The Project Gutenberg eBook of Liebe ist ewig
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Title: Liebe ist ewig
Roman
Author: Wilhelm von Polenz
Release date: March 6, 2026 [eBook #78125]
Language: German
Original publication: Berlin: F. Fontane & Co, 1904
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/78125
Credits: Richard Illner and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was produced from images generously made available by The Internet Archive)
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LIEBE IST EWIG ***
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Anmerkungen zur Transkription.
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Die Schreibweise und Interpunktion
des Originaltextes wurden übernommen; offensichtliche Druckfehler sind
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Eine Liste der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.
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Wilhelm von Polenz
Liebe ist ewig
Roman
Dritte Auflage
[Illustration]
Berlin, 1904, F. Fontane & Co.
Alle Rechte
vor allem das Recht der Übersetzung
vorbehalten
I.
Jutta mußte ihrem Bruder Eberhard wieder einmal bei seinen Experimenten
helfen. Das Zimmer glich einem Naturalienkabinett. Auf Schränken
standen ausgestopfte Vögel, auf Tischen und Kommoden erblickte man
Steine, Erze, Gläser mit Spirituspräparaten, an den Wänden hingen
Kästen, hinter deren Glasscheiben Schmetterlinge und Käfer aufgespießt
waren. Vom Bücherbrett grinste unheimlich der Totenschädel herab.
Der große viereckige Tisch in der Mitte des Zimmers war vollgestellt
mit physikalischen Instrumenten; sie waren kostbarer, als man sie
für gewöhnlich im Besitze eines siebzehnjährigen Gymnasiasten
findet. Es herrschte in dem Raume ein undefinierbarer Geruch, der
sich zusammensetzte aus der Ausdünstung ausgestopfter Tiere, kaltem
Cigarettenrauch und dem ätzenden Aroma von allerhand Säuren und
Essenzen. Eberhard hatte sein Zimmer das »Laboratorium« getauft, und
die Hausgenossen waren ihm darin gefolgt, es so zu nennen.
Seine Schwester, um drei Jahre jünger als er, stand dabei, während er
an der Induktionsmaschine herumhantierte. Er gab ihr barsche Befehle.
Jutta reichte ihm wortlos, was er brauchte. Ihr Auge verfolgte den
Fortgang des Experiments mit dem Blicke kühler Gewohnheit; offenbar war
ihre Seele nicht dabei.
Eberhard tyrannisierte das Mädchen, ohne Bosheit, aus jenem naiven
Selbstbewußtsein des jungen Mannes heraus, das ihm früh schon sagt:
du bist auf der Welt, um zu regieren. Zunächst wurde dieses Regiment
an der ausgeübt, die sich am wenigsten wehren konnte, an der kleinen
Schwester.
Vor einem Jahre noch hatte Eberhard einen über sich gehabt, der
ihn seine Faust schwer fühlen ließ: seinen älteren Bruder, Kurt.
Aber Kurt war vom Vater nach Südamerika geschickt worden, um die
Handelsinteressen, die das Haus Reimers dort hatte, an Ort und Stelle
wahrzunehmen.
Seit der ältere Bruder jenseits des großen Wassers war, atmete Eberhard
auf. Die fünf Jahre, die Kurt ihm im Alter voraus war, hatten den
empfindlichen Knaben schwer gedrückt. Jetzt erst wurde für ihn Raum zur
Entfaltung. Bisher war er der Kleine gewesen, der unter dem Schatten
eines Größeren heranwuchs; nun endlich war er »junger Herr« geworden,
brauchte nicht mehr davor zu zittern, von dem Älteren lächerlich
gemacht oder gar bemitleidet zu werden.
Herr Reimers, der Vater dieser Kinder, war viel außer dem Hause. Seine
Geschäfte führten ihn von einem Ende Europas zum anderen. Er war schon
seit einigen Jahren verwitwet.
Wenn er von seinen Reisen nach Haus zurückkehrte, wollte er
Behaglichkeit vorfinden und aufgeräumtes Wesen. Jutta und Eberhard
wußten das; denn sie waren, wie die meisten Kinder, gute Beobachter. So
hatten sie auch gemerkt, daß der Vater den unangenehmen Dingen aus dem
Wege ging, und daß man am besten fuhr, wenn man ihm Unerfreuliches nach
Möglichkeit verschwieg. Ohne sich verabredet zu haben, richteten die
Geschwister ihr Verhalten nach dieser Eigenheit des Vaters ein. Ja, das
war eigentlich das einzige, worin sie stillschweigend einig waren.
Wie vielfach in Familien, wo die Mutter fehlt, erschienen die Kinder,
was das Äußere anbetraf, ziemlich selbständig und früh gewitzigt. Sie
hatten sich mit Fremden einrichten müssen, waren gezwungen gewesen,
sich zu verteidigen, ihre Stellung zu behaupten. Sie waren gewohnt,
einerseits, sich selbst zu helfen; aber da der Hausstand, in dem sie
aufgewachsen, ein großer war, so hatten sie auch die Angewohnheit
angenommen, für sich arbeiten zu lassen, die Dienstboten zu befehligen
und in Trab zu halten.
Die angejahrte Witwe, welche der Vater angenommen hatte, um die
fehlende Hausfrau in der Wirtschaft zu ersetzen, war auch nicht die
Person danach, den Kindern Achtung einzuflößen. Frau Hölzl befand sich
in steter Sorge, den gut bezahlten Posten bei Herrn Reimers einzubüßen.
Ihr vornehmstes Bestreben war, den Hausherrn bei guter Laune zu
erhalten. Durch ihr System des Vertuschens aber war sie schnell in
Abhängigkeit geraten von den Kindern, die sich die zweifelhafte Lage
der Dame zu Nutze machten.
Da der Vater nur zeitweise zu Haus war und dann allerhand Abhaltung
geschäftlicher und geselliger Natur hatte, waren die Kinder viel auf
sich selbst angewiesen. Eberhard war Primaner und stand nicht weit von
der Abgangsprüfung. Jutta besuchte eine Töchterschule. Sie gingen jedes
seinen eigenen Weg, störten einander nicht in ihren Freundschaften,
besonderen Liebhabereien und all den Dingen, wo zwischen Knabe und
Mädchen von Natur eine Grenze gesetzt ist.
Da die Induktionsmaschine aus irgendeinem rätselhaften Grunde
heute nicht funktionieren wollte, wurde sie von Eberhard mit einer
Verwünschung bei Seite geschoben. Jutta wollte gehen, weil sie glaubte,
sie habe nun frei, als er ihr zurief: sie solle ihm helfen beim
Mikroskop. Schon hatte er den Kasten mit den Präparaten herbeigeholt
und begann, das Instrument einzustellen, als auf der Stiege Schritte
ertönten und ein Klopfen an der Thür vernommen wurde.
Ohne das »Herein« abzuwarten, trat ein junger Mann ein, von großer
Gestalt, mit rötlichem Haar und unreiner Gesichtsfarbe. Seine
Erscheinung wurde nicht gehoben durch den lückenhaften Bartwuchs, der
an eine schlecht aufgegangene Saat erinnerte.
Bruno Knorrig schien sich hier zu Haus zu fühlen. Er sprach laut
und lachte ohne ersichtlichen Grund schon auf der Schwelle. Seinen
Überzieher riß er herunter und warf ihn über die nächste Stuhllehne.
Dabei fiel aus der Tasche ein Buch zur Erde. Eberhard hob es auf, wohl
mehr aus Neugier als aus Höflichkeit.
»Ach, laß doch!« rief Bruno und wollte es ihm wegnehmen. »Ich
sah's ausliegen, und da's mit drei Mark fünfzig statt für sechs
angezeigt war, kaufte ich's. Ich dachte, daß es was für dich wäre.
Naturwissenschaftlich, du verstehst!« -- -- Dabei ein Blick auf das
Mädchen.
Jutta runzelte die Stirn, sie verstand die Andeutung.
»Hm du!« machte Eberhard, in dem Buche blätternd, »für kleine Mädchen
allerdings nichts!«
»Wir können's uns auch ein andermal ansehen, dächte ich,« fiel ihm
Bruno ins Wort, der um keinen Preis die niedliche Jutta vertreiben
wollte.
Aber bei Eberhard hatte die halbe Seite, die er gelesen, bereits
gezündet. Er bedeutete die Schwester, daß die Herren allein gelassen zu
sein wünschten. Mit einem Blicke des Bedauerns sah Bruno das Mädchen
leichtfüßig entschwinden.
Die jungen Männer ahnten nicht, wie gern Jutta von ihnen ging. Aus
Bruno Knorrig machte sie sich nichts, sie fand ihn langweilig und
lächerlich. Mit früh entwickeltem Blick für dergleichen kritisierte sie
seinen Aufzug, seinen Bart, seinen schlechten Teint.
Viel bessere Unterhaltung als in dem verräucherten Laboratorium wußte
sie an einer anderen Stätte ihrer warten, der ihre kleinen Füße sie
jetzt in ungeduldigem Laufe entgegentrugen.
* * * * *
Im Rückhause, durch einen schmalen Hof vom Vordergebäude getrennt, drei
Treppen hoch, hatte ein Kunstmaler sein Atelier aufgeschlagen. Herr von
Weischach hieß er. Mit ihm war Jutta Reimers befreundet; es verging
kaum ein Tag, wo sie ihn nicht auf eine Viertelstunde wenigstens
aufgesucht hätte.
Weischach war kein Jüngling mehr. Ehe er sich der Kunst zugewandt
hatte, war er Soldat gewesen. Mit dem Titel Oberstleutnant hatte er
den Abschied genommen. Die Malerei war von Jugend auf seine Passion
gewesen, hatte ihn weit mehr interessiert als der Königliche Dienst.
Aber Familienrücksichten und das Bewußtsein, daß sein Können nicht
ausreiche, um die Existenz darauf zu gründen, hatten ihn abgehalten,
den bunten Rock mit dem Malerkittel zu vertauschen. Dann machte er eine
kleine Erbschaft, die es ihm ermöglichte, den Traum seines Lebens zu
verwirklichen.
Eine längere Kunstreise führte ihn nach Italien und Griechenland.
Nachdem er sich genügend durch Antike und Renaissance inspiriert
glaubte, wählte er München zum Aufenthalt, in dem Glauben, daß, wenn
ihm zur Kunstübung noch etwas fehle, es ihm hier durch die Luft
gewissermaßen zufliegen müsse. Er hatte sich eine Wohnung mit Atelier
gemietet und bemalte eine Leinewand nach der anderen. Im Sommer ging
er nach Dachau, und im Winter verwandte er die Studien, die er von dort
mitbrachte, zu Bildern.
Die Bekanntschaft von Weischach und Jutta war in harmlosester Weise
im Hausflur angeknüpft worden. Dem Maler war das Gesicht des Mädchens
aufgefallen, und da er für ein Genrebild, welches er plante, einen
jugendlichen Kopf brauchte, der gerade diese Mischung von süßer
ahnungsvoller Kindlichkeit und schlummernder Weiblichkeit wiedergäbe,
so hatte er Jutta Reimers eines Tages einfach gefragt, ob sie ihm eine
Stunde sitzen wolle. Das Mädchen bedachte sich keinen Augenblick ihm zu
folgen.
Mit einer Stunde war es natürlich nicht gethan. Jutta fand Gefallen an
dem Gemalt-werden. Für sie hatten die Sitzungen, abgesehen von all dem
Interessanten, was das Atelier bot, überdies den Reiz des Unerlaubten.
Der Vater durfte nicht wissen, wo sie so manche ihrer schulfreien
Stunden zubringe. Denn wenn auch Herr Reimers durchaus nicht zu den
strengen Vätern gehörte, so lehrte dem jungen Dinge doch eine frühreife
Wahrnehmung, daß der Vater, der über manches ein Auge zudrückte, ihren
Verkehr im Atelier eines Kunstmalers nicht dulden werde. Da aber Herr
Reimers viel von Hause abwesend war, und da er, wenn anwesend, sich
auch nicht eingehend darum zu kümmern pflegte, was seine Kinder zu
jeder Tagesstunde trieben, so war es Jutta bisher leicht geworden,
ihr Geheimnis zu wahren. Eberhard freilich wußte darum; da es aber
auch für ihn mancherlei gab, was vor des Vaters Augen versteckt werden
mußte, so hatte er allen Grund, die Schwester nicht zu verraten.
Es war heute schon etwas spät geworden. Jutta wußte, daß Weischach auf
sie gewartet haben würde. Er war neuerdings wiedermal ganz erfüllt von
einem Bilde, zu dem er, wie er sagte, Jutta »die Inspiration« verdanke.
Sie kannte ihn nun schon ziemlich genau in seinen Eigentümlichkeiten.
Wenn er einen Einfall hatte, dann war er voll Ungeduld, lief im Atelier
auf und ab, zündete sich eine Cigarette an der anderen an, dabei heftig
sprechend und gestikulierend. »Ich habe einen großartigen Gedanken!«
Das wiederholte sich in unzähligen Tonarten. Dann gab er Jutta die
zärtlichsten Namen. Sie war seine »Göttin« seine »gute Fee« sein
»Genius« seine »Fornarina«. Dann schenkte er ihr Blumen, und sie bekam
Prallinees zu essen, soviel sie wollte.
Und ein paar Wochen darauf war all die Herrlichkeit zu Ende. Dann hatte
er angefangen zu arbeiten, Sitzung auf Sitzung, hatte mühselig zunächst
mit Reißkohle die Umrisse auf die präparierte Leinewand gebracht, die
Grundfarbe aufgetragen, sorgfältig die Verhältnisse abgewogen, Lichter
aufgesetzt. Hier Licht, dort Schatten verstärkt, durch den Spiegel
die Richtigkeit der Zeichnung studiert, radiert, übermalt, das Ganze
umgeworfen und von neuem angefangen. Bis er schließlich verzweifelnd
die Leinewand wegstellte, mit der bemalten Seite gegen die Wand, um
nur nicht sein Machwerk vor Augen zu haben, das er jetzt eine »elende
Stümperei« nannte.
Wochenlang konnte Herr von Weischach nach einer solchen Niederlage
unthätig sitzen, Bücher lesend, die von Kunst handelten, und Cigaretten
rauchend. In solchen Zeiten brauchte er Jutta Reimers ganz besonders
notwendig; sie sei der »einzige Mensch«, mit dem man ein »vernünftiges
Wort« reden könne. Die Unterhaltung war jedoch einseitig. Er hielt
weitschweifige Vorträge über Pleinair und Impressionismus, raisonnierte
auf die Kollegen Kunstmaler und pries seine eigene Malweise als die
einzig richtige. Jutta, die nur zum allergeringsten Teile verstand, was
er sagte, da er in technischen Ausdrücken schwelgte, vertrieb sich die
Zeit, indem sie in Albums blätterte, in Zeitschriften las, Prallinees
aß, oder mit der großen dreifarbigen Angora-Katze spielte, die sich der
ehemalige Oberstleutnant als einzige Lebensgefährtin hielt.
Die kleine Jutta hatte heut abend kein gutes Gewissen ihrem Freunde
gegenüber. Sie wußte, daß er sie photographieren wolle und hatte ihm
zugesagt, am ersten klaren Tage aufs Atelier zu kommen. Heute nun
schien vom frühen Morgen an die Sonne, und da Allerheiligen war, wo die
Schule ausfiel, hätte sie auch Zeit gehabt dazu; aber gerade weil sie
wußte, daß drüben einer saß, der sehnlichst auf sie wartete, war sie
nicht gegangen. Es belustigte sie, sich vorzustellen, wie er herumlief
im Atelier, alle zehn Minuten nach der Uhr sah, ärgerlich und nervös.
Ob er ihr wohl Vorwürfe machen würde? Sie mußte sich schnell noch
eine Entschuldigung ausdenken: Kirchgang, Besuch einer Freundin,
Schularbeiten -- damit er nicht allzu böse würde.
Klopfenden Herzens stand das Mädchen vor der Thür, an der man auf einem
Messingschild den Namen »von Weischach« las. Sie klingelte nicht,
sondern klopfte in verabredeter Weise. Es war eine von Weischachs
Eigentümlichkeiten, daß er, wenn er »melancholisch« war, niemanden
annehmen wollte, weder Malerkollegen, noch Modelle, noch ehemalige
Kameraden. Dann wurde einfach nicht aufgemacht, mochten sie draußen
noch so lange klingeln. Nur mit der kleinen Jutta machte er eine
Ausnahme; die hatte jederzeit freien Eintritt.
Sie klopfte also in der vorgeschriebenen Weise. Ungesäumt wurde ihr
geöffnet. Weischach war's selbst.
»Ich habe so auf dich gewartet, Jutta. Geh' in's Atelier! Ich komme
sofort zu dir; will mich nur fertig anziehen.«
Er war -- was sie kaum beachtete -- ohne Krawatte, hatte den ersten
besten Rock über das Frackhemd geworfen.
»Gehst du aus?«
»Ja ja! -- Geh nur ins Atelier!«
Jutta that, wie ihr geheißen. Im Atelier herrschte bereits Halbdunkel.
Sie wußte, wo die Streichhölzer standen und machte Licht. »Mucki«, die
Angora-Katze, nahte sich schnurrend, um sich an Jutta zu reiben, falsch
freundlich, wie eine Favoritin, die eine andere begrüßt.
Aber Jutta hatte nicht Zeit, sich mit Mucki einzulassen; neugierig sah
sie sich um. Hatte er gearbeitet? --
Ein paar Tafeln drehte sie um, es waren Skizzen zu dem Bilde, welches
er »Inspiration« nannte, das niemals über den Entwurf herausgekommen
war. Dann stieß sie auf ein Selbstporträt. Ganz deutlich war er daraus
zu erkennen, seine kahle Stirn, die über den Ohren angegrauten Haare,
seine große Nase und der mächtige Bart. Aber das Kostüm war ein
anderes; es glich dem eines Eremiten. In der Hand, die vorläufig nur
mit Kohle angedeutet war, hielt er eine Harfe.
Erstaunt betrachtete Jutta das Bild. Ärgerlich war sie, ja geradezu
beleidigt. Davon hatte er ihr doch garnichts gesagt! Hinter ihrem
Rücken war das geschehen. Ihrer Auffassung nach hatte er kein Recht,
ohne ihre Genehmigung ein Werk anzufassen.
Mucki war auf einen Hocker gesprungen, dort saß sie mit gekrümmtem
Rücken und eingezogenem Kopfe. Würdevoll ernst blickte sie auf das
Bild, mit Überlegenheit in der Miene, als habe auch sie ihr Urteil in
diesen Dingen.
Gleich darauf trat Weischach ein, hoch und schlank, die Haltung
etwas gebückt. Er war im Gesellschaftsanzuge, das Ordensbändchen im
Knopfloche. So glich er freilich dem Selbstporträt, das ihn im härenen
Gewande zeigte, nur wenig.
»Kind, warum bist du heut mittag nicht gekommen?« fragte er, und ohne
die Antwort abzuwarten: »Ich hatte einen Mann hier mit Kleidern;
einen Trödler, der Gewänder besitzt aus dem vorigen Jahrhundert. Das
hier ist von ihm.« Er hob einen langen braunen Mantel auf, unter dem
eine Harfe lag. »Echte Sachen! Ich will uns beide malen. Dich und
mich, als Harfner und Mignon. Großer Gedanke! In dem Stoffe liegt
unaussprechliche Stimmung. Natürlich nenne ich das Bild nicht so.
Keine Unterschrift, kein Unterstreichen überhaupt ist nötig. Ich nehme
einfach mein Gesicht, nur schwach für den Zweck umgemodelt, und deine
Züge, Jutta, wie sie sind, und das herrlichste, ergreifendste aller
Bilder ist fertig. Schlicht, ohne jede Pose, wie ich mir's immer
geträumt habe, das wird ein großes, tiefes, ernstes Werk!«
Die Hände auf dem Rücken gekreuzt, mit langen Schritten storchte er
durch das Atelier, redete mit gesenktem, zwischen den eckigen Schultern
eingezogenem Haupte in seinen langen Bart hinein.
Jutta war an seine Eigentümlichkeiten gewöhnt, er hielt in ihrer
Gegenwart oftmals solche Monologe.
»Mir war es wie Offenbarung, als ich an diesen Stoff geriet. Es ist die
Lösung eines Problems für mich. Warum nach Stoffen suchen, sie an den
Haaren herbeiziehen wollen! Man kann schließlich doch nur sich selbst
geben; alle Großen haben das von jeher gethan. Keine Illustration zu
Goethe, um Gottes Willen! Ich gebe in diesem Bilde mein eigenstes
Erlebnis. Der Harfner bin ich, und du Mignon. Aber schließlich verlangt
die Kunst ein Medium; hier sollen mir die Gestalten der Dichtung dazu
dienen. Ich benutze sie gewissermaßen als Symbole, die jedermann
geläufig sind. Dadurch stelle ich von vornherein den Kontakt des
Interesses und des Verstehens her zwischen mir und dem Beschauer.
Niemand wird sich dem Eindruck entziehen können. ›Das ist der Harfner
und Mignon!‹ muß der Ausruf sein. ›So und nicht anders konnten sie
aussehen.‹ Jede kleinste Falte, jedes Härchen muß echt wirken. Bei
aller Feinheit der Stimmung will ich ein durchaus realistisches
Kunstwerk schaffen.«
Was kümmerte sich Jutta um »Stimmung« und »realistisches Kunstwerk«!
-- Viel interessanter war ihr das, was er vorhin von einem Kleide
angedeutet hatte. Sowie er sie zu Worte kommen ließ, fragte sie ihn
danach.
»Ja, wenn du hier gewesen wärest, Jutta, heut mittag, zur Kostümprobe!
Levy hatte drei Roben mit. Aber dalassen wollte er keine. Es sind
seltene Stücke. Feinstes Nesseltuch, wie es unsere Urgroßmütter
getragen haben. Es steckt Stimmung in solchem Fähnchen. -- Kannst du
mir nicht für morgen eine Stunde fest angeben, Jutta, wo du bestimmt
kommst? Es handelt sich ja nur darum, daß Levy dich mal sieht, damit
er ungefähr das Maß hat. Die Farbe wähle ich, so wie sie mir ins Bild
paßt. Dein Gesicht ist wie ausgesucht für Mignon, besonders Mund und
Augen. Eine Nuance älter, wissender, erfahrener muß ich dich halten;
mehr Weib gewissermaßen. Im übrigen wird kein Fältchen geändert.
Frisieren mußt du dich natürlich auch lassen, dem Stile der Zeit
entsprechend. Ich werde eine Person vom Theater bestellen, die das
versteht. Du hast ja schönes Haar.«
»Wenn ich es aufmache, geht es mir bis hierher,« sagte Jutta voll
Selbstbewußtsein.
Er blickte sie bewundernd an. Es konnte zweifelhaft erscheinen, ob
seine Zärtlichkeit allein dem Kinde gelte, das seine Kunst inspirierte.
Wie eine Erwachsene behandelte er sie, nicht wie einen Backfisch, der
jeden Morgen mit der Büchermappe zur Schule ging. Einer fertigen Dame
hätte er nicht achtungsvoller begegnen können.
Jutta saß ihm gegenüber, die Füße kreuzend, die bis zur Wade unter dem
halblangen Kleide hervorblickten. Ihre Figur, in der Büste noch kaum
angedeutet, hatte jene Herbheit der Form, die man bei schnellwüchsigen
Mädchen dieses Alters findet. Das Gesicht schien dem übrigen Körper
um mehrere Jahre voraus. Man konnte nicht gut wünschen, daß es
sich verändern möchte, so reizend war dieser Kopf mit seiner edlen
Schädelform, seiner feingeschnittenen Nase über dem sanften Munde, der
freien Stirn, den melancholischen vielsagenden Augen unter langen,
dunklen Wimpern.
»Bleib' einen Augenblick so, gerade so, und rühr dich nicht!« rief er,
holte ein Reißbrett herbei, auf das ein Stück rauhes Papier gespannt
war. Dann zog er sich einen Hocker heran. Das Brett auf den Knieen,
suchte er die Umrisse ihres Gesichts, wie sie sich gegen die dunkle
Wand hell erleuchtet abhoben, mit wenigen Strichen niederzuzeichnen.
Während sie ihm saß, erwog sie, ob sie morgen während eines Schultages,
es ermöglichen könne, auf längere Zeit zu ihm zu kommen. Erleichtert
wurde das Vorhaben dadurch, daß sich der Vater gerade wiedermal auf
Geschäftsreisen befand. Vor Frau Hölzl hatte sie keine Angst, und
Eberhard würde auch nichts verraten. In der Schule aber mußte man zu
einer kleinen Notlüge Zuflucht nehmen: Kopfschmerz oder dergleichen. Es
war ja nicht das erste Mal! --
Augenzwinkernd, mit schräg gezogener Unterlippe, mühte er sich, die
Linien dieses feinen Profils auf das Papier zu bannen. Während er noch
darüber war, ging die Vorsaalklingel.
Weischach stieß eine Verwünschung aus. »Gewiß ein Modell. Wenn man sie
nicht braucht, überlaufen sie einen.«
Das Klingeln wiederholte sich, dann folgte energisches Klopfen.
Seufzend legte Herr von Weischach die Zeichnung weg. Dann ging er
hinaus und fragte in scharfem Tone, dem man den alten Offizier
anmerkte: wer draußen sei. Jutta hörte durch die offene Thür die Stimme
ihres Dienstmädchen.
Resi war da, um »Fräulein Jutta« zu holen. Frau Hölzl lasse sagen, der
Herr sei soeben heimgekommen.
Juttas erste Frage war, ob der Vater etwas gemerkt habe. Das Mädchen
berichtete: Herr Reimers sei sofort nach seiner Ankunft ins Badezimmer
gegangen. Das Essen wäre auf sieben Uhr bestellt: Fräulein Jutta möge
um Gotteswillen schnell kommen, sonst gehe es nimmer gut aus.
Gott sei Dank, der Vater schien nichts gemerkt zu haben von ihrer
Abwesenheit.
Jutta sagte zu Weischach, der peinlich berührt, dabei stand, sie könne
morgen besten Falls auf einen kurzen Sprung herüberkommen, um das
weitere mit ihm zu beraten.
Schnell umarmte sie ihren Freund zum Abschied, dann eilte sie mit Resi
von dannen.
* * * * *
Weischach begab sich in sein Atelier zurück und betrachtete die eben
angefertigte Skizze. Er war nicht zufrieden damit. Zur Entschuldigung
konnte ihm dienen, daß er in großer Eile gearbeitet hatte. Seufzend
legte er das Blatt zu anderen in eine Mappe.
Sollte er heut abend wirklich noch ausgehen? Er verspürte nicht die
geringste Lust dazu. Zwar, er wurde erwartet in einem Hause, das
der Sammelpunkt war für Künstler und Gelehrte, wie für Militärs
und Staatsmänner. Aber ihm graute, Menschen zu sehen. Sie fragten
ihn neuerdings soviel nach seiner Arbeit, ob er nichtmal ausstellen
werde und so weiter. Es kostete ihm solch innere Anstrengung, mit
gleichgiltiger Miene von der Kunst zu sprechen.
Wie so oft, wenn er in einer Frage sich keinen Rat wußte, rief er Mucki
als Orakel an. »Soll ich zu den Riedbergs gehen, Mucki?« fragte er, »wo
jeder eine Berühmtheit ist und wo sie so gespreizt schwatzen und sich
so ungeheuer klug vorkommen.« Die Katze schnurrte voll Wohlgefühl und
schmiegte sich an seine Hand, da er sie im Genick kraute. Er legte die
Katzensprache dahin aus: daß er gebeten werde, zu bleiben.
Die Entscheidung war gefallen. Er beschloß, abzusagen wegen
Unwohlseins. Es war nichtmal völlig erlogen, denn er fühlte sich nicht
zum Besten. Seit Tagen schon machte ihm sein Herz wiedermal zu
schaffen.
Weischach drückte auf den Knopf der Leitung, die zu seiner Aufwartefrau
führte. Die Person war verheiratet und hatte stets ein oder das andere
Kind zur Hand zu einem Botengange. Schnell war die Absage geschrieben
und der kleine Bote abgefertigt.
Er warf sich in seinen Sorgenstuhl zurück. Während sein Blick den
Rauchwölkchen folgte, die sein Mund formte, suchte der Maler sich ein
Bild vor das innere Auge zu stellen von dem Kinde, das eben von ihm
gegangen. Daß es so schwer war, festzuhalten und wiederzugeben, was ihn
so anzog, wofür er keinen Namen hatte, was viel zu fein und flüchtig
war, um sich fassen zu lassen, und das auf die Leinwand zu bringen, er
sich dennoch unausgesetzt abmühte! Hier hatte er nun mal ein Modell,
ein wirkliches echtes, wie es kein Maler vor ihm besessen. Und er stand
wie mit gebundenen Händen davor. Nahm ihm vielleicht das Große, was er
für das Kind fühlte, die kühle Sicherheit des Künstlers? --
Von jeder sinnlichen Regung konnte er sich in diesem Falle frei
sprechen. Nie fühlte er sich besser und reiner als in ihrer Gegenwart;
wie geweiht kam er sich vor, wenn sie ihm in aller Unschuld die Hand
drückte, ihm das Haar vertraulich streichelte, ihm lebhaft um den Hals
fiel und ihn herzte. Und er war bemüht alles, was etwa das Schamgefühl
der Vierzehnjährigen hätte verletzen, ihre Arglosigkeit hätte bedrohen
können, aus dem Atelier zu entfernen. Jedes Wort, jede seiner
Handlungen hätte er Juttas Vater gegenüber verantworten können.
Ganz etwas anderes beunruhigte ihn. Es war das Bewußtsein, daß dieses
seltene Glück, dieser einzigartige Verkehr nicht Bestand haben könne.
Jeden Tag, den sie älter wurde, verlor er; denn jeder Tag entfernte
sie mehr der Kindheit, brachte sie dem Weibe näher. Zitternd sah er,
wie sich diese Knospe mehr und mehr zur Blüte erschloß, entzückten
Auges und mit Wehmut im Herzen. Einmal mußte der Tag kommen, wo
ihre Freundschaft ein Ende finden würde, so oder so. Dann würde sie
erkennen, daß er Mann sei. Mußte sie dann nicht vor ihm fliehen? --
Eine schwache Hoffnung blieb ihm: vielleicht würde sein Alter ihm ihre
Freundschaft wahren. Traurige Alternative! Zum väterlichen Freunde
würde er gerade noch taugen; sowie er Größeres verlangte, mußte er
lächerlich werden. Mit dem Pessimismus des alternden Mannes, der
sich und seine Mängel kennt, sah er den Ausgang voraus, der ihn mit
namenloser Bitterkeit erfüllte.
Denn dieses Kind war ihm zum Bedürfnis geworden. Trübe schlichen ihm
die einsamen Stunden hin zwischen den kurzen Augenblicken, wo sie bei
ihm war. Er lebte auf, wenn er die jugendlich helle Stimme vernahm,
wenn er mit ansehen durfte, wie ihre anmutige Gestalt sich frei und
sicher zwischen seinen Siebensachen bewegte, als gehöre sie dahin. Dann
fühlte er sich wirklich Künstler, wußte, daß seine Augen mehr sähen,
seine Nerven feiner empfänden als die anderer Sterblicher.
Solche Anregung war ihm bitter not. Weischachs künstlerische
Entwickelung war keine glückliche gewesen. Um zehn Jahre zu spät hatte
er sich entschlossen, den königlichen Dienst zu quittieren. Er wußte
das selbst ganz gut. Zu gewissen Dingen fehlten ihm Spannkraft und
Illusionen. Er war nicht im stande, sich kopfüber in eine Sache zu
stürzen, wie es die Jungen thaten. An Lebensklugheit und Erfahrung
zwar fühlte er sich diesen jungen Stürmern weit überlegen, die jedes
Jahr womöglich eine neue Richtung heraufbringen wollten. Aber
eines, das mußte er sich sagen, hatten sie vor ihm voraus: Wagemut
und Selbstbewußtsein. Sie waren eingebildete Narren, zum Teil sogar
Hohlköpfe, er war voll Selbstkritik und kannte seine Grenzen.
Gelegentlich konnte auch er aufflammen in Schaffensfreude, sich ganz
verlieren an ein Werk. Aber die Stunden solcher gesteigerten Stimmung
waren nur kurz; dann kam auch schon als bitterer Nachgeschmack der
Zweifel. Weischach besaß nicht das glückliche Temperament vieler seiner
Malerkollegen, die alles, was sie schufen, gut fanden. Er genügte sich
selbst nie. Wieviele sorgfältig ausgeführte Bilder hatte er schon
übermalt! Man lachte bereits über ihn in Bekanntenkreisen. In einem
Herrenklub, den er hie und da besuchte, war er in Bild und Versen als
männliche Penelope persifliert worden.
Und nun, vor Jahresfrist etwa, als er sich besseren Lichtes wegen ein
anderes Atelier mietete, hatte er die kleine Jutta Reimers kennen
gelernt. Von da ab war in seinem Leben und in seiner Kunst eine neue
Epoche angebrochen. War's nicht, als steige die Jugend, die goldene
Jugend, noch einmal zu ihm herab in lieblichster Gestalt! Kein Wunder,
daß er mit beiden Händen zugriff, sie zu halten! --
Weischach malte sein bestes Bild: Großmutter in der Bibel lesend,
daneben die sinnend dreinschauende Enkelin. Für die Greisin hatte er
aus Dachau eine gute Studie mitgebracht; Jutta war durch ein buntes
Halstuch schnell in ein Bauernkind umgewandelt worden.
Durch diesen Erfolg ermutigt, hatte er sich an ein schwierigeres
Problem gewagt. Er wollte den Künstler darstellen in dem Augenblicke,
wo sich ihm eine neue Idee beglückend naht. »Inspiration« sollte das
Bild heißen. Der Genius war in jugendlicher Gestalt mit Juttas Zügen
gedacht. Skizzen dazu waren fertig. Bei der Ausführung jedoch versagte
dem Künstler der Mut.
Nun beschäftigte ihn dieses neueste Werk: »Harfner und Mignon.« In den
Fingern zuckte es ihm, daran zu arbeiten. Das war sein Stoff, der ihm
lag, wie kein anderer, der auf ihn gewartet hatte gleichsam.
Und doch zitterte er bei dem Gedanken, ob er das, was er zum Greifen
deutlich vor sich sah, auch in seiner ganzen Größe und Eigenart würde
aus sich herausstellen können.
II.
Inzwischen kleidete sich Jutta um. Sie legte das Kleid an, das ihr der
Vater neulich aus Wien mitgebracht hatte. Er liebte es, die Tochter
hübsch angezogen zu sehen.
Jutta sah dem Wiedersehen mit dem Vater voll freudiger Spannung
entgegen. Er brachte stets Geschenke mit für die Seinen und erzählte
allerhand interessante und schnurrige Erlebnisse. Es kam dem Mädchen
vor, als sei alles lebendiger und prächtiger im Hause, sobald er da
war. Besonders bei Tisch ging es dann hoch her. Das Essen war besser,
es gab Wein von den verschiedensten Sorten. Und wenn sich Jutta auch
weiter nichts daraus machte, so liebte sie doch den größeren Zuschnitt
des Lebens, die Freude, die Opulenz, die ihr Vater um sich verbreitete.
Als das Gong laut durch das Haus ertönte, war Jutta eben fertig
geworden. Sie eilte in das Zimmer ihres Vaters. Dort stand er am
Kaminfeuer und ließ sich den Rücken wärmen. Sie flog auf ihn zu, warf
sich ihm in die Arme. Der Vater hob sie empor und küßte sie lachend auf
Mund und Haar.
Es waren Gäste da: Bruno Knorrig, den Herr Reimers bei seinem Sohne
angetroffen, und Vater Knorrig, Reimers' Geschäftskompagnon.
Reimers war Fünfziger von regelmäßigen Gesichtszügen, mit lebhaften
Augen, schön gebogener Adlernase und wohlgepflegtem blondem Bart. Sein
Kopf fing eben an zu ergrauen. Eine mäßige Korpulenz stand ihm nicht
schlecht, da sein kerniges Fleisch nichts von der Aufgedunsenheit
fetter Leute zeigte. Es wurde einem behaglich zu Mute beim Anblick
dieser gesunden, kräftigen, wohlproportionierten Männergestalt. Sein
schwarzer Anzug kleidete ihn gut, und seine Wäsche war von tadellosem
Glanz.
Als eine ganz andere Sorte Mann stellte sich sein Geschäftsteilhaber
dar. Knorrig war ein hagerer Geselle von eckigen Gliedmaßen, über denen
ein grauer Anzug leblos wie auf einem Kleidergestell hing. Das Auge war
klein und phantasielos, der Mund, mit schmalen Lippen und vortretendem
Gebiß, unschön. Er stammte aus Nordbayern und stach mit seiner
oberfränkischen Nüchternheit stark gegen das gemütliche, leichtlebige
Münchnertum ringsum ab. Seit Jahren schon verwitwet, besaß Knorrig
nur den einen Sohn, Bruno, der, von Natur auch nicht gerade mit Anmut
ausgestattet, neben diesem Vater immer noch als Schönheit hätte gelten
können.
Herr Reimers berichtete von dem Erfolge seiner Reise. Seine
Worte betrafen Geschäftliches und waren zumeist an den Compagnon
gerichtet: die Aussichten der Kaffeeernte in Südamerika, die Lage des
Marktes in den dortigen Plätzen, das voraussichtliche Steigen der
Kolonialwarenpreise, Börsenabschlüsse, Schiffsnachrichten, Gründungen,
Konjunktur, Handelspolitik. Alle diese Gebiete standen für ein
Handelshaus wie Reimers und Knorrig im Vordergrunde des Interesses.
Knorrig senior hörte aufmerksam zu, warf nur hie und da eine kurze
Frage ein, oder machte eine trockene Bemerkung.
Gelegentlich unterbrach Reimers auch mal die geschäftliche
Unterhaltung, flocht eine Anekdote ein oder eine lustige Schilderung,
welche für die jungen Leute berechnet war. Er liebte es nicht, die
Kinder mit gelangweilten Gesichtern dasitzen zu sehen; alles um ihn her
sollte guter Dinge sein. Gegen Schluß der Tafel wurde ein auserlesener
guter Tropfen alten Rheinweins aus dem Keller heraufgebracht, dem der
Wirt selbst mit sichtlichem Verständnis zusprach.
Reimers stammte vom Rheine. Lebensfreude und leichter Sinn, die
nirgends froher gedeihen als an den Ufern unseres schönsten Stromes,
waren auch ihm von Geburts wegen eigen. Den Dreißigen nahe, war er als
Vertreter eines Kölner Hauses nach München gekommen. Das Leben in der
Isarstadt sagte ihm zu. Er heiratete in eine alteingesessene Münchener
Kaufmannsfamilie hinein. Der Vater seiner Frau war Inhaber eines großen
Kolonialwarengeschäfts.
Sehr bald aber wurde Reimers die Seele des Hauses. Vom Detailhandel
im Inlande ging er kühn über zum Import. Er reiste selbst hinaus,
studierte an Ort und Stelle die Venezuelanischen Verhältnisse, erwarb
Plantagen im Hinterlande und ein Lagerhaus in Caracas. Nachdem er hier
alles organisiert hatte, kehrte er nach Haus zurück und erwarb sich
eine feine Kundschaft in Deutschland. Seine gute Erscheinung, sein
sicheres Auftreten und sein joviales Wesen kamen ihm dabei zu Statten.
Das Glück war ihm günstig. Bald hatte er aus der rein lokalen Firma
seines Schwiegervaters ein weithin angesehenes Haus gemacht.
Schließlich starb der Alte. Er hinterließ außer Frau Reimers nur noch
eine Tochter: Frau Habelmeyer. Deren Mann war ein Luftikus gewesen,
hatte Bankerott gemacht, wobei das im voraus gezahlte Erbteil seiner
Frau zu Grunde gegangen war. Daher gingen Geschäft und Vermögen unter
Ausschluß der älteren Tochter an Frau Reimers über, die in ihrem Manne
eine bessere Wahl getroffen hatte.
Frau Reimers war ihren Vorfahren ähnlich: äußerst gutmütig und
harmlos, lebenslustig, ein wenig zur Bequemlichkeit neigend und
ziemlich gedankenlos. Ein durchaus unkomplizierter, bequemer
Charakter. Das Bild, welches von ihr über ihres Mannes Schreibtische
hing, zeigte sie als eine anmutige Brünette von lebhaften Farben mit
einem freundlich-lächelnden Puppenkopfe. Sie hatte ihren Gatten sehr
bewundert und wirklich geliebt. Urteilslos wie sie war, sah sie nur
Vorzüge an ihm. Ihre Ehe war glücklich gewesen, denn es lag nicht
in Reimers' Natur, sich Frauen gegenüber anders als freundlich und
liebenswürdig zu zeigen.
Sie starb zur rechten Zeit für ihr Glück, als die Kinder in das Alter
kamen, wo die Gefahr nahe lag, daß sie der Mutter über den Kopf wachsen
würden. Auch nahm sie die Illusion ungetrübt ins Grab: ihr Mann sei ein
Mustergatte, der ihr jederzeit die Treue gewahrt habe.
Der Witwer heiratete nicht wieder, was die meisten eigentlich von ihm
erwartet hatten. Vielmehr nahm er eine entfernte Verwandte seiner Frau,
Witwe Hölzl, ins Haus, halb als Wirtschafterin, halb als Anstandsdame.
Reimers hatte als Geschäftsmann im allgemeinen glücklich operiert.
Der wirtschaftliche Aufschwung der letzten Jahrzehnte war von ihm
geschickt ausgenutzt worden. Der Geschäftskreis seines Hauses hatte
sich so stark ausgedehnt, daß er allein die Arbeit nicht mehr zu
bewältigen vermochte. Auch hatten es ihm ein paar empfindliche Verluste
nahegelegt, die er, allzu Kühnes wagend, erlitten, sich nach jemandem
umzusehen, mit dem er Risiko und Verantwortung teilen möchte. Nach
einigem Suchen fand er in einem Bamberger Kaufmann die geeignete
Persönlichkeit. Knorrig brachte nicht allzuviel Geld mit in das
Unternehmen, aber was wichtiger war, praktische Erfahrung, Nüchternheit
und tadellose Zuverlässigkeit.
Mit genialem Blicke hatte Reimers erkannt, daß dieser Mann ihn ergänzen
werde, wie kein zweiter. Was dem einen abging, das besaß der andere.
Sie teilten sich den Geschäftskreis nach ihrer entgegengesetzten
Veranlagung und ihrem verschiedenen Geschmack in zwei von einander
unabhängige Gebiete. Knorrig übernahm Rechnungswesen, Buchführung,
Comptoir, Reimers behielt die Vertretung der Firma, die Reisen, das
Auswärtige, die Finanzoperationen. Reimers und Knorrig arbeiteten wie
zwei Räder eines Apparates, die für einander zugeschnitten sind. Wenn
es hie und da doch Reibungen gab im Organismus, so kamen diese von
außen, hingen mit dem Markt, der Konjunktur, der Weltpolitik zusammen,
mit deren Auf-und-ab jeder Kaufmann schließlich zu rechnen hat.
Es fügte sich ausgezeichnet, daß Reimers' Ältester, Kurt, und Bruno
Knorrig im gleichen Alter standen. Gleichzeitig wurde ihnen die Prokura
erteilt. Man schickte Kurt Reimers nach Venezuela zur Wahrnehmung
der dortigen Interessen des Hauses, während Bruno Knorrig daheim im
Comptoir Verwendung fand. Es war also Aussicht vorhanden, daß »Reimers
und Knorrig« auch in der nächsten Generation in Compagnie bleiben
würden.
Den Nachtischkaffee nahm man im Zimmer des Hausherrn ein. Dort warteten
auf der Schreibtischplatte eine größere Anzahl Briefe der Öffnung.
Reimers nahm einen heraus, der die Handschrift seines Ältesten zeigte.
Kurt war anerkanntermaßen sein Lieblingssohn, vielleicht weil er ihm in
vielen Stücken ähnelte.
Während er den Mokka schlürfte und die ersten Züge aus der eben
angezündeten Importe that, liebäugelte Reimers senior beständig mit
dem Briefe, der vor ihm lag. Jutta mußte ihm das Papiermesser vom
Schreibtisch holen und durfte den Umschlag aufschneiden, was sie, da
der Brief von Kurt kam, als eine Auszeichnung empfand.
Aber während des Lesens verfinsterte sich Reimers' Angesicht. Er that
hastig ein paar Züge aus der Cigarre, stand auf und machte sich Luft
in der Westengegend.
»Was giebt 's denn aus Venezuela?« fragte Knorrig, der seinen Compagnon
beobachtet hatte.
Reimers antwortete nicht.
»Ist etwa wiedermal Revolution ausgebrochen da drüben?«
»Ach was! Darum handelt sich 's bei Gott nicht!«
»Sondern --?«
»Der Junge ist krank geworden.«
»Gefährlich?«
Reimers warf einen unsicheren Blick auf die jungen Leute. Dann sagte
er: »Kinder, ihr könnt gehen, wir haben geschäftlich zu sprechen. Und
auch Sie, Bruno!« Damit wandte er sich an den jungen Knorrig. »Gehen
Sie nur einstweilen mit hinter!«
»Vater, ist Kurt sehr krank?« fragte Jutta mit großen Augen.
»Nein, mein gutes Kind! Da würde er mir doch nicht einen so langen
Brief schreiben können. Das Klima scheint ihm nicht zu bekommen. Ich
muß dies erst zu Ende lesen. Geht nur jetzt!«
Jutta entfernte sich gehorsam, nachdem sie sich vorher noch vom Vater
den Gutenachtkuß geholt. Die beiden Jünglinge folgten ihr.
»Nun, was ist es?« fragte Knorrig, als er sich mit seinem Compagnon
allein sah.
Reimers gab ihm den Brief, und ging, schwer atmend, im Zimmer auf und
ab.
Knorrig las und pfiff mit einemmale leise vor sich hin.
»Ich habe den Jungen so gewarnt!« sagte der Vater. »Denn ich kenne
diese Mischlingsweiber. In den Häfen dort drängt sich alles zusammen:
Neger, Indianer, Quadronen, Mestizen. Das spanische Blut und das Klima
dazu! Wie die Giftblumen sind sie, schön und gefährlich. Ich habe Kurt
Weisheit gepredigt, mündlich und schriftlich. Nun hat er sich doch
nicht genügend in Acht genommen!«
»Pech!« sagte Knorrig blos und gab Reimers den Brief zurück. Er sah
sich seinen Compagnon einen Augenblick spöttisch von der Seite an, als
wolle er sagen: ›Der Apfel fällt nicht weit vom Stamme!‹ --
Dann nahm er wieder seine gewohnte, gleichgiltig trockene Miene an, und
sagte: »Da werden wir wohl einen anderen Mann zur Ablösung vorschicken
müssen.« --
* * * * *
Sobald die jungen Leute die Thür hinter sich geschlossen hatten,
welche sie von den beiden Vätern trennte, ging eine wilde Jagd los den
langen Korridor hinab. Juttas Zimmer lag am anderen Ende. Das Mädchen
wußte, daß sie Rettung vor den Jungens nur finden könne, wenn sie
sich dort einschloß. Gelang ihr das nicht, dann gab es womöglich eine
Katzbalgerei wie neulich abend, die ihrem Kleide und ihrer Frisur sehr
schlecht bekommen war. Wenn sich Eberhard als Bruder Vertraulichkeiten
herausnahm, so mochte das hingehen, aber von Bruno Knorrig waren ihr
solche ganz widerwärtig.
Die jungen Männer stürzten nach, sowie sie Jutta entfliehen sahen, aber
das Mädchen war schneller als sie, die Thür fiel ihnen vor der Nase
zu und der Riegel wurde von innen vorgeschoben. Mit einem ärgerlichen
Fußtritte gegen die Thür, entfernte sich Eberhard, den Arm des Freundes
nehmend. »Komm, laß das dumme Geschöpf! Ich bestelle Bier auf meine
Stube.«
Bald darauf saßen die beiden im Laboratorium, die weit vorgestreckten
Füße auf Stühlen, und rauchten Cigarren. Der Tisch, auf welchem die
physikalischen Instrumente standen, hatte eine Ecke hergeben müssen für
die Maßkrüge.
Der junge Kaufmann und der Primaner waren ein vertrautes Freundespaar.
Obgleich Bruno Knorrig um vier Jahre älter war als Eberhard Reimers,
hielt er es nicht unter seiner Würde, mit dem früh geweckten Jüngling
umzugehen, für den er eine gewisse Bewunderung hegte. Es zog diesen von
Natur trockenen und nüchternen Menschen zu der Familie Reimers hin. Er
bewunderte und liebte sie alle: den Vater, wie die Kinder. Er fühlte,
daß dieser Rasse das gegeben war, was ihm völlig abging: die Anmut.
Eberhards Selbstbewußtsein wurde durch den Umgang mit einem Erwachsenen
ungewöhnlich gesteigert. Er blickte auf seine Klassenkameraden
verächtlich herab, als auf dumme Jungen, die zu grün waren für ihn.
Und weil er mit Bruno über vieles sprach, was gewöhnlich nicht in den
Gesichtskreis eines Schülers kommt, gewöhnte er sich ein altkluges
Kritisieren und Aburteilen an. Andrerseits wurde er durch den durchaus
soliden Bruno von mancher Thorheit abgehalten, der junge Leute leicht
verfallen; vor allem wenn sie, wie er, jederzeit Geld in der Tasche und
einen nachsichtigen Vater haben. Trotz seines etwas großsprecherischen
Wesens war Eberhard Reimers im Grunde doch ein großes Kind geblieben.
Seine Unschuld war unverletzt.
Zwischen den beiden wurden heut abend wiedermal die schwierigsten
Fragen und Probleme, an denen sich die besten Köpfe umsonst abmühen,
spielend gelöst, mit jener glücklich naiven Selbstsicherheit der
Jugend, welche niemals zaudert, über alle Verhältnisse und Menschen
+in absentia+ zu Gericht zu sitzen. Beide waren sie ihrer Ansicht nach
politisch »radikal«, Anhänger der »Evolutionstheorie«, philosophisch
dem »Monismus« zugeneigt und religiös »vorurteilsfrei.«
Die Knorrigs waren Protestanten, die Familie Reimers dagegen war
konfessionell gemischt. Reimers, von Haus aus evangelisch, hatte seiner
aus streng römischer Familie stammenden Frau zu Liebe eingewilligt, daß
die Töchter katholisch getauft und auferzogen werden dürften; die Söhne
sollten, wie er, evangelisch bleiben. So wurde Jutta denn im Glauben
ihrer Mutter unterrichtet, während Kurt und Eberhard evangelischen
Unterricht genossen.
Eberhard aber hatte sich angewöhnt, den Unterschied der Konfessionen,
wie alles, was mit Religion zusammenhing, als »Salat« zu bezeichnen.
Während die Freunde darüber waren, einen Maßkrug nach dem anderen zu
leeren und dabei mindestens ebensoviele Welträtsel zu lösen, saß Jutta
in ihrem Zimmer mit einer Stickerei beschäftigt. Sie nähte mit bunten
Fäden ein phantastisches Tier- und Pflanzenornament auf dunkles Tuch.
Das Muster war ihre eigene freie Erfindung. Es sollte eine Decke daraus
werden für Herrn von Weischach. Schon lange arbeitete sie daran. Das
Geschenk sollte strengstes Geheimnis bleiben. Anfangs hatte ihr die
Technik des Stickens, in der niemand sie unterrichtet hatte, einige
Schwierigkeiten gemacht, aber nun näherte sich das große Werk, in dem
sie das Taschengeld von Monaten niedergelegt hatte, seinem Ende. Es war
ein ungewöhnliches Stück, farbenreich, fast bizarr in der Komposition,
voll kühner Erfindungsgabe.
Sie lächelte während der Arbeit wiederholt in sich hinein; ein Lächeln,
das sie andere niemals würde haben blicken lassen. Ein ahnungsvolles
Frauenlächeln, wie es Mütter haben, die von dem Kinde träumen, das
unter ihrem Herzen heranwächst. Solche Anwandlungen melden sich
manchmal verfrüht; wie ja auch in der Natur der Sommer seine Vorboten
weit in den Winter hinein vorausschickt.
Dabei war Jutta noch ganz Kind geblieben. Kindische Vorstellungen
beherrschten ihr argloses Gemüt. Von dem Ernste des Lebens, von der
Wahrheit, daß wir für uns und unser Thun verantwortlich sind, daß jeder
Tag, jede Stunde einen Posten darstellt in der endlichen Gesamtsumme,
war ihr noch nicht die entfernteste Ahnung aufgegangen. Wie die Pflanze
lebte sie, die ihre Wurzeln dahin streckt, wo leichtes und fruchtbares
Erdreich ist, und ihre Blätter dem schmeichelnden Lichte zuneigt.
Es giebt solche Kinder, die mit einem Teile ihres Wesens sich selbst
gewissermaßen vorauseilen. Junge Menschen haben noch nicht die Harmonie
ihrer Teile errungen. Es bleibt etwas Unausgeglichenes, bis der ganze
Mensch die ihm mögliche Form erreicht hat.
So war's mit Jutta Reimers. In vielen Fächern war sie den
Mitschülerinnen überlegen, in einigen zählte sie zu den Unbegabten. So
war sie auf einmal die Beste im Französischen, seit man angefangen,
ein Buch zu lesen, das sie fesselte; vorher hatte sie beliebt, die
Lektionen überhaupt nicht zu lernen. Der Lehrer des Deutschen staunte
über den originellen Stil ihrer Aufsätze, während die mangelhafte
Orthographie und Interpunktion ihn verdrossen. Der Religionsunterricht
war erst neuerdings etwas für sie geworden, seit ein Kaplan ihn
erteilte, der die Kinder nicht wie sein Vorgänger mit Auswendiglernen
von Legenden und Herplappern von Gebeten peinigte, sondern die jungen
Seelen einzuführen trachtete in das Wesen der Religion und den Geist
der Lehre. Die Mathematik dagegen blieb ihrem Verständnis verschlossen,
weil es da nichts gab, was sie mit der Phantasie hätte ergreifen
können.
Das Urteil der Lehrerschaft über Jutta Reimers fiel daher sehr
widersprechend aus. Manche hielten sie für ein Kind, das überhaupt
nicht zu erziehen sei, andere setzten große Hoffnungen auf sie.
Mit ähnlich gemischten Gefühlen blickten die Mitschülerinnen auf Jutta.
Manchem Mädchen war sie ein Gegenstand des Neides. Ihre Erscheinung
spielte dabei eine Rolle; man hielt sie für kokett, weil sie hübsch
war und stets nett gekleidet ging. Sie brachte etwas von zu Haus
mit, etwas Gewähltes, Besonderes, das sie unter ein paar Dutzend
ihresgleichen unbedingt zur interessantesten machte. Einige bewunderten
und liebten Jutta Reimers auch; aber die erlebten Kummer. Dieses
Mädchen nahm Geständnisse und Liebeserklärungen der Freundinnen an wie
etwas Selbstverständliches, aber sie selbst eröffnete sich niemals.
Sie war so garnicht sentimental, schwelgte nicht wie so manche ihrer
Altersgenossinnen in Gefühlen. Niemand konnte sich entsinnen, Jutta
Reimers weinen gesehen zu haben. Bei noch so rührenden Szenen im Leben
oder in der Dichtung, bei Todesfällen, beim Abgang von Schülerinnen, ja
selbst beim Abschied eines allgemein beliebten Lehrers waren von allen
Augen ihre allein trocken geblieben.
Es galt daher für ausgemacht, daß sie »kein Gemüt« habe; sie war
»hochmütig, hartherzig und egoistisch.« -- Allerdings konnte man sich
gelegentlich auch wieder dem Zauber ihres Wesens nicht entziehen. Jutta
Reimers hatte anerkanntermaßen die besten Einfälle, konnte Geschichten
sich ausdenken, daß alle gespannten Ohres lauschten, verstand das
Zeichnen und Malen wie ein richtiger Kunstmaler. Es gab kaum eine
Begabung, die ihr nicht eigen gewesen wäre.
Über keine Schülerin wurde von den anderen soviel gesprochen wie über
Jutta Reimers, und keine machte sich so wenig aus dem Klatsch der
Klasse wie sie. Man hegte allerhand Vermutungen; es hieß, Jutta habe
ein »Erlebnis« gehabt. Auf dies und jenes wurde geraten, aber Genaues
wußte niemand. Sie hatte keine einzige wirklich intime Busenfreundin,
aus der man etwas hätte herauslocken können; das war das Schlimme, denn
von selbst verriet dieses Mädchen nichts.
Heut abend waren Juttas Gedanken wiedermal, wo sie in der letzten Zeit
meistens sich aufzuhalten pflegten, bei ihrem Freunde Weischach.
Jutta führte, seit sie mit diesem Manne bekannt geworden war, eine
Art Doppelleben. Der eine nüchterne Teil spielte sich ab in der
Schule und im Hause; da war sie ein kleines unbedeutendes Mädchen,
mußte ihre Schulaufgaben machen wie jede andere, wurde ermahnt und
getadelt von den Lehrern, und von ihrem Bruder angestellt zu allerhand
langweiligen Diensten. Ein ganz anderes Dasein, schöner, wichtiger,
bedeutungsvoller, spielte sich ab in dem Atelier des Kunstmalers. Dort
war sie Königin. Dort wurde sie bewundert, angebetet, kurz, behandelt
wie es ihr zukam.
Sie wußte, daß sie für Weischach Großes bedeute, daß er thun würde, was
immer sie von ihm verlangen mochte, daß sie Macht über ihn besitze.
Macht über einen Menschen, einen Mann! -- Wie stolz, das zu denken!
Oftmals weidete sie sich im Geheimen an dem Gedanken. Ihre Phantasie
schmückte sich die Freundschaft mit ihm wunderlich aus. Manches seiner
Worte träumte sie weiter. Er hatte sie seinen »Genius« genannt, seinen
»Engel«, seine »Fee«. In solcher Verkleidung sah sie sich selbst nur zu
gern.
Als »Inspiration« hatte er sie im Bilde verewigt. Sie würde berühmt
werden durch ihn! Er war ein großer Künstler; denn auch ihn vergrößerte
sie, schuf ihn um in ihren Träumen zu einer Idealfigur.
Die Entdeckung, daß er ein Selbstporträt malen wolle, war für sie von
höchstem Interesse. Mit langem Bart, im wallenden Mantel, eine Harfe in
der Hand! Und sie sollte auch auf das Bild kommen. --
Sie sah das Kleid vor sich, das er ihr bestellen wollte, es war
licht und mit Sternen über und über besät. Im Haar würde sie einen
Schleier tragen, von einem Diadem festgehalten. So wie sie es an der
schönen Schauspielerin gesehen, die im Weihnachtsmärchen die gute Fee
dargestellt hatte. Vielleicht war es auch dem Kostüm ähnlich, welches
Cousine Vally getragen zur letzten Redoute.
Und während ihre Nadel flink Faden um Faden einstach zu dem bunten
Muster, welches sie selbst erdacht hatte, malte sie im Geiste ein noch
viel herrlicheres Gemälde: sich selbst, bewundert und angestaunt von
aller Welt, als das schönste, das außerordentlichste Wesen, das es gab.
III.
Während der nächsten Tage war Jutta nicht dazu gekommen, Herrn von
Weischach aufzusuchen. Das Bewußtsein, daß ihr Vater jetzt im Hause sei
und daß ihr Geheimnis durch ihn möglicherweise entdeckt werden möchte,
hielt sie zurück. Dabei hatte sie im Geheimen große Sehnsucht nach dem
Atelier. Wie mochte es mit dem Kostüm stehen, das er ihr versprochen
hatte? Ob es schon in Arbeit war? Sie konnte es kaum erwarten,
sich darin zu sehen. Im Unterricht war sie noch unaufmerksamer als
gewöhnlich, weil sie beständig an Weischach, das Kostüm und sein Bild
dachte.
Endlich fand sich Gelegenheit, hinüberzuspringen. Durch Erkrankung
einer Lehrerin war eine Stunde ausgefallen.
Jutta ging, wie sie aus der Schule kam, mit Büchern und Heften unter
dem Arm, durch das Vorderhaus schnurstracks nach dem Atelier.
Weischach empfing sie im Malerkittel. Er hatte gearbeitet. Auf der
Staffelei stand eine Leinewand. Malstock und die Palette mit frischen
Farben waren nicht fern.
»Umarme mich nicht, Kind!« rief er. »Ich bin vollgeschmiert. Leg ab!«
Er reinigte sich schnell die Hände und trat dann vor sie hin, ihre
Hand ergreifend. »Bist du es wirklich? Ich hatte schon die Hoffnung
aufgegeben, dich jemals wiederzusehen.«
Statt der Antwort umarmte sie ihn. Als er dieses feine Köpfchen an
seine Brust geschmiegt sah, überkam den alternden Mann tiefe Rührung.
So ganz Kind war sie in diesem Augenblicke; wie sein Töchterchen
erschien sie ihm. Er küßte ihr Haar ganz leicht, sie sollte es garnicht
merken. Es war das erste Mal, daß er es that. Jutta fand es als das
selbstverständlichste Ding der Welt, daß er sie küsse.
Dann ließ sie ihn fahren und rief übermütig: »Fräulein Jubert ist
krank. Wir haben kein Französisch. Vielleicht die ganze Woche nicht!
Ist das nicht fein?« --
Jetzt bückte sie sich, um Mucki zu streicheln, die träge blinzelnd
der Szene zwischen den beiden zugeschaut hatte. »Mucki ist schlechter
Laune!« rief das Mädchen. »Wart, ich werde dich munter machen!« Sie
nahm die Katze am Fell vom Boden auf und spielte mit ihr, wie mit
einem Ball. Mucki schien daran nicht viel Gefallen zu finden, sie
wollte entweichen, aber Jutta verstand es, das Tier immer wieder
einzufangen.
Sein Malerauge weidete sich entzückt an der schlanken Gestalt, den
jugendlich flinken Gliedern, deren Grazie, Ebenmaß und Kraft bei der
schnellen Bewegung zu voller Geltung kam. Die Aufregung des Spieles
rötete ihr Gesicht, das Haar, von dem sie den Hut abgenommen hatte,
war in reizende Unordnung geraten. Einer »Mignon« glich sie in diesem
Augenblicke nicht, eher einer ausgelassenen »Philine«.
Endlich hatte sich die Katze durch einen schnellen Sprung auf einen
hohen Schrank gerettet. Dorthin konnte ihr Jutta nicht folgen. Das
Mädchen strich sich das Haar aus dem geröteten Gesicht und warf sich
lachend auf den Divan.
In Weischachs durchfurchtem Angesicht witterte es wie Regen und
Sonnenschein. Ihm wurde immer bange, wenn er sie so voll Leben, Kraft
und Übermut sah; das brachte ihm den Unterschied zwischen ihm und ihr
recht zum bitteren Bewußtsein.
Wenn Jutta darauf geachtet hätte, würde sie haben bemerken müssen,
wie bleich und abgekommen er war. Aber Kinder haben für das Befinden
anderer keinen Blick.
Sie war vor allen Dingen gespannt, zu hören, was aus dem geplanten
Bilde geworden sei, ob er nun endlich anfangen würde, sie zu malen.
»Ich bin die letzten drei Tage nicht von der Staffelei gekommen!« sagte
er.
»Was hast du gemacht?«
Er zog einen Vorhang von dem großen Fenster und rückte die Staffelei in
das rechte Licht. »Was sagst du nun?«
Das Bild, nicht allzu groß, zeigte eine Landschaft mit Figuren:
deutscher Wald. An einer Wegekreuzung im Dämmerlicht des Laubdaches
ein Mann zu Roß, vor ihm stehend ein Kind. Die Züge des bärtigen
Reitersmannes, durch den Schlapphut verdeckt, sind kaum zu erkennen.
Der Schatten des Waldes liegt auf ihm; dagegen fällt alles Licht
vereinigt auf die Gestalt des Kindes, eines kleinen Mädchens.
Das Bild war noch unfertig, das Pferd und der düstere Reiter vorläufig
nur skizziert, voll ausgeführt dagegen die Kindesgestalt. Der Ausdruck
des jungen Gesichtes, wie es voll Vertrauen zu dem Fremden aufblickt,
war mit Liebe herausgebracht.
»Nun was sagst du!« rief Weischach ungeduldig, als Jutta ihm allzulange
mit der Anerkennung zurückhielt.
»Soll ich das sein?« fragte Jutta in einem Tone, dem man die
Enttäuschung deutlich anhörte.
»Ich habe an dich gedacht dabei, natürlich!«
»Nein, das bin ich nicht! Das ist garstig!« rief das Mädchen trotzig.
Er drang in sie: was ihr denn so mißfalle an dem Bilde. Sie erklärte
sich nicht näher, blieb eigensinnig dabei, das sei sie nicht und es
wäre überhaupt garstig.
Was ein vierzehnjähriges Mädchen sagte, war als Kunsturteil schließlich
nicht von Belang, das wußte er wohl. Und trotzdem quälte ihn diese
Kritik. Unmutig drehte er die Leinwand um.
»Ich glaube, Jutta, du hast mich hier nicht recht verstanden. Gerade
das, was wertvoll ist an dem Bilde, macht es dir unsympathisch. Es soll
nicht erzählen; alles darin ist Stimmung. Wer durchaus vom Künstler
einen Stoff verlangen will, dem könnte man sagen: es sei ein Fremder,
der ein Kind nach dem rechten Wege fragt. Aber wenn du mich fragst,
was ich damit hätte sagen wollen, so muß ich dir antworten: ich weiß
es selbst nicht. Nicht einmal einen Namen habe ich bis jetzt dafür.
Stimmung alles, Stimmung! Erst war ein Farbeneindruck da: hell und
dunkel. Ich sah Farbenflecke. Das ist die wahre Inspiration, wenn das
Bild im Auge entsteht, nicht im Verstande. Ich kann nicht mal sagen:
ich sah; nein, ich empfand, fühlte Wald, in welchen wie durch einen
Vorhang die Sonne verstohlen hineinleuchtet. Daraus erst, aus diesem
Gegensatze von Licht und Schatten, traten die Gestalten langsam und
wie von selbst hervor. Der Reiter dunkel, geheimnisvoll tragisch. Das
Kind dagegen klar, beruhigend, strahlend, ein Quell des Lichtes und des
Glückes. Begreifst du das nun?«
»Aber ich will nicht, daß du mich barfuß malst!« rief sie und hatte mit
einemmale Thränen in den Augen.
Er stutzte zunächst. Als er jedoch den Sinn der Antwort verstand,
lachte er laut auf. Mit einemmale begriff er, wen er vor sich habe:
ein echtes rechtes Kind! Man vergaß das so leicht, ließ sich von ihrem
Wesen verleiten, sie für erwachsen zu halten.
»Mein Engel, kränkst du dich darüber?«
»Ich sehe nicht aus wie ein Bettelmädel!«
»Aber siehst du denn nicht, Jutta, daß es sich nicht um ein Faksimile
handelt, hier! Das Porträt wird immer eine untergeordnete Kunstgattung
bleiben, solange man nur Gegebenes wiedergiebt. Du hast mir etwas
viel Höheres geschenkt: eine Stimmung, eine Symphonie in Farben.
Fasse es doch symbolisch! Hier ist Licht, da ist Schatten, hier
Jugend, da Alter. Wir beide sind in dem Bilde, du und ich. Aber weit
künstlerischer und feiner verborgen, als wenn ich dich als Mignon und
mich als Harfner gemalt hätte.«
»Du willst mich nicht als Mignon malen?«
Er wurde ein wenig verlegen. »Offen gestanden, Jutta, ich habe
mir's anders überlegt. Es liegt immer eine gewisse Trivialität in
den Illustrationen zu großen Meistern. Anregen soll man sich als
bildender Künstler von den Dichtern lassen, aber nicht ihre Gestalten
verdeutlichen wollen. Das kommt mir so vor, wie die Vorlagen, die man
ganz kleinen Kindern giebt, wo sie die vorgezeichneten Umrisse nur mit
Farbe auszufüllen haben. Nein, der Gedanke war kein glücklicher!«
Jutta blieb stumm. Enttäuschung und Ärger waren bei ihr größer, als er
ahnte. Wo blieb jetzt das mit Sternen besäte Kleid, der lichte Schleier
über dem Haar, wo das Diadem, von dem sie geträumt hatte? --
Sie empfand nicht so sehr Kummer als Empörung. Weischach war an allem
schuld. Versprechungen hatte er gemacht, die er nun nicht hielt, hatte
sie getäuscht, mit Absicht wohl gar sie zum Narren gehabt. Keinem
seiner Worte wollte sie fortan trauen, wollte garnicht hören, was er
sagte. Sie haßte ihn in diesem Augenblick.
Niemand hätte dem Kinde so leicht angesehen, was in ihm vorging. Sie
stand da und starrte den Mann nur groß an aus erstaunten Augen. Tapfer
schluckte sie an ihren Thränen, die ihr um keinen Preis verräterisch
über die Wangen rinnen sollten.
Weischach fuhr fort in docierendem Tone: »Meine ganze bisherige
Malerei war vielleicht ein einziger großer Irrtum, ruhte auf falscher
Anschauung vom Wesen der Kunst. Jedes Kunstgebiet hat seine genau
verrainten Grenzen, die man nicht überschreiten soll. Man kann nicht
Musik malen, und man soll auch nicht als Maler Dichter sein wollen.
Farbeneindrücke wiedergeben! Bilder sehen und sie auf die Leinwand
zwingen, wie sie in der +camera obscura+ der Seele auftauchen.
Eine Stimmung, eine malerische Erfindung muß das Ursprüngliche sein,
nicht eine Historie, ein rein äußerlicher Einfall. Nur um Gottes
willen nicht konstruieren! Das wollen wir den Architekten überlassen.
Ich kenne jetzt die Fehler meiner bisherigen Kunstübung; sie war
erkünstelt, überheizt, es fehlte ihr Naivetät. Kunstlos schaffen allein
ist künstlerisch. Nimm alle meine früheren Bilder, selbst die besten;
sind sie nicht konstruiert? Um den Leuten zu sagen, daß alte Frauen
häufig in der Bibel lesen, und daß ihnen dabei wohl mal ein Enkelkind
zusieht, bedarf es nicht des Malerauges; das ist durch die Brille des
Novellisten gesehen. Und meine ›Inspiration‹! -- Blasse Allegorie!
Jetzt begreife ich, warum ich daran scheitern mußte. -- Nimm einmal
das hier dagegen!« Damit wandte er sich der Staffelei zu. »Das ist
malerisch empfunden. Die Figuren sind nicht Staffage, sind ein Teil der
Landschaft, wachsen organisch aus der Farbe heraus .......«
Jutta hatte, während er beschäftigt war, das Bild umzukehren und
zurechtzurücken, lautlos den Hut aufgesetzt und ihre Bücher zur Hand
genommen. Weischach wandte sich um. »Wo willst du hin?«
Aber sie hatte schon die Thür erreicht und schlüpfte hinaus. Er stürzte
ihr nach. »Jutta, Kind! Hör doch nur! Ich brauche dich« .....
Sie war nicht mehr einzuholen. In großen Sätzen, mehrere Stufen auf
einmal nehmend, eilte sie die Stiege hinab.
* * * * *
Wohl eine Woche lang sah und hörte Jutta nichts von Herrn von
Weischach. Dann eines Tages, als sie aus der Schule kam, sah sie ihn im
Hausflur stehen; er wartete da offenbar auf sie. Was sollte sie thun,
wie an ihm vorbeikommen? --
Unschlüssig ging sie vor dem Hause auf und ab. Da wollte es ein
glücklicher Zufall, daß ihr Vater von einem Gange zurückkehrte. Sie
eilte auf ihn zu und hing sich an seinen Arm. Unter seinem Schutze kam
sie unbehelligt ins Haus.
Sie hatte Weischachs Gesicht im Vorbeigehen für einen Augenblick
gesehen; er sah sehr unglücklich aus.
Weitere Tage vergingen, ohne daß von Weischach ein Lebenszeichen zu
Jutta gedrungen wäre. Sie fing an, eine gewisse Neugier zu empfinden,
was er treibe. Malte er? Ob er gar Modelle hatte? Es gingen öfters
Leute durch den Hof, die so aussahen. Aber im Hinterhaus war ein
Atelier über dem anderen, man wußte nicht, zu welchem Künstler diese
Menschen wollten. --
Einmal, als die Neugier ihr keine Ruhe mehr ließ, begab sie sich auf
die schmale Hintergasse, von der aus man die großen Scheiben der
Ateliers sehen konnte. In der Weischachschen Etage war alles verhangen.
Ob er verreist war? --
An seiner Thür wollte sie sich nicht blicken lassen, deshalb
beauftragte sie Resi, sich bei Herrn von Weischachs Wirtin zu
erkundigen. Resi brachte die Nachricht zurück, der Herr Oberstleutnant
sei schwer erkrankt, eine barmherzige Schwester pflege ihn.
Nun gab es für Jutta kein Zaudern mehr. Vergessen war die Kränkung. Ihr
Freund krank! Sie mußte ihn aufsuchen.
Angst hatte sie freilich vor der Krankheit, vor der Wirtin, vor
der Schwester. Aber sie faßte sich ein Herz, lief die Stiege des
Hinterhauses hinauf und klopfte in altgewohnter Weise an seiner Thür.
Eine ältere Frauensperson in der Tracht der barmherzigen Schwestern
machte ihr auf und fragte nach ihrem Begehr. Schüchtern erkundigte sich
Jutta, wie es Herrn von Weischach gehe. Die Schwester betrachtete sich
das junge Mädchen und meinte: »Sie sind das Fräulein, von dem er ein
Bild gemalt hat. Ich soll Sie vorlassen, hat er mir aufgetragen.«
Sie war also erwartet worden. --
Gesenkten Hauptes trat Jutta ein, ließ sich von der Schwester führen.
Sie wußte auf einmal weder aus noch ein in der Wohnung, die sie wie oft
schon besucht hatte.
Der Kranke lag in dem kleinen Zimmer neben dem Atelier. Seine Bilder
hatte er sich da hinein bringen lassen. Sie standen auf Staffeleien,
oder hingen an der Wand, so daß er sie von seinem Lager aus jederzeit
ohne Mühe betrachten konnte.
Als er die beiden eintreten sah, setzte sich Herr von Weischach im
Bette auf und streckte dem jungen Mädchen die Arme entgegen. Jutta
blieb zaghaft in der Nähe der Thür; sie hatte noch nie in ihrem Leben
einem Schwerkranken gegenübergestanden. Sein Anblick erschreckte sie.
Sie begriff garnicht, daß sie diesen Mann kenne. Der Bart war nach
allen Seiten gewachsen, das Haupthaar verwildert, die Augen lagen in
tiefdunklen Höhlen. Er wollte sie anlachen und ahnte nicht, daß die
ungehorsamen Muskeln seines Gesichtes nur eine traurige Grimasse zu
Stande brachten.
Die Schwester mochte erkennen, welches Grauen sein Anblick dem Kinde
einflößte. Mit gewandtem Griff brachte sie ein wenig Ordnung in den
Aufzug des Kranken, glättete ihm das Haar, und schloß sein Hemd, das
sich über der Brust geöffnet hatte. Dann drückte sie ihn sanft in die
Kissen zurück. Jutta wurde bedeutet, daß sie nun herantreten dürfe.
Weischach ergriff die Hand des Mädchens und führte sie an seine Lippen.
Jutta ließ es geschehen. Dann blickte er sie lange aus heißen Augen an.
»Ich habe dich gleich am Klopfen erkannt. Wußte ja, daß du kommen
würdest! O, geh nicht gleich wieder fort! Nichtwahr, du bleibst bei
mir?« sagte er mit hoher, weinerlicher Stimme.
Jutta blickte ratlos zu der Schwester hinüber. Diese, eine Person, die
in langjähriger Krankenpflege vieles verstehen gelernt hatte, gab ein
zustimmendes Zeichen.
Aus einem Winkel, wo sie sich bis dahin verborgen gehalten, kam jetzt
Mucki hervor. Sie sprang mit einem Satze auf das Bett, als sei das
so ihr gutes Recht. Die Schwester wollte die Katze entfernen. »Ach,
lassen Sie nur!« meinte Weischach; »das Tier wenigstens ist mir treu.«
Er streichelte das bunte Fell der Katze, die unter der Liebkosung zu
schnurren begann.
»Wirst du dich Muckis annehmen, Jutta, wenn mir was passieren sollte?«
--
Das Mädchen nickte mechanisch, kaum verstehend, was er eigentlich
meinte; denn daß es mit ihm zu Ende gehe, ahnte sie nicht.
»Siehst du meine Bilder?« rief er, plötzlich zu etwas anderem
überspringend, in beinahe lustigem Tone. »Sie sind alle beisammen.
Eine ganze Ausstellung -- was?« Er lachte. »Das dort habe ich doch am
liebsten. Es ist nun fertig! Schön, nichtwahr?«
Die Knochenhand wies auf das Bild mit dem Reiter. Daneben hing das
unvollendete Selbstporträt, in dem er sich als Harfner hatte darstellen
wollen. Weiter die ›Inspiration‹, ferner Skizzen zu Mignon und anderes.
Alles gute Bekannte für Jutta.
Der Künstler liebkoste seine Werke mit einem langen Blicke, dann
seufzte er tief: »Ich werde nichts mehr malen. Skizzen und Fragmente
bleiben von mir zurück. Kein Mensch ahnt, was ich gewollt habe. --
Wirst du wenigstens manchmal an mich denken, Jutta?«
Wieder war nur ein Kopfnicken die Antwort.
»Du wirst ein schönes, herrliches Weib werden!« rief er mit einemmale
überlaut, dabei ruhte sein Auge mit dem Ausdrucke wilder Sehnsucht auf
ihr.
»O, daß ich doch .....«
Weiter kam er nicht. Etwas Unsichtbares schien ihn am Halse zu packen,
daß er die Augen schloß und den Mund verzog. Die Schwester griff ihm
unter die Arme, suchte ihn aufzurichten. Sein Kopf hing mit geöffnetem
Munde weit nach vorn.
Jutta starrte für einen Augenblick auf das klägliche Schauspiel. Ein
Gefühl des Grauens, wie sie es noch nie empfunden, lähmte sie. Dann
machte sie die Furcht vor dem, was noch kommen könne, lebendig. Ohne
Abschied floh sie aus dem Zimmer.
IV.
Am Tage darauf erfuhr Jutta durch Resi, im Rückhause sei der Herr
Kunstmaler von Weischach gestorben. Früh am Morgen schon hätten Leute
in schwarzen Mänteln und hohen Hüten einen Kasten hereingebracht und
die Leiche auf einem Wagen fortgeschafft. Resi fügte dem Bericht noch
einiges aus ihrer Phantasie hinzu, um das junge Fräulein nur ja gruseln
zu machen. Und sie hatte die Genugthuung, daß Jutta sie, als es Abend
wurde, bat, sie möge für diese Nacht bei ihr auf dem Sofa schlafen.
Durch Resi erfuhr Jutta auch, wo die Leiche hingeschafft worden sei:
in den Leichensaal des katholischen Friedhofs. Dorthin würden sie alle
geschafft, einerlei, weß' Standes oder Geschlechts. Dort könne man sie
ausgestellt sehen, angethan mit ihren besten Kleidern. Resi hatte schon
mehr als einen ihrer Freunde und Verwandten daselbst in Parade liegen
gehabt; sie konnte es nicht schön genug schildern, wie »sauber« die
ausgesehen hätten: »wie von Wachs.«
Für Jutta stand es von vornherein fest, daß sie den Verstorbenen
noch einmal sehen wolle. Aber allein in die Leichenhalle gehen, war
unmöglich. Resi hatte keine Zeit, sie zu begleiten, an Frau Hölzl
wollte sich Jutta nicht wenden, der Vater durfte erst recht nichts
davon wissen; so blieb also nur Eberhard, dem man mit einem solchen
Ansinnen kommen durfte.
Der Gymnasiast lachte zunächst bei der Idee. Dann fand er die Sache
aber doch »ganz interessant« und erklärte sich bereit, mitzumachen.
Es kam sonst nicht oft vor, daß Bruder und Schwester gemeinsam
ausgingen. Ihre Interessen lagen nach zu verschiedenen Richtungen, auch
liebte er es nicht, sich mit der kleinen Schwester auf der Straße zu
zeigen. Man kam sich so komisch vor mit solchem Geschöpf, das lange
Haare trug und kurze Kleider.
In der Straßenbahn, die sie benutzten, um den weiten Weg zum Friedhofe
abzukürzen, hatte Eberhard sich von Jutta getrennt, um auf dem
hinteren Perron »ungestört eine rauchen« zu können. Eberhard stand
kurz vor der Maturitätsprüfung und fühlte sich bereits halb und halb
als Student.
Er hatte die Absicht, Medizin zu studieren. Zwischen ihm und seinem
Freunde Bruno Knorrig war es abgemachte Sache, daß dies für den
Freidenker das einzig mögliche Studium sei. Jura war stumpfsinnig,
Philologie altmodisch und Theologie vollends überlebt. In der Medizin
jedoch feierte das Wissen des modernen Menschen seinen höchsten Triumph.
Die Geschwister schritten durch das Friedhofsportal und dann einen
langen Gang hinab. Das Leichenhaus lag ganz am unteren Ende. An
unzähligen Gräbern kamen sie vorbei, Monument reihte sich an Monument,
Hügel an Hügel, Denkstein an Denkstein.
Schließlich langten sie bei einem niederen Gebäude an, vor dem eine
verdeckte Halle hinlief. Nach Resis Beschreibung mußte es das sein.
In einer Nische hatte Jutta ein Weihwasserbecken entdeckt. Sie trat
hinzu, tauchte ihre Finger ein und segnete sich, indem sie ein Kreuz
schlug. Eberhard, dem im evangelischen Unterricht von früh auf
eingeprägt worden war, alles Katholische zu verdammen, sah dem Thun der
Schwester verächtlich zu.
Dann folgten sie einigen schwarz gekleideten Leuten, offenbar
Leidtragenden, die vor einem breiten Fenster Halt machten. Man
blickte durch das Glas in einen weiten Raum, wo viele Gestalten lang
ausgestreckt ruhten, mit geschlossenen Füßen, die Hände gefaltet,
Haupt und Schultern ein wenig erhöht. So lagen sie, genau wie es Resi
beschrieben hatte: Wachspuppen gleich.
Jutta drückte sich unwillkürlich an ihren Bruder an. So also sah man
aus, wenn man tot war! -- Sie war blaß geworden und zitterte am ganzen
Körper.
Auch dem Primaner war nicht ganz geheuer, aber rechtzeitig dachte er
daran, daß er als künftiger Arzt erhaben sein müsse über dergleichen.
»Schade!« rief er, »daß man nicht 'reingehen kann zu den Herrschaften.
Das müßte lustig sein! -- Nicht?«
Sie schritten langsam von Fenster zu Fenster. Die Toten schienen
eingeteilt zu sein in solche erster und zweiter Klasse. Im
Hintergrunde, dem Beschauer fast entzogen, lagen Leute in schlichterer
Kleidung, ohne Palmenschmuck, ohne Lichter und Kranzspenden. Die Leute
von Stande waren mehr im Vordergrunde aufgebahrt.
Um ein Fenster drängten sich die Neugierigen vor allem. Eberhard
las von der ausgehängten Tafel ab: »Benno Lothar von Weischach,
Oberstleutnant a. D. und Kunstmaler.«
Hier also war er! Als sich einige Leute entfernten, gelang es Jutta, an
die Scheibe heranzukommen.
Sie vermochte kaum ihren Freund wiederzuerkennen. Man hatte ihm seine
Uniform angezogen. Da lag er mit Orden und Denkmünzen auf der Brust,
Säbel und Helm neben sich.
Sie begriff nicht, daß er das sein sollte.
