The Project Gutenberg eBook of Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Zweiter Band
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Title: Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Zweiter Band
Author: Gotthilf Heinrich von Schubert
Release date: August 10, 2026 [eBook #79333]
Language: German
Original publication: Erlangen: J. J. Palm und Ernst Enke, 1838
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/79333
Credits: Peter Becker and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was produced from images generously made available by The Internet Archive)
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE IN DAS MORGENLAND IN DEN JAHREN 1836 UND 1837, ZWEITER BAND ***
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Anmerkungen zur Transkription.
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Die Schreibweise und Interpunktion
des Originaltextes wurden übernommen; offensichtliche Druckfehler sind
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Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~
und =fett gedruckte= so.
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=~Reise~=
in das
~Morgenland~
in den Jahren 1836 und 1837
von
+Dr.+ Gotthilf Heinrich von Schubert.
Zweiter Band.
Erlangen, =1839=
~bei J. J. Palm und Ernst Enke.~
~Reise~
in das
=Morgenland=
in den Jahren 1836 und 1837.
Zweiter Band.
Erlangen,
gedruckt bei C. H. Kunstmann
Vorrede.
Ich kann mich freilich, bei dem verspäteten Erscheinen des zweiten
Bandes dieser Reise in das Morgenland nicht auf das alte Sprichwort
berufen: »was lang währt das wird gut,« wohl aber auf die Nachsicht
jener Leser, welche es wissen, daß auch die liebste schriftstellerische
Arbeit den Werken unsres näheren, erdbürgerlichen Berufes nachstehen
müsse. Den dritten (letzten) Band hoffe ich im Verlaufe des eben
beginnenden Sommers zu vollenden. Möge derselbe zu einer Sommerfrucht
gedeihen, der man die Wärme anmerken könne, durch die sie getrieben und
gezeitigt wurde. Denn vor allem dieser dritte Band sollte es dem Leser
in dem Heimathlande des pilgerlichen Sehnens: in Palästina, welches der
zweite Band nur erst betrat, recht heimathlich werden lassen.
Eben jener letzte Band wird auch durch eine kleine Landcharte den
ganzen Weg der Reise anschaulicher machen und überdieß mit einem
Plan von Jerusalem ausgestattet werden, der zum Verständniß der
Beschreibungen des zweiten Bandes fast unentbehrlich ist.
Der Inhalt meiner Reiseberichte von Aegypten an bis nach Jerusalem
hielt sich öfters an die Hand eines treuen, guten Führers, an ~K.
von Raumers Palästina~ (zweite Auflage 1838). Auch der Inhalt der
weiteren Berichte über Palästina, im dritten Bande wird dieses thun und
hoffentlich auf die Specialcharte desselben Verfassers sich beziehen
dürfen, deren öffentliches Erscheinen nicht mehr lange anstehen kann.
München am 27sten April 1839.
~Der Verf.~
Inhalt des zweiten Bandes.
=I. Der Aufenthalt in Aegypten S. 1-228.=
Ueberblick S. 1-2.
~Briefe aus Kairo.~
~Erster Brief~ S. 3-25. Rückerinnerungen S. 3, 4; Einzug in Kairo
S. 5; Unsre Wohnung S. 6, 7; Nächtliches Wachen S. 8; Gesang der
Wächter auf den Minares S. 9, 10; ein Langschläfer S. 11; Das Reiten
auf Eseln S. 12, 13; Handel und Wandel S. 14, 15; die Kameltreiber S.
16; Arabisches Frühstück S. 16, 17; Geschäftigkeit der Morgenstunden
S. 18; Vorsorge für den Magen zur Zeit des Ramadan S. 19-22; Nacht des
Rathschlusses S. 23; Kontrast des Türkischen Ramadans mit dem strengen
Fasten der Kopten S. 23, 24.
~Zweiter Brief~ S. 25-68. Die Kahirinischen Frauen S. 25-28;
Lehre des Islams über die Seele der Frauen S. 29, 30; Bauart der
Häußer und ihre innre Ausstattung S. 31-34; Abschiebung der Frauen
S. 35; Erziehung der Tochter S. 36, 37; Heirathsverhandlungen und
Hochzeitsgebräuche S. 37-42; Loos der Neuvermählten 43; Ehescheidungen
44; Festlichkeiten und Gebräuche bei der Geburt der Kinder 45-47;
Fest der Beschneidung 48-50; Kochkunst der Kahirinerinnen S. 51, 52;
Gebräuche beim Essen 53, 54; äußerliche Beschäftigungen des Harems S.
55; innerliche, mit allerhand Phantasiegebilden des Aberglaubens 56;
Der Glaube an Genien 57-60; Furcht vor dem misgünstigen Auge 61; die
Aegyptischen Zauberer 62-66. -- Eltern- und Kinderliebe 67; Begräbniß
eines Hündleins 68.
~Dritter Brief~ S. 69-132. Innre Gestalt von Kairo 69, 70;
Abschließung der einzelnen Stadtquartiere und nächtliche Wachen 71;
Zahl der Einwohner 72; Gewerbfleiß 73. Der Sklavenmarkt 74, 75. Die
Kinderschulen und ihre Lehrer 76-78; der kluge Schulmeister 79, 80. --
Briefpost der Hadschis 81. Ausrufsarten der Waaren 82, 83; der Popanz
Mustapha Kaschif 83. Silenische Begeisterung 84; das Tollhaus 85; die
hiesigen Moscheen 85; Bettler 86; die Asharmoschee und ihre Hochschule
87; die Blinden 88; Zutritt der Fremden zu den Moscheen 89; kirchliche
Gebräuche der Mohamedaner 90-94. Beschreibung der Citadelle und die
Aussicht die ihre hohe Lage gewährt 94-99; der Josephsbrunnen 100;
Audienz bei Mehemed Ali 101-108. Beschreibung des Bairamfestes, seiner
Hoffeierlichkeiten und Volksbelustigungen 109-113; Klopffechter und
Tänzer 114; Aegyptische Musik 115; Schlangenbeschwörer und Possenreiser
116; Taschenspieler und Zigeuner 117; abgerichtete Thiere 118;
Romanzenerzähler 119-123. Besuch der Gräber am Bairamfeste 123, 124.
Blick auf die Lehren und Gebräuche des Islams in Beziehung auf den
Tod 124; das Sterbebett 125; die Klageweiber und Gebetsprecher 126;
Leichenbestattung 127; Todtengericht 128, 129; Bau der Gräber 129; der
Todtenlehrer 130; Tänze am Grabe 131. Die Gräberstadt der Großen 131.
Schlußbemerkung 132.
~Vierter Brief~ S. 132-172. Nächste Umgegend von Kairo 132, 133.
Der Nilstrom 134-136; sein Einfluß auf die klimatische Beschaffenheit
des Landes 137; die Zeit des Chamsims und der Pest 138; die Nacht
des Tropfens 138; Anschwellen des Stromes und Gebräuche dabei
139-142; Festlichkeiten beim Durchstechen des Dammes 142, 143; der
Jahreslauf durch den Nil geregelt 144. -- Die Kopten. Ihre kirchlichen
Gebräuche 145, 146; ihre Zahl und innre wie äußere Stellung 147-150.
Altkairo. Die Amramoschee 151; Bauernhütten 152; die Insel Ruda 153.
Familienbegräbniß des Vizeköniges 154. Der Mokkatamberg 155-158; der
Garten zu Schubra 159, 160. Ausflug nach Heliopolis; ein Soldatenlager
am Bairamfeste 161, 162; der Weg nach Abusabel und Heliopolis 163,
164. Abusabel und seine Anstalten 165; der Obelisk von Heliopolis 166;
Rückblicke auf die alte Geschichte des Ortes 167-170. Matarieh und
seine Legende 171, 172.
~Fünfter Brief~ S. 172-208. Der Markt bei Fostat 173; das blühende
Nilfeld 174, 175; der liegende Koloß 176; Erinnerungen an den Tempel
und Dienst des Phtha 177, und des Apis 178, 179; Rückblicke auf
Vergangenes 180. Sakkara und sein freundliches Obdach 181. Pyramiden
von Daschur und Sakkara 182; Grabeskammern der alten Aegypter und
ihr Inhalt 183-185; das Landvolk der Umgegend 187, 188; vormalige
Grausamkeiten der Landrichter 189. Der Abend in Sakkara 190. Das
Mumienfeld der Vögel und andrer heiligen Thiere 191, 192; Pyramiden von
Abusir 193; der Sphinx des Thotmes 194. Die Pyramide des Saophis oder
Cheops 195; Besteigen ihres Gipfels 196, 197; ihres Innren 198, 199;
ihre Raumverhältnisse 200, 201; alte Taglöhnerrechnung 202. Pyramide
des Cephren 203; des Mykerinus, nebst den kleineren Pyramiden 203, 204.
Mumiengräber 205. -- Die Brutöfen in Ghizeh 206; neuere Lotophagen 207.
~Sechster Brief~ S. 208-228. Vorbereitungen zur Weiterreise 208;
unsre Reisegesellschaft durch die Wüste 209, 210; Reisegeräthschaft
211. Gleichzeitige Fortbewegung der Hadschis 212. Geistige Diebereien
und Selbsttäuschungen 213, 214. Pilgertrieb nach Mekka hin 215, 216;
Prozession des Machmils 217; Beschreibung des Auszugs der Pilgrime
218-221; Gefühl des Zuschauers 222. Dankbarer Rückblick auf die Freunde
in Kairo 223. Gobat und seine Gemahlin 223, 224; Dr. Pruner 225; Mrs.
Holyday 226; Clot Bey 227; Laurin 228.
=II. Die Reise durch die Wüste S. 229-364.=
~Reise über Bessatin, Suez und Tor nach dem Sinai~ S. 229-355.
Abschied von Kairo 229, 230; Nachtlager bei Bessatin 231; der erste
Ritt auf dem Kamel 233; beschwerlicher Anfang 234; Eintritt in die
Wüste 235; Beschreibung der Gegend 236; erstes Nachtlager in der
Einöde 237, 238. Allgemeine Schilderung einer Wüstenreise 239-242.
Geschichtliche Erinnerungen 243, 244. Beschreibung der zweiten
Tagreise 245, 246. Ein Verirren in der Wüste; sorgenvolle Nacht in
Ghendely 247-250; vergebliches Suchen nach dem Verirrten 250, 251.
Beschreibung der dritten Tagreise 252; Nachtlager am Oweibe 253;
getäuschte Hoffnung 254; endliches Wiederfinden des Verlorenen 255;
kurze Beschreibung seiner Irrfahrt 256. Anblick des Attakaberges
257, 258; des rothen Meeres 259; Bir Suez 260; Lage der Stadt Suez
261; Nachtlager am reichen Meeresstrand 262, 263. Ein Tag in Suez
264-266; die Welttheilnachbarn 267; Ueberfahrt über die Meerenge
268; Wiederbegrüßen von Asien 269. Der Sonntagmorgen an den Brunnen
Mosis 270-272. Die Wüste Sur 273; Marahs bittrer Quell 274, 275;
Dschebel Pharaun 276; Elim 277; das Taibethal 278; Nachtlager an
seiner Mündung 279. Eine Gebirgsansicht 280; Mündung des Wadi
Nasseb, Höhenzüge des Wadi Mokkateb 281; Nachtlager am Meere 282;
Hinüberblick nach der Aegyptischen Küste 283; die Trümmer gescheiterter
Schiffe 284; die Freuden des Sammlers 285; Nachtlager in der Ebene
Kaa 286, 287; Hammam Musa 288; Ankunft in Tor 289. Beschreibung
des Oertleins 290; der geplagte Garteninspector 291; die Umgegend
von Tor und ihre Naturerzeugnisse 292-294; die Einsiedlerhöhlen am
Heman 295; das Mosesbad 296; naturgeschichtliche Acquisitionen 297,
298; beschwerliches Nachtlager 299. Weiterreise nach dem Fuß des
Serbalgebirges 300; Nachtlager daselbst 301; Reise durch das Engthal
Hebran 302; Gebirgspaß 303; Nachtlager im Thale Slaf 304. Das Garbathal
305; Anblick des nahen Horeb 306.
~Aufenthalt am Sinai~ S. 307-355. Ankunft im Garten und Gebäude
des Katharinenklosters 307, 308. Die Moseskapelle 309; die Klosterveste
309, 310. Der Ruhetag 311. Hinansteigen zum Horeb und Sinai; die
Sangariusquelle 312; Horebgipfel und Eliasgrotte 313, 314; die
Mosiskluft 315; der Sinaigipfel und seine Aussicht 316-322. Sage von
Mohameds Aufenthalt am Sinai 323. Viele Christenkirchen unter einem
Dach und selbst noch eine Moschee dabei 324, 325; die Hauptkirche »der
Verklärung« 325; die Begräbnißstätte und das Beinhaus der Mönche 326,
327. Frühere und jetzige Zahl der Christen auf der Halbinsel 328, 329.
Die Lebensweise der Mönche 330; ihre Geschäftigkeit 331; Reinlichkeit
im Kloster 332; Spaziergang im Klosterthale 333. Wanderung nach dem
Kloster Erbain. Das Bostan- oder Gartenthal 334, 335; das Ledschathal
336; der Moses-Sitz und Moses-Felsen 337; der Garten und das Kloster
Erbain 338; der Garten im Gartenthal 339. Der Sonntagmorgen und das
Gespräch im Garten des Sinai 340-345. -- Ein Schauspiel der Wüste 346;
das Sinaitische Manna 347-349. Ankunft der Kamele für die Weiterreise
350. Bemerkungen über das Klima 351, wie über die Pflanzen 352, 353,
und Thierwelt des Sinai 354. Abschied vom Kloster und seinen Bewohnern
355.
~Die Reise vom Sinai nach dem Berge Hor~ S. 355 bis 486. Das
Scheikhthal 356; Abu Szucir 356; Abschiedsblick auf den Sinai 358;
Wadi Sal 359; der Saum der Wüste Tyh 360; Zugvögelwolken 361; das Thal
Hadhra 362; Wadi Samghi 363, 364. Das Bosseyrathal 365. Anblick des
Ailanitischen Meerbusens 366; Nuäbe 367, 368; Nachtlager vor dem Abu
Burka 369. Magaiat 370, 371; Dschebel Scherafe und Lagerplatz jenseit
demselben 372-375; Sturmesgewalt 376. -- Jezirat Pharaun und Ezeongaber
377-379. Ankunft in Akaba 379; der schmutzige Hofraum 380; Lager und
nächtliches Wachen im Palmenwald am Meere 381; unerwartete Hemmung
382; Wanderung nach Kassr el Bedawy 382, 383; ein Bild des Landes und
seiner Geschichten 384, 385. Beduinen der Umgegend 386; Uebungen in
den Waffen und in der Geduld 387; das Kastell von Akaba 388; seine
Ein- und Umwohner 389. Morgenstunde im Palmenwald 390, 391. Lästige
Unterhandlungen wegen der Weiterreise 391, 392. Aufsicht nach dem
Tyhgebirge 393. Sorgen und Tröstungen 394, 395. Abreise von Akaba 396;
neue Beduinen-Bekanntschaften 397; Reise durch das Thal der Araba 398,
399; Besuch im Beduinendorfe der Araba, bei den Zelten des Scheikh
Salem 400. Festlichkeiten des Korban Bairam 401-403; Erinnerungen an
den Zug der Israëliten durch diese Gegenden 404, 405. Die nächste
Umgegend und das Dorf 406; gesellige Unterhaltungen 407. Weiterreise;
ein Orkan in der Wüste 408-410. Der Palmensonntag in der Wüste 411;
blinder Lärmen 412; Anblick des Hor 413; Lagerplatz an der Mündung des
Wadi Musa 414; Arabischer Gewitterregen 415; Wandrung durch Wadi Musa
416-418. Der Gipfel des Hor 419, 420. Besuch bei Aarons Grabe 421-423;
Aussicht vom Hor 424. Hinabweg nach Petra und erster Eindruck desselben
425-428; Beschreibung dieser Gräber- und Felsenstadt 429-432. Das
Obdach der Grabeshöhlen 433; Erquickung am frischen Wasser 434; eiliger
Aufbruch 435; Mondscheinscene 436.
~Reise durch das Ghor nach Palästina~ S. 436-445. Früher Ausmarsch
436; Erwartung eines feindlichen Angriffes 437, 438; Streitigkeiten in
der Karawane 439. Das alte Jordansbette? 440, 441; der Brunnen Wuäbe
441; der prophetische Stein 442; das Wüstenthal Birsaba 443; die Gegend
des alten Kades 444; Nachtlager am Madara 445.
=III. Die ersten zwölf Tage in Palästina S. 446-591.=
~Reise durch die Wüste von Süd-Judäa nach Hebron~ 446-462. Der
grüne Donnerstags-Morgen 446; beschwerlicher Gebirgsweg 447; der
Madaragipfel 448; Kalla el Kurnup 449. Der erste Abend im gelobten
Lande 450, 451. Der stille Freitag 452; Bir Milh oder Meleth
452; vermuthliche Stätte von Malatha 454; Dschebel Chalil 455;
Naturerzeugnisse 456; Ruinen von Araad 457; Nachtlager bei Samua 458,
459; Thäler von vaterländischer Form 460; Anblick von Hebron 461.
~Hebron~ S. 462-484. Alter der Stadt 462, 463; gastliche Aufnahme
bei den deutschen Israëliten 464, 465. Der Ostervorabend 466, 467;
Ostermorgen 468, 469; Blick auf die vormalige St. Abrahamskirche
470-473; Türkische Sagen 474; Glasfabriken 475, 476. Abners Grab
477; Pistaziengarten 478; Abrahams Brunnen und Jesses Grab 479, 480.
Der zweite Ostertag auf Hebrons Bergen 481-484. Die letzte Nacht vor
Jerusalem 484; der Morgen der Abreise 485.
~Reise von Hebron nach Jerusalem~ S. 486-499. Abrahams sogenanntes
Haus bei Mamre 486; Nathans Grab 487; die Stätte von Bethsur 488;
Weiterreise zu Fuße 489; Salomons Gärten 490; Aussicht auf das Feld der
Hirten 491. Der erste Besuch in Bethlehem und seiner heiligen Grotte
491-494; beflügelte Schritte 495; Fernanblick von Jerusalem 496; das
Ziel der Reise 497; Eingehen in das Thor von Jerusalem; freundlicher
Empfang im Lateinischen Kloster 498; Einzug in das neue Pilgerhaus oder
die +Casa nuova+ 499.
~Die erste Woche in Jerusalem~ S. 499-591. Der erste Morgen auf
dem Dache des Pilgerhaußes 499, 500; das Geräusch der Gassen 501,
502; Vorplatz vor der h. Grabeskirche 502; historische Bemerkungen
über die Oertlichkeit des heiligen Grabes und Golgathas 503-507; der
erste Besuch und die Prozession in der h. Grabeskirche 508-512. Ein
Jubelchor der christlich-festlichen Erinnerungen in Jerusalem 512-514.
Der Schmerzensweg (die +via dolorosa+) 514-516. Anna's Haus
und der Teich Bethesda 516, 517. Gethsemane 517-518; die Höhen des
Oelberges mit der Auffahrtskirche 519, 521. Geistige und leibliche
Aussicht vom Oelberg 521, 522. Pilgerliche Erinnerungszeichen 523; das
Thal Josaphat mit seinen Grabmählern und prophetischen Andeutungen
523-525; erster Vorübergang an der Südseite der Stadt 526; Besuch im
Griechischen Kloster 527; die Aussicht vom Schutthügel bei Anna's Hauße
528. Ein Grab der Gräber 529; der Geruch zum Leben und zum Tode 530.
Betrachtung des äußren Umfanges der Stadt 531 u. f. Das Pisanerkastell
oder der Thurm Hippikus 532; die jetzigen Mauern von Jerusalem 533,
534; der Lauf der alten vormaligen Mauern im Norden um die Vorstadt
Bezetha 535. Rückblick auf die Belagerung und Eroberung der Stadt durch
die Kreuzfahrer 536-539; Gründe der Vergänglichkeit des christlichen
Herrscherreiches 540, 541; Ostseite der Stadt 541-544; Südseite des
Stadtumfanges; Tyropöonthal 545; Stätte von Herodes Pallast 546;
Westseite des Stadtumfanges 547; Genauere Beschreibung des Innren der
h. Grabeskirche 548-552; die Hüter des Grabes und der andere heiligen
Stätten 553. Bemerkungen über die Israëliten in Jerusalem 554-556; Alt-
und neugläubiges Judenthum 557, 558. Besuch im Armenischen Kloster
559-561; das Coenaculum 562-564; die Grotte des Petrus 565. Der
Sonnabend Abend am Oelberge 565-567. Der Sonntagsmorgen in Jerusalem
und Bethanien 565-572; Siloah und sein Quell 573; die unterirdischen
Wasserbehältnisse von Jerusalem 574-576. Der Sonntagsabend im Thal
Ben Hinnoms 577. Ausflug nach der nördlichen Umgegend von Jerusalem
577; die Stätte von Bezetha und dem Thurm Psephinus 578; Besuch und
Beschreibung der Königsgräber 579, 580; Gräber des Sanhedriums 580; die
Stätte von Gibea Saul; Bozez und Senne? 581-583. Mislungener Versuch
auf den Vorhof der Omarmoschee vorzudringen 583, 584. Petri Gefängniß
584; Kloster der Kopten, das Johanniterhospital, Armenhaus der Lateiner
585; Pilgerherberge, Hospital und Armenküche der Kaiserin Helena 585,
586; die Magdalenenkapelle, St. Johanneskirche, Grotte des Jeremias
587; alte Steinbrüche; Ort der Begegnung Alexanders des Großen mit
dem Hohenpriester Jaddus 588. Erzählungen vom letzten Aufstand gegen
Ibrahim Pascha 589. Gedanken, am Schlusse der ersten Woche in Jerusalem
589-591.
I. Der Aufenthalt in Aegypten.
Das was der Beschreiber dieser Reise von Aegypten sahe und genauer
kennen lernte, das war nur ein einzelner Abschnitt des Nilthales; dem
Rauminhalte nach ein geringer, der Kraft und Bedeutung nach aber von
hohem Werthe. Denn jener Landstrich, welchen die Höhen des Mokkatam
beherrschen, umfasset von dem alten Aegypten nicht nur ein Altes,
sondern das Aelteste; von dem neuen nicht nur ein Neues, sondern das
Neueste. Die mächtigen Pyramiden bei Ghizeh geben uns eine Kunde, von
welcher die Kunde der ältesten bis zu uns gelangten Geschichte des
Landes und seiner Bewohner nur eine Urenkelin ist; eine Urenkelin,
die den Nachhall von den Thaten der Ahnen nur noch aus weiter Ferne,
wie eine Stimme der Gräber vernahm. Die hehren Werke der Kunst, bei
dem einst hochgebietenden Theben sind der tiefste, mächtigste Umfang
eines Stammes, welcher den Wuchs seiner Aeste und Zweige vormals
über Griechenland und Rom ausdehnte und noch jetzt über die Länder
von Europa fortsetzet; dagegen raget das vielleicht um ein halbes
Hundert der Menschenalter frühere Werk der Pyramiden einsam und ohne
Erben seiner Kraft, wie aus einer Zeit der Titanen herüber, auf deren
hochfahrende Rede nur der Donner des Sinai antwortet, welcher sich am
Hor und Nebo zu einem Ruf der Wächter, mächtig wie das Brausen der
Sturmwinde gestaltet, bei Zions Burg aber und über der Höhe des Morijah
in einen Ton der Posaune, über Bethlehems Felde und auf Nazareths
Auen in den lieblichen Klang der Asore wie der Flöte verwandelt. Der
Pilgrim, welcher den Weg der alten Thaten Gottes über die Länder eines
geistigen Aufganges verfolgen will, der weile zuerst, ehe er auf
die Stimme der Donner vom Sinai aufhorchet, am Fuße der Pyramiden;
nachsinnend über das Räthsel, das hier der Sphinx ihm aufgiebt; jener,
dessen Auge geöffnet ist für den Weg der neuen Thaten, zu denen die
Geschichte des Ostens so eben sich rüstet, der weile betrachtend an dem
Felde der Lebenskeime, welches sich hier in Cairo über die Haufen des
alten Schuttes hinbreitet; er merke auf das Rauschen der Todtengebeine,
welches sich mitten in dem jetztlebenden Volke der Hauptstadt des
Morgenlandes vernehmen lasset.
Der Beschreiber dieser Reise, deren eigentlicher Anfang bei Kairo erst
beginnt, möchte seine Leser gerne zu beiden Betrachtungen: zu jener
des noch fortwährend durch sichtbare Werke uns redenden ältesten und
zu der des neuesten Aegyptens mit sich nehmen. Denn wie Kairo ein
Sammelplatz der Pilgrime die nach Mekka ziehen, so sollen uns jene
Betrachtungen ein Sammelpunkt der Gedanken werden, welche den Fußtapfen
der größesten Geschichten nachgehen wollen die der Geist des Menschen
kennt. Ich knüpfe den Faden der Berichte an das Nächste an und führe
meine Mitwanderer zuerst in das Volksgedränge der großen Hauptstadt
ein, indem ich hierbei zum Theil einige Briefe aus Kairo in der Sprache
der unmittelbaren Anschauung reden lasse.
Briefe aus Kairo.
Erster Brief.
=Anfang des Taglaufes.=
Kairo am 21. Januar 1837.
Mein langer Brief an Dich aus Symi und Alexandria, meine liebe, einzige
Schwester, schwimmt vielleicht mit dem Oesterreichischen Schiffe, das
ihn zur Besorgung übernahm noch auf dem Adriatischen Meere herum, und
doch kann ich dem Drange nicht widerstehen schon jetzt wieder einen
Brief an Dich anzufangen. Mehr als seit langer Zeit habe ich hier im
Geiste mit dir gelebt; Dein Andenken hat mich begleitet auf meinen
Wanderungen durch die Herrscherstadt der alten Kalifen und durch die
noch immer fortbestehenden Erinnerungszeichen an die Sagenwelt und
Heldenzeit des Reiches der Fatimiden und Eyubiten. Und wie hätte dies
anders seyn können, Du liebe Schwester! Warst Du es doch, die mich
zuerst in das helle Mondscheinlicht jener tausend und einen Nächte
einführte, wo über dem Thau der Arabischen Gewürzgärten, welcher
gleich Demanten funkelt, ein Reich der Genien hinschwebt, das in die
Geschichte und Thaten der Menschen allenthalben seine Wunderkräfte
einmischet; in jenes Mondscheinlicht der morgenländischen Dichtungen,
das mit den Träumen und Vorstellungen der Kindheit in so lieblichem
Einklange stehet.
Du wirst Dich noch erinnern, wie ich, als kleiner Knabe, im
unvergeßlichen Elternhause öfters kaum die Stunde der Abenddämmerung
erwarten konnte, in welcher Du, meine nur um sieben Jahre ältere aber
schon mehr als siebenmal klügere Schwester mich hinwegruftest vom
Spiele, um mir, wie Du mirs öfters schon am Morgen versprechen mußtest,
etwas zu erzählen. Das was Du, Du älteste Lehrerin meiner Kindheit,
damals in meine Seele einpflanztest, das war freilich zunächst und vor
allem jener Grundton des elterlichen Hauses, der wie ein Lied, welches
von ewigem Frieden singt, mich auf allen meinen Wanderungen durch die
bunte Welt des Wissens und der Erfahrungen begleitet hat und auch
wohl bis ans Grab begleiten wird, aber Du verstundest es gar gut das
geistig Nährende und Starke mit jenem Lieblichen zu vermischen, das
meinen leichtzerstreuten Sinn, wie der Honig die Biene, zum besseren
Aufmerken herbeilockte; Mährchen, wie späterhin Grimm und Hebel sie
erzählten, ergötzten mich oft. Unter allen aber, was Du mir als
Nachtisch vorsetztest waren mir orientalische Reisegeschichten so wie
die Dichtungen im Geiste von tausend und einer Nacht das Anziehendste
und Liebste. Ich konnte nicht satt werden diese zu hören, und wenn
es meinem kindischen Verlangen nach gegangen wäre, ich hätte zu der
Geschichte der einen Nacht auch sogleich die der andren tausend
vernehmen mögen.
Ich weiß nicht mehr welche Deiner Erzählungen oder Reisegeschichten
mich damals so lebendig nach Aegypten, zu Saladins Burg und zu Kairos
zinnenreichen Mauern führte, der Eindruck muß aber ein sehr fester
gewesen seyn, denn bei dem ersten Anblick der hohen Granitsäulen von
Saladins Königshallen, bei dem Hinabschauen auf die (sogenannte)
Gräberstadt der Kalifen, waren es nicht die Züge der Geschichte aus
den Büchern die ich als Jüngling und als Mann gelesen, sondern jene,
die Dein lebendiges Wort durch kindliche Erzählungen meiner Seele
einprägte, welche mir das Gesehene in einem so all und wohlbekanntem
Lichte erscheinen ließen als hätte ich schon als Kind hier unter
den hohen Granitsäulen gespielt und bei den hohen Domgebäuden der
Mameluckenkönige mich ergangen. Es ist nun Zeit, daß ich auch Dir
für Deine Gaben etwas wiedergebe, und daß ich vor allem ~Dir~
etwas erzähle aus der mir nun ganz nahe gerückten Welt die Du mir
einst in dem magischen Spiegel Deiner Mährlein und Geschichten mit so
zauberischem Glanze zeigtest.
Es wird am besten seyn, wenn ich Dich zuerst mit mir hineinführe in den
schönen Ruhesitz, den ich hier im Fremdlingslande gefunden habe und
dann Dich mit mir nehme auf ein und die andere der Tagwanderungen durch
die große, neue wie alte Herrscherstadt des reichen Aegyptens.
Da wir, vor etlichen Wochen, hereinzogen zum Thore von El Esbekieh,
vorüber an dem nun vereinsamten Pallast des verstorbenen Defterdars,
durch die Alleen der Sykomoren, welche den jetzt trocken liegenden
Teich von El Esbekieh beschatten; da wir hineintraten durch das
kleine Pförtlein, in die engen, dunklen Gäßchen des Koptenquartieres,
in welchem unsere künftige Wohnung seyn sollte, da hätte ich kaum
gedacht, daß es mir hier so überaus wohl und heimathlich zu Muthe
werden könnte, als mir es gleich von dem ersten Tage an geworden ist.
Aber wem möchte es auch nicht wohl werden in einem Hause, das mit den
meisten Bequemlichkeiten des heimathlichen Europa's die Vorzüge eines
Aegyptischen Obdaches vereint, und vor dessen Thüre uns schon die Liebe
und Gastfreundschaft seines Bewohners, unsers theuren Landsmannes
~Lieder~ empfieng, der uns bei seinem Herde das Vaterland, mit all
seinen geistigen und leiblichen Erquickungen finden ließ.
Das Haus, welches wir hier bewohnen, hat ein Engländer erbauen
lassen, und noch jetzt gehört es den Engländern, welche in ihm eine
wohleingerichtete Knabenschule und ein Schullehrerseminar unterhalten.
Mir und meiner lieben Hausfrau hat die Güte der Freunde das schönste,
größeste Zimmer, in einem Flügel des Gebäudes eingeräumt, der an den
geräumigen Hof und Garten angränzt; wenn wir zu unsern Fenstern, die
an Höhe, weil sie nahe vom Boden bis zur Decke hinanreichen, manchen
deutschen Kirchenfenstern gleichen, hinausschauen, da sehen wir vor uns
einige hohe, schlanke Dattelpalmen, unter uns den Garten, in welchem
blühende Mimosenbäume und eine Fülle der Blumen und Rankengewächse
ihren Duft verbreiten und eine Schaar von Lachtäublein ihre Stimme
vernehmen lässet, welche hier mitten in der Zeit unsers Winters, schon
von den Freuden und Herrlichkeiten des Frühlings redet. Aber ich führe
Dich lieber zuerst zu dem schönsten Theile unserer Wohnung; durch den
großen Vorsaal hindurch und hinan zu dem platten Dache des Hauses, auf
welchem ich gar manche liebe Stunde zugebracht habe. Die Aussicht,
die man da genießt, ist an eigenthümlicher Kraft des Eindruckes
schwerlich wohl mit irgend einer andern auf Erden zu vergleichen; dort,
fast im Westen, sieht man die alten Denksteine einer übermächtigen
Vorwelt, die großen Pyramiden von Ghizeh; sie stehen am Saume der
gelblichgrauen Wüste, deren Ende das Auge nicht abreichet; nahe bei
ihren Füßen breitet sich aber gegen Süden und noch mehr gegen Norden
das gesegnete Nilthal aus, mit seinen grünenden Auen und reichen
Palmenwäldern; gegen Osten pranget am Rande des Mokkatamberges die
Burg des Saladin -- die Herrscherveste der Stadt und zu ihren Füßen
liegt die große Stadt mit ihren dem Auge des Fremdlinges unzählbar
erscheinenden Thürmen und Mauerzinnen. Am Morgen, und in der späteren
Nachmittagszeit habe ich hier auf diesem Dache öfters im Strahle der
Sonne gestanden und gesessen, der mir dann nur lieblich wärmend, wie
bei uns im Frühling erschien; in den mittleren Stunden des Tages aber
war selbst im Januar die Hitze so groß, daß ich mein Schreibtischlein
sammt dem Stuhle in den Schatten eines Dachansatzes stellte, dessen
Einrichtung und Bestimmung für uns Nordländer freilich etwas Neues und
Ungewohntes sind. Ich meine den Molkof oder Windfang, dessen weite
Oeffnung so gestellt ist, daß sich die Nord- und Nordwestwinde, die
hier zu Lande eine öftere Erquickung der heißesten Monate sind, unter
seiner schräge aufstehenden Bretterdecke fangen und ihren kühlenden
Hauch hinab in alle Theile des Hauses ergießen müssen. Einer Frau,
wie Dir, ist es erlaubt von unsrem hohen Dache hinabzublicken auf die
niedrigeren Dächer, sonderbaren Vorbaue und Höfe der Nachbarhäuser und
die Beschäftigungen der Frauen zu betrachten; ich als Mann habe mich
hierinnen den Sitten des Landes bequemt und mein Auge lieber an der
Aussicht in die reiche Ferne, als an dem Beschauen der armseligen Nähe
geweidet.
Ich muß Dich aber doch, damit Du recht einheimisch bei uns wirst,
wieder von der hehren Aussicht des Daches hinunterführen in die
beengtere unsers Zimmers und Dich von dort aus mit mir nehmen in unser
tägliches Treiben und Herumwandern. Ich fange dabei, recht hübsch
breit, mit dem Bericht sogar über unsere hiesigen Morgenstunden -- die
köstlichsten des Tages -- an.
Ich weiß nicht woher es kommt, daß ich hier in Kairo, auf unserm so
bequemen und zur Ruhe einladenden Lager immer so frühe aufwache. Und
doch kann ich nicht sagen, daß mir dieses Wachsein in der stillen
ägyptischen Finsterniß lästig wäre. Es giebt so Vieles zu besinnen,
von Gestern herüber auf das Heute; die Gedanken haben so manche
Wege zu machen in die Höhe und Tiefe, in die liebe Ferne und in die
bedeutungsvolle Nähe, daß mir die Zeit keinesweges lang wird. Dazu
hat, wenn auch das Auge nichts sieht, in der dunklen Nacht das Ohr
eine Unterhaltung und Belustigung, an welcher ich mich fast täglich
von neuem freue. Noch lange vorher ehe der Morgenwind in den Zweigen
der nahe an unserm Fenster stehenden Palme rauscht, höre ich den
wohltönenden Gesang der Mueddins auf den Madnehs oder Minares der
Moscheen. Mich dünkt ich habe diese Leute nirgends auf unsrer Reise
so schön singen hören als hier in Kairo. Wenn man, etwa am Tage, nahe
bei einem solchen Madneh stehend den Gesang vernimmt, dann erscheinen
die vollen, kräftigen Töne der Kinder der Wüste unserm Ohre fast zu
laut; so aber, aus einiger Ferne erklingen sie überaus lieblich. Durch
einen Sprach- und landeskundigen Mann wurde auch mir der Inhalt der
nächtlichen Gesänge jener »Wächter auf der Zinne« in einer Uebersetzung
mitgetheilt und ich gebe Dir hier einige Stellen dieser Uebersetzung,
welche Dir zeigen werden, daß der Geist des Sehnens nach Gott auch den
Kindern Ismaëls Worte der Andacht in den Mund legte, die das Herz des
Christen gern nachsprechen mag.
Auf den Madnehs der größeren Sultansmoscheen läßt der Gebetausrufer
auch in der Nacht, noch vor dem Rufe zum Morgengebet, zweimal seine
Stimme vernehmen, zum Troste derer, welche wach sind auf ihrem
Lager. Das erste seiner Lieder, das er bald nach Mitternacht singt,
heißt ~Ula~. Es beginnt mit den Eingangsworten des gewöhnlichen
Morgenrufes aller Minares: Gebet ist besser denn schlafen. Dann, nach
dem allgemeinen Glaubensbekenntniß des Islams wiederholt der Mueddin
noch dreimal den Ruf: es ist kein Gott außer Gott, und singt weiter:
»Er hat Keinen der Ihm gleich wäre; Ihm gebührt die Herrschaft, Ihm
gebühret Preis. Er giebt das Leben und sendet den Tod; Er aber lebet
und stirbet nie. In Seiner Hand ist Fülle des Segens, denn er ist
allmächtig. -- Es ist kein Gott außer Gott und wir wollen Keinen
anbeten außer Ihn, dienend Ihm in aufrichtiger Gottesfurcht.« -- --
»O Herr« (+Ja Rubb+, diese Worte werden dreimal mit sehr lauter
Stimme gesungen) »deine Güte hat kein Ende; du bist voll Erbarmen gegen
den Abtrünnigen und beschützest ihn; du bedeckest das Niedrige -- --
lässest deine Milde walten auch über den Knecht und befreiest ihn aus
den Banden seiner Knechtschaft, o du Gütiger. O Herr« (dies wieder
dreimal), meiner Sünden, wenn ich ihrer gedenke, sind viele, aber die
Gnade meines Gottes ist noch mehr. Ich denke nicht an das Gute das ich
gethan, sondern am meisten an die Gnade Gottes. Erhaben sey der Ewige;
Er hat in Seinem weiten Reiche Keinen der Ihm gleich ist[1].
Auch in dem andren Nachtrufe, welcher »Ebed« (der Ewige) heißt, kommen
einige gar schöne Stellen vor. Er beginnt mit dem dreimaligen Absingen
der Worte: Ich bezeuge den unbegrenzten Ruhm Gottes, des Ewigen, des
Einen, Ewigen. -- -- Er ist Gott, welcher weiß was vorhin war, weil er
zum Seyn rief Alles das gewesen; Er aber ist Derselbe der Er war. -- --
Ich verkünde den unbegränzten Ruhm Dessen, der alle Geschöpfe schuf,
sie zählte und ihnen ihren Unterhalt bestimmte; der die Schicksale
seiner Knechte ordnete; der durch seine Macht und Größe es verschaffte
daß reines Wasser floß vom Stein des Felsen. Er sprach mit Moses auf
dem Gebirge, das aus Furcht vor Ihm zu Dampf und Staube ward; gepriesen
sey der Name des Einigen, Alleinigen. -- --
Nach diesem zweiten, ziemlich langen Gesange, den ich öfters in der
Stille der Nacht hörte, folgt wieder eine Pause von länger als einer
Stunde, dann hebt, bei Tagesanbruch von den Minare's aller, auch der
kleineren Moscheen, der eigentliche Frühgesang (Subh) an, welcher nach
dem Eingang: »Beten ist besser als Schlafen« die Größe und Einheit
Gottes bezeuget und zuletzt, als Adan oder Gebetsruf die Gläubigen
ermahnt zu beten und einzukehren in der Sicherheit (Wohnung des
Friedens).
Erst einige Zeit nachdem der Adan verklungen, erhebe ich mich von
meinem Lager, denn ein frühes Aufstehen würde zwar mir, nicht aber
unserm Ibrahim gefallen. Dieser, unser arabischer Knecht, der uns von
Alexandria hieher begleitete, vertritt zugleich mit dem gesammten
Hof- und Hausdienst die Stelle eines Tabakh oder Koches. Aber der
sonst so vortreffliche Mann, ist gegen die Sitte der gemeinen Araber,
von denen man sagt, daß sie gerne früh aufstünden, ein Langschläfer,
dergleichen ich noch Keinen zur Bedienung gehabt habe. So lange wir
auf dem Schiffe waren hielt ich ihn leicht in Ordnung, da schlief er
neben dem Reis oder Bootskapitän vor der Thür unsrer Kajüte, ich rief
dann in meinem notdürftigen Arabisch hinaus »Saheh Ibrahim« (aufwachen,
Ibrahim) und wenn das nicht half, zog ich ihn ein wenig beim Arm, bis
er sich erhub. Hier aber sobald er des Abends sein Essen hat, sagt er
als gute Nacht seine »el wakt rah« es ist spät, und begiebt sich zur
Ruhe, ich weiß selbst nicht in welchem Winkel des vorderen, jenseit des
Hofes gelegenen Hauses. Wenn ich dann am Morgen Wasser haben oder in
der Küche nach dem Frühstück mich umschauen will, da ist kein Ibrahim
zu sehen und zu hören, obgleich man ihm, am Abend, besonders dann,
wenn für den nächsten Tag eine Wanderung in die Umgegend der Stadt
beschlossen ist, mehrmalen die Worte, »gum gawam« (aufstehen balde)
zugerufen hat. Wenn ich mich dann lange mit dem Anzünden der Kohlen,
im irdenen Monckod oder Kochöfchen vergeblich geplagt habe, da kömmt
er, eingehüllt in sein wollenes Tuch geschlichen und sagt statt jeder
Entschuldigung bloß »bard, bard« (kalt, kalt). Bei solcher Gelegenheit
ist mir schon einige Male der Faden der Gedult gerissen und da mein
weniges Arabisch nicht ausreicht um ihn mit Worten zurecht zu weisen,
habe ich ihm, an seinen Schultern rüttelnd, mit den Händen den Text
gelesen; ein Text, zu welchem ich gewöhnlich bald nachher, statt
eines Commentars das Geschenk eines halben oder ganzen Piasters (nach
unserm Gelde ein oder zwei Groschen) fügte, so daß der Pursch mit
der Erklärung immer wohl zufrieden war, ohne sich übrigens den Text
sonderlich zu Herzen zu nehmen.
Die Morgen sind jetzt im Januar, auch in Kairo kühl, wir haben mehrere
Male bei Sonnenaufgang nur 5 Grad R. einmal sogar nur einen Grad Wärme
gehabt; sobald aber die Sonne zu den hohen Fenstern hereinblickt, wird
es so lieblich warm, wie bei uns an einem schönen Maienmorgen. Wenn
ich, wie öfters, am Morgen durch die schattigen Gassen gehe oder reite,
könnte ich wohl den Mantel vertragen, sobald ich aber zum Pförtlein
hinaustrete auf den freien sonnigen Platz von El Esbekieh, wird mir es
selbst in Sommerkleidern warm und in den Mittagsstunden suche ich so
sorgsam den Schatten auf, wie bei uns in den heißen Junitagen.
Ich sprach vorhin vom zu Fuße gehen. Das thue ich wohl auch aus alter
Neigung, übrigens aber muß ich Dir gestehen, daß Dein hochmütiger
Bruder hier in Kairo schon mehr geritten ist und mehr reitet, als
beinahe früher in seinem ganzen Leben. Die Eselein aber auf denen
hier der Mittelstand, zu welchem ich gehöre, und selbst ein Theil der
vornehmen und eleganten Welt reitet, sind auch gar zu anziehend; schön
aufgeschirrt, mit bequemem Sattel, so stark dabei und so schnell, daß
man kaum meinen sollte, daß sie zu derselben Art der Thiere gehören,
die man bei uns Esel nennt. Fast an allen Straßenecken stehen welche
bereit und bei ihnen ein Seis oder Eseltreiber, der einem beim Auf-
und Absteigen behülflich ist und zugleich das Durchkommen durch das
Menschengedränge der volkreichen Straßen erleichtert. Denn wenn man
mitten in diesem Gedränge steckt, so daß man weder vor noch rückwärts
einen Ausweg sieht, da läuft der bewundernswürdige Seis bald neben
bald vor seinem Homar oder Esel her und schreit »Jeminak« --
»Schimilak« (weiche zur Rechten, zur Linken), oder, wenn das Thier
einem und dem andern aus dem Volke in gar zu trauliche Nähe kommt
»dahrak« (dein Rücken), »riglak« (deine Ferse), »gembak« (deine Seite).
Dabei redet der feine Seis jeden vornehmen Türken oder Franken, den er
zum Ausweichen bewegen möchte, noch mit den liebkosenden Worten »Ja
Effendi« (o Herr), junge Frauenzimmer mit »Ja Arusch« (o Braut) und
selbst alte Bettelweiber mit »Ja Bint« (o Tochter) an, und man erregt
auf diese Weise, wenn man ein einziges Mal in der gedrangvolleren Zeit
des Tages durch eine der Hauptstraßen von Cairo reitet, mehr Lärmen und
Spektakel als man wohl sonst, sein lebenlang anzurichten gesonnen war.
Ich kann Dir indeß nicht helfen, ich muß Dich, Du stille und verborgene
Seele einmal mit hineinnehmen zu all dem Getümmel der ägyptischen
Hauptstadt und ich wollte ich könnte dieß in meiner Beschreibung so
lebendig thun, daß Dir es vorkäme, als wärst Du leiblich und wirklich
auf unsern Wanderungen mitgewesen.
In den meisten Fällen gehe ich, wenn ich keinen weiteren Ausflug vor
mir habe, von unsrer Wohnung aus bis zur Musky oder Frankenstraße zu
Fuße und nehme, je nachdem ichs bedarf, erst dort einen Reitesel, weil
man da die besten findet. Mein Weg zieht sich dann entweder innerhalb
des Stadtviertels der Kopten nach der Wohnung und durch den Garten des
mir freundlich gewogenen französischen Leibarztes des Mehemed Ali,
des Clot Bey hin, oder ich gehe am Rande des Freiplatzes von Esbekieh
und dann an dem wohleingerichteten englischen Gasthaus vorbei nach
dem schon frühe geöffneten Kaufladen eines gar wackren Landsmannes,
des Herrn Baumgärtner, bei dem sich fast alle Deutsche, hiesige so
wie bloß durchreisende, tagtäglich zusammenfinden. Hier ist mein
Geschäftsbüreau; denn hier stehe ich oft in der Zeit des Vormittages
stundenlang und lauere den Landleuten oder Fellahs auf, welche mitunter
Sachen, besonders Thiere zur Stadt verkäuflich bringen, die für unsre
Münchner Sammlung von großem Werthe sind und die man da zu Lande um
unglaublich geringen Preis bekommt. Kannst Du doch hier in Kairo bei
den armen Fellahs eine Sprache der großmüthigen Freigebigkeit finden,
die man auch bei unsren reichsten Kaufleuten vergebens suchen würde.
Denn wenn Bauern oder Bäuerinnen (Fellahahs) bei Herrn Baumgärtners
Laden vorbeikommen, mit Nilschildkröten oder Nilenten in der Hand und
man ruft sie heran und fragt »bekam dih« (wie viel kostet das) da
antworten sie nicht selten ich schenke dir es, womit sie eigentlich
nur sagen wollen es ist spottwohlfeil. Fragt man aber darauf, den
eigentlichen Sinn ihrer Rede verstehend, noch einmal um des Preis, dann
verlangen sie bei allen Dingen die keinen polizeilich festgesetzten
Werth haben so viel, daß mein guter Landsmann Baumgärtner, der meinen
Unterhändler macht, gewöhnlich ihnen die Hälfte, oder noch weniger
bietet, worauf der Fellah ein Geschrei des Unwillens erhebt und eine
rasche Bewegung des Vorwärtsgehens macht, die aber eben so rasch in
eine Bewegung des Rückgehens umschlägt, weil in der Regel der Handel
gar bald abgeschlossen ist, indem der Eine noch etwas zulegt (»seine
Hand weiter aufthut«), der Andere noch ein wenig nachläßt. Unter den
Sachen, welche meine Handelsleute vom Nilufer und aus der nachbarlichen
Wüste, von denen Manche mich schon gut kennen, auf meine Fragen, was
sie heute haben, nennen, ist mir eine Art von Fischen die verhaßteste,
welche »Ma fisch« heißet. Denn dieses Wort bedeutet so viel als
»Nichts da« und wenn ich zuweilen stundenlang gestanden bin und es
kommt nun endlich eines und das andere mir bekannte, schwarzbraune
Fellahsgesicht, schaut mich lächlend an, so daß ich die besten
Hoffnungen schöpfe und hat dann dennoch nichts als nichts oder ma
fisch, da möchte ich das Fischessen auf lange verreden.
Doch giebt es hier in der Hauptstraße, deren letztes Ende auch noch
durch die Frankenstraße geht, wo Herr Baumgärtner wohnt, immer eine
Unterhaltung, auch wenn man müßig dasteht und vor sich hinschaut. Ich
habe auf meinen Reisen öfters, in den Städten wie im Freien meine
Aufmerksamkeit auf das stufenweise Munterwerden und Hervorgehen der
Menschen so wie der Thiere des Feldes gerichtet und darauf acht
gegeben wie sich ein Geschäft der Häuser und Straßen nach dem andren
anspinnt; hier in Kairo habe ich die Blumenuhr der allmälig, eines
nach dem andren aufwachenden Stände, Geschlechter und Gewerbe der
Menschen wie der Thiere mit ganz besondrem Interesse betrachtet. Wie
bei uns zu Lande die Krähe und der Rabe, so wacht hier zuerst die
Tagesgeschäftigkeit des Beduinen (Bedawih) und seines Kameles auf; wenn
die Gassen am Morgen noch fast ganz leer sind, findest du auf ihnen
wenigstens die Kameltreiber, welche als Sackahs oder Wasserträger den
Häusern das Wasser des Nils oder welche ihnen Holz und andre Haus-
und Lebensbedürfnisse zuführen. Das Kamel ist ein dummgutes und dabei
höchst respektables Thier; es erinnert mich oft, wenn es sein im
ganzen unbedeutendes (schafmäßiges) Haupt so scheinbar stolz in die
Höhe hält, an manche unsrer, ebenfalls respektablen Büreauschreiber,
die, ohne viel zu denken, dennoch, selbst gegen ihr Wissen Vieles und
Wichtiges für das allgemeine Wesen thun. Wer sollte einem solchen
Thiere, diesem Schiff der Wüste, nicht gut seyn, das, selber mit
Wenigem zufrieden, den Haushaltungen des Land- wie des Stadtvolkes
alles zuträgt, was sie bedürfen: Mehl und Oel, Wasser und Holz. Ich
muß Dir gestehen es befremdet mich nicht und kommt mir sogar rührend
vor, wenn die hiesigen Frauen selbst am Todtenbette des Gatten oder
Hausvaters laut ausrufen: »o du mein Kamel; o du Kamel des Hauses« (Ja
Ghemel el beyt).
Nach dem Geschäft der Kamele und ihrer Treiber, denen sich vom
frühesten Morgen an auch die Eselverleiher, die Pfeifenausputzer und
die Tagwerker aus der Stadt und vom Lande zugesellen, wird am ersten
das Geschäft der Verkäufer des Frühstückes (Fatur) wach und lebendig,
denn das arme Volk will, ehe es zur Arbeit geht, essen. Da macht
denn der Verkäufer des Ful mudemmes oder Saubohnengerichtes seine
zugekitteten Töpfe auf, die er, die ganze Nacht hindurch in der heißen
Asche des Ofens eines öffentlichen Bades oder Bäckerladens hat dämpfen
lassen; für wenige Pfennige reicht er davon Jedem der es begehrt ein
beckenartig rundliches Schüsselchen voll, träufelt ein wenig Rübsenöl,
auch wohl Citronensaft daran und die Käufer verzehren dies ohne Löffel,
Gabel und Messer. Auch die Verkäufer des Eesch oder Brodes (von
kuchenartiger Form) öffnen ihre Läden; man tunkt das Brod in Duck-ckah,
was eine Mischung von Salz, Pfeffer, Schwarzkümmel und andren ähnlichen
Ingredienzien ist und findet es so vortrefflich. Fast gleichzeitig mit
den Bäckerläden thun sich an der Blumenuhr der Kahirinischen Gassen die
Kaffeeläden (Kawehs) auf, deren Zahl auf tausend geschätzt wird; die
gemeineren etwas früher, die vornehmeren später. Man ist hier in dem
Lande des sehr guten Kaffees, nirgends habe ich auch dieses Getränk von
Vornehmen und Geringen mit solchem feierlichen Wohlbehagen schlürfen
sehen als in der Aegyptischen Hauptstadt. Hat es doch hier eine Zeit
gegeben, wo der Kaffee in den Kirchen (Moscheen), namentlich in der
Asharmoschee ausgeschenkt und getrunken wurde. Denn nachdem der heilige
Scheikh Omar, der sich, während einer Verfolgung seiner Sekte mit einer
Schaar seiner Jünger aufs Gebirge geflüchtet hatte, durch den Aufguß
von Kaffeebeeren, den er in Ermanglung andrer Nahrungsmittel genoß,
so wunderbarlich erquickt worden war, wollten auch die Schaaren der
Derwische und Fakirs an der heiligen Berauschung Theil haben, und die
Trinklust dieser Frommen bemächtigte sich bald nachher auch des übrigen
Volkes, das jetzt kaum ohne Kaffee leben könnte. So vortrefflich
übrigens auch die Eingebornen das Getränk finden mögen, weiß ich
doch nicht, ob Du in ihren ungetheilten Beifall einstimmen würdest.
Denn so einladend das aussieht, wenn man sich aus einem arabischen
Kaffeeladen bedienen läßt und wenn jetzt der Buab oder Thürhüter den
Azkih (das Kohlenbecken) mit dem Bokrag oder der Kaffeekanne, ein
andrer auf einer Art von Präsentirteller das kleine Fingan oder Täßlein
bringt, das sich seinem zierlichen Zurf oder metallenen Untersatz gar
hübsch ausnimmt, so sehr findet sich dennoch unsre europäische Zunge
anfänglich beleidigt, wenn sie das Getränk kostet, das nicht nur ohne
Zucker und Milch genossen, sondern öfters auch durch den Zusatz von
Chabhan (Cardamom) oder Ambra entstellt ist. Uebrigens finden sich auch
hier in der Nachbarschaft europäisch eingerichtete Kaffeehäuser und wer
Hunger hat, der mag sich an den neubackenen Fatirehs oder Butterkuchen,
mit oder ohne Honig und an den Eesch bi lahm ein Gütliches thun,
deren Blätterteigmasse mit gehacktem Fleisch, namentlich von den
Fettschwänzen der Schaafe gefüllt ist.
Während wir uns so, wenigstens an der Beschreibung eines guten,
arabischen Frühstückes gesättigt haben, ist das Gedräng und Leben
auf der Straße immer stärker geworden. Die Kaufmannsläden haben
sich aufgethan, die Esrefs oder Geldwechsler sitzen wieder an ihren
Tischchen; man hört aus der Ferne die Hämmer der Kupferschmiede und
andrer Handwerker die hier nicht, wie bei uns, in ihren Häusern,
sondern in den offnen Läden ihrer Suks oder Marktplätze arbeiten.
Allmälig läßt sich nun auch die vornehmere Welt der Stadtbewohner
unter dem Trosse der Andren sehen; reitend auf Eseln und zierlich
aufgeschirrten Maulthieren. Unter den Maulthierreutern zeichnet sich
der gelehrte Ulema durch seinen Muckleh oder Turban, mit dickem,
weit hervortretendem Bunde und durch den schönen Sechschadeh oder
Gebetsteppich aus, der über dem Sattel liegt; sein Stallknecht, im
blauen Hemde springt voraus, ein andrer Knecht trägt die lange,
durch ihr kostbares Bernsteinmundstück werthvolle Pfeife seines
Herrn. Ueberhaupt geht der bemittelte Türke oder Araber, wenn er
nicht gerade auf dem Wege zur Moschee ist, niemals ohne das Geleite
seines Schibuk oder Tabakspfeife aus, die dem Vornehmeren ein Diener
nachträgt. Doch habe ich dieses in den ersten Tagen meines Hierseyns
auch anders gesehen. Damals war noch Ramadan oder Fastenzeit, wo
die Anhänger des Islams vor Sonnenuntergang nicht rauchen und selbst
keinen Tropfen Wasser in den Mund nehmen dürfen; da giengen denn die
guten Leute ganz traurig und verdrießlich statt mit den Pfeifen mit
kleinen Stöcklein in der Hand herum oder spielten mit den Kugeln ihres
Sebchah (Rosenkranzes) und sahen jedem Christen und Juden, welcher
ungestört seinen Schibuk rauchte, mit unverkennbarer Gemüthsbewegung
zu. Uebrigens darfst Du sie, wegen der Strenge ihres Ramadan nicht
zu sehr bedauern, jene guten Leute. Ohnehin sind von der Pflicht
des Fastens alle Kranke, Fußreisende und Soldaten auf dem Marsche
ausgenommen, und wenn auch wirklich dem gemeinen Volke, das am Tage
seine Arbeit zu verrichten hat, die Einrichtung ein wenig schwer
fallen mag, so verschlafen dagegen die Wohlhabenderen den Tag und
schmaußen des Nachts. Manche nehmen auch wohl, wie unser Freund Hassan
auf dem Schiffe schon am Tage heimlich manches respektable Bröcklein
zu sich, und, wenn sie ja, dem Gesetz gehorsam, kein Wasser trinken,
so kosten sie doch dabei einen Schluck Wein[2]. Und selbst abgesehen
hiervon kann man sagen, daß man gewiß nirgends eine so zärtliche
Sorgfalt für den liebwerthen Magen finden wird, als während des
Ramadans bei den hiesigen Muselmännern. Wenn sich am Nachmittage die
Gassen allmälig wieder mit Leuten aus dem wohlhabenderen Mittelstande
und der vornehmen Welt füllen, da ziehen zwar Manche ehrenhalben
nach der Hhosseynsmoschee hin, sie werfen aber schon vorläufig im
Vorbeigehen gar bedeutsame Blicke auf die allmälig sich öffnenden
Läden der Kuchenbäcker, Scherbetverkäufer und Köche. An der Moschee
stehen dann bereits, nur auf den günstigen Augenblick wartend, die
Austheiler des Brodes unter das arme Volk, so wie die von Gaben der
Frommen bezahlten Chemalehs oder Wasserschenken, welche die Wohlthat
des frischen Wassers in Trinkschalen an Jeden spenden der es begehrt
und dabei, während man trinkt ein Liedlein singen, worinnen dem Trinker
die Freuden des Paradieses verheißen werden. Noch darf Keiner weder
essen noch trinken noch rauchen; jetzt aber verkündet, vier Minuten
nach Sonnenuntergang der Knall der Kanone die Zeit des Abendgebetes und
nun solltest Du die Freude sehen. Der Arme außen vor der Moschee fällt
nach einem kurzen Stoßgebet über das dargebotne Brod her und trinkt
beim Gesange des paradiesischen Liedleins sein »Moie helba« (frisches
Wasser); in jedem Privathause steht schon auf einer Art von rundem
Schemel ein Gericht von »Nockl« oder getrockneten Früchten, dabei der
»Kahk« oder honigsüße Kuchen und die »Kullehs« oder Krüglein, gefüllt
mit Scherbettrank. Das erste was der zu Hause sitzende Gläubige,
nach vernommenem Kanonenschuße thut, ist, daß er Eins trinkt, dann
betet er eben so wie die Leute draußen ein ziemlich kurzes Gebet,
greift hierauf nach den getrockneten Früchten und zugleich nach der
Pfeife auf deren Tabak schon die glühende Kohle bereit liegt. Der
Schibuk ist noch kaum ausgeraucht da dampfen schon die Schüsseln mit
den Gerichten der ersten Mahlzeit, welche man ehrenhalber Frühstück
(Fatur) nennt. Sobald man dieses eingenommen hat, macht man Besuche
bei Freunden oder in den Kaffeehäusern, welche eben so wie die Läden
der Köche beleuchtet sind, selten in den Moscheen, obgleich auch diese
der Glanz unzähliger Lampen erhellt. Auf die Entbehrung des Tages
läßt man es sich jetzt ganz besonders wohl seyn, man ißt, raucht und
trinkt und hört dabei die fröhligen Weisen der Musikanten sowie die
Mährchen der Romanzenerzähler. Doch nun kommt, nach dem Abendgebet,
das Sachur oder die Hauptmahlzeit. Damit ja kein Gläubiger, der etwa
aus alter Gewohnheit, weil es Nacht ist eingeschlafen seyn könnte, den
günstigen Augenblick versäume, seinen Magen in die rechte, kräftige
Haltung gegen den morgenden Fasttag zu setzen, hat man in jeder Gasse
oder kleinem Stadtdistrikt einen Musachir bestellt, den man eben so
gut einen Magenwächter als einen Nachtwächter nennen könnte. Der gute
Mann, welcher, wenn er mit dem zu hoffenden Trinkgeld beim Ende der
Fastenzeit sein Glück machen will, ein Erzähler von Schwänken seyn
muß, beginnt seine Aufwartung vor den Häusern der Wohlhabenderen schon
zwei Stunden nach Sonnenuntergang und singt da aus dem Stegreife eine
gereimte oder ungereimte Lobrede auf die vortrefflichen Bewohner des
Hauses ab. Die Weiblein drinnen, welche ja nicht mit zu Besuche oder in
die Kaffeehäuser gehen dürfen, warten schon längst auf sein Erscheinen;
sie werfen, sobald das Loblied geendet ist, dem Sänger aus den
vergitterten Fenstern einige ägyptische Kreuzerlein (fünf Fuddahstücke)
oder Sechskreuzer (Piaster) hinunter, die, wie mans auch bei uns zu
halten pflegt in ein Papierstücklein gewickelt sind das man vor dem
Hinabwerfen anzündet, und begehren dafür, daß der Musachir ihnen ein
frommes Fathah (das erste Kapitel des Korans) hersage. Aber auf das
Fathah allein ist es dabei nicht abgesehen, das weiß der Schelm von
Magenwächter recht gut. Denn kaum hat er, in ziemlicher Schnelle,
denn er hat noch weiter zu gehen, sein Fathah hergeplappert, da fängt
er an ihnen Geschichtlein, in Reimen oder Prosa zu erzählen, welche
bei uns zu Lande gerade nicht für sehr anständig gelten würden. Indeß
die Frauen und Fräulein stehen dabei hinter den stark vergitterten,
dunklen Fenstern, man kann also nicht wissen ob sie nicht, wie wir
dies hoffen und wünschen wollen, gleich nach dem Gebeth des Fathah
sich zurückgezogen haben. Bald nach dieser Function des Lobpreisens,
Fathahbetens und Schwänkeerzählens, die, weil sie an mehreren Häußern
sich wiederholt, keine ganz kurze ist, beginnt nun die wichtigste
Amtsverrichtung des Musachirs. Anderthalb Stunden vor dem Imsak, das
ist die Zeit des Morgens wo die Tagesfasten beginnt, pocht er an die
Thüre jedes einzelnen Haußes so lange an, bis man ihm drinnen antwortet
und warnt zugleich Alle vor der möglichen Gefahr des Hungerns. Damit
aber die Leute ja, wenn sie etwa wieder einschlafen sollten, nicht
versäumen mögen, den Magen auf Vorrath zu füllen, kommt noch ein
Mann von untergeordneterem Range, der Thorhüter des Stadtviertels
hinterdrein und ermahnt nochmals die Leute doch ja, ganz gewiß und
ohne Säumen, so viel als möglich zu essen. Auch das Morgengebet der
Mueddins, der Adan wird in dieser Zeit früher als gewöhnlich gesungen
um die Moslimen an das Einnehmen des Sachurs (Mahlzeit) zu erinnern
und noch 20 Minuten vor dem grausamen Augenblick des Imsak oder
Fastenbeginns ertönt ein Adan, so laut als möglich. Sobald aber, bei
Tagesanbruch der unverbrüchliche Augenblick der Enthaltung gekommen
ist, dann ruft der Mickatih oder Gebetankündiger sein lautes Ir-fa-uh,
das heißt thut hinweg (eure Speisen) was indeß viele neugläubige,
jetztlebende Moslimen des aufgeklärten Kairo so verstehen, als sollten
sie ihre Honigkuchen und Fleischpasteten nur in einem Winkel des
Zimmers verstecken an dem man während des Tages zuweilen vorbeikommt.
Die ganze Einrichtung der moslemitischen Fasten soll eigentlich
nur eine Vorbereitung auf die recht andächtige Feier der Nacht des
(göttlichen) Rathschlußes (Lailet el Kudr) seyn, in welcher der Koran
dem Menschengeschlecht herabgesendet wurde; denn »diese Nacht sey
besser als tausend Monate.« Die Altgläubigen, deren in Cairo nur noch
wenige seyn mögen, meinen, daß in dieser segensreichen Nacht auf
einmal alles salzige Wasser süß werde, sie setzen deshalb, wenn sie
die letzten Nächte des Ramadan, etwa in der Hosseynsmoschee betend
hinbringen, eine Schaale mit gesalzenem Wasser vor sich hin und wenn
ihrer schlaftrunkenen Zunge einmal in einer dieser Nächte das Wasser
minder salzig (süß) schmeckt, dann halten sie dafür daß heute die Nacht
der Segnungen, die Nacht der sehr erhörlichen Gebete sey.
Neben dem eben nicht sehr schweren, sogar lustigen Ramadan der
Mohammedaner erscheint freilich die Fastenzeit ihrer christlichen
Mitbürger und Landsleute in Kairo und ganz Aegypten: die der Kopten
von ungleich schwererem Gewichte. Dieses Volk der ernsten Trauer, an
welchem jeder Ton der Harfe wie eine innigtiefe Klage tönet; das arme
Volk, dessen Glaube wie ein gelähmter Greis an Krücken geht[3] hat
nicht bloß jährlich einmal, sondern vor jedem großen Feste eine so
strenge Zeit des Fastens, daß die Zeit der lieblichen Erwartung ihm zu
einer Zeit der Beschwerde und Angst werden muß. Wenn der Kopte fastet
darf er entweder, wie dies Viele vor dem Anfang der großen Fasten drei
Tage und Nächte lang aushalten, gar nichts essen und trinken, oder er
muß sich wenigstens aller Nahrung vom Abend an bis nach Beendigung
der Kirchengebete am nächsten Mittag enthalten und darf auch dann
keine Speise die von thierischer Natur ist, weder Fleisch noch Fisch,
noch Eier, noch Milch, Butter und Käse, sondern nur Brod mit Dockckah
(Pfeffersalz) oder Bohnen und andere Früchte genießen. Solcher Fasttage
hat aber der Kopte nicht nur fast jede Woche zwei, sondern während
seiner großen, österlichen Fastenzeit 55; vor Pfingsten wie vor Mariä
Himmelfahrt 15, vor Weihnachten 28, so daß für ihn die bei weitem
größere Hälfte des Jahres eine Zeit der Enthaltung ist. Und doch
ist auch diese bei den meisten Kopten nur scheinbar, denn obgleich
sie strenger an der buchstäblichen Erfüllung ihres Gesetzes haften,
als ihre Moslimitischen Mitbürger, setzen sie dennoch sich für die
Entbehrung der Speisen durch Branntweintrinken schadlos.
So müht sich die edle Menschennatur, getrieben von einem ihr
inwohnenden, unabweisbaren Sehnen allenthalben ab, das Ziel eines
ewigen Friedens, das sie sich bald höher, bald niedrer gesteckt
hat, durch die That des eignen Armes zu erringen. Der Ernst ist gut
und löblich; das Ziel das zu erringen ist wäre jedes Opfers, selbst
des Lebens werth, und der Leib selber ist uns ja zu einer Opfergabe
geschenkt und bestimmt; läge nur nicht dem ganzen Beginnen der Irrthum
des unmündigen Kindes zu Grunde, das nach dem Monde oder den Sternen
greift; der Irrthum daß Etwas das von der Natur des Geistes nur vom
Geiste erfaßbar ist, durch das Fleisch und seine eigengesetzlichen
Geschäfte erlangt und ergriffen werden könne.
Zweiter Brief.
=Leben der hiesigen Frauen, Beschreibung des innren Haushaltes, wie der
innren imaginären Welt der Kahiriner.=
Am 24. Januar.
Ich habe Dich, Du liebe Schwester, in meinem letzten Brief nach einer
kurzen Sättigung, welche die Beschreibung eines Frühstückes gab, in
eine lange Fastenbeschreibung hineingeführt, und dabei noch immer,
in einer der ersten Morgenstunden des Tages vor oder in dem Laden
des Herrn Baumgärtner, in der Frankengasse von Kairo stehen lassen.
Während ich Dir aber so erzählte ist die Sonne höher gestiegen, der
Tag ist weiter vorgerückt mit all seinen Mühen, Zerstreuungen und
Freuden; an der großen Blumenuhr der hiesigen Stände, Geschlechter
und Gewerbe sind nun auch jene Blüthen erwacht, welche, wie die
Skorzoneren unsrer Wiesen und Felder erst kurz vor Mittag ihre
bunten Blätter öffnen. Da taucht denn auch eine Sitteh, eine Dame
aus dem wohlhabenden Mittelstande, aus dem Gedränge des Volkes auf,
umgeben von mehreren dienstbaren Begleitern und Begleiterinnen. Sie
selber reitet auf einem schönen Esel, der sich durch sein reicher
aufgeputztes Geschirr und den schönen Teppich vor den Thieren ihrer
beiden, hinter ihr reitenden Dienerinnen auszeichnet; vor ihr sitzt
ein etwa zweijähriges Knäblein. Betrachte nur die abentheuerliche
Verhüllung unsrer Sitteh. Die ganze, etwas breite Gestalt steckt in
dem gräumigen, violet seidenen Sebleh oder Ueberrock mit unmäßig
weiten, fast am Boden aufschleifenden Ermeln; das Oberhaupt bedeckt der
schwarzseidene Chabarah, der sich weit über den Rücken und die Seiten
hinabbreitet; das Gesicht, unmittelbar unter den Augen verhüllt der
weiße, bis an die Füße und ihre gelben Babuschen reichende Schleier
oder Burko. Freilich ist dieß alles nur die Schaale unter der sich
die eigentliche Kleiderpracht unsrer vornehmen Aegyptierin verbirgt,
namentlich der Robtah oder Frauenturban, unten mit kostbaren Tüchern
umwunden, der Kuhrs oder Kranz von Gold, mit Edelsteinen verziert, der
Tarchah oder goldgeschlickte Schleier des langlockigen Hinterhauptes
und der Schläfe; der Dschibbeh oder Umwurf und der langermelige Jelek
oder Hausüberrock, sammt den weiten, seidnen Beinkleidern. Aber selbst
an der verhüllten Gestalt fallen die seltsam schwarzumrandeten Augen
und, so weit sie sichtbar werden, die orangegelb gefärbten Finger
und Handflächen auf. Denn auf den Kopfputz, auf die allein über den
Schleier hervorblickenden, von Natur meist sehr schönen Augen und
auf die ebenfalls bei Gelegenheit sichtbar werdenden Hände wendet
die Kahirinische Dame eine ganz besondere Sorgfalt. Für den Kopfputz
hat jede wohlhabende Frau so wie ihr Eheherr einen eigenen Stuhl,
denn diese Stühle, meist die einzigen im Haushalt, sind nicht zum
Ruhesitz für Menschen, sondern nur zum nächtlichen Ablagerungsort, der
eine für den Robtah oder weiblichen Hauptschmuck, der andre für den
Emameh oder männlichen Turban bestimmt. Die Augenlider schwärzt sich
die ägyptische Schöne, wenn sie Zeit dazu gewinnen kann, am Morgen
mit dem Kuleh: Pulver von verbranntem Weihrauch und Gummi, oder Rus
von verbrannten Mandeln, worin der mit Rosenwasser befeuchtete Stift
eingetaucht wird; die Unterhände und Fingernägel aber werden durch
einen Brei der Blätter des Hhennastrauches (+Lawsonia inermis+)
den man eine Nacht hindurch auf der Haut liegen läßt, für mehrere
Wochen dauerhaft rothledergelb gefärbt, damit das Wenige, das man vom
Körper zeigen darf, desto greller und schreiender in die Sinne falle.
Neben der so sorgfältig aufgeputzten oder doch reich verhüllten Dame
nimmt sich freilich das schmutzige Knäblein, das vor ihr sitzt, recht
contrastirend aus. Die abergläubige Mutter hat nämlich aus Furcht, daß
ihr Kind von einem misgünstigen Auge könne beschädigt (beschrieen)
werden, den armen Kleinen in seinem schlechtesten Aufzuge mitgenommen
und nur die Goldstücklein die am gesegneten Aschura-Tage von Bekannten
und Unbekannten erbettelt, und eben weil man ihnen abwehrende Kräfte
gegen das mißgünstige Auge zuschreibt um den rothen Tarbusch (Mützchen)
genäht worden sind, bezeichnen das Kind wohlhabender Eltern.
Man pflegt bei uns, wenn man als Gast in ein Haus oder in eine
Gesellschaft eingeführt wird, vor allem der Dame vom Hauße vorgestellt
zu werden, und mit dieser, durch einige begrüßende Worte sich bekannt
zu machen. So will ich auch Dich, meine liebe Schwester, gleich beim
Eintritt vor allem andren mit der weiblichen Welt der Stadt und des
Landes bekannt machen, nicht zunächst deshalb, weil sie als Deines
Geschlechtes, Dich näher angeht, sondern weil mir der Schlüssel zum
Verständniß des Glaubens und Lebens des ganzen hiesigen Volkes in der
Stellung und Behandlung des Weibes zu liegen scheint. Ich enthalte
mich vorerst aller Bemerkungen und erzähle Dir blos, was ich von den
Töchtern des Landes gesehen, gehört und erfahren habe.
* * * * *
Des selbst Gesehenen ist äußerst wenig, denn ich hatte nur einige Male
Gelegenheit, namentlich im Hauße eines hiesigen vornehmen Franken,
als mich dieser seiner kranken Gemahlin als einen »Arzt« vorstellte,
vornehme Araberinnen, die sich gerade hier zum Besuch befanden, ohne
die gespenstische Verhüllung des Sebleh und Chabarah, übrigens noch
immer verschleiert genug zu sehen; mein Arabisch konnte sich in keine
Conversation mit ihnen einlassen, das reicht nur zum Handel und Wandel
mit den Eselverleihern, Käuflersleuten und Kaffeschenken hin, ich kann
Dir daher nur das wiedergeben, was ich aus der guten Quelle meiner hier
lebenden, zuverläßigen Freunde empfangen habe.
* * * * *
Die Aegyptierinnen werden als sehr schön gepriesen und ich selber habe
unter den unverschleierten Gesichtern der Frauen und Mägdlein des
gemeinen Land- und Stadtvolkes einzelne sehr wohlgebildete gesehen.
Der bräunlichen Haut merkt man allerdings die Kraft der Sonne an,
mehr aber als diese natürliche, dunkle Färbung entstellt das Einätzen
von allerhand Figuren (das Tättowiren) das Angesicht und die Arme der
hiesigen Weiber. Die Schönheit, deren man sie rühmt, ist von sehr
vergänglicher Dauer; ihre Blüthe fällt in die Zeit zwischen dem 14. und
20. Jahre, das vierzigste findet gewöhnlich an dem welken, runzlichen
Angesicht nichts mehr zu verheeren, weil dann alles Verheerbare,
ausser dem Glanz der dunklen Augen, schon verschwunden ist. In einem
vorzüglichen Maße scheint demnach von den zartesten Schönheiten dieses
Volkes und Geschlechtes der alte Vergleich mit den Blumen des Feldes zu
gelten, welche im Thau des Morgens lieblich erblühen, dann aber schon
am Abend wie Heu verdorren.
* * * * *
Es dürfte uns nicht wundern, wenn hie und da unter den Stimmführern des
Volkes und Augenzeugen des schnellen Wechsels der Vergleich noch weiter
getrieben würde; wenn man diesen flüchtigen Erscheinungen auch nur eine
solche bald sich verflüchtigende Seele zuschriebe als die ist, welche
in den Blumen lebt. Und wirklich macht sich unter den Moslimen hie und
da das Sprüchwort laut, »daß im Weibe keine Seele sey.« Mit diesem
Sprüchwort ist es indeß nicht so ernst gemeint. Denn der Koran verheißt
nicht allein den Frauen, wenn sie treue Bekennerinnen sind, die ewigen
Freuden des Paradieses, sondern verspricht auch den gläubigen Männern
dort jenseits eine Wiedervereinigung mit den Frauen die sie hier auf
Erden hatten, wenn sie anders dieses begehren, »und der Gute (so fügt
der Koran hinzu) wird immer nach den guten verlangen.« Auch in den
Gesängen und Gebeten bei manchen religiösen Gebräuchen, namentlich
bei dem Fest der Beschneidung, kommen Ausdrücke vor, welche sich auf
den Glauben an eine unsterbliche Seele des Weibes gründen, denn bei
dem letzteren Feste redet das Chor der Schulknaben, welches vor der
Ceremonie mit eingeführt wird in die innern Zimmer des Haußes, die
Mutter des Knaben, der jetzt zum Moslem geweiht werden soll und im
Namen desselben an: »du meine Mutter, empfange meinen Dank, für deine
Sorgfalt um mich vom Morgen bis zum Abend; Gott gebe, daß ich dich
möge sehen einst sitzend im Paradiese, begrüßt von Maria[4], Zeynet
und Fatime« (der Tochter des Propheten). Was hilft es aber den armen
Weiblein, daß man ihnen den Besitz einer unsterblichen Seele zugesteht,
wenn man sie fast durchgängig wie eine gestohlene, seelenlose Waare
betrachtet, die der Dieb, aus Furcht es möchte sie jemand bei ihm
entdecken, im innersten Winkel seines Hauses verbirgt. Sind doch die
Frauen der Bekenner des Islams wirklich etwas Gestohlenes, das man der
Welt und dem Leben dem sie angehörten entwendet und dem man zugleich
selber das Edelste das in ihm war: den Anspruch der Seele auf höhere,
geistige Belebung und Bildung entzogen hat. Denn nicht einmal in der
Moschee dürfen die Bewohnerinnen von Kairo zur Zeit des öffentlichen
Gebetes erscheinen; in der Regel gestattet man ihnen den Eintritt dahin
nur außer den Zeiten des täglichen Gottesdienstes, und auch an andern
Orten, wo diese Beschränkung nicht statt findet, müssen sie streng
von den Männern abgesondert ihr Gebet verrichten. Doch möchte dieses
noch eher erträglich seyn, wenn man nur nicht auch bei jeder andern
Gelegenheit Dein Geschlecht hier zu Lande wie ein fein geschnittenes
Kraut behandelte, das man mit Salz gemischt in ein gut verpichtes Faß
hineinsteckt, wo es nothwendig in seiner eigenen Sauçe gähren und sauer
werden muß.
* * * * *
Ist doch zur Bereitung dieses menschlichen Sauerkrautes Alles
eingerichtet; auf sie ist der Bau der Häußer, die Art der Zimmer, auf
sie sind Sitten und Gebräuche des bürgerlichen Lebens, Staatsverfassung
und Gesetzgebung abgemessen und berechnet.
Der Bau der hießigen Häußer, die noch auf alte Weise eingerichtet sind,
hat wirklich für das Auge des Europäers etwas Komisches. Es ist als
wenn da nicht bloß die einzelnen Flügel und Nebengebäude des Haußes,
sondern auch die einzelnen Zimmer und sogar Theile des Fußbodens mit
einander in Zank und Uneinigkeit wären, so daß immer eins über das
andre sich erhebt, ohne deshalb zum ruhigen, ungestörten Besitz der
Herrschaft zu gelangen. Hinter dem Schutz und Schirm der Hauptgebäude,
die nach der Straße und dem Freien herausstehen, erheben sich öfters
im Hofraume die Nebengebäude, eines höher, das andre niedriger, jedes
mit seinem platten Dache versehen, auf welches man aus den Zimmern der
Ruba oder obern Etage heraustreten kann. Da können dann die Weiblein
des Haußes der Luft genießen; hier sitzen die der mittlern Klassen mit
untergeschlagenen Beinen auf ihren Binsenmatten oder Matratzen und
besorgen manche Geschäfte des Haußes, ohne Furcht, daß ein fremdes
männliches Auge sie sehe, denn man würde es, wie ich schon in meinem
ersten Briefe sagte, einem Manne sehr übel nehmen, wenn er, besonders
in einer Gegend der Stadt wo lauter Moslimen wohnen, auf dem höheren
Dache seines Hauses stehen und auf die Nachbarschaft gaffen wollte;
auch hat man diese Neugier nicht von den Mueddins oder Gebetausrufern
zu fürchten, welche freilich auf ihren hohen Minares die weiteste
Aussicht genießen, denn man stellt zu diesem Amte meist Blinde an.
Und damit die fremden Männer nicht durch die Sorglosigkeit und
unbeschäftigte Lebensweise des ehelosen Standes zu solcher Neugier
verführt werden, nimmt man in vielen Gegenden der Stadt nicht leicht
einen Unbeweibten ins Logis, sondern solche Leute müssen öfters ihr
Unterkommen in den Wekalehs oder Absteigequartieren der Kaufleute
suchen.
Ich mag es übrigens den armen, so bald verwelkenden Blümlein der
mohamedanischen Frauen recht gerne gönnen, daß sie auch an ihrem
Hauße einen Ort finden wo sie Luft und Licht genießen, denn in den
Zimmern drinnen haben sie schon auf Erden einen Vorschmack vom Reiche
der Schatten. Beim Aufführen und Zusammenstellen der Häußer einer
Gasse ist nämlich das ein beständiges Augenmerk der Baumeister, daß
kein Vorübergehender oder Vorüberreitender und daß kein Nachbar
dem andren in die Fenster schauen kann. Darum liegen die kleinen
Fensterlein im untern Stock des Haußes überaus hoch und sind noch
dazu mit dichtem, hölzernem Gitterwerk verwahrt. Ein solches, oft
gar prächtig geschnitztes Gitter verdeckt auch den größten Theil der
Fenster der oberen Etagen, und damit man selbst zwischen den kleinen
Oeffnungen des Schnitzwerkes das Licht des Tages nicht ganz frei
passiren lasse, dämpft man seine Helle noch durch die bunten, blauen,
rothen und gelben Glasscheiben (Roschan) die sich in vielen der älteren
Häußer finden und zum Theil recht hübsche Blumenfiguren darstellen.
So wird in den Zimmern und Häußern auch am Tage ein künstliches
Helldunkel herbeigeführt, bei welchem es schwer ist über die rohen
architektonischen Malereien der Wände, in denen man meist den Tempel zu
Mekka oder das Grab des Propheten darstellt, einen kritischen Ausspruch
zu fällen.
Und doch bedürfen wir, an die hiesige Bauart ungewohnten Europäer in
manchen jener alten Häußer mehr Licht als gewöhnlich, um nicht bald
da bald dort zu stolpern und anzustoßen. Zwar an die Meublen, wie
Tische, Stühle und Schränke stößt sich da Keiner, denn dergleichen
sind in einem eigentlichen, ägyptischen Haushalte nicht zu finden.
Statt der Stühle dienen die Polster des Divans, die an den drei Wänden,
der Thüre gegenüber, hingelegt sind; statt des Tisches ein kleiner
niedriger, öfters zierlich mit Perlmutter ausgelegter Schemel, auf
welchen man, wenn man sich etwa beim Essen seiner bedienen will, eine
im Verhältniß zu der Zahl der Personen, die dann herumkauern, sehr
kleine, rundliche Tischplatte stellt; statt der Schränke das Suffeh:
ein von Bögen gestütztes Gemäuer, daß wie über unsern Kaminen an der
Wand etwa eines Vorzimmers oder auch der Wohnzimmer angebracht ist und
auf, so wie unter welchem die Krüge, Trinkschalen, Kaffeekannen und
Tassen aufgestellt sind. Auch die eigentlichen, aus Palmenblattstielen
zusammengefügten Bettstellen oder Serihr, über welche bei den Vornehmen
und Reichen, bei denen sich wohl auch schon wie in Italien ein eisernes
Gestell findet, das Namusijeh oder Fliegennetz gespannt wird, sind in
der Mehrzahl der Haushaltungen nicht zu finden, man schläft da auf
einer Turrachah oder Matratze, im Sommer nur unter der dünnen Decke
(Heram) im Winter unter dem Lehaf (einer genähten wollenen Decke), und
am Tage nimmt man den ganzen Schlafapparat vom Divan weg, rollt ihn
zusammen und bringt ihn hinaus in das Khuzneh, eine Art von Alkoven
oder kleines Nebenzimmer. Ein Ofen ist auch nicht da, denn wenn man ja
einmal frieren sollte, bedient man sich zur Erwärmung des Zimmers eines
mit Kohlen gefüllten, leicht tragbaren Beckens oder Kochöfchens. Wenn
man aber auch nicht Gefahr läuft an den Hausgeräthen anzustoßen oder
über sie zu fallen, kann man dieß doch desto leichter an den häufig
mit einander wechslenden Erhöhungen und Vertiefungen des Hausplatzes
und des Innern der Zimmer. Denn die Gemächer liegen hier nicht etwa,
so wie bei uns in gleicher Ebene, sondern von einem zum andern hat man
bald einige Stufen hinauf, bald wieder hinunter zu steigen, und auch
der Boden der einzelnen Zimmer ist keinesweges eben, sondern jedes
ächt arabische Gemach hat eine Art von erhöhter Bühne: den sogenannten
Livan, der einen Fuß hoch und darüber über die Diehle des Zimmers, auf
die man beim Hereinkommen zur Thüre tritt, erhöht ist und auf welcher
die Polster des Divans und vor ihnen Teppiche oder Matten liegen. Wer
sich auf die landesübliche Höflichkeit versteht der zieht, ehe er auf
die Bühne des Livans hinaufsteigt und den Hauswirth begrüßt, seine
Schuhe oder Pantoffel aus und naht sich in den ledernen Unterschuhen
oder Socken.
In der Regel ist das untere Stockwerk der Häußer, wenn es keine
Kaufmannsläden enthält, von den Männern bewohnt; die Frauen sind in den
Ruba's oder obern Stockwerken versorgt und aufgehoben. Da darf ja kein
fremder Mann hinauf, und wenn auch der Buab oder Thürhüter einem beim
Hineintreten in die Hausthür gesagt hat »fok« oder oben, oder wenn der
Besuchende weiß, daß außer einer alten Mutter oben nichts vom Hausherrn
aufbewahrt wird, ruft er dennoch beim Hinaufgehen mehrere Male mit
lauter Stimme »destur,« mit Erlaubniß, oder »Ja Satir« o mein Schützer,
damit ja die Fräulein, wenn etwa eines von ihnen auf dem Platze
wäre, sich noch zeitig genug zurückziehen und verstecken können. Ja
selbst der eigne Mann darf am Tage über nicht ohne vorher anfragen
zu lassen hinauf ins obere Stockwerk des Harems, weil es ja leicht
seyn könnte, daß fremde Frauen bei der seinigen zu Besuche wären, die
er nicht sehen darf. Geht doch die strenge Abschließung selbst noch
über das Sterbestündlein hinaus, denn nach einer sonderbaren Etikette
der Begräbnißplätze werden auch in den Grabgebäuden der Familien die
Leichname der Frauen durch dazwischen gezogene Mauern von denen der
Männer abgeschieden und in Medinah ist es nicht erlaubt, daß ein
männlicher Pilgrim in jene domartige Grabeshallen hineintritt in denen
Särge der Frauen aus der Verwandtschaft des Propheten beigesetzt sind.
Man sollte meinen ein so sorgfältig aufbewahrtes und verschlossenes
Leinenzeug wie die hiesige Weiblichkeit müsse sich recht weiß und rein
erhalten. Ich wollte um ihrer selber willen es wünschen, daß es so
wäre, aber leider ist es ganz, ganz anders. Es ist als hätte dieses
arme, gewaltsam sich selber geraubte und seiner Natur entfremdete
Geschlecht kein gutes Gewissen bei jener Rolle des Versteckenspielens
die man ihm aufgedrungen und angelernt hat; darum wagen es die Weiblein
niemals ihr Gesicht, mit dem vielleicht Vieles verrathenden Mienenspiel
sehen zu lassen und wenn das Mägdlein eines armen Fellahs oder Bauern,
das bis ins fünfte oder sechste Jahr ganz unbekleidet ging, zum
ersten Mal ein Läpplein Leinwand oder anders Zeug geschenkt bekommt,
wendet sie dieses nicht an um den übrigen Körper sondern nur um das
Gesichtlein zu verhüllen. »Mein Gesicht,« so sagen die Arabischen
Frauen zum Arzte, gegen welchen sie sonst ohne allen Rückhalt sind,
»darfst du nicht sehen, denn sonst siehst du mein ganzes Herz,«
und wenn es ja die Art der Krankheit unumgänglich nöthig macht das
Angesicht, welches des Herzens Spiegel ist, sehen zu lassen, dann wird
erst die eine, dann die andre Seite desselben, nicht das Ganze zugleich
gezeigt. Armselige Furcht und Schaam, die, ohne sich dessen selber
bewußt zu werden, durch ihr Benehmen es verräth, daß sie mehr vor dem
eignen Selbst sich zu fürchten und zu schämen habe, als vor etwas
Aeußerem und Fremden.
Wir wollen aber nicht bloß außen stehen bleiben, ich will Dich so gut
ich dieß nach den Berichten meiner hiesigen Freunde und zum Theil
doch auch aus eigner Anschauung vermag hineinführen ins Innere, des
Haushaltes wenigstens, wenn auch nicht des Herzens der Kahirinerinnen.
Was soll denn aus so einem armen Kinde werden, das von seiner Geburt an
nur hinter dem Gitter gehalten, oder als vermummtes Gespenst durch die
Gassen geführt und getragen wird. Je vornehmer das Mägdlein ist, desto
schwerer ist in solcher Hinsicht sein Loos; denn die kleinen Fellachahs
oder Bäuerinnen spielen doch noch mit anderen Kindern in freier Luft,
auch die Mägdlein des Mittelstandes besuchen an manchen Orten mit den
kleinen Knäblein zugleich die öffentliche Schule; bei den Vornehmern
aber nährt und schmückt sich die verarmte weibliche Seele von Jugend an
mit nichts Andrem als mit Empfindungen, Gedanken und Künsten des
Harems.
Denke Dir nur die Erziehung der Mohamedanischen Frauen, um so recht
dankbar inne zu werden, was es dem Weibe heißt unter Christen
geboren zu seyn. Nach dem Gesetz, das der Prophet gab, soll jedes
Kind in seinem siebenten Jahre beten können. Was heißt aber dieses
Beten; es heißt nichts als ein Herplappern der Worte des kurzen
Glaubensbekenntnisses (es ist kein Gott außer Gott und Mohamed ist
sein Prophet) wozu noch Worte und Sprüche gefügt sind die der jungen
Seele von frühe an hochmüthige Einbildung auf ihren Alleinglauben
und Haß gegen alle Andersgläubigen, zu denen auch ganz besonders
wir gehören, einhauchen. Ihre Religion lehrt sie uns fluchen; wohl
uns, daß die unsrige uns lehrt sie zu segnen, denn man hat dabei
ein besseres Gewissen und braucht sein Angesicht nicht hinter dem
Schleier zu verstecken. Weiter lassen nun, wenn die Mägdlein ein und
das andere Gebet hersagen können, die bemittleteren und nach ihrem
Maaße schon gebildeteren Eltern eine Scheikhah oder Schulmeisterin
in den Harem kommen die den Kleinen einzelne Kapitel des Koran
vorsagt und so auswendig lernen macht, auch wohl sie schreiben und
lesen lehrt. Dazu kommt noch später eine M'allimeh oder Lehrerin im
Nähen und Sticken. Bald aber naht die Zeit wo das Mädchen das eilfte
oder zwölfte Lebensjahr erreicht hat; sie wird nun ein Gut dem die
Diebe nachtrachten, man denkt daran die Pflanze aus dem Glashaus des
elterlichen Hauses in das Dungbeet der Ehe zu bringen.
Da wohnt etwa in der Nachbarschaft eine Frau, welche einen fünfzehn
oder sechszehnjährigen Sohn hat; vielleicht eine nähere oder fernere
Verwandtin des Haußes, dann hat sie das Mädchen bei Besuchen im Harem
gesehen und kennen gelernt, oder, wenn das nicht ist, machte sie
ihre Bekanntschaft an dem gemeinsamen Begegnungsort der Frauen des
Mittelstandes: in einem öffentlichen Bade. Das Mädchen scheint sich
zu eignen zu einer Verbindung mit dem jungen Menschen, man erkundigt
sich, wenn man in keiner nähern Bekanntschaft mit dem Hauße steht,
nach der Khatibeh oder Unterhändlerin, welche für jenes Harem die
Einkäufe und Verkäufe sowie andere auswärtige Geschäfte besorgt;
von dieser eingeführt macht jetzt die Mutter oder eine andre nahe
Verwandtin des jungen Purschen einen Besuch bei den Verwandtinnen
des Jungfräuleins. Man begrüßt sich, man labt sich mit allerhand
Süßigkeiten, man schwatzt zusammen, und wenn der vermutliche Freier
einigermaßen von gutem Stand und Vermögen erscheint, kann sich seine
Abgesandtin darauf verlassen, daß sie alle Mägdlein des Haußes in ihrem
schönsten Schmuck und Staate zu sehen bekommt. Das ist nun der guten
Frau gerade das Erwünschteste, denn sie möchte heute gern wissen was
die künftige Braut an dergleichen Sachen mit ins Haus ihres Sohnes
bringen wird. Ist nun das, was sie hier sieht von der Art, daß sie ohne
sich weiter zu bedenken oder ohne sich nach andern ähnlichen Waaren
umzuschauen die Unterhandlung anzuknüpfen beschließt, so rückt sie mit
der eigentlichen Absicht ihres Besuches, die freilich längst errathen
war, heraus; wo nicht so empfiehlt sie sich wieder. Im ersteren Falle,
wenn man den Faden der künftigen Verbindung vorläufig gleich anspinnen
will, nimmt nun auch die Khatibeh oder Unterhändlerin das Wort, sie
wendet sich an das Mägdlein, dessen Einwilligung, wenn es nicht noch
ganz unmündig ist, ehrenhalber auch nachgesucht wird und rühmt aufs
Höchste die Vorzüge des künftigen Bräutigams, welcher jung, bartlos
und gar schmuck und zierlich sey, Gold habe in Menge, seiner künftigen
Frau Alles kaufen werde was ihren Augen gefiele, nicht viel ausgehe,
sondern gern zu Hause sitze bei seiner Liebsten. Die andren Frauen
besprechen dann auch noch Mancherlei Nöthiges, vor allem erkundigt
sich die Mutter des Freiers wie viel das Jungfräulein Kleider und
Schleier, Schuhe und Küchengeräthe, Matratzen und Decken mitbringen
werde, ob und welche Schmucksachen sie habe, und wenn das was man da
erfährt nicht genug scheint, sagt man sich ungenirt seine Meinung. Wenn
dieß Alles in Ordnung ist, beginnt nun der zweite, wichtigere Akt des
Handels, der des Bräutigams um die Braut. Die Mutter kommt nach Hauße,
sie beschreibt dem Sohne das Mädchen, ahmt dabei öfters die Mienen,
Stellung, Bewegung desselben nach und man sagt, die Aegyptischen Mütter
vermöchten dieß so meisterhaft treu, daß der Jüngling gewöhnlich seine
Künftige besser aus den mütterlichen Beschreibungen kennen lernt,
als dieß aus dem gelungensten Portrait möglich wäre. Man sendet oder
geht nun zum Sachwalter der Braut (ihrem Vater oder Vormund) und
fragt, wie hoch man das Mägdlein im Preiße halte. Der Sachwalter oder
Wekil begehrt aufs Mindeste, von einem Bräutigam mittleren Standes
1500 Riyals, oder nach unserm Gelde 390 Gulden als Morgengabe, der
Abgeordnete des Purschen sagt das sey zu viel für ein Mädchen das
kein eignes Haus und nicht viele Juwelen habe und bietet 500. Der
Wekil äußert über das geringe Gebot sein lautstimmiges Erstaunen, läßt
aber aus Gefälligkeit 100 Riyals an seiner Forderung nach und der
andere legt eben so viel zu bis sie zuletzt in der Mitte, etwa bei
1000 Riyals oder 260 fl. zusammentreffen und eins werden. Reichere
Leute fordern und empfangen übrigens auch größere Summen, ärmere eine
geringere. An einem der nächsten Tage nach Abschluß des Handels geht
dann, meist um Mittag der Bräutigam mit einigen Freunden ins Haus der
Braut um dem Vekil die versprochene Morgengabe zu überbringen. Einen
Theil hiervon behält indeß der Bräutigam in Händen; dieser wird der
künftigen Frau, wenn der Mann früher stirbt oder wenn er sich von ihr
scheidet, nachgezahlt. In Gegenwart zweier Moslim, als Zeugen, lassen
sich der Bräutigam und der Vekil auf ein Knie nieder, reichen sich die
Hände, deren Daumen sich aneinander lehnen und über welche man ein
Tuch breitet. Hierbei werden Stellen aus dem Koran hergesagt, welche
die Herrlichkeit des Ehestandes preisen; der Bräutigam verspricht vor
den gegenwärtigen Zeugen seine künftige Frau gut zu versorgen und zu
beschützen; alle Anwesenden sagen darauf »Preis sey Gott, dem Herrn
aller Creaturen« und beten zum Beschluß ein Fathah. In der Regel muß
jetzt der Bräutigam noch 6 bis 10 Tage warten bis er seine junge Braut
sehen darf, in dieser Zeit schickt er ihr mehrmalen allerhand Eßwaaren
und Süßigkeiten, auch wohl einen schönen Schawl; im Hauße der Braut
aber macht man die Ausstattung fertig, zu welcher gewöhnlich die vom
Bräutigam empfangene Summe und auch wohl noch mehr als diese betrug
verwendet wird. Dies gilt indeß nur von bemittelteren Stadtleuten, denn
bei den armen Fellahs oder Bauern behält der Vater des Mädchens die
Kaufsumme desselben für sich und giebt nur etwas Korn oder sonstige
Früchte des Landes dafür her. Wir haben es indeß jetzt nur mit den
Städtern zu thun, bei denen es, wenn nun die Zeit des Heimholens der
Braut naht, wozu man meist den Donnerstag oder Sonntag Abend wählt, gar
lustig hergeht. Denn die Gegend der Stadt, wo der Bräutigam wohnt, ist
öfters schon einige Abende vorher mit Laternen beleuchtet, an denen
roth- und grünfarbige Fähnlein prangen; die Gäste werden allmählig
eingeladen und kündigen ihre Bereitwilligkeit zum Fest zu kommen
durch Geschenke an Zucker, Kaffee, Reis, Wachslichtern und andern
solchen Sachen an, die man auf kupfernen Platten, mit schöngestickten
Tüchern bedeckt über die Gasse ins Haus trägt. Zu gleicher Zeit lassen
sich jetzt aber auch die Verwandten der Braut sehen; die Khatibeh
(Unterhändlerin), die Vorsteherin des Bades und die Amme oder Wärterin
des Mägdleins mit einem golddurchwirkten Tuche oder Schawl über der
linken Schulter, reiten, von Musikanten begleitet, deren Tambourins
und Trommeln weit durch die Straße tönen, umher und laden in allen
befremdeten Häußern die Frauen ein, sie möchten die Braut auf ihrem
Festzuge ins Bad begleiten. Für diesen Zug wird gewöhnlich einer der
vorletzten Tage vor der Hochzeit bestimmt; die Braut vom Kopf bis
zu den Füßen in einen scharlachrothen Schawl gehüllt, aus welchem
dennoch hie und da der Schmuck der Juwelen hervorschimmert, reitet oder
geht unter einem seidnen Baldachin, hinter ihr die Brautjungfern in
weißseidnen Schawls, vor und nachher Musikanten, zwischen deren lautem
Spiele man die sonderbar trillernden Jubeltöne der Frauen die den Zug
begleiten oder ihm begegnen vernimmt, jene Jubeltöne, welche Zugharit
genannt werden und die bei dem Hochzeitgepränge der Aermeren die Stelle
der Musik vertreten. Das Bad, welches, wo die Umstände es erlauben
für den heutigen Nachmittag ganz gemiethet und in Beschlag genommen
ist, wird nun zu einem Ort der festlichen Belustigung, man ißt da, man
trinkt Scherbet und Kaffee, man hört die lieblichen Gesänge der Almehs
oder Sängerinnen, begiebt sich dann zum Abendessen ins Haus der Braut,
und hört hier von neuem die Liebeslieder der Almehs. Zuletzt naht sich
die Braut, mit einem Stücklein des färbenden Hhennateiges in der Hand,
in welches die Freundinnen und Mitgenossinnen der Festlichkeit, jede
ein Goldstück hineinstecken. Der Teig wird dann ins Wasser gelegt, das
Geld herausgenommen, der Braut aber neuer Hhennabrei an ihre Hände
gebunden um diese recht schön zu färben, darum heißt diese Nacht die
Nacht der Hhenna (Leylet el Hhenna). Während dieser Zeit giebt man auch
vor dem Hause des Bräutigams Musik und das Spiel der Possenreiser zum
Besten und aus dem Lärmen des heutigen Tages kann man schon vorläufig
einen Schluß machen auf den Lärmen und die Pracht des Zeffeh el Arusch
oder Brautzuges, am Tage der Hochzeit. Dieser Zug nach dem Hauße des
Bräutigams beginnt schon bald nach Mittag und geht so langsam und durch
so viele Umwege vorwärts, daß er drei und mehrere Stunden dauert. Dabei
zeigen unter dem Getöne der Musik und der Zugharits allerhand Gaukler
und Klopffechter ihre Künste. Einige Stunden nach Sonnenuntergang
begiebt sich der Bräutigam in die Moschee, um und mit ihm zahlreiche
Begleiter mit brennenden Pechpfannen (Meschals) und Fackeln; auf dem
Rückwege stimmt ein Chor der Sänger und Musikanten Loblieder des
Propheten an. Jetzt bekommt der Bräutigam zuerst das Angesicht seiner
Braut zu sehen und die lauten Jubeltriller der Frauen verkünden, daß er
sie annehmen und behalten will. Die männlichen Gäste werden bei diesem
Feste unten, in den Zimmern und Räumen des Erdgeschosses bewirthet; die
weiblichen im oberen.
