The Project Gutenberg eBook of Späte Rache
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Title: Späte Rache
Author: Arthur Conan Doyle
Illustrator: Richard Gutschmidt
Release date: March 21, 2026 [eBook #78265]
Language: German
Original publication: Stuttgart: Robert Lutz, 1907
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/78265
Credits: Alexander Bauer, Jana Srna and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SPÄTE RACHE ***
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1907 so weit
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Sherlock Holmes-Serie
Gesammelte Detektivgeschichten
von
Conan Doyle
I.
Sherlock Holmes-Serie I.
Späte Rache
Von
Conan Doyle
Autorisiert
Illustriert von Rich. Gutschmidt
32.-34. Tausend.
[Illustration]
Stuttgart
+Verlag von Robert Lutz+
1907.
Verlags- und Handelsdruckerei Stuttgart, Hans Bleher.
Inhalt.
I. Aus Watsons Erinnerungen.
Seite
1. Kapitel: Sherlock Holmes 7
2. „ Die Kunst der Schlußfolgerung 22
3. „ Brixtonstraße Nummer 3 39
4. „ Was uns John Rance erzählte 59
5. „ Wir bekommen Besuch 73
6. „ Tobias Gregson thut große Thaten 86
7. „ Es kommt Licht in das Dunkel 104
II. Im Lande der Heiligen.
8. Kapitel: Auf der großen Alkali-Ebene 121
9. „ Die Blume von Utah 140
10. „ John Ferrier spricht mit dem Propheten 155
11. „ Eine Flucht auf Leben und Tod 165
12. „ Die Würgengel 184
+Fortsetzung von+ ~Dr.~ +Watsons Erinnerungen+ 201
Aus Watsons Erinnerungen.
Erstes Kapitel.
Sherlock Holmes.
[Illustration]
Im Jahre 1878 hatte ich mein Doktorexamen an der Londoner Universität
bestanden und in Nelley den für Militärärzte vorgeschriebenen
medizinischen Kursus durchgemacht. Bald darauf ward ich dem fünften
Füsilierregiment Northumberland zugeteilt, welches damals in Indien
stand. Bevor ich jedoch an den Ort meiner Bestimmung gelangte, brach
der zweite afghanische Krieg aus, und bei meiner Landung in Bombay
erfuhr ich, mein Regiment sei bereits durch die Gebirgspässe marschiert
und weit in Feindesland vorgedrungen. In Gesellschaft mehrerer
Offiziere, die sich in gleicher Lage befanden, folgte ich meinem
Corps, erreichte dasselbe glücklich in Kandahar und trat in meine neue
Stellung ein.
Der Feldzug, in welchem andere Ehre und Auszeichnungen fanden, brachte
mir indessen nur Unglück und Mißerfolg. Gleich in der ersten Schlacht
zerschmetterte mir eine Kugel das Schulterblatt und ich wäre sicherlich
den grausamen Ghazia in die Hände gefallen, hätte mich nicht Murray,
mein treuer Bursche, rasch auf ein Packpferd geworfen und mit eigener
Lebensgefahr mit sich geführt, bis wir die britische Schlachtlinie
erreichten.
Lange lag ich krank, und erst nachdem ich mit einer großen Anzahl
verwundeter Offiziere in das Hospital von Peshawur geschafft worden
war, erholte ich mich allmählich von den ausgestandenen Leiden; ich
war bereits wieder so weit, daß ich in den Krankensälen umhergehen
und auf der Veranda frische Luft schöpfen durfte. Da befiel mich
unglücklicherweise ein Entzündungsfieber und zwar mit solcher
Heftigkeit, daß man monatelang an meinem Wiederaufkommen zweifelte.
Als endlich die Macht der Krankheit gebrochen war und mein Bewußtsein
zurückkehrte, befand ich mich in solchem Zustand der Kraftlosigkeit,
daß die Aerzte beschlossen, mich ohne Zeitverlust wieder nach England
zu schicken. Einen Monat später landete ich mit dem Truppenschiff
‚Orontes‘ in Portsmouth; meine Gesundheit war völlig zerrüttet, doch
erlaubte mir eine fürsorgliche Regierung, während der nächsten neun
Monate den Versuch zu machen, sie wiederherzustellen.
Verwandte besaß ich in England nicht; ich beschloß daher, mich in
einem Privathotel einzuquartieren. Mein tägliches Einkommen belief
sich auf elf und einen halben Schilling und da ich zuerst nicht sehr
haushälterisch damit umging, machten mir meine Finanzen bald große
Sorge. Ich sah ein, daß ich entweder aufs Land ziehen oder meine
Lebensweise in der Hauptstadt völlig ändern müsse.
Da ich letzteres vorzog, sah ich mich genötigt, das Hotel zu verlassen
und mir eine anspruchslosere und weniger kostspielige Wohnung zu suchen.
Während ich noch hiermit beschäftigt war, begegnete ich eines Tages auf
der Straße einem mir bekannten Gesicht, ein höchst erfreulicher Anblick
für einen einsamen Menschen wie mich in der Riesenstadt London. Ich
hatte mit dem jungen Stamford während meiner Studienzeit verkehrt, ohne
daß wir einander besonders nahe getreten waren, jetzt aber begrüßte
ich ihn mit Entzücken, und auch er schien sich über das Wiedersehen zu
freuen. Bald saßen wir in einer nahen Restauration zusammen bei einem
Glase Wein und tauschten unsere Erlebnisse aus.
„Was in aller Welt ist denn mit dir geschehen, Watson?“ fragte Stamford
verwundert, „du siehst braun aus wie eine Nuß und bist so dürr wie eine
Bohnenstange.“
Ich gab ihm einen kurzen Abriß meiner Abenteuer und er hörte mir
teilnehmend zu.
„Armer Kerl,“ sagte er mitleidig, „und was gedenkst du jetzt zu thun?“
„Ich bin auf der Wohnungssuche,“ versetzte ich; „es gilt die Aufgabe zu
lösen, mir um billigen Preis ein behagliches Quartier zu verschaffen.“
„Wie sonderbar,“ rief Stamford; „du bist der zweite Mensch, der heute
gegen mich diese Aeußerung thut.“
„Und wer war der erste?“
„Ein Bekannter von mir, der in dem chemischen Laboratorium des
Hospitals arbeitet. Er klagte mir diesen Morgen sein Leid, daß er
niemand finden könne, um mit ihm gemeinsam ein sehr preiswürdiges,
hübsches Quartier zu mieten, das für seinen Beutel allein zu
kostspielig sei.“
„Meiner Treu,“ rief ich, „wenn er Lust hat, die Kosten der Wohnung zu
teilen, so bin ich sein Mann. Ich würde weit lieber mit einem Gefährten
zusammenziehen, statt ganz allein zu hausen.“
Stamford sah mich über sein Weinglas hinweg mit bedeutsamen Blicken an.
„Wer weiß, ob du Sherlock Holmes zum Stubengenossen wählen würdest,
wenn du ihn kenntest,“ sagte er.
„Ist denn irgend etwas an ihm auszusetzen?“
„Das will ich nicht behaupten. Er hat in mancher Hinsicht eigentümliche
Anschauungen und schwärmt für die Wissenschaft. Im übrigen ist er ein
höchst anständiger Mensch, soviel ich weiß.“
„Ein Mediziner vermutlich?“
„Nein -- ich habe keine Ahnung, was er eigentlich treibt. In der
Anatomie ist er gut bewandert und ein vorzüglicher Chemiker. Aber
meines Wissens hat er nie regelrecht Medizin studiert. Er ist überhaupt
ziemlich überspannt und unmethodisch in seinen Studien, doch besitzt er
auf verschiedenen Gebieten eine Menge ungewöhnlicher Kenntnisse, um die
ihn mancher Professor beneiden könnte.“
„Hast du ihn nie nach seinem Beruf gefragt?“
„Nein -- er ist kein Mensch, der sich leicht ausfragen läßt; doch kann
er zuweilen sehr mitteilsam sein, wenn ihm gerade danach zu Mute ist.“
„Ich möchte ihn doch kennen lernen,“ sagte ich; „ein Mensch, der sich
mit Vorliebe in seine Studien vertieft, wäre für mich der angenehmste
Gefährte. Bei meinem schwachen Gesundheitszustand kann ich weder Lärm
noch Aufregung vertragen. Ich habe beides in Afghanistan so reichlich
genossen, daß ich für meine Lebenszeit genug daran habe. Bitte, sage
mir, wo ich deinen Freund treffen kann.“
„Vermutlich ist er jetzt noch im Laboratorium. Manchmal läßt er sich
dort wochenlang nicht sehen und zu anderen Zeiten bleibt er wieder von
früh bis spät bei der Arbeit. Wenn es dir recht ist, suchen wir ihn
zusammen auf.“
Ich willigte mit Freuden ein und wir machten uns sogleich auf den Weg
nach dem Hospital.
„Du darfst mir aber keine Vorwürfe machen, wenn ihr nicht miteinander
auskommt,“ sagte Stamford, als wir in die Droschke stiegen; „ich möchte
dir weder zu- noch abraten.“
„Wenn wir nicht zu einander passen, können wir uns ja leicht wieder
trennen. Deine Vorsicht scheint mir fast übertrieben, es muß noch etwas
anderes dahinter stecken. Heraus mit der Sprache, was hast du gegen den
Menschen einzuwenden?“
„Nichts, gar nichts; er ist nur nach meinem Geschmack seiner
Wissenschaft allzusehr ergeben. -- Das grenzt schon an
Gefühllosigkeit. Ich halte es nicht für undenkbar, daß er einem guten
Freunde eine Priese des neuesten vegetabilischen Alkaloids eingeben
würde -- nicht etwa aus Bosheit, nein, aus Forschungstrieb -- um die
Wirkung genau zu beobachten. Ebenso gern würde er freilich die Probe an
sich selber machen, +die+ Gerechtigkeit muß man ihm widerfahren lassen.
Ueberhaupt ist Klarheit und Genauigkeit des Wissens seine größte
Leidenschaft; aber zu welchem Zweck er alle seine Studien betreibt,
weiß der liebe Himmel.“
Vor dem Hospital angekommen, stiegen wir aus, gingen ein Gäßchen
hinunter und traten durch eine Thür in den Nebenflügel des weitläufigen
Gebäudes. Hier war mir alles wohl bekannt und ich brauchte keinen
Führer mehr. Es ging die kahle Steintreppe hinauf, durch den langen,
weißgetünchten Korridor, mit den Thüren auf beiden Seiten, an den
sich der niedrige Bogengang anschloß, welcher nach dem chemischen
Laboratorium führte.
In dem großen Saal, den wir betraten, waren sämtliche Tische mit
Retorten, Reagensgläsern und kleinen Weingeistlampen besetzt, während
rings an den Wänden und überhaupt, wohin man blickte, Flaschen von
allen Größen und Formen umherstanden. Wir dachten zuerst, der Raum
sei leer, bis wir an dem andern Ende einen jungen Mann gewahrten,
der, in seine Beobachtungen versunken, über einen Tisch gebeugt dasaß.
Beim Schall unserer Fußtritte blickte er von seinem Experiment auf und
sprang mit einem Freudenruf in die Höhe. „Viktoria, Viktoria,“ jubelte
er, und kam uns, mit der Retorte in der Hand, entgegen. „Ich habe
das Reagens gefunden, das sich mit Hämoglobin zu einem Niederschlag
verbindet und sonst mit keinem Stoff.“
Er sah so glückstrahlend aus, als hätte er eine Goldmine entdeckt.
„Mein Freund, Doktor Watson -- Herr Sherlock Holmes,“ sagte Stamford
uns einander vorstellend.
„Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen,“ erwiderte Holmes
in herzlichem Ton und mit kräftigem Händedruck. „Sie kommen aus
Afghanistan, wie ich sehe.“
Ich blickte ihn verwundert an. „Wieso wissen Sie denn das?“
„O, das thut nichts zur Sache,“ rief er, sich vergnügt die Hände
reibend; „ich denke jetzt nur an Hämoglobin. Sicherlich werden Sie die
Tragweite meiner Erfindung begreifen.“
„Es mag wohl als chemisches Experiment sehr interessant sein, aber für
die Praxis --“
[Illustration]
„Gerade in der Praxis ist es von größter Wichtigkeit für die
Gerichtschemie, weil es dazu dient, das etwaige Vorhandensein von
Blutflecken zu beweisen. -- Bitte, kommen Sie doch einmal her.“ In
seinem Eifer ergriff er meinen Rockärmel und zog mich nach dem Tische
hin, an welchem er experimentiert hatte. „Wir müssen etwas frisches
Blut haben,“ sagte er und stach sich mit einer großen Stopfnadel in
den Finger, worauf er das herabtropfende Blut in einem Saugröhrchen
auffing. „Jetzt mische ich diese kleine Blutmenge mit einem Liter
Wasser -- das Verhältnis ist etwa wie eins zu einer Million -- und die
Flüssigkeit sieht ganz aus wie reines Wasser. Trotzdem wird sich, denke
ich, die gewünschte Reaktion herstellen lassen.“ Er hatte, während er
sprach, einige weiße Krystalle in das Gefäß geworfen und goß jetzt noch
mehrere Tropfen einer durchsichtigen Flüssigkeit hinzu. Sofort nahm das
Wasser eine dunkle Färbung an und ein bräunlicher Niederschlag erschien
auf dem Boden des Glases.
„Sehen Sie,“ rief er und klatschte in die Hände, wie ein Kind vor
Freude über ein neues Spielzeug. „Was sagen Sie dazu?“
„Es scheint mir ein sehr gelungenes Experiment.“
„Wundervoll, wundervoll! Die alte Methode, die Probe mit Guajacum
anzustellen, war sehr umständlich und unsicher, die mikroskopische
Untersuchung der Blutkügelchen aber ist wertlos, sobald die Flecken ein
paar Stunden alt sind. Meine Erfindung wird sich dagegen ebenso gut bei
altem wie bei frischem Blut bewähren. Wäre sie schon früher gemacht
worden, so hätte man Hunderte von Verbrechern zur Rechenschaft ziehen
können, die straflos davongekommen sind.“
„Meinen Sie wirklich?“
„Ohne Frage. Bei der Kriminaljustiz dreht sich ja meist alles um diesen
+einen+ Punkt. Vielleicht Monate, nachdem die Missethat begangen ist,
fällt der Verdacht auf einen Menschen, man untersucht seine Kleider und
findet braune Flecke am Rock oder in der Wäsche. Das können Blutspuren
sein, aber auch Rostflecke, Obstflecke oder Schmutzflecke. Mancher
Sachverständige hat sich darüber schon den Kopf zerbrochen und zwar
bloß, weil es an einer zuverlässigen Beweismethode fehlte. Nun man
aber das Sherlock Holmessche Mittel besitzt, ist jede Schwierigkeit
beseitigt.“
Seine Augen funkelten, während er sprach, er legte die Hand aufs Herz
und machte eine feierliche Verbeugung, als sähe er sich im Geist einer
Beifall klatschenden Menge gegenüber.
„Da kann man Ihnen ja Glück wünschen,“ sagte ich, verwundert über
seinen Feuereifer.
„Hätte man die Probe schon letztes Jahr anstellen können,“ fuhr er
fort, „es wäre dem Mason aus Bradford sicherlich an den Hals gegangen;
auch der berüchtigte Müller, sowie Lefevre aus Montpellier und Samson
aus New-Orleans wären überführt worden. Ich könnte Ihnen Dutzende von
Fällen nennen, bei denen meine Erfindung den Ausschlag gegeben hätte.“
„Sie scheinen ja ein wandelnder Verbrecheralmanach zu sein,“ meinte
Stamford lachend; „schreiben Sie doch ein Buch über Kriminalstatistik.“
„Das möchte wohl des Lesens wert sein,“ erwiderte Holmes, der sich
eben ein Pflaster auf den verwundeten Finger klebte. „Ich muß sehr
vorsichtig sein,“ fügte er erklärend hinzu, „denn ich mache mir viel
mit Giften zu schaffen.“ Als er die Hand in die Höhe hielt, sah ich,
daß sie an vielen Stellen bepflastert war und von scharfen Säuren
gefärbt.
„Wir kommen in Geschäften,“ sagte Stamford, und schob mir einen
dreibeinigen Schemel zum Sitzen hin, während er ebenfalls Platz nahm.
„Mein Freund hier sucht eine Wohnung, und da Sie gern mit jemand
zusammenziehen möchten, dachte ich, es wäre Ihnen vielleicht beiden
geholfen.“
Sherlock Holmes ging mit Freuden auf den Vorschlag ein. „Ich habe ein
Auge des Wohlgefallens auf ein Quartier in der Bakerstraße geworfen,
das vortrefflich für uns passen würde,“ sagte er. „Sie haben doch nicht
etwa eine Abneigung gegen Tabaksdampf?“
„O nein, ich bin selbst ein starker Raucher.“
„Das trifft sich gut. Ferner habe ich häufig Chemikalien bei mir
herumstehen, die ich zu meinen Experimenten brauche. Würde Sie das
belästigen?“
„Durchaus nicht.“
„Warten Sie -- was habe ich sonst noch für Fehler? Manchmal bekomme
ich Anfälle von Schwermut und thue dann tagelang den Mund nicht auf.
Sie müssen mir das nicht übel nehmen. Kümmern Sie sich nur dann gar
nicht um mich, und die Anwandlung wird bald vorüber sein. So -- nun
ist die Reihe an Ihnen, mir Bekenntnisse zu machen. Wenn zwei Menschen
zusammen leben wollen, ist es gut, wenn sie im voraus wissen, was sie
von einander zu erwarten haben.“
Ich mußte über diese Generalbeichte lachen. „Ich halte mir einen jungen
Bullenbeißer,“ gestand ich, „und kann keinen Lärm vertragen, weil meine
Nerven angegriffen sind; auch schlafe ich oft in den Tag hinein und
bin überhaupt sehr träge. In gesunden Zeiten fröhne ich noch Lastern
anderer Art, aber für jetzt sind dies die hauptsächlichsten.“
„Würden Sie unter ‚Lärm‘ auch das Spielen auf einer Violine verstehen?“
fragte er besorgt.
„Das kommt auf den Musiker an. Gutes Violinspiel ist ein Genuß für
Götter -- aber schlechtes --“
„Freilich, freilich,“ rief er vergnügt. „Nun, ich denke, die Sache ist
abgemacht -- das heißt, wenn Ihnen das Quartier gefällt.“
„Wann können wir es besichtigen?“
„Holen Sie mich morgen mittag hier ab, dann gehen wir zusammen hin und
bringen gleich alles ins reine.“
„Sehr wohl, also Punkt zwölf Uhr,“ sagte ich, ihm zum Abschied die Hand
schüttelnd.
Wir ließen ihn dort bei seinen Chemikalien und gingen nach meinem Hotel
zurück. „Erklären Sie mir nur,“ wandte ich mich, plötzlich stehen
bleibend, an Stamford, „was ihn auf die Idee gebracht haben kann, daß
ich aus Afghanistan komme?“
Mein Gefährte lachte geheimnisvoll. „Schon mancher hat gern wissen
wollen, wie Sherlock Holmes gewisse Dinge ausfindig macht. Er besitzt
eben eine besondere Gabe.“
„Aha, es steckt ein Rätsel dahinter,“ rief ich belustigt; „das ist
ja höchst interessant. Ich bin dir sehr verbunden für die neue
Bekanntschaft. Das beste Studium für den Menschen bleibt ja doch immer
der Mensch.“
„Studiere ihn nur,“ entgegnete Stamford. „Du wirst dabei manche Nuß zu
knacken finden. Ich wette darauf, er kennt dich bald besser als du ihn.“
An der nächsten Straßenecke verabschiedeten wir uns und ich schlenderte
allein nach Hause.
Zweites Kapitel.
Die Kunst der Schlußfolgerung.
Unsere verabredete Besichtigung des Quartiers in der Bakerstraße Nr.
221~b~ fand am nächsten Tage statt. Es gefiel mir außerordentlich; das
große, luftige Wohnzimmer, welches sich an zwei behagliche Schlafstuben
anschloß, war freundlich möbliert und sehr hell, da es sein Licht durch
zwei große Fenster erhielt. Unter uns beide geteilt, erschien auch der
Preis der Wohnung so gering, daß wir sie auf der Stelle mieteten und
sogleich einzuziehen beschlossen. Noch am selben Abend ließ ich meine
Besitztümer vom Hotel hinüberschaffen und Sherlock Holmes folgte bald
darauf mit verschiedenen Koffern und Reisetaschen. In den ersten Tagen
waren wir eifrig beschäftigt, auszupacken und unsere Sachen auf das
vorteilhafteste unterzubringen. Als dann die Einrichtung fertig war,
begannen wir uns in Ruhe an unsere neue Umgebung zu gewöhnen.
Holmes war ein Mensch, mit dem sich leicht leben ließ, von stillem
Wesen und regelmäßig in seinen Gewohnheiten. Selten blieb er abends
nach zehn Uhr auf, und wenn ich morgens zum Vorschein kam, hatte er
immer schon gefrühstückt und war ausgegangen. Den Tag über war er
meist im chemischen Laboratorium oder im Seziersaal, zuweilen machte
er auch weite Ausflüge, welche ihn bis in die verrufensten Gegenden
der Stadt zu führen schienen. Seine Thatkraft war unverwüstlich, so
lange die Arbeitswut bei ihm dauerte; von Zeit zu Zeit trat jedoch
ein Rückschlag ein, dann lag er den ganzen Tag im Wohnzimmer auf dem
Sofa, fast ohne ein Glied zu rühren oder ein Wort zu reden. Dabei
nahmen seine Augen einen so traumhaften, verschwommenen Ausdruck an,
daß sicher der Verdacht in mir aufgestiegen wäre, er müsse irgend
ein Betäubungsmittel gebrauchen, hätte nicht seine Mäßigkeit und
Nüchternheit im gewöhnlichen Leben diese Annahme völlig ausgeschlossen.
Nach den ersten Wochen unseres Beisammenseins war mein Interesse
für ihn und der Wunsch zu ergründen, welche Zwecke er eigentlich
verfolgte, in hohem Maße gestiegen. Schon seine äußere Erscheinung
fiel ungemein auf. Er war über sechs Fuß groß und sehr hager; sein
scharfkantig vorstehendes Kinn drückte Festigkeit des Charakters
aus, der Blick seiner Augen war lebhaft und durchdringend, außer in
den schon erwähnten Zeiten völliger Erschlaffung, und eine spitze
Habichtsnase gab seinem Gesicht etwas Aufgewecktes und Entschlossenes.
Die Hände schonte er nicht, sie trugen fortwährend Spuren von
Tinten und Chemikalien, auch hatte ich oft Gelegenheit, seine große
Geschicklichkeit bei allen Handgriffen zu bewundern, wenn er mit seinen
feinen physikalischen Instrumenten experimentierte.
Kein Wunder, daß meine Neugier in hohem Grade rege war und ich immer
wieder versuchte, die strenge Zurückhaltung zu durchbrechen, die er in
allem beobachtete, was ihn selbst betraf. Das Geheimnis, welches meinen
Gefährten umgab, beschäftigte mich um so mehr, als mein eigenes Leben
damals völlig zweck- und ziellos war und wenige Zerstreuungen bot. Mein
Gesundheitszustand erlaubte mir nur bei besonders günstiger Witterung
auszugehen, und Freunde, die mich hätten besuchen können, um etwas
Abwechslung in mein einförmiges Dasein zu bringen, besaß ich nicht.
Daß Holmes nicht Medizin studiere, wußte ich aus seinem eigenen
Munde. Auch schien er keinen bestimmten Kursus in irgend einer andern
Wissenschaft durchgemacht zu haben, der ihm auf herkömmliche Weise die
Eingangspforte in die Gelehrtenwelt geöffnet hätte. Trotzdem verfolgte
er gewisse Studien mit wahrem Feuereifer und besaß innerhalb ihrer
Grenzen ein so ausgedehntes und umfassendes Wissen, daß er mich oft
höchlich dadurch überraschte.-- War es denkbar, daß ein Mensch so
angestrengt arbeitete, sich so genau zu unterrichten suchte, ohne einen
bestimmten Zweck vor Augen zu haben? -- Ein planloses Studium ist meist
auch oberflächlich, und wer sich den Kopf mit hunderterlei Einzelheiten
anfüllt, thut dies schwerlich ohne einen triftigen Grund.
Merkwürdigerweise war seine Unwissenheit auf manchen Gebieten ebenso
erstaunlich, als seine Kenntnisse in anderen Fächern. Von Astronomie
und Philosophie z. B. wußte er so viel wie gar nichts. Mußte es mir
schon auffallen, als er sagte, er habe noch nie etwas von Thomas
Carlyle gelesen, so erreichte meine Verwunderung doch den Gipfelpunkt,
als sich zufällig herausstellte, daß er sich über unser Sonnensystem
ganz falsche Vorstellungen machte. Wie in unserem neunzehnten
Jahrhundert irgend ein zivilisiertes menschliches Wesen darüber im
unklaren sein kann, daß die Erde sich um die Sonne dreht, war mir
völlig unbegreiflich.
„Setzt Sie das in Erstaunen?“ fragte er lächelnd. „Nun Sie es mir
gesagt haben, werde ich suchen, es so schnell wie möglich wieder zu
vergessen.“
„Es zu vergessen?!“
„Ja. -- Sehen Sie, meiner Ansicht nach gleicht ein Menschenhirn
ursprünglich einer leeren Dachkammer, die man nach eigener Wahl mit
Möbeln und Geräten ausstatten kann. Nur ein Thor füllt sie mit
allerlei Gerümpel an, wie es ihm gerade in den Weg kommt und versperrt
sich damit den Raum, welchen er für die Dinge braucht, die ihm nützlich
sind. Ein Verständiger giebt wohl acht, was er in seine Hirnkammer
einschachtelt. Er beschränkt sich auf die Werkzeuge, deren er bei der
Arbeit bedarf, aber von diesen schafft er sich eine große Auswahl an
und hält sie in bester Ordnung. Es ist ein Irrtum, wenn man denkt,
die kleine Kammer habe dehnbare Wände und könne sich nach Belieben
ausweiten. Glauben Sie mir, es kommt eine Zeit, da wir für alles
Neuhinzugelernte etwas von dem vergessen, was wir früher gewußt haben.
Daher ist es von höchster Wichtigkeit, daß unsere nützlichen Kenntnisse
nicht durch unnützen Ballast verdrängt werden.“
„Aber das Sonnensystem --“ warf ich ein.
„Was zum Kuckuck kümmert mich das?“ unterbrach er mich ungeduldig. „Sie
sagen, die Erde dreht sich um die Sonne. Wenn sie sich um den Mond
drehte, so würde das für meine Zwecke nicht den geringsten Unterschied
machen.“
Mir schwebte schon die Frage auf der Zunge, was denn eigentlich
seine Zwecke wären, doch behielt ich sie für mich, um ihn nicht zu
verdrießen. Unser Gespräch gab mir indessen viel zu denken, und ich
begann meine Schlüsse daraus zu ziehen. Wenn er sich nur Kenntnisse
aneignete, die ihm für seine Arbeit Nutzen brachten, so mußte man ja
aus den Zweigen des Wissens, mit denen er am vertrautesten war, auf
den Beruf schließen können, dem er sich gewidmet hatte. Ich zählte mir
nun alles auf, was er mit besonderer Gründlichkeit studierte, ja, ich
machte mir ein Verzeichnis von den einzelnen Fächern. Lächelnd überlas
ich das Schriftstück noch einmal, es lautete:
+Geistiger Horizont und Kenntnisse von Sherlock Holmes+.
1. Litteratur -- Mit Unterschied.
2. Philosophie -- Null.
3. Astronomie -- Null.
4. Politik -- Schwach.
5. Botanik -- Mit Unterschied. Wohl bewandert in allen
vegetabilischen Giften, Belladonna, Opium u. drgl. Eigentliche
Pflanzenkunde -- Null.
6. Geologie -- Viel praktische Erfahrung, aber nur auf beschränktem
Gebiet. Er unterscheidet sämtliche Erdarten auf den ersten Blick.
Von Ausgängen zurückgekehrt, weiß er nach Stoff und Farbe der
Schmutzflecke auf seinen bespritzten Beinkleidern die Stadtgegend von
London anzugeben, aus welcher die Flecken stammen.
7. Chemie -- Sehr gründlich.
8. Anatomie -- Genau, aber unmethodisch.
9. Kriminalstatistik -- Erstaunlich umfassend. Er scheint alle
Einzelheiten jeder Greuelthat, die in unserem Jahrhundert verübt
worden ist, zu kennen.
10. Ist ein guter Violinspieler.
11. Ein gewandter Boxer und Fechter.
12. Ein gründlicher Kenner der britischen Gesetze.
Weiter las ich nicht; ich zerriß meine Liste und warf sie ärgerlich ins
Feuer. „Wie kann der Mensch behaupten, daß es einen Beruf giebt, in dem
sich alle diese verschiedenartigen Kenntnisse verwerten und unter einen
Hut bringen lassen,“ rief ich. „Es ist vergebliche Mühe, dies Rätsel
lösen zu wollen.“
Holmes’ Fertigkeit auf der Violine war groß, aber ganz eigener Art, wie
alles bei diesem ungewöhnlichen Menschen. Gelegentlich spielte er mir
wohl des Abends von meinen Lieblingsstücken vor, was ich verlangte; war
er aber sich selbst überlassen, so ließ er selten eine bekannte Melodie
hören. Er lehnte sich dann in den Armstuhl zurück, schloß die Augen und
fuhr mechanisch mit dem Bogen über das Instrument, welches auf seinen
Knieen lag. Die Töne, die er dann den Saiten entlockte, waren stets der
Ausdruck seiner augenblicklichen Empfindung, bald leise und klagend,
bald heiter, bald schwärmerisch. Ob er dabei nur den wechselnden Launen
seiner Einbildung folgte oder durch die Musik die Gedanken, welche
ihn gerade beschäftigten, besser in Fluß bringen wollte, vermochte
ich nicht zu sagen. Ich hätte sicherlich gegen seine herzzerreißenden
Solovorträge Einspruch erhoben, allein, um mich einigermaßen für
die Geduldsprobe zu entschädigen, die er mir auferlegte, endigte er
gewöhnlich damit, daß er rasch hintereinander eine ganze Reihe meiner
Lieblingsmelodien spielte und das versöhnte mich wieder.
[Illustration]
In der ersten Woche bekamen wir keinen Besuch, und ich fing schon an
zu glauben, mein Gefährte stehe ebenso allein in der Welt, wie ich
selber. Bald stellte sich jedoch heraus, daß er viele Bekannte hatte
und zwar in allen Schichten der Gesellschaft. Der kleine Mensch mit dem
blaßgelben Gesicht, der einer Ratte ähnelte und mir als Herr Lestrade
vorgestellt wurde, kam im Lauf von acht Tagen mindestens drei- oder
viermal. Eines Morgens erschien ein elegant gekleidetes junges Mädchen,
das über eine halbe Stunde dablieb. Am Nachmittag desselben Tages
fand sich ein schäbiger Graubart ein, der wie ein jüdischer Hausierer
aussah und hinter dem ein häßliches, altes Weib hereinschlürfte. Bei
einer späteren Gelegenheit hatte ein ehrwürdiger Greis eine längere
Unterredung mit Holmes und dann wieder ein Eisenbahnbeamter in Uniform.
Jedesmal, wenn sich einer dieser merkwürdigen Besucher einstellte,
bat mich Holmes, ihm das Wohnzimmer zu überlassen, und ich zog mich
in meine Schlafstube zurück. Er entschuldigte sich vielmals, daß
er mir diese Unbequemlichkeit auferlege. „Ich muß das Zimmer als
Geschäftslokal benützen, die Leute sind meine Klienten.“
Auch diese Gelegenheit, mir Aufschluß über sein Thun zu verschaffen,
ließ ich aus Zartgefühl ungenützt vorübergehen. Mir widerstand es, ein
Vertrauen zu erzwingen, das er mir nicht von selbst entgegenbrachte,
und schließlich bildete ich mir ein, er habe einen bestimmten Grund,
mir sein Geschäft zu verheimlichen. Daß ich mich hierin getäuscht
hatte, sollte ich indessen bald erfahren.
Am vierten März -- der Tag ist mir im Gedächtnis geblieben -- war ich
früher als gewöhnlich aufgestanden und fand Sherlock Holmes beim
Frühstück. Mein Kaffee war noch nicht fertig, und ärgerlich, daß
ich warten mußte, nahm ich ein Journal vom Tisch, um mir die Zeit
zu vertreiben, während mein Gefährte schweigend seine gerösteten
Brotschnitten verzehrte.
Mein Blick fiel zuerst auf einen Artikel, der mit Blaustift
angestrichen und ‚Das Buch des Lebens‘ betitelt war. Der Verfasser
versuchte darin auseinanderzusetzen, daß es für einen aufmerksamen
Beobachter von Menschen und Dingen im alltäglichen Leben unendlich
viel zu lernen gäbe, wenn er sich nur gewöhnen wollte, alles, was ihm
in den Weg käme, genau und eingehend zu prüfen. Die Beweisführung
war kurz und bündig, aber die Schlußfolgerungen schienen mir weit
hergeholt und ungereimt, das Ganze eine Mischung von scharfsinnigen
und abgeschmackten Behauptungen. Ein Mensch, der zu beobachten und
zu analysieren verstand, mußte danach befähigt sein, die innersten
Gedanken eines jeden zu lesen und zwar mit solcher Sicherheit, daß es
dem Uneingeweihten förmlich wie Zauberei vorkam.
„Das Leben ist eine große, gegliederte Kette von Ursachen und
Wirkungen,“ hieß es weiter; „an einem einzigen Gliede läßt sich das
Wesen des Ganzen erkennen. Wie jede andere Wissenschaft, so fordert
auch das Studium der Deduktion und Analyse viel Ausdauer und Geduld;
ein kurzes Menschendasein genügt nicht, um es darin zur höchsten
Vollkommenheit zu bringen. Der Anfänger wird immer gut thun, ehe er
sich an die Lösung hoher geistiger und sittlicher Probleme wagt, welche
die größten Schwierigkeiten bieten, sich auf einfachere Aufgaben
zu beschränken. Zur Uebung möge er zum Beispiel bei der flüchtigen
Begegnung mit einem Unbekannten den Versuch machen, auf den ersten
Blick die Lebensgeschichte und Berufsart des Menschen zu bestimmen.
Das schärft die Beobachtungsgabe und man lernt dabei richtig sehen und
unterscheiden. An den Fingernägeln, dem Rockärmel, den Manschetten,
den Stiefeln, den Hosenknieen, der Hornhaut an Daumen und Zeigefinger,
dem Gesichtsausdruck und vielem andern, läßt sich die tägliche
Beschäftigung eines Menschen deutlich erkennen. Daß ein urteilsfähiger
Forscher, der die verschiedenen Anzeichen zu vereinigen weiß, nicht zu
einem richtigen Schluß gelangen sollte, ist einfach undenkbar.“
„Was für ein thörichtes Gewäsch,“ rief ich, und warf das Journal auf
den Tisch; „meiner Lebtag ist mir dergleichen nicht vorgekommen.“
Sherlock Holmes sah mich fragend an.
„Sie haben den Artikel angestrichen,“ fuhr ich fort, „und müssen ihn
also gelesen haben. Daß er geschickt abgefaßt ist, will ich nicht
bestreiten. Mich ärgern aber solche widersinnige Theorien, die daheim
im Lehnstuhl aufgestellt werden und dann an der Wirklichkeit elend
scheitern. Der Herr Verfasser sollte nur einmal in einem Eisenbahnwagen
dritter Klasse fahren und probieren, das Geschäft eines jeden seiner
Mitreisenden an den Fingern herzuzählen. Ich wette tausend gegen eins,
er wäre dazu nicht imstande.“
„Sie würden Ihr Geld verlieren,“ erwiderte Holmes ruhig. „Was übrigens
den Artikel betrifft, so ist er von mir.“
„Von Ihnen?“
„Ja; ich habe ein besonderes Talent zur Beobachtung und
Schlußfolgerung. Die Theorien, welche ich hier auseinandersetze und
die Ihnen so ungereimt erscheinen, finden in der Praxis ihre volle
Bestätigung, ja, was noch mehr ist -- ich verdiene mir damit mein
tägliches Brot.“
„Wie ist das möglich?“ fragte ich unwillkürlich.
„Mein Handwerk beruht darauf. Ich bin beratender Geheimpolizist --
wenn Sie verstehen, was das heißt -- vielleicht bin ich der einzige
meiner Art. Es giebt hier in London Detektivs die Menge, welche teils
im Dienst der Regierung stehen, teils von Privatpersonen gebraucht
werden. Wenn diese Herren nicht mehr aus noch ein wissen, kommen sie
zu mir, und ich helfe ihnen auf die richtige Fährte. Sie bringen
mir das ganze Beweismaterial, und ich bin meist imstande, ihnen mit
Hilfe meiner Kenntnis der Geschichte des Verbrechens den rechten
Weg zu weisen. Die Missethaten der Menschen haben im allgemeinen
eine starke Familienähnlichkeit unter einander und wenn man alle
Einzelheiten von tausend Verbrechen im Kopfe hat, so müßte es wunderbar
zugehen, vermöchte man das tausend und erste nicht zu enträtseln.
Lestrade ist ein bekannter Detektiv. Er hat sich kürzlich mit einer
Falschmünzergeschichte herumgequält und mich deshalb so häufig
aufgesucht.“
„Und die andern Leute?“
„Sie kamen meist auf Veranlassung von Privatagenten. Jeder von ihnen
hat irgend eine Sorge auf dem Herzen und holt sich Rat bei mir.
Sie erzählen mir ihre Geschichte und hören auf meine erklärenden
Bemerkungen und dann streiche ich mein Honorar ein.“
„Können Sie wirklich, während Sie ruhig auf Ihrem Zimmer bleiben,
die verwickelten Knoten lösen, welche die andern nicht zu entwirren
vermögen, selbst, wenn sie mit eigenen Augen gesehen haben, wo sich
alles zugetragen hat?“
„Das habe ich oft gethan; es ist bei mir eine Art innerer Eingebung.