Dann aber, als sich der Blick an all das fremde Drum-und-dran gewöhnt
hatte, fand sie seine Züge heraus. Sein Haupt erschien ihr ehrwürdig,
die hohe bleiche Stirn, der lange graue Bart. So etwa stellte sie sich
das Angesicht der Patriarchen des alten Bundes vor oder die heiligen
Väter der Kirche.
Sie hatte nun gar keine Furcht mehr. Er war so schön, so friedlich, so
mild! Das Mädchen konnte sich nicht losreißen von dem Anblick.
Wie ein Glorienschein umschwebte es sein Haupt. Er war heilig. Wären
nicht die vielen Menschen gewesen um sie her, sie wäre niedergekniet
und hätte zu ihm gebetet.
Aber der Bruder drängte zum gehen. Ihm fing die Sache an langweilig zu
werden. Er begriff die Schwester nicht, die immer noch dastand und in
die Scheibe starrte.
»Lebendig wird er davon doch nicht! -- Komm!« sagte er ungeduldig und
zog sie am Arme weg.
* * * * *
Bald nachdem das Begräbnis des Oberstleutnants a. D. von Weischach
stattgefunden hatte, fand sich in den gelesensten Blättern Münchens
ein Inserat, wonach sein künstlerischer Nachlaß, sowie seine Bücher,
Teppiche und Möbel, meistbietend versteigert werden sollten. Besonders
aufmerksam wurden auf diesen Gelegenheitskauf Maler gemacht, die sich
ein Atelier einrichten wollten.
Der einzige Blutsverwandte des Verstorbenen, ein Herr von Weischach
aus Norddeutschland, war herbeigekommen, hatte sich angesehen, was
es etwa zu erben gäbe, und da er nichts als Bilder, Skizzen, Bücher,
Kunstgegenstände und andere unnütze Sachen fand, hatte er sich kurzer
Hand entschlossen, die Sachen versteigern zu lassen. Diese Mühe nahm
ihm ein Auktionator ab; und der Erbe konnte nach kurzem Aufenthalt
München wieder verlassen.
Herr Reimers las das Auktions-Inserat, und da er von seiner Wohnung aus
nur durch einen Hof zu gehen und ein paar Stiegen zu steigen brauchte,
um die zur Vorbesichtigung angepriesenen Kunstwerke zu sehen, nahm
er diese kleine Mühe auf sich. Er war ein wenig Sammler, weniger aus
wirklichem Kunstverständnis, als aus dem Bedürfnis heraus, sein Heim
mit interessanten, seltenen und dekorativen Gegenständen zu schmücken.
Auf Auktionen hatte er schon manchen glücklichen Erwerb gemacht.
Wie erstaunte er, als er bei Besichtigung des Weischachschen Ateliers
eine ganze Reihe von Bildern und Entwürfen fand, zu denen mehr oder
weniger deutlich Juttas Züge verwertet waren.
Hatte der Maler denn seine Tochter gekannt? Hatte Jutta ihm Modell
gesessen? --
Die Wirtin des Verstorbenen mußte ihm Rede stehen. Reimers erfuhr,
daß Jutta längere Zeit hindurch fast täglich bei Herrn von Weischach
gewesen sei.
Reimers war bestürzt. Gerade weil er selbst genug Werg am Rocken
hatte, neigte er zur Ängstlichkeit. Es war das Mißtrauen des alten
Sünders, der alle Schliche kennt und keinem Manne traut.
Er nahm Jutta vor. Wie kam sie dazu, hinter seinem Rücken einen
fremden Herrn aufzusuchen? -- Das Mädchen schwieg hartnäckig. Keine
Frage, weder im Guten noch im Strengen, vermochte etwas aus ihr
herauszubringen über das, was sie für ihr heiligstes Geheimnis hielt.
Solche Verstocktheit machte den Vater erst recht bedenklich. Die
ganze Sache blieb rätselhaft. Er kannte seine Jutta als ein kleines,
harmloses, gutwilliges Ding, das ihm viel Vergnügen bereitete und
bis dahin eigentlich niemals Sorgen gemacht hatte. Und nun das! --
Unbegreiflich!
Aber Reimers liebte die unangenehmen Eindrücke nicht, und nichts war
diesem Manne verhaßter, als das Gefühl der Verantwortlichkeit. Hier
konnte er sich keinem von beiden entziehen.
Er hatte sich zu wenig um das Kind gekümmert. Zu seiner Entschuldigung
stand ihm zwar die Ausrede zu Gebote, daß er keine Zeit habe, neben
seinen Berufsgeschäften auch noch die Erziehung seiner Tochter zu
leiten. Ein Witwer war eben in schwieriger Lage. Verschiedene seiner
Freundinnen, die ihm diese Wahrheit andeutungsweise schon des öfteren
nahe gelegt hatten, waren damit nicht so ganz im Unrecht. Aber trotz
alledem wollte er doch lieber ledig bleiben. Es mußte da noch einen
anderen Ausweg geben, als Heirat. Wie wäre es, wenn man eine Dame ins
Haus nähme zu Juttas Beaufsichtigung? Jemanden: halb Gesellschafterin,
halb Freundin, und möglichst wenig Gouvernante; denn vor der
Menschenklasse graute ihm.
Er überschlug alle ledigen Frauenzimmer seiner Bekanntschaft und kam
schließlich zu dem Ergebnis, daß sich am besten zu dem Amte eignen
würde seine Nichte: Vally Habelmayer.
Zwar war Vally noch jung -- eben erst zwanzig geworden -- und hübsch
dazu. Aber das letztere war nicht so gefährlich; zu Ostern sollte ja
Eberhard aus dem Hause kommen. Und für ihn, den Hausherrn, war es
schließlich netter, ein junges hübsches Gesicht um sich zu sehen, als
ein altes garstiges. Zudem hatte Vally Habelmayer noch einen anderen
großen Vorzug; sie war völlig abhängig von Herrn Reimers. Ihre Mutter
lebte seit dem Tode des bankerotten Gatten mehr oder weniger von der
Gnade des wohlhabenden Schwagers. Zwar war ein Sohn da, Luitpold, der
sich Kaufmann nannte und der seinem Auftreten nach für einen reichen
Mann eingeschätzt werden mußte; in Wahrheit aber setzte Luitpold, oder
wie er in Bekanntenkreisen genannt wurde »der schöne Habelmayer«, nur
das Metier seines Vaters fort: gut zu leben, nobel aufzutreten, wenig
zu arbeiten und viel zu borgen.
Vally lebte mit ihrer Mutter zusammen im Proletarierviertel. Die Damen
Habelmayer waren im Gegensatz zu Luitpold ökonomische Genies. Man
begriff nicht, wovon sie eigentlich lebten. Vally zog sich immer gut
an. In der Faschingszeit fehlte sie auf keiner der größeren Redouten.
Sie war ihres feschen Auftretens und ihrer harmlosen Munterkeit wegen
eine überall gern gesehene Persönlichkeit. Ein einziges Mal bis jetzt
hatte Herr Reimers am Schlusse des Faschings für seine Schwägerin
Habelmayer die versetzten Möbel aus dem Leihhause loskaufen müssen;
aber das war eine zum Münchener Karneval zugehörige Erscheinung, über
die sich ein Mann wie Reimers höchstens belustigte. Im übrigen hatte
ihm bisher sein Neffe Luitpold das Portemonnaie weit ausgiebiger
erleichtert, als Schwägerin und Nichte zusammen.
Vally Habelmayer hielt also eines Tages im Reimersschen Hause
Einzug. Jutta freute sich darüber. Sie hatte Vally schon von früh
auf bewundert; wie ein junges Mädchen eben eine erwachsene Cousine
bewundert. Vallys Selbständigkeit, größere Erfahrung und Freiheit der
Bewegung imponierten der Vierzehnjährigen. Die Art wie sich diese
üppige Brünette frisierte, ihre reichgarnierten Hüte und lebhaft
gefärbten Blusen, waren für Jutta vorläufig maßgebend. So wollte auch
sie sich mal anziehen, wenn sie erst soweit sein würde, ihre Toilette
selbst bestimmen zu dürfen.
Sie hatte sich immer gut mit Vally gestanden. Die Cousine behandelte
Jutta nicht als kleines Mädchen, sondern mehr als Vertraute; erzählte
der Jüngeren manches Interessante aus Gesellschaft und Leben, wovon
man in der Schule kein Sterbenswörtchen erfuhr. Die beiden schliefen
fortan in einer Stube, und damit war die Vertraulichkeit zwischen ihnen
erst recht besiegelt.
Daß Vally zu dem Zwecke ins Haus gekommen sei, um sie zu
beaufsichtigen, ahnte Jutta nicht; schwerlich würde sie sonst die
Cousine mit solcher Freude aufgenommen haben. Vally besaß geheime
Instruktion von ihrem Oheim über die ihr zugedachte Aufgabe. Von Zeit
zu Zeit mußte sie ihm Bericht erstatten über Juttas Verhalten. Vally
war voll Eifer und zeigte Verständnis für ihre Pflicht, und Reimers war
mit ihr und dem Erfolge seiner Maßregel zufrieden.
Auch noch einen anderen Genossen sollte Jutta in dieser Zeit bekommen.
Nach dem Begräbnis des Herrn von Weischach war die schöne Angora-Katze,
die sein Liebling gewesen, spurlos verschwunden. Vielleicht hatte
sich Mucki, schlau wie das Tier war, der Möglichkeit, mit dem übrigen
Nachlaß des seligen Oberstleutnants versteigert zu werden, durch die
Flucht entzogen.
Eines Vormittags, als Jutta von der Schule heimkehrte, fielen ihr in
einem dunklen Winkel des Treppenhauses ein paar grünlich leuchtende
Punkte auf, die unbeweglich auf sie gerichtet waren. Sie erschrak
anfänglich, sah aber doch nach, was dahinter stecke. Wie sie vermutet
hatte, war es Mucki. Die Katze ließ sich aufnehmen und streicheln. Aber
wie war das arme Tier heruntergekommen! Abgemagert, schmutzig, das
schöne einstmals glänzende Fell zerzaust.
Jutta nahm Mucki zu sich. Der Vater, der sich über diesen wunderlichen
Gast im Hause gelegentlich aufhielt, erfuhr nichts von den eigentlichen
Beziehungen, die zwischen seiner Tochter und dem Tiere schon früher
bestanden hatten. Die Katze sei zugelaufen, hieß es. Das junge Mädchen
nährte Mucki mit den besten Leckerbissen, säuberte ihr das Fell,
sorgte für ein bequemes Lager, wartete das Tier ab wie ein Kind. Nach
einiger Zeit hatte sie die Freude, Mucki die alte Schönheit der Farben
und Fülle der Gestalt wiedergewinnen zu sehen. Fortan ward Mucki wie
ein kleiner Abgott behandelt, als das Liebste, was Jutta auf der Welt
besaß; sie war viel klüger und besser, als alle Menschen zusammen. Die
Katze ließ sich mit stoischem Phlegma den Kultus gefallen. All die
stürmischen Liebkosungen, die ihr zu Teil wurden, erwiderte sie besten
Falles, mit einem Krümmen ihres Katzenbuckels und einem verschlafenen
Schnurren. Eberhard verhöhnte die Schwester wegen ihrer »Verliebtheit«
in ein Tier, und Vally war drauf und dran, eifersüchtig zu werden auf
die Kreatur.
Jutta ließ sich dadurch nicht beirren. Was Mucki ihr im Grunde bedeute,
konnte ja niemand verstehen. Mehr als bloße Laune und Spielerei war
ihr die Pflege dieses Tieres. Sie glaubte auch nicht, daß es Zufall
sei, daß die Katze zu ihr den Weg gefunden hatte. An Mucki konnte sie
vielleicht begangenes Unrecht gut machen, welches sie mehr ahnte, als
daß es ihr zum vollem Bewußtsein gekommen wäre.
Bei der Auktion im Atelier des verstorbenen Kunstmalers gingen die
Gemälde zu lächerlich niedrigen Preisen ab. Weischach hatte eben nicht
zu den bekannten Malern gehört, niemals hatte er eine Ausstellung
seiner Werke veranstaltet, die Zeitungen kannten ihn daher nicht.
Außerdem waren seine Sujets und seine Malweise so altmodisch, daß die
paar Händler, die erschienen waren, kopfschüttelnd weggingen.
Den größten Teil der Sachen brachte schließlich ein jüdischer Trödler
an sich, der Bilder nach der Elle ankaufte, um sie für teures Geld nach
Amerika zu verschachern.
V.
Ein Jahr war vergangen. Eberhard hatte seine Maturitätsprüfung
bestanden, auch schon ein Semester in Würzburg studiert. Jetzt war
er in München als +stud. med+. immatrikuliert, gleichzeitig genügte er
seinen militärischen Pflichten.
Der junge Mann wohnte jedoch nicht wie früher im väterlichen Hause,
sondern in einem Junggesellenquartiere nahe der Kaserne. Herr Reimers
hatte das selbst so angeordnet; junge Leute wollten »austoben«, und es
war besser, wenn sie das nicht unter den Augen der Angehörigen thaten,
besonders wenn ein junges Mädchen in der Familie war, das eben flügge
wurde.
Jutta war gefirmt worden, blieb aber auf Wunsch des Vaters noch in der
Schule; es war so eine schwierige Periode, man wußte mit einem Mädchen
dieses Alters wirklich nicht recht: wohin! In Gesellschaft konnte man
sie doch unmöglich schon nehmen und sie daheim unbeschäftigt sitzen
lassen, schien auch nicht geraten. In der Schule war sie immer noch
am besten aufgehoben, obgleich sie ihrer entwickelten Gestalt nach
dorthin eigentlich nicht mehr recht gehörte. Die Menschen wunderten
sich, wie Jutta sich in der letzten Zeit verändert hatte. Nichts mehr
von der früheren unberechenbaren Ausgelassenheit, den Excentricitäten
und tollen Streichen, mit denen sie die Mitschülerinnen belustigt,
die Erzieher entsetzt hatte. Sie war bescheidener, gesetzter, sanfter
geworden. Ein gewisser Ernst schien mit einemmale über sie gekommen,
man wußte nicht woher.
Ihr Religionslehrer, der sie stets in Schutz genommen hatte gegen die,
welche Jutta Reimers für »einfach nicht zu erziehen« erklärten, sah
darin eine Wirkung des Chrismas. Die Weihen des Geistes hatten sie
ergriffen durch die Salbung mit dem heiligen Öl. Sie war nun errettet
von der Weltlichkeit. Die Oberflächlichkeit und Gedankenlosigkeit, der
sie ergeben gewesen, war von ihr genommen.
Der geistliche Herr erlebte das nicht zum ersten Male. Er war
Menschenbeobachter und, obgleich im strengsten Cölibat erwachsen,
doch ein feiner Kenner der Frauen. Er wußte, was es zu bedeuten
hatte, wenn wilde Mädchen, die sich vom Knaben bisher nur durch ihre
Kleidung unterschieden, plötzlich nachdenklich wurden, in sich gekehrt
und schamhaft. Er verstand die Ursache des Augenniederschlagens, das
an Stelle des freien kecken Blickes getreten, das Mildere, Geweihte,
Ahnungsvolle des ganzen Wesens, die Zurückhaltung in Worten und
Gebärden. -- Die Firmung war von der Kirche nicht umsonst an die
bedeutsame Schwelle der eintretenden Reife gesetzt worden. Die Kirche
will Herrin sein der Seelen, aber sie weiß, daß die Seele nur die
Blüte ist des Leibes. Symbolisch weiht sie jeden wichtigen Vorgang im
Leiblichen, um sich damit des Seelischen um so eher zu vergewissern.
Wer da glaubte, es in Jutta Reimers mit einem Kinde zu thun zu haben,
weil sie noch immer zur Schule ging, halblange Kleider und Zöpfe trug,
der irrte sich. Es war ein junges Weib, das da so sittsam einherschritt.
Auch ihre Beschäftigungen außerhalb der Schule hatten veränderte
Gestalt angenommen. Sie las neuerdings viel, vor allem Bücher, die
ihr von dem verehrten Religionslehrer empfohlen wurden. Der Kaplan
erteilte in den oberen Klassen auch den Unterricht in Litteratur. Er
war klug genug, seinen Schülerinnen nicht durchweg religiöse Lektüre
ans Herz zu legen. Denn, wie er wohl wußte, wird solche Speise, wenn
ohne Zukost genossen, leicht zum Überdruß. Auch weltliche Autoren,
wenn sie nicht geradezu kirchenfeindlich waren, ließ er gelten. Ja sie
mußten ihm dienen, Glauben und Liebe in den jungen Herzen anzuregen.
Der Geistliche wußte, daß feine Fäden sich hinüberspinnen von der
Frömmigkeit zur Kunst, daß die Religion der sinnlichen Anschauung
bedarf, und daß sie in der Phantasie einen wichtigen Verbündeten
findet. Hinwiederum lehrte ihn seine Erfahrung, daß das Gemüt der
Frauen dem Romantischen zugeneigt ist, daß sie begeisterungsfähig
und schönheitsbedürftig sind. Von seiner Kirche angelernt, alles zu
benutzen, was zur Stärkung ihrer Autorität dienen kann, versäumte er
nicht, die ihm anvertrauten jungen Seelen auf alles hinzuweisen, wovon
er eine Förderung des religiösen Sinnes erwarten durfte. Da er bei
Jutta Reimers, seiner Lieblingsschülerin, viel Phantasie, Feinsinn
und geistige Regsamkeit fand, so ließ er es sich angelegen sein, ihr
die Lektüre zu empfehlen, welche er einem so gearteten Wesen für die
förderlichste hielt.
Neben dem Lesen beschäftigte sich Jutta jetzt viel mit Malen. Der
Zeichnenunterricht, den sie in der Schule genoß, war pedantisch und
nur für mäßig begabte Schülerinnen berechnet. Der Lehrer, dem Juttas
Begabung längst über den Kopf gewachsen war, ließ sie machen, was sie
wollte.
Ihr künstlerisches Wollen ging vorläufig noch weit über ihr Können
hinaus. Ohne jemals Aktstudien getrieben zu haben, entwarf sie
figurenreiche Bilder, malte Landschaften, ohne von Perspektive und
Lichtverteilung etwas Sicheres zu wissen. Sogar im Ölmalen versuchte
sie sich, obgleich ihr die Öl-Technik fremd war.
In ihrem Zimmer stand eine Staffelei aufgerichtet, dort konnte man jede
Woche einen neuen Entwurf sehen. Wunderliche Gebilde erblickten da
das Licht der Welt: romantische Rittergestalten, bleiche schmerzvolle
Madonnen, Engel mit ätherischen Leibern, Reminiscenzen aus der
Biblischen Geschichte, der Legende, der Mythologie, der Volkssage,
daneben phantastische Versuche, die Prosa des Alltags wiederzugeben.
Karikaturen, Selbstporträts, Illustrationen zu Büchern die sie eben
gelesen. Ein Durcheinander von Eindrücken und Ideen, gegeben von einem
in der Entwickelung begriffenen Wesen, dessen gährende Gedanken noch
nicht zur Krystallisation gekommen, dessen überschwängliche Gefühle
noch keinen Angelpunkt gefunden hatten.
Die einzige Zuschauerin, welche Jutta bei Ausübung ihrer Kunst im
Zimmer duldete, war Mucki. Die Katze saß träge blinzelnd mit krummem
Rücken auf einem Hocker und sah zu, ganz wie sie es ehemals im Atelier
des Oberstleutnants gethan hatte.
Schließlich war Mucki doch nicht das Einzige, was von dem Verstorbenen
auf Jutta gekommen war. Sie wurde von der Erinnerung an ihn beeinflußt,
ohne es selbst zu wissen. Er malte unsichtbar an ihren Bildern mit.
Denn es war nicht ohne Eindruck auf ihr junges Gemüt geblieben, einen
Menschen so ernst und redlich um die Kunst ringen zu sehen, wie dieser
Freund es gethan. Ihre Augen hatten damals gesammelt, sie hatte sich
mit Begeisterung, mit Liebe zu Farbe und Form, mit manchen wichtigen
Kenntnissen erfüllt, die ihr jetzt zu statten kamen. Ein Keim war in
sie gesenkt worden, der im stillen weiter wuchs und einmal zur Frucht
werden konnte.
Ihre Malerei war ihr nicht bloß eine vorübergehende Liebhaberei, wie
sie junge Menschen leicht mal verfolgen; ein paar Wochen lang geht
man ihr nach, dann, wenn man auf Schwierigkeiten stößt, verliert man
die Lust daran, geht anderen Passionen nach. Jutta hatte ein Ideal:
Künstlerin werden, eine wirklich große Künstlerin wollte sie werden.
Sie hob sich in ihrem ganzen Wesen ab von den Mädchen ihres Alters,
hegte andere Gedanken und Wünsche als diese kleinen oberflächlichen
Dinger. Ihr Ideal, verschwommen und überspannt, wie es noch war, gab
ihr doch Selbstbewußtsein, machte sie stolz. Sie fühlte, daß sie etwas
vor den Freundinnen voraus habe, daß sie etwas Besonderes besitze.
Herr Reimers schrieb alle diese Wandlungen im Wesen seines
Töchterchens, die ihm nicht entgehen konnten, dem günstigen Einflusse
zu, den Vally Habelmayer auf Jutta hatte. Er fand, daß er in Vally
ganz die richtige Person ins Haus genommen habe. Sie war eines von den
Gesichtern, das man gern um sich sah. Immer vergnügt, gesund, eine
mollige Erscheinung, von bequemer Weltanschauung, verständnisvoll für
ein gutes Mittagessen, und, was Reimers besonders schätzte, immer
bereit, auf einen Spaß, ja selbst auf einen gewagten, einzugehen.
Reimers hatte nämlich die Neigung, Anekdoten zu erzählen, welche die
Grenze des Erlaubten streiften. Er sammelte sie aus Witzblättern, im
Herrenklub, oder er erfand sie auch selbst. Die lagen ihm dann den
ganzen Tag auf der Zunge; an irgendwen mußte er sie loswerden. Sein
Compagnon Knorrig war kein Abnehmer für dergleichen, und seinen eigenen
Kindern konnte er sie doch auch nicht zum besten geben. Da kam ihm
Vally gerade recht. Er stand zu ihr im vertraulichen Verhältnis des
angeheirateten Onkels. Vally war schließlich auch kein ganz junges
Mädchen mehr, hatte ihre Erfahrungen hinter sich. Mit ihr konnte man
sich ein offenes Wort erlauben und war sicher, auf Verständnis zu
stoßen.
Das hinderte nicht, daß er von Vally zu anderen Zeiten gesetztes
Wohlverhalten verlangte. Juttas unschuldiges Ohr sollte niemals einer
jener Scherze entweihen, wie sie am Biertische, in der Weinstube oder
im +cabinet particulier+ im Schwange sind. Er wußte, was er seiner
väterlichen Autorität schuldig sei. Vally aber, die zu ihren anderen
angenehmen Eigenschaften auch noch die großer Anpassungsfähigkeit
besaß, verstand seine erzieherischen Absichten vollkommen. Sie fand
ihrer jungen Cousine gegenüber den richtigen Ton, war harmlos mit der
Harmlosen, sparte sich das Bedürfnis nach pikanter Unterhaltung für die
Stunden auf, wo sie mit ihrem jovialen Onkel allein war.
* * * * *
Eberhard kam dafür, daß er mit den Seinen in derselben Stadt
lebte, selten in das väterliche Haus. Schnell hatte er sich in die
Gewohnheiten des selbständigen Junggesellen eingelebt. Er trat jetzt in
das Alter, wo sich ein junger Mann um die Frauen zu kümmern anfängt.
Eigentlich glaubte er noch immer, das Weib zu verachten, aber im
Grunde war das nur Unsicherheit jenen fremden Wesen gegenüber, die ihm
unheimlich waren und höchst anziehend zugleich.
Wunderliches Alter voll unversöhnlicher Gegensätze, die mit einander
um die Herrschaft ringen und doch nebeneinander auskommen müssen. Was
gährt und brodelt da alles im Gemüt! Solch ein Jüngling ist stolz
und demütig zugleich, selbstbewußt bis zur Anmaßung, verlegen und
menschenscheu bis zur Ängstlichkeit. Er ist trotzig, mißtrauisch
und borstig, nach außen und im Inneren voll Sentimentalität,
anlehnungsbedürftig, nach Liebe durstend, jederzeit bereit, sein Herz
zu verschenken, am liebsten an eine Königin; steht ihm diese nicht zur
Verfügung, an die erste beste Zofe.
Und dieses Protzen mit Kraft, mit der eben erst erworbenen äußerlichen
Unabhängigkeit, mit einer Erfahrung, die noch nicht erworben ist!
Die Unsicherheit, die Unruhe, die Sehnsucht! Seine Gefühle wird er
nie und nimmer eingestehen! Eher wird er sich rauh, grob und cynisch
zeigen, mit Gleichgiltigkeit und Kälte prunken. Denn das ist männliche
Schamhaftigkeit: sich nicht ertappen lassen wollen in der Tiefe der
Gefühle. Wie sich das Weib nicht in seiner Blöße, so will sich der
Mann nicht zeigen in seiner Seele. Jeder von uns, mag er noch so
verschlossen erscheinen, trägt schließlich unter dem Panzer von Kälte
und Gleichgiltigkeit, mit dem wir uns von früh an aus Furcht vor der
Lächerlichkeit zu umgeben belieben, geheime Sehnsucht, den Wunsch sich
hinzugeben; vielleicht als ein Erbteil der Mutter, vielleicht als einen
letzten Rest vom Kinde, das er einstmals gewesen. Und Befreiung und
Erlösung von dieser Bedrängnis, diesem Widerspruch kann ihm nur das
Weib bringen.
Wie die meisten jungen Leute ohne Erfahrung machte sich Eberhard
ein ganz falsches, übertriebenes Bild von der Frau. Sonst ein
ziemlich nüchterner Kopf, vermochte er über dieses Thema nicht ruhig
nachzudenken. Die Ekstase der Gefühle, die starken Triebe seiner Natur
verwirrten ihm den Verstand. Es schwebte seiner verzückten Phantasie
ein bestimmtes Bild vor: von Jugend, Schönheit und Feuer, ein Extrakt
gewissermaßen aller weiblichen Reize. Diesem Ideale jagte er im
Schlafen und Wachen nach. In seiner nächsten Umgebung suchte er es
vergeblich. Seine Schwester, obgleich sie nun auch die Schule verlassen
hatte, lange Kleider trug und so gewissermaßen zu den Damen gehörte,
war doch eben nur seine Schwester, ein neutrales Wesen, nicht das,
was er suchte, was er brauchte. Und Vally, die ja ganz amüsant und
fesch war, entsprach auch nicht seinem Ideal. Sie war ihm zu derb, zu
materiell.
Wie er sich das Wesen eigentlich denke, das ihn befriedigen sollte,
hätte er mit Worten nicht sagen können; es traf ihn nur manchmal
blitzartig, im Traume, auf der Straße, im Theater, irgendwo, wie eine
Ahnung: die ist es, so müßte sie beschaffen sein, die würde dich
beglücken.
Inzwischen wuchs seine Unruhe, sein Verlangen zur unerhörten Pein.
Seine Sinne lagen beständig auf der Lauer. Eine Stimme war in ihm, die
alle anderen Wünsche mit eherner Kraft übertönte: der Ruf nach einer
Genossin.
Unwillkürlich hatten sich seine Sitten und Angewohnheiten geändert.
Das Biertrinken, dem seine Kameraden in ihren dienstfreien Stunden
oblagen, verstand auch er, aber es galt ihm nicht, wie diesen, als eine
Art religiöser Übung, der man Leib, Seele und Verstand besinnungslos
hingiebt. Er ging ins Theater, in Concerte; ja unglaublich, er wurde
ohne vernünftigen Anlaß in Museen angetroffen.
Er war ohne Freund augenblicklich. Bruno Knorrig befand sich schon seit
einem halben Jahre in Venezuela, wo er Kurt, Eberhards Bruder, abgelöst
hatte. Kurt hielt sich in einem franzöisschen Badeorte auf und sollte,
erst wenn er ganz hergestellt sein würde, nach Haus kommen.
* * * * *
Eberhard besuchte im Winter öfters das Schauspielhaus. Ein starker
Magnet zog ihn dorthin: eine junge Schauspielerin, die er in der Rolle
der Thekla im Wallenstein zuerst gesehen hatte.
Ohne je ein Wort mit diesem Wesen gesprochen, ohne sie anders, als
jenseits der Lampen gesehen zu haben, hatte er sich in sie verliebt.
Sie war für ihn das: »Weib der Weiber.«
Er ging in jedes Stück, in welchem sie auftrat. Wie gebannt hing
dann sein Blick an der zierlich schlanken Person mit dem nervösen
Mienenspiel, die einen Abend als »Hannele« auftrat und den nächsten
Ibsens »Hedwig« in der Wildente darstellen mußte. Er hatte auch schon
einen schwärmerischen Brief an sie gerichtet, der bisher leider
unbeantwortet geblieben war.
Es fand die Première einer beliebten Berliner Schwankfirma statt. Auch
Eberhards Angebetete hatte zu spielen. Er versäumte es jedoch, sich
rechtzeitig einen Platz zu sichern und mußte, da das ganze Parkett
ausverkauft war, mit dem Hinterplatz einer Seitenloge vorlieb nehmen.
Vor ihm saß eine Dame in schwarzem Kleide mit Halsausschnitt; lange
wildlederne Handschuhe reichten bis an die Ellenbogen. Ihr blondes Haar
war nach neuester Art frisiert, fiel in breiten Wellen über das halbe
Ohr und vereinigte sich im Genick in einem Nest von Zöpfen, die durch
einen Schildkrotkamm von heller Farbe gekrönt wurden.
Eberhard konnte ihre Züge nicht sehen, weil sie in den Zuschauerraum
blickte, bald mit dem Opernglas die Logen gegenüber musternd, bald
Bekannten zunickend, die sie aus dem Parterre begrüßten. Daß sie nicht
häßlich sein könne, dafür sprachen die vielen auf sie gerichteten
Gläser der Männerwelt. Ein feines, die Sinne betäubendes Parfum, das
Eberhard sofort aufgefallen war, als er die Loge betrat, ging von ihr
aus.
Der Platz neben ihr blieb zunächst frei. Während des ersten Aktes
jedoch wurde die Logenthür geöffnet und ein kahlköpfiger Herr im Frack
mit weißer Weste und Binde trat ein. In diesem Augenblicke wandte
sich die Dame um. Eberhard sah ein paar volle lächelnde Lippen, ein
feines Näschen und ein paar leuchtende Augen unter schwarzen Wimpern.
Das Ganze erschien ihm als das lieblichste Angesicht, das er jemals
erblickt hatte. Der Herr überreichte der Blondine ein paar Rosen und
setzte sich auf den Platz neben sie.
Von diesem Augenblick an ließ das, was auf der Bühne vorging, Eberhard
völlig gleichgiltig; selbst als die Schauspielerin auftrat, um
derentwillen er ins Theater gegangen war, empfand er kein stärkeres
Interesse. Er wunderte sich auf einmal, daß er für diese Person eine
Neigung habe fassen können, und schämte sich des Briefes, den er an sie
gerichtet.
Sowie der Vorhang fiel, erhob sich der Herr mit der Glatze. Er
erklärte, nicht länger bleiben zu können, da er noch in Gesellschaft
müsse. Dabei nannte er den Namen eines der vornehmsten Häuser. Sie
lächelte ihm zu; Schmerz über sein Gehen schien sie nicht gerade zu
empfinden.
Ihr Blick hatte Eberhard gestreift, ehe sie sich wieder umgewandt. Ein
Strom, warm und belebend, war ihm durch und durch gegangen. Die Nähe
dieser Person wirkte auf ihn wie körperliche Berührung; jede Biegung
ihres schlanken Halses, jede Bewegung des Armes, der Hand, fühlte er
gleichsam mit. Ein qualvoller Zustand, aus dem er sich am liebsten
durch schleunige Flucht gerettet hätte. Aber er blieb, starrte wie
verzaubert aus seinem Hinterhalte auf das blonde Haar, die gewölbten
Schultern, den zarten vom Genickhaar beschatteten Hals da vor ihm.
Jetzt wandte sie sich zur Seite, blickte hinab, hob den Stuhl ein
wenig, suchte. Eberhard begriff; ihr Kavalier hatte den Theaterzettel
mit fort genommen. Heiß errötend wagte er es, ihr den seinen anzubieten.
Sie blickte ihn an, kniff die Augen unmerklich ein und lächelte. Den
Zettel nahm sie mit einer -- wie ihm schien -- unendlich graziösen
Handbewegung entgegen.
Nachträglich kam ihm ungeheuer kühn vor, was er gethan hatte. Er
zitterte vor Verlangen, die einmal so glücklich hergestellte Verbindung
weiter auszunützen. Übrigens nahm sie selbst die Unterhaltung auf, als
sie ihm seinen Zettel zurückgab mit der Bemerkung: sie wolle ihn nicht
berauben.
»O!« rief er, »ich kenne die Schauspieler alle auswendig!« Damit
war ein Gespräch im Gange. Er sprach schnell und aufgeregt, mit
dem Bestreben, unbefangen zu erscheinen und möglichsten Eindruck
hervorzubringen.
Darauf kam der zweite Akt und nach ihm die große Pause. Sie ging nicht
hinaus, was er gefürchtet hatte. »Die Leit' passen einem so auf im
Foyer. I mag das nit!« meinte sie. Dann zog sie eine kleine Dose aus
der Tasche, von Silber mit eingraviertem Monogramm. Chokolade war
darin. Sie nahm und bot ihm an. »Gelt, wollen 's Ihnen net bedienen?«
Er that es, nahm schüchtern eine Prallinee. Noch konnte er das Glück
garnicht fassen, das ihm widerfuhr: hier sitzen und mit ihr verkehren
dürfen! Daß sie Dialekt sprach, erstaunte ihn im Anfang ein wenig; von
niederer Herkunft konnte sie doch unmöglich sein. Dann entsann er sich,
gehört zu haben: es sei neuerdings Mode, bis in die höchsten Kreise
hinauf, an der angestammten Mundart festzuhalten.
Daß sie eine Dame sei, verriet ihm ihre Toilette, und ihre Bildung
erkannte er aus der Art, wie sie das Stück, das Spiel, das ganze
Theater überhaupt kritisierte. Sie hatte alle Novitäten der Saison
gesehen und urteilte über ihren Wert und Unwert, daß Eberhard sich
sagte: er müsse sich zusammennehmen, wenn er sich hier nicht blamieren
wolle.
»Gnädige Frau gehen viel ins Theater?« fragte er.
»Jeden Abend, wenn i Zeit hätt'! I hab' selbst die größte Lust gehabt
aufzutreten, aber i hab's bleiben lassen; wissen's, die Schauspieler
sind unter sich zu famüliär. Und das paßt mir net! Da bin ich mir zu
gut! Aber ins Theater geh i alleweil gern. Gelt, Sie auch?«
Sie lachte ihn vertraulich an, mit einem Blick, der ihm das Blut zu den
Schläfen trieb.
»Studieren's vielleicht? denn Sie sind doch a Freiwilliger!« sagte sie
mit einem Blick auf seine Uniform. Er erklärte ihr, daß er Mediziner
sei.
»So so, Mediziner! Die Ärzte sein oft so unmanierliche Leit'! Ich habe
se nimmer leiden können. Aber ~Se~ sein ganz anders!«
Eberhard fühlte sich nicht wenig geschmeichelt. Ihre Worte gingen ihm
ein, wie ein angenehmer Trank. Er fing an, voll Sebstgefühl von sich
zu erzählen, nannte seinen Namen, in der stillen Hoffnung, daß sie
ihrerseits sagen würde, wer sie eigentlich sei.
»Ein Sohn von Herrn Reimers sein Se! Sehen 's mal an! Vom reichen Herrn
Reimers!« -- Sie maß ihn mit einem besonderen Blicke, es schien fast,
als habe er in ihren Augen an Bedeutung gewonnen.
»Kennen Sie denn meinen Vater, gnädige Frau?«
»Das net grad! Aber eine Freundin von mir, die kennt en gut. Er soll ja
sehr ein generöser Herr sein, der Reimers.«
Der Vorhang ging wieder auf. Von den zwei Akten, die nun noch folgten,
sah und hörte Eberhard so gut wie nichts. Er konnte nichts anderes
denken, als sein unerhörtes Glück. Dieses herrliche Geschöpf hatte ihn
für würdig befunden der Beachtung. Träumte er denn? Aber diese runden
Schultern vor ihm waren Wirklichkeit. Vielleicht gefiel auch er ihr!
Warum würde sie ihn sonst so bedeutsam angelächelt, so freundlich zu
ihm gesprochen haben! Es konnte einem schwindeln bei dem Gedanken.
Schon war er eifersüchtig ihretwegen. Als in der Zwischenpause ein
junger Mann aus dem Parterre an die Logenbrüstung herantrat und ihr die
Hand reichte, vertraulich ein paar Worte mit ihr wechselte, da fühlte
er tödlichen Haß gegen den Menschen in sich aufsteigen.
Er zitterte vor dem Schluß der Vorstellung, denn damit mußte der
Abschied von ihr kommen. Fest hatte er sich vorgenommen, sie wenigstens
nach ihrem Namen zu fragen, auf die Gefahr hin, unverschämt gefunden zu
werden.
Aber es kam günstiger, als er sich's hatte träumen lassen. Als
der Vorhang entgiltig fiel, bat sie ihn, er möge ihr die Sachen
hereinholen, weil sie das Gedränge an der Garderobe fürchte. Eberhard
drängte sich durch die Menge, eroberte ihre Sachen, bahnte sich, ohne
auf die Flüche, die rings erschollen, zu achten, den Weg zurück in die
Loge und half ihr dort in ihren mit Seide gefütterten Radmantel.
»Darf ich einen Wagen besorgen, gnädige Frau?« fragte er.
»Lassen's die Leit erst a bisserl von einand laufen, hernachen gehen
wir. Se können mich begleiten, wenn 's sonst nix Besseres vorhaben.
Aber ka Droschkerl! I wohn' net allzu weit.«
Ihm hüpfte das Herz.
»Unter militärischer Bedeckung geh i heit nach Haus. Das hab i mir halt
auch nit träumen lassen vorige Nacht!« rief sie und nahm lachend seinen
Arm.
»Ihr Herr Gemahl ist in Gesellschaft gegangen?« fragte er, und seine
Stimme zitterte ein wenig.
»Mein Herr Gemahl! I bitt Sie, wer is denn dös?«
»Der Herr vorhin! --«
»O du mei! Der mein Herr Gemahl! Nein, ich bin ledig. Und Se brauchen
mich auch nimmer so großartig ›gnädige Frau‹ zu titulüren!«
Ihm fiel ein Stein vom Herzen.
Sie gingen eine Weile schweigend. Dann fing sie an ungebeten zu
erzählen: der Herr, den er da gesehen, wäre ein Freund von ihr, ein
»Gönner«, dem sie zu großem Dank verpflichtet sei.
»Malen Sie vielleicht?« fragte Eberhard.
»Dös net! Aber i interessier mi sehr für de Kunst, und versteh
mehr davon, als mancher von die Herren Kunstmaler.« Nun begann sie
eifrig zu erzählen von den Bildern, Ausstellungen und Künstlern,
die augenblicklich im Vordergrunde standen, mit Ausdrücken, die ihm
bewiesen, daß sie eine Eingeweihte sei. Sie war ein außerordentliches
Wesen! In seinen Augen wuchs sie von Minute zu Minute an Bedeutung.
Viel zu früh für ihn war man an ihrer Hausthür angelangt. »Wenn 's
wollen, können 's mi auch mal besuchen. I wohn über der dritten Stiege
links.«
»Und nach welchem Namen darf ich fragen?«
»Fragen's halt nach Fanny Spänglein. Und schön Dank für die Begleitung.
Behüt's Gott!«
Sie reichte ihm die Hand. Er verbeugte sich tief. Dann verschwand sie
im dunklen Flur.
Eberhard ging wohl ein Dutzend Mal vor dem Hause auf und ab, ehe er
sich entschließen konnte, von der Stätte zu scheiden. Er schlug den Weg
ein nach dem englischen Garten. Jetzt nach Haus gehen, war unmöglich!
An Schlafen war in dieser Nacht nicht zu denken! Der Gedanke, ins Café
oder ins Bierhaus sich zu begeben, erschien wie Profanation.
Er befand sich in nie gekannter beseligter Stimmung, wie berauscht.
Das Herz zum Zerspringen voll. Glücklich, scheu und erwartungsvoll
zugleich. So war ihm zu Mut gewesen als Kind, wenn er am
Weihnachtsabend vor verschlossener Thür gewartet und durch die Spalte
der erste Schimmer vom Lichterbaum sein geblendetes Auge traf.
War das Liebe? Er wußte es nicht; auf das Wort kam's wohl auch nicht
an. Über sich selbst erhoben fühlte er sich. Großes hatte er erlebt,
Größeres noch stand ihm bevor.
Er rief sich das Erlebnis der letzten Stunden ins Gedächtnis zurück.
Ihre Gestalt stand ihm vor Augen, ihr Gesicht in der halbdunklen
Loge, ihr leuchtendes Haar, der erste bedeutungsvolle Blick, der
ihn gestreift. Den Duft glaubte er noch zu atmen, den sie um sich
verbreitet. Er hörte den Tonfall ihrer Stimme, sah die weichen
Bewegungen ihrer schmiegsamen Glieder. Das Weib mit allen seinen
Reizen war leibhaftig bei ihm.
Überwältigend war der Gedanke, daß dieses süße Geschöpf jetzt
vielleicht ebenso seiner gedenke, daß sie sich nach ihm sehne,
vielleicht von ihrem Lager die Arme verlangend nach ihm ausstreckte.
Er schwankte, mußte sich auf eine Bank am Wege setzen. Die Glieder
zitterten ihm wie im Fieber.
War das Krankheit? Oder war es der erste Ausbruch eines Gefühles,
das wie ein Erdbeben über den jungfräulichen Menschen kommt, die
Grundfesten seiner Natur erschütternd? --
VI.
Jutta war die einzige von der Familie, die ihrem Bruder eine
Veränderung anmerkte. Er war mit einem Male freundlicher gegen sie
geworden; keine Spur mehr von der Barschheit, mit der er ihr ehemals
begegnet. Er fing an, sie wie seinesgleichen zu behandeln. Manchmal
kam es ihr geradezu vor, als wünsche er, ihr etwas anzuvertrauen. Sie
fragte nicht, aber sie ahnte, daß es eine Herzensangelegenheit sein
müsse, die ihn so milde und nachdenklich stimmte.
Vally Habelmayer hingegen war mit Eberhards Benehmen sehr wenig
einverstanden. Sie fand den jungen Vetter von Herzen langweilig.
Von ihren Freundinnen wußte sie, daß es nichts Netteres gäbe, als
das Verhältnis von Cousin und Cousine. Das solle halb und halb wie
Liebesleute sein. Alles dürfe man von Rechtswegen unternehmen mit dem
Vetter, sich ins Café führen lassen, in den Cirkus gehen, die Redouten
besuchen, und doch konnte niemand etwas Bedenkliches darin finden; war
man doch Geschwister Kind.
Aber Eberhard kam garnicht auf solch nette Einfälle. Er sah Vally kaum
an, merkte nicht die feurigen Blicke, die sie an ihn verschwendete.
Einfältig schien er zu sein, ein Stockfisch! --
Die Mittagsmahlzeiten nahm er meist zu Haus ein; des Abends sah man ihn
so gut wie garnicht daheim. Der Dienst schien ihn gewaltig mitzunehmen;
er war blaß und ermüdet, und seine Laune meist verdrossen.
Vally beobachtete ihn genauer. Verdächtig war ihr sein ganzes Wesen.
Warum hatte er es so eilig, immer gleich nach Tisch wegzulaufen. Und wo
war er des Abends? Da hatte er doch keinen Dienst! Was mochte er mit
dem Gelde anfangen, das ihm der Onkel gab? Sie wußte zufälligerweise,
wie hoch sein Zuschuß war. Für die Wohnung allein konnte er doch
unmöglich soviel ausgeben! --
Sie war entschlossen, dem auf den Grund zu kommen. Wozu hatte man denn
gute Freundinnen? Die würden ihm aufpassen! Mit der Zeit wollte sie
das Geheimnis des kleinen Vetters schon herausbekommen!
Inzwischen hatte Eberhard das, was Cousine Vally sich so brennend zu
wissen wünschte, seiner Schwester aus eigenem Antriebe gestanden.
Jemandem mußte er doch beichten, sein Glück und seine Sorgen. Von
beiden hatte er jetzt ein gerüttelt Maß voll.
Sein Geheimnis drückte ihm einfach das Herz ab. Bruno, bisher
sein Beichtiger, war weit weg, und dem Papier so delikate Dinge
anzuvertrauen, scheute man sich doch. Außerdem war er auch nicht ganz
sicher, wie sein älterer Freund die Sache auffassen möchte. Bruno
kannte Eberhard nur als Weiberverächter; jedenfalls würde ihm die
Wandlung schwer begreiflich zu machen sein.
Und mit dem Vater jetzt schon zu reden, wäre ganz unsinnig gewesen.
Später, da mußte der natürlich alles erfahren, aber noch war das nicht
reif.
Eberhard erzählte Jutta alles, wie es gekommen war, von Anfang an; wie
er Fanny kennen gelernt habe, welch schönes, außergewöhnliches Geschöpf
sie sei.
Er hatte sich in der Schwester nicht getäuscht. Sie begriff, daß er
Fanny liebte, ja noch mehr, sie begriff, daß der Bruder nicht anders
handeln könne, als Fanny zu heiraten. Nicht die geringsten Vorwürfe
machte sie ihm; im Gegenteil, sie fand seine Absicht im höchsten Grade
edel.
Für Eberhard bedeutete das eine große Erleichterung. Er stärkte sich
den Mut, indem er Jutta von seinem Vorhaben erzählte; denn er war im
Grunde seines Herzens oft sehr kleinmütig und verzweifelt.
Vor allem hatte er Geldsorgen. Sein Zuschuß war ja reichlich bemessen,
aber für zwei langte er unmöglich. Er machte die größten Anstrengungen
im Sparen, lebte so einfach wie möglich; aber was wollte das besagen!
Fanny ließ ihn nicht im Unklaren darüber, daß sie von dem, was er ihr
gab, kaum ihre Schneiderrechnung würde bezahlen können.
Der Gedanke, den er ihr einigemale schüchtern nahegelegt, daß sie sich
ihrerseits doch auch einschränken möge, hatte bei dem Mädchen nur
Heiterkeit erregt. Sie war verwöhnt, machte Ansprüche, hatte bei ihrer
Schönheit ja auch ein Recht dazu; das sah er ein.
So lange er aber nicht imstande war, sie von seinem Gelde zu erhalten,
konnte er ihr auch nicht verwehren, sich ihren Lebensunterhalt zu
verdienen. Freilich war ihm die Art, wie das geschah, peinlich genug.
Fanny Spänglein war Modell. Der Gedanke, daß seine Angebetete, wenn
auch nur zu Kunstzwecken, den Blicken anderer Männer preisgegeben sein
solle, erschien ihm ganz unerträglich. Er sann unausgesetzt darüber
nach, wie er diesem widerwärtigen Zustande ein Ende machen könne.
Übrigens sagte er seiner Schwester über Fannys Broderwerb nichts; er
schämte sich dessen zu sehr.
Die Sorge drückte um so schwerer, je lieber und lieber er Fanny gewann.
Sie hatte die Erstlinge seiner Liebe gepflückt; und für die, welche
ihn zum Manne gemacht hat, empfindet der Jüngling eine ganz besondere,
mit keiner späteren Neigung zu vergleichende, schwärmerische Hingebung.
Seine Leidenschaft, die aus ungebrochener Sinnlichkeit stammte, war
noch keinen Augenblick des Trankes überdrüssig geworden, den er für
die »große Liebe« hielt, und der, wie er naiv meinte, niemals schal
werden könne. Er glaubte an dieses Mädchen, an das Gute in ihr. Sie
war ihm nach wie vor ein außerordentliches Wesen. Tödlich würde er den
gehaßt haben, der versucht hätte, ihm die Echtheit dieser Perle zu
verdächtigen.
Vor allem aber glaubte er an die Aufrichtigkeit ihrer Liebe. Um
anzunehmen, daß sie ihn täuschen könne, war er teils zu arglos, teils
zu eingebildet. Wenn sie ihm unter Küssen versicherte: er sei der
schönste, der beste von allen, der einzige, dem ihr Herz gehöre, so
klang das so süß, daß er es nur zu willig glaubte. Er verschloß Augen
und Ohren gegen Thatsachen, die ihn leicht hätten eines Besseren
belehren können.
Fanny Spänglein bewohnte ein paar elegant möblierte Zimmer nach vorn
heraus. Nicht immer, wenn Eberhard kam, war sie für ihn zu Haus; dann
ließ sie sich meist durch die Wirtin wegen Migräne entschuldigen.
Mit ihm auszugehen, weigerte sie sich, angeblich weil sie das
kompromittiere. Einmal sah er sie in Gesellschaft jenes Kahlkopfes,
den er vom Theater her in unangenehmer Erinnerung hatte. Von Eberhard
darüber zur Rede gestellt, erklärte sie: der Mann sei ein Künstler von
großem Einfluß. Ihn dürfe sie nicht vor den Kopf stoßen, sonst komme
sie um ihren Erwerb.
Trotz Fannys Versicherungen, daß an dem Verkehr mit diesem Alten nichts
Unrechtes sei, fraß der dunkel beschwingte Vogel der Eifersucht an
Eberhards Seele. Er wollte die Geliebte frei haben aus einer Lage, die
ihn tiefer demütigte als sie. Ernsthaft ging er mit sich zu Rate, was
zu thun sei. Heiraten durfte er in seinem Alter nicht ohne väterliche
Genehmigung, soviel wußte er. Aber niemand konnte ihm wehren, daß er
das Mädchen für alle Zukunft band.
Er kaufte einen Ring, brachte ihr den und erklärte sie für seine
Verlobte. Fanny lächelte, fand den Ring jedoch hübsch, steckte ihn an
und gelobte ihm mit einer Umarmung »ewige Treue«.
Auch Jutta war davon durchdrungen, daß Heirat die einzig mögliche
Lösung der schwierigen Lage sei, in der sie den Bruder sah. Der
Gedanke, daß Eberhard zu jung sei, um ein fremdes Geschick mit dem
seinen zu verknüpfen, kam ihr ebensowenig wie der, daß er sich
mesalliiere. In ihrem Alter pflegen Mädchen jene Anschauung vom Leben
zu haben, welche die Bücher, die man ihnen zu lesen gestattet, ihnen
inspirieren. Und diese Auffassung ist zumeist mehr romantisch als
praktisch.
Eines Tages erzählte Vally der Cousine in großer Erregung, sie habe
etwas Außerordentliches in Erfahrung gebracht: Eberhard besuche
eine Dame von zweifelhaftem Renommee. Nun also wisse man, was sein
geheimnisvolles Wesen bedeute; er habe ein Verhältnis.
Jutta hatte bis dahin ihrem Versprechen gemäß geschwiegen über das, was
sie wußte. Nun aber, wo des Bruders Geheimnis ans Tageslicht gekommen
war, nahm sie offen seine Partei. Sie verteidigte auch das Mädchen;
erklärte, daß Fanny ein ausgezeichnetes, schönes, unglückliches und
verkanntes Wesen sei. Sie gebrauchte dabei Eberhards eigene Worte.
Vally lachte.
»Ja, und es ist sehr groß und edelmütig von Eberhard gehandelt,« rief
Jutta mit blitzenden Augen, »daß er Fanny heiratet!«
»Heiraten -- so eine!« schrie Vally und brach von neuem in höhnisches
Gelächter aus. Jutta wandte ihr mit erhabener Geste den Rücken.
Von dem Augenblicke an, wo Vally erfahren hatte, wie ernsthaft Eberhard
die Sache nehme, war sie moralisch entrüstet; über eine kleine Liaison
würde sie sich weniger aufgeregt haben.
Vally Habelmayer kannte diese Fanny Spänglein, die eine stadtbekannte
Persönlichkeit war, vom Ansehen. Im Theater, auf dem Eise, bei
Redouten, im Cirkus zeigte man sie sich. Jedes kleine Bürgermädchen
von einiger Erfahrung wußte von ihr, kannte ihre Abenteuer, konnte
womöglich ihre Liebhaber aufzählen. Mit einem aus Bewunderung, Neid
und Verachtung wunderlich gemischten Gefühle hatte Vally diese Größe
der Halbwelt von fern angestaunt. Und nun war ihr kleiner Vetter auf
sie hereingefallen. Sie hielt es für ihre Pflicht, da sie einmal als
Wächterin der Moral in diesem Hause angestellt war, ihrem Onkel von dem
skandalösen Vorhaben seines Sohnes Mitteilung zu machen.
Herr Reimers war nicht in dem Maße überrascht, als man hätte annehmen
sollen. Er hatte sich schon etwas gedacht im stillen. Vor allem war
ihm auffällig gewesen, daß Eberhard ein kleines Kapital, welches
er von Patengeschenken her in der Sparkasse liegen gehabt, erhoben
hatte. Dahinter steckte ein Weib, das war für Reimers von vornherein
klar. Aber er that zunächst nichts in der Sache, weil er eben der
Ansicht war, daß Jugend sich austoben müsse. Junge Leute sollten
ihre Erfahrungen sammeln, damit das spätere Leben sie nicht gar zu
ungeschickt und dumm finde.
Als er durch Vally von Eberhards Liaison hörte, machte er nur des
Anstands halber ein ernstes Gesicht; im stillen dachte er: ›Na, der
Junge scheint wenigstens Geschmack zu entwickeln!‹
* * * * *
Eines Tages nach Tisch berief Reimers senior seinen Sohn zu sich
aufs Zimmer. Dort bot er dem jungen Mann zunächst eine Importe an,
und nachdem er selbst eine in Brand gesteckt und so der Sache von
vornherein einen harmlos gemütlichen Anstrich gegeben hatte, sagte er
dem Sohne, daß er seine Liebeshändel kenne. Er wolle ihm keine Vorwürfe
machen, spreche zu ihm als älterer Freund und wünsche nur Auskunft über
zweierlei: ob Schulden vorlägen und was für Versprechungen Eberhard der
Person gemacht habe.
Eberhard war durch die Art und Weise, wie sein Vater die Sache
behandelte, auf das angenehmste berührt. Eine ganz andere Aufnahme
hatte er befürchtet. Offen beichtete er seine Schulden; sie bestanden
der Hauptsache nach in unbezahlten Rechnungen und in einer Gutsage, die
er beim Hauswirt für Fannys nicht bezahlte Miete geleistet hatte.
Reimers senior lächelte befriedigt. Das Ganze war eine Sache von nicht
viel über tausend Mark.
Nun kam die Beantwortung der zweiten schwierigeren Frage. Als Eberhard
sich einen Stoß gab und dem Vater mit niedergeschlagenen Augen und
halblauter Stimme erklärte, daß er sich mit Fanny Spänglein verlobt
habe, fragte Herr Reimers, nicht im geringsten dadurch aus dem
Gleichgewicht gebracht, ob er ihr das Versprechen schriftlich gegeben
habe. Eberhard verneinte das, fügte aber sogleich hinzu, daß er sich
durch sein Wort für ebenso fest gebunden halte, wie durch einen
schriftlichen Kontrakt.
Voll Spannung blickte der junge Mann in das Gesicht des Vaters, die
Wirkung seiner Eröffnungen dort zu erspähen. Reimers senior spielte mit
der Uhrkette und blies den Rauch seiner Cigarre in kleinen eirunden
Ringen vor sich hin, von denen der zweite jedesmal den ersten überholen
sollte. Im Augenblicke schien ihn das Gelingen dieses Kunststückes weit
mehr zu interessieren, als alles was der Sohn sagte.
Eberhard, dem das Herz vor Ungeduld schwoll, fing an, dem Vater
von seiner Braut vorzuschwärmen. Das ironische Lächeln des Vaters
veranlaßte ihn, sie gegen die Vorwürfe zu verteidigen, die er darin
argwöhnte. Fanny war nicht das, wofür die Welt sie hielt. Die Umstände
hatten sie zu dem gemacht, was sie jetzt schien; im Grunde war sie ein
reines, unverdorbenes Wesen. Er, Eberhard sei der erste Mann, den sie
wirklich liebe. Mochte der Schein gegen sie sein, er glaube an ihre
Unschuld, Vortrefflichkeit und Treue.
Der Alte ließ ihn ausreden. Zu erlesen war der Genuß, den ihm der Junge
bereitete, zu angenehm prickelnd das Gefühl der Überlegenheit solcher
Naivetät gegenüber.
Zum Schluß richtete Eberhard die Bitte an den Vater, ihn mit seiner
Braut bekannt machen zu dürfen. Er sei der Überzeugung, daß damit alle
Zweifel gehoben sein würden.
Reimers senior ließ sich Fanny Spängleins Adresse sagen, erklärte
aber gleichzeitig, den Besuch bei ihr werde er allein vornehmen; er
halte das so für passender. Dann nahm er dem Sohne das Versprechen ab,
zunächst nicht mehr zu dem Mädchen zu gehen, bis alles -- wie der Vater
sich ausdrückte -- »in Ordnung gebracht« sei. Eberhard gelobte das
freudigen Herzens; er fand, daß heute alles über Erwarten gut gegangen
war.
In der nächsten Zeit wartete er voll Ungeduld, daß der Vater sich
äußern solle, welchen Eindruck er von dem Mädchen empfangen habe.
Das Schweigen seines alten Herrn über diesen wichtigen Punkt und vor
allem das fortgesetzte ironische Lächeln, mit dem er betrachtet wurde,
machten ihn etwas unruhig.
Schließlich begab er sich doch nach Fannys Wohnung. Es hieß, sie sei
nicht zu Haus. Am nächsten Tage wurde er mit derselben Behauptung
bedient. Diesmal ließ er sich so nicht befriedigen, ging in der Nähe
auf und ab, bis er sie in leichter Frühjahrsbluse, den Strohhut mit
Blumen auf dem Kopfe, das Haus verlassen sah. Er holte sie ein und
sprach sie an.
Sie sah ihn von oben bis unten an, wie einen Fremden. Er nannte sie mit
ihrem Kosenamen; sie verbat sich das. Ganz betreten schritt er neben
ihr her.
Fanny sprach von Belästigungen, die sie sich nicht länger gefallen
lassen werde. Dann winkte sie sich einen Wagen heran. Den Fuß bereits
auf dem Wagentritt, raunte sie ihm zu: »Es is aus, dummer Bub, rein
aus!« Und als sie drin saß und das Pferd bereits anzog, rief sie ihm
noch mit übermütigem Lachen zu: »Du übrigens, dei Vater is sovülmals
gescheiter als wie du!«
Eberhard war wie vor den Kopf geschlagen. Wie sollte er sich darin
zurecht finden? Hatte Fanny wirklich nur mit ihm kokettiert? War er
der Betrogene? Und welche Rolle hatte sein Vater bei dem Handel
gespielt? --
Es traf sich, daß Reimers senior wiedermal in Geschäften verreist war.
Von ihm konnte sich Eberhard also auch keine Aufklärung holen.
Der Abweisung zum Trotze, die er sich geholt, ging Eberhard einige Tage
später noch einmal in Fannys Wohnung. Die Wirtin erklärte ihm: Fräulein
Spänglein sei aufs Land verzogen, sie wisse nicht genau wohin. Als er
eintrat, um sich von der Wahrheit zu überzeugen, fand er in der That,
daß die Zimmer leer, die Möbel zusammengestellt und überzogen waren.
Die Wohnung aber stand als »zu vermieten« angezeigt.
Dieses Erlebnis war die bitterste Enttäuschung, die ihm das Leben
bisher zugemutet hatte. Die nächste Folge war, daß Eberhard sich ganz
auf sich selbst zurückzog. Niemandem, selbst Jutta nicht, sagte er von
seinem Schmerze. Zu tief war er verletzt in seinem Selbstgefühl. Die
Kränkung kam ihm noch schwerer an, als der Kummer um das verlorene
Liebesglück.
Seinem Vater gegenüber beherrschten ihn äußerst bittere Gefühle;
denn in ihm erblickte er den Anstifter seines Unglücks. Aber er war
zu stolz, dem alten Herrn seine Gefühle zu zeigen; er schämte sich
jetzt eines jeden offenen Wortes, das er neulich gesprochen hatte, aus
tiefster Seele.
Als Herr Reimers endlich von seiner Reise zurückkehrte, that Eberhard,
als sei überhaupt niemals zwischen ihnen von einer gewissen Fanny
Spänglein die Rede gewesen.
Der Alte fand, daß er in dieser Sache außerordentlich geschickt
operiert habe. Er war mit sich selbst und dem Ausgang des Handels
zufrieden. Den Jungen hatte er mit heiler Haut aus einer großen Eselei
herausgeholt, und er selbst war dabei schließlich auch auf seine
Rechnung gekommen.
Sich zu fragen, welchen Einfluß dieses Erlebnis auf das Gemüt seines
Sohnes gehabt haben könne, darauf kam Herr Reimers nicht.
VII.
Eberhard hatte seine Freiwilligenzeit abgemacht und war nach Berlin
gegangen, um dort weiter zu studieren. Gleichzeitig fast mit seinem
Weggange war Kurt, der sich bisher in Bädern aufgehalten hatte, ins
Vaterhaus zurückgekehrt.
Wer Kurt Reimers gekannt hatte, als er vor etwa vier Jahren nach
Südamerika gegangen, mußte, wenn er ihn jetzt wiedersah, eine
erschreckende Veränderung finden in Erscheinung und Haltung des
jungen Mannes. Als lebensvoller, kräftiger, blühender Mensch war er
ausgesegelt, als jugendlicher Greis kehrte er zurück. Das Haar war
ausgegangen, die Haut erschlafft, das Auge erloschen.
Kurt war der Lieblingssohn seines Vaters, ihm am meisten ähnlich. Auf
ihn hatte Herr Reimers große Hoffnungen gesetzt.
Aber gerade, weil der Junge ihm so ans Herz gewachsen war, scheute der
Vater davor zurück, sich über ihn die volle Wahrheit einzugestehen; er
wollte nicht sehen, daß sein Ältester nicht viel mehr sei, als eine
Ruine.
Reimers ging mit Kurt zu verschiedenen Ärzten. Sie gaben ihm
übereinstimmend hoffnungslose Auskunft. Bis er einen fand, der
gewissenlos genug war, zu erklären: er getraue sich, den Kranken wieder
herzustellen. Das war der Mann für Reimers senior; ihm wurde Kurt
übergeben.
Angeblich füllte Kurt Reimers im väterlichen Geschäft die Stelle aus,
die Bruno Knorrig vordem inne gehabt hatte. Der Vater erzählte jedem,
der es hören wollte, sein Kurt arbeite angestrengt und ersetze ihm
einen Buchhalter.
In Wahrheit bestand Kurts Thätigkeit auf dem Comptoir im Rauchen von
Cigaretten. Bestenfalls versenkte er sich in eine ausländische Zeitung.
Reimers senior pflegte seinen Frühschoppen in einem altrenommierten
Bräu einzunehmen. Außerdem gehörte er einem Klub an, in dessen
behaglichen Räumen er seine gesellschaftsfreien Abende zubrachte.
Die Männer, mit denen Reimers des Vormittags sein Bier vertilgte,
waren gut situierte Bürgersleute, man hätte ihnen mit der Bezeichnung
»Philister« nicht unrecht gethan. Seine Klubfreunde, mit denen er des
Abends zusammenkam, dagegen waren Leute von ganz anderem Schlage. Unter
ihnen herrschte das künstlerische Element vor. Maler, Schriftsteller,
Musiker, Schauspieler, auch einige pensionierte Militärs waren
darunter. Beim Frühschoppen ging es harmlos gemütlicher zu, des Abends
ausgelassener, geistreicher und geschmackvoller.
Reimers stand an beiden Tischen seinen Mann. Er war weit in der Welt
herumgekommen, hatte mancherlei erfahren, durchgemacht und beobachtet
und verstand vor allem zu erzählen.
Ein mitteilsamer Mann ist am Stammtische stets beliebt. Er erspart
soundsovielen anderen das Reden und Nachdenken. Man erwartet aber auch
von ihm, daß er stets etwas auf Lager hat: eine Anekdote, einen Witz,
eine Geschichte. Er muß es sich gefallen lassen, gewissermaßen als
Automat behandelt zu werden, der stets das Verlangte herausgeben soll.
Dafür ist er beliebt und populär; sein Fehlen wird als Lücke empfunden.
Reimers durfte es sich daher erlauben -- was einem anderen vielleicht
nicht so leicht durchgegangen wäre -- einen so wenig erfreulichen Gast,
wie seinen Sohn Kurt, an den Stammtisch und in den Klub mitzubringen.
Man sah es dem jungen Menschen nach, daß er mißmutig und öde dasaß,
weil er einen so anregenden kreuzfidelen Alten hatte. Reimers aber
nahm seinen Sohn an diese Orte mit, weil der nach Ausspruch des Arztes
Zerstreuung haben sollte, und weil er ihn auf diese Weise aus seiner
Lethargie und schlechten Laune aufzurütteln hoffte.
Kurts Rückkehr hatte auch im Hauswesen einen Umsturz verursacht. Herr
Reimers hielt es für besser, daß Vally und sein Ältester nicht unter
einem Dache lebten. Kurt war nun mal auf Krankendiät gesetzt; und
Vally -- das durfte der Onkel sich nicht verhehlen -- paßte nicht zur
Krankenpflegerin.
Vally kehrte zu ihrer Mutter zurück; der gütige Onkel hatte ihr jedoch
als Lohn für ihr Wohlverhalten ein hübsches Taschengeld in Aussicht
gestellt.
Jutta war nicht unglücklich über Vallys Scheiden. Seit jenem
Zerwürfnisse um Eberhards willen hatten sich die beiden innerlich immer
weiter von einander entfernt.
Für den Verkehr mit der Cousine fand Jutta reichlichen Ersatz durch
ihren Bruder Kurt. Früher hatte der Unterschied der Jahre eine fast
unüberbrückbare Kluft bedeutet zwischen den Geschwistern. Jetzt waren
sie einander ganz von selbst näher gerückt.
Jutta hatte ihren großen Bruder in Erinnerung als imponierende
Persönlichkeit. In der Kinderstube galt Kurt für eine Macht, gegen
die einfach nicht aufzukommen war. Jutta hatte seinen Spott und seine
schlimmen Streiche und Neckereien gefürchtet. Dazu des Vaters Vorliebe
für Kurt, im Bewußtsein deren er sich alles herauszunehmen getraute!
Wie war das alles gewandelt!
Innigstes Mitleid empfand Jutta mit dem unglücklichen Bruder. Sie
fühlte vor allem das Tragische seines Geschickes heraus. Die Frage,
ob er selbst an seinem Zustand schuld sei, kam für sie garnicht in
Betracht.
Kurt wiederum, der draußen in der Welt beinahe vergessen hatte, daß er
daheim auch eine Schwester besitze, fühlte zunächst Befremden, als ihm
in Jutta eine Person entgegentrat, die Anspruch erheben durfte, zu den
Erwachsenen gezählt zu werden.
Jutta hatte sich zu einer jener Gestalten entwickelt, die man auf
der Straße nicht übersieht, der die jungen Männer unwillkürlich
nachblicken, und die in Gesellschaft, ohne ihr Dazuthun, das Interesse
sofort auf sich lenken.
Kurt empfand es zunächst geradezu als Beleidigung, daß die kleine
Schwester ihm so über den Kopf gewachsen war; daß sie, frisch, blühend,
gesund, ihm täglich vor Augen hielt, was er eingebüßt hatte. Er war
launisch, leicht gereizt und äußerst empfindlich. Es dauerte einige
Zeit, bis es Jutta gelang, sein Mißtrauen zu besiegen.
Auch gegen den Vater, der ihn von jeher vorgezogen und verwöhnt hatte,
revoltierte etwas im tiefsten Grunde von Kurts Seele. Er wußte dem
Alten für seine Affenliebe wenig Dank. Vielleicht ahnte Kurt, daß sein
Scheitern im Mangel an väterlicher Zucht die letzte Ursache habe.
Das Geschwisterpaar, Jutta und Kurt, ging öfters gemeinsam spazieren.
Der Kranke sollte sich viel Bewegung machen in frischer Luft. Dann
wunderten sich die Leute über dieses Paar. Das Mädchen von herrlichem
Wuchs, mit strahlenden Augen, leuchtendem Haar und jenem zarten
Schmelz, wie ihn nur die eben erschlossene Knospe entwickelt. Dazu
die elastischen mühelos graziösen Bewegungen, die an das junge
Reh erinnerten. Der Reiz des Unberührten, der in irgend etwas
Undefinierbarem, dem Gang, der Haltung, der Art des Augenniederschlags
lag. -- Und daneben der Mann, dem zum Greise nur der Ehrenschmuck
des grauen Haares und die von Arbeit und Sorge eingegrabenen Furchen
fehlten.
Hin und wieder machten sie auch gemeinsame Besuche; das gehörte zu
den Zerstreuungen, die Kurt ärztlicherseits vorgeschrieben waren. Man
besuchte vor allem die weitverzweigte Sippe der Habelmayers.
Jutta fand wenig Unterhaltung dabei. Gerade unter ihren Verwandten
fühlte sie sich immer so fremd, so gebunden, so unnatürlich. Ihr
war's, als sei sie selbst ein ganz, ganz anders geartetes Wesen, als
diese braven Leute, und doch wußte sie eigentlich nicht recht, worin
der Unterschied bestehe. Auch hatte sie deutlich das Gefühl, daß sie
von den Muhmen und Basen wie ein fremder, anders gefiederter Vogel
betrachtet werde; man paßte auf alles auf, was sie sagte und that,
und sie vermutete, daß man sie hinterher nicht gerade freundlich
durchhechele.
Diese Damen waren für Jutta mehr oder weniger lächerlich, mit ihren
Gesprächen über Haushaltung, ihrem Klatsch von Verlobungen, Heiraten,
Kinderkriegen und Familienskandalen. Noch komischer aber wirkten die
dazu gehörigen Männer. Die älteren waren phlegmatisch und stumpfsinnig.
Man sah ihnen an, daß sie sich überhaupt nur noch über eine schlecht
brennende Cigarre oder einen nicht bis zum Aichstrich gefüllten Maßkrug
aufregen konnten. Und die jüngeren, die in Bezug auf Körperfülle den
Alten bereits würdig nachstrebten, mußten sich ordentlich selbst einen
Rippenstoß versetzen, um in Gesellschaft die gegen Damen nun einmal
für nötig erachtete Galanterie an den Tag zu legen. Es kam Jutta vor,
als ob sich diese wohlbeleibten Jünglinge in ihrer Gegenwart noch ganz
besonders in Ekstase versetzten. Sie hätte ihnen gern die Anstrengung
erspart; die verliebten Augen der Vettern und ihre geschraubte Sprache
wirkten schließlich nur auf ihre Lachmuskeln.
Vorteilhaft von der übrigen ziemlich spießbürgerlichen Sippschaft hob
sich allein ab Vallys Bruder Luitpold. Er hatte wenigstens Geschmack,
war nicht ganz ohne Geist; mit ihm konnte man eine Unterhaltung führen,
da er mancherlei gesehen hatte und sich für vieles interessierte.
Luitpold Habelmayer, der »schöne Habelmayer«, wie er auch genannt
wurde, hatte es mit mehr als einem Berufe bereits versucht. Unter
anderem war er Fähnrich gewesen; aber schon auf der Kriegsschule
endete seine militärische Laufbahn; wegen Hazardspiels war er entlassen
worden. Dann hatte ihn sein Onkel angestellt als Reisenden. Dazu paßte
Luitpold nicht schlecht, er war eine stattliche Erscheinung, hielt viel
auf das Äußere, pflegte mit großer Liebe seinen kohlschwarzen Bart und
seine weißen Hände. Besonders stolz fühlte er sich, wenn er für einen
Offizier in Civil gehalten wurde. Seine Beredsamkeit war nahezu ebenso
groß wie seine Unverfrorenheit. Den Leuten Ware aufzuschwatzen, die
sie nicht haben wollten, war von ihm, wie von manchem seiner Kollegen,
zur Kunst erhoben worden. Im stillen aber lebte Luitpold der Ansicht,
daß der Beruf des Handlungsreisenden tief unter seiner Würde sei. Sein
Ideal war: Rentier sein, das hätte seiner Bequemlichkeit und seinem
Geschmack am besten entsprochen. Er hatte allerhand kostspielige
Passionen, zu denen das Glücksspiel, Sport, Weiber, Kunst, kurz der
Schmuck des Lebens gehörten. Diese noblen Liebhabereien konnte er
natürlich von seinem Salär nicht bestreiten. Schulden waren die Folge.
Aus dieser schwierigen Lage rettete sich Luitpold, indem er durch
Prokuration ein Fräulein heiratete, das um fünf Jahre älter als er,
wenig schön und überdies kränklich war, ihm dafür aber eine Mitgift
brachte, die vollauf genügte, daß er den Reisenden an den Nagel hängen
und fortan das Leben eines Nichtsthuers führen konnte.
Jutta ahnte nichts davon, welcher Art das Vorleben ihres Vetters
Luitpold gewesen sei. Ihr gefiel er nur, weil er nicht ganz so
langweilig war wie die anderen. Schon als Kind hatte sie ihn gern
gemocht; er verstand es, anschaulich zu erzählen, auch war er im
Gegensatz zu manchem anderen stets höflich und zuvorkommend. Als sie
noch im Backfischalter gestanden, hatte er sie bereits wie eine Dame
behandelt; und das vergißt ein Mädchen nicht so leicht.
Warum er diese Frau eigentlich geheiratet habe, konnte sie nicht
begreifen. Cousine Elwire war die denkbar unglücklichste Erscheinung,
eckig, mit spitzem Gesicht, gelblichem Teint. Sie glich dem
personificierten Mißvergnügen. Bösartig war sie nicht, aber sie machte
ihrer Umgebung das Leben schwerer, als eine boshafte Person es vermocht
hätte, durch ihre Nörgelsucht. Stundenlang konnte sie predigen über die
unbedeutendsten Dinge, mit einer Stimme, die durch ihren unangenehmen
Klang allein schon die Nerven aufrieb.
Jutta konnte diese Cousine nicht ausstehen. Schnell fertig mit dem
Urteil und unduldsam, wie junge Menschen sind, fand sie Elwiren eine
»abscheuliche, widerwärtige und überhaupt gänzlich unerlaubte Person«.
Elwirens Kränklichkeit hielt sie für Schauspielerei. Selbst hatte sie
niemals Siechtum kennen gelernt, und meinte, es komme eben nur darauf
an, sich zusammenzunehmen, dann könne man alles überwinden.
Den Vetter aber bedauerte sie, daß er an eine solche Frau gekettet sei.
Und Luitpold hatte eine Art und Weise, sich in Gegenwart dritter in das
larmoyante Wesen seiner Frau zu schicken, sich als Opferlamm ihrer
Launen aufzuspielen, die schon erfahrenere Leute getäuscht hatte, als
seine kleine Cousine.
Noch etwas anderes gab es, was zwischen Jutta und dem Vetter Habelmayer
eine unsichtbare Verbindung herstellte: die Kunst. Luitpold hatte
nämlich in seiner wechselreichen Laufbahn auch mal ein Vierteljahr
in einem Maleratelier gearbeitet. Er war nicht ohne Talent, aber
die Ausdauer fehlte. Er freilich stellte das Scheitern seiner
Künstlerlaufbahn so dar, als habe den Lehrern für seine Eigenart das
rechte Verständnis gefehlt. Jetzt, wo er Zeit dazu gehabt hätte,
that er auch nichts, um diese Eigenart zu entwickeln. Hingegen
spielte er gern den Mäcen. In seinem Hause verkehrten Künstler. Seine
Wohnung hatte er vom Gelde seiner Frau mit den Erzeugnissen moderner
Kunstindustrie ausgestattet. Auch besaß er einige nicht ganz schlechte
Bilder, die er mit der Handelsbegabung, die ihm von seiner früheren
Thätigkeit her eigen war, unter dem Preise erworben hatte.
Luitpold war der Einzige in der Verwandtschaft, der für Juttas Talent
Interesse an den Tag legte. Infolgedessen war er auch der Einzige, der
etwas von ihren Sachen -- mit denen sie sehr geheim that -- zu sehen
bekam.
Der Vetter nahm vor Juttas Bildern den Mund ziemlich voll. Er fand
die Sachen »höchst beachtenswert und originell«, sprach von »Proben
eines hervorragenden Talents«. Es war nicht zu verwundern, daß
Jutta glaubte, was sie nur zu gern hörte. Welcher Anfänger besäße
soviel Selbstkritik, um starkaufgetragenes Lob auf das richtige Maß
zurückzuführen.
Des Vetters Anerkennung bestärkte Jutta in einem langgenährten Wunsche.
Schon längst hatte das junge Mädchen ihrem Vater in den Ohren gelegen,
ein Meisteratelier besuchen zu dürfen. Aber Herr Reimers wollte davon
nichts wissen. Weitherzig wie er sonst war, teilte Reimers darin doch
die Auffassung vieler Männer der höheren Stände: ein junges Mädchen
sollte sich bei Leibe nicht mit etwas befassen, was dem Broterwerb
auch nur von weitem ähnlich sah. Für sich malen, zum Zeitvertreib,
das wollte er seiner Tochter gern gestatten, aber ernsthaft, als
Lebensberuf gewissermaßen die Kunst erfassen, das widersprach seinen
»Principien«.
Jutta allein würde es niemals gelungen sein, dieses Vorurteil ihres
Vaters zu besiegen, umsoweniger, als er sich niemals darauf einließ,
den Fall ernsthaft mit ihr zu diskutieren. »Es schickt sich nicht!« das
war die Quintessenz seiner Erwiderungen.
Da kam dem Mädchen Vetter Luitpold zu Hilfe. Mit ihm stand Reimers auf
vertrautem Fuße. Besonders seitdem Luitpold eine gute Partie gemacht
und damit bewiesen hatte, daß er ein praktischer Kopf sei und mehr
könne, als Schuldenmachen, hatte er bei dem Onkel einen Stein im Brett.
Luitpold Habelmayer machte dem alten Herrn klar, daß Juttas Begabung
keine alltägliche sei und daß es ein Jammer wäre, wenn sie ohne die
nötige Ausbildung bliebe. Er faßte ihn bei der väterlichen Eitelkeit,
stellte es ihm verlockend dar, wenn seine Tochter sich einen Namen
erwerbe als berühmte Künstlerin. Und seiner zudringlichen Beredsamkeit
gelang es, dem widerstrebenden Reimers die Einwilligung abzuringen,
daß Jutta die Malklasse eines bekannten Professors der Akademie und
Kunstmalers besuchen durfte.
* * * * *
Die Schülerinnen der Malklasse, wohl dreißig an Zahl, stellten eine
bunt durcheinandergewürfelte Gesellschaft dar. Da gab es alte und junge
Frauenzimmer, die verschiedensten Stände, und Begabungen aller Art
waren vertreten. Manche von ihnen betrachteten die Kunst wie eine Art
Sport, andere wollten einen Erwerb daraus machen. Dementsprechend waren
auch der Eifer und die Leistungen verschieden.
Jutta, eine der jüngsten in der Zahl, hatte ihre Staffelei neben
einer Person, deren Alter und Stellung auf den ersten Blick schwer zu
entscheiden war. Sie mochte Ende der Zwanzig sein, vielleicht auch
älter. Jutta glaubte anfangs, daß sie es mit einer Verheirateten zu
thun habe; das ausgearbeitete Gesicht und die fertige Gestalt ihrer
Nachbarin riefen unwillkürlich diesen Eindruck hervor. Aber der
Professor nannte sie: Fräulein Blümer.
Die Bekanntschaft zwischen den beiden Mädchen war schnell geschlossen.
Man half sich gegenseitig mit Rat und That. Bald hatte Jutta Reimers,
bald Fräulein Blümer etwas Wichtiges daheim gelassen, Farbe oder Öl
war ausgegangen. Tausend Kleinigkeiten brachten einen jeden Augenblick
zusammen, und führten eine gewisse Kameradschaftlichkeit herbei. Man
verglich auch seine Leistungen; Fehler, die man im Eifer des Schaffens
gemacht, fand das Auge des Anderen schneller heraus als das eigene.
Sehr bald kannten sich die Damen leidlich genau untereinander,
wenigstens was das Äußere betraf. Vor allem stellte es sich nach
einiger Zeit heraus, wer etwas könne, wer nur mittelmäßig begabt
und wer hoffnungslos sei. Die Art, wie Professor Wälzer die Damen
behandelte, gab dafür den Maßstab. Wo er, um zu korrigieren, am
längsten verweilte, das waren die Schülerinnen, die ihn am meisten
interessierten, die hatten Talent. Andere fertigte er kürzer ab; an
manchen Leistungen ging er mit mitleidigem Lächeln vorüber.
Jutta Reimers gehörte zu denen, an deren Staffelei er länger zu
verweilen pflegte, mit Fräulein Blümer gab er sich nicht so lange
ab. Zum Ausgleich bekam Jutta von dem Lehrer öfters ziemlich scharfe
Wahrheiten zu hören, während er mit ihrer Nachbarin sanfter verfuhr.
Die Begabung der beiden Mädchen war eine sehr verschiedene. Jutta faßte
ungemein schnell, ihr Vortrag war kühn, ihr Strich energisch, aber die
Phantasie spielte ihr öfters mal einen Streich. Neben Vortrefflichem
fand man bei ihr geradezu kindliche Fehler.
Fräulein Blümers starke Seite war unbedingte Ehrlichkeit. Fehler aus
Einbildungskraft kamen bei ihr nicht vor. Sie war mehr anschmiegend als
originell in dem, was sie gab. Sie wußte, daß sie ungenial sei, kannte
ihre Grenzen. Ihr Wunsch ging nicht weiter, als gute Kopien nach alten
Meistern liefern zu können, während Juttas Ehrgeiz darauf gerichtet
war, selbst zu komponieren.
Lieschen Blümer war eine zarte Person von milchweißer Hautfarbe mit
glänzend schwarzem Haar, das sie, der Mode entgegen, glatt nach hinten
gestrichen trug, so daß die feine Form ihres Schädels voll zur Geltung
kam. Der Blick der großen Augen wechselte zwischen Traumverlorenheit
und Melancholie, kam oft wie aus weiter Ferne zurück, der Mund war
der eines Kindes. Dieses Gesicht, nicht besonders auffällig in seinen
schlichten Reizen, bekam geheimnisvolles Leben, wenn sie lächelte.
Solch intimes, resigniertes Lächeln, das dem Weinen verwandt war, und
unendlich viel mehr sagte als lautes Lachen oder nochsoviele Worte.
Sie konnte von weitem bei schonender Beleuchtung für jung genommen
werden, aber wenn man näher zusah, erkannte man jene kaum merklichen
Fältchen um die Mundwinkel, jene feinen Riefen in der Stirn, jene eben
angedeuteten Schatten unter den Augen, die davon sprachen, daß diese
zarte Person sich mit dem Leben gemessen habe.
Es fand sich, daß Lieschen Blümer nicht weit von Jutta wohne,
allerdings in einem äußerst beschränkten und ärmlichen Quartiere, unter
dem Dach. Das eine Zimmer mußte ihr gleichzeitig zum Schlafen, Wohnen
und Arbeiten dienen.
Sie hatten also den nämlichen Weg, von und zur Malklasse, holten
einander oft ab und gingen gemeinsam fort aus dem Atelier. Das »Du«
hatte sich bald ganz von selbst zwischen ihnen eingefunden.
Jutta erfuhr nach und nach Einiges über den Lebenslauf ihrer Freundin.