Aber nun beginnt sogleich die Zeit der schweren Entsagung für die
arme Neuvermählte. Sie darf, nach der strengeren Etikette der höheren
Stände ihre Mutter und Verwandtinnen weder besuchen noch von ihnen
besucht werden; nur der Vater darf sie sprechen; da wo sich im Hauße,
wie dieß in vielen der besser eingerichteten der Fall ist, ein eignes
Bad befindet, fällt auch jede andere Gelegenheit zum Verkehr mit den
Freundinnen und Versorgerinnen der Kindheit hinweg; in manchen Häußern
dauert diese Abscheidung so lange fort, bis das junge Weib zum ersten
Male Mutter wird. Indeß ist das arme Kind fast ausschließend auf
den Umgang ihrer Schwiegermutter, welche zugleich ihre Chamah oder
Ehrenwächterin ist, und vielleicht einiger Sklavinnen beschränkt; der
Mann, der selber meist dem ungezogenen Bubenalter noch kaum entwachsen,
mancherlei Launen an ihr übt, kann wohl schwerlich ersetzen, was sie
verlor. Oefters fällt es solch einem bubenhaften Männlein ein seine
junge Frau (wenn diese noch nicht Hoffnung hat Mutter zu werden) zu
verstoßen; diese kehrt dann mit dem für sie noch aufbehaltnen Theile
des Brautschatzes und mit allem was sie mit sich ins Haus des Mannes
brachte, ins Haus der Eltern zurück, muß aber dort drei Monate lang
warten ehe sie sich wieder vermählen darf, weil öfters der Mann seine
Uebereilung bereut und sie zurückfordert. Zweimal kann der Eheherr
seine Frau verstoßen und wiederfordern, verstößt er sie zum dritten
Male dann darf er sie nach der Ordnung des Islams nicht wieder nehmen,
sie sey denn vorhin an einen Andern vermählt gewesen. Zuweilen spricht
der junge Mann in der Aufwallung des Zorns: ich verstoße dich dreimal
und dieß gilt dann eben so, als hätte er sie dreimal aus seinem Hauße
verwiesen; er kann sie jetzt bloß wieder bekommen, wenn sie die
Geschiedene oder Wittwe eines Andern geworden ist. Da jedoch auch in
solchen Fällen die Reue zuweilen nachkommt, pflegt man irgend einen
armen Diener des Haußes etwas dafür zu bezahlen, daß er die Verstoßene
zur Frau nehme und am andern Tage sie wieder entlasse. Bei dieser
Gelegenheit geschahe es auch einmal, daß ein armer, einäugiger Mann
sich gegen eine versprochene Belohnung von vierzig Piastern eine solche
junge, im Zorne dreimal verstoßene Frau anvermählen ließ; als man aber
am Tage nach der Hochzeit von ihm verlangte, er solle sich wieder von
ihr scheiden, antwortete er: »ich sehe nicht ein, warum ein Gläubiger
seine Frau, mit welcher er in einer zwar kurzen, aber glücklichen Ehe
gelebt hat, ohne Grund verstoßen sollte. Die Frau gefällt meinen Augen
wohl; behaltet ihr eure vierzig Piaster und ich behalte mein Weib,
welche weder eine Ungläubige noch eine Widerspenstige (Naschizeh) ist.
Und was ist nun der Zeitvertreib, was die Beschäftigung und das Leben
der armen Frau, in ihrem vergitterten Käfich? -- Wohl ihr, wenn sie,
was übrigens bei dem geringeren Volke und selbst im Mittelstande meist
der Fall seyn soll, die einzige oder doch wenigstens die erste und
darum geehrteste Gemahlin, (die sogenannte große Frau: es Sitt el
Kabireh) ihres Mannes ist und wenn der Mutterlosen nicht dieses Recht
durch eine Nebenbuhlerin, welche den Erben gebahr, entzogen wird. Wenn
dagegen, wie dies in den höheren und reicheren Häußern so oft der
Fall ist, ein Kebsweib, die man hier Durrah oder Papagey nennt, oder
vielleicht mehrere mit ihr die Gunst und Aufmerksamkeit des Mannes
theilen, dessen Ehebruch leider durch das Gesetz gebilligt ist, dann
ist das Loos der Vereinsamten ein sehr schweres, obgleich man, wo es
möglich ist, dafür sorgt, daß jede der Frauen ihre besonderen Zimmer
bewohnt.
Wir wollen uns indeß den glücklichsten Fall denken, welcher der
Neuvermählten von höherem Stande oder wenigstens durch ihre Verbindung
in höheren Stand Gehobenen begegnen kann: jenen nämlich, daß sie bald
zur Hoffnung gelange Mutter zu werden. Nicht bloß, daß sie dann der
launige Gemahl nicht mehr verstoßen kann, beginnt auch für sie mit dem
Mutterwerden ein ganz neues, schöneres Leben; die Geburt des Kindes ist
ein Freudenfest für das ganze Haus, am meisten für die Mutter. Gleich
am Morgen nach der Niederkunft verkündigt ein Chor der Tänzer oder
Sänger, vor der Thüre des beglückten Haußes auch der Nachbarschaft was
sich drinnen Angetragen habe. Bald sieht man Diener gehen, welche die
bei solcher Gelegenheit häufig bereiteten Gerichte: das Muffetuckah,
Kischk und Libaheh an die Nachbarn und Freunde austragen, auch wohl an
die Armen vertheilen. Das erstere, das Muffetuckah, ein gar berühmtes
Aegyptisches Gericht, wird in diesem Falle nicht wie in manchen andern
aus zerstoßenen oder ausgehülsten, in Butter gerösteten Mistkäfern und
Honig bereitet[5], sondern statt der Käfer nimmt man bloß geröstete
Haselnüsse, Honig, Sesamöl (Sirei), ein wenig Semn oder zerlassene
Butter und Gewürzkräuter; das Kischk ist eine dicke, mit Hühnerfleisch
gedämpfte Waizengraupenbrühe; das Libaheh besteht aus gekrümmelten in
Butter geröstetem Brod, mit Honig und Rosenwasser. Unter allerhand
häuslichen Festlichkeiten kommt jetzt der Yom es Subua: der siebente
Tag nach der Entbindung herbei, an welchem die Mutter Besuche von
ihren Freundinnen, auch von ihrer, in manchen Fällen, seit der
Vermählung nicht wieder gesehenen Mutter empfangen darf. Sängerinnen
oder Koranbeter (die letztern im untern Theile des Hauses) sind zur
Verherrlichung des Festes herbeigerufen; Kaffee und eingemachte
Früchte, Scherbet und das Gericht Muffetuckah werden in Menge
gespendet; die Wöchnerin sitzt zur guten Vorbedeutung, damit sie seiner
bald wieder bedürfe, auf dem Stuhl der Dayeh oder Hebamme. Jetzt bringt
man das Kindlein, eingehüllt in einen Schawl oder köstlichen Stoff;
eine der dienenden Frauen nimmt den Hon oder ehernen Mörser und schlägt
mit der Mörserkeule daran, damit das Kindlein sich frühe an lautes
Getös gewöhne. Jetzt bringt man ein Sieb, darein legt man das Kind und
schüttelt es ein wenig hin und her, denn das soll vortrefflich für
den Magen seyn; dann trägt man es, wo deren mehrere sind, durch alle
Zimmer des Harems, begleitet von einigen Weibern oder Mädchen, davon
jede auf einem Teller mehrere, in Hhennateich steckende, angezündete
Wachslichter trägt und zugleich streut die Dayeh oder Hebamme Salz,
mit Schwarzkümmel gemischt auf den Boden jedes einzelnen Zimmers hin
indem sie ausruft »el Milh si eyn el Hhasid« (das Salz in das Auge des
Neidischen), ein Ausruf, welcher den giftigen Einfluß des mißgünstigen
Auges der Durrahs oder andern Frauen auf das Kind verhindern soll. Die
Frauen wissen auch schon wie man sich benehmen und was man sprechen
muß, um jeden Verdacht, als habe man mit dem Auge Schaden gethan, von
sich wegzulenken. Denn wenn jetzt das Kleine, aufgewickelt auf eine
kleine Matratze oder einen silbernen Teller gelegt, ihnen gezeigt wird,
sagen sie nicht, wie man etwa bei uns sagen würde: ei was ist das für
ein hübsches Kind -- dieß wäre in Aegypten eine höchst gefährliche,
giftige Rede, sondern sie schauen ihm ins Gesicht und sagen: »O Gott
sey huldreich unserm Propheten Mohamed. -- Gott gebe dir langes Leben«
und legen dann als Geschenk ein gesticktes Schnupftuch mit einer
Goldmünze zu des Kindes Haupt. Auch der Dayeh, welche, wenn der Umzug
durch das Harem geendigt ist, mit einem Gefäß voll Wasser, das sie
die Nacht vorher zu den Häupten des Kindes gestellt hatte, umhergeht,
werden von den anwesenden Frauen Geldstücklein zum Geschenk in das
Wasser geworfen und hierauf begiebt man sich von neuem, beim Gesange
der Alimehs, ans Essen und Trinken. Während denn die Frauen oben im
Harem sich so ergötzen, hat auch der Mann unten eine Gesellschaft von
Freunden bei sich, welche auf ihre Weise vergnügt ist. Wenn die Nifahs
-- die vierzig Tage der Wöchnerinnen vollendet sind, besucht die junge
Mutter zum ersten Male wieder, in Gesellschaft der Freundinnen und
Verwandtinnen ein Badehaus.
Sie ist nun zu Hauße glücklich und vergnügt mit ihrem Kinde. Denn im
Allgemeinen kann man es wohl von den Aegyptierinnen sagen, daß sie
zärtliche Mütter sind; ist es doch auch leicht vorauszusehen, daß das
Herz einer Frau, die nichts Näheres und beständiger ihr Angehörendes
hat als das Kind, sich mit ganz besondrer Stärke an dieses anketten
müsse. Es ist ein Herkommen von gesetzlicher Gültigkeit, daß die Mütter
ihre Kinder bis zur Vollendung des zweiten Jahres stillen müssen,
wenn der Vater nicht selber ein früheres Entwöhnen, im 12ten oder
18ten Monat erlaubt. Der Tag der Entwöhnung, noch mehr aber jener,
wo man dem Kind zum ersten Male sein Haar verschneidet, ist abermals
ein Familienfest; man schlachtet ein Lamm, dessen Fleisch an die
Armen vertheilt wird, oder giebt so viel an Gewicht Almosen, als das
abgeschnittne Haar schwer war.
Es dauert nun mehrere Jahre, dann kommt, wenn das Kind ein Knabe ist,
ein neues Familienfest, eben so wichtig und pomphaft als das einer
Hochzeit: das Fest des Sirafeh oder der Beschneidung. Der Knabe gelangt
erst im 5ten oder 6ten Lebensjahr zu der Ehre ein Motahir zu werden,
den man durch jene Ceremonie den Bekennern des Islams zugesellt. An
diesem ersten öffentlichen Ehrentage seines Lebens ziert sein Haupt ein
rother, mit dem Kaschemirschawl umwundener Turban, die übrige Kleidung
ist mädchenhaft; vor den Mund hält er ein gesticktes, golddurchwirktes
Schnupftuch. Eltern vom Mittelstande, um den Aufwand zu sparen, richten
es gewöhnlich so ein, daß der Aufzug dieses Familienfestes mit dem
Aufzug einer Braut aus einer befreundeten Familie zusammenfällt, dann
zieht der kleine Motahir (zuweilen sogar zwei zugleich auf einem
Esel oder Pferde) dem Brautzug voran, vor ihm aber schreitet, sehr
prosaisch der Barbierknecht mit seinem Hheml oder kurzvierbeinigem
Kasten auf den Schultern her; hinter dem Motahir gehen einige
weibliche Verwandte. Bei den Kindern der Vornehmen, der Reichen und
der Gelehrten von Kairo, zu denen auch die Fiki's oder Schulmeister
gehören, ist jedoch die Ceremonie noch viel feierlicher. Da ziehen die
Schulkameraden des Motahir, in ganz schönen, eignen oder zu diesem
Ehrentag geborgten Kleidern kurz vor der Mittagsstunde in eine der drei
großen Moscheen, wohin auch der Motahir mit seinen Verwandten sich
verfügt. Selbst der prosaische Barbierknecht mit seinem Hheml stellt
sich ein; man wartet das Mittagsgebet ab. Hierauf beginnt der Zug nach
dem Elternhause des Motahirs; voraus der Barbierknecht, dann etliche
Paare von Fickis oder Schulmeistern, welche das Muwesch Schah, einen
Lobgesang auf den Propheten absingen; dann folgen, je zwei oder je vier
die Schulknaben, welche in Wechselchören gegen einander singen: 1) o
Nächte der Freude, Nächte der Wonne; 2) Wohlgefallen und Lieblichkeit
wo Freunde einträchtiglich beisammen sind. 1) Sey huldreich o unser
Gott dem hellscheinenden Lichte; 2) Mohamed (Achmed) dem Erwählten,
dem Ersten der Apostel. -- Hinter dem Zug der Knabenchöre gehen die
männlichen Verwandten des reichen Motahirs, dann folgen wieder sechs
Knaben mit silbernen Flaschen in denen Rosen- und Orangenwasser
enthalten ist, das sie auf die Begegnenden und Zuschauer sprützen,
und mit einem silbernen Rauchfaß (Mibkarah), aus welchem köstliches
Rauchwerk duftet. Zu ihnen ist ein Sackhah oder Wasserträger gesellt,
welcher den Armen Wasser (meist versüßtes) austheilt, dann kommen
einige Diener mit der Kaffeekanne im Kohlenbecken und einem silbernen
Präsentirteller mit Tassen, welche einer von ihnen, so oft er dem Laden
eines Kaufmannes und bemittelten Bürgersmannes sich nahet oder einem
wohlhabend Gekleideten begegnet, vollschenkt und jenen darreicht, wofür
er das Geschenk eines halben Piasters erwartet und annimmt. Nach den
Kaffeespendern kommt wieder ein Knabe, der die schön aufgeschmückte
Schreibtafel des kleinen Motahirs an seinem Nacken hängen hat,
dann dieser selber in der Mitte zweier Knaben und dahinter die dem
Hauße angehörigen oder sonst befreundeten Frauen, welche, wie bei
Hochzeitszügen die Jubeltriller des Zugharit vernehmen lassen, während
zugleich eine hinter ihnen drein geht, die beständig Salz, als Mittel
gegen das mißgünstige Auge, herumstreut. Angelangt bei der Hausthüre
der Eltern des Motahirs singen die Wechselchöre der Knaben: 1) du bist
eine Sonne; 2) du bist der Mond; 1) du bist das Licht der Lichter; 2) o
Mohamed, mein Freund, du mit den dunklen Augen. -- Ein Theil der Knaben
geht nun mit hinauf in die Rubah, wo sie unter anderm auch den Dank an
die Mutter singen, dessen ich schon früher gedachte; das Fest endet
mit Geschenken an den Schulmeister, der dem kleinen Motahir schreiben
und lesen lernte und durch eine Bewirthung der begleitenden Knaben mit
allerhand Süßigkeiten; nach acht Tagen, wenn man den Motahir ins Bad
führt, folgt abermals eine kleine Gastung.
Indeß die Festlichkeiten sind nicht immer; wie die vielen
Zwischenzeiten in der langen Weile des Harems ausgefüllt werden
mögen, das ist kaum zu begreifen. Doch kann man in dieser Beziehung
den Kahirinerinnen im Allgemeinen zu ihrem Lobe nachsagen, daß sie
sich zu beschäftigen und dadurch zu unterhalten wissen. Abgesehen
von den Aermeren, welche die Noth zum arbeiten treibt, nehmen viele,
auch der Wohlhabenderen, sich selber des Hauswesens und der Küche
an, und man rühmt ihre Geschicklichkeit in der Kochkunst. Ich muß
Dir doch, die Du selber in dieser Kunst Meisterin bist, Einiges aus
den Küchengeheimnissen der hiesigen Frauen verrathen und Dir als
Laye etliche Gerichte nennen, deren einige, wenn man sie genauer zu
beschreiben wüßte, wohl werth wären, daß sie Freund v. Rumor in sein
originelles Kochbuch aufnähme. Man kocht eigentlich in den Häußern,
auch der hiesigen bemittelten Bewohner, täglich nur einmal, zum Ascha
oder Abendessen, das man kurz nach Sonnenuntergang zu sich nimmt; das
was von dieser Hauptmahlzeit des Tages übrig bleibt, wird zum Ghuda
oder Mittagsessen für den andern Tag benutzt. Eine der gewöhnlichsten
Speisen, die man auch bei den Garköchen häufig zu sehen und zu genießen
bekommt ist das Kebab: Lammfleisch das in kleinen Stückchen am Spieß
gebraten ist; Yucknih nennt man ein gedämpftes Fleisch mit einer
Zwiebelsauce oder auch mit einer durch Annab (Jujuben) und Zucker
versüßten Brühe; ein wohlschmeckendes und leicht verdauliches Essen
ist das Waruck Mahschih, eine Art von Kohl- oder Endivienblättern, die
man mit einer angenehm gewürzten Mischung von gehacktem Fleisch und
Reis gefüllt hat. Man füllt dieses Maschih auch in kleine Kürbisse
oder Karakusch. Ueberhaupt liebt die Aegyptische Kochkunst die
wechselseitige Ueberkleidung, jetzt der Gaben des Pflanzenreiches
mit denen des Tierreiches, dann wieder umgekehrt dieser durch jene,
denn nicht selten kommen Hühner oder Aegyptische Enten aus denen man
die Knochen herausnahm mit Rosinen, Pistazien, gekrümelten Brod und
Petersilie gefüllt, auch wohl ganze Lämmer mit Pistazien ausgestopft
auf die Tafel, dazu noch Kunafeh oder Nudeln, versüßt mit Honig
und Zucker mit Rosenwasser, oder die süße, aus gekochten Rosinen
und etwas Rosenwasser bereitete Sauçe Khuschaf. So ungewohnt auch
unserm Gaumen und Magen diese beständig in der Küche des Orients
wiederkehrenden Süßigkeiten sind, erschienen sie mir doch erträglicher
als die Badingans oder Früchte von verschiedenen Solanumarten und
die schleimigen Fruchtkapseln des eßbaren Hibisch (+Hibiscus
esculentus+) oder die Bamiyehs. Denn das Süße hat in der Regel
durch einen Zusatz des Gewürzhaften einen ernsteren Charakter
angenommen und stimmt bei einem Volke, dem der Wein und alle geistige
Getränke versagt sind, gut zum Wasser und bittern Kaffee, weshalb man
auch ohne Ueberdruß zu empfinden nach dem Genuß der süßen Gerichte
noch den Scharab el tut (Scherbet von schwarzen Maulbeeren) oder den
grünlichen Veilchenscherbet (Scharab el benefseg) und die liebliche
Dattelnconserve zu kosten vermag oder andre Arten des Scherbet und
der eingemachten Früchte, auf deren Zubereitung die Araberinnen sich
meisterhaft verstehen[6].
Alles muß hier wo möglich sehr weich und leicht zertheilbar bereitet
seyn; denn da man sich beim Essen keiner Messer und Gabeln und auch
beim Zerlegen, z. B. der Hühner nur der Hände bedient, indem der Eine
diesen der Andre jenen Fuß oder Flügel anfaßt und beide zugleich,
mit geschickter, schneller Wendung diese Theile ablösen, würde ein
Gericht, das nicht vollkommen weich wäre, nicht gut auf den Tisch des
Kahirinischen Bürgers passen.
Uebrigens mußt Du dir, um dieß im Vorbeigehen zu erwähnen, die hiesige
Art zu essen, ohne Messer und Gabel, ja zum Theil ohne Löffel, dessen
Stelle dann ein Stücklein rinnenartig zusammengebogenes Kuchenbrod
vertritt, nicht so gar abschreckend vorstellen. Ehe man sich zur
Mahlzeit niederkauert wird jedem der Gäste das Tischt und das Ibrick
gereicht; jenes ist ein musterhaft eingerichtetes (metallenes)
Waschbecken mit doppeltem Boden, davon der obere, etwas gewölbte,
siebartig durchlöchert ist, so daß das Wasser durch ihn abfließt auf
den untern Boden; das andre ist eine Wasserkanne aus welcher der
Diener, indem er dem Gast zugleich ein Stück Seife darreicht, Wasser
auf die Hände schüttet, dann das Handtuch (Futah) zum Abtrocknen
hingiebt. So pflegt der Morgenländer überall, wo er es haben kann, sich
vor und nach dem Essen mit Wasser und Seife zu waschen und in der Wüste
dient ihm der Sand zur Reinigung.
Es gewährt eine eigne Unterhaltung den hiesigen wohlhabenden
Bürgersmann essen zu sehen. In einigen Haushaltungen speißt der
Hausvater mit all den Seinigen; in andren, und nur bei solchen kann
der Europäer Augenzeuge seyn, essen die Männer in ihrem untern Zimmer
allein; die Frauen und kleinen Kinder halten ihre Mahlzeit oben im
Harem. Wo nur Wenige zusammenessen sitzt man mit untergeschlagenen
Beinen auf dem Divan oder der Matratze; wo Mehrere, da wird der niedre
Tischschemel oder Kursi, von dem ich schon sprach, mehr in die Mitte
der Zimmerbühne (Liwan) hingestellt, die runde Platte (Siniyeh) darauf
gelegt und nun ist der kleine Eßtisch oder Sufrah, an welchem auf unsre
Weise zu sitzen kaum drei Personen Raum hätten, für neun bis zehn Gäste
bereit. Jetzt legt der Diener oder Sohn des Haußes die kuchenartigen
Brode und Stücklein zerschnittner Zitronen hin, dazu hie und da Löffel
von Buxbaum oder Elfenbein, dann bringt man auf kupfernen oder irdenen
Platten die Gerichte. Die Gäste lassen sich auf das linke Knie nieder,
auf dem rechten, stehenden, liegt die Serviette, man streift die Aermel
auf, der Hausherr sagt Bis millah (in Gottes Namen) und fängt zuerst
an zu essen, dann die Gäste. Kommt ein Fremder dazu, so lädt ihn der
Wirth mit den Worten »tasud-dal« iß mit mir, ein, Jener, wenn er nicht
mitessen will, muß darauf antworten »Heni an« (möge es wohl bekommen)
und darf ja den Leuten nicht zu sehr in die Schüssel oder auf den Mund
sehen, weil man sonst gleich die Gefahr vor dem mißgünstigen Auge
fürchten würde. Bei und nach dem Essen kommen die Trinkschalen mit
Nilwasser, das durch die Poren der Krüge hindurchgeseiht und durch die
schnelle Abdünstung der feuchten Oberfläche angenehm gekühlt, dabei
auch noch mit Orangenblüthwasser versetzt ist. Man sagt zu dem, welcher
trinkt heni an, (unser »wohl bekomm es«) und Allah-jehen-nik, Gott
segne dirs. Zum essen bedient man sich immer nur der rechten Hand; mit
Hülfe eines halb zusammengerollten Stückes Brod oder des Löffels holt
man sich einen Theil des Gerichtes aus der Schüssel heraus, legt es
auf eine Brodscheibe und genießt es so. Sobald einer fertig ist mit
dem essen sagt er El hamdu lillah (Preis sey Gott), steht auf und geht
davon. Einige Neugläubige von höherem Stande trinken dann wohl auch,
wenn die Andern sich entfernt haben, Wein; eine Sitte welche mehr und
mehr überhand nimmt.
Wie ich vorhin die Geschicklichkeit mancher (doch nicht aller und
vielleicht auch nicht der meisten) Bürgerinnen der ägyptischen
Hauptstadt in der Kochkunst rühmte so muß ich auch noch jener in
manchen weiblichen Arbeiten, besonders im Nähen und im Sticken der
schönen, bunten, golddurchwirkten Schnupftücher und Tabaksbeutel
gedenken, die man so oft in den morgenländischen Kaufmannsläden sieht.
Die Katibeh oder Unterhändlerin, welche die Einkünfte für das Harem
besorgt, übernimmt zugleich die Ausführung und den Verkauf der in ihm
gefertigten Arbeiten. Zuweilen verräth sich in solchen Arbeiten eine
gute natürliche Anlage zum Zeichnen. Auch Musik und Gesang übt das
arme, eingekerkerte Volk, es vergnügt sich, wenn es unter sich ist beim
Schall der Darabuckeh (Trommel) und des Tar (Tambourins) mit Tanzen;
viele rauchen Tabak aus eleganten Pfeifen mit korallenen Mundstücken
oder sie kauen Ladanum. Der Besuch der Bäder von denen manche bloß für
Frauen, andre wenigstens am Nachmittag ausschließend für dieselben
bestimmt sind, ist für jene Weiber und Töchter, denen die Hausherrn ihn
gestatten, ein großes Vergnügen; eben so der gegenseitige Besuch der
Frauen eines Harems bei denen eines andern, wobei die Leutlein öfters
einen ganzen Tag ungestört sich ihrem Vergnügen überlassen können, da
selbst der Herr des Haußes dann keinen freien Zutritt in die Gemächer
seines Harems hat.
Aber bei alle dem frage ich nochmals, wie füllt sich der edle
Menschengeist, der sich ja in seinem unabweisbaren Sehnen nach einer
ewigen und geistigen Befriedigung überall gleich bleibt, bei jenen
armen Eingeschlossenen den Mangel aus, zu dem er von der Geburt seines
Leibes an verurtheilt ist?
Eigentlich sind wir Alle, so lange wir im Leibe wallen eingeschlossen
in einem zerbrechlichen Hauße, das über und neben sich, auf allen
Seiten von einer ewigen und unvergänglichen Welt der geistigen Kräfte
umgeben ist, welche, wie die Luft, in das Häuslein hereindringt. Bei
einigen der Eingeschlossenen ist das innre Auge für die Welt des
geistigen geöffnet; das Haus worinnen sie wohnen hat Fenster, durch
welche man bemerken kann was draussen sich bewegt und sehen wer die
sind, deren Stimmen man bald näher, bald ferner drinnen vernimmt. Wo
aber nun, wie bei den verarmten Seelen der vernachläßigten Frauen der
Moslemen das kerkerartige Haus gar kein Fenster hat durch das man
hinausblicken kann, da hört man wohl drinnen die Töne und Stimmen der
großen Welt die das Gehäuße umgiebt, aber das Rollen des Donners im
hohen Gewölk des Himmels wird für ein Rasseln auf der Straße gehalten;
zu den Stimmen denkt man sich Gestalten, welche von den wirklichen die
draussen wandeln sehr verschieden sind. Und so ergeht es den Moslemen,
vor allem ihren Frauen, mit jener oberen, allen Menschenseelen nahen
Welt des Geistigen, in welche uns der Glaube den Blick eröffnet;
diese wird ihnen, weil sie dieselbe nicht sehen, sondern bloß die
mannichfachen, dem Ohr verworren erscheinenden Töne und Stimmen
derselben hören, zu einer Welt des Gespenstigen.
Das was noch fast allein eine Art von geistigem Reiz und Aufregung
in den dumpfen, blos auf das Sinnliche beschränkten Kreis der
Vorstellungen der hiesigen weiblichen Seelen hineinbringen kann,
ist der Aberglaube an eine Welt der Genien und magischen Kräfte,
welche gleichsam vor allen Thüren steht und anklopft; bereit alsbald
hereinzudringen, sobald sich, mit oder ohne unsern Willen die
Thüre öffnet. Dort, die hohen Pyramiden und alle die riesenhaften
Werke des Aegyptischen Alterthumes, welche man in der Umgegend
von Kairo und anderwärts sieht, sind nach der Meinung des Volkes
durch den Riesenkönig Gan Ibn Gan erbaut, den letzten Herrscher
eines geisterhaften Geschlechtes der Dschinn oder Genien, welches
vor Erschaffung des Adam auf der Erde wohnte und waltete[7]. Das
Geschlecht der Genien, das seiner Natur nach zwischen den Menschen und
Engeln mitten innen steht, und nicht wie der Mensch aus Erde, sondern
aus Feuer geschaffen wurde, ist keineswegs ausgestorben, sondern es
wandelt noch immer, bald sichtbar bald ungesehen unter den Menschen
herum, denn es ist ihm die Macht verliehen, jetzt sich unsichtbar zu
machen, dann aber die Gestalt von Menschen, von Thieren oder allerhand
Ungeheuern anzunehmen. Seinen Hauptsitz hat das Reich der Genien auf
und in dem Gebirge Kaf, das die Ebene des Erdkreises gegen den Ozean
hin umgürtet; viele von ihnen, und zwar meist nicht die gutartigen,
bewohnen als Effrieds oder Gespenster das Innere der Pyramiden, der
Gräber und andrer alter Gebäude, so wie die dunklen und unreinen
Stellen der Wohnhäußer. Da sie aber auf den Wirbelwinden reiten und mit
der Schnelle des Blitzes sich fortbewegen können, ist man nirgends und
in keinem Augenblick vor ihrer Annäherung sicher. Die Genien essen und
trinken; sie vermählen sich sowohl unter einander als mit Menschen, und
erhalten hierdurch ihr Geschlecht fortdauernd auf der Erde; sie sind
auch wie wir Menschen dem Tode unterworfen, nur mit dem Unterschiede,
daß ihr Leben Jahrhunderte, statt der einzelnen Jahrzehnte des
unsrigen dauert. Ein Theil dieser halb geisterhaften Wesen bekennt
sich zum Islam und dieser ist den Gläubigen hold; ein andrer Theil ist
ungläubig, dieser ist von zweideutiger oder selbst von Gefahr drohender
Natur und öfters schleudert die Gottheit gegen diese Abtrünnigen ihre
Geschosse, die man bei Nacht als Sternschnuppen herabfahren sieht.
Da man niemals wissen kann, ob nicht ein Dschinni in unsrer Nähe ist,
welcher uns sieht, obgleich man ihn nicht bemerkt, muß man sich sehr
in Acht nehmen ein solches gar leicht zu reizendes Feuerwesen zu
verletzen. Wenn deshalb der Ofenheizer eines Bades oder einer Bäckerei
mit seinem Werkzeug in das Ofenloch hineinstößt, oder wenn einer das
Messer oder Beil in die Höhe hebt, versäumt er nicht vorher zu rufen
destur (mit Verlaub oder Entschuldigung); wenn der Lastträger seine
Last zu Boden wirft, ja wenn man nur Wasser oder besonders wenn man
Unreinigkeiten ausschüttet sagt man destur, damit ja nicht etwa ein
solcher Unsichtbarer verletzt oder beschmutzt werde. Denn diese lassen
es oft darauf ankommen; sie weichen dem Unhöflichen, der sich nicht bei
ihnen entschuldigt, absichtlich nicht aus, lassen sich lieber ein wenig
quetschen oder beschmutzen, nur um eine Ursache der Feindseligkeit
gegen den Menschen zu finden. Und wer kann wissen unter welcher
Gestalt er einen Genius bei sich im Hauße hat. Besonders als schwarze
Katzen finden sie sich öfters in den Wohnungen ein; man hat zuweilen
eine solche Katze lange, hält sie immer für eine gewöhnliche, auf
einmal, wenn sie gelegentlich bei der Nacht Besuche von ihres Gleichen
empfängt, hört man, daß die vermeintlichen Thiere unter einander reden
wie Menschen; doch von so gräßlichen, gespenstischen Dingen, daß
einem die Haare zu Berge stehen; das beste Mittel einen solchen Gast,
wenn man ihn entdeckt hat, los zu werden ist es, wenn man ihn höflich
ersucht, er möge doch einen und den andern Schatz aus den verborgenen
Grüften des Gan Ibn Gan ins Haus bringen; er merkt dann ohne doch
eigentlich beleidigt worden zu seyn, daß er entdeckt ist, verschwindet
und läßt sich niemals wieder sehen. Hat doch jedes Stadtviertel seinen
eigenen Trutz- und Schutzgenius oder Agathodämon, der sich meist in
die Form einer Schlange verkleidet und manche Frau glaubte schon einen
lieblich singenden Vogel vor oder in ihrem Zimmer zu hegen, der sich
auf einmal durch Wort und Handlung als ein Dschenni kund that.
Ein Hauptzeitpunkt im Jahre, an welchem die Genien, vor allem die
mildthätigen und guten den Gläubigen erscheinen und sie beglücken,
sind die ersten zehn Tage des ersten Monates: des Moharrems. In
früherer Zeit als noch der alte Sarcophag, den die Franzosen von dort
hinwegnahmen und der sich jetzt im Brittischen Museum befindet, in
der Gasse es Salibeh, im südlichen Stadtviertel stund, hielten die
Dschinn vor jenem Sarcophagen in den ersten zehn Tagen des Jahres einen
Markt, wo sie, in Gestalt gewöhnlicher Fakihanis oder Fruchtverkäufer,
oder als Zeijats die mit Butter, Käse, Honig und Oel handeln, manchen
Menschen sichtbar wurden. Wer so glücklich war, diese Handelsleute
zu sehen und bei ihnen zu kaufen; der fand beim Hinwegtragen seiner
Waaren diese auf einmal, wie in dem Mährchen vom Rübezahl, in Gold
verwandelt. In andern Fällen machen es jene wohlthätigen Halbgeister
den Menschen, die sie bereichern wollen, noch leichter, indem sie ihnen
ihre Gaben, besonders am Tage des Aschr, wo jeder Gläubige reichlich
Almosen giebt (und sie sind ja auch zum Theil Gläubige) selber ins
Haus bringen. Einige kommen dann bei stiller Nacht in Gestalt eines
Bughlet oder Maulesels, der sein Annähern durch den Klang der Schellen
zu erkennen giebt, mit denen er behängt ist. Man schaut hinaus vor die
Thür; aber wer nicht Muth hat der fährt zurück, denn am Sattel des
Maulesels hängt das Haupt eines todten Mannes. Wer jedoch entschlossen
genug ist der packt getrost die Ladung des Thieres ab, denn seine
beiden Satteltaschen sind gefüllt mit Gold, statt dessen der Empfänger
Kleien oder Spreu hineinfüllt und den guten Buglet laufen läßt. Auch
als Sack-cka oder Wasserträger klopft der Genius in jener Nacht an
die Zimmerthür, fragt wohin er das Wasser schütten solle und man sagt
getrost: »in den großen Krug,« denn am andern Morgen findet man in
diesem eine reiche Ladung Goldes.
Man hat zuweilen behauptet, die Bewohner der südlicheren, mehr vom
hellen Tage bestrahlten Länder, wären der Furcht vor dem nächtlichen
Spuck der Gespenster weniger unterworfen, als die Bewohner des
dämmernden Nordens. Auf die Aegypter wenigstens paßt diese Behauptung
nicht, denn diese glauben stärker denn unsre Nordländer an das
Erscheinen der Efrids, unter denen auch die Seelen verstorbener
Menschen begriffen sind; an Vampyre oder Menschenfresser (Guhls) und
ähnliche Spuckgeschichten. Und was ist im Grunde die Furcht vor der
Wirkung des mißgünstigen Auges anders, als eine gespenstige. Darf
doch keiner ein Kind oder ein schönes Kamel, oder edles Füllen nur
scharf ansehen ohne daß man die Vergiftung durch sein Auge fürchtet;
niemand darf sich des Ausdrucks bedienen, dies ist schön, sondern Mesch
allah, »der Wille Gottes.« Eine Frau bewunderte in ihrer Einfalt zwei
ungewöhnlich große Wasserkrüge, die ein Kamel trug, und sogleich fiel
der eine davon herunter und zerbrach; ein andrer bewunderte die schöne
Schischi (ein Apparat zum Tabakrauchen, bei welchem der Rauch durch
das Wasser einer Glaskugel hindurchgeleitet wird) seines Nachbarn,
und das Glas zersprang. Als in neuerer Zeit die Metzger zum Theil
ihr Fleisch auf europäische Weise heraushiengen um es den Käufern
zu zeigen, wollten viele Gläubige keines kaufen, weil es durch die
magische Kraft des Auges eines vorübergehenden Hungrigen schädlich
könne geworden seyn. Gute Mittel nun, gegen das Beschreien oder
Vergiften durch Blick und Rede sind die Amulete, die man nicht bloß den
Menschen sondern auch den Thieren anhängt. Ein solcher Talisman sind
die sieben Namen der Siebenschläfer und ihres Hundes, die man deshalb
auch auf die kupfernen Teller, Tischplatten und Trinkschalen schreibt;
ein andres probates Mittel ist ein Verzeichniß von dem Nachlaß des
Propheten Mohamed, in welchem namentlich seine beiden Sebhhahs oder
Rosenkränze, das Büchschen mit dem schwarzen Augenpulver, der weiße
Maulesel Dul-Dul und das Leibkamel Abda aufgeführt sind. Nächst diesen
ein Verzeichniß der 99 Eigenschaften Gottes; Stücke aus dem Koran, oder
wenn mans haben kann ein Muschhaf, das heißt eine Abschrift des ganzen
Buches. Bei Kamelen sollen die sogenannten Otternköpfchen (die kleinen
Kauriscypräen) die man auch bei uns am Geschirre der Pferde sieht,
vor dem Beschreien schützen, dessen schon beginnende Folgen durch das
Räuchern mit Mejah oder Storax, der unter gewissen Ceremonien gekauft
und gesegnet war, so wie selbst mit verbrennenden Lumpen wenigstens
gelindert, wo nicht gar gehoben werden. Außerdem giebt es hier noch
eine unzählige Menge abergläubischer Gebräuche, die man ganz öffentlich
kann üben sehen, und welche gegen Augenkrankheiten, gegen Schwäche der
kleinen Kinder in den Füßen, sowie gegen viele andre Krankheiten helfen
sollen. Und wer unter den Moslims der Hauptstadt sollte nicht von den
Wunderkräften des heiligen Wassers aus dem Brunnen Zem Zem in Medina,
so wie der kleinen Pasten, ähnlich denen unsrer +terra sigillata+,
gehört haben, welche aus dem Staub vom Grabe des Propheten und aus
dem Speichel der dortigen Imams bereitet werden und die, wenn man sie
ißt, von großer heilender Wirkung sind. Beide Mittel, so wie mehrere
ähnliche, bringen die Hadschis von ihrer Pilgerreise nach Mekka mit.
Auch die Aloëpflanze, die man öfters vor den Hausthüren aufgehängt
sieht, wo sie dann, auch vom Boden getrennt und entwurzelt noch mehrere
Jahre grünt und sogar blüht, ist nicht bloß in der Blumensprache des
Morgenländers ein Sinnbild der Gedult, weil sie bitter, aber auch
unversiegbar an innerer Lebenskraft ist wie die Gedult; sondern sie
trägt auch für den im Hauße wohnenden zur Lebensverlängerung das ihrige
bei. Eine den Giften widerstehende Kraft wird dem Rhinozeroshorn
zugeschrieben.
Und wenn man nun vollends alle die magischen Künste erwähnen wollte,
wodurch man das Verborgene und Zukünftige erräth oder einen Blick in
weite Ferne empfängt, Todte beschwört und das Bild der Lebendigen, auch
wenn sie in fernen Lande wohnen, klar und deutlich vors Auge ruft,
dann könnte man lange erzählen. Viele dieser Künste scheinen schon
in uralter Zeit ihren Ursprung und ihr Vaterland in Aegypten gehabt
zu haben, aus welchem sie, in verschiednen Formen, über andre Länder
sich verbreiteten. Dahin gehört die Anwendung der Punktirtafeln, das
Geschäft der Traumausleger und der Tagewähler, welche nicht bloß, was
alles Volk weiß, den Sonnabend jeder Woche für einen ungünstigen zum
Beginnen oder Verrichten eines bedeutenden Geschäftes, und namentlich
den letzten Mittwoch im Monat Sufar für einen so unglückbringenden
halten, daß es rathsam wäre an diesem Tage gar nicht auszugehen;
sondern welche nach ihrer großen Kunst auch für andre, gemeine Tage die
Voraussicht stellen, ob sie Glück oder Unglück bringend seyn könnten.
Ein hiesiger, noch immer fort sich erhaltender Stand solcher
Tausendkünstler erinnert übrigens wirklich, durch seine schwer
zu erklärenden und zu begreifenden Fertigkeiten an die Seher,
Geisterbeschwörer und Zauberer des frühesten Alterthumes. Von diesen
habe ich in Kairo Dinge berichten hören, die ich kaum nacherzählen
möchte, wenn nicht ein trefflicher Beobachter und Kenner der jetzigen
Aegypter, der Engländer Lean beinahe dieselben oder ganz ähnliche
Thatsachen bekannt gemacht hätte. Ohne hier ins Einzelne gehen zu
können erwähne ich nur daß diese Leute bei ihren Beschwörungen sich
einer Art von Spiegel bedienen, der in der Regel nur eine schwarze
Flüssigkeit ist, welche in die Hand eines unschuldigen Knäbleins,
oder einer Jungfrau oder einer Mutter, die in der Hoffnung ist,
geschüttet wird; denn nur auf diese drei eben genannten Arten von
Personen kann die Sehergabe übergetragen werden. Dem Knaben oder wer
sonst die Erscheinung sehen soll, wird geboten unverwandt in diese
spiegelnde Flüssigkeit hineinzuschauen. Wenn dann der Geisterbeschwörer
seine vorbereitenden Künste gemacht hat, unter welche auch starke
Räucherungen gehören, fragt er den Knaben ob er nichts sehe? Das erste
Gesicht, was diese Frage nach einigen Augenblicken hervorruft, ist
die Erscheinung eines Mannes der mit einem Besen den Boden kehrt.
Eine junge Engländerin, die aus Neugier sich den Ceremonien des
Geisterbeschwörers unterworfen hatte, erblickte auch in dem Spiegel
der Tinte, welche der Beschwörer ihr in die rechte Hand geschüttet
hatte, einen Besen welcher kehrte, erschrak aber hierüber so heftig,
daß sie die Tinte wegschüttete und davon lief, und auch die kleinen
Knaben, welche man willkührlich von der Gasse hereinruft und zum
Geschäft des »Sehens« gebraucht, pflegen bei dieser ersten Erscheinung
zu erschrecken und zu zittern. Hierauf nennt der Magier seinem Seher
allerhand diesem wohlbekannte Dinge, Fahnen, Zelte, Soldaten, Leute
welche einen Ochsen schlachten und sein Fleisch verzehren, und indem er
die Bilder dieser Dinge in der Phantasie des Kindes aufregt, läßt er
sie wie im Spiegel der Tinte erscheinend sehen. Wenn auf diese Weise
der Rapport zwischen dem Geisterbeschwörer und dem Seher bis zu einem
gewissen Grad gesteigert ist, heißt jener die Anwesenden eine (ihnen
bekannte) nahe oder weit entfernte, lebende oder verstorbene Person
nennen, von welcher sie wünschen, daß sie sich im Spiegel zeigen solle.
Einer nannte den berühmten Nelson und als der Knabe, nach einigen
vergeblichen Versuchen den ihm ganz fremden Namen nachgesprochen hatte,
sahe er eine Gestalt im Spiegel die er so beschrieb, daß man sogleich
Nelson in ihr erkennen mußte, nur daß er dieselbe in jener Stellung
erblickte, wie man sich selber oder andre Gegenstände im Spiegel sieht,
so daß das was rechts ist links erscheint. Denn er berichtete, daß
dem Manne im Spiegel der linke Arm fehle und der linke Ermel über die
Brust gelegt sey; während Nelson den rechten Arm verloren hatte und
gewöhnlich den rechten Ermel über die Brust angesteckt trug. In einem
andern Falle beschrieb ein solcher Seherknabe den Vater eines an der
ganzen Sache ungläubigen, anwesenden Engländers, den außer dem Frager
Keiner unter allen Gegenwärtigen kannte, so genau mit seinem steifen
Knie, mit seiner, wegen des fast beständigen Kopfwehes vor die Stirne
gehaltenen Hand, daß jener die Thatsache, so unglaublich sie ihm war,
nicht mehr läugnen konnte. Ich halte dafür, daß in solchen Fällen
etwas Aehnliches geschehe, als bei den Erscheinungen des magnetischen
Hellsehens: die Gedanken und Vorstellungen der einen Seele werden
in den Kreis der Wahrnehmungen der andern hinübergetragen, so daß
diese das, was bei jener ein Innerliches ist wie etwas Aeußerliches
erscheinen sieht. Dieß mag auch noch für solche Fälle gelten in
welchen, wie dieß einst im Hauße des Generalconsul Salt geschahe,
von dem Seherknaben der Thäter eines vor Kurzem verübten Diebstahles
so genau beschrieben wurde, daß der, welcher die Frage nach dem Dieb
stellte, ihn erkannte, denn vermutlich war das Bild der verdächtigen
Person ganz so in der Seele des Fragenden, oder auch des Magiers,
wie der Seher in seiner Hand es abgespiegelt erblickte. Auch jene
Aeußerungen des Ferngesichts, durch welche es dem Schwarzkünstler
möglich wird das genau anzugeben, was eben jetzt in dem entfernten
Hauße und in der Familie eines der Anwesenden geschieht, lassen sich
an schon bekannte Erscheinungen des Hellsehens anreihen; manche andre
Dinge aber, die auf eine reelle, sinnlich sich äußernde Wirkung in die
Ferne hindeuten, gehören zu einem nicht leicht erklärbaren Kreise, der
uns in der Geschichte der »Zaubereien« des Alterthums nicht selten
begegnet.
Alle solche Dinge, behaupten die Magier, geschähen durch den Beistand
und die Hülfe der guten oder der bösen Genien, deren Hülfe sie anrufen,
wobei sie häufig, erinnernd an ein verwandtes Verfahren bei den
sympathetischen Kuren, welche unser Volk verrichtet, aufgeschriebene
Sprüche aus dem Koran anwenden. Es werden wenig Haushaltungen in Kairo
seyn, wo nicht im Harem, unter den Frauen, denn da treiben solche
Phantasieen ganz vorzüglich ihr Spiel, ein und der andre talismanische,
von allerhand abwehrenden oder heilenden Kräften besessene magische
Zettel aufbewahrt und bei Gelegenheit gebraucht würde.
So haben sich hier die Menschenseelen in ihrer geistigen Wüste statt
einer wahren Welt eine Scheinwelt erschaffen, ähnlich jener der Fata
morgana, welche dem getäuschten Auge des durstigen Wanderers in der
leiblichen Wüste Bilder von Wasserströmen und Teichen, beschattet
von üppig grünenden Bäumen vorstellt, die, wenn er sich ihnen nahen
und an ihnen erquicken will, alsbald zerrinnen und verschwinden. In
der That diese Mittelwelt der Genien ist der träumenden Seele ein
dürftiger Ersatz für die Welt der Seligen und Engel, wohin vielleicht
die armen Frauen auch keinen sonderlichen Zug haben können, wenn der
Koran ihnen lehrt, daß sie auch da jenseits die Liebe des Gemahles mit
72 himmlisch-schönen Jungfrauen des Paradieses theilen werden, welche
dort jeden Gläubigen begleiten, und wenn auf diese Weise ihr armes Herz
niemals zu der Hoffnung eines Zustandes sich erheben lernt, wo nicht
mehr seyn wird freien noch sich freien lassen.
So bedauernswürdig ich jedoch auch durch und durch die Frauen der
hiesigen Moslemen finde, scheinen sie mir dennoch durch Eines
glücklich: durch die Liebe ihrer Kinder, besonders durch die der Söhne,
in deren Hauße und Pflege sie nach dem Tode des Vaters bleiben. Die
treue Erfüllung des vierten Gebotes ist einer der wenigen gesunden
Flecken im Glauben und Leben der Bekenner des Islam, und wie ich an
eine unausbleibliche, wörtliche Erfüllung der mit dem Gesetz zugleich
gegebenen Verheißungen glaube, so bin ich überzeugt, daß die Moslemen,
wenn es ihnen, wie die Erfahrung lehrt, in allen Ländern die sie
eingenommen haben noch immer so andauernd äußerlich wohl ergeht,
hierbei die Kraft der Verheißung zu genießen haben, welche dem treuen
Gehorsam gegen das vierte Gebot, »du sollst Vater und Mutter ehren,«
beigefügt ist. Der Ungehorsam gegen die Eltern wird für eine eben so
große Sünde gehalten als Götzendienst, Mord, Meineid, Berauben der
Waisen und Flucht im heiligen Kriege. Die Söhne, auch der bemittelten
und vornehmeren Eltern sitzen, essen, rauchen nie in Gegenwart ihres
Vaters bis dieser es ihnen geheißen. Besonders pflegt die Aussaat der
Liebe, welche die einsame Mutter dem Kinde, das ja lange Zeit ihre
einzige Unterhaltung und Freude war, in den ersten Lebensjahren erwieß,
im späteren Alter Früchte der zärtlichsten Erwiederung zu tragen und
mein Freund Lieder erzählte mir, daß ein hiesiger, in ansehnlichem
Amte stehender Mann seine Eltern, die von geringem Stande sind, nicht
bloß täglich besuche und reichlich versorge, sondern auch ohngeachtet
seines hohen Standes, niemals sich setze, bis die Eltern mehrmalen ihn
dazu eingeladen haben, ja daß er dann mit kindlicher Bescheidenheit und
Gedult, so weit er es kann, alle neugierigen Fragen der alten Mutter
beantwortet und ihre Bemerkungen mit Achtung anhört.
So fällt doch wenigstens auf die letzten Lebenstage der hiesigen
Mütter ein erquickender Abendsonnenstrahl der Liebe, der, wenn sie
seine Bedeutung recht verstünden, ihnen Zeugniß geben könnte von dem
Daseyn einer Liebe, welche über dem aufgehenden, künftigen Leben als
Morgenglanz leuchtet. Die Mutter ist glücklich in und durch ihren Sohn.
Darum kann mich die Geschichte jener kinderlosen Wittwe in Kairo
ganz rühren, die ihr verarmtes Herz an ein treues Hündlein gehangen
hatte, das sie wie ein Kind des Hauses pflegte. Das Hündlein stirbt;
ihr scheint der Gedanke unerträglich, daß es wie andre todte Hunde
hingeworfen und den Geiern zur Speise werden sollte, sie bestellt eine
Bahre, miethet einige blinde Jemenijehs und eine Anzahl Schulknaben die
vor dem Sarge hergehen und singen; sie selber, mit einigen gemietheten
Klageweibern geht hinter der Bahre her und jammert. Da begegnet dem
Leichenzuge eine Nachbarin. -- Wen willst du begraben, fragt diese? --
Ach mein armes Kind, antwortet die Andere. Die Nachbarin aber, welche
wußte daß die Wittwe kinderlos sey, entdeckt den Betrug.
Die arme, einsame Frau! sie kannte nicht jene Liebe die sich dem
Menschen genaht hat in menschlicher Gestalt, um ihrem Herzen ganz und
in überschwenglich reichem Maaße die Stelle des Vaters und der Mutter
wie des einzigen lieben Kindes zu ersetzen, weil sie selber die Gestalt
und Weise des liebenden Kindes, wie die Macht und Würde des weislich
regierenden, liebevoll führenden, allversorgenden Vaters an sich nahm
und trug.
Dritter Brief.
=Das öffentliche Leben der Kahiriner.=
Wir haben in meinem letzten Briefe den Bewohnern der großen
Aegyptischen Hauptstadt in den innersten Räumen und Gemächern ihrer
Häußer einen neugierig freundschaftlichen Besuch gemacht; in der Stadt
selber sind wir aber noch wenig von der Stelle gekommen. Es wird
nun Zeit daß ich Dich, meine liebe Schwester, auch ein wenig in das
Volksgedränge der Gassen und zu einigen der namhaftesten Plätze führe,
wobei sich noch ein und das andre nachträglich auch über die Bewohner
wird sagen lassen.
Auf das jetzige Kairo passen selbst die Beschreibungen solcher
Reisenden, welche vor wenig Jahrzehenden hier waren, nicht mehr
vollkommen, noch weniger die solcher Reisenden, welche vor mehreren
Menschenaltern die Stadt besuchten. Zwar die Straßen sind noch immer
ungepflastert wie zu Clarkes Zeiten; der lästige Staub und Schmutz
aber, über welchen damals die Fremden sich beklagten, ist sehr
vermindert; nirgends sieht man mehr, auch in den abgelegenen Gegenden
der Vorstädte, das Aas eines todten Thieres und bei ihm die Schaaren
der verwilderten Hunde; selbst ein großer Theil der Schutthaufen,
welche eine Reihe von Jahrhunderten außen vor der Stadt abgelagert
hatte, und von welchen zur Zeit der Stürme ganze Staubwolken über die
Stadt sich ergossen, ist unter der jetzigen Regierung, vorzüglich durch
Ibrahim Pascha's Vorsorge, in Gartenanlagen und Felder verwandelt
worden. Zwar sind die meisten Straßen noch immer sehr eng und winklich,
doch ist das Durchkommen der Fußgänger und Reiter dadurch vielfach
erleichtert, daß auf Mehemed Alis Befehl in den engen Straßen die hohen
steinernen Bänke oder Mustubahs, die sonst vor den Häußern angebracht
waren, ganz hinweggenommen, in den weiteren aber schmäler gemacht
worden sind. Jene Decken, welche vormals, auf Stangen ruhend, die von
den Dächern der einen Reihe der Häußer einer engen Gasse auf die der
andern gegenüberstehenden hinüberreichten, einen düstern Schatten auf
die Straßen verbreiteten, haben sich zwar in einigen Gegenden der
Stadt, wo die Häußer noch von bedeutenderer Höhe sind erhalten, sind
aber sonst an den meisten andern Punkten hinweggenommen oder besser
eingerichtet worden. Da wo man jetzt Häußer neu aufbaut oder reparirt,
wird nur noch selten die ältere Bauart angewendet, die ich in meinem
vorigen Briefe beschrieb, sondern man fängt allmälig an sich der
modernen, Europäischen Bauart zu nähern; gemeine Glasfenster statt der
künstlich geschnitzten, hölzernen Gitter und ebne Fußböden einzuführen.
Nur noch wenige Menschenalter mehr in solcher fortschreitender
Bewegung, und Kairo hat seinen Charakter einer alten Sarazenischen
Stadt ganz oder wenigstens zum größten Theil verloren.
Und doch, ich läugne dieß nicht, thut mirs überall wohl, wo ich in
den Gassen noch die alte, so oft von den Reisenden beschriebenen
Formen der Häußer sehe. Diese vorspringenden Erker, die zierlichen
Zinnen und Mauerkränze; die schön geschnitzten Thüren; die vielen
Brunnen in den Vorhöfen und selbst Vorzimmern der Häußer, Alles das
zusammen macht auf mich in seiner Art einen ähnlichen Eindruck, als
etwa manche alte, deutsche Stadt, namentlich Nürnberg in mir weckte.
Selbst die vielen Thore im Innern der Stadt, wodurch die eine Gasse
mit ihren Nebengäßchen von der andern Straße und ihren Töchtergassen
abgegränzt, und bei Nacht förmlich abgeschlossen ist, sind durch den
Reiz der Neuheit höchlich interessant[8]. Am Tage merkt man kaum auf
diese Abscheidungen des einen Stadttheiles vom andren, wodurch es kommt
daß oft ein Nachbar, der von seinem platten Dache aus ganz gemächlich
mit diesem sprechen könnte, dennoch, um zur Hausthüre des andern zu
gehen länger als eine Viertelstunde Zeit braucht. Neulich aber als
ich von der Audienz bei Mehemed Ali und seinem Minister zurückkehrend
mit zwei Freunden erst nach neun Uhr am Abend durch die Stadt ritt
nach unserm Koptenviertel hinüber, da sahe ich recht, wie viele
Thorsperren mitten in der Stadt zu beseitigen sind um von einem Ende
derselben zum andern zu kommen. So oft wir wieder an ein solches Thor
kamen und unser Janitschar daran pochte, rief die Wache »Kim dur o«
(wer ist das), der Pocher antwortet »Ibn Beled« ein Bürger der Stadt,
oder nennt wohl auch, wenn er einen fränkischen Consul geleitet, den
Stand des vornehmen Mannes der mit ihm ist. Im erstern Falle, wenn
es noch auf alte Weise mit Frage und Antwort hergeht sagt die Wache
»Wach hid Allah« (bezeuge daß ein Gott sey); der draußen muß dann
das Glaubensbekenntnis »Es ist kein Gott außer Gott« sagen, weil man
vormals wenigstens meinte kein Dieb oder andrer Mensch, der ein böses
Gewissen habe, könne das aussprechen. Unser Janitschar aber sprach
nebst einigen donnernden Worten der Ungedult sein Glaubensbekenntniß
nur durch eine kleine Silbermünze aus, die er der Wache gab.
Wenn man am Tage durch eine der Hauptstraßen geht und da das Gedränge
nicht bloß sieht, sondern an seinen Rippen fühlt, kömmt man fast in
Versuchung den früheren Angaben über die große Volksmenge der Stadt
Glauben zu schenken. Freilich hat Kairo noch immer wie sonst, außer
den Lehmhüttchen der Vorstädte über 30000 Häußer, aber es ist viel
gesagt, wenn man im Mittel auf ein Haus acht Bewohner rechnet, denn
die Gesammtzahl der Bewohner beläuft sich gewiß nicht über 240000; ja
sie ist vielleicht noch geringer. Unter dieser Zahl, so sagt man, sind
fast vier Fünftheile Aegyptische Moslemen, mehr denn ein Siebentheil
Türken, Franken und andre Fremde, nur noch etwa ein Zwanzigtheil
Koptische Christen und nicht viel mehr denn ein Sechszigstheil Juden.
Bei einem solchen Uebergewicht der Zahl der Moslemen über die Bekenner
der andern Religionen sollte man beständige Reibungen und Belästigungen
für uns Europäer fürchten und es ist auch noch nicht so gar lange her
da mußte jeder Franke, wenn er einem vornehmen Türken begegnete von
seinem Eselein (denn auf einem Rosse durfte sich damals noch kein
Christ blicken lassen) absteigen, und der selige Stephan Schulze wäre
einmal in dieser Stadt von den Gassenbuben, die in ihm, ohngeachtet
seiner orientalischen Kleidung dennoch den Franken erkannt hatten,
beinahe gesteinigt worden, wenn er nicht, zu seinem Glück auf den
Einfall gekommen wäre, sich wie ein Derwisch im Kreise herum zu drehen.
Kaum hatte er aber diese Drehungen angefangen da riefen einige ältere
Männer den bösen Buben zu sie sollten ablassen von dem heiligen Manne.
Jetzt kommt man auch ohne sich zu drehen und zu tanzen unangefochten
durch alle Gassen und Winkel von Kairo; der Franke bleibt in seiner
europäischen Kleidung, sogar die Frauen behalten dieselbe bei, ohne daß
irgend ein hiesiger Einwohner einen Anstoß daran nimmt; der fanatische
Widerwille der Moslemen gegen die Christen und Juden der vormals grob
äußerlich heraustrat, während aus dem Innren mancher erfreuliche
Zug von Wohlwollen und Gastfreundlichkeit, wie ein Sonnenstrahl aus
dichtem Gewölk hervorleuchtete, ist bei der Mehrzahl durch äußre
Gewalt ins Innre zurückgedrängt worden, wo er stärker vielleicht
als sonst fortglühet, während Mienen und Geberden den Anschein der
zuvorkommendsten Höflichkeit und Nachgiebigkeit gegen die hochgeehrten
Franken an sich tragen. Doch gilt dieß nicht von Allen. Es hat sich
wirklich hie und da eine bessere Beachtung und Anerkennung der Christen
und ihrer geistigen Vorzüge wo nicht vollkommen entwickelt, so doch
angesponnen und vorbereitet.
Dieß ist der allgemeine Eindruck, den das jetzige Kairo auf den
Europäer macht, welcher etwa noch das Bild des vorigen, aus ältern
Beschreibungen in sich trägt. Laß uns nun auch eine und die andre
Parthie desselben im Einzelnen betrachten.
Man hat es hier leicht einen Ueberblick über den Kunst- und Gewerbfleiß
der Einwohner zu bekommen, weil die Arbeiten und Waaren der einen
Art, meist in eignen Märkten (Sucks), unter denen man sich freilich
nicht gerade freie Plätze, sondern nur Gassen zu denken hat, beisammen
gefunden werden. So begreift ein Theil der Hauptstraße den Markt der
Kupferschmiede (Suck en Nahhassin); in einer andern Gegend die ihren
Namen von einer benachbarten Moschee Ghunijeh führt, findet man die
Läden der Juweliere. Die meisten und wohl auch kostbarsten Waaren sind
jedoch in den Wikabehs oder Kaufmannshöfen enthalten, deren Hallen
und Läden nach einem Hofe herausgehen, welcher einen, zuweilen auch
mehrere Ein- und Ausgänge hat, die bei Nacht verschlossen und durch
eigne Thürhüter bewacht werden. Dergleichen Kaufhöfe oder Hallen giebt
es gegen dreihundert in der großen, vormals von so reichen Kaufleuten
bewohnten Stadt; unter die ansehnlichsten darunter gehören jener
worinnen auf Rechnung des Viceköniges der Kaffee verwahrt, gebrannt,
gestoßen und an die Bewohner der Stadt und des Landes verkauft wird,
so wie jene in denen man Edelsteine und andre kostbare Schmucksachen
und Kleiderstoffe feil bietet. Ich weiß Dich aber doch noch in einen
andern zu führen, in welchem nicht nur etwas Kostbares, sondern das
Kostbarste zu verkaufen ist, das man in Kairo zu Markte bringt. Ich
meine damit nicht die schönen Felle von Löwen, Tigern, Panthern,
Antilopen und allerhand andern Thieren des heißen Afrika's, auch
nicht die Straußenfedern die in den Läden jenes Kaufhofes gesehen
werden, sondern die armen, da am Boden auf Binsenmatten oder Teppichen
sitzenden Kinder und Jungfrauen der Abyssinier und Neger, die man
hier wie andre Waare verhandelt. Sieh' nur wie bitterlich mehrere der
kleinsten Kinder weinen; vielleicht noch über die thierische rohe
Mißhandlung ihrer Dschellabs oder Sklavenhändler, vielleicht auch aus
Sehnsucht und Heimweh nach ihren Müttern und väterlichen Hütten, aus
denen man sie raubte. Andre, unter den größeren Mägdlein und Knaben,
sitzen freilich auch neben jenen Weinenden, welche lachen und ganz
vergnügt mit einander schwatzen, wer kann aber wissen ob nicht diese
schnell verfliegende Fröhlichkeit nur eine Wirkung des berauschenden
Haschisch (Hanfextraktes) ist, das der Dschellab ihnen beibrachte.
Da tritt etwa ein vornehmer Türke näher, seine Begleitung, vor allem
der Kabasch (Janitschar) mit silbernem Stockknopfe, lassen auf seinen
Stand, der prächtige, um den Turban gewundene Kaschemirschawl und die
Pfeife mit dem von Diamanten besetzten bernsteinenen Mundstück oder
Turkibeh, welche ein Diener trägt, auf seinen Reichthum schließen. Er
deutet, gegen seine Begleitung gewendet, auf eines und das andre der
kleinen Negerkinder, geht dann gravitätisch vorüber und steigt wieder
auf sein Pferd. Die Mägdlein werden nun wahrscheinlich in den Harem
seiner Gemahlin auf etliche Tage zur Probe hingesendet, damit man sehe
ob sie keinen Hauptfehler an sich haben. Unter solche Hauptfehler
gehört es namentlich auch, wenn eines der armen, ermüdeten Kinder
des Nachts im Schlafe schnarcht, oder spricht, oder mit den Zähnen
knirscht, denn bei allen solchen Dingen denkt man gar leicht an die
Mitwirkung eines Effried oder Spuckgeistes und der Sklavenhändler muß
die Kleinen wieder zurücknehmen[9]. Aber es geht Deinem leise fühlenden
Herzen bei dem Anblick jener Schmerzenskinder wie mir; Du kannst ihn
nicht lang ertragen; darum laß uns aufbrechen von hier und ein andres
Schauspiel aufsuchen, welches uns gerade auf dieses da am meisten
wieder zu erheitern vermag.
Wir treten, einige Gassen weiterhin, nahe bei einer Moschee in eine
Kutab oder Kinderschule ein, deren Ficki oder Schulmeister uns Franken
bekannt und befreundet ist, weil er öfters für Franken etwas Arabisches
abschreibt und von ihnen besser dafür bezahlt wird, als von seinen
Landsleuten[10]. Laß Dich das Geschrei der lautstimmigen Büblein und
ihre sonderbaren Verbeugungen bei jeder Silbe nicht verwundern; der
Araber kann nicht mit schweigender oder leiser Stimme lesen oder
lernen und das Verneigen des Leibes jetzt zur Rechten, dann zur
Linken, vorwärts und rückwärts hält man beim Lernen für eine ganz
besondre Erleichterung des Gedächtnisses. Jeder der Knaben, die mit
untergeschlagnen Beinen auf den Binsenmatten am Boden dasitzen, hat
eine Schreibtafel vor sich, darauf seine heutige Lektion: bei den
kleinsten etliche einzelne Buchstaben, bei den Größeren etwa einige
von den 99 Namen oder Eigenschaften der Gottheit, geschrieben stehet,
da schreit nun freilich der Eine dieß der Andre jenes, so daß man
sein eignes Wort nicht hören kann. Jetzt giebt aber der ernste, in
einer Ecke, auf einem Gebetsteppich kauernde Ficki ein Zeichen; der
Arif oder älteste Schulknabe eröffnet eine Art von Chorus oder Zikr,
wobei man die Eigenschaften Gottes, dann den Fathah oder das erste
Kapitel des Korans mit singendem Tone hersagt. Die kleinen Leute
sind schon gar gelehrt, sie stimmen fast alle in den Zickr ein und
nach dem Herschallen des ersten Kapitels geht man sogleich an das
Absingen des letzten, wobei schon ein ziemlicher Theil der kleinen
Schulmannschaft schweigend zurückbleibt, noch Mehrere aber, wenn es
zum vorletzten kommt. Es wird indeß bald unter ihnen, besonders wenn
sie in eine höhere Schule vorrücken, Manche geben, deren glückliches
Gedächtniß, worauf sich die Araber mit Recht etwas zu Gute thun können,
den Marsch des Chorgeschreies vom Anfang des Korans zum Ende und vom
Ende wieder vorwärts zum Anfange mitmachen kann, denn nach hiesiger
Sitte lehrt man der Jugend gleich nach dem Fathah oder ersten Kapitel
das letzte, dann das vorletzte, hierauf das vorvorletzte und so geht
man in rückwärtsschreitender Bewegung bis zum zweiten, mit welchem,
als dem längsten von allen der Beschluß gemacht wird. Bilden sich
doch selbst die Erwachsnen noch auf diese in den Schulen erworbene
Gelehrsamkeit so viel ein, daß man öfters in einem Kaffeehause oder
in irgend einer anderen Gesellschaft von Männern einen unter ihnen,
mitten unter den gleichgültigsten oder zum Koran gar nicht passenden
Gesprächen ein oder etliche Kapitel desselben hersagen hört; die Andern
schweigen, bewundern dann, wenn der Koranbeter ein vornehmer Mann
war, und fahren, wenn er fertig ist, im Gespräch wieder fort wo sie
stehen blieben. Oefters pflegt auch der Geringere den Zorn des Höheren
zu beschwichtigen oder ihn zu irgend einem erwünschten Entschluß zu
bringen, indem er seinem Gespräch irgend eine passende Stelle des
Korans einwebt.
Da kannst Du auch sehen wie man hier zu Lande Briefe schreibt.
Ein an der offenstehenden Schulhalle Vorübergehender hat sich
dem ernsthaften, langbärtigen Ficki genaht und halblaut mit ihm
gesprochen. Wahrscheinlich begehrt er von ihm, daß er einen Kaufbrief
für ihn schreibe. Der Ficki rückt sein Dawajeh oder Schreibzeug, das
er beständig an seinem Gürtel trägt, zurecht, legt ein Stücklein
dickes Papier in seine linke Handfläche, welche ihm die Stelle des
Schreibtisches vertritt, taucht dann seine Rohrfeder in die aus Sepia
bereitete, mit Gummi verdickte Tinte und schreibt nun leicht und
flüchtig den Brief, den der Andre mit seinem Khatim oder Siegelring,
welchen er am kleinen Finger der linken Hand trägt, unterzeichnet,
indem er zuerst mit dem am Munde befeuchteten Finger das Papier
berührt, dann mit einem andern Finger Tinte an den mit seinem
Namenszuge bezeichneten Ringstein bringt und den Abdruck davon auf die
befeuchtete Stelle macht.
Der Lohn den der Ficki für das Schreiben des Briefes bekommt
ist freilich ein sehr geringer; doch scheint dieser mit seinem
Nebenverdienst vergnügt und hält sich wohl überhaupt für einen
der ansehnlichsten Männer in der Stadt, denn jeden Donnerstag
bekommt er von den einzelnen Knaben einen halben Piaster (drei
österreichische Kreuzer Silbergeld) und außer dem, wie uns auch
heute sein neuer, rother Tarbusch mit der halb seidenen Quaste
daran erinnert, zur Zeit des Ramadan aus dem allgemeinen Schulfond
eine neue Tuchkappe (Tarbusch), ein Stück Muslin um dieselbe zum
Emameh (Turban) aufzustutzen, ein Stück Leinwand und ein Paar neue
Schuhe. Außerdem werfen auch die Beschneidungs-, die Hochzeit- und
Leichenbegängniß-Ceremonien noch Manches ab, und würden dieß auch
thun, wenn er nicht Lesen und Schreiben, sondern nur den Koran und
die gewöhnlichen Gebete auswendig gelernt hätte. Denn zu dem hohen
Grade von Gelehrsamkeit wie hier der unsrige, haben es nicht alle
Schulmeister in Kairo gebracht. So erzählt man namentlich von einem,
der war eben Ficki geworden, konnte aber weder lesen noch schreiben.
Der Mann, der sich zu helfen weiß, sagt zu dem ältesten Schulknaben
(Arif): »höre du, mir thun die Augen weh, laß du einmal die andern
Knaben schreiben;« er selber aber der Ficki, welcher nicht bloß die
99 Eigenschaften Allahs, sondern auch die gemeinen Gebete des Islams
und den ganzen Koran auswendig weiß, leitet dabei scheinbar dennoch
den ganzen Unterricht, denn wenn ein Knabe einen Spruch oder ein Wort
falsch sagt, berichtigt er es, so daß die Leute meinen er könne das
lesen was die Kinder auf ihre Schreibtafeln geschrieben haben. Eines
Tages kommt aber eine Bürgersfrau zu dem Ficki. Sie hat einen Brief
von ihrem Sohne bekommen, der sich als Hadschi auf der gefahrvollen
Pilgerreise nach Mekka befindet; sie bittet den Herrn Schullehrer,
er möge ihr den Brief lesen. Dieser nimmt ihn in die Hand und blickt
ihn so lange schweigend und mit sehr ernsthafter Miene an, daß es der
guten Frau ganz angst wird. Sie fragt zuletzt: »soll ich schreien?« er
antwortet: »ja, schreie nur;« sie fragt weiter »soll ich mein Gewand
zerreißen?« er sagt: »ja, zerreiße es.« Die Frau, welche nicht anders
meint als der Brief enthalte die Nachricht vom Tode ihres Sohnes,
erhebt mit lauter Stimme den Wilwal (das Klagegeschrei), zerreißt
ihr Gewand und geht nach Hause, wo alle ihre Nachbarinnen mit in die
Weheklage einstimmen. Wenig Tage nachher tritt der Sohn gesund und
wohlbehalten zu seiner Mutter ins Haus herein. Sie, nach den ersten
lauten Ausbrüchen der erstaunten Freude fragt ihn, warum er sie denn
mit der falschen Nachricht von seinem Tode habe so betrüben lassen. Ich
dich betrüben, spricht der Sohn, habe ich dir denn nicht geschrieben,
daß ich gesund und schon auf dem Rückwege begriffen sey? -- Die Frau
geht darauf wieder zu dem gelehrten Ficki hin und fragt diesen, warum
er sie neulich beim Lesen des Briefes so in Angst und Schrecken
gesetzt habe, da doch ihr Sohn darinnen nur von seiner Rückkehr aus
Mekka schrieb? »Wie?« sagt der Ficki, »bin ich denn Gott? Konnte ich
denn vorauswissen, daß dein Sohn, nachdem er freilich aus Mekka ein
Stück Weges herausgekommen, auch noch den Weg der Wüsten glücklich und
unverletzt zurücklegen würde? Konnte er nicht selbst in den letzten
Tagen der Reise noch sterben und war es nicht besser dich auf das
Schlimmste vorzubereiten, als dir eine Hoffnung zu machen, die so
leicht fehlschlagen konnte?« -- Und siehe, die Umstehenden bewunderten
die weisliche Rede des frommen Mannes, dessen Ansehen bei den Nachbarn
durch jenen Vorfall eher stieg als abnahm.
So hatte es jener guten Frau wenig genützt, daß der tröstliche
Brief ihres Sohnes wirklich in ihre Hände gekommen war, was bei der
bisherigen Einrichtung gerade nicht bei allen Briefen der Mekkapilgrime
der Fall seyn mochte. Denn der Seltsamkeit wegen beschreibe ich Dir
nur die alte Art, wie man die Briefe der Hadschis zu expediren pflegt.
Wenn nämlich im Monat Sufar die Hauptcaravane der Pilgrime auf der
Heimkehr ist, da reitet ein Offizier (der Schawisch el Hadsch) nebst
zwei Arabern auf schnellen Dromedaren voraus, so daß er vier bis
fünf Tage vor der Caravane in der Stadt eintrifft, wo er jedem ihm
Begegnenden sein »Sallih an nebih« (segne den Propheten) laut zuruft
und dann an die schleunigste Besorgung der ihm mitgegebenen Briefe
denkt. Dabei verfährt er folgendermaßen. Er sieht auf den Adressen
oder Ueberschriften nach, welche der Briefe an besonders vornehme oder
reiche Leute lauten, diese, weil sie ein sichres, gutes Botenlohn
abwerfen, behält er für sich. Die andern Briefe aber theilt er in
einzelne, gleich große Päcktlein ab und verkauft jedes dieser Päcktlein
um einen Dollar oder Speziesthaler an die Leute. Die Käufer einer
solchen kleinen Briefsammlung sehen die Ueberschriften an, tragen die
Briefe aus und machen sich für ihre Auslage durch das Botenlohn meist
gut bezahlt, doch mag es auch schon manchmal geschehen seyn, daß eine
solche Masse von Pilgrimsbriefen in die Hände eines andern Käufers
-- etwa eines Europäers kam, der diese Gelegenheit benutzte um seine
Sammlung von neu Arabischen Vulgärhandschriften zu vermehren, wo dann
freilich die Nachrichten, die der Hadschi den Seinigen gab, nicht so
leicht an den rechten Ort kommen konnten.
Ich kann eben nirgends mein Handwerk verleugnen, darum habe ich mich
auch so lang und breit hier bei meinem Kollegen, dem Schulmeister
niedergelassen; es ist aber Zeit, daß ich Dich weiter führe. Wir
begrüßen den Herrn Ficki, wie es uns Franken geziemt, mit dem
Teimineh-Gruß, indem wir die rechte Hand an die Brust legen[11] und
dabei den Kopf ein wenig vorwärts beugen. Denn den Friedensgruß
»Selamun aleykum« dürfen eigentlich bloß die »Gläubigen« (die Moslemen)
den Gläubigen zurufen, welche dann darauf antworten: mit euch sey der
Friede (Aleykum es Selam), während sie, wenn ein Christ sich solches
Grußes anmaßt, entweder gar nicht, oder im Fall sie der alten Sitte
folgen, mit den Worten antworten: »Friede sey mit uns und mit allen
rechten Gottesverehrern.«
Da kommen wir nun wieder einmal, in der Hauptstraße, recht in das
Bewegen des Volkshaufens hinein. Höre nur die sonderbare Art in welcher
hier die Verkäufer ihre Waaren ausrufen. Der mit den süßen, lieblichen
Orangen (ich habe sie noch niemals so süß gegessen als hier) schreit
»Honig, o Orangen, Honig« (Asal ja Burtukan, Asal) und doch hat der
gute Mann wenig für sein Geschrei, denn er verkauft zwei Dutzend seiner
guten Burtukans um sechs Kreuzer Münze; eine um einen Pfennig. Der
Verkäufer der Tirmis oder Lupinenkerne, der noch weniger für seine
Waare einnimmt, schreit eben darum noch lauter sein Meded ja Imbabeh,
Meded, d. h. Hülfe o Imbabeh, Hülfe, womit er darauf anspielt, daß
seine Tirmis daher sind, wo die beßten ihrer Art gebaut werden: von
der Gegend des Grabmahles eines moslemitischen Heiligen Namens Imbabeh
und des gleichnamigen Dörfleins. Ein junger Mensch, welcher Wollenzeug
verkauft das mit einer Maschine gefertigt wird, die ein Ochse treibt,
ruft: »Schukt es tor ja Benat,« d. h. das Werk eines Ochsen, o Töchter;
der Verkäufer der Zitronen singt mit heller Stimme, »Gott mache sie
leicht o Citronen« weil er wahrscheinlich die Last seines Korbes, den
er auf dem Kopfe trägt, lieber ganz als halb los wäre. Am lautesten
von all diesen Verkäufern schreien aber zwei arme Kerle, denen man
es ansieht, daß aus ihnen der bittre Hunger mitschreit: der Ausbieter
von Libb oder von gerösteten Melonenkernen und der von einer Art von
Scherbet, das meist nur aus einem mit Süßholz verzuckertem Wasser
besteht. Jener brüllt in tiefem Baßtone »o Tröster der Betrübten, o
Melonenkerne,« dieser läßt sich dazwischen in einem hohen, gellendem
Tone vernehmen: »für einen Nagel o Süßmeth,« weil nämlich der Lohn für
einen Trunk seines Süßholzwassers gewöhnlich in einem alten Nagel oder
in einem andren Stücklein alten Eisens besteht, das die Arabischen
Dienstboten und Gassenbuben, die im Vorübergehen sich hier laben im
Schutt und Kehrich gefunden oder entwendet haben. Der Verkäufer von
Kunafeh oder Nudeln, dort im gegenüberstehenden Laden, hört, ganz ruhig
seine Pfeife rauchend, diesen Schreiern zu, und meint mit Recht seine
Waare werde sich wohl stillschweigend verkaufen, auch kann der gute
Mann jetzt ganz ruhig seyn, seitdem der große Popanz Mustapha Kaschif
todt ist[12].
Und hier, an dem etwas freieren Platze, bei der Moschee, siehst du auch
jene Attars oder Droguisten, welche unter andrem die berauschenden
Zubereitungen aus Hanf und Opium (Afijun) verkaufen. Der Mensch,
wenn ihm auf seinen Irrsalen der Weg zu dem Quell der ächten, wahren
Begeisterung zu fern oder gar verschlossen ist, sucht eben dafür die
Pfützen der falschen, bestialischen Begeisterung auf. Die, welche
sich durch das Käuen oder Rauchen der Hanfblätter und der aus ihnen
gemachten Zubereitungen in lustige und dabei dennoch Gefahr drohende
Tollwuth versetzen, heißen Haschaschin; ein Name, aus welchem jener
der berüchtigten Assassinen hervorgieng. Eine, meist mit Zucker,
gleich unsern Ingwertafeln zusammengeschmolzene Masse von Opium, Hanf,
Nieswurz und allerhand Gewürzen wird in vier bis fünferlei Sorten
verkauft, davon die eine bloß als Arzneimittel gegen die gewöhnlichsten
Folgen der Erkältung des Unterleibes gerühmt wird, die andre aber, wie
man sagt zum Singen, eine dritte zum fröhligen Schwatzen, eine vierte
zum Tanzen aufregen soll, während die fünfte Denjenigen der sie genießt
mit lieblich-wunderlichen Visionen beglückt[13].
Wir kommen hier an dem Tollhaus, in der Nachbarschaft einer Moschee
vorüber, welches zwar jetzt besser eingerichtet ist, als alle ähnliche
von mir im Morgenlande gesehene Anstalten, dennoch aber, im Vergleich
mit unsern Europäischen, Vieles zu wünschen übrig läßet. Die Zellen,
deren Fensteröffnungen mit eisernen Gittern verwahrt sind, gehen
auf den Hof heraus, unter deren Säulengängen man herumwandelt. Am
meisten rührte mich ein junger, äußerlich sehr wohlgebildeter Türke,
der auf einem halbzerstörten Saiteninstrument -- einer Art von Rabah
oder Violine -- wenigstens scheinbar sich Musik machte und dazu mit
rührender Stimme sang; denn er schien noch ein Gefühl seines Elendes zu
haben, während einige Frauen, die ohne Aufhören jenen glucksenden oder
trillernden Jubellaut hören ließen, den man wie ich im vorhergehenden
Briefe erzählte, so häufig bei Hochzeiten und andern Freudenfesten
vernimmt, wohl schwerlich noch eine Spur jenes Gefühles hatten.
Ich erzähle Dir nun auch noch etwas von den hiesigen Moscheen,
deren einige bei den Bekennern des Islam in einer besonders hohen
Achtung stehen, weil, wie man sagt, die ersten Kalifen aus dem Hauße
der Fatimiden, vor allem Moez, die Gebeine und Ueberreste einiger
Nachkommen des Propheten, namentlich das Haupt des Hhosseyn, Mohameds
Enkel, die Reste der Seijideh Zeyneb, Mohameds Enkelin, der Sekineh
seiner Ur- und der Nefisch seiner Ur-ur-enkelin, hieherbrachten und in
den nach ihnen benannten Moscheen beisetzten. Die berühmteste, wenn
auch nicht die schönste von allen ist dennoch die Dsjamea el Ashar
oder die Ashar-Moschee. Hier in der Nähe begegnet man freilich, wie an
andern dergleichen Orten zuerst der Dürftigkeit. Ein armes Gesindel
sonnt sich da und wartet auf Gaben der Mildthätigkeit; die Fakire
schreien: »O Erwecker des Mitleides, o Herr Gott« (Ja Mohannim ja Rub)
oder um Gottes Willen ihr Mitleidigen (Lillah ja Moheinin), doch gehen
sie seltner die Franken an und die jetzige polizeiliche Einrichtung
der Stadt hat ihren Zudringlichkeiten sehr bedeutenden Einhalt gethan.
Ohnehin sind diese halbnackten Bettler nicht immer so hülfsbedürftig
als sie aussehen, wie dieß vor mehreren Jahren die Geschichte eines
blinden Mannes vom Lande bewieß, der sich, wie dieß bei Gelegenheit des
Diebstahles herauskam, den ein andrer blinder Bettler an ihm verübte,
eine Summe von nahe 5000 fl. unsers Geldes erbettelt und, in kleine
Goldstücke verwechselt hatte, die er in einem Topf verwahrte.
Die Asharmoschee, von der ich vorher sprach, ist ein weitläufiges
steinernes, aus mehreren verschiedenartigen Theilen zusammengesetztes
Gebäude, welches sich fast nur durch seine Minares als Moschee zu
erkennen giebt. Wenn man in das Innre hineintritt, sieht man da,
wie in vielen hiesigen Moscheen, nichts als einen viereckten, nach
oben offenen Hofraum, um welchen bedeckte Säulengänge herumlaufen.
Die breiteste und ansehnlichste dieser Säulenhallen ist die an der
Südostseite; denn hier in der Richtung nach Mekka, befindet sich der
Versammlungsort zum Gebet, das Wandgehäuße für den Koran und die
Kanzel des Freitagspredigers. Die drei andren Säulengänge, welche den
Hof umgeben, sind ungleich schmäler, weil hier der größere Theil der
Seitengebäude zu Wohn- und Lehrzimmern für Lernende und Lehrer benutzt
sind. Denn mit der Asharmoschee ist eine Hochschule verbunden, die noch
jetzt bei den Moslemen des Morgenlandes in größester Achtung steht,
weil sie von ihnen als der Hauptsitz der Arabischen Gelehrsamkeit
und wissenschaftlichen Bildung betrachtet wird. Man zählt an dieser
Hochschule noch immer gegen 1200 Mugawirin oder Studenten aus den
verschiedensten Gegenden Aegyptens und der angränzenden Länder, unter
den Professoren derselben finden sich einige in ihrer Art gelehrte
Männer, denen aber auch das Ansehen, welches ihre Wissenschaft ihnen
giebt und die Hoffnung, etwa bei Gelegenheit in die einträgliche Stelle
eines Ulema oder eines Kadi einzurücken, fast ihr einziger äußrer Lohn
seyn muß, da sie, statt der Besoldung nur auf den Ehrenlohn angewiesen
sind, welchen sie von ihren Zuhörern empfangen. Dieser mag aber sehr
gering seyn, denn der bei weitem größeste Theil der Studirenden
ist bettelarm, so daß er sich, um das tägliche Brod zu haben, mit
den Fickis oder Schulmeistern in den kleinen Verdienst theilen
muß, den das Herbeten des Korans in Leichenhäußern wie bei andern
Gelegenheiten und (wenn er dies vermag) das Abschreiben desselben zu
talismanischem Gebrauche abwirft. Ohnehin werden die meisten dieser
Studenten Fickis oder widmen sich dem Handel, den auch manche ihrer
Lehrer nebenher betreiben; wenige von ihnen, welche zu diesem Zwecke
längere und gründlichere Studien machen, gelangen zu höhern Aemtern bei
öffentlichen Gerichten oder als Nasir d. h. Quardian bei den Moscheen.
Vor Errichtung der trefflichen medicinischen und chirurgischen
Bildungsanstalten in und um Kairo unter Clot Bey's Leitung gieng aus
der Ashar-Hochschule auch eine Klasse jener Afterärzte hervor, die
entweder als Attars oder Droguisten allerhand sogenannte Arzneimittel
verkauften, oder auch wohl solche angebliche Heilkünste trieben, wobei
man auf einen Teller gewisse Koransprüche und Worte von magischer
Bedeutung schreibt, die dann mit Wasser abgewaschen werden, welches
man dem Kranken zu trinken giebt, während man andre Male die nämlichen
magischen Zeichen in fester stehender Weise auf Trinkschaalen ätzt
oder einschreibt. Die gesammte Gelehrsamkeit einer solchen Arabischen
Hochschule, mit ihrer Rhetorik, Logik, Algebra und Zeitrechnungskunde
erscheint mir, in ihrer sarazenisch-mittelalterlichen Starrheit gleich
der Inschrift an einem jener magischen Trinkbecher, aus welchem
sich schon längst keiner der Gäste mehr den Rausch der Begeisterung
trank, dessen trübem Wasser aber, so meint man, die bloßen Namen der
Wissenschaften, die da angeschrieben stehen, eine Kraft verleihen.
Ein ganz besondrer Anhang zu der Asharuniversität ist die Schule der
Blinden, welche in einem ostwärts von der Moschee stehenden Gebäude
enthalten ist. Einige Hundert solcher Unglücklichen werden hier auf
öffentliche Kosten erhalten und in allen Wissenschaften der Hochschule
unterrichet, so daß schon Namhafte arabische Gelehrte aus ihnen
hervorgingen, während freilich der größere Theil derselben nur für die
Stellen der Gebetsausrufer auf den Minares verwendet wird, oder nach
dem Austritt aus der Schule unter jene Chöre der Fakirs (Bettler) sich
begiebt, die man unter andrem bei Leichenbegängnissen, zum Hersagen des
Glaubensbekenntnisses dingt oder auch umsonst mit Almosen versieht.
Wer sollte es aber meinen, daß diese blinden Studenten nicht bloß
nebst den schwarzen, neumuhamedanischen Sklaven die fanatischsten und
undultsamsten gegen alle Bekenner anderer Religionen, sondern auch
die aufrührerischsten sind; die eigentlichen Dämagogen von Kairo.
Zwar hat Mehemed Alis polizeiliche Strenge auch diesem »jungen Kairo«
kräftigen Zaum und Gebiß angelegt, doch ist es nicht so gar lange
her, daß jene blinden Studenten einen ihrer Lehrer, von dem sie sich
beleidigt wähnten, gemißhandelt haben und früher waren sie, geführt
von einigen Sehenden, bei allen Volksaufständen wo nicht die Anfänger
doch Theilnehmer.
Weil wir da einmal bei einer Moschee der Aegyptischen Hauptstadt
verweilen, füge ich noch einige Worte im Allgemeinen über diese
Gebäude und über die in ihnen statt findenden Gebräuche bei. Man
kann hier leichter denn vielleicht in allen mohamedanischen Städten
des Morgenlandes gegen ein Trinkgeld an den Buab oder an den Iman
den Eintritt in das Innre mancher Moscheen erhalten, nur bei solchen
wie die des Hhosseyns möchte es Schwierigkeiten machen. Selbst
die Fränkische Kleidung ist hiebei kein Hinderniß, wenn man zur
Befriedigung seiner Wißbegier solche Tage und Stunden wählt, die
nicht gerade Tage eines hohen Festes oder Stunden des Gebetes sind.
Am leichtesten hat man den Eintritt zu der ansehnlichen, alten
Amra-Moschee in Altkairo oder Fostat, deren Innres, wie bei der Ashar
ein offner, viereckter, von hohen Säulengängen umschlossener Hof ist,
oder bei einigen der schönsten Moscheen in der Gräbervorstadt der
Kalifen, bei deren einer der Buab den neugierigen Fremden zugleich
schöne Stücke Aegyptischen Jaspis zum Verkauf anbietet. Die meisten
Gebäude der Art sind aus Quaderstücken des hiesigen (Nummuliten-)
Kalksteines aufgeführt und streifig roth und weiß angestrichen. Zu
der mächtig großen Hassan-Moschee, in der Nähe des Citadellenplatzes,
wie zu allen ihren Nebengebäuden und Ringmauern, ist das Baumaterial
von einer einzigen jener kleinsten Pyramiden entnommen, welche neben
den drei großen von Ghizeh wie Püppchen neben erwachsenen Menschen
dastehen[14],
Nicht alle Moscheen sind Game's oder wie wir bei uns sagen würden
Sonntagskirchen; manche sind nur den Kapellen der christlichen Länder
ähnlich, welche von einzelnen Betenden besucht werden, und, weil in
ihnen irgend ein moslemitischer Heiliger oder ein Kalif begraben
liegt, ihre besondre Jahresfeier haben. Game's sind die, welche zum
Versammlungsort der Moslemen am Freitage dienen, denn der Freitag
wurde von Mohamed »dem Propheten« zum Wochensabbath gewählt, weil
an einem Freitag der Mensch geschaffen wurde, und nach einer alten
Sage des Orients Adam auch an einem Freitage starb; weil, so sagt
der Islam weiter, auch die Auferstehung der Todten und das jüngste
Gericht an einem Freitag seyn wird und mithin es immer rathsam seyn
möchte, sich, weil man den Tag nicht weiß, wenn der Richter kommt,
im Gebet finden zu lassen. Uebrigens halten die Bekenner des Islams
ihren Sabbathstag keinesweges so heilig wie die gläubigen Israëliten
und etliche christliche Länder den ihrigen; denn nach und außer den
Stunden des Gebetes treiben sie ihren Alltagsverkehr: ihren Kauf-
und Verkauf, so wie ihre gewöhnlichen Geschäfte gerade so fort, wie
in den andern Wochentagen. Ueberhaupt sind die jetzigen Kahiriner
schlechte Kirchengeher die sich am Freitag den Besuch der Moschee
ersparen, weil man ja auch an einem andern Tag hineingehen kann, und
in der Woche, weil vielleicht der Freitag besser wäre; auch sieht man
in den Säulenhallen der Moscheen außer den Stunden des Gebetes gar
verschiedne Leute die da essen, trinken, schlafen, und sich von dem
Buab oder Iman Parfümerieen und andre Waaren kaufen, weil meist jeder
dieser Leute einen kleinen Handel treibt.
Wir wollen jedoch hier ausnahmsweise noch einen der (seltenen)
Altgläubigen zu seinen gottesdienstlichen Verrichtungen begleiten.
Er geht, nach seinem Eintritt in die Moschee zu der Fontäne oder dem
Wasserbehältniß, das meist in der Mitte des Hofes ist, und sagt: Ich
will die Abwaschung zum Gebet verrichten. Hierauf wäscht er dreimal die
Hand mit den Worten: »im Namen Gottes des Gnädigen, des Erbarmenden.
Preis sey Allah, der uns das Wasser zur Reinigung gab und den Islam als
Licht und Führer zu Deinen Gärten, den Gärten des Vergnügens und zu
Deiner Wohnstätte, der Stätte des Friedens.« Hierauf spült er dreimal
den Mund aus und sagt: »o Gott stehe mir bei im Aussprechen der Worte
deines Buches, bei dem Gedanken Deiner und bei dem Danke den ich dir
darbringe in der Schönheit deiner Wohnung.« Darauf wird auch die Nase
dreimal ausgespült und der Betende sagt: »O Gott, lasse mich riechen
die Wohlgerüche deines Paradieses, nicht den Gestank der Hölle.« Zum
dreimaligen Waschen des Gesichtes spricht er: »O Gott, mache mein
Angesicht weiß, am Tage wenn du das Angesicht deiner Freunde verklären
wirst; nicht schwarz wie das deiner Feinde.« Beim Waschen des Kopfes:
»o Gott, bedecke mich mit deiner Gnade.« Bei den Ohren: »lasse mich
hören was gesagt wird und dem Wort gehorchen;« beim Waschen der Füße:
»mache meinen Fuß fest und sicher auf dem Sirat[15].«
Wenn man, auf der Reise durch die Wüste zu diesen Waschungen, deren
ganze Reihenfolge ein geübter Moslim in zwei bis drei Minuten
vollendet, kein Wasser hat, kann man eben so gut Sand dazu nehmen, und
eine solche Reinigung mit Sand heißt Teyem mum.
Bei den übrigen Gebeten, welche der Moslim in oder auch außer der
Moschee (nach geschehenen Abwaschungen) verrichtet, bedient er sich
einer Art von Rosenkranzes (Sebchah) an welchem 99 und drei Kügelchen,
meist aus wohlriechendem Aloëholz gefertigt, sich befinden. Denn er muß
zuerst 33 Male die Worte wiederholen Unbegränzter Preis sey Gott; dann
einmal die Worte: unbegränzter Preis sey Gott, dem Großen, und ewiges
Lob. Hierauf wieder 33 Male: Preis sey Gott, dann einmal: Erhoben sey
seine Majestät; es ist kein Gott außer Ihm. Zuletzt noch einmal: Gott
ist der Mächtigste an Größe, und Preis sey Gott überall und zu aller
Zeit.
Wenn in diesen 99 und drei Ausrufungen der Betende sich durch kein
Gespräch mit einem Nachbarn oder irgend ein andres Begegniß stören
läßet, -- denn in diesem Falle muß er die Reihe seiner Gebetlein wieder
von vornen anfangen, kann er ganz wohl in drei bis vier Minuten damit
fertig werden, dann steht er wieder auf, zieht seine am Eingang oder
unterhalb der Stufen stehen gebliebenen Pantoffeln wieder an und geht
zu seiner Tabakspfeife oder zu seinem Geschäft.
Von dem jetzigen Herrscher in Aegypten, von Mehemed Ali hat mir ein
zuverlässiger Freund erzählt, daß er sich vom englischen Consul die
heiligen Schriften der Christen, in der Türkischen Uebersetzung bringen
und sich öfter (am Abend) daraus vorlesen ließ, weil, wie er sagte, er
gerne wissen wollte, was doch seine vielen christlichen Unterthanen
eigentlich glaubten. Sollten wir uns deshalb schämen auch darnach zu
fragen und zu sehen, was der Glaube der Millionen Bekenner des Islams
und was die Aeußerung dieses Glaubens sey; da ja auch das Sehnen
ihrer Seele mit dem großen Fragezeichen endet, welches die Antwort
herausfordert von welcher nur Jene wissen, die den Frieden selber
erfuhren, mit dem auch der Islam seine Gläubigen zu grüßen gebeut.