Liegt ein besonders schwieriger Fall vor, so besehe ich mir den
Schauplatz der That wohl auch einmal selbst. Ich habe so mancherlei
Kenntnisse, die mir die Arbeit wesentlich erleichtern. Meine große
Uebung in der Schlußfolgerung, wie sie jener Artikel darlegt, ist für
mich zum Beispiel von hohem praktischem Wert. Mir ist die Beobachtung
zur zweiten Natur geworden. Als ich Ihnen bei unserer ersten Begegnung
sagte, Sie kämen aus Afghanistan, schienen Sie sich darüber zu
verwundern.“
„Irgend jemand muß es Ihnen gesagt haben.“
„Bewahre; ich wußte es ganz von selbst. Da mein Gedankengang meist
sehr schnell ist, kommen mir die Schlüsse in ihrer Reihenfolge kaum
zum Bewußtsein. Und doch steht alles in logischem Zusammenhang.
Ich folgerte etwa so: Der Herr sieht aus wie ein Mediziner und hat
dabei eine soldatische Haltung. Er muß Militärarzt sein. Die dunkle
Gesichtsfarbe hat er nicht von Natur, denn am Handgelenk ist seine
Haut weiß, also kommt er geradeswegs aus den Tropen. Daß er allerlei
Beschwerden durchgemacht hat, zeigen seine abgezehrten Wangen; sein
linker Arm muß verwundet gewesen sein, er hält ihn unnatürlich steif.
In welcher Gegend der Tropen kann ein englischer Militärarzt sich
Wunden und Krankheit geholt haben? -- Versteht sich in Afghanistan. --
In weniger als einer Sekunde war ich zu dem Schluß gelangt, der Sie in
Erstaunen setzte.“
„Wie Sie die Sache erklären, scheint sie sehr einfach. In Büchern liest
man wohl von solchen Dingen, aber daß sie in Wirklichkeit vorkämen,
hätte ich nicht gedacht.“
„Wenn es nur noch Verbrechen gäbe, zu deren Entdeckung man besonderen
Scharfsinn braucht,“ fuhr Holmes mißmutig fort. „Ich weiß, es fehlt
mir nicht an Begabung, um meinen Namen berühmt zu machen. Kein Mensch
auf Erden hat jemals so viel natürliche Anlage für mein Fach besessen
oder ein so tiefes Studium darauf verwendet. Aber was nützt mir das
alles? Die Missethäter sind sämtlich solche Stümper und ihre Zwecke so
durchsichtig, daß der gewöhnliche Polizeibeamte sie mit Leichtigkeit zu
ergründen vermag.“
Es verdroß mich, ihn mit solcher Selbstüberschätzung reden zu hören. Um
der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben, trat ich ans Fenster.
„Was mag wohl der Mann da drüben suchen?“ fragte ich, auf einen
einfach gekleideten, stämmigen Menschen deutend, welcher sämtliche
Häusernummern auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu mustern
schien. Er hielt einen großen, blauen Umschlag in der Hand und hatte
offenbar eine Botschaft auszurichten.
„Sie meinen den verabschiedeten Marinesergeanten?“ fragte Sherlock
Holmes.
Ich machte große Augen. „Er hat gut mit seiner Weisheit prahlen,“
dachte ich bei mir; „wer will ihm denn beweisen, daß er falsch geraten
hat?“
In dem Augenblick hatte der Mann, den wir beobachteten, unsere Nummer
erblickt, und kam rasch quer über die Straße gegangen. Gleich darauf
klopfte es laut an der Haustüre unten, man vernahm eine tiefe Stimme
und dann schwere Schritte auf der Treppe.
Der Mann trat ein.
„Für Herrn Sherlock Holmes,“ sagte er, meinem Gefährten den Brief
einhändigend.
Ich ergriff die günstige Gelegenheit, um Holmes von seiner Einbildung
zu heilen. An +die+ Möglichkeit hatte er wohl nicht gedacht, als er den
raschen Schuß ins Blaue that. „Darf ich Sie wohl fragen, was Sie für
ein Geschäft betreiben?“ redete ich den Boten freundlich an.
„Dienstmann,“ lautete die kurze Antwort. „Uniform gerade beim Schneider
zum Ausbessern.“
„Und früher waren Sie --“ fuhr ich mit einem schlauen Blick auf Holmes
fort.
„Sergeant bei der leichten Infanterie der königlichen Marine. -- Keine
Rückantwort? -- Sehr wohl. Zu Befehl.“
Er schlug die Fersen aneinander, erhob die Hand zum militärischen Gruß
und fort war er.
[Illustration]
Drittes Kapitel.
Brixtonstraße Nummer drei.
Dieses neue Beispiel von der praktischen Anwendbarkeit der Theorien
meines Freundes überraschte mich höchlich und flößte mir großen Respekt
vor seiner Beobachtungsgabe ein. Zwar wollte mich ein leiser Argwohn
beschleichen, ob die Sache nicht doch am Ende ein zwischen den beiden
abgekartetes Spiel sei, aber welchen möglichen Zweck hätte das haben
können? -- Als ich mich nach Holmes umwandte, hatte er eben den Brief
durchgelesen und starrte mit ausdruckslosem Blick, wie geistesabwesend,
vor sich hin.
„Wie in aller Welt haben Sie denn das wieder erraten?“ fragte ich.
„Erraten -- was?“ rief er gereizt auffahrend.
„Nun, daß der Mann ein abgedankter Marinesergeant war.“
„Jetzt ist keine Zeit zu Spielereien,“ stieß er in rauhem Ton hervor,
fuhr aber gleich darauf lächelnd fort: „Entschuldigen Sie meine
Grobheit, Sie haben meinen Gedankengang unterbrochen; doch, das
schadet vielleicht nichts. -- Also Sie haben wirklich nicht sehen
können, daß der Mann Sergeant in der Marine gewesen ist?“
„Wie sollte ich?“
„Es scheint mir doch sehr einfach. Freilich ist es nicht leicht zu
erklären, wie ich zur Kenntnis solcher Thatsachen komme. Daß zweimal
zwei vier ist, leuchtet jedem ein, forderte man Sie aber auf, es zu
beweisen, so würden Sie es schwierig finden. Schon über die Straße
hatte ich den blauen tätowierten Anker auf der Hand des Mannes
gesehen und die See gewittert; zudem bemerkte ich seine militärische
Haltung und das verriet mir den Marinesoldaten. Er trug den Kopf hoch
und schwang seinen Stock mit Selbstbewußtsein und einer gewissen
Befehlshabermiene; dabei trat er fest und würdevoll auf und war ein
Mann in mittleren Jahren -- natürlich mußte er Sergeant gewesen sein.“
„Wunderbar!“ rief ich.
„Höchst alltäglich,“ versetzte Holmes, doch sah ich ihm am Gesicht an,
daß er sich geschmeichelt fühlte. „Eben noch behauptete ich,“ fuhr er
fort, „es gäbe keine geheimnisvollen Verbrechen mehr zu enträtseln. Das
scheint ein Irrtum gewesen zu sein -- hiernach zu urteilen.“ Er schob
mir den Brief hin, welchen der Dienstmann gebracht hatte.
„Wie schrecklich,“ rief ich, ihn überfliegend.
„Es klingt allerdings etwas ungewöhnlich; wären Sie so gut, mir den
Brief noch einmal vorzulesen?“
Der Brief lautete wie folgt:
„+Lieber Herr Holmes!+
Heute nacht hat sich in der Brixtonstraße Nummer 3 ein schlimmer Fall
zugetragen. Unser Posten sah dort auf seinem Rundgang gegen zwei
Uhr einen Lichtschimmer, und da das Haus unbewohnt ist, schöpfte er
Verdacht. Er fand die Thür offen und in dem unmöblierten Vorderzimmer
den Leichnam eines gutgekleideten Herrn am Boden liegen. Enoch J.
Drebber, Cleveland, Ohio U. S. A. stand auf den Visitenkarten, die er
in seiner Brusttasche trug. Eine Beraubung ist nicht erfolgt und die
Todesursache noch unermittelt, denn es finden sich zwar Blutspuren im
Zimmer, aber keine Wunde an dem Toten. Wir wissen nicht, wie er in
das leere Haus gekommen sein kann, und die ganze Angelegenheit ist
uns ein Rätsel.
Wären Sie geneigt, vor zwölf Uhr den Schauplatz zu besichtigen, so
finden Sie mich dort. Ich lasse alles ~in statu quo~ bis zu Ihrer
Ankunft. Sind Sie verhindert zu kommen, so werde ich Ihnen alle
Einzelheiten berichten, und Sie thäten mir einen großen Gefallen,
wenn Sie mir Ihre Ansicht mitteilen wollten.
Ihr ergebener Tobias Gregson.“
„Gregson ist der schlauste Fuchs in der ganzen Polizeimannschaft,“
bemerkte mein Freund. „Er und Lestrade sind rasch und thatkräftig, aber
durch nichts aus dem einmal hergebrachten Geleise zu bringen; dabei
sind sie einander fortwährend in den Haaren und sind eifersüchtig wie
zwei gefeierte Ballschönheiten. Wenn sie etwa beide auf dieselbe Fährte
kommen, giebt es einen Hauptspaß.“
Die behagliche Ruhe, mit der er sprach, schien mir unbegreiflich. „Es
ist doch sicherlich kein Augenblick zu verlieren,“ rief ich; „soll ich
Ihnen eine Droschke holen?“
„Noch weiß ich gar nicht, ob ich hingehen werde. Ich habe gerade einen
Anfall von Trägheit und dann bin ich der faulste Kerl unter der Sonne;
ein andermal kann ich freilich flink genug bei der Hand sein.“
„Aber dies ist doch gerade ein Fall, wie Sie ihn sich gewünscht haben.“
„Jawohl; aber was kommt schließlich dabei heraus, liebster Freund?
Gelänge es mir auch, den Knoten zu lösen, so würden doch Gregson,
Lestrade und Co. sich alles auf ihr Konto schreiben. Das hat man davon,
wenn man kein Angestellter ist.“
„Aber er bittet ja um Ihre Hilfe.“
„Ja, er weiß, daß ich mehr verstehe als er, und giebt das mir gegenüber
auch zu; doch würde er sich lieber die Zunge abbeißen, als vor einem
Dritten meine Ueberlegenheit anzuerkennen. Wir wollen uns die Sache
indessen doch ansehen. Ich übernehme sie vielleicht auf eigene Faust.
Dann kann ich die beiden wenigstens auslachen, wenn ich auch sonst
nichts davon habe. Also vorwärts!“
Er fuhr rasch in seinen Ueberzieher und ging so geschäftig hin und her,
daß ich wohl sah, die gleichgültige Stimmung war bei ihm vorüber und
seine volle Thatkraft zurückgekehrt.
„Wo ist Ihr Hut?“ fragte er.
„Wünschen Sie denn, daß ich mitkomme?“
„Ja, wenn Sie nichts Besseres vorhaben.“
Schon im nächsten Augenblick saßen wir in einer Droschke und fuhren mit
Windeseile nach der Brixtonstraße.
Es war ein bewölkter, nebliger Morgen, alle Häuser lagen in einen
Schleier gehüllt, von derselben grauen Schmutzfarbe wie die Straßen.
Jetzt ließ die Laune meines Gefährten nichts mehr zu wünschen übrig;
er sprach mit großer Zungengeläufigkeit über Cremoneser Geigen und den
Unterschied zwischen einer Amati und einer Stradivarius. Ich verhielt
mich ziemlich still; das trübe Wetter und das traurige Geschäft,
welches wir vorhatten, drückten auf mein Gemüt.
„Es scheint, daß Sie sich in Ihren Gedanken gar nicht mit der Sache
beschäftigen, um die es sich handelt,“ unterbrach ich Holmes endlich in
seinen musikalischen Auseinandersetzungen.
„Noch fehlen mir alle Einzelheiten,“ erwiderte er; „es ist ein großer
Irrtum, sich eine Theorie zu bilden, ehe man sämtliches Beweismaterial
in Händen hat; das beeinflußt das Urteil.“
„Sie werden bald genug Gelegenheit bekommen, Ihre Beobachtungen
anzustellen,“ sagte ich; „hier sind wir schon in der Brixtonstraße und
das dort muß das Haus sein, wenn ich nicht sehr irre.“
„Kein Zweifel. -- Halt, Kutscher, halt! --“ Wir waren noch eine
ziemliche Strecke entfernt, doch bestand er darauf, daß wir ausstiegen
und das letzte Ende zu Fuß zurücklegten.
Das Haus Nummer 3 machte einen düstern, unheimlichen Eindruck. Es
gehörte zu einer Gruppe von vier Gebäuden, die etwas abseits von der
Straße lagen; zwei waren bewohnt, zwei standen leer. An den trüben
Fensterscheiben der letzteren fielen nur hier und da die angeklebten
Zettel in die Augen, auf denen ‚Zu vermieten‘ stand. Jedes der Häuser
hatte ein kleines Vorgärtchen, mit wenigen kränklichen Pflanzen auf den
Beeten; mitten hindurch führte ein schmaler mit Kies bestreuter Pfad
von gelblichem Lehm, der durch die Regengüsse der vergangenen Nacht
völlig aufgeweicht worden war. Eine drei Fuß hohe Backsteinmauer, die
ein hölzernes Gitter trug, bildete die Einfassung des Gartens. Am
Gitterthor lehnte ein handfester Polizist, von einer Schar Neugieriger
umringt, die ihre Hälse reckten und sich vergeblich abmühten, zu sehen,
was drinnen im Hause vorging.
Ich hatte erwartet, Sherlock Holmes würde sich sofort hineinbegeben,
um seine Untersuchungen zu beginnen. Nichts schien ihm jedoch ferner
zu liegen. Mit einer Gelassenheit, welche mir unter den obwaltenden
Umständen unnatürlich erschien, schlenderte er vor dem Hause auf
und ab, den Blick bald auf den Boden gerichtet, bald in die Luft,
bald wieder nach dem Gitterzaun oder den gegenüberliegenden Häusern.
Nach einer Weile betrat er den Kiesweg, das heißt, er ging auf dem
Grasstreifen neben dem Pfad, die Augen forschend zur Erde gesenkt.
Zweimal blieb er lächelnd stehen und ein Ausruf der Befriedigung
entfuhr ihm. Es waren zwar viele Fußspuren in dem nassen Lehmboden
eingedrückt, sie konnten jedoch von den Polizisten herrühren, die
gekommen und wieder gegangen waren. Wie mein Gefährte hoffen konnte, da
noch etwas Wesentliches zu entdecken, begriff ich nicht; allein nach
den Proben seiner Beobachtungskunst, die ich schon von ihm erhalten
hatte, mußte ich mir sagen, daß er ohne Zweifel vieles sah, was mir
gänzlich verborgen blieb.
An der Hausthüre kam uns ein großer, blasser, flachshaariger Mann mit
einem Notizbuch entgegen. Er eilte auf Holmes zu und schüttelte ihm mit
großer Wärme die Hand. „Sehr freundlich von Ihnen, daß Sie kommen,“
sagte er, „alles ist noch ganz unberührt geblieben.“
„Nur nicht der Fußweg,“ erwiderte mein Freund. „Wäre eine Büffelherde
drübergelaufen, sie hätte ihn kaum mehr zertrampeln können. Natürlich
haben Sie erst genaue Beobachtungen angestellt, Gregson, bevor Sie das
zuließen.“
„Ich hatte drinnen im Haus zu viel zu thun,“ sagte der Detektiv
ausweichend. „Mein Kollege Lestrade ist hier; ich dachte, er würde sich
darum kümmern.“
Holmes zog die Augenbrauen spöttisch in die Höhe und sah mich an.
„Wo zwei Männer wie Sie und Lestrade an Ort und Stelle sind, hat ein
Dritter nicht mehr viel zu suchen,“ bemerkte er.
Gregson schmunzelte selbstgefällig, und rieb sich die Hände. „Wir haben
gethan, was wir konnten; aber es ist ein wunderlicher Fall -- ich kenne
ja Ihre Vorliebe für dergleichen.“
„Sind Sie in einer Droschke hergekommen?“
„Nein, ich nicht.“
„Aber Lestrade?“
„Der kam auch zu Fuß.“
„So? -- Dann können wir wohl das Zimmer besehen.“
Wie das zusammenhing, war mir nicht recht ersichtlich, auch Gregson
machte ein verwundertes Gesicht, während er Holmes in das Haus folgte.
Ein sehr staubiger, gedielter Korridor führte nach Küche und
Speisekammer, rechts und links befanden sich noch zwei Thüren. Die eine
mochte wohl wochenlang nicht geöffnet worden sein, die andere führte
in das Zimmer, wo die geheimnisvolle Missethat verübt worden war.
Holmes trat dort ein, und ich begleitete ihn, von unheimlichen Gefühlen
ergriffen, wie sie die Gegenwart des Todes uns einzuflößen pflegt. Das
große, viereckige Gemach sah noch geräumiger aus, weil keine Möbel
darin standen. Die grelle Tapete an den Wänden war hie und da mit
Schimmel überzogen, an einigen Stellen hing sie in Fetzen herunter, so
daß der helle Kalkbewurf zum Vorschein kam. Der Thüre gegenüber befand
sich ein großer, offener Kamin mit einem Gesims, an dessen einer Ecke
ein rotes Wachslichtstümpchen klebte. Das einzige Fenster, welches
den Raum erhellte, war mit einer Schmutzkruste überzogen, die nur ein
mattes, ungewisses Licht hindurchließ. Die düstere, graue Beleuchtung
paßte so recht zu der dicken Staubschicht, welche auf der Zimmerdiele
lagerte.
[Illustration]
Alle diese Einzelheiten fielen mir jedoch erst später auf. Anfangs
richtete ich mein ganzes Augenmerk auf die leblose Gestalt, welche
ausgestreckt am Boden lag, den stieren Blick nach der Decke gerichtet.
Es war ein mittelgroßer Mann von etwa vierundvierzig Jahren,
breitschulterig, mit krausem, schwarzem Haar und kurzem Stoppelbart.
Sein Anzug bestand aus Rock und Weste von schwerem Doppeltuch, hellen
Beinkleidern und tadellosem Weißzeug. Auch gehörte ihm wohl der glatt
gebürstete, hohe Hut, den ich neben ihm sah. Er hatte die Arme weit
von sich gestreckt, die Fäuste geballt und die Beine fest übereinander
geschlagen, wahrscheinlich im Todeskampf. In seinen starren Zügen
lag ein Ausdruck des Entsetzens und eines so grimmigen Hasses, wie
ich ihn noch nie zuvor in einem Menschenantlitz erblickt zu haben
glaubte. Dieser bösartige Zug, dazu die niedere Stirn, die breite
Stumpfnase und das vorstehende Kinn, gaben dem Toten ein widerliches,
tierisches Aussehen, das durch seine gekrümmte, unnatürliche Lage
noch abschreckender wurde. Ich habe den Tod schon in mancher Gestalt
gesehen, aber nie hat er mir einen so grauenvollen Eindruck gemacht,
wie in jenem öden Hause der Londoner Vorstadt.
Der Geheimpolizist Lestrade hatte uns an der Stubenthüre empfangen.
„Der Fall wird Aufsehen machen,“ sagte er mit Nachdruck; „ich bin
wahrhaftig kein Neuling mehr, aber etwas Aehnliches habe ich noch nie
erlebt.“
„Wir suchen vergeblich nach einem Aufschluß,“ fiel Gregson ein.
Sherlock Holmes war neben dem Leichnam niedergekniet, den er genau
untersuchte.
„Eine Wunde haben Sie also nicht entdeckt?“ fragte er, auf die
zahlreichen Blutspuren am Fußboden deutend.
„Nein, es ist keine zu finden,“ versicherten beide.
„So rührt das Blut also von einem andern Menschen her, von dem Mörder
vermutlich, wenn nämlich ein Mord verübt worden ist. Der Fall erinnert
mich an Van Jansens Tod in Utrecht im Jahre 1834. Haben Sie den im
Gedächtnis, Gregson?“
„Nein, ich weiß nichts davon.“
„Sie sollten die Geschichte nachlesen. Es giebt nichts Neues unter der
Sonne, alles ist schon dagewesen.“
Während er sprach, fuhren seine geschickten Finger bald hierhin, bald
dorthin; er drückte, befühlte, betastete alle Glieder und zwar mit
solcher Schnelligkeit, daß ich kaum begriff, wie er die einzelnen
Ergebnisse seiner Untersuchung aufzufassen vermochte. Sein Blick trug
dabei denselben geistesabwesenden Ausdruck, den ich schon öfter an
ihm bemerkt hatte. Schließlich roch er an den Lippen des Toten und
betrachtete die Sohlen seiner feinen Lederstiefel.
„Liegt er noch genau so, wie man ihn gefunden hat?“ fragte er.
„Wir haben ihn untersucht, ohne ihn von der Stelle zu bewegen.“
„Gut, dann lassen Sie ihn jetzt nur ins Leichenhaus schaffen. Es ist
nichts Thatsächliches mehr zu ermitteln.“
Eine Tragbahre stand schon in Bereitschaft, und auf Gregsons Ruf
kamen vier seiner Leute herbei. Als sie die Leiche aufluden, um sie
fortzutragen, fiel ein Ring zu Boden und rollte über die Diele.
Lestrade fuhr wie ein Stoßvogel darauf zu, hob ihn auf und betrachtete
ihn mit verblüffter Miene.
„Der Trauring einer Frau -- wie kommt der hierher?“ rief er.
Wir starrten alle nach dem goldenen Reif auf seiner flachen Hand;
welche Braut mochte den am Finger getragen haben?
„Die ohnehin schon verwickelte Angelegenheit wird durch diesen Fund
noch schwieriger,“ bemerkte Gregson.
„Vielleicht vereinfacht er sie auch,“ äußerte Holmes bedächtig.
„Jedenfalls nützt es nichts, den Ring noch länger anzusehen; wir werden
nicht klüger davon. Haben Sie nichts in den Taschen gefunden?“
„Im Flur liegt alles beisammen!“ erwiderte Gregson, „kommen Sie!“ Wir
verließen das Zimmer. „Hier ist der ganze Inhalt,“ fuhr er fort, auf
einen Haufen verschiedener Gegenstände deutend. „Eine goldene Uhr No.
97163 von Barrand in London, eine kurze Uhrkette von massivem Gold, ein
goldener Ring mit dem Freimaurerzeichen; ein Hundekopf mit Rubinaugen
als Vorstecknadel; ein Visitenkartentäschchen von russischem Leder,
auf den Karten steht Enoch J. Drebber aus Cleveland, das stimmt mit
den Zeichen der Wäsche überein. Kein Portemonnaie, aber loses Geld in
der Westentasche im Betrag von sieben Pfund dreizehn Schilling. Eine
Taschenausgabe von Boccaccios Decamerone, auf dem Titelblatt der Name
Joseph Stangerson. Zwei Briefe, einer an E. J. Drebber, der andere an
Joseph Stangerson.“
„Wohin adressiert?“
„An die amerikanische Wechselbank. Beide Briefe kommen von der
Dampfschiffgesellschaft Guion und betreffen die Abfahrt ihres Dampfers
von Liverpool. Offenbar stand der Unglückliche im Begriff, nach New
York zurückzukehren.“
„Haben Sie über jenen Stangerson Erkundigungen eingezogen?“
„Versteht sich,“ versetzte Gregson; „an sämtliche Zeitungen sind
Anzeigen geschickt worden; auch ist einer meiner Leute nach der
Wechselbank gegangen, ich erwarte ihn bald zurück.“
„Haben Sie in Cleveland angefragt?“
„Ja, die Depesche ist heute früh abgegangen.“
„Was war der Wortlaut?“
„Wir gaben einfach die Umstände an und baten um Mittheilung der
einschlägigen Thatsachen.“
„Sie haben nicht etwa über einen Punkt, der Ihnen besonders wichtig
schien, eingehendere Nachricht verlangt?“
„Ich habe nach Stangerson gefragt.“
„Weiter nichts? Liegt nicht eine Thatsache vor, um die sich der ganze
Fall dreht? Wollen Sie nicht noch einmal telegraphieren?“
„Meine Depesche enthielt alles Erforderliche,“ versetzte Gregson in
beleidigtem Ton.
Sherlock Holmes lachte in sich hinein und wollte eben noch eine
Bemerkung machen, als Lestrade, der inzwischen im Zimmer geblieben war,
zu uns in den Flur kam.
„Soeben habe ich eine Entdeckung gemacht, Gregson,“ sagte er, sich
mit selbstgefälliger Miene die Hände reibend. „Hätte ich nicht die
Stubenwände genau untersucht, wir wären schwerlich darauf aufmerksam
geworden.“
Die Augen des kleinen Detektivs funkelten vor innerem Triumph, daß er
seinem Kollegen den Rang abgelaufen hatte. „Kommen Sie,“ sagte er, in
das Zimmer zurückeilend, das uns weit weniger grausig erschien, seit
die Leiche fortgeschafft war; „so, jetzt treten Sie dorthin.“
Er strich ein Schwefelholz an seiner Stiefelsohle an und hielt es gegen
die Wand. In einer Ecke war die Tapete abgerissen und auf dem hellen
Kalkbewurf, der darunter zum Vorschein kam, stand mit großen, blutroten
Buchstaben das Wort
_~Rache~_
zu lesen.
„Das hat der Mörder mit seinem eigenen Blut geschrieben,“ fuhr Lestrade
fort, „hier auf der Diele sieht man noch, wo es hinuntergetropft ist.
Einen besseren Beweis, daß kein Selbstmord vorliegt, könnten wir
gar nicht haben. Sehen Sie das abgebrannte Licht auf dem Kaminsims?
Beim Scheine desselben ist das Wort in dieser sonst so dunkeln Ecke
geschrieben worden!“
„Ich habe noch keine Zeit gehabt, mich in dem Zimmer umzusehen,“ sagte
Holmes, ein Vergrößerungsglas und ein Zentimetermaß aus der Tasche
ziehend. „Sie erlauben mir wohl, das jetzt nachzuholen.“
[Illustration]
Geräuschlos ging er in dem Raume hin und her; bald stand er still,
bald kauerte er am Boden, einmal legte er sich sogar mit dem Gesicht
platt auf die Diele. Er war so vertieft in seine Beobachtungen, daß
er unsere Anwesenheit ganz vergessen zu haben schien; auch hielt er
fortwährend leise Selbstgespräche, dazwischen stöhnte er laut oder
pfiff wohlgefällig vor sich hin und feuerte sich durch ermutigende
Ausrufe zu neuer Hoffnung an. Er kam mir vor wie ein edler Jagdhund,
der rückwärts und vorwärts durch das Dickicht springt, vor Begierde
heult und winselt und keine Ruhe findet, bis er die verlorene Fährte
wieder aufgespürt hat. Wohl zwanzig Minuten lang setzte er seine
Untersuchungen fort, maß mit der größten Genauigkeit die Entfernung
zwischen verschiedenen Punkten am Boden, die für mein Auge ganz
unsichtbar waren und dann die Höhe und Breite der Wände. Was er damit
bezweckte, war mir unerklärlich. An einer Stelle las er behutsam ein
Häufchen grauen Staubes von der Erde auf und verwahrte es sorgfältig
in einem Briefumschlag. Zuletzt richtete er sein Vergrößerungsglas auf
das rätselhafte Wort an der Wand und betrachtete jeden Buchstaben aufs
genaueste. Das Ergebnis schien ihn zu befriedigen und er steckte das
Glas wieder ein.
„Man sagt, das Genie sei nichts als unermüdliche Ausdauer,“ bemerkte er
lächelnd; „so falsch das an und für sich auch ist, auf die Arbeit des
Geheimpolizisten läßt es sich doch anwenden!“
Gregson und Lestrade waren dem seltsamen Gebahren des eifrigen
Dilettanten mit neugierigen, aber etwas verächtlichen Blicken gefolgt.
Sie schienen sich nicht klar zu machen, was ich längst wußte, daß
nämlich Sherlock Holmes, selbst bei seinen scheinbar unbedeutendsten
Handlungen, stets ein bestimmtes Ziel fest im Auge behielt.
„Nun, was halten Sie von dem Fall?“ fragten beide jetzt in einem Atem.
„Sie sind auf so gutem Wege, meine Herren,“ erwiderte Holmes nicht ohne
einen leisen Anflug von Spott, „da wäre es die größte Anmaßung von
meiner Seite, wollte ich mich Ihnen zur Hilfe anbieten. Den Ruhm, der
Ihren Verdiensten gebührt, sollen Sie auch allein ernten. Vielleicht
kann ich Ihnen im weiteren Verlauf Ihrer Forschungen noch von Nutzen
sein, dann stehe ich gern zu Diensten. Es wäre mir übrigens doch
erwünscht, wenn ich den Schutzmann sprechen könnte, der die Leiche
gefunden hat. Sagen Sie mir, bitte, wie er heißt und wo er wohnt.“
Lestrade schlug sein Notizbuch auf. „John Rance hat jetzt keinen
Dienst; Sie werden ihn sicher in seiner Wohnung am Kennington Parkthor,
Audley Court No. 46 finden.“ Holmes notierte sich die Adresse.
„Kommen Sie mit, Doktor,“ rief er mir zu, „wir suchen ihn auf.“ Dann
verabschiedete er sich von den beiden Geheimpolizisten. „Ich will
Sie noch auf einiges aufmerksam machen, was Ihnen vielleicht einige
Mühe ersparen kann,“ sagte er. „Hier ist ein Mord begangen worden; der
Täter ist sechs Fuß groß, im besten Mannesalter, hat verhältnismäßig
kleine Füße, trug Stiefel mit breiten Spitzen und rauchte eine
Trichinopolly-Cigarre. Er kam mit seinem Opfer in einer Droschke
angefahren; von den Hufeisen des Pferdes waren drei alt und das am
linken Vorderfuß neu. Der Mörder hat eine rötliche Gesichtsfarbe und
ungewöhnlich lange Fingernägel an der rechten Hand. -- Das sind nur
ganz unbedeutende Einzelheiten, aber sie könnten Ihnen doch einen
Anhaltspunkt geben.“
Lestrade und Gregson sahen einander ungläubig lächelnd an.
„Wie ist denn der Mann umgebracht worden, wenn ein Mord vorliegt?“
fragte ersterer.
„Vergiftet,“ gab Holmes kurz zur Antwort. Nach diesem kategorischen
Ausspruch entfernte er sich rasch, und seine beiden Nebenbuhler
blickten ihm mit offenem Munde nach.
Viertes Kapitel.
Was uns John Rance erzählte.
Es war ein Uhr, als wir das Haus in der Brixtonstraße verließen, um uns
sofort auf das nächste Telegraphenbureau zu begeben. Holmes schickte
eine lange Depesche ab, dann fuhren wir zusammen nach der Wohnung des
Schutzmanns.
„Man muß sich die Zeugenaussagen womöglich immer aus erster Hand
holen,“ bemerkte er. „Wenn mir der Fall auch im allgemeinen ganz klar
ist, so halte ich es doch für richtig, mich auch von allem übrigen so
viel als thunlich zu unterrichten.“
„Aber Holmes,“ rief ich in höchster Verwunderung, „Sie können doch
unmöglich über alle jene Einzelheiten zu so unumstößlicher Gewißheit
gelangt sein, wie Sie uns glauben machen wollen.“
„Jawohl, jeder Zweifel ist ausgeschlossen,“ entgegnete er. „Als wir
ankamen, war das Erste, was mir auffiel, die doppelte Räderspur einer
Droschke, die bis an das Gitterthor führte. Seit einer Woche hatte es
vergangene Nacht zum erstenmal geregnet, und die tiefen Wagengeleise
konnten erst entstanden sein, nachdem das Erdreich gehörig aufgeweicht
war. Auch die Spuren der Pferdehufe waren erkennbar, drei nur
undeutlich, die vierte klar ausgeprägt, folglich war das Eisen neu. War
die Droschke erst nach dem Regen am Hause vorgefahren und am Morgen
nicht mehr da, wie Gregson versichert, so hatte sie also die beiden
Leute während der Nacht dahin befördert.“
„Das klingt sehr einleuchtend,“ sagte ich; „wie aber konnten Sie auf
das Aeußere des Mannes schließen?“
„Die Größe eines Menschen läßt sich in den allermeisten Fällen nach
seinem Schritt bestimmen. Die Berechnung ist schnell gemacht, aber ich
will Sie nicht mit Zahlen plagen. Ich fand die Schrittweite des Mannes
sowohl draußen im weichen Erdreich als auf der staubigen Stubendiele.
Außerdem konnte ich noch die Probe anstellen: Wer auf eine Wand
schreibt, thut dies unwillkürlich in der Höhe seiner Augen. Die Schrift
aber ist gerade sechs Fuß hoch über dem Boden. Sie sehen, es war
kinderleicht.“
„Aber sein Alter?“
„Nun, wenn ein Mann ohne Mühe fünftehalb Fuß weit ausschreiten kann,
ist er schwerlich schon sehr altersschwach. So breit war nämlich die
Pfütze auf dem Gartenweg, über die er weggeschritten ist. Die feinen
Lederstiefel waren am Rande hingegangen, die grobe Fußbekleidung mit
den breiten Spitzen aber darüber weggeschritten. Ein Geheimnis ist
gar nicht dabei; alles beruht auf den Grundsätzen der Beobachtung und
Schlußfolgerung, die ich in meiner Abhandlung auseinandergesetzt habe.
-- Macht Ihnen sonst noch etwas Kopfzerbrechen?“
„Die Fingernägel und die Trichinopolly-Cigarre.“
„Der Mann hatte den langen Nagel seines Zeigefingers in Blut getaucht
und damit an die Wand geschrieben. Die Buchstaben waren wie eingekratzt
in den Kalkbewurf. Auf der Diele fand ich etwas verstreute Asche, die
dunkel und flockig aussah und nur von einer Trichinopolly-Cigarre
herrühren konnte. Ueber Cigarrenasche habe ich ganz besondere Studien
gemacht, ja sogar einen Aufsatz geschrieben; ich schmeichle mir, jede
Sorte Cigarren- oder Tabaksasche auf den ersten Blick zu erkennen.
Gerade in solcher speziellen Kenntnis zeigt sich der Unterschied
zwischen dem wahrhaft gebildeten Detektiv und der Sorte, zu welcher die
Gregson und Lestrade gehören.“
„Aber die rötliche Gesichtsfarbe?“
„Das war eine etwas kühne Folgerung, über die ich bei dem jetzigen
Stand der Dinge noch keinen Aufschluß geben kann, obgleich ich
überzeugt bin, daß ich recht habe.“
Ich faßte mir unwillkürlich mit der Hand an die Stirn. „Es schwirrt
mir förmlich im Kopfe,“ rief ich, „je mehr ich über die Angelegenheit
nachdenke, um so rätselhafter erscheint sie mir. Wie kamen die beiden
Männer -- wenn es ihrer zwei waren -- in das leere Haus? Was ist aus
dem Kutscher geworden, der sie gefahren hat? Wie konnte der eine den
andern zwingen, Gift zu nehmen? Woher stammen die Blutspuren? Was
bewog den Mörder zu seiner That, da er keinen Raub beabsichtigte?
Welcher Frau hat der Trauring gehört? Warum schrieb der Missethäter
das Wort Rache an die Wand, bevor er die Flucht ergriff? -- Daß jemand
imstande sein sollte, alle die Thatsachen in Einklang zu bringen, geht
wahrhaftig weit über mein Verständnis.“
Mein Gefährte lächelte beifällig.
„Sie haben sämtliche Schwierigkeiten unserer Lage kurz und bündig
zusammengefaßt,“ sagte er. „Ueber die Hauptsache bin ich zwar im
reinen, aber manches ist noch unaufgeklärt. Die Schrift, auf deren
Entdeckung Lestrade so stolz war, ist meiner Meinung nach nur eine
Kriegslist, um die Polizei auf falsche Fährte zu locken, als sei
die That im Auftrag einer geheimen Gesellschaft von irgend einem
Sozialisten ausgeführt worden. -- So -- nun wissen Sie aber genug über
den Fall, Watson, ich werde mich hüten, Ihnen noch mehr zu verraten.
Mit dem Ansehen eines Taschenspielers ist es aus, sobald er sein
Kunststück einmal erklärt hat, und wenn ich Ihnen mein Verfahren allzu
genau beschreibe, werden Sie mich in kürzester Frist für einen höchst
alltäglichen Menschen halten.“
„Bewahre,“ rief ich, „das wird nie geschehen. Sie haben die
polizeiliche Forschung auf die Höhe der Wissenschaft erhoben und bis zu
einer Vollkommenheit gebracht, wie sie bisher unerreicht war.“
Mein Gefährte wurde rot vor Freude über mein Urteil, das ich im Tone
aufrichtigster Ueberzeugung aussprach. Schon früher hatte ich bemerkt,
daß er für jedes Lob, welches man seiner Kunst zollte, empfänglich war,
wie eine jugendliche Schönheit, deren Reize man bewundert.
„Etwas will ich Ihnen doch noch sagen,“ rief er; „die feinen
Lederstiefel kamen mit dem groben Schuhwerk in derselben Droschke
angefahren und schritten zusammen höchst freundschaftlich den Gartenweg
hinunter, wahrscheinlich sogar Arm in Arm. Im Hause gingen sie im
Zimmer hin und her, oder richtiger gesagt: die feinen Lederstiefel
standen still und das grobe Schuhwerk ging auf und ab und geriet dabei
mehr und mehr in Leidenschaft. Das war in dem Staub, der auf der Diele
lag, an den immer länger werdenden Schritten deutlich zu erkennen.
