Umgegend. Mancher hat später mit einer Postkarte gedankt, daß ihm der
Weg zur Arbeit gewiesen wurde. Es ist merkwürdig, wie das Alleinsein in
der Fremde, Not, Sorge um die Zukunft und Hunger und Kälte den Menschen
dumpf und stumpf und verzagt machen. Viele hören nichts mehr und sehen
nichts mehr, nicht einmal die großen Plakate auf den Bahnhöfen. Sie
irren wie verlaufene Schafe umher, bis sie im äußersten Elend sind,
während andere ihrer Hände Arbeit dringend bedürfen.
Ich habe einmal in einem Terrarium eine Anzahl von Feuersalamandern
und Eidechsen beobachtet. Als sie frisch aus der Freiheit in ihr
Gefängnis hineingesetzt wurden, waren sie gefräßig und gingen rüstig
auf die Jagd nach Regenwürmern. Aber je mehr der Reptilien im Kasten
waren, je länger sie der Freiheit entbehrten, desto stumpfer und träger
wurden sie, so daß ich ihnen schließlich die Würmer vors Maul legen
mußte, damit sie nur nicht verhungerten. Gerade so geht es mit den
Menschen. Die Entfremdung von der Natur, die Not macht sie stumpf,
raubt ihnen die Tatkraft und bewirkt durch die Lähmung des Gehirns das
nämliche, wie der Überfluß, der die Menschen verhindert, ihre Kräfte zu
schulen und durch Übung zu nähren. Da heißt es, die warme Bruderhand
ausstrecken. Vater im Himmel, laß unserm deutschen Volke recht viele
warme Bruderhände wachsen, -- wir können sie brauchen! Über der Tür
meines Arbeitszimmers las ich täglich den Spruch als tägliche Mahnung:
»Liebe deinen Nächsten als dich selbst!« Das ist's -- was die Seele des
Christentums ausmacht, das können wir uns nicht oft genug wiederholen!
Und wie sah ich es überall daran fehlen, in der Ehe, zwischen
Herrschaft und Dienstboten, im Verhältnis zwischen Arbeitnehmer und
Arbeitgeber, zwischen Regierung und Volk, -- überall, überall das
nämliche Lied. Mit Geld trachten sie alle danach, ihre Verpflichtungen,
ihre Dankesschulden gegen ihre Mitmenschen von sich abzutilgen,
sich gegenseitig voneinander loszukaufen, und vergessen darüber,
daß wir alle Brüder und Schwestern sind. Oh, diese Stumpfheit des
Menschempfindens, die über uns gekommen ist!
Ich sah, wie das große Liebeswerk, das unser alter großer Kaiser mit
Hilfe seines noch größeren Dieners, unseres Bismarck, ins Leben rief,
als der Schuß des unseligen Nobiling ihn aufs Schmerzenslager geworfen
hatte, unter den Händen unserer Bureaukraten zu einer Quelle des Hasses
und der Erbitterung wurde.
Was hätte aus unserer Arbeiterschutzgesetzgebung werden können,
wenn sie einfach und schlicht und einheitlich für unser ganzes Volk
geschaffen wäre, für jeden, der in Not war durch Krankheit oder Unfall
oder Alter oder Verlust des Ernährers, -- keine Arbeiterversicherung
mit dem bitteren Beigeschmack der Trennung des Volkes in zwei Klassen,
Versicherte und Nichtversicherte, sondern eine Volksversicherung, die
alle umfaßte, die allen half, die wirklich hilfsbedürftig waren! Was
wäre das für eine Quelle der Liebe, der Versöhnung, der Gerechtigkeit
geworden! Und den Kindern hätte in der Schule gelehrt werden müssen,
daß es unehrenhaft und unmännlich und undeutsch sei, aus diesem Quell
zu schöpfen, wenn man seiner nicht bedürfe, also aus Trägheit oder
Bequemlichkeit. Und den angehenden Beamten hätte gelehrt werden müssen,
daß es ein Ehrenamt sei, Priester sein zu dürfen, um die Dürstenden
aus diesem Quell zu tränken! So aber wurde diese Quelle besudelt und
verschlammt mit Parteihader und Geiz und Gewinnsucht.
Findige Köpfe, hartherzige und ehrgeizige Bureaukraten taten Galle in
das Wasser dieser Quelle, so daß sich das Volk vielfach das Gift der
Erbitterung daraus trank.
Gastwirte benutzten ihre Ämter an der Quelle, um ihr schmutziges
Gewerbe zu fördern, indem sie die Hilfesuchenden zum Trunk luden.
Witwen und Waisen mußten mit den Behörden prozessieren, um endlich
ihr Recht auf Rente zu erkämpfen, nachdem ihnen die Maschine oder das
Gerüst den Ernährer geraubt hatte.
Krüppel und Sieche mußten darben, bis ihnen endlich nach jahrelangem
Kampfe die Rente in der letzten Instanz zugebilligt wurde.
Ich hatte geholfen, wo ich konnte. Wahrlich nicht für mich. Aber ich
sah ihre Not, ihren Jammer und ihre Ohnmacht dem Unrecht gegenüber. Und
ich schaffte ihnen ihr Recht, kämpfte für sie, nahm den Haß und den
Zorn der Besiegten auf mich für die, um derentwillen ich kämpfte. Und
der Händedruck jener Armen und ihre Tränen waren mein Lohn. Oft war es
mir, als ob es königliche Arbeit sei. Aber der Haß und der Groll der
anderen trug dazu bei, mich müde zu machen. Und doch konnte ich nicht
ablassen, für das Recht zu kämpfen. Wie Ertrinkende streckten sie ihre
Hände zu mir empor und riefen: hilf uns! Mir war das Helfen Inhalt und
Zweck des Lebens geworden.
Ich träumte weiter und hörte kaum noch das Donnern der Wogen und das
Stampfen der Maschinen.
In meinem Vorzimmer standen Schränke voller Sammlungen aller Art,
aus allen Reichen der Natur, aus aller Herren Länder. Seit meinen
Knabenjahren hatte ich Stück für Stück zusammengetragen. Mir galten
diese Schränke seit langem als ein Gleichnis für das Arbeiten an
unserer Seele. So sollen wir aus dem gesamten Reiche der Natur, aus
unserem Leben und dem Leben der anderen, wie aus der Geschichte aller
Völker sammeln und lernen, was uns nützt, uns bereichert und weitet,
und alles sorgfältig in uns ordnen und aufzeichnen. Nur so können wir
die Fülle des Lebens in uns aufnehmen und mit ihr wachsen.
Und dann das Leben gemeinsam, zu zweien! Hier war vollendet, was ich
mir immer unter der Ehe gedacht hatte: Mann und Weib zusammen erst ein
Mensch. Das Weib allein ist kein Mensch und der Mann allein keiner.
Wehe dem Weib, das glaubt, allein schon ein Mensch zu sein, -- sie
verliert ihr Bestes als Weib. Sie ist wie eine Regierung ohne Volk,
ihr Leben ein Scheinleben, dem die Grundlage des Seins fehlt. Aber
zweifach wehe dem Manne, der glaubt, des Weibes entbehren zu können, --
er ist wie ein Volk ohne Regierung, das dahindämmert ohne den Ansporn
seiner Besten, wie ein Land ohne Sonne, das nur Früchte des Schattens
hervorbringt. Aber Mann und Weib zusammen in der wahren Ehe, die sind
wie ein Volk und seine Königin. Sie aber ist die Tochter des ganzen
Volkes.
Das Weib ist die Sonne des Mannes, in der Liebe zu ihr lebt er, die
Liebe zu ihr adelt seine Arbeit. Ihr gemeinsames Leben ist gleichsam
die Spitze der Pyramide, die sich aus der Menge der Schaffenden
aufbaut, ihr Abschluß, ihre Krönung, und doch eins, untrennbar eins mit
ihr.
Glückseliger Mensch, der so aus Mann und Weib zusammengefügt ist. Auf
dir beruht die Zukunft der Menschengeschlechter, auf dir allein die
Möglichkeit, aus diesem Staub des Alltäglichen, des Irdischen immer
wieder emporzuwachsen zum Licht, zur Sonne, zum Ewigen, zum Geist, zu
Gott!
Aber immer größer ward der Drang zum Schaffen, zum Helfen. Das Haus
und der tägliche Beruf genügten nicht mehr, um alle schlummernden und
erwachenden Kräfte zu betätigen. Die Erkenntnis drängte zur Tat.
Die Kräfte wachsen. In gemeinsamer Arbeit mit den Gleichgesinnten
wächst das Selbstbewußtsein, und das Gefühl, anderen helfen zu können,
-- Wellenkreise auszusenden, -- Aufgaben zu erfüllen, zaubert immer
neue Kräfte, an deren Vorhandensein man selbst früher nie geglaubt
haben würde.
Im Dienste des Ordens zog ich durch Deutschland, durch Europa, von
Kongreß zu Kongreß, nach Wien, Paris, Stockholm. Überall säend und
erntend zugleich. Überall galt es, Aufklärung zu verbreiten, überall,
zu lernen. Und von Land zu Land, durchs Rheinland, Westfalen, durch
Schlesien, Sachsen, von Stadt zu Stadt zog ich, Vorträge haltend, Logen
gründend, Samen streuend. Wie ein richtiger Wanderfalke kam ich mir
wieder vor, der in stolzem Bogen über das Land streicht.
Und doch wie anders als damals, da ich als junger Student das Reich
durchstreifte.
Land und Leute lernte ich kennen, der Sinn weitete sich, und die
Tatkraft wuchs. Und nun wächst der Einfluß! Die Geisteswellen schlagen
Wellenringe! Nichts, was wir tun, vergeht spurlos: Der Kampf gegen
den Erbfeind, für die Linderung der sozialen Not, der Kampf gegen die
Volksmißwirtschaft zieht immer weitere Kreise.
Ich sah mich im Geiste an dem geöffneten Fenster meines Studierzimmers
stehen; der Blick schweift über die Baumkronen hoffnungsreich in die
sternendurchschimmerte Ferne, und neues Selbstvertrauen, neue Ruhe
zieht in mich ein.
Sieh, ich ziehe meine Kreise,
Und ich leb' in meiner Weise,
Ruf' und banne meine Geister,
Ich, ihr mächt'ger Herr und Meister.
Schicke sie in ferne Lande,
Laß sie knüpfen neue Bande,
Laß sie alte fester binden,
Laß sie neue Pfade finden!
Und so leb' ich, wirkend, strebend,
Mich an's End' der Dinge hebend,
Bis der Weltenherr der Geister
Mich auch ruft, mein Obermeister.
Die Gedanken hatten sich gejagt. Eine Zeitlang hatte ich vergessen, wo
ich war. Die Mappe mit den Blättern hielt ich in der Hand. Plötzlich
wurde ich gegen die Wand der Koje geschleudert.
Der Sturm riß an dem Schiff! Dann zwang er es, vorwärts zu jagen. Wenn
es sich bäumte, um wie ein gehetztes Roß vorwärtszustürzen, heulte er
von hinten nach vorn um das Schiff herum, stemmte sich ihm entgegen und
drückte es tief in die schäumenden, gurgelnden Wasser, daß es, nicht
wissend wohin, erzitternd stand.
Unser letztes Stündlein schien geschlagen zu haben. Der Sturm schrie in
den Masten und brüllte um den Schornstein.
Ich stand auf. An Stricken und Stangen arbeitete ich mich durch
rasselnde Hagelböen und Regengüsse von meiner Kabine über das Schiff!
Im Zwischendeck und in den Kajüten schlief alles, -- wie Kinder,
die sich wohl behütet wissen im Schutze der Mutter. Hatte es irgend
einen Sinn, auch nur einen zu wecken? Sollte es sein, so war es den
Arglosen zu gönnen, in süßem Schlaf auf den Grund des Meeres zu sinken.
Zu retten wäre keiner gewesen. Ein Dampfer mehr wäre in der Biskaya
verschollen.
Im Rauchsalon saßen noch ein paar von den Passagieren beim Bier und
spielten Skat und ahnten nichts von Gefahr. Alkohol und Tabaksqualm
hatten ihr Hirn so umnebelt, daß sie keine klare Vorstellung mehr von
ihrer Lage hatten. Ich mußte unwillkürlich an unsere Philister daheim
denken, die sich so klug und sicher dünken an ihren Stammtischen und
bei ihren Diners, und die keine Ahnung davon haben, wie der Sturm
pfeift.
Betrunken war keiner. Im Gegenteil, -- sie spielten sehr emsig. Ich
wünschte gute Ruh. Im Hinausgehen fing ich noch die Worte auf, -- es
wurde gerade zu einer neuen Runde ausgegeben --: »Majestät wirklich
famoser, schneidiger Kerl. Weiß es noch wie heute, als er mir nach
dem letzten großen Diner auf der Kieler Woche die Hand schüttelte
und sagte: ›Mahlzeit, wie jeht's?‹ -- wirklich famoser Mensch, ganz
genial.« Es war der Weinhändler aus Bordeaux, der es sagte. Die beiden
Juden aus Budapest nickten andächtig, die Zigarette im Munde.
Ich kämpfte mich durch das Unwetter hindurch bis auf die Brücke, Mein
Kapitän stand vorn und lugte in die Nacht hinaus. Ernst, nüchtern, wie
aus Bronze. Er zog mich in seine Kajüte. »Doktor, wenn wir diese Nacht
standhalten, dann sehen wir unsere Frauen und Kinder, so Gott will,
noch wieder. Sorgen Sie dafür, daß die Passagiere nichts merken.« Ich
konnte ihm berichten, daß die einen schliefen und die anderen Skat
spielten. Ein Lächeln flog über sein männlich schönes, ernstes Gesicht.
Dann drückten wir uns schweigend die Hände. Er ging wieder auf seinen
Posten.
Mit Not und Mühe gelangte ich durch die Finsternis und die Hagelböen
auf das Hinterdeck. Mir war es, als ob ich jemanden hörte. Sehen konnte
ich nichts. Doch, dort hinten beim Steuer kauerte, fest angeschmiegt an
die Schiffswand, eine menschliche Gestalt.
Der Balte war es! Als ich ihm meine Hand auf die Schulter legte,
schüttelte er sie ab, und warf den Kopf zur Seite, -- ich verstand ihn,
-- er wollte allein sein! und so verließ ich ihn. Was quälte ihn? Angst
vor dem Tode war es nicht, das fühlte ich. -- Durch Sturm und Gischt
arbeitete ich mich wieder zu meiner Kabine. Und wie ich da stand in
der finsteren Nacht, mich haltend an den Eisenstangen, in denen das
Rettungsboot hing, um nicht von dem heulenden Sturme über Bord gefegt
zu werden, unter mir der schwarze, brodelnde, schäumende, donnernde
Ozean, da, -- oh, da wurde ich so klein, so namenlos klein, -- was
nützte mir nun meine Kraft, was die moderne Schiffsbautechnik, was
unser gut versorgtes Rettungsboot, -- wenn der eine nicht wollte! Und
dann wuchs, wuchs riesengroß, unfaßbar etwas vor mir auf, -- gerade
so wie damals, als ich ein Kind war, als ich ihm, dem nie Gesehenen,
meine kleinen Heiligtümer zum Scheiterhaufen auftürmte und sie opferte,
wie ich es in der Bilderbibel vom guten Abel gesehen hatte, -- groß,
unfaßbar, wie er mir in der Schule in der Religionsstunde erschienen
war, wenn unser Lehrer von ihm erzählte und von seinen Eigenschaften
redete, -- als ob ein Mensch von seinen Eigenschaften irgend etwas
wissen könne, -- aber wir mußten seine Eigenschaften auswendig lernen,
da standen sie ja gedruckt, schwarz auf weiß, -- und der Knabe,
der Jüngling bäumte sich auf gegen diese Entweihung seines Gottes,
seines großen, unfaßbaren Gottes, bäumte sich auf gegen die Anmaßung
dieser kalten, lieblosen Pharisäer und Heuchler, die mit diesem
Allerheiligsten hantierten, als ob sie es mit ihrem Menschenverstand
erfassen könnten! Den Gott wollte ich nicht kennen, den die erfassen
konnten! Den Gott nicht, um dessentwillen sie in all den Jahrhunderten
Tausende erschlagen und verbrannt hatten, über den sie in Konzilien
gestritten und sich vertragen hatten, um den sie gefeilscht hatten
auf ihren Kirchentagen, wie die Weiber am Markte um die Ware! Ich
fühlte Gott, -- das war mir genug. Ich wollte nichts Näheres von ihm
wissen, ja, ich haßte und verachtete die Menschen, die vorgaben, seine
Eigenschaften zu kennen, weil ich fühlte und wußte, daß sie nichts
Näheres wissen konnten, kein Mensch, niemand. Sie sollten mir meinen
Gott nicht beflecken mit ihren Lügen, anstatt sich einfach in Demut vor
ihm zu beugen und zu sagen: »Herr wir wissen, daß du bist, aber wie
du bist, und wer du bist, das wissen wir nicht: aber daß du bist, das
macht unser Leben aus!« -- --
Und wie alle diese Bilder aus der Vergangenheit unter dem Dröhnen des
Sturmes und der Wogen durch mein Hirn jagten, da kam wieder diese
himmlische große Ruhe über mich, wie früher, wenn ich nach dem Jammer
dieser Religionsstunden hinausflüchtete in die weite Heide: Die Sonne
sank. Die Nacht kam mit ihren Sternen und ihrem Nebelarme und ihrer
großen Stille. Und dann war er da, -- ich wußte es, fühlte es, ich
hätte ihn greifen können, so fühlte ich ihn, -- in diesem Gefühl, ein
Nichts zu sein in dieser schier endlosen Weite, kaum ein Stäubchen, --
darin erkannte ich ihn. Und dann strömte es zurück: Seinen Gesetzen
gemäß leben, seinen Gesetzen, die in der ganzen Natur, wie eine große
Harmonie sich ständig wiederholen, -- alles, was an uns und in uns
lebt, betätigen, ausbilden, zur höchstmöglichen Vervollkommnung, --
Mutter, das war dein Samenkorn, das du in mich gelegt, -- wie jede
Blume, jeder Kristall, jedes Tier die höchste Vollendung erstrebt, die
ihm möglich ist, -- das soll mein Ziel sein, so will ich dir dienen, du
Großer, Unfaßbarer, den ich weiß, weil ich ihn ahne, fühle, wie ich die
Nähe der Mutter fühlte, auch wenn es im Zimmer noch so dunkel war.
Und nun stand ich mit den gleichen Gedanken, den gleichen Empfindungen
hier oben in dem brandenden Gischt, umtobt vom Orkan, und nun fühlte
ich ihn wieder ganz deutlich, -- befreiend, stärkend, wunderbar
stärkend, daß die Brust sich jauchzend dehnte, -- nun laß das Schiff
bersten und das Meer sich auftun, -- daß ich dich gefühlt habe,
Unendlicher, Unfaßbarer, dafür will ich gern mein Leben geben. --
Ich kleidete mich aus und legte mich in meine Koje. Beim Schein meiner
Lampe las ich in Fechners Büchlein »Vom Leben nach dem Tode«. Mir sagte
es nichts Neues, nur Allvertrautes: es gibt überhaupt keinen Tod. Mag
der Leib sich auflösen in seine Atome und tausendfach neue Gestalt
annehmen, -- das, was von uns geistiger Natur war, kann ebensowenig
vergehen, wie irgend eine Kraftäußerung der Materie. Geht doch nach
Robert Meyers unumstößlichem Gesetze weder von der Materie selbst,
noch irgend etwas von einer ihrer Kraftäußerungen jemals zugrunde. Und
ist nicht unsere Seele, die Zeit unseres Lebens an unseren sterblichen
Körper gebunden war, unser Geist, in letzter Linie auch eine solche
Kraftäußerung unseres sterblichen Leibes? Und diese feinste Äußerung
unserer Materie, die einst im Leben uns gehörte, sollte vergehen
können? Unmöglich! Was wir auch tun und sagen, denken und empfinden, --
es muß seine Wirkung haben in alle Ewigkeit. --
Ja, ja, so ist's, -- in unsere Hand hat Gott es gelegt, daß unsere
Seele, unser Leben, das unvergänglich ist, kleine oder große
Wellenringe zieht, gute oder schlechte. -- Oh, Gott im Himmel, gib, daß
nur Gutes aus meiner Seele hineinfließt in die Welt! -- --
Das Schiff erzitterte und krachte in seinen innersten Fugen. Ich
hörte aus dem Ächzen seiner Planken und dem Kreischen in allen Ecken,
wie die Nieten sich lockerten. Wie lange würde es den Elementen
noch Widerstand leisten? Hatte ich doch Furcht? Da dachte ich eines
anderen Lieblingsbüchleins von mir, »Die Hemmungen des Lebens« von
Johannes Müller, der im Maintal in seinem Schloß Mainberg allen denen
ein trauliches Asyl bietet, die ihre Seele in der Stille ausbauen
wollen. Die Furcht sei eine der Hemmungen des Lebens, sagt Müller. Ja,
wahrhaftig, das ist sie nur zu vielen! Herr, gib, daß ich keine Furcht
habe, wenn es ans Sterben geht! Laß mich freudig sterben!
Und doch ergriff mich grenzenlose Verzagtheit.
Meine Seele kam mir so klein, so einzig klein und schwach vor. Was
hatte ich denn geleistet, wie bitter wenig. Freilich, ich hatte mir
Mühe gegeben, Tränen zu trocknen und Schmerzen zu stillen, war bestrebt
gewesen, glückliche Menschen zu schaffen und Unglück zu verhüten, und
wo es da war, zu lindern und zu mindern. Aber war es nicht bitter
wenig gewesen, was ich erreicht? Würde es genügen, auch nur einen
kleinen Wellenring ins Meer der Ewigkeit zu entsenden? Und hatte ich
nicht auch oft, ach, gar so oft gefehlt? Ich hatte Christus nachleben
wollen in Werken der Liebe, -- und wie oft hatte ich ihn vergessen!
Ich, ich hatte gesündigt, oft und schwer! Ich hatte Wellenringe des
Bösen hinausgesandt, die diejenigen des Guten sicher aufheben mußten,
-- was blieb dann noch? So wollte Gott mich denn hier verderben? --
Doch still, was war das, -- heute war ja daheim Gustavs erstes großes
Kirchenkonzert! Mein blinder junger Freund! Ihm hatte der Brand der
herrlichen Michaeliskirche die kühnsten Hoffnungen für seine Zukunft
zerstört. Aber die Liebe zum Höchsten führte ihn durch seine Kunst zu
neuem Leben. Und nun? --
Hatte die Seele doch Flügel? Schwieg der Sturm? -- Deutlich hörte ich
weihevolle Klänge. Ich sah den Freund in der Kirche hinter seiner
geliebten Orgel, -- und deutlich vernahm ich von einer weichen,
seelenvollen Altstimme das Lied:
Herr, du kennest meine Sünden,
All mein Leben ist dir Licht,
Woll'st dich doch nicht von mir wenden,
Herr, verlaß mich Sünder nicht!
Wohl, ich kannte die Gebote,
Die du uns gegeben hast.
Ja, ich hab' sie übertreten,
Hätte sie vergessen fast.
Doch nun kam ich zur Besinnung,
Sehne mich nach deiner Ruh.
Herr, nun hilf mir wieder werden,
Wie dein Ebenbild, wie du!
Reich mir deine starken Hände,
Ziehe mich zu dir empor!
Laß mich ruhn in deinem Geiste,
Leihe gnädig mir dein Ohr!
Klar liegt vor mir meine Sünde,
Und mir ist so sterbensbang,
Vater unser, laß mich hören
Deiner sanften Stimme Klang.
Sieh' ich lieg' dir hier zu Füßen,
Jede Strafe ist mir recht,
Will gern büßen meine Sünden,
Nur erhöre deinen Knecht.
Nimm von mir die Last der Sünden,
Hebe mich in deine Ruh'!
Herr, nun hilf mir wieder werden
Wie dein Ebenbild, wie du!
Da zog es wie ein warmer, sonniger Strom von Demut und Frieden in mein
Herz. Es hilft nichts, -- wir müssen uns beugen vor dem, in dem allein
und durch den allein wir sind, der allein die Größe ist und die Güte
und Liebe.
Und jetzt wußte ich mit einem Male, wo ich gefehlt, was ich gesündigt:
ich hatte das Schlechte hassen wollen und bekämpfen und hatte darüber
die Menschen, die Träger des Schlechten waren, gehaßt und verachtet und
bekämpft; und im Bestreben, zu helfen und zu lindern, zu trösten und
Liebe zu geben, war ich über das Ziel hinausgeschossen und hatte mehr
gegeben, als ich durfte. -- Christus war Maß und Harmonie. Er hatte uns
gezeigt, Maß zu halten, harmonisch zu bleiben, -- ich hatte nicht von
ihm gelernt, -- so mußte ich als Mensch mich verirren in meinem Fühlen
und Denken und Handeln. Und nun litt ich, litt unsäglich. Das war meine
Strafe.
Aber da setzte die weiche Altstimme auch schon wieder ein, und wie beim
Klang der Orgel durch die weiten Hallen der Kirche das Lied ertönte,
drang es wie Trost in meine Seele:
Lern zu leiden, ohne zu klagen,
Erst im Dulden erweist sich der Mann!
Lern, ohne Hoffnung nicht zu verzagen:
Gott ist allmächtig! Denke daran!
Lern zu leiden, ohne zu klagen!
Niemand trägt schwerer als er nur kann.
Hab' nur Geduld: Gott hilft dir bald tragen, --
Gott ist Alliebe! Denke daran!
Lern zu leiden, ohne zu klagen,
Sieh nicht dein Leid als das schwerste an!
Sieh als Prüfung an deine Plagen, --
Gott ist allweise! Denke daran!
Und nun erscholl jauchzend und triumphierend der Schlußchor:
Wenn ich gestorben bin,
Sollt ihr nicht trauern!
Frei aus den Mauern
Schwingt sich mein Geist
Wenn ich gestorben bin,
Sollt ihr euch freuen:
Mögt ihr euch scheuen,
Daß nicht der Faden, der zarte, zerreißt.
Wenn ich gestorben bin,
Fort mit den Tränen!
Schwächliches Sehnen, --
Bin ja bei euch!
Wenn ich gestorben bin,
Führt mich der Meister
Schaffender Geister
In sein großes, himmlisches Reich!
Unendlicher Friede überkam mich. Eine unsagbare, große, wohltuende Ruhe
erfüllte mich, und in mir selbst klang es wie eine sanfte Harmonie, wie
ein Abschiedsgruß an die Menschen.
Aus der Fülle meines Seins
Wollt' ich euch beschenken,
Drückt' den einen dies und eins,
Wollte keinen kränken.
Habe Sonnenschein gesät,
Nicht um selbst zu ernten, --
Samen, den kein Wind verweht,
Zeiten, den entfernten!
Vom Unendlichen geborgt,
Mögen sie's erwerben:
Hab' für Enkel treu gesorgt,
Will nun ruhig sterben!
Voll Ruhe, wie in einer Feiertagsstimmung, schlief ich ein. Ein
wunderbarer, großer Friede war über mich gekommen.
Wie lange ich geschlafen, ich weiß es nicht. Schließlich träumte mir,
ich wäre auf meiner geliebten Nordseeinsel, auf Sylt. Donnernd schlug
die Brandung gegen die Dünen, aber der Sturm hatte sich gelegt. Ich
sah, wie die Männer mit ihrem Rettungszeuge vom Strande heraufkamen,
triumphierend und singend:
Den Starken und Klugen gehört das Recht,
Den Feigen und Schwachen die Nacht;
Sich selbst vernichten, nur das heißt schlecht,
Sich selbst erhalten, die Macht.
Wenn das Meer die Wogen am Deiche zerschellt,
Und der Sturm seine Schwingen bricht,
Dann jauchzt der Friese: mein ist die Welt,
Ich fürchte die Brandung nicht!
Zwar hat das Meer seinen Vätern geraubt
Manch fruchtbaren Acker Land;
Da hat er Scholle zu Scholle geklaubt
Mit unermüdlicher Hand.
So entstand einst der Deich!
Und bezwungen das Meer!
Und gebrochen der Wogen Schlacht!
Doch heute noch gilt, ist's lange auch her:
Dem Starken gehöret die Macht!
Ganz deutlich hörte ich den Gesang. Ja, -- was war das? Ich rieb mir
die Augen, ich tastete nach der Wand meiner Koje, -- ich war wach,
wahrhaftig wach, und noch immer hörte ich in Wahrheit den Gesang, das
alte Friesenlied, das ich von meiner Jugend auf kannte, das ich die
Männer meiner nordischen Heimat so manches Mal hatte singen hören,
wenn sie, den Spaten auf der Schulter, im festen Marschschritt von der
Arbeit am Seedeich nach Hause marschierten. Mit einem Satze war ich
aus dem Bette, die Tür aufgerissen, -- wahrhaftig, lachend und singend
wuschen sie bereits mit kräftigem Strahl das Deck, um die Spuren der
furchtbaren Sturmnacht zu vertilgen. Die Biskaya war besiegt. Vorüber
alle Not und Gefahr! -- -- --
Kap Finisterre! Ich kann mir denken, daß die alten Römer, wenn sie
von Süden an diese Landspitze kamen, glaubten, daß hier das Ende der
Welt gekommen sei. Noch umstürmte uns eisiger Wind, noch zog jeder von
uns den Mantel fester an sich, als nach Südost hinüber eine niedrige
leichtgraublaue Gebirgslinie sichtbar wurde. Aber dann, -- war es
Sinnestäuschung, war es Zauber? Der Sturm ließ nach, die Kälte wich, es
schien plötzlich Frühling zu werden! Nein, es wurde Frühling! Linde,
laue Lüfte umwehten uns, -- den Mantel ab, in meinem Herzensstübchen
die Heizung abgestellt, -- wunderlich: Kaum hatte ich den Hebel auf
kalt gestellt, ward mir fast wehmütig zu Sinn. Mir war's, als ob
auch dieser tote Mechanismus eine Seele gehabt hätte: ich war ihm
dankbar gewesen, er hatte mich gewärmt, hatte mir in Eiseskälte und
Sturmeswüten Trost und Wärme gespendet, wie ein liebender, guter
Freund, wie eine liebe, gute Freundin. Und nun, da wir ins Reich
der Sonne kamen, drehe ich ihm mit einer Kurbeldrehung die Seele ab
und stelle ihn auf kalt! Da fielen mir die Menschen ein, die ihr
Herz, ihre Seele, ihr Empfinden so meisterlich in der Gewalt haben,
wie eine Zentralheizung. Brauchen sie Wärme, rugs, stellen sie ihre
Herzensleitung auf warm; wird es ihnen zu warm, rugs, stellen sie ihre
Herzensleitung auf kalt. Was geht es sie an, wie die anderen empfinden,
-- haben sie nicht das Recht, die Zentralheizung ihrer Seele so zu
stellen, wie es ihnen paßt?
Ich dachte einer schönen, klugen und guten Frau meiner Bekanntschaft.
Die verstand es meisterhaft, ihre Herzensstimmung nach Bedarf zu
regulieren. Bedurfte sie der Wärme, so flogen die Herzen ihrer
Umgebung, ihrer Freunde und Verwandten, der Dienstboten, der Armen und
Bedrängten in die Heizung, daß es nur so prasselte; -- kam dann die
Zeit, in der es ihr zu heiß wurde, hatte der eine dieses, der andere
jenes verbrochen: hier wurde eine Heizung abgestellt, dort eine andere.
Und vor mir tauchten die Gesichter meiner Armen auf, die ich ihr zur
Hilfe anvertraut, mit deren Herzen sie ihre Heizung geheizt hatte,
und die die schöne, kluge und gute Frau nicht verstehen konnten, wenn
sie nun plötzlich die Heizung abstellte. Und dann flogen sie zurück
zu mir mit stummem Flehen und tränenden, fragenden Augen: ob sie was
verbrochen hätten; -- du läßt uns doch nicht im Stich, du läßt uns doch
nicht fallen? Nein, nein, nein, und tausendmal nein, -- ich stelle die
Heizung meines Herzens nicht ab, und wenn ich darüber zugrunde gehen
sollte. Kommt nur, kommt, ihr trauernden, bekümmerten Herzen, ihr, die
ihr in Not und Sorge seid, kommt nur, es findet sich wohl noch Rat und
Hilfe, und wenn's nicht anders geht, so gehe ich für euch betteln, wie
ich es schon so oft getan. Aber ich kann nicht frieren, und ihr sollt
auch nicht frieren!
* * * * *
Kap Finisterre! Was hast du mich gelehrt! Hab Dank! -- Fast hätte ich
die Heizung in meiner Kammer wieder angestellt, um ihr die alte Seele
wieder zu geben, das heiße, behagliche Rauschen in ihren Adern, den
Röhren, -- aber was war das? Die Seele war nicht tot, -- strahlende,
wonnige Wärme erfüllte mein kleines Gemach, himmlische Helle, blauender
Himmel, lachende, lockende Sonne! O Liebe! Liebe, du bist wie die
Sonne, nein, du bist die Sonne selbst, wärmend, hellend, lebenspendend!
Weh euch Ärmsten, Unglücklichen, die ihr keine Liebe, keine Sonne,
keine Wärme, keine Helle in eurem Leben habt! Ich wollte, ich könnte
sie alle herrufen, oder zur Sonne sagen: geh hierhin, oder dorthin und
wärme und helle, da tut es not!
Oh, ihr Menschen, die ihr reich an Sonne in eurem Leben seid,
verschließt sie nicht in euch, nicht so ängstlich, nicht so
selbstsüchtig, -- strömt eure Liebe, eure Wärme aus, wie die Sonne ihr
Licht, ihre Wärme jenseits von Kap Finisterre!
Ich eilte auf die Kommandobrücke. Oben erwartete mich schon mein
Kapitän und empfing mich mit siegesfrohem Lächeln. »Das war eine harte
Nacht. Graue Haare habe ich bekommen. Aber nun ist's überstanden.« Der
erste Offizier kam und reichte mir die Hand --: »Nun sehen wir unsere
Frauen und Kinder doch noch wieder.« »Ja, ich wußte schließlich nichts
Besseres mehr zu tun, als zu Gott zu beten«, gab ich ruhig und fest
zur Antwort. Da faßte der Friese aufs neue meine Hand, drückte sie
und sprach: »Das habe ich auch getan, das ist das beste, was man dann
tun kann.« Der Kapitän, der gerade voraus lugte, hatte unser Gespräch
gehört, trat hinzu und sagte schlicht: »Ich habe es auch getan; es ist
das einzige, was bleibt: seine Pflicht tun und beten!«
Wie ich am Zwischendeck vorbei kam, saß eine junge Französin, die in
Boulogne mit ihrem Kindchen an Bord gekommen war, mit dem Rücken am
Schornstein, ihr Kind, ein liebliches, blondlockiges Mädchen von zwei
Jahren auf dem Schoß, und sang leise, dem Kind mit den Fingern die
Locken streichend:
+Enfant de mon amour,
Bienfait par Dieu,
Tu es ma vie,
La fleur de mes yeux!+
+Enfant de mon amour,
Fille de mon coeur,
Tu es mon âme,
Tu es mon bonheur!+
Es war ein Bild reinster Mutterseligkeit. Ich redete sie an: »Ihr
Kind ist wohl Ihre ganze Freude?« »O ja,« sprudelte sie mit echt
französischer Lebhaftigkeit entgegen, »meine ganze Seligkeit. Ich
wünsche mir unzählige. Ich hasse das Eheleben, wie es in Frankreich
betrieben wird. Jedes Kind ist ein Geschenk Gottes. Mein Mann ist
vor gut zwei Jahren, unser Mädel war noch nicht geboren, nach drüben
gegangen. Dieses Kind ließ er mir als Pfand unserer Liebe zurück. Nun
will ich es ihm nachbringen. Er kann es nicht erwarten, es zu sehen.
Er hat sich eine Farm in Brasilien erarbeitet und schreibt, ich solle
kommen und ihm so viel Kinder schenken, als Gott uns anvertrauen wolle.
Land sei genug da, und jedes Kind sei eine neue Arbeitskraft für uns
und damit für die Menschheit. Wie viel Kinder haben Sie?« Ich erwiderte
ihr, ich hätte sieben. »Können Sie die denn in Deutschland auch alle
ernähren?« Da antwortete ich, mein Weib und ich erzögen unsere Kinder
so, daß sie erstens einen gesunden, starken und widerstandsfähigen
Körper hätten, sodann aber in der Anschauung, daß Arbeit ihnen Freude
und Lebensgenuß dünke. Zu dritt lehrten wir sie, die ganze Welt als
ihr Vaterland zu betrachten, da sie Menschen seien. In diesem großen
Vaterlande sei ihr engeres Vaterland Deutschland, noch enger ihr Dorf,
das engste ihr Elternhaus. Ebenso, wie sie als Kind, als sie zuerst
die Schwelle des Elternhauses überschritten, sich an ihr Dorf gewöhnen
mußten, und später, als sie hinauszogen, die Fremde sich ihnen als ihr
Vaterland erwies, ebenso müßten sie sich gewöhnen, die weite Welt als
ihr Vaterland in weiterem Sinne aufzufassen und lernen, sich darin
zurechtzufinden.
Darauf bricht sie in den Ruf aus: »Es muß doch grenzenlos hart sein,
keine Kinder zu haben. Ob es wahr sei, daß so oft der Mann schuld sei?
Ein ihr befreundeter Arzt habe ihr gesagt, daß Professor Noeggerath
in Neuyork, einer der größten Kenner der Frage dort, gesagt habe, 95
Prozent aller Frauen, die an Frauenkrankheiten litten, seien krank
durch ihre Männer; das wäre ja entsetzlich!« Ich konnte es nur
bejahen. »Dann«, fuhr sie fort, »hätte sie doppelt Mitleid mit allen
kinderlosen Frauen. Nach ihren Empfindungen müsse jeder gesunde Mann
das grenzenloseste Mitleid mit solchen Frauen haben und ihnen helfen,
wenn es noch möglich sei, ihre Aufgabe zu erfüllen, sonst sei er kein
Mann in ihren Augen. Der Ehemann aber habe sein Anrecht auf die Frau
als Weib verscherzt.« Die kleine Frau glühte förmlich vor Zorn und
Eifer. Ich erwiderte ihr, daß der sittenstrenge Martin Luther die
Frage bereits ähnlich gelöst habe, wie sie, indem er dem kranken und
unfähigen Ehemanne den Rat erteilte, zu seinem Freund oder Bruder zu
gehen und den zu bitten, seine Pflichten zu übernehmen. »Sehen Sie,«
eiferte die junge Mutter, -- »ich bin ja freilich katholisch, aber das
ist so ehrlich und gut gesprochen, das könnte mich mit Ihrem Doktor
Luther beinahe aussöhnen.« Ich warf ihr ein, daß mir die Bedeutung der
Ehe noch mehr in dem Zusammenschmelzen der Seelen beider Ehegatten
zu liegen scheine und in der Erzeugung neuer Kulturwerte für die
Menschheit aus dieser Verschmelzung, als in der Hervorbringung von
Nachkommenschaft. Da rief sie leidenschaftlich aus: »Was nützen denn
diese neuen Kulturwerte, wenn keine neuen Geschlechter da sind, denen
das Menschenpaar, das diese Werte zutage förderte, sie vererben kann?«
-- --
* * * * *
Ein Heizer meldet sich krank, der im Sturm in der Biskaya gegen die
Wand geschleudert war. Seine rechte Hand war stark gequetscht. Ein echt
deutsches Gesicht. Er sprach auch deutsch; aber seine Sprache hatte den
Beiklang des Polnischen. Ich fragte ihn, während ich ihn verband: »Was
für ein Landsmann?« »Pole.« »Wo bist du her?« »Aus Schlesien.« »Wo da?«
»Aus der Gegend von Ratibor.« »Was war deine Mutter von Geburt?« »Eine
Deutsche.« »Dein Vater?« »Österreicher.« »Kerl, hast du Glück, dann
bist du ja ein Deutscher. Freust dich?« »Ja.« Seine Augen leuchten auf.
Etwas wie Zweifel liegt noch in seinem Gesicht. »Wer hat dir Karnickel
denn aufgebunden, daß du ein Pole bist?« »Der Pfarrer. Er sagt, ganz
Schlesien sei polnisch, alle seien wir polnisch. Deswegen dürften
wir auch nur polnisch sprechen.« »Und ich sage dir, ganz Schlesien
ist deutsch. Und ihr könnt stolz sein, deutsch sein zu dürfen, weil
ihr deutsch seid. Bekommt eine Stute junge Hunde, oder eine Hündin
Fohlen?« »Nein.« »Nun überleg' dir, kann der Sohn von einer deutschen
Frau eine Pole sein? Oder der Sohn von einem deutschen Vater?« »Nein.«
»Na also.« Nun leuchtet's ihm ein. Am andern Tage kommt er wieder zum
Verbinden. »Ei, da kommt ja mein Schlesier. Was bist du doch für ein
Landsmann?« »Ein Deutscher.« »Freust dich darüber?« »Freilich,« grinst
der Bursche und strahlt über sein ganzes Gesicht. »Und ich will's dem
Herrn Pfarrer schon klar machen.« Ob er's tut? Ob's was nützt? Aber
schlimm ist's, wenn diese Vertreter Christi auf Erden sich in die
Politik mengen. Eher könnte man eine Herde Wölfe in einer volkreichen
Stadt loslassen. Größer wäre der Schaden auch nicht. Was in aller Welt
hat das Evangelium der Liebe mit der Nationalität zu tun, mit der
Politik? Wölfe sind es, Wölfe in Schafskleidern, diese »Diener des
Höchsten«, blutgierige und macht- und ehrsüchtige Hetzer.
Noch ein Opfer des Sturmes in der Biskaya. Der 3. Maschinist war
bei dem starken Seegang mit dem Knie gegen die Treppe geschleudert.
Er mußte einige Tage das Bett hüten. In seiner Koje hing an der
Wand, sauber eingerahmt, unter Glas, eine weiße Atlasschleife,
augenscheinlich von einem Totenkranz stammend. Mit Schwarzdruck stand
darauf: Die Hilfskrankenkasse der Schlosser in treuem Gedenken ihrem
langjährigen Mitgliede Frau Eliese W. Ich fragte ihn nach der Bedeutung
dieses seltsamen Wandschmuckes. Die Schleife stammte von dem Kranz, den
die sozialistische Krankenkasse seiner Frau gestiftet hatte. Während
des Sommers trug er den Kasten mit der Schleife alljährlich auf das
Grab seiner Frau, während des Winters aber nahm er ihn mit in seine
Koje, da er auf dem Kirchhof bei dem schlechten Wetter zu viel gelitten
hätte. Und nun freue er sich immer auf den Winter, dann sei es in
seiner Koje noch einmal so gemütlich. Es sei ihm dann immer, als ob er
ein Stück von seiner verstorbenen Frau Liebsten noch bei sich habe. Und
was ich wohl meine, ob wohl an solchen Dingen ein bißchen Seele haften
könne. Ihm sei es manchmal, als ströme von der Schleife etwas zu ihm
hinüber, daß ihm ganz warm werde.
Geht's nicht allen so? Ist's nicht so? Gibt es irgend etwas, was
wirklich seelenlos ist, irgend etwas, was nicht Gedanken, Empfindungen
auslöst, zu uns spricht? Sagen wir nicht selbst, »dieses, jenes,
spricht uns an?« Ist es nicht tatsächlich ein Stück vom Leben, was an
dieser Schleife haftet, was sie beseelt? Die Dankbarkeit und Treue
der Freunde, die Erinnerung an die Liebe und Güte der Verstorbenen,
sind das wirklich nur tote Begriffe? Sind es nicht vielmehr lebendige
Kräfte, wie die Sonnenstrahlen, Kräfte, die andere Empfindungen
ausgelöst haben, die Taten ins Werk gesetzt haben? Oh, ich glaube, wir
sind nur so stumpf geworden im Gedränge des Alltags, so abgestumpft
und gehärtet, so unfähig zu feinem Empfinden und Genießen aller dieser
zarten, geistigen Dinge, -- eben durch unser vieles Genießen. Und hier
ein schlichter Mann in seiner kleinen Klause, der nur die Pflicht
kennt, sein Glück, was man so Glück nennt, früh ins Grab gesenkt,
allen Tand des Lebens von sich getan hat, -- er genießt mit stiller
Andacht die feinen Strahlen, die von dem Totenkranze der Geliebten
ausgehen, und damit zieht ihre Liebe, die Treue der Freunde und neues
Leben, neue Wärme in sein Herz. Bei Gott, -- ich wollte, ich könnte
unseren Reichen, unseren Gebildeten zeigen, wie arm sie vielfach sind
diesem Manne gegenüber, und wie reich das Leben ist an Schätzen, die,
ach, so viele verlernt haben zu genießen. Schätze, die sie vielleicht
nie gekannt haben. Schätze, deren Genuß ein ruhiges Herz, eine stille
Stunde, ein feines Horchen und Empfinden verlangt. Ich kenne euch,
wärmende Strahlen und grüße euch als vertraute Freunde. Bahn möchte ich
euch brechen, damit ihr wieder die Welt beherrscht mit eurer Wärme,
eurem Licht, und das Lärmende und Gleißende und doch so Kalte dieser
Zeit verdrängen helft.
* * * * *
Immer wärmer strahlte die Sonne. Das ganze Schiff schien von ihr
erfüllt. Auf dem Hinterdeck ging der rothaarige Kapitän aus Friesland,
die Pfeife im Munde, die Hände in den Hosentaschen, und wies mit
dem Kopf grinsend auf seinen Schützling, der, noch blaß von den
überstandenen Strapazen, sich wohlig in dem warmen Lichte reckte. Die
Matrosen dehnten und sonnten sich, während der Dampfer die immer blauer
werdenden Fluten flott durcheilte. Die junge Polin hatte ein reines,
leichtes Kleid angezogen und freute sich ebenfalls am Leben und am
Licht. Ich versuchte in freundlicher Weise auf ihre Seele einzuwirken,
allein sie entschlüpfte allen Fragen wie ein Aal. Und doch schien auch
ihr die Sonne, und auch sie wärmte sich an den warmen Strahlen. Sollen
wir Menschen nicht lernen von dieser Alliebe, die das All beherrscht
und die Sonne scheinen läßt über Gerechte und Ungerechte?
Auf der Reeling hockte unser Schiffsjunge aus Finkenwärder, mein
blondlockiger Freund, und putzte die Messingbeschläge, an denen
sich Rost und Grünspan als Erinnerung an die Stürme der Biskaya
angesetzt hatten, gerade wie die Seele Rostflecken bekommt in den
Schicksalsstürmen des Lebens.
Halb wehmütig, halb schelmisch, wohl denkend, den Sturm hätten wir
erst einmal wieder überstanden, sang er ein altes Volkslied aus seiner
Heimat. Sein Schatz hatte es ihm wohl dort beim Abschied vorgesungen.
Nun dachte er ihrer und zauberte sich ihr Bild, indem er ihr
Lieblingslied sang.
Auch unsere anderen in Antwerpen an Bord gekommenen Mitreisenden
freuten sich der leuchtenden Wärme. Selbst dem finsteren Balten schien
ein Strahl seinen Gram ein wenig aufhellen zu wollen.
Der Weinhändler aus Bordeaux, der ostpreußische Delegierte vom
internationalen Gastwirtetag und unsere beiden Magyaren saßen mit müden
Gesichtern auf der Schattenseite des Schiffes, jeder ein großes Glas
Pilsener vor sich, wegen der Hitze. »Wissen Sie,« hörte ich ohne zu
wollen den Weinhändler mit Emphase ausrufen, »hier auf dem Meere kommen
einem die großartigsten Gedanken. Wir alle, die wir an möglichst großem
Konsum der mit Recht so beliebten Getränke beteiligt sind, sollten uns
zusammentun, um dieser albernen sogenannten Menschenfreundlichkeit,
von der auch unser Doktor angekränkelt ist, den Garaus zu machen.
Ich habe in Hamburg einen Freund, einen großen Spiritusfabrikanten,
der wird Feuer und Flamme sein, wenn ich dem unsern Plan vortrage.
Dieser verdammte Humanitätsdusel.« »Ja,« grunzte der Ostpreuße in
seinem Bierbaß, »mit dem Wort haben Sie recht. -- Wissen Sie, was
der Doktor neulich sagte, als ich ihm seufzend vorrechne, was wir
Besitzenden, die wir doch die Säulen des Staates sind, an Beiträgen für
die verfluchten Arbeiterversicherungen in Deutschland zahlen müßten?
-- Das wäre unsere nackte Pflicht und Schuldigkeit und Bismarcks
größtes Verdienst, daß er diese Versicherungen gegen den Willen der
Mächtigen durchgesetzt hätte. Wissen Sie, was ich ihm am liebsten
geantwortet hätte? -- Se. Majestät hätte am klügsten getan, Bismarck
vor Erfindung dieser Arbeiterversicherungen den Laufpaß zu geben. War
entschieden Humanitätsdusel aus beginnender Altersschwäche. Äh, -- sehr
guter Schnack, nicht? Na, über Bismarck nichts Übeles: denn wissen
Sie, was auf diesen Bismarck-Kommersen gesoffen wird, -- meinetwegen
könnte es zehn Bismärcke geben; -- äh, muß selbst über meinen Schnack
lachen.« Der Weinhändler lachte heiser mit und sagte: »Kommt von der
Seeluft, macht so witzig, -- haben aber vollständig recht. Großartig,
was der Patriotismus unsereins einbringt. Freilich sollen wir die
Geistlichen, die Ärzte und die Lehrer auch warm halten, denn die
Kerls sind maßgebend in Deutschland und trinken gern akademisch bis
in ihr Alter weiter, wie sie es auf der Universität gelernt haben.
Aber der Patriotismus ist die Hauptsache, denn wenn der Deutsche
patriotisch wird, dann säuft er. Muß Ihnen aber doch mal erzählen,
-- genialer Streich, -- wie ich vor längerer Zeit mal etwas schlappe
Champagnermarke auf den Markt brachte. Fabrikant zahlte ausgezeichnete
Prozente. Lag mir viel daran, dem Manne einen Gefallen zu tun.
Stiftete einfach Offizierskasino zwei Dutzend Flaschen ›zum Wohle Sr.
Majestät.‹ Seitdem beständig Nachbestellungen. Habe nun ganze Reihe
von Kasinos, wo ich's ebenso mache. Nenne das patriotischen Sekt.
Geschäftsspesen. Rentieren sich großartig.« »Wissen Sie,« tönte der
Baß des ostpreußischen Gastwirtsvertreters, »ähnlich geht es uns mit
den Kriegervereinen. Ist das beste Geschäft von allen. Fahnenweihen,
Stiftungsfeste, Sedan, Kaisers Geburtstag, Komiteesitzungen,
Schießabende, Tanzkränzchen, na, usw. -- alles bringt Geld in unsere
Kassen. Die Wirte müssen natürlich mit im Verein sein, lieber nicht
im Vorstand, fällt zu sehr auf. Was die Bande wegtrinkt an diesen
Festen, -- wundervoll, sage ich Ihnen. Wäre eigentlich Hauptspaß, auf
dem internationalen Gastwirtetag Komitee anzuregen zur internationalen
Ausnutzung des Patriotismus seitens des Wirtsgewerbes.« Allgemeines
Gelächter belohnte den sinnlosen Schnack.
Voll Ekel über diese Gesellschaft wandte ich mich wieder der
Sonnenseite des Schiffes zu und trank mich satt an der Sonne, bis sie
sank.
* * * * *
In einen märchenhaft zarten, blauvioletten Schleier gehüllt, tauchten
von fern die Bergketten der spanischen Küste auf, die Ciousfelsen, die
den Eingang zum Hafen von Vigo bilden. Donnernd brechen sich an den
schroffen Klippen auf beiden Seiten der engen Einfahrt die Wogen.
Inzwischen ist die Nacht herabgesunken. Nur äußerste Vorsicht kann das
Schiff ungefährdet in den Hafen bringen.
Aber nun sind wir in der Bucht und gehen vor Anker. Die erste ruhige
Nacht seit unserer Abreise aus der Heimat.
Im ersten Morgengrauen erhob ich mich. In weitem, sanftem Bogen rahmen
Bergketten das Meer ein. In liebliches Grün eingebettet liegt die
Stadt. Noch ruht die Welt in morgendlicher Stille. Vereinzelt blinken
sogar noch Lichter in den Fenstern. Aber der Nebel hebt sich. Leuchtend
bricht im Osten die Sonne durch. Nun beginnt es am Ufer zu leben.
Dampfpinassen und Boote stoßen vom Lande ab. Plötzlich wimmelt das Meer
von Fischerbooten, die, wie große Möwen, mit weißen, geblähten Segeln
schnell und sicher die Wogen durchschneiden.
Mit flotter Wendung legt sich eine große Schaluppe längsseits an unser
Schiff, so daß sein Rumpf das Fischerboot gegen die Blicke vom Land
her verbirgt. Das Segel fällt. Hoch aufgerichtet steht der Kommandant
auf Deck und reckt den Hals auf unser Schiff. Da sieht er die beiden
Zollwächter, die mit aufgepflanztem Bajonett gravitätisch auf unserem
Schiff auf und nieder promenieren. Zum Glück sind es Bekannte. Er
nickt ihnen zu, sie nicken wieder. Ein Tritt mit dem Fuß, und Tauwerk
und Netze, welche die Falltür zur Kajütentreppe bedecken, fliegen zur
Seite. Vorsichtig wird der Deckel gelüftet. Ein Kopf wird sichtbar,
saugt gierig die frische Morgenluft ein, fragt nach oben, gibt das
gehörte Ja nach unten weiter und heraus quillt's, als ob man von einem
Korb mit Aalen den Deckel lüftet; braune Gestalten, der eine strahlend,
jener keck, dieser schelmisch, ein anderer ängstlich, der frech beinah,
jeder Gefahr spottend, die im engen Gelaß steif gewordenen Glieder
reckend; und nun wie die Katzen vom Boot an der Strickleiter auf unser
Schiff hinauf. Oben empfängt sie der Kommandant. Er stellt sie in Reih
und Glied, zieht gravitätisch eine Rolle aus der Tasche und ruft die
Namen auf. Dann zählt er noch einmal nach, geht zum Zollsoldaten und
meldet 37. »Nein,« erwidert der Spanier, »es sind 38.« Der erstere
beteuert die Richtigkeit seiner Zahl. Hier sei die Liste. Dort stehen
die Leute. Es stimmt. -- Schmunzelnd steckt der Soldat die Handvoll
Silbermünzen in die Tasche. Ein Pfiff, und jauchzend fliegen die
braunen Burschen vom Achterdeck über das Promenadendeck nach vorn -- in
die Arme ihrer Frauen, ihrer Liebsten.
Während die Schaluppe auf der einen Seite unseres Schiffes anlegte, um
diese spanischen Deserteure heimlich einzuschiffen, war auf der dem
Land zugekehrten Seite des Schiffes Boot um Boot mit Frauen und Kindern
angekommen, mit Kisten und Kasten, mit Ballen und Körben. Nun fanden
sich die Paare jubelnd zusammen.
Ich trat auf den Posten zu und redete ihn auf spanisch an, es sei doch
unverantwortlich, um schnöden Geldes willen diese Leute dem Dienste
fürs Vaterland zu entziehen. Da zuckte er lachend die Schultern und
meinte: es sei ja doch nur Schund. Nein, es war kein Schund! Fixe,
tüchtige Kerle waren es, sehnig, in Arbeit hart geworden, aber sie
wollten Freiheit, Land, Arbeit und den Ertrag ihrer Arbeit, sie wollten
lieben, und die Frucht ihrer Liebe wollten sie gedeihen sehen. Oh, ich
verstand sie nur zu gut. Daheim? Da war es auch schön. Aber das Land
gehörte den großen Herren. Und wollte man arbeiten, dann galt's für
die, und für einen selbst blieb nichts nach. Nein, den eigenen Acker
wollten sie bebauen, und wenn es noch so heiß, noch so mühsam sei. Aber
was durch ihren Schweiß wuchs, das sollte auch ihr Eigen sein. Das
wollten sie. Und deswegen kehrten sie ihrer schönen Heimat den Rücken.
War es nicht bei uns das nämliche Lied? Die eigene Scholle! Nur so
groß, daß man sich ordentlich müde darauf arbeiten könnte und satt
werden, selbst und die Seinen, -- nicht mehr. Aber was darauf wuchs,
ganz mein, mein Schweiß, meine Frucht. Und wenn Kinder kamen, so mußte
Platz auch für sie sein, Luft, Licht, Boden, Frucht und Brot. Nur
nicht die ewige, entsetzliche Angst, -- um Gotteswillen, wovon soll
es satt werden, das, was noch gar nicht geboren ist? Vor allem Elend
ringsum ist der Sonnenschein des Wortes von den Lilien auf dem Felde
der Menschheit verloren gegangen, -- als ob kein Platz mehr für die
Menschen auf der Erde sei! -- --
* * * * *
Schon durchfuhren wir vorsichtig steuernd das enge Felsentor des
Hafeneinganges, im Hintergrunde verschwindet das liebliche Panorama,
-- die Heimat unserer Auswanderer. Wehmütig sitzen die Männer da,
leise weinend die Frauen. Wie wird es werden? Werden wir dich wieder
sehen, Land unserer Väter, dich, schönes Spanien? Selbst die Kinder
scheinen angesteckt von der Wehmut der Eltern und lassen die Köpfchen
hängen, wie Blumen, denen das Lebenslicht fehlt. Ich bringe den Kleinen
Apfelsinen und Kuchen von unserer Kajütstafel, spreche den Männern Mut
zu; die Frauen lachen, da sie die Freude der Kinder sehen. Nun kommt
neues Leben in die Gesellschaft. Wie sie erst sehen, daß sie selbst
hier auf dem Schiffe als Menschen gelten, da überkommt sie ja wohl
das Gefühl: das warme Sonnenlicht, das in der Heimat uns die Früchte
reifte, wird uns auch in der Ferne nicht verlassen!
Mich aber durchflutet es heiß, wie ein glühender Wunsch:
Ich möchte die Sonne sein,
Die alle Seelen auf Erden wärmt,
Wo immer ein Herz im Busen sich härmt, --
Die Sonne möchte ich sein!
Ich möchte die Sonne sein. --
Ich gönnte wohl jeder Erde den Mond!
Doch, die Wärme spendend am Himmel thront,
Die Sonne möchte ich sein!
Ich möchte die Sonne sein,
Die die Welt erfüllet mit Liebesglut,
Zum Leben erweckend, was licht und gut, --
Die Sonne möchte ich sein!
In ruhiger Fahrt fuhren wir an Spaniens Küste entlang. Auf den
Bergketten hoben sich scharf vom blauen Himmel in langen Reihen die
dunklen Silhouetten alter Pinien ab, die wie Wächter den Kamm des
Gebirges hüteten. Mir schienen es Mahner. Wo sind die Wälder geblieben,
von denen die einzelnen Stämme traurige Reste bildeten? Hatte hier
die Habsucht die Axt geführt, wie überall, wohin Romanen den Fuß
setzten? Hatte hier sinnlose Gewinnsucht die Berge entwaldet? Wie die
Italiener ihre Berge in den weiten Gebieten, die einst in unerhörter
Fruchtbarkeit die Kornkammern der Welt genannt wurden, und die nun zum
Teil in trostloser Dürre daliegen? Und weiter schweifte mein Geist
nach Palästina, wo die Entwaldung der Berge das Land in eine Wüstenei
verwandelt, von dort nach Mexiko, wo die Barbarei der Spanier vor
Jahrhunderten den Wald ausgerottet und das reiche fruchtbare Land
der Azteken zum Teil in öde Steppen verwandelt hatte. Voll Sorge
dachte ich an das schöne Schweden, wo in ähnlicher Weise die Raffgier
fremder Kapitalisten beginnt, skrupellos den Wald zu lichten; dachte
frohlockend an Deutschlands sorgsam gehegte Forsten, an Dänemarks
treue Arbeit am Kattegatt, wo seit Jahrzehnten liebevolle Sachkenntnis
den öden Dünen herrlichsten Wald entlockt hat, der nun das dahinter
liegende Land vor der verheerenden Wucht der Meeresstürme schützt, so
daß der dänische Bauer hoffnungsfroh sein Korn in den Acker senkt. Aber
hier? -- Wie fruchtbar müßte dieses Land sein, wenn der Wald das Wasser
auf den Bergen hielt, um es von dort den tiefer gelegenen Ländereien
als befruchtendes Element mitzuteilen. Wie viel tausende glücklicher
Familien könnten hier wohnen, Korn, Trauben, Früchte aller Art bauend,
sich und der Menschheit zum erquickenden Segen.
Plötzlich legte sich eine Hand auf meine Schulter. Während ich in
Sinnen verloren die kahlen Ufer hatte vorüberziehen sehen, hatte ich
nicht bemerkt, daß der Franzose sich mir genähert hatte. »Ich lese
aus Ihrem ernsten Gesichte Ihre Gedanken,« redete er mich an. »Sie
haben recht, was müßte bei verständiger Regierung aus diesem Lande,
das von drei Seiten vom Meere umgeben ist, das unter der mildesten,
herrlichsten Sonne liegt, zu machen sein! Wie viele Millionen würden
hier Brot und Dasein finden, wenn Liebe und Klugheit hier das Szepter
führten. Der Hauptfehler liegt hier, wie auch in Italien daran, daß
der größte Teil des Landes in den Händen Großer und Mächtiger sich
befindet, die ihn durch Pächter und Unterpächter ausnützen, um immer
reicher, immer mächtiger zu werden, ohne sich des Segens, den sein
Besitz bringt, des Segens der Bearbeitung des Bodens bewußt zu werden.
Und wohin Sie sehen, finden Sie das nämliche Leid, nur in anderer
Form, in Ihrer Heimat, wie in der meinigen. Die Allgemeinheit schafft
neue Werte, baut Straßen, Bahnen, Kanäle, Plätze, Parks, Museen,
Schulen, -- aber nur die wenigen, die im Besitze von Grund und Boden
sind, haben den Nutzen davon, daß der Grund und Boden durch alle
diese Neuschöpfungen im Werte steigt. Die Städte drängen über ihre
Weichbilder hinaus. Was heute Kartoffelland ist, wird morgen Baugrund.
So wächst diese üble Sorte von Parvenüs aus der Erde heraus, diese
Millionenbauern, Menschen ohne Bildung, zumeist infolge des mühelos
erworbenen Reichtums Protzen und Schwelger, -- und die Masse muß ihnen
fronden mit Zins und Zinseszins. Die Schätze des Bodens, die Wälder
und Bergwerke, die Salzlager und Petroleumquellen machen einzelne zu
Fürsten des Geldes, -- und die Menge darbt.
Handel und Industrie schaffen ungeheure Reichtümer, die, nur zu oft
anstatt dem Ganzen zu dienen, törichten, schwelgerischen, übertriebenen
Luxus fördern.
Dräuende Rüstungen aller Länder verschlingen den Wohlstand der Völker,
die, aufgehetzt vom Rassenhaß durch eine gewissenlose und profitgierige
Presse, sich gegenseitig befeinden und beargwöhnen.
Die Länder schließen sich ab und erzeugen so den tollen Zustand, daß
hier Gebiete der Erde die Menschen kaum zu fassen vermögen, dort
unermeßliche Gebiete des Pflugs und der Axt harren.
Die Künstler, der Natur entfremdet, in einem entarteten Kulturleben
entnervt, schaffen zumeist Werke, die den Todeskeim schon in sich
tragen, wie Kinder, die einen kranken Vater hatten, oder die in den
Höfen der Großstadt erzeugt sind, wie Blumen, die der Sonne entbehrt
haben. Die Lehre Christi ist vergessen. Die Sonne des Lebens ist
erloschen. Die Liebe ist tot.« --
Vor uns lag die zerklüftete Steinwüste der Bocca da Inferno, der
Höllenstrand. Dunkel stiegen die Felsen aus dem brandenden Meere empor,
unheimlich finster. Wie eine Eiseshand legte es sich mir auf die Seele.
Und doch, -- war es nicht tröstend, daß ich hier auf fremdem Meere
einen Menschen fand, der so klar das Elend der heutigen Welt erfaßt
hatte! Aber gab es denn keinen Ausweg?
Oben auf der steilen Küste leuchtete weiß und hell ein Leuchtturm, ein
Wahrzeichen für die Schiffer, das gefährliche, riffreiche Gestade
zu meiden; warnte Portugiesen und Spanier, Engländer und Deutsche,
Holländer und Franzosen, und wer immer hier vorbeifuhr, Freund und
Feind.
Nein, und tausendmal nein, -- die Liebe ist nicht tot! Liebe hat den
Leuchtturm hier gesetzt, -- Liebe zu fremden, wildfremden Menschen. Und
Liebe muß dieses ganze Wirrsal entwirren.
Schweigend reichte er mir die Hand. -- Nach einer Weile sagte er kurz:
»Es ist schon so, der Alkoholismus, der Mammonismus und der Egoismus,
diese drei internationalen Bestien sind es, die unsere Kultur in den
Staub zu drücken drohen mit ihren Tatzen.« -- --
Allmählich wurden die Ufer lieblicher, Dorfschaften in grüne Gärten
eingebettet, dann wieder kahle Hügel mit felsigen Gestaden. Hügel,
deren Kämme, wie man wieder an den hier und dort einsam ragenden Bäumen
erkennen konnte, einstmals wohl Wälder getragen hatten, wechselten mit
kleinen Städten. -- Wir hatten es uns bequem gemacht und sahen das
Panorama der portugiesischen Riviera an uns vorüberziehen.
»Eines schlimmen Feindes, vielleicht des schlimmsten für das
Vorwärtskommen der Völker haben wir noch nicht gedacht,« hob mein
französischer Reisegefährte wieder an, »das ist die Schule.« Gespannt
fragte ich, womit er das begründen wolle. »Sie bringt den Kindern alle
möglichen Kenntnisse bei, aber das Wichtigste bringt sie ihnen nicht.«
-- »Und was ist das Wichtigste?« -- »Das Beste und Köstlichste! Sein
Glück darin zu finden, daß man andere glücklich macht, Not lindert und
der Not vorbeugt. Nicht der Besitz ist verwerflich, sondern der falsche
Gebrauch des Besitzes.« -- »Und worin besteht dieser falsche Gebrauch?«
-- »Darin, daß man seinen Reichtum, seine Stellung benutzt, um andere
auszusaugen, andere Menschen unglücklich zu machen. Sehen Sie, das
ist die Sünde. Und an dieser Sünde bewahrheitet sich wieder das alte
Wort: ich will die Sünde der Väter heimsuchen bis ins dritte und vierte
Glied. Denn der Mammonismus der Väter rächt sich an ihren Enkeln und
Urenkeln. Erst wenn wir gelernt haben, die menschliche Persönlichkeit
wieder zur Geltung zu bringen, die Selbstsucht der Besitzenden zu
brechen; wenn wir erst wieder Achtung haben vor dem Nebenmenschen, vor
dessen Leben; erst wenn wir gelernt haben, die Liebe zum Glück des
Nebenmenschen zu tatkräftigem Leben zu erwecken: erst dann werden wir
unser Ziel erreicht haben!«
Ich hatte während der letzten Worte des Franzosen die Augen
geschlossen. Durch meine Seele zitterte es nach: mit dem Billigsten,
mit dem, was nichts kostet, wie Sonnenschein und Luft, die noch allen
Menschen gemeinsam sind, sind die Menschen am sparsamsten, mit der
Liebe. O, mein Gott! Wie viel Liebe kann ein Mensch verschenken und
wird dabei immer reicher, -- und wie wenig Liebe verschenken die
Menschen. Und da wundern sie sich, daß sie immer ärmer, daß es um sie
herum immer finsterer, immer kälter, immer freudeloser auf der Erde
wird. Und tragen die Lebenssonne doch im Herzen, aus der sie nur zu
schöpfen brauchten, um die ganze Welt mit Licht und Wärme zu erfüllen!
--
Als ich die Augen öffnete, bot sich mir ein märchenhafter Anblick.
Hinter den Hügeln, die die Ufer begrenzten, stiegen bewaldete
Bergketten empor, terrassenförmig sich hintereinander emportürmend. Und
oben auf dem höchsten Gipfel, wie ein Gebild kühnster, dichterischer
Phantasie, in lichten blauen Nebelhauch gehüllt, ein Zauberschloß, mit
hochragenden Mauern und Zinnen, mit Türmchen und Türmen, und alles
überragend ein gewaltiger Turm mit hell im Sonnenlichte blinkender,
goldener Kuppel.
So mag dem Jüngling, der zuerst ins Leben tritt, von weitem das Ideal
seines Strebens entgegenschimmern, aus weiter Ferne, lockend, leuchtend
und doch fast unerreichbar.
Den Windungen des Ufers folgend, drängen sich neue Bergmassen vor
das liebliche Bild -- wie sich die Schwierigkeiten des Lebens vor
das Ideal drängen --; verschwunden ist das Schloß, verschwunden wie
Märchenzauber. Doch nun, was ist das, -- von neuem taucht es empor,
näher, deutlicher. Schon unterscheidet das Auge die arabischen
Zinnengesimse, die maurischen Zacken und Hufeisenbogen der Fenster.
Und wieder von neuem, obwohl dem Auge schon so faßbar nah, drängen
sich in erneuter Windung neue Bergketten vor den herrlichen Bau,
wiederum ihn den Blicken verbergend. Vergeblich sehnt sich das Auge,
das Wunder zu schauen, immer höher türmen sich graugelb gewaltige
Bergmassen im wirbelnden Zuge am Horizont empor, als wollten sie bis
zu den Wolken sich emporrecken. Jetzt aber, strahlend in Goldesglanz
und Farbenpracht, mit schimmernden Fenstern und leuchtenden Türmen,
machtvoll, gebietend, wunderherrlich liegt es da, gleichsam als wollte
es unser ganzes Denken und Empfinden erfüllen, wie das Ideal, das uns
gepackt hat, unsere ganze Seele erfüllt, daß wir fortan nur seiner
gedenken, ihm lebend, ihm uns hingebend mit jeder Faser unseres Seins.
Das ist die Cintra, die portugiesische Königsburg, mit ihren
Zaubergärten, die Byron schon ein wundervolles Eden genannt hat.
Unter ihr, wie die durch die Gegenwart besiegte Vergangenheit, völlig
beherrscht von dem machtvoll gebietenden Zauberschloß, ein kahler
Hügel, der Felsberg mit der alten, zerfallenen Maurenburg, deren Ruinen
melancholisch in die Täler zu ihren Füßen hinabschauen.
Ruhiger fließen die Wogen dahin. Wir sind längst in der Mündung des
Tejo. Barken mit fremdartig geschweiften bunten Segeln beleben die
Flut. Am Ufer grüßt der Turm von Belema, von dem aus Vasco da Gama
seine Forschungsreisen antrat, der Menschheit neue Gebiete der Erde zu
erschließen. -- --
Hinter uns lag die Cintra. Von weitem winkte schon Lissabon, beherrscht
von den Palästen des Königs und der Königin-Mutter.