Was übrigens die 99 und drei Ausrufungen, so wie vieles Aehnliche
im Gottesdienst der Moslemen betrifft; so erinnern sie mich, im
günstigsten Falle an eine Lerche unsrer grünenden Felder und Auen. Ich
kann bei diesem Hermurmeln der Gebetlein nicht ins Menschenherz sehen,
kann nicht wissen, ob die Seele dabei wirklich, vom Boden hinweg,
zum Gedanken an ein Göttliches erhoben wird. Ist diesem aber also,
so geschiehet ihr wie der Lerche, die, wenn sie über unsre grünenden
Felder singend emporsteigt, öfter vielleicht als 99 und dreimal
dieselben Töne trillert und wirbelt und dabei wirklich, das zeigt die
That, von dem Drange eines Emporschwunges ergriffen ist, den ich nach
seinem Maaße mit dem Gefühl der Andacht vergleichen möchte. Indeß ist
es doch etwas ganz Andres dieses Trillern aus der thierischen Seele
der Lerche, als das kindliche Sprechen mit Dem der oben ist, aus dem
Geist des Menschen. Nur dieser, der Geist, ist ein ewig bleibendes;
die Seele des Thieres, von sterblicher Natur, entfleucht, wir
wissen nicht wohin. So waltet auch im Wesen des Islam das Sterbliche
und Vergängliche vor; in jenem des Christenthums herrschet ein
Unsterbliches und Ewiges. Das Sterbliche aber kann und wird anziehen
das Unsterbliche und von ihm überkleidet werden, wenn nur erst der
Islam statt seiner falschen Schamhaftigkeit, welche nur das Angesicht
verstecken und verhüllen will, die rechte lernet, die den unbekleideten
Zustand fühlt.
Endlich komme ich denn auch dazu Dich an den Ort zu führen, der im
doppelten Sinne die ganze Hauptstadt beherrscht; durch die Macht
dessen, der da wohnt und durch seine Aussicht: zu der auf einem
Vorsprunge des Mokkatamberges gelegnen Akropolis oder Citadelle.
Jusuf Salahedin (Saladin) der berühmte Herrscher aus dem Hauße der
Ejubiten begründete diesen mächtigen, aus den verschiedenartigsten
Theilen wunderlich zusammengesetzten Bau; spätere Herrscher fügten
und veränderten daran was ihnen gut dünkte. Unser Weg führt uns an
der großen, schönen Moschee des Sultan Hassan vorbei zuerst nach dem
freien, am Fuße des Citadellenhügels gelegenen Platze Rumeyleh oder
Romeli, an welchen im Süden der lange Ckara Meydan-Platz angränzt.
Wir steigen die breite, mit Steinpflaster belegte Straße hinan,
gelangen dann zum Asab Burgthor (Bab el Asab). Hier oben, links ist
die Menagerie des Pascha, in der sich mehrere schöne lebende Löwen
und Löwinnen befinden. Noch bemerkt man zwar bei dem Eintritt in die
innren Räume der Citadelle die Spuren der alten Abtheilungen in den
Bezirk des Pallastes des Pascha, in die Caserne der Janitscharen und
in die der Asabs, ein großer Theil jedoch der alten Mauern des Innren
ist durch die Pulverexplosion im Jahr 1824, ein noch viel größerer
durch die Umgestaltung zur modernen Burgveste, in Europäischer Weise,
welche der jetzt regierende Pascha der Sarazenischen Citadelle gab,
hinweggenommen worden. Anjetzt findet sich innerhalb des Umkreises
der Akropolis die Aegyptische »hohe Pforte,« das heißt jener Diwan el
Khidiwi oder oberste Gerichtshof, bei welchem der Pascha oder in seiner
Abwesenheit sein Kikkya (Stellvertreter) der Habib Effendi präsidirt.
Diesem obersten Gerichtshofe sind als Theile unter- und zugeordnet
der Staatsrath, Kriegsrath und Handelsrath, so wie die Geschäfte des
Oberrichters oder Kadi's der Stadt, der zu seinem Amte, das nur ein
Jahr dauert, von Konstantinopel bestellt und früherhin wenigstens von
hier aus zu der gleichen Würde in Medinah befördert wurde.
Wir haben jedoch hier oben, im allüberblickenden Haupte der
Aegyptischen Hauptstadt vorerst noch andre Dinge zu beachten, als
die neuen Gebäude und Befestigungswerke; die Aussicht von da ist
es werth, daß man sich ihr auf einige Momente ganz hingiebt. Sie
ist noch eine ungleich gewaltigere als die vom Dache unsrer Wohnung
und in ihrer Art eine einzige in der Welt. Wir besuchen zuerst den
vormaligen Burgbezirk des Asabs und treten über die Haufen der Trümmer
und des Schuttes hinein zwischen die vereinzelten Granitsäulen von
Saladins Herrscherpalast, dann vorwärts auf die Plattform und an
ihre Balustrade. Auch hier übt zuerst die Region der Pyramiden ihre
magnetisch anziehende Kraft auf das Auge aus, jenseit dem grünumsäumten
Nil in West und Südwest liegt diese in ihrer ganzen Ausdehnung vor
Augen. Es sind hier nicht mehr allein die drei großen Pyramiden von
Ghizeh mit ihren sechs kleinen Gesellen, welche wir erblicken,
sondern zur Rechten (im Norden) derselben erscheint wie ein kleiner,
unförmlicher Hügel der Tumulus, oder wie man gewöhnlich annimmt, die
zusammengestürzte Pyramide von Abu Roasch, dann folgen, in einem
Abstand von einer geographischen Meile, unsre vom Hausdach so oft
gesehenen Pyramiden von Ghizeh, die jetzt eben vom hellsten Strahle der
Sonne beschienen so weiß erglänzen als Schnee; dann kommen zur Linken
(südwärts) von ihnen die Gruppe der minder bedeutenden Pyramiden von
Abusir, endlich noch weiter nach Süden die auch aus solcher Ferne noch
scharf und entschieden hervortretenden Pyramiden von Sakkarah. Nach
einer alten Sage sollte der Königsadler einen todtenstarren Stein in
seinen Horst tragen und zu seinen Eiern hineinlegen. Während dann das
von mütterlicher Liebe schlagende Herz, brütend über den Eiern wie
über dem Steine, in jenen das muntre, thierische Leben aufregt und
bekräftigt, weckt sie in diesem geistig magische Kräfte einer andern
Art. So erzeugte sich hier bei dem uralten Königssitze des Nilthales
der Geist des Lebens auf der einen Seite das grünende und blühende
Paradies des Thales mit den Schaaren seiner Bewohner, daneben aber, am
Saume der Lybischen Wüste erschuf er sich diese Gebilde voll magisch
reizender Kraft; die Reihe der Pyramiden. Während die jungen Adler nach
wenig Monaten sich zum Fluge ihres eignen sterblichen Lebens erheben
und den Horst verlassen, bleibt der Adlerstein in unzerstörbarer
Festigkeit darinnen liegen und macht von hier, mit schützender Kraft
die vergängliche Brut der Geschwister begleitend, den für das Auge
unmerklichen, magischen Ausflug. So stehen auch die Pyramiden, mitten
in dem vorübereilenden Fluß der Zeiten zwar unbeweglich da, wenn
man sie aber hier von der fernen Höhe in dem weißen Gewande womit
der Sonnenstrahl sie bekleidet über die Ebene sich hinziehen sieht,
da ist es als nähme der aufmerkende Geist in dieser Adlerbrut aus
Stein emporhebende Kräfte wahr, auf deren Schwingen er selber, der
Menschengeist, hinaufgetragen wird, in eine Heimath, die, wie der blaue
Aether oberhalb des Zuges der Wolken, unwandelbar dieselbe ist.
Wie majestätisch führt da der Nil seine Wogen zwischen Ghizeh und
Altcairo vorüber; wie lieblich grünen, neben den noch in der Ebene
stehenden Seen die Felder jenseits des Stromes, und diesseits die
Gartenanlagen des Ibrahim Pascha; von den mehr als sechs Millionen
Dattelpalmen, welche man (nach den Tabellen der jährlich von
ihnen erhobenen Abgaben) in ganz Aegypten zählt[16] ist es kein
unansehnlicher Bruchtheil, den man hier auf und abwärts im Nilthale
überblicket.
Wir rufen jedoch das Auge von seiner Wanderung in die Ferne zurück,
zu dem Anblick des Nahen. Da zu unsern Füßen breitet sich die
Aegyptische Hauptstadt aus, Kairo, wie dieser Name bedeutet, die
siegreiche und zugleich auch, wie eine andre Nebenbedeutung des
Namens aussagt die (oft) geplagte und beunruhigte. Nach Süden
gränzt die Ckarafehgräberstadt an ihre Mauern, mit der Moschee des
»heiligen« Imam Esch Schafee, dessen Mulid oder Geburtsfest an einer
der ersten Mittwochen des Monates Schaaban ein großes Volksfest
ist; unter den Haufen des Schuttes zeigt sich weiter zur Rechten
das Grabmahl des heiligen Abu Soud; aus dem Dunkel der Scene glänzt
das Familienbegräbniß des Vizeköniges hervor; die Aussicht gen
Süden begränzt, jenseits dem herrlich gelegnen Torrah mit seinen
Klostergebäuden und Burgruinen, der Anfang der Höhenzüge, welche den
Lauf des Nils durch Oberägypten an seiner rechten Seite begleiten. In
Südwesten sieht man den alten Aquädukt, welcher das Wasser vom Nil
herführt; im südlichsten Theile der Stadt die uralte, nach dem Plane
der Kaaba in Mekka erbaute Moschee Taylun, mit der schneckenartig
ansteigenden Stiege[17], dann folgt weiter nach West, Nord und Nordost
die mächtige, über die Strecke fast einer Quadratmeile ergoßene Stadt,
deren viele, während der Stromschwelle mit Wasser gefüllte Teiche
anjetzt trocken liegen; deren vielfache (äußre und innre) Mauern,
Moscheen, unter ihnen vor allen die nahe des Sultan Hassan, mit den
zwischen den Häußchen hervortretenden Palmenbäumen ein buntes Gemälde
bilden.
Eine hiervon verschiedene Aussicht öffnet sich auf einer andren,
nördlichen oder nordöstlichen Seite der Burg. Hier sieht man
nach Nordost, nahe bei den äußern Mauern der Stadt, die große
Begräbnißstätte von Bab en Nusr mit ihren zahlreichen, domartig
gewölbten Familienbegräbnissen; weiterhin und neben dem großen
Todtenfelde dehnt sich, am Abhange des Mokkatam die Gräberstadt
der Mamelucken-Könige aus mit ihren Moscheen und hohen Gebäuden,
untermischt mit den niedern Wohnungen der Vorstadt Beladinsan. Die
Länge dieser alten Gräberstadt beträgt wenigstens drei Viertelstunden
Weges; jenseit derselben sieht man die weite Ebene, auf deren meist
nackter Fläche hie und da grünende Oasen von Datteln-Tamarisken und
Sykomorenwäldern, untermischt mit weißen Gebäuden sich hervorheben. Von
Nord in Ost bemerkt man als äußerste Gränzpunkte des Gesichtsfeldes den
hohen Obelisken von Heliopolis und, wenn mein Auge sich nicht täuschte,
den Hügel jenseits Abusabel, mit den Ruinen der Judenstadt. Nach Ost
und Südost schließt sich mit den grotesken Formen ihrer zerrissenen
Hügel die Wüste an.
Noch auf zwei Gebäude muß ich im Vorbeigehen aufmerksam machen; auf das
neueste und älteste im ganzen Umfange der Burg. Jenes ist die schöne
neue Moschee, welche Mehemed Ali in der Nähe der Ruinen von Saladins
Pallaste bauen läßt. Das Baumaterial ist großentheils ein prächtiger
Alabaster, der in den nachbarlichen Höhen gefunden wird; die ganze
Anlage des Gebäudes, dessen untrer Theil schon halb vollendet ist,
verspricht dem Auge der künftigen Beschauer großen Genuß.
Das andre Gebäude, welches ich noch nennen wollte, ist der oft erwähnte
Josephsbrunnen, der seinen Namen vom ersten Herrscher aus der Dynastie
der Ejubiten: von Jusuf, mit dem bekannteren Beinamen Saladin führt.
Dieser Kalif, der die Anlage der jetzigen Burg begründete, mag da
freilich schon die Reste uralter Bauwerke angetroffen haben; zu diesem
gehörte auch, wie man mit Recht vermuthet, jener Brunnen, den Saladin
nur erweitern und reinigen ließ von dem Sand der Wüste, mit welchem
die Reihe der Jahrhunderte seit Zerstörung des einst hier gelegenen
Liui Tkeschromi ihn erfüllt hatten. Der Brunnen ist keinesweges so enge
und schachtartig gebaut wie unsre Brunnen, sondern er ist eine weite,
trichter- oder sackartige Eintiefung die in den Felsen hineingehauen
wurde. Man steigt auf einem schneckenartig an seinem innern Umfange
hinablaufenden Gange, wenn man will bis zu seiner untersten Tiefe,
welche gegen 250 Fuß beträgt, hinunter. Hier ist der Teich des
Brunnenwassers, das aus dem Nil eindringt; die Wärme der Luft wie die
des Wassers beträgt da unten 18 Grad des Reaumurschen Thermometers; wir
würden eine solche Temperatur bei uns zu Lande lau nennen, obgleich sie
dem Gefühl, während der heißen ägyptischen Sommertage, als eine kühle
erscheinen mag. Der Brunnen besteht eigentlich aus zwei Abtheilungen:
einer obern weiteren und einer unteren engeren; am Boden der ersteren
treiben etliche Ochsen jene Räder, welche das Schöpfwerk in Bewegung
setzen.
Aber ich habe unter den Merkwürdigkeiten, welche die Citadelle
umfasset, vor allem noch eine zu erwähnen: das ist der Mann der sie
und von ihr hinab eine Weite der Länder beherrscht: der Vicekönig
~Mehemed Ali~. Ich erzähle Dir zuerst von der Antritts-Audienz
die ich bei ihm hatte, und nehme Dich dann im Geist zu einem andren
Besuche des Residenzpallastes mit, bei welchem wir, am Bairamfeste, den
Herrscher von aller Pracht seines Hofstaates umgeben finden.
Schon am dritten Tage nach meiner Ankunft in Kairo, am 6ten Januar,
wurde ich zur Audienz bei dem Vicekönige gerufen, dem ich namentlich
durch das k. k. Oesterreichische Consulat sehr gütig empfohlen war. Es
war damals noch Ramadan; die Stunde ward auf Abends acht Uhr angesagt.
In Begleitung des Mannes der sich mir hier in Kairo auf jedem meiner
Schritte als ein treuer Freund und einsichtsvoller Führer bewährt hat:
des österreichischen Herrn Consuls Champion und meines theuren Lieder
ritt ich durch die große Stadt, die ich damals noch nie bei Nacht
gesehen hatte; mit uns war zum Schutz und Trutz des kleinen Zuges ein
stattlicher Janitschar, während mehrere Diener mit ihren Leuchten
nebenher giengen. Wie ganz verschieden ist der Anblick der Aegyptischen
Hauptstadt von dem jeder eben so großen Stadt in Europa zur Zeit der
Nacht. Es war doch jetzt Ramadan; jener Monat des Jahres in welcher der
Moslim, wie ich Dir schon erzählte, die Nacht zum Tage macht; die Zeit
seines Faschings. Wie lebhaft ist es bei solcher Gelegenheit, Abends um
acht Uhr auf unsern Münchner Straßen und anderwärts in den europäischen
Städten. Hier aber hatte sich die Menge des Volkes fast ganz verlaufen;
es war so still wie bei uns kurz vor Mitternacht; außer den Leuchten
auf den Madnehs und dem Lampenlicht das aus einigen Moscheen und
Brunnenhäußern hervorschimmerte, erhellte kein Licht die dunklen
Straßen; nur in den Buden und Läden der Kaffeeschenken und Köche war
noch Leben; alle andre Läden und Häußer waren geschlossen; auf den
stillen Straßen begegneten uns nur sehr wenige, mit Laternen versehene
Menschen. Diese nächtliche Stille, welche dem Europäer in den meisten
morgenländischen Städten anfangs so auffällt, ist theils eine Folge des
Naturells der Morgenländer, welche die Nacht gern unter dem Obdach der
Häußer und Mauernwände zubringen, theils aber der polizeilichen Zucht
und Strenge. Anderthalb Stunden nach Sonnenuntergang darf sich, außer
den Blinden, niemand ohne Laterne auf den Straßen blicken lassen; ein
Polizeiofficiant (der Zabit), begleitet von mehreren Soldaten macht
mehrmalen die Runde durch die Gassen seines Stadtviertels; einer seiner
Begleiter trägt ein Bündel von brennbarem Gestrüpp, das in seiner Mitte
glimmt und durch eine Schwenkung leicht zur hellen Flamme entzündet
werden kann; sobald dem Zabit irgend ein verdächtiger Gegenstand
aufstößt, läßt er diese Leuchte entflammen, obgleich nur selten auf
diese Weise Diebe, auf deren Entdeckung die Runde vorzüglich ausgeht,
ertappt werden, weil diese, im eigentlichen Sinne des Wortes, die Lunte
von weitem riechen. Selbst in das Innre der Kaffeehäuser erstreckt
sich die nächtliche Aufsicht des Zabit, der sich hierbei öfters der
begnadigten Diebe zu seinen Kundschaftern und Aufpassern bedient. Da
bei solchen Gelegenheiten vor allem das ärmer gekleidete Volk, welches
vielleicht nicht einmal mit einer Papierlaterne sich versehen kann, den
leicht zu erregenden Verdacht des Zabits auf sich ziehen kann, bleibt
dieses, bald nach Sonnenuntergang, lieber in seiner Hütte, oder sucht
sich sein Lager in irgend einem Hofraum der Karawanen.
Wir kamen jetzt in die Nähe der Residenz. Hier wurde es heller;
einzelne Pechpfannen und Laternen erhelleten den Weg hinan zum
Schloßhofe und das Innre seiner Thore. Noch heller waren alle Eingänge
und Treppen zum Pallast des Viceköniges, so wie die Säle des Pallastes
beleuchtet. Da wir unten in diesen hineintraten und die breite,
steinerne Treppe hinanstiegen, tönte uns ein von ferne lieblich
lautender Gesang von Männerstimmen entgegen; ich glaubte es sey Conzert
im Schlosse, es war aber der Gesang der Leibwache den diese beim Gebet
des Eschi, oder der völlig eingetretenen Finsterniß anstimmte.
Ich hatte zu meiner heutigen Audienz einen ganz besonders merkwürdigen
Tag getroffen. Die ganze hohe, islamitische Geistlichkeit von Kairo,
Muftis und Ulemas, so wie andre Vorstände der einzelnen Sekten und
geistlichen Orden saßen in einem der großen Vorsäle auf Polstern
versammelt, um dem Vizekönige ihre Ramadansvisite zu machen; in
dem Saale wandelten vornehme Araber und Türken zum Theil vermischt
mit orientalisch gekleideten Franken durcheinander; denn es waren
Abgeordnete aus Mekka da, die sich durch die gelbe Farbe ihrer
Kleidung, durch den großbauschigen Turban, und, wie mein Freund
bemerkte, durch den grimmig verächtlichen Blick auszeichneten, den
sie im Vorübergehen auf uns fränkisch gekleidete Christen fallen
ließen. Es war aber überdieß heute ein Botschafter des Großsultans
aus Konstantinopel angelangt; dieser hatte eben eine geheime Audienz
bei Mehemed Ali, bei welcher nicht einmal der gewöhnliche Dolmetscher
desselben, der Artin Bey zugegen war.
Wir durften nicht lange im Vorsaal stehen; ein vornehmer Diener der
den Oesterreichischen Konsul kannte, führte uns hinein in das Zimmer
des Artin Bey, der uns freundlich empfieng, zum Niedersitzen auf die
Polster nöthigte und mit Kaffee und Tabak bewirthete. Wir fanden hier
den Leibarzt des Vizeköniges: den um die Bildungsanstalten so wie um
das Medicinalwesen des Landes hochverdienten Clot Bey. Nach etwa einer
Stunde wurde der Artin Bey abgerufen; auch wir traten wieder hinaus in
das für mich sehr unterhaltende, bunte Gedränge der Vorsäle. Die lange,
geheime Audienz war endlich geschlossen; der Türkische Botschafter,
empfangen von dem Geleite hoher Offiziere und seines eignen Gefolges
trat heraus. Jetzt begrüßte der Leibarzt auf einige Minuten seinen
Herrn, dann erhielten die Abgeordneten von Mekka einen kurzen Zutritt,
dann einen noch kürzeren die hohe Geistlichkeit der Stadt, welche unter
vielfachen Ceremonien und wie mir schien in strengster Rangordnung ein
und austrat und beim Fortgehen sehr ehrfurchtsvoll von der Dienerschaft
und den Soldaten begrüßt wurde. Jetzt kam denn auch, nach einer
kleinen Pause die Reihe an uns; der Artin Bey führte uns hinein in
den Audienzsaal, zum Vicekönig. Dieser saß rechts, in einer Ecke des
Saales, auf dem prächtigen Divan; neben ihm, in derselben Ecke, doch
auf dem Divan der andern, nicht derselben Wandseite wurde mir der
Ehrensitz angewiesen. Mein Freund Champion hatte mich von den einfachen
Gebräuchen der Begrüßung unterrichtet; sobald ich mich gesetzt hatte,
bezeugte ich mit Auflegung der rechten Hand auf die Brust dem gnädigen
Herrn meine schweigende Ehrfurcht und wartete nun auf das, was er
durch den vor uns stehenden Artin Bey zu mir sagen würde. Den schönen
morgenländischen Gruß des Viceköniges, »Preis sey Gott« (el hham du
lillah) »für deine glückliche Ankunft bei uns,« übersetzte der Artin
Bey auf Französisch »Seine Kön. Hoheit freuen sich über Ihre glückliche
Ankunft in Kairo,« und so stachen auch die Türkischen Ausdrücke des
Vizeköniges im übrigen Verlauf des Gespräches wie mir dieß später mein
sprachkundiger Freund Lieder weiter auseinandersetzte, sehr gegen die
Worte der französischen Uebersetzung ab. Ehe ich jedoch in meinem
Bericht über den Inhalt des Gespräches fortfahre, muß ich Dir doch den
äußren Eindruck beschreiben, den der Mann welcher jetzt mit mir sprach,
auf mich machte und auch die Art der Bewirthung, die mir und meinen
beiden neben mir sitzenden Begleitern während des Sprechens widerfuhr.
Mehemed Ali ist ein wohlgebildeter, kräftiger Greis, mit durchdringend
blickenden Augen. In seinen Mienen spricht sich das Gefühl, nicht
allein der äußren Macht aus die ihm verliehen ist, sondern auch jener
inneren, welche das Talent und der feste, entschiedene Wille dem einen
Menschen über viele andre giebt. Ich dachte bei dem Anblick des Mannes
an Vieles das ich von ihm gelesen und gehört hatte; es war mir als
sagten seine Mienen: ihr beachtet den eisernen Pflug der die Furchen
durchschneidet, nicht aber die Hand, die auf dem Pfluge ruhet.
Wir hatten uns kaum gesetzt, da bot uns ein Page auf prachtvollem
Präsentirteller ein Glas frisches Wasser und allerhand eingemachte
Früchte an; ein andrer reichte die lange Pfeife, auf deren Tabak schon
die glühende Kohle lag, doch ruhte der Kopf derselben, um die kostbaren
Teppiche des Fußbodens zu schonen in einem eignen Untersatz. An der
Pfeife, welche ich erhielt, war das große, bernsteinene Mundstück
so reich mit Demanten, das Rohr mit anderem Schmuck verziert, daß,
wie mir Herr Champion auf dem Heimwege sagte, ihr Werth zu 8000
Dollars (Speziesthalern) anzuschlagen war, und Mehemed Ali habe noch
wertvollere Pfeifen. Gleich nachdem wir die Pfeife empfangen bot uns
ein dritter Page den Kaffee an. Sobald man eine dieser Gaben genossen
hat wendet man sich gegen den Wirth und bezeugt seinen Dank durch
Auflegen der rechten Hand, zuerst an den Mund, dann an die Stirne; dieß
thaten wir auch hier bei unsrem hohen Wirthe.
Während uns denn die eben beschriebenen Höflichkeiten widerfuhren
entwickelte sich die ziemlich lange Unterhaltung. Zuerst sprach der
Aegyptische Herrscher auf sehr rühmliche Weise von unserm König
Ludwig von Bayern. Da er sich beständig den Inhalt der europäischen
Zeitungen mittheilen läßt und in seinem glücklichen Gedächtniß viel
von diesem Inhalt behält, wußte er ziemlich gut Bescheid über das
was bei uns geschahe; er wußte, daß wir in Bayern eine Eisenbahn
haben (die er sich freilich viel weiter ausgedehnt zu denken schien
als sie damals wirklich war) und daß man an einem Verbindungskanal
zwischen zwei großen Flüssen (Donau und Rhein) arbeite, und erzählte
mir bei dieser Gelegenheit, daß auch er damit umgehe eine Eisenbahn
und einen großen Kanalbau zu begründen. Auch daß wir bei uns sehr
schöne neue Gebäude haben, wußte er und fragte mich, ob ich schon
die Arbeiten an der neuen Moschee gesehen habe, welche er nahe bei
seinem Pallaste anlegen lasse, eine Frage, die ich damals noch nicht
bejahen konnte. Er fragte mich nach dem Alter unsres Königes und da
er hörte, daß dieses noch ein so wenig vorgerücktes sey und wußte,
daß Seine Majestät erst ein Jahr vorher Griechenland und Kleinasien
besucht hätte, äußerte er den Wunsch den Monarchen einmal in Kairo
zu sehen, das noch schöner sey als Smyrna. Auch über König Otto von
Griechenland fragte und sprach er Vieles; schien von den dortigen
politischen Verhältnissen gut unterrichtet und äußerte sich mit
Theilnahme. Darauf wendete sich das Gespräch auf meine Hieherreise und
zu der Einrichtung der Dampfschifffahrt auf der Donau. Was die Zahl der
dort im Gange begriffenen Dampfschiffe, und den Verkehr derselben mit
beiden Ufern betraf, so wußte er darüber, wie mir aus seinen Fragen
schien, fast besser Bescheid als ich selber. Zuletzt gab es denn
auch noch Gelegenheit auf mich selber, auf meine wissenschaftliche
Beschäftigung und den Zweck meiner Reise zu sprechen zu kommen und die
Bitte anzubringen, Seine Königliche Hoheit möchten mir zu der Reise
durch die Wüste und durch Syrien die nöthigen Empfehlungen, vor allem
einen kräftigen Firman zukommen lassen. Zu dem ersteren schwieg seine
Hoheit, doch gab mir bald nachher das Geschenk eines lebenden Löwen und
eines lebenden Caracals, das ich von ihm erhielt, die Ueberzeugung,
daß er das was ich sagte beachtet hatte; zu der Bitte um seinen Schutz
nickte er bejahend. Der gefällige Herr hatte jetzt weder noch etwas
Weiteres zu fragen noch zu sagen; wir dankten für die empfangene Gnade,
bezeugten mit schweigendem Gruße unsre Ehrfurcht, stunden auf und
entfernten uns. Freund Champion sagte mir später, daß der Vizekönig,
als er in so langes Gespäch mit einem deutschen Professor sich einließ,
für diesen ganzen Tag (denn er hält die Gebräuche des Ramadans ziemlich
streng) noch gar nicht gegessen und wenigstens schon seit vier Stunden,
zuerst seinen Ministern, dann den fremden Abgeordneten Audienz gegeben
hatte; und dennoch war weder seinen Mienen noch seinen Gesprächen eine
Ermüdung anzumerken.
Zehn Uhr war längst vorbei, als wir aus dem Palast hinaustraten und
unsre Thiere bestiegen und dennoch schlug Herr von Champion es vor,
wir sollten jetzt auch noch den ersten Minister, den Habib Effendi
besuchen. Als wir in den Pallast dieses vielbeschäftigten Mannes
eintraten, konnten wir freilich aus keinem einzigen Anzeigen bemerken,
daß es bereits so spät sey. Da gab es im Vorsaal noch Kläger und
Beklagte und viele Andre, welche bei der obersten Behörde etwas
anzubringen hatten. Wir wurden dennoch -- denn der Oesterreichische
Consul steht hier in großer Achtung -- sogleich eingeführt ins
Audienzzimmer, das voller Leute war, wurden zum Niedersitzen auf dem
Divan genöthigt und mit Tabak und Kaffee bewirthet. Der Minister war
sehr zuvorkommend freundlich; als ihm Herr von Champion sagte, daß
ich das Glück gehabt habe ein Lehrer Sr. Majestät des Königes Otto
von Griechenland zu seyn, sagte er in seiner orientalisch höflichen
Ausdrucksweise: »ich wollte ich wäre noch ein Knäblein um dein Schüler
zu seyn.« Wir brachen, sobald die Schicklichkeit es erlaubte, auf, um
dem viel geplagten Geschäftsmann nicht zu viel Zeit zu nehmen.
Da wir jetzt, vom Hügel der Citadelle hinab, wieder in die Gassen der
Stadt kamen, war es mir, als befände ich mich nicht in einer Wohnstätte
der Lebenden, sondern unter Grabgebäuden der Todten. Kein Lichtlein
zeigte sich auf den Gassen und in den Häußern; die Fußtritte unsrer
Thiere regten aus weiter Ferne den Wiederhall auf; die Thore der
einzelnen Stadtteile waren geschlossen und wurden, ohne daß sich unser
Janitschar sonderlich auf das in meinem vorigen Brief beschriebene
Zeremoniell einließ, eins nach dem andern geöffnet; es fehlte nicht
mehr viel an Mitternacht da ich zu der ängstlich harrenden Hausfrau
zurückkam, welche, Gott weiß welche orientalische Verhängnisse und
Strafen, die in so langer Zeit über ihren Eheherrn ergangen seyn
könnten, gefürchtet hatte.
Versprochenermaßen gebe ich Dir nun auch gleich nach der Beschreibung
der Audienz bei Mehemed Ali die der Hoffeierlichkeiten am Beiramfeste.
Die Mohamedaner haben nicht Sonnenmonate deren Anfang und Ende im
Kalender fest vorausbestimmt steht, wie bei uns, sondern Mondenmonate,
welche dann ihren Anfang nehmen, wenn man am Abend zum ersten Male mit
bloßen Augen wieder die zarte Sichel des Neumondes sieht. Beim Monat
Schowal, welcher auf den Monat Ramadan oder der Fasten folgt, und in
dessen erste Tage die Feier des ersten Freudenfestes fällt, ist dieser
Augenblick von besondrer Wichtigkeit; hier in Kairo reiten dann gleich
am ersten oder doch zweiten Abende nach unserem Kalenderneumond Leute,
die hiezu eigends bestellt sind, hinaus in die Wüste, wo die Luft
durchsichtiger und reiner ist, um sich nach der zarten Mondssichel
umzusehen, und wenn sie diese erblickt haben eilen sie alsbald zur
Stadt zurück, verkünden hier freudig den Anfang des Bairam und der
Donner der Kanonen, herab von den Mauern der Citadelle bringt die Kunde
weiter zu den Ohren aller Bewohner der Stadt und der nächstumliegenden
Landschaft. Wir selber waren auf das platte Dach unsres Wohnhaußes
hinaufgestiegen und betrachteten den klaren, blauen Himmel, da
hörten wir den Donner der Kanonen und das scharfe Auge der Hausfrau
entdeckte den kaum noch erkennbaren am Saume des Horizontes schwebenden
Silberfaden der Mondssichel.
Nun war also am Morgen darauf das Bairamfest; Ibrahim, unser berühmter
Tabakh oder Koch war heute früher aufgestanden als gewöhnlich, denn
er mochte sich doch wohl gedacht haben, daß er, wie jeder arabische
Knecht an diesem Tage ein Geschenk bekäme, und er hatte sich nicht
geirrt; statt der neuen Schuhe, die man gewöhnlich giebt, erhielt er
die ihm noch nothwendigere Gabe eines neuen, rothen Tarbusch (Mütze).
Es ist ein belustigender Anblick, den an diesem Tage ein Ritt oder
Gang durch die Gassen einer morgenländischen Stadt gewährt. Jeder
Moslim wirft sich bald nach Sonnenaufgang in seine besten Kleider,
oder zieht, wenn er es vermag, ganz neue an; und so geht man, wenn man
nicht zur großen Zahl der Ausnahmen gehört, in die Moschee. Wo sich
auf der Straße zwei Freunde und Bekannte begegnen, die wünschen sich
Glück zur überstandnen Fasten und küssen sich dabei; die Frauen wandeln
mit Palmenzweigen in der Hand herum, denn heute beginnt der Zug ihrer
Schaaren nach den Gräbern der Verwandten. Die meisten Kaufläden, mit
Ausnahme derer wo etwas Eßbares feil ist, sind geschlossen, nicht wegen
einer besondern Heiligkeit, sondern wegen der großen Vergnüglichkeit
des Tages, an der ja auch der Kaufmann Theil nehmen will. Es ist als
wollte man jedermänniglich zeigen, wie heute das Essen, nicht bloß
bei dunkler Nacht und im dunklen Winkel des Haußes, sondern auch bei
hellem Tage erlaubt sey, denn wohin man sich wendet da sieht man Leute
welche essen. Vorzüglich wird heute vom Volke im Verzehren der Kakhs
oder honigbestrichnen Kuchen und der Fesikhs oder gesalznen Fische
viel geleistet; die letzteren genießt man deshalb, damit man den
ganzen Tag durch die That es zeigen könne, daß das Trinken vom Aufgang
der Sonne bis zu ihrem Niedergang und auch nachher noch erlaubt sey,
und damit man die umsonst, auf Kosten der Frommen gespendete Gabe des
meist versüßten Wassers, welches die Hhemalis heute in allen Straßen
unter dem Gesang eines Paradiesesliedes darreichen (nach S. 20) in
recht reichlichem Maaße zu sich nehmen möge. Damit auch der heute
häufig von den Lebenden besuchte Weg nach dem Grabe, der ohnehin,
nach der »fröhlichen« Moral der Bekenner des Islam unmittelbar zum
Paradiese geht, im rechten Lichte erscheine, findet man gleich außen
vor dem Thore, das zur größesten Begräbnißstätte von Kairo, zu Bab
en Nusr führt, so wie vor andern Begräbnißstätten Schaukeln und
Caroussels angebracht; Zelte in und vor welchen Tänzer, Musikanten und
Romanzenerzähler ihre Künste zeigen, stehen allenthalben; die Frauen,
die mit ihren Kindern die Gräber besuchen, haben sich mit einer Fülle
der Kakhs und der Schureikhs (einer Art von Fladen) versorgt, und
wer noch keine hat der kann sie bei den Verkäufern überall zwischen
den Gräbern haben, denn man baut sich da, wo keine Gebäude über den
Familienbegräbnissen angebracht sind, Zelte, in denen manche Frauen --
doch nicht gerade jene, welche in strengster Aufsicht stehen, oder
welche sich ihren Ruf unbescholten erhalten möchten -- sogar die Nacht
hindurch verweilen.
Den ersten Tag des Bairamfestes benutzten wir zu einem Ausritt nach
Heliopolis; den zweiten Feiertag aber, der wie auch bei manchen
Christenfesten der ansehnlichste ist, brachten wir mit dem Beschauen
der heute stattfindenden Hoffeierlichkeiten und dem Besuche der
Gräberstadt der Mameluckenkönige, so wie des angrenzenden Mokkatam zu.
Mein Eselein, das ich heute ritt, war gar zu demüthig; es blieb immer
weit hinter dem schönen Rosse des Herrn von Champion zurück, so daß
dieser liebe Freund oft lang auf mich warten mußte, und wenn es dann
seinen edleren Vorläufer eingeholt hatte, da stieß es, denn lenken kann
man es nicht, weil es eben nicht Zaum und Gebiß, sondern statt dessen
nur seinen Seis oder Eseltreiber hat, bald rechts bald links, mit mir,
seinem Reiter, so an die Füße des Freundes an, daß ich mich freute, daß
endlich der Hinaufweg zur Citadelle erreicht war. Hier gab es viel zu
sehen. Das Militär und die Schaaren aller hohen und niederen Beamteten
zogen hinauf zur großen Parade im Schloßhofe; wir mußten mehr denn
einmal zur Seite reiten und stillhalten, wenn ein wohlberittener Zug
nach dem andern in die Engpässe eintrat. Unser liebevoll vorsorgender
Freund hatte für uns in einem Nebengebäude, das an den Haupthof des
Pallastes stößt, ein Zimmer ausersehen, aus dessen offnen Fenstern
wir den ganzen Aufzug des Militärs und der Staatsdiener, denen sich
auch die Consuln und Abgeordneten der fremden Mächte beigesellten,
zuschauen konnten. Was das hiesige Militär betrifft, so schien es
mir immer, als wenn es an Taktik jenem des Großherrn weit überlegen
sey; das Auge wird durch die wahrhaft folgerechten und wohlgeordneten
Bewegungen vergnügt, wenn auch das Ohr, beim Hören der Musik nur von
sehr gemischtem Gefühle ergriffen wird. Denn die europäischen Märsche
und Ouvertüren, die man sich angelegentlich bemüht hat den Aegyptern
einzustudieren, wollen dem Gehörsinn wie den Händen dieses Volkes
schwer eingehen. Es fielen mir dabei mancherlei vergleichende Gedanken
ein. Die fremden Tonweisen, die man da in Aegypten einheimisch machen
will, sind zuletzt doch von verwandter Art und Abstammung mit jenen,
in denen in den Ländern der Christenheit auch die Hymnen im höheren
Chore ertönen. Wenn der ungeschickte oder unglückliche Instruktor, der
mit Gewalt ein europäisches Orchester hervorzüchtigen will, indem er,
ohne an die künftigen Folgen zu denken, dem Gebot eines Mächtigeren
folgt, nur erst, im unvollkommneren Nachhall die Ohren und Hände zur
Folgsamkeit gegen den neuen Rythmus gewonnen, sollte er damit nicht
die Ohren des musicirenden Volkes auch für das Eingehen andrer geistig
bedeutungsvollerer Weisen desselben Rhythmus geöffnet oder vorbereitet
haben? Du verstehest wohl was der rohe Vergleich andeuten sollte.
Mitten in den Mißtönen und Klaglauten, welche aus dem jetzigen Aegypten
vernommen werden, bemerkt ein aufmerksamer Sinn die freilich noch sehr
stümperhaften Studien zu der volltönigen Ausführung eines Liedes, das
von den Hoffnungen einer neuen, besseren Zeit singt.
Die Feierlichkeiten, welche nach der Parade in der Residenz statt
fanden; wie da die Abgeordneten der fremden Mächte und mit ihnen manche
Andre schon beim Vizekönige eingeführte Fremde, wie die Staatsdiener
und Ulemas, die Offiziere des Militärs und Vorstände der Bürgerschaft
dem Vizekönig ihren Glückwunsch brachten, dieß alles kann Dich nicht
sonderlich interessiren; ich führe Dich lieber ein wenig zuerst in das
muntre Treiben und Vergnügen des Volkes auf und bei dem freien Platze
der an dem Fuße des Kastellberges gränzt, dann bei der Stätte der
Gräber.
Fast in derselben Zeit, in welcher oben auf dem Schloßplatze das
Militär seine Parade macht, üben sich hier unten einige Fellahs oder
Beduinen, auf schnellen und gewandten, doch sehr abgemagerten Rossen
sitzend, im Werfen der Dscherids oder Wurfspieße, die sie auf einander
schießen und durch schnelle Wendung des Leibes auspariren. Zuweilen
wird dieses Spiel gefährlich und wenn bei manchen Festen die Fellahs
verschiedner Dörfer so mit einander kämpfen und ohne Absicht ein
Wurf tödtlich wird, entzündet sich (wenigstens geschah dies früher)
nicht selten aus dem scherzhaften Anfange eine ernste Blutrache[18].
Minder gefährlich erscheint dann immer noch das Fechten mit Nebbuts,
obgleich dieß auch dicke, schwere Stangen sind, die den Kopf und die
Glieder hart treffen mögen; noch minder die Uebungen der Musarin oder
Fechter. Die einst so berühmten Künste der Aegyptischen Tänzerinnen
oder Ghazijehs, Künste, die, wie uns Abbildungen in den alten Gräbern
lehren, schon zu den Zeiten der Pharaonen geübt wurden, habe ich nicht
gesehen, denn seit dem strengen Verbot von 1834 dürfen diese Frauen des
Ghawizihstammes, der seinen angeblichen Ursprung von den berühmten,
reizvollen Baramikehs am Hofe des großen Harun al Raschid herleitet,
das Auge nicht mehr durch ihren öffentlichen Auftritt beleidigen. Die
männlichen Balletkünstler oder Khowals tragen, als ob sie fühlten wie
sehr sie ihrer Kunst sich zu schämen haben, Schleier.
Da man heute, am Bairamfeste, ohnehin alle Künste und Vergnügungsarten
der jetzigen Aegypter beisammen sehen kann, berichte ich Dir gleich
noch etwas von den Musikern, Romanzenerzählern und Gauklern. Die Musik
der hiesigen Araber soll viele Tonweisen umfassen, welche namentlich
den spanischen Volksliedern ähnlich lauten. Die einzelnen Töne sind
nicht nur wie bei uns in halbe, sondern in Drittelstöne getheilt, so
daß der Gesang sehr sanfter, zarter Uebergänge fähig wird. Die meisten
Melodieen lauten wie Klagen, obgleich der Inhalt oft ein scherzhafter,
fröhlicher ist. So bittet in dem einen Volksliede ein Liebender die
Taube, sie möge ihm doch ihre Schwingen leihen. Die Taube sagt sie
brauche sie heute selber. Nun dann, sagt der Liebende, leihe sie mir
morgen, denn sieh', ich will sie nur auf einen einzigen Tag haben um
meine Geliebte zu sehen; der eine Tag genügt um mich für ein ganzes
Jahr mit einer fortwährenden Kraft und Gluth der Liebe zu füllen. --
Uebrigens finden sich fast in allen solchen Liedern, auch wenn der
Inhalt ein sehr weltlicher ist, fromm scheinende Stellen, die vom Lobe
Gottes und des Propheten handeln, eingewebt; ein Gewebe des Frivolen
und scheinbar Heiligen, welches wenig oder keinen innren Zusammenhalt
hat. Der Alatih oder Sänger pflegt die Töne seines Liedes gewöhnlich
mit dem Spiel der Kemengeh, einer zweisaitigen Violine, welche so
lang ist wie ein Stock und nach unten einen beckenartigen Klangkörper
hat, oder der Rabab mit vierecktem Klangkörper, zu begleiten, oder er
bedient sich dabei des Kanun, einer Art von Hackebretes oder des Uhd,
welches unsrer Guitarre gleicht.
Hier auf dem Rumeyleh-Platze habe ich auch die Bekanntschaft
eines jener Psyllen oder Schlangenbeschwörer gemacht, welche seit
uralter Zeit in Aegypten ihr Wesen treiben. Der Mann gehört zu den
Sadiyeh-Derwischen, welche, sammt den Rifajehs in die Häußer gerufen
werden, sobald man Verdacht hat, daß eine giftige Schlange in diesen
versteckt sey. Unter allerhand Beschwörungen, wobei sie auf die Macht
des »größesten Namen« sich berufen und unter Locktönen, die dem
Glucksen der Bruthühner ähnlich lauten, gelingt es ihnen wirklich
die Schlangen aus ihren Schlupfwinkeln hervorzurufen; selbst wenn
sie im Getäfel der Decke oder hoch im Mauergesims verborgen waren,
fallen sie plötzlich herab auf den Boden; der angebliche Beschwörer,
seine Kunst mag nun bestehen worinnen sie wolle, ergreift sie dann so
geschickt, daß er von keiner verletzt wird, obgleich sie, wie wir uns
selber überzeugt haben, noch in vollem Besitz ihrer Giftzähne sind.
Unser Derwisch besucht uns fast täglich; bringt uns giftige Schlangen,
Skorpionen und andre dergleichen Raritäten ins Haus; unsre Sammlung hat
auf diese Art schon manche Bereicherung durch ihn erhalten.
Während ich damals (es war nicht in der Zeit des Bairamfestes, sondern
etwas später) eigentlich ausgegangen war um einen Schlangenfänger zu
finden, gab ich selbst Gelegenheit zu einem Fange andrer Art. Ich
fand da einen Volkshaufen um einige Mohhabbazin oder Possenspieler
versammlet, deren Vorstellungen für die Kahiriner die Stelle unsrer
Volkstheater vertreten. Die kleine Truppe bestund nur aus einem Manne
und etlichen Knaben, davon der eine, verkleidete, die Rolle eines bösen
Weibes spielte die mit allem unzufrieden, was ihr der Mann brachte, und
im Bunde mit ihren Kindern, den Hausherrn mishandelte. Diese verkehrte
Welt, wobei die Frau und die Kinder den Herrn über den Mann und Vater
spielten, kam dem zuschauenden Volke über alle Maßen belustigend vor,
während ich aber selber stund und schaute, hatte mir einer meine
Rocktasche ausgeleert, welche zum Glück keine Dinge von gar hohem
Werthe enthielt.
Die hiesigen Taschenspieler oder Hhöwah haben es freilich in der
Meisterschaft ihrer Kunst weiter gebracht als die unsrigen. Man
begreift nicht, wie der Mann, den man an allen Gliedern fest gebunden
in einen engen Sack steckte, in diesem Künste treiben könne, welche den
freiesten Gebrauch der Glieder fordern; wie er die Hände, zum Empfang
der Gaben hervorzustrecken vermöge und einige Augenblicke hernach
dennoch, fest gebunden wie vorher aus dem Sacke gezogen werden kann;
auch sind die Verwandlungen, die beim Blasen eines Tritonshornes mit
den in einer Büchse verwahrten Gegenständen vorgehen, noch ungleich
riesenhafter, als bei unsern Gauklern, obwohl nicht zu verkennen
ist, daß alle diese Tausendkünste in den verschiedensten Ländern von
einerlei Abstammung sind. Ich halte die Länder am Nil und Ganges für
die rechte und ursprüngliche Heimath aller solcher Täuschereien.
Mitten unter den Musikanten, Klopffechtern, Taschenspielern,
Schlangenbeschwörern und Magiern, welche geschriebene Talismane gegen
Krankheiten und Stürme auf dem Meer so wie in der Wüste verkaufen,
schleicht sich still und behend, jeden Vorübergehenden schlau
betrachtend, das Volk der Zigeuner oder Ghujar's herum. Ihrer sind
nur noch Wenige hier in dem Lande, das von Einigen für ihr Vaterland
gehalten wird; sie sind, obgleich für Jeden, der schon öfter Zigeuner
gesehen hat, leicht erkennbar, dennoch hübscher gestaltet als man
sie in unsrer Heimath sieht, rühmen sich aber auch, gleich den
Tänzerinnen ihrer Abkunft von den reizend schönen Baramikehs aus
den Zeiten des Harun al Raschid. Die Männer treiben einen kleinen
Handel, besonders mit berauschenden und aufregenden Sachen, auch mit
wirklichen oder nachgemachten Alterthümern der Gräber, geschliffenen
Carneolen und Ringen, oder sie treiben auch das Handwerk wandernder
Schmiede und Kesselflicker; die unverschleierten Frauen wahrsagen aus
der Hand, vorzüglich aber, wie unsre sogenannten Kaffeegießerinnen
und Kartenschlägerinnen aus einer Anzahl von Schaalen. Ihren
Wahrsageapparat tragen sie gewöhnlich in einem Gazellenfell bei sich.
Hunde, wie allerhand andre zu Künsten abgerichtete Thiere sieht man
bei uns öfter; in Aegypten hat man aber auch gelehrte Kälber, die
vor dem Volk allerhand Künste machen und großen Verstand zeigen. Die
Hochschule, wo diese gelehrten Kälber gebildet werden, ist beim Grabe
eines Heiligen, welcher Meister David der Junggeselle (Sih Daud el
Azab) genannt wird.
Am meisten Vergnügen unter allem was es in der letzten Zeit, wo es
wegen des Bairams und wegen der Mekkapilgrime besonders lebhaft
war, zu sehen und zu hören gab, würden Dir freilich die hiesigen
Romanzenerzähler gemacht haben, wenn Dir ein sprach- und landeskundiger
Freund den Inhalt ihrer Erzählungen übersetzt hätte. Du solltest
nur sehen, mit welcher gespannten Aufmerksamkeit und Theilnahme die
hiesigen so wie fremden Araber diesen Meistern der Erzählungskunst,
denn das scheinen sie mir wirklich zu seyn, zuhören; wie ihnen, beim
Hinhorchen selbst die Pfeife ausgeht oder die Hand, wie erstarrt auf
ihrem Wege mit der Kaffeetasse nach dem Munde still stehen bleibt.
Der Schaër oder Dichter sitzt gewöhnlich etwas erhöht auf einem aus
Palmenzweigen geflochtenen Schemel auf einem Mustubah (steinernen Bank)
entweder in oder auch außen vor dem Kaffeehaus, wo dann am Abend, wenn
die Passage minder lebhaft wurde, sein versammeltes Auditorium sich
bis auf die Mustubahs der gegenüberstehenden Häußer ausdehnt. Er hat
eine stockartig gestaltete, zweisaitige Violine in der Hand, denn er
trägt seine Erzählungen nicht bloß in Prosa und im sprechenden Tone,
sondern wenigstens zum Theile in Reimen und singend vor. Der Stoff der
Geschichtlein ist theils der bekannte aus »tausend und eine Nacht,«
theils gleicht derselbe den romantischen Dichtungen unsers alten,
deutschen Heldenbuches und dem Sagenkreis aus Karls des Großen Zeiten.
Die Erzählungen aus tausend und eine Nacht (Elf Leyleh we Leyleh), so
wie die von den Thaten Antars haben vielleicht durch ihr höheres Alter,
so wie durch ihre Sprache einen Vorrang vor den jüngeren, doch fehlt
es auch diesen nicht an Anmuth des Inhaltes und Ausdruckes. Namentlich
gilt dieß von der Geschichte des Emir Gundubah, der in den Zeiten der
Omejaden der waffenkundigste Held unter den Stämmen der Hedschas war.
Seine Mutter, Rabab, aus einem edlen Stamme der Beduinen entsprossen,
hatte der tapfere Herrscher der Beni Kilab: Emir el Hharis, dessen
Hand gegen Jedermann, so wie Jedermanns Hand gegen ihn war, im Krieg
erbeutet und zur Gemahlin genommen; noch als Mutter in Hoffnung wird
sie durch einen Traum erschreckt, welcher auf ihr eignes unglückliches
Schicksal bei der Geburt und auf die künftige Heldenmacht des Kindes
hindeutet. Jener Magier, der den Traum deutete, giebt ihr ein Amulet,
das soll sie dem Neugebornen an seinen Arm binden. El Hharis stirbt
noch vor der Geburt seines Sohnes; die Stämme, welche sein Schwert oft
gedemüthigt und beraubt zugleich aber in Furcht gehalten hatte, rüsten
sich um Rache an dem Blut ihres Feindes zu nehmen; Rabab entflieht,
mit einem schwarzen Sklaven der ihrem Gemahl gehört hatte, um zu ihrem
elterlichen Stamm zurückzukehren. In der Nähe des Zeltendorfes des
Emir Darim, des mächtigsten und erbittertsten Feindes des verstorbenen
El Hharis, wird sie von dem Sklaven absichtlich irre geführt; dieser
entdeckt ihr seine verbrecherische Liebe, welche die edle Rabab mit
Zorn und Abscheu von sich weiset, während die Folgen des Schreckens
ihre Niederkunft beschleunigen. Sie gebiehrt einen Sohn, wickelt ihn in
ein Tuch, bindet den Talisman an seinen Arm, legt ihn an ihre Brust,
da zieht der rachsüchtige Sklave sein Schwert, schlägt ihr den Kopf ab
und entflieht. Als die Sonne aufgeht versammelt sich eine Wolke von
Gundabheuschrecken über dem Leichnam der Mutter und über dem Kinde um
beide zu beschatten; Emir Darim der zur Jagd gehen will, sieht den
enthaupteten Körper, der von wunderbarer Kraft gehalten noch aufrecht
sitzt, noch immer das saugende Kind an seiner Brust hält; sieht das
Dach der Heuschrecken und erkennt die höhere, bewahrende Fügung die
über dem, zu großen Dingen bestimmten Neugebornen waltet. Er bringt das
Kind seiner Gemahlin ins Zelt, der kurz vorher ein neugebornes Kind
gestorben war; sie säugt und erzieht den Knaben wie einen eignen Sohn.
Niemand erräth von welcher Abkunft das Wunderkind sey, das von der
Heuschreckenwolke den Namen Gundubah empfängt; der Talisman an seinem
Arme hätte Auskunft geben können, aber diesen darf Keiner ohne den
Willen dessen lesen, der ihn trägt. Als Gundubah zum Jünglingsalter
kommt macht er sich bald durch Heldenkraft und Tapferkeit berühmt. Sein
Pflegevater mit seinen Söhnen und den tapfersten seiner Krieger, war
in Gefangenschaft der grauen Riesin gerathen, die mit eiserner Kraft
auch die stärksten Helden bezwang; die Gefangenen seufzten hoffnungslos
im Kerker zu El Schumta; Gundubah erschlägt die Riesin und befreit
Darim mit den Seinen. Aber das Lied von Gundubahs Heldenruhme, das
jetzt aus allen Zelten und von allen Lippen der Jungfrauen und Frauen
ertönte, regt in Darims und seiner Söhne Brust die neidische Eifersucht
auf; Darim heißt den Fündling von seinem Zeltendorfe sich entfernen.
Gundubah, da seine sanften und bescheidnen Gegenvorstellungen
unbeachtet bleiben, willigt in die Trennung ein; vorher will nur noch
der Pflegevater den Talisman lesen. Gundubah erlaubt es ihm und nun
sieht erst Darim, daß er bisher den Sohn seines alten Todfeindes, des
El Hharis bei sich erzogen habe. Da erwacht in ihrer ganzen Gewalt
die Blutrache; mit lautem Geschrei ruft er die Seinen, damit sie den
Sohn Dessen tödteten, der so Viele ihrer Väter und Brüder erschlug.
Gundubah, der Einzelne, fordert nach altem Recht der Kämpfer, daß
Einzelne, nicht Alle zugleich sich mit ihm messen möchten. Emir Darim
sprengt zuerst heran; Gundubah versucht Alles um den Kampf mit dem
Pflegevater zu vermeiden, dieser aber stürzt sich in blinder Wuth
selber Gundubahs Speer entgegen und fällt vom Eisen durchbohrt. Hierauf
dringt der ganze Haufe der Krieger auf den Helden ein; einige von
Darims Söhnen fallen; die andern entfliehen zum Zelte ihrer Mutter,
welche klagend und bittend hervortritt und den Pflegesohn ermahnt
seinem Zorn gegen die Kinder der Mutter die ihn wie einen eignen
Sohn liebte, Einhalt zu gebieten. Gundubah, nachdem er kindlich der
Mutter für ihre Treue gedankt hat, nimmt Abschied und reitet nach
dem Schlosse der von ihm erschlagenen Riesin, dessen Mannschaft sich
ihm als ihrem Herrn unterworfen hatte. Er wählt sich einen Theil der
Männer zur Begleitung auf seinen Ausgang nach Abentheuern und nach
Thaten des Krieges; nur zu bald bemerkt er aber, daß diese Gesellen mit
heimlichem Verrath gegen ihn umgehen; er erschlägt sie alle und setzt
seinen Zug allein fort. Da begegnet er, im palmenreichen Thale der
noch nie besiegten Heldenjungfrau Ckattelet esch Schugan (Vertilgerin
der Helden) der Tochter des El Melik Ckabus. Diese, da sie an der Art
seines Reitens schon von fern erkannte, daß er ein starker Krieger
sey, war ihm entgegengeritten um, wenn er nicht stärker wäre als sie,
ihren Speer mit seinem Blute zu röthen. Vor dem Kampfe begrüßt er sie
wie Helden pflegen, mit dem Gruß des Friedens, und ermahnt auch den
vermeintlichen Gegner dasselbe zu thun; dieser aber, damit die Stimme
das Geschlecht nicht verrathe, nimmt schweigend seinen Anlauf. Die
Speere sind schon zerbrochen, die Schwerter zerhauen, da wirft mit
überlegner Ringerkraft Gundubah den Gegner zum Boden, und will eben mit
dem Dolch den Kampf enden, als die Heldin sich ihm zu erkennen giebt.
Er allein unter Allen die um ihre Hand warben und von ihr besiegt und
getödtet wurden ist ihrer Verbindung werth; sie wird seine Braut; er
nimmt die Bewirthung bei ihren Zelten, unter den Kriegern ihres Vaters
an, welche mit ihr hierher auf Wegelagerung gezogen waren. In der Nacht
beim Feuer, erzählten sich die Kriegsleute ihre Thaten; ein schwarzer
Sklave erzählt, er habe die Gemahlin des großen Emir El Hharis
enthauptet; Gundubah zieht sogleich sein Schwerdt und nimmt Blutrache
an dem Mörder seiner Mutter. Die Andern wollen jetzt ihrerseits an
ihm den Tod ihres Spiesgesellen rächen; von dem Waffenlärme erwacht
die Fürstin Ckattelet, schlichtet vor der Hand den Kampf, indem sie
verspricht am andern Tage Urtheil und Recht zu sprechen, entflieht
aber noch bei Nacht mit Gundubah. Auf seinem weitern Zuge begegnet das
junge Heldenpaar abermals, in einem Feld der Palmen, einem blutigen
Kampfe der Männer; aus dem Schlachtgeschrei der schwächeren, fast schon
unterliegenden Parthei, erkennt Gundubah die Söhne seines Stammes, die
Beni Kilab, die Verwandten seines Blutes, und als nun sein tapfrer Arm
im Bunde mit dem der Heldin die stärkeren Feinde zurückgeschreckt und
geschlagen hat, wird er Emir der Beni Kilab, deren Stamm sich durch
ihn von neuem, und mehr denn jemals zum Range des mächtigsten und
geehrtesten unter allen Stämmen der Hedschas erhebt.
Von nicht minder anziehender Kraft, durch Stoff und Inhalt ist auch die
Romanze von Abu Zeyd oder Barakat, die man öfters in den Kaffeehäusern
oder unter den Zelten von den Romanzendichtern erzählen hört. Wir
haben uns jedoch schon zu lange auf und bei dem Rumeylehplatze
unter dem gauklenden, singenden, zuschauenden und zuhörenden Haufen
herumgetrieben; es ist Zeit, daß wir uns auch an einer andern Stätte
der Bairamsfestlichkeiten umsehen.
Ein Hauptort des Begegnens der festlich, in ihren neuen Kleidern
prangenden Leute, besonders der Frauen, sind heute, wie ich schon
vorhin sagte, die Begräbnißstätten, vor allen die große, nordwärts
von der Stadt, gegen die Gräber der Mameluckenkönige gelegene. Der
heutige Tag ist nicht nur ein Fest der Lebenden, sondern diese wollen
ihn auch für ihre Todten als einen solchen gelten lassen. Darum gehen
fast Alle, mehr jedoch die Frauen als die Männer, mit den Zweigen der
Palmen oder mit Basilikumkraut in der Hand hieher, scheinbar um eine
Klage zu halten; die Klage aber, wenn sie schon eine alte und verjährte
ist, wird gewöhnlich bald zu einer Aeußerung und Genuß der Freude. Es
ist für die Charakteristik des Lebens und religiösen Glaubens eines
Volkes von höchster Wichtigkeit die Form zu betrachten, in welcher den
Vorstellungen der Ueberlebenden der Tod der Ihrigen erscheint, und
die Weise in der sie den Todten die sogenannte letzte Ehre, bei der
Bestattung seines Leibes zur Erde bezeugen, darum beschreibe ich Dir,
zum Schluße meines heutigen Briefes und meiner Erzählungen aus dem
Leben der jetzigen Kahiriner, die Feierlichkeiten der Sterbehäußer und
der Begräbnisse.
Der Tag wo sich Jeder auf den möglichen Fall, daß er in diesem Jahre
sterben werde, vorbereitet ist der vierzehnte des Monates Schaaban.
Denn in der Nacht, welche in die Mitte dieses Monats fällt, nach
Sonnenuntergang, schüttelt der Engel jenen Lotusbaum (Sidr) des
Paradieses, an dem so viel mit Namen beschriebene Blätter stehen als
Menschen auf Erden leben. Die, deren Blatt (das ihren Namen führt)
herunterfällt, müssen ohne Widerruf in diesem Jahre sterben. Die
Gläubigen bringen deshalb diesen Tag im Gebet zu, wenn aber einmal
die Zeit des Schüttelns vorbei ist, warten sie in phlegmatischer Ruhe
den Erfolg ab. Ueberhaupt machen sich die Bekenner des Islam eben
so, wie sie es mit dem Leben gethan haben, auch den Tod so anmuthig
und leicht als möglich. Nach ihrer Vorstellung ist es ohnehin eine
ausgemachte Sache, daß jeder Gläubige, d. h. Mohamedaner, selig werden
kann und zuletzt wohl auch muß, die Ungläubigen aber, Christen, Juden
und Heiden ewig verdammt sind, wenn sie nicht noch zuletzt zum Islam
sich bekehren. Daher würde es auch, nicht bloß nach dem Gebot des
Propheten: die Todten nicht zu klagen, sondern auch nach der Sitte des
Volkes sehr tadelnswürdig erscheinen, wenn ein Mann bei dem Tode der
Seinen der Wehklage sich überließe; in der Geschichte der Sterbe- und
Begräbnißgebräuche haben wir es deshalb vorzüglich nur mit dem Benehmen
und den Handlungen der Frauen, nicht der Männer zu thun.
Sobald der letzte Kampf des leiblichen Lebens mit dem Tode beginnt,
legt man den Sterbenden so, daß sein Angesicht gegen Mekka gewendet
ist. Wenn der Kampf geendet ist drückt man dem Verstorbenen die Augen
zu; die anwesenden Männer rufen den auswendig gelernten Spruch:
Allah; es ist keine Kraft noch Macht außer in Gott; wir gehören Gott
an und zu Ihm müssen wir zurückkehren; Gott habe Erbarmen mit ihm
(dem Verstorbenen). Die Frauen aber erheben das durchdringende, laute
Klaggeschrei (den Welweleh oder Wilwal) untermischt mit Aeußerungen des
Schmerzens wie sie die Natur oder die angelernte Sitte ihnen eingiebt.
Unter den schon oben (S. 16) erwähnten ländlich sittlichen, hört man
auch die rührenden: o Theurer (ja ezzih); o mein Vater (ja abuja).
Sobald der Wilwal vernommen wird kommen auch Nachbarinnen und stimmen
in die laute Klage ein. Hierauf verstummt diese; die Verwandtinnen
des Verstorbenen sitzen mit verhülltem Haupte, schweigend auf dem
Diwan, dessen Polster, eben so wie die Teppiche, zum Zeichen der
Trauer umgekehrt (das unterste zu oberst) worden sind. Nun treten die
Neddabehs oder Klageweiber (deren noch jetzt fortwährendes Geschäft das
ausdrückliche Verbot des Propheten nicht aufheben konnte) herein ins
Zimmer. Die, welche ihren Chor anführt, hat sich vorher genau nach den
Umständen und Familienverhältnissen, nach den gewöhnlichsten Ausdrücken
und Redensarten des Verstorbenen erkundigt; sie erzählt jetzt von
diesem, stellt in dieser Erzählung mit theatralischer Kraft die Weise
dar, in welcher der nun Hingeschiedne, am Morgen wenn er an sein
Tagesgeschäft gieng, oder am Mittag und Abend wenn er wiederkehrte, die
Seinen begrüßte; sie beschreibt einzelne vorzüglich rührende Züge aus
seinem Leben, dazwischen bejammert sie ihn, und die andern Neddabehs
stimmen in die Klage ein. Der Eindruck auf die von Natur oder aus Sitte
verstummte Wittwe oder andre nahe Verwandtinnen des Verstorbenen ist
hiervon so mächtig, daß der laut sich erneuernde Jammer öfters Ohnmacht
herbeiführt.
Wenn der Todte am Morgen starb geschieht die Bestattung noch an
demselben, wo nicht, am andern Tage. In der ersten Nacht nach dem
Tode werden im Hauße des Verstorbenen, wenn dieser nicht ganz arm
war, von einigen Ficki's vor allem die Gebete des großen Sebchah oder
Rosenkranzes gesprochen und der Koran gelesen. Der Rosenkranz dessen
sich die Fickis bei dieser Gelegenheit bedienen hat 1000 Kugeln, so
groß als ein Taubenei; so oft eine solche Kugel durch die Finger
gleitet, murmelt der Betende die Worte: es ist keine Gottheit außer
Gott; wenn er dieß 1000 mal gethan hat bekommt er eine Tasse Kaffee,
und beginnt dann von neuem das Spiel der Kugeln wie der Worte, denn
er hat dieses in Allem 31000 Male zu wiederholen. Sobald er sein la
ilaha zum 31000sten Male gesagt hat wird ihm eine ordentliche Mahlzeit
gereicht. Während des Gemurmels der Sebchahbeter und Koranleser setzen
auch die Klageweiber in Gemeinschaft mit den Frauen des Sterbehauses
ihren Wilwal fort.
Dieses Jammergeschrei erneut sich in größerer Heftigkeit, wenn jetzt
der Augenblick der Bestattung kommt. Der Todte, von den Mughossils
(Leichenwäschern seines Geschlechtes) gewaschen und in den Kefen oder
Todtenkittel gekleidet liegt auf der Bahre, die sich bei den Leichen
der Frauen und jungen Knaben durch einen eignen Aufsatz unterscheidet
und welche von Freunden des Verstorbenen getragen wird. Zuerst geht
paarweise geordnet eine Anzahl der Fakirs oder andrer armer meist
blinder Männer welche in tiefem, dumpfen Tone das Glaubensbekenntniß
beten, dann folgen einige Freunde des Todten, unter ihnen nicht selten
Derwische mit Fahnen, hierauf paarweise eine Schaar von Knaben, welche
den Chasrijeh oder Sterbegesang singen, dessen Inhalt eine Art von
Beschreibung des jüngsten Gerichtes ist. Nun kommt die Bahre und hinter
ihr die klagenden Frauen. Ihre Klage wird übrigens nicht laut beim
Begräbniß einer Jungfrau und bei diesem gehen auch die Verwandtinnen
nicht zu Fuße, sondern reiten. Noch weniger darf sich der Wilwal
vernehmen lassen, bei dem Begräbniß eines Welih oder vermeintlichen
Heiligen, unter welchem Titel der Mohamedaner nicht selten auch
Blödsinnige verehrt. Bei der Bestattung eines solchen müssen vielmehr
die begleitenden Frauen ihren Zugharit oder Jubeltriller anstimmen,
weil sonst, so sagen die Träger, die Bahre, durch den Geist des Welih
gehalten, schlechterdings nicht vorwärts geht[19].
Der erste Weg vom Leichenhauße hinweg geht nach einer der großen
Moscheen. Hier verrichtet der Iman die Tekbirs oder Todtengebete und
spricht darauf die Formeln des Glaubensbekenntnisses des Islam. Dieser
Todte da hat, so fährt er fort, das Alles bekannt, darum schenke ihm,
o Gott, Befreiung von Strafe und Segnungen des Paradieses. Wenn hier,
unter den Anwesenden einer ist, welcher gute Thaten gethan hat, so
lasse die Kraft derselben dem Verstorbenen zu gute kommen. -- Nach
einer kurzen Pause wendet sich der Iman zu den Engeln, welche, obwohl
vom Menschenauge ungesehen zur Rechten und Linken der Bahre stehen,
und grüßt sie mit dem Gruße des Friedens und der Segnungen. Endlich
wendet er sich an die Anwesenden und ruft laut: gebt über den Todten
euer Zeugniß. In der Regel antworten diese: er war unter den Guten. Als
jedoch vor mehreren Jahren der Wüthrich Ali Bey durch ein merkwürdiges
Gericht der Wiedervergeltung, sein Ende in den Flammen einer (im Jahr
1824) auf der Citadelle entstandenen Pulverexplosion genommen hatte
und nun sein entstellter Leichnam zur Hhosseynsmoschee gebracht war,
da wagte es bei der Aufforderung des Imams: »gebt nun Zeugniß über
den Todten,« keiner, auch der anwesenden Verwandten, die gewöhnlichen
Worte der Gutheißung auszusprechen. Der Imam wiederholte noch einmal
seine Aufforderung; man hörte ein dumpfes Murmeln des Unmuthes unter
den Anwesenden; er schloß mit den halblauten Worten: »Gott sey ihm
gnädig[20].«
Wenn diese Ceremonie, die wie ein schwacher Ueberrest der alten
Todtengerichte erscheint, vorüber ist, und wenn die Moschee zugleich,
wie die des Hhosseyn, Verwahrungsort der Ueberreste eines Heiligen ist,
trägt man die Todtenbahre noch vor die Mocksurah oder den Aufbau des
Grabmahls, dann beginnt der Zug nach dem Gottesacker. Das Grab ist ein
gleich einem Backofen ausgemauertes Gewölbe, auf dessen geschlossenem
mit Erde bedeckten Bogen oben der Turkibeh oder Grabstein liegt. Das
Gewölbe muß so hoch seyn, daß der Todte, wenn in der ersten Nacht nach
der Beerdigung die beiden Engel Munkir und Nekir hineinkommen um ihn
zu verhören, darinnen aufrecht sitzen kann; gewöhnlich hat ein Grab
Raum für mehrere Leichname; der Eingang ist nach Nordost gerichtet.
Hier schiebt man den Leichnam hinein, legt ihn so, daß sein Angesicht
nach Südost (gegen Mekka) gekehrt ist und sucht ihm diese Stellung
durch Unterlegen eines Steines zu sichern. Wenn dies geschehen ist,
setzt sich ein Ficki als Mulockkin oder Todtenlehrer vor das Grab und
ruft zu dem Leichnam hinein: »o Knecht (Magd) Gottes, o Sohn (Tochter)
einer Magd Gottes, wisse, daß jetzt zwei Engel zu dir kommen werden.
Wenn diese dich fragen, wer ist dein Herr, da antworte du: Gott ist
mein Herr; wenn sie dich fragen nach deinem Glauben, antworte der Islam
ist mein Glaube; nach den Propheten, da sage nur Mohamed ist Gottes
Gesandter; nach dem Buch der Gebote: der Koran ist das Buch meiner
Gebote; nach der Richtung deiner Gebete: die Kaaba ist der Ort dahin
ich betend mein Haupt wende und ich lebte und starb in dem Bekenntniß,
daß keine Gottheit ist außer Gott und Mohamed ist Gottes Gesandter.
Wenn du so wie ich dir sagte geantwortet hast, dann werden die Engel zu
dir sagen: Schlafe o Knecht Gottes, im Schutze Gottes.«
Am Grabe eines Bemittelten wird nach vollbrachten Gebräuchen der
Bestattung ein Büffel als Kaffarah oder Versöhnungsopfer geschlachtet
und sein Fleisch an die Armen vertheilt. Am Donnerstag nach der
Beerdigung des Abends wiederholen die Frauen ihr Klaggeschrei; am
Freitag besuchen sie mit Palmenzweigen in der Hand das Grab. Dasselbe
geschieht an jedem Donnerstag und Freitag der beiden nächsten Wochen
und zuletzt noch mit besonderer Feierlichkeit in der sechsten Woche,
wo sich die 40tägige Periode der Klagezeit schließt. In Oberägypten
halten die Frauen in den ersten drei Tagen nach dem Tode eines nahen
Verwandten nicht bloß laute Klagen, sondern zugleich auch, dreimal
täglich und zwar jedesmal eine Stunde lang, Todtentänze von ganz
besondrer Art, wobei sie Angesicht und Gewand mit Staub und Asche
bestreuen, Palmenstöcke oder scharfe Waffen in den Händen, einen Gürtel
von Stroh oder Grashalmen um den Leib tragen. In diesem Tanze kehren
vorzüglich oft jene Bewegungen wieder, wobei die Tänzerinnen sich tief
zur Erde beugen und dann wieder aufrichten. Nach drei Tagen wird der
Strohgürtel auf das Grab des Verstorbenen gelegt. -- Die Farbe der
Trauergewänder, die übrigens nur von Frauen getragen werden, ist in
Aegypten die dunkelblaue.
Die Beschreibung der Bestattungsfeierlichkeiten der Kahiriner hat uns
zugleich an den Hauptort dieser Bestattungen: auf den Todtenacker von
Bab en Nusr geführt. Daran gränzt die prachtvolle Gräberstadt der
Großen (der Mameluckenkönige von Aegypten) deren schönste Moscheen
und alte Schulgebäude von den Herrschern der Cirkassischen oder
Borgitendynastie (zwischen 1382 bis 1512) erbaut sind. Viele köstliche
Trümmer und Hieroglyphenwerke sind in die Mauern dieser alten Gebäude
hineingeflickt. Sultan Kaitlag, dessen Moschee eine der schönsten von
Kairo ist, starb 1496; nächst dieser, ist die des Sultan Seegu sehr
sehenswerth. Der ganze lange Strich westlich am Fuß des Mokkatam hin
weiß von nichts zu sprechen als vom Grabe und von Todtensteinen.
So haben wir die Bekenner des Islam, welche das neuere Aegypten,
namentlich aber seine Hauptstadt beherrschen und bewohnen, durch die
Gebräuche ihres täglichen Lebens bis zum Grabe begleitet. Auch hier
wird noch der Unterschied deutlich, der zwischen der Tageshelle der
Sonne und zwischen dem Mondenschein sey; das Leben der Moslemen endet
und zerfließt zuletzt in einer Welt der Träume und selbst geschaffnen
Phantasieen, das der Christen endet an einer Welt der gewissen
Zuversicht und der offenkundigen Wahrheit; jenen geht da der Mond
unter, welcher mit einem nur von der Sonne erborgten Schimmer den
Lebenspfad beleuchtete und der Tag ist noch fern; dem Christen gehet
da die Sonne auf, deren Morgenlicht schon die Wege seines Lebens helle
gemacht und bestrahlet hatte.
Vierter Brief.
=Ausflüge in die Umgegend: an den Nil und nach Heliopolis. Beschreibung
der Kopten.=
Ich habe hier schon manche Seite, freilich in sehr abbrevirter
Sprachweise an Dich geschrieben, meine liebe Schwester; dennoch bin
ich des Schreibens noch nicht müde. Vielleicht liegt der Grund zu
dieser Schreibseligkeit in der milden Luft und zugleich in unsrer sehr
mäßigen und geregelten Diät, vielleicht auch in der aufregenden Kraft
des vielen Neuen, das man täglich sieht und hört; so viel ist gewiß,
daß ich selten eine solche Leichtigkeit und aufgelegte Stimmung zu den
ritterlichen Uebungen der Schreibfeder empfunden habe, als da oben
auf meinem Dache, neben dem großen Windfange; es ist als ob hier, im
Anblick der Palmenwälder und Pyramiden, in meinem sonst so schweren
Dache des Gehirnes selber eine Thür sich aufgethan hätte, durch welche
ein frischer, belebender Hauch hinabführe, der alle Lebensräder in
Bewegung setzt; in einer oder etlichen Stunden schreibe ich so viel als
daheim in einem ganzen Tage.
In meinem heutigen Briefe bin ich gesonnen Dich auch einmal aus der
ungepflasterten und dennoch so manches Heilpflasters bedürfenden Stadt
hinauszuführen in die Umgegend und freie Landschaft.
Die alten Aegypter hatten, wie Du weißt die Sitte, ihre Todten zu
ihren Festen einzuladen und den ernsten Anblick der Mumien zu den
fröhlichen Eindrücken des gastlichen Mahles zu gesellen; diese Sitte
der Menschen erscheint in der That nur als eine bewußtlose Nachahmung
der Natur und Weise des hiesigen Landes. Auch die Natur hat ihre Mumien
und Grabmähler; nirgends hat sie dieselben in solcher riesenhaften Art
und Menge und so nahe zu dem noch fortwährenden Gastmahle des jungen,
frischen Lebens gesellt als in Aegypten. Hier sind fast alle Hügel des
Nummulitenkalkes von einem Gewimmel der Ueberreste jener lebendigen
Wesen erfüllt, die sich in dem Muttergewässer der Schöpfungstage regten
und bewegten; die große, allgemeine Fluth, welche mit ihren schwer
lastenden Wassermassen über die Oberfläche der Erde dahinschritt, hat
nirgends mächtigere, unverhülltere Fußtritte zurückgelassen, als da in
der Wüste, wo der Druck ihrer Wassersäule ganzen Waldungen der Vorwelt
die Form der versteinerten, vegetabilischen Mumien gab, Thäler und
Klüfte in das Land hineinriß und die Felder der runden Kiesel wie die
unübersehlich weiten Landstriche des Sandes bildete. Und wo sonst auf
Erden hätte wohl die älteste und ältere Geschichte der Völker, mit
den Werken ihrer Hand sich unbesiegbarer und unverrückbarer fest,
neben die noch immer forthandthierende neueste Zeit hingestellt als in
Aegypten, wo selbst die anderwärts Alles auflösende und zur Verwesung
führende Zeit den Leichnam des Vergangenen und Gewesenen zur bleibenden
Mumie machte, als wolle sie dem am Gastmahle des Lebens sitzenden Volke
es bezeugen, daß nur ein Ereigniß dem Menschenleben gewiß sey, der
Tod; nur eine Kraft die Menschenseele in all ihrem täglichen Treiben
aufrecht stehend erhalte: die Kraft der Ewigkeit, welche in ihren
Werken wie in den Worten ihres Hoffens von einem Fortwähren der That
ihres Seyns auch nach dem Tode spricht.
Betrachten wir zuerst das immergrünende Zweiglein des alten Baumes,
dessen Stamm und Aeste schon längst abgestorben dastehen; treten
wir an die noch immer mit Fülle gedeckten Tische hin, an denen ein
großentheils sehr armes, genügsames Volk seine Tage theils verschläft,
theils in einem, nicht selten sehr schwerem Traume hinbringt.
Der Diener, welcher im großen Haushalt des Landes die Tische mit
Lebensmitteln versorgt, ist der Nil, dessen gesegnetes Wasser auch ich
rühmen und besingen sollte, da ich seinen Kräften, wie mir es scheint,
zum Theil die in Kairo wiedererlangte Gesundheit verdanke, welche durch
die Beschwerden der Herreise so wankend geworden war.
Unser diesmaliger Weg am Saume des nun trocknen Teiches von El
Esbekieh hin, in dessen Mitte jetzt auf Mehemed Ali's Befehl ein
botanischer Garten begründet wird, dann zum Thore von Boulack hinaus,
führt uns links, auf wohlgebauter Straße, durch die neuen Garten-
und Felderanlagen des Ibrahim Pascha, gen Fostat oder Altkairo und
an den Nil. Wenn es uns der Kalender nicht sagte, daß wir im Januar
leben, die Landschaft würde uns das nicht verrathen, denn auf diesen
Feldern, die aus den alten Schutthäufen der Stadt entstanden sind,
und deren Boden eine Menge der Wasserräder und Gräben befeuchtet,
grünen alle Gemüse unsrer Sommermonate; von den hohen Bäumen der
Röhrencassie (+Cassia fistulosa+) hängen die Guirlanden der langen
Röhrenschoten in Menge herab. Wir halten uns vor der Hand nicht bei
diesen beachtenswerten Anlagen und ihren Erzeugnissen auf; erfreuen
uns nur auf einige Augenblicke an den munteren Spielen der vielen
militärisch (europäisch) gekleideten Knaben, welche Mehemed Ali hier
in einer wohleingerichteten Soldatenschule erziehen und verpflegen
läßet, deren weitläufige Gebäude nahe bei Ibrahim Pascha's prachtvollem
Pallaste stehen, sondern begeben uns vor allem einmal zur Quelle all
dieses wirklichen und scheinbaren Wohlstandes: zum Nil. Wir kommen hier
zuerst an dem großen Kanal vorüber, welcher zur Zeit der Stromschwelle
das Wasser in die Stadt leitet und an dem Gemäuer der plumpen, vom
Sultan El Guri erbauten Wasserleitung, dann aber auf einer außen, vor
den Mauern von Altkairo hinlaufenden Straße, in welcher vor dem Thore
der Höfe und Landhäußer manches beachtenswerte Bildwerk des alten
Aegyptens stehet, zum Ufer des Stromes, der hier mit seinen zwei Armen
die Insel Ruda umschlingt.
* * * * *
Auch abgesehen von seiner historischen Bedeutung macht der herrliche
Strom hier oberhalb der Insel, wo er noch nicht getheilt ist, Ghizeh
gegenüber, einen unvergleichlichen Eindruck aufs Auge. Zwar das
Gewimmel und fröhliche Gedränge der mit Menschen und Gütern des Landes
gefüllten Fahrzeuge, welche zu Herodots Zeiten seine Wasserfläche
bedeckten, ist schon längst verronnen und vergangen; denn während in
den Zeiten der Pharaonen Aegypten sieben Millionen Bewohner reichlich
ernährte und versorgte, ist die Zahl der jetzigen kaum noch auf mehr
denn zwei Millionen anzuschlagen, und wenigstens der sechste Theil der
männlichen Bevölkerung stehet im Dienste der Waffen, die übrigen aber
in dem nicht minder lähmenden eines fremden Interesses. Dennoch könnte
noch jetzt dieses Land bei vollem Anbaue wie in den Zeiten seines
vormaligen, höchsten Wohlstandes, seine sieben Millionen Menschen mit
all ihren Hausthieren speisen und bekleiden, denn der Nil, nach einem
arabischen Ausdrucke, thut seine reiche Hand noch eben so weit auf wie
vormals, weil sich zwar der Boden des Landes, mit ihm zugleich jedoch
auch das Bette des Flusses durch die jährliche Zufuhr der Stoffe,
welche sein Wasser mit sich bringt, erhöht hat, so daß die Höhe seines
Anschwellens, zur Zeit seiner Ueberschwemmung noch eben so viel in
unsern Tagen wie in denen des Herodot, Plinius, Plutarchs und Kaiser
Julians beträgt, nämlich 15 bis 16 Fuß. Mit der Breite des Aegyptischen
Stromes hält keiner der vaterländischen, während seines Verlaufes im
deutschen Lande den Vergleich aus, denn diese misset schon in dem tief
eingegrabenen, engen Bette bei Lucksor 1300 Fuß, steiget bei Montfalout
und Syout auf 2034 und 2800, und dehnt sich hier in der tieferen Ebene,
wo kein Gebirg zu beiden Seiten die Ausbreitung hemmt, bei dem mittlern
Wasserstand (im Januar) auf 2846 Pariser Fuße aus. So sieht man die
Donau nur dann, wenn sie auf ihrem Laufe durch Ungarn und die Wallachei
vom Zuflusse manches großen Flußes erwachsen, unter dem Panier eines
fremden Volkes und fremder Zungen dem Meere zueilt.
Wenn man recht lebhaft einsehen will was Aegypten wäre ohne den Segen
des Niles, muß man sich das Land nur in dem Zustand denken, in welchem
es sich vor der Stromschwelle befindet. Jetzt stehen wir hier mitten
im Winter; ohngeachtet der großen Kühle der frühesten Morgenstunden
ist die mittlere Temperatur des Monates 10 bis 12 Grad, wie bei uns
im Frühling; der Flachs hat schon Knoten gewonnen und in wenig Wochen
wird man ihn können raufen, der Waizen steht so hoch wie bei uns spät
im Mai; die Erbsenfelder sind voller großer Schoten, die Bohnen wie der
Rübsamen blühen, das Zuckerrohr wird geerntet. Noch geht der Nil in
fast vollem Bette; an tieferen Stellen des Thales sieht man mächtige
Teiche und Sümpfe stehen. Dies ist auch überdieß die Jahreszeit wo
das Land von Unterägypten öfters (besonders, wie man sagt, seit den
Anpflanzungen des Ibrahim Pascha) von Regenschauern, ja, wie wir dieß
selber gleich bei unsrer Ankunft erfuhren, von Regengüssen erquickt
wird, während freilich in Oberägypten das ganze Jahr hindurch kaum
fünf leichte Regenschauer, alle zehn Jahre nur ein starker Platzregen
fällt. Nur noch wenig Wochen und die Frische der Natur, die uns jetzt
so anlacht, wird verschwinden; noch im März steiget die mittlere
Temperatur auf 20 Grad und darüber (in Oberägypten auf 24), die Felder
sind dann weiß zur Ernte, denn mit Anfang des Aprils schneidet man
den Waizen, und das dürre Stroh der Erbsen- und Linsenfelder ist
dann längst zum Brennmaterial geschickt geworden. Nun kommt, wie das
hiesige Volk meint, vom Ostermontag der Kopten an die Periode der
heißen aus Süden strömenden Chamsimwinde, welche, wenigstens nach
Aussage der hiesigen uralten Bauern- und Bürgerregel, 50 Tage bis
zum Pfingstsonntag dauert. Am Mittwoch vorher (in der Charwoche) den
sie Hiobs Mittwoche (Arbaa Eyub) nennen, reiben sich die Koptischen
Christen den ganzen Körper mit dem Kraut und Blättern des arabischen
Inelts (+Inula arabica+) den sie Ghubeyra nennen, und schon an
Mariä Verkündigung so wie am Palmsonntag spricht ihr Priester das
Todtengebet über die ganze Gemeinde; denn diese alten Eingebornen
des Landes bedenken wohl, welchen Gefahren sie entgegengehen. Die
Mohamedaner aber machen es gleich dem Till Eulenspiegel, welcher,
wenn er einen sauren Berg hinauf zu steigen hatte, lachte, weil er
schon im Voraus des Hinabsteigens sich freute, das vom Gipfel aus
seinen Anfang nehmen würde; sie reiten oder gehen am ersten Tage des
Khummasin oder Chamsim schaarenweise zum Thore hinaus, um, wie sie
sagen, den erquicklichen Zephyr zu riechen, was sie für sehr gesund
halten, obgleich sie öfters, wenn Ostern etwas später fällt, halbkrank
und fast erstickt vom Staub der heißen Winde von ihrem Zephyrriechen
(Schemmn Nesim) wieder nach Hause kommen. Ohnehin gewährt jetzt die
freie Landschaft einen traurigen Anblick; der Boden ist tief zerborsten
und löst sich bei jedem Windhauch in Staube auf; das Grün der Auen ist
fast ganz verschwunden, nur der Palmbaum behält auch in der Dürre und
Hitze sein grünendes Laubdach. In dieser Zeit sollte eigentlich kein
Fremder nach Aegypten kommen, oder wenn er schon da ist sollte er nach
dem zwar um 5 Grad heißeren, dabei aber dennoch gesündern Oberägypten,
noch besser aber in das Sinaitische Gebirge entfliehen. Denn dieß ist
die Zeit da die Pest, wenn sie anders gerade in Aegypten ist, und
andre Krankheiten am gefährlichsten wüthen und wie groß hier ihre
Macht seyn könne, das erfuhr man noch vor zwei Jahren (1835), wo in
Kairo allein der dritte Theil der Einwohner (gegen 80000 Menschen), in
ganz Aegypten aber fast ein Zehntheil der Bevölkerung (gegen 200000)
starben, obgleich die Zahl der Opfer in Oberägypten verhältnißmäßig
viel geringer war als in Unterägypten. Nun läßt sich auch zuweilen der
erstickend heiße, giftige Samum merken, der jedoch zum Glück nur eine
Viertelstunde bis 20 Minuten lang wehet; ein Theil des Ungeziefers, das
selbst bei Nacht die Ruhe der Betten störte, namentlich die Flöhe, sind
zwar in der heißesten Zeit verschwunden, desto lästiger fallen aber
jetzt die Wanzen, Mücken, Fliegen und bei Unreinlichen selbst die
Läuse.
Aber das Zephyrriechen der Reiter und Fußgänger; dieses Hoffen zu
einer Zeit da nichts zu hoffen war, bleibt doch auch nicht ohne
Erfüllung, obgleich diese nicht zu Pferde, sondern ziemlich langsam,
zu Fuße nachkommt. Grade dann, wenn die Noth am größesten, ist auch
hier in diesem bedeutungsvollen und merkwürdigen Lande Gottes Hülfe am
nächsten; denn wenn die Hitze ihre höchste Stufe erreichte, dann fangen
die kühlenden Nordwinde an immer häufiger und kräftiger zu wehen; die
Nilfahrt belebt sich wieder, weil man nun besser und leichter auf
eine günstige Fahrt nach Süden rechnen kann. Am 17ten Juny, am 11ten
des Monates Baunah der Kopten, ist die Leylet en Nucktah, die Nacht
des Tropfens; jene wundervolle Nacht, da -- wie dieß die Astrologen
auf die Minute auszurechnen wissen -- der kräftige Tropfen vom Himmel
in den Nil fällt, welcher den Strom so hoch anschwellen machet. Man
bringt diese Nacht fröhlich auf den Dächern der Häußer oder im Freien
zu; ein Stücklein Teig auf das Dach gelegt deutet, wie man meint,
durch sein Anschwellen mittelst der Gährung Glück und längeres Leben,
durch das Gegentheil aber etwas Schlimmes an; Kugeln aus Nilschlamm
zusammengeballt, von Nilwasser umgossen, lassen, meint man, auf das
Maaß der dießjährigen Stromschwelle schließen.
Nun beginnt die Spannung der Neugier und Erwartung, wie in den Gegenden
unsers Vaterlandes, welche Weinbau treiben, in der Zeit der Blüthe
und des angehenden Reifens dieses edlen Gewächses, bei jedem günstig
oder ungünstig scheinenden Tage. Man läuft hinaus an den Nil um selbst
der Wirkung des wundervollen Tropfens zuzuschauen, aber auch jetzt
kann man noch Gedult üben lernen, denn das Steigen des Wassers wird
doch erst gegen Anfang des Juli recht bemerkbar. Jetzt hat auch der
Magenwächter des Ramadans, von dem ich im zweiten Briefe (S. 21)
erzählte, wieder etwas zu thun, denn öfters versieht dieser vom dritten
Juli an, in dem Quartier der Stadt, für das er bestellt ist, auch die
Stelle eines »Munadi en Nil« eines Ausschreiers der Nilstromschwelle.
Er kommt diesmal in Gesellschaft eines Knaben vor die einzelnen Häußer
und beide rufen oder singen gegeneinander. Der ~Munadi~ beginnt:
»Ich bezeuge den Ruhm Dessen, welcher den Erdkreis ausbreitete.
~Knabe~: Und gab fließende Wasser. M. Durch Ihn werden die Gefilde
grün. K. Nach dem Tode giebt er ihnen Neues Leben. M. Gott gab Fülle;
Er machte den Strom schwellen und wässerte das höhere Land. K. Ja
selbst die Hügel und den Sand, wie die ebenen Auen.« -- Bei und außer
diesen seinen Sprüchen hat der Munadi denn auch das Amt jenes Maaß des
Steigens anzugeben, das am Strom bemerkbar wurde. Man darf ihm aber
hierbei nicht viel Vertrauen schenken. Damit die Gedult seiner Zuhörer
nicht zu sehr ermüdet werde -- denn das Steigen geht gar langsam --
läßt er bald einmal den Strom viel höher anwachsen, als er es wirklich
that, oder er dichtet ihm wohl auch Pausen des Steigens an, wo keine da
waren, nur um dann wieder Gelegenheit zu haben einen recht freudigen
Aufsprung seiner Angaben, vom Geringeren zum Höheren zu machen. Das
Landvolk läßt sich indeß durch keinen Munadi irre machen; es bestellt
im August die Saat der verschiedenen Arten des Moorhirses und andrer
Gewächse, deren junges Grün am besten unter der Decke des Wassers
gedeiht.
In diesem Monat so wie im September ist es auch für den Fremden,
der alle Herrlichkeiten Aegyptens besehen möchte, hier nicht mehr
übel wohnen und reisen. Der jetzt vorherrschende Nordwind strömt
seinen kühlenden Hauch über das zu einem See gewordene Nilthal aus,
und schwellt zugleich die Segel der Bote, die nach Theben steuern
gar fröhlich an. In Oberägypten beginnt die Reihe der Freudenfeste,
die jetzt, beim Austreten des Stromes über seine Ufer bis hinab zu
den Mündungen ins Meer gefeiert werden, zuerst; sie beginnt hier
auf ziemlich handgreifliche Weise. Kinder, wie man sagt nach einer
uralten Sitte, entzünden Büschel von Palmenblättern oder Binsenrohr
und schlagen mit den Feuerbränden, eines aufs andre. In Unterägypten
ist man feiner und höflicher. Der Munadi mit seinem Knaben, der jetzt
von jedem Hausbesitzer ein Trinkgeld für sein Ausschreien zu empfangen
hat, geht, festlicher als gewöhnlich geputzt, den Tag vorher, ehe man
hier bei Altkairo oder Fostat den Damm durchsticht und das Wasser in
die Kanäle der Stadt strömen läßt, in seinem Stadtquartier herum und
beide singen oder schreien gegen einander. M. Der Strom hat Ueberfluß
gegeben und sein Maaß erreicht. K. Gott hat den Ueberfluß gesendet. M.
Der Kanalteich ist gefüllt, in den Gräben strömt das Wasser. K. Gott
hat den Ueberfluß gesendet. M. Die Fahrzeuge sind flott. -- Darauf,
nach manchen ähnlichen Beschreibungen der Stromfülle, fährt das Duett
fort, die Bewohner der einzelnen Häußer anredend: Mögt ihr lange leben.
-- -- Dieser edle Mann (hier im Hauße) liebt die Edlen. -- Das Paradies
ist den Freigebigen verheißen. -- Die Hölle aber den Geizigen. -- Möge
Gott mich nicht vor die Thüre eines Geizigen führen. -- Eines Solchen
der das Wasser im Kruge mißt. -- Oder die Brode noch im Teige zählt.
-- Nicht eines Solchen der die Katzen zur Essenszeit hinausschließt.
-- Oder die Hunde von seiner Mauer hinwegtreibt. -- Seht nur, wie die
Welt sich geschmückt hat. -- Die Damen haben sich geputzt. -- -- Der
Junggesell sieht sich nach Gesellinnen um. -- Der Jungfrau bereitet man
den Brautschatz.
Die fröhlichen Festlichkeiten, die man bei Kairo vor dem Durchstechen
des großen Dammes anstellt, sind schon oft beschrieben. Zelte sind
da für die Zuschauer, für die Sänger und Volksbelustiger, wie für
die Verkäufer des Scherbet und der Eßwaaren aufgeschlagen; in dem
noch trocknen Kanal, in welchen man jetzt die Arusch oder Braut des
Nils, eine aus Schlamm oder Lehmen gefertigte Säule hineinstellt
(statt der Jungfrau die nach einem Mährlein der hiesigen Moslemen
die vormaligen Bewohner dem schwellenden Strom zum Opfer brachten)
sieht man Leute tanzen und springen, hört da den Ton der Sänger und
Musikanten. Und nach fröhlich durchwachter Nacht deren Dunkel die
Feuerwerke erhellten, wird dann am Morgen bei Sonnenaufgang, unter
dem Donner der Kanonen, in Gegenwart der höchsten Behörden der Stadt
der Damm gestochen; das lustige Pöbelvolk oder die muthwillige Jugend
erwartet, noch im Graben stehend, die Ankunft des Wassers, in welchem
es jauchzend herumwatet oder zuletzt schwimmt wobei nicht selten
Mehrere ertrinken; das geschmückte Schiff (Ackabah) fährt auf dem
strömenden Wasser unter den gellenden Tönen der Musik dahin; die leicht
auflösliche Nilbraut zerrinnt. Vormals wurde auch, zur Belustigung des
Volkes vom Sultan oder Pascha Geld in das wogende Wasser geworfen, das
der hinabtauchende Pöbel hervorholte.
Am Tage der Kreuzerfindung oder des Salib der Kopten, das ist nach
unserm Kalender am 26sten oder 27sten September hat in der Regel der
Strom seinen höchsten Stand erreicht. Der Munadi singt jetzt sein
Liedlein vom Schemmam und Lemmam, worinnen er meldet, daß nun alles
Grün außer dem Schemmam (Dudaimkürbißen) und Lemmam (Aegyptische
Krausemünze) vom Wasser bedeckt sey und empfängt noch nachträglich ein
kleines Trinkgeld. Die Höhe des Wasserstandes fängt jetzt allmälig
an sich wieder zu vermindern; ein großer Theil der Felder tritt frei
aus seinem Spiegel hervor. Man säet jetzt den Waizen, in mehreren
verschiednen Abarten, die Gerste, Bohnen, Erbsen und eine Menge andere
Hülsengewächse, während man die Samenkörner der verschiednen Arten von
Moorhirse schon im August dem Boden anvertraut. So sind in Aegypten
alle Arbeiten des Landmannes durch die Zeiten der Stromschwelle des
Niles vorherbestimmt und geregelt. Und wenn wir mit dem festgeordneten
Jahreslaufe der Geschäfte des Landbaues, wie wir ihn jetzt noch im
Nilthal vor Augen haben, die ältesten Berichte über Aegypten aus
der Mosaischen Zeit so wie aus den Tagen des Herodot vergleichen,
dann erkennen wir eine Uebereinstimmung und ein Verbleiben bei dem
Gleichen, wie dies nirgends in unsern Gegenden gefunden werden kann.
Wenn irgend ein Land geeignet erscheint seine Bewohner zur Kenntniß der
eigentlichen Dauer des Jahres zu führen und hierbei fest zu erhalten,
so ist dieß Aegypten. Und dennoch hat die Sitte des Islams, wie sie in
manchen alten christlichen Kirchen, die sie zu Moscheen umgestaltete
mit ihrer Kibleh oder Mekkalinie, die Richtung, nach welcher jene
orientirt waren, queer durchkreuzte, auch durch das Sonnenjahr das
hier so fest bezeichnet ist, einen unsymmetrischen Querstrich gemacht,
indem dieselbe ihre Jahresfeste und Monate nicht nach dem Lauf der
Sonne, sondern des Mondes bestimmte, so daß die Dauer ihres Jahres
um 11 Tage kürzer ist und die Zeit der Ramadanfasten wie des kleinen
Beiram, welche heuer in den Januar fiel nach 16 Jahren auf die Mitte
des Sommers treffen wird.
Aber das Gebäude der alten Ordnung der Dinge steht hier dennoch so
fest, daß jene mit ihrer Kiblehlinie es nicht verrücken können. Wie
man in diesem Lande der unverweslichen Vergangenheit in den Händen
einiger Mumien, die schon vor mehreren Jahrtausenden zu Grabe getragen
waren, Waizenkörner und Zwiebeln fand, deren Keimkraft sich noch so
wohl erhalten hatte, daß sie, ins feuchte Erdreich gebracht, aufkeimten
und ausschlugen, so hat sich auch in der Natur und Seelenstimmung
der Bewohner des Landes ein uralter Keim erhalten, welcher, unter
günstigen Umständen wohl noch einmal sich frisch beleben und entfalten
kann.
Wir kamen zum ersten Male am 7ten Januar nach Fostat; es war die
Zeit des Weihnachtsfestes der Kopten. In der Stadt selber hatte ich
noch keine Zeit gefunden eine Koptische Kirche zu besuchen, obgleich
eine der bedeutendsten derselben, sowie die Wohnung des Patriarchen
ganz nahe bei der unsrigen liegt; hier in Altkairo ließen wir uns
in eine der berühmtesten Kirchen führen. Es ist jene, welche über
die zum Theil unterirdischen Gemächer gebaut ist, in denen eine alte
Sage der hiesigen Christen die Wohnung der heiligen Familie, während
ihres Aufenthaltes in Aegypten vermuthen lässet. Die Kirche ist von
klösterlichen Mauern umschlossen. Ich beschreibe Dir das Innre wie es
nicht zunächst nur hier, sondern in allen Koptischen Kirchen gefunden
wird und zugleich, zum Verständnis der sonderbaren Dinge, die man da
sieht, die Gebräuche des Gottesdienstes die man da beobachtet.
