Der laufende Berg

By Ludwig Ganghofer

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Title: Der laufende Berg

Author: Ludwig Ganghofer

Release date: February 20, 2026 [eBook #77988]

Language: German

Original publication: Berlin: Th. Knaur Nachf, 1920

Credits: Richard Illner, Michael John and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was produced from images generously made available by The Internet Archive)


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER LAUFENDE BERG ***


                     Anmerkungen zur Transkription.

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                           Der laufende Berg


                            Hochlandsroman

                                  von

                           Ludwig Ganghofer




                     Vollständige Originalausgabe




                  552000 Gesamtauflage aller Ausgaben


                      Verlag von Th. Knaur Nachf.
                                Berlin




      Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten
            Copyright 1920 by Adolf Bonz & Comp., Stuttgart
                         +Printed in Germany+
            Druck: Bibliographisches Institut AG., Leipzig




                            Erstes Kapitel


Silberne Fäden, schimmernd in der Morgensonne, gaukelten durch die
stille Luft; langsamen Fluges kamen sie aus dem Tal heraufgezogen,
in dessen sonniger Tiefe das Dorf mit seiner Kirche und den hundert
Häusern gleich einem weitschichtig ausgekramten Spielzeug zwischen
den herbstlich gefärbten Berghängen lag. Der vergoldete Knauf des
Kirchturmes strahlte in hellem Feuer, die alten Schindeldächer
schillerten wie silbergrauer Samt, und auf den neuen Häusern leuchteten
die frischen Ziegel wie Metall in der Rotglut. Die welkenden Obstbäume
waren anzusehen, als trügen sie keine Blätter mehr, nur eine Menge
kleiner, rotwangiger Früchte. Und Buche und Ahorn spielten zwischen
brennendem Gelb und tiefem Purpur.

Das gegen Süden blickende Berggehänge war von der Morgensonne
übergossen, das jenseitige noch von blauem Frühschatten unmwoben, und
über den Felswänden hoben sich die vom ersten Schnee überhauchten
Zinnen mit feinen Silberlinien in das wolkenlose Blau des Himmels.

Wie im Märchen die Gestalt der guten Fee von einem Zauberschleier
umflossen ist, so war dieses farbenschöne Bild der Landschaft
übersponnen von Flimmern und Geglitzer; das ging von den fliegenden
Fäden aus, die zu Tausenden die Luft durchgaukelten; bald waren es
nur winzige Dinger, die einem schwebenden Funken glichen, bald wieder
lange Fadenschlangen, welche stiegen und sanken, sich spielend rollten,
Schlingen bildeten und sich langsam wieder streckten. Alle Hecken und
Gesträuche waren überzogen von dem blitzenden Gespinst; auf den welken
Wiesen lag es umher und schimmerte; an kahlen Bodenstellen, von denen
der Rasen niedergebrochen war, glitzerten die weißen Fäden, als träte
pures Silber in feinen Adern aus der verwundeten Erde hervor; und an
ein Fichtengehölz, das einen seltsam müden Anblick gewährte, fast den
Anblick eines in Dürre sterbenden Waldes, war das leuchtende Gespinst
in solcher Menge angeflogen, daß die schräg durcheinanderstehenden
Fichten einer Schar geplünderter Weihnachtsbäume glichen.

Auf den offenen Halden lag, obwohl der Oktober schon begonnen hatte,
die Morgensonne mit linder Wärme. Doch im Schatten des Waldes hauchte
eine empfindliche Kühle, und an dem welken Kraut des Bodens hing noch
der graue Reif der vergangenen Nacht. Der Wald schien öde zu sein,
und dennoch herrschte in ihm eine merkwürdige Unruhe. Erregte Stimmen
klangen von den bewohnten Gehängen herüber. Dumpf widerhallten
zwischen den Bäumen die schweren Schläge, mit denen irgendwo auf den
Halden Pfähle in den Boden getrieben wurden, und überall im Walde ließ
sich ein Rauschen und Gurgeln vernehmen, wie von reichlich strömendem
Wasser.

Es hatte in der vergangenen Woche stark geregnet, und hoch droben in
den Felswänden schmolz die Sonne den früh gefallenen Schnee; aber
nirgends im Walde rann ein Tropfen, alle Wasserrinnen der Gießbäche
lagen trocken. Und dennoch dieses rastlose Gurgeln und Geriesel! Es
klang wie versunken, tief aus der Erde herauf.

Steine rollten, und zu dem lauten Hall, mit dem sie gegen die Stämme
schlugen, gesellte sich das Klirren eines eisenbeschlagenen
Bergstockes.

Über den Waldhang kam auf steilem Pfad ein Jäger herabgestiegen -- kein
Berufsjäger, sondern einer, der die Jagd zu seinem Vergnügen trieb; nur
der verwitterte Rucksack, der grüne Filzhut mit der Spielhahnfeder und
die schweren Nagelschuhe erinnerten an die landesübliche Jägertracht;
statt der Joppe trug er einen Flaus aus braunem Velvet, dazu eine
grüne Weste mit silbergefaßten Hirschgranen und eine graue Tuchhose,
die unter den Knien mit Ledergamaschen umschlossen war; eine neue
Expreßbüchse, die den Erlös eines Ochsen gekostet hatte, vollendete
die Ausrüstung dieses Bauern, der sich als Gutsbesitzer fühlte. Er
mochte einige Jahre über dreißig zählen, und man sah es ihm an, daß
er ein hübscher Bursch gewesen war; noch heute stand ihm der schwarze
Schnurrbart gut zu Gesicht, und ein Zug behaglichen Wohlwollens spielte
um den vollen Mund; die derben Wangen zeigten jene rötlichen Äderchen,
die an fleißig vertilgten Rotwein denken ließen, und die unruhig
schwimmenden Augen verrieten, daß Toni Purtscheller auch den Jähzorn zu
seinen Untugenden zählte.

Er hatte ein mühsames Niedersteigen; immer wieder fand er den Pfad von
klaffenden Spalten unterbrochen; wohin er den Fuß setzte, lag der Boden
locker und rutschte unter seinem Tritt; und rings um ihn her war aller
Grund in einer steten, leisen Bewegung; mit dem sachten Knirschen, das
aus der Erde quoll, mischte sich manchmal ein dumpfer Knall -- da war
unter dem Boden eine starke Baumwurzel entzweigerissen.

Eine breite, frisch geöffnete Kluft versperrte den Pfad, und
Purtscheller mußte einen Umweg machen. Als er den Steig wieder
erreichte, blieb er stehen, legte das Kinn auf den vorgestemmten
Bergstock und betrachtete den Wald. Einzelne Bäume waren schon
gefallen, viele standen schief und hingen mit den Wipfeln über Kreuz,
und an mancher noch aufrecht stehenden Fichte verriet ein rötlicher
Behauch der Nadeln, daß ihre Wurzeln seit geraumer Zeit schon außer
Nahrung waren.

»Da kann's noch a schöns Unglück absetzen! Der ganze Berg is im
Laufen!«

Mit sorgenvollem Unmut folgte sein Blick den gähnenden Bodenspalten
und glitt über die gestürzten und krankenden Bäume. Es war sein
eigener Wald, den er sinken und sterben sah. »Da verlier ich wieder
an ordentlichen Brocken Geld!« Eine Furche grub sich zwischen seine
Brauen, er schob verächtlich die Lippen vor und richtete sich auf. »Ah,
was! Der Purtscheller halt's aus!« Nun lächelte er wieder, folgte dem
Pfad und hörte zwei lustige Stimmchen. Verwundert gewahrte er zwischen
den schiefen Bäumen ein kleines Bürschl und ein noch kleineres Mädel,
die wie die Kinder armer Stadtleute gekleidet waren und unter Lachen
ein seltsames Spiel betrieben; sie suchten locker hängende Kanten des
Moosgrundes auf, kletterten auf die unterhöhlte Stelle, trampelten mit
den Füßen und schaukelten sich so lange, bis der Klumpen Erde mit ihnen
niederbrach. »Hopsala hüo!« schrien sie dann fidel, überkugelten sich,
von Sand umwirbelt, und sprangen lachend auf, um das Spiel von neuem zu
beginnen.

»Kinderln! Kinderln!« rief ihnen Purtscheller gutmütig zu. »Gebts
obacht! Der ganze Boden is lebendig. Da kann a Malör passieren, eh man
sich umschaut. Gscheid sein, Kinderln! Gscheid sein!«

Die beiden Knirpse standen verlegen, faßten sich bei den Händen und
machten scheue Augen. Kaum aber hatte Purtscheller den Rücken gewandt
und etwa hundert Schritt sich entfernt, da hörte er hinter sich schon
wieder den jauchzenden Kinderschrei: »Hopsala hüo!« Er schüttelte den
Kopf und lächelte. »Merkwürdig! Kein Unglück so groß, a Kind kann noch
Freud dran finden!« philosophierte er vor sich hin. »Kunnt's nur einer
's ganze Leben lang so halten, wie's die Kinder machen! Lachen zu
allem, was kommt! In jedem Schatten noch a Lichtl finden!« Er drehte
den Schnurrbart, als hätte er seine Freude dran, daß ihm ein guter
Gedanke gekommen war.

Noch deutlicher als im Walde zeigte sich auf dem offenen Berghang
das Bild einer rastlos fortschreitenden Zerstörung: alle Wiesen
verwüstet und überschüttet von kiesigem Erdreich, das aus höheren Lagen
niedergeglitten war; Hunderte von Rissen und Klüften zogen sich nach
allen Seiten; weite Strecken des ebenen Wiesengrundes waren senkrecht
zu tiefen Gruben eingesunken, und in diesen Löchern standen schlammige
Pfützen, aus denen quirlende Luftblasen aufstiegen.

Wirre Stimmen klangen. Über einen steilen, von Furchen durchrissenen
Wiesenhang sah Purtscheller ein Dutzend Leute emporsteigen, darunter
einige, welche schwarze Röcke trugen. »Natürlich! Die studierten Herrn
müssen ihre Nasen einistecken! Bin neugierig, was die auskochen.« Aus
dem Ton dieses Selbstgespräches klang ein zweifelhafter Respekt vor
den Männern der Wissenschaft. Aber in Purtscheller war die Neugier wach
geworden. Vielleicht gesellte sich dazu auch die Meinung: ›Wo um das
Wohl und Wehe des Dorfes geredet wird, muß ich dabei sein! Ich bin der
Purtscheller!‹ Er suchte die Leute einzuholen.

Es waren fünf Herren aus der Stadt, mit Brille oder goldenem Kneifer,
bejahrte Männer mit ernsten Gesichtern; sie hatten Pläne bei sich, in
die sie mit Farbstiften die Bewegungslinien des ins Laufen geratenen
Berghanges einzeichneten; drei Geometergehilfen waren mit Theodolit,
Meßlatte und Erdbohrer bei der Arbeit. Der Pfarrer des Dorfes, der
Bürgermeister und zwei Gemeinderäte begleiteten die Kommission, um die
knapp gestellten Fragen mit redseligem Eifer zu beantworten. Hinter
ihnen, als dreizehnter, folgte in bescheidener Entfernung ein alter
Bauer, um den sich niemand kümmerte. Er war nicht, wie die anderen,
aus dem Dorfe heraufgekommen; drüben auf einem nahen Wiesenhang stand
sein kleines Heimwesen, das der unheimliche Bergrutsch zu verschlingen
drohte. Als er die Herren gesehen hatte, war er von der Rettungsarbeit
weggelaufen, um ein Wort des Trostes zu hören, einen Schimmer von
Hoffnung für sein versinkendes Haus zu empfangen. Seine Kleidung
bestand aus einem mürben Rupfenhemd und einer blauen, verwaschenen
Leinwandhose, welche Häubchen an den Knien hatte und am Bund von
den Hosenträgern zu Zacken ausgezogen war. Arbeit und Jahre hatten
den müden Körper gebeugt. Die weißen Haare waren glatt in die Stirn
gestrichen -- ein von zahllosen Fältchen durchschnittenes Sorgengesicht
mit rotgeränderten, kummervollen Augen. Er hatte die dürren,
schwieligen Hände auf dem Rücken liegen und seine Finger zitterten.

Da klang hinter ihm die Stimme Purtschellers: »Grüß Gott, Simmerauer!
Was is denn da?«

Der Alte blickte auf. »Die gealogisch Kammissoni is da!« sagte er leis,
als könnte jedes laute Wort den wichtigen Vorgang stören.

»So, so?« Im Vollgefühl seiner Persönlichkeit ging Purtscheller auf
die Herren zu und lüftete den Hut. »Grüß Gott, ihr Herrn mitanander!
Fleißig bei der Arbeit, ja?«

Der Pfarrer dankte für den Gruß, der Bürgermeister und die beiden
Gemeinderäte zogen den Hut; von den fremden Herrn schien es keiner
zu beachten, daß sich die Gesellschaft um eine so bedeutungsvolle
Persönlichkeit vermehrt hatte; sie waren mit einer Erdprobe
beschäftigt, die der Bohrer aus dem Grunde gehoben hatte.

Purtschellers Gesicht färbte sich dunkelrot; diese Mißachtung seiner
Person hatte ihn beleidigt. Einer der Gemeinderäte merkte das und
wollte dem Purtscheller-Toni zu der ihm gebührenden Anerkennung
verhelfen. Aber die gelehrten Herren waren über den breinassen Lehm,
den der Bohrer gefördert hatte, in eine so lebhafte Debatte geraten,
daß sie für nichts anderes Ohr und Augen hatten.

Eine Weile kaute Purtscheller am Schnurrbart; dann wandte er der
Gesellschaft den Rücken; lachend, doch mit Ärger in der Stimme, rief er
über die Schulter zurück: »Gelt, Bürgermeister? Wann's ans Zahlen geht,
kannst mich auch auf der Seit stehn lassen! Mich geht ja die ganze
Gschicht nix an. Mein Haus und Hof is net in Gfahr.«

Der Bürgermeister machte große Augen. »Aber geh, Toni, was hast denn?«

»Ja, ja! Is schon gut!« Purtscheller winkte dem alten Simmerauer.
»Komm, Michel, uns zwei kann man da net brauchen!«

Man sah es dem Alten an, daß er gern geblieben wäre; aber zu der
ehrenvollen Erlaubnis, den Herrn Purtscheller ein Stück Weges begleiten
zu dürfen, konnte er den Kopf nicht schütteln. So hielt er sich an
der Seite des mißmutigen Jägers, blickte aber immer wieder über die
Schulter zurück und lauschte, ob er von den verhallenden Stimmen nicht
ein tröstendes Wort erhaschen könnte.

Leuchtende Fäden flogen den beiden entgegen und legten sich über
ihre Gesichter. Besonders auf den alten Simmerauer hatten sie es
abgesehen. Immer wieder mußte er solch ein schimmerndes Ding von
seinen Augen lösen. Diese Mühe machte ihn nicht unwillig. »So hat der
Altweibersommer noch nie net gsponnen, seit ich leb! Sechzg Jahr lang!
So was hab ich noch nie net gsehen.«

»Wann die Spinnfäden so fliegen, sagt man, dös bedeutet an harten
Winter!«

Der Alte seufzte. »So a Glück! Ja! So a Glück wann käm!«

»Freilich! Wann's an richtigen Frost machen tät, da möcht der Berg 's
Laufen bald aufhören.«

»Was sagen S', Herr Purtscheller, was er auf amal für Gschichten macht!
So a narrischer Berg! Viel tausend Jahr hat er an Fried geben! Und über
Nacht fangt er söllene Sachen an! Wie an alter Mensch, der allweil
nüchtern war, und jetzt hat er den ersten Rausch!« Michel wandte das
Gesicht zu den grauen Felswänden hinauf. »Alterl! Alterl! Dös hat dir
auch net der liebe Herrgott eingeben! Da hast auf'n Teufel ghört!«
Seine kummervollen Augen irrten über das verwüstete Gehänge. »Die
besten Wiesen frißt er, den schönsten Wald streicht er wie Butter aufs
Brot und ein Häusl um 's ander schluckt er. Vor acht Tag is dem Pichler
's seinige gfallen, gestern is 's Häusl vom Mitterhuber eingsunken bis
ans Dach, daß die armen Leut durch'n Rauchfang haben aussischliefen
müssen! Und 's meinige --« Die Stimme brach ihm. Er faßte Purtschellers
Arm und deutete ins Tal hinunter. »Sehen S' den Kirchturmknopf? Wie er
glanzt in der Sonn?«

»Ja, Michel! Warum?«

Der Alte stieß mühsam Wort um Wort vor sich hin: »Den Kirchturmknopf
hab ich gestern am Abend von meiner Haustür aus noch glanzen sehen.
Heut in der Fruh is er verschwunden gwesen!«

»Michel!«

»Der Wald da drunt is doch net gwachsen über Nacht? Und die Kirch hat
sich auch net vom Fleck grührt? Also?«

»Jesus Maria! Michel! Um so ~viel~ is dein Häusl gsunken in der
Nacht?«

»'s Häusl net. Aber der Boden, wo 's draufsteht, mit'm Garten, mit die
Äpfelbäum, mit allem.«

Purtscheller betrachtete den Alten in ehrlicher Sorge. »Michel! Wann's
krumm geht, so schenier dich net und komm zu mir! Für an braven
Menschen wie du hab ich allweil offene Händ!«

Michel schüttelte den weißen Kopf. »Vergelts Gott! Betteln tu ich
net. Ich glaub net dran, daß mein Häusl abi muß. Ich hilf mir schon
noch. Und einer, dös weiß ich, einer hilft mit!« Sein Blick suchte den
blauen Himmel. Sie mußten eine breite Erdspalte überklettern, die den
Wiesenhang quer durchrissen hatte. Als der Blick ins Tal wieder offen
lag, sagte Michel: »Wie die weißen Mauern vom Purtschellerhof schön
auffileuchten! ~Sie~ haben's halt gut! Der Purtschellerhof braucht
sich vor keiner Nacht net fürchten.«

»Ja! Mein Haus steht fest. Da wackelt nix. Dös hat gsunden Felsboden
und dicke Mauern. Da kann der Berg laufen, wie er mag.« Purtscheller
blickte mit stolzem Behagen auf seinen stattlichen Hof hinunter.
Aus diesem zufriedenen Gefühl heraus erwachte in ihm der Gedanke,
daß es grausam wäre, sich seines reichen, ungefährdeten Besitzes
zu freuen, während dem Michel der Jammer aus den Augen redete. Da
wäre ein tröstender Zuspruch eher am Platz. »Schau, mußt mich net
beneiden um mein Glück! Weißt, jeder Mensch hat Sorgen, der Reiche
grad so wie der Ärmste. Ich bin der Purtscheller. Aber mir steigen
vor Sorgen oft d' Haar am Kopf auf wie Besenstiel. Was mir an einzigs
Jahr Verdruß bringt, soviel is dir dein Leben lang net übern Hals
kommen. So a weitschichtigs Anwesen tragt, aber es frißt auch. Manches
Jahr heißt's: draufzahlen, daß man schwarz werden kunnt. Unsereiner
hat Verpflichtungen auf alle Seiten. Da heißt's allweil: zahlen,
zahlen und zahlen. D' Jagd is frei. Wer muß s' denn pachten? Der Herr
Purtscheller! Schreiben s' in der Stadt a Trabrennen aus? Wer muß
laufen lassen? Der Herr Purtscheller! Halten s' a Scheibenschießen ab?
Wer muß den Ehrenpreis stiften? Der Herr Purtscheller! Ich sag dir's,
Michel, ich brauch meine gschlagenen zwölf bis fufzehn tausend Markln
im Jahr. Soviel hat kein Minister in der Stadt. Dös is a Brocken Geld.
Der muß hergschafft werden. Geh's, wie's will!«

»Mar' und Josef!« Im Schreck über die Sorgen, die der arme Purtscheller
zu tragen hatte, vergaß der Simmerauer für einige Sekunden seines
eigenen Jammers.

»Und söllene Sachen packen ein' und lassen ein' nimmer aus! Schau: so
notwendig hätt ich heut in der Fruh auf die Felder nachschauen sollen.
Aber na! Da kommt der Jagdghilf und meldt: der starke Hirsch wechselt
über die Grenz aus, wann er net gschossen wird. Was will ich machen?
Muß ich halt auffi!«

»So? So? Auf den starken Hirschen haben S' gjagt? Ja, der hat arg
gschrien in die letzten Nächt!«

»Hast ihn ghört?«

»Freilich! Ich hab seit Wochen kein' Schlaf nimmer. Jede Nacht fahr ich
zwanzgmal auf und greif an d' Wand hin, ob s' noch da is. Haben S' ihn
kriegt, den Hirschen?«

»Na! Rein umsonst bin ich droben gwesen! Aber was ich sagen will: im
Hölzl hab ich deine Enkerln troffen. Solltest die Kinder in so einer
Zeit net umanandlaufen lassen. Wie leicht kann ihnen was passieren!«

Michel schüttelte den Kopf. »Kinder haben an guten Schutzengel. Wir
daheim müssen am Haus arbeiten den ganzen Tag, und ich hab's net gern,
wann die armen Hascherln allweil unsern Jammer mit anschaun müssen. So
was macht ihnen 's Gmüt krank. Kinder sollen lustig sein, die harte
Zeit kommt eh noch früh gnug. Da laß ich s' lieber umanandlaufen.
Und 's Hölzl drüben is noch am sichersten, da halten die Wurzeln
fest. Mei' gute Alte in ihrer Sorg, freilich, die sagt allweil --« Er
verstummte, blieb stehen und blickte zu einem nahen Bauernhaus hinüber,
dessen verschobenes Dach auf schiefen und halb geborstenen Mauern
saß. Undeutlich hörte man die erregten Stimmen der Leute, von denen
die einen das Türgebälk und die Fensterstöcke aus der Mauer brachen,
während andere das armselige Hausgerät auf einen Leiterwagen luden,
vor dem ein klapperdürres Rößl mit einer schwerfälligen weißen Kuh
zusammengekoppelt war. »Der erbarmt mich! Der arme Gaßner!« nickte
Michel vor sich hin. »Jetzt muß er Auszug halten. Traut sich nimmer
schlafen unterm Dach.«

»Der is gscheid, Michel! Der bringt beizeiten in Sicherheit, was zum
Forttragen is, und baut sich drunten im Ort a neus Häusl auf festen
Boden. Es wär am besten, du tätst es ihm nachmachen! Sag ja, Michel,
und ich hilf dir dazu.«

Wortlos schüttelte der Alte den Kopf.

»Schau, Michel, nimm Vernunft an!« Purtscheller legte dem Simmerauer
den Arm um die Schulter. »So a Berg, wann er amal 's Laufen anfangt,
gibt kein' Fried nimmer, eh net alles drunten is. Sei gscheid, Michel,
fang 's Ausräumen an, und drunten baust dir wieder. Von mir kriegst den
Baugrund. Für a Vergeltsgott und an Schoppen Tiroler. Dem Purtscheller
kommt's auf a lumpigs Tagwerk net an. Zum Bau gib ich dir tausend Mark
auf ewige Hypothek. Geh her, Alter, schlag ein!«

»Dank schön, Herr Purtscheller! Sö meinen's gut. Aber der Michel muß
bleiben. Der kann net furt.«

»Was der Gaßner fertigbringt, wird auch bei dir noch möglich sein.«

Der Simmerauer fuhr sich mit langsamer Hand über das weiße Haar. »Der
Gaßner! Der kann leicht ausräumen. Der kann sich leicht an anders
Heimatl suchen. Aus der Fremd is er herzogen und hat sein Häusl kauft
vor vierzehn Jahr. Der hat sich noch gar net einglebt drein! Aber ich?
Ich bin angwachsen. Mein Vater, mein Ahnl und Urahnl is schon gsessen
an dem Tisch, wo ich heut noch sitz. Da bin ich Kind gwesen, da hab
ich mein Katherl heimgführt, da hab ich Glück und Sorgen übertaucht,
bis aus'm lustigen Micherl langsam der alte Michel worden is mit weiße
Haar. Und ich soll furtkönnen? Na, lieber Herr! Jeder Stein am Häusl
is a Stückl von mir, jeder Span an der Tür, an Tisch und Bank is
lebendigs Holz und hat Wurzeln in meiner Seel. Mein Häusl bin ich! Und
mein Häusl is alles, was ich hab. Sonst hab ich nix. Und wann sich der
Mensch auf'n Schragen legt und macht d' Augen zu? A bißl was muß er
überlassen für seine Kinder. Sonst is sein Leben für gar nix gwesen.
Na, Herr Purtscheller! Ich kann net furt. Und wann's schon so sein
müßt, daß der Berg mein Häusl schluckt? In Gotts Namen! Muß ich halt
mit abi. Mein Häusl und ich, wir zwei halten zamm.«

Ein Knirschen quoll aus der Erde. Neben den beiden öffnete sich eine
braune Spalte, während der Rasen unter ihren Füßen sich senkte und in
langsames Gleiten geriet.

»Da! Er lauft schon wieder!« sagte der Simmerauer ruhig, ohne sich von
der Stelle zu rühren.

Purtscheller war bleich geworden und hatte im ersten Schreck einen
Sprung gemacht, wie eine Katze, der man kaltes Wasser über den Pelz
gegossen; während er nach einem sicheren Fleck suchte, kam die laufende
Erde schon wieder in Stillstand. »Ich dank schön«, stammelte er, »da is
an unguts Bleiben!«

»Sind S' erschrocken, gelt? Im Anfang is mir's auch so gangen. Jetzt
bin ich gwöhnt dran.« Michel lauschte. Von einem nahen Gehäng, das
hinter verwüsteten Haselnußstauden verborgen lag, klang der Hall
schwerer Schläge. »Hören S' ihn, wie er drauflos schafft? Dös is mein
Bub!«

»Is denn der Mathes daheim?«

»Ja! Den hat mir der liebe Herrgott gschickt. Gestern haben s' ihn
auslassen von die Manöver, am Abend is er dagwesen. Sein blaus Röckl,
ja, aber d' Uniformhosen hat er nimmer abi bracht. Gleich hat er's
Arbeiten angfangt. Die ganze Nacht hat er gschafft. Und 's Madl hat
ihm gholfen.« Ein Schimmer müder Freude huschte über das verhärmte
Gesicht des Alten. »Mein Vronerl! An der is a richtigs Mannsbild
verlorengangen. Die ander, freilich, die ander -- Gott gib ihr die
ewige Ruh, die hat mir viel Sorgen gmacht.« Er wischte mit dem Arm über
die Stirn wie einer, der sich den Schweiß abtrocknet.

Drüben über dem Tal hatte die steigende Sonne den Weg in die schattigen
Felswände gefunden, und einzelne Schrofen tauchten gleich funkelnden
Erzgebilden aus dem bläulichen Dunkel hervor. Immer lustiger flogen die
silbernen Fäden, frischer zog der Wind aus der Tiefe herauf über die
zerrissenen Wiesengehänge, man hörte das dumpfe Rauschen des Wassers,
das in der Talsohle mit wildem Ungestüm aus dem Innern des unterhöhlten
Berges hervorströmte, und immer lauter klang vom Haus des Simmerauer
das Dröhnen der schweren Schläge, untermischt mit dem verworrenen Klang
erregter Stimmen.

Da fuhr der Alte aus seinen Gedanken auf. »Na! Bin ich aber einer! Da
steh ich und plausch. Und meine Leut daheim müssen schaffen, daß ihnen
der Schwitz über d' Nasen kugelt.« Mit flinken Schritten ging er davon.

Purtscheller, der seit der kleinen Schlittenfahrt, die er mit dem
gleitenden Rasen gemacht hatte, merkwürdig still geworden, folgte, als
trieben ihn Mitleid und Neugier hinter dem Alten her. Aber Michel kam
immer weiter voraus. Und als Purtscheller die Haselnußstauden erreicht
und eine Lücke des Buschwerkes durchschritten hatte, blieb er betroffen
stehen. Sonst hatte man das Haus des Simmerauer von dieser Stelle aus
immer gesehen, schmuck und freundlich, mit dem hübschen Gärtl und dem
sauber gehaltenen Schuppen. Jetzt war alles verschwunden. Nur ein
niederes Gewirr von Apfelbaumzweigen mit welken Blättern ragte über
eine scharf gezogene Bodenkante empor, und zwischen dem grauen Astwerk
schimmerte das Gesims eines weiß getünchten Kamins.

»O du lieber Herrgott«, stotterte Purtscheller, »dös Häusl muß ja schon
um fünf, sechs Meter gsunken sein!« Er eilte vorwärts. Nun hielt er vor
einem fast senkrecht abfallenden Erdrutsch, und ihm zu Füßen lag das
kleine Heimwesen des Michel, das noch vor einem Monat mit der Wiese,
auf welcher Purtscheller stand, in gleicher Höhe gelegen hatte.




                            Zweites Kapitel


Der ganze Grund, der das Haus des Simmerauer mit Garten und Scheune,
mit einem abgeernteten Getreidefeld und einem schmalen Kartoffelacker
trug, hatte sich im Umkreis von ein paar hundert Schritten vom höhern
Berghang losgelöst und war der »laufenden« Erde des tiefer liegenden,
vom Wasser unterhöhlten Wiesengehänges nachgesunken. Das hatte sich
nicht gewaltsam vollzogen, ganz allmählich, mit schleichender Bewegung.
An der Abrißstelle, über die Purtscheller niederblickte, war oben die
kahle Erde schon ausgetrocknet, während sie unten noch frisch und
feucht war. Ein plump gefügter Verhau aus Baumstämmen und verflochtenem
Astwerk stützte die Böschung und sollte ein Nachgleiten des höheren
Bodens verhindern -- ein Rettungsversuch, der anzusehen war, als wollte
eine Kinderhand den tollen Lauf eines scheu gewordenen Pferdegespannes
aufhalten.

Am Fuß der Böschung sickerte durch das Rutengeflecht ein schlammiges
Wasser hervor, das den freundlich gepflegten Garten mit seinen
Kohlbeeten und Blumenrabatten versumpfte, sich in breiten Pfützen
um die Wurzeln der trauernden Obstbäume sammelte und den Hofraum,
das Stoppelfeld und den Kartoffelacker, der die Früchte noch barg,
in Morast verwandelte. Doch diese Verwüstung hatte ein lächelndes
Gesicht. Der blaue Himmel spiegelte sich in dem stehenden Wasser,
das Sonnenlicht übergoldete den nassen Schlamm. Wohl gefährdet, doch
scheinbar noch unberührt von der schleichenden Zerstörung, erhob
sich inmitten des leuchtenden Grundes das kleine, schmucke Haus.
Die weißgetünchten Mauern schimmerten wie frische Leinwand, die
Glasscheiben blitzten zwischen den grüngestrichenen Läden, rot blühten
die Nelkenstöcke auf allen Fenstergesimsen, an der kleinen, schon
altersgrauen Holzgalerie der Giebelstube glitzerten die angeflogenen
Fäden, und auf der Höhe des Firstes glomm ihr Schein wie ein Elmsfeuer,
das bei Tage brennt.

Diesem freundlichen Anblick widersprach das unruhige Leben, von dem das
kleine Haus umgeben war. Die Hühner, die das Waten im Schlamme satt
bekommen hatten, waren auf die Obstbäume geflogen, saßen gackernd im
Gezweig oder putzten das durchnäßte Gefieder; zwei Ziegen, das zottige
Fell mit Kot behangen, schleiften meckernd ihre langen Stricke durch
die Pfützen, und eine braune Kuh, die neben der Scheune angebunden war,
stand mit gespreizten Füßen, hielt den Schweif gestreckt und brüllte.
Ahnte das Tier die Gefahr, die unter ihm in der sinkenden Erde drohte?
Oder war es nur in scheue Unruh geraten durch den Hall der wuchtigen
Schläge, mit denen ein junger Bursch, der die blaue Soldatenhose trug,
einen schweren, übermannshohen Pfahl in den Boden trieb?

Das war der Mathes, eine hager und sehnig aufgeschossene Gestalt,
an der nichts Weiches und Schmiegsames war, alles herb und eckig;
kurzgeschnittenes Blondhaar umschimmerte den Kopf, und stille,
blaue Augen glänzten in dem ernsten Gesicht, das glatt rasiert war,
jetzt gerötet von der anstrengenden Arbeit. Stirne, Wangen und Hals
waren überronnen von glitzernden Schweißperlen. Wie wenig er seiner
Schwester glich! Niemand hätte ihn für den Bruder des Mädels gehalten,
das vor einem Holzblock stand und mit Beilhieben einen hohen Pfahl
zuspitzte. Ein Menschenkind von strotzender Gesundheit und kräftiger
Jugendfrische; alle Formen gerundet und schier ungebärdig unter dem
Zwang der zu knapp gewordenen Kleidung; die Lippen von heißem Rot,
die Wangen brennend, die dunklen Augen von hellem Feuer, die Stirn
umringelt von den wirren Härchen, die aus dem Nest der braunen Flechten
herausgesprungen waren. Unermüdlich schwang sie das Beil, warf den
gespitzten Pfahl beiseite und griff nach einem anderen. Sie stand mit
nackten Füßen im Schlamm, hatte den dunkelgrünen Rock geschürzt und das
gestrickte Leibchen geöffnet, dessen schwarze Wolle in Sonne und Regen
zu einem bräunlichen Filz verwittert war. Der eine der beiden straff
gespannten Hemdärmel war bei einem ungestümen Hieb entzweigegangen;
zwischen den Leinwandfetzen schimmerte der Oberarm mit reinem Weiß
heraus, während die frei getragenen Unterarme dunkel gebräunt waren.

Wie Mathes dem Vater, so war Vroni der Mutter nachgeraten, die vor
dreißig Jahren als das hübscheste Mädel des Dorfes gegolten hatte.
Davon war nimmer viel an dem gealterten Weibl zu gewahren, das gebeugt
vor dem Sägbock stand und frisch gefällte Stangen zu langen Pfählen
entzweisägte. Die grauen Zöpfe hingen um das welk gewordene Gesicht,
in dem nur die guten, dunklen Augen noch einen Schimmer vom Glanz der
entschwundenen Jugend bewahrt hatten. Immer wieder seufzte Mutter
Katherl, während sie die Säge zog. Die Arbeit ging ihr mühselig von der
Hand. Wenn der abgesägte Pfahl zu Boden rollte, richtete sie sich auf,
um den schmerzenden Rücken ein bißchen rasten zu lassen. Immer glitten
dabei ihre Augen mit Sorge über das kleine Haus. Nun zog sie wieder
geduldig die in einer Gabel hängende Säge hin und her, und war so
vertieft in die Arbeit, daß sie ihren Mann nicht kommen hörte. Er schob
sie sanft beiseite, während er ihr die Säge aus der Hand nahm. »Geh,
Katherl, setz dich a bißl nieder! Laß mich wieder schaffen!«

Sie wollte zur Hausbank gehen; auf halbem Wege kehrte sie wieder um und
fragte: »Hast was ghört von die Stadtherrn?«

Michel schüttelte den Kopf und sägte. »Allweil studieren s' noch und
graben dem Berg in die Darm umanand und wissen net, was s' sagen
sollen.«

Seufzend ging Mutter Katherl zur Hausbank. Aus einem irdenen Krug
füllte sie ein Glas mit Milch. Das war seit Tagen das einzige Getränk
in der Simmerau. Bier ist teuer. Und das Wasser, das eine Woche lang
im Brunnen versiegt war, stand wohl seit zwei Tagen wieder hoch im
Schacht, war aber verschlammt und ungenießbar. Über einen der Balken,
die kreuz und quer den aufgeweichten Grund durchzogen, ging Mutter
Katherl zu Vroni hinüber und reichte ihr das Glas. »Da, Madl, trink, es
muß dich ja dürsten.«

»Ah na! Es is net so arg.«

»No freilich, brennt dir ja 's ganze Gsicht! Geh, sei gscheid und
trink!«

Vroni trieb mit festem Schwung das Beil in den Hackstock, um die Hand
frei zu bekommen, und leerte das Glas. »Vergelts Gott, Mutter!«

Da hörten sie vom Verhau herüber ein Geraschel der Äste und das Fallen
kollernder Erdbrocken. Purtscheller, der über die steile Böschung
niedersteigen wollte, war fehlgetreten und hatte sich nur durch einen
raschen Griff vor einem Sturz in den Schlamm bewahrt. Nun kam er
lachend aus dem Garten hervorgewatet, in der einen Hand die Büchse, in
der anderen den Bergstock.

Vroni und ihre Mutter boten ihm verwundert ein Grüßgott, und Michel,
ohne die Säge rasten zu lassen, stotterte: »Jesses! Der Herr
Purtscheller! Auf den hab ich ganz vergessen!« Nur Mathes schwieg. Ein
jähes Erblassen war ihm über die heißen, erschöpften Züge gegangen.
Niemand hatte das gewahrt, außer der Mutter, die ihm das Glas mit
der Milch hatte reichen wollen. »Mathes?« Wortlos schob er mit dem
Ellenbogen das Glas von sich und arbeitete weiter.

Purtscheller und Michel redeten vom laufenden Berg und von der Gefahr,
die dem kleinen Hause drohte. Dann ging Purtscheller zur Hausbank und
spähte ins Tal hinunter: »Wahrhaftiger Gott! Vom Kirchturm sieht man
kein Blinkerl nimmer!« Er warf einen besorgten Blick über die weiße
Mauer des Hauses, schüttelte ernst den Kopf und machte sich's auf der
Bank gemütlich. Seine Augen blieben an Vroni haften. Je länger er sie
betrachtete, desto wärmer wurde sein Wohlgefallen. »Sapperlot, Michel!
Dein Madl! Alle Achtung!«

Vroni überhörte das Lob, und der Simmerauer nickte hinter dem Sägbock:
»Ja! Gelt!«

»Und Ihr liebs Frauerl, Herr Purtscheller?« fragte Mutter Katherl, die
den Milchkrug in den Hausflur gestellt hatte. »Wie geht's ihr denn?«

»Dank der Nachfrag! Den Sommer über hat man z'frieden sein können.
Sie hat sich wieder rausgemacht. Aber so viel still geht s' allweil
umanand. Da muß ich mich oft ärgern. Ich hab gern lustige Leut um
mich. Freilich: sie is halt net völlig gsund. Der Dokter sagt wohl, es
fehlt ihr nix. A bißl nervios halt, und a schattigs Gmüt, meint er.
Zum Lachen! Schatten! Im Purtschellerhof! Der Dokter is an Esel und
versteht nix. Ich fürcht, sie hat's a bißl auf der Brust.«

Mathes taumelte -- beim Rammen eines Pfahles hatte er mit der schweren
Holzkeule danebengeschlagen, und die Wucht des Schwunges riß ihn fast
zu Boden.

»Aber! Herr Purtscheller!« Michel ließ für ein paar Augenblicke die
Säge rasten. »Wie können S' denn an so was denken! Die Frau Karlin hat
schon als jungs Madl zu dieselbigen ghört, dö 's Leben a bißl ernster
fassen.«

»Für was denn?« murrte Purtscheller. »Ich möcht a lustige Frau haben.
Sie hätt allen Grund zum Lustigsein!«

»No ja! Aber d' Menschen sind halt net alle gleich. Den ein' macht 's
Glück lebendig, den andern stad. Und gar a ~groß~ Glück! Dös muß
ich selber sagen: es is an außergwöhnlichs Glück gwesen, dös die Karlin
gmacht hat.«

Diese Anerkennung schien Purtschellers üble Laune zu besänftigen. »Ja,
Michel, da hast recht! A blutarms Madl ohne Familli. Und über Nacht die
Frau im Purtschellerhof! So was kommt net oft. Da hätt sich mancher
andre bsonnen an meiner Stell. Aber sie hat mir halt gfallen. Und wann
ich was will, so will ich. Und da gschieht's auch.«

Dieses große Wort machte den Simmerauer schweigsam, und Mutter Katherl
betrachtete den willensstarken Purtscheller mit scheuen Augen. Während
dieses Schweigens flog ein Holzsplitter surrend bis zur Hausbank;
Mathes hatte den schweren Schlegel mit solcher Wucht auf den Pfahl
geschmettert, daß das Ende der dicken Stange zu einem fransigen
Besen auseinandergefahren war. Mutter Katherl löste den Splitter von
Purtschellers Samtjacke und fragte: »Aber 's Büberl is doch wohlauf?«

»Kunnt besser ausschauen. Dös Bürscherl is a bißl gar z'fein graten.
~Mein'~ Buben hab ich mir anders denkt. Aber freilich, d' Mutter
is allweil a schwaches Krisperl gwesen.«

Da wandte Mathes das Gesicht über die Schulter und musterte den
Purtscheller mit funkelndem Blick. Es schien, als läge ihm ein Wort auf
der Zunge, und kein freundliches; aber Vroni trat vor ihn hin und sagte
leis: »Tu lieber schaffen, Mathes!« Er nickte, hob den Schlägel wieder,
und Vroni watete zum Hackstock zurück.

Purtscheller saß an die sonnige Mauer gelehnt, hielt die Beine
gestreckt und betrachtete die Arbeit, die man da geleistet hatte.
Überall ragten die Stümpfe eingerammter Pfähle aus dem Schlamm hervor,
und zur Hälfte waren sie schon durch quer aufgesetzte Balken zu einem
festen Rost miteinander verbunden.

»A guter Einfall!« sagte Purtscheller mit der Miene eines
Sachverständigen. »Wer hat dir's graten, Michel?«

»Wer sonst als die heilige Kümmernis?« erwiderte der Alte. »So
a Fachwerk, dös den ganzen Platz ums Haus ummi einfaßt, hab ich
mir denkt, kunnt doch den Boden a bißl zammhalten, daß er net
ausanandschlupft wie auf die Wiesen droben.« Er salbte mit einer
Speckschwarte die heiß gewordene Säge. »Vor acht Tag schon hab ich
angfangt. Aber wär der Mathes net heimkommen, wer weiß, ob ich's
fertigbracht hätt? Der Bub hat in einer Nacht mehr vom Fleck bracht,
als ich in der ganzen Woch.«

»Ja, ja, dös glaub ich!« Prüfend sah Purtscheller dem Mathes eine Weile
bei der Arbeit zu. »Der schafft für drei. So ein' kunnt ich brauchen
im Purtschellerhof. Der möcht mir mei' Sach schön sauber in Ordnung
halten. Die Haderlumpen, meine Knecht, betrügen mich hint und vorn. Auf
ein', wie der Mathes is, kunnt ich mich verlassen. So ein' möcht ich
haben!« Weil beim Purtscheller, wie er selbst gesagt hatte, jeder Wille
auch schon die Tat war, fragte er gleich. »Was meinst, Mathes? Hättst
net Lust?«

»Mich braucht der Vater!« antwortete der Bursch ruhig, ohne die Arbeit
zu unterbrechen.

Michel, der bei Purtschellers Frage erschrocken war, atmete erleichtert
auf.

»No ja, der Vater! Jetzt!« Purtscheller kam in Eifer. »Aber der
unsinnige Berg wird doch wieder an Fried geben. Wann der Winter
einfallt, is eh die ärgste Gfahr überstanden. Da bist wieder frei.«

»Für den Fall weiß ich mir an Platz, wie die letzten Jahr her, weit von
daheim.«

»An Platz? Ja! Aber kein', wie im Purtschellerhof! Dreihundert Mark
im Jahr, alles frei, zweimal im Jahr a neus Gwand, und a Weihnächten,
wie's im ganzen Land kein Graf net gibt! Was meinst?« Da hallte ein
Jauchzer über die Wiesen herunter, und undeutlich verstand man, daß
dort oben einer den Namen Purtscheller schrie. Alle blickten hinauf.
Über einem Wiesengrat gewahrten sie einen Menschen, dessen Figürchen
sich schwarz vom leuchtenden Himmel abhob. Er fuchtelte mit beiden
Armen und schrie wie ein Verrückter. »Was kann denn dös für einer
sein?« fragte Purtscheller und holte das Fernrohr aus dem Rucksack.

Vroni hatte den dort oben schon erkannt. »Der Daxen-Schorschl!« Sie
nahm die Arbeit wieder auf. Mit diesem Namen schien die Sache für
sie erledigt zu sein. Doch eine Furche stand zwischen ihren Brauen,
und finster blickten die braunen Augen. Diese halb grollende, halb
verächtliche Miene war dem Mädel nicht zu verdenken. Selbst die
Freunde des Daxen-Schorschl wußten nicht viel Rühmenswertes von ihm zu
erzählen -- höchstens: daß er eine gute Haut und ein anhänglicher Kerl
wäre, dazu ein stramm gewachsener Bursch mit blitzenden Schwarzaugen im
Gesicht, aus dem der gezwirbelte Schnurrbart hervorstach gleich einem
Paar zu Schutz und Trutz gefällter Lanzenspitzen. Sonst aber schien
es beim Daxen-Schorschl mit guten Eigenschaften schlimm bestellt.
Sein Kardinalfehler, aus dem die anderen bösen Dinge hervorwuchsen
wie die Schwämme aus einem moderigen Fleck Erde, war ein grenzenloser
Leichtsinn, der dem Faß schon mehr als einmal den Boden ausgeschlagen
hatte. Wenn ihn der moralische Katzenjammer anfiel, was selten geschah,
pflegte er mit einem Seufzer zu sagen: »Ich hab halt Vater und Mutter
z'früh verloren, hätt noch a paar Jahr lang zu jeder Morgensupp a
gsunde Tracht Prügel braucht. Vielleicht hätt's was gholfen!«

Er hatte aber die Prügeljahre schon längst hinter sich, als seine
Eltern starben und ihm in bester Lage des Dorfes ein hübsches Haus und
die einträgliche Schmiede vererbten. Da war er ein neunzehnjähriger
Bursch gewesen, gerade reif für den blauen Rock. Während der
Soldatenjahre hielt ihm ein alter Vetter das Geschäft in Ordnung,
und als der Schorschl mit einem großen Schnurrbart aus der Stadt
heimkehrte, hatte es ein paar Wochen lang den Anschein, als begänne in
der Schmiede ein neues, lustiges Arbeitsleben. Nur eines gab den Leuten
gleich zu reden: daß Schorschl die beiden Kühe verkaufte und den Stall
leerstehen ließ. Seine lachende Verantwortung lautete: »Erstens muß ich
meine Schulden in der Stadt drin zahlen. Und zweitens: was brauch denn
ich so a feine Milli z'trinken? Ich bin mit Bier und Tiroler
z'frieden.«

Dieses ›Schlauderwörtl‹ verziehen ihm die Leute wieder, als sie
ihn in seiner Schmiede so wuchtig drauflos hämmern hörten, daß es
übers ganze Dorf hinausklang, hell wie Glockenschlag. Aber die erste
Arbeitswut dauerte nicht lang. Bald machte Schorschl unter Tags ein
›Plauscherl‹ beim Nachbar, bald wieder ein ›Sprüngerl‹ ins Wirtshaus,
dann wieder mußte er sich auf den Bergen ›auslaufen‹. Das geschah
immer häufiger, immer seltener traf man den Schorschl in der Schmiede,
und schließlich überließ er das Geschäft dem Gesellen und ging seinen
wechselnden Launen nach. Er war kein Faulpelz, im Gegenteil, bei Tag
und Nacht hatte er alle Hände voll zu tun. Er half beim Flößen und
Holzziehen, ohne sich bezahlen zu lassen. Wenn einer zu ihm sagte:
»Geh, Schorschl, sei so gut und tu mir dös gschwind!« -- so tat er es.
In kurzer Zeit bildete er sich zu einem Virtuosen auf der C-Trompete
aus und spielte ›per Rekrazion‹ bei allen Hochzeiten und Tanzmusiken
mit. Seine Hauptleidenschaft war das Fischen und Krebsen. Da war er ein
unerreichter Meister. Den Fang verschenkte er an die Kinder, die in
Scharen herbeiliefen, wenn sie den Daxen-Schorschl am Wasser sahen. Das
ging zwei Jahre so fort. Dann war die Schmiede auf der Gant.

Die Verwandten sprangen ein und halfen; ein paar Monate gab sich
Schorschl alle Mühe, seinen Leichtsinn unterzukriegen. Dann ging das
alte Schlenderleben wieder an. »Lüftig wie der Daxen-Schorschl!« Das
war ein Sprichwort im Dorf geworden. Die paar geduldigen Leute, die
ihm noch die Stange hielten, führten zu seinem Lobe an: Der Schorschl
bekneipt sich zwar manchmal ganz gehörig, aber er ist doch kein
Trinker, läßt die Hände von den Karten, und die Mädeln haben Ruh vor
ihm! Sonst aber konnte man ihm alles nachsagen, was am Leichtsinn
hängt. Zu den brotlosen Künsten, die er die Jahre her getrieben, hatte
sich in der letzten Zeit noch eine neue gesellt. In seinen Adern rollte
kein Jägerblut, er hatte kein Verlangen nach der Büchse, aber er liebte
es, bei der Jagd zu ›gustieren‹. Einen besseren Treiber und Steiger gab
es in den Bergen nicht. Sein höchstes Vergnügen war es: ›für d' Jager a
guts Stückl ausmachen‹ -- das heißt, den Standort eines selten starken
Wildes zu erkunden. Während drunten im Dorf von Haus zu Haus erzählt
wurde, daß die Daxenschmiede schon wieder ins Schwimmen käme und vor
der zweiten Gant stünde, rannte Schorschl vergnügt bei Tag und Nacht
auf den Bergen umher, um für den Purtscheller einen Kronenhirsch oder
einen alten Gemsbock auszuspüren. Und als er nun dort oben das Hütl
schwang und jodelte, kam Purtscheller gleich zu der Vermutung: »Gwiß
hat er mir wieder was Guts ausgmacht. Augen hat er wie a Luchs, der
Kerl! Is schon möglich, daß er mich gsehen hat über d' Wiesen hergehn,
derweil er droben gstanden is im Gwänd.« Purtscheller höhlte die Hände
um den Mund und rief gegen die Höhe: »Huup!« Dann lachte er. »Hat mich
schon ghört!«

Die Gestalt des Daxen-Schorschl glitt über den steilen Wiesengrat
herunter, so hurtig, wie eine ins Rollen geratene Scholle. Er wuchs
mit jeder Sekunde, und man konnte schon gewahren, wie er bei diesem
sinnlosen Lauf mit weiten Griffen den Bergstock einsetzte. Sprünge
machte er, daß Mutter Katherl ein ums andre Mal erschrocken stotterte:
»Jesses, jetzt wirft's ihn!«

»Tu dich net sorgen, Mutter!« brummte Vroni. »Unkraut verdirbt net.«
Dabei bearbeitete sie den Pfahl, den sie auf dem Hackblock hatte, so
unmutig mit dem blitzenden Beil, als trüge das arme Holz die Schuld,
daß in der Daxenschmiede solch ein menschliches Unkraut gewachsen war.

Schorschl kam schon so nahe, daß man den plumpsenden Aufsprung seiner
Füße hören konnte. »Um Gottes willen!« stammelte Michel in seiner
ruhelosen Sorge. »Der macht mir am End mit seiner Springerei den Berg
noch roglig!«

Mutter Katherl schrie im gleichen Augenblick: »Mar' und Josef! Jetzt
hat's ihn gworfen!«

Schorschl war in einer Staubwolke verschwunden. Ein Stück Wiese mußte
unter seinen Füßen niedergebrochen sein.

»Hab ich's net gsagt!« jammerte der Simmerauer und sprang auf das
Haus zu, als hätten ihn die Mauern zu Hilfe gerufen. Auch Mathes warf
erschrocken den Schlegel beiseite, und auf dem Hackblock verstummten
die Beilhiebe. Nur Purtscheller lachte.

Hatte der Schutt den Daxen-Schorschl begraben? Aber nein! Gleich einer
wirbelnden Scheibe flog ein Hut aus dem sinkenden Staub heraus, man
sah den Bergstock ein paar Räder schlagen, und hinter diesen beiden
Vorboten kam Schorschl nachgerollt und kollerte über den steilen Hang
herunter.

Da verging auch dem Purtscheller das Lachen. Die Sache mußte übel
ausfallen. Doch während er und die andern sich noch besannen, war Vroni
schon über den Grat der vom Erdrutsch gebildeten Böschung emporgerannt
und breitete die Arme, gerade in dem Augenblick, in dem dieser rollende
Klumpen Mensch in das Gezweig der Apfelbäume niederzustürzen drohte.
Sie wankte unter der Wucht, mit welcher Schorschl gegen ihren Körper
schlug. Aber sie hielt sich auf den Füßen. Ein langer Silberfaden kam
glitzernd durch die Luft geschwommen, haftete an der Schulter des
Mädels und legte sich mit einer Schlinge um den Kopf des Burschen.
Seine Arme hatten Vronis Hüften umklammert. Mit dem vom Sturz
verwüsteten Gesicht zu ihr aufblickend, stammelte er: »Sakra, Madl! An
dir kann man sich anhalten!«

Die Stirn von Zornesröte übergossen, riß Vroni sich von ihm los. Der
silberne Faden dehnte sich, als wollte er die beiden nimmer aus seiner
schimmernden Schlinge lassen; schließlich ging er aber doch entzwei.

Langsam hob sich Schorschl auf die Füße. »Sakra! Sakra!« Mit großen
Augen blickte er dem Mädel nach. Er hatte sie in den vergangenen
Jahren hundertmal gesehen; dennoch machte er Augen, als sähe er Vroni
zum erstenmal. Aber da verging ihm das Schauen. Er mußte die Lider
schließen. Vom Sande begannen seine Augen zu brennen. So stand er
eine Weile und zupfte die Erdkrumen aus den Wimpern. Vroni schwang
schon wieder das Beil vor dem Hackstock. Auch Mathes griff nach dem
Schlägel, während der Simmerauer scheltend zu seiner Säge zurückkehrte.
Mutter Katherl dankte allen Heiligen des Himmels, die den Hals und die
Glieder des Daxen-Schorschl so gnädig behütet hatten. Und Purtscheller
lachte wieder. Bei diesem Gelächter unterbrach Schorschl sein Zupfen
und Reiben. Er lachte mit, und weil ihm der Umweg um den Saum der
Böschung zu weit war, sprang er über den Verhau herunter, daß vom
durchweichten Grund der Schlamm über ihn emporspritzte. »Herrgott! Da
gibt's aber Soßß!« Sonst hatte er kein Wort, keinen Gedanken für die
Zerstörung, die rings um das kleine Haus her ihre schleichenden Wege
ging. Vor allem mußte er die Nachricht loswerden, die er brachte. »Herr
Purtscheller! Den starken Hirsch hab ich ausgmacht.«

»Hab mir's aber gleich denkt! Bist a Mordskerl!« Purtscheller
begleitete dieses Lob mit einem Faustschlag auf Schorschls Rücken. »Wo
hast ihn denn gfunden?«

»Droben im Seekar liegt er in die Latschen. Wann S' mit auffisteigen,
treib ich Ihnen den Hirsch hin am Stand, nix Schöners gibt's net!«

»Jetzt?« Purtscheller rückte ärgerlich den Hut. »Eigentlich sollt ich
nachschauen, was meine Leut auf die Felder machen.«

»Und den Hirsch auslassen? Jetzt, wo er sicher is? Kommen S' mit, sag
ich! Der Hirsch is gschossen bis auf'n Abend. Da verwett ich mein' Kopf
drauf.«

Beim Hackstock verstummten die Beilhiebe. »Wann du schon so einer
bist«, rief Vroni sehr unfreundlich über die Schulter, »so halt doch
wenigstens die andern Leut net von der Arbeit ab!«

»Arbeit? No ja!« sagte Purtscheller beschwichtigend. »Den Hirsch kann
ich doch auch net verschenken. So a Hirsch gilt seine hundert Mark, 's
Gweih gar net grechnet. Na, na, da muß ich schon auffi.« Er griff nach
Büchse und Bergstock. »Komm, Schorschl!«

»Steigen S' nur derweil voraus! Ich muß mich a bißl sauber machen.
Sonst kunnt der Hirsch a Grausen kriegen, wann er mich sieht.«

Purtscheller lachte, rief dem Simmerauer und der Bäuerin einen Gruß zu,
warf noch einen Blick des Wohlgefallens auf Vroni und stieg gemächlich
über die Böschung hinauf. Zwei heiß brennende Augen folgten ihm. Und
als Purtscheller in einer Senkung der Wiese verschwand, atmete Mathes
auf und hob den Schlägel wieder.

Schorschl wollte zum Brunnen; dabei mußte er am Hackstock vorüber. Ein
wenig verlegen blieb er stehen und sagte lachend: »Wärst du net gwesen,
da kunnt ich jetzt a paar gsunde Löcher im Kopf haben. An festen Sprung
hast gmacht um meintwegen. Muß dir doch a Vergeltsgott sagen!«

Vroni übersah die Hand, die der Schorschl ihr bot. »Dös braucht's net.«

Der trockene Ton schien den Daxen-Schorschl zu belustigen. »So sag halt
noch dazu: is gern gschehen!«

»Gern? Na!«

»Ui jegerl! Am End reut's dich gar, daß d' mich den Hals net brechen
hast lassen?«

Vroni schwieg. Über den Pfahl weg, auf den sie loshackte, streifte sie
den Burschen mit einem finsteren Blick. Freilich, der Daxen-Schorschl
bot in der Verfassung, in der er nach der Rutschpartie beim Haus des
Simmerauer angelangt war, kein Bild, das einem Mädchenauge gefallen
konnte: das Gewand beschmutzt, die nackten Knie, Gesicht und Hände grau
von Staub, braune Erde im Haar und am zerzausten Schnurrbart. Aber er
lachte. »Sakra, Madl! A Paar Augen kannst machen! Net schlecht!« Und
nach einer stummen Weile fügte er kleinlaut bei: »Viel Guts, mein' ich,
mußt dir net denken von mir?«

»Da kannst recht haben.«

»Jetzt machst mich aber neugierig. Sag: was denkst dir denn von mir?«

»Dös is gschwind gsagt.« Vroni ließ das Beil sinken und richtete ihre
blitzenden Augen auf den Burschen. »Schorschl, du bist a Lump!«

In der ersten Verblüffung machte der Daxen-Schorschl ein furchtbar
dummes Gesicht. Dann fuhr ihm das Blut in die Stirn. Merkwürdig, daß
so ein kurzes Wort den ›lüftigen‹ Schorschl so erregen konnte! Er
hatte dieses Wörtl doch schon häufig genug zu hören bekommen, um sich
an seinen Klang zu gewöhnen. Aber die anderen, drunten im Dorf, die
hatten es immer lachend gesagt: »Ja, Schorschl, du bist a Lümperl!« Und
immer hatte er mitgelacht. Jetzt zum erstenmal hatte er dieses Wort auf
eine neue Art gehört, ernst, von einer zornigen Stimme gesprochen. Und
von so roten Lippen! Er suchte nach einer Antwort. Da sagte Vroni: »Geh
zum Brunnen und wasch dich! Steht dir ja 's Blut auf die Händ!« Ruhig
wandte sie ihm den Rücken und schwang das Beil.

Schorschl stand noch eine Weile und betrachtete ratlos seine übel
zugerichteten Hände; dann verzog er den Mund wie ein gescholtenes Kind,
das nicht zu mucksen wagt, und ging auf den Brunnen zu. Während er sich
wusch, unter Prusten und Plätschern, kam einer der Gemeinderäte, welche
die Kommission begleitet hatten, am Haus vorüber. Als der Simmerauer
ihn erblickte, fuhr ihm die Erregung in die Hände, daß er die Säge
verbog. »Leitner! He!« rief er mit erstickter Stimme den Bauer an,
humpelte auf ihn zu und faßte ihn am Joppenzipfel. »Seid's schon fertig
droben? Wo gehst denn hin?«

»Ins Ort muß ich abi, 's Mittagessen bstellen für die Kammissoni.«

Mutter Katherl trippelte auf einem Balken durch den Schlamm, Vroni
verließ den Hackstock, das Beil in der Hand, und Mathes kam, mit dem
Schlägel auf der Schulter. So standen sie alle viere um den Bauer her,
mit scheuen Augen.

»Und --« Michel brachte die Frage kaum heraus, »was sagen s' denn, dö
studierten Herrn?«

Der Bauer machte ein ernstes Gesicht. »Was sollen s' denn sagen? Helfen
können s' net! Daß wir wissen, wie 's Unglück kommen is, dös macht uns
auch net gscheider.« Er sah gegen die Felswänd hinauf. »Wie im Sommer
droben im Seekar der Almsee gahlings ausglaufen is, ohne daß man gsehen
hat, wo 's Wasser hinkommt -- dös wär der Anfang gwesen, sagen s', dö
Herrn. 's Wasser hätt an unterirdischen Durchgang gfunden, und wie
der Weg amal offen war in die Darm vom Berg eini, is dem Seewasser 's
ganze Regen- und Schneewasser dö Zeit her nachgronnen. Und der Berghang
tät auf schiefem Letten[1] liegen, sagen s'. Den wascht 's versunkene
Wasser schön langsam aus, und natürlich, wann dös Luderwasser unt drin
a Loch ausgschwemmt hat, muß der obere Boden nachsinken. Verstehst?«

»Ja, ja!« Mit zitternden Händen strich der Simmerauer das weiße Haar
in die Schläfe. »Ja, ja! Natürlich! Der Boden muß nachsinken, wann unt
drin a Loch is.«

»So sagen s', dö Herrn! Wer weiß, ob s' recht haben? Einischauen in
Boden können s' auch net.«

»Und sonst sagen s' gar nix, dö Herrn?«

»Na! Nix!«

»Gar nix, wie z'helfen wär?«

»Na! Nix! Drunt im Tal sollt man dem Wasser den Auslauf net verwehren.
Eh net der ganze Letten unten drin schön sauber ausgschwabt is und d'
Löcher wieder ausgfüllt sind mit feste Steiner, eh hört der Berg sein
Laufen net auf und gibt kein' Fried. Oder es müßt 's untrische Wasser
wieder in d' Höh steigen ans Licht. Verstehst?«

»Ja, ja!« Der Simmerauer wollte an seinem Hemd den Halskragen schließen
und nestelte immer, ohne zu merken, daß der Knopf abgerissen war. »'s
Wasser! Freilich! 's Wasser müßt wieder in d' Höh! Da tät er an Fried
geben, der Berg!« Er blickte umher, als müßte er schon irgendwo das
steigende Wasser sprudeln sehen. »Und sag? Was alles noch abi muß, eh
's Wasser wieder steigen kann? Da haben s' gar nix gsagt, dö Herrn?«

Langsam kam die Antwort. »Ja! Da haben s' schon a bißl ebbes gsagt. Der
ganze Purtschellerwald, meinen s', müßt abi. Und 's Häusl vom Gaßner,
der grad ausräumt. Und die ganzen Wiesen zwischendrin. Und --« Der
Bauer stockte, und vier Menschen hielten in banger Sorge den Atem an.
»Es wird mir hart, daß ich dir's sagen muß. Aber es is allweil besser,
man weiß, wie man dran is. Dös ganze Gratl da, wo dein Häusl steht,
wird abi müssen, haben s' gsagt, dö Herrn.«

»Abi? So? Abi müssen?« wiederholte der Simmerauer mit erloschenem Ton.

»Trag mir's net nach, Michel, daß ich dir so a harte Botschaft hab
bringen müssen!« Der Bauer legte dem Simmerauer die Hand auf die
Schulter. »Laß dir an guten Rat geben, schau! Räum aus, Michel! Räum
aus, solang's noch Zeit is! Nimm Vernunft an!«

Sie waren mit dem Leitner ihrer fünfe beisammen gestanden. Als der
Bauer den Hofraum verlassen hatte, waren es wieder fünfe, denn der
Daxen-Schorschl war wortlos vom Brunnen gekommen. Er hatte das
›Saubermachen‹ nicht zu Ende gebracht. Die nassen Haare klebten ihm an
Stirn und Schläfen, trauernd hing ihm der durchweichte Schnurrbart über
den Mund, und in dicken Tropfen rann ihm das schlammige Wasser über den
Hals und von den Händen. Sein Gesicht war bleich, nur die Wunde rot,
die er sich beim Sturz in die Wange gerissen hatte.

Eine Weile wurde kein Laut gesprochen. Mutter Katherl streifte mit
hilflosem Blick den Mathes und die Vroni, dann sahen sie alle drei den
Vater an. Gerne hätten sie ihm den Rat des Leitners wiederholt: »Räum
aus, so lang's noch Zeit is!« Aber sie hatten nicht das Herz, ihm das
zu sagen. Mathes sprach das erste Wort. »Komm, Vater, schaffen wir
wieder! Was dö Herrn sagen, glaub ich net!«

»Ja! Schaffen wir wieder!« fiel Vroni ein und ging zum Hackstock.

Michel faßte seinen Buben am Hemdärmel. »Mathes?«

»Was, Vater?«

»Dös viele Wasser schau an!« Der Simmerauer deutete auf die Pfützen in
Hof und Garten. »Meinst net, es kommt von unt auffi?«

»Ja, Vater! Kunnt schon sein!« Die Stimme des Burschen klang ruhig;
doch in Unruh glitt sein Blick zum Verhau hinüber, aus dessen
Flechtwerk lautlos die dünnen Wasserfäden rieselten.

»Wann's von unt auffi käm! So a Glück!« Der Simmerauer bückte sich und
tauchte die Hand in eine der Pfützen, so ehrfürchtig, als stünde ein
Weihwasserkessel vor seinen Füßen. »Also! Schaffen wir halt wieder!«
Er trat zum Sägbock und suchte mit zitternden Händen das verkrüppelte
Eisenband der Säge zu strecken. Dann plötzlich schlug er die Fäuste
vors Gesicht.

Vroni war die erste bei ihm. »Aber Vater!« Sie legte ihm den Arm um die
Schulter und stellte sich so, daß der Daxen-Schorschl, der noch immer
wie angewurzelt stand und die Sprache verloren zu haben schien, den
Alten nicht sehen konnte.

»Abi? So? Abi, sagen s'? Abi wird's müssen?« raunte Michel vor sich
hin. »A rechtschaffener Mensch bin ich gwesen mein Leben lang. Und
so sollt er mich auszahlen können? Der sell da droben?« Langsam hob
er die Augen zum Himmel. »Na, Kinder! So ebbes glaub ich net von
ihm. Schenieren müßt er sich! Wann ich auffikomm zu ihm und tät ihn
fragen: wo is denn mein Häusl, du? Und er kunnt net sagen: drunten
steht's, wo's allweil gstanden is? Schenieren müßt er sich! Vor'm
alten Michel müßt er sich schenieren!« Mit den Fäusten wischte er über
die Backen und schüttelte den weißen Kopf. »Na, Kinder! Na! So ebbes
tut er net. Der halt fest! Der sell da droben! Aber mithelfen müssen
wir. Mithelfen! Komm her, Alte! Mathes, komm her! Und du, mein Madl!
Gebts mir d' Händ drauf, daß wir unser Häusl halten bis zum letzten
Schnaufer! Nur net auslassen, sag ich! Schaffen, allweil schaffen!«

Da klangen über die Wiese her in drolliger Disharmonie die Stimmchen
der beiden Kinder, die sich zum Heimweg ein Liedl sangen, das sie von
Vroni gelernt hatten:

  Vogerl im grünen Wald
  Zwitschert so hell!
  Zwitschert Wald aus und ein,
  Wo wird mein Schatzerl sein?
  Vogerl im grünen Wald
  Zwitschert so hell!

Dem Simmerauer glitt ein Lächeln über die welken Züge. »Wie s' lustig
sind! Und dö zwei Hascherln? 's einzige, was mir blieben is von
meiner armen Zenz? Dö sollen 's Dach verlieren müssen, unter dem s'
ihr Ruhstatt haben? Du, Mathes, bist a gwachsener Mensch und weißt dir
an Weg in der Welt. Du, Madl, findst schon ein', der dir gut is und a
Heimatl hat für dich! Aber wohin denn mit die armen Wuzerln? Wann unser
Häusl abi müßt? Ah na! So ebbes gibt's net. Nur net auslassen! Kommts,
Kinder! Fangen wir wieder an! Und laßts um Gottes willen dö armen
Hascherln nix merken von unserer Sorg!«

Der Simmerauer wollte zur Säge greifen. Da legte sich eine Hand auf
seine Schulter, und eine würgende Stimme fragte: »Michel? Kannst mich
net brauchen? Geh, laß mich mithelfen!«

Der Alte schien seinen Augen nicht zu trauen. »Schorschl! Du?«

»Schau, ich hab Zeit! Und verlang nix. In der Fruh komm ich, auf'n
Abend geh ich wieder, und 's Essen bring ich mir mit. Schlag ein,
Michel! Und ich fang gleich an.«

In der ersten Freude, einen Helfer gefunden zu haben, wollte der
Simmerauer schon die Hand strecken. Vroni zog ihn zurück. »Na, Vater!
Wann wir allein unser Häusl net halten können? ~Der~ da hilft 's
uns gwiß net halten. Dem lauft ja 's eigene Haus davon! Was er anrührt,
schwimmt. Der hat keine guten Händ. Bleiben wir lieber allein, Vater!«

»Wann d' meinst!« sagte der Simmerauer kleinlaut und warf einen
scheuen Blick auf Schorschl. Und Mutter Katherl schien einen bösen
Auftritt zu befürchten. Sie stotterte: »Aber Madl! Wie kannst denn so
ebbes reden!« Ihre Sorge war überflüssig; der Daxen-Schorschl stand
ruhig auf seinem Fleck; erst nach einer Weile, als die dunkle Röte, die
ihm in die Stirn geschossen, schon wieder abzublassen begann, sagte er:
»Vroni! Jetzt hast mir aber eini griffen! Daß ich für mich selber nix
taug, hab ich schon lang glauben müssen. Aber daß ich auch für andere
nix mehr wert bin, hätt ich mir doch net denkt. No ja, jetzt weiß
ich's! Pfüe Gott!« Er schleuderte die letzten Wassertropfen von den
Händen und verließ den Hofraum. Als er die Böschung überstiegen hatte
und seinen Hut und Bergstock auflas, begegneten ihm die beiden Kinder,
die ihr Lied zu Ende sangen:

  Vogerl am kühlen Bach
  Zwitschert so süß!
  Zwitschert Bach auf und ab,
  Bis ich mein Schatzerl hab.
  Vogerl am kühlen Bach
  Zwitschert so süß!

Als die Kinder das kleine Haus erreichten, zog der Simmerauer schon
wieder die Säge, und Mathes drosch mit dem Schlägel auf einen Pfahl.
Nur Vroni stand untätig. Ihr Blick irrte über den Berghang empor.

Die Stimme des Vaters weckte sie aus ihrem Sinnen. »Vronerl? Was hast
denn?«

»Nix!«

Sie griff nach einer Stange und schwang das Beil, daß die Splitter
flogen.




                            Drittes Kapitel


Die kühlen Schatten des Abends waren über das Tal gefallen. Droben auf
den steilen Felswänden lag noch ein letzter Schein des versinkenden
Tages. In der Tiefe spann sich schon ein bläuliches Zwielicht um das
welke Laub der Bäume und um die Dächer, aus deren Kaminen der Rauch
sich langsam hervorkräuselte. Von den Wiesen, die der breite Bach
durchrann, kamen dünne Nebel gezogen; ihre Schleier mischten sich mit
dem Rauch der Dächer und umwoben den Giebel des Purtschellerhofes, der,
auf einer Anhöhe gelegen, alle Häuser des Dorfes stolz überragte.

Ein stattliches Gebäude! Von der Straße führte eine aus roten Steinen
gemauerte Treppe durch einen Vorgarten zum Wohnhaus, dessen lange
Front den Wirtschaftshof mit seinen Ställen und Scheunen verdeckte.
Früher war der Purtschellerhof das richtige Bauernhaus gewesen, mit
niederer Tür und kleinen Fenstern. Als der Toni nach seines Vaters
Tod die Herrschaft übernommen und die Karlin heimgeführt hatte, waren
ihm die alten Stuben nicht schön genug gewesen, um sein junges Glück
zu beherbergen. Einen Sommer lang hatte man gebaut, hatte das Dach
gehoben, alle Zimmer des oberen Stockes geräumiger gemacht, ihnen
neue Türen mit geschnitzten Aufsätzen und große Fenster mit gewölbten
Spiegelscheiben gegeben. In den Flur wurde eine neue Treppe eingebaut,
und während Toni mit seiner Frau die neuen ›Herrenzimmer‹ bezog, wurden
im unveränderten Erdgeschoß die kleinen Stuben, in denen Tonis Eltern
sich wohlgefühlt hatten, dem Gesinde als Wohnräume überlassen.