Lieschen Blümer stammte aus Thüringen, war aber schon vor Jahren nach
München eingewandert. Die Mutter hatte an des Gatten Seite bessere
Zeiten gesehen; vor einigen Jahren war sie ihm im Tode gefolgt.
Lieschen, welche ursprünglich geträumt, Künstlerin zu werden, hatte, da
das kein sicheres Brot versprach, das Lehrerinnenexamen gemacht, war
auch eine kurze Zeit lang Volksschullehrerin gewesen. Was sie bewogen
habe, diese Stellung aufzugeben, erzählte sie ihrer jugendlichen
Freundin nicht.
Man begann nun auch, sich gegenseitig in seiner Häuslichkeit
aufzusuchen. Herr Reimers legte der Freundschaft nichts in den Weg,
obgleich es ihn wunder nahm, daß sich Jutta eine so einfache, der
Kleidung nach sogar ärmliche Person zum Umgang ausgesucht habe. Ein
Umstand aber sprach in seinen Augen für dieses Fräulein Blümer:
sie war nicht mehr ganz jung und hatte nichts Verführerisches. Er
war nämlich nach wie vor um Kurts willen besorgt, musterte alle
Frauenzimmer, die das Haus betraten, mit strengen Augen daraufhin, ob
sie seinem Ältesten etwa gefährlich werden könnten.
Fräulein Blümer nun war die Bescheidenheit und Zurückhaltung in Person.
Herren vor allem schienen sie ängstlich und verlegen zu machen. Herr
Reimers übte seinen Witz an diesem verschüchterten Wesen. »Wie ein
kleines verängstigtes Hühnchen kommt sie mir vor!« meinte er zu Jutta.
Die verteidigte ihre Freundin mit Eifer, sagte soviel Warmes und Gutes
von ihr, daß der Vater lächelnd bei sich dachte: »Wenn du von einem
jungen Manne so sprächest, würde mich die Sache bedenklicher machen!«
Herr Reimers unterschätzte den Ernst der Neigung, welche seine Tochter
für Lieschen empfand. Jutta hatte bisher eine wirklich intime Freundin
nicht besessen; in ihrem Leben hatte jene verzückte Schwärmerei, welche
Mädchen oft für Mädchen fühlt, keine Rolle gespielt.
Zu Lieschen Blümer, die an Jahren soviel ältere, zog sie ein Gefühl
starker Sympathie, das vielleicht seinen tiefsten Grund in der Achtung
hatte, die sie vor dem wahren, reinen und tapferen Menschen empfand,
der in dieser unscheinbaren Person steckte.
Instinktiv fühlte Jutta, daß Lieschen, das »verängstigte Hühnchen«,
wie ihr Vater sie getauft hatte, und das Weib, welches energisch und
konsequent um seine Existenz kämpfte, zwei ganz verschiedene Wesen
seien. Das Unbedeutende, was an ihrer Freundin in die Augen fiel, war
nur die Hülle einer ungewöhnlichen Persönlichkeit, eines Herzens von
seltener Größe, eines durchaus vornehmen Charakters.
Bei den Frauen ist das Fühlen ohne Hilfe der Sinne stark entwickelt.
Sie fühlen sich angezogen oder abgestoßen aus scheinbar unerklärlichen
Gründen. Eine innere Stimme warnt sie oder lockt sie, schnell ist eine
sichere Leitung hergestellt zu einem befreundeten Wesen. Während bei
uns alles erst die Oberinstanz des Intellekts passieren muß.
Jutta, so jung sie war, ahnte, nein, sie wußte es für sicher, ohne daß
Lieschen je ein Wort darüber hatte fallen lassen, daß die Freundin
Außerordentliches durchgemacht habe und daß dieses Außerordentliche
keinen anderen Namen haben könne als: Liebe. Das aber machte
diese Persönlichkeit für das junge Mädchen nur noch anziehender,
geheimnisvoller und liebenswerter.
Ohne daß Jutta gedrängt hätte, das Geheimnis der Anderen zu erfahren,
that Lieschen hie und da Äußerungen, die einem Bekenntnisse nahe kamen.
Und schließlich mit wachsender Vertrautheit eröffnete sie sich der
jungen Freundin ganz: sie hatte einen Geliebten. Gleich ihr war er
arm, gleich ihr von auswärts nach München gekommen, um sich hier in
der Kunst auszubilden. Sie kannten und liebten sich schon seit Jahren.
Xaver war Bildhauer von Beruf. Vor einem halben Jahre etwa hatte
er München mit Paris vertauscht. Dort wollte er versuchen, Geld zu
verdienen, was ihm in München bis dahin nicht gelungen war.
Jutta hörte das und war begeistert. Sie, die von Nahrungssorgen nichts
wußte, sah nur das Heroische dieses Vorhabens. Sie zweifelte keinen
Augenblick daran, daß Xaver Pangor -- so hieß der Bildhauer mit vollem
Namen -- Erfolg haben müsse. Er würde gewiß baldigst zurückkehren,
berühmt und reich, und dann würden die beiden vereinigt sein.
Lieschen Blümer war sich dessen wohl bewußt, daß sie es in Jutta
Reimers noch mit einem sehr jungen Mädchen zu thun habe. Sie liebte
dieses Kind, wie man eine seltene hoffnungsvolle Knospe liebt; liebte
die vielen Möglichkeiten, die in diesem reich veranlagten Wesen
schlummerten. Neidlos sah sie die Genialität der Jüngeren, neidlos auch
die Schönheit und das Glück der äußeren Umstände, alle jene Gaben, die
Jutta ohne Verdienst zugefallen waren.
Durch das Leben zur Resignation geführt, ahnte Lieschen, daß die
Freundschaft, wie sie jetzt zwischen ihnen bestand, ein liebliches
Fest sei, das irgendwann einmal sein Ende finden werde; während Jutta
in jugendlichem Enthusiasmus von dem ewigen Bestande ihres Treuebundes
überzeugt war.
Jutta gab sich ihrer Liebe freudig und ohne Rückhalt hin, während
Lieschen haushälterischer war; sie wußte, daß man der Freundschaft
keinen Dienst leistet, wenn man sich blind an den anderen Teil verliert.
Lieschen übte auch jetzt noch eine gewisse Zurückhaltung in dem, was
sie Jutta von sich mitteilte. Nicht alles aus ihrem Leben war geeignet,
von dem jungen Mädchen verstanden und richtig gewürdigt zu werden. Ein
großes Geheimnis vor allem behielt Lieschen für sich, da sie dafür
die Freundin noch nicht für reif hielt: Lieschen war Mutter gewesen.
Kurze Zeit nur hatte ihr dieses höchste Glück des Weibes geblüht, um
dann mit dem kleinen Sarge, den sie hinausgetragen hatten, in sich
zusammenzufallen.
Das war es, was Lieschens, dem Weinen so nahe verwandtes, Lächeln, was
ihre weltfremden, träumerischen Blicke zu bedeuten hatten. Ein Teil
ihres Wesens und ihres Lebens war nichtmehr von dieser Welt.
Lieschen fürchtete sich nicht etwa vor Juttas moralischer Entrüstung;
sie war stolz auf ihre Mutterschaft. Sie fühlte sich nicht ehrlos,
weil sie ein in Liebe empfangenes Kind geboren hatte, mochte sie auch
aus diesem Grunde ihre Stellung als Lehrerin eingebüßt haben. Aber der
große Schmerz ihres Lebens, der Tod des geliebten Kindes, war für sie
so erhaben und heilig, daß sie es nicht über sich brachte, davon zu
sprechen; er würde breitgetreten, profaniert worden sein. Sie haßte
jene weitverbreitete unfeine Sitte: sich an der Wollust des Schmerzes
so lange zu erlaben, bis er schließlich dem Vergnügen ähnlicher sieht,
als der Wehmut.
Wenn Jutta von des Bildhauers Rückkehr sprach, von Hochzeit und anderen
lustigen Dingen, dann schnitt es Lieschen ins Herz, und sie bereute,
einen Teil ihres Geheimnisses aufgedeckt zu haben, da sie doch das
Wichtigste nicht sagen durfte.
»Warum bist du so traurig?« fragte Jutta dann wohl. »Du siehst aus,
als ob du innerlich weintest. Was ist das? Kann man als Braut traurig
sein?« --
Darauf erhielt sie keine Antwort, nur jenes Lächeln, das sagen zu
wollen schien: ›quäle mich nicht!‹ --
Im Herbst war die Bekanntschaft der beiden Mädchen in der Malklasse
angeknüpft worden. Der Winter hatte ihre Freundschaft gesehen. Im
Frühjahr, kurz vor dem Osterfeste, erhielt Jutta eines Abends, wo sie
Lieschen bei sich erwartete, einen Brief folgenden Inhalts:
»Liebste Jutta! Habe ein Telegramm erhalten aus Paris. Xaver schwer
erkrankt. Ich reise noch heut. Wenn Du dies liest, bin ich bereits
fort. Denke an mich und bete für uns! Du wirst kaum ahnen, in welchem
Zustande ich bin. Wenn es ihm wieder gut geht, schreibe ich Dir,
wenn nicht -- -- dann hat auch das keinen Sinn mehr. Deine Freundin
Lieschen.«
VIII.
Eberhard kam für die Osterferien nach München. Da er zu Weihnachten in
Berlin geblieben war, hatte er Kurt noch gar nicht gesehen, seit dieser
wieder im Lande weilte.
Die Zeit war noch nicht allzu lange her, wo Kurt das Recht des
Stärkeren rücksichtslos gegen den jüngeren Bruder ausgebeutet hatte.
Eberhard ließ zwar dem älteren nichts merken, daß sich das Blatt
inzwischen gewendet habe, im Gegenteil, er versuchte, zuvorkommend und
liebenswürdig zu sein gegen den Kranken; aber gerade das reizte Kurt.
Er fühlte mit den geschärften Sinnen des Unglücklichen heraus, daß
Eberhards Großmut nichts anderes sei, als innerer Triumph. Er glaubte
seine Freundlichkeit zu durchschauen; sie glich der Schadenfreude auf
ein Haar.
Selbstverständlich mußte Eberhard den Seinen gelegentlich von Berlin
erzählen, von seinen Erlebnissen im letzten Halbjahr. Ein stummer,
mißmutiger Gast saß Kurt dabei. Er hatte das Gefühl des Depossedierten,
über den man jetzt gleichgiltig hinwegschritt. Das ist schließlich der
Gang der Dinge überall in der Welt; die Grausamkeit für ihn lag darin,
daß er das, was sonst dem Alter widerfährt, schon in jungen Jahren
schmecken mußte.
Kurt war ein von Natur begabter Mensch. In glücklichen Verhältnissen
geboren und aufgewachsen, verwöhnt von Eltern und Erziehern, hatte er
sich früh daran gewöhnt, keinen anderen Maßstab an die Dinge zu legen,
als: Eigenwillen und Genuß. Solange er in der Heimat war, hielten ihn
Herkommen und Sitte wenigstens äußerlich in Schranken; aber in einem
nur halb civilisierten Lande, unter dem Einflusse eines den Willen
erschlaffenden und die Sinne anreizenden Klimas, unter einer aus allen
Rassen zusammengeflossenen Populasse, der das Laster als das Natürliche
und die Beherrschung der Triebe als das Ungewöhnliche gilt, hatte er,
ein Mann, dem Schönheit, Macht und Geld zur Seite standen, Orgien
gefeiert, welche die kräftigste Konstitution zu Schanden machen mußten.
Nach seinem körperlichen Zusammenbruch hatte er drüben in einem
Hospital von zweifelhafter Güte gelegen, war dort von Kurpfuschern
behandelt worden. Was damals versäumt, war jetzt nicht wieder gut zu
machen.
An seinem inneren Menschen waren die Schmerzen, der Ekel, die
Furcht, all die bangen Sorgen durchwachter Nächte, nicht spurlos
vorübergegangen. Zwar in das seelenstärkende Bad wirklicher Reue
war Kurt Reimers niemals hinabgestiegen; nur Ärger, Wut, bitterste
Enttäuschung empfand er. Das Leben hatte ihm gelogen, die Menschen
ihn getäuscht. Er klagte nicht sich selbst an als den Urheber seiner
Leiden, sondern die anderen: die Weiber, die Ärzte. Er haßte vor allem
alle Männer, die gesund waren. Wie kamen sie dazu, gesund zu sein,
während er so furchtbar leiden mußte? -- Erwischen hatten sie sich
nur nicht lassen, das war ihr einziges Verdienst. Bodenlos ungerecht
erschien ihm eine Weltordnung, welche den einen büßen ließ, während
sie hunderten von Missethätern gestattete, frei und unbehelligt ihrem
Vergnügen nachzugehen.
Da waren ihm zum Beispiel von seinem jungen Bruder nette Streiche zu
Ohren gekommen! Reimers senior hatte nämlich in einer schwachen Stunde
Kurt andeutungsweise von dem Abenteuer erzählt, das Eberhard ein Jahr
zuvor durchgemacht hatte. Für Kurt war das eine bittere Pille gewesen.
Was! Dieser grüne Junge stieg den Weibern nach, machte Glück bei ihnen!
-- Was wurden in der Krankenphantasie des zerrütteten Menschen da für
Reminiscenzen aufgerührt! Eifersucht erwachte gegen den Bruder, die
ihre Nahrung sog aus dem Gefühl der eigenen Ohnmacht.
Die feindliche Gesinnung, welche Kurt gegen seinen Bruder hegte, kam
eines Tages ganz unvermittelt zum Ausbruch. Die Brüder waren allein
miteinander. Eberhard hatte soeben einen Brief von Bruno Knorrig aus
Venezuela erhalten. Der Freund schilderte ihm eine Reise, die er
zum Teil per Dampfer, zum Teil zu Pferde in das Innere unternommen
hatte. Eberhard las aus dem Briefe laut vor, ohne zu merken, daß
sich darüber die Mienen Kurts mehr und mehr verdüsterten. Eberhard
war im Augenblicke nicht gegenwärtig, daß für jenen die Erinnerung
an den jungen Knorrig, der ja Kurts Ersatzmann dadrüben war, nichts
Erfreuliches haben könne.
Bis ihn Kurt jäh unterbrach: er solle aufhören mit diesem »kindischen
Zeug«; das sei alles »blasse Renommage«!
Eberhard schwieg beleidigt und las seinen Brief für sich weiter.
Das Schweigen des anderen war Kurt auch nicht recht, er wollte seinen
lange mühsam zurückgehaltenen Groll loswerden.
»Möchte das Bürschchen mal auf seinen Touren sehen!« rief er.
»Naturschwärmen ist was Rechtes. Da drüben muß einer Haare auf den
Zähnen haben. Aber der gute Bruno! ....«
Eberhard hielt es für seine Pflicht, den Freund nicht unverteidigt zu
lassen.
Kurt dadurch erst recht gereizt, höhnte weiter: »Ihr seid einander
wert, du und dein Ehren-Bruno. Grünschnäbel! Kerls, die noch nicht
hinter den Ohren trocken sind und dabei den großen Mund haben. Denkt
ihr etwa mir zu imponieren? Du mit deiner thörichten Aufschneiderei aus
Berlin! Ich lache über sowas! Es kommt mir vor, als erzähle mir ein
kleiner Junge Räubergeschichten.«
»Mit Erlebnissen, wie du, kann ich allerdings nicht aufwarten,« meinte
Eberhard, nun auch die Ruhe verlierend. »Ich sehne mich offengestanden
auch nicht nach deinen Erfahrungen.«
»Willst wohl Moralpauken halten, Kleiner? Steht dir gut an. Weißt
du, ich habe eine Geschichte von dir erfahren, die an den Wänden
hinaufklettert! Was mir passiert ist, das ist einfach Pech; dafür kann
man nichts. Aber deine Affaire, wie du dich hast einlappen lassen von
einem Frauenzimmer, das ist Dummheit, haarsträubende Blamage. An deiner
Stelle würde ich also fein stille sein!«
Eberhard blickte den Bruder verdutzt an. Er war überrumpelt durch die
Wendung, die Kurt dem Streit gegeben hatte. An seiner wundesten Stelle
fühlte er sich getroffen.
Aber noch mehr überraschte ihn der Ausdruck von Kurts Gesicht.
Diese verzerrten Züge, diese glühenden Augen! -- Das war ja Haß,
eingefleischter Haß!
Es wallte etwas auf in dem Gemüte des Jüngeren, etwas Zurückgedrängtes.
Die Empörung aus jener Zeit, wo er sich oft unter mühsam verschluckten
Thränen geschworen hatte, Kurt einstmals alle Quälereien heimzuzahlen.
Aber wie er die Häßlichkeit dieses vom selbstverschuldeten Leiden
entstellten Gesichtes sah, die Haltlosigkeit, wie jenem die Glieder
schlotterten, wie sein Zorn zur Grimasse wurde, da fühlte er sich mit
einemmale ganz ruhig.
Mit dem da sich zu messen, war keine Kunst, und Ehre dabei nicht zu
holen. In diesem Augenblicke empfand er unverfälschtes Mitleid für den
Unglücklichen.
* * * * *
Die Auseinandersetzung zwischen den Brüdern hatte einen unerwarteten
Erfolg: Eberhard beschloß, seine im stillen längst gehegte Absicht nun
wirklich auszuführen, er wollte Fanny Spänglein aufsuchen.
Nicht, daß er Verlangen gehabt hätte, das Liebesverhältnis zu erneuern!
Die Erinnerung daran war ihm nur peinlich. Es war aus jener Periode
seines Lebens etwas zurückgeblieben, das ihn drückte wie ein heimlicher
Dorn im Fleisch. Er konnte das Gefühl einer großen Demütigung nicht los
werden. Und wenn Kurt von »Dummheit« und »Blamage« gesprochen, so hatte
er damit eigentlich nur dem Ausdruck verliehen, was Eberhard im Grunde
selbst empfand.
Er wollte wenigstens die äußeren Spuren davon auszulöschen suchen.
Fanny besaß ja noch den Ring, den er ihr geschenkt, die Briefe, die
er ihr geschrieben hatte. Vor allem aber wollte er sich in den Augen
des Mädchens selbst von der Lächerlichkeit befreien, die er auf sich
geladen hatte. Sie sollte sehen, daß sie es nicht mehr mit dem dummen
Jungen zu thun habe, den in ihre Netze zu ziehen, ihr damals ein
leichtes gewesen war.
Eberhard hatte nicht ohne Nutzen ein Jahr in Berlin zugebracht. Er
war untergetaucht in das Leben der Millionenstadt und hatte sich aus
der grauen kühlen Woge ein waches Bewußtsein und größere Nüchternheit
mitgebracht. Vor nichts fürchtete er sich jetzt mehr als davor: für
harmlos, unerfahren oder gar für gefühlvoll gehalten zu werden; lieber
wollte er für hart, stolz und abgebrüht gelten.
Wie er sich Fanny gegenüber zu verhalten habe, wußte er ganz genau. Sie
sollte mal etwas zu sehen bekommen von Überlegenheit. Erkennen sollte
sie, daß er sie verachte. Er wollte sie auffordern, ihm ihren Preis
zu nennen für Briefe und Ring, wollte ihr das Geld dann vor die Füße
werfen.
Im voraus gehoben in der Erwartung des Strafgerichts, das er abhalten
würde, und dabei doch etwas beunruhigt im Hinblick auf die Neuheit der
Situation, begab er sich zunächst nach Fannys früherer Wohnung. Die
Hausmeisterin hatte gewechselt, und es fiel schwer festzustellen, wohin
Fräulein Spänglein verzogen sei. Endlich gelang es ihm, ihre jetzige
Adresse zu erkunden.
Während Eberhard die Treppe hinabschritt, dachte er darüber nach,
wie er vor Jahresfrist mit liebebeflügeltem Schritt oftmals hier
hinaufgeeilt war. Wenn damals jemand behauptet hätte: seine Geliebte
sei nicht das treue, hingebungsvolle, reine Wesen, für das er sie
hielt! Wenn ihm jemand den Gang vorausgesagt hätte, den er heute
vorhatte! --
Es war gut, daß alles das anders gekommen, als er es gedacht! War er
nicht sehr viel weiser und klüger jetzt als damals? --
Und weil er mit sich selbst zufrieden war, fühlte er sich mit einem
Male auch sehr viel milder gestimmt gegen Fanny, und beschloß bei
sich, das Strafgericht nicht härter ausfallen zu lassen, als unbedingt
notwendig war.
Fanny Spängleins neue Wohnung sollte sich in Schwabing befinden,
in einer Gegend, die schon kaum noch Stadt zu nennen war. Eberhard
wunderte sich, daß sie sich da hinaus gewendet habe; das entsprach
eigentlich garnicht ihren Gewohnheiten. Sie hatte ihm wiederholt
erklärt, daß sie sich nichts daraus mache, »am Land« zu leben.
Die Straße war nur auf einer Seite mit villenartigen Häusern besetzt,
jedes von einem kleinen Garten umgeben. Die Wohnungen machten einen
behaglich traulichen Eindruck.
Eberhard ging auf der häuserleeren Seite an einer Wiese hin, auf der
Wäsche gebleicht wurde. Zwischen Sandhaufen und Holzstößen spielten
Kinder auf dem grünen Plane. Er hatte, ganz an die Stadt gebannt,
noch garnicht recht gemerkt, daß wiedermal Frühjahr war. Drüben die
Ziersträucher in den Vorgärten zeigten mit ihrem Blütenschmuck, daß
nun, wo der Menschen-Fasching vorüber war, die große Maskerade der
Natur beginnen sollte.
Das kleinste, aber auch geschmackvollste Haus der ganzen Straße trug
die Nummer, unter der ihm Fannys Wohnung bezeichnet worden war. Es lag
in seinem niedlichen Garten etwas zurück, eine Veranda mit Glasdach und
Stufen führte vom Parterre ins Freie. Vor dem Gartenthore hielt eine
Droschke. Der Kutscher war ganz in seine Zeitung vertieft, als wisse
er, daß er sobald nicht in Anspruch genommen werden würde.
Also hier wohnte sie! -- Eberhard staunte. Eine solche Wohnung kostete
Geld. Wer mochte jetzt wohl der Kavalier sein, der ihr Miete und
Schneiderrechnungen bezahlte? -- Ob sie es noch mit dem Kahlköpfigen
hielt, der damals seine Eifersucht erregt hatte? -- Verrückte Zeiten! --
Er konnte sich nicht sofort entschließen, hineinzugehen. Es kamen ihm
Zweifel und Bedenken. War er nicht etwa drauf und dran, sich von neuem
lächerlich zu machen? --
Während er noch unschlüssig auf- und abschritt, bemerkte er an der
Bewegung, die plötzlich in die Glieder des zeitungslesenden Kutschers
kam, daß der Fahrgast sich nähere. Ob Fanny etwa selbst ausfahren
wollte? Er war doch neugierig!
Hinter den Glasscheiben der Veranda sah er ein paar Menschen, hörte
auch Stimmen von dort. Dann kam ein Mann die Stufen herab, in welchem
Eberhard den eigenen Vater erkannte.
So gänzlich überrascht war Eberhard, daß er im Augenblicke den
Zusammenhang garnicht verstand. Wie kam sein Vater hierher? Was wollte
er hier?
Während Herr Reimers langsam die Stufen hinabschritt, sich dabei den
Überzieher zuknöpfte und die Handschuhe über die Finger zog, trat
hinter ihm eine weibliche Gestalt heraus, die Eberhard nur zu gut
kannte. Unbedeckten Hauptes, im Schmucke ihres goldblonden Haares stand
Fanny Spänglein da, über das ganze Gesicht lächelnd. Der Vater wandte
sich noch einmal um und winkte ihr mit der Hand, ebenfalls lächelnd.
Dreißig Schritt höchstens von dem jungen Mann entfernt, jenseits
der Straße, geschah das. Nichts entging ihm von ihrem Mienenspiel,
ihren Bewegungen. Er sah ganz deutlich das Muster ihres Kleides;
unauslöschlich prägte sich selbst solche Kleinigkeit seinem
Gedächtnisse ein.
Der Vater trat aus der Gartenthür, rief dem Kutscher etwas zu, sprang
in die Droschke, die sich gleich darauf in Bewegung setzte. Fanny
stand noch einen Augenblick auf der Veranda, dann wandte sie sich und
verschwand im Hause.
Das hatte sich im Laufe weniger Minuten abgespielt; für den jungen
Mann bedeutete es ein Ereignis, das mit dem Maße der Zeit überhaupt
nicht gemessen werden konnte. Der Boden schien Eberhard unter den
Füßen zu schwanken, ihm war's, als sei dicht vor ihm eine Flamme jäh
aufgezüngelt, das Vorhandensein unterirdisch verderblicher Gewalten in
seinem Dasein kündend.
Es kommt für jeden Mann einmal der Augenblick, wo er sich mit seinem
Vater, sei es mit dem lebenden oder mit dem toten, auseinandersetzen
muß; wo er das, was ihm bisher höchste Autorität gewesen, kritisieren,
vielleicht als überlebt beiseite schieben wird. Wohl dem Vater, wohl
dem Sohne, wenn die Trennung keinen Bruch bedeutet, wenn die Autorität
abgelöst wird von pietätvoller Schonung!
Schrecklich ist es, sich des eigenen Vaters schämen zu müssen. Es
streitet gegen die Natur, es stellt die Weltordnung auf den Kopf, es
legt die Axt an die Wurzel des Daseins, erniedrigt uns vor uns selbst,
indem es die Quelle trübt, aus der unser Lebenslauf entsprungen ist.
Welch erschreckende Helle dieses Ereignis verbreitete! So furchtbar
klar und nüchtern war alles, und alltäglich. Eine gewisse Komik sogar
lag darin, daß der Vater, nachdem er den Sohn aus der Schlinge befreit
hatte, nun selbst von der verbotenen Frucht naschte.
Aber das Lachen verging einem, wenn man der Sache auf den Grund ging.
Dem jungen Manne graute, wie man erwachend vor einer Scheußlichkeit
erschrickt, die man im Traume begangen hat.
Eberhard begriff mit einemmale mancherlei Erscheinungen: das Schicksal
seines Bruders, Züge in seinem und seiner Schwester Charakter,
Erlebnisse aus früher Jugend, manches, was er schon mit Kinderaugen
kritisiert zu haben sich entsann, Worte und Thaten des Vaters, das
ganze Familienleben. Alles das bekam einen anderen Hintergrund, zeigte
in dieser neuen häßlichen Beleuchtung ein gänzlich verändertes Gesicht.
Er wollte nicht weiter darüber nachgrübeln. Was nutzte überhaupt hier
alle Erregung? Konnte damit etwas gut gemacht werden? Würde er seinen
Vater ändern? Hatte es irgend welchen Sinn, den Alten merken zu lassen,
daß man ihn ausgefunden habe? Eine widerwärtige Szene wäre der einzige
Erfolg gewesen, gegen die sich das Gefühl auflehnte.
Besser, man ließ alles, wie es war, suchte als Philosoph darüber
hinwegzukommen. Die Welt war nun mal voll von Perversität! Bei seinem
Studium, im Kolleg, aus Büchern, am Seziertisch hatte er die traurige
Wahrheit entdeckt; nun lehrte sie ihn das Leben in noch krasserer Weise.
Heute war abermals ein gut Stück abgebröckelt von seinen Illusionen.
IX.
In der nächsten Zeit sollte Jutta nicht viel zum Arbeiten kommen. Den
größten Teil des Sommers brachte sie mit dem Vater und Kurt auf Reisen
zu. Da es mit Kurt Reimers sichtlich bergab ging, hatte der Arzt die
Verantwortung von sich auf das verkehrte Leben geschoben, das der
Patient zu Haus führe. Unbedingte Ruhe, nervenstärkende Luft, Bäder
würden ihn herstellen, hieß es. Herr Reimers, der für seinen Ältesten
nichts unversucht lassen wollte, ging also mit ihm an die See, in die
Alpen, ins Solbad. Und Jutta, die man doch nicht gut allein das Haus
hüten lassen konnte, mußte die Fahrt mitmachen.
Es war eine wenig erquickliche Zeit. Der Kranke tyrannisierte den
Vater und benahm sich gegen die Schwester durchaus nicht zuvorkommend.
Sie sollte beständig um ihn sein, ihn unterhalten, und doch machte
er durch sein launisches, mißvergnügtes Wesen jede Unterhaltung von
vornherein unmöglich.
Die schöne Landschaft, in der man sich aufhielt, die Berge, das
Meer, forderten heraus, zum Skizzenbuch zu greifen und Aufnahmen zu
machen. Aber Kurt gestattete nicht, daß Jutta male; es verdroß ihn,
er langweilte sich dabei. Und so mußte es unterbleiben. An irgend
welchen Vergnügungen, an Geselligkeit und Sport durfte die Schwester
auch nicht teilnehmen, obgleich es dazu in den Bädern und vor allem
an der Seeküste die schönste Gelegenheit gegeben hätte. Kurt hielt
mit dem eigensinnigen Egoismus des Kranken darauf, daß sie sich ihm
ausschließlich widme; lehnte sich aber Jutta ja einmal gegen diese
unvernünftige Tyrannei auf, dann steckte er sich hinter sein Leiden,
behauptete, man sei herzlos und grausam, und der Ärger über die
Schwester werde noch der Nagel werden zu seinem Sarge. Da Kurt den
Vater von vornherein auf seiner Seite hatte, so konnte Jutta nichts
ausrichten, mußte sich seufzend in ihr Schicksal finden, Sklavin des
kranken Bruders zu sein.
Der Erfolg der Reise war, daß Kurt im Herbst siecher nach Haus
zurückkehrte, als er im Frühjahr ausgezogen war. Nun hieß es: nur noch
südliches Klima könne ihn retten. Herr Reimers, der seine Geschäfte
daheim nicht gänzlich vernachlässigen konnte, mußte sich wohl oder
übel zu einer Trennung von seinem Ältesten entschließen. Es wurde ein
Krankenpfleger angenommen und Kurt mit diesem nach Algier geschickt.
Jutta suchte jetzt nachzuholen, was sie den Sommer über versäumt hatte.
Sie besuchte von neuem Professor Wälzers Malklasse. Dort gehörte sie
jetzt unbedingt zu den tonangebenden Schülerinnen, wurde auch von den
anderen Damen als die Begabteste anerkannt.
Von Lieschen Blümer hatte sie mehr als einen Brief aus Paris erhalten.
Es war Lieschens aufopfernder Fürsorge gelungen, ihren dort zum Tode
erkrankten Freund gesund zu pflegen. Vorläufig, so schrieb sie an
Jutta, wolle sie noch bei ihm in Paris bleiben, weil Xaver solch ein
»großes Kind« sei, das man ungefährdet in der Fremde nicht allein
lassen könne. Lieschens Brief war der Abdruck ihrer Persönlichkeit:
lieb, herzlich, ein wenig melancholisch, Regen und Sonnenschein in
einem.
Einen Verlust hatte für Jutta der Sommer gebracht, den sie schwer
empfand: Mucki war verschwunden. Sie hatte, als sie auf Reisen ging,
die Katze Frau Hölzl zur Pflege übergeben. Aber das Tier, Sonderling
der es immer gewesen, hatte die Abreise der Herrin offenbar als
persönliche Beleidigung aufgefaßt. Mißmutig und scheu war sie eine Zeit
lang noch im Hause umhergeschlichen, Liebkosungen von fremder Hand
verächtlich abwehrend; bis sie eines Tages ganz wegblieb. Welches Ende
Mucki genommen habe, sollte niemals aufgeklärt werden.
Damit war für Jutta der letzte Zeuge von der Bildfläche verschwunden
aus einer Zeit, die sich nun schon mit dem Nebel des halben Vergessens
zu verschleiern begann.
Herr von Weischach! Ihr alter Freund! Würde sie jemals wieder einem
Manne begegnen, der es so treu mit ihr meinte? --
Einer war da, der nur zu gern die Rolle des Freundes bei Jutta Reimers
übernommen hätte: ihr Vetter Luitpold Habelmayer.
Seiner Fürsprache bei Herrn Reimers verdankte es Jutta ja, daß ihr
der Besuch der Malklasse gestattet worden war. Der Vetter stellte das
freilich so dar, als habe er Jutta überhaupt entdeckt. Er gefiel sich
darin, das Talent der kleinen Cousine auch weiterhin zu protegieren.
Jutta fand, daß Vetter Luitpold sich auf den Dienst, den er ihr
einstmals geleistet hatte, reichlich viel zugute thue. Sie war
überhaupt neuerdings nicht mehr so sehr von ihm eingenommen, sah seine
Liebenswürdigkeit in verändertem Lichte.
Einen Nutzen hatte der vergangene Sommer mit seinem scheinbar
zwecklosen Hin- und Herreisen doch für das junge Mädchen gehabt:
sie hatte ein Stück Welt gesehen und dabei unbewußt Erfahrung und
Menschenkenntnis bereichert. Nicht ganz so harmlos, wie sie gegangen,
war sie aus den eleganten Badeorten, in denen sie sich mit Vater und
Bruder aufgehalten hatte, nach Haus zurückgekehrt.
Sie ahnte jetzt etwas davon, in welch verschiedenen Verkleidungen
männliche Zudringlichkeit auftritt. Daß sie schön sei, hatte sie früher
schon gewußt; das lehrte sie ein Blick in den Spiegel. Aber neuerdings
wußte sie auch, daß sie begehrenswert sei. Durch die Blicke fremder
Männer, mit denen sie nie ein Wort gewechselt hatte, war ihr dieses
Geheimnis verraten worden.
Luitpolds Verhalten gegen sie erschien ihr nicht mehr wie früher als
harmlos verwandtschaftliche Vertraulichkeit. Vielleicht hatte der
Vetter auch erst in letzter Zeit ein anderes Benehmen angenommen. Kurz,
Jutta traute seiner Biedermannsmiene nicht recht.
War es wirklich nur Interesse für die Kunst, was ihn veranlaßte, sie so
oft aufzusuchen und sich nach ihren Mal-Fortschritten zu erkundigen?
-- Wozu bedurfte es der schmachtenden Blicke, der besonderen Betonung
mancher Worte, der sentimentalen Seufzer in ihrer Gegenwart?
Jeden anderen Mann, der sich dergleichen Freiheiten herausgenommen
hätte, wäre man leichter losgeworden als ihn, den die Stellung des
Blutsverwandten schützte. Was wollte man machen gegen einen Menschen,
der jederzeit freien Zutritt zum Hause hatte? Der sie »Du« nennen, ihr
die Hand drücken, sie an tausend kleine Vertraulichkeiten erinnern
durfte, die er sich früher als großer Vetter gegen die kleine
Cousine hatte herausnehmen können? Er nutzte seine Stellung mit
der harmlosesten Miene der Welt aus. Was wollte man machen? Gegen
Andeutungen, daß er lästig falle, schützte ihn seine Dickfelligkeit.
Wem hätte Jutta etwas sagen können und wollen von diesen Dingen? Ihrem
Vater etwa? Er würde ihr einfach die Anklage nicht geglaubt haben,
selbst wenn sie sie über die Lippen gebracht hätte. Und Luitpold nahm
sich in Acht in Gegenwart dritter. Erstaunlich war, wie er sich in der
Hand hatte! Während er vielleicht eben mit seinen dunklen Augen dem
Mädchen einen heißen, nicht mißzuverstehenden Blick zugesandt hatte,
sprach er gleich darauf im gleichgiltigsten Plaudertone mit Herrn
Reimers von Pferderennen oder Börsenkursen.
Noch schlimmer war die Komödie, die er seiner Frau vorspielte. Frau
Elwire war durch Kränklichkeit jahraus jahrein ans Zimmer gefesselt,
konnte ihm nicht folgen auf seine Fahrten. Sie wußte, daß sein Leben
nicht rein sei. Ihre Augen lagen beständig auf der Lauer, sie spannte
darauf, daß er sich einmal verraten solle.
Jutta liebte die Cousine nicht; Elwirens grilliges Wesen, ihre
Nörgelsucht waren ihr immer zuwider gewesen. Aber neuerdings that die
Arme ihr leid. Das Mädchen begann nun doch die Tragik dieser um Geldes
willen geheirateten Frau zu verstehen, die ihren Mann liebte und sich
von ihm hintergangen fühlte.
Jutta vermied es fortan dieses Haus aufzusuchen. Dort kam ihr
jetzt alles so trostlos vor, so unfein und ordinär, trotz der
geschmackvollen, stilgerechten Einrichtung, mit der Luitpold
Habelmayer sich umgeben hatte.
Widerwärtige Lage! Dieser Mensch mit seiner schwülen Sinnlichkeit, von
der sie sich umlauert, betastet fühlte wie von unsichtbaren Händen! Das
Schlimmste war, ganz gleichgiltig konnte man doch nicht bleiben; man
war schließlich von Fleisch und Blut!
Wenn sie früh beim Erwachen an das dachte, was sie des Nachts geträumt
hatte, dann erschrak sie. Woher kamen einem solche Bilder, die man im
Wachen niemals gesehen hatte? Konnte eines anderen Menschen Verlangen,
das man verabscheute, einen zu Fall bringen? -- Wessen hatte sie sich
denn schuldig gemacht vor ihrer Seele? --
War sie kokett gewesen? Vielleicht war sie ihm zu weit
entgegengekommen, hatte ihm scheinbares Recht gegeben zu den
Freiheiten, die er sich jetzt herausnahm. Er war eitel, hielt sich für
verführerisch. Sie nannten ihn ja den »schönen Habelmayer.« Wer konnte
denn wissen, was sich solch ein Mann einbildete!
Ihr Benehmen gegen Luitpold war nicht konsequent. Manchmal behandelte
sie ihn mit einer Schroffheit, die keinen Sinn hatte und ihm einen
Schein des Rechtes gab, wenn er über ungerechte Härte klagte. Dann
wieder zeigte sie sich ängstlich, befangen, unsicher und verschaffte
ihm dadurch einen billigen Triumph. Sie fand nicht den Ton ruhiger
Überlegenheit, die seiner Zudringlichkeit gegenüber allein als sicheres
Bollwerk hätte dienen können.
Dieser stille Kampf, den sie mit einem zähen, abgefeimten Gegner zu
führen hatte, bedeutete eine stete peinvolle Nervenaufregung für das
junge Mädchen.
* * * * *
Herr Reimers fand, daß es für seine Tochter nunmehr Zeit sei, in
Gesellschaft zu gehen. Sie hatte ja bereits im Kreise ihrer Verwandten
verkehrt, aber die spießbürgerlich beschränkte Enge der Familie war
nicht das, was sich dieser Vater für seine Tochter wünschte. Jutta
hatte das Zeug dazu, in der großen Welt Aufsehen zu erregen.
Reimers fing nachgerade an, sich auf dieses Kind etwas einzubilden. Es
kitzelte seine Eitelkeit, wenn die Freunde am Stammtisch oder im Klub
ihm ihre Bewunderung zu erkennen gaben über Juttas Erscheinung. Er
rechnete sich ihre Schönheit gewissermaßen als persönliches Verdienst
an.
Er ließ sich neuerdings gern mit Jutta im Theater, in Ausstellungen,
im Konzert, kurz an all den Orten blicken, wo elegantes Publikum
verkehrte. Und als der Winter gekommen war und die Faschingsfreude
begonnen, zog er in ernsthafte Erwägung, welche Feste man besuchen
solle.
Durch die Maler, welche in seinem Klub verkehrten, stand er mit der
Künstlerwelt in Verbindung. Dort sprach man jetzt lebhaft von einem
großen Kostümball, der die Saison eröffnen sollte. Als Grundgedanken
des Festes, als das zu behandelnde Thema, hatte man diesmal
›Renaissance‹ gewählt.
Dieser Ball, der einen auserlesen großartigen Charakter zu tragen
bestimmt war, erschien Reimers als die passendste Gelegenheit, seine
Tochter in Gesellschaft zu führen.
Die erste Frage war natürlich die nach dem Kostüm. Reimers wollte dem
Mädchen vom Theaterschneider ein pompöses Kleid anfertigen lassen; aber
Jutta hatte darüber ihre eigenen Gedanken.
Wäre es nicht viel reizvoller, selbst etwas zu komponieren, als in
einer von fremden Köpfen erdachten Tracht aufzutreten? Wozu hatte man
denn bei Professor Wälzer Kostümstudien getrieben? Zudem wußte man doch
selbst am besten, was einem stand.
Der Vater verhielt sich etwas skeptisch dieser Idee gegenüber. Seine
kleine Tochter kannte ja den Karneval noch garnicht, wußte nicht,
welche Pracht zur Schau getragen, welches Raffinement da aufgeboten
wurde.
Als sich ihm Jutta aber einige Tage vor dem Feste in ihrem Kostüm
zeigte, zu dem sie die Stoffe selbst ausgewählt und dann mit der
Schneiderin zusammengenäht hatte, sah er ein, daß er ihren Geschmack
unterschätzt habe.
Jutta präsentierte sich in einem Gewande von mattschillernd
silbergrauem, schwerem Atlas. Der Hals war frei, die Büste durch
zarte Crêmespitze verhüllt, die gepufften Ärmel halblang, ebenfalls
in Spitzen endend. Ein prächtiger, goldstrotzender Gürtel schloß das
steife Mieder nach unten ab.
»Zu sehr junge Frau, kaum noch Mädchen!« das war das einzige, was der
Vater auszusetzen hatte; im übrigen fand er das Kostüm »großartig«.
In der Freude darüber ging Reimers sofort zum Juwelier und kaufte
dem schönen Töchterchen einen Perlenschmuck, den sie bei dem Feste
einweihen sollte.
Reimers wollte nicht Kostüm anlegen. Er behauptete, dazu sei er zu alt.
In Wahrheit war es ihm unbequem. Durch einen entsprechenden Geldbetrag
konnte man sich ja vom Kostümzwang loskaufen. Er übergab seine Tochter
einem seiner Malerfreunde, der mit seiner würdigen Erscheinung sehr gut
als Beschützer ihrer Jugend gelten konnte. Er selbst wollte sich im
Frack unter die Zuschauer mischen, wobei er besser auf seine Rechnung
zu kommen glaubte.
Jutta ängstigte sich nicht, wie es manche andere Debutantin gethan
haben würde. Sie war ihres Erfolges sicher. Wenn sie trotzdem eine
gewisse Aufregung empfand, so war das mehr Spannung, Neugier auf das,
was sie sehen und erleben würde. Ihre Erwartungen gingen hoch. Jetzt
sollte sie endlich erfahren, was leben hieß; bisher hatte sie davon nur
gehört und gelesen.
Der einleitende feierliche Umzug war vorüber, den sie am Arme des ihr
vom Vater zuerteilten Beschützers mitgemacht hatte.
Ein Mitglied des königlichen Hauses war anwesend, vor ihm defilierte
man, eine kurze Ansprache und Huldigung der Kostümierten hatte
stattgefunden. Nach diesem offiziellen Teile sollte der eigentliche
Mummenschanz beginnen.
Die Gesellschaft fing an, sich in den reich geschmückten Räumen zu
verteilen. In einem der Säle wurde Platz geschafft zum Tanz, in den
Nebenräumen waren für die, welche sich daran nicht zu beteiligen
gedachten, Tische aufgestellt und lauschige Winkel eingerichtet
zu größeren Gelagen und intimerem Beisammensein, je nach Hang und
Bedürfnis.
Juttas Begleiter hatte sich verabschiedet, da er mit der Ordnung des
Festes zu thun habe. Sie war nicht ungehalten darüber. An einen der
mächtigen, mit Guirlanden umwundenen Pfeiler des Saales gelehnt,
bewunderte sie das herrliche farbenreiche Bild: die Zuschauerlogen
gegenüber, in denen mit den schwarzen Fracks der Herren die glänzenden
Gesellschaftstoiletten der Damen abwechselten. Und um sie her im Saale
das Drängen und Fluten der buntscheckigen Menge. Phantastische Kostüme
von auserlesenen Stoffen, Farbenzusammenstellungen der bizarrsten und
der decentesten Art. Erscheinungen, die zum Lachen reizten, daneben
würdevolle Physiognomien; Burleske und Grandezza bunt durcheinander.
Das Mädchen war ganz in Schauen versunken, sättigte sich am Anblicke
dieses Bildes voll Geschmack, Eigenart und Stil.
Da löste sich von der Menge, die sie an sich vorüberfluten ließ, ein
Mann in prächtigem karmoisinrotem Sammetkleide. Im ersten Augenblicke
erkannte sie ihren Vetter Luitpold garnicht. Keine Ahnung hatte sie
davon, daß auch er hier wäre.
Er trug das Gewand eines italienischen Großen, kopiert nach einem
bekannten Porträt in der alten Pinakothek. Auch Haar und Bart hatte er
sich nach diesem Vorbilde zurechtstutzen lassen.
»Unsere Farben passen zusammen, sieh mal!« rief er und hielt seinen
Ärmel an ihre Taille. »Warum hast du denn so geheimnisvoll gethan
mit deinem Kostüm, schöne Cousine? Ich hab's ja doch herausbekommen!
Wohlan, hier bin ich! Dein Vetter, dein Ritter, oder dein Sklave,
jenachdem du befehlen wirst!«
Jutta wußte, daß es auf einem Karnevalfeste freier hergeht als sonst
wo, und daß man da fünf gerade sein lassen muß. Sie war mit der Absicht
hergekommen, sich zu unterhalten. Zudem lag es nicht in ihrer Natur,
sich leicht zu entrüsten.
Aber daß es gerade Luitpold sein mußte, der sie den Faschingston lehren
sollte! --
Er wich nicht von ihrer Seite, schien ihr Kavalier bleiben zu wollen
für den ganzen Abend. Als das Tanzen begann, führte er sie in den Saal
und begann mit ihr zu walzen. Übrigens verstand er sich darauf. Es war
ja nicht das erste Mal, daß sie miteinander tanzten; Luitpold hatte als
älterer Vetter ein wenig den Tanzmeister bei seiner Cousine gespielt,
als sie noch halblange Kleider trug und man sie ungestraft in die Wange
kneifen durfte. Er erinnerte sie heute auch daran, füllte überhaupt
ihr Ohr mit allerhand Schabernack und Schmeicheleien. Wenn er sagte:
»Wir sind das schönste Paar im Saale!« so konnte er damit wohl recht
haben. Sein Kostüm war eines der reichsten und originellsten und paßte
vortrefflich zu seiner stattlichen Erscheinung.
Jutta fühlte sich heute in der Laune, sich mit Luitpold auszusöhnen. Er
verstand es, einem die Zeit zu vertreiben, und es tanzte sich herrlich
mit ihm. Was wollte man mehr bei einer Gelegenheit wie dieser! Prüderie
konnte garnicht aufkommen, hier, wo alles ein Rausch war von Farbe,
Glanz, Freude und Schönheit. Sie ging also auf den übermütigen Ton ein,
den er anschlug.
»Wollen mal sehen, wer von uns beiden zuerst müde wird!« rief er
und riß sie von neuem zum Tanze mit fort. Aber nach einigen Runden
schon machte er Halt und erklärte sich für besiegt. »Das Tanzen hat
eigentlich keinen Sinn, noch dazu im Kostüm. Viel schöner wäre es,
sitzen und dich anblicken dürfen, Jutta! Weißt du, daß du berauschend
schön bist?« --
Unter solchen Reden führte er das Mädchen in eine Nische, wo zwischen
Lorbeergebüsch ein Tisch für zwei gedeckt war.
Man aß ein paar Bissen, dazu wurde Champagner getrunken. Von der
Freiheit, seine Dame anzustarren, machte Luitpold Habelmayer reichlich
Gebrauch. Dabei schwatzte er allerhand verliebten Unsinn. Jutta that,
als verstände sie ihn nicht recht; sie spielte die Rolle der Naiven
garnicht schlecht.
Bis Luitpold anfing sentimental zu werden. Sie fand, daß ihm das sehr
schlecht stehe; so aus der Rolle hätte er nicht fallen sollen! Und
mit einemmale begann er von seiner Frau zu reden, gestand, er sei
unglücklich verheiratet.
Da wurde es Jutta zuviel. Sie erhob sich jählings und erklärte, daß sie
zu ihrem Vater wolle.
Luitpold beschwor sie, zu bleiben; kein Wort weiter wolle er sagen
hiervon, wenn es ihr unangenehm sei. Aber Jutta blieb fest bei ihrem
Entschlusse.
Nach einigem Suchen fand man Herrn Reimers. Auch er hatte eine jener
lauschigen Nischen aufgesucht, und wie es sich herausstellte, war er
nicht allein. Eine niedliche junge Dame, im Gewand einer Florentiner
Patriziertochter, für gewöhnlich Soubrette am Theater -- wie Luitpold
der Cousine zuraunte -- saß neben ihm. Das Paar war so in seine
Unterhaltung vertieft, daß Jutta erst den Vater am Arme berühren
mußte, um ihn zum Aufschauen zu bewegen.
Reimers war nicht gerade angenehm berührt durch Juttas unerwartetes
Auftreten. »Ich dachte, ihr tanztet!« sagte er und warf dem Neffen
einen Blick zu, als wollte er sagen: ›Das hättest du mir auch ersparen
können!‹
Luitpold zuckte die Achseln und lächelte schadenfroh. Jutta stand
ziemlich ratlos, denn sie merkte nun auch, daß sie dem Vater ungelegen
komme.
In diesem Augenblicke erschien eine neue Person auf der Bildfläche:
Bruno Knorrig. Ohne zu ahnen, was sich hier abspiele, kam er auf
Jutta und Herrn Reimers zu und begrüßte sie lebhaft, als die ersten
Bekannten, die er heut abend treffe.
Bruno war erst seit kurzem wieder in München, nachdem er ziemlich
drei Jahre in Südamerika zugebracht hatte.
Sein Kostüm, das der Kenner sofort für ein aus einem
Maskenverleihinstitut stammendes erkannte, stand ihm ausnehmend
schlecht zu Gesicht. Das viel zu weite Tricot verriet die Magerkeit
seiner Gliedmaßen in bedenklicher Weise. Auf seinem rötlichen
Haarschopf wiegte sich verwogen ein blaßbläuliches Sammetbarett mit
einer verschossenen Straußenfeder.
Jutta entging die Komik seiner Erscheinung nicht; trotzdem erschien
ihr Bruno in diesem Augenblicke wie ein rettender Engel. Sie erwiderte
seine Begrüßung auf das herzlichste, gab deutlich ihre Freude zu
erkennen, ihn hier zu sehen.
Bruno Knorrig wußte garnicht, wie ihm geschah. Er hatte kurz nach
seiner Rückkehr aus der Fremde im Hause seines Chefs Besuch gemacht
und dabei auch Jutta wiedergesehen. Er war von ihr mit einer Kälte
aufgenommen worden, die ihn tief geschmerzt hatte; war er doch
Eberhards intimster Freund, und hatte er doch ehemals auch zu Jutta in
vertrautestem Verhältnis gestanden.
Und heute diese warme Begrüßung! --
Herr Reimers sah in Brunos Auftreten die erwünschte Gelegenheit, seine
Tochter auf gute Art loszuwerden. »Haben Sie denn schon mit Jutta
getanzt, Bruno?« fragte er. Und als der junge Mann verneinte: »Nun,
dann engagieren Sie sie sofort! Es ist die allerhöchste Zeit!«
Bruno ließ sich das nicht zweimal sagen, errötend bot er Jutta den Arm;
und man sah das ungleichartige Paar im Nebensaale verschwinden.
Der schöne Habelmayer folgte zähneknirschend. War es denn zu glauben!
Dieser Mensch in dem schäbigen Kostüm, mit den dünnen Beinen wollte ihn
ausstechen!
Er machte an diesem Abende mehrere verzweifelte Versuche, das Paar zu
trennen; aber vergeblich! Jutta selbst war es, die in unbegreiflicher
Laune den dürftigen Kavalier immer wieder aufforderte, mit ihr zu
tanzen, und ihm nicht gestattete, von ihr zu weichen.
X.
Eberhard Reimers war nun schon das zweite Jahr in Berlin.
Anfangs hatte die Riesenstadt überwältigend gewirkt auf den jungen
Menschen. Wie verraten und verkauft war er sich vorgekommen in dieser
Wüste von Häusern und Menschen. Ohne Beistand irgend eines Freundes
mußte er sich zurecht finden in den fremden Straßen und den noch viel
fremder anmutenden Sitten, dem härteren, kälteren, schneidigeren Ton
des norddeutschen Wesens, an das er, der Süddeutsche, sich nur langsam
gewöhnte.
Das Leben hier floß nicht im ruhigen, gleichmäßigen Bette, spielte
sich nicht in den gemütlich harmlosen Umgangsformen der Vaterstadt ab.
Gleichgiltig hasteten die Menschen an einander vorüber, feindlich,
verschlossen, jedermanns Wille auf ein Ziel gerichtet, jeder im anderen
einen Widersacher und Parteigänger witternd. Wie die Ameisen waren
sie, die einander auf ihren tausendfältigen Kreuzwegen begegnen, einen
Augenblick mißtrauisch Halt machen, den möglichen Feind prüfen und dann
weiter ihren Geschäften nachgehen.
Ja, in solch einen Ameisenhaufen war er geraten, in solch einen
unübersehbaren Strudel sich kreuzender Interessen.
Zunächst ließ er sich treiben von dem Riesenstrome, genoß die Wollust
des Staunens. Allmählich aber ging er über vom bloßen neugierigen
Gaffen zum Eindringen; er fing an zu ahnen, daß in diesem scheinbar
regellosen Treiben Gesetzmäßigkeit herrsche. Er konnte sich nicht des
Eindrucks erwehren der Großartigkeit und der Kraft.
Wenn man auch als Einzelner verschwand darin, so war man doch der Teil
eines wirklich großen Gemeinwesens; etwas von dieser Größe, diesem
starken Leben strömte doch zurück aus dem irgendwo im Verborgenen
schlagenden Herzen dieses mächtigen Organismus, teilte sich dem letzten
kleinen Teile mit, gab auch ihm Bedeutung und erhöhte Lebenskraft.
Eberhard fing an, das belebende Gefühl zu empfinden gesteigerten
Gemeinsinnes. Die ungewohnten größeren Verhältnisse erfüllten ihn mit
Selbstbewußtsein, mit Interesse, mit Lust am Dasein.
Berlin hatte es dem jungen Studenten angethan!
Während er eine Zeit lang närrische Befriedigung fand in dem Gefühle,
allein zu sein unter Millionen, von niemandem gekannt zu werden,
niemanden zu brauchen, begann sich allmählich doch in ihm der Wunsch
zu regen, anknüpfen zu dürfen, Beziehungen zu gewinnen, nicht bloß
beobachtend mit dem Kopfe, sondern auch mit dem Herzen heranzukommen an
die Welt, in der er lebte.
Mit einem Worte: er sehnte sich nach Menschen.
Es wäre für Eberhard Reimers ein Leichtes gewesen, in eine studentische
Verbindung einzutreten. Er, mit seiner Herkunft, seiner Erscheinung,
seinem »Wechsel«, hätte schließlich bei jeder Couleur ankommen können.
Aber was er bereits als Pennäler mitgemacht hatte vom Komment, und was
er später als Student in Würzburg und in München davon gesehen, lockte
nicht, seine Zeit mit solchem Stumpfsinn weiter zu vergeuden.
Er war ja nun kein ganz junges Semester mehr; bereits hatte er das
Physikum abgelegt.
In den Kollegien kam er mit vielen Kommilitonen zusammen. Gerade das
medicinische Studium macht die jungen Leute schnell mit einander
bekannt. Man trifft sich im Praktikum, im Kolloquium, im Laboratorium,
bei den klinischen Übungen, bei den Demonstrationen und Exkursionen in
Krankenhäusern. Die jungen Ärzte und Assistenten, die Docenten selbst
bleiben zeitlebens mit der Studentenschaft in Fühlung, hören nicht auf,
sich als Lernende zu betrachten.
Eberhard wurde mit einer Anzahl Männern jener schnell in den Hörsälen
wechselnden Menge bekannt, ohne sich soweit mit Einzelnen einzulassen,
daß man hätte von Freundschaft sprechen können.
Er wohnte im echten Quartier latin Berlins, in der Gegend zwischen
Spree und Ringbahn, nicht weit von den Kliniken und Krankenhäusern des
Nordens. Sein Mittag- und Abendbrot nahm er in einem Lokale ein, wo
fast ausschließlich akademische Jugend verkehrte. Die Zeitungen las er
in einem Kaffee mit Mädchenbedienung, dessen Publikum, das weibliche
vor allem, nicht zu dem feinsten gezählt werden konnte.
Diese Umgebung, bunt zusammengewürfelt, leicht von Sitten, frei
im Tone, brutal von Manieren, paßte nicht schlecht zu der
Gemütsverfassung des jungen Mannes, wie sie jetzt war. Seit jener
herben Erfahrung in München, die in ihm die letzten Illusionen der
Knabenzeit zerstört hatte, war er weitergetrieben worden in Welt- und
Menschenverachtung hinein. Das Wort »Ideale« konnte ihn lachen machen.
Für Begriffe wie: »Gott,« »Sittlichkeit«, »Liebe«, hatte er verblüffend
einfache Definitionen zur Hand. Er schwamm mit einem gewissen
Wohlbehagen auf den Wässern des Materialismus. Mit Wollust zerstörte er
in sich alle zarteren Regungen, alle Pietät; betrachtete das alles als
»atavistische Überbleibsel« überlebter Perioden.
Er hatte jene Staupe durchzumachen von altkluger Besserwisserei, von
schonungslos hochmütigem Aburteilen, die in einem gewissen Alter
die meisten jungen Leute befällt. Und dazu kam der Cynismus, den
sich der Mediciner angeeignet hatte als natürliche Schutzwehr gegen
die übermächtig auf ihn einstürmenden Eindrücke seines Berufes. Wer
in der chirurgischen Klinik den Operationen beiwohnte, wer einen
geburtshilflichen Operationskursus studienhalber durchmachte, wer
endlich an den Arbeiten teilnahm im gerichtlich-medicinischen Institut,
wo sich die Gebiete der Pathologie, der Psychiatrie und Physiologie zu
einem interessanten Kapitel menschlichen Elends vereinigen, der konnte
nicht gut anders, als sich mit Gleichgiltigkeit wappnen und Kälte gegen
die Regungen des Gemütes.
Eberhard verkehrte in einem kleinen Kreise von Medizinern, die sich
in zwangloser Weise des Abends am Biertisch trafen. Die Altersgenossen
fühlten schnell heraus, daß der junge Reimers nicht auf den Kopf
gefallen sei. Man sah ihn gern und schätzte ihn ziemlich hoch ein, auch
was seine wissenschaftlichen Leistungen betraf.
Die einzige Autorität, die man in diesem Kreise gelten ließ, war die
Wissenschaft. Alles übrige im öffentlichen Leben, in Gesellschaft und
Staat, mußte sich beißende Kritik gefallen lassen. Vor allem aber
bedachte man mit seiner Verachtung die Familie. Elterliche Autorität,
Kindesliebe, Ehe wurden verspottet. Berechtigung erkannte man allein
der freien Liebe zu. Das »inferiore weibliche Geschlecht« verwarf man
gründlich. Wenn das Thema »Weiber« angeschlagen wurde, so geschah es,
um dem Cynismus voll die Zügel schießen zu lassen.
Eberhard stand mit seiner Familie nur noch in loser Verbindung. Während
der Universitätsferien blieb er in Berlin oder unternahm Reisen. Sein
Verkehr mit dem Vater beschränkte sich darauf, daß dieser ihm den
Wechsel regelmäßig durch ein Berliner Bankhaus zugehen ließ.
Von Jutta zwar erhielt er hin und wieder einen Brief, der ihn über
das, was sich daheim ereignete, auf dem Laufenden erhielt; aber er
selbst war selten in der Laune, der kleinen Schwester zu antworten.
Was hätte er ihr auch schreiben sollen? -- Von den interessanten
Fällen im anatomischen Institut, über die neuesten Entdeckungen der
Bakteriologie, den augenblicklichen Stand der praktischen Gynäkologie
etwa? -- Das wäre gerade etwas für ein junges Mädchen gewesen! Und
von seinen Unterhaltungen mit den Kommilitonen mußte er erst recht
schweigen.
So hoch auch Eberhard sein Fachstudium stellte, so sehr er sich auch
mit ganzer Seele der medizinischen Wissenschaft verschrieben hatte,
so empfand er doch die Einseitigkeit, die jede Disciplin bekommt,
wenn man sich ihr ausschließlich widmet, manchmal ziemlich stark. Die
Fachsimpelei im Kreise der Kollegen wurde ihm oft zu arg. Er fand
zum Beispiel, daß es nicht durchaus notwendig sei, die Besprechung
klinischer Fälle, oder neuester Krankheitserreger vom Hörsaale an die
Mittagstafel zu verpflanzen. Er sehnte sich nach harmloserer Kost,
anmutigeren Gesprächen, einer veränderten Atmosphäre überhaupt.
Von Anfang des Studiums an hatte er, wenn sich dazu Gelegenheit bot,
Kollegien gehört, die nicht unbedingt in sein Fach schlugen. In diesem
Semester las ein bekannter Professor der Nationalökonomie öffentlich
über ein allgemein interessantes Thema. Zu seinen Hörern gehörte auch
Eberhard Reimers.
In dem geräumigen Gartenauditorium hinter dem Universitätsgebäude
versammelten sich zweimal in der Woche abends Hunderte von Hörern,
Studenten aller Fakultäten, aber auch Offiziere und Privatleute saßen
hier zu Füßen jener wissenschaftlichen Größe.
Neben Eberhard pflegte in diesem Kolleg ein junger Mensch zu sitzen,
der eifrig nachschrieb. Diese offenen intelligenten Züge waren ihm
übrigens schon anderwärts aufgefallen; wenn er sich recht entsann, in
der akademischen Lesehalle, deren gelegentlicher Besucher Eberhard
Reimers war.
Durch Zufall wurden sie miteinander bekannt. Eberhard fiel es eines
Tages, nachdem das übliche Getrampel vorüber war, mit dem der Professor
begrüßt wurde, auf, daß sein Nachbar das Heft aus der Tasche zog und
sich dann ziemlich ratlos umsah, als vermisse er etwas. Eberhard
erkannte schnell, was fehle. Er schrieb selbst nicht nach, aber er
führte jederzeit einen Tintenstift bei sich, den er hier seinem Nachbar
zur Benutzung anbot. Das Anerbieten wurde mit sichtbarer Dankbarkeit
aufgenommen.
Nach der Vorlesung beim Zurückgeben des Stiftes wurden dann die
beiderseitigen Namen mit der herkömmlichen steifen Verbeugung
gemurmelt. Der junge Mann hieß: Otto Weßleben.
Von dem Augenblick an grüßte man sich auf der Straße und sprach
miteinander, wenn man sich in Universität, oder Lesehalle traf.
Vertrauter wurden die Beziehungen aber erst, nachdem man sich über ein
Buch, das damals Aufsehen erregte und das beide verschlungen hatten,
ausgesprochen und dabei einer des anderen Weltanschauung erkundet hatte.
Bei dieser Gelegenheit erfuhr Eberhard auch Einiges über Otto Weßlebens
Herkunft. Er war Jurist, stammte aus hannöverscher Familie. Sein Vater
war emeritierter Landgeistlicher, der seit einigen Jahren mit seiner
Familie in Berlin lebte, weil er Kränklichkeits halber sich in der Nähe
des Arztes aufhalten mußte.
Die Veranlagung der beiden jungen Männer war eine sehr verschiedene, ja
in manchem geradezu entgegengesetzte. Otto Weßleben stellte den Typus
dar des zurückhaltenden, zähen, ruhigen, verständigen, selbstbewußten
Norddeutschen. Seine Weltanschauung war beeinflußt durch die Atmosphäre
der evangelischen Landpfarre, in der er aufgewachsen. Doch war sein
Horizont keineswegs beschränkt; er hatte sich auf den verschiedensten
Wissensgebieten umgethan und sich mit früher Selbständigkeit des
Denkens sein Urteil gebildet. Eberhard fand beim Disput in ihm einen
gutbeschlagenen und im logischen Denken wohlgeübten Widerpart.
Dieser Mensch war für ihn eine ganz neue Spezies und interessierte
ihn schon darum. Außerdem war ihm Otto Weßlebens ganze Art, seine
gepflegte dabei durchaus nicht stutzerhafte Erscheinung, seine gewählte
Aussprache, seine gemessenen, beinahe würdevollen Manieren sympathisch.
Auch der junge Weßleben schien beim Umgange mit Eberhard Reimers auf
seine Rechnung zu kommen. Ja, trotz seiner angeborenen Zurückhaltung
ließ er den anderen merken, daß für ihn damit ein langgehegtes
Bedürfnis nach geistiger Anregung endlich Befriedigung finde. Gleich
Eberhard haßte er die Vereinsmeierei und Fachsimpelei, suchte
Erweiterung des Horizonts und Nahrung für den Geist. Und die glaubte
er in der Reibung mit fremder Anschauung eher zu finden, als beim
Zusammenhocken unter dem Panier stumpfsinnigen Cliquentums.
Sie waren schon eine geraume Zeit miteinander bekannt, ehe Otto
Weßleben seinen Freund aufforderte, in seiner Familie zu verkehren. Er
bat ihn ohne weitere Umstände, am nächsten Sonntage im Hause seines
Vaters das Mittagbrot einzunehmen.
Es war dies die erste Tischeinladung, die Eberhard Reimers erhielt,
seit er in Berlin sich aufhielt. Bis dahin hatte er tagein tagaus seine
Mahlzeiten im Gasthause eingenommen, selbst an den hohen Festen, den
kirchlichen wie den weltlichen. Sein Junggesellendasein war ihm völlig
zur Gewohnheit geworden. Der Gedanke an ein Mittagessen in Familie kam
ihm beinahe lächerlich vor. Aber er war schließlich doch begierig, die
nächsten Anverwandten seines Freundes kennen zu lernen.
Am Sonntage fuhr er nach einer ihm völlig unbekannten Gegend Berlins.
Die Weßlebens wohnten »am Johannistisch«, in einer Umgebung, die durch
Kirche, Vereinshaus, Gottesacker und andere Institute der Kirchlichkeit
und Wohlthätigkeit, inmitten des weltlichen Berlins, wie eine stille
vom Geiste des Pietismus durchtränkte Oase wirkte. Etwas von dieser
Stimmung atmete auch das Weßlebensche Haus.
Die Familie bestand aus dem Elternpaare, drei Söhnen und einer Tochter.
Der Vater war schwer leidend; aber nur der Eingeweihte merkte ihm sein
Siechtum an. Die Statur war über Mittelgröße. Das bartlose schmale
Gesicht umrahmte ein Kranz von weißen Locken. Die Kleidung verleugnete
den Geistlichen nicht. In seinem Wesen sprach sich etwas Abgeklärtes
aus, wie es Menschen eigen ist, die gewarnt sind, und in dem Bewußtsein
leben, jeden Augenblick abgerufen werden zu können. Solche betrachten
dann jeden neuen Tag als ein besonderes Geschenk. Sie sehen das Leben
von der Warte erhöhten Bewußtseins. Ihr ganzes Dasein bekommt ein edles
Pathos, schimmert gleichsam im Golde der Traube, die zum Schnitte reif
ist.
Die Gattin war ein ausgesprochenes Beispiel für jene eigenartige
Erscheinung, daß Mann und Frau in langjähriger Ehe einander äußerlich
ähnlich werden, nicht bloß in Manieren, Sprechweise, Angewohnheiten,
sondern auch im Ausdruck der Züge, im ganzen Wesen und Verhalten
überhaupt.
Die drei Söhne stellten ein blondes, stattliches Geschlecht dar, stark
von Knochenbau, mit langem schmalem Schädel; echte Niedersachsen. Otto
war von den Söhnen der jüngste; nach ihm kam nur noch als Nesthäkchen
die siebzehnjährige Agathe. Der Älteste war Missionar, bis vor kurzem
in Südamerika gewesen, jetzt auf Urlaub in Deutschland, um seine von
Klima und Strapazen arg mitgenommenen Nerven wiederherzustellen; dann
kam ein Diakonus, und schließlich als einziger Nichttheologe Eberhards
Freund.
Agathe war ein Wesen für sich. Als einziges Mädchen und als Jüngste
mochte sie von jeher eine Ausnahmestellung genossen haben, daher
ward vielleicht ihre größere Lebendigkeit, ihr beweglicheres Wesen
erklärlich. Auch in der Erscheinung stellte sie einen anderen Typus
dar; obgleich auch sie nicht gänzlich aus der Familienähnlichkeit fiel.
Sie war nicht groß, von zierlicher Gestalt, blond wie alle Weßlebens,
mit hellen Augen. In diesen Augen saß bei ihr noch ein ganz besonderer
Schelm. Das Gesichtchen hatte bei aller Unberührtheit und Frische etwas
ungemein Fertiges.
Eberhard Reimers erkannte sofort, daß er in eine nicht ganz alltägliche
Gesellschaft geraten sei. Das Meiste hier mutete ihn fremdartig
an; die Lutheranerröcke der drei Geistlichen, das Tischgebet, die
asketische Lebensweise, welche in der Nüchternheit der Einrichtung,
der Einfachheit der Speisen zum Ausdruck kam; der weihevoll gemessene,
zurückhaltende Ton der Unterhaltung. Dergleichen war er vom Vaterhause
her nicht gewöhnt. Aber er unterdrückte die Opposition, welche für
einen Augenblick gegen diese ganze, seinem Wesen so garnicht kongeniale
Welt in ihm aufsteigen wollte, aus einem Gefühle der Achtung, die ihm
die Einheitlichkeit und Geschlossenheit dieser Welt immerhin abrang.
Die Unterhaltung bei Tisch betraf Themata, die Eberhard für gewöhnlich
mit völliger Gleichgiltigkeit, wenn nicht mit Verachtung behandelte.
Von der Predigt, die man am Morgen gehört, war die Rede, von der
inneren Mission, den Bestrebungen des roten und des blauen Kreuzes,
den Jünglingsvereinen, den christlichen Herbergen, den Krippen. Alles
Begriffe, von denen der junge Mediciner, wenn er ihnen mal in der
Zeitung begegnete, wie von Kuriositäten Notiz genommen hatte, die aber
hier ganz ernst behandelt wurden. Sie schienen das oberste Interesse
auszumachen für diesen Familienkreis.
Er hätte stumm dasitzen müssen, wenn nicht das Gespräch durch
den Missionar auf Südamerika gekommen wäre. Das war für Eberhard
etwas von Jugend auf Vertrautes. Es stellte sich heraus, daß der
Missionar über die Bedeutung des überseeischen Handels von Reimers
und Knorrig unterrichtet war. Man tauschte seine Ansichten aus über
die gegenwärtige politische Lage der südamerikanischen Staaten, ihre
wirtschaftliche Zukunft, ihre Bedeutung für die Kultur. Der Missionar
berichtete Interessantes über die Eingeborenen und Eingewanderten.
Eberhard ergänzte das aus dem, was er darüber wußte. Kurz, es kam zu
einem Hin-und-Her von Gedanken und Ansichten.
Schwieriger fand es Eberhard, mit den Frauen in Fühlung zu kommen. Er
war neben die Dame des Hauses gesetzt worden; ihm schräg gegenüber saß
Agathe, deren Augen er häufig auf sich gerichtet fühlte.
Mit Frau Weßleben konnte er noch zur Not eine Art von Unterhaltung
aufrecht erhalten, das junge Mädchen jedoch blieb eine unberechenbare
Größe für ihn. Daß sie hübsch sei, war eben nicht schwer zu erkennen;
aber was steckte hinter dieser glatten Stirn, was sagte, oder vielmehr
was verbarg dieses feingeschnittene Lippenpaar? --
Eberhard ärgerte sich über sich selbst, daß er nicht wenigstens im
Laufe des Nachmittags soviel Gewandtheit fand, das junge Mädchen
anzureden. Woher diese Unbeholfenheit? Er war doch sonst nicht so
schüchtern! --
Von da ab besuchte Eberhard das Weßlebensche Haus öfters.
Er redete sich ein, daß er es Ottos wegen thue. Als ihm dieser
Vorwand selbst nicht mehr ganz stichhaltig erschien, fand er mit
einemmale heraus, daß es gut für die Erweiterung seiner Welt- und
Menschenkenntnis sei, wenn er mit Leuten Umgang pflege, die von ihm und
seinen bisherigen Kreisen so außerordentlich verschieden waren, wie
diese hier.
Imponieren würde er sich nicht lassen von den Weßlebens, das hatte er
sich fest vorgenommen. Beobachten wollte er nur, sehen, was eigentlich
hinter ihrem selbstsicheren, weihevollen Wesen stecke. Vielleicht
spielte man ihm nur Komödie vor. Vielleicht war das, was ihn auf den
ersten Blick so entzückt, ihm einen so einheitlichen Eindruck gemacht
hatte, etwas ganz anderes: geistiger Hochmut, Frömmelei, Heuchelschein.
Er kämpfte gegen die Eroberung durch fremden Einfluß; er wehrte sich
gegen das Zurückfallen in Gefühle und Anschauungen, die er wie eine Art
Kinderkrankheit längst über Bord geworfen zu haben glaubte.
Etwas bereitete sich in ihm vor, eine Wandlung, die ihm selbst
unheimlich vorkam. Der Kreis von Kommilitonen, in dem er verkehrte,
der Ton, der da herrschte, die ganze Atmosphäre, in der er sich
bisher so wohl gefühlt, fing an, ihm nicht mehr zu behagen. Er zog
sich zurück. Vor allem aber machte er einen Strich unter jene ebenso
leicht angeknüpften, wie schnell gelösten Verhältnisse mit Mädchen der
Halbwelt, die er bis dahin als selbstverständliche Zugabe des Berliner
Lebens betrachtet hatte.
Der Grund, warum der junge Mann urplötzlich seine sämtlichen
Gewohnheiten über den Haufen stieß, war jener uralte, der von jeher die
tiefsten Wandlungen der Menschennatur verschuldet hat.
* * * * *
Agathe hatte die einfachste Geschichte, die ein Mädchen nur haben
kann. Sie war auf dem Lande geboren, in der nüchternen Stille eines
märkischen Pfarrhauses aufgewachsen. Den Unterricht genoß sie beim
Dorfschulmeister, in einigen Fächern unterrichtete sie der Vater
selbst. Französisch erlernte sie mit den Töchtern des Gutsherrn, die
eine Schweizer Bonne hatten.
Die nächste Eisenbahnstation lag mehrere Meilen weit von Pudelsee
entfernt. Abwechselung brachte in das stille Leben nur der Wechsel der
Jahreszeiten. Eine Einladung in das Herrenhaus bedeutete jedesmal ein
Ereignis. Dort hielten sich auch manchmal auswärtige Gäste auf; sonst
hätte man in Pudelsee kaum erfahren, daß es außer Tagelöhnern und
Kathenleuten auch noch andere Menschen giebt auf der Welt.
Nur die Brüder, wenn sie auf Ferien nach Haus kamen, brachten Leben
in die verträumte Abgeschiedenheit dieses Erdenwinkels. Da wurde vom
Gymnasium und von der Universität erzählt. Namen berühmter Theologen
waren Agathe geläufig. Über Lehrmeinungen, wissenschaftliche Theorieen,
theologische Streitigkeiten, innerkirchliche Angelegenheiten,
Evangelisationsbestrebungen, welche die Geister innerhalb der
protestantischen Welt gerade beschäftigten, bekam auch sie manches
zu hören. Durch die Mutter, die ebenfalls aus evangelischer
Pastorenfamilie stammte, war man verwandt mit einigen angesehenen
Geistlichen der Landeskirche; Beziehungen, auf die sich Frau Weßleben
nicht wenig zu gute that.
Als sich der älteste Weßleben der Heidenmission widmete, da war auf
einmal zwischen der im Winkel tief verborgenen Landpfarre von Pudelsee
und der weiten Welt ein lebendiges Band hergestellt. Briefe mit
ausländischen Marken kamen an und erzählten von fremden Völkern und
ihren Sitten. In der Zeitung verfolgte man fortan mit Interesse alles
Überseeische, und ein alter Schulatlas des Pfarrers, der allerdings
von den Entdeckungen, welche in den letzten Jahrzehnten gemacht worden
waren, noch nichts wußte, wurde häufig zu Rate gezogen.
Kurz nach Agathens Konfirmation, die der Vater noch selbst vollzogen
hatte, wurde Pastor Weßleben von einem schweren Rückfall in sein altes
Leiden heimgesucht. Als aufgegebenen Mann schaffte man ihn nach Berlin,
wo er eine Operation auf Leben und Tod durchmachte. An Wiederaufnehmen
des Berufes war nicht zu denken. Weßleben ließ sich emeritieren und
blieb in Berlin. Hier war für einen Patienten wie ihn ärztliche Hilfe
noch immer am ersten zur Hand.
Mit dem Umzuge nach der Hauptstadt war für Agathen das Leben auch nur
um weniges abwechselungsreicher geworden. Die Pflege des alten Herrn
beherrschte für die Frauen fast den ganzen Tag. Agathe fiel vor allem
die Aufgabe zu, ihm vorzulesen. Die Lektüre beschränkte sich nicht
auf Theologisches; Pastor Weßleben hielt sich gern über Geschichte,
Philosophie und, in beschränktem Maße allerdings, auch über die
Kunst, auf dem Laufenden. Manchmal durfte das Mädchen dem Vater zur
Abwechselung etwas auf dem Harmonium spielen, oder ihm ein Lied singen;
Künste, in denen er sie in seinen guten Tagen selbst unterrichtet hatte.
Zu irgend welchem Aufwande langten die Mittel nicht. Niemals noch
war Agathe ins Theater gekommen. Was sie an Geselligkeit mitgemacht,
bestand in Familienvereinigungen im christlichen Vereinshause und
in Theeabenden zu Missionszwecken. Hie und da hatte sie mal ein
geistliches Concert besuchen dürfen.
Sie lebte seit Jahren in dieser großen Stadt mit ihren
Sehenswürdigkeiten und Vergnügungen, ihren Veranstaltungen zur
Befriedigung jedes Wunsches, jedes Bedürfnisses, und nichts von alledem
hatte das junge Ding genossen, kaum von fern den mächtigen Strom des
Berliner Lebens brausen hören.
Man hätte meinen sollen, daß ein junges, unblasiertes Geschöpf, wie
Agathe Weßleben, sich verzehrt haben müßte vor Sehnsucht nach Glanz,
Zerstreuung, Lebensgenuß. Daß sie der Verbitterung anheimfallen würde,
wenn ihr diese versagt blieben. Das Gegenteil war der Fall.
Agathe blieb, was sie im Pfarrhause zu Pudelsee gewesen, auch in
Berlin: das frische, heitere, lebenslustige, verständige Mädchen. Nicht
den geringsten Einfluß schien der Luftwechsel auf sie ausgeübt zu
haben. Es lag nicht in der Weßlebenschen Art, sich schnell umstimmen
zu lassen; auch in ihren weiblichen Mitgliedern legte diese Familie
niedersächsische Zähigkeit an den Tag.
Dieses kleine Ding, ohne Erfahrungen, ohne Erlebnisse, setzte dem
überwältigend großen Berlin ihre Verachtung entgegen. Sie wußte, daß
sie und die Ihren anders geartet seien als hier die meisten Menschen,
und darauf war sie stolz. Etwas von der ländlichen Ursprünglichkeit
ihrer Herkunft hatte sie sich bewahrt; das hob sie ab von den
abgeschliffenen, abgegriffenen und verschlissenen Charakteren der Stadt.
Ein Gang durch eine der Hauptverkehrsadern Berlins belehrte sie
darüber, daß sie und ihre Mutter altmodische Menschen seien,
deren Aufzug gelegentlich belächelt wurde. Ein anderes Mädchen
würde sich nach Toiletten und Putz gesehnt haben, die man in den
Schaufenstern oder an den Damen selbst ausgelegt sah; nicht so Agathe.
Sie neidete jenen ihre Eleganz weder, noch schämte sie sich ihres
Aschenbrödelgewandes.
Sie wußte, daß alle verfügbaren Mittel für den kranken Vater und für
Ottos Studium aufgespart werden mußten. Zu neuen Kleidern für sie
blieb da nichts übrig. Das war so selbstverständlich und klar; auf den
Gedanken, darüber zu seufzen, kam sie garnicht.
Der Sinn für das Klare und Einfache war ihr angeboren. Sowie sich ihr
Kopf mal überzeugt hatte, dann rebellierte das Gefühl nicht mehr.
Laune, diese weiblichste Eigenschaft, schien im Wesen dieses Kindes
keinen Platz zu haben, oder sie hatte sie durch jene Selbstzucht,
welche am besten das Krankenzimmer eines Angehörigen lehrt, früh
abgelegt. Aufgeräumt wie der Kopf, war das Gemüt heiter und der Mut
jederzeit gefaßt.
Im Grunde genommen war diese Harmonie der Seelenkräfte auch das, was
auf Eberhard Reimers an dem Mädchen den tiefsten Eindruck machte. Sie
bedeutete ihm die verkörperte Gesundheit, erschien ihm, wie ein klarer,
immer gleichmäßig strömender Quell, dessen Wellen wohl silberhell und
durchsichtig sind wie Kristall, dessen urplötzliches Hervorbrechen aus
dem dunklen Erdreich aber ein Wunder ist, das zu ergründen eine Aufgabe
schien, wert, das Leben daranzusetzen.
Das Wesen des Mädchens war ihm in vieler Beziehung noch immer ein
Rätsel. Die Bedingungen, unter denen sie aufgewachsen war, übersah
er jetzt. Er kannte die Eltern, die Geschwister. Der Ton der
Unterhaltung, die Sitten und Eigentümlichkeiten des Hauses, die ihn
anfangs so ungewohnt berührt hatten, waren ihm jetzt, wo er bei diesen
Leuten als Freund aus- und einging, nichts Fremdes mehr. Gewisse
Charaktereigenschaften Agathens lagen so klar zu Tage, daß sie auch
für Eberhard feststanden. Sie war eine gute Tochter zunächst. Für ihre
Unschuld hätte er sich verbürgen können. Ihre Sinne waren sicherlich
rein wie frischgefallener Schnee. Über eines aber freute er sich
vor allem an ihr, daß sie echten gesunden Menschenverstand besaß.
Sie beobachtete scharf; vormachen konnte man der so leicht nichts.
Mit gelehrter Bildung war sie nicht überladen, aber dafür besaß sie
ursprüngliche Urteilsgabe und Takt des Herzens. Auch der Sinn für
das Komische, der Hang zu gelegentlichen spöttischen Bemerkungen
standen ihr nicht schlecht, weil keine Bosheit dabei war. All diese
Eigenschaften vereinigt ergaben ein liebliches Gesamtbild, dessen
hervorstehende Züge Gesundheit, Frische und Natürlichkeit waren.
Und doch blieb etwas Fremdes für ihn in ihrem Wesen, etwas, das
nicht zu ihr zu passen schien, eine gewisse Sprödigkeit, eine herbe
Widerspenstigkeit. Das trat niemals zu Tage ihren Eltern gegenüber,
aber schon die Brüder bekamen davon gelegentlich etwas zu verspüren.
Otto beschwerte sich Eberhard gegenüber einmal ganz offenherzig über
Agathens »unausstehlichen Bock.« Und Eberhard erging es nicht viel
besser. War er ihr unangenehm? --
Er suchte jede Gelegenheit begierig auf, mit ihr ins Gespräch zu
kommen, vertrauter mit ihr zu werden, wenn möglich, ihr Gefallen
zu erregen. Manchmal schien es ja fast so, als wolle sie ihm
entgegenkommen. Einmal hatte er Photographieen mitgebracht von den
Seinen und seinem Vater, der verstorbenen Mutter, von Jutta und Bruno.
Als er die Bilder im Weßlebenschen Kreise vorzeigte, da war Agathe voll
Interesse, hörte gespannten Ohres ihm zu, fragte vor allem nach Jutta,
an deren Bildern sie sich nicht satt sehen zu können schien.
Aber andere Male wieder war sie schroff und abweisend, behandelte ihn
von oben herab, gab ihm schnippische Antworten.
