The Project Gutenberg eBook of Im Bernsteinwald
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Title: Im Bernsteinwald
Author: Wilhelm Bölsche
Release date: October 22, 2026 [eBook #79837]
Language: German
Original publication: Stuttgart: Franckh'sche Verlagshandlung, 1927
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/79837
Credits: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK IM BERNSTEINWALD ***
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1927 so weit
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~KOSMOS-BÄNDCHEN~
~IM BERNSTEINWALD~
Im Bernsteinwald
Von
Wilhelm Bölsche
[Illustration]
Stuttgart
Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde
Geschäftsstelle: Franckh’sche Verlagshandlung
1927
Mit 41 Abbildungen und einem farbigen
Umschlagbild
⁘
Alle Rechte, besonders das Übersetzungsrecht, vorbehalten
Nachdruck verboten
~Copyright 1927
by Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart
Printed in Germany~
Druck von Holzinger & Co., Stuttgart
„Heraus in eure Schatten, rege Wipfel
Des alten, heil’gen, dichtbelaubten Haines ...“
Iphigenie
Die Geschichte vieler Völker, und nicht zum wenigsten unsere deutsche,
beginnt im Walde.
Eine Weile sieht die Volkserinnerung noch bewegtes Menschenleben,
einzelne starke Gestalten — dann erscheint wie eine Mauer der Wald.
Der Wald der Urzeit, des Geheimnisses.
Es ist das gleiche Bild, das dem Bewohner flacher Niederungen so oft
den Horizont als blaue Wand abschneidet. Ich habe meine Jugend in der
unteren Rheinebene verlebt, wo eine Pappel, eine einsame Windmühle
schon etwas Riesiges dünkten; schob sich aber ja einmal ein Stück
niedrigen Buschwaldes auch dort ein, so lag es von fern als ein
Gebirge, das die Wolken trug. Und an diesen Zauberforst, der dem Kinde
lange unerreichbar blieb, knüpften sich mir zugleich die Figuren des
Märchens. Dort mußten unerhörte Blumen duften, Zwerge hausen, Tiere
umgehen, die mit Menschensprache redeten.
Dieser Reiz des unnahbaren letzten Wunders im Walde ist mir aber immer
treu geblieben. Ich habe ihn viel später noch einmal auskosten dürfen,
als aus der ganz platten russischen Ebene sich unvermittelt vor mir
der hohe Dornröschenhag des berühmten Urwaldes von Bialowies erhob, wo
sich damals wirklich noch die Wisente und Elche des alteuropäischen
Sumpfdickichts sielten.
Von einem solchen „Urwalde“ in des Wortes kühnster Bedeutung will ich
auch hier erzählen.
Er ist allerdings so alt, daß ihn auch die letzte wahre Horizontschau
der ganzen Menschheit nicht mehr erfaßte.
Und doch ist er dieser denkenden Menschheit immer einmal wieder so
aufgestiegen.
Wie eine bunte Fata Morgana, die bald hoch am Himmel stand, bald ganz
tief in den Wassern zu versinken schien.
Wie ein Gespensterspuk, dem auferlegt war, keine Ruhe zu finden.
In gewissen Stimmungen schien es, als müsse er unbedingt greifbar
noch irgendwo neben uns grünen. Wellen schienen von ihm bis zu uns zu
rinnen, die sein seltsames Gold auswuschen, daß wir die Hand darauf
legen konnten.
Aber dann verlor er sich wieder, tauchte in den Abgrund der ewigen
Zeitenferne wie die Gralsburg der Sage, nach der ein Reiter immer trabt
und trabt, ohne ihr je näher zu kommen wie dem Regenbogen.
Bis endlich auch hier der ruhige Blick des Forschers Stete in der
Erscheinungen Flucht brachte. Den Spuk zum Stehen brachte und zur
Antwort zwang. Womit er erlöst war — so weit auch Menschenklarheit ein
Geheimnis der Natur ganz zu erlösen vermag ...
Es war vor rund achtzehnhundert Jahren.
Damals, als das ungeheure Weltreich der Römer auf dem Gipfel seiner
Macht und Kulturbedeutung stand.
Man hat die römische Cäsarenzeit gern als eine üble Epoche des Verfalls
geschildert. Wahnsinniger Luxus sollte die Völker entnervt, in ihrer
Sittlichkeit vergiftet und dem unaufhaltsamen wirtschaftlichen Ruin
zugeführt haben. In Wahrheit war es die größte Epoche erstarkender
Weltkultur, die vorher wie nachher die Menschheit überhaupt erlebt
hat. Ein einheitliches Recht und Gesetz umspannte fast alle damals
mitarbeitenden Kulturnationen. Jahrhunderte fast vollkommenen
Weltfriedens ließen alle bürgerlichen Kräfte dieser Völker
ineinanderwirken, anstatt daß sie sich gegenseitig zerfleischten. Zum
erstenmal wurden alle damals bekannten Länder mit einem mächtigen
Netz prachtvoller Straßen überzogen, eine Weltpost eingerichtet, ein
geregelter Reichsflottenbetrieb von Ceylon und Sansibar bis Irland und
Jütland eröffnet. Gleiche Münze galt von Zentralasien bis Spanien.
Statt des angeblichen Wirtschaftsverfalls trat erstmalig auch ein
wirklicher Welthandel ohne größere Zollschranken und mit echten
Weltverkehrsmitteln als einheitliche Organisation in Kraft.
Es klingt wie ein Märchen und ist doch wissenschaftlich echt, daß das
Römische Reich damals in solchem festen Handel selbst mit China stand.
Man führte abendländische Metalle, Teppiche, Glaswaren aus und bezog
dafür chinesische Seide. Noch liest man in den chinesischen Chroniken
von den Kaufleuten An-Tuns (in Wahrheit des Cäsars Marcus Aurelius
Antoninus), die am chinesischen Hof empfangen wurden; liest dort von
den Heeresstraßen, Posten und Glasfabriken der Römer. Reichsrömische
Musiker und Gaukler gaben an solchem Hof Gastvorstellungen.
Kein Wunder, wenn sich bei solchem Weltfrieden und friedlichen
Weltverkehr auch der Wohlstand und die Freude an farbigerem,
weltfrohem Leben daheim überall hoben. Wie am Seidenkleid aus China,
so ergötzte man sich am glänzenden Schmuck, auch wenn der Smaragd dazu
aus dem fernen Ural oder Altai durch weiten Tauschhandel beschafft
werden mußte, wenn endlose Meerfahrten oder der Transport über hohe,
verschneite Alpenpässe nötig waren, dem Bedürfnis der schönen Trägerin
zu genügen.
Dort aber, in diesen bewegten und hohen Kulturtagen, wo zum erstenmal
recht eigentlich der Begriff einer „Menschheit“ (erst rechtlich und
wirtschaftlich, dann auch ethisch) geprägt wurde, hören wir nun auch
vom +Bernstein+.
Wenn wir in Rom zu Ende etwa des ersten Jahrhunderts n. Chr. einen
der zahlreichen Juwelierläden an der heiligen Straße des Forums oder
auf dem Marsfelde besucht hätten, so würde man uns auf Wunsch wohl
überall solchen Bernstein, roh oder schon künstlerisch verarbeitet,
vorgelegt haben. Einen hübschen, meist gelben oder gelbroten klaren
Zierstein von den entschiedenen oberflächlichen Qualitäten eines feinen
Halbedelsteins, chemisch widerstandsfähig, bei höherer Temperatur unter
angenehmem Geruch abbrennend, im harten Normalstande aber technisch
schleifbar zu einem Feuer, das ihn im besten Falle zum Schmuckstück
allerersten Ranges machte. Man hätte ihn in billigeren und kostbareren
Sorten angeboten, die einfachen doch so im Preise, daß sich auch ein
schlichtes Landmädchen aus der Provinz eine Kette um sein braunes
Hälschen leisten konnte. Denn in letzter Zeit grade sei er wieder
besonders reichlich eingeführt worden.
Mancherlei geheimnisvolle Gaben wurden im besonderen noch an ihm
gerühmt: so, daß er gerieben feine Stoffschnitzelchen anzöge, wobei
doch noch keine Ahnung bestand, was für eine ungeheure Naturkraft sich
hieran einmal offenbaren sollte.
Freilich hätten wir nicht mit unserem geläufigen deutschen Worte
„Bernstein“ fragen dürfen. Aber es gab schon damals sehr gute
griechische wie lateinische Namen dafür.
Denn wie die ganze Juwelierkunst bereits eine altehrwürdige war, so
auch die Bernsteinverwertung in ihr.
Mehr als tausend Jahre nochmals früher hatten die altgriechischen
Sagenkönige von Mykenä, deren Schätze unser Schliemann wieder
aufgedeckt hat, ihren Frauen die schönsten Bernsteinketten mit ins Grab
gegeben, Perle um Perle durchbohrt und auf einer Schnur gereiht.
In der Odyssee (Gesang XV, Vers 414 ff.) tauchen im Heimatland
des „göttlichen Sauhirten“ pfiffige Phönizier auf, die den Leuten
alles wegschachern und dafür goldenes Geschmeide bieten, (wie Voß
verdeutscht) „besetzt mit köstlichem Bernstein“. Über die Stelle ist
leiser Streit, da das hier schon gebrauchte Griechenwort Elektron
ursprünglich auch eine Silberlegierung des Goldes selbst bedeuten
konnte; aber gerade die Erwähnung der vielgereisten phönizischen
Händler als Vermittler dürfte als Beweis, daß der Bernstein gemeint
ist, genügen.
Wenn wir unsern römischen Juwelier etwa unter des trefflichen Cäsars
Trajanus Regierung aber gefragt hätten, was man eigentlich über Natur
und Herkunft dieses schimmernden Goldsteins wisse, so hätte er, der
wohl auch damals schon ein gebildeterer Mann war, uns in den Lesesaal
der benachbarten Bibliothek des Augustustempels verwiesen. Dort sollten
wir uns das große Werk des wenig älteren Zeitgenossen +Plinius+
vorlegen lassen, eine Art Handwörterbuch der gesamten damaligen
Naturwissenschaften. Im 37. Buch sei ausführlich auch der Bernstein
behandelt.
Nun, wir loben die Bescheidenheit der Mäuse und das Pech der
nachfolgenden bösen Bilderstürmer. Denn dieses wahrhafte Monumentalwerk
des Plinius ist uns über alle Ungunst der Zeiten hinweg bis heute
erhalten geblieben und kann noch immer von modernen Lateinlesern
eingesehen werden.
Plinius selbst war ein etwas galliger römischer Militär, der am
liebsten seine Landsleute alle wieder bei der Mehlsuppe der guten alten
Zeit gehabt hätte und ein Spargelbeet oder ein Bernsteinkettchen eines
schönen Mädchens bereits für eine Verschwendung hielt — wobei grade
er durch sein Schimpfen nicht wenig zu jenem bösen Ruf seines ganzen
Zeitalters beigetragen hat. Er ist aber als Forscher beim Untergang
Pompejis groß in den Dämpfen des Vesuv gestorben, und riesengroß und
eine unendliche Wissensfundgrube ist für uns auch sein enzyklopädisches
Werk, das er seinerzeit mit der Pedanterie eines uferlosen
Zettelkatalogs aus Hunderten meist für uns verlorener Quellschriften
zurechtgeschnitten hatte.
Und da lesen wir also auch jetzt noch vom Bernstein — alles wohl so
ziemlich, was die antike Welt über ihn bereits in Erfahrung gebracht.
Wahrheit und Dichtung, meint Plinius selbst, wo man schon stark
kritisch sichten müsse.
Zunächst (ich ordne seinen auch hier sehr weitschweifigen Zettelkasten
für meinen Zweck etwas deutlicher um) hören wir noch ein paar
unterhaltende Züge zu jenem zeitgenössischen Bernsteinbetrieb selbst.
Der schönste müsse von der Farbe des edeln Falernerweins sein: wir
kennen diese Sorte heute noch. Bei den römischen Lebedamen sei es Mode
geworden, bernsteinfarbige Haare zu tragen. (Sie färbten wie wir!)
Jene seltsame Anziehungsgabe mache sich bereits bei Spinnwirteln aus
Bernstein geltend, die die Fransen der Gewebe zu sich herüberzögen.
Auch hygienisch verwerte man ihn, indem man z. B. in Gegenden mit
schlechtem (wir würden vielleicht sagen: jodarmem) Wasser die
Bauernfrauen Bernsteingeschmeide um den Hals trügen als Mittel gegen
Anschwellungen (Kropf?).
Aber nun die Herkunftsfrage selbst — erstlich rein geographisch.
Verschiedene Autoren ließen ihn aus der Erde graben. Wir werden
später sehen, daß das eine interessante Angabe ist. Andere brächten
ihn dagegen seit alters mit dem +Wasser+ in Verbindung. Dächten
ihn angeschwemmt. Etwa vom Meer. Enger lokalisiert hätte man auch
das aber schon früh auf den +nordischen+ Ozean — da oben, wo die
Germanen an die See grenzten. Man beginnt aufzumerken, wenn das zuerst
gesagt wird. Pytheas nehme da oben irgendwo ein ungeheures Ästuar
(Mündungsflachwasser) an, dort herum hausten die Gutonen (Goten), und
denen treibe die Sturmflut in jedem Frühling den Bernstein an, den sie
teils an Stelle von Holz zum Feuern brauchten (also als Brennstein!),
teils den benachbarten Teutonen verhandelten. Dieser Pytheas ist für
uns heute wieder eine sehr bedeutsame Gestalt. Er war nämlich sozusagen
der erste Nordpolfahrer — von den Kaufleuten der Griechenstadt
Massalia, dem heutigen Marseille, in den Tagen des großen Alexander zu
einer merkantilen Studie über die Heimat des damals zum Bronzeguß so
nötigen Zinns ausgesandt, benutzte er das als Astronom zu Vorstößen ins
Land der Mitternachtssonne. Kam nach Jütland und Norwegen, wobei er
dann irgendwie auch die Bekanntschaft jener unzweifelhaft germanischen
Stämme gemacht haben muß. Also eigentlich auch der Entdecker
Deutschlands. In jenem Ästuar hat man ein Haff sehen wollen, doch
bleibt das dunkel.
Inzwischen sei aber auch diese lose Kunde schon wieder veraltet.
Denn die Römer selbst hatten ja seither ihre großen Germanenkriege
geführt, hatten ihre Flotten durch die Nordsee getrieben und auch
über jene Nebelküsten allerlei amtlichen Bericht eingezogen. Plinius
selber war eine Weile Reiteroberst im deutschen Okkupationsgebiet
gewesen. Und so sei heute ganz unanzweifelbar (~certum est~), daß
wenigstens der in Rom käufliche Bernstein wirklich aus jenem
nördlichen Ozean stamme. Anderer möge in Indien vorkommen (vielleicht
hier bloß eine Verwechslung mit unserm Kopal), der im Mittelmeerhandel
aber sei germanisch. Wozu wir heute chemisch bestätigen können, daß
selbst jene uralten Bernsteinperlen von Mykenä durch ihren hohen
Bernsteinsäuregehalt, der allen ähnlichen Stoffen fehlt, sich als
Nord-Bernstein ausweisen. Mit der Flut komme er noch immer ans
Ufer, leicht vom Wasser beweglich, wie er sei; tatsächlich hat der
Bernstein nahezu Schwimmgewicht. Wobei uns zum erstenmal jetzt von
dem sachkundigen Offizier auch ein einheimischer +germanischer+ Name
mitgeteilt wird: sie nannten ihn dort mit einem auch bei den römischen
Soldaten im Feldzug verbreiteten Worte „Glesum“ — worin wohl sicher die
älteste Wortwurzel unseres „Glas“ steckt. Zu jener Brennbarkeit also
jetzt auch die andere leicht ersichtliche Eigenschaft des durchsichtig
Glänzenden. Der wenig später schreibende Historiker Tacitus hat den
gleichen Ausdruck.
Mit diesem angespülten Meerglas aber gehe nun längst Handel nicht
bloß zu den Nachbarstämmen, sondern quer durch den ganzen Erdteil
bis zu uns, d. h. bis in die Kulturzentren des Mittelmeers. Über
Österreich trete er ins Reich und habe seine Stapelplätze schließlich
am Adriatischen Meer bei (neuzeitlich ausgedrückt) Triest und Venedig.
Dieser Weg weist, wieder recht belehrend, unverkennbar auf die Ostseite
der Germanenküsten. Im übrigen wissen wir ja aus den zahlreichen
binnenländischen Funden an Römergeld und Römerwaren (Metall- und
Glasgefäßen, Waffen, Gewandnadeln, Glasperlen) zur Genüge, +wie+
intensiv auch dieser Nordhandel zeitweise allgemein gewesen sein muß.
Vieh, Gänsefedern, Pelzwerk, auch stattliche Sklaven wurden neben
dem Bernstein eingetauscht. Wozu uns Plinius dann noch ein besonders
hübsches zeitgenössisches Episödchen gibt.
[Illustration: Landschaft an der ostpreußischen Bernsteinküste (bei
Warnicken im Samland)]
Unter Nero (also erst kürzlich) sei ein römischer Ritter eigens an die
Quelle selbst entsandt worden. Von Julianus, dem Oberregisseur der
kaiserlichen Fechterspiele. Bernstein, der damals frische Mode, am
Ort im großen einzukaufen. Der Mann lebe noch und könne berichten. Er
habe die ganzen nordischen Handelsplätze und Küsten abgewandert und so
viel Bernstein mitgebracht, daß am nächsten Festtag die ganzen Netze
zum Abhalten der wilden Tiere von den Staatslogen mit Bernsteinstücken
geknüpft und alles Gladiatorengerät selber daraus bestritten werden
konnte. Es muß schon ein hübsches Gefunkel von deutschem Meergold
gewesen sein. Der größte erworbene Klumpen habe dreizehn Pfund
gewogen, was nicht über unsere stärksten heutigen Museumsstücke geht.
Dabei erhalten wir den Reiseweg jetzt noch genauer. Über Carnuntum geht
er, das ist Petronell östlich von Wien, eine damals berühmte Station
der römischen Donauflotte. Der gute Cäsar Marcus Aurelius, der gleiche,
den die Chinesen feierten, hat hier später seine philosophischen
Selbstgespräche geschrieben. Wir denken uns nach der Karte, der Ritter,
der bis dahin noch sozusagen Kulturboden beschritten, sei von dort die
Marsch hinauf und die Weichsel hinunter gefahren. Mit dem Zauberwort
der Zeit: „Ich bin römischer Bürger“ wohl immer noch leidlich
geschützt. In der geraden Linie läßt ihn Plinius von der Donau noch
sechshundert römische Meilen gebrauchen — was wieder eine sehr wichtige
Angabe ist.
Zu der Heimatfrage dann aber die eigentlich naturgeschichtliche. Wenn
er schon nordisches Meeranschwemmsel sei, wie und als was der Bernstein
in dieses nordische Meer komme? Wenn wir solchen Strand begehen und
wir finden Seetang und Muscheln ausgespült, so wissen wir, daß das
eingeborenes Seegewächs und Seegetier ist. War also auch der Bernstein
irgendwie solches Erzeugnis der See selbst? Auch hier führt Plinius
zuerst wieder durch allerlei Abstrusitäten. Die Griechen, die er als
stockrömischer Oberst immer etwas auf dem Strich hat, lögen schon
reichlich.
Verhärteter Harn des Luchses sollte er sein, natürlich eine dumme
Verwechslung. Der alte Pytheas hätte wenigstens an eine Art wirklichen
verdichteten Meerschaums oder (die Stelle bleibt dunkel) etwas
Unreinliches gedacht, das sich ausscheide, wenn das Wasser sonst zu
klarem Eis gerinne. Woraus andere poetischer einen wahren Sonnenschaum
machten, entsprechend der hergebrachten Ableitung des Griechenwortes
Elektron von Elektor, dem Sonnenglanz. Aber die berühmte Phaetonsage
läßt schon die armen Schwestern des verunglückten Sonnenfahrers zu
Pappeln werden, die jetzt ihrerseits ihre Baumtränen als Bernstein ins
Wasser fallen lassen. Und so werden wir langsam zu dem übergelenkt, was
auch hier Herr Plinius für allein möglich hält.
Das alteingebürgerte Lateinwort für Bernstein, ~succinum~, das ist: der
Saftstein, gebe die klare Spur. Er sei nämlich wirklich nichts anderes
als ein geronnener Pflanzensaft, ein ehemals flüssiges +Baumharz+.
Wie der Gummi aus unsern Kirschbäumen; wie das Harz unserer Pinien;
so sei auch er von pinienhaften Nadelholzbäumen abgetropft und
dann erst erhärtet. Zwiefach der Beweis. Einmal, weil er gerieben
Piniengeruch verbreite und wie Kien abbrenne. Dann aber wegen gewisser
+Einschlüsse+, die in seiner durchsichtigen Masse öfter noch deutlich
zu erkennen seien. Ameisen, Mücken, allerlei Getier, das notwendig nur
in dem noch träufelweichen Stoff hätte einkleben können, um dann durch
den erstarrten verewigt zu werden. Trotz des Scheltens auf die Griechen
ein Schluß, den schon lange vorher auch sein großer Kollege Aristoteles
gemacht hatte und den sein großer Nachfolger Tacitus nicht minder
machen sollte. Es schien schwer, noch etwas dagegen zu sagen.
Und so blieb als letzte Frage nur noch, wie solches Baumharz in
derartig großen Mengen grade in das nordische Meer gelangen könne.
Hier aber gipfelt jetzt Plinius in einem gewaltigen Bilde, das sich
sofort unvergeßlich einprägt, obwohl er selbst es nur grade andeutet.
Eigentlich ausgeführt hat es erst Tacitus.
Wenn dieses Bernsteinharz seit Menschengedenken an den Germanenküsten
antreibt, ohne ein Ende zu nehmen. Und wenn es selber ein solches
natürliches Baumerzeugnis ist mit Land- und nicht Wassertieren darin.
So muß wohl jenseits dieser Küsten weit draußen überm Meer +ein
ungeheurer Wald+ stehen, von dem fort und fort solcher Harzsegen in die
Welle träufelt, die ihn verhärtet zu den entgegengesetzten Gestaden
führt.
Es scheint, daß auch Plinius, obgleich er sich etwas unklar ausdrückt
und man mit andern Stellen seines Werkes vergleichen muß, dabei an
riesige Inseln als eigentliche Heimat dachte, auf die man stoßen würde,
wenn man das Nordmeer selber kühn überquerte. Als Skandinavia wird eine
bezeichnet. Sie zöge sich ganz ins Unbekannte, gleichsam einen andern
Erdkreis hinein.
Es mußte aber auch schon ein Wald von wirklich märchenhaften
Verhältnissen sein — wenn er die ganze anbrandende See so weithin seit
den Tagen Homers mit seinen goldenen Harztränen erfüllen konnte, in
denen seine Insekten wie in gläsernen Schiffchen fuhren. Für Plinius
mochten dabei eigene germanische Walderinnerungen auftauchen: von
losgerissenen Eichbäumen, die eine ganze römische Flotte bedroht
hatten; oder Wurzelknäueln, unter denen ein Reiterfähnlein durchziehen
konnte. Warum nicht entsprechend riesige Harzkiefern? Tacitus läßt
die Balsam- und Weihrauchwälder des Orients sich da oben noch einmal
wiederholen. Eine ältere Quelle, die Plinius anzieht, spricht von
Zedernwald wie bei den Wundern des Libanon. Vielleicht war es auch ein
richtiger Zauberwald, wo nach den Sagen der Zeit noch die Hippopoden,
die Menschen mit Pferdefüßen, umgingen oder die Langohren, die den
ganzen nackten Leib in ihre Ohren wickeln konnten.
Auch dem stolzen Römer schloß sich im übrigen dort das geographische
Weltbild. Der Nebel dämmerte als letzter Schleier herab, den man sich
so gern über allem Nordischen dachte.
Und in ihm blieb auch der ungeheure Bernsteinwald zunächst undeutlich,
schemenhaft stehen. Wir hatten nur gleichsam den Indizienbeweis in ein
paar glänzenden Halskettchen — damit mußten wir uns begnügen. Und die
Antike hat sich dabei begnügt. Wie der Endprospekt des ersten Aktes
aller Bernsteinweisheit ragt dieser unerforschte Wald an den Grenzen
der Welt — Wahrheit und Dichtung.
Der Handel zu den Mittelmeerländern dauerte noch seine Zeit bis gegen
die Völkerwanderung aus. Von Theoderich dem Großen, mit dem die Goten
des Pytheas Rom selbst erobert hatten, hören wir noch, daß Abgesandte
von den Grenzen des Ozeans ihm gelben Bernstein brachten. Hier wird
auch der Wald auf den Inseln dieses Ozeans noch einmal erwähnt. Dann
versinkt auch die Kunde vom Nebelwald in den Nebeln der wilden Zeiten
selbst.
Wir überspringen einen Zeitraum von rund tausend Jahren.
Das Bild der Kulturmenschheit hat sich dank ungeheurer Arbeit vor allem
der wieder seßhaften mitteleuropäischen Völker erneut gefestigt.
Ein großer Teil des Lichtfeldes dieser Kultur ist grade umgekehrt nach
dem altgermanischen Norden hinaufgewandert und beleuchtet jetzt auch
eindringlich die Meeresküste dort.
Indem der Vorhang sich über dem zweiten Akt der Geschichte des
Bernsteins hebt, sehen wir ihn nicht mehr als ein halb sagenhaftes
Gebild in den Straßen Roms, sondern in seiner wahren Heimat selbst, die
sich eben anschickt, ein starkes Stück solcher allgemeinen Geschichte
zu werden.