Im Erdgeschoß die kleinen Fenster und im oberen Stock die großen. Das
hatte so übel ausgesehen, als hätte man die Hälften zweier Häuser,
eines neuen und eines alten, übereinandergeschachtelt. Um diesen
Schönheitsfehler des Purtschellerhofes auszugleichen, hatte man auch im
Erdgeschoß die kleinen Fenster in große verwandelt, nicht in wirkliche,
nur in gemalte. Am Fuß der Mauer hatte man Spalierobst, Jerichorosen
und wilde Reben angepflanzt, und die üppig aufgeschossenen Ranken,
an denen jetzt die welken Blätter alle Farben spielten, waren der
täuschenden Malerei zu Hilfe gekommen, so daß es wirklich den Anschein
hatte, als wäre am Purtschellerhof kein Fehl und Schaden.

Neben der Haustür war eine steinerne Bank, überdacht von einem
Laubengitter, von dessen Latten die Ranken des wilden Weins mit roten
Blättern herunterhingen. Hier saß Frau Karlin, das junge Weib des
Purtscheller-Toni, und vor ihr, auf dem Backsteinpflaster, trippelte
ihr Knabe umher, ein vierjähriges Kind, bleich und schwächlich. Während
das Büblein still ein hölzernes Pferd hinter sich herschleifte und
sein Spielzeug, sooft es auch umkippte, geduldig wieder auf die mit
Rollen versehenen Füße stellte, hatte die Mutter die Hände mit der
Häkelarbeit im Schoß liegen und hielt den Kopf an die Mauer gelehnt.
Sie war städtisch gekleidet, weil es ihr Mann so haben wollte. Die
schmächtige, zartgegliederte Gestalt hätte die Herkunft aus dem
Bauernhaus wohl verleugnen können. Sogar weiße Hände hatte sie
bekommen. Der Purtscheller-Toni fand es unter der Würde seiner Frau,
daß sie grobe Arbeit tat und in der Wirtschaft mithalf. Sie hatte, wie
ihr Mann den Leuten zu erzählen liebte, ein Leben, um das eine Gräfin
die Purtschellerin beneiden könnte. Dennoch fühlte sie an jedem Abend
eine Müdigkeit in allen Gliedern, als hätte sie während des ganzen
Tages schwer gearbeitet.

Im vergangenen Winter war sie dreiundzwanzig geworden. Man nahm sie für
älter, für eine Dreißigjährige. Wohl hatte ihr schmales Gesicht noch
jene sanfte Schönheit, die den Stolz des Purtschellers so klein gemacht
hatte, daß er sich die Karlin aus der Gesindestube des Pfarrers holte.
Und wie eine Krone lagen ihr noch immer die vollen, braunen Flechten um
die Stirn. Aber ein Zug des Leidens war um ihren stillen Mund gegraben,
und eine zehrende Schwermut redete aus ihren Augen.

Auf der Straße ging eine Bäuerin vorüber und rief einen Gruß. Die junge
Frau erwachte aus ihrem Sinnen. Langsam strich sie mit der Hand ein
Büschel Haare von der Schläfe hinters Ohr; das war eine Gewohnheit von
ihr. Dann nahm sie die Häkelarbeit auf, nestelte ein paar Maschen, und
wieder lehnte sie den Kopf an die Mauer, tief atmend, als empfände sie
erquickend die Kühle des Abends.

Wie still und schön dieser Abend war, mit seinem träumerisch ziehenden
Nebel, mit dem verglimmenden Licht auf den Bergen! Aus der ebenerdigen
Stube klangen die Stimmen der Dienstboten, die beim Abendessen saßen.
Das Dorf war schon in halber Ruhe; nur manchmal ein lauter Ruf in den
Gärten; irgendwo das Knarren eines Scheunentores, das geschlossen
wurde; zuweilen auch der kurze Anschlag eines Hundes; dazu die Töne der
Dorfmusik, die im Wirtshaus eine Probe hielt; die Sache hatte keinen
rechten Klang, es fehlte die führende Stimme der C-Trompete, die der
Daxen-Schorschl sonst zu blasen pflegte. Wenn der Abendwind ein wenig
stärker zog, verschwammen die Geigen- und Klarinettentöne mit dem
dumpfen Rauschen des Wassers, das im tieferen Tal aus dem unterhöhlten
Berg hervorströmte.

Karlin lauschte dem fernen Rauschen und blickte über das Gehäng des
laufenden Berges empor. »Die armen Leut!« Zu ihrem Mitgefühl gesellte
sich eine schmerzliche Erinnerung. Dort oben stand auch das Haus, in
dem sie ein fröhliches Kind gewesen war, als ihre Eltern noch gelebt
hatten. Es war das Haus, das der Gaßner vor vierzehn Jahren gekauft
hatte, und das er jetzt räumen mußte.

Da hörte die junge Frau ein Klirren vor ihren Füßen. Das Bübchen hatte
sein Pferdl umgeworfen und bückte sich, um es wieder aufzurichten.
»Tonerl?« fragte die Mutter. »Magst net schlafen gehn? Schau, es wird
schon finster! Bald wird der Sandmann klopfen. Da müssen brave Kinder
im Bett sein. Geh, komm schlafen!«

Das Kind schüttelte das Köpfl. »Vaterl warten!«

Karlin spähte über die dämmerige Straße hinaus. In der Gesindestube
wurden Bänke und Stühle gerückt, und die Dienstboten begannen mit
monotonem Gehaspel den Abendsegen zu beten: »Der Engel des Herrn
brachte Maria die Botschaft.« Dann kamen die Knechte heraus mit den
Pfeifen. Sie zogen den Hut, als sie an Frau Karlin vorübergingen.
Hinter ihnen kam ein dralles, hübsches Mädel, das sich für den
Abendplausch in den Nachbarhäusern schmuck aufgeputzt hatte. »Guten
Abend!« Dabei zuckte ein merkwürdiges Lächeln um den vollen Mund.

»Guten Abend, Zäzil!« erwiderte die junge Frau; ihre Stimme klang
ruhig, doch eine matte Röte stieg ihr in die Wangen.

Zäzil ging durch den Garten, pflückte eine der spätblühenden Nelken
und steckte sie ans Mieder. Kaum hatte sie die Straße betreten, als
ihre Stimme klang: »Jeh! Du? Seit wann bist denn wieder daheim? Recht
schön guten Abend!« Sie hatte den Schritt verhalten, als sollte
nun ein lustiges Geplauder beginnen. Doch der Bursch, dem ihr Gruß
gegolten, sagte kurzen Dank und ließ sie stehen. Der Klang dieser
Männerstimme machte Frau Karlin aufblicken. Auf der Straße sah sie
einen vorübergehen, der mit Joppe und blauer Soldatenhose bekleidet war
und zwei Äxte mit neuen, weißen Holzstielen auf der Schulter trug; Frau
Karlin erkannte ihn erst, als er schon hinter der Hecke verschwinden
wollte. »Der Mathes!« Sie sprang auf, warf ihre Häkelarbeit auf die
Bank und eilte zur Treppe hinunter. »Mathes!«

Er schien sie nicht zu hören, beschleunigte seinen Schritt und bog
hastig in den zum Gehäng des laufenden Berges führenden Weg ein.

Frau Karlin legte die Arme über den steinernen Treppenpfeiler und
blickte ihm nach. Fünf Jahre hatte sie ihn nicht gesehen. Seit sie die
Frau des Purtscheller-Toni geworden. Wenige Tage vor ihrer Hochzeit
hatte er das Dorf verlassen, weil ihm draußen im Unterland eine gute
Stelle angeboten wurde. So hatte Vroni ihr damals gesagt. Und jetzt
war er wieder daheim. Gewiß hatte ihn die Sorge, die seine Eltern um
ihr Haus trugen, zurückgerufen? Da war es nicht schön von ihm, daß er
so vorüberging wie ein Fremder. Er hätte doch zusprechen können, um
dem Nachbarskinde von einst und der Schulkameradin ein Grüßgott zu
bieten! Um ihr zu sagen, wie es da droben stünde in der Simmerau! Von
den Leuten im Dorfe hörte sie wenig. Vor Wochen, als der Berg über
Nacht das Laufen angefangen hatte, war freilich im Dorf ein großer Lärm
gewesen. Doch schon nach wenigen Tagen, als die Dorfbauern merkten, daß
die Bewegung des laufenden Bodens das tiefere Tal nicht bedrohte, hatte
ihre Sorge sich beschwichtigt. Ihre eigenen, kostbaren Häuser waren
sicher, nur die billigen Hütten da droben standen in Gefahr.

Die junge Frau blickte auf die von Dämmerung umwobenen Büsche, hinter
denen Mathes verschwunden war. »Gott sei Dank für den alten Michel,
weil der Mathes daheim is! Der hat zwei feste Arm!« Sie strich die
Härchen von der Schläfe hinters Ohr und atmete auf, als wäre ihr, seit
sie den Mathes gesehen hatte, der Gedanke an den armen Simmerauer
leichter geworden.

Während sie durch den Garten zurückkehrte, vernahm sie einen Schrei
ihres Kindes. In Sorge begann sie zu laufen, und als sie die Steinbank
erreichte, sah sie ein schattenhaftes Tier, wie eine kleine Fledermaus,
mit Sumsen um den Kopf ihres Kindes flattern. Erschrocken schlug sie
mit der Hand und traf. Das Tier fiel zu Boden, ein großer Nachtfalter.
Karlin hob das weinende Bürschl auf ihre Arme und streichelte ihm
Haar und Wange. »Geh, Tonerl, bist erschrocken! Schau, es is bloß a
Schmetterling gwesen! Der tut dir nix.«

Schmetterling! Dieses Wort schien das Kind zu trösten; es blickte mit
nassen Augen umher und streckte die Hände. »Den Meckerling haben möcht
ich!«

»Ja, Herzerl! Wart, den such ich dir gleich! Schau, da is er schon!«
Mit zitternden Schwingen kroch der Falter über die Pflastersteine.
Karlin bückte sich. Von einer abergläubischen Regung erfaßt, zog sie
die Hand zurück. Deutlich hatte sie auf dem dicken Leib des Falters
die unheimliche Zeichnung erkannt. Es war ein Totenkopf. Sie wollte
das Tier zertreten. Da hob sich der Falter mit einem zirpenden Ton von
der Erde; schwirrend stieß er gegen eine Fensterscheibe und verschwand
unter den roten Blättern der wilden Reben. Mit beiden Armen preßte
Karlin ihr Kind an die Brust. »Komm, Schatzerl, laß dich schlafen
bringen!«

Das Bürschl begann wieder zu weinen. »Meckerling haben möcht ich! Nitti
schlafen! Vaterl warten!«

»Geh, sei z'frieden, Tonerl! Der Vater kommt schon. Droben im Betterl
darfst warten auf ihn.«

»Tust mir Liedi singen?«

»Ja, liebs Herzerl!« Karlin faßte eine Weinranke und rüttelte an ihr.
Surrend schoß der Falter aus dem Laub hervor und schwirrte davon. »Gott
sei Dank!«

Als Karlin das Haus betrat, kam eine alte Magd aus der Küche und
fragte: »Wie soll ich's denn mit dem Essen halten, Frau? Von Mittag is
alles noch übrig, der Herr is net heimkommen, und Sie haben nix gessen.
Soll ich die Sachen aufwärmen?«

»Für mich, ja! Für'n Herrn mußt frisch was machen, 's Aufgwärmte mag er
net.«

»Was soll ich denn richten?«

»Fladlsuppen. Die ißt er gern. Und an ausgsuchts Stückl Wildbret bratst
ihm ab. Wann alles fertig is, mußt es am Feuer halten, damit er sein
Essen gleich haben kann, wann er heimkommt. Sonst muß er sich wieder
ärgern.«

Frau Karlin stieg über die Treppe hinauf, mit dem Bürschl, das vom
versiegenden Schluchzen noch ein bißchen gestoßen wurde. Im Flur
des oberen Stockes herrschte schon tiefe Dämmerung. Die Blätter des
Efeus, der die Wände übersponnen hatte, hingen wie kleine Schatten an
der weißen Mauer und an den Stangen der Hirschgeweihe. Frau Karlin
durchschritt das große Wohnzimmer. Ohne in der Schlafstube Licht zu
machen, entkleidete sie unter zärtlichem Geplauder das Kind und wusch
ihm das von Tränen nasse Gesicht. Das Bübl lag noch kaum in den Kissen,
da mahnte es die Mutter schon an ihr Versprechen: »Liedi singen,
Mammi!«

Die junge Frau zog einen Stuhl an das Bett, und während sie ihre Hand
den spielenden Fingern des Kindes überließ, sang sie, was ihr gerade
einfiel:

  Vogerl im grünen Wald
  Zwitschert so hell!
  Zwitschert Wald aus und ein,
  Wo mag mein Schatzerl sein?
  Vogerl im grünen Wald
  Zwitschert so hell!

Da mußte sie lächeln. Wie merkwürdig, daß ihr gerade dieses Lied, an
das sie viele Jahre nicht mehr gedacht hatte, auf die Lippen kam? Das
war wohl nur geschehen, weil sie den Mathes wieder gesehen hatte. Denn
dieses Lied hatten sie miteinander gesungen unter den blühenden Hecken
und im dunklen Purtschellerwald da droben, damals, als sie noch Kinder
waren, sie, der Mathes und die Vroni.

Es war in der Stube dunkel. Doch Karlin sah einen sonnigen Berghang,
über ihm die leuchtenden Felswände und über allem den blauen Himmel. Im
Rauschen der silbernen Gießbäche, die damals noch nicht in den Berg
versunken waren, hörte sie ihre eigene Stimme, hell und lustig wie das
Gezwitscher eines Vogels. Neben ihr saß der Mathes, der zwei Jahre
älter war als sie, und schnitzte aus einem Weidenzweig eine Pfeife,
um ihr die Weise des Liedes vorzublasen. Auf der andern Seite saß das
Vronerl und flocht aus Butterblumen einen schönen Kranz, den das Linerl
aufsetzen mußte. Und da hatte der Mathes sie angestaunt und hatte ganz
ernst gesagt: »Linerl! Du bist so schön wie d' Mutter Gottes in der
Kirchen drunt!«

Langsam strich Frau Karlin die Härchen hinters Ohr und seufzte: »O du
liebe Zeit!«

Nur der Winter war immer hart gewesen. Durch den hohen Schnee der
weite Weg in die Schule! Da wäre sie oft steckengeblieben, wenn ihr
der Mathes nicht geholfen und das schwere Ränzl getragen hätte. »So
a guter Kerl!« Aber wenn der Föhn den Berghang vom Schnee gesäubert
hatte und unter den Hecken das erste Veilchen blühte, war alle Not des
Winters vergessen. Dann der Sommer und die Ferienzeit! Da waren sie
unzertrennlich den ganzen Tag und lachten und tollten, bis am sinkenden
Abend der Vater über die Wiesen herüberschrie: »Linerl! Komm!« Oder bis
vom Haus des Simmerauer die Zenz gelaufen kam, um ihre zwei kleinen
Geschwister heimzuholen. »Die arme Zenz!« Wie elend die zugrunde
gegangen war! Hatte ihr Herz an einen leichtsinnigen Menschen gehängt
und war gegen den Willen der Eltern mit ihm in die Stadt gezogen. Dort
hatte der Lump sie sitzenlassen mit ihren zwei Kindern. Gealtert in
jungen Jahren, eine Sterbende, war sie ins Dorf zurückgekehrt. Aber das
hatte sich später zugetragen. Damals, in jener schönen Kinderzeit, war
die Zenz ein sechzehnjähriges, hübsches, lustiges Mädel gewesen.

Tonerl streckte sich in den Kissen und lallte im Halbschlaf: »Bitt
schön, Mammi, Liedi singen!«

Karlin atmete tief und sang mit leiser Stimme:

  Vogerl am kühlen Bach
  Zwitschert so süß!
  Zwitschert Bach auf und ab,
  Bis ich mein Schatzerl hab.
  Vogerl am kühlen Bach
  Zwitschert so süß!

Sie fühlte, daß der Druck der kleinen Finger, die ihre Hand umschlossen
hielten, sich lösten. Eine Weile blieb Karlin noch sitzen, dann verließ
sie auf den Fußspitzen die Schlafstube. Im Wohnzimmer zündete sie über
dem Tisch die Hängelampe an. Eine richtige Herrenstube! Die Wände bis
zu halber Höhe getäfelt, hübsche Möbel aus rötlichem Zirbenholz, ein
altdeutsches Sofa und große, mit Leder gepolsterte Lehnstühle; überall
Geweihe, ausgestopfte Vögel und hinter dem Ofen der mit Jagdgerät und
Waffen behangene Gewehrrechen.

Karlin deckte den Tisch. Dann ging sie hinunter, stellte sich unter die
Haustür und spähte über die dämmerige Straße hinaus, ob ihr Mann nicht
käme?

Ein weicher Glockenton schwoll durch die dunstige Luft; man läutete den
Abendsegen.

So weich und zerflossen, wie jetzt im Nebel, hatte sie die Glocke
immer gehört, wenn sie am Abend dort oben unter der Haustür saß, als
Kind, die Ärmchen unter die Schürze eingehuschelt. Und genau so hatte
es geklungen, als man ihrem Vater den Weg in den Himmel eingeläutet
hatte. Im Steinbruch, beim Sprengen der Felsen, war ihm ein Brocken
an die Stirn geflogen. Vier Jahre früher hatte sie schon die Mutter
verloren. Damals war sie noch so klein gewesen, daß sie nicht begriff,
was sterben heißt. Doch als sie den Vater liegen sah, stumm und starr,
mit der blutenden Stirnwunde, verstand sie den Tod. Vom Abend bis zum
Morgen blieben der Simmerauer und Mutter Katherl bei ihr und beteten,
während sie weinend in einem Winkel kauerte, mit ihr der Mathes, der
den Arm um ihren Nacken geschlungen hielt.

Dann wurde das Haus an den Gaßner verkauft. Schulden waren zu
bezahlen -- seit die Mutter gestorben, war dem Vater das Wirtschaften
übel geraten -- und für das neunjährige Kind blieben als Erbe kaum
hundert Mark zurück. Der alte Pfarrer erbarmte sich der Waise und
gönnte ihr im Stübchen seiner Haushälterin einen Platz. In dem
großen, schwermütigen Pfarrhof, der dicke Mauern hatte, wurde aus
dem fröhlichen Linerl die stille, ernste Karlin. Oft stand sie da an
einem vergitterten Fenster, blickte über den sonnigen Berghang empor,
meinte manchmal, sie hätte auf einem beleuchteten Wiesengrat den Mathes
erkannt, wie er grüßend gegen den Pfarrhof sein Hütl schwenkte.

Schritte hallten auf der Straße, und Frau Karlin hörte die Stimme
ihres Mannes. »Gott sei Dank! Endlich kommt er!« Sie rief in den Flur:
»Nannei! 's Essen für'n Herrn!« Dann ging sie durch den Garten
hinunter.

Purtschellers Stimme ließ vermuten, daß der ›Herr‹ nicht in guter Laune
nach Hause kam. Er hielt dem Jagdgehilfen, der ihn begleitete, eine
mit Scheltworten gespickte Predigt über einen ›Kerl‹, der ihn geärgert
haben mußte. Wäre Karlin nicht mitten auf der Treppe gestanden,
er hätte sie in seinem Groll übersehen. »Grüß Gott!« sagte er so
verdrießlich, als wäre sie mitschuldig an seinem Ärger.

»Guten Abend, Toni! Lang bist ausblieben. Schau, ich bin schon in Sorg
gwesen.« Das sagte sie ruhig und herzlich, ohne jeden Vorwurf.

Scheltend fuhr er auf: »Natürlich! Beim ersten Schritt ins Haus geht d'
Nörglerei schon wieder an! Ich hab dir's hundertmal schon gsagt, daß
man bei der Jagd 's Heimkommen net am Schnürl hat wie der Slowak sein'
Affen. Und jedsmal machst mir wieder so a Metten her! Da kunnt der
gmütlichste Mensch aus der Haut fahren.«

»Aber Toni!« mahnte sie leis. »Wir sind net allein.«

»Ah, was! Ich sag nix Unrechts. Was ich sag, kann jeder hören.« Er
stieß mit dem Ellbogen die Büchse zurück und stieg durch den Garten
hinauf, während ihm Karlin schweigend folgte. Vor der Haustür wandte
er sich und sagte mit beschwichtigender Milde: »Aber schau, Linerl!
In aller Fruh bin ich schon am Heimweg gwesen. Und da kommt mir der
Daxen-Schorschl nachgrennt, der Tagdieb, der verruckte! -- Wo is er
denn blieben?« Diese Frage war an den Jagdgehilfen gerichtet.

»Droben in der Simmerau is er weg von mir«, erwiderte der Jäger, »und
hat uns nimmer eingholt.«

Purtscheller wandte sich wieder zu seiner Frau. »Kommt mir nachgrennt
und sagt, er hätt den starken Hirsch am Schnürl. Was will ich machen?
Hab ich halt die drei Stund wieder auffisteigen müssen. Beim besten
Wind haben wir den Trieb eingstellt, und richtig is er drin gwesen,
der Hirsch! Aber was der Schorschl heut ghabt hat, weiß ich net. Ganz
verdraht is er gwesen. Der Hirsch is abgfahren, und ich, der gute Herr
Purtscheller, natürlich, ich hab mich ärgern können, daß mir's den
Magen schier umkehrt hat!« Er seufzte schwer und rief dem Jäger zu.
»Gut Nacht, Sepp! Schau halt, daß den Hirschen kriegst!«

»Ja, Herr Purtscheller! Gut Nacht!«

Toni trat ins Haus. »Was macht denn mein Prinz?«

»Er schlaft schon. Und gut.«

»Schon wieder amal? So?« Purtscheller lachte. »In der Fruh, wann ich
fortgeh, schlaft er. Am Abend, wann ich heimkomm, schlaft er. A Vater
hat viel von seim Buben, dös muß ich sagen!« Er wollte über die Treppe
hinauf, doch Karlin hielt ihn am Ärmel zurück.

»Toni? Hast du 's Gwehr ausgladen?«

»Aber natürlich!«

»Geh, ich bitt dich, schau nach!«

»No also, meintwegen, bloß daß ich an Fried hab!« Er nahm die Büchse
herunter, klappte die Läufe auf und brummte: »Jetzt hab ich's heut
richtig vergessen ghabt! Natürlich, im Ärger halt!« Während er über die
Treppe hinaufstieg, zog er die beiden Patronen aus dem Gewehr und schob
sie in die Hosentasche. Als er die helle, schöne Stube betrat, tat er
einen tiefen Atemzug. »Aaah! Daherinn is halt gmütlich. Und daheim is
gut sein.«

Mit stiller Geschäftigkeit nahm ihm Karlin die Büchse und den Rucksack
ab, zog ihm den Samtflaus herunter, knöpfte ihm die Gamaschen auf
und stellte ihm die Pantoffel vor die Füße. Purtscheller schien sich
wohlzufühlen. Die letzte Spur seines Ärgers verflog, als er auf dem
gedeckten Tisch die Suppe dampfen und in der Glasflasche den roten
Tiroler blinken sah. Zärtlich legte er den Arm um Karlins Schulter.
»Bist a guter Kerl! Schaust halt doch auf mich! Und gern hast mich!
Gelt? -- Geh, lach a bißl!«

Sie lächelte, und warme Röte stieg ihr in die Wangen. So gingen sie
zum Tisch. Karlin legte ihrem Mann die Suppe vor. Er schnalzte mit der
Zunge, als er gekostet hatte. »A nobles Süpperl!« Neugierig beugte er
sich über den Teller seiner Frau. »Was hast denn du da?«

»A bißl was Kalts von Mittag noch.«

Da wurde er bös. »Aber Linerl! Wie oft hab ich dir's gsagt: dös is
Sparsamkeit am falschen Fleck! Wie sollst denn gut ausschauen, wann
dich net nähren tust? Und d' Frau soll's net schlechter haben wie der
Mann. Ich bin einer von die Aufklärten, ich geh mit der Zeit.« Er schob
den Teller mit dem kalten Fleisch in die Fensternische. »Weg da mit dem
Schmarren!« Behäbigen Schrittes holte er einen Teller und ein Weinglas
von der Kredenz, füllte den Teller mit Suppe, das Glas mit Rotwein!
»So, Schnaberl! Jetzt iß und trink!«

Karlins Wangen brannten. »Vergelts Gott, lieber Toni!« Und wie sie
sich freute, daß sie ihm nun auch eine freundliche Nachricht sagen
konnte. »Du, Toni, rat, wen ich heut gsehen hab?«

»Wen denn?«

»Den Mathes! Der is wieder daheim.«

»Ich weiß schon. Hab ihm schon Grüß Gott gsagt droben in der Simmerau.«

»Geh? In der Simmerau bist gwesen? Wie schaut's denn aus droben?«

»Mein, schlecht! 's Häusl sinkt halt schön langsam ein.«

»Jesus Maria!« Karlin legte den Löffel fort. »Und laßt sich da gar
nimmer helfen?«

»Na! Da hat 's Helfen an End. Der Berg lauft halt, bis er drunt is.«
Toni seufzte. »Und mein Wald lauft mit!«

Karlins Erbarmen für die Leute in der Simmerau verstummte vor der Sorge
um ihren Mann. Sie rückte an seine Seite und legte schüchtern den
Arm um seinen Hals. »Geh! Dein schöner Wald!« Kaum vermochte sie zu
sprechen.

»Da verlier ich viel Geld, ja!« Purtscheller füllte seinen Teller
wieder und zuckte in stolzer Resignation die Schultern. »Bei so was muß
man zeigen, daß man anders is wie die andern. Da muß man dastehn wie
der Baum und muß sagen in aller Ruh: Wie Gott will, jetzt nimmt er,
an andersmal gibt er wieder. Aber geh, laß mich essen!« Er richtete
sich halb auf, so daß Karlins Arm, der ihm hinderlich war, von ihm
niederglitt. »Der arme Michel droben erbarmt mich. Dem gönn ich's, daß
der Mathes wieder daheim is. Wie der Bursch da droben schafft, so was
muß man sehen!«

Karlin nickte. »Der Mathes, ja! So is er allweil gwesen, als kleins
Büberl schon.«

»Und wie ich ihm so zugschaut hab, is mir a guter Einfall kommen. Und
gleich hab ich zugriffen. A bißl Reden wird's halt noch kosten, und
der Mathes kommt als Knecht zu mir. An bessern kann ich mir gar nimmer
wünschen.«

»Ja, Toni, da hast an ~guten~ Einfall ghabt!« Karlin glühte vor
Eifer. Sie strich ihrem Mann das Haar aus der Stirn und sah so froh
zu ihm auf, als wüßte sie ihn jetzt geborgen vor einer großen Gefahr.
»Schau, Toni, oft schon hätt ich gern a Wörtl drüber gredt, wie's
zugeht bei uns in der Wirtschaft. A Schaffer, wie der Mathes, wär lang
schon not gwesen im Purtschellerhof.« Sie stockte, wie in Sorge, daß
dieses Wort ihn verletzt haben könnte.

Er löffelte ruhig seine Suppe. »Ja, ja! Natürlich, wann einer so
anbunden is auf alle Seiten wie ich!«

»Gott sei Dank, jetzt kann ich aufschnaufen, Toni! Auf den Mathes
kannst dich verlassen. Der bringt alles wieder auf guten Weg! Alles!«
Karlin erschrak vor einem Gedanken, der sich wie eine schwarze Mauer
vor ihre helle Freude stellte. »Aber? Toni? Wie können denn wir vom
Michel den Mathes verlangen?«

»Ah so? Wegen droben meinst?«

»Der Mathes kann doch jetzt net fort von daheim.«

»Jetzt net! Na! Aber lang dauert die Gschicht da droben nimmer.«
Purtscheller schluckte den letzten Löffel Suppe. »Ich hab dem Mathes an
Anbot gmacht, verruckt müßt er sein, wann er net zugreifen tät! Aber
was ich fragen will? Is mit der Post nix kommen?«

»Jesses ja!« Karlin erhob sich. »An eingschriebener Brief.«

»Aber, Linerl! Den hättst mir doch auf der Stell geben sollen. Es kunnt
ja ebbes Wichtigs sein, was kein' Aufschub leidt.«

»Tu mir net zürnen! In der Freud, daß du so gut mit mir gwesen bist,
hab ich ganz drauf vergessen.« Sie riß einen Wandschrank auf und
brachte den Brief. »Wann nur für dich kei' Sorg net drinsteht!«

Verwundert betrachtete Purtscheller die dem Kuvert aufgedruckte
Geschäftsadresse. »Vom Schloßbräu in der Stadt? Was will denn der?
Am End will er gar mein' Bräunl kaufen, mit dem ich beim letzten
Trabrennen sein' Amerikanerschimmel gschlagen hab?« Lachend öffnete er
das Kuvert. »Aber na, Brüderl! Fünftausend Mark kannst mir hinlegen,
und der Schnabel bleibt dir noch allweil sauer!«

Karlin wollte die leere Suppenschüssel vom Tisch tragen. Da sah sie,
daß jähe Blässe über das Gesicht ihres Mannes rann. »Toni?« stammelte
sie und setzte die Schüssel nieder.

»So a hinterlistiger Heiduck, so a gottverdammter!« schrie Purtscheller
und schmetterte seine Faust auf die Tischplatte.

»Jesus Maria! Toni?«

»In Ruh laß mich!« Er stürzte ein Glas Wein hinunter, stieß den
zerknüllten Brief in die Hosentasche und wanderte durch die Stube. Vor
einem Fenster blieb er stehen, starrte hinaus in die sinkende Nacht und
nagte an seinem Schnurrbart.

Es währte eine Weile, bis Karlin zu sprechen wagte. »Toni? Sag mir
doch, über was dich kümmern mußt! Schau nur, wie ich mich sorgen tu!«

»Sorgen?« schrie er über die Schulter. »Misch dich net in alles, was
dich nix angeht!«

Ein müdes Lächeln zuckte um ihren Mund. Sie wollte schweigen und suchte
eine Beschäftigung am Tisch. Dann wieder blickte sie zu ihrem Mann
hinüber und trat auf ihn zu. »Schau, Toni, ich red ja eh die ganze Zeit
her kein Wörtl nimmer, wann's mir gleich oft 's Herz abdruckt, daß ich
alles bei uns so laufen sehen soll, wie's lauft.«

»Was lauft denn bei uns? Da droben lauft der Berg. Bei uns lauft gar
nix.«

»Sag so was net! Bei uns lauft viel ins Wasser abi.«

»Ah! Du gfallst mir!«

»Ich kann dir net sagen, wie hart ich's trag, daß ich als Frau im Haus
net mit gsunde Arm zugreifen soll und diemal bei dir a Wörtl zum Guten
reden.«

»So? Meinst vielleicht, daß ich an Schulmeister brauch? Dank schön für
die Predigt!« Er schob sie mit dem Ellbogen von sich. »So was möcht ich
mir verbitten!«

»Ich will dir ja im Gschäft nix dreinreden«, stammelte sie und suchte
seine Hand zu haschen, »aber dös eine sollst mir doch net verwehren,
daß ich dir als Frau deine Sorgen tragen hilf!«

»Der Purtscheller? Und Sorgen? Zum Lachen!«

»Aber Toni!« Sie umklammerte seine Hand. »Ich hab dir's ja doch vom
Gsicht abglesen --«

»In Ruh laß mich!« Er befreite seine Hand mit jähem Ruck. »Und
~wann~ ich mir was aufgladen hab, so trag ich's selber. Da brauch
ich ~dich~ net dazu.«

»Schau, Toni, 's Härteste tragt sich leichter, wann eins mittragen
hilft. Und daß mir's verheimlichen willst, macht mir doppelt Angst. Ich
bitt dich, sag mir, was in dem Brief steht?«

»Jetzt laß mir mein' Fried, oder --« Vom Hall seiner Stimme zitterten
die Fensterscheiben.

»Um Gotts willen, Toni«, Karlins Worte erstickten fast, »so laß doch in
Ruh mit dir reden und tu net so laut! In der Kammer schlaft unser Kind,
und drunt hören dich alle Dienstboten. Die tragen's wieder um im ganzen
Dorf.«

»Sollen mich umtragen, wie s' mögen!« schrie er. »Ich bin's ja gwöhnt!
Fünf Jahr lang schon! Was schaust mich denn an? Meinst, ich schenier
mich, daß ich dir's amal ins Gsicht sag? Selbigsmal, wie mir der
verruckte Einfall kommen is, daß ich am Pfarr seiner Dienstbotenstub
ans Fenster klopft hab -- selbigsmal hat man dem guten Herrn
Purtscheller sein' Namen 's erstemal umtragen in alle Körbln.«

Karlin griff an ihre Brust, als wäre ihr dieses Wort wie ein Stich ins
Herz gegangen. »Toni! Tu mir net so weh!«

Diese Worte wirkten auf Purtscheller, als hätte ihm seine Frau den
größten Schimpf ins Gesicht geschrien. Er ballte die Fäuste. »Ich tu
dir was? ~Ich?~ So? Und was man ~mir~ tut? Dös is alles Wurst. Gelt?
Alles Wurst!«

»Aber Toni!«

»Ruh will ich haben! Und wann ich mir im Guten mein' Fried net schaff,
so weiß ich mir z' helfen.« Mit zornigem Griff umklammerte er Karlins
Arm und zerrte sie zur Tür.

»Heiliger Jesus! Toni!«

»So!« Er hatte die Tür aufgerissen und schob seine Frau in den dunklen
Flur hinaus. »Jetzt will ich sehen, ob ich mein' Fried net hab!«
Er warf die Tür zu, daß hinter der Täfelung der Mörtel rieselte.
Aufatmend, als hätte sein Jähzorn Erleichterung gefunden, fuhr er sich
mit allen Fingern durch die Haare.

In der Schlafstube war das Kind erwacht und weinte.

Purtscheller hörte das klagende Stimmchen nicht. Er schleuderte die
Pantoffel in einen Winkel, fuhr mit den Füßen in die Schuhe und riß den
Samtflaus vom Gewehrrechen. »So an Hausfrieden hab ich! Ins Wirtshaus
muß ich laufen, wann ich a paar Minuten Ruh haben will. Kreuz Teufel
noch amal! Is dös a Leben!« Wütend stülpte er den Hut übers Haar und
stapfte zur Tür hinaus.

Von der finstern Bodenstiege klang ihm ersticktes Schluchzen entgegen.
Er tastete mit der Hand nach dem Treppengeländer, als überkäme ihn ein
Schwindel. Dann fuhr er zornig auf: »So was! Und da soll man noch gut
bleiben können! Hockt s' daher auf die Bodenstieg! Hörst du! Geh eini
in d' Stuben!« Ohne abzuwarten, ob sein Befehl vollzogen würde, stieg
er die Treppe hinunter. Im Hausflur begegnete ihm die alte Magd mit
einer Schüssel in den Händen.

»Aber Herr? Wohin denn? Ich bring ja 's Wildbret.«

»Dös kann der Hund fressen! So hat er an guten Tag. Und hat's besser
als ich.« Purtscheller verließ das Haus, stürmte durch den Garten
und hätte auf der Straße fast die Zäzil niedergerannt, die von ihrem
Abendplausch nach Hause kam -- freilich, sie hatte es nicht allzu
eilig, ihrem Herrn den Weg frei zu geben. Mit dem Ellbogen schob er sie
auf die Seite. »Geh weg da!«

Zäzil schien an solche Behandlung nicht gewöhnt, machte große Augen,
sah ihm nach und lachte leis vor sich hin. »Ui jegerl! Heut hat er sich
an der Frau wieder an Zahn ausbissen!«

Mit vorgebeugtem Kopf, die Hände in den Taschen, folgte Purtscheller
der vom Nebel umflorten Straße. Einmal blieb er stehen und machte
zwei Fäuste, fiel wieder in raschen Schritt und schob den Hut zurück,
als wäre ihm schwül. »Dös hat er mir bloß aus Bosheit tan, weil mein
Bräunl sein' Schimmel gschlagen hat!« An diesen Gedanken schloß sich
ein anderer, der das Quälendste seiner Sorge beschwichtigte: »Ah was!
Ich hab a Vierteljahr lang Zeit! Und wann der Schloßbräu 's Geld nimmer
geben will, gibt's an andrer! Freilich, da wird's halt wieder heißen, a
paar Tausender drauflegen!« Er seufzte, aber sein Schritt wurde ruhig.

Nun hatte er ein Ohr für den Gruß der Leute, die ihm ab und zu auf der
stillen Straße begegneten. Und wenn er an Häusern vorüberkam, guckte er
in die erleuchteten Fenster, deren Schein im Nebel zerfloß.

Der Weg zum Wirtshaus führte an der Daxenschmiede vorüber; alle Fenster
waren schwarz, doch an Haus und Schmiede stand Tür und Tor geöffnet,
und in der Tiefe der dunklen Werkstätte glostete das erlöschende
Essenfeuer, von dessen Widerschein der polierte Amboß mit roten
Lichtlinien umsäumt war. Purtscheller trat unter das Tor und rief in
das stille Haus: »He, Schorschl!« Keine Antwort kam. »Er muß noch net
daheim sein!« Purtscheller kehrte auf die Straße zurück. Aber der
Gedanke an das unbewachte Haus ließ ihn wieder umkehren. »Na, so a
Mensch, wie der Schorschl! Strawanzt auf die Berg umanand! Und sein
Gauner von Gsell, natürlich, der sitzt im Wirtshaus und sauft. Und
da lassen sie 's Haus mit offenen Türen stehn, daß jeder davontragen
kunnt, grad was er möcht!«

Unter diesem Selbstgespräche drückte Purtscheller die Haustür zu,
schloß die beiden Flügel des Werkstattores, und im Bewußtsein, für
den ›lüftigen‹ Schorschl ein gutes Werk getan zu haben, ging er seiner
Wege.




                            Viertes Kapitel


Heller Vollmondschein lag über den zerrissenen Gehängen des laufenden
Berges und über den schiefen Wipfeln des Purtschellerwaldes. In der
Tiefe der Erde gurgelte das versunkene Wasser, und zwischen den Bäumen
ließ von Zeit zu Zeit ein Käuzl seinen klagenden Schrei vernehmen.

In dem schwarzen Schatten, den der Waldsaum warf, saß Schorschl an
einen Baum gelehnt, die Arme um die aufgezogenen Knie geschlungen. Er
blickte bald hinunter ins Tal, in dem der vom Mondschein beleuchtete
Nebel sich ansah wie ein langgestreckter See; bald spähte er hinüber
gegen die nahe Simmerau, von welcher noch immer der Hall der rastlosen
Schläge herübertönte; dann wieder starrte er brütend vor sich nieder,
nickte bedächtig mit dem Kopf und sagte sich laut und langsam die
fünf Worte vor: »Schorschl! Du bist a Lump!« Diese Wahrheit hatte
ihm das Geleit gegeben von der Simmerau bis hinauf zu den Felswänden
und bis ins Latschendickicht, in dem der ›ausgemachte‹ Hirsch seinen
ahnungslosen Mittagsschlummer hielt. Was der Daxenschmied auf diesen
Wegen auch immer dachte und in Gedanken sich vorredete, alles lief auf
diese kurze Weisheit hinaus: »Schorschl! Du bist a Lump!« Der Tritt
seiner Schuhe, das Klirren des Bergstockes, das Rollen der Kiesel, die
sein stolpernder Fuß in Bewegung brachte, alles hatte den Klang dieser
fünf verflixten Worte. Und als er in seiner ›blinden Narretei‹ den
sicheren Hirsch ›verpatzt‹ hatte, und das aufgescheuchte Wild, statt
den von Purtscheller besetzten Wildsteig anzunehmen, in rasender Flucht
durch das Latschenfeld hinunterstürmte, klang es bei jedem Sprunge
deutlich im Takt: »Schorschl -- du bist -- a Lump -- a Lump!«

Nun saß er hier seit langen Stunden, immer auf dem gleichen Fleck,
immer mit diesem Wort. Es hatte sich in seinen Gedanken festgeklammert,
und dennoch wollte er diesen fünf verwünschten Silben nicht glauben. Er
zählte sich an den Fingern seine guten Eigenschaften vor; suchte jeden
tollen Streich zu entschuldigen, den er auf dem Gewissen hatte; machte
alle äußerlichen Dinge, die den Leichtsinn in ihm genährt hatten, für
seine ›Lüftigkeit‹ verantwortlich und redete sich ein, daß er doch
eigentlich bis heut nicht die geringste Verpflichtung gehabt hätte,
ein ordentlicher Mensch zu sein. Aber bei dieser schweißtreibenden
Gedankenmühe kam er immer wieder zu dem gleichen Schluß: »Schorschl! Du
bist a Lump!«

Ein Lump? Ja! »Aber ~gar~ so arg, wie sie's gmeint hat, kann's ja
doch net sein!« Eine Weile noch brütete er vor sich hin; dann sprang
er auf und bürstete mit dem Ärmel seinen Hut. »Es laßt mir kei' Ruh
nimmer. Ich muß dös Madl heut noch fragen.«

Drunten im Tal schlug die Kirchenuhr die neunte Stunde, während
Schorschl über die Wiesen rannte und mit hohen Sätzen alle Klüfte
übersprang. Als er die Böschung beim Haus des Simmerauer erreichte,
hielt er ratlos inne und zog sich scheu zurück, um nicht gesehen zu
werden. Im Hofraum, über dem sich das Mondlicht mit dem zuckenden
Schein zweier Kienfackeln mischte, standen Michel, Mathes und Vroni
noch bei der Arbeit. Doch eben jetzt -- die Fackeln waren schon zu
kurzen Stümpfen niedergebrannt -- ließ der Simmerauer die Säge ruhen.
»Kommt's, Kinder«, sagte er, »endlich müssen wir doch Feierabend
machen! D' Nacht hat der liebe Gott für'n Schlaf erschaffen. Den
brauchen wir.«

Sie trugen ihre Werkzeuge zur Hausbank und gingen zum Brunnen, um
den Schlamm von ihren Füßen zu waschen. Michel faßte den Schwengel,
und schon nach wenigen Zügen plätscherte ein dicker Wasserstrahl in
den Trog. »Schau nur, Mathes! Soviel Wasser! Kaum daß ich zum Ziehen
anfang! Es muß doch 's Wasser schon wieder gstiegen sein? Meinst net?«

»Ja, Vater! Und 's Brunnenwasser kommt von unt auf.«

»Ja! Von unt auf wann's käm, dös wär a Glück!« Der Simmerauer pumpte,
bis der Trog überlief. Er konnte sich an dem vielen Wasser gar nicht
satt sehen.

Eins nach dem anderen stellte die Füße auf den Trogrand und schöpfte
Wasser mit der Hand. Mathes löschte die niedergebrannten Fackeln aus;
vor der Haustür blieb er stehen und blickte über das mondbeglänzte
Gehäng hinunter ins Tal; dort unten hatte sich der Nebel geteilt und
war in die Seitentäler auseinandergeflossen, so daß man die höher
liegenden Häuser des Dorfes matt unterscheiden konnte. »Die da drunt
haben's gut«, sagte Mathes zu seiner Schwester, als sie vom Brunnen
kam, »überall schlafen s' schon und alle Häuser sind finster.« Nach
einer stummen Weile fügte er mit versunkener Stimme bei: »Bloß im
Purtschellerhof brennt noch a Lichtl.« Er blickte zu Vroni auf und
fragte zögernd: »Meinst, ihr Kindl is krank?«

»Gott soll's verhüten!« Die Schwester legte ihm den Arm um die
Schulter. »Aber denk an uns, Mathes! Denk net an andre!«

»Ja, hast recht!« Er strich mit der Hand über die Stirn und trat in den
Flur. »Aber ~dir~, Vronerl, kunnt ich heut auch ebbes sagen!«

»Was denn?«

»Seit der Schorschl dagwesen is, studierst mir z'viel!«

Sie sagte ruhig: »Da hast dich verschaut. An ~so~ ein' denken, wie
der Schorschl? Gott bewahr mich! Da laß ich mir's Elend von unserer
armen Zenz zur Warnung sein.« Sie bekreuzte sich, als sie den Namen der
verstorbenen Schwester nannte. »Aber schad is 's eigentlich um den
Schorschl! So a lebfrischer Mensch, recht wie zur Arbeit gwachsen!«

Ein dumpfes Rollen, wie der schwache Widerhall eines fernen Donners,
klang von der Höhe des Berges herunter. Die beiden sprangen vor die Tür
hinaus und lauschten. Auch der Simmerauer, der noch beim Brunnen stand,
richtete sich auf und spähte in die Höhe. Kein Laut mehr, alles war
still dort oben. »Es wird halt wieder wo a Brocken niederbrochen sein!«
sagte Michel; er kam zur Tür und schob seine Kinder ins Haus. »Gehn wir
eini unter 's Dach! Der liebe Herrgott soll uns bhüten und soll uns dös
bißl müden Schlaf vergunnen!«

Die Stube, die sie betraten, war so nieder, daß sie mit den Köpfen fast
an die Decke stießen. Mutter Katherl trug schon die geblümte Nachtjacke
und hatte das Schlaftuch um den Kopf gewickelt; sie stand am Tisch
und zog mit einer Haarnadel den verkohlten Docht aus dem Schnabel der
Öllampe, deren kleine Flamme ein mattes Zwielicht über das bescheidene
Gerät der Stube warf.

Gegessen hatten sie bereits, vor ein paar Stunden schon, ohne die
Arbeit zu unterbrechen. Nur beten mußten sie noch. Michel und Mathes
zur Rechten vom Herrgottswinkel, Mutter Katherl und Vroni zur Linken
-- genau so, wie Männer und Frauen in der Kirche ihre getrennten
Plätze haben --, so knieten sie zu beiden Seiten des Tisches nieder.
Mit lauter Stimme sprachen sie den Mariensegen und die Litanei zu
allen Heiligen. Nach dem letzten Vaterunser, als die andern schon das
Kreuz machen wollten, sagte Michel: »Bleibts noch a bißl, Kinder! In
bsonderer Zeit muß der Christ ebbes Bsonders haben für sein' guten
Herrn. Geh, Katherl, hol mir dein Betbüchl.«

»Ja, Michel!« Mutter Katherl brachte ein abgegriffenes Buch.

»Steht net eins drin? Recht a guts und starks? So a Sprüchl, weißt, in
Drangsal und Betrübnis?«

»Ja freilich, Michel!« Sie wußte auswendig, wo es stand. »Seite
dreihundertvierazwanzg.«

»Geh? So weit hinten steht's? Sollt doch ganz am Anfang hindruckt
sein, so a notwendigs Sprüchl!« Der Simmerauer rückte auf den Knien
näher an die Lampe und blätterte in dem Buch. »Hab's schon[2!]« Mit
zitternder Stimme begann er zu buchstabieren: »Heiliger, gerechter,
furchtbarer Gott --« Da stockte er schon und murmelte: »No, no, gar so
furchtbar is er ja doch net!« Er trocknete mit der Faust die Lippen
und buchstabierte wieder: »Der du erst alsdann die --« da kamen zwei
schwere Worte, »züchti--gen--de Str--rafrutte ergreiffest, wenn du
gelindere Mittel, uns aus unserer Unbußferrr--tigkeit zu erwecken,
frrruchtlos findest: tiefgebeugt erkennen und bekennen wir, daß unsere
Gefühllos--sigkeit gegen deine Güte -- Ja freilich is er gut! Arg
gut is er, sag ich! -- unser Undank gegen deine Wohltaten, unsere
Lausigkeit -- na, Lll--lauigkeit heißt's -- Lauigkeit in deinem
Dienste, unsere Sinnlichkeit und Weltliebe --« Michel verstummte und
schüttelte den weißen Kopf; dann seufzte er und buchstabierte weiter:
»Daß unsere Missetaten es sind, die deinen gerechten Zorn gegen uns
herausgefordert haben. Oh, wir ungeratene Kinder, welche sich mutwillig
von ihrem gütigen Vater abgewendet und all seine Gnaden mißbraucht
haben --« Schwer atmend blickte der Simmerauer zu seiner Frau hinüber,
schüttelte wieder den Kopf und schloß das Buch. »Na, Katherl! Dös
Sprüchl gfallt mir net. Da mach ich mir schon lieber selber eins.«

Er legte die Ellbogen auf den Tisch, faltete die Hände und hob die
Augen zu dem roh geschnitzten Kruzifix, das zwischen dürren Palmzweigen
und kleinen Heiligenbildern im Herrgottswinkel hing. »Du lieber,
gnädiger Vater droben, der sein' einzigen Sohn für uns hat bluten
lassen, schau, ich tu dich bitten, denk a bißl an uns arme Leut und
nimm unser Häusl in dein' festen Schutz! Bist ja so a guter Mann! 's
unsinnige Vieh und alle Pflanzerln haltst in deiner sichern Hut. Schau,
da kannst doch auch dein' alten Michel net ganz verlassen! Und weil
ich schon den festen Glauben hab, daß a guter Christenmensch bei dir
droben kein' Fehlspruch macht, so sag ich dir halt im voraus Vergelt's
Gott für alles, ja! Im Namen Gott des Vaters und des Sohnes und des
heiligen Geistes!«

»Amen!« sagten die andern.

Der alte Simmerauer erhob sich und streckte den gekrümmten Rücken. »So,
Kinder, jetzt kann man sich schlafen legen in aller Ruh. Er hat mich
schon verstanden, mein ich.«

Mathes ging zum Ofen, breitete eine Kotze über die Holzbank und ballte
einen Wettermantel zum Kissen. Wie er war, legte er sich nieder.

Vroni hatte an der Öllampe einen Kienspan entzündet. »Gut Nacht!« sagte
sie und verließ die Stube.

Mutter Katherl nahm ihr Gebetbuch vom Tisch, und da merkte der
Simmerauer, daß sie über die üble Behandlung, die das Buch erfahren
hatte, ein wenig verdrossen war. »Aber schau«, sagte er, »wie kann man
denn söllene Sachen in a Betbüchl einidrucken! A Christenmensch, der
mit seim Herrgott reden will, braucht sich doch net anstellen wie a
Rauber und Mörder, der nix als Missetaten auf'm Gwissen hat.«

»Sündigen tut jeder und muß sich der Straf fürchten.«

»Dös wohl! Aber der liebe Gott laßt doch wieder Gnad für Recht gelten
und sagt sich, daß der beste Mensch a schwachs Rütl is. So eins biegt
sich halt im Wind, da braucht's net grad an schlechten Willen haben.«

Katherl schien nicht völlig überzeugt, aber sie wollte aus der Sache
keinen Streit machen und schwieg. Seufzend ging sie mit der Lampe zur
Kammertür. Als sie hinter sich den Schritt ihres Mannes nicht hörte,
blickte sie über die Schulter. »Michel? Warum kommst denn net?«

»Grad is mir gwesen, als hätt einer durchs Fenster eini gschaut.«

»Aber geh! Wer soll denn draußen sein?«

»Ja, hast recht! Muß mich wohl der Mondschein täuscht haben.«

Sie traten in die Kammer.

Nicht das Mondlicht hatte den Simmerauer getäuscht; seine Augen
hatten richtig gesehen. Draußen stand der Daxen-Schorschl an die Wand
gedrückt. Als er sah, daß die Stube finster wurde, glitt er lautlos
zum nächsten Fenster, das sich matt erhellte. Vorsichtig spähte er
durch die Scheiben. Das war nicht das Stübl, das er suchte; es war
die Kammer der beiden Alten: ein kleiner ärmlicher Raum, in dem zwei
Betten nebeneinander standen; da mußten der Simmerauer und sein Weib
ein unbequemes Liegen haben, denn zwischen ihren Plätzen war aus
blauen Kissen ein Nest für die beiden Enkelkinder gerichtet, die eng
aneinander gehuschelt in ruhigem Schlummer lagen, mit roten Wangen und
zerzausten Haaren.

Mutter Katherl streifte die Pantoffel von den Füßen und blies die Lampe
aus. Ein mattes Ächzen der Bettstelle; dann war's still in der Kammer.

Schorschl trat zurück und sah, daß hinter dem Haus ein rötlicher
Schimmer über das halb entlaubte Gezweig der Apfelbäume fiel. Hurtig
sprang er um die Ecke und gewahrte ein kleines, erhelltes Fenster,
über dessen roten Vorhang sich der Schattenriß eines Mädchenkopfes
mit gelösten Zöpfen bewegte. »Jetzt stimmt's aber!« meinte Schorschl.
Im gleichen Augenblick erlosch das Licht, und schwarz lag das Fenster
inmitten der vom Mond beschienenen Mauer. Lautlos huschte Schorschl
gegen das Haus hin, bekreuzte sich, als hätte er den Kampf wider ein
gefährliches Gespenst aufzunehmen, und pochte mit dem Fingerknöchel
leis an die Scheibe. Ein paarmal mußte er dieses Pochen wiederholen,
ehe sich im Stübl was vernehmen ließ. »Wer klopft denn da draußen?«
fragte eine unwillige Stimme.

Schorschl drückte den Fensterrahmen ein bißchen aus den Fugen und
flüsterte in den Spalt: »Geh, sei so gut, mach a bißl auf!«

»Was willst denn?«

»A bißl ebbes Wichtigs z'reden hätt ich mit dir!«

»Jetzt in der Nacht? Wer bist denn?«

»Wer soll ich denn sein? Ich bin's halt! Ich!«

Vroni mußte ihn an der Stimme erkannt haben. »Duuu?« Das klang wie ein
ellenlanges Wort.

»Ja! Ich! Geh, mach auf!«

Eine Weile war's still in der Kammer, als ginge Vroni mit sich zu Rat,
ob sie öffnen sollte oder nicht. Dann hörte Schorschl den raschen Tritt
eines nackten Fußes. Das kleine Fenster wurde aufgetan, kaum zur Hälfte
und mit merkbarer Vorsicht. »Was willst?« Diese Frage klang so wenig
freundlich, daß dem Daxen-Schorschl im ersten Augenblick die Sprache
versagte. Er guckte sich fast die Augen aus dem Kopf; doch zwischen
den mondbeglänzten, innen vom roten Vorhang verhüllten Scheiben sah
er durch die schmale Spalte nur ein finsteres Stück der Kammer; er
versuchte das Fenster ein wenig weiter aufzudrücken; drinnen stemmte
sich eine kräftige Hand gegen den Rahmen, und Vroni schalt: »Sei net so
keck, du! Sag, was d' willst! Aber flink!«

Schorschl seufzte. »Ich muß dich ebbes fragen.«

»Was?«

Nun kam die Frage, scheu und zögernd: »Is 's wahr, Vroni? Auf Ehr und
Gwissen? Bin ich a Lump?«

»Ja! Und ~was~ für einer! Gut Nacht!« Das Fenster wurde zugeschlagen.

Schorschl rückte den Hut in die Stirn, richtete sich auf und hob die
geballte Faust. »Wart, du! Dir will ich's zeigen, ob ich einer bin! Du
sollst dich täuscht haben im Schorschl!«

Da klang hinter der Mauerecke, aus der Schlafstube der beiden Alten,
die erregte Stimme des Simmerauer: »Um Herrgotts willen, was is denn da
draußen?«

Schorschl hätte in seiner Wut mit dem Teufel gerauft. Aber Vronis Vater
war für ihn eine stärkere Nummer. Erschrocken schwang er sich über die
Böschung hinauf und rannte querein in die Wiesen. Erst in der Nähe des
Gaßner-Häuschens, das mit seinen verschobenen Balken und Mauern traurig
und verlassen dastand, hielt er inne, um sich zu verschnaufen.

»Jetzt muß ich's glauben! Ja!«

Er stülpte den Joppenkragen auf und trollte über den Berghang hinunter.
Auf halbem Wege merkte er, daß er irgendwo seinen Bergstock gelassen
hatte. Einen Augenblick besann er sich, ob er umkehren sollte. »Ah
was! Soll der auch noch hin sein!« Seufzend ging er weiter. »Aber der
Stecken soll's letzte gwesen sein, was mir aus der Hand rinnt! Von
jetzt an wird zughalten! Fest!« Er blickte über die Schulter. »Wart,
du!« Und trollte weiter.

Als er das Dorf erreichte, schlug es elf Uhr. Der Heimweg führte ihn
am Wirtshaus vorüber, an dem die beiden Fenster des Extrastübchens
noch beleuchtet waren. Nach alter Gewohnheit wollte er eintreten. Vor
der Tür blieb er stehen. »Nix da! ~Heut~ noch wird angfangt mit
der Sollididätt!« Aber ihn hungerte, und die Kehle war ihm trocken;
seit früh um drei Uhr, seit er sich aufgemacht hatte, um für den
Purtscheller den starken Hirsch aufzuspüren, hatte er keinen Trunk und
Bissen genossen. »Kein Lump nimmer! Ja! Aber verhungern und verdursten
braucht man deswegen doch net.« Zögernd griff er in alle Taschen, als
wüßte er nicht, daß er keinen blanken Knopf bei sich trug. »Gott sei
Dank! Jetzt ~muß~ ich heim. Pumpen tun s' mir eh nimmer gern da
drin.« Lachend, als hätte er seine Freude daran, daß die leeren Taschen
seinen guten Vorsätzen so kameradschaftlich zu Hilfe kamen, wanderte
er die Straße entlang. Da hörte er von einer heiser grölenden Stimme
ein Schnaderhüpfl singen und erkannte den Bierbaß seines Gesellen.
»Natürlich! Der hat schon wieder ein'!« Im Hof der Schmiede holte er
den Betrunkenen ein, der ein Fenster für die Tür zu nehmen schien.
»Da hat der Zimmermann 's Loch gmacht!« sagte Schorschl, stieß die
Tür auf und versetzte dem Gesellen einen Puff, daß er in den Hausflur
stolperte. »Du bist mir a schöner Tagdieb!«

»Ich mach's halt dir nach«, lallte der Betrunkene, »wie der Meister, so
der Gsell.«

Schorschl hob die Hand, ließ sie wieder sinken und sagte ernst:
»Vergelt's Gott, Steffel! Dös will ich mir merken.« Als er sah, daß der
Gesell im Dunkel mit den Händen auf den Dielen umhertappte, fragte er:
»Was suchst denn?«

»Mein' Hut.«

»Leg dich nieder und schlaf dein' Rausch aus! Morgen geht's an d'
Arbeit! Den Hut such ich dir schon!« Schorschl suchte im Flur und
suchte im Hof; der Hut wollte sich nicht finden lassen. Im Mondschein
nach allen Seiten spähend, ging er die Straße zurück bis zum Wirtshaus.
»Wahrscheinlich hat er ihn ~drin~ liegen lassen?« dachte er,
schüttelte aber gleich den Kopf. »Na! Da geh ich net eini. Ich kenn
mich. Da komm ich nimmer furt. Lieber schenk ich ihm von mir an Hut.«
Mit diesem Entschluß wollte er den Heimweg antreten, aber da erwachte
in ihm die Neugier. »Wissen möcht ich doch, wer so spät noch da drin
hockt?« Er gab sich einen Schwung, bekam mit den Händen das eiserne
Fenstergitter zu fassen und zog sich an der Mauer in die Höhe.

In der von der Hänglampe erleuchteten und von dickem Zigarrenrauch
erfüllten Wirtsstube saß Purtscheller beim Kartenspiel mit einem
Holzhändler und einem +Commis voyageur+; hinter dem Toni stand
der Wirt und sah ihm über die Schulter in das Spiel, während die
Kellnerin in der Ofenecke ihr Schläfchen machte. Die Gesichter der
drei Gäste waren von der Wirkung des Tirolers und von der Erregung des
Hasardspiels, das sie trieben, heiß gerötet. Der Kommis, der die Bank
legte, und der Holzhändler waren mit schweigendem Ernst bei der Sache;
Purtscheller räsonierte über den Gang des Spiels; dabei schien er
zerstreut und mit seinen Gedanken woanders. Eben hatte er neue Blätter
aufgenommen, aber erst die Bemerkung des Wirtes: »A nobls Blattl!«
machte ihn aufmerksam, daß die Karten diesmal gut für ihn gefallen
waren.

Der Bankhalter fragte: »Wieviel?«

»Die Bank gilt's! Zwei König und an As in drei Farben hab ich.«
Purtscheller warf die Karten offen auf den Tisch. »Da halt ich die
Bank, und wann's um a Gschloß geht!«

Die Karte wurde umgeschlagen; Purtscheller hatte verloren.

»Jesus Maria!« stammelte der Wirt erschrocken.

Purtscheller erhob sich ruhig; kaum merklich vertiefte sich die Röte
seines Gesichtes. »Jetzt mag ich nimmer. Heut hab ich kein Glück. Ich
hätt eh schon lang heim sollen. Sei so gut, Wirt, und zahl aus, ich hab
net soviel bei mir!« Sein Verlust überstieg dreihundert Mark; aber wer
Purtscheller heißt, hat im Wirtshaus ein leichtes Borgen, und der Wirt
sagt ihm noch ein Vergelt's Gott für die Ehre.

Die beiden Spieler saßen schweigend hinter dem Tisch und lächelten,
während Purtscheller seinen Hut vom Nagel nahm. »Gut Nacht, meine
Herrn!« Draußen auf der Haustreppe fragte er den Wirt, der ihn
begleitet hatte: »Is der Rufel[3] heut net da?«

»Der Jud?«

»Ja.«

»Heut net. Aber morgen oder übermorgen kommt er.«

»So sag ihm, er soll an Sprung zu mir ummi machen.«

»Haben S' was Alts für ihn?«

»Der Purtscheller? Und 's alte Gwand verkaufen? Na! So was verschenk
ich! Bloß an Auskunft möcht ich.«

»So, so?« Der Wirt blickte zum mondhellen Himmel und streckte die Hand,
wie um die Luft zu fühlen. »Frisch macht's. Mir scheint, es zieht a
bißl an. Wär a Glück für dö da droben, wann der Frost bald einfallen
möcht.«

»Ja! Wär a Glück! Gut Nacht, Wirt!«

»Gut Nacht, Herr Purtscheller! An andersmal die Ehr!«

Es schlug Mitternacht. Dann lag wieder Stille über dem schlummernden
Dorf; nur das Bergwasser rauschte im tieferen Tal, und in einem der
höher gelegenen Gehöfte sang ein Hund dem Vollmond ein jammervolles
Ständchen.

Je näher Purtscheller seinem Anwesen kam, desto rascher wurde sein
Schritt. Manchmal seufzte er schwer und spähte dem Lichtschein
entgegen, der im Oberstock seines Hauses aus einem Fenster fiel. Als
er den Garten erreichte, blieb er stehen und sprach vor sich hin
wie ein Held, der sich selbst überwunden: »Und wann ich zehnmal der
Purtscheller bin! Dös muß ich ihr abbitten, ja! Dös is grob gwesen.«
Lautlos öffnete er die Haustür, streifte im Flur die Schuhe von den
Füßen und schlich auf den Socken über die Treppe hinauf, um sein Kind
nicht aus dem Schlaf zu stören.

Im Wohnzimmer brannte noch die Hänglampe; Karlin saß hinter dem Tisch
und hielt das Gesicht in den Armen vergraben. Als die Tür ging, fuhr
sie erschrocken auf.

»Grüß dich Gott, Linerl!« sagte Purtscheller leis und legte den Hut ab.

Hastig schob sich die junge Frau aus der Bank hervor; damit er nicht
sehen möchte, wie verweint ihre Augen waren, stellte sie sich mit dem
Rücken gegen die Lampe.

Zögernd bot er ihr die Hand; dabei wurden ihm vor Rührung die Augen
naß. »Linerl? Kannst mir verzeihen?«

Sie nickte und gab ihm die Hand. Da nahm er sie in seine Arme, zog
sie zur Bank und auf seinen Schoß, streichelte ihr die Wangen und war
so herzlich zu ihr, daß sie an den Ernst seiner Reue glauben mußte.
Zitternd preßte sie sich an seine Brust und sagte mit erstickter
Stimme: »Gelt, Toni, so was tust mir nimmer an? Dös kunnt mir 's Herz
versteinern!«

»Aber geh, du Narrerl, du liebs! Es is ja bloß im Jähzorn gschehen.
Gern hab ich dich ja doch! Weißt, d' Sorg hat mich halt so rebellisch
gmacht. Der unglückselige Brief halt! Aber eigentlich is ja gar nix
dran. Da, schau«, er zog das zerknüllte Blatt aus der Tasche, »so lies
halt!«

Sie wehrte erschrocken den Brief von sich ab.

»Aber geh, so lies doch! Mann und Frau sollen nix gheim haben
voranand.«

Während er unter unsicherem Lächeln ihr Haar streichelte, fing sie zu
lesen an. Immer heftiger zitterten ihre Hände; nun ließ sie das Blatt
sinken, mit entsetzten Augen. »Toni! Um Gottswillen!« Sie konnte nicht
weitersprechen.

»So geh, du Dschapperl! Über so ebbes brauchst dir doch kein' Schrecken
z'machen!«

»Aber Toni! Es is ja 's erste Wörtl, dös ich hör davon! Hypotheken
auf'm Purtschellerhof? Jesus Maria! Toni!«

Er wurde verlegen und schob sie von seinem Schoß auf die Bank. »No ja,
's Geld liegt halt noch am Hof von Vaters Zeiten her!«

»Da hättst mir doch schon lang was gsagt davon!«

Purtscheller zögerte mit der Antwort. »No mein, ich hätt dir halt gern
dö Sorg erspart. Drum hab ich dir's verschwiegen.«

Scheu blickte Karlin zu ihm auf; eine angstvolle Frage schien auf ihren
Lippen zu liegen; aber sie fürchtete seinen Jähzorn und hatte nicht den
Mut, ihm das ins Gesicht zu sagen.

Er vermied ihren Blick. »Weißt, ich hab mir halt denkt, ich kunnt dö
Gschicht schön langsam abzahlen. Aber die letzten Jahr her hab ich
schlechte Zeiten ghabt. Von jetzt an pack ich's a bißl strammer an. Da
bin ich in zwei, drei Jahr mit dem Bettel fertig.«

»Bettel? Toni? An die fufzigtausend Mark!«

»Und zweimalhunderttausend is er wert, mein Hof! Da wird's doch so
weit net fehlen!« Purtscheller begann ungeduldig zu werden. Er stand
auf und sagte: »Mein Wald droben muß gschlagen werden, bald der Winter
einfallt. Sonst verschluckt ihn im Fruhjahr der Berg. Da schlag ich
meine vier-, fünftausend Klafter aussi wie nix. An Neujahr zahl ich
dem Schloßbräu den Schmarren hin auf'n Tisch. Blank! Und bhalt noch
was übrig für mich.« Er lachte im Vorgefühl der stolzen Genugtuung,
die ihm dieses glatte, klingende Geschäft bereiten würde. »Der soll
Augen machen! Er hat mir dö Hypothek eh nur aus Bosheit kündigt, weil
er mir neidisch is um mein' Bräunl! Jetzt hat er sich zwei neue Traber
einghandelt. Aber dö fürcht ich net. Dö fahr ich ihm nieder wie nix.
Gleich morgen fang ich mit'm Bräunl 's Tränieren an. Der Schloßbräu
soll Augen machen!« Er rieb sich die Hände, als wäre jede Sorge von
ihm abgestreift.

Karlins Gesicht war so weiß wie die Wand.

Lachend trat Purtscheller auf sie zu und faßte ihr Kinn. »Geh, du
Sorgenhaferl!« Er setzte sich an ihre Seite und umschlang sie. »Schau,
lassen wir jetzt dö dumme Gschicht in Ruh und denken wir lieber dran,
daß wir zwei wieder gut sind mitanand. Weil ich in der Hitz heut so
grob gwesen bin und weil mir so schön verziehen hast, dös muß ich dir
doch vergelten. Geh, Linerl, sag mir, mit was ich dir a Freud machen
kunnt? Hast kein' Wunsch?«

Sie schüttelte stumm den Kopf.

»Aber so red doch! Machst mir selber a Freud damit!«

Da sah sie ernst zu ihm auf.

»No also? Was soll ich dir geben?«

»D' Erlaubnis, daß ich in der Wirtschaft d' Arbeit überschau und
zugreif, wo's nötig is.«

»No ja, meintwegen -- wann ich net daheim bin.«

»Und wann's was z'reden gibt, so hör mich an in Geduld und Ruh! Ich rat
dir doch gwiß in nix zum Schlechten.«

»Ja, ja, ja, dös weiß ich schon! Aber jetzt mußt mir noch was anders
sagen! Was ~dir~ Freud macht? Magst a seidens Kleid? Oder an
Armband mit Hirschgranln? Meine schönsten gib ich her dazu. Oder magst
an altdeutsches Kupfergschirr in dein Kucherl?« Weil Karlin zu allem
den Kopf schüttelte, wurde er unwillig. »Linerl! Wann mir jetzt net
auf der Stell ebbes sagst, mit was ich dir a Freud machen kann, meiner
Seel, so bin ich dir bös!«

Da nahm sie seine Hand. »Toni?« Matte Röte glitt über ihre Wangen.
»Darf ich mir ~alles~ wünschen?«

»Alles!«

»Und nimmst mir an offens Wörtl net übel?«

»Auf Ehr und Seligkeit, alles kannst sagen!«

»So tu mir den Gfallen, net ~mir~, dir selber tu den Gfallen und
schick die Zäzil fort!«

»Wie kommst mir denn jetzt mit so was!« Geärgert sprang er auf. »Traust
mir vielleicht net?«

»Ja, Toni, ich trau dir blind!« sagte Karlin ruhig und erhob sich.
»Schau, du machst halt so deine Spassetteln mit die Dienstboten, und
ich weiß, du denkst dir nix dabei. Aber d' Leut haben Ohren. Sie reden
schon drüber. Dir ins Gsicht sag's freilich keiner. Aber ~mir~
tragt man's zu, in aller Freundschaft. Und dös ungschickte Madl, statt
daß sie sich wehren tät dagegen, hat ihr Freud an dem Gred und lacht,
sooft s' an mir vorbeigeht.«

In Unbehagen bewegte Purtscheller die Schultern unter dem Samtflaus
und brummte verdrossen: »No also, meintwegen, damit ich an Fried hab!
Morgen sag ich der Zäzil auf. Und du geh schlafen! Gut Nacht! Schon
wieder halb eins vorbei. In keiner Nacht kommt man zu seiner Ruh.« Er
ging auf das Ledersofa zu und warf sich nieder, daß das Möbel in allen
Fugen krachte.

Karlin stand am Tisch, als müßte sie noch ein freundliches Wort von
ihrem Mann zu hören bekommen. Sie wartete vergebens. »Gut Nacht, Toni!«
sagte sie leis und ging zur Tür. Auf der Schwelle wandte sie das
Gesicht. »Gelt, bleib nimmer z'lang! Den ganzen Tag am Berg droben, dös
muß dich ja müd gmacht haben!«

»In Ruh laß mich!« murrte er und drehte das Gesicht gegen die Wand.
»Ich geh schlafen, wann's ~mir~ paßt.«

Karlin verließ die Stube.