Dabei sprach der Mann unaufhörlich, sein Zorn steigerte sich zur Wut
und dann beging er die Unthat. Mehr weiß ich jetzt selbst noch nicht;
das übrige beruht größtenteils auf bloßer Vermutung; doch ist immerhin
ein guter Grund gelegt, auf dem sich sicher weiter bauen läßt. -- Ich
darf mich übrigens jetzt nicht lange aufhalten, denn ich will heute
nachmittag noch in Halles Konzert gehen, um die Neruda spielen zu
hören.“
Die Droschke war während unseres Gesprächs durch zahllose düstere
Gäßchen und enge Straßen gefahren; in der allerschmutzigsten und
trübseligsten Stadtgegend hielt der Kutscher plötzlich still. „Da
drüben ist Audley Court,“ sagte er, auf eine Reihe räucheriger
Backsteinhäuser deutend. „Ich will hier warten, bis Sie wieder
herauskommen.“
Audley Court bot wenig Anziehendes. Eine schmale Gasse führte auf einen
großen, gepflasterten Hof, der rings von ärmlichen Wohnhäusern umgeben
war. Nach No. 46 suchend, gingen wir an Scharen schmutziger Kinder
vorbei und krochen unter aufgehängter, mißfarbener Wäsche durch, bis
wir auf einem kleinen Messingschild den Namen ‚Rance‘ bemerkten.
Der Schutzmann hatte sich nach dem Nachtdienst zu Bette gelegt und wir
wurden gebeten, in dem kleinen Wohnzimmer ein wenig zu warten. Bald
darauf kam Rance zum Vorschein, mißmutig, daß man ihn im Schlaf gestört
hatte. „Ich habe doch schon auf dem Bureau Bericht erstattet,“ brummte
er verdrießlich.
[Illustration]
Holmes zog ein Goldstück aus der Tasche und drehte es nachlässig
zwischen den Fingern.
„Wir wünschten den Sachverhalt aus Ihrem eigenen Munde zu hören, wenn
Sie nichts dagegen haben,“ sagte er verbindlich.
Der goldene Talisman verfehlte seine Wirkung nicht. „Ich werde Ihnen
mit Vergnügen sagen, was ich weiß,“ beeilte sich Rance zu erwidern.
„Gut, dann erzählen Sie mir bitte, wie sich alles zugetragen hat.“
Der Schutzmann nahm auf dem alten Roßhaarsofa Platz und legte die
Stirn in bedächtige Falten. „Ich will beim Anfang beginnen,“ sagte er.
„Meine Dienstzeit ist von zehn Uhr abends bis sechs Uhr morgens. Um
elf Uhr war eine Schlägerei im ‚Weißen Hirsch‘, aber sonst fiel zuerst
nichts Besonderes vor während meiner Runde. Gegen ein Uhr fing es an
zu regnen, und etwas nach zwei Uhr kam ich die Brixtonstraße hinunter,
um zu sehen, ob dort alles ruhig wäre. Keine Seele traf ich unterwegs,
die Gegend war wie ausgestorben, nur ein paar Droschken kamen an mir
vorbeigerasselt. Eben dachte ich daran, daß ein Schluck heißer Grog zur
Magenstärkung wohl angebracht wäre -- da sah ich einen Lichtschimmer
in dem gewissen Hause. Nun wußte ich genau, daß da niemand wohnt, denn
der Besitzer läßt die Abzugsröhren nicht nachsehen, obgleich der letzte
Mieter am Typhus gestorben ist. Na, wie ich das Licht sehe, denke ich
gleich, daß etwas nicht geheuer sein muß. Als ich an die Thüre kam --
--“
„Sie sind stehen geblieben und nach dem Gartenthor zurückgegangen --
aus welchem Grunde?“ fragte Holmes.
Rance fuhr zusammen und riß die Augen weit auf.
„Woher wissen Sie denn das?“ stammelte er. „Freilich that ich es,
denn, sehen Sie, als ich an die Hausthür kam und alles so still und
unheimlich war, fiel mir ein, daß wir doch eigentlich unser zwei sein
sollten, und so ging ich zurück, um zu sehen, ob nicht vielleicht ein
Kamerad mit seiner Laterne des Weges käme. Furcht kenne ich wahrhaftig
nicht, aber wenn es etwa der verstorbene Mieter war, der dort umging,
so hätte ich gern Gesellschaft gehabt.“
„War denn gar niemand auf der Straße?“
„Kein Mensch, Herr; nicht einmal ein verlaufener Hund. Ich nahm mich
zusammen, ging wieder an die Thür und stieß sie auf. Drinnen war alles
still; ich trat in das Zimmer, aus dem der Lichtschein gekommen war.
Auf dem Kaminsims stand ein rotes Wachslicht -- es flammte hell auf und
da sah ich -- --“
„Ich weiß schon, was Sie gesehen haben. Sie sind mehrmals rings um das
Zimmer gegangen, dann bei dem Leichnam hingekniet, haben versucht, die
Küchenthür zu öffnen und dann -- --“
Rance schnellte wie besessen von seinem Sitz in die Höhe. „Von wo aus
haben Sie mich belauscht? Sie müssen doch irgendwo versteckt gewesen
sein, sonst könnten Sie das nicht alles wissen.“
Mein Gefährte zog seine Visitenkarte heraus und reichte sie dem
Schutzmann. „Denken Sie nur nicht, daß ich der Mörder bin und Sie mich
festnehmen müssen,“ sagte er lachend. „Ich bin nicht der Wolf, sondern
nur einer von den Spürhunden, wie Ihnen die Herren Gregson und Lestrade
bestätigen werden. Aber, nur weiter -- was thaten Sie zunächst?“
„Ich ging hinunter auf die Straße,“ sagte Rance, der wieder Platz
genommen hatte, aber noch immer verwundert dreinschaute. „Auf das
Alarmzeichen, das ich mit meiner Pfeife gab, kamen drei von den
Kameraden herbeigelaufen.“
„War die Straße noch immer leer?“
„Ja oder nein, wie man’s nimmt.“
„Was soll das heißen?“
Der Schutzmann verzog das Gesicht zu einem gutmütigen Grinsen. „Na,“
sagte er, „als ich aus dem Gartenthor trat, lehnte ein Mensch am
Gitter, der aus vollem Halse etwas von ‚Kolumbias neuem Sternenbanner‘
oder dergleichen sang. Ich hab’ in meinem Leben schon manchen gesehen,
der zu schwer geladen hatte, aber ein Betrunkener, wie der Kerl, ist
mir noch nicht vorgekommen. Er hätte mir keine Hilfe leisten können,
hielt er sich doch kaum selber auf den Füßen.“
[Illustration]
„Wie sah denn der Mann aus?“ fiel ihm Holmes ins Wort.
Den Schutzmann schien die unnütze Frage zu verdrießen. „Es war eben
ein sinnlos betrunkener Mensch,“ sagte er, „den wir hätten auf die
Polizeiwache bringen müssen, wären wir nicht anderweitig beschäftigt
gewesen.“
„Aber Sie werden doch sein Gesicht, seinen Anzug gesehen haben,“ rief
Holmes ungeduldig.
„Natürlich -- Murcher und ich mußten ihm ja unter die Arme greifen, um
ihn aufzurichten. Ein langer Kerl mit rotem Gesicht, um das Kinn ein
Tuch gewickelt und --“
„Schon gut -- was ist denn aus ihm geworden?“
„Was weiß ich! wir hatten ohnehin genug zu thun. Er wird schon den Weg
nach Hause gefunden haben, da können Sie ganz ruhig sein.“
„Wie war er denn angezogen?“
„Er trug einen braunen Ueberrock.“
„Hatte er eine Peitsche in der Hand?“
„Eine Peitsche -- bewahre!“
„Die muß er zurückgelassen haben,“ murmelte Holmes. „Kam nicht gleich
darauf eine Droschke gefahren?“
„Nein.“
Mein Gefährte nahm seinen Hut zur Hand. „Hier, das Goldstück ist
für Sie, Rance,“ sagte er; „aber ein andermal seien Sie nicht ganz
so kopflos. Ich fürchte, Sie bringen es sonst Ihr Lebtag zu nichts
Rechtem und Sie hätten sich doch letzte Nacht mit Leichtigkeit Ihre
Beförderung zum Sergeanten verdienen können. Statt dessen haben Sie den
Mann entwischen lassen, nach welchem wir suchen und der den Schlüssel
zu dem ganzen Geheimnis in Händen hält. Wozu noch lange hin und her
streiten -- es verhält sich so, wie ich Ihnen sage, verlassen Sie sich
darauf. Kommen Sie, Watson, wir wollen gehen.“
Der Schutzmann machte zwar ein ungläubiges Gesicht, aber man sah, die
Sache war ihm nicht ganz geheuer. Wir ließen ihn verblüfft stehen und
gingen unserer Wege.
„Der Hans Narr,“ rief Holmes ärgerlich, als wir wieder in der Droschke
saßen, um nach Hause zu fahren. „Ein Glück sondergleichen fällt ihm
ungesucht in den Schoß und er versteht nicht, es festzuhalten.“
„Sind Sie Ihrer Sache aber auch ganz gewiß?“ fragte ich. „Rances
Beschreibung des Betrunkenen paßt zwar im allgemeinen zu Ihrer
Vorstellung von dem zweiten Menschen, der in das Geheimnis verwickelt
ist, aber was sollte ihn wieder nach dem Hause zurückgeführt haben? Das
sieht nicht aus, als wäre er der Verbrecher.“
„Der Ring, Freund, der Ring -- den wollte er holen. Wenn wir kein
anderes Mittel finden, ihn zu fangen, müssen wir den Ring als Köder
brauchen. Ich sage Ihnen, Doktor, er geht mir ins Netz, ich habe
ihn sicher. Und Ihnen verdanke ich das alles. Hätten Sie mir nicht
zugeredet, ich wäre um die schönste Gelegenheit gekommen, meine
Kriminalstudien zu vervollständigen. -- Jetzt aber, erst zum Lunch
und dann ins Konzert. Die Neruda hat einen famosen Ansatz und spielt
köstlich. Wie geht doch das kleine Ding von Chopin, das ich von ihr
gehört habe? Tra--la--lira--lira--la.“
Er lehnte sich in die Wagenkissen zurück und trillerte wie eine Lerche,
während ich über die Vielseitigkeit dieses Menschen nachdachte, der von
der Natur zum Detektiv bestimmt schien und seine Forschungen mit dem
Eifer eines Kunstliebhabers betrieb.
Fünftes Kapitel.
Wir bekommen Besuch.
Die Anstrengungen des Morgens waren zu groß gewesen für meine schwache
Gesundheit. Ich fühlte mich sehr angegriffen, und sobald Holmes ins
Konzert gegangen war, legte ich mich auf das Sofa, um mich durch einige
Stunden Schlafs zu stärken. An Ruhe war jedoch nicht zu denken, denn
wirre Vorstellungen und Bilder drängten sich unablässig in meinem
aufgeregten Gehirn. Sobald ich die Augen schloß, sah ich vor mir die
verzerrten, pavianähnlichen Gesichtszüge des Ermordeten. Der Eindruck
war so abstoßend, daß ich mich kaum eines Dankgefühls gegen denjenigen
erwehren konnte, der den Unhold aus der Welt geschafft hatte. Mir war
noch nie ein Mensch vorgekommen, dessen Gesicht ein so deutliches
Gepräge von Laster und Bosheit trug. Doch sah ich wohl ein, daß man der
Gerechtigkeit ihren Lauf lassen müsse. Mochte dieser Enoch J. Drebber
noch so verworfen gewesen sein, das rechtfertigte die Missethat, deren
Opfer er war, nicht in den Augen des Gesetzes.
Je mehr ich über die Behauptung meines Freundes nachdachte, daß der
Mann vergiftet worden sei, um so sonderbarer erschien sie mir. Holmes
mußte auf den Gedanken gekommen sein, als er an den Lippen des Toten
roch. Freilich blieb kaum eine andere Annahme übrig -- erdrosselt war
er nicht, eine Wunde ließ sich auch nicht entdecken. Und doch -- wo kam
das Blut her, das auf dem Fußboden verspritzt war? Es schien kein Kampf
stattgefunden zu haben, wenigstens war keine Waffe da, mit welcher
Drebber seinen Angreifer verwundet haben konnte. Holmes hatte sich wohl
schon eine bestimmte Theorie über den ganzen Vorgang gebildet, das
glaubte ich an seinem ruhigen, zuversichtlichen Benehmen zu erkennen.
Auf welche Weise er sich aber die verschiedenen Thatsachen erklärte,
die mir so rätselhaft schienen, ahnte ich auch nicht von ferne.
Es war schon spät, als er zurückkam -- unmöglich konnte er die ganze
Zeit über im Konzert gewesen sein. Das Essen stand bereits auf dem
Tisch, und er nahm sogleich Platz.
„Ein herrlicher Genuß!“ rief er. „Nichts übt doch solchen Zauber auf
den Menschen aus, wie die Tonkunst. -- Aber, was ist unterdessen mit
Ihnen geschehen, Watson? Sie sehen schrecklich angegriffen aus. Hat die
Geschichte in der Brixtonstraße Sie aus dem Gleichgewicht gebracht?“
„Wahrhaftig, ja -- mehr als ich für möglich gehalten hätte. Seit
meinen Erlebnissen in Afghanistan, wo ich meine Kameraden in Stücke
hauen sah, glaubte ich weniger schwach besaitet zu sein.“
„Derartige rätselhafte Vorgänge erhitzen die Einbildungskraft und
erzeugen ein leicht erklärliches Grauen,“ meinte Holmes. „In der
Abendzeitung steht ein ziemlich ausführlicher Bericht über die
Begebenheit, doch freut mich, daß der gefundene Trauring nicht erwähnt
wird.“
„Wieso?“
„Wegen der Anzeige, die ich heute abend in sämtliche Zeitungen habe
einrücken lassen. Hier, lesen Sie.“
Er reichte mir das Blatt und unter der Rubrik ‚Gefunden‘ las ich
folgendes:
„Ein einfacher, goldener Trauring ist heute früh auf der
Brixtonstraße zwischen dem Gasthaus zum ‚Weißen Hirsch‘ und dem
Holland-Hain gefunden worden. Zu erfragen bei Dr. Watson, Bakerstraße
221 ~b~, zwischen 8 und 9 Uhr abends.“
„Sie entschuldigen wohl, daß ich auf Ihren Namen verwiesen habe! Hätte
ich meinen eigenen genannt, ich wäre vor der Einmischung des einen oder
andern unserer professionellen Dummköpfe nicht sicher gewesen.“
„Wie aber, wenn der Eigentümer sich meldet? Ich habe keinen Ring, den
ich ihm geben könnte.“
„Dafür ist schon gesorgt,“ sagte er, mir einen Ring einhändigend. „Er
gleicht dem andern auf ein Haar und wird dieselben Dienste thun.“
„Wer wird sich denn auf die Anzeige hin melden -- was glauben Sie?“
„Natürlich der Mann mit dem braunen Ueberrock -- unser Freund mit dem
roten Gesicht und dem groben Schuhwerk. Kommt er nicht selbst, so
schickt er einen Spießgesellen.“
„Sollte er nicht Gefahr wittern?“
„Bewahre. Und wenn auch -- meiner Ansicht nach würde er jeder Gefahr
trotzen, um den Ring wieder zu bekommen. Ich denke mir, er hat ihn
verloren, während er sich über Drebbers Leichnam beugte, und es nicht
gleich bemerkt. Erst als er draußen war, entdeckte er seinen Verlust,
und eilte zurück. Da er aber die Thorheit begangen hatte, das Licht
brennen zu lassen, fand er die Polizei bereits an Ort und Stelle. Um
keinen Argwohn zu erregen, verfiel er auf den Ausweg, sich betrunken
zu stellen. Nun versetzen Sie sich einmal in seine Lage. Er überlegt
sich die Sache und hält es nicht für unmöglich, daß er den Ring erst
verloren hat, nachdem er wieder auf der Straße angelangt war. Was ist
natürlicher, als daß er sich in den Abendblättern nach den gefundenen
Sachen umsieht -- er liest unsere Anzeige und ist überglücklich.
Warum sollte er fürchten, in eine Falle zu geraten? Er hat nicht den
geringsten Grund, anzunehmen, daß der Verlust des Rings in Beziehung zu
dem Mord gebracht werden könnte, und wird sein Eigentum abholen wollen.
Noch vor Ablauf einer Stunde kann er hier sein.“
„Und dann?“
„Dann lassen Sie mich nur mit ihm verhandeln -- das ist meine Sache. --
Sind Sie mit Waffen versehen?“
„Ich habe noch einen alten Revolver und einige Patronen.“
„Putzen und laden Sie ihn auf alle Fälle; wir haben es mit einem
verzweifelten Menschen zu thun. Zwar hoffe ich, ihn zu überrumpeln,
aber es ist immer besser, vorbereitet zu sein.“
Ich ging in mein Schlafzimmer und folgte seinem Rat. Als ich mit
der Pistole in der Hand wieder eintrat, fand ich Holmes bei seiner
Lieblingsbeschäftigung -- er kratzte auf der Geige.
„Das Netz zieht sich zusammen,“ sagte er; „eben erhalte ich aus Amerika
eine Antwort auf mein Telegramm. Meine Ansicht über den Fall war ganz
richtig.“
„Ja, was denken Sie denn eigentlich darüber?“ fragte ich eifrig.
Er schien es zu überhören. „Ich muß wirklich meine Violine mit
neuen Saiten beziehen,“ murmelte er vor sich hin. „Wenn der Mensch
kommt,“ fuhr er gelassen fort, „so sprechen Sie mit ihm in Ihrem ganz
gewöhnlichen Ton; sehen Sie ihn auch nicht forschend an, damit er
keinen Verdacht schöpft.“
„Es ist schon acht vorbei,“ sagte ich, meine Uhr herausziehend.
„In wenigen Minuten wird er wohl hier sein. Oeffnen Sie die Thür ein
wenig und stecken Sie den Schlüssel inwendig ins Schlüsselloch. Danke
sehr -- jetzt kann er kommen. Ich glaube gar, da ist er schon.“
Draußen wurde stark an der Klingel gezogen, Sherlock Holmes stand
geräuschlos auf und schob seinen Stuhl näher nach der Thüre hin. Wir
hörten die Dienerin durch den Vorsaal gehen und die Hausthür öffnen.
„Wohnt Doktor Watson hier?“ fragte eine laute, etwas scharfe Stimme;
dann ward die Thür geschlossen, und es kam jemand mit schlürfendem Gang
die Treppe herauf. Verwundert horchte mein Gefährte auf den langsamen,
unsichern Schritt im Korridor; nun wurde leise angeklopft.
„Herein!“ rief ich.
[Illustration]
Die Thüre ging auf und statt des gewaltthätigen Menschen, den wir
erwarteten, hinkte ein runzliges, altes Mütterchen ins Zimmer, das, wie
von dem plötzlichen Lichtschein geblendet, uns mit matten, glanzlosen
Augen anblinzelte.
Während die Alte stumm vor uns stand, und mit den zitternden Fingern
ängstlich in ihrer Tasche nach etwas zu suchen schien, nahm das Gesicht
meines Gefährten einen so trostlosen Ausdruck an, daß ich Mühe hatte,
meine Fassung zu bewahren. Jetzt zog sie ein Zeitungsblatt heraus und
deutete auf unsere Anzeige.
„Deswegen komme ich, werte Herren,“ sagte sie mit einem tiefen Knix,
„der goldene Trauring in der Brixtonstraße gehört meiner Tochter Sally;
erst seit elf Monaten ist sie verheiratet und wenn ihr Mann nach Hause
kommt -- er ist nämlich Proviantmeister auf einem Uniondampfer -- und
sie hat ihren Ring nicht mehr, da giebt’s ein Donnerwetter. Schon an
guten Tagen ist er sehr kurz angebunden, besonders wenn er getrunken
hat. Das kam nämlich so: gestern abend war sie im Zirkus mit --“
„Ist das der verlorene Ring?“ fragte ich.
„Unser Herrgott sei gepriesen,“ rief die Alte. „Wie wird sich Sally
freuen. Ja, das ist ihr Ring.“
Ich griff nach einem Bleistift: „Wo wohnen Sie?“
„In Houndsditch, Dunkanstraße 13. Ein weiter Weg von hier.“
„Wenn man von Houndsditch in den Zirkus will, kommt man nicht durch die
Brixtonstraße,“ mischte sich hier Sherlock Holmes in das Gespräch.
Die Alte warf ihm einen scharfen Blick aus ihren kleinen,
rotgeränderten Augen zu. „Der Herr hat mich nach +meiner+ Adresse
gefragt. Sally wohnt in Peckham auf dem Mayfield-Platz Nummer 3.“
„Und Sie heißen? --“
„Mein Name ist Sawyer, -- sie heißt Dennis weil sie Tom Dennis
geheiratet hat. Ein wackerer, sauberer Bursche, solange er auf
See ist; kein Proviantmeister gilt mehr bei den Herren von der
Dampfschiffsgesellschaft. Aber, kommt er ans Land, so thun’s ihm die
Weiber an und die Branntweinschenken und --“
„Hier ist Ihr Ring, Frau Sawyer,“ unterbrach ich sie auf ein Zeichen
meines Freundes; „er gehört ohne Zweifel Ihrer Tochter, und ich freue
mich, ihn der rechtmäßigen Eigentümerin zustellen zu können.“
Allerlei Dankesworte und Segenswünsche murmelnd, versenkte die Alte
den Ring in ihre Tasche und schlürfte wieder zur Thüre hinaus und die
Treppe hinunter. Kaum war sie fort, so sprang Sherlock Holmes vom
Stuhle auf und verschwand in sein Schlafzimmer. Eine Minute später
erschien er wieder mit Hut und Ueberrock. „Ich gehe ihr nach,“ sagte
er, „sie muß mit ihm unter einer Decke stecken und wird mir auf meine
Spur verhelfen. Bitte, bleiben Sie auf, bis ich wieder da bin.“
Als Holmes die Treppe hinunter ging, hatte sich die Hausthür eben
hinter der Alten geschlossen. Vom Fenster aus konnte ich sehen, wie sie
sich langsamen, schlürfenden Schrittes entfernte, während ihr Verfolger
auf der andern Straßenseite hinterdrein schlich. „Entweder ist seine
ganze Theorie falsch,“ dachte ich bei mir, „oder es wird ihm jetzt
gelingen, das Rätsel zu lösen.“
Es hätte der Aufforderung, daß ich seine Rückkunft abwarten möchte,
nicht bedurft, denn von Schlaf konnte bei mir keine Rede sein, bis
ich wußte, wie sein Unternehmen abgelaufen wäre. Als er sich auf den
Weg machte, war es fast neun Uhr; ich steckte mir eine Pfeife an und
blätterte in einem französischen Roman. Es schlug zehn, und ich hörte
wie das Dienstmädchen zu Bett ging; um elf Uhr kam die Wirtin durch den
Korridor, um sich zurückzuziehen; erst kurz vor Mitternacht knarrte
drunten der Schlüssel in der Hausthür.
Als Holmes bei mir eintrat, sah ich es ihm gleich an, daß er kein
Glück gehabt hatte. Verdruß und heitere Laune stritten in seinen
Gesichtszügen um die Herrschaft, bis schließlich letztere die Oberhand
behielt und er in ein herzliches Gelächter ausbrach.
„Um nichts in der Welt möchte ich, daß die Geheimpolizisten von meinem
Erlebnis Wind bekämen,“ rief er, und sank auf einen Stuhl. „Ich habe
sie so oft gehänselt, daß sie froh wären, sich einmal schadlos halten
zu können. Da ich aber weiß, daß ich ihnen am Ende aller Enden doch den
Rang ablaufe, lache ich trotz alledem.“
„Was ist denn geschehen?“ fragte ich.
„Sie sollen die ganze Geschichte hören, wie wenig sie mir auch zum
Ruhm gereicht: Die Person war erst eine kleine Strecke weit gegangen,
da fing sie an zu hinken und konnte allem Anschein nach nicht mehr
vom Fleck. Sie blieb stehen und winkte eine vorüberfahrende Droschke
herbei. Um die Adresse zu hören, lief ich näher herzu, doch das hätte
ich mir sparen können. ‚Nach Houndsditch, Dunkanstraße 13‘, rief
sie, daß es weithin schallte. Kaum war sie eingestiegen, so sprang
ich hinten auf; das ist eine Kunst, in der jeder Detektiv gründlich
bewandert sein sollte. Fort rasselte die Droschke in gleichmäßiger
Geschwindigkeit. Schon ehe sie das Ende der Fahrt erreichte, war ich
abgesprungen und schlenderte gemächlich die Straße hinunter. Jetzt
hielt der Kutscher, er stieg vom Bock, öffnete die Wagenthür und
wartete. Aber es kam niemand heraus. Als ich näher trat, sah ich ihn
wie wild in der leeren Droschke herumfahren, wobei er die kräftigsten
Verwünschungen hören ließ, die mir je zu Ohren gekommen sind. Von der
Insassin war keine Spur mehr zu sehen, und ich fürchte, er wird lange
auf sein Fahrgeld warten müssen. Das Haus Nummer 13 gehört, wie ich
erfuhr, einem ehrsamen Tapezierer Namens Keswig, von einer Frau Sawyer
oder Frau Dennis aber wußte kein Mensch dort etwas.“
„Sie wollen doch nicht behaupten,“ rief ich starr vor Staunen, „daß das
alte, gebrechliche Weib aus dem Wagen gesprungen ist, während er in
voller Bewegung war, und daß weder der Kutscher noch Sie etwas davon
gemerkt haben?“
„Zum Henker mit dem alten Weibe,“ rief Holmes ärgerlich. „Die alten
Weiber waren +wir+, daß wir uns so anführen ließen. Es muß ein junger,
noch dazu ein sehr gelenkiger Mensch gewesen sein und ein vollendeter
Schauspieler. Die Verkleidung war ganz vorzüglich! Ohne Zweifel hatte
er den Verfolger bemerkt und war auf dies Mittel verfallen, mir zu
entwischen. Es ist ein Beweis, daß der Mann, den wir suchen, nicht so
allein steht, wie ich glaubte, sondern Freunde hat, die sich im Notfall
nicht scheuen, um seinetwillen ein Wagnis zu unternehmen. Nun gehen Sie
aber schnell zu Bett, Doktor, Sie sehen ganz abgemattet aus.“
Ich war in der That todmüde und folgte seinem Rat. Holmes blieb bei
dem glimmenden Feuer sitzen, und noch bis tief in die Nacht hinein
hörte ich die schwermütigen Klänge seiner Geige und wußte, daß er fort
und fort das seltsame Problem in seinem Haupte wälzte, dessen Lösung er
sich nun einmal vorgesetzt hatte.
Sechstes Kapitel.
Tobias Gregson thut große Thaten.
Tags darauf waren alle Zeitungen voll von dem ‚Brixton-Geheimnis‘,
wie sie es nannten. Viele brachten außer einem langen Bericht noch
Leitartikel darüber. Sie erzählten mancherlei, was mir neu war, und ich
bewahre in meiner Brieftasche eine ganze Sammlung von Ausschnitten und
Auszügen über den Fall. Das Wesentlichste lasse ich hier folgen:
Der ‚Daily Telegraph‘ behauptete, daß die Verbrecherchronik nur wenige
Tragödien aufzuweisen habe, die von so seltsamen Umständen begleitet
seien. Der deutsche Name des Opfers, der Mangel jedes Beweggrunds,
die furchtbare Schrift an der Wand, ließen deutlich erkennen, daß die
That im Auftrag der Revolutionspartei begangen worden. Die Sozialisten
besäßen weitverzweigte Verbindungen in Amerika, wahrscheinlich habe der
Ermordete eines ihrer ungeschriebenen Gesetze übertreten und sei dafür
zum Tode verurteilt worden. Der Artikel schloß damit, die Regierung zu
ermahnen, sie möge ein wachsames Auge auf die Ausländer haben, die nach
England kämen.
Der ‚Standard‘ klagte, dergleichen Gewaltthätigkeiten seien die
traurigen Früchte einer freisinnigen Regierung, welche die Massen
aufsässig mache und alle Autorität untergrabe. „Der Verstorbene,“ hieß
es weiter, „ein Herr aus Amerika, hielt sich längere Zeit in London
auf, und zwar in der Privatpension von Madame Charpentier in Torquay
Terrace, Camberwell. Er reiste in Begleitung seines Privatsekretärs
Joseph Stangerson. Letzten Dienstag, den 4. des Monats, verabschiedeten
sich beide von ihrer Wirtin und fuhren nach dem Eustoner Bahnhof,
mit der ausgesprochenen Absicht, den Schnellzug nach Liverpool zu
benützen. Auch wurden sie dort noch zusammen im Wartesaal gesehen. Von
da ab fehlen jedoch alle Nachrichten über sie, bis zu dem Augenblick,
als Drebbers Leichnam, wie bereits mitgeteilt, in einem leeren Hause
der viele Meilen vom Eustoner Bahnhof entfernten Brixtonstraße
gefunden wurde. Wie er dorthin gekommen ist, und auf welche Weise
ihn sein Verhängnis ereilt hat, sind Fragen, die für jetzt noch in
undurchdringliches Dunkel gehüllt sind. Was aus Stangerson geworden
ist, weiß man nicht. Wir freuen uns, zu hören, daß die Herren Gregson
und Lestrade mit der Erforschung des Falles betraut worden sind und
erwarten zuversichtlich, daß es diesen wohlbekannten Geheimpolizisten
bald gelingen wird, die rätselhafte Angelegenheit aufzuklären.“
‚Daily News‘ versicherte, es läge ohne allen Zweifel ein politisches
Verbrechen vor. Dies werde sich bald genug herausstellen, wenn
der Aufenthaltsort des Sekretärs Stangerson ermittelt sei und man
Genaueres über die Lebensgewohnheiten des Ermordeten erfahren habe.
Von wesentlicher Bedeutung sei es, daß man bereits wisse, in welcher
Pension er sich aufgehalten, eine Kunde, die man einzig und allein dem
Scharfsinn und der Thatkraft des Geheimpolizisten Gregson verdanke.
Diese und ähnliche Artikel, welche ich mit Sherlock Holmes zusammen
beim Frühstück las, schienen ihn sehr zu belustigen.
„Sagte ich Ihnen nicht, daß Lestrade und Gregson unter allen Umständen
Kapital aus der Sache herausschlagen würden?“
„Das kommt doch noch sehr auf den Ausgang an,“ meinte ich.
„Bewahre, der ist dabei höchst gleichgültig. Wird der Mann gefangen, so
geschieht es infolge ihrer Bemühungen, gelingt es ihm zu entkommen, so
thut er es trotz ihrer Bemühungen. Die Anerkennung fehlt ihnen nie, sie
mögen anstellen, was sie wollen.“
„Was geht denn da vor, was soll der Lärm bedeuten? Hören Sie nur,“ rief
ich, als sich in diesem Augenblick im Hausflur und auf der Treppe das
Stampfen vieler Füße vernehmen ließ und dazwischen die unwillige Stimme
unserer Wirtin.
„Das ist die kleine Detektivmannschaft aus der Bakerstraße,“ sagte
mein Gefährte mit lächelnder Miene, und ehe ich mich’s versah, kam
ein halbes Dutzend der schmutzigsten und zerlumptesten Gassenjungen
hereingepoltert, die ich je im Leben zu Gesicht bekommen habe.
„Achtung!“ rief Holmes im Kommandoton, und die sechs schmutzigen Bengel
standen in Reih und Glied wie wohldressierte Soldaten. „Künftig schickt
ihr Wiggins allein herauf, um Bericht zu erstatten; ihr andern wartet
unten auf der Straße! -- Habt ihr sie gefunden, Wiggins?“
„Nee,“ lautete die Antwort, „gefunden haben wir se nich.“
„Das dachte ich mir wohl. Sucht nur weiter, bis ihr sie findet; hier
ist euer Geld.“ Er händigte jedem der Buben einen Schilling ein. „Jetzt
fort mit euch, und bringt mir das nächstemal bessern Bescheid.“
[Illustration]
Auf seinen Wink machten sie rechtsumkehrt, und polterten wieder die
Treppe hinunter. Gleich darauf hörte man sie schon unten auf der
Straße durcheinander gröhlen und schreien.
„Jeder einzige von den kleinen Halunken bringt mehr vor sich als ein
Dutzend Polizisten,“ bemerkte Holmes. „Die Leute haben gleich ein
Schloß vor dem Mund, sobald sich nur ein Beamter von fern blicken läßt.
Diese Schlingel kommen aber überall hin und hören alles. Sie sind glatt
wie Aale und schlau wie Füchse, es fehlt ihnen nur die Disziplin.“
„Betrifft denn der Auftrag, den Sie ihnen gegeben haben, den
Brixton-Fall?“
„Ja, es handelt sich um einen Punkt, über den ich Gewißheit haben muß.
Die werden sie mir verschaffen -- es ist nur eine Frage der Zeit. --
Aber, holla! jetzt werden wir Neuigkeiten zu hören bekommen. Eben
steuert Gregson mit vollen Segeln die Straße herunter. Er strahlt
förmlich vor Glückseligkeit. Richtig, er will zu uns -- da ist er
schon.“
Es ward heftig an der Hausglocke gezogen, und gleich darauf kam der
blonde Detektiv die Treppe heraufgesprungen, immer drei Stufen auf
einmal, und platzte in unser Wohnzimmer.
„Wünschen Sie mir Glück, werter Freund,“ rief er, Holmes eifrig die
Hand schüttelnd; „ich habe jetzt Licht in die Sache gebracht -- alles
liegt klar zu Tage.“
Ein düsterer Schatten glitt über die ausdrucksvollen Züge meines
Gefährten. „Glauben Sie die rechte Spur gefunden zu haben?“ fragte er.
„Die rechte Spur? Was denken Sie -- ich habe den Verbrecher schon
hinter Schloß und Riegel.“
„Wer ist es denn?“
Gregson warf sich stolz in die Brust. „Arthur Charpentier,
Unterleutnant bei der königlichen Marine,“ rief er, sich die
fleischigen Hände reibend.
Sherlock Holmes atmete sichtlich erleichtert auf.
„Setzen Sie sich, und hier ist eine Cigarre. Wir sind sehr gespannt zu
hören, wie Sie es angefangen haben. Ist Ihnen vielleicht ein Glas Grog
gefällig?“
„Habe nichts dagegen,“ versetzte der Detektiv; „wer solche
Anstrengungen durchgemacht hat, wie ich in den letzten Tagen, bedarf
wohl einer Erfrischung. Besonders die geistige Ermüdung war übergroß.
Sie werden das verstehen, Herr Holmes, denn auch Sie arbeiten mit dem
Kopfe.“
Gregson hatte im Lehnstuhl Platz genommen, und begann mit Wohlgefallen
seine Cigarre zu rauchen. Plötzlich schlug er sich mit der Hand auf das
Knie und brach in ein schallendes Gelächter aus.
„Es ist wirklich zu komisch,“ rief er, „daß Lestrade, der Narr, der für
so ungeheuer klug gilt, sich ganz und gar auf dem Holzweg befindet. Er
hat es auf den Sekretär Stangerson abgesehen, der doch so unschuldig an
dem Verbrechen ist, wie ein neugeborenes Kind. Sicherlich hat er ihn
jetzt schon dingfest gemacht.“ Und wieder wollte er sich vor Lachen
ausschütten.
„Wie haben Sie denn aber die richtige Spur gefunden?“ fragte Holmes.
„Ich will Ihnen alles erzählen. Es bleibt natürlich ganz unter uns,
Doktor Watson. Die erste Schwierigkeit, die es zu überwinden galt, war,
Kenntnis von Drebbers Vorleben in Amerika zu erlangen. Mancher würde
gewartet haben, bis Antwort auf seine Anzeige kam, oder irgend jemand
ihm von selbst Mitteilungen machte. Aber das ist nicht Tobias Gregsons
Art und Weise. Erinnern Sie sich an den Hut, der neben dem Toten auf
dem Boden lag?“
„Gewiß; aus dem Geschäft von John Underwood & Söhne, Camberwell-Straße
129.“
Gregson machte ein höchst verblüfftes Gesicht. „Haben Sie das wirklich
auch bemerkt? Sind Sie da gewesen?“
„Nein!“
„Das wundert mich. Mein Grundsatz ist, keine Gelegenheit unbenützt
vorbeigehen zu lassen, wie geringfügig sie auch erscheint.“
„Für einen großen Geist ist selbst das Kleinste von Bedeutung,“
bemerkte Holmes salbungsvoll.
„Ich ging also zu Underwood,“ fuhr Gregson fort, „und fragte ihn, ob er
kürzlich einen Hut, wie ich ihn beschrieb, verkauft habe. Er schlug in
seinen Büchern nach und fand sogleich, was ich wollte. Der Hut war an
einen Herrn Drebber nach Madame Charpentiers Pension in Torquay Terrace
geschickt worden. So bekam ich seine Adresse.“
„Schlau, sehr schlau,“ murmelte Sherlock Holmes.
„Nun suchte ich Madame Charpentier auf, die ich sehr blaß und
angegriffen fand. Auch ihre Tochter, ein ungewöhnlich hübsches Mädchen,
war zugegen; sie hatte rotgeweinte Augen, und als ich sie anredete,
bebten ihre Lippen. Das entging mir nicht, und ich witterte gleich
Unrat. Sie kennen das Gefühl, Holmes, wenn man plötzlich auf die
richtige Spur gerät, es fährt einem durch alle Glieder.
„‚Haben Sie schon etwas von dem rätselhaften Tode des Herrn Drebber aus
Cleveland gehört, der bei Ihnen gewohnt hat?‘ fragte ich.
„Die Mutter nickte bloß, sie schien außer stande, einen Laut
hervorzubringen, die Tochter aber brach in Thränen aus. Kein Zweifel,
die beiden wußten Näheres über die Sache.
„‚Um welche Zeit verließ Herr Drebber Ihr Haus, um sich auf die
Eisenbahn zu begeben?‘ fuhr ich in meinem Verhör fort.
„‚Um acht Uhr,‘ erwiderte sie, ihre Aufregung mühsam bezwingend. ‚Herr
Stangerson, sein Sekretär, sagte, es gäbe zwei Züge, einen um 9,15 und
einen um 11 Uhr. Er wollte mit dem ersten abreisen.‘
„‚Und haben Sie ihn seitdem nicht mehr gesehen?‘
„Bei dieser Frage wurde die Frau leichenblaß, und es dauerte mehrere
Sekunden, bevor sie das einzige Wort: ‚Nein!‘ hervorstieß. Ihre Stimme
klang leise und unnatürlich.