Sechshundert römische Meilen sollten nach Plinius von der Donau bei
Wien bis zu dieser Heimat sein. Die Rechnung ergibt in der Luftlinie
fast genau das heutige +Samland+ in Ostpreußen.
Das germanische Meer der Antike hat sich jetzt reinlich geschieden in
eine Nord- und Ostsee. Gegen die Ostsee grenzt in gewaltigem Bogen
Preußen. Enger durchspannen diesen Bogen noch einmal wie schmale Sehnen
die Nehrungen der beiden Haffe, zwischen sie aber schiebt sich als
vorspringender Block dieses Samland mit zwei Steilkanten zur See.
Rechnet man sein längliches Rechteck bis zur Deime, die im Sinne der
Geographen heute als eine sog. Bifurkation (Anschlußgabelung) den
Pregel mit dem Kurischen Haff verbindet, so könnte man es fast als
eine Insel bezeichnen, die nur gerade noch von den Nehrungen wie mit
schwachen Armen unvollkommen gehalten wird.
[Illustration: ~Übersichtskärtchen des Samlandes~ 1 : 600000.
Verbreitung der bernsteinführenden „Blauen Erde“ im heutigen Samland.
(Nach A. Jentzsch aus Tornquist.)]
Anmutige Wald- und Geländelandschaft, ein Moränenhügelzug im Innern,
dazu überall der Blick über die Kante auf das blaue Meer lassen
den Vergleich mit Rügen sehr wohl aufkommen, obgleich die Ränder
nicht wie dort aus der Kreide selbst als dem alten Untergrunde weiß
herausgeschnitzt sind, sondern geologisch jüngere, aber auch noch
hochinteressante Schichten in bunter Folge erschließen.
Die leicht gerundete äußerste Spitze bezeichnet auch hier ein
Leuchtturm, unter dem eine Klippe ins Meer hinein die allmähliche
Zerstörung auch dieser letzten tapferen Wehr durch das nimmersatte
Spiel der anbrandenden Welle im Werk zeigt. Furchtbar hat grade in
den neueren Jahren diese Vernichtungsarbeit wieder das ganze schöne
Ufer bedroht. Höchst verdienstlich sucht jetzt eine „Vereinigung
Samländischer Küstenschutz“ dagegen anzukämpfen und zu retten, was
noch zu retten ist — eine der allerdringlichsten Aufgaben allgemeiner
deutscher Heimat- und Naturhege.
Auf die Randzone dieses Samlandes aber hat sich, als der Vorhang neu
aufgeht, jetzt die Gewißheit der „+Bernsteinküste+“ konzentriert.
Wohl treibt Bernstein auch sonst an deutschen Meeresrändern an. Aber
nur hier erfolgt das so reichlich und regelmäßig, bildet er einen so
unausgesetzten Erntesegen, daß die Strandbewohner ihn zu einem „Beruf“
machen konnten.
Tausend und einige Jahre nach Plinius und Tacitus finden wir ihn an Ort
und Stelle jetzt nicht als Succinum oder Elektron bezeichnet, auch das
heimische Wort, das an Glas anklang, hat sich wieder von ihm verloren,
sondern er heißt wirklich Bernstein — doch in Wort und Schrift von
damals, um 1200 und 1300 n. Chr., noch mit der altdeutschen, zugleich
den Ursprung des Ausdrucks gleichsam als eine Handlung andeutenden
Lautverschiebung als „+Börnstein+“. Denn „börnen“ ist in der älteren
Sprache brennen — also der brennende oder brennbare Stein. Ganz leise
glaubt man dabei noch einmal die Stimme des Pytheas zu vernehmen.
Im übrigen aber wird er gewonnen, wie es wohl schon jener wagemutige
Ritter des Nero sah und wie es heute noch immer gleichsam in verewigter
Urform zu sehen ist, wenn auch beschränkt durch noch zu erzählende
Dinge.
Der leicht im bewegten Wasser schwebende Stein kommt heran, und das
arme Fischervolk aus seinen Katen am Strande sammelt ihn. Ebbe und
Flut, die der Ostsee fast ganz fehlen, spielen keine Rolle dabei.
Wohl aber immer einmal wieder ein tüchtiger Nordweststurm, der die
Meerestiefe mit ihrem Seetang aufgewühlt hat, und nachträglich
abflauender Wind, der sog. „Bernsteinwind“, der auf breiter Dünung
dieses Seegewächs (das „Bernsteinkraut“) in Masse zur Küste führt.
Denn mit dem Tang kommt auch der „Seestein“. Noch heute sieht man dann
die abgehärteten Seebären weit in die Wasser selbst hinausschreiten,
den schwimmenden und immer wieder abgeschwemmten Wiesen entgegen. Mit
besonderen langgestielten Netzbeuteln (Keschern) fischen („schöpfen“)
sie das salzige Kraut, greifen die größeren treibenden Steine gleich
selber aus der sandgetrübten Welle auf, um den Rest der Tangfracht
den Frauen und Kindern am Strande zuzuwerfen, die auf Kleinbeute
weiterlesen. Oder es wird auch (ein heute mehr verlassener Brauch) bei
ruhiger See der Geröllgrund künstlich angestochen und der verborgene
Stein vorübergehend zum Auftrieb gebracht. Und im Strandsande
selber wird natürlich ebenso aufgelesen, was jüngst oder früher die
unbeachtete Woge hinterlassen.
So ist es heute, so wird es damals gewesen sein. Bei allem
gedeckten Tisch der Natur doch ein mühseliges Werk, dem Glück der
Stunde ausgeliefert, dessen Laune immerhin auch heute noch einen
Petri-Fischzug gelegentlich ermöglichen kann; so bei Palmnicken 1862
in einer einzigen Glücksnacht 2000 ~kg~; nach der großen Sturmflut vom
Januar 1914 in Rauschen wenigstens 868 ~kg~.
[Illustration: Gewinnung des Seebernsteins durch „Schöpfen“ an der
samländischen Küste]
An diesen einfachen Grundbetrieb aber sollen sich jetzt über mehrere
Jahrhunderte fort die merkwürdigsten äußern Schicksale knüpfen.
Was das kleine samländische Fischervölklein seinem Meer abgewann, das
mußte auch damals erst im weiten Kulturkreise richtig gewertet werden.
Auch dazu brauchte es aber nicht mehr so weit wie einst nach Mykenä
oder Rom, denn auch die feine Kunsttechnik war näher gekommen.
In Brügge und Lübeck gestalten sich seit 1300 besondere
Bernsteindreherzünfte, die den herüberverkauften Stoff erneut
handwerksmäßig verarbeiten. Der Glaube hat gewechselt. So baut man
jetzt mit den Bernsteinperlen vor allem Rosenkränze. Paternoster, wie
die Zeit vielfach sagte. Paternostermacher nannten sich jene Zünfte
selbst danach.
Aber je mehr das Bedürfnis wieder wächst, desto begehrlicher richtet
sich auch das Auge erstarkender politischer Mächte der Nähe auf
die Samlandküste selbst. Der Deutsche Ritterorden ist dort ins
Land gekommen. Man kennt seine große geschichtliche Mission. Der
zwecklosen morgenländischen Kreuzzüge satt, trägt er einen engeren
Kulturkreuzzug hier in die preußischen Grenzlande. Nirgendwo ist das
schöner geschildert als in Gustav Freytags „Ahnen“. Aber die ersten
Hochmeister des Ordens sind nicht nur glaubensstarke Leute, sondern
auch (vielleicht wurzelte eben hier ihre weltgeschichtliche Kraft)
sehr praktisch weltliche. Die Landesmacht in der eisernen Hand,
erkennen sie alsbald, was die Zwerglein da unter ihren Samlandsklippen
für heimliches Gold münzen. Was vielleicht seit Pytheas ungestörtes
Privateigentum der Finder gewesen (genau wissen wir’s ja auch
nicht), wird also unter ein strammes Regal (Hoheitsrecht) des Ordens
gestellt. Den Strandleuten auferlegt, gegen einen kargsten Eigenlohn
größtmögliche Mengen an den Orden abzuliefern, der jetzt alsbald
selber einen mächtigen Zwischenhandel mit jenen aufblühenden Zünften
ins Werk setzt. Tonne um Tonne geht wohlverpackt und sortiert seinem
Ordensmarschall in Königsberg zu und als +sein+ Gold hinaus. Die Armen,
denen jeder Versuch eigenen Nebenbetriebs fortan aufs härteste als
„Schmuggel“ geahndet wird, jammern, aber auf Jahrhunderte rächt sich
auch an ihnen etwas von Alberichs Goldfluch — ob das Gold nun aus der
Erdentiefe kommen mochte oder aus der wilden See. Noch in späten,
wieder besseren Zeiten erzählte man sich bei ihnen von den gereihten
Galgen am Strand. Und die Sage läßt bis heute den bösen Strandvogt in
der Sturmnacht dort umgehen mit dem Ruf: „O um Gott, Bernstein frei!“
Aber so leicht, wie sich die immer übermütigeren Ritter den eigenen
Handel gedacht, geht es doch auch nicht. Die Reformation kommt, und so
bedeutsam sie geistig für den Orden wird, stört sie doch wirtschaftlich
den Absatz der Rosenkränze. Es hilft nichts, daß man den eigentlichen
Produzenten schließlich an Stelle von Geld nur noch ein bißchen Salz
zahlt, auf dem die Regierung ebenso das Monopol hat. Lange Zeit hat man
des Schmuggels wegen mit allen Mitteln einer den Rohstoff abnehmenden
Zunft im engeren Lande selbst widerstanden. Jetzt hat sich doch eine
unter polnischem Schutz in Danzig durchgesetzt, und schließlich bleibt
dem Orden nichts übrig, als auch den von ihm geübten Zwischenvertrieb
noch einmal gleichsam dritter Hand an die Danziger in Gestalt einer
großen Handelsfamilie Koehn von Jaski dort zu verpachten, dergestalt,
daß diese Firma so gut wie das ganze Verkaufsrecht übernimmt, den eben
zum weltlichen preußischen Herzog gewordenen Hochmeister vom Risiko
des Handels selbst gegen bestimmte bare Sicherheit und jährliche
Garantiezahlung entlastend.
Hundert Jahre rund führen die Jaskis jetzt das tatsächliche Monopol
in der großen Handelswelt draußen, die sie für den Bernstein kühn
wieder bis in den fernen Orient erweitern. Aber als durch das
peruanische Silber im späteren 16. Jahrhundert der Geldmarkt etwas
wie eine Inflation erlebt, wird die Sache mit der reinen Geldpacht
erneut kritisch. Mit aller Macht sucht die preußische Regierung, die
inzwischen langsam nach Brandenburg hinübergleitet, wieder von den
Danzigern loszukommen, was endlich der Große Kurfürst mit baren 40000
Reichstalern Abfindung erreicht — womit also auch der Freiverkauf jetzt
wieder in seiner Hand ist.
Folgen wieder anderthalb Jahrhunderte durchweg unmittelbarer
Staatsregie. Den armen Schluckern am Strande selber immer noch zu
reichlichem Leid. Ein besonderes „Bernsteingericht“ wird eingesetzt
gegen den Schmuggel, jeder Fischer muß alle drei Jahre den „Strandeid“
schwören, daß er selbst seine nächsten Angehörigen rücksichtslos zur
Anzeige bringen werde, die Folge der Strafen geht immer noch bis zum
Tod. Man kennt die furchtbare Justiz auch der besten Staaten von
damals. Sogar die Pfarrer der angrenzenden Kirchspiele müssen sich auf
jenen Eid verpflichten.
Aber der Goldfluch wirkt weiter nach beiden Seiten. Je armseliger das
Volk bezahlt wird, desto mehr wächst trotz allem der Schmuggel, was
zugleich wieder die kleinen Seelen selbst verdirbt. Der Fiskus, der
einen ungeheuren Kontrollapparat an Beamten nähren soll, muß sich im
Eigenabsatz an die Bernsteindrehergewerke des Landes die schlechtesten
Preise gefallen lassen, die zuletzt den ganzen Aufwand nicht mehr
tragen. Politische Schwierigkeiten mit Kriegsbesetzung kommen hinzu. So
gehen die Dinge schief und schiefer durch das ganze 18. Jahrhundert.
Es ist der höchste Glanzanstieg des preußischen Staates, der im ganzen
doch auch ein Wunder von Wirtschaftsordnung ist — und schließt doch
mit dem einstweiligen fast vollkommenen Bankerott des staatlichen
Bernsteinmonopols.
Wir wenden abermals das Blatt und betrachten den parallelen
wissenschaftlichen Verlauf in dieser Zeit.
In jenem strengen fiskalischen Bernsteingesetz war selbst harmlosen
Gelehrten das Betreten des Samlandstrandes nur gegen besonderen Dispens
gestattet. Gleichwohl ließ sich die Gelehrtenwelt auch jetzt nicht
nehmen, über den Bernstein nachzudenken.
Die antike Welt hatte mit dem großen nordischen Walde abgeschlossen,
von dem das geheimnisvolle Goldharz ins Meer floß. Noch immer stand
auch jetzt diese Antike in höchstem Ansehen. Der Professor schrieb mit
Liebe Latein, seine tiefere Bildung zu erweisen, redete von Succinum
und Elektron und übersetzte wohl gar das bravdeutsche „Börnstein“ in
~lapis ardens~ zurück, um es „wissenschaftlicher“ zu machen. War es
doch eben die Zeit, die sich für ihre erste dämmernde Erkenntnis von
der „Elektrizität“ auch in der Physik des Wortes Elektron noch einmal
bemächtigte, wenn auch der weitere Ausbau dort mit dem Bernstein selber
kaum noch etwas zu tun gehabt hat.
Seltsam aber: wo blieb geographisch der Bernsteinwald?
Dieser Frage konnte sich auf die Dauer kein Kenner der klassischen
Quellen entziehen.
Der Nebel hatte sich verloren. Wo blauten nun wirklich jene „Inseln“,
die Plinius und Tacitus im Geiste geschaut, mit ihren himmelragenden
Pinien oder Zedern?
Drüben, jenseits der deutschen Bernsteinküste überm Meer, lag jetzt
Schweden, keine Insel. Es glänzte ebenfalls bereits im vollen Licht der
Geschichte. In unsere Jahrhunderte fallen die großen Schwedeneinbrüche
nach Deutschland, fallen Lützen und Fehrbellin. Gustav Adolf und seine
Nachfolger waren so wenig Sagenfiguren wie der Große Kurfürst selbst.
Was aber von Königen galt, traf schließlich auch auf Bäume zu.
Hier aber wieder das Unanzweifelbare.
Wenn etwas nicht zu diesem Urbilde eines verwunschenen Riesenwaldes
paßte, so war es die wirkliche schöne südschwedische Landschaft. Nun
man das Land sah, war es ein Unsinn, von hier die ganze Ostsee mit
Harz versetzen zu wollen. Man hätte es ebenso den paar Randkiefern
der Samlandküste selbst zuschreiben können. Ebensowenig. Ein ferner
italienischer Botaniker der Spätreformation, der noch besser im
Aristoteles Bescheid wußte als in seiner Zeit, konnte es noch einen
Moment vielleicht glauben. Aber der witzige Jesuit Athanasius Kircher
spottete schon: wenn der Bernstein da drüben auf den Bäumen wachse,
warum man ihn dann nicht abernte und damit den ganzen preußischen
Handel, der den Kurfürsten eben so schweres Geld gekostet, tot schlüge.
Er wuchs aber nicht. Es war, als habe der ganze klassische Zauberwald
sich mit aufgelöst in den abziehenden geographischen Schwaden.
Sei sozusagen in der See versunken zwischen den beiden jetzt so
wohlbekannten Ufern wie das legendäre Vineta des Jahres Eintausend, von
dem nur noch die Glocken bisweilen aus der Tiefe heraufklangen.
Aber war die wahre Tiefe diesmal nicht bloß ein gelehrter +Irrtum+?
Aus dieser Stimmung sehen wir damals, zwischen dem 15. und 18.
Jahrhundert, Meinungen aufwachsen, die mit der ganzen klassischen
Harztheorie wieder aufräumen zu müssen glaubten. Ich lasse auch hier
das allzu Phantastische fort und greife in ein Hauptbild zusammen.
Vom 16. Jahrhundert ab (bis auf Paracelsus und Agricola zurück) blüht
die +Petroleumtheorie+.
Der Bernstein sollte doch ein rein mineralisches Erzeugnis sein. Ein
einfaches sog. Bitumen der Gruppe Erdöl, Asphalt, Erdwachs.
Solche Stoffe bildeten sich in den Tiefen der Erde und brächen
gelegentlich vor. Das Petroleum selber sei im Grunde nichts als ein
verflüssigter Bernstein und der Stein ein verstocktes, irgendwie wieder
festgewordenes Petroleum. Die Bläschen, die ihn vielfach trübten, seien
noch richtige Steinöltröpfchen. In der schon erstarrten Form könne ihn
das Meer aus stark veröltem Gestein auswaschen, aber es könnten auch
Ölquellen selbst sich unmittelbar im Meeresboden auftun. Denken wir uns
solchen Petroleumquell am Grunde der Ostsee nicht fern vom Samland.
Er speit seit Jahrtausenden ölige Flüssigkeit, die als solche auf der
Oberfläche schwimmt und sich allmählich festigt gleich den berühmten
Asphaltbrocken des Toten Meers, wo die Legende Sodom und Gomorra
untergehen ließ. Völlig verhärtete Tropfen verfangen sich im Tang und
treiben mit ihm zum Strande. Wer wollte, mochte sich an den geronnenen
Meerschaum des alten Pytheas erinnern.
Eine gewisse Schwierigkeit der Theorie blieb ja diesmal in den
tierischen Einschlüssen. Man hätte sie im Sinne der Zeit bloß für
äffende Naturspiele erklären können — wie man das damals gern mit
Muschel- oder Blattabdrücken im Gestein machte —, schließlich
konnten sich aber auch echte Mücken und Spinnen in die noch offen
aufschwimmende oder am Ufer stagnierende Ölhaut eingeklebt haben
— etwa Landtiere, die der Wind aufs Wasser getrieben. So eine
Lieblingsidee jenes Jesuiten Kircher. Wenn man aber fragte, warum dabei
nicht doch öfter auch Meeresgeschöpfe selbst sich verewigt hätten,
z. B. fürwitzige kleine Fische, so half hier eine Schwindelindustrie,
die bis heute blüht, nach. Sie praktizierte nämlich solche Fischchen
künstlich zwischen zwei zerschnittene und wieder verklebte
Bernsteinteile, um den Gelehrten hübsche Objekte zu schaffen. In
solcher Form glaubte man lange auch Bernsteinfische in allen Sammlungen
zu haben, während in Wahrheit noch nie ein echter Fisch im Bernstein
gefunden worden ist.
Jedenfalls ist die Theorie aber bestechend geblieben für eine ganze
Reihe Forschergenerationen, und wir finden sie noch 1784 vertreten
durch den damals schon hochbetagten Buffon, der doch bereits an
jenen Fischeinschlüssen zweifelte. Grade dieser geniale Mann sollte
ihr aber eine besondere Ausdeutung geben, die wieder für sich ein
Fortschrittsmoment enthielt.
Buffon hielt nämlich alle jene petrolischen und asphaltischen
Erdfette selber für lebendigen, organischen Ursprungs, indem sie der
Verwesung und chemischen Umbildung örtlich angesammelter tierischer
und pflanzlicher Fettreste verdankt würden. Noch heute bildete sich
nach ihm eine solche Fettschicht beständig neu am Boden der Meere, sie
sollte aber vielfach auch schon in vergangenen geologischen Perioden
zustande gekommen sein und dann nachträglich in den Erdölquellen der
Tiefe sich auswirken. Im Prinzip eine Deutung, die schon sehr nahe an
unsere heute allgemein gültige bei Engler und Pontonié herankommt. Man
staunt auch hier, wie weit der große Mann in seinen Ideen war.
Wenn es sich aber so verhielt, ergab sich auch für den Bernstein eine
sehr wichtige neue Beziehung. Nicht nur wurde er indirekt doch auch
so wieder ein organisches Produkt, sondern er konnte auch selber aus
ferner Vergangenheit stammen, konnte ein schon geologisches Zeugnis der
+Urwelt+ sein.
Wieder Buffon hatte aber in seiner Zeit schon ein recht reiches Bild
von solcher Urwelt. Er beschrieb die Farnwälder der Steinkohlenzeit,
dachte an alten Wechsel der Länder und Gewässer, an vergehende und neu
entstehende Tier- und Pflanzenarten. Es war eine große Stunde bei ihm
des Erwachens auch dieser Dinge im Menschengeist. Und in das alles
konnte der Bernstein jetzt mit eingehen — irgendwie.
Bis aufs äußerste folgerichtige Gedanken haben aber immer eine Neigung,
in ihrer letzten Konsequenz wieder aus sich selbst herauszuführen.
Wie, wenn man nun auch hier den letzten Schluß wieder zurückbog?
Wenn der Bernstein schon ein geronnenes Urweltsfett sein sollte — warum
nicht am Ende dann doch auch ein +Urweltsharz+ ...?
Es war nur ein paar Jahre früher (1767), daß zu Königsberg selbst, also
ganz an der Quelle, ein kleines, aber äußerst inhaltsreiches Büchlein
erschien: „Versuch einer kurzen Naturgeschichte des preußischen
Bernsteins“ von Friedrich Samuel Bock. Bock, nicht umsonst an der
Quelle sitzend, war ein für damals ganz ungewöhnlich guter Kenner
der samländischen Spezialverhältnisse, der zum Teil schon Dinge dort
vorwegnahm, die hundert Jahre später erst wirklicher wissenschaftlicher
Besitz werden sollten. Für die allgemeine Natur des Bernsteins aber
vertrat er doch wieder die Harztheorie und fühlte sich darin einig auch
mit mehreren andern zeitgenössischen deutschen und russischen Gelehrten
von Ruf.
Die Geschichte mit dem Petroleumspucken der Ostsee sei doch eigentlich
rasend unwahrscheinlich. Niemals seien die schwimmenden Ölhäute
gefunden worden, und was man von angetriebenem, noch teerartig weichem
Bernstein und gar ganzen Ölgängen in den samländischen Uferbergen
erzählt habe, sei für jeden Fachmann an Ort und Stelle einfach
lächerlich. Jede nicht voreingenommene Analyse komme immer wieder
auf ein Baumharz, wozu doch auch nur allein die überwältigende Fülle
typischer Waldinsekten stimme. Wenn aber nun heute wirklich weder
im Samlande selbst, noch etwa im schwedischen Schonen drüben Wälder
ständen, die solche Harzmassen erzeugen könnten, so stände doch
eigentlich nichts im Wege, sich +für früher+ solche zu denken. Land und
Wasser hätten sich doch in historischer Zeit noch vielfach verändert
(Bocks Darstellung ist hier sehr reizvoll), geschweige denn, was in
legendäre Sintfluttage ginge. Warum sollten also nicht auch hier in der
Ostsee einmal wirklich Landteile, Inseln +gewesen+ sein mit richtigem
Harzwald? Die dann ernstlich und in Wirklichkeit untergegangen wären,
wie Vineta, bloß noch älter, wohl größtenteils bereits in grauen
Atlantistagen? Wobei die tausendjährigen Baumriesen mit all ihrem
Harz und verharzten Wurzelboden mit in den heutigen Seegrund gekommen
wären, wo die Flut nun gelegentlich das Harz aufwühlte, wie anderswo
alte Scherben und Holz von der See verschlungener Dörfer? Daß gerade
das Samland soviel bei jedem Sturm abbekomme, liege aber wohl daran,
daß hier noch ganze Berge, mit aufeinandergebackenen Bernsteinklumpen
bedeckt, in geringer Tiefe anständen.
Es gab schon ein hübsches neues Bild, was der geistvolle Königsberger
anregte. Ein wahrer Vinetawald, vielleicht noch mit gespenstischen
Stümpfen und entblätterten Zweigen leibhaftig da unten aufragend —
zu einer Art Korallenhain versteint in der stummen Welt der Tange
und der Fische. Und von dem nur der Sturm ab und zu noch Goldfrüchte
einer nordischen Atlantis pflückte und den Menschen zuwarf. Vielleicht
stammten die alten Stämme, die ab und zu mit dem Bernstein antrieben,
auch noch daher.
Schriften, wie diese und einige ähnliche (Lomonossoff, Struve u. a.)
haben damals innerhalb und kurz nach Ausgang des 18. Jahrhunderts doch
mit erneut bestimmender Macht die Harztheorie als solche restituiert,
was dann dauern sollte. Von dem wundersamen Petroleumloch in unserer
braven Ostsee ist in der Folge nicht mehr die Rede gewesen.
Wie aber, wenn man nun Buffon und Bock doch noch ein Stück weit
wenigstens vereinigte? Annahm, daß der Bernstein ein +fossiles+
(urweltliches) Harz sei? Dann konnte man den Bockschen Untergangswald
noch beliebig weit über Pytheas und Atlantis zurückverlegen. Bis
in eine der grade jetzt wieder neu auftauchenden Urweltfernen.
Vielleicht war er noch ein Stück Steinkohlenwald selber gewesen.
Oder aus der Zeit, wo die großen Saurier gewütet hatten, lange
vor aller Sintflutsmythe. Aus irgendeiner solchen Epoche lag eine
geologische Schicht wohl auch noch da unten im Ostseegrunde, von der
die nagende Flut ebenso das versteinerte geologische Bernsteinharz
loswusch, wie heute hier oben ein verstärkter Hochwasserstrudel im
Gebirg gelegentlich ein urweltliches Tiergerippe aufstöbert, dessen
Riesenknochen wir dann ins Museum bringen, einen Mammutstoßzahn oder
Ichthyosauruskopf.