Eine Weile lag Purtscheller, ohne sich zu regen. Dann stieß er mit dem
Ellbogen den Polster zurück. »So verdirbt s' mir jedesmal den besten
Hamur! Um den Finger hätt s' mich wickeln können, wie ich heimkommen
bin. Und jetzt!« Er streckte sich bequemer und blickte verdrossen zur
Stubendecke auf. Die unmutigen Gedanken, die ihn erfüllten, schienen
nicht lange anzuhalten. Er begann zu lächeln. Im Geiste malte er
sich das Bild des nächsten Trabrennens aus: ein milder, schöner Tag
im Vorfrühling; die Rennbahn trocken und gut; ringsum Tausende von
Menschen, Kopf an Kopf gedrängt; sie schreien ›Hoch‹ und ›Bravo‹ und
ihre Blicke folgen dem Ersten, der keck und flott auf dem leicht
dahinfliegenden Gig schaukelt und den mit Schaum bedeckten Braunen
sicher durch das Ziel führt, während der Schloßbräu mit seinem
amerikanischen Halbblut weit hinter ihm zurückbleibt.

Bei diesem wohligen Gedanken überkam den Purtscheller, ohne daß er es
merkte, ein gesunder Schlaf. Er schnarchte mit offenem Mund.

Gleichmäßig zählte die Wanduhr mit ihrem Ticktackschlag die fliehenden
Sekunden, und in der Hänglampe begann der Docht zu rußen.




                            Fünftes Kapitel


Der Morgen graute, als der Daxen-Schorschl aus einem unruhigen, von
ganz absonderlichen Träumen gequälten Schlaf erwachte. Melancholisch
setzte er sich auf. Das erste, was er sah, war nicht die unfreundliche
Stube mit dem verschlampten Gerät und den grauen Dielen, die schon
lange kein Wasser und keine Bürste mehr gespürt hatten -- nein, das
erste, was der Schorschl sah, war ein rundes, von Erregung und Arbeit
gerötetes Mädchengesicht, dessen blitzende Augen ihn verächtlich
musterten und dessen rote Lippen in Ruhe zu ihm sagten: »Schorschl! Du
bist a Lump!«

Wütend schrie er vor sich hin: »Kreuzhimmelsternsakra! Laßt's mich denn
gar nimmer aus?« Mit gleichen Füßen sprang er aus dem Bett, kleidete
sich an, nahm sein Handtuch über den Arm und ging in den Hof, um sich
am Brunnen zu waschen.

Es war schon lebendig im Dorf; überall das Geräusch der Arbeit: nur die
Daxen-Schmiede lag still und friedlich; da brüllte kein Rind im Stall,
da tummelte sich keine singende Magd, die Esse rauchte nicht, und an
der Werkstätte war das Tor noch geschlossen. Das Bild dieses Friedens
schien dem Schorschl nicht zu gefallen: »Pfui Teufel! Wie schaut's bei
mir aus! Und der ander schlaft natürlich noch. Recht hat er! Wie der
Meister, so der Gsell!« Er rannte ins Haus und zur Gesellenstube. Die
Faust auf die Klinke schlagend, stieß er mit einem Fußtritt die Tür
auf. »Raus, du! D' Arbeit wartet!«

Schlaftrunken richtete Steffel sich auf und machte zwei Augen, als
hätte sich das unerhörteste Wunder ereignet. Den Kopf schüttelnd, kroch
er aus den Federn. Er schien Haarweh zu haben; man sah es an der Art,
wie er die Brauen zusammenzog.

Als der Gesell nach einer Weile das Tor der Werkstätte auftat und
gähnend in der Esse das Feuer anschürte, stand Schorschl am Brunnen
und wusch und rieb, als hätte er den Schmutz eines ganzen Jahres von
sich abzufegen. Und während er mit dem Handtuch Gesicht und Hände
trocknete, spähte er ›fuchsteufelswild‹ über das Gehäng des laufenden
Berges hinauf. »Wart nur, du!« Um flink an die Arbeit zu kommen, nahm
er sich nicht mehr die Zeit, das Handtuch ins Haus zurückzutragen,
sondern warf es über die Brunnenröhre. Als er zur Werkstätte ging,
mahnte ihn sein knurrender Magen, daß er zuerst für sich und Steffel
die Morgensuppe kochen mußte.

In der Küche ging ihm alles hurtig von der Hand, und sobald die Suppe
brodelte, lief er in die Stube, um die Teller aufzulegen. Erschrocken
sah er in dem verwahrlosten Raum umher. Jahr und Tag hatte er hier
gelebt, das heißt, alltäglich ein paar Minuten zwischen diesen Wänden
zugebracht, und niemals hatte ihm die graue Verwilderung eine Mahlzeit
verdorben. Jetzt dachte er: »Kreuz Teufel! Da packt ein' ja 's Grausen
an! Wann da a Madl einischaut? Ich dank! Da müßt ich ja Schand und
Spott erleben!«

Mit so heißem Eifer, als stünde bereits die gefürchtete
Reinlichkeitskommission vor der Tür, rannte er davon, kam mit einem
Schaff voll Wasser zurück und goß es über die Dielen aus. Dann begann
er mit Besen und Putzlumpen, mit Seife und Bürste drauflos zu arbeiten,
als hätte er zeit seines Lebens nichts anderes getrieben, als Dielen
gescheuert und Bänke weißgefegt. Mitten in allem Ernst der Arbeit
überfiel ihn plötzlich eine komische Vorstellung seiner selbst: der
›lüftige‹ Daxen-Schorschl mit Besen und Bürste! »Wann mich jetzt
einer sieht, der lacht sich bucklet an mir! Und dö da droben? Was dö
sich alles einbilden möcht!« Wütend schleuderte er die Bürste in einen
Winkel. Aber auf den Dielen stand das Wasser, auf der Tischplatte
der graue Seifenschaum. Ob Schorschl wollte oder nicht, er mußte die
begonnene Arbeit zu Ende bringen. Fluchend holte er die Bürste hinter
dem Ofen hervor und fing wieder zu fegen an. Dabei kamen ihm ernste
Gedanken. »Keine Schulden sollt ich net haben! Da ging's leicht!«

Er begann einen Überschlag zu machen. Was er beim Wirt im Buch stehen
hatte, konnte er nur beiläufig schätzen: »Hundert Markln? Da wird
net viel fehlen.« Und beim Krämer waren es vierundsechzig; das wußte
er genau, denn die Krämerin hatte ihm vor ein paar Tagen den Kredit
gekündigt. Dazu noch Schuster und Schneider! Und was er sich da und
dort zuweilen ausgeborgt hatte, wenn er mit leerer Tasche vor einer
Tanzmusik gestanden! Vierhundertfünfzig Mark, alles in allem! Er sann
und sann. Immer kam noch ein Brocken dazu. Endlich fiel ihm nichts mehr
ein. Rund fünfhundert!

Er atmete auf. »Gar so arg is 's ja ja doch net!« Im gleichen
Augenblick fuhr ihm ein kalter Schreck in die Haare. Draußen auf
der Straße sah er einen alten jüdischen Händler vorübergehen, ein
gebeugtes, eingeschrumpftes Männchen, in langem, abgeschabtem Rock,
einen Kleidersack auf dem Rücken, ein paar Lammfelle über dem Arm.
»Mar' und Josef! Der Rufel! Auf den hab ich ganz vergessen!« Bei dem
hatte er seit Fasching einen Schuldschein über vierhundert Mark stehen,
die an Neujahr zu bezahlen waren. Also im ganzen neunhundert! Da
stiegen dem Daxen-Schorschl doch die ›Grausbirnen‹ auf.

Aber war er nicht vor zwei Jahren, als der Daxen-Schmiede die Gant
gedroht hatte, noch übler dran gewesen? Dennoch hatten ihn seine
Verwandten aus dem Wasser gezogen. Und jetzt war doch der ehrliche
Wille in ihm, ein ordentlicher Mensch zu werden. Vielleicht halfen sie
ihm ein zweites Mal? Während er fegte und bürstete, dachte er sich
die Worte aus, mit denen er seinen Verwandten, dem Berghofbauer, dem
Zillerlenz und der dicken ›Bäckenmahm‹ sein Anliegen vorbringen wollte.
Dabei erwachte in ihm ein Funke von Hoffnung.

Endlich war die Stube sauber. Als er den Gesellen zum Frühstück rief,
brummte Steffel: »So? Hab schon gmeint, daß ich heut verhungern muß!«
Beim Eintritt in die frisch gescheuerte Stube machte der Gesell ein
verblüfftes Gesicht; dann brach er in ein Gelächter aus, daß Schorschl
ihm vor Wut und Verlegenheit am liebsten eine gesunde Tachtel hinter
die Ohren gepflanzt hätte. »Lach net! Und iß!« Der zornige Blick,
mit dem der Daxen-Schmied diese Aufforderung begleitete, machte den
Gesellen stumm.

Schweigend schmausten sie die Brennsuppe. Als Schorschl den Löffel
niederlegte, fragte er bedächtig wie ein alter Meister: »Was is denn
für Arbeit da?«

Die Augen des Gesellen wurden immer größer. »An Leiterwagen muß ich
bschlagen.«

»Der muß fertig sein bis auf'n Abend.«

»Was? Ich kann doch net hexen.«

»Nachher lern ich dir's, wann ich heimkomm. Jetzt hab ich a paar Weg
z'machen. Marsch, an d' Arbeit!«

Als Steffel bei der Tür war, fragte Schorschl etwas unsicher, während
er den Tisch abräumte: »Is die letzten Tag her kein Geld net
eingangen?«

Der Gesell wurde verlegen. »Ja, a bißl was. Aber dös hab ich selber
braucht, auf Essen und Trinken.«

»Sooo? Von heut an sollst dein Essen und Trinken in der Ordnung
kriegen. Aber 's Geld wird abgliefert. Verstehst!«

Kopfschüttelnd zog Steffel hinter sich die Tür zu und murmelte
sorgenvoll: »Der is übergschnappt von gestern auf heut!« Dabei schien
auch die Befürchtung in ihm aufzutauchen, als wären seine guten Zeiten
vorüber. »Gfallt's mir nimmer, so geh ich halt!«

In der Stube stand Schorschl vor dem offenen Kasten und holte seine
neue Lederhose und die Sonntagsjoppe hervor. Aber -- aufgeputzt wie zu
einer Hochzeit -- und Geld borgen? »Dös schaut sich net gut an!« In
Hemdärmeln, das lederne Schurzfell umgebunden, verließ er das Haus. Wie
schmuck er aussah! Der richtige Schmied! Kraftvoll und hoch gewachsen!
Nur der Ruß an den Händen fehlte.

Auch den Leuten, die dem Daxen-Schorschl begegneten, schien es so
vorzukommen, als wäre an seiner Erscheinung irgendwas nicht in
Richtigkeit. Sie blieben stehen und sahen ihm lachend nach, als wäre
›Fasnacht‹ und als hätte sich der Daxen-Schorschl ›vermaschkeriert‹.
Er merkte das Aufsehen, das er machte, und brummte einen Fluch. Am
liebsten wäre er wieder umgekehrt. Aber er hatte nun einmal den Schuß
in den Beinen. Und da stand er auch schon vor dem Haus des Zillerlenz.
Zu dem hatte er seinen ersten Weg genommen, weil vor zwei Jahren der
Zillerlenz den größten Brocken für den Schorschl gezahlt hatte, ganze
sechshundert Mark. Da würden ihm doch jetzt die dreihundertfünfzig
auch nicht zuviel sein? So hatte sich der Schorschl das eingeteilt:
dreihundertfünfzig der Zillerlenz, ebensoviel der Berghofbauer,
ebensoviel die dicke Bäckenmahm. Da konnte er seine Schulden zahlen und
behielt auf der Hand noch ein Sümmchen für eine geregelte Wirtschaft
während der nächsten Zeit.

»Schorschl? Wie schaust denn aus?« rief ihn der Vetter lachend an. »Als
ob von der Arbeit kämst?«

»~Von~ der Arbeit? Na! Aber ~zur~ Arbeit will ich schauen!
Und dös ghörig!« Mit dieser Beteuerung leitete Schorschl sein Anliegen
ein, wobei der Vetter immer wieder unter Lachen seine kleinen Späße
machte. Je ernster Schorschl redete, desto lustiger wurde der
Zillerlenz, und schließlich klopfte er dem langen Burschen lachend auf
die Schulter: »Schau, Schorschl, eher beiß ich mir d' Nasen ab, eh ich
auf dich noch an lucketen Heller verwend. Alles, was d' willst! Bloß
kein Geld nimmer!« Schorschl verlegte sich aufs Bitten, wurde aber vom
Vetter mit so lustigen Späßen abgefertigt, daß er schließlich selbst
mitlachen mußte, obwohl ihm Ärger und Beschämung die Kehle zuschnürten.
Als er draußen auf der Straße stand, blies er die heißen Backen auf.
Der Hoffnungsfunke, der noch in ihm glomm, schrumpfte zusammen wie eine
Zwetschge im Dörrofen. Jetzt trafen fünfhundert auf den Berghofbauer
und ebensoviel auf die dicke Bäckenmahm. Die beiden, das wußte er vom
letztenmal, hatten ein zähes Leder, besonders die Mahm. Obwohl doch die
Weiberleut eigentlich das zartere Häutl haben sollten. Also zuerst zum
Berghofbauer! Den traf er nicht zu Hause, sondern mußte ihn auf dem
Feld aufsuchen, weit drunten im Tal.

Bei der Kirche überholte ihn der Purtscheller-Toni, der auf flottem
Gig eine Trainingfahrt mit seinem Traber machte. »Was, Schorschl! Der
greift aus!« Mehr zu sagen hatte Purtscheller nicht Zeit; so flink
trabte der siegreiche Bräunl an dem Fußgänger vorüber.

»Der tät den Tausender auch net spüren!« seufzte Schorschl, während er
dem Purtscheller nachblickte.

Er hatte sich den ›Dischkurs‹ mit dem Berghofbauer durchaus nicht in
rosigen Farben ausgemalt. Aber die Sache kam weit schlimmer. Der Bauer
schrie, als hätte Schorschl einen Raubanfall auf ihn versucht. Eine
Weile ließ sich Schorschl das gefallen. Dann rührte sich der Zorn in
ihm. Mit einem groben Wort drehte er seinem Vetter den Rücken und
stapfte quer durch eine sumpfige Wiese der Straße zu. Schwer atmend
wischte er sich den Schweiß von der Stirn und machte zwei Fäuste.
»Jetzt ~möcht~ ich brav sein, jetzt ~lassen~ s' mich net!«

Die Straße war überschwemmt. Bis an die Knöchel mußte Schorschl
in dem schlammigen Wasser waten, das mit dumpfem Rauschen aus den
unterirdischen Klüften des laufenden Berges hervorströmte. Er sah
den Rasenbrocken nach, die auf dem schießenden Wasser schwammen, und
blickte über das Gehäng empor. »Arms Madl! Arme Leut!« Da fiel ihm die
eigene Sorge wieder ein. »Ich bin einer! Kann mir selber net helfen
und denk an andere! In mir muß der Teufel alles verwechselt haben! Wo
ich den Verstand haben sollt, hat er mir 's Herz eini gschustert!« Den
Kopf auf der Seite, die Hände hinter dem Rücken, stapfte er aus dem
schlammigen Wasser hervor.

Ein paar Monate konnte er sich noch weiterfretten. Dann würden es seine
Gläubiger genau so machen wie vor zwei Jahren, würden ihre Forderungen
an den Rufel verkaufen, und der würde die Daxenschmiede wieder
auf die Gant bringen. Wer sollte ihm noch helfen? Die Bäckenmahm?
Bekümmert schüttelte Schorschl den Kopf. Ein paar hundert Mark? Das
wäre vielleicht noch gegangen. Aber aus der dicken Mahm einen ganzen
Tausender herausfischen? »Na! Da trau ich mir lieber aus dem Bachl
da an Walfisch ziehen!« Zerstreut guckte er in die gleitenden Wellen
nieder, während er dem Ufer des schmalen Baches folgte. Zahlreiche
Forellen, die aus den verschlammten Gründen heraufgezogen waren,
standen in dem klaren Wasser umher. »Herrgott! Da kunnt einer heut
an guten Fang machen.« Das hatte er noch kaum gedacht, da erwachte
schon der alte Schorschl in ihm, und der Fang begann. Er krempelte
die Hemdärmel auf. Mit sicher gezielten Steinwürfen scheuchte er eine
Forelle, bis sie sich in seichtem Wasser unter dem Ufer verbarg. Hurtig
ließ er sich auf die Knie nieder, ein gewandter Griff ins Wasser, und
lachend hob Schorschl den zappelnden Fisch an die Luft. »Soll mir's
einer nachmachen!« Eine halbe Stunde trieb er das so weiter. Dann war
sein blaues Schnupftuch bis an die Zipfel mit Forellen angefüllt. Es
fiel ihm ein, daß Forellen ein Lieblingsgericht der Bäckenmahm waren.
Wenn er ihr die Fische brächte? Ob sie in der Freude über die leckere
Mahlzeit nicht mit sich reden ließe? »Probieren wir's halt. Mehr als na
sagen kann s' net.« Raschen Ganges erreichte er das Dorf und eilte am
Purtschellerhof vorüber, mit geducktem Kopf, weil er auf der Steinbank
neben der Haustür den alten Rufel sitzen sah.

Gleich das nächste Anwesen war das Haus der Bäckenmahm, ein
zweistöckiger Bau, der zwischen Apfelbäumen stand, an denen noch
die rotbackigen Früchte hingen. Garten und Haus boten ein etwas
verwildertes Ansehen. Als der Meister Bäck noch gelebt hatte, war das
Haus in schmuckem Stand gewesen. Seine Witib konnte schon seit Jahren
das Zimmer, das sie im oberen Stock bewohnte, nicht mehr verlassen
und hatte das Bäckergeschäft an einen Gesellen verpachtet, der keine
Veranlassung fühlte, sich um das Aussehen des Hauses zu kümmern.
Der Grund, weshalb die Bäckenmahm das Zimmer hüten mußte, war ein
merkwürdiger. Nicht Krankheit war die Ursache. Im Gegenteil, sie war
~zu~ gesund. Schon bei Lebzeiten ihres Mannes hatte sie nah an
drei Zentner gewogen und hatte sich, wenn sie zur Tür aus und ein
ging, hart zwischen den Pfosten hindurchzwängen müssen. Einige Zeit
nach ihres Mannes Tod passierte ihr das Unglück, daß sie sich in der
Stube den Fuß übertrat und eine Sehne verzerrte. Zwei Monate mußte
sie liegen. Statt in dieser Leidenszeit ein wenig abzumagern, legte
sie Woche um Woche ihrem Gewicht noch ein paar schwere Pfunde zu.
Als der Fuß endlich geheilt war, hatte die Bäckenmahm an Breite so
erschrecklich zugenommen, daß sie nicht mehr zur Tür hinauskonnte.
Zwischen Stube und Schlafzimmer wurde ein geräumiger Durchgang
ausgebrochen; die in den Flur führende Tür blieb, wie sie war; sie
zu erweitern, hätte keinen Zweck gehabt; auf die Hoffnung, jemals
wieder den schmalen Flurgang und die noch schmälere Treppe passieren
zu können, mußte die Bäckenmahm für alle Zeit ihres Lebens verzichten.
In seufzender Geduld und mit Beihilfe eines umfangreichen Nachtstuhls
ertrug sie dieses Kerkerlos, lebte sich schön langsam zwischen ihren
vier Wänden ein, ließ sich Essen und Trinken schmecken und wurde bei
dem behaglich schleichenden Wohlleben, das sie führte, zeitweise nur
von der einen Sorge gequält: wie man sie nach ihrem seligen Ende aus
dem Haus bringen würde?

Der Weg zwischen dem ungetümen Bett in der Schlafkammer und dem
weitarmigen Lehnstuhl in der Wohnstube, dazu manchmal ein Gang an das
Fenster, das war die einzige Bewegung, die sie machte.

Eben jetzt, als Schorschl mit seinem nassen Bündel die Straße
einherkam, lag die Bäckenmahm im offenen Fenster, mit einem Gesicht, so
rund und groß wie drei Gesichter mit sechs Hälsen. Langsam den mühsamen
Atem vor sich hinblasend, blickte sie einem Mehlsack nach, den die
Bäckergesellen an einem unter dem Dachgiebel angebrachten Kran in die
Höhe zogen, um ihn auf dem Speicher einzulagern.

»Grüß dich Gott, Schorschl!« rief die Mahm mit ihrer fetten,
asthmatischen Stimme. »Kommst net a bisserl auffi zu mir?«

»Ja, Mahm!« Der freundliche Gruß hatte den Daxen-Schorschl wie eine
gute Vorbedeutung angeheimelt. »Und ich bring dir ebbes! Ganz ebbes
Feins!« Er sprang in das Haus, in dem es appetitlich nach frischen
Brezeln duftete. Mit drei Sätzen nahm Schorschl die Treppe, und als
er unter Herzklopfen vor der Stubenschwelle zögerte, fühlte er die
Dielen schwanken: drin in der Stube ging die Bäckenmahm vom Fenster zum
Lehnstuhl; da spürte immer das ganze Haus ihr Gewicht.

Das Hütl ziehend, trat Schorschl ein, eben als die Mahm sich in den
Sessel niederließ, ähnlich einem Elefanten bei der Dressurvorstellung
im Zirkus. Nur daß die Bäckenmahm hinten kein Schwänzl hatte. Von der
Anstrengung des vier Schritte langen Weges war sie so erschöpft,
daß sie kein Wort sprechen konnte, während Schorschl in erzwungener
Lustigkeit auf dem Tisch sein Bündel aufknüpfte. Endlich fand sie die
Sprache wieder. »Ah, ah, ah!« staunte sie beim Anblick der Fische, fuhr
mit der Zunge über die Lippen und faltete wie in andächtigem Gebet die
Hände mit den gespreizten Fingern, die so kugeldick waren, daß sie sich
nicht mehr aneinanderlegten. »Und so viel große dabei! Ah, ah, ah!
Vergelts Gott, Schorscherl! Tausendmal vergelts Gott!« Dankbar blickten
die versunkenen Äuglein aus der Fettsuppe der großen Hängebacken zu ihm
auf. »Jetzt kriegst aber gleich a Schalerl Kaffee!«

»Aber Mahm! An Kaffee! Jetzt, um zehne vormittags! Geh weiter!«

»Kaffee is ebbes Guts! Kaffee kann der Mensch allweil trinken. Und
Kaffee magert ab, ja!«

Trotz seines Sträubens mußte Schorschl die Magd rufen, welche die
Forellen davontrug, um nach einiger Zeit mit der dampfenden Kaffeekanne
und einem großen Gugelhupf wieder zu erscheinen. Schorschl begann
allerlei Anekdoten und lustige Geschichten zu erzählen, um die Mahm in
noch bessere Laune zu bringen. Das Lachen machte ihr freilich schwere
Atemnot; dennoch lachte sie gern und war in ihrer Einsamkeit für
heitere Gesellschaft dankbar. Das ging ein Viertelstündchen so fort;
dann fiel dem Daxen-Schorschl keine Anekdote mehr ein; er strich sich
mit schwerer Hand das Haar in die Stirn und seufzte tief.

»Schorscherl? Was hast denn?«

»Sorgen, liebe Mahm! Arge Sorgen!«

»Geh, du armer Kerl! Was is denn passiert?«

»Nix und alles. D' Augen sind mir aufgangen über mich und mein lüftigs
Leben! Amal muß der Mensch doch gscheid werden. Jetzt weiß ich's, daß
ich die ganzen Jahr her a richtiger Lump gwesen bin. Jetzt laßt's
mir kein' Fried nimmer. Völlig treiben tut's mich zur Arbeit. Und
schaffen will ich Tag und Nacht, daß d' Fetzen umanand fliegen. Auf
Ehr und Seligkeit, liebe Mahm, seit gestern hat sich alles gwendt in
mir, und 's Gute is z'öberst kommen. Jetzt bin ich an andrer.« Das
hatte Schorschl so ehrlich herausgesagt, daß auch ein eingefleischter
Zweifler ihm hätte glauben müssen.

»Schorscherl!« Die gute, dicke Mahm war tief gerührt. »Mein liebs
Schorscherl! Daß ich so viel Freud erleben soll! Du? Und a braver
Mensch!«

»Glaubst es, Mahm?« fragte Schorschl zwischen Hoffen und Bangen.

»Ja, Schorscherl, ich glaub dir's! Und wann ich amal auffikomm
in Himmel, sag ich's ~gleich~ meiner guten Schwester selig:
Annamierl, sag ich, freu dich, Annamierl, dein Schorschl is a braver
Mensch worden!« Kichernd wischte sich die Mahm das Wasser aus den
Augen. »Komm, Schorschl, jetzt kriegst noch a Schalerl Kaffee!«

Schorschl schluckte den ganzen Inhalt der Tasse auf einmal.

»Aber gar net begreifen tu ich dich! So an guten Vorsatz hast gfaßt!
Wie kannst denn da traurig sein? Da mußt doch lachen vor lauter Freud!«

»Lachen? Ja! Freilich kunnt ich lachen! Wann ich keine Schulden net
hätt!«

»Schulden? Ah ja! Schulden! Freilich, so was behindert ein' im besten
Lauf!« versicherte die Mahm bedächtig. »Schulden? Ja, ja!«

»Die müßten halt zahlt werden, daß ich an sauberen Weg hab.«

»Freilich! Eh können d' Leut kein richtigs Zutrauen net fassen zu dir.
D' Schulden müssen zahlt werden. A guts Anzeichen, daß d' es einsiehst!
Aber sag, Schorscherl? Wie willst denn dös machen?«

Schorschl platzte los: »Wann ich's wüßt, wär ich net zu ~dir~
kommen!«

»So, so, so, so? Und wieviel tätst denn brauchen?«

Einen Tausender? Das wagte Schorschl nicht herauszusagen. Schnell
überschlug er in Gedanken: vielleicht wär es billiger zu machen;
vor allem mußten die Schulden im Dorf bezahlt werden, wenn er die
verlorenen Kunden, die in den benachbarten Dörfern arbeiten ließen,
wieder in seine Schmiede ziehen wollte; der Schuldschein beim alten
Rufel hatte noch Zeit bis Neujahr, dritthalb Monate, inzwischen konnte
er arbeiten und verdienen; für sich selbst brauchte er eigentlich auch
nichts auf die Hand zu bekommen, er konnte sich von einem Tag auf den
anderen weiterfretten; wenn nur der Gesell das Seinige bekam; er selbst
konnte hungern, wenn's nicht anders ging. Nur das Nötigste mußte er
haben. »Es is eigentlich gar net viel. Fünfhundert Markln halt.«

»Fünf--hun--« Die Mahm brachte das Wort nicht zu Ende und schlug
vor Schreck die Hände zusammen, daß ihr ganzes Gewicht in zitternde
Bewegung kam. »Um Gotts willen, Schorscherl! Wie willst denn soviel
Geld auftreiben?«

»Da hätt ich halt gmeint, du sollst mir's geben?«

»Aber, Schorscherl!« Bei der Mahm war aller Schreck verflogen, alle
Rührung erloschen. Ganz ruhig sagte sie: »Na, mein Schorscherl, mein
liebs! Da wird nix draus!«

»Mahm! Schau, mir is Ernst!« Er war bleich, und die Lippen zuckten ihm.

»Mir is auch net lustig z'mut.« Seufzend hob sie sich im Lehnstuhl ein
bißchen in die Höhe, um bequemer zu sitzen. »Vor zwei Jahr hab ich dir
gholfen und hab dir gsagt: es is 's erste und 's letzte Mal! Was ich
gsagt hab, is gsagt.«

Er nahm ihre Hand. »Geh, Mahm, sei gut zu mir! Mach mir 's Bravwerden
net gar so hart! Hilf mir a bißl! Oder glaubst mir net, daß ich's
ehrlich mein'!«

»Ja, Schorscherl, glauben tu ich dir alles! Aber Geld gib ich dir
keins. Lassen wir dö Sach in Ruh! Sorgen vertrag ich net. Dö machen
mich fett. Aber 's Lachen zehrt. Sei lustig, Schorscherl! Verzähl mir
noch ebbes! Und magst noch a Schalerl Kaffee? Dich hab ich gern, dir
vergunn ich's!« Mühsam erhob sie sich, beugte sich wackelnd über den
Tisch, füllte die Tasse und legte ein großes Stück Gugelhupf daneben.

Schorschl erhob sich. Wortlos, mit zitternden Händen, legte er das
nasse Taschentuch, in dem er die Forellen gebracht hatte, fein
säuberlich zusammen, griff nach seinem Hut und ging zur Tür.

»Schorscherl, was hast denn?«

»Geh, Mahm, tu mich net spotten! Du bist mir die letzte Hilf gwesen. Dö
andern zwei haben mir eh schon an Tritt geben. No also, muß ich halt
schauen, daß ich mich selber durchbeiß. Daß d' mich so in der Bredull
sitzen laßt, hätt ich mir doch net denkt von dir. Ich trag dir's net
nach. Aber daß ich zu dir noch an Schritt in d' Stuben setz? Na, Mahm!
Wir zwei haben ausgschorschelt mitanand. Pfüet dich Gott!« Er stolperte
über die Treppe hinunter. Auf der Straße stand er ratlos. Der Kopf
brummte ihm, daß er kaum einen Gedanken fassen konnte. Woher jetzt
Geld nehmen? Vor allem mußte der Krämer bezahlt werden; bei ~dem~
mußte er wieder Kredit haben, wenn er für den Gesellen die Mahlzeiten
kochen wollte.

Halt, der Grundhofer! Der ließ in der Schmiede auf Jahresrechnung
arbeiten, seit Neujahr machte das immerhin schon an die fünfzig oder
sechzig Mark aus! Wenn er dem ein freundliches Wort gäbe? »Der zahlt
schon!« Schorschl bekam bei diesem Gedanken einen heiligen Respekt vor
einem Menschen, der prompt bezahlt.

Er rannte, daß er in Schweiß geriet. Beim Grundhofer erwartete ihn
eine Überraschung, die ihn vor Zorn und Verlegenheit sprachlos machte.
»Du bist mir a Feiner!« schalt der Bauer. »Vor acht Tag hast dein'
Gsellen um 's Geld gschickt. Den hab ich zahlt. Und jetzt kommst selber
und forderst mich a zweitsmal an! Ah! Dös wär mir die richtige Mod!«
Schorschl stotterte eine Ausrede, die dümmste, die ihm einfiel; ohne
den Gesellen gehört zu haben, wollte er ihn nicht der Unterschlagung
beschuldigen. Daheim aber, in der Werkstätte, brauchte er nur zu sagen:
»Steffel, ich komm vom Grundhofer!« Und da wußte er genau, wie sich die
Sache verhielt. Das Gesicht des Gesellen redete deutlich. »Um Gotts
willen, Steffel, was hast denn mit dem vielen Geld angfangt?« jammerte
Schorschl, als wäre das Geld bei ihm zeitlebens eine ernste Sache
gewesen.

Steffel versuchte der bösen Geschichte eine heitere Wendung zu geben
und lachte. »Schön langsam braucht hab ich's halt. Du hast es gut. Mir
pumpen s' nix.«

Dem Daxen-Schorschl verging die Geduld. Er wurde dunkelrot im Gesicht
und schrie: »Jetzt packst dich aber! An Lumpen hab ich dulden müssen
neben meiner, denn ich bin selber einer gwesen. Für an Spitzbuben is
mir mein Haus a bißl z'gut!«

»Oho!« Steffel faßte den Schmiedhammer; aber da kam er übel an.

»Glaubst, ich fürcht dich, du Laubfrosch, du!« Mit der Faust schlug
Schorschl dem Gesellen das Eisen aus der Hand, packte ihn an der Brust
und schüttelte ihn, daß ihm die Zähne klapperten. »So! Und jetzt fahr
ab! Und bist in einer Stund mit deim Ranzen net draußen zum Haus, so
mach ich dir Füß!«

Als Schorschl allein war und sein Zorn verrauchte, überkam ihn eine
Niedergeschlagenheit, daß er am liebsten geheult hätte. Ein Schritt
weckte ihn. Es war der Bauer, dessen Leiterwagen in der Werkstätte auf
das Beschläg wartete. »Wann krieg ich denn mein' Wagen?«

Schorschl erhob sich, um nachzusehen, wie weit der Gesell die Arbeit
schon gebracht hätte. »Komm halt am Abend wieder! Ich mein', daß ich
ihn fertig bring.«

»No, da bin ich neugierig! Da mußt deim Gsellen fleißig helfen!«

»So? Meinst?«

»Ja!« Der Bauer ging.

Man läutete die Elfuhrglocke, als Schorschl die Arbeit begann. In
seinem Eifer übersah er den Gesellen, der mit seinem Ranzen über den
Hof spazierte.

Steffel verließ seinen Dienst, ohne dem Meister einen letzten Gruß
zu sagen. Drüben im Wirtshaus trank er sein ›Abschiedsmaßerl‹ und
erzählte, daß ihm die ›Lumpenwirtschaft‹ in der Daxenschmiede endlich
zu dick geworden, und daß er dem Schorschl aufgesagt hätte, um bei
einem ›repadierlichen‹ Meister Arbeit zu suchen.

»Ui jegerl«, meinte der Wirt mit halbem Erbarmen, »jetzt hat er kein'
Gsellen nimmer, der d' Arbeit für ihn macht! Da schwimmt er aber bald,
der Schorschl!«

Das hörte der alte Rufel, der hinter dem Ofen saß und den Gebetriemen
um die Hand legte. Er seufzte und wiegte den grauen Kopf zwischen den
Schultern.

Dazu tönte es immer von der nahen Schmiede herüber: kling, kling,
kling, kling! Und wenn die Hammerschläge für kurze Weile aussetzten,
wirbelte dicker Rauch aus dem Schornstein der Esse.

Zur Mittagszeit schwieg der Lärm im Dorf, und auf der Straße rasselte
kein Wagen mehr; nur in der Schmiede wollten die Hammerschläge nicht
ruhen: kling, kling, kling, kling!

Als gegen sechs Uhr abends der Bauer um seinen Wagen kam, war die
Arbeit schon seit einer Stunde fertig, und Schorschl schmiedete ein
paar Hufeisen in Vorrat.

»Was bin ich schuldig?« fragte der Bauer.

Schorschl stieß die Zange in die Glut und zog den Blasbalg. »Z'erst
schau dir d' Arbeit an, ob z'frieden bist.«

Bedächtig schritt der Bauer rings um den Wagen, untersuchte die
Eisenreifen der Räder und prüfte das Beschläg der Deichsel. »Sauber is
alles gmacht. Respekt! Wann er mag, dein Gsell, versteht er sei' Sach.«

»Den Gsellen hab ich davongjagt in der Fruh.«

»Was?« Der Bauer riß Mund und Augen auf. »Schorschl! Is der Heilig
Geist niedergflogen über dich? No also, was bin ich schuldig?« Er zog
den ledernen Beutel hervor.

»Die ganze Zeit hast im andern Dorf arbeiten lassen. Oder net?«

»Dös hat seine guten Gründ ghabt.«

»Freilich! Wann 's dir net pressiert hätt mit deim Wagen, wärst eh net
zu mir kommen, gelt?«

»Na!«

»Was hast denn drüben zahlt?«

»Vierundzwanzg Mark für an Wagen.«

»So zahl mir zwanzg. Wann ich d' Leut wieder einizügeln will zu mir,
muß ich besser arbeiten wie die andern, und billiger.«

Schmunzelnd suchte der Bauer aus seinem Beutel zwei Zehnmarkstücke
hervor und legte sie auf den rußigen Werktisch. »Ich hätt schon noch a
bißl Arbeit für dich.«

»Sei so gut und bring mir's!«

»Ja, morgen! Hilfst mir den Wagen aussischieben?«

Der Bauer faßte die Deichsel und Schorschl ein Rad. Mit Rasseln und
Holpern rollte der Wagen über die Torschwelle in den Hof hinaus.
Draußen hatte der Bauer ein leichtes Ziehen, die Straße ging bergab.

Als Schorschl in die Werkstätte zurückkam, wog er die beiden Goldstücke
ehrfürchtig auf der Hand. »Die müssen fort! Und gleich! Sonst reißt's
mich am Abend ins Wirtshaus ummi. Ich kenn mich.« Die Faust mit dem
Geld in die Hosentasche grabend, lief er zum Krämer hinüber. Es war
ein verschämter Stolz in seinem Blick, als er die zwei Goldstücke mit
festem Daumendruck auf die Ladenbudel legte und zur Krämerin sagte:
»Da! Mehr hab ich net. Mit dem andern mußt halt noch a bißl zuschauen.«

Die Frau wurde vor Überraschung rot im Gesicht. »No, no, gar so
pressieren tut's doch net. Bist mir ja gut! Sonst nix gfällig?«

Schorschl zögerte. »Mehl und Schmalz zum Kochen tät ich brauchen.
Schreibst mir denn noch was auf?«

»Wer zahlt, hat Kredit. Sonst brauchst nix? Kein' Tabak?«

»Na!« Das Wort hatte den Daxen-Schorschl Überwindung gekostet. An einem
Pfeifl hing ihm das Herz. Deshalb fügte er kleinlaut bei: »Meinetwegen!
Kannst mir a Packerl geben. Aber bloß an einzigs.«

»Vom guten?«

»Na, vom Stinkadores. Der tut's schon für mich.«

Als Schorschl mit der großen Papiertüte, in die ihm die Krämerin alles
eingepackt hatte, über die Straße schritt, bekam er einen Anfall von
Reue. »Wann ich ihr bloß d' Hälfte zahlt hätt, wär's fürs erstemal auch
gnug gwesen. Und ich hätt a bißl ebbes auf der Hand bhalten.« Dann
lachte er und schüttelte den Kopf. »Ah was! Gott sei Dank! Zahlt is
zahlt!« In seiner Werkstätte legte er den Pack in eine Fensternische.
Es begann schon zu dämmern; aber eine halbe Stunde konnte er immer noch
arbeiten; er hatte in den Fäusten ein so merkwürdiges Zucken, das ihm
keine Ruhe ließ. »D' Arbeit muß a Krankheit sein«, meinte er, »wann die
amal ein' packt, so laßt s' nimmer aus.«

Während er den Blasbalg trat, um die eingesunkene Glut wieder zu
beleben, verfinsterte sich das Tor, und eine Mädchenstimme klang:
»Guten Abend!«

Schorschl fuhr auf, als hätte er sich den Ellbogen angestoßen und das
Mäuschen geweckt.

Auch Vroni, die auf der Schwelle stand, einen Spaten über der linken
Schulter und das Beil in der rechten Hand, schien ihren Augen nicht
zu trauen und glühte über das ganze Gesicht. Oder war's nur der
Widerschein der Essenglut? Denn sie sagte ruhig: »Ah, da schau! Du? Hab
gmeint, dein Gsell is bei der Arbeit. An dich hätt ich net denkt.«

»Sonst wärst am End gar net eini? Was?« Schorschls Fuß, der den
Blasbalg trat, kam in rascheres Tempo.

Vroni nahm den Spaten ab. »Unser Grabscheit is verbogen und hat die
richtig Härten nimmer. Und am Beil hab ich mir die halbe Schneid
ausgsplittert. Kannst mir's heut noch machen?«

»Ja!« Er verließ die Esse.

»Ich hab noch an Weg«, sagte sie, »zum Kramer, ja, und komm wieder
vorbei.«

»Magst net lieber warten?« fragte Schorschl hastig.

»Na!«

Er lachte merkwürdig. »Fürchst dich vor mir?«

Da sah sie ihn groß an. »Ich? Warum denn?« Mit dem Fuß stülpte sie
einen Wasserzuber um und setzte sich. »Wann d' meinst, kann ich auch
warten.«

»Ja, es is besser! Ich kunnt davonlaufen und zusperren.« Seine Stimme
bekam einen Ton, als hätte er was Bitteres geschluckt. »So a Lump, wie
ich einer bin, halt's net lang bei der Arbeit aus.«

»Ich glaub's.«

»Gelt?« Er trat mit dem Beil zum Fenster und besah den Schaden. »Da
mußt aber grob zughaut haben?«

»Es braucht's halt.«

»Freilich!« Seine Stimme klang wieder freundlich. »Wie steht's denn
droben?«

»Allweil im gleichen. Es hat sich nix gändert über Nacht.«

Da guckte er langsam über die Schulter. »No, wer weiß, vielleicht doch
a bißl ebbes.« Er löste vom Beil den Stiel ab, nahm das Eisen zwischen
die Backen einer großen Zange, wühlte sie unter die Glut hinein und
versetzte dem Blasbalg einen so ausgiebigen Tritt, daß eine Sprühgarbe
von Funken in den Kamin hinaufloderte.

Vroni runzelte ernst die Brauen; sie mußte aus Schorschls letzten
Worten etwas Ungemütliches herausgehört haben, und es spielte um ihren
Mund, als müßte sich dieser Ärger entladen. Ihre Augen schossen einen
spöttischen Blick zur Esse hinüber. Unter leisem Lachen fragte sie:
»Bist gut heimkommen?«

Schorschl schob eine kleinere Zange mit einem fingerlangen
Stahlstäbchen in die Glut. »Heimkommen? Wann denn?«

»Heut nacht.«

»Ah so? Ja, ja, ganz gut! Siehst es ja, an Haxen hab ich mir net
brochen.«

»Da kannst von Glück sagen. So a Weg in der Nacht is hail.«

»Fest hintreten muß man, nachher rutscht man net.« Mit raschem Schwung
hob Schorschl die beiden Zangen aus der Esse und faßte den schweren
Hammer, um die neue Stahlschneide an das ausgesplitterte Beil zu
schweißen. Wie ein zerdrücktes rotes Herz lag das glühende Eisenstück
zwischen dem Griff der Zange. Der Amboß tönte wie eine Glocke, und
sternhell flogen bei jedem Hammerschlag die Funken in den großen
dämmerigen Raum; sie leuchteten nur und brannten nicht; sie flogen
dem Schmied ins Gesicht, in die Haare, an die nackten Arme, an die
offene Brust und sprühten hinüber bis in den Schoß des Mädels. Vroni
rückte immer weiter zurück; die Funken flogen ihr nach. Das gewahrte
Schorschl, und immer emsiger drosch er mit dem Hammer, so daß an seinem
kräftigen Arm alle Muskeln spielten.

Die Glut des geschweißten Eisens drohte zu erlöschen, und Schorschl
schwang die Zange wieder in die Esse hinüber. Während er den Blasbalg
trat, umsäumte der Feuerschein seine ganze Gestalt, sein Haar und sein
Gesicht mit roten Linien. Draußen vor dem Bogen des Tores dunkelte es
immer mehr, und am fahlen Himmel zitterte schon mit blassem Schein der
Abendstern.

Ob Schorschl die brennende Röte auf Vronis Wangen und den Glanz
ihrer staunenden Augen richtig deutete? Oder ob es ihm die eigene
Arbeitsfreude auf die Lippen legte? »Gelt«, sagte er, »in der Schmieden
is schön?«

»Ja, da gfallt's mir.«

»Möchtest net hausen herin?« Das fragte Schorschl lachend, in jener
Art, in der man vom Wetter zu reden pflegt.

Im gleichen Ton antwortete Vroni: »Warum denn net? Der Schmied müßt
halt an andrer sein.«

»No, wer weiß, vielleicht wird noch amal an anderer aus mir.«

»Wer's glaubt!«

»Du vielleicht net?«

»Na! Und so hab ich's net gmeint.«

»Ah so? An ~ganz~ andern meinst?« Schorschl hob die Zange auf den
Amboß. »Freilich, ich weiß, viel halten tust net von mir!« sagte er,
immer ein paar Worte nach jedem Hammerschlag einschiebend. »Kannst auch
recht haben, daß die beste Schneid an mir schon Fransen kriegt hat.
Grad so wie dein Beil! Aber der richtige Schmied, mein' ich, kunnt den
Schaden vielleicht doch wieder ausgleichen.« Mit der Zange hielt er dem
Mädel das rotglühende Eisen hin. »Schau! Da hat's wieder die schönste
Schneid, dein Beil! Bloß härten muß ich's noch.« Er schob die Zange
wieder in die Glut und zog den Blasbalg. »Ja, Vroni! Über mich müßt die
richtige Schmiedin kommen.«

»Such dir s' halt!«

Er lachte. »Da fang ich mit'm Suchen gleich an. Tätst es net riskieren
mit mir?«

»Na! Ich dank schön!«

»Geh, probier's!«

»Aufs Probieren laß ich mich net gern ein. Ich geh lieber sicher.«

»So heirat mich halt! Dös wär 's Allersicherste. Von dir ließ ich mir
ebbes sagen.«

»Da weiß ich mir was Bessers.«

»Du bist aber heikel!«

»Für gwöhnlich net. Beim Heiraten schon.«

»Ja, hast recht! An neuen Hut, wann er ein' druckt, kann man fürs halbe
Geld der Nachbarin aufhängen. Aber a Mann bleibt eim. Dös muß von
Anfang gleich der Richtige sein.«

»Hätt gar net glaubt, daß d' so gscheid bist!«

»Freilich, mancher schaut dümmer aus, als er is.«

Da lachten sie alle beide, als wäre ihnen der harmlose Spaß nach
Wunsch geraten. Dann schwiegen sie; und während Vroni, die von der
strahlenden Wärme des Essenfeuers belästigt schien, mit der Hand über
Stirn und Wangen fuhr, haschte Schorschl den Schnurrbart zwischen die
Zähne und trat mit ungestümem Fuß die Stange des Blasbalges. Plötzlich
riß er die Zange aus der Glut. »Herrgott, jetzt hätt ich den Stahl bald
überhitzt!«

Vroni hatte die Ellbogen auf die Knie gelegt und blickte finster zum
verlöschenden Glanz des Himmels und zu dem zitternden Gefunkel des
immer heller brennenden Sternes auf. Schorschl stand vor dem Amboß;
weil es in der Werkstätte schon dunkel war, mußte er Vroni den Rücken
kehren, um die Helle des Essenfeuers für die Arbeit zu nützen. Grau
zeichnete sich seine hohe, breitschulterige Mannsgestalt in den roten
Schein. Unter achtsamen Schlägen gab er der Schneide des Beils mit
einem kleinen Hammer die glatte Form. Dann tauchte er den glühenden
Stahl in den mit schwarzem Wasser gefüllten Löschbottich, rasch und
kurz, so daß es kaum zischte und nur ein kleines, rot beleuchtetes
Dampfwölkchen aufstieg. Und als der nun äußerlich abgekühlte Stahl von
innen heraus wieder matt zu glühen begann, versenkte Schorschl die
Schneide langsam in das Ölbad. Er schien das Bedürfnis zu fühlen, dem
Mädel diese Hantierung zu erklären. »Wann einer z'grob mit'm kalten
Wasser kommt, dös kann den besten Stahl verderben.« Seine Stimme klang
anders als früher. »Aber je feiner einer 's Öl braucht, so besser wird
d' Schneid!« Vroni blickte auf und sah wieder zum Tor hinaus.

Der Spaten machte geringe Arbeit: eine kurze Glut und ein paar Streiche
mit dem Hammer. Schorschl erledigte das, ohne ein Wort zu sagen. Diese
Stille schien Vroni unbehaglich zu berühren; plötzlich fragte sie: »Daß
~du~ heut arbeitst? Wo is denn dein Gsell?«

»Den hab ich davongjagt in der Fruh.«

»Was? Warum denn?«

»Weil er a Lump is.«

Vroni wollte lachen. Bei dem funkelnden Blick, der sie aus Schorschls
Augen traf, blieb ihr die Heiterkeit in der Kehle stecken. Nach einer
Weile fragte sie gereizt: »Daß einer a Lump is? Seit wann gfallt dir
denn so ebbes nimmer?«

»Gar lang is's noch net her. Gestern, mein' ich, wär's noch anders
gwesen.« Ruhig lehnte er den Spaten an den Türpfosten. »Soll ich dir's
Beil schleifen?«

Jähe Röte war über Vronis Wangen geflogen; nun schüttelte sie den
Kopf und griff in die Tasche; sie mußte sich räuspern, ehe sie fragen
konnte: »Was bin ich schuldig?«

»Nix. Is gern gschehen.«

Da fuhr sie auf, so grob, als hätte er ein böses Wort gesagt. »Du!
Schenken laß ich mir nix!«

»Und ich verlang nix. Arbeit nach Feierabend mach ich bloß zur
Rekrazion. Dös is kein Geschäft nimmer.«

»Und ~ich~ will nix gschenkt haben. Wann mir net sagst, was
verdient hast, muß ich halt selber schätzen. Vier Mark kriegt einer,
der ordentlich arbeit den ganzen Tag. Macht vierzg Pfennig d' Stund.
Und dös halbe Stündl da? Bin ich dir halt zwanzg Pfennig schuldig.«

Daß sie so genau rechnete, ärgerte ihn. »Billig machst es! Da kunnt
a Schmied auskommen! Bei deiner Rechnerei! Der Stahl, meinst, kostet
gleich ~gar~ nix?«

»Mehr als zwei Fünferln wird dös Bröckl net wert sein! Da hast deine
dreißg Pfennig!« Vroni legte das Geld auf den Amboß, packte das Beil
und den Spaten und schritt ohne Gruß zum Tor hinaus.

»So? So?« schrie Schorschl mit einer Stimme, die ihm kaum aus der
Kehle wollte. »Da kauf ich mir jetzt grad an Schnaps dafür. Grad mit
Fleiß!« Zornig nahm er das Geld und schob es in die Tasche. »Dürsten
tut mich eh, daß mir einwendig alles wie Fuier is!« Wütend faßte er
den Wasserzuber, füllte ihn aus dem Bottich und löschte mit einem Guß
die Glut der Esse. Dann wusch er Gesicht und Hände. Darüber schien er
seines durstigen Vorsatzes vergessen zu haben; aus einem Wandschrank
nahm er seine +C+-Trompete und ging hinters Haus in den Garten.
Hier saß er und spähte erwartungsvoll nach dem Weg, der zum Gehäng
des laufenden Berges führte. Plötzlich hob er die Trompete an den
Mund; aber sei es, daß ihm von der Kühle des Abends die Finger steif
geworden, oder sei es, daß er die richtige ›Amboschur‹ nicht hatte
-- er mußte ein paarmal ansetzen, bevor er einen klaren, schönen Ton
zuwege brachte. Und da blies er nun mit schmachtenden Klängen:

  Du, du liegst mir im Herzen,
  Du, du liegst mir im Sinn,
  Du, du machst mir viel Schmerzen,
  Weißt nicht, wie gut ich dir bin.
    Jaaa, jaaa ...

Ohne das Lied bis ans Ende zu blasen, setzte Schorschl die Trompete ab
und ließ sie zwischen den Knien baumeln. »Mir scheint gar, ich bin in
dös Madl verliebt!« Er hatte in seinem ganzen Leben noch kein so dummes
Gesicht gemacht wie jetzt, da diese Erkenntnis in ihm auftauchte.
»Sakra! Da bin ich schön angrumpelt!« Langsam erhob er sich, kraute
sich hinter den Ohren und seufzte tief. »Da schaut nix Guts net aussi!«
Es befiel ihn die Versuchung, über sich selbst zu lachen. »Schorscherl,
Schorscherl«, sagte er mit der Stimme der Bäckenmahm, »du bist a
~narrisches~ Luder!«

Langsam trat er ins Haus, kochte das Nachtmahl, und auf dem Herd
sitzend, löffelte er den Schmarren aus der Pfanne. Nachdem er im Hof
an der Brunnenröhre getrunken hatte, schloß er Werkstatt und Haustür,
zündete sein Pfeifl an und setzte sich in der dunklen Stube auf die
Ofenbank. Bei jedem Paffer, den er vor sich hinblies, krabbelte
ihm eine Sorge über den Rücken. Doch einem, der sich am Tage müd
gearbeitet, erscheinen alle Sorgen um so leichter, je schwerer ihm die
Glieder werden. Als die Glut in der Pfeife erloschen war, erhob sich
der müde Daxenschmied, um sein Lager zu suchen. Kaum hatte er sich
ausgestreckt, da fiel ihm der Schlaf über die Augen.




                           Sechstes Kapitel


Weißer Reif schimmerte auf allen Wiesen des Berghanges, als Michel
früh am Tag aus der Haustür trat, mit übernächtigen, müden Zügen. Beim
Anblick der kleinen, blinkenden Eisscheiben, die wie gläserne Augen
aus dem erstarrten Schlamm hervorlugten, atmete er erleichtert auf.
»Mathes!« rief er und klopfte an das Stubenfenster.

Hastig kam Mathes aus dem Flur gerannt. »Is ebbes passiert?«

»Na! Gfroren hat's in der Nacht! Da schau!«

Mathes bückte sich, drückte mit dem Finger eine der Eisscheiben ein
und prüfte die Härte des Bodens. »Arg tief geht's net. Bloß oben hat's
a bißl anzogen.« Er sah, wie es über das Gesicht des Vaters zuckte,
und fügte mit raschen Worten bei: »Aber fester is der Boden doch wie
gestern. Ja, ja, Vater, es wird kälter mit jeder Nacht. Ich mein', daß
der richtige Frost bald einfallen sollt.«

»Kannst schon recht haben, Bub!« Nickend hob Michel die Augen zum
Himmel. »Er hat mein Sprüchl halt doch verstanden!« Bei aller Hoffnung
befiel ihn wieder eine neue Sorge. »Wann aber mit Gottes Willen der
Boden gfriert und 's untrische Wasser möcht in d' Höh, so kann's ja
nimmer durch, wann der Boden steinhart is? Und hast es doch ghört, daß
die Kammissoni gsagt hat: 's untrische Wasser müßt wieder steigen, wann
alles gut sein sollt?«

»Da tu dich net sorgen, Vater! Gfriert der Boden, so gfriert 's Wasser
mit, und von die Wänd abi lauft kein neus Wasser nimmer zu.«

»Der liebe Gott soll's geben!« Schwer atmend strich der Simmerauer mit
den Händen übers Haar. Im Flur wurden die beiden Kinder laut, und Vroni
kam aus der Tür, mit dem Beil in der Hand. Ihr Gesicht hatte nicht die
frischen Farben wie sonst, ein Schatten lag um ihre Augen. Aber sie
nickte dem Vater lächelnd zu und deutete auf die gefrorenen Pfützen.
»Gut, Vater, gut schaut's aus!« Sie ging zum Hackstock, um die Arbeit
zu beginnen.

Der Simmerauer sah seine Tochter prüfend an; etwas an ihr schien ihm
nicht zu gefallen. Doch ihn drückte noch was anderes, und das schien
ihm wichtiger. »Komm«, sagte er zu Mathes, »speggalieren wir a bißl
umanand, ob sich nix grührt hat in der Nacht.« Er ging seinem Buben
voran in den Garten. An der Hausecke strich er zärtlich mit der Hand
über die weiße Mauer und seufzte. Aufmerksam spähte er an den Wänden
hinauf, dann über den Boden hin. Alles war unverändert. Nirgends
in der Erde ein Riß oder eine Senkung. Der Balkenrost, den sie mit
angestrengter Arbeit am vergangenen Abend vollendet hatten, schien
seine Schuldigkeit zu tun und den ganzen Grund um das Haus her fest
zusammenzuhalten. Jetzt mußte nur der Verhau an der Böschung noch
verstärkt und dichter verflochten werden. Am verwichenen Abend, während
Vroni das Beil und den Spaten in die Schmiede getragen hatte, waren
Michel und Mathes in den Wald gegangen, um die für das Flechtwerk
nötigen Äste von den Bäumen zu schlagen; der ganze Haufen, den sie
heimgebracht, lag im Hof, und Vroni putzte mit dem Beil die kleinen
Zweige von den Ruten.

Als Mathes und der Alte im Garten waren, sah Michel über die Schulter,
wie in Sorge, daß Mutter Katherl oder Vroni ihnen nachgegangen wäre.
Dann sagte er leis: »Mathes? Hast nix ghört in der Nacht?«

»Heut net. Ich bin steinmüd gwesen und hab gschlafen. Warum?«

»Heut nacht hat's mir gar net gfallen. Kein Stündl hab ich gschlafen
vor Angst. Wann halt doch ebbes passieren tät? Ich glaub's net. Na!
Aber es müßt halt doch einer da sein, der d' Mutter weckt und die
Kinderln packt. Und die ganze Nacht hat's allweil bröckelt in der Mauer
drin. Im Fundament muß's gwesen sein. A bißl hat's allweil ausgsetzt,
aber gleich hat's wieder angfangt. Erst wie's Tag worden is, hat's
aufghört.«

»Aber geh, Vater«, sagte Mathes ruhig, »da hast dich anführen lassen in
der Angst. D' Mauer is fest. Ich denk mir halt, daß d' Mäus unter die
Bretter grabelt haben.«

»D' Mäus?« Im Gesicht des Alten kämpfte Sorge mit dem Wunsch, zu
glauben. »D' Mäus? Ja, ja! Dös hätt ich mir selber schon gern eingredt,
aber --«

»Schau, es hat ja doch aufghört, wie's Tag worden is. Geh, sorg dich
net! Es is schon so. D' Mäus sind's gwesen.«

»Ja, ja! Möglich kunnt's schon sein. D' Mäus? Dös wär kein schlechts
Anzeichen net. Man sagt allweil: eh a Haus fallt, ziehen d' Mäus aus.
Ja, Mathes! Dös wär a Glück: wann d' Mäus noch allweil ihr Sicherheit
haben. Da kann's doch so schlecht net stehn um unser Häusl?«

»Gott bewahr! Gut steht's, Vater! Komm, fangen wir 's Arbeiten wieder
an!«

Während sie in den Hof zurückkehrten, spähte Mathes, der hinter dem
Vater ging, mit Sorge über das Fundament der Mauer.

Vroni hatte schon einen Stoß geputzter Ruten neben sich aufgeschichtet.

»Brav, Vronerl!« sagte Michel. Er sah dem Mädel ins Gesicht. »Was is
denn mit dir? So viel blasselen tust mir heut. Hast net schlafen können
in der Nacht?«

»Aber ja!« Leichte Röte huschte über Vronis Wangen. »Fest hab ich
gschlafen.«

»Oder wird dir d' Arbeit a bißl z'viel?«

»Mir? Na, Vater! So bald noch net.« Rascher schwang sie das Beil,
wie um dem Vater zu beweisen, daß ihre Arme keine Spur von Müdigkeit
empfänden.

Mathes, der dieses Gespräch gehört hatte, wandte sich ab und lächelte.

Mutter Katherl erschien unter der Haustür, und an ihr vorüber stürmten
die beiden Kinder ins Freie. Trotz der ärmlichen Kleidung, die sie
trugen, sahen sie proper aus. Dem Buben waren die feuchten Haare mit
der Bürste glatt an den Kopf gestrichen, und dem Mädel stand ein
kurzes, fingerdickes Zöpfl steif vom Nacken weg. In den Händen hielten
sie große Butterbrote, die zur Hälfte schon in den kleinen Schnäbeln
verschwunden waren. Während der Bub sich auf die Erde kauerte, um
eine der weißen Eisscheiben loszubrechen und als ›Zuckerl‹ auf das
Butterbrot zu legen, hängte sich das Mädel an die blaue Leinwandhose
des Großvaters. »Ahnlvater! Heut nacht hat mir ebbes träumt!« Das Kind
grub die kleinen weißen Zähne in das Brot.

Michel beugte sich nieder. »Was denn, Jetterl? Verzähl mir's!«

»Feiertag is gwesen, und a schöne Musi haben wir ghört.«

»Wo is denn dö Musi gwesen? Drunt im Wirtshaus, gelt?«

Jetterl schüttelte das blonde Köpfl. »Na!« sagte sie und schluckte.
»Gsehen hab ich s' net, dö Musi. Allweil hab ich in d' Höh auffischauen
müssen, weil s' in die Lüft droben gwesen is, dö Musi.«

»Aber so was!« staunte Michel. »Du, Jetterl, da hast die lieben Engerln
singen hören!«

Das Mädel machte ein ernstes Gesicht und besann sich. »Na! Gsungen
haben s' net. Trumpeten haben s' blasen. Können denn die lieben Engerln
Trumpeten blasen, sag?«

Beim Hackstock verstummten die Beilschläge, und Vroni blickte über die
Schulter nach dem Kind.

»Aber gwiß!« beteuerte der Simmerauer. »Alle Instrumenter können s'
blasen. Und Harpfen zupfen und Zithern schlagen. Aber verzähl, wie is
denn nacher weiter gwesen?«

»So viel schön is gwesen, Ahnlvater! Soooo viel schön! Und zur Kirchen
hat man gläut, und der Xandi hat sein neus Hösl anziehen dürfen und ich
mein Röckerl, mein rots. Und auf Mittag hat's Dampfnudeln geben, hat
mir träumt. Gelt, Ahnlvater, so a schöner Traum muß eintreffen?«

»Ja, mein Herzerl! Sei nur schön brav! Da kunnt's schon möglich sein,
daß am Sonntag a bißl was eintrifft«, lächelnd kniff der Simmerauer das
Mädel ins runde Kinn, »mit die Dampfnudeln, ja! Und du, Xanderl, komm
her! Jetzt spazierts mitanand schön ummi in Purtschellerwald!«

»In Wald ummi? Na!« fiel das Bürschl dem Großvater in die Rede und
strich die fetten Fingerchen, aus denen das Butterbrot verschwunden
war, ein paarmal über das Höschen hin und her. »In Wald ummi mag ich
nimmer.«

»Warum denn net?«

»Weil er so grantig is.«

»Was? Grantig? Der Wald?« fragte Michel, den bei diesem Kinderwort eine
dunkle Sorge zu beschleichen schien.

»Ja! Gestern hat er gschrien. Ganz laut hat er gschrien. Du! Da bin ich
derschrocken.«

»Aber geh, du Dapperl!« Dem Alten versagte fast die Stimme. »Der Wald
kann doch net schreien.«

»Aber ja! Ganz a groß Maul hat er aufgrissen im Boden drin. Und
gschrien hat er. Den Wald, den mag ich nimmer, na!«

Michel wußte kein Wort zu sagen. Dieses Schweigen schien Jetterl als
einen Zweifel zu deuten, denn sie bestätigte: »Ja, Ahnlvater! So hat
er's gmacht!« Sie sperrte das rosige Mäulchen auf, so weit sie konnte.
Dann lachte sie. »Aber ich hab mich gar net gforchten. Bloß der Xandi!
Weißt, der tut sich noch fürchten, weil er so a kleins Büberl is.«
Freilich, der Xandi war um ganze zehn Monate jünger als sie! »Ich hab
mir halt denkt, daß er Hunger hat, der Wald, weil er sein' Schnabel so
weit aufreißt.«

Der Simmerauer hatte die Arme um die beiden Blondköpfe gelegt und
tauschte einen Blick mit Mutter Katherl, die leis zu ihm sagte: »Gelt!
Allweil hab ich's schon gmeint: der Wald is nimmer sicher. Laß mir die
Kinder nimmer in Wald ummi!«

»Na! Kein Schrittl nimmer in Wald!«

»Ahnlvater?« fragte das Bürschl. »Dürfen wir net lieber die
Zickizotterln hüten auf der Wiesen droben? So viel schön tut d' Sonn da
droben scheinen.«

»Ja, mein Schatzerl, ja! Geh, Katherl, laß ihnen die Zickizotterln
aus'm Stall! Ich muß zur Arbeit schauen.«

Mit lautem Jubel rannten die Kinder der Großmutter voran und
verschwanden in der Stalltür. Kreischend kamen sie wieder zum
Vorschein, jedes mit einer Ziege am Strickl, und das ging über den Hof
und hulterdiwulter über die Wiese hinauf -- bald zerrten die Kinder
die beiden bockenden Ziegen hinter sich her, bald wieder schleiften
die trippelnden Tiere ihre Hüter durch die Bodenfurchen, daß die zwei
Knirpse unter Lachen einen Purzelbaum um den andern schlugen.

Der linde Sonnenschein kam über den Berghang heruntergeschlichen,
schmolz den Reif von den welken Gräsern und ließ im auftauenden Schlamm
die dünnen Eisscheiben langsam zerfließen.

Mutter Katherl schleppte die Ruten, die Vroni geputzt hatte, durch
den Garten zum Verhau. Hier waren Michel und Mathes bei der Arbeit;
der Alte hielt die hohen Pfosten fest, auf die der Bursche, der oben
auf der Böschung stand, mit der Holzkeule losdrosch. Als die Balken
eingeschlagen waren, kam Mathes herunter, und nun begannen sie die
Ruten durcheinanderzuflechten und die Hohlräume dahinter mit Steinen
auszufüllen. Um den Vater abzulenken, begann Mathes über allerlei Dinge
zu sprechen. Einmal, als er eine Weile geschwiegen hatte, fragte er
unvermittelt: »Du? Vater? Neulich am Abend, wie ich beim Wagner unsere
Axten stielen hab lassen, sind a paar Leut in der Werkstatt gwesen. Da
haben s' so gredt mitanander. Vom Purtscheller.«

»Was denn?«

»Daß er schlecht wirtschaften tät, und daß der Purtschellerhof nimmer
stünd wie sonst. Is da ebbes dran, Vater?«

»Ah na! Weißt ja doch, wie d' Leut sind! Allweil reden s' mehr, wie s'
verantwortigen können. So a gscheider Mensch wie der Herr Purtscheller
wird doch sein' Verstand beinand haben. Die unguten Leut sind ihm
halt neidisch um sein Glück.« Michel bog eine Rute übers Knie, um sie
geschmeidiger zu machen. »Aber ich vergunn's ihm. Schon der Linerl
z'lieb!« Er begann die Rute einzuflechten. »Freilich, brauchen tut er
viel. Aber ich kann mir doch net denken, daß a verstandsamer Mensch
tiefer aus'm Hafen schöpft, als der Boden is. Oder es müßt einer so a
narrischer Lüftikus sein wie der Daxen-Schorschl. So ebbes glaub ich
net vom Herrn Purtscheller.« Michel griff nach einer neuen Rute. »Dem
sein Haus und Hof steht fest. Unter dem lauft der Boden net davon.
Eins, freilich, will mir net gfallen --«

»Was?«

»Daß er so gachzornig is, wie seine Dienstleut verzählen, und den
ärgsten Unmut allweil an der Linerl auslaßt. Dös gfallt mir gar net.
Hast ihn ja neulich reden hören. Krank, meint er, wär 's Linerl. Ja,
mein! Kümmern tut sie sich halt! Dö hat so a Blümerlgmüt, so a feins,
und vertragt halt söllene Schimpfereien net. Und allweil schlechter
schaut s' aus. Tätst es schier gar nimmer kennen, ja!«

Mathes gab keine Antwort. Während er eine störrische Rute hinter den
Pfosten preßte, fielen ihm ein paar rote Tropfen von der Hand.

Das gewahrte der Simmerauer. »Hast dich grissen?«

»A bißl. An der Ruten.« Mathes schleuderte das Blut von der Hand und
arbeitete weiter.

Immer höher stieg die Sonne.

Um zehn Uhr ging Mutter Katherl ins Haus und holte den Milchkrug. Das
erste Glas, das sie einschenkte, reichte sie der Tochter. »Warum bist
denn so stad heut? Was hast denn?«

»Ich? Was soll ich denn haben?« Vroni leerte das Glas. »Vergelts Gott!«
Lächelnd nickte sie der Mutter zu und nahm die Arbeit wieder auf.

Als Katherl in den Garten zu den Männern ging, fuhr mitten in dieser
sonnigen Luftstille ein sausender Windstoß über die Simmerau. »Was is
denn?« fragte Michel. »Wo kommt denn der Wind so gahlings her?« Alle
blickten zum blauen Himmel auf. Nun hörten sie über die Wiesen her, aus
der Gegend des Purtschellerwaldes, ein klapperndes Rauschen, als wäre
irgendwo ein riesiger Haufen Schindeln auseinandergefallen. Im gleichen
Augenblick tönten von der sonnigen Höhe herunter die schreienden
Stimmen der Kinder: »Da schau! Der Wald! O jegerl! Der Wald lauft
davon!« Mathes kletterte über den Verhau hinauf, Michel machte humpelnd
einen Umweg, um die Böschung zu ersteigen, und Vroni kam aus dem Hof
gerannt, während Mutter Katherl, die Milch verschüttend, ihrem Manne
nachlief und im ersten Schreck das Gesicht bekreuzte.

Sie spähten nach dem Gehölz hinüber, und während ein zweiter Windstoß
ihnen das Haar und die Kleider zauste, sahen sie, daß ein großes Stück
des Waldes in gleitender Bewegung war. Die grünen Wipfel schwankten
durcheinander, als wären die hundert Bäume betrunken. Und plötzlich war
die grüne, laufende Waldscholle verschwunden; an ihrer Stelle dehnte
sich ein brauner Fleck, als hätte eine unsichtbare Riesenfaust dieses
Stück Wald wie ein Spielzeug in eine braune Holzschachtel eingestrichen
und den Deckel zugeklappt.

Wieder tönte jenes prasselnde Rauschen und endete mit einem dumpfen,
nachdröhnenden Schlag, wie er beim Sturz einer schweren Lawine zu hören
ist. Dann war Stille.

Die vier Menschen standen mit erblaßten Gesichtern. Ihre ersten Blicke
galten dem Haus und zugleich den Kindern. Das kleine Haus lag ruhig
in der Sonne, und die beiden Kinder standen sorglos auf der Wiese und
schwatzten.

Michel sprach das erste Wort. »Den Wald hat er schreien lassen, die
unschuldigen Kinder hat er gwarnt. Da soll mir noch einer sagen, daß
er auf seine Leut net Obacht gibt, der da droben!« Er faßte die Hand
seines zitternden Weibes. »Tu dich net sorgen, Mutter! Der da droben
hilft. Komm, gehn wir wieder an d' Arbeit!« Hand in Hand stiegen die
beiden Alten über die Böschung hinunter.

Mathes stand noch immer auf dem gleichen Fleck. »Vroni!« sagte er und
deutete mit dem Rutenmesser, das er in der Hand hielt. »Da is a schöner
Brocken Purtschellergut ins Wasser abigrutscht. Dös druckt ihr wieder
an Kummer auf d' Seel.«

Vroni nickte. Und wortlos kehrten die Geschwister in den Hof zurück.

Seit Wochen war es immer so gewesen: wenn irgendwo auf dem Hang des
laufenden Berges ein großer Brocken in Bewegung geraten war, hatten
sie es auch in der Simmerau zu spüren bekommen. Daran dachten sie, und
deshalb verloren sie den Kopf nicht, als es kam. Im Innern der Erde ein
matter, plumpsender Hall. Dann rann ein Zittern durch den Grund, auf
dem sie standen. »Mutter!« stammelte der Simmerauer, umklammerte den
Arm seines Weibes und schrie: »Die Kuh is unter Dach!«

Vroni und Mathes warfen die Werkzeuge weg und rannten zur Stalltür.
»Bleib draußen!« keuchte Mathes, stieß die Schwester mit der Faust von
der Tür zurück und sprang in den matt erhellten Raum. Brüllend zerrte
die Kuh an der Kette; Mathes konnte die Ringe nicht lösen. Von der
niederen Decke fiel ihm Mörtel auf den Kopf, während er mit Anspannung
aller Kraft den eisernen Bolzen, an dem die Kette hing, aus dem
Futterbarren riß. Schnaubend, mit gestrecktem Schweif, die klirrende
Kette schleifend, galoppierte das befreite Tier zum Stall hinaus und
tollte in bockenden Sprüngen über die Wiese.

Mathes taumelte, als er über die Schwelle ins Freie sprang; wieder
schwankte der Boden. Krachend zersplitterte ein Riegel des den Grund
durchziehenden Balkenrostes, und während sich die beiden Stümpfe aus
dem Boden hoben, kam die ganze Erde rings um das Haus und um die
Scheune her in träge Bewegung. Ein paar schwere Steine rollten vom
Schindeldach herunter, und gackernd flogen überall die Hühner auf.

»Zu mir her!« kreischte Michel mit bleichen Lippen. Als Mathes und
Vroni bei ihm standen, wurde er ruhiger. In diesem Augenblick des
Schweigens konnte man hören, daß die beiden Kleinen auf der Wiese
droben lustig sangen.