Bald nach dem Eintreten fällt dem Fremden die große Menge der Krücken
auf die an verschiedenen Stellen des Gebäudes angelehnt stehen; er
glaubt in eine Wohnung der Lahmen und Krüppel gekommen zu seyn. Diese
Krücken dienen sonderbarer Weise zu einem Ersatz für die Sitze. Denn
da der ganze Gottesdienst, mit der Feier des Abendmahles, drei bis
vier Stunden lang dauert, sucht man dadurch, daß man sich während
desselben auf Krücken lehnt, der Ermüdung vorzubauen. Eine zweite
Eigenthümlichkeit dieser Christentempel sind die vielen vergitterten
Verschläge, welche sich in ihnen angebracht finden. Dem Haupteingange
gegenüber, in der äußersten Tiefe der Kirche zeigt sich zuerst der
Heykel: das Sanktuarium mit Altar und Kanzel, nach vorn durch einen
Gitterverschlag umgränzt, aus welchem eine Thüre die nur ein Vorhang
verschließt, herausführt in den zweiten Verschlag, der abermals durch
Lattenwerk von der übrigen Kirche abgesondert ist, zu welcher von ihm
heraus drei Thüren sich öffnen. In dem innersten Verschlag des Heykel
steht der Priester, welcher der heiligen Handlung vorsteht; im äußeren
Verschlag die andren Priester und Altardiener mit den Chorknaben. Aber
auch der übrige Raum der Kirche ist noch durch mehrere vergitterte
Abtheilungen entstellt, wovon etliche für die Männer, einer, welcher
am dichtesten verschränkt ist, für die Frauen gehört. Das was der
Priester innerhalb des Sanctuariums spricht und betet ist Koptisch;
die Gesänge und Gebete der Priester und Chorknaben im Vorbaue des
Heykels sind theils arabisch, theils koptisch. Während der langen
Dauer der kirchlichen Handlungen macht der Priester zuweilen Pausen
um niedersitzend ein wenig zu ruhen, indeß ertönt die laute Musik der
geschlagnen Cymbeln; ein andrer Priester mit dem Rauchfaß tritt heraus
zur Gemeinde und segnet jeden der Anwesenden mit Auflegen der Hand.
Beim Empfangen des Abendmahles, nach vorhergegangener Beichte, naht
sich Jeder einzelne der Thüre des Heykel und nimmt hier das in Wein
getauchte, geweihte Brod. Vor Weihnachten, Epiphanias und Ostern, so
wie bei vielen andern Gelegenheiten, selbst bei Trauungen wird ein
langer nächtlicher Gottesdienst gefeiert; andre Nächte werden in Gebet
und Trauer bei den Gräbern der Verwandten durchwacht. Alles was dieses
merkwürdige Volk in und außer der Kirche beginnt und thut, das trägt
das Gepräge eines tiefen Ernstes und der Trauer.
Die armen Kopten; sie haben wohl Ursache genug zu trauern. Sie
vergleichen sich selber mit der Aloë oder Sapr, jenem schon erwähnten
Sinnbild der Gedult, das selbst zertreten und verdorrt dennoch immer
wieder aufgrünet und blühet, wenn nur ein Tröpflein Wassers sie
benetzt, oder mit der wohlriechenden Futem-Mimose, dem Sinnbild der
Liebe, die selbst unter der Axt Dessen der sie niederhaut noch einen
erquickenden Duft verbreitet; mich aber erinnert das bedauernswürdige
Volk in seinem jetzigen Zustande mehr noch an jene verdorrten Samen
oder Keime, die man, wie ich schon erzählte, in die dürren Hände
einiger Mumien eingeschlossen fand und in denen dennoch, so erstorben
sie auch schienen, ein Vermögen der Wiederentfaltung geblieben war.
In der That abgeschlossen und umschlossen genug ist das kleine noch
übrig gebliebene Häuflein der alten, Aegyptischen Christen, deren
Zahl im ganzen Lande aufs Höchste 140000 betragen mag. Abgeschlossen
ist es zum Theil durch eigne Schuld von allen übrigen christlichen
Gemeinschaften der Erde, durch ein tief in ihm gewurzeltes, fast
gehässig erscheinendes Mißtrauen; umschlossen von der Herrschergewalt
einer fremden Religion, Sprache und Sitte, welche das eigentümliche
Wesen fast ganz verschlungen und in sich aufgelößt hat. Denn während
noch im 14ten Jahrhundert wenigstens die Frauen in Oberägypten nur
die Muttersprache -- das Koptische -- sprachen, vermögen dieß jetzt
nicht einmal die gelehrten Priester, obgleich ein Theil der Gebete,
so wie die Psalmen und noch etliche heilige Bücher in dieser Sprache
von ihnen gesprochen und gelesen werden. Die alte, rechte Mutter ist
gestorben und hat den Erben nur noch etliche Worte des Vermächtnisses
hinterlassen; eine Stiefmutter, das Arabische, ist an ihre Stelle
getreten, welche von allen Rechten ihrer Vorgängerin Besitz genommen
hat[21]. Nur in der Hauptstadt noch unterscheiden sich die eingebornen
Christen durch die blaue (Trauer-) Farbe des Turbans von ihren
islamitischen Mitbürgern; auf dem Lande tragen sie, gleich diesen, den
rothen oder weißen Kopfbund, und in den Gesichtszügen, Gestalt und
Geberden wird zwischen beiden keine Verschiedenheit bemerkt, da ja der
größere Theil auch der mohamedanischen Eingebornen aus Kopten, die den
Islam annahmen, entstanden ist. Die Kopten essen, wie die Mohamedaner,
kein Schweinefleisch (übrigens auch kein Kamelfleisch); der Genuß
geistiger Getränke ist ihnen nicht versagt, namentlich trinken sie
Branntwein und dieser mag ihnen die schwere, drückende Last ihrer
langen Fasten in etwas erleichtern.
Vor etlichen Tagen habe ich, mit Freund Lieder den Patriarchen
(Botrak) der Kopten besucht; er hat eins seiner vielen Häußer meinen
jungen Freunden und Reisegefährten um ganz überaus billigen Preis zur
Miethe überlassen. Dieser, wie er sich nennt, Besitzer des Stuhles
und geistlichen Hirtenstabes des heiligen Apostel Markus ist ein sehr
ernster Mann, der gegen uns eine besonders feierliche Miene annahm.
Er, so wie der Bischof (Usckuff) werden aus den Mönchen der Klöster,
jener aus denen des St. Antoniusordens gewählt, welche freilich
ihre vieljährige Abgeschiedenheit von der Welt und ihre strengen
Enthaltungen sehr zum Ernste stimmen mögen. Denn vor dem Eintritt ins
Kloster muß sich der künftige Mönch alles dessen entschlagen was er
besitzt -- muß Alles weggeben -- man singt und spricht über ihn die
Gesänge und Gebete wie über die Todten, verrichtet die Sterbegebräuche.
Nur an den drei hohen Festen dürfen die Mönche, wenn sie anders es
haben können, Fleisch genießen; sie üben die strengsten Büßungen und
Fasten. Auch der Patriarch, der eben so wie seine hohe Geistlichkeit
sich nie verheirathen darf, hat es noch schwer genug, namentlich muß
er sichs gefallen lassen, daß er in der Nacht jede Viertelstunde
einmal geweckt wird. Und dennoch läßt es sich auch hier bemerken, daß
das äußerliche, leibliche Wachen dem innren, geistigen gerade nicht
förderlich ist, und daß alle Entbehrungen des Mönchthumes, wenn sie
auch dem Baume der Selbstsucht seine Blätter nahmen, dennoch die
Wurzel desselben nicht tödten konnten; man sagt es den Koptischen
Patriarchen nach, daß sie sehr auf Erwerb und Gewinn bedacht sind.
Ihre Hauptbesitzungen bestehen in Häußern; denn wenn in oder bei
der Hauptstadt ein Kopte sein Haus verkaufen will und es bietet der
Patriarch darauf, da treten alle Kauflustige der Gemeinde zurück
und jener empfängt es für das, was er bot. Die Geistlichkeit der
geringeren Grade muß sich auch mit geringerem Gewinn begnügen; sie
erhält nur einzelne, freiwillige Gaben, nährt sich deshalb meist von
Handel und Gewerbe. Solche Priester (Ckasis) dürfen ~einmal~ sich
verheirathen, doch nicht ~nach~ sondern nur ~vor~ ihrer Weihe.
Vielfach hat sich auch in die Religion der Kopten die Form und Sitte
des Islams eingedrängt; neben der Taufe, welche die Knäblein 40, die
Mägdlein 80 Tage nach der Geburt durch dreimaliges Eintauchen ins
Wasser empfangen, bestehet auch theilweise die Beschneidung; in
mehreren Kirchen dienen, wie in den Moscheen, eigne Wasserbehältnisse
solchen Waschungen, welche wenigstens am Vorabend vor Epiphanias, zur
Erinnerung an die Taufe Christi vorgenommen werden; die Erscheinungen
von farbigen Gestalten, am Tage jenes Festes in der Klosterkirche
von Sette Gemiana bei Mansura, welche dann von ganzen Schaaren der
Wallfahrter besucht ist, lassen auf optische Kunststücke solcher Art
schließen, wie sie die Magier unter den Bekennern des Islam üben[22];
wenn bei dem siebenmaligen, täglichen Gebete zu Hauße oder in der
Kirche vierzigmal die Worte, Gott sey mir gnädig, wiederholt werden
müssen, dann scheint diesen Worten keine andre Kraft beizuwohnen,
als den Ausrufungen der Mohamedaner, welche Gottes Größe und Güte
bezeugen. Das ganze Land ist voller Trümmer der, während der früheren
Verfolgungen zerstörten Kirchen und Klöster der Kopten, ja das ganze
Volk stehet wie verödete Trümmer da; daher thut es dem Menschenfreund
wohl, daß neuerdings die Kinderschulen der Engländer eine Pflanzschule
besserer Erkenntnisse für die Jugend wie für das reifere Alter jener
armen Leute geworden sind; denn neben den häufig besuchten Schulen
bestehet auch ein zweckmäßig eingerichtetes Lehrerseminar.
Wenn wir uns durch unsern ersten Besuch in Fostat oder Altkairo etwas
tiefer in die Geschichte und Beschreibung der Koptischen Christen
führen ließen, so ergieng es uns wie Zuschauern auf der Gasse, welche
auch durch die festliche Kleidung und den Putz, den ein Vorübergehender
an sich trägt, zur theilnehmenden Neugier bewogen werden. Die ganze
Gemeinschaft der Koptischen Christen erschien am Tage unsers Eintrittes
in Fostat nicht bloß in ihren neuen Kleidern, festlich geschmückt,
weil sie das schöne Weihnachtsfest feierten, sondern die Lust und
Freude des äußeren Menschen, über die nach 28tägiger, strenger
Fastenzeit ihm wieder gewordene Erquickung, schien auch auf den innern
wohlthätig aufregend gewirkt zu haben; in der That die Kopten waren
das Interessanteste und Anziehendste was man jetzt in Fostat erblicken
konnte. Ohnehin gleicht dieses Fostat, mit seinen engen Straßen und
vereinzelt abgesperrten Quartieren, so mittelalterlich Sarazenisch auch
die Bauart ist, es gleicht, selbst mit der großen, alten Moschee des
Amer oder Amru, des General des Omar, deren Hallen 236 Säulen stützen
und in deren Hofraum neben dem Brunnen die Palme sich erhebt, dennoch,
wenn man es mit dem riesenhafteren Gemäuer des alten weitläufigen
Gebäudes vergleicht, an das es angränzt, nur, wie sein Name (Fostat)
es andeutet, dem Zelte eines Nomaden, das aus Schonung gegen die
Taube, welche auf einige Zeit häuslich in ihm sich niedergelassen,
stehen blieb[23]. Das alte Gemäuer, von dem ich hier rede, ist jenes
auffallend mächtige, in welchem manche frühere Beschreiber des Landes
eine der Kornkammern des Patriarchen Joseph, des Sohnes Jakob zu
erblicken glaubten. Es sind die Ueberreste jenes Aegyptischen, in den
Zeiten des Kambyses begründeten Babylons, das von den Römern noch mehr
befestiget, drei Legionen ihrer Krieger Wohnung und festen Anhaltspunkt
gab.
Und wenn schon das Sarazenische Fostat mit seinen noch immer festen
Mauern, Zinnen und Thürmen nur wie ein Zelt gegen den Römischen Bau
von Babylon, noch mehr aber gegen den Bau der nachbarlich, jenseit
des Niles sich erhebenden Pyramiden erscheint; womit sollen wir die
Hütten der armseligen Fellahs oder Bauern vergleichen, welche hie und
da, schon in der nächsten Umgegend, noch mehr aber in den eigentlichen
Dörfern überall ins Auge fallen? Denke Dir einen Backofen mit einer aus
ungebrannten, bloß an der Luft getrockneten Backsteinen und Nilschlamm
gebildeten, über den Ofen hinweggewölbten Decke und Du hast eine
ohngefähre Vorstellung von den Wohnungen der hiesigen Bauern. Eine
solche Hütte hat nur ein einziges, wenn man es so nennen will, Zimmer;
in diesem Zimmer, dem Eingang gegenüber, erhebt sich, in Brusthöhe,
die Wölbung des Ofens, auf welchem die armen Leute, die nur selten
eine Decke zum Schutz gegen die kühlen Nächte des Winters haben, des
Nachts schlafen. Kein Fenster ist im Zimmer; seine Stelle vertritt ein
großes Loch in der aus Palmenstrünken und Lehmen zusammengesetzten
Decke; ein Loch durch welches Luft und Licht hineindringt und das man
in kühlen Nächten schließen kann. Die ganzen Geräthschaften einer
solchen Bauernhütte sind eine oder etliche Binsenmatten, einige irdene
Wasserkrüge und eine Handmühle zum Mahlen des Kornes. Oefters, wie
wir dies in den Dörfern am Nil, auf unsrer Herfahrt aus Alexandria
bemerkten, scheint eine solche Hütte, mit den vielen in ihren Wänden
steckenden, krugartigen Taubenlöchern, mehr zur Behausung der Tauben
als der Menschen bestimmt, und wie Amru das Zelt aus Schonung der armen
Tauben stehen ließ, wer weiß ob nicht so ein Höherer als Amru und
sein Kalife, sammt allen andern Herrschern der Erde, wegen der armen,
öfter noch als die Tauben gejagten Fellahs, das ganze Zeltengebäu der
jetzigen Verfassung des Landes stehen ließ.
Nur im Vorbeigehen erwähne ich der Altkairo gegenüber gelegenen Insel
Rode oder Ruda, mit dem alten Nilmesser an ihrem Fuße und mit den
herrlichen Gartenanlagen des Ibrahim Pascha. Wir ergingen uns unter
ihren jetzt, im Januar, in voller Blüthe stehenden Bäumen, an einem
späteren Tage und mein Auge erquickte sich an dem Anblick der vielen,
hier kräftig und hochwüchsig im Freien stehenden Bäume und Sträucher,
die ich bis dahin nur als arme Krüppel in Gewächshäußern gesehen
hatte[24]. Eine nicht sehr verbürgte Sage der hiesigen Eingebornen
macht die Insel Rode zu jenem Orte wo die Tochter des Pharao das
Knäblein, das nachmals der Held und Retter seines Volkes wurde, Moses,
aus dem Wasser rettete.
Man bekommt, besonders dann wenn der Wind, wie gerade wir es trafen,
den Staub und Sand der Wüste aufregt, auf dem Wege an Fostat-Babylon
vorüber, gegen das Familienbegräbniß des Mehemed Ali hin einen
Vorschmack von den Beschwerden der Wüste. Ueberall, wohin das Auge
sieht, Haufen des noch unbebauten Schuttes und der zertrümmerten
Häußer und Hütten. Das Familienbegräbniß des Vizeköniges liegt an
der Südostseite der Stadt; es sind in ihm die Leichname mehrerer
seiner Kinder, Frauen und Enkel beigesetzt, auch der Leichnam seines
Schwiegersohnes des berüchtigten Defterdar stehet hier, noch ohne
Grabesmonument, im Sarge.
Man nahet sich weiterhin dem südwestlichen Abhange des in seiner Art
majestätischen Mokkatamberges. Ein Theil dieses Abhanges ist mit alten
und neuen Grabmonumenten und Gräberkammern bedeckt; dazwischen kleine
Moscheen mit ihren Minares. Auch die Juden haben dort weiterhin ihre
Todtenäcker. Wir wenden uns neben dem jetzt im neuen Ausbau begriffenen
stark befestigten Vorwerk der Citadelle hinan zu dem Berge, der sich
neben der volkreichen Stadt und dem grünenden Nilthale ausnimmt wie
eine Lawine der Wüste; wie ein Schneemantel der sich, vom Sturm
herbeigeführt, außen an die Fenster eines warmen Zimmers oder eines
mit Blumen erfüllten Treibhaußes anlegt. Der Mokkatam ist nur eine
der Wurzeln jenes in mehreren Reihen von dem Nilthale nach dem rothen
Meere, von West nach Ost ansteigenden Höhenzuges, dessen einzelne
Gruppen durch breite, flach anlaufende Thäler geschieden sind. In
diesem Gebirge und seinen Thälern bewohnen die Armuth und der bittere
Mangel einer jetzigen Weltzeit der irdischen Natur den Pallast einer
Vorwelt, die zu den reichsten Mächten der damals noch jugendlichen
Erdveste gehörte; etwa wie (nach einem menschlichen Vergleich) in
Venedig der verarmte, jetzt lebende Sprößling eines alten, edlen Haußes
in den von Marmorsäulen getragenen, mit kostbarem Mosaik getäfelten
Hallen des Wohnsitzes seiner Ahnen -- hungernd und in abgetragenes
Gewand gehüllt, -- umherwandelt. Wenn mich jemand fragte: wo unter
allen Gegenden der Erde, welche dein Auge bisher sahe, ward dieses am
öftersten entzückt durch die Farbenpracht und Schönheit der Steine? so
müßte ich sagen hier, in der östlichen Gebirgswüste des Nilthales; denn
an manchen Stellen ist das Thal wie der Hügelabhang ganz bedeckt von
den größeren Kugeln des Aegyptischen braunen (seltener des rosenrothen)
Jaspis, von den kleineren des blutrothen so wie des gelben Carniol, von
Chalcedon und Onyxgesteinen; das nebenanstehende Gebirge umschließet
die Lagen des schönsten durchscheinenden Alabasters, den schon das
Alterthum kannte und den noch der jetzige Herrscher von Aegypten
zu seinen Bauwerken benutzet. Zu diesem Reichthum des buntfarbigen
Gesteines gesellen sich freilich erst weiter im Süden und höher im
Nilthale die Felsen des weißen wie farbigen Marmors, des Porphyrs und
rothen Granites, aus denen die kunstreiche Hand der alten Aegypter jene
prachtvollen Säulen, Obelisken und die Menge der andren Werke erschuf,
welche die Tempel und Paläste des eigenen Landes wie die so vieler
andrer Länder der Erde zierten; dort in Südosten sind die Fundgruben
des schönsten Steines der Erde, des Smaragdes; dort die Heimath des
Chrysolithes.
Da hier dieses nachbarliche, buntfarbige Erdreich noch jung war,
da müssen sich auf ihm auch die bildenden Kräfte der organischen
Natur aufs Mächtigste geregt haben, denn der Wandrer, den sein
Weg vom Nilthale, namentlich bei Bessatin, nach Suez durch dieses
Wüstengebirge führt, siehet da öfters an dem Felsenbette der vielleicht
seit Jahrtausenden versiegten, vormaligen Gießbäche und Flüsse ganze
versteinerte Waldungen von Sykomoren, Akazien und Palmen; diese
nun so erstorbene Landschaft war einst blühend und grünend wie das
Nilthal, ehe die große Fluth sie verheerte, welche nicht nur durch den
ungeheuren Druck ihrer hohen Wassersäule die versteinernde Masse der
Kieselerde zwischen die Lagen und Fasern des Holzes hineindrängte,
sondern, wie das Gorgonenhaupt, wenn es dem Auge eines Lebenden nahet,
den größesten Theil der damals lebenden Natur mit dem Erstarren des
Todes durchdrang. Denn jetzt ist dieser Erdstrich, wasserleer und
verödet, eine zum tiefsten Ernst stimmende, furchtbar prächtige
Vorhalle der Schrecknisse des Todes. Wer schon einmal durch ein gutes
Fernrohr die Mondfläche betrachtet hat, mit ihren zackigen Gebirgen
und Thälern, in denen nirgends ein Fluß rinnt; mit ihren kessel- und
muldenartigen Eintiefungen, in deren keiner ein See erscheinet, der
kann sich einen Begriff machen von der Natur des alabastritischen und
porphyritischen Gebirges, im Osten des mittleren Nillaufes. Es sind
nur die dornigen Gesträuche und niedren Gewächse der Wüste, welche
hie und da in den Schluchten und kesselartigen Tiefen ein bleiches
Grün verbreiten, dann finden sich wieder lange, fast Tagereisen weite
Strecken auf denen selbst diese arme Familie der Gewächse weder Boden
noch Unterhalt findet; wo dann aber, -- freilich eine hier nur seltene
Erscheinung, ein bald wieder im Sande und Kiesboden versiegender Quell,
meist nur mit salzig schmeckendem Wasser und nicht zu allen Zeiten
des Jahres aus dem Felsen hervordringt, oder wo der thonige Boden
das längere Fortbestehen einer Lache des Regenwassers begünstigt, da
erwachet, wie die alte Whole, als Odins Stab ihre Grabstätte berührte,
die uralte Fruchtbarkeit des Landes; zu der feinblättrigen Akazie
gesellt sich die hochwüchsige Palme, an deren Fuße der genügsame
Bewohner der Wüste seine Hütte aufschlägt.
* * * * *
Ich habe dir eigentlich schon in der Beschreibung des Mokkatam ein Bild
der Wüste gegeben, die ich nun bald auf längere Zeit zu betreten hoffe.
Man ist aber auch da, wenn man sich in einen der Kessel hinabbegiebt,
die auf unerwartete Weise das Weitergehen hemmen, und welche theils die
Natur, theils aber die hier seit Jahrtausenden nach Bausteinen grabende
Menschenhand ausgehölt hat, oder wenn man in die Thäler und Schluchten
des östlichen Abhanges des Berges hineingeräth, so abgeschieden von
jedem Denkzeichen des volkreichen Landes und der ganzen mitlebenden
Menschenwelt, daß mich hier meine alte, und doch noch immerhin ziemlich
lebhafte Phantasie zurückversetzte in die Erinnerungen meiner frühesten
Jugend, wo ich mit herzlicher Theilnahme das Leben der Altväter, die
Geschichten der Anachoreten der Aegyptischen Wüste las: die Erzählung,
wie der neunzigjährige Antonius den seinem Ende nahen ersten der
christlichen Einsamen, den 113jährigen Paulus Anachoreta mitten in der
Einöde aufsucht, und, vom Geiste der Liebe geführt, ihn findet; die
vielen, kindlich lieblichen Geschichten von den Thaten und Leben dieser
»Altväter,« durch deren geistigen wie leiblichen Fleiß, das seitdem
wieder verödete Gebirge zu einem Garten Gottes wurde, aus welchem
manche vom heißen Drange des Werktagtreibens ihrer Zeit ermüdete Seele
Kräfte des Paradieses mit sich nahm.
Aber ich muß Dich vorerst, aus dem Schweben in den Lüften, ebenen Fußes
ein wenig mit mir wandeln lassen, auf dem in seiner Art wunderschönen
Mokkatam.
Da giebt es nun schon, auch Dir soll sie bald aus der Anschauung
bekannt werden, wenn auch hier noch in zwergartiger Gestalt, die
merkwürdige Jerichorose oder Auferstehungsblume (+Anastatica
hierochuntica+), deren, gleich einem erstorbenen Gebein, ganz
verdorrt aussehende Blüthenkugel (Dolde), auch viele Jahre, man sagt
Jahrhunderte nach dem Tode sich wieder ausbreitet und entfaltet und
mit purpurrothen Zweiglein pranget, dabei sogar einen Duft entwickelt,
wenn man sie ins Wasser hineinstellt. Jetzt, im Januar, treibt sie, an
den Enden der Doldenzweige ihre kleinen, unscheinbaren, weißfarbigen
Blümlein, nach deren Verwelken die Zweige, mit den Samenkapseln zur
Rosenform oder Kugeldolde sich zusammenfügen, und so Jahre lang stehen
bleiben. Außerdem blühen da noch viele andre, niedrige Gewächse der
Wüste, hin und wieder in den Schluchten; mehrere vom Geschlecht des
Bilsenkrautes, als sollten die armen Käfer und Bienlein der Einöde, wie
der nachbarlich wohnende Moslem, für so manche Entbehrung wenigstens in
ihnen ein Mittel der fröhlichen Aufregung finden. Am meisten zieht aber
das Auge weiterhin, im nördlicheren Verlaufe des Mokkatam ein Hügel
aus fast glasig festem, röthlichem und bräunlichem Sandstein an sich,
dessen uralte Steinbrüche mehrere kraterähnliche Eintiefungen gebildet
haben, die dem Hügel fast das Aussehen eines erloschenen Vulkans geben.
Man nennt diese kleine, durch Farbe und Ansehen ausgezeichnete Anhöhe
den Dschebel Ascher; der Sandstein, wie in andern Gegenden dieses
Landes, ist auf den Nummulitenkalk und seine Gypsmassen aufgelagert.
Die Trümmer um Heliopolis und andre Wohnstätten des ältesten Aegyptens
bezeugen es, wie frühe man diese an mehrern Orten vorkommende Felsart
zu Mühlsteinen zu verarbeiten gewußt habe; selbst die berühmte
»tönende« Memnonsstatue des obern Aegyptens ist aus einem gleichen
Material gebildet. Von dem Besuche des Mokkatam, an dessen Hügeln der
letzte der Mameluckenherrscher, Toman-Bay, im Jahr 1517 nach verlorner
Schlacht von den Türken gefangen wurde, führe ich Dich mit mir in die
reichen Gartenanlagen von Schubra, die ich erst vorgestern besuchte.
Am 27sten Januar des Morgens war ich mit einem Begleiter am herrlichen
Nil, bei Bulack gewesen, um naturhistorische Ausbeute auf dem dortigen
Fischmarkte zu suchen; nach Tische machte ich mich, in Begleitung der
Hausfrau und Fräulein Waitz, nebst einem ortskundigen Begleiter auf,
um einmal den Aegyptischen Frühling in seiner vollsten, schönsten
Pracht zu sehen. Als Kind habe ich mich öfters, an heitern Abenden
in die Möglichkeit hineingeträumt der Sonne nachzufliegen, dahin,
wo sie untergieng, und sie wieder aufzusuchen in ihrem nächtlichen
Bergungsorte; dem Frühling und Sommer bin ich nun wirklich einmal
nachgegangen an den Ort, wo diese, wenn sie vor dem Winter unsrer
Lande entfliehen, ihr Zelt aufschlagen. Wie in der Regel die Witterung
des 27sten Januars bei uns in Deutschland beschaffen sey, das hatten
wir sehr gut im Gedächtniß, denn dieser Tag war von uns immer als der
Geburtstag eines lieben Freundes ganz besonders beachtet gewesen.
Hier in Aegypten sah aber freilich derselbe Tag etwas anders aus als
bei uns; verschieden von seiner heimathlichen Gestalt wie die lebende
Blumenflor eines Sommerabendes von den blumen- und blätterartigen
Formen die der Winterfrost an die gefrierenden Fenster mahlt. Der
Himmel war heute ganz eigentümlich bedeckt, so wie ich mich nicht
erinnern kann ihn im Vaterlande gesehen zu haben, bedeckt, wie mit
einem leichten und dennoch fest gewebten Schleier der Isis, welcher die
feineren Züge, nicht aber die Umrisse und selbst die Bewegungen des
Angesichtes verbirgt. Die breite, fahrbare Straße führet durch eine
Allee der Sykomoren und Lebbeck-Mimosen, von Zeit zu Zeit naht sie sich
dem breiten herrlichen Nilstrom, auf welchem, während wir dahinritten,
Schiffe und Barken in großer Anzahl auf und nieder fuhren, denn der
fast aus Westen kommende, frische Wind begünstigte die Bewegung nach
beiden Richtungen. In den Gärten von Schubra feierten alle Sinnen ein
Fest der Lust; in den Beeten prangte die Flor der Tulpen, Hyazinthen,
Tazetten und Jonquillen; neben der Fülle der andern ostasiatischen und
südamericanischen Gewächse blendeten die purpurblüthigen Geranien und
gelben Lippenblumen das Auge. Die kräftig stämmigen Bäume der Citronen,
Pompelmusen und Orangen waren theils mit duftenden Blüthen, theils
mit reifen Früchten bedeckt; mit ihnen wetteiferten an andern Stellen
des Gartens die wohlbekannten Formen unserer Obstbäume, vor allen die
blühenden Birnen und Aepfel, an Geruch und Farbe. In dem angränzenden
Park jagten einige schöne Straußen in schnellem Laufe herum, flüchtiger
als die großen, zierlich geformten und gefärbten Gazellen des heißeren
Afrikas, die man ihnen hier beigesellt hatte. Vor einem kleinen, von
Marmorsäulen getragenen Pavillon ruheten wir lange auf steinernen Bank
aus und erquickten uns bei dem Duft der Rosen und blühenden Citronen an
dem Genuß der Sevilla-Orangen, womit einer der Gärtner uns beschenkte.
Erst beim Einbruch der Dämmerung kehrten wir, gesättigt wie mit Strömen
der Lust wieder heim zur stillen Wohnung.
Einen Genuß von noch andrer, geistig höherer Art gewährte uns der
Ausflug nach der Stätte, denn kaum darf man sagen, nach den Trümmern
von Heliopolis: der alten Priesterstadt On der Pharaonenzeit, so wie
ein andrer, der uns in derselben Richtung nach dem zwei Stunden weiter
entfernten Abusabel brachte. Die erstere Wanderung machten wir schon am
9ten, die zweite am 14ten Januar. Der Anfang und erste Theil des Weges
ist nach beiden Richtungen derselbe. Da wir am 9ten Januar am frühen
Morgen, reitend auf unsern Eselein hinauszogen, war eben der erste Tag
des Bairamfestes. Wir kamen außen vor der Stadt und dann bei einem der
nächsten Dörfer an dem Lager der Soldaten vorüber, welches am heutigen
Festtage mehr an die Gaben des Friedens als an die Arbeiten des Krieges
erinnerte. Ein solches Lager der Aegyptischen Soldaten mußt Du dir
ohnehin ganz anders vorstellen, als ein Lager unsrer Europäischen
Truppen. Um der immer merklicher werdenden Entvölkerung des Landes,
welche Pest, Cholera und Krieg über das arme Aegypten geführt hatten,
zu begegnen, hat Mehemed Ali die Einrichtung getroffen, daß wo möglich
jeder Soldat sein Weib haben muß. Du siehst mithin in einem solchen
Lager nicht zunächst Soldaten, sondern Soldatenfamilien; statt der
Schaaren der Streiter im Feld, Schaaren der Streitenden in Hütte und
Zelt, denn Zank und Streit, davon waren wir selbst zuweilen Zeugen,
giebt es unter diesen eng zusammengedrängten Familienmüttern, Vätern
und Kindern genug und viel. Die Frauen wohnen mit ihren Kinderlein in
kleinen, backofenförmigen Lehmhütten, deren Eingang so niedrig und eng
ist, daß der Mann nur tief gebückt hineinkriechen kann; die Stelle der
Thüre vertritt ein vorgehängtes Stück grobe Leinwand oder eine härene
Decke. Innen ist nur Raum für die Binsenmatten des Lagers und etliche
irdene Krüge; man kann da meist nur sitzen und liegen, aufrecht stehen
nur in wenigen; ein Loch in der obern Wölbung läßt wenigstens bei den
größern Hütten etwas Licht und Luft herein. Die Bewohnerinnen der
Hütte bedürfen es indeß nicht anders; sie sitzen fast den ganzen Tag
vor der Hütte um den Zank der andern mit anzuhören und zu sehen, an
dem sie gelegentlich selber Theil nehmen, oder um dem Geschäft ihrer
Hände, welches ihnen und den Kindern das tägliche Brod geben muß: dem
Waschen der Wäsche für die Bewohner der Stadt und der Bereitung des
Brennstoffes aus Mist und Stroh nachzugehen, dessen Scheiben sie an
die Außenwand der Hütte kleben damit sie hier trocknen. Und zu sehr
überfüllt von Bewohnern kann eine solche Hütte auch nicht werden,
da die Knaben schon in einem frühen Alter Unterkunft in einer der
Soldatenschulen finden. -- Heute ruhete das arme Volk von seiner Arbeit
aus; Männer, Frauen und Kinder saßen und giengen in ihren besten oder
wenigstens reiner als sonst gewaschenen Kleidern; überall dampften
kleine Feuer; Kamelwürste und das Fleisch der Büffel brieten in den
Pfannen der Bemittelten; die andren bereiteten sich das Mahl der
Waizengraupen und Bohnen.
Es war uns doch wohl da wir aus dem nicht sehr wohnlich und reinlich
aussehenden Bezirken dieser Lager hinauskamen, bald auf die grünenden,
von alten Sykomoren beschatteten Dämme, bald in die Wälder der hohen
gegliederten Tamarisken und der Palmen. Die Felder des Zuckerrohres
waren jetzt zur Ernte reif und bereit[25]; die Lubiabohne fieng an zu
blühen; das tiefer gelegene Land in das wir eintraten, seit Kurzem
erst vom Wasser verlassen, hatte sich auch, wie seine Bewohner, mit
einem neuen, buntgestickten Gewand bekleidet; hinter den Heerden der
kurzgehörnten Kühe ergiengen sich im frischen jungen Grün die Schaaren
der kleinen weißen Reiher[26]. Der Boden über den man, namentlich auf
dem Wege nach Abusabel hinreitet, ist an manchen Stellen ganz besonders
reich besäet mit braunem Aegyptischen Jaspis und mit Carniol; von dem
Letztern sammelten unsre jungen Begleiter mehrere schöne Stücke.
Da ich in meiner Beschreibung einmal in dem Auslauf nach dieser
Richtung des Landstriches bin, spreche ich von der weiteren, obgleich
späteren Wanderung, von der nach Abusabel und den dortigen Anlagen
zuerst.
Unsre beiden Begleiterinnen wandelte eine Art von Grausen an, da sie
heute einmal die Art, wie man auf Kamelen reist, recht in der Nähe
betrachteten; den Transport etlicher kranker Soldaten in einer Art
von Kiste, davon auf jeder Seite des Thieres eine hängt. Denn diese
Kistensitze wurden bei dem vor- und rückwärts schaucklenden Gange
des Kameles fast noch härter hin und hergestoßen, als ein Boot auf
hochgehendem Meere. Der Weg nach Abusabel geht eine Strecke weit auf
der Landstraße die nach den Pilgrimsee (Birket el Hadsch) führt, wo
die Hadschi's bei ihrem großen Auszuge nach Mekka sich versammeln
und an welchem auch der gewöhnliche Weg der Karawanen nach Suez sich
vorüberzieht. Auf unsrer kleinen Reise nach Abusabel, besonders
heimwärts, begegneten uns schon mehrere Hadschis mit ihren Kamelen,
welche der großen Karawane vorauseilten, weil sie zu Schiffe, von Suez
über das rothe Meer nach Mekka gehen wollten. So sicher diese ganze
Gegend am Tage zu passiren ist, so ist sie dieß dennoch nicht immer
bei Nacht; nicht wegen der Räuber, sondern wegen der wilden Thiere,
denn einer meiner Bekannten wurde vor kurzem, als er nach Einbruch der
Nacht durch den Wald jenseits Matarieh nach Abusabel reiten wollte, von
einem Aegyptischen Luchs (Caracal) angefallen, den er, mit Pistolen
bewaffnet, so glücklich war zu erlegen und für die Sammlung in Abusabel
zu erbeuten. So wie man sich Abusabel nähert sieht man auf dem hinter
ihm gelegenen Hügel die archäologisch nicht sehr bedeutenden, von
weitem aber ansehnlich sich ausnehmenden Trümmer von Tel el Jhud: der
Judenstadt, welche wahrscheinlich noch in den Zeiten der Ptolemäer und
selbst der Römerherrschaft ein Wohnort der in Aegypten einheimischen
Juden war[27].
In Abusabel, wo wir auf Herrn Clotbeys Veranstaltung sehr
gastfreundlich angenommen wurden, sahen wir mit wahrhafter Theilnahme
die den Jahren ihrer Begründung nach noch jugendliche, in ihren
Leistungen aber schon trefflich herangereifte Anstalt zur Bildung
junger Aerzte, Hebammen und Thierärzte. Einen wissenschaftlich
geordneten botanischen Garten, in welchem die Gewächse der heißeren
Erdgegend, meist im Freien stehend, in solcher Menge der Arten in
schönster Frische grünten, blüheten und Früchte trugen, hatte ich
in meinem Leben noch nie gesehen[28]. Die zoologische Sammlung ist
zwar erst im Entstehen, auch sie besitzt jedoch, von dem Lande in
welchem sie sich bildet und von der vielfachen Gelegenheit zum
Tauschen begünstigt, eine Menge von naturhistorischen Kostbarkeiten.
Die Mägdlein (meist Abyssinierinnen) und Frauen, welche zu Hebammen
gebildet werden, erhalten einen zweckmäßigen Schulunterricht; wir
fanden sie eben mit den Uebungen im Schreiben beschäftigt, in welchem
einige schon sehr große Fertigkeit zeigten. Für die jungen Männer
ertheilen den Unterricht in den verschieden Zweigen der Arznei-
und Veterinärkunde einige Europäische Aerzte; der Lehrer spricht
Italienisch oder Französisch; ein Dolmetscher übersetzt den Vortrag ins
Arabische, wobei dann die Anschauung der Gegenstände das Wesentlichste
hinzufügt. Ein großes Krankenhaus für Menschen, ein andres für Thiere
geben reichliche Gelegenheit zur Ausübung des Erlernten unter Aufsicht
eines Lehrers.
Aber ich bin es Dir und mir schuldig noch eine andre, höher geartete
Frucht unsrer Auswanderung in diese Gefilde von uralter Bedeutenheit
mitzunehmen, als der herrliche Gewächsgarten von Abusabel uns
darzureichen vermag. Der hohe Obelisk, der auf dem Wege hieher zur
Linken über Feld und Gebüsch hervorragt, hat schon lange den äußren wie
den innren Sinn mächtig zu sich hingezogen; er steht auf der Stätte der
hochgepriesnen Stadt der Sonne: On; auf der Stätte von Heliopolis.
Mit ganz besondrer Bewegung näherte ich mich dem einzigen noch stehen
gebliebenen Zeugen der alten Herrlichkeit die einst hier, eine Reihe
von Jahrhunderten hindurch ihre Tempel und Palläste aufgeschlagen
hatte; der Spitzsäule von rothem, Aegyptischen Granit, welche unter den
Hieroglyphen, womit sie beschrieben ist, das Namenszeichen jenes Pharao
Osirtesen des Ersten trägt, während dessen 43jähriger Regierung, nach
~Wilkinsons~ Forschungen[29] Joseph nach Aegypten kam. Als hätte
gerade das Andenken dieses Herrschers im mächtigen Denkzeichen erhalten
werden sollen, in dessen Regierungszeit eine Zukunft des geistigen
Verständnisses, die noch heute in ihrer Entfaltung und Gestaltung
begriffen ist, einen ihrer ersten Anfänge nahm.
Das Wasser, das bei den jetzigen Stromschwellen des Nils die Fläche,
worauf der Obelisk steht, überfluthet, war zurückgetreten; Felder
voller gelbblühenden Aegyptischen Rübsamen (+Brassica oleifera+)
grünten jetzt an seiner Stelle; Bienen der verschiedensten Arten flogen
summend in den duftenden Blüthen aus und ein; Mauerimmen bereiteten
in den Vertiefungen der räthselhaften Hieroglyphenschrift das Räthsel
ihres Instinktes: die wundervollen Sandgehäuse für die noch ungeborne
Brut. Es ist als wenn jene Weisheit, welche vormals hier, in einer
ihrer Schulen, zu dem Geist des Menschen zutraulich sich gesellte,
hinausgezogen sey aufs Feld, um da, unbeachtet von dem Auge der Welt,
ihr Spiel mit dem kleinsten und hülflosesten der Creaturen zu treiben.
Wer da weiß und bedenkt was vormals hier an dieser Stätte geschehen
und gewesen, dem begegnet etwas Aehnliches wie jenen Schiffern
an der Amerikanischen Küste, welche im Hafen einer auf ihrer
Landcharte, wie in der Erinnerung einiger unter ihnen bestehenden
Stadt ihre Anker warfen, und welche den Hafen unverändert als
denselben erkannten, während die Stadt durch die verheerende Macht
des Erdbebens hinweggetilgt war von ihrem Boden. Diese Spitzsäule da
stand einst, gepaart mit einer andern, ihr gegenübergelegnen, vor dem
Eingang des hehren Tempels der Sonne; zu dem älteren Paare der in
Hieroglyphensprache redenden Denksäulen hatte Pheron, der Sohn des
Sesostris noch zwei andre gesellt, welche gegen 150 Fuß hoch ragten;
eine Allee von Sphinxen lief von da zum nordwestlichen Thore der Stadt.
Zwar die Pracht des Sonnentempels, und seine bis dahin unverletzte
Würde hatte schon Cambyses in den Staub gebeugt, doch fand noch Strabo
der Geograph, der in der hehren Herrscherzeit des Kaiser Augustus
Heliopolis besuchte, die verödete Stadt in den Grundzügen ihrer alten
Anlage unverändert; ihm zeigte man selbst jene Häußer in denen Plato
und Eratosthenes wohnten, als sie hier die Lehren der Priesterweisheit
vernahmen. Anjetzt lassen nur noch die Wälle von Schutt, welche
den vormaligen Bezirk des Tempels und der zu ihm gehörigen Häußer
umschließen, den Umriß des Ganzen errathen, denn da, wo diese Wälle
herumlaufen stunden die Mauern; die Lücken oder Oeffnungen der
Schutthaufen bezeichnen die Lage der alten Thore. Unter diesen ist
jenes an der Nordwestseite noch am kenntlichsten; hier liegen und
stehen auch noch einzelne Trümmer von Kunstwerken, namentlich von
Sphinxen. Die längste Ausdehnung des ganzen Bezirkes misset 1500 die
Breite desselben fast 1150 gemeine Schritte; die Wohnhäußer lagen auf
der nördlichen Seite und nahmen einen Flächenraum von fast 540,000
Quadratfußen ein; der Tempel erhub sich an der Südseite.
Daß dieser Tempel einer der ehrwürdigsten und ältesten in Aegypten
gewesen, das gehet aus vielfachen Zeugnissen des Alterthumes hervor.
Wie zu Sais bestund hier eine Schule der Tempelweisheit, aus deren
Erkenntnißquell mit den Eingebornen zugleich auch Fremde, namentlich
die Weisen des klassischen Griechenlandes schöpften. Denn neben dem
Wort jener Geheimlehren, welche ein Erbgut der Väter waren, dessen
Werth und Bedeutung von dem spätern Jahrtausend kaum noch geahndet
wurde, waltete hier ein wissenschaftliches Erkennen des Laufes der
Gestirne und ihrer unwandelbar fest stehenden Zeiten. On war ein Tempel
der Sonne oder des Phre; der Vater der Asnath, welche Pharao dem Joseph
vermählte, war, wie die Septuaginta seinen Namen schreibt Pete-Phre:
Priester des Phre, d. h. der Sonne. Wenn uns eine misverstehende Sage,
welcher de Vignoles folgt, die Erkenntniß der eigentlichen Dauer des
Sonnenjahres als eine Erfindung der Priester zu Heliopolis darstellt,
welche älter nicht denn 1325 Jahre vor Christo sey, so erinnert uns
dieselbe nur an das allgemeine Verhältniß des späteren Cultus der
Heiden zu einer reineren, älteren Erkenntniß des Göttlichen, welche
überall das Anfängliche war, das den Entartungen des Götzendienstes
vorausgieng. Der abgöttische Stierdienst, der auch hier in Heliopolis
bestund, wo der Stier Mmevis, am Range der nächste nach dem Apis der
Memphiten verehrt wurde, war allerdings eine sehr alte, aber nicht
die älteste Huldigung, welche der Menschengeist jener ausgebährenden
Schöpferkraft darbrachte, die älter als Sonne und Mond die Mutter
von beiden gewesen. Und wenn Osiris auch wirklich einem späteren
Geschlecht (nach Jablonsky) als Osch-Iri, d. h. Ordner der Zeit, nur
die Bedeutung des sichtbaren Wesens hatte, so war er doch einem älteren
der ewige Anfang alles Seyns der Zeiten und der Räume; die Neith zu
Sais nicht eine irdische, sondern eine himmlische Weisheit: Meisterin
des sichtbaren Gestaltens, Ordnerin und Lenkerin aller Bewegungen
des Lebens. Eine der werthvollsten Früchte des Forschens der neueren
Zeit ist der wissenschaftliche Erweis der Thatsache, daß auch hier in
Aegypten, wie in Indien jene Religion der Altväter die älteste und
anfänglichste war, welche auf ein Erkennen des wahren Gottes, des Drei
in Einem sich gründete; denn die früheste Grundlehre der Tempel war die
der Dreieinheit. Erst später wurde statt jenes Ewigen und Unsichtbaren
der sich dem Geschlecht der Menschen in leiblicher Gestalt nahete, die
leibliche, vergängliche Form selber vergöttert; dem Namen, welche die
Eigenschaften nur Seines Wesens bezeichneten, wurde die Bedeutung des
sichtbaren Gestirnes oder der Erde und des Niles beigelegt; über den
Gaben vergaß man des Gebers. Mitten in den Wegen dieses Irrens blieben
als Denksteine jene tieferen Kenntnisse der Natur bestehen, welche aus
dem gemeinsamen Quell des Erkennens des unsichtbaren wie des sichtbaren
Wesens gekommen waren, und namentlich Heliopolis blieb bis in die
spätere Zeit eine Schule der Sternkunde und Berechnung der Zeiten; eine
Verwahrungsstätte wenigstens der Gefäße einer höheren Weisheit, auch
dann noch als der anfängliche Inhalt dieser Gefäße verschüttet und
verloren gegangen war. Aus dem Blute jener Riesen, die gegen die Götter
stritten, als dieses auf die Erde floß, war nach einer Lehre der alten
Aegyptischen Priester der Weinstock mit seinen stärkenden, wenn auch
zuweilen berauschenden Früchten entstanden; so hatten die von Aegypten
aus über viele Länder ergossenen Kräfte des Erkennens, in dem Boden
derselben den Baum der Wissenschaft geweckt und zur Blüthe gebracht,
von dessen Früchten das noch jetzt lebende Geschlecht sich nährt und
berauscht.
* * * * *
Während wir so die Spuren und Trümmer einer alten Herrlichkeit
betrachteten, hatte sich ein freundlicher Mann, von Geburt ein Franzose
zu uns gesellt, der uns in sein kleines, auf der Stätte von Heliopolis
stehendes Haus einlud, um mit ihm eine Tasse Kaffee zu trinken. Wir
folgen der Einladung und freuten uns ganz besonders an dem kleinen
Garten, dessen Rasen grünte, dessen Aprikosenbäume heute, am 9ten
Januar, schon so blüheten wie bei uns im Frühling, und an der jungen,
zahmen Gazelle, welche wie ein Lamm mit sich spielen ließ. Um das
kleine Haus unsres Wirthes stehen mehrere Hütten, bewohnt von armen
Fellahs.
Auf unsrem Rückwege verweilten wir noch in dem nahe bei der Stätte
von Heliopolis gelegnem Dörflein Matarieh. Es ist von Gärten umgeben
in denen jetzt auch, wie in denen bei Heliopolis, der Frühling mit
all seinen Reizen eingezogen war. Denn zwischen den hohen Palmen,
Sykomoren und Granaten, zeigten sich im rosenrothen Gewand der Blüthen
unsre Obstbäume, vor allen die der »Mischmisch« oder Aprikosen[30].
Schon der Name Matarieh (frisches Wasser) deutet eine Nachbarschaft
an, durch welche dieses Dörflein noch jetzt für Einheimische wie für
Fremde ein anziehender Ort wird: die Nachbarschaft des Ain Schems oder
Quelles der Sonne. Er strömt das süßeste Quellwasser von Aegypten,
dessen übrige Brunnen meist einen salzigen Beigeschmack haben; man
schreibt seinem Wasser besondre Heilkräfte zu. Mohamedaner, namentlich
die vorüberziehenden Mekkapilgrime, und Christen rühmen diese Kräfte
und ihr Ruhm ist ein alter; er stammt aus jener Zeit, da auch der
hochummauerte Bezirk von Heliopolis einen Quell von geistiger Art
umschloß, dessen Kräfte Einheimische wie Fremde erfuhren. Die
Schranken der hohen Mauern, welche das Geheimniß verwahrten, sind
indeß längst gefallen; das Wasser strömte ungehemmt hinaus; was
als Eigentum nur eines Standes erschien, das ist, in der Form der
Wissenschaft ein Gemeingut der verschiedensten Stände und Völker der
Menschen geworden. Und wie ist jene vormals einsame und verschlossene
Weisheit der menschlichen Art, wie ist noch mehr jene höhere, von
göttlicher Natur, zu einer, der Gefangenschaft entlassenen, frei herum
wandelnden Gesellin und Freundin aller Pilgrime der Erde geworden? Der
uralte Sykomorusbaum hier in einem der Gärten von Matarieh und der
nachbarliche Quell der Sonne, könnten, wenn sie Sprache hätten, die
Geschichte der weiten Wanderungen der einst Gefangenen und nun Freien
erzählen. Hier fand, so erzählt eine Sage vieler Jahrhunderte, die
heilige Familie, auf der Flucht nach Aegypten, aus der Wüste kommend,
die erste Erquickung des lebendigen Wassers; den ersten Ruheort.
Gleich ihr mußte auch der Christenglaube durch so manche Länder der
Erde seinen Wanderstab setzen, damit er jedem von ihnen eine Aussaat
des Segens zurücklasse, welche, wenn auch spät, dennoch einst aufgehen
und Früchte des Friedens und der Liebe tragen wird. Da ~sie~, die
auserwählte der Frauen, von hier, mit dem göttlichen Kinde weiter zog
gen Fostat und neben sich die Pracht der Tempelgebäude von Heliopolis,
vor sich die Herrlichkeit der Pyramiden erblickte, wie klein mag ihr
doch alle diese Herrlichkeit der Weit erschienen seyn gegen jene die
sie in ihren Armen und an ihrer Brust, wie in ihrem Herzen trug.
Fünfter Brief.
=Reise nach der Stätte des alten Memphis, nach Sakkara und den
Pyramiden.=
Die mächtigen Pyramiden hatten mich vom ersten Tage meines Hierseyns
an, hatten mich so oft ich sie vom Dache unsrer Wohnung sahe, kräftig
zu sich hingerufen und gezogen, dennoch konnten wir erst am 17ten
Januar dazu gelangen unsern ersten Besuch bei ihnen zu machen, den wir
später noch einmal wiederholten.
Wir verließen die Stadt bald nach Anbruch des Tages. Ein leichter
Nebel, der sich in reichlich niederträuflenden Thau auflöste, lag
über dem Nilthale; die Sonne erhub sich mit purpurrother Scheibe
über den gelblichen Felsenhöhen des Mokkatam. In den Gartenanlagen
des Ibrahim Pascha, an denen wir vorüber kamen, waren die Gärtner
schon am frühen Morgen mit dem Abschneiden der Gemüse, namentlich
der jungen grünen Bohnen, und mit andren Arbeiten beschäftigt, zu
welchen man bei uns erst im Spätfrühling und Sommer Gelegenheit hat.
Am Nil, bei Fostat oder Altkairo, wo man nach Ghizeh überfährt, wird
fast täglich ein Markt gehalten; Fahrzeuge, beladen mit Getraide und
Mehl, mit Bohnen, Linsen, Reis, Hühnern und Eiern, legen daselbst
an, und da alle diese Gegenstände hier noch wohlfeileren Verkaufes
sind als in der Stadt, kommt das Volk aus Kairo und der landeinwärts
gelegnen Landschaft haufenweise herbei um sich zu versorgen; neben den
aufgethürmten Haufen der Bohnenkerne, des Hirses und andren Getraides
sieht man Verkäuferinnen und Verkäufer des Brodes, der großen, meist
aus Kamelfleisch bereiteten Würste, wie der Südfrüchte; die Preise
sind in der That nicht höher als in den fruchtbarsten und reichsten
Gegenden unsers Vaterlandes[31]. Aus den Lustgärten der Insel Rhouda
wehete uns der Wind als wir vorüberfuhren, den Duft der blühenden Bäume
zu und schwellte zugleich die Segel des Fahrzeuges; bald waren wir am
gegenüber liegenden, linken Ufer des schönen Stromes. Von Kairo nach
Sakkara würde man allerdings quer durch die Ebene einen näheren Weg
nehmen können, wir hielten uns, um die Stätte des alten Memphis zu
besuchen mehr in Osten in der Nähe des Niles.
Ein erfrischender Wind, der fast aus Norden kam, hatte die Nebel
zerstreut und die Lustgärten des Landes, durch die unser Weg führte,
entschleiert; wenn ich jemals den Sinn jenes Sprüchwortes recht
lebendig empfunden und verstanden, daß, wer einmal das Nilwasser
in solcher Frühlingszeit gekostet habe, lebenslang ein Sehnen
behalte es wieder zu kosten, so ist es an diesem Tage gewesen; eine
Reise durch die Akazien- und Palmenwälder des linken Nilufers von
Ghizeh gen Sakkara in solcher Jahreszeit müßte auch auf einen halb
erstorbenen Sinn mächtiger wiederbelebend und verjüngend wirken als
die Zauberbäder der Medea. Man hat vielfach die Bemerkung gemacht,
daß keine andern Sinneneindrücke so mächtig sind die schlafenden
Gefühle und Erinnerungen zu wecken, als jene, die auf das Geruchsorgan
geschehen; auf unsrer heutigen Reise hatten wir, mehr vielleicht denn
jemals Gelegenheit die Macht der Düfte zu erfahren. Die im Nilthale
einheimisch gewordene farnesische Mimosa (+Mimosa farnesiana+),
welche als Heckengewächs am Saume der Dörfer und Felder steht, begann
mit ihrem feinen, jasminartigen Dufte das Lied der Wohlgerüche, dann
folgten die zwischen den Palmenwäldern weithin ausgebreiteten Felder
der blühenden Aegyptischen Bohnen, der Lupinen und des Alexandrinischen
so wie des Trigonellenklees mit einer Stärke und Mannichfaltigkeit
der Düfte, wie sie ein Maienmorgen in unsern Orangengärten oder über
den Beeten der Hyazinthen und Jonquillen erweckt; alle Getraidearten
Aegyptens, untermischt mit der jungen Aussaat des Hanfes und Mohns
prangten im frischesten Grün des jungen Halmes[32]. Die Landleute
waren in den Palmenwäldern, deren auf unserem heutigen Wege einer auf
den andern folgte, beschäftigt die Dattelbäume zu reinigen an deren
Blätterschopfe sich schon die Kolben der neuen Blüthen entfalteten; auf
den Gipfeln der vereinzelt stehenden Bäume wiegte sich der große, weiße
Ibis (+Tantalus Ibis+) mit rosenrothen Schwingen, dazwischen
vernahm man den Gesang einiger lautstimmiger Vögel vom Geschlecht
der Drossel und der Lerche. Von Zeit zu Zeit öffnete sich durch
die Lichtung der Palmenwälder die Aussicht auf den Nil und die mit
günstigem Winde stromaufwärts seglenden Schifflein; auf die Felsenhöhen
des rechten Ufers bei Torrah mit seinen Landhäußern und Burgen. Selbst
unsre Eselein sprangen heute so munter durch die grünenden Auen, daß
die Treiber ihnen zuweilen auch im schnellsten Laufe kaum zu folgen
vermochten. -- Ihr alten Aegypter, ich kann euer Festkleben am Seyn des
Leibes und seinen Genüssen wohl begreifen. Damals noch, als der Vater
der griechischen Geschichte, Herodot euch besuchte, war euer Land eines
der reichsten, äußerlich gesegnetsten der Erde, und Israël in der Wüste
gedachte nicht mehr der Angst und Qual der Frohndienste, sondern weinte
nur sehnsüchtig nach den Fleischtöpfen und der andern Fülle Aegyptens;
so mag noch vielmehr dem vormals hier ~herrschenden~ Volke das
Scheiden von der so reichlich genossenen Lust der Augen und aller
Sinnen unmäßig schwer angekommen seyn.
Noch vor Mittag waren wir in jene Gegend der Palmen- und Akazienwälder
gekommen, wo man in einer Tiefe von etwa 20 Fuß unter den Schlamm-
und Sandlagen, welche die jährlichen Stromschwellen des Niles im
Laufe der Jahrhunderte über das niedre Land geführt haben, jenen
prächtigen, liegenden Coloß entdeckt hat, welcher für die Bildsäule
des Pharao Remeses +II.+ gehalten wird. Vermutlich ist es einer
jener sechs Kolossen, welche dieser Monarch vor dem Tempel des Phtha
errichten lassen und von denen der eine sein eignes, der andre das
Bild seiner Gemahlin, die übrigen vier jenes Söhne waren. Die beiden
ersteren ragten zu einer Höhe von fast 38 Fuß und noch jetzt misset
der auf seinem Angesicht niedergestürzt liegende Coloß, obgleich er
an den Füßen und Hauptschmuck etwas verstümmelt ist, 40 Fuß, ohne
das Piedestal. Hier also, oder nahe hierbei hatte Menes, der erste
Begründer des Aegyptischen Herrscherthrones, jenen Tempel erbaut, in
und an welchem sich eine Herrschermacht des Geistes kund gab, höher
und urkräftiger als die der Pharaonen; hier stund der Tempel des
~Phtha~, des unsichtbaren, ewigen Gottes, des Ursprunges und
Anfanges alles Seyns, dessen Wesen ein Licht ist, »das auch in der
Mitte der Nacht leuchtet, mit der Klarheit des Tages.« Wir befinden
uns hier auf einem klassischen Boden der Aegyptischen Vorwelt; hier
war Memphis, der älteste Königsitz des ganzen Landes. Der Name, als
Momf oder Menf, soll sich in der Sprache und Ueberlieferung des
hier wohnenden Volkes erhalten haben[33]; jene mächtigen Ruinen
aber, welche noch Abulfeda im Jahr 1342 n. Chr. hier sahe, sind
bis auf den erwähnten Coloß und einige bearbeitete Granittrümmer,
so wie jene wenigen Substruktionen, die am Saum des Waldes gegen
Sakkara und Mitraheny hin aus dem angeschwemmten Boden hervorragen,
verschwunden. Nahe bei dem Tempel des Phtha, des Vaters aller Götter,
dessen Herrschaft und Anbetung, nach der Lehre der Aegypter die
ursprünglichste und älteste gewesen war: ein Reich dessen Anfang sich
nicht bestimmen ließ, hatte ein späteres Geschlecht den Tempel des
göttlichen Stieres, des Apis errichtet, welcher von seiner Erzeugung
an für einen Träger der Leben und Begeistrung aufregenden Kräfte
der Sonne und des Mondes: für eine neue Verleiblichung der Seele des
Osiris gehalten wurde. Sobald derselbe, im siebenten Monat nach seiner
Geburt, im prachtvoll geschmückten Schiffe, welches die Schaaren der
bunt verzierten Fahrzeuge umgaben, im Geleite der Hymnen singenden,
Rauchwerk opfernden Priester von Nilopolis hieher nach Memphis gebracht
war, empfieng ihn der geweihte Wohnsitz, der in der Nähe des Tempels
des Phtha für ihn bestimmt war. Es bestund dieser gleich den jetzigen
Moscheen in Tempelhallen die nach einem freien Hofraum herausgiengen;
in einem der Seitengebäude wurde die mütterliche Kuh verpflegt, die den
Apis gebar. Durch die Fenster jener mit königlicher Pracht verzierten
Halle, in welcher der vergötterte Stier wohnte, konnte das Volk
beständig hineinschauen; Knaben, seinem Dienste geweiht, spielten zu
seinen Füßen und wurden nicht selten von einem Geiste der Weissagung
angewehet, der aus ihrem Munde das Künftige und Verborgene verkündete.
Wenn aber die Priester das angebetete Thier, wie dieß öfters geschahe,
herausführten zum Hofe, unter das Volk, das seinen näheren Anblick
begehrte, dann ward Apis selber ein Verkünder der Zukunft, der, wenn
er von selbst in die eine der Hallen hineingieng, Glück, wenn in die
andre Unglück andeutete; der das Futter aus der Hand Dessen nahm,
welchem ein gutes Schicksal nicht aber aus der Hand Jenes welchem
Unglück oder der nahe Tod bevorstund. Hatten doch die Priester selbst
dem großen Eudoxus, daraus, daß Apis den Saum seines Gewandes mit der
Zunge zu berühren schien, seinen künftigen Ruhm, zugleich aber die
kurze Dauer der glänzenden Laufbahn vorausgesagt, und dem Germanikus
bedeutete es, als Apis aus seiner Hand das Futter nicht annahm, den
nahen Tod. Man brachte dem Apis Opfer, sogar von Stieren; seiner
Gottheit huldigten mit dargebrachten Opfern Alexander der Macedonier
und selbst noch Titus und Hadrian. Während der sieben Tage, in denen
jährlich das Geburtsfest des Apis gefeiert ward, legten, nach der Sage
des Volkes selbst die Crocodile ihre grimmige Natur ab; sie zeigten
sich dann harmlos und beleidigten niemand. Fünf und zwanzig Jahre lang
-- dieß war eine altägyptische Periode der Ausgleichung des Sonnen-
und Mondenjahres[34] -- wurde des heiligen Stieres mit allen nur
ersinnlichen Mühen gepflegt, jetzt aber hatte er das Ziel seines Lebens
erreicht; seine bisherigen Pfleger selber, die Priester, ertränkten ihn
in dem geweihten Wasserbehältniß des Tempels; dem Volke wurde verkündet
Apis sey jetzt verschwunden, starb aber das Thier natürlichen Todes,
so wurde gesagt er sey gestorben. Der Leib des einbalsamirten Stieres
wurde im ersteren Falle in den geheimen, unterirdischen Grüften des
Tempelbezirkes, im andern aber mit feierlichem, öffentlichem Begängniß
in dem bei Sakkara gelegnen Serapeion bestattet. Zu solchem Ausgang
hatte sich der einst reinere Gottesdienst des Phtha in dem Geist und in
den Händen eines alles versinnlichenden Volkes verkehrt.
Nahe bei dem Koloß und der vermutlichen Stätte des Phtha und
Apistempels stehen einige armselige, von Bauern bewohnte Hütten,
erbaut auf kleinen Hügeln des alten und neuen Schuttes. Tiefer im
Walde, gegen den Nil hin, bestiegen wir einen der größeren Schutthaufen
und überblickten das nun verödete Feld alter Geschichten und Thaten
der göttlichen wie der menschlichen Art. Hier auf dieser Stätte der
Trümmer stund der Wohnsitz der Herrscher, bei denen Abraham ein Gast
und Fremdling war, Joseph, aus der Niedrigkeit des Gefängnisses zur
Macht des Fürsten emporstieg, Jacob mit seinen Söhnen Versorgung und
Schutz vor dem drückenden Mangel fand; dort fließt der schöne Strom aus
dessen Schilf die königliche Jungfrau Den herausführte und rettete, der
zum Führer und Retter seines Volkes bestimmt war. Wie lebendig werden
hier alle diese Züge der heiligen Geschichte dem Gemüth; diese Palmen
da sprechen noch immer von einem Reich des Friedens und der Freude,
welches, wenn auch auf lange Zeit gestört und verdunkelt, doch nicht
geendet hat.
Der Weg nach Sakkara führte uns weiterhin im Walde der Akazien an
einigen Substruktionen alter Gebäude vorüber, dann hinaus auf die
grünenden Felder. Zwischen hier und dem Saume der westlichen Hügel
stunden noch große Teiche des Nilwassers, das von der Stromschwelle
zurückgeblieben war; nur durch manchen Umweg gelangten wir zu dem von
Arabern bewohnten Oertlein, welches seinen jetzigen Namen Sakkara
wahrscheinlich von dem Namen der ältesten Gottheit von Memphis,
des Phthah Sokar sich erhalten hat. Aus Unkunde hatte einer unsrer
Eseltreiber uns in ein Gebäude geführt, welches, wie uns dieß die
lautschreienden Stimmen einiger ältlichen Frauen ankündigten, ein
Harem war; schon wollten wir uns ein Nachtlager in einer der alten
Grabeskammern oder auf dem Vorplatze einer der nachbarlichen
Pyramiden suchen, da lud uns die Familie des Italienischen Grafen
Odeskalki (+Odescalchi+) der hier ein kleines Landhaus besitzt,
aufs freundlichste in ihre Wohnung ein und bot uns zugleich dar,
was den durch die heutige Reise nur aufgeregten, nicht gestillten,
leiblichen Hunger befriedigen konnte. Wir waren schon gegen zwei
Uhr des Nachmittags unter dem friedlichen Obdache angekommen; in
dem Zimmer, das man uns in dem höchsten und schönsten der kleinen
Seitengebäude angewiesen hatte, zwitscherte und nistete ein Pärlein
von Schwalben[35], schöner und buntfarbiger als die unsrigen. Unsre
Eierspeise sammt dem Arabischen Brod und der frischen Butter waren bald
bereitet und bald verzehrt; es blieb uns noch reichlich Zeit uns unter
den Pyramidengruppen und in den Grabeskammern der nachbarlichen Gegend
umzusehen.
Zu den Pyramiden von ~Daschur~, den südlichsten der ganzen,
langen Reihe hat man gegen eine Stunde weit zu reiten. Hier stehet,
am weitesten gegen den (östlichen) Abhang der Hügelkette nach dem
Nilthal hin, jene Pyramide, welche sich, in fünf Absätzen, bis nahe
zur Höhe von anderthalb hundert Fußen erhebt und welche durchaus von
ungebrannten Backsteinen erbaut ist. Der Lehmen oder Nilschlamm,
der die Hauptmasse dieser Backsteine ausmacht, ist mit gehacktem
Stroh gemischt, wodurch man ihm wahrscheinlich besseren Zusammenhalt
geben wollte, denn er ist voller Sand und kleiner Schnecken- und
Muschelstücke. Ohngeachtet dieser Vorsichtsmaßregel hat sich der
Backstein dennoch sehr aufgelöst und zerbröckelt, so daß es fast
unmöglich scheint das Aeußere der Pyramide zu besteigen oder in ihr
baufälliges Innres vorzudringen. Weiter gegen Norden und etwas tiefer
landeinwärts, erhebt sich, von Steinhaufen umringt die größeste der
Pyramiden der südlichen Gruppe, welche, wenigstens an Breite der Basis
jener von Ghizeh nur wenig nachzustehen scheint. Man zählt an ihr gegen
150 stufenweise Absätze. Auch eine Art von Tumulus oder Grabeshügel
kommt bei dieser Gruppe vor. Von hier gegen Westen zieht sich der Weg
nach dem nur wenig entfernten, lieblichen Fajoum, dem Distrikt von
Arsinoe, dem Lande der Rosen und der Fülle aller Naturgaben des unteren
Aegyptens; wir aber mußten uns für diesmal auf die Betrachtung der
Umgegend von Sakkara beschränken.
Jene Pyramidengruppe, welche zunächst an diesen Ort gränzt, scheint in
ältester Zeit ein durch Mauern und Gräben umschlossenes Ganzes gebildet
zu haben; ein sehr breiter gepflasterter Weg führte vom Hügelabhange
bei Sakkara zu ihr hin; es scheint[36], daß, wie ich schon erwähnte,
in diesem Bezirk das Serapion von Memphis lag. Da wir zu der größesten
Pyramide dieser Gruppe kamen, welche in sechs Absätzen, davon jeder
25 Fuß hoch ist, mit ihrem sehr breiten Gipfel bis zur Höhe von 150
Fuß emporsteigt, fanden wir bei ihr unsern guten Reisegefährten, den
Maler Bernatz, von einer Schaar Arabischer Knaben umringt, welche
jeder eine Gabe begehrten, weil sie alle ihn zur Pyramide begleitet
hatten. Seine deutsche Erklärung, daß er ihnen bereits Alles gegeben
habe, was er an kleinerem Geld bei sich trug, verstunden sie freilich
nicht; sie waren so vertraut geworden, daß sie ihm an die Taschen
fühlten; die Erscheinung unsers türkisch gekleideten Dragomans machte
ihren Vertraulichkeiten ein Ende. Gerne wären wir in das Innre der
Pyramide hineingekrochen, das eine saalartige Weitung enthält und
mehrere mit Hieroglyphen ausgemahlte Kammern, aber der Sturm der Wüste
und vielleicht auch die Araber, um auf eine ansehnlichere Belohnung
von den Fremden Anspruch machen zu können, hatten den Eingang mit
Sand verschüttet. Wenn wir denn auch bereit gewesen wären auf die
Forderung der Letztern einzugehen, so fehlte es doch für heute an
Zeit um die Wiedereröffnung abzuwarten, deshalb versparten wir uns
das Eindringen in die innren Räume einer Pyramide auf den nächsten
Tag. Dagegen verwendeten wir die letzten Stunden des Nachmittages zu
der Betrachtung einiger der Grabeskammern, deren Reihen sich weithin
über den Hügel und seinen Abhang verbreiten. Die Nachbarschaft dieser
Tausende der Mumiengräber kündigt sich dem Auge, eben nicht auf
angenehme Weise, durch die Menge der herumgestreut liegenden Schädel
und andern Menschengebeine an. Die armen Arabischen Bauern die seit
Jahrhunderten hier herum wohnten, haben mit dem fortwährend an ihnen
nagenden Hunger, auch die andern Eigenschaften der hungernden Wölfe und
Hyänen angenommen; gleich diesen durchwühlen sie die Gräber, um die
Leichname der Vorwelt, wenigstens auf mittelbare, menschliche Weise für
sich und die Ihrigen in Brod zu verwandeln. Früher, da man noch die
Mumien als Arzneimittel und braunen Farbestoff nach Europa verkaufte,
war das Gewerbe des Gräberraubes ein einträglicheres als jetzt, wo nur
noch ein Theil der Morgenländer an die Heilkräfte solcher von Gewürz
und Erdpech durchdrungenen und in sie verwandelten Menschenkörper
glaubt, Europa aber, fast allgemein solche Mittel mit Eckel von
sich weißt. Dennoch giebt es noch jetzt in und an den Mumien genug
zu erbeuten, weshalb auch die Araber, die übrigens das Geschäft der
Leichenbestehlung jetzt ganz heimlich betreiben müssen, weil Mehemed
Ali solche Privatunternehmungen verboten hat, niemals einen Europäer in
solche Todtenkammern führen, worinnen noch undurchsuchte Mumien liegen.
Die alten Aegypter nämlich wendeten bekanntlich eine ganz besondre
Vorsorge auf die Ausstattung der Gräber und der starren Menschenleiber
die da als Bewohner hausten. Das Leben hier auf der wandelbaren Erde,
so lehrten sie, ist nur von kurzer Dauer, das Harren der Seele auf die
neue Ueberkleidung mit diesem Leibe dauert lange. Damit sie, die Seele,
des Leibes, den die Verwesung zerstörte, beraubt, nicht den mühsamen
Lauf nach andern Leibern der Thiere und Pflanzen machen müsse, suchte
man ihr den armen Leib durch das Einbalsamiren zu erhalten; so lange
der dauerte, werde sie wohl bei dem alten Haus desselben verweilen, bis
im Verlauf der Jahrtausende ein neuer Lebensodem ihn anwehen werde.
Damit aber nun das lange Verweilen da in der Tiefe der Gruft nicht
ohne Vergnügung sey, zierte man das letzte Wohnhaus der irdischen
Hülle mit allerhand Erinnerungszeichen an das so schnell vergangene
Leben, an seine Lust und Freuden aus. Die alten Aegypter wohnten nie so
prächtig während des Lebens in ihren Pallästen und Häußern, als, wenn
sie des Aufwandes fähig waren, als Leiche in ihren Gräbern. Da findet
man die Wände mit den buntfarbigsten Gemälden, mit den Abbildungen der
täglichen Beschäftigungen wie all der Ergötzungen und Lustbarkeiten
verziert, welche der Verstorbene während seines Lebens am meisten
liebte, am begierigsten aufsuchte; die Seele die nicht mehr vom rohen
Stoffe, sondern vom Bilde der vormaligen Genüsse lebt, sollte hier im
reichsten Maaße Alles finden, was sie zu ihrer Unterhaltung begehrte.
Deshalb haben die Todtenberauber der älteren wie der späteren Zeiten
aus den Aegyptischen Grabstätten Kostbarkeiten und Schätze von vielfach
hohem Werthe erhoben; die Mährlein im Sinne von tausend und einer
Nacht, die von Schatzkammern der Tiefe erzählen, welche den der sie
auffand unermeßlich reich machten, haben abentheuerliche Glücksfälle
vor Augen gehabt, wie sie in älteren Zeiten in Aegypten oft vorgekommen
seyn mögen.
Man hatte aber noch eine andre, sonderbare Weise die Todten
auszustatten. Nicht bloß steckte man ihnen, wie einen Stoff zum langen
Nachdenken, beschriebene Papyrusrollen in die Grabtücher, womit man
die Mumie umwandt, sondern statt des Herzens und der andern innern
Theile, in denen einst das empfindende Leben sich bewegte, legte man
mit dem unverweslich machenden Gewürz zugleich allerhand symbolische
Figuren in ihre Brusthöhle hinein, welche, die eine an Apis, die
andre an Osiris und Isis; einige an das Bündniß der Treue, andre an
den im Leben genossenen Wohlstand erinnerten; gleich als gedächte man
hiermit dem todten Leibe Gedanken einzugeben, welche die vereinsamte
Seele trösten und in der Richtung jenes Hoffens, das im Leben der
Zeit nach einem Ewigen hingekehrt war, erhalten könnten. Ich selbst
besitze eine Menge so kleiner, gar sauber gearbeiteter Götterbilder
und andrer symbolischen Figuren, die man im Innern von Mumien fand;
zuweilen sind sie aus edlem Gestein, ja selbst aus Gold gefertigt und
ein solcher Fund lohnt dem armen, hungernden Fellah die Mühe seines
Suchens reichlich. Eckelhaft aber, und gräßlich bleibt deshalb dennoch
der Anblick der jetzigen Umgebung, dieser einst so heilig gehaltenen
Behaußungen der Todten.
Wir ließen uns indeß hierdurch nicht abschrecken auch das Innre einiger
dieser Todtenkammern zu besehen. Geöffnet, darauf kann man sich im
voraus gefaßt machen, und für Jedermann unter der Leitung einiger
Araber zugänglich sind nur die, welche außer den leeren, buntbemahlten
Wänden nichts mehr enthalten, was die Gewinnsucht der Fellahs reizen
könnte; andre, welche noch nicht ausgeleert, sondern erst neu von ihnen
aufgefunden sind, decken sie, bis sie des Fundes sich versichert haben,
sorgfältig mit dem Sande der Wüste zu. Die Eingänge zu den in den
Felsen gehauenen Grabeskammern sind theils schachtartig senkrecht und
stehen wie an der Pans Flöte in gewissen Reihen, theils verlaufen sie
horizontal in die Wand des Hügelabhanges hinein; in den Kammern sieht
man noch die nischenartigen Eintiefungen auf deren Gemäuer die Mumien
reihenweis aufgeschichtet lagen; die Gebeine der Urenkel und der noch
ferneren Nachkommen bei denen der Ahnen. An den Wandgemälden mehrerer
Grabeskammern, sowohl hier bei Sakkara als noch mehr bei Ghizeh,
sahen wir eine Frische der Farben und eine so fleißige Ausführung der
Zeichnungen, daß sie noch jetzt in einem kunstliebenden Lande von
Europa eine Zierde der Prunkzimmer und Gallerien seyn könnten.
Schon heute brachten uns die Araber viele Mumien von Vögeln, die noch
in ihren Töpfen verschlossen waren und mit ihnen zugleich eine Menge
der altägyptischen kleinen Kunstwerke zum Verkauf, und wer nichts
zu verkaufen hatte der bettelte. Beides geschah zum Theil unter
sonderbarer Form. So hatte ein Mägdlein einen der jüngeren Begleiter
ein Stück Carneol zum Kaufe angeboten; er wieß dasselbe an mich und die
Kleine verlangte von mir das Doppelte, »weil,« so sagte sie, da sie
herum befragt wurde, »du der Vater und Herr bist.« Ein alter Mann hatte
bei Mehreren von uns gebettelt und von jedem etwas erhalten. Da sagte
er, ich habe nun sechs dieser Geldstücke (eines zu fünf Fuddahs) von
euch bekommen, jetzt gebt mir noch vier, damit ich zehn habe, Gott ist
den Barmherzigen hold. Wir kamen zuletzt mit einer ganzen Schaar von
alten und jungen Fellahs und Fellahahs zum Dorfe zurück.
Der Anblick dieser armen, bettelnden Bauern that mir wehe. Wer etwa
noch niemals den hohen Werth unsrer christlichen Staatsverfassungen
recht gründlich eingesehen hat, der sollte nur auf einige Zeit in einem
Aegyptischen Dorfe zur Miethe wohnen und das Leben seiner Bewohner
betrachten. Eigenthümer des Landes oder Erbes ihrer Väter sind sie
schon lange nicht mehr, darum ist die Sehnsucht und Begierde nach
Eigenthum in ihnen so heiß und heftig, darum mögen sie, auch wenn sie
zu ein wenig Geld gekommen, sich so schwer entschließen von ihm sich
zu trennen, daß sie öfters nur mit Schlägen und andern Mishandlungen
gezwungen werden können ihre Abgaben zu entrichten[37]. An manchen
Arten der Erzeugnisse des Bodens, namentlich an Baumwolle und Flachs
hat der welcher sie baute gar keinen Antheil, diese gehören ganz der
Regierung an; auch von den andern Feldfrüchten nimmt der Gouverneur
so viel hinweg und von dem Ertrag des übrig bleibenden sind noch so
vielerlei Abgaben und Unkosten, namentlich auch für die Miethe der
Kamele, welche die Regierung zum Transport herleihet, zu entrichten,
daß die armen Familien der Fellahs unsre Bienen beneiden möchten, denen
man beim Beschneiden des Stockes wenigstens so viel Honig lässet, daß
sie nicht hungern dürfen. Zum Bestellen der Felder erhalten sie zwar
das Saatkorn und andre Sämereien, diese gehen aber durch so viele
unredliche Hände, daß sie kaum zum Besäen auslangen. Und bei wem will
man klagen? hat nicht der Gouverneur schon im voraus das Ohr des
Richters für sich gewonnen, und wäre dies auch nicht, wer schützt dann
den armen Fellah vor der Rache des Gouverneurs? Zwar, solche Gräuel wie
sonst, werden wohl kaum mehr zugelassen; ein Gouverneur dürfte nicht
mehr wie jener Türkische zu Tunta einen Bauern hängen lassen, weil er
weniger Getraide gebracht hatte als ein andrer[38], noch weniger würde
es erlaubt seyn einen Steuereinnehmer in sechzig Stücke zerhauen zu
lassen und sein Fleisch an die Bauern zu verkaufen, weil er einem armen
Manne, der die Abgaben nicht bezahlen konnte, seine Milchkuh schlachten
lassen und ihr Fleisch, in sechzig Stücke zertheilt, denselben Bauern
zum Kaufe aufgedrungen hatte[39], aber auch in seinem jetzigen
Europäischen Gewande drückt das System der Regierung noch hart genug
auf das arme Volk des Landes und der Städte.
Unser gastfreundlicher Wirth, der Graf Odeskalki, war nun auch aus der
Stadt nach Hause gekommen; ein Gespräch mit dieser liebenswürdigen
Familie führte uns im Geiste in das theure christliche Vaterland und
der Zug des Heimwehes dauerte auch noch fort da wir jetzt heraustraten
auf das platte Dach des Haußes und hier noch lange die Herrlichkeit des
milden, klaren Aegyptischen Himmels genossen. Canopus, der schönste,
in Europa niemals sichtbare Stern der südlichen Halbkugel, leuchtete
mit Sirius zugleich am Himmel; tief am Horizont erschien noch in großer
Klarheit Merkur, der sich in unsern Gegenden fast immer in den Dünsten
verbirgt; ein balsamischer Duft kam von den blühenden Feldern und
Gärten her; das arme Volk verschlief die Sorgen und Noth des Tages,
nirgends aus den niedern Hütten vernahm man einen Laut.
Wir hatten ein langes und für uns sehr anziehendes Tagwerk vor uns,
darum stunden wir am andern Morgen noch vor Tagesanbruch auf und
nachdem wir mit der gastfreundlichen Familie des Grafen gefrühstückt
hatten verließen wir das Dorf. Der Tag fieng eben an den Weg der
Wüste nothdürftig zu erhellen, als wir am Hügelabhange der Gräber
hinanritten. Es war ungewöhnlich kühl, fast wie bei uns an einem
Morgen der letzten Hälfte des Octobers; ein Nebel lag über dem
Nilthal und dem Saume der Wüste. Wir nahmen unsern heutigen Weg nach
dem eigentlich sogenannten Mumienfelde der Vögel und andern Thiere,
denn in solcher Menge, wie hier sind diese Thierüberreste an keinem
andern Orte des Landes zusammengehäuft. Der Haupteingang zu diesen
merkwürdigen Grabeshallen ist etwas beschwerlich; er führt schräg
hinunter, hatte vielleicht vormals eine Treppe, diese aber, wie die
Hälfte der Höhe des Einganges ist mit feinem Sande der Wüste bedeckt.
Ich legte mich auf den Rücken und steuerte mich mit den Elnbogen auf
dem Sand hinunter, wobei mir zuletzt Herr Mühlenhof, der Dragoman zu
Hülfe kam. Unten ist ein ziemlich geräumiger Gang mit mehreren leeren
Kammern und buntbemahlten Wänden; eine schachtartige Oeffnung führt
senkrecht hinab in eine Gruppe von andern Kammern. Wie weit sich
diese unterirdischen Räume und Gemächer erstrecken das ist noch kaum
bekannt; man sieht an den Seiten der Gänge die irdenen Krüge, worinnen
die einbalsamirten, mit Leinwand umwickelten Thierkörper liegen, in
vielen Reihen hoch übereinander geschichtet; wenn eine solche Mauer von
Krügen hinweggenommen ist zeigt sich gewöhnlich hinter ihr eine neue
und noch bemerkt man kein Ende, so verschwenderisch auch die Beduinen
mit diesen Krügen umgehen. Denn jene, da sie bemerkten daß ich in den
Gefäßen besonders nach einigen Arten von Skeleten suchte, und daß ich
mit den zu stark verkohlten, morschen Exemplaren, deren Leinwandhülle
wie ihr Inhalt beim Anrühren in Stücken zerfiel, nicht zufrieden war,
holten mehr denn dreißig solcher Krüge herauf, zerschlugen sie bis auf
wenige die ich noch rettete und zeigten mir den Inhalt, aus dem ich mir
namentlich die Schedel eines Tantalus Ibis und eines heiligen Ibis[40]
herauswählte.
Auch hier in diesem Mumienfelde der Thiere verräth sich der überall
sinnvolle, wenn auch irre geleitete Tiefsinn der alten Aegypter.
Merkwürdiges Volk, dem fast jede tierische Gestaltung als eine
Hieroglyphe, die Hieroglyphe aber als ein Name und eine Bezeichnung der
Gottheit erschien; ein Name, dessen vom Leben durchdrungene Schriftzüge
zu vertilgen, gleich einer Gotteslästerung verboten war. -- Die Natur
ist allerdings eine Sprache in Bildern, voll bedeutungsvoller Namen;
höher aber als das Bild stehet das im Herzen lebende, unvergängliche
Wort, durch dessen Kräfte nicht nur die Welt des Sichtbaren, sondern
vor ihr und über ihr die Welt des geistigen Erkennens geworden ist.
Die dürftige Pyramidengruppe bei Abusir, an der wir vorüberkamen,
bietet wenig dar, was die Aufmerksamkeit fesseln und beschäftigen
könne. Diese Werke einer wahrscheinlich späteren, nur nachahmenden
Zeit, im Vergleich mit der älteren, von der die großen Pyramiden bei
Ghizeh zeugen, tragen mehr denn diese das Gepräge der Vergänglichkeit;
sie stehen, zum Theil unsymmetrisch und unförmlich, alle aber halb
aufgelöst und verfallen da, entweder durch die Gebrechlichkeit des
Gedankens der sie begründete oder des Materials aus dem sie erbaut
sind[41].
Wir kamen schon in der Nähe der großen Pyramiden von Ghizeh an einigen
Bauern vorüber, welche die Felder bestellten. Sie liefen zu uns heran
und boten sich uns zu Führern, hinauf zum Gipfel der Pyramiden und in
ihr Innres an und wir ließen uns dieses Geleite gefallen.
Es war fast Mittag da wir uns diesen Jugendwerken der alten Baukunst
naheten. Der letzte Theil des Weges, unten in der Ebene am Saume
der Hügel hin, über grünende Auen, an Heerden der Ziegen und Schafe
vorüber, war sehr angenehm gewesen; jetzt zog sich, jenseits der
kleinen Gruppe von Sykomoren und Palmen, die noch im Thale vor den
großen Pyramiden stehet, die lebende Welt des heutigen Tages zurück und
ließ uns mit dem Schweigen der Wüste und mit den hehren Denkmalen einer
riesenhaft hochstrebenden Vergangenheit allein.
Bei dem ungeheuren Bilde des Sphinx, gegen dessen Größe die des
Menschenleibes so dastehet, wie der Grashalm gegen den Palmbaum,
hielten wir an und stiegen herab von unsern Thieren. So mächtig
auch dieser steinerne Thürhüter oder Buab des Bezirks der großen
Pyramiden sich vor den Aufgang zu diesen hinstellt, erscheint er
dennoch gegen diese erstgebornen Werke der Memphitischen Größe nur
wie ein untergeordneter Diener. Er ist auch der Jüngste unter ihnen,
denn der Pharao, dessen Bild er darstellt und der ihn aus der Masse
des Felsens aushauen ließ, war, wie dieß aus den hieroglyphischen
Namenszeichen erkannt wurde, Thothmes +IV.+, welcher nach
Wilkinsons chronologischen Tafeln bis 1446 v. Chr. regierte. Das
Angesicht des mächtigen Bildes ist durch die Barbarei der späteren
Zeiten verstümmelt, namentlich fehlt ihm die Nase; der Kopfschmuck, der
wahrscheinlich von andrem Material gebildet und in eine noch sichtbare
Vertiefung des Scheitels hineingefügt war, ist hinweggenommen; der
Fels unterhalb des Halses hat durch Verwitterung gelitten; von dem
Altar und dem Getäfel, welche man zwischen den vorderen Löwenfüßen
wieder aufgefunden hatte, sieht man keine Spur mehr, denn der Sand der
Wüste hat die neueren wie die älteren Ausgrabungen großenteils wieder
zugedeckt. Wenn in oder unter dem Sphinx Grabeskammern sind, dann muß
der Eingang zu ihnen aus tief verborgenen Gängen herführen, denn am
Bilde selber und dem nächst umgebenden Felsen zeigt sich keine
Oeffnung.
Neben den Ueberresten der beiden pyramidalen Pylonon, welche zu
Herodots Zeiten den Eingang zu der prächtig gepflasterten Plattform
am Fuße der großen Pyramide zierten, giengen wir hinan zu diesem
Gedächtnißmale des Cheops. Ein leichtes Gewölk zog eben über seinen
Gipfel hin, bald aber stund das unwandelbare Gewölbe des Himmels wieder
in unwandelbarer Klarheit da. Worin ist doch die unbeschreibliche
Kraft des Eindruckes begründet, den der Anblick dieser Pyramide,
wenn man an ihrem Fuße stehet, auf die Seele macht? Er kann nicht in
der Masse allein liegen, denn die Massen so vieler unsrer gäh oder
pyramidal emporsteigender Felsenberge sind noch ungleich größer, ohne
daß ihre Wirkung auf den Sinn des Wandrers dieselbe ist. Die Kraft
jenes Eindruckes kommt nicht aus dem Gewicht und Umfange der hier
aufgehäuften Werkstücke, sondern sie beruhet auf dem Gedanken den
der Geist des Menschen, andren Menschen verständlich in das Werk der
leiblichen Hände hineinlegte. Dieser Gedanke heißet Ewigkeit. Wenn wir
auch keinen andern Beweis für die Fortdauer unsrer geistigen Natur,
nach dem Vergehen der leiblichen hätten, so würde der schon als ein
hinreichender erscheinen, der sich auf das unabweisbare Bedürfniß
unsers Wesens gründet, seine Wirksamkeit, wie die Schwingen eines über
dem Zukünftigen brütenden Adlers weit hinaus über das Leben der Zeit zu
breiten. Der Mensch fühlt in sich Kräfte der Ewigkeit; er fühlt es,
daß diese dereinst selbst den staubgebornen Leib durchdringen werden
und sollen; das Mißverständniß der alten Erbauer der Pyramiden und
Mumienkammern lag nur darinnen, daß sie wähnten jene Durchdringung und
Ueberkleidung des Vergänglichen mit Kräften des Unvergänglichen möge
durch ein Bestreben der leiblichen Kräfte bewirkt werden, da es doch
einzig nur vom Leben des Geistes ausgehen kann.
Die Macht des großen Eindruckes auf die Seele giebt auch dem Leibe
solche Kraft, daß ihm das Hinansteigen auf den Gipfel der großen
Pyramide nicht mehr sehr schwer fällt. Ohnehin ist dasselbe dadurch
in etwas erleichtert, daß man zuerst auf breitem Wege an dem Hügel
des Schuttes und Aufwurfes, der hier später angebracht worden,
hinansteigt bis zu dem Eingang ins Innre der Pyramide, welcher schon
in ziemlich bedeutender Höhe liegt. Nun aber fängt die Arbeit des
mühsameren Hinanklimmens an. Die dienstfertigen Beduinen, welche wir
auf dem Herwege mit uns genommmen, waren uns übrigens hierbei sehr
förderlich. Mich, als den Aeltesten und Schwerfälligsten, faßte, ohne
daß ichs begehrte, unter jedem Arme einer an und bei den mächtigeren
stufenartigen Absätzen, welche von der Höhe eines Tisches und darüber
sind, eben so wie bei den niedreren oder zerbrochenen, in welche sich
durch die Verwitterung des Gesteines kleine Stufen gebildet haben,
halfen die guten Leute mit ihren bald zuvor- bald nachkommenden Händen.
Die muntre Hausfrau hatte nur einen Führer angenommen; so oft ich
aber wieder eine Strecke gestiegen war und ausruhend auf einer der
breiteren Stufen stehen blieb, sprang einer meiner Begleiter, so wie
etwa wir auf einer gemeinen Haustreppe es pflegen, die Stufen wieder
hinunter und half die leichte Gestalt mit ziehen, welche so, schneller
gehoben, von einem Absatz zum andern kam. Wir hatten uns, um den
Sonnenstrahlen auszuweichen, beim Aufsteigen an die nördliche Seite
gehalten, von welcher wir nur einige Male uns hinüber zogen nach der
östlichen; jetzt aber war die breite Platte des abgebrochenen Gipfels
erreicht, auf welcher bequem ein kleines Haus stehen könnte, und nun
waren wir im vollen Genuß der Aussicht, nach allen Weltgegenden hin.
Auf dieser freien Höhe wehte uns der Nordostwind ziemlich kalt an;
wir setzten uns in den Schutz eines der mächtigen Werkstücke welche
in ungleicher Höhe über die Bruchfläche der gewaltsam abgetragenen
Spitze hervorragen und ruheten so eine zeitlang in den lieblich
wärmenden Strahlen der Aegyptischen Sonne. Die Aussicht von dem
Gipfel der großen Pyramide empfängt ihren hohen, eigenthümlichen Reiz
durch den Ueberblick den sie über die nächstangränzende Region der
Pyramidengruppe und über den Bezirk der Grabstätten gewährt; weiter
denn an irgend einem andern Punkte der Gegend von Kairo blickt man
auch von hier aus in die große Libysche Wüste hinaus. Wir trennten uns
schwer von dieser Lust der Augen. Das Hinuntersteigen gieng leicht und
schnell; hier bedurften wir, da der Schwindel uns fremd ist, keiner
fremden Hülfe. Aber der mühsamste Theil des Tagewerkes stund uns noch
bevor: das Hineingehen dann Kriechen und Hinanklimmen zu den innern
Kammern der Pyramide. Eine Schaar von Beduinen aus dem zunächst bei den
Pyramiden gelegenem Dörflein, dessen Bewohner sich vor allen andern
das Recht anmaßen die Fremden hier herumzuführen, hatte schon mit Neid
es angesehen, daß uns beim Hinansteigen die Fellahs eines andern,
weiter entfernten Dorfes bedienten; um wenigstens nachträglich, im
Innren der Pyramide ein Trinkgeld zu ernten, waren sie, sobald sie
uns Anstalt zum Hineingehen machen sahen, mit brennenden Holzspähnen
eilig vorausgekrochen und hatten dadurch einen solchen Staub und
Rauch in die engen, verschlossenen Räume gebracht, daß uns das Athmen
schwer ward. Dazu kam die für unser Gefühl sehr lästige Wärme von fast
20 Grad R., welche in dem Innren dieser Gesteinmasse (als mittlere
Temperatur des Jahres) beständig herrscht. Die großen Fledermäuse
die da drinnen in den Steinklüften hausen und welche dem Fremdling,
der sich aus seiner vom lichten Tage beschienenen Welt hineinwagt
zu ihnen, erzürnt um den Kopf fliegen, öfters auch sein Licht ihm
verlöschen, die mögen sich in der dumpfigen Enge wohl befinden, nicht
aber der Mensch. Wir besahen zwar was zu besehen war, zu einem solchen
freudigen Gefühl aber, dergleichen uns sonst der Anblick eines neuen,
großartigen Gegenstandes gewährt, wollte es nicht kommen. Und doch
war Stoff genug zu solchem Gefühl vorhanden. Ich kann es dem Kalifen
Mamun nicht verdenken, daß er mit einem großen Aufwand von Geld, Zeit
und Menschenkräften in das innre Geheimniß des alten Weltwunders
einzudringen suchte, obgleich der Versuch, von Osten her, unterhalb
der eigentlichen Gänge, durch die dicht zusammengefügten Werkstücke zu
brechen, roh genug anzufangen war, und das Murren des Volkes über die
nutzlose Verschwendung so großer Mittel nur durch den vorgeblichen Fund
eines Schatzes gestillt werden konnte, den der Kalif hatte im Gemäuer
verstecken lassen. Der spätern Zeit wurde das Eindringen ins Innre
leichter, als die dreieckige Platte von Kalkstein herunter gefallen
war, hinter welcher die andersfarbigen, aus rothen Granit gehauenen
Schlußsteine des äußern Einganges alsbald ins Auge fielen. Und doch
fehlt auch jetzt noch gar viel zur vollständigen Kenntniß des Innren
der Pyramide. Denn weder ist jene Weitung (unvollendete Kammer) zu
welcher man vom Eingang unter einem Winkel von 27 Grad hinabsteigt das
Unterste, noch hat man das oberste Ende jenes geheimnißvollen Innren
erreicht, wenn man durch den mit Granitplatten ausgelegten Gang, 100
Fuß jenseit des Einganges, unter einem gleichen Winkel von 27 Grad
emporsteigt, und so zuerst durch einen andren, horizontalen Gang zur
sogenannten Kammer der Königin, dann aber auf der unter dem nämlichen
Winkel sich fortsetzenden Gallerie zu der größeren, höher gelegenen
Kammer des Königes gestiegen ist[42]. Ohnfehlbar führen jene jetzt
verschütteten oder noch verdeckten Schächte, von denen schon die Alten
(namentlich Plinius) reden, in unterirdische Gemächer, die sich weithin
im Felsen erstrecken mögen, und der noch undurchforschte obere Theil
des Riesenwerkes wird auch seine innren Auswölbungen haben. Vielleicht
daß eine und die andre künftige Entdeckung über den ganzen Umfang der
Bestimmung dieser Gebäude bessere Aufschlüsse giebt, als dies der
schöne Sarkophag in der Königskammer that, in welchem zwar nach der
Sage eines Arabischen Schriftstellers, (des Ibn Abd el Hakem), ein
Mumienbild und in diesem wieder eine Mumie mit einem goldnen, von
Edelsteinen glänzenden, mit unbekannten Charakteren beschriebenen
Brustharnisch sollte gefunden worden seyn, wovon jedoch, wenigstens die
spätere, genauer beobachtende Zeit nichts mehr zu sehen bekam[43]. Der
leere Sarkophag von geschliffenem Granit ist 7 Fuß lang 3 Fuß breit und
hoch und man begreift kaum wie er, wenn diese schon vollendet war, zu
der engen Thüre, die kaum 1½ Zoll breiter ist, hereingebracht werden
konnte.
Endlich, Gott Lob! waren wir wieder hinaus an die frische Luft, ganz
mit Schweiß und Staub bedeckt. Wie viel lieber hätte ich das Aeußere
der Pyramide dreimal und eben so oft das tiefste Bergschacht unsres
Vaterlandes besteigen mögen, als, wenigstens unter den Umständen unter
denen wir es heute thaten, noch einmal das Innre des Gebäudes.
Werke von so ungewöhnlichem Maßstabe wie die Pyramide des Cheops oder
Saophis[44] sind dem Auge erst nach öfterem und länger fortgesetztem
Beschauen recht verständlich; es ergeht einem hier wie bei der
Peterskirche in Rom, deren Innres auch beim erstmaligen Sehen bei
weitem nicht so groß erscheint als es wirklich ist, weil die einzelnen
Theile in demselben Verhältnis zu einander und zur Höhe, Länge und
Breite des Gewölbes stehen als in jeder andern kleineren Kirche. Wir
haben, auch in unsern größeren Städten, nur wenig freie Plätze, welche
ein Viereck bilden, dessen Länge wie dessen Breite 300 reichliche
Schritte bildet; ein solches Viereck das einen Raum von 550000 Pariser
Quadratfuß umfaßte hat die Basis der großen Pyramide, als sie noch
vollständig war, eingenommen. Selbst in ihrer jetzigen Gestalt, wo
sie schon längst ihres Gewandes -- des geglätteten Ueberzuges von
marmorartigen Kalksteinen beraubt ist, misset jede der vier nackten
Seiten 716½ Pariser Fuß, der ganze Umfang 2866 Fuß, so daß man
ziemlich eine Viertelstunde Zeit gebrauchen würde um im Spazierschritt
um das ganze Gebäu herumzukommen; wegen der herumgestreut liegenden
Trümmer und des Aufwurfes an der Nordseite dauert aber ein solcher
Umgang noch länger. Man zählt vom Boden an bis zu dem jetzigen,
obersten Ende 206 Lagen von Werkstücken (ich konnte von Süden her nur
202 unterscheiden) deren Material großentheils der Nummulitenkalk der
Umgegend ist; von der Grundmauer an, so weit sie die neuern Forscher
bloß gelegt haben, bis zum jetzigen Gipfel beträgt die Höhe 428
Pariser Fuß[45]; wenn man sich aber die Spitze noch in ihrer alten
Vollständigkeit hinzudenkt, darf man das ursprüngliche Emporsteigen
dieses Riesen unter den menschlichen Bauwerken nahe auf 450 Fuß
ansetzen, eine Höhe welche nur von der des Belusthurmes zu Babylon,
wie ihn ein Schriftsteller des Alterthumes uns beschreibt, übertroffen
wurde.