Erste ganz verzückte Seher vor dieser neuen blendenden Fernsicht malten
sich märchenhafte Palmenwälder aus, die in Tropenhitze auf dieser
Ostsee-Uratlantis noch geragt hätten, die Mücklein im Goldfluß mußten
selber heute gänzlich wieder entschwundenen Vorweltsarten angehört
haben. Wozu dann doch Besonnenere mahnten, das Harz müsse wohl auch
so Kiefern- oder Fichtenharz bleiben, wenn schon zugestanden jetzt
von urweltlichen Fichten. Soviel ich sehe, hat Wrede im Königsberger
Archiv für Naturgeschichte 1811 zum erstenmal diesen Gedanken klar
ausgesprochen.
Kein Zweifel, wenn das stimmte, daß sich hier die wirklich größte
Wende der ganzen Bernsteinwissenschaft seit Plinius ankündigte.
Der alte Wunderwald, in der Tiefe mystisch verflüchtigt, zu einer
Petroleumquelle degradiert, begann neu aufzusteigen, doch gleichsam
in eine andere Dimension projiziert, in die Zeit — in eine blaue
Urweltsvergangenheit.
Wobei nur eines zunächst wieder mißlich schien.
[Illustration: Gewinnung des Landbernsteins aus der Blauen Erde durch
Tiefbau. Hauer lösen die Schicht mit der Keilhaue, der Fördermann gibt
das Gut in den Förderwagen]
Die geologische Schicht, aus der unser Bernstein stammen sollte, lag
als solche heute in der tiefen See. Unnahbar unserem Grabscheit,
wie wir es sonst an solche Schichten setzten. Und nur eben der
Bernstein selbst kam durch seine zufällige Gabe des leichten Auftriebs
gelegentlich noch davon hoch.
Es war nicht einmal erweisbar, daß die Holzteile, die mit ihm
antrieben, wirklich noch zu +seinem+ Walde gehört hatten, es konnte
sich dabei auch um allerlei Material aus viel jüngerer Zeit handeln,
das da unten ebenfalls herumsteckte.
Würde es aber jemals möglich sein, aus diesem Bernstein allein noch
das Alter und die geologische Zugehörigkeit jener Schicht selbst zu
bestimmen — aus der Klaue den Löwen?
Das schien doch recht unwahrscheinlich!
Es zeigte sich aber, wie sich die Dinge immer wieder in die Hände
arbeiten. Gerade hier sollte ein +technischer Fortschritt+ nochmals aus
der Bernsteingewinnung selbst bedeutsam werden, dem man im Samland ganz
in der Stille immer näher gekommen, der aber jetzt auch ins Licht der
neuen Geologie trat.
Im genau gleichen Jahre 1811, da Wrede den „urweltlichen Bernstein“
proklamierte, war jene preußische Regienot auf den Gipfel gediehen. Das
staatliche Monopol, einst mit so ungeheurem Opfer zurückgekauft, hatte
endgültig abgewirtschaftet.
In der Napoleonischen Zeit, die alle Finanzkräfte aufs äußerste
anforderte, wird das offenbar, und man muß erneut an einen Ausweg
denken, der auch nur noch etwas Gewinn rettet — wobei sich zwei
neuzeitliche Wege ergeben.
Entweder Wiederverpachtung an ein kaufmännisches Konsortium, dem
aber auch die Strandleute diesmal in einem freien Arbeitsverhältnis
unterstellt werden. Oder — eine wirklich neue Idee — Vergebung
der Pacht an die Strandleute selbst, die sich durch eine gewisse
regelmäßige eigene Abgabe gewissermaßen von dem ganzen Regal loskaufen.
Beide Gedanken wurden zweifellos begünstigt durch humane Tendenzen der
Zeit, uraltes Unrecht irgendwie nachträglich noch wieder gut zu machen.
Man freut sich, wenn man in Tesdorpfs vortrefflicher Urkundensammlung
die Gutachten damaliger preußischer Beamten zu der Sache liest.
Wenn der Fiskus 1811 zunächst nur den ersten Weg einschlägt, so gibt
auch der den armen Fischern schon wesentliche Erleichterung. Fallen
doch dabei bereits der böse Strandeid und der staatliche Sammelzwang.
Die Pacht selbst gleitet allerdings rasch wieder in +eine+ Hand wie
einst bei den Jaskis — diesmal eine Firma Douglas.
Zweieinhalb Jahrzehnte später setzt sich aber auch noch die zweite
Absicht durch: unter ungeheurem Jubel der Fischerdörfer verleiht der
König ihnen das Recht der Einzelpacht an ihrem Strande. Und damit
scheint (seit 1837) jetzt ein wahrer Idealzustand erreicht. Die
Leutchen werden selber wohlhabend, der Schmuggel hört (als überflüssige
Selbstbeschummelung) auf, und der Staat bezieht immerhin einen
erträglichen Zins. Während zugleich an dem nunmehr freien Strande auch
der so willkommene Badeverkehr aufblühen kann.
Wenn die Sache nicht auf die Dauer immer noch einen Haken gehabt hätte.
Ich habe bisher wieder äußerlich erzählt, ganz in der Stille hatte sich
aber im Bernsteinerwerb selber auch innerlich etwas geändert. Zu großer
Gunst, aber auch Ungunst, wie man’s nahm.
Eigentlich war es eine Sache, die ebenfalls bereits seit Jahrhunderten
herankam, aber jetzt immer wichtiger, ja fast entscheidend werden
sollte.
Schon in dem alten Pliniusbericht klingen Stimmen an: man könne
Bernstein gelegentlich +auch aus der Erde graben+.
Das wird dort auf verschiedene Orte bezogen und mag zum Teil
Verwechslung sein.
Aber kaum, daß die wahre samländische Bernsteinküste geschichtlich hell
wird, als auch dieser sonderbare Gedanke sich auf sie zu vereinigen
beginnt.
Gleich zu Anfang verhandelt ein schlauer heimischer Bischof bereits
mit den Ordensleuten über das gelegentliche Recht auch an solchem
gegrabenen „Börnstein“. Und der nackte Tatbestand wird dann am Ort
immer wieder behauptet.
Zwar das Meer gebe regelmäßig Bernstein, aber er liege gleichsam pack-
oder nesterweise auch in den Sandmauern der Steilufer selbst. Wo man
dann gelegentlich planlos herumsucht und sich auch solcher Beute
freut. Den alten Strandwächtern der schlimmen Zeit wird sogar schon
aufgegeben, in Mußestunden auch auf so etwas zu achten.
Als in den letzten Jahren des Alten Fritz der Seebetrieb gar so
schlecht geht, kommt auch schon einmal ein umsichtiger Minister im
Bunde mit ein paar guten Bergfachleuten auf die Idee eines richtigen
Bernsteinschachts. Er geht einige achtzig Fuß von der hohen Uferkante
entfernt senkrecht in die Tiefe, sucht sich von der Schachtsohle mit
Horizontalstrecken in die Sande hinein und durchschlägt mit einem Luft-
und Förderschacht bei 30 Fuß Höhe sogar den Abhang zur See selbst.
Eine Weile findet man auch eine ganze Menge Stein da drinnen, dann
gibt man’s aber doch mit dem neuen Jahrhundert zunächst wieder als
unlukrativ und zu umständlich auf; wie wir sehen werden, weil man mit
dem Tiefenschacht noch gar nicht bis an die richtige Stelle gekommen
war.
Denn bereits in den Tagen Bocks spricht sich auch darüber im stillen
ein dunkles Geheimnis rund.
Es ist bis heute ein beliebter Brauch, vom Bernstein als dem „Gold
des Nordens“ zu reden. Noch eine hübsche neueste Schrift von Brühl
(vom Institut für Meereskunde) hat das zum Titel genommen. Wo aber ein
Goldschatz, da auch Schatzsagen.
So hatten sich die gelegentlichen Landfunde allmählich auch zur Sage
vom ungeheuren geheimsten +Bernsteinhort+ gefestigt. Jene kleinen
Nester ab und zu im Sande, auf die auch jener Schacht geteuft war,
seien nur gleichsam versprengte Dukaten daraus. Aber ganz, ganz tief
hinab — da liege erst die wahre, die unfaßbar reiche Schatzschicht
selbst und enthalte unendlich viel mehr, als alles Meer je bieten könne.
Wenn man ganz hinuntergrabe, durch die ganze Ufermauer bis in ihren
Sockel, da stoße man auf eine mysteriöse „+Blaue Erde+“, wie zuerst
die Schatzlegende das Volkswort geprägt hat. Wie man sonst vom blauen
Flämmchen über Schätzen spricht. Schon sehr unbequem (wie alle
Schätze der Volkssage) liege auch dieser. Schon dicht an der Höhe des
Meeresspiegels oder meist sogar unter ihm. Da, wo das Wasser schon
einwirkte. Der nasse Sand von oben über dem Verwegenen zusammenbrach.
Alle Sagenschätze stehen so unter dämonischem Bann. Es soll den Suchern
nicht zu leicht gemacht werden.
Manchmal klang die Kunde ganz mystisch. Wie von der berühmten
jungfräulichen Erde, nach der die Alchimisten suchten, um wirkliches
Gold daraus zu machen. Als wachse, wie dort das Gold, so hier der gelbe
Stein unmittelbar seit Jahrtausenden aus seiner blauen Mutterschicht.
Nun, das 19. Jahrhundert, in dem unsere Erzählung ja bereits steht,
dachte doch auch in dem Punkte nicht mehr so legendenhaft.
Schließlich war an den wirklichen „blauen Leim“ (wie Bock sich
ausgedrückt hatte) gar nicht so absolut schwer heranzukommen. Er schien
aber tatsächlich weit mehr zu versprechen als alle Fischerei.
Nachdem der Strand also wieder in den Händen der Fischer selbst war,
fingen sie sehr allgemein an, auch die Wände ihrerseits zu zerstören.
Auf gut Glück der Schatzschicht zu. Trugen oberen Sand ab, buddelten
mit tiefen offenen Gruben in den Grund, das Wasser notdürftig mit
improvisierten Holzverschalungen abdämmend. Bis wirklich da, dort ein
Endchen scheinbar einheitlich bernsteinhaltiger Schicht angeschnitten
schien, das dann planlos in Scheiben abgebaut wurde, bis man wieder auf
sterilen Grund kam.
Den Ufern selbst war das nicht eben zum Vorteil. Schon von 1790
(also noch unter der alten Staatskontrolle) wird von solchem Raubbau
berichtet, daß er unweit Kraxtepellen weithin den Steilrand um vierzig
Fuß zum Absturz gebracht habe. Was die Natur schon genügend bedrohte,
fiel jetzt auch unter die Menschenzerstörung. Von Heimatschutz wußte
man damals ja noch nichts, obwohl gerade jetzt die fremden Besucher
im Bann der Landschaftsschöne sich auch zu einer Einnahmequelle
entwickelten.
Aber auch für die kleinen Leute selbst ergaben sich rasch
wirtschaftliche Gefahren.
Der unverhoffte Landsegen zeitigte gewisse Goldgräbererscheinungen.
Die guten alten Sitten gingen herunter, man vertrank das lotteriehafte
Glück, zweideutiges Gesindel zog sich zu. Wozu kam, daß die Fischer
für solchen Grubenbau, auch wenn er zunächst noch so roh war, selber
Kapitalien brauchten, was sie wieder in Abhängigkeit von städtischen
Kaufleuten brachte.
Auf die Dauer war es doch eine Notwendigkeit, daß auch der Staat wieder
aufmerksam wurde. Wenn die große Schatzschicht wirklich bestand, so
lag hier ja auch eine unberechenbare neue Staatseinnahmequelle bei
systematischem Abbau.
Andererseits stand fest, daß der Kleinleutebetrieb solchem wichtigen
Großabbau nicht gewachsen war.
In der guten alten Zeit waren unterirdische Schätze ein
Beschwörungsobjekt. Die neue berief dazu den staatlich geprüften
Bergmann. Gewichtige Stimmen wurden also laut, man solle doch den
Strandleuten wenigstens dieses Grabrecht wieder fortnehmen und in echte
Bergmannshand geben. Man schwankte noch, als sich ein starkes, schon
anderweits bewährtes Unternehmergenie auch dazu meldete. Es war 1867.
Die Verträge der Fischergemeinden liefen grade zu diesem Termin ab.
Offenbar war, daß sich wieder eine neue Krisis der ganzen praktischen
Bernsteinarbeit ankündigte.
Es lag aber auch wieder in der Wende der Zeiten, daß jetzt kein
großer bergtechnischer Entschluß möglich schien, ohne daß man auch
den +Geologen+ dabei befragte. Einst hatte man den Gelehrten als
schmuggelverdächtig vom Strande verbannt. Jetzt mußte an ihn die
erste Frage ergehen, was es mit dem geheimnisvollen Bernsteinlager am
Lande für eine Bewandtnis und Aussicht haben könne. Damit aber war
der neue Einschlag gegeben für die wissenschaftliche Bernsteinfrage
wieder selbst. Was bedeutete dieser unvorhergesehene samländische
Landbernstein für die Theorie?
Eine erste skeptische Deutung lag für den Forscher ja sehr nahe.
Seit Jahrtausenden warf die See hier ihr Meergold aus. Vermutlich
lange unbeachtet und noch viel länger bereits vor aller möglichen
Menschenachtung. So mochte immer einmal wieder Bernstein auch in
den Ufersand geraten sein, der dann seine Düne darauf türmte. Und so
mochten endlich ganze Lager da drinnen geworden sein, vielleicht ab und
zu auch als Erzeugnis besonderer großer Sturmfluten. Haben wir doch
noch nach dem Sturm von 1914 geradezu kleine Strandwälle von Bernstein
erlebt.
Nun, für vereinzelte Bernsteinnester mochte das gelten. Aber die
behauptete große Tiefe (stellenweise viele Meter unterm Meeresniveau),
wie die ebenso behauptete märchenhafte Dimension des Schatzes,
ausgespart auf eine einzige Tiefenschicht konzentriert, widersprachen.
Auch sind die wahren bunten Hänge, mit denen das Samlandplateau nach
Nord wie nach West steil abbricht, als Ganzes, wie schon der einfachste
Blick zeigen muß, keine Dünen, sondern Anschnitte des Festlandes
selbst. Grade darin steckte aber der Schatz.
Unzweifelhaft: man stand wieder vor einem sehr viel grundlegenderen
Phänomen, das die ganze Theorie noch einmal neu anforderte. Zwei
Möglichkeiten ergaben sich.
Reichte der alte, mit Bernstein noch gespickte Meeresboden hier unter
dem ganzen Ufer doch noch fort bis ins +Land+ hinein? Dann konnte die
geheimnisvolle „Blaue Erde“ noch ein Ausläufer der geologischen Schicht
selbst sein, in der das eigentliche Rätsel auch des Bernsteinwaldes
sich barg.
Es gab aber noch einen Gedanken, der bereits in dem alten Büchlein von
Bock anklingt. Wenn nun umgekehrt der ganze heutige +See+bernstein auch
nur von diesem +Land+schatz stammte? Es brauchte dazu nur umgekehrt
die Schatzschicht vom Lande selbst her noch ein Stückchen unter See
auszulaufen und bei zunehmender Tiefe auch unter Wasser zutage zu
treten. Dann mußten die Sturmwellen sie auslaugen und ab und zu Teile
aus ihrem Nibelungenhort oben an den Strand zurückwerfen.
In dieser Falle drehte sich die Situation aber noch anders und noch
viel günstiger. Hier in der Tiefe des Landes die Blauerde mit ihrem
Bernstein war die wahre geologische Schicht, die wir suchten, +selbst+.
Hier im Samland hatte der Bernsteinwald seinerzeit gegrünt. Er brauchte
nie im Meer versunken zu sein. Nur sein alter Waldboden, gespickt bis
heute mit seinem jahrtausendelang gehäuften Harzgold, war allmählich im
Laufe geologischer Zeiten unter andere Schichten tief hinuntergeraten.
Bergetief unter all das nachmals Aufgeschüttete am gleichen Fleck.
Spätere Sande und neue Waldböden vermutlich, wie schon in historischer
Zeit so manches Marmorpaviment unter jüngeren Schutt. Grade so aber
erhalten für den, der es heute wieder ausgrübe mit jungem Blick ...
Wunderbar, wie sich so naturgeschichtlich wie technisch das Problem zu
vereinfachen schien. Was die guten Strandleute vermeintlich aus der See
geerntet, war in Wahrheit immer nur abgebröckelter Landschatz gewesen.
Auf diesen Landschatz aber konzentrierte sich des weiteren sowohl die
technische als auch die ganze entscheidende geologische Aufgabe.
Was war in der Erdgeschichte diese „Blaue Erde“? Aus wes Sippschaft
und Zeit? Und war es doch in ihrem blauen Geisterlicht, daß der
Bernsteinwald für uns noch erwachsen sollte?
Da lag die schöne hohe Uferwand des Samlandes, wie sie sich so
Unzähligen immer wieder eingeprägt.
Dem Geologen, der zuerst von der wunderbaren Blauerde in ihr vernahm,
mußte dabei ein an sich ganz ähnlicher Gedanke kommen, wie dem
abwägenden neuen Techniker größeren Stils.
[Illustration: Ungefähres Umrißbild zur Veranschaulichung der
Aufeinanderlagerung der vollständigen Schichten an der samländischen
Steilküste. Oben (~D~) liegen Aufschüttungen der +Diluvialzeit+,
gekrönt von modernem Humusboden. Darunter, bei ~d~, ~e~, ~f~, folgen
Ablagerungen der voraufgegangenen +Tertiärzeit+, und zwar zunächst
eines etwas +jüngeren+ Abschnittes dort (sog. Braunkohlenformation,
vermutlich Miozän). Zwischen den gestreiften u. a. Sanden (~d~, ~f~)
soll der schwarze Strich ~e~ ein Braunkohlenflöz andeuten, das auch
hier als Zeugnis ehemaligen tertiären Waldbodens noch eingeschaltet
ist. Noch tiefer (bei ~b~ und ~c~) lagern dann Schichten eines nochmals
+älteren+ Abschnittes dieser Tertiärzeit, die einen ehemaligen
Meeresniederschlag mit Resten von Meertieren darstellen und zum sog.
Oligozän innerhalb dieser Tertiärzeit gerechnet werden. Erst mit ihnen
berührt man im engeren die eigentliche Bernsteinformation, deren
entscheidende Schatzschicht bei ~b~ die sog. Blaue Erde bildet. Wie
man sieht, liegt diese mit Bernstein regelrecht gespickte Blaue Erde
bereits wieder an oder unter dem Spiegel der die Steilküste bespülenden
heutigen Ostsee, so daß unter Wasser austretende Teile erneut vom Meer
selbst angegriffen werden und Bernsteinstücke daraus verschwemmt werden
können. (Nach Runge)]
Wenn wir das alles noch einmal abtragen könnten weit ins Land hinein
— bis auf den Schatz selber hinunter im tiefen Sockel —, Lage um
Lage, Schicht um Schicht, gleichsam wie Butterbrote noch einmal all
das nachmals Daraufgeschüttete — bis endlich die Blauerde wieder als
ursprünglicher Horizont neu herauskäme, auf dem man leibhaftig wieder
wandeln könnte. So hat Schliemann in unsern Tagen die neun Städte auf
dem Wunderhügel von Troja wieder abgebaut. Ob sich uns dann nicht die
ganze Situation wirklich wieder geisterhaft aufhellte von der Gegenwart
bis auf den uralten Bernsteinwald? Es wäre das höchste technische Ziel
für den ganz rationellen Schatzgräber, aber zugleich auch das äußerste
wissenschaftliche. Wenn es nicht ganz mit dem Spaten ging, so doch
vielleicht einstweilen in der Idee ...
Ich fasse nochmals auf den Gipfel zusammen, was in seinen bescheidenen
Anfängen bis gegen 1811 zurückreicht, um genau wieder mit jenem Datum
von 1867 auch seine erste Höhe zu erreichen.
Nur wenige Landschaften unserer deutschen Vatererde sind mit solcher
Liebe und Aufopferung durch lokalpatriotische Arbeit im edelsten und
vorbildlichen Sinne auch wissenschaftlich erschlossen worden. Schon
seit Anfang der 60er Jahre hatte die hochverdiente Königsberger
Physikalisch-Ökonomische Gesellschaft es sich zur Aufgabe gestellt,
eine umfassende geologische Aufnahme der Samlandküste im modernen
Sinne durchzuführen. Das für unsern Zweck hier entscheidende Ergebnis
erschien in jenem Jahr von +E. G. Zaddach+ in den Schriften der
Gesellschaft selbst. Ein noch heute grundlegendes Meisterwerk, neben
seiner wissenschaftlichen Gediegenheit lesenswert auch wegen der
überall eingestreuten reizenden Landschaftsschilderung. In monumentalen
wahren „Generalstabszügen“ gestaltete sich darin zum erstenmal die
gesamte Geschichte des ungeheuren Naturfeldzuges, der auch über diesen
wunderbaren Fleck deutscher Heimat bauend und begrabend, säend, türmend
und zerstörend dahingezogen.
Die Geschichte von mindestens sechs Millionen Jahren der
Erdentwicklung, wenn wir kurz rechnen.
Im gedrängten Umriß (nur mit ein paar späteren Ergänzungen) aber
folgendes.
Unsere Steilküste ist, um es noch einmal zu sagen, abgesehen von
kleinen jungen und vergänglichen Sandanwürfen, keine Düne, sondern
ein Schnitt Land. Wobei die Schichtungen dieses Landes bis zu einer
gewissen Vertikalgrenze einseitig entblößt werden wie die Wand eines
Steinbruchs oder einer Sandgrube. Die höchste Erhebung der Kante
beträgt etwas über 60 ~m~, von wo sie sich beiderseitig senkt.
Auch wer nur mit dem Blick des feineren Landschaftsgenießers entlang
geht, muß aber mancherlei Wechsel dieser Schichtung erkennen. Festere,
steinhafter verkittete und sandig losere Teile in verschiedenen Farben.
Im ganzen ja das Bild einer gewaltsamen Zerstörung, eines Risses, den
Natur und Menschen beständig weiter treiben. Ein Stück entblößten
mineralischen Eingeweides, im kleineren vergleichbar jenen bunten
Riesenbildern amerikanischer Cañons, mit romantischen Schluchten,
losgerissenen Pfeilern und Steilstürzen. Im einzelnen darin doch
neben auch innerlich wüsterer Aufschüttung vielfach sehr schön noch
horizontal aufeinandergeordnete Lagen oder Böden wie von ganz ruhiger
ältester Bildung. Die dann allerdings wieder selber wie von andern
stellenweise überdeckt, durchbrochen, nachträglich zerstört erscheinen.
Und so hinab bis zum heutigen wechselnden Wellenstrande, wo man noch
Fortsetzung in unsichtbare Tiefe ahnt, in deren Beginn oder noch weiter
unten erst das Geheimnis der „Blauen Erde“.
Auf solche Profile wechselnder Schichten hatte aber rund seit dem
Jahrhundertanfang die Geologie jetzt wesentlich ihre Erdperioden
gebaut, wie sie sich in unendlichen Zeiträumen gefolgt sein müssen.
Also Steinkohlenperiode, Juraperiode, Kreideperiode, um nur ein paar
von unten nach oben zu nennen. Im Prinzip müßten alle diese Schichten
wirklich noch wie die Butterbrote aufeinanderliegen, wenn man die ganze
Erdrinde durchschnitten dächte, was aber natürlich nur ideal ist. Im
kleinen hat aber jedes Profil, auch unseres hier, etwas von solchem
Erddurchschnitt.
Fragt sich bloß, wie tief es an unsern Wänden hier gehe.
Da ist denn ein Anhalt zunächst nach unten, daß auch unser ganzes
Samland untergriffen wird von Schichten der Kreideperiode. Richtig
sichtbar anstehen tut diese Kreidelage allerdings nirgendwo, auch hier
im ganzen angeschnittenen Profil nicht. Aber man weiß von ihr durch
Bohrungen, daß sie den Grund bildet. Alles darauf Stehende, also auch
das ganze Profil bis weit noch in seinen Sockel hinein, muß jünger als
diese Kreide sein. Das schließt aber Juraperiode, Steinkohlenperiode
und so weiter zurück bereits aus. Andererseits bleiben für unsern
Steilhang, wenn er einen Oberbau noch über der Kreide bildet, nur noch
zwei Perioden des geologischen Schemas bis zur Gegenwart übrig. Nämlich
von oben nach unten sog. +Diluvium+ und sog. +Tertiär+.
Der Name Diluvium knüpft an die Flutsagen der Völker an. Das Tertiär
(oder die Tertiärperiode) wurde eben um jenes Jahr 1811 noch als
besonderes Zwischenstück eingefügt, wobei es eigentlich einen
Rubriktitel als drittes Hauptweltalter erhielt, obwohl es auch nur
eine einzige, gegen die früheren sogar verhältnismäßig kurze Erdperiode
umfaßt.
Ablagerungen dieser beiden Zeiten sind in unserem Profil noch möglich,
und sie sind denn auch beide noch vorhanden.
Dem geübten Auge des Geologen erscheinen in gewissen Lagen, besonders
jenen sehr unregelmäßigen, Anschüttungen des Diluviums.