Mutter Katherl klagte: »Jesus Maria! Jesus Maria!«

»Macht nix!« stammelte der Simmerauer. »Es is net 's erstemal. Nur
net verzagen! Und auffischreien, daß er uns hören muß!« Er faltete
die Hände, hob sie über den Kopf empor und schrie: »Allgütiger du im
Himmel! Tu net auslassen!«

Ein zweiter Balken des Rostes sprang und bäumte sich knirschend. Aus
dem Garten scholl ein schwerer, dumpfer Klatsch; Schlamm und Wasser
spritzte in dicken Strahlen von der Böschung über den Hofraum. Dann war
alles wieder ruhig. Nur ein paar losgewordene Schindeln glitten mit
leisem Rascheln über das Dach herunter.

»Allweil steht's noch, unser Häusl! Er hat schon wieder gholfen. Auf
den is Verlaß!« sagte Michel und wischte sich den Schlamm ab, der ihm
ins Gesicht gespritzt war. »Wenn unt drin a Loch is, freilich, da
muß ebbes abifallen. Dös kann er selber net anders machen. Aber oben
halt er fest. Da laßt er net aus.« Während Vroni die Mutter, der vor
Schreck völlig übel war, zu einem Holzblock führte, wollte Mathes in
den Garten, um bei der Böschung nachzusehen. Michel hielt ihn am Ärmel
fest. »Z'erst a Vergelts Gott sagen, Mathes! Er hat's verdient um uns.«
Mit lauten Stimmen sprachen sie ein Vaterunser und den Glauben an Gott.
»So! Und jetzt speggalieren wir, wie's ausschaut! Viel is net passiert.
Und du, Vronerl, sei so gut, lauf auffi und schau, was die kleinen
Hascherln machen!«

»Dö singen ja, Vater!« sagte Vroni. Man merkte es an ihrer Stimme, daß
ihr das Herz bis an den Hals herauf schlug. »Hörst es net?«

Der Simmerauer lauschte. Obwohl sein Gesicht so weiß wie Kalk war,
glitt ihm doch ein Lächeln über den farblosen Mund. »Dö singen! Gott
sei Dank! Dö haben wieder gar nix gmerkt.«

Während Michel mit Vroni und Mathes im Hof umherging, um den Schaden zu
besehen, den der Erdrutsch angerichtet hatte, las Mutter Katherl die
Scherben des Milchkruges auf, den sie im Schreck hatte fallen lassen.
»Jetzt is der auch hin! Der schöne Krug!«

Das erregte Gackern der Hühner begann zu verstummen, und über dem
Rand der Böschung erschien die Kuh mit der baumelnden Kette. Sie
brummte ihren tiefsten Ton, sah mit großen Glotzaugen über Haus und
Garten nieder und ließ in wiedergefundener Seelenruhe die zottige
Schweifquaste pendeln.

Im Hofe fand der Simmerauer den halben Balkenrost aus den Fugen
getrieben und verschoben; neben den zwei zersplitterten Balken waren
ein paar andere krumm gebogen und fast geknickt. »Macht nix! Den
Schaden haben wir in zwei, drei Tag wieder gutgmacht. Gelt, Kinder,
helfen wir halt wieder ordentlich zamm!«

»Ja, Vater!« sagte Vroni, während Mathes schweigend nickte.

Nun gingen sie hinter das Haus und zur Böschung. Da sah es noch
schlimmer aus. Ein Wust von Erde und Felsbrocken war über den Garten
niedergebrochen und hatte den schweren Verhau zu Boden gedrückt wie
ein Kartenblatt. »Müssen wir halt an andern machen! Zeit haben wir
ja. Acht Tag, mein ich, gibt er jetzt wieder an Fried, der Berg.« Als
Michel die Bruchstelle näher untersuchte, gewahrte er neben dem Haufen
des niedergebrochenen Schuttes einen schmalen, frischen Erdstreif, der
sich wie ein Band am Fuß der unversehrt gebliebenen Böschung entlang
zog. Diese Entdeckung brachte den Alten aus seiner vertrauenden Ruhe.
Mit den gespreizten Fingern maß er die Breite des Bandes und sagte: »An
halben Schuh sitzen wir wieder tiefer drunt!« Schwer atmend richtete er
sich auf und fuhr sich mit den Fingern ins Gesicht, als hätte er Haare
vor den Augen. »Mathes! Da müssen wir uns tummeln, daß wir den Verhack
wieder in d' Höh bringen. Sonst rutscht uns bald a fester Brocken
über'n Garten eini. Fangen wir gleich an! Geh, Madl, hol mir d' Axt!«

Vroni lief gegen den Hof; mit ersticktem Schrei blieb sie stehen und
starrte auf die Rückwand des Hauses.

Michel und Mathes blickten auf. »Was is denn?«

»Vater! Da schau! Unser Haus!«

Die beiden kamen gelaufen und sahen, daß neben Vronis Kammerfenster
ein im Zickzack verlaufender Riß die Mauer von der Erde bis über die
Fensterhöhe durchzog. Mathes nickte wortlos vor sich hin. Während der
Simmerauer die zitternden Hände nach der weißen Mauer streckte und
an den Rändern des entzweigerissenen Mörtels umhertastete, sagte er:
»Mathes! Da hast jetzt deine Mäus!«

»Aber geh! Wegen dem bißl Riß! Deswegen brauchst dich net sorgen! So
was passiert in alte Häuser oft, daß a Riß durch d' Mauer geht.«

»Net so laut«, fiel Vroni flüsternd ein, »damit's d' Mutter net hört!«

»Erfahren muß sie's alleweil!« sagte der Simmerauer; aber auch er
dämpfte die Stimme. »Kannst ja heut in der Nacht nimmer schlafen in
deiner Kammer. Mußt dich wohl in d' Stuben ummi legen. Dös kann net
gschehen, ohne daß d' Mutter ebbes merkt davon.« Wieder starrte er die
Mauer an, atmete schwer und fragte: »Was meinst, Mathes?«

»Daß der Riß kein neuer is! Der kann schon lang in der Mauer gsteckt
sein und hat dem Häusl gar nix gschadt. Jetzt, freilich, bei dem bißl
Rumpler hat halt auswendig der Mörtl auch nachgeben.« Mathes begann den
Schaden genau zu untersuchen. »Es is schon so! An alter Riß! Vater, da
kannst dich verlassen drauf! Als Maurer muß ich so ebbes verstehn!«

»Ja, ja! Da muß ich's glauben.« Michel wandte sich zu Vroni. »So a
Glück, daß der Mathes d' Maurerei glernt hat! Jetzt kann er uns helfen.
Meiner Seel, ich wüßt mir jetzt kein' Rat net. Und gschehen muß doch
ebbes. So kann man doch dö arme Mauer net stehn lassen. Was meinst
denn, Bub?«

Mathes hatte seine Meinung schon fertig: der schlechte Mörtel
wird abgeschlagen, mit eisernen Schlaudern wird der ›alte‹ Riß
zusammengezogen, und über alles wird ein neuer Verputz gelegt. »Dös
mach ich so fein, Vater, als ob in der Mauer nie a Schaden net gwesen
wär.«

»Vergelts Gott, Bub!« nickte Michel. »Aber der Fleck, freilich, der
bleibt! So schön und sauber schaut sich d' Mauer nimmer an wie sonst.«

»Aber na, Vater! Da tu ich die ganze Wandseiten überweißnen, und
morgen, bis der Kalch auftrücknet, merkst kein Fleckl nimmer. Wie der
Schnee muß sich d' Mauer anschauen!« Mathes zog den Maßstab hervor,
den er in der Tasche trug, und nahm an der Mauer die Maße ab. »Vier
eiserne Schlauderbänder brauchen wir, anderthalb Meter, und vier gsunde
Schrauben dazu, jede an halben Meter lang, mit feste Muttern.«

»Mit feste Muttern, ja!« wiederholte der Simmerauer. »Was Mutter
heißt, is allweil ebbes Guts. Fangen wir nur gleich an! 's Häusl is d'
Hauptsach. Da muß der Hof und der Garten zruckstehn. Ich rühr derweil
an Kalch ein. Du, Mathes, packst d' Mauer an. Und 's Madl lauft zum
Schmied abi und laßt die Schlaudern machen. Hast dir 's Maß ordentlich
gmerkt, Vronerl?«

»Gnau, Vater!«

»So lauf, Madl, lauf, was d' laufen kannst!«

Vroni rannte; schon nach wenigen Sprüngen hielt sie wieder inne. Das
Gesicht von heißer Röte übergossen, sah sie ratlos den Vater an.

Der Simmerauer meinte diesen Blick zu verstehen. »Grad hab ich mir's
selber denkt. A starks Madl bist freilich. Aber so viel Eisen kannst
net auffischleppen über den ganzen Berg.«

Vroni senkte die Augen. Da sagte Mathes: »Ja, Vater, laß ~mich~
abi!« Als er an Vroni vorüberging, legte er die Hand auf ihre Schulter
und flüsterte: »Hast recht! Denk an unser Schwester!« Vroni schien ein
trotziges Wort auf der Zunge zu haben; doch als ihre Augen dem ernsten
Blick des Bruders begegneten, nickte sie und schwieg.

Ohne Hut und Joppe, barfuß, eilte Mathes davon, während ihm der Vater
nachrief: »Vergiß net: ~recht~ feste Muttern! Wann d' Mutter net
gut is, taugt die ganze Schrauben nix!« Nach dieser Mahnung fiel dem
Alten eine neue Sorge aufs Herz. »Mar' und Josef! Zu so was ghört a
richtiger Schmied. Auf so an Lüftikus, wie der Daxen-Schorschl, is kein
Verlaß.«

»Sorg dich net, Vater!« sagte Vroni erregt. »So viel hab ich gestern
gmerkt: sei' Sach versteht er, der Schorschl, wann er mag.« Dann
richtete sie sich auf. »Weis mir d' Arbeit zu! Wo fangen wir denn an?«

»Komm, hilf mir die Kalchgrub aufdecken!«

Als sie durch den Hof gingen, blickte Michel über das Gehäng hinunter.
»Schau nur! Den halben Berg is er schon drunt!« Der väterliche Stolz
hauchte dem Alten ein bißchen Farbe über das erschöpfte Gesicht. »Ja,
mein Mathes! Der is gut schicken, wann's pressiert. Auf den is Verlaß.«

Wer gemächlich ging, hatte von der Simmerau bis ins Dorf hinunter
eine halbe Stunde zu marschieren. Der Mathes brauchte keine zehn
Minuten. Freilich, als er aus dem letzten Wäldchen auf die Talwiesen
heraustrat, war er so atemlos, daß er ein paar Augenblicke rasten
mußte. Gerade gegenüber, auf dem anderen Ufer des Baches, lag der
stolze Purtschellerhof, an dem die Dorfstraße vorüberführte. Mathes
hing, solang er rastete, mit spähenden Augen an dem stattlichen Haus.
Dann trocknete er mit dem Handrücken die nasse Stirn und wandte sich
ab. Er folgte der Straße nicht, obwohl sie der nächste Weg zur Schmiede
gewesen wäre, sondern schwang sich über die Gartenzäune und eilte
hinter den Häusern an den Hecken entlang. Schließlich fand er einen
Fußpfad, der in der Nähe der Schmiede auf den Marktplatz mündete.
Schon wollte er auf die Straße treten. Erschrocken fuhr er zurück und
verbarg sich hinter den halbentlaubten Büschen.

Draußen auf der Straße ging die Purtschellerin vorüber, mit ihrem
Bübchen plaudernd, das sie auf den Armen trug.

Mathes regte sich nicht. Seine Hände waren zu Fäusten geballt. Als läge
ein drückender Stein auf seiner Brust, so beklommen atmete er.

Nun war sie vorüber.

Hastig trat Mathes auf die Straße hinaus. »Karlin!« rief er mit
heiserer Stimme, und erblaßte, als sie das Gesicht wandte.

Sie war schon an die fünfzig Schritte von ihm entfernt. Dennoch
erkannte sie ihn gleich. »Mathes! Du! Grüß dich Gott!« Sie wollte
zurückkommen.

Da rief er: »Ich hab net Zeit! Bloß sagen will ich dir, daß der
Purtscheller im Wald droben nachschauen soll. Der Berg hat a bißl ebbes
umgworfen. Dös hab ich dir sagen ~müssen~! Pfüet dich Gott wieder!
Pfüet dich Gott, Linerl!«

»Aber Mathes! Mathes!«

Er hörte nicht.

Karlin schüttelte verwundert den Kopf, und während sie ihm nachblickte,
schien sie gar nicht zu fühlen, daß ihr das Kind mit zausenden Händen
die Zöpfe fast von der Stirne riß.




                           Siebentes Kapitel


In der Schmiede klangen die Hammerschläge. Schorschl stand vor dem
Amboß und hämmerte wütend auf ein glühendes Hufeisen los. Dann tauchte
er das noch rote Eisen in den Kühlbottich, daß zischend der Dampf
aufging, und ließ es aus der Zange zu Boden fallen, wo schon ein paar
Dutzend auf einem Häufl beisammen lagen. Nun besann er sich, als wüßte
er nicht, was er weiter beginnen sollte? Noch ein Hufeisen schmieden?
Er mußte die Eisenstangen sparen; gar viele hatte er nimmer in der
Ecke stehen, und der Vorrat an Hufeisen, der da am Boden lag, reichte
für einen Monat und drüber. Früh am Tage hatte er begonnen, hatte
Hufeisen um Hufeisen geschmiedet, nur um die Zeit hinzubringen, bis
andere Arbeit käme. Die ließ auf sich warten. Nur der Schneider war
gekommen, um seine vierunddreißig Mark zu fordern, und Schorschl hatte
seine ganze Überredungskunst aufwenden müssen, um den Ungeduldigen zu
vertrösten. »Herrgott! 's Bravsein macht ein' schwitzen!« brummte er,
als der Meister Schneider glücklich wieder zum Tor draußen war.

Ein paar Leute waren unter das Tor getreten und hatten dem Daxenschmied
eine Weile ungläubig bei der Arbeit zugesehen, um lachend wieder
davonzustapfen. Niemand hatte Arbeit gebracht. Auch der Bauer, dessen
Leiterwagen Schorschl tags zuvor beschlagen hatte, war ausgeblieben.
»Der Tropf! Und so fest hat er mir Arbeit zugsagt!«

Auf dem Amboßblock lag noch ein Stück Eisenstange, das knapp für ein
Hufeisen reichen konnte. Das nahm er in die Zange. »Machen wir halt
noch eins!« Er bohrte das Eisen in die Essenglut. Ingrimmig begann er
den Blasbalg zu treten. Da lachte er und griff in die Hosentasche.
Achtsam rollte er ein geschwärztes Stück Zeitungspapier auseinander,
in das die dreißig Pfennige eingewickelt waren, die ihm Vroni auf den
Amboß gelegt hatte. Immer wieder schob er mit dem rußigen Finger die
paar Nickel durcheinander und blinzelte sie mit vergnügten Augen an.
»Die heb ich mir auf. Wart nur, du!« Sorgfältig rollte er das Papier
wieder zusammen. Da trat Mathes in die Werkstätte, schwer atmend und
wortlos. Schorschl fragte verwundert: »~Du~, Mathes? Was willst
denn?«

»Pressante Arbeit hätt ich.«

»Arbeit bringst mir?« Schorschl lachte, daß in seinem rußfleckigen
Gesicht die Zähne blinkten. »Gestern d' Vroni und heut wieder du! Ah,
da schau! Jetzt sind gar die Simmerauer Leut mei' beste Kundschaft.«
Flink nahm er die Zange aus der Esse und ging auf Mathes zu. »Was
brauchst?«

»Schlaudern. Die Schrauben mit feste Muttern!« Mathes nannte die Maße.

»Schlaudern?« Schorschl erschrak. »Is am Häusl ebbes passiert?«

»Ah na!«

»Aber red doch a bißl! Wie steht's droben?«

»Net schlechter, als wie's sein kann. Dem Vater z'lieb denk ich, daß
wir uns durchschlagen über'n Winter.«

»Aber im Fruhjahr?«

»Da wird er harte Zeit haben, der Vater. Aber fang lieber d' Arbeit an!
Es pressiert.«

Schorschl holte von seinem kleinen Eisenvorrat nach langem Wählen
aus der Ecke hervor, was er nötig hatte. Mathes prüfte die Stangen.
»Vergelts Gott! Ich merk: 's beste Eisen hast ausgsucht.«

Rührig begann Schorschl die Arbeit, und Mathes, der nicht müßig stehen
konnte, half mit. Während sie, um die Gewinde in die Eisenstangen zu
schneiden, am Schraubstock standen und zu zweit an den langen Hebeln
der Schneidkluppe zogen, versuchte Schorschl die Rede auf Vroni zu
bringen. Aber da wußte Mathes, der sonst mit Worten so sparsam war,
immer von anderen Dingen zu schwatzen. Schließlich stellte Schorschl
verdrossen das Fragen ein und ließ den heißen Unmut, der in ihm
rumorte, an der Arbeit verdampfen.

Als die Mittagsglocke geläutet wurde, fragte Mathes: »Mußt Mahlzeit
halten?«

Schorschl schüttelte den Kopf. »Mich hungert net.«

Zwei Stunden später war die Arbeit fertig. Die Schrauben hatten Muttern
wie Fäuste so groß.

»Bist z'frieden, Mathes?«

»Besser hätt's keiner gmacht. Wieviel bin ich schuldig?«

Schorschl wollte keinen Preis sagen. »Was meinst denn, daß ich verdient
hab?«

»No, mit'm Eisen schätz ich acht Mark.«

»Sagen wir fünfe! Is eh schon viel.«

»Geh, da zahlst ja drauf.«

»Gott bewahr, da verdien ich.«

»No also, vergelts Gott halt! Aber zahlen muß ich an andersmal. Ich bin
gahlings droben fortgrennt und hab nix bei mir.«

»Bist mir ja gut. Pfüet dich Gott! Und grüß mir --« Schorschl stockte.
»Grüß mir deine Leut!«

»Ja.« Mathes lud die schweren Stangen auf seine Schultern und verließ
die Werkstätte.

Langsam trat Schorschl unter das Tor und sah ihm nach. »Gleich gar
net reden hat er mögen von der Vroni. Schorscherl, Schorscherl! Da
schaut's schlecht aus.« Mit diesem Stoßseufzer ging er ins Haus, um das
versäumte Mittagsmahl nachzuholen. Bei seinen sorgenvollen Gedanken
hatte er wenig acht auf die Kocherei und ließ den Schmarren anbrennen.
Weil er ein zweites Mal nicht kochen wollte, mußte er sich mit einem
Rinken Brot begnügen. »Wann net bald Arbeit kommt, muß ich mich eh ans
Brotbeißen gewöhnen.« Er kehrte in die Werkstatt zurück. »Herrgott!
Herrgott! Wo nimm ich denn 's Geld her?«

Da schien ihm der Zufall -- oder war's der liebe Gott, den er angerufen
hatte? -- einen Fingerzeig zu geben. Er hörte Hufschlag, und als er
unter das Tor sprang, gewahrte er den Purtscheller, der seinen Traber
am Zügel in den Hof der Schmiede führte. »Der Purtscheller! Meiner
Seel! Den hau ich drum an. Ich glaub, der gibt mir's.« In diese
freudige Hoffnung mischte sich gerechtes Staunen über den Anblick, den
Purtscheller mit seinem Traberzeugl bot. Um zehn Uhr vormittags war der
flotte Herr gar stolz und hoheitsvoll auf seinem rot lackierten Gig
zum Dorf hinausgeradelt. Und wie kam er zurück! Auf Schustersrappen,
den Bräunl am Zügel führend. Mann, Pferd und Wagen über und über
mit grauem Kot bespritzt! Galliger Ärger redete aus Purtschellers
gerötetem Gesicht, während er den Bräunl gegen die Schmiede zerrte.
Es war ein schönes, edles Tier. Jetzt ließ es trauernd den Kopf
hängen, hinkte mit einem Vorderfuß, und immer wieder schauerte ihm
das Fell, dessen brauner Metallglanz unter Kot und eingetrockneten
Schaumflocken erloschen war. Bei dem Mitleid, das Schorschl mit dem
übel zugerichteten Tier empfand, vergaß er den Gedanken, der bei
Purtschellers Anblick in ihm aufgestiegen war. »Um Gotts willen? Was
hat denn der Bräunl?«

»Hol's der Teufel, ich weiß selber net!« murrte Purtscheller. »A halbs
Stündl vorm Ort draußen hat er auf amal auslassen. Alteriert hab ich
mich, daß mir völlig schlecht is. Bei mir schlagt sich alles gleich
auf'n Magen.« Er trat einen Schritt zurück und betrachtete das Pferd.
»Wann mir dö Lumpen den Gaul ruiniert haben, weiß ich nimmer, was ich
anfang. Der Gaul is mir lieber wie alles, was ich hab.«

»Aber! Geh! So was sollten S' doch net sagen!«

Wieder musterte Purtscheller das Pferd. »Ich kann mir nix anders
denken, als daß der Gaul in der Stadt vernagelt worden is, wie ich ihn
bschlagen hab lassen.«

»In der Stadt waren S'? Mit 'm Bräunl? Seit zehne vormittags?«

Trotz Ärger und Sorge erwachte in Purtscheller der Stolz. »Ja! Und hab
mich noch anderthalb Stund drin aufghalten.«

»Sechzg Kilometer bergauf und ab! In dritthalb Stund!«

Der Vorwurf, der aus Schorschls Worten klang, trieb dem
Purtscheller-Toni das Blut noch dunkler ins Gesicht. »Du Narr!« schrie
er. »Was versteht denn so einer wie du von der Sportssach! Hast denn
du an Idee, was a richtiger Traber hergeben kann, wann er in guter
Kondition is? Statt daß so dalket daherredst, schau lieber nach, wo der
falsche Nagel steckt!«

»Ich weiß eh schon, wo's fehlt!« brummte Schorschl, streichelte das
Pferd an den Nüstern und hob ihm den Huf des lahmen Fußes auf.

Draußen auf der Straße ging der Buchbinder vorüber, der neben seinem
Geschäft im Dorf auch die Agentur der Lebens- und Feuerversicherung
führte. Als er den Purtscheller sah, kam er näher und zog höflich den
Hut. »A Wörtl, Herr Purtscheller!«

»Was is denn schon wieder?« fuhr Purtscheller auf. »Hab dir's doch
neulich schon gsagt: ich ~laß~ mein Leben net versichern. So bald
denk ich noch net ans Sterben.«

»Gott behüt's! Aber nix für ungut, ich hab Ihnen bloß erinnern wollen:
am ersten Oktober haben S' auf d' Feuerbolizzen vergessen.«

»Was? Ich? Der Purtscheller? Vergessen? Der Purtscheller vergißt nix.
Aber z'dumm wird's mir endlich. Die ganze Ausrauberei! So viel Jahr
zahl ich den schauderhaften Brocken hin, und nie hat man was davon.«
Nun schien er doch zu merken, daß er im Zorn ein paar unverständige
Worte gesagt hatte. »Meintwegen also, bloß daß ich an Fried hab, ich
schick dir morgen den Bettel ummi.« Ohne sich weiter um den Mann zu
kümmern, wandte sich Purtscheller zu Schorschl. »No also, wo fehlt's?«

»Der Gaul is in Ordnung bschlagen«, erwiderte Schorschl, während er
dem Pferde den Nacken tätschelte, »aber z'viel verlangt haben S' vom
Bräunl.«

An Purtschellers Schläfen schwollen die Adern. »Du bist wohl verruckt?«

»Na!« sagte Schorschl ruhig. »Schauen S', daß der arme Gaul heim
in Stall kommt und in warme Decken! Der is knapp am Lungenschlag
vorbeigrutscht. Oder er kriegt noch an Treff.«

»Was? Verstehn tust nix! Und verrufen willst mir mein' Gaul auch noch?«
schrie Purtscheller. Ein Unwetter von Schimpfworten hagelte über den
Kopf des Daxen-Schorschl nieder.

Der suchte den Jähzornigen zu beschwichtigen. Als Purtscheller die
Sache gar zu grob machte, rührte sich in Schorschl das Blut. »Sie, Herr
Purtscheller!« Seine Stimme klang noch immer ruhig, aber es blitzte
drohend in seinen Augen. »Jetzt hab ich's gnug. Söllene Sachen laß ich
mir net sagen. Halten S' a bißl zruck, oder --«

»Oder was?«

»Oder ich kunnt mein Hausrecht brauchen.«

Purtscheller bekam bleiche Lippen. »So traust dich du mit ~mir~ z'
reden? Paß auf! Eh ich dir wieder an Arbeit gib, kannst dir d' Finger
abschlecken!«

»Dö sind mir net süß gnug.«

Purtscheller packte den Zaum seines Pferdes. »Komm, Bräunl, oder die
Gall bringt mich um!«

Breitspurig, mit den Fäusten auf dem Rücken, stand Schorschl
inmitten seines Hofes und blickte dem Abziehenden nach. Sein Groll
über Purtschellers böse Worte war schon wieder verraucht, vergessen
über dem Erbarmen, das er für das mühsam schleichende Tier empfand.
»Arms Rösserl!« Dann dachte er wieder an sich selbst. »O du heiliger
Schnupftabak! Dös Gsicht hätt ich sehen mögen, wann ich den jetzt
anpumpt hätt!«

Purtscheller war schon um die Ecke herum, aber noch immer schalt er vor
sich hin, während er den Bräunl, dessen hinkender Gang immer langsamer
wurde, am Zügel hinter sich herzog. »Es is wahr, a bißl viel hab ich
verlangt von ihm.« Bei diesem Zugeständnis erwachte in Purtscheller
die Sorge. Seufzend betrachtete er das Pferd. »Es is net so arg. Ich
glaub's net. So a kerngsunds Roß! Ah na, so was gibt's net.« Da fiel
ihm der Schloßbräu in der Stadt ein, der ihm aus Sportneid die Hypothek
gekündigt hatte. »Wie der lachen möcht, wann der Bräunl beim nächsten
Rennen net starten kunnt!« Schmeichelnd legte Purtscheller die Wange an
den Kopf des Pferdes. »Gelt, na, Bräunerl? So ebbes tust deim Herrerl
net an! Komm, schauen wir, daß wir ins Stallerl heimfinden! Da sollst
es schön warm kriegen! Und a guts Schnapserl aufs Naserl!«

Als er das Pferd endlich in den Hof brachte, mußten die Knechte alle
Arbeit liegen lassen, um sich dem Bräunl zu widmen.

»Wo bleibt denn der Altknecht?«

Den hätte die Purtschellerin fortgeschickt, hieß es.

»Natürlich! Wieder amal! So geht's allweil! Wann ich meine Leut brauch,
müssen s' Gott weiß wo umanand rennen und Weiberbotschaften austragen.«
Als Purtscheller das sagte, ging Zäzil über den Hof. »He! Zäzil! Komm
her und hilf mit, den Bräunl frottieren!«

Getrennt von den anderen Pferden, hatte der Bräunl einen eigenen,
sportmäßig eingerichteten Stall, über dessen Raufe auf einem
Messingschild der Name prangte: ›Herzbinkerl‹.

Während Zäzil und die Knechte das Frottieren begannen, eilte
Purtscheller zum Haus, um für Bräunl das ›Schnapserl‹ zu holen. Unter
der Tür trat ihm Karlin entgegen, erregt, mit blassem Gesicht. »Grüß
dich Gott, Toni!«

Er wollte an ihr vorüber.

Sie haschte seine Hand. »Sei net bös, Toni, daß ich dir was Unguts
sagen muß! In unserem Wald droben --«

»Jesses! Laß mich in Ruh! Mir brummt eh der Schädel! Mein Bräunl hat
an kalten Schnaufer erwischt. Wo is denn die Kognakflaschen? Mach
weiter, hol mir s' abi!« Er eilte in den Stall zurück. Schmeichelnd
kraute er dem zitternden Pferd die Ohren. »Ja, mein Herzbinkerl, gleich
sollst dein Schnapserl kriegen!« Als Karlin nach einer Minute nicht da
war, wurde er ärgerlich. »Wo bleibt denn dös Weiberleut?« Er rannte
wieder aus dem Stall. Da kam ihm Karlin mit der Flasche entgegen, ganz
atemlos. Nun fiel ihm doch ihr verstörtes Gesicht auf. »Meintwegen, so
red halt! Was is denn mit'm Wald?«

»Vom Mathes hab ich's ghört«, stammelte sie, »der Berg soll sich wieder
grührt haben, und da hab ich gleich den Altknecht auffigschickt zum
nachschauen.«

»No also! Da is ja eh alles in Ordnung.«

»Aber Toni! Drei Stund, und der Knecht is noch allweil net daheim!«

»Weil er an alter Trenzer is! Was soll denn passiert sein? A paar Bäum
wird's halt wieder gworfen haben. Braucht man s' nimmer umschlagen.«

Purtscheller wollte im Stall verschwinden, als ihm Karlin zögernd
nachrief: »Toni! Der alte Rufel is da. Er wartet schon seit Mittag und
sagt, du hättst ihn bstellt.«

»Was! Mit dem soll ich heut auch noch reden! Himmelkreuzteufel, heut
kommt mir aber schon alles über'n Hals! Warten soll er! Der hat Zeit.
Wann ihm 's Hosenschnorren lieber is, als daß er mit mir a Gschäft
macht, meintwegen, so soll er wieder abfahren!«

Purtscheller trat in den Stall, und weil ihm Zäzil im Wege stand, schob
er sie beiseite und kniff sie so derb in den runden, nackten Arm,
daß sie kichernd aufkreischte: »Aber Herr! Glauben S', mein Arm is a
Brotwecken? Lassen S' mich in Ruh! Zwicken S' Ihr Frau!«

Das hörte Karlin, und Zornröte flammte über ihre abgehärmten Züge.
Sie machte einen Schritt, als wollte sie in den Stall treten. Dann
schüttelte sie den Kopf, strich die losen Härchen hinters Ohr und ging
ins Haus. Als sie droben die Wohnstube betrat, hatte sie ihre Ruhe
wiedergefunden. Der Tisch war gedeckt, die offene Weinflasche stand
bereit. Auf einem Sessel, mitten im Zimmer, saß der alte Rufel, mit dem
Hakenstock zwischen den Knien; aus der einen Tasche seines Rockes, der
bis zum Boden reichte, hing ein Zipfel seines roten Sacktuches heraus,
aus der anderen die abgegriffene Schlappmütze; seinen Zwerchsack hatte
er drunten im Flur unter die Treppe geschoben. Als die junge Frau
eintrat, strich er mit der runzeligen Hand über sein glattrasiertes
Faltengesicht, aus welchem gutmütige Offenheit und mißtrauische
Vorsicht, ruhiger Ernst und wachsame Schlauheit in seltsamer Mischung
redeten.

»Jetzt is er heimkommen!« sagte Karlin leise, weil im Nebenzimmer der
kleine Tonerl sein Mittagsschläfchen hielt. »Gedulden S' Ihnen noch a
bißl, er wird gleich da sein.«

»Es eilt nix, meine liebe Frau Purtschellerin.«

Auch in Rufels Art zu reden lag ein Widerspruch; er gab sich Mühe, den
Dialekt der Bauern zu sprechen, doch der jüdische Jargon schlug immer
durch.

Karlin nahm ihre Häkelarbeit aus der Fensternische und setzte sich
an den Tisch. Nach einer Weile fragte sie: »Haben S' allweil gute
Gschäften gmacht in der letzten Zeit?«

»Es geht. Aber ich weiß Zeiten, die besser waren. Und nix für ungut,
Sie sind e Bäuerin, liebe Frau, aber mit die Bauern is hart e Geschäft
machen!« Rufel lachte. »Püh! Die sennen schlauer wie der Jud!«

Das hatte er so drollig gesagt, daß auch Karlin lächeln mußte. »Aber
Rufel! Wann dös die Bauern hören möchten.«

»Hab ich's ihnen doch schon oft genug ins Gesicht gesagt! Hat der Bauer
en Handel gemacht, und der Vorteil is auf seiner Seit, so laßt er
mich reden, was ich mag, und lacht mich aus. Hab ich aber e bißl was
verdient, und der Bauer merkt's? Nu, so schimpft er: Jud, Jud!« Rufel
wiegte den Kopf und hob die Schultern. »Ich geh meinen Weg und laß mir
nix verdrießen. Sollen se schimpfen, wenn ich hab verdient!«

»Geh, Rufel! Sie haben Ihr richtiges Grüß Gott noch allweil von jedem
kriegt. Mit Ihnen handelt jeder gern im Ort.«

Der Alte machte forschende Augen, als wäre ihm die Wärme auffällig, mit
der die junge Frau zu ihm redete.

»Und schauen S', Rufel, wann diemal einer im Zorn so 'rausschreit: Jud!
Jud! -- da meint er ja Ihnen gar net!«

»Soll er's dem andern sagen, den er meint!«

»Es is halt so in der Welt, daß der Unschuldig für den Schuldigen
leiden muß. So, wie Sie sind, so sind net alle Juden, die zu uns ins
Dorf kommen. Denken S' nur an denselbigen, der unsere Nachbarsleut
um Haus und Hof bracht hat! So a Krawattlschnürer! Da kann man's den
Leuten net verdenken, wann s' in ihrem Zorn und Elend dös Wörtl haben:
Jud, Jud! Sagen S' selber: kann man's ihnen verdenken?«

Rufel schwieg.

»Gelt? Da reden S' nix!«

Der Alte seufzte: »Meine liebe, gute Frau Purtschellerin! Was wollen
Se, daß ich sagen soll? Nu? Soll ich auf en Juden schimpfen? Das
können Se doch nix von mir verlangen. Ich bin doch e Jud. Oder soll
ich widersprechen und soll ihn loben? Ich kenn den Jüden doch! Nu
also? Schweig ich doch lieber! Aber weil wir schon reden, meine liebe
Frau Purtschellerin, wollen wir machen e glattes Geschäft und sagen:
die Menschen sind, wie der Herr sie gemacht hat. Die Hälft hat er
geschaffen im Zorn, die ander Hälft in der Lieb. Ich denk mir, das
kommt aufs gleiche hinaus, ob ich sag: Jüden, Christen oder Terken!
Überall gibt's gute Menschen. Hab ich recht? Und überall schlechte.
Gott verzeih's ihnen!«

»Ja, Rufel, so denk ich selber!«

Rufel zog das rote Tuch hervor und wischte sich die Stirn ab. Dann
stieß er seinen Hakenstock auf die Dielen. »Nu ja! Ich für mein Teil
komm gut aus mit die Leut. Hab ich aber wirklich emal en Verdruß im
Dorf, woher kommt's? Von dem gottvermaledeiten Geldgeschäft. Drum will
ich nix wissen von die Geldgeschäfter. En richtigen Handel mach ich
gern. E schöner Handel is was Schöns. Mit die Geldgeschäfter sollen
se mich in Ruh lassen! Hab ich e Geld? Ich hab doch nix! Aber da
wirtschaften se schlecht und dann brauchen se Geld und Geld und Geld.
Und da heißt es: Rufele, leih mir! Rufele, borg mir! Rufele, gib mir e
Geld! Rufele hint und Rufele vorn! Und richtig, der Rufele läßt sich
beschwatzen und lauft sich die alten Füß krumm und treibt das Geld auf.
Als en ehrlicher Mann muß ich doch sorgen dafür, daß die Leut, die mir
geschenkt haben ihr Vertrauen, zur richtigen Zeit mit Zinsen ihr Geld
wiederkriegen. Aber komm ich mahnen, so machen se mir Grobheiten. Und
wollen se nix zahlen, und ich muß Gott behüt zu Gericht gehen, so
schreien se: Jud, Jud! Und nehmen mir's übel, daß e paar dumme Jüden
vor achtzehnhundert Jahr mitgeholfen haben, den christlichen Heiland
kreuzigen. Ich bin doch nix dabei gewesen. Und warum schimpfen se nix
auf die Italiener? Der Ponzipilatus und seine Kriegsknecht sennen doch
Italiener gewesen. Und ich sag Ihnen, Frau Purtschellerin: hätten
de Juden von damals sich denken können, was für e Geserres draus
entsteht, sie wären gescheid gewesen und hätten's gehn gelassen. Nu
ja! Das wär doch den Christen auch wieder nix recht gewesen. Nix e
so und nix e so? Is e harts Leben, Frau Purtschellerin!« Wieder fuhr
sich Rufel mit dem roten Tuch über das erregte Gesicht. Dann sagte er
ruhiger: »Grobheiten! Ja! Schauen Se mich an, meine liebe, gute Frau
Purtschellerin: wie ich da weg geh, weiß ich im voraus, daß ich wieder
en Sack voll Grobheiten einzustecken bekomm. Und warum? Weil ich nach
Recht und Pflicht e bißl mahnen muß!«

»O mein Gott! Bei wem denn?«

»Beim Herrn Dax in der Schmieden! Wieder emal!«

»Ach, Jesus! Mit dem armen Schorschl is a Kreuz!«

»Wem sagen Se das? E wahrer Jammer is mit dem Menschen! E Kerl,
gewachsen wie e Baum! Könnt sitzen in Glück und Wohlstand, wie der
Kern im süßen Pfersich! Aber nein! Da verjuckt er das schöne Geld,
laßt sich die Sonn auf'n Buckel scheinen und macht für die Bauern den
meschuggenen Fisch. Es wird e schlechts End mit ihm nehmen, fürcht ich.«

»Aber schauen S', Rufel! Jetzt is ihm der Gsell davon, wie d' Leut
sagen, jetzt tut er sich doppelt hart. Seit zwei Tag hör ich ihn
allweil fleißig hammern.« Karlin öffnete das Fenster, damit Rufel die
Hammerschläge, die von der Schmiede herüberklangen, besser hören sollte.

»Nu ja! Wenn ich en ernsten Willen bei ihm sehen möcht, so möcht ich
mit mir reden lassen. Möcht ihm noch helfen! Es is mir weiß Gott doch
selber lieber, ich krieg mein Geld mit gesetzlichen Zinsen zurück, als
daß ich den Menschen zugrund gehen seh, und daß wieder einer hinter mir
herschreit: Jud, Jud! Aber ich hab nix mehr en Glauben auf ihn. Oder es
müßt e Wunder geschehen. Aber Wunder sennen e seltene Sach. Und glauben
Se mir, Frau Purtschellerin: wenn der Leichtsinn bei de Menschen emal
durchgefressen hat durch de Haut, so kann der beste Schneider von der
Welt so e Loch nix mehr flicken. Da werden se blind, da graben se
Loch in Loch, schieben die Schuld auf alle Sachen, nur nix auf sich
selber, machen e groß Maul und schimpfen auf alle Leut, malträtieren de
Menschen, die's ehrlich mit ihnen meinen --« Rufel verstummte und sah
erschrocken auf. »Was haben Se, Frau Purtschellerin?«

Karlin hatte sich erhoben; Tränen standen ihr in den Augen.

»Meine liebe Frau Purtschellerin! Sie haben e gut Herz! Und in Gottes
Namen: wenn Se schon so viel Mitleid haben mit dem Herrn Dax -- Ihnen
zulieb tu ich's -- so will ich heut nix mehr mahnen gehen zu ihm und
will noch e Weilchen zuschauen. Aber nu lachen Se mer wieder!« Rufel
wurde unruhig, als er sah, daß sich die Erregung der jungen Frau nicht
beschwichtigen wollte. »Was haben Se, Frau Purtschellerin?«

Karlin ließ die Häkelarbeit fallen und klammerte die Hand an die
Tischkante. »Ich glaub, ich hab drunt den Toni reden hören.« Unsicher
blickte sie in Rufels Gesicht, trat scheu auf ihn zu und legte ihm die
Hand auf die Schulter. »Rufel! Ich hätt was auf'm Herzen!«

»Heraus! Mit dem Rufel können Se reden.«

»Ja, gelt? Schauen S', wir kennen uns doch seit fufzehn Jahr schon! Wie
ich noch a kleins Maderl gwesen bin, sind S' allweil auffikommen zu uns
und haben dem Vater die Lampelfell abghandelt.«

»Hab immer e guts Geschäft mit ihm gemacht. Is e braver Mann gewesen.«

»Und wissen S' noch? Wann der Handel fertig war, haben S' Ihnen allweil
auf 's Hausbankl gsetzt und haben plauscht mit mir. Schauen S', Rufel,
schon selbigsmal hab ich Zutrauen zu Ihnen ghabt. Jetzt hab ich's
wieder. Ich weiß, Sie sind an ehrlicher, gradsinniger Mensch.«

»Nu ja!« Rufel schnitt eine schmerzliche Grimasse, als hätte ihm Karlin
kein sonderliches Kompliment gesagt. »Drum hab ich doch nix und bin e
Schnorrer. Aber nu regen Se sich nix auf und sagen Se heraus, was los
is!«

Sie vermochte kaum zu sprechen. »Rufel! Ich glaub, mein Toni hat
Sorgen.« Die Tränen kollerten ihr über die Wangen.

Rufel fühlte einen heißen Tropfen auf seiner Hand und zuckte zusammen.
Karlin halb von sich schiebend, erhob er sich und sagte mit abgewandtem
Gesicht: »Machen Se mir nix solche Sachen vor, Frau Purtschellerin!
Ich kann so e junge Frau nix weinen sehen. Und will Ihnen sagen,
warum! Ich hab e Tochter gehabt, e brav Kind. Is dem Rufel seine Freud
gewesen! Und wie se gehabt hat e paar Jährche über de zwanzig, hat se
sterben müssen. Hat nix e Freud gehabt in der Welt, nix e Genuß vom
Leben. Und jung hat se sterben müssen. Mit Geduld hat se getragen die
lange, kranke Zeit. Und emal, wie ich vom Dorfgang heimkommen bin auf'n
Abend, da bin ich wieder zu ihr gegangen ans Bett, hab se bei der Hand
genommen und hab gefragt: Veigele, mein Leben, geht's dir besser e
bißl? Nix e Wörtl hat se gesagt, hat mir die Hand gedrückt, e so wie
Sie jetzt -- lassen Se aus, Frau Purtschellerin! -- und die Tröpfelche
sennen ihr übers Gesicht gelaufen, e so wie Ihnen!« Er befreite die
Hand. Mit Ärger seine Bewegung verbergend, greinte er: »Machen Se mir
nix solche Sachen vor!«

Stille war im Zimmer; nur die Wanduhr tickte, und vom Hof herauf hörte
man undeutlich die scheltende Stimme Purtschellers. Langsam fuhr sich
Rufel mit dem roten Sacktuch rings um den Hals. Bitter den welken Mund
verziehend, blickte er von der Seite zu Karlin auf. »Er braucht e Geld?«

Sie brachte kein Wort über die Lippen und schüttelte den Kopf.

Rufel hob die Schultern und seufzte. »Ich will Ihnen was sagen, liebe
Frau! Wie der große Herr Purtscheller mir angetan hat die Ehr, mich zu
bestellen in sein schönes Haus, da hat der Rufel schon mehr gewußt, als
der Herr Purtscheller ihm jetzt wird sagen wollen. Ich denk doch: er
braucht e Geld!«

»Na! Na!« stammelte Karlin, während ihr das Blut in die Stirne schoß.
»Aber Sorgen hat er. Es muß ihm die letzten Jahr net ganz so nausgangen
sein, wie er grechnet hat. Und da denk ich mir, er möcht an Rat von
Ihnen haben.«

»En Rat?« Rufel wiegte lächelnd den Kopf. »Nu, den will ich ihm geben
als en ehrlicher Mann.«

Karlin drückte ihm die Hand. »Vergelts Gott, lieber Rufel! Und ich bitt
schön, lassen Sie's Ihnen net gleich verdrießen, wann er a bißl hitzig
redt. Er is einwendig a guter Mensch. Aber so viel gache Hitzen hat er
im Blut. Bös meint er's net, bloß schreien tut er halt allweil gleich a
bißl.«

Rufel streichelte die Hand der jungen Frau. »Machen Se sich nix e Sorg,
Frau Purtschellerin! Soll er schreien! 's Anschreien is der Rufel
gewöhnt. Und nu machen Se e schöns Gesicht für ihn! Da kommt er, ich
hör ihn auf der Trepp. Lassen Se ihn nix merken, daß Se was geredt
haben mit'm Rufel! Ich schweig wie e Grab.« Er schob das rote Tuch in
die Tasche, setzte sich und nahm den Hakenstock zwischen die Knie.




                            Achtes Kapitel


Purtscheller trat in die Stube, lächelnd und in bester Laune.

Devot erhob sich Rufel und machte eine tiefe Verbeugung. »Seien Se so
gefällig anzunehmen den Ausdruck meiner Verehrung, Herr Purtscheller!«

Der Hausherr sah den Alten belustigt an. »Ihr Juden seid doch
merkwürdige Kerle! Wann sich einer bei der Nasen kratzen will, greift
er hint um den Kopf ummi, statt wie andre Leut grad ins Gsicht. An
andersmal sagen S' kurzweg Grüß Gott! Ich kann söllene Sprüch net
leiden.«

Wieder verbeugte sich Rufel. »Um es Ihnen recht zu machen, erlauben Se
gefälligst, daß ich in aller Kürz Ihnen sag: Grüß Gott!«

»Lassen Sie's gut sein! Sie lernen's net!« Lachend ging Purtscheller
hinter den Ofen, um den Samtflaus gegen eine leichte Hausjacke zu
vertauschen.

Dabei half ihm Karlin und fragte leis: »Was is denn mit'm Bräunl?«

»Ah was! Nix von Bedeutung! A bißl in Dampf is er halt kommen. 's
Frottieren und der Kognak hat ihn schon wieder zammgricht. Ganz musper
schaut er schon wieder drein. Da is mir a Stein vom Herzen.« In dieser
erleichterten Stimmung reichte Purtscheller dem Juden gnädig die Hand.
Freilich wischte er sie gleich wieder an der Hüfte ab. Die Magd brachte
die dampfende Suppenschüssel und stellte sie auf den Tisch. »Was sagen
S', Rufel! Wie bei mir alles am Schnürl geht! Kaum setzt der Herr an
Fuß in d' Stuben, so heißt's schon: Tischerl deck dich! Da kunnt sich
manche Wirtschaft a Beispiel dran nehmen.« Purtscheller klopfte seine
Frau auf die Wange. »Ja, Rufel, so a Frauerl hat net jeder.«

»Da haben Se recht, Herr Purtscheller!« Rufel zog die beiden Daumen
ein. »Gott soll Ihnen die Frau erhalten bis zu hundert Jahr!«

Karlin errötete. Wie hübsch sie aussah in dieser Freude!

Da gewahrte Purtscheller die beiden Gedecke auf dem Tisch. »Aber
Linerl! Hast schon wieder net Mittag gmacht? Und jetzt is halber viere.
Wie oft muß ich dir sagen: du sollst net warten auf mich! Es tut dir
net gut.«

»Mir schmeckt's halt net, wann du net dabei bist.«

»No ja! Sein' Mann gern haben is ja recht. Aber unvernünftig muß man
deswegen doch net sein. Und schau, jetzt kannst dich auch net hersetzen
zu mir. Ich hab mit'm Rufel wichtige Sachen z'reden, und bei Gschäften
hab ich d' Weiberleut net gern dabei.«

»Es eilt nix, Herr Purtscheller«, fiel Rufel ein, »ich kann warten, bis
die liebe, gute Frau gegessen hat.«

»Na, na, um Gotts willen«, sagte Karlin, »laß dich net stören, Toni!
Ich kann ja später essen, oder drunt in der Kuchl.« Sie ging zur
Kammertür.

»Wohin denn? Da drin kannst doch net bleiben?«

»Ich will 's Tonerl nunter tragen. 's Büberl schlaft und kunnt
aufwachen, wann a bißl laut gredt wird, und da müßt ich eh wieder eini
in d' Stuben.« Karlin trat in die Kammer und brachte auf ihren Armen
den kleinen Bursch getragen, der sich nur halb aus dem Schlaf ermuntert
hatte.

»Geh, gib ihn a bißl her!« sagte Purtscheller.

Karlin zögerte. »Er hat net ausgschlafen, und da greint er leicht.«

»Soll ich denn gar nix von meim Buben haben? Seit in der Fruh hab ich
ihn nimmer gsehen. Her damit!« Purtscheller nahm den Kleinen, kitzelte
ihn neckend am Hals, warf ihn in die Luft und fing ihn lachend wieder
auf -- ein Spiel, für das sich Tonerl mit Zetergeschrei bedankte.
»Richtig! Da heult er schon wieder, kaum daß ich ihn angreif! Karlin,
~mein~ Bub is dös net. Dös is der deinig. Da hast ihn, den
Schreihals! Trag ihn davon!«

Schweigend nahm Karlin das Kind auf ihre Arme, schmiegte das vor
Schluchzen zuckende Köpfl an ihre Brust und verließ die Stube.

»So!« sagte Purtscheller und schob sich hinter den Tisch. »Fangen wir
gleich an. In Gschäftssachen hab ich 's lange Rumreden net gern. Wer
sein Sach versteht, macht kurze Wörtln.« Er steckte die Serviette vor
die Brust und füllte seinen Teller mit Suppe. »Mögen S' mitessen,
Rufel?«

»Ich dank schön, Herr Purtscheller, ich eß nix.«

»Ah, richtig, Sö dürfen nur aus Ihre koschern Haferln schlecken!«
Purtscheller lachte. »Hören S', Rufel, so was sollt im neunzehnten
Jahrhundert doch an überwundener Standpunkt sein. Aber a Glaserl Wein?«

»Ich dank schön, Herr Purtscheller, ich trink nix.«

»So lassen Sie's bleiben!« Purtscheller leerte das Glas und begann zu
essen. »Also! Daß wir zum Gschäft kommen! Ich will Ihnen was verdienen
lassen.«

Rufel verbeugte sich, daß sein Kinn die auf dem Hakenstock ruhenden
Hände berührte. »Soll mir e Vergnügen sein, wenn e Geschäft sich machen
läßt.«

»Was der Berg da droben für Sachen aufführt, dös werden S' ja ghört
haben?«

»Hab ich gehört und gesehen! Daß Gott erbarm! Die armen Leut da droben!«

»Ja! A Jammer! Und mein schöner Wald schaut aus, daß mir 's Herz bluten
möcht. A paar hundert Stämm hat's mir schon gworfen. Und wann ich
net im Fruhjahr noch mehr verlieren will, muß man den ganzen Wald im
Winter abtreiben. Drum hab ich Ihnen kommen lassen. Wissen S' mir kein'
Holzhändler, der dös ganze Gschicht bei Butz und Stingel übernimmt und
's Geld auf'n Tisch zahlt? Sechzgtausend Mark kann einer leicht geben
für so an Prachtwald. Die schlagt er aussi ohne Müh und hat noch sein'
fetten Profit dabei. Also? Wissen S' mir net so an Kerl? Fünf Perzent
kriegen S' Provision.«

Rufel schwieg.

»No also? Reden S'!«

»Zwei Perzent bin ich gewöhnt bei en ehrlichen Vermittlungsgeschäft. Nu
wollen Se mir geben fünfe. Hätt ich dreitausend Mark von der Sach! Wär
e schöns Geld für den alten Rufel. Nur schad! Die Sach wird sich nix
machen lassen.«

Purtscheller schien nach diesem Einwand das höfliche ›Sie‹ für
überflüssig zu halten. »Du alter Narr du! Warum denn net?«

»Alt bin ich«, sagte Rufel in Ruhe, »aber nix e Narr, sondern e
vernünftiger Mensch, der Augen im Kopf hat und weiß, was e Geschäft is.«

»No also, warum soll sich denn so a Gschäft net machen lassen?«

»Weil sich nix e Holzhändler wird finden, der für e so en Wald
sechzigtausend Mark gibt.«

»Ah, was d' net sagst!« Lachend leerte Purtscheller das Glas und füllte
es wieder. »Da bin ich neugierig! Also? Wieviel meinst, daß einer geben
möcht?«

»Für e funfzehntausend trau ich mir das Geschäft zu machen.«

Purtscheller wollte aufbrausen. Da kam die Magd mit der Bratenschüssel.
Und bei der Musterung des duftenden Gerichtes verrauchte Purtschellers
Ärger. Als die Magd wieder gegangen war, sagte er lachend: »Weißt, mein
Lieber, da red ich gleich gar nimmer weiter. Wann du dös Gschäft net
machst, so macht's an andrer.«

»Gott soll Ihnen so en andern finden helfen!«

»Und net an Knopf laß ich nach. Meine sechzgtausend Mark muß ich haben.
Ich brauch s'!«

»Sechzigtausend brauchen Se?« fragte Rufel halb lächelnd und halb
erschrocken. »Hab ich doch geglaubt, Se brauchen nur achtundvierzig?«

Purtscheller wurde rot über das ganze Gesicht; doch er spielte den
Verwunderten. »Wieso?«

»Nu! Weil Se doch müssen löschen an Neujahr die Hypothek vom
Schloßbräu.«

»Ja Herrgottsakra!« Purtscheller warf Gabel und Messer vor sich hin,
daß von seinem Teller die Bratensoße über das Tischtuch spritzte. »Hat
er sein' Bubenstreich schon austrommelt in der ganzen Gegend? In Verruf
möcht er mich vielleicht auch noch bringen? Nach der Bosheit, die er
mir antan hat aus lauter Wut, weil mein Bräunl sein' Schimmel gschlagen
hat.«

»Regen Se sich nix auf, Herr Purtscheller! Und reden Se, bitt ich, nix
so laut! Ihre gute Frau da drunt und die Dienstleut brauchen nix zu
hören, was für e Dischkurs wir haben. Und betrachten Se gefälligst,
bitt ich, die Sach mit en ruhigen Aug. Der Schloßbräu hat Ihnen die
Hypothek nix gekündigt aus Bosheit. Er hat se gekündigt aus Angst, weil
er sein Geld zu verlieren fürcht.«

»Angst? Ah, da schau! Dös wär ja ~noch~ schöner!« Purtscheller
schien sich wirklich nicht mehr aufzuregen. Er setzte Gabel, Messer
und Zähne wieder in Bewegung und sagte mit Gemütsruhe: »Geh, zieh dein
Schmierkappl aus'm Sack und fahr ab! Wir zwei haben ausgredt.«

Rufel lächelte und blieb sitzen. Nach einer stummen Weile sagte er mit
seiner sanftesten Stimme: »Die Hypothek müssen Se löschen an Neujahr.
Also müssen Se das Geld auftreiben. Und wenn Se von mir gefälligst
anhören wollen e gut gemeints Wörtl, so versprech ich Ihnen, daß ich
das Geld beschaffen will.«

»Aaah! Pfeifst jetzt aus an andern Klarinettl? Weil d' merkst, daß
deine Schreckschüß net verfangen bei mir? Also! Red!«

»Sie brauchen zum Löschen, die Kosten eingerechnet, funfzigtausend
Mark. Warum also wollen Se sechzig? ~Noch~ zehne auf den Hof
laden?«

»Weil ich Verbesserungen einführen will in der Wirtschaft.«
Purtscheller schwang die Gabel mit großer Armbewegung durch die Luft.
»Mein Hof kunnt um d' Hälfte mehr tragen als die letzten Jahr!«

»Da haben Se recht.«

»Der alte Schlendrian muß aufhören.«

»Da haben Se wieder recht. Freut mich, daß Se das einsehen.«

»Wann der Bauer net den Fortschritt mitmacht, is er gliefert. Er muß
sich halt auch a bißl nach der neuen Zeit richten.«

Rufel sah den Großsprecher mit enttäuschten Augen an. »Ach so? Hab
gedacht, daß Se das schöne Wörtl vom Schlendrian anders meinen.« Er
schnitt eine schmerzliche Grimasse. »Und lassen Se mich, bitt ich, mit
der neuen Zeit in Ruh! Wirtschaften Se lieber, wie Ihr Vater, Gott soll
ihn selig haben, gewirtschaftet hat, und alles wird gut sein!«

»Mein Vater? So? Wer hat denn die Hypothek auffidruckt auf'n Hof?« Kaum
hatte Purtscheller das gesagt, als er zu merken schien, daß er mit
diesem Wort an die falsche Adresse geraten war. Er brummte was vor sich
hin und nahm ein Stück Braten aus der Schüssel. Dann hob er verlegen
die Augen. Was der stumme Blick des alten Mannes zu ihm redete, trieb
ihm das Blut ins Gesicht. »No ja!« Er stieß den Teller von sich, als
wäre ihm der Appetit vergangen. »Reden wir lieber vom Gschäft.«

»Gut! Reden wir vom Geschäft. Und lassen Se mich jetzt in Ruh e bißl
sagen, wie ich es mein'!«

»No also, reden S' halt!« Purtscheller erhob sich, grub die Hände in
die Hosentaschen, trat zu einem der Fenster und starrte verdrießlich
durch die von rotem Weinlaub umzitterten Scheiben hinaus.

»Das Geld brauchen Se! Aber denken Se dabei nix an den armen Wald
da droben! Für den kriegen Se, wie heut die Sachen stehn, keine
zwanzigtausend mehr.«

»Daß ich net lach!«

»Wer den Wald heut kaufen soll, schaut sich nur zur Hälft den Wald,
zur anderen Hälft den meschuggenen Berg an. Was heut noch steht? Wer
sagt ihm, daß es morgen noch stehen wird? Vor dem Winter, eh nix der
Boden gefroren is, kann er nix anfangen zu schlagen. Bis zum Frühjahr
kann er das ganze Holz nix herunterbringen ins Tal. Und da liegt nu
das geschlagene Holz auf dem laufenden Boden. Wo steht's geschrieben
und protokolliert, daß im Frühjahr, wenn Gott behüt de großen Wasser
kommen, der laufende Boden nix einschluckt die schönen Stämm und die
fertigen Klaftern?«

Purtscheller drehte sich vom Fenster und warf die Jacke von der Brust
zurück, als wäre ihm heiß geworden. »Jetzt hab ich's aber gnug!
Möchtest mir den Wald gern abdrucken um an Pappenstiel? Da brennen S'
Ihnen, mein verehrter Herr Jud! Ich brauch kein' Holzhandler nimmer.
Jetzt treib ich den Wald selber ab. Bloß daß ich beweisen kann, wieviel
einer aus dem Wald noch aussibringt.«

Stolpernde Schritte kamen über die Treppe herauf. In die Stube trat
ein alter Knecht, atemlos, das Gesicht mit Schweiß bedeckt. »Herr
Purtscheller!«

»Um Gotts willen, was is denn?«

»Im Wald bin ich droben gwesen. D' Frau hat mich gschickt, a bißl
nachschauen. Und schlecht schaut's aus. Schlecht, Herr! A paar Tagwerk
Holz sind ins Laufen kommen. Ich schätz auf tausend Klafter, was der
Boden im Nachrutschen zudeckt hat.«

Fahle Blässe rann über Purtschellers Gesicht. So stand er ein paar
Sekunden ratlos. Dann schoß ihm das Blut in die Stirn, und mit
aufbrausendem Zorn, als wäre der Bote an dem Unglück schuld, fuhr er
auf den Knecht los und schrie ihn an: »Du Täpp, du gottverlorener!
Wie kannst mir denn ~jetzt~ grad ins Haus fallen? Mit so einer
Nachricht!«

»Aber Herr?«

»Naus, sag ich! Mein' Fried will ich haben!« Und als der Knecht
erschrocken über die Schwelle zurückwich, packte Purtscheller die Tür
und warf sie ins Schloß. »Alles kommt über mich! Alles! Alles!« Da war
ihm nun plötzlich das Weinen näher als das Schelten. Zitternd an allen
Gliedern ging er zu einem Lehnstuhl und ließ sich in die Polster fallen.

Rufel hatte sich erhoben. Zögernd schlich er gegen den Lehnstuhl und
räusperte sich.

Purtscheller blickte auf. »Du? So? Du bist noch allweil da?«

»E harter Schlag, mein lieber Herr Purtscheller, der Sie da getroffen
hat! Aber er soll nix ändern an dem, was ich Ihnen hab sagen wollen.
Und nu erlauben Se gefälligst, daß ich Ihnen meinen Rat --«

»Ich brauch kein' Rat! Von gar keim Menschen net.« Purtscheller sprang
auf. »Und wann alles über mich kommt, der Berg, der Schloßbräu und die
ganze knoflige Judenschaft! Der Purtscheller macht an Ruck. Und grad
steht er da, daß ihm keiner net ankann!«

Rufel verlor die Ruhe nicht. »Ja, Herr Purtscheller, machen Se den
Ruck! Und lassen Se den Knofel in Fried! Knofel is en unschuldig
Gewächs. Hören Se lieber an, was ich Ihnen sagen will.« Geduldig ging
er Tritt um Tritt hinter Purtscheller her, der in kochendem Zorn
durch die Stube wanderte. »Ich verschaff Ihnen die funfzigtausend zu
ehrlichen Zinsen, damit Se löschen können die Hypothek. Und was Se
sonst noch schuldig sind, soll bezahlt werden. Aber den armen Wald da
droben wollen wir lassen in Ruh. Was an Holz schon liegt, machen wir im
Winter zu Geld und tragen e schöns Bröckl ab von der Hypothek. Was aber
droben stehenbleibt, wollen wir lassen stehen. So schneiden Se nix ins
Fleisch Ihr Kind und Ihre Kindeskinder. Die brauchen auch noch e bißl e
Holz. Und nu passen Se emal auf! Aber, bitt ich, schreien Se nix gleich
wieder e so! De Leut, von denen ich will beschaffen das Geld, verlangen
e Sicherheit, daß der Hof, solang se drauf liegen haben ihr Hypothek,
nix wird entwertet, und daß de Zinsen werden in der Ordnung bezahlt,
nix e so, wie die letzten Jahr her, wo der Herr Schloßbräu gehabt hat
en Verdruß um den andern -- verzeihen Se gefälligst!«

»No ja! A bißl Stockung kann überall eintreten!«

»E Stockung kann eintreten. Da haben Se recht. Aber so e Stockung
kann auch werden vermieden. Und nu weiß ich, Se sennen e feiner und
vornehmer Mann, Herr Purtscheller!« Rufel lächelte zufrieden, als er
die Wirkung dieses Komplimentes gewahrte. »Und so e feiner Mann kann
sich nix abgeben mit der groben Bauernarbeit und soll lassen schwitzen
de andern.«

»'s erste gscheide Wörtl, dös ich hör!« sagte Purtscheller besänftigt.

»Nu also! Und da können Se doch nix einwenden, wenn ich sag: ich will
en tüchtigen, verläßlichen Menschen besorgen, dem Se die Wirtschaft
vertrauensvoll übergeben können.«

»Was! Soll ich mich gleich gar unter Kuratel stellen lassen?«

»Hab ich e Wörtl gesagt von Kuratel? Wir machen bei en Notar en stillen
Vertrag unter uns, und ich hab das Vertrauen zu Ihnen, daß Se den
halten. Se sennen e feiner, vornehmer Mann!«

»Ja, Rufel! Mein Wort is Eisen. Da gibt's nix! Und ganz offen: an so
was hab ich selber schon denkt. Den Simmerauer-Mathes hätt ich gern
ghabt.«

»Den Mathes?« Rufel kam in sprudelnden Eifer. »Herr Purtscheller! Da
haben Se gehabt de feinste Idee, was man kann haben! Der Mathes is
e Mensch wie Gold. Den halten Se fest! Lassen Se den Mathes nimmer
aus! Der Mathes, sag ich Ihnen, wenn er gebracht hat de Wirtschaft
e bißelche in Ordnung, bringt heraus aus dem schönen Hof unsere
funfzehntausend Mark e Jahr!«

»Mehr, sag ich!«

»Sagen wir funfzehn! Is eh schon genug. Und nu denken Se emal de
schöne Rechnung: mit siebentausend Mark bezahlen wir die Zinsen und
amortisieren alle Jahr e Bröckelche vom Kapital. Da sennen Se fertig in
zehn, zwölf Jahr! Und wenn Se emal hinaufkommen in Ihren christlichen
Himmel, können Se sagen zu Ihrem guten Vater: ›Vaterleben‹, können Se
sagen, ›ich hab hinterlassen meinem Sohn en schuldenfreien Hof, wie ich
ihn hab übernommen von dir!‹ Das können Se sagen! Und dabei haben Se
gehabt das schönste Leben. Achttausend Mark e Jahr!«

Die Rührung, von welcher Purtscheller angeflogen schien, war beim Klang
dieser Ziffer verschwunden. »Mensch! Was fallt dir denn ein? Wie soll
denn ich mit achttausend Mark auskommen?«

»Mit achttausend Mark werden Se haben e Leben wie e Fürst! Und wollen
Se nu gar leben wie e Kenich, so geben Se das Geld in die Hand Ihrer
guten Frau! Die wird noch ersparen dabei.«

»So a Siemandl soll ich abgeben? Ah na, mein Lieber!«

»Herr Purtscheller! Se sennen nicht nur e feiner und e vornehmer Mann,
Se sennen auch e ~gescheider~ Mann!« Rufel haschte Purtschellers
Hand und streichelte sie. »Und nu beweisen Se das emal, daß die Leut
vor Staunen sollen Augen machen wie Wagenräder e so groß! Zeigen Se
emal: ›E so e Mann bin ich!‹ ~Machen~ Se den Ruck, den Se mer
haben versprochen als e Mann von Wort! Mit achttausend Mark können Se
leben wie e Kenich, hab ich gesagt. Und wie e Kaiser können Se leben,
wenn Se wollen e bißl abstoßen von sich de unnötigen Geldfresser. Wozu
brauchen Se zum Exempel e Jagd? Was rennen Se da umenander auf die
steilen Berg, wo man sich kann brechen Hals und Füß? Bleiben Se lieber
daheim bei Ihrer guten Frau, die Se liebhat und Ihnen machen wird e
schöns Leben. Und wozu wollen Se erschießen die unschuldigen Tier?
Lassen Se de armen Viecher ihr bißl Leben! Schießen Se lieber auf die
geduldige Scheib! Scheibenschießen is e Vergnügen, was sich paßt für so
en feinen und en vornehmen Mann!«

Purtscheller lachte.

»Nu ja, lachen Se! Lachen im Haus is e schöne, gesunde Sach. Draußen
auf der Jagd ruinieren Se sich die kostbare Gesundheit. Und so e Jagd
hat e Maul wie e Walfisch und frißt alle Tag en Haufen Geld, wie e
Pferd den Hafer.«

»Ja, Rufel, da haben S' recht! Es is mir selber schon oft z'viel
worden. Kein Tag vergeht ohne Ärger, und 's Ärgern tut mir net gut. Ja,
Rufel, da haben S' mein' Handschlag! D' Jagd gib ich auf.«

»Herr Purtscheller, Se sennen e Prachtkerl!« In Freude umklammerte
Rufel mit seinen dürren Fingern die Hand Purtschellers. »Da haben Se
gemacht en festen Ruck! En großen Ruck! Und wenn Se machen wollen noch
e ~größern~ -- schauen Se an, Herr Purtscheller, wozu brauchen Se
zu halten e Rennpferd?«

Purtscheller, der lachend nach dem Wein gegriffen hatte, stellte das
Glas wieder fort und wandte das Gesicht über die Schulter.

»Is e Sach, was Ihnen kostet e Heidengeld. Statt daß Se müssen
bezahlen, können Se verdienen. Und wenn Se gleich haben wollen e schön
Stück Geld auf die Hand, so verkaufen Se den Bräunl! Ich kann Ihnen
machen e feins Gebot. Vor acht Tag hat mir gesagt der Schloßbräu, daß
er für den Bräunl geben möcht viertausend Mark. Greifen Se zu, Herr
Purtscheller! Und Se können wie e feiner Mann bezahlen de rückständigen
Hypothekzinsen und de Feuerversicherung und de unschönen Spielschulden
beim Wirt, was sich nix passen für so en vornehmen und feinen --«
Erschrocken verstummte Rufel.

In aufflammendem Jähzorn hatte Purtscheller die Weinflasche gepackt und
schlug sie gegen die Tischkante, daß die Scherben umherflogen und der
Wein über Tisch und Diele rann. »Du Gauner, du gottverdammter! Jetzt
kenn ich mich aus!« Er lachte in seinem Zorn. »So also is dö ganze
Komödi gmeint? Du und der Schloßbräu mitanand?«

»Erlauben Se gefälligst«, stammelte Rufel, »wie können Se glauben --«

»In d' Hand möchts mich kriegen«, schrie Purtscheller, »und binden
möchts mich am ganzen Leib, daß ich mir den Bräunl müßt abdrucken
lassen um so a Schandgeld!«

»Gott der Gerechte!« Rufel wehrte mit beiden Händen. »Ich hab's ehrlich
gemeint, aber ich will nix gesagt haben! In Gottes Namen, behalten Se
das Roß!«

»Net um zehntausend Mark gib ich den Bräunl her!«

»Ja, ja, ja! Behalten Se das Roß! Fahren Se mit dem Roß spazieren bis
zu hundert Jahr! Ich bin zufrieden, wenn Se de Jagd --«

»'s Maul halt, sag ich! Gelt, jetzt fahrt dir d' Angst in d' Nasen,
weil ich so gscheid bin, daß ich hinter dein' ganzen Schwindel schau!
Naus mit dir!«

»Aber Herr Purtscheller! So hören Se doch e vernünftig Wörtl. So e
feiner und vornehmer --«

»Ja! A bißl ~gar~ z'fein für so ein' wie ~du~ einer bist!«

»Um Ihrer selbst willen und Ihrer guten Frau zulieb beschwör ich Ihnen
--«

»Naus, sag ich, oder ich vergreif mich an dir, du Saujud, du
miserabliger!«

Dunkle Röte schoß über das hagere Gesicht des Alten, und seine Stimme
zitterte. »Beleidigen Se, bitt ich, den alten Rufel nix! Ich bin nix e
Saujud. Ich bin e Jud. Ohne was dabei. Is heutigentags eh schon Unglück
genug.«

»Naus! Naus zur Tür!«

»Ich bleib, Herr Purtscheller! Und will Ihnen wiederholen in aller Güt
--«

»Daß ich mir vom Schloßbräu und dir 's Krawattl soll zuschnüren lassen,
gelt? Gehst jetzt oder net? Kerl, ich bin imstand und schieß dich
nieder auf der Stell!« Keuchend riß Purtscheller seine Büchse vom
Gewehrrechen.

Das zu sehen, ging über Rufels guten Willen. Mit einem Sprung, daß
seine Rockschöße flatterten, war er bei der Tür, mit dem nächsten
draußen im Flur. Während er die Treppe hinunterstolperte, hörte er
hinter sich einen Fluch und spürte einen Schlag auf dem Rücken.
Purtscheller hatte ihm den Hakenstock nachgeschleudert. Taumelnd hob
Rufel den Stecken auf. Als er seinen Zwerchsack unter der Treppe
hervorgerissen hatte und zur Haustür kam, trat ihm Karlin entgegen,
bleich und zitternd. »Rufel?«

»Verzeihen Se, meine liebe gute Frau!« Rufel vermochte kaum zu
sprechen. »Verzeihen Se, aber mit Ihrem Mann is nix zu reden! E Mensch,
der die Leut erschießen will, die's ihm gut meinen? Dem is nix zu
helfen. Der Rufel bedankt sich schön. Mit e Schießgewehr is nix e Spaß
zu machen.« Scheu blickte er über die Treppe hinauf. »Aber nehmen Se
noch en Rat vom Rufel! Sehen Se zu mit aller Gewalt, daß Se bekommen
das Regiment in Ihre Hand! Oder Ihr schönes Haus fangt zu laufen an,
wie da droben der meschuggene Berg, und lauft bis hinunter ins Wasser.
Ihnen zulieb, meine gute Frau, Ihnen zulieb will ich --« Da hörte er
droben im Flur die Schritte Purtschellers und sprang erschrocken zur
Haustür hinaus.

»Rufel!« stammelte Karlin und wollte ihn zurückhalten.