»Warum fahren Sie nach Lissabon,« fragte ich den Franzosen? -- »Der
König muß abdanken.« -- »Warum?« -- »Weil er sein Land ruiniert, wie
seinerzeit Ludwig der Sechzehnte mein Vaterland ruiniert hat durch
seine Verschwendungssucht, seine Trägheit und seinen Mangel an Liebe
zu seinem Volke und seinem Lande.« -- »Und wenn er nicht abdankt?« --
»Dann muß er sterben, wie Ludwig der Sechzehnte. Denn es ist wichtiger,
daß ein Volk und ein Land gesund bleibt und gedeiht, als daß der Fürst,
der es zugrunde richtet, am Leben bleibt!«
»Das sind ja nette Grundsätze, -- Sie sind ja der reine Anarchist,«
ließ sich der schnarrende Bierbaß des Ostpreußen da plötzlich hinter
uns vernehmen, »werde Sie bei der Landung der Königlich Portugiesischen
Polizei bestens empfehlen,« setzte er höhnisch triumphierend hinzu, »um
Ihnen Ihre Throne stürzenden Ideen etwas zu durchkreuzen. Fehlte noch,
die Monarchien durch solche phantastische Köpfe in Gefahr zu bringen.
Müßte nicht Königlich Preußischer Unteroffizier der Landwehr sein, wenn
ich nicht wüßte, wie ich mit Leuten Ihres Schlages zu verfahren hätte.«
Lächelnd, ruhig in seinem Stuhle liegen bleibend, den dunklen
Schnurrbart leicht zwischen den Fingern zwirbelnd, hörte unser
französischer Reisekumpan das Geschnarre und Geschwätze seines
beleibten Gegners an, dessen Wut sich nur steigerte, als der Franzose,
ohne ihn eines Wortes zu würdigen, sich zu mir wandte und sagte: »Sehen
Sie dort die Fahne auf dem Palaste des Königs. Wir sind in Sicht. Wenn
sie jetzt niedergeht, so sind die Tage des Königs gezählt.« Kaum waren
seine Worte verhallt, da senkte sich die Fahne, um nach einer Weile
langsam wieder hochzugehen.
Vor uns lag die Stadt.
Ein wundervolles Panorama bot sich dem Auge. Wie ein Amphitheater zog
sich Straße um Straße an den Bergen empor bis oben zu den Höhen, von
denen die Königspaläste herabschauten.
Schon stoppte unser Dampfer seine Fahrt. Rasselnd fuhr der Anker zu
Grund. Unmittelbar vor uns lag der Hafenplatz mit seinen Triumphbogen.
Dahinter das Zeughaus, die Kathedralen, Kasernen, Klöster, ein Gewirr
von Straßen, dazwischen große, mit Bäumen bepflanzte Plätze, ein immer
aufs neue fesselndes Bild.
Die Dampfpinasse mit dem Regierungsarzte und der Hafenpolizei legte
an, Zollwächter kamen aufs Schiff, zahlreiche Boote umschwirrten uns
und legten zum Teil längsseits sich an den Dampfer. Der Franzose trat,
in der linken Hand ein Köfferchen, höflich auf mich zu und reichte
mir seine Rechte: »Leben Sie wohl, und bringen Sie uns Sonne mit.
Wir alle können sie brauchen.« Damit wollte er die Schiffstreppe
hinabsteigen, da sprang plötzlich unser Ostpreuße auf den nächsten
Zollwächter zu: »Verhaften Sie den da! Er führt etwas im Schilde gegen
Ihren König. Sie müssen ihn verhaften!« Der Mann verstand ihn nicht.
Der Franzose aber rief dem Zöllner auf portugiesisch zu: »Haben Sie
Mitleid mit dem Herrn. Er ist nicht ganz normal im Kopfe,« worauf
der Portugiese mitleidig lächelte und seinen Patrouillengang auf dem
Schiffe wieder aufnahm. Unser Ostpreuße aber, der sein Rettungswerk an
der portugiesischen Monarchie noch nicht aufgab, kletterte, so schnell
als seine Körperbeschaffenheit dieses erlaubte, in das nächste Boot,
das hinter demjenigen, mit welchem der Franzose den Dampfer verlassen
hatte, zur Hafentreppe fuhr, und landete kurz nach jenem am Kai.
Wir sahen vom Schiff, wie er heftig gestikulierend und laut rufend auf
Beamte der Hafenpolizei einredete, von denen ihn natürlich niemand
verstand, und konnten deutlich sehen, wie die Beamten den immer
aufgeregter sich Gebärdenden schließlich in ihre Mitte nahmen und
abführten.
Eine Stunde später gingen auch wir an Land und erfuhren, daß die
Polizei ihn als einen scheinbar Geistesgestörten erst einmal in
Schutzhaft genommen, nach Klarstellung der Dinge durch einen
Dolmetscher aber alsbald wieder entlassen hatte. Der Franzose war
inzwischen von seinen Freunden längst in Sicherheit gebracht.
Leichten Herzens durchschlenderten wir in Gesellschaft liebenswürdiger
Deutscher, die in Lissabon ansässig waren, die Stadt, labten uns an der
erlesenen portugiesischen Küche und vergaßen am Abend im Zirkus bei
Clownspäßen und Taschenspielerkunststücken die Todesnot der Biskaya und
die Schönheit der Cintra. So ist der Mensch. --
* * * * *
Faß um Faß flog mit Hilfe unserer Schiffskräne aus den Leichtern in
unsere Räume, Traubensaft aus Portugal enthaltend, vermischt mit
Hamburger Spiritus. Nun sollte dieses Gift die Brasilianer krank
machen. Der Teufel sollte dreinschlagen! Neuen Spiritus hatten wir
selbst für die nächste Weinkampagne in zahlreichen Fässern von Hamburg
mitgebracht und am Tage vorher ausgeladen. Gerade wie in Boulogne,
wo wir den Hamburger Spiritus zur Fabrikation »besten französischen
Rotweins« ausluden. Auch für Madeira hatten wir noch an die hundert
Fässer im Schiffsraum. Daß doch die Menschen nicht klug werden! Da
schauen sie mit Kennerblick nach den Etiketten, riechen am Glase,
loben die »Blume«, nippen, schnalzen mit der Zunge, »feiner Bordeaux«,
»feiner alter Portwein«. -- Feiner alter Esel, -- Hamburger Sprit
trinkst du in deinem vergorenen Traubensafte, -- wir selbst haben ihn
mitgeschleppt, selbst durch die Biskaya. Ich kann's bezeugen. Und du,
der du ihn trinkst, vergiftest damit dein Blut, dein Gehirn, deine
Nachkommenschaft, deine Seele, daß sie nicht mehr lieben kann!
Nicht mehr lieben, wie unser Volk es verdient, wie es die Menschheit
bedarf! --
Vor uns lag die Stadt, -- darüber die Paläste, zu ihren Füßen die Wogen
des Tejo. In schlanken Windungen führt durch weite Gefilde die alte
maurische Wasserleitung der Stadt ihr Wasser zu. Als ich aber weite
Strecken um die Stadt herum nur mangelhaft bebaut liegen sah, drängte
sich auch hier wieder die Frage auf: was würden die Leute unter diesem
Himmel aus diesem Lande machen können, wenn sie die Abwässer der Stadt
in richtiger Weise zur Berieselung ihrer weiten Ländereien heranzögen!
Aber wenigstens trinken die guten Lissaboner das verseuchte Wasser
des Tejo nicht, wie die Hamburger und die Altonaer die durch ihre
Kanalwässer vergifteten Fluten der Elbe.
Die Schönheit des Anblickes verscheuchte alsbald wieder die trüben
Gedanken. Das, was Lissabon als Stadt so schön erscheinen läßt, was
so harmonisch einen anmutet, ist nicht der Reichtum an Denkmälern
oder monumentalen Bauten, sondern eben diese Harmonie des gesamten
Stadtbildes, die Einheitlichkeit der Bauart, die selbst in den Straßen
mit den einfachsten Fassaden nicht ermüdend, sondern beruhigend und
wohltuend wirkt. Man sollte wirklich einmal die gesamten Architekten
und städtischen Baumeister Deutschlands auf längere Zeit hierher
schicken, um Harmonie der Formen zu studieren. Gerade in der
Einfachheit der Gesimsführung, in der schlichten Stilisierung der
Fensterumrahmung, die immer wiederkehrt, wirken diese Fassaden der
Straßen vornehm, behaglich.
* * * * *
In den Anblick der schönen Stadt versunken, habe ich kaum bemerkt, daß
wir den Anker schon wieder gelichtet haben. Schon taucht von neuem, wie
wir den Tejo wieder hinabfahren, die Cintra auf.
Oh, ich war da, in ihren Gärten mit der beispiellosen Üppigkeit;
Wälder von Eichen, Buchen und Eukalyptus fuhren zur Höhe hinauf. Und
droben, -- Kamelien und Oleander, mit Blüten übersät, zu hohen Bäumen
emporgewachsen, rosenübersponnene Laubgänge, von Veilchenduft erfüllte,
lauschige Grotten mit plätschernden Quellen und Springbrunnen, und
eine Pracht architektonischer Kunst, wie man sie kaum auf der Erde
wiederfindet.
Hier tragen schlanke Säulen Bogengänge aus Marmor, der unter dem
Meißel des Bildhauers zu einem zierlichen Spitzengewebe geworden zu
sein scheint, das sich, wie unendlich zartes Gitterwerk, in graziösen
Linienzügen bald zu geometrischen Figuren verbindet, bald sich trennt,
um sich aufs neue zu rätselhaftem, von Schriftzeichen wimmelndem
Gebilde zu gruppieren. Wände und Fußböden bedecken Arabesken,
Ranken streng stilisierter Pflanzenformen, in denen der Künstler
Farnkräutern, Pinien, Efeu und Granatäpfeln, dem ganzen Reichtum dieser
verschwenderischen Natur, unsterbliches Leben verlieh! Dann ragen
plötzlich massige Quadermauern auf steilem Felsen empor, die sich zu
mächtigen Palästen mit Türmen zusammenschließen, gleichsam, als wollten
sie ein Denkmal darstellen der unbesiegbaren Kraft des energischen
Willens.
Und doch bei all der Pracht des Palastes und des Gartens, trotz aller
Sonne und aller Blumen ein schwermütiger Hauch; -- die Liebe fehlt
doch in all dieser Schönheit. Einsam haust dort oben eine trauernde
Königin, fern von ihrem Volke, während der König mit seiner Mätresse im
Viergespann durchs Land kutschiert.
Das sagt alles. Und das Volk verarmt, durch Steuern ausgesogen, die der
Hof verpraßt. Die Höhen stehen unbewaldet, das Land zum Teil verdorrt,
Handel und Ansehen gesunken.
Ich gedenke des Franzosen und seiner Freunde. Wie wird das Schicksal
dieses Volkes und seines Königs enden? Die Liebe fehlt, vom Könige zum
Volke, und vom Volke zum Könige. Welch ein Menschheitsparadies würde
hier erstehen, wenn hier Liebe waltete!
Hier in dieser Welt von Schönheit wird es einem klar, welche
Bedeutung die Schönheit für unser Leben hat. Unzweifelhaft beruht
sie auf Gesetzen, auf Gesetzen, die so einfach und klar sind wie die
Grundgesetze der Natur. Es ist vor allem die Wirkung der Gegensätze und
der Wiederholung. »Schön« ist das, was in uns die Sehnsucht erweckt,
es wiederzusehen. Hier auf bewaldeter Höhe das stolze Königsschloß,
dort, nur durch eine Kluft von jenem getrennt, auf kahlem Felsenkegel
die Ruinen des alten maurischen Kastells. Das ist's, was dem Bilde
die Vollendung gibt. Und nun der stete Wechsel des Bildes: dieses
Verschwinden und Wiederauftauchen aus den Gebirgsmassen. Ist's nicht
der gleiche Reiz, der uns das Spiel der Wellen, diesen Wechsel von
Wellenberg und Wellental, so anziehend macht? Der gleiche Reiz des
Gegensatzes von Berg und Tal in der Landschaft, von Frühling und
Herbst, von Sommer und Winter, Tag und Nacht, Arbeit und Ruhe? Und nun
im stetig wiederkehrenden Wechsel des Lebens, -- ist's nicht dieser
ewige Wechsel, der uns das Leben so lebenswert macht?
Mir fielen die Psalmen ein mit ihren Wiederholungen, die der
hebräischen Poesie so eigentümlich sind, und die in ihrem Reichtum,
mit dem sie den Gedanken immer wieder neue Färbungen verleihen, so
machtvoll und eindringlich wirken.
Und weil die Schönheit in ihrer Wiederholung und in ihrem Wechsel zu
einem Bestandteil unseres Lebens wird, so können wir nicht anders, wir
müssen sie lieben, als ob sie ein Stückchen von uns selbst, von unserer
Seele wäre. Wir müssen sie lieben, eben weil sie schön ist, weil sie,
wie die Sonne, unser Leben erhellt, erwärmt, weil sie unser Leben erst
zum Leben schafft. Die Aufgabe der Kunst aber ist es, uns die Schönheit
so anschaulich zu machen, daß wir ohne sie nicht leben können, daß sie
unser ganzes Denken und Empfinden erfüllt, uns immer wieder emporzieht,
immer höher und höher hinauf zur Vollendung.
Da aber die Schönheit auf dem Gesetze beruht, so müssen wir auch das
Gesetz lieben, weil es uns zur Schönheit, zur Schönheit des Lebens
verhilft. Sollen wir aber das Gesetz lieben, so muß das Gesetz selbst
Liebe sein, -- denn alles, was Leben gibt, stammt von der Liebe ab.
Pflicht und Gesetz ist eins. Auch die Pflicht kehrt täglich wieder, sie
geht mit uns zur Ruhe, schläft mit uns und wacht in der Frühe wieder
mit uns auf, und dieser Wechsel macht auch sie schön. Wehe dem, der die
Schönheit der Pflicht nicht erkennt. Anstatt in fürstlicher Ehe ihr
vermählt zu sein, frönt er ihr als Knecht. Hier auf der Cintra hatte
der Stein selbst Leben gewonnen. Ihn hatte der Geist, der Fleiß, die
Phantasie, die Liebe des Künstlers beseelt, hatte ihm Geist von seinem
Geiste eingehaucht. Hier war die Arbeit nicht als Fron geleistet, --
hier war die Arbeit Freude, Leben gewesen! -- Das sagte der Stein in
tausendfältiger Form noch nach Jahrhunderten. Das war es, was ihn uns
als schön empfinden ließ, was ihn uns so lieb machte. --
Das Bild der Cintra kommt und geht, kommt wieder und geht wieder, um
leise im blauen Nebelhauch zu verschwimmen.
Seltsam, -- wie das Königsschloß meinem leiblichen Auge längst entrückt
ist, und nur das geistige Auge das Wunderbild noch schaut, da sehe
ich über dem maurischen Kunstwerk mit seiner Filigranarbeit und
seinen Zinnen Strebepfeiler der Gotik emporsteigen, ernst, aufwärts,
himmelan, wie eine Verkörperung der mahnenden Pflicht, zum Höchsten
zu streben; sehe die hohen Spitzbogen der Fenster, sehe, wie ihre
Pfosten in runde und spitze Kleeblattbogen auslaufen, wie sie sich
zu Kreisbogen, zu Dreiecken und Polygonen zusammenschließen, wie sie
in den großen Rundfenstern der Fassaden in strahlenförmigen Gebilden
auseinandergehen. Und wie mein geistiges Auge, angeregt durch all die
Herrlichkeit, die mein leibliches Auge geschaut hat, sich vertieft
in alle Schönheiten der heimischen Gotik, da reißt sich die Seele
plötzlich los und zieht wie ein Adler über das weite Vaterland, hoch
im Bogen, aus der Höhe hinabspähend, und schaut und schaut all den
herrlichen Reichtum an Münstern und Domen in Köln und Straßburg, in
Freiburg und Ulm und ringsumher, schaut die Burgen und Schlösser, die
stolzen Rathäuser; sie findet Rast in der Heimat am Fuße der herrlichen
Nikolaikirche, da, wo meine Wiege stand, in dem alten Patrizierhause zu
Füßen des hohen gotischen Turmes, der schon das Entzücken des Knaben
bildete, zu dem der Jüngling mit Ehrfurcht emporsah.
Und dann durchzieht es die Seele wie Heimatklänge. -- Ich sitze am
Fenster und kann mich nicht satt sehen an den herrlichen Formen, die
der Stein gewann, an den hohen Spitzbogen und den Zieraten. Die nach
oben strebenden Spitzbogen mahnen an die Aufgaben, die der Jüngling
sich gestellt, und die Zieraten an die Freuden, die ihm deren Erfüllung
bringt. Die Drachenköpfe und Fratzen an den Knaufen der Dachrinnen
aber, das sind die häßlichen Gedanken, die jedes Menschenherz einmal
gebiert. Und wie die Fratzen an den Dachrinnen in ihrer Häßlichkeit
noch dem praktischen Zwecke dienen, den stürzenden Regen vom Gesteine
der Spitzbogen abzuhalten, so sollte es auch mit der Sünde sein. Sie
soll die Treppenstufe sein, an die unser Fuß wohl stößt, die uns aber
immer wieder aufwärts führt zur Höhe.
Wunderlich führt mich mein Traum. Hinter mir im Zimmer sitzt die
Schwester. Unter ihren Fingern erklingt eine Symphonie Beethovens.
Und auf den Fittichen ihrer Klänge, ihrer verschlungenen und doch so
klaren Harmonien verirrt sich die Seele in immer neuen Gedankengängen,
sie sucht und sucht nach dem Urgrunde der Dinge und findet ihn immer
nur wieder in den strengen Gesetzen des Seins, gerade wie der Stein in
seinen tausend Formen sich immer wieder auflöst in die Urformen des
Kreises und des Dreiecks.
Das ist's, was diese hochragenden Münster und Dome uns zurufen:
werdet wie wir, in Schönheit vollendet, aufwärts, himmelan! Erwin von
Steinbach, das Münster, das du gebaut, es ist nicht dein Denkmal, das
du dir gesetzt, -- du selbst bist es, dein Leben, was da vor uns steht,
groß, erhaben, schön, uns mahnend, zu werden wie du! Und so alle ihr
erhabenen Baumeister, habt Dank, habt Dank für eure Beispiele, die
ihr uns gebt! O kommt, alle ihr anderen, laßt uns ihnen nachleben!
Laßt uns unser Leben schön leben, groß, erhaben, es ausgestalten, wie
einen gotischen Dom! Du kannst nicht? Bist schwach und klein? Hast
keine Kraft? Oh, so bau dein Lebenshaus, dein Hüttlein, und sei es
noch so klein, so schön und erfreulich, wie du nur kannst, bau es, ein
schlichtes Arbeiterhäuschen, bau es in Renaissance, bau es gotisch, --
nur bau es, bau es schön, und daß es mit seinem Dache nach oben strebt!
Aber bau dir dein Haus, dein Hüttlein, damit du ein Mensch bist!
Die Toren auf den Thronen und an den Stammtischen, -- wollen
Revolutionen, Kriege und Aufruhr mit Gewalt, mit Bajonetten und Kanonen
verhindern und aus der Welt schaffen! Gebt jedem Mann ein Hüttlein
in seinem Krautgarten, ein Stückchen Paradies, in dem er noch einmal
wurzeln kann, wie Adam in seinem, als der Erzengel mit dem flammenden
Schwerte ihn aus dem offiziellen Garten Eden vertrieben hatte, -- und
kein Mensch wird an Revolution, an Krieg, an Aufruhr denken. Aber das
ist's, -- der Mensch will wurzeln mit seinem Hüttlein, mit seinem
Hause, mit seinem Dom auf dem Urboden von Mutter Natur, wie dieses
stolze Königsschloß auf seinem Waldgebirge, wie unsere Vorfahren ihre
stolzen Dome erbauten auf hohen grünen Hügeln.
Oh, ihr Toren, ihr, die ihr an der Spitze des Volkes steht, -- fort
mit euren Bajonetten und Kanonen und eurem Haß und eurer Verachtung,
-- baut eure eigenen Dome und Häuser aus und pflanzt Liebe in eure
Lebensgärten und säet sie weiter! Schenkt eurem Volke Liebe und Raum,
Frieden drinnen und draußen, damit eure Nebenmenschen auch ihre
Häuschen und Häuser bauen können! Dann habt ihr Frieden! --
»Doktor, wollen Sie einen schönen Perserteppich kaufen?« weckte mich
die Stimme unseres Rheinländers aus meinen Träumereien.
Einer der Syrier, die wir in Boulogne an Bord genommen hatten, und
die in kaufmännischen Geschäften mit uns nach Brasilien fuhren,
wollte die günstige Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, um auf
der Ausreise bereits von seinen Waren in Geld umzusetzen. Und da er
aus Erfahrung wußte, daß viele von den Passagieren in Madeira reiche
Einkäufe machten, so wollte er die noch ungeschwächte Kaufkraft seiner
Mitreisenden für sich nutzbar machen.
Er hatte einen in der Tat wundervollen Teppich, echt persische
Handarbeit, auf Deck ausgebreitet. In gebrochenem Französisch erklärte
er das Kunstwerk. »Ein guter Teppich sei wie ein Buch. Er müsse seinem
Besitzer erzählen, ihn belehren; denn der Künstler webt seine Seele
mit den Fäden und den Mustern hinein, wie der Dichter seine Seele in
ein Buch haucht. Hier der Stern in der Mitte, das ist der Kern von des
Mannes Leben: sein Beruf, seine Lebensaufgabe, die er sich gestellt,
-- bis zu dem Mittelpunkt des Lebens: seiner Erkenntnis Gottes. Und
dieser warme Purpurgrund des Ganzen, von dem sich Stern und Nebenmuster
so lebhaft abheben, als ob der Purpur des Grundes ihnen erst Leben
verliehe, das ist die Liebe eines Weibes.
Diese goldenen Fädchen, die so unregelmäßig und kurz aufleuchten und
wie Sonnenstrahlen dem Ganzen den Schimmer des Reichtums geben, das
sind die Begegnungen und Freundschaften mit edlen Frauen. Und sehen
Sie, diese blauen und roten Einschlagfäden, die den ganzen Teppich
durchziehen, um als Fransen an beiden Enden herabzuhängen, das sind
die Freunde, die sein Leben begleiten, die treuen und guten. Diese
gelben Tupfen aber, die immer wiederkehren, das sind die Schmeichler
die falschen Freunde. Und diese schwarzen? Das sind die Bosheit, der
Haß, die Eifersucht. Die schwarzen Fäden sind notwendig. Sie geben dem
Ganzen ein kraftvolles Gepräge und dem Muster gleichsam Richtung. Aber
sehen Sie, sie treten ganz zurück gegen dies weißen Wellenlinien, die
dem Ganzen ein heiter leuchtendes Aussehen geben; das sind die Freuden
des Lebens. Diese breiten hier bedeuten die Dankbarkeit für Wohltaten,
die uns erwiesen sind, diese schmalen die Freude an Guttaten, die wir
anderen erwiesen haben. Und dieser Kranz von konzentrischen Ringen,
der unser Auge fast magnetisch auf den Stern in der Mitte hinlenkt,
das ist die Hoffnung, die uns im Leben aufrechterhält, unser Ideal
doch noch zu erreichen. Und nun sehen Sie das Spiel der grünen Linien,
wie sie, im Verein mit den weißen, die schwarzen von dem Stern in der
Mitte fernzuhalten bestrebt sind. Wie sie die gelben isolieren, um
schließlich in wundervollen Wellen den Stern zu umsäumen.« --
Und das war ein Syrier, ein Heide, der uns das erklärte. Er hatte
keine Schule besucht, war nicht unter den lähmenden Fittichen eines
Kultusministers aufgewachsen, sprach miserabel französisch und kannte
keine Geschichtstabellen. Ich dachte an unseren Kultusminister. Er
hätte mit mir zusammen von diesem Heiden etwas lernen können.
Ein Deutscher, namens Zarges, der in Pará sein Heim hatte, kaufte den
sprechenden Teppich für einen angemessenen Preis. Mich freute es,
das Kunstwerk in dem Besitz eines so liebenswürdigen und geistvollen
Landsmannes zu wissen, als welchen ich den Käufer kennen gelernt hatte.
--
Unsere neuen Passagiere, die wir in Lissabon an Bord genommen,
bestanden vor allem aus portugiesischen Zwischendeckern, die Mangel
an Arbeit und Land in die Fremde trieb. Und wie viel unbebautes Land
hatten wir allein an der Küste vom Schiff aus gesehen! Mit Kisten und
Kasten kletterten sie auf den Dampfer, wehmütigen Blicks, weinende
Säuglinge an der Brust, verängstigte Kinder an der Hand.
»Signor, wo ist Numero vingt?« fragte mich mit verbindlichem Lächeln
eine vornehm aussehende, ältere Portugiesin, die in Begleitung einer
bildschönen, blühenden jüngeren Dame von reinstem romanischen Typus,
offenbar ihrer Tochter, die Schiffstreppe heraufgestiegen kam. Mich
amüsierte das Gemisch von Portugiesisch, Deutsch und Französisch. Ich
zeige ihr den Weg zu ihrer Kabine, sie galant am Arm durch die Kasten
der Auswanderer und über Ketten und Seile geleitend. Ein dankbarer
Blick aus den großen dunklen Augen der Tochter lohnte meinen kleinen
Ritterdienst.
Eins andere kleine Szene beobachtete ich. Eine junge Spanierin wurde
von ihrer Familie, wohlhabenden Bürgersleuten, an Bord gebracht. Ich
entnahm aus den lebhaften Abschiedsgesprächen, daß sie in Brasilien
einen Mulatten heiraten wollte, der ihr durch eine Zeitungsannonce warm
empfohlen war. Voller Hoffnung blickte sie in ihre Zukunft! Voller
Hoffnung schied sie von den Ihren!
Am Abend, ehe wir nach Madeira kamen, ging ich aufs Hinterdeck, um
dem Spiel des Mondes in dem blausilbernen Gischt des Kielwassers
zuzuschauen. Hinter dem Ankerspill lehnte der Balte an der Reeling und
starrte übers Meer hinaus. Er bemerkte mich nicht. Ich hörte aber, wie
er leise nach einer unsagbar traurigen Melodie, die an die finnischen
Volkslieder erinnerte, vor sich hin sang.
Auf dem Vorderdeck wurde es ruhig. Die Frauen lagen müde und
teilnahmslos in ihren Stühlen. Die Männer saßen da und rauchten ihre
Zigaretten oder ihre kleinen Pfeifen. Die Kinder spielten Kegel mit den
Apfelsinen, die ich ihnen bei meiner Morgenvisite geschenkt hatte, oder
schliefen auf Deck in der lauen Luft.
Unsere kleine Gesellschaft saß abends friedlich beieinander. Wir
hatten Gedanken und Empfindungen ausgetauscht, die die Eindrücke von
Lissabon und der Cintra in uns erweckt hatten. Der Badenser hatte in
warmherzigen Worten seines Großherzogpaares und des Königs und der
Königin von Württemberg gedacht, die, im Gegensatz zum portugiesischen
Königspaare, für ihre Länder und Völker in warmer Liebe sorgen. Da
ergriff die Badenserin ihre Laute, und sagte: »Wenn es allen genehm
ist, so singe ich Ihnen eine alte Königslegende. Sie paßt wohl in
unsere Stimmung.«
Als alle jubelnd beistimmten, begann sie mit sanfter, wohltönender
Stimme im Volksliedton ihr Lied:
Auf hohem Berge ein König thront
Mitten im grünen Wald.
Ein blühender Garten liegt rings ums Schloß
Mitten im grünen Wald.
Des Königs Volk im Tale wohnt
Weitab vom grünen Wald.
Viel Krankheit gab's und Elend und Tod
Weitab vom grünen Wald.
Der König täglich zu Tale schritt
Wohl durch den grünen Wald.
Sein Kind, das Mitleid, nahm er mit
Wohl durch den grünen Wald.
Er sorgte sich um des Volkes Troß
Weitab vom grünen Wald.
Und linderte Elend und Krankheit und Not
Weitab vom grünen Wald.
Einst kehrt' er vom Tale zum Schloß zurück
Wohl durch den grünen Wald.
Da saß am Wege ein Bettelkind
Mitten im grünen Wald.
Das fiel ihm zu Füßen: »Lieb König mein
Mitten im grünen Wald,
Laß mich deine Magd im Walde sein,
Mitten im grünen Wald.
Die Welt ist gar so laut und hart
Weitab vom grünen Wald,
Sie versteht nicht meines Herzens Art
Weitab vom grünen Wald.
Ich will dir dichten manch Märlein fein
Mitten im grünen Wald.«
Da nahm der König sie bei der Hand
Mitten im grünen Wald.
Und wiederum schritt der König zu Tal
Wohl durch den grünen Wald.
Da trat zu ihm eine schlanke Maid
Mitten im grünen Wald.
»Die Welt verstehet nicht mein Lied
Weitab vom grünen Wald.
Sie ist so elend, krank und laut
Weitab vom grünen Wald.«
Ihr Leid des Königs Herz umzieht
Mitten im grünen Wald,
Daß er auch ihr ein Hüttchen baut
Mitten im grünen Wald.
Und wiederum ein drittes Mal
Mitten im grünen Wald,
Der König ging zum Volk im Tal
Wohl durch den grünen Wald.
Ein Weib im weichen Moose saß
Mitten im grünen Wald,
Mit Tränen in einem Buche las
Mitten im grünen Wald.
»Wer bist du,« fragt der König sie,
»Mitten im grünen Wald?
Was führt dich her vom grauen Tal
Hinauf zum grünen Wald?«
Da leuchtet ihr Aug' wie Sonnenstrahl
Wohl durch den grünen Wald.
»Die Welt, sie hat verstoßen mich,
Weitab vom grünen Wald.
Die Weisheit bin ich, sie hassen mich,
Weitab vom grünen Wald.
Drum bin ich geflüchtet, König, zu dir
In deinen grünen Wald.
Und schenkst du mir ein Plätzchen hier
Mitten im grünen Wald,
Ich helf dir, König, bei deinem Tun
Mitten im grünen Wald.«
Da baute der König ein Hüttlein ihr
Mitten im grünen Wald.
Und Zauber schritt mit ihm fortan
Wohl durch den grünen Wald.
Der Weisheit Rat, des Liedes Klang
Mitten im grünen Wald,
Der Dichtung Zauber schritt mit ihm
Zu Tal vom grünen Wald.
Und war er müd' vom Werk im Tal
Weitab vom grünen Wald,
Wohl neue Kraft mit einemmal
Spürt' er im grünen Wald.
Das stolze Schloß verfiel zur Stund
Mitten im grünen Wald.
Der König wirkte froh gesund
Zu Tal vom grünen Wald. -- -- --
Die Sängerin schwieg. Die Saiten der Laute tönten noch eine Weile nach,
-- ich war wie im Traume. Der Zauber, der von dem seltsamen Liede
ausging, hatte mich ganz umsponnen.
Da riefen die anderen laut durcheinander, -- der Zauber verflog: ich
war nicht mehr im grünen Wald -- --
Tiefblau leuchtete das Meer, durchsichtig flimmerte die Luft.
In zarte Schleier eingehüllt schlummerten kleine Felseneilande im
Ozean, -- fuhren wir ein in das alte Märchenland Atlantic?
Noch eine Wendung nach Osten -- und vor uns in blauem Zauberduft lag
Madeira.
Madeira, du Insel der Seligen, wie ein Traumbild steigst du aus den
Tiefen des funkelnden Meeres empor! Wie trotzige Wächter erheben sich
die zerklüfteten Uferfelsen zu deinen Füßen und gleich schneeweißem
Hermelin umsäumt die Brandung das königliche Gewand, das dich umhüllt!
* * * * *
Wahrhaftig wie ein Traum lag das Märcheneiland da.
Zu unseren Füßen das tiefblaue Meer. Vom Strande terrassenförmig
aufsteigend die Stadt, die Masse der Häuser unterbrochen vom Grün
der Bäume, von Palmen, Bananen, Felswänden mit Geranien und Klematis
bedeckt und von rot und blau blühenden Schlinggewächsen überrankt.
Mitten im Stadtgewirr ein kleines altes Kastell auf steilragendem
Felsen, über und über mit tiefvioletter Blütenpracht übersponnen.
Die Stadt verliert sich allmählich höher hinauf an den Bergen hin:
hier noch ein Hotel, dort ein Sanatorium, ein Häuschen, ein weißes
Hüttchen, dort noch eins, wie ein Punkt, -- dann beginnt die Region des
Hochlandes. Neue Bergketten, von den vorderen durch tief einschneidende
Täler getrennt, tauchen empor. Aus den Talschlünden steigt ein in
zaubrisch zarten Schleiern bläulich schimmernder Duft, der sich
allmählich zu Wolken zusammenballt, die gespenstisch zur Höhe strebend
die hinter ihnen wiederum hochsteigenden Bergketten mit Nebelarmen zu
umfassen scheinen.
So türmen sich die Bergmassen hintereinander immer höher und höher, bis
der höchste Gipfel, aus Schnee und Eis emporragend, sich fast in den
Wolken zu verlieren scheint. Versunken in die wahrhaft majestätische
Schönheit des Bildes stand ich da. Da weckte mich aus meinen Sinnen
lauter Lärm.
Zahllose kleine Boote, von braunen Jungen gerudert, umkreisten unser
Schiff. Die Burschen warteten auf den Augenblick, daß einer von den
Passagieren ein Silberstück ins Meer würfe. Dann schnell den Mantel
abgeworfen, und wie Möwen, die nach den Bissen tauchen, die ihnen
vom Schiff ins Meer geworfen wurden, schossen die nackten, braunen
Gestalten ins Meer, um alsbald wieder aufzutauchen und triumphierend
in der hoch aus den Fluten emporgereckten Hand das Geldstück zu
zeigen. Klappernd und frierend saßen alsdann die armen kleinen
Kerle in ihren Booten, ein Bild menschlichen Elends mitten in dieser
schier überreichen Stätte und gleichzeitig Opfer menschlicher
Gedankenlosigkeit und frivoler Schauspielsucht. Gleichzeitig
kamen Scharen von Händlern an Bord mit Spitzen, Goldarbeiten,
Korbflechtereien aller Art, bis unser Schiff einem europäischen Basar
glich.
Endlich kamen der Hafenarzt und die Deutschen. Der eine der letzteren,
ein liebenswürdiger Mann, verheiratet, voll Sehnsucht nach der Heimat.
Der andere, von Haus aus offenbar ein gescheiter Kerl, total verkatert
von einem Zechgelage von gestern. --
Man lud uns, den Kapitän und mich, zu einem Mittagessen in einem der
vornehmsten Hotels auf der Insel ein. Wir speisten auf einer Art
offener Veranda, zu unseren Füßen ein Meer von Blumen und Blüten in
einer schier unerhörten Farbenpracht, darüber hinaus das azurblaue
Meer. Bei Tisch herrschte allgemeine Verwunderung, daß zwei Deutsche,
noch dazu ein Kapitän und ein Doktor, nichts tranken. »Warum?« Wieder
streute sich der Samen aus. Unbemerkt, aber sicher fiel er ins
Erdreich, helfend, rettend. Wirken die Wellenringe des Guten so stark?
Sie mußten wirken, -- nach den uralten Gesetzen von der Erhaltung der
Kraft!
Nach Tisch ritten wir aus, an der Küste entlang in ein romantisch
zwischen Felsen und Meer eingeklemmtes Fischerdorf.
Über schäumende Sturzbäche, die aus den Bergen zum Meer brausten,
zwischen Weinbergen entlang, an deren Felsmauern zahllose grau-
und grünschillernde Eidechsen entlang eilten. Von den Mauern
rankten Geranien und wild wachsende Kaktusfeigen, dazwischen
Bananenpflanzungen, Gärten mit wundervollen Obstbäumen -- ein Garten
Eden.
Endlich hieß es wieder aufbrechen. Die anderen reiten voraus. Wie ich
mein Pferd schon am Zügel habe, sehe ich neben mir auf der Türschwelle
ein Weib, in reifen Jahren, das immer noch schöne, von der Sonne
gebräunte Antlitz von Tränen überströmt. Ich frage freundlich, was der
Grund ihres Kummers sei. Ihr Sohn, ihr einziger, ist gestorben. Sie
wies auf ihren Gatten, der in unserer Nähe Gemüse und Früchte auf einen
Wagen ladet, um sie zur Stadt nach Funchal zu fahren: »Die Stütze ihres
Alters hätte er werden sollen!« Neues Schluchzen erschüttert ihren
Körper.
Ergriffen beuge ich mich zu ihr nieder und flüstere ihr leise ins Ohr,
-- sie schüttelt ihr Haupt und sieht mich ungläubig und verzagend an,
-- ich weise auf ihren Mann und wiederhole meine Trostesworte, -- da
beginnt sie zu hoffen und zu glauben. Sie winkt dem Gatten und nun
raunt sie dem ins Ohr, was ich ihr gesagt. Leuchtenden Auges tritt
er an mich heran, schüttelt mir die Hand und dankt für die tröstende
Aussicht, und wie ich mich aufs Pferd schwinge, ist mir's, als ob ein
leises Lächeln über das tränennasse Gesicht der Frau huscht, wie sich
ihre Augen in die des Gatten senken. --
Oh, wundervolles Los, Tränen trocknen zu dürfen! Und doch komme ich mir
so klein, so armselig vor. Könige, Könige, wie seid ihr glücklich, ihr,
die ihr berufen seid, durch eure Liebe, eure Macht, eure Gerechtigkeit
Tränen eines ganzen Volkes trocknen zu können! -- --
Ich will dem braunen Kerl, der mein Pferd gehalten hat, noch ein
Trinkgeld geben. Ein Bauer mit einer torfbeladenen Karre sperrt mir
meinen Weg. Mein Hengst darüber hin. Verschwunden sind die anderen.
Mein Weg führt über eine Brücke, unter der schäumend ein Flüßchen
zum Meer braust. Die Straße windet sich landeinwärts, dem Gebirge
zu. Immer romantischer wird der Pfad. Rechts und links türmen sich
waldbedeckte Berge immer dichter an den Weg heran. Bald scheint das
Tal vor mir vermauert durch undurchdringlichen Wald. Plötzlich weicht
der Weg zurück, in scharfem Bogen windet sich das Tal seitwärts,
immer mehr sich verengend, immer steiler emporsteigend. Plötzlich
ein neues, liebliches Tal, -- auf der Insel des seligen Lebens das
Tal des Vergessens. Soviel zauberhafte Üppigkeit habe ich nie vorher
gesehen. Die purpurn blühende Erika mannshoch, die berauschendsten
Düfte aushauchend; rote und weiße Kamelien; Rhododendron zu Bäumen
aufgewachsen; Veilchen, wilde Rosen, Glyzinien; Jasmin in wildem
Geranke, die Luft mit den herrlichsten Wohlgerüchen erfüllend.
Und mitten in dieser Blumenpracht ein Häuschen, klein, sauber, ein
märchenhaft anmutendes Schmuckkästchen in dieser Waldeinsamkeit,
umgeben von Wein, Bananen, Pfirsichen und Aprikosenbäumen. Zwischen
den Felsgesteinen wucherte die Kaktusfeige; an den Hecken ästen zwei
weiße Ziegen. Daneben eine kleine Weide mit saftigem Gras. Ich sprang
vom Pferde und ließ es durch das Heck hineintraben, hinter ihm das
Tor wieder schließend. Dann stieg ich den steilen Pfad zu Fuß bergan.
Schweigender Hochwald nimmt mich auf. Bald weichen die Eichen den
Tannen, die Tannen niedrigen Kiefern. Wolkenschwaden umspinnen den
Pfad. Steiler führt er bergan.
Da höre ich durch den Nebel hindurch, ohne jemanden sehen zu können,
eine wohlklingende Stimme in der Heimatsprache singen.
Ich bleibe stehen und lausche. Sehen kann ich niemanden.
Den unsichtbaren Sänger führt offenbar der Weg in Schlangenwindungen
bergab. Die letzten Töne verhallen beinahe unhörbar. Sollte es der
Bewohner jenes idyllischen Häuschens dort unten im Tale sein? Bei
meiner Rückkehr werde ich das Rätsel lösen.
Jetzt weiter dem Gipfel zu.
Steiniger wird der Pfad; immer steiler führt er bergan. Dort
hinauf winkt der Gipfel. Über Schneefelder schreitet mein Fuß;
kein Sterblicher vor mir ist hier gegangen. Unter mir liegen die
Wolkenschichten, die Nebelschleier, -- zu meinen Füßen der Wald, --
noch eine Steigung, -- endlich, endlich am Ziel.
Und wie ich oben stehe auf dem höchsten Gipfel, einsam in Schnee und
Eis und starrenden Felsen, unter mir die Waldtäler und Madeira mit
seinen blühenden, duftenden, fruchtreichen Gärten, zu meinen Füßen
das ewig blauende, reine Meer -- da fällt mir ein, wie ich vor Jahren
hoch oben auf dem »Père-la-chaise«, dem alten, berühmten Kirchhof von
Paris stand. Unter mir, soweit das Auge reichte, lag die Riesenstadt,
und aus dem Häusermeere empor hoben sich Türmchen und Türme, Dome und
Kuppeln und alles überragend der Turm des altehrwürdigen Domes »Notre
Dame«. Und wie mein Auge immer wieder traumverloren in die Weite
schweift, weithin über das Meer, nach Norden sich verlierend in grauem
Nebel, den das leibliche Auge schon nicht mehr sieht, -- hinüber in
das Heimatland, da scheint alles, was ich dort gelassen an Sorgen und
Schmerzen, an Not und Elend, an Gram und Furcht, so klein, so unendlich
klein, -- mir war's, als ob ich plötzlich Herrscher über alles das war:
die Brust dehnte sich, der Blick wurde heller und heller: jauchzend
zog ich die reine Luft ein. Mir war's, als ob mir Schwingen wüchsen,
Schwingen so groß, wie damals dem Genius in der Heide, dessen Flügel
von Osten nach Westen reichten, -- Schwingen und Hände, die vom Süden
bis zum Norden reichten! Mein ganzes Sein wuchs und dehnte sich.
Mein Blick reichte weiter und weiter; ich sah die Menschen und Männer
in meinem Vaterlande, wie sie sich quälten und mühten, wie sie dachten
und schufen; sah sie, wie ein Heer wimmelnder Ameisen, nur hier und
da ein Größerer, -- und dort, alle überragend und beherrschend, wie
der Dom von »Notre Dame« die Kuppeln und Türme von Paris, einen,
stark an Geist und Willen, klug, weitblickend, sorgend für das Reich.
Was Wunder, wenn er auf seiner Turmhöhe das Gewimmel und die Not der
Kleinen da unten zu seinen Füßen nicht sieht.
Aber ich stand noch höher, als er, und sah es doch. Freilich, ich
war ja dort unten aus dem Flachlande, aus ihren Höfen und Katen, aus
ihren Hütten und Kellern, aus ihrer Not und ihren Schmerzen hier
heraufgestiegen, Schritt für Schritt; hatte, den Rücken und die Seele
gebeugt, all ihr Leid und ihre Schmerzen bis hier hinaufgeschleppt --
was Wunder, daß ich ihr Leid, ihre Not, ihre Sorgen, ihr Elend selbst
von hier aus besser kannte, als jener, der gleichsam als Turm zur
Welt gekommen, nun hochragend dastand, selbst ein Türmer auf höchster
Warte, weit ausschauend in die Zukunft, weise, wohlbedacht, und doch
menschlich unvollkommen. Denn sonst müßte er ja auch zu seinen Füßen
schauen können, wo es wie Ameisengewimmel sich mühte und sorgte in
Elend und Tränen und Gram.
Da packte es mich mit Allgewalt. Das Bewußtsein von der Kraft der
Wellenringe des Geistes übermannte mich, wie damals, als ich im
Schneesturm den Kultusminister in die Wellenkreise zog, -- ich mußte es
ihm sagen, mußte meine Seele erleichtern, mußte Raum haben für das, was
mich schier erdrückte, -- und ohne es zu wollen, ohne Besinnung schier,
von einer geheimen Kraft getrieben, breitete ich die Arme weit aus, als
ob ich hinüberfassen könnte in mein Vaterland, -- mir war's, als ob der
Klang meiner Stimme in dem reinen Äther sich tausendfach verstärkte, so
daß er wie Donner hinüberhallte über den Ozean, durch die brandende See
der Biskaya, den Nebel des Kanals durchschneidend, nun über das Land.
Jauchzend, trunken vor Begeisterung stand ich da:
»Kaiser, mein Kaiser, gib acht!
Wellenringe vom höchsten Berge hier von Madeira, aus sonnenreinem Äther
und sonnenreinem Herzen dringen zu dir! Kaiser, mein Kaiser, gib acht!
Gib acht, es handelt sich um dich, deinen Ruhm, um dein Geschlecht, um
dein Volk, um die Menschheit!
Wer bin ich? Ein Mann wie du! Gleich alt wie du! Stark und gesund an
Geist und Körper wie du! Aus altem Geschlecht wie du, -- dir ebenbürtig
als Freier, Starker! So mußt du mich hören!
Wer bist du? Kaiser der Deutschen? Nur eines kleinen Teiles! Millionen
und Millionen kennen dich nicht, -- wie du sie nicht kennst! Wen
kennst du denn von deinem Volke? Deine Höflinge am Hofe, ein paar
Reiche, Vornehme. Und wenn dir einer die Wahrheit sagt, ja, sie dich
nur empfinden läßt, so jagst du ihn weg, weil du sie nicht verstehen
kannst. Wie kannst du dich Kaiser nennen des deutschen Volkes? Kennst
du dein Volk? Weißt du, wie es ihm geht, wie es lebt, wie es sich
freut, wie es leidet? Kennst du sein Elend, seine himmelschreiende Not?
Du sagst, Vaterlandsverräter seien es? Heimatlose Gesellen nennst du
sie? Unter deiner und deiner Vorfahren Regierung wurden sie heimatlos!
Sie haben keinen Boden mehr unter den Füßen; wissen nicht wohin mit
ihren Kindern! Weißt du, wie dein Volk haust? Tausende, Millionen?
Warum gehst du nicht hin, wie Kaiser Franz oder der große Fritz und
schaust selbst nach?
Potemkinsche Dörfer läßt du dir zeigen, wenn du im Viergespann oder
im Auto zur Kaiserparade jagst. Schaff' ihnen Land! Schaff' ihnen ein
Vaterland, eine Heimat! Lehr' sie wieder wurzeln im Boden. Es geht. Es
ist das einzige, was bleibt, dir, ihnen, uns allen.
Du hast keine Zeit, dich um alles zu kümmern? Ei, so lasse deine vielen
Feste zum Teufel fahren und schau' dir dein Volk an! Du hast keine
Macht, dieses alles zu ändern? Freilich, deine Erlasse und Gesetze
bleiben Papier, wenn du nicht vorangehst durch die Tat!
Armer Kaiser, wie oft hast du deinen Offizieren Einfachheit gepredigt!
Aber sie lachen deiner, und wenn sie unter sich sind, tuscheln sie und
schlemmen weiter und bekommen dicke Bäuche und Gicht. Sie bitten dich
zu Gast bei ihren Gelagen, und wenn du dort bist, vergißt du, was du
ihnen befohlen!
Weißt du, wie dein Volk seine Feste feiert? Kennst du seine Freuden,
die von Tausenden, Millionen? Die der Jugend deines Volkes? -- Nein?
-- Ei, so geh' einmal Sonntags oder auch Alltags in die Tausende von
Tanzsälen und Bierpalästen und sieh, wie die Kultur, die du erstrebst,
und die wir alle begeistert pflanzen und hegen, dort vergeudet und in
den Staub getreten wird, erstickt in Bierdunst und Tabaksqualm. -- --
Weißt du, wie dein Volk wohnt? Ei, so geh' in die Massenquartiere der
Städte, in die Katenwohnungen der Arbeiter deiner Adligen, und du
wirst schaudernd sehen, wie die Kultur, die du erstrebst, und die wir
alle begeistert mit dir erstreben, in Elend und Schmutz und Schmach
verkommt! -- --
Willst du einmal sehen, wie deine Landräte, wie die großen Herren in
der Industrie, wie die Städte deinen Königlichen Erlaß respektieren,
die Flüsse, unsere herrlichen deutschen Flüsse reinzuhalten? Halte die
Nase nicht zu dicht heran, mein Kaiser, -- sie stinken, wie Kloaken!
-- --
Kaiser, mein Kaiser! Wohin sind wir gekommen unter deiner Regierung!
Du meinst es so gut und bleibst auf dem Papier! Du hältst Reden, aber
deinen Reden folgen keine Taten! Du predigst Christentum, aber Christus
war demütig und war die Liebe. Du aber gehst in Purpur und kennst dein
Volk nicht.
Nur zu oft haben auch deine Räte und Diener keine Liebe, sondern nur
Hoffart; und Hoffart erzeugt Haß.
Du ziehst Wellenringe und stürzest Völker mit ihnen ins Unglück. Sie
haben an dich geglaubt, alle, alle, und wie an dich geglaubt! Du aber
hast ihnen dein Kaiserliches Wort nicht gehalten! Und nun lachen sie
über dich und spotten deiner und hassen dich! Die Buren und die Russen,
die Marokkaner und die Türken und ach, so viele, viele in unserem Volke!
Kaiser, mein Kaiser, was hast du gemacht! Kaiser, mein Kaiser! Nun gibt
es nur eins für dich: schweige und handle! Lern dein Volk kennen, und
du wirst es lieben! Denn wenn du als Kaiser dein Volk nicht kennst,
so heißt du wohl Kaiser, bist aber kein Kaiser, und wenn du drei
Purpurmäntel übereinander anziehst!
Lern dein Volk kennen!
Lern seine Leiden kennen und lindere sie! Dein Beispiel in allem, deine
Nüchternheit, deine Einfachheit sei deine Tat!
Deine Demut sei deine Größe!
Dein Schweigen in der Tat deine Beredsamkeit.
Kaiser, mein Kaiser! Wir brauchen einen Großen, Starken, der uns führt
in den Kämpfen der Zeit! Wir brauchen dich!
Wie vor Jahrhunderten die Raubritter das Land zerfleischten und das
Volk aussogen, sieh', so zerfleischen jetzt Gemeinheit und Genußsucht
unser Volk, und Selbstsucht und Gewinnsucht saugen unser Land aus!
Härte und Hochmut erzeugen Haß!
Oh, komm zu uns und bring uns deine Liebe! Zeig ihnen allen, diesen
Hoffärtigen, Eigennützigen, Gewinnsüchtigen, wie man die Menschen,
wie man sein Volk lieben muß! Das Kleinste sei dir groß genug, deine
Kraft daran zu zeigen. Und die Völker ringsum werden aufhören, dich
zu verspotten und zu verachten und zu hassen. Denn von dir und deinem
Volke werden Wellenringe ausgehen des Reichtums und des Friedens!
Kaiser, mein Kaiser! Ich wecke dich! Hör mich, Kaiser!« -- --
War es das Meer, das ich branden hörte? Oder der Wald zu meinen Füßen,
der rauschte? -- Waren es Stimmen aus der Heimat, die herüberklangen?
War es das Echo meiner Stimme, die sich am Elend unseres Volkes in der
Heimat brach? -- Ein seltsames Rauschen und Flüstern ging durch die
Luft. -- Er mußte mich gehört haben, -- tausendfach rollte das Echo
durch die Luft dahin, -- ein ganzes Volk fing meine Stimme auf und gab
sie weiter, millionenfach sie verstärkend. --
»Kaiser, mein Kaiser, ich bin dir über trotz deines Purpurs und
Hermelins. Denn du stehst einsam auf deiner Höhe, nur wenige Getreue
um dich, die in Sorgen um dich sind. -- Deine Schmeichler und Höflinge
zähle ich nicht, das ist Fliegengeschmeiß! -- Ich aber stehe inmitten
eines ganzen großen Volkes, das dich lieben möchte und dich nicht
lieben kann, weil du dein eigen Volk nicht kennst! -- Oh, lern es
kennen und lern es lieben! Kaiser, mein Kaiser, dein Volk, die
Menschheit braucht deine Liebe! Denn weil du so mächtig bist, muß auch
deine Liebe Macht haben! Und wir brauchen soviel der Liebe in der Welt!
Kaiser, mein Kaiser, gib Liebe um Liebe!« -- --
Wunderlich, -- noch nie war mir so leicht gewesen. Mir war's, als
ob ich mich befreit hätte von einer unerträglichen Last. War es die
leichte, freie Bergluft, die mir das Blut schneller durch die Adern
trieb? Mein Schritt war so leicht, mein Mut so frisch, mein Herz so
voll von neuen Hoffnungen und Kraft, -- ich fühlte es, ich war genesen!
Nun vorwärts ins Land der Sonne! Viel gab es noch zu ergründen! Viel
zu erkennen! Viel zu durchkosten! Mir war's, als müßte ich mich nun
noch so ganz von Sonnenschein volltrinken, um dann als Sonnenspender zu
meinem Volk zurückzukehren!
Ja, arbeiten wollte ich, wieder schaffen, leben, helfen, heilen, lieben!
So stieg ich bergab. Als ich in die Nähe des Häuschens kam, hörte ich
wieder jene einsame Männerstimme singen, der ich beim Aufstieg im Nebel
gelauscht hatte. Der Sänger war offenbar in seinem Weingarten mit der
Pflege der Reben beschäftigt. So konnte er mich nicht sehen, und ich
ihn nicht. Wie in seligem Rausche der Erinnerung klang sein Lied.
Ich stand in Tränen verloren. Selige Jugendzeit stieg wieder empor.
Des Pfarrers Töchterlein hinter den blühenden Linden, -- der Deich mit
seiner Jasminlaube, -- die Heide mit ihren wilden Rosen, -- in Träumen
schwand die Zeit. Und dann klang es voll Inbrunst, als ob der Sänger zu
einer Heiligen betete.
Ich merkte, wie er mit der Arbeit einhielt. Stützte er sich auf seinen
Spaten? In meiner Seele tauchten neue Bilder auf. Ich sah mein blondes
Weib, den Buben auf dem Schoß, einer Madonna gleich, selig lächelnd
ihre Augen in die des blühenden Kindes versenken. Und nun lag zwischen
uns die Biskaya. Ob ich sie wiedersah? Ob mich ein gütiges Geschick zum
zweitenmal beschirmen würde? Es konnte nicht anders sein, -- ich mußte
sie noch einmal in die Arme schließen, sie, die Sonne meines Lebens. Da
hub von neuem der Sänger an. Schwermütig klang seine Stimme.
Was mußte der Ärmste gelitten, wieviel Liebes verloren haben!
Ein Baumstumpf am Wege bot mir Rast. Sinnend saß ich da.
Der Abstand von dem, was ich soeben dort oben auf des Berges Gipfel
erlebt hatte, zu diesem Herzeleid eines einzelnen war zu groß, um mich
nicht zu übermannen.
Ich, ich hatte alles, was das Menschenherz nur wünschen kann: ein
blühendes Weib, eine Schar kraftstrotzender Kinder, ein sonniges Heim,
-- und doch freudlos durch das Elend der Menschheit, deren Leid mein
Leid war. Ich aber rang mit mir und meiner Hoffnungslosigkeit, die mich
mit einem Male wieder überfiel. Und der Schmerz des Sängers mischte
sich mit dem meinigen, als er von neuem wehmütig anhub.
Mein unsichtbarer Freund hatte sich augenscheinlich wieder erhoben und
war wieder an seine Arbeit gegangen. Ich hörte es an seiner Stimme.
Wie ein Volkslied von den rebenumpflanzten Hügeln am Rhein, selig und
sterbenstraurig zugleich, klang nun sein Lied.
Nun hörte er wieder auf. Ich hörte ihn tief aufatmen und litt mit ihm.
Wieder legte es sich wie ein Alp auf meine Seele; wieder hörte ich das
Stöhnen von Millionen Unglücklicher, denen ich nicht helfen konnte, und
vor Schmerz krampfte sich meine Seele zusammen. Da setzte die Stimme
aufs neue ein; fast hart, bitter klang das Lied durch die Stille.
Grausen packte mich. Stand ich denn auch mit meiner Liebe zu den
Menschen so ganz allein?
Nein, und tausendmal nein, -- ich durfte nicht verzagen! Hatte ich doch
Freunde allüberall! Und nach Tausenden zählte das Heer der Mitarbeiter
und Mitstreiter! Ich durfte nicht mutlos sein! Es wäre feige und
undankbar zugleich gegen alle jene, die ebenso empfanden, wie ich,
ebenso vorwärts strebten für ihr Volk, für die Menschheit.
Schon wollte ich mich erheben, um den Unbekannten zu trösten. Da klang
seine Stimme von neuem, als ob er allen Schmerz in seiner Brust zum
letzten Male so recht von Grund aus durchkoste, um ihn, zum Schlusse
ihn meisternd, lieben zu lernen wegen der Kraft, die im Leide liegt:
O Urleid du, von Menschheit Anbeginn,
Du Urquell aller Schmerzen!
O Scheiden, bittres Meiden du,
Du Tod für alle Herzen!
Hätt' nimmer ich das Glück verspürt
Vom glutenheißen Lieben, --
Zwar wär ich tot, doch glücklich wär'
Im Tode ich geblieben.
Doch da ich selig nun erkannt,
Dieses heiße Lieben und Leben,
So will ich getrost bis an mein End'
In des Urleids Schmerzen erbeben!
Ja, -- ich fühlte es mit, -- hier verarbeitete ein starker Mensch
seinen großen Lebensschmerz in aller Abgeschiedenheit, wie ein
Heiligtum ihn hütend, beinahe ihn pflegend, und dabei sein ganzes
großes, heiliges, verlorenes Glück noch einmal genießend.
Es ist schon so, -- wenn das Glück so groß ist, daß es keine Steigerung
mehr erträgt, dann muß der Schmerz um das verlorene Glück uns eine neue
Quelle werden, um es in einer reineren Form noch einmal zu genießen.
Mein Sänger schwieg. Nun hielt es mich nicht länger. Nicht Neugierde
trieb mich zu ihm, sondern eine Art Geistesverwandtschaft. Hatte ich
nicht, gerade wie jener, soeben mein eigenes großes Leid, meinen
Schmerz um das Elend der Menschen, in neue Zuversicht verwandelt, in
eine Quelle neuen Glücks?
Ich trat durch die Büsche in seinen Garten. Er staunte. Beinah
erschrocken blickte er auf.
Groß, blond, breitbrüstig, die Arme von der Sonne gebräunt, sehnig und
muskulös, so stand er vor mir. Fragend ruhte sein großes, helles Auge
auf meiner Erscheinung. Ich reichte ihm stumm die Hand. Mein Blick
sagte ihm wohl, daß ich seine Lieder gehört, und er mir infolgedessen
kein Fremder mehr sei.
Wir waren schnell bekannt. Es war so, wie ich vermutet hatte. Er hatte
ein Weib geliebt, so schön und gut, wie nur eins. Als sie auf dem
Gipfel des Glückes sich glaubten, entriß ihm der Tod die Ergänzung
seines Seins, sie, die die Sonne seines Lebens gewesen war.
Ich versuchte ihm Mut einzusprechen. Er sollte nicht verzagen, sich
aufraffen. Da zog ein feines, wehmütiges und gleichzeitig siegesfrohes
Lächeln über sein Gesicht. »Ich verzagen? Niemals! Nur meinen Schmerz
verarbeiten mußte ich hier in der Stille. Wenn doch die Menschen mit
ihren Schmerzen, die ihnen heilig sein müßten, nicht immer auf den
Markt des Lebens gingen. Oh, der Schmerz ist wunderbar schön. Aber nun?
Hör zu!«
Da sprang er auf, seine Gestalt reckte und dehnte sich. Mir war's, als
ob er zusehends größer wurde, und trotzig jubelnd klang sein letztes
Lied in den Abend hinaus:
Ich kenn' eine Kraft, die mächt'ger als du,
Du grausames Schicksal, härter als Stahl:
Das ist mein Wille, vom Leben gestählt,
Bereit zu ertragen der Schickungen Qual.
Du hast gar oft mir schon Schweres gesandt,
Zu schwer wohl beinah' für mein menschliches Herz.
Ich aber trug mein schweigendes Leid,
Verwandelt' in Freude den beißenden Schmerz!
Mit jedem Siege wuchs mir die Kraft!
Wie eisengepanzert ward mir die Brust!
Nicht einmal sahst du am Boden mich:
Mein Leid zu tragen ward mir zur Lust!
Und bürdest du mir das Schwerste auf,
Und nimmst mir mein Liebstes, was ich nur hab',
Zertrittst mir mein Leben und raubst mir das Sein:
Ich trotze dir, Schicksal, bis an mein Grab!
Jubelnd fiel ich ihm um den Hals. Wie Feuerstrom war mir sein
Lied durch die Seele gedrungen, neue Kraft erweckend, neue Ziele
entflammend. Das war gleicher Pulsschlag!
Aber das ist der Kernpunkt: der Schmerz um das eigene Herzeleid wird
uns als ein Wichtiges, Notwendiges vom Schicksal ebenso auferlegt, wie
der Schmerz um fremdes Leid. Der Schmerz ist eine heimliche, heilige
Macht, durch die unsere Seele gereinigt, gekräftigt werden soll zu
Größerem. Der Schmerz soll nicht uns, sondern wir sollen den Schmerz
besiegen. Und während wir, mit ihm ringend, siegen, zwingen wir die
Mächte, die den Fortschritt der Menschheit hemmen möchten.
Ich erzählte ihm von mir, von dem Elend daheim.
Er nickte zustimmend, kannte genug davon. Er war mit seinem Schmerz
hier in die Einsamkeit gezogen, um die Seele erst genesen zu lassen.
Und nun? -- In die Heimat wolle er nicht wieder. Dort sei zu vieles,
was ihn ständig an seinen Verlust erinnere.
Da schlug ich ihm vor, mit mir auf unser Schiff zu kommen; erzählte ihm
von unserem Kapitän, unserer Reisegesellschaft, von dem Land der Sonne,
in das wir führen. Er horchte hoch auf. Das paßte in seinen Lebensplan:
neue Ziele, neue Felder zu schaffen für die Tatkraft, die in ihm wohnte.
Ein kurzer Entschluß: »Ich fahre mit.« -- »Und das Häuschen?« -- »Mag's
ein anderer bewohnen, der seinen Schmerz verarbeiten will.«
Seine wenigen Habseligkeiten waren leicht gepackt. Ich warf meinem
Hengst den Zaum wieder über, nahm ihn am Zügel. Das Gepäck hing über
dem Sattel. So wanderten wir zwei fürbaß durch die Berge der Hafenstadt
zu.
Längst hatte die Nacht sich auf Wald und Tal gesenkt. Aber was für
eine Nacht! Die laue Luft von unendlichen Düften erfüllt, über uns ein
Funkeln und Leuchten vom dunkelblauen Himmel herab, daß es einen schier
berauschte. Zu unseren Füßen murmelten die Bäche. An unserer Seite
rauschten die Quellen von den Felswänden ins Tal. Schweigsam wanderten
wir unseren Weg, selig erfüllt von den wonnigen Wundern dieser
zauberhaften Natur.
Im Morgengrauen gelangten wir nach dem Hafen. Ein Knabe nahm uns das
Pferd ab. Ein Fischerboot brachte uns ans Schiff. Mein Kapitän, der
sich schon um mein langes Ausbleiben gesorgt hatte, machte große Augen,
als ich mit dem neuen Passagier ankam.
Aber es ging ihm, wie mir. Auch ihm war der Fremde bald kein Fremder
mehr. Er paßte zu unserem kleinen Kreis. Als mein Findling, wie ich
ihn scherzweise nannte, unserer jungen Badenserin vorgestellt wurde,
zuckte er zusammen. Sein Gesicht wurde wachsbleich, um gleich darauf
von flammender Röte übergossen zu werden. Hastig ergriff er ihre Hand,
drückte sie, faßte sich mit der Linken an die Stirn, und ich hörte, wie
er murmelte: »Verzeihung, -- eine Ähnlichkeit, wie ich sie nie erlebt,
-- Sie sehen meiner verstorbenen Frau so unsagbar ähnlich!« Ich sah,
wie er zitterte. Gleich darauf raffte er sich gewaltsam zusammen.
Der kleine Zwischenfall war von niemandem weiter beachtet worden. Ich
aber bemerkte wohl, wie sein Auge an der lieblichen Erscheinung hing,
wo sie auch ging und stand.
Bald darauf lichteten wir die Anker. Und wunderbar, wie wir
dahinglitten auf diesen blauen Wogen, vorbei an der Küste Madeiras mit
seinen grünen Wäldern und blühenden Gärten, seinen braunen, in blaue
Märchenschleier gehüllten Felsen, da war das erste, was mir auffiel, --
die Möwen, meine Sorgenvögel, die uns von der Heimat durch den Nebel
des Kanals, die Stürme der Biskaya bis nach Madeira begleitet hatten,
-- sie waren verschwunden. Die Fahrt ins Land der Sonne machten sie
nicht mit. Statt ihrer gaben uns eine Weile zwitschernde Seeschwalben
das Geleit. Dann blieben auch diese zurück. Und einsam und majestätisch
durchfurchte unser Schiff, die letzten Felseneilande in bläulichem
Dunst hinter sich lassend, die kornblumenblauen Wogen des unendlichen
Ozeans.
Atlantisches Meer! Wer dich nicht gesehen hat, hat nicht gelebt! Wer
deine Luft nicht eingeatmet hat, deine kornblumenblauen Wogen, in denen
der Kiel des Schiffes silberne Furchen zieht, nicht geschaut, deine
Sonne nicht getrunken, deine unendliche Weite nicht gekostet hat, der
hat das Größte und Schönste der Erde nicht genossen.
Alles schien aufzuleben. Alles trank Bläue des Himmels und des Meeres.
Alles trank sich satt an der Sonne und an ewigem Frühling.
* * * * *
Unsere Auswanderer hatten es sich auf dem Deck bequem gemacht. Die
Frauen schlummerten in ihren Liegestühlen; die Kinder balgten sich auf
dem Boden, jauchzten und tanzten. Die Männer sangen oder rauchten,
machten Pläne und waren guter Dinge. Ein Bild des Friedens und der
Hoffnung.
Wir standen auf dem Hinterdeck zusammen und schauten in die zaubrisch
blauen Fluten. Plötzlich tauchte eine Schar Delphine auf. Paar auf
Paar, Männchen und Weibchen, begleiteten in anmutigen Wellenbewegungen
unser Schiff, gleichsam als wollten sie voll Freuden zeigen, daß es
ihnen ein Vergnügen sei, mit unserem schnellen Schiff Schritt halten zu
können.
Plötzlich trat einer unserer beiden Magyaren, der auf eine kurze Zeit
verschwunden gewesen war, eine Doppelflinte, die er aus seiner Kabine
heraufgeholt hatte, in der Hand, zum Schuß bereit an die Reeling.
»Was wollen Sie machen?« scholl es einstimmig und entsetzt aus unserem
Kreise. »Eins von den Tieren wegblasen,« antwortete der Magyarenheld
mit fadem Lächeln. Und damit legte er an.
In dem nächsten Augenblick ging der Schuß los, und die Rehposten flogen
prasselnd nach oben in den blauen Himmel. Unser neuer Freund hatte dem
Halunken blitzschnell die Flinte nach oben geschlagen.
In der ersten Wut wollte der kühne Schütze den zweiten Schuß auf sein
wehrloses Gegenüber abfeuern. Allein der kam ihm zuvor, -- ein Ruck,
und der Schießprügel flog in weitem Bogen ins Meer. Wutschnaubend
verduftete der Held aus Ofen-Pest.
Damit war unser Neuling nun tatsächlich unser Freund geworden. Und
wie es im Leben geht -- ein an sich keineswegs welterschütterndes
Ereignis, aber eins, in dem die Gedanken und Empfindungen vieler
sich begegnen, sich einen, genügt oft, um alle diese zu einem Kreise
zusammenzuschließen.
Bis dahin waren wir nur eine Reisegesellschaft gewesen, wie andere
auch. Aber unser gemeinsames Empfinden bei diesem Geschehnis hatte uns
mit einem Schlage, ohne daß wir es selbst in dem Augenblicke so voll
empfanden, zu einem Freundeskreise zusammengeschmiedet.
So geht es im Leben der einzelnen Familien, wie ganzer Völker. Deswegen
sollten die Familien sehen, daß sie recht viel gemeinsam erleben, und
sei es nur ein gemeinsamer Sonntagsspaziergang in Wald und Heide,
ein feierlich begangener Geburtstag, ein Buch, das gemeinsam oder
nacheinander von allen gelesen wird; damit sie etwas haben, was sie
immer wieder durch das gemeinsame Empfinden neu zusammenbindet. Das ist
der Segen gemeinsamer Freuden und gemeinsam ertragener Trauer, daß sie
die Menschen immer wieder zusammenführen. Geistige Fäden sind es, die
sie verbinden, indem sie sich von einem zum anderen spinnen.
Wehe den Familien, den Völkern, die nichts erleben, deren Leben im
steten Alltagsgleichmaß dahinfließt. Ihr Zusammenhang wird sich
lockern; das Gefühl ihrer Einheit wird absterben, und die Stunde der
großen Freude, der Not, der Trauer findet eine zerfahrene Gesellschaft.
Aber ebenso wirkt jeder Schmerz, jeder Streit, jedes harte Wort, jede
Wunde, die einer dem anderen schlägt, trennend, entfremdend, zerstörend
zwischen Freunden, in der Ehe, in der Genossenschaft, zwischen Volk und
Regierung: die geistigen Verbindungsfäden zerreißen!
So gibt es Menschen, die andere anziehen, wie der Magnet das Eisen
anzieht, weil sie es verstehen, alles Harte, Trennende auszumerzen
und mit ihrer Liebe und ihrem zarten Verstehen Geschehnisse zu
erwecken, die eben bindend wirken. Und andere gibt es, Rechthaberische,
nur an sich Denkende, alles auf sich Beziehende, nur ihre eigene
Individualität bewahren Wollende, die wirken wie Schwefelsäure. Und
mögen sie noch so mächtig sein, sie werden einsam stehen und einsam
zugrunde gehen.
Die nächste Frage, die nach dem soeben Erlebten unseren kleinen Kreis
beschäftigte, war die: haben die Tiere eine Seele? Wie ein stiller
Jubel ging es durch unsere Reihen, als wir feststellten, daß wir
sämtlich die Frage bejahten.
Nun kam die große Frage: was heißt »Seele«, -- was ist die Seele? Ich
sollte das, was wir alle empfanden, in Worte kleiden.
»Nun wohl, die Seele ist das, was wir am Sichtbaren nicht riechen und
nicht sehen können, was aber vom Sichtbaren zu uns hin und von uns zu
ihm strömt, wie die Atemluft von ihm zu uns und von uns zu ihm. Noch
während du mit mir sprichst, wird dein Seele zu einem Teil der meinigen
und meine zur deinigen, wie ich die Luft einatme, die dir entströmt,
und du die Luft in dir aufnimmst, die ich ausatme.