Dieses Diluvium (oder die Diluvialperiode) ist uns noch sehr nahe, es
lebten bereits Menschen in ihm. Aber zu großen Teilen war es auch hier
oben eine reichlich gewaltsame Zeit. Wir wissen das heute besser, als
es damals Zaddach selbst noch kennen konnte. Die enorme Gletscherdecke
der Eiszeit zog sich in ihr auch über unser Samland. Sie ging ja
damals von Schweden bis vors Riesengebirge. Wo sie aber ging, da
hinterließ sie den rohen Geschiebelehm ihrer Grundmoräne, mit losen
Blöcken gespickt, neben mehr geschichteten Sanden und Kiesen ihrer
Schmelzwasser. Und so auch hier. Oft sind die Hinterlassenschaften
noch durch den Eisdruck selber verbogen oder die herausgewaschenen
Blöcke liegen lose am Strand. Meist deckt sich dieses Diluvialmaterial
noch richtig obenauf im Profil unter dem modernen Humus, anderswo geht
es aber auch tief in Lücken der unteren Lagen hinein. Man hat den
Eindruck, daß diese wilde Eisschieberei wirklich auch dieses Ältere
noch nachträglich angebrochen, ausgeschliffen, teilweise mitgeschleppt
und ihren eigenen Schutt in die Defekte gehäuft hat. Fast wunderbar
scheint es, daß noch etwas davon übrig geblieben, und an wie manchen
andern Orten mag es so ganz vergangen sein.
Sicher war diese Eiszeit selbst aber keine wahrscheinliche Situation
für unsern Bernsteinwald. Erste Forscher glaubten ja noch etwas
derart, weil Bernstein ab und zu auch in diesem diluvialen Schutt
vorkam. Wir denken ihn uns aber mit Recht erst durch solche
nachträgliche Umkrempelung zweiter Hand hinein gelangt. Tatsächlich
hat ja auch ihn das Eis gelegentlich bis über ganz Norddeutschland so
verschleppt gleich Kreidebrocken und dem noch viel weiter hergeholten
Schwedengranit. Ist doch noch aus der Oder bei Breslau vor Jahren ein
solcher einzelner goldener Irrgast geborgen worden von allein drei Kilo
Gewicht. Zu unserem eigentlichen Bilde, das wir suchen, fügt sich hier
aber wohl noch nichts.
Interessanter doch werden die Schichten darunter, so weit sie die
Mißhandlung noch hat stehen lassen. Es ist gesagt, daß sie selber
durchweg noch innerlich recht hübsch horizontal anstehen, wie sie
sich offenbar hier schon lange vorher friedlich abgesetzt hatten, ehe
die wilde Eiskatastrophe oben über sie ging. Und nun ist wieder kein
Zweifel, daß in ihnen noch dauert, was eben dem Schema nach hier allein
dauern kann: +Tertiär+.
Das Schicksal hat es doch noch glimpflich gemacht.
Bei fortschreitender Wanderung unter der Kante und in ihren Schluchten
gewahrt man, daß auch dieses Tertiär vielfach noch eine lange Reihe
Meter hoch sich dem freien Blick im Profil darbietet, offen heute auch,
aber nicht abrasiert, mit seinen eigenen Farben und Schichtwechseln.
[Illustration: Blick auf die offen liegenden Schichten der
Braunkohlenformation (vgl. das Profil S. 31) in der samländischen Küste
an der sog. Kadollingschlucht bei Rauschen, aufgenommen nach der Natur
im Oktober 1903. Unten Sande mit dünnen Letten-Einlagen, darüber ein
Braunkohlenflöz, darauf Letten und noch höher Glimmer- und Kohlensande.
(Nach Schellwiens schönen „Geologischen Bildern von der samländischen
Küste“)]
Der Geologe aber erinnert sich hier, daß in seinem Schema auch diese
Tertiärzeit, obwohl sie keine der größeren der Erdgeschichte gewesen
ist, noch wieder in mehrere Unterabteilungen zerfällt, auf die sich je
nachdem ihre Restlagen in solchem Erddurchschnitt verteilen könnten.
Der alte Lyell hat auch ihnen seinerzeit die ersten Namen gegeben,
die alle um das Wort ~kainos~ (neu) mit etwas Mehrneu oder Wenigerneu
pendeln, heute aber nur noch Zählmarken sind. Vier rechnet man meist
von unten ab: Eozän, Oligozän, Miozän und Pliozän.
Im ganzen wissen wir auch vom Bilde dieser Tertiärzeit noch mancherlei
Einzelheiten. Besonders von jenen mittleren und letzten Abschnitten,
während der älteste schon etwas mythisch wird. Es war nicht mehr die
Zeit der kolossalen Saurier. Dafür blühten ungeheure Paradiese der
verschiedensten Säugetiere. Noch bis gegen die Mitte war es bei uns
in Europa auffällig warm. Enorme Wälder dehnten sich, die uns nicht
mehr Steinkohle, aber Braunkohle hinterlassen haben. Vielleicht ist
der Mensch zuerst in ihnen entstanden. Land und Meer wechselten noch
vielfach gegen heute, unsere höchsten Gebirge haben sich erst damals
vollendet.
Ganz gewiß also diesmal schon mehr „Bernsteinwaldstaffage“, wozu
stimmen will, daß ja auch unzweifelhaft in diesem tertiären Teil des
Profils die Schatzschicht gesucht werden muß.
Gleich Zaddach sah aber auch schon, daß dieser Profilteil noch einmal
in sich gesondert sei, als lägen wirklich Lagen aus +zweien+ jener
Unterabschnitte aufeinander — allerdings nicht sehr scharf getrennt,
wie wenn auch sie sehr friedlich aufeinander gefolgt wären. Aber es
waren doch zwei. Eine +jüngere+ und eine noch ein Teil +ältere+. Mit
großem Scharfblick faßte Zaddach sogleich die Stelle des Schnitts.
Die obere läuft für sich durch einen reichen Wechsel weißer und brauner
Sande und Tone. Und richtig hier befindet sich, meist deutlich noch
markiert, als Einlage zwischen den Tonletten auch noch eines jener
charakteristischen Braunkohlenlager selbst, das auf solchen tertiären
Waldmoorboden auch in unserem Samland von damals deuten muß. Bleiben
wir bei dem drastischen Butterbrotbilde, so liegt es darin wie eine
Einlage von ein paar Scheiben Pumpernickel. Das sandige Flöz (oder die
Flöze) an sich nicht stark, — immerhin so, daß man das Material bei den
Fischern gelegentlich im Ofen gebrannt hat und einmal sogar die Idee
entstehen konnte, das Ganze sei selber technisch abbauenswert.
Gar keine Frage, daß man hier sogar noch sehr deutlich auf einen
urweltlichen Wald am Fleck sieht. Man faßt noch seine Baumstämme,
Zweige, im schwärzlichen Abdruck der Letten bei Rauschen besonders
schön auch seine Blätter. Heer, der alte treffliche Schweizer
Botaniker, hat sie zuerst bestimmt. Neben Pappeln und Erlen Sequoien
und Taxodien, was wenigstens für das heutige Europa seltsam genug
anmutet. Die Sequoien sind jene ungeheuren Mammutbäume, von denen
ein kleiner überlebender Rest in der kalifornischen Sierra Nevada
Domturmhöhe erreicht. Bei den jetzt virginischen und mexikanischen
Taxodien (Sumpfzypressen) kommen heute Stammdurchmesser von 12 ~m~ und
Altersgrenzen von über 3000 Jahren vor. Also ein imposantes Bild, nicht
zu leugnen.
Sicher wohl herrschte auch hier noch ein wärmeres Klima, Heer meint,
vielleicht mit 16° mittlerer Jahrestemperatur. Man kann sich sogar noch
ein engeres Anschauungsbild der Lage machen. Offenbar erstreckte sich
ein Festland bis hierher, aber wohl von Norden, über das Gebiet der
heutigen Ostsee, kommend. Land und Meer lagen ja, wie gesagt, damals
noch vielfach anders. Immer in dieser Tertiärzeit ist aber eine gewisse
Tendenz der Karte gewesen, Land von Skandinavien herüberzuschieben,
während Meer durch Europa von Süden kam. Grade hier, wo der
Braunkohlenmoder sich ablagerte, mag dieses Land sich gegen Sümpfe
oder auch ein ausgesüßtes Haff geöffnet haben, in das ein Fluß von
Norden ging. Seltsam, wieviel der Naturforscher noch aus solchen paar
braunen Streifchen abzulesen vermag, an denen der Tourist gleichgültig
vorbeigeht.
Die Zeit aber mag etwa sog. Miozän (aus jener Lyellschen Namengebung)
gewesen sein, was ungefähr dem mittelsten Unterabschnitt des Tertiärs
dort entspricht. Wenigstens setzt man dahin sehr allgemein die Bildung
der meisten Braunkohlenlager durch ihren Wald. Vier Millionen Jahre
mögen immerhin uns noch davon trennen. Die Periode aber mag selbst ihre
gute Zeit gedauert haben. Und immer wohl rauschte auch in ihr dieser
Wald. Reichlich seltsame Tierwelt mag ihn auch noch bevölkert haben.
Es waren die Tage, wo heutige afrikanische und indische Großtiere noch
mit Liebe auch durch Deutschland schweiften. Will man das Paradies ganz
erfüllt denken, so mag man auch hier den Vormenschen neben Gorillas und
Elefanten unter den himmelhohen Sequoien spazieren lassen.
Ja, unwillkürlich senkt man das Buch. War das der Bernsteinwald
selbst? Wieder etwas Dämonisches: in diesem dunklen Strichmuster einer
Terrassenwand unseres Profils. Hätten wir ihn?
Leider ist es nochmals eine Täuschung. Zum Paradies fehlt nach dieser
Seite die mystische Erde.
Wäre es der Bernsteinwald gewesen, so müßte auch der große Schatz
selber hier liegen. Wohl finden sich in den eng zugehörigen
Glimmersanden, die man wegen ihres weißen und braunen Farbenwechsels
die „gestreiften Sande“ zu nennen pflegt, einzelne Bernsteinnester.
Sie bildeten die kleinen Schatzabsprengsel, auf die einst der Schacht
der Altenfritzzeit stieß und die heute noch nicht verachtet werden.
Aber die „Blaue Erde“ ist das nicht. Sie steckt erst ganz unten am
+Ende+ der Schichten überhaupt, in den Aufschüttungen eines zweiten,
früheren Tertiärabschnitts. Als jener miozäne Urwald seine ersten
Wurzeln schlug, lagen diese älteren Schichten bereits längst tief unter
ihm. Und in ihnen tief verborgen schon der Schatz. Auch das ergibt
sich durchaus deutlich noch aus der heutigen Situation. Sehr wohl
möglich, daß auch diese kleinen miozänen Nester erst nachträglich von
dort unten wieder heraufgewühlt sind, wenn auch nicht so gewaltsam
wie später das Diluvialeis verfuhr. Vielleicht friedlich durch einen
Fluß, der das schon bestehende Geheimnis der Tiefe anschnitt und daran
zum goldführenden Paktolos wurde. Von Gold, das doch nicht in seinem
eigenen Walde gewachsen war.
Wieder umfaßt unser Blick den Steilhang mit seinen deutlich markierten
Butterbroten an einer besonders vollständigen Stelle, wie der
Sprachkundige die Keilschriftzeilen einer uralten Kultururkunde zu
lesen versucht: etwa an dem oft abgebildeten, leider jetzt auch
zerfallenden Zipfelberge bei Großkuhren. Der Zipfel bot lange noch den
diluvialen Geschiebelehm, dann die miozänen Sande mit den Flözen in
schönster Anschaulichkeit. Darunter aber zeigt sich als lange Sand-
und Sandsteinmauer erst jenes ältere Tertiär, das Zaddach bereits so
ausdrücklich von dem miozänen schied. Es verliert sich selber im Boden,
in dem hier beim Zipfelberge, 1-2 ~m~ unterm Meeresspiegel, auch die
Schatzschicht liegt. Immer also noch ein weiter Spielraum mindestens
auf ebenso lange Zeit zurück.
Der Geologe muß mit mancherlei Wiederkehr rechnen: wie der immer wieder
am gleichen Fleck gehäuften Schichten, so auch ähnlicher Staffagen,
nur viele Jahrtausende früher. Auf diese alttertiären Butterbrote
pflanzte sich, wie gesagt, schon der miozäne Wald. Warum soll es
nicht einen zweiten, älteren Wald auch schon einmal bei diesen selbst
gegeben haben, dessen Spur in dieser unteren Mauer, wie jenes in der
oberen, steckte und der dann der richtige war? Der eine ganze Weile
(geologische Weile) bereits früher gegrünt hatte und auf dessen Fleck
und Hinterlassenschaft sich erst der andere aufbaute.
Es handelt sich, wie gesagt, immer noch um eine starke Folge Tertiär
auch hier — mit reicher eigener Gliederung. In stärkster Spannung
werden wir aber jetzt dem Geologen folgen, was er weiter herausliest.
Geht es doch wie im Kinderspiel, wenn es heißt: es „brennt“. Wir nähern
uns unzweideutig dem Schatzniveau selbst, in Schliemanns Sprache dem
„goldenen Horizont“. Und diese Nähe macht sich auch darin geltend, daß
wir für die jetzt folgenden Schichten der gelehrten Namen entbehren
können. Auch den alten und neuen Schatzgräbern „brannte“ es hier,
und so gaben sie den letzten noch zu durchdringenden Decken bereits
ihrerseits gute deutsche Bezeichnungen.
Es war aber auch schon der geniale Blick Zaddachs, der in all diesen
unteren Schichten etwas mineralisch Gemeinsames sah, das sich
äußerlich in gewisser Färbung ausprägte. Nämlich eine immer zunehmende
Beimischung in diesen untern Sanden und Tonen von winzigsten Körnchen
einer ziemlich ausgesprochen grünen oder grünblauen Substanz. Nach der
griechischen Bezeichnung ~glaucos~ für grün nennt man sie mineralogisch
Glaukonit.
[Illustration: Der heute zu großen Teilen zerstörte sog. +Zipfelberg+
bei Großkuhren an der samländischen Steilküste nach einer Aufnahme von
Gottheil u. Sohn in Königsberg von 1880. Der damals noch erhaltene
eigentliche Zipfel bestand aus Geschiebemergel der Diluvialzeit.
Darunter sind die Sande der Braunkohlenformation mit ihren
Flözeinlagen, sowie tiefer die oberen Lagen der Oligozänzeit (vgl.
das Profil S. 31) angeschnitten, von letzteren bildet der sogenannte
„Krant“ den als Fels vortretenden festen Sockel, unter dem erst in der
unsichtbaren Tiefe die Blaue Erde zu denken ist]
Wo das Grün sich ungestört durchsetzt, erzeugt es gradezu grüne
Sande und Erden, und so finden wir auch im untern Profil zunächst
eine Decklage Quarzsand danach allgemein als den „grünen Sand“ oder
die „grüne Mauer“ bezeichnet. Wo dieser Sand dagegen in seinen
unteren Lagen nachträglich durch Eisenoxydhydrat mehr oder minder
zu einem festen Sandstein verkittet erscheint, hat das Volk dafür
das Wort „Krant“ eingeführt. An jenem Zipfelberge bildet dieser
Krant den geradezu felsig vortretenden Fuß. Bereits unmittelbar über
dem Schatzgeheimnis folgt dann in der Sprache der Leute noch der
„Triebsand“. Geologisch nicht sehr scharf gesondert, schafft er seit
alters das Kreuz aller Schatzsucher, da er als wahrer Schwimmsand die
eindringenden Wasser staut und bei jeder Gelegenheit den darunter
schürfenden fürwitzigen menschlichen Maulwürfen von oben auf den
Kopf stürzt. Auch durch ihn hindurch aber — und wir stehen vor dem
Allerheiligsten der Sage. Dem relativ kurzen Stück Schicht, dem
schließlich doch auch aller geologische Eifer hier im Herzen gegolten
hat. Darunter zählt das Volk nur noch eine „Wilde Erde“, mit der man
aber schon im unfruchtbaren Boden gleichsam der Schatzkiste arbeitet.
Ohne Mystik jetzt rein geologisch angesehen, ist auch die vielbesagte
„Blaue Erde“ oder „Steinerde“, wenn man endlich vor ihr ist, im Prinzip
nur eine Schicht wie die andern. Bloß unbequem durch die Lage, daß sich
das Profil hier durchweg schon in den unsichtbaren Grund zieht.
Als Schicht auch sie ein hier sehr feiner ton- und glimmerreicher
Glaukonitsand.
Die Farbe enttäuscht, wie so oft Märchenworte. Zaddach bezeichnet sie
trocken als grünlichgrau, im nassen Zustande als schwarz. Blau wie den
meisten Strandbewohnern sei sie ihm wenigstens im normalen Stande nie
erschienen. Bei Sammlungshandstücken gehört etwas guter Wille dazu,
einen ganz leichten blaugrünlichen Schimmer wahrzunehmen.
Daß die Schicht bei ihrer tiefen Lage zum Meeresspiegel im oben
angedeuteten Sinne mehrfach auch unter See ausstreicht, kann kaum
zweifelhaft sein. Jedenfalls aber bildet sie sowohl an der Nord- wie
der Westküste des Samlandblocks auf eine beträchtliche Strecke die
Unterlage des ganzen Landprofils, indem sie zugleich noch mehr oder
minder weit auch in dieses Land sich hineinerstrecken mag.
Das alles ist zunächst noch nicht besonders aufregend. Aber das Wunder
beginnt, wenn man sie nun wirklich bei ihrem zweiten Heimnamen als
„Steinerde“ faßt — sich vergegenwärtigt, daß, nicht überall natürlich
gleich stark, aber doch im ganzen in unfaßbarem Masseneinschlag
in dieser gesamten Schicht Bernstein und immer wieder Bernstein
eingebettet ist — mit einer Konsequenz und Fülle, die von einem
tatsächlichen Bernsteinlager, einer geologischen Bernsteinschicht
selber reden lassen. Vereinzelter Bernstein kommt ja auch im Krant und
selbst noch in der Wilden Erde vor, aber doch nur, wie Zaddach sich
ausdrückt, als Vorboten und Nachzügler der Hauptschicht. Die Größe
der Einzelstücke schwankt von kleinstem Grus bis zu kilogrammschweren
Scherben; der größte bisher gefundene wog fast sieben Kilo, während ein
einzelner Kilofund immer wieder in der Jahresbeute zu sein pflegt. Von
der im ganzen enthaltenen Masse sich ein Bild zu machen, erlahmt die
kühnste Phantasie. Goeppert teilt eine ältere Rechnung mit, bei der die
Blaue Erde auf zehn Meilen Länge bei nur zwei Meilen Breite mit einer
Fläche von 20 Quadratmeilen angesetzt wird. Schätzt man nun bloß ein
zwölftel Pfund Bernstein auf den Kubikfuß darin, so ergäbe sich bereits
die ungeheuerliche Ziffer von rund 96 Millionen Zentnern Bernstein in
der ganzen Schatzschicht. Solche Zahlen brauchen natürlich nicht genau
zu sein, mögen aber doch eine entfernte Anschauung geben. Weder machen
sie Aussicht, daß unsere Technik absehbar diesen Hort erschöpfen könne,
noch lassen sie als möglich erscheinen, daß es sich naturgeschichtlich
bei dieser Massenhäufung bloß um einen Zufall handle. Wenn irgendwo,
so scheinen wir hier dem unmittelbaren Ursprung des Bernsteins nahe.
Und im Sinne jenes Gedankens: könnte es wirklich jetzt der +echte+ alte
Waldboden des Bernsteinforstes mit seiner Harzeinlage sein?
Auch die Geologie hat aber ihren Objektteufel.
So deutlich in Wahrheit oben der miozäne Waldsumpf sich verriet, so
wenig wollen sich hier Spuren eines solchen zeigen. Fehlte oben zum
Walde der Schatz, so hier zum Schatze der Wald.
Keine Andeutung diesmal braunkohlenhaften Pflanzenmoders oder von
Blattabdrücken. Dafür macht sich in der ganzen Blauschicht und
ihren Anschlußsanden aber etwas durchaus anderes geltend. Diese
glaukonitischen Sande machen grundsätzlich viel eher den Eindruck
eines +Meeresniederschlags+. Der Bernstein selbst liegt wie in einem
Haupthorizont schon damals eingeschwemmt. Die Stücke durchweg leicht
gerundet — wie gerollt. Vollends beweisend aber wirken gewisse
Tierüberbleibsel neben und über ihm. So gewiß in dem Harz selbst nur
Landinsekten eingeschlossen sind, so unzweideutig mit dem ganzen Lager
äußerlich zusammen ausgesprochene Meertiere.
Schon der alte Bock wußte von Austernschalen in der Blauen Erde, die
damals noch kein Schlemmer dort hinterlassen haben konnte. Beyrich
bestimmte dann zuerst eine echte Auster der ältern Tertiärzeit aus
dem Meer von damals. Als Zaddach seine Studien begann, hatte Mayer
bereits eine ganze zugehörige Fauna festgelegt. Man kennt jetzt neben
ganzen Austernbänken alle möglichen Meeresschnecken, Herzmuscheln,
Seeigel, einen sehr häufigen großen Taschenkrebs — dazu die Zähne von
Haifischen, deren großartige Entfaltung im Tertiärmeer auch sonst
geläufig ist. Wie durch die Blauerde selbst, so geht dieses Wasservolk
auch in den Krant, oft in Tonklumpen noch zu ganzen Nestern vereinigt.
Die Austern deuten an, daß es wohl auch damals kein abgrundtiefes Meer
war. Einem Lande mehr oder minder vielleicht nahe. Aber doch Meer, das
über dem ganzen engeren Fleck gestanden haben muß.
Aus den Tierresten selbst ergibt sich eine diesmal ziemlich sichere
genauere Zeitbestimmung für den betreffenden Abschnitt des älteren
Tertiärs. Schon Beyrich bestimmte auf +Alt-Oligozän+, was ein Stück
noch hinter jenem Miozän bedeutete, bereits ziemlich nahe dem noch
etwas mythischen Eozän. Der Name Oligozän kann (belanglos) mit „Noch
nicht viel neu“ übersetzt werden. Daß damals noch Meer bis hierher kam,
kann an sich nicht verwundern. Später im Miozän war es schon verlandet.
Damals aber schnitt es auch hier noch breit herein, zweifellos auch von
Süden, vom damaligen großen Mittelmeer, das im ältesten Tertiär ganz
Mitteleuropa noch zu einem Inselarchipel machte ähnlich der heutigen
Südsee. Es war noch erhöht eben die Zeit der veränderten Karte. Wie
später der Braunkohlenwald sein Flöz hier ablagerte, so schlug damals
das Meer auf dem Samlandfleck seine Schlammbänke nieder mit Austern und
Haifischzähnen.
Aber dieses uralte früholigozäne Meer begrub seinerzeit nicht bloß
solche Muscheln und Zähne — es muß +schon damals auch Bernstein
geführt haben+. Zeitweise in ganz unfaßbaren Massen. Die es dann hier
einschwemmte und sich langsam zu Boden setzen ließ. In einem sehr
feinen Seeschlamm, den wir uns eben gewöhnt haben, als Blaue Erde zu
bezeichnen. In Zaddachs schöner Darstellung von 1867 ist auch diese
Situation längst völlig klar da. Überlegen wir aber, was sie besagt.
Wir sahen den Bernstein heute vom Meer angetrieben. Plinius und
Tacitus hatten ihn schon so gesehen. Die Frage entstand, von wo er ins
heutige Meer gelangt sei. Von fernen Inseln dieses Meeres. Vielleicht
heute untergegangenen Inseln. Die Frage vereinfachte sich dann: das
gegenwärtige Meer wusch seinen Bernstein bloß von der Küste selbst
ab, an die es ihn wieder antrieb. Das Geheimnis konzentrierte sich
auf den geologischen Ursprung dieser Küstenschicht, und nun enthüllt
es sich. Diese Küstenschicht ist selbst Niederschlag eines unendlich
viel älteren Urweltmeers vor soundso viel Millionen Jahren. Das hier
bestand, als noch weder Ostsee, noch Samlandküste selbst bestanden.
Auch dieses urweltliche Meer hatte damals Bernstein geführt und in
Massen abgelagert. Wie kam es zu seinem Bernstein? Diesmal nicht vom
Samland selbst, denn das existierte ja noch nicht. Also woher?
[Illustration: Beweisstücke, daß die Blaue Erde samt ihren
nächstzugehörigen Schichten im untern Teil der samländischen Steilküste
(vgl. das Profil S. 31) eine alte Meeresablagerung ist: hier noch
erhaltene Reste urweltlicher Seetiere der älteren Oligozänzeit. Oben
links eine Auster (~Ostrea ventilabrum~), rechts ein Taschenkrebs
(~Coeloma balticum~), unten rechts und links ein Seeigel (Herzigel,
~Laevipatagus bigibbus~) von oben und unten, in der Mitte der Zahn
eines Haifischs (~Carcharodon obliquus~), der heute noch in dem Walhai
~Carcharodon rondeleti~ unserer Meere einen 10 ~m~ langen Vertreter
besitzt. (Kombiniert aus Tornquist u. Schellwien)]
Man bemerkt: es ist im Grunde die gleiche Frage wieder, nur jetzt in
eine unabsehbare Urweltferne zurückdatiert. Und folgerichtig wieder
tauchte auch bei Zaddach und seinen Nachfolgern die alte Erklärung,
bloß mit entsprechender Variante, auf. Bereits dieses oligozäne
Urweltsmeer muß irgendwo eine +noch ältere+ Küste, eine Insel, eine
Schicht zerstört und ausgelaugt haben, wo damals schon Bernstein in
Massen als Landprodukt lag. Wo der Bernsteinwald ihn nun wirklich
hinterlassen. Und von wo das Meer ihn — damals schon — mittrieb, um ihn
endlich neu in seinem Grunde — damals schon — fremd abzusetzen. Von
solchem Meeresgrunde haben wir hier im Samland zufällig noch ein paar
Streifchen unversehrt erhalten, während er sonst auch der nachmaligen
Wiederzerstörung anheimgefallen sein mag. Daher hier der Bernstein.