Für Eberhard war das eine neue Erfahrung. Die Geschöpfe, deren
Zärtlichkeit er genossen, hatten ihm den Weg zu sich nicht eben schwer
gemacht. Er war an ein leichtes Siegen beim weiblichen Geschlechte
gewöhnt. Und hier, wo er zum ersten Male ernsthaft liebte, erfuhr er
solche Behandlung!
Eberhard Reimers trug nicht mehr sein Herz in der Hand wie ehemals.
Erfahrungen hatten ihn vorsichtig gemacht. Ihm war ja schon einmal
der Kopf weggerannt, verführt von den aufgeregten Sinnen, sehr zu
seinem Schaden. Er wußte, daß Agathe Weßleben nicht verglichen werden
dürfe mit einer Fanny; und doch verfolgte ihn auch jetzt noch, von
jener trüben Erfahrung her, ein Mißtrauen gegen das ganze weibliche
Geschlecht und jede einzelne seiner Vertreterinnen.
Er suchte nach Fehlern an Agathe. Sie war wohl herzlos? Das
Gefühlsleben schwach entwickelt? Der Verstand herrschte bei ihr,
der nüchterne Verstand. Zuviel Verständigkeit, zu wenig Gemüt! Die
schönste Eigenschaft des Weibes, sich anzuschmiegen, sich hinzugeben,
war ihr wohl versagt? Vielleicht war sie ein seelischer Zwitter? Die
Wissenschaft, auf die er soviel hielt, kannte ja dergleichen!
So dachte er, wenn er durch Agathens spröde Zurückhaltung gekränkt
war. Mit Spott und Selbstverhöhnung suchte er sich über seinen Zustand
hinwegzuhelfen. War es denn nicht lächerlich geradezu, daß er sich
schlechte Behandlung gefallen lassen mußte, er, Eberhard Reimers, von
einem jungen unbedeutenden Dinge wie Agathe!
Aber er ging schließlich doch wieder zu den Weßlebens und sicherlich
nicht, um der alten Leute willen, oder aus Freundschaft für Otto
allein, mit dem er schließlich noch ungenierter hätte bei sich oder am
Biertisch zusammenkommen können.
Von den Eltern Weßleben wurde der Freund des Sohnes gern gesehen. Der
alte Herr vermutete zwar, daß Eberhards Weltanschauung von der seinen
sehr bedeutend abweiche. In der Unterhaltung kam das manchmal zu Tage,
obgleich Eberhard sich in Acht nahm, in einer Familie, wo nicht weniger
als drei Theologen waren, seine Gleichgiltigkeit gegen das Religiöse
allzu schroff hervorzukehren. Es konnte trotzdem nicht fehlen, daß
seine Stellung in diesen Dingen mit der Zeit erkannt wurde. Aber Vater
Weßleben war glücklicherweise kein Zelot. Wenn ein Mensch nur sonst
tüchtig war und ehrlich, so brauchte er nach seiner Auffassung, selbst
wenn er sich religiös indifferent zeigte, noch nicht unbedingt zu den
Verworfenen zu gehören. Der alte Mann kannte das Leben, hatte an sich
selbst und an Anderen mancherlei erfahren. Darum brach er nicht leicht
den Stab über einen Menschen, selbst wenn er ihn in dem Wichtigsten,
was es für ihn gab, auf entgegengesetzter Seite sah.
Das Wohlgefallen von Frau Weßleben hatte Eberhard längst erobert. Bei
der Mutter einer siebzehnjährigen Tochter sprachen einem Jünglinge im
heiratsfähigen Alter gegenüber auch noch besondere Erwägungen mit.
Sie sah die Verliebtheit des jungen Mannes von Tag zu Tag wachsen. Das
war ihr natürlich ein Triumph. Daß er scheinbar so wenig Glück machte
bei Agathen, erschien ihr nicht so bedenklich. Das würde schon noch
anders kommen!
Frau Weßleben kannte ihr Agathchen. Die war schon in früher Jugend
solch ein merkwürdig stolzes Ding gewesen. Niemals hatte sie
eingestanden, daß sie eine Sache haben wollte; niemals hatte man sie
betteln sehen. Meisterin war sie stets gewesen im Unterdrücken von
Schmerz, wie im Verbergen ihrer Wünsche. Und auch darin war sich die
kleine Agathe getreu geblieben: ehe sie jemandem zeigte, daß sie ihn
gern mochte, da steckte sie lieber ihre Stacheln heraus.
Die Mutter dachte sich manches, wenn sie das Verhalten ihrer Tochter
betrachtete gegen den jungen Mann.
Mütter können eben in solchem Falle das Denken nicht lassen.
XI.
Von Kurt waren in letzter Zeit schlechte Nachrichten gekommen, nachdem
es eine Zeitlang geschienen, als wolle das Klima von Nordafrika doch
noch ein Wunder an ihm verrichten. Schließlich traf eines Tages die
Depesche ein, welche seinen Tod mitteilte.
Hart wurde von diesem Falle eigentlich nur der Vater betroffen. Für
Jutta war es doch nicht viel mehr, als ein augenblicklicher Schreck,
ein in Wehmut schnell verblassendes Bemitleiden des armen Bruders, der
so jung hatte Abschied nehmen müssen vom Leben.
Reimers senior aber hatte eine teure Hoffnung begraben mit diesem Sohne.
Es war das erste wirkliche Unglück, das auch als solches empfunden
wurde, welches den Mann ereilte. Der Kelch der Lebensfreude, an dem er
sich leichten Herzens erlabt hatte, bekam einen bitteren Beigeschmack.
Nicht bloß in seiner Vaterliebe war er verwundet; für Leute seines
Schlages hat der Tod an sich etwas Erschreckendes. Sie fühlen sich
in ihrer Sicherheit erschüttert und finden sich in der Rolle des
Leidtragenden schwer zurecht.
Reimers alterte in den Wochen, die dem Tode seines Ältesten folgten,
zusehends. Schlaf und Appetit flohen ihn; er änderte Gewohnheiten
und Liebhabereien. Seine Stammtischbrüder und Klubgenossen kannten
sich nicht mehr aus mit ihm; so war die Laune des sonst gesprächigen,
jovialen, nie um einen Witz oder eine Anekdote verlegenen Mannes ins
Gegenteil umgeschlagen.
Eine Sorge kam hinzu mehr geschäftlicher Natur; von jeher war Kurt
dazu ausersehen gewesen, einstmals Chef der Firma Reimers und Knorrig
zu werden. Dieser schöne Plan sank mit Kurt ins Grab. Wer sollte ihn
ersetzen?
Der Gedanke, daß der Sohn des Kompagnons das Haus vertreten solle,
welches seine Blüte doch schließlich seiner, Reimers', Initiative
verdankte, war für den alternden Mann im höchsten Grade peinlich, ja
geradezu unerträglich.
Seine Hoffnung blieb jetzt nur noch der zweite Sohn. Zwar Eberhards
Studium war Medicin, und er hatte schon eine ganze Menge Zeit darauf
verwandt; aber der Junge war schließlich nicht so alt, um nicht mit
Erfolg umsatteln zu können. Reimers senior konnte sich nicht denken,
daß ein vernünftiger Mensch den mühevollen, ärztlichen Beruf nicht
leichten Herzens mit dem freieren und vor allem einträglicheren des
Großkaufmanns vertauschen sollte.
Er schrieb in diesem Sinne an Eberhard. Die Antwort, die auf den Brief
einlief, war für Reimers eine arge Enttäuschung.
Eberhard erwiderte, daß er garnicht daran denke, umzusatteln. Ob
denn der Vater meine, daß man seinen Beruf wechsle wie einen Rock!
Zum Kaufmann-Spielen fühle er weder Neigung noch Begabung, während
er seinem medicinischen Studium mit Leib und Seele ergeben sei. Im
übrigen wäre es ganz überflüssig, darüber weiter zu verhandeln, da sein
Entschluß unerschütterlich fest stehe, zu bleiben, was er sei.
Mehr noch als der Inhalt, war es der Ton, in dem dieser Brief
gehalten, der wegwerfende, kalte, nahezu feindliche Ton, der den Vater
befremdete. Reimers senior meinte, daß er das nicht um den Jungen
verdient habe.
In dieser Stimmung fand ihn ein Vorschlag, den ihm sein Kompagnon
machte, und der wie alles, was der alte Knorrig sich ausdachte, nicht
unpraktisch war.
Knorrig senior schlug nämlich vor, man möchte doch, um auch für
die nächste Generation die Verbindung von Reimers und Knorrig
sicherzustellen, aus Jutta und Bruno ein Paar machen. Ziffernmäßig
setzte er dann auseinander, was für Vorteile daraus erwüchsen, wenn das
Geld, welches Jutta mal als Mitgift bekäme, nicht nach auswärts gehe,
sondern im Geschäft bleibe. Auch deutete er an, daß Bruno, der an sich
schon eine schätzenswerte Stütze des Hauses sei, voraussichtlich mit
erhöhtem Eifer arbeiten werde, wenn er durch Juttas Hand Aussicht habe,
einstmals alleiniger Chef des Hauses zu werden. Und wiederum würde
durch Jutta die Verbindung des Geschäfts mit der Familie Reimers für
absehbare Zeit aufrecht erhalten.
Die Richtigkeit der Kalkulation leuchtete Herrn Reimers ein.
Allerdings, den zukünftigen Schwiegersohn hatte er sich etwas
anders gedacht. Bruno Knorrig schien ihm doch etwas hausbacken für
seine Jutta. Aber auf der andern Seite war Solidität eine nicht
zu unterschätzende Tugend an einem Manne, dem man seine Tochter
anvertrauen sollte. Jutta war noch jung. Wenn man sie jetzt vergab,
sparte man sich Mühe und Sorge und ging vielleicht unangenehmen
Überraschungen aus dem Wege. Daß ihr Herz noch frei sei, glaubte
der Vater zu wissen. Im Laufe des vorigen Winters, wo er sie in
Gesellschaft geführt, hatten sich ihr zwar einzelne Herren genähert;
aber etwas Ernsteres hatte sich aus solcher Courmacherei nicht
entsponnen.
Je länger sich Reimers den Plan bedachte, desto mehr gewann er seinen
Beifall.
Nachdem sich die Väter über das Glück ihrer Kinder geeinigt hatten,
beschlossen sie, daß weder Jutta noch Bruno von dem Geplanten zunächst
etwas erfahren sollten. Junge Leute gingen häufig auf das, was ihnen
von den Alten wohlmeinend vorgeschlagen wurde, gerade nicht ein.
Besser, man schaffte ihnen Gelegenheit, sich zu sehen; das übrige würde
sich dann wahrscheinlich von selbst finden.
Die warme Jahreszeit war angebrochen, und Herr Reimers ging, wie
alljährlich, für einige Monate auf Sommerfrische ins Gebirge. Diesmal
hatte man sich Berchtesgaden ausersehen zum Standquartiere, von wo aus
weitere Ausflüge in die Berge hinein geplant waren.
Knorrigs Vater, der sonst meist in München oder seiner nächsten
Umgebung geblieben war, fühlte in diesem Sommer auf einmal das
Bedürfnis nach Bergluft. Auch er mietete sich in Berchtesgaden ein.
Jutta war von dem Plane entzückt. Auf diese Weise würde sie doch
endlich mal erreichen, was sie so lange ersehnt hatte: Aufnahmen im
Freien machen zu dürfen. Im vorigen Sommer war sie ja nicht dazu
gekommen. Und dabei hatte ihr Professor Wälzer wiederholt gesagt, daß
ihre Malweise nicht luftig, nicht sonnig genug sei; ihren Sachen merke
man vielzusehr das Atelierlicht an, in dem sie gemalt seien.
Das war eine Scharte, die ausgewetzt werden mußte!
Was lohnte sich mehr zu Aufnahmen, als das Gebirge mit seinen
charakteristischen Formen, seinen klaren Lüften, seinen warmen
Farbentönen und seiner kräftigen Vegetation! -- Sie wollte tüchtig
arbeiten, alles nachholen, was sie vordem versäumt hatte, und nahm zu
diesem Zwecke einen großen Vorrat von Leinewand, Farbentuben, Pinseln
und sonstigen Malerutensilien mit auf die Reise.
Man wohnte in einem vom Orte etwas abgelegenen, villenartigen Hause.
Hotel oder Pension aufzusuchen, hatte Herr Reimers vermieden, um nicht
mit Fremden zusammenzukommen. Jutta zog jeden Morgen aus, mit Hocker,
Staffelei, Malschirm, Palette und Farbenkasten bewaffnet. Der Vater
begleitete sie. Wenn sie an der Arbeit war, warf er sich nicht weit
davon ins Gras und vergrub sich in Zeitungen, deren er stets ein großes
Packet bei sich hatte. Die Mahlzeiten nahm er gemeinsam ein mit Vater
Knorrig. Die beiden Herren sprachen dann entweder von Politik oder
vom Geschäft; weder dem einen noch dem anderen Thema vermochte Jutta
Geschmack abzugewinnen.
Eines Tages hieß es, Bruno werde in der nächsten Zeit erwartet. Auf
Jutta machte diese Nachricht keinen tieferen Eindruck. Sie hatte den
jungen Menschen seit jenem Kostümfeste, wo er ihr als »rettender
Engel« dienen mußte, zwar öfters wiedergesehen, aber eine ähnliche
Bevorzugung, wie an dem Abende, hatte sie ihm nicht wieder angedeihen
lassen.
Bruno kam. Seine Tracht war diesmal glücklicher gewählt, als das blaue
Trikot, das er bei jenem denkwürdigen Kostümfest getragen. Er trat in
einem flotten Touristenanzuge auf, der ihm nicht schlecht stand. Bruno
hatte sich im Auslande stark verändert; sein unreiner Teint war unter
dem Einflusse der Tropensonne einer gleichmäßigen Broncefarbe gewichen.
Den ehemals struppigen Bart trug er jetzt modisch gestutzt. Der ganze
Mann sah fertiger aus, war mehr ins Gleichgewicht gekommen.
Auch nachdem Bruno da war, ging Jutta, Tag ein Tag aus, ihren
Malstudien nach. Ja, ihr Eifer schien sich zu verdoppeln. Nur bei den
Mahlzeiten sah man sich für kurze Zeit. Alle Versuche der beiden Väter,
die Sitzungen am Eßtisch auszudehnen, einen gemeinsamen Ausflug daran
zu schließen, scheiterten an Juttas Erklärung: sie sei zum Arbeiten
hier und nicht zum Bummeln. Bruno mochte die interessantesten Dinge
von drüben erzählen, glühende Naturbeschreibungen geben, Abenteuer
berichten, die er angeblich erlebt hatte, das Mädchen horchte nur mit
halben Ohren hin. Ihr Lächeln, ihre traumverlorenen Blicke galten etwas
ganz anderem, Besserem: ihrer Kunst.
Sie schrieb in dieser Zeit an Lieschen Blümer, daß sie zum ersten
Male in ihrem Leben wirklich glücklich sei. Sie wisse nun, daß sie
etwas könne, sie fühle, wie sie täglich weiter vorwärts komme. Dieses
Bewußtsein, dieses Erleben des eigenen Wachstums, sei etwas Herrliches.
Sie sehne sich nach nichts anderem.
Als Regenwetter eintrat, das nach Ansicht der Wetterkundigen nicht
sobald aufhören werde, schöpften Reimers senior und Vater Knorrig neue
Hoffnung. Aber das Mädchen schlug ihren Erwartungen wiederum ein
Schnippchen. Sie benutzte die schlechten Tage, wo an ein Draußensitzen
nicht zu denken war, ihre Studien, von denen sie nun schon eine
ganze Anzahl beisammen hatte, im Zimmer von neuem vorzunehmen, zu
korrigieren, wo es nötig war, auszuführen, kurz in Wert zu setzen.
Das Unglück wollte, daß Bruno Knorrig von allem anderen mehr verstand,
als von der Malerei. Es wurde ihm hin und wieder gestattet, sich Juttas
Arbeiten anzusehen. Dann brachte er allerhand aufgeschnappte und nicht
immer richtig verstandene Ausdrücke vor, wie: »ausgezeichnet flotter
Vortrag! Echtes +plein air+! Großartig abgetönt in den Farben!«
und so weiter. Redensarten, welche die Malerin anfangs belustigten, mit
der Zeit aber doch langweilten und verdrossen. Sie ließ ihm, als er es
sich angewöhnte, öfters zu kommen, deutlich merken, daß sie bei der
Arbeit ungestört zu sein wünsche.
Die Aussichten auf Erfüllung des von den Vätern weise eingefädelten
Planes waren also vorläufig ziemlich gering. Nur etwas wurde erreicht
-- und das hatte sich ohne Zuthun der beiden Alten vollzogen -- Bruno
war bis über die Ohren verliebt in Jutta.
Es war das eigentlich nur ein Wiederaufleben alter Gefühle. Jutta
hatte bereits im Backfischalter dem Freunde ihres Bruders das Blut
in Wallung versetzt. Aber damals war es nichts Tieferes gewesen, als
jene verfrühte Beunruhigung, die in einem gewissen Alter jede hübsche
Mädchenerscheinung im Jüngling hervorruft.
Inzwischen hatte Bruno die Welt gesehen, sich mit Schwierigkeiten
herumgeschlagen und mit Gefahren gemessen. Nun kehrte er zurück in die
alten Verhältnisse, mit erweitertem Gesichtskreise und gekräftigtem
Selbstbewußtsein. Dazu war er ein zäher, kräftiger Mensch von
ungebrochener Gesundheit. Das traurige Schicksal von Kurt Reimers
mochte ihn gewarnt haben; er hatte sich drüben vor Ausschweifungen
gehütet. Seiner trockneren, kühleren, phantasielosen Natur hatte die
Versuchung dazu auch nicht so sehr auf dem Wege gelegen.
Und wie es bei Leuten zu gehen pflegt, deren Gefühlsleben unentwickelt,
vernachlässigt oder zurückgedrängt ist, wenn einmal eine Leidenschaft
sie packt, dann füllt sie sie auch bis zum Rande aus.
Bruno Knorrig fand die Jugendgespielin wieder als erwachsene Dame, die
er »Sie« nennen, die er ceremoniell behandeln mußte, so fremd ihn das
auch anmutete.
Er sah sie mit den Augen des jugendstarken Mannes, dessen Sinnlichkeit
noch nicht erschlafft ist. Er sah sie mit dem Blicke Adams, dem unter
allen Wundern des Paradieses als Letztes, Höchstes der strahlende Leib
der jungen Eva entgegentritt.
Wie geblendet war er. Die Liebe kam über ihn, wie ein Fieber, warf
ihn gänzlich aus dem Gleichgewicht, verwandelte seine ganze Natur.
Er, der Nüchterne, Hausbackene, wurde sentimental und schwärmerisch.
Flügel wünschte er seinem Wesen zu geben, versuchte sich zu steigern,
außerordentliche Eigenschaften in sich zu entwickeln. In solchen
Farben wünschte er zu schillern, solche Töne anzuschlagen, die, wie er
meinte, dem herrlichen Geschöpfe gefallen mußten, welches sein Sehnen
so mächtig geweckt hatte.
Mit der Zeit konnte Brunos Seelenverfassung ihr nicht verborgen
bleiben. Vielleicht wirkte es ungünstig, daß sie ihn von Jugend auf
kannte. Dadurch wurde der Erkenntnis, daß er Mann sei, und daß dieser
Mann sich für sie interessiere -- etwas, das ein Mädchen niemals
gleichgiltig lassen wird -- viel von der starken Wirkung genommen.
›Es ist ja nur Bruno Knorrig!‹ war Juttas häufiger Gedanke. Bruno war
es, mit dem sie als kleines Mädchen bereits so manchen Strauß in Scherz
und Ernst ausgefochten hatte. Als Liebhaber aber vermochte sie ihn
nicht ganz ernsthaft zu nehmen. Aus seiner Männlichkeit leuchtete für
sie immer noch die altbekannte Unbeholfenheit des Knaben hervor.
Herr Reimers sah, daß Bruno, so sehr er sich auch anstrengte, bis jetzt
bei Jutta keine Gegenliebe erwecke. Eigentlich machte ihm die Sache
Spaß. Obgleich er dem jungen Knorrig schließlichen Erfolg wünschte,
stand er im Herzen doch auf Seiten der Tochter. Jutta imponierte ihm,
wie sie überlegen und kühl den Bewerber kalt zu stellen, wie sie sich
seiner Annäherungsversuche geschickt zu erwehren verstand. Und dabei
war sie eigentlich niemals schroff oder auch nur unhöflich gegen ihn.
Wo hatte das junge Ding diese Sicherheit, diese Lebensart her? --
Eines Tages überraschte Jutta den Vater mit einem Wunsche. Sie wollte
von Berchtesgaden fort; denn sie habe nun genug Motive aus dieser
Gegend in ihrer Studienmappe angesammelt. Sie bat, sich nach einem
Dorfe am Chiemsee begeben zu dürfen, wo sich Professor Wälzer mit
seiner Malklasse für die Sommermonate niedergelassen hatte. Ihm wollte
sie vorlegen, was sie in letzter Zeit geschaffen hatte. Sein Urteil sei
für sie von höchster Wichtigkeit.
Juttas Wunsch fiel zusammen mit einem ähnlichen bei ihrem Vater. Auch
Reimers fühlte das Bedürfnis nach Luftwechsel. Der Anblick der Berge,
die er nicht bestieg, langweilte ihn. Mit seinem Kompagnon Knorrig
tagein tagaus zusammenzusitzen, von der Kaffee-Ernte zu sprechen
und darüber, wann die nächste Revolution in Südamerika ausbrechen
werde, seine Vermutungen zu äußern, nachmittags wiederzukäuen, was
man im Handelsteile der Blätter frühmorgens gelesen hatte, wirkte auf
die Dauer auch nicht gerade anregend. Vielleicht gab es am Chiemsee
bessere Unterhaltung; die Aussicht, dort mit den jungen Damen von
Juttas Professor zusammenzukommen, hatte für Herrn Reimers auch ihr
Verlockendes.
Man reiste also. Vater Knorrig blieb in Berchtesgaden zurück, während
Bruno einer Aufforderung von Herrn Reimers, ihn und seine Tochter auf
der Fahrt zu begleiten, nur zu gern Folge leistete.
* * * * *
Am Orte angekommen, einem malerisch am Seegestade gelehnten Dorfe,
wurde der Aufenthalt des Professors schnell ausfindig gemacht. Und
während Herr Reimers und Bruno gingen, um Quartier zu suchen, begab
sich Jutta in Begleitung eines Führers, der ihr die umfangreiche Mappe
trug, nach dem großen, oben am Berghange gelegenen Bauernhofe, der den
Professor mit seinen malbeflissenen Damen beherbergen sollte.
Jutta war voll Ungeduld, das Urteil ihres Lehrers zu hören. Wie die
meisten talentvollen Anfänger, empfand auch sie ein starkes Bedürfnis
nach Anerkennung. Sie glaubte etwas zu können, aber dieses Bewußtsein
genügte ihr nicht; die Welt sollte auch darum wissen, sie wollte
berühmt werden. Der Ruhm, den sie sich innerhalb der Malklasse schnell
erworben hatte, machte sie, statt sie zu sättigen, lüstern auf mehr.
Nun war als bitterer Tropfen in ihren Wein der Tadel des Lehrers
gefallen. Wochenlang hatte sie nichts anderes erstrebt, von nichts
Höherem geträumt, als dem Manne den Beweis zu liefern, daß er ihr
unrecht gethan. In Staunen wollte sie ihn setzen, er sollte überrumpelt
werden, überwältigt sein durch ihre Leistungen, eingestehen, daß er
sich geirrt habe.
Mit diesem Plane im Kopfe schritt sie siegesgewiß einher. Der Führer
ging ihr viel zu langsam, mit seinem bedächtigen Gebirgsbauern-Schritt.
Sie spornte ihn zu größerer Eile an, lief ihm, als das keine Wirkung
hatte, auf dem steilen Wege voraus.
Zunächst einmal freute sie sich auf die Überraschung der Damen, wenn
sie, Jutta, die bewunderte Jutta Reimers, so ganz unerwartet auftreten
würde. Sie war nämlich von Professor Wälzer ebenfalls aufgefordert
worden, an dem Sommerkursus teilzunehmen, hatte aber abgelehnt.
Ihrem Vater hätte das in seine Reisepläne nicht gepaßt, und außerdem
hoffte sie auch allein ganz andere Fortschritte zu machen und eine
viel größere Ausbeute von Studien mitzubringen, als in Gesellschaft
von soundsovielen minder Begabten, welche die wirklichen Talente nur
hemmten.
Sie kam gerade zur Mittagspause auf dem Bauernhofe an. Die Damen,
ohne Hüte, hielten Siesta in ihren Hängematten; einige andere waren
dabei, sich in einer Gartenlaube Kaffee zu bereiten. Die Kinder des
Professors, der mit Familie hier war, spielten, mit Dorfkindern
untermengt, vor dem Stallgebäude.
Jutta schritt sofort auf das Haus zu, da sie es vermeiden wollte, von
den Kolleginnen angesprochen zu werden. Erst wenn sie ihren Triumph dem
Professor gegenüber voll ausgekostet haben würde, sollte auch diesen
vergönnt sein, Einblick in ihre Mappe zu erhalten.
Der Professor hielt sein Mittagsschläfchen »droben in der
Logierstuben«, wie die Bäuerin dem Fräulein berichtete, und die Frau
Professorin sei bei ihm.
Jutta ließ sich anmelden. Es dauerte eine Weile, bis oben Leben
wurde und der Professor, in Hausschuhen ohne Kragen und Krawatte,
schlaftrunken auf dem obersten Tritt der hölzernen Stiege seine
Erscheinung machte.
Wälzer war als Künstler nicht übertrieben reich an Ideen, hingegen war
er ein vorzüglicher Lehrer. Er erdrückte das Talent des Schülers nicht
durch die Wucht seiner Eigenart, wie es bei genialen Lehrern vorkommt.
Von der Frauenmalerei hielt Wälzer im Grunde nicht viel. »Weibliches
Genie« gab es für ihn nicht; er würde erst dran glauben, pflegte er
zu sagen, wenn ihm eines begegnete. Den Malkursus für Damen hielt er
ab, weil er ihm ein schönes Stück Geld einbrachte. Er hatte Renommee
als Damenlehrer, und zwar aus einem höchst eigentümlichen Grunde: er
war unmanierlich. Ärzte und Lehrer, die bei den Frauen etwas erreichen
wollen, müssen grob sein. Der Zudrang zu seiner Malklasse mehrte sich
von Jahr zu Jahr. Eigentlich langweilte ihn die Arbeit auf einem seiner
innersten Überzeugung nach hoffnungslosen Gebiete.
Professor Wälzer starrte Jutta eine Zeit lang mit öden Blicken
verständnislos an. Dann erst erkannte er sie.
»Jessas!« rief er, »De Fräulein Reimers! Das is gescheit! Haben Se
sich's doch anders überlegt, wollen's bei mir malen?«
Jutta mußte ihm erklären, daß sie nicht gekommen sei, um sich dem
Kursus anzuschließen, sondern um sein Urteil über ihre Arbeiten
einzuholen.
»Haben's gemalt? Auf eigene Faust! Wird was Rechts geworden sein! Na,
lassen's mal sehn!«
Er fuhr sich mit den Fäusten ein paar Mal durch das Haupthaar und über
den roten Bart, was diesen auch kein wohlgepflegteres Ansehen verlieh.
Dann öffnete er die Thür zur Logierstube. Eine korpulente Dame in loser
Flanellbluse, seine Frau, entschwand schleunigst in die anliegende
Kammer.
Jutta begann auszupacken.
»Blitz hinein!« rief Professor Wälzer, »das wird ja die reine
Ausstellung! Wieviel Meter Leinewand haben's denn da eigentlich
vollgeschmiert? Sakra! Das is a Bescheerung!«
Das junge Mädchen schwieg, rot vor Stolz auf ihre Leistung und vor
Spannung auf die Anerkennung, die sie finden würde.
Der Professor nahm Blatt um Blatt vor, musterte jedes Stück mit jenem
scharfen, kühlen Blicke, den Jutta an ihm kannte. Er war für gewöhnlich
burschikos und manierlos, aber als Lehrer ernst und streng sachlich.
Jutta wußte das, darum war ihr sein Urteil so wichtig.
»Hm!« machte Wälzer, sich stark räuspernd, als er den Inhalt der ganzen
Mappe gesehen hatte. »Ich will vorausschicken, daß Sie sehr fleißig
gewesen sind, Fräulein Reimers.«
Daß er für seine Verhältnisse so höflich war und hochdeutsch sprach,
war für Jutta, die seine Angewohnheiten kannte, bedenklich.
»Aber wenn Sie sich einbilden, etwas erreicht zu haben bei der Pinselei
da, dann täuschen Sie sich!« fuhr er fort. »Schade um die Arbeit!
Schade um die viele Farbe! Wahrscheinlich sind Sie sehr stolz darauf,
denken wunderweiß, was Sie geleistet haben! Sieht ja auch soweit ganz
sauber aus; neunundneunzig von hundert Leuten werden finden, daß es
etwas Echtes ist. Und ich sage Ihnen: es ist nichts! Originell haben
Sie sein wollen! -- Daß auf euch Weibsleut' nimmer kein Verlaß ist!
Wenn mal eine a bisserl Talent hat, dann bild se sich gleich ein, sie
braucht nix mehr zu lernen. Ehrfurcht sollt's haben vor der Natur,
Ehrfurcht! Ernst will's genommen sein! Aber ihr Damen studiert's immer,
wie man die Natur wohl am End' a Bisserl ausbessern möcht'. Flicken,
ausputzen, zurechtstutzen, netwahr? Als ob man so a Stückerl Landschaft
hernehmen könnt', es reinigen und zurechtschneiden wie a Kleid! A
Berg is a Berg und nicht a Koulisse! A Baumgruppe is a Baumgruppe
und nicht a Bukett von getrocknete Blumen. Und Felsen sind nicht von
Watte oder Pappe. Denken Sie, mein Kind, daß man dem lieben Gott seine
große Schöpfung nachmachen kann in ein paar Sommerwochen, und dann die
ganze Geschichte nach Haus tragen in einer Studienmappe? -- Was eine
Schülerin im Atelier leistet, wie oft habe ich Ihnen das gesagt, ist
mir gar kein Beweis für ihr Können. Im Freien zeigt sich der Meister.
+Hic Rhodus, hic salta!+ Da gilt es, sehen lernen, eindringen,
schnell erfassen, disponieren, Wichtiges vom Unwichtigen unterscheiden,
sich zur Enthaltsamkeit, Geduld, Bescheidenheit erziehen. Vor allem
gilt es da, wahrhaftig sein. Ehrfurcht vor der Natur, ohnedem keine
Kunst! Aber von dieser Bescheidenheit und Pietät kann ich in Ihren
Sachen da nichts entdecken. Äußerlich ganz nett und flott sind die
Bildchen. Aber gerade das sollte Sie bedenklich machen, mein Fräulein!
Andere mögen dergleichen milde beurteilen; ich kann es nicht! Für mich
gehört es in die Kategorie des Dilettantismus!«
Jutta hatte ihm zugehört, schweigend, mit großen Augen. Sie war wie
erstarrt. Ganz deutlich hörte sie jedes Wort, aber sie fühlte sich
nicht überzeugt.
Für sie galt es jetzt vor allem, sich keinen Ärger anmerken zu lassen.
Ihr Lehrer sollte nicht sehen, wie enttäuscht sie sei, wie hart sein
wegwerfendes Urteil sie getroffen habe. Eine furchtbare Blamage wäre
das gewesen, und ihr Stolz haßte die Blamagen.
Voller Hast machte sie sich daran, ihre Sachen wieder einzupacken;
alles durcheinander, wie es ihr gerade in die Hände kam. Der rotbärtige
Professor ging inzwischen mit großen Schritten auf und ab und donnerte
gegen den Dilettantismus im allgemeinen und gegen den weiblichen im
besonderen.
Jutta war sehr blaß geworden, sie zitterte. Doch nahm sie sich
zusammen, brachte es sogar fertig, zu lächeln, als sie jetzt auf ihren
Lehrer zuschritt, ihm die Hand zu reichen und für seine Mühe zu danken.
Im stillen wunderte sie sich selbst, wo sie die Kraft dazu hernahm.
Er mochte ihr die innere Erregung ansehen. Gutmütig, wie er im Grunde
war, meinte er, es werde schon besser werden, wenn sie seine Regeln
befolge. Sie solle den Mut nur nicht sinken lassen.
Trost! -- Das hatte ihr gerade gefehlt! Als er sie aufforderte, mit ihm
zu den Damen zu kommen, lehnte sie das hastig ab. Der Führer, welcher
gewartet hatte, mußte die Mappe wieder auf den Rücken nehmen; so
schritt sie aus dem Gehöfte, stolz erhobenen Hauptes, als habe sie den
größten Triumph hinter sich.
Ihr Vater und Bruno kamen ihr auf halbem Wege entgegen. Sie hatten
Quartier gefunden.
Aber Jutta bat den Vater, nicht hier zu bleiben. Sie schlug
anstattdessen eine Fahrt ins Salzkammergut vor. Herr Reimers zeigte
sich anfangs diesem Wunsche abgeneigt, den er für unbegreifliche
Laune hielt. Aber Bruno, der mit dem Instinkte der Liebe die für ihn
verbesserte Situation schnell erfaßt hatte, half dem Mädchen bitten.
Der Plan wurde also geändert. Man fuhr zunächst nach München, um
sich mit neuen Kleidern für Bergtouren zu versehen. Jutta holte
ihr Rad hervor, und auch Bruno besorgte sich eines. Mappe aber und
Malutensilien wurden weggepackt, wie etwas, das sie nie wieder in ihrem
Leben ansehen würde.
XII.
Die Reise, die sie nun zu dreien unternahmen, war vom Glück begünstigt.
Klares, sonnendurchwärmtes Herbstwetter, das günstigste für See und
Gebirge. Die Gegend war zwar von Touristen überfüllt, aber einem Manne,
wie Reimers, öffnete sich schließlich jedes Hotel. So bequem, wie
möglich, richteten sie sich die Fahrt ein. Einen festen Reiseplan hatte
man nicht; wo es einem gefiel, da blieb man. Jutta und Bruno benutzten,
wenn es die Straße irgend gestattete, das Rad. Herr Reimers kam per
Dampfschiff oder im offenen Wagen nach. In den Hotels wurden sie stets
als eine Familie angesehen. Jutta bekam oft den Titel »gnädige Frau«,
was sie stets belustigte, während es Bruno in Verlegenheit setzte.
Reimers meinte: jetzt, wo die jungen Leute den ganzen Tag beisammen
seien, würde sich das Erwartete schnell vollziehen. Aber es vergingen
Tage, es vergingen Wochen, ohne daß ihm Gelegenheit gegeben worden
wäre, das zwischen ihm und Vater Knorrig verabredete Telegramm
abzuschicken.
Bruno folgte dem Mädchen wie ein Hündchen. Jeden Wunsch, ehe sie
ihn kaum gedacht, suchte er zu erfüllen. Er diente ihr in demütiger
Verliebtheit, halb ihr Ritter, halb ihr Lakai. Sie ließ sich seinen
Minnedienst gefallen, behandelte ihn nicht schlecht; aber doch wußte
sie eine unsichtbare Mauer zwischen sich und ihm aufzurichten, die
jede Vertraulichkeit ausschloß. Seine flehenden Blicke übersah sie
absichtlich, jedes Gespräch, das eine Wendung zu nehmen drohte zum
Bekenntnis, schnitt sie kurz ab.
Der arme Bruno litt Tantalusqualen, den Gegenstand seiner Sehnsucht
täglich, stündlich vor Augen! Die gemeinsamen Fahrten durch Gebirge und
Wald, durch menschenleere Einöden brachten sie einander nahe, wie gute
Kameraden. Sie war auf ihn angewiesen, auf seinen Schutz, auf seine
Hilfe in tausend Kleinigkeiten. Der größte Thor kam er sich oftmals
selbst vor, daß er sich nicht einfach aneignete, wonach sich seine
Sinne sehnten. Aber die Furcht, alles zu zerstören, hielt ihn immer
wieder in Schranken.
Bei aller Zurückhaltung ihm gegenüber, welch eine Lebenskraft in
ihr, welches Bedürfnis zu schauen, zu genießen, zu leben! In einem
war sie scheue, spröde Mädchenhaftigkeit und vollsaftige weibliche
Sinnlichkeit. Jede ihrer Bewegungen war lebendig, stark, energisch,
und doch schien noch etwas Ungesagtes, Unentdecktes jungfräulich
dahinter zu schlummern. Jedes ihrer Worte sprühte Leben. Die kleinste,
einfachste Handlung schien ihm bedeutungsvoll, weil sie von ihr
ausging, weil auf der ganzen Welt nur Jutta Reimers so handeln konnte.
Hinter jeder Äußerung stand sie mit ganzer Persönlichkeit, lebte sie
sich aus mit voller Kraft und vollem Bewußtsein.
Fast erschreckte ihn solche Fülle genialer Begabung in einem weiblichen
Wesen. Er ahnte dunkel, daß er dem nicht gewachsen sein würde. Aber
gerade weil er sich seiner Unzulänglichkeit bewußt war, zog ihn die
Eigenart dieses begnadeten Geschöpfes unentrinnbar an.
Übrigens war die Sicherheit, welche Jutta zur Schau trug, nur eine
scheinbare. Mit der Ruhe ihres Gemütes war's nicht weit her. Professor
Wälzers vernichtendes Urteil hatte mehr getroffen, als nur ihren
künstlerischen Stolz. Ein Traum war vernichtet, an dem ihr Herz
schwärmerisch gehangen, die Hoffnung zerstört, eine große Künstlerin zu
werden.
Es war die herbste Enttäuschung, die ihr jemals widerfahren. Das
Schweigen, welches sie über dieses Erlebnis wahrte, machte das zehrende
Gefühl verletzten Ehrgeizes nicht besser.
Das Mädchen hätte in dieser Zeit eines Menschen bedurft, der mit
starker Hand sie geleitet, der es verstanden hätte, sie über
die erlittene Niederlage hinwegzubringen, sie zu sich selbst
zurückzuführen. Eine überlegene Natur, die von der Überlegenheit
schonend Gebrauch gemacht hätte, eine tiefe, feinfühlende
Freundesseele; aber nicht einen Anbeter wie Bruno, der zu ihren Füßen
lag.
Sie war zu jung, als daß ihr die unbedingte Abhängigkeit eines Menschen
vom geringsten Zucken ihrer Augenwimper nicht Eindruck gemacht
haben sollte. Solch schrankenlose Bewunderung schmeichelte ihrem
Selbstgefühl; war wie eine Art Balsam auf die Wunde, die ihr zugefügt
worden.
Wenn Jutta darüber nachdachte, ob sie ihn nehmen solle, dann bestürmten
sie die verschiedenartigsten Gefühle, Hoffnungen und Befürchtungen. Sie
liebte ihn ja nicht, aber sie haßte ihn doch auch nicht!
Von den Männern, die sich ihr bisher genähert, hatte jeder andere
Empfindungen in ihr ausgelöst. Der eine war ihr verächtlich gewesen,
der andere lächerlich, ein dritter gleichgiltig; der hatte sie
belustigt, jener sie gelangweilt. Dunkle Empfindungen, die sie
verabscheuen mußte, hatte ein einziger vorübergehend in ihr geweckt:
Luitpold. Aber an diese Episode dachte sie nicht gern.
Der Mann, der von Rechts wegen für sie bestimmt war, wäre entweder
nicht geboren, oder sie hätten einander nicht gefunden; so schien es
fast. Was half es darüber grübeln!
Bruno war wohl immer noch der Beste von allen, die sie kannte!
Wenigstens wußte man, daß er treu sei und daß er es ehrlich meine.
Er würde sie schützen. Jutta fühlte sich neuerdings des Schutzes
bedürftig. Nicht anlehnen wollte sie sich an einen Stärkeren,
nicht sich emporranken an ihm, nichts von sich selbst, von ihren
Anschauungen, von ihrer Welt wollte sie aufgeben um seinetwillen. Aber
nach jenem äußeren Schutze, jener bevorzugten Stellung sehnte sie sich,
wie sie die Würde der verheirateten Frau giebt.
Der vorige Winter hatte sie manches Erstaunliche gelehrt. Zumutungen
waren an sie heran getreten, Dinge hatte man ihr ins Ohr geflüstert,
von deren Bedeutung sie früher nichts geahnt hatte. Ihr Vater würde
sie davor nicht schützen; ihr Vater, dem, wie sie nun auch wußte, das
eigene Vergnügen über alles ging. Noch ein solcher Winter, und sie
mußte schlecht werden; ja, es war ihr manchmal, als sei sie es schon
jetzt.
Vor der Rückkehr in die alten Verhältnisse graute ihr. Vor allem graute
ihr vor Luitpold Habelmayer, vor seinen Blicken, seinen zweideutigen
Worten, seiner Zudringlichkeit.
Und ihre Kunst hatte sie jetzt auch nicht mehr, in die sie sich vor all
diesen trüben und widerlichen Dingen hätte flüchten können!
Nein, nein, es mußte sich etwas ändern in ihrem Leben. Eine
Entscheidung mußte fallen, so oder so.
Jutta sehnte sich nach der Stellung der verheirateten Frau, nicht nach
der Liebe. Vielleicht, so meinte sie, würde sie ihre Mädchenfreiheit
nicht einbüßen, trotz der Ehe. An die Pflichten, Aufgaben und Lasten
einer Frau und Mutter dachte sie am liebsten garnicht.
Was war denn weiter dabei, wenn sie einen Mann nahm, den sie nicht
liebte? -- Tausende von Mädchen thaten das. Und ihm fügte sie erst
recht kein Unrecht zu, da er sie ja durchaus zur Frau haben wollte! War
es ihre Schuld, wenn er nicht finden würde, was er suchte? Außerdem,
wirklich unglücklich würde der gute Bruno schwerlich werden; er hatte
wohl keine Anlage dazu.
Ein ganzer wichtiger Teil ihres Wesens schlummerte eben noch,
war noch ungeweckt. Sie war geliebt worden, aber sie kannte die
Liebe nicht, wußte nicht, wie sie den ganzen Menschen erfaßt und
verwandelt. Darum vermochte sie auch an Anderen nicht die Liebe in
ihrer seelenerschütternden Kraft, ihrem lebensentscheidenden Ernst zu
erkennen und zu würdigen.
Jutta hielt sich selbst manchmal für verderbt, ohne es zu sein. Sie war
nicht einmal leichtsinnig. Nur jung war sie, und ihrem Herzen fehlte
die Erfahrung.
* * * * *
Eines Nachmittags machten Jutta und Bruno, von einem Ausfluge zu Rad
heimkehrend, auf einer schattigen Wiese am Wege Rast. Im Lichte der
scheidenden Sonne lag ein Stück wundervoller Alpenlandschaft zu ihren
Füßen. Von der Tiefe klang das Brausen des Gießbachs herauf, dessen
Sturz dem Auge verborgen blieb; weiter draußen im Thal zeigte er sich
dann als ein ruhiges, silbernes Band, das einem fernen Wasserspiegel
zustrebte. Menschliche Anwesen daran, Mühlen, Dörfer mit Kirchen.
Alles nahm sich von hier oben aus wie Spielzeug. Das Ganze umrahmt
vom Kranze zackiger Berge, deren Gipfel, starr und tot, Leben nur
erhielten durch das Licht, welches sie länger und ungetrübter schauten
von ihrem einsamen Auslug über den belebten Gefilden. Eine Wolke,
lang ausgezogen, federweiß, lag, ein Riesenschiff, ruhig an einer
dieser Zacken vor Anker. Vom Grunde aufwärts strebten Wälder von
dunkler Farbe, bis ihnen die senkrechten Felsmauern der Berge ein Halt
zuriefen. Nur hie und da wurde einer schräg sich abdachenden Matte
gestattet, das düstere Grau dieser Riesen mit saftigem Grün zu beleben.
In den Gründen aber und Schlünden, den Spalten und Senken, den Thälern
und Buchten lagen bereits die duftigen Schatten des Abends. Die Sonne
wob den toten Häuptern da oben eine Strahlenkrone von Violett, Purpur
und Schwefelgelb.
Jutta saß, die Hände über die Kniee gekreuzt, und starrte sprachlos
das Wunder an, das sich vor ihren Augen vollzog. »Ehrfurcht vor der
Natur!« das Wort ihres Lehrers kam ihr unwillkürlich in den Sinn. Ja,
er hatte recht: man konnte nicht alles malen, was man sah. Vor gewissen
Erscheinungen blieb: verstummen, die einzige Rettung.
Unwillkürlich seufzte sie. Ein Seufzer, der ebensogut ein Wonnelaut,
wie ein Aufschluchzen, wie ein Ruf sprachlosen Bewunderns sein konnte.
Aber Bruno, der neben ihr ausgestreckt lag, dem ihr von der Abendsonne
gebadetes Gesicht, ihre in Radlertracht knabenhaft wirkende Gestalt,
der ganze, liebe, begehrenswerte Mensch da vor ihm, viel tausendmal
schöner erschien, als die Herrlichkeit der übrigen Welt, Bruno, der
den tief sehnsuchtsvollen Ausdruck sah ihres Auges, gab diesem Seufzer
eine andere Deutung. Sie schien ihm weicher, milder als sonst,
empfänglicher. Vielleicht war jetzt der Augenblick gekommen, den er so
lange ersehnte, wo er hoffen durfte, Gehör zu finden.
Er schob sich ein wenig näher an sie heran. »Jutta!« flüsterte er,
ängstlich halb, halb fordernd zu ihr emporblickend.
Ob mit Absicht oder nicht, sie hörte nicht darauf.
»Jutta, liebe Jutta!«
Jetzt blickte sie auf ihn, sah erstaunt in ein gewandeltes, tief
erregtes, ihr gänzlich neues Gesicht.
Das Mädchen erschrak doch ein wenig, als nun endlich das eintrat,
was sie längst erwarten mußte. Zu unvermittelt kam es für sie in
diesem Augenblicke. Mit ihren Gedanken war sie soweit weg gewesen.
Unwillkürlich rückte sie von ihm ab.
»Ich muß sprechen, sonst zersprengt es mich!« brachte er mit gepreßter
unnatürlicher Stimme vor.
Die Ängstlichkeit, die sich in ihren Blicken verriet, gab ihm Mut. Er
griff nach ihrer Hand, vor ihr knieend und sie mit Stimme, Mienen,
Blicken beschwörend, stieß er unzusammenhängend hervor, was sich von
wild brodelnden Gefühlen in ihm angesammelt hatte, in Wochen.
Sie hörte nicht die einzelnen Worte, aber um so deutlicher verstand sie
ihren Sinn. Ihr wurde bange. Zum ersten Male wurde ihr klar, daß sie es
in ihm mit einem Manne zu thun habe. Dieser, von der Leidenschaft wie
von starkem Fieber gepackte, hin und her geschüttelte Mensch, flößte
ihr Grauen ein. Das war nicht mehr Bruno, ihr unterwürfiger Diener, das
war einer, der sich zum Herrn aufwarf, der kühn forderte, der es wagte,
sie besitzen zu wollen.
Aber das Merkwürdige war, daß er ihr im Grunde so besser gefiel.
Zum ersten Male, seit sie ihn kannte, imponierte ihr Bruno. Seine
Unterwürfigkeit hatte ihr Herz nicht erobert, nun auf einmal, da er
das Gewand der Bescheidenheit abwarf, erschien er ihr bedeutender,
interessanter, beachtenswerter.
Bruno, dem die in solchen Augenblicken zehnfach geschärften Sinne
verrieten, daß er an Boden gewinne, zog das Mädchen an sich, suchte ihr
den ersten Kuß zu rauben.
Aber die Berührung seiner Lippen weckte jählings ihre jungfräuliche
Spröde. Mit Anstrengung aller Kräfte stieß sie den Mann von sich, erhob
sich und stand ihm mit gänzlich veränderter, strenger, ja feindlicher
Miene gegenüber.
Er stammelte eine Bitte um Verzeihung. Nun war er wieder ihr demütiger
Sklave, der von einem Winke ihres Auges abhing. Mitten in ihrer
Erregung mußte sie über seine verwirrte Miene, seine Haltung, die der
eines ertappten Schülers glich, lächeln.
So jäh wechselten im Laufe weniger Minuten bei diesem Mädchen, das ihr
Herz und seine tiefsten Bedürfnisse noch nicht entdeckt hatte, die
Stimmungen.
Jutta strich sich das Haar glatt, brachte ihr Kleid in Ordnung
und sagte ihrem Begleiter in befehlendem Tone, er möge die Räder
heranholen, die man an die nächsten Bäume gelehnt hatte.
Man machte sich auf den Heimweg, erst des abschüssigen Pfades halber
ein Stück führend, dann auf bessere Bahn gelangt, die Maschinen
benutzend. Der Weg wurde schweigend zurückgelegt. Er hielt sich ein
Stück hinter ihr.
Brunos Herz war voll Jubel und voll Bangigkeit zugleich. Einen Erfolg
hatte er errungen; aber, ob er sich den Sieg zuschreiben dürfe, wußte
er nicht.
* * * * *
Tags darauf verlobte sich Jutta mit Bruno. Reimers schickte sein
Telegramm ab an Vater Knorrig und ließ zu Mittag Champagner anfahren,
den teuersten, der auf der Weinkarte zu finden war. Nach Tisch
verlangte er zu sehen, wie die beiden sich küßten; heimlich -- so nahm
er an -- würden sie es schon oftmals geübt haben.
Der Vater wunderte sich, wie spröde Jutta sich dabei anstellte. Das
Mädchen war überhaupt sehr verändert, stiller, nachdenklicher, ernst,
in sich gekehrt. Vor Bruno, den sie bisher nicht gerade zum besten
behandelt hatte, schien sie jetzt mit einemmale eine Art Scheu zu
empfinden. Sie weigerte sich, mit ihm allein Ausflüge zu unternehmen,
aus irgend einer dummen Ängstlichkeit. Reimers fand wiedermal
bestätigt, daß man sich bei noch soviel Erfahrung mit den Frauen doch
niemals auskenne.
Jutta hatte urplötzlich viel mit Briefschreiben zu thun. Einen Brief,
der kein Ende nehmen zu wollen schien, sandte sie an Lieschen Blümer,
einen anderen an Eberhard. Auch Vally Habelmayer erhielt einen.
Die Antworten liefen schnell ein. Niemand äußerte großes Staunen. Die
meisten thaten sogar, als hätten sie diese Verlobung längst erwartet.
Eberhard schrieb in einer Art Ekstase; er behauptete, daß sein liebster
Wunsch in Erfüllung gegangen sei, da sich die Schwester und der Freund
fürs Leben gefunden hätten.
Die Reise hatte nunmehr ihren Abschluß gefunden. Reimers drängte, nach
München zurückzukehren, weil er mit Vater Knorrig den geschäftlichen
Teil der Angelegenheit feststellen wollte.
Es wurde beschlossen, daß die Hochzeit im nächsten Frühjahr stattfinden
solle. Bruno mußte während des Winters noch einmal nach Süd-Amerika
zurück, um dort ein wichtiges Projekt, das man einem anderen nicht gut
überlassen konnte, zu Ende zu führen. Im Frühjahr würde er dann für
immer nach Haus zurückkehren, um in die Firma einzutreten an Reimers'
Stelle, der sich dann zu Gunsten seines Schwiegersohnes von der Führung
der Geschäfte zurückziehen wollte.
Es folgte nun die Zeit für Jutta und Bruno, wo sie bei Freunden und
Verwandten Besuche machen, Gratulationen annehmen und Einladungen Folge
leisten mußten. Keine behagliche und glückliche Zeit!
Nun erst zeigte sich, daß man in diese Verlobung mit ganz verschiedenen
Voraussetzungen von beiden Seiten hineingegangen war. Bruno war stolz
und glücklich und wünschte, daß auch die Welt sein Glück sehen und
anerkennen sollte. Er wollte stetig um Jutta sein, soviel von ihr
haben, als er nur konnte. Jutta aber war die Schaustellung ihres
angeblichen Glückes vor der Verwandtschaft im höchsten Grade widerlich.
Die Gratulationen der Basen und Tanten, diese verständnisvollen Blicke
und Redensarten, mit denen man ihr sagen wollte: ›Nun ja, wir wissen
ja, ihr seid verlobt. Verlobt sein ist kein normaler Zustand!‹ --
konnten sie außer sich bringen. Und gar, wenn man sie mit bedeutsamem
Lächeln allein ließ mit Bruno zum +tête-à-tête+. Oder wenn ein
alter Onkel ihr in die Wange kniff und mit launischem Gelächter ihr
zurief: »Nutzt nur eure Zeit aus, Kinder! Das kommt so nie wieder im
ganzen Leben!« Und zu alledem auch noch ein freundliches Gesicht machen
müssen, wo sie hätte weinen, schreien, mit den Füßen aufstampfen mögen.
An solche Möglichkeiten hatte sie nicht gedacht, als sie Bruno das Wort
der Einwilligung gab. Daß sie sich so binden, solchen Demütigungen
entgegengehen würde, hatte sie nimmer vermutet.
Auch wenn sie allein miteinander gelassen wurden, war das Verhältnis
kein erquickliches. Er versuchte auf sein gutes Recht zu pochen, das
ihm Zärtlichkeit gestattete, und sie ließ nicht ab von ihrem Rechte,
sich solcher Zärtlichkeiten zu erwehren. So zogen sie, wie zwei
junge Pferde, die an einen Strang gespannt sind, nach verschiedenen
Richtungen.
Bruno, von Natur bescheiden und nachgiebig, hätte der angebeteten Braut
gern alles zu Liebe gethan, und sogar manches zu Liebe unterlassen.
Aber hinter ihm stand sein Vater. Knorrig senior war der Ansicht, daß
der Eigensinn des Mädchens bei Zeiten gebrochen werden müsse, in der
Ehe sei das zu spät. Er hatte diese Kur einstmals mit Erfolg an seiner
verstorbenen Frau ausgeführt und gab seinem Sohne sachgemäßen Rat,
wie er jetzt bei Jutta ein Gleiches üben müsse. Zwar brachte er Bruno
nicht dazu, mit der geforderten »rücksichtslosen Energie« aufzutreten;
immerhin bewirkten die väterlichen Ermahnungen doch soviel, daß der
junge Mann hie und da Versuche machte, seine Braut zu erziehen. Dieses
und jenes mißfiel ihm an ihrer Toilette, ihren Worten, ihrem Benehmen.
Das war »extravagant«, jenes schickte sich nicht für eine Braut, war
»nicht mädchenhaft«. Gegen solche, in doktrinärem Tone vorgebrachten
guten Lehren bäumte sich Juttas ganzes Selbstbewußtsein auf. Sich einen
Mentor aufzuladen, war das letzte, was sie vorausgesetzt hatte, als sie
ihm ihr Jawort gab.
Natürlich fanden gute Freunde schnell heraus, daß das Brautpaar in
sich nicht völlig einig sei. Man wunderte oder freute sich darüber,
bedauerte es wohl auch anscheinend. Die meisten schrieben der Braut die
Schuld zu. Jutta hatte von neuem bewiesen -- so war das Urteil der
Familie -- daß sie unberechenbar, unzuverlässig, flatterhaft sei. Man
bemitleidete Bruno Knorrig, der als solider, wohlerzogener junger Mann
sich allgemeiner Sympathieen erfreute.
Auf das, was die werte Verwandtschaft dachte und sagte, gab Jutta nicht
viel; mit einer Ausnahme: Vetter Luitpold.
Luitpold Habelmayer war einer der ersten gewesen, der Jutta brieflich
mit herzlichen Worten zu ihrer Wahl beglückwünscht hatte. Er hielt
auch jetzt noch nach außen hin daran fest, daß ihre Verlobung ein
erfreuliches Ereignis sei für alle Beteiligten. Mit Bruno hatte er sich
schnell angefreundet, ihm sogar Brüderschaft angeboten.
Aber Jutta wußte, daß das Schauspielerei sei. Durch gelegentliche
vielsagende Blicke, verstohlene Seufzer, nur dem Eingeweihten
verständliche Andeutungen und Winke, gab Luitpold der Cousine seine
wahre Gesinnung zu verstehen. Für ihn war Juttas Verlobung mit Bruno
noch lange kein Grund, alle Hoffnung fahren zu lassen.
Jutta verstand sehr gut, was er wollte, verstand auch das ironische
Lächeln mit dem Luitpold manchmal Bruno betrachtete. Furchtbar zu
denken, daß er ihren Seelenzustand durchschaue! Dann wäre das Opfer
ihrer Freiheit, das sie schweren Herzens gebracht, erst recht umsonst
gewesen! Dann hatte sie nichts gewonnen, dann stand alles wie vorher!
Schien es ihr nur so; aber in Luitpolds Gegenwart kam ihr Bruno
auch ganz besonders unbeholfen und philisterhaft vor. Es reizte
sie geradezu, ihn dann schlecht zu behandeln. Luitpold aber nahm
in heuchlerischer Weise Brunos Partei, bat sie wohl gar, nicht so
unfreundlich zu sein gegen den Armen.
Stete quälende Demütigung!
Und von Bruno hatte sie Schutz erwartet! Um dieses Schutzes willen
hatte sie die Stellung einer verheirateten Frau ersehnt. Schöner
Schutz! Bruno sah ja überhaupt garnicht die Gefahr, welche ihr drohte,
die Verunglimpfung, die man ihr anthat, die lächerliche Rolle, die er
selbst dabei spielte. Als sie ihm von weitem einmal eine Andeutung
machen wollte über Luitpolds wahren Charakter, nahm er ihn in Schutz,
rühmte sogar noch die Liebenswürdigkeit des Vetters.
So sah sich Jutta bitter getäuscht in ihrer Rechnung. Sie zürnte ihrem
Geschick, fand, daß sie grausam behandelt werde.
Es ist ein Gesetz in der Liebe, daß jeder genau das zurückerhält, was
er einzahlt. Wer sich nicht hingeben will mit ganzem Herzen, wer etwas
anderes sucht in der Liebe als die Liebe, kann ihres großen Glückes
nimmermehr teilhaftig werden.
XIII.
Es war wie eine Befreiung für Jutta, als Bruno sich endlich anschickte,
zu reisen. Die Trennung würde ihnen beiden gut thun. Vielleicht
würde sich in seiner Abwesenheit manches zurechtrücken, sie selbst
das richtige Verhältnis finden zu ihm. In dieser Stimmung wurde sie
weicher, warmherziger und zugänglicher. Und Bruno konnte, der besten
Hoffnungen voll, Abschied nehmen von seiner Braut.
In diesem Winter führte Jutta ein völlig zurückgezogenes Leben. Niemand
erwartete oder verlangte von ihr, daß sie ausgehe. Sie war ja verlobt
und sollte im Frühjahre heiraten. Eine Braut aber ohne Bräutigam
erscheint in Geselligkeit wie ein halbes Ding.
Professor Wälzers Malklasse besuchte sie auch nicht mehr. Die Lust war
ihr vergangen an der Malerei. Farbentuben, Palette, der ganze Apparat
lag unausgepackt, wie sie die Sachen im Sommer von ihrem Ausflug
zurückgebracht hatte.
Ihr Vater erinnerte sie halb im Scherz, halb im Ernst daran, daß
man nun anfangen müsse, sich um die Ausstattung zu kümmern. Jutta
hatte damit keine Eile. Anders geartet, als manche andere Braut,
interessierte es sie sehr wenig, wie sie ausgestattet, wie sie
eingerichtet sein würde.
Herr Reimers nahm die Tochter mit in allerhand modische Geschäfte,
ließ ihr Muster vorlegen und Stoffe. Sie stand den Sachen ratlos
gegenüber. Schließlich bat sie den Vater, nur alles nach eigenem
Ermessen auswählen zu wollen.
Der wunderte sich über das Mädel, das in anderen Dingen doch meist
nach dem eigenen Kopfe ging. Mit dem Auswählen einer Ausstattung für
die Tochter war es eine eigene Sache. In manchen intimeren Fragen
der Hauswirtschaft oder auch der Frauentoilette war man doch nicht
Kenner genug. Da bedurfte man weiblichen Rates. So wandte er sich denn
wiedermal an die allezeit willige Vally Habelmayer, mit der er noch
immer gut zu Fache gekommen war.
Fortan sah man den stattlichen Herrn Reimers, dessen Bart bereits stark
ins Graue zu spielen begann, mit der üppigen Vally von Geschäft zu
Geschäft ziehen. Und die neckischen Bemerkungen und vertraulichen Späße
wollten bei solcher Gelegenheit zwischen den beiden kein Ende nehmen.
Eine große unerwartete Freude wurde Jutta noch im Anfang des Winters
zu Teil; ihre Freundin Lieschen Blümer kehrte von Paris nach München
zurück. Sofort lebte der Verkehr zwischen den beiden in alter
Lebhaftigkeit wieder auf.
Es war Lieschen anzusehen, daß die Zeiten, die sie durchgemacht hatte,
keine leichten gewesen seien. Die Schatten um die schönen Augen des
Mädchens waren tiefer geworden. In dem einstmals schwarzen Haar
zeigten sich silberne Fäden. Die Stirn war nicht mehr glatt; aber das
feine Gesicht von milchzarter Farbe, hatte mit seinen Kinderlippen
genau den innigen, ein wenig melancholischen Zauber von vordem. Auch
jenes eigenartige Lächeln, das dem Weinen so nahe verwandt schien, war
noch das alte.
Der Bildhauer Pangor war nicht mit ihr gekommen. Er hielt sich bei
seinen Eltern im Hochgebirge auf, zur Kräftigung seiner Gesundheit.
Von dem schweren Nervenfieber, das ihn nahe an den Rand des Grabes
gebracht, war er dank Lieschens aufopfernder Pflege genesen.
Lieschen Blümer stürzte sich, sobald sie angekommen war, Hals über Kopf
in die Arbeit. Pangors Krankheit und das Leben in Paris hatten das
Geringe, was die beiden sich verdient, verschlungen. Lieschen dachte
nicht mehr daran, Professor Wälzers Malklasse zu besuchen. Sie kopierte
jetzt in der alten Pinakothek einen Rubens für einen Händler, der nach
Amerika lieferte.
Die beiden Mädchen hatten während ihrer Trennung in Briefwechsel
gestanden, waren also über ihre beiderseitigen Erlebnisse unterrichtet.
Lieschen kam erst nach München, als Juttas Bräutigam bereits abgereist
war. Sie hatte natürlich eine Menge Fragen auf dem Herzen, das Glück
der Freundin betreffend. Aber Jutta war in dieser Beziehung nicht
sehr mitteilsam. Sie wunderte sich manchmal selbst, wie wenig es
sie drängte, von Bruno zu erzählen. Beim besten Willen vermochte
sie kein lebhaftes charakteristisches Bild von ihm zu entwerfen.
In der Erinnerung kam ihr seine Persönlichkeit so verschwommen, so
unwesentlich vor.
Brunos Briefe, die zahlreich waren und lang, trugen auch nicht dazu
bei, ihr sein Bild zu verdeutlichen. Sie saß oft davor und fragte
sich, was er von ihr wolle, was dieser Aufwand von pathetischer
Umständlichkeit eigentlich solle. Ihre Briefe fielen im Gegensatz zu
den seinen äußerst kurz aus.
Zu Neujahr kam Pangor. Lieschen hatte Atelier und Wohnung für ihn
gemietet. Sie selbst blieb in ihrem äußerst beschränkten Dachstübchen
wohnen.
Jutta war voll Begier, den Mann kennen zu lernen, den ihre Freundin
über alles liebte und mehr bewunderte, als sonst irgend einen Menschen
auf der Welt.
Inzwischen hatte Jutta auch Lieschens Geheimnis erfahren: daß sie ein
Kind besessen und verloren habe. Das junge Mädchen war nicht in dem
Maße betroffen davon, wie Lieschen Blümer erwartet hatte. Nur noch
bewundernswerter, geweihter erschien die Freundin für Jutta, da sie das
höchste Glück und den gewaltigsten Schmerz des Weibes durchgekostet
hatte. Jutta überraschte Lieschen durch die Bemerkung, daß sie etwas
Ähnliches im stillen längst vermutet habe. Seit dieser Aussprache war
die Sympathie zwischen den beiden noch tiefer begründet als zuvor.
Die Bekanntschaft mit dem Bildhauer Xaver Pangor brachte für Jutta
nicht gerade eine Enttäuschung, aber, was sie erwartet hatte, fand
sie auch nicht in ihm verkörpert. Sie hatte sich einen von Geist und
Genialität gleichsam sprühenden Menschen gedacht, einen Mann, dem man
den großen Künstler auf den ersten Blick ansehe, eine berückende,
vielleicht dämonische Persönlichkeit.
Er war ein zurückhaltender Mensch, ein wenig unbeholfen und scheu
beinahe. Merkwürdig genug kontrastierte solches Wesen mit seiner
hohen, männlichen Gestalt. Man sah ihm den Bauernsohn an; muskulös
und ausgearbeitet waren die Gliedmaßen. Nun kam er gerade aus seiner
Heimat, wo er sich neue Kraft geholt hatte in der starken Bergluft.
Der Abglanz der Firne lag auf seiner, wie altes Metall eingedunkelten
Haut. Die Stirn, in der Mitte durch eine Falte geteilt, sprang vor wie
ein Helm und schützte gleichsam die tief liegenden Augen. Ein Paar
starke Backenknochen lagerten sich wie Hügel zwischen die kräftige Nase
und die entwickelten Ohrmuscheln. Der Mund mit schönen Zähnen wurde
in seinen feineren Linien versteckt durch den blonden Vollbart. Den
Künstler konnte man schließlich nur an den ungemein wandlungsfähigen,
bald träumerischen, bald scharf beobachtenden Augen erkennen.
In seiner schlichten Kleidung war Xaver Pangor ganz der Alpensohn
geblieben. Man sah ihn nie anders, als im Lodengewande. Seine Kleider
schienen zu ihm zu gehören und er zu ihnen. Diese Kleider waren
so eigenartig in ihrem Schnitt, hatten von ihrem Träger soviel
Individuelles angenommen, daß sie seinen Körper wie eine durchaus
natürliche zweite Haut umschlossen.
Zur Kunst hatte Xaver frühzeitig ein Verhältnis gewonnen. Sein Vater
zwar war ein echter und rechter Bauer, aber von mütterlicher Seite
her stammte er aus einer Familie, die seit Generationen bereits in
schlichter Kunstübung ihren Lebenserwerb gefunden hatte. Krucifixe,
Leuchter, Heiligenbilder, Kanzeln, Altäre, ungezählte profane, wie
kirchliche Gegenstände waren aus der Werkstätte dieser bäuerlichen
Künstlerfamilie hervorgegangen, schmückten ringsum die Kirchhöfe,
Kapellen, Dorfkirchen, Kalvarienberge, oder standen als »Marterl«
irgendwo am Kreuzwege.
Xaver war bei dem Bruder seiner Mutter, einem Schreiner, in die
Lehre gegangen. Manchen Sarg, manches einfache Möbelstück hatte er
zusammengefügt. Aber früh schon war in ihm der Trieb erwacht, das
einfache Handwerk zu veredeln; Zierat anzubringen, Bildwerke statt
nützlicher Geräte zu formen. Die Vorbilder dazu nahm er sich, wo er sie
fand: aus der Natur, von den paar Kunstwerken benachbarter Kirchen, aus
der Bücherei des Pfarrers, die ihm zugänglich war. Bald genügte ihm das
spröde Holz nicht, er griff zu anderem Material für seine Entwürfe, zu
Ton, Metall, schließlich zum Stein.
Die Werke, die seine ungeschulte Hand schuf, roh und unbeholfen,
waren doch so ungewöhnlicher Natur, daß sie selbst in der ländlichen
Umgebung ein gewisses Aufsehen erregten. Sein Vater, von dem er abhing,
hatte zwar vor dem großen Wollen, das sich in den Entwürfen seines
begabten Sohnes aussprach, nicht den geringsten Respekt, immerhin war
der alte Bauer pfiffig genug, um zu vermuten, daß man mit solchen
Gaben unter Umständen Geld verdienen könne. In den Städten waren
die Menschen ja verrückt genug, um an Figuren, wie sie der »Bub«
schnitzte und meißelte, Gefallen zu finden und Geld dafür auszugeben.
Die Mutter, nicht gebildeter als der Bauer, aber weitherziger und
feinfühlender, ahnte, daß in ihrem Lieblingssohne Xaver wohl eine Art
Sonntagskind stecke. Der war zu großen Dingen bestimmt vom lieben Gott.
Auch der Herr Pfarrer meinte das; er setzte der Familie gelegentlich
auseinander, daß die Kunst, welcher der junge Xaver obliege, nichts
Geringes oder Verwerfliches sei, da sie der Ehre Gottes diene.
Kurz nach längerem Hin-und-Her entschloß sich die Familie, Geld
zusammenzulegen und Xaver nach München zu schicken auf die Akademie.
Dort kam er in die Hände eines Lehrers, der in ihm den Künstler aus
seinen rohen Ansätzen befreite, ihn aus einem nach Gestaltung Ringenden
zu einem Gestalter machte.
Der Vater daheim hatte geglaubt, daß es mit dem Verdienen schneller
losgehen würde; auf ein jahrelanges Studium, das Geld kostete, statt
welches einzubringen, war er nicht gefaßt gewesen. Xavers Zuschuß
war sehr knapp, aber mit Hilfe seiner Lehrer, die ihm Stipendien,
Freitische und dergleichen verschafften, schlug er sich durch.
Nachdem er die Lehrzeit durchlaufen hatte, suchte er als selbständiger
Künstler in der Isarstadt festen Fuß zu fassen. Aber die Aufträge kamen
nicht zu ihm, und um auf Lager zu arbeiten, fehlten ihm die Mittel.
Schund herzustellen für den Händler, womit mancher seiner Kollegen das
Leben zu fristen verstand, erlaubte ihm sein künstlerischer Stolz nicht.
In dieser schwierigsten Periode des Lebens, die wir alle einmal
durchmachen, wo wir am rauschenden Strome stehen, durstig, und doch
nicht trinken dürfen, weil das Wasser sich vor uns zurückzieht, sobald
wir uns danach bücken; in dieser Zeit, wo so mancher scheitert oder
seinen Grundsätzen ungetreu wird, fand Xaver Pangor die Geliebte.
Lieschen Blümer, selbst arm und mit dem Dasein ringend, gab ihm alles,
was sie hatte, zu eigen. Äußerlich wuchs dadurch nur beider Armut und
Elend, sie kam um ihre Stellung.
Aber Xaver gewann unendlich viel. Ohne daß er es wußte, vollbrachte sie
das große, ewige Werk des Weibes an ihm, machte den Mann zum Menschen.
Den halb Civilisierten zähmte sie, nicht bloß äußerlich in Sitten.
Jene innere Reinigung von allerhand Schlacken, die so zähe sind, daß
sie nur im stärksten aller Feuer, der Liebe, schmelzen, widerfuhr auch
ihm. Und dem Diamanten seiner Kunst gab diese feine Hand erst die
letzte Facettierung. Dabei war Lieschen Blümer keineswegs Künstlerin
von Anlage, aber sie war unendlich mehr: ein fühlendes, mit dem Herzen
denkendes Weib. Das Beste, was Xaver besaß, verdankte er ihr; sie erst
hatte seinen inneren Reichtum zu Tage gefördert.
Im Alter waren sie ungefähr gleich. Aber Lieschen machte in Erscheinung
und Wesen den fertigeren Eindruck. Ihm haftete, seiner männlichen
Gestalt zum Trotze, immer ein wenig vom großen Jungen an.
Wenn Lieschen mit Xaver zusammen war, verstärkte sich unwillkürlich
der mütterliche Zug ihres Wesens. Für die übrige Welt war sie dann
wie verschlossen; die Sorge um ihn beherrschte sie ganz. Wenn er
kam, hellten sich ihre Züge auf, ihr Auge leuchtete, nichts mehr von
versteckten Thränen war dann in ihrem Lächeln zu finden. Man sah
es, Lieschen Blümer war in ihrem eigensten Element, wenn sie Liebe
bethätigen durfte, ohnedem glich sie einem Fisch auf dem Trockenen.
Jutta fing erst an, die Freundin zu verstehen, seit sie sie mit Xaver
sah. Wunderliche Gefühle wollten das junge Mädchen beschleichen. Es war
die erste Liebe, deren Zeuge sie wurde, das erste Verhältnis zwischen
zwei Menschen, das diesen hehren Namen verdiente. Vieles dabei war für
Jutta befremdend, neu, unverständlich. Die beiden legten nichts von der
äußeren Zärtlichkeit an den Tag, mit der sonst Liebende ihre Neigung
für einander zu bethätigen pflegen. Keine Küsse, keine Umarmungen,
keine verliebten Neckereien! Aber dafür herrschte Innigkeit zwischen
ihnen, zarte Rücksichtnahme, ein gegenseitiges Verstehen und in
einander Aufgehen.
Und diese Leute waren nicht durch das Band der Ehe mit einander
verbunden.
Jutta war von ihrer Umgebung her gewöhnt, daß man derartige
Verhältnisse als höchst unmoralisch verwarf und mit den häßlichsten
Namen brandmarkte. Sie war sich klar darüber, daß ihr Vater zum
Beispiel ihr niemals gestattet haben würde, mit Lieschen umzugehen,
wenn er von ihren Beziehungen zu dem Bildhauer Kenntnis gehabt hätte.
Auch Jutta machte sich im stillen Gedanken darüber, warum eigentlich
diese beiden nicht heirateten. Es schien ihr so einfach, so
wünschenswert. Eine ganz andere Stellung hätte Lieschen dann gehabt,
hätte mit ihm leben können. All das Unklare, was jetzt ihrem
Verhältnisse anhaftete, wäre alsdann mit einem Schlage beseitigt
gewesen.
Doch brachte es Jutta niemals übers Herz, Lieschen nach diesen Dingen
zu fragen. Die Freundin fing eines Tages ganz von selbst davon an.
Sie hatten von Xaver gesprochen. Jutta wußte, daß Lieschen an ihn als
an einen großen Künstler glaubte. Wie viel davon auf Rechnung der Liebe
zu setzen sei, konnte Jutta nicht beurteilen, da sie noch nichts von
seinen Werken gesehen hatte.
»O, wenn es ihm doch endlich glücken wollte!« rief Lieschen. »Daß er
nun endlich durchdränge, damit alle erkennten, wer er ist und was er
kann! Ich verstehe nicht, daß die Menschen es gerade ihm so schwer
machen wollen, an ihre Herzen heranzukommen. Seine Werke sind doch
so groß, so innig, so aus der Tiefe herausgeholt! Noch nie, glaube
ich, hat ein Künstler so ringen müssen, um durchzudringen. Er ist
so voll Kraft, voll Schaffensdrang, voll neuer Hoffnung von zu Haus
zurückgekehrt. So habe ich ihn noch nie gesehen! Der Anblick seiner
Berge hat ihn gestärkt. Er bringt immer Großes zurück vom Vaterhause.
Xaver braucht diese Berührung mit der Mutter Erde. Seine besten
Entwürfe, seine größten Pläne wurzeln dort.«
Lieschen schwieg. Jutta kannte diesen freudetrunkenen Ausdruck an ihr.
So blickte sie, wenn sie von ihm sprach.
»Bist du denn einmal mit ihm gewesen, dort?« fragte Jutta. »Hat er dich
mit den Seinen bekannt gemacht?«
Lieschens Züge verdüsterten sich. Es that Jutta leid, die Frage
gestellt zu haben.
»Weißt du, Jutta, es wird dich wundern, das zu hören: ich bin noch
nie bei seinen Eltern gewesen, kenne niemanden von den Seinen, nicht
einmal Xavers Mutter. Es sind einfache Bauersleute, der Vater ist wohl
auch etwas eigen. Xaver soll Geld verdienen, vor allem Geld! Vater
und Bruder werfen ihm häufig vor, daß er viel kostet und nichts ins
Haus bringt. Seine gute Mutter kann gegen die Männer nichts machen.
Es sind sehr schwierige Verhältnisse für ihn; und wenn er mich da
hinein brächte, dann würde alles noch viel, viel schlimmer werden.
Damit darf er um keinen Preis auch noch belastet werden! Der Arme hat
so schon zu kämpfen mit allerhand Mißgunst und Mißverstehen fremder
Menschen. Ich will ihn nicht auch noch mit den Seinen verfeinden. Die
Heimat ist schließlich immer noch seine letzte Zuflucht gewesen, seine
Rettung in Not. Ins Vaterhaus flüchtet er sich, wenns ihm zu arg wird
draußen in der Welt. Das will ich ihm nicht rauben! Er wäre wie ein
entwurzelter Baum, wenn man ihn von der Heimat trennte. Und daß das
geschehen würde, wenn er mich heimführte, weiß ich besser, als er es
weiß. Niemals würden mich die Seinen für voll anerkennen. Wir stammen
aus verschiedenen Welten. Nur wenn ich Geld mitbrächte, möchten sie
vielleicht entschuldigen, daß ich so anders bin als sie. Verstehen
würden sie mich niemals, und darunter müßte er leiden. Er würde dann
meine Partei nehmen, sich zu mir stellen, um meinetwillen brechen mit
den Seinen; das soll er nicht, das will ich nicht! Lieber mag alles so
bleiben, wie es ist! Mögen die Menschen schlecht von mir denken! Er
soll nicht leiden! Er soll nicht aus seiner Bahn geworfen werden! Denn
siehst du, Jutta, er ist Künstler. Er ist noch im Wachstum begriffen,
die ganze Zukunft liegt vor ihm. Mein Geschick ist längst erfüllt. Ich
habe mit ihm gelebt, bin durch seine Liebe glücklicher gewesen, als
irgend eine andere Frau. Sollte ich mich ihm dafür, daß er mir das
Höchste geschenkt hat, nicht dankbar erweisen! Ich muß ihm die Steine
aus seinem Wege räumen. Aber ich darf mich ihm nimmermehr selbst in
den Weg legen. Denke nur nicht, daß er egoistisch ist! Wirf ihm nicht
Berechnung vor, oder Rücksichtslosigkeit! Dann kennst du ihn schlecht!
Wie oft hat er mir die Ehe angeboten! An ihm liegt es nicht, wenn wir
vor dem Gesetze nicht verbunden sind. Ich bin es, ich allein, die nicht
gewollt hat. Wäre das Kindchen damals am Leben geblieben, ja dann,
vielleicht; dann hätte ich's gethan! Ich kann ihm ja etwas sein, auch
so! Und darauf allein kommt es doch an!«
Lieschen hielt einen Augenblick inne. Sie lächelte in sich hinein. Dann
sagte sie mit leicht zitternder Stimme: »Ich würde für Xaver alles
thun, alles hergeben, alles auf mich nehmen, wenn ihm damit geholfen
würde, wenn es ihm wirklich frommte. Nie aber möchte ich etwas thun,
was ihn belasten könnte. Eine gewisse Fessel würde ihm die Ehe doch
auferlegen. Seine Liebe würde dann nicht mehr ein freies Geschenk sein,
das mich immer wieder wie eine köstliche Überraschung ergreift. Es
könnte der Augenblick kommen, wo ihm die Liebe zur Angewohnheit würde
-- oder -- wo er mich aus Mitleid liebte. Dann wäre alles aus!
Lieber sterben, als aus Liebe Großmut werden sehen! Unerträglich ist
der bloße Gedanke, wenn man so geliebt worden ist, wie ich.
Vor allem aber kein Mitleid! Denn Mitleid ist das Grab der Liebe.«
XIV.
Mit verjüngter Schaffenslust und Arbeitskraft war Xaver Pangor
nach München zurückgekehrt. Er hatte in den Monaten, die er auf
dem väterlichen Hofe zugebracht, keineswegs die Hände in den Schoß
gelegt. In seiner Entwickelung war der Künstler wiedermal zu dem
zurückgekehrt, wovon er seinen Ausgang genommen: zum Handwerk. Mit
einer wahren Wollust hatte er in der Werkstatt des Onkels, wo er
ehemals die Lehrzeit verbracht hatte, wieder mit Hobel, Säge, Hammer,
Winkelmaß und Schmiege hantiert. Wie die Arbeit fleckte! Nicht in
Museen freilich würden die Werke, die man da schuf, begafft werden, sie
sollten dem höheren Zwecke dienen, von Menschen benutzt zu werden. Noch
nach Generationen, wenn der Meister längst tot war, sollten sie den
Nachkommen erzählen von Liebe, Sorgfalt und Tüchtigkeit dessen, der sie
ersonnen und ausgeführt hatte. Das war auch Kunst!
Pangor hatte niemals seine Vergangenheit vergessen, oder sich ihrer
geschämt. Der Akademie war es nicht gelungen, ihm durch das Studium
der Antike, durch Modellieren nach Gips und Ornamentenzeichnen, durch
Kunstgeschichte oder Stillehre die Freude an dem schlichten Handwerk
auszutreiben, dem er ehemals gedient hatte.
Wie jede echte Künstlernatur, hatte auch Xaver Pangor schon als
Kind sich vorbereitet für seinen künftigen Beruf, unbewußt, mit
schlummernden Augen, wie die Pflanze Stoffe und Säfte aufnimmt aus dem
Erdreich zur Entfaltung späterer Blüten und Früchte.
Früh hatte er gelernt, sich mit einfachen Instrumenten zu behelfen,
mit der Sprödigkeit schwierigen Materials zu ringen, und dadurch sich
gewöhnt, auf den eigenen Verstand und auf die eigenen Fäuste sich zu
verlassen. In der Dorfwerkstatt war von ihm so ziemlich jede Arbeit
verlangt worden. Auch in die Kunst des Schmiedes und Schlossers hatte
er hineingeguckt, hatte gelernt, mit Metall in glühendem, flüssigem,
erkaltetem Zustande umgehen, hatte hämmern, pochen, löten, ausbeulen,
biegen, raspeln, legieren müssen. Vieles davon kam ihm jetzt zu gute.
Holzschnitzen, Bronze bosseln, Metallgießen, Ciselieren war ihm ebenso
vertraut, wie in Stein meißeln.
Diese Vielseitigkeit verleitete ihn nicht zum überhasteten Producieren.
Pangor gab nichts aus der Hand, was er nicht von Anfang bis zu Ende
selbst geschaffen hatte. Die Bildhauer-Kollegen verlachten ihn zwar,
daß er nicht von den Hilfsmitteln Gebrauch machte, die sie benutzten.
Wer würde sich denn mit dem langweiligen Marmor herumschlagen; das
überließ man untergeordneten Handwerkern; genug wenn man das Modell
aus Wachs, Thon oder Gips hergestellt hatte. Ja, sie verachteten ihn
wegen seiner schwerfälligen Gründlichkeit.
Ihrer Verachtung lag Unvermögen zu Grunde; die wenigsten besaßen jene
Kenntnisse und jene Ausdauer, die er sich in früher Jugend erworben
hatte. Er galt im Kreise der Altersgenossen als ein eigensinniger
Sonderling, ein verrückter Kauz, weil er oft Monate über einem Werke
zubrachte, das sie in wenigen Tagen modellierten und dann von Fremden
übertragen ließen.
Pangor gehörte nicht zu den Künstlern, die zu ihrem Schaffen unbedingt
des Resonanzbodens der öffentlichen Meinung bedürfen. Er schuf aus
innerem Bedürfnis. Gestaltete mit seinen Händen einfach die Formen und
Gebilde, die aus Gott weiß welchen unergründlichen Tiefen der Seele
emporstiegen. Selten genügte er sich selbst. Auch er war von jenem
Drange beseelt, von jener scheinbaren Unrast, die Rassezeichen ist für
den echten Kunsttrieb, welche dazu treibt, wenn man kaum eine Stufe
erklommen hat, diese sofort wieder als überwunden zu verlassen, um sich
neuen Zielen zuzuwenden.