Ohne das Gesicht zu wenden, eilte Rufel durch den Garten. Als er von
der Steintreppe auf die Straße sprang, warf er in seiner blinden Hast
ein kleines Mädel zu Boden, das einen irdenen Topf zwischen den Händen
trug. »Nix für ungut, Kinderl!« stotterte Rufel und rannte davon.

Vor der Haustür stand Karlin und sah ihm mit nassen Augen nach. Tonerl
hatte sich an ihre Schürze gehängt. Zitternd preßte sie das Kind an
ihren Schoß. Da kam der Altknecht von den Ställen gelaufen. »Frau
Purtschellerin!«

Sie hörte kaum. »Was?«

»Ich trau mir's schier gar net sagen.«

Langsam blickte sie auf und strich die Zaushärchen hinters Ohr. »Was
bringst?«

»Mit dem Bräunl is ebbes passiert.«

»Jesus Maria!«

Im gleichen Augenblick trat Purtscheller aus der Haustür, für die Jagd
gekleidet, mit der Büchse auf dem Rücken. Er sah die beiden beisammen
stehen, verzagt und wortlos. »Was gibt's denn da?« Er bekam keine
Antwort. Und Karlin schob den Knaben hinter sich, als hätte sie Angst
für ihn. »No? Was is denn? Krieg ich bald Antwort oder net? Ich leid
keine Tuschlereien im Haus. Von meiner Frau net und noch viel weniger
von eim Dienstboten!«

Da sagte es ihm der Knecht kurz und grob. »Den Bräunl hat der Schlag
troffen. Im Stall liegt er.«

Purtscheller erbleichte und tastete mit der Hand nach einer Stütze.

»Toni! Toni!«

Er schob den Arm seiner Frau zurück. »Ah na! So was gibt's net!« lallte
er und rannte zum Wirtschaftshof. Keuchend stellte er die Büchse an die
Mauer und trat in den Stall. Da lag das schöne Tier auf dem Stroh,
regungslos, mit eingekrampften Beinen. In einem Winkel stand Zäzil
wispernd mit zwei Knechten beisammen. Purtschellers Gesicht verzerrte
sich. »Den hat mir der Jud verwunschen!« Dann schoß ihm das Wasser in
die Augen. »Bräunl! Mein Herzbinkerl!« Er warf sich auf die Knie und
versuchte den Kopf des Pferdes emporzuheben. Der Hals des Tieres war
starr, und ein grauer Schleier lag über den Augen, die am Morgen noch
feurig geblickt hatten.

In seinem hilflosen Kummer fing Purtscheller zu weinen an wie ein Kind.

Die Tür verfinsterte sich. Karlin war auf die Schwelle getreten, mit
ihrem Knaben an der Hand.

Purtscheller richtete sich auf. Das Gesicht mit den Händen bedeckend,
lehnte er sich schluchzend an den Barren.

»Mammi?« fragte Tonerl. »Tut 's Rösserl schlafen?«

»Ja, mein Herzl!« flüsterte Karlin mit versagender Stimme. Dann ging
sie zu ihrem Mann, legte ihm den Arm um die Schultern und bat: »Geh,
komm mit eini ins Haus! Dös kann ich gar net anschauen, daß dich unsere
Leut so sehen müssen. Toni! Geh, komm, laß dich einiführen ins Haus!«

Er schob sie von sich. Während ihm die Tränen über die Wangen
kollerten, deutete er auf das verendete Pferd. »So meint's der Himmel
mit ~mir~! Alles kommt über mich. Und 's Liebste muß ich
hergeben. 's Allerliebste, was ich hab!«

Sie sah ihn erschrocken an. »Toni! Tu dich net versündigen!« In
verstörter Hast hob sie den Knaben vom Boden auf und hielt ihn dem
Vater hin. »Toni!« Tränen erstickten ihre Stimme. »Geh, nimm dein
Kindl! 's Allerliebste, was d' haben kannst! Schau, Toni, wie's dich
anlacht und d' Armerln streckt! Geh, Toni, nimm dein Kind!«

»Ja, is schon recht!« Purtscheller fuhr mit der Faust über die Augen.
»Mach mir vor die Leut kei' so Komödi her!«

»Toni!«

Reizte ihn der schmerzliche Vorwurf, der aus diesem Worte klang? Oder
wurde der erst halb ausgekochte Jähzorn wieder lebendig in ihm? »In Ruh
laß mich!« schrie er. »Heut vertrag ich nix. Oder ich kunnt dir ebbes
sagen, dir, was mich reut!«

Karlin wollte schweigend den Stall verlassen; aber Tonerl streckte
zappelnd die Händchen: »Vaterl! Bitti, laß mi Rösseli reiten!«

»Ja! Schnecken! Da is ausgritten. Gut schaut's aus im Purtschellerhof!
Alles krepiert. Alles geht z'grund umanand. Aber recht gschieht mir!«
Purtscheller schlug sich mit der Faust an die Stirn. »So an Esel, der
den Bettel einiheirat ins Haus, kann sich net beschweren, wann sich der
Jammer einifrißt in alle Wänd wie der Rost ins beste Eisen. Ja, mein
Büberl, ja, bedank dich bei deiner Mutter!«

Karlin mußte den Knaben zu Boden stellen, ihre Arme waren so schwach
geworden, daß sie das Kind nicht mehr zu tragen vermochte. Mit fahlem
Gesicht stand sie an die Mauer gelehnt, als wäre eine Lebensfaser ihres
Herzens entzweigerissen.

Die beiden Knechte und Zäzil drückten sich wortlos zur Stalltür hinaus,
und Purtscheller gewahrte noch das Lächeln der Magd. »Ja, hast recht,
daß d' mich auslachst!« Es fiel ihm ein, daß er versprochen hatte, der
Magd zu kündigen. »Ah na! Gscheider, wer anderer ging! Da möcht der
Sonnschein bald wieder einkehren im Purtschellerhof.« Tief atmend, als
wäre ihm jetzt leichter geworden, trat er ins Freie und packte die
Büchse. »Heut nacht komm ich net heim, ich bleib in der Jagdhütten«,
rief er über die Schulter zurück, »endlich muß ich mich doch wieder
amal in Ruh ausschlafen können und a friedsame Stund haben.« Er nahm
die Büchse auf den Rücken und wanderte müd davon. Im Garten blickte er
unschlüssig gegen das Haus zurück. Nach dem blinden Zorn befiel ihn
eine Regung von Vernunft und Reue. Doch unwillig rückte er den Hut. »Ah
was! Sie muß doch wissen, daß ich's net so mein'!« Da hörte er von der
Straße das bitterliche Weinen eines Kindes. »O jegerl! Was is denn?«
Er stieg über die Treppe hinunter und sah neben dem Straßengraben
ein kleines Mädel stehen, in hilflosem Kummer. Vor dem Kind lagen die
Scherben eines irdenen Kruges. »Maderl? Was is denn? Hast dein Haferl
fallen lassen?«

»Der Jud«, schluchzte das Kind, »der Jud hat mich umgrennt und hat mir
's Haferl derstößen.«

»Natürlich! Wieder der Jud! Aber geh, Butzerl, da mußt net weinen!«
Purtscheller zog sein Taschentuch hervor, trocknete dem Kind die Tränen
von den Augen und schenkte ihm einen Taler. »So, Schatzerl, da hast
ebbes! Da kaufst dir a neus Haferl, und was übrigbleibt, dös legst in
dein Sparbüchserl, gelt!« Lachend gab er dem getrösteten Kind einen
Klaps und ging seiner Wege.

Als er beim Krämer vorüberkam, wollte Rufel gerade aus der Haustür
treten; erschrocken fuhr der Alte bei Purtschellers Anblick zurück und
verbarg sich hinter der Tür, bis das gefürchtete ›Schießgewehr‹ um
die Ecke verschwunden war. Dann trat er auf die Straße und schüttelte
kummervoll den Kopf. »E so e Mensch! Und de arme Frau!« Während er der
Straße folgte, klangen ihm aus der Daxenschmiede die Hammerschläge
entgegen. Sie tönten nicht hell und gleichmäßig; es war etwas Gereiztes
in der unruhigen Hast, mit der sie aufeinander folgten; nun endeten sie
mit einem dröhnenden Schlag, als hätte Schorschl seinen Ingrimm über
irgendeine böse Sache den schuldlosen Amboß entgelten lassen.

Als Rufel zur Schmiede kam, sah er, daß ein Bauer einen wackligen
Schubkarren, der noch mit mancherlei anderem, der Reparatur bedürftigem
Eisengerät beladen war, vor dem Tor der Werkstätte niedersetzte. Es war
der Bauer, dem der Leiterwagen gehört hatte. Er guckte in die leere
Werkstätte. »He! Schmied!« Nichts rührte sich, keine Antwort ließ
sich hören. Der Bauer ging zur Haustür, stieß sie auf und rief: »He!
Schorschl! Wo bist denn?« Alles blieb still. »Natürlich! Ich hab mir's
eh gleich denkt. Jetzt kann ich wieder abfahren.« Brummend schob der
Bauer seinen Karren davon.

Mit den Armen über den Zaun gelehnt, hatte Rufel diesen Vorgang
beobachtet. »Nu? Wo is er jetzt, der Herr Dax? Könnt Arbeit haben. Und
wo steckt er nu wieder?«

Da klangen aus dem Garten der Schmiede schmachtend gezogene
Trompetentöne:

  »Du, du, liegst mir im Herzen,
  Du, du, liegst mir im Sinn.«

Wie rein und schön das klang! Es paßte so recht zu diesem klaren, von
der scheidenden Sonne goldig angehauchten Herbstabend. Doch Rufel
schien für poetische Naturstimmungen und musikalische Genüsse nicht das
richtige Verständnis zu besitzen. Er schnitt eine säuerliche Grimasse.
»Trumpeten blost 'r! Und blost m'r wieder e Loch in mein' Sack! Nu
will ich ihm aber doch e Wörtche sagen!« Er trat in den Hof, kehrte
aber wieder um. »Ich hab's versprochen. Ich will heut nix mehr zu ihm
mahnen gehen.«

Mit inbrünstigem Krescendo klang es aus dem Garten der Schmiede:

  »Du, du, machst mir viel Schmerzen,
  Weißt nicht, wie gut ich dir bin!
  Jaaa, jaaa, aaah,
  We-we-we-weweißt nicht, wie gut ich dir bin!
  Tütüüüh!«

Die Sehnsuchtsklage des Einsamen schloß mit einem so schmetternden
hohen +C+, daß von den Bergen das Echo viermal zurücktönte:
tütüüüh -- zuletzt noch einmal ganz leise, wie aus meilenweiter Ferne:
didiiih! Und dieser letzte Klang kam über die Simmerau herunter.

Schorschl, der hinter dem Haus zu Füßen eines Apfelbaumes saß, hatte
die Trompete in den Schoß gelegt und blickte melancholisch vor sich hin.

Bei seinem Brüten und Sinnen griff er nach einem der überreifen Äpfel,
die vom Baum gefallen waren. Während er Stück um Stück von dem Apfel
abbiß, suchte er grübelnd nach einem Ausweg aus seiner ›Schlemastik‹.

Er hatte Angst. Bei den Sorgen, die ihn drückten, bei dem vergeblichen
Warten auf Arbeit drohte der alte ungeduldige Schorschl in ihm die
Oberhand zu gewinnen. Die ›Lüftigkeit‹ zuckte ihm in allen Gliedern,
zog ihn vom Amboß fort, hinüber ins Wirtshaus, hinunter zum Bach,
hinauf in die bucklige Gegend der Simmerau. Er sah es deutlich ein,
daß er diesem prickelnden Zug auf die Dauer nicht widerstehen könnte.
Ja, er wollte ein ordentlicher Kerl werden, ganz ehrlich wollte er
das. Aber er merkte, daß er das ›Bravsein‹ aus sich allein nicht
fertigbrächte. Er brauchte die Hilfe der andern. Die wollten nicht
kommen, wollten ihm die Hand nicht reichen. »Hol s' der Teufel alle
mitanand, dö mißtrauischen Geizkrägen!«

Wenn nur wenigstens ~eine~ ihm die stützende Hand reichen möchte!
Wenn ~die~ an ihn glauben könnte! Wenn ~die~ zu ihm sagen
möchte: »Ich bin net wie die andern, ich hab Vertrauen, ich möcht's
riskieren! Aber dös siehst doch ein, ich kann kein' Lumpen heiraten,
der bis über d' Ohrwascheln in Schulden steckt! Ich bin doch an
ordentlichs Madl!«

»Ja, Vroni, da fehlt sich nix!« würde ~er~ dann sagen. »A brävers
Madl wie du gibt's in der ganzen Welt nimmer!«

»No also, schau«, müßte dann die Vroni wieder sagen, »da mußt dich halt
danach aufführen! Fest antauchen mußt! Mit dem richtigen Willen laßt
sich alles machen in der Welt. Hast ja gsunde Fäust, und 's gscheide
Köpfl fehlt dir auch net. Und hab ich mich überzeugt, daß d' an andrer
worden bist, so frag halt an bei mir! Und unter der Zeit därfst dich
schon diemal an meim Fensterl anschauen lassen, daß ich dir a bißl Mut
zusprich. So, und jetzt geh, Schorschl, pack's an!«

Ja! Wenn die da droben so zu ihm sprechen möchte, wäre ihm gleich
geholfen. Dann wüßte er doch, ~wofür~ er sich schinden und
gedulden sollte! Und dann hätte er auch das Recht, für die harte Zeit
sich eine Wegstärkung mitzunehmen, und würde seinem Schätzl ›eins
auffidrucken aufs Göscherl, a ~ghörigs~ Bussel‹, eines, das ausgab
für ein halbes Jahr! »Herrgott sakra, ich spring auffi und probier's!«

Lachend setzte er die Trompete an den Mund und blies mit schmetternden
Klängen:

  »Maderl, Maderl, laß dich fragen,
  Tut für mich dein Herzerl schlagen?
  Geh, mußt net so heimlich sein,
  Maderl, Maderl, gsteh mir's ein!«

Wieder schloß er mit einem hohen +C+, spähte gegen die Simmerau
hinauf und lauschte dem Echo. Von neugestärkter Hoffnung erfüllt,
kehrte er in die Werkstätte zurück und schmiedete mit lustigem Eifer
noch ein paar überflüssige Hufeisen, bis der Abend sank. Mit einer
Sorgfalt, wie er sie seit Jahren nicht geübt hatte, räumte er die
Werkstätte auf, schloß das Tor und versperrte die Haustür. Die Trompete
unter der Joppe, wanderte er durch die Dämmerung bergan und pfiff in
hoffnungsreichem Seelenvergnügen eine heitere Weise vor sich hin.

Der Wind hatte umgeschlagen. Wohl funkelten in der Höhe des Himmels
freundliche Sterne aus dem tiefen Blau, und die Bergspitzen waren
angehaucht vom Silberglanz des steigenden Mondes; doch eine schwarze
Wolkenschicht hob sich hinter den Felswänden empor und verschlang einen
leuchtenden Stern um den andern.




                            Neuntes Kapitel


In der Simmerau waren die Eisenschlaudern an die zersprungene Mauer
gesetzt, die Wandnarben waren mit Zement überstrichen, und noch in der
Dämmerung hatte Mathes die ganze Rückseite des Hauses frisch geweißt,
damit der Vater am Morgen wieder eine tadellose Mauer sehen möchte.

Vor dem Schlafengehen blieben sie noch eine Weile unter der Haustür
stehen und lauschten dem Trost, den ihnen der kalte Wind in die Ohren
pfiff. »Vater!« sagte Mathes, »schau nur, wie hinterm Nebel die
schweren Wolken nachrucken! Dö tragen Schnee. Paß auf! Dö bringen über
zwei, drei Tag den richtigen Winter. Und d' Ruh für uns.«

»D' Ruh für uns!« Michel, die dürren Hände faltend, sah zum Himmel
hinauf. Als fiele ihm ein besseres Gebet nicht ein, wiederholte er ein
paarmal: »D' Ruh für uns! D' Ruh für uns!« Er bekreuzte Gesicht und
Brust. »Heut schlaf ich a bißl besser!«

Sie traten in den Flur. Hier, in dem dunklen Raum, in dem sich der
Ausdruck eines Gesichtes nimmer unterscheiden ließ, fragte Mathes
unvermittelt: »Du? Vater? Hast amal ebbes reden hören, als ob der
Purtscheller a Gschäft mit'm Juden hätt?«

»Warum fragst?«

»Weil ich den Rufel vor'm Purtschellerhof auf der Hausbank hab sitzen
sehen.«

»Den Rufel? Ah na! Da hat's kei' Gfahr net. Der Rufel laßt sich auf
schieche Sachen net ein. An Holzhandel, mein' ich, gilt's halt. Drüben
im Wald is viel Holz gfallen. Dös möcht halt der Herr Purtscheller gern
verkaufen, denk ich mir. Aber anbringen wird er's hart.«

Mathes trat in die Stube, ohne ein Wort zu erwidern. Dann war's in dem
kleinen Hause still.

Nur Vroni war noch auf und geisterte beim flackernden Schein eines
Talglichts in ihrer Kammer. Zuweilen fuhr ein kalter Windstoß durch das
offene Fenster und machte die kleine Flamme zucken. Mauerbrocken waren
auf den Dielen zerstreut, neben einer Mörtelkufe lagen Spitzhammer
und Kelle, und an der Wand sah man noch die offenen Löcher, in
welche die Schraubenmuttern der eisernen Schlaudern versenkt waren.
Der Tag hatte nicht mehr ausgereicht, um auch auf der Innenseite der
Mauer den Schaden völlig auszubessern und die kleine Kammer wieder
in wohnliche Ordnung zu bringen. Deshalb sollte Vroni drüben in der
Stube schlafen. Um Auszug zu halten, wickelte sie eine Lodendecke
mit dem Unterbett und einem Kissen zu einem Pack zusammen und nahm
ein Leintuch aus dem blaugestrichenen Schrank, dessen Türen mit zwei
flammenden Herzen bemalt waren. Lang betrachtete sie die beiden roten
Dinger, als gäbe ihr dieses brennende Herzenpaar zu denken. Eine harte
Furche war zwischen Vronis Brauen gesenkt. Schließlich hob sie gar
die Hand und strich über die Bretter, als wollte sie versuchen, ob
die ärgerliche Malerei sich nicht fortwischen ließe. Das war gute,
dauerhafte Farbe. In den fünfunddreißig Jahren, seit dieser Kasten neu
und frisch lackiert auf Mutter Katherls Hochzeitswagen seinen Einzug in
der Simmerau gehalten hatte, waren die zwei roten Herzen kaum merklich
abgeblaßt. »So was Dumms! Söllene Sachen auf an Kasten malen!« Ein
leises Klatschen machte sie aufblicken. Vom Garten herein war eine
weiße Katze auf das Fensterbrett gesprungen. »So, Miezerl? Kommst heim?«

Leis miauend sprang die Katze auf die Dielen nieder, trippelte näher
und ließ sich in Behaglichkeit den Rücken krauen; dann sprang sie auf
das Bett, machte sich's bequem und begann die Pfoten zu lecken.

Wenn sich die Katze putzt, kommt Besuch. An dieses Sprichwort dachte
Vroni, schien aber von seiner Weisheit nicht sonderlich erbaut zu sein.
»Ich dank schön! Dös ging mir grad noch ab!« murrte sie. »Ja, Miez,
tu mein Stüberl hüten!« Sie drückte am Fenster die Scheiben zu, nahm
seufzend das Bettzeug auf den Rücken und verließ mit dem Licht die
Kammer. In der Wohnstube machte sie auf den Dielen ihr Lager zurecht,
blies das Licht aus und legte sich in den Kleidern zur Ruhe; nur das
Mieder nestelte sie auf. »Gut Nacht, Mathes!«

»Gut Nacht!« klang von der Ofenbank die Stimme des Bruders. Eine Weile
war Stille in dem finsteren Raum; dann sagte Mathes leise: »Du!«

»Was?«

»Heut hat er mir gfallen.«

»Wer?«

»Der Schorschl.«

»So?« Vroni bearbeitete mit der Faust das widerspenstige Kissen. »Laß
mich lieber schlafen! Um so ein', wie ~der~ is, spar ich mir den
Schlaf net ab. Warum sagst es denn ~mir~ grad?«

»No, weil neulich gmeint hast: um den is schad!«

Vroni schwieg und wickelte sich fester in die Decke.

»Ja! Gfallen hat er mir!« wiederholte Mathes nach kurzem Schweigen.
»Gschanzt hat er wie a Roß. Wann er ernstlich mögen tät, der Schorschl,
kunnt er sich bald wieder in d' Höh rappeln. D' Schmiederei versteht
er wie net leicht einer. Gut macht er sei' Sach. Und billig. Fünf Mark
hat er verlangt für d' Schlaudern. Jeder andre hätt acht oder zehn Mark
begehrt.«

»Natürlich!« fiel Vroni mit gereizter Stimme ein. »Wann der net 's Geld
aussischmeißen kann, is ihm net wohl.«

»Aber geh! Wirst es ihm doch net fürwerfen, daß er's für ~uns~ so
billig macht.«

»Wir brauchen nix gschenkt. Von ~dem~! Hast ihn doch gleich zahlt?«

»Na. Ich hab kein Geld net bei mir ghabt.«

»Was!« Vroni richtete sich auf. »Schuldig bist blieben? Bei dem? No,
wart! Gleich morgen zahl ich die fünf Mark, gleich morgen, wann ich abi
komm, 's Brot holen. Gleich morgen! Gleich morgen!«

»So geh! Dem Schorschl pressiert's doch net.«

»Aber mir!«

Da wurde die Kammertür geöffnet und Mutter Katherls flüsternde Stimme
ließ sich hören: »Kinder, seids doch a bißl stad! Der Vater hat so an
guten Schlaf gfunden. Tuts ihn net aufwecken!« Lautlos schloß sich die
Tür wieder.

In der Stube war's eine Weile still; dann schalt Vroni mit kaum
vernehmbarem Gelispel: »Da hast es jetzt! Daß den Vater noch um
sein' guten Schlaf bringst! Mit dem da drunt!« Es pumperte auf dem
Stubenboden. So unwillig hatte Vroni sich auf die Seite geworfen.

Ein paar schweigsame Minuten vergingen; dann zischelte Mathes: »Vroni!«
Keine Antwort kam. Aber Mathes ~mußte~ ihr das noch sagen: »Heut
hab ich 's Linerl gsehen.«

»Dös hätt dir dein Schutzengel sparen können!«

Nun lagen sie stumm, jedes mit seiner nagenden Qual im Herzen. Aber die
schwere Arbeit des Tages hatte sie zu müd gemacht, als daß sich der
Schlummer von ihren Augen hätte verscheuchen lassen.

Draußen fuhr der kalte Nachtwind mit eintönigem Rascheln durch das
welke Laub der Apfelbäume und über die Mauern. Tiefe Finsternis war
um das kleine Haus. In so dichter Menge deckten die Wolken schon den
Himmel, daß der Mond mit keinem Zwielichtschein die schwere Fülle des
Gewölks durchdringen konnte.

In der schwermütigen, nur vom Wehen des Windes unterbrochenen
Nachtstille ließ sich ein Geräusch vernehmen: das Kollern eines
Steines. Dann bei der Böschung ein Rutschen, ein Knacken von Ästen und
ein Geklapper, als wäre Blech auf Holz gefallen.

»Sakra! Die Trompeten!« Ein schwarzer Klumpen, der tastende Arme zu
haben schien, bewegte sich auf der Erde hin und her. »Ah, da liegt s'
ja!« Jetzt wieder Stille. Nach einer Weile konnte man schleichende
Tritte hören. Ein dicker, schwarzer Strich, der drei graue Flecke (ein
Gesicht und zwei Hände) an sich hatte, bewegte sich von einem Baumstamm
zum andern, scharf in der Richtung gegen ein kleines Kammerfenster. Es
war eine Arbeit: in solchem Dunkel das Fenster lautlos zu erreichen.
Schorschl atmete erleichtert auf, als er bei der Mauer stand. Er schien
die Absicht zu haben, hier längere Zeit zu rasten, richtete sich
häuslich ein, trug eine Holzkufe, an die er mit den Knien angerumpelt
war, dicht neben das Fenster, stülpte sie um, ließ sich bequem darauf
nieder und legte die Trompete hinter sich. Mit dem Rücken an die Wand
gelehnt, im Schoß die Daumen drehend, wartete er, um der Ruhe im Hause
völlig sicher zu sein. Endlich nahm er sich das Herz und klopfte ans
Fenster, ganz leise. In der Kammer rührte sich nichts. Er klopfte
wieder, ein drittes und viertes Mal. »Herrgott! Hat dö an Schlaf!«

Wieder, wie damals bei jenem ersten Besuch, wollte Schorschl
das Fenster ein wenig aus dem Rahmen drücken, um durch die Fuge
hineinzuflüstern. »Vronerl? Hörst mich net?« Nein, sie hörte nicht. Er
drückte fester. Da gab der Fensterflügel nach und legte sich klirrend
einwärts gegen die Mauer. Im ersten Augenblick erschrak Schorschl.
Dann kicherte seine vergnügte Seele: »Jetzt muß sie's aber doch ghört
haben!« Er lauschte. Richtig! Aus der Tiefe der Kammer hörte er ein
mattes, unbestimmbares Geräusch. Sehen konnte er nichts. Das Innere
des Stübchens lag wie eine schwarze Grube vor ihm. Aber er wußte: dort
hinten in der Ecke stand das Bett. Genau aus dieser Richtung ließ das
Geräusch sich vernehmen. Ein bißchen wunderlich war es anzuhören, fast
komisch: als hätte das Mädel einen Leintuchzipfel in der Hand und
klopfte damit gleichmäßig und sacht auf das Kissen.

»Vronerl!« flüsterte Schorschl mit seiner zärtlichsten Stimme. »Geh,
komm a bißl her ans Fenster! Ich muß dir ebbes sagen. Mein Herz, mein
Glück und mein Leben hängt dran. Schau, ich will nix Unrechts net
haben! Bloß a guts Wörtl sollst mir sagen, dös mir zum Bravsein den
richtigen Mut macht. Geh, Vronerl, komm her!«

Vronerl kam nicht. Wohl schwieg jetzt das merkwürdige Klopfen. Dafür
schien die stumme Widerspenstige auf einen anderen Zeitvertreib geraten
zu sein: sie zupfte mit den Nägeln am Leintuch.

»Vronerl! Schau, sei gscheid! Komm her a bißl!«

Vroni mußte das Gesicht in die Polster gedrückt haben, um ihr Kichern
zu ersticken. So vermutete Schorschl. Anders konnte er sich dieses
neue, sonderbare Geräusch nicht deuten: es hatte eine entfernte
Ähnlichkeit mit jenem Kudern, das ein Hündchen oder ein anderes Tier
verursacht, wenn es sein Fell schüttelt.

»Aber Vroni! Geh! Auslachen mußt mich net! Schau, mir is blutig ernst!«
Seine Stimme zitterte. »Gwiß wahr, Vronerl, dein Wörtl von selbigsmal:
›Du bist a Lump!‹, dös hat mich packt, wie der Teufel die arme Seel!«

Er war im Zug und redete weiter mit sprudelndem Geflüster. Alle
Gedanken der letzten Tage schilderte er mit offenherziger Wahrheit;
beichtete seine Schulden, aber auch seine guten und ehrlichen Vorsätze;
in zärtlichem Gestammel bekannte er der schweigsam Lauschenden, wie es
in ihm aufgedämmert wäre, daß er sie liebhätte. »Schau, Vronerl, ich
weiß, daß ich dich heut noch net wert bin! Und ehrlich, 's Bravsein
wird mir hart. Aber ~du~ kunntst mein Schutzengel sein. Wann
~du~ mir a bißl Hoffnung geben tätst, dös kunnt an andern aus mir
machen! An ~ganz~ andern! Und kein' Schlechten net! Schau, tu mich
a bißl aufrichten! Geh, Vronerl, gib mir d' Hand!«

Schorschl lauschte. Aus der finsteren Kammer ließ sich kein Laut
vernehmen. Glühend stieg ihm das Blut zu Kopf. »Vroni! Wann d'
~jetzt~ kein Wörtl net findst, nacher rührt sich nix in dir für'n
Schorschl!« Da hörte er jenes merkwürdige Klopfen wieder. »Du! Mach
dich net lustig über mich!« Er dämpfte die lautgewordene Stimme. »Geh,
Vronerl, komm her!« Seine Stimme hob sich wieder. »Wann net herkommst
auf der Stell, meiner Seel, so spring ich eini!« Er machte auch gleich
den Versuch, diese Drohung auszuführen, stieß aber mit der Stirne recht
unsanft an eine Eisenstange des Gitters. Zur Mehrung seines Ingrimmes
mußte er sich auch noch erinnern, daß er selbst vor einigen Jahren
dieses verwünschte Fenstergitter geschmiedet hatte. »Natürlich! Dös hat
man von der guten Arbeit!« Er faßte die Stange und rüttelte. »Vroni!
Spiel dich net z'lang mit mir! Oder ich geh! Und mit'm Schorschl is aus
und gar! Und ~du~ hast ihn auf'm Gwissen!«

Keine Antwort.

»Recht so! Is schon gut!« Schorschl tappte nach seiner Trompete. »Mich
siehst nimmer im Leben! Pfüet dich Gott!« Da hielt es ihn wieder fest.
Er meinte in der Kammer einen leisen Klapp gehört zu haben, als wäre
jemand mit nackten Füßen auf die Dielen gesprungen. »Sie kommt!« Und
weil er im gleichen Augenblick hinter dem zweiten, noch geschlossenen
Fensterflügel etwas Weißgraues über dem Fensterbrett erscheinen sah,
sprang er flink zur Mauer zurück, »Vronerl!« jauchzte er in erstickter
Freude. Hurtig griff seine Hand in das Fenster, um zu haschen, was er
für den weißen Ellbogen des Mädels hielt.

»Himmel sakra!«

Mit diesem erschrockenen Ausruf, der ihm zugleich als Schmerzensschrei
diente, zog er die übel zugerichtete Hand wieder zurück. Eine Weile
stand er sprachlos, bis es in Zorn aus ihm herausbrach: »Nobel! Dös
muß ich sagen! Da schau her!« Er streckte die zerkratzte Hand gegen
das Fenster. »'s Blut lauft mir über d' Finger. Wie du, so kratzt net
einmal die wildeste Holzkatz.«

»Miaaau!« klang es aus der Tiefe der finsteren Kammer.

Dieser Spott war mehr, als Schorschl ertragen konnte. »Pfüet dich
Gott, du! Morgen kannst mich suchen lassen im tiefsten Graben!« Jetzt
brauchte er kein Geräusch mehr zu scheuen. Mit plumpsenden Schritten
stolperte er über den Hof gegen die Böschung. Als er droben auf der
Wiese stand, blickte er zurück nach dem stillen Haus und lachte wütend
vor sich hin. »Ins Wasser springen? Wegen ~so~ einer! Ah na! Jetzt
bleib ich erst recht am Leben! Grad mit Fleiß! Und so was von lumpen,
wie ich ~jetzt~ anfang, so was hat's noch nie net geben! Und
anschauen soll sie's müssen! Und soll sich sagen müssen alle Tag: ›Den
hab ich auf'm Gwissen!‹« Damit sie auch gleich wüßte, welch einen edlen
Vorsatz er in seinem Rachedurst gefaßt hätte, setzte er die Trompete
an den Mund und blies in die schwarze Nacht hinaus:

  »O du lieber Augustin,
  's Geld is hin,
  Alls is hin!
  Hätt ich nur 's Mensch beim Kragen,
  Wollt ich noch gar nichts sagen --«

Mit einem grellen Mißton brach die Weise ab.

»Was? So an Wunsch sollt ich noch haben? Ah na! Da muß ich ihr schon
was anders blasen!«

Wieder setzte er die Trompete an. Schmetternd klang es durch die
Finsternis:

  »Der Graf von Luxemburg
  Hat all sein Geld verjuckt juckt juckt,
  Der Graf von Luxemburg
  Hat all sein Geld verjuckt!
  Hat hunderttausend Ta-aler
  In einer Nacht verjuckt juckt juckt,
  Der Graf von Luxemburg
  Hat all sein Geld verjuckt!
    Tütüüüh!«

Das war das schönste hohe +C+, welches Schorschl noch je geblasen
hatte. »So! Und jetzt kann meintwegen alles hin sein!« Mit grimmigem
Schwung schleuderte er die Trompete in die Nacht hinaus. Sie flog so
weit, daß er sie gar nicht fallen hörte. Aber etwas anderes vernahm
er: das Klirren eines Fensters und Mutter Katherls erregte Stimme: »So
was is aber doch a bißl gar z'arg! Müde Leut aus der Ruh aufschrecken!
Du Tagdieb, du gottsträflicher!«

»Tagdieb? Was, Tagdieb!« schrie Schorschl mit zornigem Lachen zurück.
»Es is ja net Tag, es is ja Nacht! Und dein Katzerl kann dir von eim
andern gstohlen werden! Vor ~mir~ hat's Ruh!« Die Fäuste in die
Hosentaschen bohrend, stürmte er über die Wiesen hinauf, ohne sich
weiter um die zweifelhaften Schmeicheleien zu kümmern, welche Mutter
Katherl und der aus seinem Schlummer aufgestörte Simmerauer hinter ihm
herriefen.

Wohin er wollte, wußte er selber nicht; er stolperte immer bergauf,
bis er kopfüber in eine Erdschrunde des laufenden Berges purzelte.
Das brachte ihn zu klarer Besinnung, und nach dem verrauchten Zorn
befiel ihn eine namenlose Traurigkeit. Dazu schmerzten ihn alle
Glieder von dem harten Fall. Mühsam schleppte er sich weiter bis
zum Purtschellerwald. Hier wußte er eine Holzerhütte. Bei solcher
Finsternis war sie schwer zu finden. Es setzte Püffe und Beulen an
Ellbogen und Knien, bis er endlich unter dem niederen Rindendach
geborgen war. Seufzend streckte er sich auf die harte Holzpritsche
nieder und verschlang die Hände unter dem Nacken. Alle paar Minuten
hörte er ein dumpfes Krachen im Wald. Dabei hatte er den christlichen
Gedanken: »Wenn nur der Berg heut nacht den ganzen Wald einschlucken
möcht! Und mich als Pfefferkörndl auf'm Butterbrot!«

Ein paar Stunden lag er so. Dann schlief er ein, hungrig und fröstelnd.
Als er erwachte, war es heller Tag. Draußen vor der Hütte hörte
Schorschl im Erwachen ein dumpfes Dröhnen, als wäre eine Fichte
gefallen. Von der Kälte wie gelähmt, lag er auf der harten Pritsche.
Mühsam rappelte er sich auf und brauchte lang, bis er seiner starren
Glieder Herr wurde. Ziellos stieg er bergan. Was er wollte, war ihm
unklar. Nur den Tag totschlagen, alles, nur nicht arbeiten! Aber da
machte er eine sonderbare Erfahrung. Gestern hatte ihn die ›Lüftigkeit‹
gekitzelt, jetzt quälte ihn eine ihm völlig neue Sehnsucht nach der
Arbeit. Aber um keinen Preis der Welt hätte er dieser Sehnsucht
nachgegeben. Wie ›die da drunten‹ lachen würde, wenn sie aus der
Schmiede herauf die Hammerschläge vernähme! Nein! Ein Lump sein, ein
ärgerer noch als jemals im Leben! Um Frühstück zu halten, setzte
er sich in die Heidelbeerbüsche und speiste so reichlich von den
überreifen Beeren, daß er Bauchweh und ein schwarzes Maul bekam. Dabei
studierte er, welche Streiche er ausführen wollte, um das Dorf in Alarm
zu bringen. Es fielen ihm Narreteien ein, so ausgesucht verrückt, daß
er selber lachen mußte. Das klang aber nicht sehr fröhlich. Als er
weiter bergan stieg, begann er mit kreischender Stimme zu singen,
konnte sich aber doch nicht in die richtige Lumpenlaune hineinjodeln.
Die Schuld trug nur der abscheuliche Tag. Echter Galgenhumor pflegt
sich nur einzustellen, wenn die Sonne scheint. Die spielte heut
Verstecken mit dem Daxen-Schorschl. Alles war kalt und grau. Um sich
heiß zu machen, kletterte Schorschl über eine Felswand hinauf und
suchte den gefährlichsten Niederstieg. Endlich fiel ihm ein, daß
Samstag wäre. Da gab's auf den Abend lustige Gesellschaft im Wirtshaus
drunten! »Sakra! Da will ich aufhauen, daß der Tisch kracht!« Mit
langen Sprüngen ging's über Stock und Stein, bis hinunter zur Simmerau.

Oberhalb der Böschung duckte er sich hinter das Heckengestrüpp. Er
wollte freilich mit ›der da drunten‹ sein Leben lang nichts mehr zu
schaffen haben. Aber wenn er mit ihren Eltern Mitleid hatte, das
war was anderes! Erleichtert atmete er auf, als er die Mauern in
bester Ordnung fand. Dabei hörte er das Schwatzen der zwei Alten, die
unter der Böschung standen und die neu eingerammten Balken mit Ruten
durchflochten. Ein merkwürdiger Zufall: die beiden sprachen just vom
Schorschl, und sie redeten nicht viel Gutes über den Daxenschmied. Eben
erklärte Mutter Katherl: »Hast recht! So ein' gibt's nimmer in der
ganzen Gegend! So an narrischen Lüftikus, wie der einer is!«

»Ja, ja!« nickte Michel. »Aber seine verruckten Streich soll er
machen, wo er will, nur net bei mir. Dem will ich a Wörtl sagen. Dem!«

»So?« rief Schorschl über die Böschung hinunter. »Sag mir's halt! Da
hast mich gleich!«

Mutter Katherl stieß ihren Mann, um ihn zu besonnener Ruhe zu mahnen,
mit dem Ellbogen in die Seite. Michel schien eines Appells zum Frieden
nicht zu bedürfen; ›der da droben‹ war Luft für ihn.

Der Daxenschmied spähte über Hof und Garten. Von Vroni war nichts zu
sehen, nichts zu hören. Und da konnte Schorschl die spöttische Frage
nicht verschlucken: »No? Wo is denn enker liebs Katzerl?«

Die weiße Katze lag schnurrend auf der Hausbank und schien der Meinung
zu sein, daß diese Frage nicht an ihre Adresse gerichtet war. Die
gleiche Ansicht teilte der alte Michel. »Sei froh, daß d' Vroni net
daheim is! Da kunntst ebbes hören! Du!«

Als der Daxen-Schorschl vernahm, daß Vroni nicht daheim war, schien er
sich seiner Absicht, möglichst flink im Wirtshaus einzutreffen, wieder
zu erinnern. Wortlos trollte er am Rand der Böschung hin und kam in
immer rascheren Lauf. Solch ein abschüssiger Weg zieht in den Füßen.

Den nächtlichen Ruhestörer ganz ohne Verweis zu entlassen, das schien
sich mit Michels Groll nicht zu vertragen. »Gelt, du! Wann d' wieder
amal die müden Leut aufschrecken willst aus'm Schlaf, so blas a paar
~feinere~ Liedln! Schelmenstückln is man net gwöhnt bei uns da
heroben.«

»Ja, is recht!« rief Schorschl über die Schulter. »'s nächste Mal blas
ich: Üb immer Treu und Redlichkeit, bis an dein kühles Grab!« Er hopste
über die von Erdrissen durchklüfteten Bühel hinunter. Dazu sang er mit
hoher Stimme:

  »Und 's Lumpen is lustig,
  Und 's Lumpen is schön,
  Und a Lump, der laßt d' Welt
  Schön kugelrund gehn!

  Und d' Weltkugel draht sich
  Im Tag amal um,
  So a schläfriger Schneckentrab
  Wär mir schon z'dumm!

  A richtiger Loder,
  Kreuzteufel juheh,
  Der draht im Tag 's Unterste
  Zwanzgmal in d' Höh!«

So sang er ein Schnaderhüpfl ums andere, bis er das Dorf erreicht
hatte. In der Nähe des Marktplatzes begegnete er einem Trupp Burschen,
die Feierabend gemacht hatten und in breiter, fast die ganze Straße
füllender Marschlinie ihre qualmenden Pfeifen spazieren trugen. Wart,
da laßt sich gleich a bißl ebbes machen! dachte Schorschl, stellte
sich in rauflustige Positur und ließ die Burschen herankommen. »Weg
frei!«

»Ja ja ja!« sagte einer der Burschen gutmütig, während die andern
lachten. Und die Linie teilte sich.

»Weiter ausanand!« schrie Schorschl. »Dös Gaßl is mir z'klein. Ich
brauch a größers.«

»Aber Schorschl? Was hast denn?« fragte einer der Burschen. Ein anderer
sagte: »No schau, hast doch Platz, bist ja kein Leiterwagen!« Und ein
dritter rief: »Der Schorschl is narrisch worden und bildt sich ein, er
is die Bäckenmahm!«

»Bäckenmahm? Was? Bäckenmahm?« Das Gesicht des Daxenschmiedes strahlte
vor Vergnügen. Jetzt hatte er einen, den er packen konnte. »Wart,
dir will ich's austreiben, daß d' mir die Bäckenmahm beleidigst!« Er
stülpte die Ärmel auf. »Komm her, du --« Schorschl verstummte, hatte
plötzlich alles um sich her vergessen und starrte auf die Tür des
Krämerhauses.

Lachend gingen die Burschen davon. Nur der Angerempelte blieb noch
stehen, um nicht als Ausreißer zu erscheinen. Einer seiner Kameraden
zog ihn am Arm mit sich fort: »Geh, laß gut sein! Dem Schorschl muß
ebbes übers Leberl glaufen sein.«

Der Daxenschmied schien nicht zu merken, daß er allein blieb. Seine
funkelnden Augen hingen an Vroni, die aus dem Krämerhaus getreten
war. Sie trug auf den Armen drei große Brotlaibe, die ihr bis ans
Kinn reichten und in die blaue Schürze gewickelt waren. Als sie den
Daxen-Schorschl gewahrte, bog sie auf den Fußweg ein, der von der
Straße durch einen mit rinnendem Wasser angefüllten Graben und eine
Pappelreihe getrennt war.

Schorschl lachte. Er sprang über den Graben, blieb auf dem Fußweg
stehen, legte die Hände hinter den Rücken und wartete.

Vroni tat, als hätte sie dieses Manöver nicht bemerkt. Erst als sie
dicht vor Schorschl stand und nicht mehr weiter konnte, blickte sie
auf. »Grüß Gott!« sagte sie kalt. Das klang von oben herab, obwohl sie
um einen halben Kopf kleiner war als der Daxenschmied. »Gut, daß d' mir
grad in Weg laufst!«

Schorschl schwieg und schaukelte sich auf den Fersen.

»Ich hätt dich heut schon in deiner Schmieden aufsuchen sollen«, sagte
Vroni, »aber ich hab mir gleich denkt, daß man ~dich~ net daheim
bei der Arbeit trifft.«

Schorschl machte eine tiefe Verbeugung.

»Drum hab ich dir die fünf Mark, die mein Bruder hat schuldig bleiben
müssen, zur Kramerin einiglegt.« Es zuckte spöttisch um ihren Mund.
»Ich hab mich schon bsonnen, ob ich dir net zehn Pfennig dazulegen
soll. Hast ja heut nacht bei uns droben Musi gmacht und hast aufs
Absammeln vergessen.«

Dieses Wort trieb dem Daxen-Schorschl das Blut ins Gesicht; aber er
schwieg noch immer.

Vroni wurde ungeduldig. »Jetzt geh aus'm Weg! ~Dir~ liegt net viel
an der Zeit. Aber mir!«

Schorschl rührte sich nicht vom Fleck; nur die Sprache fand er.
»Vergelts Gott, Katzerl!« Er hob die zerkratzte Hand bis dicht vor
Vronis Augen. »Feine Nagerln hast! Du kunntst an Toten wieder aus'm
Grab aussikratzen!«

Vroni furchte die Brauen. »So an unsinnigs Gred!«

»Was? Leugnen willst auch noch?« Diese Erkenntnis brachte den
Daxen-Schorschl ins Kochen. »Wann eine kratzt, no ja, in Gotts Namen!
Aber lügen braucht s' deswegen net!«

»Du! Ich hab im Leben noch nie net glogen. Deintwegen tät ich's am
allerwenigsten. Gib mein' Weg frei, sag ich zum letztenmal!«

Ihre Stirne brannte, und Blitze sprühten aus ihren Augen. Bei allem
Zorn, der im Schorschl rumorte, war er doch nicht blind. So gut wie
jetzt hatte sie ihm noch nie gefallen. Und da erwachte in ihm die
Erinnerung an die Träume des vergangenen Abends. Statt mit dem Herzen,
hatte sie ihm die Antwort mit den Fingernägeln ausgeteilt. Sollte er
~ganz~ leer ausgehen? Hatte er nicht so eine Art von Recht, sich
für den Streich bezahlt zu machen, den ihm das ›liebe Katzerl‹ in der
Nacht gespielt hatte? Lachend streckte er die Hände.

»Mein' Fried laß mir!« stammelte Vroni und wich zurück.

»Ich kratz ja net! Im Gegenteil.« Er schlang den Arm um ihren Hals und
meinte, leichtes Spiel zu haben, weil sie die drei Brotlaibe trug und
wehrlos war. Aber da hatte er wieder einmal falsch gerechnet, wie schon
so oft in seinem Leben. Vroni ließ kurz entschlossen die drei Brotlaibe
fallen, die plumpsend nach verschiedenen Seiten auseinanderkollerten,
und stieß dem Burschen die Fäuste mit so derber Kraft vor die Brust,
daß er rücklings gegen die Hecke taumelte.

»Öha! Langsam!« brummte Schorschl, während er mit den Armen fuchtelte,
um das Gleichgewicht wiederzufinden. »Aus kommst mir nimmer! Du!« Mit
einem Feuermut, der dem Daxenschmied auf dem Schlachtfeld die goldene
Tapferkeitsmedaille eingetragen hätte, ging er wieder zum Angriff über.

Vroni hatte das Schürzentuch, in das die Brotlaibe gewickelt waren, vom
Boden aufgerafft. Als Schorschl in hiebsichere Nähe kam, schwang sie
mit der gesteigerten Kraft ihres Mädchenzornes diese echt weibliche
Waffe. Dem Daxenschmied wurde es für ein paar Sekunden schwarz vor
den Augen, obwohl die Schürze nur ein verwaschenes Blau hatte. Bei
dem klatschenden Schlag stäubte eine weiße Wolke um Schorschls Kopf.
Sein Gesicht, die Brauen, der Schnurrbart und die Nasenspitze waren
grau gepudert von dem Mehl, das die Unterseite der Brotlaibe an das
Schürzentuch abgegeben hatte.

»Ja, sakra!« fing er zu räsonieren an. »Kratzen in der Nacht und
Dreinschlagen am Tag? Und so was soll ich mir gfallen lassen?« Da sah
er das entstellte Gesicht des Mädels. Seine Arme sanken, erschrocken
stand er vor Vroni und gewahrte auf dem rinnenden Wasser des Grabens
einen tanzenden Brotlaib, der schon zu sinken drohte. »Jesus Maria!«
Hurtig machte er sich auf die Jagd nach dem schwimmenden Laib.

Vroni band die Schürze um die Hüften und bückte sich nach den beiden
Brotlaiben, von denen der eine im Gestrüpp der Hecke, der andere mitten
auf dem Fußweg lag. Während sie langsam mit ihrer verminderten Last
davonging, kam Schorschl ihr nachgelaufen. »Da, Vronerl!« Er putzte mit
dem Joppenzipfel das Wasser von dem gefischten Brotlaib. »Da hast dein'
dritten Wecken! Es hat ihm nix gmacht! Gar nix! A bißl lind wird er
sich halt beißen.«

Sie sagte kein Wort. Als ihr Schorschl den Brotlaib auf die beiden
andern laden wollte, machte sie, um das zu verhindern, eine ungestüme
Bewegung. »Aber Vronerl, sei doch gscheid! Wirst doch um meintwegen
deine braven Leut daheim net um dös gute Brot verkürzen?« Nun litt
sie es schweigend, daß er den feucht glänzenden Laib auf die beiden
anderen legte. Doch als er an ihrer Seite bleiben wollte, sah sie mit
einem Blick zu ihm auf, der dem Daxen-Schorschl die Füße lähmte. Wie
ein begossener Pudel blieb er an der Hecke stehen, bis sie verschwunden
war. »So! Jetzt hab ich d' Suppen erst ~recht~ versalzen!«
philosophierte er. In der Wut über sich selbst packte er sich bei den
Joppenflügeln. »Da hätt doch jede andere ~dreimal~ kratzt und
dreingschlagen, statt bloß an einzigs Mal, wie 's Vronerl!« Er sah
über die leere Straße hin und seufzte. »Jetzt is's aus!« Bei dieser
Einsicht überfiel ihn die Verzweiflung. »Sakra! Jetzt därf ich mir ein'
anbicheln, an ghörigen! Sonst weiß ich nimmer, was mit mir gschieht in
der heutigen Nacht.«

Mit brennendem Kopf und langen Schritten stürmte er dem Wirtshaus
entgegen.

Inzwischen hatte Vroni den Fuß des laufenden Berges erreicht. Als
sie bei sinkender Dämmerung in die Nähe des elterlichen Hauses kam,
blieb sie stehen und legte die schweren Laibe zu Boden, um ein
Weilchen zu rasten und die Augen zu trocknen. Da sah sie im Gestrüpp
einer Haselnußstaude etwas hängen, das wie Gold glänzte. Es war die
+C+-Trompete des Daxen-Schorschl, die in den Zweigen verfangen
hing wie ein Christkindl-Geschenk am Weihnachtsbaum. »So an Unfürm!
Wie er umgeht mit so einer kostspieligen Sach!« Scheu guckte sie nach
allen Seiten, fischte flink die Trompete aus dem Gebüsch und wickelte
sie sorgfältig in die Schürze.

Wenn der frostige Abendwind schärfer emporzog über die Halden, klang
vom Wirtshaus mit verschwommenen Tönen ein Johlen und Singen herauf.

So lustig war es da drunten in der Wirtsstube schon lange nicht mehr
zugegangen. Der Daxen-Schorschl hatte wieder einmal ›aufgemischt‹!

»Grüß Gott, Wirt! Pumpst mir noch?« Mit dieser Frage war er, als die
Kellnerin eben die Lampen anzündete, in die Stube getreten.

»Ja!« hatte der Wirt lachend gesagt. »Aber nimmer viel!«

»Für an gsunden Rausch wird's reichen! Wer weiß, ob's net der letzte
is?« Wahrhaftig, der Daxen-Schorschl hatte Selbstmordgedanken.

Noch ehe die Stube richtig voll mit Gästen war, unter denen sich
auch der Geschäftsführer der Bäckenmahm mit seinem Gesellen befand,
hatte sich Schorschl schon in eine Stimmung ›hineingebichelt‹, deren
gereizte Lustigkeit die ganze Stube amüsierte. Als man ihm die Zither
hinstellte, sang er die ganze Litanei seiner ›schnackerlfidelen‹ Lieder
herunter, natürlich auch die ›Lumpengstanzln‹!

  »A richtiger Loder,
  Kreuzteufel juheh!
  Der draht im Tag 's Unterste
  Zwanzgmal in d' Höh!«

Noch war das Gelächter, das dieser Strophe folgte, nicht verstummt, als
draußen auf der Straße ein gellender Ruf ertönte: »Feuerjo! Feuerjo!«
Und da hörte man auch schon die Schläge der Feuerglocke. In der
Wirtsstube fuhren sie alle von den Bänken und Stühlen auf. Bevor noch
die ersten zur Tür kamen, stürzte einer von der Straße herein: »Leut!
Es brennt!«

»Wo? Wo?«

»Bei der dicken Bäckin!«

»Jesus Maria!« stotterte Schorschl. Der Daxenschmied war plötzlich
nüchtern. »Wie soll denn dös arme Weiberleut aus'm Haus? Mit ihre zwei
Zentner Speckschwarten?« Er sauste zur Türe. Keuchend rannte er die
Straße hinunter. Vor seiner Schmiede sprang er über den Staketenzaun.
Weil sich das Tor der Werkstätte auf den ersten Griff nicht öffnen
wollte, warf Schorschl sich mit der Schulter gegen die Bretter, daß
sie krachend auseinanderflogen. Einen schweren Schmiedhammer auf die
Schulter werfend, eilte er der Brandstätte zu.

Schon glomm die Feuerhelle über die Dächer der benachbarten Häuser, und
blutrot färbten sich die niedrig hängenden Wolken.




                            Zehntes Kapitel


Rings um das brennende Haus zuckte alles von grellroter Helle und
schwarzen Schatten. Schreiende Menschen füllten den Garten; sie
wollten helfen, doch Rauch und Flammen verwehrten ihnen den Eingang.
Das Feuer mußte in der Backstube ausgebrochen sein, hatte schon alle
ebenerdigen Räume ergriffen und war über die Treppe in den Dachstuhl
hinaufgeklettert. Der Rauch hatte die alte Magd, die neben den Zimmern
der Bäckin in einer Kammer schlief, aus dem Schlummer geweckt, und
weil sie die Treppe schon vom Feuer ergriffen sah, war sie im ersten
Schreck, ohne sich weiter um ihre Herrin zu kümmern, aus dem Fenster
in den Garten gesprungen. Jetzt heulte sie um die arme Frau, die
hilflos verbrennen mußte, und machte mit ihrem Geschrei die Leute
noch konfuser, als sie schon waren. Während man ratlos durcheinander
kreischte, kam die freiwillige Dorffeuerwehr mit Spritze und
Schubleiter angerasselt, und Purtscheller, der als Kommandant eine
funkelnde Uniform und einen blitzblanken Messinghelm trug, begann seine
Befehle auszuteilen, von denen einer dem andern widersprach. Eine
heillose Verwirrung entstand, und so hätte es der dicken Bäckin in
ihrem Stubenkerker übel ergehen können, wenn nicht der Daxen-Schorschl
mit seinem Schmiedhammer und einem fertigen Rettungsplan auf dem
Brandplatz erschienen wäre.

Mit derbem Ellbogen stieß er den scheltenden Herrn Kommandanten
beiseite, wälzte die Schubleiter vor die Firstmauer, und als er die
Leiter bis zu einem Fenster aufgewunden hatte, kletterte er hurtig über
die Sprossen hinauf. Mit einem einzigen Streich seines Hammers schlug
er den ganzen Kreuzstock in die Stube hinein und begann auf die Mauer
loszuarbeiten, mit so wilder Kraft, daß jeder Hammerstreich die Öffnung
in der Wand um eine ausgiebige Scharte erweiterte. Dicker Rauch quoll
ihm entgegen, der ihm fast den Atem benahm, die Mauerbrocken fielen ihm
auf Kopf und Schultern, doch er schlug und schlug, bis das Loch in der
Wand schon breiter wie eine Tür geworden war. Nun merkten die Leute,
was er wollte, und gehorchten jedem Wort, das er aus Rauch und Staub zu
ihnen hinunterrief.

Durch die weite Öffnung war der Qualm aus der Stube entwichen, und bei
dem Flackerschein sah Schorschl die Bäckenmahm in weißer Nachtjacke
und Schlafmütze bewußtlos auf den Dielen liegen. »Wasser! Wasser!«
schrie er. Als der Spritzenmann mit dem Schlauch über die Leiter
heraufgeklettert war, ließ Schorschl, um die Bewußtlose zu ermuntern
und das Holzwerk gegen das eindringende Feuer zu sichern, den
zischenden Wasserstrahl über den Fettberg der Bäckenmahm und durch die
ganze Stube spielen. Dann sprang er in das klaffende Mauerloch. »D'
Leiter in d' Höh bis unters Dach! Und den Flaschenzug abi!« befahl er.
»Vierthalb Zentner Frauenzimmer tragt kein Goliath über d' Leiter. Wir
müssen die Bäckin mit 'm Flaschenzug abilassen wie an Mehlsack! Aber
flink! Mir scheint, es pressiert!«

Er wandte sich in die Stube, und weil ihm von dem geschluckten Rauch
schon wirblig zu werden begann, griff er mit beiden Händen in das
auf den Dielen stehende Wasser und wusch sich das Gesicht. Dabei
merkte er nicht, daß seine Hände bluteten. Jetzt hatte er auf andere
Dinge zu achten, weil jetzt das Schwerste kam: den ohnmächtigen Koloß
der Bäckenmahm auf den Lehnstuhl zu heben! Vierthalb Zentner frei
vom Boden emporzustemmen, das ist eine Arbeit. Sie gelang. Freilich
war dem Schorschl einen Augenblick, als wollten ihm alle Sehnen
reißen. Entkräftet taumelte er gegen den Tisch, umwirbelt von dem
rotleuchtenden Dampf, der von der brennenden Tür durch die Stube
wallte. Da kletterte schon der Spritzenmann mit Stricken und mit dem
Flaschenzug durch das Mauerloch. Die Bewußtlose wurde auf dem Lehnstuhl
festgeschnürt und dann der Flaschenzug in die Stricke eingehakt. »Auf!«
schrie Schorschl durch das Mauerloch hinunter.

Drunten begannen die Leute am Seil zu ziehen. Der Lehnstuhl mit der
Bäckenmahm geriet ins Schweben. Jetzt schwankte er durch das Mauerloch
heraus und baumelte frei in der Luft. Der Spritzenmann vermochte das
Schaukeln und Drehen des Sessels nicht zu verhindern, und so fing der
Lehnstuhl mit der weiß gekleideten Bäckin ein immer flinkeres Kreisen
und Wiegen an, während er sich langsam zu Boden senkte. Das war bei
aller Gefahr des Augenblicks ein Bild von so drastischer Komik, daß
die Leute trotz des Erbarmens, das sie mit der armen Frau empfanden,
den Ernst nicht völlig bewahren konnten. Allen Lärm übertönte eine
kreischende Weiberstimme: »Wie der Heilige Geist schwebt s' abi!« Ein
dumpfer Krach erstickte das Gelächter, das diesen Worten folgte. Es
war höchste Zeit gewesen, daß der Lehnstuhl mit der Bäckenmahm den
Boden erreichte. Der First des brennenden Hauses war entzweigeborsten,
brennende Balken stürzten nieder, droben in der Stube war die Decke
eingebrochen, und während ein Gewirbel von Rauch und Funken aus dem
Mauerloch hervorquoll, sausten in dicken Garben die brennenden Flocken
der auf dem Bodenraum explodierten Mehlsäcke in die Nacht hinaus und
rieselten gleich einem feurigen Sprühregen über den ganzen Umkreis des
Hauses. Erschrocken stoben die Leute auseinander, und nur wenigen fiel
es auf, daß der Daxen-Schorschl nicht beim Lehnstuhl der Bäckenmahm zu
sehen war.

»Mar' und Josef! Wo is denn der Schorschl?«

Halb besinnungslos saß er droben auf der Brüstung des Mauerloches und
hielt den Kopf an die geschwärzten Steine gelehnt. Die Funken fielen
auf ihn nieder, brannten ihm Löcher in das Gewand und versengten ihm
die Haare. Als er seinen Namen schreien hörte, schaute er auf. Im
gleichen Augenblick streifte ein fallender Glutstrunk seine Schulter.
»No, no, no, a bißl langsam, ich geh ja gleich!« brummte er, während
ihm alle Sinne taumelten. »So arg pressiert's net, daß der Teufel den
Schorschl holt!« Gemächlich rutschte er von der Brüstung und ließ sich
die sechs Meter in den Garten hinunterplumpsen. Ein paar Männer fingen
ihn auf, aber der Sturz war doch so hart, daß Schorschl sich kaum
wieder aufzurichten vermochte. »Unkraut verdirbt net!« sagte er und
schüttelte die Funken von der Joppe. »Wo is denn die Mahm? Es is ihr
doch hoffentlich nix passiert?«

Als er zum Lehnstuhl kam, von dem man gerade die Stricke löste, mußte
er sich an den Knäufen der Lehne festhalten, um nicht umzusinken. Die
kalte Nachtluft schien ihn langsam wieder zu ermuntern.

Die Bäckenmahm war aus der Ohnmacht erwacht; doch ihre versunkenen
Äuglein blickten verständnislos, während sie mit zitternden Händen an
ihrem triefenden Nachtgewand herumtastete.

»Macht nix, Mahmerl!« tröstete Schorschl. »Dei' Schlafhauben trücknet
schon wieder! 's Wasser is weniger gfahrlich als wie 's Fuier!«
Aufatmend wandte er sich an die Umstehenden. »Ich bitt schön, Leut,
packts a bißl mit an! Wir müssen die Mahm zu mir heimbringen. Ich muß
ihr halt in meiner Werkstatt aufbetten, wir bringen s' ja zu keiner Tür
net eini!«

Ihrer sechse faßten den Lehnstuhl. Wie eine ›heilige Martrerin beim
Umzug‹ wurde die Bäckenmahm in die Daxen-Schmiede getragen.

Auf dem Brandplatze war jetzt Purtscheller als Feuerwehrkommandant
wieder Herr der Situation. Er dirigierte den puffenden Wasserstrahl
bald durch die Fenster in die brennenden Räume, bald wieder in die
rauschende Lohe des Daches. Als der Brunnen kein Wasser mehr geben
wollte, organisierte Purtscheller zwischen der Feuerspritze und dem
Bach eine dicht geschlossene Reihe, durch deren Hände die ledernen
Wasserkübel auf und nieder wanderten. Die Leute, als sie sahen, daß
an dem brennenden Hause nichts mehr zu retten war, erlahmten bald in
ihrem Eifer. Nur eine kleine Schar hielt noch tapfer beim Wassertragen
aus. Unter diesen rastlos Arbeitenden befanden sich Mathes und
Vroni mit ihrem Vater. Die drei waren atemlos auf dem Brandplatz
eingetroffen, als man die Bäckenmahm auf ihrem ledergepolsterten
Speckthron davongetragen hatte. Der Anblick des Daxen-Schorschl, der
in seinem von Brandlöchern und Mauerschutt verwüsteten Gewand und mit
dem rauchgeschwärzten, blutfleckigen Gesichte kaum zu erkennen war,
hatte Vroni stumm und bleich gemacht; und während sie die schweren
Wasserkübel schleppte, horchte sie unruhig auf jedes Wort, das in ihrer
Nähe gesprochen wurde.

Eine erregt durcheinanderschwatzende Gruppe hatte sich um den
Geschäftsführer der Bäckin gebildet, der die Schuld am Ausbruch
des Feuers auf eine Fahrlässigkeit des Gesellen schob und seinen
Verlust bejammerte; er war brotlos und hatte den Koffer mit seinen
Habseligkeiten und seinem ersparten Geld verloren. »Wer macht mir
denn mein' Schaden gut? Die Bäckin? Dö hat selber nix mehr. Dö hat 's
ganze Vermögen in Pfandbrief droben im Kasten ghabt. Und ihr Gschäft
is hin. Und ihr Haus brennt nieder bis auf'n Boden. Und kriegen tut s'
nix dafür, weil s' allweil z'geizig gwesen is, als daß sie sich hätt
versichern lassen.«

Diese Nachricht weckte in Purtscheller eine Erinnerung. Verstört
blickte er zu dem Flug der durch die grell erleuchtete Nacht
dahintreibenden Funken auf, rief stotternd dem Spritzenwart zu, das
Kommando ›für ein paar Minuten‹ zu übernehmen, und rannte auf die
Straße hinaus. In der Eile verlor er den blitzblanken Messinghelm und
nahm sich nicht die Mühe, ihn wieder aufzuheben. Als er seinen Garten
erreichte, kam ihm Karlin von der durch den Feuerschein erhellten
Haustür entgegen. Sie trug ihr Bübchen auf den Armen, das sie zum Schutz
gegen die Nachtkälte in eine Decke gehüllt hatte. »Gott sei Dank, Toni,
daß d' heimkommst!« stammelte sie. »Ich weiß mir ja nimmer z'helfen!
's Tonerl bleibt net allein in der Stuben droben, und es muß doch
wer herunten sein und aufpassen, ob nix passiert! Unsere Leut sind
davonglaufen, und schau nur, wie d' Funken ummifliegen über unser Haus!
Um Gotts willen, Toni! Ich bin so in Sorg!«

»Karlin«, keuchte Purtscheller, »hast net a bißl Geld bei der Hand?«

»Aber Toni! Wie soll denn ich Geld haben? Vertraust mir ja nie was an!«

»Du ~mußt~ was haben! Ich brauch's!«

Sein verstörtes Wesen mehrte ihre Sorge. »Toni, so sag mir doch, was
hast denn?«

»Unglück überall! Grad heuer muß mir's passieren, daß ich net an d'
Versicherung denk!«

»Jesus Maria!« Karlin umklammerte seinen Arm. »Wieviel brauchst denn?
Dem Tonerl sein Sparbüchsl hab ich droben --«

»Her damit!«

Sie stürzten ins Haus und über die Treppe hinauf. In der Stube brannte
die Hängelampe, die Schlafkammer war ohne Licht, nur matt erhellt durch
den roten Feuerschein der Brandstätte; gleich tanzenden Sternen flogen
vor den Fenstern die Funken vorüber.

»Sei stad, Herzerl!« tröstete Karlin das weinende Kind, während sie aus
ihrem Wäschekasten die kleine Blechbüchse hervorsuchte. »'s Schlüsserl
hab ich nimmer«, stammelte sie, »dös hab ich in der Kirch der heiligen
Mutter Gottes in d' Hand glegt!«

Purtscheller packte die Blechbüchse, rannte in die Stube hinaus und riß
das Vorhängeschloß von dem kleinen Schatzgut seines Kindes. Ein Dutzend
Goldstücke kollerten über den Tisch. Purtscheller raffte sie zusammen
und sprang davon. Zuerst suchte er den Buchbinder auf dem Brandplatz;
hier fand er ihn nicht; der Mann war heimgelaufen, hatte seine Kinder
und Gesellen zusammengerufen, um das von den fliegenden Funken bedrohte
Schindeldach seiner Scheune mit Wasser zu überschütten, und stieg
gerade, als Purtscheller kam, mit einer Gießkanne über die Leiter
hinauf. »Du! Sei so gut, an Augenblick!« rief ihm Purtscheller zu.

Der Buchbinder schleppte ruhig die Gießkanne vollends über die Leiter
hinauf und reichte sie einem seiner Buben. Dann erst kam er. »Was
schaffen S', Herr Purtscheller?«

»Da! Nimm! Da bring ich dir 's Geld für die Polizzen! Sei gscheid und
nimm's!« Purtscheller versuchte ihm die Goldstücke in die Hand zu
zwängen. Der Buchbinder hielt die Faust geschlossen und schüttelte
den Kopf. »So nimm doch! Ob ich gestern zahlt hätt oder ob ich heut
zahl, dös wird ja doch wurst sein!« Er wollte dem Mann das Geld in die
Joppentasche stecken.

Der Buchbinder wehrte sich und trat zurück. »Na, Herr Purtscheller!
Dös kunnt ich als Agent net verantwortigen vor der Gsellschaft. Ich
hab Ihnen gmahnt, Sö haben net ghört drauf. Jetzt kann ich nix mehr
machen. Morgen, wann alles wieder in Ruh is, meintwegen! Aber heut in
der Nacht, wo 's Fuier umanandfliegt? Na! Dös geht net!«

In Purtscheller loderte der Jähzorn auf. »So einer bist du? Ganz recht,
daß ich dich endlich amal kennenlern! Man muß sich ja net grad bei
~dir~ versichern lassen.«

»Vater!« klang vom grell beleuchteten Dach eine kreischende
Knabenstimme. »Da geht schon wieder a Fuier in d' Höh!« Der Buchbinder
sah hinter dem Dach des Purtschellerhofes eine Flamme emporsteigen, als
wäre Stroh in Brand geraten. »Herr Purtscheller! Schauen S', daß S'
heimkommen! Ich fürcht, Sö kriegen Arbeit daheim.«

Purtschellers Gesicht war entstellt; wortlos stürzte er davon, ohne
zu merken, daß ihm die Goldstücke durch die schlaff gewordenen Finger
glitten. Als er in die Nähe der Dorfstraße kam, sah er einen Haufen
schreiender Leute. Er rannte, bis ihm der Atem versagte. Bei der
Gartentreppe stieß er mit Karlin zusammen, die ihn nicht erkannte; in
verzweifelter Angst hielt sie ihr Kind umklammert und lief über die
Straße hinüber, um es im Haus des Nachbars in Sicherheit zu bringen.

Auf dem Kirchturm begann eine zweite Glocke anzuschlagen, und rasselnd
kam die Feuerwehr, die das verlorene Haus der Bäckin verlassen hatte,
zum Purtschellerhof gefahren. Mathes ritt auf einem der beiden Pferde,
die vor die Spritze gespannt waren, und mit dem Leitseil peitschte er
auf die vom Geschrei der Leute, vom Glockenschlag und vom Feuer scheu
gemachten Tiere los, welche die hügelige Auffahrt in Purtschellers Hof
nicht nehmen wollten. So wild sich die Pferde auch gebärdeten, Mathes
zwang sie. Als er vor der brennenden Scheune, durch deren offenes Tor
die Flugfunken einen Weg zu den Strohgarben gefunden hatten, vom Pferd
gesprungen war und den Schlauch der Spritze auseinanderrollen half,
klammerten sich zwei zitternde Hände um seinen Arm.

»Mathes!«

Er sah in Karlins abgehärmte, vom Feuerschein überflackerte Züge und
brachte zuerst kein Wort heraus. Dann strich er mit der Hand über
Karlins Wange, als wäre er noch der Bub von dreizehn und sie noch das
Kind von neun Jahren. »Sorg dich net, Linerl! Hast doch dein Büberl in
gute Händ geben?«

»Ja, Mathes! Bei der Nachbarin drüben!«

»No also! Und für 's Haus is kei' Gfahr. Den Stadel wird der Toni
verschmerzen müssen. Na, Linerl! Tu dich net sorgen!«

Sie atmete auf.

»Und komm, Linerl, hilf mir!« Er riß einen Ledereimer vom
Spritzenwagen. »Da hast an Kübel!«

Mit heller Stimme, daß es über den wirren Lärm hinausklang, schrie sie:
»Leut! Da her! Da is Wasser!« Den anderen voraus eilte sie zum Garten,
zwischen dessen Bäumen der Entenweiher lag. Vroni und der Simmerauer
waren die ersten bei ihr. »Michel! Vronerl! Vergelts Gott!« Karlin warf
sich am Rand des Weihers auf die Knie und hob den ersten vollen Eimer
aus dem Wasser.

Mathes brauchte nur wenige Minuten, um zwischen Spritze und Teich eine
Doppelreihe für die laufenden Eimer zu bilden. Während man schon zu
pumpen begann, um das Wasser in den Schlauch zu treiben, rannte der
Spritzenwart überall umher und schrie nach Purtscheller. Neben der
Hintertür des Hauses fand er ihn an die Mauer gelehnt, ratlos vor
Schreck und mit schlaffen Armen. Zäzil war bei ihm und redete tröstend
auf ihn ein.

»He! Purtscheller!« Der Spritzenwart rüttelte ihn am Arm. »So rühren S'
Ihnen! Es brennt ja doch net bei ~mir~!«

»Lasen S' ihn doch in Ruh!« murrte Zäzil. »Sehen S' denn net, wie's
ihm z'mut is, dem armen Herrn?«

Über das Rauschen der Flammen und über allen Lärm hinaus, der den Hof
erfüllte, tönte die hallende Stimme, mit welcher Mathes der Spritze ein
Kommando gab. Purtscheller blickte auf. »Der Mathes!« stammelte er.
»Der Mathes soll reden für mich! Der versteht sich auf d' Arbeit!« Er
machte eine Bewegung, als wären ihm die Knie schwach geworden.

»Was haben S' denn, Herr?« fragte Zäzil.