Vor alten Zeiten (Herodot sahe es noch) da das nackte Gestell dieser
Pyramide mit seinem Gewand der geschliffnen Steine überzogen war,
konnte man auf dieser Bekleidung eine Haushaltungsrechnung lesen,
welche auf ihm gleich einer Stickerei angebracht war, und welche
die außerordentliche Wohlfeilheit der Lebensmittel in damaliger
Zeit bezeugen kann. Die ganze Verköstigung der Arbeitsleute an der
großen Pyramide hatte nach unsrem Gelde[46], freilich zunächst nur
für Zwiebeln, Rettich und Knoblauch (man wird den Leuten aber nur
selten mit Braten oder andern solchen Sachen aufgewartet haben und das
Nilwasser hatten sie umsonst) mehr nicht als etwa drei Millionen und
fünfmalhundert tausend Gulden rheinisch oder zwei Millionen preußische
Thaler betragen[47]. Rechnet man nun, daß mit den Vorarbeiten der
Begründung so wie mit dem eigentlichen Bau der Pyramide, nach Herodots
Zeugniß 100,000 Menschen, welche in jedem Drittel des Monates von
andern Arbeitern abgelöst wurden, dreißig Jahre lang beschäftigt
waren, so kommt auf jeden Einzelnen jährlich nur 1 fl. 5. kr., in je
fünf Tagen ein Kreuzer oder drei gute Pfennige. -- Solche Werke eines
unbegränzten Strebens, in denen die Vergänglichkeit den ungleichen
Kampf mit der Ewigkeit eingehen will, sind nur einer unbegränzten,
schrankenlosen Herrschermacht möglich; mag deshalb das Geschlecht Chams
den Ruhm des Erbauens der Pyramiden für sich allein behalten.
An der zweiten Pyramide, an der des Cephren oder Sensuphis, fanden
wir gerade eine Menge Arbeitsleute beschäftigt, welche ein vornehmer
Engländer, mit Erlaubniß des Vizeköniges nach den noch weniger
bekannten oder anscheinend leichter aufzufindenden innren Kammern
nachgraben ließ. Auch noch die jetzige Höhe dieser zweiten Pyramide
misset gegen oder über 400 Fuß, jede Seite der Grundfläche hat eine
Länge von nahe 680 Fuß; der Ueberzug von geglättetem, farbigen
Kalkstein (Marmor) ist an vielen Stellen des obern Drittels haften
geblieben. Als wir das zweite Mal die Pyramiden besuchten, bestieg
unser Dragoman, Herr Mühlenhoff, dieselbe im Geleite eines ortskundigen
Fellahs. Ich hatte von seinem Vornehmen nichts gewußt, das Getöse der
von oben herunterrollenden Gesteine, zog, als ich eben, mit andern
Betrachtungen beschäftigt, vorbeigieng, mein Auge hinan zu dem Gipfel
der Pyramide, wo ich den Kletterer erkannte. In der That, von unten
her mag das Wagstück noch viel mehr Bangen erregen als der empfindet,
welcher die nur in der Nähe bemerkbaren kleinen Vorsprünge der
Werkstücke vor Augen hat und zum Feststellen des Fußes benutzen kann.
Mich ergriff beim Zusehen, so oft sich wieder einmal ein Stein unter
dem Fußtritt ablöste und herunter rollte, ein Gefühl von Schwindel,
welches ich, so oft ich selber stieg, niemals empfunden habe.
Als ~Belzoni~, im Jahr 1816 durch einen der beiden jetzt bekannten
Eingänge in das Innre dieser Pyramide eindrang, sagte ihm eine
Inschrift, die er da antraf, daß er nicht der erste sey der diese
Gewölbe wieder aufgefunden, sondern daß schon ein Sultan Ali Mohamed
den Eingang eröffnet und wieder verschlossen habe.
Die dritte Pyramide, die des Mykerinus oder Moscheris, wenn auch um
ein Bedeutendes niedriger denn die andern beiden, übertraf diese an
Pracht des Ueberzuges, der hier ganz (bei der zweiten nur an ihrem
untersten Theile) aus geschliffenem Porphyr, Sienit und Granit bestund.
In neuerer Zeit ist noch kein Forscher in ihre innern Geheimnisse
eingegangen.
Nach dem Zeugniß eines Schriftstellers des Alterthumes (Plinius) wurden
die drei großen Pyramiden in kurzer Aufeinanderfolge: in einer Zeit
von 78 Jahren nach einander erbaut. Der größeste Theil der Bausteine
kam aus der Gegend des jenseits des Niles gelegnen Masara. Nicht
unwahrscheinlich ist die Vermuthung, daß diese drei architektonische
Räthsel der Vorwelt unten in der Tiefe des Felsens mit einander in
Verbindung stehen, durch abgeteufte Grubengebäude und Strecken, welche,
wie dies die Aussage der Alten andeutet, bis unter den Wasserspiegel
des Niles hinabreichen. Meist im Süden von den drei großen Pyramiden
stehen noch sechs kleinere und die untersten Grundmauern einer
siebenten da; Werke meist aus späterer Zeit, die sich dennoch durch
ihre zur mäßigen Thurmeshöhe emporragende Größe in jeder unserer
Städte, mitten unter den Kirchen und Pallästen sehr stattlich ausnehmen
würden. Jene, von welcher man die Tochter des Cheops als Erbauerin
nennt, hat die Baulust der spätern Zeiten großentheils abgetragen;
sie behauptet nur noch durch den Umriß der Trümmer ihre alte Stätte.
Nach Süden wie nach Norden ziehen sich noch jetzt von dem Bezirk der
Pyramiden Straßen, mit mächtigen Steinen gepflastert hin, der Weg nach
diesen Gränzsteinen zwischen der vergänglichen Zeit des Lebens und
der Ewigkeit muß den alten Aegyptern ein viel besuchter und wichtiger
gewesen seyn.
Dies bezeugen auch die Grabeshallen von prachtvoller Anlage und
Ausführung, die sich in der Nachbarschaft der Pyramiden finden. Wir
sahen einige der neuerdings aus den wiedereröffneten Bergschächten
der Gänge, die das Gebirge nicht zwar mit Erzen, aber doch mit ehern
festen Zeugnissen der Geschichte eines der ältesten Völker der Erde
durchsetzen, herausgeförderte Hieroglyphensärge, und ich kroch, in
Begleitung des Herrn Mühlenhoff, bei unserm zweiten Hierseyn, in einige
der mit Bildern des Lebens und Wirkens der alten Aegypter verzierten
Grabmäler. Als wir aber das erste Mal, ermüdet von dem Hinaufsteigen
auf die Aussenfläche der großen Pyramide und von dem Hineinkriechen
und Hinaufsteigen in ihr Innres hier verweilten, da gelüstete es uns
nicht nach einem weitren Umherspähen. Wir ruhten, in den Strahlen der
Frühlingssonne uns wärmend, an der Brust des riesenhaften Sphinx aus,
erquickten uns an dem zum Theil sehr übelschmeckenden Wasser, das
uns die Fellahs aus den in der Nähe stehenden Nilteichen brachten,
und gedachten, sobald wir und unsre Thiere dazu gestärkt waren, der
Heimreise.
Der Rückweg nach Kairo führte uns in gerader Linie über grünende Auen,
auf denen die buntfarbige Doppelzwiebel-Iris[48] blühete, dann durch
Felder voll Klee und üppig emporschprossendem Getraide nach Ghizeh,
wo wir beide Male jene merkwürdigen Brutöfen besahen, in denen seit
uralter Zeit, die Aegypter die Eier der Hühner fabrikmäßig und nur
durch künstliche Wärme belebend auskriechen machen. Es war noch nicht
die Zeit in welcher man die Oefen in den Gang setzt, doch wurde, als
wir zum zweiten Male hier waren, schon Anstalt zu ihrer Heizung und
Belegung mit Eiern gemacht, denn die Frühlingsmonate vom Februar bis
in den April sind zu dem Versuch die günstigsten und werden deshalb
ausschließend dazu angewendet. Zwei Reihen von Kämmerlein, zwischen
denen ein enger Gang für die Besorger der Oefen und Eier hinläuft; am
Boden der Kämmerlein Matten von Binsen und feinem Stroh; über jedem
Kämmerlein ein oben rund gewölbter Ofen, den man mit Dorfmist heizt,
das ist das Hauptsächlichste der Einrichtung. Die Oefen stehen mit
einander in Verbindung, in den ersten zehn Tagen heizt man in jeder
Reihe der Kammern die Hälfte der Oefen und legt unten diese Eier; am
11ten Tag legt man auch welche auf den Boden der andern bisher kalt
gelassenen Kammern, heizt die Oefen über ihnen, läßt aber dagegen das
Feuer in den ersten Kammern ausgehen, nimmt die Eier vom Boden weg
und bringt sie in die darüber befindlichen Oefen, deren Backsteine
noch warm von der vorhergegangenen Heitzung sind und in welche aus den
andern Oefen die warme Luft herüberdringt. Die Küchlein kriechen, wie
unter den Hühnern, am 20sten oder 21sten Tage aus, man nimmt sie aus
den Oefen, welche nun gereinigt und von neuem geheizt werden, während
man dagegen das Feuer in denen der andern Hälfte ausgehen läßt. Im
Mittel, so kann man rechnen, kriechen von 100 Eiern zwischen 60 und
70 Küchlein aus, die man noch ein oder etliche Tage in einer mäßig
erwärmten Kammer läßt, dann den Bauern, welche die Eier brachten,
gewöhnlich ein Küchlein für zwei Eier abliefert. Unterägypten hat
allein über hundert, Oberägypten nur halb so viel solche Brutöfen,
welche jährlich zusammen gegen 16 bis 17 Millionen Hühner liefern. Das
große Brutgebäude in Ghizeh, welches wir sahen und welches in jeder
der beiden Reihen zwölf Kammern zählt, bringt, wie uns versichert
wurde, zuweilen in einem Jahre gegen 130000 solche kleine, mutterlose
Thierlein aus.
Schon während unsrer kleinen Reise nach Sakkara und zurück von den
Pyramiden hatten wir oft bemerkt, daß unsre Eseltreiber mit einem
gleichen Vergnügen als ihre Thiere den jungen Klee aßen. Hier in
Ghizeh sahen wir eine ganze Gesellschaft von Landleuten um einen
Haufen Klee, der auf der schmutzigen Straße lag, herumkauern und von
diesem rohen Gemüße mit einem Appetit essen, als wenn es gekochte
Spargeln wären. Da wir zum Brutofen hingingen war der Haufen ganz
hoch, bei unsrer Rückkehr fast ganz aufgezehrt. Die Arten von Klee,
deren junge Stengel und Blätter wir bei mehreren Gelegenheiten von dem
Aegyptischen Landvolk essen sahen, waren der Helbeh (+Trigonella
foenum graecum+) und der Gilban (+Lathyrus sativus+).
Im Kaffeehause bei Ghizeh, wo wir uns und unsern Seis oder Eseltreibern
eine Erquickung reichen ließen, hatte ich den Verdruß, daß mein Seis,
aus lauter Höflichkeit beim Kaffeenehmen, das schöne Skelet vom
Mumienibis (+Ibis sanctus+), das ich aus den Gräbern der Vögel
erhalten, fallen ließ. Es war in lauter kleine Stücklein zerbrochen.
Den Schädel vom Tantalus-Ibis hatte mir der gute Mann schon vorher
verloren. Die lieblichen Bilder und Erinnerungen jedoch, die ich auf
dieser Reise nach den Pyramiden in das eigne, lebende Haupt und in
das feste Gefäß der Seele aufgenommen, konnte mir kein Seis zu Boden
werfen und zerbrechen; diese innre Farbenwelt wird sich erhalten, wenn
auch die der Gräberkammern aus der Zeit der Pharaonen verbleichen und
zerstäuben sollte.
Kairo am 11ten Februar 1837.
Sechster Brief.
=Der Auszug der Mekkapilgrime; Anstalten zur eignen Abreise.=
Ich schreibe nun den letzten Brief aus Aegypten an Dich, meine liebe
Schwester, denn übermorgen des Nachmittags wollen wir unsre Reise in
Gottes Namen durch die Wüste über Suez und Tor nach dem Sinai und von
da über Akaba nach Hebron antreten. Schon sind alle Vorbereitungen
zur Reise getroffen; ich habe durch Vermittlung des guten Herrn von
Champion (des Kaiserlich Oesterreichischen Consuls) meinen Arabischen
Paß (Firman) erhalten; durch den griechischen Patriarchen und die Väter
des Sinai die herrlichsten Empfehlungsbriefe nach dem Sinai und an das
griechische Kloster in Jerusalem; durch den griechisch-katholischen
Patriarchen eben so treffliche nach Damaskus und in die Klöster des
Libanon empfangen, und durch die gütige Vorsorge meiner hiesigen
Freunde ist uns ein wackrer, zuverläßiger Arabischer Scheikh, der
alte Hassan der schon so manchen Europäer glücklich durch die Wüste
geleitet hat, zugewiesen worden, welcher uns und unsre Sachen mit
seinen Kamelen weiter führen soll. Unsre Gesellschaft hat sich um
mehrere Personen verstärkt. Ein junger, sehr geschickter Mechanikus
aus der Schweiz, Herr Franz, der längere Zeit in Algier gelebt hat,
jetzt aber für gewöhnlich in Malta wohnt, und der mit den Sitten der
Araber sehr vertraut ist, hat sich, veranlaßt durch die Briefe einiger
in der Schweiz und Würtemberg lebenden Freunde aus Malta aufgemacht
und ist zu uns hieher nach Aegypten gekommen um uns auf der weiteren
Reise nach dem Sinai und Palästina zu begleiten. Schon hier in Kairo,
wo er bereits vor uns angelangt war, hat er mir und meinen jungen
Leuten die treuesten Freundschaftsdienste erwiesen und wir dürfen uns
eines solchen aufopfernd treuen, tüchtigen Reisegefährten freuen.
Zum Dragoman oder Dolmetscher ist uns von unsern hiesigen Freunden
ein junger Deutscher, Herr Mühlenhof aus Wünnenberg bei Paderborn
empfohlen, der schon acht Jahre in Aegypten wohnt, die Reise von hier
nach Palästina und über den Libanon bereits mehrmalen gemacht hat
und mit seiner Kenntniß des Landes auch die der Sprache des Volkes
verbindet. Von seiner Uneigennützigkeit und Redlichkeit, so wie von
seiner mannhaften Entschlossenheit hat er uns während unsers Hierseyns
schon treffliche Beweise gegeben. An die Stelle unsers bisherigen
Arabischen Knechtes und berühmten Koches Ibrahim, der nicht weiter
mitreisen will, »weil es ihm in der Wüste zu kalt sey,« tritt ein
andrer junger Araber, ein rüstiger, rühriger, trotzig aussehender
junger Pursche Namens Mohamed, begabt mit einer lautschreienden Stimme
und sehr großen Mund, der, so sollte man meinen, dem Feinde schon beim
bloßen Anblicke Furcht einflößen könnte. Außer diesen unmittelbar zu
unsrer Gesellschaft gehörigen Begleitern werden sich noch mehrere andre
Gefährten unsrer kleinen Karawane anschließen. Vor allem ein Herr
von Kron aus St. Petersburg, ein sehr vielgereister, kenntnißreicher
junger Mann, den ich schon in München (vor mehreren Jahren) habe
kennen gelernt und der mir durch den hiesigen Kaiserlich Russischen
Generalkonsul, den trefflichen Obersten Duhamel noch ganz besonders
empfohlen ist. Herr von Kron hat schon die meisten Länder Europas und
auch Oberägypten besucht und seine Reisen sich zu Nutze gemacht, so
daß ich mir viel Unterhaltung von dieser Gesellschaft verspreche. Ihn
begleitet ein starker Arabischer Knecht, Namens Abd-er-Wached, der ein
guter Koch seyn soll, eine Kunst die wir freilich in der Wüste nicht
viel brauchen werden. Aber auch noch einige andre deutsche Landsleute
und Freunde werden ein Stück Weges mit uns ziehen: Herr Kielmeier, ein
sehr gebildeter junger Officier aus Würtemberg und Herr Keller gehen
mit uns bis Suez, wo sie sich zur Reise nach Abyssinien einschiffen
wollen; unser Freund Baumgärtner, dessen Güte gegen uns ich Dir schon
in meinem ersten Briefe gerühmt habe, wird in unsrer Gesellschaft
bleiben bis an den Sinai, weil er seiner sehr leidenden Gesundheit
wegen in der Wüste die Kamelmilchkur brauchen will; mit ihm sein
Knecht und ein muntres Eselein. Denke Dir nun zu diesem ansehnlichen
Comitat von Menschen all die Kamele, welche sie und ihr Gepäcke tragen
und du wirst fragen, wo sollen diese alle zu essen hernehmen in der
dürren Wüste? Aber auch dafür, so weit es nämlich uns anging, ist
hinreichend gesorgt. Die beiden Begleiterinnen haben einen Sack voll
Reis gekauft der eine oder etliche Mahlzeiten für eine ganze Compagnie
von Soldaten geben könnte; das Wasser zum Kochen desselben führen
die Kamele in bocksledernen Schläuchen, die Kohlen in Körben; unser
Tafelservice, bestehend aus blechernen Tellern, blechernen Bechern und
ziemlich ordinären Messern und Gabeln, dazu ein Gefäß mit Schmalz,
Zwiebeln in Menge, Salz, Essig und mehrere Flaschen mit Racky oder
Dattelnbranntwein, auch Kaffee und Zucker sind in dem verschließbaren
Kafaß (einer Art von Kiste aus Palmenzweigen) enthalten, dazu kommt
noch ein Korb voll Schiffszwieback und für den einzelnen Haushalt eines
Jeden eine Anzahl guter, süßer Sevilla-Orangen so wie gepreßte Datteln
-- in der That ich schäme mich des großen Aufwandes für Pilgrime die
zum Sinai und nach Jerusalem gehen. Auch ein hübsches altes Zelt haben
wir um äußerst billigen Preis gekauft und Herr von Kron hat auch eines;
zum Ruhebette haben ich und die Hausfrau eine zu Semlin gekaufte
Matratze, welche, ich weiß selber nicht mit welchen Gegenständen von
ungleicher Härte gefüllt ist, bereits aber die Seekrankheit und die
Quarantäne mitgemacht hat, und vortrefflich genannt werden könnte, wenn
sie nicht schon für anderthalb geschweige für zwei Personen zu schmal
wäre, so daß eines von uns immer, wenigstens zur Hälfte auf dem weichen
Sande der Wüste liegen wird. Desto ausreichender ist aber die breite in
Smyrna gekaufte Decke, zu der hier noch zwei Ziegenfelle gekommen sind,
und so merkst du wohl, daß unser Haushalt, im Vergleich mit dem der
Söhne der Wüste, zu welchen wir reisen wollen, ein unerhört stattlicher
und splendider ist.
Je näher die Zeit der Abreise herankommt, desto inniger wird mein
Verlangen nach dem meiner Seele theuren Boden, den ich nun bald
betreten soll; mein Heimweh kann die Stunde des Auslaufes und des
endlichen Vorwärtsrückens zum langersehnten Ziele kaum erwarten.
Ein Schauspiel, das ich in einer der letzten Wochen unsers Hierseins
gesehen, hat meine Sehnsucht nach dem Beginn der Weiterreise noch sehr
gesteigert; dies war der Auszug der Pilgrime nach Mekka. Bekommt
man doch im Herbste, wenn die Distelfinken und Hänflinge mit lauten
Freudentönen über das Land hinziehen und ein frischer Wind aus Norden
den Flug begünstigt, ein Verlangen, auch mitzuziehen über Land und
Meer; wie sollte nicht eine Schaar von Menschen, die, nach ihrem Maaße
von Begeisterung trunken, den Lauf nach einem ihr heiligen Ziele
antritt, auch in unser Einem den Wandertrieb des Pilgrims entzünden und
aufs Höchste steigern! Ich habe Dir schon so Manches von dem äußren und
innren Leben der Kinder Ismaëls erzählt, so will ich Dir auch noch den
feierlichsten, bedeutungsvollsten Akt in dem Leben der Bekenner des
Islams, den Hadschizug, beschreiben.
Ismaëls Geschlecht kann es eben bis auf unsre Tage noch nicht vergeben
und vergessen, daß der Sohn der Verheißung, welchen die eigentliche
Herrin des Haußes gebar, der die Verheißung galt, der Erbe geworden
ist, da ja der Magd Sohn der zuerst geborne, ältere war. Alles das,
was die Bücher Mosis, welche sie auch kennen und sehr in Ehren halten,
der Wahrheit gemäß von Isaak berichten, das erzählen die Mohamedaner
von Ismaël; er war es den Abraham auf Gottes Geheiß opfern wollte,
als der Engel des Herrn die That verhinderte und statt des Sohnes der
Widder dem Schlachtmesser dargereicht wurde. Auf Ismaël und seinen
Samen tragen sie alle jene Segnungen über, deren Kräfte und Früchte
weit über die Zeit des sichtbaren Lebens hinausgehen in die Ewigkeit.
Nun, die Ehrfurcht und Liebe zu ihrem Vater Abraham, so wie die hohe
Beachtung und Werthschätzung des Segens der auf diesen gelegt war,
ist ein ganz schöner Zug an den Kindern Ismaëls; er gehört mit zu
jener treuen Erfüllung des vierten Gebotes, wegen der ich schon bei
andrer Gelegenheit die hiesigen Mohamedaner gerühmt habe, aber dennoch
hat jener rühmliche Zug zugleich einen Beigeschmack nach der Natur
des Raben, zu dessen Verwandtschaft der Araber auf vielfache Weise
sich bekennt. Wie der Rabe die Gold- und Silberstücke, die er auf
dem Felde oder an dem offnen Fenster eines Haußes findet, weil der
Glanz ihn anlockt, mit sich in sein Nest trägt, dem sie weder zum Bau
noch den Jungen zur Nahrung dienen können, so hat auch der Islam die
Kleinodien, welche die Offenbarung den Völkern gab, herüber geführt in
seinen Aufbau, ohne sich die eigentlichen Kräfte derselben zu nutze zu
machen; weil er's nicht versteht das Gold in Brod zu verwandeln. In der
Geschichte und Verehrung ihres Propheten wiederholen sich die Bekenner
des Islams Alles das, was in der Geschichte und dem Gottesdienste
Dessen enthalten ist, welcher mehr und höher war als ein Prophet.
Wenn ich irgendwo Gelegenheit gehabt habe, gegen die auffallenden
Aeußerungen einer innern Entzückung mistrauisch zu werden, die sich
in so manchen uns näher liegenden Fällen in ein frommes Lichtgewand
kleidet, so war es hier unter den Moslemen. Welches Menschenauge, das
nicht auf die Quelle und auf die Früchte merken lernte, könnte am
Weihnachtsfest der Mohamedaner, am Geburtsfest des Propheten (Mulid en
Nebi) das in dem Monat Rabia el Owwal gefeiert wird, die Entzückungen,
in welche da viele verfallen die dem Gesange der Loblieder zuhören,
von solchen Zuständen unterscheiden, die von höherer, beßrer Abkunft
erscheinen. Die Scene der Festfeier ist dann hier in der Nähe unsrer
Wohnung, auf dem Esbekiehplatze, und meine hiesigen Freunde, die sie
oft sahen, haben sie mir beschrieben. Der ganze Platz ist zu dieser
Zeit von Zelten bedeckt, bei Nacht von Tausenden der guirlandenartig
zusammengehängten Lampen hell beleuchtet. Denn während die Tage mehr
zu Volksbelustigungen bestimmt scheinen, beginnen in der stillen
Nacht die Prozessionen der Derwische, und jene Chöre der Sänger
lassen sich hören, welche Lieder singen deren Inhalt und Form es
nicht verkennen lassen, daß sie den Tempelgesängen der Israëliten,
namentlich aus der Davidischen und Salomonischen Zeit nachgebildet
sind. Jene ekstatischen Entzückungen, von welchen bei solchen
Gelegenheiten Mehrere der Anwesenden ergriffen werden, heißen Melbus;
sie äußern sich durch begeisterte Ausrufungen und Erscheinungen,
welche denen des magnetischen Hellsehens ähnlich sind; neben diesen
meist unwillkürlichen Zufällen sieht man jedoch auch häufig Thaten
und Werke der fanatischen Verrückung und willkürlichen Gaukelei,
namentlich an den Derwischen, welche Glasstücke und glimmende Kohlen
verschlingen, spitzige Körper sich ins Fleisch stoßen, die Glieder
verdrehen und allerhand andre Kunststücke machen, zu denen namentlich
das Hinüberreiten des Scheikhs der Sadiyeh-Derwische über ganze Reihen
seiner auf ihrem Angesicht zu Boden gestreckt liegenden Jünger gehört.
Wer jedoch alles Das, was eine fanatische Begeisterung des sinnlichen
Menschen vermag, in rechter Masse beisammen finden will, der muß, so
wie wir, den Auszug der Hadschis nach Mekka sehen.
Eine Pilgerfahrt nach Mekka, durch den Weg der Wüsten oder auch des
stürmischen, klippenreichen rothen Meeres, ist nichts Leichtes; vor
Allem dann, wenn sie (wie dieß bei der Zeiteinteilung nach Mondenjahren
öfters geschieht) in die heißesten Monate des Jahres trifft. Jeder
Hadschi hat deshalb sein Sterbehemd bei sich, in welches er, wenn ihn
auf den unerbittlich streng und fest abgemessenen Tagmärschen die
Mattigkeit des Todes überfällt, sich einhüllt, dann, bis ans Haupt,
das nach dem Tode der Wind bald mit Staub der Wüste bedecken wird, in
Sand sich eingräbt und so, nach Mekka blickend, den letzten Augenblick
erwartet. Alte oder schwächliche Hadschis finden auf solche Weise
häufig schon ihr Grab auf dem Wege nach Mekka, vor allem jene ärmeren,
die zu Fuße und nur selten zur Nothdurft gesättigt der großen Karawane
sich anschließen; mehrere aber noch als die Reise rafft der, obgleich
kurze, Aufenthalt in Mekka hin, wo sich bei den meist sehr schlechten
Lebensmitteln, welche selbst die Reicheren empfangen, und dem bittern
Mangel den die Aermeren erdulten, unter der eng zusammengedrängten
Schaar so häufige Krankheiten und tödtliche Seuchen erzeugen, daß der
Sand von Mekka und Medina alljährlich zehnfach und zwanzigfach so viele
Menschen begräbt, als auf ihm als einheimische Bewohner leben. Man darf
es deshalb den vermögenderen und dazu neu-, das heißt nichtgläubigen
Bekennern des Islams nicht verdenken, wenn sie sich der Verpflichtung,
die Jeder von ihnen hat, einmal in seinem Leben nach Mekka zu pilgern,
dadurch entheben, daß sie einen Aermeren, der reiselustiger ist als
sie, zur Pilgerfahrt ausstatten, was denn eben so viel gilt als wären
sie selber mitgezogen. Bringt ihnen doch dann, wenn sie in Kairo
wohnen, schon im Monat Sufar (dem zweiten des Mondenjahres) der
zurückkehrende Stellvertreter, das, obgleich auf der Fahrt stinkend
gewordene, dennoch heilige Wasser des Brunnen Zemzem und Kisweh:
Stücklein von der Decke die auf dem Prophetengrabe lag, auch Weihrauch
und Sebchahs (Rosenkränze) mit, die für sie, durch die in Medina
empfangene Weihe, dieselbe Kraft haben, als wenn sie selber sie geholt
hätten.
So aus der Ferne läßt sich übrigens das bedeutungsvolle,
zuversichtliche Ahnden der Menschenseele, von einem Morgenlichte der
Ewigkeit, das noch in die Zeit des irdischen Lebens hereinleuchtet,
nicht bei allen Gläubigen des Islams abspeisen. Tausende von ihnen
achten der wahrscheinlichen Gefahr des Lebens nicht; es ist dennoch ein
tiefer in ihrem Wesen liegender, wenn auch irre gehender Trieb, der
sie zu ihrem Auslaufe begeistert, als jener, der die Zephyrathmer, von
denen ich Dir früher[49] erzählte, hinausführt in die Wüste.
Wenn sich die Tausende der Hadschis, die sich, von den vielen
verschieden Richtungen des Ostens, Westens und Nordens her begegnen,
noch bis auf etwa eine Tagereise der heiligen Stätte von Medina nähern,
da erblicken sie, das bezeugen die, welche es gesehen haben wollen, bei
Nacht nach dieser Richtung hin ein dämmerndes Licht; das Licht wird zur
Feuersäule (der in einer nach oben offnen, wahrscheinlich von Tausenden
der Lampen erhellten Moschee) wenn sie bei Medina anlangen; man sieht
die »bis zum Paradies« aufflammende Leuchte nur dann, wenn man in
einiger Entfernung steht, ganz in der Nähe entzieht sie sich dem Auge.
Dieses, und ähnliche Wunder, die sich der dürstende Wandrer in der
Wüste als Bilder einer geistigen Fata morgana erdichtet und erschaffet,
erzählt der von der Wallfahrt zurückgekehrte Hadschi Allen, die »dem
Ziele der Laufbahn der Gläubigen« noch entgegengehen. -- Ein Licht,
das aus dem Dunkel der Nacht empordämmert und den Eingang zum ewigen
Osten erhellet, ist allerdings zu finden, nicht aber auf dem leiblich
weiten und mühevollen Wege der Sandwüste oder des Meeres, sondern tief
in dem mit geistiger Kraft zu eröffnenden Erzgange des Sehnens nach
oben, der jede Menschenseele, als Lebensader durchsetzt.
Jene feierliche, anjetzt jedoch meist nur militärische Prozession, bei
welcher die in der Citadelle gewebten Stücke der Kisweh oder heiligen
Decke, die zur Kaaba gesendet werden soll, herabgeführt werden zur
Hhosseynsmoschee, damit man sie hier weihe und zusammensticke, hatte
ich nicht gesehen. Etliche Tage nachher aber (am 30sten Januar),
als die eigentliche Prozession des Machmils und der Auszug der
Pilgrime statt fand, hatten uns unsre Freunde, zunächst der liebe
H. v. Champion einige Zimmer in dem Hauße eines Kaufmanns, dessen
Fenster sich nach der Hauptstraße öffnen, bestellt, von wo aus wir
alle Feierlichkeiten des Tages in Muße beschauen konnten. Das Machmil
(Mahhmil) ein Zeltkasten, mit der kostbaren Decke belegt, die nach
Mekka geht, und alljährlich mit einer andern vertauscht von dort,
durch die lange Berührung des Heiligthumes geweiht, zurückgekehrt, ist
ein stellvertretendes Zeichen der Andacht der Aegyptischen Herrscher,
welches dem Zug der Pilgrime sich anschließt, ohne daß der Pascha oder
Vizekönig in Person mitzugehen braucht. Diese Erfindung des Mitgehens
und doch zu Hausebleibens kommt von einer schönen Favoritsultanin
der beiden letzten Fürsten aus der Dynastie der Ejubiten her, und
ist seitdem, da sie die Imams von Mekka als vollgültig erkannten,
beibehalten worden. Die schöne Fürstin zwar, unter dem prachtvollen
Hodag oder Zelte sitzend, war zuerst selber mitgegangen, schon im
nächsten Jahre kam aber das Zelt ohne sie am Ziele der Wallfahrt
an, brachte jedoch, als Zeichen ihrer Gunst, königliche Geschenke
unter seiner Decke, welche anjetzt, unter andern, aus zwei schönen
Abschriften des Korans bestehen, die der Machmil enthält. Schon auf
dem Wege nach unsrem Standorte fanden wir alle Straßen gedrängt voll
Zuschauer. Die Läden waren geschlossen; die Gitterfenster der oberen
Stockwerke nach oben geöffnet und dicht von verschleierten Köpfen der
Frauen besetzt. Den Zug eröffnete auf alberne Weise eine Kanone, die
statt der Glocke zu den Feldsignalen bestimmt ist, hinter ihr einige
Compagnieen des schlechteren, gesindelhaften Aegyptischen Militärs,
welches viel eher Banditen als Soldaten glich. Jetzt dauerte es fast
20 Minuten, da kamen geputzte und ungeputzte Männer auf Kamelen;
Heerpauken und Pfeifen dabei, womit die Reuter großen Lärmen machten,
in welchen hin und wieder einzelne Zugharits (Jubeltriller) der hinter
den Fenstern stehenden Frauen einstimmten. Gleich darauf folgte ein
Zug von leeren, zum Theil roth und gelb (mit Hhenna) angestrichenen
Kamelen, mit prächtigem Zeug und Sätteln, deren abwesende Reuter
wenigstenst vor der Hand im Geiste den Zug durch die Stadt mitmachen
wollten. Mehrere der Kamele sind mit Palmenzweigen geputzt, tragen
Glöcklein und Fahnen an sich, andre müssen Wasserschläuche führen und
einigen der stärksten hat man die Kisten mit dem Königlichen Schatze
aufgeladen, aus welchem die Kosten bestritten werden, die der Regierung
bei dem Geleite der Hadschis durch die Wüste, zur Last fallen. Jetzt
kommt auch, ebenfalls auf schönen Kamelen, die Bagage des Emirs, der
die Leitung und Besorgung der Thiere und Menschen der Karawane auf sich
genommen hat: des Emir el Hadsch, hinter ihr unter schwarzsammtener
Hülle die neue Kaabadecke oder der Kisweh. Darauf eine neue Pause,
während welcher sich das Volk der Gassen mit Kamelwürsten und Scherbet
zu laben vermag. Jetzt aber zieht die Schaar der fanatisch entrückten
Derwische vorbei, reitend auf schlechten Kamelen und gehend, mit
wilden Verdrehungen der Glieder; einige haben sich Eisenstücke und
Messer durch die Arme oder Wangen gestochen, andre sind von Schlangen
umwunden. Unter den fanatisch taumelnden und gauklenden Menschen
zeichneten sich einige Knaben aus, die auf dem Kamele stehend den
Kopf wie im Kreise herumwirbelten; dem Trosse schloß sich eine Schaar
der Kameltreiber, Wasserträger, Gassenkehrer und andres armes Volk
an, man höret Einen und den Andern die Worte Allah und Arafaat[50]
brüllen und dem dumpfen Gebrüll antworten die hohen Jubeltriller der
Frauen. -- Hierauf folgen abermals geputzte Kamele, unter ihnen jene
beiden, ganz vorzüglich geschmückten, welche die Sänfte des Emirs
der Hadschis mit roth seidenem Baldachin tragen, dann mehrere Araber
auf Rossen, bei ihnen der Wegweiser der Karawane, hinter ihnen noch
Kamele und Derwische, zuletzt ein Zug von Hofdienern, Officieren und
Leibgardisten des Vizekönigs. Das Gedränge des Volkes besonders der
ärmeren Frauen auf den Gassen wird jetzt immer größer, die Spannung
des Erwartens, welche man an Allen bemerkt, gilt nicht den halbnackten
Klopffechtern, den Derwischen und Hadschis die hinter den Schaaren der
Gardisten drein ziehen, sondern jenem Hauptakte der Prozession, der
nun folgen soll. Und schon hört man, nach einer kurzen Pause einen
Lärmen der Trommeln und Pfeifen und ein Jubeljauchzen der Frauen, das
noch oben in den Wolken hörbar seyn müßte; einige Regimenter der Nizam
oder regulären Truppen, zu Fuß und zu Pferde ziehen auf mit klingendem
Spiele, dann der Polizeidirector und die Diener des Hadschi-Emirs und
endlich einmal, nachdem er sich so oft durch Kamele, Baldachin, Bagage
und Diener angekündigt, er selber, der Emir auf kostbar geschmücktem,
edlem arabischen Rosse, begleitet von 3 hohen Geistlichen, hinter ihm
stattliche Mughrebi's zu Pferde, dann 3 Männer in weißem, wollenen,
goldgestickten Gewande, welchen es obliegt auf dem Arafaatberge gewisse
Formeln des Gebetes zu sprechen; abermals dann ein Troß der Kamele und
Kameltreiber, in ihrer Mitte vier Imams, als Repräsentanten der vier
orthodoxen Sekten; Derwische mit großen Fahnen und wunderlich lautende
Musik, die Zünfte der verschiednen Handwerker und Künstler mit ihren
Abzeichen. Und jetzt erklingen die Zugharits oder Jubeltriller der
Frauen und das Zujauchzen der Männer aus solcher Nähe und so laut, daß
man sein eignes Wort nicht mehr hört, denn der Hauptgegenstand der
ungestümen und unbändigen Verehrung, das Machmil mit den Abschriften
des Korans unter dem prunkenden Königszelte naht sich. Kaum läßt sich
dieses sehen, da drängt sich Jedes, besonders die Frauen, herzu, um den
heiligen Zeltkasten, wo nicht mit der Hand doch mit einem Ende des
Schleiers oder eines Tuches zu berühren; die Zuschauerinnen, welche
verschleiert hinter den jetzt weiter geöffneten Fenstern stehen, lassen
aus den oberen Etagen zusammengebundene Schawls herunter, damit der
unterste Zipfel des Gebindes am Kasten streife und die Stelle, die so
glücklich schien zur Berührung zu gelangen, wird geküßt. Auch hinter
dem Machmil giebts noch sonderbare Sachen zu sehen; es ist als sey
jetzt der Hahn, durch welchen bisher der Wein lief, aus dem Fasse
herausgezogen und als ob dem nun offenen Spundloche unaufhaltsam die
letzte Hefe des fanatischen Tollrausches entströmte. Denn obgleich
der Rotte der Derwische, die hinter dem »Heiligthum« drein zieht, das
Fressen der lebendigen, giftigen Schlangen und mancher andre Exceß,
den sie sonst begiengen, untersagt ist, geberden sie sich doch noch
wild genug, und obgleich die alte Um el Chutat oder Mutter der Katzen,
welche sonst mit einer ganzen Familie von Kätzlein, Kiezen und Katern
auf ihrem Kamele hinter dem Machmil ritt, gestorben ist, so lebt doch
der alte Scheikh el Gemel noch, der den Zug nach Mekka, ich weiß nicht
zum wie vielesten Mal mit macht; halbnackt auf einem alten, magern
Kamel reitend und dabei ohne Aufhören den Kopf im Kreise wirbelnd, eine
Bewegung die er auf dem ganzen Zuge, hin und zurück beibehalten soll.
Lassen wir nun die Hadschi's unter ihrem Heerpaukenklange und
Arafaat-Brüllen dahin ziehen, wir wissen doch, daß sie heute nicht
weiter kommen als auf die etwa eine Stunde abgelegne Ebene von Hhasweh,
dann an den Birket el Hadsch, wo sie mehrere Tage warten, bis Alle
sich versammlet haben, und wer Lust dazu hätte, der könnte sie auch
weiterhin noch einholen, denn sie brauchen zu ihrer ganzen Reise
bis Mekka volle 37 Tage, weil das ärmere Volk zu Fuße zieht und die
Tagreisen deshalb (von 2 Stunden vor Tagesanbruch bis 1 oder 1½
Stunden nach Sonnenaufgang) sehr klein sind. Mögen sie glücklich
reisen; unsren Augen und Ohren und allen Sinnen ist es so zu Muthe,
als wenn wir bei dem Getöse der Hämmer und Blasebälge lange in das
glühend rothe Feuer eines Eisenhammers gesehen hätten und nun mit
geblendeten Augen und betäubten Ohren wieder hinausträten ins Freie.
Dennoch blieb neben dem Gefühl der Betäubung auch ein andres zurück;
jenes der tiefesten Wehmuth. Diese regte nicht zunächst der Anblick
mehrerer jener jüngeren Büßenden auf, in deren Mienen ein Ausdruck der
tiefesten Trauer lag, sondern der Gedanke, daß dieses arme Volk in der
geistigen Wüste, in welcher ihre Seele herumschwärmt, vor Durst und
Hunger verschmachtet, während der Quell des lebenskräftigen Wassers
und die Bäume, deren Blätter schon zur Gesundheit der Heiden dienen,
so nahe an ihrem Wege stehen. Doch Gedult; der innre Weg des Glaubens
gieng bei diesem Volke bisher zwischen hohen Mauern hin, welche die
Aussicht nach den fruchtbaren Gärten mit ihren Quellen verdeckten; die
Mauern aber sind morsch geworden; ein Stein nach dem andren stürzt
von ihnen herunter, noch wenig Menschenalter vielleicht und Jeder
der Wandrer wird ungehemmt einzugehen vermögen, zu der Fülle die den
Hunger sättiget und den unabweisbaren Durst stillet. Denn wie tief das
Verlangen nach einer freien Aussicht über das Gebiet des Wirklichen und
Wahren, weiter und erhabener als die von der Höhe des Arafaat in den
Menschenseelen liege, das beweist uns auch dieses vergebliche Abmühen
und Ringen, welches hier, im Zuge der Hadschi's, sich kund giebt. Wie
der Pfeil den ein Jäger der Wüste von der Sehne hinausschnellt in den
Sand, eilen diese Schaaren, allen Gefahren trotzend, hinaus nach ihrem
wunderbaren Medinalichte; auch in unsrer Brust ist der Bogen schon
längst gespannt, nur noch ein leiser Druck und der Pfeil wird fliegen,
gerichtet freilich nach einem festeren Ziele als der leichte Sand,
nach dem Morgenrothe eines andren Glanzes als der ist, der über Medina
schwebt.
Aber es ist Zeit, daß ich meinen Brief beende, wir haben noch so
Manches mit der Versendung unsrer Sachen über Alexandria zur Heimath,
wie mit den letzten Anstalten zur Weiterreise zu thun und dabei
Abschiedsbesuche zu machen. -- Wie gerne möchte ich Dich zu manchem
dieser Abschiedsbesuche mit mir nehmen. Vor allem hinaus zu meinem
theuren Gevatter Gobat und seiner lieben Frau, die eine Tochter
meines geliebten Zeller in Beuggen ist. Dieses auserwählte Paar, das
vor einigen Jahren unsre (auch Deine) Segenswünsche nach Abyssinien
begleiteten, hat sich dort treu erwiesen bis zum Tode, denn er, mein
lieber Gobat lag da fast ohne Unterbrechung als ein Sterbender und
doch Lebender, auf einem unbeschreiblich schmerzlichen Krankenlager
und nächst Gott war seine zarte junge Gehülfin und Lebensgefährtin,
mitten im fremden Lande, seine einzige Hülfe und Pflegerin. Und da
nun keine Aussicht zur Wiedergenesung für den theuren Mann übrig war,
wenn er länger in dem seiner Natur unverträglichen Klima bliebe; da
die dortigen wie die europäischen Freunde auf eine Weise, welcher er
nicht länger widerstehen durfte, in ihn drangen ins Vaterland, dessen
Luft und Boden ihm schon einmal die Gesundheit wiedergegeben hatten,
zurückzukehren, machte er sich endlich zur Heimreise auf. Betrachte
einmal die Landcharte und siehe wie weit der Weg war, den der kranke
Mann zu machen hatte; Du wirst finden, daß ich hier, oder wenigstens
in Alexandria erst halb so weit von der Heimath entfernt war als er in
seinem Abyssinien; er hatte durch das zum Theil wüste, heiße Land eben
so weit hieher zu reisen als ich von München. Unterwegens wurde das
einzige Kind, das ihnen Gott in der Fremde, als ein Kind der Sorgen
und der Schmerzen geschenkt hatte, todtkrank; ein liebes Knäblein.
Der Kleine konnte die schaukelnde Bewegung des Kamelreitens nicht
vertragen; die Mutter so schwer ihr das in ihren Umständen wurde,
gieng zu Fuße neben dem Kamele, durch die brennend heiße Wüste, trug
das kranke, dann das sterbende Kind auf ihren Armen, bis es da zur
Leiche wurde. So kamen sie hier an, wo ihnen, etliche Tage vor unsrer
Hieherkunft Gott ihr zweites Kind schenkte, bei welchem ich die Freude
hatte Taufpathe zu seyn. Du wirst Dich eines solchen Heldenmuthes in
so zartem Gefäß wie diese Frau ist wundern. Doch solltest Du auch ihn,
Gobat kennen. Ich habe wenig Menschen auf meinem Lebensweg gefunden,
mit denen es einem so leicht werden könnte durch die ganze Welt, in
Freud und Leid zu gehen. Es ist nicht seine hohe, kräftige, männlich
schöne Gestalt, die einem so guten Muth zu mitpilgern giebt, sondern
sein ganzes Wesen, welches das Siegel der Treue und des Glaubens
trägt, und dessen Wahlspruch ist: sey getrost und unverzagt. Wenn
irgend einer gemacht ist dem Morgenländer, dessen Sprachen er geläufig
spricht, Achtung, Liebe und Vertrauen einzuflößen, so ist es Gobat.
Doch die Liebe, sehe ich, macht beredter als mir es für heute meine
Zeit erlaubt, nur das Eine erwähne ich noch, daß jene Lügen, die man
zuweilen sogar öffentlich über das Wohlleben solcher Männer in fremden
Ländern ausstreut, rechte Erfindungen der Bosheit sind; ich weiß es
genau wie viel Gobats während ihres ganzen Aufenthaltes in Abyssinien
und auf der Hin- und Herreise an Besoldung erhalten und verbraucht
haben, und kann Dir in Wahrheit sagen, daß in derselben Zeit jeder
deutsche Schullehrer in Deiner Stadt eben so viel und noch mehr zu
verwenden hätte. Denn das Leben in Abyssinien ist sehr wohlfeil; die
Reisen, wie ein armer Mann sie macht, sind es auch, und Gobat nahm nie
mehr als er brauchte.
Von meinem theuren Freunde Champion, dem K. K. Oesterreichischen Consul
habe ich Dir schon öfter in meinen Briefen erzählt. Hat er sich doch
hier selbst unter den Mohamedanern, von dem Vicekönige an bis herunter
zu den Geringsten, durch seine Redlichkeit und Geschäftsklugheit
allgemeine Liebe und Achtung erworben; wie könnte ihm mein, ja gern
zur Dankbarkeit geneigtes Herz die Liebe und Verehrung versagen, die
er an mir auf tausendfältige Weise verdient hat. Der liebe Mann hat
viel Hauskreuz; seine treue, gute Gemahlin liegt krank und mein Freund
+Dr.+ ~Pruner~ giebt die Hoffnung zu ihrer Wiedergenesung
auf[51].
Und da habe ich eben den Mann genannt mit welchem Du so wie ich,
gleich von der ersten Stunde an bekannt seyn würdest wie mit einem
alten Hausfreund, meinen lieben ~Doctor Pruner~. Er ist von
Geburt ein Bayer; hat in München studirt; ist tüchtig als vielseitig
gebildeter Gelehrter, als vorsichtiger, glücklicher Arzt, und als
trefflicher Mensch. Ich glaube nicht daß in Europa jetzt ein Mann
lebt, der mit solcher Sprachkenntniß und so tief in die Literatur der
Arabischen Arzneikunde eingedrungen wäre; in seine Geschicklichkeit
als Arzt, die er hier an Mohamedanern und Christen erwiesen, hätte ich
(wie mir es die eigne Erfahrung einprägte) ein unbedingtes Zutrauen;
an Bescheidenheit, Milde und theilnehmender Herzensgüte gleicht er
Deinem Hausfreunde und Arzte dem guten +Dr.+ Caspari; sein Wesen
erinnert mich an das unsres theuren Julius Werner, unsres nahen Bluts-
und Geistesverwandten. Dieser treue Freund in der Fremde hat mich mit
brüderlicher Liebe hier in Kairo geleitet und belehrt; Lieder und ihm
verdanke ich am meisten die Bekanntschaft mit dem hiesigen Volksleben,
aus welcher die Mittheilungen meiner Briefe an Dich hervorgiengen,
denn so reich mich auch in dieser Hinsicht des Engländer Lane
treffliches, neu erschienenes Werk begabte, wäre mir dieses doch nur,
mehr oder minder ein todter Buchstabe geblieben, wenn mich nicht jene
beiden Freunde mit sich hineingeführt hätten in die eigne, lebendige
Anschauung[52].
Gleich in den ersten Tagen unsers Hierseins machten wir auch noch
eine andre Bekanntschaft, die mir fürs ganze Leben ein Gewinn seyn
und bleiben wird, die der Mrs. ~Holyday~ und ihrer älteren
Verwandtin. Beide wohnten damals mit uns in demselben Hauße und das
Gefühl von Frieden und innrem, heimatlichem Wohlbehagen, das uns hier
so bald anwandelte, war uns, so schien mirs, auch durch die Nähe
jener stillen, innigen Seele mitgetheilt oder vermehrt worden. Diese
geistvolle Engländerin scheint in ungewöhnlichem Maaße mit jenen
Lehrergaben ausgerüstet zu seyn, die sie hier in Kairo zu Nutz und
Dienst des Nächsten anwenden will[53].
Und was könnte ich Dir noch Alles von unserem brüderlich treuen,
liebevollen Hauswirth: von meinem theuren ~Lieder~ erzählen. Er
war uns hier vor allen andren Menschen ein Anhaltspunkt der Liebe,
welche in seinem guten, fruchtbaren Boden so tiefe, feste Wurzel
geschlagen hat, daß sie kein Sturm entwurzeln, keine Dürre entblättern
kann. Er ist ein Gefäß des Segens für viele Bewohner dieser Stadt, wie
ers für uns war.
Auch der edle ~Clot-Bey~, der Begründer so manches großen,
guten Werkes in Aegypten hat sich in meinem Herzen ein Denkmal
unvergänglicher Dankbarkeit begründet.
Außer den eben genannten Freunden lernte ich hier in Kairo noch einige
höchst interessante, auch für die Bewegungen unsrer Zeit höchst
bedeutungsvolle Landsleute kennen, denen ich die zuvorkommende Güte nie
vergessen werde, mit der sie mich behandelten. Aber mein Brief hat sich
schon bis zum andern Tage verzogen; morgen wollen wir schon reisen;
eben erwartet mich +Dr.+ Pruner, der mich noch mit dem Zustand der
hiesigen, sogenannten Apotheken (Droguisten oder Attarsläden) bekannt
machen will, und heute Mittag bin ich zu dem liebenswürdigen und
geistvollen Obersten ~Duhamel~, dem K. Russischen General-Consul
eingeladen, wo ich noch einmal den K. K. Generalconsul ~Laurin~
finden werde, dessen große Güte gegen mich, und vielseitige Kenntnisse
ich Dir schon früher gerühmt habe[54]. -- Du gutes Kairo, wenn schon
der Araber Jeden mit welchem er Brod und Salz aß, als einen Freund
betrachtet, dem Speer und Schwert nicht nur Schonung, sondern Schutz
und Gesellung schuldig sind; wie sollte ich dich ehren und betrachten,
da du mir nicht blos Brod und Salz, sondern von allen Seiten ein
Uebermaß von Liebe und Freundlichkeit gewährtest.
Meine theure Schwester, Du einzige noch lebende Genossin der Treue
unsrer Eltern, die uns beide gemeinsam ernährte und erzog; dein
Hadschi nimmt jetzt Abschied zur Reise in die Wüste. Er hat sich mit
keinem Sterbehemde versehen wie die türkischen Hadschis wenn sie nach
Mekka gehen, sondern mit einem Gewande das heißt Glaube, umgürtet von
freudigem Vertrauen. Sey unbesorgt um mich, ich weiß es gewiß Du wirst
mich noch in diesem Leben, mit Deinen Augen wiedersehen und mit mir Dem
danken der mein Schild und Schirm, wie meines Sehnens Ziel auf meiner
Reise war.
II. Die Reise durch die Wüste.
Reise über Bessatin, Suez und Tor nach dem Sinai.
Schon im Vaterlande, noch vor Antritt der Reise hatten mich
meines Freundes ~Karl von Raumer~ Untersuchungen über den
wahrscheinlichen, in der heiligen Schrift angedeuteten Weg der Heere
Israels durch die Wüste, deren Inhalt mir der Verfasser noch vor dem
Druck seiner Abhandlung[55] mittheilte, zu dem Entschluß geführt,
von Kairo aus nach Suez nicht die gewöhnliche etwas nördlichere
Karawanenstraße einzuschlagen, sondern über Bessatin zu gehen. Ich
wollte gern, so weit dies nur möglich, die Reise von Kairo an mit den
größesten, erhabensten Erinnerungen, welche die Geschichte darbeut,
Hand in Hand machen und überdieß hat auch der Weg, am südlichen Abhange
des Mokkatam hin ein höheres, naturhistorisches Interesse, als der
andre gewöhnlichere.
Der letzte Tag in Kairo war gekommen; meine treuen, jungen
Freunde hatten jene kostbaren Kisten, welche alle Früchte eines
sechswöchentlichen Fleißes, alle unsre in Aegypten gesammelten
Naturalien in sich faßten, zur Absendung nach Europa bereit gemacht;
der gute Doctor Roth war die ganze letzte Nacht thätig gewesen; noch
einmal hatten wir uns am gastfreundlichen Tische des theuren Lieder
geistig wie leiblich erquickt; jetzt um zwei Uhr des Nachmittags
waren auch die Kamele beladen und unser Tagwerk in Kairo geendet.
Freund Lieder und Gobat wollten uns bis Bessatin begleiten; auch ich
und die beiden Reisegefährtinnen hatten es vorgezogen, heute, wo man
es haben konnte, noch auf Eseln zu reiten und erst morgen den hohen,
unbequemen Sitz der Kamelrücken zu besteigen, unsre jungen Freunde
versuchten aber diese »Schiffe der Wüste« schon heute. Mit dankbarer
Rührung nahm ich Abschied von dem Hause in dem es uns so wohl ergangen
war; von unserem Zimmer das nun die theuren, seitdem aus Malta
zurückgekehrten Kruses wieder bewohnen, und begrüßte jedes uns lieb
gewordne Plätzlein mit dem Gruße des Friedens. Wir ritten schweigend,
im Geleite der Freunde noch einmal durch die große Stadt, neben der
Citadelle über den Romele und Ckara Meydanplatz zum Thore des Südens
hinaus. Außerhalb der Stadt führt der Weg an mehreren Grabmählern und
Moscheen der Moslimitischen Heiligen vorüber; zur Linken hat man die
nahe Aussicht nach dem Mokkatam zur Rechten die nach dem Nilthale und
den Pyramiden, gerade vor sich im Süden das majestätische Torrah. In
fast drei Stunden erreichten wir das ärmliche Dörflein Bessatin, über
dessen niedre Lehmhütten ein Palmenwald sich erhebt; zur Lagerstätte
für die bevorstehende Nacht wählten wir einen Platz welcher südwärts,
in einiger Entfernung vom Dorfe bei den Getraidefeldern lag, zwischen
denen reihenweise vereinzelte Dattelpalmen stunden. Nach einiger
Zeit sahe man die Kamele kommen, welche unsre jungen Leute sammt dem
Reisegepäck und dem Zelte trugen. Die Freunde, die uns aus der Stadt
begleitet hatten, verabschiedeten sich jetzt, wir blieben mit unsren
Erinnerungen und Hoffnungen allein. Die Kamele waren nun abgeladen,
unser so wie Herrn v. Krohns Zelt aufgeschlagen, wir nahmen von der
Nachtherberge Besitz.
In unsrer Nähe stunden einige elende, schmutzige Hütten, von leichtem
Zaunwerk umschlossen und von armen Landleuten bewohnt, deren halbnackte
Kinder bald zu unsren Zelten kamen, um sich da einige kleine Gaben
zu erbetteln. Sie erinnerten in ihrem ganzen Aussehen und Benehmen
sehr an die Zigeuner und einige unsrer Reisegefährten, welche schon
länger mit dem hiesigen Volke bekannt waren, sagten uns, daß solche
Kinder eine ganz besondre Anziehungskraft gegen alle, einigermaßen
werthvolle Gegenstände hätten, die nicht niet- und nagelfest sind;
deshalb wurde den Arabischen Knechten gute Aufsicht über die Sachen
empfohlen, zugleich aber ein friedliches Benehmen gegen die menschliche
Nachbarschaft, deren wir nun bei der Reise durch die Wüste oft und
lange entbehren sollten. Einige von uns, die den Anfang der Wüstenreise
kaum erwarten konnten, ergiengen sich noch nach Osten hin auf der öden,
grobsandigen und kiesigen Ebene, auf welcher wir schon einzelne Stücke
versteinerten Holzes aus jenen Ablagerungen der Holzsteine fanden, zu
denen der Weg des morgenden Tages uns führen sollte. Auch nach der
Rückkehr zu den Zelten genossen wir noch lange außen im Freien die
Frische der Luft und den Anblick der vom Monde beleuchteten Wüste,
und vielleicht wären wir gern noch länger geblieben, wenn wir gewußt
hätten, daß uns drinnen im Zelte, auf dem gerade nicht sonderlich
bequemen Lager eine Plage der kleinen, feinen, aber vor Begierde nach
Menschenblut brennenden Aegyptischen Flöhe erwarte, welche in der
Nähe der Hütten des Landvolkes und auf Lagerungsplätzen der Karawanen
im sandigen Boden sich verbergen, und, sobald sie warmblütige Wesen
wittern, zu diesen sich gesellen. Diese Thierlein sind gerade in der
kühleren Jahreszeit, namentlich jetzt im Februar am häufigsten und
zudringlichsten, während sie in den heißen Sommermonaten verschwinden;
uns ließen sie diese ganze Nacht nur wenig schlafen.
Dafür waren wir auch am andern Morgen, Dienstags den 14ten Februar
desto früher wach und zur Weiterreise bereit, nur daß uns dieses
Bereitsein nicht viel half. Wir hatten gehofft daß, da wir gestern erst
des Nachmitttags aus der Stadt fortgekommen und nur etliche Stunden
weit gereist waren, unsre Beduinen Alles so würden in Bereitschaft
gesetzt haben, daß wir heute mit Aufgang der Sonne aufbrechen könnten,
aber wir hatten uns sehr geirrt. Diese guten Leute hatten die Nacht
im Dorfe zugebracht, einige von ihnen sogar noch in der Stadt, nur
Hassan der Scheikh und einer seiner Knechte waren in der Nähe der
Zelte geblieben. Als sich dann endlich einzelne Kamele mit ihren
Führern zeigten, da mußten die Thiere noch einmal an den Nil gebracht
und getränkt, vor allem aber die Schläuche mit Wasser gefüllt werden,
die, wie man uns dies erst heute sagte, gestern noch großenteils leer
geblieben waren; endlich mußte man auch noch den Nachtrab aus der
Stadt: einen alten Araber mit seinem Knechte und zwei sehr abgemagerten
Kamelen erwarten, der zu Hassans Stamm und Freundschaft gehörte. Wir
hatten Zeit genug um noch einmal die nahe Reihe der Pyramiden und die
verschiednen Arten des Getraides und der Hülsenfrüchte zu betrachten,
welche die Landleute um Bessatin anbauen, auch zertrümmerte Gemäuer,
vielleicht von zerstörten Koptischen Kirchlein oder Kapellen in der
Umgegend des Dorfes konnten wir mit Muße beschauen, denn es war neun
Uhr, als man endlich anfieng die Kamele zu beladen und die Sitze auf
ihnen für uns einzurichten. Bequem sind diese Sitze gerade nicht. Denn
wer, wie wir, die Reise so einrichten muß, daß ein und dasselbe Kamel
ihn und wenigstens einen Theil seiner Geräthschaften trägt, der kann
nicht ein Reitkamel oder Dromedar mit bequemen Sattel haben, sondern
nur ein gemeines Lastkamel[56], dessen Fleischhöcker, damit die Last
ihn nicht drücke, von einem Gestell von Längs- und Querhölzern umzäunt
ist, auf welchem es sich schlecht und hart genug sitzen würde, wenn
man nicht etwa einen Theil des Bettgeräthes: die Matratze oder Decke
darüber legte. Und nun mag es einmal einer, der nicht zum Geschlechte
des Ibn Gan des letzten Riesenköniges der Präadamiten gehört, versuchen
seine Füße in reitender Stellung über die künstlich vervielfachte
Fläche eines solchen Kamelrückens auszuspannen und dann fühlen,
wie es einem schon nach einer halben Stunde zu Muthe wird. Damit
man aber dies fühlen könne muß man erst, ohne vor- oder rückwärts
heruntergefallen zu seyn, oben, auf dem stehenden Kamele fest sitzen,
denn dieses langbeinige Thier, auf dessen Rücken man sich nur bequem
erheben kann so lange es liegt, pflegt in so stoßweisen Exaltationen
sich vom Boden zu erheben, daß der Reuter jetzt fast steilrecht nach
hinten, dann, wenn er sich in dieser Stellung festgesetzt hat, eben
so nach vornen geneigt wird. Und nun beginnt, beim harten Auftreten
des guten, lastbaren Thieres, die vor- und hinterwärts schauklende
Bewegung, bei welcher es, so lange man ihrer nicht gewohnt ist, gut
seyn mag, wenn man, so wie wir, mit fast nüchternem, wenig gefüllten
Magen reist. Bei so bewandten Umständen läßt es sich wohl begreifen,
daß der erste Tag einer solchen Wüstenreise nur ein Tag der Einübung
und leiblichen Studien der neuen Reitart seyn kann; mir, der ich auf
einem kräftigen, jungen Kamelhengst den Zug anführte, wurde der Anfang
so schwer, daß ich mehrmalen, so ungern ich auch zur Verzögerung der
Reise Veranlassung gab, absteigen und entweder zu Fuße gehen oder ein
und das andre Mal von dem gütigen Anerbieten des Herrn Baumgärtner, auf
seinem Esel zu reiten, Gebrauch machen mußte. Daher lernte ich bei dem
Auslaufe der ersten Stunden mehr nur die Leiden als die Freuden einer
Wüstenreise kennen, und damit ich gegen die letzteren, welche nach
wenig Tagen das Ueberwiegende wurden, nicht undankbar erscheinen möge,
enthalte ich mich hier noch der Beschreibung jener vorherrschenden
Stimmung in welche mich meine unvergeßliche Wanderung durch die Wüste
fast beständig versetzte.
Bei allen, etwa unterlaufenden Beschwerden, war indeß auch schon
der erste Tag dieser Reise nicht ohne großen Genuß. Der Weg von
Bessatin aus verläßt gleich bei seinem Beginn das bewohnte Land
und ziehet sich in dem weiten Thale, welches zur Linken von dem
Höhenzuge des Mokkatam, zur Rechten von dem des Torrah begrenzt
wird, allmählig bergansteigend, ostwärts hinauf in die Wüste. Nach
etwa drei Viertelstunden, wie ein guter Fußgänger sie zu solchem Wege
brauchen würde, kamen wir an das erste große Lager von verkiesten
Baumstämmen[57] das wie im Bette eines vertrockneten Rinnsales der
Gewässer hingestreckt liegt; zugleich erscheint auch der Boden reich
an dem schönsten Aegytischen Jaspis. Um eilf Uhr trat der Höhenzug
zur Rechten dem Wege ganz nahe; er bestehet aus den Gebilden des
tertiären Kalk- und Sandsteines mit häufigen Lagern von blättrigem und
dickfasrigem Gyps; im Thale lag gemeiner, rother Jaspis und Holzstein
umhergestreut. Um ein Uhr kamen wir in einen ziemlich engen Paß, zu
dessen Bildung der nun auch nahe herangerückte nördliche Bergzug, zu
unsrer Linken, mit dem südlichen sich zusammengesellt. Hier zeigte sich
uns schon, zum ersten Male, die Wüste in jener freundlichen Gestalt,
die ihr die ersten Frühlingsmonate des Jahres verleihen. Denn an den
malerisch schönen Bergwänden und in ihren Schluchten blüheten manche
Arten des stachlichen Tragants (namentlich +Astragalus Sieberi+
und +tumidus+); neben ihnen Gesträuche der gelbblumigen Iberis,
Fagonien[58] und das platt am Boden sich hinbreitende Bilsenkraut der
Aegyptischen Sandfelder (+Hyoscyamus pusillus+ und +aureus+).
Um zwei Uhr hatten wir eine Anhöhe erreicht, von der sich in großer
Deutlichkeit das tief im Westen gelegene Nilthal mit der Reihe der
Pyramiden zeigte. Noch einmal -- wohl zum letzten Male im Leben,
genoß ich des Anblickes dieser hehren Fernaussicht der Zeiten und
des Raumes, bis ein nicht minder bedeutungsvolles Erinnerungszeichen
an Thaten der Natur, welche einst an dieser Stätte geschahen, meine
Aufmerksamkeit an sich zog. Nicht ferne von jenem Höhenpunkte, der
die Aussicht nach dem Nilthale und den Pyramiden darbeut, zeigen sich
nämlich von neuem mächtige Massen von versteinerten Bäumen; unter
ihnen Stämme von acht bis zehn Fuß Länge der einzelnen Trümmerstücke,
großenteils in der Richtung von Nordost gegen Südwest gelagert,
dazwischen die rundlichen Gebilde des Feuersteines und des Aegyptischen
Jaspis. Von da senkt sich der Weg wieder in ein Kesselthal hinab
dessen Sandsteinhöhen von so grotesken, pfeilerartigen Zinnen bekränzt
sind, daß wir aus der Ferne alte Denkmäler und Mauerwerke zu erblicken
glaubten; nur noch auf den Höhen gegen Nord und Nordost erschienen
versteinerte Bäume. Aus diesem Thale steigt der Karawanenweg wieder
bergan und von der Höhe hatten wir noch einmal die Aussicht nach dem
Nilthale, doch waren uns die Pyramiden durch die hinter uns gelegnen
(westlichen) Anhöhen bedeckt und das herrliche Thal schon so in die
Ferne gerückt, daß uns der Strom nur noch wie ein silberner Faden
erschien, der sich durch ein grünes, die Wüste umsäumendes Band
hindurchzieht. Jenseits der Höhe lenkten wir in ein weites wellenförmig
hügliches Thal hinab, in welchem unsre Kameltreiber schon ein Viertel
vor vier Uhr Halt machten, weil da manche Gesträuche und Kräuter der
Wüste den hungernden Kamelen ein Abendfutter darboten. Wir hatten
heute freilich (vorherrschend in der Richtung von West nach Ost) nur
einen Weg von nicht viel mehr als sechs Stunden gemacht und einem der
Reisegefährten, der mit uns nach Suez gieng und an diese Art zu reisen
schon gewohnt war, kam der Tagemarsch gar zu kurz vor; uns Neulingen
aber im Kamelreiten war es ganz recht und angenehm, daß das schwere
Exercitium ein Ende nahm.
* * * * *
Heute, wo das ganze umliegende Land, so weit das Auge reichte uns zum
Schlafkämmerlein angewiesen war, hatten wir auch Gelegenheit unser
Lager recht bequem zu ordnen, wie es von nun an während der ganzen
Wüstenreise dies blieb. Links vom Eingang wurde der Kafaß oder die
Palmenstabkiste mit den Vorräthen hingestellt und daneben schlief unser
Arabischer Knecht; wer unter dem Obdach des Zeltes wohnen wollte,
der ordnete sich da sein Lager; die Meisten aber zogen es vor an der
Außenwand des Zeltes unter dem Obdach des klaren, gestirnten Himmels
zu schlafen; unsre Reisegefährtin hatte sich einen eigenthümlichen
kleinen Anbau an das Zelt erfunden unter welchem sie ruhte. Nicht weit
vom Eingang des Zeltes ward von Steinen oder aufgehäuftem Sande ein
Feuerheerd errichtet, auf welchem unser Knecht, nach seiner großen
Geschicklichkeit das Wasser zum Kochen brachte.
* * * * *
Die kurzen Notizen ins Tagebuch waren niedergeschrieben, die Sonne
stund noch ziemlich hoch am Himmel, man hatte Zeit sich in der
Nachbarschaft der Wüste zu ergehen. Blüheten doch da auch einzelne
Sträucher und Blumen[59], freilich nicht so eng zusammengedrängt
und gesellschaftlich wie in unsern glücklichen Landen, sondern
vereinsamt und öfters weit von einander entfernt, wie die Einsiedler
der Thebaischen Wüste, und wenn auch kein Singvogel in diesem niedern
Gebüsch wohnte, so fand doch die kleinere Welt des Geflügels, Käfer
und Bienenarten da ihre Nahrung und Obdach. Dazu war der Boden hin
und wieder mit jaspisartigem Feuerstein getäfelt und am Abendhimmel
flammte, freilich nur auf wenig Augenblicke, eine Abendröthe auf, so
leicht und zart carminfarbig, wie man sie kaum im wasserreichen Gebiet
der Felder und Wälder erblickt.
* * * * *
Der Mond leuchtete hell; die Kamele kamen von ihrer dürftigen Weide
zurück um das gewohnte Futter der Bohnen und Lupinen, das man ihnen in
einem Sack vor den Mund bindet zu empfangen, und mit gefesseltem Fuße
rings um die beiden Zelte sich zu lagern; unsre Beduinen kochten sich
ihr Linsen- und Waizengrützgericht und bucken sich ihr ungesäuertes
Brod in der Asche, auch wir hatten was wir bedurften und begaben uns
heute, ermüdet von der ungewohnten Uebung der Kräfte, sehr bald zur
Ruhe.
* * * * *
Mittwoch den 15ten Februar waren wir zwar schon mit Tagesanbruch
munter, ehe man aber die Kamele beladen und die Sitze etwas bequemer
eingerichtet hatte als sie dieß gestern gewesen, dauerte es lange;
es war halb acht Uhr geworden, da wir endlich aufsitzen und abreisen
konnten. Indeß durften wir die kleine Verspätung nicht bereuen, sie
machte uns schon heute den freieren Genuß der neuen Eindrücke möglich,
an denen von nun an jeder Tag so reich war.
Eine Reise durch die Wüste ist schon für sich allein von allen andern
Arten des Reisens weit verschieden. Man sitzt hoch und frei auf dem
Rücken des Kamels, dessen Fortbewegung zwar, wie schon erwähnt, eine
eigenthümlich schauklende, dabei aber so gleichmäßig ist wie der Lauf
der Sonne am Himmel, mit welchem jenes Thier auf eine merkwürdige Weise
gleichen Schritt hält[60] und gleiche Dauer des Tagmarsches. Denn
wie die Sonne, ohne Stillstand vom Aufgang zum Niedergang eilet, so
schreitet auch das Kamel in den gewöhnlichen Tagereisen der Karawanen
rastlos vom Orte des Aufbruches bis zu dem der Lagerung fort; der
Reisende, wenn er nicht die Gewandtheit eines Arabers im Auf- und
Absteigen hat und den Gesammtzug nicht hemmen will, muß es sich
gefallen lassen vom Morgen an bis etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang
auf seinem Sitze auszuharren[61]. Und wie der Taglauf des Kameles an
Gleichmäßigkeit und an Dauer der Stunden dem täglichen Gang der Sonne
gleichet, so gleicht er ihm auch an Stille; man hört keinen Schritt
des vorsichtig auftretenden Thieres, dabei reitet man gewöhnlich,
damit das Gepäck des einen Reisenden durch das Zusammenstoßen mit
dem des andren nicht beschädigt werde, in langen Reihen, Einer so
weit vom Andren entfernt, daß man beim Sprechen gerne nur auf das
Nöthigste sich beschränkt; so feiert man und wird man still mit der
hier immer feiernden, stillen Natur. Diese Natur, da in der Wüste,
machet allerdings, wie ich dieß schon vorhin (S. 156) andeutete,
auf die Seele einen ähnlichen Eindruck, als das Wandeln über einen
großen Kirchhof, unter dessen Denksteinen viele sind von besonders
ausgezeichneter Gestalt oder mit inhaltsreicher Aufschrift. So sehr nun
auch ein Todtenfeld geeignet scheinen mag Empfindungen des Trauerns zu
erwecken, so giebt es dennoch Seelen, für welche das Wandeln über die
stillen Gräber und das Verweilen neben den gedankenvollen Inschriften
einen größeren Reiz hat, als das Wandeln durch die geräuschvollen
Gassen mancher volkreichen, gewerb- und lebenslustigen Stadt. Wird doch
überdieß selbst der Körper -- dieses wundervoll besaitete Instrument,
auf welchem die Meisterin: die Seele, das vieltönige Spiel ihrer
Gefühle, Lust wie Schmerz, Hoffnung wie Furcht, sich hervorruft --
durch das tägliche Leben in der Wüste so eigenthümlich gestimmt wie
sonst nirgends. Die leibliche Natur eines Reisenden, welcher sich
das Ungewöhnliche nicht zu theuer erkaufen will oder kann, ist wie
die Gummimimose der Arabischen Sandfelder nur auf eine Ernährung
beschränkt, die dem leichten Thau der Morgenstunden gleichet; unsre
alltägliche Kost war, außer dem Schiffszwieback oder dem bald sich
verhärtenden Arabischen Brode, zum milchlosen Thee oder Kaffee des
Frühstückes, am Abend, als Hauptmahlzeit, der Reis, in Wasser gekocht,
dessen immer vom Hunger gewürztes Einerlei sehr selten durch den
Zusatz getrockneter Früchte, noch seltner durch etwas Ziegen- oder
Lammfleisch in einen Festtagsschmauß verwandelt wurde; das Wasser,
das am Morgen aus den Schläuchen in die ledernen Feldflaschen gefüllt
ward, mit oder ohne Beimischung des Datteln-Racki's, war unser Getränk.
Sahe dann nur das Auge den Schlamm oder die andern Unreinigkeiten
nicht, schmeckten die bittern Salze nicht zu widerwärtig hervor, dann
ertheilte der brennende Durst dem Getränke dieselbe Lieblichkeit,
wie der Hunger sie der täglichen Abendkost gab. Ein Herumwandeln von
einem vereinzelt stehenden Mimosenbaum oder Ginsterstrauch zum andern,
denn gewöhnlich wurde ja zum Nachtlager eine Stätte gewählt wo es ein
wenig Grünes gab, gewährte in der letzten Stunde des Tages dieselbe
Unterhaltung, wie etwa sonst das Betrachten eines reichen, großen
Gewächsgartens; der Schlaf auf dem nicht weichlichen Lager war so
leicht wie die Decke, die den Leib verhüllte, bei dem ersten Brüllen
der Kamele, die nach Befreiung der zusammengeschnürten Fußgelenke
und nach dem Morgenfutter verlangten, war er entflohen. Zuweilen
besang mit uns zugleich den Abglanz der Herrlichkeit des Herrn: das
wiederkehrende Licht das im Thau sich spiegelte, ein Vogel, der in
den Zweigen des stachlichen Gummibaumes seine Wohnung hatte, oder man
vernahm, vom Felsen her, die Stimme des schnellfüßigen Arabischen
Trappen. Und sobald nun beim Aufbruch der Karawane das Kamel unter
der gewohnten Last der Reisenden und seines Gepäckes die taktmäßige
Bewegung der Schritte begann, da fühlten Mehrere von uns, welche gern
singen, unwillkürlich sich getrieben, den Takt den das gehende Thier
schlug mit ihrem Gesange zu begleiten. Diese erquickten sich dann an
Liedern, deren Inhalt zu dem ernsten, großen Texte paßte, welchen die
Geschichte unsers Geschlechtes hier dem Anblick der Gegend unterlegt
und so ward uns auch die Wüste zu einem Tempel, unter dessen hohes Dach
man einsam und allein hineintritt und dessen hehre Stille weder vom
Fußtritte noch von der Stimme der Vorübergehenden verscheucht wird.
Dieses fast beständige Alleinseyn der Seele mit sich selber, das Ruhen
ihres Wesens auf der eigenthümlichen, innren Welt, das durch kein immer
wiederkehrendes Vernehmen des Neuen unterbrochen wird, äußert auf
empfängliche Naturen einen ganz besondren Einfluß. Man wird da leichter
erregbar für alle Eindrücke, für alle innre Bewegungen als jemals
sonst, sowohl für die schlimmen als für die guten. Mich wenigstens
erinnerte meine damalige ungewöhnliche Reizbarkeit an die Geschichte
jenes Anachoreten, welcher, um seiner Neigung zur Zornmüthigkeit alle
Gelegenheit zu ihren Ausbrüchen abzuschneiden, sich zurückgezogen hatte
in die menschenleere Wüste. Er hatte nichts mit sich hinausgenommen als
einen Wasserkrug; keine lebendige Kreatur war da, die seinen Ingrimm
hätte aufreizen können. Aber eines Tages fällt ihm der Wasserkrug um,
und da er ihn kaum wieder aufgestellt hat fällt er noch einmal; wer
könnte so etwas ansehen ohne außer sich zu gerathen? Unser Einsiedler
wenigstens konnte es nicht, er ergriff den Krug im höchsten Zorne und
zerschlug ihn am Boden, lernte aber zugleich aus der Betrachtung der
Scherben, daß unsre guten Vorsätze in der Einsamkeit der Wüste eben so
wie im Getümmel der Welt dem Zusammenbrechen ausgesetzt sind, wenn sie
nicht durch eine andre, höhere Kraft gestützt und gehalten werden als
die unsrige ist. Und ähnliche Erfahrungen machte in der Wüste auch ich.
Aber dieselbe Reizbarkeit, welche die Aufwallungen der schlimmeren
Art begünstigte, gab auch, ich darf dieß nicht verschweigen, den
Gefühlen der Andacht eine flammende Kraft, wie ich sonst nur selten sie
empfunden.
Dies ist die allgemeine Schilderung eines Lebens in der Wüste; eines
Lebens das sich in den verschiedensten Gegenden des sandigen Afrikas
wie Asiens gleich bleiben würde. Bei unsrer diesmaligen Reise kam
noch ein andres Moment hinzu, welches den Gefühlen der letzteren,
besseren Art eine beständige Nahrung gab; das war die Erinnerung der
großen Thaten Gottes, welche einst diese Einöde verherrlichten. Wenn
nach Josephus Zeugniß und nach andren Spuren alter Ueberlieferungen,
welche ~Raumer~ (a. a. O.) sorgfältig gesammelt hat, die Heere
Israels in der Nacht des Auszuges von Raëmses, dessen Stätte dann
nördlich von Kairo, gegen Heliopolis hin zu suchen wäre, an jener
Gegend vorüber kamen, in welcher später das Aegyptische Babylon (bei
Fostat) begründet worden, dann nahm der Weg ihrer von Furcht und Angst
beschleunigten Flucht seine Richtung nach dem rothen Meere, durch
dasselbe Thal in welchem wir jetzt hinzogen[62]. Wenn jedoch auch über
das Einzelne ein Zweifel bleiben könnte, so fällt doch auf das Ganze
des Landes ein Licht der alten, heiligen Geschichte, dessen Strahl
jeden einzelnen Felsen und Sandhügel verklärt und zu einem Denksteine
der großen Errettungen weihet. Wirkte doch selbst die Zeit des Jahres,
in der wir uns eben befanden, erhebend auf die innre Stimmung ein; es
war jene, die wie ein dunkles Gewölk dem Hervorbrechen des Tages der
Herrlichkeit vorangehet; die Zeit des Zorngerichtes über Aegypten, auf
welche das Passah und die Erlösung aus der Hand des Feindes folgte, für
uns Christen die Zeit der Passion und der Fasten, deren Trauer in der
Siegesfeier des Auferstehungsfestes sich auflöset.
Gleich in der ersten Nacht da ich hier in der Wüste, eine kleine
Tagreise von Bessatin ostwärts, vielleicht nahe bei dem ersten
Lagerplatz der Heere Israels schlief, weckte mich öfters der
Gedanke an Den, welcher diesen Heeren in der Säule des Rauches und
Feuers vorangieng; ich lag da und sann tiefer als jemals den großen
Wunderwegen des Gottes Jacobs nach; mein Geist freuete sich Sein,
meines Heilandes. Sollten wir doch auch bald die rettende Kraft Dessen
erfahren der unsres Herzens Zuversicht und Trost, unsers Weges Führer
war, denn Angst und Gefahr waren uns nahe. Doch dieses ahnten wir
nicht, da wir am 15ten Februar, in den schönen, heitren Morgenstunden
von unsrem Lagerplatz aufbrachen und in der von niedrigen Höhenzügen
kesselartig umgränzten Thalebene zuerst nach Ost, dann nach Ost-Südost
hinzogen. Wir kamen hier an vielen Seitenthälern vorüber, welche den
Rinnsalen der Regenfluth glichen und häufig voll grünenden Gesträuches
waren. Daß hier wirkliches Weideland, wenigstens in dieser Jahreszeit
zu finden sey, das wurde uns durch die Heerde der Lämmer, welcher wir
schon nach etwa drei Viertelstunden Weges begegneten und bald hernach
durch die kleinen Truppen von Kamelen bezeugt, die wir hie und da, die
Mütter mit den Jungen, auf der Weide sahen. Dazwischen bemerkt man
auch, bald näher bald ferner wieder größere Heerden von Ziegen, Schafen
und selbst einzelne Esel; zum sicheren Anzeichen, daß dieser Gegend
ein trinkbares Cisternen- oder wenigstens Pfützenwasser nicht fremd
seyn könne. Nach zehn Uhr hatten wir zur Rechten eine Eintiefung neben
uns, welche einem ausgetrockneten Teichbette glich; zur Linken eine
niedere Hügelkette. Meine leichter beweglichen, jungen Reisegefährten,
mit ihnen die Hausfrau, waren abgestiegen und giengen raschen Schrittes
neben und vor den Kamelen her, denn der Kiesboden war hier fest und
reicher als wir dieß jemals gesehen mit dem schönsten Kugeljaspis
bestreut, unter welchem sich auch rosenfarbiger so wie bandartig
gestreifter, vor allem aber jener merkwürdige fand, in welchem eine
kleinere, anders farbige, zuweilen mit Quarzkrystallen überzogene Kugel
von der größeren concentrisch und fest umschlossen findet, zum Zeichen
daß diese kugliche Gestaltung nicht auf mechanischem Wege, durch
das Herumrollen im Wasser erzeugt sey, sondern aus ursprünglicheren
Bildungskräften hervorgieng. Neben und zwischen dem Jaspis zeigten sich
auch Achate, Kalzedone und Onyxsteine, so wie kleine Karneole. Meine
Freunde sammelten hier Vieles, wovon freilich später nur ein Theil mit
uns nach München kam.
Um zwölf Uhr des Mittags stund zur Seite des Weges ein merglicher
Kalkstein an; bald hernach lag vor uns und neben uns im Süden (zur
Rechten der Karawanenstraße) ein stark zerklüfteter, bräunlicher Berg,
welcher an Umriß wie in der Art seines Felsengesteines dem sogenannten
erloschenen Vulkan bei Kairo, dem Djebel Ascher glich. Die Felsart ist
an beiden jener feste, dichte Sandstein des jüngeren Flötzgebirges, der
den alten Aegyptern das beste Material zu ihren Mühlsteinen darbot.
Er hat öfters einen muschlichen Bruch und seine Festigkeit giebt ihm
die Eigenschaft fast so laut als der Porphyrschiefer zu klingen. Bis
zu den Ufern des rothen Meeres hin finden sich die zackig geformten
Felsen dieses Sandsteines der im Nilthale an vielen Stellen des Landes
vorkommt. Unser Beduinenscheikh nannte den Felsenberg, welcher uns so
sehr an den Djebel Ascher erinnerte, Graibur, auf der Karte zu Labordes
trefflichem Werke[63] ist er als Graibun bezeichnet. Unser Weg hatte
sich von heute Morgen an bis hieher immer allmälig abwärts gesenkt
und auch jetzt zog er sich noch ein wenig lehnab, durch eine sandige
nur mit Kalksteintrümmern bedeckte Ebene. Am Nachmittag ergötzte uns
der Anblick einer Luftspiegelung, die sich gegen Norden hin auf der
öden Fläche zeigte, und welche in täuschend ähnlicher Gestalt uns
kleine Seen oder das Ufer eines Stromes darstellte, reich umsäumt
von hochwüchsigen Bäumen und grünen Feldern. Es war vielleicht ein
Begrüßungszeichen, welches das schöne Nilthal uns Wanderern
nachsendete.
Wir lagerten, etwa eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang (20 Minuten
nach fünf Uhr) bei einem Sandhügel am Beginn eines mit mannichfachem
Gesträuche der Wüste bewachsenen Thales. Der Weg den wir zurückgelegt
hatten, mochte nach Abzug einiger Verzögerungen, die dem Taglauf
zustießen, dennoch mehr nicht als eine Strecke von neun Stunden
durchmessen haben. Die Gebirge, die wir von hier aus besonders nach
Osten und Nordost erblickten, zeigten eine eigenthümlich zackige
Gestaltung; einige wie Sandsteinfelsen. Von unsrer Lagerstätte nach
Ost in Süd soll sich zwischen den Gebirgen ein Thal bis zum rothen
Meere fortsetzen, das man von hier aus in einem Tage erreichen könne.
Das Thal an dessen Ende wir übernachteten nannten unsre Beduinen
Ghendely. Seine Höhe betrug nach +Dr.+ Erdls barometrischen
Beobachtungen und Prof. v. Steinheils Berechnungen 585 Pariser Fuß über
der Meeresfläche.
Auf den schönen, ersten Reisetag in der Wüste folgte die sorgenvollste
Nacht. Während unser Arabischer Knecht Feuer anschürte und die
Abendkost zubereitete, hatten unsre jungen Leute, mit den Flinten und
Botanisirbüchsen auf dem Rücken eine Wanderung in die Umgegend der
Lagerstätte gemacht, der eine gegen Nordwest die Andern gegen Nordost.
Sie kehrten alle bei Einbruch der Dämmerung zurück, nur +Dr.+ Roth
fehlte noch. Wir warteten einige Zeit mit dem Essen auf ihn, dann wurde
sein Antheil an die Kohlen gestellt; jeden Augenblick hofften wir ihn
bei uns zu sehen. Da aber nun die Dämmerung zur Nacht geworden war,
machten sich die jungen Reisegefährten auf ihn zu suchen; sie giengen
auf denselben Weg, den einige von ihnen kurz vorher in Gemeinschaft mit
dem Freunde gemacht hatten, zurück. Ein Berg des östlichen Höhenzuges
hatte heute noch am Tage unsre Aufmerksamkeit durch seine Farbe und
ausgezeichnete Form an sich gezogen. Er lag zwar anscheinend nahe an
der Richtung, welche morgen unsre Straße nach Suez nehmen sollte,
morgen aber, das ließ sich voraussehen, konnte man schwerlich so
viel Zeit gewinnen um ihn zu besteigen. Darum hatte +Dr.+ Roth
sich schon heute dorthin auf den Weg gemacht; seine Begleiter sahen
noch zuletzt wie er die Richtung dahin nahm. Der Berg war weiter
entfernt als man vermuthet hatte, die Abgesendeten kamen spät zurück;
ihn aber, den sie gesucht hatten, brachten sie nicht mit sich. Nun
begann erst die Sorge in ihrer rechten Stärke. Zu neuen Aussendungen
schien es selbst unsern Beduinen zu dunkel; die einzig tröstliche
Hoffnung blieb noch die, daß unser armer Freund nicht sehr entfernt
seyn könne und daß er, sey es nun von der Höhe oder aus der Ebene ein
Feuersignal wohl sehen, unsre abgefeuerten Flinten wohl hören müsse.
Ein hochaufflammendes Feuer, von dürrem Gesträuch wurde deshalb auf
dem benachbarten Sandhügel entzündet, die Flinten von Zeit zu Zeit
abgeschossen, dazwischen erhuben die Beduinen ihre lauten, rufenden
Stimmen. Wäre der Verirrte auch in ziemlichem Abstande von uns an
einen freiliegenden Punkt gekommen, er hätte das Feuer sehen und die
Flintenschüsse wie die Stimmen hören müssen, so aber verdeckten ihm die
Hügel und Thäler, zwischen denen er sich verloren hatte, die Aussicht
und hemmten den Schall.
Wer, hier im bewohnten Lande, das nach allen Richtungen von deutlichen
Wegen durchschnitten wird; von Wegen, deren jeder wenigstens nach
etlichen Stunden zu einem bewohnten Orte führt, kann sich wohl lebhaft
genug in unsre damalige Lage denken. Unser armer Freund würde selbst
am hellen Tage im Sande der Wüste nur mit Mühe den wenig besuchten Weg
der Karawanen erkannt haben, auf welchem jeder starke Windhauch die
Fußspuren der Kamele und der wenigen Fußgänger wieder verschüttet,
geschweige bei Nacht. Und hätte er auch einen solchen Weg der Kamele
gefunden, wie sollte er mit nüchternem Magen, ohne einen Tropfen Wasser
oder einen Bissen Brodes die weite Strecke bis zum nächsten bewohnten
Orte zurücklegen? Bis nach Suez waren noch anderthalb Tagreisen; zu
dem nächsten jener Klöster, welche in der Wildniß des Gebirges am
rothen Meere liegen, hatte er noch viel weiter. Und wenn auch hier in
der Einöde von Räubern und Mördern nichts zu fürchten war, so mußte
man um so mehr wegen der wilden Thiere, namentlich wegen der Hyänen
in Sorgen seyn, welche die Höhlen und Klüfte dieser Gebirge bewohnen.
Denn obgleich unser Freund eine Doppelflinte bei sich trug, deren
einer Lauf mit groben Posten geladen war, so mußte dennoch der geringe
Vorrath von Pulver und Blei, den er mit sich genommen, bald verbraucht
seyn, und wenn der Schlaf den Einsamen, Ermüdeten ergriff, dann war er
ohne Widerstand dem Anfall der Hyänen preisgegeben. Nicht zu gedenken
der Gefahr, welche schon der Weg über ein von Klüften und Abgründen
durchschnittenes Gebirge für sich allein dem nächtlichen Wandrer
drohet. -- So warf sich in unsren Seelen eine Woge der Sorgen nach der
andern auf; wir mußten still halten wie ein Schiffbrüchiger auf dem
Felsen den er bei dunkler Nacht erfaßte, obgleich die Wellen einmal
ums andre über seinem Haupte zusammenschlagen. In solcher innrer Noth
ist es wohl gut, wenn der Pilgrim jenen Stecken und Stab[64] kennt und
bei sich hat, der ihn zu trösten vermag: das Vertrauen auf den Hüter
Israels, welcher nicht schläft noch schlummert. Der Glaube an eine
Hülfe, welche da waltet, wo Menschenhülfe aufhöret, hatte uns in jener
dunklen Nacht als tröstlicher Stern geschienen und war auch fernerhin
unsers Fußes Leuchte.
Die arme, von Angst und Sorgen gebeugte Hausfrau ließ mich nicht
aus den Augen; sie fürchtete ich möchte mich auch verirren. Nach
Mitternacht wurde das Geschrei der Beduinen seltner; die ermüdeten
Leute schliefen, nur Mohamed unterhielt noch das Feuer und rief von
Zeit zu Zeit in die Wüste hinaus oder schoß eine Flinte ab; in den
Zwischenzeiten der Stille hörte man das kreischende Geschrei der Eulen,
welche um unser Zelt herumflogen. Bald nach Mitternacht war auch der
Mond untergegangen, der zum Trost für uns die ersten Stunden der Nacht
ein wenig beleuchtet hatte; endlich dämmerte der Morgen und zugleich
breitete der Schlaf seinen Alles verhüllenden Mantel über das äußre wie
über das innre Auge.
Fast mit der Sonne zugleich erhuben auch wir uns wieder vom Lager.
Wie stärkend und ermuthigend wirkt doch schon der bloße Anblick
des Lichtes auf das Gemüth ein. Wir konnten doch jetzt Alles ruhig
überlegen. Daß unser Freund ohne das Feuer zu sehen und das Schießen
zu hören an uns vorübergekommen und wieder rückwärts auf die Richtung
gegen Kairo hin gerathen seyn könne, das schien uns zwar fast
unmöglich, indeß wurde dennoch für gut gefunden, daß unser Dragoman
und ein landeskundiger Beduine die rückwärts und seitwärts von unsrem
Ruheplatz gelegnen Gegenden auf zwei Dromedaren, die an schnellen Lauf
gewöhnt sind, durchstreifen und durchforschen sollten; die Herren
Erdl, Franz, Kielmeyer und Keller, in Begleitung mehrerer Beduinen
übernahmen dagegen die Untersuchung der in Nordost und Nordwest,
seitwärts vom Wege nach Suez gelegenen Nebenthäler und Hügel, denn in
dieser Richtung hatte sich +Dr.+ Roth aus unsern Augen verloren.
Zuletzt brachen auch wir, etwas vor neun Uhr mit unsrem alten Scheikh
Hassan und einigen Knechten auf, in der Hoffnung, in welcher uns die
vermeintlichen Spuren eines mit Europäischen Schuhen bekleideten
Fußes im Sande bestärkten, daß wir den sehnlich Vermißten auf der
Karawanenstraße nach Suez, vielleicht hinter einem der nächsten Hügel
die Sorgen der Nacht verschlafend, oder auf uns wartend finden würden.
Nach einiger Zeit kamen jene Reisegefährten, welche zu Fuße die Gegend
durchstreift hatten, zur Karawane zurück, sie glaubten öfter, besonders
gegen Nordosten hin Fußtritte von Europäischen Schuhen bemerkt zu
haben, diese waren aber auf dem festeren Kies verschwunden; die
Beduinen hatten mit ihren Falkenaugen von jeder Anhöhe aus die Gegend
durchspäht, ihn aber den man suchte, hatte Keiner gesehen. Doch blieb
noch die zweifache Hoffnung: daß er nach Suez voraus sey oder daß ihn
der Dragoman mit sich bringen würde, welcher den ganzen Tag zu seinen
Nachforschungen anzuwenden bereit war.
Für mich war dies nach außen ein Tag des Schweigens, während das
Gespräch im Innersten der Seele so laut, so anhaltend, so innig war,
wie nur an wenig andern Tagen meines Lebens. Einige Male athmeten sich
die innren Bewegungen in ein Lied von passendem Inhalte aus und ich
habe auch damals empfunden, welche stärkende Kraft in Gesängen dieser
Art, für Seele und Leib liege.
Uns, die wir heute wohl Alle mehr an einen Andern als an uns selber
dachten, erschien es mit Recht als ein großes Glück, daß der Tag so
ungewöhnlich frisch und kühl war. Am Morgen vor Sonnenaufgang war der
Thermometerstand nicht einmal volle zwei Grad R. über dem Gefrierpunkt
gewesen; selbst in den Mittags- und Nachmittagsstunden wehete der
Ostwind so kühl, daß ich meinen Mantel erleiden konnte.
Wir sahen in den ersten Stunden dieser Tagreise neben uns in Ostnordost
ein höheres Gebirge von augenfällig dunkler Farbe; hinter ihm einige
zuckerhutförmige, schroffe Höhen. Gegen und nach Mittag kamen wir jenem
Gebirge parallel. Auch gegen Nord und Nordwest zeigten sich Anhöhen.
Die breite Ebene steigt gegen Nordost ein wenig an. Man findet in
ihr fast gar kein Grün, außer einigen Mimosenbäumen. Der Boden ist
noch immer ziemlich fest, weil der feinere Sand mit gröberen Geröllen
untermischt ist, die meist vom Geschlecht der Kalksteine sind. Gegen
zwei Uhr des Nachmittags näherten wir uns der Stelle, wo die hier
vereinten Straßen von Kairo nach Suez, sowohl die der Pilgrime als die
etwas südlichere, welche Derb el Ankabye heißt, unsern von Bessatin
kommenden Weg durchkreuzen; hier begegneten wir einer Gesellschaft
von Engländern, die, auf Dromedaren reitend, von Suez kam. Einige von
unsern Reisegefährten liefen zu jenen hin um zu fragen, ob ihnen unser
verirrter Reisegefährte begegnet sey; sie hatten nichts von ihm gesehen
noch gehört und wir konnten ihnen nur Aufträge geben für den Fall, daß
sie weiterhin mit ihm zusammenträfen. Etwas vor drei Uhr kamen wir auf
eine Anhöhe, von welcher aus wir das rothe Meer zu sehen wähnten, was
uns jedoch später wieder ungewiß wurde, dann zog sich der Weg allmälig
wieder abwärts. Ein scheinbarer Unfall hemmte, eine Stunde später
den Fortgang unsrer Tagreise; ein altes Kamel, das übrigens nicht zu
unsren Pack- oder Reitkamelen gehörte, sondern einen Beduinen trug,
der sich von Bessatin aus unsrer Gesellschaft angeschlossen hatte, war
niedergestürzt und konnte sich vor Mattigkeit nicht wieder erheben;
wahrscheinlich weil seinem vorgerückten Alter die lange Entbehrung des
Wassers zu schwer fiel. Unser Scheikh Hassan war abgestiegen, hatte
sich hülfreich zu dem andern Beduinen gesellt; die ganze Bewegung der
Karawane stockte. Endlich kam der Scheikh wieder, der Beduine blieb
allein bei seinem noch immer am Boden liegenden Kamele sitzen; wir
zogen weiter und wendeten uns zuletzt rechts von der Straße abwärts
nach einem grünen, streifenartigen Flecken hin, der wie ein Saum
das wüste Land umfasset. Hier machten wir für diese Nacht Halt, in
einer Höhe über dem Meeresspiegel welche der gestern gemessenen und
berechneten fast gleich war, indem sie 594 Pariser Fuß betrug. In
Nordwesten hatten wir den niedreren Höhenzug des Oweibe-, in Südost das
Attakagebirge neben uns.
Die Sonne stund noch ziemlich hoch am Himmel, ich wollte die letzte
Stunde des Tages dazu benutzen um in Gesellschaft der Herrn Kielmeyer
und Bernatz eine der vermeintlich ganz nahen Anhöhen, ostwärts von
unsrem Nachtlager zu besteigen, von wo aus wir mit Sicherheit hofften
das rothe Meer zu sehen; aber das hügliche Land, welches zwischen uns
und dem Gipfel der Anhöhe lag, war von so vielen tiefen Schluchten
durchschnitten, daß wir nicht weit vorwärts kamen. Wir fanden, am
Boden zerstreut, Geschiebe von Grünstein und andren Urgebirgsarten,
das eine der aufgehobenen Geschiebe glich dem Variolit. Unten in den
Schluchten stunden schöne Jerichorosen. Ich war auf dem Rückwege,
während meine beiden Begleiter langsam vorausgiengen, in eine dieser
Schluchten hinabgestiegen und hatte mich weiter darinnen verloren als
mein Wille war; die Sonne war indeß untergegangen, das tiefe Thal umher
so todtenstumm und schweigend, daß ich selber eine Anwandlung von der
Furcht und dem Schrecken der Wüste empfand. Wie mochte es erst meinem
verirrten Freunde zu Muthe seyn! -- In der Ebene erwarteten mich die
beiden jungen Freunde und ich sahe erst jetzt wie nöthig mir ihre
Begleitung gewesen war, denn mein Auge konnte nirgends die beiden Zelte
finden, ich würde sie in einer ganz andern, falschen Richtung gesucht
haben, wenn Bernatz mich nicht zurecht gewiesen hätte.