Wenn du meinen Brief erhältst, so erhältst du Papier und Tinte und
etwas, was nicht Tinte und nicht Papier ist, was du nicht sehen und
nicht wägen kannst, und was doch da ist: das ist der Geist, die Seele
des Briefes, die ich ihm eingehaucht habe, als Teil meiner Seele.
Der Kristall, der klare Tropfen, der dich in seiner Klarheit und
Reinheit mahnt, deine Seele reinzuhalten, er gibt dir etwas Geistiges,
Seelisches, was er dir nicht geben könnte, wenn er es nicht besäße. Was
es ist? Woher es stammt? Wohl von dem einen, der die Seele der Welt
ausmacht, und den wir nie ergründen können.
Und nun vollends ein Tier! Nimm deinen Hund, dein Pferd mit seiner
Treue, mit seinem Verständnis deiner Freude und Trauer, -- die sollten
keine Seele haben? Das kann nur leugnen, wer das Denken verlernt hat.
›Aber ein Wurm, ein Fisch, ein Vogel?‹ Habt ihr denn nicht gehört,
nicht gesehen, daß bei allen diesen Tieren das Männchen, wenn es um das
Weibchen wirbt, in hellen Farben schillert?
Sieh den Täuber, wie er sich fein macht, wenn er die Taube umgirrt!
Sieh den Hengst, wie er sich trägt, Kopf und Schweif und Rücken, um
der Stute zu gefallen; die Katze, wie sie für ihre Jungen sorgt! Jedes
Vöglein mit seiner rührenden, aufopfernden Mutterliebe; die Ameisen mit
ihrem Seelenleben und ihren sozialen Einrichtungen; -- und all diese
Geschöpfe sollen seelenlos sein?
Ich sage euch, es geht durch das ganze All ein Geist der Liebe, von dem
wir alle, Kaiser und Knecht, täglich, stündlich nur in Demut lernen
können.
Und nun denkt an zwei Menschen, die sich lieb haben, -- -- wie das
von einem zum andern hinüberflutet, unmeßbar, unsichtbar und doch
so allgewaltig, wie zwei Ströme, die, sich zu einem vermischend,
zusammenfließen.
Sagen wir nicht selbst: ein Herz und eine Seele? Gesehen hat sie
keiner, aber da ist sie; denn sonst könnten wir sie nicht spüren.
Und selbst der, der sie nicht spürt, ist nicht seelenlos. Er hat wohl
nur verlernt, ihr Leben zu spüren, in der Not und Hast des Tages,
vielleicht auch im Dunst von Tabak und Bier. Aber auch er hat eine
Seele. Habt nur Geduld mit solchem Menschen; klopft immer wieder mit
Liebe auf den Stein -- mit einem Male leuchtet sie aus ihm heraus, wie
ein Feuerschein. Vielleicht kam es nur daher, daß seine Seele noch zu
sehr mit Bierdunst und Zigarrenqualm überzogen war, durch den sie nicht
so recht zu uns dringen konnte, wie die unsrigen nicht zu ihr.
Schaut, wohin ihr wollt, und ihr werdet den Geist, die Seele der Welt,
erkennen!«
Ich hatte mich ganz warm geredet vor Eifer.
Gleichsam als wollten sie sich dankbar für die Fürsprache beweisen,
schossen einige Delphinehepaare in ihren eleganten Bogensprüngen
fröhlich neben dem Schiffe hin.
Unser Magyare, der, ohne daß ich es bemerkte, unser Gespräch mit
angehört hatte, trat offenherzig auf mich zu, reichte mir seine Hand
und sagte beschämt: »Ich erkläre mich für besiegt und will mich
bessern! Nun bitte ich die Gesellschaft, mir nicht länger zu zürnen
wegen meiner Unbedachtsamkeit.« Wir verziehen ihm alle aufrichtigen
Herzens. Allein er blieb uns doch ein Fremder. Es lag eine Kluft
zwischen seinem Empfinden und unserem. Und die trennte uns, so sehr wir
uns Mühe gaben, eine Brücke zu schlagen.
* * * * *
Als ich am folgenden Morgen nach dem Bade in meine Kabine trat, lag,
sauber auf Papier gebettet, ein fast fußlanger fliegender Fisch auf
meinem Sofa. Ich hatte den freundlichen Geber richtig erraten: unser
erster Offizier hatte den Fisch bei seinem morgendlichen Rundgang auf
dem Deck gefunden. Der arme Schelm hatte seinen allzu kühnen Sprung
aus den blauen Fluten mit dem Leben bezahlen müssen. Aber welch zarte
Aufmerksamkeit von unserem rauhen und doch so weichherzigen Ostfriesen.
Zum Frühstück prangte der Fisch, delikat gebraten, auf unserer
Tafel, und da er auf meinem Platz stand, hatte ich das Vergnügen,
auch noch den gütigen Gastgeber spielen zu können. Unter Lachen und
Scherzen erhielt jeder Fahrgast sein Stückchen, und alle fanden, daß
es eine äußerst wohlschmeckende Speise sei. Für die Segelschiffer
bilden diese Fische in der Tat einen höchst erfreulichen Leckerbissen
und gleichzeitig eine sehr gesunde Abwechslung in der eintönigen
Schiffskost.
Seltsam, wie sich auf diese Weise selbst auf dem unwirtlichen Meere
wieder der Geist dieser wunderbaren großen Liebe offenbart, deren Größe
wir nie ergründen können.
* * * * *
Gegen Mittag begann von neuem das Spiel der Delphine. Fast schien es,
als ob es die nämlichen Tiere vom Tage vorher seien. So waren sie uns
alte Bekannte.
»Ob die beiden dort wohl eine andauernd glückliche Ehe haben,« fragte
plötzlich unsere junge Freundin, auf ein fröhliches Delphinenpaar
weisend, die in schlanken Bogen die blauen Fluten durchschnitten. »Oh,
-- ich habe eine Idee: -- wir setzen uns hier zusammen in die Sonne,
und jeder erzählt uns, da die Delphine nicht sprechen können, von
daheim, von seinen Schicksalen, seinem Lande und seiner Regierung, und
da wir Deutschen nun einmal das Volk der Dichter und Denker genannt
werden, so soll es jedem freistehen, uns seine Dichtungen vorzulesen,
aus denen wir seine Erlebnisse ersehen können. Fliegen wir wieder
auseinander, -- nun, so werden wir uns wohl kaum wiedersehen. Aber
durch die Mitteilung dessen, was wir erlebt haben, sammeln wir die
Erfahrungen der anderen ein, erleben ihre Empfindungen mit und werden
so reicher, weiser, klüger -- und vielleicht,« fügte sie schelmisch
lächelnd hinzu, »immer noch ein wenig besser. Schöner können uns die
Tage der Ozeanfahrt nicht vergehen. Und werden wir heute nicht fertig,
desto besser, so fahren wir morgen fort. Hier hat keiner von uns Eile.
Und es ist ein Labsal für die Seele, in unserem heutigen Kulturleben
einmal nicht hetzen zu brauchen. Kein Telephon, kein Telegramm kann uns
hier abrufen. Nicht wahr, Herr Doktor?« wendete sie sich neckend zu
mir. Ich konnte ihre Ansicht nur bestätigen und dehnte mich wohlig in
meinem Madeirastuhl.
»Wer soll beginnen?« »Der Jüngste fängt an.« Der jüngste Passagier war
immer der Neuhinzugekommene. So war's dieses Mal mein Findling.
Ich war gespannt, weiteres von ihm zu hören, soviel ich nun auch schon
von ihm wußte.
»Ich bin Österreicher von Geburt,« begann er, »und war Arzt in der
schönen Kaiserstadt an der Donau, in Wien. Eines Tages wurde ich in
ein rebenumsponnenes Häuschen der Vorstadt gerufen zu einem kranken,
jungen Weibe von seltener Schönheit. Bald erkannte ich, daß ihre Seele
noch kränker war als ihr Leib. Ich erfuhr ihre Geschichte, ihr Leid.
Sie entstammte einem der ältesten Adelsgeschlechter des Landes. Ihre
Eltern waren früh gestorben und hatten ihr nichts hinterlassen als eine
Seele, wie eine Blume, ein Gemüt, wie ein Bergsee, -- oh, mein Gott,
wohin verliere ich mich!« Ich sah, wie er mit sich kämpfte, um nicht
weich zu werden.
»Hatte sie denn niemanden auf der Welt,« fragte unsere Badenserin?
»Doch,« -- fuhr unser Österreicher fort, »eine Schwester, die
frühzeitig nach dem Tode der Eltern nach Baden ausgewandert war, und
die dann verschollen blieb. Wenigstens hatte kein Brief sie in den
letzten Jahren erreicht.«
Unsere junge Freundin errötete. »Weiter, weiter,« fragte sie mit Augen,
die die Worte von dem Munde des Erzählers wegsaugen zu wollen schienen.
»Man sagte, sie sei in Heidelberg mit einem Studenten, der sie in seine
Netze gelockt hatte, auf und davon gegangen.
Als nun das arme Weib so verlassen in der Welt stand, das Herz voll
Sehnsucht nach Frieden, Liebe, Kunst, Schönheit, Glück, näherte sich
ihr ein Mann, ebenfalls aus altadliger Familie, der ihr vorspiegelte
und vielleicht selbst davon überzeugt war, daß er sie liebe. Sein Vater
war großer Brennereibesitzer. Er selbst hatte zu Hause nicht guttun
wollen, war in der Welt herumgefahren, Kognakreisender geworden, war
in Australien gewesen, hatte in den Spelunken in Melbourne Whisky
verkauft, war dann nach Österreich zurückgekehrt und sollte nun, als
Träger des alten Namens, ein geordnetes Leben beginnen.
Sie vertraute seinen Versprechungen und Beteuerungen. Die Eltern waren
anfangs dagegen. Endlich heirateten sie. Das Ende vom Liede? Sein
elterliches Erbe war bald vertan. Auf dem Gelde, an dem das Elend von
Hunderttausenden klebt, ruht kein Segen. Aber zerstörend hatte der
Unhold auf dieses einzige Weib gewirkt. Selbst krank durch seinen
liederlichen Lebenswandel, hatte er sie mit erkranken gemacht. In die
gemeinsten Spelunken hatte er sie unter Drohungen und schändlichem
Zwang geschleppt, die niedrigsten Zumutungen hatte er an sie gestellt:
Zeugin zu sein seiner Freundschaften hinter bier- und schnapsduftenden
Schenktischen.
An Leib und Seele gebrochen fand ich dieses Weib vor. Durch eine
Operation auf Leben und Tod gelang es, sie von ihrer schmachvollen
Krankheit zu heilen. Allein ihre Seele blieb wund. Der tägliche Kampf
mit der Gemeinheit drohte sie aufzureiben.
Das Leid eines Weibes ist das Leid eines Teiles der Seele der Welt. Ich
habe nie ein Weib weinen oder leiden sehen können, ohne selbst auf das
schwerste mitzuleiden. In dem Leide dieses Weibes litt ich das Leid der
Welt, und um dieses ihres Leides willen liebte ich sie, liebte in ihr
die leidende Menschheit, liebte in ihr das Leid der Welt. --
Da starb eines Tages der Mann. In der Trunkenheit war er eine steile
Treppe, die zum Donauhafen hinabführte, hinunter gestürzt und hatte das
Genick gebrochen. Sie sah blaß und müde aus, als ich kam, und doch lag
in dem unendlichen Liebreiz ein Hauch auf ihrem Antlitz, der mich immer
an die Heimat erinnerte, der die ganze Fülle jenes geheimnisvollen
Zaubers auslöste, der, wie leise violetter Heideschimmer, sich als
Erinnerung über unsere Jugendzeit legt, die Zeit der ersten Liebe, zart
verhüllt, zu neuem Leben erweckt. Und ihre Stimme klang mir wieder wie
eins jener weichen, zarten, schwermütigen Lieder, die sie mir einstens
sang, wenn ich in den traurigsten Stunden meines Lebens zu ihr ging, um
in ihrer Nähe für eine Stunde mein Leid zu vergessen, ihr helfend, das
ihrige zu vergessen.
Als das Gesetz es erlaubte, hielt ich um ihre Hand an.
Von Tag zu Tag erkannte ich mehr, daß ich mich in ihr nicht
getäuscht hatte, als ich sie zur Lebensgefährtin erwählte, daß alles
Unnatürliche, alles Gezwungene nur Folgen der voraufgegangenen
Leidenszeit waren.
Oft war es mir, als ob sie in ihrem Inneren mit einer bösen Macht
kämpfe. Nur Toren verzagen im Kampfe gegen das Böse und schelten auf
die Erbsünde, daß sie uns erdrücke und herunterzöge. Bei Schwachen
mag sie es tun, den Starken aber ist sie die Prüfung zur Kraft, die
Treppenstufe zur Vervollkommnung, zur Höhe. Nicht das Sündigen an sich
ist Schwäche, -- nur das Untergehen, das sich Untergehenlassen in der
Sünde, das ist Schwäche, das ist Sünde, das ist der Tod. Das ist eine
billige Tugend, die tugendhaft bleibt, weil ihr die Gelegenheit oder
die Kraft zum Sündigen fehlt. Aber die Wollust der Sünde gekostet
haben, mit der Schlange gespielt haben, und sie dann doch überwinden,
sich losreißen aus den zuckenden Umwindungen der Überwundenen, und nun
Stein um Stein empor, bis zur Höhe, bis dahin, wo wir uns eins fühlen
mit Ihm, -- das ist herrlich, -- das ist die Lösung, auf deren Höhe wir
es jauchzend singen hören: Tod, wo ist dein Stachel -- Hölle, wo ist
dein Sieg!
Und ihre Seele war groß. Ihre Seele war sie selbst, denn sie selbst
war ganz Seele. Und groß wie ihre Seele war ihre, unsere Liebe. Unsere
Liebe hatte nichts Selbstsüchtiges; die Liebe zueinander war gleichsam
nur das Gefäß, das unsere Liebe zur leidenden Menschheit barg. So war
es nur zu natürlich, daß sie in kurzem die gute Fee meiner Armen und
meiner Kranken wurde.
Da sie immer wieder kränkelte, siedelte ich mit ihr nach Madeira
über. Hier verlebten wir Zeiten seligsten Glückes. Schon hoffte ich
auf vollständige, endgültige Genesung. Wie eine seltene Blume, die
liliengleich aus Schutt und Moder erblüht, entfaltete sich ihr Geist.
Aber ihre Krankheit saß doch schon zu tief, oder unser Glück war
zu groß; nach einer kurzen Spanne Zeit wurde sie mir durch den Tod
entrissen.« --
»Und ich bin ihre Schwester!«
Schluchzend lag die Badenserin zu Füßen unseres Erzählers. Schluchzend,
abgerissen erzählte sie, wie ein Student ihr vor wenigen Jahren Liebe
vorgegaukelt, gerade als die Eltern gestorben waren; sie sei ihm von
Wien nach Heidelberg gefolgt. Sie habe versucht, ihn zu halten, er
aber habe sie in sein leichtsinniges Leben mit hineinziehen wollen. Da
habe sie der Ekel erfaßt, sie habe sich von ihm losgesagt und habe ihr
Lehrerinnenexamen gemacht, um auf eigenen Füßen zu stehen. Nun sei sie
mit dem jungen Lehrer, dem treuen Berater ihrer Studien, der auch in
der Neuen Welt das Glück versuchen wolle, hinübergefahren.
Da reichte unser Freund ihr eine Anzahl Blätter hin: -- »Hier, nimm
diese, als Erbteil deiner Schwester. Es sind die Lieder aus der Zeit
unseres Glückes.« Sie aber nahm die Blätter und schaute still über das
Meer, als suche sie die Lösung all dieser wunderbaren Schikkungen.
Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Dann stand sie auf und ging fort.
Man sah, sie brauchte Einsamkeit.
Wir anderen saßen noch lange schweigend beieinander. Als ich am Abend,
träumend von all den Erlebnissen des Tages, in meiner Kabine saß,
klopfte es, und herein trat mein Findling und die junge Badenserin.
Auf beider Antlitz lag ein Hauch von Frieden und reinstem Glücke. Es
bedurfte keines erklärenden Wortes: ihre Seelen hatten sich gefunden.
»Sie haben mir mein Lebensglück aufs Schiff gebracht, Doktor,« sprach
sie --, »so nehmen Sie die Lieder, die meiner verstorbenen Schwester
gehörten, und bewahren Sie sie als ein Dokument aus der Vergangenheit
und zur Erinnerung an ringende Menschenherzen. Wir aber wollen der
Gegenwart gehören und der Zukunft leben.«
Lange noch saßen wir drei zusammen in traulichem Gespräch, das mir
den feinen Geist und das tiefe Gemüt dieser beiden Menschen, die sich
hier auf dem Schiffe so wunderbar gefunden hatten, in seltsamer Weise
offenbarte.
Ich aber freute mich von Herzen dieser Fügung.
Als sie gegangen waren, las ich in meiner Kabine die Lieder und
durchlebte dabei das Ringen zweier Seelen mit der Sünde und der Liebe.
Und während ich sie las, dachte ich daran, wie mein neuer Freund von
dem Weibe stets als von der Seele der Welt sprach. Ich aber dachte an
daheim und an diejenige, die die Seele meiner Welt, die Sonne meines
Hauses war.
Und dann dachte ich wiederum, wie die Sonne gleichsam die Seele der
sichtbaren Welt sei, und wie sie hier auf dem Ozean alles beherrschte,
gerade wie Gott die Seele des Weltalls ist, die das Weltall
durchdringend beherrscht. Und gleichzeitig mußte ich daran denken,
daß noch niemals das Weib an sich so viel Raum in meinem Denken und
Empfinden eingenommen hatte, wie hier auf dem Ozean. Kam es daher, weil
hier draußen auf dem Meere die Sonne herrschte, daß das Weib als die
Sonne des menschlichen Lebens die Gedanken an das Elend in den Schatten
drängen wollte?
Es ist schon so. Die Liebe eines reinen, warmherzigen Weibes ist für
den Mann der Himmel auf Erden. Wehe dem Ärmsten, der diese Himmelsgabe
nie gekannt, -- und wehe dem, der sie besessen, aber nicht erkannt und
von sich gestoßen hat.
Aber dreifach wehe dem Weibe, das seine Aufgabe, die Lebenssonne des
Mannes zu sein, nicht begriffen hat oder vergißt!
Sie verstößt gegen die Naturgesetze und bricht die Ehe, indem sie den
Mann aus seinem Gleise treibt, wie die Erde ihre Bahn verlassen würde,
wenn die Sonne nur auf einen Augenblick -- nicht die Sonne wäre! --
Dieses Weib war eine Lebenssonne für den Mann gewesen. Sie hatte ihre
Aufgabe erfüllt. --
Ich legte die Lieder zwischen die Blätter meines Tagebuches, wie man
Rosenblätter zwischen die Blätter eines lieben Buches legt. Mag sie
dort nach meinem Tode finden, wer will, und sie lesen, wer will. Mir
waren sie Dokumente der Kämpfe zweier sich zum Guten und zueinander
sehnenden Menschenherzen.
* * * * *
Am anderen Morgen erscholl vom Vorderdeck Gesang und Kling-Klang. Einer
unserer spanischen Auswanderer hatte sich bei einem der Maschinisten
einen Schleifstein erbettelt, und nun ging ein lustiges Schleifen los
an Beil und Messer, an Sense und Sichel, Spaten und Säge. Oh, es ist
etwas Herrliches und Großes um Menschen, die ihr Vaterland größer
machen wollen, damit Raum wird für die Kinder ihrer Liebe! Jeder
einzelne, der der alten Heimat in diesem Sinne den Rücken kehrt, ist
ein Held, ein Großer und Freier, den seine Enkel deswegen noch dankbar
feiern müssen.
»Weswegen seid ihr eigentlich aus dem Lande gegangen,« fragte unser
Österreicher das Lüneburger Ehepaar; »ich dachte, in eurer Heide wäre
noch Platz genug.«
»Unser Hof lag an der Grenze der Petroleumbezirke. Der Qualm der
Schornsteine, der Lärm, der von den Bohrtürmen ausging, die Abwässer,
die unseren Forellenbach vergifteten, die polnischen Arbeiter,
die betrunken Sonntags unsere Dörfer unsicher machten, die Unzahl
polizeilicher Bestimmungen, mit denen man uns in unserer freien Heide
das Leben sauer machte, all das hat uns bewogen, die alte Heimat
aufzugeben. Sauer genug ist uns der Entschluß geworden. Aber wir
hoffen von der Tätigkeit unserer Arme besten Erfolg in neuen, freien
Weiten. Unsere Heide ist schwer zu bearbeiten, ihre Schönheit schwer zu
begreifen; aber hat man ihren Zauber erst erfaßt, dann läßt er einen
auch nicht wieder los.
Und wie es mit unserer Heide geht, so geht es auch mit unseren
Menschen. Schwer ist ihre Liebe zu erringen, -- nicht wahr, Schatz?«
und dabei legte er seinen Arm zärtlich um den Nacken seines Weibes und
zog sie an sich, während sie ihn voll Liebe anlächelte, -- »aber wenn
sie sich erst einmal lieb gewonnen haben, dann trennt sie auch nichts
mehr in der Welt.
Und wie es mit den einzelnen Menschen geht, so geht es der Regierung
mit dem Volke. Und das ist der Grund, warum wir Hannoveraner noch immer
nicht unser altes Welfenhaus vergessen können, soviel die preußische
Regierung auch für unser Hannoverland getan hat. Anstatt unsere Liebe
zum angestammten Herrscherhaus zu verfolgen und zu vertilgen, hätte sie
unsere Treue ehren und verstehen sollen, das wäre klüger und besser
gewesen.
Eine weise und liebevolle Stiefmutter ehrt die Liebe der Kinder erster
Ehe zu der verstorbenen Mutter und hegt und pflegt ihr Andenken. Gerade
dadurch erwirbt sie sich am ehesten die Liebe der fremden Kinder und
bringt wieder Sonnenschein in das durch den Tod durchkältete Haus. Eine
neue Regierung ist wie eine Stiefmutter. Mag sie an diesem Beispiel
aus unserem Menschenleben lernen. -- Wie einst bei uns in Hannover,
so geht's wohl überall in der Welt, -- in Elsaß und Lothringen nicht
anders als in unseren Kolonien, -- schließlich ist die Liebe doch eine
stärkere Macht, als alle Schneidigkeit und Waffengewalt.«
»Hätte Bismarck 1866 seinen Willen gegen die preußischen Junker
durchsetzen können,« warf der Rheinländer dazwischen, »ihr Hannoveraner
hättet damals schon eine andere Verfassung nach eueren Wünschen
erhalten. Denn unser großer Kanzler war nicht nur der Mann mit der
eisernen Faust, sondern ebensosehr der Mann mit dem großen Herzen voll
Liebe und Gerechtigkeit.« --
Es waren widerstreitende Empfindungen, die die Worte des Lüneburgers in
mir auslösten. Die geschichtlichen Notwendigkeiten haben sicher für die
Nächstbeteiligten Härten im Gefolge, die nur schwer verwunden werden,
-- aber seltsam, -- gewisse Ideengänge liegen gleichsam in der Luft,
wie Düfte im März, von denen alle Wege, alle Felder erfüllt sind, --
an denen wir merken, daß der Frühling kommt. -- Ist es das, was den
Zeitgeist ausmacht, den »Geist der Zeit?«
Dann wäre das, was der Lüneburger uns da eben erzählte, ein Zeichen des
Geistes, der nach Liebe hungert.
Bismarck hatte diesen Geist der Zeit damals begriffen, -- oh, er war
gut und groß, und seine Taten entsprangen einzig aus dem Geiste der
Liebe, der Liebe zu seinem großen deutschen Vaterlande.
Doch der Haß und die Selbstsucht und die kleinliche Gesinnung jener
preußischen Junker, die heute noch so viel Unheil bei uns anrichten,
die lähmten selbst dem Starken damals den Arm zur Tat im Geiste der
Liebe! --
Wenn aber ein Volk nach Liebe hungert, so ist es ein Zeichen, daß es
nach Leben hungert! Nach dem höchsten Leben!
Ihr Könige, gebt acht, daß ihr diesen Liebeshunger eurer Völker nicht
vergeßt! Sonst sterben sie ab, und ihr mit ihnen! -- -- --
»Du bist schuld mit deinen ernsten Auseinandersetzungen,« schmollte
sein Weibchen, »daß sich diese Schweigewolke auf unsere Gesellschaft
niedergelassen hat. Nun will ich versuchen, deinen Fehler wieder
gutzumachen, und Ihnen, wenn's allen genehm ist, ein Märchen vorlesen,
das ich mir zur Erinnerung an die Heimat mit aufs Schiff genommen habe,
und das Ihnen, was mein Schatz da soeben berichtet hat, vielleicht noch
ein wenig weiter erläutert und Sie den Zauber unserer geliebten Heide
ahnen läßt.«
Ein Lied von der Heide, voll Sonne und Heimatduft, das war freilich
verlockend hier draußen auf dem wogenden Ozean. So begann sie mit ihrer
weichen Stimme, die bei dem Vortrage der eingestreuten Lieder wie
seltsam feine Musik klang, »das Märchen aus der Heide«.
Und wie sie las, flutete es über den Ozean von der Heimat her, wie
starker Heideduft. Alle Entfernung schwand. Ich war daheim, daheim im
Vaterland! Das war der Dichtung Zauber! -- --
* * * * *
Vor meinem geistigen Auge tauchte die Heimat wieder auf mit ihren
Tannenwäldern, ihren Mooren und Heiden. Ich sog den kräftigen
Tannenduft und den Erdgeruch der frischgepflügten Felder ein, den
feinen Rauchdunst, der im Frühling beim Westwind von den ostfriesischen
Mooren zu uns herüberweht, wenn sie dort das Moor brennen. Ich vergaß
den Atlantischen Ozean. Ich hörte nicht mehr die spanischen Lieder vom
Vorderdeck und das Schleifen der Spaten!
Im rötlichen Heidekraute lag ich draußen in einsamer Heide. Sengend
brannte die Sonne auf mich herab. Da schlief ich ein, vergaß die Welt
und Haus und Hof. Mir war's, als ob ich glühende Küsse spürte. War das
ein Weib? War's die Sonne? Feuer durchrieselte meinen Leib. Ich fühlte,
wie ich wuchs, neue Kräfte durchfluteten meinen Körper, -- endlich
erwachte ich. Ich lag noch immer im Heidekraut. Glühend strahlte
die Julisonne. Da sprang ich auf. Eine neue heiße Liebe hatte mich
erfaßt, heißer als je, die Liebe zur Heimat. Und dann kam ich heim.
Noch ganz trunken vom Sonnenrausch und seligem Wollen. Da kommt mir
ein altes Mütterchen unterwegs entgegen. »Haben's schon gehört?« fragt
sie mich mit erregtem, verstörtem Gesicht. »Ja, was denn?« »Die große
Michaeliskirche in Hamburg ist abgebrannt.«
Blitzschnell liefen die Bilder vor meinem geistigen Auge dahin:
ich sah die Jugendgeliebte, blond, züchtig, mit gesenktem Blick,
das Gesangbuch in der Hand, zur Kirche wandern, den goldenen Zopf
wie eine Krone ums Haupt gewunden. Ich sah den grünen Turmhelm aus
der Ferne aus dem Stadtnebel zu uns in unser Gartenhaus draußen
am Strome herüberschimmern und unter dem Helme die große Uhr mit
ihrem vergoldeten Zifferblatte blinken. Ich hörte die Stimme meines
Töchterleins: »Vater, heb' mich hoch, ich will die Uhr auch 'mal
sehen!« -- Und wieder sah ich uns, mein Weib und die Freunde, in der
Kirche sitzen; durch ihre mächtigen Bogen hallten jubelnd und gen
Himmel tragend die Orgeltöne, die Chöre der Bachschen Matthäuspassion.
Und nun? Ich hörte im Geiste das Prasseln der Flammen, das Krachen der
zusammenstürzenden Mauern. Fiebernd jagten sich die Bilder, -- während
ich träumend in der Heidesonne gelegen hatte, brannte in der Vaterstadt
die Kirche nieder, die wir alle so liebten! -- --
»Doktor, wo sind Sie mit Ihren Gedanken?« -- »In der Heimat,« erwiderte
ich, -- »das Heidemärchen hat's mir angetan.«
Da stand ich auf und ging auf das Kompaßdeck, hoch oben über dem
Schiffe, um allein zu sein mit meinen Träumen und Gedanken.
Wunderlich, wie die Perspektive durch die Ferne wirkt. Durch das
Heidemärchen war mir die Heimat vor die Sinne gezaubert, -- aber wie
ein fernes, grünes Land sah ich sie liegen, und wie auf sanftem Hügel
hob sich aus dem Grün die Kirche mit ihrem Turme heraus. Deutlich sah
ich sie vor mir liegen, die doch in Wirklichkeit in Trümmern lag. -- --
Da war es mir, als müßte ich hier draußen auf dem Ozean die Kirche neu
erstehen sehen, jetzt gleich, emporgewachsen aus dem grünen Boden der
Heimat, aber größer, schöner als je zuvor.
Der unendliche, blaue Dom des Himmelsgewölbes, das sich wie ein azurnes
Zelt über den weiten Ozean spannte, schien mir gerade groß genug, um
den Tempel, den ich in meinem Herzen baute, aufzunehmen.
Hatte ich soeben den Zusammensturz der alten Kirche in meiner
Erinnerung erlebt, mit deren Zusammenbruch gleichsam dieses ganze
künstliche Gebäude verstaubter Dogmen in Asche zusammenstürzte, dieser
künstlich zusammengestoppelten Lehren, die mit ihrem Moder lange genug
die Herzen verstaubt hatten, so wuchs nun hier in dieser unendlichen
Freiheit und Schönheit der Natur in meinem Geiste ein neuer Tempel
empor und wuchs und wuchs, unendlich, wie der Geist dessen, der uns
alle, der das All erfüllt, der eins ist mit dem All, und durch den wir
eins sind mit dem All.
Ich wußte von der alten Orgel, die damals bei dem Brande der Kirche in
Asche versank, daß geheime Kanäle unter dem Boden der Kirche hingingen,
um zwischen den Emporen und den Reihen der Andächtigen zu münden. Nur
einer außer mir kannte ihr Geheimnis. Von ihm hatte ich es erfahren.
Alle Welt staunte nur über den Zauber, mit dem die alte Orgel den
ganzen Riesenbau der Kirche erfüllte. Diese geheimen Kanäle waren die
Lebensadern der Orgel. Durch sie strömte sie ihre Schallwellen, ihre
Töne unter die Menge, andächtigen Zauber in ihr erweckend.
Oh, mein Tempel, den ich der Menschheit baute, hatte auch solche
geheime Kanäle, durch die der Geist des Tempels in die Menschheit
strömen sollte. Und dieser Geist hieß Liebe!
Liebe, du bist die Mutter der Kraft!
Liebe, du bist die Mutter der Tat!
Liebe, sei mit uns! -- -- --
Verschwunden war der Heidetraum. Verschwunden Schiff und Atlantischer
Ozean. Ich hörte nicht mehr das Singen und Kastagnettengeklirr vom
Vorderdeck, nicht das Stampfen der Maschinen, noch das Wogen der
kornblumenblauen Wellen rings um mich herum. Sehnsucht nach der Heimat
hatte mit elementarer Macht den Wunsch entfesselt, gleichsam als ein
Symbol der Heimat, die Kirche neu erstehen zu sehen. So träumte ich
denn weiter, da oben, hoch über den Wogen des Ozeans: unser Leid über
die Zerstörung der alten Kirche der Heimatstadt, ihren Wiederaufbau,
ihre Einweihung; und halb im Traum, im Erinnerungsrausch, im
Sehnsuchtsdrang nach daheim schrieb ich nieder, wie es mir kam. -- --
Und siehe da: als es fertig war, wachte ich auf aus meinen Träumen. Vor
mir lag der Text zu einem Oratorium für die Einweihung der neuerbauten
Kirche. Und weil dieses Kind meiner Seele hier auf dem Ozean gezeugt
und geboren ist aus der Liebe zur Heimat und zu den Menschen, so gehört
es auch mit in meinen Reisebericht, -- als ein Bindeglied im Geiste
zwischen dem, der da draußen fuhr, und der Heimat, zu der ihn sein
Sehnen trug.
* * * * *
Als ich nachts in meiner Kabine lag, sah ich im Traume wieder den
abgebrannten Turm der alten Michaeliskirche. Ein riesiges Gerüst
hatten sie um ihn gezimmert, mächtige eiserne Sparren in die Höhe
geführt. Ja -- es war offenbar -- sie gaben sich alle Mühe, die durch
Leichtfertigkeit zerstörte Kirche wieder aufzubauen.
Mir aber war es, als ob der Neubau keine Seele hatte.
Und dann versank alles in dunkles Schwarz. Es war Nacht. Plötzlich
flammte es hell auf. In bengalischem Lichte erstrahlte das steinerne
Standbild des großen Bismarck. Musik erscholl. Hurrarufen. Die
deutschen Studenten brachten dem Eisernen einen Fackelzug. Da nahten
sie schon. Wie eine Schlange mit tausend leuchtenden Schuppen ringelte
sich der Zug durch die Finsternis herum um den Berg, vom Standbilde
wiederum hernieder ins Tal. Dann erloschen die Fackeln, und in der
Finsternis verschwand auch das Bild des Mannes der Tat.
Da hörte ich Gläser klirren und Brüllen von Kommersliedern, sah
schwankende Gestalten und Dirnen in buntem Flitter und mit geschminkten
Gesichtern, -- und schließlich hörte ich Weinen, sah Jünglinge, die
sich grämten und schämten über Grauen und Elend. -- -- -- Der Geist der
Tat war weggespült mit Bier. -- --
Es war eine schlimme Nacht. --
Der Seewind und das Blau des Meeres waren meine Heilmittel, als ich
erwachte. -- -- -- --
* * * * *
Die Ruhe, die frische Seeluft und nicht zum mindesten die gute und
reichliche Verpflegung hatten bei unseren Auswanderern Wunder gewirkt.
Während der ersten Tage hatte eine Reihe von bleichen, mageren Frauen
und Mädchen noch müde und matt in ihren Stühlen gelegen, aber die
»+soupe de galienas+«, die Hühnersuppe, um die sie baten, und
die ihnen freigebig gereicht wurde, und was wir ihnen von unseren
Speisen, an Brot und frischen Früchten und Milch, brachten, hatte ihre
Kräfte bald gehoben. Schon nach einigen Tagen röteten sich die Wangen,
rundeten sich die Gesichter, die Augen erhielten wieder ihren Glanz,
und bald mischte sich in den Gesang der Männer das Klingen des Stahls
beim Schleifen ihrer Werkzeuge und das Klappern der Kastagnetten, und
die bunten Röcke und blauen und roten Tücher der Tanzenden gaben im
Umherwirbeln ein frohes, farbenprächtiges Bild.
Und wieder leuchtete mir die Sonne neue Hoffnung ins Herz. Ich dachte
an daheim. Aus der weiten Entfernung schien mir unser ganzes Volk
wie eine große, einheitliche Menge, wie ein Wald mit dichtem Bestand
an Bäumen, wie das Heidekraut da draußen auf der Heide. Ich aber sah
das Keimen und das innere Leben in unserem Volke in seinem feinsten
Wurzelgeflechte.
Oh, ich kannte Hunderte von jungen Volksschullehrerinnen und Lehrern,
-- nicht die im Dienste hart und grau gewordenen, -- nein, fröhliche,
frische Menschenkinder mit warmen Herzen. Die kannten auch diese
feinen, zarten, hoffnungsreichen Triebe, die in den unschuldsvollen
Kindern unseres Volkes schlummern, die aus den blauen Augen so frisch
und freudig herausleuchten. -- Kaiser, mein Kaiser, warum duldest du,
daß so viele von diesen feinen und zarten und hoffnungsreichen Trieben
im Elend verbittern und zugrunde gehen, und könntest sie retten mit
deiner Macht! -- -- --
* * * * *
Heute war unser Rheinländer an der Reihe, von sich zu berichten. Er
begann: »Man kann das Verhältnis zwischen Volk und Regierung sehr
wohl unter dem Bilde einer Ehe betrachten, in welchem der Mann das
Volk, das Weib die Regierung darstellt. Ebenso wie der schaffende
Mann des Weibes bedarf, wie er durch das Weib erst die Ergänzung zum
Vollmenschen erfährt, ebenso bedarf das schaffende, tätige Volk einer
Regierung, die ihm den Bestand als Volk gleichsam gewährleistet. Wie
eine prachtliebende und prunksüchtige Regierung ein Volk in Schulden
stürzen kann, so wird ein verschwenderisches und putzsüchtiges Weib den
fleißigsten Mann dem Bankerott zuführen.
Wie ein genußsüchtiges, rein sinnliches Weib den besten und gesündesten
Mann stumpf und früh altern macht, so wird eine Regierung, der es nur
auf ihre eigene Machtfülle ankommt, oder deren Ziele unklar sind, das
intelligenteste Volk lahm und unlustig zum wahren Fortschritt machen.
Das zeigen uns die romanischen Völker, vor allem aber die slawischen,
am meisten Rußland. Und wenn unsere Spanier eine bessere Regierung
hätten, dann brauchten vielleicht die Wackeren aus ihrem Lande, in dem
sicher bei verständiger Verwaltung noch Platz genug ist, nicht übers
Meer zu wandern.
Wie ich zu dieser Abschweifung komme? Ich will's Ihnen erzählen.
Ich bin von Hause aus Nationalökonom. Ich kam infolge meiner
handelspolitischen Studien und sozialen Bestrebungen viel in das Haus
eines unserer reichsten rheinischen Großindustriellen, eines klugen,
energischen Mannes mit einem guten, warmen Herzen für seine Arbeiter.
Sein Weib, von außerordentlicher Schönheit, war eine üppige Blondine,
klug, kannte die halbe Welt, -- aber sie war eine Kokette, kalt und
sinnlich zugleich, eine Potiphar schlimmster Art.
Ich weiß nicht, wieviel Schuld an diesem Entgleisen ihres Empfindens
der Erziehung ihrer Jugend im Elternhause zuzuschreiben war, wieviel
vielleicht dem Umstand, daß ihr Mann, von seinen Bestrebungen und
seiner Tagesarbeit völlig in Anspruch genommen, ihrem weiblichen
Empfinden nicht genügend Rechnung trug.
So fehlte dem Hause, welches in seinem Reichtum und bei der Art des
Mannes ein weithin leuchtendes Vorbild hätte sein können, der wahre
innere Segen. Für den Mann empfand ich das tiefste Mitleid. Dieses Weib
hatte es auf mich abgesehen.
Wenn, was nicht selten vorkam, einer der Leiter der sozialistischen
Partei mit den glänzendsten Aussichten für eine ruhmvolle Führerrolle
an mich herantrat, um mich für ihre Partei zu gewinnen, so mußte ich
immer dieses dämonischen, in ihrem Wollen unklaren Weibes gedenken, --
unklar und verführerisch wie dieses war auch das Bild der Herrschaft in
dem zukünftigen Staate jener.
Sie wußte, daß ich die Absicht hatte, eine Reise um die Welt anzutreten.
Ich bin der Ansicht, daß unser Vaterland zu klein wird für unser
schnellwachsendes Volk. In gut einem Menschenalter sind wir von 38
Millionen zu einer Nation von 63 Millionen Köpfen herangewachsen. Da
habe ich mir die Aufgabe gestellt, selbst mich in der Welt umzusehen,
wo noch Platz auf der Erde für uns Deutsche ist. Ich wollte zunächst
nach Brasilien, von da nach Argentinien, Nordamerika, von dort nach
Afrika und Australien. Nicht um den Erwerb neuer Kolonien zu planen.
Unser Platz ist überall da, wo Spaten und Pflug einsetzen können,
wo Schafe und Rinder gedeihen, wo der Mensch in der Bearbeitung des
Bodens leben und gedeihen kann. Unser Vaterland soll seine Kinder so
erziehen, daß sie, wenn sie in fremde Länder gehen, die Gesetze dieser
Länder achten und ehren, und doch nicht vergessen, daß deutsches Blut
durch ihre Adern fließt. Die Leute sollen Korn und Früchte bauen;
das Vaterland wird ihre Ernten mit seinen Schiffen nach Deutschland
schaffen und ihnen für das, was sie dem Erdboden entraffen, Werkzeuge,
Kleider, Bücher, und was die Industrie nur schafft, liefern. So werden
wir ein stetig wachsendes Volk sein, froh, gesund, reich und kraftvoll
nach innen und außen.
Eines Abends kam ich früher als der Hausherr. Frau Potiphar, so will
ich sie nennen, saß am lodernden Kamin. Der rote Schimmer einer Lampe
überflutete die herrliche Gestalt. Sie bot mir einen Platz neben ihrem
Sessel. Schweigend saßen wir eine Weile. Ich sah, wie ihre Augen die
meinigen suchten, während ich in die knisternden Flammen sah. Plötzlich
fiel sie mir zu Füßen, überschüttete mich mit Liebesbeteuerungen und
geriet, als ich kühl und gelassen blieb, in eine Art Liebesraserei,
so daß ich mich ihrer nur mit Aufbietung aller meiner Kräfte erwehren
konnte. Ich solle bleiben, sie wolle es, sie könne nicht ohne mich
leben, ich solle nicht die weite Reise machen, -- fast hätte sie Gluten
in mir entzündet, die nicht entzündet werden durften. Ich aber riß mich
los, um die Aufgabe, die ich mir für mein Volk gestellt, zu erfüllen.«
Als unser Rheinländer geendet hatte, herrschte einen Augenblick
nachdenkliches Schweigen in unserem Kreise. Es lag wie eine stille
Anerkennung auf aller Gesichter für unseren wackeren Reisegefährten,
der so unbeirrt durch die Lockungen der Welt sein Ziel verfolgte.
Plötzlich horchten wir auf. Die Luken, die zum Maschinenraum führten,
standen der Hitze wegen weit offen, und da wir in der Nähe saßen, so
hörte man, wenn es bei uns still war, und unten laut gesprochen wurde,
fast jedes Wort.
Die Maschine ging leise ihren Takt. Das Kohlenschaufeln war
eingestellt. So konnten wir deutlich das Lied vernehmen, das eine
kraftvolle Männerstimme, offenbar die eines der Heizer, trotzig in den
Raum hinaussang:
Ich kenn' dich nicht mehr,
Und ich mag dich nicht mehr, --
Wir haben die Rollen vertauscht!
Seitdem du dem anderen Küsse geschenkt,
Hast deinen Liebsten zu Tode gekränkt,
Ist meine Liebe verrauscht!
Einst warst du mir meine Märchenblum',
Die blaue, am Meeresstrand, --
Jetzt seh' ich nur graue Wogen dort
Und weißen, toten Sand.
Einst warst du mir meine Königin,
Mein Lebenssonnenschein, --
Jetzt höre ich nur in einemfort
Das Sterbeglöckelein.
Jetzt möchtest du wohl,
Und jetzt kann ich nicht mehr,
Wir haben die Rollen vertauscht!
Ich kenn' dich nicht mehr,
Und ich mag dich nicht mehr, --
Meine Liebe, die ist verrauscht!
Armer Bursche, -- welch Leid hat dich wohl solch ein Lied gelehrt? --
Das war nicht nur der Liebe Leid! Fast klang es wie Haß gegen alles
Bestehende.
Grimmig schurrte die Kohlenschaufel, -- ich hörte, wie der, der sie
handhabte, heftiger als sonst die Kohlen ins Feuer warf. Krachend flog
die Feuertür des Kessels ins Schloß.
Dann war es stille da unten. Nur die Maschine sang ihr gleichmäßiges
Lied von der Arbeit.
Der Sachse brach zuerst das Schweigen, das sich schließlich fast
beklemmend unserer bemächtigt hatte.
»Ich will mich kurz fassen,« begann er. »Mir ist es ähnlich wie unserem
Freund Rheinländer gegangen, -- und doch um vieles anders. Ich bin
eines Weibes wegen über See gegangen. Sie war klug, schön, edel, --
wie kaum eine; ihr Mann, soweit ich sehen konnte, ein vortrefflicher
Mensch. Aber aus einem Jugendfehltritt war ihm ein Kind entsprossen.
Das hatte er ihr beim Eingehen der Ehe verschwiegen. Ihre Ehe selbst
war kinderlos -- eine Folge jener Liebschaft.
Eines Tages schrieb die verlassene Geliebte an seine Gattin und bat sie
um Unterstützung für das kränkelnde Kind. Da fing sie an, den Mann
zu hassen, -- nicht, weil er ihr seine Vergangenheit nicht offenbart
hatte, sondern weil er sich um sein Kind, sein Fleisch und Blut,
nicht besser kümmerte. Und ohne daß er es wußte, half sie der armen
Verlassenen mit ihrem Kindchen, sparte für dasselbe und sorgte für
beide in rührendster Weise. Da ging ihre Liebe wandern.
Wir fühlten es, wie unsere Seelen zueinander drängten. Aber wir wollten
nicht aus dem Gleise der Pflicht heraus. Ihr Händedruck, als ich von
ihr Abschied nahm, um übers Meer zu fahren, sagte mir zur Genüge, daß
wir uns voll und ganz verständen.
Nun warte ich ab, wohin der Zufall mein Lebensschifflein steuert.
Ich habe meinen Abschied genommen, bin frei und ledig, gesund und
arbeitsfroh, -- irgendwo wird mir mein Glück ja wohl blühen.«
Sein männlich schönes Gesicht leuchtete voll zuversichtlicher Hoffnung
bei diesen Worten. --
Es war ein eigen seltsamer Genuß, dieses Ineinanderaufgehen und
Sichmitteilen. -- -- --
* * * * *
Vom Vorderdeck klang leise ein spanisches Lied in schwermütiger Weise.
Unser Schiff glitt sanft durch die dunkelblaue Flut. Ich stand am
Steuer und schaute in die Richtung der Heimat. Wie Abendglocken klang
es in meiner Seele.
* * * * *
Als ich auf meinem Lager lag, führte mich der Traum heimwärts, und von
einer lieben, lieben Stimme hörte ich das Lied:
Wenn meine Seele die deine sucht,
So schwinden Raum und Zeiten,
Und schreit' ich einsam durch den Wald,
Du wandelst an meiner Seiten!
Und wenn du noch so fern mir bist,
Ich kenn' dein Denken und Fühlen,
Und dankbar spür' ich deine Hand,
Die mir die Stirn' will kühlen.
Wenn meine Seele die deine sucht,
Und das ist immer und immer,
Die ganze Welt mir wonnig ruht
In rosigem Hoffnungsschimmer.
Wenn meine Seele die deine sucht,
Dann schwinden Sorg' und Kummer,
Du bist bei mir, und selig leg'
Ich mich zum letzten Schlummer.
Ich sah mein Weib an ihrem Flügel sitzen, das Fenster war geöffnet.
Durch die Blumen, die auf der Fensterbank standen, zog milde
Frühlingsluft. Aus dem Garten tönte Kinderjubel in das Lied hinein.
* * * * *
Mit einem Herzen voll Sehnsucht erwachte ich. Wie hatte ich je verzagen
können! Ich hatte eine Heimat! Eine sonnige, liebedurchflutete Heimat!
Kein Mißton, kein kalter Hauch trübte die Quelle der Kraft, -- so
konnte und durfte diese nie versiegen.
Es war mir, als ob mir die Bedeutung des Weibes und der Heimat für den
Mann noch nie so klar geworden sei, wie hier, fern von der Heimat,
draußen auf dem weiten Ozean, und ganz besonders nach den Erlebnissen
der letzten Tage mit ihren Erzählungen und Beichten. Klarer als je war
es mir: das Weib ist die Seele der Welt, die Sonne unseres Seins! -- --
* * * * *
Auf dem Vorderdeck wurden eifrig Pläne geschmiedet. Einige der
Auswanderer wollten mit uns den Amazonenstrom aufwärts, andere von
Pará südwärts, nach Ceará und Pernambuco. Wie Samen streuten sie sich
über das weite Land. Auf dem Promenadendeck, in einer schattigen Ecke,
saßen unsere Magyaren mit dem deutschen Weinhändler aus Bordeaux --
und spielten ihren Skat. Für sie gab es keine Biskaya, für sie keinen
Atlantischen Ozean, keine Sorge und Liebe ums Vaterland, um ihr Volk.
Sie tranken ihr Bier und spielten ihren Skat. So ist der Philister.
Sein Horizont reicht nicht weiter, als der Rand seines Bierglases,
seines Portemonnaies, im besten Fall bis zur Türe seines Hauses. Was
Wunder, daß die erschreckend große Zahl dieser Sorte von Menschen, die
sich in allen Ständen findet, unter den Handwerkern, wie unter den
Geheimräten und Ministern, im Gemeinderat des Dorfes, wie im Reichstag,
in steigendem Maße zu einem Hemmschuh, ja, geradezu zu einer Gefahr für
unsere Kultur wird.
* * * * *
Während unser Trio von Zeit zu Zeit ein Stöhnen über die Hitze laut
werden ließ, labten wir uns in unserem Kreise an der herrlichen
Sonne. Die Freunde waren längst meinem Rate gefolgt, hatten mit der
zunehmenden Wärme sich in steigendem Maße des Fleischgenusses enthalten
-- Wein und Bier hatte schon längst keiner mehr angerührt -- und hatten
sich durch regelmäßige Sonnen- und Luftbäder oben auf der Kompaßbrücke
derart an die Tropensonne gewöhnt, daß sie sie ebenso wie ich, nur noch
als wundersame Lebensweckerin empfanden.
So saßen wir denn wie gewöhnlich in trautem Kreise beisammen. Ich
sollte erzählen von mir, von daheim, warum ich auf die Reise gegangen
sei.
Da berichtete ich ihnen denn, wie ich müde geworden war in meinem
Kampfe gegen das Elend und die Krankheiten und die Dummheit der
Menschen. Und wie ich keine Hoffnung und keinen Glauben an die Menschen
mehr gehabt hätte, weil ich tagtäglich gesehen habe, wie mit der
Zunahme unserer Kultur das Elend, anstatt abzunehmen, riesengroß wuchs.
Aber durch die Erlebnisse der letzten Tage sei es mir so recht klar
geworden, welch unerschöpfliche Quelle der Kraft für den Mann in einer
liebevollen, geordneten Ehe und in einer Heimat läge, in der der Mensch
wirklich wurzele. Noch niemals hatte ich das eigene Glück im eigenen
Hause so warm und lebendig empfunden, wie am gestrigen Tage bei den
Erzählungen der Freunde.
Und nun berichtete ich ihnen, von der Erinnerung an daheim und von der
Sehnsucht getragen, von meinem Weibe, von meinen Lieben, meinen blonden
Mädeln und meinen flinken und starken Jungen, wie sie mit der Armbrust
zu schießen verständen, und wie geschickt sie ihre Schiffe bauten. Und
von allem und jedem erzählte ich, und wenn ich's nicht tat, war des
Fragens kein Ende. Alles wollten sie wissen. Sie hungerten förmlich
nach dem Sonnenscheine meines Hauses. Und wie ich ihnen davon erzählte,
wurde mir das eigene Glück so recht im Innern lebendig und erfüllte
mich so ganz und gar mit Sonnenschein, daß ich schließlich durch die
offene Tür in die Kajüte trat, in der das Klavier stand und jubelnd das
Lied anstimmte, zu dem ich den Text gedichtet und mein Weib die Melodie
komponiert hatte.
Und wie ich das alte Lied, das vor langen Jahren mein Lieblingslied
gewesen war, mir vom Herzen gesungen hatte, da wuchs wiederum mein Mut,
das Vertrauen in meine Kraft und mein Glaube an die Menschheit! Gewiß,
-- viele waren noch verblendet in Kurzsichtigkeit und Gehässigkeit,
-- aber stammten diese Fehler nicht vorzugsweise aus Unkenntnis und
mangelhafter Erziehung her? Nun, Unkenntnis und mangelhafte Erziehung
lassen sich abhelfen. Und schließlich waren es doch nur untergeordnete
Mächte, die sich dem Fortschritte entgegenstellten. War nicht das
Verhältnis der Regierung zum Volk in meiner Heimat ein ähnliches,
liebevolles, fruchtbringendes, wie in unserer Ehe zwischen mir und
meinem Weibe?
Hatte die Regierung mir nicht alle die Jahre treulich geholfen mit
unermüdlicher Hergabe großer Summen, um Häuser zu bauen für meine Armen?
Waren es nicht nur die engherzigen, beschränkten, selbstsüchtigen
Philister gewesen, die sich meinem Werke entgegenstellten, aus Angst,
daß sie vielleicht ein paar Mark mehr Steuern bezahlen müßten, wenn
sie der Kinder der Armen wegen eine neue Klasse anbauen, vielleicht
sogar eine neue Schule einrichten müßten? Oder daß ihre Mietskasernen
vielleicht einmal leer stehen könnten? Oder daß sie bei dem Bau der
Arbeiterwohnungen statt Tausende nur Hunderte verdienen könnten?
Oder, noch törichter, daß in der Nähe der Villen der Reichen zu viel
Sozialdemokraten zu wohnen kämen, deren Kinder dann Lärm machen könnten
oder Unfug? Als ob ihre Kinder und ihre Hunde keinen Lärm und keinen
Unfug verursachten!
Hatte die Regierung mich nicht vor der Landwirtschaftskammer
Vortrag über Vortrag halten lassen darüber, wie der Dung der Städte
nutzbar gemacht werden könnte für unsere Felder, unsere Einöden, um
gleichzeitig unsere Flüsse reinzuhalten von allem Unrat?
Mußte ich nicht Geduld haben, wenn die neuen Lehren nur langsam in
die Hirne der Geheimräte und Philister einziehen wollten, die in den
Städten in den Kollegien saßen, ängstlich den Knopf auf dem Beutel, und
doch nicht einsehen konnten, daß die neuen Lehren ihnen Vorteil über
Vorteil bringen würden?
Hatte die Regierung in der Heimat nicht seit Jahren unsere Guttempler
unterstützt, wo und wie sie konnte?
Waren es nicht wiederum nur die Philister gewesen, die Stammtischler,
damit sie sich nicht zu schämen brauchten, daß sie immer noch hinter
dem Bierglas hockten, -- die Schenkwirte und Brauer, die in den
Gemeindevertretungen saßen, die die Menschen immer wieder in die
Kneipen zwingen wollten, damit sie ihre unsauberen Groschen durch
das Elend, die Krankheit und die Not ihrer Mitmenschen verdienten?
Und aller der Tausende gedachte ich, die mitkämpften im deutschen
Vaterlande gegen das Elend, gegen Selbstsucht und Beschränktheit, gegen
Ungerechtigkeit und Härte.
Und ich wollte mutlos werden? Hatte müde werden können? Nein, und
tausendmal nein, -- hab' Dank, du Atlantischer Ozean, daß du mir neue
Kraft in die Seele brandetest, mit deiner Sonne mir neue Hoffnung
einglutetest, -- ich fühle es, -- jetzt schon, -- der Kampf muß zum
Siege führen! -- --
Es ist seltsam: wie nach dem Gesetze der Anziehung verwandter Körper
in den Urzeiten der Erdentstehung aus dem Chaos das Eisen, das Silber,
das Gold, der Sand, das Wasser, das Erdöl hier und dort sich anhäuften,
so finden sich im Leben auch die Menschen, die geistesverwandt sind,
zusammen aus der ganzen Welt, sei es auf dem Lande, sei es auf
schwankendem Schiffe. Und gerade auf dem Schiffe, dem beweglichsten,
aber so eng begrenzten Boden, finden sie sich oft am ehesten.
So ging es auch unserer kleinen Gesellschaft. Die Beichten und
Erzählungen der letzten Tage hatten uns alle in wunderbarer Weise näher
gebracht. Ein Wort weckte das andere, ein Gedanke den anderen. Nichts
ist fruchtbringender und bereichernder für uns Menschen, als dieses
Ineinanderfluten der Seelen, nichts lebenweckender und lebensstärkender
als das Bewußtsein, Wellenringe zu ziehen im Reiche des Geistes, die,
auch die kleinsten nicht, ebensowenig untergehen können, wie irgend
eine Kraftäußerung der Materie.
»Ihr Bericht über Ihr häusliches Glück und das erfreuliche Verhältnis
zwischen Ihrer Regierung und Ihrem Volke in Ihrer Heimat ruft mir die
Worte Fichtes in die Erinnerung zurück,« fing der Badenser an, als ich
geendet hatte, »in denen er sagte: Der Glaube des edlen Menschen an die
ewige Fortdauer seiner Wirksamkeit gründet sich auf die Fortdauer des
Volkes, aus dem er selber sich entwickelt hat und der Eigentümlichkeit
desselben, nach jenem verborgenen Gesetze, ohne Einmischung und
Vererbung, durch irgend ein fremdes und in das Ganze dieser
Gesetzgebung nicht Gehöriges. Diese Eigentümlichkeit ist das Ewige, dem
er die Ewigkeit seiner selbst und seines Fortwirkens anvertraut, die
ewige Ordnung der Dinge, in die er sein Ewiges legt.
In seinem Volkstum hat der Mensch seine Aufgaben, auch wenn er nicht
zur Fortpflanzung gelangt. Die Liebe zum eigenen Leben kann umgesetzt
werden in die Liebe zum Leben des Volkstums; denn dieses ist ein Stück
vom eigenen Ich, nicht anders wie die Kinder ein Stück vom eigenen Ich
sind.
So freue ich mich von ganzem Herzen des Glückes meiner lieben Freundin,
die in unserem neuen Freunde, -- hier wandte er sich zu unserem
Österreicher -- wie ich erkannt habe, den Mann gefunden hat, der
mit ihr zusammen und durch sie sich zum Menschen ergänzen wird. Nun
verzichte ich gern auf das Glück, das ich mir einst erträumt, das
auszusprechen ich aber bis heute noch nicht gewagt hatte, und will mich
auflösen in meiner Lebensarbeit für unser Volkstum.«
Feuchten Auges streckte das junge Paar ihm die Hände entgegen. Unsere
junge Freundin erhob sich, nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und
drückte einen innigen Kuß auf seine Stirn.
So kam es, daß eigentlich keiner von uns so recht darauf achtete,
daß unser Balte, der als ein schweigsamer, aber gern gelittener Gast
sich ganz unserem kleinen Kreise angeschlossen hatte, aufstand und
verschwand.
Da er sich des öfteren nicht wohl fühlte, so fiel es auch nicht weiter
auf, als er bei Tische nicht erschien.
Bei der Mahlzeit fing unsere junge Freundin, die wir bald »unser Kind«,
bald »unser Mütterchen«, bald unser »Hexlein« nannten, »Hexlein« weil
sie verstand, alles mit einem poetischen Schimmer zu vergolden, an:
»Nun sagt einmal, ihr klugen Männer, woher kommen diese unendlich
vielen unglücklichen und unstimmbaren Ehen heutzutage? Woher überhaupt
diese Mißstimmungen in unserem ganzen Leben, in unserem ganzen Volke?
Die Männer verstehen die Frauen nicht mehr, die Frauen die Männer
nicht, die einzelnen Stände im Volke einander nicht. Fast scheint es,
als ob die Nation in Erwerbsklassen auseinanderfallen will. Vor allem
aber versteht die Regierung das Volk nicht mehr, und das Volk die
Regierung nicht.
Jene meint, sie müsse regieren, während sie doch offenbar nur dazu da
ist, das Volk glücklich zu machen, andererseits ein glückliches Volk,
meiner Ansicht nach, ganz von selbst eine starke Regierung haben wird.
Denn eine Regierung, die, weil sie ihre Pflicht tut, das Volk glücklich
macht, wird auch von der Liebe und Achtung des ganzen Volkes getragen
werden, -- gerade wie ein Weib, das einen Mann voll und ganz glücklich
macht, weil sie ihn so recht von ganzem Herzen liebt, so daß sie ganz
und gar in ihm aufgeht, nicht zu herrschen braucht und doch seine
Königin ist, für die er lebt und schafft, eben weil er sein Glück, sein
Leben, seine Zukunft in ihrem Glück, in ihrem Leben, ihrer Zukunft
sieht.«
Ich dachte an unseren Kultusminister und hatte große Lust ihn wieder
einmal in meine Wellenkreise zu ziehen, wie damals im Kanal. Da kam
mir unser Rheinländer zuvor: »Das will ich Ihnen sagen,« begann er.
»Der Hauptkrebsschaden, an welchem wir kranken, der die Ursache
dieses Nichtverstehens zwischen Mann und Weib, zwischen den einzelnen
Bevölkerungsklassen, wie zwischen Volk und Regierung ist, das ist
neben der Vernachlässigung unserer Charaktere, das heißt unserer
Willensbildung, die ungleiche Ausbildung, die bei uns in Deutschland
nicht nur Knaben und Mädchen, sondern noch mehr die einzelnen
Bevölkerungsklassen erhalten. Und zu dieser verschiedenen Ausbildung
kommt dann noch die verschiedene Lebensführung hinzu.
So kommt es, daß bei der Ausbildung der Mädchen viel mehr Gewicht
gelegt wird auf die Ausbildung des Gemüts, des Seelenlebens -- in der
Volksschule schon, mehr noch in den höheren Töchterschulen --, während
in die Knaben schon von früh auf Kenntnisse, Kenntnisse, Kenntnisse
hineingepaukt werden, von denen er nach Schulschluß neun Zehntel
schleunigst wieder vergißt. Als ob das Leben selbst nicht schon Mann
und Weib genügend drangsalierte.
Und die sogenannten unteren und oberen Volksklassen! Wie wenige Kinder
unserer wohlhabenden Leute, aus denen sich später unsere Regierungsräte
und Geheimen Regierungsräte rekrutieren, von unseren Ministern und
Fürsten ganz zu schweigen, haben in ihrer Jugend einen armen Jungen
gekannt, haben ihn hungern gesehen, haben, von Mitleid ergriffen, ihn
in das elterliche Haus mitgenommen, um ihn dort zu sättigen. Ja, wie
viele oder besser, wie wenige von unseren hohen Herren, aus denen
dieser Organismus, Regierung genannt, sich zusammensetzt, sind denn
je in einer Armenleutestube gewesen, haben mit ihnen Freud und Leid
geteilt, haben mit ihnen empfunden und gesorgt?« --
Mich durchzuckte es ordentlich in Erinnerung an das, was ich noch vor
kurzem selbst alles erlebt hatte. --
»Dieses ich hasse das gemeine Volk und halte es mir fern«, das
die hohen Herren zu allermeist aus ihrem Korpsstudentenleben von
der Universität, aus dem Offizierskasino, in dem sie als junge
Reserveoffiziere mit den »Aktiven« trinken durften, mit ins praktische
Leben hinübernehmen, in die Fabrik, ins Bureau, in den Gerichtssaal,
ins eigene Haus, -- das ist der Krebsschaden, an dem wir kranken!
So entsteht durch die getrennte und völlig verschiedene Ausbildung auf
der Unterstufe, in der frühesten Kindheit schon ein in sich zerrissenes
Volk, das sich untereinander in seinen einzelnen Ständen und Schichten
kaum noch versteht. Und ebenso verstehen sich schließlich nicht mehr
Mann und Weib, Volk und Regierung.
Freilich, -- so, wie die Dinge jetzt liegen, läßt sich wohl kaum das
ganze Volk mit einem Schlage in eine Schule bringen, -- dazu ist durch
unsere herzlose Wirtschaft bereits ein zu großer Teil unseres Volkes
oben und unten proletarisiert.
Der Hochmut der Kinder der Reichen und die Verkommenheit der in
den Gängevierteln der Großstadt, zwischen Bordellen und Kneipen
aufgewachsenen Straßenjugend würde vielfach einen zu großen Gegensatz
bilden.
Aber schließt von heute ab zehn Jahre lang alle Schnapskneipen und
Bierhallen, lehrt unsere Studenten, daß Sichbetrinken eine Gemeinheit
ist, unwürdig eines freien Mannes, lehrt in diesen zehn Jahren die
Kinder unserer Reichen, daß sie Kinder eines Volkes sind, in dem jeder
jeden als Menschen, als Schwester und Bruder, voll und ganz zu achten
hat, einerlei, welch Gewand er auch trägt, und was er arbeitet; daß für
andere zu leben das größte Glück ist; gebt unserm Arbeiter außerhalb
der Erwerbs- und Geschäftsstadt ein Häuschen mit Stall und Garten, wo
sein Völkchen gedeihen kann, für sich und die Seinen, wo er mit der
Bahn morgens in der Früh' schnell zur Fabrik oder in die Stadt kann,
und unser deutsches Volk wird in einer kurzen Spanne Zeit in seinen
breitesten Schichten wieder ein Volk von Aristokraten sein, stark,
gesund, glücklich, fröhlich, -- unüberwindbar auf jedem Gebiete.
Dann ist die Zeit gekommen, das ganze Volk, Mädchen und Knaben, Kinder
aller Stände, wieder gemeinsam zu unterrichten, bis Neigung, Befähigung
und Berufswahl die Geister auseinanderziehen und verschiedene
Ausbildung und Bildung verlangen.«
»Bruder, Freund, -- das waren ja meine Gedanken und Empfindungen!«
-- »Geht's uns im Rheinland denn anders, als euch im Norden? Kranken
wir nicht alle, alle im weiten deutschen Vaterlande, an dem gleichen
System? dem System der Symptomenkuriererei und Flickarbeit? Hier
ein Armenhaus und dort ein Findelhaus, hier eine Lungenheilanstalt
und dort ein Siechenhaus, und hier eine geschiedene Ehe und dort
eine geschiedene Ehe, hier ein trunksüchtiger Arbeiter und dort ein
hypergenialer, verknöcherter Geheimrat, alter Herr von irgend einem
Korps oder irgend einer Burschenschaft, feudal und konservativ bis in
die Knochen. Aber in seinem Bezirke herrscht Not und Unglück.
Doch ich will nicht klagen. Es rührt sich bei uns im Rheinland mächtig,
ebenso wie in Westfalen. Schaut, was Krupp Vorbildliches für seine
Arbeiter geleistet hat! Seht nur, was die Baugenossenschaften überall
schaffen, rings um die Städte die kleinen schmucken Häuschen!
Nur hier und da, wo Grundbesitzer in den Gemeindevertretungen sitzen,
durchbrechen sie uns auch schon im Umkreise der Städte das Baugesetz
und richten Mietskasernen in die Höhe, ein Fluch für unser Volk. Denn
sobald der Mensch dem Erdboden entrissen ist, fehlt ihm der Boden, in
dem er wurzeln kann. So zieht man ›vaterlandslose Gesellen!‹ Hier fehlt
uns der Bismarck, der uns mit eiserner Hand ein Reichswohnungsgesetz
aufzwingt mit nur einem Paragraphen: Zum Bewohnen durch Menschen dürfen
im Gebiete des Deutschen Reiches und seiner Kolonien nur Häuser erbaut
werden, in denen höchstens zwei Familien unter einem Dache wohnen. Zu
Geschäftszwecken dürfen die Häuser in geschlossener Bauweise und so
hoch erbaut werden, als die Bautechnik hierfür Sicherheit gewährt.«
Hier war das klar ausgesprochen, was ich seit Jahren bei mir selbst
länger erwogen, was, wie es schien, wie Zündstoff in der Luft lag. Wenn
der Kaiser, als ein zweiter Bismarck, hier zupackte, -- hier galt eine
Tat zu vollbringen, die, wie eine Quelle in der Wüste, ein steriles
Land in eine Oase umwandeln könnte! --
Vom Auswandererdeck tönte leise ein Lied herüber, aus dem es wie scheue
Hoffnung auf eine schönere Zeit heraus klang. Der schwarzlockige
Bursche, der dort singend auf einer Kiste hockte und so keck über
die See hinauslugte, erinnerte mich plötzlich an einen meiner
Feuersalamander, der mir aus meinem Terrarium eines schönen Tages
entschlüpfte. In seinem Gefängnisse hatte er meist trübselig in einer
Ecke gesessen. Bald darauf traf ich ihn im Garten. In der Freiheit hob
er stolz und frei den Kopf, als ob er sagen wollte: »Du kannst es nicht
über dich gewinnen, mich wieder einzusperren, -- sieh nur, wie mir die
Freiheit in der kurzen Zeit gut getan hat.« -- Und ich konnte es nicht.
Ich ließ ihn laufen -- und seine Kameraden mit. --
Menschenkinder, fahrt übers Meer, dorthin, wo Land und Freiheit ist! --
Sinnend saßen wir da. Ich sah im Geiste unser deutsches Vaterland
in eine große Gartenstadt umgewandelt, hier und da kleine und große
Zentren mit Fabriken und himmelhohen Geschäftshäusern und dort herum im
Grünen weithin ein Gewimmel fröhlicher, glücklicher, gesunder Menschen,
dann wieder weite Fluren fruchtbarer Felder und Wiesen. -- Es muß so
kommen, um unseres Volkes, um unser aller, um der Menschheit willen!
Vor meinem geistigen Auge tauchten meine Maurer und Zimmerleute,
Garten- und Zigarrenarbeiter auf, denen ich ihre Häuschen durch unseren
Bauverein hatte schaffen können. Manche von ihnen waren verschuldet,
verbittert, andere mit biergedunsenem Gesichte eingezogen. Der hatte
bisher nie Miete gezahlt, jener wegen Schlägerei im Gefängnis
gesessen, der wegen seiner vielen Kinder nirgends Wohnung finden
können, -- und nun? Was für ein fröhliches, gesundes, nüchternes
Völkchen war es geworden. Dort mein Maurer Börs, dessen Bücherschrank
sich allmählich mit Schiller, Goethe, Liliencron und Prinz Schönaich
füllte, -- die er alle gelesen -- und wie gelesen hatte; hier die junge
Brotträgerin, die jetzt fröhlich per Rad ihr Geschäft besorgte, während
sie früher nicht wußte, wovon sie mit ihren Kindern leben sollte. Oh,
es ist gar einfach, aus einem proletarisierten Volke wieder Menschen zu
machen. Es gehört nur guter Wille dazu, etwas Geduld und viel Liebe.
-- --
Spät trennten wir uns. Als ich in meine Kabine trat, fand ich auf
meinem Tischchen einen dicken Brief. Ich öffnete ihn und las. Er war
von unserem Balten, offenbar in fliegender Hast, geschrieben. Er
schrieb:
»Lieber Doktor!
Ich finde nicht die Kraft in mir, Aug' in Auge mit Ihnen zu reden, und
vertraue diesem Papier an, was ich doch nicht ungesagt lassen möchte.
Irgend etwas in mir treibt mich, gerade Ihnen zu beichten. Ich tue
es, ohne über das Warum lange nachzudenken. In Ihren Augen, in Ihrem
ganzen Wesen liegt etwas, das mein gemartertes Herz warm berührt, und
so haben Sie mir, ohne es zu wissen, wohl getan, und dafür danke ich
Ihnen. -- --
Ich bin der Sohn eines baltischen Landedelmannes; mein Vater war nach
Sibirien geschickt, weil er seine Sympathien für Deutschland zu laut
bekundet hatte; meine Mutter, einem hannöverschen Adelsgeschlechte
angehörig, starb aus Gram über das Schicksal ihres Gatten.