»Völlig übel is mir von der Aufregung. Geh, Madl, sei so gut und mach
mir an schwarzen Kaffee!«

»Trinken S' lieber a Glasl Wein!«

»Ja, hast recht! Bist a guts Madl.« Purtscheller ließ sich von Zäzil,
die ihn barmherzig unter den Arm genommen hatte, ins Haus und hinauf in
die Wohnstube führen. Und während das Mädel für den ›armen Herrn‹ eine
Flasche Tiroler holte, arbeiteten die anderen, um des Feuers Herr zu
werden.

Die in Brand geratene Scheune mußte man verloren geben; es kostete
schon Arbeit genug, um die umliegenden Wirtschaftsgebäude und die
Ställe gegen die Flammen zu schützen. Als dieses Rettungswerk in Gang
war, machte Mathes sich daran, das Vieh, das sich unter Gebrüll in
den Ketten würgte, aus seiner Angst zu erlösen. Jedes einzelne Stück
mußte gewaltsam aus dem Stall geführt und in einem entlegenen Teil
des Gartens angepflöckt werden. Dann kehrte Mathes in den Hof zurück
und stellte sich an die Pumpe. Die anderen, die den Spritzenschwengel
zogen, ließen sich von Zeit zu Zeit ablösen, nur Mathes nicht.

Gegen die fünfte Morgenstunde, als der Tag zu grauen begann, war alle
Gefahr überwunden und die Scheune in glimmende Kohlen zerfallen. Nun
konnte die Spritze hinüberfahren zum Bäckenhaus, um auch dort die
versinkenden Flammen vollends zu löschen.

Mit durchnäßten Kleidern, zitternd vor Erschöpfung und Kälte, stand
Karlin unter dem Hoftor; jedem, der hinausging, reichte sie die Hand.
»Vergelts Gott, Nachbar! Vergelts Gott, Bub! Vergelts Gott, Madl!
Hast dich auch noch plagen müssen!« Jedes, dem sie ihr Vergelts Gott
sagte, hatte ein freundlich Wort für sie. So deutlich, wie in dieser
Stunde, hatte es Karlin noch nie gemerkt, wie gut ihr alle Leute waren.
Diese Erkenntnis tat ihr wohl und hauchte ein bißchen Wärme auf ihre
bleichen, erschöpften Wangen.

Der Hofraum leerte sich. Nur Purtschellers Dienstleute waren noch bei
der Arbeit, um die Pferde und das Vieh in die Ställe zurückzuführen,
und der alte Simmerauer mit seinen Kindern half ihnen dabei. Dann
konnten auch diese letzten gehen.

Karlin reichte dem Alten die Hand. »Vergelts Gott, Michel! Hast selber
die härteste Sorg daheim und bist trotzwegen kommen!«

»Wär net übel, Frau Purtschellerin, wann der Mensch kei' Zeit net übrig
hätt für an bedrängten Nachber!« Der Alte streichelte Karlins Hand. »In
der Not muß man zamm helfen. Der gute Herr Purtscheller hat mir auch
sei' Hilf anboten! Wo is er denn, daß ich ihm d' Hand drucken kann?«

»Ich weiß net.« Es zuckte um Karlins Lippen. »Bei der Arbeit wird er
sein.« Sie konnte nicht weitersprechen und wandte sich zu Vroni.

Schweigend legte das Mädel den Arm um Karlins Hals und schmiegte die
Wange an das Gesicht der jungen Frau.

»Da kommt der Mathes auch!« sagte Karlin mit schwankender Stimme. Sie
machte sich von den Armen des Mädels los, und während Vroni den Vater
zum Hoftor hinauszog, ging Karlin auf Mathes zu und reichte ihm die
Hand. »Vergelts Gott!«

Mathes erschrak, als er sie ansah. »Aber Linerl! Hast ja kein'
trockenen Faden mehr am Leib! Mußt dir ja ebbes holen bei so einer
Kälten! Ich bitt dich um Christi willen, geh auffi und tu dich gwanden!«

»Ja, Mathes! Bloß auf dich hab ich noch gwart, daß ich dir mein
Vergelts Gott sagen kann, 's erste Wörtl nach soviel Jahr!« Sie sah ihm
in die Augen.

»Aber geh, Linerl! A Vergelts Gott? Mir? Dös braucht's doch net! Schau
nur an, wie der Wind herblast! Ich bitt dich, geh auffi! Schau, es
pressiert mir selber, daß ich heimkomm! Pfüet dich, Linerl!«

Lächelnd und mit nassen Augen nickte sie zu ihm auf, strich die losen
Härchen hinters Ohr und ging der Haustür zu. Auf halbem Wege wandte sie
sich um und rief: »Mathes! Die heutige Nacht vergiß ich dir nimmer!«

Er stand schon unter dem Tor. »Aber geh!« Verlegen schob er die Hände
in die Joppentaschen. Dann lächelte er und trat auf die Straße hinaus.

»Komm, Bub!« sagte der Simmerauer, der auf ihn gewartet hatte. »Schauen
wir, daß wir heimkommen! Wie wird's wohl da droben ausschauen?«

»Gut, Vater!« Mathes stampfte mit dem Fuß, daß die harte Erde klang.
»Der Boden is gfroren. Den taut sobald kei' Sonn nimmer auf! Heut noch,
mein' ich, fallt der Schnee! Und da haben wir gute Zeit.«

»Ja, kannst recht haben!«

»Wo is denn d' Vroni?«

»Sie kommt gleich. A Sprüngl hat s' ins Ort einigmacht, nachschauen,
wie's der armen Bäckin geht.«

»Der Bäckin? So so?« Mathes spähte zur Daxen-Schmiede hinüber.

Während sie dem Gehäng des laufenden Berges zustrebten, jammerte der
Simmerauer: »Dös arme Weiberleut! Alles verlieren müssen! So a schöns
Haus! Und was soll s' denn machen auf ihre alten Täg? Sie hat kein'
Menschen net als den Lüftikus, den Daxen-Schorschl, der sich selber net
erhalten kann.«

Im oberen Stock des Purtschellerhofes, in der Wohnstube, hatten die
Fenster noch roten Lichtschein. Jetzt verschwand er. Karlin hatte die
Hängelampe ausgelöscht, die sie brennend vorgefunden. Erschöpft und
zitternd stand die junge Frau am Tisch, starrte im Morgengrau die drei
geleerten Weinflaschen an und sah in dem von Zigarrenqualm erfüllten
Raum umher, mit so verlorenem Blick, als wäre sie in einer fremden
Stube und wüßte nicht, durch welchen Irrtum sie hierhergekommen. Ein
Schauer befiel sie. Mit langsamen Händen strich sie an den nassen
Kleidern hinunter, die ihr halb gefroren am Körper klebten, nickte
vor sich hin und murmelte: »Ja, der Mathes hat recht, ich muß mich
gwanden.« Sie trat in die Schlafkammer und sah ihren Mann in der
Feuerwehruniform und mit den Stiefeln auf dem Bett liegen. Als die Türe
ging, erwachte er halb aus seinem Dusel und drehte sich auf die Seite.
Karlin faßte seine Hand. »Geh, laß mich schlafen!« brummte er. »Wie
Blei liegt's mir in alle Glieder!« Dann richtete er halb den Kopf in
die Höhe, sah sie mit steifen Augen an, und während er sprach, spürte
Karlin den Geruch des Weines. »Wie schaut's denn aus drunten?«

»'s Feuer is glöscht.«

»Hast dich bedankt bei die Leut?«

»Ja.«

»Hast Wein oder Bier aufstellen lassen und Zigarren hergeben?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Du denkst aber auch an gar nix! Alles liegt auf mir! Alles!« Seufzend
drückte er den schweren Kopf in die Kissen. »Mit dir is einer
aufgricht, dös muß ich sagen!«

Wortlos wandte sich Karlin ab, ging zum Kasten und nahm heraus, was
sie an Wäsche und Kleidern brauchte. Als sie zur Tür wollte, fragte
Purtscheller unwillig: »Wohin denn schon wieder?«

»Zu meim Kind.«

Karlins Stimme klang verändert. Dieser fremde Klang schien auch ihrem
Mann aufzufallen, trotz seines Dusels; er stierte sie an, als stünde
nicht seine Frau, sondern eine andere vor ihm, die er noch nie gesehen
hatte. »Ich bitt dich, mach mir jetzt keine so narrischen Gschichten!«
murrte er. »Was hast denn?«

Ohne zu antworten, verließ Karlin die Kammer. In der Stube kleidete sie
sich um. Dann stieg sie die Treppe hinunter und verließ das Haus. Im
Garten blieb sie stehen und atmete auf. Nun ging sie raschen Schrittes
über die Straße und trat ins Nachbarhaus.

In einer niederen, warmen Stube, durch deren kleine Fenster schüchtern
das erste Licht des Tages schimmerte, fand Karlin die alte Bäurin in
einem Lehnstuhl neben dem Ledersofa, auf dem für den kleinen Tonerl mit
geblumten Kissen ein Bett gerichtet war. Das Kind hatte rote Wangen.
»Schauen S' nur, wie gut er schlaft!« flüsterte die Bäuerin. »Und guter
Schlaf is Kinderglück! Da übertaucht so a Hascherl alles und kann noch
lachen dazu!« Sie erhob sich, um ihren Platz der Mutter einzuräumen.

»Vergelts Gott, Nachbarin!« sagte Karlin, während sie sich über die
Kissen beugte. Die Bäurin wollte von dem Unglück der Nacht zu reden
beginnen, aber Karlin blickte flehend zu ihr auf: »'s Kindl kunnt
aufwachen.« Sie ließ sich müde in den Lehnstuhl sinken. »Dös tut mir
wohl! Gelt, ich kann a bißl bleiben?«

»Aber ja, Purtschellerin! Und was meinen S', wann ich an recht an guten
Kaffee machen tät? Ja?«

»Ich bitt schön, Nachbarin! Aber sein muß 's net!«

Geschäftig humpelte die alte Frau zur Tür hinaus.

Karlin saß regungslos, den Kopf zurückgesunken in den Lehnenwinkel des
Sessels. Vom nahen Ofen strömte die Wärme an ihren Körper. Das Frösteln
ihrer Glieder löste sich, und nach aller Angst und Erschöpfung dieser
Nacht fiel ihr der Schlummer über die Augen. Einmal lächelte sie im
Traum.

Der kleine Vogel der Wanduhr rief die siebente Morgenstunde.

»Kuckuck!«

In der winterlichen Stube ein Frühlingsruf!

Weder das schlummernde Kind noch seine müde Mutter erwachten.




                            Elftes Kapitel


Auf der Straße begann das Leben des Morgens. Die Ochsengespanne
zogen mit schwerem Schritt, die Leiterwagen rasselten, und die Leute
gingen ihrer Arbeit nach. Der erst halb zerflossene Rauch der beiden
Brandstätten lag wie ein Schleier über dem ganzen Tal, und der
widerliche Geruch des verbrannten Mehls erfüllte die Luft. Das war
kein Morgen, um die Menschen fröhlich zu stimmen. Dennoch gingen die
Leute auf der Straße mit vergnügten Gesichtern aneinander vorüber.
Jeder freute sich, daß das Unglück dieser Nacht an ~seinem~ Haus
vorbeigeschritten war.

Von Purtscheller wurde wenig geredet, nur von Karlin und von der armen
Bäckin. Der Toni würde den Stadel im Frühjahr wieder aufbauen und
könnte den Schaden verschmerzen. Aber die Bäckin, die zur Bettlerin
geworden? Dazu wäre sie so elend, daß man für ihre ›dicke‹ Gesundheit,
vielleicht sogar für ihr Leben fürchten müßte. Wenigstens hätte der
Doktor, den Schorschl noch in der Nacht gerufen, ein bedenkliches
Gesicht gemacht.

Der Hof der Daxen-Schmiede wurde nicht leer von Leuten, die aus Neugier
oder Mitgefühl nach dem Befinden der Bäckin fragen wollten. Mit leisem
Schwatzen standen sie um das Tor gedrängt, das Schorschl in der Nacht
eingedrückt hatte, und lugten durch die Spalten der Bretter, um einen
Blick in das Innere der Werkstätte zu erhaschen.

Vor dem Fenster, das gegen den Obstgarten der Schmiede ging, hatte sich
Vroni einen Platz erobert; hier stand sie, spähte bald durch die halb
erblindete Scheibe, bald wieder fuhr sie erschrocken zurück, als hätte
sich in der Werkstätte ein schreckhaftes Ungeheuer dem Fenster genähert.

Der Morgen wurde heller und heller. »Jesses, na! Ich muß heim!«
murmelte Vroni. Aber das ›Mitleid mit der Bäckin‹ war so stark in ihr,
daß sie das Fenster nicht verlassen konnte. Die anderen Neugierigen
verzogen sich, nur Vroni zögerte noch immer.

Hinter ihr im Garten klangen die Beilschläge der beiden Zimmerleute,
die im ersten Morgengrau begonnen hatten, die neuen Türen zu zimmern,
die man in die Stubenwände der Daxen-Schmiede einsetzen mußte, um
die Bäckenmahm aus der Werkstätte in einen wohnlicheren Aufenthalt
verbringen zu können. Vorne im Haus waren auch schon die Maurer bei der
Arbeit, um die alten Türstöcke auszubrechen und die Lichtung in der
Mauer zu erweitern.

Vroni hörte die Zimmerleute im Garten von dem ›Gfrett‹ reden, das der
Daxen-Schorschl haben würde, um in dem der Gant zulaufenden Hause sich
selbst, die Bäckin und dazu noch die Magd zu erhalten, die ihm zur
Pflege der kranken Frau unentbehrlich war. »Man müßt ihm eigentlich
a bißl beispringen«, meinte der Zimmermeister, »und schauen, daß ihm
d' Leut wieder Arbeit zutragen.« Vroni atmete so erleichtert auf,
als hätte man ihr selbst eine Wohltat versprochen. Freilich, mit dem
›Wildling‹ hatte sie ausgeredet, ein für allemal! Aber wenn die Leute
dem Daxen-Schorschl auf die Beine halfen, das kam doch auch der armen
Bäckin zugute. »Jetzt ~muß~ ich aber heim!« Seufzend über das
›harte Los der Bäckin‹, warf sie noch einen letzten Blick durch die
trübe Scheibe und fuhr mit purpurrotem Gesicht zurück.

Schorschl war aus der Werkstätte getreten und ging zum Brunnen. In
den Händen hielt er eine irdene Schüssel mit einer Wasserflasche
und zwei Gläsern; ein paar nasse Handtücher hingen ihm über die
Schulter. Er trug noch die von Brandlöchern durchsiebte Joppe;
das Gesicht hatte er gewaschen; dabei hatte er freilich nur den
Ruß und Mörtelstaub weggebracht; die roten Schrunden, die ihm die
scharfkantigen Mauerbrocken in Stirne, Nase und Wangen gerissen hatten,
waren geblieben; und auf der einen Seite des Kopfes hatten ihm die
Feuerfunken das Haar bis auf die Haut versengt; das war anzusehen,
als hätte der Daxen-Schorschl Türke werden wollen, sich aber mit halb
rasiertem Kopf noch eines Besseren besonnen.

Beim Brunnen pumpte er so energisch, daß das Wasser mit dickem Strahl
aus der Röhre schoß. Freilich, aufs ›pumpen‹ verstand sich Schorschl
wie kein anderer. Dann begann er die Handtücher auszuwaschen und die
Gläser zu spülen. Er stellte sich durchaus nicht ungeschickt. Aber
Vroni, die hinter der Hausecke hervorguckte, meinte doch, daß ihm diese
Frauenzimmerarbeit nicht recht von der Hand ginge. Wär's ein anderer
gewesen als der Daxen-Schorschl, sie wäre flink zum Brunnen gesprungen.
Aber ›dem da‹ helfen? Nicht um die Welt!

Während Schorschl wusch und plätscherte, sah er einen Buben mit dem
Schulränzl kommen und rief ihm zu: »Du, lauf zum Wirt ummi und sag, er
soll mir an Zuber voll Eis ummischicken.«

»Ich kann net, ich muß in d' Schul.«

Schon wollte Schorschl dem Buben ein paar gesunde Grobheiten mit auf
den Weg geben, als er hinter sich eine scheue Mädchenstimme fragen
hörte: »Schorschl? Soll ~ich~ ummispringen zum Wirt?«

Der Daxen-Schorschl fuhr auf, als hätte der Blitz vor ihm
eingeschlagen. Während er die Finger spreizte, von denen das Wasser
niedertropfte, betrachtete er zuerst das Mädel vom Kopf bis zu den
Füßen, dann die Kratzwunden auf seiner Hand. »Was willst denn?«

Die Antwort klang nicht freundlich. »Ob ich net a bißl helfen muß, hab
ich gmeint?«

»So, so?« Schorschl streifte mit schiefem Blick die blaue Schürze, die
sich im kalten Morgenwind bewegte. »Helfen? Wie gestern vielleicht? Und
~mir~ willst helfen?«

»Na! Dir net! Der armen Bäckin aber gern!«

»Ich dank schön. Der Bäckin hilf ich selber. Pfüe Gott!« Mit diesem
Gruß ließ Schorschl das Mädel stehen und sprang zum Wirtshaus hinüber,
um das Eis zu holen.

Verblüfft und geärgert sah ihm Vroni nach. »Was kann denn dö arme
Bäckin dafür, daß ihr so einer helfen muß?« Sie ging zum Brunnen,
spülte das Geschirr, wusch die Handtücher, daß kein Fleck mehr an ihnen
war, und trug die Sachen in die Schmiede. »O du mein lieber Herrgott!«
stammelte sie, als sie bei dem Zwielicht, das die Morgenhelle und ein
in der Esse flackerndes Holzfeuer in dem großen, rußgeschwärzten Raum
verbreitete, die schwer geprüfte Frau in den von Schorschl aus dem
ganzen Haus zusammengeschleppten Decken und Kissen auf der Erde liegen
sah; weil man ein für ihren Umfang passendes Gewand zum Austausch
für die durchnäßten Kleider nicht hatte auftreiben können, hatte man
die Bäckin in zwei zusammengeheftete Leintücher und in den weiten
Wintermantel gehüllt, der noch von Schorschls Vater und Großvater
stammte. Ein nasser Umschlag bedeckte das halbe Gesicht; kraftlos lagen
die rund gepolsterten Hände auf der Decke und glühten von heißem Fieber.

»Schorscherl?« lispelte die Kranke, als sie den Schritt auf der
Schwelle hörte.

»Ich bin's, Bäckin, die Simmerauer-Vroni!«

»So? Wo is denn mein Schorscherl?«

»Ins Wirtshaus is er um a bißl Eis.«

»Kommt er bald wieder?«

»Ja, Bäckin!« Vroni hatte sich auf die Knie niedergelassen und
streichelte die heißen Hände der Kranken. »Gleich wird er wieder da
sein.«

Da atmete die Bäckenmahm auf. »Mein Schorscherl! Gott sei Dank, daß
ich ~den~ noch hab! Und so viel ungut bin ich gwesen, wie er
~mich~ braucht hätt!« Sie hörte einen Schritt. »Kommt er schon?«

Es war die Magd, die eine Schale mit Fleischsuppe brachte.

Hätte die Bäckin eine lange Stunde das Lob des Daxen-Schorschl
gesungen, es hätte bei Vroni nicht so tief gewirkt wie dieses
erleichternde Aufatmen der Kranken und der dankbar zärtliche Klang
dieses Namens: »Mein Schorscherl!«

Fürsorglich war Vroni der Magd behilflich, um der Kranken die
Suppe einzuflößen. Dann erhob sie sich und versprach, bald wieder
nachzuschauen, wie es der ›lieben Bäckin‹ ginge. Als sie in den Hof
hinaustrat, kam Schorschl mit dem Eis. Sie nickte: »Pfüet dich Gott,
Schorschl! D' Handtücher hab ich ausgwaschen.«

Er machte große Augen. Und während er kopfschüttelnd in die Schmiede
trat, brummte er: »Pfüet dich Gott, Katzerl!«

Unwillig blieb Vroni stehen. »Katzerl! Allweil: Katzerl! Ich möcht
nur wissen, was er meint mit dem unsinnigen Gred!« Sie machte Miene,
wieder umzukehren. Da sah sie, daß es durch die Lüfte weiß und gaukelnd
herunterfiel. Erst waren es nur vereinzelte Flocken; doch in der
Höhe verwandelten sich alle Wolken schon in wirbelnde Schleier. Mit
warmer Freude dachte Vroni an die Ihrigen. »Gott sei Lob und Dank! Der
Winter is da!« Sie begann zu laufen. Als sie an dem noch rauchenden
Brandschutt des Bäckenhauses vorüberkam, fielen die Flocken schon in
dichter Menge.

Straß auf und ab tönte das lustige Geschrei der Schulkinder, die ihre
Ränzlein zu Boden warfen, um den ersten Schnee von den Bretterplanken
zu streifen und die nassen Ballen mit sicher gezieltem Wurf hinter ein
ahnungsloses Ohr zu pflanzen. Das kreischende Spiel setzte sich von der
Straße in alle Gärten fort, sogar auf die Brandstätte, deren qualmende
Ruine den Humor der Kinder nicht zu beeinträchtigen vermochte. Auch gab
es hier ein wundersames Ereignis. Ein Junge, der im Garten der Bäckin
den Schnee zu einem Ballen zusammenraffte, hatte einen Apfel gefunden.
Das wäre für die Kinder nichts Neues und Erstaunliches gewesen. Aber
der Apfel war gebraten! Freilich kalt, aber wunderschön gebraten, recht
wie ein gebratener Apfel sein soll: auf der einen Seite weich, auf der
anderen noch etwas fester, damit man Abwechslung im Genusse hat.

Zuerst betrachtete der Junge seinen merkwürdigen Fund mit verblüfften
Augen; dann dachte er: probieren geht über studieren, und grub die
Zähne in den Apfel. Das schmeckte so gut, daß der Junge schmatzte vor
Vergnügen. Er rief seine Schwester und ließ sie am Apfel beißen. Die
anderen Kinder sammelten sich neidisch um das Paar, und plötzlich
machte jenes Bürschl, das für den Daxen-Schorschl nicht zum Wirt
hatte gehen wollen, weil es ›in die Schule mußte‹, die aufregende
Entdeckung, daß die vom Feuer versengten Bäume im Garten der Bäckin
noch voll von gebratenen Äpfeln hingen. Da gab es, während die Flocken
tanzten, bis in die höchsten Äste hinauf ein Klettern um die Wette.
Der Lehrer in der Schule konnte lang auf seine Schüler warten. Wie ein
lärmender Spatzenschwarm hockte die Kinderschar im Gezweig, speiste
die gebratenen Äpfel vom Baum und ergötzte sich an der wundersamen
Schlaraffiade, in die sich das Unglück der Bäckin verwandelt hatte.

Man konnte das vergnügte Kreischen der Kinder bis hinüber zur
Daxenschmiede hören. Weil die Flocken in die Werkstätte wirbelten,
mußte Schorschl das Tor schließen und die Lücken der eingedrückten
Bretter vernageln. Das wärmende Feuer in der Esse hatte er löschen
müssen, weil der flackernde Schein in der Fieberphantasie der Kranken
schreckende Bilder erzeugte. Jetzt war sie wieder bei Bewußtsein. Als
Schorschl den Eisumschlag auf ihrer Stirn wechselte, tastete sie nach
seiner Hand: »So viel Plag muß ich dir aufhalsen!«

»Macht nix, Mahmerl! Tu dich net aufregen! Schön langsam wird alles
gehn. Und geht's net auf ~zwei~ Füß, so mach ich noch zwei dazu.
Da geht's gschwinder.«

Die Bäckenmahm mußte lachen, und das brachte den Daxen-Schorschl noch
lustiger ins Plaudern.

»Was d' heut in der Nacht verloren hast, Mahmerl, dös kann ich dir
aus der Aschen nimmer aussikratzen! Viel is net dran an der irdischen
Nichtigkeit. So predigt der Pfarr an jedem Sonntag. Und hin is hin,
sagt der Teufel, wann die arme Seel in Himmel fahrt. Schlecht sollst es
net haben bei mir! Die feinsten Bröckerln sollst kriegen! Und wann ich
Zeit hab, fang ich dir die schönsten Forellen. Oft hab ich freilich net
Zeit. Jetzt muß ich arbeiten. Wie drei Rösser! Aber Arbeit is gsund,
sagen die faulen Leut zum Taglöhner. Und paß auf, Mahmerl: jetzt will
ich's bei der Arbeit grad so halten, wie's im Lumpenliedl heißt --« Mit
den Fingern schnalzend, begann er lustig zu singen:

  »Und a richtiger Loder,
  Kreuz Teufel juheh!
  Der draht im Tag 's Unterste
  Zwanzgmal in d' Höh!«

»Hör auf, Schorscherl!« stöhnte die Bäckenmahm. »'s Lachen tut mir so
viel weh!«

»Was? 's Lachen tut dir weh? Da wird's dir aber schlecht gehn bei mir!
Da wirst lachen müssen den ganzen Tag! Paß auf, wie schnackerfidel dös
zum anschauen is, wann ich dem Lüftigkeitsteufel in mir schön langsam
die Stockzähn ausreiß, ein' nach'm andern! Und geben mir d' Leut im
Dorf net Arbeit? Meintwegen! Sollen s' mich buckelkraxen tragen! In der
Stadt drin weiß ich an Fabriksherrn. Der gibt mir Arbeit gnug, wann
ich's gut und billig mach. Heut noch fahr ich in d' Stadt eini und
bring auf'n Abend an Wagen voll Arbeit mit! Und für dich a Bettstattl,
wo schön drin Platz hast, a zwieschläfrigs, weißt! Da bett ich dir auf,
aber nobel! So is kein Christkindl noch net glegen!« Schorschl erhob
sich vom Lager der unter Schmerzen lachenden Bäckenmahm, betrachtete
sinnend das sauber gewaschene Handtuch und tat einen brunnentiefen
Seufzer.

»Schorscherl?« lispelte die Kranke. »Was hast denn?«

»Nix hab ich, als an Kratzer auf der Hand. Der beißt mich.«

Zwei Stunden später, als der Schnee schon einen Schuh tief auf der
Straße lag, fuhr der Daxen-Schorschl mit dem Wagen, den er sich vom
Wirt gepumpt hatte, in die Stadt. Am Abend kehrte er zurück, mit
hundert Mark Vorschuß in der Tasche und mit reichlicher Arbeit für ein
Vierteljahr. Quer über den Eisenstangen, die auf dem Wagen rasselten,
schwankte die ›Zwieschläfrige‹, die er für die Bäckenmahm mitgebracht
hatte.

Es war an der Zeit, daß die Kranke in ruhigen Aufenthalt kam. Die
Befürchtung des Doktors, daß die Bäckenmahm den Schreck der Brandnacht
mit einem Nervenfieber bezahlen müßte, hatte sich bewahrheitet.
Ein Glück, daß auch der Maurer und die Zimmerleute tagsüber ihre
Schuldigkeit getan hatten! Die neuen Türen waren fertig und hatten eine
so geräumige Breite, daß Schorschl bei ihrem Anblick meinte: »Sakra!
Da kann ich amal mit meiner ganzen Familli am Arm durchmarschieren!«
Dieses Wort machte ihn nachdenklich. »Mit der Familli hapert's a bißl!
Schier glaub ich, daß ich mit der Bäckenmahm z'frieden sein muß.«

Die Türen bekamen noch Doppelwände aus dickem Strohgeflecht, damit der
Hammerlärm die Kranke nicht belästigen möchte. Und so konnte Schorschl
mit dem Morgengrau des folgenden Tages die Arbeit beginnen. Vom ersten
Licht bis zur sinkenden Dämmerung stand er am Amboß. Er hatte es nicht
nötig, dem ›Lüftigkeitsteufel‹ einen Stockzahn auszureißen; dieser
›Teufel‹ erwies sich als so gutmütig wie ein dressierter Pudel; die
zwingende Not und die Fülle der Arbeit legten ihn an eine dauerhafte
Leine. Auch die Dorfleute brachten Arbeit in die Daxenschmiede.
Schorschl hatte ›wie ein Roß‹ zu schaffen und mußte daran denken, sich
nach einem Gesellen umzusehen. Trotz alledem waren seine Finanzsorgen
nicht leichter geworden. Seine Kunden im Dorf sagten: »Schreib's auf
d' Rechnung!« Und die hundert Mark Vorschuß waren für die Pflege der
Kranken aufgegangen. Schorschl dachte ratlos an die kommenden Tage, und
bei jedem Hammerschlag, der lustig durch das Dorf hinaustönte, redete
eine drückende Sorge mit.

Eines Abends, als Schorschl verdrießlich seinen Kummer in das glühende
Eisen hineinhämmerte, kam die Magd und sagte: »Bsuch is drüben bei der
Mahm.«

Schorschl hämmerte weiter. »Wer denn?«

»D' Simmerauer-Vroni.«

Da schwiegen die Hammerschläge, und heiß fuhr es über das rußfleckige
Gesicht des Schmiedes. »Hat dich 's Madl gschickt, daß d' mir's sagen
sollst?«

»Ah na! Sie is bloß zur Bäckin kommen.«

»So, so?« Wütend drosch er auf das Eisen los. »Ich laß gute
Unterhaltung wünschen!« Er hämmerte, daß die glühenden Funken bis in
die äußersten Winkel der Werkstätte flogen. Nach einer Weile zog es ihn
aber doch hinüber. Als er in die Krankenstube trat, sah er nur die Magd
am Bett sitzen. »Wo is denn die ander?« fragte er enttäuscht.

»Ich weiß net, was 's Madl ghabt hat! Jetzt grad, wie drüben die
Hammerschläg ausgsetzt haben, springt s' auf und rennt davon wie
narrisch!«

Schorschl machte auf der Schwelle kehrt und stapfte wieder in die
Werkstätte zurück.

Der folgende Tag war ein Sonntag. Vor Beginn des Hochamtes
stand Schorschl, mit seinem besten Feiertagsstaat angetan, im
verschneiten Kirchhof und musterte die Leute, die zur Messe
kamen. Die Purtschellerin, die allein den Kirchhof betrat, redete
ein paar freundliche Worte mit dem Schorschl. Dafür schien der
Purtscheller-Toni, der eine Weile später in lustigem Geplauder mit
Zäzil kam, den Schorschl für Luft anzusehen. Der Daxenschmied zuckte
die Achseln und lachte. Dann wurde er unruhig. Der alte Simmerauer mit
seinen Kindern und Enkeln hatte den Kirchhof betreten. »Grüß Gott!«
sagte Schorschl, wobei seine Stimme so heiser klang, so daß er sich
räuspern mußte. »Jetzt heißt's Schnee stapfen! Gelt?«

»Ja!« Der Alte lächelte. »Jetzt haben wir a bißl Ruh, da droben.«
Michel und Mathes reichten dem Daxen-Schorschl die Hand und fragten,
wie es der Bäckin ginge. Vroni, welche die beiden Kinder führte, drehte
das Gesicht auf die Seite und wanderte stumm vorüber.

»No also! Jetzt hab ich die Quittung drauf!« Dem Daxenschmied war die
Lust vergangen, seiner Christenpflicht zu genügen. Er surrte nach
Hause, und weil er die Sonntagsruhe durch Hammerschlag nicht stören
durfte, stellte er sich mit der Feile an den Schraubstock.

Während der nächsten Tage war Schorschl in schrecklicher Laune. Die
Bäckenmahm lag bewußtlos im Fieber, und dem Schmied wuchsen die Sorgen
über den Kopf. Um alles herzuschaffen, was die Kranke brauchte, mußte
er die Kreide reichlich in Anspruch nehmen. Sein ganzer Barbestand
waren Vronis dreißig Pfennige, die er sorgsam eingewickelt in seinem
Kleiderkasten versteckt hielt. Und da trat noch eines Morgens der alte
Rufel mit dem Zwerchsack in die Schmiede. »Mar' und Josef!« stotterte
Schorschl. »Jetzt kommt der auch noch!«

Rufel legte neben der Tür seinen Binkel nieder, zog die Schlappmütze
und machte eine devote Verbeugung. »Erlauben Se gefälligst, Herr Dax,
daß ich Ihnen untertänigst wünsch en recht guten Morgen!«

Schorschl trat den Blasbalg und schielte über die Schulter. »Was wollen
S' denn?«

»Weil ich grad vorübergeh, hab ich bei Gelegenheit nachfragen wollen,
ob der Herr Dax nix brauchen? Sagen wir: e bißl Eisen, oder en feinen
Stahl, oder e Werkzeug? Oder sagen wir meintwegen auch: e Geld?«

Schorschl riß Maul und Augen auf.

Schmunzelnd nahm Rufel die langen Flügel seines Rockes auseinander und
setzte sich auf den Amboßblock. »Nu? So reden Se doch, Herr Dax! Wollen
Se haben e Geld?«

Schorschl ließ den Blasbalg ruhen und kraute sich hinter den Ohren.
»Geben S' mir denn eins?«

»Hätt ich sonst gefragt? Sagen Se mir, wieviel Se brauchen, und der
Rufel wird Ihnen schaffen das Geld bis morgen. Ich weiß doch, Se
brauchen Geld ins Geschäft und brauchen Geld für die kranke Frau, was
Se haben im Haus. Gott soll Ihnen lohnen, was Se haben getan an der
armen Bäckin! Aber nu reden Se doch emal! Wieviel brauchen Se? Durch
vierzehn Tag hab ich gesehen, wie Se stehen bei der Arbeit von Früh bis
Nacht. Ich kann Ihnen sagen, Herr Dax: alle Achtung! Ich hab wieder
Vertrauen zu Ihnen, Se können haben vom alten Rufel, was Se wollen!«

»Rufel!« stammelte Schorschl. Mit beiden Fäusten packte er die dürre
Hand. »Geh her, alter Jud! Dich hat mir unser Herrgott gschickt!«

Rufel krümmte sich vor Schmerz bei diesem Händedruck. »Waih geschrien!
Lassen Se aus, Herr Dax!« Vorsichtig rieb er die gequetschte Hand.
»Und machen Se mir nix solche Sprüch mit dem Herrgott! Mich hat nix
geschickt der Ihrig, mich hat nix geschickt der meinig. Ich bin selber
gekommen, weil ich weiß, beim Herrn Dax is e Geschäft zu machen! Aber
nu sagen Se doch emal, wieviel Se brauchen!«

»Viel, Rufel!«

»Viel? Was heißt: viel? Für en Menschen, der nix bezahlt, is e Mark
viel Geld. Für en Mann, wie der Herr Dax, wo ich weiß, ich krieg mein
Geld mit Zinsen wieder, sennen tausend Mark e Kleinigkeit! Wollen Se
~haben~ tausend? Ich geb's!«

»Meiner Seel, so viel wird's bald ausmachen!«

»Glauben Se, der Rufel kann nix rechnen?«

»Vierhundert brauch ich auf meine Schulden. An die hundert hab ich
Gott sei Dank schon abzahlt.«

»Dreiezwanzig haben Se abgezahlt bei der Kramerin«, unterbrach ihn
Rufel, »sechsedreißig beim Schneider, macht neunefunfzig. Sennen noch
lang keine hundert. Nix übertreiben, Herr Dax! Ich bin schon zufrieden,
daß Se haben abgezahlt neunefunfzig.«

Schorschl lachte zu dieser genauen Rechnung. »No ja, und zweihundert
brauch ich auf d' Hand, daß ich d' Mahm ohne Sorgen über'n Winter
bring und einkaufen kann, was ich in d' Werkstatt brauch! Dazu die
vierhundert, die an Neujahr bei Ihnen fällig sind.«

»Die können Se lassen stehen. Und die anderen sechshundert sollen Se
haben bis morgen. Se zahlen mir sieben Perzent. Fünfe muß ich selber
geben, und verdienen möcht der Rufel auch e bißl was. Zeit will ich
Ihnen lassen zwei volle Jahr. Geben Se mir die Hand, Herr Dax, und das
Gschäft is gemacht.«

»Vergelts Gott, Rufel!« sagte Schorschl und drückte dem Alten die Hand,
diesmal gelinder. »Da haben S' mir mit christlicher Nächstenlieb aus'm
Wasser g'holfen.«

»Nächstenlieb!« Rufel schnitt eine Grimasse. »Lassen Se mich in Ruh
mit so en großen Wort. Nächstenlieb is e schöne Sach, aber haben muß
man was davon. Ich geb Ihnen das Geld, weil ich bei Ihnen verdien mit
Sicherheit. Und daß wir das auch noch bereden: ich will nix herumgehen
im Dorf, Ihre Schulden bezahlen, sondern geb Ihnen das Geld auf die
Hand. Ich weiß, Se werden machen glatte Ordnung. Und de Leut sollen nix
herumtratschen, daß der Herr Dax is aufgekauft worden vom Juden.«

»Fragen werden d' Leut aber doch, wo 's Geld her is?«

»Sagen Se, daß Se gemacht haben en Treffer. Da kriegen de Leut Respekt.
Und nu machen Se so fort, wie Se haben angefangen. In zwei Jahr können
Se sagen: der Rufel hat's gesagt, Ihr Haus wird sein wie e schöner
grüner Berg, was steigt in die Höh und nix lauft herunter, so, wie
herunterlauft en anderes großes, schönes Haus im Dorf. Aber ich will
nix gesagt haben!« Rufel hob seinen Zwerchsack auf die Schulter.

»Den Purtscheller meinen S'?«

»Ich will nix gesagt haben. Aber stecken möcht ich nix in der Haut, in
was steckt der vornehme, feine Herr Purtscheller! Unter uns gesagt:
helfen hab ich ihm wollen! Seiner guten Frau zulieb. Aber was sag ich
Ihnen! Mit dem Schießgewehr is er auf mich losgegangen. Als wär der
alte Rufel e Gamsbock. Nu? Jetzt hat er sich eingelassen mit einem, vor
dem soll Gott ihn bewahren bis zu hundert Jahr! Und da legen se jetzt
e Hypothek von achtzigtausend Mark auf den Hof! Achtzigtausend Mark!
E schwer Geld, Herr Dax! Hat e Gewicht, daß es wird eindrücken an dem
schönen Haus das Dach und alle Mauern!«

»Um Gotts willen«, stammelte Schorschl, »hat denn der Purtscheller
sein' Verstand verloren?«

»Mein lieber Herr Dax! Man kann nix verlieren, was man sein Leben lang
nix gehabt hat. Noch e Jahr, und dem feinen Herrn Purtscheller wird nix
mehr viel übrigbleiben! Mich erbarmt nur de arme Frau!« Rufel rückte
den Zwerchsack höher auf die Schulter. »Und nu bitt ich, erlauben Se
gefälligst, Herr Dax, daß ich auf Ihrem Herd mir koch mein bißl Essen!
Ich werd Ihren Herd schön sauber wieder fegen, damit Se nix haben e
Grausen!«

»Aber Rufel!«

»Nu!« Ein schmerzliches Lächeln zuckte um den welken Mund des Alten.
»Bin ich doch gewöhnt zu rechnen mit solche christliche Sachen. Bleiben
Se, bitt ich, Herr Dax! Ich will Se nix abhalten von der Arbeit. Das
Holz trag ich mir selber, e Topf und e Fleisch und e Brot, alles hab
ich bei mir. Nix brauch ich als wie e Schwefelhölzl. Das hab ich selber
im Sack. Bleiben Se, arbeiten Se fleißig und erlauben Se gefälligst,
daß ich Ihnen wünsch en recht en schönen Tag!« Mit tiefem Bückling
drückte sich Rufel zur Tür hinaus, die in den Hausflur führte.

Schorschl, aufatmend, streckte die nackten, sehnigen Arme. Lachend
faßte er den schweren Hammer, der das große Loch in die Mauer des
brennenden Bäckerhauses gebrochen hatte, und versetzte mit übermütig
spielender Kraft dem Amboß einen Streich, daß es hell wie ein
Glockenton durch alle Mauern des Hauses klang und weit hinaus ins Dorf.

Am folgenden Morgen brachte Rufel das Geld. Nun konnte Schorschl die
Runde bei seinen Gläubigern machen. Da gab es ein heiliges Staunen und
ein wortreiches Glückwünschen. Rufel hatte am vergangenen Abend noch
dafür gesorgt, daß die Nachricht vom Glück des Daxen-Schorschl, der
›gemacht hat e so en schönen Treffer‹, von Haus zu Haus wanderte. Das
Gerücht fand seinen Weg auch in die Simmerau. Während Mutter Katherl
dieses unverhoffte Glück auf Rechnung des ›lieben Herrgott‹ setzte, der
den Daxen-Schorschl für die ›Guttat an der Bäckin‹ belohnen wollte,
stammelte Vroni: »Mar' und Josef! Wann er dös viele Geld nur net
verjucken tut!«

»Na, na! Wie magst denn so ungut denken? Es kann sich doch einer auch
zum Bessern ändern!«

»Der net!«

Der Ton dieser Antwort schien dem Simmerauer nicht zu gefallen! »He!
Du?« Bevor er weiterreden konnte, legte ihm Mathes die Hand auf den
Arm: »Geh, Vater, laß 's Madl in Ruh!«

Vroni hatte die Stube verlassen und war vor die Haustür getreten. Hof
und Garten waren hoch verschneit. Der Schnee funkelte in der Sonne,
und lautlose Winterstille lag über dem weißen Berggehäng. In diesem
frostigen Schweigen tönte durch die klare Luft ein leiser, kaum noch
vernehmbarer Hall aus dem Tal herauf: kling, kling, kling, kling. Das
setzte immer aus und tönte nach einer Weile wieder: kling, kling,
kling, kling. Mit finsterem Gesicht wandte Vroni sich in den Flur
zurück und brummte: »So an Spitakel machen, daß man's bis da auffi
hören muß!« Verdrossen ging sie an ihre Arbeit.

Still und einförmig verliefen in der Simmerau die Tage. Neuer Schnee
fiel auf den alten und machte den Weg ins Dorf zu einer schweren
Mühsal. Aber in dem kleinen Haus begrüßte man den Winter wie einen
Erlöser. Der strenge Frost hatte den rinnenden Boden in starre Fesseln
gelegt, das nagende Wasser in unbewegliches Eis verwandelt. Wohl war
die Ruhe, die der Simmerauer mit den Seinen gefunden hatte, nur eine
äußerliche; die Furcht vor dem Frühjahr legte sich am Abend mit ihnen
schlafen und war mit ihnen am Morgen wieder auf den Beinen. Vorerst
aber war doch Zeit gewonnen, und man konnte die mürbgewordenen Glieder
rasten lassen. An dieser Ruhe hatte Vroni keinen Anteil. Sie erledigte
mit einer mürrischen Beschäftigungswut alle Arbeit im Haus, so daß
für Mathes nichts mehr zu schaffen blieb. Immer schwermütiger blickten
seine stillen Augen. Eines Abends sagte er: »Schau, Vater, d' Arbeit
bei uns hat an End. Ich kann dir doch net den ganzen Winter faul auf
der Schüssel liegen.«

»Aber Mathes!« Michel legte seinem Buben die Hand aufs Knie. »Wo fünfe
essen, ißt der sechste auch noch mit. Freilich därf ich dir's net
wehren, daß dir was verdienst den Winter über. Schau, der Purtscheller
hat 's Fallholz in seim Wald drüben verkauft. Da fangt man bald 's
Arbeiten an. Wann an Holzknecht machen tätst? Da kriegst a nobles Geld.
D' Liegerstatt und 's Essen hast bei mir. Da kannst ebbes sparen und
bist daheim.«

»Ja, ja!« sagte Mathes zögernd.

»Oder hättst was anders in Aussicht?«

»Denkst nimmer an 's selbig Anbot, dös mir der Purtscheller gmacht
hat? Und weißt doch selber, was d' Leut allweil reden. Ich mein', der
Purtscheller kunnt mich brauchen.«

»So?« Dem Alten wollte die Stimme nicht recht gehorchen. »Freilich! Wie
der Hungrige 's Brot, so kunnt er dich brauchen. Aber --«

»Was, Vater?«

»Wann er ein' hat, wie du einer bist, den wird er im Frühjahr nimmer
auslassen.«

»Dös mach ich zur Bedingnis, daß er mich freigeben muß, wann mich der
Vater braucht.«

Michels Sorge schien beschwichtigt. Eine Weile redeten sie noch weiter,
dann erhob sich Mathes und verließ die Stube. Aufatmend trat er ins
Freie. Über ihm funkelten die Sterne der klaren Winternacht, und in der
Tiefe blitzten kleine Lichter, als läge ein See dort unten, in dessen
Wasser sich die Sterne des Himmels spiegelten. Mit den Händen auf dem
Rücken, stand Mathes im Schnee, so versunken in Gedanken, daß er den
Schritt der Schwester nicht hörte.

»Mathes?« Ihre Stimme war rauh vor Aufregung. »Is dös wahr, was mir der
Vater gsagt hat?«

Er nickte.

»Mathes! Hast dir's gut überlegt?«

»Ja. Ich denk mir, es kunnt ihr d' Sorg a bißl leichter machen, wann s'
ein' hat, der bei der Arbeit einholt, was der Toni versäumt.«

»Mathes!«

»Red mir net ab! Ich ~muß~.«

Das schien sie zu verstehen. Nach einer Weile fragte sie leis: »Tust
dich der Gfahr net fürchten?«

»Gfahr?« Er schüttelte den Kopf. »'s Linerl hat den Toni gern. Was
liegt an ~mir~? Ich bin z'frieden, wann ich ihr a bißl helfen
kann.«

Mit jäher Bewegung legte sie den Arm um seinen Hals, als möchte sie
den Bruder vor den Schmerzen beschützen, denen er entgegenging. Er
zog die Schwester an sich. Und weil er im Schweigen des Abends den
verschwommenen Hall der Hammerschläge vernahm, die drunten im Dorf noch
immer rastlos klangen, sagte er lächelnd: »Hörst ihn? Wie fleißig als
er hammert bis in d' Nacht eini!«

»Geh!« murrte Vroni. »Tu mich du auch noch plagen!« Dann drückte sie
das Gesicht an den Hals des Bruders.

Er streichelte ihr Haar. »Wann er bei der Arbeit festhalt, laßt er
auch bei der Lieb net aus. Sei nur ~du~ gscheid! Und tu dir nix
vergeben, eh dir net sagen kannst: ~er~ is dich wert!« Mit beiden
Händen nahm er ihren Kopf und sah ihr beim Sternschein in die Augen.

Wortlos stapften sie durch den Schnee, und als sie den Flur betreten
hatten, stieß Mathes an der Haustür den Riegel vor.




                           Zwölftes Kapitel


Ein Morgen von schneidender Kälte. Die Raben waren aus den Wäldern
bis in die Dorfgärten geflogen, und mit aufgeblähtem Gefieder saßen
die Meisen und Sperlinge in den verschneiten Hecken. Laut krachte der
Schnee bei jedem Tritt, als Mathes gegen neun Uhr morgens in den
Vorgarten des Purtschellerhofes trat. Er trug die Soldatenhose, die
blaue Mütze und seine Sonntagsjoppe. Sorgfältig klopfte er den Schnee
von den Beinkleidern und kratzte ihn mit einem Reis von den Schuhen;
in der warmen Stube wäre der Schnee geschmolzen; so was ist immer ein
Kummer für eine junge Frau, die auf Sauberkeit in ihrem Hause hält.

Mathes sah jünger aus als sonst; der Niederstieg über den verschneiten
Berghang hatte sein Gesicht gerötet. Als er die Haustür öffnete,
zitterte seine Hand. In der Küche sah er die Magd beim Herd. »Is der
Herr Purtscheller daheim?«

»Ja. Geh nur auffi!«

Während er die weißgescheuerte Treppe hinaufstieg, vernahm er aus der
Wohnstube das Kichern einer Mädchenstimme. Die Tür wurde aufgerissen,
und mit zerzaustem Haar kam Zäzil über die Schwelle gestolpert. Eine
Münze fiel ihr aus der Hand und rollte über den Treppenflur bis zu
Mathes' Füßen -- ein Goldstück. Er wollte es aufheben. Zäzil raffte
hurtig die Münze vom Boden. Das zerzauste Haar glättend, huschte sie
über die Treppe hinunter. Mathes sah ihr nach; alle Farbe schwand aus
seinem Gesicht. Dann ging er zögernd zur Tür und pochte.

»Herein!«

Purtscheller saß in Hemdärmeln hinter dem Tisch, mit der qualmenden
Zigarre. In der Fensternische hatte er eine Flasche Tiroler stehen.
Der Tisch war mit Banknoten und Goldstücken bedeckt, die zu kleinen
Stößen geordnet waren. »Mathes? Du? Ah, schau!« Purtscheller lehnte
sich behaglich zurück. »Hast dir mein' Antrag überlegt?«

»Ja, Herr Purtscheller. Wann S' mich brauchen können?«

»Was brauchen!« Purtscheller blies eine Rauchwolke vor sich hin. »Einer
wie ich, der ~alle~ haben kann, steht auf an einzigen net an. Aber
ich weiß, was ich krieg an dir. Die Sach is abgmacht. Ich hab an harten
Winter vor mir und muß viel außer Haus sein. Da is mir's lieb, daß ich
ein' daheim weiß, auf den Verlaß is.«

»Wollen S' d' Arbeit im Holzschlag droben selber überwachen?«

Purtscheller lachte. »Ah na! Den Schmarren hab ich verkauft bei Butz
und Stingel. Aber a Winter wie der heurige treibt 's Hochwild auf d'
Felder. Da muß fleißig abgschossen werden, wann uns der Wildschaden net
übern Kopf wachsen soll. Die halbe Woch geht mit die Jagden drauf. Und
gestern in der Stadt hab ich an neuen Traber kauft. Morgen kommt er.
Den tauf ich auf den Namen Lüftikus. Gleich beim ersten Versuchsfahren
wär er durchgangen, wann net der Herr Purtscheller am Bockschlitten
sitzt. A narrischer Kerl! Aber ich gewöhn ihm seine Mucken ab. Bei mir
lernt er was. Mein Herzbinkerl selig is gwiß an erstklassiger Traber
gwesen, aber aus'm Lüftikus bring ich noch was Bessers aussi. Freilich,
den Winter wird's kosten. Aber spitzen sollen s', die gwissen Herrn,
beim Frühjahrsmeeting! Geh, setz dich a bißl! Sonst tragst mir am End
den Fried aus'm Haus, wie 's Sprichwort sagt.«

»Auf mich paßt's net!« erwiderte Mathes ernst. »Was an ~mir~
liegt, will ich beitragen, daß der Fried daheim is in Ihrem Haus.« In
einiger Entfernung vom Tische setzte er sich auf die Wandbank.

»No also, wann kannst einstehn?«

»Heut noch. Aber an Fürhalt muß ich machen. Im Fruhjahr, wann der Berg
's Laufen wieder anfangt, da müssen S' mich freigeben.«

»Für ganz?« fragte Purtscheller enttäuscht.

»Solang mich der Vater braucht.«

»No ja, meintwegen. Lang dauert's net im Fruhjahr, wann 's Wasser amal
stark wird. Da wird bald alles drunt liegen im Bach.« Purtscheller
steckte eine frische Zigarre in Brand. »Red dem alten Trotzkopf zu, daß
er abizieht, eh der Winter ausgeht. Sonst passiert an Unglück.«

Mathes schwieg.

»Also, und so wären wir in Ordnung! Magst an Vorschuß haben? Geld liegt
da wie Heu!«

»Z'erst will ich arbeiten. Mit'm Lohn hat's Zeit.« Mathes erhob sich.
»Jetzt weisen S' mich halt in d' Arbeit ein!«

»Dös pressiert net. Z'erst muß ich dös Geld da überzählen.«
Purtscheller begann die Banknoten abzublättern und die Geldstücke zu
sortieren. »Was meinst, wieviel da liegt am Tisch?«

»Auf 's Geldschätzen versteh ich mich net.«

»Ganze zehntausend Mark! Ja, mein Lieber, so was kannst öfters bei
mir sehen! Erst gestern hab ich in der Stadt drin dem Schloßbräu
fufzgtausend blank auf'n Tisch hin gstrichen. Der hat Augen gmacht.
Beim nächsten Rennen soll er noch ganz anders dreinschauen! Der!«
Purtscheller zählte: »Dreihundert, vierhundert, fünfe, sechse, siebne,
achte, neune, viertausend.«

Vom Treppenflur ließ sich ein leichter Schritt vernehmen. Fester schloß
Mathes seine Hände um die Mütze. Karlin trat ein. Auf der Schwelle nahm
sie ihrem Bübchen die Pelzmütze ab und löste das wollene Tuch, das dem
Kind um den Hals geschlungen war. »So! Sag dem Vater schön Grüß Gott!«
Als sie sich aufrichtete, sah sie das Geld auf dem Tisch. Ihre Lippen
zitterten. Mathes erhob sich. Jetzt erst gewahrte ihn Karlin. »Mathes!«
Die Freude leuchtete aus ihren Augen.

»Ja, der Mathes steht bei uns ein!« sagte Purtscheller. »Sechse,
siebne, achte, neune, fünftausend.«

Wortlos ging Karlin auf Mathes zu und streckte ihm die Hand hin. Er
nahm sie. »Grüß Gott, Frau Purtschellerin!«

Sie lächelte. »Purtschellerin? Was fallt dir denn ein! Sag Linerl! Ich
bin's doch seit der Kinderzeit net anders gwöhnt von dir.«

»Dös sind andere Zeiten gwesen, Frau Purtschellerin.«

Sie sah ihn verwundert an. »Geh, was hast denn?«

»Recht hat er!« fiel Purtscheller ein. »Der Knecht muß Respekt haben
vor der Frau im Haus. Siebne, achte, neune, sechstausend.«

Tonerl schien seiner Verpflichtung, den Vater zu grüßen, beim Anblick
der blauen Soldatenhose vergessen zu haben. Flink wackelte der kleine
Kerl auf Mathes zu und griff nach dem roten Hosenstreif. Da bückte sich
Mathes, hob den Knaben auf seinen Arm und sagte leis: »Ganz die Ihrigen
Augen hat er, Frau Purtschellerin!«

»Aber geh«, schmollte Karlin, »jetzt tust gar noch Sie sagen zu mir!
Gelt, Toni, dös muß net sein?«

»Achte, neune, siebentausend!« brummte Purtscheller. »Dös kann er
halten, wie er mag. Lieber is mir's, er sagt Sie. Wegen die andern
Dienstboten.«

Tonerl streckte die Hände nach der Soldatenmütze.

»So? 's Kapperl willst haben?« Mathes setzte dem Knaben die blaue Mütze
auf, die ihm bis über die Ohren fiel. »Jetzt bist a kleins Soldätl! Da
hätt der Herr General sei' Freud dran.«

Das Bürschl lachte der Mutter zu: »Tonele Soldati, Mammi!« Die Freude
des Kindes verscheuchte die drückende Stimmung, von welcher Karlin
befallen schien. Sie setzte sich neben Mathes auf die Bank. »Sonst is
er allweil so viel scheu gegen fremde Leut. Und mit dir is er, als ob
er dich lang schon kennen tät!«

»Neuntausendneunhundertachtzg!« Mit dieser Ziffer schloß Purtscheller
seine Zählarbeit und schloß das Geld in einen Wandschrank. »So, Mathes,
komm!« Er zog den Samtflaus an und setzte den Hut auf.

Mathes hob den Knaben auf den Schoß der Mutter. »Gelt«, sagte Karlin,
»wann dich eingwöhnt hast bei uns, mußt mir amal erzählen, wie's dir in
der Fremd allweil gangen hat die langen fünf Jahr her.«

»Wann ich Zeit hab amal!« Mathes vermied den Blick der jungen Frau.
»Pfüe Gott!«

Sie sah ihn mit großen Augen an.

Purtscheller kam hinter dem Ofen hervor und knöpfte den Samtflaus zu.
»Du, Linerl, richt mir mein Jagdzeug her, ich möcht a bißl auffischauen
auf an Gamsbock.« Er wollte sie gnädig in die Wange kneifen. Sie bog
den Kopf zurück. »No, no, no? Was hast denn schon wieder?« fuhr er
geärgert auf. »Du mußt dich rein verkühlt haben, selbigsmal beim Fuier.
Froschblut hast eh schon allweil ghabt. Jetzt hast dich ~ganz~ in
an Eiszapfen verwandelt. So was vertrag ich net.«

Brennende Röte schlug über Karlins Wangen, und mit erschrockenem Blick
suchte sie die Tür. Mathes hatte die Stube schon verlassen. Aufatmend
erhob sie sich und trug ihren Buben in die Kammer. Verblüfft sah ihr
Purtscheller nach. »Da hört sich doch alles auf!« In Zorn verließ er
die Stube und warf die Tür zu, daß es durch das ganze Haus dröhnte.
»Da, Mathes, nimm dir a Beispiel dran! Und schlag dir 's Heiraten aus'm
Kopf! Nix wie Ärger hat man mit die Weibsbilder. Die meinig is die
reine Sulz. Wo man s' anrührt, zittert s'!«

»Herr Purtscheller!« sagte Mathes heiser. »'s Ehglück is ebbes Heiligs.
Da sollt man in andrer Weis drüber reden.«

Purtscheller schien nicht recht zu wissen, wie er diese Worte nehmen
sollte. »Geh, du Narr, du!« brummte er und stieg die Treppe hinunter.
Im Freien fand er seine behagliche Laune wieder. Die Zigarre im Mund,
die eine Hand in der Flaustasche, deutete er mit der andern auf die
verschneite Brandruine. »Den Stadel bauen wir im Fruhjahr wieder
auf. Aber nimmer aus Holz. Feste Mauern will ich haben!« Dann ließ
er die Knechte und Mägde zusammenrufen. »Schauts her! Dös is der
Simmerauer-Mathes. Der steht als Meier bei mir in der Wirtschaft ein.
Wann ich net daheim bin, gilt sein Wort wie 's meinig. Wer net pariert,
kann abfahren. Jetzt muß amal an andrer Zug in d' Arbeit kommen!«

Die Leute guckten den Mathes prüfend an. Zäzil lachte. Weil Mathes den
üblen Eindruck, den Purtschellers Worte gemacht hatten, verwischen
wollte, redete er freundlich zu den Leuten und reichte jedem die Hand;
nur Zäzil übersah er. Dann sagte er: »Wir kommen schon gut mitanander
aus. Ich verlang nur, was recht is, und 's Gröbste mach ich selber. So
helfen wir zamm, daß der Purtschellerhof dasteht, wie er's verdient!
Gelt ja, Leut?«

»Ja!« sagte der Altknecht, und die anderen nickten. »Auf mich kannst
dich verlassen.«

Purtscheller schmunzelte; die Art, wie Mathes die Leute für sich
gewonnen hatte, gefiel ihm. »Ich merk schon, du packst die Sach
beim richtigen Zipfel an.« Er zeigte ihm den noch leerstehenden
›Sportstall‹, in dem das Messingschildchen mit dem Namen ›Herzbinkerl‹
schon vertauscht war gegen ein neues, das in schöner Gravierung den
Namen ›Lüftikus‹ trug. Dann war Purtscheller der schweren Arbeit müd.
»Jetzt muß ich schauen, daß ich zu meine Gamsböck auffikomm!«

Mathes blieb allein unter der Stalltür stehen und sah dem
Purtscheller-Toni bekümmert nach. Dann rief er den Altknecht und
ließ sich durch alle Ställe und Scheunen führen. Mit wachsender Sorge
erkannte er die erschreckende Verwahrlosung der Wirtschaft. Er sah es
gleich: hier kostete es entweder ein groben Brocken Geld oder ein Jahr
gedoppelter Arbeit, um den verfahrenen Karren wieder ins Geleis zu
bringen und an der stockenden Maschine dieser weitläufigen Wirtschaft
alle Schrauben wieder einzusetzen. Auch das wußte er: daß er trotz der
zehntausend Mark, die er droben auf dem Tisch hatte liegen sehen, einen
schweren Stand haben würde, wenn er zu Purtscheller käme, um Geld für
die Wirtschaft zu verlangen. Also blieb ihm zur Hilfe nur eines: seine
Arbeit!

Der Altknecht, der sich vor Mathes der verlotterten Wirtschaft zu
schämen begann, wollte alle Schuld auf den ›Herrn‹ schieben. Das wies
Mathes ruhig zurück. »Wann der Herr viel abghalten is, müssen sich d'
Ehhalten doppelt fest zur Deichsel stellen.«

Vom ersten Stock war die in Jähzorn schreiende Stimme Purtschellers
zu hören. »Da! Jetzt schimpft er wieder mit der Frau!« brummte der
Altknecht. »Die hat an unguts Leben. Und wär doch eine, wie man s'
sobald net wieder findt. Wann die was z'reden hätt, möcht's anders
ausschauen.«

Schweigend blickte Mathes zu den Fenstern hinauf. Dann sagte er: »Jetzt
hol ich mein' Kufer. Essen tu ich daheim. Bis Futterzeit im Stall is,
bin ich schon wieder da.« Durch das Hoftor trat er auf die Straße.
Dabei sah er die Stelle an, wo Karlin am Morgen nach der Brandnacht zu
ihm gesagt hatte: »Vergelts Gott, Mathes!«

Um zwei Uhr brachte er seinen Koffer, war schon im Arbeitsgewand und
ging gleich in den Stall.

Als Karlin im Lauf des Nachmittags über den Hof ging, vernahm sie
seine Stimme. Sie trat unter die Stalltür und hörte, wie er die Leute
mahnte, beim Auslegen des Futters nicht soviel zu verstreuen. Die Kühe,
meinte er, müßten am Barren näher aneinandergerückt werden, damit sie
durch Wühlen und Schleudern nicht soviel Futter verderben könnten.
Diese Umstellung begann er gleich ins Werk zu setzen. Karlin sah sein
flinkes Schaffen eine Weile mit an, und als seine Augen einmal den
ihren begegneten, nickte sie ihm lächelnd zu. Dann kehrte sie ins Haus
zurück, atmete auf und strich die losen Härchen hinters Ohr. Droben
in der Stube setzte sie sich ans Fenster, um Wäsche durchzusehen und
auszubessern. Sie arbeitete bis zum Abend und bei der Lampe noch bis
spät in die Nacht. So gut wie heute war ihr die Arbeit noch selten von
der Hand gegangen.

Alle anderen im Hause lagen um zehn Uhr abends schon in den Federn. Nur
Mathes saß noch wach in seiner dunklen Kammer, rauchte sein Pfeifl,
überlegte die Arbeit des kommenden Tages und blickte auf den Schnee
hinaus, über den aus einem Fenster des oberen Stockes die rötliche
Helle der Lampe fiel.

Am folgenden Mittag kam Purtscheller von der Jagd zurück, in guter
Laune. Er hatte eine Doublette auf Gemsböcke gemacht; auch stand ihm
für heut noch eine weitere Freude bevor: sein neuer Traber sollte im
Purtschellerhof Einzug halten. Persönlich überwachte Toni die Säuberung
des Raumes, der an Stelle des verewigten ›Herzbinkerl‹ den edlen
›Lüftikus‹ beherbergen durfte. Als Purtscheller auch den großen Stall
der Milchkühe betrat, bemerkte er die praktische Änderung. »Schau, dös
hab ich selber schon allweil machen wollen! Dazukommen bin ich halt
net.«

Bei Einbruch der Dämmerung wurde ›Lüftikus‹ von einem Stallknecht des
Händlers aus der Stadt gebracht. Der Bursch hatte eine blutige Hand,
und vor Ermüdung vermochte er sich kaum aufrecht zu halten; so übel
hatte das Pferd ihm während der Wanderung mitgespielt. Dazu lachte
Purtscheller. »Für an richtigen Gaul ghört halt 's richtige Mannsbild.«
Stolz, mit strahlendem Gesicht, musterte er das Tier. Es war ein Rappe
von edlem Blut und strammer Schönheit; aber ein scheues Feuer glomm in
den schillernden Augen des Pferdes; wenn ihm jemand nahe kam, begann
es zu tänzeln oder zitterte an allen Gliedern. Seinen Einstand in
›Herzbinkerls‹ Stall feierte ›Lüftikus‹ mit einem wilden Aushieb,
der die Holzrampe zertrümmerte. Mathes mußte kommen, um das Tier zu
bändigen. Als er ihm den Halfter angelegt und die Decke umgeschnallt
hatte, sagte er: »Herr Purtscheller! Ich möcht Ihnen raten, daß S' den
Gaul wieder weggeben. Und wann's mit Schaden wär.«

Purtscheller lachte. »Ah na! Daß ich so an Wildling zwing, dös prickelt
mich grad!«

Die erste Bändigungsprobe, die Purtscheller am nächsten Morgen
unternahm, fiel glücklich aus. Er hatte nun doppelte Freude an seinem
›Lüftikus‹ und widmete dem Training des Pferdes jeden Tag, den ihm
nicht die Jagd oder ein Zimmerstutzen-Schießen wegnahm. Wenn er,
selten, einen Blick in die Wirtschaft warf, mußte er mit Staunen das
Neue und Gute gewahren, das Mathes mit rastlosem Fleiß geschaffen
hatte. Von Woche zu Woche wuchsen die Beträge, die Purtscheller für
Milch und Butter verrechnet erhielt. Mathes verlangte selten Geld, und
so kam Purtscheller mit seinem neuen Meier leidlich aus. Bei Tonis
reizbarem Naturell und bei seiner Gewohnheit, zur Unzeit den Herrn
herauszukehren, ging es ganz ohne Reibereien nicht ab. Es wäre manchmal
zu bösen Szenen gekommen, hätte Mathes nicht die Überwindung gefunden,
Purtschellers aufbrausende Grobheit schweigend hinzunehmen. Höchstens
sagte er: »Sie wissen net, was S' reden, Herr Purtscheller!«

In diesen Wochen fand Karlin nur selten Gelegenheit, mit Mathes ein
paar Worte zu wechseln. Er war vor dem Morgen auf und hatte bis spät in
die Nacht zu schaffen. Fast immer fehlte er beim Mittagstisch und ließ
sich, wenn er grade Zeit hatte, in der Küche einen Bissen reichen. Da
glaubte Karlin zu bemerken, daß er geflissentlich jede Begegnung mit
ihr zu vermeiden suchte. Weshalb? Das verstand sie nicht. Eines Tages
sprach sie ihn deshalb an. »Warum tust du so fremd? Ich hab doch nie a
Wörtl gsagt, dös dich verdrießen hätt können?«

»Gwiß net!«

»No also! Und wie stellst dich denn zu mir!«

»Wie der Knecht zur Bäurin!« sagte er ruhig.

Sein Wort machte sie fast böse. »Der Toni und ich, wir wissen doch, was
wir haben an dir. Du bist doch mehr wie der Knecht im Haus.«

Er schüttelte den Kopf. »Mehr will ich net sein. Und jetzt muß ich zur
Arbeit.«

Karlin sah ihm nach. »Möcht nur wissen, was er hat?«

Seit diesem Tag war Mathes noch seltener im Hause sichtbar. Die paar
freien Stunden, die er sich an Feiertagen gönnte, brachte er bei den
Eltern zu. Auch am Heiligen Abend stieg er durch den Schnee in die
Simmerau hinauf. Karlin, die ihn vergebens suchte, mußte ihm sein
›Weihnächten‹ in die Kammer legen. Purtscheller schimpfte über die
›Flegelei‹. Weil Karlin den Wunsch eines Sohnes, das Weihnachtsfest bei
den Eltern zu verbringen, berechtigt fand, machte Purtscheller eine
Szene, die damit endete, daß er wütend vom brennenden Baum davonging
und sich im Wirtshaus schwer bekneipte.

Der Januar brachte linde Zeit. Häufig war es in den Sonnenstunden so
warm, daß Mathes, wenn es eine Besorgung im Dorfe gab, diese Gänge ohne
Hut und in Hemdärmeln machte. Früher hatte er immer einen Knecht zum
Wagner oder zu den anderen Handwerksleuten geschickt. Jetzt machte er
selbst jeden Weg, der außer Haus zu erledigen war, und mit Vorliebe
griff er nach jedem Geschäft, das ihn zur Daxenschmiede führte. Daß
Schorschl die Arbeit aus dem großen Hof bekam, das hatte Mathes bei
Purtscheller mit den zwei schlagenden Gründen durchgesetzt: der Weg zur
Schmiede des Nachbardorfes kostet zuviel Zeit, und der Daxen-Schorschl
arbeitet besser und billiger als jeder andere Schmied.

Die viele Arbeit, die Schorschl für den Purtschellerhof zu liefern
hatte, war Ursache, daß er zu dem Gesellen, den er schon anfangs
Dezember angeworben hatte, nach Neujahr noch einen zweiten nehmen
mußte. Wenn die drei Schmiede bei der Arbeit standen, hörte man den
Taktschlag ihrer Hämmer durch das ganze Dorf: klingeling kling,
klingeling kling! Den festen Nachschlag in diesem Takt gab immer der
Hammer des jungen Meisters. Diese lustige Musik lockte ein schönes
Geld in die Schmiede. Schorschl brauchte keinen Pfennig mehr schuldig
zu bleiben, und pünktlich am Ersten eines jeden Monats konnte er die
fällige Rate an Rufel bezahlen. Bei der rastlosen Arbeit ging ihm der
Brustkorb auseinander wie eine Tonne, aber sein Gesicht verlor immer
mehr jene heitere Frische, die dem ›lüftigen Schorschl‹ einst aus den
Augen gelacht hatte. Als Mathes wieder einmal Purtschellers Pferde zum
Hufbeschlag in die Schmiede brachte, fragte er: »Schorschl! Bist krank?«

»Es muß schon so was sein!« brummte Schorschl.

Mathes lächelte. »Was fehlt dir denn?«

»So a Fieber hab ich, so a gspassigs! Net krank bin ich und net gsund!«
Schnaufend betrachtete er den Rücken seiner rechten Hand. Das war ihm
zur Gewohnheit geworden: nachdenklich die Narben jener Kratzwunden zu
studieren. Die Schrunden, die in der Brandnacht die Mauerbrocken in
sein Gesicht gerissen hatten, waren spurlos verheilt; nur diese drei
feinen, weißen Linien auf seiner Hand wollten nicht verschwinden.