Bei den Zelten bemerkten wir eine Bewegung der Beduinen um zwei eben
ankommende Kamele. Wir liefen freudig hin, denn mit Recht vermutheten
wir, daß der Dragoman und der ihn begleitende Beduine, hoffentlich
ja mit +Dr.+ Roth zurückgekehrt seyen. Allerdings waren es jene
beiden, unser Freund aber nicht bei ihnen; ihr Nachforschen war
vergeblich gewesen.
Es galt jetzt abermals ein Festhalten an dem »Stecken und Stabe« des
Pilgrims. Ein einziger, lieber Sohn konnte mich nicht näher angehen
als dieser Verlorene; wen konnte meine Seele nach ihm fragen, als
Den, der auf allen ihren Wegen den Verirrten begegnet und von ihnen
Allen weiß. Ein andrer, ganz besonders kräftiger und muntrer Beduine
wurde beauftragt ein Dromedar zuzurüsten; noch bei Nacht sollte er
zurückkehren zu der von uns verlassenen Gegend und alle Kamelhirten
und nomadisirende Beduinen aufbieten, mit ihm das Land zu durchsuchen.
Brieflein wurden zugleich geschrieben, an den ersehnten Freund, damit
man da und dorthin sie streuen möge auf den Boden. Die gute Hausfrau
verweinte ihre Sorgen; mich hatten nach einigen Stunden zwar nicht der
erquickende Schlaf, wohl aber Phantasieen des Traumes beschlichen, da
hörten wir, kurz vor Mitternacht, ein Freudengeschrei der Beduinen; der
Verlorne war gefunden; der Beduine, welcher kaum vor einer Stunde nach
ihm ausgeritten war, brachte ihn mit sich, auf seinem Dromedar.
Das, was uns am vorhergehenden Nachmittag als Unfall erschienen war:
das Niederstürzen des Kameles am Wege, das war unser Aller Glück
gewesen; der Besitzer des Thieres, der bei diesem sich gelagert hatte,
erkannte sogleich den Vorbeigehenden, sprang auf und umarmte ihn mit
lautem Jubel und führte ihn gegen die Lagerstätte hin, die, weil sie
ziemlich fern zur Seite ablag, der zur Ohnmacht Ermüdete schwerlich
würde gefunden haben; da sie ein Stück Weges gegangen waren, kam der
Andre mit dem Dromedar, dieser stieg sogleich ab und ließ +Dr.+
Roth aufsitzen.
Vor allem mußte man jetzt an leibliche Erquickung des Freundes, durch
Nahrung und Schlaf denken. Auch im Schlummer verfolgten ihn noch die
Schrecken, die er während der dreißig Stunden seiner Irrsalen erduldet
hatte, er rief öfter »o mein Gott, o mein Gott« und verrieth hierdurch,
daß auch er auf seinem Wege durch die Einöde sich des Pilgerstabes
bedient habe. Da er am andern Tage zum längeren Sprechen wieder
aufgelegt war erzählte er uns, daß er in der ersten Nacht und am darauf
folgenden Morgen theils die sandige Ebene, dann aber mehrere Thäler des
östlichen Gebirges durchwandelt habe. Er hatte oft geschossen und seine
Stimme zum Rufen erhoben; das Ohr wähnte zuweilen ganz in der Nähe
und wie hinter dem Rücken redende Menschenstimmen zu vernehmen, wenn
er aber rief und dem tröstlichen Tone nachgieng, da war wieder Alles
still und stumm. Am Vormittag war er durch ein breites Thal gekommen,
wahrscheinlich durch dasselbe, das von unsrer vorigen Lagerstätte
ostwärts nach dem rothen Meere führt. Hier fand er den Boden vielfach
mit grünem Gesträuch und kreuzblüthigen Pflanzen bewachsen, deren aber
keine, wie unsre Brunnenkresse oder das Löffelkraut dem dürstenden
Munde Erquickung bot, sondern welche alle von eckelhaftem Geschmack
waren. An vielen Orten erkannte er die Spuren der Gazellen, welche hier
noch vor Kurzem geweidet hatten; an den Bergabhängen stunden öfters
Lager von schönem Fraueneis (Selenit) zu Tage aus. Endlich war er,
kurz vor Mittag bei dem Gebirge Graibun, an dem wir gestern Mittag
vorbeikamen, herausgetreten auf die Ebene; die Gegend wurde ihm jetzt
auf einmal bekannt; ein Trupp von Kameltreibern welche Holz geladen
hatten begegnete ihm, und diese erquickten ihn mit einem Trunk Wassers
und einigen Bissen Brodes. Diese Leute waren, ohne daß wir dieß wußten,
in unsrer Nähe, in einem Nebenthale über Nacht geblieben, hatten
uns noch aufbrechen sehen und berichteten, daß wir auf dem Weg nach
Suez voraus seyen. Etwa um zwei Uhr war er endlich an unsern so lang
vergeblich gesuchten nun aber verlaßnen Lagerplatz gekommen, hatte da
vergeblich herumgeforscht, ob wir nicht wenigstens eine Flasche Wasser
und etwas Brod für ihn im Sande verborgen und den Ort wo beides zu
finden durch einige Zeilen angedeutet hätten, leider aber war dieses
von uns versäumt worden, und der verlassene Pilgrim hatte den ganzen
Weg unsrer heutigen Tagreise ohne weitere Erquickung in etwa 9 Stunden
durchlaufen müssen; zuletzt wie ein Träumender, verloren in sonderbare
Phantasieen, in denen es ihm vorkam als gehörten die wunden Füße, die
ihn kaum noch trugen, nicht sein eigen, sondern wären von einem Freunde
ihm geliehen.
Hatte ich in der vorhergehenden Nacht vor Sorge nicht schlafen können,
so ließ mich dagegen in der heutigen die Freude nicht recht dazu
kommen. Ich meine fast auf ähnliche Weise muß es einer Mutter zu Muthe
seyn, wenn die Stunde, da sie Traurigkeit hatte, vorüber und nun jene
gekommen ist, da sie der Angst nimmer gedenkt, um der Freude willen,
daß der Mensch zur Welt geboren ist.
Am 17ten Februar des Morgens war der Himmel leicht getrübt. Ein
Nebelgewölk zog über die enge Schlucht, welche den hohen Attakaberg von
den niedren Vorbergen und Hügeln in Norden scheidet, hinab nach Osten;
als wollte es uns an jene Wolken- und Feuersäule erinnern, welche einst
diese Wege gewandelt. Wie das Alterthum sieben Bauwerke zählte an denen
die Hand des Menschen mit wunderbarer Kraft sich kund that, so kennet
der Christ sieben Berge der Erde an denen Gottes Macht in Thaten der
Wunder sich verherrlichte: der eine ist der Ararat, der andre der
Attaka, der dritte der Sinai, der vierte ist der Nebo, der fünfte der
Thabor, der sechste der Golgatha, der siebente der Oelberg. Der Ararat
wie der Attaka beginnen in wechslenden Chören den Triumphgesang der
Errettung aus großen Wassern; denn hier, am Fuße des Attaka war es, wo
durch »Sein Hauchen die Wasser sich aufthaten und die Fluthen standen
auf Haufen; die Tiefe wallete von einander mitten im Meere[65].«
Wir brachen halb acht Uhr auf; bald kamen wir an eine Stelle, bei
der uns die niederen Vorberge nicht mehr die Aussicht nach Südosten
bedeckten, und nun lag der hehre Bergrücken frei vor unsren Augen da.
Der Attaka ist auch durch seine Form einer der imposantesten Berge
der Erde; so scharf abgeschnitten von seinen Vorbergen, so gerade
und gähansteigend vom Spiegel des angränzenden Meeres, so tief und
kräftig gefärbt, im Vergleich mit den bleicheren Nachbarn, daß ihm von
seinem Entstehen an das Siegel seiner Bestimmung aufgeprägt scheint:
ein Denkstein zu seyn, welchen die Hand der ältesten Geschichte mit
einem heiligen Oele der Erinnerungen gesalbt hat. Ich konnte auf dem
ganzen Wege meine Blicke nicht von ihm wegwenden; und obgleich nur
das Auge nicht das Ohr den Eindruck vernahm, war mir es dennoch als
hörte ich die mächtige Stimme eines Zeugen, der von den Thaten redete
die er selber gesehen, und welche hinausrief in die Wüste der Völker,
so daß Meer und Land ihm zuhöreten: »Herr, wer ist Dir gleich unter
den Göttern. Wer ist Dir gleich, der so mächtig, heilig, schrecklich,
löblich und wunderthätig sey?« -- Ja, »der Herr wird König seyn immer
und ewig.«
Das innre Ohr war heute mehr als gewöhnlich für solche Stimmen des
Zeugnisses geöffnet; es war ein Tag des stillen, tief im Herzen
ertönenden Jubels und der Freude. Selbst auf die Wüste, durch die wir
zogen, fiel ein Lichtstrahl der nicht aus dem bewölkten Himmel, sondern
aus der Seele kam; ein Lichtstrahl der die Einöde verschönerte. Das
bedurfte sie aber auch wirklich, denn schön war die Gegend in der That
nicht, durch welche wir heute in den Vormittagsstunden kamen. Bei jeder
neuen Wendung, welche der Weg um die Kalkhügel und Sandhaufen herum
machte, erwartete man eine Aussicht nach dem rothen Meere, wenn wir
aber auch neben der einen Woge des Hügelzuges herum gekommen waren,
da stellte sogleich sich wieder eine andre ein, welche den Blick nach
dem Meere hemmte; denn die Karawanenstraße zieht sich meist in den
seichten Betten der Winterströme hin, welche zwischen den Sandmassen
verlaufen. Nur an einigen wenigen Punkten zeigen sich da niedre Bäume
der Arabischen Mimose; eine kleine Karawane, deren Kamele ostindische
Waaren geladen hatten und bei der sich einige Engländer aus dem vor
Kurzem bei Suez angekommenen Dampfschiff befanden (unter ihnen ein
Kranker), begegnete uns; weiterhin etliche Mönche vom Sinai, zu Fuß
und zu Kamel. Den Mangel jedoch der öden Gegend, die uns zunächst
umgab, erstattete reichlich der Anblick des hehren Attaka. Wir konnten
jetzt immer besser in den engen Paß hineinschauen, welcher sich wie
das Rinnbette eines Gebirgsstromes mit gähem Absturz zwischen der
Felsenwand des Hochrückens und den niedren Vorbergen herabziehet[66].
Für einen guten Fußgänger wäre sie wohl zu ersteigen. Wie wir später
sahen endet sie unten in der Ebene in einem Abstande vom Meeresufer der
gewiß noch mehrere Stunden beträgt.
Noch vor Mittag heiterte sich der Himmel auf; bald nachher sahen wir
die dunkle Fluth des rothen Meeres und Suez mit seinen Minares und
Mauerzinnen, zwischen denen das getäuschte Auge Bäume zu erblicken
wähnte. Unweit der Stadt bemerkt man das Grabmahl eines Santos.
Wir hatten das Kastell ~Adscherud~ links zur Seite gelassen
und gelangten nun auf eine allmälig sich absenkende Fläche. Einige
Pflänzlein der +Artemisia judaica+ und des +Heliotropium
lineatum+, im Ganzen so wenige, daß man nach stundenlangem Suchen
kaum zwei Hände voll zu sammeln vermocht hätte, waren das einzige
graufarbige Grün das man hier weit und breit wahrnahm. Etwa eine Stunde
vor Suez kamen wir zu dem hochummauerten ~Bir Suez~, dem Brunnen,
dessen nur wenig salziges Wasser durch Räder, welche Ochsen in Bewegung
setzen, aus der Tiefe geschöpft und in eine Rinne ergossen wird, die
ihren Ausfluß außen vor dem Gebäude, in große, steinerne Wassertröge
nimmt. Das Gebäude, das über den Brunnen gebaut ist, gleicht einem
kleinen Kastell und scheint auch ursprünglich die Bestimmung gehabt zu
haben, das köstlichste und unentbehrlichste Gut, welches der Bewohner
dieser wasserleeren Einöde besitzt, gegen fremde Gewalt zu schützen.
Unsre Kamele, die nun seit vier Tagen nicht getrunken hatten, tranken
hier in vollen Zügen und sehr lange, uns selber aber wollte das salzige
Wasser noch nicht recht schmecken, obgleich das gute Nilwasser in
unsern Schläuchen auch einen Nebengeschmack angenommen hatte, der es
ziemlich widerlich machte.
Von hier aus sahen wir nun die dunkle Fluth des Meeres in deutlicher
Nähe. Auf seinen bewegten Wellen spielten die Strahlen der Sonne, neben
ihm zur Rechten erhub sich die Felsenwarte des Attaka, in einiger
Entfernung von der Küste lag das große, englische Dampfschiff, das die
Fahrt von Ostindien nach Suez und zurück schon öfters gemacht hat;
was wir aber aus der Ferne für Bäume hielten, das waren die Mastbäume
der Schiffe, welche jenseits der Stadt im Hafen liegend über einen
Theil der niedern Gebäude hoch emporragten. Wir lagerten um 4½ Uhr
Nachmittags, nach einem kaum neunstündigen Tagmarsche außen vor dem
Thore der Stadt, und schlugen nordwärts von dieser unser Zelt nahe beim
Meeresstrande auf.
In der That, Suez ist keine Stadt der Träume; denn so hätte ich
mir auch im Traume keine Stadt vorgestellt. Eine Stadt von etwa
sechshundert Häußern und Hütten, welche dennoch, obgleich manche
davon nicht immer bewohnt sind, mit der hier stehenden Compagnie des
Aegyptischen Militärs gegen vierzehnhundert Menschen beherbergen,
ohne Spur von Gärten, von Feldern, von jedem grünen Flecklein; wie
könnte diese Stoff zu einem lieblichen Traumbild gewähren. Unmittelbar
vor den Mauern ja noch innerhalb derselben, auf dem weiten, freien
Platze der zwischen ihnen und den Häußern sich ausdehnt, beginnt
eine so ganz dürre, ausgestorbene Sandwüste, daß man, in der Nähe
der Stadt auch nicht einmal eines jener kleinen Stachelgewächse oder
Sträuchlein bemerkt, dergleichen doch sonst immer von Zeit zu Zeit in
der Wüste gefunden werden; nur der große Aegyptische Aasgeier und der
häßliche verwilderte Hund schweben und laufen über die Einöde hin,
um das Land von den Ueberresten der gefallenen Kamele zu reinigen.
Der Grund dieser widerwärtigen Nacktheit des Bodens liegt vor allem
darinnen daß Suez gar kein Süßwasser in seiner Nähe hat; denn der
sparsame Gehalt der Brunnen, welche noch dazu stundenweit von der
Stadt abliegen, reicht kaum für das Bedürfniß der Bewohner und ihrer
Hausthiere hin. Dazu ist der Boden rings umher von Salz durchdrungen
und wo sich etwa demohngeachtet ein Pflänzlein der grauen Arabischen
Artemisie oder des Ginsters aus dem Boden hervordrängen wollte, da
wird dieses alsbald von den hungernden Kamelen abgeweidet, welche
fast jede Woche zu Hunderten aus Kairo und aus den östlichen Gegenden
der Arabischen Halbinsel hier ankommen; Lebensbedürfnisse, aus dem
fruchtbaren Nilthale bringend, und Waaren so wie Naturerzeugnisse
aus Indien und Yemen zurückführend nach der Aegyptischen Hauptstadt.
Wenn jedoch auch die Phantasie des Reisenden hier bei Suez auf keinen
grünen Zweig kommen kann, so findet dagegen der Blick des Forschers
auf dem Trocknen wie im Gewässer Anhaltspunkte in Menge, auf denen er
gerne verweilt. So wie Suez sind die meisten Städte der Arabischen
Küste beschaffen, wer nicht Gelegenheit hatte Yembo, Dschidda und so
manche andre ihrer Schwestern zu sehen, der kann sich hier an Suez
einen deutlichen Begriff von jenen machen. Sie alle sind Nester des
Seeadlers, der nur wenig Wasser, das in der Felsenkluft aufgespart ist,
zu seiner Erquickung bedarf, und welcher nicht nach dem Grün der Gärten
und Felder fragt, weil ihm seine Beute über das Wasser kommt. Ueberdieß
zog uns, die wir als alte Gastfreunde die Natur kennen und lieben, ein
andrer, uns noch ganz neuer Anblick zu sich hin; das war das lebendige
Gewimmel des Indischen Meeres, das sich auch über das rothe Meer
ausbreitet, weil ja dieses nur ein Arm und Ausfluß jenes reichbegabten,
südlicheren Oceans ist.
Ich möchte jedem Naturforscher, welcher die Lust des Sehens mit
eignen Augen, des Betastens mit eignen Händen kennet und liebt, einen
Aufenthalt, wenigstens von etlichen Tagen, am rothen Meere gönnen. Ich
habe das Mittelmeer wie das Adriatische an verschiedenen Punkten ihrer
Küsten gesehen und auch durchforscht; gegen den Reichthum des rothen
Meeres, namentlich an Conchylien, erscheinen mir jene so werthvollen
Gegenden wie der Mittagstisch eines wohlhabenden Bürgersmannes an einem
Wochentage, im Vergleich mit der überreichen Tafel eines Fürsten,
der seinem Sohne ein Hochzeitsmahl bereitete. Hingeworfen von den
Meereswellen an den Strand lagen da zu unsern Füßen die buntfarbigen,
schönen Gehäuse der Mollusken, von denen ein einziges schon in unsrer
Kindheit uns als großes Gut erschienen wäre; dazwischen zeigten sich,
als wollten sie daran erinnern, daß auch dieses Meer schon zu ihrem
Reiche gehörte, die buntfarbigen Fische der heißen Zone und selbst der
feuchte Sand der Küste lädt hier den Sammler zu seinem wohlbestellten
Gastmahle ein[67].
Wir konnten uns unmöglich entschließen heute noch von dem reichen
Meeresstrand hinweg in die arme, schmutzige Stadt zu treten. Zum Thore
hinein, wo eine Art von Soldat nicht Wache stund sondern Wache lag,
blickten wir auf die Wüste, die man mit in die Mauern aufgenommen hat,
traten dann auf einen Hügel von Schutt und Scherben, der gleich vor dem
Thore der Stadt liegt und sahen dort die schöne, reine Sonne hinter dem
Attakaberg untergehen; dann erquickten wir uns noch im Mondenschein,
auf- und niedergehend am Strande, in der frischen Luft. Herr Mühlenhof
war statt unsrer hineingegangen und hatte da unsre Empfehlungsbriefe
abgegeben, wir erhielten noch am Abend Besuche aus der Stadt und
Einladungen hineinzukommen um da zu übernachten, uns aber gefiel der
Schlag und das Rauschen der Wellen besser als jenes Geräusch, das mit
den Aufopferungen der Gastfreundschaft unvermeidlich verbunden ist; wir
ließen uns nicht bewegen das Zelt, das ja schon aufgeschlagen stund,
wieder abzubrechen.
Am andren Morgen machten wir uns auf um auch das Innre der Stadt
zu besehen. Die Wache, von der ich freilich nicht weiß ob sie mit
der gestrigen ein und dieselbe Person war, lag oder kauerte noch in
derselben Stellung da wie am vorigen Abend; im ganzen Orient fragt man
Keinen nach seinem Passe, am wenigsten einen fränkisch gekleideten
Fremdling. Ueber das Stücklein Wüste hinüber, das man nach hiesigem
Geschmack eben so wie bei uns unter dem Namen Park oder Garten ein
Stücklein Waldes, mit in die Stadtmauern aufgenommen hat, schritten
wir durch eine Art von innrem Thor in eine der beiden Hauptgassen des
Städtleins hinein, wo es einen Bazar gab. Man konnte hier die meisten
Bedürfnisse des Lebens befriedigen; es waren Brod und Bilahm, Datteln
und Orangen, Scherbet und Racky, dabei die verschiedensten Arten von
Stoffen zur Kleidung und zum Schmuck, sogar geschnittene Steine (von
keiner sonderlichen Schönheit) zu haben, die uns ein Jude um billigen
Preis verkaufte. Das Volk von Suez erschien mir, mit Ausnahme einiger
kräftigen Arabischen Gesichter und Gestalten, eben nicht besonders
schön; unter den braunen und schwarzen Leuten des Ostens und Südens
trieben sich mehrere, gerade auch nicht sehr weiße englische Matrosen
herum. So wie man sich dem Hafen nähert zeigen sich, noch aus der alten
Zeit eines bessern Wohlstandes der Stadt, ansehnliche Gebäude und
Chans. In einem der ersteren wohnt der Agent der englisch-ostindischen
Compagnie, dessen Name, wenn ich nicht irre, Manula ist. Wir fanden
ihn in einem Seitengebäude seines Hofes mit dem Auspacken und Anordnen
der aus Ostindien gekommenen Waaren beschäftigt. Der freundliche Mann
führte uns sogleich hinauf in ein Gastzimmer, das auf Europäische Weise
stattlich meublirt und mit Englischen Kupferstichen verziert war.
Hier hatte Napoleon, während seines Aufenthaltes in Suez gewohnt, und
mancherlei Pläne in seinem Innren entworfen und bewegt. Der Herr Agent
besitzt eine, wenn auch nicht an Menge der Arten, doch an den schönsten
Exemplaren reiche Sammlung von Conchylien aus dem Indischen und rothen
Meere, die ihm meist durch die Englischen Seefahrer zugeführt werden;
dazu ist er der Einzige in der Stadt, welcher Fischerbarken zu seiner
Verfügung hat und die Fremden wie Einheimischen mit Fischen versorgen
kann. Ich erhielt durch seine Güte einige schätzbare Beiträge zu unsern
an den Ufern des rothen Meeres gemachten Sammlungen.
Nachdem wir uns in diesem gastfreien Hauße mit mehreren Erfrischungen,
auch mit einem Glase des edleren spanischen Weines erquickt hatten,
ließ ich mich durch den wohl unterrichteten Herrn Agenten, welcher
über den Gegenstand schon so viele Meinungen der Einheimischen wie
der Fremden vernommen hat, ein wenig einführen in die Bekanntschaft
dieser bedeutungsvollen Umgegend. Wir traten mit einander hinaus vor
die südliche Seite der Stadt, an das Meer. Mein Begleiter war nicht
unbekannt mit den herrschenden Ansichten vieler Europäischen Gelehrten
über den Durchgang der Israëliten durch den Meeresarm, nordwärts von
Suez; das hiesige Volk aber, so sagte er, glaube seit alter Zeit, daß
jener Durchzug südwärts vom Attaka, zwischen diesem und dem Kuaibe
geschehen sey. Er selber, der Agent, ist ein Christ, griechischer
Gemeinschaft; längst aber in diesem Lande einheimisch.
Kurz vor Mittag waren wir zu unsrem Zelte zurückgekehrt um hier noch
Einiges anzuordnen; es war so heiß, daß wir selbst im Schatten des
Zeltes nur wenig Abkühlung fanden. Da die Kamele mit dem Gepäck einen
vierstündigen Umweg um die nördlichste Ausbreitung des Meeresarmes
zu machen hatten, während wir von Suez aus in kaum einer halben
Stunde über die Bucht hinüber fahren konnten, wurde beschlossen, daß
nur Einige von uns mit dem Gepäck voraus gehen sollten, während die
Andren den kürzeren Weg zu Wasser nähmen. Um zwei Uhr erhub sich ein
erfrischender Wind, bald hernach wurden die Kamele beladen und Herr
Franz nebst Mohamed brachen mit der Karawane auf; wir andern bestiegen
einen der höchsten, benachbarten Hügel um noch einmal die Landschaft
zu überblicken. Auch hier stehen sich, wie am Bosporus und Hellespont
zwei Welttheile nachbarlich gegenüber; statt des kleineren Europas hat
sich hier das große Afrika in Westen neben Asien hingestellt. Wie ganz
anders nimmt sich aber dieses nachbarliche Begegnen hier aus denn dort.
Europa und Asien stehen sich am Bosporus und Hellespont, geschmückt
mit dem Kranze des Lorbeeres im grünenden Gewande gegenüber, wie zwei
Kämpfer, welche nicht einen Wettstreit der Fäuste und der ehernen
Waffen, sondern den edleren der Lieder beginnen wollen; hier aber, am
rothen Meere und an der Meerenge von Suez erscheinen Asien und Afrika
wie zwei Ringer, welche das Gewand von sich warfen, weil ihnen der
härtere Kampf der Fäuste bevorsteht. Afrika erhebt sich noch einmal im
Gebirge des Attaka, mit seiner ganzen Macht; Asien beut ihm die Stirn
mit den Schrecknissen der Wüste, welche in dem Ruhatgebirge ihren Sitz
haben. Nirgends aber bemerkt das Auge, weder auf den westlichen noch
auf den östlichen Höhen die Spur eines Waldes, oder auch nur einen
vereinzelten Baum; nur nach Norden zieht sich, mitten durch die Wüste
der beiden Welttheile ein niedrer, ebener Streifen Landes, der durch
das vereinzelte Gesträuch grünlich gefärbt erscheint. Wahrscheinlich
ist dies das verschüttete Bette jenes alten Kanales, der einst das
rothe Meer mit dem Nil verband und dessen Anfang nordöstlich von
Phelbes oder Belbays bemerkt wird, von wo er sich zuerst nach Osten
dann durch die Salzseen nach Süden zum rothen Meer wendete, dessen
Spiegel noch jetzt 15 Fuß höher ist als der des Nils bei Kairo während
des niedern Wasserstandes, fünf Fuß niedriger aber als die mittlere,
jährliche Stromschwelle des Flusses[68].
Wir hatten von Kairo ein Empfehlungsschreiben an einen griechischen
Kaufmann in Suez, Herrn Girgis empfangen, der uns weiter nach Tor
empfehlen sollte. In dem stattlichen Hauße jenes wohlhabenden Mannes
wurden wir mit Erfrischungen bewirthet die uns vergessen ließen, daß
wir hier an einem Orte seyen, der keine Gärten hat, und die uns bei der
Hitze der Nachmittagsstunden sehr wohl thaten. Noch vor Sonnenuntergang
nahmen wir Abschied von den hiesigen Gastfreunden und von den
bisherigen Reisebegleitern Herrn Kielmeier und Kellner und bestiegen
in Gesellschaft unsers alten Hassans eine Barke, zur Ueberfahrt über
den Meeresarm. Bei der Abfahrt hatten wir auch Gelegenheit jene
Betriebsamkeit des hiesigen armen Volkes zu bemerken, von welcher
~Laborde~ erzählt, und welche sehr an jene der Italienischen
Lazaronis erinnert; jeder Einzelne suchte sich eines Stückleins unsers
Gepäckes zu bemächtigen, wäre es auch nur ein Steigbügel oder ein
Sonnenschirm gewesen; ihrer viere schleppten wenigstens scheinbar
an einem Sacke mit Schiffszwieback den ich mit Leichtigkeit allein
getragen hätte; wer bei dem Tragen des wenigen Gepäckes nicht ankommen
konnte lief wenigstens laut schreiend daneben her oder half uns ziehend
oder nachstoßend beim Einsteigen in die Barke und jeder der Schreier
wollte dann für seine Mühe bezahlt seyn.
Der Mond, fast voll, war aufgegangen und mischte sein Licht mit dem
der Abenddämmerung, als wir in unserm Boote auf der wogenden Gränzlinie
der beiden Welttheile schwebten. Der Meeresarm ist hier etwa eine
halbe Stunde breit; wenn ein anhaltender Nordwestwind das Gewässer,
vorzüglich zur Zeit der Ebbe nach Süden treibt, kann man ihn nordwärts
von Suez durchreiten und zu Fuße durchwaten, wenn aber hierauf
plötzlich der Wind nach Südost umspringt kann in Kurzem die Wasserhöhe
um sechs Fuß steigen. Dies erfuhr Napoleon als er an jener Stelle
durchs Meer reiten wollte und durch das plötzliche Steigen des Wassers
in Lebensgefahr gerieth. Als man ihn glücklich wieder ans Land gebracht
hatte rief er: »das hätte einen interessanten Text für alle Prediger in
Europa gegeben, wenn ich hier ertrunken wäre.«
Asien war zwar erreicht, als wir beim jenseitigen Ufer ans Land
stiegen, nicht aber unsre Lagerstätte für die bevorstehende Nacht. Wir
hatten noch wenigstens eine Stunde weit im Sande zu gehen, bis wir zu
dem Tamariskengebüsch kamen, bei welchem wir Halt machten, doch schien
uns der Mond zu unsrer Wanderung. Doctor Roth hatte die Folgen seines
dreißigstündigen Herumirrens in der Wüste schon so weit überwunden, daß
er munter neben uns herschritt; die andren Gefährten mit den Kamelen
kamen später als wir bei dem Lagerplatz an.
Der 19te Februar war ein Sonntag, für meine Erinnerung einer der
festlichsten der ganzen Reise. Wir brachen um sieben Uhr auf, nahe
zu unsrer Rechten zeigte sich das leise bewegte Meer und jenseits
demselben der Attaka, in der ganzen Breite seines steilen Abfalles; zur
Linken jenseits der sandigen Fläche der niedere Zug des Ruhatgebirges.
Der Himmel war so rein und klar, daß wir am entgegengesetzten Ufer
des Meerbusens, der hier eine Breite von fünf bis sechs Stunden hat,
jeden Felsenvorsprung, so wie den schmalen Saum des Ufers unterscheiden
konnten, welcher eben noch für Kamele und Fußgänger gangbar ist.
Ein erfrischender Wind wehete aus Nordwesten über das Meer hin;
zuweilen war es uns als bemerkten wir das fröhliche Emporplätschern
der Fische aus der klaren Fluth; wir sangen der stillen Wüste unsre
Lieder. Etwas vor neun Uhr sahen wir Gruppen der Dattelpalmen, sie
stehen an den Brunnen Mosis, die wir noch vor zehn Uhr erreichten.
Hier tranken unsre Kamele; wir ruheten im Schatten eines dicht
verwachsenen Palmengebüsches. Auf einem der höheren Bäume sang ein
Vogel, sein unsrem Ohre noch neues Lied; er besang die Lieblichkeiten
des Frühlingsmorgens am rothen Meere. In unsrer Seele aber ertönte
hier, im Angesicht des Meeres und des hohen Attaka so wie des breiten
Thales Ramlieh, das zwischen ihm und dem südwärts sich erhebenden
Kuaibagebirge zum Meere verläuft, ein andres Lied. Es war das Lied
Mosis, des Knechtes Gottes, welches dieser und die Kinder Israël dem
Herrn sangen, an dem Tage da der Herr Israël hindurchgeführt hatte
durch die Fluthen und Pharaos Rosse und Wagen in das Meer gestürzt.
Ja, »der Herr ist meine Stärke und mein Lobgesang, und ist mein Heil.
Das ist mein Gott, ich will Ihn preisen; Er ist meines Vaters Gott,
ich will Ihn erheben.« Kann doch das Herz Aller, welche zuversichtlich
Seiner harren und auf Ihn trauen, singen: »Du hast geleitet durch Deine
Barmherzigkeit Dein Volk, das Du erlöset hast; und hast sie geführet
durch Deine Stärke zu Deiner heiligen Wohnung.« Wenn auch hier, an
dieser geheiligten Stätte das äußere Ohr nichts mehr von Mirjams, der
Prophetin Paukenhall vernimmt und die Herrlichkeit des Herrn nicht mehr
dem äußern Auge sichtbar wird, so fühlet doch der innre Mensch ein
Naheseyn dieser Herrlichkeit und vernimmt Stimmen des Jubels.
Wir durften auch das, was den äußern Sinnen hier dargeboten wurde,
nicht unbeachtet lassen. Die Zahl der kleinen, zu Tage gehenden
Mündungen der Mosisbrunnen wird von den Reisenden sehr verschieden
angegeben, je nachdem dieselben früher oder später nach der Regenzeit
hier waren oder in Jahren wo der Regen in reicherer Fülle oder
sparsamer gefallen war. Mich erinnerten sie an die Maibrunnen, die,
wenn der Schnee der Gebirge schmilzt, aus dem ebenen Boden da oder
dort hervorbrechen. Wir zählten, außer den kleinen Nebenöffnungen nur
fünf größere; das Wasser der meisten hat einen salzigen Beigeschmack,
das des einen aber, aus welchem unsre Kamele sich labten, ist auch für
Menschen trinkbar, obgleich es einen Beigeschmack von Schwefelleber und
Eisen hat. Die Temperatur dieses Brunnen war wenigstens höher als die
meiner Handoberfläche, denn sein Wasser fühlte sich warm an; auf eine
fortwährende Entwicklung der Gasarten deuteten die häufig vom Boden
aufsteigenden Blasen hin. Am Kesselrande der Brunnen oder in ihrer
Nähe wachsen einige Cypergräser[69], die Dattelpalmen zeigten sich uns
hier zum ersten Male in ihrer, von der Menschenhand unentstellten
Naturgestalt, mit Zweigen bis an den Boden bedeckt, von dem Gewirre der
fadenartigen Luftwurzeln überzogen und so dicht beisammenstehend, daß
sie ein undurchdringliches Dickicht bildeten. Fast alle diese kleinen
Wildlinge schienen männliche Bäume zu seyn an denen die Blüthenkolben
schon anfiengen sich zu entfalten, denn die Dattelpalme trägt hier
schon im vierten Jahre ihres Alters Blüthen und (wenn es eine weibliche
ist) die Erstlinge der Früchte. Nach Süßwasser und Landschnecken
suchten wir vergebens, obgleich der Boden für sie ein günstiger zu
seyn schien, diese Familie der belebten Wesen war schon seit mehrern
Tagreisen aus unsern Augen entschwunden. Von den Thieren, welche das
benachbarte Meer an seine Küste trägt, spreche ich nachher.
Ich komme aber noch einmal auf die historische Bedeutung der
Mosisbrunnen zurück. Wenn ich jene gewichtigen Gründe erwäge, welche
neuerdings ~K. v. Raumer~ (in seiner kleinen Schrift: der Zug der
Kinder Israël) wieder zusammengestellt hat, dann kann ich nicht wohl
anders, als der noch immer fortbestehenden, ältesten Ueberlieferung
beipflichten, nach welcher der Durchgang der Heere Israëls von der hier
gegenüber gelegenen Thalebene Bede geschahe, welche zwischen dem Attaka
(Baal Zephon) und dem südwärts von ihm gelegenen Kuaiba (Migdol) an
das Ufer ausmündet. Es war der Weg einer drangvollen Nacht; der Morgen
konnte die aus der Angst und Noth Geretteten schon hier bei den Brunnen
Mosis finden.
Mit dem gewöhnlichen Wasser, welches der Leib genoß, hatten diese
Brunnen ein andres (lebendiges) in die Seele ergossen, welches dieser
eine ungewohnte Freudigkeit gab. Statt des Attaka zeigte sich, als
wir auf unsrem Wege weiter zogen zu unsrer Rechten der Kuaiba jenseit
des hier schon viel breiteren Meeres; vor uns in Süden spiegelte uns
die Fata morgana einen Fluß und Haine von Palmen so täuschend vor, daß
selbst der junge Beduine, der neben meinem Kamel hergieng, und welcher
diesen Weg noch nicht oft gemacht hatte, das Bild für Wahrheit hielt.
Die Wüste Sur, durch die wir hier wanderten, ist übrigens wasserleer
und öde; der Weg zieht sich zwischen den Hügeln des Kreidekalkes hin
und ist mit Feuersteinen bestreut; an dem Lagerungsplatze, den wir kurz
vor fünf Uhr erreichten, ist der Boden so steinig, daß die Pfähle der
Zelte nur mit Mühe in ihm befestigt werden konnten. Wir hatten hier das
Meeresufer schon in ziemlich weiter Ferne.
Auch am Montag (den 20sten Februar) hatte es bis sieben Uhr gedauert
ehe alles so weit in Ordnung war, daß wir aufbrechen konnten.
Der Weg gieng durch eine einförmige Ebene voll Sand, in welchem
Fraueneistrümmer und Feuersteine umhergestreut lagen; zur Rechten
war die Aussicht durch die vortretenden Hügel meist gehemmt, zur
Linken zeigten sich die grotesken Formen des Sandsteingebirges. Wir
hatten heute mehr Zeit und Gelegenheit uns mit unsren Arabischen
Reisegefährten zu beschäftigen; von Suez aus hatten sich einige neue
Gefährten mit ihren Kamelen an uns angeschlossen, unter anderm ein
Beduine mit einem schwarzen Knaben, den er in Suez gekauft hatte. Ich
konnte nicht mit diesem sprechen, die Weise aber, in welcher er sich
öfters mir und meinen deutschen Reisegefährten näherte, und, wenigstens
durch Blicke zu uns sprach, erregte in mir die vielleicht ungegründete
Meinung, daß er ein Christ sey, und wie gern hätten wir ihn mit uns
genommen, wenn er unsren Mitteln feil gewesen wäre. Gegen vier Uhr,
nach einem ununterbrochenem Ritte von neun Stunden, sahen wir auf einem
kleinen Hügel Palmenbäume und dabei einige Beduinen mit Kamelen. Es
war der Brunnen Howara; das Marah der heiligen Schrift. Unsre Beduinen
mochten hier noch nicht halten, sondern zogen etwa drei Viertelstunden
weiter in eine ziemlich busch- und grasreiche, von Hügeln umschlossene
Fläche, in der sich viele Spuren von Gazellen fanden. Ich und einige
meiner jungen Freunde kehrten sogleich zurück zu dem Brunnen Howara,
dessen klares, aber sehr bitteres Wasser eine beckenartige Eintiefung
des Felsens ausfüllt, an welcher wahrscheinlich die Hand des Menschen
mitbilden half. Meine jungen Freunde gelüstete es in der kühlen Fluth
zu baden; ich besahe mir indeß die nächste Umgebung. Dem Brunnen
gegenüber (rechts vom Karawanenwege) ist ein kleines Kesselthal, recht
wie zu einer Lagerstätte von der Natur eingezäunt und eingerichtet.
Der Boden ist dort an manchen Stellen feucht; es blüheten und wuchsen
daselbst Kräuter, aus der Familie der Kreuzblüthigen, mit fetten, den
Wohlstand des Standortes verrathenden Blättern[70].
Ich hatte mich auf eine Anhöhe des Kesselrandes gestellt und blickte
hinüber nach der zum Untergang sich neigenden Sonne. Ich gedachte des
Rechtes, das hier bei Marah Moses dem Volke Israëls stellte, als er
sprach: »Wirst du der Stimme des Herrn, deines Gottes gehorchen, und
thun, was recht ist vor Ihm, und zu Ohren fassen Seine Gebote; -- so
will ich der Krankheiten keine auf dich legen, die ich auf Aegypten
gelegt habe, denn ich bin der Herr, dein Arzt.« -- Ja, Der hier das
bittre Wasser heilte, daß es süß ward, wird auch an einer andren,
verborgneren Tiefe sich erweisen als der Herr, dein Arzt.
Meine jungen Freunde waren bereit zur Rückkehr nach der Lagerstätte;
erst in einiger Entfernung vom Brunnen fiel es mir ein etliche
Dattelnkerne in den Sandhügel zu stecken, die, wenn der Boden feucht
genug wäre, hier bald herrlich aufgehen würden. Die Abenddämmerung
war schon weit vorgerückt als wir die Unsrigen erreichten, aber der
Vollmond ergoß ein reichliches Licht über das Thal und sein Gebüsch.
Die Höhe über der Meeresfläche beträgt hier bei Marah nach Erdls
barometrischen Messungen 484 Pariser Fuß.
Dienstags den 21sten. Schon gestern hatten wir den mächtigen Dschebel
Pharaun (den Pharaosberg) ganz nahe jenseit unsrer Lagerstätte liegen
sehen. Den Weg am Meere hin, vorüber an der heißen Quelle des Hammam
Pharaun oder Pharaosbad verwehrte uns jetzt in der Zeit des Vollmondes
und bei dem eben herrschenden Winde, der hohe Stand der Fluth, wir
nahmen deshalb unsre Richtung nach den östlichen Seitenthälern, die
sich um das Vorgebirge herumziehen. Etliche von unsern Beduinen mit
den Kamelen, welche die Wasserschläuche trugen, waren schon mit
Tagesanbruch voraus nach Garandel gezogen, um dort frisches Wasser
einzunehmen. Die Luft war in den ersten Morgenstunden erfrischend
kühl; die Stimmung unsres Innren, die, wie die singende Lerche zum
Aufschwung geneigt war, wurde durch den Anblick der Gegend erhöht,
durch welche wir zogen, einer Gegend, welche zwar keineswegs schön, in
unsrem gewöhnlichen Sinne, wohl aber anziehend im höchsten Grade war.
Am Boden blüheten die +Gypsophila Rokejeka+ und das +Erodium
glaucophyllum+; das Kreidekalk- und Sandsteingebirge an welchem wir
vorbeikamen, zeigte oft pfeiler- und mauernähnliche Felsenmassen, die
uns aus der Ferne wie Ruinen von Gebäuden vorkamen; in den Schluchten
sahe man grüne Gebüsche, und daß es hier Weideplätze, wenigstens
für Kamele geben müsse, das verriethen uns zwei junge Thiere dieser
Art, die von dem gesellschaftlichen Triebe ihrer Natur bewogen sich
zu den unsrigen gesellten, und, so oft sie auch von den Beduinen
zurückgejagt wurden, immer wieder nachkamen, bis sie endlich am
Nachmittag freiwillig zur Heimkehr sich entschlossen. Nach vier Stunden
gelangten wir in ein sehr schönes, von Ost gegen West verlaufendes
Thal, mit vielen wildwachsenden Palmen und Tamarisken; es war das
östliche Ende des Thales Garandel; westwärts von hier, wie sie sagten
in einer Entfernung von anderthalb Stunden, hatten unsre Beduinen
heute das Wasser geholt. Ich konnte meinem Kamel nicht helfen, so
sehr das gute Thier darüber brüllte, daß es hinter seinen Gefährten
zurück bleiben sollte; es mußte niederknieen und mich absteigen lassen,
denn ich wollte mich wenigstens etliche Minuten lang hier unter Elims
Palmen ergehen, bei denen die Heere Israëls, von Marah herkommend
sich lagerten. Denn daß Garandel das Elim der heiligen Schrift ist,
wo damals siebzig Palmen an zwölf Wasserbrunnen standen, wird von
den Reisenden und Schriftforschern allgemein angenommen. Wir sahen
hier mehrere in den Felsen wohnende Vögel, auch Schwalben. Das Thal,
welches sich in südöstlicher Richtung an jenes von Garandel anschließt,
heißt Usaitu. Das Felsengewände zu unsrer Rechten enthielt einzelne
Höhlen, an denen sich stellenweise Spuren der Menschenhand zu verrathen
schienen. Wadi Usaitu wird auf seinem weitren Verlauf von einem andern
Thale durchsetzt, welches fast von West nach Ost verläuft und Wadi
Sal genannt ist. Wir kamen hieher um halb zwei Uhr des Nachmittags.
Der sandige Boden ist reichlich mit Tamariskengebüsch bewachsen,
zwischen welchem das damals trockne Bette eines Gießbaches verläuft,
in dessen Tiefe allenthalben, beim Eingraben sich Wasser fand, so daß
unsre Beduinen mit wenig Stichen der Schaufel einen Siechbrunnen der
Wüste eröffneten, aus welchen unsre Kamele tranken. Wir behielten die
Richtung des Hauptthales bei, welche nach Südost gehet. Nach einiger
Zeit verließen uns etliche der Beduinen, die sich mit ihren Kamelen von
Bessatin aus an uns angeschlossen hatten; sie hatten Mehl und andre
Lebensvorräthe großenteils für das St. Katharinenkloster des Sinai
geladen und schlugen den Weg zur Linken ein, welcher die südöstliche
Richtung beibehält, während wir, denen ~Tor~ mit dem Hammam Musa
ein Ziel der Reise war, uns zur Rechten nach dem Wadi Taibe wendeten,
welches westwärts dem Meere sich zuwendet.
In dem herrlichen Taibethal ließ uns doch Arabien auch einmal etwas
von der Fülle seines Gewächsreiches merken. Ein kleines Bächlein, das
sich wie ein Dämmerungsfalter des Oleanders schüchtern vor dem Strahl
der Sonne, bald zwischen den Felsenstücken, bald hinter dem Gebüsch
verbarg und zuletzt dem Auge zwischen den hohen Binsen eines Sumpfes
entschlüpfte, floß am Grunde des Thales; unser Weg zog sich etwas
erhöht zu seiner Rechten hin. Palmen erhuben da ihre hohen Wipfel,
die Arabische Tamariske schlug zu ihren Füßen das Nomadenzelt ihrer
dichten Zweige auf, unter welchem, sobald sie unsrer ansichtig wurden,
die schnellfüßigen Laufhühner der Wüste sich verbargen. Mit den Arten
des Springhasens zugleich bewohnten dieses Thal gewiß noch manche
kleine Säugethiere der peträischen Wüste; die Gazelle wenigstens, dieß
verrieth das Gebüsch, weidet hier oft und gerne.
Die Meisten von uns waren abgestiegen, denn der Abend war nahe, und
wir hofften, daß unsre Beduinen hier, in dem reichen Thale übernachten
würden; sie aber ersuchten uns noch weiter mit ihnen zu kommen, bis
zu einem ganz nahen Lagerplatz an der Mündung des Thales, am Ufer des
Meeres. Wir hatten dieses »ganz nahe« in unsrem Sinne genommen und
hofften, daß diese Ruhestätte beides zugleich, die Durchforschung des
Thales und der Meeresküste möglich machen sollte, daher ließen wir
ruhig die Kamele vorausgehen und ergötzten uns an dem Anschauen des
erhaben schönen Engpasses, in welchen die Abendsonne mit gemildertem
Licht hereinblickte. Vor uns, und dann bei der letzten Wendung des
Thales, zu unsrer Linken, erhub jener bunte, streifenartig gezeichnete
Sandstein seine burgartigen Felsenwände, der das Urgebirge der
peträischen Halbinsel überall als niedrigerer Vorbau begleitet und in
die Bergzüge zu beiden Seiten des Ghor sich fortsetzet. Er ist hier von
ganz besonders dunkler Farbe; nachbarlich ziehen mit und neben ihm die
Wände des Kreidekalkgebirges, an denen die knorpliche Cappernstaude
(+Capparis cartilaginea+) ihre fleischigen, mit dornigen
Widerhaken versehenen Blätter ausbreitete, und neben ihr noch manches
andre Gewächs des Landes zum ersten Male im Leben unserm Auge im Freien
begegnete[71].
Wir hatten noch ziemlich lange zu gehen ehe wir die Mündung des Thales
und bei ihr die Lagerstätte erreichten, zu welcher unsre Kamele
vorausgezogen waren. An ein Zurückkehren zu den interessantesten
Punkten des Engpasses war nun, in so später Abendstunde nicht mehr
zu denken und auch das Meer, durch dessen vorgespiegelte Nähe unsre
Beduinen uns hinausgelockt hatten aus dem Thale, lag noch so weit von
uns ab, daß nur einige unsrer jungen Freunde es noch heute erreichten,
während wir Andern uns mit dem Sammeln von Jerichorosen und einigen
Käfern[72], so wie der achatartigen Gerölle des Bodens vergnügten.
Allerdings fanden aber hier die Kamele einen freieren, gefahrloseren
Weideplatz, und es ist sehr wahrscheinlich, daß die Stätte auf der
wir heute, am 21sten Februar, einer erquickenden Nachtruhe genossen,
dieselbe, oder nahe dieselbe sey, auf welcher die Heere Israëls nach 4.
Mos. 33, V. 10 ihre Lager aufschlugen, da sie von Elim ausgezogen
waren.
Der Mond, tief in Westen stehend, spannte sein Netz der Strahlen noch
über das Meer aus, da ich am frühen Morgen des 22sten Februars aus
dem Zelt heraustrat. Es schien mir fast noch zu frühe unsern Knecht
zu wecken, ich wollte, ohne jemand zu stören die Morgendämmerung über
das Hochgebirge in Osten heraufsteigen sehen, einer der Beduinen aber
erwachte und weckte sogleich seine Gefährten, so wie die Knechte;
bald flammten die Feuer und ehe die Sonne noch auf die Zinnen der
Felsen trat waren die Zelte schon abgebrochen, die Kamele beladen.
Einige der Freunde giengen zu Fuße voraus an das nachbarliche Meer;
etwas später folgte die Karawane nach. Es war ein genußreicher Morgen.
Das Gebirge das uns zur Linken in Osten sich erhob, ist, so kahl es
auch erscheint, ein wahrer Lustgarten der Wüste, den die gestaltende
Weisheit mit den wundervollsten Anlagen geziert hat. Es ist von tiefen
Engthälern und Klüften durchschnitten, seine Wände steigen nach einer
Symmetrie der Wildniß eine neben und über der andren empor, so daß
das getäuschte Auge die Mauern von Kastellen und Ruinen von Thürmen
zu erblicken wähnt. Die vorherrschenden Felsarten scheinen, außer dem
Urgebirge ein rothfarbiger Sandstein mit Porphyr, bunter Sandstein und
neben beiden der Feuersteinhaltige Kalk; auf dem Boden, über den wir
hinritten, lagen häufig die Geschiebe und Trümmer von Porphyr, Granit,
Urgrünstein, Sandsteinbreccien, dunkelfarbige Feuersteine und Kalkspath
der zuweilen fast durchsichtig war. Unser Weg trat nach einiger Zeit
so nahe ans Meer, daß die Kamele durch das Wasser hindurchwaten
mußten; der Lauf unsrer Fußgänger wurde hierdurch unterbrochen, doch
hatten sie schon auf ihrem kurzen Wege eine schöne Ausbeute an
Conchylien gemacht[73]. Noch vor Mittag kamen wir an der Mündung des
Nassebthales vorüber, welches zum Mokkatebthale führt, durch das sich
der gewöhnliche Weg nach dem Sinai hinzieht. Wie gerne hätten wir
diese Straße eingeschlagen, durch welche nach der Ansicht der meisten
Schriftforscher die Heere Israëls zogen und die auch für den Freund
des Aegyptischen Alterthumes und der Natur ein so hohes Interesse hat!
-- Denn hier und weiterhin im Feiranthale findet er die so oft von den
Reisenden erwähnten Felsenwände und Monumente, welche mit Inschriften
und Aegyptischen Hieroglyphen beschrieben sind; die ersteren in
Charakteren, welche noch keiner unsrer Gelehrten zu lesen und zu deuten
vermochte; dabei die Spuren eines uralten Kupferbergbaues[74] und die
Ruinen einer ansehnlichen Aegyptischen Bergstadt. Ueberdieß sind es
auch diese Thäler, in deren Felsenklüften ein schöner Kallait (Türkis)
und manche seltne Pflanze gefunden wird. Wir mußten jedoch diesmal
den Wunsch, diese Thäler zu sehen, aufgeben, da uns der Besuch der
Küstengegend bei Tor für einen der Hauptzwecke unsrer Reise wichtiger
erschien.
Am Nachmittag sahen wir zu unsrer Linken die Höhenzüge des Wadi
Mokkateb; vor uns in Süden trat ein Vorgebirge heraus ans Ufer. Ein
starker Wind aus Westen hatte sich erhoben; das Meer gieng in hohen
Wogen; am andern gegenüberstehenden Ufer erkannte man in voller
Deutlichkeit das Cap Doffa oder Zafraneh; weiter im Südwesten die
Höhen der Anachoreten und das hohe Gebirge von Kolzum. Unsre Beduinen
wollten uns vom Meere hinweg, landeinwärts führen, wir aber bestunden
darauf hier zwischen dem Gebüsch der Tamarisken, unmittelbar am Ufer zu
übernachten. Zwar erschwerte der Sturmwind das Aufschlagen der Zelte
und das Anzünden des Feuers, doch wurden zuletzt die Schwierigkeiten
beseitigt und wir durften nun noch einige Stunden lang (denn es war
erst vier Uhr des Nachmittags) an der herrlichen Küste uns ergehen.
Wir befanden uns hier in einer Nachbarschaft, aus der uns von allen
Seiten Eindrücke entgegen kamen, welche diesen Abend zu einem der
unvergeßlichsten und schönsten der ganzen Wüsten-Reise machten. Die
Abendsonne stund gerade über jenen Höhen, die ich so gerne mit meinen
Füßen betreten hätte, nun aber doch mit meinen Augen sehen durfte:
über den Höhen in deren Klüften und Höhlen die Altväter der ersten,
christlichen Jahrhunderte ihr stilles Leben führten. Dort zwischen
dem Ras Doffa und dem Dschebel Kolzim liegt, nach beiden Seiten von
tiefen Meeresbuchten begränzt, die Felsengrotte von Paulus, dem
ältesten der Anachoreten; jenseit des ungangbar steilen Berges, an
seiner Nordwestseite war die Wohnung des Altvaters Antonius und seiner
Schüler. Anjetzt steht an dem einen Orte, über der Grotte Paulus des
Anachoreten das Kloster des heiligen Paulus, über der andern das
Kloster des h. Antonius, beide bewohnt von Koptischen Mönchen der
strengsten Ordnung, welche mitten in den hohen Ringmauern, die beide
Versammlungsorte der Einsamen umgeben, kleine Hütten oder Zellen
bewohnen, deren jede nur einen von ihnen beherbergt; zum gemeinsamen
Versammlungsort ist die Kirche bestimmt. Jährlich etliche Male wird
das Kloster mit den unentbehrlichsten Bedürfnissen: mit Mehl, Bohnen
und andren Stoffen der täglichen Nahrung versorgt; einige andre
Erquickungen und frische Früchte gewähren die Gärtlein, die der Fleiß
der Mönche innerhalb der Ringmauern, mitten in der Wildniß begründet
hat, denn in jeder der beiden Wohnstätten ergießt sich ein reichlicher
Quell, dessen Abfluß bei dem des h. Antonius ausserhalb der Ringmauern
sich sammlet und hier noch die vorüberziehenden Beduinen sammt ihren
Kamelen und Ziegen tränkt. Diese Arabischen Fremdlinge, die sich fast
aller Rechte und Besitzungen der älteren Bewohner bemächtigt haben,
gleich als meinten sie, daß nur ihnen, den Gläubigen des Islam zu
leben, den Ungläubigen aber zu sterben gebühre, hatten auch, bis zur
Regierungszeit des Mehemed Ali, der den Christen Schutz gewährte, den
armen Mönchen ihr Leben gar sauer gemacht. Diese mußten, in beständiger
Gefahr des Lebens, neben dem Gebetbuch öfters auch Flinte und Schwert
zur Hand nehmen und den Zudringlichkeiten der Feinde namentlich dadurch
begegnen, daß sie alle Thüren zu ihren Klöstern von außen vermauerten;
Fremde, welche diese Einsamen besuchen wollen, werden, wie am Sinai,
durch ein Seil hinaufgezogen, zu einer Fensteröffnung. Der Herzog
von Ragusa beschreibt in seiner sehr interessanten Reisebeschreibung
einen solchen Besuch, den er den Mönchen machte, und schildert uns
zugleich ihren jetzigen Zustand. Als Pater Sicard hier war, fand er
im Kloster des h. Antonius einen Prior, der sich eifrig mit Alchymie
beschäftigte und es ist leicht zu begreifen, wie ein solcher Aufenthalt
zu Forschungen nach dem Geheimniß des Seyns und Werdens der Dinge auf
geraden wie auf krummen Wegen hinführen müsse. -- Wenn man in nächster
Richtung über das steile Gebirge hinüber zu klettern vermöchte, wäre
der Abstand von einem zum andern Kloster nur gering, so aber gelangt
man nur auf weitem Umwege, um den Berg herum, von St. Antonius zu St.
Paul, wie denn, nach der frommen Sage, die beiden Anachoreten, deren
Namen die Klöster führen, viele Jahre lang nachbarlich gewohnt hatten,
ohne daß einer von dem andern etwas erfuhr.
Von dem Flug über das Meer hinüber, in die Ferne grauer Gebirge,
wie grauer, ehrwürdiger Zeiten, ruhete jetzt die Betrachtung in der
Nähe aus. Ich war mit der Hausfrau gegen Süden am öden Meeresstrand
hinabgegangen, einige unsrer jungen Freunde hatten sich andre Punkte zu
ihren Forschungen erlesen. Nicht sehr fern von unsrer Lagerstätte lagen
die Trümmer einiger gescheiterten Schiffe am Lande. Sie hatten großen
und schönen Arabischen Fahrzeugen angehört, wie die Zierrathen und
gemahlten Arabesken der Bruchstücke, sowie ihre weite Ausdehnung dieß
bezeugten. Das Holz lag frisch und unversehrt am Strande, als sey der
Schiffbruch erst vor Kurzem geschehen; die Spuren der Schiffer, wenn
ihre Leichname das Land erreichten, hatten die Hyänen vertilgt oder
vorüberziehende Beduinen hatten die Gebeine mit Sand verdeckt.
Hier an dieser Küste fanden wir eine Mosaikarbeit des Gewässers, welche
zu den schönsten dieser Art gehörte, die ich jemals sahe. Die bunten
Gerölle des Strandes, rothe wie grüne, gelbe wie weisliche und braune,
sind durch ein kalkiges Cäment zu einer festen Masse verbunden, die
sich, wenn sie geschliffen würde, zu herrlichen Arbeiten benutzen
ließe. Ich sahe auf meiner Rückreise zu Florenz in der Großherzoglichen
Mosaikfabrik eine Tafel von derselben Breccie und der kenntnißreiche
Director der Anstalt erzählte mir, daß das Material dazu durch einen
Ostindienfahrer, wahrscheinlich aus dem rothen Meere gebracht worden
sey.
War hier schon der Boden so reich verziert, so stund das, was auf
diesem Boden lag und wohnte, wenigstens in gleichem Werthe mit dieser
Wohnstätte. Wir hatten noch nirgends sonst in einen solchen Verkehr
mit den lebendigen Bewohnern des rothen Meeres treten können als
hier; die Arten der Käfer- und Napfschnecke, dazu die Monodonten und
Mondschnecken hatten sich haufenweise an den Klippen versammlet, als
begehrten sie, durch Aufnahme in unsre Sammlung, in jenen Strahlen
sich zu sonnen, durch welche der erkennende Menschengeist einen
Antheil seines eignen, unsterblichen Wesens auf das sterbliche und
vergängliche Gebilde der Creatur überträgt. Auch eine schöne, große
+Doris+ wurde gefunden. Die Fluth fieng an zu steigen, uns ergieng
es wie neugierigen Fremden, welche, während der König bei Tafel saß,
einige Säle seines Pallastes besahen; wir mußten, da das Meer in seine
Behaußung der schönfarbigen Klippen zurückkehrte, entweichen. Wir
brachten, nach der Abendmahlzeit des gekochten Reißes, noch einige
vergnügte Stunden vor unsrem Zelte zu. Der Sturm hatte sich gelegt, nur
das aufgeregte Meer brauste noch gewaltig gegen die Klippen.
Donnerstags den 23ten Februar zogen wir von früh halb sieben
Uhr, anfangs auf einer Ebene hin, auf welcher man das Meer noch
im Gesicht und zuweilen ziemlich nahe hat. Die Aussicht nach dem
gegenüberliegenden Ufer war heute bei weitem nicht so klar und
deutlich als gestern vor Sonnenuntergang. -- Auf dem grobsandigen Boden
zeigten sich bunte Feuersteine, auch Porphyr und stellenweise ein
fast opalartiger Holzstein. Vor uns in Süden, bemerkten wir die Jas
Jehan Landspitze die hier weit ins Meer vortritt; ostwärts von ihr den
Anfang jenes, meist nur etliche hundert Fuß hohen Hügelzuges der Küste,
welcher als Dschebel Heman bis in die Nähe von Tor sich hinzieht.
Unser Weg entfernte sich nun vom Meere, denn er zog sich hinüber nach
der Ebene el Kaa, welche von einigen Schriftforschern für die Wüste Sin
der heiligen Schrift gehalten wird und die zur Rechten von den niederen
Küstenhöhen des Heman, ostwärts aber, zur Linken von dem Hochgebirge
des Serbal begränzt wird. Nach drittehalb Stunden, (um 9 Uhr
Vormittags) kamen wir in ein Kesselthal, worinnen vieles Strauchwerk
wuchs. Wahrscheinlich war dieß der Ort, wohin uns gestern Abend unsre
Beduinen gern noch geführt hätten; so angenehm jedoch auch diese
Lagerstätte den Kamelen gewesen wäre, so genußlos hätten wir hier,
im Vergleich mit dem herrlichen Ruheplatz am Meere, die Abendstunden
versessen. Doch enthielten die Felsenwände zur Rechten einzelne kleine
Höhlen, in welche wir gern hineingeblickt hätten. Der Himmel war indeß
trübe geworden; der Sturm hatte sich wieder sehr stark erhoben und
fiel uns, als wir jetzt auf die Ebene Kaa heraustraten, so heftig an,
daß unsre beladenen Kamele nicht gut weiter konnten und wir schon um 3
Uhr des Nachmittags Halt machen mußten. Unser Lagerplatz war eine hoch
gelegene Fläche, welche nirgends Schutz gegen den Wind bot, dazu war
der Boden steinig, so daß die Zeltpfähle nur mühsam befestigt werden
konnten; die Aussicht aber nach dem ganz nahe scheinenden Hochgebirge
in Osten, das den äußern Rand des Feiran und Nadie-Thales bildet,
war so schön, daß wir uns bald ganz einheimisch fühlten. Einige von
uns giengen aus, um bei der Natur des Landes einen kleinen Besuch zu
machen, aber der Wind wehte so stark und dabei so kühl, daß wir, ohne
die Landcharte es wohl schwerlich errathen haben würden, daß wir heute
zwischen den 28ten und 29ten Grad der Breite eingetreten seyen; noch
dazu in dieser Jahreszeit. Auch fanden wir im Ganzen wenig Pflanzen und
keine unter ihnen, die wir nicht schon früher gesammlet hatten, wir
kehrten deshalb zu unsrem Zelte um.
Am Fuß des östlichen Gebirges bemerkten wir die schwärzlichen
Hüttenzelte einer Beduinenhorde und neben ihnen einige Heerden von
Ziegen und Schafen. Ein Lamm und ein Zicklein wurden uns zum Verkauf
gebracht; wir ließen das erstere zu einer Mahlzeit für uns Alle
bereiten, wovon auch unsre Beduinen ihren Antheil erhielten; es fehlte
zu diesem seltnen Mahle nichts als ein gutes, trinkbares Wasser, denn
das in unsren Schläuchen schmeckte sehr salzig und widerwärtig. Unser
Nachtlager hatte 340 Fuß Höhe über dem Meere.
~Freitags~ den 24ten. Der Sturm hatte sich gelegt, die Sonne
schien hell; wir ritten auf der sich allmälig gegen Süden absenkenden
Ebene Kaa hinab, über ausgetrocknete Betten der Gießbäche, in
denen Jerichorosen von ganz besondrer Größe stunden. Neben uns und
vor uns in Ost und Südost zeigte sich jetzt das Hochgebirge der
Sinaitischen Halbinsel in seiner ganzen Majestät, doch verdeckte
uns der vorstehende, hohe Serbal die Aussicht nach dem eigentlichen
Sinai und seine Nachbarschaft. Der Anblick dieser Gebirge, der
Gedanke, daß wir nun so nahe seyen dem einen Hauptziel unsrer Reise,
weckten Empfindungen auf, welche, wenn auch nicht dem immer sich
gleichbleibenden Gange der Kamele, so doch dem innren Bewegen der Seele
Flügel gaben, auf denen sie, zwar nicht wie der Adler, wohl aber wie
die Lerche emporstieg zum Gesange. Rechts neben uns hatten wir noch
immer den niedrigeren Zug der aus Kreidekalk und Sandstein bestehenden
Küstengebirge, die ich unter dem allgemeinen Namen des Heman bezeichnen
will. Am Nachmittag begegneten uns mehrere zu Fuße wandernde Beduinen,
auch ein einzelnes Weib, welches einen Korb aus Palmenflechtwerk
auf ihrem Haupte trug. Uns war es so etwas Neues und Ungewohntes
geworden, Wanderern auf dem Wege zu begegnen, daß wir uns wieder in
bewohntem Land zu befinden glaubten; die tiefen Wasserrisse, welche die
Regenfluth in den sandigen Boden gegraben hatte, erschienen uns als
Hohlwege unsrer Straßen. Wir sahen jetzt in der Ferne ein grünendes
Thal voller Palmen. Es war das Wadi (Saib) beim Hammam Musa oder
Mosesbad, wo sich um das thurmartige Wohngebäude eines griechischen
Mönches, der die Aussicht über den Palmengarten hat, mehrere Landhäußer
der Bewohner von Tor und Hütten der Araber angebaut haben. Wir kamen
hier um 5 Uhr an. Dort sahen wir zum ersten Male die schöne Doompalme
der Thebais (+Cucifera thebaica+) mit ihren gabelartig zertheilten
Aesten. Unsre Beduinen hätten sehr gerne hier übernachtet, wo sie Alles
fanden, was sie zur Pflege ihrer Kamele bedurften, und wir hätten, wie
wir am andern Morgen einsahen, sehr wohlgethan, ihnen zu folgen. Da
wir jedoch von dem Oertlein Tor und von all den Naturgegenständen,
die wir dort finden würden, zu große Erwartungen hegten und überdieß
meinten Tor sey ganz nahe am Wadi, ließen wir die schon zum Theil von
ihrer Bürde entledigten Kamele noch einmal beladen und zogen nach
Tor hin. Auf dem Wege begegneten wir unsrem Dragoman, der mit einem
Empfehlungsbrief vorausgegangen, in Begleitung des Griechen, an welchen
jener Brief des Herrn Girgis in Suez gerichtet war. Wir kamen erst
mit Einbruch der Nacht bei Tor an; der Grieche lud uns freundlich
ein, bei ihm zu wohnen, wir aber zogen es vor in und bei unsrem Zelte
zu bleiben, das wir ganz nahe bei den Mauern des Städtleins, neben
einer Lage von Schiffsbauholz aufschlugen. Freilich gewährte hier das
Schiffsvolk eines vor Anker liegenden Arabischen Fahrzeuges gerade
nicht die erwünschteste Nachbarschaft; um so mehr da alle unsre
Beduinen nach Saib zurückgekehrt waren. Der Abend außen im Freien
war jedoch herrlich. Canopus und Sirius leuchteten hell am Himmel;
aus den Zweigen eines auf der Ebene stehenden Hamadbaumes (+Ficus
Pseudo-Sycomorus+) tönte ein Gesang, wie uns schien der Cicaden, der
dem Klange metallener Cymbeln glich. Das Meer war ruhig, wie die milde
Luft. Desto unruhiger fanden wir es aber in und bei dem Zelte; denn der
Boden wimmelte von jenen kleinen, blutdürstigen Flöhen, welche hier
wie bei Bessatin den Sand bewohnten. Kurz vor uns hatten hier einige
Schiffe mit Hadschis gelandet und das arme Volk an unsrer Lagerstätte
mehrere Tage verweilt; auch hatte eine Familie von verwilderten Hunden
bei dem Bauholz ihre Herberge. Doch die Nacht vergieng auch und der
Tag brach wieder an, so klar und heiter wie er nur diesen Ländern des
Südens sich zu nahen pflegt.
Wir blieben heute, am 25sten in Tor. Dieses sonderbare Oertlein
gleicht einer zusammengesetzten Blume aus der 19ten Linneischen
Klasse, in welcher eine große Zahl kleiner Blüthlein auf gemeinsamem
Fruchtboden eng zusammengedrängt steht und von einem gemeinsamen Kelch
umgeben ist; der Blüthe etwa einer unscheinbaren Art von Flöhkraut
(+Pulicaria+). Denn die Häuser, in allem gegen vierzig, sind in
einen Klumpen zusammengedrängt und diese Gesammtmasse schließt mit
ihren äußern Mauern so dicht an einander, daß von außen hinein nur
einige gemeinsame Eingänge sind; statt der Gassen finden sich nur
einzelne Klüfte zwischen den Hütten. Ursprünglich war Tor aus zwei
sogenannten Stadttheilen zusammengesetzt, davon der eine vormals von
Arabern bewohnte, in Trümmer verfallen ist, während die sogenannte
Christenstadt (Beled el Naisar) noch fortbesteht. So armselig aber auch
die Form und Einrichtung dieser sogenannten Häußer (Hütten) ist, so
wunderlich kostbar erscheinen ihre Mauern dem Auge des Naturforschers.
Denn wie anderwärts das verarmte Geschlecht der späteren Zeit Trümmer
von Statuen und kostbaren Bauwerken der Vorzeit in seine Mauern
eingeflickt hat, so sind in Tor die Häußer aus Madreporengehäusen
gebaut, davon manches eine Zierde unsrer Sammlungen seyn könnte. Die
Bewohner des Hüttenhaufens oder Städtleins sind griechische Christen,
deren Voreltern vor mehreren hundert Jahren hieher vor den Bedrückungen
der Türken sich flüchteten. Ihr Haupterwerb besteht in dem Verkauf von
allerhand Lebensbedürfnissen an das Schiffsvolk der hier anlandenden
Fahrzeuge und in dem Handel mit dem Erdöl, das sie an der gegenüber
liegenden Aegyptischen Küste, bei Zente sammlen: ihre tägliche Speise
reicht ihnen das Meer, an Fischen und andren Seethieren, so wie
das benachbarte El Wadi an Datteln. Denn dort finden sich mehrere
bedeutende Pflanzungen von Dattelpalmen, deren ansehnlichste den
Mönchen von St. Katharinenkloster am Sinai angehört, welche dieselbe
mitten in der Wildniß begründet haben. Einer von ihnen, ein alter,
fast achtzigjähriger Mann wohnt als Aufseher da, in einem viereckigen,
thurmartigen Gebäude, das keine eigentliche Thüre hat, sondern in
welches man auf einer Leiter, durch eine Art von hochgelegenen Fenster
hineinsteigt. So oft der Alte hinauf ist in seine kleine Burg zieht
er die Leiter hinter sich drein und ist nun da in Sicherheit. Diese
Vorsichtsmaßregel war wenigstens in frühern Zeiten eine sehr nöthige.
Damals war es kein leichtes und angenehmes Geschäft hier in Tor
Garteninspector zu seyn. Wenn der alte Mann sich das ganze Jahr mit der
Reinigung und Pflege seiner Bäume abgemüht hatte, und es kam nun die
Zeit wo diese ihre Früchte reiften, da stellten sich auf einmal ganze
Schaaren von Beduinen mit Weibern und Kindern ein, kletterten über die
Gartenmauer hinüber und an den Bäumen hinauf und beraubten diese so,
daß gewöhnlich kaum so viel von dem alljährlichen Ertrag des Gartens
übrig blieb als zum Lebensunterhalt des alten Aufsehers nöthig war. Und
auch diesen übrigen Bissen so wie das Brod das er sich buk oder aus dem
Sinaikloster zugesendet bekam, mußte der gute Alte mit seinen braunen
Raben: den Beduinen theilen. Denn diese, wenn sie zu Land oder Wasser
an El Wadi vorbei kamen, sprachen jederzeit bei dem Thürmlein zu und
schrieen da nach Brod und andrem Futter, das der Greis, wenn er nicht
in Belagerungsstand bleiben wollte, ihnen durchs Fenster an einem Seile
herablassen mußte, was nicht immer ohne Gefahr blieb, da die Gäste,
wenn ihnen die Gabe nicht zureichend dünkte, zuweilen mit Steinen
nach ihm warfen. Ganz anders hat sich jedoch die Sache gestaltet
seitdem ~Mehemed Ali~, dieß möge dankbar anerkannt werden, alle
Christen seines Landes und namentlich auch diese armen Mönche in seinen
besondren Schutz gegen die Gewaltthätigkeiten der Mohamedaner genommen
hat. Anjetzt dürfen die Raben wenigstens nicht so öffentlich und in
Masse auf Plünderung ausgehen, sondern müssen sich mit dem begnügen,
was die in der That große Gutmüthigkeit und Freigebigkeit der Mönche
ihnen freiwillig zukommen läßet. Dabei bleibt nun jetzt so viel von dem
Ertrag des Palmengartens in El Wadi übrig, daß nicht nur das Kloster
reichlich mit Datteln versorgt werden kann, sondern daß der Verkauf
dieser Früchte, so wie des aus ihnen bereiteten Racki's nach Kairo, wie
man sagt, einen jährlichen Ertrag von 4000 Dollars (Speciesthalern)
abwirft.
Indeß hatten sich denn auch, mit der Sonne zugleich, die Bewohner des
Oertleins wieder von ihrer nächtlichen Bergungsstätte aufgemacht; unser
Gönner, Herr ~Malam Nicoli~, welcher der vornehmste Bewohner
von Tor zu seyn scheint, kam zu uns heraus und fragte uns ob wir ihm
Aufträge zu geben hätten. Wir bestellten uns Fische bei ihm für den
heutigen Mittag und begaben uns dann sogleich an die Vertheilung
des heutigen Tagwerkes; Einige von uns giengen gegen Süden auf
Nachforschungen aus, Andre nach Norden, beide Theile aber hielten sich
so nahe als möglich zur Meeresküste.
Es ist, wenigstens in dieser Jahreszeit, nicht leicht, in der Umgegend
von Tor Fußwandrungen zu machen. Der Boden, namentlich an der
nördlichen Seite der Stadt, besteht meist aus einem schlammigweichem,
von Salz durchdrungenem Thon, der so zäh ist daß der Fuß bei jedem
Schritte festgehalten wird und einsinkt, doch giebt es dazwischen auch
wieder kiesigen oder sandigen Grund. Südwärts von der Stadt kommt man
zu den Ruinen eines alten Sarazenischen Kastells, welches so dicht
~am~ Meere ja während der Fluth ~in~ demselben steht, daß es,
wie L. Laborde sehr treffend bemerkt, zu einem jener Beweise dienen
kann, aus denen hervorgeht, daß das rothe Meer seit einer Reihe von
Jahrhunderten nicht an Höhe abgenommen und vom Lande sich zurückgezogen
habe, sondern daß dieser Anschein, welcher wirklich in einigen Gegenden
vorkommt, nur von der Zunahme des Sandes durch Wind und Wellen erzeugt
wurde. Mehrere Korallenriffe breiten sich, in einiger Entfernung von
der Küste, im Meere aus; die Küste selber ist reich an
Schaalengehäußen.
Interessanter noch und bedeutender als der südliche, erschien uns der
Küstenstrich der sich nordwärts von Tor, nach El Wadi und nach den
Abhängen des Heman hinzieht. Diesen Weg schlug ich in Begleitung der
Hausfrau und des Herrn Franz ein, während +Dr.+ Roth sich zu der
warmen Quelle des Mosisbades oder Hammam Musa begab. Wir giengen am
Landungsplatz der Schiffe hin und betrachteten zuerst die Ruinen des
armseligen, Arabischen Stadttheiles, dann den Hafen, welcher von Natur
ziemlich sicher und wohlgelegen ist. Der Anblick des Gesindels, das
in etlichen elenden Fahrzeugen hieher gekommen war, konnte nur Eckel
einflößen, doch hätte ich nicht an abgelegner Küste und allein unter
dieses halbnackte Volk gerathen mögen, das in früherer Zeit durch
seine Seeräubereien und Mordlust Einheimische wie Fremde in Schrecken
gesetzt hat. An der felsigen Küste lagen die Bruchstücke von mehreren
Tangarten, welche die Fluth oder zum Theil auch die Menschenhand
dahin geführt hatte[75], denn ein Pflanzensammler findet hier mehr
Gelegenheit sich mit dieser Familie der Seegewächse zu bereichern als
mit Arten der vollkommneren Landgewächse.
Wir suchten jetzt über die breite Landzunge hinweg den Abhang des Heman
zu erreichen. Hier aber fanden sich eben jene Schwierigkeiten des
Fortkommens, von denen ich vorhin sprach. Was wir von ferne für klaren,
weißen Meeressand gehalten hatten, das war salzthoniger Schlamm, in
welchem sich hin und wieder kleine Hügel erhuben, auf denen ein niedres
Tamariskengesträuch grünte oder Zygophyllen und die holzigen Stämmchen
der +Iphiona scabra+ mit den fast nadelnartigen Blättlein wuchsen.
Nur an wenig Punkten blühete die Moricandie und die Aegyptische
Farsetie, so wie der Arabische Lotus. Da wo der Boden aus minder
feuchtem, feinem Sand bestund, bemerkten wir häufig Spuren von Thieren,
welche darüber gekrochen seyn mußten, wir glaubten anfangs diese Spuren
rührten von großen Schlangen her, überzeugten uns jedoch später,
daß sie von Seekrebsen herkommen, welche mit ihrem gegliederten
Unterleibe sie dem Sande einprägen. Denn diese Thiere gehen bei Nacht
schaarenweise aus dem Wasser heraus ans Land, um sich neben der Kost,
die ihnen das Meer darreicht, auch an einzelnen Pflanzenblättern,
vorzüglich wohl an den fleischig dicken des Canarischen Immergrünes
(+Aizoon canariense+) zu erquicken, welches hier ziemlich häufig
wächst.
Endlich hatten wir doch, mit vieler Anstrengung, einen vorspringenden
Punkt der Landzunge erreicht, auf welchem wir, in ziemlicher Ausdehnung
den höhlenreichen Felsenabhang des Heman überblicken konnten.
Abgesehen von dem großen Interesse das dieser Kalkhügelzug durch
seine zahlreichen Versteinerungen für den Naturfreund hat, gewährt er
auch dem Freunde der Geschichte und Sprachen mannichfachen Stoff zu
Forschungen und Entdeckungen, denn wenn man einige Stunden weit an
seinem Abhange hingeht, da findet man zuerst, in geringer Entfernung
von El Wadi, jene zahlreichen Höhlen, welche vormals Hunderten
von griechischen Mönchen zur Wohnung dienten, bis die beständigen
Mishandlungen der Beduinen die Wehrlosen nöthigten sich in den Schutz
der Klostermauern des Sinai zurückzuziehen. Man findet hier viele
griechische Inschriften; eine ist vom Jahr 1633. Die Nachkommen der
Mörder oder Bedrücker jener Einsamen, die jetzigen Beduinen, haben kein
gutes Gewissen, wenn sie den Einsiedlerwohnungen des Hemangebirges
sich nähern; sie wagen es niemals in oder bei einer solchen Höhle zu
übernachten, weil nach ihrer Meinung feindselig abwehrende Geister
darinnen hausen.
Nur wenig jenseits der Einsiedlerhöhlen liegt die reiche
Dattelnpflanzung Abu Suwara, welche wir von unsrem Standpunkte
aus noch deutlich zu erkennen glaubten, noch weiter nordwärts
folgt jener Dschebel Mokkateb, welchen man, zum Unterschied von
dem früher erwähnten höheren Gebirge dieses Namens, den kleinern
nennen könnte. An den Felsenwänden des kleinen Mokkateb finden sich
viele jener beachtenswerthen Inschriften, deren Worte noch kein
neuerer Sprachforscher zu lesen und zu deuten wußte; diese hier
sollen mit der altphönizischen (?) Inschrift in Malta Aehnlichkeit
haben. Ganz nahe am kleinen Mokkateb findet sich der 400 Fuß hohe
amphitheatralische Dschebel Nakus oder Berg der Glocke, der aus
zusammengestürzten Sandsteinfelsen besteht, über deren Klüften Flugsand
hingebreitet liegt. Wenn man über den Sand hinansteigt, fällt dieser
in die Zwischenräume des Felsensturzes hinein und erregt durch sein
Hinabrieseln einen Ton, gleich jenem eines fernen Glockengeläutes, das
zuletzt in einem Brausen endet. Die Beduinen glauben es sey hier ein
Christenkloster verschüttet, von dessen Glocken der Ton herkäme.
Näher als das Kalk- und Sandsteingebirge des Heman, mit seinem Dschebel
Mokkateb und Nakus lag uns der Hammam Musa oder das Mosisbad im El
Wadi. Dieses ist ein ummauerter Quell von klarem Wasser, das eine
Temperatur von 27 Grad Reaumur und einen bitterlich salzigen, dabei
etwas schweflichen Geschmack hat. Die hiesigen Christen halten El Wadi
mit seinen Palmenpflanzungen für das Elim der heiligen Schrift und auch
die Bekenner des Islam bezeugen diesem Quell »in welchem Moses der
Prophet sich badete« eine ganz besondre Verehrung. Die Mekkapilgrime
pflegen auf ihrer Hin- und Herreise in dem Hammam Musa zu baden, dessen
Wasser sie vielfache Heilkräfte, namentlich gegen Hautkrankheiten
zuschreiben. Schon dieser Gebrauch möchte uns Europäern die Neigung
benehmen den Quell zu kosten, der übrigens auch von den Eingebornen
nur zum Wässern der Gärten und zum Tränken der Kamele benutzt wird,
während die Einwohner der Gegend so wie die Mannschaft der hier
anlandenden Schiffe ihr Trinkwasser aus einigen Brunnen schöpfen,
welche näher gegen Tor hinliegen. Der Naturforscher findet in dem
warmen Wasser des Mosisbades ein kleines Fischlein von seltener Art:
den +Lebias dispar+; zugleich wachsen da Arten der Armleuchterpflanze
(+Chara fragilis+ und +tomentosa+); außenher das binsenartige Cypergras
(+Cyperus junciformis+) und die Seeuferbinse (+Juncus maritimus+). In
der Zeit des Regens und des Aufthauens des Gebirgsschnees fließt durch
El Wadi ein starker Gießbach, der zuweilen so anschwillt, daß er den
Pflanzungen schadet.
Als wir gegen Mittag wieder nach Tor und zu unserm Zelt zurückkehrten,
hatte sich da ein Handelsgeschäft mit den Bewohnern des Oertleins
eröffnet, das uns sehr zur Unterhaltung diente. Kinder und auch
Erwachsne brachten allerhand Gehäuse von Seethieren zum Verkauf,
unter andrem die einem versteinerten Blätterschwamm gleichende, weiße
+Fungia agariciformis+, die auf den hiesigen Corallenriffen häufig
vorkömmt, wo sie, die zackig eingekerbten steinernen Blätter (welche
beim Schwamm an der untern Seite stehen) nach oben gekehrt, aufliegt.
Mit dieser Blätterschwammcoralle zugleich brachte man uns Pavonien,
Agaricien und Anthophyllen, nicht immer in brauchbarem Zustande, dabei
manche schöne Seeschnecke und Muschel. Die Fische, welche Herr Malam
Nicoli uns besorgt hatte, waren ganz unglaublich wohlfeil (das Pfund
der beßten etwa drei Kreuzer) und dabei ganz vortrefflich[76]. Einem
der schönsten und größesten (es war die +Perca miniata Forsk.+),
wollte +Dr.+ ~Erdl~ die letzte Ehre anthun, die man den alten
Aegyptischen Pharaonen erzeigte; er wollte wenigstens seine buntfarbige
Haut und schöne Form vor dem schnellen Vergehen bewahren, indem er sie
zum Ausstopfen zugerichtet für die Grabeshallen unsrer academischen
Sammlung zubereitete, aber der Fleiß war verloren, denn in der darauf
folgenden Nacht kam unser Nachbar: einer der verwilderten Hunde, die
neben uns im Bauholz schliefen, und holte sich die hoch am Zelte
hängende, so mühsam präparirte Haut, ohne sich durch das Nachschreien
der erwachten jungen Freunde aufhalten zu lassen. Dafür fiel uns am
Nachmittag noch eine Krähe in die Hände, welche, der unsrigen sehr
ähnlich, sich dennoch durch ihre Stimme und ihren Flug als Fremdling
verrieth und dabei der Flinte des +Dr.+ Erdl zu nahe kam.
Ueberhaupt war die Ausbeute dieses Tages für unsre Sammlung ziemlich
bedeutend gewesen, und auch ohne dieses beschloßen wir die zweite Woche
unsres Lebens in der Wüste in ganz besonders fröhlicher Stimmung; ich
glaube nicht daß die Bewohner von Tor jemals sonst so viele Lieder
des deutschen Volkes vernommen haben, als wir diesen Abend hier am
Meere sangen. Und es war gut daß wir so wohlgemuth und etwas später als
gewöhnlich zu unserm Nachtlager kamen, denn hier begann alsbald wieder
die Plage der vorhergehenden Nacht; das lästige Jucken und Zucken aller
Glieder, das die kleinen, im Sande wohnenden Insekten hervorriefen. Es
war ein Nachhall von Mirjams, der Aussätzigen Qual, und gerne hätte
man, gleich den Mekkapilgrimen die schmerzende Haut in das Mosisbad
getaucht, wenn dieses näher gewesen wäre.
Am Sonntag den 26sten Februar waren zwar wir schon vor Tagesgrauen
munter und froh darüber, daß die Nacht zu Ende sey, aber unser frühes
Aufstehen half uns wenig oder nichts zum zeitigen Fortkommen, denn
die Beduinen mit ihren Kamelen waren noch in El Wadi; bis diese
kamen und uns sammt unsern Sachen aufluden wurde es fast acht Uhr.
Wir hatten uns indeß bei dem freundlichen Herrn Nicoli verabschiedet
und dem Arabischen Schiffsvolk zugesehen, welches auch Anstalt zu
seiner Abreise machte. Der Weg führte uns zuerst wieder zurück nach
El Wadi, von wo wir hergekommen waren, hier sammelten wir noch einige
Früchte von der Doompalme, erbeuteten ein schönes Wüsten-Laufhuhn
(+Pterocles+) und zogen dann längs dem Bette des Gießbaches, der
sich in der Regenzeit durch El Wadi ergießt, hinanwärts gegen das
östliche Gebirge, welches die südliche Wandung des Serbal bildet.
Unsre Beduinen hatten uns gesagt, daß wir heute noch vor dem Gebirge
unser Nachtlager aufschlagen würden. Dieß war uns unbegreiflich, denn
das Gebirge schien so nahe, daß wir es in wenig Stunden zu erreichen
hofften.
Es war ein herrlicher Sonntagsmorgen; das Thal Hebron lag vor uns wie
die geöffnete Thüre eines Tempels, dessen Giebel und Thürme zur Linken
in dem Granitgebirge des Serbal, zur Rechten in dem das Om Schomar
emporstiegen; wenn in diesen Tempel auch nicht sichtbare Schaaren
der Anbetenden, zur Feier des Sabbaths hineinströmten, so war es
doch der Seele als wenn sie hier in dieser hehren Stille das Bewegen
jener unsichtbaren Chöre vernähme, welche dort im innren Heiligthume
des Felsentempels Zeugen waren jener Stunden, da dem Geschlecht des
Menschen das Gesetz gegeben wurde, das auf Christum hindeutet. So öde
und still auch diese Ebene war, durfte dennoch hier die Seele der
Pilgrime den Sinn jener Worte erfahren: ich will sie in die Wüste
führen und freundlich mit ihr reden, denn freundlich wie ernst tönten
im Innren des Herzens so wie auf den Lippen die Worte und Weise des
Liedes: »Mache dich mein Geist bereit.«
Während der Nachmittagsstunden wurde die Hitze sehr groß und drückend;
außer einigen Fagonien und Heliotropien (+Hel. arbainense+) hatte
das Auge keinen nahen Gegenstand der es am Boden hätte festhalten
können; desto freier und ungestörter konnte es sich dem Anblick des
Gebirges hingeben. Der Serbal erscheint hier in seltner Schönheit;
die Wände seiner Schluchten und bastionenartigen Vorsprünge sind fast
senkrecht abgeschnitten; wie Gallerieen treten an manchen Punkten
Felsenabsätze hervor, deren einer uns von Ferne die Gestalt einer
Kunststraße vorspiegelte, welche die Menschenhand mühsam ins Gestein
gesprengt hat. Es war kaum vier Uhr des Nachmittages als wir die äußre
Mündung des Hebronthales erreichten. Mächtige Blöcke und Felsen des
Sinaitischen Urgebirges lagen hier wie Trümmer einer Tempelpforte
herumgestreut, durch welche das Bette des Gießbaches und der Weg zu
seiner Seite sich hinwand. Grüne, vesuvianartige Gesteine wechselten
mit den röthlichen des Feldspathes. Wir schlugen unser Zelt in der
Wildniß des Felsensturzes auf, umschirmt, zunächst durch mauernartige
Steinblöcke; nach allen Seiten lockten uns die Klüfte des Gebirges
unter ihr schattiges Obdach hinein. Leider drangen wir nicht bis zu
jenen Felsenwänden des Serbal vor, deren Inschriften mehrere neuere
Reisende sahen und zum Theil copirten; unser Scheikh wußte uns nicht zu
sagen in welcher Gegend sie zu suchen seyen und erinnerte nur daran,
daß es zu weiten Wanderungen zu spät sey; in einer der benachbarten
Schluchten grünten und blüheten die hieländischen Arten des Schnecken-
und Trigonellenklees, nebst der strauchartigen Moricandia (+Brassica
suffruticosa+) in solcher Fülle, daß ich meinem treuen Kamel ganze
Bündel davon zum Nachtisch seiner Abendmahlzeit mitbrachte. Nach
Sonnenuntergang stieg das Zodiakallicht so hellstrahlend am Himmel
herauf, wie ich es bis dahin noch nie gesehen hatte. Unser heutiger
Weg hatte sich von Tor aus fortwährend in nordöstlicher Richtung immer
hinan gezogen; das Nachtlager war 747 Fuß höher als der Spiegel des
rothen Meeres, bei dem wir noch heute am Morgen verweilten.
Montags, den 27sten Februar, bald nach Sonnenaufgang zogen wir,
meist zu Fuße, neben den Kamelen hergehend in das enge, erhaben
schöne Felsenthal Hebron hinein; die Wände bestehen vorherrschend aus
Sienit, welchen mächtige Gänge von Hornblendenschiefer, Grünstein
und basaltischen Felsarten durchsetzen. Nach kaum einer halben
Stunde Weges kamen wir zu dem Punkte, wo das weiter aufwärts im
Thale noch fließende Bächlein im Sande versiegt. Der Anblick eines
solchen reinen, frischen, fließenden Wassers, an dessen Seite der
Weg auf eine bedeutende Strecke sich hinzog, war unserm Auge zur
großen Erquickung; bald gesellte sich auch zum Anblick des Wassers
jener der grünen Gebüsche von Mannatamarisken[77], zwischen denen
hochstämmige Dattelpalmen hervorragten und die strauchartige
Seidenpflanze (+Asclepias fruticosa+, von den Arabern Argel
genannt) ihre lieblichen von Felsenbienen umsummten Blüthen
entfaltete. Weiterhin zeigten sich die Blätter der gezähnelten Sida
(+Sida denticulata+), und das wachholder-blättrige Daffarakraut
(+Chrysocoma+ oder +Iphiona mucronata+). Vor uns und neben
uns erhuben sich die Gebirgswände zu den groteskesten Formen. Unser
Weg hatte nach einigen Stunden das gute Bächlein verlassen[78],
dessen Heimath und Ursprung in einem rechts gelegnen Seitenthal ist,
in welchem man zu den verlassenen Gemäuern und Dattelnpflanzungen
des Klosters ~Deir Antus~ gelangen würde. Wir zogen durch ein
wasserloses, etwas breiteres Thal, in welches die brennend heißen
Sonnenstrahlen ungehemmt hereinfielen; vor uns ein hoher, sehr steil
ansteigender Berg (der Fera Soweyd?), der uns in der ohngefähren
Richtung des St. Katharinenklosters (nach Osten) lag. Wir aber
wendeten uns nördlich in ein Seitenthal, in welchem, am vertrockneten
Bette eines Gießbaches viele Gesträuche von Tamarisken und einsaamigem
Ginster (+Spartium monospermum+) wuchsen. Und gerade jetzt in
der Mittagszeit, in welcher die Sonne am heißesten auf die kahlen
Felswände aufbrannte, kam der beschwerlichste Theil der Tagreise; der
Weg zog sich so steil den Berg hinan und war so schwierig, daß unsre
ganze Reisegesellschaft zu Fuße gehen mußte, und daß eines der beladnen
Kamele mit seinem etwas breiten Gepäck auf dem schmalen Stege zwischen
zwei Felsenblöcken uns stecken blieb. Es mußte zum Theil abgeladen
werden, was einigen Aufenthalt verursachte. Wir hatten hier wieder
Kalk. Von den einzelnen Höhenpunkten aus, welche der Weg bald auf-
bald niedersteigend berührte, war die Aussicht in die kahlen Thäler
und auf die busch- und waldlosen Berge sehr eigenthümlich, nicht aber
gerade zum Verweilen einladend. Wir hatten diesen Felsensteig gegen
vier Stunden lang verfolgt, als wir gegen Abend in die Nachbarschaft
einer kleinen, auf der Höhe gelegenen Quelle kamen und bald hernach
in das an Weideland reiche Thal Slaf hinabstiegen, wo wir für diese
Nacht unsre Pilgerhütte aufschlugen. In der Nähe unsers Lagerplatzes,
gegen Nordost, zeigte sich uns ein Beduinendorf mit seinen dunklen
Hüttenzelten, nach Nordwest fanden sich die Trümmer einiger kleinen,
nur aus übereinandergelegten Steinen gebauten Mauern. Wahrscheinlich
hatten hier solche Beduinen-Schatzhäuslein (Macksen) gestanden, in
denen dieses Volk, während es mit den Kamel- und Ziegenheerden aus
einem Thale ins andre zieht, seine besten Sachen verwahrt, ohne
Gefahr zu laufen, daß einer ihres Volkes die gar leicht, mit einem
einzigen Stoße zu öffnende Thüre aufbreche und die Hütte beraube, was
vielleicht eben so sehr der Furcht des einen Beduinen vor der Rache
des andren und vor der unvermeidliche Todesstrafe, als der Ehrlichkeit
dieses Volkes zuzuschreiben ist. Der Boden auf welchem wir hier im
Thale Slaf giengen und ruheten, duftete lieblich von der Menge der
aromatischen Kräuter welche ihn bedeckten, unter andrem wuchs da der
kreuzdornige Thymian (+Thymus decussatus+). Unsre Beduinen waren
hier bei ihren Nachbarn und Freunden, unter denen sie sich wohl seyn
ließen. Die Höhe unsres Nachtlagers über dem Meere ergab sich aus dem
Stand des Barometers zu 2709 Par. Fuß.
Einer jener wilden Hunde, die in Tor unsre Nachbarn waren, hatte
unsre Gesellschaft so lieb gewonnen, daß er uns am Tage immer in
einiger Entfernung gefolgt, bei Nacht aber zu dem Zelt gekommen war
um Küchenvisitation zu halten. Er stahl uns in der vergangenen Nacht
das Fleisch, das wir, zur besondern Erquickung, für den heutigen Tag
gekauft hatten und es war nur zu bedauern, daß, auf Mahomeds Gerede
hin, der neben dem anscheinend sehr gut verwahrten Korbe schlief, ein
Verdacht auf unsre unschuldigen Beduinen fiel. Während dieser Verlust
wie gar keiner erschien, hatte ich bei dem Thale Slaf einen andern,
ungleich empfindlicheren erlitten; mir war eine Durchzeichnung der
großen Labordschen Karte der Sinaitischen Halbinsel (eine Mitgabe
meines Freundes v. Raumer), wozu in Kairo noch mehrere Zeichnungen nach
englischen Landcharten gekommen waren aus dem Gepäck meines Kameles
verloren gegangen, weil ich diese Charte immer auf dem Wege studirt und
daher nicht tief genug verwahrt hatte. Den Beduinen der Umgegend wurde
eine Belohnung versprochen, wenn sie die Papiere fänden und mir ins
Sinaikloster nachbrächten, ich erhielt sie aber niemals wieder.
Heute, am 28sten Februar reisten wir von 7 Uhr an zuerst weiter
im Thale Slaf, dessen Sienit überaus häufig von schwarzen Gängen
durchzogen ist, deren Masse aus Hornblendegestein, Grünstein, Basalt so
wie Porphyrschiefer besteht, und welche vorherrschend von Nordost nach
Südwest streichen. Man kann diese Gänge oft stundenweit mit dem Auge
auf das nackte Gebirge hinan und über seine Höhen hinüber verfolgen.
Zur Rechten öffneten sich einige Seitenthäler, in deren einem, nach
der Aussage unsrer Beduinen, eine reiche Quelle ist. Wir erblickten
jetzt in dieser Richtung gegen Süden den hohen Berg, der gestern in
Osten vor uns lag; es war der St. Katharinenberg oder einer seiner
nördlichen Nachbarn. Unsre Beduinen nannten ihn Madein. Nach zehn
Uhr gelangten wir zur Mündung des Garbathales. Von hier begann ein
äußerst beschwerliches Ansteigen auf die Granitklippen des Radoaberges,
welcher die südliche, minder steile Wand des Garbathales bildet, dessen
schmale, mit heruntergestürzten Felsenmassen überschüttete Sohle zur
Linken tief unter uns lag. Wir giengen zu Fuß; der Weg windet sich
zwischen den herabgerollten Felsenmassen wunderlich hinauf; es sieht
aus als sey da schon einmal ein Vorspiel vom jüngsten Gericht gehalten
worden; ich hatte in meinem Leben noch keine so schauerliche und
zugleich erhaben schöne Wildniß gesehen. Auf unsrem Wege bemerkten
wir öfters eine Art von Steinpflaster, so wie eingehauene Stufen und
eine Nachhülfe der Menschenhand zur Erweiterung des Passes durch die
Felsenstücke, welche wie kleine Berge auf dem Abhange des großen
herumliegen. Es ist auch dieses ein Erinnerungszeichen an jenen
Fleiß der Mönche, welche in frühern Jahrhunderten zu Tausenden die
Sinaitische Halbinsel bewohnten, und welche mitten in der Einöde des
Gebirges zahlreiche Klöster und Pflanzungen angelegt hatten. Das Thal
Garba war eine der nächsten Communikationsstraßen zum Hauptsitz des
Sinaiklosters und ist noch jetzt der gewöhnlichste Weg der Kamele von
Tor her.
Auf und neben unserm Felsensteige trafen wir mehrere kleine Quellen,
an denen die filzblättrige Salbei (+Salvia tomentosa+) wuchs.
Das Wasser erquickte, aber es stillte nicht das fieberhafte Weh von
welchem ich schon am gestrigen Nachmittag eine Anwandlung empfunden
und das mich heute in ziemlicher Heftigkeit überfallen hatte. Dazu
hatte ich, aus Mangel an Eßlust heute außer einem Becher Kaffee nichts
genossen. Die ermatteten Kniee konnten den schwerfälligen Leib nur mit
Mühe weiter tragen, ich war, nur von der treuen Hausfrau begleitet,
weit hinter der andern Reisegesellschaft zurückgeblieben, eine zeitlang
nichts fühlend als den armseligen Schmerz und die vergebliche Sorge,
daß ich hier in der weiten Ferne erkranken würde. Da siehe, nach einer
kleinen Hinabsenkung der Anhöhe und einem abermaligen Hinansteigen
auf die breite Hochebene lag schon gegen 3 Uhr des Nachmittags das
Bostanthal mit dem Berge Gottes Horeb, und im Schatten seiner sieben
Gipfel das Thal mit dem Katharinenkloster vor uns. Die Freunde hatten
hier auf uns gewartet; wir ruheten einige Augenblicke stillstehend,
an dem hehren Anblick. In den Gärten Bostan und Rabah blüheten neben
den hohen Cypressen die Bäume, zwischen den Felsenstücken weidete eine
Heerde der Ziegen. Das Weh war vergessen, wenn auch die Ermattung noch
fortdauerte.