Ihr letzter Wunsch galt mir, ihrem Sohne. Sie wünschte, daß ich in
Deutschland in der Familie eines Freundes ihres Vaters erzogen würde.
Mit mir wurde meine Pflegeschwester in die Fremde gebracht. Wie sie
in das Haus meines Vaters kam, weiß ich nicht. Das Gerücht sagte, sie
sei das Kind eines Großfürsten und einer Leibeigenen. -- Ich war der
Sklave meiner Pflegeschwester, ihr mit Leib und Seele verfallen, so
grausam sie mich mit ihren Launen auch quälte. Schon als Jüngling
dachte ich nur an die Zeit, da sie meine Frau werden würde. -- Durch
einen Gnadenakt des Kaisers kam ich wieder in den Besitz der Güter
meines Vaters, der inzwischen in der Verbannung gestorben war.
Meine Pflegeschwester wurde mein Weib. Vier Kinder entsprossen unserer
Verbindung -- alle vier sanken früh ins Grab, ich danke dem Himmel
dafür, -- und mein Weib -- --
Was weiß eine Frau davon, was der Mann leidet, der um Liebe fleht
und nur Kälte und Härte findet. Wie Kinder der mütterlichen Liebe
bedürfen, wie die Blumen die Sonne nicht entbehren können, so bedarf
der Mann zum Schaffen, was immer es auch sei, und wenn es sich nur
darum handelt, das Feld zu bestellen, des Weibes, das an ihn glaubt,
an seine Kraft, an seine Saat, an seine Ernte, des Weibes, das an ihn
glaubt mit allen Fasern ihrer Seele. Dieses Glauben an ihn macht ihn
zum Gott. Das ist's, was ihm Kräfte verleiht, von denen er früher
keine Ahnung hatte. Wo aber dieser Glaube in der Ehe fehlt, da sinkt
der Mann zum unfruchtbaren Philister herab, oder er sucht, wenn sein
Lebensdrang stark genug dazu ist, so lange in der Welt, bis er das
Weib findet, das an ihn glaubt.
Ich finde es nicht mehr.
Sie hatten recht, als Sie kürzlich das Verhältnis zwischen Mann
und Weib in der Ehe mit dem Verhältnis zwischen Regierung und Volk
verglichen.
Sie sagten: ›Weib und Mann sollen in der Ehe zusammenklingen wie
Glockentöne, die zusammen einen harmonischen Zweiklang geben.‹ Wo
die Menschenglocken dies aber nicht tun, da gibt es nur ein amtlich
attestiertes Zusammenleben, aber keine Ehe. Heutzutage gibt es leider
Gottes nur zu viel Ehen, deren Glockentöne nicht zusammen erklingen,
und andere, die überhaupt nicht tönen, -- die tot sind. Und wie es mit
den Ehen geht, so geht es auch mit dem Verhältnis zwischen unserer
Regierung und unserem Volke.
Aber das ist das größte Verbrechen, das ein Weib begehen kann,
schlimmer als Treulosigkeit und Verrat: dem Manne, der sie zum Weibe
gewählt hat, die Liebe nicht entgegenzubringen, deren er bedarf, und
die er begehrt. Sie entwürdigt seine Mannheit und wandelt seine Liebe
und Tugend in Haß und Verbrechen. Sie verkehrt Natur in Unnatur und
verdient nicht mehr den heiligen Namen Weib.
Wie diese Liebe sein muß? Still, warm, hingebend, gleichmäßig. Der
schaffende Mann will vor allen Dingen die Achtung vor seiner Arbeit,
das Verständnis für seine Mühen sehen, einerlei, ob er als einfacher
Knecht auf dem Felde ackert, oder als Künstler geistige Ewigkeitswerte
schafft.
Und wie es dem einzelnen Manne geht mit seinem Liebesbedürfnis, so
geht es dem ganzen schaffenden Volke.
Wehe der Regierung, die nicht die Achtung vor diesem Schaffen von
früh bis spät hat, sei es das Schaffen mit der schwieligen Faust, sei
es das Grübeln des Gelehrten oder das Jagen des Künstlers nach dem
göttlichen Prometheusfunken!
Wehe der Regierung, die nicht diese stille, warme, hingebende
gleichmäßige Liebe zu dem ganzen großen Volke hat; die duldet, daß
Tausende verbittern, darben und verkümmern. Aus dem Moder dieser
Tausende wächst furchtbare Saat.
Oh, es ist leicht, Liebe zu säen und Liebe lebendig zu erhalten; aber
es ist unsagbar schwer, erstorbene Liebe neu zu erwecken, oder in Haß
verwandelte Liebe in Liebe zurückzuverwandeln.
Wenn ein Weib einem Manne, der ihrer Liebe begehrt und von Natur
ein Recht auf diese Liebe hat, diese ihre Liebe versagt, so tut
sie dasselbe wie ein Wahnwitziger, der einen Damm mitten quer in
einen Fluß hineinbaut, anstatt schützende Dämme an seinen Ufern zu
errichten, und sich nun wundert, daß die sich aufstauenden Fluten
verheerend Wiesen und Acker, Dörfer und Städte überfluten. -- -- --
Eines Tages tat mein Weib das Letzte: sie verließ mich und lebte mit
einem Fürsten in der Großstadt.
Einsam, mit blutender Seele dämmerte ich auf meinen Gütern dahin. Der
Schulmeister im Dorfe war mein einziger Freund, mit ihm las ich die
Klassiker. Das war meine Erholung nach des Tages Last und Mühe. Mein
alter Freund war ein aufgeweckter Mensch, -- anders wie die Lehrer im
russischen Reiche zu sein pflegen.
Eines Tages wurde er vor den Popen zitiert; in der Schule hatte
er darüber gesprochen, wie grausig das Elend des Volkes sei, wie
die großen Herren es mit Branntwein betäubten, um es auszusaugen.
Einer seiner Schüler hat das im Hause erzählt, so kommt es auch dem
Polizeiobersten zu Ohren, der meldet es dem Popen und der Pope wirft
dem Lehrer Neigung zu nihilistischer Aufhetzerei vor.
-- -- Ich legte den Brief aus der Hand und dachte an vergangene Zeit,
als auch ich als Schüler sozialistischer Umtriebe verdächtigt wurde,
ja, mir war es einst ja in die Konduitenliste vermerkt: ich stände
mit den Arbeitern auf vertrautem Fuße. Und warum das? Weil ich einem
Arbeiter zu Hilfe kam, der von einem Hoteldiener mit einem Stock zu
Boden geschlagen war. Und an den Judas Ischariot in unserem Kreise
dachte ich. -- Ja, ja, wie so etwas tat, hatte ich jung schon am
eigenen Leibe verspürt. -- Ich las weiter:
Nur wenige Tage später stand der Lehrer wieder vor dem Popen.
Der Totengräber, der gern Küster geworden wäre, hatte ihn wegen
Gotteslästerung verklagt: der Lehrer habe in der Schule behauptet,
man könne nicht alles wörtlich nehmen, was in der Bibel stände.
›Das wolle er ihm eintränken!‹ hatte der Pope gerufen, und er
tat's, tat's so gründlich mit Inquisitionen und Visitationen und
brutalen Beschimpfungen angesichts der Kinder, daß er meinen
armen, einzigen Freund in den Tod jagte. -- Die Pulsadern hat er
sich durchgeschnitten! Als man mich zu ihm ruft, liegt er röchelnd
auf seinem armseligen Bette, -- händeringend steht seine alte
Lebensgefährtin neben mir. Er versucht noch zu sprechen. Ich verstehe
nur einen Satz: ›Wilde Tiere haben mich zu Tode gehetzt!‹ -- und sein
Auge bricht.
Ich suchte die Ehre meines Freundes zu retten. Da fragte man mich, ob
ich Lust habe, mit Sibirien Bekanntschaft zu machen.
Die Revolution feierte ihre Orgien. Das Volk, dem man mit Hilfe des
Branntweinmonopols den Schnaps auf allen Gassen feilbot -- denn
der Staat brauchte Geld, viel Geld -- war wild und toll in seinem
Freiheitsdrang, die Jugend entartet und verwildert, je jünger der
Nachwuchs, desto sinnloser.
Nur ein holdes Kind, ein Mädchen von seltener, überirdischer
Schönheit, einer Lilie gleich, die in einem Sumpfe erblüht ist, die
Tochter des Krugwirtes im Dorfe, war mir treu geblieben. Bei ihr
saß ich oft und streichelte ihre fieberheiße Hand. Ihre Tage waren
gezählt, da sie an der nämlichen Krankheit litt, an der ihr Vater kurz
vorher hingesiecht war.
Eines Tages überfielen meine Bauern und Tagelöhner, aufgestachelt von
ruchlosen Buben, mein Haus, zerstörten mein Hab und Gut und legten
mein Heim in Asche.
Ich entkam in den Wald und kehrte, wie so viele meiner
Leidensgenossen, meinem Vaterlande den Rücken.
Ich hatte gehofft, in der Ferne Frieden zu finden.
Aber je mehr ich über die Verrottung unserer Zustände nachdenke, die
Allmacht des Beamtentums, die Dummheit und Korruption desselben,
die Roheit, die fade Genußsucht, den Stumpfsinn in unserem Volke,
die Früchte eines tyrannischen, kurzsichtigen Regimentes, und dann
wiederum sehe, welche Fülle von Kraft und Liebe, von Freiheit und
Einsicht Ihr ganzes deutsches Volk vom Fürsten bis zum Arbeiter
durchdringt; als ich dann von Ihrem häuslichen Glücke hörte, da
erkannte ich, wie in diesem Familienleben, das wir in Rußland kaum
noch kennen, die Wurzeln der Kraft für ein ganzes Volkstum verborgen
sind, wie recht Sie haben, daß die Ehe kennzeichnend sei für das
Verhältnis zwischen Fürsten und Volk, wie recht unser Badenser hat,
wenn er auf Fichtes Wort hinweist, daß unser Leben abhängig ist vom
Leben unseres Volkes, daß wir nur in unserem Volke und durch unser
Volk leben.
Das sogenannte heilige russische Reich aber ist ein Abgrund, aus
dessen Tiefe giftige Dünste steigen, -- Tod und Verderben!
Auch ich habe jene Dünste eingeatmet, -- mein Leben ist vergiftet,
meine Kraft gebrochen, -- ich kann nichts mehr von der Zukunft hoffen,
-- ohne Hoffnung ist das Leben unerträglich, -- Gott verzeihe mir
meine Sünden.
Mein letzter Wunsch ist, daß diejenigen, die mir in den letzten Tagen
meines Lebens in freundlicher Weise begegneten, über die Beweggründe,
die mich den Tod suchen lassen, aufgeklärt sind.
Leben Sie wohl! Mögen die Hoffnungen unserer kleinen Gesellschaft in
Erfüllung gehen. Mögen Sie die Sonne finden auf Ihrer Reise, die Sie
Ihrem Volke mitbringen wollen!
Leben Sie wohl, und seien Sie stolz auf das Vaterland, dessen Sohn Sie
sind, und für das Sie kämpfen dürfen!
Dieser Brief soll Ihnen erst gegen Abend gegeben werden. Wenn Sie
ihn gelesen haben, schlummert mein Körper schon seit Stunden in den
Wellenarmen des Ozeans.
Es grüßt Sie Glücklichen
Ihr
unglücklicher Freund aus dem Baltenlande.«
Das Blatt flog zu Boden, -- ich sprang die Treppe hinauf und eilte zum
Kapitän.
»Der Balte, der russische Herr ist über Bord,« -- wie ein Lauffeuer
schnellte diese Kunde über das Schiff. Kommandorufe flogen hin und
her, Rettungsboote wurden klar gemacht, alle Räume des Schiffes wurden
abgesucht, Ferngläser wurden nach allen Seiten hin gerichtet, -- --
Menschenwerk! -- unaufhaltsam, unerbittlich sank die Dämmerung auf
die leise wogende Meeresfläche, -- unser Balte ruhte im Schoße der
Unendlichkeit.
* * * * *
Du armer Mensch, der du ohne Hoffnung warst!
Ohne Hoffnung, ja, ohne Hoffnung muß das Leben unerträglich sein. In
der Hoffnung wurzelt alles menschliche Leben, von der Wiege bis zum
Grabe, -- Hoffnung hebt uns über das Irdische hinaus, -- Hoffnung läßt
uns den Himmel offen sehen.
Mußtest du sterben, du Armer?
War die Erde nicht vor Urzeiten eiserstarrt, und ist sie nicht doch
wiedererstanden in neuer lebenspendender Wärme?
Kann nicht auch aus deinem Volke, aus dem Schoße des mächtigen
russischen Reiches wieder neues Leben erstehen, sind nicht auch dort
geheime Kräfte im Verborgenen tätig, Keime des Guten zu erhalten?
Um wieviel glücklicher sind wir daran in Deutschland! Wieviel weiter
sind wir! -- Wie regt die Volksseele bei uns bereits ihre Schwingen.
Auch bei uns wird es noch Arbeit von Generationen kosten, -- aber
die Grundlage ist geschaffen! Es lebt und sproßt da unten in der
Volksseele, -- oh, ich weiß es genau --, ich kenne sie, -- in allen
Schichten, -- es brodelt und drängt, -- alte Vorurteile weichen zurück.
Überall schließen sich die Geister zusammen. --
Mir war es, als ob mein Geist mit Riesenschritten über die Erde ginge,
alles sehend, alles hörend, -- während mein Körper auf unserem kleinen
Schiffe über die schäumenden Wogen des Ozeans getragen wurde.
Aber ist nicht unser ganzes Leben eine Reise? Ich hab's gespürt am
ganzen Leibe. Wohin geht's? Wo ist der Hafen? --
Ich weiß, wie es tut, wenn man müde wird von vergeblichem Kampfe.
Mutlos bin ich gewesen, aber ohne Hoffnung? Nein! Nur nicht ohne
Hoffnung! -- --
* * * * *
Der Kapitän nahm die Daten und Einzelheiten des Unfalls zu Protokoll
und trug sie ins Schiffsbuch ein. Und damit war seiner Pflicht
einstweilen Genüge getan.
Ich aber fand reiche Arbeit. Überall stieß ich auf erregte Gemüter:
mehrere Damen weinten zum Herzbrechen, keinem schmeckte das Essen,
Brausepulver und Zuspruch wurden verlangt.
Selbst im Zwischendeck herrschte Unruhe und fast Furcht vor der Nacht.
* * * * *
Das tiefe Blau des Ozeans bekam einen leichten Stich ins Gelbliche.
Wie ein großer, starker Mensch weit um sich her seinen Einfluß spüren
läßt, so dringen die gelben Fluten des Amazonenstromes wohl hundert
Seemeilen weit in das Meer vor, durch ihre Farbe schon kündend: »wir
stammen von ihm und bringen Kunde von den Ländern, die er befruchtend
durchschneidet!« --
Unsere Auswanderer banden Spaten und Äxte zusammen, knirschend fügte
sich Holz zu Eisen. Kisten wurden auf Deck geholt, gelüftet und
gepackt. Es wurde gewaschen und gebürstet. Dazwischen Gesang und
Kastagnettengeklirr.
Die beiden Magyaren und der Weinhändler droschen ihren Skat oder
rekelten sich auf ihren Stühlen, ihre unvermeidlichen Zigaretten
paffend.
Unser kleiner Kreis saß traulich beisammen auf Deck. Der Tod des Balten
hatte uns alle tief erschüttert. Aber er bedrückte uns nicht, im
Gegenteil, es war uns allen, als ob ein Alp von uns gewichen sei.
Wir versuchten, uns darüber klar zu werden. Es wollte nicht so recht
gelingen.
Da begann unser Hexlein: »Ich will es euch sagen, muß aber ein wenig
weiter ausholen. Ihr wißt, alles, was wir sehen, ist nur ein Gleichnis
für die geistige Welt. So sind auch wir Menschen nur Symbole unserer
geistigen Beziehungen, äußerliche Erscheinungen unseres Seelenlebens.
Das erstreckt sich naturgemäß auch auf die Tierwelt. Nennen wir nicht
selbst den Hund das Sinnbild der Treue, die Ameise und die Biene das
Bild des Fleißes, den Fuchs das Symbol der Schlauheit?
Ist's mit uns Menschen etwa anders? Jeder von uns ist eben nur ein
Symbol, ein äußerliches Zeichen dessen, was er ist. Seht unsere Spanier
dort. Sind sie nicht ein natürliches Bild hoffnungsfrohen Wagemutes?
Und unser Trio dort ein trauriges Symbol ödesten Stumpfsinnes?« --
Unser Hexlein saß, das Haupt sinnend nach hinten gebeugt, während die
Augen sich an dem herrlichen Sternenhimmel zu verlieren schienen, auf
ihrem Stühlchen, die Hände über den Knien gefaltet. »Woran denkst du?«
fragte der Freund, der Träumenden mit der Hand über das braune Haar
streichend. »Ich denke noch immer,« sprach sie, »wie unsere schöne
Fahrt so bis ins kleinste dem Leben gleicht, und wie alles, was wir
erleben, was wir sehen, alles, was wir sind, nur Gleichnisse des
Geistigen sind.
Und so kam es, daß ich mich in meinen Gedanken in eine fesselnde
Geschichte vertiefte.« --
»Erzählen! erzählen!« tönte es von allen Seiten. --
»Nun wohl,« begann sie mit ihrer weichen Stimme. »Meine Geschichte
fängt an, wie alle Geschichten, mit ›es war einmal‹.
Es war also einmal ein starker Mann; wir wollen ihn die Verkörperung
des praktischen Idealismus nennen. Der lebte glücklich zwischen seinen
Kindern, die in ihrer blühenden Entwicklung den Künsten und Gewerben
in seiner schönen Heimat glichen. Sein Weib war die Verkörperung der
glücklichen, gesunden Häuslichkeit.
In seinem Garten blühten die Blumen als die Symbole für seine
Freundschaften, seine Neigungen. Ihr kennt sie bereits.
Aber allerhand Getier unterwühlte seinen Garten und ermüdete ihn
in seiner Arbeit: Neid, Dummheit und Torheit, kleinlicher Sinn und
Eifersucht erregten seinen Ekel, so daß er, um Atem zu schöpfen und
neue Kraft zu sammeln, einmal hinausziehen mußte in die Ferne.
Hier entdeckte er, daß seine Angreifer und Widersacher tatsächlich nur
Ungeziefer waren.
Ganz glatt ging aber die Fahrt in die Ferne nicht vor sich. Fast
wäre sein Schiff im Sturme gescheitert; denn die Gemeinheit und die
Gewinnsucht fuhren mit und galten dem Kapitän, dem Glauben, als böses
Omen.
Allein der erste Offizier, die Gewissenhaftigkeit, der erste
Maschinist, die Sachkenntnis, und der Steuermann, die Treue, die
führten das Schiff durch Sturm und Grauen zur Insel des seligen
Vergessens.
Mit unserem Freunde zog aus der Heimat ein in sich gefestetes,
glückliches, frohes Paar, die Heimatliebe und die Arbeit, denen
ebenfalls durch Ungeziefer, Leichtsinn und Gewinnsucht die Heimat
vergällt war. Sie wollten im Lande der Sonne sich eine neue Heimat
suchen und schaffen.« --
Unser Ehepaar aus der Lüneburger Heide lächelte dem Hexlein
verständnisinnig zu. --
»Und ferner zog mit ihm der gesunde Sinn in die Ferne, der den
Schlingen der Lüsternheit entflohen war. Er wollte im Lande der
Zukunft, in der Ferne die echte Weiblichkeit suchen, um mit ihr ein
neues, tätiges Leben zu beginnen, zum Heile seines Volkes.« --
Ich sah unseren Rheinländer leicht erröten. --
»Und weiter zog in die Ferne der Wagemut; der wollte sehen, ob in der
Ferne für die Kunst Neuland zu finden sei.
Auch die Tugend begleitete das Schiff auf seiner Fahrt.« --
Hier legte unser Hexlein ihre Hand in die der jungen französischen
Mutter, die, wirklich wie die Madonna selbst, mit ihrem Kindchen auf
dem Schoße sich während der Erzählung neben dem Hexlein niedergekauert
hatte. --
Ihre Anwesenheit auf dem Schiffe war wohl einer der Gründe mit für
seine Rettung im Sturme gewesen.
»Und weiter fuhr mit« -- träumte das Hexlein weiter -- »die
Freundschaft, die der Treue zuliebe hinausging in die Fremde, da die
Treue in unglücklicher Ehe mit der Strenge vermählt war. Es war das
Richtigste. Nun mögen sie im Geiste aus der Ferne sich lieben. Dagegen
kann keine Macht der Erde, selbst die Strenge nicht, etwas haben.
Zur Reisegesellschaft gehörte auch der Pessimismus, ein unglücklicher
Kranker, den die Herzlosigkeit aus seiner Heimat in die Fremde trieb,
die Sonne, die Wärme zu suchen.
Und zum Schluß« -- hier lachte das Hexlein schelmisch -- »ein
schnurriges Paar, ein herzlieber, guter Kerl, ich taufe ihn die
Selbstlosigkeit, und seine Freundin, -- die Romantik.«
»Wie sie da saß, in ihrem weißen Gewande, vom Scheine des Mondes und
des tropischen Sternenhimmels überflutet, da konnte man tatsächlich
glauben, irgend ein poetischer Spuk, ein Nixlein oder Hexlein aus dem
Neckartale sei zu uns aufs Schiff gestiegen. »So kam« -- erzählte die
Romantik nun weiter -- »unser Schiff zur Insel des seligen Vergessens.
Hier traf unser Wanderer einen kraftstrotzenden Mann, die Verkörperung
der Tatkraft, der trauerte hier um sein gestorbenes Lieb, das verlorene
Ideal des Weibes. Aber unter dem Zuspruche unseres Freundes, des
Idealismus, raffte auch er sich zu neuem Werke auf und zum Zuge ins
Land der Sonne, der Liebe.
Was geschah? -- Ihr alle wißt es, -- der Pessimismus, unglücklich
darüber, daß ihn hier mitten unter der Sonne, im Kreise der Liebe, noch
fror, stürzte sich ins Meer. Mein Freund in seiner Selbstlosigkeit
wollte ihn retten. Da griff die Tatkraft zu und rettete mir den Freund
und damit auch mich. Denn sonst wäre ich mit zugrunde gegangen.«
»Und nun zieh auch du mit uns ins Land der Sonne« -- sagte das Hexlein
und streckte dem Rheinländer vertrauensvoll die Hand hin, die dieser
fröhlich ergriff und herzlich küßte, -- »wir können dich herrlich
gebrauchen, ja, ohne dich sind wir nichts.«
Wir alle waren von dem Zauber der Erzählung unserer kleinen Freundin
so gefangen genommen, daß wir alle instinktiv fühlten, wie jeder immer
weiter in die ihm von unserer Dichterin zudiktierte Rolle hineinwuchs.
Aber noch ehe jemand etwas sagen konnte, fuhr unser Hexlein fort: »Wißt
ihr was, -- wir bleiben alle zusammen, und gründen eine neue Kolonie
der Sonnenmenschen.« Ich protestierte lachend, ich müsse zurück zu den
Meinen. Desgleichen protestierte die junge französische Mutter, die zu
ihrem Gatten wollte.
Schmollend hob das Hexlein gegen mich den Finger und sprach: »So will
ich Ihnen prophezeien: Sie werden hier im Lande eine Fürstin finden,
die die Welt kennt, -- Sie als Doktor werden sie vielleicht prosaisch
die soziale Hygiene nennen, -- in ihrer Begleitung ein junges Mädchen,
die Wohlfahrtspflege. Mit denen werden Sie zurückkehren in die Heimat,
und die werden Ihnen helfen, unnennbaren Segen zu stiften unter allen
Völkern! Und dann, -- und dann« -- und damit nahm sie meine Hände in
die ihrigen, als ob sie darin lesen wollte, und ihre schönen, braunen
Augen füllten sich mit Tränen -- »dann werden Sie eines Tages in die
Berge des Ruhmes und der Einsamkeit wandern. Dort lebt eine Schwester
von Ihnen, die Frömmigkeit, mit ihrer Tochter, der Wohltätigkeit,
die hier in der Schneeregion ein friedliches, aber segensreiches
Leben führen, und hier in den schneeigen Bergen der Weltentrücktheit
werden Sie eines Tages, im Begriffe, eine scheinbar kleine Aufgabe zu
erfüllen, die zu erfüllen aber notwendige Pflicht ist, an eben dieser
Pflicht zugrunde gehen. Doch nur Ihr Körper. Denn, wie Sie selbst es
uns gelehrt haben, kann der Geist ja niemals sterben, und du, der
du dich dein Leben lang bemüht hast, zu wirken und zu helfen, -- du
stirbst niemals!«
Weinend lag mir das liebliche Kind zu Füßen. Ich küßte sie auf ihren
Scheitel, hob sie empor und legte sie ihrem Freunde in den Arm, der sie
herzlich umfing.
Wir alle aber waren so ergriffen von den Worten unserer jungen
Freundin, daß wir uns schweigend erhoben, uns die Hände schüttelten
und mit einem Abschiedsblicke auf das im Silberglanze des Mondes und
der unzähligen, hellflimmernden Sterne erschimmernde Meer still und
andächtig unsere Lagerstätten aufsuchten.
* * * * *
Mit einem Herzen voll Sehnsucht ging ich zur Ruhe. Da träumte mir, ich
läge zwischen zwei weißen Lilien, und mein Mund ruhte auf roten Rosen.
Aber die Lilien wurden kälter und kälter und größer und größer, und
plötzlich merkte ich, daß ich zwischen mächtigen Schneebergen wanderte.
Ich war in Graubünden, hatte in Davos meine kränkelnde Schwester und
deren zarte Tochter besucht und war dann weiter gewandert in die Berge
hinein.
Zuerst dem Landwasser nach auf der steilen Bergstraße hin in der
Richtung zum Flüelapaß. Dann führte mich der Weg hinauf in mächtigem
Zickzack durch Lärchenwald mit goldgelben Nadeln. Bald grüßen
tiefgrüne, ernste Tannen. Die sagen bald kriechendem Kiefergestrüppe
Lebewohl, dann eine Wegecke, und tot und steinern liegt die Bergwelt
vor mir.
Noch ein Weilchen raschen Steigens und leuchtend weiß liegt vor mir die
schneebedeckte Felsenwelt -- Ruhe ringsum, große, majestätische Ruhe,
-- unter mir, um mich herum strahlend weiß der frischgefallene Schnee,
über mir das leuchtende, reine Blau des Himmels, -- allein mit Gott.
Da schwebt über mir am Firmament ein Adler, in mächtigem Bogen strebt
er der Sonne zu, -- ein Bild der Seele, die suchend und strebend zum
Höchsten, zum Ewigen flieht.
Tiefer wird der Schnee, mühsam arbeitet der Fuß sich durch. Die
Einsamkeit legt sich schwer auf die Seele, sie fast erdrückend durch
ihre eherne Größe.
Da, -- was ist das? -- Keuchend stürmt von oben den Weg herab ein Mann,
das Antlitz gerötet, der Schweiß perlt ihm auf der Stirne. Schon will
er ohne »Grüß Gott« vorüber eilen. -- »Wohin? Wohin? Ist ein Unglück
geschehen?« -- »Laßt mich, -- zu Tal muß ich. Den Doktor holen. Der
Fels hat dem Wegesepp das Bein zerschlagen. Droben im Flüelahospiz
liegt er, aber sie können das Blut nicht stillen.« »Aber ich bin ja
Arzt. Schnell, kommt. Wollen sehen, ob wir ihn retten können.«
Sprachlos starrt der Mann mich an. »Euch hat der Herrgott selber
geschickt. 's ist nicht allein um den Sepp, aber auch um seine neun
Kinder, und sein Weib liegt krank in den Wochen.«
Das ist kein Steigen mehr durch den Schnee, -- wir laufen.
Ich sah im Geiste das Blut rinnen, -- das treibt an. Endlich am
Flüelapaß, da ist auch das Hospiz.
»Kinder, hier ist der Doktor. Der Herrgott hat ihn mir unterwegs
geschickt.« -- Nun schnell den Hosenträger herunter, das Bein
abgebunden, die Wunde mit dem Notverband, den ich stets bei mir führe,
verbunden, geschient, -- das Blut steht; -- nun einen erquickenden
Trunk, eine große Schale Milch, noch eine, -- der Sepp ist gerettet.
Nun zu der Frau, und die schonend vorbereiten. Schwach ist sie. Ein
paar ätherische Tropfen, -- nun ist ihr besser. »Ich hab's gleich
gewußt, daß ein Unglück geschehen mußt'. Mir war gar zu elend. Aber
Ihnen vergelt's Gott.« --
Ich ging. Draußen lag tiefer Schnee. Nachdem ich eine Weile gegangen,
überfiel mich eine große Müdigkeit. Ein Felsblock bot mir einen Sitz.
Da schlief ich ein, und schlief und schlief. --
Dann kamen Leute. -- »Der ist tot. Ist erfroren.« -- Vorsichtig trugen
sie mich auf einer Bahre zu Tal. Die Kollegen kamen und untersuchten
mich. Sie sagten Freundliches und Gutes. Meine Schwester und ihre
Tochter kamen und schluchzten. Dann fuhren sie den blumengeschmückten
Sarg zum Kirchhof hinaus. Wie in ein weißes Trauergewand gehüllt lag er
da, unter ihm das weite Tal und ringsherum die Häupter der Berge, mit
blendendem Schnee bedeckt. Als sie den Sarg ins Grab senkten, stieg ein
Adler, die Schwingen weit ausgebreitet, in den blauen Äther empor, in
weitem Bogen immer höher kreisend, zur Sonne. -- -- -- Da erwachte ich.
Und wie ich da lag in meiner kleinen Kabine, den Traum überdenkend, da
fiel mir die Geschichte von einem alten Doktor wieder ein. Der hatte,
als er sein Hörrohr auf das Herz einer Patientin gesetzt hatte, einen
Herzschlag bekommen. Als er gar solange horcht und auf die Frage der
Kranken, ob er denn nicht bald fertig sei mit seiner Untersuchung,
nicht antwortet, da stößt sie ihn an und entdeckt, daß ihr Doktor
tot ist. Oh, es muß etwas Wundervolles sein, so mitten aus der Arbeit
für andere abgerufen zu werden! Ja, ich will arbeiten, arbeiten, wie
bisher, für euch alle, solange mir Gott nur Odem läßt, denn arbeiten
für euch, heißt für mich -- leben!
* * * * *
Es mochte zwei Uhr nachts sein, da kam der Kapitän und weckte mich. Das
Kreuz des Südens stände am Himmel, und in einer halben Stunde müsse der
Leuchtturm von Kap Salinas an der brasilianischen Küste in Sicht kommen.
In zauberhaftem Lichte strahlte der Himmel. Rubinrot funkelte der
Aldebaran. Leuchtend glänzten das Schwert des Orion und das Sternbild
der Plejaden und dort, ein schimmerndes Geheimnis, das Kreuz des
Südens. Alles flimmerte, leuchtete, glänzte, strahlte, -- es war eine
Herrlichkeit ohne Ende.
Mir aber war es, als ob meine Seele größer und größer wurde und sich
dehnte und weitete, bis sie eins war mit Gott. --
* * * * *
Ich stieg von der Kompaßbrücke, wo ich einsam, in Andacht versunken,
die Wunder des Tropenhimmels getrunken hatte, hinunter zur
Kommandobrücke, wo ich meinen Kapitän neben dem Steuermann stehend
traf, die Uhr in der Hand. Tagelang waren wir über den weiten Ozean
gefahren, -- der hatte keinen Meilenstein, keine sichtbaren Fährten, --
und nun? Ein Aufblinken am Horizont, -- da ist er, der Leuchtturm von
Salinas, just auf die Minute, da wir ihn erwartet hatten.
So geht es dem Manne, der die Wahrheit sucht und sie findet, und müßte
er einen Ozean von Irrtümern durchqueren. -- --
* * * * *
Wie ich bei der Maschine vorbeikam, war gerade der Maschinist dabei,
die Achsenlager zu ölen. Schweigend schaute ich zu, wie er mit fast
andächtiger Liebe seine Maschine behandelte, als ob es ein beseeltes
Wesen sei. Mächtig arbeiten die Kolben in unermüdlicher Arbeit. Es war,
als sängen sie ein Lied von der Pflichttreue. Wie ich hineinschaute
in das Getriebe und sah die Kurbeln sich drehen, da fiel mir ein:
ein jedes Rad braucht einen Punkt, in welchem seine Achse ruht, sein
Achsenlager. In diesem Punkte duldet es keine Reibung. Und je größer
die Schwungkraft des Rades, desto weniger Reibung duldet es. So geht
es auch mit uns Menschen: Einen Punkt, ein Herz müssen wir haben, bei
dem wir rasten können, ohne Reibung, ohne Kampf. Und je härter und
schwerer unser Tagewerk ist, desto mehr sehnt sich unser Herz nach
diesem Ruhepunkt. So braucht der Mann des Weibes, wie das Weib ohne den
Mann ein Nichts ist. Erst Mann und Weib zusammen sind der Mensch. Nur
aus dieser Verbindung heraus erwachsen die höchsten Seelenkräfte. Diese
höchsten Seelenkräfte sind aber die eigentlich staatsbildenden Kräfte.
So hängt von dem Verhältnis des Mannes zum Weibe unsere gesamte Kultur
ab.
Ich gedachte des unglücklichen Balten und seines zerrütteten
Vaterlandes.
Aber die Maschine lehrt uns noch mehr. Es ist nicht nur das, daß die
Seele des Mannes einen Ruhepunkt braucht, von dem aus er schaffen und
wirken kann. Wie das Rad sich nach dem Gesetze stets in seiner Richtung
dreht, nicht nach links, noch nach rechts abweicht, so hat auch der,
der einer sozialen Mission dient, nicht mehr das Recht, sich von der
inneren Vorbereitung auf sein Ziel durch das ablenken zu lassen, »was
die anderen tun«. Wahrhaft soziales Handeln kann nur aus einer ganz
gründlichen Reinigung der Seele von allen Vorurteilen und aller Furcht
vor Vorurteilen, von allen zügellosen Leidenschaften und von aller
Selbstsucht, und aus einer tiefinnerlichen Begeisterung für die höheren
Güter der Seele, der Menschheit entstehen.
Ohne eine tiefere Seelenbestimmung und Seelenbesinnung dient alle
Haushaltungsfertigkeit nur der Welt des Todes: die Sparsamkeit
der Habsucht, die Hygiene der Verweichlichung, die Kochkunst der
Genußsucht, die Ordnung der Selbstsucht, die Schneiderei der Eitelkeit,
die Erziehung dem Scheine, und alles zusammen der Verrohung und
Verfeindung aller Beteiligten.
Könige, wieviel müßt ihr noch lernen! -- -- -- --
Die Maschine singt und klingt, sie geht ihren Takt, leise, regelmäßig,
nach den eisernen Gesetzen ihrer Seele, die der Künstler, der sie
erbaute, ihr einflößte mit Hilfe seines Denkens.
* * * * *
Das Meer war spiegelglatt. Beinahe geräuschlos durchschnitt unser
Dampfer die Wogen. Leise, wie vergeistigt, arbeitete die Maschine:
ruhig und doch unwiderstehlich der Kolben, unaufhaltsam das große
Schwungrad, treu und sicher die kleinen Zahnräder.
Und wenn meines Lebens Werk auch nur der Arbeit des kleinsten dieser
Räder gliche, jedes kleinste Rad lehrt es mich: die treue Erfüllung
jeder kleinsten Pflicht ist notwendig, um unsere Kultur vorwärts
zu bringen, auch die schwächste Kraft hat ihre Aufgabe, die sie zu
erfüllen hat, -- ohne Reibung.
Und nun schau einer dieses Geschreie und Gelärm in unserer Nation,
sobald irgend etwas Notwendiges, irgend etwas, was dem Ganzen
frommt, das Ganze fördert, durchgesetzt werden soll: da klagen die
Konservativen über die Erbschaftssteuer, -- sie wollen nichts missen
vom Ererbten -- da die Freisinnigen und die Brauer und die Tabakhändler
über Bier- oder Tabaksteuer, die Sozialdemokraten über Bevormundung,
die Brenner über die Branntweinsteuer, -- keiner will sich einfügen,
keiner geben, alle wollen den Nutzen vom Reiche, vom Ganzen, von
den anderen, einerlei, ob sie damit dem Ganzen, den anderen schaden
oder nicht. So werden unsere Flüsse zu Kloaken, unsere Städte zu
menschenmordenden Massensiedlungen und unser Volk in weiten Schichten
zu Proletariat. Und ihr, ihr alle seid schuld daran!
Wir brauchen heute, um die soziale Frage zu lösen, unsere Kultur
vorwärts zu bringen, nicht so sehr neue Gesetze, als neue Menschen,
Menschen mit neuem Pflichtgefühle dem Ganzen gegenüber, Menschen, die
wissen, daß sie kleine und große Räder sind in der großen Maschine
unserer Kultur, unserer Nation, daß sie totes Eisen sind, wenn diese
große Maschine jemals still stehen würde. Aber sie müssen lernen, Räder
zu sein, die still und treu ohne Reibung ihre Pflicht tun. Denn so
unerbittlich erheischt es das Leben des Ganzen. --
Kaiser, -- hierher, an die Maschine!
Sieh, du bist der Kolben; -- hier das große Schwungrad ist unser
Reichstag.
Kultusminister, du bist der Maschinist! Hast du deine Räder, deine
Lager, deine Kolbenstange mit hingebender Liebe geölt, wie jener treue
Mann da unten im Schiffsraum? Hast du es nicht getan, so warst du ein
schlechter Maschinist im Schiffe unserer Nation. Oh, geh in dich, und
nimm deine Ölkanne und lehre deine Räder, die großen und die kleinen,
wie sie ohne Reibung ihre Pflicht zu tun haben; -- aber nimm das Öl der
Liebe, denn alles andere wird ranzig und frißt den Stahl unserer Kraft.
--
Mir fiel der Balte wieder ein und sein an Liebe bares Vaterland. Ich
sah im Geiste das tote Eisen der russischen Schiffe in den vereisten
Häfen der Ostsee und auf dem Boden des japanischen Meeres. Sie waren
ohne Liebe gebaut, ohne Liebe geführt, ohne Liebe waren sie zugrunde
gegangen. Nun zerfraß sie der Rost. Und das große Reich, dem sie
entstammten, zerfiel wie sie aus Mangel an Liebe. -- --
* * * * *
Als ich beim Sternenschein vor meiner Kabinentür stand, hörte ich
leises Singen. Ich beugte mich über den Rand der Treppe und sah unseren
Freund von Madeira auf einem Deckstuhle sitzen, zu seinen Füßen das
Hexlein, das lockige Köpfchen in seinen Schoß gebettet. Und deutlich
hörte ich sein Lied:
Ich nehm' meine große Liebe
Und schütte sie über dich aus:
Will schmücken mit ihr dein Leben,
Will schmücken mit ihr dein Haus.
Sei du der Glanz der Sterne,
Sei du mein Sonnenschein;
Ich will dir Blumen und Früchte
Bringen als Erde dein!
Sei du mein blauer Himmel,
Der Sommerwölkchen Heer,
Und schau' dich in meiner Liebe,
Die grundtief wie das Meer!
Als ich dann in meiner letzten Runde beim Hintersteven vorbeikam,
wo die Schraube aus den blauschwarzen Wogen silbernen Schaum
emporwirbelte, da war es mir, als ob ich weit, weit aus der Ferne ein
gar trauriges Lied vernahm mit einer unsagbar schwermütigen Melodie.
Sang ein Geist sie über den Wassern? Gespenstisch klangen die Töne
durch die Nacht:
Ich habe keine Heimat mehr,
Meine Heimat ist das Grab ...
Alles andere verklang in dem Rauschen des Gischtes und in dem Brausen
des Nachtwindes, der um die Rahen und Masten raunte.
Ich wußte nicht mehr, wo ich das Lied gehört hatte, -- auf dieser
Reise war es gewesen. Mir war's, als ob der Balte es einmal vor sich
hingesummt hatte.
Brasilien!
Beim ersten Morgengrauen fuhren wir den Paráfluß hinauf.
Noch sahen wir kaum Land. Aber bald schimmerten durch den leichten
Nebel hindurch die Kronen der Wälder, unermeßlicher Wälder. Eine
weiche, warme, wunderbare Luft, erfüllt von märchenhaften Wohlgerüchen,
wehte uns entgegen. Immer größer, immer grüner wurden die Wälder, immer
berauschender der Duft.
* * * * *
Die portugiesische Mutter mit ihrer schönen Tochter hatte sich zu uns
gesetzt. Ich hatte der jungen Frau von meinen Kindern erzählen müssen.
Nun saß sie da und hielt traumverloren das Bild meines blondgelockten
Jüngsten in ihrer Hand. Tränen standen in ihren Augen.
Nach dem Frühstück erzählte mir die Mutter die Ursache ihrer
Traurigkeit. Ihr sehnlichster Wunsch, Kinder zu besitzen, war ihr
versagt geblieben. Ihr Ehemann war bereits krank in die Ehe gekommen
und trieb sich seit Jahren in den Hafenstädten von Südbrasilien oder
in Buenos Ayres herum, ein arbeitsscheuer, verkommener Lebemann. Kurz
vor ihrer Abreise hatte ein Telegramm die Damen nach Brasilien gerufen:
der Mann war in Rio in einer Schenke von einem Neger, dessen Tochter
er vergewaltigt hatte, erstochen. So war sie in jungen Jahren Witwe
geworden.
Die Tochter hatte vom Vater ausgedehnte Besitzungen am Amazonas geerbt,
die die junge Frau, so gut sie es vermochte, mit großer Energie
bewirtschaftete. Aber es mangelte an Arbeitskräften. Und vor allem, --
der Erbe fehlte, der einst die Frucht ihres Fleißes ernten, ihre Ideen
zu Ende führen könnte.
Als die Damen hörten, daß unsere Deutschen Land zur Niederlassung
suchten, jauchzte die Jüngere auf und hieß unsere Gesellschaft mit
offenen Armen willkommen.
In kurzem war der Plan fertig. Unsere Gesellschaft sollte sich in
Pará mit Handwerkszeug, Waffen, Sämereien, Nahrungsmitteln für die
erste Zeit versehen -- unsere neue portugiesische Freundin stellte
bereitwillig alle dazu notwendigen Mittel zur Verfügung -- und sollten
dann als Kolonisten in ihr Königreich am Amazonas einziehen. Ich aber
solle und müsse auch mitkommen. Lachend wehrte ich ab. Ich müsse in
Jahresfrist wieder daheim sein bei meinen Lieben. Da ward sie traurig.
Aber es blieb bei der Abmachung mit unserer Gesellschaft.
Näher traten die Ufer. Immer wärmer wurde die Luft, immer würziger das
Duften, das von den Wäldern herüberdrang.
* * * * *
Mitten im Strome taucht plötzlich ein altes Kastell auf: Pont de
Barrá. Vor hundert Jahren mögen die ersten Ansiedler es zum Schutz
gegen Überfälle der Indianer errichtet haben. Es erinnert an die
Weihnachtsfestungen in unseren Spielzeugläden. Aus den Schießscharten
lugen neugierig-harmlos ein paar verrostete Kanonen. Zwei nackte
braune Gestalten markieren die Garnison. Als unser Dampfer in Sicht
kommt, rennt einer der Burschen zur Flaggenstange und hißt die
brasilianische Flagge, der andere steigt schnell in seine blauleinenen
Unaussprechlichen, um, auf dem Wall stehend, die Honneurs zu machen.
Glückliche Unschuld der Tropen!
Bald zeigen sich Villen am Flußufer, ein zweites Blankenese, die
Herrensitze der reichen Kaufherren von Pará. Der Kapitän läßt den
Mörser laden. Donnernd krachen hintereinander drei Böllerschüsse in
den stillen Morgen hinein, den Brasilianern die Ankunft des deutschen
Dampfers meldend.
Vor uns liegt Pará, ein kleines, bescheidenes Lissabon, umrahmt von
Palmenhainen und Urwald. Und über dem allen der strahlend blaue Himmel
und die wundervoll glühende Sonne.
* * * * *
Wir sind in fremdem Land. Am Hafen liegen und lungern schwarze Neger
und gelbe Mulatten, rothäutige Indianer und braune Brasilleres, ein
fremdartiges Bild. In unseren weißen Tropenanzügen, durch große
Panamahüte gegen die Sonne geschützt, schritten wir Deutsche wie ein
Herrschergeschlecht durch dieses buntfarbige Volk.
Schmeichelnd hängt die junge Portugiesin an meinem Arme. Der blonde
Germane hat es ihr angetan. Ich solle mitkommen. Ihr ganzes Königreich
solle mein sein. Einen Sohn wolle sie haben, groß und stark, wie ein
Deutscher, der solle ihr Erbe sein. Ich lasse sie schwatzen und lache.
Plötzlich verfinstert sich der Himmel, dicke Tropfen fallen herab.
Eben war es doch noch strahlendes Blau? Wo blieb die Sonne? Schnell
in das nächste Kaufhaus, um einen Schirm zu erstehen. Schon gießt es
vom Himmel in Strömen. Ob wir das Schiff noch erreichen? Wir treten in
ein offenes Portal. Eine Kaserne. Ein Unteroffizier, augenscheinlich
indianisches Mischblut, tritt höflich an uns heran und bittet um
die Erlaubnis, mir meinen triefenden Schirm abnehmen zu dürfen.
Im Gewehrständer stehen die Gewehre. Gute Magazingewehre neuester
Konstruktion von deutscher Firma. Da erwachte der alte Soldat in mir.
Ich nehme eins heraus und übe stramm unsere deutschen Griffe. Staunend
stehen die Brasilianer herum. So scharf machten sie es nicht. So --
leichter, bequemer, wohl der Hitze wegen. Hitze? Ich fühle keine, fühle
mich wohlig, wie nur je in meinem Leben. Der Übermut packt mich. Noch
hält der Unteroffizier das Gewehr in der Hand, den Tornister hat er
auf dem Rücken. Mit einem Ruck habe ich den bepackten Mann mitsamt
seinem Gewehr wie ein Kind auf meinen Armen und trage ihn, gefolgt
von den staunenden Soldaten, wie im Triumphzuge durch die Korridore
der Kaserne. Beim Portal stelle ich ihn sanft wieder auf seine Füße,
ihm lachend auf portugiesisch zurufend: das ist deutsche Kraft!
Gleichzeitig strecke ich ihm zur Versöhnung die Hand entgegen, die er
ehrfürchtig erfaßt.
Es ist ein eigen Ding, wenn auf der Seefahrt die Kraft sich anhäuft.
Ich spüre es selbst. Wahrlich, wir sollten sehr ernst daran denken,
unserem Janmaat, wenn er an Land kommt, Gelegenheit zu geben, sich
auszutummeln in olympischem Spiel, anstatt daß er sein Geld den
Schnaps- und Bierhyänen in den Wirtschaften in den Rachen wirft und
seine Kraft bei liederlichen Dirnen vergeudet. Das wäre besser, als
pharisäisch zu richten.
Am anderen Tage geht's zum Professor Goeldi, einem Landsmanne meines
Schweizer Freundes, des Professor Forel in Zürich, -- Wassertrinker
wie dieser und wie ich. Er ist bald dreißig Jahre hier in diesem
als mörderisch verschrienen Klima, -- noch ist er keinen Tag krank
gewesen. Weder an Malaria noch an gelbem Fieber. Dabei züchtet er in
seinem Laboratorium die als so unheilvoll erkannten Stechmücken, die
Überbringer jener tödlichen Krankheiten. Er nimmt weder Chinin zum
Schutz, noch Arsenik, aber er meidet das berauschende Gift, gerade
wie Emin Pascha und Livingstone, Stanley und alle die anderen großen
Tropenforscher. Und hier, mitten im Urwalde, hat dieser Mann, fern von
der Heimat, der Wissenschaft die wichtigsten Dienste geleistet und ein
naturhistorisches Museum geschaffen, das einzig in seiner Art dasteht.
In seinem Garten finde ich am Wege ein mehrere Fuß langes stachlichtes
Gebilde, das Deckblatt der jungen Sprößlinge der Pupanhapalme. Wäre
dieser Schutz nicht vorhanden, die Affen, die Faultiere und die
Papageien würden das keimende Blatt schon zernagen und den Baum
zerstören. So sorgt die Natur in ihrem schöpferischen Reichtume überall
schützend für ihre Kinder.
Auf der Besitzung unserer in Pará ansässigen Freunde entdeckte ich eine
andere Palme von wunderbarer Art. Sie nannten sie Assaypalme. Gerade
und kräftig stieg ihr Schaft empor. Unter einer mächtigen Krone langer
und breiter Blätter hingen in Abständen fußlange, dicke Büschel mit
Nüssen, aus denen die Eingeborenen ein erfrischendes, gesundes Getränk
bereiten. Über jedem Fruchtbüschel wölbte sich als Kelchblatt ein
großes, holziges Dach in schön geschwungener Form, nach vorn in einen
gefälligen Zipfel auslaufend, so daß das ganze Gebilde einen anmutigen
Anblick erstaunlicher Fruchtbarkeit darbot. Auf den ersten Eindruck hin
war mir klar, daß dieses Dach den Fruchtbüschel vortrefflich gegen die
wolkenbruchartigen Tropenregen schützen müsse, die jeden Nachmittag
um drei Uhr vom Himmel herunterprasselten, und die ohne diesen Schutz
sicher die Früchte schon vor der Reife abschlagen würden.
Wie wuchs aber mein Erstaunen, als unsere Freunde mir erzählten, unter
jedem dieser Schutzdächer niste, von der Blütezeit des Kolbens bis zur
Reife der Früchte, ein kleines Eulenpärchen. Sobald die Früchte völlige
Reife erreicht hätten, seien die Jungen flügge und dann flöge die ganze
Gesellschaft von dannen.
Mit einem Schlage war mir der Zusammenhang klar. Das holzige Dach
schützte den Fruchtbüschel vor Regen, gleichzeitig bot er den
Eulenfamilien Schutz gegen Regen und Sonne, Tau und Wind. Aber die
Eulen bedurften für sich und ihre Jungen der Nahrung. Wären sie nicht
gewesen, so hätten sicher die zahlreichen Insekten, die in den von den
reifen Früchten entblößten Büscheln ihr Dasein hatten, Blüte und Frucht
schon im Werden zerstört. So aber sorgten die Eulen als treue Wächter
für die Unberührtheit ihres Heims. Als nun aber die Früchte gereift
waren und den Menschen zur Nahrung dienten, hatte der Aufenthalt der
Vögel unter dem Schutzdache keinen Zweck mehr, -- der von den Früchten
entblößte Büschel diente nunmehr dem Heere der zahllosen niederen Tiere
als Wohnstätte und Nahrung zugleich.
Mir war's, als hätte ich kaum je zuvor so anschaulich die unendliche
Vatergüte der Alliebe zu bewundern Gelegenheit gehabt: in dem einen
Blütenkolben schuf »er« so Nahrung für die Menschen, die Vögel und die
kleinste Lebewelt in schönster Form und in so harmonischer Abwechslung
und Ergänzung, daß ich am liebsten auf die Knie gefallen wäre, um hier
an Ort und Stelle dem Allmächtigen zu danken. Und unwillkürlich fiel
mir das alte Wort ein von den Lilien auf dem Felde und den Vögeln unter
dem Himmel: sie säen nicht und ernten nicht und sammeln nicht in die
Scheunen, und unser himmlischer Vater ernährt sie doch.
Da übermannte es mich. Tränen füllten meine Augen und bittere Wehmut
mein Herz: in der ganzen Natur, auf der ganzen Erde diese schier
unbegrenzte Fruchtbarkeit, diese endlose Weite, dieser unendliche
Reichtum zum Leben, zum lachenden, blühenden, glücklichen Leben in
Friede und Liebe, -- und wir Menschen? O Gott, du Allgütiger und
Allweiser, wir sind nicht wert, daß wir deine Kinder heißen, sind
nicht wert, daß du uns diese wundervolle, überreiche, sonnige Erde
geschenkt hast! Wie haben wir die Freiheit mißbraucht, die du uns
geschenkt! Was haben wir daraus gemacht in unserer Selbstsucht, in
unserer Genußsucht, unserer Lieblosigkeit und Härte, unserer Unvernunft
und Kurzsichtigkeit! Und riesengroß stieg mitten in all dieser
Sonnenherrlichkeit, all dieser Farbenpracht, all dieser Blumenfülle,
dieser üppigen Fruchtbarkeit das Elend der Menschheit, das Elend
meines Volkes wieder vor meinen Augen empor, riesengroß, dunkel, zum
Himmel schreiend. Mir brauste es vor den Ohren, wie Gedröhn klang mir
das Chaos der anklagenden, schluchzenden Stimmen der Hungernden und
Frierenden, der Verlassenen und Verzweifelten, der Verkommenen und
Verbitterten, und wie ein Angstschrei rang es sich aus meiner Seele los.
Haben es zugegeben, daß Menschen um schnöden Geldes und Gewinnes halber
verführt wurden, all diese entsetzlichen Gifte zu sich zu nehmen,
Opium und Branntwein, Bier, und wie sie sie alle tauften, Gifte, die
sie krank und elend, arm und stumpf machten, falsches Glück ihnen
vorgaukelten, sie und ihre Nachkommenschaft in Unglück und Tod stürzten?
Haben es geschehen lassen, daß Menschen von der Natur, dieser
allgütigen Mutter aller, entfernt, in steinerne Massenquartiere
zusammengedrängt wurden, so daß sie verlernten, die Allgüte und
Alliebe zu erkennen und zu achten und zu lieben, -- und wiederum nur,
damit wenige sich bereicherten? Wir hatten zugegeben, daß Menschen,
diese höchsten Geschöpfe der allmächtigen Liebe, als Sklaven verkauft
wurden, und gaben es zu bis auf den heutigen Tag, daß sie sich mit
ihrer Seele und ihrem Leibe verkauften, aus Not oder aus Unwissenheit,
um fremden Lüsten zu dienen, seelenlos, schlimmer, als ob sie Tiere
seien? Und wir, wir wagten es, uns Christen zu nennen? Da sprang ich
auf! Auf euer Christentum pfeife ich, ihr Heuchler und Pharisäer, ihr
kalten, herzlosen, selbstsüchtigen, herrschsüchtigen Priester und
Mammonsknechte, Fürsten und Fürstendiener! Lügner und Heuchler seid
ihr, die erhalten wollen, was euch beliebt, was euch paßt und guttut,
damit ihr im warmen Nest euch wärmen, damit ihr schwelgen könnt,
unbekümmert darum, daß Tausende, Millionen darben, hungern, frieren,
zugrunde gehen!
Hier am Fuße dieser Palme knie ich und bete dich an, du Grundgütiger,
Alliebender, und flehe dich an: gib mir Kraft und ein reines Herz,
damit ich zu meinem bescheidenen Teil mit dazu beitrage, daß die Sonne,
die Wärme, die Liebe, die du in deiner grenzenlosen Güte über die Erde
ausgießest, sich auch über die Menschen ausbreitet und in ihre Herzen
hineinfließt, sie erweichend, erwärmend, erhellend, wie deine Sonne,
die die Erde erwärmt und erhellt! --
* * * * *
Die spanischen Auswanderer hatten bereits bei unserer Ankunft in Pará
unser Schiff verlassen, um von hier über Ceará nach Südbrasilien und
Argentinien weiterzureisen. Mit ihnen die junge Französin und unser
Rheinländer. Unsere Verabredung ging dahin, er solle diese beiden
Länderstrecken durchqueren und durch Mittelbrasilien bis nach Bolivia
durchdringen, um dann mit mir am oberen Laufe des Amazonas wieder
zusammenzutreffen. So würden sich unsere Erfahrungen ergänzen, und von
hier aus würden wir dann gemeinsam heimfahren.
Inzwischen war unsere Reisegesellschaft beim Gouverneur gewesen, hatte
die nötigen Schritte zur Erlaubnis der Niederlassung getan, hatte
Spaten und Beile, Pflugschar und Äxte, Sägen und Seile eingekauft,
und was sonst noch nötig war, um im fremden Lande eine neue Heimat zu
gründen. So fuhren wir denn frohen Herzens den Paráfluß wieder hinab,
noch einmal an der alten Festung im Flusse vorüber, und in schlankem
Bogen um die Insel herum in die Mündung des gewaltigen Amazonenstromes
hinein, und damit in das Reich des schier unbegrenzten Urwaldes.
Kein Dom, keine Kirche kann die Andacht erwecken, die die Gewalt dieser
großen Natur über die Menschen bringt. Breit, majestätisch rollt der
Amazonas seine gewaltigen, gelben Fluten dem Meere zu. Schweigend,
unendlich dehnt sich der Wald an seinen beiden Ufern. Dann wieder
verengt sich das Bett des Stromes. Dicht gleitet das Schiff am Ufer
entlang. Der Wald, der eben noch, aus der Ferne gesehen, schweigend
dalag, er ist nicht tot, nein, -- er lebt, -- Scharen buntbeschwingter
Papageien beleben das Dickicht, hoch oben in den Baumkronen uralter
Urwaldsriesen wiegen sich königliche Kakadus, farbenreich glüht es,
wohin das suchende Auge irrt, im Dickicht von wunderbaren Blüten,
goldgelben und in purpurnem Rot. Berauschender Duft erfüllt die
Atmosphäre.
An kleinen Ranchos fahren wir vorbei, Hütten aus Bambus, mit
Palmenblättern gedeckt, vor denen Kinder brauner Indianer sich fröhlich
tummeln, laut jauchzend, als unser Schiff bei ihnen vorüberzieht,
lange Kielwellen ans Ufer werfend. Ab und zu eine Lichtung im Walde,
weißgetünchte Häuser. Auf fetter Weide wandeln wohlgenährte Rinder,
gerade wie bei uns in der Marschenheimat. Und wieder Wald und Wald,
Hüttchen der Indianer, wieder eine Farm mit Weiden und Rindern und
wieder Wald, endloser, üppiger Wald, Tag um Tag.
* * * * *
Tropisch schwül sinkt die Nacht hernieder. Die ganze Welt ist in
berauschenden Duft gehüllt. Wunderbare Schmetterlinge, schillernd
in leuchtenden blauen und grünen Farben, durchgaukeln die Luft.
Sternenklar ist der Himmel. --
Ich stand in meiner Kajütentür, lässig an den Pfosten gelehnt, bereit,
zur Ruhe zu gehen. Auf dem Vorderdeck lagen die Auswanderer, die noch
an Bord geblieben waren, schlafend zwischen ihren Kisten und Körben.
Auf der Brücke war alles still. Plötzlich huschte eine Gestalt auf
mein Bootsdeck die kleine eiserne Schiffstreppe hinauf, -- von einem
dunkelen Mantel lose umhüllt, in leichtem Hemd, die Polin. Sie gleitet
zu meinen Füßen nieder, umklammert meine Knie und bettelt um Liebe.
Die Nacht ist glühend schwül. Vom Urwald weht süßberauschender Duft
herüber. Leise stampft die Maschine ihren Takt, -- oder ist es mein
Herz? Das Blut siedet in meinen Adern, pocht in den Schläfen. Zu meinen
Füßen fleht verführerisch das junge Weib. In all der Glut stehe ich wie
aus Marmor. O, ich weiß es nur zu wohl, warum ich zitternd erstarre.
Plötzlich ertönt von der Brücke, leise und doch deutlich vernehmbar die
Stimme des ersten Bootsmannes:
Es leuchtet ein Stern in Wintersnacht
An des Himmels nächtiger Bläue.
Er scheint in ewig strahlender Pracht;
Es ist der Stern der Treue.
Im Moore das Irrlicht schimmert und winkt
Und führt dich in Tod und Grauen,
Doch folgst du dem Stern, der vom Himmel blinkt,
So wirst du das Morgenrot schauen.
Schon mehrmals hörte ich das Lied von ihm in stiller Nacht, -- es ist
sein Lieblingslied. Da kommt neues Leben über mich. Fast hart klingt
meine Stimme: »Geh' in deine Kammer!« Mein Herz aber ist voll Mitleid.
Ich fühle, wie die Arme von meinen Beinen sich lösen. Ich sehe, wie die
dunkle Gestalt die Treppe hinabhuscht. Tief aufatme ich, als ob eine
Last von mir genommen sei. Aber der Duft und die glutende Schwüle, --
haben sie mein Blut zum Sieden gebracht? Will es die Adern sprengen?
Wie ich in meine Kabine trete, um schlafen zu gehen, -- kaum habe
ich die Tür hinter mir geschlossen, -- barmherziger Gott, -- was
ist das? -- Weiche Arme umschlingen meinen Hals, glühende Küsse
bedecken mir Mund und Augen: »meinen Sohn will ich von dir, -- einen
blondgelockten!« -- Die Portugiesin! --
»Signora!« -- Schon habe ich mich befreit und halte die Zitternde an
beiden Händen. -- »Seien Sie doch vernünftig! Wie könnte ich! Denken
Sie an meine Lieben zu Hause! Die warten auf mich und brauchen mich!
Und mein Weib! Und hätten Sie einen Sohn von mir, so müßte ich mit
Ihnen gehen, -- denn mein Kind ließe ich nicht im Stiche.« -- »Ich will
aber nicht vernünftig sein! So komm mit mir! Ich will meinen Sohn!« --
Es gelingt mir, mit der einen Hand schnell die elektrische Lampe
anzudrehen, so daß ich ihr Auge ins Auge sehen kann. Gluten bedecken
das schöne Antlitz. Da senkt sie beschämt die Lider. Das helle Licht
verträgt der Glutenrausch nicht.
Sanft drücke ich die schlanke Gestalt auf einen Stuhl und gebe ihre
Hände frei, in die sie schluchzend ihr Gesicht birgt.
Leise flüstere ich ihr in ihrer Muttersprache zu: »Signora -- der
sächsische Offizier geht mit Ihnen, -- er hat mir gestern heimlich
anvertraut, daß Sie es ihm angetan hätten. Er ist schön und stark
und gut. Ehe Sie morgen alle von unserem Schiffe scheiden, will
ich ihm Mut machen, daß er auf Gegenliebe hoffen dürfe! Er ist der
Gatte für Sie, den Sie suchen, und den Sie brauchen. Als Sohn eines
Rittergutsbesitzers ist er im landwirtschaftlichen Betriebe groß
geworden. Selbst wenn ich frei wäre, paßte er besser für Sie, als ich.
Und nun gehen Sie, damit Sie hier niemand findet, in so später Stunde!«
Ein glühender Kuß auf meiner Hand, -- ein leises Öffnen der Tür, ein
Rauschen, wie von einem Frauengewande, -- war es ein Traum gewesen, --
ein Spuk der Tropennacht, vom Urwalde hergeflattert? -- -- --
Ich steige zur Kompaßbrücke hinauf, um unter freiem Himmel die Nacht zu
verbringen. Hier oben weht milde, frische Luft.
Über mir schimmern die Sterne und erzählen funkelnd von der Pracht und
Größe des Alls, von der der Nordländer sich keinen Begriff macht.
Die Allgewalt der Natur und die Kühle der Nacht bringen den erregten
Nerven allmählich wieder Ruhe.
Anfangs freilich wogen Gedanken und Empfindungen noch wild
gegeneinander: die Gedanken an daheim, -- an meine Lieben. Dann aber
wallt das heiße Blut wieder auf, und das Bild der Portugiesin tritt
dazwischen. Dann wieder war es mir, als ob ich das Lied unseres
Steuermannes noch hörte, -- das Lied von der Treue. -- --
Und dann taucht in meinen Träumen neben der jungen portugiesischen
Witwe plötzlich das Gesicht unseres braven Sachsen auf. Sein schönes,
männliches Antlitz leuchtet siegesfroh. Mit zärtlichem Lächeln schmiegt
sich das schöne Weib an ihn an. -- -- --
Nun drängt sich ein blondes Frauenantlitz durch die Sternenwelt über
das Meer her, -- wie Abendsonnenglut leuchtet ihr Haar, -- ich höre den
Jubel und das Geplauder der Kinder, -- meiner Kinder! -- -- --
Dann kam eine wunderbare Müdigkeit über mich. Ich rollte meinen Mantel
zusammen, legte mich aufs Deck nieder, schob die Rolle ins Genick und
schlief ein.
Wie ich am Morgen erwache, ist mir so wunderbar leicht, -- ich fühle
mich so rein, so frei, so aufgelegt zu allem Großen und Schönen und
Guten, -- wie ein Sieger! -- Das kommt, -- mein Herz ist frei von Reue,
weil es Herrscher blieb über die Sinne.
Und dann denke ich an unseren Sachsen und die Portugiesin, und welch
stattliches Paar sie abgeben werden, und denke an die Erfüllung der
Hoffnungen dieser beiden jugendlichen Menschenkinder.
* * * * *
Eine frische Brise streicht über den Fluß. Ich muß einen Jauchzer
hinausschicken in den vom Morgennebel dampfenden Urwald, der in
majestätischer Ruhe an unserem Schiffe vorüberzieht.
Da quillt es aus meinem Herzen hervor, wie Jubelgesang lasse ich es in
die frische Morgenluft hinausklingen:
Ich streue der Liebe Samen,
Wie Eicheln der Eichbaum streut,
Wie Stern' ohn' Zahl und Namen
Die Sonne dem Weltall beut.
Ich streue der Liebe Blüten,
Streu' sie ohn' Ziel noch Zahl;
Möcht' jedes Herz behüten
Vor Leid und Sorg' und Qual.
O Frühling, liebewarmer,
Hätt' ich die Kräfte dein!
So aber bin ich Armer
Nur Staub im Sonnenschein!
Was ist das? Wie leises Echo schallt vom Kajütendeck ein
portugiesisches Lied herauf, lockend, weich, schwärmerisch, selig:
+Nosso céo ten mais estrellas
Nossas varzeas ten mais flores,
Nossos bosques ten mais ares,
Nossa vida ten mais amores!+
Ich kannte das Lied. Mein sterbender Bruder, der selbst auf seinem
letzten Schmerzenslager sein schönes Brasilien nicht hatte vergessen
können, hatte es mich kurz vor seinem Tode gelehrt:
Unsere Wiesen sind so voll Blumen,
Und unser Himmel voll Sonnenlicht,
Und unsere Büsche so voll von Vöglein,
Und unser Leben voll glühender Liebe,
Wie auf der Erde kein anderes nicht!
Weib, Weib, -- suchst du deinen Sohn, den König deiner Wälder? -- --
Auf dem unteren Deck höre ich den Marschtritt unserer Bootsleute, die
zum Deckwaschen kommen. Halblaut klingt ihr Friesenlied zu mir empor:
Den Starken und Klugen gehöret das Recht
Und den Feigen und Schwachen die Nacht,
Sich selbst vernichten, nur das heißt schlecht,
Sich selbst erhalten die Macht!
Das waren die Klänge, die mich nach der Sturmesnacht in der Biskaya aus
schwerem Schlafe erweckten. -- --
* * * * *
Lichter wird der Tag. In flammendem Golde liegen die Wipfel der
Urwaldbäume. Strahlend frohlockt der blaue Himmel der Tropen.
Unaufhaltsam kämpft unser Schiff gegen die Fluten des Amazonas.
Unendlicher Wald zieht an uns vorüber.
Endlich eine große Lichtung. Eine Anzahl Indianerhütten zeigen an,
daß der Ort zur Niederlassung günstig ist. Mais- und Maniokafelder,
Kakaoplantagen und Bananenpflanzungen, zahlreiche Gummibäume und
dazwischen fette Weiden mit bunten Rindern, mit Pferden und Schafen,
zeigen die reiche Fruchtbarkeit des Landes.
Hier ist der Platz. Rasselnd fährt unser Anker zu Grund. Eine kleine
Dampfpinasse, die unsere Gesellschaft in Pará erstanden, wird zu
Wasser gelassen, Werkzeuge und Waffen, Saatgut und Nahrungsmittel
werden hineingeladen, und nun geht es ans Abschiednehmen. Oh, wie ist
doch die Trennung so schwer, wenn man weiß, daß es nach menschlicher
Voraussetzung eine Trennung fürs Leben ist. Und doch, -- die Seelen,
die einmal ineinander geflossen sind, die Leid und Lust getauscht
haben, für die gibt es keine Trennung, kann es keine Trennung geben.
Sanft errötend, die Augen schamhaft niedergeschlagen, reicht mir die
junge Portugiesin die Hand zum Abschiede, ehe sie die Schiffstreppe
hinabsteigt. Herzlich küßt mich unser Hexlein auf die Wange und raunt
mir, schier triumphierend, zu: »ich glaube, wir haben unseren König
an Bord.« Mit festem Händedruck grüßen wir Männer uns zum letztenmal.
Sie werden ein neues Volk begründen. Vom Ufer her ein Winken, ein
Tücherschwenken, und vorwärts dampft unser Schiff. --
Über die Baumkronen hin ziehen meine Gedanken. Ihr wird es schon gut
gehen. Unser Sachse wird ihr ein trefflicher Gatte sein. Segen wird
auf ihrem Bunde ruhen. Mein österreichischer Kollege wird ihr treu
beistehen in schwerer Stunde. Unser Badenser Lehrer wird dem Kindchen
ein treuer Führer sein. Der Freunde Liebe und Treue wird beide umgeben,
solange sie leben.
Sehnsuchtsvoll ziehen meine Gedanken weiter über den Wald und das Meer,
durch Sturm und Nebel bis in das Gartenland der Heimat, zum eigenen
Herde, zu meinem Weibe, zu meinen Sieben, meinen starken blonden
Jungen, meinen sinnigen Mädchen.
* * * * *
In die gelben Fluten des Amazonas mischen sich die schwarzen Wasser
des Rio Negro. Das Flußbett weitet sich, und siehe da, mitten im
Urwalde eine große, moderne Stadt mit Kirchen und Rathaus und Hospital
und einem von stattlichem Säulengange umgebenen Theater, -- wie ein
Traumbild liegt vor uns Manáos, die Hauptstadt des Waldlandes.
Kaum liegt unser Schiff an der aus mächtigen Quadern erbauten
Kaimauer, drangt durch die Menge der an Bord Kommenden ein stattlicher
Neger, schwarz wie Ebenholz, und ruft laut den Namen der jungen
Spanierin, die von Lissabon mitgefahren war, um hier in Manáos auf die
Heiratsannonce hin ihren Mulatten zu freien. Er stellt sich ihr vor, er
sei der Gesuchte. »O nein,« ruft sie entsetzt, »ein heller, ganz heller
Mulatte solle es sein, so stände es im Kontrakte.« Da fletscht der
Neger grinsend die elfenbeinweißen Zähne und antwortet mit höhnender
Verbindlichkeit: »Jawohl, Signora, -- aber er ist ein bißchen dunkel
ausgefallen.« Dem jungen Weibe schwinden die Sinne. Wir versuchen zu
intervenieren. Triumphierend zeigt der Neger seinen Kontrakt. Da ist
nichts zu machen, weder mit List noch mit Gewalt. Wie ein gekauftes
Stück Vieh zieht er die Willenlose mit sich fort. Mir aber fielen die
Tausende von Mädchen und Frauen in der Heimat ein, die sich zwecks
Versorgung für die Ehe verkaufen, -- oft genug an Männer, deren Haut
zwar weiß ist, deren Seele aber an Gemeinheit schwärzer ist, als die
Haut jenes Negers.