Aber nicht vom Lande selbst.
Manches kann dafür sprechen, daß auch dieses mysteriöse letzte Ur-Land
ursprünglich von hier aus nach Norden zu gelegen hatte. Wo es dann von
dem von Süden kommenden Oligozänmeer überflutet, zerstört wurde, wobei
sein Bernstein frei kam. Ein Stück uralten Vor-Skandinaviens. Allzuweit
dürfte es doch nicht gestanden haben, sonst wäre der Bernstein auf
seiner Meerfahrt bis hierher wohl noch viel mehr abgeschliffen, als er
ist, und auch nicht so massenhaft am gleichen Fleck versenkt. Zeitlich
mögen aber seine eigenen Glanztage, da es noch hoch aufrecht stand,
noch um eine ganze ferne Urwelt zurückgelegen haben. Man möchte jetzt
wirklich bis ins allerfrüheste Tertiär denken, in jenes mythische
+Eozän+ selber noch hinein. Der Bernsteinwald auf ihm wäre auch noch
ein echt eozäner Wald gewesen. Wie das Wort „eozän“ an Morgenröte (Eos)
des Neuen anklingt, als ein wahrer Morgenrötewald auch des Tertiärs
wurzelnd vermutlich im noch älteren Kreidegrunde. Wenigstens schien es
den meisten nach Zaddach auch so, während andere doch nicht ganz so
weit geologisch zurückwollten. Die oligozänen Fluten, als sie das Land
verschlangen gleich einer anderen Atlantis, hätten ihn wohl selber kaum
mehr aufrecht gefunden. Nur seinen Waldboden, wo er gestanden, fanden
sie, gefüllt noch mit seinem Bernsteinharz, den sie dann zerstörten ...
Es war das letzte, äußerste Bild, das so auftauchte, und im
wesentlichen ist es wissenschaftlich auch bis heute unser letztes
geblieben — für uns abschließend, wie jener graue Nebelwald einst
für die Antike. Im Moment aber hatte es, so gedacht, doch auch eine
Konsequenz, die unvermeidlich schien. Folgerichtig wie das Schlußbild
selbst, aber auch resignierend.
Den sie dann zerstörten! Damit die Schatzschicht des heutigen Samlandes
entstehen konnte, mußte die +wahre+ Stätte des Bernsteinwaldes schon
damals radikal als solche +zerstört+ worden sein. Es bestand keine
Aussicht, daß wir sie selbst noch einmal entdecken könnten. Ihre Sande
waren verschwemmt, ihr Humus aufgelöst, ihre vielleicht im alten Mulm
noch eingelagerten Stämme mit den Fluten wer weiß wohin fortgetragen
worden und verloren. Und nur der Bernstein hatte sich, wenn auch er an
fremdem Ort, aus der allgemeinen Vernichtung gerettet für uns. Als nun
doch wieder endgültig +letztes Dokument+.
Das Problem hatte einen unermeßlichen Kreis jetzt beschrieben. Von
der Gegenwart durch die Urwelt zum halb mythischen Eozän. Um immer
wieder sich auszulaufen bei den paar goldenen Harzstückchen, die
jetzt in unserer Geologenhand lagen, wie einst in der des römischen
Juweliers. Würde es (zum letztenmal klang die Frage) denkbar sein,
daß ein moderner Magier doch diese Stückchen selber zuletzt noch zu
einem Zauberspiegel machte, in dem der ewig verlorene Wald noch einmal
erschiene? Oder strahlte aus ihrer goldenen Leere nur das ewige Nichts
des Ignorabimus: wir werden nie etwas erfahren? Geleugnet konnte nicht
werden, daß die wissenschaftliche Aussicht um jenes bedeutsame Jahr
1867 abermals auf das denkbar bescheidenste Maß zurückgeschraubt schien.
Während umgekehrt der ganze Segen dieser endgültigen geologischen
Feststellung diesmal dem technisch-wirtschaftlichen Fortschritt
zuzufallen schien — dort, wo man nicht den Bernsteinwald, sondern den
Bernsteinschatz als solchen suchte.
In der nämlichen Königsberger Zeitschrift und fast im gleichen Jahr mit
Zaddachs grundlegender Arbeit richtete sein geologischer Fachkollege
G. Berendt eine Art Denkschrift an die Regierung, in der sie mit
flammendem Wort aufgefordert wurde, doch endlich mit wirklichem
Bergwerksabbau an die nunmehr feststehende Blauerde heranzugehen. Der
Versuch des 18. Jahrhunderts sei nur gescheitert an der damaligen
geologischen Unkenntnis, jetzt aber liege die günstigste Chance offen.
Mit dieser Veröffentlichung, kann man wohl sagen, beginnt
die letzte, bis auf den heutigen Tag reichende Epoche der
wirtschaftlich-technischen Bernsteinauswertung. Ihre großartigste und
fruchtbarste in jedem Betracht.
Es liegt nicht im Zweck meines Werkes, sie noch ebenso ausführlich zu
behandeln wie die früheren. Denn wenn sie auch mehr als alle andern auf
der neuen wissenschaftlichen Grundlage erwuchs, so war ihr Bezug doch
zu der noch zu erzählenden letzten Phase dieser Bernsteinwissenschaft
selbst nur noch ein ziemlich loser — während ihre wirtschaftliche
Bedeutung als solche ins Unendliche wuchs und Fäden spann, denen nur
eine umfassende Weltwirtschaftsgeschichte gerecht werden könnte.
Einen Charakterzug, an sich interessant machend, bildet in ihr bis zu
einer gewissen Höhe die Einarbeit eines großzügigen Wirtschaftsgenies,
verkörpert in der Firma Stantien und Becker, enger dem Kaufmann des
zweiten Namens. Es war gewissermaßen der menschlich-persönliche
Einschlag zu der neuen Fruchtbarkeit des Orts; einmal durch ihn der Weg
geebnet, konnte dann wirklich der Staat die reife Frucht pflücken.
Der Bezug der Firma zum Bernstein reicht dabei schon Jahre über unsern
Termin von 1867 zurück. Damals kam bei staatlichen Baggerungsarbeiten
im Kurischen Haff bei Schwarzort Bernstein zutage. Man vermutete einen
entfernten Anschnitt echter Blauerde, was an sich ein geologischer
Irrtum war, da es sich wohl auch nur um ein altes, über die ehemals nur
als Untiefe vorhandene Nehrung eingeschwemmtes Nest vom Samland selbst
handelte. Die schon interessierte Firma greift aber zu und sichert sich
durch Übernahme der Baggerung und einen Zuschuß den Gewinn, der viele
Jahre zu einer Goldgrube wird, bis das Nest erschöpft ist. Allein im
Jahr 1883 sind dort 75546 ~kg~ Bernstein gehoben worden. Die ganze
Sache doch bereits ein Zeugnis des treffsichern Blicks.
Inzwischen hat die Regierung bei Erneuerung der Pachtverträge den
samländischen Strandleuten aber 1867 tatsächlich das Grabrecht
entzogen. (Nebenbei: die Pacht ist schließlich ganz eingegangen und
heute durch staatliche Bernsteinabnehmer von Fall zu Fall ersetzt.)
Dabei wurde zufällig noch ein Nebenrecht mit frei, das des Tauchens
jenseits des Strandes, das dann auch die Firma jahrelang nicht ohne
Erfolg erwirbt und übt. Entscheidend aber ist, als Stantien und Becker
seit 1870 auch das Grabrecht selbst begehren und (nach einem nicht
glücklichen Zwischenversuch der Regierung) auch lokal bekommen. In
der Intuition des Unternehmers erscheint sogleich jetzt der wirkliche
Bergwerksgedanke nach dem Muster mitteldeutschen Braunkohlenbetriebs.
Es gab dazu zwei Wege größeren Stils: tatsächliches Abheben der ganzen
Deckschichten in offenem Tagbau; oder Tiefbau mit senkrechten Schächten
und wagrechten Stollen, wo die Bergleute in wasserdichten Kleidern bei
Licht mit der Hacke arbeiten mußten. Nach einigem Experimentieren wird
das letztere bevorzugt (in der Palmnickener Gegend), und obwohl es noch
keineswegs ganz ideal ist, ergießt sich alsbald ein Bernsteinsegen, wie
ihn kein verwegenster Träumer je für möglich gehalten. Die paar tausend
Kilo hergebrachter Samlandernte schwellen in den nächsten Jahren auf
mehrere hunderttausend an, die Staatseinnahmen aus der Jahrespacht von
20-30000 der früheren guten Zeit entsprechend auf 800000 Mark.
Wobei der geniale Blick aber zugleich mit der uferlos zuströmenden
neuen Masse die Absatzmöglichkeiten fortgesetzt zu erweitern weiß.
Das Rohmaterial wird nach ebenso neuen Methoden für die Interessenten
schon am Ort zu genauer Einsicht aus der Verwitterungsrinde geschält
und für den Handel sortiert. Vor allem aber wird der Auslandsbetrieb
systematisch organisiert, mit eigenen Fabriken bis in fernste Länder.
Von Wien besonders auch die Bernsteinspitzenindustrie für Rauchzwecke
in Blüte gebracht. Weit darüber hinaus aber der Orient, China, Afrika,
Nordamerika erobert. Die alten Pläne der Jaskis leuchtend überholt.
Selbst ein gefährliches Zwischenabenteuer wird pariert. Ein Problem,
das schon den alten Chemiker Kunckel von Löwenstern beschäftigt, ist
1879 zunächst von unabhängiger Seite gelöst worden: nämlich klare
und gut gereinigte, aber sonst unbrauchbar kleine Bernsteinstücke
durch Erwärmung und starken hydraulischen Druck künstlich zu großen
zu verbinden. Ohne den echten Bernsteincharakter zu verlieren, konnte
dieser sog. „Preßbernstein“ (Ambroid) der Bernsteindrechslerei
wieder zugeführt, auch gleich in gewissen Modellformen (z. B. für
Zigarrenspitzen) und durch winzigen Zusatz beliebig gefärbt geliefert
werden. Die sich hieraus entwickelnde Konkurrenzindustrie, die das
große Naturmaterial der Firma zu entwerten droht, wird von ihr
anfangs als Bernsteinimitation bekämpft, dann aber durch eigene
Preßbernsteinfabrikation im Monopolbetrieb aufgesaugt.
Ich gehe nicht weiter ins Detail. Schließlich konnten doch auch hier
wieder durch das Monopol eines Einzelnen am ganzen Rohbesitz und die
extreme eigene Auslandsarbeit Unzuträglichkeiten nicht ausbleiben. Ich
untersuche und werte das nicht, Erfolg aber war, daß die Regierung
Ende der 90er Jahre auch diese ganze Bergwerksnutzung wieder in eigene
Hand nahm und 1899 die sämtlichen Lagerwerte, Grundstücke, Handels-
und Betriebsanlagen der Firma für 10 Millionen Mark dazu erwarb, ein
Kapital, das durch die fortgehenden ungeheuren Einnahmen doch bereits
in ein paar Jahren amortisiert war.
Im ganzen hatte die geniale Vorarbeit jedenfalls ihr Werk erfüllt,
und der Staat hat seither bloß in ihrer Hauptlinie weiter zu gehen
brauchen. Nur das auf die Dauer den Schichteninhalt doch nicht ganz
vollwertig ausnutzende und feuchte Tiefenwerk der Firma wurde von
ihm allmählich wieder durch einen gewaltigen Tagbau mit modernstem
Trockenbaggerbetrieb ersetzt. Was ich oben bei der geologischen
Schilderung ideal annahm, wird hier gleichsam täglich praktisch
vorgemacht: Abtragung des gesamten aufgelagerten Deckengebirges mit
allen seinen Schichten bis zum Schatz.
Von den Erfolgen, die auch der Weltkrieg nur vorübergehend hat stören
können, mögen ein paar schlichte Ziffern (nach Professor Brühl)
noch kurz berichten. Für das Jahr 1912 bezifferte sich der Ertrag
an Rohbernstein insgesamt auf rund 436000 ~kg~. Davon gingen für
Rauchrequisiten und Schmuck unmittelbar hinaus rund 78000 ~kg~. Der
Rest ergab 23000 ~kg~ Preßbernstein, sowie an chemischen Schmelz-
und Nebenprodukten 109000 ~kg~ Bernsteinkolophonium, das zu Lack
verwertet wird, 3000 ~kg~ Bernsteinsäure und 36000 ~kg~ Bernsteinöl.
Der jährliche Reinertrag der staatlichen Bernsteinwerke wurde vor dem
Kriege auf durchschnittlich 1¼ Millionen Mark angenommen.
Zu dem Welthandel ein paar hübsche Sätze von Klebs als Schluß:
„Perlschnüre aus den reinsten, trüben, mattgelben Bernsteinsorten
lieben besonders die Orientalen und Engländerinnen, die mehr knochigen,
weißlichen Arten schmücken die Bewohner West- und Ostafrikas,
die hellklaren bezieht der Kaukasus, die feinsten klaren gehen
nach Frankreich, Braunschweig und der Tatarei, die minderwertigen
verbrauchen Rußland und Afrika. Der Beamte Chinas und Koreas setzt wohl
einen ebensolchen Stolz in den Besitz einer langen Mandarinenkette
aus Bernstein, wie der Indianer in seine Ohrkolben aus demselben
Material. Etwa 10000 Betkränze aus Bernstein gehen jährlich in die
Hände frommer Mohammedaner und eine noch weit größere Anzahl von
Rosenkränzen nach Südfrankreich, Spanien und Italien. Der Krieger in
Marokko trägt sein geweihtes Bernsteinamulett auf der Brust, ebenso wie
der Krieger Chinas. Ja, viele Perser schmücken nicht nur sich und ihre
Toten, sondern auch ihre Pferde mit Schnüren von klaren, rissigen, oft
eiergroßen Bernsteinperlen.“
... Ob ein Magier noch einmal den Bernstein allein zu einem
Zauberspiegel machen könnte?
In einem Punkte ähneln sich doch die beiden Schlußabschnitte unserer
Bernsteinkunde. Auch der letzte wissenschaftliche steht wesentlich im
Banne des Genies, und wenn man will, mag man den genialen Naturforscher
immerhin den Magier unter seinesgleichen nennen.
[Illustration: Die Bernsteingrube Anna (Tiefbau) bei Palmnicken an der
Samlandküste, seit 1925 außer Betrieb.]
Auch das größte Genie wird aber, wie auf der wirtschaftlichen, so auch
auf der wissenschaftlichen Seite, immer wieder nur erwachsen und sich
wirklich fruchtbar erweisen können auf der Grundlage einer langen
voraufgehenden Arbeitsleistung.
Bereits durch das ganze 19. Jahrhundert geht neben all
dem geschilderten hohen Fluge der Ideen auch eine solche
fachwissenschaftliche Kleinarbeit.
[Illustration: Bild aus dem heutigen Tagebaubetrieb zur Gewinnung des
samländischen Landbernsteins. Die bernsteinhaltige Erde wird hier aus
den Kippwagen, die sie von den Baggern erhalten, auf eiserne Roste
geschüttet und zur sog. „Wäsche“ gebracht. Kräftige Druckwasserstrahlen
lösen sie zu einer „Trübe“ auf, die die Bernsteinstücke schwimmend mit
sich führt, worauf das Ganze in Rinnen zum Abfluß gebracht und der
Bernstein durch besondere Vorrichtungen zurückgehalten wird, während
die Trübe selbst ins Meer fließt]
Die liebevolle Bemühung um die kleinen gelegentlichen +Einschlüsse
im Bernstein selbst+. Ob an ihnen doch noch etwas mehr zu sehen sein
könnte?
Das Mikroskop wurde dafür herangeholt. Man schliff die zierlichen
goldenen Stückchen, in denen sich organische Reste zeigten, an, um
besser ins Innere hineinzuspähen. Dabei zeigte sich aber, neben mancher
Entdeckung über den Aufbau der alten Harzmasse als solcher, erst das
ganze Wunder, das die Natur hier fertig gebracht. Hatte sie doch schon
vor Millionen von Jahren (wie man sie ja jetzt allmählich zu ahnen
begann) Erhaltungsmethoden jener Einschlüsse durchgeführt, wie wir sie
heute durch künstliche Einbettung unserer feinsten mikroskopischen
Präparate und Schnitte in durchsichtigen Kanadabalsam kaum besser zu
erzielen wissen. Wobei man lange noch geglaubt hat, eigentlich seien
uns nur die Höhlungen im Bernstein als Umrißabguß etwa eines solchen
Insekts erhalten, der Körper selbst aber doch nach so langer Zeit
ganz oder fast spurlos verflüchtigt; man kann das noch in heutigen
Lehrbüchern vertreten finden, stimmen tut’s aber auch nicht, denn Hanns
von Lengerken hat neuerlich fertig gebracht, fast ganze Käfer auch als
solche noch herauszulösen.
Andererseits kam grade mit der wachsenden technischen Ausbeutung der
Blauen Erde aber auch die Masse dieses Materials erst klar in Sicht.
Was anfangs nur wie eine gelegentliche hübsche Zugabe erschienen,
erwies sich in gewissen Bernsteinsorten, die besonders günstig gewesen
sein müssen, gradezu als die Regel. Man bekommt einen Begriff, wenn
man hört, daß allein das Königsberger geologische Universitätsinstitut
bereits vor dem Weltkriege nicht weniger als 70000 auserlesen schöne
Tiereinschlüsse bewahrte. Kleine, aber sehr belehrende Sammlungen
können heute von den staatlichen Bernsteinwerken dort ganz regelmäßig
aus ihrer Palmnickener Ausbeute für Schulzwecke zusammengestellt werden.
Seit den 30er Jahren sehen wir eine Reihe typischer deutscher
Gelehrtenköpfe fast ausschließlich bei diesem Kleinstudium. In der Nähe
des Mutterbodens selbst den älteren G. C. Berendt und Joh. Chr. Aycke,
weiter entfernt (in Breslau) den vielseitig bewährten, in Schlesien
allverehrten Heinrich Robert Goeppert (geboren 1800). Goeppert, anfangs
mit geringem Material arbeitend, wurde dann seinerseits seit den
50er Jahren in ausgiebigster Weise unterstützt durch den großartigen
Danziger Sammler Menge. Es sollte eine der letzten Freuden des greisen
Alexander von Humboldt sein, daß er diese Erfolge im scheinbar
Bescheidensten noch begrüßen durfte.
Dabei mußte sich aber die Aufmerksamkeit vor allem auch den
+pflanzlichen Einschlüssen+ zuwenden. Nicht nur, weil Goeppert selbst
zufällig Botaniker war, sondern auch aus der Sache selbst. Es gab ja
auch solche Einschlüsse, wenn man sie auch bis in die neuere Zeit
weniger beachtet hatte als die Fliegen oder Spinnen — oft in ihrer
Weise ebensowohl erkennbar und jenen verfeinerten Methoden zugänglich.
Als da waren: Holzteile, Mulm, gelegentlich ein ganzes Blättchen,
Nadeln, Blüten, Blütenkätzchen und verwandtes mehr.
Für die schlichte Theorie, daß Bernstein Pflanzenharz sei, mußte darin
ja noch ein besserer Beweis liegen, als bloß durch die Tiere. Aber
das trat zurück gegen die weitere Erwägung, daß wir so auch durch den
Bernstein selbst noch auf die uralten „Bernsteinbäume“ schauten, ihre
mutmaßliche äußere Gestalt und botanische Art. In ganz liliputanischen
Kleinbildchen — etwa wie sich in den Facetten eines Ringdiamanten
eine Landschaft spiegelt. Aber doch mit dem unmittelbaren Wert eines
Dokuments. Wie aber mußte dazu durchschlagen, als sich jetzt mit
Ende der 60er Jahre herausstellte, daß es tatsächlich wieder unser
+einziges+ Dokument sei.
Es war noch der hochbetagte treffliche Goeppert in Person, der damals
den Plan faßte zu einer großen „Flora des Bernsteins“, die alles bisher
bekannt gewordene zusammengreifen sollte. Bereits über 80jährig, war
er aber selbst nachher nicht mehr der vollen Durchführung gewachsen,
sondern es mußte eine frische jüngere Kraft hinzu, die sich in +Hugo
Conwentz+ fand. Mit Conwentz erscheint die führende Gestalt dieses
letzten Abschnitts auch unserer wissenschaftlichen Bernsteinforschung.
Der heute aufwachsenden Generation ist er (selbst inzwischen
heimgegangen) wesentlich bekannt als der kraftvolle spätere Begründer
und Altmeister der Naturschutzbewegung — in der Tat auch das ein
unvergängliches Ruhmesblatt. In jenen Tagen aber bildete er sich den
genialen Gedanken, aus dem Bernstein, wenn er denn fortan allein
bleiben sollte, doch noch ein lebendiges Bild des verlorenen Waldes,
den kein Naturschutz mehr erreicht hatte, erstehen zu lassen — was
er dann mit einer seltenen Vereinigung schärfster wissenschaftlicher
Sachforschung und glücklicher Intuition meisterlich durchgeführt hat.
Von seinen beiden wundervoll illustrierten Quartbänden darüber schloß
der erste noch eng als Fortsetzung an Goeppert und Menge an, während
der zweite die eigentlich originale und grundlegende Leistung ist: die
„Monographie der baltischen Bernsteinbäume“ von 1890. Es ist wesentlich
Aufgabe meiner Restseiten, von Geist und Inhalt dieses Werkes noch eine
anschauliche Vorstellung zu geben.
Man konnte mit Recht sagen, daß mit ihm der Bernsteinwald zum
letztenmal, aber nun auch endgültig für uns zum wirklichen Rauschen kam.
Zunächst dabei noch etwas wissenschaftliche Definition des Bernsteins
selbst, wenn er jetzt die ganze letzte Rolle spielen soll. Da wir
doch an den nordischen Wald heranwollen, beschränken wir uns auch auf
den +nordischen+ Stein. Den der Blauen Erde, wie wir jetzt wissen.
Was ja auch nur dem rein deutschen Wort entspricht. Ganz fremde
bunte Fossilharze, die man in Rumänien und Sizilien, ja Japan und
Nordamerika gefunden, sollte man nicht Bernstein nennen, das gibt nur
Verwirrung. Andererseits kommen aber auch in der nordischen Blauerde
selbst noch ein paar andere Harze vor, die kein echter Bernstein sind
und denen man deshalb mit Recht besondere Namen gegeben hat: spröder
gelber +Gedanit+, brauner, an unsere Benzoe erinnernder +Glessit+,
schwarzer +Stantienit+ und braunerdiger +Beckerit+ (man hört die
Namen der berühmten Firma anklingen!). Das mag auch Pflanzengummi
des Waldes gewesen sein, aber zweifellos nicht von den eigentlichen
Bernsteinbäumen. Will man das echte Harz ihnen gegenüber noch einmal
gelehrt trennen, so mag man es (aus jenem lateinischen Urwort)
+Succinit+ heißen, es genügt aber auch eben „Bernstein“ selbst. Nur auf
ihn konzentriert sich das weitere Interesse in Conwentz’ Sinn.
Das allgemeine geologische Bild, das auch er zugrunde legt, ist
wesentlich das Zaddachsche, während Goeppert hier noch unsicher ging.
Ein urskandinavisches Land also im Norden, das bis in die heutige
Samlandnähe reichte und dann untersank. Wie weit es sich östlich und
westlich zog, bleibt dunkel. Man hat in der Folge wohl gemeint, es
habe sich vor seinem Atlantisschicksal bis weit auch nach Polen und
Südrußland hinunter ausgedehnt, wo dann nachher auch gelegentlich
eine Art Blauer Erde mit echtem Bernstein entstanden sei; doch
sei das dahingestellt. Die Zeit dieses Landes wirklich Eozän, was
trotz des erwähnten Widerspruchs (z. B. bei Tornquist, dem wir eine
ausgezeichnete Geologie Ostpreußens verdanken) sich ebenfalls allgemein
heute wieder durchgesetzt zu haben scheint. Nun aber Aufgabe, auf diese
geologische Atlantis wirklich wieder ihren Wald zu bringen, was nur der
Bernstein leisten soll. Wir folgen dem Griffel des Genius. Aus einer
Sofaecke, wie moderne Theosophen wohl von der griechischen Atlantis
gemeint haben, ist diese geologische nicht zu erträumen — es fordert
auch weiter ernste Gedankenarbeit.
Schon jene verschiedenartigen Harze der Blauen Erde selbst mögen darauf
hinweisen, daß in dem Walde sehr unterschiedliche Baumtypen gestanden
haben müssen. Und es ist vielleicht nicht uninteressant, sich dabei
einen Augenblick zu vergegenwärtigen, was aus dem allgemeinen Bilde des
Pflanzenstammbaums heraus auch solcher eozäne Wald damals schon für
eine Vegetationsstufe vertreten haben +könnte+.