Unser Dragoman, Herr Mühlenhof, war vorausgeritten und hatte unsre
Ankunft im Kloster gemeldet, wo man uns übrigens schon seit gestern
erwartet hatte, weil die Väter des Sinai in Kairo von uns und unserem
nahe bevorstehenden Besuch geschrieben hatten. Der Prior, ein
freundlicher Greis, war uns entgegengegangen und bewillkommte uns schon
außen vor der Mauer des Gartens, über welche wir ältere Leute, in der
Gesellschaft des guten Greises auf einer Leiter hinüberstiegen, während
unsre jüngeren Gefährten, auf die hier gewöhnliche Weise, an einem
Seile hinangezogen wurden zu dem hochgelegnen, fensterartigen Eingange
des festungsartigen Gebäudes.
Aufenthalt am Sinai.
Beim Eintritt in den Garten, auf dessen Boden an der innren Seite der
Mauer, von dem kleinen Häußchen des Gartenwächters Stufen hinabführen,
wandelte mich ein Gefühl an, desgleichen ich niemals sonst in meinem
Leben empfunden hatte. Ich möchte dasselbe mit einem Vorschmack jener
Wonne vergleichen, welche einst solche Seelen erwartet, die aus des
Lebens Angst und Mühe, die aus dem schmerzensvollen Kampfe der letzten,
siebenten Trübsal auf einmal eintreten dürfen in den seligen Frieden
des Paradieses. Der Frühling ergoß so eben über dieses hochgelegene
Thal die ganze Fülle seiner Kräfte. Die Pfirsichbäume und Mandeln
hatten den Boden mit den schon abfallenden Blättern ihrer Blüthen
bedeckt und jeder Windhauch schüttelte einen neuen Blüthenregen
aus ihren Zweigen herab, während die Aprikosenbäume noch mit dem
jugendlichen Roth fest umgürtet stunden, die Blüthen der Kirschen so
eben sich öffneten, die Birnen aber und Aepfel noch schlummernd in
der Wiege der großen, weißen Knospen lagen. Dazwischen erhuben die
Cypressen ihre dunkelgrünen Wipfel und im untren Theile des Gartens
duftete der kleine Wald der Orangenbäume und ein erfrischender Hauch
stieg herauf aus den reichlich mit Wasser gefüllten Cisternen.
Ausruhend saßen wir einige Zeit in diesem kleinen, friedlich stillen
Paradiese, dann brachte uns der gute, alte Prior durch den langen, mit
eisernen Thoren und Fallthüren wohlverwahrten, unterirdischen Gang,
der treppab und treppauf aus dem Garten zuerst in einen äußren, von
den hohen Ringmauern umschlossenen Vorhof, dann durch ein mächtig
befestigtes Thor zu einem der innren Höfe führt, hinein ins Kloster.
Hier fanden wir eine Reihe von reinlichen kleinen Zimmern, Dank
den Briefen aus Kairo, die uns angekündigt hatten, schon zu unsrer
Aufnahme bereit und mit allem versehen was zur Bequemlichkeit eines
aus der Wüste kommenden Reisenden dient. Wie wohl thaten dem Körper
hier die lang entbehrten Segnungen -- ja wahrlich das sind sie -- der
Reinlichkeit.
Ich brauche wohl nicht zu sagen was hier im Kloster, da ich jetzt aus
dem Zimmer wieder hervortrat, mein erster Gang, meine erste Bitte an
den alten Prior war. Der durch den Geist der Liebe, die in ihm waltet,
wahrhaft ehrwürdige Greis führte mich hinab zur Hauptkirche, zu jener
Stätte da Moses, so spricht die Sage, welche das Andenken weckt an
Thaten die in dieser Gebirgsgegend geschahen, den Busch in einem Feuer
flammen sahe, das nicht zerstört noch verzehrt. Es war ja dasselbe
Feuer, das nachmals in der Gestalt der schirmenden Säule und Wolke
wie ein Adler seine Jungen die Heere Israëls führte und über sie
seine Fittiche breitete; dasselbe, das über die Verschmachtenden die
Ströme des Manna herniederregnete; dasselbe Feuer der Liebe, das bei
Gethsemanes Grotte, sowie auf Golgathas Felsen als Blut der Versöhnung
sich ergoß. Da wir uns der Stätte naheten zog der Greis seine Schuhe
aus, und es hätte seines bittend an mich gerichteten Blickes nicht
bedurft, denn ich hatte schon von selber der Worte gedacht, die Der im
flammenden Busch zu Mose sprach: »ziehe deine Schuhe aus von deinen
Füßen, denn der Ort darauf du stehest ist ein heiliges Land.« Wie kurz
oder wie lange ich hier knieend im Halbdunkel der Kapelle verweilte;
ich weiß das nicht. Es war ja ein Ausruhen, auch der Seele, die
vom Wandern in der Wüste seit Jahren so oft und viel müde und matt
geworden; und es giebt Thränen unter dem Monde, die nicht von innrem
Leid, sondern von Freuden des Himmels reden.
Das Alte, das Gefühl des Schmerzens und der Mattigkeit des
schwerfälligen Leibes war vergangen; siehe es war Alles neu worden;
wir stiegen jetzt, geführt von unsrem guten Prior noch hinan zu den
Zinnen und Thürmlein des ganz zur Festung eingerichteten Klosters. Da
stehen sogar einige kleine Kanonen und Alles was man sieht erinnert
an die Bedrängnisse und an die feindseligen Angriffe der Beduinen,
denen die armen Mönche bis Mehemed Alis Macht Einhalt that, ohne
Aufhören ausgesetzt waren. Stiegen doch diese Raben, wenn die Zeit
des Reifens der Früchte kam, selbst noch zu Burkhardts Zeiten in den
Garten und raubten Alles, außer dem Gemüse, so daß die armen Mönche,
wenn sie einige Früchte ihres Fleißes genießen wollten, sie von den
Räubern wieder erkaufen oder andre der Art von Kairo kommen lassen
mußten. Deshalb war die vorsichtige und wohlbefestigte Anlage des
unterirdischen Ganges, der aus dem Garten in das Kloster führte, gar
nöthig, und als Burkhardt hier war kamen außer den Laienbrüdern, die
den Garten bebauten, nur selten andre Mönche in diesen hinaus. Mußten
doch auch außer jenen Räubereien die armen Einsamen fast täglich von
ihrem bescheidnen Theil der Nahrungsmittel etwas an ihre Dränger
abgeben; denn alle vorüberziehende Beduinen begehrten mit Ungestüm
wenigstens Brod, wenn ihnen auch nicht immer große Schüsseln mit
gekochten Speisen gereicht wurden. Und die Raben, je weniger die
menschliche Nachgiebigkeit sie von hinnen scheuchte, wurden immer
zudringlicher, so daß man doch zuweilen einen Schreckschuß aus den
alten Kanonen oder verrosteten Büchsen unter ihre Schaaren loslassen
mußte.
Heute Abend genoßen wir freilich ein Fürstenmahl. Schon am Nachmittag
hatte der Prior uns ein Geschenk von Granatäpfeln gebracht, die uns
sehr gelabt hatten. Jetzt aber wurde das Fleisch einer wilden Ziege,
die man bereits gestern für uns geschossen hatte, von Abd-er-Wacheds
(des Knechtes des Herrn v. Krohn) Meisterhand gesotten und gebraten,
mit einer Sauçe von gekochten Mischmisch[79] für uns aufgetragen; dazu
ein süßer Wein, welchen die Mönche in ihrem Garten gebaut und selbst
gekeltert hatten. Der gute Prior durfte zwar, nach der Strenge seines
Ordens kein Fleisch genießen, aber er saß doch bei uns und erfreute uns
durch seine freundlichen Mienen und Worte. Auch die Ruhe der Nacht,
auf breiten Teppichen, that unbeschreiblich wohl; der erste März war
schon mehr als zum vierten Theil vorüber, da wir seine liebe, klare
Frühlingssonne begrüßten, welche, als wir zum Zimmer hinaustraten, ganz
hell auf den offnen Gang schien. Der Horeb, den ich so oft durch fremde
Augen mit innigster Theilnahme betrachtet hatte, der Weg der Felsen der
hinan zum Sinai führt, der Menegada Musa: jener Hügel auf welchem Moses
die Schafe hüthete, lagen vor mir, von der Morgensonne bestrahlt, ich
sahe sie nun selber, mit meinen eignen leiblichen Augen; mir war es als
sey ich in einer neuen Welt erwacht.
Der alte Prior saß schon da auf dem Gange, bei dem Ikonomos oder
Haushalter des Klosters, einem rüstigen, heitren Manne, in einem der
hölzernen, zierlich geschnitzten Lehnstühle und wärmte sich an der
Morgensonne. Er begrüßte uns freundlich und nahm mit uns, denn es war
heute kein Fasttag, und die lange, strenge Fastenzeit der Griechen
hatte noch nicht begonnen, das Frühstück des Milchkaffees. Heute
hielten wir Rasttag, den wir zu einer innern wie äußren Vorbereitung
auf das Besteigen des Berges benutzten. Mit welch andrer gewaltigen
Empfindung liest man doch hier, im Anblick des Horeb, die Bücher Mosis,
als daheim im Zimmer. Und doch ist es nicht die Stärke solcher äußerer
Empfindung, welche dem Worte sein wahres Leben giebt, sondern eine
andre Kraft, die in dem Worte selber liegt, und welche auch ohne die
Sturmesgewalt der Gefühle dieselbe bleibt. Am späteren Nachmittag stieg
ich nur vom Maler Bernatz begleitet, hinaus über die Gartenmauer; ich
hatte gar so großes Verlangen den eigentlichen Sinaigipfel zu sehen,
der im Thale des Katharinenklosters durch den Horeb verdeckt wird.
Es gesellten sich sogleich einige Beduinenknaben der Dschebalye zu
uns und zeigten uns auf unserm Wege durch das Bostanthal verschiedne
Merkwürdigkeiten von denen ich später sprechen werde. Wir giengen bis
zum Eingang des Thales Erbain, ohne unsre Absicht zu erreichen, denn
auch hier ist der Sinaigipfel noch hinter den niedrigeren Felsenzacken
verborgen. Mit einbrechender Dämmerung kehrten wir wieder in das
Kloster zurück.
Am 2ten März, bald nach Sonnenaufgang, machten wir uns auf zum
Besteigen des Sinai. Der ehrwürdige Prior hatte es sich nicht nehmen
lassen; er wollte uns selber auf dem Wege geleiten. Der Greis, mit
seinem Wanderstabe gieng voran; eine Schaar der Beduinen, welche die
Vorräthe des frischen Brodes, der Datteln und eingesalznen Fische, so
wie eine Flasche mit Racki trug, folgte uns nach. Nahe beim Kloster,
in einer Bergschlucht an der nordöstlichen Seite des Horeb, steigt man
auf jenen, zum Theil verfallenen Stufen empor, welche schon die fromme
Kaiserin Helena oder doch Kaiser Justinian zur Bequemlichkeit der
Pilgrime anlegen und einhauen ließen. Zu beiden Seiten erschienen die
zum Theil prunklosen, meist aber gewürzhaften Gewächse des Arabischen
Felsenlandes; doch das Auge hatte jetzt keine Zeit sie zu sehen. Bei
der Quelle des heiligen Sangarius, in der Grotte, am klaren, frischen
Wasser ruheten wir aus, denn wir waren vom Kloster aus hieher schon 920
Fuß, mithin zweimal so hoch gestiegen, als die größeste der Pyramiden
zu Ghizeh oder als der Münsterthurm in Straßburg emporragt. Diese
Quelle, so erzählt die fromme Sage des Klosters, ward zur Erquickung
seiner Bewohner, deren Bedürfniß das Wasser der Cisternen einst in
dürrer Zeit nur spärlich befriedigte, durch das Gebet des frommen
Abtes Sangarius eröffnet und gefunden; und welche Quelle der Erquickung
und des Trostes sollte sich nicht schon, auch da, wo Alles dürrer Fels
schien, dem Gebet eröffnet haben.
Die Schlucht verengert sich nun, das Ansteigen auf den oft ganz
ausgebrochenen Stufen und Felsblöcken wird mühsamer; eine Art
von Portal steht noch als Ruine da. Endlich gelangt man zu einer
Gebirgsplatte, auf welcher, im Schatten der Cypresse, ein gemauerter
Brunnen stehet, und hier ist man auf der Höhe des im engeren
Sinne[80] sogenannten Horeb, von welchem der Sinai eigentlich nur der
südöstliche, höher ansteigende Gipfel ist. Dort in der Felsenhöhle
war die Stätte dahin Elias der Thisbite zu dem Angesicht Gottes sich
rettete, als Ahab und sein abgöttisches Weib Jesabel mit blutdürstigem
Zorne ihm nach dem Leben stunden[81]. Hier war es, wo das Wort des
Herrn ihn heraustreten hieß auf den Berg, und wo an ihm vorübergieng
der Bote des Sturmes der die Felsen zerriß und die Berge zerbrach; nach
diesem der Bote des Erdbebens, dann der des Feuers, zuletzt aber Er
selber, der Herr, ihm nahete, in einem stillen sanften Sausen. Siehe da
verhüllte der Thisbite, der den Boten des Sturmes, des Erdbebens und
des Feuers kühn ins Angesicht gesehen, sein Haupt, und eine Stimme kam
zu ihm und sprach: was hast du hier zu thun Elia? -- und Elias sprach
aus, was er selber, in den Stunden seines Eifers um den Herrn, an
Carmels Quell, in der Kraft jener Boten gethan, die der Herr vor sich
hersendet. Die Stimme aber redete in der Weise des sanften, stillen
Säuselns; denn neben dem Worte der Drohung, das zu seinen Boten den
Elisa und Jehu und Hasaël erwählte, sprach sie von Gnade und Erbarmung
über jene sieben Tausende, die ihre Kniee nicht gebeugt hatten vor
Baals Götzen.
Wir ruheten ziemlich lange am Brunnen des Elias, unter der hohen
Zypresse, und besahen dann das meist verfallene Kirchlein der
Eliasgrotte, so wie die Trümmer eines kleinen Klosters, welches auch
hieher die Andacht der Mönche erbaut hatte. Die Höhe des Horeb bei dem
Eliasbrunnen misset 6126 Fuß über dem Meere; 1400 Fuß über dem Thal des
Klosters.
Am Saume der Gebirgsplatte der Horebhöhe steiget, wie schon erwähnt,
der eigentliche Sinai an, dessen Gipfel noch 900 Fuß höher raget als
die Gegend der Eliasgrotte. Das Ansteigen geschieht abermals auf
Stufen, welche etwas besser erhalten sind denn die am Horeb. Ohngefähr
an der Mitte des Berges wurden wir von dem Prior heraus auf eine
Felsenplatte geführt, von welcher sich die Aussicht in ein breites Thal
(Sebaye) öffnet. Bei dieser Stelle erinnerte unser ehrwürdiger Führer
an Israëls Kampf gegen Amaleks Heer[82]; an jenen Sieg, welcher nicht
durch die Macht von Bogen und Schwert, sondern durch die Kraft des
Gebetes errungen ward, welches Moses, mit emporgehobenen Händen rief.
Denn hier an dieser Stätte erbaute sich der Geist der christlichen
Andacht jenen Altar, den Moses nannte »der Herr mein Panier[83].«
Die höher gestiegene Sonne beleuchtete jetzt des Horeb und Sinai's
majestätischen Gipfel im vollem Glanze; ich erhub mein Auge und mich
ergriff ein Mitgefühl mit jener Furcht, welche Israëls Volk bis auf
unsre Tage davon abhält den Sinai zu besteigen. Denn, wie uns dieß in
Jerusalem versichert wurde, kein strenggläubiger Jude wagt noch jetzt
»auf den Berg zu steigen, noch sein Ende anzurühren[84],« so tief hat
sich dem unter dem Gesetz stehenden Volke das Andenken jener Stunden
eingeprägt, da sich, in der Frühe des Morgens »ein Donnern und Blitzen
erhub, und eine dicke Wolke auf dem Berge und der Ton einer sehr
starken Posaune[85].« Jene Stunden, da »der ganze Berg rauchte und sehr
erbebte, weil der Herr auf ihn herabfuhr mit Feuer.« Aber, was die
~Furcht~, die aus dem Gesetz kommt, nicht vermag, das darf die
~Ehrfurcht~ wagen, welche aus der Gnade geboren ward, die durch
Ihn, den Erfüller des Gesetzes kam. Siehe, da stehen wir schon bei
der heiligen Kluft, bei welcher Moses stund, der Mann »den der Herr
mit Namen kannte,« als er begehrt hatte die Herrlichkeit des Herrn zu
sehen, und als Gott an ihm die Verheißung erfüllte, daß Er vor seinem
Angesicht hergehen lassen wollte alle Seine Güte[86]. Hier ist der Ort
von welchem Gott sprach: »Siehe es ist ein Raum bei mir, da sollst du
auf dem Felsen stehen; der Ort da der Herr sich nahete dem sterblichen
Menschen, wie ein Mann seinem Freunde nahet, und ihm verkündete in
göttlicher Rede jenes Geheimniß Seines Namens, das Moses in seiner
Menschenrede durch die Worte aussprach: Herr, Herr Gott, barmherzig und
gnädig, geduldig und von großer Gnade und Treue.
Der Gipfel des Berges, der ganz nahe bei der Kluft des Moses ist, war
jetzt erstiegen; ~der Gipfel des Berges~, welcher der größeren
Hälfte der Völker der Erde ein heiliger Ort ist[87]. Denn er ist
heilig dem Volke Israël, welches nur aus ehrfurchtsvoller Ferne
ihn betrachtet, heilig den Mohamedanern, welche hier, der alten,
christlichen Kapelle gegenüber eine kleine Moschee errichtet haben;
heilig den Christen, denen ihr Glaube lehret, daß kein Titel, kein Jota
dieser, prophetisch das Fernkünftige andeutenden Worte des Gesetzes,
auf Sinai's Höhe gegeben, verloren gehen solle, bis daß sie einst alle
in Erfüllung giengen.
Ich habe stark aussehende Menschen gekannt, auf welche der erstmalige
Anblick des Meeres einen solch erschütternden Eindruck machte, daß
sie fast ohnmächtig wurden. Ohnmächtig zwar wurde Keiner von uns;
mächtig erschüttert aber wurden wir Alle durch die Aussicht vom Berge,
deren schon an sich selber große Macht durch das Andenken an das, was
einst hier geschehen, noch vielfach erhöht wird. Der Gipfel des Sinai
raget mehr denn siebentausend Fuß hoch über das Meer, er beherrschet
mithin, wie sich berechnen läßt, eine Aussicht über das niedre,
ebene Land und die Wasserfläche, welche, wo sie durch vorliegende
Berge nicht gehemmt wird, nach allen Richtungen hin gegen 23 Meilen
beträgt, mithin einen Kreis, welcher im Durchmesser 46, im Umfange 144
Meilen misset. Wo aber jenseits dieses Kreises ein Berg von gleicher
Höhe stehet, da erweitert sich die Aussicht auf das Doppelte und in
gleichem Verhältniß der Gesichtskreis. Zwar sind nun die Berge, welche
jenseits des Ailanitischen wie des Heroopolitanischen Busens des rothen
Meeres liegen, wahrscheinlich größtentheils viel niedriger als der
Sinai, indeß darf man wohl den zackigen Umriß des furchtbar schönen
Wüsten-Panoramas, das sich hier dem Auge darbeut, nahe auf 200 Meilen
anschlagen, eine Ausdehnung, welche unter dem reinen, klaren Himmel
Arabiens, bei solch heitrem Wetter als wir hier trafen, in unverkürzter
Deutlichkeit dastehet.
Nach meiner Ueberzeugung wird wohl jeder Reisende, der den Sinai
besteiget und so wie wir die Aussicht von seinem Gipfel beachtet, in
ihr eine so außerordentliche und eigenthümliche anerkennen müssen,
daß er derselben keine andre auf Erden zu vergleichen weiß. Im Süden
wie in Ost und West bemerkt man an einzelnen Punkten den Gürtel des
Meeres, der das Hochland der peträischen Halbinsel umschlingt; jenseit
des Meeres, in weiter Ferne mehrere Gebirgshöhen der Arabischen und
Aegyptischen Küste. Es ist als stünde man in der Mitte des riesengroßen
Horstes eines einsamen Adlers, gegründet auf nackten, öden Felsen,
zwischen die Gränzen der Meere. Nirgends, wohin man auch sieht, eine
grünende Alpenwiese; nirgends ein Wald, kein rauschender Bach noch
Wasserfall, keine Alpenhütte noch Dorfschaft; und wenn nicht gerade der
Sturmwind oder die Donner ihre Stimme reden, da ist hier eine Stille,
wie ich sie noch nirgends auf Erden also hehr und also tief empfunden
habe. Die Wüste des Sinai mit ihrer Felsenwarte ist ein Denkstein,
ein unverändert stehen gebliebenes Werkstück des dritten Tages der
Schöpfung, da Gott sprach: »es sammle sich das Wasser unter dem Himmel
an besondre Oerter, daß man das Trockene sehe;« eine Versinnlichung
jener Zeit der Anfänge, da noch kein Gras und Kraut noch fruchtbare
Bäume, kein webendes und lebendes Thier, noch Gevögel, noch Vieh, noch
Menschen waren, sondern da statt der Kraft des freien Lebens nur jenes
Gesetz waltete, das der Erdveste ihre Gestaltung, dem Gewässer seine
bestimmten Gränzen gab.
Wo kann man wohl in weiterem Umfange und ungehemmter in das Getriebe
der krystallinischen Gestaltung der Felsen hineinschauen als hier, wo
kein Erzeugniß der späteren Schöpfungstage die des dritten überkleidet
und verhüllt; wo das granitische Gebirge mit seinen riesenhaften Tafeln
und Felsenpyramiden unvermischt mit jüngeren Bergarten emporsteigt,
keine seiner zunächst liegenden gähen, tiefen Schluchten mit Sandstein
oder Kalk ausgefüllt ist, und wo man die Gänge der Wacke und des
Basaltes wie schwarze Adern stundenweit durch das Gestell seiner
Bergwände und Kuppen fortlaufen sieht.
Und auf diese Felsenwarte lässet nun auch die Geschichte der
vergangenen Tage ihren verklärenden Strahl fallen und erhebt den innren
Blick auf einen Standort, da derselbe, in noch viel andrem Umfange
als das äußre Auge ein Reich der Zeiten und Völker überblicket. Hier
ward den Menschen das Gesetz gegeben, das wie eine Erdveste dem Meere
der Leidenschaften und Begierden zur sichren Gränze dient; das Gesetz
das auf Christum hinweiset, weil in Ihm des Gesetzes Erfüllung ist.
Wie dann hier, unter dem Fittiche des einsamen Adlers, der sein Volk
hieher in die Stille der Felsenwüste führte, der Lebenskeim der beiden
Religionen, der des Gesetzes und jener der Erfüllung ausgeboren ward;
so nahm dort in Südosten das stürmische Meer des Islamismus seinen
Ausgang; wir stehen hier im Geburtslande der drei Hauptreligionen der
Völker.
Um hier nur mit einigen Zügen die Hauptpunkte zu bezeichnen, welche an
einem heitren Frühlingstage von Sinai aus ins Auge fallen, so bemerkt
man in Nordwest die Meerenge von Suez und als dunkles Pünktlein, Suez
selber; nahe dabei den Attakaberg. Weiter nach Westen herab hemmen zwar
die Höhen des Mokkateb und Serbalgebirges die freiere Aussicht nach
dem Meere, doch glaubten wir das jenseit gelegne Gebirge von Kolzüm:
die alte Wohnstätte der Aegyptischen Anachoreten und ganz nahe neben
dem Gipfel des Katharinenberges, von West in Süd das Gebirge Agarib
(in Aegypten) zu bemerken. Weiter von West nach Süd stellt sich, wie
eine von der Mittagssonne erleuchtete Wetterwolke, der dunkelfarbige,
zackige Katharinenberg vor das Auge hin und lässet hier nichts Andres
sehen als seine Felsengiebel, welche noch um ein Bedeutendes höher
über das Meer ragen, denn der Sinaigipfel. Wenn man noch weiter vom
Katharinenberg zur Linken oder von West nach Süd sich wendet, bemerkt
man die südlichen Ausläufer des Om Schomar, des Gebirges in dessen
Innrem, wie die Beduinen dieses dem Reisenden Burkhardt versicherten,
zuweilen ein Laut, wie von fernem Donner vernommen wird; ganz in Süden
erhebt sich der Gipfel des Mahalaberges; ihm zur Rechten wie zur
Linken sieht man das Meer, welches die südliche Spitze der Halbinsel
umgränzt. Auf der rechten Seite verliert sich die Aussicht gränzenlos
im Spiegel des Gewässers, auf der linken aber erscheinen Berghöhen
der Arabischen Küste, am Ras Fartak und an der Insel Tiran; weiterhin
von Süd gen Ost hemmen wieder die diesseits Nebeky, auf der Halbinsel
gelegnen Höhen die Aussicht nach dem Meere hin. Oefters zeigen sich
nach dieser Richtung Streifen von Wüstensand, welche den Anschein
einer Wasserfläche tragen, dann folgen wieder Berge, in der Richtung
von Jethros Vaterlande, dem alten Midian. Noch weiter von Ost gen Nord
werden an einigen Punkten der Meerbusen von Attaka, ganz in Norden die
sandigen Höhen der Wüste el Tih erkannt. Während die eben genannten
Punkte die äußerste Gränze des Gesichtskreises andeuten, sehen wir
näher am Berge, gegen Westen hinab ins Thal Erbain, von West nach Süd
in das breite Wadi Sebaye oder Sbahiah, dann weiter in Süd und von Süd
nach Ost den Menegada Musa: den Huthberg, auf welchem Moses die Schafe
seines Schwiegervaters Jethro hüthete; in Ost und von Ost nach Nord
die Felsenhöhen des Epistemiberges; von Nord nach West die jenseitigen
Wände des Bostanthales, von welchem ich, so wie von allen diesen näher
gelegenen Punkten, nachher noch reden will.
Uns beschäftigte jetzt, nachdem wir uns länger als eine Stunde an der
Aussicht erfreut hatten, diesseits des leiblich Näheren ein leiblich
Nächstes. Der gute Prior, nachdem er mehrmale uns alle augenfällige
Gegenstände des Panoramas genannt und erläutert hatte, saß da im
Schatten des kleinen, halbzerstörten Christenkirchleins; neben
ihm stunden die Beduinen, mit den an einem Quell des Bergabhanges
gefüllten Wasserkrügen und mit allen andren flüssigen und festen
Lebensvörräthen; es war Alles zur Mittagstafel bereit. Unser Tisch
war eine Platte von weißem Marmor, aus der zerstörten Kapelle der
heiligen Helena; als Voressen und Nachessen gab es Brod mit trefflichem
Ziegenkäse und Brod mit gesalzenen Fischen, zum Getränk Wasser aus dem
Quelle an welchem einst Moses und Elias sich erquickten, und Racki
aus den Früchten der Datteln. Der gesunde Mensch empfindet schon bei
jeder alltäglichen Sättigung seines Hungers etwas von dem Bewegen
jenes Lebensstromes, der sich mit magnetischer Kraft durch die ganze
Sichtbarkeit ergießt und Alles erfüllt mit Lust und Wohlgefallen; bei
diesem Mahle auf der Felsenwarte des Sinai, hatte sich der magnetische
Strom, der das Bedürfniß zu seiner Sättigung hinführt, in das Gewand
einer Lust und Wonne gekleidet, welche von mehr als leiblicher Art und
Natur ist.
Nach dem Essen besahen wir uns noch etwas genauer die kleinen Gebäude
des Berggipfels. Die Moschee, aus Werkstücken, wie es scheint, eines
schon hier vorhanden gewesenen christlichen Gebäudes errichtet, steht
noch ganz wohlerhalten da, denn die Christen haben dieses Obdach
eines fremden Glaubens weder zerstören dürfen noch wollen; anders
aber sieht es mit der gleich gegenüber liegenden Christenkirche aus,
welche von der Moschee nur wenige Schritte entfernt und durch einen
Felsenabsatz geschieden ist. Daß neben der noch jetzt dastehenden
Mosiskapelle oder an ihrer Stelle in älterer Zeit eine Kirche müsse
vorhanden gewesen seyn, welche durch Form und Material von andren,
reicheren Erbauern zeugte als später die armen Mönche waren, das wird
an den prachtvollen Resten der Gesimse und Säulen aus weißen Marmor
erkannt. Kaiser Justinian und seine Gemahlin Theodora, so wie lange vor
ihnen die fromme Kaiserin Helena hatten auch diese Stätte mit Werken
der Byzantinischen Baukunst ausgestattet, welche, so fest auch der
Grund war auf dem sie stunden, dennoch dem zerstörenden Ungestüm der
Araber erlagen. Wollten die Beduinen, in ihrer erst durch Mehemed Ali
gebändigten Feindseligkeit, doch nicht einmaldie kleine, bescheidene
Christenkapelle der spätern Zeit neben ihrer Moschee dulden und noch
zu Burkhards Zeiten hatten die vom Towara-Stamme öftere Zerstörungen
daran verübt, abgesehen von den Nachgrabungen die sie beständig unter
den Grundsteinen des Gebäudes anstellten um die, nach ihrer Meinung,
hier verborgenen Gesetztafeln des Moses aufzuwenden. Gleich unterhalb
der kleinen Moschee findet sich eine in den Fels gehauene Cisterne, zum
Auffassen des Regenwassers.
Wir verweilten noch einige Stunden auf dem Berggipfel, während unser
Maler, Herr Bernatz, das Panorama vom Sinai zeichnete, welches er
im zweiten Hefte seiner Bilder aus dem heiligen Lande öffentlich
mitgetheilt hat. Einige unsrer jungen Freunde faßten den Entschluß und
führten ihn aus, an der steilen, unwegsamen Felsenwand des Berges,
zwischen der kleinen Moschee und der Kapelle hinunterzusteigen ins
Thal; ein Unterfangen das ich nicht vielen Reisenden rathen möchte.
Weiter unten in der Schlucht, welche die Gränze zwischen dem Sinai und
Horeb bildet, führt ein gangbarer Weg, mit ausgehauenen Stufen hinab
zum Thal und Kloster Erbain. Wir Andern kehrten auf dem gewöhnlichen
Wege zurück und beim Hinabgehen wurde uns noch an einer seitwärts
anstehenden Felsenplatte die vermeintliche Fußspur des Propheten
Mohamed gezeigt, welche von den mohamedanischen Pilgrimen sehr verehrt
wird. Einer Sage nach sollte der Prophet einige Zeit im Kloster, bei
den Mönchen verweilt und den Berg bestiegen haben. Bei dem Brunnen des
Elias ruheten wir abermals aus und sahen uns nach den Gewächsen um,
welche am Abfluß des Quelles und zwischen den Felsenstücken des Sinai
und Horeb stunden. Leider war noch nicht die Jahreszeit, in welcher man
das Gewächsreich dieser hochgelegenen Gebirgsgegend in ihrer Blüthe
findet, und wir bedauerten besonders, daß der goldgelbe Schmuck der
Phlomis, deren strauchartige Stauden wir häufig hier sahen, den Felsen
noch abgieng[88]. Von den lippenblüthigen, gewürzreichen Pflanzen
an denen der Sinai so reich ist, fanden wir außer der +Stachys
affinis+ nur wenige schon in Flor, doch konnte man auch an den
blüthenlosen Stengeln und Blättern die Geschlechter der Münze, des
Majorans, der Saturei und des Marrubiums unterscheiden. Unter den
Gewächsen dieser Familie machte uns der Prior vor allen auf eines
aufmerksam, von welchem er behauptete, daß es der Ysop gewesen sey,
dessen im 2. Mos. 12, V. 22; 3. Mos. 14, V. 4; 4. Mos. 19, V. 6 u. 18
bedeutungsvolle Erwähnung geschieht. Es war eine Form von +Teucrium
Polium+ mit haarigen an den Rändern eingekerbten Blättchen und
Stielen.
Wir hatten ohngeachtet des Verweilens bei der Eliasgrotte und Quelle
zum Hinansteigen vom Kloster auf den Sinaigipfel nicht viel mehr
als zwei Stunden gebraucht; hinabwärts waren wir, mit Einschluß des
abermaligen Aufenthaltes bei dem Eliasbrunnen in anderthalb Stunden
gekommen; es war noch zeitig am Nachmittag, wir blieben da ausruhend
unter den blühenden Obstbäumen des herrlichen Gartens.
Der Freitag (3te März) wurde zum Betrachten aller Sehenswürdigkeiten
des Klosters angewendet. Das festungsartige Aeußere dieses Gebäudes,
als dessen Erbauer eine Inschrift über dem (zugemauerten) äußern Thore
den Kaiser Justinian und seine Gemahlin Theodora nennt, habe ich schon
vorhin (S. 309) beschrieben. Es stehet auf durchaus unebenem Grunde,
so daß man von einem Hofe zum andern bergauf und bergab steigen muß;
das Ganze ist ein unsymmetrisches Gehäuse von älteren und neueren
Theilen; lang fortlaufende Reihen von Zimmern oder Zellen, deren
Fenster und Thüren sich, wie unsre, bei der Küche gelegnen Gastzimmer,
hinaus auf einen Gang öffnen, dazwischen kleine Kapellen, deren mit
der schon erwähnten, größern Kirche, 23 im Kloster sind. Es haben
hier alle einzelne Gemeinschaften der orientalischen Christen ihre
eigne Kapelle, auch die Lateiner besitzen eine, welche jedoch, da sie
seit langer Zeit der Unterstützungen zu ihrer Ausbesserung entbehren
mußte, sehr im Verfall ist. Bei einer der Kapellen in dem für den
Erzbischof bestimmten Zimmer, zeigt man eine prachtvolle Abschrift
der Evangelien, angeblich von der Hand des Kaiser Theodosius; ein
Psalterium von der Hand der heiligen Kassiani; die Bibliothek enthält
Ausgaben und Abschriften der griechischen Kirchenväter, einzelne, in
ziemlicher Zerrüttung befindliche Arabische Manuscripte, ein Buch Hiob
mit vielen bunten Bildern. Auch die Höfe und Werkstätten besahen wir,
denn jeder Mönch des Klosters, außer dem Prior, muß hier ein Handwerk
treiben und hat seine Werkstätte. Auffallend war auch uns, bei diesen
Herumwanderungen die zwar nicht sehr große, aber stattliche Moschee,
die sich in der Nähe der großen Kirche, in einem der innersten Hofräume
dieses christlichen Klosters findet. Die Mönche möchten, so schien es
uns, gerne die Aufmerksamkeit der christlichen Pilgrime von diesem
Gebäude ablenken; man erzählt sie hätten sich vormals aus Furcht vor
den Türken, welche gedroht hatten das Kloster zu zerstören, zu diesem
sonderbaren Aufbau entschlossen. Mußten sie doch später selbst einen
Imam und Gebetsausrufer, so wie andre Diener der Moschee im Kloster
aufnehmen und ernähren, so wie das Gebäude selbst auf ihre Kosten
im baulichen Stande erhalten. Indeß wird dieses den Bewohnern des
Klosters durch die Bekenner des Islams auf mancherlei Weise erleichtert
und wiedervergolten. Noch jetzt, wiewohl seltner als sonst, kommen
Mohamedanische Pilgrime von höherem Stande und bedeutendem Vermögen
hieher, welche auf ihrer Wallfahrt nach Mekka diesem Sitz des Friedens
zusprechen, den die bei ihnen übliche und gangbare Sage auch durch
das Andenken heiliget an den »umgekehrten« Propheten (»umgekehrt,«
weil seine Weissagungen so weit sie ~unverkennbare~ Wahrheit
enthalten, mehr auf dem Vergangenen als auf dem Zukünftigen beruheten).
Bei solchen Gelegenheiten fehlt es dann niemals an ansehnlichen Gaben
für die Unterhaltung der Moschee und für das Kloster selber. -- In der
christlichen Hauptkirche wurden uns heute die Gebeine der heiligen
Katharina gezeigt. Wir küßten sie nicht wie die Mönche dieß thaten,
dennoch beschenkte man mich mit einem Theil jener wohlriechenden Wolle,
mit welcher die Reliquien umhüllt sind. Die Mosaik des Gewölbes über
dem Reliquienschreine verdient besondre Beachtung. Laborde hat sie in
seinem trefflichen Werke beschrieben und abgebildet. Sie stellt Moses,
knieend vor dem feurigen Busche und auf der andern Seite eben denselben
mit den Gesetzestafeln dar, unter diesem, als Hauptbild Christum, durch
ein Licht verklärt gleich jenem im Busche, neben ihm Elias und Moses
-- mithin die Geschichte der Verklärung. Denn wie schon Burkhardt
bemerkt (Reisen S. 890), das Kloster, welches nun allgemein das St.
Katharinenkloster heißt, war eigentlich »der Verklärung« geweiht.
Der gute Vater Prior, -- meine dankbare Liebe zu ihm kann ihn nicht
anders als einen Vater nennen -- hatte mir, als ich am zweiten Tage
meines Hierseyns mit ihm im Garten war, freiwillig versprochen, er
wolle mich und meine Begleiter in die Begräbnißstätte der Mönche
führen, die mitten in den lieblichen Gärten des Klosters liegt. Dennoch
machte er eine ganz ernste Miene, als ich ihn heute an sein Versprechen
erinnerte; die Mönche führen ungern einen dahin der nicht ganz zu den
Ihrigen gehört, vielleicht weil sie manche ihnen anstößige Bemerkungen
der neueren Reisenden vernehmen mußten. Ich wußte schon aus Burkhardts
Reiseberichten was hier zu finden war, und wir bekamen auch wirklich
nicht viel mehr und der Hauptsache nach nichts Anders zu sehen, als was
Burkhardt schon gesehen und beschrieben hatte.
Es ist als wäre das sonderbare Bestreben, dem Leib selber zu einem
Kenotaphium zu machen, dauernd wie eines von Stein, von den ältesten
Beherrschern der peträischen Halbinsel, von den Aegyptern, selbst noch
auf die guten Väter dieses Klosters übergegangen. Sie haben in ihrer
Einsamkeit und Abgeschiedenheit ihre Welt Einer nur an dem Andern,
und verrathen dann in der Weise wie sie ihre Todten aufbewahren, noch
immer, wie gern und fest unsre Natur sich an die ~Welt~ hänge.
Wenn so ein alter Vater gestorben ist (und alt werden die meisten
von ihnen), da begräbt man jetzt seine Hülle außerhalb dem Kloster,
in einem gegen den Bostan Garten hin gelegnen Räumlein, in den Sand.
Nach zwei bis drei Jahren hat das Verwesliche dort seine Quarantäne
vollendet und man holt nun die Gebeine wieder in das Kloster heim.
Ein zwergartig kleiner Dattelnpalmbaum, denn zur vollkommenen Größe
kann dieser Baum in solcher Höhe über dem Meere nicht gelangen,
steht bei der Treppe, auf der man hinabsteigt zu den Ruhekammern der
Gebeine; hohe Cypressen beschatten den Eingang, eine Arabische Amsel
sang so eben ihr Lied, als uns der Prior die Thüre öffnen ließ, über
welcher ein Bild des frommen Einsiedlers Onuphrius, noch kaum erkennbar
gemahlt ist; jenes Onuphrius der mir schon durch Herders Legenden ein
lieber Bekannter war. Es sind mehrere Gewölbe nebeneinander, die man
hier zu Beinhäußern benutzt hat. Auf viele mag der Anblick dieser
in regelmäßigen Gruppen zusammengehäuften Knochenhände, Arme und
Schädel einen widerwärtigen Eindruck machen, auf mich thut er dies
nicht, weil mir jene Stelle im Ezechiel, die von einem Lebenshauche
zeuget, der die Todtengebeine mit Fleisch und Adern bekleiden und
mit seinem Odem beseelen wird, bei solchem Anblick immer wieder zu
Sinne kommt. Auch von jenen Händen, deren vergängliches Schatten- und
Zerrbild diese Knochen sind, wird sich manche freudig emporheben,
wenn das neue Auge, dessen Keim schon in dem sichtbaren Auge lag,
und das jene Schädelhöhlen bewohnte, Ihn schauen wird, auf Den Viele
dieser Verarmten und Vereinsamten hofften. Die Gebeine der Patriarchen
des Sinai, die man auch aus weiter Ferne hieherbringt, ruhen in
besonderen, sargartigen Kästen. Auch jene Reste der beiden Indischen
hier zu Christo bekehrten Prinzen zeigte man uns, von denen schon
Burkhardt erzählt. Diese Morgenländer des Morgenlandes hatten an der
Küste des Meeres, zu Tor Schiffbruch erlitten und im Kloster des
Sinai mit der äußeren zugleich eine innere Stätte des Ausruhens und
Friedens gefunden; sie lebten in einer Höhle des Berges, unzertrennlich
beisammen und wollten auch, daß ihre Gebeine nicht geschieden würden.
Ein Stücklein Panzer des einen von ihnen wird noch gezeigt und eine
Kette von der man uns übrigens eine etwas anders lautende Legende
erzählte, als Burkhardt berichtet. Auch von einem weit mehr als
hundertjährigem Mönche zeigte man uns, ich weiß nicht mehr weshalb so
merkwürdig, die Gebeine.
Von den dürren Resten der Verstorbenen wenden wir uns lieber zu den
noch frischen und grünenden Zweiglein des Standes der christlichen
Einsamen, welcher früher einmal seinen Stamm und seine Aeste über
die ganze Peträische Halbinsel verbreitete. Noch jetzt werden die
Dattelnpflanzungen im schönen, fruchtbaren Feiranthal, von den Beduinen
als eine Anlage der christlichen Mönche betrachtet; bis gen Dahab,
am Ailanitischen Meerbusen, redet die Sage von früheren Wohnungen
der Christen. An vielen Punkten der Halbinsel, in den Engthälern
wie auf den Höhen, werden die Ueberreste vormaliger Christenklöster
gesehen, oder wie am kleinen Mokkateb bei Tor die Höhlenwohnungen der
Mönche; noch vor wenig hundert Jahren bestund in einer Felsenschlucht
des Epistemiusberges, welcher dem Horeb gegenüberliegt, selbst
ein Nonnenkloster; das Mönchskloster Deir Antus im Romhamthale
war noch in den ersten Jahrzehenden des vorigen Jahrhunderts von
Ordensgeistlichen bewohnt. Wenn man sagt, daß die Zahl der Christen
auf der Halbinsel vormals eine mehr hundertfach größere gewesen sey,
dann ist dieses noch eine sehr gemäßigte Angabe. Denn abgesehen von
jenen Zeiten wo namentlich Feiran eine Stadt der Christen und ein
Bischofssitz war, so belief sich bei der Mohamedanischen Eroberung
des Landes schon allein die Zahl der Mönche auf 6 bis 7000. Auch die
Dschebalye-Beduinen, die Nachkömmlinge jener Sklavenfamilien, welche
Kaiser Justinian vom schwarzen Meere, wo ihre Heimath war, hieher, zum
Dienst des Klosters sendete, waren damals noch sämmtlich Christen,
und fielen erst allmälig aus Furcht vor den andern Beduinenstämmen
vom Christenthume ab[89]. Statt dieser Tausende leben jetzt, wenn man
Suez nicht mitrechnet, etwa dreißig Christen auf der Halbinsel und
dieß sind eben die Basilianer-Mönche des Sinai, welche großentheils
das Katharinenkloster bewohnen. Zu unsrer Zeit wurde die Zahl der
hiesigen Ordensgeistlichen auf 26 angegeben, davon aber mehrere nach
Kairo verreist waren. Einer von ihnen, ein junger, kräftiger Mann,
war ein Russe, der früher als Soldat im Felde gedient hatte; die
andern waren Griechen, meist von den Inseln gebürtig. Wir sahen unter
ihnen einen mehr als neunzigjährigen Greis und einige sehr rüstige,
zwischen siebzig und achtzigjährige Männer, davon zwei den Garten des
Klosters bearbeiteten. Die Luft ist hier leicht und gesund; die Kost,
bei fortwährender Mühe und Arbeit, sehr einfach. Schon in der Nacht
versammlen sich Alle zweimal zum Gebet, um vier Uhr des Morgens stehen
sie auf und außer jenen Stunden die man in den Kirchen und Kapellen
beim Gebet und Gottesdienst zubringt, beschäftigt sich während des
Tages fast Jeder mit einer Handarbeit im Haus oder Garten, zum Nutz und
Dienste seiner Brüder, denn es werden hier alle Handwerke getrieben,
welche für die Bedürfnisse des täglichen Lebens unentbehrlich sind.
Zweimal am Tage wird gegessen; die Strenge des Ordens verbietet für
immer den Genuß des Fleisches und erlaubt auch nur außer der Fastenzeit
das Essen der gesalznen Fische, des Käses und alles dessen was aus
thierischer Milch bereitet wird. Während der langen, vielen Fasten wird
die Enthaltung noch weiter getrieben, denn vier Tage in der Woche darf
dann die tägliche Mittagskost der in Wasser gekochten Gemüse nicht
einmal mit Oel vermischt werden; Jeder bekommt auch nur ein kleines
Schüsselchen solchen Gemüses und dazu ein Laiblein Brodes; die einzige,
den armen, vielbemühten Vätern wohl zu gönnende Erquickung ist ein
kleiner Zusatz von Dattelnbranntwein (Racki) zu dem Wasser. Um acht
oder längstens gegen neun Uhr begeben sich Alle zur Ruhe, Jeder in
seine eigne kleine Zelle, die etwa acht Fuß lang und sechs Fuß breit
ist, eine ziemlich niedrige gewölbte Decke und eine kleine Nische
hat, welche die Stelle des Schrankes vertritt, übrigens aber statt
aller andern Geräthschaften nur eine Matratze und Decke enthält. Nur
die Zellen des Prior und des Ikonomus machen hiervon eine Ausnahme,
denn jene wenigstens ist größer als die andern Zellen und der Boden
des Liwan (S. 34) ist mit Teppichen belegt; das leerstehende Zimmer,
welches für den Erzbischof bereit steht, wenn dieser etwa im Kloster
einen Besuch machen wollte, enthält auch noch andre, alterthümlich
prächtige Meublen. Die Kleidung der Mönche besteht in einem groben,
dunkelblauen Unterkleid und Beinkleidern und in einem dunkelfarbigen
(blaulichschwarzem) Ueberkleide, welches ein lederner Gürtel um den
Leib befestigt. Man schläft auch bei Nacht in den Kleidern um bei dem
Ruf zum Gebet sogleich zum Aufstehen bereit zu seyn. Jährlich zweimal
werden die Brüder neu gekleidet.
So sehr es hierbei in die Augen fällt, daß die Weise dieses Klosters
nicht viel Anlockendes für die gröbere Sinnlichkeit haben könne,
erscheint der Aufenthalt dennoch vielen der Mönche so werth und
angenehm, daß sie nicht, wie manche Andre es thun, nach drei oder
vier Jahren wieder in ihr Vaterland zurückkehren, sondern daß sie
hier altern und absterben. Ich habe kaum an einem andern Orte so viel
vergnügte, zufriedene Gesichter von Greisen beisammen gesehen als in
diesem Kloster; es ist als ob die Last des Alters hier gar nicht so
schwer drückte, wie in unsren Städten.
Wir besahen die wohl eingerichtete Bäckerei in welcher die
wohlschmeckenden Weisbrode und jene Menge der etwas geringeren
(schwärzeren) Brode bereitet werden, welche das Kloster täglich an
seine Dschebayle-Beduinen und an die vorüberziehenden Familien der
fremden Beduinen abliefern muß. Auch die Werkstätte des Schmiedes,
Zimmermanns, Tischlers, Böttigers, Schusters, Schneiders und die
ansehnliche Branntweinbrennerei, welche auch zum auswärtige Verkauf
Racki bereitet, erschienen uns des Besehens werth.
Einer besondren Erwähnung ist noch die bewundernswürdige Reinlichkeit
werth, welche wir im Sinaikloster fanden. Auf unsrer Reise von Kairo
hieher und bei unserem Umgang mit den Beduinen hatten wir viel
von plagenden Insekten zu leiden gehabt; hier waren sie allzumal
verschwunden. Die Mönche schreiben es dem Gebet des heiligen Sangarius
zu, daß ihre Wohnstätte von dieser nicht geringsten der Aegyptischen
Plagen befreit worden sey, welche früher auf dem Kloster so schwer
lastete, daß sie die Mönche fast zum Auswandern bewogen hätte. Der alte
Prior behauptete sogar, daß man getrost jedem Pilgrime ein Goldstück
bieten könne, für jedes der kleinen, plagenden Thierlein, welches er
nach einem mehrtägigen ununterbrochenen Aufenthalt im Kloster in seinem
Gewand oder Teppich noch lebend finde. Auch an den schönen, großen
Katzen, deren sich mehrere im Gebäude fanden, war keine Spur eines
vom Blute lebenden Insektes zu bemerken; die Ruhe der Nächte blieb
in dieser Hinsicht beständig ungestört. Vielleicht daß schon in den
vielen aromatischen Kräutern, welche die Mönche auf den benachbarten
Gebirgen sammeln lassen und zur Versendung nach Kairo trocknen, ein
Erleichterungsmittel für die Aufrechthaltung der Reinlichkeit liegt.
Am Nachmittag stieg ich noch in Begleitung meiner lieben Hausfrau
und einiger andern Reisegefährten über die Gartenmauer hinaus ins
Freie; wir ergiengen uns aufwärts im Thale des Klosters, gegen den
Huthberg des Moses hin, bis an den Punkt wo man in das breite Sebaye-
(Sbahiah) Thal hinabsehen kann. Das Engthal in welchem das Kloster
liegt, verläuft fast in der Richtung von Nordwest nach Südost; seine
südwestliche Gebirgswand bildet den Horeb im engeren Sinne, welcher,
wie ich schon erwähnte, nur das niedere Stockwerk des Sinai ist, die
nordöstliche (linke) Felsenwand ist der Pistemiberg, der vom heiligen
Epistemius seinen Namen hat, und dem Horeb an Höhe gleich kommt. Der
Huthberg des Moses der gerade in Südost das Klosterthal begränzt,
erscheint gegen diese beiden Berge nur wie ein Hügel, hat aber noch
jetzt viele zur Schafweide taugliche Kräuter, die ihm schon aus der
Ferne ein grünliches Ansehen geben. Das Sebayethal, welches Quellwasser
und eine kleine, dem Kloster zugehörige Gartenanlage hat, steigt von
Süd gegen Nord an und hinter dem ersten, niedern Bergzuge, der es in
Osten begränzt, liegt das Feruschthal, welches von Ost nach Westen
streicht. In das Sebayethal senkt sich das höhere Stockwerk oder der
Hochscheitel des Horeb: der Sinai im engern Sinne unmittelbar mit
seiner gähen Felsenwand herunter; von hier aus kann man ungehindert
von den niedreren Vorbergen seinen Gipfel sehen ja bis zu seinem Fuße
hingehen und diesen anrühren. Hier war Raum genug für die Heere Israëls
wenn sie vielleicht da und im angränzenden Thale Erbain ihre Stätte
aufgeschlagen hatten, am Tage der Gesetzgebung. Man sieht von dieser
Seite zwei Schluchten von dem Thale aus Ostnordost gegen Westsüdwest
zum Gipfel ansteigen; die eine dieser Schluchten hat Wasser. Den
südwärts dem Sinai gegenübergelegenen Berg nannten unsre Dschebalye
Baalti; wenn man in der Weitung zwischen beiden Bergen fortgienge,
würde man aus dem Sebayethale in das Erbain-, von da ins Bostanthal
und hiernächst, nachdem auf solche Weise der ganze Kreis um den Sinai
und Horeb umschrieben wäre, wieder zurück ins Kloster kommen. Von den
beiden zuletzt genannten Thälern spreche ich noch nachher.
Der Rückweg von der Anhöhe über dem Sebayethale hinab nach dem
Kloster war zwar etwas leichter als der Heraufweg, doch erschweren
die vielen Steintrümmer und Felsenstücke welche am Boden liegen, das
Gehen nicht wenig. Desto besser schmeckte uns am Abend das Fleisch des
Steinbockes, den wir von den Beduinen gekauft hatten, mit dem Zusatz
der vortrefflichen getrockneten Früchte. Die guten Mönche hatten zur
Zubereitung dieser Gerichte unsern Arabischen Knechten ihre ganze
Küche eingeräumt, obgleich das Umbringen und Essen der Thiere ihrer
Lebensweise so fern stehet, daß es nicht einmal verstattet ist im
Kloster selber ein Thier zu schlachten.
Sonnabends, den vierten März machten wir uns in früher Morgenzeit auf
um das Bostan- und das Erbainthal zu besuchen. Der freundliche Prior
hatte sich abermals selber zum Führer angeboten, mit ihm giengen wie
gewöhnlich mehrere Dschebalye-Beduinen, welche die Mundvorräthe für den
heutigen Tag trugen. Der Himmel war überaus klar und heiter, wie wir
denn überhaupt während unsers ganzen Aufenthaltes am Sinai auch nicht
einmal die Bergspitzen von Nebel oder Wolken bedeckt sahen. Sogar der
Fußtritt entlockte heute dem felsigen Boden aromatische Düfte, weil
er oft an jene jungen Kräuter rührte, welche manche Gegenden dieses
Hochlandes zu einem Gewürzgarten machen. Noch im Thale des Klosters,
nahe vor der Mündung ins Bostanthal, zeigte uns der Prior zur Linken
unsers Weges jenes Felsenstück, bei welchem man die Pilgrime an Mosis
heiligen Eifer erinnert, als derselbe, beim Anblick des abgöttischen
Tanzes um das goldne Kalb, die Tafeln des Gesetzes zerschlug. Schon ins
Bostanthal selber versetzt die Ueberlieferung die Gegend, in welcher
jene Umkehr Israëls nach Aegyptens Götzen, wenn auch nicht mit dem
Leibe, doch mit dem Gemüthe statt fand; von hier aus soll das Getöne
des Siegestanzes in Mosis Ohren gedrungen seyn, als dieser vom Berge
herabstieg; ein hohler in der Erde steckender Stein, dessen größere
längliche Höhlung nach oben zwei krumme Seitenröhren hat, wurde vom
Prior als die vermuthliche Form bezeichnet, in welcher das Götzenbild
sey gegossen worden[90]; ein felsiger Hügel den man vom Klosterthal
ins Bostanthal heraustretend vor sich liegen sieht heißt der Dschebel
Harun oder Aronsberg, weil man glaubt, daß hier Aaron und die siebenzig
Aeltesten verweilten, während Mose und Josua auf den Berg Gottes
stiegen (nach 2. Mos. 24, V. 14).
Aus dem Garten Bostan, bei welchem das Gemäuer eines kleinen,
zerstörten Klosters gesehen wird, wehete uns der Duft der blühenden
Bäume an, als wir in seiner Nähe vorübergiengen, etwas weiterhin
sahen wir einige Heerden von Ziegen, welche von Frauen und Mädchen
der Dschebalye-Beduinen geweidet wurden. Wir ruheten da auf einem
Felsstück und nahmen ein Frühstück an, das der freundliche Prior uns
darbot; auch die Hirtinnen, welche eine alte Mutter zum Empfang der
Gaben absendeten, erhielten ihren Theil. Hier öffnet sich gegen Süden
das steinige Ledschathal, in welchem das Kloster Erbain liegt, zugleich
hat man gegen Westen die Aussicht nach einem andren, herrlichen Thale,
das gegen den Katharinenberg hinführt und durch schwer zugängliche
Thalklüfte der Gebirgswüste mit dem Wadi Hebron in Verbindung steht.
Ein blaulicher Morgenduft schwebte noch über diesem Thale und warf
einen Schein auf dasselbe, als wenn sein Boden allenthalben mit einem
Grün der Auen und der Gebüsche bedeckt sey; an der Ecke des Berges,
an welchem zur Rechten dieses Thal, zur Linken aber jenes von Erbain
oder das Ledscha sich öffnen, liegt ein zweiter schöner Garten, Rabah
genannt, zwischen dessen üppig blühenden Obstbäumen hohe Cypressen sich
erheben. Der Weg nach Erbain windet sich durch mächtige Felsenstücke
hindurch; zur Rechten liegt das Bette eines Winterstromes, in welchem
auch außer der Zeit des Regens oder des thauenden Gebirgsschnees
der Abfluß mehrerer Quellen sich sammelt, welcher zur Anlage und
Pflege einiger kleiner Gärten benutzt ist. Mitten in der gräulichen
Felsenwüste erscheinen diese grünenden, blühenden Punkte wie bunte
Schmetterlinge, welche, aufsaugend die Tröpflein des Thaues, auf einem
Grabsteine sitzen.
Aber auf alle diese Grabsteine des Felsenthales lässet die Geschichte
der Thaten Gottes einen Sonnenstrahl fallen, mit welchem es freilich
dem einfältig frommen Sinne der späteren Zeit öfters so ergieng wie
unschuldig spielenden Kindern, welche dem Lichtschimmer nachjagen
den ein von der Sonne beschienenes, spiegelndes Glas auf die Wand
oder den Boden zurückstrahlt. Sie halten den Schimmer, der sich mit
dem Stücklein Glas zugleich bald da bald dorthin bewegt, für das
Sonnenlicht selber. Laß sie gewähren. Ist doch dieses kindliche Laufen
und Rennen nach dem Abglanz des Abglanzes immerhin ein Zeichen, daß die
Kindlein noch einen Sinn für das Licht haben; daß sie dieses sehen und
daran sich freuen; die blinden Knaben gehen ihres Weges und sehen weder
das Spiegelbild, noch die Sonne die dasselbe erzeugt.
Einen Felsen, der wie eine natürliche Ruhebank gestaltet ist,
bezeichnet die fromme Sage als den Sitz des Moses, auf dem er öfters
das Volk richtend saß; ein andrer heißt der Kessel des Moses; weiter
hinwärts ist der Fels bei welchem die Mönche an jenen in Raphidim
erinnern, den Moses schlug mit seinem Stabe, und aus welchem Wasser
hervorsprang (2. Mos. 17, V. 6). Bei diesen Stellen werden an den
Flächen mehrerer Felsenstücke einige jener Sinaitischen Inschriften
gefunden, welche schon mancher Reisende beschrieben und Burkhardt
abgebildet hat[91]. Sie tragen, so räthselhaft sie aussehen und im
Vergleich mit den bekannteren Schriftzeichen erscheinen, keinesweges
das Gepräge eines hohen Alterthumes.
Der Weg führte noch an einer und der andern kleinen Gartenanlage
vorüber zu den umfangsreichen Pflanzungen des Klosters der Vierzig
(Märtyrer) oder Erbain. Durch die Oelgärten hindurch kamen wir zu einer
noch mit Wasser gefüllten Cisterne, welche die Größe eines kleinen
Teiches hat. Das Kloster ist ein ziemlich ansehnliches Gebäude, welches
jedoch für gewöhnlich nicht mehr von Mönchen bewohnt wird; einige
Dschebalye hüthen des Gartens und seiner Früchte; ein Mönch aus dem
Katharinenkloster besucht die Anlage öfters und verweilt auch zuweilen
auf mehrere Tage hier um die Arbeiten zu leiten. Ein ganzer Wald von
Orangen und Citronen stund voll duftender Blüthen; in den Zweigen
eines alten Oelbaumes sang die Sinaitische Amsel. Vor allem Andren zog
hier der Sinai unser Auge an; so ganz in seinem eigenthümlichen Umrisse
und in seiner Abstufung vom Horeb hatten wir ihn noch an keinem andren
Punkte gesehen. Der Himmel wölbte sich so klar über ihm, daß es uns
war als sähen wir etwas von dem sapphirenen Schimmer, der einstmals
dort unter den Füßen des Erscheinenden erglänzte (2. Mos. 24, V. 10).
Man konnte hier nicht stillstehen oder sitzen. Wer nicht, wie unser
guter Maler Bernatz, mit dem stillen Auffassen der Gegend in Bild
und Rahmen zu thun hatte, der wollte, wie ein Kind um den Spiegel,
herumgehen, um den Gegenstand, der sich da abspiegelte, mit den Händen
zu erfassen. Ich hatte mich weit hinauf nach Süden im steinigen
Thale ergangen und im Vorbeieilen mancher schöner Frühlingsblume in
ihr vom Traume der Engelwelten verklärtes, schlummerndes Angesicht
geschaut; mir war es, im Andenken an das, was einst hier geschehen,
umgekehrt so wie den Siebenschläfern ergangen: ich war unter eine
altvergangene Zeit der Wunder hineingerathen, deren Sprache nur der
versteht, welcher das Wunder des Gedankens kennt und an sich selber
erfuhr. Bei der Gelegenheit war ich aber auf dem Rückwege an eine
Stelle des Gießbachbettes und zuletzt der Gartenmauern gekommen, über
welche ich den Hinüberweg nicht finden konnte, bis ein mitleidiger
Sohn der Wüste, ein Dschebalye, mir hinüberhalf. Die Hausfrau hatte
indeß mit dem Bächlein des Wassers, das der gute Prior uns zu Ehren
aus einer höher im Thale gelegenen Cisterne ableiten ließ, eine junge
Baumschule von Orangen und Citronen getränkt; jetzt wurden aber wir
alle, im Schatten des Klostergebäudes, auf einer steinernen Bank
gelabt und genährt durch das Mittagsmahl des Brodes und Käses wie der
gesalzenen Seefische und das erfrischende Wasser mit dem Beisatz von
Racki. Auf dem Rückwege kehrten wir im Bostangarten ein und tranken da,
auf Anordnung des Priors, eine Tasse Kaffee. Ein Dschebalye-Beduine
ist der Inspector und Halbbesitzer des Gartens, denn die Hälfte des
Ertrages der Bäume gehört sein, dazu bekommt er ja das tägliche Brod
aus dem Kloster, und hilft bei der Bearbeitung des Gartens nur wenig,
denn diese ist großentheils ein Tagwerk der fleißigen Mönche. Erst eine
Stunde vor Sonneuntergang kamen wir in unsre Klostermauern zurück;
verweilten da noch ein wenig im Garten und suchten dann die lieben, bei
der Arbeit für unsre naturgeschichtlichen Sammlungen zurückgebliebenen
Reisegefährten: +Dr.+ Roth und Erdl auf, welche das Amt der
Schatzmeister vertraten, die Alles, was die Bergbeduinen an Lebendem
und Todtem herbeibrachten, alsbald in Empfang nahmen und zum Mitgehen
über Land und Meer geschickt machten.
Der fünfte März war der Sonntag Lätare, ein Tag den ich noch nie
auf Erden so festlich schön zugebracht habe als hier am Sinai. Der
zackige Gipfel des Horebs und der Huthberg des Moses hatten das
liebe Morgenlicht angezogen wie ein Gewand; Laute aus der Kirche die
uns wie Gesang klangen tönten in unsrem Herzen wieder, wir giengen
hinab und wohnten dem Gottesdienst der guten Väter bei. Obgleich uns
darinnen Vieles neu und unverständlich war, wußten wir doch daß Er,
Christus hier geehrt werde der über Alle und von Allen zu ehren ist,
und diesen priesen da, in der kleinen Gemeinde der Betenden unsre
Herzen auch. Die andern Morgenstunden des schönen Sonntags brachten
wir still und selig vergnügt, mit dem Buch der Bücher in unsrer Hand
im Garten zu; lasen da das Evangelium des heutigen Sonntags und dann
von neuem und im Zusammenhange jene Kapitel in den Büchern Mosis,
welche von den Wunderthaten Gottes reden, deren Zeugen einst dieser
Horeb und Sinai, so wie Wüste und Meer gewesen. Freund Baumgärtner,
der ehrliche Schweizer hatte sich zu uns gesetzt; es waren die letzten
Stunden die ich mit ihm in solcher Gemeinschaft des Herzens auf Erden
zubrachte[92]. Das was wir lasen, zuerst den Inhalt des Evangeliums,
der nach Joh. 6 von der Sättigung der fünf Tausende redet, mit fünf
Gerstenbroden und zween Fischen, auf denen die Fülle jenes Segens
ruhete, welche nicht bloß fünf tausend Menschen, sondern ~Alles was
da lebet~ täglich sättiget mit Wohlgefallen; dann der Inhalt der
Kapitel die wir in den Büchern Mosis lasen, führten zur Betrachtung des
Glaubens an Wunder. Mein Freund war mit dem ganzen Heere der modernen
Zweifel nicht unbekannt geblieben; er hatte in jüngeren Jahren an der
Fronte dieses gewaltig drohenden Heeres vorüber gemußt. Hier im Kloster
der Verklärung, wo alles Ungeziefer stirbt, möge auch jenes nagende
Gewürm auf immer gestorben seyn.
Wir saßen unter einem Apfelbaume der heute seine ersten Blüthen
aufthat, oberhalb der Todtenkammer der Mönche auf einem alten
Grabessteine. -- »Was sind alle diese Zweifel, mein Freund, was sind
sie anders als Zweifel an dem Daseyn eines Schöpfers, Zweifel an
dem Gedanken! Denn was ist das Wunder anders als der Gedanke? Mein
einziger Bruder, der mir in der Blüthe seiner Jugend vor vielen
Jahren starb, war gezeugt und geboren wie ich, war aufgewachsen Tag
nach Tag unter Freud und Leid, es hatte gegen zwanzig Jahre gedauert
bis er die Gestalt gewonnen mit der er ins Grab sank, wo sein Leib
schon längst verwest ist, und siehe mein Gedanke kann sich in einem
Augenblick diesen Bruder mit seiner Gestalt und seinem Wesen, so wie
er leibte und lebte, erschaffen und darstellen. -- Glaubst du, mein
Freund, an eine Schöpfung, glaubst du an einen Schöpfer aller Dinge,
oder meinest du daß aus Stäublein der uranfänglichen Materie und aus
einem zähen Schleime zuerst sich das Gefädig der niedern Pflanzenarten
und Thierformen, dann aus der immer wieder erneuten andren Mischung
der Spielkarten, welche der Meister Zufall in seiner Hand hielt, aus
dem sich immer künstlicher verwirrenden Gefädig allmälig im Verlauf
der vielen Jahrtausende auch die Rose und dieser Apfelbaum gebildet
haben? Bis zuletzt selbst der Mensch hervorkroch auf allen Vieren aus
dem Meere. Ich meine du mußt und wirst an einen Schöpfer glauben,
sobald du an den Gedanken glaubst. Die Welt der wesentlichen Dinge,
welche der Gedanke sich schaffet, ist freilich im gewöhnlichen Verlauf
des Menschenlebens eine unsichtbare und scheinbar leiblose, weil der
Gedanke seiner Natur nach ein Aufsteigen des kreatürlichen Wesens
in das Reich nicht des Gewordenseyns, sondern des Werdens; in das
Reich nicht des Vergänglichen, sondern des Ewigen ist. Vor und über
dem Gedanken des Menschen ist aber ein andrer Gedanke, welcher in
umgekehrtem Verhältniß zu jenem hinabwärts steiget aus dem für uns
unsichtbaren Geistigen nach dem Leiblichen, aus der Ewigkeit nach
der Zeit; ein Gedanke dessen eigentliches Wesen dieses Hinabsteigen
einer erbarmenden Mutterliebe ist, nach den Geschöpfen ihrer Hand.
Dieser Gedanke wirket überall wo es ihm gefällt ein leibliches Werden;
er wirkt dieses, wie der Gedanke des Menschen, wenn dieser in seiner
unsichtbaren Region das Werk des Schaffens übt, auf einmal und in einem
Augenblick; denn das Denken des Schöpfers ist zugleich ein wesentliches
und leibliches Schaffen. Auch der Mensch, welcher jenes Denken kennet,
das zum lebendigen Worte ward; der Mensch, welcher im Glauben beten
lernte, hat es selber an sich erfahren, daß es einen Gedanken giebt,
der alsbald zur leiblichen, sichtbaren That zu werden vermag; es ist
jener Gedanke, der sich in den Stunden des Kampfes mit der Kraft Dessen
überkleidet hat, welchen er nicht lässet, Er segne ihn dann.«
»Als ich noch zu Hause war, habe ich oft ein Liedlein auf den Gassen
vernommen, dessen Leierton ich zuweilen lange in meinen Ohren
nachklingen hörte; wie froh bin ich, daß er hier in der Wüste des
Sinai schweigt. Es war das Liedlein von jenen Leuten, welche, da sie
sich für Weise hielten sind zu Narren geworden; und haben verwandelt
die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes in ein Bild gleich den
vergänglichen Menschen, und den Vögeln, und den vierfüßigen und
kriechenden Thieren[93]. Ich will dir den Inhalt des Liedleins noch
näher erzählen. Es war eine Schaar von Knaben, die hatte unter dem
Gerümpel einer Dachkammer alte Pistolen gefunden, welche ungeladen
waren, dazu gelähmt und zerbrochen an Schloß und Feder; etliche von
ihnen hatten nur hölzerne Stöcklein, die wie eine Flinte aussahen.
Die Männlein exerzirten mit ihren niemals zum Schuß befähigten
Schießgewehren, machten auch gar oft die Geberde des Schießens; da aber
der Bettel den sie in ihren Händen trugen nicht losgieng, machten sie
den Schluß, daß allen Pistolen und Flinten in der Welt die Kraft abgehe
irgend etwas damit zu treffen, das nicht so nahe steht, daß man es mit
der Hand erreichen und mit dem Flintenstecken schlagen kann. Denn,
sagten sie, was einst möglich war, das müßte auch jetzt noch möglich
seyn; gäbe es wirklich, wie man uns berichtete, eine solche wundervolle
actio in distans (Wirkung in die Ferne) in den Schießgewehren, warum
zeigte sie sich dann nicht auch an unsern Pistolen und Flinten? --
Die Knaben, von denen ich eben sprach, nennen sich eine Schule »der
Denker« und führen das Wort Gedanke mit großem Geschrei in ihrem
Munde. Aber obwohl sie immerdar lernen, können sie dennoch nicht zur
Erkenntniß der Wahrheit kommen; sie wissen nicht einmal, daß der
Gedanke jenes Wunder selber ist, das sie läugnen. Ja, sie haben die
Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes heruntergezogen in ihr eignes
vergängliches Bild, das abgesehen von der Fertigkeit des Schwatzens,
gleich ist an innrer Kraft den vierfüßigen und kriechenden Thieren.
Denn weil sie selber niemals in und an sich erfuhren die Schöpferkraft,
die dem rechten wahren Gedanken innen wohnt, machen sie das Wort der
Wahrheit, machen sie die von Gott begeisterten Seher der Wunder des
Herrn zu solchen Lügnern, dergleichen sie selber sind. Sie können nicht
fünftausend Mann mit fünf Broden und zween Fischlein sättigen; sie
können nicht dem Meer und dem Sturmwind gebieten, nicht Kranke heilen
und Todte erwecken, also konnten es Christus der Herr und seine Apostel
auch nicht; vor ihnen geht keine Wolken- und Feuersäule vorher, sie
werden niemals mit dem Manna gespeist, also widerfuhr dieß den Heeren
Israëls auch nicht; was die Schrift davon erzählt ist Mythe, das heißt
Lüge. Und dennoch, wenn sie die Religion ihrer Väter so von aller
eigentlichen Kraft des Gedankens (Wunders) entkleidet und sich statt
Gottes einen kraft- und gedankenlosen Götzen, als »ein Bild das ihnen
gleich sey«[94] erschaffen haben, reden sie noch von einer Möglichkeit
die Göttlichkeit des Christenthumes zu bezeugen. Wo steckt denn diese
Göttlichkeit? in der Kraft der Lüge oder in den Taschen der Narrheit?«
»Sieh' dich um, mein Freund, in der Geschichte der Heiden und Völker;
kannst du mir eines nennen, das ohne den Glauben an den Gedanken, ohne
Glauben an das Wunder zu bestehen vermochte? Vernimm es aus dem Munde
aller wahrhaft denkenden und weisen Heiden; aus Sokrates und Plato's
Munde, daß eine Welt der Götter, daß ein Oberes sey, dessen Gedanke die
That des Sichtbaren ist; ein Gott im Himmel, welcher schaffet was er
will. Wenn es auch unter den hochgebildeten Heiden manche Afterweise
gab, welche wie jene Knäblein, von denen das Lied der Gassen erzählte,
sich losgemacht hatten von der Herrschaft des Gedankens, weil sie,
statt zu denken nur wähnten und schwatzten, so waren doch die Tausende
der gesund gebliebenen Menschennaturen des festen Glaubens an eine
Ordnung der Dinge und Thaten, welche nicht wie das Gras und Kraut
aus dem Boden wächset, sondern mit der Kraft des Wunders, gleich
dem Strahl der Sonne durchs Gewölk hereinbricht in die Welt des
gewöhnlichen Wachsens und Verwelkens und da überall ein Leben ihrer
Art erzeugt. Sind doch die Bekenner des Islams glücklicher zu preisen
als die Schule der Denker, von denen ich vorhin sprach, denn jenen ist
das Wunder des Gedankens nicht zum Gespött und zu nichte geworden;
die Thaten Gottes sind ihnen wirklich geschehene; Moses und Christus
erscheinen ihnen als wahrhafte Werkzeuge der Wunderkraft Gottes.«
»Doch laß dies seyn. Ich meines Theiles wollte lieber noch heute ein
zusammen gedorrtes Gebein, da unten in der Todtenkammer der Mönche
seyn, als leben und nicht glauben, daß ein Gott sey, der sich dem
Menschen erbarmend, in sichtbarer That und Gestaltung genaht, und
so wie das Wort der Wahrheit, wie die Schrift es uns erzählt, durch
Wunder, durch die That Seines Gedankens an ihnen herrlich gemacht hat.
Ich glaube, darum rede ich.«
Wir hatten bis fast zur Mittagsstunde mit einander gelesen und
gesprochen; es waren Gespräche, des Sinais nicht ganz unwürdig; da kam
unser alter, guter Prior, der schon gestern der Hausfrau versprochen
hatte, ihr heute etwas ganz besonders Schönes zu zeigen und führte
uns an eine Stelle im obern Theile des Gartens, an welcher eine
steinerne Rinne durch die Mauer gebrochen war. Mit bedeutungsvollem
Lächeln winkte er uns Platz zu nehmen; er wollte uns, was freilich uns
mitten im Lande der laufenden Gewässer Geborenen nichts Neues war,
das Schauspiel eines Wasserfalles bereiten. Von Zeit zu Zeit trat er
tiefer zurück in den Garten und blickte hinauf nach den Felsenwänden
des Horeb, von wo man das Geschrei der Beduinenjungen hörte, welche
beschäftigt waren das Wasser einer kleinen, hochgelegnen Cisterne
seiner Haft zu entlassen. Endlich kam ein Bächlein Wassers, gar klein
und schwach, dazu trüb und schlammig, lief über die Rinne herein und
stürzte sich zuerst in ein gemauertes, kleines Bassin, von da, durch
die steinernen Rinnen tiefer hinab bis in die größere Cisterne des
untersten Gartens. Der alte Mönch der die Aufsicht über den Garten
hatte, brummte gar unwillig über eine solche Verschwendung des Wassers;
der Prior begütigte ihn mit sanften Worten, da ja das Wasser zuletzt
doch wieder in der Cisterne sich sammle, und wir freuten uns dankbar
über die Freude des lieben Greises, die er darinnen fand, uns ein in
seinen Augen sehr großes und seltnes Vergnügen zu machen.
Nach Tische folgte ich der Einladung in die Zelle des ehrwürdigen
Priors. Ich wurde da mit Kaffee bewirthet, mit süßem Weine und Orangen,
und da der Greis gesehen hatte, daß ich mit Eifer Naturgegenstände
sammle, that er seine Schätze auf und beschenkte mich reichlich.
Zuerst mit einem Stein, welchen die Beduinen aus dem Gebirge bringen,
und der, wie er sagte, voll wunderbarer Heilkräfte sey, weshalb die
Türkischen Mekkapilgrime ihn theuer erkauften; der Stein war aber
nichts Andres als unser fasriger Rotheisenstein oder rother Glaskopf,
den auch bei uns das Volk unter dem Namen des Blutsteines zum Stillen
der blutenden Wunden empfiehlt und anwendet. Darauf kamen Fungien
und manche andre Lithophiten so wie Conchylien des rothen Meeres,
welche in Tor gesammelt und den Vätern des Sinai, zu Geschenken an
curiose Pilgrime zugesendet werden. Zuletzt kam das mit Recht für das
kostbarest gehaltene Geschenk: eine blecherne Büchse des Sinaitischen
Manna's, das von neueren Reisenden so oft erwähnt und beschrieben
ist. Dieses darf ja nicht mit dem gemeinen, sogenannten Manna unsrer
Apotheken verwechselt werden, welches aus der in Südeuropa wachsenden
Manna-Esche kommt; es ist ein ungleich seltnerer Stoff, der fast
ausschließend nur auf der Sinaitischen Halbinsel gefunden wird, wo
er in den heißesten Zeiten des Jahres und der einzelnen Tage aus den
Zweigen der Mannatamariske herunterträufelt. Wenn man genau nachsieht,
was die Ursache dieses Herausträufelns sey, dann erkennt man, daß der
Stich eines kleinen, häßlichen Insektes, einer Art von Schildlaus es
bewirke. Die Beduinen sammeln es gewöhnlich in der kühleren Zeit des
Morgens, wo es in der Gestalt kleiner, fester Kügelchen an den Zweigen
hängt, nehmen aber auch das mit, was am vorigen Tage herab in den
Sand geträufelt ist. Um dasselbe von den anklebenden fremden Theilen
zu reinigen, pressen sie es durch Leinwand und bewahren es dann in
ledernen Schläuchen oder in den ausgehöhlten, getrockneten Schalen der
Flaschenkürbise auf. Einen großen Theil von diesem Manna genießen die
Einsammler selber, nicht bloß wegen des honigartigen Wohlgeschmackes,
sondern weil sie es für der Gesundheit sehr dienlich halten, einen
andern Theil verkaufen sie nach Kairo oder an die Mönche des Sinai.
Der Preis ist selbst an Ort und Stelle ziemlich hoch, denn man bezahlt
für die Woga (von 4⅔ englischen Pfunden) 60 spanische Thaler; einen
im Werth von 2 fl. 30 kr.; mithin für das Loth ohngefähr einen Gulden.
Und mit Recht hält man es sehr hoch; denn nach der Versicherung der
Mönche wie der Beduinen sammlet man auch in den ergiebigsten Jahren
auf der gesammten peträischen Halbinsel kaum sechs Zentner, in andern
Jahren kaum das Drittel dieser Masse. Sollte dieses Schildlausmanna
die Nahrung der Heere Israëls in der Wüste gewesen seyn, so wären
sie sehr zu bedauern gewesen; es enthält durchaus nichts von jenen
Stoffen, die dem thierischen Körper zu seiner täglichen Erhaltung
und Ernährung unumgänglich nöthig sind und in denen sich Würmer
der Verwesung (2. Mos. 16, V. 20) erzeugen konnten; auch hätten
tausend Millionen Läuse nicht so viel vegetabilische und animalische
Excremente zu wege gebracht, als zur Ernährung eines solchen großen
Volkes vierzig Jahre lang, nicht bloß hier in der Umgegend des Sinai,
sondern auf dem ganzen weiteren Zug durch die Wüste nöthig gewesen
wäre; ich meine daher dennoch mit K. v. Raumer, mit dem verständigen,
nüchtern prüfenden Engländer, dem Marinelieutnant Wellstedt, und mit
manchen andern ehrenwerthen Reisenden und Schriftforschern, daß das
Brod der Engel, das Manna des Himmels, noch etwas Andres gewesen sey,
als das Manna der Läuse und Käfer. Und dennoch bleibt auch diese
Naturerscheinung der Sinaitischen Halbinsel eine für den Freund der
Schrift sehr beachtenswerthe Erscheinung. Wenn die kräftige Hand des
Werkmeisters erst einmal den Kanal durch den Felsen gesprengt hat, dann
nimmt das Wasser in allen kommenden Jahrhunderten da hindurch seinen
Lauf; als die Stammform der Geschlechter und Arten der sichtbaren Dinge
erst einmal durch Gottes Allmachtswort erschaffen war, dann pflanzte
und schuf sie sich auf dem gewöhnlichen Wege der Zeugung weiter fort.
So hat sich auch die Anregung zur Mannabereitung, welche zu ihrer
Zeit den Lebensodem der Luft und mit ihm alle Lebenskräfte des Landes
durchdrang, wenigstens noch im lebenden Gebüsch der Mannatamarisken
fortzeugend erhalten. Doch wird auch in Persien eine mit diesem Manna
verwandte Substanz durch den Stich eines Insektes auf einem Strauche
erzeugt, der dem Ginster gleicht, und Gavan heißt; in Turkistan wie in
Mesopotamien kommt Manna aus einigen Arten von Eichen, unter die man
bei Nachtzeit Tücher ausbreitet, auf welche dasselbe wie Thautropfen
herabfällt. Burckhardt berichtet, daß ein solches Manna, welches in
Erzerum aus dem Baume hervordringe, welcher Galläpfel trägt, von den
dortigen Eingebornen genossen werde; ein gelehrter jüdischer Rabbi,
mit welchem Wellstedt am rothen Meere znsammentraf, wollte auf seinen
Reisen durch die Wüste nach Damaskus eine mannaartige Substanz auch an
solchen Stellen auf dem Boden bemerkt haben, wo rings umher kein Baum
war.
Die späteren Nachmittagsstunden dieses Sonntags brachte ich mit meiner
guten Hausfrau noch recht seelenvergnügt im Garten des Klosters zu.
Wir ergiengen uns da bald im unteren Garten, im Schatten der blühenden
Orangen und Zitronen, bald im oberen unter den blühenden Obstbäumen,
die heute fast alle ihre Knospen aufgethan hatten; sammelten uns zum
Andenken an den lieben, schönen Sinai abgefallene Früchte der Oelbäume
und Zäpflein der Cypressen, so wie mancherlei Blumen. Du lieber Sonntag
Lätare, am Sinai verlebt, so lang ich lebe gedenke ich Dein mit
Freuden. --
Auch bei uns zu Lande, wenn man in einem von der Poststraße weit
abgelegnen Gebirge verweilend, aus einer entfernten Stadt einen
Lohnkutscher bestellt hat, wartet man am Tage, auf den er kommen
sollte, mit einigem Bangen seiner Erscheinung; denn man hat Eile, die
Zeit ist abgemessen. So warteten auch wir am Montag den 6ten März
mit einiger Besorgniß auf unsre freien Beduinen, welche indeß in ihre
Wohnstätte der Wüste und zu den Ihrigen zurückgekehrt waren. Es lag
uns viel daran die liebe Osterzeit in Jerusalem zuzubringen; wollten
wir aber dies möglich machen, dann durften wir nicht länger in dem
Sinai-Paradiesgarten weilen. Um die Zeit des Wartens leichter zu machen
gieng ich am Vormittag noch einmal in Begleitung des Herrn Mühlenhof im
Klosterthal hinan und zum Sebayethale, erhub meine Seele noch einmal im
Anschauen des Sinaigipfels und trug einige ergänzende Bemerkungen für
mein Tagebuch zusammen. In der Mittagszeit kehrten wir zurück und eben
da wir die Gartenmauer erstiegen, zeigten sich von ferne die ersten
Kamele unsrer Beduinen und bald auch die wohlbekannten Gesichter ihrer
Führer, vor allem das des guten Hassan, der heute am Seile herangezogen
und ins Innre des Klosters gelassen wurde. Er, der Scheikh oder kleine
Fürst seines Stammes, hatte einen seiner jungen Prinzen mit sich
gebracht, einen Knaben von zwölf oder dreizehn Jahren, der uns auch mit
nach Akaba, und, wenn es angienge, bis Hebron begleiten sollte. Die
guten Mönche versorgten die schreienden Beduinen, deren größerer Theil
unten vor den Mauern des Klosters sich lagerte, reichlich mit Brod, wir
gaben ihnen Reis aus unsern Vorrräthen.
Jetzt hatten wir keine Sorge mehr um das Weiterkommen; wir konnten
den übrigen Theil des Tages noch recht in Ruhe mit der Natur des
Sinaitischen Gebirges, so weit sie uns bekannt geworden war, verleben.
Freilich hatten wir für das Geschäft des Zusammenraffens aller der
Gaben, welche diese reiche Natur ihren Freunden zu Füßen legt, viel
zu wenig Zeit und Hände, denn mit jedem neuen Tage kam durch die
herbeitragenden Beduinen und durch die eigne Bemühung meiner jungen
Freunde so viel zusammen, daß man kaum im Stande war Alles zum
Mitnehmen durch den Weg der Wüste, in die liebe Heimath zuzuschicken.
Ich fasse hier in einem kleinen Umriß Das zusammen, was uns selber von
der Natur der Gegend anschaulich wurde.
Die Höhe der Lage über dem Meere, die Beschaffenheit der Gebirge und
der nicht ganz unbedeutende Zufluß des Wassers, auch außer der Zeit des
Regens und des thauenden Schnees, durch einzelne Quellen, giebt dem
Clima der Sinaithäler eine so wohlthätige Beschaffenheit, daß man den
Aufenthalt im Kloster mit Recht den in Kairo wohnenden Fremden als den
zuträglichsten während der heißen Zeit des Jahres empfiehlt. Im Winter
sind die Berggipfel zuweilen wochenlang mit Schnee bedeckt, selbst im
Klosterthale fällt dann nicht selten Schnee, der aber freilich alsbald
wieder hinwegthaut. Im Sommer, während der heiße Samum die Ebene am
Meere mit seinem Gluthstrom erfüllt, ist die Luft im Thal des Klosters
noch immer sehr gemäßigt; in der letzten Hälfte des Nachmittags breitet
der Horeb über dasselbe seinen erfrischenden Schatten und ein kühlender
Luftzug streicht dann hindurch. Einzelne Erdstöße werden zuweilen auf
den Felsenhöhen bemerkt, während das Kloster selber keine Zerstörungen
vom Erdbeben erleidet. Die Pest kommt nie hieher; die Mönche genießen,
bei hohem Alter, einer dauerhafte Gesundheit. Die vorherrschende
Gebirgsart des Sinais ist jene granitische, welche häufig durch die
sich statt des Glimmers einstellende Hornblende zum Sienit wird,
abwechselnd mit Porphyr, durchsetzt von Gängen des Grünsteins,
Pistazits und Hornblendegesteines. Die Mönche halten die Hornblende
für ein Erzeugniß jenes (verkohlenden) Feuers, mit welchem der Berg
bei der Gesetzgebung brannte. Der Huthberg ist reich an Pistazit.
Alle Arten unsres Obstes gedeihen, zugleich mit den Südfrüchten ganz
vortrefflich, so daß das Obst vom Sinai auch in Kairo im höchsten
Werthe steht; das hier einheimische, wilde Pflanzenreich enthält
eine Fülle von gewürzhaften Kräutern. Von Bäumen findet man außen im
Freien nur die Zypresse, die Seyal-Akazie (+A. Seyal+) und die
Aronsmispel (+Mespilus Aronia+) mit erdbeerartig schmeckenden
Früchten, dann in einigen Nebenthälern den Sinaitischen Sykomorusbaum
(+Ficus Pseudosycomorus+) so wie die fast zur Baumhöhe erwachsende
Tamariske; die Palme sahen wir nur von zwergartigem Wuchse; der Oelbaum
wie der Feigenbaum sind, auch wo sie hin und wieder im Freien stehen,
durch die Cultur des Bodens dahin gekommen. Unter den Gesträuchen
zeichnet sich der Aleppinische Blasenstrauch (+Colutea haleppica+)
aus, welchen die Araber Sphärai nennen. Die Mönche des Sinai halten
diesen Strauch sehr hoch in Ehren; sie glauben, daß der Stab, mit
welchem Moses so viele Wunder verrichtete, aus seinem Holze geschnitten
war und noch jetzt pflegen sie in ihrem Garten eines ansehnlichen
Strauches dieser Art, den sie für einen Abkömmling des Mosaischen
halten. Auf dem Huthberge des Moses (Menegada Musa) wächst die
stachliche Strauchmelde (+Atraphaxis spinosa+), an andern Punkten
der geflügelte Meerträubel (+Ephedra alata+) und der schöne,
einblumige Geisklee (+Cytisus uniflorus+). Unter den vielen andern
Pflanzenarten, welche wir hier sammelten, war uns die interessanteste
und werthvolleste ein sehr großes Cynomorium, das so eben in vollen
Blüthen stund. Es gleicht ziemlich dem berühmten Heilschwamm von Malta
(+Cynomorium coccineum+), der auf dem isolirt im Meere stehenden
Felsen bei Gozzo, dem Hagira tal Geraal, wächst und aus welchem vormals
die Malteserritter eine Tinktur und ein Pulver bereiteten, welche man
in vielfältigen Krankheiten als ein Universalmittel betrachtete und
nur an die fürstlichen Häußer von Europa abließ. Aber bei all diesen
Ähnlichkeiten zeigt es zugleich so viel Eigenthümliches, namentlich
schon in seiner zehnfach ansehnlicheren Größe, daß man es mit
Wahrscheinlichkeit als eigne Art betrachten darf. Das ganze Gewächs
bildet einen keulenförmigen, dunkel-carmoisinrothen Strunk, an dessen
Außenfläche die kleinen Blüthlein stehen. Die Beduinen verzehren es roh
und halten es für sehr gesund[95].
Die Thierwelt des Sinai ist an Arten und Individuen zwar nicht sehr
zahlreich, dafür aber desto interessanter. Sie wird von keinen
größeren Raubthieren bewohnt; statt des Schakals der tiefer gelegnen
Gegenden findet man hier nur den niedlichen kleinen Einödenfuchs
(+Canis famelicus+). Der Bedensteinbock (+Aegocerus Beden+),
dessen wohlschmeckendes Fleisch wir hier öfters genossen, fängt an
sehr selten zu werden; von dem Wower (+Hyrax syriacus+) kam
das für uns bestimmte Exemplar erst einen Tag nach unsrer Abreise
an; dagegen erhielten wir unter andrem mehrere Exemplare einer noch
nicht beschriebenen Art von Siebenschläfern und eine ziemliche Anzahl
Stachel- und Springmäuse. Von Vögeln sahen wir einen schönen Adler und
erbeuteten mehrere Arten von Drosseln, Steinschmätzer und Sylvien; von
Eidechsen die Sinaitische Agame (+Agama sinaitica Rupp.+)[96].
Im Verhältniß zu der Zeit, welche wir zu der Untersuchung der Umgegend
des Sinai anwenden konnten, hatten wir unerwartet viel erbeutet, auch
in dieser Hinsicht war uns der hiesige Aufenthalt ein reich gesegneter.
Dienstags den 7ten März packten wir unsre Habseligkeiten; meine jungen
Freunde arbeiteten dabei noch immer rüstig an der Zubereitung einiger
zum Ausstopfen bestimmten Thierhäute und am Skletiren der Schädel. Die
guten Väter des Sinai versorgten uns auf die Reise mit einer Fülle
von Brod, Ziegenkäse, Granatäpfeln und getrockneten Früchten; der alte
Prior schnitt noch mit eigner Hand einen Stock von dem Mosisstabholz
und gab mir ihn, zum Andenken an das Kloster an Sr. Majestät unsern
König Ludwig von Bayern mit; dem guten König Otto von Griechenland,
so sagte der Greis, solle ich sagen, daß die Mönche vom Sinai täglich
für sein Wohl beteten und solle ihm hier ein wenig von dem Festkuchen
des Klosters mitnehmen. Dieser Festkuchen war eine zusammengequetschte
Mischung von getrockneten Aprikosen, Datteln, Rosinen und Mandeln,
eingenäht in schwarzes Leder. Sie hatte auf unsrer langen Weiterreise
viel durch die Hitze gelitten, so daß ich zweifle, daß sie bei der
Ankunft in Athen, wo ich sie an die Hofküche abgab, noch gut genießbar
gewesen sey.
Erst anderthalb Stunden nach Mittag waren unsre Beduinen zum Aufbruch
bereit. Wir hatten von allen uns so lieb gewordnen Stellen, wie von
den Bewohnern des Klosters Abschied genommen; der ehrwürdige Prior
stieg mit uns über die Gartenmauer und begleitete uns noch ein Stück
Weges; noch einmal mußten wir aus seiner Hand den Abschiedstrunk
des Dattelnweines annehmen. Und nun der letzte Gruß auf seliges
Wiedersehen, der uns beiden von Herzen gieng. Der gute Greis winkte
uns, da wir jetzt unsre Kamele bestiegen und weiterritten, noch lange
freundlich grüßend nach, dann schritt er langsam an seinem Stabe
zurück.
Die Reise vom Sinai nach dem Berge Hor.
Unser Weg, den wir kurz vor zwei Uhr antraten, führte uns zuerst in
nordwestlicher Richtung in dem Klosterthal hinab, und war, so lange wir
diese Richtung behielten, derselbe, auf welchem wir von Tor herkamen.
Sobald wir aber die Breite des Bostanthales erreicht hatten, wendeten
wir uns rechts, in das zuerst von Südsüdwest nach Nordnordost, dann
aber fast ganz nach Nord verlaufende Scheikhthal; eines der schönsten,
weitesten Thäler von allen die wir auf der Halbinsel sahen. Zu unsrer
Linken, nach Nordwest, bemerkten wir ausgezeichnete Felsengruppen; nach
dieser Gegend hin liegt die Felsenkluft mit dem Ruhesitz des Moses
(Mokad Seidna Musa), den die Beduinen sehr verehren. Wir kamen ganz
nahe an dem Grabe des in den Augen dieses Volkes für heilig gehaltenen
Scheikh Szaleh vorüber, das mit vielen bunten Tüchern und Flimmerwerk
verziert ist. An dem Mulid oder Geburtsfest dieses Heiligen, das man in
der letzten Hälfte des Juni feiert, versammeln sich hier vor allem die
Beduinen des Towarastammes, es kommen aber bei dieser Gelegenheit auch
viele andre, mit dem Stamme in Frieden lebende, aus den entfernteren
Gegenden der Halbinsel hieher; denn außer den dreitägigen Schmaußereien
und Tänzen wird zugleich eine Art von Viehmarkt gehalten. Wir lenkten
nach etwa 2½ Stunden in ein Seitenthal ein, welches +Dr.+
Erdl in seinem Tagebuch, nach Angabe der Beduinen, als Wadi Saadi
verzeichnet hat, mir nannte es der Scheikh Hassan Buszueir (Abu
Szueir); hier schlugen wir unser Nachtlager auf.
Die Wüste hatte uns da, bei unsrer Zurückkehr in ihre Mitte, einen
ganz besonders freundlichen Empfang bereitet; die Gegend, in welcher
wir lagerten, war ganz besonders interessant. In einer Schlucht, die
sich zwischen die Hügel hineinzieht, findet sich etwas Wasser; dort
hat eine fleißige Hand, wahrscheinlich die der Sinaitischen Mönche,
drei Gärtchen angelegt, welche mit Mauern, bestehend aus kunstlos
über einander gehäuften Steinen umgeben sind. In diesen Gärten
stunden so eben die Birnbäume in voller Blüthe. Wir freuten uns des
Anblickes, der uns so lebendig an den Frühling des theuren Vaterlandes
erinnerte; mehr noch aber als die blühenden Birnen, zogen uns die in
der Wildniß blühenden und grünenden Gewächse an, unter denen eine noch
unbeschriebene Art von Salbey, eine vielleicht auch von Geißraute
(+Galega+) war[97]. Die vorherrschende Gebirgsart der Felsenwände
ist hier ein feinkörniger Sienit, der mit Porphyr abwechselt und von
Gängen des letzteren durchsetzt wird. Unmittelbar bei unsrem Zelte
fand sich ein mächtiger, aus kuglichem Basalt bestehender Gang. An
diesen Gängen zeigen sich hin und wieder starke Verwerfungen; die
Hauptrichtung ihres Streichens gehet von Süd nach Nord. Die Höhe unsers
Lagerungsplatzes über dem Meere war 4005 Par. Fuß.
* * * * *
Es war den Meisten von uns als hätten wir erst jetzt das Leben in
der hehren Stille der Wüste recht verstehen und schätzen gelernt.
Im Sinaikloster hatte sich nicht nur der Leib zur Ertragung aller
weitren Beschwerden der Reise kräftiglich gestärkt, sondern auch die
Seele war, wie unter den Fittichen eines alten Adlers von jugendlicher
Empfänglichkeit durchdrungen und erwärmt worden. Ich wenigstens fühlte
mich so frisch und freudig, wie in meinen Jünglingsjahren und denke
namentlich gar gern an die Morgenstunde, in der ich auf dem Felsenhügel
beim Zelte die Sonne aufgehen sahe, über dem weiten Felde der großen
Thaten meines Gottes.
Wir brachen heute, Mittwochs am 8ten Merz, erst 7½ Uhr des Morgens
auf; unsre Beduinen hatten noch auf einen Gefährten gewartet, welcher
zum eigentlichen Führer auf dem Wege nach Akaba bestimmt schien.
Uebrigens hatten wir auch sonst manche neue Begleiter und neue Kamele;
namentlich fehlte mir mein jugendlich munterer Kamelhengst, welcher
freilich auf dem Herwege zum Sinai seinen Uebermuth öfters durch
Herausblattern des Gaumensegels und manche Widerspenstigkeit gegen
seinen Führer, nach Art der Kamele, verrathen hatte, und zugleich
mit ihm der gar freundliche, dienstwillige Begleiter, der mir mit
seinem einen Auge, denn das andre war durch die Blattern ihm geraubt
worden, alle Wünsche meines Herzens absahe; statt dessen hatte ich ein
geduldigeres aber minder starkes Thier und einen neuen Begleiter, mit
dem ich übrigens auch bald bekannt wurde.
Unser Weg zog sich zuerst durch eine enge, steinige Kluft hinan, dann
quer durch ein weites Thal nach einem nur von niedern Felsen umgränzten
Höhenstriche, von welchem wir an manchen Punkten dem Hochgebirge des
Sinai noch einen Abschiedsblick zuzuwerfen vermochten. -- Du ernster
Gipfel des Berges Gottes Horeb, könnte man dich doch mit hineinnehmen
ins Herz und da aufstellen, daß du für immer die Lockungen des
Leichtsinnes und die Neigung zur Untreue aus Auge und Herz entferntest.
Aber wie bald hatten deine Donner und deine Segnungen Israëls Heere
vergessen, als sie hier dieses Weges zogen durch die Wüste Pharan
nach den Grabstätten der murrenden Lüsternheit! -- Noch vor eilf Uhr
traten wir in das, bei aller seiner Unfruchtbarkeit dennoch erhaben
schöne Felsengebirgsthal, in den Wadi Sal ein, welches, freilich mit
vielen Krümmungen und Zickzackabweichungen, dennoch im Ganzen nach
Nordostnord verläuft. Es ist zuweilen so eng wie die Gassen einer
unsrer alten Reichsstädte; in der Zeit der Regenfluthen, welche, wie
die Thalwände es bezeugen, zuweilen ziemlich hoch steigen müssen, ist
hier an kein Ausweichen und Hindurchkommen zu denken. Nach 2½ Uhr
sahen wir mehrere sehr mächtige Gänge von einer rothen Eisenthon-
oder Thonporphyrmasse gebildet, und an einer Stelle ein schiefriges
Gebirge (Grünsteinschiefer?), wir konnten aber nirgends absteigen und
nähere Besichtigung anstellen. Nachdem wir 4½ Stunden lang das
Thal durchzogen hatten, sahen wir zu unsrer Rechten Berge und Hügel
mit kesselförmigen Eintiefungen und muldenförmigen Thälern; man hätte
sie ihrem Umrisse nach aus der Ferne für ehemalige, nun zum Theil
zusammengestürzte Vulkane halten mögen. Nach 5½ Stunden gelangten
wir auf eine Ebene, welche eine weite Aussicht, vor allem gegen Norden,
nach dem grausenhaft öden Höhenzug der Sandsteinwüste el Tyh gewährt.