Am folgenden Tage war Kaisers Geburtstag. Ich hörte auf der Straße,
wie ein paar Brasilianer sich über die Feier zu Ehren unseres Kaisers
unterhielten und lachend sagten: »Da betrinken sich die Deutschen wie
die Schweine und rufen Hurra. Das nennen sie Vaterlandsliebe.« Ich
fühlte, wie ich rot wurde bis unter meinen Panama. -- --
Im deutschen Klub zuerst allgemeines Entsetzen, als mein Kapitän und
ich statt des üblichen Bieres Sauerbrunnen bestellten, das Kaiserhoch
in Sauerbrunnen tranken. Aber kein Mensch betrank sich bei der Feier.
Zum ersten Male seit Bestehen der deutschen Kolonie waren alle
nüchtern. Und -- so schön sei es noch nie gewesen, behaupteten alle.
Nur später hatten zwei deutsche Jünglinge sich doch noch einen Rausch
angetrunken. In dem durch das Bier erzeugten obligaten Größenwahne
hatte der eine sich als »Reserveoffizier« aufgespielt, während er nur
das Examen für den Einjährigen-Dienst bestanden hatte. Der andere,
der davon wußte, hatte ihn Schwindler geschimpft. Das Ende vom Liede
war eine solenne Keilerei zum Gaudium der Brasilianer, der Neger und
Mulatten.
Könnte man unseren deutschen Studenten, Offizieren und
Stammtischphilistern doch einmal, wenn sie nüchtern sind, im Spiegel
zeigen, welch lächerliche und klägliche Rolle sie unter dem Banne von
Bacchus und Gambrinus dem Nüchternen bieten. Und wieder fing ich das
Wort aus Negermund auf: »Deutsche Schweine.« Ich tat, als hörte ich
es nicht. Denn die beiden mit Kot besudelten Trunkenen lieferten dem
Sprecher den Beweis der Wahrheit.
So untergraben unsere Landsleute draußen in der Fremde das Ansehen
des deutschen Namens nur zu oft durch eine einzige Unbesonnenheit
zehntausendmal mehr, als je der Paradeprunk und der Kanonendonner
unserer Kriegsschiffe wieder gutmachen können. --
Vielfach hörte ich unsere Landsleute klagen, daß die Engländer ihnen
das Geschäft verdürben. Als ich aber sah, wie die Deutschen beim Bier
oder Soda mit Whisky über die Hitze stöhnten, während die Engländer
unter der strahlenden Sonne ihr Fußballspiel trieben, wußte ich den
Schlüssel zu der Frage, woher die angelsächsische Rasse uns draußen in
der Welt so oft den Rang abläuft.
Im Hospital für die Gelbfieberkranken lernte ich in seinem Laboratorium
einen englischen Arzt, +Dr.+ Jonas, kennen, der von der englischen
Regierung dorthin geschickt war, um diese mörderischste aller
Tropenkrankheiten zu studieren. Er hatte in München von den deutschen
Studenten das Biertrinken gelernt und hier in Brasilien zweimal bereits
das Fieber gehabt, beide Male war er wie durch ein Wunder gerettet, --
vielleicht, daß er von seiner früheren Nüchternheit, die er in England,
ehe er nach Deutschland kam, geübt hatte, noch Schutzkraft in sich
trug, die den Tod fernhielt.
Bei ihm arbeitete unter dem Namen einer Baronin von R. eine Fürstin
deutscher Abkunft. Die Mutter stammte aus einer alten jüdischen
Familie. Sie war fast in der ganzen Welt herumgewesen, in Indien,
um die Cholera zu studieren, in Afrika, um die Schlafkrankheit
zu erforschen, eine tapfere, kluge, energische Frau, die mir in
ihrer zweifachen Abstammung wie die Verkörperung der aus deutschem
Adelsgeiste und dem hygienischen Instinkte eines Moses entsprossenen
Hygiene erschien.
Sie lehrte mich, immer tiefer in die Wunder der Tropen einzudringen.
Die Urubus, die Aasgeier des Urwaldes, sie wurden zu richtigen
Gesundheitsbeamten, die jeden Kadaver in den Straßen der Stadt sofort
beseitigten, auf dem Marktplatz die Abfälle der Schlachter, am Ufer
des Stromes die Eingeweide der Fische, die die Fischer beim Ausnehmen
der Wasserbewohner achtlos beiseite werfen. Neben den Indianern, die
auf dem Markte die Riesenschildkröten schlachteten, hockten sie zu
Dutzenden, und sogen selbst das Blutwasser mit ihren Schnäbeln aus
dem Sand und Kies heraus. Und was sie übrig ließen, beseitigten im Nu
die flinken Ameisen und Milben, alles Tote, was vielleicht Fäulnis
und Krankheitsherd werden könnte, in neues Leben verwandelnd. Überall
Weisheit, überall Liebe, wohin das Auge sah! Überall Leben!
An den Ufern des Flusses hockten als Gesundheitspolizei Scharen
prächtig braun gefiederter Cingunas, deren Beute aus den toten Fischen
und Tierkadavern bestand, die sonst den Strom verpesten könnten.
Wahrlich, man sollte einmal bei ihnen unsere deutschen Behörden in die
Schule gehen lassen, damit sie hier aus dem Buche der Natur lernen, wie
wichtig es ist, die Flüsse rein zu halten.
Weisheit, wie bist du voll Liebe! Liebe, wie bist du weise! Wenn nur
die Menschen nicht so unweise und oft so lieblos wären!
* * * * *
Die Fürstin verabredet mit mir, sobald ich nach dem Abschlusse meiner
Fahrt aus dem Gebiete des Waldlandes zurückgekehrt sei, die gemeinsame
Heimreise.
Mein Kollege, der zu Studienzwecken nach Europa gehen und mich auf
meinem Schiffe für die Rückfahrt als Arzt vertreten wollte, war zur
Stelle.
So nahm ich denn Abschied von meinem Schiffe, -- von der Welt, -- nein,
nur von der Welt, die mir bislang die Welt gewesen war. -- -- --
* * * * *
Und nun ging es weiter, immer weiter in das Waldland hinein, nur
begleitet von meinen beiden indianischen Führern. Urwald auf beiden
Seiten. Von den Ufern neigen üppige Blattpflanzen ihre sattgrünen
Blätter in die graugelben Fluten. Aus dichtem Unterholz von wilden
Kakaobäumen und zu schier undurchdringlichem Dickicht verwachsenen
Schlingpflanzen erheben die Umbrula ihre schlanken weißen Stämme,
die sich die Faultiere mit Vorliebe zu ihrem Aufenthalt ausersehen.
Hin und wieder schimmert die birkenähnliche Rinde eines Gummibaumes
durch das Gebüsch. Hochragende Palmen, überladen mit großen Büscheln
rotbrauner Nüsse, drängen sich aus dem Gewirr der Schling- und
Blattpflanzen empor. Große gelbe Blütenkelche, Stauden, mit rosa Blüten
übersät, leuchten aus dem märchenhaften Grün. Wie eine unendliche grüne
Wand, die eine fremde Zauberwelt umschließt, immer wieder die gleichen
Formen in immer neuer Abwechslung zeigend, ziehen die Ufer an unserem
Auge vorüber. Der seltsam fremdartige, süß aromatische Duft, der dem
Walde mit seiner Blütenpracht und seinem Blütenreichtum entströmt, wird
immer berauschender.
Aber was ist das? Kaum haben wir den Fuß wieder auf eine Stelle
der Kultur gesetzt, da geht das Elend wieder los: durch Branntwein
vertierte Indianer, die Mädchen und Frauen mit Syphilis durchseucht,
das Wasser des Flusses vergiftet durch Unrat. Typhus und Ruhr
dezimierten die Menschen neben tropischen Fiebern. Aber all dieses
Elend drückte mich nicht mehr nieder, wie einstens; ich hatte den
Schlüssel, hatte das Zauberwort gefunden, all dieses Elend aus der Welt
zu schaffen.
Ein junger Hamburger, groß, breitschultrig, mit blauen Augen und
blondem Haar und Bart, äußerlich der Typus eines kraftvollen
Niedersachsen, hatte all dieses Unheil aus seiner Vaterstadt
mitgebracht. Sein Vater hatte eine Destillation besessen und sich
mit dem Ausschank von Branntwein an die Hafenarbeiter ein Vermögen
erworben. Nun vergiftete der Sohn mit dem nämlichen Gifte die
Kinder des Urwaldes, die Indianer. Von seiner Vaterstadt her war er
gewohnt, daß die Kloaken in die Elbe gingen, und daß die Menschen
dieses verschmutzte Wasser wieder tranken. So war ihm der Sinn für
Reinlichkeit, die Mutter aller Gesundheitspflege, abhanden gekommen.
Was Wunder, daß er die Unsitte der Vaterstadt auf die neue Heimat
übertrug! Mit der gleichen Gewissenlosigkeit verseuchte er mit seiner
ekelhaften Krankheit, die er von Hamburg mit herübergeschleppt hatte,
die indianischen Mädchen, die sich nur zu gern dem blonden Recken
ergaben.
Und hier lag der Schlüssel. Nicht in der Natur des Landes wurzelte all
dieses Unheil, -- einzig und allein in den Menschen selbst. Die Natur
ist vollkommen, wohin wir kommen, -- wir, wir selbst sind die Träger
alles Unheils, wir Menschen. Die Menschen müssen anders, besser, größer
werden! Wir müssen neue Menschen werden! Das ist die Aufgabe der neuen
Zeit, unserer Zeit! -- --
* * * * *
Immer mehr versanken Heimat und Erinnerung im Märchenzauber der Tropen.
Ich ward eins mit der Natur. Ich vernahm ihre Stimme und lernte sie
verstehen, immer mehr, immer klarer und deutlicher, -- mir war es,
als würde ich selbst wieder Kind, wieder ein Stück Natur, und in ihr
wurde ich wieder ruhig und stark, -- ruhiger, stärker, ja, ich glaube,
besser, größer, als ich je gewesen.
Ich fühlte, wie die Blumen und Tiere uns verwandt waren, ich lernte
ihre Sprache verstehen, verstand die Seelen der Blumen und der Tiere,
die mir Geschwister und Freunde wurden, wirkliche Geschwister und
Freunde. Mir war es, als ob ich mit meinen Füßen im Erdreiche wurzelte,
neue Kräfte aus dem Boden trinkend. Ich verstand die Sprache der Sonne,
die mich durchglühte.
Die Wilden, zu denen wir kamen, die als blutgierig und grausam galten,
waren wie Kinder, und ich mit ihnen wie ein Kind. Sie hatten nur, wie
jedes Tier, jedes Pferd, jeder Hund, wie jedes Kind, ein unendlich
feines und doch starkes und gesundes Gefühl für Gerechtigkeit und
vergalten die Herzlosigkeit und Grausamkeit der Weißen, da sie Christi
Lehre nicht kannten, nach dem Urgesetze: Auge um Auge, Zahn um Zahn.
Ich aber fühlte mich im Paradies, zeitlos, restlos. Aus der Enge hatte
ich zur Weite gestrebt. Hier hatte ich die Weite, die unendliche Weite,
voll von Leben bis in das kleinste. In diesem Sichausweiten bis ins
Unendliche liegt der Fortschritt für uns Menschen. Daher der Drang nach
der freien Natur. Dieses Sichausweiten ist Befreiung, ist Genesung, ist
Leben, -- es ist der Sinn des Lebens. Und ich lebte.
So floh die Zeit dahin, wie ein Traum, ein märchenhaft, wunderbar
schöner Traum.
* * * * *
Auf Umwegen gelangten wir endlich nach Iquitos. Hier trafen wir mit
unserem Rheinländer wieder zusammen. Wir hatten genug gesehen. Er
in Argentinien und Bolivia und in Südbrasilien, ich in Nord- und
Mittelbrasilien. Hier lag Land, nicht für ein neues Volk, -- für neue
Menschheiten, unermeßlich weites, fruchtbares Land. Kommt nur, ihr
Ingenieure, und baut hier Bahnen! Strömt herbei, ihr Völker, baut,
pflanzt, liebt euch, und Weltgeschichten könnt ihr hier erleben, ohne
euch drangen zu müssen, wie in dem kleinen Europa! -- --
Und nun heim! Flußabwärts! Zurück zur Heimat! Helfen, unserem Volke
helfen, der Menschheit helfen, neue Menschen werden: größer, reiner,
besser, kraftvoller, als bisher!
In Manáos trafen wir wieder unser Schiff, das zur Abfahrt bereit lag.
Am letzten Abend gingen mein Kapitän und ich an Land, um noch ein
paar Stunden mit den dortigen Deutschen zu verbringen. Wir saßen nach
Landessitte in einem der offenen Cafés. Die Nacht war wunderbar milde
und sternenklar. Den blauen und grünen großen Nachtfaltern gleich
huschten und tänzelten leichtgekleidete Sirenen von der Straße in das
Lokal, ließen sich hier und dort nieder, girrten und lockten, bis sie
sich ihren Gimpel gefangen hatten.
Das Gespräch kam auf die Polin. Sie war bald erkrankt ins Hospital
gekommen und dort durch die Moskitos mit gelbem Fieber infiziert, dem
sie dann schnell erlag. Vielleicht war es gut so.
An dem Nebentische saß ein Brasilianer, der sich durch
verschwenderisches Bestellen von Sekt bemerkbar machte. Mein Nebenmann
stieß mich an und raunte mir zu: »Der Kerl da war ein Hauptkunde der
Polin. Er versäuft hier sein Vermögen und seine Gesundheit. Es ist eine
Schande!« Ich sah mir den Burschen näher an. Auf der Stirne trug er das
Kainszeichen seines lasterhaften Lebens. Nicht lange darauf stand er
auf und zog schwankend mit einem jener buntbeflirrten Nachtfalter ab,
die unsere Tische umgaukelten.
* * * * *
Unser Schiff lag fertig zur Abfahrt. Die Matrosen holten die Taue ein.
Der Maschinist stellte bereits auf langsam rückwärts, damit wir vom
Kai loskamen. Plötzlich erschien auf der Kaimauer die Spanierin, ein
dunkles Mulattenkind auf dem Arme, in Begleitung des heftig redenden
und gestikulierenden Negers. Ich hörte, wie sie sagte, sie wolle nur
dem Dampfer ein letztes Lebewohl mit ihrem Taschentuche zuwinken, er
möge einen Augenblick das Kind halten. Kaum hielt der Neger seinen
Sproß auf seinen Armen, als die Spanierin wie eine Gazelle auf unser
Schiff losflog. Schon hatte sich der Rumpf des Schiffes vom Rande der
Mauer gelöst. Aber mit der Kraft der Verzweiflung wagte sie den Sprung.
Vier kräftige Arme griffen zu und zogen sie vollends aufs Schiff. In
diesem Augenblicke kam der Dampfer frei, und »Voll Dampf voraus« zog er
majestätisch den Strom hinab.
Einen Augenblick hatte der Neger wie versteinert, das Kind auf dem
Arme, dagestanden. Dann brüllte er auf, wie ein verwundeter Tiger.
Wütend warf er in weitem Bogen das Kind hinter dem Schiffe her,
hinab in den strudelnden Strom, in dessen gurgelnden Wogen es sofort
verschwand. Er schrie, fluchte, raufte sich die Haare und schäumte
vor Raserei. In diesem Moment kam der Brasilianer, den wir am Abend
vorher im Café getroffen hatten, auf die Brücke, lächelnd, trippelnd.
Umstehende hatten ihm wohl kurz von der Liebestragödie des Negers
erzählt. Lachend trat er an den Neger heran, ihn offenbar mit höhnendem
Witze noch hänselnd, da, -- ein Aufschrei, -- wie ein rasendes Tier
hatte sich der Neger auf den Unbesonnenen gestürzt, froh, ein Opfer zu
haben, an dem er seine Wut auslassen konnte, -- ein kurzes Ringen, --
ein Aufklatschen im Wasser, und gurgelnd schlossen sich die Wogen des
Amazonas über den Körpern der beiden Unseligen.
Sekunden nur hatte die ganze Tragödie gewährt. Vor Entsetzen starr
hatten die Zuschauer am Hafen gestanden, starr hatten wir vom Schiffe
aus das Entsetzliche mit erlebt. Jetzt ging es wie ein Aufatmen der
Erleichterung durch uns alle. Es war, als ob die Verkommenheit und die
Bestialität sich gegenseitig dem Untergange geweiht hätten.
Unsere Spanierin war von einer leichten Ohnmacht befallen, die sie
später das Ende dieser furchtbaren Tragödie ihres Lebens nicht in der
vollen Grausigkeit erinnern ließ.
* * * * *
In Manáos hatte mich seit meinem Verweilen in der Wildnis die erste
Post aus der Heimat erreicht. Meinem Weibe und meinen Sieben ging es
gut, -- das war die Hauptsache. Die übrigen Briefe und Zeitungen hatte
ich mit an Bord genommen, um sie hier in Muße zu lesen. Was war alles
geschehen in der kurzen Zeit! Der König von Portugal ermordet, sein
Sohn, der Kronprinz, ermordet! Wahrlich, -- die Revolutionäre hatten
gründlich gearbeitet.
Schlechte und Gute mäht der Tod. Mein lieber, guter Freund, Prinz Emil
von Schönaich-Carolath, ist nicht mehr. Der Mensch, der die Güte und
Liebe selbst war! Das tut weh, -- so weh, als ob im März die Sonne
sich plötzlich verbirgt, und nun die Frostluft uns doppelt empfindlich
erschauern läßt. So weh tat es damals, als der Sonnenmensch von Egidy
von uns ging, dieser Mensch, dessen Herz von Liebe zu den Menschen
überfloß.
Doch da, -- was ist das? Wellenringe des Geistes, die da zeigen, daß
das Gute nicht mit dem Tode untergeht, sondern weiterwirkt im Geiste
der Liebe, wie die Sonne nach Millionen von Jahren in der Steinkohle
uns Wärme gibt, -- ein Brief von meinem Maurer, dem verketzerten
Sozialdemokraten, -- mit einer Nummer vom Hamburger Echo: er wisse,
wie warm ich den Prinzen als Freund und Mensch verehrt habe, und
deswegen glaube er, daß es mir eine Freude und Genugtuung sein werde,
zu sehen, daß auch in seinem sozialdemokratischen Parteiblatte, dem
Hamburger Echo, diesem edlen Menschen, obwohl er ein Prinz sei, vollste
Gerechtigkeit in einem warm gehaltenen Nachruf widerfahre. Er kenne die
ganzen Schriften von diesem adligen Dichter und liebe sie, er habe sie
sich alle angeschafft, und seine Frau und seine Freunde läsen sie auch
gern. Und nun wünsche er mir baldige glückliche Heimkehr. --
* * * * *
Bei strahlendem Sonnenscheine waren wir abgefahren von Manáos. Während
ich in meiner Kabine saß und las, hatte ich nicht bemerkt, wie am
Horizonte schnell eine dunkle Wolke hoch stieg, und sich alsbald der
Himmel verfinsterte. Plötzlich war tiefschwarze Nacht. Dicke Tropfen
fielen, die Vorboten des Urwaldgewitters. Schon rauschte es vom Himmel
in Strömen. Unsere indianischen Lotsen hatten die Maschine abstellen
lassen und lagen, wie zwei Raubtiere, mit funkelnden Augen am Steuer,
auslugend, daß sie sich beim Aufblitzen des Wetterleuchtens im
Fahrwasser des Stromes hielten. Die zahlreichen Wracks, die wir auf
der Hinfahrt im Uferschlamme des Urwaldes halb vergraben hatten sitzen
sehen, waren Mahner genug zur äußersten Vorsicht.
Und nun ein grelles Aufleuchten, als ob der ganze Wald in Flammen
stände! In helleuchtendem Violett erstrahlten plötzlich die Blätter auf
den Wipfeln der Bäume. Sekunden nur. Dann ein Krachen und Donnern, als
ob die Erde bersten und uns verschlingen wolle. Tiefschwarze Nacht.
Tosendes Rauschen des Wolkenbruches. Ein neues Flammenmeer, gelb
dieses Mal, betäubendes Krachen, -- Sekunden nun schwarze Nacht, nun
in leuchtendem Blau der ganze Wald, rauschendes Plätschern, Blitz um
Blitz, Donner um Donner, -- ein wunderbar majestätisches Schauspiel.
-- --
Ich vergaß, wo ich war. Zeitlos ward mir die Zeit. Lautlos, langsam
glitt unser Schiff, von den Fluten getragen, stromabwärts.
Zum Strome der Zeit ward mir der Strom, auf dem wir dahintrieben. In
Nacht versunken lag mir die Menschheit. Blitz auf Blitz erhellte ihren
Schicksalslauf, warnend, führend. Hier eine Sandbank, dort die Ufer
mit ihren Gefahren, ihrem Schlamm, ihren Steinen. Könige und Fürsten
sanken dahin, dieser infolge der Tafelfreuden, jener durch Mörderhand,
emporgewachsen aus dem Elend des Volkes. Haben die Blitze euch nicht
gelehrt, wohin ihr steuert, ihr Könige? Hattet ihr die Sonne vergessen,
die allein Licht, Leben schafft, -- die Liebe?
Kriege kamen und mähten die Völker nieder. Haben sie euch nichts
gelehrt, ihr Könige, ihr Völker? Seuchen kamen, und wie Gras, das der
Präriebrand frißt, starben die Menschen! Fünfzehntausend an einer
Cholera, -- weißt du es noch, du stolzes Hamburg? -- Hunderttausende
an Schwindsucht und Typhus im herrlichen Deutschen Reich, jämmerlich,
elend! Und Kloaken gleich fließen unsere einst so reinen Flüsse im
Vaterlande dahin. Niederem Gewürm gleich, zu Knäulen zusammengeballt,
hausen die Menschen in euren steinernen Gefängnissen und siechen
dahin! Schlaft ihr klugen Geheimräte und ihr Professoren? -- In Nacht
liegt die Menschheit, in finsterer, schwarzer, schweigender Nacht
der Selbstsucht und der geistigen Blindheit, und die Seufzer und
Tränen der Millionen klingen zusammen, wie das strömende Rauschen des
Wolkenbruches.
Aber die Nacht währt nicht ewig, wie der Schlaf und der Tod nicht ewig
währen. Ewig ist nur die Sonne und die Liebe.
Das Rauschen wird gelinder, von fernher leuchtet hier und da noch ein
Blitz, -- der Donner wird zu fernhin verhallendem Grollen, -- lichter
wird der Himmel. Endlich, endlich, was wir bänglich ersehnten, der
Tag bricht wieder durch. Strahlend steht die Ewige wieder am Himmel.
Sonne, du Allbezwingerin, Sonne, du alles Schaffende, Liebe, du alles
Erhaltende, sei uns gegrüßt!
Da durchströmt es mich wie neues, warmes, pulsierendes Leben, wie neue,
treibende, schaffende Kraft! Es ist, als ob der Blick nie so weit, die
Kraft nie so groß, die Liebe zu den Menschen nie so warm gewesen sei,
wie jetzt: Liebe muß die Nacht besiegen, Arbeit, nie rastende Arbeit
die Menschheit vorwärts bringen!
Weiter, immer weiter wird der Blick, immer heller liegt mir das Ziel,
wie weithin der Wald in flammendem Sonnenlichte: Der Kampf gegen den
Trunk wird zum Kampfe gegen alles Niedrige, Gemeine, gegen alles
Unglück und Elend der Menschen! Er wird zum Kampfe für die Gesundheit
unseres Volkes, für das Schöne und Reine, für alles Gute und Große!
Der Kampf gegen das Zusammendrängen der Menschen in den Städten, den
Massenquartieren, er wird zum Kampfe gegen Selbstsucht und Habsucht,
gegen alles Enge und Kleine, zum Kampfe für den eigenen Herd, für
die Familie, die Ehe! Und der Kampf gegen die Verpestung der Flüsse,
er wird zum Kampfe für die Erhaltung der Heimat, zum Kampfe für die
Reinhaltung unserer Sitten, unserer Kunst, zum Kampfe für die geistige
Reinheit unseres Volkes, zum Kampfe für die Menschheit! Für diesen
großen Dreikampf das Leben einzusetzen, das heißt leben! Nun komm, Tod,
wann du willst, -- ich hab' gekämpft und kämpfe, bis du kommst! -- mir
ist es einerlei, -- ich hab' gelebt! -- Ihr Wellenringe, werdet frei!
-- -- --
Ja, stampf' nur, Maschine, -- dein Eisenton gibt mir den neuen Takt zu
neuem Leben! Auf zu neuem Kampfe, zu neuem Schaffen und Ringen! Auf zur
Heimat!
* * * * *
Jubelnder Zuruf weckte mich aus meinen Träumen. Vor uns lag die Kolonie
unserer Freunde. Aber welche Veränderung hatte hier stattgefunden.
Weithin war der Urwald gelichtet. Schmucke Blockhäuser, wohin man sah,
umgeben von Bananen- und Orangenhainen, üppigen Maisfeldern, dazwischen
saatgrüne Weiden mit wohlgenährtem Rindvieh, zahlreichen Pferden und
Schafen, das ganze ein Bild blühenden Wohlstandes.
Unsere Freunde waren mit der Pinasse längsseits des Dampfers gekommen,
der die Maschine gestoppt hatte und langsam stromab trieb. Während sie
stolz und frohlockend berichteten von ihrer Arbeit, ihren Erfolgen,
stand am Ufer jenes schöne Weib hochaufgerichtet, ein Bild strahlender
Gesundheit, in den erhobenen Händen ihr Knäblein haltend, braun von
der Sonne, mit dunkelblonden Locken. Und neben der glücklichen, jungen
Mutter fest und glücklich unser sächsischer Freund von der Ausfahrt.
Mich aber erfaßte ein heiliger, beseligender Schauer, -- ich sah den
Gedanken Wirklichkeit geworden, Mensch geworden: sah den germanischen
Stamm, wie er das Volk der Romanen zu neuem Leben erweckte, dieses
herrliche, weite Land neuer Menschheit erschließend.
Hier durfte ich nicht bleiben, soviel mich auch hinüberzog an
das verlockende Ufer. Die Pinasse löste sich vom Schiffe, -- ein
Tücherschwenken, ein Händewinken, -- und stampfend sang die Maschine
ihr »Vorwärts zur Heimat!« Lange stehe ich noch auf Deck und schaue in
der Richtung der im Urwaldzauber verschwindenden Kolonie. Da höre ich
über mir unseren Steuermann leise ein Lied singen:
Es blüht eine blaue Blume
In fernem Märchenland
An schroffem Berggehänge
An stillem Meeresstrand.
Und wer die Blume findet,
Kehrt nimmermehr zurück, --
Vergessen ist die Heimat
Und alles vergangene Glück!
Der Blume Duft bezaubert
Den Wanderer Tag und Nacht.
Die Welt liegt ihm versunken,
In blauer Märchenpracht.
Ich hab' am Meeresstrande
Die Wunderblume gesehn,
Leb' wohl, du Welt, du Heimat,
Es ist um mich geschehn!
Da schüttelte ich den Zauber von mir. Mich erwarten andere Aufgaben:
andere Liebe! anderer Kampf!
Mit Volldampf eilt unser Schiff, von der reißenden Strömung getragen,
flußabwärts. Eilends zieht der Wald an uns vorüber. Orangerot geht die
Sonne hinter dem Urwalde unter. Gegen Norden lagert violettes Gewölk
über den Wipfeln der Bäume, -- düster starrt von beiden Seiten der Wald
auf unser Schiff. Die Flußarme erweitern sich, -- eine frische Brise
weht von Osten uns entgegen, -- Seeluft, -- nur noch achtzig Seemeilen
von der Küste. Die drückende Schwüle ist verschwunden. Wie ein Traum in
farbenprächtiger Erinnerung liegt hinter mir das Erlebte. Im Dunkeln
flimmern die Lichter von Boa Vista auf, einer größeren Niederlassung.
Von den Gärten und den Booten, die im Dunkel des Dickichts versteckt
lagen, steigen uns zu Ehren Raketen leuchtend zum nächtlichen Himmel
empor, -- über uns hellschimmerndes Sternengeflimmer auf dunkelblauem
Grunde. Wie ich einsam oben auf der Brücke stehe, ist es mir, als hörte
ich es leise, lockend aus dem unendlichen Waldrevier ertönen:
+Nosso céo ten mais estrellas,
Nossos varzeas ten mais flores,
Nossas bosques ten mais vida,
Nossa vida ten mais amores+ -- -- --
* * * * *
In Pará gab's fieberhafte Arbeit. Unaufhörlich hob der Kran die
schweren Kisten mit dem kostbaren Gummi auf unser Schiff, daneben
Bananen, Orangen, Paranüsse, Mais, Erze und Felle: -- mit reicher
Rückfracht kehrten wir heim.
Im Hospital, wohin ein Bote mich rief, da ein Schwerkranker mich zu
sprechen wünschte, fand ich unseren Weinhändler aus Bordeaux. Das gelbe
Fieber hatte ihn gründlich gepackt gehabt. Die Ärzte hatten erklärt,
er könne nur noch Genesung hoffen, wenn er unter sorgsamer Pflege
nach Hause transportiert würde. Matt und abgezehrt lag er da. Auf
sein Flehen ließ ich ihn mittels Tragbahre auf unser Schiff schaffen
und bereitete ihm auf Deck ein bequemes Lager. Dankbar faßte er meine
Hand und sprach: »Sie haben nur zu recht gehabt mit Ihren Lehren. Ich
wollte, ich hätte Ihnen früher geglaubt. Aber Sie sollen noch Ihre
Freude an mir erleben.«
Unter anderen Passagieren nahmen wir in Pará noch einen reichen
Nordamerikaner mit seiner Tochter auf, ferner eine Dame
englisch-deutscher Abkunft, eine Miß Cantack, und einen deutschen
Grafen, der mittellos nach Südbrasilien gekommen war und hier die
Tochter eines reichen Großgrundbesitzers geheiratet hatte. Auch
unsere beiden ungarischen Juden reisten wieder mit zurück, beide sehr
kleinlaut. Der eine war krank, dem anderen hatte in Buenos Aires eine
internationale Schöne in einer Schäferstunde beim Glase Sekt seine
gesamte Barschaft abgenommen. Nun schimpften beide weidlich auf die
»Weiber« und waren doch nur betrogene Betrüger.
Im Zwischendeck fand ich unseren Teppichhändler aus Beirut wieder. Er
hatte alle seine singenden Teppiche verkauft und kehrte nun mit vollem
Beutel in die Heimat zurück.
In seiner Begleitung befand sich ein alter Neger, der schwer
lungenkrank war. Er wollte zurück um jeden Preis, um in der Heimat
zu sterben. Dabei quälte ihn arge Todesfurcht. Ein Neger nur, ein
einfacher Neger, und dabei doch so voll Seele und Empfinden, daß sein
ganzes Trachten danach ging, einmal die Heimat noch wiederzusehen, nur
einmal noch die Stätten seiner Kindheit, die Palmen seines Landes, --
und dann in ihrem Schatten sterben.
Auch einige von unseren spanischen Auswanderern, die mit uns
hinausgefahren waren, kehrten mit zurück. Die einen, um sich ihr
Bräutchen nachzuholen, die anderen, die schnell reich geworden waren,
um sich in der alten Heimat niederzulassen; andere aus Heimweh.
Ihnen schloß unsere junge Spanierin sich an, und es schien mir,
daß sie in nicht zu langer Frist den richtigen Ankergrund für ihr
Herzensschifflein gefunden hatte.
Neue reiche Post kam an Bord. Und dann ging es fort vom sonnigen
Wunderland, den Paráfluß hinab, an dem alten kleinen portugiesischen
Kastell vorbei mit seinen zwei nackten Soldaten, die wiederum zum
Flaggenhissen erst gelangten, als unser Dampfer bereits vorbei war,
weil der eine sein Hemd und der andere seine Hose nicht gleich finden
konnte, immer weiter flußabwärts, dem freien Ozean entgegen.
Der süße berauschende Duft wich wundervoll kräftiger Seeluft. Schäumend
mengten sich die gelben Fluten des Paráflusses und des Amazonas mit den
blauen Wogen des Atlantischen Ozeans. Dort in der Ferne Kap Salinas. --
Leb' wohl, du großes, freies, herrliches Land, -- leb' wohl, leb' wohl!
Mögen meine Enkel in dir eine neue sonnige Heimat finden!
* * * * *
Silbern und kornblumenblau schäumten und spritzten am Bug hochauf die
Wogen. Ein scharfer Nordostpassat trieb sie gegen das Schiff. Hart
arbeitete die Maschine.
Ich saß in meiner Kabine und studierte meine Post. Obenauf hatte der
Kapitän mir eine offene Postkarte, adressiert an den Balten, gelegt:
ein Freund schrieb ihm, er sende keinen Brief, weil ein solcher doch
nur abgefangen und nicht in seine Hände gelangen würde. Volk und
Regierung in Rußland verständen sich ebensowenig, wie je. Er möge nicht
erschrecken, hielte es aber doch für seine Pflicht, ihm mitzuteilen,
daß die Leiche seines Weibes, eingebettet in das Eis der Newa, beim
Aufbruche des Flusses im Frühjahre aufgefunden sei.
Unwillkürlich gedachte ich der Symbolik unseres Hexleins. Mir war es,
als sähe ich die Regierung Rußlands, ohne Liebe zum Volke, zu Eis
erstarrt, zugrunde gehen, und mit ihm das ganze, einst so mächtige
Reich. Und von Rußland hatte der große Napoleon einst das Heil der Welt
gehofft und prophezeit! Hatte ihn die Größe geblendet? Hatte er, der
nur die Liebe zum Ruhme besaß, aber keine zu den Menschen, übersehen,
daß in Rußland keine Kultur entstehen konnte, da die Liebe fehlte, die
Liebe zwischen den herrschenden Klassen und dem großen Volke? Heute
würde auch er kaum noch das Heil der Welt vom großen -- unheiligen
Rußland erwarten! --
Wie pulsierendes Leben muteten mich zwei andere Briefe aus der Heimat
an. Der eine war von meinem treuen Mitarbeiter im Bauverein, Drazdak.
Mein Plan, den ich ihnen vor meiner Abreise hinterlassen, die Heide
und den Wald der Spekulation zu entreißen, sei gelungen. Hundert neue
Häuschen mit Garten seien nach meinen Angaben erbaut und bezogen, ein
fröhliches Gewimmel betriebsamer Männer und Frauen, jubelnder Kinder.
Nur in dem einen Dorfe seien die Bauern noch rückständig, aufgestachelt
von einem reichen Städter, der sich dort einen Luxushof gekauft, und
nun mit mammonistischem Raffinement sich ausgerechnet hätte, daß wir
ihm fein zu einem Wege durch sein Moorland verhelfen könnten. »Wir
sollten in der Heide, die zu dem Dorfe gehörte, nicht bauen, es sei
denn, daß wir eine Chaussee durch die Heide legten.« Das fehlte noch,
mit den Arbeitergroschen dem reichen Herrn sein Moorland in Baugrund
umwandeln!
Heftig stampft das Schiff gegen den Nordostpassat. Eisern singt die
Maschine ihr »Vorwärts«.
Das wird Kampf kosten! Prozesse und Eingaben bei der Regierung bis ans
Ministerium. Gott sei Dank, daß in Berlin Männer sitzen, die noch den
Begriff der Gerechtigkeit kennen. Mehr als einmal haben wir dort unser
Recht bekommen, das die unteren Behörden uns weigerten. Schimpfen auf
die Sozialdemokraten können sie, aber sie züchten sie künstlich und
gründlich mit ihren Härten und Ungerechtigkeiten. -- --
Brauchst mir kaum Mut zuzurufen, mein treuer Freund im Amte, -- ich
gebe doch nicht nach, und wenn diese Kurzsichtigen mir für meine
Armen auch noch so viel Schwierigkeiten machen. Den Prozeß der armen
Brotträgerin, der der Vogt die Invalidenkarte zerrissen hatte, weil sie
angeblich nicht versicherungsberechtigt war, die Karte, die ich ihr
geschenkt, und die ihren ganzen Trost für Alter und Arbeitsunfähigkeit
bildete, -- den haben wir auch gewonnen in letzter Instanz. Herr Gott,
gib unseren Vögten und Räten nicht nur Verstand, sondern auch Liebe,
damit sie nicht so viele Dummheiten machen und immer wieder Petroleum
ins Feuer gießen!
Und da ein langer Brief von Br. Asmussen über den Stand unserer
Guttemplerbewegung! Fein ist all der Same aufgegangen, den wir
gestreut. In Hamburg-Altona und Schleswig-Holstein ist unsere Hochburg.
Tausende kennen das Wahrzeichen des Glases Wasser als Symbol für die
Tat, für die Freiheit von törichtem Vorurteil und für die Liebe zu
unseren Brüdern. Und wo immer wir den Samen gestreut, am Rhein und
in Bayern, in Schlesien, und in Sachsen, überall ist er aufgegangen,
überall streuen die Logen Glück, Gesundheit, Wohlstand aus. Freilich,
die Wirte schimpfen, und die Brenner schreien Zetermordio.
Aus Berlin berichtet Freund Heinz, der mit seiner »goldigen« Ehehälfte,
dieser kleinen tapferen Volksschullehrerin, unermüdlich arbeitet,
rettet, aufklärt, Milchhäuschen schafft, Logen gründet, -- Wellenringe
aussät, die nie vergehen. Mensch, Lieber, wie bist du lebendig
geworden! Wie wärest du tot gewesen, wärst du in deinem soliden und
behaglichen Philistertum hängen geblieben! Ja, -- so ist's. Die
Lebendigen sind die, die für die anderen mitleben, und die Toten die,
die nur an sich denken, an sich, an ihren Bauch oder ihr Portemonnaie.
Die ziehen keine Wellenringe. Sie züchten sich dicke Bäuche, an denen
die Würmer reichen Schmaus haben, wenn sie sterben, und ihr bißchen
sogenanntes Leben sinkt mit ihnen ins Grab. Kommt mir nur mit eurer
Unsterblichkeit der Seele, diesem unsichtbaren, weißen Schatten, der
im Tode im langen weißen Hemde mit goldenen Flügeln gen Himmel fliegt,
-- zum ersten Rang, wenn's ein Reicher war, -- ins Parterre, wenn sie
einem armen Teufel gehörte. Nein, und tausendmal nein, -- will euch
ein ander Lied singen: Seele ist der Teil Gottes in euch, den ihr euch
einsogt durch euer Leben, um ihn als Wellenringe wieder von euch zu
geben, -- als Wellenringe der Liebe, denn Gott ist die Liebe! So ihr
aber keine Liebe hattet, hattet ihr Gott nicht, hattet ihr überhaupt
keine Seele, wart nur Fleisch und Blut, -- und das vergeht gar schnell.
-- --
Das Schiff stampft, und eisern singt die Maschine ihr Lied. In der
Kabine hört man, wie der Nordost die Wogen gegen den Bug schleudert.
Merkwürdig, -- beide, Asmussen und Freund Heinz klagen in gleicher
Weise, was auch mir immer schon ein Rätsel war, daß sie unsere Lehre
so schwer in die Reihen der Freimaurer tragen können, die doch die
»Humanität« als obersten Begriff auf ihre Fahne geschrieben haben. Und
jeder Begriff trägt doch seine Aufgabe, ihn zu erfüllen, ihn in Leben
umzusetzen, in sich! Hätten sie statt des fremden, lateinischen, lieber
das deutsche Wort gewählt: »Menschlichkeit«, vielleicht würde ihnen
das Wort wärmer zu ihrer Seele sprechen und ihnen den Zusammenhang all'
dieses grausigen Menschenelends mit seinen Trinksitten, die sie bei
ihren Festen pflegen, klarer werden lassen. Denn das Wort ist der Vater
der Tat, wie der Gedanke der Vater des Wortes.
Und doch, Schwager Ludwig, will ich nicht hart noch ungerecht gegen
dich und die Brüder sein. Viel schafft ihr, viel, viel Gutes und
Großes. Dein Brief führt es mir wieder so recht vor Augen, und ich
verstehe deinen reinen Stolz, wenn du von deiner Commeniusgesellschaft
berichtest und all den Werken der Liebe, die ihr ins Leben ruft, euren
Landerziehungsheimen, euren Töchterheimen, euren Säuglingskrippen
und Volksbibliotheken, und was ihr alles Gute schafft. Glaubst, ich
sehe die Wellenkreise nicht, die da aus deinem Studierstübchen und
aus deinem geheimen Archiv hinausziehen ins Land, alle die Geister
mit unsichtbaren Fäden umspinnend, die im Geiste der Liebe zu wirken
suchen? Möge vor allem euer Streben, unsere Erziehungskunst mit diesem
Geiste zu durchtränken, von Erfolg gekrönt sein!
Wie weit ist's noch bis dahin! In Berlin soll jetzt ein besonderer
Lehrstuhl für Pädagogik errichtet werden, nachdem unser vortrefflicher
Paulsen gestorben, schreibst du? Das ist famos! Freilich -- das hätte
vor hundert Jahren schon geschehen dürfen. Immerhin, es ist ein Schritt
vorwärts. Denn die Ergründung der Kindesseele und ihrer tausendfachen
Feinde in Schule und Haus, auf der Straße und im Wirtshause ist für
unser heutiges Kulturleben wahrlich eine Wissenschaft für sich.
Vorwärts, vorwärts! singt der Kolben in der Maschine. Ob der
Kultusminister die Melodie wohl kennt?
Und wir kommen vorwärts! Da zwischen den Zeitschriften, die mein Weib
mir, treulich gesichtet und geordnet, nachgeschickt hat, ein Aufsatz
von dem tapferen Gurlitt: »Erziehung zur Tat.« Ein mannhaftes Wort an
unsere akademischen Kreise über diesen entsetzlichen, so unsagbar viel
Gesundheit, Kraft, Seelenleben und Liebe zerstörenden akademischen
Trunk. Nur zu sehr hast du recht, wenn du wackrer Streiter sagst:
Durch die akademischen Trinksitten schädigen also die höheren Stände
das Gesamtleben des deutschen Volkes in einer Weise, wie es annähernd
kein germanisches anderes Volk heute duldet. Es ist Heuchelei
schlimmster Art, sich über Trunksucht der Arbeiter zu entrüsten,
solange das Vorbild dieser Trunksucht, die akademische Trinksitte,
noch Duldung genießt.
Durch die akademischen Trinksitten seiner höheren Stände wird
das deutsche Volk verhindert, in der Welt zu dem Platze völlig
aufzusteigen, auf den es Anspruch hat. Die akademischen Trinksitten
schädigen unser Ansehen im Auslande hauptsächlich da, wo wir vor allem
Achtung suchen, bei den Germanen des Nordens und des Westens, den
Skandinaviern, Engländern und Nordamerikanern. Diese begreifen nicht,
weshalb die Brudernation ihre beste Intelligenz so frevelhaft gegen
Vernunft, gute Sitte und eigenes Wohl wüsten läßt.
Vorwärts, vorwärts! Wie der Kolben stößt! Hochauf wirbelt die Schraube
in die Luft, da das Schiff sich mit dem Bug vorn in die Wogen bohrt.
Zitternd steht das Schiff. Aber vorwärts, vorwärts stampft der Kolben,
und vorwärts drängt unser Kiel. --
Die Seele der Maschine hält mich in ihrem Bann. Wer gibt dir leblosem
und doch belebtem Ungetüme die Kraft, gegen diese vom Nordost
gepeitschten Wogen unermüdlich anzukämpfen? Wer beseelt dich, tote und
doch lebende, gewaltige Eisenmasse, mit diesem unermüdlichen Willen?
Und aus dem stählernen Dröhnen des Kolbens heraus klingt es wie eine
unendliche Melodie: Die Sonne, die Liebe! --
Vor Jahrtausenden hatte die Sonne die Pflanzen aus der Erde gelockt.
Die Kraft der Sonnenwärme speicherte sich in ihren Zellenleibern auf;
-- Liebe zum Leben, Liebe zu Weib und Kind hieß den Bergmann in die
Tiefen der Erde hinabsteigen, die zu schwarzer Steinkohle gewordenen
Palmen und Farne der Urzeit ans Tageslicht zu fördern, damit sie hier,
in Herd und Ofen, den Menschen die Wärme wieder spenden, die sie vor
Jahrtausenden in den Sonnenstrahlen getrunken hatten, die nämlichen
Sonnenstrahlen, die hier unter den gewaltigen Dampfkesseln prasselnd
das Wasser in Dampf verwandeln, der stöhnend und fauchend den Kolben
zwingt, auf und nieder zu fahren.
Und der Ingenieur, der das rohe Eisen zur sinnreichen Maschine
umgewandelt hatte, die Schmiede und Schlosser, deren Schläge und
Feilenstriche ihr die Form gaben, -- waren sie nicht geworden, was
sie waren, durch die Liebe von Vater und Mutter? Und nun trug dieses
Gebilde von Menschenhand, geschaffen von Urzeiten her durch Liebe,
getrieben mit der Kraft der Liebe und der Sonne, Waren und Geistesfäden
von Land zu Land, Länder und Völker verbindend zu immer neuer
Freundschaft, den Pfändern der Liebe immer neue Wege weisend zu neuen
Ländern, ein Träger der Liebe, getrieben von Liebe, und doch alle diese
Liebe eingezwängt in den stählernen Rahmen des Gesetzes der Mechanik,
-- unabänderlich wie die Gesetze, die berufen sind, die Menschheit als
Menschheit zusammenzuhalten, soll sie nicht als Herde zugrunde gehen.
Und wie der Kolben mächtig stampfend sich hob und senkte, und desto
mächtiger, je mehr der Nordostpassat sich uns entgegenstemmte, da rief
er mir zu: »Je größer die Aufgabe, je größer der Widerstand, um so
größer sei unsere Kraft, um so eiserner unser Wille, ihn zu besiegen,
unendlich, unermüdlich.«
Da gedachte ich wiederum unseres Bismarck, des Mannes der Tat, dem kein
Widerstand zu groß war, und der seine Kraft schöpfte aus seiner Liebe
zu seinem Vaterlande und seinem Volke.
Und das Achsenlager, in dem er ruhte, -- dieser Eiserne, der uns
vorwärts brachte! -- ohne Reibung ruhte, -- es lag in seinem deutschen
Hause, in seiner Ehe, in der Liebe seines Weibes, seiner Johanna.
Und wieder flogen meine Gedanken heimwärts zu meinem Heime und den
Meinen, zu meiner Heimat, zu unserem Elbstrome, zu meiner Vaterstadt
Hamburg. Und wieder sah ich vor meinem geistigen Auge das Doppelzeichen
der Liebe und der Tat: unsere alte Michaeliskirche und das granitene
Standbild des eisernen Kanzlers. --
* * * * *
Neben mir standen der Amerikaner und seine Tochter. Unwillkürlich
flossen unsere Gedanken zusammen. Da begannen sie zu erzählen von
ihrem großen, freien Vaterlande, von ihrer Jugenderziehung, die
nur das eine Ziel hatte, starke, kluge Menschen heranzubilden, die
wußten, was sie ihrem Körper, dem Gefäße ihrer Seele schuldeten: die
wußten, was sie dem Lande, das sie hervorgebracht, das sie ernährte,
schuldeten. Stolze, freie Liebe sprach aus ihren Worten, wenn sie von
ihrem Lande sprachen. Und ihr Präsident, ihr Roosevelt! Den Trusts,
den schier allmächtigen Vereinigungen der Geldfürsten Amerikas, die
nur an ihr eigenes Portemonnaie dachten, aber kein Herz für ihr
Vaterland und ihr Volk hatten, hatte er den Riesenkampf aufgezwungen.
Die unermeßlichen Wälder, die sinnlose Habgier vernichtet hatten,
so daß das Klima nicht nur Amerikas, sondern sogar Europas darunter
litt, sollten neu aufgeforstet werden. Die Arbeiter sollten durch
eine Schutzgesetzgebung, der die deutschen Gesetze als Muster gelten
sollten, sichergestellt werden für den Fall der Not infolge von
Krankheit, Unfall und Alter. Fest und unerschütterlich hatte er gemahnt
zum Frieden mit Japan. Aber seine Regierung war nur die Fortsetzung
geworden all der anderen großen Präsidenten, wie Franklin und Lincoln,
bis auf seinen letzten Vorgänger. Den unglücklichen Negern hatten
sie das menschenunwürdige Sklavenjoch abgenommen, unbekümmert um das
Geschrei der Frommen im Lande und der Besitzenden. Staat um Staat hatte
sich frei gemacht von dem Fluche des berauschenden Giftes, Gefängnisse
in Schulen, endlose Einöden in blühende Gefilde verwandelnd! Das
alles hatte die starke Liebe eines freien Volkes zu seinem Vaterlande
vermocht!
Und dann berichtete die Tochter, wie sie im Vereine mit Männern und
Frauen für die Verbesserung der Wohnungsverhältnisse der arbeitenden
Klassen arbeitete, erzählte von Pullmanns Arbeiterstadt mit ihren
vortrefflichen hygienischen und sozialen Einrichtungen, berichtete von
ihrer +sunshine society+, ihrer Sonnenscheingesellschaft, durch
die sie keine Wohltätigkeit ausüben, sondern nur Freude und Liebe,
Sonnenschein denen bringen wollten, die seiner bedurften. Ein Gedanke
sei es, der alle, die ganze Nation, beseele, vom Präsidenten an bis zum
jüngsten Mitgliede der Sonnenscheingesellschaft: daß die Menschen alles
seien, die Institution nichts. Darum sei das ganze Ziel des Regierens,
wie das der Erziehung, Menschen zu bilden, starke, freie, gesunde
Menschen, die ihr Vaterland liebten.
Mir aber war es, als fühlte ich trotz des eisigen Nordostpassats, der
uns entgegenwehte, einen warmen, weichen Hauch des Westwindes aus
höheren Luftschichten, wie er im Frühlingssturme von Amerika her über
den Ozean an die Küsten meines deutschen Vaterlandes braust.
Weich und warm wie Frühlingswind klang auch das, was uns die
Engländerin, die sich zu uns gesellt hatte, aus ihrem englischen
Vaterlande erzählte. Sie hatte es sich zur Lebensaufgabe gewählt,
zwischen dem englischen und dem deutschen Volke zu vermitteln, als eine
liebevolle, geschickte Geschäftsträgerin von Volk zu Volk hinüber- und
herüberzutragen, was jedes an sozialen Liebeswerken Neues, Großes,
Gutes schuf in Bekämpfung der Alkoholnot, der Säuglingssterblichkeit,
der Tuberkulose, der Flußsanierung, der Wohnungsnot, des
Arbeiterschutzes, der Volksbildung, der Gartenstadtbewegung, der
Bodenreform und der internationalen Schiedsgerichte zur Wahrung des
Weltfriedens.
Diese schlichte Frau mit ihrem warmen Herzen, ihrer sprudelnden
Lebhaftigkeit und ihrem klugen Verstande war eine Kulturträgerin und
Kulturvermittlerin, von deren segensreicher Arbeit nur diejenigen etwas
ahnten, die mit ihr zusammen arbeiteten, deren Arbeit wie befruchtende
Samenkörner der Liebe in das geistige Erdreich beider Völker fiel,
um zu immer neuer Saat aufzukeimen, und deren Name anspruchslos in
den Archiven schlummerte, für die sie arbeitete. Und während kein
Titel und kein Ruhmesblatt sie nannte, zog ihr Geist Wellenringe von
Volk zu Volk, die sich wie dichte Fäden hinüber- und herüberspannten,
unvergängliche Bande des Friedens knüpfend.
* * * * *
Bei Tisch wurde unser Gespräch fortgesetzt. Der Amerikaner erzählte,
wie Roosevelt Kanada und Mexiko zu einem Kongreß eingeladen habe, um
gemeinsam mit Nordamerika den Waldverwüstungen entgegenzuwirken, um so
die natürlichen Hilfsquellen des Landes zu erhalten.
Ich berichtete mit freudigem Stolze, welchen Vorsprung Deutschland
vor allen Ländern der Erde in der Arbeiterschutzgesetzgebung errungen
habe, welche Summen alljährlich von den Arbeitgebern und Arbeitnehmern
aufgebracht würden, um dem Elend zu steuern; und wie in Deutschland
allen Ernstes jetzt an dem Ausbau der Witwen- und Waisenversicherung
gearbeitet würde. Beschämt berichtete der Amerikaner, wie zurzeit
in Nordamerika alljährlich noch 35000 Arbeiter infolge von
Betriebsunfällen ums Leben und zwei Millionen Arbeiter alljährlich
in ihren Betrieben zu Schaden kämen. Aber nun würde auch dieses bald
anders werden.
Leuchtenden Auges erzählte seine Tochter von den Apfelsinenpflanzungen
im San Bernardius-Gebirge in Kalifornien, wo menschliche Arbeit durch
Kultur des Bodens, durch Düngung und Bewässerung, Vertilgung der
Schädlinge, zweckmäßigsten Versand und Schaffung eines Riesenmarktes
gezeigt hat, was sie zu leisten vermag; wo ein Gut von hundert Hektar
alljährlich 100000 Dollars einbringt. Aber was ist geschaffen worden!
Flüsse sind um und über und durch Gebirge geleitet, um Wüsteneien in
Gärten der Hesperiden zu verwandeln.
Und dann erzählte sie, wie der Gesetzentwurf der Nationalreklamation
durchgebracht wurde, durch den diese Bewässerungen zur Tat wurden. Wie
es zum größten Teil der energischen Agitation des Senators Francis
Newland vom Staate Nevada zu danken war, der vor der Annahme des
Gesetzes Abend für Abend Lichtbildervorträge veranstaltete, um seine
Notwendigkeit zu beweisen. Zwei Fünftel der gesamten Landfläche der
Vereinigten Staaten bestanden bis vor zehn Jahren aus Wüsten oder doch
aus Ländereien, die nur während der kurzen Regenfälle, die über sie
niedergingen, sich mit einem Anfluge von Gras bedeckten. Und nun waren
es fruchtbare Fluren, die Tausenden Brot und Arbeit spendeten.
Unwillkürlich gedachte ich der endlosen Heiden und Moore in unserem
Vaterlande und sah sie umgewandelt im Geiste in blühende Gefilde und
bevölkert von jauchzendem glücklichen Volke.
Der deutsche Graf aus Brasilien meinte, alle diese Liebeswerke nützten
doch nichts, um die Sozialdemokratie aus der Welt zu schaffen; die
könne und müsse man nur mit Kartätschen von der Erde wegfegen. So
kam das Gespräch auf den Sieg der sogenannten nationalen Parteien im
deutschen Reichstage über die Sozialdemokraten. Der Graf meinte, diese
müßten ausgerottet werden, wie die Moskitos in den Tropen.
»Der Vergleich paßt recht gut,« ließ sich nun die Fürstin vernehmen.
»Wir können die Sozialdemokratie als die Folgeerscheinung
eines Krankheitszustandes in unserem Volke betrachten, eines
Krankheitszustandes,« -- und hier hob sie die Stimme, -- »an dem
wir aber selbst schuld sind. Die Moskitos sind freilich die
Krankheitsursache selbst, und doch wieder auch eine Folgeerscheinung
der Versumpfung des Bodens. So können wir ein altes Schlagwort:
›Eine jede Gesellschaft hat die Verbrecher, die sie verdient‹, dahin
ausdehnen, daß wir sagen: ein jedes Volk hat die Sozialdemokraten, die
es verdient, wie die Tropen die Moskitos.
Unsere bürgerlichen Parteien haben gesiegt? Gewiß, das ist erfreulich.
Sie haben für einige Jahre die Mehrheit im deutschen Reichstage. Es
war notwendig, schon der Erhaltung unserer Kolonien wegen. Aber jeder
Sieg legt Pflichten auf gegen die Besiegten. War der Haß der Besiegten
gegen die herrschenden Klassen ungerecht? Sind nicht seit langem
Herzlosigkeit, Hochmut und Ungerechtigkeit der Besitzenden Schürer
dieses Hasses? Füllen Brenner und Brauer sich nicht alljährlich ihre
Taschen mit den Milliarden, mit denen sie Jahr für Jahr aufs neue
Tausende und Abertausende in Schande und Tod treiben? Stecken nicht
die Bodenspekulanten die Riesengewinste ein, für die die anderen ihnen
hinterher zeitlebens fronen müssen? Die Besiegten sind unsere Brüder.
Wenn Krieg ist, sollen wir Schulter an Schulter mit ihnen kämpfen.
Sie sind die Masse, die unser Volk, unsere Nation ausmacht, die unser
Vaterland verteidigen soll, wenn es in Gefahr ist.
Es ist nicht nur Pflicht des Siegers, gerecht zu sein, sondern auch
klug.
Wenn die Menschen ein Land von Moskitos säubern wollen, so rotten sie
vor allem die Brutstätten dieser Plage aus, indem sie die Wassertümpel,
in denen diese Insekten ihre Eier ablegen, austrocknen oder mit Kalk
oder Petroleum desinfizieren. So müssen wir der Sozialdemokratie ihre
Brutstätten zerstören. Das sind diese Proletarierwohnungen in Stadt
und Land, und was Kalk und Petroleum gegen die Moskitos ist, das ist
Gerechtigkeit und Menschenliebe gegen die Besitzlosen. Jede Stadt,
jedes Land, jeder Gutshof hat die Sozialdemokraten, die sie verdienen.
Sie sehen, meine Herrschaften,« fügte sie lächelnd hinzu, indem
sie sich von der Tafel erhob, -- »die Hygiene bietet uns Handhaben
genug, um Parallelen zur Politik zu ziehen.« -- Ich konnte ihre
Darlegungen nur bestätigen. Der Graf von Holstein hatte ebensowenig
Sozialdemokraten auf seinen Gütern gehabt, wie mein guter Freund,
der Prinz von Schönaich-Carolath, weder Sozialdemokraten noch fremde
Arbeiter hatte, keine Polen, keine Italiener und keine Schweden. Die
Arbeiter blieben bei ihnen, weil ihre Herren gerecht waren, weil sie
durch Fleiß vorwärts kommen konnten, und weil sie fühlten, daß man sie
nicht gering achtete, sondern als Menschen liebte.
Wir traten aus der Kajüte ins Freie und schauten vom Deck aus über
die schäumende, blaue Flut. Gleichsam als wollte der Himmel uns den
unerschöpflichen Reichtum der Natur zeigen, stoben nach beiden Seiten
des Bugs silbern in der Sonne glitzernde Scharen von fliegenden Fischen
über die Wogen dahin.
* * * * *
Ich ging zur Kommandobrücke hinauf. Dort fand ich unseren Kapitän in
schwermütigem Brüten versunken. Ich fragte ihn nach seinem Kummer.
Erst wollte er nicht mit der Sprache heraus. Schließlich schüttete er
mir sein Herz aus. Er machte sich Sorgen, daß er mit dem Kohlenvorrat
nicht reiche. Der ungewöhnlich heftige Nordost, gegen den wir ankämpfen
mußten, hatte unsere Fahrt bereits um Tage verzögert. Leicht konnten
wir noch auf weitere drei bis vier Tage rechnen, ehe wir Madeira
erreichten. Ohne Kohlen im Sturm mitten auf dem Atlantischen Ozean,
das war freilich eine ernste Lage. »Stimmt unser Kurs?« fragte ich
ihn. »Wir haben genau navigiert, der Kurs stimmt.« »So kommen Sie mit
zum ersten Maschinisten. Er muß genau wissen, wie lange unsere Kohlen
reichen.«
Wir gingen in den Maschinenraum. Von dort mit unserem Maschinisten
in den Kohlenraum. Dessen Rechnung stimmte. Wir hatten noch genügend
Feuerung für mindestens sechs Tage. Und selbst wenn der Sturm anhielt,
mußten wir längstens in vier Tagen Madeira erreichen. Der Kapitän
atmete auf und schüttelte mir die Hand.
Da ward mir klar, ein Glaube ohne Gewißheit ist ein übles Ding.
Ich aber wußte, es gibt etwas, was nicht Stoff und nicht Kraft dieses
Stoffes, sondern Geist ist, und da Gott Geist ist, so mußte dieser
Geist Gott sein. -- Und so wahr, wie die Sonne am Himmel stand, gab es
Liebe in der Welt. Und die Liebe ist Geist, -- so mußte Gott die Liebe
sein, die alleinige, allmächtige Liebe. Aber dieser Glaube an Gott,
an diesen Gott der Liebe, muß Gewißheit sein. Und wie die Sonne nicht
tot ist, sondern lebendig und Leben schafft, so muß auch unser Glaube,
der ja selbst Liebe ist, und somit allein uns schon mit Gott vereint,
lebendig sein und Leben schaffen, Leben und neue Liebe. Denn der Glaube
ohne Liebe, der Glaube ohne Werke ist tot, wie die Sonne tot sein würde
ohne Wärme, wie unser Schiff ein toter Haufen Eisen und Holz sein würde
ohne die Kohlen, die erfüllt sind von der wärmespendenden Kraft der
Sonne.
Und über das Meer herüber grüßte mich das Doppelwahrzeichen der Heimat:
der Turm der Heimatkirche und das granitene Standbild des eisernen
Kanzlers, die Wahrzeichen der Liebe und der Tat.
* * * * *
Auf dem Vorderdeck war lustiges Gewoge Tag für Tag, Tanz und Gesang;
Spanisch und Portugiesisch klang durcheinander. Alle fröhlich,
ausgelassen, erwartungsvoll, was die in der Heimat Zurückgebliebenen
wohl sagen würden, daß man nun heimkam mit Geld in der Tasche. Nur
einer saß dazwischen, allein. Ich hatte ihn gefragt, was ihm fehle.
Errötend hatte er mir gestanden, er habe sich kurz vor der Abreise
mit einer Brasilianerin verlobt. Nun wollte er sich selbst von seinen
Eltern die Erlaubnis holen zur Heirat; aber er kriege sie, fügte er
tief aufatmend hinzu, denn sein Mädchen sei schön und gut, -- fast wie
die Madonna selbst. Als ich ihm den Rücken gekehrt hatte, hörte ich,
wie er leise sang.
Da ging ich zu einer anderen Gruppe. Die zählte ihr Geld, das sie mit
heim brachten. Der Amerikaner trat hinzu und fragte: »Womit habt ihr
euer Geld verdient, Leute?« »Wir haben Land urbar gemacht,« antworteten
die einen; »wir haben Straßen und Eisenbahnen gebaut,« die anderen. Da
stellte sich ein Kecker vor den Amerikaner hin und fragte: »Und womit
du?« »Du hast ein Recht zur Gegenfrage,« antwortete unser Mitreisender,
»ich habe Möbel fabriziert, einfache und kostbare. Ich war ursprünglich
Tischlergeselle, erfand mir dann selbst meine Maschinen für mein
Gewerbe und wurde Fabrikant.« Der Frager zog mit höflichem Danke für
die Auskunft ab.
»Wissen Sie,« wandte sich der Amerikaner lächelnd zu mir, »ich war
ehrlich froh, daß ich dem Manne die Antwort geben konnte und nicht
zu sagen brauchte: ich habe glücklich spekuliert; denn ich hätte mich
vor diesen Leuten geschämt. Reichtum und Reichtum ist zweierlei.
Jeder Reichtum, der erworben ist durch Schaffung von notwendigen,
praktischen, gesunden oder schönen Gegenständen, von wirklichen Werten,
oder durch geschickte und richtige Verteilung dieser Güter unter die
Menschen, ist ein wohl verdienter Reichtum. Der Arbeiter, der Land
urbar macht; der Bauer, der Korn oder Obst pflanzt; der Fabrikant,
der irgend Gegenstände des täglichen Lebens anfertigt; der Kaufmann,
der den Überfluß unserer einheimischen Waren über das Meer schafft
und uns wiederum mit Früchten und Waren anderer Länder versorgt; der
Ingenieur, der uns elektrisches Licht schafft; der Schiffsbauer, der
unsere Schiffe, der Architekt, der unsere Häuser baut; der Arzt, der
uns unsere Gesundheit erhält oder wiedergibt; der Künstler, der unser
Dasein verschönt; der Seelsorger, der unseren Herzen Frieden spendet
-- sie alle schaffen Werte, die --« »Und die Könige, die Gesetzgeber?«
»Auch sie schaffen Werte und vielleicht die größten, vorausgesetzt, daß
sie ihre Pflicht tun und fähig sind, ihre Pflicht zu tun. Auf jeden
Fall ist ihre Verantwortung am größten.
Aber nehmen Sie alle diese anderen modernen Erwerbszweige, die
Brenner und Brauer, die mit ihren Erzeugnissen das Volk vergiften,
die Kornspekulanten, die dem Volke das Brot verteuern, wie dieser
Schuft von Patten, den sie den Weizenkönig nennen, und vor dessen
zusammengeraubten Millionen sie knixen, die Bodenspekulanten, die dem
Volke die Grundlage des Daseins verteuern, oft genug die Schaffung
des eigenen Heims unmöglich machen und sich dabei die Taschen füllen,
-- sie sind Vampyre in des Wortes schlimmster Bedeutung für unsere
menschliche Gesellschaft, und wir werden uns, soweit wir ihnen nicht
mit Hilfe des Gesetzes ihr unsauberes Gewerbe legen können, nur
dadurch von ihnen befreien, daß wir diese Art, Reichtümer zu sammeln,
als unehrenhaft, als schimpflich brandmarken. Sie müssen gerichtet
dastehen in der Gesellschaft, in einer Linie mit den Schnapswirten und
Bordellinhabern.«
Mir ging es bei diesen Worten wie eine Befreiung von schwerem
Druck durch meine Seele. Also auch jenseits des Ozeans der gleiche
Pulsschlag! Mein Herz pochte vor Freuden. Der gewaltige Stoß des
Kolbens aber, der zu uns herüberdröhnte, klang mir wie ein jauchzender
Kampf- und Siegesruf zur Anbahnung einer besseren, größeren,
glücklicheren Zeit.
Nach einer Weile, während wir beide in Schweigen unseren Gedanken
nachgegangen waren, griff mein amerikanischer Reisegefährte den Faden
unserer Unterhaltung noch einmal auf. »Sehen Sie,« begann er, »ich
bin Jude, -- aber mein Feind soll mir nicht nachsagen, daß ich an
der Krankheit leide, die man Mammonismus nennt. Ich bin im Gegenteil
der Ansicht und habe versucht, ihr durch mein Leben und das meiner
Kinder Nachdruck und Geltung zu verschaffen, daß vornehm sein sich
nicht verträgt mit irgend welcher Härte oder Ungerechtigkeit gegen
diejenigen, die anscheinend unter uns stehen, sondern daß auch der
Ärmste vornehm sein kann, wenn er freudig die Vorzüge des anderen
anerkennt und sein Leben dafür einsetzt, anderen zu helfen und dem
Ganzen zu dienen. Wir müssen dahin kommen, daß wir es als einen Mangel
an Bildung brandmarken, wenn einer, wes Standes er auch sei, nur an
sich denkt und hochmütig oder herzlos auf die anderen herabschaut.
Ich habe oft darüber nachgedacht, wie sich diese, ich möchte sagen
krankhafte Selbstsucht der Menschen von heutzutage entwickelt hat,
und da komme ich immer wieder zu dem Resultat, daß sie zum Teil
begründet liegt in der tierischen Abkunft des Menschen, wurzelt in dem
rein tierischen Instinkte der Selbsterhaltung, des Hungers und der
Fortpflanzung. Zum Teil aber scheint sie mir direkt zusammenzuhängen
mit jenem von der christlichen Lehre zuerst gepredigten persönlichen
Fortleben nach dem Tode, als ob unsere Seele etwas Umrissenes,
etwas Substantielles, etwas in sich Abgeschlossenes, uns speziell
Ausmachendes und Angehörendes sei und nicht vielmehr, ebenso wie
unser Körper, ein sich täglich, stündlich Erneuerndes, Ergänzendes,
über seine Grenzen Hinüberflutendes und von allen Seiten in sich
Aufnehmendes, ständig Wachsendes und Gebendes.
Haben wir uns aber erst zu dieser Anschauung durchgerungen, so
verliert ebenso der Tod seine Schrecken, wie das eigene Ich dieses
überwiegende Interesse, das wir ihm heute schenken. Wir sind vielmehr
gezwungen, uns mehr für die zu interessieren, von denen wir ständig
neue Seelenbestandteile, wenn ich so sagen darf, in uns aufnehmen, als
auch für die, in die Teile von uns ständig übergehen. Ja, es wird
unser ernstestes Bestreben werden, möglichst viele solcher Seelenteile
von außen in uns aufzunehmen und auf andere wieder zu übertragen, da
wir sehr bald einsehen lernen, daß hierin vor allem und in denkbar
schönster, vollkommenster Weise das Leben besteht.«
Mir war eigen zu Sinn. Nun entwickelte mir hier, mitten auf dem Ozean,
ein Fremder diese innersten Gedanken meiner Seele, und noch dazu so
klar und sicher, als ob sie bereits Gemeingut der ganzen heutigen
Menschheit seien.
* * * * *
Ich saß in meiner Kabine und blätterte in Zeitungen aus der Heimat,
die ich in Pará noch an Bord bekommen hatte. Meine Gedanken weilten
noch bei den Gesprächen mit unserem Amerikaner. Wir waren wiederholt
auf die Arbeiterversicherungen gekommen. Ich hatte ihm meine Pläne
von der Vereinfachung und dem Ausbau dieser Versicherung zu einer
deutschen Volksversicherung erzählt. Er war ganz meiner Ansicht, daß
wir danach streben müßten, unser an sich schon kompliziertes modernes
Kulturleben großzügiger, einfacher zu gestalten und begrüßte daher
meine Vorschläge als wertvollen Anfang in dieser Richtung. Und nun
las ich hier: »Die neue Reichsversicherungsordnung. Es heißt nicht
mehr Arbeiterversicherung, weil eine ganze Reihe weiterer Berufszweige
einbezogen wird, Lehrer und Beamte mit kleinen Gehältern; sie will
endlich auch die Versicherung der landwirtschaftlichen Arbeiter
und der Dienstboten von Reichs wegen sicherstellen.« Soweit wäre
nun der Widerstand der Konservativen gebrochen, und diesen beiden
großen Gruppen von Arbeitenden, die bislang zum größten Teile dem
patriarchalischen Wohlwollen preisgegeben waren, endlich Gerechtigkeit
geschehen. Nun, -- meine Rechtsanwälte haben auf meine Kosten manchen
Strauß ausfechten müssen, um armen Dienstmädchen zu ihrem Rechte gegen
dieses »patriarchalische Wohlwollen« zu verhelfen, das nur zu oft
gerade dann versagte, wenn Krankheit die Ärmsten arbeitsunfähig gemacht
hatte.