Als die Pferde beschlagen waren und Mathes sie aus der Werkstatt
führte, sagte er: »An die Sonntagnachmittag bin ich allweil droben bei
meine Leut. Magst net amal auffikommen auf an Plausch?«

»Na! Ich dank schön. Da droben geht mir der Wind z'kalt!« Schorschl
winkte gegen die Esse. »Ich bin's warme Fuier gwöhnt. Die schneidigen
Lüftln vertrag ich net.«

Draußen im Hof blieb Mathes wieder stehen. »Du? Schorschl? Is wahr, was
d' Leut reden?«

»Was reden s' denn?«

»Daß dir der Zillerlenz sei' Tochter hat antragen lassen?«

»Da weiß ich nix davon.« Geärgert kehrte Schorschl in die Werkstatt
zurück und nahm die Arbeit wieder auf. Daß er gelogen hatte, schien
sein Gewissen nicht sonderlich zu drücken. Es verhielt sich wirklich
so: der Zillerlenz, dem das aufblühende Geschäft in die Augen stach,
hatte den alten Rufel als ›Hochzeitsschmuser‹ in die Schmiede
geschickt. Schorschls Antwort war kurz und bündig gewesen. »Von die
Weibsbilder mag ich nix wissen. Da hab ich meine Erfahrungen gmacht.«
Er hatte seine Hand betrachtet und mit der Zunge über die weißen Narben
gestrichen. »Die einzig, mit der ich auskomm, is die Bäckenmahm. Mit
der bin ich z'frieden.«

Zu dieser Zufriedenheit hatte er Ursache. Kurz vor den Weihnachtstagen
hatte sich die Bäckin vom Krankenbett erhoben, hatte ihre Gesundheit
wiedergewonnen und fast einen Zentner an Fett verloren. Als Schorschl,
um dieses magere Wunder zu konstatieren, die Mahm in der Werkstatt auf
die große Eisenwaage setzte, wog sie ~nur~ zweihundertsechzig
Pfund. In der Freude über diese körperliche Erleichterung verschmerzte
sie gern den schweren Verlust, den die Brandnacht ihr gebracht hatte.
»Wie a Federl komm ich mir für«, sagte sie mit Lachen, »wie a Federl
so leicht!« Es wurde für sie eine Art von Sport, die engsten Türen
aufzusuchen und sich schief durchzuschmiegen, ohne mit der Jacke an den
Pfosten anzustreifen. Bei dieser ›Federleichtigkeit‹ konnte sie ihrem
Neffen danken, was er für sie getan hatte. Emsig wackelte sie zwischen
Stube, Werkstatt und Küche hin und her, überwachte die Zubereitung
aller Mahlzeiten und begann ihr ›Schorscherl‹ auf eine Weise zu
verhätscheln, daß die Gesellen darüber ihre Späße machten. Aber nicht
nur für das ›Schnaberl‹ des Daxenschmiedes sorgte die Bäckenmahm.
Sie kassierte für ihn die Gelder ein, führte Buch über Einnahmen und
Ausgaben, brachte alle Räume des Hauses in freundlichen Stand, hielt
Schorschls Kleider in Ordnung und füllte durch fleißige Näharbeit alle
Lücken des gähnenden Wäschekastens. Am Morgen des Lichtmeßtages konnte
sie Schorschl vor den Schrank führen, in dem die weißen Leinwandstöße
mit blauen Mascherln gebunden und so eng aneinander gerückt waren, daß
kein Stück mehr Platz gefunden hätte. »Schau dir's an, dein Kasterl!
Fix und fertig liegt alles da. Gleich morgen kannst heiraten!«

»Geh, laß mich aus!« brummte Schorschl in der ersten Verblüffung. »Für
was denn söllene Sacherln! Ich bin doch kein Madl net. Zwei Hemeder,
eins zum Anziehen und eins zum Waschen, dös wär gnug für mich gwesen.
Und vom Heiraten red mir gleich ~gar~ net!« Ärgerlich ging er zur
Tür, kehrte wieder um und drückte seiner mager gewordenen Bäckin die
Hand. »No ja, ich dank dir halt schön! Aber mit'm Heiraten laß mich
aus!«

Das versprach sie. Aber schon nach wenigen Tagen begann sie ihm die
Mitgift zu rühmen, welche die Tochter des Berghofbauern zu erwarten
hätte.

»Hörst net auf!« schimpfte Schorschl. »So a Putzgredl, so a schieche!
Zahnlucken hat s' wie Ofenlöcher!«

In der Woche darauf konnte die Mahm ihrem Schorscherl nicht genug
erzählen, wie gut ihr das Bürgermeistermädel gefiele.

»Was? Dös Krisperl, dös dürre! An der ihre Knöcherln soll sich an
andrer die Zähn ausbeißen! Jetzt hab ich ~dich~ allweil angschaut,
jetzt bin ich ans Runde gwöhnt.«

Trotz dieser Mißerfolge schmiedete die Bäckenmahm neue Pläne. Sie
war so ehrlich für das Wohl ihres ›Schorscherl‹ bedacht, daß sie ihr
eigenes Schicksal in zweite Reihe setzte. Auch hatte sie für diesen
Fall schon ihr Plänchen fertig. Wohl war sie durch den Brand um
ihre schönen, vierprozentigen Pfandbriefe gekommen. Aber es war ihr
doch der Bauplatz geblieben, der große Garten und die Lizenz für das
Bäckergeschäft, die als Recht auf dem Grundstück lag. Dafür hatte man
ihr dreitausendfünfhundert Mark geboten; sie wollte viertausend haben
und hatte Zeit, zu warten, bis der richtige Käufer kam. Dann konnte
sie sich im Garten der Daxenschmiede, um ihrem ›Schorscherl‹ recht nah
zu sein, ein Häuschen mit zwei Stuben und einer Küche bauen. Durch
Verbriefung dieser Erbschaft wollte sie sich in Schorschls Hausstand
für freie Verpflegung einkaufen bis an ihr seliges Lebensende. »Gott
verhüt's noch lang!«

Als im März der Talschnee zu schmelzen begann und linde Tage kamen,
ließ sich die Bäckenmahm in warmen Stunden den Lehnstuhl unter
das offene Tor der Werkstätte stellen, und wenn sie nicht für ihr
›Schorscherl‹ zu flicken hatte, nähte sie an den Leinwandvorhängen für
die Fenster ihres Häuschens, zu dessen Bau die Ziegel noch gar nicht
gebrannt waren. Und da sah sie eines Tages die Simmerauer-Vroni mit dem
Henkelkorb vom Krämer kommen. »He! Du!« rief die Bäckenmahm. »Geh, kehr
a bißl ein auf a Plauscherl!«

Vroni schien wie mit Taubheit geschlagen, machte flinke Schritte und
verschwand um die Straßenecke.

Prüfend hatte die Bäckenmahm ihr nachgesehen. »Sapperlot! Is dös Madl
aber sauber! Dahermarschiert s', als hätt s' Federn unter die Schuh!
A Gsicht wie der Apfel an Michäli! Die Zöpf liegen ihr droben wie a
Krönl! Feingwachsen wie a Zwiefelröhrl und doch schön ~rund~, wie
er's gwöhnt is jetzt!« Sie beugte sich vor und lugte in die Schmiede,
aus welcher der Taktschlag der drei Hämmer tönte: klingeling kling,
klingeling kling! »Vielleicht tät ihm ~die~ gfallen?« Lächelnd
rief sie: »Schorscherl!« Sie mußte ein paarmal rufen, bis er den Hammer
niederlegte und kam. »Du? Was tätst denn zur Simmerauer-Vroni sagen?«

»Himmel sakra!« fuhr Schorschl auf, als hätte ihm die Bäckenmahm ihre
Nähnadel ins Herz gebohrt. »Wirst mir net bald mei' Ruh lassen?«

Die Mahm schmunzelte. »No? Was tätst denn sagen zu der?«

»Zu der sag ich gleich ~gar~ nix!« Vor Ärger über die Schwelle
stolpernd, kehrte er in die Werkstatt zurück.

Studierend zog die Bäckenmahm den Nähfaden über die Lippen. »So so so
soooo?« Schmunzelnd guckte sie in die Schmiede. »Wart, Schorscherl! Da
kriegst mir jeden Tag a Pülverl! Schön langsam! Aber sicher!« Hätte die
Mahm auf die Musik der Schmiede gelauscht, so hätte sie merken müssen,
daß schon das erste ›Pülverl‹ im Herzen des Daxen-Schorschl bedenklich
zu rumoren begann. Im taktmäßigen ›Klingeling kling‹ des Hammer-Trios
tönte der Nachschlag des jungen Meisters so ungestüm, daß neben diesem
Schmetterklang die Hammerschläge der Gesellen sanft erschienen wie
Grillengesang.




                          Dreizehntes Kapitel


Mit den letzten Tagen des März war der Schnee im Tal so weit
geschwunden, daß man die Arbeit auf den Feldern beginnen konnte. Die
Lenden mit der weißen Samenschürze umgürtet, schritt Mathes einen Tag
um den anderen vom Morgen bis zum Abend durch die frischgebrochenen
Ackerfurchen und streute den Samen in Purtschellers Erde.

Das Säen ist eine Kunst. Manch ein Bauer wird alt, ohne sie zu lernen.
Es gehört eine ruhige und achtsame Hand dazu, um für jeden Wurf das
richtige Quantum Körner aus der Schürze zu fassen, nicht zu groß und
nicht zu klein. Und gleichmäßig muß der gestreute Same über die lockere
Krume fallen; nicht zu spärlich, da sonst die Ernte mager wird, und
nicht zu dicht, da sonst die Halme sich drücken und taube Ähren treiben.

Mathes verstand sich auf diese Kunst. Häufig hielten die Bauern
auf den Nachbarfeldern in der Arbeit inne, um dem jungen Sämann
nachzuschauen: wie ruhig er einen Schritt vor den anderen setzte, und
wie schön zerteilt von seiner streuenden Hand der Same rieselte.

Als er wieder einmal das Ende des langen Feldes erreichte, nickte ihm
ein alter Bauer freundlich zu: »Heuer wird er lachen können, der Herr
Purtscheller, wann er im Sommer seine Felder anschaut!«

Mathes füllte aus dem großen Sack, der am Rain des Ackers stand, die
leergewordene Schürze. Zog das Gewicht des Samens an seinen Schultern?
Mathes ging gebeugt. Sein Körper richtete sich auch nicht auf, als die
Schürze wieder leicht und leer wurde.

Doppelte Sorge bedrückte ihn.

Wohl lagen die Halden der Simmerau noch halb im Schnee, aber der
gefrorene Boden begann schon aufzutauen, das rieselnde Schneewasser
verschwand in allen Schrunden des zerklüfteten Berghanges, und
deutlich konnte Mathes das Rauschen der aus dem Innern des Berges
hervorströmenden Bäche hören, deren Wassermenge mit jeder Sonne
wuchs. Vor drei Tagen, als Mathes zu den Seinen in die Simmerau
hinaufgestiegen war, hatte der Vater gesagt: »Heut in der Nacht hab ich
gspürt, wie 's ganze Häusl zittert hat. Jetzt fangt er wieder an, der
Berg.«

»Tu dich net sorgen, Vater! In drei Tag bin ich mit'm Haberbau fertig
und komm, daß ich helfen kann.«

»Ja, Bub! Vergelts Gott! Soviel Angst hab ich vor'm Fruhjahr! 's Wasser
sollt halt in d' Höh steigen aus die untrischen Gäng! Eh kriegen wir
kein' Fried. Gelt tu dich bei der Saat a bißl tummeln.«

»Richtige Saat braucht Zeit!«

»Ja, ja! Is wahr! Aber meinst net, daß d' länger brauchst als drei Tag?«

»Na, Vater!«

»Gott sei Lob und Dank!«

Nun waren die drei Tage vergangen, und Mathes streute den Samen über
das letzte Feld. Als die Elfuhrglocke läutete, gingen die Bauern, die
auf den anderen Äckern bei der Arbeit waren, zur Mahlzeit heim. Mathes
blieb. Wenn er diese Stunde verlor, konnte er bis zum Abend mit der
Saat nicht fertig werden. Sinnend sah er, während er durch die Furche
schritt, dem lautlosen Fall der Körner zu. Für wen würde aus dieser
Saat die Ähre wachsen? Für wen die Ernte reifen?

Daß er auf diese Frage keine Antwort fand, das war die andere Sorge,
die ihn drückte.

Er hatte sich krumm gearbeitet in diesem Winter. Was half es? Wohl
nahm die Wirtschaft ihren geregelten Gang, und die Einkünfte wuchsen
mit jedem Monat. Aber was Mathes mühsam aufbaute, warf Purtschellers
Leichtsinn wieder über den Haufen. Man wußte schon im ganzen Dorf
von dem Geschäft, das Purtscheller im November abgeschlossen hatte:
die alte Hypothek war getilgt worden, zehntausend hatte er bar auf
die Hand bekommen, und jetzt lag eine Hypothek von achtzigtausend
auf dem Purtschellerhof. Und jene zehntausend, von denen Zäzil die
ersten zwanzig Mark davongetragen hatte? Fast die Hälfte war für
den Ankauf des neuen Trabers aufgegangen, der Rest war lustig durch
Purtschellers Finger gerollt. Seit dem Fasching war er schon wieder in
der Klemme, ließ sich Vorschüsse von den Händlern geben und suchte Geld
aufzutreiben. Daß es bei diesen Bohrversuchen nicht immer sprudelte,
das steigerte seine jähzornige Reizbarkeit in solchem Grad, daß Karlin
und die Leute im Haus kaum mehr ein Auskommen mit ihm fanden. Wer
die junge Frau betrachtete, dem mußte der Anblick ihres abgehärmten
Gesichtes ins Herz schneiden. Ihre schlimmste Zeit war jene Woche
gewesen, in welcher Purtscheller mit verbundenem Kopf das Zimmer hatte
hüten müssen. Bei einer Trainingfahrt hatte ›Lüftikus‹ den Gig mitsamt
dem Trainer über die Straßenböschung in den Bach hinuntergeworfen.
Purtscheller war, wenn es um seinen heiligen Leib ging, sehr
wehleidiger Natur. Das ganze Haus atmete auf, als er den ersten Ausgang
machte. Nun hatte auch Karlin wieder ruhigere Tage; vom Morgen bis zum
Abend war Purtscheller unsichtbar; freilich, wenn er in später Nacht
bekneipt nach Hause kam, weckte seine jähzornige Stimme alle Schläfer
im Haus. Nur bei ~einem~ war das Wecken überflüssig. Der schlief
nicht. Und als die junge Frau nach solch einer Nacht am Morgen in den
Hof kam, sah Mathes ein bläuliches Mal an ihrer Schläfe.

Er wurde bleich. »Karlin?« Zum erstenmal hatte er die gewohnte Anrede
vergessen. Dann fragte er: »Is Ihnen was passiert, Frau Purtschellerin?«

Heiße Röte huschte über ihre vergrämten Züge. »A bißl angstößen hab ich
mich, am Kasten, in der Finsternis.« Noch während sie sprach, hatte sie
sich abgewandt und war ins Haus getreten.

Nach ein paar Tagen war das häßliche Zeichen vergangen. Aber wenn
Mathes bei der Arbeit an Karlin dachte, konnte er sich ihr Gesicht
nicht mehr anders vorstellen, als immer mit diesem Mal. So sah er sie
auch jetzt, während er durch die Furche schritt und sich bei jedem
Samenwurf fragte: Was soll aus ihr werden? Aus ihr und ihrem Kind? Wenn
kommt, was kommen muß: Purtschellers Ruin und die Gant seines Hofes?

Von Süden wehte ein linder Hauch über die kahlen Samenfelder, warm und
befruchtend. Mathes fühlte ihn und blickte auf, als hätte er Sorge, daß
der Föhn käme. Doch der Himmel war sonnig und blau. Am Saum des nahen
Wäldchens schlug eine Drossel, und in das eintönige Rauschen der Bäche,
die aus den Höhlen des laufenden Berges rannen, klang vom Dorf herüber
das Hammertrio der Daxenschmiede.

Die Sonne begann zu sinken. Ein Abend, lau und windstill, leuchtend in
allen Farben. Gegen fünf Uhr wurde Mathes fertig mit der Saat. Am Rain
des Ackers stehend, nahm er den Hut ab und drückte ihn an die Brust.
»Lieber Herrgott, leg dein' Segen drauf!« Dann hob er den Sack mit dem
Rest des Samens auf die Schulter und trat den Heimweg an. Als er bei
einer Hecke vorüberkam, spürte er den Duft der ersten Veilchen. Er
pflückte die kleinen Blüten, die halb noch Knospen waren, und steckte
sie hinter das Hutband.

Auf der Straße vor dem Purtschellerhof begegnete ihm Karlin, die den
Tonerl an der Hand führte, damit das Kind den schönen Frühlingsabend
und die linde Luft genießen möchte.

»Guten Abend, Frau Purtschellerin!« sagte Mathes, ohne den Schritt zu
verhalten.

Da fiel ihr seine gebeugte Haltung auf. Als er schon vorüber war,
fragte sie beklommen: »Mathes? Tragst denn so schwer?«

Er blieb stehen und schüttelte den Kopf. »Bloß an halben Metzen. Den
hab ich sparen können bei der Saat.«

In Sorge betrachtete sie sein Gesicht. »Tust net a bißl gar z'viel
schaffen? So viel müd schaust aus!«

»Ah na! Dös hab ich so im Fruhjahr. Die ganzen Jahr her hab ich's
allweil so ghabt. Dös vergeht schon wieder.« Er hatte den Sack zu Boden
gestellt und die Veilchen vom Hut genommen. Sich niederbeugend, gab er
dem Kind die Blumen, roch an ihnen und stellte sich, als müßte er von
der Stärke ihres Duftes niesen. »Hazzi!«

Das gefiel dem Bürschl; eifrig grub es sein Näschen in die Blumen und
machte: »Hazzi!«

Lächelnd nahm Mathes den Sack wieder auf. »Pfüe Gott, Frau
Purtschellerin!« Er ging davon.

Karlin strich die losen Härchen hinter das Ohr und sah ihm nach.

Als Mathes den Hof betrat, stand Purtscheller, für die Jagd gekleidet
und die Schrotflinte auf dem Rücken, vor einer Stalltür und schwatzte
mit Zäzil. Die Magd schien ihren Herrn auf die Heimkehr des Knechtes
aufmerksam zu machen; er blickte über die Schulter; dann sagte er dem
Mädel ein leises Wort und ging auf das Tor zu.

Mathes vertrat ihm den Weg. »Grüß Gott!«

»Bist fertig mit der Saat? Lang gnug hast braucht.«

»Gute Saat will Weil haben.«

»Solche Sprüch haben die Langsamen flink bei der Hand. Pfüe Gott!«

»Ich hätt was z'reden, Herr Purtscheller.«

»An anders Mal!«

»Es muß heut sein.«

»Oho! Soll ich mir leicht Fürschriften von dir machen lassen? Heut is
der erste schöne Abend. Da muß ich schauen, ob net der Schnepf schon am
Strich is. Wann ich Glück hab, schieß ich heut den ersten.« Er stelzte
zum Tor hinaus und brummte: »Hoffentlich begegnet mir kein alts Weib
net.« Als er auf der Straße seine Frau gewahrte, machte er ärgerlich
einen Umweg.

Er hatte nicht weit zu gehen. Gleich bei den aus dem laufenden Berg
hervorströmenden Bächen, in den mit Buschwerk durchsetzten Moorwiesen,
war seit Jahren der beste Schnepfenstrich. Als Purtscheller seinen
Stand gewählt hatte und die Flinte schußbereit machen wollte, merkte
er, daß er die Patronen vergessen hatte. Mit einem Fluch begann er zu
schimpfen: »Natürlich! Weil mir dös Weibsbild allweil die Patronen
aus'm Gwehr und aus der Joppen nimmt! Als ob was passieren kunnt, wann
's Gwehr am Rechen hängt!« Aber da half nun kein Schelten; er mußte
nach Hause marschieren.

Es begann schon zu dämmern, als er seinen Hof erreichte. Droben in
der Stube schob er zwei Patronen in die Flinte und steckte ein paar
andere in die Tasche, während Karlin im Schlafzimmer dem Tonerl ein
Schlummerlied sang:

  »Vogerl am kühlen Bach
  Zwitschert so süß!
  Zwitschert Bach auf und ab,
  Bis ich mein Schatzerl hab!
  Vogerl am kühlen Bach
  Zwitschert so süß!«

Als Purtscheller die Treppe hinunterstolperte, hörte er aus einer
Gesindekammer Zäzils kreischende Stimme: »Und wann ich's gsagt hab?
Geht's ~dich~ was an? Bist du für d' Frau im Haus als Hüter
aufgstellt?«

»Pack ein!« fiel ihr Mathes ins Wort.

»Is schon gut! Einpacken tu ich. Aber auf der Straß laß ich den Kufer
stehn und wart, bis der Herr heimkommt. Nacher paß auf, du! Ob dös gar
so leicht is, die Zäzil aus'm Haus jagen!«

Purtscheller stellte die Flinte an die Mauer und trat in die Kammer.
»Was is denn da? Muß denn allweil der Spektakel im Haus sein?«

Zäzil schwieg verlegen, während Mathes sagte: »Dös Madl hab ich aus'm
Dienst schaffen müssen. Und hab ihr boten, sie soll ihren Kufer packen,
auf der Stell.«

»Oho!« fuhr Purtscheller auf. »Du nimmst dir a bißl viel raus.«

»Ich kunnt Ihnen an den Tag erinnern, wo S' gsagt haben, daß mein
Wort im Haus gelten soll wie 's Ihrig!« erwiderte Mathes mit mühsam
bewahrter Ruhe. »Aber dös braucht's wohl net. Dös Madl muß fort aus'm
Haus. Vor alle Dienstboten hat s' unghörig gredt von der Frau.«

Purtscheller wurde rot. »Was hat s' denn gsagt?«

»So was redt man net nach. Es muß Ihnen gnug sein, wann ich sag: in
Ihrem Haus is kein Platz mehr für an Dienstboten, der so von der Frau
redt.«

Zäzil hatte sich auf den halb gepackten Koffer gesetzt, nahm die
Schürze vors Gesicht und fing zu heulen an.

»No no no! Es wird net so arg gwesen sein!« meinte Purtscheller
begütigend. »Geh weiter, Mathes! Laß mich mit dem narrischen
Frauenzimmer reden! Ich will ihr den Dickschädel ordentlich waschen.«

Mathes ging wortlos aus der Kammer.

Purtscheller schloß das offen stehende Fenster und puffte die Magd mit
der Faust an die Schulter. »Du Gans, du grupfte, was hast denn gsagt?«

»Was wahr is!« Zäzils Tränen waren plötzlich versiegt. »Daß für an
Herrn, wie Sie einer sind, jede andere Frau besser passen möcht als so
a verschmaachts Millihaferl.«

In Wirklichkeit hatte die freche Rede anders geklungen;
aber Purtscheller verspürte nicht die geringste Lust, den
Untersuchungsrichter zu spielen. »So was sagt man net!« brummte er.
»An anders Mal halt dein' Schnabel vor die Leut!«

»Es is mir halt in der Wut aussigfahren. D' Frau soll mich in Ruh
lassen, so tu ich ihr auch nix. Aber dös laß ich mir nimmer gfallen:
allweil so über ein' wegschauen, als ob man Luft wär!«

»Jetzt pack den Kufer wieder aus!« fiel ihr Purtscheller ins Wort.
»Mit'm Mathes red ich schon. Fang mit dem keine Reibereien an! Der
schafft wie a Roß. Den brauch ich. Und jetzt gib an Fried! Den
Schnepfenstrich hab ich eh versäumt mit deiner Dalkerei!« In gereizter
Laune ging er aus der Kammer, nahm die geladene Flinte, die an der
Mauer stand, trug sie in die Stube hinauf und hängte sie an den
Gewehrrechen. Wütend schleuderte er den Hut in den Ofenwinkel und
ging zum Tisch, um die Hängelampe anzuzünden. Als er sich nach einer
Wanderung durch die Stube auf das Sofa werfen wollte, trat Mathes ein.

»Herr Purtscheller? Grad kommt dös Madl in Hof aussi, lacht vor alle
Leut und sagt: sie bleibt. Is dös wahr, Herr Purtscheller?«

»No ja! 's Madl hat mich derbarmt. Man kann doch a Weibsbild net so bei
Nacht und Nebel auf d' Straß aussijagen. Ich mach dir kein' Fürwurf. Du
hast es gut gmeint. Aber jetzt sei halt gscheid! Du tust mir an Gfallen
damit. Also! Willst noch was?«

»Ja!« sagte Mathes mit veränderter Stimme. »Der Vater braucht mich,
weil der Berg wieder anfangt. Ich muß heut noch heim.«

»Was? Jetzt im Fruhjahr?« fuhr Purtscheller auf. »Wie soll ich denn auf
an grünen Zweig kommen, wann mir d' Leut davonlaufen, sobald d' Arbeit
richtig anfangt? Für was zahl ich mir denn an Knecht?« Er schien zu
vergessen, daß er seinem Meier an Lichtmeß den Lohn schuldig geblieben
war. »Nix da! Du bleibst!«

»Tut mir leid, Herr Purtscheller, ich ~muß~ heim!« erwiderte
Mathes ruhig. »Den Fürhalt hab ich gmacht, wie ich eingstanden bin.«

Ärgerlich überlegte Purtscheller. »Steht's denn gar so schlecht da
droben?«

»Wann noch was z'helfen is, muß gholfen werden, eh 's Wasser wachst.«

»Also, meintwegen! Wann meinst denn, daß d' wieder kommen kannst?«

»In der ersten Stund, wo mich der Vater graten kann.« Mathes zerknüllte
mit zitternden Händen den Hut. »Aber eins muß ich bitten!«

Purtscheller schien die Geduld zu verlieren. »Was denn schon wieder?«

»Daß der Zäzil aufkündt wird, bis ich wiederkomm.«

»Ja Himmel Kreuz Teufel!«

»Dös muß ich verlangen. Soll ich d' Leut fest in der Hand halten, so
müssen s' Respekt vor mir haben. Mein Wort muß gelten.«

»So? Und ich? Ich soll vielleicht der ~gar~ Niemand sein im Haus?«
Purtscheller schlug mit der Faust auf den Tisch.

Da erschien Karlin mit blassem Gesicht auf der Schwelle der
Schlafkammer und zog hinter sich die Tür zu. »Toni! 's Kindl schlaft.
Gib doch a bißl acht.«

»So? Achtgeben? Auf alle Leut im Haus soll ich achtgeben! Aber auf mich
gibt gar keiner acht. Und aller Verdruß fallt allweil auf mich.« In
wachsendem Jähzorn wandte sich Purtscheller an Mathes. »Mach dich net
gar so wichtig! Du!«

»Tun S' Ihnen beruhigen, Herr Purtscheller!« stammelte Mathes. »Wir
können die Sach an anders Mal ausreden.«

»Hättst die ganze Dummheit net aufgrührt! An anders Mal misch dich net
in Sachen, die dich an Pfifferling angehn!«

»Aber Toni!« fiel Karlin ein. »So tu doch net so mit'm Mathes reden!
Dös hat er doch net verdient um uns.«

»Natürlich! Den soll ich noch extra in Baumwoll wickeln, weil er mir
den ganzen Ärger da hergmacht hat? Und wer is im Grund wieder schuld
dran? Du! Schau mich net so an, sag ich dir! Dös kalte Gschau vertrag
ich net.«

»Herr Purtscheller!« bettelte Mathes, dem die Stimme kaum gehorchte.
»Tun S' mir doch den einzigen Gfallen und ziehen S' net d' Frau noch in
den Handel eini! Es kann ja sein, daß ich unrecht hab. Lassen wir's gut
sein! Pfüet Ihnen Gott, Herr Purtscheller!« Er wollte zur Tür.

»Nix da!« schrie Purtscheller in Zorn. »Meinst vielleicht, ich trau
mich vor meiner Frau net Farb bekennen? So steh ich gottlob noch lang
net da!« Mit zuckenden Fäusten riß er an seiner Weste und trat auf
Karlin zu. »Net gnug, daß ~ich~ den Unfried hab im Haus! Jetzt
mußt mir noch die ganzen Dienstboten durchanandbringen! Weil d' net
weißt, wie man d' Leut behandeln muß.«

»Herr Purtscheller, um Gotts willen!« wehrte Mathes. »Kommen S'! Reden
wir drunt mitanand!«

Purtscheller hörte nicht und schrie seiner Frau ins Gesicht: »Dö armen
Leut arbeiten den ganzen Tag und haben a Recht drauf, daß ihnen d' Frau
a freundliche Red gibt.«

»Aber Toni«, erwiderte Karlin ruhig, »a guts Wörtl hab ich jedem von
unsere Leut noch allweil von Herzen geben.«

»So? Und wie machst es denn mit der Zäzil? Gelt, jetzt schlagt dir 's
Blut übers Gsicht! Warum is denn dös Madl allweil Luft für dich? Meinst
vielleicht, du bist was Bessers?«

Mathes zuckte, als wäre ihm ein Rutenschlag ins Gesicht gefahren.

»So geht man net um mit die Leut! Verstehst mich!« schrie Purtscheller
auf Karlin ein. »Und wann dem Madl im Zorn amal a Dummheit
aussirutscht, kann man's ihr net verargen. Schließlich hat 's Madl nix
anders gsagt als die traurige Wahrheit: daß jede andere besser für
mich taugen möcht, wie du! Aber dös is mei' Malör. Was braucht denn
~der~ da mit seine groben Pratzen einigreifen und 's Madl gleich
aussischmeißen aus'm Haus! So was könnt mir taugen! Dös Madl is eh noch
die einzig, von der ich a lustigs Wörtl --« Purtscheller verstummte und
sah seine Frau in maßloser Verblüffung an.

Karlin war auf Mathes zugegangen und hatte ihm die Hand gereicht.
»Vergelts Gott, Mathes! Ich hab mir nimmer denkt, daß noch wer auf der
Welt is, der sich um mich a bißl annimmt.«

»Frau Purtschellerin! Mar' und Josef! Ich bitt Ihnen --« stammelte
Mathes und gab ihre Hand frei.

Sie nickte zu ihm auf und wollte die Stube verlassen. Purtscheller
vertrat ihr den Weg. »Du! Söllene Gschichten verbitt ich mir! Wann d'
nimmer weißt, an ~wen~ dich z'halten hast, so muß ich dir wieder
amal an Deut geben, den acht Tag lang umanand tragst im Gsicht!« Der
ernste Blick, mit dem Karlin zu ihm aufsah, reizte noch seinen Zorn.
»Schau mich net so an! Oder es kann dir ~gleich~ passieren --« Er
stürzte auf Karlin zu und hob die Faust.

Eine eiserne Hand klammerte sich um seinen Arm. »Bub, du! Den Knochen
brich ich dir ausanand!«

Purtscheller stöhnte vor Schmerz.

Ein paar Sekunden war Schweigen in der Stube. Dann sagte Karlin: »Laß
ihn, Mathes! Er weiß net, was er tut.«

Mathes gab den Arm frei, den seine Faust gefangenhielt.

»So? So?« lallte Purtscheller, halb aus seinem Jähzorn ernüchtert.
»So was traust dich du gegen dein' Herrn? Paß auf! Mit dir will ich
Rechnung halten, wann's an der Zeit is!« Er packte seinen Hut und rief
der Frau über die Schulter zu: »Und du kannst warten auf mich! Lang!«
Den schmerzenden Arm reibend, verließ er die Stube und warf die Türe zu.

Wortlos standen Mathes und Karlin voreinander. Keines regte sich.
Mathes brauchte nicht zu sprechen; der Schmerz, der um seinen Mund
gegraben lag, und der heiße Glanz seiner Augen sagte ihr auch ohne
Worte, was er gelitten hatte und was er fühlte für sie. »Mathes? Um
Christi willen?« hauchte sie tonlos und sah ihn erschrocken an.

Er nickte. »Ja, Linerl! Ich hab dich gern ghabt, seit ich denk.«

»Jesus!« Sie bedeckte das Gesicht mit den Händen.

So standen sie schweigend.

Dann sagte er: »Gelt, Linerl, dös siehst ein, daß ich nimmer bleiben
kann?«

»Ja, Mathes!« Sie ließ die Arme sinken. »Jetzt mußt fort!«

»Für ganz.«

»Ja, Mathes! Für ganz!«

Zögernd bot er ihr die Hand.

Ihre Finger waren kalt und zitterten. »Grüß mir deine guten Leut
daheim!«

»Ich dank schön, ja!« Er hob den Hut auf, der ihm entfallen war, und
verließ die Stube.

Karlin, als die Tür sich geschlossen hatte, griff mit beiden Händen
an ihre Brust. Sie fühlte den Irrtum ihres Lebens und erkannte das
Glück, an dem sie blind vorübergegangen war. Diese Erkenntnis wurde
in ihr zu jäher Sehnsucht. Mit Freude empfand sie das und dennoch
mit einem Schreck, der sie halb von Sinnen brachte. Die Hände
ineinanderklammernd, fiel sie auf die Knie und stammelte in Angst:
»Herrgott! Herrgott! Tu mich wahren vor der Sünd!« Auf der Erde
liegend, grub sie das Gesicht in die Arme.

Als sie müd und gebrochen sich aufrichtete, hörte sie aus der Kammer
das Weinen ihres Kindes. Sie wankte in den dunklen Raum und umschlang
das Kind, wie ein Sinkender die Rettung. Zuerst erschrak der Kleine,
ließ sich aber von der Mutter bald beruhigen. »Bitt schön, Mammi«, bat
er mit schläfrigem Stimmchen. »Tu mir Liedi singen!«

»Ja, mein Herzl!« lispelte Karlin und sang mit erloschenem Ton:

  »Vogerl im grünen Wald
  Zwitschert so lieb!
  Zwitschert Wald aus und ein:
  Wo mag mein Schatzerl sein?
  Vogerl im grünen Wald
  Zwitschert so lieb!

  Vogerl am kühlen Bach
  Zwitschert so süß!
  Zwitschert Bach auf und ab,
  Bis ich mein --«

Sie konnte nicht zu Ende singen. Zitternd preßte sie das Gesicht in die
Kissen.

Aus dem Raum unter der Schlafstube klang der gedämpfte Hall von
Schritten herauf, die langsam hin und her gingen. Dort unten lag die
Kammer, in welcher Mathes gewohnt hatte. Beim flackernden Schein einer
Kerze ging er zwischen Kasten und Koffer hin und her und packte ein,
was er vor fünf Monaten in den Purtschellerhof mitgebracht hatte.
Als er fertig war, räumte er die Kammer auf und löschte das Licht.
Weil er sich aus Purtschellers Wirtschaft einen Karren nicht borgen
wollte, nahm er den Koffer auf die Schulter. Niemand sah ihn das Haus
verlassen. Draußen auf der Straße blieb er stehen und blickte zu den
dunklen Fenstern hinauf.

Die Nacht war lau. Nur wenn der Wind ein wenig schärfer über die
Berggehänge herunterzog, spürte man den kühlen Hauch des Winters, der
noch in den Felsenkaren verbissen hing. Die wachsenden Bäche rauschten,
und zahllos funkelten am stahlblauen Himmel die Sterne.

Als der Weg steiler wurde, mußte Mathes alle paar hundert Schritte
rasten. In der Nähe der Simmerau führte der Pfad über Stellen, auf
denen der Schnee noch in großen Flecken lag; rings um seine Ränder war
ein leises Rieseln. Von der Höhe des Gehänges leuchtete ein rötlicher
Schein. »Sie schaffen beim Licht!« murmelte Mathes. Als er rascheren
Ganges weiterstieg, kam er zu einer breiten Kluft, die den Pfad
durchriß. Am vergangenen Sonntag hatte er diese Schrunde noch nicht
gesehen. »Jetzt macht er flinke Arbeit, der Berg!« Während Mathes
die Kluft umging, sah er in Sorge zum Himmel auf, dessen sternhelle
Klarheit einen sonnigen Tag versprach. »Morgen wird's Wasser geben. Und
harte Zeit für'n Vater!«

In der Nähe des elterlichen Hauses, dessen Dach sich schwarz von der
roten, den Garten erfüllenden Fackelhelle abhob, klang ihm eine Stimme
entgegen: »Bub? Bist du's?«

»Ja, Vater!«

»Gott sei Lob und Dank!«

Der Alte kam in Hemdärmeln über den Bühel heruntergehumpelt und fragte
verwundert: »Warum bringst denn dein' Kufer mit?«

»Man kann net wissen, wie lang ich bleib.«

»Je länger, so lieber! Geh, laß dir helfen!«

Selbander trugen sie den Koffer in den Hof.

»Wo is denn d' Mutter und d' Schwester?«

»Hint draußen am Verhau flechten s' die Ruten ein.«

»Da kann sich d' Mutter schlafen legen. Ich fang gleich an. Wie steht's
denn sonst?«

»Arg treibt er's, der Berg! Komm her, ich zeig dir gleich was!« Michel
faßte den Sohn am Arm und zog ihn in den Flur. »Da stell dich her an
d' Wand!« sagte er mit schwankender Stimme. »Und schau am Türpfosten
vorbei, gegen den Stadel aussi!«

Mathes legte die Wange an die Mauer und visierte über den Türbalken
gegen die schwarze Scheune.

»Merkst was?« fragte Michel beklommen.

»Um a Ruckerl schauen die Kanten ausanand.«

»Gelt? Schon gestern hab ich's gmerkt, daß d' Haustür hin geht und der
Stadel her! Eins muß schief stehen. 's Häusl, meinst?«

»Gott bewahr! Der Stadel halt. So a grings Holzwerk verschiebt sich
leicht. Da tu dich net sorgen, Vater! So a Stadel laßt sich leicht
wieder aufpölzen. Komm, schaun wir aussi zur Mutter! Die Kinder
schlafen schon?«

»Ja, Gott sei Dank!« Sie gingen in den Garten, in dem drei flackernde
Kienfackeln an die Bäume gebunden waren. Vroni stand am Fuß der
Böschung und flocht zwischen das neue Pfahlwerk die Ruten ein, welche
die Mutter ihr reichte. »Katherl, da schau her!« rief Michel. »Unser
Bub is da!«

Mutter Katherl humpelte den beiden entgegen. Als sie beim Fackelschein
das Gesicht ihres Buben sah, erschrak sie. »Was hast denn so rennen
müssen über'n Berg auffi?« Mit der Schürze trocknete sie ihm den
Schweiß vom Gesicht. »So viel müd schaust aus!«

»Na, na, Mutter! Es is net so arg.« Mathes wandte sich zur Schwester.
»Grüß dich Gott, Madl!«

Vroni reichte ihm wortlos die Hand. Sie sah es ihm an den Augen an, daß
etwas geschehen war; vor den Eltern wagte sie nicht zu fragen.

Nun tat es Mathes nicht anders: die Mutter mußte sich niederlegen.
»Dös hol ich schon ein, was du versäumst!« sagte er und begann die
Arbeit.

Er und die Schwester flochten am Verhau die Weiden ein, während
sie dem Vater die leichtere Arbeit ließen: die Ruten zu holen und
mit dem Messer abzuästen. Als Michel sich entfernte, um ein Bündel
herbeizutragen, flüsterte Vroni: »Is was passiert?«

Er nickte. »Schlagen hat er s' wollen. Dös hab ich wehren müssen. Da
hat sie's gmerkt.«

Vroni schwieg erschrocken. Und Mathes ging dem Vater entgegen, um ihm
das schwere Rutenbündel von der Schulter zu nehmen.




                          Vierzehntes Kapitel


Der Morgen brachte einen Tag, so sonnig und lüfteblau, als käme der Mai
schon über die Berge gezogen. Mit jeder Stunde wich der Schnee auf den
Almen um weite Strecken gegen die Felsen zurück. Über alle Wände und
Halden stürzten mit Rauschen die silbernen Bäche zu Tal. Nur auf den
Gehängen des laufenden Berges blitzte kein Schneebach, rauschte kein
Wasser. Dafür wälzten sich in der Talsohle die wachsenden Wassermengen
mit dumpfem Tosen aus den unterirdischen Gängen des Berges hervor,
überschwemmten die Straße und vermuhrten weite Wiesenstrecken mit dem
Kies und Schlamm, den die fressenden Wellen aus dem Innern des Berges
hervorwuschen.

Die Leute, deren Äcker bedroht waren, hatten schon früh am Morgen
die Arbeit begonnen und warfen Gräben aus, um dem angestauten Wasser
einen Abfluß zu schaffen. Nur auf den frischbestellten Saatfeldern,
die zum Purtschellerhof gehörten, war niemand bei der Arbeit. Um acht
Uhr, als der Altknecht seinem Herrn die Nachricht von der den Feldern
drohenden Gefahr brachte, lag Purtscheller noch im Bett. Er konnte
sich kaum ermuntern. »Holts den Mathes! Der wird schon Rat schaffen!«
Sprach's und drehte sich auf die Seite, um die fünf Flaschen Tiroler,
die er in der Nacht beim Hasardspiel ausgestochen hatte, völlig aus
seinem sumsenden Kopf hinauszuschlummern. Gegen halb elf erwachte er
und machte Spektakel um sein Frühstück. Als er aus der Schlafkammer
trat, war der Tisch gedeckt, und eben wollte die alte Magd die Stube
verlassen. »Natürlich! Gleich in aller Fruh wieder an alts Weib! Wo is
denn d' Frau?«

»Mit die Leut zur Arbeit auf d' Felder aussi.«

»Wär gscheider, sie tät schauen, daß ich mein Sach in der Ordnung
krieg!«

»Schaun S' doch den Tisch an! Sie haben ja alles.«

»No ja!« brummte Purtscheller. »Wo is denn der Kleine?«

»Den hat d' Frau zur Nachbarin ummi.«

»Dös is die neueste Mod! Als ob 's Kindl daheim net am besten aufghoben
wär!«

Während Purtscheller seinen Kaffee schlürfte, den Schinken kaute und
die Eier auslöffelte, tauchte verschwommen die Szene des vergangenen
Abends vor seinen Gedanken auf. »Sie weiß doch, daß ich's net so mein',
und daß ich hintnach wieder der beste Kerl bin.« Jedenfalls ging das
keinen andern was an. Am allerwenigsten einen Knecht! »Dös will ich ihm
austreiben für an anders Mal!« Freilich, wenn man die Sache richtig
betrachtete, konnte man dem Mathes die Einmischung nicht verübeln. »Am
End hätt ich's selber net anders gmacht, wann ich mitanschaun hätt
müssen, wie so a rabiats Mannsbild a Frauenzimmer schlagen will!« Und
schließlich brauchte er den Mathes, um den Hof wieder in die Höhe zu
bringen. »In Gotts Namen, muß ich die Sach halt gut sein lassen.« Als
Purtscheller sich diese Überwindung abgerungen hatte, kam er sich sehr
bewunderungswürdig vor.

»Jetzt an d' Arbeit!« Das bedeutete: Geld schaffen. Beim Wirt hatte er
eine Spielschuld von siebenhundert Mark stehen. Die mußte beglichen
werden, wenn seine Reputation als ›Sportsmann‹ nicht leiden sollte. Für
den Ostermontag war das erste Trabrennen angesetzt; da wollte er mit
dem ›Lüftikus‹ seine zwanzigtausend an Preisen und Wetten holen! Mit
dem Gewinn des Rennens war sein Lebensbedarf für ein Jahr gedeckt, und
so konnte der Betrag, den Mathes aus dem Hof herausbrachte, rein dazu
verwendet werden, um einen Teil der Hypothek zu löschen. Glänzendere
Aussichten, als der Purtscheller-Toni, hatte kein Mensch auf der Welt.
»Aber selber muß ich dazuschaun!«

Jener Geldgeber, der für die Hypothek die achtzigtausend und für das
Fallholz des halb zerstörten Waldes sechzehntausend bar gegeben hatte,
wollte die Hand nicht mehr öffnen. Drum mußte Purtscheller in die
Stadt und ›dazuschaun‹! Dabei traf er zwei Fliegen mit einem Schlag:
er betrieb ein notwendiges Geschäft und konnte eine Trainingfahrt mit
seinem ›Lüftikus‹ machen. In flottem Tempo fuhr er zum Dorf hinaus,
geschaukelt von den geschmeidigen Federn des neuen Gigs, dessen
rotlackierte Speichen in der Sonne blitzten, als wären die Räder
rollende Feuersterne.

Gegen fünf Uhr abends kam er aus der Stadt zurück, in seelenvergnügter
Laune. Seine Fahrt hatte doppelten Erfolg gehabt: binnen drei Tagen
sollte er fünftausend Mark auf zweite Hypothek erhalten, und mit
dem ›Lüftikus‹ hatte er einen Rekord erzielt, der ihm den Sieg
beim nächsten Rennen in sichere Aussicht stellte. Ohne das Pferd
auszupumpen, hatte er den Kilometer in zwei Minuten gefahren. Und
in welch famoser Kondition kehrte das Pferd nach solcher Leistung in
den Stall zurück: frisch und feurig, kaum mit einer Schweißflocke am
glänzenden Fell! Da mußte Purtscheller das Pech, das er mit seinem
›Herzbinkerl‹ gehabt hatte, als Glück betrachten. Er lachte bei der
Erinnerung an den Rat, den ihm Mathes gegeben hatte. Den ›Lüftikus‹ mit
Schaden verkaufen? »Net um a Gschloß!« Jetzt war der Rappe fertig für
die Rennbahn und sollte Geld bringen!

Weil die Dienstboten mit Karlin noch immer auf den Feldern waren,
versorgte Purtscheller selbst das Pferd und schnallte ihm die warmen
Decken um. Ein wenig müde von dieser Arbeit, doch in der Laune eines
Menschen, dem das Glück nichts zu wünschen übrig läßt, setzte er sich
an den gedeckten Tisch. Zu allem Erfolg dieses Tages gesellte sich noch
die Aussicht auf das Jagdvergnügen, das ihm der schöne Abend versprach:
heut würde ihm sicher die erste Schnepfe vor das Rohr streichen. Als
die Magd auftrug, schwatzte er fidel. »Und schau, was ich der Frau
mitbracht hab!« Schmunzelnd zog er ein Lederetui hervor, ließ den
Deckel aufspringen und zeigte der Magd einen schweren Goldreif mit
funkelndem Rubin. »Söllene Sachen schenk ich meiner Frau! Dös kann
jede Gräfin tragen. Dreihundert Mark hab ich zahlt dafür.« In dieser
Behauptung lag ein kleiner Verstoß gegen die Wahrheit; dreihundert
Mark, das stimmte; aber er war sie schuldig geblieben. »Am Sonntag muß
d' Frau dös Armband anlegen für'n Kirchgang. Sie soll amal zeigen vor
die Leut, was dös sagen will: Purtschellerin heißen!« Er band sich die
Serviette vor und rührte mit dem Schöpflöffel in der Suppenschüssel.
»Leberspatzerln? Heut hast es troffen, Alte! Und wo is denn mein Prinz?
Noch allweil bei der Nachbarin?«

»Ja! Ich muß ihn drüben lassen, bis d' Frau selber heimkommt und holt
ihn.«

»Nix da! Soll ich denn nie was haben von meim Büberl? Gleich holst ihn
ummi!«

Die Magd zögerte. »Ich trau mich net recht. Sie geben ihm wieder was
z'essen und verderben ihm 's Magerl.«

Purtscheller lachte. »Na, na! Ich hab noch Zeit bis zum
Schnepfenstrich. Da möcht ich mit dem lieben Schneck a bißl umtanzen.
's Kind wird ja sonst völlig fremd zu mir.«

Die Magd wollte noch eine Einwendung erheben; ein grobes Wort machte
ihr flinke Füße.

Mit rotem Schimmer lag die Abendsonne auf der Straße, als die Magd
aus dem Haus des Nachbars trat und das schwatzende Bürschl zu seinem
Vater heimtrug. Während sie über die Stufen der Haustür hinaufstieg,
flog's mit sachtem Gesurr über die blätterlosen Reben des Weinspaliers.
»Meckerling!« Der Kleine streckte die Hand. »Meckerling haben möcht
ich!«

»Aber geh, Tonerl, jetzt fliegt doch kein Schmetterling umanand. Da
mußt schon noch a paar Wochen warten!«

Droben im ersten Stock klirrte eine Scheibe, und Purtscheller streckte
das vergnügte Gesicht zum Fenster heraus. »Bürscherl! Da schau her, wer
da is!«

»Meckerling haben möcht ich!« bettelte der Kleine, während ihn die Magd
in das Haus trug.

Purtschellers Gesicht verschwand; man hörte durch das offene Fenster
den zärtlichen Gruß, mit dem er seinen ›Prinzen‹ empfing, hörte den
lustigen Unsinn, den er trieb, und das Jauchzen des Kindes, das am
Spiel mit dem Vater eine seltene Freude zu finden schien.

Es wurde lebendig auf der Straße; die Bauern kehrten von den Feldern
heim, und nach einer Weile kam auch Karlin mit ihren Leuten. Die
Arbeit, die man seit dem Morgen geleistet hatte, war von Erfolg
gewesen. Freilich hätten die in Eile gebauten Dämme die Saatfelder auf
die Dauer nicht vor der Vermuhrung geschützt, wenn nicht im Laufe des
Nachmittags das aus dem Innern des laufenden Berges hervorströmende
Wasser unerwartet gesunken wäre, so daß es gegen Abend fast ganz
versiegte. Die Leute meinten: beim Niedergang der Sonne wäre droben
auf den Almen der Schnee aus dem Schmelzen gekommen, und so hätte der
Zufluß an Wasser sich vermindert. Andere sagten: entweder hätten
die Bäche in den Höhlen des Berges einen neuen Weg genommen, oder
ein schwerer Erdbruch hätte dem unterirdischen Wasser einen Riegel
vorgeschoben.

Schweigend hatte Karlin diese Reden angehört, und manchmal war ihr
Sorgenblick über die Gehänge emporgeglitten gegen die Simmerau. Welch
einen harten Kampf mußten die dort oben führen gegen die dunkle Gefahr!

Als man für die Felder nicht mehr zu fürchten hatte und den Heimweg
antreten konnte, war Karlin von der neunstündigen Arbeit und von
allem, was an ihrem Herzen nagte, so zerbrochen, daß sie sich kaum
mehr aufrecht zu halten vermochte. Ihre Kleider waren durchnäßt, und
in Klumpen hing der Schlamm an den Säumen ihres Rockes. Vor dem Tor
des Purtschellerhofes blieb sie stehen und nickte den Dienstboten zu.
»Vergelts Gott, meine guten Leut! Wann ich heimkomm, richt ich 's
Essen gleich und stell euch 's Bier auf. Bloß mein Kindl möcht ich
noch holen.« Sie ging zum Nachbar hinüber. Als sie hörte, daß die
Magd den Tonerl schon vor einer halben Stunde heimgeholt hätte, lief
sie in Unruh nach Hause; sie kannte die Spiele, die Purtscheller mit
seinem Kinde zu treiben pflegte -- noch immer war der Kleine übel
dabei weggekommen, im besten Fall mit Tränen. Während Karlin über die
Stufen des Gartens hinaufstieg, hörte sie aus dem offenen Fenster das
Stimmchen ihres Kindes: »Vaterl, bitti, bitti, noch a bisserl Rossi
machen!«

»Na, mein Bürscherl«, klang die Stimme Purtschellers, »für heut is
gnug! Jetzt muß ich fort auf d' Jagd.«

»Bitti, Vaterl!«

»Morgen, mein Schnaberl! Da tun wir Haserl und Jager spielen, gelt!
Jetzt muß ich fort.«

»Vaterl, bitti, bitti, Haserl spielen!«

»No also, in Gotts Namen, a bisserl noch! Aber gschwind, mein Haserl!
Gschwind tu dich verstecken im Krautacker! Der Jager kommt schon mit
der Büx.«

»Haserl guguk!«

Von Sorge befallen, stürzte Karlin ins Haus und über die Treppe hinauf.
Bevor sie die Stubentür erreichen konnte, dröhnte der Hall eines
Schusses durch das Haus. Gelähmt von Schreck, hörte sie einen Schrei
ihres Mannes und das Fallen von Mörtelbrocken. Als sie in verzweifelter
Angst die Tür aufriß, sah sie ihren Mann mit aschfarbenem Gesicht an
die Mauer gelehnt, das Gewehr in der Hand. Vom ziehenden Pulverdampf
umschleiert, stand Tonerl neben dem Ofen und blickte scheu an seinem
Kleidchen hinunter, aus dessen Falten die roten Tropfen sickerten.
»Mammi, schau, Vaterl Hasi schossen!« Das Kind wollte die Arme
strecken. Da fiel es vornüber und regte sich nimmer.

Mit röchelndem Schrei, wie eine Wahnsinnige, stürzte Karlin auf ihren
Mann zu und klammerte ihm die Hände um den Hals, als könnte sie mit
Gewalt das schon geschehene Unglück noch verhüten. Er wehrte sich
nicht, lallte nur und ließ die Flinte aus den schlaffen Händen gleiten.
Das Gepolter weckte Karlin aus dem Irrsinn, der sie befallen hatte.
»Mein Kind! Mein Kind!« Sie warf sich auf die Dielen nieder, hob
das blutende Körperchen an ihre Brust, raffte sich auf, schrie mit
gellender Stimme um Hilfe und wollte das Kind aus der Stube tragen. Ehe
sie die Schwelle der Schlafkammer erreichte, fiel sie ohnmächtig zu
Boden.

Die Dienstboten stürzten in das Zimmer. Die einen hoben Karlin und
das Kind von den Dielen auf, die anderen drängten sich mit entsetzten
Fragen um Purtscheller. Er stierte die Leute mit glasigen Augen an und
lallte in Tränen: »Ich weiß net, 's Gwehr is gladen gwesen, ich bin net
schuld dran!«

Der Altknecht rannte davon, um den Doktor zu holen. Der kam auch
gleich; er konnte nimmer helfen; Tonerl hatte die Augen geschlossen.

Während der Doktor die Mutter aus ihrer Ohnmacht weckte, kamen die
Nachbarn gelaufen. Wohnstube und Schlafkammer füllten sich mit
Menschen, und tröstend versuchten die Frauen auf Karlin einzureden. Sie
hörte nicht. Tränenlos, wie versteinert, saß sie neben dem Bett ihres
Kindes und wollte die kleine, kalte Hand nicht lassen. Der Doktor
wandte sich ab und ging in die Wohnstube hinaus. Die Leute schwiegen,
als er kam, und zitternd sah ihm Purtscheller entgegen, erschöpft vom
Weinen, mit aufgedunsenem Gesicht.

»Herr Purtscheller! Ich muß den Unfall, dessen Opfer Ihr Kind geworden
ist, zur Anzeige bringen.«

Toni sah, daß alle Augen auf ihn gerichtet waren. Er zwang seine Stimme
zu festem Klang: »Ich bitt, Herr Dokter, machen S' Ihnen kein Arbeit
net! Wer a Mannsbild is, muß einstehn können für alles, was er tut.
Wann ich auch schuldlos bin, ich fahr selber in d' Stadt eini und geh
zum Gricht. Noch allweil bin ich der Purtscheller!« Mit Tränen auf den
Wangen sagte er zum Altknecht: »Spann den Lüftikus ein!«

»Aber ich bitt Ihnen um Gotts willen, Herr --«

»Tu, was ich sag! Mein Traber bringt mich am schnellsten auf den
Weg, der mir jetzt noch übrigbleibt.« Purtscheller wollte aus der
Stube gehen; es zog ihn zur Kammer; als er die blutigen Kissen sah
und das wachsbleiche Gesicht des Kindes, faßte ihn ein Schauder, und
schluchzend bedeckte er die Augen. »Ich kann ihn nimmer anschaun, ich
bring's net fertig!« Taumelnd ging er zur Flurtür und tauchte, was er
seit Jahren nicht mehr getan hatte, die Finger in den Weihbrunnkessel.
Wortlos tastete er sich über die Treppe hinunter und weinte noch
immer, als ihm der Wagen vorgeführt wurde.

»Ich bitt, Herr, lassen S' lieber mich fahren!« sagte der Knecht.

Purtscheller schüttelte den Kopf und kletterte auf das Gig. Hätte ihm
Zäzil nicht den Hut gebracht, er wäre barhäuptig davongefahren.

Während er bei sinkender Dämmerung durch das Dorf hinauskutschierte,
starrte er vor sich hin, ohne des Pferdes zu achten, das bald, von der
ersten Fahrt noch müde, das Traben aufgab und in gemächlichem Schritt
der Straße folgte. Immer grauer senkten sich die Schatten des Abends
über Tal und Berge, obwohl im Westen ein roter Glanz war, vor dem sich
die Konturen ferner Höhenzüge schwarz emporhoben. Als bei Purtscheller
die Erschütterung des ersten Jammers sich löste, tauchte das Bild
seiner selbst und seines Lebens vor ihm auf, wie es war; mit einer ihn
entsetzenden Klarheit sah er die Schuld, die er an sich selbst und an
anderen verbrochen hatte. Aber dieses Hellsehen seiner Gedanken währte
nicht lang; es ging vorüber wie ein Wetterleuchten, hinter dem die
Sterne scheinen. Und gleich war das Mitleid da, das er mit sich selbst
empfand. Ja, er hatte durch Leichtsinn viel gesündigt; aber nicht er,
alles andere trug die Schuld. Weshalb waren seine Eltern so früh von
ihm gegangen und hatten ihn unreif im Leben zurückgelassen? Weshalb
mußte er zu seinem Unstern in diese Heirat hineintappen? Wäre er an
eine andere Frau geraten, die ihn zu lenken verstanden hätte, dann
wäre alles anders gekommen! Auch dieses letzte Unglück, das auf seine
schuldlosen Hände das Blut des eigenen Kindes schüttete, wäre nicht
geschehen! »Die ganzen Jahr her hat s' mir allweil die Patronen aus'm
Gwehr gnommen! Heut zum erstenmal vergißt sie's! Hätt d' Frau net ihr
Pflicht versäumt, so hätt dös Unglück net gschehen können!« Den Zorn,
der ihn quälte, mußte er entladen. Weil er den gemächlichen Paß des
Rappen gewahrte, griff er wütend zur Peitsche. »Wart, dir will ich 's
Laufen lernen!« Mit klatschendem Schlag sauste die Peitschenschnur auf
die Weiche des Pferdes nieder. Schnaubend bäumte sich das mißhandelte
Tier. Scheuend vor einem Meilenstein, der sich weiß aus dem Dunkel des
Abends hob, fiel es in so rasenden Galopp, daß Purtscheller die wilde
Jagd des Pferdes nicht mehr zu hemmen vermochte. Wie ein tanzendes
Spielzeug flog der leichte Wagen hin und her, schlug an einen Felsen,
rasselte gegen eine Balkenbrüstung und verschwand in den Wolken des
aufgewirbelten Staubes.

Zu dem in dunkler Ferne verhallenden Hufschlag des Pferdes gesellten
sich die Töne einer kleinen Kirchenglocke.

Klagend schollen die dünnen Klänge durch das abendstille Tal.

Leute, die noch nicht wußten, was im Purtschellerhof geschehen war,
traten aus ihren Häusern. »Wem wird denn 's kleine Glöckl zogen? Wo war
denn a Kindl krank?«

Auch über das Gehäng des laufenden Berges drang ein verschwommener
Glockenruf. Sie hörten ihn droben in der Simmerau, wo die vier Menschen
im Fackelschein bei der Arbeit standen, erschöpft, die Gesichter von
Schweiß überronnen. »Hörst es, Mutter!« sagte Michel. »Sie läuten 's
Zügenglöckl.«

»'s kleine Glöckl! A Kindl muß gstorben sein. Der liebe Gott soll's
aufnehmen in sein' ewigen Himmelsfrieden! Beten wir a Vaterunser dafür!«

Ohne die Arbeit auszusetzen, sprachen sie das Gebet. Als Mathes sich
bekreuzt hatte, griff er nach einem Baum, wie von einem Schwindel
befallen. »Is dir net gut, Mathes?« fragte die Schwester in Sorge.

»Ich weiß net, was ich hab. So viel bang is mir um 's Linerl!«

Und drüben, wo die beiden Alten standen, sagte Michel: »Müd bin ich,
Mutter, arg müd! Aber aufschnaufen tu ich, weil ich weiß, daß unsere
Kinder a sichers Platzl haben! Die Gvatterin drunten is doch gut mit
ihnen, gelt?«

»Ja, Michel, da kannst dich verlassen!«

»Gott sei Dank! Um kein' Preis mehr hätt ich die Kinder heut in
der Nacht noch im Häusl schlafen lassen.« Er blickte an den vom
Fackelschein erhellten Mauern hinauf, von denen der Mörtel in großen
Brocken heruntergefallen war.

Dann schwiegen sie wieder, und man hörte beim Knistern der
Fackelflammen nur noch den Hall der Beilschläge, das Knirschen der
Säge, das Krachen der Ruten, die beim Flechten entzweibrachen, und den
schweren Atem der Schaffenden. Dem müden Erschlaffen, mit dem die viere
bei der Arbeit standen, war es anzusehen, daß harte Stunden hinter
ihnen lagen.

Es hatte der laufende Berg im Herbst während vieler Wochen nicht so
viel Unruh gezeigt wie heut an diesem einzigen Tag. In der Nacht schon
war es angegangen, dieses Zittern des Grundes, dieses Rinnen der
Erde. Viermal seit dem Morgen hatte es dumpf gedröhnt im Innern des
Berges. Rings um die Simmerau waren alle Halden zu wulstigen Buckeln
ausgeschoben, von Klüften durchrissen. Drüben, wo sonst die grünen
Masten des Purtschellerwaldes den Berghang bedeckt hatten, waren nur
wenige Wipfel noch zu sehen. War da drüben der Boden gesunken, der die
von der Axt des Händlers verschonten Bestände getragen hatte? Oder war
das Gelände zwischen der Simmerau und dem Wald so emporgeschoben, daß
es den Ausblick auf die noch stehenden Bäume verwehrte?

In der Simmerau fanden sie nicht Zeit, um Antwort auf diese Fragen
zu suchen. Sie hatten sich um die eigene Gefahr zu sorgen. Nur
Mathes schickte manchmal einen bekümmerten Blick hinüber zu den
verschwindenden Wipfeln des Purtschellerwaldes.

Wie rings um die Simmerau, so hatte sich die gesteigerte Bewegung des
Bodens auch in der Nähe des Hauses geäußert. Ein Teil der Böschung
war niedergebrochen, hatte den neuen Verhau zerdrückt, den halben
Garten begraben und das Geröll bis an die Mauer des Hauses geworfen.
Im Hofraum war der ganze, mühsam gezimmerte Balkenrost aus den Fugen
geraten, und lange Risse hatten den Grund zerspalten. Der Brunnen
war verschüttet und die Röhre so gewaltsam eingeklemmt, daß sich der
Pumpkolben kaum noch bewegen ließ.

Gegen Mittag waren von den weißen Mauern die ersten Mörtelbrocken
niedergefallen. Als Michel den Schaden betrachtete, kamen über einen
nahen Wiesgrat Leute heruntergestiegen, welche schwere Päcke schleppten
und einen mit Hausgerät beladenen Karren zogen. Das war der Brunntaler
mit Weib und Kindern, auf dem Gehäng des laufenden Berges der einzige
Bauer noch, der gleich dem Simmerauer bis zur äußersten Gefahr bei
seiner Mauer ausgehalten hatte. Jetzt suchte auch dieser Letzte die
Sicherheit im Tal und rettete von seinem Hab und Gut, was noch zu
retten blieb.

Michel, mit erloschener Stimme, sagte zu seinem Weib: »Mutter, was
meinst? Sollen wir net die Kinderln abischicken ins Dorf? Über Nacht
bloß, weißt?« Daß die Hoffnung ihn zu verlassen begann, das brachte er
nicht in Worte. Er sagte nur: »Wir alle müssen schaffen in der Nacht.
Da liegen die Kinder ohne Aufsicht da.«

Während sie berieten, wem sie die Kinder im Dorfe anvertrauen sollten,
sagte Mathes zur Schwester: »'s beste wär, du tätst die Kinderln zur
Bäckin führen! Die nimmt s' gern ins Haus. Und der Schorschl noch
lieber, mein' ich.«

Vroni schüttelte den Kopf. »Unser Gvatterin müßt sich kränken.«

Mit der ›Gvatterin‹ waren auch Michel und Mutter Katherl einverstanden.
Man rief die Kinder, die mit Lachen und Singen auf einer Halde
spielten, packte ihnen ein bißchen Wäsche und Kleider in ein Bündel,
und dann führte Vroni das kleine über die ›Reise‹ vergnügte Paar ins
Dorf hinunter.

»Gelt, Madl, sei so gut, und bring mir vom Schmied a ghörigs Packl
lange Eisenstiften mit!«

»Ja, Vater!«

Zwei Stunden später war Vroni wieder zurück, mit Grüßen von der
Gevatterin und mit den Eisenstiften, um die sie nicht zum Schmied,
sondern zum Schlosser gegangen war. Fünfzig Pfennige hatten sie
gekostet.

»Aber«, sagte der Vater. »Warum bist denn net zum Schmied gangen? Der
Schorschl hätt d' Stiften billiger lassen. Der ander is der reine
Apotheker.«

Ohne ein Wort zu erwidern, war Vroni zum Hackstock gegangen und hatte
nach dem Beil gegriffen.

Stunde um Stunde hatten sie gearbeitet, von jeder Minute erzwingend,
was sie geben konnte. Mit Brettern und Latten flickten sie die
zersplitterten Balken des Rostes zusammen, und als die vorrätigen
Bretter nicht reichen wollten, zerstückelte Michel das Tor der Scheune.
»Wann ich nur 's Häusl halten kann! 's Häusl allein! So bin ich
z'frieden und dank dem lieben Herrgott!« Die geflickten Balken des
Rostes wurden, statt sie mit Fugen zu verschränken, mit den langen
Eisenstiften übereinander genagelt. Michel wußte wohl, daß jede leichte
Bewegung des Bodens dieses notdürftige Fachwerk wieder zerstören mußte.
»A bißl kunnt's allweil noch helfen!« meinte er. »Wann der Mensch
's Vertrauen verliert, kunnt auch den lieben Herrgott 's Festhalten
verdrießen! Hat er uns sei' Güt net merken lassen? Schauts umanand,
Kinder! Alle Häusln sind verlassen oder liegen versunken im Boden drin.
Und 's unser steht noch allweil!«

Mit Einbruch der Dämmerung hatten sie im Hof die Arbeit am Rost
vollendet und konnten im Garten den neuen Verhau beginnen. Es war der
vierte, den sie bauten. Als Michel von den Fackeln, damit sie heller
brennen möchten, die glühenden Kohlenstümpfe abgestreift hatte, sagte
er zu Mathes: »So schön windstill is d' Nacht! Man müßt doch alles
hören aus'm Tal auffi? Und gar nix hör ich nimmer!«

Mathes verstand, was der Vater meinte. Es war ihm selbst schon
aufgefallen, daß seit dem Nachmittag das Rauschen des Wassers, das
im Tal aus dem Berg hervorströmte, schwächer geklungen hatte. Als er
jetzt hinauslauschte in die stille Nacht, hörte er keinen Laut dieses
Rauschens mehr.

»Mathes? Was denkst denn dazu? Haltst es für an unguts Anzeichen?«

»Na, Vater! Gwiß net!« erwiderte Mathes. Es war die Sorge in ihm
erwacht, daß die im Innern des Berges sich stauenden Gewässer einen
schweren Erdbruch vorbereiten könnten. Und da wußte er nicht gleich,
welchen Trost er dem Vater sagen sollte. »D' Nacht is kühl. Da schmilzt
halt droben kein Schnee nimmer, und 's Wasser wird gring. Dös is gut
für uns, Vater!«

»Der liebe Gott soll's geben, daß d' recht hast!« Seufzend nahm der
Alte die Arbeit wieder auf und schaffte, daß ihm der Schweiß über die
furchigen Backen rann.

Als drunten im Tal die Turmuhr die elfte Stunde schlug, sagte Mutter
Katherl: »Michel, jetzt müssen wir d' Nachtruh suchen. Kannst ja nimmer
weitermachen vor lauter Müdigkeit!«

»A bißl noch, Mutter, bis d' Fackeln ausbrennt haben!«

Eine Viertelstunde brannten die Fackeln noch, dann drohten sie zu
erlöschen. »In Gotts Namen«, sagte Michel, »lassen wir's gut sein für
heut!«

Sie verwahrten die Werkzeuge im Hausflur.

Da quoll ein Knirschen aus dem Grund, als hätte die Erde geseufzt --
so, wie ein Müder seufzt, bevor er die Augen zur Ruhe schließen will.
Langsam bewegten sich an der Böschung die neu geschlagenen Pfähle und
legten sich auf die Seite. Im Hof verschob sich der Balkenrost. Mit
trägem Krachen knickten die geflickten Hölzer entzwei, und während
an den Mauern der Mörtel niederbröckelte, klang von der Scheune ein
dumpfes Ächzen, das Klirren der vom Dache fallenden Schindeln und das
Gepolter losgebrochener Bretter. »Jesus!« stammelte Mutter Katherl. Und
Michel sagte mit erstickter Stimme: »Da! Jetzt lauft er schon wieder!«

Wortlos hatte Mathes die letzte, noch brennende Fackel vom Baum
gerissen, an den sie gebunden war, und eilte den anderen voraus über
den Hof.

Die ganze Arbeit des Tages war zerstört. Alle Balkenwände der Scheune
standen schief, das Dach war verschoben und hatte Lücken bekommen, von
der Hälfte der Rückwand waren die Bretter niedergebrochen, und durch
die klaffende Öffnung quoll in dicken Wulsten das eingelagerte Heu.

Als sie das gesehen hatten, mußte Mathes die Fackel löschen. Er
drückte den qualmenden Stumpf in den Schlamm und zertrat die glühenden
Kohlenstücke, damit nicht ein Funke in das dürre Heu geraten könnte.
Nun standen sie wortlos in der dunklen Nacht, durch deren reine Luft
die Sterne niederleuchteten, groß und mit farbigem Gefunkel. »No ja«,
brach Michel mit müder Stimme das bange Schweigen, »jetzt in der Nacht
können wir allweil nix mehr machen. Fangen wir halt in der Fruh wieder
an! Komm, Mutter! Kommts, Kinder! In Gotts Namen, suchen wir unsern
müden Schlaf!« Mit schweren Schritten ging er auf das Haus zu. Als er
zur Schwelle kam, legte er den Arm um den Hals seines Weibes. »Katherl?
Möchtest net lieber mit der Vroni drunt bei der Gvatterin schlafen? Es
is gnug, wann der Mathes und ich daheim bleiben!«

»Na, Michel, net um d' Welt!« stammelte Mutter Katherl erschrocken.
»Ich bleib bei dir!«

Und Vroni nahm seine Hand. »Geh, Vater, wirst mich doch net
fortschicken!«

Er drückte die beiden an sich. »Vergelts Gott! D' Sorg hat mich
trieben, daß ich's gsagt hab. Aber a Stückl von der Seel hätt's mir
grissen, wann ich allein hätt bleiben müssen. Jetzt is mir wieder a
bißl leichter. Aber grausen tut mir vor dem morgigen Tag! Wann der
Einzig net hilft, der jetzt noch was ausrichten kann, so kunnt's morgen
schlecht ausschaun um unser Häusl. Unsere müden Händ richten nix mehr
aus.«

»Ja«, sagte Mutter Katherl kleinlaut, »aber beten können wir noch.«

»Hast recht, Mutter! Reden wir a bißl mit ihm! Oder beten wir lieber
d' Litanei zur guten Gottesmutter! Die hat an Einfluß im Himmel. Von
der laßt er sich was sagen, wann wir s' in der richtigen Frömmigkeit
ansprechen um ihr mächtige Fürbitt.«

Während Vroni und Mutter Katherl in den Hausflur traten, ging Mathes
mit dem Vater zum Stall; sie lösten die beiden Ziegen von den Stricken,
nahmen der Kuh die Kette ab, öffneten das Gitter des Hühnerkäfigs und
banden die Stalltür offen an die Mauer, damit die Tiere in drohender
Gefahr einen Weg zur Rettung hätten.

In der Stube, in der die Hängelampe brannte, fanden sie den Tisch
bestellt. »Geh, Michel«, sagte Mutter Katherl, »tu noch a Bröserl
essen! Seit Mittag hast kein' Bissen nimmer ghabt. Und 's lange Beten
strengt ein' auch noch a bißl an.«

Sie bekreuzten sich und nahmen am Tische Platz. Schweigend tranken sie
die Milch, kauten das schwarze Brot und schnitten kleine Stücke von dem
Rauchfleisch, das Mutter Katherl aus dem Kamin geholt hatte. Während
Michel aß, sah er in der Stube umher, prüfte sorgenvollen Blickes die
Decke und strich mit der Hand ein paarmal über die weiße Mauer.

Die Mahlzeit währte nicht lang.

»So!« Michel erhob sich. »Fangen wir an!« Seufzend drückte er die
steifen Knie zu Boden und faltete über dem Tisch die Hände. Sein Weib
kniete neben ihm; hinter ihnen, mitten in der Stube, knieten ihre
Kinder. Michel machte mit schwerer Hand das Zeichen des Kreuzes und
betete vor: »Herr, erbarme dich unser!«

»Erbarme dich unser!« fielen die andern ein; inbrünstige Andacht sprach
aus dem bebenden Klang ihrer Stimmen.