„‚Mutter,‘ sagte die Tochter nach einem Augenblick tiefster Stille,
‚laß uns dem Herrn gegenüber aufrichtig sein. Aus einer Unwahrheit
kann nie etwas Gutes kommen: Ja, wir haben Herrn Drebber noch einmal
wiedergesehen.‘
„‚Verzeih dir Gott,‘ rief Frau Charpentier, und sank händeringend auf
einen Stuhl. ‚Du hast deinen Bruder ums Leben gebracht.‘
„‚Arthur würde selbst wollen, daß wir die Wahrheit sagten,‘ entgegnete
sie mit Festigkeit.
„‚Sprechen Sie frei heraus,‘ ermahnte ich, ‚ein halbes Vertrauen ist
schlimmer als gar keines. Auch weiß die Polizei vielleicht schon mehr,
als Sie ahnen.‘
„‚Mein Sohn ist völlig unschuldig,‘ beteuerte sie. ‚Wenn ich
seinetwegen besorgt bin, so ist das nur, weil ich fürchte, daß er
in Ihren Augen, und vielleicht in denen anderer Leute, verdächtig
erscheinen könnte. Aber das ist ja undenkbar. Sein vortrefflicher Ruf,
sein Stand, sein ganzes früheres Leben, bürgen dafür, daß er an dieser
gräßlichen That keinen Anteil hat.‘
„‚Sagen Sie mir nur alles, was Sie wissen,‘ bedeutete ich sie; ‚wenn
Ihr Sohn unschuldig ist, hat er nichts zu fürchten.‘
„‚Laß uns allein, Mary,‘ gebot Madame Charpentier. Die Tochter verließ
das Zimmer und die Mutter berichtete nun in heftiger Erregung: ‚Herr
Drebber hat drei Wochen lang bei uns im Hause gewohnt. Vorher war er
mit seinem Sekretär Stangerson auf Reisen; nach den Zetteln an ihren
Koffern zu schließen, kamen sie zuletzt aus Kopenhagen. Stangerson
zeigte sich schweigsam und zurückhaltend, Drebber aber benahm sich
höchst anstößig. Er war ein gemeiner Mensch von rohen Sitten. Gleich am
Abend seiner Ankunft hat er sich sinnlos betrunken und nach zwölf Uhr
mittags sah man ihn selten nüchtern. Im Verkehr mit den Zimmermädchen
war er widerlich frech und vertraulich, ja sogar meiner Tochter Mary
gegenüber erlaubte er sich ein ähnliches Betragen und sprach mehrmals
in einer Weise mit ihr, die sie in ihrer Unschuld zum Glück nicht
verstand. Einmal war er sogar unverschämt genug, sie in meinem Beisein
zu umarmen und zu küssen, so daß sein eigener Sekretär sich ins Mittel
legte und ihm seine Frechheit verwies.‘
„‚Aber warum ließen Sie sich das alles gefallen? Sie hätten doch den
lästigen Menschen los werden können, sobald Sie wollten.‘
„‚Ich weiß wohl,‘ sagte Madame Charpentier errötend; ‚hätte ich ihn nur
gleich am ersten Tage aus dem Hause gewiesen. Allein die Versuchung
war groß. Sie bezahlten mir zusammen vierzehn Pfund die Woche, und ich
hielt es für meine Pflicht, in diesen schlechten Zeiten mir eine solche
Einnahme nicht entgehen zu lassen. Ich bin Witwe und mein Sohn in der
Marine hat viel Geld gekostet. Nach dem letzten Auftritt zögerte ich
aber nicht länger, ihm zu kündigen, das war der Grund seiner Abreise.‘
„‚Nun, und wie wurde es weiter?‘
„‚Mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich ihn glücklich fortfahren sah.
Mein Sohn ist jetzt auf Urlaub hier; ich habe mich jedoch wohlweislich
gehütet, ihm etwas von meinen Unannehmlichkeiten zu sagen, denn er
gerät leicht in Harnisch und liebt seine Schwester zärtlich. Meine
Freude, jenen lästigen Menschen los zu sein, war leider von kurzer
Dauer. Noch war keine Stunde vorbei, so klingelte es heftig und man
sagte mir, Drebber sei wieder da, er habe den Zug versäumt. In stark
berauschtem Zustand erzwang er sich den Eintritt in das Zimmer, wo ich
mit meiner Tochter saß, trat frech vor Mary hin und machte ihr den
Vorschlag, mit ihr zu entfliehen. ‚Sie sind großjährig,‘ sagte er, ‚das
Gesetz hat keine Macht über Sie. Ich besitze Geld die Hülle und Fülle.
Kümmern Sie sich nicht um die Alte, sondern folgen Sie mir auf der
Stelle; Sie sollen wie eine Fürstin leben.‘ Die arme Mary war zu Tode
erschrocken und wich vor ihm zurück, er aber ergriff sie am Arm, um sie
mit sich fortzuziehen. Ich schrie laut auf vor Angst, und in diesem
Augenblick trat mein Sohn Arthur ins Zimmer. Was weiter geschehen ist,
weiß ich nicht, ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe und hörte nur
Verwünschungen und ein verworrenes Getöse. Als ich wieder aufzublicken
wagte, stand Arthur, einen Stock in der Hand, lachend an der Thür. ‚Der
saubere Kumpan wird uns voraussichtlich nicht mehr belästigen,‘ sagte
er; ‚ich will mich nur noch überzeugen, was aus ihm geworden ist.‘ Mit
diesen Worten eilte er die Treppe hinunter. Am nächsten Morgen brachte
man uns die Nachricht von Drebbers geheimnisvollem Tode.‘
„‚Um wieviel Uhr ist Ihr Sohn nach Hause gekommen?‘ fragte ich, als
Madame Charpentier mit ihrem Bericht zu Ende war. ‚Das weiß ich
nicht,‘ stammelte sie; ‚er hat sich selbst mit dem Hausschlüssel
hereingelassen.‘
„‚Nachdem Sie zu Bett waren?‘
„‚Ja.‘
„‚Wann begaben Sie sich zur Ruhe?‘
„‚Gegen elf Uhr.‘
„‚So blieb Ihr Sohn also wenigstens noch zwei Stunden fort?‘
„‚Ja.‘
„‚Möglicherweise auch vier oder fünf?‘
„‚Ja.‘
„‚Wo war er inzwischen?‘
„‚Ich weiß nicht,‘ flüsterte sie mit bleichen Lippen.
„Unter diesen Umständen war ich natürlich nicht länger im Zweifel, was
zu thun sei. Ich nahm zwei Polizisten mit, suchte Leutnant Charpentier
auf und ließ ihn festnehmen. Als ich seine Schulter berührte und ihn
ermahnte, uns ohne Widerstand zu folgen, richtete er sich stolz in
die Höhe. ‚Man hegt vermutlich Verdacht, ich sei an der Ermordung des
schurkischen Drebber beteiligt,‘ waren seine ersten Worte. Sie werden
mir zugeben, daß das höchst verdächtig aussah.“
„Versteht sich,“ pflichtete Holmes bei.
„Er hielt den Stock in der Hand, von dem seine Mutter gesprochen hatte,
einen schweren eichenen Knittel.“
„Wie denken Sie sich denn den Verlauf der Sache?“
„Nun, er ist Drebber bis zur Brixtonstraße gefolgt. Dort hat sich ein
neuer Streit zwischen ihnen entsponnen, Drebber hat mit dem Stock
einen Schlag erhalten, wahrscheinlich in die Magenhöhle, der seinen
Tod verursachte, ohne eine Spur zu hinterlassen. In der regnerischen
Nacht war kein Mensch unterwegs, Charpentier konnte daher die Leiche
ungesehen nach dem leeren Hause schaffen. Was aber das Licht betrifft,
das vergossene Blut, die Schrift an der Wand und den Ring, so sind das
wahrscheinlich alles nur Finten, um die Polizei auf eine falsche Fährte
zu locken.“
„Vortrefflich,“ rief Holmes beifällig. „Sie machen wirklich
Fortschritte, Gregson; es kann noch etwas aus Ihnen werden.“
„Ich schmeichle mir, daß ich alles ganz glatt abgewickelt habe,“ sagte
der Polizist voll Selbstgefühl. „Der junge Mann behauptete zwar steif
und fest, er sei Drebber nur eine kurze Strecke weit nachgegangen, dann
habe dieser ihn entdeckt und sei in eine Droschke gestiegen, um ihm
zu entkommen. Auf dem Heimweg wollte er dann einem früheren Kameraden
vom Schiff begegnet sein und einen langen Spaziergang mit ihm gemacht
haben. Als ich aber nach der Wohnung dieses Bekannten fragte, wußte er
sie nicht anzugeben. Wie gesagt, der Fall ist mir ganz klar; es macht
mir nur Spaß, daß Lestrade eine so falsche Spur verfolgt, die zu nichts
führen kann. -- Aber, wahrhaftig, ich glaube, da ist er selbst.“
[Illustration]
Lestrade war wirklich während unseres Gesprächs die Treppe
heraufgekommen und trat jetzt ins Zimmer. Sein für gewöhnlich so
selbstbewußtes Wesen war kaum wieder zu erkennen; seine Mienen waren
verstört, sein sonst so peinlich sauberer Anzug in Unordnung. Er
wollte sich offenbar bei Holmes guten Rat holen; seinen Kollegen da zu
finden, hatte er nicht erwartet. Unschlüssig blieb er mitten im Zimmer
stehen und drehte seinen Hut krampfhaft in den Händen. „Ein höchst
verwickelter, unverständlicher Fall,“ sagte er endlich.
„Meinen Sie, Lestrade?“ rief Gregson triumphierend, „das habe ich mir
wohl gedacht. Ist es Ihnen denn gelungen, den Aufenthalt des Sekretärs
Josef Stangerson zu entdecken?“
„Den Sekretär Stangerson,“ erwiderte Lestrade mit tiefem Ernst, „hat
man in Hallidays Privathotel heute früh gegen acht Uhr in seinem
Schlafzimmer ermordet gefunden.“
Siebentes Kapitel.
Es kommt Licht in das Dunkel.
Lestrades furchtbare Mitteilung kam uns so unerwartet, daß wir einige
Zeit brauchten, um uns von dem ersten Schrecken zu erholen. Gregson
war von seinem Sitz in die Höhe geschnellt, und ich starrte schweigend
auf Sherlock Holmes, der mit düster zusammengezogenen Brauen und fest
geschlossenen Lippen dasaß.
„Stangerson gleichfalls,“ murmelte er endlich -- „der Fall wird
verwickelter.“
„Und war schon verwickelt genug,“ sagte Lestrade und nahm mißmutig am
Tische Platz. „Hier wurde wohl Kriegsrat gehalten?“
„Ist denn -- was Sie sagen -- aber auch ganz gewiß wahr?“ stammelte
Gregson.
„Eben komme ich vom Schauplatz der That,“ lautete seines Kollegen
Antwort. „Ich war der Erste, welcher entdeckte, was sich zugetragen
hatte.“
Holmes sah ihn erwartungsvoll an. „Wir haben soeben Gregsons Ansicht
über den Fall gehört,“ äußerte er, „vielleicht wären Sie geneigt, uns
nun auch Ihre Erlebnisse und Thaten zu berichten?“
„Warum nicht?“ versetzte Lestrade; „ich gestehe offen, daß ich der
Meinung war, Stangerson müsse bei Drebbers Ermordung die Hand im
Spiele gehabt haben -- ein Irrtum, von dem ich durch das jüngste
Ereignis gründlich zurückgekommen bin. Vor allem wollte ich ermitteln,
was aus dem Sekretär geworden sei. Man hatte die beiden noch abends
um halb neun zusammen auf dem Eustoner Bahnhof gesehen. Um zwei Uhr
morgens war Drebbers Leiche in der Brixtonstraße aufgefunden worden.
Wo hatte sich Stangerson in der Zeit zwischen 8 Uhr 30 und der Stunde
des Verbrechens aufgehalten? -- das war die Frage. Ich telegraphierte
eine Personalbeschreibung des Mannes nach Liverpool, damit er sich
nicht heimlich auf einem amerikanischen Dampfer einschiffen könne.
Dann erkundigte ich mich nach ihm in allen Hotels und Privatpensionen
in der Nähe des Bahnhofs. Es schien mir wahrscheinlich, daß, wenn die
Reisegefährten sich aus irgend einem Grunde getrennt hätten, Stangerson
zur Nacht im nächsten Hotel einkehren und am andern Morgen Drebber
sicherlich wieder am Bahnhof erwarten würde.“
„Sie werden wohl vorher verabredet haben, an welchem Orte sie sich
treffen wollten,“ warf Holmes ein.
„Wohl möglich,“ meinte Lestrade. „Nun also, den ganzen gestrigen
Abend brachte ich mit fruchtlosen Erkundigungen zu. Heute früh setzte
ich meine Nachforschungen beizeiten fort und kam gegen acht Uhr nach
Hallidays Privathotel in der kleinen Georgstraße. Auf meine Frage,
ob ein Herr Stangerson dort abgestiegen sei, erhielt ich sofort eine
bejahende Antwort. ‚Vermutlich sind Sie der Herr, auf den er schon seit
zwei Tagen wartet,‘ meinte der Portier.
„‚Wo ist er jetzt?‘ fragte ich.
„‚Oben in seinem Schlafzimmer; er wollte um neun Uhr geweckt sein.‘
„‚Ich möchte ihn sofort aufsuchen.‘
„Mit der Absicht, ihn ganz unvermutet zu überraschen, ließ ich mir von
dem Hausknecht das Zimmer zeigen. Es lag im zweiten Stock am Ende eines
engen Korridors. Nun stellen Sie sich aber mein Entsetzen vor, als ich,
bei der Thür angekommen, bemerkte, daß ein dünner, roter Strom über
die Schwelle rieselte und auf der andern Seite des Ganges eine kleine
Blutlache gebildet hatte. Der Hausknecht, der schon an der Treppe war,
kam auf meinen Schreckensruf zurückgestürzt, er wäre bei dem Anblick
fast umgesunken. Die Thür war von innen verschlossen, doch gelang es
unsern vereinten Kräften, sie aufzusprengen. Drinnen stand ein Fenster
offen, und dicht daneben lag zusammengesunken ein Mann im Nachtgewande.
Er mußte schon seit mehreren Stunden tot sein, denn seine Glieder waren
steif und kalt. Ein Dolchstich war ihm mitten durchs Herz gedrungen.
Nun hören Sie aber noch das Seltsamste von der ganzen Begebenheit: An
der Wand neben der Leiche stand geschrieben -- was glauben Sie wohl?“ --
„Das Wort ‚Rache‘ in Blutbuchstaben,“ sagte Sherlock Holmes, ohne sich
zu besinnen. Mir erstarrte das Blut in den Adern vor Entsetzen.
„Das war es,“ flüsterte Lestrade, und seine Stimme bebte. Eine Weile
sprach keiner von uns ein Wort. Die methodische, und doch völlig
unbegreifliche Weise, auf die der unbekannte Mörder bei seinen
Missethaten verfuhr, erhöhte noch ihren schauerlichen Eindruck. Unter
den Greueln des Schlachtfeldes war ich kaltblütig geblieben, jetzt
zuckte mir jeder Nerv vor Erregung.
„Der Verbrecher ist nicht unbemerkt entkommen,“ fuhr Lestrade fort.
„Ein Milchjunge, der vom Kuhstall nach der Hotelküche ging, sah, daß
an einem offenen Fenster des zweiten Stocks eine Leiter lehnte. Als er
sich verwundert noch einmal umblickte, kam gerade ein Mann die Leiter
herabgestiegen und zwar so ruhig und ohne jede verdächtige Hast, daß
der Junge glaubte, es müsse ein Arbeiter sein, der im Hotel etwas
auszubessern habe. Nach seiner Beschreibung war der Mann groß, rot im
Gesicht und mit einem langen Rock von bräunlicher Farbe bekleidet.
Er hat das Zimmer nicht unmittelbar nach der That verlassen, sondern
sich erst noch im Becken das Blut von den Händen gewaschen und sein
Dolchmesser sorgfältig an den Betttüchern abgewischt.“
Das Aeußere des Mannes war genau so, wie Holmes es früher beschrieben
hatte, doch war keine Spur von Triumph oder Genugthuung in den Zügen
meines Gefährten zu entdecken. „Haben Sie in dem Zimmer nichts
gefunden, was auf die Spur des Verbrechers leiten könnte?“ fragte er
begierig.
„Nicht das geringste. Stangerson trug Drebbers Börse in der Tasche,
doch war das nicht auffällig, da er die Reiseausgaben zu bezahlen
pflegte. Sie enthielt etwa achtzig Pfund, die unberührt geblieben
waren. Auf eine Beraubung hatte man es offenbar nicht abgesehen. In den
Taschen des Ermordeten fanden sich weder Papiere noch Notizen, nur ein
Telegramm, das vor etwa einem Monat in Cleveland aufgegeben worden war
und lautete: ‚J. H. ist in Europa.‘ Der Name des Absenders stand nicht
dabei.“
„Und das war alles?“
„Alles Wichtige. Ein Roman, mit dem sich der Mann in den Schlaf
gelesen, lag auf dem Bett und seine Tabakspfeife daneben auf dem Stuhl.
Auf dem Tisch stand ein Glas Wasser und auf dem Fensterbrett ein
hölzernes Salbenschächtelchen, das mehrere Pillen enthielt.“
Mit einem Ausruf des Entzückens sprang Sherlock Holmes in die Höhe.
„Das fehlende Glied,“ rief er. „Nun ist der letzte Zweifel gelöst.“
Die beiden Polizisten sahen einander sprachlos vor Erstaunen an.
„Ich halte nunmehr alle scheinbar noch so verwirrten Fäden in meinen
Händen,“ sagte mein Gefährte zuversichtlich. „Einzelheiten sind
natürlich noch unerledigt, aber über die Hauptsache bin ich völlig
im klaren. Von der Zeit an, als Drebber sich von Stangerson trennte,
bis zum Augenblick, da des letzteren Leiche entdeckt wurde, weiß ich
alles, als hätte ich es mit eigenen Augen gesehen. Sie sollen sogleich
einen Beweis davon haben. Könnten Sie wohl die fraglichen Pillen
herbeischaffen?“
„Ich habe sie hier,“ versetzte Lestrade, ein Schächtelchen
hervorziehend, „ich nahm sie an mich, zugleich mit der Börse und dem
Telegramm, um sie der Polizei zu übergeben. Daß ich die Pillen nicht
stehen ließ, war der reinste Zufall, denn ich muß sagen, ich legte
ihnen keine Wichtigkeit bei.“
„Wissen Sie, Doktor,“ wandte sich Holmes zu mir, „ob das gewöhnliche
Pillen sind?“
Sie waren von perlgrauer Farbe, klein, rund und fast durchsichtig, wenn
man sie gegen das Licht hielt. „Nach ihrer Beschaffenheit sollte ich
meinen, daß sie sich in Wasser auflösen würden,“ bemerkte ich.
„Das glaube ich auch,“ sagte Holmes erfreut. „Bitte,“ fuhr er fort,
„schaffen Sie doch einmal den kleinen kranken Dachshund herbei, der
schon lange in einem so traurigen Zustand ist, daß die Wirtin Sie noch
gestern bat, ihn von seinen Qualen zu erlösen.“
Ich brachte das altersschwache Tier in meinen Armen herauf und legte es
auf ein Fußkissen nieder, es atmete schwer und schien bereits in den
letzten Zügen.
„Jetzt schneide ich eine dieser Pillen entzwei,“ sagte Holmes, sein
Taschenmesser herausziehend; „eine Hälfte bleibt zu späterer Verwendung
in der Schachtel, die andere thue ich mit einem Theelöffel voll Wasser
in dieses Weinglas. Sie sehen, der Doktor hat recht, sie löst sich
schon auf.“
„Das mag sehr interessant sein,“ ließ sich Lestrade in spöttischem Ton
vernehmen, „nur begreife ich nicht, was es mit Stangersons Tode zu thun
haben soll.“
„Geduld, mein Freund, Geduld; Sie werden es bald erfahren. Jetzt gieße
ich noch etwas Milch dazu, um es schmackhaft zu machen.“
Er hatte den Inhalt des Weinglases in einen Napf ausgeleert und der
Hund leckte die Flüssigkeit bereitwillig auf. Wir saßen schweigend im
Kreise und erwarteten eine überraschende Wirkung, welche, nach Holmes
wichtiger Miene zu urteilen, bald eintreten sollte. Aber es geschah
nichts dergleichen. Der Hund lag auf dem Kissen ausgestreckt, sein
Zustand war unverändert.
Mein Freund hatte die Uhr herausgezogen, und wie eine Minute nach
der andern erfolglos verstrich, nahm sein Gesicht einen immer
kummervolleren Ausdruck an. Er preßte die Lippen zusammen, trommelte
mit den Fingern auf dem Tisch und verriet auf jede Weise die größte
Ungeduld. Seine Gemütsbewegung war so unverkennbar, daß er mir
aufrichtig leid that, während die beiden Polizisten schadenfroh
lächelten und ihm den offenbaren Mißerfolg von Herzen zu gönnen
schienen.
„Es kann kein zufälliges Zusammentreffen sein,“ rief er endlich, vom
Stuhl aufspringend; „das ist unmöglich, völlig unmöglich. Die nämlichen
Pillen, deren Anwendung ich in Drebbers Fall vermutete, werden nach
Stangersons Tode wirklich gefunden -- und doch haben sie keine Wirkung.
Wie läßt sich das erklären? -- Daß meine ganze Schlußfolgerung falsch
gewesen sein soll, ist undenkbar. Aber der elenden Kreatur dort merkt
man gar nichts an.“
Er ging aufgeregt im Zimmer hin und her; plötzlich stieß er einen
Jubelruf aus: „Ich hab’s, ich hab’s!“ Er griff nach der Schachtel,
schnitt die andere Pille entzwei, löste sie auf, goß Milch dazu und
ließ sie von dem Hunde auflecken. Kaum hatte das arme Geschöpf sie mit
der Zunge berührt, als ein krampfhaftes Zucken durch seine Glieder
ging, dann lag es starr und leblos da, wie vom Blitz getroffen.
Sherlock Holmes atmete tief auf und trocknete sich den Schweiß von
der Stirn. „Es war unrecht, daß ich mich so leicht irre machen ließ,“
sagte er. „Wenn eine Thatsache durchaus nicht zu meinen Folgerungen
passen will, hat sich noch regelmäßig herausgestellt, daß es damit eine
besondere Bewandtnis hat. Eine der beiden Pillen enthielt das tödliche
Gift, die andere war völlig unschädlich. Das hätte ich wissen müssen,
bevor mir noch die Schachtel zu Gesicht kam.“
[Illustration]
Wie seltsam mir auch seine letzte Behauptung klang, so lag doch
der tote Hund als bester Beweis für ihre Richtigkeit vor uns. Ganz
allmählich begannen sich die Nebel zu zerstreuen, die mir das
Verständnis verhüllten, und es dämmerte in mir eine Ahnung von dem
Zusammenhang der Dinge.
„Das alles erscheint Ihnen nur deshalb so sonderbar,“ fuhr Holmes fort,
„weil Sie gleich zu Anfang die einzig richtige Spur, welche deutlich
vorlag, nicht erkannt haben. Ich hatte das Glück, von vornherein darauf
zu verfallen und alle späteren Ereignisse haben nur dazu gedient, mich
in meiner ursprünglichen Vermutung zu bestärken, sie waren die logische
Folge derselben. So kam es, daß alles, was den Fall in Ihren Augen
verdunkelte, mir neues Licht brachte und meine Annahmen bestätigte.
Außergewöhnliche Umstände bieten keineswegs immer die schwierigsten
Rätsel; vielmehr sind die scheinbar alltäglichsten Verbrechen oft am
geheimnisvollsten, weil wir ohne besondere Anhaltspunkte zu keinen
neuen Schlüssen gelangen können. Die Lösung unseres Falles würde sehr
fraglich sein, wenn man den Leichnam einfach auf der Straße gefunden
hätte. Die merkwürdigen Nebenumstände erschweren die Nachforschung
nicht, im Gegenteil, sie erleichtern dieselbe.“
Gregson hatte der langen Auseinandersetzung mit wachsender Ungeduld
zugehört; endlich bezwang er sich nicht länger.
„Wir geben ja gern zu, Herr Holmes,“ sagte er, „daß Sie ein
ungewöhnlich schlauer Mensch sind und Ihr ganz besonderes Verfahren
haben. Aber mit Theorien kommt man hier nicht weit. Es handelt sich
darum, den Mörder festzunehmen. Was +ich+ in dieser Sache gethan habe,
scheint sich als Mißgriff herauszustellen, denn den zweiten Mord kann
der junge Charpentier nicht begangen haben. Lestrade seinerseits
glaubte jenem Stangerson nachspüren zu müssen und auch er war
augenscheinlich auf falscher Fährte. Nach Ihren Winken und Andeutungen
scheinen Sie mehr von der Sache zu wissen als wir. So gehen Sie doch
einmal heraus mit der Sprache, und sagen Sie uns, wer das Verbrechen
begangen hat.“
„Gregson hat ganz recht,“ nahm Lestrade das Wort. „Wir haben uns
bis jetzt beide vergeblich bemüht, dahinter zu kommen, und wenn Sie
wirklich, wie Sie behaupten, alle Beweise in Händen haben, so hoffe
ich, Sie werden nicht länger zögern, uns reinen Wein einzuschenken.“
„Das Wichtigste scheint mir doch, den Mörder unschädlich zu machen,“
fiel ich ein, „damit er nicht noch mehr Unthaten begehen kann.“
So von allen Seiten gedrängt, schien Holmes unentschlossen, was er thun
solle. Mit gerunzelten Brauen, den Kopf auf die Brust gesenkt, schritt
er im Zimmer auf und ab, wie seine Gewohnheit war, wenn es eine große
Entscheidung galt. Plötzlich blieb er uns gegenüber stehen.
„Es wird kein Mord mehr verübt werden, darüber können Sie außer Sorge
sein,“ sagte er mit Bestimmtheit. „Sie fragen mich nach dem Namen
des Verbrechers -- den kenne ich. Ja, was noch mehr ist, ich hoffe,
in kürzester Frist ihn selbst in die Hände zu bekommen. Alle meine
Vorkehrungen zu dem Zweck sind getroffen, aber die Ausführung erfordert
große Umsicht, denn wir haben es mit einem kühnen Menschen zu thun,
der zum Aeußersten entschlossen ist. Auch fehlt es ihm nicht an einem
Gehilfen, der ebenso verschlagen ist wie er selbst -- davon habe ich
Beweise. Solange der Mann nicht ahnt, daß man ihn beobachtet, ist
es möglich, seiner habhaft zu werden. Schöpfte er aber auch nur den
geringsten Argwohn, so würde er einen andern Namen annehmen und unter
den vier Millionen Einwohnern dieser großen Stadt spurlos verschwinden.
Ich möchte Sie beide nicht kränken, doch scheint mir, daß die Polizei
jenem Manne gegenüber machtlos ist. Ich habe Sie deshalb auch nicht um
Ihre Hilfe angegangen, und will lieber Tadel und Verantwortlichkeit
allein tragen, wenn die Sache mißlingt. Jedenfalls verspreche ich,
Ihnen Weiteres mitzuteilen, sobald ich überzeugt bin, daß meine Pläne
nicht mehr gefährdet werden können.“
Die beiden Polizisten schienen durch diese Versicherung nicht sehr
befriedigt und überhaupt wenig erbaut von dem abfälligen Urteil meines
Gefährten. Gregson wurde rot bis zu den Schläfen und Lestrades Augen
funkelten vor Aerger und Neugier. Sie fanden jedoch keine Zeit, ihrem
Herzen Luft zu machen, denn in diesem Augenblick klopfte es an der
Thür, und der Häuptling der zerlumpten Freiwilligenschar, der junge
Wiggins, erschien in höchsteigener, unansehnlicher Person.
„Ich wollte nur melden, Herr,“ sagte er, eine stramme Haltung
annehmend, „daß ich die Droschke gebracht habe; sie hält unten.“
„Bravo,“ rief Holmes beifällig. Er holte ein Paar stählerne
Handschellen aus der Kommodenschublade. „Sehen Sie nur, wie die Feder
zuschnappt, in einem Augenblick sitzen sie fest. Warum führt man
eigentlich diese Sorte nicht bei der Polizei ein?“
„Das alte Muster erfüllt seine Zwecke gut genug,“ versetzte Lestrade;
„die Hauptsache bleibt immer, den Mann zu haben, dem man sie anlegen
soll.“
„Freilich, freilich,“ bestätigte Holmes lächelnd. „Höre Wiggins, bitte
doch einmal den Droschkenkutscher heraufzukommen, er soll mir bei dem
Gepäck behilflich sein.“
Es überraschte mich, daß mein Gefährte im Begriff schien, eine Reise
anzutreten, denn er hatte davon nichts gegen mich erwähnt. Im Zimmer
stand ein kleiner Handkoffer, den er jetzt hervorzog und zuzuschließen
begann. Er war noch damit beschäftigt und kniete am Boden, als der
Droschkenkutscher eintrat. „Können Sie mir vielleicht hier den Riemen
fester schnallen, Kutscher,“ sagte er, ohne den Kopf umzuwenden.
Der Mensch trat verdrossen hinzu und streckte die Hände nach dem Riemen
aus. Man vernahm einen scharfen, metallenen Klang und im nächsten
Augenblick sprang Sherlock Holmes rasch in die Höhe.
„Meine Herren,“ rief er mit blitzenden Augen, „hier stelle ich Ihnen
Jefferson Hope vor, den Mörder von Enoch Drebber und Joseph Stangerson.“
Alles war mit solcher Schnelligkeit vor sich gegangen, daß uns kaum
Zeit zur Besinnung blieb, doch erinnere ich mich deutlich an den
triumphierenden Ausdruck in Holmes’ Blick und Ton und an des Kutschers
verdutzte, ingrimmige Miene, mit der er die Handschellen betrachtete,
welche ihn wie durch Zauberkunst gefesselt hielten.
Wir standen starr wie Bildsäulen, aber nur einen Augenblick, denn
plötzlich stieß der Gefangene einen Schrei wilder Wut aus, riß sich
mit gewaltiger Kraft von Holmes los und rannte nach dem Fenster; Glas
und Holzwerk brachen in tausend Splitter bei seinem mächtigen Anprall.
Noch ehe er sich jedoch hinausstürzen konnte, sprangen Lestrade,
Gregson und Holmes auf ihn, wie Jagdhunde auf ihre Beute; er ward ins
Zimmer zurückgezogen und nun entspann sich ein furchtbarer Kampf.
Wieder und immer wieder gelang es ihm, uns alle vier abzuschütteln;
mit der Riesenstärke eines Wahnsinnigen wehrte er sich gegen seine
Angreifer. Die zertrümmerten Fensterscheiben hatten ihm Gesicht und
Hände schrecklich verletzt, aber der Blutverlust schwächte seine
Widerstandskraft nicht. Erst als es Lestrade gelang, ihm von hinten die
Hand in den Halskragen zu stecken und ihn fast zu erwürgen, sah er ein,
daß jeder weitere Versuch, uns zu entrinnen, vergeblich sein würde. Der
Sicherheit halber banden wir ihn noch an den Füßen und konnten nun erst
wieder zu Atem kommen.
„Seine Droschke steht noch unten, wir wollen sie gleich benützen, um
ihn auf die Polizei zu bringen,“ sagte Sherlock Holmes. „Und nun,
meine Herren,“ fuhr er fort, „bin ich bereit, alle Ihre Fragen zu
beantworten. Mein kleines Geheimnis ist enthüllt, und Sie brauchen
nicht zu fürchten, daß ich Ihnen die gewünschte Auskunft verweigere.“
[Illustration]
Im Lande der Heiligen.
Achtes Kapitel.
Auf der großen Alkali-Ebene.
Im Innern des Festlandes von Nordamerika liegt eine dürre, unwirtliche
Wüstengegend, die sich Jahrhunderte lang als ein unübersteigliches
Hemmnis für jeden Fortschritt der Zivilisation erwiesen hat. Diese
große Einöde, welche der Yellowstonefluß im Norden, der Colorado im
Süden begrenzt, dehnt sich von der Sierra Nevada bis Nebraska in
schauerlichem Todesschweigen aus. Es herrscht zwar auch hier keine
Einförmigkeit in der Natur -- hohe Schneeberge wechseln mit düstern
Thalgründen, reißende Ströme stürzen durch zerklüftete Bergschluchten,
die endlosen Ebenen, die der Winter in ungeheure Schneefelder
verwandelt, sind im Sommer unter einer grauen Decke von salzigem
Alkalistaub begraben -- doch eine schrecklichere, trostlosere Gegend
findet sich nirgends.
Dies Land des Grauens ist menschenleer. Einzelne Scharen von Pawnees
oder Schwarzfuß-Indianern durchstreifen es wohl, um andere Jagdgründe
aufzusuchen, aber selbst die tapfersten Rothäute frohlocken, wenn die
gefürchteten Salzebenen hinter ihnen liegen und sie wieder über ihre
geliebte Steppe schweifen. Hier lauert nur der Coyote im Gestrüpp, der
Bussard fliegt schwerfällig durch die Luft und der täppische graue
Bär sucht in den dunkeln Schluchten der Felsengebirge seine kärgliche
Nahrung. Dies sind die einzigen Bewohner der schauerlichen Wüste.
Eine trübseligere Aussicht findet man auf Erden nicht, als den Blick
von den nördlichen Höhen der Sierra Blanca. Soweit das Auge reicht,
nichts als die endlose, flache Ebene, hier und da ein verkrüppeltes
Chapparal-Gebüsch und Haufen von Alkalistaub, der die ganze Gegend
bedeckt. Am fernsten Horizont zieht sich eine Gebirgskette hin, deren
zerklüftete Gipfel mit Schnee bedeckt sind. Meist ist kein lebendiges
Wesen zu erblicken, kein Laut unterbricht die fürchterliche Stille,
starres, totes Schweigen herrscht rings umher.
Mitten in der Wüste aber gewahrt man, in der weiten Ferne sich
verlierend, eine Karawanenstraße. Manches Fuhrwerk hat dort tiefe
Räderspuren im Boden zurückgelassen, viele Glücksjäger haben mit
wanderndem Fuß das Erdreich festgetreten. Hier und da glänzt etwas
Weißes in der Sonne und hebt sich grell von der grauen Alkalischicht
ab. Wir betrachten es näher und erkennen, daß es Gebeine sind
-- die derberen sind Knochen von Zugstieren, die feineren von
Menschen. Fünfzehnhundert Meilen lang läßt sich diese Totenstraße
an den irdischen Ueberresten derjenigen verfolgen, die hier am Wege
niedergesunken sind.
Dies war der Ausblick, der sich am vierten Mai des Jahres 1847 einem
einsamen Wanderer darbot, welcher von einer kleinen Anhöhe ins Thal
hinabsah. Ob der Mann ein Vierziger oder Sechziger war, ließ sich
schwer entscheiden. Sein eingefallenes, abgezehrtes Gesicht, die
vorstehenden Backenknochen, die braune runzlige Haut, das lange,
wie mit weißen Fäden durchzogene Haupt- und Barthaar, gaben ihm das
Ansehen eines hinfälligen Greises. Seine Augen, die mit unnatürlichem
Glanz funkelten, lagen tief in den Höhlen, die Hand, welche die
Flinte hielt, war dürr und abgemagert wie bei einem Gerippe, seine
Kleider schlotterten ihm am Leibe. Und doch, wie er so dastand,
auf die Waffe gelehnt, ließ seine hohe, starkknochige Gestalt auf
eine zähe, urkräftige Natur schließen. Das hagere Gesicht, die
zusammengeschrumpften Glieder, verrieten nur zu deutlich den Grund
seines verfallenen Aussehens. Der Mann war dem Tode nahe -- er kam
langsam um vor Hunger und Durst.
Mühselig hatte er sich in die Schlucht hinuntergeschleppt und den
Hügel hinauf, in der vergeblichen Hoffnung, irgend ein Anzeichen zu
entdecken, daß Wasser in der Nähe sei. Jetzt lag die große Salzwüste
vor ihm, von der fernen Bergkette eingerahmt, rings umher weder Baum
noch Kraut, keine Spur einer Feuchtigkeit. Er schaute nach Norden, nach
Osten und Westen mit gierigen Blicken, aber wie weit sich das Land
auch dehnte, nirgends war für ihn ein Schimmer von Hoffnung. Nun sah
er ein, daß seine Wanderung ihr Ende erreicht habe, und er hier auf
der öden Klippe seine Todesstunde erwarten müsse. „Ob jetzt auf hartem
Stein, oder zwanzig Jahre später im weichen Bett -- es macht wenig
Unterschied,“ murmelte er, sich an die Felswand lehnend.
Ehe er sich niedersetzte, hatte er zuvor seine Flinte auf den Boden
gelegt und daneben ein großes Bündel, das er in einem grauen Shawl
eingeknüpft über der rechten Schulter getragen. Das Bündel schien
zu schwer für seine geschwächten Kräfte und fiel etwas unsanft zur
Erde, als er es abnahm. Da ließ sich ein leiser Schmerzensschrei
vernehmen und aus der grauen Umhüllung kam ein erschrecktes Gesichtchen
mit hellen, braunen Augen zum Vorschein und zwei niedliche, kleine
Fäustchen.
„Du hast mir wehgethan,“ klagte eine Kinderstimme in vorwurfsvollem Ton.
„Wirklich?“ erwiderte der Mann bedauernd, „das thut mir leid.“ Dabei
knüpfte er das Bündel auf, und heraus sprang ein etwa fünfjähriges
Mädchen, dessen zierliche Schuhe, rosa Röckchen und weißleinenes
Schürzchen auf mütterliche Sorgfalt deuteten. Die Kleine war bleich und
mager, doch ließen die rundlichen Aermchen und Beinchen erkennen, daß
sie weniger Mangel gelitten hatte, als ihr Gefährte.
„Ist’s denn noch nicht wieder gut?“ fragte er ängstlich, als sie sich
noch immer das goldgelbe Lockenhaar auf dem Hinterkopf rieb.