Ja, stoß nur, Kolben, wirbele nur, Schraube, -- unser Schiff geht
vorwärts, -- ich fühle es hier in der Kajüte, mag der Nordostpassat
auch noch so ungebärdig sich entgegenstemmen. Und was du, eiserner
Kolben, dem Schiff bist, das ist für das Vorwärtskommen der Menschheit
die Kraft der Wahrheit und der Liebe.
Der Durst nach Gerechtigkeit in der Nation wächst. Der Wille ist da. So
wird auch der Weg gefunden werden zur Gerechtigkeit.
Aber das ist köstlich, -- das alte Gesetz hatte schon rund 900
Paragraphen, das neue gar 1793 Paragraphen! Herrgott, -- das haben
gewiß 1793 Geheimräte fabriziert! Und im Geiste sah ich 1793
Allongeperücken mit langen Zöpfen. Das Bild war so lustig, daß ich laut
zu lachen anfing.
Da schaute mein Kapitän herein: »Was lachen Sie denn, Doktor?« Ich
erzählte ihm von dieser drohenden Mißgeburt und erinnerte ihn an das
Wort Bismarcks, »Deutschland wird noch an seinen Geheimräten zugrunde
gehen.«
Er nahm aber meinen Arm unter den seinigen und zog mich auf die
Kommandobrücke. »So,« sagte er, »hier oben unter der Sonne, im Sturme
berichten Sie mir von Ihrem Plane, wie Sie sich die Sache denken.«
Er mußte mir recht geben: ein Kaufmann, der sein ganzes Leben schwer
gearbeitet hat und nun Bankerott macht, weil ein Bankhaus falliert,
mit dem er geschäftlich verbunden war; ein Fabrikant, der sich ehrlich
bemüht und fleißig geschafft hat, der sein Vermögen verliert, weil
irgend eine unvorhergesehene Konjunktur seine Industrie lahmlegt; der
Arzt, der durch Krankheit seine Tätigkeit einbüßt; der Künstler, den
sein Genie über die Grenze menschlichen Könnens hinausführte und ihn in
Trübsinn warf, daß seines Schaffens Kraft gelähmt wurde: wer sorgt für
sie in Krankheit und Alter? Für jeden Arbeiter, für jedes Dienstmädchen
soll gesorgt werden. Das ist gut, war längst notwendig, -- aber wer
sorgt für alle diese anderen?
Deswegen müssen wir eine deutsche Reichs- oder Volksversicherung haben,
in die jeder Deutsche vom vierzehnten Lebensjahre hineinzuzahlen hat,
wes Standes er sei, an die er aber erst Ansprüche stellen darf, wenn er
unter 2000 Mark Jahreseinnahme hat. So wäre für die Schwachen gesorgt
durch die Starken und für die Starken, wenn sie einmal schwach werden.
Und statt der 1793 Paragraphen brauchten wir nur diesen einen.
In diesem Augenblicke drückte der Sturm das Schiff mit seinem Bug in
die Wogen, daß der kornblumenblaue Schaum hoch über das Deck spritzte,
und die fliegenden Fische erschreckt nach beiden Seiten über das Meer
glitzerten. Sekundenlang schnarrte die Schraube hinten in der Luft, und
seufzend stampfte der Kolben, bis endlich das Schiff wieder Fuß in den
Wellen gefaßt hatte und seinen Kurs wieder aufnahm.
Schon lange hatte ich am fernen Horizonte einen leichten, grauen
Streifen betrachtet, der wie eine Fata Morgana bald schwand und bald
wieder sichtbar war, einer Nebelbank gleich, die über den Wogen zu
ruhen schien. Aber nun wuchs das wolkenartige Gebilde. Es nahm Formen
an, Bergketten ähnlich. Die Formen erhielten Farbe, das nebelhafte
Grau wich helleren Streifen und dunkleren Schatten, -- es war kein
Zweifel mehr: vor uns lag Madeira. Dort oben, zum Teil im Sonnenlichte
glitzernd, zum Teil von Nebelwolken verhüllt, der ewige Schnee jenes
höchsten Gipfels, von dem aus ich Befreiung erlangt hatte von der Qual
meiner Seele.
Und nun, am Fuße der Bergketten hier und da grüne Streifen, dazwischen,
wie aus einer Spielzeugschachtel entnommen, Häuschen, Dörfer, und nun,
in großem Bogen dem Meere angelagert, die Hafenstadt Funchal.
* * * * *
Kaum hatten wir Anker geworfen, so waren auch die Händler schon
wieder an Bord mit Stickereien und Goldwaren, Spielzeug, aus seltenen
Hölzern geschnitzt, und anderem Tand. Ich kaufte ein für meine Lieben
daheim, was mir gefiel. Nur für mein Weib fand ich nichts, was mir gut
genug schien. Und doch, -- da oben in meiner Kabine lagen eine Anzahl
Blätter, auf denen hatte ich festgehalten, was Sturm und Sonne mich
gelehrt auf der Reise, -- der »Sonnenscheinsamen«, der mir geworden war
in fremden Landen und auf dem unendlichen Ozean.
* * * * *
Ich fuhr mit einem der zahlreichen Boote an Land, -- einmal wollte
ich noch das Tal des Vergessens erleben, in dem ich damals den
österreichischen Kollegen entdeckt hatte. Ein gutes Pferd war bald
gesattelt und in scharfem Trabe ritt ich die mir bekannten Pfade ins
Gebirge hinein.
War niemand in der Zeit dorthin gekommen in diese Einsamkeit? Oder
hatten Dankbarkeit und Pietät der Anwohner gegen den einstigen Besitzer
das verlassene Häuschen mit einer Art heiliger Scheu beschützt? Ich
fand noch alles genau, wie wir es seinerzeit verlassen. Nur der Garten
war zu einer Art Wildnis ausgewachsen, so daß das Haus völlig versteckt
in einem Walde von Bananenbüschen, Kamelien und Rhododendron lag, das
Ganze mit wilden Rosen, Wein und Efeu überrankt, wie das Zauberschloß
Dornröschens.
Und wie ich auf einem moosübersponnenen Stein dasaß in der Wildnis,
tauchte noch einmal der ganze Zauber der Geschichte meines Freundes
wieder vor mir auf, sein Leid, seine Liebe, seine Lieder.
Und unwillkürlich mußte ich eines Weibes gedenken, das mir selbst vor
langen Jahren wie ein guter milder Stern erschienen war, an die ich
geglaubt, und zu der ich gehofft hatte, und die mir dann schweres,
bitter schweres Leid angetan. Ich hatte sie ausgemerzt aus meinen
Sinnen, -- doch wunderbar, hier in dieser märchenhaften Einöde, hier
kam mir unwiderstehlich die Erinnerung und mit dieser das Bewußtsein,
daß sie der Hilfe bedürftig sei. Da schwand der letzte Rest von Haß und
Groll aus meinem Herzen, und das Gefühl drängte zur Tat, ihr helfen zu
müssen um jeden Preis. Ja, -- das wollte ich, sobald ich daheim war.
Und von dem einstigen Besitzer des Hauses zogen die Gedanken zu den
anderen, die damals mit hinausfuhren: alle, alle kamen sie noch einmal
im Geiste und grüßten mich, ehe ich von dem blauen Ozean, der uns nun
trennte, Abschied nahm. Und leise, leise hörte ich aus weiter Ferne ein
weiches brasilianisches Lied und sah ein paar glückliche Mutteraugen
auf einem prächtigen Krauskopfe ruhen. -- -- --
Da horch, -- vom Hafen her, wie ein störendes Aufwecken aus seligem
Traume, drei schrille, doch nur zu bekannte, langgezogene Töne unserer
Nebelpfeife, -- das Zeichen meines Kapitäns, daß es Zeit zum Aufbruche
sei.
Mir war es die Stimme der Pflicht, die mich aus weichen Träumen zur
Arbeit, zu neuem Leben rief. Fort, ihr romantischen Zauber, die ihr so
süß seid und die Wunden der Seele so wonnig zu heilen versteht. Das
Leben verlangt mich, die Arbeit, die Tat. Denn nur Arbeit, strenge,
ernste, ausharrende Arbeit führt zum Ziele.
Hellauf wieherte mein Pferd, als ich im Bügel saß. Die Studentenzeit
tauchte noch einmal vor mir im Geiste auf. So hoffnungsfroh war mir
zu Sinn. Während ich in der Richtung nach dem Meere zu durch die
Schluchten Madeiras ritt, sang ich mein altes Reiterlied, das ich als
fröhlicher Bruder Studio so oft gesungen hatte, wenn ich auf meiner
Schimmelstute durch Marburgs Wälder und Berge geritten war. Und ich
sang mein Lied von Anfang bis zu Ende:
Ich reite über die Felder
Im hellen Sonnenschein,
Bin frohgemut im Herzen
Und bin doch so allein!
Der Wind streicht über die Heide;
Ich merk's an seinem Duft!
Mir ist's, wenn ich ihn trinke,
Als ob mich die Liebste ruft!
So reit' ich über die Berge
Und durch manch tiefes Tal,
Ihr Bild in meinem Herzen,
Bis sinkt der Sonne Strahl.
Bald sinkt die Nacht hernieder,
Die bringt mir der Freuden viel.
Ich reite unverdrossen,
Bis ich an meinem Ziel.
Mein Ziel? -- Was war mein Ziel? -- Mein Heim stand fest begründet.
Darinnen erwartete mich mein Weib und die blonde Schar meiner Kinder,
meine schlanken Mädchen und meine starken Buben. -- Größer noch war
mein Ziel, -- so groß, daß es mich schier erdrückt hätte: meinem Volke
hatte ich helfen wollen nach meinen Kräften aus seiner Not, seinem
Elend. Und dabei hatte ich mich müde und krank gearbeitet, und bitter
gering hatte mich der Erfolg meiner Arbeit gedeucht, -- zum Verzweifeln
gering.
Aber da oben auf dem schneebedeckten Berge, da war es mir klar
geworden, daß der Wille von uns Menschen größer ist, als alles Elend
der Welt, daß der Geist mächtiger ist, als alle sogenannte Macht. Denn
der Geist ist Liebe, und die Liebe stammt von Gott, dem allumfassenden,
allmächtigen Geiste. So muß der Wille, der von der Liebe erfüllt ist,
alles erreichen können!
So kam es denn nur darauf an, mit diesem Geiste diejenigen zu erfüllen,
die an der Spitze des Volkes stehen, das ganze Volk, vor allem sich
selbst erfüllen: dann mußte es anders werden.
Ich hatte erkannt, daß jeder Mensch sein Leid, seine Bürde hat. Daß
aber ein froher Wille uns frei macht auch von dieser Bürde.
Die Weite der Erde hatte ich erkannt, und wie sie noch Platz hat für
uns alle.
Und wohin ich kam, hatte ich die große, allumfassende Liebe gespürt,
die das Weltall regiert. Aus aller Herren Länder hatte ich Atemzüge
dieser Liebe empfunden und war erwärmt und gestärkt von den Wellen
warmen Geistes, die von dieser Liebe ausgingen. Was Wunder, daß ich mit
neuem Mute meinem Ziele entgegenstrebte.
So kam ich zum Hafen. Dem braunen Burschen übergab ich das Pferd, und
dann aufs Schiff.
* * * * *
Dunkel drohte der Himmel. Ich hatte, in Sinnen verloren, nicht bemerkt,
daß ein schweres Gewitter heraufzog. Schon fielen dicke Tropfen.
Heulend brauste der Sturm los, während wir die Anker lichteten. In
finstere Nacht versunken lag das schöne Madeira. Kaum sah man hier und
da ein Lichtlein blinken. Dumpf rollten die Donner von Berg zu Berg,
gespenstisch durchglühten Blitze die Finsternis.
Da -- ein scharfer Blitz, ein Krachen, ein Splittern, als ob der Himmel
einstürzen wollte, -- plötzlich sah ich in der Richtung, aus der ich
soeben gekommen, eine Flamme auflodern, fern oben in den Bergen.
Dort droben in der Richtung des Feuers lag der Gletschergipfel und
an seinem Fuße das Hüttchen, in dem ich noch soeben geweilt. Weit
und breit war kein anderes Haus. Kein anderes konnte es sein, das der
Blitz sich ausgewählt. Nun sah man deutlich im Scheine der Flammen auf
einen Augenblick die Umrisse erschimmern. Dann sank die Glut in sich
zusammen, und dunkele, stille Nacht lagerte sich über die Insel.
Wir aber fuhren Volldampf voraus, der Heimat entgegen.
* * * * *
In meiner Kabine lag reiche Post, Briefe und Zeitungen, sorgfältig von
liebender Hand gesichtet, aus langer Zeit angesammelt.
Wie schnell doch die Menschen heranreifen!
Meine Älteste will sich mit dem blonden Studentlein, der ein tüchtiger
Arzt geworden, verheiraten, nach dem Osten des Vaterlandes, dort, wo
der Slawenansturm unsere deutsche Kultur schon zu bedrängen droht!
Recht so -- das nenne ich Liebe zum Vaterlande durch die Tat. Helft nur
mit eurem Leben und eurem Blute dort die Grenzwache verstärken und den
germanischen Schutzwall.
Und mein Ältester, -- das freut mich, -- von unten auf! Willst du
Baumeister werden, mußt du erst wissen, wie der Mörtel gemischt wird
und die Steine gesetzt werden, und lernen, wie es tut, in Sonne und
Regen mit gekrümmtem Rücken den Tag über stehen, und die Hände rühren.
Höre von Mund zu Mund, wo unser Volk der Schuh drückt, -- und hilf ihm
später. Ich wollte, daß auch unsere Fürsten solche Lehrzeit von unten
auf durchzumachen hätten!
Und die Emma? Ist am Rhein, lernt Obstbäume ziehen und Gemüse bauen.
Ja, -- wurzele nur mit beiden Beinen und deiner ganzen Seele im Reiche
der Natur, erkenne ihr weises Walten, erstarke dabei an Leib und Seele,
und zeige den anderen Frauen und Mädchen später den Weg zur Gesundung,
damit wir herauskommen aus diesem faden, schwächenden Genußleben von
heute. So tust du eine Kulturtat, so groß, daß du ihre Wellenringe
heute noch nicht ahnen kannst.
Ich träumte lang, mit dem Briefe meines Weibes in der Hand, -- sah im
Geiste meine drei jüngsten Buben bei ihren Büchern sitzen, sah sie
ihre Schiffe bauen und ihre Kähne zimmern, sah mein Weib meine Kranken
trösten und Sonnenschein ausgießen über die Menschen. Alles, was sie
schreibt, ist erfreulich, erwärmend, um sie herum ein Kreis sonniger,
gütiger Menschen. Die reiche Nachbarin, die elf Kinder hat, hat bei dem
Schneewetter einen ganzen Waschkorb voll alter Kinderstiefel geschickt.
Bald ist's im Dorfe ruchbar geworden, und nun ist eine Völkerwanderung
losgezogen von armen Leuten, die Schuhzeug für ihre Kleinen bei uns
haben konnten.
Der Dölke, der Nachbar von meinem Freunde Maurer, ist seinem
Krebsleiden endlich erlegen. Da hat denn Tante Olly, die vorher schon
mit Bettzeug und Mietegeld ausgeholfen hatte, weil die Krankenkasse
abgelaufen war, mit ihrer Schwester für die Hinterbliebenen einen
musikalischen Abend veranstaltet; alle Freunde und Verwandten sind
geladen worden. Die dritte Schwester hat an der Kasse gesessen, und
jeder hat sein Scherflein beisteuern müssen. Sechshundert Mark haben
sie zusammengebracht. Tante Olly hat einen Prolog gesprochen, weil die
Schwester sich gar soviel Mühe gegeben hat. Den hebe ich mir auf!
Aber die Olly ist stecken geblieben, so hat sie die Rührung gepackt.
Das ist doch ein anderes Wohltätigkeitsfest, als die sonst üblichen
Basare mit Putz und Flirt. Ich sehe sie vor mir, diese warmherzigen
Frauen, -- da ist nichts von Eitelkeit und Zurschaustellen. Da ist
alles Herz und Liebe. Ein Fest sei es gewesen, so recht nach meinem
Geschmack, alles äußerliche, Bewirtung und Bedienung, so einfach wie
möglich, aber alles Frohsinn, Kunst und Liebe, -- ein Fest im Geiste
einer neuen, schönen Renaissance.
Noch einmal griff ich nach dem Briefe aus der Heimat, da, auf einer
Seite, die ich vorhin übersehen:
»Und nun noch eine ganz besonders große Freude für Dich. Erinnerst
Du Dich noch des Eisenfabrikanten aus der Stadt, dem Du beim Notar,
als Du das letzte Stück Land für Deinen Bauverein kaufen wolltest,
das halbe Prozent Zinsen abbetteltest? Du warst so glücklich
darüber, hattest ihm klar gemacht dabei, wie wichtig es für die
Arbeitgeber sei, gesunde, tüchtige, zufriedene und glückliche
Arbeiter zu beschäftigen, statt eines in den dumpfen Höfen der
Großstädte verkümmerten und verbitterten Proletariats, und wie es
Dir gelungen sei, in Deinem Bauverein hier draußen, eine ganze Reihe
solcher unglücklichen Familien wieder aufwachen zu sehen zu neuem
Menschendasein. Und dann hatte er Dich acht Tage später gebeten,
da ihm deine Worte als Samenkorn in die Seele gefallen waren, im
Verein der Industriellen einen Vortrag zu halten über dieses Dein
Lieblingskapitel. Weißt Du es noch? Denk' Dir nur, wie die Saat
aufgegangen ist! Die Stadt hat die ganze große Heide aufgekauft!
Und Dein Freund von der Wandsbecker Gartenstadtgesellschaft, für
die Du damals den ersten Vortrag hieltest, um die Menschen für
diesen neuen Gedanken zu gewinnen, der wird auch dort helfen, eine
Arbeiter-Gartenstadt zu erbauen, wie es heißt für zwanzigtausend
Familien, mit Einzelhäuschen, und alle im niedersächsischen
Heimatstil. Was sagst Du nun dazu?« -- -- --
Wie eine Woge von warmem Sonnenschein durchflutet es mich: Hei, wie der
Samen der Liebe aufgeht! Ich muß wieder heim, muß wieder dazwischen
sein! Mein Herz verlangt nach Frohsinn, Kunst und Schaffen in Liebe.
-- --
* * * * *
Die Nacht ist längst hereingebrochen. Ruhiger ist das Meer, kraftvoll
durchschneidet unser Schiff die Wogen, lind zieht die Luft in meine
Kabine, durch deren offene Tür die Sterne zu mir hereinfunkeln.
Ich kann nicht schlafen. So greife ich denn zu meinen Zeitungen.
Herrgott -- was ist das? -- Der Kaiser hat einem englischen
Berichterstatter sein Herz ausgeschüttet, -- er wolle Frieden mit
England um jeden Preis. Er habe sogar den englischen Feldherren damals
im Burenkriege den Feldzugsplan geschickt, nach dem die unglücklichen
Afrikaner dann besiegt wurden, -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- nein,
nein und tausendmal nein, das ist nicht wahr, das hast du nicht getan,
Kaiser, -- so klein, so -- -- so kannst du nicht sein.
Aber zuviel geredet hast du, Kaiser, und nun kommen sie und schieben
dir Dinge unter, die du nicht getan und nicht gesagt hast, -- und du
als Kaiser kannst dich nicht verteidigen, kannst dich nicht mit dieser
Preßmeute herumzanken und sagen, das habe ich gesagt und getan, und das
habe ich nicht gesagt und nicht getan. Oh, ich weiß es, drüben über
dem Kanal, da neiden sie dich uns und wollen Katzenhaare säen zwischen
dich und uns, damit du wehrlos seiest ohne dein Volk, und dein Volk
führerlos ohne dich.
Doch du tust das, was du allein als Kaiser tun kannst: du schweigst.
Oh, das ist schön, ist groß von dir, -- nun kann ich dich wieder lieben
wie zuvor, und über die Wogen des Ozeans hinüber fühle ich -- sie alle
lieben dich nun wieder wie zuvor um dieses deines Schweigens willen!
Nun bist du wieder unser Kaiser! Und hast du auch zehnmal verkehrt
gehandelt, du bist ein Mensch, warum solltest nicht auch du dich irren
können? Allein diese Leute von der Feder, die angeblich deutsche
Politik treiben wollen, aber an einem Strange ziehen mit deinen
Verleumdern jenseits des Kanals, sie sollen dich uns nicht verleiden,
damit sie ihr Geschäft machen; -- sie können uns dir nicht abspenstig
machen, -- denn du bist aus unserem Stamme und unser Fürst, unser
Kaiser, und sollst es bleiben!
Aber warum die lauten Feste, Kabaretts und Narrenspossen in so ernsten
Tagen, in denen dein Volk um dich bangt? Haben sie dir die Wahrheit
vorenthalten, deine sogenannten Freunde? Es kann nicht anders sein! Und
da, -- in deiner schwersten Stunde, während dein Volk entsetzt über
das, was ihm zu Ohren gekommen, im Reichstage über dich zu Gericht
sitzt, -- beim glänzenden Festmahle -- fern von deiner Hauptstadt
-- dein Flügeladjutant tot, -- dein bester Freund, -- tot von der
Tafel gesunken -- die Hand erstarrt, die eben noch den Sektpokal
umklammert hielt, -- der schöne, kraftvolle Mann! -- Armer Kaiser, --
deine Freunde holt das Geschick dir weg, als ob sie aus Unkrautsamen
hochgeschossen seien! Armer, armer Kaiser! -- --
Sei froh, Kaiser, -- es waren keine Freunde! Feinde waren es, die dich
umsponnen hatten und dich blind gemacht! -- -- -- --
Ich aber gedenke meines Traumes, damals nach der Kaiserparade, --
als ich die lange Tafel sah, an der unser Volk zechte, und oben
saß der Kaiser. Und als er das Sterben an der Tafel sah und den
Verwesungsgeruch roch von den Leichen, die beim langen Mahle zu Boden
gesunken waren, da stand er auf und schritt über die Brücke. -- --
Kaiser, mein Kaiser, wann stehst du von der Sterbetafel auf und
schreitest über die Brücke in das Tal der Liebe und der Tat? -- --
* * * * *
Die Nacht ist wundervoll. Sternenklar der Himmel, maienlinde die Luft,
blausilbern das leichtbewegte Meer. Ich gehe zur Brücke hinauf. Unser
erster Offizier Stockhorst hat die Wache. »Nun sind wir bald heim,«
flüstert er, sich die Hände reibend. »In zwei Tagen Lissabon, dann die
Biskaya, Vigo, Havre, Rotterdam, -- die Nordsee, unsere Elbe --« »Halt
ein,« falle ich ihm ins Wort, »es ist zu schön, um es auszudenken, --
und über allzu Schönem in der Zukunft soll man die schöne Gegenwart
nicht vergessen.«
Nach einer Weile Schweigen berichtete er mir denn aus seinen Zeitungen
von dem entsetzlichen Erdbeben in Messina: »Zweimal hunderttausend
Menschen mit einem Schlage tot, eine ganze große Stadt mit einem Male
ein riesiger Trümmerhaufen, ein unsagbar furchtbarer Kirchhof!« --
»Warum?« -- »Ich bin dagewesen,« brach er los mit ungestümer Kraft.
»Ein Gottesgericht möchte ich es nennen. Die Menschen wußten doch,
auf welch gefährlichem Boden sie wohnten! Warum mußten sie denn die
Bevölkerung in diese steinernen Massenquartiere zusammenpferchen?
Hätten sie die Bevölkerung auseinandergezogen, nach Art der neuen
englischen Gartenstädte, nicht die Hälfte, nicht der zehnte Teil des
Unheils wäre erfolgt. Aber der Bodenwucher, die Profitsucht hatte
sie alle geblendet. So eng mit Mietskasernen besetzt, brachten die
städtischen Grundstücke ungeheuren Zins.«
Da dachte ich an meine Vaterstadt und das Unglücksjahr 1892, als
der Würgengel Cholera in wenigen Tagen die Tausende von Menschen
dahinraffte, und an die Gängeviertel mit ihren Proletariermassen und an
das schmutzige, verpestete Wasser der Elbe.
»Aber großartig«, fuhr unser Friese fort, »war die Hilfeleistung von
allen Nationen. War noch kein Unglück, das die Menschheit betroffen,
so groß gewesen, wie dieses, so waren die Völker noch nie so einig
im Liebeswerk gewesen, wie hier. Gelt, Doktor, wenn wir gerade im
Mittelmeer gewesen wären, wir wären auch gleich hingefahren und
hätten mitgeholfen, so gut wir konnten?« Ich nickte nur und drückte
ihm die Hand. In meinem Sinne dachte ich daran, wie dieses furchtbare
Unglück Wellenkreise der Liebe gezogen hatte, die nie vergehen können,
Freundschaftsbande unter den Nationen geknüpft hatte, fester, inniger,
als irgend eine Predigt es vermocht hätte. So mußte auch wohl dieses
große Unglück im Weltenplane vorgeschrieben sein, ohne dessen Gesetz
nichts geschieht, vorgesehen, um die Menschheit ihrem großen Ziele, in
Liebe vereinigt zu sein, näher zu bringen. -- --
* * * * *
Am anderen Morgen tauchten die neuen Passagiere auf, die wir in Madeira
spät abends an Bord genommen hatten. Ein Kommerzienrat aus Dresden, der
mit seiner Tochter auf Madeira zur Kur geweilt hatte, um die Nachwehen
eines schweren Unfalles ausheilen zu lassen. Das Automobil seines
besten Freundes daheim hatte ihn auf der Straße überfahren und ihm ein
paar Rippen gebrochen.
Mit Ingrimm gedachte ich bei seiner Erzählung dieser rasselnden und
stinkenden Ungeheuer, in denen, wie unser Amerikaner sarkastisch
bemerkte, vorzugsweise Menschen führen, die sehr viel Zeit haben:
Reiche Damen, junge Gecken, Demimonde und dergleichen an Muße reiche
Menschenkinder, die nun in ihrem Übermenschendünkel nichts Besseres
zu tun haben, als ihre weniger wohlhabenden, auf der Chaussee
dahinhastenden oder zur Erholung schlendernden Mitmenschen in graue,
benzinduftende Staubwolken zu hüllen.
Und im Geiste sah ich einen endlosen Totenreigen, von Chausseestaub
eingehüllt, von Reichen und Armen, von Greisen und Kindern, von Blinden
und Trunkenen, lauter Opfer des Automobilsports, und hörte endlose
Schmerzensschreie und Flüche von vereinsamten Müttern.
»Gott sei Dank«, fügte die Tochter des Amerikaners hinzu, »wird
neuerdings bei uns in Amerika jeder, der durch zu schnelles Fahren
einen Menschen tötet, kurzerhand wegen Totschlags bestraft, und ein
Chauffeur, der das Auto seines Herrn ohne dessen Erlaubnis aus der
Garage nimmt, um auf eigene Faust auf demselben Vergnügungsfahrten zu
unternehmen, wegen Diebstahls, weil man beobachtet hat, daß gerade bei
solchen Fahrten dieser rücksichtslosen Menschen das meiste Unglück
passiert!«
Sodann war ein junger Arzt aus Südwestafrika aufs Schiff gekommen, ein
paar Franzosen und Belgier aus dem Kongogebiete, feine, schneidige,
jüngere Leute, dabei bescheiden und zurückhaltend und ein besonders
angenehmer Landsmann in mittleren Jahren, der Sohn eines Hamburger
Senators, der, von Ostafrika kommend, den Seeweg durchs Mittelmeer
genommen hatte, um in Madeira Zwischenstation zu machen, ehe er in
seine nordische Heimat zurückkehrte.
Ich erkundigte mich bei den Belgiern und Franzosen nach dem
Gesundheitszustande in ihren Kolonien. »Uns geht es dort
ausgezeichnet«, erwiderten zwei von ihnen in gutem Deutsch und
lächelten dabei vielsagend. Ich fing den Blick auf und fragte, was sie
mit der eigentümlichen Betonung des Wortes »uns« sagen wollten. »Eh
nun,« sagte der Belgier, »die Deutschen sterben bei uns fast alle an
der Malaria und am gelben Fieber.«
»Und warum?« »Sie können das Trinken nicht lassen, Bier und Wein und
Whisky mit Soda; dazu essen sie viel zu viel Fleisch und vor allem die
in den Tropen so überaus schädlichen Konserven, Wurst, Schinken und
Büchsengemüse. Wir leben wie die Einheimischen dort von den Gemüsen und
Früchten des Landes, Brot und Reis, etwas Fisch, ab und zu ein Huhn,
und unser Getränk ist Milch, Kaffee, Tee oder Limonade aus unseren
Früchten.«
Mein junger Kollege aus Südwest sprang erregt auf und sagte:
»Meine Herren, Sie haben völlig recht. Ich selbst habe das Glück
gehabt, zeitig durch einen vortrefflichen Landsmann, den deutschen
Regierungsarzt +Dr.+ Külz in Kamerun, über diese wichtigen
Fragen aufgeklärt worden zu sein, der seit zehn Jahren in unseren
Kolonien tätig ist und durch unausgesetzte Aufklärungsarbeit dort
unendlichen Segen stiftet. Er ist einer der wenigen Deutschen dort,
der absolut enthaltsam lebt und infolgedessen in den ganzen Jahren
nicht einmal krank gewesen ist, während fast alle übrigen Deutschen
durch Malaria und gelbes Fieber schwer zu leiden haben. Aber was soll
der einzelne machen, solange in Berlin in unseren leitenden Kreisen
eine solche schülerhafte, ja, ich möchte sagen frivole Unwissenheit
über diese Frage herrscht. Hören Sie nur den Bericht über eine Rede
des Staatssekretärs Dernburg, die ich soeben in einer meiner deutschen
Zeitungen fand, die meine Mutter mir nach Madeira nachgeschickt
hat. Dernburg hat diese Rede am 21. Januar in der deutschen
Kolonialgesellschaft in Gegenwart des Kaisers im Plenarsitzungssaale
des Reichstages gehalten:
›Die Tausende Bastardkinder machen einen geradezu schmerzlichen
Eindruck. Die Eingeborenenverordnungen, die das Verhältnis der
Schwarzen und Weißen regeln, müssen im wesentlichen aufrechterhalten
bleiben. Der Schwarze wünscht eine Autorität über sich, die ihn
verständig leitet. Da die Ansiedler in Südwestafrika eine dauernde
Heimat für ihre Kinder und Kindeskinder suchen, wird ein Ausgleich
ihrer speziellen Farminteressen und der allgemeinen Interessen
leicht zu erreichen sein. Die meiste Bevölkerung gibt in der Heimat
sehr vieles auf. Der einzige Ort zum Austausch der Gedanken und zu
geistiger Anregung ist in Südwestafrika das Wirtshaus, daher ein
enormer Alkoholkonsum; außer Spirituosen und Wein für 7000 erwachsene
Männer jährlich 35000 Hektoliter Bier. (Große Heiterkeit, in die auch
der Kaiser einstimmt.) Damit vergleiche man, daß auf der vorjährigen
Münchener Ausstellung nur 8600 Hektoliter Bier ausgeschenkt wurden.
(Erneute Heiterkeit.)‹«
Der Leser schwieg tiefaufatmend. Ein schwüles Schweigen herrschte in
unserem kleinen Kreise. Mir schwindelte. Ich stand im Geiste wiederum
auf dem Bergesgipfel von Madeira und reckte meine Hand nach ihm aus,
der so viel Unheil verhüten konnte, und es nicht tat. -- Kaiser, mein
Kaiser, wie konntest du lachen, wenn der Mann, den du zur Erkundigung
unserer Kolonien hinausschicktest, so entsetzlich beschämende Dinge
mitteilt! -- -- Du hast nicht gelacht. Die Zeitung lügt einmal wieder.
Oder hast du die Opfer vergessen, die unser Feldzug in Südwest gekostet
hat, all dieses gute deutsche Blut, was dort geflossen ist?
Du hast es gelitten, daß den Hereros, die vor der Zeit, ehe wir ihnen
»unsere Kultur« brachten, ein fleißiges, starkes, gesundes, nüchternes
Volk waren, schiffsladungsweise der von unseren adligen Herren und
Schnapsbrennern gebrannte Sprit hinübergebracht wurde. Wir haben diese
Wilden, die uns fleißige Arbeiter in diesem heißen Klima hätten werden
sollen, zu faulen Bestien gemacht, ihre Häuptlinge zu Trunkenbolden, --
deine eigenen Behörden in unseren Kolonien haben ihnen den Branntwein
verkaufen helfen und die Gewehre dazu, mit denen sie dann die Söhne
unseres Landes aus dem Hinterhalt niederknallten, als ihnen in ihrer
Verkommenheit der Durst nach der alten Freiheit -- Freiheit von
»unserer Kultur!« -- aufdämmerte! Und als der Mann, den du selbst
hinübergeschickt hast, dich über all das Unheil, was dort herrscht,
durch uns dort herrscht, unterrichten will, -- da lachst du mit der
Menge, wie ein unwissender Knabe, -- Kaiser, mein armer Kaiser, --
wieviel mußt du noch lernen! -- -- -- -- -- --
Kaiser, mein Kaiser, -- du kannst nicht gelacht haben! -- --
Oder hat dich dein eigener Sohn nicht aufgeklärt über das Unheil,
das der deutsche Trunk in unserem Vaterlande sowohl wie in unseren
Kolonien anrichtet? Der ist doch von unseren Freunden genügend
unterrichtet worden! -- Aber freilich, der ist ja, wie die Zeitungen
melden, in letzter Zeit beschäftigt gewesen, ein neues Patent für
Manschettenknöpfe zu erfinden, -- und hat die Anmeldung zurückziehen
müssen, weil selbst diese Erfindung vor ihm schon ein Handschuhmacher
gemacht hatte. -- -- -- -- -- --
Als wollte er das peinliche Schweigen brechen, fing der Erzähler noch
einmal von dem +Dr.+ Külz an und berichtete, wie dieser auf dem
Zweirade durch die endlos weiten Distrikte führe, viele Tausende von
Negern in ihren Dörfern bereits geimpft hätte, überall aufklärend
wirke, helfend, heilend, dem deutschen Namen Achtung verschaffend,
dankbar verehrt von den Schwarzen, wie ein Heiliger, und dabei ein
lebensfroher Mensch!
Mir aber schlug das Herz höher, denn dieser +Dr.+ Külz war ja vor
Jahren als blutjunger, frischgebackener Doktor von Kiel zu mir als
Assistent gekommen. Wie hatte er mich damals ausgelacht über meine
Enthaltsamkeit von Wein und Bier. Dann hatte er sich selbst eine Praxis
gegründet in seiner schlesischen Heimat, hatte sein blondes Mädel
gefreit. Aber der Drang nach größerem Wirkungskreise ließ ihn nicht
rasten.
So war er hinausgezogen in die afrikanische Wildnis. Aber ehe er
hinausfuhr, war er noch einmal eingekehrt bei mir, und in der
Fliederlaube in meinem Garten hatte ich ihm so lange zugesetzt, bis
er, in die Enge getrieben durch meine Berichte über die Erfahrungen
aller unserer großen Tropenforscher, die ich ihm aufzählte, mit raschem
Entschlusse sein Gelübde unterschrieb. Die Feder mit Tinte hatte ich
ihm in die Hand gedrückt. Und nun war das Samenkorn aufgegangen und
trug tausendfältige Frucht.
Und dankbar und glücklich gedachte ich der Lehre von den Wellenringen
des Geistes, die nimmer aufhören!
Die Franzosen und die Belgier hatten sich inzwischen taktvoll still
empfohlen, da sie merkten, daß wir Deutsche durch den Bericht über den
Vortrag von Dernburg sämtlich auf das peinlichste berührt waren. Mein
junger Kollege wandelte wie ein Löwe über das ganze Schiff, um seine
innere Erregung zu meistern.
* * * * *
Mein Landsmann, der Hamburger Patriziersohn, war ein stiller, kluger
Mensch. Wir waren allein sitzen geblieben. Wir sprachen über Hamburg,
über den Handel in Ostafrika, über Professor Koch und seine Studien
über Schlafkrankheit. Aus allen seinen Erzählungen leuchtete ein
vornehmer Sinn und ein scharfer Verstand, gepaart mit einer wohltuenden
Freundlichkeit. Er erzählte von seiner Reise durch das alte Wunderland
Ägypten und dem seltenen Schauspiele, das er in Kairo bei Gelegenheit
der Heimkehr der Mekkapilger hatte erleben können.
Eins vor allen Dingen habe er gelernt bei dieser Gelegenheit, das
sei das höchste Ziel, um das der Mensch ringen müsse: die Erkenntnis
dessen, der die Seele der Welt ist, -- einerlei ob die Menschen
ihn Gott oder Jehova oder Allah nennten! -- Ich aber gedachte der
Offenbarung des Geistes aller Welten, die mir unter dem Himmel der
Tropen am Fuße jener Palmen geworden war, die mich gelehrt hatte, daß
dieser Geist eins ist mit der Liebe! --
Ein unsichtbares Band war es, was mich mit diesem neuen Freunde verband
und mich lebhafter ahnen ließ als je zuvor, daß wir Menschen alle
»Brüder eines Vaters« sind. -- -- --
* * * * *
Je mehr wir uns dem Festlande näherten, desto eisiger und schärfer
wehte uns der Wind entgegen. Wenn ich oben auf der obersten Brücke, wo
nur der Schiffskompaß stand, mein gewohntes Luftbad nahm, um mit Turnen
die Glieder geschmeidig und stark zu halten, brannte die Sonne mir
die Haut wund und braun, während der Sturm mich schier über den Ozean
forttragen wollte. Aber da oben in meiner stillen Abgeschiedenheit,
da war mir das Meer, dieses herrliche, blaue, endlose Meer, zum
vertrauten Freunde geworden, dessen Seele mir Wunderdinge zuraunte,
von unendlicher Schlichtheit und Größe. Und immer klang mir aus dem
Rauschen des Ozeans die Mahnung wieder: Von dieser Schlichtheit sollen
wir lernen für unser Leben, unsere Kultur.
Und klein und Stückwerk schien mir unser Kulturleben, hin und
her gerissen und eingeengt von tausend kleinen selbstsüchtigen
Interessen. Nur einen Gedanken sah ich von Christus Zeiten her wie
ein sonnenhelles, die Menschheit erwärmendes Licht, sah ihn bei
Protestanten und bei Katholiken das graue Gespinst ihrer Dogmen
leuchtend überstrahlen, -- den einen Gedanken, das eine Wort: »Liebet
euch untereinander!« -- und aus diesem Worte heraus, nur immer
maßgebender, den einen Begriff wachsen für unsere Kultur, wie eine
Aufgabe, wie eine ungeheure Pflicht, die der Erfüllung harrt: den Wert
des einzelnen Menschen als Träger eines Stückchens Gottesgeistes!
Wer will heute sagen, was in zwanzig oder dreißig Jahren aus dem
unehelichen Kinde einer Magd wird, das in Liebe gezeugt wird, -- wenn
es in Liebe zur Liebe, zur höchsten Liebe erzogen wird?
Sind nicht Bischöfe und Fürsten aus solchem Stande hervorgegangen? Und
war Christus nicht der Sohn eines armen Zimmermanns?
Wer will uns sagen, welch edles Samenkorn in der Seele eines
Verbrechers, eines Mörders schlummert? Ich kenne einen, der, hinter
Zuchthausmauern sitzend, ein Leben lang aus seiner Zelle heraus mit
seinen armseligen Mitteln mehr Gutes tat für die Ärmsten der Armen, als
mancher Fürst!
Ich kenne Säufer, denen alle fluchten, die sie kannten, -- und als sie
nüchtern geworden waren, wurden sie ein Segen für die Ihrigen und für
ihre Gemeinde!
Wir haben kein Recht zu verdammen, -- aber wir haben eine große, hohe,
heilige, unabweisbare Pflicht dem Gottesfünkchen gegenüber, das in
jedem Menschenkinde schlummert, -- denn dieses Fünkchen kann zur Flamme
werden, die uns einstens als Fackel auf dunklen Wegen leuchtet und wie
ein Herdfeuer wärmt in eisiger Nacht. -- -- --
Machen wir uns nicht alle zu Mitschuldigen unserer Verbrecher, dieser
schier zahllosen Unglücklichen, wir alle, und diejenigen, die an der
Spitze unserer Staaten stehen, am meisten, weil wir es dulden, daß die
Menschen so vertieren und verrohen und gewissenlos werden?
Und was ist die Ursache? Das alte Lied: das Schwinden der Liebe vor
allem!
Sodann das Zusammenpferchen der Menschen in den Städten! Und wer ist
schuld daran? Die Männer, die unsere Bebauungsgesetze zu machen haben!
Und weiter, -- dieses teuflische Gift, für das unser Volk über drei
Milliarden ausgibt, das unsere Männer krank macht und die Familien
zerstört, das unser Brotkorn und unsere Trauben vernichtet und unsere
Kultur hemmt und zurückschraubt! Und wer ist schuld daran? Die Männer,
die unsere Gesetze machen helfen!
Schaut nach Kanada, schaut in den Finnischen Landtag, seht nach
Norwegen und Schweden, -- da sitzen im schwedischen Reichstage hundert
Enthaltsame! -- Die alle haben ihre Länder frei und glücklich gemacht!
--
Aber unsere Herren im Reichstage und Landtage, in der Gemeinde und
im Herrenhause, -- sie können sich von ihrem Glase und Humpen noch
immer nicht trennen! -- -- Hier, aufgewacht, ihr deutschen Philister
an den Regierungstischen, die ihr über den Rand eures Glases nicht
hinüberseht, -- gebt acht, --: dort unten aus dem handarbeitenden
Volke, da wächst ein Sturm heraus, angefacht von der Lohe der
Wahrheit und der Menschenliebe, der wird eure Brennereien und eure
Brauereiaktien und eure Sektkübel hinwegfegen, wie einstens drüben in
Amerika die Sklavenbefreier die uralten Vorurteile und die Selbstsucht
der Sklavenhalter!
Ihr wollt das deutsche Volk in eurer Sklaverei halten, mit drei
Milliarden soll es euch alljährlich fronen -- -- aber es wird sich frei
machen und euch besitzlos, ihr, die ihr mit eurem Bier und Branntwein
ihm das Mark aussaugt!
Freilich -- von euch, die ihr für euer eigenes Portemonnaie so wacker
rechnen könnt, denkt keiner daran, daß jedes Menschenleben ein bares
Kapital ausmacht, -- einen greifbaren, volkswirtschaftlichen Wert, mit
dem wir zu rechnen haben, den wir hüten müssen, als einen ungehobenen
Schatz!
Was geht euch das an! Wenn ihr nur euren Sprit verkauft, euren Wein,
euer Bier! Mag auch das Volk darüber zum Teufel gehen!
Schöne »Konservative«, herrliche »Volkserhalter« seid ihr! -- -- --
Aus dem Brausen des Ozeans klang es wie ein Tosen an mein Ohr, wenn
ich an all das Elend in unserem Volke dachte. Aber aus all den
tausend Stimmen hörte ich immer wieder wie einen schrillen Klagelaut
das Hohelied vom Leid der Frau. Und je tiefer ich mein eigenes Leid
empfand, desto mehr litt ich mit ihr, -- mit ihnen allen. Denn sie, die
die Schwachen im Lande hießen, litten am meisten.
Aber ich sah auch, wie aus diesen Schwachen Heldinnen sich erhoben, die
Tausende und Abertausende von den schwachen Schwestern mit sich rissen
aus dem Leide zur Arbeit, zur Freude, zur Freiheit, zum Leben!
Ja, schäume nur, Ozean, -- spritz nur deinen Gischt herauf bis zu mir,
-- siehst du, -- unser Schiff kämpft doch gegen dich an trotz all
deinem Wüten, -- -- so werden wir mit unserer Liebe und mit der Kraft
der Wahrheit die tausend Vorurteile überwinden, die uns tagtäglich
entgegenbranden! -- -- --
Und klarer und klarer, so durchsichtig, wie dieses durchsichtige
kornblumenblaue Wasser des Ozeans ward mir der Kampf gegen das
menschliche Elend: Das war keine düstere, graue Nebelwand mehr,
die mich erdrücken wollte, -- sondern lauter einzelne, praktische,
greifbare Fragen, -- wie der Nebel, der über unserer Vaterstadt lag,
sich zusammensetzte aus dem Rauche der Tausende von Schornsteinen. Jede
einzelne Frage war zu lösen, jede einzelne anzugreifen, jede einzelne
durchzukämpfen, -- vor allem die wichtigste: Wir müssen uns mehr
Mühe geben, bessere, größere, reinere, willensstärkere, liebevollere
Menschen zu ziehen, -- und selbst zu werden: das ist und bleibt die
Hauptaufgabe für unsere Kultur!
Wir müssen lernen, die Körperkultur der alten Griechen und Römer in der
klassischen Zeit, die Kunst des schönen, großen und freien Lebens aus
der Renaissancezeit und die Fortschritte der Technik unserer Zeit zu
einem neuen großen Leben zu verbinden im Geiste jener großen Liebe zu
unseren Mitmenschen, die Christus uns gelehrt hat!
Und dann wird es kommen, -- diese neuen Menschen werden dann Hand
anlegen ans Werk, nüchternen Sinnes, willensstark, liebevollen Herzens,
-- und dann, -- und dann mit einem Male wird der Frühling da sein! Der
Völkerfrühling! Der Menschheitsfrühling! --
* * * * *
Wieder bog unser Schiff, dieses Mal von Süden kommend, in den Tejo ein.
Wieder tauchte die Cintra auf, erst in der Ferne, dann, den Windungen
des Flusses und der Berge folgend, immer wieder verschwindend, --
immer näher, -- aber den Zauber, wie damals auf der Ausreise, übte
sie nicht mehr auf mich aus, -- das war ein fremdes Ideal, -- mein
Geist schweifte weiter hinauf nach dem Norden, nach einem Hause in
grünem Garten mit Lilien, Rosen und Veilchen und grünen Tannen und
Buchen, Eichen, meinen Eichen, und blühenden Obstbäumen, und voll von
Nachtigallengesang und Kinderjubel, und nach brauner Heide und stillen
Tannenwäldern mit ihrem heimlichen Leben im Moose und Heidekraut, nach
milder Sonne und brausendem Weststurme, nach einer Stadt am großen
Strome, und einer Kirche, die aus der Asche wieder emporwuchs, und
einem granitenen Standbilde des Mannes, der die Liebe und die Kraft zur
Tat in sich verkörperte. -- -- --
* * * * *
Ich schlenderte durch die portugiesische Hauptstadt. Die Freunde
drängten uns, den ermordeten König zu sehen, der, einbalsamiert und
aufgebahrt, im Mausoleum ausgestellt lag.
Der Portier soll ein gutes Geschäft dabei machen. Oh, entsetzliches
Metier!
Nein, -- dieser König hatte keine Liebe für sein Volk gehabt. Aber
warum hatten seine Freunde ihn nicht aufgeklärt? Oder hatte er keine
Freunde? Ist es das Schicksal von euch Königen, keine Freunde zu haben,
die euch die Wahrheit sagen? -- Armer König, -- vielleicht lebtest du
heute noch, geehrt und geliebt von einem frohen, glücklichen, reichen
Volke, wenn deine Freunde dir die Wahrheit gesagt hätten!
Von noch einem wissen unsere Deutschen zu berichten: von dem dicken
Ostpreußen, den wir auf der Ausreise an Land gesetzt hatten. Er
hatte auf dem internationalen Wirtekongreß in Lissabon des Guten
zu viel getan, hatte den Portwein aus Biergläsern geschlürft,
mit Orden und Ehrenzeichen, seiner Würde als Vorsitzender des
heimischen Kriegervereins, in der Gosse gelegen, -- als Spott für die
Straßenjugend von Lissabon. -- »Das deutsche Schwein« hatten sie ihn
getauft. -- Eines schönen Tages war er vom Schlage gerührt. Halbseitig
gelähmt wurde er ins Hospital gebracht. Dann ging es langsam mit ihm
zu Ende. Kurz vor seinem Tode legte er noch einem der ansässigen
Deutschen, der sich seiner als Landsmann besonders mitleidig angenommen
hatte, die Beichte seines Lebens ab: Er hatte studiert, stand vor dem
Oberlehrer. Da mußte er als Einjähriger sein Jahr abdienen. Eines Tages
warf er beim Exerzieren vor versammelter Mannschaft dem Unteroffizier
sein Gewehr vor die Füße. Gehorsamsverweigerung. -- Ein Exempel mußte
statuiert werden, -- im Gefängnis konnte er über Disziplinlosigkeit
nachdenken. -- Die Einjährigenschnüre waren ihm genommen, zur zweiten
Klasse des Soldatenstandes wurde er degradiert. -- Den Kopf voller
Kenntnisse, überall scheel angesehen, so kam er in seinen Beruf der
Lohnschreiber; der Trunk führte ihn in die Kreise der Wirte ein, für
die er ein vortreffliches Werkzeug bildete.
Aber sein Geschäft blühte weiter. Die Regierung brauchte Kunde, wer in
dem Kreise zu den »unruhigen Köpfen« gehörte. -- Woher sie das Geld
nahm zur Bezahlung solcher Ehrendienste? Da wurde gemunkelt, -- aus dem
Invalidenfonds, aus dem den alten Vaterlandesverteidigern ihr Ehrensold
gezahlt werden sollte. Ging der in solche Kanäle? -- Auf dem Totenbette
schwatzt einer mehr, als er verantworten kann und sonst wohl tut.
So kam er zu seinen Orden und fetter Pfründe, und war doch nur ein
allzu früh und schimpflich gestrandetes Lebenswrack. Ein Schalk, wie
unser portugiesischer Gastfreund treffend bemerkte, gemischt aus
viehischer Gemeinheit und eklem Strebertume, der mit dem einen Auge
nach den derbsten, sinnlichen Genüssen schielte und mit dem anderen
nach der Gunst von oben, um Judaslohn und Ordenszeichen! Friede seiner
Asche! -- -- --
Uns war allen ganz elend geworden bei dieser Erzählung. Wir atmeten
alle ordentlich auf, daß diese Mißgeburt von Mensch kein Unheil im
Vaterlande mehr anrichten konnte mit seinem Schnüffeln und Hetzen.
Gott sei's geklagt, daß es noch mehr solcher Unholde daheim gibt. Man
sollte ihnen wie Schlangen den Kopf zertreten, denn sie demoralisieren
gleichzeitig unsere Regierung und unser Volk. Aber wie der Gedanke
auftauchte, sah ich auch schon im Geiste die Reihe der Gegner, --
hingesunken in der Blüte der Jahre, einer nach dem anderen aufs
Totenbett, weil sie die neue Lehre verhöhnt hatten. -- --
* * * * *
Von dem jungen Könige Manuel wußten die Freunde nur Gutes zu berichten.
Er hatte bestimmt, daß die acht Millionen, die seinem Vater von der
Regierung zu Unrecht vorgestreckt waren, in Raten von 400000 Pesetas
alljährlich durch Abzug von seiner Zivilliste allmählich getilgt
werden sollten. Kürzlich hatte er auf einer Automobilfahrt, die er
mit seiner Mutter unternahm, sich eines verunglückten Radfahrers auf
das gütigste angenommen, ihn eigenhändig in sein Auto gehoben und zum
Hospital gefahren. Dann war er zu den Angehörigen geeilt, um diese von
dem Unheil schonend in Kenntnis zu setzen und sie zu trösten; hat sich
auch nachher des Verletzten und seiner Familie auf das liebevollste
angenommen.
Das war edel, mein junger König, und die Liebe deines Volkes mag deine
Samaritertat dir lohnen, -- aber für einen König nur ein Stäubchen.
Dein ganzes Volk braucht dich als Samariter. Riesenarbeit wartet auf
dich! Ans Werk! Ans Werk! -- --
* * * * *
Doch was ist das? Haben Wahnsinnige das verübt? Oder Anarchisten? Oder
-- nein, das kann nicht sein. -- Ich lese, -- an allen Straßenecken
sind wie von Zauberhand plötzlich Plakate in großer Schrift
angeschlagen: »Christus hat nie gelebt!« -- Wahnsinnige Toren! -- --
Wißt ihr, wer Christus war? Er war der Brennspiegel, der alle Strahlen
göttlicher Liebe, die je die Welt durchleuchtet und durchwärmt haben,
wie Sonnenstrahlen in sich aufgenommen hatte, und nun wie ein großes,
leuchtendes und wärmendes Licht, wie eine große Menschensonne, alle
diese Strahlen wieder von sich gab, zu leuchten und zu wärmen, wie die
Sonne selbst, solange es Menschen gibt. --
Es dunkelt. -- -- -- -- Der Kapitän drängt zur Rückkehr aufs Schiff.
Der Himmel bezieht sich. Ein Heulen und Ächzen geht durch die Luft.
Dabei lastet von niedrigem Himmel bleierne Schwüle. Vom Hafen rufen
die Warnungssignale der Sirene. Wir eilen. Hoch gehen schon die Wogen
des Tejo. Mühsam kämpft sich die kleine Pinasse durch, die uns von
der Hafenmauer des Königsplatzes an unser Schiff bringt. Mühsam kämpft
sie sich zurück. Schon rasseln die Anker in die Höhe. Finsternis liegt
auf dem Wasser. Schauerlich heult der Sturm. Blitz und Donner erfüllen
die Luft mit fahlem Licht und krachendem Getöse. Da rollt es in der
Tiefe, als ob der Donner in den dunklen Wolken vieltausendfaches Echo
in dem Schoße der Erde fände. Und alles Toben der Natur übertönend,
durchschneidet ein vieltausendfacher Schrei aus Menschenkehlen die
finstere Nacht. -- Tausend Schrecken der Vergangenheit werden wach, --
die Erde bebt! Krachen und Wehgeschrei vom Lande her erfüllt die Luft,
-- hell lodern am Ufer die Brände in Stadt und Dorf. Schaurig spiegelt
sich in den schwarzen Wolken und in den finsteren Fluten die rote Glut.
Wir aber fliehen, da wir doch nicht helfen können, mit Volldampf diese
Stätte des Grauens und der Zerstörung, um nicht im engen Hafen, Schiff
gegen Schiff gepreßt durch die tobenden Wogen, Vernichtung den anderen
bringend statt Rettung, mit unterzugehen in diesem -- war es ein
Strafgericht? Der Kapitän und ich wechselten kein Wort über diese Frage.
Als wir die Mündung des Tejo erreicht und wieder offenes Meer unter uns
hatten, sahen wir uns beide in die Augen und drückten uns schweigend
die Hand.
* * * * *
Wieder saß ich in meiner Kabine mit meiner Post aus der Heimat, die
ich in Lissabon empfangen, vielleicht die letzte vor der Heimkehr. Zu
Hause alles wohl. Aber in der Welt? -- Seltsam. Nie habe ich die Hand
eines gesetzmäßig waltenden Schicksals so empfunden, so scharf und
sicher empfunden, wie in dieser Zeit. Ob die lange Seefahrt, das lange
Zusammenleben mit der Natur die Sinne geschärft hat, -- ich weiß es
nicht. Aber wunderlich ist es.
Der Minotaurus von England, der im Orient so gern Geschäfte für seine
Pulver- und Gewehrfabriken gemacht und nur zu gern einen Weltbrand
entfesselt hätte, um dann im trüben fischen zu können, hat sich
verrechnet. Nun sitzt er schmollend in seinem heimatlichen Nebellande
und sinnt, wo nun vielleicht ein Geschäft zu machen sei. Halt --
in Persien. Da wollen die Russen die begehrliche Hand nach Süden
strecken, -- also schleunigst an die zehntausend Gewehre und ein paar
Millionen Patronen in großem Karawanenzuge an die Perser geliefert.
Ist das Geschäft auch nicht groß, es ist doch mitzunehmen. Um so mehr,
da die Serben doch auch schon allerlei an Gewehren und Kanonen gekauft
hatten.
Da aber vollendete sich das Werk Bismarcks, des Helden der Tat und
der Liebe. Er hatte das Bündnis mit Österreich geschmiedet, weise
vorausschauend. Fest und treu stand unser Kaiser zu dem alten
Verbündeten aus dem Hause Habsburg, -- Wellenringe der Liebe und
der Treue, die jener große Diener des alten Kaisers in die Welt
hinausgesandt. Sie wirkten und wirkten so stark, daß alle Intrigen und
Hetzereien des englischen Ungeheuers daran scheiterten.
Kaiser, mein Kaiser, -- wir wußten, du würdest treu sein, -- das hast
du gut gemacht, mein Kaiser, -- da warst du groß! -- Kaiser, mein
Kaiser, -- ich grüße dich! -- -- -- -- --
Selbst dem Serbenvolke, das noch eben den prahlerischen Reden seines
Kronprinzen zugejubelt hatte, wird's zuviel. Mit Schande und Spott
muß der üble Bursche, überlastet mit Schulden, sein Heimatland
verlassen. Er hatte keine Liebe zu seinem Volke, -- so straft ihn die
Gerechtigkeit. -- --
Und noch einer irrt in der Welt umher, geächtet und verpönt, Castro,
der einstige Präsident von Venezuela, der seinen Beutel füllte, aber
sein Volk nicht kannte.
Und wiederum noch einen hat's gepackt, -- den Abdul Hamid, den einst
allmächtigen Sultan des großen türkischen Reiches. Mord und Raub war
sein Herrscherleben, sein Volk verkam, seine Hauptstadt zerfiel. Er
aber erschlaffte im Haremsleben und häufte Schätze auf Schätze. Mit
Blut und Hinterlist wollte er den Fortschritt zu einer freieren,
besseren Kultur dämpfen -- aber die Macht des Gedankens, die Macht der
Liebe zur Freiheit, zur Wahrheit, zum Fortschritt ist unüberwindlich.
Ihn schützten seine Garden nicht, noch seine festen Mauern, --
verbannt, einsam muß er den Tod erwarten!
Und Rußland? Die Zersetzung schreitet fort, -- ein verwesender
Leichnam. Wie kann es anders sein, da Liebe allein Leben ist, allein
Leben verleiht, -- und in Rußland die Liebe fehlt. -- -- --
Ich gedachte des Balten und seiner Lebensgeschichte, seiner
Verzweiflung und seines Endes. Es war die Leidensgeschichte des
russischen Volkes.
Und plötzlich -- wie es kam, ich weiß es nicht -- fiel mir die
Geschichte des dicken Ostpreußen wieder ein, und daß doch auch bei uns
im Reiche so manches faul sei, daß an so manchem, manchem Orte die
Liebe fehlte, als ob ein kalter Wind von Osten her über unsere Grenze
wehe!
Mir aber war es, als fühle und höre ich aus der Tiefe ein heimliches
Rauschen und Klingen, ein Raunen von Wahrheit und Gerechtigkeit, von
großer Sehnsucht nach Sonne, nach Liebe und Frieden. --
* * * * *
Als ich in meiner Kabine lag, führte mich der Schlaf in einen
seltsamen Traum. Um einen Jüngling mit wunderbar gütigen Augen,
dessen Antlitz mich an das Kind erinnerte, mit dem Maria und Joseph
aus Ägypten heimkehrten, saßen unsere Fürsten geschart: neben seinem
großen Kanzler unser alter, weiser Heldenkaiser Wilhelm, sein Sohn,
der gütige, geduldige Friedrich, der alte Kaiser von Österreich, der
sein Volk so liebt und von seinem Volke so innig wiedergeliebt wird,
und der ihm so gern helfen möchte und es nur nicht kann, weil er zu
schwach ist gegenüber dem im Lande tobenden Nationalitätenhader -- und
viele, viele andere Fürsten, die ihr Volk geliebt hatten; -- und dort
der Minotaurus, in sich zusammengesunken, und dort der Sultan, dort
Castro, da -- der König von Portugal, und alle die anderen Fürsten und
Könige. Seitwärts aber stand einer, der hatte die Hände vor das Gesicht
geschlagen und weinte bitterlich.
Nun erhob sich der Jüngling und ging auf die drei großen Kaiser zu und
küßte sie auf die Stirn. Da loderten drei Flammen auf, die ringelten
sich aufwärts zur Sonne und ihre Kreise gingen ganz in jener auf. Und
ebenso erging es allen jenen, die ihr Volk geliebt hatten.
Mir aber war es, als ob die Sonne heller und wärmer schiene danach. Der
Jüngling aber schritt auf den einen zu, der abseits stand, nahm ihm
liebevoll die Hände vom Gesichte und führte ihn hinaus, damit er um
seiner Reue willen noch einmal lebe.
Auf dem Richterstuhle im Kreise aber saß nunmehr ein Greis, machtvoll,
ehernen Antlitzes, der hielt eine Wage in der Rechten und wägte und wog
und winkte einem nach dem anderen der Fürsten und Könige zu. Und einer
nach dem anderen ging, wenn jener winkte, in Flammen auf, die aber
nicht zur Sonne reichten, sondern alsbald in sich selbst zurückfielen,
so daß nur ein Häufchen Asche nachblieb. Dann erhob sich ein Heulen,
wie von einem Sturmwinde, und alle Asche zerstob in die Winde.
Da ward mir klar: ich hatte das Gericht der Zeit im Traume erlebt. --
Sobald der Tag graute, wechselten wir mit der portugiesischen Küste
Signale, ob wir vielleicht nach dem Erdbeben von gestern irgendwo
Hilfe leisten könnten. Man verständigte uns dankend, der Schaden sei
zum Glück geringer als der Schrecken. Es sei reichlich Hilfe im Lande
vorhanden. So konnten wir unsere Reise ruhig fortsetzen.
* * * * *
Beim Morgenfrühstück war das erste, was mir unser Amerikaner mitteilte,
Roosevelt sei nicht mehr Präsident, er wolle sich fortan der Jagd und
der Schriftstellerei widmen.
Seltsam, -- sollte es in der Rasse liegen? Den kritischen Verstand
hatte er schon. Er hatte ganz richtig gesehen, wo der Schaden lag:
bei den Menschen, bei der Dollarsucht der Kleinen und dem Mammonismus
der Großen, der Trusts. Hatte er doch selbst gesagt: »die Menschen
seien alles, die Einrichtungen nichts in der Geschichte. Nur durch
die menschliche Kraft erhielten die menschlichen Institutionen ihren
Stempel.«
Auch der Wille zum Helfen war da. Aber eins fehlte ihm, so daß er es
fertig brachte, vom unvollendeten Werke seines Lebens zu scheiden: er
hatte nicht die glühende Liebe zu seinem Volke, die den Willen zur Tat
reifen läßt, sein Geist war nicht von Christi Geist, und er war kein
Bismarck. Sein Werk war unvollendet, sein Volk seufzte noch unter der
Herrschaft des Dollars, -- und er wollte Antilopen und Elefanten in
Afrika jagen? -- Aber war es denn sein Volk? Wo war sein Volk? -- --
Kaiser, mein Kaiser, -- du stammst aus deinem Volke! Du gehst nicht
nach Afrika, um Elefanten zu jagen und dein Volk zu vergessen! -- Ich
weiß, was du tun willst! Ich sehe dich im Geiste und reiche dir im
Geiste die Hand. -- -- -- -- -- --
* * * * *
Der Amerikaner brach zuerst das Schweigen und sagte, obwohl er
selbst geborener Republikaner sei, müsse er sich bei der Wahl einer
Regierungsform doch für die Wahl einer Monarchie entscheiden. Die
Republik komme ihm vor wie eine große Aktiengesellschaft, in der die
Aktionäre kein Herz für die Arbeiter hätten, sondern nur an den Bestand
des Unternehmens und die Höhe der Dividenden dächten. Die Monarchie
aber schiene ihm wie ein großer Gutshof oder ein großes industrielles
Unternehmen, das der Gründer selbst führe, der, selbst aus der Schar
der Arbeitenden hervorgegangen, ihre Bedürfnisse und ihren Wert genau
kenne und durch Dankbarkeit und Liebe mit ihnen zu einem einheitlichen
Organismus verbunden sei.
Die Königinnen aber, wie das Beispiel der edlen Königin Elena von
Italien bei dem Unglücke von Messina wieder beweise, und wie die
meisten Königinnen und Fürstinnen der Jetztzeit zeigten, seien wie
gütige Gutsherrinnen, gewissermaßen das Prinzip der werktätigen Liebe
auf dem Throne. Selbst die alte Königin Viktoria von England hätte,
trotz ihrer Schattenseiten, hiervon keine Ausnahme gemacht.
Ich aber dachte an unsere Kaiserin mit ihrem großen Herzen so
überreich an Menschenliebe, an die Königin von Württemberg, an die
Großherzogin von Baden, und alle die anderen edlen Frauen aus deutschen
Fürstenhäusern. Und gedachte der Sonne meines Hauses. --
* * * * *
Vorwärts, weiter stampft der Kolben, -- mir viel zu langsam. --
* * * * *
Unseren kranken Neger hatten wir glücklich schon in Madeira an Land
gesetzt. Von dort wollte er mit dem nächsten Woermann-Dampfer nach
Afrika.
Unsere Spanier waren ausgelassen vor Heimkehrfreude. Von früh bis spät
war ein Gejubel wie in unserem Garten, wenn im Frühling Finken und
Drosseln mit den Kindern um die Wette ihre Lieder erschallen lassen.
Nun mußte auch bei uns bald Frühling werden.
* * * * *
Wieder lagen wir in der Bucht von Vigo. Mit Tücherschwenken und Liedern
fuhren sie mit ihren Booten an Land, -- die einen, um möglichst bald
wieder zurückzukehren ins Land der Sonne, -- die anderen, um in ihr
Land die Sehnsucht hineinzutragen nach Wärme, Leben und Liebe.
Spanischer König, besinne dich, -- denk daran, wie es deinem Nachbarn
erging!
* * * * *
Zurück durch die Biskaya. Was sagt uns der Sturm und das wogende Meer?
-- -- Heimwärts, heimwärts war der einzige Gedanke! Schaffen, helfen,
befreien, aufklären, Sonne bringen, Liebe! -- Vorwärts! Vorwärts!
-- -- --
Oben auf Deck war's ungemütlich. Regen und Schnee, kalter Wind aus
Norden.
Wenn ich so recht durchgefroren war, ging ich eine Weile in den
Maschinenraum und setzte mich dort still in eine Ecke, ungesehen und
unsichtbar für die Heizer und Maschinisten, und sah der Arbeit der
Maschinen zu.
Da hörte ich, wie einer der Trimmer, die die Kohlen herbeischafften,
den Heizer fragte: »Sag 'mal, Neumann, wie kommt es, daß du als
Sozialist so für Bismarck schwärmst? Ich hörte dich neulich über
den alten Junker reden, als ob du selbst Rittergutsbesitzer wärst.«
Der Angeredete stand auf seine Schaufel gestützt da: »Einfach der
Arbeiterversicherungen wegen. Denn das kann ich euch sagen, -- wenn
Bismarck nicht gewesen wäre, und wenn er zehnmal selbst Junker
gewesen ist, der anständigste war er doch, -- dann hätten wir die
Arbeiterversicherung heute noch nicht. Denn diese Schnapsbrenner und
Altarstützen, die jetzt dem Reiche wieder die Steuern versagt und sie
dem kleinen Manne aufgehalst haben, sie hätten das Werk nie geschehen
lassen, wenn Bismarck sie nicht gezwungen hätte. Und ist auch noch
mancherlei an unserer Versicherung auszusetzen, ein großer Anfang ist
gemacht. Nun müssen wir alle helfen, das Werk zu vollenden, denn einen
Bismarck kriegen wir doch nicht wieder.«
»Wenn sie aber jetzt so vielen Lärm darüber machen, daß in den
zwanzig Jahren, die die Arbeiterversicherungen nun bestehen, von den
Unternehmern und den Arbeitern zehn Milliarden für die Versicherung
aufgebracht sind, so ist das einfach lachhaft,« rief der eine Trimmer,
den sie den Anarchisten nannten, -- »denn in dem nämlichen Zeitraum
hat unser deutsches Volk das Sechsfache von dem versoffen, -- sechzig
Milliarden in zwanzig Jahren! Das sagen die Herren Unternehmer aber
nicht dabei, -- das Volk könnte ja aufgeklärt werden, daß es sich für
seine sechzig Milliarden was Besseres hätte kaufen können, als Schnaps
und Bier, -- und dann würden ja die Dividenden sinken von all diesen
Spritbaronen und Brauereiaktionären! Und deren sind nicht wenige! Der
Teufel soll die ganze Bagage holen!«
Er schlug mit seiner schwarzen, schwieligen Faust gegen die eiserne
Schottentür, daß der Raum dröhnte.
»Aber nun sagt'mal Leute,« fing der erste Heizer wieder an, offenbar
um das Gespräch in andere Bahnen zu lenken, -- »das müßt ihr mir
eigentlich 'mal erzählen, wie ihr Anarchisten geworden seid?«
»Nichts einfacher als das«, erwiderte einer der Angerufenen. Mir
entging kein Wort, weil die Leute wegen des Lärmens der Maschine sehr
laut sprachen.
»Du weißt, ich bin ein Bayer. Ich bewirtschaftete den kleinen Hof
meines Vaters. Eines Tages fuhr ich mit meinen beiden Braunen aufs
Feld, um Heu zu holen. Holt mich da so ein Prinz ein mit seinem
Automobil und fährt so dicht an meinen Wagen heran, daß meine Pferde
beiseite springen, und der Wagen durch den Anprall in den Graben
fliegt. Ich hörte nur noch ein ›verdammtes, dummes Bauernpack‹ aus dem
Wagen mir nachrufen. Mir selbst wurde die linke Schulter ausgerenkt.
Das Automobil hatte aber bei dem Anfahren auch einen Knacks abgekriegt
und stand auf der Landstraße. Da ging ich auf den Prinzen zu und sagte:
›Königliche Hoheit, das wird Euch halt an 3000 Mark kosten,‹ und
schrieb's ihm auch noch, so gut ich's konnte.
Mit Glacehandschuhen hab ich ihn nit angefaßt, aber doch auch nit
allzu grob, -- so wie wir Bayern nun einmal sind. -- Was meint ihr?
Nix erhielt ich, wegen Erpressung wurde ich angeklagt, und drei Monate
habe ich sitzen müssen. Als ich wieder frei war, habe ich meinen Hof
verkauft und den Erlös versoffen und hab' auf alle Regierungen und
Gesetze gepfiffen. Denn daß das Gerechtigkeit sein sollt', das ging in
meinen bayerischen Bauernschädel nit rein. Nun mag halt alles gehen,
wie es will!«
»Mir ist's nicht viel anders ergangen,« begann der zweite, ein Sachse.