Wie bekannt, erscheinen die urweltlichen Pflanzen zeitlich ungefähr
in der Reihenfolge des botanischen Systems (vgl. z. B. wieder die
neue Gothansche Bearbeitung von Potoniés bekanntem Handbuch). Für
antidarwinistische Leute mag das mißlich sein, die Natur ist aber auch
hier wichtiger als die Philosophie. Indem die älteren und niedrigeren
Entwicklungsstufen aber durchweg nicht ganz verschwanden, wurde das
Gesamtbild dabei nicht bloß höher, sondern zugleich fortgesetzt
farbenreicher und breiter. So sehen wir in den entlegensten Epochen
(Kambrium und Silur) zunächst nur Algen, die wohl noch rein damals
das Wasser besiedelten. Gewisse Kalkalgen gehören sogar, wie
wir neuestens ahnen, wohl noch dem Vorkambrium an. Ein Landwald
wäre also überhaupt damals noch nicht möglich gewesen. Im Devon
treten dann die ersten wirklichen Landpflanzen auf, die bereits im
Oberdevon nach kurzem wunderlichen, fast mooshaften Voranfang schon
deutlich Farntyp annehmen. In dieser Zeit hätte sich ein fast reiner
Farnwald etablieren müssen, wie er bis zu gewissem Grade auch in der
nächstfolgenden Steinkohlenperiode wirklich bestanden hat. Als er
schwand, blieben aber doch einzelne Farne übrig und konnten somit
auch bis in unsern wirklichen Eozänwald kommen, wie sie ja noch auf
unsere Gegenwart gelangt sind. Wir wissen aber wieder grade aus
neuester, sehr umwälzender Forschung immer deutlicher, daß auch in
jener Steinkohlenperiode selbst bereits eine machtvolle Invasion der
nochmals nächsthöheren Stammbaumgruppe, der sog. Gymnospermen, zu
denen unsere Koniferen oder Nadelhölzer gehören, zwischen jene Farne
stattgefunden haben muß. Viele Typen, die man lange dort auch für reine
Farne hielt, haben sich jetzt als solche einfachsten Samenpflanzen
herausgestellt, die allerdings unsern heutigen Koniferen äußerlich
noch gar wenig ähnelten. Und ungefähr in der Mitte der folgenden
Permperiode (zwischen sog. Rotliegenden und Zechstein) geht sozusagen
die pflanzliche Erdherrschaft von den Farnen für eine lange Zeit
geradezu jetzt auf diese Koniferen und Verwandte über. Von nun ab
hätten auch die Nadelhölzer für unsern Eozänwald gleichsam vorgemerkt
sein können. Schon in jenem Rotliegenden nähern sie sich auch
äußerlich bereits der bekannten Araukarienform, und in der Mitte des
mesozoischen Weltalters, in der Juraperiode, nehmen sie ersichtlich
die Gestalten unserer Taxodien und echten Zypressen, ja wenig später
selbst der uns heute so allgemein vertrauten Kiefern und Fichten an.
Die riesenhaften Landsaurier jener Tage haben noch fast rein in solchem
Nadelholzwald gehaust. Bis dann wieder ein erstaunlicher und immer noch
etwas rätselhafter Ruck nach oben ungefähr in der Mitte der folgenden
Kreidezeit statthat; der floristische Umschwung scheint sich fast
demonstrativ nicht an die Hauptabsätze unseres geologischen Schemas
gehalten zu haben. Diesmal tritt die obere Gruppe jener Samenpflanzen,
die der Angiospermen, sichtbar auf den Plan. Ob sie sich heimlich aus
einem Zweige der herrschenden Gymnospermen entwickelt hatte, wissen
wir nicht, jedenfalls ist auch sie sogleich fast im vollen Umfang
da. Als sog. Monokotyledonen und daneben auch schon mit ihrem andern
heutigen Zweig als Dikotyledonen. Letztere nach ihrer Organisation
die unbedingte Spitze des ganzen Pflanzenreichs. Keine Familie aber
dabei, die nicht auch heute noch bestände. Wenn der Bernsteinwald bis
dahin Farne und Koniferen besitzen konnte, so von hier an, falls es
sonst seine Zone erlaubte, ebenso Palmen (aus jenen Monokotyledonen),
Lorbeern, Magnolien, Eichen und anderes auch uns heute noch in Massen
geläufiges. In den großen Zügen war der Stammbaum aber damit vollendet,
und so werden wir im Tertiär diesseits der Kreide prinzipielle Lücken
überhaupt nicht mehr erwarten dürfen.
[Illustration: Einschlüsse höherer Blütenpflanzen (Angiospermen) im
Bernstein.
1. Zwei Blüten einer tropischen Connaracee (~Connaracanthium
roureoides~). Unten links natürliche Größe, darüber aus zwei Blüten
kombinierte vergrößerte Ansicht. 2. Blüte eines Zimtbaums (~Cinnamomum
Felixii~), links natürliche Größe, daneben starke Vergrößerung. 3.
Blüte einer Palme aus der Verwandtschaft unserer Dattelpalme (~Phoenix
Eichleri~). Links oben nat. Gr., daneben starke Vergr. 4. Männl.
Blütenkätzchen einer Eiche (~Quercus piligera~), links nat. Gr.,
daneben stark vergr. Der selten schön erhaltene Einschluß trägt 24
Blüten. 5. Blatt eines Zimtbaums (~Cinnamomum polymorphum~). Nat.
Gr. Das schön erhaltene Blatt erscheint steif, lederartig, glatt und
nackt, auf der Oberseite glänzend und von grünlichem Aussehen. 6. Blatt
einer Eiche (~Quercus subsinuata~). Nat. Gr. 7. Laubknospe einer Eiche
(~Quercus macrogemma~), links oben nat. Gr., daneben starke Vergr.
(Die Bilder sind nach Goeppert und Menge, „Die Flora des Bernsteins“,
bearbeitet und fortgesetzt von H. Conwentz, 2. Band, Danzig 1886)]
Durchaus zu diesem Eindruck stimmt nun das wirkliche Zeugnis der
pflanzlichen Bernsteineinschlüsse — so gut, daß jeder Zufall
ausgeschlossen scheint.
Wir sehen, um diesmal mit der jüngsten Stufe anzufangen, in dem
Zauberspiegelchen dieser Einschlüsse bereits auf einen unverkennbar
prachtvoll reichen +Laubwald höherer Blütenpflanzen+. Conwentz hat
ihn in jenem Zusatzbande zu Goeppert zuerst beschrieben. Natürlich
muß man sich bei der Wiederherstellung der gegebenen Grenzen bewußt
bleiben. Unsere Harztröpfchen konnten keine ganzen Bäume konservieren.
Was an ihnen festklebte, war oft grade das zum botanischen Bestimmen
schwächste Zufallsmaterial: abfallende und weit herumwehende
Härchen, Schuppen, im besten Fall ein ganzes kleines Blatt. Es wird
gewiß sein, daß wir von einer Menge hierzu ungeeigneter oder weniger
häufiger Bestände des Waldes überhaupt keine Kenntnis erhalten
haben, wobei ja noch mitspielt, wieviel Bernstein mit Inhalt nicht
bis in Naturforscherhand gelangt ist. Um so wunderbarer, wie reich
unser Bild trotzdem noch wird. Wobei ich erwähne, daß auch für die
Pflanzeneinschlüsse jetzt durch den jüngeren Potonié erwiesen ist, daß
sie keineswegs bloß Hohlräume bieten, sondern ebenfalls noch echte
Substanz.
Wohl die packendste Entdeckung sollten hier wirklich Palmen sein. Sie
haben sich noch durch kleine Einzelblüten und Blatteile unzweideutig
kenntlich gemacht. Einst, in der ersten vagen Vision solchen
Urweltwaldes, schienen Palmen ja selbstverständlich. Aber das war,
strenger geographisch erwogen, keineswegs der Fall bei einem Walde,
der in den Breiten der Ostsee gelegen haben sollte. Man muß sich schon
dazu vergegenwärtigen (was wir allerdings heute erst hinzugelernt
haben), daß die Wärmeverhältnisse im älteren Tertiär wirklich ganz
andere waren als unsere. Eine Vegetation wie vom Genfer See konnte
damals bis Spitzbergen und Grönland gehen — ohne daß wir doch noch
recht zu sagen wüßten, was diesen Gegensatz eigentlich bedingte. (Vgl.
mein Kosmosbändchen „Eiszeit und Klimawechsel“.) Warum in diesem
Klima also nicht Palmen auch im echten Bernsteinwald? Die eine der
noch nachweisbaren Typen ist unsere ~Phoenix~, die Dattelpalme, heute
nordafrikanisch und indisch. Man sieht noch jetzt an der Riviera und im
modernen Rom, wie leicht sie sich auf der europäischen Mittelmeerseite
künstlich einbürgern läßt, damals aber muß sie hier oben wild gewachsen
sein. Eine andere echte Bernsteinpalme gehörte zu den schönen
amerikanischen Fächerpalmen unserer Warmhäuser, den Sabal-Arten, von
denen die sog. Palmettopalme drüben auch heute noch am weitesten nach
Norden kommt.
Ich will hier gleich auf ein Gesetz hinweisen, das bei fast allen
Bernsteinwaldbäumen wiederkehrt. Sie erinnern mit Liebe teils an
ostasiatische (z. B. japanische), teils an nordamerikanische Arten
von heute. Noch durch die ganze Tertiärzeit besaß nämlich auch Europa
stark gemeinsame Flora mit diesen heute fremden Ländern. In Europa
wurden dann auch die letzten Reste dieser Vegetation durch die Eiszeit
vernichtet, während sie sich in Japan und Nordamerika halten oder doch
nach kurzer Verdrängung zurückfinden konnte. So früh im Tertiär,
wie wir aber bei unserem Bernsteinwalde sind, spiegelt sich die alte
Gemeinsamkeit noch überall.
Ich wähle gleich als Beispiel die erwähnte allbekannte Magnolie. Heute
nordamerikanisch-japanisch und bei uns erst wieder künstlich wegen
ihrer Schönheit eingeführt, stand auch sie noch als wildes Naturkind in
unsern Ostseewäldern.
Zu dem Wärmebilde selbst wieder beweisend wirkt der Zimtbaum
(~Cinnamomum~). Wir denken an die tropischen Gewürzinseln, obgleich
auch er bis China geht. Von seinem Dasein im Bernsteinwalde haben
uns aber zwei Blüten und ein reizendes eiförmiges Blatt noch sichere
Kunde bewahrt. Dieses Blättlein gehörte seit 1858 zu den größten
Berühmtheiten der ganzen Bernsteineinschlüsse, und wer will sich dem
Zauber verschließen, daß grade dieser vielbesagte und fast sagenhafte
Gewürzbaum uns damals noch so nahe gewesen sein soll. Die Gattung
gehört dabei botanisch zu den Lorbeern, und an solchen ist auch sonst
im Tertiär bei uns kein Mangel gewesen. Wollen wir uns den Laubwald
aber recht eigentlich urwaldhaft dicht machen, so müssen wir uns
erzählen lassen, daß er neben solchen Fremdkindern doch auch ungeheure
Bestände an Eichen enthalten haben muß. Abgeworfene Knospenblättchen
und Haare solcher bilden gradezu die Hauptmasse aller pflanzlichen
Bernsteineinschlüsse. Im Temperaturbilde werden wir sie uns wohl als
immergrüne Arten denken. Neben ihnen standen zwei Buchenarten und
vier Kastanien, wohl auch Ulme und Weide und mancherlei Ahorn. Dieser
Ahorn ist erst im späteren, langsam kühler werdenden Tertiär ganz
richtig hochgekommen, und man möchte glauben, er sei in unserem warmen
Paradiese ein früher Vorahner und Ankündiger solchen Umschwungs gewesen.
[Illustration: Insekten und Spinnentiere aus dem Bernsteinwald, die
sich im ursprünglich flüssigen Bernstein erhalten haben
1. ~Lepidothrix pilifera~, ein urtümliches, ungeflügeltes Insekt aus
der Verwandtschaft unseres sog. Zuckergasts. Vergr. 2. ~Cronicus
anomalus~, eine Eintagsfliege. Der Strich gibt die nat. Gr. 3.
~Holocompsa fossilis~, eine Schabe (Blattide). Vergr. 4. ~Hagnometopias
pater~, Käfer aus der Verwandtschaft unserer Pselaphiden, die zum
Teil heute als Gäste bei Ameisen leben. Vergr. 5. ~Dorcaschema
succineum~, ein Bockkäfer. Vergr. 6. ~Palaeognathus succini~, ein
Hirschkäfer aus der Verwandtschaft der lebenden Lampriminen. 7.
~Prionomyrmex longiceps~, eine Ameise. Strich nat. Gr. 8. ~Inocellia
erigena~, Kamelhalsfliege. Vergr. 9. ~Palaeopsylla Klebsiana~, der
einzige bekannte urweltliche Floh, im Bernstein erhalten. Vergr. 10.
~Platymeris insignis~, Raubwanze. Vergr. 11. ~Chelifer Hemprichti~,
Bücherskorpion. Strich nat. Gr. 12. ~Mizalia rostrata~, Spinne. Strich
nat. Gr. (1, 3, 4, 5, 6, 8, 9, 10 nach Schröder-Handlirsch; 2, 7, 11,
12 nach Zittel)]
Ich gehe nur rasch noch über eine Reihe kleinerer Typen fort. Da wuchs
aus den Lilienverwandten die Stechwinde, heute nur mit einer Art im
Mittelmeergebiet, sonst auch jetzt fernes Japan und Amerika. Eine
kalmushafte Arazee, unter den Gräsern ein Mais, Nesseln und Knöterich
neben der Wachsmyrte und den lieblichen Ziströschen von Capri, die
Rosenäpfel der Tropen und Ostasiens zu vertrauteren Geranien, Sauerklee
und Lein zu Sandelholz. Holunder blühte mit dem Ölbaum und wieder
unserem niedlichen Pfaffenhütlein. Krapp und Kerbel, dann aber wieder
ganz überraschend der südamerikanische Seifenbaum und Verwandte des
prachtvollen Silberbaums vom Kap mit seinen silbergrauen Blättern.
Japanische Deutzien und Euphorbien und heute tropische Leguminosen.
Die größte und schönste Blüte, die der Bernstein überhaupt geliefert
(von fast 3 ~cm~ Durchmesser, also wie ein altes Zweimarkstück), gehört
einer Tee- und Kamelienverwandten (~Stuartia~) an, die wieder ganz nach
jener Regel heute drei Arten in Nordamerika und eine in Japan hat.
Im Gezweig schmarotzten Misteln, und am rechten Fleck fehlte selbst
die Heide nicht. Und natürlich auch kein Mangel an Pilzen, Flechten,
Leber- und Laubmoosen, wie dem schon damals in der Pflanzenentwicklung
urtümlichen Farn. Man sieht: ein echter Paradieswald, wo alles nur
denkbare durcheinanderwuchs schon im reinen Laubholz, allerlei Zonen
und Länder vertauscht. Und wieviel mehr mag noch dabei gewesen sein,
wenn wir regelrecht hätten botanisieren dürfen. Über dem Ganzen wird
aber vermittelnd die paradiesische Wärme gelegen haben. Man hat selbst
vorsichtig doch ein Jahresmittel von über 20 °~C~ herausgerechnet,
sagen wir also: Nordafrika. Wozu auch die Insekten passen würden, die
der Bernstein ja ebenfalls so fast überreich bewahrt.
Sind die winzigsten Blütchen noch bis in alle feinsten botanischen
Details erhalten, so ist es bei diesen Insekten ein besonderer
Reiz, daß man sie oft gleichsam noch wie mitten in der lebhaftesten
Lebensbewegung, gleichsam strampelnd und sich sträubend, erfaßt. Kein
Beobachter wird sich gelegentlich des fast schreckhaften Eindrucks
erwehrt haben, er sehe trotz der Millionen Jahre Zwischenzeit noch
ein lebendiges, nur eingekerkertes Geschöpf vor sich. Der Art und
weitern Sippe nach findet man auch bei diesen Insekten gradezu
alles noch, was irgendwie mit Harz in Berührung kommen konnte.
Im ganzen doch auch durchweg heute geläufige Formen, da auch die
Insektenbildung verhältnismäßig früh fertig gewesen ist. Immerhin
mag auffallen die Masse der kleinen, noch flügellosen Zuckergäste
und Genossen, die manche für die letzten Nachzügler der Urinsekten
halten. (Vgl. mein Kosmosbändchen „Der Stammbaum der Insekten“.)
Unendliche Käfer natürlich, Mücken, Wespen, Bienen und Ameisen —
was da fliegt und kriecht und krabbelt mit Buschs Wort. Im einzelnen
doch immer interessantes: bei den Cicindeliden die amerikanische
~Tetracha carolina~, ganze 46 Arten der heute meist von Ameisen
gepflegten Pselaphiden und mehrere der ebenfalls dort verhätschelten
südländischen Paussiden, unter den Hirschkäfern eine der schönen
australischen Lampriminen. Neben (selbstverständlich meist nur in
den kleinen mottenhaften Typen erhaltenen) echten Schmetterlingen
zahlreich noch ihre Vorfahren, die Köcherfliegen. Einmal nur bisher
ist ein Floh gefunden worden (~Palaeopsylla Klebsiana~, benannt nach
dem feinsinnigen Bernsteinforscher Klebs), der aber den hohen Ruhm
wahrt, der einzige überhaupt bekannte „saubere Gast“ aus der ganzen
Urwelt zu sein. Man möchte unwillkürlich fragen, von was für einem
präadamitischen Ungeheuer er abgesprungen sein könnte, um im Harz
zu landen, nüchterne Zoologen denken ihn aber auf einer Maus oder
einem Maulwurf ursprünglich beheimatet. Sehr wertvoll, weil auch in
jenes Temperaturbild einstimmend, sind die unverkennbaren Wärmegäste:
an 50 verschiedene Arten zum Teil direkt tropischer Kakerlaken
(Blattiden) und neben einzelnen Blatt- und Fangheuschrecken durchaus
nicht selten Termiten. Man weiß, daß diese Termiten sich noch heute
als geflügelte Geschlechtstiere zeitweise in ganzen Wolken aus ihren
dunklen Erdhöhlen erheben, und in solchem Luftstadium sind sie damals
auch in die erstickende Umarmung des Harzes geraten — im Mikroskop
ein reizender Anblick mit ihren noch heute glitzernden Flügelchen.
Unter den ebenfalls regelmäßig wiederkehrenden Spinnentieren amüsierte
gelegentlich ein winziger Bücherskorpion (~Chelifer~), der sich ganz
nach Art unserer heutigen freiwillig oder auch unfreiwillig an ein
vorbeifliegendes Insekt, eine Schlupfwespe, angeklammert hatte und von
ihm, obwohl selber flugunfähig, durch die Luft entführt worden war, bis
Roß und Reiter ein gemeinsames unrühmliches Ende im Leimtopf ein und
desselben eozänen Harzergusses fanden.
Aber indem Atlantis so wieder zu blühen und zu summen beginnt, ihre
Palmen sich wieder wiegen und ihre Käfer schwirren, suchen wir doch
noch eine besondere Handlung auf ihr.
Im Paradies der Legende stand zu den andern Bäumen der Baum der
Erkenntnis, und an ihn schloß die Handlung dieses Paradieses. Die große
Handlung unseres Bernsteinwaldes war seine Harzproduktion selbst. Wo
erfolgte sie? Wer war auch in diesem Sinne sein Erkenntnisbaum?
Von keiner der bisher geschilderten Laubpflanzen ist wahrscheinlich,
daß der echte Succinit grade von ihr stammen sollte. Wohl bleibt
verständlich, daß, wo in der Nachbarschaft solches Harz quoll, auch
Material von dort anflog. Aber wer hatte die eigentliche Leimrute
gestellt?
Es war wieder ein früher Gedanke jener Wredeschen Zeit, daß es ein
Nadelholz, eine Konifere gewesen sein müsse.
Wir haben gesehen, daß auch solche Nadelhölzer in unserem Paradiese
sehr wohl bereits bestehen konnten. Daß auch in einem warmen Walde
solche Koniferen mit Palmen abwechseln mögen, zeigt noch heute so
manche Tropenlandschaft. Einer der ersten überraschenden Eindrücke, die
Kolumbus in Mittelamerika empfing, war solcher Mischwald. Der einsame
Fichtenbaum Heines, der im Norden von einer unerreichbar fernen Palme
träumt, ist botanisch doch nur der Ausdruck unserer von der Eiszeit
verwüsteten europäischen Welt. Und in der Tat läßt sich das reine
Laubwaldbild leicht aus den Einschlüssen auch hier herüber ergänzen.
Der alte Goeppert noch selbst und Caspary haben dazu vorgearbeitet.
Schon die erste oberflächliche Durchsicht jeder besseren Sammlung
zeigt gradezu Massenbestände von Zypressencharakter. Nächste Verwandte
unseres hübschen Lebensbaums, der Thuja, müssen vielfältig alles
durchwuchert haben, so zahllos sind auch ihre losen jungen Zweiglein
in das Harz gelangt. Wobei auch Thuja nach jener Regel heute für
uns aus Ostasien und Nordamerika kommt; drüben bildet sie immer
noch Riesenstämme von 60 ~m~ Höhe. Dazu treten echte Zypressen und
Chamäzypariden gleicher Verbreitung, kalifornische Libozedern und
südafrikanische Widdringtonien. Man müßte streckenweise wie durch einen
prächtig assortierten modernen Koniferenpark geschritten sein. Auch zu
unserer einzigen noch echt deutschen Zypresse, dem Wacholder, gab es
bereits Anklang. Fehlte, wie es scheint, die echte Sumpfzypresse, so
nicht der nah verwandte chinesische Glyptostrobus und die riesenhafte
Sequoia. Selbst ein so völlig fremdartiger Tropentyp von heute wie
eine Zykadee, die wie ein Palmbaum ausschaut und doch eine weitläufige
Konifere ist, war gelegentlich dabei. Also auch hier eine reiche Wahl,
und wenn wir etwa das Harz von Thuja ableiten dürften, wären wir rasch
am Ziel.
Aber wieder macht sich ein Gedanke geltend.
Im echten Succinit finden sich immer einmal wieder nicht nur angewehte
äußere Pflanzenteile, sondern auch +Holz+ selbst.
Und das nicht bloß in losen Krümelteilchen, sondern nicht selten
auch in derben Bruchstücken, die das Harz heute noch in seiner
Bernsteingestalt gradezu innerlich durchwächst. Es liegt doch nahe
genug, daß dieses von innen verharzte Holz vom Bernsteinbaum als
Harzgeber selber stammt. Gleichsam Wand noch seiner eigenen Werkstatt
ist.
Keines dieser überlieferten Hölzer aber geht nach Conwentz wirklich
auf solches Zypressenholz. Bei den losen und mehr problematischen
Rollhölzern ohne unmittelbaren Harzanschluß, die mit dem Stein in die
Blauerde eingeschwemmt sind, mag auch derartiges sein. Wo immer dagegen
Holz mit Bernstein verknüpft erscheint, weist es stets auf +eine ganz
bestimmte Spur+.
Als Berendt 1830 solches Bernsteinholz, zum Teil noch durch Wrede
selbst, erhielt, schloß er schon bei erster oberflächlicher
Untersuchung, daß es sich um Bruchstücke einer nächsten Verwandten
einer unserer allerbekanntesten, noch heute im Lande heimischen
Koniferenformen gehandelt zu haben scheine, nämlich unserer als
Weihnachtsbaum jedem Kinde mit süßer Romantik umschwebten Fichte.
Um es hier einzuflechten, besteht über die Benennung unserer
geläufigsten deutschen Waldkoniferen in manchen deutschen Gegenden
etwas Widerspruch. So nennt der Berliner den Hauptbaum seiner
Forstkultur Fichte, während es in Wahrheit Kiefern sind, und etwa die
echte Riesengebirgsfichte begrüßt er als Tanne. Botanisch zählen zur
Familie der kiefernverwandten Gewächse neben der eigentlichen Kiefer,
zu der auch Pinie und Zirbel rechnen, die Fichte (Rottanne) mit
immerhin stärkerer äußerer Ähnlichkeit zur Tanne, die Tanne, Weißtanne
oder Edeltanne selbst und die wieder der echten Zeder nahe Lärche. Die
Berendtsche Idee hatte aber etwas ungemein Anregendes. Sie führte in
die Nähe von Bäumen, die uns auch heute noch durch ihre vielfach reiche
und industriell ausgenutzte Harzproduktion bekannt waren, zugleich aber
dem Studium sich allerorten noch offen darboten, so daß der Wald, wenn
es wahr sein sollte, uns nochmals um ein Riesenstück näher kam. Das
Bild der antiken Pinien und Zedern schob sich doch noch wieder auch
zwischen die Palmen und Zimtbäume vor Jahrmillionen.
Fünf Jahre nach Berendt (1835) unterwarf der treffliche Aycke in Danzig
auch solches Bernsteinholz einer mikroskopischen Prüfung, indem er nach
damals neuer Methode erstmalig dünne Scheiben daraus schnitt und bei
hundertfacher Vergrößerung auf ihre Feinstruktur prüfte. Er erkannte,
auch ohne Fachbotaniker zu sein, die natürlichen Harzgänge im Holze
selbst und erhob damit zur ersten Gewißheit, daß es sich um echte
Teile des harzgebenden Baumes handeln +müsse+. Auch ihm schien dabei
fichtenähnliche Struktur wahrscheinlich, einerlei zunächst, von was
für einer damaligen engeren Art die Reste rührten oder ob von mehreren
solcher.
Inzwischen trat mit Goeppert aber auch ein wirklicher Botaniker an die
Sache heran, der 1836 aus einer alten Sammlung ein Stück Bernstein
in die Hand bekam, in dem schwärzliche Holzteile von Bernstein
teils eingeschlossen, teils auch gradezu durchsetzt waren. Ihm
schien die Fichtennatur diesmal so klar, daß er keinen Anstand nahm,
sogleich einen festen lateinischen Namen für den Baum zu schaffen:
~Pinites succinifer~, also in seinem Sinne von damals ungefähr der
„bernsteinerzeugende urweltliche Fichtenverwandte“.
Unzweifelhaft wieder ein großer Moment in unserer Erzählung. Der Baum
unserer Erkenntnis zum erstenmal mit einem lateinischen Gattungs- und
Artnamen im Sinne von Linnés unsterblicher Ordnungstat festgelegt.