Seine Entwickelung war bisher eine unregelmäßige, vielfach
unterbrochene, scheinbar inkonsequente gewesen. Einmal war er
erstaunlich schnell vorwärts geschritten auf seiner Bahn, dann wieder
hatte er sich verzögert, schien gar zum Ausgangspunkt zurückkehren zu
wollen.
Sein äußerer Erfolg war bisher gleich Null gewesen. Nur wenige Leute
wußten von seinem Schaffen, und diese schüttelten die Köpfe. Die
Kritik beschäftigte sich nicht mit ihm, die Händler gaben wenig für
seine Sachen. Er war noch nicht entdeckt.
Nur eine Person hatte ihn auch als Künstler erkannt. Lieschen Blümer
glaubte an ihn, wie eben nur eine Frau an einen Mann glaubt.
* * * * *
Jutta war viel bei ihrer Freundin zu finden. Diese beiden: Lieschen
und Xaver, interessierten sie mehr, als alle anderen Menschen; was sie
sagten und thaten, erschien ihr wichtiger, als alles, was bei ihr zu
Haus vorging.
Wenn sie in Lieschens kleiner Dachstube saß, oder wenn sie mit der
Freundin in Pangors Atelier zu Besuch war, kam es ihr oft vor, als sei
dies die Welt, in der zu leben es sich allein verlohne; als gehöre sie
zu diesen Menschen und nicht zu den Reimers, den Knorrigs oder gar
zu der weitverbreiteten Sippe ihrer mütterlichen Anverwandten: den
Habelmayers.
Lieschen Blümer erkundigte sich oftmals nach Juttas Malerei. Sie fand
es unrecht, daß das junge Mädchen ihre Arbeit aufgegeben habe. Fleißig
und ausdauernd, wie sie selbst war, begriff sie nicht, wie man durch
ein einziges ungünstiges Urteil sich derart den Mut rauben lassen
könne. Sie redete Jutta zu, ihre Arbeiten vom vorigen Sommer wieder
hervorzuholen, zum mindesten sie einmal Xaver zu zeigen, der ihr sagen
würde, was daran sei.
Jutta empfand vor dem Bildhauer eine gewisse Scheu, die sie sich selbst
nicht erklären konnte. Vielleicht war es das Neue, das Ungewohnte
dieses Menschen, dessen Existenzbedingungen und Voraussetzungen sie
noch nicht recht begriffen hatte, was sie Lieschens Freunde gegenüber
zunächst unsicher machte.
Xaver Pangors gesellige Talente waren eben nicht groß. In einem
Bauernhause aufgewachsen, hatte er keine Gelegenheit gehabt, sich
im Salonton zu üben. Seine Welt war das Atelier. Da fühlte er sich
Meister, da war er Feldherr, da stand er als ein Held.
Jutta sah, daß er ein echter Künstler war. Seine Sicherheit in allem,
was er angriff, wie er jeden Stoff meisterte, wie er seine Gedanken zu
Gebilden von ergreifender Wahrhaftigkeit gestaltete, kurz, seine ganze
männlich energische Künstler-Persönlichkeit machte tiefen Eindruck auf
sie. Niemals noch hatte sie seinesgleichen gesehen.
Dagegen verstand sie nicht die andere Seite seines Wesens: seine
Lebensfremdheit, die Unbefangenheit, mit der er sich häufig über
alle Regeln der Etikette und Konvention hinwegsetzte. Grade diese
Züge an ihm, das Kind im Manne gewissermaßen, das aus seinen
träumerischen Blicken, seinem treuherzigen Lächeln hervorblickte,
seine Weltunerfahrenheit -- alles Eigenschaften, die ihn für Lieschen
zum Gegenstand steter Sorge und einer fast mütterlichen Obhut machten
-- befremdeten Jutta. Sie begriff nicht den Zusammenhang; der Mensch
schien ihr in zwei Hälften auseinanderzufallen. Sie sah nicht, daß die
Harmlosigkeit, die er sich gewahrt hatte, der Nährboden war seiner
Künstler-Originalität.
Xaver Pangor war unter Menschen meist schweigsam. An großwichtigen
Debatten über Kunst, wie sie seine Kollegen mit Leidenschaft
ausfochten, beteiligte er sich nicht. Er war kein Dialektiker. Er
gehörte zu den Künstlern, die in Formen denken, denen die Einfälle beim
Arbeiten kommen; aber dann stark, plötzlich, mit einer Wucht, die sie
selbst gleichsam zum Instrumente macht ihres Genius. Aber öffentlich
Rechenschaft zu geben über seine Absichten, seine Ideen, wäre ihm
schwer gefallen.
Dagegen war Pangor ein guter Beurteiler fremder Werke. Sein Urteil,
meist knapp, traf den Nagel auf den Kopf. Weil sein Blick durch
Schulmeinungen und Theorieen nicht getrübt war, weil er vor allem
keiner Klique angehörte, konnte er mit dem schnellen Auge des
Naturmenschen erkennen, was echt und wertvoll, was gefälscht,
unbedeutend, windig sei.
Jutta hatte bisher nie gewagt, Pangor merken zu lassen, daß ihre Hand
Stift und Pinsel zu führen verstünde. Sie konnte sich nicht denken,
daß ihre Arbeiten jemals Gnade vor seinen Augen finden könnten. Sie
fürchtete, daß er vielleicht aus Nachsicht schweigen werde, um sie zu
schonen; das wäre ihr noch schrecklicher gewesen, als Professor Wälzers
Tadel.
Aber Lieschen war stolz auf Jutta, sie wünschte, daß Xaver die
Freundin auch als Künstlerin würdigen lerne.
Durch vieles Bitten wußte Lieschen Jutta die Studienmappe endlich
abzuschmeicheln. Und als sich ein paar Tage darauf die Freundinnen
wiedersahen, rief Lieschen schon von der Thürschwelle: »Er hat deine
Sachen gesehen und findet viel Talent darin!«
»Halt' mich nicht zum besten!« rief Jutta, »das glaube ich dir nicht!«
»Doch! -- Hör ihn nur selbst darüber! Ich habe mich so gefreut!«
Jutta war hochrot geworden, sie fühlte ihr Herz gewaltig klopfen. Die
Freundinnen umarmten einander.
Als die drei das nächste Mal beisammen waren, befand sich Jutta in
fieberischer Ungeduld. Würde er sprechen? Würde sie von ihm selbst
erfahren, was er von ihren Sachen hielt? --
Aber es wurde zunächst von allerhand anderen Dingen gesprochen.
Lieschen sah Juttas Unruhe. Sie legte es dem Bildhauer nahe, sein
Urteil abzugeben.
Xaver Pangor senkte den Kopf, wie es seine Art war, wenn er nachdenken
wollte. Dann nach einer Pause, die für Jutta eine Ewigkeit schien,
sagte er:
»Die Sachen sind gut und schlecht, je nachdem! Schlecht sind sie
als Studien, ›verhaut‹, wie wir Bildhauer sagen. Und wenn Professor
Wälzer gesagt hat, es wäre keine Ehrfurcht darin vor der Natur, so
hat er recht. Und trotzdem ist sein Urteil einseitig; es erschlägt
das Wertvolle mit dem Wertlosen. Es ist etwas, was Zukunft hat, in
Ihren Sachen. Das hat der Herr nicht gesehen; er ist wahrscheinlich
Fanatiker irgend einer Richtung oder Schule. Alles, was in so eine
Kategorie sich nicht einordnen läßt, wird verworfen, existiert
überhaupt nicht; ich kenne diese Professoren-Scheuklappen! ›Ehrfurcht
vor der Natur!‹ ein schönes Wort, aber es trifft hier garnicht den
Kernpunkt. Mit Ehrfurcht allein kommt man nicht aus. Wenn wir bloß
ehrfürchtig wären, dann würden wir aus Andacht niemals zum Schaffen
kommen. Nämlich der Künstler muß auch unverschämt sein können! Und
etwas von dieser göttlichen Unverschämtheit finde ich in Ihren Sachen,
Fräulein Reimers. Die Natur ist vergewaltigt, aber wer von uns thäte
das nicht. Sie haben Erfindungsgabe, haben Phantasie, starke Phantasie!
Das Temperament ist Ihnen durchgegangen, aber ich habe das lieber
beim Anfänger, als peinliche Korrektheit oder gar altkluge Routine.
Bravour ist hoffnungsvoller als Objektivität. Ihre Begabung liegt
nach der Seite des stark Subjektiven. Sie können, wie mir scheint,
garnicht anders, als etwas von sich selbst in die Dinge hineinlegen,
werden immer nur Selbsterlebtes zur Darstellung bringen, selbst in der
Landschaft, selbst, wenn Sie versuchen zu kopieren. Ihre Art deshalb zu
verdammen, zeugt von Borniertheit, wie sie eben nur so ein Professor zu
stande bringt, der am Pfahle seiner fixen Idee festgepflöckt, im Kreise
umgeht. Und außerdem haben Sie etwas, das auch nicht jeder besitzt:
Freude an der Farbe. Da waren ein paar Blätter dabei, dekorative
Landschaften gleichsam, mit starken, kühnen Farbenkontrasten ....«
»Dem würde ja entsprechen, was du mir erzählt hast, Jutta!« fiel
hier Lieschen ein. »Daß du lange, ehe du ans Zeichnen dachtest, mit
allerhand farbigem Material phantastische Dinge gebildet hast. Ich habe
sogar noch einige Überreste davon bei dir entdeckt!«
»Hör' auf!« rief Jutta. »Niemals hätte ich dir die scheußlichen Dinger
gezeigt, wenn ich gewußt hätte, daß du davon sprechen würdest!«
»Verachten Sie nur diese Anfänge nicht!« meinte Xaver. »Die sind
wahrscheinlich viel mehr wert, als alles, was Sie in der Malklasse
erlernt haben. In den kindlichen Versuchen des jungen Menschen spricht
sich mit elementarer Kraft das Bedürfnis aus nach dem, was ihm das
Naturgemäße ist. Wir sind Künstler von Geburtswegen. Die Schule kann
herausholen aus uns, was in uns ist, sie kann unsere technischen
Kenntnisse fördern, uns Erfahrung geben; aber größer und tiefer als wir
sind, kann sie uns nicht machen. Aus uns selbst müssen wir's schöpfen!
Zwei Dritteil von uns kommen nicht zur Entwickelung, weil sie einen
falschen Weg einschlagen, nicht ihrer guten Anlage folgen, oder gar
von den Lehrern zu etwas dressiert werden, was sie nicht können. Wenn
mich ein Anfänger fragen sollte, was ich ihm zu thun riete, dann sage
ich ihm als erste Grundregel: folge deinem innersten Wesen! Wenn es
dich treibt, Ziegel zu streichen, so ist das viel fruchtbarer, als
wenn du Bilder malst ohne Originalität. Die Befriedigung, mit der man
eine Sache thut, wird einen immer noch am besten belehren, ob man auf
dem rechten Wege ist. Nach dem, was ich von Ihnen gesehen habe, würde
ich Ihnen raten, lassen Sie Leinewand Leinewand sein! Erforschen Sie
sich erst mal selbst, dann arbeiten Sie! Und wenn Sie arbeiten, nur aus
wirklichem Drange! Denn das ist die zweite Kardinalregel in der Kunst:
Thue nur das, wonach es dich in allen Fingern juckt!«
* * * * *
Lieschen Blümer war für Xaver mehr als Geliebte. Schwester, Mutter,
Braut, Freundin, Gattin in einer Person stellte sie ihm dar.
In zehnjährigem Zusammenleben hatte er sich gewöhnt, in allen Fragen
sich an sie zu wenden. Es gab kein Geheimnis, das er ihr nicht
offenbart hätte. Er besaß das Vertrauen zu ihr, welches ein Kind zur
Mutter hegt; wozu etwas verbergen? Sie kennt uns ja doch! Warum sich
fürchten? Sie wird uns verzeihen.
Er wußte, daß sie klüger sei als er, lebenserfahrener, weiser. Aber
auch das wußte er, daß sie ihm ergeben sei bis in den Tod, daß er ihrer
Liebe jedes Opfer zumuten könne, daß es nur eines Wortes, eines Winkes
bedurfte von seiner Seite, um sie herbeifliegen zu machen.
Zwischen Lieschen und Xaver war nie ein fremdes Wesen getreten.
Das Kind, welches sie ihm geboren hatte, war, kaum erschienen,
wieder verschwunden. Nichts hatte die Innigkeit ihres Verhältnisses
jemals gestört, keine Eifersucht, kein Streit, kaum einmal eine
Meinungsverschiedenheit. Sie gaben das Beispiel zweier Naturen, die
nahezu restlos in einander aufgingen.
Lieschen Blümer war geboren für die Liebe; sie besaß eine seltene
Eigenschaft: die Genialität der Liebe. Seit sie das Glück gehabt, den
Mann zu finden, der diese Eigenschaft in ihr auslöste, existierte sie
nur für den Geliebten, lebte sie nur durch seine Liebe. Seine Gegenwart
war ihre Lebensluft.
Sie hatte aber auch alles dran gegeben an die Liebe. Ihr Körper war
nur noch ein Schattenbild von dem, was er gewesen. Gesundheit, Kraft,
Frische, Schönheit, alles hatte sie geopfert auf dem Altare der
grausamen Gottheit, der sie diente.
Auch in ihrem Geschicke kam jene furchtbare Konsequenz zur Geltung,
jene herbe, unerbittliche Tragik, die dem Liebesleben der ganzen Welt
zu Grunde liegt. Mensch, Tier, Pflanze, alles in Gottes Natur, schmückt
sich mit den schönsten Farben, umgiebt sich mit betäubenden Düften,
entwickelt die höchste Form für einen kurzen Augenblick des Rausches.
Der wird genossen, dann bleichen die Farben, der Duft schwindet,
die Form verfällt; und wo keine Frucht geblieben ist, zeigen bald
nur noch fallende Blütenblätter an, daß hier die gewaltigsten und
vergänglichsten aller Gefühle ihre Stätte gehabt haben.
Es giebt Frauen, welche diesen schmerzlichen Zeitpunkt hinauszuschieben
wissen, durch tausend Mittelchen die schwindende Jugend und Schönheit
zurückzuhalten verstehen, den Genuß verlängern über das Bedürfnis
hinaus. Nicht so Lieschen! Sie war dazu zu ehrlich, zu vornehm und zu
herzensstolz. Um die Liebe zu fälschen, hegte sie eine zu gewaltige
Ehrfurcht, vor der Liebe.
Über diese Dinge hatte man keine Macht, das wußte sie. Sie gingen
gleichsam über den Wolken vor sich; das, was hier unten auf Erden
zwischen den Menschen sich abspielte, war nur ein mattes Widerspiel von
größeren Geschehnissen, die der Ewigkeit angehörten.
Sie war religiös. Der Priester zwar würde ihr die Bezeichnung einer gut
katholischen Christin verweigert haben, weil sie nie in den Beichtstuhl
und selten zur Kirche ging; aber ihr Glaube an einen guten Gott und an
die Unsterblichkeit der Seele war fest gegründet. Sie glaubte auch an
ein Wiederfinden befreundeter Wesen im Jenseits.
Gerade dadurch, daß das Mädchen nichts gethan, den Freund künstlich an
sich zu fesseln, daß sie ihm die volle Freiheit gelassen hatte, war es
ihr geglückt, ihn mit unsichtbaren Ketten an sich zu fesseln.
Niemals belästigte sie ihn mit den kleinlichen Nöten des Alltagslebens,
nie klagte sie ihm vor. Wenn er zu ihr kam, fand er sie heiter und
aufgeräumt. Stets war sie bereit, auf seine Interessen einzugehen.
Seine Pläne, Ideen, Entwürfe fanden bei ihr gleichzeitig kluge und
warmherzige Aufnahme.
So war sie aus seiner Geliebten allmählich seine Freundin geworden. Und
Xaver hatte die Wandlung kaum bemerkt, so sanft und sicher war die Hand
gewesen, die ihn den Weg von der Leidenschaft zur Kameradschaft geführt
hatte.
Xaver Pangor dachte selten über sein Verhältnis zu Lieschen nach.
Er war Augenblicksmensch, genoß, was sich bot, mit der Naivetät des
Knaben, der nicht danach fragt, ob sein Genießen schädigt oder gar
vernichtet. Auch dachte er nie darüber nach, was die Zukunft bringen
könne, ob sie gar Rechenschaft fordern werde über Thun oder Unterlassen
der Gegenwart. Lieschen war für ihn Lebensbedürfnis geworden. Ehemals
war's ihre Schönheit gewesen, ihre Jugend, ihre Hingabe, die er
gebraucht, jetzt war's ihre Freundschaft, ihr Rat, ihre Stütze, deren
er nicht entraten konnte. Abends nach gethaner Arbeit mußte er sie
sehen, wollte ihre Stimme hören, die ihm die schöne Vergangenheit ins
Gedächtnis zurückzauberte, durch den bloßen Klang. Im vertrauten Nest
wollte er sich ausruhen von den Plackereien des Berufes, wollte die
linde Tröstung der Freundin vernehmen, wenn er Zweifel hatte, wenn er
mit sich und seiner Kunst uneins war.
Daß er Lieschen ganz für sich allein habe, ihre Neigung ungeteilt
besitze, war für ihn nachgerade selbstverständlich geworden. Der erste
Mensch, der ihm Lieschen streitig machen zu wollen schien, war Jutta
Reimers.
Als Xaver nach längerer Abwesenheit nach München zurückkehrte, fand er
diese Freundschaft bereits im vollen Gange. Zunächst betrachtete er die
Fremde mit wenig freundlichen Blicken. Eifersucht kam über ihn. Sollte
er auf einmal teilen? --
Lieschen hatte ihm bereits früher vorgeschwärmt von der Freundin.
Xaver war darin Bauer, daß er gegen alles, was ihm angepriesen wurde,
für's erste sich mißtrauisch verhielt. Mit den Frauen kannte er sich
wenig aus. Die sogenannten »Damen« nun gar waren ihm unberechenbare,
unheimliche Wesen. Er wußte nicht recht, wie er sich Fräulein Reimers
gegenüber benehmen sollte. Sie war ihm unbequem, er empfand sie als
Störenfried.
Als er aber gar von Lieschen erfuhr, daß Jutta Reimers Künstlerin sei,
da wuchs sein Mißtrauen. Er glaubte nicht an den Kunstberuf der Frau.
Seine Ansicht war, daß sie im besten Falle die Gabe zur Nachahmung
besäße. Und Lieschens Schaffen, das nie über das Kopieren fremder Werke
hinauskam, hatte ihn in dieser Theorie bestärkt.
Als ihm nun aber Juttas Arbeiten vorgelegt wurden, mußte er fast
widerwillig zugeben, daß hier etwas drinstecke, daß Jutta Reimers
Einfälle habe, originelle Einfälle, daß sie etwas ausbilden zu wollen
schien, wie einen eigenen Stil, und daß man darum über ihre Begabung
nicht so ohne weiteres hinweggehen könne.
Er fing an, etwas milder über Lieschens Freundin zu denken. Außerdem
sah er, daß er eigentlich nichts verliere, wenn sie jetzt häufig zu
dreien statt wie bisher zu zweien bei einander waren. Die Unterhaltung
hatte dadurch an Leben gewonnen. Jutta war nicht hochmütig, nicht
blasiert, worauf er sie anfänglich taxiert hatte, weil sie aus einer
ihm fremden Sphäre kam. Sehr schnell hatte sie sich seinem und
Lieschens Ton angepaßt.
Er fand in Jutta Reimers ein junges, lernbegieriges Wesen, das seinen
Rat suchte für ihre Kunst, dem jedes seiner Worte die Bedeutung des
Evangeliums hatte. Und wem thäte es nicht wohl, einen Menschen von sich
abhängig zu sehen, bedeutete es nicht Befriedigung, die Entwickelung
einer fremden Begabung in die Hand nehmen zu dürfen.
Jutta saß fortan zu seinen Füßen als gelehrige Schülerin. Er erteilte
ihr keinen Unterricht; seinem Rate zu Folge rührte sie Stift und
Pinsel nicht an. Und doch fühlte sie sich unendlich gefördert in ihrer
Kunst. Es war die innere Anschauung, die sich bildete, das Urteil, das
geschärft wurde, der Horizont, der sich weitete durch seinen Einfluß.
Sie lernte von ihm, daß die Kunst nichts außerhalb des Lebens
Stehendes sei, daß sie eine höhere Form sei des Lebens selbst. Und
die sogenannten Kunstwerke hatten nur dann Berechtigung, wenn sie
abfielen wie die reife Frucht, zwanglos, als ureigenstes Erzeugnis
unserer Kräfte und Säfte. Überall konnte sich Kunst bethätigen, im
Kleinsten wie im Größten. Wem einmal dafür die Augen aufgegangen waren,
dem formte sich alles ganz von selbst zu harmonischer Schönheit. Der
empfand freilich auch die Disharmonieen des alltäglichen Lebens um so
härter, den konnte eine schreiende Farbenzusammenstellung kränken,
wie den Musiker ein falscher Ton. Solch ein Mensch lebte doppelt und
dreifach. Er suchte aber auch Anderen von dem Überfluß abzugeben,
der seine Seele erfüllte. Wie fromme Leute die Übung des Gebetes, so
bedurfte der echte Künstler den Kultus des Schönen. Sein tägliches Brot
war das. Da gab es kaum Unterschiede im Bewerten dessen, was man that
und schuf. Wenn wir unseren Hausrat zweckmäßig und edel gestalteten, so
war das ebensoviel, vielleicht mehr wert, als wenn wir Staffeleibilder
malten, die am Ende niemanden erfreuen würden.
Das waren für Jutta noch nie gehörte Lehren. Begierig sog sie diese
Weltanschauung ein. Ja, wenn das so war, dann hatte es Sinn zu leben.
Dann vollbrachte man mit jedem Tage, den man erlebte, gleichsam ein
heiliges Werk, dann schuf man unausgesetzt, näherte sich dem Ziele,
ohne es zu sehen. Dann kam Harmonie und Adel in alles, was man sagte
und that.
Durch solche Offenbarung fiel auch Licht für sie auf den Weg, den sie
bisher zurückgelegt hatte. Sie suchte im ganzen Hause aus Truhen,
Kommoden, Schränken und Mappen ihre Jugendarbeiten zusammen. Da war
Gesticktes, Gepapptes, Geflochtenes, aus Wachs Modelliertes, Gemaltes.
Alles das hatte erneuten Wert für sie bekommen, seit er ihr die
Bedeutung solcher Dinge erklärt. Wieviel Liebe hatte sie in diese
längst unscheinbar gewordenen Sachen und Sächelchen gelegt! Was hatte
sie sich alles dabei ausgedacht, was für Phantasieen, Anschläge, Pläne
und Hoffnungen daran angesponnen! In Vergessenheit war alles das
geraten, bis er es aufleben machte durch seine Worte. Nun verstand
sie auf einmal den Sinn dieser ganzen Periode; es war nicht kindische
Tändelei gewesen, sie hatte sich damals schon vorbereitet auf Größeres.
Jutta ahnte, daß sie vor einem neuen Abschnitte ihres Lebens stehe. Sie
fühlte sich gefördert in Verstehen, Geschmack, Urteilen und Empfinden.
Er hatte ihr, ohne es zu wissen und zu wollen, weit mehr gegeben, als
bloße Winke für ihre Kunst. Sie war gewachsen, in allen Fähigkeiten
gestärkt und vertieft durch ihn.
* * * * *
Lieschen war glücklich über die Ergänzung, welche ihr Verhältnis zu
Xaver durch Juttas Hinzutritt bekommen hatte. Endlich ein Mensch, bei
dem er Verständnis fand. Sie hungerte ja nach Anerkennung für ihn.
Jedes Wort der Bewunderung, das ihm galt, that ihrem Herzen wohl.
Sie wußte es nur zu gut, daß er, der niemals um Lob gefeilscht, dem
alle Sensation, alle Reklame als unkünstlerische, unwürdige Mittel in
tiefster Seele verhaßt waren, doch ein heißes Bedürfnis fühlte, sich
anerkannt zu sehen. Wie jeder, der etwas kann, etwas zu geben hat,
wollte auch er sich durchsetzen, Menschen an sich heranziehen, Seelen
erobern, Liebe gewinnen, sich mitteilen, sich aussprechen, Gaben
verteilen und Gaben zurückempfangen.
Lieschen wußte, daß das Einsiedlerleben, welches er führte, ihm auf
die Dauer nicht gut sein könne. Ein Künstler hat mannigfaltige,
komplicierte Bedürfnisse. Für das Große, was er verausgabt, muß
er Großes einnehmen. Er fühlt Hunger und Durst nach Anmut, Anmut
der Formen, Anmut des Verkehrs. Seine Sinne sind verfeinert, seine
Nerven verwöhnt, er hat Organe bei sich ausgebildet, die dem
Durchschnittsmenschen fehlen. Zu seinem Leben bedarf er vielmehr, als
die alltägliche Nahrung; jene höchste Schönheit ist ihm Notwendigkeit,
die vom Menschen ausgeht, die nur der Mensch dem Menschen offenbaren
kann.
Einstmals, das wußte Lieschen, hatte sie ihrem Freunde das gewährt;
alles hatte sie ihm geben können, weil sie alles besaß: Jugend,
Schönheit, Zärtlichkeit, Feuer der ersten Liebe. Nun war von alledem
nur geblieben die Freundschaft.
Sie hatte sich aufgebraucht. Das Leben an seiner Seite war hart
gewesen. Armut, Entbehrung, Wochenbett, Krankheit, Sorge um den
Unterhalt waren die mörderischen Feinde, die ihr Jugend und Schönheit
geraubt hatten.
Xaver stand im selben Alter wie Lieschen, und doch war er um viele
Jahre jünger als sie. Sie alterte schnell; der Spiegel sagte es ihr
täglich. Und er stand in der Blüte der Manneskraft.
Wie stark er liebte, wie die Liebe ihm Bedürfnis war, des Leibes wie
der Seele, das wußte sie; denn sie war durch Jahre ihm alleinige
Genossin gewesen. Gemeinsam hatten sie, als halbe Kinder, die ersten
Schritte gewagt in das Mysterium der Liebe. Wer des anderen Lehrmeister
gewesen, wußte keines zu sagen. Denn beide waren sie keusch und
unentweiht, als sie einander fanden.
Herrlich, köstlich war die Erinnerung an jene erste Zeit. Sie konnte
das Herz jung erhalten; aber die Spuren des Kampfes tilgte sie nicht,
das Siechtum nahm sie nicht von dem gebrechlichen Leibe. Das Haar
konnte nicht wieder schwarz werden, die welke Haut nie und nimmer den
alten Schmelz wiedergewinnen.
Niemals wieder würden sie einander mit den Augen der ersten Liebe
ansehen. Das Feuer der Sinne war erloschen, nichts konnte es mehr
anfachen. Diese Dinge mußten ruhen in ihrem Grabe. Je mehr schöne
Blumen darüber wuchsen, desto besser! Aber ein Grab blieb es darum doch!
Für sie selbst that es Lieschen nicht leid. Sie zürnte dem Geschicke
nicht. Sie hatte das ihre gehabt, war gesättigt von Glück. Für sie
hatten manche Szenen und Erlebnisse Ewigkeitswert; einen Schatz besaß
sie davon aufgespeichert, von dem sie jederzeit zehren mochte.
Anders der Mann! Sein Sehnen konnte unmöglich gestillt sein. Die
Erinnerung an Genossenes bedeutete für ihn einen Antrieb mehr, neuen
Genuß zu suchen. So war es in der Natur der Geschlechter begründet.
Er liebte sie, war ihr treu, das wußte sie. Es war ihr höchster
Triumph, daß er sie so frei, so ohne jede Nebengedanken, Rücksichten
und Fesseln, so ganz um ihrer selbst willen liebte. Jeder seiner
Besuche war ihr wie ein Geschenk. Die kleinste Aufmerksamkeit von
seiner Seite erfüllte sie mit der Dankbarkeit der Braut. Seine
Treue hatte etwas Rührendes für sie. Sie genoß ihr Glück mit der
melancholischen Innigkeit eines Menschen, der sich bewußt ist, daß
alles einmal ein Ende haben muß und daß auf Frühling und Sommer Herbst
und Winter folgen müssen.
XV.
Der Erfolg, der so lange auf sich hatte warten lassen, war mit
einemmale über Nacht zu Xaver Pangor gekommen.
Es hatte sich nämlich mit der Zeit in den tonangebenden Kreisen der
Künstlerschaft herumgesprochen, daß da ein vergessener Kollege sei,
der seine besonderen Wege gehe, der seine eigene Technik habe und
ungewöhnliche Ziele verfolge. Frühere Mitschüler von der Akademie
entsannen sich dieses wunderbaren Heiligen, der sich's in den Kopf
gesetzt hatte, alle Eselsbrücken moderner Bildhauer-Technik zu
verschmähen. Neugier trieb die Leute in Pangors Atelier. Ein Händler,
der Nase hatte für das, was auf dem Wege war, Mode zu werden, kaufte
ein paar Arbeiten von ihm an und stellte sie aus. Der Herausgeber
einer angesehenen Kunstzeitschrift ließ Aufnahmen davon machen und
publicierte sie. Ein Kritiker, der das Gras wachsen hörte, schrieb
Artikel über Xaver Pangor, in welchen er sich als Entdecker dieses
neuen Sternes aufspielte. Ein anderer Kritiker, der, weil er der
entgegengesetzten Clique angehörte, principiell alles befehdete, was
jener schrieb, erließ eine geharnischte Entgegnung. Kurz, der Name
»Xaver Pangor« kam nichtmehr zur Ruhe. Es war unter den Eingeweihten
Mode geworden, von ihm zu sprechen. Er gehörte fortan zu den
Persönlichkeiten, die nichtmehr totgeschwiegen werden konnten.
Xaver selbst lächelte über den Kampf, der mit einem Male um seine
Person entstanden war. Er hatte sich früher nicht um die öffentliche
Meinung groß gekümmert, jetzt, wo er die Kinderschuhe ausgetreten und
schon eine ganze Strecke Wegs selbständig vorangeschritten war, konnte
sie ihn erst recht nicht beeinflussen oder gar beirren in seinem
Schaffen.
Aber jemand war, der sich über seinen Erfolg innig freute: Lieschen.
Es that ihrem Herzen doch wohl, ihren Freund nun endlich auch von der
Öffentlichkeit anerkannt zu sehen.
Das Mißgeschick wollte, daß Lieschen gerade in jener Zeit ans Bett
gefesselt war; so konnte sie an seinem Triumphe nur von weitem
teilnehmen.
Über ihr schlechtes Befinden sprach Lieschen nicht gern, nannte es
»Schwäche«, die bald vorübergehen werde. Selbst Jutta erfuhr nicht, daß
es ein Rückfall sei in ein schweres, inneres Leiden, das sie vor Jahren
sich zugezogen, als sie zu zeitig das Wochenbett verlassen hatte.
Jutta war viel bei Lieschen, suchte ihr die Zeit zu vertreiben durch
Erzählen und Vorlesen. Zur besonderen Aufgabe hatte sie es sich
gemacht, alles, was in den Blättern über Xaver erschien, aufzustöbern
und der Freundin mitzuteilen. Sein Name spielte fortgesetzt eine große
Rolle in den Gesprächen der beiden.
Pangor hatte neuerdings ein paar Arbeiten vollendet: den Entwurf zu
einem Monumentalbrunnen und ein Grabdenkmal. Die Werke waren in seinem
Atelier ausgestellt zur Besichtigung. Lieschen hätte nur zu gern
gesehen, was er geschaffen, hoffte von Tag zu Tag auf Besserung; aber
ihre Niederlage zog sich diesmal ungewöhnlich lange hin und verbot ihr
jeden Gedanken ans Ausgehen.
Lieschen hatte Jutta schon wiederholt gebeten, daß sie sich Xavers
neueste Arbeiten ansehen möge. Aber Jutta wollte nicht allein gehen.
Selbst Lieschens Einwand, daß jetzt sein Atelier ein öffentlicher Ort
geworden sei, den jedermann unbedenklich aufsuchen könne, wieviel mehr
eine Freundin, verfing nicht. Jutta erklärte, warten zu wollen, bis
Lieschen ganz hergestellt sei, dann müsse der erste Ausgang dem Freunde
gelten. Mit ihr wolle sie gern gehen, allein sei es nur halber Genuß.
Bis schließlich Xaver, als er sie eines Tages bei Lieschen traf, selbst
bat, Jutta möge kommen, wenn sie das Grabdenkmal noch sehen wolle; der
Besteller habe die Überführung an seinen Platz bereits verlangt. Jutta
konnte nun nicht mehr ausweichen; ihr Besuch wurde für den nächsten Tag
zu bestimmter Stunde verabredet.
Das Atelier war aufgeräumt. Jutta konnte sich nicht entsinnen, es so
gesehen zu haben. Die Diele schien frisch gescheuert, der schlimmste
Staub entfernt. Der Bildhauer machte scherzend darauf aufmerksam, daß
mit der Berühmtheit auch die Ordnung bei ihm eingezogen sei.
In schön geformter Vase standen ein paar auserlesene Orchideenstengel.
Xaver nahm sie vorsichtig heraus. »Die sind für Sie!« sagte er und
überreichte die Blumen.
»Ich werde sie Lieschen bringen!« erwiderte Jutta.
»Nein, für Lieschen habe ich Rosen. Die hier sind besonders für Sie
ausgesucht, weil ich weiß, daß Sie Orchideen zu schätzen wissen.«
Jutta mußte die Blumen annehmen. Wenn's auch gut gemeint war von ihm,
er hätte das doch nicht thun sollen! Es kam Jutta wie ein Unrecht vor
gegen Lieschen; sie wunderte sich, daß er das nicht auch so fühlte.
Aber der anfängliche peinliche Eindruck wurde schnell verwischt
durch das, was sie nun zu sehen bekam. Der Künstler zeigte ihr
seine Arbeiten. Jutta fand auch hier die Eigenschaften wieder, die
sie an allem, was von seiner Hand stammte, so sehr bewunderte:
die große ruhige Linie, den kühnen Vortrag, die wuchtige Kraft,
und dabei die Einfachheit die jedem seiner Werke den Stempel der
Selbstverständlichkeit aufdrückte, daß man sich sagte: so und nicht
anders durfte es sein.
Übrigens schuf Pangor längst wieder an einem neuen Werke. Ein
Ringerpaar, nackte Männer in Lebensgröße für Marmor berechnet, war's
diesmal. Er machte das ohne Bestellung, wie er sagte, für sich selbst,
um seiner Freude an der Bewegung, dem schwellenden Muskelspiel, der
ganzen lebendigen, blühenden Schönheit des menschlichen Körpers Genüge
zu thun.
Ein mächtiger, erst teilweis bearbeiteter Marmorblock lag da. Der
Bildhauer machte Jutta aufmerksam auf die Schönheit des Steines, die
Feinheit und Gleichmäßigkeit seines Kornes, den weichen Schimmer
seiner Tiefen, das Licht, welches gleichsam von seiner Oberfläche
ausstrahlte.
»In solchem Material arbeiten, ist das Höchste, was ich kenne!« rief
er, und seine Augen leuchteten. »Was ist dagegen Holz, Gips, selbst
Bronze! Marmor allein giebt eine Ahnung von der geheimnisvollen
Schönheit des nackten Leibes, von seiner transparenten Leuchtkraft,
seiner kernigen Schmiegsamkeit, von der ganzen Intimität seiner Reize.
Für mich ist solcher Stein lebendig. Gestalten schlummern darin; ich
muß sie zum Dasein befreien!« --
Xaver sprach begeistert. Der Eifer des Künstlers kam über ihn. Er griff
nach Meißel und Klöpfel und begann mit starken, sicheren Schlägen eine
Schulterpartie aus dem Steine herauszuholen. Das fertige Thonmodell der
Ringergruppe stand vor ihm; aber er nahm sich nicht erst die Zeit zum
Nachmessen und Punktieren. Bei solch ängstlichem Rechenwerk gehe ihm
zuviel Stimmung verloren, erklärte er.
Jutta hatte das Gefühl, einen anderen, größeren Menschen vor sich zu
haben, wie sie ihn so bei der Arbeit sah. Hier kam der Mann in seiner
ganzen, für gewöhnlich verhaltenen Kraft zur Geltung. Hier beherrschte
er als souveräner Herr sein eigenstes Gebiet.
Er sprach kein Wort mehr. Alle Aufmerksamkeit war auf Stein und
Instrument konzentriert. Die Blicke waren fliegend, gleichsam greifend.
Auf dem Gesicht mit der hohen, vorspringenden Stirn, den finster
zusammengezogenen Brauen, den fest aufeinandergepreßten Lippen, lag
bedeutsamer Ernst.
»So!« rief er nach einiger Zeit. »Jetzt haben Sie einen Begriff.
Nichtwahr? Hierbei gilt's alles, was einem der liebe Gott mitgegeben
hat, zusammennehmen; da muß hinter jedem Schlage der ganze Kerl stehen.
Radieren, Übermalen, Korrigieren wie bei euch Malern kennen wir nicht.
Ein einziger falscher Schlag, und das Ganze ist verdorben. Ich liebe
es, so zu arbeiten, im steten Gefühle der Verantwortlichkeit, im
Bewußtsein der Gefahr. Das ist Männerarbeit. Man kann's oder man kann's
nicht! Mit Kunstgeschmack und gutem Willen allein ist unsre Arbeit
nicht gethan. Vor Dilettantismus sind wir sicher. Gott sei Dank!«
Er legte sein Werkzeug bei seite, ging an die Wasserleitung und wusch
sich die Hände.
»Ich bin ein merkwürdiger Wirt!« sagte er. »Entschuldigen Sie nur!«
Mit einemmale war aus dem großen Künstler wieder der harmlose einfache
Xaver geworden.
»Setzen wir uns!« rief er und schob ihr einen Hocker zu. »Denken Sie,
Lieschen wäre bei uns, und lassen Sie uns ein wenig plauschen.«
* * * * *
Jutta holte ihren lange Zeit hindurch vernachlässigten Stickrahmen
wieder hervor. Auserlesene Stoffe wurden mit schimmernden Fäden
bestickt. Ein Rückfall schien's in Jugendliebhaberei. Aber viel
kräftiger und kühner waren jetzt Linie, Form und Farbe.
Unwichtig, spielerisch, weiblich unbedeutend wäre ihr solches Thun noch
vor einem halben Jahre erschienen, aber nun hatte Xaver sie gelehrt,
daß keine Thätigkeit so unbedeutend sei, um nicht von der Kunst geadelt
zu werden. Beständig waren ihr seine Worte darüber gegenwärtig, der
Gedanke an sein Vorbild führte ihr die Hand. Zeigen, was sie arbeitete,
wollte sie ihm nicht. Sein Lob war ihr nicht von Nöten; wenn nur das,
was sie that, seiner würdig war.
Ihr Vater überraschte sie einigemale bei derartiger Arbeit. Er lächelte
verständnisvoll. »Ach, für deine Ausstattung!« -- und ein andermal:
»Das wird für Brunos Zimmer, ich wette!«
Ausstattung, Hochzeit, Bruno! -- Wie fremd das anmutete! Oft vergaß sie
gänzlich, daß sie Braut sei. Wenn ein Wort, ein Ereignis, eine Frage,
sie daran erinnerte, berührte sie's wie körperlicher Schmerz.
Und wenn ein Brief von Bruno ankam, konnte sie sich lange nicht
entschließen, ihn zu öffnen. Um an ihn zu schreiben, mußte sie sich
geradezu einen Stoß geben. Sie schrieb dann mechanisch ganz kindische,
einfältige Sachen, las das Geschriebene nie wieder durch. Das Herz auf
keinen Fall, kaum der Verstand, hatte damit etwas zu thun.
Allewelt nahm natürlich stillschweigend an, daß sie sich auf nichts
mehr freue, als auf Brunos Rückkehr. Ihr Vater fragte sie wie oft
scherzweise: »Nun, kleine Jutta, wieviel Tage sind es noch?« --
Die Hänseleien des Vaters waren schrecklich! Mußte sie denn immer und
immer wieder an die größte aller Unklugheiten erinnert werden! --
Wie hatte sie nur gekonnt? Welch böser Dämon hatte hinter ihr
gestanden? War sie denn blind gewesen, nicht bei Sinnen, oder betäubt?
Sie konnte sich nicht mehr vorstellen, in welcher Verfassung des
Gemütes sie sich befunden, als sie Bruno ihr Jawort gegeben hatte.
Die Jutta von damals und die Jutta von heute, das waren eben zwei ganz
verschiedene Wesen. Eine neue Welt war ihr seitdem aufgegangen, eine
Welt voll großer, herrlicher Dinge, hinter denen sie noch größere ahnte.
Sie hatte sich selbst jetzt erst eigentlich gefunden. Fähigkeiten
entdeckte sie an sich, Möglichkeiten der Entfaltung, die sie früher
nicht geträumt hatte. Wie verdoppelt kam sie sich vor. Wozu hätte sie
sich das Vermögen nicht zugetraut! In manchen Stunden war ihr zu Sinne,
als müsse sie fliegen. Verzaubert war sie. Wie in einem Wundergarten
lebte sie; alle Dinge, selbst die alltäglichsten, sprachen ihre eigene,
besondere, geheimnisvolle Sprache zu ihr. Die Welt hatte in ihren Augen
tiefere Farben angenommen. Über allem lag ein goldener Schimmer, wie
von einem Gestirn, das aufgehend seine Strahlen weit voraus sendet.
Alles war größer, schöner, bedeutungsvoller in diesem Lichte.
Aber so fühlte Jutta nur in besonders glücklichen, geweihten Stunden,
wenn sie allein war, tief in ihre Gedankenwelt eingesponnen. Der Alltag
mit seiner Nüchternheit sorgte dafür, daß sie immer wieder unliebsam
aufgeweckt wurde aus solchen Träumen. Und je höher die Einbildungskraft
den Flug genommen hatte, desto tiefer war dann der Sturz zurück in die
unerquickliche Wirklichkeit.
Am stärksten wurde dieser bittere Gegensatz fühlbar, wenn Jutta
allerhand demütigende Lügen ersinnen mußte, um ihre häufigen Besuche
bei Lieschen Blümer zu entschuldigen. Herr Reimers kannte ja die
Freundin seiner Tochter von früher her; er begriff jetzt noch
weniger als damals, was Jutta von dieser, in seinen Augen gänzlich
untergeordneten Person eigentlich habe. Es sei höchste Zeit, daß dieser
unpassende Verkehr nun endlich mal aufhöre, fand er. Von der Existenz
des Bildhauers ahnte er überhaupt nichts, sonst würde er ein für
allemal ein energisches Veto eingelegt haben, aus Gründen der »Moral.«
Jutta war daher zur höchsten Vorsicht verurteilt, wenn sie nicht
wollte, daß ihr das Beste, was sie besaß, der Umgang mit den einzigen
Freunden, abgeschnitten werde.
Das Ausgehen im größeren Kreise zwar war Jutta erspart geblieben im
letzten Winter, vom Verkehr innerhalb der Familie jedoch konnte sie
sich nicht gänzlich ausschließen.
Die Familie fand, daß Jutta sehr zurückhaltend geworden sei und
still; auffällig still für eine Braut! Besonders kluge Tanten wollten
Melancholie lesen in den Mienen des Mädchens.
Auch mit Luitpold Habelmayer traf sie manchmal zusammen. Er hatte
noch immer sein ironisches Verhalten ihr gegenüber, erkundigte sich
überlegen lächelnd nach dem Befinden des »guten Bruno«. Im übrigen
belästigte er Jutta nicht. Im Familienkreise mußte Luitpold sich in
Acht nehmen, da fühlte er zuviel beobachtende Blicke auf sich gerichtet.
Außerdem verfolgte der Brave eine ganz besondere, feine Politik, die
hieß: Abwarten! Er sah, daß Jutta augenblicklich in einer Krise stehe.
Was sich daraus entwickeln werde, schien zur Zeit nicht deutlich
erkennbar. Die Hauptsache war in solchem Falle, nichts übereilen,
beobachten und zur Stelle sein, um, wenn sich eine günstige Gelegenheit
ergab, zugreifen zu können. Von Bruno Knorrig hatte er für das endliche
Gelingen seines Planes niemals viel gefürchtet. Im Gegenteil, wenn
etwas geeignet war, ihm die schöne Cousine schließlich in die Arme zu
treiben, so war es diese ihre unbegreifliche Geschmacksverirrung.
Daß er es jetzt mit einem ganz anderen, unendlich stärkeren Rivalen bei
dem Mädchen zu thun habe, ahnte der Kluge bei all seinem Raffinement
nicht.
Wenn sie mit Menschen, wie Luitpold Habelmayer zusammenkam, wurde es
Jutta erst klar, was sie an Lieschen und Xaver besitze. Da begriff
sie den Gegensatz, der zwischen zwei großen Welten klaffte. Hier das
gesättigte, aufgeblasene, selbstzufriedene Spießbürgertum, dort jene
Welt, die vom Banausen verächtlich als »Bohème« bezeichnet wurde. Auf
wessen Seite war die größere Ehrlichkeit, die höhere Sittlichkeit?
Da, wo unter dem Deckmantel von Anstand und Ehrbarkeit die gröbste
Genußsucht herrschte, oder dort, wo man frei und mutig das Herz zum
obersten Richter machte? --
Jutta hatte sich längst entschieden in ihrem Herzen, auf welcher Seite
sie stehe.
Tiefste Verachtung erfüllte sie vor dem öden Philistertum, dem geist-
und geschmacklosen Protzentum, dem cynischen Materialismus, der sich in
ihrer Umgebung breit machte. Was hatte sie eigentlich mit ihrer Familie
noch gemein? Anderer Geschmack, andere Bedürfnisse, andere Anschauung!
Wie ein Fremdling kam sie sich vor in diesem Kreise.
Und das waren die Menschen, unter denen sie in Zukunft leben sollte!
Würde sie das ertragen? War es da nicht besser, einfach auf und davon
zu gehen? Aber wohin? -- Sie war ja geschmiedet an diesen Block des
Familienlebens, das für sie längst überhaupt kein Leben mehr war; das,
wenn sie es länger ertrug, ein allmähliches Absterben und Versumpfen
werden mußte.
Das Schrecklichste war das Bewußtsein, sich selbst daran ausgeliefert
zu haben, sich gebunden zu haben durch ein Wort, das man in unbewachter
Stunde gegeben, zu einer Zeit, wo man nicht bei sich selbst gewesen,
wo man sich weggeworfen aus Verdruß, aus Gleichgiltigkeit, weil man's
nicht besser gewußt hatte.
Und nun, wo man endlich erkannt, was das Leben sein könne, war's zu
spät.
Niemanden ließ sie etwas merken von ihren Seelenkämpfen, selbst
Lieschen Blümer nicht. Ja, sie hatte das Gefühl, als müsse sie vor
Lieschen ihr Geheimnis ganz besonders wahren. Die sollte ihr nicht
raten, nicht zureden, vor allem sie nicht bemitleiden. Lieschen war ja
glücklich. Bei Lieschen fielen Liebe und Besitz zusammen in eines.
Jutta fühlte es manchmal wie brennendes Gefühl des Schmerzes, wenn
sie das Glück aus den Zügen der Freundin strahlen sah. Es war die
Empfindung des Menschen, der hungert dem gegenüber, der sich sättigen
darf. Das läßt sich nicht niederkämpfen, bei allem Stolze nicht.
Sie wollte ja nicht ihr Geschick mit dem der Freundin vergleichen.
War es denn nicht gerecht, daß Lieschen, der in anderem das Glück so
kärglich zugemessen war, in diesem einen Größten wenigstens bevorzugt
wurde? -- Verdiente sie denn nicht, was sie besaß? -- Jutta wollte
den Neid nicht in sich aufkommen lassen. Neid war so etwas Häßliches,
Erniedrigendes! Sie gab sich Mühe, ihr Herz zum Schweigen zu bringen.
Denn Lieschen machte Xaver doch glücklich! Es konnte kein Zweifel sein
darüber. Aus hundert kleinen Zügen merkte man seine Liebe. Es wäre ja
auch unnatürlich gewesen, hätte er sie nicht geliebt, er, der ihr für
Großes Dank schuldig war, der ihrer Aufopferung das Leben dankte.
Von Herzen schlecht wahrhaftig hätte man sein müssen, wollte man der
Freundin nicht gönnen, was tausendfach ihr Eigentum war.
Lieschen hatte sich ihr Leben selbst gemacht. Sie hatte ihr Herz wählen
lassen, hatte Bequemlichkeit, Ruhe, gesicherte Stellung, Achtung der
Menschen hinter sich geworfen, hatte die Liebe auf sich genommen
mit allen ihren Dornen, es war nur gerecht, daß sie auch ihre Süße
auskostete.
Auch Jutta hatte ja gewählt. Sie war Braut. Aber es bäumte sich
etwas auf in ihr, wenn sie an ihr Los dachte, das äußerlich soviel
glänzender, geordneter war, als das der Freundin. Sie würde heiraten,
eine brave, gut situierte Hausfrau werden, mit allem, was dazu gehörte:
Geld, Ehrbarkeit, Kinder. --
Wie sie den Gedanken haßte, ja fürchtete! Ein Fantom wurde daraus, das
ihr Tag und Nacht keine Ruhe ließ.
Wie ein Stein fiel es ihr daher vom Herzen, als ihr der Vater eines
Tages schonend die Mitteilung machte, in Venezuela drohe wiedermal
Bürgerkrieg. Ihre Plantagen, Lager und Häuser drüben seien schwer
bedroht, und es wäre vorläufig unbedingt notwendig, daß Bruno an Ort
und Stelle bleibe, bis das Schlimmste vorüber sein würde.
Herr Reimers wunderte sich, wie ruhig Jutta diese ernste Nachricht
aufnahm. Er hatte Weinkrämpfe oder dergleichen erwartet. Im stillen
bewunderte er seine Tochter. Schneid hatte das Mädel, wenn's drauf
ankam! --
Jutta aber fühlte sich wie von schwerem Alp befreit. Gott sei Dank, das
war ein Aufschub!
XVI.
Das Sommersemester neigte sich bereits stark dem Ende zu. Eberhard
wollte dies Jahr nicht, wie die Jahre vorher, während der großen
Ferien ins Ausland reisen, sondern nur an die Ostsee gehen. Irgendwo
auf Rügen, glaubte er, werde er Muße finden zur Arbeit. Denn heuer
mußten dazu auch die Ferien genommen werden; wollte er doch im nächsten
Winter seine Staatsprüfung ablegen. Im Herbst aber sollte er zu kurzem
Aufenthalt nach München kommen, wo, wie der Vater schrieb, Juttas und
Brunos Hochzeit stattfinden werde, bei der er nicht fehlen dürfe.
Otto Weßleben, der auch nicht weit vom Examen stand, wollte Eberhard
Reimers auf seiner Rügen-Fahrt begleiten. Die beiden Freunde hatten
sich's ausgedacht, bei schlichten pommerschen Bauersleuten Quartier zu
nehmen. Man wollte nicht nur repetieren, sondern auch baden, die Insel
durchwandern, segeln, rudern.
Bei den Weßlebens wurde kaum noch von etwas anderem gesprochen, als
von diesem Ausfluge. Eltern und Geschwister freuten sich für Otto,
dessen erste Reise es war. Sie selbst wollten während des Hochsommers
in Berlin bleiben; denn für mehr als ein Familienmitglied langten die
Mittel zum Reisevergnügen nicht.
Wenige Tage vor dem bestimmten Abfahrtstage bekam Eberhard unerwarteten
Besuch. Bruno Knorrig trat ohne Anmeldung plötzlich zu ihm ins Zimmer.
Über fünf Jahre war es nun wohl schon her, daß man einander nicht
gesehen hatte; wichtige Jahre der Entwickelung für die beiden! Man
wußte noch, daß man miteinander befreundet sei, man versicherte es
sich gegenseitig aufs neue, man suchte einander zu überbieten in
Herzlichkeit; aber es blieb in alledem doch etwas Fremdes, Erzwungenes.
Ein zu großes Stück fehlte in der Kette gemeinsamen Erlebens; beim
besten Willen konnte man die beiden Enden nicht mehr zusammenfügen.
Eberhard schlug vor, in eine Kneipe zu gehen, da es auf seiner »Bude«
doch gar zu nüchtern sei. Außerdem wäre es höchste Zeit, meinte er,
daß sie nun endlich mal auf Brunos und Juttas Verlobung eine Flasche
leerten. Es sei ein Skandal, daß das nicht längst geschehen.
Bruno ließ auf diese Aufforderung ein etwas gepreßt klingendes Lachen
hören, das Eberhard auffiel. Überhaupt entsprach sein, zwischen
hastiger Erregung und Gedrücktheit jäh wechselndes Benehmen nicht
gerade dem, was man sich unter einem glücklichen Bräutigam vorstellte.
Der Freund folgte Eberhards Einladung jedoch, und bald saß man in der
gemütlichen Ecke einer Weinstube einander gegenüber und setzte die
Versuche fort, sich näher zu kommen.
Bruno erzählte, daß er seit etwa drei Wochen wieder in Europa sei.
Seine Thätigkeit drüben sei glücklich beendet. Es stehe nun nichts mehr
im Wege, daß er für immer in der Heimat bleibe.
»Und im Oktober ist Hochzeit!« rief Eberhard. »Stoßen wir darauf mal
an, mein Alter! Deshalb, weil wir Schwäger werden sollen, können wir
schließlich immer noch Freunde bleiben, denke ich!«
Bruno zuckte zusammen. Ohne den Freund anzusehen, erwiderte er: »Laß!
Erst muß ich dir etwas erzählen. Ich bin hierher gereist, weil du meine
letzte Hoffnung bist!« ....
Und nun berichtete er dem staunenden Eberhard Folgendes:
Während er in Südamerika gewesen, waren Juttas Briefe an ihn immer
seltener, kürzer und kühler geworden. Er hatte dieser Wandlung des
Tones keine allzu große Bedeutung beigemessen, hoffend, daß all das mit
einem Schlage besser werden würde, wenn er erst wieder bei ihr sein
werde. Aber der Empfang, den sie ihm nach seiner Rückkehr bereitet
hatte, war noch ärger gewesen, als ihre Briefe. So furchtbar es auch
sei, so könne er doch nicht mehr daran zweifeln, daß sie die Absicht
habe, mit ihm zu brechen.
Mehr noch, als seine schlichten Worte, machte seine ganze Art und Weise
auf Eberhard Eindruck. So sprach echte Verzweiflung. Man merkte ihm an,
daß er schwer getroffen sei. Jetzt verstand Eberhard den Freund auf
einmal wieder. Er begriff die Größe seiner Liebe, fühlte mit ihm die
Kränkung, die ihm widerfahren.
Das Eis war gebrochen zwischen den beiden.
Bruno schüttete sein Herz aus. Was eigentlich vorgegangen sei mit
Jutta, konnte er nicht angeben. Man war auf Vermutungen angewiesen.
Neigung zu einem anderen Manne konnte es nicht wohl sein; sie hatte ja
im vorigen Winter ein völlig zurückgezogenes Leben unter den Augen der
Ihren geführt.
Eberhard erkundigte sich: wie denn die beiderseitigen Väter die Sache
auffaßten? --
»Mein Vater,« erwiderte Bruno, »ist schnell fertig. Für ihn bedeutet
Verlobung Verlobung; ein Kontrakt, wie jeder andere. Du kennst ihn ja!
Jeder Kontrahent ist gebunden, seine Zusage zu erfüllen. Ein Esel wäre
in seinen Augen, wer von seinem guten Recht nicht bis zum äußersten
Gebrauch machte.«
»Und ~mein~ Vater?« fragte Eberhard.
»Auch er bleibt seiner Natur getreu. Er sieht die Sache im rosigsten
Lichte, meint, das seien Mädchenlaunen, die nichts bedeuteten. Jede
richtige Braut hätte wohl solche Anwandlungen. Das mache den Brautstand
ja so pikant, daß man sich das Mädel immer wieder zurückerobern müsse.
-- Sie haben beide schön reden, die Alten! Ich allein weiß, wie
verzweifelt meine Sache steht!«
»Hat dir meine Schwester direkt gesagt, daß sie dich nicht will?«
»Schlimmer als das! Sie hat mich durchfühlen lassen, daß sie es als
Ehrlosigkeit betrachte von meiner Seite, wenn ich mich weiterhin als
ihren Bräutigam ansähe.«
»Ein starkes Stück!«
»Ich habe ihr erklärt, ich würde zurücktreten, wenn sie mir die Gründe
ihres Meinungswechsels glaubhaft machen werde.«
»Hat sie das gethan?«
»Sie verweigert jede Erklärung. So stehen die Dinge augenblicklich
zwischen uns. Ich fühle, daß dieser Zustand völlig unhaltbar ist.
Zwingen kann ich sie ja nicht, wie mein Vater will; aber fahren
lassen -- einfach mein Wort zurückgeben .... Ich glaube nicht, daß du
begreifen kannst, was das für mich heißen würde.«
Bruno war blaß geworden und zitterte am ganzen Leibe. Das Weinen schien
ihm nahe.
Er that Eberhard in tiefster Seele leid. Männer können einander in
Sachen der Liebe selten verstehen, weil fast immer Eifersucht in irgend
einer Form zwischen ihnen steht. Eberhard aber stellte sich hier von
vornherein auf Seite des Freundes gegen die Schwester. Einen schweren
Treuebruch schien ihm das Mädchen zu begehen.
»Kann ich dir irgendwie helfen, armer Kerl?« fragte er.
»Um dich darum zu bitten, bin ich hier!« antwortete Bruno. »Du bist
schließlich der einzige Mensch, der Einfluß hat auf Jutta. Ich weiß
es, daß sie auf dein Urteil großen Wert legt. Ich will nicht etwa,
daß du sie überreden sollst zu etwas, das sie nicht will; verstehe
mich nicht falsch! Ich dachte nur, wenn du versuchtest, sie auf sich
selbst zurückzuführen. Sie hat mich doch lieb gehabt, würde sie mir
sonst ihr Jawort gegeben haben damals! Aber seitdem hat sich irgend
etwas ereignet, was sie mir nicht sagen will oder nicht sagen kann.
Vielleicht ist sie gegen dich offenherziger.«
»Ich verstehe dich vollständig, Bruno, und ich denke, ich bin der
Mission gewachsen! Soll ich sogleich mit dir nach München fahren?«
»Dein Vater und Jutta sind bereits nach Berchtesgaden abgereist.
Ursprünglich sollte auch ich mitkommen; aber nach den Erfahrungen
blieb ich lieber weg. Angeblich bin ich auf einer Geschäftsreise am
Rhein. Ich kann auch nur kurze Zeit hier bleiben. Wenn du etwas für
mich thun wolltest, das wäre herrlich! Niemals würde ich dir den
Freundschaftsdienst vergessen! Aber das sage ich dir gleich: leicht
wirds nicht werden. Jutta ist sehr, sehr schwer zu behandeln. Ich
fürchte, ich habe es von vornherein mit ihr versehen.«
»Na, wollen mal sehen!« rief Eberhard in zuversichtlichem Tone. »Ich
bin schon manchmal mit meiner kleinen Schwester fertig geworden, wenn
alle anderen verzweifelten. Sie ist doch schließlich auch nur ein
Frauenzimmer!«
* * * * *
Der Plan, mit Otto Weßleben nach Rügen zu fahren, war damit ins Wasser
gefallen. Eberhard sagte sich, daß der Freundschaftsdienst, den Bruno
von ihm erbeten hatte, allem andern vorangehen müsse.
Wenn er einmal nach Bayern reiste, dann wollte er gleich für einige
Zeit mit den Seinen zusammenbleiben. Was ihm Bruno mitteilte, mahnte
Eberhard daran, daß er sich ihnen allzu lange ferngehalten habe.
Sicherlich würde es soweit nicht gekommen sein, wenn er, der Bruder,
in der Schwester Nähe geblieben wäre. Jutta brauchte, wie's schien,
dringend jemanden, der sie beriet.
Nachdem er Bruno noch auf den Bahnhof geleitet hatte, wobei er
versuchte, ihm Mut einzusprechen und ihn zu trösten, trat er im späten
Nachmittage die Fahrt an nach dem Hause am Johannistisch. Er mußte
es doch nun den Weßlebens und vor allem Otto mitteilen, daß aus ihrem
Sommerausflug nichts werden könne.
Unangenehm genug war der Gang. Den eigentlichen Grund, weshalb er nach
dem Süden reiste, statt, wie verabredet, nach dem Norden, konnte er
den guten Leuten nicht einmal angeben. Man mußte sich eben irgend eine
Notlüge ausdenken. Dabei wußte er doch nur zu gut, wie sie sich alle
gefreut hatten.
Bei den Weßlebens fand er die Vorsaalthür offen. Rieke, das
Dienstmädchen, das der Herrschaft von Pudelsee nach Berlin gefolgt
war, stand am Thürstock mit dem Reinigen von Kleidern beschäftigt.
Nach Art alter Dienstboten nahm sich Rieke Vertraulichkeiten heraus
gegen Bekannte des Hauses. Wahrscheinlich dachte sie sich ihr Teil bei
den häufigen Besuchen dieses schmucken, jungen Mannes. Übrigens stand
sie mit ihrem Herzen wie mit ihrem Mundwerk -- das letztere trat mehr
hervor -- auf Seiten Eberhards.
Schon auf der Treppe hörte er durch die offenstehende Thür Musik
ertönen. Es klang wie Harmonium, zu dem gesungen wurde. Näher kommend,
erkannte er Agathens Stimme; oder vielmehr, da er sie noch nie hatte
singen hören, er vermutete, daß sie die Sängerin sei.
Rieke lächelte ihm verständnisvoll zu. »'t is unser Fräulein! Det arme
Ding! Se hat och nich vill Spaß vom Leben!«
Unwillkürlich blieb Eberhard stehen und lauschte den Tönen. Die Stimme
war schön; er wußte das schon vom Hörensagen. Niemals war Agathe zu
bewegen gewesen, in seiner Gegenwart zu singen. Nun bekam er doch mal
was davon zu hören, ohne ihr Wissen und Wollen.
Es war Susannens Brautlied aus dem Figaro. Agathe sang es, wie jemand,
der ohne Noten frei nach dem Gehör wiedergiebt, auch den Text variierte
sie ein wenig. Ihm fiel dabei ein, daß sie neulich mit ihrer Mutter auf
geschenkte Billets im Opernhause gewesen sei. Daher die Reminiscenz!
»Se is janz alleene!« sagte Rieke und wies mit der Kleiderbürste
über die Schulter nach dem Quartier. »De Herrens sind in der inneren
Mission. Ick jlobe, unser Diakonus hält heute ne jroße Rede. Und
de Frau is och jegangen. Aber de Kleene haben se nich mitjenommen;
et handelt sich nämlich von ›Sitte‹. -- Von so wat darf Agathchen
natürlich noch nichts wissen! Nu vertreibt se sich de Zeit auf ihre
Façong. Soll ick anmelden, Herr Reimers?«
Sie wartete garnicht erst die Antwort ab, lief in den Flur und öffnete
die Thür zum Wohnzimmer. Der Gesang verstummte sofort.
Klopfenden Herzens trat Eberhard ein. Er war doch wirklich nicht so
ängstlich sonst! Was war denn weiter dabei: ein +tête-à-tête+
mit dem jungen Dinge! Konnte er sie nicht bitten, daß sie ihm das
Liebeslied nochmal singe? Wurde sie darüber verlegen, so war die
Situation ja nur um so pikanter. --
Aber vor Agathens klaren, erstaunt und unwillig auf den Eindringling
gerichteten Augen verging ihm aller Mut zu der witzelnden Bemerkung,
die ihm auf der Zunge lag.
Er fragte vielmehr, sich unwissend stellend, ob Otto zu Haus sei. Und
als sie dies verneinte, wo die Eltern seien. Ihr Anblick verwirrte ihn
ganz. ›Wozu lüge ich nur?‹ fragte er sich. ›Sie durchschaut mich ja
doch mit diesen Augen!‹
Auf irgend eine Weise mußte er diesem Zusammensein einen zufälligen und
harmlosen Anstrich geben. »Ich bin hier!« begann er, »um eine recht
unangenehme Mitteilung zu machen. Aus unserer Rügen-Fahrt wird leider
nichts werden können, wenigstens soweit es mich betrifft. Ich muß nach
Haus.«
Agathe unterbrach ihn rasch. »Dann wird Otto auch nicht reisen!«
»Er kann schließlich auch allein fahren. Wir sind doch nicht
miteinander verheiratet, Ihr Bruder und ich!«
Eberhard bereute sofort dieses Wort, als er die Wirkung in ihren Zügen
sah. Sie runzelte unmutig die Stirn.
»Ich wollte Otto vorschlagen ....«
»Nein, geben Sie sich keine Mühe, Herr Reimers! Otto reist sicher nicht
allein. Ich kenne ihn besser, als Sie ihn zu kennen scheinen.«
»Es ist mir um Ottos willen sehr leid, das können Sie glauben, Fräulein
Agathe! Ich fürchte, Sie sind mir böse! Wie? --«
Das Mädchen zuckte nur die Achseln. Sie standen einander immer noch in
der Nähe der Thür gegenüber. Sie hatte ihn nicht aufgefordert, Platz zu
nehmen.
»Man sollte festhalten an dem, was man einmal zugesagt hat, finde ich!«
sagte Agathe und warf das Köpfchen zurück.
»Sie halten mich wohl nun für einen ganz unzuverlässigen Menschen --
was?« --
»Ich sage garnichts dergleichen! Otto thut mir nur furchtbar leid. Sie
wissen wahrscheinlich garnicht, wie große Stücke er auf Sie hält!«
Das Gespräch hatte eine, von Eberhard durchaus nicht erwartete und ihm
sehr unerwünschte Wendung genommen.
»Ich weiß, daß ich Aufklärung schuldig bin,« sagte er. »Wenn Sie hören,
was für triftige Gründe ich habe, zu den Meinen zu reisen, werden Sie
mich entschuldigen, dessen bin ich sicher. Morgen früh schon muß ich
fahren. Gern hätte ich Otto vorher noch gesprochen. Aber vielleicht
sind Sie so gütig, es ihm auszurichten und mich auch Ihren Eltern
gegenüber zu entschuldigen. Ich werde heut abend für längere Zeit zum
letzten Male hier gewesen sein. Vor Beginn des Wintersemesters kehre
ich nicht wieder nach Berlin zurück.«
Er hatte sich von der letzten Bemerkung eine starke Wirkung erwartet,
hatte geglaubt, daß es ihr leid thun werde, ihn so lange Zeit nicht zu
sehen. Wenn das der Fall war, so ließ sich Agathe jedenfalls nichts
davon anmerken. Sie ging, ohne ein Wort zu erwidern, zum Harmonium und
schloß es ab. Dort blieb sie stehen und blickte nach dem Fenster. Er
sah ihr Gesicht kaum noch in der anbrechenden Dämmerung.
Was sollte er thun? Bleiben -- gehen? Und wenn er blieb -- wozu ihr
Benehmen ihn nicht gerade aufforderte -- was sagen? Durfte er ihr
Brunos und Juttas Geheimnis preisgeben? Sollte er dem Mädchen die
Räubergeschichte aufbinden, die er sich unterwegs ausgedacht hatte: von
der plötzlichen Erkrankung seines Vaters; daß er als angehender Arzt
telegraphisch gerufen worden sei, zu dem Patienten zu kommen? --
In Gedanken war das eine ganz nette Erfindung gewesen, besonders auch,
weil sie seiner Bedeutung ein gewisses Relief gab. Aber je länger er
sich's überlegte, desto weniger wollte ihm die Idee gefallen. Es schien
seiner nicht würdig und vor allem nicht der Menschen, denen er solche
Flausen vormachen wollte. Eine innere Stimme warnte ihn davor, irgend
welchen falschen Schein zwischen sich und das junge Mädchen zu bringen.
Rieke trat ins Zimmer. Die Lampe, die sie in der Hand hielt, war wohl
nur ein Vorwand, mit dem sie ihre Neugier beschönigen wollte. Ihr
Blick wanderte von Agathe zu Eberhard. Fast schien es, als sei sie
enttäuscht, die beiden jungen Leute räumlich so weit von einander
getrennt zu sehen. Dann verschwand sie wieder.
Die kleine Lampe mit der milchweißen Glocke machte den Raum nur mäßig
heller. Agathe setzte sich an den Tisch und schlug ein Buch auf, das
dort gerade lag, anscheinend, um darin zu lesen. Ob ihr Verhalten aus
Verlegenheit hervorging, ob es absichtliches Nichtbeachten seiner
Anwesenheit vorstellen sollte, oder ob es beides war, wäre schwer zu
entscheiden gewesen.
Er stand jetzt, mit dem Rücken an das Harmonium gelehnt, ihr gegenüber.
Zwischen sich hatten sie den großen, runden Familientisch mit der
kleinen schlecht brennenden Lampe darauf. Dahinter das steife Sofa mit
den weißen Häkeleien. Wie altmodisch das war! Aber er liebte das alles:
diese verschossenen, wackeligen Möbel, diese altväterischen Bilder an
den Wänden, diesen ganzen unmodernen Hausrat. Es paßte zu den Menschen,
war ein Teil von dem, was für ihn »Weßlebensche Art« war.
»Sie sangen vorhin, als ich kam,« sagte er. »Wollen Sie mir nicht
einmal etwas vorsingen?«
»Nein!« rief Agathe schroff. Er sah, wie sie tief errötete.
Eberhard biß sich auf die Lippen. Esel der er war! Nun hatte er sie
glücklich auch noch beleidigt. --
Beide schwiegen wieder. Ein Fenster stand offen und ließ die
schwüle Abendluft des Großstadt-Sommers ein. Aus der Ferne hörte
man ein dumpfes unklares Summen und Brausen, wie das Stampfen
einer Riesenmaschine. Das Pulsieren des Blutes in einem gewaltigen
Organismus. Berlin tönte so. Eberhard dachte einen Augenblick, daß
dieses kleine Zimmer einer jener Muscheln gleiche, in denen man als
Kind das Branden des Weltmeeres zu hören glaubte. Dann gingen seine
Gedanken wieder andere Wege.
Er sah den geraden weißen Scheitel zwischen dem glatt anliegenden
Haar des sitzenden, immer noch in sein Buch vertieften Mädchens. Die
schmalen Schultern, ihren kaum angedeuteten Busen, der sich gleichmäßig
hob und senkte. Wie klar und einfach und scheinbar durchsichtig alles
an diesem jungen Wesen war. Wenn man nur eines gewußt hätte! -- -- --
Er grübelte schon wieder über ihrem Wesen. Wer war sie? Wie stand's um
ihr Herz? Was steckte hinter ihrer Sprödigkeit? Konnte man ihr denn
kein Zeichen entlocken, von dem, was sie eigentlich fühle? Ob sie
überhaupt fühle? --
Das Schweigen dauerte, lag schließlich wie etwas Körperhaftes fühlbar
zwischen ihnen. Schweigen wird unter Menschen, die einander noch nicht
gefunden haben, zur unerträglichen Qual, wie es bei Seelen, die sich
kennen, Zeichen ist höchster Vertraulichkeit.
Agathe blickte mit einemmale auf, sah ihn fast ängstlich an. Würde er
denn nicht endlich etwas sagen? --
»Ist jemand bei Ihnen zu Haus krank geworden?« fragte sie. Der Ton
klang nicht mehr barsch, eher schüchtern.
»Wie kommen Sie darauf?«
»Weil Sie sagten: Sie müßten so plötzlich reisen!«
»Merkwürdig!« rief Eberhard, »daß Sie mich gerade das fragen müssen!
Wissen Sie, daß ich drauf und dran war .... Nein, ich will Ihnen
die ganze Wahrheit sagen! Ich weiß, daß Sie hiervon niemandem etwas
erzählen werden. Es betrifft das Geheimnis eines Freundes und es
betrifft auch Jutta.«
»Jutta! Ihr fehlt doch nichts?«
»Sie ist gesund. Mein Freund Bruno, von dem ich Ihnen erzählt habe, war
heute bei mir. Zwischen den beiden hat es ein Mißverständnis gegeben.
Das Übrige erlassen Sie mir wohl. Kurz, ich muß reisen! Haben Sie
nicht soviel Vertrauen zu mir, wenn ich Ihnen sage: was ich thue, ist
notwendig, ist meine Pflicht, daß Sie meinem Worte einfach glauben?«
»Ich mißtraue Ihnen nicht!«
»Alle sind sie hier freundlich gegen mich. Ihre Eltern wollen mir wohl,
Ihre Brüder haben mich gern, nur Sie sind mir von vorn herein begegnet,
als wäre ich ein Einbrecher. Ich kann Ihnen versichern, daß mir das
wehe thut!«
Er blickte sie gespannten Blickes an. Sie hatte das Haupt wieder
gesenkt, sodaß er den Eindruck seiner Worte nicht feststellen konnte;
aber er sah ihren Busen fliegen.
»Ich werde versuchen, anders gegen Sie zu sein, wenn -- wenn Sie
wiederkommen,« sagte sie halblaut und blickte zur Seite. »Und ich
danke Ihnen auch, daß Sie mir das gesagt haben -- ich meine von Ihrer
Schwester das, weshalb Sie reisen müssen.«
»Ja, eigentlich habe ich es Ihnen doch garnicht gesagt!«
»Lassen Sie, bitte!« rief sie mit abwehrender Bewegung. »Ich weiß
alles, ohne daß Sie mir's erklären. Ich liebe Ihre Schwester und
bewundre sie so sehr.«
»Aber Sie kennen Jutta garnicht!«
»O, doch doch! Ich habe ein ganz bestimmtes Bild von ihr; das kann
nicht täuschen. Und ich finde es so begreiflich, daß Sie zu ihr wollen.
O, bitte, bitte, grüßen Sie sie von mir!«
»Ich werde Jutta erzählen von Ihnen. Aber können Sie mir denn nichts
mitgeben, ein Bild von sich. Ich habe ja nicht das Geringste, was ich
Jutta zeigen könnte, wenn sie mich fragen wird nach Ihnen. Haben Sie
keine Photographie?«
Agathe sann nach.
»Ein einziges Bild giebt es von mir, aber das ist schon ein paar Jahre
alt. Es ist in Pudelsee gemacht. Wir sind alle darauf, die Eltern und
die Brüder. Soll ich das hergeben?«
Sie schwieg, gab sich keine Mühe, den Kampf zu verbergen, den es ihr
kostete, sich von dem Andenken zu trennen. Eberhard hielt den Atem an,
in ihren Zügen begierig forschend, wie sie sich entscheiden würde.
»Ihnen will ich's geben!« sagte sie in plötzlichem Entschlusse, sah ihn
strahlend an und lief aus dem Zimmer.
Der Raum schien dem jungen Manne auf einmal zu eng. Er trat ans
Fenster, blickte hinaus, als ob er sich bei dem sternbedeckten
Nachthimmel Rat holen wolle.
Sollte er seinem Gefühle folgen? War es weise gehandelt? Zerstörte man
nicht vielleicht durch allzuschnelles Zugreifen die Hoffnungssaat, die,
wenn man Geduld übte, heranreifen mochte?
Was hätte er, der Skeptiker, der Freigeist, in diesem Augenblicke
gegeben um einen Wink von oben. Die nächsten Minuten mußten über sein
Glück entscheiden.
Agathe kam wieder. Sie brachte etwas: ein Kabinettbild in schlichtem
Rahmen. Man trat zur Lampe.
Die Photographie zeigte die Familie Weßleben, in der Mitte das
Elternpaar, die Kinder um sie her. Im Hintergrunde das ländliche
Pfarrhaus. Agathe stand neben dem Vater, eine Hand auf seiner Schulter.
Sie trug noch Zopf. Unter dem kurzen Kleide blickten die weißen
Strümpfe hervor. Das Konterfei war gut; es gab das Mädchen wieder in
seiner ganzen, frühzeitig fertigen, zugleich herben und lieblichen
Eigenart.
Eberhard betrachtete das Bildchen lange. Es übte auf ihn eine
ungewohnte Wirkung aus: es rührte ihn.
»Wollen Sie das haben?« fragte Agathe. »Finden Sie es gut genug, es
Ihrer Schwester zu zeigen?«
»Agathe!« erwiderte er, und suchte alles, was er fühlte, in die paar
armen Worte zu legen. »Ich bin so beglückt! -- Darf ich Jutta sagen,
daß es von einer Schwester kommt?« --
Er sah, wie ein Zittern über ihren jungen Leib ging. Die kleine Lampe
beleuchtete nur unklar den Raum, aber ihm genug: ihr Gesicht. Das war
mit einemmale sehr ernst; nichts Herbes, nichts Abweisendes lag mehr
darin. Schlicht und ernst war sie, wie Menschen in großen Augenblicken
werden. So stand sie ihm eine Weile gegenüber. Dann zuckte ein leises
Lächeln um ihren Mund. Mit der natürlichsten Bewegung reichte sie ihm
die Hand und sagte: »Ja!«
XVII.
Herr Reimers war mit seiner Tochter wieder in Berchtesgaden angelangt.
Man wohnte im selben Hause, wie im Sommer vorm Jahr. Aber die
Knorrigs, Vater und Sohn, waren dies Jahr nicht mit. Reimers sah sich
infolgedessen so ziemlich auf die eigene Gesellschaft angewiesen. Mit
Jutta stand er sich in letzter Zeit nicht besonders. Das Töchterchen
fing an, Launen zu zeigen und eine Art Selbstständigkeit zu entwickeln,
die den alltäglichen Verkehr sehr erschwerte.
Von gewissen Dingen ließ sich mit ihr überhaupt nicht reden, so über
ihre Verlobung. Der alte Herr konnte sich mit der Zeit der unangenehmen
Einsicht doch nicht entziehen, daß der im vorigen Sommer geschickt
eingefädelte Plan: die Familien Reimers und Knorrig auch noch durch
andere, als geschäftliche Bande mit einander zu verknüpfen, neuerdings
arg gefährdet sei. Wie die beiden jungen Menschen jetzt eigentlich
zu einander stünden, wußte niemand. Daß Bruno im letzten Augenblick,
statt mit nach Berchtesgaden zu kommen, eine Rheinreise antrat, war zum
mindesten sehr verdächtig.
Aber Reimers Vater war nicht der Mann, sich durch Sorgen längere
Zeit um die gute Laune bringen zu lassen. Er langweilte sich in
Berchtesgaden, wo er keine Bekannte traf. Er schrieb darum nach München
an Vally Habelmayer, sie solle umgehend kommen, um Jutta Gesellschaft
zu leisten. Zwar wußte er genau, daß Jutta sich nichts aus der Cousine
mache; aber gerade mit diesem Umstande rechnete er. Um so mehr würde er
dann Vally für sich haben. Er verordnete sich selbst Vallys anregende
Gegenwart wie eine Art von Kur.
Vally folgte dem Rufe des Onkels natürlich nur zu bereitwillig. Eines
Tages war sie da mit rosigen Wangen und glänzenden Vogelaugen, noch
etwas fleischiger als die Jahre vorher. Denn sie liebte gutes Essen und
Trinken über die Maßen und pflegte lange zu schlafen; eine Lebensweise,
die bei ihr ersichtlich gut anschlug. Jutta wollte mit der Cousine
Berge steigen; aber nach dem ersten Ausflug bekam Vally wunde Füße und
zog es vor, fortan dem Onkel Gesellschaft zu leisten.
Eines Tages kam von Berlin ein Telegramm, in welchem Eberhard sein
Kommen anmeldete. Bald danach trat er selbst in Berchtesgaden auf.
Eberhard hatte seinen Vater nicht von Angesicht zu Angesicht geschaut,
seit er damals, das Herz geheimen Grolles voll, von München gegangen
war. Er stellte auf den ersten Blick fest, daß der Vater sich seitdem
stark verändert habe. Freilich lag dazwischen auch Kurts trauriges
Ende. Es war nicht mehr zu verkennen, daß Herr Reimers in Erscheinung,
Haltung, im ganzen Wesen überhaupt, den Habitus des schnell alternden
Mannes zeigte.
Für Eberhard war das eine neue wunderliche Erfahrung. Es hat stets
etwas Nachdenkliches für den Sohn, zu erkennen, wie der Mann, der kraft
der Überlegenheit der Jahre uns Gesetz war und Vorbild, der Natur den
unausbleiblichen Zoll entrichtet. Wie auch diese Größe vor unseren
Augen rissig wird und zerfällt. Wie der, in dessen Hand wir einst
waren, unseres Mitleids, ja vielleicht unserer Nachsicht bedürftig
geworden ist.
Äußerlich verkamen Vater und Sohn jetzt ganz gut miteinander. Herr
Reimers hatte sich längst darein gefunden, daß Eberhard Arzt würde,
statt ihn, wie er sich ehemals gewünscht, als Kaufmann in seine
Fußtapfen treten zu sehen. Auch darin zeigte sich der Einfluß des
Alters; man war gleichgiltiger geworden und stumpfer, regte sich nicht
gern auf, wollte vor allen Dingen Ruhe haben.
Ganz von selbst ergab es sich, daß die Familie sich in zwei Paare
teilte. Vater Reimers blieb mit Vally, während Eberhard sich zu Jutta
schlug. Das ältere Paar interessierte sich für den Mittagstisch,
studierte, wo man am besten den Kaffee einnehmen und wo man zur Nacht
seinen Kaiserschmarren verzehren werde. Abgesehen von anderen kleinen
Späßen, die Oheim und Nichte hatten; dazu gehörte, daß sie sich
köstlich belustigten, wenn die Leute sie für ein Ehepaar ansahen.
Eberhard und Jutta hingegen stiegen in die Berge. Das Mädchen war eine
vorzügliche Fußgängerin. Sie hatte dies Jahr ihr Rad zu Haus gelassen,
dafür aber Bergstock und Alpenschuhe mitgebracht. Eberhard, der in
Berlin aus aller körperlichen Übung herausgekommen war, mußte sich
zusammennehmen, nicht hinter der Schwester zurückzubleiben.
Die Geschwister fanden sich bei so nahem Zusammensein in einer völlig
neuen Weise. Das war jetzt etwas ganz anderes, als die Vertraulichkeit
der Kinderstube, wo man bei gemeinsamen dummen Streichen und gemeinsam
erlittenen Strafen eine Art Banditenfreundschaft geschlossen hatte.
Nun war man erwachsen, mit Erfahrung beladen. Sie sahen einander mit
Blicken an, die das Leben geschärft hatte. Während sie früher nur
Geschwister gewesen waren: Menschen von verschiedenem Geschlecht, durch
Verwandtschaft zufällig zusammengekoppelt, so trat nunmehr deutlich die
Thatsache in ihr Bewußtsein, daß sie Mann seien und Weib, daß zwischen
ihnen die größte Kluft befestigt war, welche die Natur kennt.
Das trennte sie, aber es zog sie auch gewaltig zu einander hin.
In gewissen Dingen konnten sie einander verstehen durch ein
Augenzwinkern, ein Lächeln, eines jener im Familienjargon ausgebildeten
Worte, das nur dem Eingeweihten verständlich war. Bei anderen
Gelegenheiten fühlten sie, als sei eine Wand zwischen ihnen; man wußte,
der andere ist drüben, aber man sieht ihn nicht.
Eberhard hatte sehr bald nach seiner Ankunft angefangen, Jutta zu
sondieren, wie es um ihr Verhältnis zu Bruno stünde. Der Verabredung
mit dem Freunde gemäß, sagte er ihr nichts, daß Bruno bei ihm in
Berlin gewesen sei, um nicht von vorn herein bei ihr den Verdacht zu
erregen, man schmiede Pläne gegen sie. Jutta, so offen und vertraulich
sie sich sonst dem Bruder gegenüber gab, verhielt sich, sobald er das
Gespräch auf dieses Thema lenkte, durchaus unzugänglich. Aber der
junge Mann ließ nicht locker. Mochte Jutta immerhin andeuten, daß das
ihre eigenste Angelegenheit sei, über die sie niemandem Rechenschaft
schulde, so durfte er sich doch auch in seinem Rechte fühlen, in
doppelter Eigenschaft: als Freund und als Bruder. Mit beharrlicher
Aufdringlichkeit kam er immer wieder auf Juttas Verlobung zurück; und
ebenso beharrlich erklärte ihm das Mädchen: in ihren Augen existiere
diese Verlobung nicht mehr.