„Gieb mir einen Kuß drauf, dann wird es heil,“ versetzte sie ernsthaft,
auf die schmerzende Stelle zeigend. „So macht es meine Mutter immer. Wo
ist denn Mama?“
„Fortgegangen. Aber du wirst sie bald wiedersehen, glaube ich.“
„Fort -- sagst du?“ rief die Kleine. „Na, so was -- sonst ging sie nie
zur Tante ’rüber, ohne erst ‚B’hüt Gott‘ zu sagen -- und jetzt ist
sie schon drei Tage weg. -- Mir ist so trocken im Munde. Hast du kein
Wasser oder etwas zu essen?“
„Nein, Herzchen, es ist nichts da. Hab nur noch ein Weilchen Geduld,
dann wird alles gut. Leg dein Köpfchen auf meine Schulter, so, nun
ist’s schon besser. Mir klebt die Zunge am Gaumen, daß ich kaum
sprechen kann, aber ich muß dir doch sagen, wie die Sachen stehen. Was
hast du denn da in der Hand?“
„So was Hübsches, das glänzt und funkelt,“ rief die Kleine, entzückt
zwei Stückchen Glimmerschiefer emporhaltend. „Wenn wir heimkommen,
bring ich sie Bruder Bertel mit.“
„Du wirst bald schöneres Spielzeug kriegen,“ sagte der Mann
zuversichtlich, „wart’ nur noch ein wenig. Aber, was ich dir sagen
wollte -- weißt du noch, wie wir vom Fluß fortzogen?“
„Freilich.“
„Siehst du, wir glaubten, es käme bald ein anderer Fluß -- aber er
kam nicht. Ich weiß nicht, waren die Karten falsch oder der Kompaß,
oder woran lag es. Das Wasser ging uns aus; nur für dich war noch ein
Tröpfchen da -- und --“
„Du konntest dich gar nicht waschen,“ sagte sie, ihm ernsthaft in das
dunkle Gesicht blickend.
„Nein, und auch nicht trinken. Herr Bender sank zuerst um, und dann
der Indianerpeter, dann Frau Gregor, dann Johanny Hones, und dann,
Herzchen, auch deine Mutter.“
„Ist Mutter auch tot?“ Die Kleine verbarg ihr Gesichtchen in der
Schürze und schluchzte bitterlich.
„Ja, alle außer uns beiden. Ich hoffte, in dieser Richtung würde Wasser
zu finden sein, so lud ich dich denn auf die Schulter und wanderte fort
mit dir. Aber es hat nichts genützt und jetzt weiß ich keine Hilfe
mehr.“
Das Kind hörte plötzlich auf zu weinen.
„Du meinst, wir werden auch sterben?“ fragte es, die nassen Augen zu
ihm aufschlagend.
„Dazu wird’s wohl kommen.“
„Warum hast du denn das nicht gleich gesagt?“ rief die Kleine, und
lachte hell auf. „Du hast mich so erschreckt. Natürlich kommen wir
wieder zur Mutter, wenn wir sterben.“
„Du gewiß, Herzchen.“
„Und du auch. Ich will ihr sagen, wie schrecklich gut du gewesen bist.
Sie kommt uns gewiß am Himmelsthor entgegen mit einem großen Krug
Wasser und frisch gebackenen Buchweizenkuchen, heiß und knusperig, wie
sie Bertel und ich gern haben. Wie lange müssen wir noch warten?“
„Ich weiß nicht -- nur kurze Zeit.“ Der Blick des Mannes war nach dem
nördlichen Horizont zugewendet, wo in der blauen Luft drei dunkle
Punkte schwebten, die jeden Augenblick an Umfang zunahmen. Jetzt
erkannte man, daß es drei große Vögel mit braunem Gefieder waren, die
über den Häuptern der Wanderer kreisten und sich dann auf den nächsten
Felsspitzen niederließen. Es waren Bussarde, die Geier des Westens und
Vorboten des Todes.
Die Kleine klatschte in die Hände. „Die können aber schön fliegen,“
rief sie fröhlich. „Sag mal, hat denn der liebe Gott dies Land gemacht?“
„Versteht sich,“ erwiderte ihr Gefährte, verwundert über die Frage.
„Er hat Illinois gemacht und Missouri, das weiß ich,“ fuhr das Kind
fort. „Aber diese Gegend ist lange nicht so hübsch, die hat gewiß
jemand anders geschaffen und dabei das Wasser und die Bäume vergessen.“
„Willst du nicht jetzt dein Gebet sagen?“ -- Die Stimme des Mannes
zitterte.
„Soll ich? -- Es ist ja noch nicht Abend.“
„Das thut nichts. Wenn’s auch nicht die richtige Zeit ist, glaub’ nur,
Gott hört dich doch. Sag’ dein Nachtgebet her, wie jeden Abend im
Wagen, als wir über die Prairie fuhren.“
„Warum betest du denn nicht selbst?“ fragte die Kleine verwundert zu
ihm aufschauend.
[Illustration]
„Ich weiß nicht mehr wie -- es ist so lange her, seit ich’s gethan, ich
hab’ die Worte vergessen. Sag’ du sie mir vor und ich bete mit -- noch
ist’s nicht zu spät.“
„Dann mußt du niederknieen und ich auch,“ sagte sie, und breitete den
Shawl auf die Erde. „Du mußt auch die Hände falten -- so -- du wirst
sehen, wie gut das thut.“
Neben einander knieten sie am Boden, das kleine plaudernde Kind und der
wetterharte Wanderer. Ihr Unschuldsblick und sein abgezehrtes Antlitz
waren nach oben gerichtet, zu dem wolkenlosen Himmel. Vor Gottes
Angesicht flehten sie um Gnade und Vergebung. Der Ton seiner tiefen,
rauhen Stimme mischte sich in den hellen Klang der ihrigen. Nachdem das
Gebet gesprochen war, nahmen sie wieder Platz im Schatten der Felswand
und bald schlummerte die Kleine sanft ein, an die breite Brust ihres
Beschützers geschmiegt. Seit drei Tagen und Nächten hatte er sich
weder Ruhe noch Rast gegönnt, auch jetzt wollte er bei ihr wachen,
aber die Natur forderte ihr Recht. Langsam fielen ihm die müden Augen
zu, das Haupt sank ihm auf die Brust, sein grauer Bart mischte sich
mit den blonden Locken des Kindes und beide lagen zusammen in tiefem,
traumlosem Schlummer da.
Wäre der Wanderer noch eine halbe Stunde länger wach geblieben, er
hätte ein seltsames Schauspiel erblickt. An dem äußersten Rande der
großen Alkaliwüste stieg eine Staubwolke auf, die sich zuerst kaum von
dem Dunst der Ferne unterschied, bis sie allmählich höher und breiter
wurde und eine dichte, undurchsichtige Masse bildete. Die Wolke wuchs
und wuchs, bis kein Zweifel mehr war, daß sie nur durch eine ungeheure
sich bewegende Menge Menschen oder Tiere entstanden sein könne. Auf der
Prairie würde man geglaubt haben, eine der großen Büffelherden, die
dort grasen, sei im Anzug, aber hier, in dieser dürren Wüstengegend,
war an dergleichen nicht zu denken. Immer näher an die einsame
Felswand, wo die beiden Verschmachtenden ruhten, kam der Staubwirbel
herangezogen; jetzt unterschied man Fuhrwerke mit leinenem Verdeck, und
die Gestalten bewaffneter Reiter tauchten aus dem Dunst hervor. Es war
eine Karawane, die nach dem Westen wanderte. Welch ein gewaltiger Zug!
-- Als die Spitze desselben das Gebirge erreicht hatte, war am Horizont
das Ende noch nicht abzusehen. Quer durch die weite Ebene erstreckte
sich die lange Linie von Wagen und Karren, Reitern und Fußgängern.
Große Scharen von Frauen schwankten daher unter Lasten, die sie trugen,
und Kinder trabten neben den Fuhrwerken oder guckten unter der weißen
Leinwand hervor. Das konnte kein Trupp gewöhnlicher Auswanderer sein,
es war ein ganzes Nomadenvolk, welches Not oder Verfolgung zwang, sich
eine neue Heimat zu suchen. Lautes Stimmengewirr und Getöse erhob sich
aus der Menschenmenge, dazwischen knarrten die Räder und die Rosse
wieherten. Aber die beiden müden Wanderer oben am Felsenabhang weckte
der Lärm nicht auf.
An der Spitze der Kolonne ritten etwa zwanzig ernste Männer mit
eisenharten Zügen. Sie waren mit Flinten bewaffnet und in grobe Stoffe
gekleidet. Am Fuß der Felswand machten sie Halt und versammelten sich
zu einem Kriegsrat.
„Die Quellen liegen zur Rechten, meine Brüder,“ sagte ein Mann mit
glattem Gesicht und kurz geschorenem, grauem Haupthaar.
„Ja, rechts von der Sierra Blanca -- das ist auch der Weg nach dem Rio
Grande,“ versetzte ein anderer.
„Fürchtet keinen Mangel!“ rief ein Dritter. „Der Herr ließ einst Wasser
aus dem Felsen fließen; er wird seine Auserwählten auch jetzt nicht
verlassen.“
„Amen, Amen!“ fiel die ganze Schar ein. Eben wollten sie die Wanderung
fortsetzen, als einer der Jüngsten einen Ruf der Überraschung ausstieß
und nach einer Felsklippe deutete, auf welcher sein scharfes Auge etwas
Rotes flattern sah, das sich grell von dem dunkeln Gestein abhob.
Wie auf Kommando faßten alle die Zügel ihrer Rosse fester und nahmen
die Gewehre von der Schulter. Auch galoppierten von hinten neue
Reiterscharen herbei, um den Vortrab zu verstärken. „Die Rothäute!“
schallte es aus aller Munde.
„Es können keine Indianer hier in der Nähe sein,“ sagte der ältere
Mann, welcher den Oberbefehl zu haben schien. An den Pawnees sind wir
schon vorbeigekommen und andere Stämme giebt es hier nicht, bis wir
jenseits der hohen Berge sind.“
„Ich will hinaufsteigen, Bruder Stangerson,“ schlug einer aus der Schar
vor, „und nachsehen, was es bedeutet.“
„Ich auch -- ich auch,“ riefen mehrere Stimmen.
„Laßt eure Pferde unten, wir wollen hier auf euch warten,“ gebot der
Alte. Schnell stiegen die jungen Männer ab, banden ihre Pferde fest und
kletterten die steile Anhöhe hinauf, rasch und geräuschlos, mit der
Sicherheit und Geschicklichkeit geübter Kundschafter. Die Leute in der
Ebene sahen ihre Gestalten, die sich klar gegen den Himmel abhoben, von
Fels zu Fels aufwärts steigen. Jetzt hatten sie die Stelle erreicht. Es
mußte wohl ein seltsamer Anblick sein, der sich ihnen bot -- sie hoben
ihre Arme in die Höhe und gaben auch sonst durch allerlei Zeichen die
höchste Verwunderung zu erkennen.
Auf der Platte, die den Gipfel des kahlen Hügels krönte, erhob sich
ein einziger Felskegel; an diesem lehnte ein Mann mit langem Bart und
verwittertem Gesicht; seine tiefen, regelmäßigen Atemzüge zeigten,
daß er in festem Schlafe lag. Neben ihm aber, die Ärmchen um seinen
braunen, sehnigen Hals geschlungen, den goldenen Lockenkopf an seine
Brust gebettet, ruhte ein schlummerndes Kind. Die rosigen Lippen der
Kleinen waren halb geöffnet, und um ihre lieblichen Züge spielte ein
friedliches Lächeln.
Drei Raubvögel, die auf der Felsenspitze über ihnen gesessen hatten,
flogen erschreckt auf, als sie der neuen Ankömmlinge ansichtig wurden.
Ihr heiseres Geschrei weckte die Schläfer, die verwirrt um sich
blickten. Der Mann richtete sich schlaftrunken auf und starrte in die
Ebene hinunter, die noch vor kurzem so verödet gewesen war und auf der
es jetzt wimmelte von Menschen und Tieren. „Ein Fieberwahn,“ murmelte
er, die Hand an die Stirn legend. Das Kind stand neben ihm, hielt sich
an seinem Rock fest und sah mit großen, verwunderten Augen umher.
Den Rettern gelang es schnell, die beiden Wanderer zu überzeugen, daß,
was sie sahen, keine Täuschung ihrer Sinne, sondern Wirklichkeit sei.
Einer der jungen Leute hob das kleine Mädchen auf seine Schulter,
während zwei andere ihrem hageren Gefährten stützend unter die Arme
griffen.
[Illustration]
„Mein Name ist John Ferrier,“ sagte der Gerettete; „ich und die Kleine
hier, wir sind die einzig Ueberlebenden von einundzwanzig Personen.
Alle übrigen sind auf dem Wege vom Süden her vor Hunger und Durst
verschmachtet.“
„Ist es Ihr Kind?“ fragten die, welche ihn führten.
„Ja, mir gehört es,“ rief er mit entschlossener Miene, „ich habe es
gerettet. Von heute an heißt die Kleine Lucy Ferrier und niemand, außer
mir, hat ein Recht an sie. -- Wer seid denn aber ihr?“ fuhr er fort,
seine mannhaften, sonnverbrannten Retter neugierig betrachtend, „das
sind ja ganz endlose Schwärme, die da herangezogen kommen.“
„Fast zehntausend,“ versetzte einer der jungen Leute. „Wir sind die
verfolgten Kinder Gottes, die Auserwählten des Engels Merona.“
„Von dem habe ich noch nie gehört,“ meinte der Wanderer. „Eine schöne
Masse Menschen hat er auserwählt.“
„Scherze nicht über heilige Dinge,“ sagte der andere streng. „Du
siehst vor dir das Volk, welches an die geoffenbarten Schriften
glaubt, die auf goldenen Tafeln dem heiligen Josef Smith in Palmyra
übergeben wurden. Im Staate Illinois in Nauvoo hatten wir unsern
Tempel gegründet. Jetzt sind wir ausgezogen, um vor den gottlosen und
gewaltthätigen Menschen eine neue Zufluchtsstätte zu suchen, und wenn
es auch mitten in der Wüste wäre.“
Die Erwähnung von Nauvoo schien bei John Ferrier eine Erinnerung zu
wecken. „O, jetzt verstehe ich,“ rief er, „seid ihr nicht die Mormonen?“
„Jawohl, die Mormonen sind wir,“ riefen alle einstimmig.
„Und wohin geht ihr?“
„Das wissen wir nicht. Die Hand Gottes führt uns durch unsern
Propheten. Wir bringen euch zu ihm; er muß entscheiden, was mit euch
geschehen soll.“
Sie hatten inzwischen den Fuß des Hügels erreicht, wo die Pilger sie
umdrängten -- bleiche Frauen mit demütiger Miene, muntere, kräftige
Kinder und ernste Männer. Die große Jugend des Mädchens und die
völlige Erschöpfung ihres Begleiters entlockte der Menge Ausrufe der
Verwunderung und des Mitleids. Von neugierigen Scharen geleitet,
schritten die Führer der Geretteten unverweilt vorwärts, bis sie einen
Wagen erreichten, der sich durch besondere Größe und prächtige Zierate
vor allen andern auszeichnete. Auch war er mit sechs Pferden bespannt,
während die andern nur zwei oder höchstens vier hatten. Auf dem
Wagen saß ein Mann von etwa dreißig Jahren, mit gewaltigem Haupt und
entschlossenem Blick -- der Führer des Volkes. Er las in einem Buch mit
braunem Einband, das er bei dem Herannahen der Menge beiseite legte,
um dem Bericht über das Ereignis ein aufmerksames Ohr zu leihen. Dann
wandte er sich in feierlichem Ton an die beiden Wanderer.
„Wenn wir euch mit uns nehmen sollen,“ sagte er, „so müßt ihr auch
unsern Glauben bekennen. Wir dulden keine Wölfe in unserer Hürde.
Weit besser, eure Gebeine bleichen hier in der Wüste, als daß ihr wie
räudige Schafe die Ansteckung in die ganze Herde traget. Wollt ihr
unter dieser Bedingung mit uns ziehen?“
„Ich ziehe mit, unter jeder Bedingung, die ihr stellt,“ rief Ferrier
mit solchem Eifer, daß die Ältesten ein Lächeln nicht unterdrücken
konnten. Der Anführer allein bewahrte sein ernstes, feierliches Wesen.
„Nimm ihn mit, Bruder Stangerson,“ befahl er, „gieb ihm Speise und
Trank, dem Kinde auch. Es soll deine Aufgabe sein, ihn in unserer
heiligen Lehre zu unterweisen. -- Doch jetzt haben wir lange genug
gezögert. Vorwärts. Auf nach Zion!“
„Auf, nach Zion!“ riefen die Mormonen im Chor, und der Ruf pflanzte
sich in der langen Karawane von Mund zu Mund fort, bis nur noch ein
dumpfes Gemurmel aus der Ferne herüberklang. Die Peitschen knallten,
die Räder der großen Fuhrwerke setzten sich in Bewegung und bald zog
die ungeheure Schar wieder ihres Weges dahin. Der Aelteste, der die
Sorge für die beiden Verirrten übernommen hatte, führte sie zu seinem
Wagen, wo ihrer schon eine Mahlzeit wartete.
„Ihr dürft hier bleiben,“ sagte er. „In wenigen Tagen werdet ihr euch
von euren Anstrengungen erholt haben. Vergeßt aber nicht, daß ihr euch
von jetzt an zu den Bekennern unseres Glaubens zählt. Brigham Young hat
es gesagt und aus ihm hat die Stimme Josef Smiths geredet, welche die
Stimme Gottes ist.“
Neuntes Kapitel
Die Blume von Utah.
Dies ist nicht der Ort, um die Drangsale und Beschwerden zu schildern,
welche die ausgewanderten Mormonen zu erdulden hatten, bevor sie ihren
neuen Zufluchtshafen erreichten. Von den Ufern des Mississippi waren
sie nach den westlichen Abhängen des Felsengebirges gezogen, und
hatten dabei eine Ausdauer und Zähigkeit bewiesen, die einzig in der
Geschichte dasteht. Gegen reißende Tiere und feindliche Wilde, gegen
allerlei Mühsal, Krankheit, Hunger, Durst und jedes Hindernis, das die
Elemente ihnen in den Weg legten, hatten sie siegreich gestritten,
obwohl unter den Schrecknissen der langen Wanderung auch dem Mutigsten
bange ums Herz geworden sein mochte. Als endlich das weite Thal von
Utah im Sonnenschein zu ihren Füßen ausgebreitet lag, und sie aus
dem Munde des Führers vernahmen, daß es das Land der Verheißung sei,
der jungfräuliche Boden, welcher ihnen auf ewige Zeiten zu eigen
gehören solle, da gab es wohl keinen unter der großen Schar, der nicht
freudig auf die Knie gesunken wäre, um ein Dankgebet für seine Rettung
emporzusenden.
Brigham Young zeigte bald in der Verwaltung der Ländereien ebensoviel
Geschick, als er bei der Führung des Volkes bewiesen. Er ließ
Vermessungen vornehmen und Pläne entwerfen, auf welchen die künftige
Stadt verzeichnet war. Ringsumher wurde Ackerland abgesteckt und jedem,
ohne Rücksicht auf Rang und Stand, zugeteilt. Der Arbeiter erhielt
Beschäftigung in seinem Handwerk, der Handelsmann in seinem Gewerbe.
In der Stadt entstanden wie durch Zauberschlag Straßen und Plätze;
auf dem Lande wurden Bäume gefällt, Wiesen entwässert, eingezäunt
und bepflanzt, so daß schon im nächsten Sommer der goldene Weizen
auf den Feldern wogte. Alles gedieh in der wunderbaren Ansiedlung.
Mitten in der Stadt wurde der große Tempel erbaut, welcher einen
immer erstaunlicheren Umfang annahm. Vom ersten Morgengrauen bis zur
sinkenden Dämmerung waren dort Hammer und Säge unermüdlich beschäftigt,
denn es galt ja, ein Denkmal zu errichten zu Ehren dessen, der sie
durch alle Gefahren sicher geleitet hatte.
John Ferrier und seine kleine Schicksalsgefährtin, die er an
Kindesstatt angenommen, hatten die Mormonen bis ans Ende ihrer
Pilgerfahrt begleitet. Die kleine Lucy war unterwegs keinen allzugroßen
Fährlichkeiten ausgesetzt gewesen. Sie durfte den Zug in dem Wagen
des Aeltesten Stangerson mitmachen, in welchem sich außer ihr noch die
drei Frauen des Mormonen befanden und sein Sohn, ein eigenwilliges,
zwölfjähriges Bürschchen. Mit leichtem Kindersinn hatte sie sich
schnell von dem Kummer erholt, den ihr der Mutter Tod bereitet. Sie
wurde der Liebling der Frauen und gewöhnte sich bald an das neue
Leben unter dem beweglichen Leinwandzelt. Auch Ferrier erholte sich
nach kurzer Zeit von den ausgestandenen Beschwerden; er wußte sich
als erfahrener Führer und unermüdlicher Jäger seinen neuen Gefährten
nützlich zu machen und ihre Achtung zu erwerben. Als man das Ziel der
Wanderung endlich erreicht hatte, wurde ihm ein ebenso großes und
fruchtbares Ackerland zugewiesen wie allen übrigen Ansiedlern. Außer
Brigham Young selbst erhielten nur die vier Hauptältesten Stangerson,
Kemball, Johnston und Drebber ansehnlichere Besitztümer.
Auf dem ihm zugefallenen Strich Landes baute sich John Ferrier ein
festes Blockhaus, das er im Laufe der Jahre vergrößerte, bis es ein
geräumiger Landsitz wurde. Er war eine durchaus praktische Natur,
geschickt zu jedem Handgriff, klug und besonnen in allem, was er
unternahm. Eine eiserne Gesundheit setzte ihn in den Stand, von früh
bis spät thätig zu sein beim Anbau seines Grund und Bodens. Dieser
angestrengte Fleiß brachte ihm reichliche Früchte, und sein Hab und Gut
mehrte sich zusehends.
Nach Ablauf von drei Jahren besaß er mehr als seine Nachbarn, nach
sechs Jahren war er wohlhabend, nach neun Jahren reich, und als zwölf
Jahre um waren, gab es in der ganzen Stadt am Salzsee kaum ein Dutzend
Leute, die sich mit ihm vergleichen konnten. Von dem großen Binnensee
bis zu dem Wahsatch-Gebirge kannte und schätzte man John Ferriers Namen
allgemein.
Einen Punkt gab es jedoch, in welchem er den Anforderungen seiner
Glaubensbrüder nicht genügte. Kein Drängen und keine Ueberredungskunst
konnte ihn bewegen, sich einen weiblichen Hausstand nach Art seiner
Gefährten einzurichten. Er gab für seine hartnäckige Weigerung keine
Gründe an, sondern begnügte sich damit, unerschütterlich bei seinem
Entschluß zu verharren. Manche beschuldigten ihn deshalb der Lauheit
gegen die Religionsgemeinschaft, der er beigetreten war, andere
meinten, er handle aus Habgier und wünsche die Kosten zu sparen.
Wieder andere sprachen von einer früheren Liebesgeschichte, und
sagten, er habe im Osten ein blondes Mädchen zurückgelassen, das er
nicht vergessen könne. +Eins+ nur war sicher -- Ferrier blieb ein für
allemal unvermählt. In jeder andern Hinsicht unterwarf er sich aber den
herrschenden Gebräuchen und galt für ein strenggläubiges Mitglied der
jungen Ansiedlung.
Lucy Ferrier wuchs in dem Blockhaus auf und half ihrem Pflegevater bei
allen seinen Unternehmungen. Das Kind gedieh in der scharfen Bergluft
und den balsamischen Fichtenwäldern besser, als wenn es die Pflege der
besorgtesten Mutter und Wärterin genossen hätte. Wie die Jahre flohen,
wurde ihre Gestalt schlanker und kräftiger, ihre Wangen röteten sich,
ihr Schritt gewann an Elastizität; allmählich und unmerklich hatte sich
die Knospe zur Blume entfaltet. Mancher Wanderer, den sein Weg auf
der Landstraße an Ferriers Besitztum vorbeiführte, sah dem anmutigen
Mädchen mit Wohlgefallen nach, wenn sie durch die Weizenfelder schritt
oder auf ihres Vaters Mustang einhergeritten kam, den sie leicht und
sicher zu regieren verstand, wie ein echtes Kind des Westens.
Zur Zeit, als John Ferrier für den reichsten Farmer an den westlichen
Abhängen des Felsengebirges galt, war Lucy zur Jungfrau erblüht;
unversehens hatte sie die Schwelle der Kindheit überschritten, und
nun kam auch für sie der Tag, an dem sie das Erwachen eines neuen,
schöneren Lebens in ihrem Innern mit Stolz und Freude empfand. Ein
Ereignis trat ein, das nicht nur für Lucys Zukunft von den wichtigsten
Folgen war, sondern auch auf das Schicksal vieler anderer einen
entscheidenden Einfluß übte.
An einem warmen Junimorgen waren die ‚Heiligen des Jüngsten Tages‘ nach
ihrer Gewohnheit geschäftig wie die Bienen, die sie sich zum Vorbild
erwählt haben. Ueberall auf den Feldern und in den Werkstätten vernahm
man das Gewirr und Gesumme menschlicher Thätigkeit. Auch auf den
staubigen Landstraßen herrschte ein buntes Leben; dort trabten lange
Züge schwerbeladener Maultiere einher, die alle nach dem Westen zogen,
denn das Goldfieber war in Kalifornien ausgebrochen und wer zu Lande
dorthin wollte, den führte sein Weg an der Stadt ‚der Auserwählten‘
vorbei. Zugleich mit den Scharen dieser Einwanderer, die sich mit ihren
ermatteten Tieren mühsam weiter schleppten auf der endlosen Fahrt,
begegnete man großen Herden von Schafen und Jungvieh, welche die ferner
gelegenen Weideplätze verlassen hatten.
Auf der Straße war ein dichtes Gedränge von Menschen und Tieren
entstanden, aber mitten durch das Gewühl hindurch galoppierte Lucy
Ferrier, sich als geschickte Reiterin einen Weg bahnend; ihre Wangen
waren gerötet von der raschen Bewegung, ihre kastanienbraunen Locken
flogen im Winde. Der Vater hatte sie mit einem Auftrag nach der
Stadt geschickt, und sie jagte in jugendlichem Mute, wie sie schon
so oft gethan, furchtlos dahin, um ihn auszurichten. Mehr als einer
der wegemüden Abenteurer blickte dem kühnen Mädchen bewundernd nach;
ja, selbst der stoische Indianer, der mit seinem erbeuteten Pelzwerk
beladen heimkehrte, ward von Staunen ergriffen über die Schönheit des
lieblichen Bleichgesichts.
[Illustration]
Schon hatte Lucy die ersten Häuser der Stadt erreicht, als eine große
Rinderherde, die in der Hut ihrer wildblickenden Treiber von der
Steppe daherzog, ihr plötzlich den Weg versperrte. Ungeduldig über
dies Hindernis, sprengte sie in die erste beste Lücke hinein, die sich
zu öffnen schien. Kaum aber hatte sie das gethan, als die gehörnten
Scharen hinter ihr nachdrängten und sie sich mit ihrem Pferde fest
eingekeilt sah in dem unaufhaltsam vorwärts flutenden Strome. Ohne
über ihre Lage zu erschrecken, benutzte sie geschickt jeden Vorteil,
der sich ihr bot, um weiter zu kommen, und trieb ihr Pferd an, in
der Hoffnung, sich einen Weg durch die Herde zu bahnen. Dabei geriet
jedoch ein junger, feuriger Stier in allzu nahe Berührung mit dem
Mustang und stieß seine Hörner in dessen Weichen. Das Pferd ward
wild, stieg auf die Hinterbeine, schnaubte und schüttelte sich mit
solcher Heftigkeit, daß Lucy ihre ganze Kunst anwenden mußte, um sich
im Sattel zu halten. Die Gefahr, in der sie schwebte, war groß, bei
jedem Sprunge stieß das Pferd wieder gegen die spitzigen Hörner und
wurde zu neuer Wut gereizt. Wenn es seine Reiterin abwarf, wäre diese
ohne Erbarmen von den Hufen der ungefügen, erschreckten Stiere zu Tode
getreten worden. Der aufgewirbelte Staub drohte sie zu ersticken,
ein Schwindel ergriff sie, und schon begann ihre Hand, die den Zügel
hielt, zu erlahmen. Die Kraft würde ihr versagt haben, wenn nicht in
diesem Augenblick ein herzhafter Zuruf dicht neben ihr sie mit neuem
Mut erfüllt hätte. Eine braune, sehnige Faust ergriff den Mustang beim
Zaume und machte ihm Bahn mitten durch die Herde, bis er wieder freien
Spielraum vor sich sah und sich ungehindert bewegen konnte.
„Ich hoffe, Sie haben keinen Schaden genommen, Fräulein,“ sagte Lucys
Retter in ehrfurchtsvollem Ton.
Sie sah ihm beherzt in das dunkle, kühne Antlitz und erwiderte
unbefangen. „Einen furchtbaren Schrecken habe ich gehabt, wer hätte
auch denken können, Poncho würde sich von einer Herde Ochsen ins
Bockshorn jagen lassen.“
„Gottlob, daß Sie sich fest im Sattel hielten,“ sagte der andere
ernst. Er war ein junger Bursche von kräftigem Gliederbau und etwas
verwildertem Aeußern, trug ein grobes Jägerwams, eine lange Büchse über
der Schulter und ritt auf einem mächtigen Braunfuchs.
„Sie sind wohl John Ferriers Tochter,“ fuhr er fort, „ich sah Sie unten
von seinem Hause wegreiten. Fragen Sie ihn doch einmal, ob er sich noch
an Jefferson Hope aus St. Louis erinnert. Wenn er der Ferrier ist, den
ich meine, müssen mein Vater und er gute Freunde gewesen sein.“
„Wollen Sie nicht lieber kommen und ihn selbst danach fragen?“
entgegnete sie mit freundlicher Miene.
Dem jungen Manne schien der Vorschlag zu behagen, seine dunklen Augen
glänzten vor Vergnügen. „Das will ich thun,“ sagte er; „ich bin zwar
jetzt mit meinen Kameraden zwei Monate im Gebirge gewesen, da sehen wir
nicht gerade besuchsmäßig aus, vielleicht nimmt Herr Ferrier aber mit
uns fürlieb wie wir sind.“
„Mein Vater ist Ihnen großen Dank schuldig,“ erwiderte sie, „und ich
gleichfalls. Er hat mich sehr lieb, und wenn mich die Tiere zu Boden
getreten hätten, wäre er nie wieder froh geworden.“
„Ich auch nicht,“ versicherte der Jäger.
„Sie? -- Ja, was sollten Sie sich denn groß darum kümmern? Sie gehören
ja nicht einmal zu unsern Freunden.“
Die Miene des jungen Mannes verfinsterte sich so sichtlich, als Lucy
Ferrier diese Aeußerung that, daß sie hell auflachte.
„Nein, so meine ich das nicht; natürlich sind Sie jetzt ein Freund
unseres Hauses. Kommen Sie nur recht bald uns zu besuchen. Doch ich muß
weiter, sonst läßt mich Vater nie wieder ein Geschäft für ihn besorgen.
Auf Wiedersehen!“
„Auf Wiedersehen,“ sagte er, sich über ihre kleine Hand beugend, und
nahm seinen breiten Sombrero ab. Sie ließ ihren Mustang eine kühne
Schwenkung machen, versetzte ihm einen leichten Schlag mit der Peitsche
und flog davon, die Landstraße hinunter, eine hohe Staubwolke hinter
sich aufwirbelnd.
Der junge Jefferson Hope ritt mit seinen Gefährten langsam und
schweigend weiter. Sie waren im Gebirge von Nevada gewesen, um nach
Silber zu suchen, und kamen jetzt in die Salzseestadt zurück, mit der
Hoffnung, dort ein Kapital zusammenzubringen, um die Erzgänge ausbeuten
zu können, welche sie entdeckt hatten. Er war voll Eifer für das
Unternehmen gewesen, bis das heutige Erlebnis seinen Gedanken eine
andere Richtung gab. Der Anblick des schönen jungen Mädchens, das so
frisch und frei war wie die Luft im Gebirge, hatte sein ungestümes,
leidenschaftliches Herz bis in die innersten Tiefen erregt. Als sie
ihm aus den Blicken entschwunden war, wußte er, daß ein Wendepunkt in
seinem Leben eingetreten sei, und daß weder die Silbermine noch sonst
etwas auf der Welt für ihn von Bedeutung war, neben dem neuen, ihn ganz
beherrschenden Gefühl. Die Liebe, die in seinem Innern erwachte, glich
nicht der plötzlichen und veränderlichen Laune eines Knaben, es war die
wilde, unbezwingbare Leidenschaft eines Mannes von stolzem Sinn und
starkem Willen. Alles was er bisher unternommen hatte, war von Erfolg
gekrönt gewesen. In seinem Herzen gelobte er sich, auch dies höchste
Gut zu erringen, wenn es für sein feuriges Streben irgend erreichbar
war.
Noch am selben Abend besuchte er John Ferrier und ward seitdem ein
häufig gesehener Gast in seinem Hause. Der alte Farmer war in den
letzten zwölf Jahren ausschließlich mit seiner Arbeit beschäftigt
gewesen und hatte sich wenig um die Außenwelt gekümmert. Durch
Jefferson Hope erhielt er nun Kunde von dem, was sich draußen
zugetragen, und alles, was dieser erzählte, zog Lucy ebenso sehr an,
wie ihren Vater. Der junge Mann war als Pionier nach Kalifornien
gegangen und wußte seltsame Dinge davon zu berichten, wie Reichtümer
gewonnen und wieder verloren wurden in jenen Tagen wilder Begierde.
Auch Pfadfinder war er gewesen und Pelzjäger, Silbergräber und
Landwirt. Wo es galt, kühne Abenteuer zu bestehen, war Jefferson Hope
überall als einer der ersten zu finden. Der alte John Ferrier, dem er
bald lieb und wert wurde, ergriff jede Gelegenheit, um Gutes von ihm
zu reden und ihm Lob zu spenden. Lucy schwieg dann meist still, aber
ihre glühenden Wangen und hellen, glückstrahlenden Augen verrieten nur
zu deutlich, daß die Liebe in ihrem Herzen Einzug gehalten hatte. Ihr
wackerer Vater gewahrte vielleicht nichts von solchen Anzeichen, aber
dem Manne, welcher das holde Mädchen für sich zu gewinnen trachtete,
blieben sie nicht verborgen.
An einem Sommerabend stand Lucy auf der Schwelle des Hauses und sah
Jefferson die Straße herabreiten und am Gitterthor halten. Als sie die
Stufen hinunter eilte, um ihn zu begrüßen, band er rasch sein Pferd an
den Zaun, und kam ihr auf dem Fußsteig entgegen.
„Ich muß fort, Lucy,“ sagte er, ihre Hand ergreifend und ihr zärtlich
ins Auge blickend. „Ich will dich nicht bitten, mir schon jetzt
zu folgen, wirst du aber bereit sein, mit mir zu ziehen, wenn ich
zurückkehre?“
[Illustration]
„Und wann wird das sein?“ fragte sie mit freudigem Erröten.
„In einigen Monaten. Dann komme ich, Geliebte, und bitte um deine Hand.“
„Was wird aber der Vater sagen?“
„Er hat seine Einwilligung gegeben, wenn es uns mit den Silberminen
glückt. Davor ist mir nicht bange.“
„Nun, wenn ihr darüber eines Sinnes seid, der Vater und du, so darf ich
keinen Einspruch erheben,“ flüsterte sie und barg ihre glühenden Wangen
an seiner starken Brust.
„Gottlob!“ rief er beglückt, und drückte ihr einen innigen Kuß auf die
Lippen, „soweit ist alles gut. Lebe wohl, mein Herz, ich darf nicht
länger bleiben, sonst wird mir das Scheiden zu schwer. Die Kameraden
warten auf mich in der Bergschlucht. In zwei Monaten sehen wir uns
wieder. Lebe wohl!“
Er riß sich aus ihrer Umarmung, sprang in den Sattel und trabte mit
Windeseile davon. Nicht einen Blick warf er noch zurück, als fürchte
er, die Kraft möchte ihm versagen, wenn er sich noch einmal umschaute
nach dem Glück, welches er verließ. Sie blieb am Gitterthor stehen und
sah ihm nach, bis er ihren Augen entschwunden war. Dann kehrte sie ins
Haus zurück. Ein glückseligeres Mädchen als Lucy Ferrier gab es in
jenem Abend in ganz Utah nicht.
Zehntes Kapitel.
John Ferrier spricht mit dem Propheten.
Drei Wochen waren vergangen, seit Jefferson Hope mit seinen Gefährten
die Salzseestadt verlassen hatte. Bei dem Gedanken an seine Rückkunft
und den Abschied von der geliebten Pflegetochter wollte John
Ferrier das Herz wohl oft schwer werden; aber ein Blick in ihre
glückstrahlenden Augen ließ ihn das eigene Leid vergessen. Er hatte von
jeher fest bei sich beschlossen, daß ihn nichts in der Welt bewegen
sollte, sein Kind einem Mormonen zur Frau zu geben, weil er eine solche
Ehe als Schmach und Schande ansah. Was er auch sonst über die Lehren
der Mormonen denken mochte, in diesem +einen+ Punkt war er unbeugsam.
Doch hütete er sich wohl, etwas von seiner abweichenden Ueberzeugung
verlauten zu lassen, denn im Lande der Heiligen galt es damals für ein
gefährliches Ding, andere, als die strenggläubigsten Meinungen zu hegen.
Selbst die Frömmsten wagten es nur mit der größten Vorsicht, über
religiöse Angelegenheiten zu reden, aus Furcht, eins ihrer Worte
möchte falsch ausgelegt werden und ein schnelles Strafgericht über
sie heraufbeschwören. Die ehemaligen Opfer der Verfolgung waren
jetzt selbst zu Verfolgern geworden und betrieben ihr Handwerk
auf entsetzliche Art. Weder die spanischen Inquisitoren, noch die
Vehmgerichte des Mittelalters oder die geheimen Gesellschaften
Italiens, besaßen je eine so furchtbare Gewalt, wie sie hier in Utah
herrschte und die Gemüter mit Angst und Grauen erfüllte.