Erst in diesem Augenblick schien der letzte Nebel abzuziehen: der
Märchenbaum trat in die wissenschaftliche Fachbotanik ein, die
ihn jetzt festhalten sollte mit der ganzen Kraft ihres eigenen
Zusammenhangs. Der Name selbst sollte allerdings noch etwas Wandel
erfahren.
Goeppert schien zunächst kein Anlaß, mehr als +eine+ Art solcher
Bernsteinfichte anzunehmen, dann aber wurde er wieder unsicher,
glaubte aus dem Holz allein nicht weniger als acht verschiedene, zum
Teil auch auf andere Glieder dieser Nadelholzfamilie deutende Arten
herauszulesen, die er in seinem Endwerk nochmals auf fünf (neben einer
vermeintlichen Taxusart) reduzierte.
Hinein spielte dabei aber auch für ihn schon, daß neben diesem Holz
im reinen Bernstein gelegentlich auch Nadeln und Blüten verschiedener
Typen aus näherer oder fernerer Fichtenverwandtschaft sichtbar wurden.
Bereits der alte Bock hatte geglaubt, Fichten- und Tannennadeln darin
bemerkt zu haben, und seit 1830 kannte man auch sichere männliche
Blüten. Heute ist fest, daß tatsächlich im Bernsteinwalde auch nach
diesen Parallelfunden sowohl Kiefern und Fichten, wie Tannen und wohl
auch Lärchen gestanden haben müssen. Fragte sich bloß wieder, was nun
davon zu dem botanisch für sich bestimmten Holze gehört haben könnte.
Einerseits bestand kein Beweis, daß alles ohne weiteres daran schloß,
denn neben den echten Bernsteinkoniferen konnten auch sehr entfernt
verwandte Nadelhölzer der Nähe ihre an sich unbeteiligten Blätter
und Blüten eingestreut haben gleich jenen Palmen und Zimtbäumen.
Andererseits war aus der hier auftauchenden Mannigfaltigkeit aber
wahrscheinlich, daß doch auch die Bernsteinbäume selbst zu mehreren
Arten gehört haben möchten.
Diese späteren Goeppertschen Unterscheidungen sind aber nun wieder
für Conwentz nicht brauchbar. Abgesehen von dem nicht existierenden
Taxusholz hält er auch die letzten fünf Holztypen für Irrtum,
hervorgebracht durch den Mangel geeigneter Schliffe und Schnitte im
Sinne unserer nochmals verbesserten mikroskopischen Methoden. Wende man
diese Methoden mit geeignetem Material an, so ergebe sich keinerlei
zwingender Grund, aus dem Holz +allein+ Bestandteile mehr als einer
Baumart anzunehmen. Die aufgewiesenen Unterschiede könnten alle auf
verschiedene Holzteile eines und desselben Baumes gehen. In diesem
Sinne könnte es also wieder bei dem ersten lateinischen Namen Goepperts
bleiben.
Andererseits verschließt sich aber auch Conwentz der +Möglichkeit+
nicht, daß es mehrere Bernsteinbäume gegeben habe, die nur eben im Holz
so gut wie +gleich+ gewesen sein müssen. Wie schwer es sei, allein aus
dem Holz überhaupt Unterschiede festzustellen, erhelle u. a. daraus,
daß man so nicht einmal klar erweisen könne, ob es sich um eine echte
Fichte +oder+ echte Kiefer gehandelt habe. Manches spreche gradezu
auch für solche Kiefer, so daß der lateinische Name (den Conwentz in
~Pinus succinifera~ umändert) einstweilen offen für beide Typen gelten
müsse. Ausgeschlossen seien grundsätzlich nur Tanne und Lärche. Eine
gewisse bedingte Wahrscheinlichkeit für die Annahme mehrerer Bäume
sieht auch Conwentz in den zweifellos verschiedenartigen Nadel- und
Blüteneinschlüssen.
An und für sich ist es ja auch mit diesen Einschlüssen ein etwas
seltsames Ding.
Zunächst ist keiner der verschiedenen Blatteinschlüsse (zu denen ja
auch solche Nadeln hier gehören) so viel häufiger als die andern, daß
man daraus vielleicht auf seine Zugehörigkeit zum Bernsteinbaum selber
schließen könnte. Des weiteren aber sind die Nadeleinschlüsse alle
miteinander überhaupt auffällig selten. Jene losen Zypressenzweiglein
vom Lebensbaum finden sich unvergleichlich häufiger im Bernstein vor.
Conwentz meint, im allgemeinen wechselten diese Fichten, Tannen und
Kiefern ja nur in langen Pausen mehrerer Jahre ihr Laub, außerdem
liege der Hauptnadelfall im Spätherbst, wo wenig Gelegenheit sei,
in fließendes Harz zu gelangen. Auch wehten die dünnen Nadeln kaum
mit dem Winde, fielen vielmehr unmittelbar zu Boden, ohne das Stamm-
und Astharz zu streifen. Die Farbe der Bernsteinnadeln sei nicht so
freudig grün wie im Leben, sondern matt, wohl weil es nie lebensfrische
waren, sondern sterbende oder bereits abgestorbene. Ganz befriedigt
diese Erklärung doch nicht, und es bleibt ein kleines Geheimnis.
Einerlei indessen, wie es sich damit verhalte, so liegen, wie
gesagt, eine beschränkte Anzahl auch solcher Nadeln und Blüten in
meist vorzüglicher Erhaltung vor, und Conwentz glaubte, aus diesem
Parallelmaterial an Nadeln auch seinerseits vier verschiedene echte
Kiefern im engern Sinne und eine entsprechend echte Fichte anerkennen
zu können, die alle fünf also wenigstens der Möglichkeit nach als
zugehörig zu dem gleichartigen Holz und damit der Bernsteinproduktion
selber aufzufassen wären. Dazu kommen noch drei reine Kiefern, die
durch Blüten charakterisiert sind — es liegt aber auf der Hand, daß
diese Blütenarten mit dreien der Nadelarten zusammenfallen, so daß also
in Wahrheit nur jene fünf im ganzen nach dieser Seite übrig blieben.
Von den Kiefern, die völlig im Sinne von Conwentz’ Neigung grade zur
Kiefer die Mehrzahl bilden, ist keine Art mit unserer heimischen von
heute identisch oder auch nur enger zugehörig. Eine gemahnt an gewisse
nordamerikanische Arten, eine an die japanische Rotkiefer, eine dritte
kommt unserer Zirbelkiefer (Arve) und zugleich dem japanischen Knieholz
nahe. Die nach drei unvollständigen Nadeln bestimmte Fichte stimmt
näher zu einer heutigen Art vom Amur und der Insel Jezo, womit zugleich
wieder jenes heutige Verbreitungsgesetz für Ostasien wenigstens
anklingt.
Im Bilde des Gesamtwaldes denkt sich Conwentz die eigentlichen
Bernsteinbäume als für sich geschlossenen Bestand, den nur hier und da
andere Baumarten unterbrachen. „Die Kiefern nahmen hierin eine durchaus
dominierende Stellung ein“ und verliehen diesen Waldteilen „eine
freudig-grüne Farbe, mit welcher stellenweise das Grau der von den
Zweigen und Ästen lang herabhängenden Bartflechten abwechselte.“
[Illustration: Nadelholzreste als Bernsteineinschlüsse.
1. Holzsplitter, die ihre Entstehung Baumschlag oder Windbruch
verdanken. Links Originalgröße, rechts vergrößert. 2. Nadelbüschel
von ~Pinus cembrifolia~. Links Originalgröße, rechts vergrößert. 3.
Teil der Innenfläche solcher Nadel bei sehr starker Vergrößerung.
4. Männliche Blüte von ~Pinus Reichiana~. Links Originalgröße,
rechts vergrößert. 5. Weibliche Blüte von ~Pinus Kleinii~. Rechts
Originalgröße, links vergrößert. 6. Pollenkörner (Blütenstaub). Stark
vergrößert. 7. Stark vergrößertes Stück aus 4. 8. Ebenso aus 5. (Die
Bilder nach H. Conwentz’ „Monographie der baltischen Bernsteinbäume“,
1890.)]
Entsprechend der wenigstens nach der Nadel- und Blütenseite sicheren
Verschiedenheit verteilte auch Conwentz noch einmal eine Anzahl
engerer lateinischer Namen, natürlich doch mit dem ausgesprochenen
Vorbehalt des Provisorischen, dem nach wie vor als wirklich ruhender
Punkt nur die alte Gesamtbezeichnung als ~Pinites~ (oder ~Pinus~)
~succinifer~ gegenübersteht.
Erwähnen will ich noch, daß seit Conwentz’ Tagen von Gothan neue
Holzuntersuchungen vorgenommen worden sind, die es wenigstens diesem
vorzüglichen Kenner wahrscheinlich machen, daß die echte Fichte zum
Schluß noch ganz ausscheidet und +nur+ Kiefernholz besteht. Zu diesem
Holz soll dann am noch wieder nächsten die von Conwentz nach der Nadel
bestimmte Art ~Pinus silvatica~ stimmen, die von lebenden Typen an
gewisse amerikanisch-asiatische Kiefern (~Parrya~) gemahnt. Danach
würde man also nur noch von „Bernstein+kiefern+“ zu reden haben.
Stand so der Baum wenigstens mit sehr geringem Schwankungsspielraum
botanisch fest, so mußte die nächste Frage sein: ob wir nicht auch von
seiner „Handlung“ selbst noch etwas ablesen könnten.
Seiner großen Handlung der zum Bernstein führenden +Harzerzeugung+.
Weniger die Einschlüsse, als vielmehr die Art dieses Bernsteinharzes an
sich mußten hier bedeutsam werden.
Knüpft der echte Succinit stets an sehr gleichartiges Holz, wo er mit
solchem verbunden auftritt, an, so ist er selber doch keineswegs immer
von gleichem Bau. Schon Plinius wußte ja von seinen verschiedenen
Farben, und wer wieder eine größere heutige Sammlung bloß auf diese
eigenen Differenzen mustert, der muß überrascht werden durch die
Wiederkehr auch gewisser unterschiedlicher Gestalten, die ein geheimes
Gesetz anzudeuten scheint.
Gewisse derbste Gegensätze ergeben sich ja offenbar aus seinem späteren
Schicksal: so, wenn der unmittelbar der Blauen Erde entnommene Stein
eine gleichmäßige weißliche Verwitterungshaut trägt, während der
Seestein reiner und naturglatter erscheint. Aber bei andern muß bereits
jene „Handlung“ selbst mitgewirkt haben.
Seit der neuere Bernsteinbetrieb blüht, hat man dieser wechselnden
Sorten eine Unzahl dort unterscheiden gelernt, wobei immer doch wenige
Grundtypen überwiegen, an die sich auch wieder feste ortsübliche
Bezeichnungen geheftet haben. So tritt neben den eigentlichen goldig
klaren Stein, wie wir ihn zunächst mit dem Bilde eines Kiefernharzes
verbinden würden, der mehr oder minder auch innerlich getrübte.
Mikroskopisch vergrößert erweist sich diese Trübung als das Ergebnis
einer großen oder geringeren Zahl miteingeschlossener Bläschen, deren
schließlich fast eine Million in einem Quadratmillimeter sitzen mögen
bei einem eigenen Durchmesser von nur 0,0008 bis 0,004 ~mm~. Sie führen
im Übermaß zu ganz undurchsichtig weißem „knochigem“ Stein, mehr
mit Hell gemischt zu „buntknochigem“, zu „Bastard-“, zu blauem, wie
verdünnte Milch ausschauendem oder grünem. Anderer wird in schwacher,
nebliger Durchschleierung als „flohmig“ oder kumst(kohl-)farbig
bezeichnet. Während der schönste klare als „eisfarbig“ brilliert und
der nächste etwas tiefer goldige als „Braunschweiger Klar“ wohl jener
sein möchte, den einst Plinius mit edlem Falernerwein verglich. Bei dem
sog. „schaumigen“ Stein spielt Zusatz von Schwefelkies mit.
Dazu aber dann auch mehrere charakteristische Gestaltunterschiede,
die für sich wieder einem Eigengesetz der regelmäßigeren Trübung
oder Durchsichtigkeit zu folgen scheinen: große flache, meist trübe
„Fliesen“ und „Platten“, rundliche, manchmal unten abgeplattete,
ebenfalls undurchsichtige Tropfen — endlich die feinen klaren
„Schlauben“, in denen man mehrere Harzflüsse übereinander zu sehen
meint und die den eigentlichen sonnenhellen Glasschrein jener Tier- und
Pflanzeneinschlüsse darzustellen pflegen.
Wenig scheinen bei alledem doch dem flüchtigen Beschauer diese kleinen
Kontraste zu besagen — wie soll reichliches Harz nicht bald einmal
so oder so geflossen oder so oder so verunreinigt worden oder klar
geblieben sein? Wunderbar aber, wie Conwentz diesen Wechsel aus seiner
vor Jahrmillionen schon erstarrten Arbeit wieder neu zu beleben und in
Fluß zu bringen weiß, bis auch er uns ganz bestimmte Antworten gibt.
Es ist erzählt, wie man in dem Holz des Bernsteins öfter noch am
Dünnschliff unter dem Mikroskop die Harzgänge selber erkennen
kann, in denen sich einst das Bernsteinharz ursprünglich erzeugte.
Solcher Harzgang, am eng verwandten noch lebenden Nadelholzbaum
studiert, ist in seiner einfachsten Form schlicht ein Zwischenraum
auseinandertretender Zellen, in dem sich, vermutlich von diesen Zellen
selbst aus sich hervorgebracht, ein durchsichtiger Balsam sammelt. In
anderm Falle kann er aber auch entstehen durch Auflösung benachbarter
Zellen selbst, wobei sein Inhalt sich durch Zellsaft zu trüben
pflegt. Und in gesteigerter Harzproduktion mag das zur Verharzung und
Zerstörung ganzer Gewebe und Bildung großer linsenförmiger Hohlräume
führen, in denen der flüssige Harzbalsam sich wie in natürlichen
Tanks, sog. „Harzgallen“, anstaut. Das Schicksal all dieser inneren
Harzbestände aber muß auf Lebensdauer des Baumes ein sehr verschiedenes
sein. Bald mögen sie zeitlebens so im Innern verharren und sich dort
immer mehr zu dauerfestem Harz verhärten, bis endlich am Ende seiner
Tage der ganze Baum zermorscht und die nun nicht mehr löslichen
steinhaften Einlagen herausfallen und als loser Stein am Fleck liegen
bleiben. Oder durch irgendeine Ursache wird gelegentlich der noch
frische Baum äußerlich angeschlagen werden und das noch bewegliche Harz
dann schon als solches zum Ausfluß kommen.
Wenden wir dieses noch heute gültige Bild aber auf unsere
verschiedenartigen Bernsteintypen an, so ergibt sich alsbald die
hübscheste Deutung.
Unsere auch heute oft noch so zusammenhängend dicken Fliesen und
Platten, flach, etwas ausgewölbt oder beiderseitig eben, nicht
selten noch Abdrücke des anliegenden Innenholzes selber zeigend,
sind ersichtlich solches ungestört in der Baumtiefe verhärtete Gang-
und Gallenharz, durchweg trüb, da meist aus solcher Zellauflösung
infiziert, und ohne Tier- und Blatteinschlüsse, die ja hier ins
verschlossene Holz nicht leicht gelangen konnten.
In den mannigfachen andern Formen und Farben unserer
Bernsteinsammlungen aber spiegeln sich ebenso getreu die Abenteuer
des noch zu Baumlebzeiten angeschlagenen und nach außen abgeströmten
Harzquells. Auch er kam zunächst wohl mehr oder minder trüb hervor, sei
es, daß er schon mit Zellsaft im Innern versetzt worden war, oder daß
er sich an der Wunde selbst regelmäßig infizierte und entsprechenden
Bläscheninhalt erhielt. So mochte noch an der Ausflußstelle „knochiges“
oder „flohmiges“ Harz entstehen entsprechend diesem ersten milchigen
Fluß. Recht zäh und träge war wohl zumeist auch noch dieser erste
Fluß. Gern mochte er auch große trübe Tropfen bilden, wenn die Wunde
klein war und abwärts entleerte, die sich dann herabfallend und
aufstoßend oft unten abplatteten. Und erst wenn die warme Sonne eine
Weile auf die harzende Stelle gebrannt, wurde die Konsistenz loser,
dünnflüssiger, während zugleich diese Erhitzung die eingeschlossenen
Bläschen gleichsam wieder herauskochte. Jetzt erst erschien in Zapfen
und „Schlauben“ das ganz reine Harz, wie es unsere Freude noch ist,
das des „goldigen“ und „eisklaren“ Schmuckbernsteins. „In diesem
leichtflüssigen Stadium tropfte das Harz entweder frei herunter oder
es floß auf einer geneigten Fläche herab. Im ersteren Falle bildeten
sich Zapfen, um welche herum immer neue Lagen flossen, so daß sie sich
dauernd vergrößerten und stalaktitenähnlich die Äste und Zweige der
Bernsteinbäume bekleideten. Dieses Anwachsen geschah nicht in rascher
Folge, sondern allmählich, da sich noch heute die einzelnen Schichten
der Succinitzapfen deutlich erkennen lassen. Es ist also jeder Umfluß
erst mehr oder weniger erhärtet, ehe ein neuer erfolgte, was immerhin
auf eine gewisse Zeitintervalle schließen läßt. Im andern Falle
bildeten sich am Stamm oder Ast nahezu ebene oder schwach gewölbte
Lamellen nacheinander und übereinander, die sog. Schlauben des Handels.“
Grade dieses letzte Stadium mußte aber wieder das unbedingt geeignetste
sein für das Einbalsamieren angeflogener Insekten oder Pflanzenblüten.
Was der von innen nach außen wachsende Tropfen noch nicht erreichte,
war ja hier aufs schönste gegeben: neuer nachhelfender Überguß auf
das schon angeklebte Objekt, der es erst wirklich ins Innere brachte
und den gläsernen Sarg über ihm schloß. Wobei man sich denken mag,
daß Glanz und Farbe des anquellenden Harzes selber Insekten gradezu
herangelockt haben mögen.
Auch zu all diesen letzten Vorgängen bedarf es aber nicht besonderer
Urweltsphantasie. Wie das Dauerharz noch heute im Innern erhärtet, so
strömt das angezapfte an unsern Kiefern auch heute noch milchig aus,
klärt sich an der Sonne und stellt Doppelübergüsse her, in denen noch
immer besonders Ameisen gelegentlich in ganzen Scharen eingesargt
werden, wenn auch niemand jetzt nach ihnen als Kuriosität fragt. Es ist
ein Genuß zu lesen, wie Conwentz immer wieder das Urälteste so aus dem
Neuesten zieht und erklärt.
Tropfte endlich auch das dünnflüssig gewordene Harz ganz bis auf den
dunkeln Waldmull des Bodens hinunter und verband sich mit ihm, so
entstand jene an Qualität heute geringste, aber als Masse eine große
Handelsrolle spielende verunreinigte Bernsteinsorte, die man als
„Firnis“ nur zu Lack verwertet. Dem Geologen bietet grade sie doch das
seltene Schauspiel eines erhaltenen alttertiären Waldbodens.
Aber wieder eine Beobachtung drängte sich Conwentz bei diesem ganzen
auf, die wie mit einem Schlage nun das Bild des Waldes in Freud und
Leid seiner Tage geradezu faszinierend vor uns auferstehen läßt.
Erwägt man die ungeheure Masse des erhaltenen Bernsteins, so wird
man leicht doch einen Augenblick stutzig. Selbst wenn man viele
Jahrhunderte des Bestandes am gleichen Fleck annimmt, erscheint
zweifelhaft, ob einfache Kiefern und Fichten von immerhin nächster
Verwandtschaft zu unsern heutigen je solchen Reichtum hätten erzeugen
können. Man möchte denken, in der ungeheuren Harzproduktion müßten jene
Bernsteinarten doch noch etwas ganz Besonderes voraus gehabt haben.
Der nächste Befund scheint indessen dagegen zu sprechen. Untersucht
man jene einfachsten normalen Harzgänge im Bernsteinholz, so sind sie
vielleicht ein klein wenig weiter und zahlreicher als heute, aber doch
nicht entfernt im Ausmaß jener Forderung. An der Art der Bäume kann es
also nicht gelegen haben. Aber um so aufdringlicher macht sich dafür
etwas anderes geltend, was nun allerdings auch wieder sehr interessant
ist.
Auf Schritt und Tritt zeigen sich in dem Bernsteinholz auch die Spuren
+individueller+ Besonderheiten, was Harzproduktion anbelangt. Alle
jene großen Gewebeverharzungen und Harztanks, denen wir doch unsere
wertvollen Platten und Fliesen danken, würden nach heutigem Bilde so
etwas andeuten. Wo sie heute auftreten, deuten sie stets auf eine
abnorme, mehr oder minder +krankhafte Überproduktion+ des betreffenden
Einzelbaums an Harz. Man könnte sich denken, daß solche persönliche
Mehrarbeit, damals auf den Wald weithin verbreitet, die Masse des
nachmaligen Bernsteins erklärte.
Die Frage entsteht aber, was diese krankhafte Produktion hervorgerufen
haben könnte. Und Conwentz hat darauf nur +eine+ Antwort, wieder nach
dem heutigen Waldbild. Solche enorme Harzbildung bei Einzelbäumen
steht immer in einem graden Verhältnis zu +äußern Angriffen
und Schädigungen+, die der Baum im Einzelfall erfährt. Je mehr
äußerliche Schäden, desto verschwenderischer beginnt er innerlich
Harz zu produzieren. Ursprünglich mag das noch auf ein gesundes
Naturheilverfahren hinauslaufen, schließlich wird’s aber selber eine
Krankheit. Denn „obwohl der Harzerguß insofern vorteilhaft für die
Pflanze ist, als er deren Wunden gegen atmosphärische und andere
Einflüsse schützt und bei Verkiemung der benachbarten Gewebeteile die
Wandungen der Zellen für Wasser unwegsam macht, so hat er doch auch
die üble Folge für den Baum, daß er diesen schwächt und schließlich
zugrunde richtet“. Grade jene Harzgallen nisten sich mit Liebe im
ohnehin schon krankhaften Wuchergewebe nach Verwundungen ein. Je
wilder, einsamer, kulturferner ein Wald den Angriffen aller drei
Naturreiche in tausend Leiden ausgesetzt ist, desto mehr wird auch
diese Harzkrankheit ihn allgemein beherrschen. Zuletzt so, daß kein
Einzelbaum mehr darin ganz intakt ist.
Hier aber nun wieder Conwentz’ einfacher und zugleich bedeutsamer
Schluß. Auch der Bernsteinwald muß in solchem schonungslosen Kampf
ersten Ranges gestanden haben, der sich in einer wahrhaft kolossen
Harzüberproduktion äußerte. Für den Bernstein ausschließlich dieses
Waldes hatte Conwentz das Fremdwort „Succinit“ geprägt. So lehrt er
uns jetzt: der ganze Wald muß an +Succinose+ gelitten haben — an der
„Bernsteinkrankheit“, in dem Sinne, daß er zu seiner Zeit sehr viel
mehr Harz, das später zu Bernstein wurde, produzierte, als normal
seiner Art zukam. Auch in ihm muß es in dieser Bedeutung wohl kaum
einen gesunden Baum gegeben haben. Keinen, der nicht innerlich und
äußerlich litt. Nicht das Normale, sondern das Pathologische war in
ihm die Regel. Wie Gichtsalze lagerte sich die überzählige Harzmasse
bald im Innern der Stämme ab, bald floß sie in förmlichen Kaskaden
aus. Immer aber als zuletzt sinnlose Überproduktion. Die aber für
uns eben das Wunder doch bewirkt hat unseres unermeßlichen heutigen
Bernsteinhorts, den jetzt die Kultur abbaut. Unwillkürlich muß man
an die Perlen denken, die in der Muschel auch etwas Krankhaftem
(Abkapselung unliebsamer Fremdkörper) verdankt werden. Bloß daß wir
dort noch von einer urweltlichen Krankheit zehren.
Inzwischen bleibt dem genialen Deuter selbst nur noch eines übrig: uns
auch von der +Art+ dieser +äußern Angriffe+ noch ein lebendiges Bild
zu geben, die vor Millionen von Jahren jene Bäume in ihre unglückliche
Reaktion trieben. Er ist der Ansicht, daß der Bernstein teils selbst,
teils in seinen Einschlüssen auch darüber ganz genau schon für uns Buch
geführt hat.