Und wenn Eberhard dann forschte: was sie bewogen habe, einem Menschen,
der sich ein Jahr lang in dem Glauben habe wiegen dürfen, von ihr
geliebt zu sein, in solch unerhörter Weise den Laufpaß zu geben, dann
antwortete sie ihm verschiedenerlei: Bruno sei nicht der Rechte,
oder, sie habe eingesehen, daß sie nicht zum Heiraten tauge. Sie
sei Künstlerin, und die würden bekanntlich niemals gute Hausfrauen.
Bruno könne sich gratulieren, daß er dem Schicksal entgehe, mit ihr
zusammenleben zu müssen.
Mit wieviel Gewandtheit immer sie solche Behauptungen verteidigte,
Eberhard hatte doch deutlich das Gefühl, daß in alledem Sophistik
liege, daß sie irgend einen Grund, und wahrscheinlich den wichtigsten,
für sich behalte. Alle solche Gespräche liefen schließlich in eine
Sackgasse aus, an deren Ende ihr eigensinniges: »Ich will nicht!« stand.
Übrigens war auch Eberhards Eifer für die Sache des Freundes stark im
Erkalten begriffen. Wenn er sich Bruno vergegenwärtigte, wie er ihn
neulich wiedergesehen, noch immer der alte redliche, tüchtige Geselle,
so konnte er ihm zwar Achtung nicht versagen; aber ihn sich an Juttas
Seite vorzustellen, als ihr Gemahl, fiel doch schwer.
Eberhard staunte oft über Jutta. Das also war aus seiner kleinen
Schwester geworden! -- Sie imponierte ihm. Es lag etwas Königliches
in ihrem Auftreten, dessen Wirkung selbst er als Bruder sich nicht
entziehen konnte.
Er pflegte neuerdings -- vielleicht angeregt durch sein
Studium -- viel über Abstammung, Vererbung, Rassemerkmale und
Familieneigentümlichkeiten nachzudenken. Aus was für Eigenschaften
der Vorväter, seelischen wie körperlichen, setzte sich das Individuum
zusammen? Wie kam es, daß Kinder desselben Elternpaares so verschieden
ausfallen konnten? Von wem stammte man ab; von seinen Eltern doch
gewiß nicht allein! Welche unkontrollierbaren Einflüsse, wer von den
längst vergessenen Urahnen hatte bei der Entstehung eines neuen Wesens
unsichtbar mitgewirkt? --
Über die Genealogie seiner väterlichen Familie wußte er nicht viel.
Mehr war über die mütterlichen Verwandten bekannt. Eberhard hatte nie
sonderlich viel von den Habelmayers gehalten. Für ihn waren sie eine
im Wohlleben allmählich degenerierende Rasse. Umsomehr bedauerte er,
zur Familie seines Vaters in keinerlei Verbindung zu stehen. Sie waren
unzweifelhaft die interessanteren; echte Rheinländer in Leichtlebigkeit
und Beweglichkeit. In der Familie Reimers -- das wußte Eberhard
aus manchem, was er vom Vater früher gehört -- waren verschiedene
bedeutende und geistreiche Frauen gewesen. Die Männer auch nicht gerade
auf den Kopf gefallen, schienen vor allem Regsamkeit und Temperament
besessen zu haben. Eberhard fühlte sich ganz als ein Reimers, und von
Jutta nahm er an, daß sie vielleicht eine Neuauflage sei von irgend
einer schönen Rheinlandstochter, die einer seiner Vorväter den guten
Geschmack gehabt hatte, heimzuführen.
Freie Wahl aus Neigung, das gab die beste Garantie für das Liebesglück
der Lebenden und damit für das Gedeihen zukünftiger Generationen.
War er nicht drauf und dran, diesen Grundsatz, den er in der Natur
anerkannte, im Falle der eigenen Schwester zu vergessen? Wollte er
nicht Jutta einen Mann oktroyieren, den sie nach allem, was man sah
und hörte, wenn sie ihn überhaupt jemals geliebt, jetzt doch aufgehört
hatte zu lieben? --
Auch andere Erwägungen sprachen gegen Bruno. Der Mann, welcher ein
Mädchen zur seinen machen wollte, mußte ihr vor allen Dingen gewachsen
sein. Selbst erobern mußte er sie sich! Es war ein bedenkliches
Zeichen, daß Bruno Freundeshilfe angerufen hatte in einer Sache, die
wie keine andere sein und nur sein war.
Eberhard bereute es jetzt, sich darauf eingelassen zu haben, den
Vermittler zu spielen. Zu spät sah er ein, daß er damit ein undankbares
und fruchtloses Geschäft übernommen hatte. Zur Liebe überreden ließ
sich kein Mensch, am wenigsten seine Schwester. Er hatte, das mußte er
sich selbst sagen, Unrecht begangen gegen Jutta, da er ihr in einer
Herzensangelegenheit seinen Rat aufdrängen wollte.
Daß Bruno sehnlichst auf einen Brief von ihm wartete, wußte Eberhard.
Es that ihm leid, daß er dem armen Kerl keine besseren Nachrichten
schicken konnte. Aber Schonung wäre in diesem Falle das verkehrteste
gewesen.
* * * * *
Während Eberhard des Freundes Angelegenheit betrieb, hatte er vor
Begierde gezittert, der Schwester von seinem eigenen Liebesglücke zu
erzählen. Jutta sollte die erste sein, von seiner Braut zu hören;
Jutta, die, ohne es zu wissen, in so eigenartiger Weise verknüpft
gewesen war mit seiner Werbung um Agathen.
Er trug jenes rührende Bildchen, bei dessen Anblick seine Gefühle sich
verraten hatten, mit sich herum, wie einen Talisman. Es war vorläufig
noch das Einzige, was er als sichtbares Zeichen ihrer Neigung von
Agathen besaß.
Eberhard hatte mit Agathens Eltern gesprochen. Die Aussicht, die
Tochter einmal zu gewinnen, war ihm nicht verneint worden; aber --
wie er nicht anders erwarten durfte -- hatten die Eltern Weßleben zur
Bedingung gemacht, daß er zunächst sein Studium beende.
Er besaß also eine wohlbegründete Anwartschaft auf Agathens Hand; aber
was ihm unendlich viel wichtiger erschien, er besaß des Mädchens Herz.
Dafür war ihm Beleg der erste Brief, den er von Agathe als Antwort auf
einen von ihm erhielt. Noch hatte er überhaupt keine Zeile, von ihrer
Hand geschrieben, zu Gesicht bekommen. Als er den Poststempel Berlin
sah, dazu die saubere Mädchenhandschrift, da wußte er, von wem allein
das kommen könne. Er nahm sich zusammen, seinem Vater und der allezeit
neugierigen Cousine Vally, die mit ihm am Frühstückstische saßen, nicht
merken zu lassen, wie er darauf brannte, den Umschlag zu öffnen.
Agathens erster Liebesbrief war ein wenig steif, so kam es ihm
wenigstens vor. Eberhard hatte ein Schreiben an sie gerichtet, voll von
Überschwang und Sehnsucht.
Auf den Ton war Agathe nicht eingegangen. Sie schrieb von den Vorgängen
bei ihnen, dem Befinden des Vaters, von den Brüdern; aber das, was zu
vernehmen es ihn verlangte: einen Widerhall seiner Leidenschaft, suchte
er bei ihr vergebens. Gewiß, Agathe war darin, in diesem einfachen
klaren Satzbau, in diesem völligen Mangel an Ziererei und Übertreibung,
aber wo war das Mehr, das Gesteigerte, das die Liebe doch jedem Wesen
verlieh.
Hätte er nicht froh sein sollen, daß sie sich so getreu blieb; getreu
vor allem darin, daß sie nicht mehr gab, als sie hatte! Der Brief
zeugte in jeder Zeile für die Ehrlichkeit der Schreiberin. An einer
einzigen Stelle wurde der Ton wärmer; das war da, wo Agathe nach
Eberhards Schwester sich erkundigte. Sie beneide ihn, sagte sie, daß er
jetzt mit Jutta zusammen sein dürfe, und fragte schüchtern an, ob er
der Schwester schon etwas von ihr, von Agathen, erzählt habe.
Damit war für Eberhard der Anstoß gegeben, Jutta in sein Geheimnis
einzuweihen. Bis zum letzten Augenblicke blieb Eberhard zweifelhaft,
wie sie es aufnehmen werde. Würde er im stande sein, der Schwester
das richtige Bild zu geben von seiner Braut? -- Sie waren doch so
himmelweit von einander verschieden! Und trotz Agathens Schwärmerei für
Jutta war ihm bange vor dem Augenblicke, wo die beiden Mädchen einander
begegnen würden. Beide waren sie ausgesprochene Persönlichkeiten,
keine würde ablassen von der angeborenen Art, keine sich in die andere
schicken wollen.
Schonend beinahe teilte er daher der Schwester seine
Herzensangelegenheit mit. Er erzählte, wie alles gekommen, suchte ein
Bild zu geben von der Umgebung, in welcher das Mädchen aufgewachsen,
von ihrem Charakter, und wie der sich aus dem Wesen ihrer Familie
erkläre.
Der Erfolg war ein ganz andrer, als erwartet. Jutta legte Freude an
den Tag über des Bruders Glück, als sei es ihr selbst widerfahren.
Sie konnte nicht genug zu hören bekommen von Agathen. Unwillkürlich
ermutigte ihn das, bestärkte ihn in dem Gefühle, daß er richtig gewählt
habe, da er sah, wie die bloße Beschreibung seiner Braut auf die
Schwester wirkte.
Agathe war fortan das Lieblingsthema für die Geschwister. Jutta
sprach von ihr, wie von einer Person, die man ganz genau kannte. Und
mit Entzücken fand Eberhard das Bild, welches er von der Geliebten
entworfen hatte, widergespiegelt in der Schwester Urteil.
Aus freien Stücken schrieb Jutta einen Brief an Agathen und legte ihre
Photographie bei.
Eberhard hatte wieder mal Gelegenheit, über die Beweglichkeit des
weiblichen Gemütes zu staunen. Ihre Handlungsweise war soviel
unmittelbarer und selbstverständlicher als die unsrige. Alles faßten
sie soviel schneller mit dem Instinkte des Herzens, als wir es ihnen
zutrauten.
Von jetzt ab fanden sich die Geschwister noch in einer ganz anderen
Weise. Sie besaßen nun eine gemeinsame Angelegenheit. Jutta hatte
Eberhards Liebe gleichsam zu der ihren gemacht; als habe sie darin
Ersatz gefunden für etwas, das ihr selbst nicht beschieden war. Das
Erlebnis des Bruders bewegte und erwärmte ihr Gemüt, brachte manches,
was dort zurückgehalten wurde, zur Oberfläche.
Nachdem sie die nähere Umgebung Berchtesgadens zur Genüge begangen
hatten, unternahmen Jutta und Eberhard Ausflüge tiefer ins Gebirge
hinein. Sie nahmen dazu einen alten, erfahrenen Führer mit und
richteten sich mit ihrem Gepäck auf Übernachten ein.
Eines Morgens waren sie noch bei halber Dunkelheit aufgebrochen von
der primitiven Herberge, die ihnen nachts über Obdach gewährt hatte.
Man hatte das wunderbarste aller Schauspiele erlebt: Sonnenaufgang im
Hochgebirge, und schritt dann auf einem alten Saumpfade sanft bergan,
um über einen Sattel zwischen zwei Gebirgsstöcken ins jenseitige
Quellgebiet hinabzusteigen. Beide waren schlaferfrischt und von jener
Heiterkeit und Frische erfüllt, welche dem gesunden Menschen die
Aussicht giebt, einem schönen Tage entgegenzugehen.
Eberhard war schon wieder bei seinem Lieblingsthema angelangt: Agathe.
Er sprach davon, wie es doch im Grunde verwunderlich sei, daß auf ihn,
einen ausgewachsenen Menschen, ein so viel jüngeres, unerfahrenes
Mädchen so tiefgehenden Eindruck ausgeübt habe, daß er sich geradezu
als neuer besserer Mensch fühle.
»Ich habe früher nicht gewußt,« sagte er, »was Liebe ist. Ganz etwas
anderes hatte ich mir darunter vorgestellt, das mit dem, was ich jetzt
empfinde, nicht in einem Atem genannt werden darf. Du kennst ja Einiges
von den alten Geschichten, Jutta! Als ob ich nicht ich gewesen wäre
damals, so kommt es mir jetzt vor. Wie man sich doch verändert, und was
für eine Macht die Liebe hat! Wie mit einem Zauberstabe verwandelt sie
den Menschen von Grund aus.«
»Da hast du recht!« rief Jutta lebhaft, wie hingerissen von der
Erkenntnis einer Wahrheit, die sie wohl selbst an sich erfahren, aber
sich so noch nicht klar gemacht hatte. »Das ist das Wunderbarste an der
Liebe, daß sie den Menschen verwandelt!«
Eberhard sah die Schwester ein wenig befremdet von der Seite an. Er
hätte nicht gedacht, daß ihr das Verhältnis zu Bruno noch soviel
bedeute; hatte sich schon ganz daran gewöhnt, diese Neigung als eine,
von ihrer Seite wenigstens, völlig abgethane Sache zu betrachten.
Jutta mochte ahnen, auf welchen Irrwegen seine Vermutungen sich
bewegten, sie wollte endlich mal offen mit dem Bruder sprechen. Darum
bat sie ihn halblaut, den Führer, der ihnen dicht auf den Fersen
nachschritt, vorauszuschicken; eine Maßregel, die ziemlich überflüssig
erschien, da der alte Kerl schwerhörig war.
»Du wirst dich oft über mich gewundert haben in der letzten Zeit,
Eberhard!« begann sie. »Ich kann dir das nicht verdenken. Ich begreife
es auch, wenn Bruno mir zürnt, ja, wenn er mich haßt! Ändern kann
ich's nicht. Es thut mir leid, aber wie könnte ich ihm helfen! --
Nicht einmal eine Erklärung kann ich ihm geben, warum ich mich von ihm
gewandt habe. Dir jedoch will ich mich eröffnen, weil ich wünsche, daß
wenigstens du mich nicht unrichtig beurteilst.«
Man schritt auf dem schmalen Pfade Seite an Seite. Eberhard spürte ihr
schwereres Atmen. Das, was sich ihm jetzt eröffnen werde, konnte nichts
Kleines sein. Er war sehr gespannt.
»Eberhard, als ich mich mit Bruno verlobte, war ich anders als jetzt!«
sagte sie in dem leisen, tastenden Tone eines Menschen, der durch ein
schweres Bekenntnis seine Seele entlasten will. »Ich nahm Brunos Antrag
an, weil -- weil ich nichts Besseres vor mir sah, vielleicht auch weil
ich nichts Höheres kannte. Zwischen damals und jetzt liegt eigentlich
nur ein Jahr, aber für mich ist es ein Leben.«
»Du liebst?!« fuhr es ihm heraus. Jutta nickte nur. »Frage mich bitte
nicht, wer's ist!« fügte sie hastig hinzu, als sie seinen forschenden
Blick bemerkte. »Namen thun garnichts zur Sache. Ich kann dir überhaupt
nicht viel sagen. Außerdem ist darin auch das Geheimnis einer Freundin
eingeschlossen. Das Ganze ist ein dunkles Fatum, das über uns hängt.
Erklären mit Worten läßt sich das garnicht.«
»Es ist eine merkwürdige Rolle, die du mir da zumutest, Jutta! Ich soll
den Namen des Mannes nicht erfahren, den du liebst!« --
Jutta sah den Bruder erschrocken an. In was für groben Ausdrücken
sprach er von Dingen, an die sie sich selbst kaum mit Gedanken
herangewagt hatte. Sie könne und dürfe ihm nichts weiter sagen,
erklärte sie.
»Dann erlaube mir nur wenigstens eine Frage, Jutta: ist der Mann auch
deiner Liebe würdig?«
»Darauf Eberhard brauche ich dir wohl nicht zu antworten!« rief sie
erbleichend.
»Erlaube mir, ich frage als Bruder! Es interessiert mich doch
wahrhaftig zu erfahren, wer der ist, dem du dein Herz geschenkt hast,
und dem du voraussichtlich doch auch deine Hand reichen wirst.«
»O Gott -- wie du das falsch auslegst!« -- stieß Jutta hervor. »Ich
wünschte, ich hätte dir kein Wort gesagt!«
Sie war mehr betrübt, als empört über sein Benehmen. Vielleicht hieß
es, einem Fernstehenden zuviel zumuten, sich in Dinge zu finden, die
man mit dem Kopfe allein niemals verstehen, die man schon mit dem
Herzen erleben mußte, um sie zu begreifen.
»Entschuldige, Jutta! Ich habe dich nicht kränken wollen!« sagte er,
als er ihre Erregung sah.
Eberhard wollte nach einiger Zeit noch einmal das Wort an sie richten
in dieser Sache, die wie ein erstaunliches Rätsel plötzlich vor ihm
aus dem Boden gewachsen war. Aber Jutta, jetzt wieder ganz sanft
und freundlich geworden, bat ihn inständig, darüber nie wieder eine
Frage an sie zu richten. Er könne ihr nicht helfen, nicht einmal sie
verstehen. Darum sei es besser, auch nicht davon zu sprechen.
* * * * *
Als die beiden am Spätnachmittage in Berchtesgaden eintrafen, fanden
sie den Vater in großer Erregung. Ein Telegramm war angekommen aus
München von Knorrig senior, worin er mitteilte, daß Bruno in den Dienst
einer Nordamerikanischen Handelsgesellschaft getreten sei und daß er
sich bereits auf See befinde.
Gleichzeitig waren von Brunos Hand Briefe angekommen für Jutta und
Eberhard. An Jutta hatte er nur geschrieben, daß er sie freigebe. Er
bat sie um Verzeihung, falls er ihr jemals wehe gethan haben sollte,
und wünschte ihr Gottes Segen für ihr ferneres Leben. Der Brief, kurz
wie er war, entbehrte nicht einer gewissen schlichten Würde, die auch
auf die Empfängerin Eindruck machte.
Eberhard gegenüber setzte Bruno sein Verhalten genauer auseinander.
Er hätte sich durch den Brief des Freundes überzeugt, daß für ihn
nichts mehr zu hoffen sei. Damit versinke für ihn der schönste Traum
ins Nichts. Ein ferneres Zusammensein mit der Familie Reimers sei für
ihn unmöglich geworden, vor allem wolle er Jutta nicht zumuten, ihm
wieder zu begegnen. Da er frei sei und Herr seiner Entschlüsse, habe er
eine Gelegenheit, im Auslande Stellung zu finden, die sich ihm zufällig
geboten, ergriffen. Dem Chef des Hauses Reimers und Knorrig ließ er
sich empfehlen und bat um Verzeihung, daß er so formlos aus dem Dienste
scheide.
Während Eberhard und Jutta diesen Schritt Brunos wie eine Art Befreiung
empfanden und als die beste Lösung betrachteten für alle Teile, sah
Vater Reimers vor allem den schweren Verlust, welchen das Geschäft
durch das plötzliche Auf- und Davongehen des jungen Knorrig erlitten
hatte. Jutta bekam Vorwürfe zu hören, daß sie diesen braven und
tüchtigen Mann so vor den Kopf gestoßen habe. Wo in aller Welt sollte
denn Ersatz gefunden werden für eine solche Kraft? Eine Frage, auf die
das Mädchen natürlich keine Antwort zu geben wußte.
Eberhard wollte der Schwester zu Hilfe kommen. Er glaubte es gut zu
machen, indem er den alten Herrn daran erinnerte, daß er ehemals
davon gesprochen habe: er wolle sich mit der Zeit aus dem Geschäft
zurückziehen und seine alten Tage in Ruhe verleben. Dabei deutete er
an, daß der Vater in den letzten Jahren doch eben nicht jünger geworden
sei.
Damit berührte er nun freilich die Stelle, wo Reimers senior am
empfindlichsten war. Von seinem Alter wollte er garnichts hören, daß
er sich jetzt nicht aus dem Geschäfte zurückziehen könne, daran seien
allein seine ungeratenen Kinder schuld: Eberhard, der diesen thörichten
Medizinerberuf ergriffen, und Jutta, die auch nur ihrem kindischen
Kopfe folge.
Herr Reimers verlor gänzlich seine sonstige joviale Liebenswürdigkeit
und den weltmännischen Ton. Schwer hagelten die Vorwürfe auf Jutta und
Eberhard hernieder. Die Geschwister schwiegen dazu.
Vally Habelmayer hatte es an diesem Abende schwer, ihren Onkel soweit
in Laune zu bringen, daß er einigermaßen mit Appetit zur Nacht speisen
konnte.
Eberhard aber hatte noch eine längere Besprechung mit Jutta. Ihm war
mehr als vordem das Gefühl der Verantwortung zum Bewußtsein gekommen
für seine Schwester. Er hatte sich zu wenig um sie gekümmert, viel zu
wenig! Vor gewissen Ereignissen ihres Lebens stand er wie ein Fremder.
Das war ein fehlerhafter Zustand, der geändert werden mußte.
Schnell war in seinem Kopfe ein Plan fertig. Warum sollte Jutta nicht
nach Berlin kommen? Zwar bei ihm konnte sie natürlich nicht wohnen;
aber bei den Weßlebens wurden ja jetzt ein paar Zimmer frei. Der
Missionar kehrte, nachdem seine Gesundheit hergestellt, auf das Feld
seiner früheren Thätigkeit zurück. Gewiß würde man Frau Weßleben
überreden können, Jutta als Pensionärin aufzunehmen.
Was barg dieser Plan nicht alles für kostbare Möglichkeiten in sich!
Jutta würde sich mit Agathen anfreunden. Ein Band sollte sich zwischen
der einzigen Schwester und der Familie knüpfen, die ihm bereits jetzt
eine zweite Heimat bedeutete. Wie manches würde auch Agathe von Jutta
sehen und lernen, was ihr noch fehlte. Wie würden sich die beiden, so
verschieden gearteten Naturen ergänzen! --
Auch manche kleinen egoistischen Nebenabsichten waren mit diesem Plane
verknüpft. Jutta sollte ihm eine gute Fürsprecherin sein bei seiner
Braut; durch Juttas Einfluß und Vorbild würde Agathe vielleicht etwas
von ihrer herben Sprödigkeit verlieren. Durch Juttas Hilfe würde er
vor allem auch die schönste Gelegenheit finden, mit Agathen jederzeit
zusammenzukommen.
Er erzählte der Schwester, was er sich ausgedacht hatte.
Bereitwilliger, als er erwartet, ging Jutta auf seine Idee ein. Die
Aussicht, Berlin kennen zu lernen, schien für sie äußerst verlockend.
Es sei sowieso im stillen ihr Plan gewesen, in diesem Winter nach
auswärts zu gehen; denn in jeder anderen Stadt wolle sie lieber leben,
als in der Vaterstadt.
Den Bruder hätte das wohl stutzig machen können. Aber in der Freude
über die willkommene Wendung grübelte er nicht darüber nach, was wohl
die Schwester zu einer solchen Abneigung gegen München habe bringen
können.
So nahe man sich auch gekommen war in diesen Tagen, so fehlte ihm doch
der Schlüssel zu einem großen und wichtigen Teile ihres Wesens und
Erlebens.
XVIII.
Seit einem Vierteljahre war Jutta Reimers in Berlin. Das, was Eberhard
von ihrem Kommen Gutes erhofft, hatte sich alles erfüllt und einiges,
was er nicht voraussehen konnte, noch darüber.
Die Weßlebensche Art übte starken Einfluß, wie auf Eberhard, so auch
auf Jutta. Es war etwas durchaus Neues und Ungewohntes für jemanden,
der von Jugend auf in der linden Atmosphäre sybaritischen Wohlbehagens
gelebt hatte, Menschen kennen zu lernen, deren ganzes Dasein aufgebaut
schien auf den Begriffen von Arbeit, Selbstzucht und Pflicht. Kalt wie
die Farben, trocken wie die Luft, arm wie der Boden war hier das Leben.
Nüchterner die Menschen, sachlicher die Gedanken, härter die Köpfe,
zäher der Sinn.
Jutta fühlte sich nicht abgestoßen, sie stand nur staunend davor,
wie vor einer neuen Welt. Sie wunderte sich über Menschen, die so
existieren konnten ohne die ästhetischen Genüsse, ohne den Schmuck
des Lebens, die ihr von der Heimat her selbstverständlich waren. Sie
wunderte sich auch über die gemessene Würde, in der man miteinander
verkehrte, den zurückhaltenden Ton selbst in der Familie, die logische
Art, wie man jede Frage unter die Lupe des Verstandes nahm. Gewiß, das
war alles höchst trocken, steif und umständlich, aber es entbehrte
nicht einer gewissen herben Größe.
Ähnlich wie vor den Menschen, stand Jutta zunächst wunderlich
überrascht und benommen vor dieser Stadt. Für ihr schönheitsverwöhntes
Auge gab es hier wenig Erfreuliches. Die hohen grauen Häuser, die
langen, rechtwinklig aufeinanderstoßenden Straßen, das dunkle,
träge fließende Wasser, die pedantisch abgezirkelten Anlagen, das
ungemütliche Hetzen der Menschen in den Geschäftsteilen, alles, alles
war ihrem Geschmack im Grunde zuwider. Und doch konnte man sich der
Wucht des Gesamteindruckes nicht entziehen. Hier war Kraft und Fülle
des Lebens, und darum Schönheit des Ganzen, die das Häßliche im
Einzelnen erträglich und verzeihlich erscheinen ließen.
Nachdem Jutta ein paar Wochen lang unter Eberhards Führung und von
Agathen begleitet, geschaut hatte, was Berlin an Sehenswürdigkeiten
bietet, und dabei, gegen ihren Willen beinahe, eingesehen hatte, daß es
auch hier Werke der Kunst gab und Stätten vor allem, wo man um Kunst
ringt, erklärte sie den beiden, daß sie nun vom Schauen genug habe.
Und auf Eberhards Frage: womit sie fernerhin ihre Zeit auszufüllen
gedenke, meinte sie: es mal wieder mit dem Malen versuchen zu wollen.
Das Zimmerchen, in welchem Jutta bei den Weßlebens wohnte, war nicht
groß, gerade daß man eine Staffelei aufstellen konnte; aber es hatte
wenigstens günstiges Licht. Auch lag ein gewisser Reiz darin für die
Künstlerin, mal unter schwierigeren Verhältnissen als den gewohnten, an
die Arbeit zu gehen.
Es war Eberhard anfänglich bange gewesen, wie sich seine Schwester in
den Ton des ganzen Hauses finden werde. Als er Jutta zum ersten Male
im Weßlebenschen Familienkreise sah, wurde ihm erst klar, wie groß
die Gegensätze seien. Es war ein Experiment, das er gewagt hatte. Wie
würde sich Jutta, die im katholischen Bekenntnis aufgewachsene, mit dem
ausgesprochenen Luthertum abfinden, das in dieser Familie jedem Brauch,
jeder Ansicht seine Prägung aufgedrückt hatte.
Zwar, daß die Schwester mit dem alten Pfarrer gut verkommen werde,
konnte Eberhard ruhig annehmen. Er hatte Vater Weßleben als einen
Mann von milder Gesinnung kennen gelernt; aber die Frau Pastorin war
enger in ihren Anschauungen und minder zur Duldung eines fremden
Bekenntnisses geneigt.
Frau Weßleben stammte aus einer Familie, die der Landeskirche mehrere
Superintendenten, Konsistorialräte und sogar einen Hofprediger
geschenkt hatte. Das war der ganze Stolz der guten Frau. Sie hielt
sich als Mitglied einer so bevorzugten Rasse für befugt, ja geradezu
für berufen, in ihrem Kreise über der Reinheit des Bekenntnisses zu
wachen. In diesem einen Punkte war sie nicht mal ganz einverstanden mit
ihrem Gatten; sie fand Weßleben viel zu tolerant der römischen Irrlehre
gegenüber.
Und nun mußte sie es erleben, daß ihre Tochter eine katholische
Schwägerin bekommen sollte. Schon daß Eberhard aus einer Mischehe
stammte, war nicht nach Frau Weßlebens Sinne. Es kam ihr vor, als ob
dadurch ihr eigener evangelisch reiner Stammbaum verdorben würde,
als ob die verstorbenen Superintendenten, Konsistorialräte und der
Hofprediger sich aus ihren Gräbern erheben müßten, um gegen solchen
Abfall zu protestieren.
Zu diesem Gefühle des Abscheus stand in merkwürdigem Gegensatz die
Befriedigung und innige Freude, welche diese Dame im Herzen ihres
Herzens empfand, einmal über die Thatsache, daß ihre Tochter Braut war,
und auch über den Bräutigam. Denn Eberhard besaß das Wohlgefallen der
zukünftigen Schwiegermutter.
Jutta gegenüber verhielt sich Frau Weßleben zuwartend. Manches sprach
in ihren Augen für das Mädchen; so vor allem, daß sie vom ersten
Tage ab an den Morgen- und Abendandachten der Familie teilnahm.
Vielleicht, so dachte die Predigersgattin, würde durch die Einwirkung
der unverfälschten Lehre, welche die ärmste, in römischer Häresie
befangene Seele hier zum ersten Male kennen lernte, ein Licht fallen
in das Dunkel ihres Aberglaubens. Ja, die Dame würde es gern gesehen
haben, wenn ihr Pastor in seinen Ansprachen, die er auf Grund des
Bibelwortes an die Seinen hielt, recht scharf den protestantischen
Standpunkt hervorgekehrt hätte; ein starkes Wörtlein gegen römische
Anmaßung wäre ihr ganz am Platze erschienen, wenn man einmal solch eine
Art Heidenkind unter sich hatte. Aber Pfarrer Weßleben war dafür nicht
zu haben. Man müsse es römischen Priestern überlassen, mit unlauteren
Mitteln Andersgläubige zu sich zu ziehen, erklärte er. Noch weiter
trieb Martin, der zweite Sohn, die Toleranz. Er deutete seiner Mutter
an: ein guter Katholik sei besser, als ein zweifelhafter Konvertit, und
man dürfe die Gastfreundschaft nicht dazu mißbrauchen, um jemanden an
seinem Glauben irre zu machen.
Ein so laxes Zeugentum, eine so laue Betonung des Bekennergeistes war
Frau Weßleben ein Gräuel. Sie fühlte sich gekränkt in der Seele ihrer
Vorfahren. Fürchterlich war es ihr, als sie eines Sonntages herausfand,
daß Jutta den katholischen Gottesdienst besucht habe; am liebsten würde
sie daraufhin ihre entweihte Wohnung auf irgend eine Weise von etwaigem
Spuk und Unrat gesäubert haben, die ihr von dort aus eingeschleppt
worden sein mochten. Beinahe wäre es darüber zu einer Verstimmung
gekommen zwischen der Hausfrau und dem Gaste. Aber Jutta vermied es,
dem Bruder zu Liebe, sich zu einem Konfessionszwist hinreißen zu
lassen. Sehr bald gelang es ihr, das Herz der bis auf diesen einen
Punkt durchaus gutmütigen Frau zu versöhnen.
Es wurde im Weßlebenschen Kreise eifrig gesammelt und gearbeitet für
einen Bazar, der zu Gunsten der Heidenmission demnächst unter hoher
Protektion stattfinden sollte. Agathe stickte und nähte schon seit
Monaten dafür, und selbst Frau Weßleben strengte ihre, nicht mehr ganz
geschmeidigen Finger zu Gunsten des frommen Werkes an.
Jutta, die anfangs eine ziemlich große Leinewand auf der Staffelei
hatte, stellte das angefangene Bild bei seite und fing mit einem Male
an, eine ganze Anzahl kleiner Bilder in Aquarell zu komponieren: Genre,
Landschaft, Stillleben. Man fand die Sachen reizend und staunte vor
allem die Schnelligkeit an, mit der ihr die Arbeit von den Händen flog.
Das Staunen der Weßlebens wuchs, als sie zu diesen Bildern, deren sie
wohl ein Dutzend in weniger als vierzehn Tagen zu stande gebracht, nun
auch selbst die Rahmen anfertigte. Sie schien alles zu können, jede
Technik spielend zu beherrschen. Wie ein Wunder erschien das Entstehen
solcher Werke aus dem Nichts für Leute, die mit der lebendigen Kunst
noch kaum in Berührung gekommen waren. Als aber Jutta ihre kleine
Ausstellung samt und sonders für den Bazar zur Verfügung stellte, da
war die Freude wirklich groß. Der Frau Pastorin kam im stillen der
Gedanke -- fast wie eine Ketzerei von ihr betrachtet -- daß auch von
katholischer Seite mal etwas Gutes kommen könne.
Juttas Bilder fanden auf dem Bazar reißenden Absatz. Zwei davon wurden
durch eine Hofdame sogar für die allerhöchste Protektorin des Vereines
angekauft.
Jutta Reimers ward im Weßlebenschen Hause mehr und mehr zum
Mittelpunkte des Interesses. Niemand, selbst die widerstrebende Frau
Pastorin nicht, konnte sich der Liebenswürdigkeit des Gastes entziehen.
Die Unterhaltung bei Tisch war belebter. Der alte Herr ließ sich gern
von dem jungen Mädchen unterrichten über die herrschenden Anschauungen
in der Kunstwelt, die, wie er staunend erfuhr, garnicht so unvernünftig
und frivol waren, wie sie ihm die Blätter, welche er las, dargestellt
hatten. Die beiden Söhne, der Jurist und der Diakonus, kamen jetzt
fast regelmäßig des Abends zu den Ihren; auch auf sie übte der
außergewöhnliche Besuch im Hause begreifliche Anziehungskraft aus.
Juttas größte Verehrerin aber war und blieb Agathe. Ihre Begeisterung
war so augenfällig, daß Eberhard anfing eifersüchtig zu werden. Er
behauptete, für seine Braut überhaupt nicht zu existieren, wenn die
Schwester in der Nähe sei.
Früh war Agathens erster Blick in das Zimmer neben dem ihren, ob Jutta
gut geschlafen, ob sie irgend einen Wunsch habe. Tags über, wenn Jutta
arbeitete, war Agathe kaum von der Staffelei der Freundin wegzubringen.
Jedes Wort von Jutta beglückte sie, eine Liebkosung machte sie selig.
Für Juttas Ansichten, wenn diese sich mit den Herren unterhielt, trat
Agathe unbedingt ein. Des Abends, sobald alles schlief, schlich sie
sich an das Bett der Freundin und war überglücklich, wenn sie noch ein
Stündchen mit der Angebeteten verplaudern durfte.
Eberhard trat darüber wirklich etwas in den Hintergrund.
Für ihn kam nun die Zeit, wo er alle Kräfte zusammennehmen mußte, auf
die nahe bevorstehende Prüfung los. Seine Besuche waren gegen früher
flüchtiger. Oft war er auch abgespannt; die rechte Bräutigamsstimmung
kam nicht in ihm auf. Da blieb er lieber bei Büchern und Kollegheften
auf seinem Junggesellenzimmer. So gar lange konnte es ja nicht mehr
währen, daß es für ihn keine einsamen Abende mehr geben würde.
Nachdem Jutta die Bilder für den Bazar vollendet hatte, faßte sie
die Idee zu einer neuen Arbeit. Weihnachten stand in nicht allzu
weiter Ferne. Sie plante eine besondere Überraschung für ihre Wirte.
Pastor Weßleben hatte in einem seiner Kunstgespräche die Bemerkung
fallen lassen: ihm scheine die Kunst dann am vollkommensten ihrem
höheren Zwecke nachzukommen, wenn sie uns biblische Stoffe menschlich
nahebringe. Dabei hatte er erwähnt, daß von allen neueren Bildern, die
er kenne -- er gab selbst zu, daß deren Zahl beschränkt sei -- ihm am
ergreifendsten erscheine ein Bild in der Nationalgalerie, welches die
Auferweckung von Jairi Tochter darstelle.
Jutta hörte dem alten Herrn gern zu, obgleich die Ausdrücke, in denen
er von Kunst sprach, ihrem Ohre etwas altmodisch klangen. Sie hegte für
Vater Weßleben besondere Zuneigung. Sein edles, bleiches, vom Leiden
verklärtes Angesicht entzückte ihren Künstlersinn, seine abgeschlossene
Weltanschauung und milde Würde nötigten sie zur Bewunderung.
Sie hatte sich ausgedacht, das von ihm geliebte Bild zu kopieren und
ihn damit zu Weihnachten zu überraschen.
Die Aufgabe war keine kleine. Denn das weit über Lebensgröße gemalte
Original mußte, um ein Staffeleibild von erträglichem Umfange zu
gewinnen, auf mindestens ein Fünftteil seines Umfanges zurückgeführt
werden. Andererseits reizte gerade diese Arbeit, bei der man viel für
Augenmaß und Technik profitieren konnte.
Jutta ging von da ab an den Tagen, wo kopiert werden durfte, schon des
Morgens nach der Nationalgalerie. Nur Agathe wußte um das Geheimnis.
Die Überraschung am Weihnachtsfeste war groß. Das Bild beherrschte den
ganzen, im übrigen äußerst schlichten Bescherungstisch. Juttas Einfall
war das, was der alte Pastor einen »echten Herzensgedanken« nannte.
Das Bild sollte fortan in seiner Studierstube hängen, auf dem besten
Platze, wo sein Blick hinfiel, wenn er im Lehnstuhl saß.
* * * * *
In der Familie Weßleben, die einen so einheitlichen und geschlossenen
Eindruck machte, gab es manche geheimen Gegensätze. Zwar trugen diese
Menschen einen bestimmten, unverlöschbaren Typus als äußeren Stempel,
aber dennoch stellte jedes einzelne Glied ein Wesen für sich dar, mit
eigenen Fähigkeiten und besonderer Entwickelung, auseinanderstrebend
wie die Äste eines Baumes, die zwar auch von gleicher Art und Bildung
sind, nach einem ihnen innewohnenden Gesetze aber jeder für sich einer
anderen Himmelsrichtung zuwächst.
Von den vier Geschwistern -- zwei früh verstorbene lagen auf dem
Dorffriedhof von Pudelsee -- war der Missionar ein Mann nicht über den
Durchschnitt begabt, einseitig, zur Schroffheit neigend, aber zähe,
energisch und voll Unerschrockenheit; ein echter Norddeutscher. Für
ihn gab es nur eine mögliche Weltanschauung; das war der Glaube der
Kirche, in welcher er geboren war. Für den Glauben hätte er aber auch
gern sein Leben gelassen. Er war einer von den Christen, denen es
nicht genügt, im stillen ihrer Überzeugung zu leben, die vielmehr von
dem unwiderstehlichen Drange getrieben werden zum Bekennen und Zeugen
vor der Öffentlichkeit. Solchen genügt die alltägliche Kleinarbeit im
Weinberge nicht, sie dursten nach persönlicher Gefahr, wollen Qual und
Not empfinden, um sich genug zu thun und sich vor Gott zu rechtfertigen.
Der Älteste war der Mann nach dem Herzen der Mutter. »~Mein~
Missionar« nannte sie ihn, während sie von Martin nur »~der~
Diakonus« zu sagen pflegte. Otto aber war in ihren Augen eigentlich
entartet, weil er die Tradition der Familie durchbrechend, sich einem
anderen als dem geistlichen Stande zugewendet hatte.
Der begabteste von den Brüdern war entschieden Otto. Sein scharfer
Verstand und sein logisches Denken war ja das gewesen, was auf
Eberhard, als sie sich kennen lernten, den stärksten Eindruck gemacht
hatte. Aber es entging Eberhard nicht, daß der Freund ein anderer sei,
wenn im Kreise der Seinen, ein anderer, wenn man ihn allein hatte.
Daheim schien ihn eine gewisse Rücksicht zu binden, es war, als wage er
es nicht, sich frei zu geben, ganz aus sich herauszugehen.
Mit der Zeit begann Eberhard diese Erscheinung zu begreifen, obgleich
Otto ihm ein wirkliches Geständnis nicht ablegte. Der Freund stand
auf dem Boden einer anderen Weltanschauung als die Seinen, hatte
sich emancipiert von dem Glauben, der dort gehütet wurde als das
kostbarste Lebensgut. Er wollte die Eltern seinen inneren Abfall nicht
merken lassen. Als ehrlicher Mensch jedoch litt er schwer unter dem
Heuchelnmüssen. Schamhaft, wie im Grunde solche äußerlich selbständige
Naturen oft sind, brachte er es nicht über sich, irgend jemandem sich
anzuvertrauen. Otto scheute weniger das Geständnis -- denn einer
eigentlichen Schuld war er sich nicht bewußt -- aber er fürchtete sich
vor den Bekehrungsversuchen, die dann mit ihm angestellt werden würden.
Auch wußte er, wie schmerzlich die Erkenntnis, einen Abtrünnigen in
der Familie zu haben, auf seine Eltern wirken müsse. So nahm er die
ihm selbst innig verhaßte Rolle auf sich, äußerlich umschlungen zu
halten, was ihm im Innersten längst entfremdet war. Aus Pietät mußte er
Pietät heucheln.
Die komplicierteste Natur von den dreien war Martin. Er hatte sich
spät entwickelt, das Lernen fiel ihm sauer; die Examina hatte er stets
nur unter Angstschweiß bestanden. Obgleich Geistlicher wurde ihm das
öffentliche Sprechen ungeheuer schwer; er mußte jede seiner Reden
wörtlich memorieren. Auch im alltäglichen Leben war es ihm nicht leicht
gemacht, seine Ansichten frei und gefällig zu äußern.
Er glaubte, in einem ganz besonderen persönlichen Verhältnis zu
seinem Erlöser zu stehen, war ein großer Beter. Das innerste Wesen
seines Glaubens hielt sich nicht frei von einer gewissen Mystik. In
schwierigen Fällen, wenn ihn die Vernunft im Stiche ließ, pflegte
Martin Weßleben die Bibel zu Rate zu ziehen; diejenige Stelle, auf die
beim Aufschlagen zuerst sein Blick fiel, mußte ihm als Orakel dienen.
Unter Menschen hatte der junge Theologe leicht etwas Scheues; ehe
er auftaute, dauerte es lange. Innerlich erlebte er vieles, was nie
an die Oberfläche seines Wesens kam. Auf Martin lastete die Armatur
von Zurückhaltung, Korrektheit und Würde, die in seiner Familie
zur Tradition gehörte, am schwersten. Er empfand am tiefsten und
unmittelbarsten, fühlte das Bedürfnis, sich hinzugeben, und war am
wenigsten gemacht, auszudrücken, was er empfand, sich von der Last zu
befreien, die er unsichtbar mit sich herumschleppte.
Die Liebe, mit der er seinen Glauben umklammert hielt, hatte etwas
an sich von weiblichem Hingabebedürfnis. Er haßte und fürchtete die
Weltlichkeit, suchte Rettung in einem mönchischen Einsamkeitsideal.
Glaubenszweifel, wie sein Bruder Otto hegte, hatte er nie gehabt,
aber ihn quälten andere Nöte im Gemüt. Und auch dieser Mann war zu
schamhaft, um vor sich selbst Rettung zu suchen in der Mitteilung an
andere. Den Seinen vertraute er von seinen innersten Regungen nichts an.
So erfuhr denn auch niemand etwas von dem Sturm, welcher dieses Gemüt
in letzter Zeit von Grund aus aufwühlte. Niemand sah dem stillen
Menschen an, daß seine Seele in einen Wirbel hineingerissen war von
Hoffen und Verzagen, Glücksgefühl, Pein und Zweifel; mit einem Worte,
daß Martin hoffnungslos liebte.
Die Frauen waren so gut wie garnicht in sein Leben getreten. Er kannte
eigentlich nur Mutter und Schwester. Instinktiv hielt er sich dem
anderen Geschlechte fern, das ihm, weil er es nicht kannte, unheimlich
dünkte. Seine Phantasie war rein geblieben wie sein Wandel.
Und nun auf einmal trat ein Wesen in seinen Gesichtskreis, das
ihm durch das Neue seiner Art, durch das Außerordentliche seiner
Erscheinung und seiner Gaben zunächst völlig den Atem benahm. Staunend
stand er da und vermochte nur zu schauen. Und als dann Jutta, bestrebt,
gegen ihn wie gegen jedes andere Mitglied der Familie freundlich zu
sein, allmählich das Fremde und Erschreckende für ihn verlor, da wirkte
das Verheißungsvolle, Sehnsuchtweckende, geheimnisvoll Einladende, was
das Wesen der Jungfrau für den Jüngling hat, um so berauschender auf
den unverdorbenen jungen Menschen.
Ein Gefühl zog bei ihm ein, das ihn durch seine Kraft und
Ausschließlichkeit erschreckte, ihm wie Sünde erschien und Abfall
von den bisherigen Idealen. Er kämpfte, wie ein Mensch gegen eine
überlegene Macht kämpft, verzweifelt; trieb sich den Stachel, den er
entfernen wollte, nur immer tiefer ins Herz.
Nicht sanft und freundlich hatte ihn die Liebe angefaßt; sie nahm von
ihm Besitz, wie eine siegreiche Armee, der sich alles unterwerfen muß.
Er lernte das unerhörte Gefühl kennen des Sich-Verlierens an eine
Leidenschaft. Menschliche und göttliche Autorität, alles, was uns
bisher lieb und gewohnt gewesen, versinkt davor. Sie macht den Menschen
sich selbst fremd, bringt ihn dazu, Dinge zu thun und Gedanken zu
denken, die seiner ganzen Sinnesart entgegengesetzt sind. Sie duldet
keine Götter kleinerer Art neben sich. Und dagegen giebt es kein
Sträuben. Zerstreuungen, Arbeit, Gebet helfen nichts; unentrinnbar ist
der liebende Mensch dieser Herrscherin verfallen. Glücklich der, dem
in solchem Zustande Hoffnung winkt, und sei sie noch so schwach. Aber
verzweifelt ist die Lage des Unglücklichen, der sich hoffnungslos nach
Gegenliebe sehnt.
Martin Weßleben wußte, daß seine Gefühle niemals Erwiderung finden
konnten. Juttas Konfession mußte ihm, dem im orthodox protestantischen
Pfarrhause aufgewachsenen Diener des Evangeliums, als ein
unüberwindliches Hindernis erscheinen für ihre äußere Vereinigung.
Aber darüber hinaus fühlte er deutlich, daß zwischen Juttas Natur
und der seinen eine nicht zu überbrückende Kluft bestehe, tiefer und
bedeutungsvoller, als der Unterschied der Konfessionen.
Eine qualvolle Ahnung sagte ihm außerdem, wie sie manchmal arglosen
Gemütern deutlicher wird als den gewitzigten, daß das Herz des Mädchens
nicht frei sei.
XIX.
Juttas Weggang von München war eine Flucht gewesen. Flucht vor ihrem
Vater und Vally, Flucht vor Luitpold Habelmayer, Flucht vor der
Erinnerung an Bruno, Flucht schließlich vor sich selbst und ihren
thörichten Herzenswünschen. Als ihr Eberhard damals den Vorschlag
machte, nach Berlin zu kommen, hatte sie das begrüßt, wie ein Mensch
die Möglichkeit willkommen heißt, sich aus verzweifelter Lage zu
befreien. Berlin! Das hatte für sie mehr bedeutet, als eine neue
Stadt; sie meinte, dort solle für sie ein neues Leben entstehen.
Sie dachte jetzt so wenig wie möglich nach München, spiegelte sich
vor, daß ihr gleichgiltig sei, was dort vorgehe. Und sie bekam auch
selten genug Nachrichten von der Heimat. Ihr Vater schrieb ja überhaupt
nur Geschäftsbriefe. Vally schickte zu Weihnachten ein Geschenk mit
beiliegendem Brief. Zwischen den Zeilen las Jutta den Wunsch: ›Bleibe
nur ja recht lange weg! Du bist zu Haus ganz gut entbehrlich!‹ -- An
Lieschen Blümer hatte Jutta geschrieben, bis jetzt aber noch keine
Antwort erhalten.
Mit der Zeit konnte es Jutta nicht verborgen bleiben, daß ihre Person
den zweiten Weßleben nicht gleichgiltig lasse. Martin war zwar nach
Kräften bemüht, seine Gefühle im tiefsten Herzensschreine zu verbergen,
nur fehlte ihm leider zu dieser Rolle alles Geschick. Und es gehört
nicht viel dazu, um einem Mädchen zu verraten, daß ein Mann sie liebt.
Jutta fühlte sich von dieser Entdeckung aufs peinlichste berührt. Es
war von jeher ihr Schicksal gewesen, die Begehrlichkeit des anderen
Geschlechtes herauszufordern. In Berlin, wo ihre Erscheinung fast noch
mehr auffiel, als in München, hatte sie, obgleich sie sich absichtlich
einfach kleidete, bereits einige unangenehme Erlebnisse auf offener
Straße gehabt. Und nun ein neuer Roman in Sicht! --
Zwar ihrer selbst war sie sicher; Martin würde ihr nicht gefährlich
werden. Dieser lang aufgeschossene, bleiche, linkische Jüngling im
Lutheranerrock war ihr im Grunde genommen lächerlich. Immerhin mußte
man befürchten, daß er irgend welche Dummheit begehe, welche ihre
Stellung in der Weßlebenschen Familie gefährden mochte. Sie richtete
ihr Benehmen so ein, daß der Diakonus darin nicht das geringste
Entgegenkommen erblicken konnte.
Daß sie in ihrem Leben niemals inbrünstiger und dabei keuscher von
einem Manne geliebt worden war, als von Martin Weßleben, ahnte Jutta
nicht.
Auf ganz anderem Gebiete bewegten sich jetzt Gedanken und Pläne des
Mädchens. In Berlin hatte sie wieder arbeiten gelernt, und in ganz
neuem Sinne empfand sie Freude an ihrer Kunst. Etwas in ihr rang nach
Leben, wollte gestaltet sein. Sie sah es in unklaren Umrissen nur. Es
war zunächst mehr eine Stimmung, eine Erinnerung, ein Schmerz, von dem
sie sich befreien wollte. Beständig änderte es seine Physiognomie. Sie
floh davor, stürzte sich in andere, unbedeutende Arbeit, nur um ihre
Hand zu beschäftigen. Aber innerlich arbeitete sie unausgesetzt an dem
gleichzeitig erhofften und gefürchteten großen Werke. Wie ein Fieber
quälte sie die Sehnsucht, endlich die Arbeit vorzunehmen.
Wenn Jutta Reimers trotzdem noch immer zögerte, ans Werk zu gehen,
so war das Zurückhaltung, die sie sich mit vollem Bewußtsein selbst
auferlegte. Ein Wort von Xaver Pangor kam ihr nicht aus dem Sinn, das
sich ihrem Gedächtnis tief eingeprägt hatte. Etwa so hatte sich der
Bildhauer ausgedrückt: »Sie können nur dann hoffen, etwas Wertvolles
zu schaffen, wenn Sie Geduld üben lernen. Wie die reifen Früchte
müssen die Werke von uns abfallen. Aus den Säften und Kräften unseres
Kopfes und Herzens sollen sie sich nähren. Wie in der Natur giebt es
in unserem Leben Perioden, wo wir Künstler ruhen und ansammeln, und
Zeiten, wo wir die aufgespeicherten Eindrücke und Erlebnisse aus uns
hervorbrechen lassen. Aber ebensowenig, wie man dem Frühjahr gebieten
kann zu kommen, ebensowenig soll man vorzeitig Blätter, Knospen und
Früchte einheimsen wollen von dem inneren Menschen. Man schaffe nur,
wenn der Geist treibt, wenn man etwas Außerordentliches zu sagen hat,
wenn uns der Überfluß in den Fingern juckt.« --
Die Künstlerin glaubte, daß dieser Augenblick nunmehr gekommen sei. Sie
hatte Geduld genug geübt, das Werk war reif; mit gutem Gewissen, auch
vor Xaver Pangor, konnte sie daran gehen, es aus sich herauszustellen.
Sie nahm die große Leinwand wieder vor, die sie bereits zu bemalen
angefangen hatte. Gegen Agathens Protest wurden die aufgetragenen
Farben davon mit Hilfe von Terpentin entfernt. Langsam wuchs zunächst
in Umrißlinien, dann in Farben, etwas Neues heran.
Eine lebensgroße Männergestalt bildete die Hauptfigur. Der Mann, dessen
Züge vorläufig kaum angedeutet waren, stand gesenkten Hauptes mit
leicht gefalteten Händen vor einem Marmorblock, an dem er gearbeitet
hatte. Die Anfänge zu einer Christusgestalt schälten sich aus dem
grauen Stein.
Nachdem sie ein paar Tage lang eifrig gemalt, machte Jutta plötzlich
Halt in ihrer Arbeit. Nicht einfach und schlicht genug war ihr das
Ganze, zuviel Pose, zuviel Erzählung darin. Sie nahm dem Manne alle
Attribute seines Gewerbes; kein Künstler war es nun mehr, nur ein
einfacher Geselle in ländlicher Tracht. Das Atelier verwandelte sich
in eine Bauernstube mit schwerem, altersgebräuntem Gebälk, durch die
halboffene Thür leuchtete in wunderbarem Kontrast zum Dämmerlicht des
geschlossenen Raumes die lebendige Alpenlandschaft. Das Christusbildnis
rückte ganz ins Halbdunkel, wurde zum schlichten, hölzernen Kruzifix.
Zuletzt erst nahm die Künstlerin den Kopf des Mannes vor, den sie sich
bis dahin aufgespart hatte. Während sie vorher unausgesetzt geändert
und umgestellt, fast zaghaft geschaffen hatte, führte sie dieses
Wichtigste, das, worum es sich wohl vor allem gehandelt hatte für sie
bei der ganzen Komposition, in wenigen Stunden mit kühnen sicheren
Strichen aus, als arbeite sie nach Modell. Der Kopf war in Profil.
Mächtig sprang die stark gewölbte Stirn vor, gemildert in ihrer Wucht
durch den versonnenen Ausdruck der blauen Augen.
Das eigenartig Ergreifende des Bildes lag in dem eindringlichen
Gegensatz zwischen der muskulösen, von Kraft strotzenden Männergestalt,
die zum Kampfe wie geschaffen schien, und der demutsvollen Haltung,
der schlichten Ergriffenheit, der stummen, fast kindlichen Ehrfurcht
vor dem primitiven Heiligtume, das diese starken Hände geschaffen.
Als Jutta den Kopf fertig hatte, warf sie noch einen langen Blick auf
das Ganze. Dann räumte sie alles weg von Malutensilien und sagte zu
Agathen, die fast während der ganzen Arbeit bei ihr gewesen war: »Nun
mache ich daran keinen Strich mehr!« --
Jutta hatte das dunkle Gefühl, daß sie ihr Meisterwerk geschaffen habe,
das Werk, welches wir nur einmal im Leben hervorbringen, wenn wir in
gottgesegneter Stunde bis dorthin hinabsteigen dürfen, wo das Mysterium
unserer großen Liebe verborgen ruht.
Agathe stand bewundernd vor dem Werke. »Wie kann man nur so etwas
aus Nichts schaffen?« -- sagte sie. »Und wie kann man es so machen,
daß es dasteht sicher, schön und lebendig? Mir ist diese Gestalt ein
Bekannter. Ich könnte schwören, daß es diesen Manne geben müßte,
irgendwo!«
Jutta erwiderte nichts auf die Worte ihrer kleinen Freundin, obgleich
sie sich wunderlich davon getroffen fühlte.
* * * * *
Das Bild war seit kurzem in einer der größten Kunsthandlungen Berlins
ausgestellt. Da die Künstlerin behauptete, keinen Namen für ihr Werk zu
wissen, hatte man ihm im Katalog der Ausstellung die Bezeichnung »der
Herrgottsschnitzer« gegeben.
Zum Staunen der Weßlebens war Jutta übrigens nicht dazu zu bewegen,
sich ihr eigenes Machwerk am öffentlichen Orte anzusehen. »Gerade weil
es mein Bestes ist,« sagte sie zu Agathen, »mag ich nicht erleben, wie
es dort hängt, preisgegeben den Blicken von Menschen, die es doch nicht
verstehen können.«
Das Malen hatte Jutta anscheinend fürs erste aufgegeben. Sie fing
allerhand an, versuchte sich im Zeichnen von Buchdeckeln, modellierte
in Wachs; ließ beides aber, weil es sie nicht befriedigte, bald wieder
liegen.
Etwas Unstätes war über das Mädchen gekommen. Es ging ihr, wie es dem
Künstler zu gehen pflegt, wenn er einem Gedanken, der ihn Monate lang
im Banne gehalten, endlich zum Leben verholfen hat; die Seele ist dann
wie entleert, der edle Enthusiasmus, der alle unsere Kräfte in Spannung
gehalten, macht der Ernüchterung Platz. Die Stimmung des erhabenen
Rausches, in der wir eine Zeitlang gelebt haben, ist unwiederbringlich
dahin. Ein Gefühl der Einsamkeit beschleicht uns, als sei der liebste
Freund von uns gegangen.
In dieser Verfassung ist man empfindlich und leicht verletzt. Das
Urteil über unsere Umgebung fällt dann wohl herber aus als in Zeiten,
wo wir im Hochgenusse des Schaffens alles in dem sonnigen Lichte sehen,
das aus uns selbst heraus auf die übrige Welt strahlt.
Jutta empfand auf einmal den Unterschied, der zwischen ihr und ihrer
jetzigen Umgebung bestand, viel stärker, als vordem. Früher hatte
sie die Farblosigkeit dieses Lebens, die Trockenheit des Tones, die
Einseitigkeit des Urteils, das gänzlich Unkünstlerische, was dem
Weßlebenschen Kreise nun mal anhaftete, nicht weiter gestört; im
Gegenteil, als interessanten Gegensatz zu der gewohnten, hatte sie
diese Weltanschauung empfunden. Aber nun auf einmal merkte sie die
Prosa davon. Ihre verstimmten Nerven lehnten sich auf gegen das fremde
Element, in das sie versetzt worden war, und das ihr nicht zusagte. Die
Luft kam ihr drückend vor in den kleinen Räumen, deren spießbürgerliche
Einrichtung eine tägliche Beleidigung bedeutete für ihren Geschmack.
Sie hütete sich indessen, ihre Wirte davon etwas merken zu lassen,
nahm sich zusammen, schon um Eberhards willen. Aber solche scheinbar
unwägbaren Verstimmungen unseres Gemütes teilen sich doch auf irgend
eine Weise durch die Luft den anderen Menschen mit. Eine Abkühlung trat
ein, zunächst unmerklich, in der gegenseitigen Herzlichkeit.
Die Frau Pastorin fing wiederum an, Gewissensbisse zu empfinden in dem
Teile ihres Herzens, der für den Protestantismus reserviert war. Auch
andere, vielleicht berechtigtere Bedenken hegte die gute Frau um Juttas
willen. Sie hatte zwei Söhne in dem Alter, wo junge Leute sich leicht
Dummheiten in den Kopf setzen. Dazu ein Wesen, wie diese Malerin im
Hause! -- Zwar Koketterie konnte sie Jutta beim besten Willen nicht
nachsagen; aber es lag nun mal in der Erscheinung des Mädchens etwas
zu den Sinnen Sprechendes. Frau Weßleben bezeichnete das als »römische
Hoffart.« Auch in Juttas Kunst witterte sie Verwerfliches. Agathe war
dem Banne der Fremden bereits völlig anheimgefallen. Die Jungens kamen
neuerdings auch viel häufiger ins Haus, seit man diesen Magneten da
hatte, der alles an sich zog. Man mußte ein Auge darauf haben, daß sich
nichts Schlimmeres entspinne.
Die vorsichtige Mutter ahnte nicht, wie tief verstrickt bereits das
Herz eines ihrer Söhne war.
* * * * *
Endlich kam der schon lang erwartete Brief von Lieschen Blümer.
Sie schrieb:
»Meine liebe Jutta. Du wirst mir zürnen, daß ich Dir noch nicht
geantwortet habe. Im Herzen habe ich es wie oft schon gethan! Ich bin
überhaupt so viel bei Dir mit meinen Gedanken. Siehst Du, ich war nicht
ganz gesund wiedermal; und da soll man nicht schreiben, wenigstens
nicht an seine liebste Freundin. Aber nun geht es mir schon wieder
viel besser, so daß ich Dir alles mögliche Schöne mitteilen kann. Vor
allem von Xaver! Er hat Erfolg gehabt. Bei einem Ausschreiben für eine
Brunnengruppe ist sein Modell mit dem ersten Preise ausgezeichnet
worden, und er bekommt den Auftrag. Begreifst Du, was ich dabei
empfinde Jutta? Daß es mir vergönnt ist, das noch zu erleben! Wie bin
ich vor so vielen anderen gesegnet, daß ich habe beitragen dürfen,
ihn groß zu machen! Er lebt und schafft und wird anerkannt. Wenn's
auch lange gedauert hat, und wenn man selbst darüber auch etwas müde
geworden ist; das hat garnichts zu bedeuten. Das Glück macht alles gut!
»Denke Dir, ich darf nicht mehr malen! Xaver hat es mir verboten. Er
meint, es strenge mich zu sehr an. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie
gut er ist! Ich vermisse die Malerei garnicht, bin viel auf meinem
Zimmer, kann nachdenken und lesen. Lebe wie eine Prinzeß. Abends kommt
er dann auf ein Stündchen. O, ich habe es gut! Manchmal ist es mir, als
könne soviel Glück garnicht auf die Dauer währen.
»Schreibe mir, bitte, wie es Dir geht, was Du treibst und schaffst, und
ob Du auch manchmal an uns denkst. Wir sprechen viel von Dir, Xaver und
ich. Er ist sehr gespannt zu sehen, was Du aus Berlin mitbringen wirst
an Arbeiten. Du weißt ja, daß es Dir gelungen ist, ihn von der Ansicht
zu bekehren: wir Frauen könnten nichts Originelles hervorbringen.
Darauf kannst Du Dir etwas einbilden! Wäre Xaver hier, würde er Dich
grüßen lassen.
»Leb nun wohl und sei tausendmal umarmt und innig geküßt von Deiner
Freundin Lieschen.«
Wie dieser Brief charakteristisch war für die Schreiberin! Von sich
hatte sie erzählen wollen, und daraus war das Bekenntnis geworden, das
beständig aus allem sprach, was Lieschen that und sagte: daß sie liebe.
Wie sich diese Liebe verriet, selbst da, wo sie des Geliebten garnicht
Erwähnung that! Immer und überall kam sie wie von magnetischer Kraft
angezogen auf diesen Pol ihres Daseins zurück.
Wer so lieben konnte, so lieben durfte! --
Aber auch mit einer gewissen Wehmut erfüllte Jutta der Brief.
Mit zarten Händen rührte er an Dinge, die vorüber sein sollten.
Jetzt gerade vor einem Jahre war sie soviel mit Lieschen und Xaver
zusammengewesen. Die wichtigste, die reichste Zeit ihres Lebens, die
Periode einer Wandlung ihres ganzen Wesens, wie sie keine zweite je
erleben würde.
All das und vieles mehr rief ihr der Brief ins Gedächtnis zurück. Zum
Verführer wurde er, an allerhand zu denken, was man tief im Schrein des
Herzens hatte verschließen wollen, was man erstorben glaubte, wovor man
geflohen war.
Es ist eine Eigentümlichkeit der Träume, daß sie die indiskreten
Ausplauderer unserer geheimsten Gedanken sind. Hegst du in der Tiefe
deiner Seele einen Wunsch, eine Hoffnung, der am hellen lichten Tage
dich zu nähern, du zu schamhaft, zu scheu oder zu furchtsam bist, dann
sei sicher, daß es dich in der Nacht heimsuchen wird, und zwar in so
rücksichtslos nackter, unbarmherzig wahrhaftiger Gestalt, daß du, wie
auf böser That betroffen, glaubst: ein schlimmer allwissender Geist
habe deine Gedanken heimlich belauscht und dir ins Ohr geraunt, was
auszudenken du dich selbst nimmermehr getraut.
Es träumte Jutta, sie schreite mit Lieschen und Xaver durch einen
wunderbar schönen Garten. Cypressen, Oliven, Kastanien und andere
seltene und herrliche Bäume beschatteten ihren Weg. Betäubender Duft
wurde aus einem Parterre von Blumen zu ihnen herübergetragen. Über
ihnen blaute südlicher Himmel. Aus dem Gebüsch winkten hie und da
glänzende Marmorleiber. Das Plätschern einer verborgenen Kaskade
erfüllte die Luft mit sanftem Rhythmus. Der Weg führte in Windungen
bergan. Sie hielten sich zu dreien umfaßt, Xaver in der Mitte, sie und
Lieschen ihm zu Seiten. Offenbar strebte man jenem Tempel zu, der sich
auf der Spitze des Hügels weiß schimmernd erhob. Niemand sprach ein
Sterbenswörtlein, man genoß stumm die überwältigende Herrlichkeit. Alle
Fähigkeiten waren geschärft, verfeinert, verzehnfacht. Jener Zustand
höchster Leichtigkeit; eine irdische Verklärung!
Da mit einem Male hörte man Lieschens Stimme: »Ich werde dir zu schwer,
mein Freund! Laß mich ein wenig ausruhen, ich bin müde. Geht ihr voran,
ich komme nach!«
Und gewissenlos ließen sie sie allein, schritten zu zweien weiter.
Mit beflügeltem Schritt eilten sie jenem Tempel auf der Höhe zu. Bald
war das Ziel erreicht. Als einziges Gottesbild stand dort in antiker
Säulenhalle ein Engel mit einem Schwert in der Hand. Eine Gestalt von
wunderlicher unheimlicher Schönheit. »Lucifer!« sagte Xaver. Weiter
sprachen sie nichts.
Dann traten sie hinaus auf die Plattform vor dem Tempel, von wo aus sie
alles übersehen konnten. Auch auf den Weg schauten sie hinab, den sie
gekommen waren. Aber da war niemand, der ihnen nachgeschritten wäre.
»Wir müssen wieder hinabsteigen und sie suchen,« hörte Jutta ganz
deutlich von ihrer eigenen Stimme gesprochen. »Sie ist müde und wird
den Weg hier herauf nicht allein finden.«
Da schüttelte Xaver den Kopf mit rätselhaftem Ausdruck und sagte: »Sie
ist nicht mehr, längst nicht mehr!« --
»Wo -- wo ist sie denn?«
Er nahm ihre Hand, hob sie ein wenig, und wies damit in den endlosen
Raum hinaus.
Furchtbare Bangigkeit überfiel Jutta. Etwas Dunkles, Gespensterhaftes,
Vielgliedriges kam herangekrochen und rührte mit kalter Hand an ihr
Herz. Sie wollte schreien und konnte nicht.
Da erwachte sie. Gott sei Dank nur ein Traum!
Jutta setzte sich im Bette auf, verwirrt, erschüttert, zum Weinen
gestimmt. Die Thür zu Agathens Zimmer, die nur angelegt war, öffnete
sich. »Jutta, was ist dir?«
Agathe erhielt keine Antwort. Sie trat näher heran und fand die
Freundin in Thränen. »Aber Herzens-Jutta, was fehlt dir?«
»Frage nicht! Um Gotteswillen frage mich nichts! Ich habe Furcht!«
»Du, Furcht?«
»Vor mir selbst!«
»Darf ich zu dir kommen?«
»Ja -- ja!«
Agathe legte sich zu ihr, und versuchte ihr die Thränen zu trocknen.
XX.
Das Frühjahr war inzwischen herangekommen, mit ihm der Termin zu den
Staatsprüfungen. Otto Weßleben hatte soeben sein Examen glücklich
bestanden und reiste, ehe er am Gericht angestellt werden sollte, auf
einige Wochen am Rhein. Eberhard stand noch mitten drin und hatte
als bedrängter Examenkandidat weniger denn je Zeit, sich Braut und
Schwester zu widmen.
Gern hätte Jutta Ausflüge gemacht. Das Grün, welches auf den
Schmuckplätzen der inneren Stadt, an den Alleebäumen und Rasenflächen
sich hervorwagte, verriet, daß die Welt wiedermal ihr Kleid zu wechseln
sich anschicke. Jutta kannte noch garnichts von der Umgegend Berlins.
Aber es fand sich niemand, der sich ihr angeschlossen hätte. Ihr Bruder
war durch seine Examenarbeit daran verhindert, und Agathe, die nur
zu gern mit der Freundin durch Wald und Feld gestreift wäre, wurde
durch mütterliches Verbot festgehalten. Zwei junge Mädchen allein
Landpartieen unternehmen! Das schickte sich nicht, außerdem war es auch
gefährlich.
Um nur wenigstens etwas frische Luft zu atmen und das Auge von den
stumpfen Farben der Straße zu erholen, machte Jutta, wenn sie von der
Weßlebenschen Wohnung nach dem Centrum der Stadt ging, mit Vorliebe
einen weiten Umweg, der sie durch den Tiergarten führte.
Freilich war das nur ein zahmes Stück Natur, eingehegt, gelichtet, von
gradlinigen Straßen und Wegen durchquert; nur hie und da, wo vielleicht
aus Versehen die Hand des Gärtners nicht hingekommen, machte auf
kargem Boden die Vegetation den Versuch, in Urwüchsigkeit und einiger
Üppigkeit zu wuchern. Aber es war, als hätten die Bäume ein schlechtes
Gewissen, als warteten diese dünnen, korrekten Gesellen auf ein
Kommandowort, eine Genehmigung von höchster Stelle, über das Normalmaß
hinauszuwachsen.
Eines Tages befand sich Jutta, herausgelockt durch das schöne Wetter,
eben auf dem Wege nach dem Westen, als sie nach den ersten paar
Schritten auf der Straße eine ihr wohlbekannte Gestalt, wie aus der
Versenkung, plötzlich vor sich auftauchen sah.
Dort stand einer mitten auf dem Fahrdamm und schaute nach den
Häusernummern aus. Ein Mann im braunen Lodenanzug von hoher Gestalt.
Die Hände im Kreuz zusammengelegt, wiegte er den Oberkörper hin und
her und blickte mit großen blauen Augen unter der gewölbten Stirn
gleichsam wie unter einem schützenden Helm hervor.
Jutta machte jäh Halt, als sie Xavers Silhouette vor sich sah. Hatte
sie eine Vision? -- Der Atem stockte, das Herz schlug ihr bis zum Hals
hinauf. Dabei fühlte sie, daß sie etwas thun müsse. So durfte er sie
doch nicht überraschen, so ratlos, so ganz außer Fassung. Aber sie
fand keinen Entschluß, nichtmal zur Flucht; wie gebannt stand sie und
starrte.
Xaver kam, immer die Hausnummern musternd, langsam schreitend bis nahe
an sie heran. Als er wenige Schritte von ihr war, fiel sein Auge auf
sie. »Fräulein Reimers!« rief er und streckte sofort die Hände nach ihr
aus.
Jutta stand da mit schlaff herabhängenden Armen, bleich, vor Erregung
zitternd, und wußte nicht; was thun, was sagen! --
»Schau, treffen wir uns so!« rief Xaver. »Ich wollte zu Ihnen. Kann
mich in dem verwünschten Berlin nicht zurecht finden. Nun da sind
Sie! Gelt, das ist schön. Lieschen läßt viel tausendmal grüßen. Sie
hat mir's ans Herz gelegt, daß ich Sie aufsuchen müßte in Berlin. Ich
hätt's freilich auch ohnedem gethan!« Dabei preßte er ihre Hand in
seiner starken Faust, als wolle er sie zerdrücken.
Jutta hatte über dieser Begrüßung Zeit gefunden, sich zu fassen. »Wie
geht es Lieschen?« fragte sie.
»Den Winter hätte's besser gehen können! Sie ist viel im Bett gelegen.
Aber der Frühling wird ihr schon auf die Beine helfen. Ich hab' keine
Sorge. Sie sagt immer: wenn erst die Sonne scheint und ich darf wieder
hinaus, dann sollst sehen, Xaver, dann werd ich wieder gesund! Ich hab'
ihr ein Häuschen gemietet, draußen in Schwabing. Die Stadtluft ist
nichts für das arme Hascherl. Und gar die alte Dachkammer, wo sie lebt!
Nun Sie kennen's ja! Das wird alles anders jetzt. Wenn ich von Berlin
zurück bin, wird umgezogen!«
»Was wollen Sie denn in Berlin, Herr Pangor?« forschte Jutta. Ihr war
urplötzlich ein Gedanke gekommen, der ihre Pulse beschleunigte. Wie
wenn er ihr Bild gesehen hätte: den »Herrgottsschnitzer«?! -- Wie
leicht war das möglich. Er würde doch wahrscheinlich alle größeren
Ausstellungen besucht haben.
Xaver antwortete: er sei seit drei Tagen in Berlin. Anlaß zu dieser
Reise war der Ruf eines Kunstliebhabers gewesen, der etwas von Pangors
Entwürfen in einer Zeitschrift gesehen hatte und mit ihm persönlich
die Bestellung besprechen wollte. Das Geschäft war zur beiderseitigen
Zufriedenheit erledigt; morgen bereits wollte der Bildhauer wieder
abreisen.
Gott sei Dank, das klang harmlos! Jutta atmete auf. Ihre Befürchtungen
verblaßten.
Man war auf dem Bürgersteig auf- und abgeschritten. Jutta empfand wenig
Lust, Xaver aufzufordern, mit ihr in die Weßlebensche Wohnung zu
kommen. Wo sollte sie ihn dort aufnehmen? Ihn mit der Pastorsfamilie
bekannt machen? Das konnte kein erfreuliches Zusammensein ergeben.
»Ist's Ihnen recht, wenn wir etwas gehen?« fragte sie.
Er war damit einverstanden.
»Und wie gefällt Ihnen Berlin, Herr Pangor?«
»Wenn Sie mich fragen, muß ich's wohl sagen: abscheulich! Diese Stadt
drückt auf mich, liegt auf mir wie ein Riesenalp. Ich bin nicht mehr
Künstler, habe aufgehört Individuum zu sein, seitdem ich Berliner
Pflaster trete. Hier könnte ich keinen Gedanken fassen, geschweige ein
Kunstwerk schaffen. Mein Geist ist wie sterilisiert. Wie haben Sie das
nur ein halb Jahr lang aushalten können?«
»Anfangs hat es mir auch den Atem versetzt; aber ich habe mich daran
gewöhnt, manches hier sogar lieb gewonnen.«
»Haben Sie auch fleißig gearbeitet -- gemalt?« --
Jutta war froh, daß sie der Frühjahrssonne wegen einen Schleier
vorhatte; so bemerkte er wohl ihr Erröten nicht. »Ich habe etwas
gemalt, aber es ist nicht der Rede wert,« sagte sie.
»Landschaft oder Figuren?«
»Ach, reden wir lieber von was anderem, Herr Pangor. Ich spreche nicht
gern von meinen Sachen. Sie ja übrigens auch nicht!« Jutta lachte
nervös.
Es kam ihr alles so gezwungen, so falsch vor, daß sie steif und
sittsam neben ihm schreiten mußte, ihm nicht zeigen durfte, wie
seine Anwesenheit sie im Innersten ergriff. Wie unnatürlich auch, daß
sie ihn »Herr Pangor« nennen mußte, nicht mal »Xaver« zu sagen war
ihr gestattet. Wo sie ihn doch in einsamen Stunden mit ganz anderen,
vertrauteren Namen gerufen hatte! Zu was für widerlichen Lügen einen
die gute Sitte zwang!
»Wo gehen wir eigentlich hin?« fragte er, als sie ein langes Stück
schweigend nebeneinander hergeschritten waren.
»Ich weiß es nicht, Herr Pangor!«
»Giebt es denn hier nirgends so was, wie Gottes freie Natur?« rief er.
»Wald, Seen, Berge! Ich komme mir so dumm vor, wenn ich ein paar Tage
lang nur Ziegelmauern und Gaslaternen gesehen habe!«
Ein Gedanke durchzuckte Jutta: wie, wenn sie den längst gehegten Wunsch
ausführte, ins Freie zu gehen? -- Hier hatte sie ja die Begleitung, die
ihr bisher gefehlt!
Aber was würden die Weßlebens sagen? --
Ach, warum sich darum sorgen? Was ging die Prüderie ihrer Wirte sie
an? Sie war doch erwachsen, konnte thun, was ihr gefiel! Schutz hatte
sie ja nun, ohne den man, wie die Pastorin meinte, sich nicht in die
Umgebung Berlins wagen durfte. Freilich würde Xaver nicht ganz dem
entsprochen haben, was die überängstliche Dame sich unter solchem
»Schutz« wohl gedacht hatte.
Bei der nächsten Haltestelle stiegen sie in die Pferdebahn. Im Wagen
war kein Sitzplatz mehr, nach kurzem Besinnen stieg Jutta daher zum
Verdeck hinauf, gefolgt von ihrem Begleiter.
Ein frischer Wind ging hier oben. In den Spiegelscheiben, den Laternen,
dem Geschirr der Pferde, kurz in allem, was imstande war zu glänzen,
spiegelte sich die Frühjahrssonne. Auf den breiten Trottoirs, unter
den Alleebäumen mit ihren winzigen Knospen und Blättchen ergingen sich
die Spaziergänger. Alle Leute sahen heute so vergnügt aus, als seien
sie wirklich da, um zu leben, und nicht, wie sie sonst glaubten und
glauben machen wollten, nur um ihrer Geschäfte willen. Vor den Läden
standen die Inhaber und betrachteten sich die Lorbeerbäume, Azalien und
Oleandersträucher in Kübeln, die man zum ersten Male herausgestellt
hatte. Gewächse, die der Berliner, wenn ihrer mehr als ein Exemplar
vorhanden ist, kühn seinen »Garten« nennt. Allerhand Buntes wagte sich
an den Menschen hervor. Die Damen trugen ihre Frühjahrshüte zur Schau;
da und dort tauchte auch eine helle Toilette auf.
»Lassens doch Ihren Schleier weg!« sagte er, neben ihr auf der Bank
sitzend. »Die Sonne wird sich freuen, Ihr Gesicht zu sehen.«
Sie that, wie er wünschte. Seine Unbefangenheit hatte etwas
Ansteckendes. War's nicht, als habe er einen frischen Luftzug
mitgebracht in die fremde Stadt, voll würzigen Heimatdufts. Ihr wurde
warm ums Herz. Sie fühlte sich so frei, so entbunden jeden Zwanges.
Jutta freute sich auf den Tag mit ihm.
Sie hatte die Führung übernommen, obgleich sie so gut wie garnichts
vom Wege wußte. Ihr Bestreben war, den nächsten Bahnhof zu erreichen;
wenn man da einen Zug nach Westen zu benutzte, mußte man aus Berlin
herauskommen und irgendwo landen. Das übrige würde sich dann schon
finden!
Nach einiger Zeit saßen sie denn auch glücklich in einem Vorortzug
und sahen Rückseiten von Häusern, Essen und Fabriken an sich
vorüberfliegen. Dann kam Gartenland, Bäume, Wasser. Sie glaubten schon
außerhalb Berlins zu sein; da fing es noch einmal an, mit einem Gewirr
von Straßen und Plätzen. Endlich kam freies Feld, und in der Ferne
zeigte sich der dunkle Kranz des Kiefernwaldes.
»Hier fängt es an, menschlich zu werden!« sagte Xaver und sog die
frische Luft, die durch das geöffnete Fenster eindrang, begierig ein.
»Wollen wir bei der nächsten Station aussteigen, gleichviel wie sie
heißt?« fragte das Mädchen.
Er war dabei.
Hinter dem Bahnhofe schritten sie an einer Reihe Villen vorüber, dem
nahen Walde zu.
»Wir wollen keinen Menschen fragen nach dem Wege, hören Sie! Es ganz
dem Zufall überlassen, wo er uns hinführen will,« rief Jutta.
»Dann am besten gar keinen Weg! Einfach der Sonne nachwandern!« meinte
er.
Entzückt von diesem Plane verließ Jutta den sandigen Weg und trat in
den Forst. Die alten Kiefern standen licht. Es ging sich weich und
angenehm auf der elastischen Streu von braunen Nadeln. Durch die Bäume
strich der Wind, bewegen konnte er die mächtigen Säulen nicht, aber er
spielte mit ihrem Geäst.
»Horchen Sie nur!« sagte Xaver und blieb stehen. »Wie sie miteinander
sprechen!« Jutta lauschte. »Genau wie im Tannenwald daheim! Der Wind
macht sie klingen und singen. Sonst sind sie ein schweigsames Volk.«
Und er begann auf einmal zu erzählen von seiner Alpenheimat. Von
der Mutter sprach er, die eine echte, rechte Bäuerin sei, fromm und
einfach, gut gegen die Guten, voll Abscheu gegen alles Böse, lebhaft,
und trotz ihrer Jahre rüstig, thatkräftig und lebenslustig; ein
»Kernweib,« wie es deren nicht viele gäbe. Und der Vater, ehemals ein
gefürchteter Raufer, dann, nachdem er abgegohren, ein strenger, zäher,
sparsamer Mann, der vor allem auf Mehrung seines Besitzes bedacht war.
So berichtete er weiter von seinem Onkel, dem Schreiner, in dessen
Werkstätte Xaver einstmals Lehrling gewesen. Jetzt lag der Brave längst
draußen auf dem Bergfriedhofe im selbstgefertigten Sarge. Das ganze
Leben in Bauernhof und Dorf ließ er vor Juttas Augen entstehen, seine
Jugendgeschichte, die ersten Kunsteindrücke, seinen Werdegang.
Jutta lauschte mit verhaltenem Atem. So frei hatte er sich ihr noch
nie gezeigt, so offen noch nie zu ihr gesprochen. Vieles, was ihr
rätselhaft gewesen war an ihm und befremdlich, wurde nun auf die
einfachste Weise verständlich. Er war Naturkind, war es geblieben,
trotz Künstler und modernem Menschen. Die Kultur hatte keinen Narren
aus ihm gemacht, nur ein ganz klein wenig hatte sie ihn poliert, daß
Glanz, Farbe und Adern dieses Steines recht zur Geltung kamen.
Hier draußen in Gottes freier Luft mußte man Xaver Pangor sehen. Hier
weitete sich seine Brust, hier leuchtete sein Auge, hier schien er
mit seinen kräftigen Gliedmaßen, seinem freien Gange, seinen starken
Bewegungen, ein Stück Natur, zu ihr gehörig wie zum Walde das Wild.
Die Stadt war kein Hintergrund für solche Persönlichkeit. Jutta hatte
das erst vorhin unangenehm empfunden; er war neben ihr aufgefallen,
die Leute hatten sich nach ihnen umgedreht. Er paßte nicht zu dem
geschniegelten Weltstadtgigerltum ringsum. Seine Kleider, die ganz
zu ihm gehörig wie eine zweite Haut an seinem Leibe saßen, waren das
Gegenteil von modisch.
Ja, es war ein glücklicher Gedanke gewesen, sich mit ihm hier hinaus zu
begeben.
Man schritt immer weiter quer durch den lichten Wald, der kein Ende zu
haben schien. Hin und wieder kreuzten sie mal einen Weg, vermieden es
aber, ihn anzunehmen.
Xaver sprach jetzt von seiner Kunst, entwickelte Pläne, schilderte die
Arbeiten, die er augenblicklich im Atelier hatte. Seine Rede, eben noch
fließend und lebendig, wurde mit einem Male stockend; er suchte nach
Ausdrücken. Jutta wußte es ja, wenn es sich um sein Höchstes handelte,
dann bekam er dieses Unbeholfene, Hilflose des suchenden, ringenden
Menschen. Sie erkannte auch diesen, nach innen gerichteten Blick des
versonnenen Künstlerauges wieder.