»Ich war Drechslergeselle in Dresden, hatte die Vorträge von Pfarrer
Naumann gehört, und kam so zu den Christlichsozialen. Da fing ich
an, zu den Arbeitern zu reden über Wohnungsnot und sprach gegen das
Trinken und suchte sie für Bauvereine und Genossenschaftswesen zu
begeistern, für Nüchternheit und Volksbildung, für Turnen und Sport,
-- mit einem Male war die Polizei auf mich aufmerksam, -- hier stieß
ich auf Widerstand und dort, -- wurde hier schikaniert und da, -- da
wurde ich Sozialist und schwor dem Polizeistaate Urfehde und stimmte
mit ein in den Ruf: »Proletarier aller Länder, vereinigt euch!« Dann
aber sah ich, wie auch in der Arbeiterpartei Protektion und Strebertum,
Geldinteresse und Ehrsucht sich breit machten. -- Da graute mir davor,
daß eines Tages der Zukunftsstaat Wirklichkeit werden könnte. Ich kann
euch sagen: es würde noch tausendmal schlimmer werden, als es heute
schon ist. Die Regierung, die was taugt, soll noch geboren werden.
Einstweilen fühle ich mich wohl in dem Gedanken, daß keine mich etwas
angeht.«
»Paß man auf,« lachte der Heizer, »daß dich die jetzige nicht beim
Kragen kriegt.« -- »Pah,« meinte der andere gleichmütig, »ich habe
nichts auf der Kerbe, da kann mir die ganze Polizei im Mondschein
begegnen.« »Und warum du?« wandte sich der Heizer an den dritten, einen
hübschen, blonden jungen Burschen mit schwermütig dreinschauenden
Augen. »Das ist eine traurige Geschichte,« begann jener. »Ich hatte
ein Mädel lieb, es gab kein saubereres auf der Erde. Während ich auf
der Wanderschaft war, hatte ein Assessor, der bei der Herrschaft, bei
der mein Mädchen diente, als Einlogierer wohnte, sie verführt. Als
sie ihn auf die Alimente verklagen wollte, schwor er ab, daß er der
Vater sei und brachte Zeugen bei, daß sie sich auch anderen hingegeben
habe. -- Sie hatten sie mit Wein und Sekt betrunken gemacht. -- Dann
wurde sie krank und konnte nicht mehr für sich und das Kind arbeiten.
Ich schickte ihr von der Wanderschaft, was ich hatte. Eines Tages
kam die Verzweiflung über sie, und sie erstickte das Kind in ihren
Kissen. Die Freundin, die ihr geholfen, bekam sechs Jahre Gefängnis,
sie selbst wurde wegen Mordes zum Tode verurteilt und schließlich zu
lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt.
Der Herr Assessor aber ist jetzt Landgerichtsdirektor geworden. Nun
pfeife ich auf den heutigen Staat und seine Gesetze und leb' mein Leben
als ein Freier.«
Das Stampfen des Kolbens mahnte zur Arbeit. Schweigend gingen die
Trimmer wieder an ihr Werk. Krachend flogen die Kohlen von der Hand des
Heizers wieder in die Glut. Mir war es, als ob er heftiger als sonst
mit der Eisenstange die Glut durchstieß. Es war, als wollte er sich
Luft schaffen. Ich aber ging nach oben in den Schneesturm. Mir hatte
sich etwas aufs Herz gelegt, wie schwerer Alpdruck.
* * * * *
Die Erzählungen der drei Trimmer gingen mir durch den Kopf und machten
mich schier krank. Ja, -- es gehörten Titanenkräfte dazu, hier Wandel
zu schaffen. Einmal unsere Gesetze auf das einzustellen, was der
gesunde Menschenverstand als Gerechtigkeit empfand! Wie sollte geahndet
werden, und mehr: wie sollte wieder gut gemacht werden, was einer an
der Seele des anderen verbrochen hatte? Oh, ihr Regierungen und ihr
Richter, ihr Ärzte und Lehrer, ihr Geistlichen und ihr Lehrherren, ihr
Vorgesetzten und ihr Arbeiterführer, ihr Männer und ihr Frauen, ihr
Eltern und ihr Kinder, -- wir alle, alle, -- was haben wir für eine
rasend große Verantwortung auf uns für unsere Nächsten! Wehe, wehe,
wenn wir der Liebe und Gerechtigkeit mangeln! --
Kultusminister! Kultusminister! Was hast du für eine Riesenaufgabe,
in die Herzen von diesen 60 Millionen Deutschen durch deine
Hunderttausende von Lehrern und Geistlichen den Samen der Liebe und
der Gerechtigkeit zu säen und dafür zu sorgen, daß dieser Same aufgehe
und durch nichts, durch keine Wohnungsnot in Proletariervierteln,
durch keinen Schmutz in der Literatur, durch keine sinnverwirrenden
Trinksitten, durch keine unheilvolle Rechtsprechung, durch keine
Herzlosigkeit und keinen Standesdünkel, durch keine Klassenvorrechte
und keine Menschenverachtung zerstört werde!
Kultusminister! -- Tust du deine Pflicht? -- -- --
* * * * *
Zur linken Hand zog Englands Küste herauf. Da saß der Fluch der Welt
und sann und spann, wo und wie er neuen Krieg entfesseln könnte, und
hetzte sein Volk in neue Aufregung hinein. Ob's ihm gelang? Ob's seiner
gütigen Gemahlin, der Königin Alexandra, die wie ein guter Engel durch
die Londoner Hospitäler schritt, gelingen würde, ihn umzustimmen zu
praktischer Friedensarbeit an seinem Volke und unter den Völkern? -- --
Da trat der Amerikaner zu mir und zeigte mir ein englisches
Zeitungsblatt. Unsterblich lächerlich hatten sich alle die Hetzer
und Schürer gemacht. Die Angst, die Deutschen möchten über den Kanal
herüberkommen, um das stolze Albion zu bekriegen, diese Angst, die
sie künstlich angefacht hatten, um immer neue Dreadnoughts aus der
Nation herauszupressen, hatte die lächerlichsten Blüten gezeigt.
Geheimnisvolle Luftschiffe mit Scheinwerfern sollten über englischen
Städten gekreuzt haben. Ganz England war in fieberhafter Erregung.
Zeppelins Erfindung hatte das Volk halb wahnsinnig vor Deutschenfurcht
gemacht.
Und was war des Pudels Kern? Ein paar Modelle eines englischen
Luftschiffabrikanten, mit Spirituslämpchen versehen, um durch Erzeugung
von verdünnter Luft den Auftrieb zu ermöglichen, hatten der erhitzten
Phantasie John Bulls den Einfall deutscher Luftschiffe vorgegaukelt.
Und doch scheint man in England allmählich zur Einsicht zu kommen, daß
es für die Regierung eines Landes höhere Zwecke gibt, als Kriegsschiffe
zu bauen und Pulver- und Gewehrfabriken zu begünstigen.
Miß Cantack und die Fürstin traten hinzu. Besonders die erstere wurde
nicht müde, von den neuen englischen wundervollen Arbeiterwohnungen
und Gartenstadtkolonien zu berichten, über die neuen biologischen
Kläranlagen zur Reinhaltung der Flüsse, über die großartigen
abstinenten Arbeiterverbände, über die Vereinigung, um die Jugend zu
gesunden und sittlich starken Menschen heranreifen zu lassen.
Da entfuhr es mir: »Wahrlich, die Völker sollten herüber- und
hinüberfahren über den Kanal und voneinander das Gute lernen, das sie,
ein jedes nach seiner Eigenart, hervorbringen, wie unser Kaiser es
längst gewünscht hat mit weitem Blick, anstatt sich in Eifersüchteleien
gegenseitig zu hemmen und in die Gefahren kriegerischer Verwicklungen
hineinzusetzen.«
»Ihr Wunsch ist bereits erfüllt,« begann Miß Cantack, »geben
Sie acht: Im Sommer dieses Jahres fahren mehrere hundert Ärzte,
Architekten, Sozialpolitiker und Menschenfreunde von Deutschland nach
England, um dort Arbeiterwohnungswesen, Gartenstadtentwicklung und
Alkoholbekämpfung zu studieren.
Eben erst weilte eine Schar deutscher Arbeiter in England, um das
Leben englischer Arbeiter kennen zu lernen. Eine Deputation englischer
Stadtoberhäupter macht eine Studienreise nach Deutschland, um deutsche
Vorbilder in Hygiene und Wohlfahrtseinrichtungen in Augenschein zu
nehmen. Was wollen Sie mehr!«
»Und hier,« fuhr der Amerikaner fort, »finde ich eine ausgezeichnete
Rede des englischen Handelsministers Churchill, in welcher er in der
ernstesten und eindringlichsten Weise seine Nation zur Vernunft und zum
Frieden mahnt. Und hier, ein Brief von Lord Northcliffe, dem Besitzer
der Daily Mail, in welchem er die Invasionsfurcht der Engländer vor den
Deutschen in der schärfsten Weise geißelt. Und hier ein Blatt von der
Daily Chronicle, das in gleicher Weise seine Landsleute wegen ihrer
Panik verspottet.«
Ich sah hinaus durch den dichter werdenden Nebel und sah jenseits
des Kanals einen die Hände ballen, daß sein Spiel gescheitert war.
Fast wäre es ihm geglückt, sein fleißiges, vorwärts strebendes Volk
hineinzuhetzen in einen ruchlosen Krieg, damit er sein Geschäftchen
machen und sich mit sogenanntem Ruhm bedecken könnte, um seine
Vergangenheit etwas vergessen zu machen!
Nein, König Eduard, -- es hilft dir alles nichts! Die Zeit ist über
dich hinweggeschritten: Die Zeit steht im Zeichen der Liebe und der
Tat! Die Menschheit will vorwärts! Du hast den Kolbenschlag nicht
gehört von dem vieltausendarmigen Wunderwerk, das die Menschen
vorwärtstreibt, um das Elend aus der Welt zu schaffen! Du hast keine
Ahnung, was die Sonne der Welt bedeutet! Du hast keine Ahnung von der
Macht der Liebe!
Geh' zu deiner Königin! Knie vor ihr nieder! Küsse den Saum ihres
Kleides und bitte sie, daß sie dich lehrt, was Liebe heißt, und Liebe
in Tat umzusetzen. Hilf deinem braven Volke, gesund zu werden! Gib ihm
sein Land wieder, das deine Herzöge und Lords ihnen geraubt und in
endlose Jagdgründe umgewandelt haben, damit es wieder ackern und Wurzel
fassen kann in seinem Mutterboden.
Rotte die Pesthöhlen in deinen Fabrikstädten aus, wo sie noch
bestehen. Hilf den Nüchternen in deinem Volke gegen die Übermacht der
Schnapsbrenner und der Bierbrauer.
Wandle deine Gewehr- und Pulverfabriken um in Fabriken für elektrische
Bahnen, um die Arbeitermassen aus deinen Fabrikstädten aufs Land hinaus
zu bringen, -- dann, Minotaurus von England, du Kreuzspinne der Welt,
dann sollst du König von England heißen und Vater deines Volkes und
gesegnet sollst du sein bis an deinen Tod und vergessen soll sein deine
Vergangenheit!
* * * * *
Ich brauchte Einsamkeit. So ging ich oben auf mein Kompaßdeck. Von
Südwest brauste der Sturm von hinten über das Schiff und überschüttete
uns mit Schnee und Hagelschauern. Aber er trieb unser Schiff wie mit
Geisterhand vorwärts der Heimat zu.
Unter mir klang, von kräftiger Männerstimme gesungen, es war der zweite
Offizier, der auf der Kommandobrücke auf und nieder schritt, eins
meiner Lieblingslieder:
Schön seid ihr Berge und Täler zu schau'n,
Schön sind des Südlands dunkle Frau'n!
Schöner die Heide, mein sonniges Feld,
Schöner des Nordlands kraftvolle Welt!
Freund ist der Sturm mir so brausend und kalt,
Lieb mir der tannenduftende Wald,
Freiheit ruft mir das wogende Meer --
Hier im Tal wird das Herz mir so schwer!
Herz, mein Herz, was klopfst du so sehr?
Sehnst dich nach Tannen und Heide und Meer?
Sehnst dich nach Weststurm und Wogengebraus?
Herz, mein Herz, halt ein wenig noch aus!
Plötzlich stand mein Kapitän hinter mir: »Nun noch ein wenig Geduld,
Doktor! Nach einem Tage liegen wir in Havre, -- dann ein paar Tage
Nordsee, -- Cuxhaven, und dann sind wir wieder daheim!«
-- »Daheim, daheim!« Das klang wie Glockengeläute mitten im
Schneesturme und im Gestampfe der Maschinen. -- »Wie weit sind sie
wohl in Hamburg mit dem Wiederaufbau der Michaeliskirche?« begann mein
Kapitän wieder. Sein Frauchen hatte ihm geschrieben, das Dach wäre
schon neu gebaut; und der Turm sei schon fein hoch wieder erstanden.
Freilich alles noch umgeben von großen Gerüsten.
Ich aber sah im Geiste klar und deutlich meine alte geliebte Kirche
und ihr gegenüber das Standbild von unserem Bismarck, dem Vorbilde für
alle, die deutsche Männer heißen wollen. -- -- -- -- --
* * * * *
Havre! Das erste, was aufs Schiff kam, waren die Pächter des
französischen Zolles. Nirgends in der Welt habe ich eine so kleinliche,
schikanöse Durchsuchung aller Räume des Schiffes und alles Gepäckes
gefunden, wie hier von diesen Agenten der freien Republik Frankreich.
Man glaubt sich hundert Jahre zurückversetzt. Da sah ich wieder, --
nicht die Staatsform macht die Menschen glücklich, sondern einzig nur
die Menschen, die an der Spitze einer menschlichen Gemeinschaft stehen.
Mir fiel die Erzählung von unseren Trimmern wieder ein und ihre Angst
vor dem sozialistischen Zukunftsstaate, in dem vielleicht die stärksten
Ellbogen regieren und arges Regiment führen könnten.
Und ohne Regiment, wie jene wollten? Grundgütiger Himmel, -- das wäre
noch schlimmer, als in ein Rudel hungriger Wölfe zu geraten, in dem die
stärksten und hungrigsten die anderen auffressen, bis ein paar Starke
und Satte übriggeblieben sind, die sich knurrend umkreisen, bis der
vorletzte dem letzten zur Beute fällt.
Rein, danke! Wie der Körper Hände und Füße, Arme und Beine, einen Mund
und einen Magen, Augen und Ohren und vor allem einen Kopf braucht, ein
Gehirn als Sitz seiner Seele, so braucht die menschliche Gesellschaft
Arbeiter für jegliches Fach und eine Regierung als Sitz ihrer Seele,
die für sie sorgt, wie das Gehirn für den übrigen Körper, -- in
Übereinstimmung mit dem, was Auge und Ohr, Hand und Fuß ihm übermitteln.
Aber Pflicht unseres Gehirnes ist es, unseren Körper gesund und stark
zu halten, dafür zu sorgen, daß er genügend Nahrung erhält, daß in den
Adern, seinen Verkehrswegen, Blut und Lymphkörperchen frei kreisen
können, daß Telegraph und Telephon, die Sinne und die Gefühlsnerven,
ordentlich leitungsfähig sind, daß die Bewegungsnerven, die
Exekutivbehörden, ihre Pflicht tun, ohne die Muskeln, die arbeitende
Masse, zu drangsalieren.
* * * * *
Abends kam von einem in unserer Nachbarschaft liegenden Dampfer ein
Schiffsjunge zu uns an Bord: er wolle den Doktor gern sprechen. Wer
war's? Der große Schlingel aus der Heimat, den sie vor zwei Jahren
in Untersuchungshaft gesteckt, aber dann mit Hilfe der bedingten
Begnadigung freigelassen hatten. Nun war er ein guter, fixer Kerl
geworden, -- man sah es an seinen Augen, -- starkknochig, mit breiter,
brauner Brust. Trinken täte er auch nicht. Guttempler sei er geworden.
Zur Bekräftigung gab er das Zeichen. Ich aber freute mich, denn mir war
es, als ob ich einen Sonnenstrahl aus einer helleren Zukunft unseres
Volkes erschimmern sah.
* * * * *
In der Nacht hatte ich einen schweren Traum. Ich sah in Riesengröße
einen seltsam gestalteten Baum vor mir mit seinen entsetzlichen
Früchten des Elends und der Verkommenheit. Und in der Tiefe des Bodens,
in dem er wurzelte, war ein emsiges Hasten und Treiben. Wagen voll
Korn wurden abgeladen, Eisenbahnzüge voll Kohlen. Mächtige Maschinen
stampften und rollten, Essen qualmten, in riesigen Bottichen dampfte
und brodelte giftige Brühe. Endlose Reihen von Wagen rollten in der
Frühe Fässer auf Fässer die Straßen entlang und brachten das Gift
in die Wirtschaften und in die Häuser, auf die Bauplätze und in die
Fabriken. Dann hörte ich, erst leiser, und dann immer lauter ein
Ächzen und Wimmern, ein Stöhnen und Weinen, ein Jammern und Klagen,
als ob es von Tausenden von hungernden Kindern und geschlagenen
und getretenen Frauen im ganzen Reiche käme, und von Kranken und
Sterbenden, und von Verwundeten und Irren, von Rasenden und von
Reuigen, die sich im Jammer wanden.
Ich sah, wie die Wurzeln des Baumes riesengroß, wie ein giftiges
Rankengewächs, unser ganzes Volk durchwucherten, Mann und Weib, Greis
und Jüngling, Bettler und Fürsten mit den Wurzeln umstrickend, ihnen
den Atem auspressend, das Blut aussaugend, -- und mächtig stieg der
Saft aus den Wurzeln in die Höhe, dem Baume seine stattliche Krone mit
den entsetzlichen giftigen Früchten schaffend.
Doch plötzlich -- was ist das? -- Ich höre Lieder singen, frohe, fromme
Weisen. Wie Kampfgesänge tönt es. Ein Klirren von Äxten höre ich. Wie
im Marschtritt eilt es heran, -- immer neue Scharen, -- Männer und
Frauen. -- Siegesgesänge. -- Krachend splittern die blanken Äxte in den
Stamm des Baumes. -- Er wankt -- er stürzt -- und im Fallen begräbt er
unter sich die qualmenden Essen, die Bottiche voll brodelnder Giftbrühe
und die Wagenreihen mit Fässern. Jauchzender Siegesjubel erscholl, und
über das weite Land ergoß sich der Strom eines großen glücklichen,
freien Volkes! --
Da wachte ich auf.
Noch einmal kam all der Gram um das Elend unseres Volkes in mir hoch.
Aber die Bitterkeit und das Gefühl des Erlahmens waren gewichen.
Ich will euch nicht anklagen, ihr fröhlich Trinkenden und Genießenden,
daß ihr so träge im Helfen und so selbstsüchtig seid: -- Geht über eure
Kirchhöfe! Da liegen eure Angehörigen, eure Männer, eure Frauen, eure
Brüder, Söhne, eure Freunde, die, durch eure Trinksitten verführt, an
den Trunk kamen, -- und nun sie auf dem Kirchhofe liegen, habt ihr sie
schleunigst vergessen.
Aber ich habe sie nicht vergessen und habe nicht vergessen, wie
sie dahin kamen. Und ich sage euch: eure Toten klagen euch an! --
Geht durch eure Häuser! Seht eure blassen Kinder, die Früchte eurer
Hochzeitsmahle, eurer fröhlichen Diners, eurer Skat- und Kegelabende,
eurer Sektbowlen -- und Bier- und Branntweinzechereien -- seht eure
kranken und vergrämten Frauen, die schlaflos wachten, während ihr in
der Spelunke oder in der eleganten Bar herumlungertet: Eure Lieben,
eure Kranken klagen euch an, -- und ich rede für die, die stumm sind!
-- Geht durch eure Krankenhäuser, eure Gefängnisse und Zuchthäuser,
eure Animierkneipen und Bordelle, in denen die Töchter unseres Volkes
zur Ware und zum Tier erniedrigt werden, um gleichzeitig Tod und
Pestilenz über eure Söhne zu bringen. -- Das ganze Elend unseres
Volkes, das aus allen diesen Stätten des Elends euch entgegenschreit
in tausendfacher Gestalt, -- das Elend unseres Volkes klagt euch an!
Euch, die ihr noch immer an eurer Tafel sitzt und den Trinkfreuden
opfert, ihr Fürsten und Knechte, ihr Ärzte und Lehrer, ihr klugen Räte
und Minister! Und ihr, die ihr euch Diener des Höchsten nennt, -- euch,
euch alle klagt das Elend eurer Freuden an, die alle diese Tausende
hinabgleiten ließen in Unglück und Schande und Tod! -- --
Seht ihr denn nicht, daß schon Hunderttausende im Deutschen Reiche
dem verfluchten Rauschtrank Valet gesagt haben, Männer und Frauen
aller Stände, unsere Kaiserin als eine der ersten, Studenten und
Studentinnen, und alle frisch und fröhlich leben, ein Leben der Liebe
und der Tat?
Und wie ich mit wachenden Sinnen dalag, da hörte ich wieder den Klang
der Äxte und die Siegesgesänge aus meinem Traume; -- ich hatte sie
singen hören in einem Tempel, den die Menschenliebe gebaut hatte in dem
Geiste des Weltenmeisters, -- seit Jahren hatten sie auch mir immer
wieder neue Hoffnungen und Kampfesmut in die Seele gehaucht -- und wie
Sturmeswehen hörte ich aus der Tiefe des Volkes neue Erkenntnis, neues
Wollen, neue Menschenliebe heraufbrausen, unaufhaltsam, unbezwingbar,
siegreich bis ans Ende!
Ich sah im Geiste in meiner Heimat nüchterne Gesellen Stein auf Stein
zu neuen Häusern bauen -- jedes Haus ein Tempel, -- in den Städten, auf
den Dörfern, in der Heide, am Meere!
Ich sah die Erkenntnis einziehen auf unseren Universitäten, -- schon
machten unsere Studentenverbindungen sich frei vom albernen Trinkzwange
-- Frohsinn und Freiheit überall, -- o mein Gott, es wurde wunderschön
im Vaterlande! -- Die Alten, die sich stumpf der neuen Lehre, der neuen
Liebe verschlossen, sie starben dahin; aber in einem neuen, jungen
Geschlechte wuchs die neue Zeit heran, herrlich, sonnig, blütenreich,
wie ein Frühling unseres Volkes! -- --
* * * * *
Ich saß wieder unten im Maschinenraume auf meinem versteckten
Lieblingsplätzchen. Wir hatten Havre hinter uns und steuerten der
Nordsee zu.
Einer von den Zwischendeckspassagieren, ein Freund unseres einen
Heizers, war in den Maschinenraum getreten und unterhielt sich mit
ihm über die Englandfahrt der deutschen Arbeiter, die er mitgemacht
hatte. »Krieg zwischen Deutschland und England? -- Ich kann dir
sagen, und wenn der englische König und seine Kreaturen es auch
zwanzigmal wollten, -- das englische Volk will nicht! Das englische
Volk will mit uns Deutschen gemeinsam arbeiten, daß die Menschheit
vorwärts kommt. Zurzeit handelt es sich vor allem um zwei Fragen: das
arbeitende Volk zu befreien von der Blutsteuer, die es sich unter dem
hypnotischen Banne der Trinksitten und der Brenner und Brauer für Bier
und Branntwein selbst auferlegt. Schaut mal hier!« Und damit zog er
ein englisches Flugblatt aus der Tasche, das mit großen Buchstaben
die Überschrift trug: »Der Giftbaum des Volkes.« Da hingen an kahlen
Zweigen eines knorrigen Baumes große, giftig ausschauende Früchte, die
jede eine der Folgen unserer Trinksitten darstellte.
Merkwürdig, seltsam, -- mein Traum von voriger Nacht! Ein Beweis mehr,
daß wir Völker alle Kinder nur einer Mutter, der Menschheit, sind,
verwandt in Gedanken und Gefühlen.
An der Hand dieses Flugblattes hielt er ihnen einen Vortrag, dem alle
atemlos zuhörten. »Und wenn wir nun streikten,« hörte ich, -- »nebenbei
der einzig vernünftige Streik, den wir machen könnten, -- was wäre
die Folge? Wenn wir streikten und diese verfluchten Gifte nicht mehr
söffen, für die wir jetzt unser so sauer verdientes Geld dieser ganzen
Bande von Wirten und Giftmischern in den Rachen werfen? Kein Boykott
kann uns zwingen, dieses Gift zu trinken!« Gespannt hingen die Blicke
an seinen Lippen. »Nicht existieren könnten unsere hohen Herren auf
ihren Schnapsgütern. Verkaufen müßten sie. Aber an wen?
Und nun kommt die zweite große Frage. Bleibt's, wie heute, geht's bei
uns ebenso wie in England! Dann kommen, wenn nicht die Polen uns die
besten Güter vor der Nase wegkaufen, die reichen Leute und lassen
die Dörfer abreißen, als wenn es Laubhütten wären, und wandeln die
Gutshöfe in sogenannte Jagdgüter um und pferchen uns immer weiter in
die Städte ein, oder wir können übers Meer gehen. Nein, -- so geht's
nicht weiter. Da hat ein Engländer, Henry George heißt er, die Lehre
erfunden -- das, was wir Sozialisten schon immer verlangt haben --: Das
Land gehört allen. Der Staat verleiht das Land an den, der es braucht,
in Erbpacht. Seht, dann kann nicht damit spekuliert werden. Braucht
der Staat oder eine Stadt oder ein Dorf Land, so ist es jederzeit zur
Hand. Jeder, der sich ein Heim begründen will, kann sich eins erwerben
zu einem Preise, daß es sich für ihn rentiert.« -- »Aber wie ist das
zu machen?« fragte der Heizer. -- »Viel einfacher, als es scheint.
Der Staat löst die jetzigen Besitzer durch Ausgabe von Banknoten oder
Schuldverschreibungen ab, zu einem Preise, der dem Ertrage des Bodens
entspricht. Mag man dem Bodenwucher zehn Jahre lang Zeit lassen, sich
von der Spekulation zurückzuziehen, ehe das Gesetz in Kraft tritt.
Dann aber hört jede Spekulation im Lande auf. Das, was einer auf
seinem Lande erbaut hat an Gebäuden, was er durch Entwässerung oder
Urbarmachung seinem Lande zugute getan hat, das ist natürlich sein
Privateigentum und soll es bleiben; und will er seinen Besitz abgeben,
so muß ihm der Staat das, was er geschaffen hat, nach der Schätzung
von Sachverständigen vergüten.« -- »Und die Hypotheken,« fragte der
Heizer, »die heute auf den Grundstücken stehen?« -- »Die werden bei
der ersten Übernahme des Landes durch den Staat in zinstragenden
Staatspapieren von diesem getilgt, und der Betrag wird dem Verkäufer in
Abzug gebracht. Sturm wird's geben, daß kann ich euch sagen, schreien
werden sie über Sozialismus und Zukunftsstaat, -- aber kommen wird die
Verstaatlichung des Bodens, so sicher, wie die Eisenbahnen, die Post
und die Versicherung der Arbeiter schon verstaatlicht sind. Und da mögt
ihr sagen, was ihr wollt« -- und er schlug mit der Faust auf die Bank,
daß sie krachte, -- »wenn nur ein Bismarck unter uns lebte, da hätten
wir es gleich!« -- -- -- -- --
Die Maschine stampfte, daß ich nichts weiter hörte. Ich aber wußte, daß
da unten in der breiten Masse des Volkes Wellenringe ihr Spiel hatten,
die nie zur Ruhe kommen würden, Wellenringe aus grauer Urzeit, als noch
nicht römisches Recht unser gutes deutsches Recht verdrängt hatte, und
der Besitz an Grund und Boden Besitz des Stammes, des Volkes war,
heilig, unantastbar, -- das Wurzelreich für jeden. Und unser Volk
wollte wieder wurzeln im Boden seines Vaterlandes! -- -- --
* * * * *
In Havre hatte ich von daheim nur ein Telegramm erhalten: »Zu Hause
alles gesund! Willkommen daheim!« Das sagte mir mehr als lange Briefe.
Und dann ein Gruß aus Hamburg von meinem fürstlichen Freunde! Ich wußte
ja, es mußte so kommen! Nun wollen sie einen neuen Leiter anstellen am
Biologischen Institut, da der alte gestorben ist, und der neue soll gut
acht geben auf die Veränderungen, die unser Elbwasser erleidet durch
das rapide Wachsen der Städte. Sie mußten sich ihrer Verantwortung
bewußt werden. Und aus der Erkenntnis der Gefahr, mit der sie seit
Jahrzehnten spielen, die die Verseuchung unseres Heimatstromes uns
heraufbeschwört, wird ihnen die Kraft erwachsen, diese heillosen
Zustände zu bessern.
Dein kurzer Gruß, mein Freund, mit dieser inhaltsschweren Nachricht
läßt nun doppelt mich freuen auf die Heimkehr. -- -- -- --
Es schreitet die neue Zeit über die Menschen hinweg, als ob sie Gras
wären. Ich aber kämpfe für das Kommende und zum Besten der Kommenden
für das Ewige.
Aber aus Berlin, von meinem alten, lieben, treuen Freunde Heinz war ein
langes Schreiben da. Er wollte mir noch, ehe ich heimkam, mancherlei
Gutes mitteilen -- ein echter Freundschaftsdienst! Denn die Menschen,
die uns immer nur Übles zu berichten wissen, sie schwächen sich und
uns, unser Hoffen, unser Wollen, unser Können. Aber der Hinweis auf die
Fortschritte, die die Menschheit macht, auf das Gute und Schöne, das
hebt, das drängt dazu, um seinerseits die Kräfte weiter anzuspornen,
das Ziel, das näher gerückt scheint, erreichen zu helfen.
So war es mir denn, als ich seinen Brief las, als rücke alles Gute in
greifbare Nähe, als erfülle sich jetzt schon Hoffen und Wunsch; und mir
schien, als ob aus seinen Zeilen neue Kraft in mich herüberströme.
Er schrieb:
»Lieber Freund!
Nun bist Du bald wieder daheim von Deiner großen Reise.
Von ganzem Herzen willkommen! Willkommen!
Mich aber freut es, Dich bei Deiner Heimkehr mit guter Botschaft
begrüßen zu können.
Freilich, Arbeit gibt es noch genug für Deine Kraft, wie für uns alle,
alle!
Aber es geht vorwärts auf der ganzen Linie!
Da ist zunächst das, was Dir am meisten am Herzen liegt, weil Du in
ihm mit Recht die Hauptquelle alles Elendes, aller Verrohung und
Verstumpfung siehst, unsere deutsche Trinksitte!
Freilich gibt es noch manche Philistertische und dumpfe Kreise, die
glauben, ohne den geliebten Becher mit Wein oder Bier nicht bestehen
zu können, -- aber schon schreitet die neue Zeit über sie hinweg.
Solltest nur mal sehen, wie lustig es jetzt in München hergeht, --
halb soviel wird getrunken, wie früher! Aber die Studenten ziehen
mit Rodelschlitten und Schneeschuhen ins Gebirge und kehren mit
sonnverbräunten und luftdurchglühten Gesichtern wieder heim.
Genau so geht es in Heidelberg. Nur die feudalen Korps in Bonn lebten
noch bis vor kurzem im chronischen Rausche und alten Wahne, daß sie
die Herren der Welt seien. Nun sind sie zusammengebrochen in tollem
Frevel.
Aber unser Volk beschämt diese ›Aristokraten!‹ An die Hunderttausend,
zumeist aus dem arbeitenden Volke, haben sich schon jetzt offen
unserer Bewegung angeschlossen. Rastlos arbeiten die deutschen Frauen,
unter denen es gärt und wogt, wie kaum je zuvor, aus denen heraus sich
Kräfte schaffender Liebe entwickeln, die früher niemand ahnte. Und
sollst mal schauen, wie die Kunst jetzt in den Logen gepflegt wird.
Vor allem muß ich Dir, sobald wir uns sehen, Näheres erzählen von
den kraftvollen und doch so zarten Hebbelaufführungen, die unser Br.
Schornsteinfegermeister in Wesselburen zustande gebracht hat. Echt,
sage ich Dir, echte schleswig-holsteinische Kunst, herzerquickend.
Auch aus den militärischen Kreisen kann ich Dir viel Erfreuliches
melden. Im Landheere kriselt es. Man ahnt ›oben‹, daß die Gicht der
Offiziere meist andere Ursachen hat als den Dienst. Es sind eben
schon zu viele da, die die gleichen Strapazen auf sich nehmen, keine
Gicht bekommen, sondern mit fünfzig Jahren noch wie Jünglinge sind.
Du sollst es sehen: der Geist in Heer und Marine wird ein anderer.
Der Kaiser hat als oberster Kriegsherr genehmigt, daß wir Marinelogen
gründen, -- eine ganze Anzahl sind schon gestiftet, -- nächstens
beginnen wir auch im Landheere! Ist es nicht herrlich? Prinz Heinrich
hat in Amerika gelernt, was die Nüchternheit der Mannschaft für die
Marine bedeutet. So fördert er uns, wie er nur kann.
Der Kaiser ist ernst, wie noch nie. Man raunt, er ginge oft unerkannt,
allein oder mit seiner Gemahlin, durch die Stadt, in die Quartiere der
Armen, und sei entsetzt über das, was er dort erfahren.
Ein Kinderheim hat er an waldumsäumter Ostseeküste gegründet,
damit die Kinder seiner Hauptstadt dort in den Ferien sich stärken
und genesen können. Und in Mürwick hat er bei der Vereidigung der
Seekadetten eine Rede gegen den deutschen Trunk gehalten und in Kassel
den Schülern seines alten Gymnasiums; -- ich sage Dir, keiner von
uns hätte kerniger die Wahrheit sagen können. Es ist offenbar, -- er
hat volle Einsicht dessen, was die Zeit angesichts der Fortschritte
der Wissenschaft und der steigenden Anforderungen an den einzelnen
erheischt. Und Du sollst sehen, er geht von den Worten zur Tat über,
wie vor wenigen Jahren schon einmal auf seiner Mittelmeerfahrt.
Wenn wir uns vor dem Geschimpfe und den Verleumdungen der Brenner,
Brauer, Wirte nicht fürchten, von denen heute einzig noch die Narkose
in der Welt künstlich und gewaltsam unterhalten wird, er als Kaiser
braucht sie erst recht nicht zu fürchten und, ich sage Dir, er wird
sie nicht fürchten!
Der Kronprinz brennt vor Durst nach Wissen und Arbeit. Er fühlt, wie
unendlich viel ihm noch fehlt, um seine Stellung dereinst den hohen
Anforderungen der neuen Zeit entsprechend auszufüllen. Provinz auf
Provinz will er kennen lernen, sagt man, in treuer Einzelarbeit.
Wie ein neuer Geist ist es über beide Männer gekommen. Man weiß
nicht, woher es kommt. Freunde des Hauses sagten, es läge im Blute.
Andere, die beiden Frauen übten einen großen und guten Einfluß aus,
beide erfüllt von einer großen, starken Liebe zu unserem Volke,
zur Menschheit. Freilich, seien die Männer erschüttert durch eine
Reihe von Todesfällen aus ihrem nächsten Freundeskreise, durch die
Eulenburgkatastrophe, den moralischen Zusammenbruch ihres alten,
einst so stolzen Bonner Korps. Eins aber steht fest: wie Sonnenschein
strahlt es erwärmend und erhellend über das ganze Land von dem
Familienleben des kaiserlichen Hauses aus!
Bei dem letzten Geburtstag der Kaiserin ging es wie ein Aufleuchten
durch das ganze Land, -- es war, als ob das ganze Volk fühle, wie warm
ihr Herz mit ihm empfindet. Und wenn man weiß, wie sie, ebenso wie die
gütige Alexandra von England, seit Jahren keinen Tropfen berauschenden
Getränks zu sich nimmt, so muß das doch schließlich allen deutschen
Mädchen und Frauen ein Ansporn sein, in gleicher Weise unserem Volke
mit leuchtendem Beispiel voranzugehen, um es von dem furchtbaren
Fluche unserer Trinksitten zu befreien, und die Herzen frei zu machen
für alles Schöne, Gute und Große und für die Not unserer Brüder und
Schwestern im Lande.
Wie er sich um alles kümmert, Du glaubst es nicht! Ich weiß aber
aus sicherer Quelle, daß er seit einiger Zeit zu allen besonderen
Kongressen der Gartenstadtgesellschaften und Baugenossenschaften
seinen geheimen Berater schickt, der ihm Bericht erstatten muß, und
mit dem er bespricht und berät, wie und wo er helfend eingreifen kann,
weil die Wohnungsnot des Volkes sein Herz bedrückt. Er möchte eben wie
ein Vater des Reiches sein. Und ich bin überzeugt, er wird es noch! Du
sollst es sehen! Wird es noch immer mehr!
Im Reichstage soll einstweilen die Wertzuwachssteuer erwogen werden.
Ich weiß, was Du sagen willst: ›halbe Arbeit!‹ Aber es ist doch
ein Zeichen, daß die regierenden Kreise über diese Fragen, die die
Lebensfähigkeit unserer Nation berühren, trotz ihrer Stumpfheit
allmählich anfangen nachzudenken.
Zwei Männer, von denen Du, und mit Recht, so viel hältst, Graf
Posadowsky und Freiherr von Berlepsch, arbeiten im stillen fleißig und
unverdrossen an dem Werke der Gerechtigkeit und der Liebe. Wir glauben
alle sicher, daß ihre Zeit und damit die unseres Volkes bald kommen
wird. Denn die Gebildeten aller Schichten werden wach.
Vor allem wirst Du Freude haben an unserem neuen Kultusminister!
Einen Erlaß hat er herausgegeben, um die Jugendpflege zu fördern, der
alle Deine Wünsche erfüllt! Die Besitzenden und Gebildeten sollen
sich in Liebe der Jugend der Minderbegüterten annehmen, ihnen Freude
verschaffen in Spiel und Sport, sie heranbilden in Handfertigkeit und
durch Schaffung von Volksbibliotheken, um sie teilhaben zu lassen an
den Kunstschöpfungen unserer Großen, -- und, denk Dir, dieses alles
ohne politische Hintergedanken! Vor allem auch deshalb, um sie vor dem
Alkoholelend zu bewahren. Die Scharfmacher und politischen Streber
wollen die Geschichte natürlich wieder zu einer Hetze gegen die
Sozialdemokraten ausnützen. Und die Wirte und ihre Vertreter zetern
jetzt schon, daß es ihnen ans Leben ginge. Du aber wirst Dich von
Herzen freuen, das weiß ich.
Freilich, noch gibt es Arbeit genug. Doch dazu sind wir ja da!
Aber wohin Du siehst, wird es lichter. Weißt Du schon, daß König
Leopold von Belgien tot ist? Sein Neffe, König Albert, versucht, die
Kongogreuel zu mildern, wie er kann. Er hat große Summen für Pensionen
für die Soldaten und Beamten des Kongostaates und ihre Witwen und
Waisen ausgesetzt und über anderthalb Millionen zur Bekämpfung der
Schlafkrankheit und für ein Hospital für die Schwarzen gestiftet. So
beginnt es, sogar in diesem Erdteile zu tagen. Hoffentlich krönt er
sein Werk und hilft uns baldmöglichst, die Branntweinpest aus Afrika
zu verbannen, die noch mehr Unheil schafft, als die Schlafkrankheit
und das gelbe Fieber zusammengenommen!
Selbst aus Rußland kann ich Dir Gutes melden. Eine Agrarreform
soll ins Werk gesetzt werden, um den Bauern eine menschenwürdige
Existenz zu schaffen. Eisern wird gegen die Betrügereien und gegen
andere Verbrechen der höchsten Beamten vorgegangen. So versucht man,
den russischen Augiasstall zu reinigen. Der Zar beginnt, wie es
scheint, aus seiner Narkose zu erwachen. Er soll empört sein über die
Unterdrückung Finnlands durch seine Beamten und schleunige Remedur
zugunsten dieses aufstrebenden Landes verlangt haben.
Auch im Lager der Katholiken wird es lebendig, und man besinnt sich
mancherorts darauf, wie es scheint, daß die Religion nicht dazu da
ist, Politik zu treiben, um die Macht an sich zu reißen, sondern daß
die Charitas, die das Grundprinzip der Katholiken, wie der ganzen Welt
sein sollte, diese alles beherrschende Liebe, das einzige ist, was auf
die Dauer Bestand hat.
Und nun zum Schlusse nur noch ein kurzes Wort über die
Friedensbewegung. Ich habe den Eindruck, als ob unsere Arbeit auf
diesem Gebiete noch nie so gute Fortschritte gemacht habe, als in
diesen letzten zwei Jahren. Der Gedanke, daß alle Völker aufeinander
angewiesen sind, daß alle Völker nur Glieder eines großen Haushaltes,
einer großen Familie sind, beginnt immer mehr Allgemeingut der Völker
selbst zu werden. So bleibt den Fürsten, und mögen sie noch so
machtdurstig sein, nichts übrig, als sich dieser Erkenntnis der Massen
zu fügen. Roosevelt widmet sich übrigens neuerdings immer mehr der
Aufgabe, die Fürsten in diesem Punkte aufzuklären. Ja, selbst unser
englischer Vetter scheint sich friedlicheren Gedanken zuwenden zu
wollen.
Bruder, Du sollst es sehen, -- der Menschheitsfrühling naht! Wohl
jedem von uns, der eine Scholle mit umgraben durfte, um das Ackerland
zu bereiten, damit die Saat aufgehe zur Ernte!
Und nun Glückauf zur Heimkehr! Die Hand an den Pflug! Noch dürfen wir
schaffen!
Dein
Heinz.«
Heinz, du Goldiger! Hab Dank, tausend Dank für diese Wellen warmen
Sonnenscheins auf dem Wege zur Heimat! -- --
Kaiser, mein geliebter Kaiser, -- oh, ich wußte es ja, du bist groß und
gut, und mit der Frau an deiner Seite, die Gott dir geschenkt, mußtest
du den Zeitgeist verstehen!
Ja, wenn du könntest, so wie du wolltest! O ich weiß, es wird dir so
schwer gemacht, alles das zu erfüllen, was du für recht und notwendig
längst erkannt hast! In deinen besten Wünschen und Absichten bist du
nur zu oft mißverstanden in engherziger Beschränktheit und durch die
Liebeleere ihres Herzens gehemmt, nur zu oft von denen, die dir helfen,
dich fördern sollten! -- Doch nun weiter, unermüdlich.
Weiter! -- Durch die Worte zur Tat! Immer größer, immer herrlicher!
Immer mehr im Geiste der Liebe!
* * * * *
Im hellen Sonnenschein der Liebe sah ich mein Heimatland, -- diese
Liebe mußte siegen! Die Fürsten an der Spitze, -- die Reichen und
Großen folgten, -- ich dachte an Krupp, den Kanonenkönig, und
seine soziale Fürsorge für seine Tausende von Arbeitern, seine
Wohnungsfürsorge, seine Alters- und Invalidenfürsorge, ich gedachte
des großen Arbeiterfreundes Zeiß in Jena, der die Arbeit seiner Leute
so gut zu schätzen wußte, daß er sie teilnehmen ließ an seinem Gewinn.
Nach Bielefeld schweiften meine Gedanken zu dem großen Liebeswerke des
greisen Pastor Bodelschwingh, der das Wort zur Tat werden ließ: Kommet
her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch
erquicken. Und des Operationssaales in unserem Krankenhause gedachte
ich, des messerkundigen Freundes und Kollegen, der schon so manchen
Kranken dem schier sicheren Tode mit seiner Kunst entrissen hatte, und
unserer Diakonissinnen dort und unserer gemeinsamen Arbeit, bei der
jeder, ohne auf ein Wort zu warten, nur den einen Gedanken hatte, wie
er auf seinem Posten mit seinen Händen am besten und geschicktesten
zum Gelingen der Operation beitragen könnte, mit Zufassen und Stützen,
einerlei, ob es ein Reicher oder ein armer Vagabund war, der ins
Krankenhaus eingeliefert war; an alle die Tausende meiner Kollegen im
Reiche dachte ich, die ebenso wie ich von früh bis spät sich mühten,
das Leben ihrer Mitmenschen zu erhalten; und an die Liebestätigkeit
unserer Frauen!
Und plötzlich tauchte vor mir das Bild von Rubens in der Kathedrale
von Antwerpen wieder auf, wie die Jünger und die Freunde den Leichnam
Christi bei der Kreuzabnahme stützen mit Schultern und Händen, nur von
dem einen Gedanken beseelt: Die Liebe in die Tat zu wandeln! -- -- -- --
Und mit einem Male quoll es mir hoch; Kaiser, mein Kaiser, auch diese
alle sind deine Freunde, Krupp und Bodelschwingh und alle die, die sich
mühen im Geiste der Liebe, du hilfst ihnen, und du liebst sie, wie du
die Güte liebst, und weil du selbst gut bist! Du liebst sie, wie du die
Größe liebst, weil du selbst groß bist!
Ich aber fühlte die zauberische Kraft, die von der Kette von
Bruderhänden ausgeht, die den Erdball umspannen. -- -- --
* * * * *
Jauchzend streichen die Möwen um mich herum. Ein kräftiger Südwest
drängt unser Schiff durch die Wogen der Nordsee der Heimat zu. Ruhelos
arbeitet der Kolben. Vorwärts! Vorwärts! -- Wir eilen heim. -- In mir
flutet es von Gedanken, Hoffnungen, Wünschen, -- von Sonnenschein, von
hellem, strahlendem, wärmendem Sonnenschein! -- --
* * * * *
An der Kaffeetafel in unserer Kajüte war lebhafte Unterhaltung. In
Havre waren neue Passagiere an Bord gekommen, die mit uns nach Hamburg
wollten: englische und französische Mitglieder der internationalen
Friedensliga, die nach Deutschland zum Friedenskongreß wollten,
Hamburger Kaufherren, die von London nach Havre gefahren waren, um nun
wieder heimzukehren. Und vor allem ein lieber Freund und Ordensbruder,
Franziskus Hähnel aus Bremen, der zum 40jährigen Stiftungsfeste der
englischen Großloge als Abgesandter der deutschen Großloge nach London
gefahren war.
Da erhob sich Hähnel und berichtete mit leuchtenden Augen von der
englischen Großlogensitzung:
»In einer großen, von den Guttemplern und anderen
Enthaltsamkeitsorganisationen einberufenen öffentlichen
Volksversammlung in Gloucester, die in dem großen Saale der
Shire-Hall mit etwa 2000 Zuhörern stattfand, hatten Joseph Malins das
Präsidium und der Großtempler der schottischen Großloge, Counselor
J. Nelson, Kapitän Richard Rigg, High Sheriff von Westmoreland, und
ich zu sprechen. Der erste über den Kampf um die Gesetzesvorlagen
in Schottland, der zweite über diejenigen in England, und ich war
aufgefordert worden, über die Ergebnisse der deutschen Alkoholforschung
zu berichten. Unter stürmischem Beifall der Riesenversammlung hatten
die beiden Ordensmitglieder ihre wirkungsvollen und dem Abend besonders
glücklich angepaßten Reden in der ihnen eigenen temperamentvollen Weise
gehalten, als ich der Aufforderung harrte, um das Wort zu nehmen. Aber
es kam zunächst anders. Es war eine Resolution eingebracht worden von
Mr. Fox, die folgenden Wortlaut hatte:
›Die Versammlung wünscht, durch ihren geehrten Gast, den Vertreter von
Deutschlands Großloge II, den Mitgliedern des Guttemplerordens und der
anderen Enthaltsamkeitsvereine in Deutschland, sowie durch diese der
ganzen deutschen Nation eine Botschaft des Friedens, der Freundschaft
und der Brüderschaft zu entbieten und ihm, sowie den Deutschen zu
versichern, daß in den breiten Volksschichten Englands auch nicht
der geringste Wunsch vorhanden ist, die gegenwärtigen freundlichen
Beziehungen zwischen den beiden großen Nationen vermindert zu sehen,
sondern sie vielmehr zu erhalten und zu erhöhen.‹
Mr. F. J. Brooke, sowie der Großtempler der Großloge von Wales,
Evan Rees, unterstützten aufs lebhafteste diese mich aufs höchste
überraschende und so unvermittelt als besondere Freundlichkeit gegen
unsere Großloge eingebrachte Resolution. Unter stürmischem Beifall
wurde sie einstimmig angenommen.
Da habe ich ihnen im Namen unserer gesamten deutschen Ordens- und
Nüchternheitsbewegung aus vollstem Herzen gedankt für diese freundliche
Kundgebung für mein Vaterland und ihnen im Sinne der Resolution
versprochen, diese Botschaft nach Deutschland zu tragen, als einen
neuen Beweis dafür, wie unser internationaler Guttemplerorden eine
Vereinigung darstelle, die auch zur Erhaltung und Förderung des
Weltfriedens in hohem Maße beitrage.
Ich habe nach dem Schlusse dieser mir unvergeßlichen Versammlung noch
vielen Frauen und Männern die Hand drücken dürfen, aus deren Augen und
aus deren herzlichen Worten ich entnahm, daß es ihnen heiliger Ernst
mit ihrer Freundschaftsbezeigung war. ›Wir englischen Abstinenten
glauben nicht an das Geschwätz der Presse!‹ Das hatte ich noch mehr als
einmal zu hören!«
Kaum hatte Hähnel geendet, da sprang der englische Parlamentarier
Mr. Ramsah Macdonald auf und sagte mit warmer, herzlicher Betonung:
»Deutschland hat seine Kriege ausgefochten und Ruhe in der Welt
gefunden. Nun ist es Naturnotwendigkeit, daß es sich zum Erwerbs-
und Industriestaate entwickeln muß. Deutschland ist ohne Ambition.
Ein Krieg zwischen England und Deutschland kann nimmermehr durch den
Willen des Volkes hervorgerufen werden, sondern nur durch Fehler und
Mißverständnisse der Politik.
Wir wollen nach Berlin als ein Teil des britischen Parlaments, zwar
nur ein kleiner Teil, aber wir werden dem englischen Volke über unsere
Erlebnisse Bericht erstatten. Als unsere Partei anfing, sich politisch
zu betätigen, haben wir es für erforderlich gehalten, auch mit
Deutschland in Fühlung zu treten.
Verschiedene Einflüsse sind am Werke, uns zu trennen. Seien Sie
überzeugt, daß wir diejenigen niemals unterstützen werden, die nach
dem Kriege schreien. Kein englischer Arbeiter will Feindschaft mit
Deutschland, überhaupt niemand in England will einen Krieg. Die
englischen Arbeiter empfinden Scham, wenn in gewissen Hetzblättern
Zwietracht gesät wird. Hier ist ein solches Hetzblatt,« rief er,
hochaufgerichtet dastehend, leuchtenden Auges, zerriß das Blatt und
streute die Fetzen in alle Winde: »und so möge es denen ergehen,
die diese beiden Völker aufeinanderhetzen wollen. Wir fahren nach
Deutschland, um von den Deutschen zu lernen, und kommen als Boten des
Friedens!« -- -- -- --
Nun, König Eduard, hast du noch ferner Lust, die Aktien deiner Gewehr-
und Pulverfabriken zu protegieren? Ei, so verbünde dich doch mit deinen
Lords, Brauern und Brennern und zwing dein Volk, das zur Nüchternheit
strebt und zum Glück, wieder zum Trunke zurückzukehren, und führe deine
Söldnerscharen, wie vor kurzen Jahren gegen die unglücklichen Buren,
gegen die Deutschen! Versuch es nur, -- aber hüte dich, daß der Sturm
der Geschichte dich nicht wegbläst, wie Asche! Denn dein Volk kennt
dich und deine Freunde! Und dein Volk will leben und aufwärts zur
Sonne, wie das meinige! -- Ich weiß es wohl, -- es sind nicht nur deine
eigenen ehrgeizigen und gewinnsüchtigen Gedanken, die dich treiben: du
willst an deinem Volke wieder gut machen, was du früher gesündigt hast,
-- das erste Volk der Erde soll es sein! -- Wohlan, wir sind gerüstet,
wenn du es wagen solltest, uns anzugreifen, uns, ein waffengeschultes
Volk von sechzig Millionen! -- Wir aber werden euch nicht angreifen,
-- wir wollen den Frieden, und achten eure Arbeit. Wir wollen in
friedlichem Wettstreite mit euch uns messen, wer vorangeht auf den
Wegen der Kultur! --
Ihr Könige, gebt acht! -- Die Völker werden nüchtern und werden durstig
nach Liebe! -- -- -- --
* * * * *
Das Wetter hatte sich aufgeklärt. Lange saßen wir noch auf Deck
zusammen.
Alles, was die Landsleute aus der jüngsten Zeit sonst noch mitteilten
aus Deutschland, aus Hamburg, klang erfreulich und zeigte steten
Fortschritt zum Guten. Vor allem die zunehmende Erkenntnis von der
Verantwortung für die Jugend. Auf das beste bewährten sich die neu
eingerichteten Jugendgerichtshöfe. Unser Amerikaner freute sich, als
dankbar anerkannt wurde, daß Amerika uns auch hier mit gutem Beispiele
vorangegangen sei, -- wieder ein Beweis für den edlen Wettstreit unter
den Nationen.
Sein Töchterchen erzählte leuchtenden Auges von der einfachen
Volksschullehrerin Miß Piersen, die vor wenigen Jahren die
amerikanische Schulfriedensliga gegründet hatte, der bereits
viele Tausende von Kindern beigetreten waren, und die so in dem
heranwachsenden Geschlechte den Sinn für eine neue Menschheitskultur
schuf.
Eine einfache kleine Volksschullehrerin, -- aber mit dem Willen zur
Tat, wie ein Bismarck, und einem Herzen voll Liebe, die von Christi
Geist stammte.
Daran anschließend erzählte ein norwegischer Kollege, der sich unserem
Kreise angeschlossen hatte, daß im Jahre 1905 die hundert enthaltsamen
Mitglieder im schwedischen Reichstage, -- ein gut Teil davon
Sozialisten, -- die Ursache gewesen seien, daß es nicht zum Kriege
zwischen Schweden und Norwegen kam. Nüchterne Menschen führen keine
Kriege. -- --
Und dann wußte der eine dieses, der andere jenes zu berichten.
»Im Sommer sollte in Berlin eine große Ausstellung für Kinderfürsorge,
Jugenderziehung und Wohlfahrtspflege stattfinden.«
»Waldschulen wurden gegründet, freilich zunächst nur für kränkliche
Kinder; aber schon hofften die Freunde, die Neuerung desgleichen auch
für die gesunden Kinder zu erreichen, um sie hierdurch vor Krankwerden
zu bewahren.«
»In Hamburg werde demnächst in den Schulen der staatsbürgerliche
Unterricht eingeführt.«
»Fortschritt überall!«
»Immer mehr aber breche sich die Erkenntnis Bahn, daß es sich vor
allem darum handle, dem Elend vorzubeugen durch Neugestaltung der
Wohnungsverhältnisse: heraus aus der Stadt, hinaus aufs Land, wieder
Fühlung gewinnen mit der Mutter Natur, wieder wurzeln im Mutterboden
der Heimaterde, reich und arm, das sei die neue Losung für alle
weitsichtigen Geister, die emsig die Hände rührten, um diese Pläne
zu verwirklichen, in neuem großen Maßstabe, nach neuen, schönen
Vorbildern, zu denen wiederum von England und Amerika die Anregungen
gekommen seien.«
Und immer wieder zeigte es sich, wie eng unsere Kulturen verwebt sind
durch Tausende lebendiger Fäden!
»Und noch weiter gingen bereits die Forderungen der neuen Zeit: unserer
Heimat den Reiz der alten Zeit zu erhalten, trotz alles Drängens und
Hastens der neuen, trotz aller Vermehrung der Menschen. Um die Städte
herum sollten Gürtel gebildet werden von Naturschutzgebieten« -- und
wieder freute sich unser Amerikaner, daß anerkannt wurde, daß auch
hierin Amerika durch Schaffung seines Yellowstone-Parkes die Anregung
gegeben habe, -- »um auch den nachfolgenden Generationen den Reiz der
Heimat, den Märchenzauber von Wald und Heide, zu erhalten.«
»Ja sogar die Märchen würden wieder lebendig: Auf den Dörfern würden
sie aufgeführt von den Dorfschulmeistern und den Kindern, draußen im
Freien, im Wald und auf der Heide.« -- -- --
Da überkam es mich wie ein Rausch von zu vielem Lichte und zu
großer Freude, und doch kam ich mir so unendlich klein vor mit
meinen bescheidenen Kräften in diesem großen Getriebe der geistigen
Wellenringe der Nationen.
* * * * *
Leise stahl ich mich aus dem Kreise der Freunde weg und schlich auf
meinen stillen Platz hinter der Maschine.
Mein Freund, der erste Maschinist, stand nicht weit von mir und
putzte mit augenscheinlicher Liebhaberei an einer kleinen Schraube.
Unwillkürlich fesselte seine Arbeit mein Interesse, so daß ich von
meinen Träumen abgelenkt wurde.
Nachdem er eine Zeitlang die unscheinbare Stelle mit wahrer Liebe
bearbeitet hatte, fragte ich ihn: »Nun sagen Sie 'mal, Freund, warum in
aller Welt putzen Sie denn diese kleine Schraube mit solchem Behagen?«
-- »Weil ich sie liebe um das, was sie mich gelehrt hat,« antwortete er
mir. »Sehen Sie, Doktor, diese kleine Schraube, die so unwichtig und
klein aussieht und an sich im Vergleich zu der ganzen großen Eisenmasse
der Maschine ja nur ein Pünktchen ist, -- sie ist doch wichtig.
Denn wenn sie nicht wäre, so würden durch den Stoß des Kolbens sich
allmählich diese Stahllager lockern, und der ganze Gang der Maschine
würde leiden, ja, vielleicht diese selbst mit der Zeit gefährdet
werden. So hat diese kleine Schraube mich gelehrt, wie jeder Mensch, --
und sei der Posten, auf den ihn sein Geschick gestellt hat, anscheinend
noch so unbedeutend, -- seine Bedeutung hat für das Gedeihen des
Menschengeschlechtes, und wie jeder Mensch auf seinem Posten ausharren
und seine Pflicht tun soll zum Gedeihen des Ganzen.«
Er drückte mir die Hand und ging nach oben auf Deck.
Ich aber sah nur noch die kleine Schraube neben der großen Welle.
-- -- -- Und ich, was war ich denn?
Ich, der müde geworden war im Kampfe gegen das Elend der Menschen, --
als ob ich allein etwas Nennenswertes gegen dieses ungeheure, große,
graue Etwas ausrichten könnte! Was war ich denn?
War ich denn nur ein Deut mehr für das Ganze unseres Volkes, als diese
kleine Schraube, -- war ich überhaupt so viel?
Hatten nicht gerade die letzten Gespräche auf Deck von allen den
Riesenfortschritten in unserer Kultur mir nur zu deutlich vor
Augen geführt, wie bitter wenig der einzelne bedeutet in diesem
Riesengetriebe des Ganzen, in dieser Riesenmaschine, die den
Fortschritt der Menschheit bedeutete?
Nicht mehr als diese kleine Schraube für die große Maschine!
Und doch, -- und doch so viel, wie diese kleine Schraube für die
Maschine. --
Wie hatte mein Freund, der Maschinist, doch gesagt? Wenn sie sich
lockere, so würden durch den Stoß des Kolbens sich die Stahllager
lockern, und der Gang der Maschine, ja, die Maschine selbst gefährdet
werden. --
Da ward es mir klar: die Bedeutung des einzelnen liegt in seiner
Verantwortung, die er dem Ganzen gegenüber hat. Und um dieser
Verantwortung willen darf er nicht lassen von der Erfüllung seiner
Pflicht, mag seine Kraft auch noch so gering sein.
Je höher aber seine Stellung ist, desto größer ist seine Verantwortung.
Da gedachte ich wieder des Kultusministers und seiner Riesenaufgabe,
für die geistige und sittliche Zukunft unseres Volkes zu sorgen.
Und sinnend blickte ich in das Getriebe von Stangen und Kurbeln, die
sich alle gewissenhaft drehten und bewegten, weil der Kolben sie
unaufhaltsam vorwärtstrieb. -- Und dankbar dachte ich seines neuen
Erlasses.
Ich weiß es wohl, wir sind Träger des Geistes, der die Seele der Welt
ausmacht, und diese Seele, dieser Geist ist die Liebe, weil nur dieser
Geist lebendig ist, und nur Liebe Leben bedeutet. Und wenn wir auch aus
der Liebe zur Liebe geboren sind, so bedeutet doch eben diese Liebe den
steten Kampf mit allem Finsteren, Schlechten, Kalten, -- allem, was die
Menschen krank, unglücklich, elend zu machen fähig ist, -- gerade wie
die Sonne tagtäglich den neuen Kampf kämpft mit der Finsternis, mit der
Nacht.
Da fiel mir ein Wort unseres großen Bismarck ein: »Das Leben ist ein
Kampf, und ohne innere Kämpfe kämen wir zuletzt zur Versteinerung. Ohne
Kampf kein Leben. Nur muß man in allen Kämpfen die nationale Frage doch
immer als Sammelpunkt haben, und das ist für uns das Reich, nicht so,
wie es vielleicht gewünscht wird, aber so, wie es besteht, das Reich
und sein Kaiser, der der Vertreter davon ist.« --
Und nahe vor mir stand er im Geiste, groß und gewaltig, Granit, ein
Mahner und Rufer zur Tat. Und neben ihm ein Tempel des Höchsten, aus
grüner Erde emporwachsend, immer größer, immer herrlicher, alle Völker
überschattend im Geiste der Liebe. -- -- -- --
* * * * *
Die englischen Friedensfreunde, die Amerikaner, Franziskus Hähnel und
ich saßen zusammen auf Deck. Da wandte sich der Amerikaner zu mir und
sagte: »Wir haben eine herrliche Fahrt zusammen gemacht und manchen
Gedanken ausgetauscht. Nun geht es bald ans Scheiden. Ich bin von
Jugend auf gewohnt, was mir je Gutes und Liebes erwiesen wird, in einem
treuen und dankbaren Herzen zu bewahren. Das Schlimme, Harte, Kalte,
Ungerechte, Häßliche, was man mir antut, habe ich mich als Philosoph
gewöhnt, als Folge von Mißverständnissen oder Unbedachtsamkeit
derjenigen, die mir jenes antaten, aufzufassen, oder wie ein Arzt als
Äußerung einer krankhaften Veranlagung anzusehen. So kann es meine
Seelenruhe nie erschüttern.
Aber das treue, dankbare Gedenken und Festhalten aller derer, die mir
je im Leben gut waren, macht mein Leben so reich, daß ich es gar nicht
fassen kann. Und nur in diesem Sinne lasse ich den Begriff der Treue
gelten. Treusein heißt festhalten, nicht aufgeben, was man hat, zu dem
man gehört, -- treu sein heißt nicht, nur einem Menschen angehören,
-- die menschlichen Verhältnisse sind so vielgestaltig, daß sie nicht
von einem Gesichtspunkte aus zu beurteilen sind, -- aber festhalten
heißt es, damit wir reicher werden und uns zusammenschließen zur
gegenseitigen Förderung.
So lassen Sie auch uns, was wir auf dieser Fahrt gemeinsam erlebt
haben, in einem treuen Herzen bewahren und reifen zum Besten unserer
Völker, zum Besten der Menschheit!«
Wir reichten einander stumm die Hand. Eine weihevolle Stille lag über
unserer kleinen Gesellschaft. Und während die Wogen des Meeres an den
Bug des Schiffes schlugen, war es in uns so feierlich, als ob wir in
einer Kirche der Heimat Ostern feierten.
* * * * *
Der Abend senkte sich. In regelmäßigem Scheine grüßt weithin übers Meer
der Leuchtturm von Helgoland: willkommen daheim! willkommen daheim!
Dann das rote Licht vom ersten Feuerschiffe.
Da, die Lichter von Cuxhaven. Die Anker zu Grund. Wir müssen erst
den Schein vom Hafenarzt haben. Nach den üblichen Formalitäten, dem
Vorlegen der Krankenlisten, Einhändigen des Passagierscheines, noch
ein kurzes Beisammensein in der Kajüte. Der Kollege wundert sich, daß
der Kapitän und ich nur Zitronenlimonade trinken. -- Wunderlich, wie
schwer die Ärzte sich dem Fortschritte anbequemen. Die Suggestion der
akademischen Trinksitten! -- -- -- -- --
»Freilich, man könne sich selbst als Studierter den neuen Anschauungen
nicht mehr ganz verschließen,« meint der Kollege. »Auch in Cuxhaven
würde neuerdings viel weniger getrunken als früher, seitdem der neue
Amtsrichter dort sei. Merkwürdig, was so ein einzelner Mensch mit
einem Herzen voll Liebe und dem Willen zur Tat beschaffen könne. --
Mein junger Freund, den ich von Jugend auf gekannt! -- Der Vater,
Kollege, war Korpsstudent gewesen. Also mußte der Junge es auch
werden. Ein schöner, strammer Bursche. Fast hätte es ihm den Magen
und die Nerven gekostet, wie tausend anderen auch. Aber die beiden
geheimnisvollen Kräfte, die die Heimat ihn gelehrt, die hatten ihn
hochgerissen. -- In kürzester Zeit habe er,« berichtet der Kollege
weiter, »mit dem Kollegen Bulle zusammen einen Arbeiter-Bauverein
gegründet. Der Bürgermeister der Stadt stände ihm wacker zur Seite, --
eine Volksbibliothek, Volksunterhaltungsabende, Kunstausstellung --
Cuxhaven habe noch nie so etwas erlebt, -- aber es sei famos, -- und
die Stammtische noch nie so leer gewesen, wie dieses Jahr, es sei, als
ob ein neuer Geist über die Stadt käme.« -- -- --
Ein Händedruck. -- »Gute Nacht!« »Gute Fahrt!« -- Der Kollege fährt
wieder an Land.
Ich aber sehe im Dunkel der Nacht leuchtende Wellenringe des Geistes
weiter und weiter hellende, wärmende Kreise ziehen. -- --
Morgen früh sind wir daheim! Schon ist alles gepackt. Da liegt
noch mein Bändchen Gedichte für meines Herzens Königin, -- der
»Sonnenscheinsamen« -- der Samen aus dieser Fahrt ins Land der Sonne.
Noch einmal, ehe er aus meinen Händen geht, lese ich Blatt für Blatt;
-- er sei der Schlußstein in diesem Berichte meiner Reise, die ich
antrat, um das Elend der Menschheit zu vergessen, und deren Frucht
für mich geworden war, daß ich mich selbst wiederfand in neuer Kraft,
zu neuem Lieben, zu neuem Kämpfen, zu neuem Schaffen! Deren Frucht
für mich geworden war die Erkenntnis, wie wenig der einzelne an
sich bedeutet gegenüber der ganzen großen Menschheit, und wie doch
diese ganze große, nach Glück und Leben sich sehnende Menschheit ein
einziger, großer Organismus ist, in dem ein jedes Glied seine heilige,
große Aufgabe hat.
In diesem Sinne, in dieser Erkenntnis will ich leben, solange ich atme.
-- --
Vor mir lagen meine Lieder.
Sonnenscheinsamen.
Sonnenscheinsamen
Schenktest du mir, Geliebte!
Sonnenscheinsamen!
Ich aber streut' ihn
Mit vollen Händen
In die Herzen der Menschen,
In reich und arm,
In hoch und niedrig,
Ohne zu fragen,
Ob sie ihn wollten.
Und die ihn nicht wollten,
Bedurften seiner am meisten;
Denn sie saßen im Dunkeln
Und hatten vergessen,
Daß es noch Sonnenschein gab auf der Erde.
Und von den Klugen und Weisen
Riefen die meisten:
Halt' ein, du Fürst, du Verschwender,
Weißt du nicht, was du tust?
All deinen Sonnenschein
Entnimmst du dem Herzen
Und streust ihn,
Ohne an dich zu denken,
Über die Erde,
Als ob dein Reichtum
Nimmer enden könnte! --
Toren und Narren!
Zürn' ihnen nicht!
Sie kennen dich nicht, Geliebte,
Noch deinen Samen.
Kennen nicht seine Kraft
Und wissen nicht,
Daß, je mehr ich ihn säe,
Je mehr des wärmenden Lichtes aufgeht,
Und um so mehr von diesem deinen Samen
In mich zurückfällt,
Wuchernd und werbend!
Mein Sang von der Freiheit und von der Liebe.
Was wißt ihr von Freiheit,
Ihr, die ihr nimmer
Aus dem Gewühl der Städte entranntet,
Eingepfercht zwischen den Mauern der Häuser,
Den Rücken gebeugt vor Fürstenthronen
Und Fürstendienern!
Was wißt ihr von Freiheit!
Ihr, die ihr nimmer das Weltmeer kreuztet,
Ihr, denen nimmer der Sturm ums Haupt gebraust,
Die ihr die Wogen am Bug des Schiffes nicht branden hörtet! --
Jauchzend stehe ich auf sausendem Schiff,
Über mir funkelt des Südens Kreuz
Und das Schwert des Orion. --
Brausend durchschneidet mein Kiel die Flut,
So weit das Auge reicht, kein Land,
Nur unbegrenztes, unendliches Meer.
Ich aber trinke, in langen Zügen
Satt mich trinkend, selige Freiheit,
Eins mich fühlend in meiner Seele
Mit dem Geiste der Welten,
Der über die Meere herrscht und über die Erde
Und alle Gestirne.
Und meine Seele ist bei ihm
Und lebt in ihm
Und fühlt sich eins mit ihm
Als Herrn der Welt! --
Allein der Herr der Welt
Ist die Liebe!
Ihr aber macht euch Gesetze,
Die der Liebe spotten und somit des Herrn!
Wißt ihr, was Tropensonne heißt?
Habt ihr die glühenden Strahlen empfunden?
So ist die Liebe!
Den Tod besiegend und Leben erweckend,
Eis des Nordens in Dampf verwandelnd,
Meere kochend,
Daß sie entströmen
In heißen Wogen ihren Gestaden,
Weithin tragend in grünen Wellen
Die Sonne des Südens,
Daß sie an Nordlands kalten Gestaden
Wonnespendend
Wunder des Frühlings lieblich zaubern.
Mich durchglühte die Tropensonne
Und weckte mir Liebe,
Glühend heiß wie sie selbst,
Nordlandeis in Dampf zu verwandeln!
Und kraft dieser Liebe
Breche ich eure Gesetze,
Die euch in Fesseln halten,
Wie der Nordsturm die Bäche
In unserer Heimat in Eis verwandelt,
Daß sie die Fluren nicht tränken können.
Eure Gesetze und Sitten,
Euren Glauben und eure Dogmen,
Die euch verbieten, euch so zu lieben,
Wie der euch zeigte,
Der die Sonne in euer Leben brachte
In nur einem Gesetz,
Einem einzigen, sonnigen:
Liebet euch untereinander!
Ihr aber tötet euch untereinander
Kraft eurer Gesetze,
Und haßt euch gegenseitig
Und steinigt euch
Kraft eurer Sitten!
Um was?
Um eures Glaubens, eurer Dogmen,
Eurer Sitten willen!
Eure Sonne aber schlugt ihr ans Kreuz! --
Habt ihr das Kreuz des Südens gesehen?
Habt ihr der Tropen Sonne gespürt?
Habt ihr des Sturmes Brausen gehört
Auf wogendem Meer?