»Christus, erbarme dich unser!«

»Erbarme dich unser!«

»Gott Vater vom Himmel, Gott Sohn, Erlöser der Welt, Gott Heiliger
Geist!«

»Erhöre uns!«

»Du heilige Maria!«

»Bitt für uns!«

»Heilige Gottesgebärerin!«

»Bitt für uns!«

»O Mutter Christi -- du gute, du!«

»Bitt für uns!«

So beteten sie weiter, Ruf um Ruf, in heißer Andacht, in zitterndem
Hoffen. Als Michel zu der Stelle kam: »Du Pforte des Himmels, du
Morgenstern!« -- da versagte ihm die Stimme; ein dumpfes Dröhnen tönte
durch die Nacht und rollte über das Haus. Es klang, als hätte man auf
der Höhe des Berges den Schuß einer riesigen Kanone gelöst.

Mathes erhob sich, während Mutter Katherl sich erbleichend an den Arm
ihres Mannes klammerte.

»Sorg dich net! Na! Tu dich nur gar net sorgen!« stammelte Michel. »Dös
macht uns nix. Dös muß ganz droben gwesen sein in der Höh. Der Boden
hat sich net grührt bei uns. Kein bißl net hat 's Häusl zittert. Dös
hätt ich spüren müssen. Da hab ich a Gfühl dafür, a feins. Tu dich
net sorgen, Mutter! Beten wir weiter! Nur fest einfallen, Kinder!
~Recht~ fest! Du Pforte des Himmels, du Morgenstern!«

»O bitt für uns!« fielen die anderen ein, und ihre Stimmen klangen wie
ein vereinter Schrei um Hilfe.

»Du Heil der Kranken!«

»Bitt für uns!«

»Du Trösterin der Betrübten!«

»Bitt für uns!«

»Geh, sei doch so gut und tu für uns a bißl, grad a bißl ebbes, du
Hilfe der Christen, du!«

»O bitt für uns!« riefen die Mutter und Mathes, während Vroni sich
zitternd erhob. »Vater!« stammelte sie. »Hörst dös gspassige Sausen
net, droben in der Höh? Kann's denn a Wetter sein, dös aufzieht?«

»Tu beten, Madl! Tu net ums Wetter fragen! A Wetter tut uns nix.«
Michel erhob die verschlungenen Hände gegen die Decke. »Du Königin der
Engel!«

»Bitt für uns!«

»Königin der Propheten!«

»O bitt für uns!«

Wie ein Frühlingssturm, der mit Toben und Brausen über die Berge fährt,
so klang es durch die Nacht, von der Höhe der fernen Almen herunter,
immer deutlicher, immer näher dem bedrohten Haus.

»O Königin der Apostel!« betete Michel mit versagender Stimme, zitternd
an allen müden Gliedern. »Königin der Märtyrer!«

»O bitt für uns!«

»Du Königin der Jungfrauen! Königin aller Heiligen!«

»Bitt für uns!« fielen Vroni und die Mutter ein, während Mathes
aufsprang, vor Erregung bleich. »Vater! Hörst es net?« Mit beiden
Händen umklammerte er den Arm des Alten. »Dös kann kein Wetter net
sein! So tut kein Sturm! Dös tut ja, als ob's a Wasser wär!«

»Wasser?« stotterte Michel. Dann war lautloses Schweigen in der Stube.
Mit verhaltenem Atem lauschten sie alle. Da hörten sie es deutlich,
dieses dumpfe Strömen und Rauschen, das über die Gehänge des laufenden
Berges herunterkam. Jetzt klang es schon in der Nähe, jetzt war's, als
hätt es den Garten erreicht, jetzt ging's mit dem Tosen eines mächtigen
Wasserfalles zur Linken und Rechten des kleinen Hauses vorüber und
jagte dem Tal entgegen. Und mitten in diesem dumpfen Brausen hörte man,
wie freundliches Kinderplaudern, das helle Glucksen und Geplätscher der
kleinen Wellen, die gegen den Sockel der Mauer schlugen.

»Heilige Mutter!« schrie Michel wie von Sinnen. »'s Wasser is da!
's Wasser! 's heilige Wasser!« Nach Atem ringend, fuchtelte er mit
den Armen. »'s Wasser is gstiegen aus der Tief! 's Wasser is wieder
am Licht! 's Wasser hat uns gholfen und die heilige Mutter!« Seinen
Buben beiseite stoßend, rannte er zur Tür und sprang hinaus in die von
rauschendem Lärm erfüllte Nacht.

Als ihm Mathes folgte und Vroni und die Mutter ihm nachliefen, hörten
sie ihn bald im Hof und bald im Garten schreien: »Schauts doch dös
Wasser an! Dös schöne Wasser! Dös viele Wasser! Meiner Lebtag hab ich
soviel Wasser noch net gsehen!«

Rauschende Bäche, deren tanzender Schaum auch in der dunklen Nacht
noch weißlich schimmerte, sprudelten von allen Seiten über die steile
Böschung nieder und überschwemmten fußhoch den ganzen Hofraum, während
die größeren Massen des aus dem Innern des Berges hervorgebrochenen
Wassers brausend ihren Weg durch die das Gehöft begrenzenden Mulden und
Gräben nahmen.

»Michel! Michel! Wo bist denn?« rief Mutter Katherl. Und Mathes und
Vroni schrien: »Vater! So komm doch!«

Bis zu den Hüften von Wasser triefend, lachend, kam der Alte aus einem
der Sturzbäche hervorgestiegen und ließ sich zur Haustür führen. Da
machte er seine Hände wieder frei. »Mutter! Kinder! Jetzt können wir
aufschnaufen! Dös hat die Kammissoni gsagt: wann's Wasser wieder
steigt, so muß er sein Laufen einstellen, der narrische Berg! Hat
gmeint, er kann treiben, was er mag! Jetzt hat er eine gfunden, die
noch a bißl stärker is als er! Katherl, Kinder, kommts her!« Die
Freudentränen erstickten seine Stimme fast. »Jetzt sagen wir der
Gottesmutter unser Vergelts Gott! Recht a fests!«

Sie wollten ihn in die Stube ziehen, aber er tat es nicht anders:
inmitten des den Hofraum überschwemmenden Wassers warf er sich auf
die Knie und lallte das +Salve Regina+, in dessen Worte er
das Gestammel seines eigenen Dankes mischte: »Gegrüßt seist du,
Königin, Mutter der Barmherzigkeit, des Lebens Süßigkeit und unsere
Hoffnung, sei gegrüßt! Schau, tausendmal sag ich dir vergelts Gott,
hunderttausendmal, daß dich a bißl angnommen hast um dein' alten Michel
und sein Häusl! ›Zu dir schreien wir Kinder Evas, zu dir seufzen wir
Trauernde und Weinende in diesem Tal der Zähren!‹ Und schau, ich will
dir's danken mein Leben lang! Und sooft ich's auf meine alten Täg
noch anschau, mein Häusl, mein liebs, will ich sagen: dös hat uns
d' Himmelsmutter gschenkt! ›Du unsere mächtige Fürsprecherin, wende
deine barmherzigen Augen auf uns!‹ No freilich hast deine gütigen
Augen gwendt auf uns! Und schau, vergelten will ich dir's nach meiner
schwachen Kraft! An die hundert Markln hab ich mir gspart. Da bhalt ich
kein' Pfennig davon. Dein heiligs Bildl will ich gwanden lassen! Und
wächserne Kerzln zünd ich dir an, Tag für Tag eins, bis sie sich jahren
tut, die heutige Freudennacht! ›O du gütige, o milde, o süße Jungfrau
Maria!‹« Taumelnd erhob er sich, umhalste sein Weib und seine Kinder,
riß sich los von ihnen und watete wieder in einen der schäumenden
Bäche hinein. »Dös Wasser schauts an, dös schöne Wasser!« Lachend wie
ein Berauschter griff er mit beiden Armen in das Gesprudel, als hätte
er kein köstlicheres Gut an sein Herz zu drücken als diese tanzenden
Wellen.

In Sorge jammerte Mutter Katherl über diese ›Narretei‹, und Mathes
mußte den Vater mit Gewalt aus dem kalten Sturzbad herausziehen; fast
hätten die schießenden Wellen den von Mühsal und Freude Entkräfteten
zu Boden geworfen. Sie führten ihn in die Stube, und Vroni lief, um
trockenes Gewand für ihn zu holen. Als er umgekleidet war, merkte er
schon die Erkältung, die er sich in dem eisigen Schneewasser geholt
hatte. Mutter Katherl schlug vor Schreck die Hände zusammen. »No also,
schau, jetzt hast dich verkühlt!«

»Macht nix, Mutter!« wollte er sagen. Aber da mußte er niesen, gleich
ein paarmal. Und als es vorüber war, lachte er: »Helf Gott, daß 's wahr
is!«




                          Fünfzehntes Kapitel


Das dumpfe Rauschen der Bäche, die sich über das Gehänge des laufenden
Berges ins Tal hinunterstürzten, weckte im Dorf die Bauern aus dem
Schlaf und ließ sie mit Sorge an ihre Felder denken. Ehe der Tag noch
anbrach, sprangen sie schon mit Spaten und Pickeln aus allen Häusern.

Als der Daxen-Schorschl in der ersten Dämmerung des klaren
Frühlingsmorgens das Tor seiner Werkstatt öffnete, sah er auf der
Straße die Leute rennen. »He! Was is denn?«

»Auf dem narrischen Berg droben is 's Wasser ausbrochen«, rief man ihm
zu, »die ganzen Felder überschwemmt's, und droben raffelt's die halbe
Simmerau davon.«

»Mar' und Josef! 's Wasser wird doch dös Madl net mitreißen!« Schorschl
rannte um die Hausecke und spähte im Zwielicht des Morgens gegen die
Simmerau hinauf. Was er gewahrte, weckte ein Gefühl in ihm, als hätte
sich eine eiserne Klammer um sein Herz gelegt. Am vergangenen Abend
hatte er das kleine braune Dach da droben im welken Grün der Halden und
zwischen den braunen Schrunden des laufenden Berges liegen sehen. Jetzt
war alles weiß. Als wäre seit dem Abend neuer Schnee über die Simmerau
gefallen. Aber dieser weiße Schnee schien Leben und Füße zu haben: er
bewegte sich, er rieselte und schob sich durcheinander, machte Buckeln
wie eine flüchtige Natter und schlug einen Purzelbaum um den andern
wie ein ausgelassener Junge. Dumpfes Rauschen klang im windstillen
Morgen von der Höhe, als wäre dort oben ein Mühlrad mit hunderttausend
Schaufeln in Bewegung. »Jesus Maria!« stammelte Schorschl mit erblaßtem
Gesicht. In dieser Sorge nahm sich der Daxen-Schorschl nicht mehr die
Zeit, um die Kratznarben seiner Hand zu betrachten. Er machte Sprünge
wie ein Hirsch, der den Schritt des Jägers hörte. In der Werkstätte
riß er einen schweren Eisenpickel aus der Ecke. Durch alle Räume des
morgenstillen Hauses tönte seine gellende Stimme: »Gsellenleut! He!
Gsellenleut! Pressieren tut's!« Er wartete nur, bis die beiden Gesellen
kamen, nicht, bis sie fertig waren. »Gschwind, um Christi willen!
Nehmts Pickeln und Schaufeln und laufts mir nach! Gschwind, sag ich!
Gschwind! Jesus Maria! Dös arme Madl!« Er schwang den Pickel auf die
Schulter und keuchte davon.

»He? Meister? Wohin denn?« riefen die Gesellen.

»Dalkete Dippeln überanand!« schrie Schorschl in Zorn über die
Schulter. »In d' Simmerau! Wie kann denn da a Mensch noch fragen!« Er
rannte die Straße hinunter, daß er schon außer Atem war, als er den Fuß
des Berges erreichte. Schnaufend hetzte er über den Fußsteig empor,
bis der Pfad unter den sprudelnden Bächen verschwand. Droben in der
Höhe schimmerten sie weiß, hier unten waren sie gelb von der Erde, die
sie aus den Schrunden des Berges hervorgewaschen hatten und mit sich
hinunterführten ins Tal, dessen Wiesen und Saatfelder in einen grauen
See verwandelt waren. Schorschl verirrte sich in dem Netzwerk dieser
Wassergassen, mußte hier einen Bach überspringen, dort eine breite
Rinne durchwaten. Als er die Heubüschel und Balkenstümpfe sah, die im
Schaum der Wellen von der Simmerau herunterschwammen, brach er in den
Stoßseufzer aus: »Dös arme Madl! Alles reißt's ihr davon!« Erschöpft,
von Wasser triefend, erreichte er die Nähe der Simmerau und gewahrte
den Schaden, den der letzte Erdrutsch und die fressenden Wellen an der
Scheune angerichtet hatten. »Mar' und Josef! Jetzt hat dös Madl kein'
Stadel nimmer!«

Noch sah er keine Leute; doch im Lärm der Wellen hörte er die Stimme
des alten Simmerauer und seines Sohnes. Aufschnaufend hielt er inne und
lauschte. »Daß ich 's Madl net hör?« Nun vernahm er auch die Stimme
Vronis und sprang so flink über den steilen Hang empor, daß ihm das
Wasser der Pfützen, in die er trat, bis über den Kopf emporspritzte.
Auf einem der Bäche, die an der Scheune vorübersprudelten, sah er ein
langes Brett daherschwimmen. »Wart a bißl, du! Dös Madl ~braucht~
ihre Bretter!« Er jagte hurtig hinter dem schwimmenden Brett her,
riß es aus den Wellen und trug es an eine sichere Stelle. Als er in
Erregung und dennoch scheu den Hofraum betrat, war Michel der erste,
der ihn kommen sah. »Jeh, schau! Da kommt der Daxen-Schorschl! Und den
Pickel bringt er auch gleich mit!« rief der Alte in Freude. »Grüß dich
Gott, Schorschl! Grüß dich Gott tausendmal!«

Bei diesem Ruf ließ Vroni, die neben dem Brunnen einen Graben
ausschaufelte, den Spaten rasten. Sie sprach kein Wort, hatte nicht
einmal einen stummen Gruß für den jungen Schmied, der zum Brunnen
hinüberblinzelte. Aber die Röte, die auf ihren Wangen brannte,
vertiefte sich noch, als Mathes ihr zuflüsterte: »Gelt, ich hab recht
ghabt: daß er kommt!« Sie nickte und begann die Arbeit wieder.

Schorschl schien wie auf Kohlen zu stehen; es zog ihn zum Brunnen, aber
Michel hatte ihn beim Hemdärmel gefaßt und wollte nicht loslassen.
Erst mußte der Alte ein paarmal niesen, bevor er lachend sagen konnte:
»Schorschl! Dös schöne Wasser! Und alles reißt's davon, den halben
Stadel, die Bretter und Balken, den ganzen Boden im Garten, alles
reißt's mit abi! Schau nur, wie alles schwimmt!«

Das sagte der Simmerauer mit so strahlendem Vergnügen, daß Schorschl
in Verblüffung stotterte: »Michel! Bist übergschnappt? Oder hast an
Schwammer?«

»An Schwammer bloß? An ganzen Rausch hab ich! Vom Wasser! Schau nur,
wie's rebellt, dös Wasser! Aber dem Häusl kann's net an. Mein Häusl hat
gsunde Mauern. Dem hat der Berg mit seiner ganzen Lauferei nix machen
können. Hatschiiiiih!« Wäre die Sonne, welche die östlichen Grate
vergoldete, schon in der Höhe gewesen, es hätte um Michels Nase her den
schönsten Regenbogen gegeben. »Gelt, Schorschl, hilfst mit a bißl, daß
wir 's Wasser in die Gräben ummidrucken?«

»Deswegen bin ich da. Wo kannst mich denn brauchen?«

»Komm nur her da!«

Schorschl wollte den Pickel fassen und guckte ratlos zum Brunnen
hinüber. Es war ihm jener Herbstmorgen eingefallen, an dem er
dem Simmerauer seine Hilfe angeboten hatte, und Vronis Zornwort:
»~Der~ hilft's uns net! Dem lauft ja 's eigene Haus davon.«
Schorschl kraute sich hinter den Ohren und tat ein paar Schritte gegen
den Brunnen. Noch immer kehrte ihm Vroni den Rücken zu; sie arbeitete
mit einer Hast, als wäre für die Rettung des Hofes kein Augenblick zu
verlieren. »He! Madl!« klang es würgend aus Schorschls Kehle. Vroni
blickte auf. Als Schorschl diese glänzenden Augen sah, fragte er
kleinlaut: »Verlaubst mir's, daß ich a bißl mithilf?«

Der Simmerauer wandte sich verblüfft zu seinem Buben: »Was treibt er
denn? Hab's ihm ja ~ich~ schon verlaubt! Warum muß er denn 's Madl
fragen?«

»No mein«, flüsterte Mathes ihm zu, »haben tun s' halt ebbes mitanand,
dö zwei!«

»Ah! Da schau!« Michel mußte niesen. »Wär gar net amal so übel: mein
Madl und der Schmied! Jetzt hat er alles nobel beinand!« Vergnügt
musterte er das Paar und war gespannt, was geschehen würde.

Vroni hatte den Spaten in die Erde gestoßen. Die Hände an der Schürze
säubernd, ging sie auf den Daxen-Schorschl zu. Wie hübsch sie war: mit
dem leuchtenden Blick in den nußbraunen Augen, mit der heißen Röte auf
dem von der Arbeit erschöpften Gesicht. »Grüß dich Gott, Schorschl!«
sagte sie beklommen und bot ihm die Hand, die er mit seiner schwieligen
Rußpranke haschte, wie der Geier den Hasen greift. »Ich tät dich selber
drum anreden, daß dem Vater a bißl hilfst. Auf deine Händ liegt der
Segen. Söllene Händ sind allweil gut zur Hilf.«

Schorschl lachte wie ein unbehilfliches Kind und brachte kein Wort
heraus.

»Der is ja wie 's Starl, eh's reden kann!« meinte der Simmerauer mit
Schmunzeln. »Dem muß ich wohl 's Züngerl lupfen?«

Mathes zog ihn am Ärmel zurück. »Laß dö zwei ihr Sach allein mitanand
ausmachen!«

»Ja, hast recht!« Michel griff nach der Schaufel und nahm die Arbeit
wieder auf. Da hörte er hinter sich einen Jauchzer und platschende
Sprünge im nassen Schlamm. Der Daxen-Schorschl mit dem Pickel stand
neben ihm, lachend über das ganze Gesicht, mit blitzenden Augen.
»So, Vater, jetzt packen wir's an!« Er tat mit dem Pickel den ersten
Streich. »Dös Luderwasser müssen wir unterkriegen!« Schorschl begann zu
arbeiten, daß der Simmerauer ein paarmal mahnen mußte: »Geh, tu net
so narrisch!« Aber in Schorschls Fäusten schien der ›Loder‹ lebendig
geworden, von dem es in den Lumpen-Gstanzeln seligen Angedenkens hieß,
daß er zwanzigmal im Tag das Unterste zu oberst kehrt. Er drosch mit
dem Eisen darauflos, daß sich der Wassergraben bei jedem Pickelhieb
um einen guten Bauernschuh erweiterte. Wenn er für einen Augenblick
die Arbeit unterbrach, blinzelte er vergnügt zum Brunnen hinüber, von
wo ihm Vroni lächelnd zunickte. Solch einen Augengruß beobachtete der
Simmerauer. Da puffte ihm der Daxen-Schorschl den Ellbogen in die
Seite. »Michel? Spannst ebbes?«

»A bißl ebbes, ja! Aber solang ich mein Häusl net in Ordnung hab, gib
ich 's Madl net her.«

»Solang wart ich schon.«

Die Sonne kam, ein warmes Leuchten goß sich über den blauen
Frühlingshimmel aus, breite Fluten des Morgenlichtes schwammen um
die Gehänge des zur Ruhe gekommenen Berges und spielten schmeichelnd
über die von den Wellen umrauschten Mauern des kleinen Hauses. Die
Sturzbäche schienen in blitzendes Silber verwandelt, jeder Tümpel
spiegelte das Himmelsblau, und während von der Sonnenwärme die feuchten
Flecken am Sockel des Hauses zu trocknen begannen, kräuselten sich die
Wasserdünste an den Mauern empor.

Schorschl stand schon eine Stunde bei der Arbeit, als seine Gesellen
kamen. Sie brachten aus dem Dorf noch ein paar Helfer mit. Da gab
es bei rastlosem Schaffen ein Reden hin und her über allen Schaden,
den der laufende Berg seit dem Herbste angerichtet, und über die
Gefahr, die das ausgebrochene Wasser im Tal den Saatfeldern brachte.
Nun bekamen sie in der Simmerau auch das erste Wort von dem Unglück
zu hören, das im Purtschellerhof geschehen war. »Und der Toni geht ab
seit gestern am Abend. Mit'm Rennwagl is er einigfahren in d' Stadt.
Mitten in der Nacht is sein Rößl daherkommen, mit der abbrochenen
Wagengabel, so schauderhaft zugricht, daß man dem Gaul den Gnadenschuß
hat geben müssen. Und d' Frau mit ihre Leut is gegen d' Stadt eini, den
Purtscheller suchen.«

»Um Gotts willen!« stammelte der Simmerauer. Dem Alten erlosch vor
Schreck die Sprache, als er seinen Buben ansah. Auf den Stiel der
Schaufel gestützt, bot Mathes den Anblick eines Menschen, dem das Leben
aus dem Herzen rinnt. Michel sprang auf ihn zu. »Bub? Was is dir denn?«

Mathes sah ins Leere. Tonlos kam es über seine weißen Lippen: »Ich weiß
net, Vater! Ich muß a bißl in d' Stuben und muß mich niedersetzen.«

Michel wollte den Wankenden stützen, aber Vroni hatte schon den Arm des
Bruders genommen. »Komm, Mathes, ich führ dich ins Haus!« Er stützte
sich schwer auf ihren Arm. Mit entstelltem Gesicht sah er in die Augen
der Schwester. Vroni schwieg; sie wußte keinen Trost.

Im Hausflur kniete Mutter Katherl mit durchnäßten Röcken auf den Dielen
und suchte mit einer Holzkelle das Wasser aufzuschöpfen, das vom Hof
über die Schwelle geronnen war und die Küche überschwemmte. Als die
beiden kamen, erhob sich die alte Frau erschrocken. »Mathes?«

»Nix, Mutter!« sagte Vroni. »A bißl ungut is ihm halt!« Sie führte ihn
in die Stube und zur Holzbank. Da saß er mit schlaffen Armen, den Kopf
an die Wand gelehnt, leerte das Gläschen Enzian, das ihm die Mutter
brachte, und aß den Bissen Brot, den sie ihm zwischen die Lippen schob.
»Jetzt kann ich dem Vater schon wieder helfen. Der braucht mich.«
Schwer atmend erhob er sich. »Es geht schon wieder.« Als er vor die
Haustür trat, irrte sein Blick hinunter ins Tal. Brennende Flecken
erschienen auf seinen bleichen Wangen. Schweigend stellte er sich neben
Schorschl an die Stelle, wo es die schwerste Arbeit zu leisten gab.

In hartem Schaffen vergingen die Stunden des Vormittags. Dem rastlosen
Kampf der fleißigen Arme gelang es, die den Garten überschwemmenden
Sturzbäche in die Bergfurchen abzuleiten. Im Hof begann die Sonne
schon den aus dem Wasser auftauchenden Grund zu trocknen. Doch über
die Freude, mit welcher Michel und die Seinen nach harter Prüfung die
Rettung ihres Heimwesens hätten begrüßen können, war der Schatten
gefallen, der vom Purtschellerhof seinen Weg in die Simmerau gefunden
hatte.

Auch Schorschl robottete in gedrückter Stimmung und hatte unter der
Sorge zu leiden, die er in Vronis Augen sah. Immer wieder konnte er den
bekümmerten Blick gewahren, mit dem die Schwester den Bruder suchte.
Mathes hatte, seit er die Arbeit wieder aufgenommen, kaum ein Wort
gesprochen. Er arbeitete wie einer, der nicht weiß, was rings um ihn
her geschieht. Manchmal ließ er den Pickel ruhen, wischte mit dem Ärmel
über die Stirn und spähte verstört ins Tal hinunter.

Als drunten die Elf-Uhr-Glocke gezogen wurde, traten die paar Leute,
die mit den Schmiedegesellen gekommen waren, den Heimweg an. Einige
Stunden später war man des Wassers soweit Herr geworden, daß Schorschl
auch die Gesellen heimschicken konnte. Die Bäche, die von der Höhe des
Berges niederströmten, begannen spärlicher zu fließen und sprudelten
auf dem Wege, den ihnen die Arbeit der Menschenhände angewiesen hatte,
mit gleichmäßigem Rauschen zu Tal. Nur einige Gräben waren noch zu
ziehen, um das nachquellende Sickerwasser vom Sockel der Mauern
abzuleiten.

Als auch dieses Letzte getan war, legte Michel erschöpft den Spaten aus
der Hand. »Jetzt haben wir's! Jetzt geht's mir wie dem Mathes. Ich muß
in d' Stub eini und muß mich niedersetzen.« Mit gekrümmtem Rücken ging
er zur Haustür. Vor der Schwelle erwärmte ein zufriedenes Lächeln seine
müden Züge. »Die gscheide Kammissoni! Abi, hat s' gmeint, abi wird's
müssen, mein Häusl? So, so?« Zärtlich strich er mit der schlaffen Hand
über die feuchte, des Mörtels halb entkleidete Mauer. »Gelt, mein
Häusl! Jetzt haben wir dich mit Gotts Hilf sauber durchbracht! Ja!« Er
wandte das Gesicht. »Vergelts Gott, Kinder! Fest habts mitgholfen! Dös
muß ich sagen.« Nickend wischte sich Michel den Schweiß von Stirn und
Wangen und trat ins Haus.

Mathes arbeitete noch eine Weile, dann stellte auch er die Schaufel an
die Mauer und wusch sich am rauschenden Bach die Hände und das Gesicht.
Stumm wanderte er über den verwüsteten Grashang hinauf. Bei der kahlen
Haselnußhecke, aus deren Zweigen er einst als Knabe die Maipfeifen für
das Linerl geschnitten hatte, setzte er sich in die Sonne. Die Arme um
seine Knie schlingend, spähte er hinunter ins Tal.

Schorschl und Vroni machten sich bald hier, bald dort noch ein bißchen
Arbeit. Dabei gingen sie verlegen aneinander vorüber. »No ja«, sagte
Schorschl endlich, während er mit einem Span den Schlamm von seinem
Pickel kratzte, »d' Arbeit is gar. Jetzt kann ich heimmarschieren.« Er
hob den Pickel auf die Schulter. »Oder net? Was meinst?«

Da kam sie mit heißem Gesicht auf ihn zugegangen und legte die Hand
auf seinen Arm. »So viel plagt hast dich! Da därf dich d' Mutter net
ungspeist heimgehn lassen. Magst net zum Essen bleiben?«

Er sah sie mit glücklichem Lachen an. »Dös kannst dir doch denken, wie
gern ich bleib!«

»No also!« Sie atmete erleichtert auf. »Bleibst halt!« Die nassen Hände
an der Schürze trocknend, ging sie zur Hausbank. Als sie saß, rückte
sie gleich auf die Seite, damit er Platz neben ihr hätte.

»Mit Verlaub!« sagte er, lehnte den Pickel an die Mauer und setzte sich
auf die Kante der Bank.

Vroni sah ihn verwundert an. »Ruck a bißl zu! Heut hast dir 's kommode
Sitzen verdient.«

Er rutschte so dicht heran, daß sein Ellbogen den ihren drückte. »Ja,
ja, so geht's halt!« Was Klügeres fiel ihm nicht ein. Verlegen sprang
sie auf. »Was is denn?« stotterte Schorschl erschrocken. »Wirst doch
net davonlaufen?«

»Ich muß doch sagen drin, daß d' Mutter mit'm Essen auf dich antragt.«

»Aber kommst gleich wieder?«

Vroni huschte ins Haus und fand die Mutter beim Herdfeuer. »Du«, sagte
sie und kühlte mit den Händen das Gesicht, »der Schorschl bleibt da zum
Essen.«

In Mutter Katherl schien eine Ahnung aufzudämmern. »Gleich dableiben
tut er? Ah, da schau!« Sie schmunzelte.

»Geh, du! Der da draußen plagt mich, und jetzt plagst mich du auch
noch!« Seufzend verließ Vroni die Küche; im Flur fragte sie über die
Schulter: »Mutter? Hast doch a bißl ebbes Guts?«

»Ja! Tiroler Knödl mach ich.«

»Gott sei Lob und Dank! Die ~müssen~ ihm schmecken!« Sichtlich
erleichtert kehrte Vroni zur Hausbank zurück. Schorschl haschte ihre
Hand. Aber sie machte sich wieder los, ging zum Fenster und spähte in
die Stube. »Da schau her!« sagte sie lächelnd. »Der Vater is schon in
der Ruh. Auf der Ofenbank liegt er und schlaft.«

»Geh? Is wahr?« Lautlos kam Schorschl zum Fenster geschlichen, legte
den Arm um Vronis Schultern, schmiegte seine Wange an die ihre, und so
guckte das Paar in die Stube.

»So fest und gut hat er schon lang nimmer gschlafen.«

»Da müssen wir ihm dös bißl Schlaf vergunnen und müssen uns schön stad
halten!« zischelte Schorschl, während er den Arm noch enger um das
Mädel schlang. »Komm, setzen wir uns wieder auf d' Hausbank! Sonst
rumpelst am End noch ans Fenster hin und weckst den Vater.«

»Ja, hast recht!« Mit glänzenden Augen sah sie ihn an und ließ sich
führen.

Nun saßen sie in der Sonne des Nachmittags, mit fest verschlungenen
Händen. Verträumt und alles um sich her vergessend, lauschten sie dem
Rauschen der Bäche und genossen wortlos die erste Freude ihres jungen
Glückes, mit dem sie schneller fertig waren, als Mutter Katherl mit
ihren Tiroler Knödeln.

Schorschl suchte mit lachenden Augen drunten im Tal das Dach seines
Hauses. »Die Bäckenmahm! Dö wird dreinschauen!« dachte er. Als er
diesen Gedanken aussprechen wollte, sah er, daß Vroni, deren Kopf an
seiner Schulter ruhte, die Augen geschlossen hatte. Scheu streifte er
mit den Lippen ihr zerzaustes Haar.

Tief atmend öffnete sie die Augen, blickte in Verwirrung zu ihm auf und
stammelte: »Ich hab a bißl viel schaffen müssen die letzten Täg und
Nächt. Und so viel gut is mir 's Rasten gwesen. Meiner Seel, jetzt wär
ich schier gar a bißl eingschlafen! Bist mir harb drum?«

»Gott bewahr!« Er preßte sie zärtlich an sich. »Ich tu mich recht schön
stad halten. Schenier dich net und mach deine Guckerln wieder zu!«

»Na, na!«

»Warum denn net?« Er wollte ihren Kopf an seiner Schulter betten und
diese Gelegenheit benützen, um ihr den ersten Kuß zu geben.

Das wehrte sie ihm erschrocken und blickte über den Wiesenhang hinauf.
»~Jetzt~ net! Der Mathes schaut her. Dös möcht ich net, daß er so
ebbes sehen muß.«

Er begriff diese Sorge nicht. »Geh, was hast denn? Der Mathes weiß doch
eh schon lang, wie's steht mit uns. Und schenieren mußt dich net wegen
meiner! Ich bin nimmer der Schorschl, der ich gwesen bin. D' Lieb hat
mich kuriert von der Lumperei. Jetzt bin ich an andrer.«

»Ja, Schorschl! A ganz an andrer!« Sie sah mit stolzer Freude zu ihm
auf. »Dös hab ich fein lang schon gmerkt.«

»Gelt, ja? Und dös bleibt. Grad so wie dö drei weißen Stricherln da!«
Er zeigte ihr die Hand mit den Kratznarben. »Man sieht's noch allweil.«
Als sie schwieg und ihn so merkwürdig ansah, lachte er. »Ich an
deiner Stell hätt grad so kratzt! Ich weiß schon: a bißl grob hab ich
zugriffen.«

Vroni machte immer größere Augen. »Aber Schorschl! ~Wer~ soll dich
kratzt haben? Ich?«

»Geh!« Er blinzelte lustig. »Verstell dich net so!«

»Aber Schorschl!« Sie sah seine Hand an, sah ihm wieder in die Augen
und schüttelte den Kopf. »Jetzt fallt's mir auch wieder ein, wie d'
allweil gredt hast im Herbst: Katzerl, Katzerl! Allweil: Katzerl!«

»Da hört sich doch alles auf!« Er lachte. »Vronerl! Weißt es denn
nimmer?«

»Was?«

»Selbigsmal in der Nacht --« Er hob die Hand und machte mit gekrümmten
Fingern eine leichtverständliche Bewegung.

Dennoch verstand sie nicht. »~Wann~ in der Nacht?«

»Wie ich 's zweitmal bei dir am Fenster war!«

»Du? A zweits Mal? Da weiß ich nix davon.«

»Aber hörst!« Jetzt schüttelte auch er den Kopf. Um ihre schlummernde
Erinnerung zu wecken, wurde er deutlicher und erzählte von jener
stockfinsteren Nacht, in der er vor einem ›gwissen Fensterl‹ seine
guten Vorsätze gebeichtet und um freundlichen Beistand gebettelt hatte.
Um Vronis Mundwinkel begann es verdächtig zu zucken. Und ehe Schorschl
noch völlig zum Ende jener nächtlichen Fenstergeschichte kam, brach sie
in lautes Lachen aus. Das war ein Lachen, so hell und lustig, wie man
es seit Jahresfrist in der Simmerau nicht mehr gehört hatte.

Mutter Katherl erschien mit dem Kochlöffel in der Haustür und zog, um
von dem jungen Paar nicht bemerkt zu werden, hurtig den grauen Kopf
wieder zurück. In der Stube erwachte Michel aus seinem Schläfchen, kam
verwundert zum Fenster, drückte die Nase an die Scheibe und lächelte
zufrieden. Und droben auf dem verwüsteten Grashang, bei den kahlen
Haselnußstauden, erhob sich Mathes und blickte auf das kleine Haus
hinunter, als hätte ihn dieses herzliche Lachen aus schweren Träumen
geweckt.

Nur Vroni selbst erschrak vor diesem Lachen. »Jesus Maria! Lachen kann
ich! Und da droben der Mathes! Und da drunt im Dorf --« Sie sprach
nicht zu Ende. Ob sie wollte oder nicht: sie ~mußte~ lachen. Und
dabei kamen ihr die Tränen.

Schorschl war so verblüfft, daß er eine Weile brauchte, bis er fragen
konnte: »Madl? Bist denn narrisch worden?«

»Aber Schorschl! Ich hab doch selbigsmal gar net in meiner Kammer
gschlafen.«

»Was!« Schorschl riß die Augen auf. »Bei wem hab ich denn nachher
gfensterlt?«

»Bei meiner weißen Katz!«

Schorschl verstand nicht gleich. Dann kam die Erleuchtung, und er
platzte los. Vroni suchte ihn zu beschwichtigen: »Net so laut,
Schorschl, ich bitt dich, net so laut!«

Die Lachtränen von den Backen wischend, schlang er den Arm um Vroni.
»Schatzl? Wann du in der Kammer gwesen wärst? Hättst ~du~ mich
auch kratzt?«

Sie studierte ein bißchen. »Ich glaub doch net.«

Da stand Mathes vor ihnen, und erschrocken schob Vroni den Schorschl
von sich. Scheu blickte sie zu dem Bruder auf. »Tu mir net harb sein,
Mathes! Ich hab lachen ~müssen~.«

Stieg ihm das warme Blut in die bleichen Wangen? Oder war's nur die
Abendsonne, die seine vergrämten Züge so warm überhauchte? Er lächelte,
und dem jungen Paar die Hände auf die Schultern legend, sagte er:
»Schau, Schwester, so von Herzen, wie ich, vergunnt dir keiner die
junge Freud! Seids gut mitanand! Tuts fest zammhalten! Sonst hat 's
Leben kein' Wert!« Er wollte ins Haus treten; auf der Schwelle wandte
er sich. »Tust mir an Gfallen, Vroni?«

»Ja, Mathes! Alles, was d' willst.«

»So mach nach'm Essen a Sprüngl abi zu ihr. Damit s' doch ~ein'~
Menschen hat!«

»Ja, Mathes!« Zögernd fragte sie: »Magst net mit?«

Er preßte die Lippen aufeinander, daß sie weiß wurden, und schüttelte
den Kopf.

Mutter Katherl rief aus dem Hausflur: »Kommts, Kinder, ich hab
auftragen!«

Das gab eine stille Mahlzeit. Dem Alten fielen während des Essens vor
Müdigkeit schon halb die Augen wieder zu, und Mutter Katherl stach
in schweigsamer Fürsorge einen Knödel um den andern aus der Schüssel
heraus und legte ihn auf Schorschls Teller. Mathes sprach kein Wort.
Und das verliebte Paar hatte sich genug mit den Augen zu sagen.

Als die Mahlzeit vorüber und das Gebet gesprochen war, sagte Vroni:
»Vater? Verlaubst mir's, daß ich a bißl abi schau zur Linerl?«

»Ja, Madl, gern! Und tu mir s' grüßen, dö gute Frau! Gleich morgen geh
ich selber abi, heut kann ich nimmer. Wie abgschlagen sind mir d' Füß!
Und gelt, bring die Kinder mit heim! Jetzt haben s' wieder ihr sichers
Bleiben bei uns. Gott sei Dank! Und tu mich aufwecken, wann die Kinder
heimbringst! Heut schlaf ich gleich.« Er humpelte zur Kammer. In seiner
Müdigkeit vergaß er, dem Daxen-Schorschl gute Nacht zu wünschen.




                          Sechzehntes Kapitel


Die Almen und Felsenzinnen leuchteten im Gold des Abends, während Vroni
und Schorschl am Ufer des neu entstandenen Bergbaches über die Gehänge
hinunterstiegen.

Mathes stand bei der halb zerstörten Scheune und blickte den beiden
nach.

Solang ihn Vroni sehen konnte, winkte sie immer wieder mit der Hand zu
ihm hinauf. Als die Hügel ihn verdeckten, fragte Schorschl: »Was hat
denn der Mathes?«

»Du därfst es ja wissen jetzt!« Sie wisperte: »'s Linerl hat er gern.«

Der stammelnde Laut, den Schorschl zur Antwort gab, ging unter im
Rauschen des Baches. Doch hinter seinem Schreck kam gleich die Freude
wieder. Daß Vroni sich eins mit ihm fürs Leben fühlte, das hatte ihm
kein Händedruck, kein leuchtender Blick so deutlich gesagt, wie dieses
leise Wort, mit dem sie ihm das Geheimnis des Bruders anvertraute.
Schweigend umschlang er sie.

Da blickte sie zu ihm auf. »Soviel gut bin ich dir!«

»Auf mich kannst dich verlassen!«

Weiter sprachen sie kein Wort. Eng aneinandergeschmiegt, stiegen sie
talwärts im leuchtenden Frühlingsabend.

Am Himmel glomm der Schein des ersten Sternes auf, als man drunten im
Dorf den Abendsegen läutete.

Der schwebende Hall war schon eine Weile verstummt, da wurde noch eine
andere Glocke gezogen.

Die beiden hörten nicht. So ganz versunken waren sie in ihr lebendes
Glück.

Es wurde dunkler Abend, bis sie das Dorf erreichten. Sie hatten den Weg
an der Daxenschmiede vorüber genommen. Sosehr es Vroni zu Karlin zog,
sie mußte sich einen ›Schnaufer‹ in der Luft des Hauses vergönnen, in
dem sie wohnen sollte als junge Frau. In der Stube fand sie den Tisch
gedeckt und daneben im Lehnstuhl die Mahm, die seit der Heimkehr der
Gesellen mit Ungeduld auf ihr ›Schorscherl‹ gewartet hatte. Da gab
es nun eine Szene, bei der die ›magere‹ Mahm vor Freude viel dicke
Tränen vergoß; und das ›liebe Bildl‹ des jungen Paares, beteuerte sie,
täte ihrem Herzen doppelt wohl nach dem Jammer, den sie hatte mit
ansehen müssen: vor einer Stunde, als sie im Lehnstuhl vor der Haustür
gesessen, hatte man den Purtscheller als stillen Mann auf der Straße
vorübergetragen, und neben der Reisigbahre war die arme Frau gegangen.

»Jesus!« stammelte Vroni, aus der stillen Freude ihres Glückes
aufgerüttelt. Und da war sie nicht mehr zu halten. »Ich bitt dich,
Schorschl, hol mir die Kinder von der Gvatterin, ich lauf zur Linerl
ummi.« Sie stürzte davon und hörte nicht mehr, was Schorschl ihr
nachrief.

Eine halbe Stunde später stand der junge Schmied mit den beiden Kindern
vor dem Purtschellerhof und wartete. Die Straßenlampe, die am Stamm
einer Pappel hing, warf ihren matten Lichtschein über den dunklen Weg.
Der Vorgarten des Purtschellerhauses war mit Leuten angefüllt; sie
redeten halblaut zueinander, schlichen durch die Haustür aus und ein,
oder drängten sich um die Fenster, die vom Schein der Wachskerzen wie
festlich beleuchtet erschienen. Hastigen Schrittes ging der Pfarrer,
der das weiße Chorhemd trug, an Schorschl und den Kindern vorüber, und
ihm folgte der Mesner mit dem Weihbrunnkessel.

»Du?« fragte das Jetterl den Daxen-Schorschl. »Tun s' Hochzet halten da
drin?«

»Ja, mein Mäderl!« sagte Schorschl, von diesem Kinderwort erschüttert.
»Freilich tut einer Hochzet halten! Hochzet für alle Ewigkeit! Und 's
Bräutl heißt Schnaufnimmer, und der Hochzeiter heißt Stehnimmerauf!«

»Stehnimmerauf?« plapperte das Kind und lachte. »Is dös aber a
gspassiger Nam!«

Neugierig lugten die Kinder nach den erleuchteten Fenstern und wollten
wissen, wann die ›Musi‹ käme.

Schorschl vergaß zu antworten, denn er sah, daß Vroni sich durch die im
Garten stehenden Leute drängte. »Schatzl!« rief er. »Da bin ich schon!«

Sie zitterte vor Erregung an allen Gliedern. »Schorschl, Schorschl«,
stammelte sie, während die Kinder sich an ihre Schürze hängten, »wie
mich dös Frauerl da drin derbarmt, dös kann ich gar net sagen! Gern wär
ich d' Nacht über blieben bei ihr. Aber mit der eiskalten Hand hat s'
mir so viel lind übers Gsicht gstrichen und hat 's Köpfl gschüttelt.
Und gsagt hat s' kein Wörtl net.« Sie brach in Schluchzen aus.

Das fanden die Kinder merkwürdig: daß bei einer Hochzeit geweint wurde.
Xandi grübelte sich für dieses Rätsel eine Lösung aus. »Gelt, Vronerl,
tust weinen, weil d' heim mußt? Geh, bleiben wir noch a bißl da, bis d'
Musi anfangt!«

Erschrocken sah sie den Knaben an; als ihr Schorschl die Erklärung
der Kinderworte zuflüsterte, sagte sie: »Ja, Schorschl, lassen wir s'
drauf! Besser, sie glauben an d' Freud im Leben, als wie ans andre!«
Die Tränen von den Wangen trocknend, küßte sie die Kinder, knöpfte
ihnen die Kittelchen zu und wand ihnen die wollenen Schlipse um die
Hälse, damit sie die Kühle des Abends nicht spüren möchten.

Sie nahm den Knaben an die Hand, Schorschl das Jetterl, und so stiegen
sie durch die sinkende Nacht in die Simmerau hinauf. Der Mond kam über
die Berge gestiegen und übergoß ihren Weg mit seiner silbernen Helle.

Der Kinder wegen sprachen sie mit keiner Silbe von dem doppelten
Tod, dem dort unten die Kerzen leuchteten. Doch unermüdlich mußten
sie Antwort geben auf die Fragen der beiden Kleinen, für welche die
Wanderung durch die vom Rauschen der Bäche erfüllte Mondnacht zu
einem märchenhaften Ereignis wurde, das ihre kindlichen Herzen mit
wohligem Gruseln erfüllte. In jedem Felsblock, den der Mond umwebte,
und im schwarzen Schatten jeder Bodenschrunde erblickten sie was
Geheimnisvolles. Der Ruf einer Eule machte sie zittern, und das
Schwatzen der Bäche weckte ihre Neugier auf ›die Gschichtln, dös 's
Wasser verzählt‹.

Das schwarze, verschobene Dach der Scheune tauchte hinter dem letzten
Hügel hervor, den sie noch zu übersteigen hatten. Da legte Vroni die
Hand auf Schorschls Arm. »Droben steht er schon und wartet!«

Das hatte sie kaum gesagt, als ein erstickter Schrei über den Hügel
herunterklang: »Vroni?«

Die Kinder erkannten die Stimme und jubelten durch die Nacht hinauf:
»Mathes! Mathes! Wir kommen schon!«

Vroni nahm das Jetterl bei der Hand. »Gelt, Schorschl, bist mir net
harb? Jetzt mußt mich allein lassen mit ihm!«

Er nickte. »Gut Nacht für heut!« Und wollte sie küssen.

Sie entzog sich ihm. »Wart noch a bißl! Nacher kommst a Sprüngl zu mir
ans Fenster. Magst?«

»Ob ich mag? Acht Tag lang hock ich mich da her und wart, wann's sein
muß.«

Er ließ sich auf einen Felsblock nieder. Als er Vroni mit den Kindern
auf der Höhe des Hügels verschwinden sah, machte ihn der Gedanke an
Mathes ganz beklommen. Aber verliebte Herzen schlagen Purzelbäume über
alle Tiefen weg. So war auch der Daxen-Schorschl bald wieder mitten
drin in seinem träumenden Glück. Das erste, was er sich ausdachte, war
das Brautgeschenk, mit dem er Vroni am Hochzeitsmorgen überraschen
wollte. Eine silberne Halskette, eine ganz dünne, die nicht teuer ist,
denn jetzt mußte er sparen. Und an dem Ketterl sollten, schön in Silber
gefaßt, die dreißig Pfennige hängen, die er sich damals an jenem ersten
Arbeitstag von Vroni verdient hatte. Die paar Nickel, die er in seinen
Sorgen krampfhaft festgehalten, hatten ihm das Glück ins Haus gebracht.

Und die Bäckenmahm sollte es gut haben bei ihm! Der hatte er viel zu
danken. Ihr Unglück hatte ihn zur Arbeit gezwungen. »Wann die net so
warm kriegt hätt in derselbigen Nacht, ich mein' schier, es wär a bißl
kalt blieben bei mir in der Schmieden!« Und gerade zur richtigen Zeit
war die Hilfe gekommen: als er in seiner ›Wildheit‹ den Karren seines
Glücks übel verfahren hatte! Bei diesem Gedanken durchlebte er wieder
jene Begegnung am Rand des Straßengrabens; er hörte das Plumpsen der
Brotlaibe, sah Vronis zornblitzende Augen und hörte den sausenden
Schwung der blauen Schürze.

Lachend duckte er den Kopf und wischte mit den Händen darüber, als
hinge ihm noch der Mehlstaub an den Ohren. »Sakra! Sakra! Dös Madl
hat die richtige Schneid. Bei der muß ich mich ~gut~ aufführen!
Oder es kracht.« So spann er in seinem warmen Glück einen fröhlichen
Gedanken an den anderen und guckte lachend in den Mond. Als er nach
geduldigem Warten endlich emporschlich über den Hügel, sah er, daß alle
Fenster an dem kleinen Haus schon dunkel waren. »Mar' und Josef! Sie
wird doch net schon warten auf mich!« Da machte er lange Sprünge und
fand richtig das kleine Fenster schon offen.

Ein ›Bussel‹, das kaum enden wollte, leitete die zärtliche Zwiesprach
ein, die mit Flüstern durch das eiserne Fenstergitter gehalten wurde.
Und schließlich gab es für den Daxenschmied noch eine Überraschung.

»Schorschl! Jetzt geh schön heim und schlaf dich ghörig aus!« so hatte
Vroni gemahnt. »Morgen mußt wieder an d' Arbeit! Gut Nacht, mein
Liebster du!«

»Gut Nacht, Schatzl, mein liebs!«

»Tausendmal gut Nacht!« Erst noch ein Kuß, und dann kam der Nachsatz:
»Aber wart a bißl, jetzt kriegst noch was!«

»Was denn?«

»Paß nur auf!«

Vroni verschwand vom Fenster. Als sie wiederkam, sah Schorschl im
Mondschein etwas blinken wie Gold.

Seine +C+-Trompete!

»Dö hab ich gfunden und hab s' aufghoben, daß nix passiert dran.«

»Jesses na!«

In der ersten Freude des Wiedersehens wollte Schorschl die Trompete
gleich an den Mund setzen. Erschrocken griff Vroni mit beiden Armen
zum Gitter heraus und stotterte: »Schorschl! Was fallt dir denn ein!«

Da ging nun das Geflüster von neuem an, bis Vroni, um den Schlaf ihres
Daxenschmiedes besorgt, einen Gewaltstreich übte und das Fenster schloß.

Schorschl plauderte noch eine Weile seine Zärtlichkeiten an die im
Mondlicht blinkende Scheibe hin; aber die wollte sich nicht wieder
öffnen. »No also, in Gotts Namen!« Seufzend nahm er die Trompete unter
den Arm und trat den Heimweg an.

Als er in die Nähe des Dorfes kam, konnte er der Versuchung, die
ihn auf dem ganzen Weg gequält hatte, nicht länger widerstehen. Er
~mußte~ seine Trompete hören, mußte das Glücksgefühl, das in
ihm sprudelte, hinausschmettern in die Nacht. Lachend setzte er die
Trompete an den Mund, und um der Freude, die sein Herz erfüllte, den
passendsten Ausdruck zu geben, blies er mit schmachtenden Klängen, aber
mit aller Kraft seiner gesunden Lungen in den stillen Mondschein:

  »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
  Daß ich so trau--au--rig bin ...«

Klingend warfen die Berge das Echo zurück, als stünde am Fuß jeder
Felswand ein Trompeter, der ›so traurig‹ war.

       *       *       *       *       *

Der Frühling wandelte sich in Sommer. Auch auf den höchsten Zinnen
war längst der letzte Schnee geschwunden. Das Almrausch blühte in
leuchtendem Rot, und gleich einem gestickten Fürstenmantel schmiegte
sich das Grün der Halden und Wälder um die Flanken aller Berge.

Es war an einem Tag in der zweiten Juliwoche. In der vergangenen Nacht
hatte sich ein schweres Unwetter über den Bergen entladen. Die Bäche
waren noch gelb vom Regen und rauschten mit doppelter Macht; doch der
Himmel leuchtete in reinem Blau; nur ein paar kleine, kuglige Wolken,
die letzten Nachzügler des erloschenen Gewitters, schwammen sacht, in
silberweißem Glanze, über die Berge hin. Alle Farben an Wald und Wiesen
hatten gesteigerte Leuchtkraft, und die Luft war so frisch, daß sich
auch in der Mittagsstunde noch jeder Atemzug wie eine Erquickung genoß.

Alle Gehänge des zur Ruhe gekommenen Berges waren belebt; bald hörte
man lachende Stimmen, bald einen Jodelruf oder die muntere Weise eines
Liedes. Auf den tiefer liegenden Halden, die durch Erdbewegung und
Überschwemmung weniger gelitten hatten, war schon die Heuernte im Gang.
In der Höhe, auf den zerrissenen Wiesen, arbeiteten die Leute mit
Pickel und Spaten, füllten die Bodenschrunden aus und bestreuten den
geebneten Grund mit Grassamen. Von einzelnen Gehöften, die seit dem
Herbst verlassen gestanden, hörte man Hammerschlag und das Geräusch
der Säge; da waren die Maurer und Zimmerleute bei der Arbeit, um die
übel zugerichteten Gebäude wieder in wohnlichen Stand zu bringen.

Aus dem Gärtl der Simmerau hallten die schweren Schläge einer Axt, und
zu diesem eintönigen Pochen gesellte sich mit drolliger Disharmonie die
Weise des Liedes, das die beiden Kinder mit kreischenden Stimmen sangen:

  »Vogerl im grünen Wald
  Zwitschert so hell!
  Zwitschert Wald aus und ein,
  Wo mag mein Schatzerl sein?
  Vogerl im grünen Wald
  Zwitschert so hell!«

Die Kinder saßen, vom Sonnenglanz umzittert, im hohen Gras einer
Wiese und banden einen Blumenstrauß für den ›Daxen-Vetter‹ und die
›Daxen-Mahm‹, für Schorschl und Vroni, die vor drei Tagen Hochzeit
gehalten hatten.

Schorschl hätte sich die junge Frau am liebsten schon im Mai in seine
Schmiede geholt; aber der Simmerauer hatte sein Mädel bei der Arbeit
gebraucht und wollte nichts von der Hochzeit wissen, bevor nicht sein
Haus wieder so schmuck und freundlich dastand wie im vergangenen
Sommer, ehe der Berg sein ›narrisches Laufen‹ begonnen hatte.

Nun blinkten die frisch getünchten Mauern weiß wie Schnee; Haustür und
Fensterläden waren mit grüner Ölfarbe neu gestrichen, die Scheiben
spiegelten, und auf allen Gesimsen blühten die roten Nelken. Auf
dem Dache waren die neuen Ziegel so verteilt, daß sie zwischen den
älteren, schon gebräunten Platten die Anfangsbuchstaben von Michels
Namen zeigten, die Jahreszahl und die verschlungenen Initialen +I. H.
S.+ -- »Jesus, Heiland, Seligmacher.«

Der Brunnen war wieder in Ordnung, der Hofraum mit Kies überstreut,
der Zaun ohne Lücken. Auch die Scheune war gründlich repariert. Michel
kränkte sich nur darüber, daß sein ›schöner Stadel‹ durch das Gemisch
der alten und neuen Bretter einen so ›schecketen‹ Anblick bot.

Im Garten sah es noch übel aus. Der brauchte Jahre, um sich ganz zu
erholen. Wohl hatte man allen Schutt entfernt, den die Erdbrüche
und das Wasser bis an die Mauern geworfen; auch die Beete waren neu
gerichtet und schon mit Gemüs und Blumen angepflanzt. Aber an die
zwanzig Obstbäume waren zerstört, und die jungen Wildlinge, auf welche
Michel schon im Mai die Edelreiser gepfropft hatte, wollten in dem
steinigen Boden nur langsam vorwärtskommen und hatten noch kaum die
ersten Blätter getrieben. Jene Bäume, die nur zu kränkeln schienen,
hatte der Alte gepflegt wie leidende Kinder, hatte gute Erde um ihre
Wurzeln gelegt und die Stämme, von denen die Rinde abgeschunden war,
mit wachsgetränkten Lappen umwickelt. Ein paar dieser Patienten hatte
er glücklich durchgebracht; die anderen waren abgestorben, als die
Sommerhitze begonnen hatte. Und nun mußten sie umgeschlagen werden,
damit das Holz sich noch verwerten ließe.

Seit dem Morgen waren Michel und Mathes mit den Äxten bei der Arbeit.
Sooft von den dürren Bäumen einer mit Krachen niederstürzte, sagte
der Alte: »Der hat die besten Äpfel tragen! Söllene gibt's nimmer in
der ganzen Gegend!« Bei diesem Kummer war es ihm doch ein Trost, wenn
er von einem der jungen Stämmchen zum anderen ging und die kleinen
blaßgrünen Blätter der Pfropfreiser musterte. »Mathes, die strecken
sich mit jedem Stündl! Jetzt spüren s' die warme Sonn! Allweil mein'
ich, daß ich von denen noch an guten Apfel erleb!«

»Ja, Vater! Der soll dir schmecken!« sagte Mathes, während er die Axt
aus den Händen legte und nach der Säge griff, um einen gefällten Stamm
in Stücke zu schneiden.

Sein Aussehen hatte sich gebessert seit dem Frühjahr. Wohl war bei
der schweren Arbeit seine Gestalt so hager geblieben, wie sie immer
gewesen; doch seine Bewegungen waren nicht mehr so eckig wie sonst,
viel geschmeidiger. In seinem Gesicht hatten sich die harten Züge
gemildert, und unter der sonnverbrannten Stirne leuchteten die Augen
wie klare Sterne. Rastlos stand er bei der Arbeit; doch sein ganzes
Wesen war, sosehr er sich dem Vater gegenüber zur Ruhe zwang, von einer
ungeduldigen Erregung befallen, die sich mit jeder Minute zu steigern
schien. Als die Turmuhr im Tal die dritte Nachmittagsstunde schlug,
legte Mathes die Säge nieder.

»Vater, es leidt mich nimmer. Jetzt ~muß~ ich a bißl abischauen!«

Michel nickte ihm zu. »Ja, Mathes! Es plagt mich selber, daß ich
erfahr, wie der Hof weggangen is und wer ihn eingsteigert hat. Und ob
ihr a bißl ebbes blieben is.«

Mathes ging ins Haus, um die Arbeitskleider gegen sein Sonntagsgewand
zu vertauschen. Als er wieder ins Freie trat, sah er die Mutter bei der
Scheune stehen. Sie hatte die Hände auf dem Rücken liegen und blickte
ins Tal hinunter, aus dem, wenn der Wind ein bißchen schärfer bergwärts
zog, mit halb verwehtem Klang das Hammertrio der Daxenschmiede
herauftönte. Als Mutter Katherl den Schritt des Sohnes hörte, blickte
sie auf. »Hörst ihn, wie er dreinschlagt da drunt!« sagte sie lächelnd.
»Er, natürlich, er hammert den ganzen Tag!« Sie seufzte leis. »Aber was
wird mein Madl treiben?«

»Arbeiten halt!«

»Ja freilich, in so eim Hauswesen mit sechs gwachsene Leut heißt's
ordentlich schaffen! Meinst, sie hat's gut bei ihm?«

»Besser hätt sie's net treffen können.«

»Gott sei Dank fürs Madl!« Wieder seufzte Mutter Katherl. »Aber mich
kommt's hart an. An dös leere Stübl kann ich mich gar net gwöhnen.«

Dunkle Röte huschte über die gebräunten Wangen ihres Sohnes, und es
schien, als wollte er sprechen; doch er schwieg und rückte nur den Hut.

»Wo gehst denn hin?«

»A bißl abischauen halt!« Der forschende Blick der Mutter machte ihn
verwirrt. Er ging. Nach wenigen Schritten kehrte er wieder um, faßte
die Hand der alten Frau und sagte: »Mutter! Wann's gut geht, bring ich
dir wen. Ins leere Stübl eini.«

»Mathes! Jesus Maria!«

Da hatte er sich schon von der Hand der Mutter losgemacht und ging
davon.

Droben in der Wiese sangen die beiden Kinder:

  »Vogerl am kühlen Bach
  Zwitschert so süß,
  Zwitschert Bach auf und ab,
  Bis ich mein Schatzerl hab!
  Vogerl am kühlen Bach
  Zwitschert so süß!«

Mathes konnte die Stimmen des kleinen Paares noch hören, und während
er talwärts wanderte, murmelte er die Worte des Liedes mit. Er selbst
hatte, als er noch Knabe war, dieses Lied gesungen -- da drüben
unter den Haselnußstauden, nicht weit vom Gaßner-Haus. Als ihm diese
Erinnerung kam, war ihm plötzlich, als klänge dicht an seiner Seite
eine leise Mädchenstimme:

  »Zwitschert Bach auf und ab,
  Bis ich mein Schatzerl hab!«

Seine Schritte wurden langsamer. Er spähte über alle Pfade, die
vom Dorf über den Berghang emporführten. Niemand kam aus dem Tal
heraufgestiegen. Er sah nur die Leute, die auf den Halden bei der
Arbeit waren.

Als er das letzte Wäldchen erreichte, ließ er sich im Schatten einer
alten Wetterfichte nieder. Von hier aus konnte er die Straße vor dem
Purtschellerhaus und einen Teil des Wirtschaftshofes überblicken.

Die Versteigerung, welche Purtschellers Gläubiger erwirkt hatten, mußte
schon vorüber sein; Mathes sah dort unten ein fortwährendes Kommen
und Gehen von Leuten; Möbelstücke wurden aus dem Haus geschleppt und
auf Fuhrwerke geladen; die Scheunen wurden geleert und die Pferde und
Rinder davongeführt. Das sehen zu müssen, schnitt ihm in die Seele. Es
war Karlins Habe, die von den hundert fremden Menschen vertragen wurde
in alle Winde. Und es hing auch an dem Gut, das hier verschleudert
wurde, seine eigene Arbeit und sein Schweiß, ein Teil seines Lebens
und ein Stück seines Herzens.

Die Fäuste auf den Knien, saß er an den Stamm der Fichte gelehnt.
Stunde um Stunde verging; vor dem Purtschellerhof fuhren die
hochbeladenen Wagen davon und die Leute begannen sich zu verlaufen.

In wachsender Unruh wartete Mathes; plötzlich sprang er auf, mit
erblaßtem Gesicht, zitternd an allen Gliedern.

Dort unten war eine schwarz gekleidete Frau aus der Haustür getreten,
mit einem weißen Bündel in der Hand. Im Garten blieb sie stehen und
blickte lang auf das Haus zurück. Mathes konnte sehen, wie sie sich
bückte, um eine Blume zu brechen. Dann trat sie auf die Straße. Hier
stand sie wieder still, als wüßte sie nicht, welchen Weg sie nehmen
sollte.

Mathes streckte die Arme, als möchte er der Verlassenen dort unten
seine Hände reichen, um sie zu führen.

Da schlug sie den Pfad ein, der von der Straße gegen den Berghang
lenkte. Das gewahrte Mathes. Aus seiner Kehle rang sich ein stammelnder
Laut, wie erstickter Jubel, der sich nicht zu äußern wagt.

Eine Viertelstunde verging.

Dann kam sie über den steilen Weg emporgestiegen. Sie trug ein
schwarzes Wollkleid und hatte um den Kopf ein schwarzes Tuch geknüpft,
aus welchem schmal und bleich das verhärmte Gesicht hervorlugte. An der
Brust hatte sie eine rote Nelke stecken. Ein paar Schritte ging ihr
Mathes entgegen. »Grüß dich Gott, Linerl!«

»Mathes! Du!« Dünne Röte stieg ihr in die bleichen Wangen, und ihre
Augen wurden feucht. Ohne ihm die Hand zu reichen, sagte sie leis:
»Grüß dich Gott auch!«

Seit jenem Abend, an welchem Mathes mit zornigem Griff den zum Schlag
erhobenen Arm Purtschellers gefesselt hatte, waren das die ersten
Worte, die sie miteinander sprachen.

Scheu blickte sie zu ihm auf. »Mathes?«

»Was, Linerl?«

»Wie kommst du denn jetzt da her?«

»Gwartet hab ich auf dich. Weil ich mir denkt hab: es kunnt doch sein,
daß du kommen tätst.«

Sie nickte. Eine Weile schwieg sie. »D' Vroni hat mir zugredt. So will
ich halt auffi zu deine Leut und will s' drum anreden, daß s' mir an
Unterstand geben, bis ich was anders find.«

»Ja, Linerl, da hast recht! Der Vroni ihr Stübl wartet schon auf dich.
Aber so viel müd schaust aus!« Die Stimme versagte ihm. »Magst dich
net a bißl niedersetzen?« Mit beiden Händen kratzte er im Schatten der
Fichte die dürren Reiser aus dem Moos. »Schau, da hast a guts Rasten!«

»Vergelts Gott!« Karlin legte das Bündel ab und ließ sich nieder.

Nun saßen sie wortlos nebeneinander und blickten ins Tal hinunter.
Leuchtend drangen einzelne Sonnenstrahlen durch die dichten,
schwarzgrünen Zweige, die sich im Winde sacht bewegten. Das gab auf den
Händen und Gesichtern der beiden ein zitterndes Spiel von Lichtern und
Schatten.

Nach einer Weile fragte Mathes: »Is drunten schon alles aus?«

»Ja, Mathes! Alles!«

»Wie is er denn weggangen, der Hof?«

»Grad um d' Hypothekenschulden.«

»Jesus Maria! Wie kann denn so was gschehen! Wann auch droben der Wald
halb ausgschlagen und halb versunken is! Der Hof allein is doch seine
hunderttausend und drüber wert.«

»Ja! Dös hat mir gestern der Rufel gsagt. Er hat mir 's Geld anboten,
daß ich mitsteigern kunnt.« Karlin lächelte müd. »Was tät denn ich
allein mit so eim Hof?«

»Aber schau, ich hätt dir ja gholfen!«

»Und hättst dir d' Finger blutig gschunden. Für ander Leut!« Ruhig
schüttelte sie den Kopf. »Na, Mathes! Lieber net! Schau, für mich is eh
kein Platzl nimmer gwesen in dem Haus da drunten!«

»Und gar nix is dir blieben?« stammelte Mathes.

»Nix.«

»Aber 's Inventari? Und d' Roß und 's Vieh? Dös muß doch ebbes bracht
haben!«

»Siebentausend Mark. Da haben dem Toni seine Verwandten d' Hand
draufglegt. Sie haben gsagt: ich hätt kein Recht net, weil kein Kind
nimmer da is, und sie täten Prozeß machen. Hätt ich streiten sollen,
Mathes? Na! Ich hab ihnen alles zugstanden und hab gsagt: ich will nix.
Hab ich net recht ghabt, Mathes?«

Er drückte ihre Hände, und seine Stimme klang, als wäre ihm leichter
und mutiger ums Herz geworden. »Ja, Linerl, da hast recht ghabt!«

»Dös is noch 's einzig, was mir lieb is an allem Unglück: daß ich
nausgeh aus dem Haus, grad so, wie ich eini zogen bin. Und schau,
nix anders trag ich mit mir fort, als wie den Kummer um mein Kind!«
Zitternd bedeckte sie die Augen.

Da rückte Mathes an ihre Seite und zog ihr mit scheuer Zärtlichkeit die
Hände nieder. »Linerl? Was willst denn machen jetzt?«

»Was bleibt mir denn über? An Dienst muß ich halt suchen. Ich tu's
gern. D' Arbeit fürcht ich net.«

Er schüttelte den Kopf und atmete schwer. »Linerl?«

»Ja, Mathes?«

Es wollte hart aus ihm heraus: »Schau, Linerl, ich tät dir ebbes
wissen!«

»Was denn?«

»Der Gaßner baut jetzt drunten im Ort. Sein Häusl am Berg droben kunnt
man billig haben. Gut schaut's freilich net aus. Aber es tät sich doch
wieder herrichten lassen. Was meinst?«

Heiße Röte färbte ihre bleichen Züge. Das Gaßner-Haus! Das Haus der
Eltern! Das Dach, unter dem die Mutter sie geboren hatte! Die Mauern,
zwischen denen ihr die Kindheit verflossen war in stillem Glück!

»Geh, Linerl, sag mir: tät's dich net freuen, dös Häusl da droben?«

Karlin zitterte. Obwohl sie verstand, wie er es meinte, sagte sie doch:
»Verschenken tut's der Gaßner net. Und haben tu ich nix.«

»Aber ~ich~ hab a bißl ebbes. Ich hab mir a schöns Geldl
zammgraspelt die ganzen Jahr her. Siebenhundert Markln hab ich. Dös tät
grad langen, mein' ich. Vierhundert kunnten wir dem Gaßner anzahlen.
Und mit dem andern täten wir unser Häusl einrichten. D' Maurerarbeit
mach ich selber und aufs Zimmern versteh ich mich auch net schlecht.
Wann ich mich den Sommer über a bißl rühr, kunnt 's Häusl im Herbst
wieder ausschauen, daß dei' Freud dran haben tätst!« Seine Stimme klang
heiser. »Was meinst, Linerl?«

Da nahm sie seine Hände und sah ihm in die Augen. »So gut wie du bist,
Mathes, so gut is keiner nimmer!« Sie löste die Nelke von ihrer Brust
und reichte ihm die Blume hin: »Schau, dös Nagerl hab ich mir noch
brochen drunt, weil mein Kind dö roten Blümeln so viel gern gsehen hat.
Magst es haben, Mathes?«

Heiß leuchtete ihm die Freude aus den Augen, und verlegen sagte er:
»Ja, Linerl! Da sag ich dir vergelts Gott dafür!« Er nahm den Hut ab
und steckte die Blume achtsam hinter die Schnur. »Dös heb ich mir auf.
Gut! Und sag, Linerl?« Vorsichtig drückte er den Hut aufs Haar. »Wann
wir jetzt gleich auffigehn täten, 's Häusl a bißl anschaun? Was meinst?«

»Ja, Mathes! Wie d' willst!«

Mit festem Druck umspannte er ihre Hand. »So komm!«

Ein paar Schritte ließ Karlin sich von ihm führen; ehe der Pfad um die
Ecke des Waldes lenkte, blieb sie stehen.

»Komm, Linerl!«

»Laß mich noch a bißl schauen!«

Mathes legte den Arm um ihre Schultern. So standen sie schweigend
und blickten zum Kirchhof hinunter, auf dessen Gräbern sich die
eisernen Kreuze wie dünne schwarze Striche zwischen Grün und Blumen
unterschieden.

Tief atmend trocknete Karlin ihre Tränen. Dann stiegen sie Hand in Hand
über den steilen Hang empor, vom warmen Gold der Sonne umleuchtet. Die
Drosseln schlugen in den Haselnußbüschen, und die Luft war erfüllt von
dem Wohlgeruch, der dem frischen Heu entströmte.

Es wollte schon Abend werden, als sie das einsame, verlassene Gehöft
erreichten. Das kleine Haus, in dem ihr Glück sich heimisch machen
sollte, lag vor ihnen wie eine öde Ruine; die Mauern brüchig, das Dach
verschoben, die Fenster ohne Kreuzstöcke, der Eingang ohne Tür und
Balken. Wie ein Schuttfeld waren Hof und Garten anzusehen, übergossen
von Geröll und schweren Steinen.

Dennoch hingen ihre Augen mit leuchtendem Blick an dem kahlen Gemäuer.
Ihre Herzen sahen, was hier werden sollte. In Karlins Seele erwachte
bei jedem Schritt ein Gedanke an die Kinderzeit, und diese Erinnerung
belebte alles, was verwüstet vor ihren Füßen lag.

Als sie die öden Räume durchwandert hatten und wieder ins Freie traten,
nahm Mathes den Zollstab aus der Tasche und maß die Lichtung der
Fensterhöhlen. »Gleich morgen fang ich mit die Kreuzstöck an und laß
vom Glaser d' Scheiben einschneiden. Weißt, damit's nimmer einiregnet
in d' Stuben. Sonst fangt der Fußboden 's Faulen an.«

»Ja! Und ich mach mich gleich über'n Garten her!« sagte Karlin. »Da
müssen d' Steiner ausklaubt werden, eh man noch mit der Schaufel
anfangt.« Sie legte ihr Bündel nieder, hob einen schweren Stein vom
Boden auf und trug ihn zu der aus Felsbrocken aufgeschichteten Mauer,
die sich um den Garten zog. Als sie den zweiten holen wollte, der
so gewichtig war, daß sie ihn kaum von der Erde emporbrachte, rief
Mathes: »Geh, Linerl, der is dir z'schwer! Den laß für mich!« Er kam
gesprungen, nahm ihr den Stein aus den Händen und trug ihn zur Mauer.

Nun sammelte Karlin das minder grobe Geröll, während Mathes sich mit
den großen Brocken schleppte.

So begannen sie den Bau ihres Glückes. Bei dem Eifer, mit dem sie
schafften, gewahrten sie nicht, daß die Sonne zur Ruhe ging.

Drunten im Tal wurde der Abendsegen geläutet, und im dämmerigen Blau
der Höhe blitzten die ersten Sterne wie feine, glühende Nadelspitzen.


Fußnoten:

[1] Lehm.

[2] Das Gebet ist entnommen aus »Perlen der Andacht«, eine Auswahl
katholischer Gebete; Passau, Verlag von Georg Primbs & Comp.

[3] Raphael.



*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER LAUFENDE BERG ***


    

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