Daß diese Herrschaft eine so unsichtbare und geheimnisvolle war, machte
sie noch gefürchteter. Sie schien allwissend und allmächtig, und doch
war nichts von ihr zu sehen und zu hören. Ein Gemeindeglied, das
sich dem Willen der Kirche nicht fügte, verschwand spurlos, ohne daß
irgend jemand erfuhr, was aus ihm geworden sei. Daheim warteten die
Seinigen auf den Vater, aber er kehrte nicht zu Weib und Kind zurück,
um zu erzählen, was das heimliche Gericht über ihn verhängt habe. Auf
ein rasches Wort, eine vielleicht unbedachte That folgte oft Tod und
Vernichtung, aber niemand wußte, wann das Verhängnis über ihm schwebte
oder wessen Hand die Strafe vollzog.
Anfangs sahen sich nur die Abtrünnigen bedroht, welche den Glauben
der Mormonen bekannt hatten, sich aber später von ihnen loszumachen
strebten. Dies ward jedoch bald anders. Um die Vielweiberei aufrecht zu
erhalten, bedurfte man einer zahlreichen weiblichen Bevölkerung und
der Zuzug von Frauen begann abzunehmen. Es gingen seltsame Gerüchte um,
daß Einwanderer auf dem Zuge ermordet worden seien und ihre Lagerplätze
ausgeplündert, in Gegenden, wohin keine Indianer je den Fuß gesetzt
hatten. Zur selben Zeit sah man in den Harems der Aeltesten fremde
Frauen auftauchen, welche trostlos weinten und dahinsiechten, im
Antlitz den Ausdruck untilgbaren Entsetzens.
Verspätete Wanderer im Gebirge erzählten von Banden bewaffneter und
vermummter Gestalten, die geräuschlos und verstohlen im Dunkel an ihnen
vorübergehuscht waren. Die zuerst unbestimmten Gerüchte traten bald in
greifbarer Form und mit größerer Gewißheit auf; sie wurden von allen
Seiten bestätigt und geglaubt. Bis auf den heutigen Tag spricht man
in den abgelegenen Farmhäusern des Westens noch mit Grausen von den
Danitischen Banden, die im Volksmunde auch ‚Würgengel‘ genannt wurden.
Je mehr man von dem Walten dieser Schrecklichen erfuhr, um so größer
ward das Entsetzen vor ihnen in den Gemütern. Man wußte nicht, wer zu
der greuelvollen Gesellschaft gehörte; die Namen derer, welche unter
dem Deckmantel der Religion ihre blutigen Gewaltthaten verübten,
blieben in undurchdringliches Dunkel gehüllt. Dem besten Freunde
selbst durfte man seine etwaigen Zweifel an der Sendung des Propheten
nicht anvertrauen, denn leicht konnte er zu der Zahl der Rächer
gehören, welche in nächtlichem Graus Vergeltung zu üben kamen. So
mißtraute denn ein Nachbar dem andern und keiner wagte von den Dingen
zu reden, die ihm vor allem am Herzen lagen. --
Eines Morgens wollte sich John Ferrier gerade zu einem Gang durch
seine Weizenfelder rüsten, als er die Gitterthür gehen hörte und einen
starken, blondhaarigen Mann mittleren Alters den Fußweg heraufkommen
sah. Er erschrak heftig, denn es war niemand anderes als der große
Brigham Young in eigener Person. Voll böser Ahnungen, denn er wußte
wohl, daß ein solcher Besuch nichts Gutes für ihn zu bedeuten habe,
eilte Ferrier dem Oberhaupt der Mormonen entgegen. Brigham Young nahm
seine ehrerbietige Begrüßung mit Kälte auf und folgte ihm schweigend
ins Wohnzimmer.
„Bruder Ferrier,“ sagte er, mit strenger Miene Platz nehmend, und warf
unter seinen hellfarbenen Augenbrauen hervor einen durchdringenden
Blick auf den alten Farmer, „die wahren Gläubigen haben dir treue
Freundschaft erwiesen. Als du nahe daran warst, in der Wüste zu
verschmachten, nahmen wir dich auf in unsere Mitte, labten dich mit
Trank und Speise und führten dich sicher in das Land der Verheißung;
dort gaben wir dir ein schönes Ackerland und ließen dich reich werden
in unserm Schutz. Ist es nicht, wie ich sage?“
„Ja, so ist es,“ bestätigte Ferrier.
„Zum Dank für alle Wohlthaten stellten wir nur die +eine+ Bedingung,
daß du den wahren Glauben annehmen und dich unsern Sitten und
Gebräuchen unterwerfen solltest. Du gelobtest dies zu thun; aber, wenn
wir recht berichtet sind, hast du dein Versprechen nicht gehalten.“
„Worin habe ich denn gefehlt?“ rief Ferrier. „Habe ich nicht in die
gemeinsame Kasse gesteuert? Habe ich nicht die Versammlungen im Tempel
besucht? Habe ich nicht --“
„Wo sind deine Frauen?“ fragte Young, sich umblickend. „Rufe sie
herbei, daß ich sie begrüßen kann.“
„Es ist wahr,“ versetzte der Farmer, „ich habe nicht geheiratet.
Aber es war nur eine geringe Anzahl Frauen vorhanden und andere
Gemeindeglieder hatten bessere Ansprüche als ich. Auch lebte ich nicht
einsam; meine Tochter sorgte für meine Notdurft.“
„Gerade deine Tochter ist es, von der ich mit dir reden möchte,“
sagte der Führer der Mormonen. „Sie ist zur Blume von Utah erblüht
und Männer, die in hohem Ansehen unter uns stehen, haben ein Auge des
Wohlgefallens auf sie geworfen.“
John Ferrier gingen die Worte wie ein schneidendes Schwert durchs Herz.
„Man erzählt von ihr, was ich nur ungern wiederhole -- daß sie sich
einem Ungläubigen versiegelt hat. Es muß wohl ein Geschwätz müßiger
Zungen sein, denn -- wie lautet die dreizehnte Regel im Gesetz Josef
Smiths, des Heiligen? -- ‚Eine Tochter, die sich zum wahren Glauben
bekennt, darf nur mit einem der Auserwählten in die Ehe treten.
Heiratet sie einen Ungläubigen, so macht sie sich einer schweren
Sünde schuldig.‘ Es ist nicht möglich, daß du, als Anhänger unserer
heiligen Lehre, deiner Tochter gestattet haben solltest, dies Gebot zu
übertreten.“
John Ferrier gab keine Antwort, er atmete schwer.
„Im heiligen Rat der Vier ist beschlossen worden, daß dieser eine Punkt
zum Prüfstein für deinen Glauben dienen soll,“ fuhr der Prophet fort.
„Das Mädchen ist jung, wir wollen sie nicht einem Graubart vermählen,
und ihr sogar die Wahl lassen. Wir, die Aeltesten, sind bereits wohl
versehen, aber wir müssen auch für unsere Kinder sorgen. Stangerson
und Drebber haben Söhne und jeder von ihnen würde deine Tochter mit
Freuden in seinem Hause willkommen heißen. Sie soll sich für einen von
ihnen entscheiden. Beide sind jung, reich und bekennen sich zu dem
wahren Glauben. Was hast du darauf zu erwidern?“
Ferrier zog die Stirn in düstere Falten und schwieg eine Weile.
„Ihr werdet uns Zeit lassen,“ sagte er endlich. „Meine Tochter ist sehr
jung -- noch kaum in heiratsfähigem Alter.“
„Sie soll einen Monat Bedenkzeit haben,“ sagte Young von seinem Sitz
aufstehend. „Ist diese Frist zu Ende, so erwarten wir ihre Antwort.“
In der Thür wandte er sich noch einmal zurück; sein Gesicht war
gerötet, seine Augen funkelten. „Wenn jetzt dein und ihr Gebein im
Wüstenstaub bei der Sierra Blanca moderte,“ rief er mit Donnerstimme,
„es wäre weit besser für dich, John Ferrier, und für sie, als wenn ihr
in eurer Ohnmacht wagen solltet, dem Befehl des heiligen Rats der Vier
zu trotzen.“
Er erhob die Hand mit drohender Gebärde, dann verließ er das Haus und
man hörte den Kies auf dem Fußweg unter seinen Tritten knirschen.
Ferrier saß noch in trübem Sinnen, den Kopf in die Hand gestützt,
als er sich leise an der Schulter berührt fühlte. Er blickte auf und
sah Lucy neben sich stehen. Ihr bleiches, verstörtes Gesicht ließ ihm
keinen Zweifel, daß sie wußte, was geschehen war.
[Illustration]
„Ich konnte nicht anders,“ flüsterte sie voll Bangigkeit, „ich habe
alles gehört -- seine Stimme schallte durch das ganze Haus. O Vater,
Vater -- was sollen wir thun?“
„Sei ohne Furcht,“ sagte er, sie an sich ziehend, und ließ seine
breite, rauhe Hand zärtlich über ihr braunes Haar gleiten. „Irgendwie
wollen wir’s schon einrichten. Du hängst doch wohl nach wie vor an
deinem Verlobten, nicht wahr?“
Sie schluchzte nur leise und drückte ihm die Hand.
„Ich hab’ mir’s gleich gedacht; so ein hübscher Bursche und ein
ordentlicher Christenmensch obendrein; denn das ist hier keiner von
allen, trotz ihrer vielen Gebete und Predigten. -- Morgen reist eine
Gesellschaft nach Nevada ab, da werde ich zusehen, daß ich ihm eine
Botschaft schicken kann, um ihn wissen zu lassen, in welcher Not wir
stecken. Wenn er dann nicht hier ist, wie der Wind, müßte ich mich sehr
in dem jungen Mann getäuscht haben.“
Lucy lächelte unter Thränen. „Wenn er kommt, wird er uns zu raten und
zu helfen wissen,“ sagte sie zuversichtlich. „Aber ich ängstige mich
deinetwegen, Väterchen. Man hört so schreckliche Dinge erzählen, wie es
denen ergeht, die sich dem Willen des Propheten widersetzt haben.“
„Aber wir haben das noch gar nicht gethan,“ entgegnete der Alte, „und
brauchen uns vorläufig nicht zu fürchten. Noch haben wir einen ganzen
Monat vor uns und ehe der zu Ende geht, werden wir gut thun, Utah den
Rücken zu kehren.“
„Was wird denn aber aus deinem Besitztum?“
„Wir machen zu Geld, was wir können, und lassen das Uebrige zurück.
Ich will dir nur offen gestehen, Lucy, daß ich schon längst mit diesem
Gedanken umgehe. Ich mag vor keinem Menschen zu Kreuze kriechen, wie
die Leute hier vor ihrem verwünschten Propheten. Als freier Mann bin
ich geboren und kann mich in diese Art nicht mehr finden -- ich bin
wohl zu alt dazu. Er soll sich hüten, mir noch einmal ins Gehege
zu kommen, sonst hat er eine Ladung Schrot im Leibe, ehe er sich’s
versieht.“
„Sie werden uns aber nicht fortlassen wollen,“ warf Lucy ängstlich ein.
„Dafür laß mich nur sorgen, wenn Jefferson kommt. Beruhige dich jetzt,
mein Herzchen, und weine dir nicht die Augen rot, sonst macht er mir
Vorwürfe, wenn er dich sieht. Uns droht keinerlei Gefahr, und du
brauchst nichts zu fürchten.“
John Ferrier sprach diese tröstlichen Worte mit großer Zuversicht, doch
konnte Lucy nicht umhin, zu bemerken, wie vorsichtig er alle Thüren zur
Nacht verschloß und verriegelte, nachdem er zuvor die alte, rostige
Jagdflinte, welche für gewöhnlich an der Wand seines Schlafzimmers
hing, aufs sorgfältigste gereinigt und geladen hatte.
Elftes Kapitel.
Eine Flucht auf Leben und Tod.
Am Morgen nach seiner Unterredung mit dem Propheten begab sich John
Ferrier nach der Salzseestadt, suchte dort seinen Bekannten auf,
welcher im Begriff stand, ins Gebirge von Nevada zu reisen, und
vertraute ihm die Botschaft für Jefferson Hope an. Er hatte dem jungen
Manne geschrieben, von welcher furchtbaren Gefahr sie bedroht seien und
ihn aufgefordert, unverzüglich zurückzukehren. Nachdem dies geschehen
war, ging er erleichterten Herzens heim.
Als er sich seinem Hause näherte, sah er mit Verwunderung, daß an jedem
der Thürpfosten ein Pferd angebunden stand. Im Wohnzimmer aber traf er
zwei junge Männer, die sich höchst behaglich zu fühlen schienen. Der
eine, mit hageren, blassen Zügen, lag im Armstuhl ausgestreckt, die
Füße auf dem niedrigen Ofen. Der andere, ein Mensch mit aufgedunsenem,
gemeinem Gesicht und einem Stiernacken, stand, die Hände in den
Taschen, am Fenster und pfiff eine Melodie. Beide nickten Ferrier
vertraulich zu, und der junge Mensch im Armstuhl begann das Gespräch.
„Sie kennen uns vielleicht nicht,“ sagte er. „Dies hier ist der Sohn
des Aeltesten Drebber und ich bin Josef Stangerson, der mit im Zuge
war, als der Herr in der Wüste seine Hand ausstreckte, um Sie mit der
Herde der Gläubigen zu vereinen.“
„Wie er alle Völker versammeln wird zu seiner Zeit!“ fiel der andere
mit schnarrender Stimme ein. „Seine Mühlen mahlen langsam, aber sicher.“
John Ferrier verbeugte sich kühl; er hatte sich schon denken können,
wer die Besucher waren.
„Wir kommen auf den Rat unserer Väter,“ fuhr Stangerson fort, „und
werben um die Hand Ihrer Tochter für denjenigen von uns beiden, welcher
Ihnen und ihr am meisten zusagt. Da ich nur vier Frauen habe und Bruder
Drebber hier deren sieben besitzt, so scheint mir, daß ich den nächsten
Anspruch habe.“
„Bewahre, Bruder Stangerson,“ rief der andere; „es handelt sich nicht
darum, wie viele Frauen man hat, sondern wie viele man ernähren kann.
Mein Vater hat mir jetzt die Fabriken übergeben, und ich bin reicher
als du.“
„Aber ich habe bessere Aussichten,“ erwiderte jener eifrig. „Wenn der
Herr meinen Vater zu sich nimmt, bekomme ich die Lohgerberei und die
Lederfabrik. Auch bin ich älter als du und mein Ansehen in der Kirche
ist größer.“
„Das Mädchen soll zwischen uns entscheiden,“ entgegnete der junge
Drebber, sich wohlgefällig im Spiegel betrachtend; „wir wollen es ihr
ganz überlassen.“
Während dieses Zwiegesprächs stand John Ferrier schäumend vor Wut an
der Thür. Es zuckte ihm in allen Fingern, seine Reitpeitsche auf den
Rücken der beiden Bewerber niedersausen zu lassen.
„Hört einmal,“ sagte er endlich, auf sie zuschreitend, „wenn meine
Tochter euch rufen läßt, mögt ihr kommen; bis dahin bitte ich mir aus,
daß ihr mir den Anblick eurer Gesichter erspart!“
Die jungen Mormonen starrten ihn in maßlosem Erstaunen an. In ihren
Augen war dieser Wettbewerb um die Hand des Mädchens die höchste Ehre,
welche sie Vater und Tochter erweisen konnten.
„Es giebt zwei verschiedene Ausgänge aus diesem Zimmer,“ fuhr Ferrier
zornglühend fort, „einen durch die Thür, den anderen durch das Fenster.
Ihr habt die Wahl.“
Seine Miene war so drohend und seine hagern Hände schienen so
eisenstark, daß die beiden unwillkommenen Besucher eilig aufsprangen
und den Rückzug antraten. Der alte Mann folgte ihnen bis zur Thür.
„Sobald ihr untereinander ausgemacht habt, wer es sein soll, laßt
mich’s wissen,“ rief er ihnen höhnisch nach.
„Dafür sollt Ihr büßen,“ schrie Stangerson bleich vor Erregung. „Ihr
habt dem Propheten getrotzt und dem hohen Rat der Vier -- das sollt Ihr
bereuen bis an Euer Lebensende.“
„Die Hand des Herrn werdet Ihr fühlen,“ stimmte der junge Drebber ein.
„Er wird wider Euch aufstehen und Euch schlagen.“
„Mit dem Schlagen kann es gleich seinen Anfang nehmen,“ rief Ferrier
zornbebend. Er wollte die Flinte von der Wand reißen, aber Lucy war
herzugeeilt und fiel ihm in den Arm. Bevor er sich noch von ihr
losmachen konnte, tönte schallender Hufschlag und die Flüchtlinge waren
außer seinem Bereich.
„Die jungen heuchlerischen Schurken,“ murmelte er voll Ingrimm; „weit
lieber möchte ich dich im Grabe sehen, mein Herzenskind, als daß dich
einer von ihnen als sein Weib heimführte.“
„Ja Vater, -- lieber sterben!“ erwiderte sie entschlossen. „Doch bald
wird Jefferson hier sein.“
„Freilich -- und je früher er kommt, desto besser ist es. Wer kann
wissen, was jene gegen uns im Schilde führen.“
Es war in der That hohe Zeit, daß ein kluger Ratgeber und Helfer dem
wackern alten Ferrier und seiner Tochter in ihrer Not beistand. Seit
der Gründung der Niederlassung war ein solches Beispiel von Ungehorsam
und Widersetzlichkeit gegen die Befehle der Aeltesten noch niemals
vorgekommen. Wenn schon kleine Vergehen mit unnachsichtiger Strenge
bestraft wurden, welches Schicksal erwartete dann diesen Erzrebellen?
Ferrier wußte, daß weder sein Reichtum noch seine Stellung ihn schützen
würde. Leute, die über ebenso große Mittel verfügten und in nicht
geringerem Ansehen standen wie er, waren schon spurlos verschwunden und
ihre Güter der Kirche anheimgefallen. Der tapfere Mann hätte sich jeder
offenen Gefahr kühn entgegengestellt, aber das düstere unheimliche
Verhängnis, das über ihm schwebte, erschütterte seine starke Seele und
flößte ihm Grauen ein. Zwar verbarg er seine Furcht vor der Tochter und
that, als lege er der ganzen Sache nicht viel Wert bei, allein, mit dem
scharfen Auge der Liebe erkannte Lucy nur zu deutlich die Unruhe in
seinem Gemüt.
Nach dem, was vorgefallen war, mußte er sich darauf gefaßt machen, von
Young wegen seines Benehmens eine Rüge oder Warnung zu erhalten. Die
Botschaft traf auch wirklich ein, aber sie kam auf eine ihm völlig
unerwartete Weise. Als er am nächsten Morgen erwachte, fand er auf der
Bettdecke gerade über seiner Brust einen kleinen viereckigen Zettel
angesteckt, auf welchem mit großen deutlichen Buchstaben die Worte
standen: „Neunundzwanzig Tage sind dir zur Sühne gewährt, und dann --
--“
Jede Drohung wäre weniger furchtbar gewesen als der beängstigende
Gedankenstrich. John Ferrier zerbrach sich vergebens den Kopf, wie der
Zettel in sein Zimmer gekommen sein könne, denn das Gesinde schlief in
einem Nebenbau und er hatte mit eigener Hand alle Fenster und Thüren
wohl verwahrt und verschlossen. Er vernichtete das Papier und sagte
seiner Tochter nichts von dem Vorfall, aber ihn schauderte doch, wenn
er daran dachte. Die neunundzwanzig Tage waren offenbar der Rest des
Monats, den Brigham Young ihm zugesagt hatte. Was vermochten aller Mut
und alle Kraft gegen einen Feind auszurichten, der so geheimnisvolle
Hilfsmittel besaß? Die Hand, welche jenen Zettel befestigte, hätte
ihn ebenso gut ins Herz treffen können und kein Mensch würde jemals
erfahren haben, wer ihn erschlagen.
Am folgenden Morgen wurde er noch heftiger erschüttert. Sie
saßen zusammen beim Frühstück, als Lucy plötzlich einen Schrei
der Ueberraschung ausstieß und nach oben blickte. Mitten auf der
Zimmerdecke stand in schwarzer Schrift die Zahl 28. Seine Tochter
wußte nicht, was das zu bedeuten habe und er klärte sie nicht auf.
Die folgende Nacht hindurch saß Ferrier mit der geladenen Flinte da
und hielt Wache. Alles blieb still, er vernahm keinen Laut, aber am
nächsten Morgen fand er die Zahl 27 auf seiner Hausthür angeschrieben.
So verging ein Tag nach dem andern und jeder neue Morgen brachte ihm
Kunde, daß seine unsichtbaren Feinde ihre Rechnung weiter führten.
An irgend einer Stelle, die ihm ins Auge fallen mußte, hatten sie
die Anzahl der Tage verzeichnet, die ihm noch von der Gnadenfrist
übrig blieb. Bald tauchten die verhängnisvollen Nummern an den
Wänden auf, bald auf dem Fußboden, manchmal standen sie auf kleinen
Anschlagzetteln, die an dem Gartenthor oder den Gitterstäben befestigt
waren. Trotz aller Wachsamkeit konnte Ferrier nicht entdecken,
woher diese täglichen Mahnzeichen kamen und er empfand ein fast
abergläubisches Grauen, so oft er eine neue Zahl gewahrte. Er kam sich
vor wie ein gehetztes Wild, eine verzehrende Unruhe ergriff ihn und wer
in seinem Auge zu lesen verstand, konnte sehen, welche Qualen er litt.
Nur der Gedanke, daß der junge Jäger jetzt bald aus Nevada eintreffen
müsse, hielt ihn noch aufrecht.
Aus 20 war 15, aus 15 war 10 geworden, aber noch traf keine Nachricht
von dem fernen Freunde ein. Immer kleiner ward die Zahl der noch
übrigen Tage und Jefferson ließ sich nicht blicken. Vernahm man einen
Hufschlag oder kam ein Fuhrmann des Weges gefahren, so eilte der alte
Farmer an das Thor, weil er glaubte, daß die ersehnte Hilfe da sei.
Erst als auf die 5 die 4 folgte und aus dieser eine 3 wurde, sank ihm
der Mut, und er gab jede Hoffnung verloren.
Wenig vertraut mit Weg und Steg in den Gebirgen, welche die Ansiedlung
umgaben, konnte er, auf sich allein angewiesen, die Rettung nicht
ins Werk setzen; alle bekannten Pfade wurden aufs strengste bewacht,
und jeder Wanderer, der sich darauf betreten ließ, mußte einen
Passierschein des Hohen Rats vorweisen können. Wohin sich also Ferrier
wenden mochte, nirgends bot sich ihm die Möglichkeit, dem Verhängnis zu
entfliehen, das ihn bedrohte; dennoch schwankte der alte Mann keinen
Augenblick in seinem Entschluß, lieber das Leben zu verlieren, als
seine Tochter jener Verbindung preiszugeben.
Er war in schweren Sorgen abends allein aufgeblieben und sann vergebens
nach, ob denn kein Entrinnen mehr möglich sei. Am Morgen war die
Zahl 2 auf der Hauswand erschienen und mit dem nächsten Tage ging
die festgesetzte Frist zu Ende. Was würde dann geschehen? -- Seine
Einbildungskraft war geschäftig, sich alle erdenklichen Schrecken
auszumalen. Und was sollte aus seiner Tochter werden, wenn er ihr nicht
mehr zur Seite stand? -- Er sah sich rings von einem unsichtbaren Netz
umgeben, das sich immer dichter zusammenzog. Von dem Gefühl seiner
Ohnmacht überwältigt, brach er in schmerzliches Schluchzen aus und das
Haupt sank ihm auf die Brust.
Aber was war das? -- Durch die Stille der Nacht kam plötzlich ein
leiser, schnarrender Ton deutlich zu ihm herüber. Er schien von der
Hausthür zu kommen. Ferrier schlich geräuschlos durch den Gang und
horchte scharf hinaus. Einige Augenblicke vergingen, dann ließ sich
der seltsame, schwache Laut wieder vernehmen. Es klopfte jemand mit
großer Behutsamkeit an der Thür. War es ein nächtlicher Abgesandter
des heimlichen Gerichts, der gekommen war, um dessen Mordbefehl
auszuführen, oder sollte ihm noch besonders angekündigt werden, daß der
letzte Tag herannahe? Die furchtbare Ungewißheit schüttelte ihn wie
im Fieber und nahm ihm jede Widerstandskraft. Länger vermochte er die
Qual nicht mehr zu ertragen, mit der verglichen der Tod eine Erlösung
schien. Rasch entschlossen zog er den Riegel zurück und öffnete die
Thür.
[Illustration]
Draußen war alles still. Die Sterne flimmerten am klaren Nachthimmel
und weder in dem kleinen Vorgarten, den der Zaun umschloß, noch auf
der Straße jenseits des Gitterthors, war ein menschliches Wesen
zu erblicken. Ferrier sah nach rechts und nach links und atmete
erleichtert auf. Als er aber zufällig gerade vor sich auf den Boden
schaute, sah er mit Entsetzen zu seinen Füßen einen Mann platt auf der
Erde liegen, Arme und Beine weit von sich gestreckt.
Der Anblick erschütterte ihn so sehr, daß er gegen die Wand taumelte
und Mühe hatte, den wilden Schrei zu ersticken, der sich ihm auf die
Lippen drängte. Sein erster Gedanke war, daß es ein Verwundeter oder
Sterbender sein müsse; allein plötzlich kam Leben in die Gestalt,
sie wand sich wie eine Schlange behende und geräuschlos am Boden
entlang und erreichte den Hausflur. Sobald der Mann über die Schwelle
gekommen war, sprang er rasch in die Höhe, schloß die Thür und
vor dem überraschten Farmer stand Jefferson Hope mit ingrimmiger,
entschlossener Miene.
„Großer Gott -- du bist es --,“ keuchte John Ferrier; „weshalb kommst
du so geschlichen? Du hast mich furchtbar erschreckt.“
„Gieb mir zu essen,“ rief jener mit heiserer Stimme, „seit
achtundvierzig Stunden habe ich weder Trank noch Speise zu mir
genommen.“ Er griff gierig nach Brot und Fleisch, das noch von Ferriers
Abendmahlzeit auf dem Tische stand. „Hält sich Lucy tapfer?“ war seine
erste Frage, sobald er seinen Heißhunger gestillt hatte.
„Ja, doch kennt sie die Größe der Gefahr nicht.“
„Das ist gut. Das Haus wird von allen Seiten bewacht; ich konnte mich
nur kriechend nähern, um nicht bemerkt zu werden. Sie passen scharf
auf, doch sind sie nicht schlau genug, um einen Washoe-Jäger zu fangen.“
John Ferrier war wie umgewandelt, nun er auf den Beistand eines
getreuen Verbündeten zählen durfte. „Du bist ein Mann unter Tausenden,“
rief er, Jeffersons Hand herzlich schüttelnd; „nicht jeder wäre
gekommen, um Gefahr und Not mit uns zu teilen.“
„Wärst du allein in der Bedrängnis, Vater, wahrlich -- ich hätte es
mir wohl zweimal überlegt, bevor ich mich in dieses Wespennest wagte,“
erwiderte der junge Hope freimütig. „Um Lucys willen bin ich hier und
ehe ich zugebe, daß ihr ein Leid geschieht, müssen sie mir das Leben
nehmen.“
„Was soll denn aber nun werden? Laß uns rasch handeln!“
„Morgen ist euer letzter Tag; wenn wir nicht diese Nacht entfliehen,
seid ihr verloren. In der Adlerschlucht stehen zwei Pferde und ein
Maultier bereit. Wieviel Geld hast du?“
„Zweitausend Dollars in Gold und fünftausend in Banknoten.“
„Das genügt; ich kann etwa die gleiche Summe hinzulegen. Wir müssen
übers Gebirge nach Carson City. Lucy soll sich sogleich fertig machen.
Gut, daß die Dienstboten nicht im Hause schlafen.“
Während Ferrier ging, seine Tochter zu wecken, traf Jefferson Hope die
nötigen Vorkehrungen zur Flucht. Was sich von Eßwaren vorfand, packte
er in ein kleines Bündel und füllte einen Steinkrug mit Wasser, da er
wußte, daß sie in den Bergen nur auf wenige Quellen stoßen würden.
Jetzt kehrte auch Ferrier mit Lucy zurück; beide waren zum Aufbruch
bereit. Die Liebenden begrüßten einander mit wenigen herzlichen Worten,
jeder Augenblick war kostbar und es gab noch viel zu überlegen.
„Wir müssen auf der Stelle fort,“ sagte Jefferson mit leiser, aber
fester Stimme. „Es gilt der Gefahr mutig zu trotzen. Beide Eingänge,
der vordere sowohl als der hintere, werden bewacht, aber bei gehöriger
Vorsicht können wir durch das Seitenfenster entfliehen, das auf die
Felder geht. Haben wir erst die Straße erreicht, so sind wir nur eine
kurze halbe Stunde von der Schlucht entfernt, wo die Pferde warten. Bei
Tagesanbruch müssen wir schon tief im Gebirge sein.“
„Aber, wenn wir angehalten werden?“ fragte Ferrier.
Hope deutete auf die Mündung des Revolvers, den er in seinem Wamse
trug. „Wenn ihrer zu viele sind, müssen zwei oder drei ins Gras
beißen,“ sagte er mit grimmigem Lächeln.
Alles Licht im Hause war ausgelöscht und Ferrier warf durch das dunkle
Fenster noch einen Blick auf seine Wiesen und Felder hinaus, welche
er für immer verlassen sollte. Schon längst war er jedoch auf dies
Opfer vorbereitet und der Gedanke an seiner Tochter Glück und Ehre
verscheuchte allen Kummer über den Verlust seines Eigentums. Die Gegend
lag so still und friedlich da, die Bäume rauschten und das Korn wogte
im Winde; es war schwer zu glauben, daß da draußen allerwärts der Mord
auf sie lauere. Die bleiche, entschlossene Miene des jungen Jägers
verriet aber nur allzu deutlich, daß er auf dem Wege nach dem Hause
genug gesehen hatte, um darüber keinerlei Zweifel zu hegen.
Ferrier trug einen Sack mit dem Gold und den Banknoten, Jefferson
die Vorräte an Eßwaren und den Wasserkrug; Lucy hatte ihre liebsten
Besitztümer in ein Bündel geschnürt. Langsam und vorsichtig öffneten
sie das Fenster und warteten, bis eine dunkle Wolke, die herangezogen
kam, die Gegend in Finsternis hüllte, dann kletterten sie geräuschlos
in den Vorgarten hinab. Mit verhaltenem Atem, halb schleichend, halb
kriechend, erreichten sie glücklich den Heckenzaun, in dessen Schutze
sie vorwärts eilten, bis sie an eine Lücke kamen, durch welche man in
die Felder hinaus gelangte. Sie befanden sich gerade an dieser Stelle,
als Jefferson sich plötzlich zu Boden warf, und Vater und Tochter
mit sich zog. Das geübte Ohr des Steppenjägers hatte ein Geräusch
vernommen. Kaum lauerten sie in ihrem Versteck, als wenige Schritte
von ihnen der trübselige Ruf einer Bergeule ertönte, dem ein anderer
Eulenruf aus einiger Entfernung antwortete. Gleich darauf sahen sie den
Schatten eines Mannes an der Zaunlücke vorbeigleiten und eine zweite
Gestalt tauchte aus dem Dunkel auf.
„Morgen um Mitternacht, wenn das Käuzchen dreimal ruft,“ sagte der
erste im Ton des Befehls.
„Wohl,“ versetzte der zweite; „soll ich Bruder Drebber benachrichtigen?“
„Sage ihm die Weisung, er soll sie weiter geben. +Neun und sieben.+“
„+Sieben und fünf!+“ entgegnete der andere, und die beiden entfernten
sich nach verschiedenen Richtungen. Ihre letzten Worte sollten offenbar
eine Art Losung sein. Kaum waren ihre Tritte verhallt, als Jefferson
aufsprang und mit seinen Gefährten, so rasch sie ihre Füße trugen, quer
durch die Felder lief.
„Vorwärts, vorwärts,“ keuchte er von Zeit zu Zeit; „wir sind schon an
den Wachtposten vorbei, nur die größte Eile kann uns retten.“
Wenn Lucys Kräfte zu versagen drohten, half er ihr und stützte sie mit
starkem Arm. Auf der Landstraße angelangt, kamen sie rasch weiter, und
kurz vor der Stadt bog ihr Führer in einen schmalen, steilen Pfad ab,
der zu den Bergen aufstieg. Zwei dunkle, zerklüftete Felsspitzen ragten
vor ihnen empor in der Finsternis; zwischen diesen öffnete sich die
Adlerschlucht, wo die Pferde warteten. Von sicherm Instinkt geleitet,
fand Jefferson den Weg zwischen Felsblöcken und in dem trockenen Bett
eines Waldbachs, bis sie den versteckten Schlupfwinkel erreichten,
wo er die treuen Tiere festgebunden hatte. Das Mädchen bestieg das
Maultier und Ferrier mit dem Geldsack eines der Pferde, während
Jefferson Hope das andere auf dem gefährlichen Pfade am Zügel führte.
Rechter Hand ragte eine wohl tausend Fuß hohe Felswand und zur Linken
lagen Steinblöcke und Trümmer wild durcheinander geworfen. Der Fußsteg,
der in regelmäßigem Zickzack mitten durch diese Wildnis führt, war an
manchen Stellen so schmal, daß sie ihn hintereinander einzeln verfolgen
mußten, und so rauh, daß nur die geübtesten Reiter ihn ohne Unfall
passieren konnten.
Trotz aller Mühsal und Beschwerde war den Flüchtlingen dennoch fröhlich
zu Mut, weil jeder Schritt, den sie vorwärts thaten, sie weiter aus dem
Bereich des Tyrannen brachte, dem sie entrinnen wollten.
Bald jedoch erhielten sie den Beweis, daß sie noch immer nicht dem
Bann der ‚Heiligen‘ entflohen waren. Sie hatten eben die ödeste und
wildeste Stelle des Gebirgspasses erreicht, als Lucy mit einem Ausruf
des Schreckens nach oben deutete. Auf einem Felsvorsprung, der den Pfad
beherrschte und sich klar gegen den Himmel abhob, stand ein einsamer
Wachtposten. Er hatte die Reiter gleichfalls bemerkt und seine Frage:
„Wer geht da?“ klang herausfordernd durch die stille Schlucht.
„Reisende nach Nevada,“ rief Jefferson Hope, die Hand an der Flinte,
welche am Sattel hing.
„Mit wessen Erlaubnis?“ schallte es von oben herunter.
„Der heiligen Vier,“ gab Jefferson zur Antwort. Er wußte von seinem
Aufenthalt bei den Mormonen, daß dies die höchste Obergewalt sei.
„+Neun und sieben!+“ rief die Schildwache.
„+Sieben und fünf!+“ entgegnete Jefferson rasch, sich der Losung
erinnernd, die er im Garten gehört hatte.
[Illustration]
„Passiert -- der Herr sei mit euch!“ ertönte es von der Felsspitze.
Bald darauf war der Weg breiter und die Pferde konnten sich in Trab
setzen. Noch einmal sahen sie zurück nach dem einsamen Wächter, der
sein Gewehr im Arm, an dem Felsen lehnte. Sie wußten, daß sie den
letzten Posten der Mormonen hinter sich hatten und die Freiheit vor
ihnen lag.
Zwölftes Kapitel.
Die Würgengel.
Die ganze Nacht hindurch wanderten die Flüchtlinge über felsiges
Gestein und durch die verschlungensten Pfade. Kamen sie auch öfters vom
Wege ab, so wußte sich doch Jefferson, bei seiner genauen Kenntnis des
Gebirges, immer wieder zurecht zu finden. Beim Morgengrauen enthüllte
sich ihnen ein Schauspiel von wilder, aber wunderbarer Schönheit. In
der weiten Runde sahen sie sich ringsum von hohen, schneebedeckten
Berggipfeln eingeschlossen, die bis zu unabsehbaren Fernen neben und
über einander emporragten. Droben im Gestein wurzelten Lärchen- und
Fichtenbäume, die der nächste Windstoß von den steilen Felswänden
auf ihre Häupter herabschleudern konnte; es lagen Steintrümmer und
Baumstämme genug unten im Thal verstreut, zum Zeichen, daß ein solcher
Absturz wohl zu fürchten sei. Eben jetzt löste sich wieder ein großes
Felsstück und fiel donnernd in die Tiefe; erschreckt fuhren die müden
Pferde auf und setzten sich in schärferen Trab.
Nun stieg die Sonne über den östlichen Horizont und entzündete die
Berggipfel wie Lampen bei einem Fest, einen nach dem andern, bis
sie alle glühten und leuchteten. Es war ein Anblick von solcher
Erhabenheit, wie ihn die Flüchtlinge noch nie geschaut; er erfreute
ihre Herzen und stärkte sie mit neuer Kraft und Zuversicht. Am Ufer
eines Waldbaches, der aus der Schlucht hervorbrauste, machten sie bald
darauf Halt, tränkten ihre Pferde und nahmen ein hastiges Mahl ein.
Lucy und ihr Vater hätten gern eine Weile gerastet, aber Jefferson gab
das nicht zu. „Sie sind uns jetzt gewiß schon auf der Spur,“ sagte er;
„Eile thut vor allem not. Erst wenn wir sicher in Carson angelangt
sind, dürfen wir daran denken, der Ruhe zu pflegen.“
Den ganzen Tag lang ging es weiter durch Hohlwege und Schluchten;
am Abend mußten sie nach ihrer Berechnung weit mehr als dreißig
Meilen zurückgelegt haben. Erschöpft suchten sie nun unter einer
vorspringenden Klippe Schutz vor dem kühlen Nachtwind, schmiegten sich
fest aneinander, um sich zu erwärmen und gönnten sich einige Stunden
Schlaf. Bis jetzt hatten sie nicht das geringste Anzeichen einer
Verfolgung entdeckt und Jefferson Hope glaubte schon, dem grimmigen
Feinde glücklich entronnen zu sein. Ach, er ahnte nicht, wie weit
dessen gefürchteter Arm reichte, und wie bald er sich ausstrecken
würde, um sie erbarmungslos zu zerschmettern.