Durch die Baumstämme erglänzte jetzt in der Ferne etwas Helles. Ein
Wasserspiegel. Neugierig eilten sie vorwärts und waren bald darauf am
buschigen Waldrande angelangt. Das Gelände fiel steil ab zum See. Die
paar Meter, die sie über der Wasserfläche erhöht standen, ergaben in
der flachen Gegend einen Ausblick von überraschender Weite.
Den größten Teil des Bildes füllte der See aus mit seiner metallgrauen,
durch den schwachen Wellenschlag nur wenig bewegten Fläche, platt
hingeworfen wie ein blanker Schild. Ein Kranz von braunem Schilf als
Vordergrund, auf dem Wasser ein alter baufälliger Kahn angepflöckt.
Im graublauen Himmel ein paar blendend weiße Punkte: Möven, die in
graziösem Fluge über einer dunkleren Stelle des Wassers schwebten. Vom
jenseitigen Ufer grüßte der Kiefernwald, eine sanft gebuchtete Wand mit
einem Streifen gelben Sandes davor. Dort, wo der See in ein spitzes
Ende auslief, traten die Kulissen zurück; ein Stückchen Ebene wurde
sichtbar, auf dem die volle Sonne lag. In südlicher Heiterkeit geradezu
erstrahlte das gegen den nüchternen Vordergrund. »Ferne«, hieß die gut
gelaunte Malerin, die sich in diesem nördlichen Lande einen solchen
Farben-Scherz erlaubte.
Jutta und Xaver standen lange Zeit tief versunken. Sie waren beide
viel zu sehr Künstler, um durch Ausbrüche des Staunens oder gar
durch erklärende Worte in solchem Augenblicke sich und dem anderen
die Stimmung zu verderben. Andachtsvoll nahmen sie das Geschenk
auf, welches ihnen der liebe Gott in den Weg gelegt hatte, als
Feiertagsüberraschung.
Man nimmt immer etwas mit in der Seele von solchem Moment. Das Bild mag
von der Netzhaut verschwinden, aber es bleibt eine Bereicherung jenes
inneren Schatzes von Schönheit, an dem der Mensch, der sehen gelernt
hat, sammelt sein Leben lang.
Ohne daß ein Zeichen zwischen ihnen gewechselt wurde oder ein Wort
gefallen wäre, wandten sich Jutta und Xaver gleichzeitig und traten
zurück in den Wald. Beide wußten, daß sie sich näher gekommen waren in
den letzten Minuten, und beide waren von diesem Bewußtsein stark bewegt.
* * * * *
Sie waren in eine Wirtschaft eingekehrt, die mitten im Walde lag, dort
hatten sie ihr Mittagbrot eingenommen. Da sie die ersten Gäste waren,
verfrühte Schwalben gleichsam, die den Anbruch der Saison verkündeten,
wurden sie besonders gut bedient. Schließlich, als sie aufbrechen
wollten, begleitete der Wirt sie ein Stück, um ihnen den rechten Weg
nach der Eisenbahnstation zu weisen.
Es war Juttas Wunsch gewesen, nun zu gehen. Sie bedachte, daß die
Weßlebens sich schließlich doch um sie ängstigen möchten, wenn sie
gar so lange ausblieb. Als sie aufbrachen, war noch heller Tag; aber
unterwegs kündete sich die Dämmerung an.
Im Walde war es schon beinahe dunkel. Graue und braune Farbentöne
herrschten vor. Nur der sandige Weg leuchtete vor ihnen in fahlem
Lichte. Der Himmel blieb hell und färbte sich gegen Westen zu gelblich.
»Die Sonne ist sparsam in ihren Effekten hier zu Lande!« meinte Xaver.
»Haben Sie mal einen Sonnenuntergang gesehen in den Bergen?« Jutta
nickte. Er begann wieder von seiner Heimat zu schwärmen.
Das Mädchen blieb einsilbig. Zu voll war ihr das Herz zum Sprechen.
Nachdenklich schritt sie vor sich hin; der Abend hatte sie mit seinem
Traum-Fittich berührt.
Was für ein außerordentlicher Tag lag hinter ihr! Außerordentlich nicht
durch äußeres, um so mehr aber durch inneres Erleben. Sie dachte an
ein Wort von Lieschen Blümer, das sie erst heute in seiner Wahrheit
begriff: »Gewisse Erlebnisse haben Ewigkeitswert; sind nur Symbole von
größeren Dingen, die sich jenseits der Wolken abspielen.«
Ganz fromm und still war sie geworden; beten hätte sie mögen, danken
für ein großes, unverdientes Glück. Versöhnt fühlte sie sich. Alle
Unruhe, alles Häßliche, alle Furcht, alle Eifersucht war von ihr
genommen. Sie konnte an alle Menschen in Liebe denken. Wer glücklich
ist, kann nicht hassen.
War es nicht herrlich, zu denken, daß es so einfache, gute und große
Menschen gab! Kam es darauf an, daß man geliebt wurde? Nein, wenn man
nur selbst lieben durfte; das war das wichtige! Darin lag das Glück
beschlossen.
Und lieben durfte sie. Wer konnte es ihr verwehren. Niemand wußte es
ja! Nicht einmal der, den sie liebte.
Eine gab es, die wohl etwas ahnen mochte. Lieschen wußte um ihr
Geheimnis. Lieschen hatte ihn zu ihr geschickt. Lieschen verdankte sie
diesen Tag mit Xaver. O, wie sie der Freundin dankbar war, wie sie die
Freundin verstand!
Wenn man bedachte, wie sich die Dinge herrlich entwickelt hatten! Vor
einem Jahre noch voll Scheu, Mißtrauen und Ängstlichkeit gegen einander
erfüllt, verkehrten sie jetzt wie Freund und Freundin.
Mit ihm so durch den Wald zu schreiten, allein, ohne Weg und Steg,
ins Unbekannte hinein, schauerlich zugleich und schön! So hätte sie
ruhig gehen mögen überallhin, ob es Nacht sei oder Tag! Er war ja so
kindergut und harmlos, und dabei wußte sie doch, wie ganz er Mann sei.
Seine bloße Nähe, seine Stimme, jede seiner Bewegungen sagten ihr: ich
bin stärker als du, ich könnte dir Gewalt anthun, wenn ich wollte. Aber
sei ruhig, ich bin zu vornehm dazu.
O, sie war stolz auf ihn. In ihrem Herzen beugte sie sich vor ihm,
betete seine Männlichkeit an.
Freundschaft! Ob sie wohl möglich war zwischen Mann und Frau? Wäre
es nicht das Höchste, das Edelste, das menschlich Größte gewesen, das
Erhabenste, was das Leben bieten mochte! --
»Freundschaft!« Das bloße Wort hatte solch intimen Zauber in sich, es
schmiegte sich der Seele an, es schmeichelte der friedlich frommen
Stimmung ihres Gemüts, es paßte auch so traulich zu der dämmerigen
Landschaft, durch die sie schritten. Freundschaft war edel und
großmütig, ohne all die häßlichen Schlacken der Leidenschaft und
des Verlangens und dennoch erfüllt von Kraft, begabt mit der Wonne
gegenseitigen Besitzes.
So etwas mußte möglich sein! Nur auf die Menschen kam's an, daß sie
wagten, es zu leben.
Sie erreichten die Haltestelle. Nicht lange dauerte es, da kam ein Zug
herangebraust. Im Durchgangswagen fanden sie eine leere Abteilung.
Nebenan saß eine Gesellschaft von zweifelhafter Güte, die sich durch
Lachen und Schreien unangenehm bemerkbar machte.
Xaver und Jutta setzten sich einander gegenüber. Sie schwiegen eine
Weile. Dann beugte er sich vor zu ihr, wohl um nicht allzulaut sprechen
zu müssen, blickte ihr vertraulich in die Augen und sagte: »Kann ich
Sie recht bald wieder sehen?«
»Aber Sie wollten doch morgen schon reisen, verstand ich!« rief Jutta.
»Ach, das war nicht so fest beschlossen. Ich kann noch ein paar Tage
bleiben schließlich. Zwar an Berlin liegt mir nichts; aber nun, wo
ich Sie getroffen habe, gefällt mir's. So ändert der Mensch seinen
Geschmack!« Er lachte unbefangen.
Jutta senkte die Augen vor seinem Blicke. Sie fühlte sich unangenehm
berührt von der Rede, vielleicht auch von der Art, wie er sie
vorgebracht.
»Ich habe unbegrenzten Urlaub. Lieschen gönnt es mir, daß ich bei Ihnen
bin.«
O warum sagte er das! Wozu Dinge aussprechen, die sich von selbst
verstanden! Wenn man sie dachte, blieben sie natürlich, wenn man sie in
den Mund nahm, bekamen sie etwas Verzerrtes. Mit seinen plumpen Worten
hatte er jenes Bewußtsein der Unschuld und Harmlosigkeit zerstört, das
sie all die Zeit über als unsichtbarer Schutz umgeben hatte. Jetzt mit
einem Male empfand sie, daß sie allein sei mit ihm. Trotz des grellen
Lampenlichtes, trotz der Leute nebenan, wurde ihr bange vor dem Manne,
mit dem sie eben noch mutig durch die Einsamkeit des Waldes geschritten
war.
Er mochte etwas merken von dem Wechsel in ihrer Stimmung; wodurch er
sie verletzt haben könne, wußte er freilich nicht. »Ich meinte nur,«
sagte er, »daß es für mich noch mancherlei in Berlin giebt, was mich
veranlassen könnte zu bleiben. Gern wäre ich zum Beispiel in ein oder
die andere Ausstellung gegangen mit Ihnen. Vier Augen sehen leicht mehr
als zweie. Hätten Sie nicht Lust?«
Jutta schüttelte energisch den Kopf. »Im vorigen Jahre durfte ich Ihr
Lehrer sein; hier könnten Sie mich führen, und wir würden gemeinsam
lernen. Wäre das nicht schön?«
Wieder beugte er sich vor und suchte ihr Auge. Sie wich seinem Blicke
aus, wohl wissend, daß darin eine größere Versuchung lag, als in allem,
was er vorbringen mochte. Wie gern hätte sie ihn gebeten, daß er
schweigen, sie in Frieden lassen möchte. Es war ja gut gemeint von ihm,
aber für sie lag etwas in seinen Vorschlägen, was verstimmte, traurig
machte.
»Oder lassen Sie uns wenigstens noch einen solchen Ausflug
unternehmen!« fuhr er unbeirrt fort. »Ich will alles zurücknehmen, was
ich früher über die Häßlichkeit dieser Gegend gedacht habe. Schließlich
kommt es nur darauf an, in welcher Laune man ein Stück Erde betritt;
dem Glücklichen erscheint die Wüste ein Paradies. Es war doch heute
so schön! Hat es Ihnen denn nicht auch gefallen? Sagen Sie!« dabei
streckte er die Hand aus nach der ihren.
»Es geht nicht!« rief Jutta gepreßt. In die dargebotene Hand schlug sie
nicht ein. »Wahrhaftig, es geht nicht!«
»Wenn Sie nur wollten?« schmeichelte er.
»Ich kann über meine Zeit nicht so frei verfügen, wie Sie denken, Herr
Pangor. Schließlich muß ich doch auf die Menschen Rücksicht nehmen,
bei denen ich wohne. Es war nur Zufall, daß ich heute mit Ihnen kommen
konnte. Aber ich meine, wir wollen uns damit begnügen.«
»Begnügen! Das Wort hasse ich. Denken Sie doch: so jung und lebensfroh
kommen wir nie wieder zusammen. Thun Sie 's nur!«
Jutta erhob sich von ihrem Sitze und blickte zum Fenster hinaus.
Draußen flogen schon allerhand gigantische Formen vorüber: Dächer,
Essen, Häuserzeilen, lange Reihen von Lichtern, Berlin ankündend.
Sie suchte Zeit zu gewinnen zum Nachdenken. Wenn er geahnt hätte, wie
sein Vorschlag sie erregte, wie im Grunde ihres Widerwillens eine
versuchende Kraft sich rührte, ihm zu willfahren. Stärker noch als er,
empfand sie den glühenden Wunsch: mit ihm zu sein, nicht sich trennen
zu müssen, nach so kurzem Wiedersehen! Bei einander bleiben! Gemeinsam
genießen: Kunst, Natur, alles Gute, alles Schöne, das ganze Leben.
Seine Stimme hören, seine Gegenwart fühlen! Neben ihm gehen, wie heute,
träumen, süß träumen, und nichts von dem verraten, was man träumte.
Aber es war auch eine Stimme in ihr, die sie warnte. Jutta hatte die
männliche Begehrlichkeit kennen gelernt. Sie ahnte, daß eines jeden
Mannes Brust Dämonen birgt, die bereit sind, hervorzustürzen wie die
Tiger, ungebändigt. Wer stand ihr dafür, daß er besser sei als die
anderen! Mann blieb Mann! Konnte er für seine Anlage?
Die größte Verantwortung war auf sie gelegt. War es nicht Pflicht,
ihn zu schützen vor sich selbst? Er, der ihr anvertraut war von der
Freundin!
Lieschens blasses Gesicht tauchte vor ihr auf. Eine andere Frau hatte
Anrecht auf ihn, ein Anrecht, das geheiligt war. Und selbst wenn
Lieschen nicht ihre Freundin gewesen wäre, so würde der Verrat der
Treue doch das Verbrechen sein, welches nie vergeben werden konnte, das
Verbrechen am eigenen Geschlecht.
Weniger als eine Minute hatte das Mädchen dazu gebraucht, diesen
Gedankengang zu durchmessen. Nun stand sie am Ende und wußte, wie sie
sich zu verhalten habe.
Ruhig, mit freundlichem Lächeln, wandte sie sich zu ihm, der sie
gespannten Blickes, der Entscheidung harrend, betrachtete. »Es war
sehr freundlich von Ihnen, Herr Pangor, mich aufzusuchen und noch
freundlicher, daß Sie mir Ihren ganzen Tag gewidmet haben. Aber nun
müssen wir uns trennen. Bei der nächsten Station werde ich aussteigen,
Sie haben noch ein Stück weiter zu fahren. Reisen Sie nur morgen früh,
wie Sie ursprünglich wollten. Sie müssen Lieschen viel erzählen, auch
von mir, hören Sie! Und sagen Sie ihr viele herzliche Grüße!«
Xaver machte noch einen Versuch, sie umzustimmen. Aber Jutta schüttelte
nur lächelnd den Kopf. Als die Station kam, ließ sie sich von ihm die
Thür öffnen und reichte ihm die Hand zum kurzen Abschied.
Er stand und starrte ihr verdutzt nach, als er vorbeifahrend das
Mädchen, ruhigen Schrittes, ihr Kleid ein wenig raffend, den Perron
hinabschreiten sah.
XXI.
Rieke, das Mädchen für Alles bei Weßlebens, war mittags nach Haus
gekommen aus der Markthalle und hatte ihrer Herrin brühwarm die
Nachricht mitgebracht: sie hätte Jutta mit einem Herrn auf der Straße
jehen sehen. »'t war so en langen forschen Kerl in en braunen Habit mit
en jrünen Hut. Häßlich war der Musjö nich, det will ick jarnich sagen.
Er nahm so lange Schritte, daß det Freilein alle Mühe hatte, man bloß
mit fortzukommen. Se schienen 's höllschen eilig zu haben. Dann ging 's
in ne Pferdebahn und och gleich oben ruff, uff det Verdeck. So sah ick
ihr mit em von dannen jondeln.«
Zum Mittagessen kam Jutta nicht. Die Pastorin murmelte etwas von
»Rücksichtslosigkeit«, erzählte aber den Ihren zunächst noch nicht, was
sie von Rieke erfahren hatte.
Der Nachmittag verging, keine Jutta ließ sich blicken. Vater Weßleben
äußerte sich besorgt über das Ausbleiben seines Gastes. Agathe wußte
zufälligerweise, daß Jutta in die National-Galerie gewollt hatte; aber
von dort hätte sie doch längst zurück sein müssen. Vater und Tochter
erwogen bereits, ob man nicht nach ihr ausschauen müsse. Die Frau
Pastorin hatte nur ein bedeutsames Lächeln bei dem Gerede der Ihren.
Es klingelte. »Gott sei Dank, da ist sie!« Aber es war nur Martin. Man
teilte ihm mit, weshalb man sich Sorge mache.
Der Diakonus erklärte sich sofort bereit, auszugehen und Juttas Spuren
zu suchen. Nur mühsam vermochte der junge Mensch die tiefe Erregung zu
verbergen, die sich seiner bei dem Gedanken bemächtigte, dem Mädchen
könne etwas zugestoßen sein.
Nunmehr hielt es die Frau Pastorin für an der Zeit, zu erzählen,
was sie über Jutta erfahren hatte. Sie that das nicht ganz ohne
Schadenfreude. Nun sahen sie's doch mal, was an dieser Jutta Reimers
war, vor der die ganze Familie in Bewunderung auf den Knieen lag.
Katholisch blieb eben Katholisch! Selbst Weßleben hatte sich von
ihr Sand in die Augen streuen lassen. Er war eben doch nicht so
gefestigt wie sie, die das Blut von so und so vielen Superintendenten,
Konsistorialräten und einem Hofprediger in ihren Adern rollen fühlte.
»Sie hat vielleicht einen Verwandten getroffen,« sagte der alte Herr in
begütigendem Tone. »Die Sache wird gewiß harmlose Aufklärung finden.«
Da war die Frau Pastorin freilich anderer Ansicht. Wie ihr Mann das
Mädchen auch noch in Schutz nehmen könne, begreife sie nicht. Für sie
sei Jutta gerichtet. »Emancipiert ist sie, das habe ich schon immer
gesagt. Mit Herren auf dem Verdeck der Pferdebahn sitzen, das mag
vielleicht in Künstlerkreisen Mode sein; von anständigen Damen habe
ich's noch nicht gesehen. Und dann ausbleiben den ganzen Tag bis in die
sinkende Nacht! Wer weiß, ob wir sie überhaupt wiedersehen! Vielleicht
hat sie es vorgezogen, auf und davon zu gehen.«
Der alte Pastor wollte ihren Eifer beschwichtigen, aber sein Sohn kam
ihm zuvor. Mit einem Eifer, den man sonst nicht an dem Diakonus gewohnt
war, trat er für Jutta in die Schranken. Man habe kein Recht, schlecht
von einer Abwesenden zu sprechen, hielt er seiner Mutter entgegen;
und auf Riekes Geschwätz hin eine Dame zu verurteilen, sei gänzlich
unstatthaft. Denn, selbst wenn Rieke die Wahrheit berichtet habe,
zweifle er keinen Augenblick daran, daß das, was Fräulein Reimers thue,
schicklich sei.
Agathe stimmte dem Bruder begeistert zu; woraufhin ihr die Mutter den
Mund verbot. Ziemlich unmotiviert entlud sich ihr Ärger gegen die
Tochter. Vater Weßleben aber freute sich im stillen über seinen Martin.
Recht gut, wenn der mal lernte, mit seinen Gefühlen aus sich heraus
zu gehen. Der Mutter hingegen bestätigte Martins Eintreten für Jutta
nur einen Verdacht, den sie seit einiger Zeit hegte. Ihr Zweiter in
den Stricken der Papistin! -- Sie sah ihn bereits als Opfer römischer
Intriguen. Das setzte ihrem Mißmute die Krone auf.
Es klingelte abermals, und diesmal war es wirklich Jutta.
Ohne erst abzulegen, kam sie sofort ins Zimmer, eilte auf Frau Weßleben
zu und bat um Entschuldigung. Sie hoffe, daß man sich um ihretwillen
keine unnützen Sorgen gemacht habe.
»O, was das betrifft --!« meinte die Pastorin. »Sie hatten ja wohl
Begleitung?«
Jutta blickte die Sprecherin erstaunt an, zunächst nicht verstehend,
was gemeint sei; aber das hämische Lächeln der Dame sagte es ihr.
»Ich traf einen Bekannten aus München; das Wetter war so wunderschön!
Er hatte den Grunewald auch noch nicht gesehen; da sind wir zusammen
hinausgefahren. Aber weil ich den Weg nicht wußte, haben wir uns ein
wenig länger aufgehalten, als ich eigentlich wollte. Das thut mir von
Herzen leid! Sie müssen mir nicht zürnen.«
Sie hielt der Pastorin die Hand hin. Die that, als sehe sie es nicht.
»Ja, ist denn das wirklich so etwas Schlimmes?« rief Jutta und sah sich
im Kreise um. Sie erblickte lauter bestürzte Gesichter.
Agathe eilte auf sie zu und warf sich ihr in die Arme. »Du bist nicht
schlecht!« rief sie. »Wir denken das auch garnicht von dir!«
»Ich verstehe nicht!« sagte Jutta und machte sich von Agathen los, »bin
ich denn verdächtigt worden?«
»Es ist hier zu Lande nicht Sitte,« erwiderte ihr die Pastorin, »daß
junge Mädchen mit fremden Herren allein Landpartieen machen. Wie man
darüber bei Ihnen zu Haus denkt, weiß ich nicht, Fräulein Reimers.«
Jutta war sprachlos. Sie fühlte, daß sie etwas hätte sagen sollen zu
ihrer Verteidigung, aber gerade weil sie sich so ganz in ihrem Rechte
wußte, war sie nicht im stande, auch nur ein Wörtlein vorzubringen.
Sie schwieg und sah nur alle Anwesenden der Reihe nach mit großen Augen
beinahe ängstlich an. War es denn möglich, daß man ihr etwas Niedriges
zutraue? -- Gegen solchen Verdacht stand sie wehrlos. Sie war bestürzt
und traurig, nicht erzürnt und empört. Furchtbar, daß es solche
Mißverständnisse geben konnte!
Martin, der sie mit den Augen verschlungen hatte und abwechselnd blaß
und rot geworden war, wollte etwas sagen, aber Vater Weßleben hielt
nunmehr die Zeit für gekommen, sich einzumischen.
»Wir wollen froh und zufrieden sein, liebe Leopoldine,« damit wandte
er sich an seine Frau, »daß Fräulein Reimers gesund und wohlbehalten
in unsere Mitte zurückgekehrt ist. Unsere Besorgnisse sind grundlos
gewesen. Wir haben, so scheint es mir, Grund, dankbar zu sein. Und nun
möchte ich euch alle bitten, daß hierüber weiter kein unnützes Wort
verloren wird.«
* * * * *
Wenn der Vater gesprochen hatte, so war bei den Weßlebens jede Sache
damit abgethan. Seine Befehle hatten, weil sie selten waren, trotz
ihrer milden Form Gewicht.
Die Frau Pastorin kam wirklich nicht wieder auf die Sache zurück,
wenigstens mit Worten nicht; aber es giebt bei den Frauen andere
Mittel noch, als die Zunge, um jemandem die Meinung zu sagen.
Jutta wußte jetzt, woran sie mit dieser Dame sei. Die erste,
beste Gelegenheit konnte einen Rückfall bringen in die nur mühsam
zurückgedämmte Feindseligkeit.
Berlin war ihr verleidet. Dazu beunruhigte sie der Gedanke an Lieschen
Blümer. Stand es wirklich so um sie, wie Xaver glaubte? Sah er nicht
zu rosig? -- Sie würde eher keine Ruhe finden, bis sie das nicht
festgestellt hatte.
Und alle diese Gründe erfaßten eigentlich noch nicht das, was sie
wegtrieb von Berlin. Es war eine ihr selbst unerklärliche Unruhe
dabei mit im Spiele, der Wunsch nach Wechsel, das Gefühl: »Du hast
hier nichts mehr zu suchen, deine Anwesenheit kann höchstens Unglück
stiften.« Und auf der anderen Seite Sehnsucht, eine Art Heimweh, der
Wunsch, die vertrauten Klänge der Heimat zu hören, ihre gewohnte
Luft zu atmen. Und schließlich ganz im tiefsten Grunde der Seele das
Verlangen, bei denen zu sein, die sie liebte.
Eberhards Zureden, sie möge wenigstens noch das Examen-Resultat
abwarten, und Agathens inständiges Bitten, jetzt doch nicht zu gehen,
blieben erfolglos. Juttas Entschluß zu reisen, war gefaßt.
Am Tage vor ihrer Abreise ging sie in die Stadt. Der Kunsthändler, bei
welchem ihr Bild ausgestellt war, hatte ihr mitgeteilt, es habe sich
ein Liebhaber dafür gefunden, und fragte an, ob sie es verkaufen wolle.
Sie war eben auf dem Wege zu der Kunsthandlung, um zu erklären, daß
sie darauf eingehe.
Bald nachdem sie das Weßlebensche Haus verlassen hatte, kam ihr eiligen
Schrittes jemand nach. Als der Mensch in gleicher Höhe mit ihr war,
erkannte Jutta Martin Weßleben. Hochgerötet zog er den Hut und fragte,
ob sie ihm auf ein paar Worte Gehör schenken wolle.
Jutta ahnte, was er im Sinn habe. Der arme Kerl! Konnte man ihm die
Beschämung nicht ersparen? -- Sie sann noch über eine möglichst milde
Form der Abweisung nach, als er schon begann:
»Fräulein Reimers, Sie reisen morgen. Nun kommen Sie also nach Haus,
nach München; und wir werden Sie für lange Zeit nicht sehen. ....«
Er stockte in seiner offenbar wohlvorbereiteten Rede.
»Vielleicht sehen wir uns bei Agathens und Eberhards Hochzeit wieder,
Herr Weßleben!« sagte sie. »Sollte es nicht möglich sein, daß Sie
aufschöben, was Sie mir sagen wollen?« --
»Nein, nein!« rief er in ängstlich-eigensinnigem Tone. »So lange kann
ich nicht warten! -- Sehen Sie, ich wollte Ihnen zunächst nur etwas
erklären. Es hat mich neulich, als Sie so spät zurückkamen, betrübt;
nein, ich muß es offen sagen, obgleich sich's um meine Mutter handelt,
es hat mich empört, wie man Sie bei uns empfing. Ich habe das als
persönliche Demütigung empfunden, und ich bitte Sie um Verzeihung. Das
war das eine!.....«
»Aber, Herr Weßleben, wozu?«
»Bitte, hören Sie mich nur aus! Ich weiß, daß Sie Grund gehabt
hätten, über mancherlei zu klagen in unserem Hause. Meiner Mutter ist
leider nicht Duldsamkeit gegeben. Wenn man Ihnen Ihres Glaubens wegen
Kränkungen zugefügt hat, so bitte ich Sie auch darum um Verzeihung.«
»Herr Weßleben, ich habe soviel Güte genossen in Ihrem Hause, daß mich
diese oder jene kleine Widerwärtigkeit nicht hindern kann, freundlich
an die Ihren alle zurückzudenken.«
»O, das sieht Ihnen ähnlich!« rief er enthusiastisch, blieb stehen und
drückte ihre Hand. Sein Gesicht spiegelte die größte Erregung wider.
Jutta bemerkte, daß einzelne Vorübergehende bereits auf sein
ungewöhnliches Benehmen aufmerksam wurden. Ihr ward bange, was hieraus
noch werden solle.
»Herr Weßleben!« sagte sie, »wollen Sie mir einen Gefallen thun? Dort
stehen Droschken, rufen Sie mir eine heran! Ich muß fahren, wenn ich
nicht zu spät kommen will.«
Martin schien den Wink nicht zu verstehen, er rührte sich nicht von
der Stelle. Seine knabenhaften Züge, auf denen jede Seelenregung sich
sofort deutlich lesbar ausdrückte, verdüsterten sich. Trostlos blickte
er zu Boden. Dann rang sich's von seinen Lippen: »Um Gotteswillen,
gehen Sie so nicht von mir! Hören Sie nur das eine! Das Wichtigste muß
ich Ihnen sagen: ich liebe Sie!« --
Vor einem Jahre noch würde Jutta in solchem Augenblicke möglicherweise
gelacht haben. Heute überwand sie den Reiz des Komischen. Zu deutlich
sprach der Ernst der Situation zu ihr. Sie hatte Mitleid mit seiner
Unbeholfenheit, wie er so dastand, erschrocken über seine Kühnheit,
durchschüttelt zugleich von der Gewalt seiner Gefühle.
»Hätten Sie das doch nicht gesagt, Herr Weßleben!«
»Es war wohl sehr frivol?« fragte er bestürzt.
Sie mußte nun doch lächeln.
»Das nicht! Aber es thut mir leid, daß Sie sich mit solchen Gedanken
tragen. Für Sie thut es mir leid; denn, was Sie wollen, ist unmöglich.«
»Ich weiß, daß es ein Hindernis giebt zwischen uns, welches scheinbar
unüberwindlich ist.«
»Um die Konfession handelt sich's nicht, wenn Sie das meinen. Ich bin
gebunden; fragen Sie nicht: wie und wodurch. -- Und jetzt verlassen Sie
mich, bitte, lieber Herr Weßleben! Ich hätte Ihnen das gern erspart;
aber Sie hörten nicht.«
Schwer atmend stand er da, blaß, mit arbeitenden Zügen; ein ganz
veränderter Mensch.
Sein Anblick griff ihr ans Herz. Sie wünschte ihm noch irgend etwas
Freundliches mitzugeben zum Abschied.
»Sie werden darüber hinwegkommen, müssen nicht verzagen! Wenn's auch
weh thut im Augenblick. Man kann viel mehr Leid ertragen, als man
denkt; hören Sie! -- Leben Sie wohl!«
Damit reichte sie ihm die Hand und ging.
XXII.
Als Jutta nach München zurückkehrte, fand sie im väterlichen Hause
mancherlei verändert, und nicht zum Besseren, wie ihr dünkte. Der Vater
hatte seine Schwägerin Frau Habelmayer und Vally zu sich genommen, und
diese beiden Damen, so schien's, sollten in Zukunft ganz da bleiben.
Die Witwe Habelmayer war eine wohlbeleibte Person von groben Zügen,
kupfrigem Teint, Gesicht und Gestalt stark auseinandergegangen. Wenn
man sie sah, konnte einem um Vally bange werden, deren Figur auch nur
noch durch Kunst in gewissen Grenzen gehalten wurde.
Vally und ihre Mutter hatten sich mit Herrn Reimers vortrefflich
einzurichten verstanden. Sie waren zu ihm gezogen -- so erklärten
die Damen selbst, -- um ihm die Einsamkeit, in der der Ärmste lebte,
zu verkürzen, und dabei gleichzeitig nach der, durch Frau Hölzl arg
vernachlässigten, Hauswirtschaft zu sehen. Seine Bequemlichkeit, sein
Wohlergehen sei ihr einziger Gedanke, früh und spät. Übrigens schienen
die beiden Damen dabei selbst auch ganz leidlich auf ihre Rechnung
zu kommen. Sie kümmerten sich nicht bloß darum, daß gute Sachen auf
den Tisch kamen, sondern sie halfen auch an ihrem Teile dabei, daß
sie verzehrt wurden. Sie gingen mit dem alten Herrn ins Theater und
Konzert, fuhren mit ihm aus und besuchten Cafés und Weinstuben; alles
angeblich, um ihn zu zerstreuen und ihm die mancherlei Sorgen, die er
in Geschäft und Familie habe, zu erleichtern.
Luitpold war schon um Weihnachten herum mit seiner kränkelnden Frau
nach dem Süden gereist. Es hieß, daß Elwire das Münchener Klima nicht
vertrage. Jutta war keineswegs unglücklich über die Aussicht, den
Vetter auf diese Weise fürs erste nicht zu sehen.
Über Juttas plötzliche Rückkehr schienen die Damen Habelmayer nicht
gerade erbaut zu sein.
»Wir dachten bestimmt, du würdest dich in Berlin verloben!« sagte Vally
zu ihrer Cousine mit jener Mischung von Naivetät, Dickfelligkeit und
Bosheit, gegen die man wehrlos ist. -- Und ein andermal: »Schade! Es
hätte so gut gepaßt! Deine Ausstattung ist doch einmal fertig. Die
Wäsche verstockt und die Kleider werden altmodisch. 's fehlt nur der
Mann dazu.«
Jutta wunderte sich über sich selbst, wie wenig neuerdings solche
kleinen Liebenswürdigkeiten bei ihr verfingen. Was ging Vally sie im
Grunde noch an? Das Heimatgefühl des Mädchens war erschüttert. Nicht
einmal über ihren Vater, den sie ganz in Händen der beiden Frauen sah,
grämte sie sich tiefer. Waren das die Ihren, nach denen sie in Berlin
Sehnsucht empfunden hatte? Ihr Vater, den sie als Kind so bewundert,
der für sie das Urbild gewesen war von Geist und Lebensart; was war aus
ihm geworden?! --
Soviel es überhaupt anging, mied Jutta ihre Familie. Ändern konnte
sie hier ja doch nichts. Der Vater war eben, was er war. Durch
Vorstellungen würde man schwerlich Eindruck machen auf einen Mann von
seinem Alter. In Vally und ihrer sauberen Mutter hatte er das gefunden,
was seinem Geschmacke am besten zuzusagen schien.
Sie flüchtete sich aus dem entweihten Heim an eine Stätte, wo reinere
Luft herrschte.
Lieschen Blümer lag schwer erkrankt danieder. Aus Xavers Plane, daß sie
nach Schwabing ziehen solle, war nichts geworden. Sie hätte den Umzug
nicht ausgehalten in ihrem jetzigen Zustande. Lieschen befand sich also
noch in ihrer alten Wohnung.
Nimmermehr hätte Jutta aus Xavers Bericht schließen können, daß es so
mit der Freundin stehe. Als sie das arme Ding zum ersten Male in ihrer
Dachstube aufsuchte, glaubte Jutta einen Geist zu sehen, wie sich da
ein kleines, wachsfarbenes, zum Skelett abgemagertes Weiblein vom Lager
aufrichtete. Wahrhaftig nicht viel war von Lieschen übrig geblieben zum
Wiedererkennen, nur die schönen Augen und das gute Lächeln.
Trauriges Wiedersehen! Jutta setzte sich an das Bett der Freundin und
weinte. Es hatte sich viel Weh angesammelt bei ihr in der letzten Zeit,
selbstverschuldetes und von Fremden ihr angethanes; aber vor dem, was
sie hier sah, mußte das bißchen eigener Kummer sich verkriechen.
»Und das hat man mir nicht gesagt!« schluchzte Jutta. »O, das ist
schlecht!«
Lieschen verstand den Vorwurf, der in diesem Ausrufe lag, und gegen wen
er sich richte.
»Er weiß garnicht, wie krank ich bin!« sagte sie und schob sich auf
ihrem Lager näher an Jutta heran. »Liebe, willst du dort den Vorhang
herunterlassen! Du sollst mal sehen, wieviel besser ich dann gleich
aussehe!«
Jutta that, wie ihr geheißen. Der Vorhang an dem einzigen Fenster war
ein Stück bräunlicher Kattun, welcher das Licht nur in gedämpften
Strahlen durchließ. Lieschen hatte recht, im Halbdunkel sah man nichts
mehr von ihrer Geisterblässe. Die Falten und Furchen in ihrem Gesicht
erschienen wie von freundlicher Hand ausgewischt.
»Ich lasse stets den Vorhang herunter, ehe er kommt,« erklärte
Lieschen. »Er braucht nicht zu wissen, wie ich aussehe. Männer bekommen
leicht Ekel vor Kranken. Und nun gar ein Künstler! Denke aber nicht
etwa, daß er mich vernachlässigt. Er ist sehr freundlich zu mir. Siehst
du, all die Blumen sind von ihm. Manche von ihnen duften so stark, daß
ich sie des Nachts vors Fenster stellen muß. Früh hole ich sie dann
wieder herein; denn siehst du, sie würden ihm fehlen, wenn er kommt.«
Lieschen lächelte, strahlend über ihre Schlauheit. »Ach, Jutta, er ist
rührend in seiner Sorge um mich.«
Jutta forschte, welchen Arzt die Freundin habe, wer sie pflege, was sie
für ihre Genesung thue. Da erfuhr sie Erstaunliches. Einen Arzt hatte
Lieschen überhaupt nicht angenommen.
»Was mir fehlt, weiß ich selbst ganz genau. Doktoren und Arzeneien
können mir nicht helfen. Außerdem, Jutta -- ich -- ich schäme mich!
Wenn eine Frau sich um mich kümmerte, ja! Aber keinen Mann, bitte! Auch
du sei gut, ich beschwöre dich! Keinen Arzt! Mein Leiden ist mein. Ich
will es mit ins Grab nehmen.«
Niemand hatte sich um das unglückliche Geschöpf gekümmert, außer Xaver,
der ihr Blumen brachte. Sie räumte sich ihr Zimmer auf, machte sich ihr
Bett selbst, wie sie Jutta gestand. Dabei hätte ihr Zustand unbedingte
Ruhe erfordert. Das wenige, was sie an Nahrungsmitteln brauchte: Milch,
Eier, Fruchtsaft besorgte ihr die Hausmeisterin, die einmal des Tages
nach ihr sehen kam.
»Es ist nicht so schlimm, wie es aussieht, weißt du!« erklärte
Lieschen. »Am Tage habe ich dieses und jenes, was mich abzieht: die
Blumen, die Bücher. Auch die Hausmeisterin ist nicht häßlich zu mir. So
lange es Tag ist, sind die Gedanken heiterer, sonniger. Nur des Nachts,
wenn ich nicht schlafen kann, will mich manchmal der Mut verlassen.
Aber auch das geht vorüber, wenn man an soviel Schönes zurückdenken
kann, wie ich.«
Jutta begriff alles: den abgemagerten Leib, unter dessen welker Haut
man das Blut rinnen zu sehen vermeinte, die tief umschatteten Augen,
den ganzen Zustand der Freundin, den körperlichen wie den seelischen;
ihre Angst vor dem Arzte, ihre Verstellungskünste dem Freunde
gegenüber.
Mitleid ergriff Jutta, wie sie es noch nie im Leben empfunden hatte.
Konnte es größeren Jammer geben? -- Aber zugleich erfüllte sie tiefste
Bewunderung vor der Tapferkeit, mit der hier Furchtbares wahrhaft
groß ertragen wurde. Hier erst kam zu Tage, was in diesem kleinen,
unscheinbaren, jetzt beinahe schon aufgeriebenen Körper für eine Seele
lebe; stahlhart bei aller Schmiegsamkeit.
Die Freundin wuchs vor Juttas Augen. Welchen Adel das Leiden dem
Menschen verleihen konnte! Das Häßliche der Krankheit vergaß man ganz.
Von dieser Dulderin ging ein Schimmer aus der Verklärung, der sie wie
ein Heiligenschein umfloß und verschönte.
* * * * *
Natürlich fiel es zu Haus auf, daß Jutta soviel wegging, manchmal sogar
die Mahlzeiten überschlug. Vally ließ es keine Ruhe, zu erfahren, was
die Cousine eigentlich treibe. Ein paar Flaschen alten Rheinweins,
welche sich Jutta vom Vater erbeten und durch das Mädchen zu einer
Kranken hatte bringen lassen, führten die Neugierige endlich auf die
Spur. Aber Vally blieb nicht dabei stehen, festzustellen, wie die
Person heiße, zu welcher der Wein gewandert war. Dahinter mußten doch
auch noch andere interessante Dinge stecken! Vally nahm das mit ihrem
für alles Pikante stark entwickelten Instinkte einfach als feststehend
an.
Eines Tages trat sie mit triumphierender Miene vor die Cousine hin:
»Du, dein Fräulein Blümer ist Lehrerin gewesen -- nicht wahr?« Jutta
bestätigte das. »Weißt du auch, weshalb sie mit Schimpf und Schande
entlassen worden ist?«
»Gewiß weiß ich das!« erwiderte Jutta noch ziemlich ruhig.
»Und mit solch einem Frauenzimmer hast du Verkehr?!«
Jutta antwortete ihr mit einem Blicke, welcher der, von Natur feigen
Vally den Mut vergehen machte, dieses Gespräch weiter zu führen.
Der Cousine ein wirkliches Hindernis in den Weg zu legen, wagte
Vally Habelmayer schließlich doch nicht. Sie spielte in Gemeinschaft
mit ihrer Mutter augenblicklich ein viel zu hohes Spiel, um sich
mutwilligerweise einen Gegner aufzuladen. Im Grunde konnte man nur
froh sein, daß Jutta auf diese Weise Abziehung fand und sich nicht
eingehender mit dem beschäftigen konnte, was in Haus und Familie
vorging.
Herr Reimers machte zwar gelegentlich Bemerkungen über seiner Tochter
neueste Passion, Kranke zu besuchen; aber auch er trat dem Mädchen
nicht ernsthaft hindernd in den Weg.
Jutta hatte nun Lieschens Pflege in die Hand genommen. Es war das
zunächst etwas Neues, manchmal auch Beschwerliches für sie. Ob sie die
Pflege richtig anfasse, wußte sie nicht; denn niemand war da, sie zu
unterweisen. Sie konnte nur ihrem Gefühle folgen. Aber an Lieschens
Dankbarkeit merkte sie, daß sie der Kranken wenigstens wohlthue.
Jutta konnte es nicht vermeiden, gelegentlich mit Xaver Pangor an
Lieschens Lager zusammenzutreffen; obgleich sie alles that, es zu
vermeiden. Gänzlich hatte sich ihr Verhältnis zu ihm verändert. Zu
einem fremden, beinahe gleichgiltigen Menschen war er ihr geworden. Daß
er derselbe Xaver sein solle, der ehemals so tiefgehenden Einfluß auf
sie gehabt, begriff sie kaum. Als könne das garnicht sie gewesen sein,
die neulich in Berlin einen ganzen Tag mit ihm zugebracht, beglückt
durch seine Anwesenheit, kam's ihr jetzt vor.
In ein verändertes, ungünstigeres Licht war der ganze Mann für sie
gerückt, seit sie die Freundin so vorgefunden hatte.
Ein Mensch, wie Xaver, paßte herzlich schlecht in die Krankenstube.
Seine Kraft, Frische und Gesundheit stand in schneidendem Gegensatz
zu Lieschens Verfall. Wie die meisten, von Natur robusten Menschen
stand er der Krankheit ratlos gegenüber. Er sah nicht, wollte in einem
gewissen, beschränkten Eigensinn nicht sehen, wie es um die Freundin in
Wahrheit bestellt sei. Das Quartier, welches er für sie in Schwabing
gemietet hatte, gab er auch jetzt nicht auf, hoffend, daß sie es
baldigst beziehen könne.
»Du wirst schon wieder werden, mein armes Hascherl, du!« tröstete er.
»Nur nicht den Mut sinken lassen! Mut ist die Hauptsach! Weißt noch,
wie ich so krank war, dazumal in Paris? Kein Doktor gab einen Heller
für mein Leben. Und ich bin doch wieder frisch worden.«
Dann streichelte der große Bursche mit seiner ausgearbeiteten
Künstlerhand ihr das ergraute Haar. Und sie strahlte auf unter der
Liebkosung, daß es wirklich aussah, als könne er recht haben, als sei
noch Hoffnung vorhanden.
»Sie haben nämlich keine Ahnung, wie zähe sie ist!« damit wandte er
sich an Jutta. »Und was sie für Kräfte hat, die Kleine! Als ich das
Nervenfieber hatte, da hat sie mich schweren Burschen gehoben, als wäre
ich ein kleines Kind. Man traut's ihr nicht zu.«
Jutta war innerlich empört. Wußte sie doch nur zu gut, daß das
geheime Leiden der Freundin und jene Pflege, von der er sprach, eng
zusammenhingen. Es war doch undenkbar, daß er das nicht wissen sollte!
Sah er denn garnicht die Tragik dessen, was sich hier abspielte? -- Sah
er nicht den traurigen Ausgang nahen, der kommen mußte? --
Jutta vergaß ganz all die Entschuldigungen, die sie ehemals für
seine Unerfahrenheit gehabt hatte. Xaver war der geblieben, der er
immer gewesen, aber sie hatte ihre Stellung zu ihm geändert. Nun
ihr die Augen aufgegangen waren über Lieschens wahren Zustand, sah
sie für Roheit an, was im Grunde nichts anderes war, als männliche
Gedankenlosigkeit. Sie verurteilte sein Verhalten aufs schärfste.
Wir sind immer geneigt, mit denen am härtesten ins Gericht zu gehen,
die wir wider Willen lieben müssen.
Xaver kam oft zu Lieschen. Er brachte ihr nach wie vor Blumen,
manchmal auch Leckerbissen, von denen er annahm, sie müßten ihr munden.
Und sie stellte sich an, als freue sie sich über Dinge, die sie
doch nicht genießen konnte. Nach wie vor wurde ihm auch die Komödie
vorgespielt mit dem braunen Kattunvorhang. Mit feinem Kranken-Ohre
erkannte Lieschen seinen Schritt bereits auf der Stiege. War dann der
Vorhang zufälligerweise nicht heruntergelassen, dann war die Kranke
imstande aufzuspringen -- obgleich sie durch Schmerzen nachträglich
schwer dafür büßen mußte -- nur um das Dämmerlicht herzustellen, das
ihm die Wahrheit über ihren Zustand verhüllte.
Kein Zweifel: Lieschen, die mit klarem Bewußtsein ihrem Schicksal
entgegenging, hing mit allen Fasern ihres Herzens an diesem Manne.
Xaver hatte noch die Fähigkeit, sie zu verwandeln. Wenn er ins Zimmer
trat, wurde sie eine andere. Jutta sah es am Glanze ihres Auges, an
den verklärten Zügen, hörte es der Stimme an, aus der es dann klang
wie versteckter Jubel. Und es wollte sie manchmal eine Art Eifersucht
befallen gegen den Menschen, der auf die Freundin eine solche Wirkung
ausübte.
So schien sich alles verkehren zu wollen zwischen den drei
Menschenkindern. Jutta glaubte Xaver zu hassen und war eifersüchtig
auf Lieschens Liebe zu ihm. Xaver aber stand Jutta mit unklaren
Empfindungen gegenüber. Eines merkte er, daß das Mädchen trachte,
sich von ihm zurückzuziehen. Den Grund dafür konnte er nicht
begreifen. Einzig Lieschen sah klar von den dreien, erkannte mit tief
eindringendem Blicke die eigenartig verschlungenen Fäden des ganzen
Verhältnisses.
Sie kannte ihren Xaver, wie nur eine Frau einen Mann kennen mag, sie
schaute ihm mit dem Auge der Mutter, Schwester und Geliebten bis auf
den Grund des Herzens. Und dort sah sie eine große Unruhe, etwas Neues,
das sich losringen wollte, einen Keim, der noch keine rechte Gestalt
angenommen hatte, Gefühlswehen, die er vor sich selbst zu verheimlichen
suchte.
Lieschen empfand keine Eifersucht. War es denn nicht so unendlich
natürlich, daß seine Liebe zu ihr mählich einer anderen Platz mache. In
voller Freiheit hatte sie ihn von jeher gelassen, wissend, daß Freiheit
erste Grundbedingung ist der Liebe. Und so war es ihr gelungen, die
junge, frühlingsstarke Leidenschaft im Laufe der Jahre hinüberzuleiten
in milde Freundschaft. Er war der ersten und einzigen Geliebten treu
geblieben in Werken, und was noch unendlich viel mehr ist, in Gedanken.
Aber zur Pflicht machte sie ihm die Treue nicht. Sie wußte es: kein
Mensch kann für sich gut sagen, niemand soll Treue schwören; denn
der, welcher den Eid halten soll, ist vielleicht ein ganz anderer,
als der, welcher ihn abgeleistet. Nicht von heute auf morgen können
wir einstehen für unser Herz. Was will der Mensch machen gegen die
Wandlungen seines Inneren? Will er sich selbst verbieten, zu grünen und
seine Säfte zu erneuern? --
Xaver rührte sie. Wie tapfer er kämpfte! Wie er das neue Gefühl, das
sich seiner bemächtigen wollte, als Unrecht empfand! Wie ihn der Kampf
erschütterte! Und wie er doch nichts auszurichten vermochte, weil er
mit einem Naturgesetze rang.
Seiner ehrlichen Natur war Heuchelei etwas Fremdes. Er verriet sich in
seinen Blicken und in seinen Reden. Er verriet sich mehr noch in der
Art, wie er sich vor Jutta fürchtete, als wie er sich ihr zu nähern
trachtete. Seine ganze ehemalige Weiberscheu war wieder erwacht.
Verlegen und unsicher erschien er in Gegenwart des Mädchens.
Anzeichen, die Lieschen so genau verstand, für die es nur eine
Erklärung gab: unter Regen und Sonnenschein wird neue Liebe geboren,
und unter Qualen, Zweifeln und Gewissensbissen giebt man der alten den
Abschied.
Es entging Lieschen nicht, daß Jutta Xaver neuerdings mit einer
gewissen Geringschätzung behandelte. Einmal, als die Freundinnen
beisammen waren und man ihn kommen hörte, sprang Jutta auf und rief
ungeduldig: »Ist man denn niemals vor dem Menschen sicher!« griff nach
Handschuhen und Schirm und entfernte sich, kaum seinen Gruß in der Thür
erwidernd.
Am nächsten Tage stellte Lieschen die Freundin mit sanften Vorwürfen
zur Rede über ihr Benehmen. Jutta verteidigte sich nur durch ein
Achselzucken. Lieschen sagte: »Du beurteilst ihn falsch, Jutta. Er ist
so gut! Du ahnst garnicht, wie von Herzen gut er ist!«
»Seine Herzensgüte habe ich niemals angezweifelt, aber mich ärgert's,
daß er nicht soviel Intelligenz besitzt, zu erkennen, wie's um dich
steht.«
»Ach weißt du, er ist ein Mann; das sagt in Bezug auf das Erkennen sehr
vieles. Und außerdem ist er Künstler; er lebt in einer besonderen Welt.
Man muß ihm verzeihen. Diese Arglosigkeit kleidet ihn so gut. Möchtest
du ihn etwa anders haben?«
»Du hast ein viel zu mildes Urteil!«
»Weil ich ihm für so unendlich Großes Dank schuldig bin.«
»Er ist ~dir~ Dank schuldig!«
»Mag sein, daß ich manches an ihm zurechtgerückt habe. Aber was ist
das, Jutta, gehalten gegen das, was er mir gewesen, was er aus mir
gemacht hat!«
»Aus dir -- ~er~ aus ~dir~?!«
»Sieh, das Größte in meinem Leben verdanke ich ihm. Er hat mich lieben
gelehrt. Er hat mich zur Mutter gemacht. Leicht wie Feder wiegt
alles, was ich ihm habe geben können, gegen solche Glückseligkeit.
Wer wirklich geliebt hat, der kann, glaube ich, nie ganz unglücklich
werden, denn der hat einmal wenigstens gelebt. Und was kommt dann
darauf an, ob das Leben ein paar Jahre früher oder später endet. Siehst
du, Jutta, ich bin nicht mehr jung. Im Fühlen zwar altert unsereins
nimmer; wer könnte alt werden, solange man liebt? -- Aber im übrigen
bin ich alt und verbraucht. Es gab eine Zeit, da schien ich jünger
als er, und jetzt bin ich neben ihm eine alte Frau. Was kann ich ihm
noch sein? Mutter! -- Er hat eine Mutter, die er verehrt. Wessen er
jetzt bedarf, ist etwas ganz anderes; und gerade das kann ich ihm
nicht geben. -- Du wunderst dich, daß ich darüber so ruhig spreche --
nicht wahr? Ich sehe alles das viel deutlicher, seit ich soviel Zeit
habe, nachzudenken. In den Nächten, wo ich nicht schlafen konnte, ist
mir mein und sein Schicksal klar geworden und was sie gegen einander
wiegen. Xaver ist wichtiger als ich. Er soll leben, er soll schaffen!
Ich würde ihm zu beidem ein ewiges Hindernis sein. Er soll glücklich
werden, groß, ein berühmter Mann! Jetzt weiß ich ja auch, warum mein
armes Kindchen hat sterben müssen. Das hätte uns, die Eltern, für alle
Zeiten an einander gekettet. Er wäre an mich gebunden gewesen, und das
sollte nicht sein. Nichts von mir darf ihn belasten, nicht einmal die
Erinnerung. Die soll ihm ganz leicht sein. Wehmut mag er empfinden,
wenn er an mich denkt, Wehmut ist ein schönes, ein fruchtbares Gefühl;
aber er soll sich meinetwegen nicht in fruchtloser Reue verzehren. Mein
Tod soll ihn überraschen. Hörst du's, Jutta, er darf nicht dabei sein.
Man wird vielleicht schwach. Wer weiß, ob man sich ganz beherrscht in
der Stunde! Und er soll ein ungetrübtes Andenken von mir behalten. Als
Geliebte will ich ihn umschweben, als Braut, jung und schön. Wie ich
jetzt aussehe, wie müde und alt ich bin, darf er nicht erfahren. Laß
ihn bei seiner Illusion, Jutta! Versprichst du mir das? --«
Und Jutta mußte der Freundin das Versprechen geben.
XXIII.
Eines Morgens erhielt Jutta, als sie noch beim Ankleiden war, durch
Boten einen abgerissenen Zettel zugestellt. Lieschens Hausmeisterin
schrieb: Fräulein Blümer gehe es schlecht, es sei nach dem Doktor
geschickt worden. Wiederholt schon habe die Kranke nach der Freundin
gefragt.
Mit zitternden Händen vollendete Jutta ihre Toilette und eilte zu
Lieschen.
Der Arzt war noch da, die Untersuchung hatte bereits stattgefunden. Er
war ungehalten, daß man ihn jetzt erst geholt habe. Es sei ja viel zu
spät! Vor ein paar Monaten hätte man durch einen Eingriff vielleicht
noch helfen können. Das komme von der »verdammten Schamhaftigkeit«
der Weiber. Daß er selbst an Schamhaftigkeit nicht leide, bewies er,
indem er von dem vorliegenden Krankheitsfalle in Juttas Gegenwart mit
cynischer Deutlichkeit sprach. Er verschrieb etwas, erklärte, er werde
abends nochmal nachsehen kommen und ging dann.
Jutta saß längst am Bette der Freundin und liebkoste sie. Mit
verstörten Zügen lag Lieschen, wie ein verwundetes Tier, stumm, nur
ihre großen, verängsteten Augen erzählten, was sie ausgestanden habe.
»Ist er fort?« stöhnte sie endlich. »O, das war von allem das
Fürchterlichste!« Was sich mit ihr ereignet habe, wußte sie selbst
nicht recht; aber die Hausmeisterin ergänzte das Fehlende mit viel
Redseligkeit. Nachts hatte ein starker Blutverlust stattgefunden, dem
eine schwere Ohnmacht folgte. So war die Kranke des Morgens gefunden
worden.
»Er hat gesagt, daß es ganz schlimm mit mir stünde,« sagte Lieschen,
als endlich auch die Frau gegangen war. Juttas Thränen antworteten ihr.
»Wenn's doch heute noch zu Ende wäre!« Ein befriedigtes Lächeln ging
über Lieschens Züge.
Lange Zeit lag die Sterbende und sagte kein Wort. Der Arzt hatte das
Fenster öffnen lassen. Luft und Licht strömten ungehindert ein. Ihr
Gesicht war wachsbleich. Jetzt, wo die Augen, die sonst mit ihrem Glanz
dem Ganzen Leben gaben, geschlossen in ihren dunklen Höhlen lagen,
glich der Kopf einer Totenmaske. Jutta, die einen schwachen Rest von
Hoffnung immer noch genährt hatte, sagte sich nun, daß alles aus sei,
daß es sich hier nur noch um Stunden handeln könne. Sie weinte still
vor sich hin.
»Ich möchte einen Priester haben!« sagte mit einemmale Lieschen, kaum
vernehmbar.
Jutta wußte, daß sich die Freundin nicht allzu eifrig um Kirche und
Gottesdienst gekümmert habe. Lieschen hatte ihr einmal erzählt, sie
sei in den letzten Jahren nicht mehr zur Beichte gegangen, weil es ihr
unmöglich wäre, mit den Lippen das als Sünde zu bekennen, was ihr Herz
als das Größte, Wertvollste und Schönste ihres Lebens empfinde. Jutta
hatte diese Scheu verstanden. Sie begriff aber auch, daß im Angesicht
des Todes Empfindungen und Erwägungen die Oberhand gewinnen beim
Menschen, von denen wir als Gesunde nichts ahnen mögen.
Das Mädchen überlegte hin und her, an welchen Priester sie sich wenden
solle. Ihr eigener Beichtvater, an den sie zunächst dachte, schien
nicht der rechte Mann. Er war ein Durchschnittspriester, prosaisch,
abgestumpft, ohne Feingefühl. Da fiel ihr zur rechten Zeit ihr
Religionslehrer aus der Schulzeit ein. Von allen Geistlichen, die sie
jemals kennen gelernt, hatte der den tiefsten Eindruck auf sie gemacht;
von ihm wußte sie, daß er nicht nur ein kluger gelehrter Mann sei, daß
er vor allem auch Takt, Verständnis und Milde besitze.
Ihr ehemaliger Lehrer befand sich jetzt in der Stellung eines
selbständigen Pfarrers. Jutta war aus alter Anhänglichkeit hie und da
in seine Kirche gegangen, die in der Vorstadt lag.
Sie nahm einen Wagen, fuhr hinaus und hatte das Glück, den Geistlichen
zu Haus anzutreffen. Er erkannte die ehemalige Schülerin sofort wieder
und schenkte ihr willig Gehör.
Ihr Herz hatte bange geklopft auf der ganzen Fahrt. Würde es ihr
gelingen, dem Priester verständlich zu machen, daß er die Kranke nicht
quälen dürfe, daß Lieschens Fall nicht zusammenzuwerfen sei mit so und
so vielen anderen, wie sie so einem wohl täglich begegnen mochten. Wenn
er nun Fragen stellte, indiskrete Fragen, wie es die Beichtiger für ihr
gutes Recht hielten? -- --
Aber als sie das wohlvertraute Organ ihres Lehrers vernahm, als sie
seine würdige Erscheinung sah, den Hauch von Wohlwollen und Verständnis
spürte, der von dieser echten Hirtenpersönlichkeit ausging, da verflog
ihre Sorge. Es wurde ihr leicht, diesem Manne die Lage der Freundin zu
schildern, sie fand für das schwer zu Sagende schnell den richtigen
Ausdruck.
Der geistliche Herr hörte ihr mit der Miene eines Mannes zu, den die
Übung gelehrt hatte, aufmerksam zu sein und zugleich undurchdringlich
zu erscheinen. Er hatte den Fall in seiner Eigenart sofort begriffen
und sagte zu, baldigst zu kommen.
Glücklich, daß ihre Hoffnung sie nicht getäuscht hatte, fuhr Jutta
zurück, jetzt nur besorgt, wie sie Lieschen antreffen würde.
Der Zustand der Erschöpfung hatte während der letzten Stunden
zugenommen. Ein mattes Lächeln war alles, was Jutta zur Antwort
erhielt, als sie der Sterbenden mitteilte, ihr Wunsch werde in
Erfüllung gehen.
Nun wurden in Eile Vorbereitungen getroffen für die heilige Handlung.
Die Hausmeisterin mußte ein paar geweihte Kerzen besorgen, die auf
einem weiß gedeckten Tischchen ihren Platz fanden. Dazwischen stellte
Jutta ein Kruzifix, das Lieschen stets besonders wert gehalten hatte,
weil es ein Geschenk war von Xaver, von ihm selbst aus heimatlichem
Holze geschnitzt. Die Kranke wurde mit Hilfe von Kissen zu einer
halbsitzenden Stellung aufgerichtet.
Dann kam der Priester mit seinem Meßdiener. Jutta und die Hausmeisterin
zogen sich zurück, ebenso der Ministrant, nachdem er dem geistlichen
Herrn die Alba angelegt und die Stola umgehängt hatte.
Die Beichte währte nicht lange, während der die Sterbende allein war
mit dem Priester. Dann durfte Jutta wieder eintreten. Sie sah, daß
friedliche Heiterkeit auf Lieschens Zügen lag. Der Beichtiger schien es
nicht hart mit ihr gemacht zu haben; hatte ihrem Sündenbekenntnis die
Absolution erteilt.
Nun erhob der Priester das Ciborium und ließ die Sterbende eine Weile
den Anblick des heiligsten Symbols genießen. Mit den Worten des
Bekenntnisses reichte er darauf ihren Lippen die Hostie dar. Der Diener
legte ein Tuch über die Stirn der Sterbenden, um dem Vergeuden des
Chrismas vorzubeugen, darauf vollzog der Priester die letzte Ölung.
Nachdem er noch zum Segen die Hände aufgelegt hatte, war die Handlung
zu Ende.
Jutta geleitete den geistlichen Herrn hinaus. Noch nie war es ihr so
natürlich erschienen, einem Priester die Hand zu küssen wie hier. Er
murmelte auch über ihrem Haupte den Segen, dann ging er, gefolgt von
dem Ministranten.
Lieschen lag mit weit offenen Augen und lächelte. Sie hatte auf einmal
ihr altes Gesicht wiederbekommen; eine Erscheinung, die man bei
Sterbenden manchmal kurz vor der Krisis beobachtet. Jutta setzte sich
zu ihr. »Das Kruzifix!« flüsterte Lieschen. Es wurde ihr gereicht.
»Von ihm!« hauchte sie, warf einen langen heißen Blick darauf und küßte
es.
Eine geraume Weile war in Schweigen vergangen, als Jutta aus dem
Mienenspiel der Kranken zu lesen glaubte, daß etwas sie beunruhige. Sie
beugte sich zu ihr: »Soll ich ~ihn~ rufen lassen?«
Lieschen schüttelte energisch das Haupt. Nach einiger Zeit kam es unter
beseeligtem Lächeln leise, wie ein Hauch von den blassen Lippen: »Sage
ihm: ich bin glücklich! -- Er hat mich so glücklich gemacht.«
Mit dem friedlichsten Ausdrucke auf dem stillen Gesichte lag sie lange,
bis ganz allmählich eine Wandlung eintrat in den Zügen. Sie wurden
härter, gedehnter, wie von unsichtbarer Hand gewandelt. Noch einmal
öffneten sich die Lippen, machten einen Versuch zu sprechen, arbeiteten
ungeduldig. Jutta neigte das Ohr ganz zu ihr.
»Du -- er -- Ihr beide!« kam's hervor. »Verstehst du mich?«
»Ja ja!« flüsterte Jutta, nur um die Sterbende zu beruhigen.
»Ihr beide -- -- ich will es!« .... Der Rest war ein Röcheln.
Von da ab sprach sie kein Wort mehr. Jutta hielt die Hand der Freundin
in der ihren. Schwächer und schwächer wurde der Pulsschlag, schwerer
und schwerer die kleine Hand. Als Jutta sanft die Finger aus den ihren
löste, fiel der Arm leblos auf die Decke herab.
Es war in der siebenten Stunde abends, als Lieschen starb; die Zeit, wo
Xaver sie zu besuchen pflegte.
Jutta wollte um keinen Preis der Welt hier bleiben. Der Gedanke, ihm
mitteilen zu müssen, was sich ereignet, zu erleben, wie er beten
und weinen würde, wie er an der Leiche niederknieen, sie liebkosen
würde, war in der bloßen Vorstellung unerträglich. Sie konnte sich
im Augenblicke nicht Rechenschaft geben, weshalb sie sich vor einem
Zusammensein mit ihm so sehr fürchte. Aber die Furcht war da, der
Abscheu. Sie waren stärker fast noch, als ihr frischer Schmerz, der
mehr einer Betäubung glich, noch nicht zum Kummer sich zu vertiefen
Zeit gehabt hatte.
Ängstlich lauschte sie auf jedes Geräusch. Jetzt ertönten Schritte auf
der Stiege. War er das? -- Aber die Schritte gingen vorbei.
Jutta schlich sich von der Thür zu der Leiche zurück. Das Kruzifix war
vom Bett herabgesunken. Sie bückte sich und hob es auf, legte es der
Toten auf die Brust, die feinen weißen Leichenhände leicht darüber. Wie
kalt sie schon war! --
Mochte er sie so finden! Vielleicht würde er denken: sie schlafe.
Schreckliche Erkenntnis dann! Aber Mitleid konnte sie mit ihm nicht
empfinden.
Von der Thür aus warf sie noch einen scheuen Blick zurück in das
Zimmer, das schon halb im Dämmerlichte lag. Auf den etwas erhöhten Kopf
der Leiche fiel ein heller Schimmer vom Fenster her. Die Augenhöhlen
ein paar dunkle Flecke, Stirn und Nase fein und scharf wie aus Stein
gemeißelt. Die Lippen -- als lächelten sie. Unheimlich! Jutta floh.
Als sie zwei Stiegen, sie wußte nicht wie, hinter sich gebracht hatte,
hörte sie die Hausthür gehen. Jäh machte sie Halt. Das war er. --
Nur nicht ihm begegnen! Gerade noch Zeit hatte sie, in den dunklen
Korridor zu treten und sich an die Wand zu pressen.
Gleich darauf kam Xaver an ihr vorbei. Sein Gesicht war heiter. Sie
sah, daß er Blumen in der Hand trug.
XXIV.
Während der nächsten Tage schloß sich Jutta in ihrem Zimmer ein.
Niemanden wollte sie sehen. Ihr Vater war in Geschäften verreist. Mit
den Habelmayers, Mutter und Tochter, machte sie keine großen Umstände.
Sie sei nicht wohl, ließ sie den Damen sagen, und wünsche ihre
Mahlzeiten für sich einzunehmen.
In Lieschen hatte sie mehr verloren als eine Freundin. Lieschen war für
sie Vertraute gewesen, Ersatz für Mutter und Schwester, ein Wesen, das
sie sich selbst erwählt, dessen Freundschaft sie sich verdient hatte.
Zwischen ihnen bedurfte es keiner Beteuerungen und Liebesschwüre; mit
einem Lächeln hatte man sich oftmals besser verständigt als mit Worten.
Sie hatten einander ihre Seelen gezeigt, so wie nur Wesen desselben
Geschlechtes es thun. Nicht das mächtige Angezogenwerden, einander
Abstoßen und wieder Suchen, die Qual und Wonne, welche Mann und Weib
sich zufügen in der Liebe, hatte zwischen ihnen geherrscht; für sie war
die Freundschaft ein ruhiger Port gewesen mit tiefem, durchsichtigem
Wasser ohne heimtückische Untiefen, trügerische Wetter und gefährliche
Klippen.
Das hatte sie nun verloren, endgiltig. Der erste wirkliche Verlust,
den ihr das Leben zufügte. Hier war nicht bloß ein Mensch von ihr
gegangen, ein lieber, wertvoller, unersetzlicher Mensch; hier war ein
Stück von ihr selbst abgefallen, vernichtet. Nicht das Sterbensehen
eines geliebten Menschen ist so schwer -- im Innersten wissen wir ja
doch, daß jener das bessere Teil erwählt hat -- bitterer schmeckt das
Bewußtsein, daß wir um soviel ärmer geworden sind. Was uns das Leben
auch noch bringen mag, gewisse Verluste kann es nicht gut machen, sie
klaffen als Lücken, die nicht auszufüllen sind.
Sie haßte alles, was zwischen sie und ihren Schmerz treten wollte,
ingrimmig. Und mehr als Haß, Abscheu, empfand sie vor allem, was der
Freundin Andenken stören, was in Vergangenheit oder Gegenwart die
Reinheit ihrer Beziehungen trüben wollte.
Was würde sie darum gegeben haben, hätte sie die Gedanken an Xaver, die
Erinnerung an ihn, ganz aus ihrem Gedächtnis wegwischen können! Es kam
ihr vor, als sei er an Lieschens Tode schuld und sie seine Mitschuldige.
An Szenen dachte sie aus jener ersten Zeit, als Xaver ihr Lehrer
geworden war, an den Besuch in seinem Atelier, an jenes Wiedersehen
in Berlin. In ganz verändertem Lichte erschien ihr das alles jetzt,
wie eine Kette bewußter, verantwortlicher Handlungen. Waren nicht
Blicke zwischen ihnen gewechselt worden, Worte gefallen, Gefühle
aufgestiegen und genährt worden, die Untreue bedeuteten gegen Liebe
und Freundschaft? Versündigung über Versündigung! Ein dunkler Schatten
stand drohend zwischen ihm und ihr. Und je heller in der Erinnerung das
Bild der Freundin leuchtete, je mehr ihre Züge Verklärung annahmen,
desto unklarer, verwerflicher und fürchterlicher erschien ihr das
eigene Verhalten.
Und nichts konnte daran der Gedanke ändern, daß Lieschen selbst es
gewesen sei, die sie mit Xaver zusammengeführt, daß Lieschen in
übermenschlicher Selbstlosigkeit die Neigung gefördert hatte, die sie
zwischen den beiden geliebtesten Menschen keimen sah.
Von allem war das vielleicht das Schlimmste, daß es soweit hatte kommen
können, daß Lieschen hatte erfahren müssen, wie der Mann, der ihr
alles verdankte, dem sie alles geopfert, sich von ihr abwandte. Was
bedeuteten alle Gründe, welche die Sterbende selbst zu seinen Gunsten
angeführt? Es waren und blieben matte Entschuldigungen. Kalt und hart
blieb die Thatsache stehen: an ihr war Verrat geübt worden, Verrat von
Freunden.
Zwar hatte ihr Gesicht gelächelt, noch im Tode gelächelt; und ihr
letztes, nicht zu Ende gesprochenes Wort dem Glück gegolten der
Freunde. Aber wer konnte sagen, wie es in ihrem Inneren dabei
ausgesehen habe! Was mochten diese feinen Lippen lächelnd für
Geheimnisse mit ins Grab nehmen? --
War vielleicht die Erkenntnis, daß sie dem Geliebten nicht mehr genüge,
für dieses zartbesaitete Wesen der Todesstoß gewesen? -- War Lieschen
an dem Wunsche gestorben, nicht im Wege zu stehen? -- -- --
Fürchterlich, sich in diese Gedanken zu versenken! Niedrig, verzerrt,
besudelt kam einem alles vor, was man bisher für das Edelste, Schönste
und Wertvollste gehalten hatte im Leben.
Sie verabscheute sich selbst, aber ihren Mitschuldigen, Xaver, haßte
sie.
Das Schrecklichste war, daß man ihn wiedersehen würde, mit ihm würde
sprechen müssen. Bei Lieschens Begräbnis konnte man einander ja nicht
aus dem Wege gehen.
Wenn er sich's etwa beikommen ließ, sich nach Lieschens letzten
Augenblicken zu erkundigen, bei ihr, der einzigen Zeugin! --
Lieschens letzte Worte! -- --
~Das~ Geheimnis sollte er ihr nicht entreißen; und wenn sie sich
die ärgsten Lügen ausdenken müßte.
Niemals würde Lieschens Auftrag an ihn ausgerichtet werden. Denn
nichts auf der Welt, selbst der Wunsch einer Verstorbenen nicht, konnte
einen binden, Worte zu sagen, welche demütigten. Nicht einmal denken
wollte sie fernerhin an das, was die Freundin mit ihrem: »Ihr beide!«
gemeint haben könne.
Zum Begräbnis fuhr Jutta auf den Kirchhof. Wie sie erwartet hatte, war
nur Xaver da. Lieschens Verwandte lebten weit entfernt und hatten sich,
seit das Mädchen in ihren Augen zu den Gefallenen gehörte, nicht mehr
um sie gekümmert.
Die Geistlichkeit war nur durch einen kleinen, unsauberen Priester
vertreten, der mit seiner gefühllosen Geschäftsmäßigkeit dem Akt der
Einsegnung jede Weihe nahm.
Jutta und Xaver schritten Seite an Seite hinter dem Sarge drein. Ihr
war, als sie einander begrüßt hatten, nur aufgefallen, wie verändert er
aussehe. Sein Gesicht hatte etwas Verstörtes, der Gang erschien müde;
fremd nahmen sich auch die schwarzen Sachen an ihm aus.
Das Grab befand sich weit draußen am anderen Ende des Friedhofs.
Xaver hatte es ausgesucht. Als die Träger den Sarg neben der Grube
niedergestellt hatten, begann der Priester seine lateinischen Gebete
herabzuleiern; der Ministrant schwenkte dazu das Weihrauchfaß. Jutta
hörte, als sie neben Xaver am Sarge niederkniete, wie er still vor sich
hin weinte.
Nachdem alles vorüber war, schritten die beiden den langen
Kirchhofsgang, den sie eben gekommen waren, wieder hinab.
»Darf ich ein Wort mit Ihnen sprechen?« fragte er. Und da sie ihm nicht
wehrte: »Warum ist mir nicht gesagt worden, wie es mit Lieschen stehe?«
»Sie hat es nicht gewollt.«
»Konnte mir nicht wenigstens erspart bleiben, sie völlig unvorbereitet
so zu finden?« -- Er stöhnte in der Erinnerung des furchtbaren
Erlebnisses.
Jutta schwieg. Sie hatte sich vorgenommen, ihr Herz nicht vom Mitleid
berücken zu lassen.
»Wenn ich nur eine Ahnung gehabt hätte, nur eine schwache Ahnung, daß
sie uns verlassen sollte! -- Was hätte ich ihr nicht alles anthun
wollen! Wie vieles hätte man einander noch zu sagen gehabt! Sie war ein
so treues Herz, ein so guter, tapferer Kamerad! Was bin ich ohne sie?
-- Habe ich das verdient? O, es ist zuviel!«
Er schluchzte fassungslos, und Jutta sah, wie der große Bursche
zitterte und bebte. Aber sie gedachte dessen, was sie sich vorgenommen.
»Sie sind bei ihr gewesen bis zuletzt -- nicht wahr?« fragte er, sobald
er sich etwas gefaßt hatte.
»Ja!«
»Hat sie meiner gedacht in ihrer letzten Stunde?«
»Sie hat von Ihnen gesprochen.«
»Wie? In welcher Weise?«
»Voll Frieden.«
»Läßt sie mir nichts sagen? Kein einziges Wort des Trostes, der Liebe?«
»Lieschens letzte Worte waren kaum noch zu verstehen, Herr Pangor.«
Jutta sagte es kühl. Sie hatte ja Zeit gehabt, sich auf diese Fragen
vorzubereiten.
»Sie hatten ihr mein Kruzifix auf die Brust gelegt, nicht wahr?« fragte
er nach einer Pause. Und als Jutta bejahte: »Jetzt hat sie's mit im
Grabe.«
Den Rest des Weges legte man schweigend zurück.
Ehe sie sich trennten an dem Portale des Kirchhofs, blieb er mit
niedergeschlagenem Blicke vor ihr stehen. »Ich hätte Ihnen noch so
vieles zu sagen. Aber heute, das fühle ich, schickt sich's nicht.
Werden Sie zu mir kommen? Oder darf ich Sie aufsuchen?«
»Nein, das geht nicht!« sagte Jutta gepreßt.
»Aber ......«
»Ich bitte Sie, Herr Pangor, suchen Sie mich nicht auf! Das ist alles,
was ich Ihnen sagen kann.«
Damit schritt sie in nicht mißzuverstehender Weise nach der anderen
Straßenseite.
* * * * *
Eine Woche etwa war vergangen, seit Jutta durch Lieschens Tod
den herbsten Verlust erlitten hatte, als der Vater ihr eine
außerordentliche Mitteilung machte. Herr Reimers eröffnete der Tochter,
daß er wieder zu heiraten gedenke, und zwar sei Vally Habelmayer seine
Auserwählte.
Vally ihres Vaters Braut! Vally Nachfolgerin ihrer Mutter! -- Der
Gedanke war unerhört, empörend, widerlich!
Das Mädchen hielt es nicht für nötig, seine Gefühle zu verbergen, sagte
dem Vater ins Gesicht, was sie von seiner Wahl halte.
Herr Reimers war sehr erstaunt, oder that wenigstens so. Er hätte
geglaubt, Jutta werde sich freuen, Vally sei doch ihre Freundin
und Cousine. Viel angenehmer als wenn er eine Fremde in die
Familie gebracht hätte, wäre es doch für alle Teile, daß er in der
Verwandtschaft der seligen Mutter bleibe. Er verstieg sich sogar zu
der Behauptung, daß die Heirat im Sinne der Entschlafenen sei, die von
Vally und ihrer Mutter stets viel gehalten habe. Außerdem schaffe er
damit Vally eine gesicherte Lebensstellung und schenke seinen Kindern
eine Mutter. Alle diese Erwägungen erleichterten ihm den Schritt, den
er nicht ohne reiflichen Vorbedacht thue.
Übrigens schien sein Gewissen doch nicht ganz rein zu sein. Das ging
schon daraus hervor, daß er Jutta bat, sie möge Eberhard die Sache
mitteilen; ihm falle, wie sie ja wisse, das Briefschreiben schwer.
Jutta schrieb an den Bruder, machte ihm die peinliche Mitteilung.
Gleichzeitig fragte sie Eberhard, was er ihr zu thun anrate. Um keinen
Preis wolle sie noch länger unter einem Dache bleiben mit dem Vater und
Vally. Am liebsten würde sie ins Ausland gehen.
Eberhard schrieb ihr zurück: er habe soeben sein Staatsexamen glücklich
bestanden. Ihren Plan, dem Vaterhause den Rücken zu wenden, müsse
er unter so traurigen Umständen gutheißen. Gern würde er ihr einen
Ersatz für das Verlorene anbieten in seinem Heim; aber erst müsse er
geheiratet haben und als Arzt approbiert sein. Im übrigen mache er
sie darauf aufmerksam, daß sie als mündiges Kind das Recht habe, das
mütterliche Erbteil vom Vater heraus zu verlangen.
Alles das, bot er an, persönlich zu ordnen; denn er habe vor, demnächst
nach München zu kommen.
Jutta entschloß sich jedoch die Ankunft des Bruders nicht erst
abzuwarten. Der Boden im väterlichen Hause brannte ihr unter den Füßen.
Dort fingen sie jetzt an, Brautpaar zu spielen, und Vally machte von
ihrem Rechte, vor der Öffentlichkeit zärtlich zu sein, ausgiebigen
Gebrauch. Juttas Anwesenheit war ihr dazu eher ein Sporn als ein
Hindernis.
Stärkere Gründe aber noch, als der peinliche Anblick, den Vater in
solchen Stricken verfangen zu sehen, trieben das Mädchen von München
fort. Niemand ahnte, wie von ganzem Herzen sie sich wegsehnte.
Sie wollte zunächst nach der Schweiz, um den Rest des Sommers am Genfer
See zu verbringen. Im Winter sollte es dann nach Italien gehen. Näheres
hatte sie noch nicht überlegt. Florenz lockte in Gedanken.
Zur Reisebegleitung hatte sich Jutta Frau Hölzl ausersehen, die gleich
ihr, durch das Habelmayersche Regiment, aus dem Hause verdrängt worden
war. Diese Alte konnte schlimmsten Falls als Schutz ihrer Jugend
gelten; und andererseits wußte Jutta doch, daß Frau Hölzl viel zu
unbedeutend sei, um durch selbständige Meinungen schwierig zu fallen.
Alles in ihrem Leben und in den Geschicken der Ihren schien mit
einemmale zum bedeutsamen Abschlusse zu drängen. Aus Amerika kam die
Nachricht, daß Bruno Knorrig geheiratet habe, eine eingewanderte
Deutsche, mit der er sehr glücklich sei. Daraus, daß Vater Knorrig
mit der Wahl seines Sohnes zufrieden schien, durfte man mit einiger
Sicherheit schließen, daß die Braut nicht vermögenslos sei. Jutta nahm
die Kunde mit Genugthuung auf; niemand konnte Bruno sein Glück inniger
gönnen, als sie.
Auch eine traurige Nachricht traf die Familie. Elwire, Luitpold
Habelmayers Gattin, war in Südfrankreich, wo er schon über ein halbes
Jahr zur Kur mit ihr weilte, ihrem Leiden erlegen. Vally, welche
das Telegramm erhalten hatte, teilte, von Thränen überfließend, die
Todesnachricht den anderen mit. Luitpold war mit der Leiche unterwegs.
Elwire hatte gewünscht, in heimischer Erde begraben zu sein.
Ein Grund mehr für Jutta, schleunigst von München zu gehen. Diesem
Begräbnisse wollte sie nicht beiwohnen. Luitpold den trauernden Witwer
spielen zu sehen, wäre für sie das widerwärtigste aller Schauspiele
gewesen. Schon allein Vally darüber schwatzen zu hören, wie sie von dem
Tode der Schwägerin als von einer »Erlösung« redete, für die man Gott
nicht genug danken könne, und wie sie in gleichem Atem ihren Bruder als
»schwergeprüft« und »gebrochenen Herzens« hinstellte, mußte auf den
Kenner dieser Ehe peinlich wirken.
Da Jutta, Eberhards Rat befolgend, den Vater um Auszahlung ihres
mütterlichen Erbteils gebeten hatte, wurde ihr eine größere Summe
angewiesen. Sie war nun also auch nach dieser Richtung hin selbständig.
Wie eigentümlich das Gefühl war, mit sich selbst anfangen zu können,
was man wollte! Sein Leben einrichten zu dürfen, wie es einem
paßte; nach eigenem Geschmack und Bedürfnis. Nicht mehr Rücksicht
nehmen zu müssen auf die Verhältnisse. Überhaupt einmal zu leben in
Unabhängigkeit!
Jutta war ernst gestimmt durch das eben Durchgemachte. Ihr
Seelenzustand glich einer Abendstimmung im Gebirge, nach einem Tage
voll Unwetter. Noch ziehen die niedrig hängenden Wolken an den Bergen
hin, noch brauen die Nebel, keine Aussicht, keine Klarheit, keine
Farbe und Ferne; aber schon hebt sich hie und da ein Zipfel des grauen
Gewandes, von unsichtbaren Händen gelüftet, und ein Schimmer durch eine
ferne Lücke versichert uns, daß hinter den düsteren Schleiern die Sonne
noch immer lebt.
XXV.
Xaver Pangors Schmerz um Lieschen war der starke, urwüchsige des
Naturmenschen. Er stand vor diesem Verluste erschreckt wie ein Kind.
Und wie ein Kind gab er sich seinen Gefühlen haltlos hin. Er konnte
nicht essen, nicht schlafen, nicht arbeiten; weinte, bis ihm die
Thränen versiegten. Wie von schwerem Schlage betäubt, blieb er liegen,
fand nicht die Energie, sich zu ermannen.
Allmählich, ganz allmählich fing er an, zu verstehen, was ihm
eigentlich widerfahren sei, wie dieses unerhörte Ereignis sich einordne
in die übrigen Erscheinungen des Lebens.
Xaver dachte zurück an die Jahre, die er im Guten und Schlechten mit
Lieschen verlebt. Jung war er gewesen, unerfahren, von den Frauen
hatte er wenig gewußt. Sie neckten ihn auf der Akademie mit seiner
Weiberverachtung. Seine Sinnlichkeit war jene edelste künstlerische,
die, das Gegenteil von Lüsternheit, Genüge findet an der Form und ihrer
keuschen Bewunderung.
Aber seine ganze frische, reine, ungebrochene Mannesnatur sehnte sich
dennoch nach dem Weibe. Da war sie ihm begegnet. Sie wohnten auf
demselben Flur: der Kunstakademiker und die Volksschullehrerin. Lange
hatte es gedauert, ehe er die erste Anrede wagte, länger noch, ehe sie
ihm Vertrauen schenkte; denn sie waren beide scheue, zurückhaltende,
spröde Geschöpfe.
Aber als sie sich endlich zu einander gefunden hatten, dann war das
Verhältnis unlösbar, dann wurden sie einander zum Schicksal.
Nun fing er an zu begreifen, was er beweine. Einsam war er geworden,
mutterlos, verwaist, obgleich ihm die Eltern noch lebten. Die hatten
ihm nur das Leben geschenkt; zum vollen, seiner selbst bewußten
Menschen hatte ihn erst die Geliebte gemacht.
Eisig wehte ihn die Luft an aus der Gruft, die nichts zurückgiebt.