Was bedroht nicht noch heute alles solchen wilden, sich selbst
überlassenen Urwaldbaum! Schon die jedem Forstmann bekannte „Ästung“
oder „Reinigung“, bei der dicht gedrängt aufwachsende Stämme ihre
untern, schlecht belichteten und funktionslosen Äste eintrocknen
lassen und bei geringster Erschütterung verlieren, muß fast normal
massenhafte kleine Wunden geschlagen haben, die im günstigsten
Fall verwachsen oder durch Harzpflaster wirklich verschlossen
werden konnten, aber doch auch vielfach schädigende Parasitensporen
einließen. Viel schlimmer aber wüteten gewisse auch unausbleibliche
Gewaltereignisse. „Alte, abgestorbene Bäume senkten sich zu Boden und
streiften und knickten die Zweige anderer Bäume im weiten Umkreis, um
dann mit der ganzen Wucht ihres Körpers auf alles das niederzufallen,
was ihnen in ihrer Fallrichtung entgegenstand. Mit Vehemenz schlugen
sie an die Nachbarstämme an, rissen ihre Borke auf weite Strecken
hin ab und verletzten stellenweise auch den Holzkörper selbst. Auch
heftigere Winde und Orkane zogen über den Bernsteinwald und richteten
in demselben die schlimmsten Verheerungen an. Was die Natur durch
Jahrhunderte an Herrlichem und Großartigem geschaffen, wurde im Verlauf
weniger Augenblicke durch ein furchtbares Element zerstört. Ein
Wirbelwind setzte sich in die mächtige Krone und drehte sie auf ihrem
Stamm in kürzester Zeit ab; die stärksten Bäume wurden wie Grashalme
über dem Boden geknickt und, gleich gewaltigen Streichhölzern, kreuz
und quer durcheinandergeworfen. Andere Bäume wurden mit ihren Wurzeln
aus der Erde gehoben und auf weite Strecken durch die Luft gewirbelt,
bis sie zu Boden fielen oder an irgendeinem noch aufrechten Baum hängen
blieben.“ Es wirkt bewundernswert, wie Conwentz grade das Toben auch
solcher Ereignisse im Bernsteinwald mit dem Auge des Kenners und Sehers
zugleich aus winzigsten Holzsplitterchen abliest, die sich ab und zu
im Bernstein erhalten haben. Es sind kantige oder flache Splitter mit
zerrissenen und ausgefaserten Rändern. Oft mehrere beieinander, was für
frühere Verbindung spricht. Jedenfalls müssen gewaltige Kräfte das Holz
zerrissen haben. Im Mikroskop erweisen sich die Riß- und Bruchflächen
als ganz frisch, ohne jeden Anflug von Staub, Spinngewebe oder Pilzen.
Das Zerreißen des Holzes muß bereits am lebenden Baum erfolgt sein.
So liegt der Schluß auf Baumschlag und Windbruch auf der Hand. Die
Splitter aus Baumschlag mögen dabei die einfacheren sein gegenüber
denen aus Windbruch.
„Zu andern Zeiten herrschte wohl eine drückende Schwüle im
Bernsteinwald, und heftige Gewitter entluden sich über demselben.
Blitze schlugen in die Baumkrone oder in einen alten Aststumpf
und sprengten dann auf weite Strecken hin die Rinde ab, deren
Fetzen teilweise an den Wundrändern hängen blieben und frei in die
Luft hineinragten; auch der Holzkörper wurde gespalten und die
herausgerissenen Holzsplitter flogen, samt einzelnen Rindenfetzen,
weit fort. Zuweilen fuhr ein Blitzstrahl in einen absterbenden Baum
oder auch in pilzkrankes Holz und bewirkte hier eine Entzündung. Das
Feuer ergriff nicht nur den getroffenen Stamm und die Nachbarstämme,
sondern lief auch am Boden hin und verzehrte das auf demselben
lagernde, trockene Material. Auch das von Mulm und Moos umgebene
alte Harz der Bäume wurde vom Feuer erfaßt, konnte aber nicht hell
aufflammen, sondern schwelte unter der schützenden Decke nur langsam
fort und setzte eine schwärzliche Rinde an.“ Der unmittelbare Nachweis
von Blitzschlag im Bernsteinwalde bildet den höchsten Triumph jener
minutiösen Splitterforschung. Einwirkung der Elektrizität lockert
nämlich nicht bloß den Zusammenhang der Zellschichten in solchem
Splitter, sondern zerreißt, indem die sprengende Kraft von innen nach
außen wirkt, auch die Zellen selbst. Auch solche Holzsplitter mit
durchrissener Zellmembran bieten sich aber unter dem Mikroskop aus
dem Bernsteinwald dar. Mit schwarzer Brandrinde versehener Bernstein
liegt ebenfalls vor, und Conwentz konnte experimentell nachmachen,
daß solcher Stein in glimmendem Moos und Holzmehl noch heute nicht
schmilzt, sondern eben diese charakteristische Rinde ansetzt.
Die winzige Beobachtung wirkt selber wie ein Blitz — greifbar deutlich
steht der Wald vor uns, während die Wetterwolke über ihm dräut.
Überall, oft in verheerendem Massenangriff, müssen ferner die Tiere
des Waldes die Bäume bedroht haben. „Der Bernsteinwald wurde von einer
sehr reichen Tierwelt belebt, denn Insekten und Spinnen, Schnecken
und Krebse, Vögel und Säugetiere hielten sich hier auf, ganz wie in
den Wäldern der Jetztzeit. Das Leben der meisten stand in inniger
Beziehung zum Leben der Bernsteinbäume, und es gibt unter ihnen viele,
welche den grünen Baum schädigten, während andere das tote Holz
angegriffen haben. Größere Tiere brachen mutwillig und unabsichtlich
Äste ab und verletzten durch ihren Tritt die zutage liegenden Wurzeln.
Eichhörnchen sprangen munter von Zweig zu Zweig und schälten die junge
Rinde derselben. Die Stille des Waldes wurde vom Klopfen des Spechts
unterbrochen, welcher in der Rinde und im Holz der Bernsteinbäume
nach Insekten suchte, auch wohl Höhlen zum Nachtaufenthalt und zum
Brutgeschäft in das Innere hineinzimmerte.“ Auf die Existenz von
Eichhörnchen schloß Conwentz nach Haarproben im Bernstein, doch
scheinen letztere eher von einem kletternden Beuteltier, einem
Beutelspitzhörnchen, zu stammen, wie es als sehr fremdartiger, heute
australischer Gast damals auch bei uns noch heimisch sein konnte.
Immerhin gehen auch die echten Eichhornvorfahren bis ins Eozän.
Auf das rote Käppchen des Buntspechts schien eine rote Feder im Harz
zu deuten. Da der Stammbaum der Vögel im Alttertiär schon weitgehend
vollendet war, steht auch dem nicht viel im Wege. Gewisse böse
Viehbremsen der Einschlüsse lassen auf mancherlei so nur schattenhaft
für uns auftauchende Ungeheuer schließen. Man muß denken, daß es die
Zeit der seltsamen tapirähnlichen Paläotherien, der wie Nilpferde im
Sumpf hausenden Anoplotherien und an geweihlose Hirsche erinnernden
Xiphodonten war.
Vollends aber wüteten die Schlimmsten der Schlimmen, was Waldverderb
angeht: Tausende von Insekten schwirrten im Wald und befielen die
Pflanzen. Nicht umsonst hat uns der Bernstein so treu die Musterkarte
dieser Kleinen, aber Zähen und durch unerschöpfliche Masse Wirkenden
bewahrt. Es ist wie mit Fleiß auch die fast vollkommene Liste aller
heute noch wütenden Baumzerstörer. Bastkäfer, die Meister der
Waldvernichtung, bohrten gesunde und kranke Stämme an, brachten
die lädierten rasch zum Absterben und machten junge Individuen zu
Krüppeln. Wo sie immer sich zeigten, da troff das Harz. Larven der
Pochkäfer, Böcke und farbig glänzenden Buprestiden durchnagten nach
allen Richtungen das Holz. „Wo durch Windbruch große Mengen frischen
Holzes gefallen waren, blieb der Borkenkäfer nicht aus; er entwickelte
sich in einer enormen Fülle und zerstörte im Verein mit Pilzen nicht
nur das gesamte gebrochene Material, sondern griff auch die weniger
beschädigten, stehenden Bäume in der weiteren Umgebung an. Auf diese
Weise wurden die Windrißlöcher zu Brutstätten für Käfer und andere
Insekten, sowie zu Infektionsherden für parasitische und saprophytische
Pilze. Nachdem dieses ganze Material, unter steter Einwirkung der
Atmosphärilien, von Pilzen und Insekten verarbeitet war, konnte der
junge Anflug in der entstandenen Lücke aufkommen und dieselbe im
Laufe größerer Zeiträume wieder ausfüllen; aber in derselben Zeit
hatten gewiß anderswo schon andere Beschädigungen Platz gegriffen.“
Gallmücken und Wicklerraupen schädigten die Nadeln. Von Hymenopteren
florierten die Kiefernschädlinge Blattwespe und Holzwespe. Baumläuse
bedeckten Stämme und Äste und gaben mit den Stichen ihrer langen
Schnäbel vielleicht grade zu jenem falschen Wuchergewebe Anlaß, das
dann das vermehrte Harz durchsetzte. Schließlich ragten massenhaft
tote Baumskelette, deren abblätternde graue Patina sich auch noch im
Bernstein zeigt.
Wo aber von diesem konzentrierten Riesenangriff rücksichtslos so in die
Baumfesten Bresche um Bresche, Tor um Tor geschlagen war, da wanderten
nun wieder die bösen zehrenden Schmarotzer des eigenen, aber diesmal
auch feindlichen Pflanzengeschlechts ein. Umsonst suchte der Harzfluß
zu heilen, rascher als er waren jene Pilze der unterschiedlichsten
Art. Feucht, wie die Luft des warmen Waldes gewesen sein muß (die
vielen Sumpfinsekten und die üppige Lebermoosflora sprechen beredt
genug davon), „wurden nach und nach +alle+ Bäume von einem oder dem
anderen, oft auch mehreren Parasiten gleichzeitig befallen, welche zwar
langsam, aber mit tödlicher Gewißheit ihr Zerstörungswerk fortsetzten
und vollendeten. Durch ein Astloch oder eine andere offene Wunde,
zuweilen auch durch die Wurzel, drang das Myzel immer weiter in das
Innere und führte ein allmähliches Absterben des Holzes von innen nach
außen herbei“. Der Pilz der Rotfäule und andere fatalsten Feinde noch
unserer Forstwirtschaft sind ausdrücklich nachgewiesen. Wozu noch
höhere Gewächse in Gestalt von schmarotzernden Mistelverwandten örtlich
die Rinde absterben machten.
Im ganzen wirklich ein fast schauerliches Bild. Unerbittlich wütete
die Natur selber gegen ihren Zauberwald. Und in seiner Not troff und
troff er von Harz, daß der Heilversuch schließlich fast schlimmer noch
auslief wie der äußere Angriff selbst. Hatten in den zermorschten
Generationen dann auch die letzten Totengräber ihr Schlußwerk
getan, so blieb immer wieder nur das versteinte Harz selber als
wahrer unzerstörbarer Widerstandsrest übrig und durchsetzte den
Kirchhofsboden. Wer sagt, wieviel Jahrtausende lang. Bis endlich eine
Generation dann überhaupt wohl die letzte gewesen ist. Nur noch solches
Grab vielleicht hinterlassen hat. Wo dann wieder jahrhundertelang nur
beim Wühlen in der Scholle eben am Harzinhalt noch der alte Waldgrund
sich verraten hätte ... Oder leckten doch schon früher die allmählich
schwellenden Wasser der neuen sich ankündigenden Urweltsperiode mahnend
über das sinkende Land? Brachen noch allerletzten Wald selber, indem
sie zugleich doch auch alle jene Bernsteinlager seiner früheren Folgen
neu aufwühlten, abtrugen, verschwemmten ...?
Wer will in den Schluß des Märchens noch hineinschauen?
Hier macht sich plötzlich geltend, daß wir in Millionenfernen wandeln.
In einer dämmernden Vision zuletzt doch wieder, von der uns unendliche
rauschende blaue Wasser der Zeit trennen. Wo wir noch nicht
hingehörten. Noch kein Mensch wirklich war, das leise Rauschen dieses
aufgrünenden und sterbenden Wunderwaldes zu vernehmen in seiner Melodie
der Einsamkeit.
Nur die Sonne, die sein Goldharz klärte, war auch unsere.
Die „Sonne Homers“, wie der Dichter sagt — „siehe, sie lächelt auch
uns“.
Sie glänzte damals über ihrem Walde vor allem Menschendenken — wie sie
heute, Geist geworden, aus unserer Erkenntnis leuchtet ...
Ich bin am Schluß von Conwentz’ Schilderung, wie meiner eigenen.
Möchte der Leser, der mir gefolgt, doch auch etwas von der +Arbeit+
mitempfunden haben, die solchem wissenschaftlichen Bilde, wenn es
nachher wie ein schönes buntes Phantasiewerk neu heraufbeschworen
dasteht, alle Male, wenn diese Schlußleistung wirklich eine echte
sein soll, vorangegangen sein muß, — Arbeit selber langer ringender
Jahrhunderte im Blätterwalde des Menschengeistes — wie hier von dem
schlichten Keim des Gedankens bei dem alten Plinius, daß dieser
goldene Stein ein Tröpflein irgendwo einmal vergossenen Harzes sei,
bis zum Wühlen des Sturmes in einem wiedererstandenen wilden Walde der
Eozänzeit!
Während er sich zugleich einmal wieder vergegenwärtigt haben soll, wie
jedes wissenschaftliche Problem solcher Art seinen inneren Anstieg
hat von Nacht zu Licht. Vielleicht doch eine Gewähr, daß auch unsere
Geisteskultur im ganzen steigt.
Das Umschlagbild dieses Bändchens ist natürlich künstlerische
Phantasie. Es zeigt als Vordergrund eine ziemlich bewegte Meeresfläche
und dahinter, wie eine Art Fata Morgana in der Luft schwebend, den
„Bernsteinwald“.
⁘ ~KOSMOS~ ⁘
Gesellschaft der Naturfreunde in Stuttgart
Die Gesellschaft Kosmos bezweckt, die Kenntnis der Naturwissenschaften
und damit die Freude an der Natur und das Verständnis ihrer
Erscheinungen in den weitesten Kreisen unseres Volkes zu verbreiten.
— Dieses Ziel sucht die Gesellschaft durch Verbreitung guter
naturwissenschaftlicher Literatur zu erreichen im
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Handweiser für Naturfreunde
Jährlich 12 Hefte mit 4 Buchbeilagen
Diese Buchbeilagen sind, von ersten Verfassern geschrieben, im guten
Sinne gemeinverständliche Werke naturwissenschaftlichen Inhalts.
Vorläufig sind für das Vereinsjahr 1927 festgelegt (Reihenfolge und
Änderungen auch im Text vorbehalten):
+Dr. Kurt Floericke, Aussterbende Tiere+
+Wilh. Bölsche, Im Bernsteinwald+
+H. Günther, Was ist Magnetismus?+
+W. Flaig u. Dr. L. Lang, Der Gletscher+
⁘
Jedes Bändchen reich illustriert
Diese Veröffentlichungen sind durch alle Buchhandlungen zu beziehen;
daselbst werden Beitrittserklärungen entgegengenommen. Auch die früher
erschienenen Jahrgänge sind noch erhältlich.
Geschäftsstelle des Kosmos: Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart
Tiere die vor Jahr-Millionen lebten
sind uns im Bernstein lebenswahr erhalten
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Wir liefern, soweit der Vorrat reicht, an Kosmos-Mitglieder
Bernstein-Einschlüsse
Ameisen
in kleinen Bernsteinstückchen, die zur besseren Beobachtung unter dem
Mikroskop auf Glasstreifen montiert sind; die Einschlüsse sind aber
auch mit bloßem Auge oder einer Lupe gut zu sehen. RM 1.— das Stück.
Ausgewählte Stücke RM 1.50 das Stück
Größere Bernsteinstücke mit
Fliegen, Käfern, Spinnen, Mücken, Ameisen, Köcherfliegen, mehreren
Insekten
in ausgewählten, schönen Stücken für RM 2.— bis RM 12.— je nach Größe
oder Beschaffenheit
Nach Möglichkeit stellen wir Auswahl-Sendungen zur Verfügung
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Folgende seit Bestehen des Kosmos erschienene Buchbeilagen
erhalten Mitglieder, solange vorrätig, zu Ausnahmepreisen:
[Sidenote: 1904]
Bölsche, W., Abstammung des Menschen. — Meyer, Dr. M. W.,
Weltuntergang. — Zell, Ist das Tier unvernünftig? (Dopp.-Bd.). — Meyer,
Dr. M. W., Weltschöpfung.
[Sidenote: 1905]
Bölsche, Stammbaum d. Tiere. — Francé, Sinnesleben d. Pflanzen. — Zell,
Tierfabeln. — Teichmann, Dr. E., Leben u. Tod. — Meyer, Dr. M. W.,
Sonne u. Sterne.
[Sidenote: 1906]
Francé, Liebesleben d. Pflanzen. — Meyer, Rätsel d. Erdpole. — Zell,
Streifzüge d. d. Tierwelt. — Bölsche, Im Steinkohlenwald. — Ament,
Seele d. Kindes.
[Sidenote: 1907]
Francé, Streifzüge im Wassertropfen. — Zell, Dr. Th., Straußenpolitik.
— Meyer, Dr. M. W., Kometen und Meteore. — Teichmann, Fortpflanzung und
Zeugung. — Floericke, Dr. K., Die Vögel des deutschen Waldes.
[Sidenote: 1908]
Meyer, Dr. M. W., Erdbeben und Vulkane. — Teichmann, Dr. E., Die
Vererbung. — Sajó, Krieg und Frieden im Ameisenstaat. — Dekker,
Naturgeschichte des Kindes. — Floericke, Dr. K., Säugetiere des
deutschen Waldes.
[Sidenote: 1909]
Francé, Bilder aus dem Leben des Waldes. — Meyer, Dr. M. W., Der Mond.
— Sajó, Prof. K., Die Honigbiene. — Floericke, Kriechtiere und Lurche
Deutschlands. — Bölsche, W., Der Mensch in der Tertiärzeit.
[Sidenote: 1910]
Koelsch, Pflanzen zw. Dorf u. Trift. — Dekker, Fühlen u. Hören. —
Meyer, Welt d. Planeten. — Floericke, Säugetiere fremd. Länder. —
Weule, Kultur d. Kulturlosen.
[Sidenote: 1911]
Koelsch, Durch Heide und Moor. — Dekker, Sehen, Riechen und Schmecken.
— Bölsche, Der Mensch der Pfahlbauzeit. — Floericke, Vögel fremder
Länder. — Weule, Kulturelemente der Menschheit.
[Sidenote: 1912]
Gibson-Günther, Was ist Elektrizität? — Dannemann, Wie unser Weltbild
entstand. — Floericke, Fremde Kriechtiere und Lurche. — Weule,
Die Urgesellschaft und ihre Lebensfürsorge. — Koelsch, Würger im
Pflanzenreich.
[Sidenote: 1913]
Bölsche, Festländer u. Meere. — Floericke, Einheimische Fische. —
Koelsch, Der blühende See. — Zart, Bausteine des Weltalls. — Dekker,
Vom siegh. Zellenstaat.
[Sidenote: 1914]
Bölsche, W., Tierwanderungen in der Urwelt. — Floericke, Dr. Kurt,
Meeresfische. — Lipschütz, Dr. A., Warum wir sterben. — Kahn, Dr.
Fritz, Die Milchstraße. — Nagel, Dr. Osk., Romantik der Chemie.
[Sidenote: 1915]
Bölsche, W., Der Mensch der Zukunft. — Floericke, Dr. K., Gepanzerte
Ritter. — Weule, Prof. Dr. K., Vom Kerbstock zum Alphabet. — Müller, A.
L., Gedächtnis und seine Pflege. — Besser, H., Raubwild und Dickhäuter.
[Sidenote: 1916]
Bölsche, Stammbaum der Insekten. — Sieberg, Wetterbüchlein. — Zell,
Pferd als Steppentier. — Weule, Krieg in den Tiefen der Menschheit
(Dopp.-Bd.).
[Sidenote: 1917]
Besser, Natur- u. Jagdstud. i. Deutsch-Ostafrika. — Floericke, Dr.,
Plagegeister. — Hasterlik, Dr., Speise u. Trank. — Bölsche, Schutz- u.
Trutzbündnisse i. d. Natur.
[Sidenote: 1918]
Bölsche, Sieg des Lebens. — Fischer-Defoy, Schlafen und Träumen.
— Kurth, Zwischen Keller u. Dach. — Hasterlik, Dr., Von Reiz- u.
Rauschmitteln.
[Sidenote: 1919]
Bölsche, Eiszeit und Klimawechsel. — Floericke, Spinnen und
Spinnenleben. — Zell, Neue Tierbeobachtungen. — Kahn, Die Zelle.
[Sidenote: 1920]
Fischer-Defoy, Lebensgefahr in Haus u. Hof. — Francé, Die Pflanze als
Erfinder. — Floericke, Schnecken und Muscheln. — Lämmel, Wege zur
Relativitätstheorie.
[Sidenote: 1921]
Weule, Naturbeherrschung I. — Floericke, Gewürm. — Günther,
Radiotechnik. — Sanders, Hypnose und Suggestion.
[Sidenote: 1922]
Weule, Naturbeherrschung II. — Francé, Leben im Ackerboden. —
Floericke, Heuschrecken und Libellen. — Lotze, Jahreszahlen der
Erdgeschichte.
[Sidenote: 1923]
Flaig, Kampf um Tschomo-lungma. — Floericke, Falterleben. — Francé,
Entdeckung der Heimat. — Behm, Kleidung und Gewebe.
[Sidenote: 1924]
Floericke, Käfervolk. — Henseling, Astrologie. — Bölsche, Tierseele und
Menschenseele. — Behm, Von der Faser zum Gewand.
[Sidenote: 1925]
Lämmel, Sozialphysik. — Floericke, Wundertiere des Meeres. — Henseling,
Mars. — Behm, Kolloidchemie.
[Sidenote: 1926]
Francé, Die Harmonie in der Natur. — Floericke, Zwischen Pol und
Äquator. — Bölsche, Abstammung d. Kunst. — Dekker, Planeten und
Menschen.
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Für Nichtmitglieder des Kosmos RM 1.25 bzw. RM 2.—
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Wahl des Bestellers]
10 Bände geb. für nur RM 14.50
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in +Teilzahlungen+ entrichtet werden.
Bölsches
volkstümliche
Schriften
Jedes Bändchen mit vielen Abbildungen
Festländer und Meere im Wechsel der Zeiten
Erklärung der Sagen von Sintfluten und verschollenen Erdteilen, Ursache
dieser großen Katastrophen.
Eiszeit und Klimawechsel
Über Ursache, Entstehung und Verlauf sowie über die Möglichkeit
zukünftiger Eiszeiten gibt der bekannte Gelehrte inhaltsreichen
Aufschluß.
Abstammung des Menschen
+Mit Abbildungen.+ Das durch Inhalt und Darstellung berühmteste
Kosmosbändchen, das jedem denkenden Menschen bekannt sein muß.
Der Mensch in der Tertiärzeit und im Diluvium
+Mit vielen Abbildungen.+ Eine Antwort auf alle Fragen, die die
Höhlenmenschenforschung auf dem Gebiet der vorgeschichtlichen Menschen
hervorgerufen hat.
Der Mensch der Pfahlbauzeit
+Reich illustriert.+ Eine anschauliche Schilderung der Pfahlbauzeit,
zuammengestellt nach den neuesten vorgeschichtlichen Funden.
Der Mensch der Zukunft
+Mit Kopfleisten.+ Betrachtungen über die Möglichkeit der
Weiterentwicklung der Menschen vom Standpunkt der Naturwissenschaften
aus.
Im Steinkohlenwald
Eine farbenprächtige Schilderung der Bildung von Steinkohlen aus
von Millionen vor Jahren untergegangenen Wäldern von märchenhafter
Üppigkeit.
Stammbaum der Tiere
+Mit vielen Abbildungen.+ In überaus fesselnder Weise versteht es
Bölsche, die Entwicklung der Tiere vom einzelligen Lebewesen bis zum
Säugetier an vielen Beispielen glänzend darzustellen.
Stammbaum der Insekten
+Mit Abbildungen und Zeichnungen.+ Einführung in die hochinteressante
Welt der Insekten und deren Entstehen im Laufe der Jahrmillionen.
Tierwanderungen i. d. Urwelt
+Reich illustriert.+ Geheimnisvolle Wanderungen der Tierarten in der
vorgeschichtlichen Zeit und ihre Ursachen.
Schutz- und Trutzbündnisse in der Natur.
+Illustriert.+ Ein überaus wichtiges Kapitel der Naturwissenschaft von
einem Meister der Sprache wie Bölsche dargestellt, bedeutet die Gewähr
für fesselnde Stunden.
Sieg des Lebens
Wir tauchen hinab in die Tiefen des Meeres, steigen empor zu Gletschern
und Wüsten und erleben den Sieg des Lebens bei seiner Eroberung des
Planeten Erde.
Tierseele und Menschenseele
Wertvolle tierpsychologische Beobachtungen, die dann ausführlich auf
grundlegende Forschungen eines deutschen Gelehrten auf Teneriffa
eingehen. Das Ganze bringt Bölsche in bekannter glänzender
Schreibweise, fesselnd und allgemeinverständlich.
Die Abstammung der Kunst
Mit 14 Tafelbildern und 1 farbigem Umschlagbild. An den Urquell
künstlerischer Betätigung in der Menschheitsgeschichte führt Bölsche
in bekannt meisterhafter Weise und zeigt an Schöpfungen primitiver
Vorzeitmenschen das Wesen der Kunst.
[Illustration]
Jedes Bändchen geheftet RM 1.25, geb. Ganzleinen RM 2.—
Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart
*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK IM BERNSTEINWALD ***
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or any Project Gutenberg work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg work, and (c) any
Defect you cause.
Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg
Project Gutenberg is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.
Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg’s
goals and ensuring that the Project Gutenberg collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.
Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state’s laws.
The Foundation’s business office is located at 41 Watchung Plaza #516,
Montclair NJ 07042, USA, +1 (862) 621-9288. Email contact links and up
to date contact information can be found at the Foundation’s website
and official page at www.gutenberg.org/contact
Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation
Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread
public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.
The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
visit www.gutenberg.org/donate.
While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.
International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate.
Section 5. General Information About Project Gutenberg electronic works
Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg eBooks with only a loose network of
volunteer support.
Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
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Most people start at our website which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org.
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