Um die Mittagszeit des zweiten Tages ihrer Flucht begann ihr geringer
Vorrat von Lebensmitteln auf die Neige zu gehen. Dem Jäger machte
das wenig Sorge; es mangelte nicht an Wildpret im Gebirge und seine
Flinte hatte ihm schon öfters die nötige Nahrung verschafft. An
einer geschützten Stelle häufte er trockene Zweige auf und zündete
ein mächtiges Feuer an, damit sich Vater und Tochter wärmen könnten,
denn sie befanden sich jetzt in einer Höhe von 5000 Fuß über dem
Meeresspiegel und die Luft wehte scharf und kalt. Jefferson band die
Pferde fest, nahm Abschied von Lucy, warf die Flinte über die Schulter
und zog aus, um sein Waidmannsglück zu versuchen. Als er sich noch
einmal umwandte, sah er den Alten neben dem jungen Mädchen am Feuer
sitzen und im Hintergrunde die drei Reitpferde, bewegungslos, wie aus
Stein gehauen. Schon im nächsten Augenblick hatten die Felsen ihm das
Bild verdeckt.
Mehrere Meilen wanderte er von Schlucht zu Schlucht, ohne auf eine
Beute zu stoßen, wiewohl er aus mancherlei Anzeichen erkannte, daß
Bären in der Nähe sein mußten. Schon wollte er nach mehrstündigem
fruchtlosem Suchen unverrichteter Sache zurückkehren, als er zu seiner
Freude auf einem Felsvorsprung, um einige hundert Fuß über der Stelle,
an der er stand, den gewaltigen Kopf eines Dickhorns gewahrte, jenes
wilden Bergschafes, das sich herdenweise in diesen Höhen findet. Rasch
warf sich Jefferson zu Boden, stützte sein Schießgewehr auf einen
Steinblock, zielte lange und gab Feuer. Das Tier that einen Sprung in
die Luft, schwankte einen Augenblick am Rande des Abgrunds und stürzte
dann jäh ins Thal hinab, wohin Jefferson eilig nachkletterte. Die ganze
Beute fortzuschaffen war unmöglich, der Jäger mußte sich begnügen,
mit seinem Jagdmesser einen Schenkel des Tieres abzuschneiden und auf
seine Schulter zu laden. Nachdem dies geschehen, machte er sich ohne
Zaudern auf den Rückweg, -- aber das war kein leichtes Beginnen. Der
Abend brach schon herein und in dem ungewissen Dämmerlicht war es
schwer, sich zurecht zu finden, denn das Thal verzweigte sich in viele
Schluchten, die alle einander zum Verwechseln ähnlich sahen. Mühsam war
Jefferson in der einen Schlucht emporgeklommen, als ihm ein Bergstrom
entgegenschoß und seinen Weg hemmte; nun ging er zurück und wählte
einen andern Aufstieg, aber ohne bessern Erfolg. Es war bereits Nacht
geworden, als er endlich an einen Hohlweg gelangte, der ihm bekannt
vorkam. Abermals kletterte er zwischen den steilen Felswänden aufwärts
mit seiner Last. Der Pfad lag im tiefsten Dunkel, denn der Mond war
noch nicht aufgegangen, und Jefferson strauchelte oft auf dem rauhen
Wege; doch der Gedanke, daß er mit jedem Schritt seiner geliebten Lucy
näher kam, trieb ihn rastlos weiter; auch brachte er ja genug Vorrat
mit, um sie während der ganzen Dauer der Flucht vor Mangel zu schützen.
Auf der Höhe angekommen, ward er zu seiner Freude gewahr, daß er von
der Stelle, wo er seine Schutzbefohlenen verlassen hatte, nicht mehr
allzufern sei; schon erkannte er, trotz der Finsternis, die schwachen
Umrisse der Felsspitzen am Eingang der Schlucht. Fast fünf Stunden war
er fortgeblieben -- mit wie banger Sehnsucht mochten sie ihn erwarten.
Um seine glückliche Rückkehr zu verkünden, rief er ein lautes Hallo!
in die Berge hinein. Dann stand er lauschend da, ob keine Antwort
käme, aber nur der Ton seiner eigenen Stimme schallte in vielfachem
Wiederhall von den Bergen; sonst blieb alles still. Noch stärker und
dringender ertönte jetzt sein Ruf, aber kein Laut aus geliebtem Munde
hieß ihn willkommen. Von unbestimmter Angst ergriffen, ließ er die
schwer errungene Beute zu Boden fallen und stürmte wie rasend vorwärts.
Jetzt bog er um die Ecke und vor ihm lag der Platz, wo er das Feuer
angezündet hatte. Noch glühte der Aschenhaufen, aber man hatte kein
Holz zugelegt und die Flamme war erloschen. Ringsumher herrschte
Todesschweigen. Seine Furcht ward zur Gewißheit; nirgends ließ sich
ein lebendes Wesen erblicken -- die Pferde, das Mädchen, der Alte,
waren spurlos verschwunden. Das Unheil mußte während seiner Abwesenheit
urplötzlich hereingebrochen sein, zu ihrer aller Verderben.
Verwirrt und betäubt von dem schweren Schicksalsschlag, der ihn so
unvermutet traf, stützte sich Jefferson auf sein Gewehr, sonst wäre
er umgesunken. Doch rasch überwand er diesen Anfall von Schwäche,
denn er war seiner ganzen Natur nach ein Mann der That. Mit bebender
Hand zog er ein erst halbverkohltes Holzstück aus der Asche, blies
die glimmenden Funken zur Flamme an und untersuchte mit Hilfe
dieser Leuchte den Lagerplatz. Der Boden war nach allen Seiten hin
von Pferdehufen zerstampft, ein Beweis, daß die Flüchtlinge durch
eine große Schar Berittener eingeholt worden, welche dann, wie die
vorhandenen Spuren vermuten ließen, die Richtung nach der Salzseestadt
eingeschlagen hatten. Waren Vater und Tochter in ihre Hände gefallen
und beide von ihnen mit fortgeschleppt worden? -- Jefferson Hope
mochte dies zuerst geglaubt haben, allein plötzlich fuhr er zusammen,
und das Blut erstarrte ihm in den Adern. Etwas abseits von dem
Lagerplatz sah er einen frisch aufgeworfenen Haufen rötlicher Erde,
der vorher sicherlich nicht dagewesen war. Hatte man dort ein Grab
gegraben? -- Der junge Jäger trat näher hinzu -- im Boden steckte ein
Stab, an dem ein Blatt Papier befestigt war. Es trug eine kurze, aber
bedeutsame Inschrift:
[Illustration]
„John Ferrier aus der Salzseestadt,
gestorben den 4ten August 1860.“
Der wackere, alte Mann, den er vor wenigen Stunden erst in der Fülle
der Kraft verlassen, war also tot und dies seine ganze Grabschrift.
Jefferson sah sich mit wilden Blicken nach einem zweiten Hügel um,
aber ein solcher war nicht zu entdecken. Die Unmenschen mußten Lucy
mit sich geführt haben, um sie dem Sohn des Aeltesten zu übergeben,
damit sie das ihr bestimmte Geschick erfülle und ihm als Frau in seinen
Harem folge. Als Jefferson erkannte, wie völlig machtlos er sei, dies
Schicksal von ihr abzuwenden, da schien ihm im ersten Augenblick der
alte Ferrier beneidenswert, der da unten den stillen Schlaf des Todes
schlief. Doch nicht lange überließ er sich seiner dumpfen Verzweiflung.
War ihm nichts anderes geblieben, so konnte er wenigstens sein Leben
der Rache weihen.
Während er starren Auges dastand und in die Asche blickte, fühlte er,
daß es für seinen Schmerz keine Linderung gab, bevor er nicht mit
eigener Hand blutige Wiedervergeltung an seinen Feinden geübt hätte.
Neben unermüdlicher Geduld und Ausdauer lag in Jeffersons Charakter
eine nicht zu bezähmende Rachsucht, die er vielleicht von den Indianern
gelernt hatte, unter denen er solange gelebt. Sein starker Wille,
seine rastlose Thatkraft sollten jetzt nur noch das +eine+ Ziel
verfolgen, das war sein fester Entschluß. Mit bleicher, ingrimmiger
Miene kehrte er nach der Stelle zurück, wo seine Jagdbeute noch am
Boden lag, darauf blies er das Feuer an und bereitete sich Speise für
die nächsten Tage. Dann brach er auf, ohne seiner Ermüdung zu achten,
um der Spur der Würgengel durch das Gebirge zu folgen.
Fünf Tage lang pilgerte er mit wunden Füßen durch die Schluchten und
Hohlwege zurück, welche er vor kurzem hinaufgeritten war. Bei Einbruch
der Nacht warf er sich unter einem Felsvorsprung nieder, um ein paar
Stunden zu ruhen, und sobald der Morgen graute, begann er seine
Wanderung von neuem. Als er am sechsten Tage erschöpft und abgemattet
die Adlerschlucht erreichte, von wo aus ihre unheilvolle Flucht den
Anfang genommen, sah er die ‚Stadt der Heiligen‘ weit ausgebreitet zu
seinen Füßen liegen. In ohnmächtigem Zorn schüttelte er drohend die
geballte Faust gegen den Wohnplatz der Uebelthäter. Aber halt -- was
hatte das zu bedeuten? -- In den Hauptstraßen sah er Fahnen von den
Dächern wehen und festlichen Schmuck an den Häusern. Während er noch
darüber nachsann, schallte der Hufschlag eines Pferdes und ein Reiter
kam herangetrabt. Jefferson kannte den Mann, es war der Mormone Cowper,
dem er früher manchen Dienst erwiesen hatte; von ihm durfte er hoffen,
Nachricht über Lucys Schicksal zu erhalten.
Der Mormone sah Jefferson zuerst mit ungläubigen Blicken an, als ihm
dieser in den Weg trat und seinen Namen nannte. Wer hätte auch in dem
verwilderten und zerzausten Wanderer mit den unheimlich rollenden Augen
und der bleichen Miene den früher so schmucken jungen Jäger erkennen
sollen? -- Sobald Cowper jedoch wußte, wen er vor sich hatte, erschrak
er heftig.
„Seid Ihr rasend, daß Ihr Euch hierher wagt?“ rief er. „Wenn man mich
hier im Gespräch mit Euch sieht, ist mein eigenes Leben verwirkt. Wißt
Ihr nicht, daß die ‚heiligen Vier‘ einen Haftbefehl gegen Euch erlassen
haben, weil Ihr den Ferriers zur Flucht behilflich gewesen seid?“
„Ich fürchte weder die Schurken noch ihren Haftbefehl,“ rief Jefferson
entrüstet. „Cowper,“ fuhr er dann, seine Erregung bezwingend, fort,
„wir sind immer Freunde gewesen -- bei allem, was Euch teuer ist,
beschwöre ich Euch, mir eine Frage zu beantworten. Um Gottes willen,
verweigert mir die Antwort nicht.“
„Was wünscht Ihr zu wissen?“ fragte der Mormone, sich ängstlich
umblickend; „redet schnell, hier hat alles Augen und Ohren, auch die
Felsen und Bäume.“
„Was ist aus Lucy Ferrier geworden?“
„Man hat sie gestern dem jungen Drebber zur Frau gegeben. -- Faßt Euch,
Mann, faßt Euch -- Ihr werdet ja bleich wie der Tod.“
Jefferson war auf den nächsten Felsblock niedergesunken, seine Lippen
bebten. „Drebbers Frau, sagt Ihr?“ stammelte er mit brechender Stimme.
„Ja, seit gestern -- deshalb seht Ihr auch die Stadt noch im
Fahnenschmuck. Drebber und Stangerson, die jüngeren, stritten sich um
ihren Besitz. Bei der Verfolgung, an der sich beide beteiligt hatten,
war ihr Vater von Stangersons Hand gefallen, was diesem ein größeres
Vorrecht zu geben schien. Als jedoch die Frage vor die Ratsversammlung
gebracht wurde, war Drebbers Anhang stärker und der Prophet entschied
zu seinen Gunsten. Es wird sie aber keiner lange sein eigen nennen, sie
sieht geisterbleich aus und der Tod stand ihr schon gestern im Gesicht
geschrieben. -- Wollt Ihr jetzt fort?“
„Ja, ich gehe,“ sagte Jefferson, sich mühsam erhebend; sein Antlitz war
bleich und starr, wie aus Marmor gemeißelt, nur in seinen Augen glühte
ein wildes Feuer.
„Wo wollt Ihr hin?“
„Fragt mich nicht,“ erwiderte er und hing sich die Flinte über die
Schulter. Dann schritt er die Schlucht hinab und vergrub sich tief in
den Bergen, wo nur Bären und Wölfe hausten; aber keines der reißenden
Tiere war grimmiger und blutdürstiger als er.
Was der Mormone vorausgesagt hatte, ging nur zu bald in Erfüllung. War
es der Schmerz über den plötzlichen Tod ihres Vaters, was der armen
Lucy am Lebensmark zehrte, oder der Abscheu vor der verhaßten Ehe, zu
der man sie gezwungen -- sie siechte von Tag zu Tag dahin und starb
noch ehe ein Monat um war. Der rohe Mensch, welcher sie nur geheiratet
hatte, um Ferriers reichen Besitz in die Hände zu bekommen, trug
wenig Kummer zur Schau über seinen Verlust. Aber seine andern Frauen
trauerten um die Tote und hielten in der Nacht vor dem Begräbnis bei
ihr die Leichenwache, nach Sitte der Mormonen. Sie saßen noch um die
Bahre, als beim ersten Morgengrauen die Thür plötzlich aufging und sie
mit Staunen und Entsetzen einen wilddreinschauenden, wettergebräunten
Mann in zerfetzter Kleidung eintreten sahen. Ohne auch nur einen
Blick auf die geängstigten Frauen zu werfen, schritt er nach dem
Totenschrein, in dem Lucys entseelte Hülle ruhte. Er beugte sich über
sie und berührte ihre kalte Stirn ehrfurchtsvoll mit den Lippen, dann
ergriff er sie bei der Hand und zog ihr den Trauring vom Finger. „Den
soll man ihr nicht mit ins Grab geben,“ murmelte er dumpf. Bevor
noch jemand die rätselhafte Erscheinung anhalten konnte, verschwand
sie wieder, wie sie gekommen war. Das alles geschah so rasch, und
der Vorgang schien so seltsam, daß man dem Bericht der Wächterinnen
schwerlich Glauben geschenkt hätte, ohne die Thatsache, daß der goldene
Reif wirklich vom Finger der Toten verschwunden war.
Monatelang hauste Jefferson Hope noch in den Bergen, wo er ein unstätes
Jägerleben führte und für seinen Rachedurst täglich neue Nahrung
einsog. Man begann sich allerwärts von dem unheimlichen Gesellen zu
erzählen, der bald hier, bald da, in der Umgegend der Stadt oder in den
rauhen Bergschluchten sein Wesen trieb. Einmal kam eine Kugel durch
Stangersons Fenster geflogen und pfiff dicht an seinem Kopf vorbei. Ein
andermal, als Drebbers Weg ihn am Bergabhang hinführte, ward aus der
Höhe ein Felsstück auf ihn herabgeschleudert. Er konnte nur dadurch
einem gräßlichen Tode entgehen, daß er sich platt zu Boden warf.
Die beiden jungen Mormonen errieten bald, wer ihnen nach dem Leben
trachtete, und unternahmen mehrere bewaffnete Streifzüge ins Gebirge,
in der Hoffnung, ihren Todfeind zu fangen oder zu erlegen -- aber
immer vergebens. Sie gingen nun aus Vorsicht niemals allein oder nach
Dunkelwerden ins Freie, und stellten Wachen um ihre Häuser her. Nun
verstrich jedoch eine geraume Zeit, ohne weitere Angriffe von seiten
ihres Gegners und allmählich schwand ihre Furcht. Sie hofften, sein
heißes Blut habe sich abgekühlt und er werde das tollkühne Vorhaben
aufgeben.
Daran dachte jedoch Jeffersons Seele nicht. Rache zu nehmen war und
blieb sein einziger Zweck und Gedanke. Bei seiner durchaus praktischen
Natur hatte er jedoch richtig erkannt, daß selbst die eisernste
Gesundheit ein Leben, wie er es führte, auf die Dauer nicht ertragen
könne. Mangel an gesunder Nahrung und Beschwerden aller Art mußten
bald seine Kräfte verzehren. Was aber sollte aus seiner Rache werden,
wenn er in den Bergen eines elenden Todes starb? -- Nein, seine Feinde
durften nicht triumphieren!
So war er denn nach dem Bergwerk in Nevada zurückgekehrt, mit der
Absicht, sich von den Entbehrungen der letzten Zeit zu erholen und
Geld genug zu erwerben, um seinen Lebenszweck weiter verfolgen zu
können. Ursprünglich gedachte er höchstens ein Jahr lang dort zu
bleiben, allein die Umstände fügten es so, daß fünf Jahre vergingen,
bevor er zurückkehren konnte. Doch die Erinnerung an das erlittene
Unrecht und sein Verlangen nach Rache war noch ebenso lebendig in ihm,
wie in jener entsetzlichen Nacht an John Ferriers Grabe. Verkleidet
und unter falschem Namen kam er nach der Salzseestadt, um die gerechte
Sühne zu fordern, sei es auch mit Gefahr des eigenen Lebens. Dort
erwartete ihn jedoch eine schlimme Kunde, die seine Pläne zu vereiteln
drohte. Einige Monate zuvor war nämlich unter dem ‚auserwählten Volke‘
eine Spaltung entstanden. Die Mißvergnügten lehnten sich gegen die
Obergewalt der Aeltesten auf; viele der jüngeren Gemeindeglieder
verließen Utah und gesellten sich den Ungläubigen zu. Auch Drebber
und Stangerson befanden sich unter dieser Zahl. Es ging ein Gerücht,
daß Drebber es verstanden habe, den größten Teil seines Eigentums zu
Geld zu machen, so daß er als reicher Mann fortgezogen war, während
Stangerson, sein Gefährte, wenig Mittel besaß. Wohin sie sich aber
gewandt hatten, darüber war kein Aufschluß zu erlangen.
Angesichts solcher Schwierigkeiten hätte mancher noch so rachsüchtige
Mensch sein Vorhaben aufgegeben; daran dachte Jefferson jedoch keinen
Augenblick. Er reiste von Ort zu Ort durch die Vereinigten Staaten,
um seine Feinde aufzusuchen. Das kleine Kapital, welches er besaß,
sicherte ihm zur Not sein Auskommen, doch nahm er Arbeit an, wo er sie
fand. Jahre vergingen, sein schwarzes Haar war grau geworden, aber
immer noch wanderte er weiter, das Ziel verfolgend, dem er sein Leben
gewidmet hatte. Endlich ward seine Ausdauer belohnt. In Cleveland im
Staate Ohio war es, wo er eines Tages Drebbers verhaßtes Gesicht an
einem Fenster gewahrte. So hatte er seine Beute doch zuletzt noch
aufgespürt. Rasch kehrte er in seine ärmliche Wohnung zurück, um
seinen Racheplan vorzubereiten. Aber das Unglück wollte, daß auch
Drebber bei dem flüchtigen Blick seinen Todfeind erkannt hatte. Er war
mit Stangerson, der bei ihm das Amt eines Privatsekretärs versah, zu
einem Friedensrichter geeilt, den er um Schutz gegen einen früheren
Nebenbuhler bat, welcher ihnen aus Haß und Eifersucht nach dem Leben
trachtete. An jenem Abend ward Jefferson Hope plötzlich in Haft
genommen und da er außer stande war, Bürgschaft zu leisten, hielt man
ihn mehrere Wochen im Gefängnis zurück. Sobald er wieder in Freiheit
war, begab er sich nach Drebbers Hause, allein er fand es verlassen und
erfuhr, der Besitzer habe mit seinem Sekretär eine Reise nach Europa
angetreten.
Wieder war Jeffersons Rachewerk vereitelt und wieder trieb ihn sein
grimmiger Haß, die Verfolgung fortzusetzen. Zuvor mußte er sich
jedoch die nötigen Mittel für die Ueberfahrt erwerben. Als er genug
zusammengespart hatte, um unterwegs sein Leben fristen zu können,
schiffte er über den Ozean und folgte der Spur seiner Feinde von Stadt
zu Stadt. Immer wieder mißlang es ihm, die Flüchtlinge einzuholen.
Bei seiner Ankunft in Petersburg waren sie eben nach Paris gereist,
und als er ihnen dahin folgte, hatten sie sich gerade nach Kopenhagen
eingeschifft; auch dorthin kam er um einige Tage zu spät, da sie
bereits nach London unterwegs waren. In der englischen Hauptstadt
gelang es ihm zuletzt doch noch ihrer habhaft zu werden. Auf welche
Weise dies geschah, erfahren wir am besten aus Jefferson Hopes
eigenem Bericht, welchen Dr. Watson ausführlich in seinem Tagebuch
niedergeschrieben hat.
Wir kehren daher wieder zu den Aufzeichnungen des jungen Militärarztes
zurück, denen wir schon im ersten Teil unserer Erzählung bis zu
Jeffersons Festnehmung gefolgt sind.
Fortsetzung von Dr. Watsons Erinnerungen.
Trotz des rasenden Widerstands, den unser Gefangener geleistet hatte,
schien er doch nicht feindlich gegen uns gesinnt zu sein. Sobald ihm
klar geworden war, daß er bei unserer Uebermacht nichts auszurichten
vermöge, ergab er sich in sein Schicksal und sprach mit verbindlichem
Lächeln die Hoffnung aus, daß keiner von uns bei dem Handgemenge zu
Schaden gekommen sein möchte.
„Vermutlich wollen Sie mich auf die Polizei bringen,“ wandte er sich
an Sherlock Holmes; „meine Droschke steht noch unten; wenn Sie mir die
Füße losbinden, kann ich selbst hinunter gehen; es dürfte Ihnen doch
schwer fallen, mich zu tragen.“
Gregson und Lestrade wechselten bedeutsame Blicke, der Vorschlag mochte
ihnen wohl allzu gewagt erscheinen, aber Holmes nahm den Gefangenen
sogleich beim Wort und befreite ihn von dem Tuch, mit welchem wir
ihm die Fußgelenke zusammengeschnürt hatten. Als er aufstand, dehnte
und reckte er sich, wie um sich zu überzeugen, daß er wirklich
der Bande ledig sei. Selten war mir ein Mann mit so gewaltigem
Gliederbau vorgekommen, und dabei lag ein Ausdruck von Willensstärke
und Entschlossenheit in seinem sonnverbrannten Gesicht, der mir noch
furchtbarer erschien als seine riesige Körperstärke.
„Sie sollten Polizeichef werden,“ sagte er, Holmes mit aufrichtiger
Bewunderung betrachtend. „Die Art, wie Sie meine Spur verfolgt haben,
war meisterhaft.“
Mein Freund lächelte. „Sie kommen mit, nicht wahr?“ wandte er sich an
die beiden Polizisten.
„Ich kann Sie fahren,“ versetzte Lestrade.
„Gut, und Gregson steigt mit ein; Sie auch, Doktor -- da der Fall Sie
interessiert, müssen Sie ihn auch weiter verfolgen.“
Ich willigte gern ein und wir begaben uns alle zusammen hinunter. Der
Gefangene machte keine Miene zu entfliehen, sondern stieg ruhig in
seine Droschke und wir folgten ihm. Lestrade nahm auf dem Bock Platz;
er trieb die Pferde an, und bald befanden wir uns an Ort und Stelle.
Man führte uns in ein kleines Zimmer, wo ein Polizeiinspektor die
Angaben des Gefangenen nebst den Namen der beiden Männer aufschrieb,
als deren Mörder man ihn anklagte. Der Inspektor, ein Mann mit blassem
Gesicht und bewegungslosen Zügen, wartete mechanisch seines Amtes.
[Illustration]
„Im Laufe der Woche wird der Angeklagte dem Richter vorgeführt werden,“
sagte er, „inzwischen thun Sie jedenfalls am besten, Jefferson Hope,
wenn Sie keinerlei Aussagen machen und Ihre Worte mit Vorsicht wägen,
da dieselben vor Gericht gegen Sie zeugen könnten.“
„Ich habe sehr viel zu sagen,“ versetzte der Gefangene eifrig; „es ist
mein dringender Wunsch, Ihnen meine Herren, die ganze Geschichte zu
erzählen.“
„Besser, Sie schieben es auf, bis zu Ihrem Verhör,“ sagte der Beamte.
„Wer weiß, ob es dazu überhaupt kommt,“ entgegnete Hope. „Fürchten
Sie nichts, ich habe keine Selbstmordgedanken, aber doch könnte ein
Hindernis eintreten. -- Nicht wahr, Sie sind ein Doktor?“ Er sah mich
mit seinen dunklen Augen fragend an.
Ich nickte bejahend.
„Dann legen Sie Ihre Hand auf meine Brust.“
Ich that, wie er sagte und erschrak, als ich ein heftiges Pulsieren
fühlte und auffällige Geräusche im Innern vernahm. Sein Brustkasten
schien zu erzittern und zu erbeben, wie ein schwacher Bau, in dem eine
mächtige Maschine arbeitet.
„Was ist das?“ rief ich, „Sie haben ja ein Herzleiden, das bereits im
gefährlichsten Stadium der Entwicklung ist.“
„Ganz recht,“ erwiderte er gelassen. „Letzte Woche bin ich deswegen bei
einem Arzt gewesen, der mir gesagt hat, es könne nur noch wenige Tage
dauern, bis der Tod eintritt. Ich habe mir das Uebel durch schlechte
Nahrung und Entbehrungen aller Art zugezogen, während ich im Gebirge am
Salzsee hauste und es hat sich seitdem von Jahr zu Jahr verschlimmert.
Jetzt ist das Werk meines Lebens gethan und mich kümmert’s nicht, wenn
es mit mir zu Ende geht; doch möchte ich zuvor berichten, wie sich
alles zugetragen hat, damit man mich nicht für einen gewöhnlichen
Mordgesellen hält.“
Nach einer kurzen Besprechung mit den beiden Polizisten, ob es ratsam
sei, ihm den Willen zu thun, wandte sich der Inspektor an mich:
„Glauben Sie, daß eine unmittelbare Gefahr vorliegt, Doktor?“ fragte er.
„Ohne allen Zweifel,“ erwiderte ich mit Bestimmtheit.
„In diesem Fall fordert schon unsere Pflicht im Interesse der
Gerechtigkeit, daß wir ein Protokoll aufnehmen. Reden Sie also,
Jefferson Hope, wenn Sie es wünschen, aber vergessen Sie nicht, daß
Ihre Aussagen zu Ihren Ungunsten gereichen könnten.“
„Wenn Sie nichts dawider haben, will ich mich setzen,“ sagte der
Gefangene, Platz nehmend. „Seit einiger Zeit werde ich leicht müde;
mein Uebel bringt das mit sich. Auch mag der Kampf, den wir vor einer
halben Stunde durchgemacht haben, mir nicht sehr zuträglich gewesen
sein. Ich stehe am Rande des Grabes, da pflegt man nicht zu lügen; was
ich sage, ist die lauterste Wahrheit und mir kann gleichgültig sein,
welchen Gebrauch Sie von meinen Worten machen.“
Er legte sich in seinen Stuhl zurück und sprach in so ruhigem,
bedächtigem Ton, als handle es sich um die alltäglichsten Vorkommnisse.
Für die Genauigkeit des hier folgenden Berichts kann ich mich
verbürgen, denn Lestrade hat jedes Wort des Gefangenen nachgeschrieben
und mir später sein Notizbuch zur Verfügung gestellt.
„Aus welcher Ursache ich jene beiden Männer so grimmig haßte,“ begann
Jefferson Hope seine Erzählung, „brauche ich nicht näher zu erörtern.
Sie hatten den Tod zweier Menschen, eines Vaters und seiner Tochter,
auf dem Gewissen, und ihr eigenes Leben war verwirkt. Doch hätte kein
Gerichtshof die Missethäter mehr zur Rechenschaft gezogen, weil schon
zu lange Zeit verstrichen war, seitdem sie das Verbrechen begangen
hatten. Ich aber wußte um ihre Schuld und fühlte mich berufen,
zugleich ihr Richter und der Vollstrecker des Urteils in einer Person
zu sein. Ich müßte kein Herz im Leibe haben, hätte ich anders handeln
können.
„Das Mädchen, von dem ich sprach, sollte vor zwanzig Jahren meine
Gattin werden. Man zwang sie, jenen Drebber zu heiraten und sie
starb vor Gram. Ich zog der Toten den Trauring vom Finger und that
den Schwur, daß Drebber mit seinem Blut für die Schandthat zahlen
solle. Noch in seiner Todesstunde wollte ich die Erinnerung daran in
dem Bösewicht wachrufen und ihm den Ring zeigen. Ich folgte ihm und
seinem Mitschuldigen durch Länder und Meere, bis ich sie endlich in
meine Gewalt bekam; den Ring trug ich stets bei mir. Wenn sie sich
vorgespiegelt hatten, ich würde jemals von ihnen ablassen, so täuschten
sie sich völlig. Jetzt kann ich mit dem Bewußtsein sterben, daß mein
Lebenszweck erfüllt ist: sie sind durch meine Hand gefallen und ich
habe nun nichts mehr zu wünschen und zu hoffen auf der Welt.
„Ihre Verfolgung ließ sich nicht leicht ins Werk setzen, denn sie waren
reich und ich arm. Mit leeren Taschen kam ich in London an und sah ein,
daß ich irgend etwas ergreifen mußte, um meinen Unterhalt zu erwerben.
Da ich mit Wagen und Pferden gut umzugehen verstehe, begab ich mich
nach einem Droschkenbureau und fand bald Beschäftigung. Wöchentlich
mußte ich eine bestimmte Summe abliefern; den Ueberschuß durfte ich
behalten, er war zwar nur gering, aber ich hatte gelernt, mich mit
wenigem zu begnügen. Um mich in dem Straßenlabyrinth zurechtzufinden,
schaffte ich mir eine Karte an, die ich zu Rate zog. Anfänglich machte
das große Schwierigkeiten, aber sobald mir einmal die hauptsächlichsten
Hotels und Bahnhöfe geläufig waren, half mein guter Ortssinn alle
Hindernisse zu überwinden.
„Es währte lange, bevor ich die Spur meiner Feinde entdeckte, doch ließ
ich in meinen Erkundigungen nicht nach, bis ich wußte, wo ich sie zu
suchen hatte. Sie waren in Camberwell, auf dem jenseitigen Flußufer,
in einem Logierhaus abgestiegen. Nun ich ihren Aufenthaltsort kannte,
heftete ich mich an ihre Fersen -- es gab für sie kein Entrinnen mehr.
Daß sie mich wiedererkennen würden, fürchtete ich nicht; ich hatte mir
den Bart wachsen lassen, und mein Aussehen war völlig verändert; nur
eine günstige Gelegenheit, um mein Vorhaben auszuführen, wollte ich
abwarten.
„Ich folgte ihnen auf Schritt und Tritt, manchmal zu Fuß, meistens aber
mit meiner Droschke, weil ich dann sicher war, sie einzuholen. Nur am
frühen Morgen oder spät am Abend konnte ich noch dem Dienst nachgehen,
und kam bald in Rückstand bei meinen Brotherren. Das kümmerte mich
jedoch wenig, denn ich trachtete nur danach, mir die Leute nicht
entgehen zu lassen.
„Sie mochten wohl ahnen, daß ihnen Gefahr drohe, und waren schlau
genug, die äußerste Vorsicht zu beobachten. Nie gingen sie nach
Einbruch der Dunkelheit aus, und stets traf man sie zusammen. Zwei
Wochen lang fuhr ich täglich hinter ihnen her, aber ich bekam niemals
den einen ohne den andern zu sehen. Drebber war fast immer betrunken,
aber dafür hielt Stangerson unablässig die Augen offen. Hatte sich
auch, trotz meiner Ausdauer und Wachsamkeit, bisher keine Gelegenheit
zur Ausführung meines Planes geboten, so verlor ich doch den Mut nicht,
denn eine innere Stimme sagte mir, daß die Stunde der Vergeltung
nicht mehr fern sei. Was ich am meisten fürchtete, war, daß mich mein
Herzleiden an der Vollendung des Werkes hindern könne.
„Eines Abends fuhr ich, wie ich öfters that, in der Straße auf und
ab, in der sie wohnten, und sah, daß eine Droschke vor der Thür ihres
Hauses hielt. Bald darauf wurden Koffer herausgebracht, Drebber und
Stangerson erschienen auf der Schwelle, stiegen ein, und der Wagen
rollte mit ihnen fort. Ich folgte in großer Eile und Bestürzung, um
sie nicht aus den Augen zu verlieren. Als ich sie am Eustoner Bahnhof
aussteigen sah, rief ich einen Knaben herbei, um mein Pferd zu halten,
und betrat gleich nach ihnen den Bahnsteig. Sie kamen jedoch zu
spät, der Zug nach Liverpool, den sie benützen wollten, war bereits
abgefahren und bis zu dem nächsten hatte es noch mehrere Stunden Zeit,
wie ihnen der Schaffner auf ihre Frage mitteilte. Stangerson schien
hierüber sehr ungehalten, während Drebbers Miene eher Befriedigung
verriet. Es gelang mir, ihnen in dem Gedränge so nahe zu kommen, daß
ich jedes Wort ihres Gesprächs verstand. Drebber sagte, er habe noch
eine kleine Angelegenheit zu ordnen, sein Gefährte möge hier auf seine
Rückkehr warten. Als Stangerson Einspruch erhob, weil sie beschlossen
hätten, beisammen zu bleiben, entgegnete Drebber, sein Geschäft sei
delikater Natur, er müsse es allein besorgen. Stangersons Antwort
konnte ich nicht verstehen, aber sie versetzte den andern in Wut; mit
einem wilden Fluche fuhr er auf und schrie, er möge nicht vergessen,
daß er nur ein bezahlter Diener sei, und ihm nichts zu befehlen habe.
Der Sekretär gab nun den vergeblichen Widerstand auf und äußerte nur
noch, daß Drebber ihn in Hallidays Privathotel aufsuchen möge, falls
er auch noch den letzten Zug versäume. Jener versicherte jedoch, er
werde vor elf Uhr wieder da sein, und verließ den Bahnhof.
„Nun endlich war der Augenblick gekommen, auf den ich so lange geharrt
hatte: die Bösewichte waren in meine Hand gegeben. Vereint konnten sie
einander schützen, getrennt hatte ich Gewalt über sie. Doch wollte ich
nichts übereilen und ging mit der größten Besonnenheit zu Werke. Die
Rache gewährt nur Befriedigung, wenn unser Feind sich selbst bewußt
wird, wessen Hand es ist, die den Streich gegen ihn führt, und weshalb
ihn die Vergeltung trifft. Mir lag bei meinem Plan vor allem daran, dem
Schändlichen keinen Zweifel zu lassen, daß er die Strafe für seine alte
Schuld erleide. Einige Tage zuvor hatte ein Herr, der sich nach der
Brixtonstraße fahren ließ, um dort verschiedene Häuser zu besichtigen,
den Schlüssel zu einem derselben zufällig in meiner Droschke vergessen.
Er forderte ihn mir zwar noch am selben Abend ab und erhielt ihn auch
zurück, aber ich hatte doch Zeit gehabt, einen Abdruck davon zu nehmen,
nach welchem ich einen Schlüssel zu meinem Gebrauch anfertigen ließ. So
verschaffte ich mir den Zugang zu einem Platz in dieser großen Stadt,
an dem ich sicher war, ungestört zu bleiben. Es galt jetzt nur noch,
die schwierige Aufgabe zu lösen, Drebber nach diesem Hause zu bringen.
„Er ging die Straße hinunter und trat bald in diese bald in jene
Schenke; in der letzten, welche er aufsuchte, blieb er wohl eine halbe
Stunde. Als er wieder zum Vorschein kam, schwankte er unsicher hin
und her und ich sah ihn in eine Droschke steigen. Natürlich fuhr ich
dicht hinter ihm drein, über die Waterloo-Brücke und durch endlose
Straßen, bis wir uns schließlich zu meiner Verwunderung wieder vor dem
Logierhaus befanden, welches er vor kurzem verlassen hatte. Was ihn
dorthin zurückführen könne, begriff ich nicht. Während er ausstieg,
seine Droschke fortschickte und in das Haus trat, fuhr ich noch etwa
hundert Schritt weiter und wartete. Eine Viertelstunde verging, da
wurden plötzlich im Innern des Hauses zornige Stimmen laut, die
Thür ward aufgestoßen und ich sah einen jungen, mir unbekannten
Menschen, der Drebber am Kragen gepackt hatte. Mit einem kräftigen
Stoß schleuderte er ihn die Stufen hinunter, bis in die Mitte der
Straße. ‚Warte, du Hund,‘ rief er und hob drohend den Stock, den
er in der Hand hielt, ‚ich will dich lehren, ein rechtschaffenes
Mädchen zu beschimpfen!‘ -- Er war in so heftigem Zorn, daß Drebber
es wohl geraten fand, sich davonzumachen, so rasch ihn seine Beine
tragen wollten. Er lief geradewegs auf meine Droschke zu, die an der
Straßenecke hielt. ‚Nach Hallidays Hotel!‘ rief er und sprang hinein.
„Als ich ihn glücklich im Wagen hatte, pochte mein Herz vor Freude so
laut, als wollte es zerspringen. Ich zwang mich, ruhig zu bleiben, fuhr
langsam weiter und überlegte, was nun zu thun sei. Einen Augenblick
schwankte ich, ob ich ihn nicht zur Stadt hinausfahren und in irgend
einer abgelegenen Gegend die letzte Unterredung mit ihm halten
solle; fast war ich schon dazu entschlossen, als er selbst die Frage
entschied. Wir kamen an einer Schenke vorbei und der Trunkenbold konnte
dem Verlangen, einzukehren, nicht widerstehen; er befahl mir zu warten,
und kam erst wieder heraus, als die Wirtschaft geschlossen wurde. Sein
Zustand war jetzt derart, daß er keinen Widerstand mehr zu leisten
vermochte.