Nachträglich gingen ihm die Augen auf über das, worüber er niemals
nachgedacht. Furchtbare Einsicht: Lieschen hatte sich für ihn
aufgeopfert. Ihr Leben an seiner Seite hatte vom ersten Augenblicke
an nichts anderes bedeutet, als: geben und wieder geben. Er sollte
glücklich sein, wachsen und groß werden, während sie mit ihrem stillen
Lächeln dem Grabe zuschritt.
Wie angedonnert stand er vor dieser Erkenntnis. Er verstand sich selbst
nicht mehr, noch sein Thun. Wie konnte man schuldig werden, ohne es zu
wissen und zu wollen? --
Sein Atelier war ihm verleidet. Die angefangenen Werke klagten ihn
an. Um ihretwillen, weil sie alle seine Gedanken in Bann geschlagen,
weil er ihnen seine Liebe geschenkt, hatte er die höchste Pflicht
vernachlässigt, die Pflicht, für das zu sorgen, was kostbarer war, als
alle Kunst.
Darum war seine Kraft jetzt wie gelähmt. Die Reue machte ihn
unfruchtbar.
Das Grübeln, die Selbstvorwürfe waren seiner Natur eine fremde Sache.
Die Reue erfaßte ihn wie eine Krankheit des Körpers, brachte ihn von
Kräften. Jede philosophische Ader ging ihm ab, er vermochte nicht
sein Geschick als etwas Notwendiges, Unabwendbares aufzufassen, sich
in erhabener Resignation damit abzufinden. Er sehnte sich vielmehr
nach Trost, nach Teilnahme, wollte, wie die Kinder, bedauert sein.
Irgendwem mußte er bekennen, daß er sich schuldig fühle. Sich mit
diesem Bewußtsein in der Einsamkeit herumzuschleppen, war furchtbar.
Menschliche Teilnahme brauchte er, eine Seele, in die er seinen Kummer
ausschütten könne.
Er kam daher ganz von selbst zu dem Entschlusse, Jutta Reimers
aufzusuchen, als den einzigen Menschen, der außer ihm Lieschen wirklich
nahe gestanden hatte. Wenn Jutta ihn auch nicht trösten konnte, man
würde mit ihr sprechen dürfen, und das war doch schon etwas.
Die Beziehungen, welche ihn ehemals mit Jutta verknüpft, lagen
in seinem Gedächtnisse verschüttet unter dem letzten, ihn ganz
beherrschenden Ereignisse. Von allem, was das Mädchen ihm bedeutet
hatte, war nur übrig geblieben: Lieschens Freundin. Ihre Beziehungen
hatten durch den gemeinsamen Schmerz neue Weihe empfangen. Die
Erinnerung an die Tote verband sie, wies sie auf einander hin; wie
Menschen, die ein furchtbares Unglück zusammen durchgemacht haben,
einander fernerhin nicht mehr fremd sein können.
Gerade das, was Jutta von ihm trieb, zog ihn zu ihr hin.
Daß ihn das Mädchen neulich gebeten hatte, sie nicht aufzusuchen, hatte
er schon fast vergessen, weil er den Grund dafür nicht begriffen. Er
glaubte an ein Mißverständnis, das leicht zu heben sein würde.
In der Reimersschen Wohnung, die er zum ersten Male betrat, wurde ihm
jedoch gesagt, daß Jutta verreist sei für unbestimmte Zeit. Man konnte
oder wollte ihm dort nicht mal ihre genaue Adresse angeben.
Niedergedrückt durch diese Enttäuschung, begab sich Xaver in Lieschens
Wohnung. Er hatte sich noch nicht entschließen können, das Quartier zu
kündigen. Alles stand da, wie sie es verlassen. Stunden verbrachte er
in dem Raume, kramte in ihren Sachen, träumte an leerer Stätte von dem,
was gewesen.
Heute blätterte er in einem Buche, das er ihr selbst einmal geschenkt
hatte, suchte nach den Spuren ihrer Blicke darinnen. Da fand er
zwischen den Seiten einen Briefbogen, von Lieschens Hand beschrieben,
folgenden Inhalts:
»Mein lieber Freund! Nimm Dir's nicht zu sehr zu Herzen! Sieh, wir sind
ja so glücklich gewesen mit einander, so glücklich, wie Menschen nur
sein können. Ich gehe so gern. Mache mir's Sterben nicht schwer! Wenn
ich dächte, daß Du Dich um meinetwillen sehr betrübtest, das würde mir
ein Kummer sein. Ich will Dich glücklich wissen, frei und glücklich!
Die Erinnerung an mich, soll Dich nicht bedrücken, hörst Du! Ich bete
für Dich! Und wenn noch etwas übrig bleibt von mir, was empfinden kann,
so wird es Dich umschweben. Bleibe groß und gut, mein Geliebter! Gehe
Deinen Weg aufwärts! Beglücke und werde beglückt! Mein Segen, der Segen
Deiner Geliebten, die Du so glücklich gemacht hast, ist bei Dir auf
allen Deinen Wegen.«
* * * * *
Xaver entschloß sich, nach Haus zu reisen. In Hast verkaufte er eine
Anzahl seiner Sachen an einen Kunsthändler. Einem Collegen ließ er
einen Marmorblock, den er daliegen hatte, unter dem Selbstkostenpreise
ab, zerschlug eine Menge Formen, Tonmodelle und Gipsskizzen -- als
wolle er alle Erinnerung auslöschen an früher Geplantes -- schloß sein
Atelier ab, und wandte der Stadt den Rücken.
Sein Vaterhaus war noch ganz das alte. Unter dem weitvorspringenden
Schindeldache, das an der Bergseite fast bis zur Erde hinabreichte, lag
es auf gewölbtem Hange. Dunkelbraun schimmerte das Holz der mächtigen
Balken, Träger und Pfosten. Das Grundgeschoß weit überragend, lief die
Holzgalerie um das Stockwerk. Wohlversorgt waren die kleinen Fenster
mit Läden. Das Dach hatte man vorsorglich mit Steinen beschwert. Denn
hier oben inmitten baumloser Matten, trieben die Winde ein für sie
selbst lustiges, für die Anwesen der Menschen aber gefährliches Spiel.
Auch die Bewohner waren dieselben geblieben. Der alte Bauer, ein Hüne
von Gestalt, in der Jugend mit Riesenkräften begabt, jetzt durch die
Jahre gekrümmt und von mancherlei Gebresten geplagt, die er nicht Herr
werden lassen wollte über sich, weil er, rechthaberisch, trotzig und
geizig, wie er nun mal war, den Gedanken ans Abdanken nicht vertragen
konnte. Seine drei Töchter war er glücklich durch Verheiratung los
geworden. Von den beiden Söhnen war Xaver der ältere. Der jüngere, der
sich nun auch schon den Dreißigen näherte, half in der Wirtschaft. Er
blieb unverheiratet, weil er kein Nest hatte, wo eine Frau hinführen;
die alten Vögel gingen nicht davon herunter. Hansl hieß er und war dem
Vater ähnlich im Gesichtsschnitt, wenn auch nicht an Wuchs. Er hatte
eine verschlossene, mißtrauische Art; nur der Gedanke an Gelderwerb und
Besitz vermochte ihn lebendig zu machen.
Von ganz anderer Art war die Mutter. Ihre freundlichen, phantasievollen
Augen blickten noch sehr hell in die Welt. Da sich das Haar zu lichten
begann, trug sie eine Haube mit mächtigen Schleifen, am Wochentag von
schwarzer, des Sonntags aber von lila Farbe. Darunter erstrahlte mit
rötlich gesprenkelten Wangen und rundem Kinn ein frisches, heiteres,
gesundes Altweibergesicht.
Xaver war der Liebling seiner Mutter; kein Wunder, denn sein Bestes
besaß er von ihr. Nie hatte diese schlichte, derbe Bauernfrau mit
hoher Kunst etwas zu thun gehabt, aber doch waren durch sie hindurch
Handwerkstüchtigkeit und Formensinn von ganzen Generationen wackerer
Meister auf ihn vererbt worden. In ihm hatte sich diese wohlerhaltene,
unverfälschte Kraft gesteigert zu etwas Höherem. Wie ein Samenkorn
sich zu ungeahnter Größe und Pracht auswächst, weil es auf frischen,
kernigen Boden gefallen ist, der ihm aus unbekannten Tiefen
ursprüngliche Nährkräfte zuführt.
Die alte Frau war klug; nicht von der Klugheit, die aus Wissenschaft
stammt oder Routine, sondern von jener biederen, hellen Aufgewecktheit,
die eben so sehr aus dem Herzen, wie aus dem Kopfe stammt, die aus
den Augen leuchtet und vom Munde sprudelt, an der alle Sinne gleichen
Anteil haben.
Sie verstand ihren Jungen. Ihr war er weder durch die Jahre entfremdet
worden, die er fern von der Heimat in den Städten zugebracht hatte,
noch durch die fremdartigen Sitten, die er sich da angewöhnt, auch
nicht durch sein Wollen, das neuen, weit außerhalb ihrer Welt gelegenen
Zielen zustrebte. Sie war eben Frau, brauchte garnicht sehen, fühlen
und begreifen, um zu glauben. Sie liebte ihn, und darum traute sie
ihm alles Große und Gute zu. Ihr Herz war jung geblieben, trotz ihrer
Sechzig; ihre Begeisterungsfähigkeit und Hoffnungsfreudigkeit kannte
eine Grenze nicht.
Die Mutter hatte manches um Xavers willen erdulden müssen. Wiederholt
bekam sie von dem Bauer zu hören, daß sie Schuld daran trage, wenn aus
dem ältesten Buben ein Nichtsnutz werde. War sie es doch gewesen, die
mit Hilfe des Herrn Pfarrers dem Alten die Einwilligung abgerungen
hatte, Xaver nach der Stadt zu schicken, damit er dort auf der Akademie
die Kunst erlerne. Übrigens würde der eigenwillige Mann schwerlich
seine Einwilligung dazu gegeben haben, wenn ihm nicht von anderer Seite
eingeflüstert worden wäre, daß man durch Künste, wie Xaver sie trieb,
reich werden könne. Allein dieser Gesichtspunkt hatte bei dem Geizhals
den Ausschlag gegeben. Geld sollte ihm der Bub verdienen; Geld brauchte
er, denn sein Hof war von Alters her arg verschuldet.
Mit dem Geldverdienen hatte es freilich gute Weile. Verwünschungen
gab's und Vorwürfe, wenn Xaver aus der Stadt kam und die erhofften
Banknoten nicht mitbrachte. Was nützte ihm der Ruhm des Buben, von dem
neuerdings sogar in den Zeitungen zu lesen stand; damit zahlte man
keine Hypotheken ab. Xaver war für den Alten eine verfehlte Spekulation.
Was der Vater sagte, redete Hansl nach. Er setzte noch mancherlei
hinzu, verleumdete den Bruder als einen, der in der Stadt in Freuden
lebe, Geld verprasse, nichts schaffe, und wenn er gar abgebrannt sei,
nach Haus komme, um sich am väterlichen Tische wieder heranzumästen.
Schwer genug war Xavers Stand von jeher gewesen in der Familie. Einzig
die Mutter nahm seine Partei gegen die Mäkelei des Alten und die
Mißgunst des Jungen.
Das änderte sich diesmal mit einem Schlage. Als die beiden Männer mal
gerade wieder dabei waren, mit plumpen Bemerkungen gegen den »großen
Künstler« zu sticheln, der mit seiner Kunst keinen Hund vom Ofen locke,
zog Xaver, ohne ein Wort zu verlieren, seine Brieftasche heraus,
entnahm ihr eine Hand voll blauer Scheine, legte sie vor den Vater auf
den Tisch und bat: das als vorläufigen Ersatz anzunehmen für gehabte
Auslagen; später hoffe er noch mehr zu bringen.
Damit war Xavers Stellung in der Familie mit einem Schlage wie
umgewandelt. Dem Vater galt er nun wirklich als großer Mann; ja, der
Alte empfand von diesem Augenblicke an eine gewisse Ehrfurcht vor
seinem Ältesten. Hansl aber mußte wohl oder übel den Mund halten, wenn
ihn auch der Neid gegen den Bruder bösartig kitzelte.
Niemand freute sich mehr über diese Wandlung, als die alte Mutter.
Sie hatte ja nie daran gezweifelt, daß Xaver eines Tages auch daheim
anerkannt werden würde. In ihrem mütterlichen Herzen lebten mancherlei
geheime Wünsche und verschwiegene Hoffnungen für ihren Liebling. Vor
allem wünschte sie ihm eine Frau und sich selbst Enkelkinder.
Früher, wenn sie ihm nach dieser Richtung hin Andeutungen machte, waren
seine Antworten ausweichend gewesen. Der Grund, daß er keine Familie
ernähren könne, war doch nun hinfällig geworden; er verdiente ja Geld.
Ob er sich die Liebste schon erwählt hatte? Mütter haben in dieser
Beziehung feinen Instinkt. Die alte Frau hatte eine Ahnung, als müsse
ihr Xaver irgendwie gebunden sein. Aber es war ihrer Neugier niemals
geglückt, ihm irgend ein Geständnis zu entlocken.
Diesmal nun beschloß die Mutter Ernst zu machen. Xaver war über
dreißig. Es schien hohe Zeit, daß er sich beweibe. Wenn er selbst keine
Braut brachte, mußte man sich nach einer umsehen für ihn. Und sie
hatte auch schon Brautschau gehalten unter den mannbaren Töchtern der
Nachbarn und Freunde. Aber da war keine, die ihr gut genug gewesen wäre
für ihren Xaver. Der mußte etwas ganz Besonderes haben, das fühlte sie
wohl. Eine gewöhnliche Dirn, selbst die schmuckste konnte dem unmöglich
genügen. Die alte Frau begriff vollständig, daß der Sohn auch in dieser
Beziehung berechtigte Bedürfnisse höherer Art habe.
Dann mochte er sich nur in der Stadt umsehen; sicherlich mußte es doch
dort Mädchen geben, die seinen Ansprüchen genügten. Daß eine jede, die
er wollte, froh und geehrt sein werde, ihn zum Manne zu bekommen, daran
zweifelte sie, als echte Mutter, keinen Augenblick.
Sie stellte den Sohn zur Rede. Xaver bat sie, ihn damit zu verschonen,
brachte die alten Ausflüchte vor. Aber die Alte war nicht so leicht
abzuschütteln diesmal. Alle Auswege verstellte sie ihm, für jede seiner
Entschuldigungen hatte sie einen schlagenden Gegengrund.
Bis sich Xaver entschloß, offen mit der Mutter zu sprechen. Sie sollte
alles wissen. Wer auf der Welt konnte ihn verstehen, wenn nicht die
Mutter! Sie würde nicht richten, würde verzeihen und begreifen.
Vielleicht auch würde sie ein Wort des Trostes für ihn finden.
Und so erzählte er ihr denn alles vom Anfang bis zum traurigen Ende.
Die alte Frau hörte schweigend mit gefalteten Händen die Beichte des
Sohnes an. Er sah Thränen in ihre Augen treten, Thränen des Mitleids
und der Liebe für die Frau, die ihren Sohn so geliebt hatte. Kein Wort
des Vorwurfs kam über die Lippen der Mutter, nicht einmal die Frage,
warum sie das jetzt erst erfahre.
Xaver hatte die Mutter richtig geschätzt. Tiefes Verständnis fand er
bei ihr für sein Herzeleid. Und Trost spendete sie ihm, wie ihn nur
eine Mutter zu spenden vermag.
* * * * *
Wenn die mütterliche Hand, die lindernd über die seine strich, ihm
auch unendlich wohl that, so blieb das immer nur menschliche Tröstung.
Edleren Balsam, weil ewigen Ursprungs, reichte dem Verwundeten die eine
große Mutter Natur. Zu ihr, die noch keinen Hilfesuchenden mit leeren
Händen von sich gelassen hat, flüchtete sich Xaver.
Tagelang streifte er in den Bergen umher, die Ortschaften und
menschlichen Anwesen umgehend, die Wege und Plätze meidend, wo er
Eingeborenen oder Reisenden hätte begegnen können. Er kannte ja in
der Umgebung des Vaterhauses meilenweit jeden Steg, jeden Berg,
jedes Wasser, jede Aussicht. Mit allem und jedem verknüpften ihn
Erinnerungen. An jenem Wiesenhange hatte er als Knabe das väterliche
Vieh gehütet. Jener groteske Baumstumpf, einstmals eine stolze
Tanne, war vor seinen Augen vom Blitze zerschmettert worden, als er
vorwitzig das Obdach der Schutzhütte verlassen hatte, um ein Gewitter
heraufziehen zu sehen. In jenem weißen Kirchlein da drunten mit dem
spitzen, schindelgedeckten Turme stand seine Grablegung Christi, ein
Votivbild, das er als Fünfzehnjähriger mit einem einfachen Messer aus
Holz geschnitzt hatte.
Mit allem hier war er verwandt, und doch fühlte er sich ein Fremder
auf diesem Boden. Ein anderer war er hierher zurückgekehrt, als der er
gewesen, da er vor Jahren zum letzten Male in der Heimat geweilt. Von
seiner Jugend, von allem, was er bisher erlebt und gesehen, schied ihn
eines: sein Schmerz.
Mit veränderten Augen blickte er in die Welt. Die Dinge sprachen
eine neue, noch nie vernommene Sprache. Tiefer, bedeutungsvoller,
vielsagender war alles geworden.
Die vielen kleinen und kleinlichen Formen der Nähe, die ihn früher
verwirrt hatten im Leben, in der Landschaft, wie am Menschen,
störten ihn nicht mehr; alles bewegte sich jetzt in großen, freien,
kühnen Linien. Ein Grundton ging durch die ganze Schöpfung: die
Vergänglichkeit des Einzelnen und die Ewigkeit des Ganzen.
Eine gedämpfte Melodie hörte er jetzt, wo er ging und stand, einen
Schatten erkannte sein Auge, selbst in dem heitersten, sonnigsten Bilde.
Vergänglich war alles; am vergänglichsten das Glück. Hinter dem
Erhabensten, was uns das Leben schenkte, hinter der Liebe, stand einer
mit der Knochenhand. Aber wir sehen erst, daß er die ganze Zeit über
gelauert hat, wenn's zu spät ist zum Lieben und Beglücken.
Nicht zurückrufen wollte Xaver die Freundin aus der Gruft. Über dieses
erste Stadium des Schmerzes war er hinaus. Ihr Leib war dem Tode
verfallen und sollte es bleiben. Um ihre Auferstehung würde er nicht
gebetet haben, selbst wenn die Erweckung zum Leben in eines Gottes
Macht gelegen hätte. Er machte die befremdlichste aller Erfahrungen
durch: zu erkennen, daß wir uns an das Totsein des geliebtesten
Menschen mit der Zeit gewöhnen, daß wir seinem Nichtsein schließlich
Berechtigung einräumen.
Xaver kämpfte tapfer mit diesem Einbrechen des Alltäglichen,
Gewöhnlichen in das Heiligtum des Schmerzes. Er haßte den Gedanken, daß
Lieschens Andenken diesem Verwittern und Überwachsen und schließlichen
Verfallen ausgesetzt sein solle. In seiner Seele sollte sie lebendig
bleiben, in seinem Leben ihre Auferstehung feiern. Alles wollte er von
sich thun, was ihrer nicht würdig war, jeden Gedanken an ein anderes
Weib, jeden Gedanken, selbst an seine Kunst. Sie, nur sie allein,
sollte herrschen auf dem Altare, den er ihr errichtet hatte in seinem
Herzen, vor dem er täglich in Andacht opferte. So wollte er sich ihr
ganz hingeben, ausschließlich ihr leben, gut machen, was er, da sie
noch unter Lebenden wandelte, versäumt hatte.
Stundenlang konnte er am sonnenbeschienenen Berghange liegen, dem
Brausen des unsichtbaren Wasserfalles in der Tiefe lauschen, die Wolken
frei und leicht über sich ziehen und ihre Formen wie aus eigener
Kraft und Phantasie sich verwandeln sehen, das Spiel der Lichter auf
den jenseitigen Hängen über Wald, Felsen und Abgründen beobachten,
die Insekten belauschen, die Schmetterlinge und Vögel, die Blumen
bewundern, die Gräser und Moose in ihrer unschuldigen Pracht. Und alles
führte ihn zurück zu ihr; sie war in diesem allem. Ihr Schicksal war
das der ganzen Welt. Alles was lebte, lebte der Liebe, und hinter allem
kam ein Schatten: Tod.
Er konnte ihr Geschick nicht mehr beklagen. Es war nicht grausam, es
war natürlich, ja es war gut so. Das Ewige ihrer Erscheinung lebte ja
weiter. Sie brauchte nicht tot sein; es kam nur auf ihn an, ob sie lebe.
Von jetzt ab würde er sie sehen, gereinigt von allem Zufälligen, zur
edelsten Form vergeistigt, in jeder Erscheinung. Jeder glückliche
Augenblick, jede noch so flüchtige Schönheit, würde ihm ihre verklärten
Züge zeigen.
Klarer und klarer wurde ihr Bild für ihn. Er glaubte sie schließlich
zu sehen, so wie Gott sie gewollt hatte: ein Wesen, ganz Güte, ganz
Hingebung, das lächelnd ins Grab stieg, dessen letzter Hauch Liebe
gewesen war.
Er ließ das Bild völlig in sich ausreifen. Strich für Strich, Zug um
Zug wuchs es empor, von selbst gleichsam; er that nichts dazu. Bis es
schließlich groß, einfach und klar vor ihm stand, würdig des einzigen
Wesens, dessen Monument es werden sollte.
Als es nun aber so weit war, als er fühlte, jetzt sei der Prozeß des
Empfangens, des heimlichen Heranwachsens zur Reife gelangt, da wollte
der Künstler auch nicht länger seine Hände zurückhalten, greifbar zu
machen, was zitternd vor ihm stand und um Leben bat.
Da eilte er nach München zurück in sein Atelier. Denn jetzt würde er
das gestalten, was draußen im Anblick der Berge und Wolken und Blumen
in ihm herangewachsen war: Lieschens Denkmal.
XXVI.
Jutta hatte den Sommer in der Schweiz zugebracht. Ohne festen Reiseplan
war sie mit ihrer Begleiterin, Frau Hölzl, von einem schönen Orte zum
anderen gezogen. Ihre Malerei hatte sie begleitet. Eine Anzahl Skizzen
waren entstanden. Sie hoffte, im kommenden Winter diese Studien zu ein
oder dem anderen größeren Bilde verwerten zu können.
Am Schlusse der Saison war sie des Herumziehens, der Hotelkost und des
Pensionslebens herzlich überdrüssig. Gründlich satt hatte sie auch die
Zudringlichkeit der Männer, vor der sie sich durch Frau Hölzl nicht im
geringsten geschützt sah. Ein Deutscher hatte sie heiraten wollen, und
ein Franzose war ihr vier Wochen lang nachgereist.
Die alte Geschichte! Es schien nun mal ihr Geschick zu sein, Hoffnungen
beim Manne zu erwecken, die sie nicht erfüllen konnte und wollte.
Jutta war jetzt soweit, daß sie dergleichen Erfahrungen nicht mehr
tiefer beunruhigten; aber lästig war's doch, und es störte einen in der
Freiheit der Bewegung.
In Florenz, wohin sie zu Beginn des Winters reiste, ging sie nicht ins
Hotel, auch eine der fashionablen Pensionen vermied sie -- es würde
ja dort sehr bald dieselbe Sache gewesen sein -- sondern sie zog zu
ein paar alten Schweizer Fräuleins, von denen sie durch Zufall gehört
hatte. Dort wohnte sie mit Frau Hölzl ganz allein. Hier würde sie Ruhe
finden zur Arbeit.
Zunächst aber wurde es nichts mit dem Arbeiten. Denn wie so vielen,
hatte auch ihr's die Arnostadt sehr bald angethan. Jutta kam vor
Schauen und Staunen und wieder Schauen nicht zum Schaffen, überwältigt
von dem Zuviel der Schönheit, welche an dieser einzigen Stätte von
Natur angehäuft und von Menschenhand vermehrt ist.
Schließlich, als ihre Augen doch müde geworden waren vom Schauen,
und ihre vibrierenden Nerven gebieterisch nach Ruhe verlangten, zog
sie sich zurück vom Schwelgen. Zum Genießen allein war sie doch nicht
hierher gekommen. Sich selbst hatte sie den Beweis liefern wollen, daß
sie etwas könne. Daß sie Künstlerin sei von Gottes Gnaden, daß sie vor
allem ein freier Mensch sei, der nach dem Höchsten greifen durfte.
Darum hatte sie sich losgemacht vom Einflusse der Familie, hatte alle
Brücken hinter sich abgebrochen, sich auf eigene Füße gestellt.
Aber es wollte nicht recht gehen mit dem Schaffen. Es fehlte die
Stimmung. Wie kam das nur? Voriges Jahr in Berlin, in der nüchternsten
Umgebung, da war's gegangen, da hatte sie Inspiration gehabt. Und hier
in der schönsten Stadt der Welt, umgeben von erhabenen Vorbildern,
versagte ihr der Mut.
Was nützte einem nun die Freiheit, wenn man sie nicht zu gebrauchen
verstand? Was die Unabhängigkeit von der Familie, wenn sie einen nur
fühlen ließ, wie einsam man sei? -- Menschen hätte sie haben mögen,
Menschen, nur um der Menschen willen; bei ihnen zu sein, unter ihnen
leben zu dürfen! --
Was hatte sie denn jetzt? Sich selbst! Stolz durfte sie sich sagen, daß
das etwas sei. Aber doch war es zu wenig zum Glück.
Früher hatte Jutta nicht gewußt, daß es Grenzen gäbe; hatte es nicht
wissen wollen. Furchtbarste Demütigung wäre es ihr erschienen, sich
einzugestehen, daß man aus eigener Kraft nicht alles vermöge. Jetzt
mußte sie widerwillig die Grenzen erkennen, die ihr das Geschlecht,
ihre Anlagen und die eigenen Thaten steckten.
Man hatte, wenn man einsam und still lebte, wie sie jetzt, so viel Zeit
zum Nachdenken. Da erwachten ganz wunderliche Erinnerungen; man sah
sich in der Vergangenheit wie eine fremde Person, erlebte das Leben
noch einmal, aber umgedeutet, verwandelt, durchschienen von Reflexion
und Selbstkritik. Man sah, wie man sich durch sein eigenes Streben,
durch Thun und Nichtthun, durch Wünsche und bloße Gedanken den Weg
endgiltig festgelegt hatte, auf dem man jetzt schritt.
Erquicklich waren solche Gedanken nicht; und um sie los zu werden,
stürzte sich Jutta von neuem mit Eifer in die Arbeit. Wenn sie vor der
Staffelei stand, war ihr doch am wohlsten. Dann gingen die Stunden hin,
man wußte nicht wie! Die grauen Gespenster der Unzufriedenheit und
Selbstkritik konnten nicht aufkommen, gegen das Hochgefühl, mit dem
einen das eigene Schaffen erfüllte. Was sie hier leistete, das konnte
ihr niemand nehmen; hier war sie souverän. Was sie von Einfällen auf
die Leinewand bannte, das waren ihre Kinder, Selbstgespräche in Farben,
die niemanden etwas angingen.
Nun wollte sie mal etwas Großes, Originelles schaffen, ganz aus der
eigensten Anschauung heraus. Viel zu sehr war sie bisher abhängig
gewesen von Geschmack und Rat anderer. Durch fremde Augen hatte sie
gesehen, unter fremdem Einflusse gestanden, all die Zeit über.
Sie bestellte sich eine große Leinewand. Eine Alpenlandschaft
sollte's werden: Fels, Himmel, Wolken, einige Baumriesen, sonst wenig
Vegetation, gar keine menschliche Staffage. Die Natur sollte ihre
großen, einfachen, herben Linien enthüllen, so wie Jutta während des
vorigen Sommers sie in glücklichen Augenblicken gesehen hatte.
Die Grundlinien waren schnell hingeworfen; dabei halfen ihr die
Farbenskizzen. Die Beleuchtung, die Lüfte machten ihr jedoch schon
Schwierigkeiten. Ihr schwebte ein ganz bestimmtes, gedämpftes Licht
vor, wie es etwa kurz vor Ausbruch eines Gewitters herrscht, wo alle
Formen näher, größer, bedeutsamer, und unheimlicher erscheinen.
Ganz deutlich sah die Künstlerin ihr Bild vor sich; aber wenn sie es
auf die Leinewand brachte, wie matt und klein wirkte da, was ihrer
Vorstellung so groß und packend erschienen war.
Wochen hindurch quälte sie sich mit dem Bilde, immer wieder ändernd und
übermalend. Eine Art Verzweiflung packte sie davor. Es mußte werden!
Furchtbar wäre 's gewesen, wenn sie hier versagt hätte! Es wäre dem
Geständnis gleichgekommen, daß ihr Malen Stümperei sei.
Als sie schließlich den Pinsel weglegte, sich sagend: nun soll es
genug sein, besser würde es doch nicht werden, und sie sich nun ihr
Werk betrachtete, als sei es nicht von ihr, sondern von einem fremden
Menschen gemalt, da kam's ihr vor, als ob etwas darin fehle, etwas
Wichtiges: sie konnte es nicht bezeichnen, was.
Was sie hier gegeben hatte, konnte schließlich jeder geben, wer Anlagen
hatte, Geschmack und Maltechnik. Um eine konventionelle Arbeit zu
liefern, welche die Censur »brav« verdiente, lohnte es sich für sie
doch wahrlich nicht eines solchen Aufwandes von Zeit.
Ihrem neuesten Werke fehlte die Seele. Es war ein Geschöpf des
Verstandes, empfangen ohne Begeisterung, gezeugt ohne Liebe. Darum war
es verfehlt. Jetzt endlich begriff sie es. Sie hatte dabei an niemanden
denken wollen, hatte versucht, unpersönlich zu schaffen, unabhängig
sein wollen von jedem Einfluß. Ja selbst die Erinnerung hatte sie aus
ihrem Herzen zu bannen getrachtet, damit sie ihr das Konzept nicht
verderbe.
Und nun war ein verpfuschtes Werk daraus geworden.
Sie haßte dieses Bild. Es bedeutete Demütigung für sie. Es predigte ihr
deutlicher, als irgend etwas, ihre Grenzen. Es sagte ihr, daß es ein
vager Traum gewesen, daß sie Unmögliches gewollt habe, als sie sich
frei gemacht, sich ganz auf sich selbst gestellt hatte. Was nützte
ihr die äußere Unabhängigkeit nun? Es gab eine Gebundenheit, die mehr
bedeutete, als alle Freiheit, wenn es für den Stolz auch eine harte
Probe war, sich das einzugestehen.
Unser Herz ist unser Schicksal; ihr Herz aber war nicht frei.
* * * * *
Eine große Freude half Jutta über die Enttäuschung der letzten Zeit
hinweg; Eberhard und Agathe schrieben ihr von Venedig aus, wo sie sich
auf der Hochzeitsreise befanden, daß sie nach kurzem Ausfluge über
Verona, Mailand, Genua, nach Florenz zu kommen gedächten, um dort
einige Wochen mit ihr zu verbringen.
Das war nun wirklich etwas, worauf man sich freuen konnte! Ihren Bruder
wiedersehen als jungen Ehemann. -- Sie konnte sich ihn gar nicht denken
in dieser Eigenschaft. Und Agathe nun ihre Schwägerin! Schließlich
waren die beiden doch diejenigen Menschen, die ihr am nächsten standen
auf der Welt.
Man würde eine herrliche Zeit zusammen verleben. Eben brach ja hier das
Frühjahr an. Ausflüge würden sie unternehmen in die Umgegend, die Jutta
selbst auch noch wenig kannte. In der Stadt konnte sie ihnen Führerin
sein.
Kindisch geradezu freute sie sich. Wie ehemals auf die Ferien zu,
zählte sie jetzt die Tage, die noch bis zum Kommen der Geschwister
vergehen mußten.
Jutta nahm für das Paar Quartier in einem Hotel, das ihrer Wohnung
schräg gegenüber lag. Zur angegebenen Zeit fand sie sich auf dem
Bahnhofe ein, um Eberhard und seine Frau zu empfangen. Sie hatte Blumen
mit für die Schwägerin.
Wie sie wohl ausschauen würde, die kleine Agathe? Wenn man dachte:
dieses halbe Kind! -- Und nun Frau, die Frau ihres Bruders.
Agathe sah gut aus. Viel mochte dazu auch die nette Reisetoilette
beitragen. Sie war ganz Dame.
Ihren Bruder fand Jutta männlicher geworden. In dem letzten Jahre
hatten sich für ihn ja auch die wichtigsten Dinge vollzogen. Er wußte
jetzt, wo er hingehörte, nannte Beruf, Gattin und Heim sein eigen.
Eberhard hatte, bald nachdem er im vorigen Frühjahre sein Examen
bestanden, eine Stelle als Assistenz-Arzt angenommen, die ihm durch
einen seiner Lehrer, welcher dem jungen, strebsamen Mediziner
wohlwollte, verschafft worden war. Da er die Stellung um keinen Preis
einbüßen wollte, hatte er für seine Hochzeitsreise nur sechs Wochen
Urlaub genommen, während deren er vertreten wurde. Vier Wochen davon
waren schon verstrichen, man hatte also knapp vierzehn Tage vor sich,
die sollten gründlich ausgenutzt werden, wie Eberhard gleich nach der
Ankunft in Florenz der Schwester verkündete.
Nun kamen schöne Tage. Das junge Paar überließ Jutta die Führung.
Eberhard war noch nicht in Florenz gewesen; Agathe natürlich erst recht
nicht. Für sie war die Hochzeitsreise überhaupt die erste Reise. Beide
zeigten sich des Italienischen nicht mächtig, das sich Jutta im Laufe
des Winters bis zu leidlicher Geläufigkeit angeeignet hatte.
Zunächst zeigte Jutta den Geschwistern die Stadt. Paläste, Kirchen,
öffentliche Gebäude, eine Anzahl Bildergalerien wurden besucht. Doch
gab man das bald als ermüdend auf. Sie waren ehrlich genug, Interessen
nicht zu erheucheln, die ihnen nun einmal nicht eigen waren. Man
schenkte sich also das übrige, unternahm fortan nur noch Ausflüge ins
Freie.
Eberhard und Agathe stellten nicht das junge Paar auf Hochzeitsreise
dar, wie es nur zu oft Gegenstand des Schreckens ist und des Spottes
der Mitreisenden. Sie hatten Freude und Teilnahme an anderen, nicht nur
an sich; benahmen sich überhaupt wie vernünftige Leute.
Am meisten staunte Jutta über ihre Schwägerin. Die stand so fest
und sicher in ihrer Rolle der Gattin, als sei sie nicht seit vier
Wochen, sondern seit manchem Jahre schon verheiratet. Ohne jemals in
Schroffheit zu verfallen, oder in Eigensinn, behauptete sie ihrem
Manne gegenüber Stellung, Eigenart und selbständiges Urteil. Das
Verheiratetsein hatte ihr Wesen nicht aus dem Geleise geworfen,
höchstens bestärkte es sie in dem, was sie schon vordem gewesen,
brachte ihre gesunde, heitere, selbstsichere Natur noch deutlicher und
klarer heraus.
Eberhard hatte gut gewählt. Er war einer der wenigen Glücklichen, die
in dieser fraglichsten aller Lotterien das rechte Loos ziehen. Für
diese beiden brauchte einem nicht bange zu sein.
Jutta hatte das richtige Empfinden, wenn ihr an ihrem Bruder die
Männlichkeit als etwas Neues auffiel. Ein Weib nehmen, bedeutet für
den Mann nicht minder eine einschneidende Wendung als für die Frau,
einem Manne angetraut werden. Von dem Augenblicke, wo wir uns unseres
Geschlechtes bewußt geworden, klafft in unserer Natur eine schmerzlich
empfundene Lücke, die nur durch ein Weib ausgefüllt werden kann.
Vorher unfertig, werden wir durch dieses unscheinbare Band erst zu dem
ergänzt, was wir sein sollen.
Eberhard war kein Neuling in der Liebe, als er in die Ehe trat. Aber
die Abenteuer seiner Jünglingszeit waren für ihn längst zu anderen,
abgestreiften Hüllen herabgesunken. Tiefer angefressen war seine Natur
davon nicht worden. Gegen Rückfall war er gefeit; denn wer einmal
echte Steine erkennen gelernt hat, läßt sich nicht wieder betrügen vom
erborgten Glanz des Similidiamanten.
Er wußte jetzt, daß ihm gänzlich unverdient ein großes Glück in den
Schoß gefallen sei. Nicht ahnen hatte er können die Fülle von Liebe,
Güte, Seelenanmut und Herzensreichtum, der sich hinter Agathens
Schlichtheit des äußeren Menschen verbarg. Er stand noch immer davor
überwältigt, wie vor einem Wunder.
Agathe, seine Braut, und Agathe, seine Frau, das waren für ihn zwei
grundverschiedene Wesen. Wie nach einem einzigen warmen Regen im
Frühling, der die wartende Natur entzaubert, waren mit einemmale bei
ihr über Nacht tausend Blüten aufgebrochen und tausend andere standen
als hoffnungsvolle Knospen da.
Was würde da alles noch werden? Daß das innerste Wesen der Frau
Wandlungsfähigkeit ist, hatte er nicht gewußt, daß sie wie
Schatzkästlein sind mit unzähligen verborgenen Fächern auch nicht.
Jeder kann sie schließlich erbrechen, aber nur der wird zu ihren
innersten, kostbarsten Geheimnissen vordringen, dem sie selbst den
Schlüssel in die Hand drücken aus freiem Willen.
Das war ja sein Glück, sein Stolz, daß sie alle ihre Schätze aufbewahrt
hatte für ihn, damit er sie fände. Nun segnete er die jungfräuliche
Spröde, die den eigentlichen Kern ihres Wesens umhegte, wie ein Mantel
von Stahl. Alles hatte sie aufgespart für ihn, nicht ein Atom ihrer
ursprünglichen Liebeskraft war vergeudet.
Aber nun, wo der gekommen, den ihr Herz als den Rechten erkannt hatte,
verwandelten sich die Stacheln in Rosen. Für ihn blühten sie, ihm
erschlossen sich alle diese Kelche, ihm spendeten sie den feinen Duft,
mit dem ihre Natur bisher haushälterisch umgegangen war, ihm brachte
sie freudig das große Opfer der Schamhaftigkeit.
Als Junggeselle hatte Eberhard nicht gerade hoch von der Ehe gedacht.
Jetzt erst fing er an, zu begreifen, was es heiße, ein Leben für alle
Zeiten mit dem seinen verbunden zu haben. Das war eine Verdoppelung
aller Fähigkeiten und Möglichkeiten. Einen Menschen ganz sein eigen
nennen und ihm zu eigen sein, aus beiderseitig freiem Entschluß! Einen
Freund besitzen im höchsten Sinne! Und dieses Verhältnis besiegeln
dürfen durch die natürlichsten Vertraulichkeiten, die es zwischen zwei
Wesen geben konnte! -- Es war das wohl die höchste Bethätigung der
Menschlichkeit, die uns beschieden war auf der Welt! --
Als Arzt hatte er die Frauen kennen gelernt, und nicht gerade von der
erhabenen Seite. Eine Zeit lang war er in Bezug auf die Weiber geradezu
Cyniker gewesen. Wie mußte er auch darin umlernen. Am Seziertisch,
in der Klinik, bei den traurigen Erfahrungen der Praxis, ging einem
manche Erkenntnis auf, aber Seelenkunde lernte man da nicht. Die
letzten Geheimnisse von der Natur des Menschen lernte man nur durch das
liebende Weib.
Wenn man das gewonnen hatte, dieses Höchste, dann besaß man einen
unversieglichen Born der Labung. Die Früchte dieses Baumes schienen
sich durch geheimnisvolle Kraft zu ergänzen. Für jede, die man
pflückte, wuchsen zwei neue nach. Und sie waren von stets wechselnder
Farbe und mannigfaltigem Geschmack, aber immer frisch.
Eberhard stand noch ganz am Anfange der Erfahrungen, hatte nur die
ersten Seiten des großen Buches »Liebe« gelesen, aber mit Schauern der
Ehrfurcht ahnte er, daß er sein Leben lang daran lesen und niemals zur
letzten Seite kommen würde.
* * * * *
Eberhard war nicht so sehr durch seine junge Frau in Anspruch genommen,
daß er sich nicht auch um andere Menschen gekümmert hätte. Er freute
sich über seine Schwester. Es kam ihm vor, als sei sie in den letzten
Jahren milder geworden, liebenswürdiger, ohne etwas von ihrer Eigenart
eingebüßt zu haben. Wie ihre reifende Erscheinung, so schien ihm ihr
ganzes Wesen nunmehr in Blüte zu stehen.
Sein alter, brüderlicher Stolz war erwacht. Er sprach, wenn er mit
Agathen allein war, gern über Jutta in Ausdrücken der Bewunderung.
Agathe sagte nicht viel dazu. Das fiel ihm mit der Zeit auf. Wäre es
denkbar, daß sie eifersüchtig sei? --
Agathe empfand der Schwester ihres Mannes gegenüber etwas ganz
anderes, als Eifersucht. Sie sah, daß Jutta sich wohl verändert habe,
seit man sich nicht gesehen. Aber diese Veränderung mußte mit Sorge
erfüllen. Das Mädchen hatte eine Enttäuschung erlebt, an ihr zehrte
eine unerfüllte Hoffnung, eine Sehnsucht, etwas, das sie vor fremden
Augen verbarg. Die liebenswürdige Milde, die sie zur Schau trug, ihre
Gelassenheit und Ruhe waren erkünstelt, vielleicht mit Resignation
verwandt. Sie übertäubte einen Kummer auf diese Weise.
Eberhard stutzte, als ihm Agathe ihre Ansicht über Jutta frank heraus
sagte. Er hatte seine kleine Frau schon mehr als einmal als erstaunlich
gute Beobachterin kennen gelernt. Unter dem frischen Eindrucke von
Agathens Urteil sah er sich seine Schwester genauer an.
Da fiel ihm allerdings dies und das auf, was er anfangs nicht
beobachtet hatte. War es Nervosität? Gewisse Züge verrieten dem Blicke
des Arztes innere Erregung. Ihr Auge gefiel ihm nicht und die Art, wie
sie leicht die Farben wechselte. Mehr jedoch konnte er nicht sehen.
Hatte sie einen Kummer, wie Agathe glaubte, dann verstand sie es
meisterhaft, sich zusammenzunehmen.
Er gedachte eines halben Geständnisses, das Jutta ihm einst gemacht
hatte in jener kritischen Periode, als sie im Begriffe war, ihre
Verlobung mit Bruno Knorrig aufzulösen. Sollte es diese alte Geschichte
etwa sein? -- Sie hatte damals keinen Namen genannt. Die Sache war
seinem Gedächtnisse so gut wie entschwunden gewesen. Jetzt brachten ihn
die Umstände wieder darauf.
Er glaubte ein Recht zu haben, die Wahrheit festzustellen. Als Bruder
bot er seine Hilfe, seinen Rat an.
Aber Jutta ließ ihn nicht ausreden. Ihre Erregung bestätigte ihm die
Richtigkeit von Agathens Vermutungen. Wie gern hätte er geholfen. Aber
er mußte seiner Frau auch darin recht geben, wenn sie sagte, daß man
für Jutta nichts thun könne und daß in Angelegenheiten des Herzens sich
selbst die nächsten, liebsten Menschen nicht einmischen dürften; da
stehe ein jeder für sich selbst. --
Das junge Paar reiste wieder ab. Vorher hatte Eberhard wenigstens
soviel bei seiner Schwester erreicht, daß sie in Aussicht stellte, nach
Berlin zu kommen und einige Zeit bei den Geschwistern zu leben, sobald
man erst in seiner Häuslichkeit ein wenig eingerichtet sein würde.
Für Jutta aber kam nach diesem Abschied ein bitterer Rückschlag. Das
Zusammensein mit den Geschwistern, auf das sie sich so sehr gefreut,
hatte sie unendliche Kräfte gekostet. Nichts strengt eine vornehme
Natur mehr an, als Verstellung üben zu müssen. Die beiden hatten ihren
wahren Seelenzustand nicht durchschauen sollen. Sie gönnte ihnen ja ihr
Glück, war nicht neidisch. Und doch, und doch! -- Mußte ihr's denn so
vor Augen geführt werden, was sein konnte und was ihr niemals zu teil
werden würde! --
Sie hatten es ihr so recht vorgelebt, welche Wunder die Liebe wirkt,
daß sie des Lebens wahres Element ist. Ohne dem glich das Dasein einem
blutarmen Körper, der nur vegetiert und eine schwächliche Nachahmung
darstellt des echten, starken, freudigen Lebens.
Gerade, daß sich Agathe und Eberhard in ihrer Gegenwart mit
Zärtlichkeiten zurückgehalten hatten -- was Jutta nicht entgangen war
-- bedeutete doppelte Demütigung. Darin hatte unausgesprochen gelegen,
daß man um ihren Zustand wisse, daß man sie bemitleide, sie als der
Schonung bedürftig betrachte.
Schrecklich war das! Sah man ihr's an der Stirn an, daß sie liebte? --
Wodurch verriet sie sich denn? --
Sie hatte doch ihre Gefühle so tief in sich vergraben! Hatte schwere
Steine auf dieses Grab gewälzt: Haß und Verachtung. Hatte den Stolz als
Wächter davorgestellt.
Es war umsonst gewesen; wie sie sich selbst eingestehen mußte. Das Herz
ist keine Tafel, von der man die Eindrücke leicht wegwischen kann.
Gewisse Erlebnisse lassen dort so tiefe Spuren zurück, daß sie nur mit
dem Stillstehen des Ganzen verschwinden.
Gefühle von wirklicher Kraft und Tiefe sind unsterblich. Man kann
sie weder unterdrücken, noch heimschicken, ebenso wie man sie nicht
rufen kann. Sie kommen und gehen, wie Jugend und Alter, wie Sommer und
Winter, nach großen Gesetzen, die wir nicht beherrschen.
XXVII.
Jutta war von Florenz nach München zurückgekehrt. Der Vater hatte ihr
geschrieben, daß nunmehr die endgiltige Vermögensauseinandersetzung
stattfinden müsse zwischen ihm und den Kindern über die
Hinterlassenschaft der Mutter.
Man hatte viel auf dem Gerichte zu thun. Inventar wurde aufgenommen,
da auch die Möbel der Verstorbenen, Schmuck und Silber zur Verteilung
kamen. Manches Stück wurde ausrangiert, verkauft, verschenkt. Jutta
mußte sich entscheiden, was sie für sich behalten wolle. Daß sich Vally
als Hausfrau in diese Fragen einzumischen für berechtigt hielt, machte
die Auseinandersetzung auch nicht erquicklicher.
Vally hatte es in der kurzen Zeit des Verheiratetseins verstanden, das
Heft völlig in die Hand zu bekommen. Wie anzunehmen gewesen, hatte sie
ihre Mutter, die Witwe Habelmayer, zu sich genommen.
Die beiden Frauen ließen es sich angelegen sein, Herrn Reimers zu dem
zu machen, was er seinen Jahren nach eigentlich noch nicht zu sein
brauchte, nämlich zum alten Manne. Sie hatten herausgefunden, daß er
leidend sei; der Grund dazu wäre in Überanstrengung zu suchen und
darin, daß sich früher niemand recht um ihn gekümmert habe. Er sei
vernachlässigt worden von seiner Familie.
Wenn man einem, an sich gesunden Menschen tagtäglich vorredet, daß er
krank ist, so wird er es in neun von zehn Fällen schließlich glauben.
So glückte es denn auch hier den »Vater Reimers« -- so wurde er
neuerdings genannt -- davon zu überzeugen, daß er dringend der Schonung
bedürfe.
Unter diesem Gesichtspunkte war das ganze Hauswesen umgestaltet
worden. Aus dem Geschäfte hatte sich Herr Reimers ja schon vordem
zurückgezogen. Seine freie Zeit auszufüllen, war Sache der Damen.
Sie waren darin erfinderisch. Vor allem dehnte man die Mahlzeiten aus.
Und da man sich fünfmal täglich zu Essen und Trinken niederließ, war
damit schon ein großer Teil des Tages untergebracht. Hatte man früher
bereits im Reimersschen Hause nicht gedarbt, so wurde jetzt dort
geschlemmt.
Am besten schlug diese Art Leben bei Vally an. Den Ehrgeiz, eine Figur
zu besitzen, hatte sie aufgegeben, seit sie verheiratet war. Sie
glaubte, es sich jetzt gestatten zu können, auf jedes schlankmachende
Rüstzeug zu verzichten. Nun erst sah man staunend, wie verschwenderisch
Vally von Natur ausgestattet war.
Zu dieser Erscheinung paßte die satte Ruhe, mit der Vally das Dasein
behäbig und würdevoll genoß. In ihrem runden, blühenden Gesicht lag nur
ein einziger Gedanke ausgedrückt: ›Ich habe erreicht, was ich gewollt,
ich bin mit mir zufrieden!‹
Neben Essen und Trinken pflegte man noch andere, dem wohlhabenden
Bürger zukommende Liebhabereien. Herr Reimers hielt neuerdings Wagen
und Pferde. Das Gehen hätte ihn anstrengen können. Man fuhr zu dreien
aus, wenn es das Wetter irgend erlaubte, mit zurückgeschlagenem
Verdeck, damit man möglichst gesehen werde. Das war von jeher Vallys
schönster Traum gewesen: im Landauer bequem zurückgelehnt, angethan mit
seidenem Kleide, einen Kutscher in der eigenen Livree auf dem Bock,
durch die Straßen zu fahren, bewundert und vor allem beneidet von den
Fußgängern. Dieses Ideal war ihr nun in Erfüllung gegangen.
In den Klub und zum Frühschoppen ging Reimers nicht mehr. Seine
Damen hatten ihm klar gemacht, daß das für seine Gesundheit höchst
unzuträglich sei. Nur noch solche Lokale durfte er besuchen, wohin
die beiden ihn begleiten mochten. Der Abwechselung halber speiste man
gelegentlich auswärts, um Menschen zu sehen und sich zu zeigen. Und
auch das gehörte zu den gesundheitfördernden Beschäftigungen, mit denen
Reimers neuerdings seine Zeit ausfüllen durfte: ausfindig machen, wo
man in München am besten esse. Eine Frage, über die mit dem, einer so
wichtigen Sache gebührenden Ernste stetig zwischen den dreien hin und
her verhandelt wurde.
Wenn man ins Theater fuhr oder zum Konzert, -- was auch vorkam --
so geschah es aus hygienischen Gründen. Vally hatte herausgefunden,
daß nichts die Verdauung günstiger beeinflusse und zu neuem Appetit
anrege, als Musik und hie und da mal ein Theaterstück. Man bevorzugte
das leichtere Genre. Ernstere Musik und Tragödien mied man, als der
Gesundheit nicht zuträglich.
Dieses glückliche Kleeblatt wurde ergänzt durch einen vierten: Luitpold
Habelmayer. Seit er Witwer geworden, lebte er ganz zurückgezogen,
verkehrte nur noch im Hause seines Onkels -- der ja nunmehr auch sein
Schwager war -- dort aber um so häufiger.
Herr Reimers hatte seinen Neffen Luitpold immer gern gemocht,
neuerdings war ihm dessen Umgang geradezu zum Bedürfnis geworden. Denn
seitdem der alte Herr in Bezug auf seine Vergnügungen auf schmale Kost
gesetzt worden war, brauchte er jemanden, der ihm von den verbotenen
Früchten wenigstens den Duft zuführte. Luitpolds Weltanschauung und
Geschmack waren ganz die seinen. Der Neffe war, wie der Onkel, ein
Freund von schweren Cigarren, altem Rheinwein und leichten Damen.
Cigarren und Wein konnten sie gemeinsam genießen; die Damen nur
insofern, als der junge dem alten Manne von ihnen erzählte. Reimers
hörte mit dem verständnisvollen Mitempfinden jemandes zu, der so sehr
Kenner ist, daß er die Speisen, welche er einen anderen essen sieht,
nachzuschmecken vermag.
Nach außen hin spielte Luitpold Habelmayer die Rolle des Witwers in
korrektester Weise. Auch darin hatte ihm ja sein Onkel Reimers Jahre
hindurch ein nachahmenswertes Vorbild gegeben. Luitpold trauerte
noch immer, obgleich nun schon ein Jahr vergangen war, seit Elwire
das Zeitliche gesegnet hatte. Wenn er von der Entschlafenen sprach
-- und das that er gern -- so geschah es mit gesenktem Blicke und
verschleierter Stimme. Ihr Grab besuchte er häufig, nahm wohl auch
Freunde mit dorthin, um von ihnen das prächtige Grabmal bewundern zu
lassen, das er aus poliertem, nordischem Granit hatte errichten lassen.
»Ruhestätte der Familie Habelmayer« stand in goldenen Lettern darüber.
Elwire war die erste, die dort eingezogen war. Der übliche Bibelspruch
und ein »Auf Wiedersehen!« fehlten nicht.
Bei dem lebhaften Verkehre, der zwischen Luitpold und seinen Verwandten
stattfand, bekam auch Jutta den Vetter sehr bald zu Gesicht. Sie war
auf ihn vorbereitet, in gewissem Sinne, denn ein Brief Vallys an sie
nach Florenz hatte zum größten Teile von ihm gehandelt, ihr berichtet,
wie untröstlich er noch immer sei.
Jutta fand, daß das sentimental melancholische Wesen, welches Luitpold
als Attribut des Witwertums zur Schau trug, ihm recht schlecht zu
Gesicht stehe. Da war er ihr schließlich früher, wo er den Lebemann
ganz offen bekannte, noch lieber gewesen. Was man von seiner Trauer um
Elwire zu halten habe, mußte sie doch am allerersten wissen.
Übrigens kam ihr der Vetter, wie neuerdings alle und alles in der
Heimat, herzlich unbedeutend und lächerlich zurückgegangen vor. Kaum
verstand sie noch, wie es möglich gewesen, daß dieser Mensch einstmals
von ihr beachtet worden war, ja daß es eine Zeit gegeben, wo seine
Zudringlichkeit sie ernstlich beunruhigt hatte.
Jutta merkte es wohl, daß Luitpold von neuem versuchte, Eindruck auf
sie hervorzubringen. Das war ja zu erwarten gewesen! Zum Unterschied
gegen früher trat er jetzt ganz offen mit seinen Annäherungsversuchen
hervor. War er doch Witwer und Jutta ledig. Er trug sich also mit
sogenannten »ernsthaften Absichten«, und sein Verhalten war dem
entsprechend ein ehrbar gesetztes.
Zu Ehren von Juttas Rückkehr aus Florenz hatte Vally es sich nicht
nehmen lassen, ein Mittagessen zu veranstalten; Luitpold war dazu
eingeladen.
Bei Vally, ihrer Mutter und Vater Reimers war die Verdauung ein äußerst
wichtiger Vorgang, dem obzuliegen man für heilige Pflicht hielt. Es war
daher nichts allzu Auffälliges, daß sich diese drei gleich nach dem
Kaffee in ihre Gemächer zurückzogen, Jutta allein mit Luitpold lassend.
Es wäre ein leichtes gewesen für Jutta, sich ebenfalls zu entfernen,
und so dem +tête-à-tête+ mit dem Vetter aus dem Wege zu gehen.
Aber sie hatte das Gefühl, als sei es richtiger, ihm die Stirn zu
bieten.
Luitpold schlug, sobald die anderen gegangen waren, sofort einen
wärmeren Ton an. Er rückte näher an Jutta heran, suchte ihr in die
Augen zu schauen. Da er dort nur auf eisige Blicke traf, senkte er die
seinen wieder und begann nun, halb zutraulicher Vetter halb hoffender
Liebhaber, von diesem und jenem zu reden. Schließlich kam er auch auf
Elwire zu sprechen und auf seinen großen Schmerz um sie, und wie er
erst jetzt, da er sie verloren, zu erkennen beginne, was er an ihr
besessen habe.
»Weißt du, liebe Jutta, das Leben ist doch eine merkwürdig ernste
Sache. Erst wenn man wirklich Schweres durchgemacht hat, merkt man das.
Du hast ja inzwischen auch Enttäuschungen erlebt und insofern treffen
sich unsere Geschicke. Ich meine nicht nur deine Verlobung mit dem
jungen Knorrig -- die habe ich stets für eine Übereilung angesehen --
ich glaube zu wissen, daß du auch andere bittere Erfahrungen gehabt
hast! Doch will ich schweigen, wenn dir das unangenehm ist. Ich wollte
dir nur zeigen, daß ich mich stets für deinen Lebensgang interessirt
habe. Ich habe unser Verhältnis von jeher als etwas Besonderes
betrachtet, und in dir immer mehr gesehen, als bloß meine schöne
Cousine. Auch Elwire kannte meine Gefühle für dich; ich hatte kein
Geheimnis vor ihr. Und ich darf wohl sagen: mein Interesse für dich
genoß ihre Billigung. Sie war ein edles, großmütiges Geschöpf, dir war
sie immer besonders zugethan. Ich habe das deutliche Gefühl, daß Elwire
jetzt auf uns beide herabschaut« ...
Weiter kam er nicht. Jutta erhob sich jäh von ihrem Sitze. Sprachlos
vor Verachtung blickte sie Luitpold an. Die Erinnerung an all das
Widerliche, was sie früher mit diesem Menschen durchgemacht hatte,
stieg mit einemmale in ihr empor.
»Ich weiß nicht, Jutta, ob du mich ganz verstehst .....«
»O, ganz gut verstehe ich dich, lieber Vetter!« erwiderte sie im Tone
schneidenden Hohnes. »Und ich will dir ein für allemal sagen, was ich
von dir halte: Du bist ein Lump!«
Luitpold zuckte zusammen, richtete sich dann auf, wie zur Verteidigung.
Aber als er in das von Erregung bleiche, durchaus ernste Gesicht des
Mädchens geblickt hatte, sah er zur Seite, ohne etwas zu erwidern.
»Nun weißt du meine Meinung! Mir liegt übrigens garnichts daran, einen
Familienskandal herbeizuführen. Ich werde die anderen nichts merken
lassen. Ich denke, das wird dir auch lieb sein!«
* * * * *
Lieschens Grab aufzusuchen, hatte Jutta in den ersten Tagen nach ihrer
Rückkehr keine Zeit gefunden. Jetzt wollte sie diese traurige Pflicht
nachholen.
Sie besorgte sich Blüten und Zweige, um selbst einen Kranz zu winden.
Denn es war ihr immer so widersinnig vorgekommen, für geliebte Tote
einen von jenen geschmacklosen Trauerkränzen fertig zu kaufen, wie sie
am Eingange der Kirchhöfe angeboten werden. Bunte, lebendige, duftende
Blüten sollten den Hügel schmücken, wo ihre Freundin ruhte, nicht tote
Strohblumen oder steifer Lorbeer.
So wanderte sie hinaus mit ihren Blumen nach dem Gottesacker. Das
Grab lag weit draußen; vor'm Jahre war es eines der letzten gewesen.
Inzwischen waren unzählige neue Hügel entstanden. Jutta wußte nur
ungefähr: in dieser Gegend war's gewesen, wo damals Xaver neben ihr
gekniet hatte. Aber jetzt schien es unmöglich, in der verwirrenden
Menge von Steinen, Inschriften und Bildnissen sich zurecht zu finden.
Jutta sah sich bereits nach jemandem um, der ihr Auskunft hätte
geben können, da fiel ihr Blick auf ein Monument von weißem Marmor,
das sich inmitten schlichterer Denksteine auffällig von der grauen
Kirchhofsmauer abhob.
Nichts ahnend trat Jutta heran. Am Kopfende eines kleinen Hügels stand
ein mächtiger, grauweißer Block, grob behauen. Der obere Teil sprang
schützend vor, wie ein Dach, ließ nach unten eine Nische zurücktreten,
an deren Rückwand man ein stark profiliertes Relief erblickte.
Das war keine blasse, weithergeholte, sentimentale Allegorie, wie sie
ringsum mehr oder minder geschmacklos die Grabstätten schmückten; das
war ein packender lebensvoller Vorgang! Eine Frau, schlicht gekleidet,
die zarte Gestalt vom Schleier umflort, öffnete mit der einen Hand jene
Pforte, die ins Unbekannte führt, mit der anderen leicht erhobenen
winkte sie Abschied. Das Gesicht fein und weich, wie das eines Kindes,
hatte doch den Ausdruck der Reife und des Wissens; der Mund lächelte.
An diesem Lächeln gingen Jutta die Augen auf. So hatte auf der
ganzen Welt nur eine gelächelt. Das war Lieschens unvergleichliches,
kindergutes, alles verstehendes und alles verzeihendes Lächeln.
Kein Name nannte dem Beschauer, wer die sei, die hier ruhe, keine
Tafel gab irgendwelche Erklärung. Wozu auch?! Das Monument redete eine
Sprache, die mit einem einzigen erhabenen Worte die Geschichte einer
Seele und ihres Schicksals zugleich erzählte.
Hier war alles Zufällige der Erscheinung ausgelöscht, der Geist gelöst
von der irdischen Form. Das Ewige eines Wesens wirkte hüllenlos.
Jutta stand sprachlos mit gefalteten Händen davor, überwältigt,
erschüttert, durchschauert. Ehrfurcht empfand sie, wie vor einer
Offenbarung, Ehrfurcht, wie man sie fühlt, wenn es einem Menschen
gelungen ist, zum endgiltigen Kern eines Ereignisses durchzudringen, es
zur ewigen Wahrheit zu gestalten.
Sie weinte nicht. Was hätte es hier auch zu weinen und zu trauern
gegeben?! Hier war dem Tode wahrhaftig der Stachel genommen, hier war
ewiges Leben. Liebe, die über das Grab hinaus solche Wunder wirkte, war
einem Baume gleich, der einen kurzen Winter hindurch tot geschienen,
und dann aus verhaltener Kraft im Frühling nur um so herrlichere Blüten
treibt.
Ihre Blumen legte sie am Fußende des Hügels nieder, den der Epheu
bereits zum größten Teile übersponnen hatte. Nun kannte sie nur noch
ein Verlangen: zu dem, der das geschaffen hatte! Ihm danken!
Es war einer jener Entschlüsse, wie sie in großen Augenblicken aus der
heimlichen Werkstatt unseres Lebens: dem Herzen, aufsteigen, zu denen
der Kopf hundertmal »nein« sagen mag, die uns unter ihr unentrinnbares
Gebot zwingen und unser Schicksal entscheiden.
Zu ihm, den sie haßte, weil sie ihn liebte, den sie fürchtete und zu
dem es sie hinzog, vor dem sie geflohen und dem sie begegnet war auf
allen Wegen, zu ihm, der sie, ohne es zu wissen und zu wollen, nun
endlich besiegt hatte, ging sie jetzt.
XXVIII.
In Xaver Pangors Leben war inzwischen eine bedeutsame Änderung
eingetreten. Kurz nachdem er im Herbst die Heimat verlassen hatte, war
sein Vater plötzlich gestorben. Der Hansl hatte den Hof übernommen,
und eingedenk des Bauern-Grundsatzes, daß zu einem Gute auch eine Frau
gehört, war er auf die Brautschau gegangen und hatte auch ein Mädchen
gefunden, welches bereit war, seine Bäuerin zu werden. Die Witwe räumte
der jungen Frau den Platz, zog zum Xaver in die Stadt, der zu ihrem
Leidwesen immer noch nicht heiraten zu wollen schien. Die alte Frau
wollte versuchen, für die paar Jahre, die sie im besten Falle noch vor
sich hatte, ihm die fehlende Ehehälfte zu ersetzen.
Mit erstaunlichem Anpassungsvermögen fand sich die Alte, die ihr
ganzes Leben in einem kleinen Gebirgsdorfe zugebracht hatte, in die
städtischen Verhältnisse. Ihrer äußeren Erscheinung nach war sie ganz
Bauernfrau geblieben, trug Haube, Brusttuch, Mieder, Schürze, wie
daheim. Im übrigen trat sie schon nach wenigen Wochen wie eine auf, die
Jahre lang Großstadtluft geatmet hat. Nichts schien sie zu verwundern,
nichts ihr zu imponieren. Das Einzige, was sie zunächst befremdete, war
das Ein- und Ausgehen merkwürdiger Frauen und Männer im Atelier ihres
Sohnes. Aber selbst das erstaunte sie von dem Augenblicke ab nicht
mehr, wo sie begriffen hatte, daß zum Berufe des Künstlers auch Modelle
gehören.
Jung, wie diese Greisin war, vermochte sie sich in Dinge
hineinzufinden, die von allem, was sie bisher gesehen und erlebt, durch
eine tiefe Kluft getrennt waren. Die Liebe zu ihrem Sohne war die
Brücke, auf welcher sie sich leicht in die ihr fremde Welt hinüberfand.
Die beiden, Mutter und Sohn, kamen wundervoll mit einander aus. Die
Alte hatte damit angefangen, in den vernachlässigten Räumen Ordnung zu
stiften. Nur im Atelier durfte sie nicht ganz so frei schalten, wie
sie es gern gethan hätte; und es dauerte einige Zeit, bis sie sich
darein gefunden hatte, Gipsstaub, Haufen von nassem Thon, Abfälle von
Stein und Metall, Rückstände von Farbe und Ölen nicht als gewöhnlichen
Schmutz anzusehen, dem man mit Besen, Seife und Scheuerbürste
rücksichtslos auf den Leib gehen durfte.
Auch in Xavers Tageleben brachte die Mutter einige Veränderung. Sie
wußte ihn dahin zu bringen, daß er das Gasthausleben aufgab und
regelmäßige Mahlzeiten innehielt. Es war ihre innigste Freude, für ihn
kochen zu dürfen, ihn zu beflicken und zu bestricken.
Dabei hütete sie sich, gescheit wie sie war, ihm irgendwie zur Last zu
fallen mit Ratschlägen, oder gar mit kleinlicher Nörgelei. Ihr Xaver
war Künstler, sie begriff, daß ein solcher anders behandelt sein wolle,
als gewöhnliche Menschenkinder. Nie störte sie ihn bei der Arbeit,
dunkel ahnend, daß die Kunst ein Zustand ist des ganzen Menschen,
welcher der Umgebung Schonung zur Aufgabe macht.
Manchmal freilich wurde es der alten Frau sehr schwer, nicht
hineinzulaufen in das Atelier, wo Xaver lange Stunden einsam zubrachte.
Wie gern hätte sie ihm hin und wieder bei der Arbeit etwas über die
Schulter geblickt, ihm diese oder jene Frage vorgelegt, die ihren
lebhaften Sinn gerade beschäftigte. Es schien ein wenig hart, mit ihm
zusammen zu sein und doch so wenig von ihm zu haben.
Mit der Zeit fand sie ein Auskunftsmittel. Das Atelier ging durch zwei
Stockwerke. An der Seite, die dem großen Fenster gegenüber lag, lief
oben eine hölzerne Galerie hin, auf welcher der Bildhauer allerhand
Modelle, Formen, Abgüsse und Handwerkszeuge, die er gerade nicht
brauchte, abstellte.
Von dort aus -- das hatte die Alte eines Tages durch Zufall
herausgefunden -- konnte sie sich an seinem Anblick weiden, ohne ihn im
geringsten zu stören. Dort oben stand sie denn in der Folge öfters mal
ein Viertelstündchen zwischen ihren häuslichen Arbeiten und blickte auf
ihn herab, wie er modellierte, meißelte, bosselte, maß und zeichnete,
wohl auch sann und träumte.
Wie fleißig er war! Die Werke von seiner Hand mehrten sich zusehends.
Er verdiente ja jetzt auch Geld! Die Menschen fingen an, ihn zu
überlaufen, sein Atelier wie eine Sehenswürdigkeit aufzusuchen.
Oft genug mußte die Mutter Leute abweisen, die sie nur zu gern
eingelassen hätte, denn sie war ja natürlich stolz auf den Buben und
seine Leistungen; alle Welt sollte ihn bewundern. Aber er war darin
streng. Oft genug bekam sie Vorwürfe zu hören, daß sie mal wieder
einen »schrecklichen Banausen« eingelassen habe, der ihn um eine
Viertelstunde Zeit gebracht hätte.
Gern würde es die Mutter gesehen haben, wenn Xaver mehr Umgang gepflegt
hätte. Er hatte so gut wie gar keinen Verkehr. Des Abends ging er
nur aus, um einsame Spaziergänge oder weite Fahrten auf dem Rade zu
unternehmen.
Die alte Frau verstand ja nicht viel von den Sitten der Stadtmenschen
und der Künstler besonders. Aber sie sagte sich, daß es bei denen wohl
auch nicht viel anders sein werde, als anderwärts in Welt und Natur;
der Mensch brauchte den Menschen, und wenn ein Mann so einsam lebte wie
ihr Xaver, so war das nicht gut.
Ob der Kummer, von dem er ihr erzählt hatte, noch immer an seinem
Herzen nagte? --
Gewiß war's ja schön, wenn ein Mann in Treue an dem Gedächtnis der
Geliebten festhielt; aber einmal muß alle Trauer ein Ende haben, sonst
thut man sich Schaden und denen Unrecht, die man beklagt. Denn die
Toten sollen keine Macht behalten über die Lebendigen. Die Toten haben
das Ihre gehabt zu ihren Zeiten, die Lebenden aber haben das Recht zu
genießen.
So philosophierte die alte Frau. Sie hatte ein gut Stück Leben mit
offenen Augen angesehen und sich dabei das Herz warm und den Kopf kühl
bewahrt.
Für ihren Xaver aber hegte sie noch allerhand Hoffnungen. Der war jetzt
gerade in dem Alter, wo die Männer am besten werden, wenn überhaupt
etwas an ihnen ist. Sein Kopf fing an, am Wirbel einen ganz leichten
hellen Schimmer zu zeigen; vielleicht wußte er's selbst nicht mal,
daß sein Haar dünner werde. Sie hatte es auch nur bemerkt von ihrer
erhöhten Warte aus. Wenn sie auf der Holzgalerie stand, dann sah sie
ihren Buben ja ausnahmsweise mal von oben, während sie für gewöhnlich
an ihm emporschauen mußte.
* * * * *
Es klingelte an der Entreethür des Bildhauers. Die Mutter kam heraus,
sie war ziemlich ärgerlich. Kunsthändler hatten vorher geklingelt, die
der alten Frau soviel vorgeschwatzt, bis sie sich erweichen ließ, sie
vorzulassen. Dafür war sie gescholten worden. Aber jetzt wollte sie
fest bleiben.
Eine junge Dame stand draußen. Die Mutter wußte, daß Xaver
augenblicklich keine Modelle brauchte. Außerdem sagte ihr ein genaueres
Hinschauen, daß diese Person wohl kein Modell sei. In ihrer Haltung lag
etwas Stolzes und Schlichtes zugleich. Die Alte hatte schon beobachten
gelernt und kannte sich einigermaßen aus mit dem Publikum.
»Ist Herr Pangor zu Haus?« fragte die Dame.
Der alten Frau entging die Hast nicht, mit der das gefragt wurde. Dabei
schien der Ausdruck des blassen Gesichtes sagen zu sollen: ›Es ist mir
im Grunde gleichgiltig, ob er da ist oder nicht!‹
›Die verstellt sich!‹ dachte die alte Frau und antwortete: »Zu Haus
wär' er schon, aber i glaub nit, daß er annehme thut.«
»Könnte ich nicht ein paar Worte mit ihm sprechen?« fragte Jutta.
-- Die Mutter sah sie die Farbe wechseln. Die Sache wurde ihr immer
verdächtiger.
»Er is beim Arbeiten. Da will er niemand sehen; außer wann's ganz was
Pressants wär. Was wollen's denn vom Herrn Pangor?«
»Ich -- ich habe mit ihm zu sprechen!« -- Wieder die stolze Miene. Der
Kopf wurde zurückgeworfen.
»Se wern halt unverrichter Dinge gehen müssen, Fräulein! Mein Sohn is
nit für a jeds zu sprechen.«
»Sie sind die Mutter?« rief mit plötzlichem Verstehen Jutta und trat
leuchtenden Auges auf die Alte zu. »Von Ihnen hat er mir so viel Liebes
erzählt.« Sie griff nach der Hand der Alten.
»Ja, du mei! Wer sein denn Sie?«
Jetzt öffnete sich die Thür des Ateliers. Xavers Silhouette erschien in
der lichten Öffnung.
»Hier is wer!« rief die Mutter. Ihr war angst, daß sie wieder
gescholten werden möchte. »I hab ihr schon gesagt, du wärst nit zu
Haus. Aber se hat's ka Einsehn nit!«
Xaver that einen Schritt vorwärts mit weitgeöffneten Augen. »Jutta!«
rief er. Sie sagte kein Wort, streckte ihm nur beide Hände entgegen.
»Ich hörte Ihre Stimme, glaubte, es müsse ein Traum sein. -- Sind Sie's
denn wirklich?« rief Xaver.
Er behielt des Mädchens Hand in der seinen, führte sie in das Atelier,
machte die Thür hinter sich zu, ließ die Mutter im dunklen Gange, ohne
Erklärung.
Die Alte stand verdutzt. Was gingen hier für Dinge vor? -- Wie hatte er
sie doch gleich genannt? »Jutta!« Ja, so war's gewesen. Niemals hatte
er ihr gegenüber den Namen erwähnt. Kopfschüttelnd zog sie sich in ihr
Stübchen zurück.
Unwillkürlich lauschte die Mutter, ob der Besuch das Atelier bald
wieder verlasse. Aber keine Thür ging, kein Schritt erklang. Ruhe
herrschte in der ganzen Behausung.
Die alte Frau war in Unruhe. Wunderliche Gedanken stiegen in ihr auf.
Sie wußte nicht mehr: sollte sie sich freuen oder sollte sie sich
ängstigen. Irgend etwas Großes, Wichtiges ging heut vor. Sie hatte es
gleich gewußt früh morgens. Denn sie war in der letzten Nacht von einem
bedeutsamen Traume heimgesucht worden. Es war das kein gewöhnlicher
Traum gewesen, mehr ein angstvolles Wiedererleben von etwas, das
sich wirklich ereignet hatte. Und wenn einem das passierte, daß man
bereits Erlebtes im Traume nochmal durchmachte, das hatte immer was zu
bedeuten, was Gutes oder was Arges.
Ihr Traum bestand in folgendem: Es war zu der Zeit, da Xaver noch
nicht geboren war. Sie hatte hintereinander drei Mädchen gehabt;
jetzt war sie wieder guter Hoffnung. Sie wünschte sich einen Sohn.
Vielleicht, wenn sie der Mutter Gottes ein Geschenk darbrachte, würde
die sich herbeilassen, ihr einen Buben zu bescheren. Oder ob man sich
mit der Bitte an den Schutzpatron des heimischen Kirchleins wendete?
-- Oder auch an den heiligen Mann, an dessen Tage sie geboren war
und nach dem sie benamst war? -- Aber schließlich hatte sie doch
am meisten Zutrauen zur heiligen Jungfrau, die war ja auch Mutter
gewesen und verstand wahrscheinlich mehr von diesen Dingen, als die
heiligsten Männer. Die Frage war nur: was man darbringen solle? Denn
die Gabe mußte doch Beziehung haben zum Erbetenen; sonst verstand die
Fürbitterin sie am Ende garnicht mal.
Sie ging in der Stadt zu einem Händler, bei dem man Weihgeschenke
kaufte. Dort suchte sie unter den vorgelegten Gegenständen lange. Arme,
Beine, Augen, Herzen aus Wachs paßten doch nicht für ihren Fall. Sie
wollte ja nicht Heilung erflehen von irgend einem Gebrechen, etwas viel
Größeres wollte sie: einen Sohn. Aber wie das ausdrücken? Fragen konnte
man auch niemanden, nicht mal den Herrn Pfarrer. Sie schämte sich
nämlich ihrer Absichten.
Schließlich fiel ihr ein, daß ihr eigener Bruder, der Schreiner, wenn's
verlangt wurde, auch Heiligenbilder schnitzte. Bei dem bestellte sie
sich eine Geburt Jesu mit allem, was dazu gehört: Maria und Joseph,
der Gottessohn, Engel, Hirten, Ochs und Esel, Krippe, auch die Windeln
durften nicht fehlen. Nachdem der Bruder das Bild kunstvoll geschnitzt
hatte, wurde es von einem Malkundigen des Dorfes bunt angestrichen.
Nun ängstigte sie ihr Traum mit der Sorge: ob das Weihgeschenk fertig
werden würde. Die Farben wollten nicht trocknen, und es war doch die
höchste Zeit. Schon meldete sich das Kindlein ganz energisch. Wenn
das Bild nicht rechtzeitig an seinen Platz kam, würde es wieder ein
Mädchen werden; denn woher sollte die heilige Jungfrau denn wissen, daß
ein Knabe von ihr erbeten würde! Schrecklich war die Angst! Sie sah
die ganze schöne Schnitzerei vor sich: die liebliche Gestalt Mariä,
wie sie das Neugeborene beglückt anlächelte, die knieenden Hirten, den
erstaunten Joseph, das Vieh, alles, alles so naturgetreu gemalt, daß
man es für lebendig hätte halten mögen. Aber die Farben, die Farben,
die nicht trocknen wollten! Und wenn man bedachte, was davon abhing:
Ihr Glück, das Schicksal ihres Xaver, ob sie überhaupt einen Sohn haben
werde! --
In diesem schrecklichen Moment war sie aufgewacht, an allen Gliedern
zitternd. Gott sei dank, es war ja nur ein Traum gewesen. Die Mutter
Gottes hatte sie erhört; ihr Sohn lebte, war längst ein erwachsener
Mann. Und zum Dank für das schöne Votivbild hatte die Himmelskönigin
ihm ein besonderes Patengeschenk in die Wiege gelegt. Für die Mutter
war es nämlich niemals zweifelhaft gewesen, woher Xavers Begabung
stamme, wodurch er so ein großer berühmter Künstler geworden sei; das
hing ganz natürlich zusammen mit den absonderlichen Umständen seiner
Entstehung.
Die alte Frau holte ihren alten, abgegriffenen Rosenkranz hervor und
betete, auf der Gewandtruhe sitzend, abwechselnd ein Vaterunser und ein
Ave-Maria. Darüber wurde sie ruhiger. Nachdem sie alle Perlen abgebetet
hatte, schloß sie den Rosenkranz wieder ein und ging in die Küche, denn
das Essen wollte versorgt sein.
Ob sie es wagen sollte, mal hineinzugehen? Ihn fragen, was er heute
essen wolle? Nur zu gern hätte sie's gethan! Blind würde man schon
nicht gleich werden. Aber stören wollte sie auch nicht. Wer weiß, man
verdarb vielleicht was Gutes, etwas, das sie sich im geheimen so innig
wünschte.
Wenn man nur ein Mäuschen hätte sein können, um da zuzugucken! Oder
auch ein Schwälbchen auf dem Dachbalken! --
Endlich konnte sie der Versuchung nicht länger widerstehen. Sie
schlich die Stiege hinauf, die zu der hölzernen Galerie führte, ihrem
heimlichen Lugaus. Vorsichtig öffnete sie die kleine Thür und blickte
hinab.
Da unten saßen sie. Das Mädchen auf dem Divan, Xaver auf einem Hocker
ihr gegenüber. Er hielt den gesenkten Kopf in der Hand aufgestützt. Sie
hatte den Hut abgelegt; scharf hob sich ihr Profil gegen die Scheibe
ab. Die Mutter konnte sie sich genau betrachten.
Also das war sie, die er »Jutta« genannt und die ihm beide Hände
entgegengestreckt hatte. Sauber war sie, das mußte man sagen! Es lag
etwas Besonderes in ihrer Erscheinung. Für sie, die Mutter, war dieses
Fräulein mit dem wohlgepflegten Haar, der zarten weißen Haut, den
schmalen Händen, wohl eigentlich zu fein! Aber wahrscheinlich gefiel
sie darum gerade dem Xaver. Der hatte von Jugend auf stets das Rare
bevorzugt. Und schließlich auf Xaver kam's hier doch an! --
Wie weit sie wohl sein mochten miteinander, die beiden! Sonderbar, sie
schwiegen beharrlich! Xaver starrte den Boden an, das Mädchen aber
saß regungslos und blickte in die Ferne, als studiere sie den Zug der
Wolken. Närrisch! So hatte sie junge Menschen verschiedenen Geschlechts
noch nie einander gegenüber sitzen sehen.
Jetzt sagte er etwas, mit einer Stimme, wie sie die Mutter garnicht an
ihrem Sohne kannte. Und das Mädchen erwiderte halblaut ein paar Worte.
Dann erhob sich Xaver, ging mit verschränkten Armen im Atelier umher.
Die alte Frau besorgte, daß er zufällig einen Blick nach oben werfen
könne; dann wäre sie entdeckt gewesen. Vorsichtig zog sie sich zurück.
Außerdem wollte sie auch das Essen nicht einkochen lassen.
Als die Mutter eine halbe Stunde später noch einmal die Stiege
hinaufging und einen neugierigen Blick hinunter wagte, zeigte sich ihr
ein ganz anderes Bild.
Xaver und Jutta dicht aneinander geschmiegt. Sie hatte das Haupt
zurückgelehnt in seinen Arm, die Augen waren geschlossen. Er strich ihr
mit der Hand über Stirn und Haar. Sie sprachen auch jetzt noch nicht
viel da unten. Einmal wurde ein tiefer Seufzer gehört; gleich darauf
sank des Mädchens Haupt an seine Brust.
Auf einmal war es wie Rosenduft in der Luft; als erklängen die Glocken
von selbst und Engel sängen dazu. Die Greisin faltete die Hände. In die
Kniee sinken, anbeten! --
Da unten das war das Wunder der Wunder! Daß sie das noch sehen durfte!
Voll Ehrfurcht stand sie, in ihrem einfachen Sinne ergriffen, vor dem
größten aller Mysterien. Ihre alten Augen schwammen in Thränen. Die
Kniee zitterten. Sie griff sich an der Wand hin die Stiege hinab.
In ihrem Zimmerchen setzte sie sich wieder auf die Gewandtruhe, den
Kopf in den Händen. Sie konnte nur noch eines denken: ihr Sohn hatte
einen Schatz! Und sie, sie war jung, war wieder eine junge Dirn
geworden.
* * * * *
Xaver und Jutta standen ein paar Stunden darauf an Lieschens Grabe.
Hier war die Stätte, wo sie sich den Segen zu holen hatten, der mehr
war als Priesters Segen. Sie sprachen kein Wort, aber jedes fühlte des
anderen Gedanken.
Die hier unter dem Epheu-umsponnenen Hügel war nicht tot. Wie konnte
ein guter Mensch überhaupt tot sein?! --
Der Stein am Kopfende des Grabes war lebendig geworden. Die Gestalt
atmete, lächelte. Nicht wie eine war sie, die dem Grabe zuschreitet,
sondern wie eine, die aufersteht, dem Geliebten und seiner Braut
entgegengeht und zu ihnen spricht: Wir Menschenkinder sind vergänglich,
die Liebe allein ist ewig. Darum liebet euch! Liebt euch tief und
stark! Dann kann ich bei euch bleiben. In der Liebe haben wir das ewige
Leben.
Verlag von F. Fontane & Co., Berlin
Es erschien von
Wilhelm von Polenz
_Romane_
Der Pfarrer von Breitendorf
Der Büttnerbauer
Thekla Lüdekind
Der Grabenhäger
Wurzellocker
_Novellen_
Die Unschuld
Die Versuchung
Karline
Reinheit
Wald
Luginsland
_Theater_
Andreas Bockholdt
Heinrich v. Kleist
Junker und Fröhner
_Reisebilder_
Das Land der Zukunft
oder
Was können Amerika und Deutschland voneinander
lernen?
Pierer'sche Hofbuchdruckerei Stephan Geibel & Co. in Altenburg.
Anmerkungen zur Transkription.
Die Verlagswerbung wurde vom Anfang an das Ende des Textes verschoben.
Die fehlende Überschrift von Kap. VI ist eingefügt worden.
*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LIEBE IST EWIG ***
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