Sie lachen eurer und eurer Gesetze
Und erzählen von unendlicher Wärme und Größe,
Die nie versieget,
An die ihr nicht tasten könnt
Mit euren Händen
Und eurem Menschenverstande
Und eurer Kälte, --
Von Wärme und Größe,
Die ewig frei war, und ewig es sein wird!
Und das Meer und die Sonne
Und der brausende Sturm
Und die ewige Schönheit vom Kreuz des Südens,
Sie alle haben es mich gelehrt,
Eure Gesetze erbärmlich und klein zu finden,
-- Würdig euch Menschen, --
Und bar der Liebe!
Und so lache ich euer und eurer Gesetze
Und Sitten und toten Dogmen,
Und habe Mitleid mit euch
Und liebe euch
In all eurer Kleinheit
Und eurer Härte und Kälte,
Und will euch auftauen mit meiner Liebe,
Wie der Golfstrom des Nordlands Gestade auftaut,
Und stürmen wie der Sturm,
Reinigend, stärkend,
Und lieben, wie die Sonne der Tropen,
Heiß, versengend und Leben weckend,
Überreich' Leben!
Und kraft des sonnigsten Gesetzes,
Das der sonnigste Mensch euch gab,
Liebe ich die, die ihr verachtet,
Liebe ich die, die ihr hasset,
Denn sie bedürfen der Liebe! --
Lieb' ich euch alle!
Denn ihr alle bedürft der Liebe!
Und auf dem starken Fittich meiner Liebe
Über Tod und Grauen
Trage ich euch empor zum Herrn der Welten,
Dem Geist der Liebe,
Mit dem ich eins mich weiß
Als Herrn der Welt!
* * * * *
Weißt du, wer ich bin?
Weißt du, wer ich bin?
Ein Stückchen bin ich vom Nagel
Am kleinen Finger der Gerechtigkeit.
Wehe dir, wenn du Arme drückst
Oder Bedrängte!
Hüte dich, daß du die Wahrheit nicht in den Schmutz ziehst,
Daß sie aussieht, wie eine weiße Rose,
Die du im Uferschlamme des Sees zertreten hast!
Hüte dich, daß du nicht Recht in Unrecht
Und Unrecht in Recht verwandelst!
Wisse, die Gerechtigkeit hat ein feines Gefühl
Selbst in dem Nagel ihres kleinen Fingers,
Und ich führe ihrer Hand den Weg,
Um dich zu packen!
Darum hüte dich! --
Weißt du, wer ich bin?
Weißt du, wer ich bin?
Ein Stäubchen bin ich im Weltenall,
Getragen von einem Sonnenstrahl,
Von einem Strahl aus jener Quelle,
Die ewig war und ewig sein wird!
Von einem Strahl aus jener Quelle,
Aus der seit Ewigkeiten
Alle Liebe und alle Wärme fließt.
Und wenn du im Elend bist;
Und wenn du einsam oder in Sorgen bist;
Wenn du arm oder gedrückt bist;
Wenn Krankheit dich quält
Und Schmerz
Und Angst vor dem Ende:
So komm zu mir, dem Sonnenstäubchen,
Und kraft des Strahls, durch den ich lebe,
Will ich dich lieben und dich erwärmen,
Daß deine Sorgen und deine Schmerzen,
Und was dich drückt,
In nichts zerfließt --
Nimm mein Leben, -- nur komm! --
* * * * *
Merkwürdiges erleb' ich!
Ich sehe die Dinge, wie sie sind,
Und sage, was ich sehe!
Und andere sehen die Dinge
Ebenso wie ich,
Und sagen, sie sähen sie anders!
Sie glauben, sie hätten Vorteil dadurch,
Oder es ist ihnen bequemer.
Aber sie merken nicht,
Daß ihre Worte wie Nebel sind,
Die die Wahrheit verdunkeln,
Wie die Nebel im Winter die Sonne verdunkeln!
Und andere glauben, klug zu sein,
Wenn sie das, was sie sind und wollen, verstecken,
Und tun,
Als ob sie anders wären und anderes wollten!
Und sehen nicht,
Daß sie ebenfalls nur Nebel erzeugen!
Und dieser Nebel hüllt unser ganzes Volk ein!
Aber die Wahrheit ist stark und hell,
Wie die Sonne,
Und scheint durch allen Nebel hindurch,
Oft nur in Strahlen,
Oft hellt sie ihn ganz.
Wie ein Licht scheint sie im Dunkeln,
Daß man sie so leicht finden kann,
Wie ein Licht im Dunkeln!
Und je näher wir kommen,
Desto größer und heller scheint uns das Licht;
Und je mehr wir in die Wahrheit eindringen,
Desto heller wird es in uns!
Sie gleicht einem Leuchtturm,
Der fernher über das finstere Meer
Unserem Schiffe den Weg zeigt
Zur fernen Küste! --
Du bist der Leuchtturm
Auf dem finstern Meere meines Lebens, Geliebte!
Einem Licht im Dunkeln gleichst du,
Wie du der Wahrheit gleichst,
So hell und klar.
Das kommt,
Ihr beide habt eine Mutter:
Die Sonne!
* * * * *
Den Tod fürchtest du,
Den Allbezwinger?
Ach, ich versteh' dich!
Toren malten ihn dir mit Sense und Hippe,
Und dich schreckt das Gerippe
Und die Furcht vor dem Nichts,
Dem Unbekannten,
Großen,
Leeren,
Dem Nichts!
Ist es nicht so?
Sei ruhig und ängstige dich nicht
Und laß dir erzählen!
Ich kenne ihn!
Zweimal trat er an mich heran.
Als er zuerst mir nahte,
Da lag ich auf meinem Schmerzenslager,
Fiebernd, röchelnd,
Nach Atem ringend,
Das Herz voll Sorgen wohl um die Meinen.
Da kam er
Mit leisem Schritt
Und sanfter Hand:
Noch fühl' ich sie,
Wie sie sich kühlend legte auf die glühende Stirn,
Sanft, ganz sanft.
Und wie die Augen schwer wurden,
Wurde mein Herz mir leicht,
Oh, so leicht,
Als ob ich Schwingen hätte,
Und alle Sorgen fielen von mir ab,
Alle Schmerzen schwanden, --
So ruhig wurde es drinnen,
So himmlisch ruhig, --
Mir war's,
Als wüchs' ich über mich hinaus,
Und größer, immer größer,
Um in eins zu fließen
Mit dem Geiste der Welt. --
Und ich genas.
Und wieder trat er dann zu mir,
Zum zweitenmal.
Als auf der Meerfahrt sich der Sturm erhob,
Die Wogen berghoch sich zusammentürmten,
Um donnernd auf das schwanke Schiff zu schlagen.
Da trat er wieder zu mir her,
Sanft, ganz sanft,
Und wiegte mich,
Wie mich die Mutter wiegte,
So daß ich mich als Kind noch einmal träumte,
Als glückersehnend Kind.
Und selig trank ich in Erinnerung
Noch einmal all der Zeiten Sonnenschein.
Und heut noch dank' ich ihm die Stunde,
In der er mir dies süße Glück verlieh.
Und nun erwart' ich ihn zum drittenmal.
Er komme, wann er kommt.
Ich weiß es, er ist sanft und mild;
Er löscht nicht aus,
Er lindert nur die Schmerzen
Und zaubert dir dein geistig' Aug'
So groß und weit,
Daß du dein irdisches gar gern entbehrst.
Sieh die Natur:
In weißes, weiches Laken
Hüllt der Schnee sie ein.
Du meinst, sie sei gestorben?
Tor, sie lebt!
Dort unter dem Schnee,
Da lebt es und webt es!
In starrender Rinde
Und rauhem Kern,
Da treibt es und keimt es!
Und kommt der Frühling
Mit seiner Sonne,
Warte nur,
Sing' und freu' dich!
Schau nur,
Welch blühendes, schwellendes, sonniges Leben
Der schwarzen Erde entsprießt,
Alles, was in ihr verborgen lag,
Vermodernd, verwesend,
In neues Leben verwandelnd,
Das zur Sonne drängt,
Weil es von der Sonne stammt!
Und auch du stammst aus der Sonne!
Auch dich decken sie einst
Mit weißem weichen Laken
Und senken dich,
Wie ein Samenkorn von der Wintersaat,
In die Erde,
Damit, wenn dein Frühling kommt,
Was von dir aus der Sonne stammt,
Zur Sonne emporwächst.
Aber gib acht!
Was du an Sonne und Liebe erhaschen kannst,
Trink es in dich hinein,
Wie die Blume die Sonne in sich hineinsaugt.
Trink Sonne und Liebe,
Soviel du nur kannst,
Und strahle sie wieder von dir,
Erhellend, erwärmend,
Als ob du selbst ein Stückchen Sonne seist!
So mehre den Sonnenkern in dir,
Jenes wunderbare Teil in dir,
Das du von ihm empfingst,
Dem Allewigen,
Aus dem alle Sonne und Liebe stammt.
Und fürchte dich nicht vor dem Tod:
Denn er ist sanft
Und zeigt dir nur den Weg,
Der dich vom Nebeltal der Erde
Wieder dorthin führt,
Woher du stammst.
Sei froh und fürchte dich nicht!
* * * * *
Ich lag im Grase und unter Blumen,
Bunt und blühend, vertraulich nickend,
Am Busen der Erde, der Mutter aller.
Am fernen Waldessaum entstieg dem dunklen Tann
Des Meilers grauer Qualm,
Mich mahnend an der andern Menschen Treiben.
Und wie es kam -- ich weiß es selber kaum:
Ich fühlte mich so jung, war wieder Kind,
Und mit den Schwestern, all den Blumen,
Da spielte ich und neckte mich; --
Ihr seid doch meine Schwestern, nicht?
Und du? Du Mutter Erde,
Bist du nicht unsre Mutter?
Oder etwa nur, weil wir dich so nennen,
Nicht, weil du es bist?
Aber wurzelt nicht in deinem Schoße
Der gewaltige Eichbaum,
Die Blume am Wege
Und in des Meeres unendlicher Tiefe
Weit um sich greifender Algen bunte Pracht,
Wie in der Mutter Schoße das Kind,
Angeheftet mit feinen Fäden,
Nahrungssaugenden,
Wachstumspendenden? --
Oh, daß ich dich halten könnte,
Wie ich die Mutter umfing,
Da ich als Kind noch selig am Busen ihr ruhte.
Und ich? -- aber hier ruhe ich ja!
Wer will's mir denn wehren,
Wer mich reißen von deinem Busen?
Wurzeln wir denn nicht alle in dir?
Saugen wir all nicht aus deinem Boden
Nahrung und Kraft?
Sind denn nicht alle deine Geschöpfe
Unsre Geschwister?
Atmest du nicht für uns, deine Kinder,
Stärkende Himmelsluft ein?
Hauchst du nicht aus, des wir nicht bedürfen,
Was uns nur schadet,
Daß es zurzeit als himmlischer Segen
Umgewandelt herniederträufle,
Wenn du, die durstigen Kinder zu tränken,
Wasser des Himmels begierig schlürfest?
Ist nicht das Feuer, das wir gebrauchen,
Dein Feuer, Deine Glut,
An der wir uns wärmen?
Und empfängt nicht das Kind
Vom Geiste der Mutter seinen Geist?
Ist es nicht ebenso dein Geist,
Derselbe Geist, der uns alle beseelt,
Der uns alle umfaßt?
Der deinige nicht wiederum ein Teil des Weltgeists,
Abgesplittert und zugehörend? --
Weh' über die Brüder, die glauben,
Daß sie allein etwas sind!
Wären sie es, sie wären ein Nichts in dem Weltall!
Wenn sie es könnten! --
Nicht rollet der Donner, damit wir uns schrecken;
Aber wohl tut ihr dran,
Wenn ihr erschrecket und merket,
Daß vor dem Blitz auch ihr euch ducken müßt,
Gleich euren Brüdern im Walde -- ob all eures Wissens!
An meine Feinde.
Ich kenne euch, meine Feinde!
Euch, die ihr euren Brüdern den Fuß auf den Nacken setzt
Und sie zertretet,
Als ob sie Gras wären!
Euch, die ihr, Kreuzspinnen gleich,
In euren Netzen sitzet,
Tagediebe,
In euren Spelunken,
Lauernd, daß ihr vom Laster der Brüder,
Von ihren Schwächen
Eure schmutzigen Groschen zusammenkratzet!
Euch,
Die ihr sie in Häusermassen zusammenpferchet,
Damit sie euch zinsen!
Euch, die ihr in Palästen wohnt
Und in getäfelten Häusern,
Bei Braten und Wein schwelgt,
Zu Pferde und in Karossen dahinjagt
Und über die schlechten Zeiten jammert
Und die begehrliche Masse des Volks!
Ich kenne euch alle!
Ihr ewig Gerechten,
Ihr Stolzen und Harten,
Die ihr euch scheut, im Kirchengedränge
Den Ellbogen euch an einem der Sünder zu reiben,
Dem nicht so feines Tuch, wie euch,
Die sehnigen Arme und Beine umkleidet.
Und euch, ihr Tugendhaften,
Die ihr so sicher euren Weg geht,
Weil ihr die Kraft zum Sündigen nicht habt!
Und euch, ihr Männer,
Die ihr die Kraft nicht habt,
Eure Frauen mit Liebe zu sättigen,
Geschweige denn,
Daß ihr die Seele eines Weibes versteht,
Ihr, die ihr kaum ahnt,
Was Seele heißt!
Erbärmlich Volk!
Otterngezücht! --
Durch einen Wald schritt ich
Und fand ein Nest von jener Sorte,
Die die Natur
Mit dem Zickzackstreifen im Rücken gezeichnet.
Zischend bäumten sie hoch
Und wollten mich beißen.
Ich aber sprang mit beiden Füßen
Mitten in sie hinein
Und zertrat die Brut.
Oh, könnt' ich auch euch,
Ihr Krämer und Wucherer,
Ihr Brenner und Brauer,
Die ihr als Kirchenälteste so fromm tut
Und das Volk vergiftet,
Euch scheinheilige Pharisäer,
Die ihr angebt,
Das Christentum gepachtet zu haben,
Und deren Herzen
Das einzige Gesetz,
Das Gott uns gab:
»Liebet euch untereinander!«
So fremd ist,
Wie Erbarmen der Otter, --
Könnt' ich auch euch
Wie dieses Otterngezücht zertreten!
Mir träumte als Knabe,
Auf weißem Rosse ritt ich durchs Land,
In blinkender Rüstung,
Ein Ritter des Herrn,
Schwingend in meiner Hand
Ein flammendes Schwert.
Krämer, die Branntwein verkauften,
Hatten den Krieg entfesselt;
Weithin verwüstet lag schon das Land.
Mordend und brennend zogen sie aus,
Lachten und logen,
Sie brächten Kultur.
Glückliche Völker sanken dahin
In Elend und Schmach.
Ich aber schwang in erhobener Linken
Die Fackel der Wahrheit,
Den Arm gegürtet mit blinkendem Schild,
Der war die Liebe zu meinen Brüdern.
Todwund kamen sie an
Und heischten Hilfe!
Ich aber nahm sie unter den Schild!
Und mit der Rechten schwang ich mein Schwert,
Das hieß Gerechtigkeit. --
Oh, daß meine Kraft zehntausendfach wäre
Und mein Leben tausendfach,
Um euch, ihr Otterngezüchte, zu vernichten!
Aber solange ich atme,
Will ich mit euch kämpfen!
Zittert vor mir!
Denn ich bin zähe und stark,
Und meine Freunde sind wie Sand am Meere!
So fürchte ich euch nicht!
Ich kenne euch, meine Feinde,
Und danke euch,
Daß ihr euch so nennt!
Ich bin stolz auf euch!
Und habe Mitleid mit euch, --
Denn reihenweise sehe ich euch sterben
In der Blüte der Jahre,
Weil ihr auf meinen Rat nicht hörtet
Und auf die Klugheit meiner Freunde!
So habe ich Mitleid mit euch
Und eurem Ende! --
* * * * *
An meiner Seite schreitet ein Weib,
Ernst und still,
Und doch heiter und fröhlich.
Ich liebe sie,
Denn sie ist gütig gegen mich
Und überschüttet mich mit Reichtum.
Sie verleiht mir Kraft
Und meinem Leben Würze.
Nachts ruht sie an meiner Seite
Und sorgt, daß kein Gram
In mein Herz dringen kann.
Sie richtet meine Blicke auf den Weg,
Den ich zu gehen habe,
Und räumt die Hindernisse mir aus dem Weg.
Wenn ich müde werde,
So küßt sie meine Stirne
Und haucht mir neue Kräfte ein.
Meine Ohren hält sie mir zu
Mit weicher Hand,
Wenn die Spötter zischeln,
Und zeigt meinen Augen
Den Pfad,
Wenn die Feinde dräuen. --
So gehe ich geradeaus,
Und finde mein Ziel. --
Toren sagen,
Sie sei hart und unerbittlich.
Sie kennen sie nicht,
Weil sie sie nicht lieben,
Nicht lieben, wie ich,
Für den sie Leben ist!
Kaum kennen sie ihren Namen!
Du, meine Geliebte,
Meine Pflicht!
* * * * *
Du hast Furcht?
Fürchte dich nicht!
Du bist traurig?
Traure nicht!
Siehe, ich war niedergebrochen
Unter Furcht und Trauer,
Und meine Seele lag am Boden,
Wie mein Leib.
Da dachte ich an die,
Die meine Sonne ist,
Und erhob mich
Und genas
Und übte meine Kraft.
Schlangengleich
Umwanden Furcht und Trauer
Meine Seele
Und bissen nach meinem Leben.
Ich aber faßte sie
Und erwürgte sie
Und befreite mich aus ihren Ringen.
Und nun,
Siehe,
Stehe ich vor dir,
Stolz und frei
Und stark
Und reiche dir meine Hand
Und hebe dich zu mir empor.
Hab' Mut und hoffe,
So hast du Kraft!
Versuch' es nur!
Schau' nur, es geht. --
Schon strahlt dein Auge.
Glaube mir,
Hoffe,
Und folge mir!
Einer Mutter.
Dein Einziger ist dir genommen,
Mutter,
Dein brauner Knabe?
Oh, ich verstehe deinen Jammer,
Deinen Schmerz!
Dein Einziger!
Und welch ein Junge!
Wie leuchteten seine braunen Augen
Unter den dunklen Locken!
Wie lachte sein roter Mund!
Wie straff und fest waren diese jungen Beine,
Wie kraftvoll die Arme!
Wie hob sich die Brust,
Wenn er deinem Gatten
Vom Wagen herab
Die Fruchtkörbe reichte
Und die Körbe Gemüse!
Ja, weine nur, Mutter,
Weine heiße Tränen,
Laß sie wie Bäche im Frühling fließen!
Wahrlich, er ist es wert!
Traure um ihn,
Weine und traure!
Aber nicht verzweifeln!
Wie alt ist dein Gatte?
Dreiundvierzig?
Und stark und gesund? --
Wie könnt' er anders! --
Und du?
Wie alt bist du? --
Vierzig Jahre, sagst du?
Ich kenne Frauen,
Die mit zweiundvierzig freiten,
Und die mehreren starken Söhnen
Das Leben schenkten!
Du schüttelst dein Haupt
Und seufzest?
Hör' zu, was ich dir sage
Und glaube mir:
Warte, bis sich nun wieder
Der Mond erneut.
Kommt der Gatte dann heim,
Empfang ihn wie einstens,
Strahlend,
Hoffnungsfreudig.
Schling' deine Arme um seinen Hals,
Küß ihm von seiner Stirne,
Von seinen Lippen,
Von seinen Augen seinen Gram,
Euren Gram. --
Und sitzt ihr beim Mahl,
Erzähl' ihm,
Leise, leise,
Daß niemand es hört,
Dir hätte geträumt,
Selig, selig,
Ihr wäret noch jung,
Ganz jung,
Und hättet Gott gebeten,
So recht von Herzen,
Und er hätte euch erhört
Und euch geschenkt
Einen wonnigen Buben
Mit dunkelen Locken
Und braunen Augen. --
Und ehe ihr zur Ruhe geht,
Erzähl' ihm deinen Traum
Noch einmal!
Und hoffe!
Vergeltung.
Du hast mir weh getan,
Wie noch kein Mensch mir weh getan!
Ich habe dich lieb gehabt
Wie meine Seele, --
Und du hast mich betrogen!
Du hast mich verraten und verleumdet
Und hast mir giftige Pfeile in mein Herz gesenkt.
Ich ahnte nur, was Sünde war,
Wußte es aber nicht, --
Du hast es mich gelehrt.
Wenn ich nicht wäre, wie ich bin,
Und wenn ich nicht ich wäre,
Sondern wäre wie die andern,
So würde ich dich jetzt hassen
Und dich verachten,
Ja, dich töten!
Fast wäre ich gestorben deinetwegen
Und hätte mich verloren
Und alles, was mir schön und lieb ist,
Deinetwegen!
Und du, du hast mir weh getan,
Wie noch kein Mensch zuvor!
Aber ich hasse dich nicht
Und verachte dich nicht;
Denn mein Gott ist nicht dein Gott,
Ist nicht der Gott der Rache,
Sondern der Liebe!
Mein Gott gleicht der Sonne
Und nicht der Finsternis.
Der Sonne, die im Frühling
Die Blumen weckt
Und die Vöglein
Und die Herzen!
Der Sonne, die im Sommer
Die Traube reift
Und der Rose ihr Düften zaubert!
Der Sonne, die uns Leben schenkt
Und uns lieben lehrt
Und scheint über Gerechte und Ungerechte!
Und dieser Gott lehrte mich,
Auch dich,
Auch dich zu lieben,
Die ich so lieb gehabt
Wie meine Seele,
Und die mir nun so weh getan,
Wie noch kein Mensch zuvor!
Und da du in Not bist,
So will ich für dich sorgen
Und dir raten und helfen
Und dir Vater und Mutter sein
Und Sonne deines Lebens,
Wie meines Lebens Sonne es mich gelehrt!
* * * * *
Oh, klage nicht, daß Schmerzen dir beschieden!
Denn hätt'st du keine Schmerzen je erlitten,
Wie könntest du die Leiden anderer empfinden?
Und hätten andere für dich nicht so gelitten,
Wie könnten sie dann deine Schmerzen ahnen?
Und einsam ständest du im Leide
Und verlassen,
Und deine Tränen flössen ungesehen.
Oh, danke Gott für deine Schmerzen;
Denn sie sind das Band,
Das dich den anderen verbindet
Und dich und sie zu Menschen macht!
So laß aus deinem Leide Blumen wachsen,
Die andern Freude, Leben spenden!
Schau' nur den Frühling!
Aus Winterkälte erhebt er sein Haupt
Und streut Blumen und Düfte
Über die Erde,
Die wunden Herzen froh zu erquicken,
Und hat doch selbst soeben erst
Den Winter überwunden.
Und wenn dein Herz in Stürmen steht
Und Wintersnacht,
Wisse:
Anderer Herzen stehen im Frühling
Und überschütten dich mit Blumen und Düften
Und Sonnenschein!
Und ehe du dich's versiehst,
Vergeht dein Winter!
Einer Freundin.
Einen Schrein voll Kostbarkeiten
Sandtest du mir,
Wie von liebender Hand gepackt.
Und ich, --
Was soll ich Armer dir dafür schenken?
Siehe, mein Leben gehört den anderen,
Und meine Liebe einer anderen.
Meine Zeit gehört meinen Armen
Und meine Kraft meinen Kranken.
So nimm denn meine Freundschaft.
Die gleicht einem Bergsee
Droben zwischen den Firnen.
Kristallklar und hell ist sein Wasser;
Bis auf den Grund siehst du die weißen Kiesel.
Dunkelgrün spiegeln in ihm
Sich schweigende Fichten,
Ernste, hochragende.
So seien die Gedanken,
Die in dem Spiegel unserer Freundschaft
Leben gewinnen,
Ernst, hochragend.
Und unsere Freundschaft sei
Kristallhell und klar,
Rein und erfrischend,
Wie das Wasser jenes Bergsees
Dort oben hoch zwischen den Firnen!
* * * * *
Herr, nun danke ich dir,
Daß du mich sündigen ließest!
Denn nun weiß ich,
Daß die Sünde lieblich und wonnig ist
Im Beginn,
Wie Honig schmeckt
Und wie Veilchen duftet, -- im Beginn!
Aber nachher,
Wenn der Duft verflogen,
Schmeckt sie wie Galle
Und beißt, wie ätzend Gift!
Herr, nun danke ich dir,
Daß du mich sündigen ließest!
Denn nun weiß ich,
Wie weh es tut,
Und wie es krank macht
Und schwach
Bis zum Tode!
Und hast mich mit deiner starken Hand
Noch gerade gehalten,
Eh' sie ganz mich verschlang
In Tod und Verderben!
Herr, nun danke ich dir,
Daß du mich sündigen ließest!
Denn nun weiß ich,
Wie anderen zumute ist,
Die niederbrechen unter der Last der Sünden,
Todwund,
Und nicht die Kraft mehr haben,
Aus dem Meer von Galle
Und ätzend Gift
Mit starkem Arm sich emporzurudern
Und nach dir zu greifen,
Der du Licht und Sonne bist
Und Wärme und Liebe,
Aus der ich entstamme,
Aus der wir alle entstammen!
Herr, nun danke ich dir,
Daß du mich sündigen ließest!
Denn nun weiß ich,
Warum du es tatest,
Du Allgütiger und Allweiser:
Du wolltest ein Werkzeug haben
Deiner Güte,
Das geschickt sei zum Helfen
Und zum Vergeben,
Zum Heilen und Reinigen
Und zum Emporreißen zu dir,
Du Sonne unseres Lebens!
So mußte ich den Weg finden
Von Anfang an!
Herr, ich danke dir;
Denn nun weiß ich,
Meine Sünde war nur eine Stufe
Aus dem Dunkeln ins Helle!
* * * * *
Nicht nach Orden und Titeln
Steht mein Begehr,
Noch nach Ruhm,
Oder dem schwellenden Siegesgefühl;
Denn wenn ich den Sieg hätte,
Müßt' ich ja ruhen,
Wär' ja der Kampf beendet.
Aber der Kampf ist's ja gerade,
Der Kampf um die Wahrheit,
Der das Leben erst lebenswert macht,
Seien der Feinde auch noch so viel!
Auch nicht nach Reichtum sehne ich mich,
Noch nach weichlichen Polstern
Nach reichlichem Mahle.
Aber vielfach ist mein Begehr,
Was mir das Leben lebenswert macht:
Wohl liebe ich es,
Auf feurigem Roß
Durch die Berge zu reiten,
Oder auf sausendem Schiff die Meerflut zu teilen,
Auch zu berauschen mich
An den Rosen im Garten
Oder in stiller Frühlingsnacht am Dufte der Veilchen, --
Unter mir schläft in sanftem Nebel
Das liebliche Waldtal,
Übergossen vom silbernen Zauberschein
Des Mondes, --
Vor allem als Mann mich zu fühlen,
Als Freier,
Unter den rauschenden Kronen meiner Eichen
Im Kreise meiner Söhne,
Meiner starken, gewandten,
Blondlockigen, mit strahlenden Augen,
In meinem Garten
Mit ihnen
Mit Speer oder Pfeilen
Um die Wette zu schießen,
Wie die Ahnen vor tausend Jahren,
Oder kunstvoll mit ihnen
Schnellsegelnde Schiffe zu bauen!
Zartes, Innigeres, das ich nicht singe,
Kenne ich, was mich berauscht
Und mich zwingt,
Im Gefühle der Mannesvollkraft
Meine Arme zu recken,
Gleichsam als ob Erinnerung
An Schöpfers Urkraft mich durchglühte.
Und doch schafft dieses alles
Nimmer des Lebens treibende Kraft.
Aber mannesfroh macht es,
Den Mächtigen trotzen,
Wenn sie Unrecht tun
Und den Schwachen bedrängen,
Der sich nicht selber zu helfen weiß.
Und gegen der Mächtigen trutzigen Willen
Recht zu Recht bringen,
Der Witwen Tränen trocknen,
Dem Armen das Seine verschaffen,
Schwachen Frauen und weinenden Kindern
Gegen den harten Bedränger
Hilfe und Hort sein.
Dem Elenden helfen aus seiner Verzagtheit,
Dem Sinkenden Mut in die Seele hauchen,
Daß er aufs neue
An die Sonne, an das Leben,
An die Liebe, die göttliche, glauben lernt.
Den Weisesten im Lande,
Vom Staate gestempelt,
Zeigen, daß auch sie irren,
Daß ihre Wege in Irrsal führen
Und Not,
Neue Wege ihnen weisend
Zu größerem Ziel. --
Das ist Mannesarbeit,
Frohe, beglückende,
Selig berauschende! --
Nicht nach Orden und Titeln steht mein Begehr,
Noch nach Ruhm und Denkmälern!
Aber die Wellen meines Geistes
Sollen ringförmig ausstrahlen
Im Leben meines Volkes,
Als ob du einen Stein wirfst
In einen tiefen und klaren Bergsee --
Und ringförmig brechen sich die Wellen
Weithin,
Bis ans Ufer,
Und wenn der Stein längst versunken,
Immer noch kräuselt der See: --
Du weißt's,
Wovon.
So weiß der,
Der aller Seelen
Seele ist,
In dem wir alle eins sind,
Von wessen Stein die Wellenringe stammen,
Die der Menschheit Geistessee
Bewegten.
Denkmäler? Ruhm?
Ja, ich will Ruhm, will Denkmäler!
Wenn ich sterbe,
Sollen Arme seufzen
Und Witwen weinen.
Und die Fenster der Häuser --
Still, ich höre Kinderjubel und Singen glücklicher Menschen --
Dorten am Waldesrand
Und am Bergesabhang
Und drunten im stillen Tal,
Die ich den Armen gebaut,
Sie sollen in der Abendsonne funkeln:
Er hat uns gebaut! --
Wahrheit und Freiheit.
Dank, Vater, daß du mich werden ließest
Als Sohn meiner Heimat!
Ein Kind des Sturms und des freien Landes,
Wo Freiheit rufend atmet die Luft,
Wo Freiheit donnernd brandet das Meer,
Wo Freiheit rauschend duftet der Wald,
Wo Meer und Land und Luft mich lehrte,
Fröhlich und furchtlos die Wahrheit zu sagen!
Denn nur der Freie kämpft für die Wahrheit,
Knechte genügen sich nachzubeten,
Fürchtend den Kampf und seine Früchte,
Wunden und Wehe und winkenden Tod!
Nur wer gewohnt, dem brausenden Sturme
Trotz zu bieten in langer Wanderung
Oder durch brandender Wogen Gedränge
Sorglos auf sausendem Kiele zu fahren,
Dem gelüstet nach Kampf als dem höchsten Glück,
Um Wahrheit zu kämpfen als höchstem Wunsch!
Weil nur die Wahrheit die Menschheit fördert
In Wellenkreisen, die weiter reichen
Als winkender Tod!
Dank, Vater, daß du mich werden ließest
Als Sohn meiner Heimat
Ein Kind des Sturms und des freien Landes,
Wo Sturm und Meer und weite Heide
Seit Ewigkeiten zum Leben rufen
Wahrheit und Freiheit!
Meinem Volke!
Ein Lied will ich euch singen,
Das ihr nimmer hörtet.
Duft von Rosen und Veilchen spürt ihr nicht,
Wenn ich es singe;
Aber Teergeruch von Schiffstauen
Nehmt ihr wohl wahr,
Und Meerluft läßt euch freier atmen,
Salzige, herbe, die Brust euch dehnende.
Gebt acht!
Saitenspiel paßt nicht zu seiner Begleitung,
Wohl aber Wogengebraus
Und Sturmgeheul,
Knattern der Segel im Wind
Und das Rasseln der Ketten,
Wenn der Anker zu Grund fährt.
Auch das Schärfen von Axt und Pflugschar
Paßt zur Begleitung.
Mein Lied, das ich euch singe,
So neu es ist,
Uralt ist es doch schon.
Vergessen nur haben es viele von euch
In Wohlleben und Rausch!
Vor tausend Jahren schon sangen's die Väter,
Mächtig, siegesmutig.
Sie vererbten es euch!
Ihr aber trankt aus Gläsern und Krügen
Euch träge und stumpf!
Wenn aber einst eure Enkelkinder --
Was Gott mög' geben --
Von neuem erwachen,
Dann werden sie wieder,
Wie unsere Väter vor tausend Jahren,
Jubelnd das Lied singen,
Wie groß die Welt,
Wie herrlich und weit,
Und die Freiheit
Berauschend und manneswert!
Singen werden sie das uralte Lied,
Das ewig neue,
Zur Fahrt übers Meer.
Und zum Schärfen der Pflugschar.
Hört zu!
Vor tausend Jahren lebten im Norden
Unsere Väter.
Rauh waren die Berge, von Eis bedeckt,
Schneebeladen.
Wie der Bergstrom im Frühling,
So wuchs unseres Volkes rasch keimende Schar.
Zu enge wurden die Weideplätze
Der rötlichen Rinder.
Da wanderten sie in hellen Scharen,
Die einen gen Westen
Auf rauschendem Kiel
Weit über des Weltmeers wogende Flut.
Die andern aber zogen gen Süden
Und kamen in Deutschlands sumpfige Wälder. --
Dort hausten sie lange.
Da trafen sie schlaue römische Händler;
Die brachten ihnen,
Aus Eisen geschmiedet,
Schwerter und Speere
Und tauschten dafür
Des Urs und des Bären zottige Felle.
Und die Händler erzählten von einem Lande,
Das südwärts läge,
In dem die Sonne im Winter selbst
Wonnig schiene,
Goldene Äpfel in dunklem Laube,
Schwellende Trauben voll süßer Beeren
Lockend reiften.
Da horchten die Väter
Und tauschten Blicke,
Pläne schmiedend.
Doch fern sei das Land,
So mahnten die Händler,
Und beschwerlich der Weg
Über der Alpen schneeige Höh'n.
Da lachten die Helden
Und jubelten laut
Und riefen einander:
Wohlauf denn zum Süd!
Doch wiederum mahnten die Händler bang,
Kriegerisch sei der Römer Volk,
Schwertkundig und waffengewohnt
Untertan ihnen der Erde Rund!
Lachen lohnte der Warnung Wort!
Nicht länger hielt es die Väter mehr:
Schöner noch schien ihnen nunmehr das Ziel.
So zogen sie aus,
In hellen Scharen,
Wohl über der Alpen eisigen First.
Jauchzend und lachend
Auf ihren Schilden
Fuhren die Helden fröhlich zu Tal.
Doch in dem Kampf
Um das sonnige Land
Sanken der Helden beste dahin.
Wehe, wehe, noch Schlimmeres gab's!
Was der Besiegten Schwerte entkam,
Das entnervte des Südens feuriger Wein. --
Zerstoben, verweht das wandernde Volk.
Die aber der Nordsee Wogen durchkreuzten,
An Englands Gestaden
Wohnsitz fanden.
Sie bauten Schiffe
Und kreuzten weiter
Und weithin wurde ihrer die Welt.
Doch die Welt ist so groß, die Welt ist so weit,
Und das Meer so blau,
Wie Kornblumen im Felde,
Und so frei. --
Nun hört, was ich sag'!
Wacht auf aus dem Schlaf
Und schauet umher:
Zu eng wird's im Land,
In dem ihr haust
Seit Vätergedenken!
Drum Schiffe gebaut
Und hinaus in die Welt!
Wälder hab' ich gesehen jenseits des Meeres,
Unendlich große.
Weithin aufs Meer
Trug der Landwind den Duft
Von all den Blüten,
Die den Urwald schmücken. --
Wo Wald wächst, wächst auch Korn.
Groß sind die Wälder
Und harren der Axt.
Schmiedet Äxte!
Weideplätze weiß ich,
Weite, unendliche, --
Felder für Weizen und herrliche Früchte.
Schmiedet Pflüge!
Weite Länder,
Die der Menschen harren.
Liebt euch!
Und Hände werden euch wachsen,
Das Land zu meistern.
Drum hinaus in die Welt!
Und Schiffe gebaut,
Schnellfahrende!
Schmiedet Anker und Kiel!
In eherne Kessel zwingt mir den Dampf!
So durchschneidet die Flut!
Und wo immer den Anker
Ihr rasselnd senkt,
Da sei die Welt,
Die weite, sonnige,
Die himmlisch freie,
Euer,
Ihr freien Söhne des Nord!
Wacht auf!
Euch Königen.
Höret mein Lied!
Schaut um euch und schaut rückwärts,
Ob das, was ich singe,
Wahr sei und recht!
Ihr aber werdet sehen:
Es ist so!
Ungerechtigkeit verwüstet alle Länder,
Und loses Leben stürzet die Stühle der Gewaltigen!
So höret nun, ihr Könige,
Und merket!
Lernet, ihr Richter auf Erden!
Horcht auf, ihr, die ihr über viele herrschet,
Und nehmt's euch zu Herzen,
Ihr, die ihr euch erhebt über die Völker!
Denn euch ist die Obrigkeit gegeben vom Herrn!
Und die Gewalt vom Höchsten,
Welcher wird fragen, wie ihr handelt,
Und forschen, was ihr ordnet!
Denn ihr seid seines Reiches Amtleute;
Aber ihr führet euer Amt nicht fein,
Und haltet kein Recht!
Und tut nicht nach dem,
Was der Herr geordnet hat!
Er wird gar greulich und kurz über euch kommen,
Und es wird gar ein scharf Gericht gehen
Über die Herren!
Denn den Geringen widerfährt Gnade.
Aber die Gewaltigen werden gewaltig gestraft werden,
Denn der, so aller Herr ist,
Wird keines Person fürchten,
Noch keines Mächtigen Macht scheuen!
Er hat beide, die Kleinen und die Großen, gemacht
Und sorget für beide gleich!
Über die Mächtigen aber wird ein stark Gericht gehalten werden!
Mit euch, Tyrannen, rede ich,
Auf daß ihr Weisheit lernet,
Und daß es euch nicht fehle!
Denn wer heilige Lehre heiliglich hält,
Der wird heilig gehalten!
Und wer dieselbige wohl lernet,
Der wird bestehen! --
So laßt euch nun meine Rede gefallen;
Begehret sie und laßt euch lehren!
Denn die Weisheit ist schön und unvergänglich,
Und läßt sich gerne sehen vor denen,
Die sie lieb haben,
Und läßt sich finden von denen,
Die sie suchen!
Ja, sie begegnet
Und gibt sich selbst zu erkennen denen
Die sie gern haben!
Wer sie gern bald hätte,
Der bedarf nicht vieler Mühe:
Er findet sie vor seiner Tür auf ihn warten!
Denn nach ihr trachten,
Das ist die rechte Klugheit!
Und wer dürstet nach ihr,
Darf nicht lange sorgen!
Denn sie gehet umher und suchet,
Wer ihrer wert sei!
Und erscheint ihm gern unterwegs,
Und hat acht auf ihn, daß sie ihm begegnet!
Denn wer sich gerne läßt weisen,
Das ist gewißlich der Weisheit Anfang!
Wer sie aber achtet,
Der läßt sich gern weisen,
Wer sich gern weisen läßt,
Der hält ihre Gebote;
Wo man aber die Gebote hält,
Da ist ein heilig Leben gewiß!
Wer aber ein heilig Leben führt,
Der ist Gott nahe!
Wer nun Lust hat zur Weisheit,
Den macht sie zum Herrn.
Wollt ihr nun, ihr Tyrannen im Volk,
Gern Könige und Fürsten sein!
So haltet die Weisheit in Ehren,
Auf daß ihr ewiglich herrschet.
Meiner Königin!
Um eine Handvoll Sonnenschein
Für meines Lebens Arbeit bat ich dich!
Da griffst du strahlend
In den blauen Himmel
Und warfst mir lachend
Eine Handvoll Sonne zu --
Und Wunder über Wunder!
In Sonne strahlte plötzlich alles Land.
Und sonnenübergossen stand ich da.
Und wohin ich ging,
Und wohin ich kam,
Zu reich und arm,
Zu krank und siech,
Sie alle faßten meine Hand
Und küßten sie:
Du Sonnenspender, hilf uns!
Gib uns von deiner Wärme,
Deinem Licht,
Und führ' uns!
Da zog ich alle an mein Herz,
Ob reich, ob arm,
Ob krank und siech,
Und küßte sie auf ihre Stirn
Und ihren Mund
Und heilte sie.
Doch keiner wußte,
Daß es deine Sonne war,
Die sie geheilt,
Die du vom Himmel mir herabgeholt.
Nur einer weiß es,
Der auch deine Sonne ist,
Und das genügt.
Du aber hab' Dank
Für deine Wärme und dein Licht,
Das du auf meinen Lebensweg
Mir warfst,
Und laß zum Dank
Für dich mich leben
In deiner Sonne!
* * * * *
Als ich zu Ende gelesen, warf ich mich angekleidet auf mein Lager. Und
als ich so dalag, und nun, ein Heimkehrender, meine Reise überdachte,
da war es mir, als sei das abgebrannte Gotteshaus in mir selbst
wieder neu erstanden. Wie unten in den Gewölben der zerstörten Kirche
die vermoderten Gebeine von Generationen ruhten, so hatte ich die
verrotteten Vorurteile, die uns und unsere Kultur hemmen und binden,
abgestreift und in dem tiefsten Keller meines Herzens begraben.
Aus der Fülle der Erinnerungen aus meiner Jugend und meiner Kampfzeit
heraus hatte ich, wie die Bauleute auf den stehengebliebenen
Fundamenten der alten Kirche den neuen Bau ausführten, neue Kraft,
neue Hoffnungen geschöpft und nun mit der Kraft der neuen Erfahrungen
und Erkenntnisse einen neuen Turm in den Himmel meiner Hoffnungen und
meines Aufwärtsstrebens erbaut.
Fest und gerade wuchs er empor. Säulengleich trug die Erkenntnis von
der Bedeutung des Weibes als der Sonne unseres Lebens die Kuppel des
ganzen stolzen Baues: das uns über die Erde hebende Bewußtsein, daß wir
eins sind in unserem Geiste mit dem Geiste, der das All beherrscht, mit
Gott, -- dem Geiste, dessen Wesen gipfelt in dem einen Begriffe, in der
Liebe -- in der Liebe zu unserem eigenen besseren Ich, in der Liebe
zu unserem Nächsten, in der Liebe zu unserem Volke, in der Liebe zur
Menschheit! -- --
Dann schlief ich ein, und schlief so tief und ruhig, wie auf der ganzen
Reise nicht, -- wie einer, der weiß, daß er nun bald daheim ist.
Wundervoll führte mich mein Traum. Ich saß in der neuerbauten, großen
Michaeliskirche, neben mir, Hand in Hand, mein Weib. Und an der Orgel
saß Gustav, mein lieber, junger, blinder Freund, dem ich von Pará
aus den Text zu meinem Oratorium geschickt hatte. Aber er war sehend
geworden.
Und um ihn herum der Kirchenchor. Es war das Fest der Einweihung der
neuen Kirche. Der Senior hatte seine Predigt gerade beendet. Nun
erklang die Orgel. Wie die Melodie sich mit meinem Texte verwob,
als nun der Chor einsetzte! -- So ist's im Leben, -- unser eigenes,
inneres Leben ist die Melodie, -- die Begleitung, das ist der Lärm des
Tages, die Freude und die Not, die uns umgibt; jauchzend und klagend
begleitet sie uns durchs Dasein, wo immer wir auch sein mögen; -- dumpf
und tief, wie die Baßnoten der Begleitung klingen die Nöte und das
Leben der fremden Völker in unseres eigenen Lebens Symphonie hinein,
-- machtvoll, ergreifend, bestimmend, -- und doch immer wieder drängt
die eigene Melodie sich vor mit ihrer Sehnsucht nach Liebe und ihrer
Sehnsucht, Liebe zu geben. --
Und mein Kaiser saß in der Kirche, mitten unter seinem Volke, um
unseren neuen Tempel weihen zu helfen! --
Da schließlich klang das Oratorium aus in einen Jubelhymnus, alle Not
übertönend, mit allem Irdischen, mit dem Tode selbst uns versöhnend. --
Dann andachtsvolle Stille, -- und -- -- -- -- --
Und nun, -- was ist das? --
Mir träumte weiter, die Tür sprang auf und herein stürmte die Schar
meiner Kinder, mit Blütenzweigen in den Händen, und jubelten und
lachten und küßten mich.
Plötzlich wachte ich auf. Der Kapitän hatte mich bei der Schulter
gefaßt und schüttelte mich: »Doktor, wir sind in Hamburg! Liegen
Sie hier bei offener Kabinentür, daß der Schnee Ihnen auf die Koje
weht!« -- Da sprang ich auf. Und wie ich aus der Tür auf Deck trat,
brach durch allen Nebel und winterliches Gewölk mit einem Male in
vollem. Strahlenglanze die Sonne durch, das Schiff, den Hafen, die
Vaterstadt und weiterhin den Fluß, die Deiche, die weiten Heideberge
mit Frühlingszauber überschüttend. Vor mir aber lag hochaufragend, neu
erstanden aus Schutt und Asche, in hellem, goldenen Sonnenlichte die
neuerbaute Kirche und auf hohem Hügel ihr gegenüber übermenschlich,
groß, ernst, hoheitsvoll, gebieterisch, wie der Geist der
Weltgeschichte selbst, das granitene Standbild des größten deutschen
Mannes, des Mannes der Tat.
* * * * *
So war ich denn wieder daheim. Einst war ich niedergebrochen gewesen
durch die Größe des menschlichen Elends und die Lieblosigkeit der
Menschen und hatte gedacht, all diesem zu entfliehen, wenn ich übers
Meer ging. Aber ich fand Elend und Herzeleid, wohin ich ging. Doch
das Elend, das mich erdrücken wollte, das Elend meiner Heimat, meines
Volkes, meines Vaterlandes lernte ich aus der Ferne übersehen, -- ich
gewann neuen Überblick.
Ich übersah aus der Ferne die Scharen der Mitkämpfenden besser, als ich
es vordem in der Heimat gekonnt hatte, sah, daß die Scharen der Freunde
und Gleichgesinnten bereits Legion war, -- gerade da draußen in der
Fremde, da war es mir so recht zum Bewußtsein gekommen, welch gewaltige
Zahl der Besten und Klügsten in der vordersten Schlachtreihe kämpfte.
Gleichzeitig lernte ich fremde Menschen kennen, von denen der eine
dieses, der andere jenes Unglück erlitten -- und überwunden hatte,
fremde Völker, von denen das eine dieses Elend, das andere jenes Elend
aus der Welt geschafft und so unsere menschliche Kultur gefördert
hatte.
Da wurde ich befreit von dem Drucke, der auf mir lastete, und
bereichert und gekräftigt und gesundet kehrte ich heim, -- mit neuer
Kraft, zu neuem Leben, zu neuem Kampfe, zu neuem Lieben.
Denn das war der größte Gewinn dieser Reise, das fühlte ich, -- die
Einsicht, daß wir vor allem dieser einen Kraft mehr bedürfen, als
bisher, um das Unglück und das Böse, um alles Dunkele, um den Tod zu
überwinden, dieser einen Kraft viel, viel mehr bedürfen, als wir je
uns klar gemacht, -- der Liebe: Der Liebe zu unseren Vorfahren, der
Liebe zu unseren Kindern und Kindeskindern, der Liebe zu Kraft und
Gesundheit, der Liebe zu unserem Körper, als dem Gefäße unserer Seele
und dem Samen für unsere Nachkommen, der Liebe zur Schönheit, der
Liebe zur Kunst, der Liebe zur Natur; der Liebe zu unserer Rasse, zu
dem Menschengeschlechte, wie der Liebe zu den Pflanzen und zum Tiere;
der Liebe zu unserer Heimat mit ihren Hecken und Blumen, mit ihren
Flüssen und ihren Wäldern, mit ihren Heiden und ihren Seen, zu unserem
Vaterlande, zum Meere, dem unendlichen Meere, und zu der Ferne dort
drüben über dem Ozean, wo Raum für neue Menschheiten ist.
Wir müssen die Erinnerung mehr lieben; denn sie verlängert unser
Leben ins Unendliche, weil wir aus der Unendlichkeit stammen. Und die
Hoffnung, denn sie ist der Pfad, der uns aus kalten Schattentälern zu
sonnenbeschienenen Höhen führt!
Vor allem aber müssen wir die Gegenwart mehr lieben. Schön soll sie
sein und reich an Liebe und Sonnenschein für uns und die anderen, damit
die Erinnerung aus ihr schöpfen und die Zukunft auf ihr fußen kann!
Und das ist wahr! Das Weib muß den Mann wieder mehr lieben um des
Mannes willen, und der Mann das Weib um des Weibes willen. Denn das
Weib ist für den Mann das, was Gott für die Welt ist, -- das Weib
ist das Symbol für die Seele der Welt. So sei das Weib die Seele
des Mannes: rein, weich, keusch, stark und feurig. Das Weib muß die
Liebe selbst sein und eins mit dem Manne, dem Symbol der kreisenden,
schaffenden Welt.
Und das, was beide zusammen erzeugen, bedarf unserer größten Liebe:
wir müssen das Kind mehr lieben, denn es ist hilflos und bedarf
unserer Stärke! So müssen wir auch die Armen mehr lieben und die
Unterdrückten, denn sie bedürfen unserer Kraft! Unser ganzes Volk
müssen wir mehr lieben, denn aus ihm sind wir entsprossen; und unsere
Fürsten, denn sie sind unser Hort. Und die Fürsten, sie müssen ihre
Völker mehr lieben; denn ohne ihre Völker sind sie wesenlose Schatten!
Wir müssen die Pflicht mehr lieben, denn sie ist das Band, das die
Menschheit zusammenhält; und die Freiheit, damit jeder einzelne das
werden kann, wozu er berufen ist, -- ein Mensch! Wir bedürfen größerer
Liebe für den Ernst des Lebens und für die Fröhlichkeit, einer
größeren, heiligen Liebe zur Einsamkeit und Ruhe nach ernster Arbeit
und frohem Feste, einer größeren, heiligen Liebe für die Wahrheit und
die Gerechtigkeit. Wir müssen den Stolz mehr lieben, wir selbst zu
sein, und müssen Liebe hegen gegen die Ehrfurcht vor dem Größeren. Wir
müssen den Haß wieder lieben lernen, den Haß gegen alles Schlechte und
Gemeine, gegen alles Niedrige und Kleinliche, den Haß gegen alles, was
uns krank und schwach macht. Wir müssen das Wort mehr lieben, auf daß
es schön und groß und gut und friedfertig sei; aber mehr noch als das
Wort müssen wir die Tat lieben. Das ist der Weg, der allein unsere
Kultur zum Ziele führen kann: mehr Liebe!
Wir müssen das Leben mehr lieben lernen und den Tod und vor allem Den,
Der in diesem allen lebt, dieses alles umfaßt und begreift, den Geist
des Alls -- Gott! Denn Gott ist die Liebe, und Leben heißt Lieben. So
laßt uns mehr leben durch mehr Liebe! Denn Liebe ist Sonne, und ohne
Sonne kein Leben. Wie die Sonne der Tropen soll die Liebe unser Leben
durchfluten, erhellend, erwärmend! Mehr Sonne, mehr Liebe! -- -- --
* * * * *
Als ich die Blätter, die mein sterbender Freund mir anvertraut, gelesen
hatte, sah ich in meinem Geiste ein seltsames Bild: ein leuchtendes
Leben hob sich von einem gewaltig großen, dunklen Hintergrunde ab. Aber
am Horizonte lichtete sich das Dunkel. Golden und purpurn stieg da der
junge Tag herauf.
Und während ich noch das Bild mit meinem inneren Auge sah, hörte ich
eine schlichte, aber starke Melodie und ein Brausen, wie mächtige
Orgeltöne einer wunderbar ergreifenden und erhebenden Begleitung.
Und dann schritt ich im Geiste mit traumhaft großen Schritten neben
meinem Freunde über die Heide und sog den ganzen Zauberduft des Nordens
ein. Er aber wies auf eine Reihe roter Ziegeldächer am Waldessaume hin,
von denen leichte Wölkchen Rauch aufstiegen, -- ein Bild des Friedens.
Und höher und immer höher stiegen wir bergan, bis der Wald aufhörte,
-- da, wo der ewige Schnee begann. Und das weite Land mit seinen
qualmenden Städten und seinen duftenden Heiden lag wie Ameisengewimmel
zu unseren Füßen.
Da verstand ich ihn, was er meinte, wenn er so oft sagte, wir
müßten wieder lernen, die großen Probleme unserer Kultur aus der
Vogelperspektive zu sehen.
Seltsam, -- es war mir, als ob er noch lebte, und war doch nun
gestorben, wie wir alle sterben müssen. Und hatten ihn da oben unter
den Schnee gebettet, -- ganz nahe der Sonne.
Und im Frühling, -- mußte ich denken, -- wenn der Schnee kam, dann
löste auch sein Leib sich in seine Atome auf, und die Schneewässer
nahmen sie mit zu Tal und düngten mit den Atomen die Wiesen und Äcker
und verwandelten so seinen Leib in Algen, Halme und Blumen.
Aber das, was Geistiges an ihm war, seine große Liebe zu den Menschen
und den Tieren und den Blumen und zu der Summe aller der Liebe, die das
All durchflutet, die er Gott nannte, dieses Geistige, -- nennen wir es
seine Seele -- das hatte längst Wellenringe der Liebe ausgestrahlt, die
ebensowenig untergehen werden, wie die Atome seines Leibes, die die
Schneewässer zu Tal führen.
Diese lose aneinandergereihten Blätter hatten eigentlich ein Buch
werden sollen, hatte er mir kurz vor seinem Tode einmal anvertraut,
ein großes, starkes Buch, das den Menschen helfen sollte, gesunder
und froher, freier und glücklicher zu werden, ein Buch für Völker und
Könige.
Aber der Tod war ihm zuvorgekommen. So sende ich denn diese Blätter in
die Welt, wie ich sie von ihm empfangen habe. Mögen Wellenringe des
Guten von ihnen ausgehen und, wie der Lebende es wünschend im Geiste
geschaut, sich umwandeln durch Liebe in die Tat zu neuem Leben.
* * * * *
Verlag von Ernst Reinhardt in München
Im Kampf um die Ideale
Die Geschichte eines Suchenden
von
Georg Bonne
Vollständige Geschenkausgabe
544 Seiten 8° -- Preis broschiert M. 4.--, gebunden M. 5.--
Gekürzte Volksausgabe 17.-- 20. Tausend. Preis gebunden M. 3.50
Eine Voraussage des Weltkrieges
Von der deutschen Dichtergedächtnisstiftung in 1500 Exemplaren angekauft
Urteile der Presse:
»~Hamburger Nachrichten~« 12. Juli 1910. Wir müssen sagen, wenn
das Wesen eines wertvollen Buches darin besteht, daß es durchaus nur
von dem einen geschrieben werden kann, der es schrieb, und daß es
dessen ganze Persönlichkeit in sich zusammengefaßt und einen Teil von
deren lebendiger Wirksamkeit auf den Leser zurückstrahlt, dann gehört
das Buch sicher zu den wertvollen. Die Persönlichkeit des Verfassers
spiegelt so daraus hervor, daß man zugleich Respekt vor ihr hat,
Respekt vor ihrer Geradsinnigkeit und ihrem rüstigen Mut, die Dinge
anzugreifen und zu wirken, wo überhaupt sich ein Wirkungsfeld zu
erschließen scheint.
»~Kölnische Zeitung~« 17. August 1910. Ein warmes, lebhaft
pochendes Herz breitet hier seine Sehnsucht, seine Hoffnungen und
seine Ideale vor uns aus; ein Arzt, den seine Fahrten vielfach in der
Welt umhergeführt haben, den seine Praxis mit dem Bettler und mit dem
Protzen zusammengeführt hat, und der manches Mannes Gemüt erkundet hat,
erzählt, bald behaglich plaudernd, bald mit dichterischem Schwung,
aber stets des Zieles wohlbewußt, allerlei Beobachtungen, Erlebnisse
und Schicksale aus dem bunten Leben der Menschen, die der Wahn und die
Leidenschaft oft irregeführt und die eine treue Freundeshand zuweilen
rettet. Man kann dem Werke nur gute Fahrt wünschen.
»~Neue Hamb. Zeitung~« 17. September 1910. Seine mutigen,
helltönenden Anklagen gegen die kleinen und großen Mächtigen dieser
Erde verdienen ein lautes Echo. Und darum ist dem Buche schnell eine
zweite Auflage zu wünschen, der dann -- man müßte sich schwer getäuscht
haben, wenn es anders wäre -- weitere folgen werden.
+Dr.+ ~Holitscher~ schreibt in der »~Internationalen
Monatsschrift~ zur Erforschung des Alkoholismus«: Schon lange, lange
habe ich nichts gelesen, was mich so tief gepackt und erschüttert hat
wie diese Blätter. Ich habe sie mit dem Gefühl aus der Hand gelegt,
neben diesem Prachtmenschen, der das geschrieben, gedacht und gefühlt
hat, ein schwacher, armer, unwürdiger Irrender zu sein, aber auch mit
dem sicheren Empfinden, daß mich dieses Buch besser gemacht hat, wie
noch kaum je eins zuvor. Das ist Christentum, das ist Liebe, das ist
Wahrheit! Ja, mögen die Wellenringe all des Guten, das es enthält, von
ihm ausgehen, Liebe säen und neues Leben erwecken.
»~Hamburger Hausfrau~« 18. September 1910. Was für ein gesundes,
starkes, freigewordenes Buch ist es! Das Donnern und Brausen des Ozeans
tönt darin; die fruchtbaren Wälder rauschen in ihrem köstlichen Grün,
die Maschinen stampfen; die Menschen leben ihre Ruhetage in ihren
Leidenschaften und Hoffnungen; aber die Sonne des Südens steht darüber
wie eine große heilige Freude, und die Sprache, die darin anklingt, ist
wahr und tönend vor Liebe.
Solche Bücher braucht unsere materialistische Zeit, braucht ein
Geschlecht, das der schrankenlosen Erotik weihrauchumduftete Altäre
errichtet hat. Männer und Frauen aller Stände sollten es lesen.
Pädagogen und Politiker, Kaufleute und Handwerker, Ärzte und Priester,
keiner, er mag zu all diesen Fragen stehen wie er immer will, wird
sich der flammenden Wahrheit, die aus diesen Blättern herausleuchtet,
entziehen, und keiner wird unberührt bleiben von dem hohen Idealismus,
der uns daraus entgegenweht.
»~Deutscher Guttempler~« 1910, Nr. 25. »Im Kampf um die Ideale«
ist ein außergewöhnliches Buch. Außergewöhnlich seines eigenartigen
Aufbaues wegen. Der gewaltige Stoff, die Fülle reichen Lebens, die
Kämpfe und Probleme, an die uns der Dichter heranführt, ließen sich
schwer in die Form einer geschlossenen romanhaften Erzählung pressen.
Dafür gestattet das Buch aber demjenigen, der seinen reichen Stoff
beherrscht, beliebig oft kleine Ausschnitte herauszugreifen und als
selbständigen Unterhaltungsstoff einem kleinen oder großen Kreise von
Zuhörern zu bieten. Neulich erlebte ich das in einer Loge in Hamburg,
in welcher ein Mitglied recht geschickt die Geschichte, wie Bonne zum
Orden kam und Guttempler wurde, vorlas. Das wirkte so tief, so wirklich
ergreifend auf uns Zuhörer, daß wir geradezu erschüttert waren. Da ging
mir die Gewißheit auf, daß hier ein wahrer Schatz für unsere Logen uns
beschert worden ist, an dem wir reiche Freude finden müssen.
»~Tägliche Rundschau~« 22. November 1910. Ich habe noch kein Buch
gelesen, dem in so reichem Maße die Kraft innewohnt, den ermüdeten
Kämpfer zu stärken, dem Verzweifelten die Zuversicht an dem endlichen
Siege des Guten wiederzugeben, es sei denn -- das Evangelium. Und in
der Tat: Geist des Evangeliums ist es, der diesem Buche seine Kraft,
sein Feuer und seine anziehende Milde verleiht.
Starke Persönlichkeiten fordern immer auch den Widerspruch heraus.
Aber man wird stets wieder nach dem Buche greifen; denn es zieht an,
es fesselt durch die Fülle und Größe der Gedanken gleich wie durch die
Kraft, mit der sie vorgetragen werden, durch den Reichtum und Fülle
der Empfindungen und vor allem durch die Macht der Persönlichkeit des
Verfassers, von der ein suggestiver Zwang ausgeht, welcher den Leser
in den Kreis seiner Ideen nötigt. Es ist ein starkes Buch; eines,
welches Wellenringe des Geistes aussendet, die fortwirken werden,
gleichgestimmte Schwingungen erregend. Es ist ein Trompetenruf zum
Sammeln, wie er not tut in unserer Zeit, in welcher viele Menschen nur
ihre eigenen Interessen sehen und verfechten, zur Sammlung um die hohen
Güter unserer deutschen Kultur.
»~Die Hilfe~« 31. Dezember 1910. Das ganze Buch will nichts
anders mit seinen oft lose aneinander gereihten Blättern sein als
das schlichte, offene Bekenntnis eines warmherzigen und tatkräftigen
modernen Arztes. Als solches kann es auch wiederum manchem Leser
zu einem wertvollen, starken Lebensbuche werden. Gerade solchen,
die inmitten der Nöte unseres gesamten öffentlichen und sozialen
Lebens oft den Mut verlieren wollen, sei dieses Buch als Führer zu
einem tatkräftigen Idealismus empfohlen. Der Druck des Buches ist
ausgezeichnet und fehlerfrei.
Weitere belletristische und sozial-hygienische Schriften
von Sanitätsrat +Dr.+ ~G. Bonne~, Kl. Flottbek.
1. Ein Mahnruf aus Jungdeutschland an Jungdeutschland. Th. Stauffer,
Leipzig, 1881.
2. Kampfgesänge u. Friedensklänge. Georg Hertz, Würzburg, 1891.
3. Vorschläge zur Vereinfachung und zum Ausbau unserer heutigen
Arbeiterversicherungen. Georg Hertz, Dresden, 1896.
4. Die Notwendigkeit der Reinhaltung der deutschen Gewässer. F.
Leineweber, Leipzig, 1901. M. 4.--
5. Die Notwendigkeit einer systematischen Dezentralisation unserer
Großstädte in hygienischer und sozialer Beziehung. Gustav Fischer,
Jena, 1904.
6. Unsere Trinksitten in ihrer Bedeutung für die Unsittlichkeit nebst
deren Folgen. Chr. G. Tienken, Leipzig, 1901. 25 Pf.
7. Mäßigkeit, Enthaltsamkeit und Christentum. 5. Auflage. Deutschlands
Großloge II des J. O. G. T., Hamburg, 1902.
8. Über den Trinkzwang beim Broterwerb. 4. Aufl. Deutschlands
Großloge. 1903. 10 Pf.
9. Unsere Trinksitten in ihrer Bedeutung für den Eisenbahner und das
reisende Publikum. 2. Auflage. Deutschlands Großloge II des J. O. G.
T., Hamburg, 1903. 25 Pf.
10. Die Bedeutung der modernen Alkoholfrage für den deutschen
Kaufmannsstand. 2. Auflage. Deutschlands Großloge II des J. O. G. T.,
Hamburg, 1903. 50 Pf.
11. Der Giftbaum des deutschen Volkes. 3. Auflage. Deutschlands
Großloge II des J. O. G. T., Hamburg, 1903. 10 Pf.
12. Die Alkoholfrage in ihrer Bedeutung für die ärztliche Praxis. 2.
Auflage. Osiander'sche Verlagsbuchhandlung, Tübingen, 1904.
13. Die Zustände in der Unterelbe u. ihren Nebenflüssen im Jahre 1911.
Kommissionsverlag Gebrüder Lüdeking, Hamburg, 1912.
14. Die Klagen der deutschen Binnenfischer über die zunehmende
Verunreinigung unserer Gewässer. Kommissionsverlag Gebrüder Lüdeking,
Hamburg, 1912.
15. Die soziale Frage als Bergkristall betrachtet. Ein Wegweiser im
Kampf um die Ideale. Vortrupp-Verlag, Hamburg, 20 Pf.
Soeben erschien von dem Verfasser von »Im Kampf um die Ideale«:
Heimstätten für unsere Helden
Ein Mahnruf an alle Vaterlandsfreunde von Sanitätsrat +Dr.+
~Georg Bonne~, Oberstabsarzt d. R. 128 Seiten. Preis M. 1.80.
Vom Bund deutscher Bodenreformer den Mitgliedern des deutschen
Reichstages überreicht.
Mehr Nahrungsmittel!
Praktische Lehren des Weltkrieges über die Notwendigkeit der Harmonie
zwischen Hygiene und Volkswirtschaft von Sanitätsrat +Dr.+
~Georg Bonne~, Oberstabsarzt d. R. 208 Seiten. Preis brosch. M.
4.--, gebunden M. 5.--
Osterglocken, Heimatklänge, Suchende Liebe
Dichtungen von ~Georg Bonne~. 243 S. Preis steif brosch. M. 2.80.
Lieder der Arbeit
Von ~Georg Bonne~. 32 Seiten stark geheftet Preis 50 Pf.
Vorwärts mit Gott!
Von ~Georg Bonne~. Lieder an mein Volk. Steif geheftet
Preis 50 Pf.
Der Tempel der Schönheit
Schauspiel in drei Aufzügen von ~Georg Bonne~. Neue, für die
Bühne bearbeitete Auflage. Preis M. 1.50.
Die Zeitschrift »~Bühne und Welt~« schreibt in der Nummer vom 1.
Mai 1914: Das vorliegende dramatische Gedicht in drei Akten steht hoch
über dem Durchschnitt. Es ist die Schöpfung eines echten Dichters und
Dramatikers nach Handlung und Charakteristik. W.
*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK IM KAMPF UM IDEALE ***
Updated editions will replace the previous one—the old editions will
be renamed.
Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
law means that no one owns a United States copyright in these works,
so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
States without permission and without paying copyright
royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
of this license, apply to copying and distributing Project
Gutenberg™ electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG™
concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
and may not be used if you charge for an eBook, except by following
the terms of the trademark license, including paying royalties for use
of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for
copies of this eBook, complying with the trademark license is very
easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation
of derivative works, reports, performances and research. Project
Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away—you may
do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected
by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark
license, especially commercial redistribution.
START: FULL LICENSE
THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase “Project
Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full
Project Gutenberg™ License available with this file or online at
www.gutenberg.org/license.
Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg™
electronic works
1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg™
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or
destroy all copies of Project Gutenberg™ electronic works in your
possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
Project Gutenberg™ electronic work and you do not agree to be bound
by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the person
or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
1.B. “Project Gutenberg” is a registered trademark. It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg™ electronic works
even without complying with the full terms of this agreement. See
paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg™ electronic works if you follow the terms of this
agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg™
electronic works. See paragraph 1.E below.
1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation (“the
Foundation” or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
of Project Gutenberg™ electronic works. Nearly all the individual
works in the collection are in the public domain in the United
States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
United States and you are located in the United States, we do not
claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
displaying or creating derivative works based on the work as long as
all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
that you will support the Project Gutenberg™ mission of promoting
free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg™
works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
Project Gutenberg™ name associated with the work. You can easily
comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
same format with its attached full Project Gutenberg™ License when
you share it without charge with others.
1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
in a constant state of change. If you are outside the United States,
check the laws of your country in addition to the terms of this
agreement before downloading, copying, displaying, performing,
distributing or creating derivative works based on this work or any
other Project Gutenberg™ work. The Foundation makes no
representations concerning the copyright status of any work in any
country other than the United States.
1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
immediate access to, the full Project Gutenberg™ License must appear
prominently whenever any copy of a Project Gutenberg™ work (any work
on which the phrase “Project Gutenberg” appears, or with which the
phrase “Project Gutenberg” is associated) is accessed, displayed,
performed, viewed, copied or distributed:
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
at www.gutenberg.org. If you
are not located in the United States, you will have to check the laws
of the country where you are located before using this eBook.
1.E.2. If an individual Project Gutenberg™ electronic work is
derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
contain a notice indicating that it is posted with permission of the
copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
the United States without paying any fees or charges. If you are
redistributing or providing access to a work with the phrase “Project
Gutenberg” associated with or appearing on the work, you must comply
either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg™
trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
1.E.3. If an individual Project Gutenberg™ electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
will be linked to the Project Gutenberg™ License for all works
posted with the permission of the copyright holder found at the
beginning of this work.
1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg™
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg™.
1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg™ License.
1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
any word processing or hypertext form. However, if you provide access
to or distribute copies of a Project Gutenberg™ work in a format
other than “Plain Vanilla ASCII” or other format used in the official
version posted on the official Project Gutenberg™ website
(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
of obtaining a copy upon request, of the work in its original “Plain
Vanilla ASCII” or other form. Any alternate format must include the
full Project Gutenberg™ License as specified in paragraph 1.E.1.
1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg™ works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg™ electronic works
provided that:
• You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
the use of Project Gutenberg™ works calculated using the method
you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
to the owner of the Project Gutenberg™ trademark, but he has
agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
within 60 days following each date on which you prepare (or are
legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
payments should be clearly marked as such and sent to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
Section 4, “Information about donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation.”
• You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
does not agree to the terms of the full Project Gutenberg™
License. You must require such a user to return or destroy all
copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
all use of and all access to other copies of Project Gutenberg™
works.
• You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
receipt of the work.
• You comply with all other terms of this agreement for free
distribution of Project Gutenberg™ works.
1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
Gutenberg™ electronic work or group of works on different terms than
are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
from the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the manager of
the Project Gutenberg™ trademark. Contact the Foundation as set
forth in Section 3 below.
1.F.
1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
Gutenberg™ collection. Despite these efforts, Project Gutenberg™
electronic works, and the medium on which they may be stored, may
contain “Defects,” such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
cannot be read by your equipment.
1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the “Right
of Replacement or Refund” described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg™ trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg™ electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.
1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from. If you
received the work on a physical medium, you must return the medium
with your written explanation. The person or entity that provided you
with the defective work may elect to provide a replacement copy in
lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
or entity providing it to you may choose to give you a second
opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
without further opportunities to fix the problem.
1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you ‘AS-IS’, WITH NO
OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of
damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
violates the law of the state applicable to this agreement, the
agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
remaining provisions.
1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg™ electronic works in
accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
production, promotion and distribution of Project Gutenberg™
electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg™ work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg™ work, and (c) any
Defect you cause.
Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg™
Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.
Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s
goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg™ and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.
Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state’s laws.
The Foundation’s business office is located at 809 North 1500 West,
Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
to date contact information can be found at the Foundation’s website
and official page at www.gutenberg.org/contact
Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation
Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread
public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.
The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
visit www.gutenberg.org/donate.
While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.
International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate.
Section 5. General Information About Project Gutenberg™ electronic works
Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg™ concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg™ eBooks with only a loose network of
volunteer support.
Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.
Most people start at our website which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org.
This website includes information about Project Gutenberg™,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.