„Glauben Sie aber nicht, daß meine Absicht war, ihn mit kaltem Blute
umzubringen. Längst hatte ich beschlossen, ihm noch eine Möglichkeit
der Rettung zu gönnen, wenn er auf meinen Plan eingehen wollte.
Während meines Wanderlebens in Amerika hatte ich auch eine Zeitlang
den Aufseherposten in einem Laboratorium bekleidet. Eines Tages zeigte
der Professor bei seiner Vorlesung über die Gifte, den Studenten ein
Alkaloid, wie er es nannte, welches er aus einem südafrikanischen
Pfeilgift bereitet hatte, und von dem, wie er sagte, selbst die
kleinste Dosis unmittelbar den Tod nach sich ziehe. Ich merkte mir das
Fläschchen und sobald ich allein war, entnahm ich demselben einige
Tropfen der Flüssigkeit. Da ich mich auch auf das Apothekerhandwerk
verstand, fertigte ich mir eine Anzahl Pillen an, von denen einige
vergiftet, die andern ganz unschädlich waren. Eine Pille von jeder
Sorte that ich in eine Schachtel, mit der Absicht, am Tage der
Rechenschaft meinem Feinde die Wahl zwischen beiden zu lassen und
selbst diejenige zu verschlucken, welche er übrig ließ. Es war so gut
ein Zweikampf auf Tod und Leben wie jeder andere, nur würde er in der
Stille vor sich gehen. Seit jener Zeit trug ich die Pillenschachteln
stets bei mir, und jetzt war der Augenblick gekommen, da sie ihren
Zweck erfüllen sollten.
„Mitternacht war längst vorüber, ein heftiger Wind hatte sich
erhoben und der Regen fiel in Strömen. Obgleich von Nässe und Kälte
durchfröstelt, jubelte ich doch innerlich vor Freude. Zwanzig Jahre
lang hatte ich vergebens danach getrachtet, Wiedervergeltung zu üben,
jetzt endlich sollte mein heißes Verlangen Befriedigung finden. Aus
dem Dunkel tauchte vor meinem Geist John Ferriers Gestalt auf und
ich sah meine geliebte Lucy mir zulächeln, so deutlich, wie ich jetzt
Sie, meine Herren, hier im Zimmer sehe. Auf der ganzen Fahrt schwebten
die teuern Schatten neben mir, bis ich endlich vor dem Hause in der
Brixtonstraße hielt.
„Kein Mensch war zu sehen, nicht ein Laut ließ sich vernehmen, nur der
Regen rauschte hernieder. In der Droschke lag Drebber zusammengekrümmt
da in seinem Rausch und schlief. Ich faßte ihn beim Arm. ‚Sie müssen
aussteigen,‘ rief ich.
„‚Schon gut, Kutscher,‘ gab er zur Antwort.
„Ohne Zweifel glaubte er, bei dem Hotel angekommen zu sein, nach
welchem er fahren wollte, denn er verließ die Droschke ohne ein
weiteres Wort und folgte mir durch den Garten in das Haus. Er schwankte
hin und her, so daß ich ihn stützen mußte. Nun schloß ich die Thür auf
und brachte ihn in das Vorderzimmer. Den ganzen Weg lang schritten
meine Lucy und ihr Vater immer vor uns her -- ich versichere Sie.
„‚Hier ist’s verteufelt dunkel,‘ murmelte Drebber umhertastend.
„‚Wir wollen gleich Licht machen,‘ erwiderte ich, holte Streichhölzer
aus der Tasche und zündete die Wachskerze an, welche ich mitgebracht
hatte.
„‚Und jetzt, Enoch Drebber,‘ rief ich, das Licht emporhaltend, ‚seht
mich an -- kennt Ihr mich?‘ --
[Illustration]
„Er starrte mich eine Weile mit ausdruckslosen Blicken an, plötzlich
aber zuckte es krampfhaft in seinen Zügen und das Entsetzen, welches
sich darin spiegelte, sagte deutlicher als Worte, daß er seinen Feind
erkannt habe. Sein Gesicht ward erdfahl, der Angstschweiß trat ihm auf
die Stirn und er bebte wie Espenlaub.
„Ich lehnte ihm gegenüber an der Thür und betrachtete ihn mit Wollust;
so süß hatte ich mir die Rache kaum vorgestellt.
„‚Ihr erbärmlicher Mensch,‘ rief ich, ‚vom Salzsee her bin ich Eurer
Spur gefolgt und stets seid Ihr mir entgangen. Aber jetzt sind wir am
Ende unserer Wanderung, denn einer von uns beiden wird die Sonne des
morgenden Tages nicht mehr aufgehen sehen.‘
„Er schreckte noch weiter vor mir zurück; sicherlich glaubte er, daß
ich im Wahnsinn spräche. Ich war auch nahe daran, vor maßloser Erregung
den Verstand zu verlieren, meine Pulse pochten wild, und wer weiß, was
mir zugestoßen wäre, hätte mir nicht ein Blutstrom, der mir aus der
Nase quoll, plötzlich Erleichterung gebracht.
„‚Denkt an Lucy Ferrier,‘ rief ich und hob drohend den Schlüssel empor,
mit dem ich die Thür hinter uns abgeschlossen hatte. ‚Die Strafe für
Eure Missethat hat sich lange verzögert, aber endlich ereilt sie Euch
doch.‘ Mit bebenden Lippen stand der Feigling vor mir; er hätte wohl
gern um sein Leben gefleht, doch wußte er nur zu gut, daß ich kein
Erbarmen üben würde.
„‚Sie wollen mich ermorden?‘ stammelte er.
„‚Von Mord ist hier keine Rede. Wer einen tollen Hund tötet, mordet
nicht. Habt Ihr etwa Mitleid gefühlt für die Geliebte meines Herzens,
als Ihr sie von der Seite ihres erschlagenen Vaters risset, um sie in
Euern verruchten Harem zu schleppen?‘
„‚Ihr Vater ist nicht durch meine Hand gefallen.‘
„‚Aber, daß ihr das Herz brach, ist Eure Schuld. -- So soll denn der
große Gott Richter sein zwischen mir und Euch.‘ -- Ich hielt ihm die
Schachtel mit den Pillen hin. ‚Wählet,‘ rief ich, ‚in der einen ist
Tod, in der andern Leben; die, welche Ihr übrig laßt, nehme ich. Laßt
uns sehen, ob es noch Gerechtigkeit auf Erden giebt, oder ob uns der
Zufall regiert.‘
„Er wand sich vor Todesangst und flehte um Gnade; statt der Antwort zog
ich mein Messer und hielt es ihm an die Kehle, bis er mir den Willen
gethan hatte. Dann verschluckte ich die zweite Pille, und wir standen
einander eine Minute lang gegenüber in gespannter Erwartung, wer von
uns leben und wer sterben solle. -- Nie werde ich den grauenvollen
Ausdruck seiner Mienen vergessen, als er die ersten Anzeichen des
Gifts verspürte und wußte, er habe das Todeslos gezogen. Ich hielt ihm
triumphierend Lucys Trauring vor die Augen. Es war nur ein Moment, denn
die Wirkung des Alkaloids erfolgte schnell. Seine Züge verzerrten
sich, er griff mit den Händen in die Luft, stieß einen wilden Schrei
aus und fiel schwer zu Boden. Ich fühlte nach seinem Herzschlag, aber
nichts regte sich -- er war tot.
„Ich tauchte den Finger in mein Blut, das noch immer herabgetropft
war, ohne daß ich es beachtet hatte, und schrieb das Wort ‚Rache‘ an
die Wand. Ob ich das zu meiner eigenen Befriedigung that, oder um die
Polizei auf eine falsche Fährte zu locken, ist mir selbst nicht klar.
Ich hatte von geheimen Gesellschaften gehört, die auf solche Weise ihre
Opfer zeichnen.
„Nun verließ ich das Haus und bestieg meine Droschke wieder. Draußen
heulte noch der wilde Sturm, und die Straße war menschenleer. Ich
mochte schon eine ziemliche Strecke gefahren sein, als ich Lucys
Trauring vermißte, den ich immer in meiner Brusttasche trug. Es war
das einzige Erinnerungszeichen an sie, welches ich besaß, und der
Verlust traf mich wie ein Donnerschlag. Wahrscheinlich hatte ich den
Ring verloren, als ich mich über Drebbers Leiche beugte; ich mußte ihn
wieder haben, um jeden Preis. Rasch entschlossen kehrte ich um, ließ
die Droschke in einer Seitenstraße stehen und schritt beherzt auf das
Haus zu. Allein, fast wäre ich einem Polizisten in die Arme gelaufen,
der eben aus dem Gitterthor trat. Es gelang mir, seinen Argwohn zu
beschwichtigen, indem ich mich sinnlos betrunken stellte.
„Enoch Drebber hatte seinen verdienten Lohn gefunden. Nun sollte auch
Stangerson für John Ferriers Tod büßen. Ich wartete den ganzen Tag
über auf ihn in der Nähe von Hallidays Hotel, aber er ließ sich nicht
blicken; Drebbers Ausbleiben mochte wohl Verdacht in ihm erregt haben.
Stangerson war schlau und stets auf seiner Hut, doch diesmal nützte
ihm alle Vorsicht nicht. Welches sein Stubenfenster sei, brachte ich
leicht in Erfahrung, und mit Hilfe einer Leiter, die noch von einem
Bau her in einer Nebengasse lag, stieg ich beim Morgengrauen in sein
Schlafzimmer ein. Ich weckte ihn und kündigte ihm an, daß die Stunde
der Rechenschaft gekommen sei, und er seine alte Schuld bezahlen müsse.
Nachdem ich ihm Drebbers Tod geschildert, bot ich ihm dieselbe Wahl an,
wie seinem Gefährten. Er aber hörte kaum auf mich; wie rasend sprang
er aus dem Bette und mir an die Kehle. Aus Notwehr stieß ich ihm, zu
meiner eigenen Rettung, mein Messer in die Brust. Der Tod hätte ihn
ja so wie so ereilt, denn sicherlich würde seine schuldige Hand die
vergiftete Pille gewählt haben -- die Wege der Vorsehung sind gerecht.
„Mir bleibt jetzt nur noch wenig zu berichten -- und das ist gut, weil
ich fühle, daß es mit meinen Kräften zu Ende geht. Ich wollte das
Kutscherhandwerk weitertreiben, bis ich genug Geld beisammen hätte, um
nach Amerika zurückzukehren. Als ich heute in unserm Hofe stand, hörte
ich einen zerlumpten Jungen nach einem Kutscher Namens Jefferson Hope
fragen. Er war von einem Herrn in der Bakerstraße geschickt, um meine
Droschke zu holen. Ohne den geringsten Argwohn folgte ich dem Boten;
bevor ich aber noch recht wußte, wie mir geschah, hatte mir schon der
junge Mann hier die Handschellen angelegt und ich war Ihr Gefangener.
Sie kennen jetzt meine ganze Lebensgeschichte. Vielleicht gelte ich in
Ihren Augen dennoch für einen Mörder. Ich aber, meine Herren, lebe der
festen Ueberzeugung, daß ich gerade so gut ein Diener der Gerechtigkeit
bin, wie Sie selber.“
Jefferson Hope hatte seine ergreifende Geschichte mit so
tiefinnerlichem Gefühl erzählt, daß wir ihm in atemloser Spannung
zuhörten. Sogar die beiden Detektivs, die doch durch ihren Beruf gegen
das Verbrechen in jeder Form abgestumpft waren, zeigten ein warmes
Interesse. Als er geendet hatte, saßen wir noch eine Weile stumm und
nachdenklich da, und man hörte nur Lestrades Bleistift über das Papier
fahren, während er seinem stenographischen Bericht die Schlußworte
hinzufügte.
„Nur +eins+ möchte ich noch wissen,“ unterbrach endlich Sherlock Holmes
die Stille: „Wer war Ihr Helfershelfer, der auf meine Anzeige hin den
Ring zu holen kam?“
Der Gefangene schüttelte den Kopf. „Anderer Leute Geheimnisse darf ich
nicht verraten,“ sagte er; „es könnte sie in Ungelegenheiten bringen.
Ich war ungewiß, ob man mir nicht eine Falle stelle und mein Freund
erbot sich, den Ring statt meiner zu holen. Sie werden zugeben, daß er
die Sache geschickt ausgeführt hat.“
„Das will ich meinen,“ bestätigte Holmes lächelnd.
„Nun, meine Herren,“ nahm der Inspektor das Wort, „dem Gesetz muß
Genüge geschehen. Nächsten Donnerstag wird der Gefangene dem Richter
vorgeführt werden, wobei Ihre Gegenwart erforderlich ist. Bis dahin
übernehme ich die Verantwortlichkeit für ihn.“
Er klingelte, worauf zwei Polizisten erschienen, welche Jefferson Hope
in Gewahrsam brachten. Ich aber kehrte in Begleitung meines Freundes
Holmes nach unserer Wohnung in der Bakerstraße zurück.
Wir hatten sämtlich eine gerichtliche Vorladung auf Donnerstag
erhalten. Als jedoch der festgesetzte Termin herankam, bedurfte man
unseres Zeugnisses nicht mehr. Ein höherer Richter hatte die Sache
in die Hand genommen und Jefferson Hope zur Rechenschaft vor sein
Tribunal gefordert. In der Nacht nach seiner Gefangennahme trat das
erwartete Ende ein und man fand ihn am Morgen tot in seiner Zelle. Ein
friedliches Lächeln lag in seinen Zügen, als habe die Erinnerung an ein
wohl angewendetes Leben und glücklich vollbrachtes Werk ihm noch die
letzten Augenblicke versüßt.
Am Abend saß ich mit Holmes in unserem gemeinschaftlichen Wohnzimmer am
Kamin und wir besprachen das Ereignis.
„Dieser Todesfall macht Gregson und Lestrade einen rechten Strich durch
ihre Rechnung,“ sagte mein Freund. „Sie werden sehr unglücklich darüber
sein; wo bleibt nun ihr pomphafter Zeitungsbericht und der Lohn für
alle ihre Anstrengung?“
„Mir scheint doch, daß sie mit der Gefangennahme wenig zu thun gehabt
haben,“ versetzte ich.
„O, in dieser Welt kommt es nicht sowohl darauf an, was man wirklich
thut,“ rief mein Gefährte, nicht ohne einen Anflug von Bitterkeit,
„als darauf, daß man den Leuten einen hohen Begriff von seinen Thaten
beizubringen weiß. Aber, einerlei,“ fuhr er nach einer Pause in
heiterem Tone fort, „ich hätte mir den Fall um keinen Preis entgehen
lassen mögen; es ist einer der besten, die mir je vorgekommen sind.
Trotz seiner Einfachheit enthielt er mehrere äußerst lehrreiche Punkte.“
[Illustration]
„Das nennen Sie einfach?! --“
Holmes lächelte über mein Erstaunen. „Nun ja, wie wollen Sie es anders
bezeichnen?“ sagte er. „Schon der Umstand, daß ich ganz allein, nur
mit Hilfe einiger alltäglicher Schlußfolgerungen, innerhalb drei Tagen
des Verbrechers habhaft geworden bin, ist doch der schlagendste Beweis
für die Einfachheit des Falles.“
„Wohl wahr,“ gab ich zu.
„Ich habe Ihnen schon früher einmal auseinander gesetzt, daß alles
Ungewöhnliche eher eine Erleichterung als ein Hindernis ist. Bei der
Lösung eines solchen Problems kommt es hauptsächlich darauf an, ob man
imstande ist, Rückschlüsse zu machen. Das ist eine sehr nützliche und
leicht zu erwerbende Fertigkeit, aber nur wenige Leute haben Uebung
darin. Die synthetische Methode erscheint den meisten leichter als die
analytische.“
„Was das heißen soll, verstehe ich nicht.“
„Das glaube ich gern und will mich näher erklären: Nach meiner
Erfahrung werden die meisten Leute, denen man verschiedene Ereignisse,
die stattgefunden haben, der Reihe nach erzählt, zu sagen wissen,
welches Resultat sich daraus ergeben wird. Dagegen giebt es nur wenige
Menschen, die, wenn man ihnen ein Resultat mitteilt, imstande sind,
sich zu vergegenwärtigen, auf welche Art es sich entwickelt, welche
Schritte stufenweise zu dem Ergebnis hingeleitet haben können. Diese
Fähigkeit, Rückschlüsse zu machen, nenne ich die analytische Methode.“
„Das klingt schon weniger dunkel,“ sagte ich.
„In unserem Fall lag das Ergebnis klar zu Tage, alles übrige mußten
wir aber selber finden. Ich will Ihnen nun einmal Schritt für Schritt
zeigen, wie ich meine Schlüsse gezogen habe. Fangen wir beim Anfang
an: Ich näherte mich, wie Sie wissen, dem Hause zu Fuß und ohne alle
Voreingenommenheit. Natürlich untersuchte ich zunächst die Straße,
und fand da, wie ich Ihnen schon sagte, deutliche Anzeichen, daß eine
Droschke bei Nacht vorgefahren sein müsse; daß es kein Privatwagen
gewesen, erkannte ich an der schmaleren Räderspur. Bei unsern Londoner
Fuhrwerken ist der Unterschied ziemlich bedeutend.“
„Nachdem ich über diesen Punkt Gewißheit hatte, ging ich langsam den
Gartenpfad hinunter; in dem lehmigen Boden waren alle Fußstapfen mit
großer Deutlichkeit abgedrückt. Sie haben vielleicht nur Pfützen
gesehen und zertretenes Erdreich, aber für mein erfahrenes Auge war
jedes Merkmal von Bedeutung. Die Beobachtung der Fußspuren wird
im allgemeinen von den Detektivs viel zu sehr vernachlässigt; ich
habe stets großen Wert darauf gelegt und sie ist mir durch fleißige
Uebung zur zweiten Natur geworden. Ich konnte die schweren Tritte
der Schutzleute verfolgen, aber ich sah auch die Spuren der beiden
Männer, die zuerst durch den Garten gegangen waren. Daß jene den Weg
später gemacht hatten, unterlag keinem Zweifel, denn ihre Fußstapfen
verdeckten die andern an manchen Stellen gänzlich. Somit war das zweite
Glied in meiner Kette gefunden: ich wußte, daß zwei nächtliche Besucher
dagewesen waren, der eine ungewöhnlich groß -- was sich aus der Länge
seines Schrittes ergab, -- der andere fein und modisch gekleidet, wie
der Abdruck der schmalen, eleganten Stiefel bekundete.
„Beim Eintritt in das Haus fand ich letztere Vermutung bestätigt: der
feingestiefelte Mann lag vor mir. Also mußte der andere, der große,
den Mord begangen haben, wenn ein solcher überhaupt verübt worden
war. Eine Wunde ließ sich an dem Toten nicht entdecken, doch bewies
die leidenschaftliche Erregung in seinen Zügen, daß er sein Schicksal
vorausgesehen habe. Ein solcher Ausdruck der Unruhe findet sich nie bei
einem Menschen, der an Herzschlag oder aus einer andern natürlichen
Ursache eines plötzlichen Todes stirbt. Ich roch an des Mannes Lippen,
entdeckte eine verdächtige Säure und schloß daraus, daß er gezwungen
worden sei, Gift zu nehmen. Freiwillig hatte er es nicht gethan, denn
grimmiger Haß und Todesfurcht standen ihm im Gesicht geschrieben. Ein
solcher Giftmord ist übrigens durchaus kein unerhörtes Vorkommnis in
der Geschichte des Verbrechens und steht nicht vereinzelt da. Jeder,
der sich mit Toxikologie beschäftigt hat, denkt dabei unwillkürlich an
die Fälle Dolsky in Odessa und Leturier in Montpellier.
„Nun aber kam die große Frage nach dem Beweggrund. Ein Raub konnte
nicht beabsichtigt sein, denn weder des Toten Börse noch seine Uhr
waren entwendet worden. Handelte es sich vielleicht um politische
Zwecke oder war eine Frau im Spiele? -- Ich neigte mich von Anfang an
letzterer Meinung zu. Der politische Fanatiker bringt seine Opfer so
rasch als möglich um und ergreift die Flucht. Dieser Mord war aber
im Gegenteil mit allem Vorbedacht ausgeführt worden und man konnte
im ganzen Zimmer die Spur des Thäters verfolgen. Allem Anschein nach
handelte es sich um einen Akt der Privatrache. Die Inschrift an der
Wand bestärkte mich nur in dieser Ansicht, und als zuletzt der Trauring
zum Vorschein kam, hielt ich die Frage für entschieden. Der Mörder
hatte ihn vermutlich benützt, um sein Opfer an ein früheres Verhältnis
zu irgend einem Mädchen zu erinnern. Um hierüber Aufschluß zu erhalten,
fragte ich Gregson, ob er in seinem Telegramm um Nachricht über
Drebbers Vorgeschichte gebeten habe, das hatte er jedoch unterlassen.
„Als ich nunmehr das Zimmer zu untersuchen begann, fand ich meine
Annahme über den Mörder in allen Einzelheiten bestätigt; es mußte
sein eigenes Blut sein, das auf den Fußboden getropft war, denn ein
Kampf hatte nicht stattgefunden und überall, wo er umhergegangen war,
sah man die Blutspuren. Daß ich glaubte, der Mann sei vollblütig, von
kräftigem Wuchs und blühender Gesichtsfarbe, war sehr natürlich --
hätte ihm sonst die bloße innere Aufregung ein so heftiges Nasenbluten
verursachen können? -- Von der Richtigkeit meiner Schlüsse haben wir
uns ja später durch den Augenschein überzeugt.
„Nachdem ich das Haus verlassen hatte, telegraphierte ich sofort an den
Polizeiinspektor in Cleveland und bat um Auskunft über Enoch Drebbers
eheliche Verhältnisse. Die Antwort klärte mich über verschiedene
wichtige Punkte auf. Sie lautete dahin, daß Drebber schon einmal den
Schutz des Gesetzes gegen einen früheren Nebenbuhler Namens Jefferson
Hope angerufen habe, und daß besagter Hope sich jetzt in Europa
befinde. Hierdurch bekam ich den Schlüssel des ganzen Geheimnisses
in die Hände und es handelte sich jetzt nur noch darum, des Mörders
habhaft zu werden.
„Der Mann, welcher mit Drebber in das Haus gegangen war, hatte auch
die Droschke gefahren, das stand fest. Sein Pferd war auf der Straße
sich selbst überlassen geblieben und hatte den Wagen bald hierhin, bald
dorthin gezogen. Wo anders konnte der Kutscher unterdessen gewesen
sein, als drinnen im Hause? Es lag ja auch auf der Hand, daß er weit
sicherer war, unentdeckt zu bleiben, wenn er sein Verbrechen ohne
Zeugen beging. Diese Erwägung veranlaßte mich, Jefferson Hope unter den
Droschkenkutschern der Hauptstadt zu suchen. Daß er noch unter ihnen zu
finden sein müsse, wurde mir bald zur Gewißheit. Wenn er dies Gewerbe
ergriffen hatte, um seinen Racheplan leichter ausführen zu können, so
durfte er es nicht gleich nach vollbrachter That aufgeben, das hätte
verdächtig aussehen können. Seinen Namen hatte er schwerlich verändert,
da er hier völlig unbekannt war.
„Nachdem ich dies alles wohl erwogen hatte, schickte ich die Bande
meiner Getreuen zu jedem Droschkenbesitzer Londons, bis sie den Mann
aufgespürt hatten, nach dem ich suchte. Wie gut ihnen das gelang und
wie schnell ich die Gelegenheit beim Schopfe nahm, haben Sie selbst
gesehen.
„Stangersons Ermordung kam mir ganz unvermutet, hätte sich aber
schwerlich verhindern lassen. Sie brachte mich in den Besitz der
Pillen, deren Vorhandensein ich bereits ahnte, und dadurch ward auch
noch mein letzter Zweifel gehoben. Mein ganzes Verfahren beruhte, wie
Sie sehen, auf einer zusammenhängenden Kette logischer Schlüsse, in
welcher ein Glied genau an das andere paßt.“
„Sie sind ein merkwürdiger Mensch,“ rief ich, „Ihre Verdienste sollten
öffentlich anerkannt werden. Sie müssen einen Bericht über den Fall
drucken lassen. Thun +Sie+ es nicht, so werde +ich+ es übernehmen.“
„Halten Sie das, wie Sie wollen, Doktor,“ entgegnete Holmes, „es kommt
doch alles auf eins heraus. -- Vielleicht interessiert Sie dieser
Artikel,“ fuhr er fort, mir eine Zeitung reichend.
Die Stelle im ‚Echo‘, welche er mir zu lesen gab, lautete wie folgt:
„Durch den plötzlichen Tod eines gewissen Hope, des mutmaßlichen
Mörders von Enoch Drebber und Josef Stangerson, ist dem Publikum
eine interessante Gerichtsverhandlung entgangen. Die Einzelheiten
des Falls werden jetzt vermutlich für immer in Dunkel gehüllt
bleiben. Nur soviel hören wir aus guter Quelle, daß es sich um
eine langjährige, romantische Feindschaft handelte, bei der das
Mormonentum und eine alte Liebe wichtige Rollen spielten. Die beiden
Opfer scheinen in früheren Zeiten zu den ‚Heiligen des jüngsten
Tages‘ gehört zu haben, und auch der im Gefängnis verstorbene Hope
kam aus der Stadt am Salzsee. Obgleich der Fall nicht mehr öffentlich
verhandelt werden kann, so liefert er doch einen neuen schlagenden
Beweis von der Vortrefflichkeit unserer Londoner Geheimpolizei. Alle
Fremden mögen es sich gesagt sein lassen, daß sie wohl daran thun,
ihre Streitigkeiten daheim auszufechten, statt sie auf britischen
Grund und Boden zu verpflanzen. Es ist ein offenes Geheimnis, daß
wir Hopes Gefangennahme nur dem Scharfsinn und der Geschicklichkeit
der beiden wohlbekannten Detektivs Lestrade und Gregson zu verdanken
haben. Der Mann soll in der Wohnung eines gewissen Sherlock Holmes
verhaftet worden sein, welcher selbst Talent und Interesse für
polizeiliche Forschung an den Tag legt. Ein Dilettant, der solche
Lehrmeister hat, darf hoffen, ihnen mit der Zeit an Gewandtheit
ähnlich zu werden. -- Daß den beiden ausgezeichneten Beamten eine
angemessene Belohnung für ihre wertvollen Dienstleistungen zu teil
werden möchte, ist dringend zu wünschen.“
„Sagte ich Ihnen nicht gleich, als wir damals unsere Fahrt antraten,
wie alles kommen würde?“ rief Sherlock Holmes lachend. „Der ganze
Erfolg, der uns aus unsern Forschungen und Bemühungen erwächst, ist,
daß +sie+ eine Belohnung erhalten.“
„Seien Sie unbesorgt,“ rief ich, „in meinem Tagebuch stehen sämtliche
Thatsachen verzeichnet. Das Publikum soll Kenntnis davon erhalten und
wird dem wahren Verdienst die gebührende Anerkennung nicht versagen.“
LUTZ’
Kriminal- und Detektiv-Romane
etc
Bd. 52 M. 1.--
Sherlock Holmes
als Einbrecher
Von
Conan Doyle
STUTTGART
Verlag von Robert Lutz
Memoirenbibliothek.
Helen Keller
Die Geschichte meines Lebens
386 S. +mit Illustrationen+. Preis brosch. M. 5.50, in Lwd. geb. M.
6.50.
24 Auflagen in 24 Monaten
+Mark Twain+ hat den Ausspruch getan: „Die größten Wunder des 19.
Jahrhunderts sind +Napoleon+ und +Helen Keller+.“ -- In Deutschland
fand das Buch bei Publikum und Presse begeisterte Aufnahme.
+Einige Urteile+:
•Marie von Ebner-Eschenbach•: „+Tief ergriffen+ und +voll der
wärmsten Bewunderung+ habe ich das Buch zu Ende gelesen. Jede Zeile
hat mir +unaussprechliches Interesse+ eingeflößt. +Als ein erhabenes
Beispiel stillen Heldentums+ stehen Helen Keller und ihre Freundin
vor meinen Augen.“
•Kölnische Zeitung•: „Mit dem erhebenden Bewußtsein, ein neues Stück
menschlichen Heldentums in diesen beiden Frauen kennen gelernt zu
haben, legt man diese, +wohl in der ganzen Weltliteratur einzig
dastehende Selbstbiographie+ aus der Hand.“
•Pustets deutscher Hausschatz•: „Je weiter man in dem bedeutsamen
Buche vordringt, desto mehr nimmt +unsere Bewunderung für das
außerordentliche Mädchen+ zu. -- +Unbestritten gehört+ Helen Kellers
Selbstbiographie +zu den interessantesten Büchern der Neuzeit+.“
Verlag von +Robert Lutz+ in +Stuttgart+.
Verlag von +Robert Lutz+ in +Stuttgart+
M. Cervantes
Don Quijote
Nach der Tieckschen Uebersetzung neu bearbeitet von ~Dr.~ =Benno
Diederich=
=Jubiläumsausgabe.= Preis M. 3.50 brosch., M. 4.50 i. Lwd. geb.
Als König Philipp III. von Spanien in Madrid einen Mann sah, der sich,
brüllend vor Lachen, in der Gosse wälzte, sagte er zu seinen Begleitern:
Der Mensch ist entweder verrückt --
oder er hat den Don Quijote gelesen!
Dies Buch, dem damals ein so phänomenaler Lacherfolg zugetraut wurde,
steht heute in Gefahr, das Los derjenigen Klassiker zu teilen, die
jeder lobt und keiner liest, weil ihr Inhalt für den heutigen Geschmack
zumteil ganz ungenießbar ist. Dem Beispiel der von der +Spanischen
Akademie+ herausgegebenen +gekürzten+ Jubiläumsausgabe des Don Quijote
folgend, hat es ~Dr.~ =Benno Diederich= deshalb unternommen, auch dem
deutschen Volk das einzigartige Buch in einer
gekürzten Jubiläumsausgabe
wieder näher zu bringen, die +alles+ enthält, was den Ruhm des Buches
ausmacht und was an ihm unsterblich ist. Für die meisten, die sich mit
dem Don Quijote bekannt machen wollen, dürfte daher fortan
•nur diese gekürzte Ausgabe•
in Frage kommen.
•Verlag von +Robert Lutz+ in +Stuttgart+•
W. W. Jacobs
Seemannshumor
Geschichten und Schwänke von der Wasserkante
=I. Band=: 13 Erzählungen. -- =II. Band=: 15 Erzählungen.
Jeder Band ist einzeln käuflich zu M. 2.50 broschiert; M. 3.50 in Lwd.
gebunden.
Einige Urteile:
Hamburger Nachrichten: „Es herrscht hier •ein wirklicher, behaglicher
Humor•, voll der tollsten Einfälle und reger Phantasie. Echt und
frisch sind die wetterharten Gestalten gezeichnet. •Es kichert und
lacht• in und zwischen den Zeilen.“
Intern. Literaturberichte: „Wer einmal recht herzlich lachen will,
mag getrost zu Jacobs Seemannshumor greifen.“
Nordd. Allg. Zeitung: „Jede einzelne der Erzählungen ruft herzliches
Lachen hervor.“
Deutsche Tageszeitung: „Die Geschichten zeugen von einem ganz
•prächtigen, urwüchsigen Seemannshumor•.“
•Verlag von +Robert Lutz+ in +Stuttgart+.•
•W. Weressajew•
Bekenntnisse eines Arztes
4. Auflage. (8.-10. Tausend.)
Preis geh. M. 2.--, in Lwd. geb. M. 3.--.
Jeder Gebildete sollte dieses Buch lesen!
•Einige Urteile•:
•=Peter Rosegger=•: „Der Verfasser erzählt mit erschütterndem
Freimut seine Enttäuschungen, seine Mißerfolge, seine Verzweiflung
an der Medizin und -- seine Hoffnung auf sie. Das Buch ist eins der
ernstesten, redlichsten und nützlichsten Werke, die je geschrieben
wurden. Weressájew ist ein ganzer, ein guter und treuer Mensch.
Aber er ist auch ein großer Schriftsteller; sein Buch ist glänzend
geschrieben.“
•=Pustets Deutscher Hausschatz=•: „Man mag mit ihm über diesen
und jenen Punkt rechten, Hochachtung indes kann dem Verfasser
niemand vorenthalten, ebensowenig als Bewunderung seiner großen
schriftstellerischen Begabung, die sein Buch auf jeder Seite
auszeichnet.“
•=Rigaer Tagblatt=•: „Ein Kunstwerk, ein in rückhaltloser Offenheit
gezeichnetes Seelengemälde. Manche Kapitel lesen sich in ihrer
unbarmherzigen, psychologischen Analyse wie ein moderner Roman und
könnten fast unverändert in den Werken unserer zeitgenössischen
Literatur Platz finden.“
•=Deutsche Medizinalzeitung, Berlin=•: „Das Buch ist für jeden
Gebildeten von Interesse und von einem über die gewöhnliche
Unterhaltungslektüre weit hinausgehenden Wert.“
•Verlag von +Robert Lutz+ in +Stuttgart+.•
Anekdoten-Bibliothek
1. Bd. =Bismarck-Anekdoten.= Heitere Szenen, Scherze und
Charakterzüge aus dem Leben des ersten deutschen Reichskanzlers.
Bearbeitet von =Fr. Schmidt-Hennigker=. 4. Aufl. 239 S. Geh. M. 2.50,
in Lwd. geb. M. 3.50.
2. Bd. =Hohenzollern-Anekdoten I. Teil.= Anekdoten, heitere
Szenen und charakteristische Züge aus dem Leben der Hohenzollern.
Herausgegeben von =Herm. Jahnke=. Geh. M. 2.--, in Lwd. geb. M. 3.--.
3. Bd. =Hohenzollern-Anekdoten II. Teil.= •Humor Friedrichs des
Großen.• Bearbeitet von =Fr. Schmidt-Hennigker=. 5. Auflage. 192 S.
Geh. M. 2.--, in Lwd. geb. M. 3.--.
4. Bd. =Schiller-Anekdoten.= Charakterzüge und Anekdoten, ernste und
heitere Bilder aus dem Leben Friedrich Schillers. Herausgegeben von
=Th. Mauch=. 5. und 6. Tausend. 312 S. Geh. M. 2.50, in Lwd. geb. M.
3.50.
5. Bd. =Habsburger-Anekdoten.= Herausgegeben von ~Dr.~ =Frz.
Schnürer=. 205 S. Geh. M. 2.--, in Lwd. geb. M. 3.--.
6. Bd. =Napoleon-Anekdoten I. Teil.= Herausgegeben von =G. Kuntze=.
Ca. 225 S. =Preis brosch.= M. 2.--, in Lwd. geb. M. 3.--.
•In Vorbereitung:•
Russische Hof-Anekdoten. -- Napoleon-Anekdoten II. Teil. --
Goethe-Anekdoten.
•Verlag von +Robert Lutz+ in +Stuttgart+•
Fritz Reuters Meisterwerke
Hochdeutsche Ausgabe
Herausgegeben von ~Dr.~ +Heinrich Conrad+ 6 Bände à M. 1.20 broschiert,
M. 1.80 i. Lwd. geb.
Jeder Band einzeln käuflich
+Inhalt+: Bd. 1. Aus der Franzosenzeit. -- Wie ich zu einer Frau kam.
-- Bd. 2. Aus meiner Festungszeit. -- Bd. 3-5. Aus meiner Stromzeit. --
Bd. 6. Dörchläuchting.
•Einige Urteile:•
•J. V. Widmann urteilt•: „Schon nach den ersten Kapiteln der
„Franzosenzeit“ war ich mir darüber klar, daß ein bisher im engern
Verschluß der Mundart gehaltenes Meisterwerk nun +durch diese
Übertragung in die Schriftsprache den Charakter eines+
•+Nationalgeschenkes für Deutschland+• erhalten hat.“
•Kölnische Volkszeitung•: „Diese Übertragung, +die
übrigens nicht vor dem Dialog Halt macht+, sondern auch
diesen +verständigerweise hochdeutsch wiedergibt, zeigt einen
Übersetzungskünstler+, der im Stil und der Redeweise der
Personen jene Nüancierung der Formen anzuwenden weiß, die auch
dem Hochdeutschen gar wohl eigen ist und dem Vorgebrachten +ein
charakteristisches Kolorit+ verleiht.“
•„Dienet einander“ (~Dr.~ W. Rathmann)•: „+Die vorliegende
hochdeutsche Ausgabe macht Reuters Werke erst zum Besitz der ganzen
Nation+. Die Verlagshandlung verbindet die gute Ausstattung in großem
Druck auf holzfreiem Papier mit einem +so billigen Preise+, daß auch
die +kleinste Bibliothek+ die geringen Kosten nicht scheuen darf.“
Sherlock Holmes-Serie
Gesammelte Detektivgeschichten
von
Conan Doyle
Illustriert
Inhalt:
1. Bd. Späte Rache
2. „ Das Zeichen der Vier
3. „ Der Bund der Rothaarigen
u. a. Detektivgeschichten
4. „ Das getupfte Band u. A.
5. „ Fünf Apfelsinenkerne u. A.
6. „ Der Hund von Baskerville
7. „ (II. Serie Band 1): Als Sherlock Holmes
aus Lhassa kam u. A.
8. „ (II. Serie Band 2): Die tanzenden
Männchen u. A.
Preise:
•+Band 1-6 (I. Serie)+•. Jeder Band einzeln käuflich brosch. zu
M. 2.25, in Leinwd. geb. M. 3.25.
+Alle 6 Bände+ auf einmal bezogen brosch. M. 12.--, in Leinwd. geb.
M. 18.--.
+Band 7 u. 8 (II. Serie Band 1 u. 2)+. Brosch. à M. 2.25, in Leinwd.
geb. à M. 3.25.
*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SPÄTE RACHE ***
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