Jenseits der Ebene, auf welcher Mimosenbäume wuchsen und deren schmalen
Saum wir in etwa 20 Minuten durchschnitten, traten wir von neuem in
ein ziemlich in der gleichen Richtung mit dem Wadi Sal fortlaufendes,
stellenweise sehr verengertes Thal. An den Gebirgswänden zeigte sich
öfters ein schaaliger Granit; im weitren Verlaufe des Thales war auf
den Höhen dieser immer niedriger werdenden Granitberge Sandstein
aufgelagert. Wir lagerten uns kurz vor Sonnenuntergang an einer gähen
Felsenwand, zur rechten Seite des Thales. In den engen Schluchten der
Bergwände hörten und sahen wir die kleinen Heerden der Arabischen
Trappen und andrer Laufvögel, es gelang uns aber nicht einen von ihnen
zu erbeuten. Die Höhe unsrer Lagerstätte über dem Meeresspiegel ergab
sich aus dem Stand unsres Barometers zu 2178 Par. Fuß.
Ich hatte auf der heutigen Tagreise durch die wilde, dürre Einöde,
öfters an die Lüsternheit der Heere Israëls nach Aegyptens Fleisch
und Gemüsen (nach 4. Mos. 11, V. 4, 5) gedacht. Es ist nicht
unwahrscheinlich, daß unser heutiger Weg durch die Gegend der
Lustgräber gieng. Ja, wie selig muß die Seele seyn, die mit Wahrheit
sagen kann: Wenn ich nur Dich habe, dann frage ich nichts nach Himmel
und Erde.
Donnerstags, den 9ten März, setzte sich unsre kleine Karawane früh um
7 Uhr in Bewegung; wir zogen zuerst durch einen Engpaß, auf dem wir
nach einiger Zeit ziemlich steil abwärts steigen mußten. Nach einer
Stunde und zehn Minuten gelangten wir in ein breites, sandiges Thal,
welches unsre Beduinen Marrah benannten, und welches von Süd gegen
Norden allmälig ansteigt. Wir ritten hier in einer fast nördlichen
Richtung aufwärts bis etwas nach zehn Uhr. Zur (linken) Seite
erblickten wir braune Sandsteinfelsen mit ganz weißen Stellen und
Flecken (des Kreidekalkes) untermischt; gegen Nord und Nordwest lag,
sehr genähert, das oft pfeilerartig gebildete Gebirge Tyh vor uns, an
dessen nördlichem Abhange die Tyaha-Beduinen haußen. Ganze Wolken von
Zugvögeln von solcher Ausdehnung und Dichtigkeit, wie ich sie noch
niemals gesehen, zogen in der Ferne an uns vorüber; sie kamen aus dem
südlicheren Winteraufenthalt und eilten jetzt nach der Meeresküste,
um allmälig ihrer Heimath näher zu rücken[98]. Zwischen zehn und eilf
Uhr waren wir auf eine Hochebene (Heydar?) gelangt, auf welcher wir
häufig die Lager von Thoneisenstein und selbst Brauneisenstein in einem
buntstreifigen Sandstein bemerkten, der unsrem Amberger Sandstein
glich. Auch hier warf uns an manchen Stellen das Hochgebirge des
Sinai noch einen freundlichen Abschiedsblick zu. Es wurde jetzt sehr
heiß; einige Granatäpfel vom Sinai erquickten mich und den kleinen
Sohn meines alten Scheikh Hassan; denn jener hielt sich, besonders
wenn ihn hungerte und durstete, gern zu meinem Kamele, obgleich ich
nichts zu geben hatte als ein Stücklein dürren Brodes und in den
ersten Tagen etwa eine Frucht aus dem Garten des Klosters. Um 12½
Uhr, als die Hitze am empfindlichsten war, erreichten wir ein Thal,
welches die Beduinen Ghirrisi nannten und das einen so wunderlichen
Anblick gewährte, als ich kaum sonst in meinem Leben einen gleichen
genossen hatte. Denn die Kreidekalk- und merglichen Sandsteinwände
zeigen Naturspiele, welche selbst noch in der Nähe architektonischen
Zierrathen oder halb erhabenen Hieroglyphen gleichen, und es ist als
fühlten sich die Reisenden hier angetrieben auch allerhand Figuren
an den Fels zu mahlen, denn noch ehe wir in das eigentliche Engthal
kamen, zu welchem man neben einem burgartigen Felsen, wie durch ein
Thor hineinzieht, sahen wir die Felsenwände häufig mit Kohle bemahlt;
die Figuren sollten meist Ziegen und Kamele vorstellen; dazwischen
gab es auch einige Arabische Namenszüge. In dem Thale selber getraute
ich mich kaum zu reden, so sehr zog es meine Aufmerksamkeit an. Es
dauerte jedoch nur eine halbe Stunde und den Kamelen so wie ihren zu
Fuße gehenden Begleitern mag dieß nicht unlieb gewesen seyn, denn der
Weg gieng durch sehr tiefen, feinen Sand. Von 1 bis 1⅔ Uhr ritten
wir über den festeren, felsigen Boden einer kleinen Hochebene, die
unsre Beduinen Gadah benannten. Darauf kamen wir in ein schönes nach
N. O. verlaufendes Thal, welches Quellwasser zu haben scheint, dem
die Beduinen den Namen Hadhra gaben. Burckhardt hält es für Hazeroth
4 Mos. 11[99]. Hier stunden viele Bäume und Gesträuche; darunter
auch, wie mir es aus der Ferne schien, einige verwilderte Oelbäume.
Nach allen Seiten wurden die Höhlen von Springhasen und Spuren von
Gazellen bemerkt; unser Knecht Mohamed machte uns auch auf eine bunte
Schlange aufmerksam. So viel aber auch hier vielleicht von Thieren
der Wüste zu haben gewesen wäre, erlangten wir dennoch keines; denn
unser Knecht und ein Beduine unsrer Gesellschaft, der zum Trotz der
großen Hitze beständig eine Art von schwarzem Schafpelz trug, und den
das Versprechen einer guten Belohnung zu besondrem Eifer antrieb,
machten bei ihren Nachforschungen einen solchen Lärmen und Geschrei,
daß sie wohl einen Elephanten, geschweige einen Springhasen schon von
weitem wegscheuchen mußten. Jenseits Hadhra kamen wir auf ein Plateau,
oder eine von niedren Hügeln umgränzte Ebene, welche uns die Beduinen
Phara nannten, ein andres Thal nannten sie Grabo. Wir mußten hier (um
3 Uhr Nachmittags) auf einem steilen und beschwerlichen Wege durch ein
steiniges Defilé hinab nach dem Thale Semgi (Samghi?). Wir giengen
zu Fuße, während dessen war meine Brieftasche aus dem Rocke, der auf
dem Kamel lag, herausgefallen. Ich suchte lange vergebens; sie war
mir wichtig wegen der vielen in ihr verzeichneten Notizen. Ich kam in
meiner Ungedult auf den Einfall einer der begleitenden Beduinen habe
die Brieftasche gefunden und behalte sie nur versteckt, um ein recht
ansehnliches Trinkgeld zu erpressen. Ich äußerte meinen schlechten
Verdacht dem guten Hassan, der mit unmuthigem Ernst den Gedanken von
sich wies und jetzt selber recht eifrig mit suchen half. Endlich
entdeckte unsre treue Reisegefährtin das so schmerzlich vermißte
Büchlein, welches zwischen den Felsenstücken lag. Hassan sahe mich zwar
lächlend, aber mit einer Miene an in der sich die unschuldig gekränkte
Ehre und ein ernster Tadel aussprachen; er hatte doppelt recht, der
gute Alte, mir, dem Christen gegenüber; ich drückte ihm die Hand mit
tiefer Beschämung. Die Kamele und der größere Theil der Begleiter
hatten unten, am Fuße des Abhanges gewartet; wir zogen jetzt in dem
ansehnlichen Wadi Samghi hinab; unsre Richtung war nordöstlich. Schon
um 5 Uhr lagerten wir an einer Stelle des Thales, wo viele Mimosenbäume
und stachliche Sträucher stunden. Auf den sehr heißen Tag that uns
die Kühle des Abends ganz besonders wohl. Die Beduinen bekamen heute
eine größere Portion Reis zu ihrem Abendessen als gewöhnlich; die
guten Leute, auch wenn sie durch Hassan wußten, wie sehr ich ihnen
unrecht gethan, hatten doch Alles wieder vergeben und vergessen; sie
boten der Hausfrau, da diese ihnen zusahe, wie sie aus ihrem zu Hauße
mitgenommenen Mehle in der heißen Asche sich das kuchenartige Brod
bucken, eben so freundlich als sie früher es gethan, ein Stücklein des
Gebackenen an, und saßen dann laut und fröhlich schwatzend um ihr Feuer
her, dessen Flamme durch die vielen hier stehenden dürren Gesträuche
eine reichliche Nahrung bekam. Auch unsre jungen Freunde ergriff die
Lust eine Illumination der Wüste anzustellen; sie entzündeten in
einiger Entfernung von der Lagerstätte die verdorrten Stachelgewächse
und beleuchteten durch die Flammen die Breite des Thales von einer
Felsenwand zur andren; ein Anblick, welcher selbst die furchtsame
Neugier der Kamele anzog. -- Die Höhe der Thalsohle war 1494 Fuß.
Freitags, den 10ten März erfreute uns schon mit Anbruch des Tages
der Gesang der in den Mimosenbäumen wohnenden Vögel. Unter den
mehr eintönigen Weisen der Malurusarten unterschied man auch die
tönereichere Stimme einer Sylvie. Eine halbe Stunde nach 6 Uhr brachen
wir auf und zogen, die Meisten zu Fuße, in dem Thal hinab, welches
an erhabener Schönheit der Bergumrisse mit jedem der gepriesensten
Italienischen Thäler wetteifern könnte, dem aber freilich mit dem
Wasser zugleich das Grün der Auen und der Waldungen abgehet. Doch
fanden wir da unter anderen eine wunderschöne, baumartige Asclepias
(die +Pergularia procera+). Die Beduinen bereiten aus den
seidenartig feinen Haarkronen der Samen einen Zunder; der milchartige
Saft der bei jedem Einschnitt aus dem Gewächs hervordringt und dann zu
einer zähen Substanz zusammentrocknet, wird als Purgirmittel benutzt.
Wahrscheinlich ist es der Ascheyrbaum, von welchem Burckhardt[100]
spricht. Einer unsrer Beduinen nannte ihn Leben-el-homar, d. h.
Eselsmilch, mit welchem Namen sonst die Towara-Beduinen eine andre,
kleinere Art von Pergularia (die +P. tomentosa+) bezeichnen.
Nach einer halben Stunde verließen wir das Hauptthal gegen Osten
und traten in das enge, steinige Bosehra oder Bosseyrathal ein, in
welchem wir anfangs aufwärts, dann ziemlich steil abwärts ritten.
Hier stunden viele Mimosen, an deren langen, scharfen Stacheln, wenn
unsre meist sich selber überlassnen Kamele zu nahe unter den Zweigen
hingiengen, unsre Kleider und Bettdecken, zuweilen auch die Haut
grausam zerrissen wurden. An manchen Stellen lagen Kohlen, welche die
Beduinen aus den Baumstämmen gebrannt hatten, und die sie zum Verkauf
bis nach Kairo führen. Mehrere unsrer Reisegefährten sammleten an den
frischen Stämmen Arabisches Gummi, das die Beduinen als Nahrungsmittel
genießen. Wir kamen weiterhin in einen engen Felsenpaß, der sich
durch die gähen Felsenwände des Sienits, Porphyrs und Urtrapps
(Grünsteins) hinzieht und welcher mich durch seine Gestalt an einige
der Engpässe erinnerte, durch welche man aus dem Weg von Nizza nach
dem Col de Tenda hindurchkommt. Wir sahen hier einige kleine Heerden
von Felsenhühnern (Frankolinen). Ein breiteres Seitenthal; das Bette
eines Winterstromes, das von Süden her in das Bosseyrathal einmündet,
nannte unser Scheich den Wadi Räeb. Jetzt zeigte sich auf einmal durch
den Engpaß die überraschende, herrliche Aussicht, zuerst hinüber nach
dem jenseits dem Ailanitischen Meerbusen gelegnen Arabischen Gebirge,
dann auf das Meer selber. Hier, in dem erquicklichen Schatten der
Felsenwände und Mimosenbäume hätte man gern lange verweilen mögen.
Wir mußten aber, wie die Kamele es wollten, auf denen wir saßen,
unverzüglich weiter, so gerne ich auch mein Thier allein, ohne ihm
Gesellschaft dabei zu leisten, hätte nach vornen niederstürzen
lassen, was indeß, bis auf eine kleine Verletzung der Hand und des
Gesichtes, Gott Lob ohne Schaden abgieng. Die Aussicht war jetzt
freier; unmittelbar unter uns erblickten wir, in weiter Ausdehnung das
Meer; an der gegenüberliegenden Küste von Arabien unterschied man alle
Umrisse der Gebirge, zwischen denen sich Thäler, von Palmenwäldern
grünend, weit hineingehen. Sie sind die Wohnstätte und das Eigenthum
der Akaba-Beduinen, während auf dem Gebirge und an seinen Abhängen,
bis gegen Akaba hin der mächtige Stamm der Omram sich ausbreitet,
welcher vormals ein Schrecken aller Bewohner des Landes, bis fast an
die Gränzen des Nilthales war. Die Gegend der Küste, der wir uns jetzt
naheten, heißet Nuäbe oder El Nobeyba. Gern hätten wir die scheinbar
so ganz nahe zu unsren Füßen gelegne reiche Dattelnpflanzung besucht,
an welche ein kleiner Wald von Tamarisken sich anschließt, aber Hassan
sagte, dies würde ein sehr bedeutender Umweg seyn. Ich war seit meinem
Falle vom Kamel abgestiegen und gieng ein Stück Weges zu Fuß, nicht
ohne ein besondres, heimathliches Gefühl, denn die rechte Heimath der
Menschenseele liegt doch in den Erinnerungen an das, was schon der
Kindheit theuer und heilig war, und die Gegend, durch die ich jetzt
wandelte, weckte solche Erinnerungen in Fülle. Denn hier an dieser
Küste, bei dem südwärts von El Nobeyba gelegenen Dahab wohnte Jethro,
Mosis Schwiegervater, der weise Priester von Midian, dessen Töchtern
Moses, der Fremdling, bei einem der Brunnen begegnete und dessen Haus
ihm, dem Heimathlosen bald zum Vaterhaus ward. Gegen Mittag wurde
es sehr heiß; ich stieg wieder auf mein Kamel. Wir nahmen unsren
Weg immer der Küste entlang nach Norden hin, über mehrere steinige,
jetzt trocken liegende Gießbachbetten, denen man die Gewalt der zwar
selten, dafür aber desto mächtiger fallenden Regengüsse ansehen konnte.
Obgleich sich eben jetzt kein fließendes Wasser in diesen Flußbetten
fand, so hatte sich doch so viel Feuchtigkeit in ihnen erhalten, daß
zwischen den Steinen überall eine Fülle von Kräutern, namentlich aus
der Familie der Kreutzblüthigen, so wie hin und wieder eine kleine
Pflanzung von Dattelbäumen gedeihen konnte. Fast gegen ein Uhr kamen
wir zu einer ziemlich ansehnlichen Pflanzung dieser Art, in deren
Nähe sich ein Brunnen mit schlecht schmeckendem Wasser fand. Die
Palmengärten, welche den Beduinen vom Stamme Aleygat zugehören, waren
mehr zum Scheine als zur äußren Abwehr von niedren Mauern umgeben, die
zum Theil statt der Steine aus großen Stücken der rothen Orgelkoralle
(+Tubipora musica+) und andern Lithophytengehäußen zusammengehäuft
waren. Aus gleichem Material zeigten sich auch die Hütten erbaut,
die wir im Schatten der Tamarisken und Dattelpalmen fanden, die uns
Sammler durch die Kostbarkeit ihres Gemäuers an das Mährlein von dem
Lebkuchenhäuschen erinnerten. Denn so wie eßlustige kleine Kinder
sich durch das Dach von süßen Kuchen, so hätten wir großen Kinder
uns gar gerne durch das Obdach der Süßigkeiten des Sammeltriebes
hindurchgearbeitet, wenn nur eine Gelegenheit gewesen wäre, das
Gesammlete ins liebe Vaterland fortzuschaffen. Diese kostbaren, und
doch so schlecht wie für Hunde gebauten Hütten sind den größten Theil
des Jahres hindurch unbewohnt, nur zur Zeit der Dattelnernte, die nicht
in jedem Jahre von gleichem Ertrag ist, finden sich die Eigenthümer
der Pflanzung mit ihren Frauen und Kindern in ihnen ein. Wir trafen
in der ganzen Umgegend nur einen alten, mit Fischfang beschäftigten
Beduinen an, der den Flugsand vom Deckstein des Brunnen hinwegräumen
und dann die Kamele tränken half, denen auch dieses schlechte Wasser
zur Labung war. Während dieses geschahe, hatten die Hausfrau mit ihrer
Freundin so wie die Reisegefährten manche buntfarbige Schnecken und
Muscheln gesammlet[101], ich aber war mit Ergänzung des gestern nur
unvollkommen geführten Tagebuches beschäftigt. Man darf dieses jetzt,
Dank Mehemed Ali's Furcht und Schrecken und dem immer weiter, auch
in diese Wildniß der Völker eindringenden Einfluß der Europäischen
Cultur, ungescheut, auch vor den Augen der Beduinen thun, während
noch Burckhardt jede Gelegenheit, etwas unvermerkt aufzuzeichnen, mit
diebischer List erhaschen mußte, weil damals selbst die befreundetsten
Beduinen in der Kunst des Schreibens die bösartigen Ränke eines
Schwarzkünstlers vermutheten, welcher ihnen und der Natur ihres Landes,
namentlich durch Entziehen des Regens, Schaden zufügen wollte. Von
unsrem Tränkplatze, bei welchem wir nahe eine Stunde verweilt hatten,
hinweg, zogen wir zuerst an einer Bucht hin, dann betraten wir einen
schmalen Weg der zwischen dem Fuße der Sandsteinfelsen und dem Meere
hinläuft. Die Meereswellen schlugen öfters bis an den Fuß unsrer
Kamele; herabgestürzte Felsenstücke verengern hier den Pfad; das Auge
wird aber zugleich durch den Anblick der wunderschönen, burgähnlichen
Felsengruppen ergözt, welche zur Linken des Weges der rothe und
mergliche weiße Sandstein bilden. Durch die pfeilerartigen Massen
ziehen sich kluftartige Engthäler, in denen im Winter die Regenströme
ihren Lauf nehmen; über diese Spalten hinaus sieht man jenseits des
Sandsteines den höheren Rücken des Porphyr- und Granitgebirges. Etwas
weiterhin kamen wir über ein breiteres Strombette, das hier aus dem
Amphitheater der Berge hervortritt. Jenseits dieses Punktes treten die
Höhen weiter vom Meere zurück; zwischen diesem und jenem bildet sich
eine kleine steinige Ebene, welche gerade vor uns, in Norden, durch
einen wieder nahe ans Meer rückenden Berg (den Abu Burka) begränzt
wird. Bis zum Fuße dieses Berges wollten unsre Beduinen uns führen, wir
aber, weil wir noch eine Tages-Stunde zum Sammlen am Meere zu benutzen
wünschten, vermochten sie schon vorher zu halten. Wir lagerten bald
nach halb fünf Uhr des Nachmittags in einem jetzt ausgetrocknetem
Gießbachbette, ganz nahe am Meere. Hier vergnügten wir uns bis zum
Einbruche der Nacht mit dem Auflesen von Conchylien, am Saume des
Ufers.
Sonnabends den 7ten März, eine halbe Stunde nach sechs Uhr des Morgens
zogen wir weiter, und bemerkten nun erst, welche weite Strecke wir
gestern noch bis zu dem Berge würden gehabt haben. In einem Gesträuche
an der Seite unsres Weges, der sich nahe am Meere hinzog, lag das
Rückenschild von einer sehr großen Seeschildkröte, welches in seiner
längsten Ausdehnung gegen vier Fuß maß. Noch vor zehn Uhr kamen wir
an eine Dattelnpflanzung, welche unsre Beduinen Magaiat benannten.
Unter den Dattelnpalmen zeigte sich die südlichere Form der Doompalme;
nach der Meeresküste hin lagen Hüttenzelte der Fischer. Bei einem von
diesem kauften wir um sehr billigen, und dem guten Manne dennoch,
allem Ansehen nach hoch erscheinenden Preis einige frische und an der
Luft getrocknete Fische. Sie schienen zur Gattung +Acanthurus+
und +Chaetodon+ zu gehören. Die Buchten und seichten Stellen des
Meeres sind hier so überreich an Fischen, daß die hiesigen Beduinen
nicht bloß ohne den Besitz eines Fischerkahnes, bloß mit Angel und
Netz, so viel als sie zur eignen Nahrung und zum Verkaufe brauchen,
herausfangen, sondern daß auch ihre Hunde, mit Zähnen und Klauen so
viel sich herausziehen, als sie zu ihrer Sättigung begehren. Und noch
mehr als dieses. Denn der Fischer, der dem Hunde keine andre Nahrung
reicht als das rohe Fleisch der Fische, das jener sich selber erwerben
muß, nimmt auch öfters dem Thiere seinen wohlverdienten Erwerb aus
den Zähnen, wenn dasselbe eine besonders ansehnliche Beute erhascht
hat. In der Nähe dieser Palmenpflanzung und Fischerhütten, gegen den
Fuß der Gebirge hin, zeigten sich etliche Gazellen. Eine davon wollte
der dienstwillige Beduine Abdallah, der sich bei so heißem Wetter in
schwarzen Pelz gekleidet trug, mit der Flinte des Herrn +Dr.+ Roth
erschleichen; das schöne Thier aber war scharfsichtiger und schneller
als er, und ich hätte nicht ohne gewaltige Ermüdung bei solcher Wärme
und so gekleidet seine lange, weite, und doch vergebliche Jägerfahrt
durchs Thal und über die Hügel mit machen können. Zu unsrer Linken
zogen sich jetzt von neuem die Felsenmassen des Sandsteines ans Ufer
heran; diese Gegend ist fast von allem Pflanzenwuchs verlassen,
während das entgegengesetzte, östliche Ufer stellenweise grün und
fruchtbar erscheint. Die Berge jenes gegenüberliegenden Ufers werden
mehr nach Norden hin niedriger oder ihr Hochrücken zieht sich weiter
von der Küste hinweg, so daß sie dort minder ins Auge fallen. Das
Meer scheint hier ohngefähr dieselbe Breite zu haben als südwärts von
Suez, in der Gegend der Mosisbrunnen, d. h. von etwa sechs Stunden.
-- Der Nachmittag gewährte uns mitten unter großen Beschwerden auch
vielfache Ergötzung. Gerade in den heißesten Stunden des Tages zogen
wir über eine breite, sandige Ebene, die sich weit ins Meer hinaus
fortsetzt. Zu unsrer Linken stieg ein Engthal nach dem Gebirg hinan,
das in der Ferne wie von einer Kunststraße durchbrochen schien, zur
Rechten und vor uns (in Nordost) erblickten wir eine ganze Waldung von
Akazien und Tamarisken; das Auge, das bei diesem so seltnen Anblick zu
Selbsttäuschungen geneigt war, glaubte in den Felsenklippen zwischen
den Bäumen Häußer zu schauen; uns war es als müßte da unten am
Meere eine Stadt liegen. Wir hatten keine Gelegenheit uns von unsrer
Selbsttäuschung los zu machen, denn das Vorgebirge, welches diese
Küstengegend in Norden begränzt, setzt seine gähen Wände und Klippen
so unmittelbar ins Meer hinein, daß für keinen Pfad Raum bleibt;
die Reisenden müssen durch einen Umweg, der sich in nordwestlicher
Richtung landeinwärts zieht, das Cap umgehen. Unsre Beduinen nannten
dieses Vorgebirge Gaffare, es ist aber kein andres als jenes, das
bei Burkhardt Dschebel Scherafe heißt. Der Umweg war, abgesehen von
der Hitze des Tages und von dem widerwärtigen Gefühle, das jeder
unerwartete Umweg erregt, ein höchst beschwerlicher und ermüdender. Er
stieg in mannichfachen Krümmungen zwischen den großen, am Bergabhange
liegenden Felsentrümmern und über dieselben hinan. Desto stärker war
aber auch jetzt der liebliche Eindruck den das grünende Thal machte,
in das wir jenseits der Felsenhöhen hinabstiegen. Hier glaubte man
wirklich auf einer vaterländischen Wiese zu seyn, nur gab es kein
hohes Gras, sondern neben dem niedren Gebüsch der Tamarisken, unter
denen das Geschlecht der Springhasen seine kleinen Höhlen angelegt
hatte, blos niedrige Gewürzkräuter und kreuzblumige Pflanzen. Leider
war der Weg durch dieses kleine, im Kessel der Felswände gelegene Thal
nur sehr kurz, dann gieng wieder das Steigen, durch einen Felsenpaß
an, der wohl einmal vor alter Zeit durch Menschenhände mag gangbar
gemacht worden seyn. An einigen Steinen zur Seite dieses Weges glaubten
wir Züge, wie von halb erloschenen Eingrabungen Römischer Zahlen zu
bemerken. Auch jenseits der Anhöhen kamen wir wieder in ein Thal, in
welchem mehrere Akazienbäume stunden und wo der Boden stellenweise
auch von andrem Strauchwerk und Pflanzen grünte. Dieses Thal war das
Bette eines Bergstromes (Wadi), der zur Zeit des Regens diesen Weg
nach dem Meere nimmt. Auch wir lenkten uns jetzt mit der Richtung
des Wadi zugleich wieder ostwärts und bald nach vier Uhr sahen wir,
zwischen zwei Bergen hindurch, den blauen Meeresspiegel. Unser weitrer
Weg nach Akaba hin wäre eigentlich von hier aus nordwärts gegangen,
da wir aber durch unser gestriges früheres Anhalten verspätet waren,
konnte die gewöhnliche Station im Wadi Taba nicht mehr erreicht werden,
unsere Beduinen zogen deshalb nach dem Meere hin, wo wir zwischen dem
nördlichen Fuße des Dschebel Scherafe und dem Vorgebirge Dschillaladi
(so nannten es wenigstens unsre Beduinen) am Fuße des letzteren unser
Lager aufschlugen. Die Bucht hat hier nur eine Breite von einigen
hundert Schritten; am Meere hin ist sie durch die steilen Felsen des
Scherafe gegen Süden abgeschlossen und auch am nördlichen Vorgebirge
läuft der schmale, für Fußgänger und Kamele etwa noch gangbare Saum
nur noch eine kurze Strecke hin, dann verschließt ihn das zwischen die
Felsenwände hineintretende Meer. Auch gegen Westen, nach der Landseite
hin, ist der Zugang durch einen brackigen Schlammboden fast unmöglich
gemacht, nur ein schmaler Streifen des festeren und erhöhteren
Sandbodens führet sichren Fußes zum Strande und an diesem hin zu der
Felsenwand des Dschillaladi. Uns schien es fast als hätten die Beduinen
absichtlich diesen von der Natur so wohl gesicherten Bergungsort
gewählt, denn sie waren vom Towara-Stamme und in der Gegend des
Dschebel Scherafe hatten sie die Gränzen des Heywatstammes betreten,
dessen Stellung und gewöhnliches Benehmen gegen die Beduinen von Tor
wo nicht eine feindselige doch eine sehr zweifelhafte und zweideutige
ist. Es war noch nicht fünf Uhr des Nachmittags, da stund schon unser
Zelt aufgerichtet und wir durften unsre gewöhnlichen Abendvergnügungen
der Wüste beginnen. Ein Umstand schien anfangs diese etwas stören zu
wollen: die Beduinen -- wer konnte es den armen Leuten bei so heißem
Wetter verdenken -- hatten unsern ganzen Wasservorrath ausgetrunken
bis auf einem schlammigen, in dem einen Schlauche zurückgebliebenen
Rest, der für Menschen fast ungenießbar war, weil der Beigeschmack des
Salzigen jenen des widerlich fauligen nicht zu übertäuben vermochte.
Man kam jedoch auf den Einfall einen Kaffee daraus zu kochen, und so
wurde wenigstens die gelblichgraue Farbe des Getränkes zur schwarzen
gesteigert und auch der Naturgeschmack verändert. Hassan fand den Trank
vortrefflich, warum hätten wir ihn nicht auch so finden sollen?
An solchem Ort wie dieser vergißt man übrigens bald der kleinen
Beschwerden des Wüstenlebens. Ich kann wohl sagen, daß mir dieser
Abend einer der lieblichsten und festlichsten während der ganzen
Reise vom Sinai nach Hebron gewesen ist. Denn außerdem daß der liebe
Sonnabend Abend etwas von den Kräften seiner Sabbathsstille auf die
innre wie auf die äußre Welt fallen ließ, war heute der Vorabend
von einem andern Fest meines Herzens; morgen, am 12ten März war ein
Gedenktag für dasselbe, der Geburtstag meines ältesten Enkels und der
Geburtstag von noch jemand der meiner Seele theuer ist. Das war aber
auch ein rechter Festvorabend; statt der Glocken, die um diese Zeit
am Samstag Abend in allen Dörflein den morgenden Sonntag verkündeten,
läutete uns denselben das Meer mit seinen Wogen ein, die laut an den
Felsen schlugen, und vor unsern Füßen hatten diese Wogen schon lange
vorher, ehe wir kamen, so reiche Festgeschenke ausgebreitet, daß wir
wohl bemerken konnten, daß wir hier in dem Audienzsaal eines reichen,
guten Königes stünden, wo einem zwar weder Bier noch Wasser gereicht
wird -- denn das würde sich für den Herrscher Neptunus nicht schicken,
wohl aber andre Gaben, die mehr werth sind als der köstlichste Wein
und alle Gerichte der Tafel. Hatte ich mir doch in meiner Jugend, da
mich die schönen buntfarbigen Conchylien so anlockten, oft sehnlichst
gewünscht einmal selber in der Gegend zu seyn wo diese blendend weiße
Mennonitentute, welche wegen des schönen Gewandes als Jungfrau (des
Meeres), als +Conus virgo+ benannt ist, wo die buntfarbigen
Porzelanschnecken des Indischen Meeres, wo die ächte Perlenmuschel
und die zarten Hyaläen zu Hauße sind; hier fand ich diese alle und
noch zehnmal mehr Arten als ich mir damals gewünscht, in solcher Fülle
beisammen, daß nicht etwa der Mangel des Materials, sondern nur der
Mangel des Tageslichtes, beim Einbruche der Nacht, dem Sammlen ein Ziel
setzte.
Der gekochte Reis, den wir heute zur Abend- (und Mittags-) Kost
genossen, schmeckte zwar etwas stark nach dem faulig-bittersalzigen
Wasser in welchem er bereitet war; die Vorräthe die uns aus der Hand
der guten Väter des Sinai (an Käse und Früchten) zugekommen waren,
hatten schon seit gestern ein Ende genommen, aber da die Seele sagte
ich bin sehr vergnügt, mußte der Leib auch sagen ich bin zufrieden.
Nach Sonnenuntergang erhub sich ein starker Wind; Sturm und Meer
spielten an den Felsenwänden und Klippen ein Lied dessen Weise
sie dem Donner der Wolken oder dem Brausen der Tiefe beim Erdbeben
abgelernt haben mochten; gerade heute, wo wir auf einer mehr denn sonst
geschützten Lagerstätte ruheten, sollten wir erfahren daß die Hütte
des Pilgrims, auch wenn sie hinter Felsenwänden stehet, eine leicht
bewegliche und vergängliche sey. Denn noch ehe der Tag grauete, gegen
drei Uhr des Morgens, riß der Sturmwind unser Zelt ab und warf es auf
uns, ohne jemand zu beschädigen. Es ist immer gut wenn die irdische
Hütte, worin der Pilgrimm wohnt, keine gar zu schwere und große ist;
wenn sie dann einmal zusammenbricht, thut der Fall dem Bewohner nicht
sehr weh. Wir selber konnten uns unter den Stangen und dicken leinenen
Wänden nicht herausarbeiten, aber die Beduinen halfen uns davon los
und wir konnten uns nun doch auch einmal den übrigen Theil der Nacht
hindurch recht nach Herzenslust von den Lebensodem des Sturmwindes
anfächeln lassen.
Sobald es Tag war giengen Einige von uns von neuem ans Meer um
nachzuschauen was für Neuigkeiten die Fluth aus ihrer Tiefe mitgebracht
habe. Der Sturm hatte sich gelegt; der Saum der Küste war mit den
schönsten Conchylien bedeckt. Erst kurz vor sieben Uhr waren unsre
Beduinen zum Aufbruch fertig; Mehrere von uns giengen zu Fuß; ich
wollte einen Richtweg mitten durch die Thalbucht nehmen, welche die
Kamele mit ihren Führern in einen weiten Umkreis umzogen, ich gerieth
aber so tief in den salzthonigen Schlammboden, der von weitem wie
weißer Sand aussahe, daß ich fast stecken blieb. Wir umzogen das
Vorgebirge, bei welchem wir vorige Nacht gelagert hatten, kamen durch
mehrere Thäler und Engpässe an einer sehr schmalen Meeresbucht
herum, die einem kleinen, stillen See glich und von schwärzlichen,
basaltischen Klippen umgeben war, dann wieder hinaus ans freie
Meeresufer, an welchem sich der mit Felsentrümmern bestreute, schmale
Weg hinzog. Schon an der Meeresbucht bei der wir am Anfang des
heutigen Tagmarsches vorbeikamen, noch mehr im weitern Verlauf des
Küstenweges, der bald über Klippen bald über ebenen Sand gieng, lagen
ganz besonders viele und frisch erhaltne Pharao-Kräuselschnecken; die
Hausfrau aber, sonst so schnell und thätig im Sammeln, wollte heute,
und wenn es Perlen der Kleopatra gewesen wären, keine auflesen, weil
es Sonntag war. An einer recht felsigen Stelle des Ufers stürzte Herr
+Dr.+ Roth vom Kamel, auf dessen Rückengepäck er wie die Beduinen
mit untergeschlagnen Beinen saß, weil Abdallah, der das Kamel meiner
Frau führte, jenes des +Dr.+ Roth plötzlich durch einen Schlag
antrieb und erschreckte. Gott hat ihn bei diesem Falle abermals vor
größerem Schaden bewahrt; er klagte aber doch sehr über Schmerz in der
Hüftgegend. Wir hatten diesen Vormittag eine unbeschreiblich schöne
Aussicht über das ganze Ende des Ailanitischen Meerbusens. Namentlich
konnten wir den steilen Gebirgspaß, südwärts vom Akabah deutlich
sehen, den der Arabische Name dieses Ortes andeutet, und welcher den
Mekkapilgrimen als ein so gefährlicher erscheint, daß sie, im Begriff
ihn herabzusteigen gewöhnlich ein Gebet, wie in Sterbensnöthen beten.
Um zehn Uhr kamen wir an der kleinen Insel Jezirat Pharaun, welche
Laborde Graia, unsre Beduinenführer aber Abu Sanira Unda el Galga
benannten, ganz nahe vorbei. Der Zwischenraum zwischen ihr und dem Ufer
auf dem wir stunden misset nur 120 Schritte (300 englische Fuß) und
das seichte klippenreiche Meer sieht sich so an als müßte man es zum
Theil durchwaten können. Die Insel besteht aus zwei rundlichen, etwa
anderthalb hundert Fuß hohen Hügeln, welche durch eine flache Landzunge
mit einander verbunden sind. Ihr ganzer Umfang ist von starken, jetzt
freilich an vielen Stellen zerbrochenen Mauern umschlossen; an jeder
der vier Ecken stehet ein viereckter Thurm in Sarazenischer (?)
Bauart, ähnlich den ältesten Mauerthürmen von Kairo. Um den Gipfel
des nördlichen Hügels läuft außer jener allgemeinen, tiefer am Meer
gelegnen, noch eine andre, besondre Mauer herum, welche an manchen
Stellen unmittelbar vom Rande des Felsenabhanges emporsteigt; diese
Mauer erhält durch ihre Thürmchen, Zinnen und Schießscharten ein gar
ritterlich ehrenvestes Aussehen. Innerhalb des Kreises dieser innren
Mauern der Nordseite sollen sich mehrere viereckige (auch für uns
erkennbare) Gebäude finden, welche durch dicke Mauern von einander
abgesondert sind. In den untern Räumen dieser Gebäude trafen Reisende,
denen das Glück ward die Insel zu besteigen, Säulen von Dorischer
Ordnung, so wie Bögen von großer Vollendung; unter dem Machwerk der
späteren Mauern bemerkten sie Trümmer von Marmortafeln und Säulen,
welche die Vermuthung rechtfertigen, daß dieses jüngere, noch jetzt
als imposante Ruine dastehende Gebäude auf der Stätte und aus den
Ueberresten eines älteren, ungleich prächtigeren sich erhoben habe.
Eben auf diesem nördlichen Hügel fanden jene Reisende (namentlich
Wellstedt) auch einige tief in den Felsen gehauene Cisternen. An
der Landzunge, welche beide Hügel verbindet, zeigen sich noch sehr
deutliche Spuren eines früher hier vorhandenen, künstlich von
Dämmen geschützten Hafens, dessen vormalige Tiefe freilich jetzt von
angeschwemmten Sande erfüllt ist. Die Bewohner der Umgegend schreiben
dieses ganze Bauwerk dem großen Sultan Jusuf (Saladin) zu; seine erste
Anlage gehört jedoch wahrscheinlich ungleich älteren Zeiten an; denn
diese Insel war, nach der Aeußerung des sachkundigen Wellsted, der
einzige günstige Punkt zum sichern Ankern der Schiffe im nördlichen
Theile des Meerbusens; die Vermuthung ist keine zu sehr gewagte: daß
hier die Stätte des alten Ezeongaber gewesen sey, in dessen Hafen
des glücklichen Königes Salomos Schiffe gebaut waren, und mit Ophirs
Schätzen beladen einliefen, Josaphats Fahrzeuge aber
zertrümmerten[102].
Gegen halb ein Uhr nach Mittag hatten wir das nördlichste Ende des
Ailanitischen Meerbusens erreicht; auf der Umbeugung unsers Weges von
Nord nach Ost brachten wir eine ganze Stunde zu, wobei wir zuletzt an
eine ansehnliche Palmenpflanzung kamen, in welcher viele alte Gemäuer
stehen. Von dort an wendete sich unser Weg an dem östlichen Ufer des
Meerbusens, der auf unsern früheren Landcharten so häufig falsch (wie
in zwei Spitzen auslaufend) gezeichnet ist, hinab gen Süden, und wir
brauchten gerade noch 20 Minuten, bis wir an das Thor des mitten
in einem reichen, schönen Palmenwald gelegenen Kastells von Akaba
kamen. Schon vor diesem Thore kam uns ein sehr verdächtig aussehendes
Gesindel entgegen; als wir hineintraten sahen wir uns alsbald von
einem neugierigen Gedränge von armselig gekleideten Männern, Frauen
und Kindern umringt. Wir erquickten uns vor allem an einem Trunk
Wassers, aus dem Brunnen des Schloßhofes. Nach einiger Zeit, die
sie wahrscheinlich gebraucht hatten um sich ein wenig in Staat zu
werfen, erschienen der Commandant der kleinen Festung, der Aga und
einige vermuthliche Offiziere. Der Commandant trug uns das Nachtlager
mitten im Hofraume, zwischen den hier stehenden Hütten und Baracken
der Soldatenfamilien an, da es aber dort überaus unsauber aussahe und
roch, und wir mit Recht den nächtlichen, unabwendbaren Ueberfall des
Ungeziefers fürchteten, zogen wir es vor unser Zelt außen am Meere,
im schönen Walde der Palmen aufzuschlagen. Unser guter Scheikh Hassan
und seine Beduinen machten sich, sobald sie die Sachen abgepackt
hatten sehr eilig davon; wie es uns schien eben so sehr aus Furcht vor
dem Commandanten, der es ihnen untersagt hatte uns weiter zu führen,
als vor dem misgünstigen Volke des Heywatstammes. Der Aga schickte
uns, bald nachdem wir unser Zelt aufgeschlagen hatten, ein Lamm zum
Geschenk, wobei es diesmal freilich, wie leicht vorauszusehen, auf
ein Gegengeschenk abgesehen war, das den Werth der Gabe weit überwog.
Bald nachher ließ der Commandant uns sagen, daß er, wenn wir nicht
im Hofe übernachten wollten, uns auf heute Nacht Soldaten zu unsrer
Bewachung, gegen die in hiesiger Gegend gar bösen Beduinen zusenden
wolle; wir ließen ihm wieder sagen wir seyen unsrer genug und wollten
uns gern selber bewachen. Wir hatten auch schon die Wachstunden unter
uns vertheilt; Freund Bernatz, der Maler, den das Loos der ersten Wache
traf, schritt schwer bewaffnet mit Flinte und Säbel, und mit grimmig
zu Boden blickender Miene umher; da kamen dennoch ungebeten zwölf
schlecht bewaffnete, meist nur mit einem Spieß versehene, sogenannte
Soldaten, und der graubärtige Alte, welcher heute schon mehrmalen
den Unterhändler zwischen uns und dem Commandanten gemacht hatte,
erklärte uns im Namen von diesem, daß, da wir durch einen Firman vom
Pascha empfohlen seyen, der Commandant von Akabah für unsre Sicherheit
haften müsse, darum dürften wir die Wache nicht zurückweisen. Die
zwölf Kriegsleute zündeten sich jetzt, mit den Pfeifen zugleich ein
Wachtfeuer an und machten einen Lärmen der fast einen Sterbenden am
Einschlafen hätte hindern können, besonders der Eine, der, wie es
schien gern singen wollte, statt des Gesanges aber nur ein Geschrei,
wie durch eine blecherne Dachrinne hervorbrachte.
Der Mensch bedarf in diesem Vaterlande aller wachsam erhaltenden
Elemente, deren eines der wohlbekannte Kaffee ist, nur sehr wenig
Schlummer, um dennoch für das Aufnehmen der Ströme der belebenden Wärme
und des Lichtes wieder empfänglich zu seyn. Wer auch nach einer fast
ganz schlaflosen Nacht in der Jahreszeit der Palmenblüthe heraustritt
unter diesen tiefblauen, Arabischen Himmel und seinen gewürzreichen
Duft einathmet, während im Wipfel der Bäume die orientalische
Nachtigal (Bull Bull) ihre laute, melodieenreiche Stimme erhebt, der
wird nicht mehr an die »schlechte« (schlaflose) Nacht, sondern nur
an den herrlichen Morgen und an die Lust des Wachens beim Licht des
Tages denken. Es war gut, daß wir diesen Frühlingsmorgen in einem der
schönsten Palmenwälder am rothen Meere noch recht sorgenlos und ruhig
genossen; denn bald kam so Manches, das die Ruhe stören wollte. Der
Commandant und der Aga des Kastells ließen uns, da wir auf unsern
Firman uns berufend, worinnen sogar die Zahl der zu liefernden Kamele
bestimmt war, auf schleunige Förderung drangen, heraussagen, es seyen
keine Kamele vorhanden, und als wir erwiederten, daß wir bei unsrer
Ankunft eine mehr als nöthige Zahl dieser Thiere, nahe bei dem Kastell
auf der Weide gesehen hätten, antwortete man uns, daß diese Kamele das
Eigenthum eines sehr verdächtigen Beduinenstammes seyen; mit diesen
könne man uns, wegen der Verantwortlichkeit gegen den Pascha nicht
ziehen lassen, man habe aber bereits einen Boten abgesendet, nordwärts
hinauf nach der Araba, nach andern Kamelen und sichreren Führer, welche
freilich erst binnen etlichen Tagen hier eintreffen könnten. Wir
mußten uns, da wir ganz in der Gewalt der Leute waren, in jedem Fall
auf einen Verzug von etlichen Tagen gefaßt machen, deshalb beschlossen
wir die Zeit so gut zu benützen als möglich. Mit +Dr.+ Erdl und
Herrn Franz ergieng ich mich noch in den Stunden des Vormittages an
der östlichen Küste des Meerbusens hinab nach Süden. Nach etwa drei
Viertelstunden Weges kamen wir an einer auf dem vorspringenden Felsen
gelegenen, wie uns schien jetzt ganz verlassenen Ruine, dem Kaßer el
Bedawy vorüber. Am Meere hingehend fanden wir Vieles das für uns sehr
werthvoll war, unter anderm auch die in unzählbarer Menge, zwischen
dem Seegras des Strandes aufgehäuft liegenden, zarten, durchsichtigen
Gehäuse einer kleinen Hyalea[103]. Zuletzt kam ich noch einsam
vorwärts gehend auf eine Felsenbank die ganz aus Breccie gebildet ist.
Hier lag ganz am Rande eine Seeschildkröte von mittlerer Größe, wie es
schien schlafend, am Strahl der Sonne. Ich nahete mich so leise als
möglich, als ich aber zugreifen wollte stürzte sich das Thier ins Meer,
und da ich in die für mein Auge unergründbare Tiefe hinunter sahe war
ich froh, daß meine Hand zu langsam gewesen, denn meine Beute wäre
stärker gewesen als ich und hätte mich wahrscheinlich mit sich genommen
in ihr Element, das nicht das meinige ist.
Als ich so noch einige Augenblicke sinnend auf der Felsenbank stund
und dem Hall der Brandung zuhörte, welche der Nordwind zwischen die
Klüfte trieb, da ergriff mich ein Gefühl von ganz besondrer Art und
Kraft. Es waren nur wenige Minuten, welche der mächtige Eindruck
gebrauchte, um in mir eine Welt der Erinnerungen zu erzeugen, die bis
ans Ende des Lebens in unzerstörbarer Frische fortwähren wird. Mir
gegenüber und ganz nahe, von dem Glanze der Mittagssonne erhellt,
lagen die sonderbaren Ruinen der Felseninsel Jezirat Pharaun, an denen
die Herrscher Jdumäa's und Israëls, so wie die früheren und späteren
Machthaber Aegyptens gebaut haben; über die andren Ruinen im Meere,
welche nordostwärts von der Insel wie weißes Gebein über die Klippen
ragen, flog lautschreiend eine Schaar von Möwen; in Norden grünten
die Palmenwälder von Akaba, hinter mir, fast in Osten, zog der steile
Felsenpfad der Pilgrime über das Gebirge; in Westen eröffnete das
Gebirge der Einöde Tyh -- der Wüste der Verirrungen, die Riesenthore
seiner Grabstätten. In solchen Gegenden wie diese da, aus denen die
Gegenwart hinausgezogen, und nur ein Namenszug der Vergangenheit an den
oft mit Blute befleckten Felsen zurückgeblieben ist, hat nicht selten
ein Geist der Weissagung seine Wohnstätte, der mit den Kräften des
Adlers die Natur des nächtlichen Todtenvogels vereint. Sein Wesen ist
nicht für den hellen Glanz der Sonne, sondern für das Licht des Mondes
gemacht, aber wie der Zug des Mondes, zur Zeit seines vollen Lichtes
die Fluthen des Meeres, so bewegt der Schlag seiner Adlerschwingen
ganze Völker und Zeiten. Es ist dieß der mächtige und dennoch
nächtliche Geist, mit welchem der Prophet angethan war, dessen Lehre
von diesem Lande aufstieg »wie ein Rauch eines sehr großen Ofens,« und
verfinsterte die Sonne und die Luft. Fliege du nur deinen Flug, du
nächtlicher Adler, noch Heute und Morgen, auch aus dem Rauche deines
Ofens ziehet sich eine Wetterwolke zusammen, deren Sturm und Blitz und
Donner die Luft reinigen, und die Heuschrecken im Lande des Westens wie
des Ostens tödten wird. -- Meine Seele athmete in diesem Augenblick
eine reine Luft der Berge, von denen die Hülfe kommt, bekleidet von dem
Dufte der Gewürzgärten Arabiens; das Heimweh nach jener Herrlichkeit,
welche einst offenbart werden soll, trug mich im Geiste über das Meer;
hätte in diesem Augenblick mein unkräftiges, oberflächliches Sinnen den
tiefen Ernst eines Sokrates anzuziehen vermocht ich wäre da, versenkt
in Gedanken stehen geblieben, bis zum Aufgang des andern Tages. So aber
erhub ich meine Füße und eilte zu den beiden Freunden zurück, die in
einiger Entfernung auf mich warteten. Wie ein tief ergreifendes Lied
aber, das die Orgel des Domes anstimmte und die Gemeine sang tönte in
meinem Innren das nach, was ich, stehend auf der Felsenzinne am Meere
empfunden, und noch jetzt vernimmt mein Gemüth aus jener Stunde die
Melodie eines Liedes der Wächter.
Es waren eben die heißesten Stunden des Tages, da wir an der Ruine des
sogenannten Beduinenschlosses vorüber auf die Palmenwälder zugiengen,
aber ein kräftiger Nordwind kühlte die Luft. Wie schön ist doch
Arabien, sprach ich zu den jungen Freunden und sie stimmten von Herzen
in das Lob ein, obwohl sich in den Genuß bald etwas Störendes mischte,
da wir hinter dem Felsen einige Beduinen hervortreten sahen, von so
wildem Aussehen als uns noch keine vorgekommen waren. Sie gehörten zum
Geschlecht jener Mordräuber, die noch vor wenig Jahrzehnten die Gegend
ostwärts von Akaba für den Reisenden unzugänglich machten. Wir durften
ruhig seyn, denn nicht die beiden Flinten, welche meine Freunde trugen,
auch nicht der Firmam des Paschas, sondern ein Firmum der höheren Art
war es, unter dessen Panier wir sicher reisten.
Bei unsrer Zurückkunft zum Zelt fanden wir einen Handelsverkehr
entsponnen, der uns viel Unterhaltung gewährte. Ein alter Beduine, von
noch immer kräftiger Gestalt, aus dem Stamme Omram (?) hatte sich,
da er auch für die Bewohner des Kastelles dies Geschäft besorgt,
erboten uns Fische zu fangen, nicht für Geld sondern für Racky oder
Branntwein, zu welchen er als Bekenner des Islams einen gesetzwidrigen
Hang hatte. Da wir selber von diesem Getränk nur einen äußerst geringen
Vorrath hatten, konnten wir ihm nur Geld und etwa einen Schluck zur
Erquickung auf seine nasse Arbeit versprechen, die allerdings, wie
er uns dieß auseinandersetzte, keine ganz leichte seyn mochte; denn
da in dieser ganzen Küstengegend kein einziger Kahn ist, auf welchem
der Fischer hinausfahren könnte ins Meer, muß derselbe, öfters bis an
die Brust tief in das Wasser des Küstensaumes hinein waten, um die
Fische in sein Netz zu bekommen. Diese sind aber auch hier in solchen
Schaaren vorhanden, daß ein einziges Boot, von geschickten und mit
guten Werkzeugen versehenen Fischern bemannt, den ganzen Markt von
Genua mit Nahrungsfülle versorgen könnte. Außer dem alten Fischer waren
auch andre Leute mit schönen Conchylien gekommen, die wir wohlfeilen
Kaufes für die Münchner Sammlung erhandelten. Wir selber aber hatten
am Ufer einen Cidarites (Art von Seeigel) von ganz besondrer Größe und
Schönheit gefunden, dem noch alle seine fingerdicken Stacheln ansaßen.
Wie und worinnen sollten wir das prachtvolle Stück fortbringen? Die
gute Hausfrau schaffte Rath. Ihr Staatsreisehut war in einer eignen
Schachtel, die der Cidaris gerade ausfüllte. Einer Pilgerin genügt auch
der Strohhut und wozu braucht man in der Wüste und in Jerusalem den
carmoisinrothen Kopfschirm? Dieser wurde denn herausgethan, der Cidaris
aber hinein.
Abd-er-Wacheds und Mohameds, der beiden Arabischen Knechte Kochkunst,
die sich am Fleische des Lammes bewiesen, erhielt heute, von uns
Hungernden, das wohlverdiente Lob; das Cisternenwasser aus dem
Kastell war vortrefflich und wer einen Nachtisch begehrte, der konnte
sich an der Küste einige der hier häufigen wohlschmeckenden Austern
auflesen. Nur das Brod aus Akaba war wegen des scharfen, mistartigen
Beigeschmackes und wegen seines Aussehens keine angenehme Kost.
Nach Tische hätte man gerne, auf die zwei vorhergegangenen unruhigen
Nächte ein wenig geschlafen. Aber weil wir gestern, um uns bei den
Arnauten, aus denen der größte Theil der Besatzung des Schlosses
besteht und bei den Beduinen in Respekt zu setzen, viel mit unsern
Gewehren geschossen hatten, mußten wir uns gefallen lassen, daß heute
auch jene uns ihre Kunst im Flintenfeuer zeigten; die Soldaten schossen
ganz nahe bei unsrem Zelte nach einem Ziele, und ich meine sie trafen
mit ihren alten Gewehren besser, denn wir mit unsern neuen. Bei diesem
Lärmen, der durch das laute Geschrei der Schützen noch sehr vermehrt
wurde, dauerte mich am meisten unser lieber +Dr.+ Roth, der noch
immer an den Folgen seines gestrigen Falles leidend, darnieder lag.
Man mußte sich übrigens bei den Soldaten für dieses laute Possenspiel
noch bedanken, denn sie hatten, halb europäisch in Tuchjacken und Hosen
gekleidet, ihre beste Kleidung angelegt, die freilich fast bei Jedem
von andrer Farbe und auch an einem und demselben Krieger, wegen der
späteren An- und Zusätze der neuen Lappen von sehr verschiednem Colorit
war.
Während der heißeren Stunden des Tages besahen wir das Kastell von
außen und innen. Es ist allerdings fest genug um Leute, die weder
Sturmleitern noch andre Geräthe der Belagerer haben, auszuschließen,
an einigen Stellen der Ostseite aber, hat der Flugsand der Wüste so
hohe Hügel in der Nähe der Mauern aufgehäuft, daß ein Achilles wohl
ohne der Sturmleiter zu bedürfen, hinübergesprungen wäre; die Bauart
der Zinnen und Rundthürme stehet so weit hinter der unsrer alten
deutschen Ritterburgen oder der Befestigungswerke von Rhodos zurück,
wie gemeines Töpfergeschirr hinter einer steinernen Vase; doch mag
sie für Sarazenisch gelten. An einigen der Mauersteine hätten wir
gern die Hämmer noch mehr probirt; sie schienen uns von bessrem
Material denn die andren und von vermuthlich älterer Herkunft; die
Herren Vertheidiger der Festung schienen aber jede Prüfung der Art
zu misbilligen. Die Besatzung, welche Ibrahim Pascha in das Kastell
gelegt hat besteht, so viel wir urtheilen konnten, aus etwa vierzig
Mann; meist Arnauten, die zum Theil mit Weib und Kind kleinere Hütten
bewohnen, während die Behausung des Commandanten und des Aga mehr die
Form der gewöhnlichen keinen Häußer hat. Der Commandant ist noch ein
ziemlich junger, kaum vierzigjähriger Mann, dessen röthlich blondes
Haar und weiße Hautfarbe die nördlichere Abkunft bezeugen; auch
dem kleinen, wohlbeleibten sogenannten Aga, der den Secretärdienst
versieht, merkt man es an, daß er nicht in diesem heißen Lande geboren
ist. Die guten Leute scheinen sich wirklich, nicht bloß vorgeblich, wie
wir anfangs glaubten, vor den zunächst umwohnenden Beduinen zu fürchten
und wagen sich nicht so leicht einer oder etliche allein weit über den
Umkreis der kleinen Festung hinaus. Wir aber, die wir mit ganz Arabien
und den angränzenden Ländern in bestem Frieden lebten ergiengen uns,
als der Tag kühler wurde, noch südwärts hinab am Ufer des Meeres, in
welchem einige buntfarbige Arten von Balistes, Chätodon und andern
Fischen ruhig spielten, unter ihnen auch ein schöner rother Mullus,
als wüßten sie daß wir doch keinen Weingeist und keine Gefäße bei uns
hätten um sie mit in das fern gelegne München zu nehmen. »Der lieben
Sonne Licht und Pracht,« wie es in dem alten Liede der Kindheit heißt,
hatte jetzt ihren Lauf am Saume des Hochgebirges der Tyh vollendet,
der Mond, mehr als halb voll, leuchtete mit klarem Lichte durch die
Wipfel der Palmen herein; wir begaben uns zu unserm Zelte, saßen und
giengen da noch ein Stündlein am kühlen Meeresufer. Indeß hatte sich
auch unsre ungebetene Leibgarde wieder mit ihren Spießen und andren
Waffen eingestellt. Die Leute waren heute ruhiger und bescheidener als
gestern, oder unser Schlaf war so fest und gesund, daß wir ihren Lärmen
nicht hörten; Sonnenaufgang war nicht mehr fern, da wir aus dem Zelt
hinaustraten ins Freie.
Ich weiß nicht ob sich die Phantasie eines jeden meiner im Norden
geborenen Leser zu der lebendigen Vorstellung des Eindruckes erheben
kann, den ein gesundes, fröhliches Erwachen in einem Palmenwald von
Arabien auf die Seele macht. Der Unterschied zwischen dem heimathlich
Bekannten und jener ferngelegnen Natur ist fast derselbe wie zwischen
dem ehrenwerthen, liebliche Früchte erzeugenden Pflaumen- oder
Zwetschkenbaum von Deutschland und der Dattelpalme. Die Brandung des
Meeres hatte nicht geschlafen; der Pulsschlag der Wogen gieng noch in
demselben Takt wie am gestrigen Abend; die aufgehende Sonne weckte
jetzt auch die andern Glieder der Erdveste wieder zum Sichtbarwerden
auf; das Gebirge der Einöde im Westen und Osten erhub sich wie ein
halbnackter Beduine aus der Decke der Dämmerung. Mit dem Auge zugleich,
das am Anblick der wogenden Tiefe wie der stillstehenden Höhe sich
ergötzte, genoß der menschlichste der Sinnen: das Ohr seine Freuden.
Denn der Bull Bull, die orientalische Nachtigall oder eigentlicher und
wahrer genannt die Musikdrossel des Südens[104], von welcher mehrere
Paare in den Wipfeln der Palme bei unserm Zelte nisteten, sang hier
dem belebenden Frühling ihr Lied der Liebe; einer Liebe, welche,
auch da wo sie ihrer selber noch nicht bewußt ist, in dem geliebten
Vergänglichen Jenen sucht und liebt, dessen Wesen eine ewige Liebe ist.
Es ist derselbe Zug des Mangels zu der ergänzenden Fülle, welcher im
Menschen als Liebe, im Thiere als Trieb, in der Blüthe des Gewächses
als magnetische Annäherung erscheint; wir konnten heute, wie einen
Bach dessen Quell vom Gebirg als silberner Faden herabstürzt, dann im
Thale die Thiere der Wüste, zuletzt in dem Städtlein durch das er
fließt, die Menschen tränkt, den ganzen Verlauf des Lebensstromes,
vom Anfange bis zum Ziele, das in unsern Herzen lag, verfolgen. Die
männlichen Dattelnpalmen waren so eben im Aufblühen; ein Beduine
hieng die zertheilten Kolben der männlichen Blüthen hoch am Wipfel
der weiblichen Palmen auf, zu denen er sehr gewandt, wie auf Stufen
hinanstieg. -- Der Mensch allein versteht die Sprache des Sehnens und
Ringens der äußerlich sichtbaren Natur; möchte er nur auch die des
ewigen Sehnens seines eignen Innrens, seines Herzens recht verstehen
und eben so bereit seyn diesem Sehnen zu seiner Erfüllung zu verhelfen.
Bei alle dem was wir hier sahen und hörten stimmte nicht bloß das Herz,
sondern auch der Mund freudig in den Ton und die Worte des Gesanges
ein: »Erhebe dich o meine Seel.«
Es war gut, daß wir das Beste des Tages, was dem ganzen übrigen
Verlaufe desselben bis zum Abend seine rechten Kräfte giebt, so
ungestört und still genossen hatten, denn es kamen gar bald Anlässe
zu der Thür unsres Zeltes heran, wobei es der innern Ruhe bedurfte.
Wir hatten Nachfrage bei dem Commandanten gehalten nach den auf den
heutigen Tag versprochenen Kamelen; es war keine gewöhnliche Ungeduld
der Reisenden die uns zum Weitereilen antrieb, sondern das Sehnen der
christlichen Pilgrime, das heiligste Jubelfest des Jahres an der Stätte
zu feiern, wo der Sieg aus dem gewaltigsten Kampfe des Lebens mit dem
Tode errungen ward. Die Antwort war eine unerwartete. Man machte, für
das Weiterkommen Forderungen an uns, denen wir, hier in der weiten
Ferne von der Heimath kaum hätten zu genügen vermocht. Wir sollten
außer den dreizehn Kamelen, die für uns und unsre Gerätschaften,
so wie für den Scheikh, der ja beritten seyn muß, bisher gebraucht
hatten noch zehn nehmen, auf welchen Bewaffnete zu unsrer Bedeckung
durch die ganze Wüste bis nach Petra und von dort nach Hebron uns
begleiten sollten. Und dieß um einen Preis der die Erwartungen wie
die vorhandenen Mittel überstieg. Wir erwiederten darauf: wir würden
lieber nach Kairo zurückkehren als um solchen Preis die Weiterreise
antreten, vor der Hand aber solle man uns einen berittenen Boten
nach der Hauptstadt ausrüsten, wir wollten dorthin an den Vizekönig
schreiben. Ein Zufall wirkte bei dieser Gelegenheit zu unsern Gunsten.
In meinen Firman war das Wort Hofrath, Consigliere aulico, welches
das K. K. Oesterreichische Consulat mir als Titel beigelegt hatte,
gleichlautend, nur mit Arabischen Buchstaben geschrieben aufgenommen
worden. Der Aga hatte statt Consigliere Consul gelesen und gemeint
ich hieße Herr Aulico; ein Gerücht hatte ohne mein Zuthun unter den
hohen Behörden des Kastells sich verbreitet, ich sey ein englischer
Consul. Vor den Engländern haben aber selbst die Bewohner dieser
Wüste, die unabhängigen sowohl als die unter Aegyptens Herrschaft
stehenden eine gar bedeutende Furcht und Achtung, seitdem sich ein
wohlbewaffnetes Schiff dieser Nation: der Palinurus vor einigen Jahren
durch alle die Gefahren der Klippen und Wogen herangewagt hat bis
zur gegenüberliegenden Insel Jezirat Pharaun. Dies wirkte denn doch
beim Commandanten wie beim Aga eine Stimmung, die zur Hoffnung eines
glücklichen Ausganges unsres Reisevorhabens berechtigte.
Während übrigens die Unterhandlungen noch sehr im Staub und Sand
der Wüste lagen, war ich an der Nordseite des Kastells ein wenig
hinaufgegangen auf die Anhöhe, auf welcher Herr Maler Bernatz so eben
mit der Aufnahme der Gegend beschäftigt war. Man hat hier einen ganz
vortrefflichen Ueberblick über die Gebirge auf der Westseite. Diese
bestehen aus drei parallelen Ketten, davon die hinterste (westlichste)
die höchste, die vorderste (östlichste) die niedrigste ist. Zuerst, am
weitesten in Westen, erhebt die dunkelfarbige Hauptgebirgskette, die
allem Anscheine nach aus Urgebirge (Sienit und Porphyr?) besteht, ihren
Rücken hoch über die andern alle, und vor ihr, nur um wenig niedriger
als der mächtige Hochrücken zieht sich eine Kette des hellerfarbigen,
geschichteten Sandsteines hin. Vor dieser steht der zweite, mittlere
Höhenzug des Urgebirges (?), der schon bedeutend niedriger ist, als
der erste sammt seinen Sandsteinhöhen, und auch vor diesem mittleren
Gebirgsstock zeigt sich, etwas niedriger als er eine Ablagerung des
lichteren Sandsteingürtels. Darauf folgt, noch weiter ostwärts,
der vorderste, niedrigste Rücken des Hauptgebirgsstockes; eben so
dunkelfarbig wie der erste und zweite, im Vergleich mit dem weißlichen,
niedrigeren Fußgestell seines Sandsteines. -- Im übrigen Verlaufe des
Tages besahen wir etwas genauer den nördlichen Saum der Bucht, an den
unser Herweg uns vorübergeführt hatte; die Trümmer Arabischer Hütten,
unter denen mancher Baustein von früherer Hand bearbeitet, liegen
mag; den Steinhaufen, den jeder vorüberziehende Mekkapilgrim, durch
Daraufwerfen eines neuen Steines vergrößert, indem er hierbei dem Satan
flucht, welcher den Abraham am Opfer Ismaëls verhindern wollte, und
manches Andre, und schrieben dann an unsern Tagebüchern. Die jungen
Freunde waren für die Sammlung beschäftigt; Herr Franz, der Mechanikus
reparirte unentgeltlich, für manche Bewohner des Kastelles Flinten und
andre Geräthschaften. Vor ihm, in seiner ganz orientalischen Kleidung
hatten die dortigen Leute, zu unserem Vortheil, große Achtung; das
Gerücht hatte sich verbreitet: er sey ein Büchsenschäfter im Dienste
des gefürchteten Ibrahim Pascha. Am Abend stellte sich, wie bisher,
unsre zwölfmännige Leibwache ein.
Der Morgen war dennoch (am 15ten März) wieder still und schön, obgleich
bald nachher der harmonische Gesang der Palmendrossel durch manche
Mißtöne verscheucht wurde. Der Commandant ließ uns sagen es seyen nun
die Kamele vom Scheikh der Araba, der uns weiter von hier bis nach
Hebron geleiten sollte, gekommen, auch sahen wir wirklich unter den
Gesichtern der Beduinen, welche der Aga zu unserm Zelte führte, mehrere
die uns noch neu und unbekannt waren, andre aber glaubten wir seit
unsrer Ankunft öfters in und bei dem Kastell bemerkt zu haben. Unter
den neuen Ankömmlingen befand sich ein stämmiger, hübsch aussehender
Knabe, so bunt aufgeputzt als der Heidenprinz eines unsrer Dorftheater;
doch war der Kaschemirschawl, den er um seinen Kopf gewickelt trug,
ächt und von hohem Werthe. Es war auch wirklich ein kleiner Prinz: ein
Sohn des Emir Salem von Ghaza, des großen Scheikhs der Araba; er war
zu uns gekommen um im Namen seines Vaters einen Führer unsrer Karawane
vorzustellen. Wir waren den an uns gestellten Forderungen um einige
Schritte entgegengegangen, der Aga hatte bereits das Geld, denn hier
zu Lande muß man alles vorausbezahlen, für unsre ganze Weiterförderung
bis Hebron in Empfang genommen, und wir glaubten es sey nun Alles in
Ordnung, da brachte er, noch vor Mittag die klingende Münze wieder und
sagte uns, das Ohr der Beduinen sey durch diesen Klang bei weitem noch
nicht befriedigt; sie schienen Miene zu machen wieder zurückzukehren
mit ihren Kamelen, nach ihrer Heimath. Unsre Verlegenheit war groß,
mitten auf unserem Wege fanden wir unerwartet einen Strom der
Hindernisse, über welchen weder Brücke noch Fähre hinüberführte. Ich
läugne es nicht, daß mich, mehr als es gesollt hätte, Zagen und Sorgen
anwandelte. Ich war wieder hinausgegangen an die Nordseite der kleinen
Veste, wo mein guter Maler Bernatz saß und ruhig zeichnete. Da sprach
mir, indem ich so hinaufblickte nach den Bergen in Osten, die Gegend
selber einen kräftigen Trost zu. War doch dieß dieselbe Stätte da einst
der Herr das Reisen der Kinder Israël zu Herzen nahm und ihnen nach
fast vierzigjähriger Hemmung den Ausweg eröffnete, aus der Edomiter
eiserner Haft (5. Mos. 2, V. 7). Er ist ja noch derselbe Helfer, der
Er zu ~Israëls~ Zeiten war; ich kehrte wohlgemuth zum Zelte um.
Nach einiger Zeit begab sich Herr Mühlenhof, der Dragoman, der sich
in dieser ganzen Angelegenheit sehr klug und entschlossen benommen
hatte, von neuem hinein in das Kastell, wo die vornehmsten der Beduinen
noch versammlet saßen und machte neue Anerbietungen; die Leute hätten
uns aber allem Anschein nach gerne noch mehrere Tage in der Spannung
erhalten, wenn nicht hülfreich der Umstand eingetreten wäre, daß
auf übermorgen das große Bairamfest fiel, bei welchem Alle gern zu
Hauße bei den Ihrigen seyn wollten. Auch der Aga und der Commandant
hatten, so versicherte uns Herr Mühlenhof, bei den Unterhandlungen
Alles gethan, was sie für den vermeintlichen Englischen Consul zu thun
vermochten. Das Geschenk das ihnen beiden versprochen war, schien
hierbei als guter Antrieb mitgewirkt zu haben. So kamen wir dahin
überein, daß wir sechszehn Kamele, jedes für zehn Marietheresienthaler
bis nach Hebron nehmen und bezahlen sollten; der Commandant und der
Aga, welche übrigens, wie wir später erfuhren, an jedem Kamel zwei
Thaler Provision nahmen, erhielten auch etliche zwanzig Thaler;
unsre Leibgarde war mit Geringerem zufrieden. Noch vor zwei Uhr des
Nachmittags kamen der Commandant und der Aga, mit ihnen die Scheikhs
der Beduinen; tranken mit uns Kaffee und holten sich ihren ansehnlichen
Haufen der Thaler ab, welche Münze, mit dem Gepräge der Kaiserin Maria
Theresia, sie ganz besonders lieben.
Es war vier Uhr des Nachmittags als wir endlich zu Kamele saßen, und,
ehrenvoll verabschiedet von dem Commandanten und den andern Inwohnern
der kleinen Veste aus den Palmenwäldern von Akaba hinauszogen in die
weite, freie Araba. Mein Herz war überaus fröhlich und guter Dinge;
das innre Gespräch war zu einem Loblied geworden, in das der Mund
einstimmte. Ja, es waren auch hier die Worte des alten Liedes wahr
geworden: Er reicht uns seine Hand; am Abend wie am Morgen will Er uns
wohl versorgen, seys auch im Feindesland.
Unser Weg, nahe am Fuße des östlichen Gebirges, dessen Hauptrücken
ich nach der Form der Höhen für Urgebirge halten möchte, zog sich von
Akaba aus immer allmählig aufwärts; der Boden ist Sand, untermischt
mit Trümmern von Granit, Porphyr und Grünstein. Das zwischen den
westlichen, schon oben (S. 393) beschriebenen und den östlichen
Gebirgszügen hinlaufende Thal der Araba, erweitert sich in geringer
Entfernung von Akaba zu einer augenfälligen Breite von gewiß vier
Stunden. Das Thal bildet eine von Ost gegen West stark geneigte Ebene,
und während man längs dem Fuße des östlichen Höhenzuges auf den Firsten
des Thales hinreist, befindet man sich am westlichen Rande desselben,
längs dem Saume des Tyhgebirges in einer Tiefe, welche im Mittel nur
wenig über dem Meeresspiegel erhöht ist. Während der Regenzeit muß ein
großer Theil dieser westlichen Thaltiefe vom Wasser überschwemmt seyn,
woher vielleicht die Annahme eines langen Ausläufers des Ailanitischen
Meerbusens nach Norden hin entstanden seyn mag, die auf einigen unsrer
älteren Landcharten vorausgesetzt scheint. Wir lagerten kurz vor
Sonnenuntergang. Schon heute hatten wir Gelegenheit zu bemerken, daß
unter unsern diesmaligen Kamelen einige recht böse und bissige seyen;
auch die Beduinen, von denen eine ganze Schaar (mehr denn dreißig)
uns begleiteten, benahmen sich nicht so dienstwillig und freundlich
als unsre vorigen Begleiter. Der kleine Sohn des Emir Salem (m. v. S.
394) schickte am Abend zu uns und begehrte Reis. Wir sendeten ihm eine
ganze Schüssel ungekochten Reis, gewiß drei- oder viermal so viel als
wir auf der Reise von Kairo bis Akaba gewöhnlich unserm alten Scheikh
Hassan gaben; er sendete uns aber die Gabe wieder mit der Bemerkung sie
sey zu wenig und zu gering. Wir nahmen den Reis ruhig wieder, ohne ihm
andern zu geben. Zur Rache dafür verübten die Beduinen einen großen
Theil der Nacht hindurch einen ganz entsetzlichen Lärmen, mit Schreien
und Schießen vor unserm Zelte. Wahrscheinlich wollten sie uns fürchten
machen. Als die Leute ruhig wurden, da fiengen die Kamele, die ganz
nahe bei uns lagen, so laut und so viele zugleich an zu brüllen, daß
an kein weiteres Schlafen zu denken war. Zum Glück bedarf man auch in
diesem Lande und auf solcher Reise ungleich weniger Schlaf als daheim,
um vollkommen gestärkt zu seyn.
Donnerstags am 16ten März fanden wir uns schon um sechs Uhr des Morgens
auf dem Wege. Es war, wie ich nun bemerkte, eine Täuschung des Auges
gewesen, was mich am gestrigen Nachmittag glauben gemacht hatte, die
Berge zu beiden Seiten hörten weiterhin auf und wir würden bald in
eine unbegränzte Ebene kommen. Die Thäler, welche das (vorherrschend)
primitive Gebirge der östlichen Seite durchschneiden, ziehen sich
in der Richtung von Nordnordwest gegen Südsüdost aus der Ebene nach
dem Hochrücken hinan; jene der westlichen Gebirge dagegen haben die
Richtung von Nordnordost hinan gen Südsüdwest, beide laufen mithin vom
Thale aus wie divergirende Strahlen auseinander. Auf der Westseite
wird je weiter gen Norden desto mehr der Sandstein vorherrschend,
der sich uns am Vormittag öfters in mauer- und pfeilerartigen Formen
zeigte, zwischen denen das aus solcher Ferne leicht getäuschte Auge hin
und wieder Ruinen von Menschenwerken zu bemerken wähnte. Die Einöde,
durch die wir heute kamen, war nicht ohne Pflanzenwuchs, vor allen
zeichnete sich der in voller Blüthe stehende Artastrauch (+Calligonum
comosum+) aus, dessen zierliche, weißliche Blüthenbüschel an
ganz blätterlosen, binsenartigen Zweigen sitzen. Die jungen Zweige
werden sehr gern von den Kamelen gefressen; sie haben einen nicht
unangenehmen, säuerlichen Geschmack; die alten Zweige sind holzig;
die Wurzeln laufen sehr tief in den Sandboden hinein und begünstigen
da die Anlage der Höhlenwohnungen der Springhasen, welche hier sehr
häufig sind. Auf dem Boden sahen wir heute öfters den bunten Arabischen
Sandkäfer (+Anthia variegata+). Hin und wieder lagen, am
verdorrten Stengel, gleich gelben oder röthlichen Aepfeln die Früchte
der Coloquinte (+Cucumis colocynthis+).
Wir hatten heute einige Noth mit den Kamelen, die wir auf unsrer
vorhergehenden Wüstenreise nur als so sanfte, harmlose Thiere
gekannt hatten. Das auf welchem +Dr.+ Roth ritt fieng öfters
an, wie halbrasend zu springen; jenes des Herrn Bernatz mußte die
europäische Fußbekleidung als einen strafbaren Luxus betrachten, es
drehte beständig seinen langen Hals herum und wollte dem Reiter in
die Stiefeln beissen; ein Biß, welcher von so starkem Thiere tiefer
gegangen seyn würde als in die bloße Kleidung. Das Kamel der Hausfrau
war desto geduldiger, und blieb mit seiner leichten Last beständig
hinter den andern zurück. Am Nachmittag sahen wir gegen Westen neben
uns eine brackig feuchte Sandebene; die Fata morgana zauberte uns Seen
und Teiche über die Fläche hin; im östlichen Gebirge bemerkten wir
mehrere Gänge von röthlicher Färbung.
Der Scheikh Salem schickte uns einen Boten, der auf einem Dromedar
ritt, mit seinem Petschaft entgegen um seine Einwilligung in den
abgeschloßnen Vertrag zu bezeugen und uns zu begrüßen. Als der Bote
wieder umkehrte war er überaus schnell aus unsern Augen entschwunden;
wir konnten daraus den Unterschied der Geschwindigkeit eines Reit- und
eines Lastkameles erkennen. Doch auch unsre lastbaren Thiere wurden
heute von ihren Treibern zur ungewöhnlichen Eile angehalten, denn
Jeder von ihnen wünschte, am Vorabend des großen Bairam bald bei den
Seinigen zu seyn. Um vier Uhr hatten wir das große Dorf der Araba, mit
seinen schwarzen Nomadenzelten erreicht. Der Scheikh oder Emir Salem,
ein rüstiger Mann von mittlern Jahren, kam uns zu Pferd entgegen; nur
der kostbare Kaschemirschawl, der um sein Haupt gewunden war, ließ uns
in ihm den mächtigen Beduinenfürsten errathen, welcher alljährlich
zu dem Zug der Pilgrime nach Mekka von seinem Stamme tausend Kamele
herbeiführt. Wir stiegen ab und der Scheikh führte uns in sein großes
Zelt, in welchem wir, im engern Kreise der Vornehmen -- denn hinter uns
zeigte sich noch ein weiterer Kreis der Gemeinen -- auf den Teppich des
Bodens uns niederkauerten und mit dem Kreise der Vornehmeren Kaffee,
mit dem der Gemeinen aber saure Milch (Lebben) aus einer von Hand zu
Hand gehenden hölzernen Schaale tranken. Dazu wurde Tabak geraucht.
Einem der kleinen Scheikhs-Prinzen, der nur ein Hemdchen anhatte,
einem recht hübschen Kinde schenkte ich -- denn ich hatte ja weiter
nichts -- einen weißen Schiffszwieback aus Kairo, den der Kleine mit
Vergnügen annahm, obgleich sein kleiner Mund das harte Gebäck nicht
zu beißen vermochte. Gleich nach der Rückkehr zu unserm Zelte sendete
uns der Scheikh ein schönes Lamm zum Geschenk und der Araber der es
brachte schlachtete auch sogleich das Thier damit wir einen Theil
davon zum Abendessen benutzen könnten. Vor Sonnenuntergang bestieg ich
noch, ostwärts vom Zeltendorfe einen kleinen Sandhügel um die Gegend
zu überblicken. Das Dorf besteht aus mehreren größeren und kleineren
Gruppen von Zelten und erstreckt sich ziemlich weit, besonders nach
Westen hinaus. Eben kehrten die Heerden von Ziegen und Schafen von
der Weide heim, die eine nach dieser, die andre nach einer andern
Gegend des Dorfes. Diese Heerden waren ziemlich groß; die Thiere sahen
wohlgenährt aus, denn in den Engthälern des hier angränzenden östlichen
Gebirges soll es sehr gute Weideplätze geben; Frauen trugen Wasser,
das sie an einer Art von Lache, ostwärts vom Orte geschöpft hatten, in
Krügen auf ihrem Haupte nach Hauße. -- Mir war es als weilte ich hier,
unter diesem Volk von fester Anhänglichkeit an die Sitte der Väter, bei
den Heerden und Hütten Ismaëls oder Edoms. -- Wir waren, wie sich aus
den zweitägigen barometrischen Beobachtungen ergab seit gestern 465
Fuß anwärts gestiegen, denn so hoch liegt das Dorf der Araba über dem
Spiegel des rothen Meeres.
Der Schlaf bei Ismaëls Hütten war ein sehr ruhiger und erquicklicher
gewesen; erst bei Sonnenaufgang trat ich aus dem Zelte hervor. Hin
und wieder zeigten sich schon einzelne Bewohner des Dorfes in ihrem
festlichsten Gewande; zwei schöne Rosse, von der edleren Arabischen
Abkunft stunden angebunden an Pflöcke, die in den Boden eingeschlagen
waren, nicht fern von unserm Zelte. Der heutige Tag, der zehnte des
zwölften Monates Zul Hedscheh ist für die Bekenner des Islam ein
sehr festlicher, er heißt schlechthin der große Festtag (el Id el
kebir) oder auch das Opferfest (Id el Kurban) und bei den Türken der
Kurban-Bayram. An diesem Tage, so erzählt die Ueberlieferung der
Mohamedaner, sollte Ismaël, (den sie bei dieser und andrer Gelegenheit
statt des Isaak nennen) von Abraham geopfert werden, da hinderte der
Engel die That und Abraham opferte statt des Sohnes den im Thale Mina
gefundenen Widder. Wenn der in der Hütte zurückgebliebene Moslim
schon den vorhergehenden Nachmittag des neunten Monatstages noch
mehr aber den heutigen zehnten mit Andacht feiert, dann begleitet er
zugleich im Geiste seine Brüder, die in diesem Jahre auf der gefahr-
und verdienstvollen Pilgerfahrt nach Mekka begriffen sind. Vielleicht
ist es auch die eigne Erinnerung an das was er selber als gewesener
Pilgrim an diesen Tagen auf den Höhen des Arafaat und im Thale von Mina
mit gesehen und genossen hat, welche ihm die Zeit des Korban-Bayrams zu
einem besonders feierlichen macht; denn wenn am neunten des Nachmittags
das feierliche Absingen des Khutbeh auf dem Arafaat, wenn darauf am
zehnten im Thale Mina das vorgeschriebene Opfer geschehen ist, dann hat
zugleich die Pilgerfahrt des Hadschi mit all ihren Mühen und Gefahren
ihre Vollendung erreicht; die Segnungen, welche der Islam den Gläubigen
verheißt, sind errungen, der Hadschi legt nach vollendetem Opfer sein
armes Pilgergewand ab und schmückt sich freudig mit der besseren
Kleidung. Zum Andenken an jenes glückliche Beenden der Sorgen Ismaëls
und Abrahams, so wie der Gläubigen, welche in beider Fußtapfen traten,
schmückt sich auch der in den Städten und Dörfern zu Hauße gebliebene
Moslem heute, wenn er es vermag, mit einem ganz neuen oder doch mit
seinem besten Kleide. Ein Schaf wird geschlachtet, das Fleisch gekocht
und an die Armen vertheilt; das Volk belustigt sich, wie beim kleinen
Bairamfeste durch mannichfache öffentliche Spiele.
Auch hier im Dorfe der Araba geschahe dieses; wir sahen, denn auf
uns, als theilnehmende Zuschauer war vorzüglich gerechnet, der
Hauptbelustigung zu. Diese bestund, nach einigen unbedeutenden Uebungen
der Kamele, in einem Wettrennen zu Pferde, das von dem Sohn des
Scheikh Salem, von jenem der uns von Akaba hieher geleitet hatte und
einem oder zweien seiner kleinen Vettern gehalten wurde; der Preis war
ein schönes Tuch. Unser kleiner Scheikh hatte, um sich vor uns groß zu
machen, sein Pferd lange vor dem Anfang des Wettrennens losgebunden,
und es durch Reiten müde gejagt; da es aber jetzt galt die Kraft der
Rosse und ihrer jungen Reiter zu zeigen -- beim Wettlaufe selber --
da trug der kleine Vetter den Preis davon, welchen diesem der Scheikh
Salem reichte, zugleich aber seinem besiegten Prinzen als Zeichen eines
gelinden Tadels, ins Angesicht spuckte[105]. Außer dem Wettrennen der
Pferde sahen wir keine andren Festlichkeiten und obgleich heute mit dem
Korbanbairam zugleich der Mohamedanische Sabbath (Freitag) war, konnten
wir doch keine Spur von einer gottesdienstlichen Handlung bemerken.
Ueberhaupt sahen wir diese Kinder der Wüste fast niemals am Morgen oder
zu einer andern Zeit beten, nur beim Essen und beim Schlachten der
Thiere hörte man das Bis millah (in Gottes Namen).
Ich war mit meinem jungen Freund dem +Dr.+ Erdl, welcher die
Flinte bei sich trug, hinaus gegangen gegen Osten, nach dem Gebirge
zu. Während wir noch, in der Nähe des Zeltendorfes, bei den blühenden
Gebüschen verweilten, kam ein Töchterlein des Scheikh, ein Kind von
etwa zehn Jahren mit einer ihrer Gespielinnen hinter den Heerden der
Ziegen gegangen und reichte uns sehr freundlich ihre Feldflasche voll
saurer Milch zum Trinken dar. Das Kind war heute auf seine Weise ganz
besonders schön geputzt; in dem schwarzen Haare trug es allerhand
Zierrathen von Glasperlen und durchlöcherten Silbermünzen, es hatte
recht gute schöne Augen und war überhaupt wohlgebildet von Angesicht.
Ich schenkte ihm für den Trank den es uns gereicht hatte einen ganz
neuen Aegyptischen Piaster (sieben Kreuzer an Werth); es lachte laut
vor Vergnügen und schwatzte uns noch vieles vor das wir jedoch meist
nicht verstunden.
Die Heerden waren vorübergezogen und wir blieben in der Stille der
Einöde allein. Wenn auch hier die Gegenwart in tiefes Schweigen
versenkt war, so sprach dafür die Stimme der Vergangenheit zu unsrem
innren Ohre. Da vor uns lag mit seinen Thälern das Gebirge Seir,
welches die Heere Israëls, während ihres vierzigjährigen Verweilens in
der Wüste, eine lange Zeit umzogen hatten (5. Mos. 2, V. 3) bis der
Herr ihr Reisen zu Herzen nahm und sie nordwärts von Akaba auf den Weg
der Wüste der Moabiter, in Osten des Gebirges hinan zu den Ländern
des Jordans führte. Hier in diesem Thale der Araba, verweilte jenes
Volk der Wahl am längsten, denn wie dieß K. v. ~Raumer~[106] so
klar entwickelt hat, der erste Auszug der Israëliten aus der Wüste des
Sinai gegen die Gränzen des verheißnen Landes hin, so wie er im vierten
Buch Mosis vom zehnten bis dreizehnten Kapitel beschrieben ist, nahm
allerdings die gerade Richtung durch die Wüste Tyh und umfaßte einen
Weg von eilf Tagen; sein Ziel war das an der Gränze Palästinas gelegene
Kades. Als aber das störige Volk durch seinen Undank und Ungehorsam
sich den schon eröffneten Eingang ins Land der Ruhe verschlossen
hatte, da ward es wieder südwärts durch das Ghor und die Araba über
Ben Jaëkon, Maseroth (Hor), Horgidgad und Jothbatha zum rothen Meere
und nach den Wüsten der Peträischen Halbinsel geführt. Nach manchem
Jahre des Verbleibens in dem Lande, da kein Säen und Ernten ist, am
meisten aber wahrscheinlich in der Araba, welche auch den Heerden
Futter gewährte, gelangen die Israëliten abermals zum Nordende des
Ghor, bei Kades, wo Mirjam stirbt (4. Mos. 20, V. 1). Im vierzigsten
Jahre seit dem Auszug aus Aegypten finden wir sie zum letzten Male in
Wadi Musa, nahe bei Petra, am Gebirge Hor, da Aaron starb (4. Mos.
20, V. 27-29), von hier gehen sie noch einmal zurück ans rothe Meer,
bei Akaba, um von da den siegreichen Lauf, im Osten des Gebirges Seir
nach dem verheißenen Erbe der Väter anzutreten. Nach v. Raumer ist es
wahrscheinlich, daß in dem Theile der Araba, an deren Ostgränze Scheikh
Salems Volk seine Hütten aufschlug, vormals Jothbatha lag (4. Mos. 33,
V. 32). So wandelte unser Fuß hier in dem Thale zwischen Seir und der
Amoriter Gebirge, da einst der Herr das Volk, dem er das Gesetz gab,
allein leitete, »und war kein fremder Gott mit ihm.« Eine Reihe der
Jahre hindurch war dieses Thal ein dunkles Thal der Führungen und der
Prüfung des Glaubens gewesen; unter diesen Sandhügeln ruheten wohl
einst die Gebeine mancher der Kriegsleute, die sich ungläubig geweigert
hatten hinanzuziehen zum Kampfe, den nicht sie, sondern Er führen
wollte, welcher ihnen Hülfe, Schild und Schwert ihres Sieges war. Dort
wo unter dem blühenden Gebüsch die Heerden der jungen Lämmer weiden und
in diesem ganzen Lande von Nord gen Süd war die Wiege und Wohnstätte
des jungen Geschlechtes, das den Segen empfieng, den ihre Väter von
sich gestoßen hatten.
Die Gegend, namentlich gegen Osten, fanden wir reich an mannichfachen
Gewächsen. Dort in den Thälern giebt es auch Quellen, obwohl für den
gewöhnlichen Bedarf der Hütten die Bewohner des Dorfes sich des Wassers
einer Lache bedienten, das noch von der Regenzeit zurückgeblieben war.
Am Nachmittag brachte man uns eine sehr buntfarbige, mit feuerrothen
Flecken und Wellenstreifen gezeichnete, große Schlange, die, wie uns
dies der Bau ihres Gebisses zeigte, zu den giftigsten Arten ihres
Geschlechtes gehörte. Sie war todt und bei der großen Hitze schon
ins Verderben übergegangen. Nach der Aussage der Beduinen ist diese
Schlange, welche sie sehr fürchten, in der Umgegend häufig. Abgesehen
von der Oertlichkeit erinnerte uns dieses an die Schlangen, denen die
Schaaren des pilgernden Volkes erlagen, da sie auf dem Wege vom Hor
nach dem rothen Meere verdrossen geworden waren und wider Gott und
wider Mose redeten (4. Mos. 21, V. 5, 6) und an jene Tage, da über den
Gräbern das Zeichen der ehernen Schlange erhöht ward, daß, wer gebissen
war und diese ansahe, nicht sterben mußte.
Wir hatten die heißesten Stunden des Tages im Schatten des Zeltes
zugebracht. Da es anfieng etwas kühler zu werden machten und erhielten
unsre beiden Begleiterinnen Besuche bei und von den Frauen des
Scheikhs. Da sie zu uns kamen verließen wir Männer das Zelt, obgleich
sich jene gar nicht vor uns zu scheuen schienen, denn sie waren nicht
einmal ordentlich verschleiert. Die Araberinnen betasteten, wie man
uns später erzählte, Alles im Zelte; ein Gegenstand ihrer Neugier war
vornämlich die Kleidung der Europäerinnen gewesen, denn sie hatten
noch nie in dieser Gegend eine fränkisch gekleidete Frau gesehen.
Man schenkte ihnen einige Kleinigkeiten, worüber sie sehr zufrieden
waren. Jede der Frauen bewohnt mit ihren kleinen Kindern ein eignes
Hüttenzelt, in welches auch das edle Roß, besonders die Stute, Zutritt
hat, welche mit Vorsicht unter den am Boden liegenden oder spielenden
Kindern herumschreitet, ohne jemals eines zu verletzen.
Der kleine Scheikh, der uns in seiner bunten Comödientracht das
Ehrengeleite von Akaba hieher gegeben hatte, begehrte heute dafür
ein Trinkgeld, wir gaben ihm vier Thaler, die jedoch der kleine Mann
nicht annahm; denn, sagte er, dieß sey für einen Scheikh zu wenig. Wir
steckten das Geld ruhig wieder ein und ließen ihn gehen. Da mochte
er sich doch anders besonnen haben, denn nach einiger Zeit sendete
sein Vater zu uns und ließ uns sagen, wir sollten dem Knaben seinen
Unverstand zu gute halten und ihm geben so viel uns beliebte, da
wir ja doch noch bei der Ankunft in Hebron ein Haupttrinkgeld für
die Scheikhs bezahlen würden. Wir gaben darauf dem Knaben, der sich
alsbald wieder einstellte, als Gegengeschenk für das Lamm und für sein
kurzes Ehrengeleite acht Speziesthaler, womit er sehr zufrieden war,
mehr aber noch als über das Geld sich an einer vom Herrn +Dr.+
Roth ihm geschenkten Mundharmonika erfreute, auf welcher wir ihn
und seine Gefährten den ganzen übrigen Tag pfeifen hörten. Noch vor
Sonnenuntergang hatte sich der Himmel trübe überzogen.
~Sonnabends~ den 18ten März entließ mich der Scheikh Salem,
in dessen Bund und Schutz wir uns jetzt begeben hatten, mit einer
feierlichen Abschiedsrede, bei welcher die Vornehmsten des Dorfes
als Zuhörer um uns herstunden. Zu unsern Führern gab er uns zwei
seiner Verwandten, welche beide auch den Titel der Scheikhs führten,
einen alten von kräftigem Aussehen und einen jüngeren mit. Der Himmel
zeigte sich an diesem Morgen auf eine Weise getrübt, welche durch
ihre Färbung für unser Auge etwas Neues war, ein mäßiger Wind wehete
aus Südsüdwest vom rothen Meere herauf. Die Beduinen, indem sie gegen
Süden hindeuteten, hatten uns gerathen diesen Tag noch in ihrem Dorfe
zuzubringen, wir aber gedachten heute noch bis in die Nähe der Mündung
des Wadi Musa zu kommen, denn wir verstunden uns noch nicht auf die
Physiognomie der hiesigen Natur. Wir hatten bisher an der Wüste nur die
brennende Hitze der Mittagsstunden und die Kühle der Nächte in etwas
scheuen gelernt, heute sollten wir noch andre, größere Schrecknisse
derselben kennen lernen.
Hinter uns am Meere dämmte sichs wie ein röthlich graues Gebirge am
Horizont auf, die Sonne die noch einmal mit falben Schimmer, wie
durch den Rauchdampf einer brennenden Stadt über das Gebirge herein
blickte, brach ihre Strahlen auf so sonderbare Weise an dem immer
höher steigenden Damme, daß man leicht bemerkte, daß er von andrer,
dichterer Art sey als unsre heimathlichen Wolken; es war als wenn der
Abglanz eines pfeilerartig zertheilten Sandsteingebirges in trübem
Wasser sich gegen uns her bewegte. Das Licht der Sonne erneute noch
immer auf einzelne Augenblicke den Kampf mit dem Rauchnebel des Thales,
so etwa, als ob wir mitten in einem Brande der Natur an einer Stelle
vorbeikämen, wo die gesteigerte Gluth den Rußdampf verzehrte. Wir
genossen einige Male noch eine Aussicht in die nächsten Engthäler
des östlichen Gebirges; unter andern kamen wir an einem vorüber, in
welchem Palmen stunden, und, -- doch möchte ich dieses bei solcher
unsichrer Beleuchtung nicht als sicher verbürgen --, jenseit derselben
einige Mauerwerke. Noch blieben unsre Kamele in geordnetem Schritt
und die Beduinen sammelten ruhig einige am Boden wachsende, schöne
Exemplare des Cynomorium, welche sie roh verzehrten. Jetzt aber
bemerkte nicht bloß das Auge, sondern auch der übrige Körper, daß
der Nebel, der die Luft trübte, ein andrer als der gewöhnliche sey,
der feine Sand, welcher anfangs nur die Kraft der Staubwolken unsers
Vaterlandes hatte, die der Sturmwind eines Hochgewitters emporwirbelt,
mischte sich immer mehr mit gröberen Gesteintrümmern und abgerissenen
Zweigen der dornigen Wüstengewächse und fiel nun so dicht und schwer
auf uns, daß die Kamele mit lautem Gebrüll ihre Reihen verließen und
ohne Ordnung vorwärts rannten. Gleich in den ersten Augenblicken, in
denen der Sandsturm mit seinen gröberen Massen uns ereilte, hatte die
Sonne sich verhüllt, wie in einen härenen Sack; mit einer wahrhaft
furchtbaren Schnelle wuchs aber jetzt das Dunkel das unsern Pfad
und seine Nachbarschaft bedeckte zu solcher Nächtlichkeit, daß die
Finsterniß der dichtesten Nebel unsrer Spätherbst- und Wintertage in
keinem Vergleich damit stehet. Obgleich, zu unserm großen Glücke, der
Wind mit seinen Sandmassen uns gerade im Rücken war, hielten wir es
dennoch für ein noch größeres Glück, daß unsre Beduinen für uns und
ihre Kamele bei guter Zeit das Bette eines Winterstromes erreichten,
welches von dickstämmigem Tamariskengesträuch gegen den Sturm ein wenig
geschützt war. Im Anfang schien es unmöglich ein Zelt aufzuspannen,
wir versteckten uns mit niedergebeugten Körper hinter den Uferdamm des
Gießbaches und seine dichten Gesträuche, ließen die Sandwolken über
uns hinstreichen; später wurden, mit der Anstrengung eines Ringers,
der mit einem eben so starken ringt als er selber ist, die Stangen des
Zeltes aufgerichtet, dessen Seile, außer an den tief eingeschlagenen
Pflöcken, zugleich an den Stämmen der Tamarisken befestigt wurden.
Jetzt saßen wir auf dem Geräthe im Innern des Zeltes oder hinter dem
Damm des Bachufers, hörten das Niederrieseln des Sandes auf das Zelt
und Gesträuch und gaben uns jener angenehmen Empfindung hin, die
den gesicherten Zuschauer bei jeder ungewöhnlichen, auch in ihrem
Kreise zerstörenden Naturerscheinung anwandelt. Doch war der feinere
Sandstaub, welcher mit dem gröberen zugleich die Luft erfüllte, von
so durchdringender Kraft, daß er sich in alle unsre verschlossene
Behältnisse für Kleider, Wäsche, für Speisen und Getränke, so wie durch
die Kleider, auf die Haut des Körpers hineinzog. Ich hatte mich im
Zelte auf einige Augenblicke hingelegt mit verschlossenen Augen, um zu
ruhen; die sorgsame Hausfrau, da sie hereintrat und mein Gesicht in
so gelblichgrauer Färbung erblickte, erschrack nicht wenig, denn sie
meinte das Angesicht eines Todten zu sehen; der Reis, den wir, da sich
endlich gegen Abend an ein Anzünden des Feuers und an eine Zubereitung
des Abendessens denken ließ, genossen, war so versandet und vom Staube
braun gefärbt, daß wir ihn gerne, ohne ihn im Munde zu prüfen, ganz
verschluckten.
Nach Sonnenuntergang legte sich der Sturm, der Mond, der heute fast
voll war, schien durch den gelichteten Nebel in das Gebüsch der
Tamarisken herein; mit uns zugleich giengen mehrere Käfer, unter ihnen
in Menge der Aegyptische Mumienkäfer (+Ateuchus sacer+) und eine
uns noch neue Pimelia aus ihren Schlupfwinkeln hervor und geriethen
hierdurch in die Gewalt des Menschen, welche überall, wie ein Haupt der
Gorgona, den Augenblick des gegenwärtigen Erscheinens erstarren machet
und fest hält. Die Höhe unsers Nachtlagers über dem Meere betrug nach
+Dr.+ Erdls barometrischen Messungen 954 Par. Fuß.
Am Morgen des 19ten Märzes erwachten wir bei guter Zeit, aus einem
ruhigen, sehr erquicklichen Schlafe. Unsre Beduinen hatten uns schon
gestern gesagt, daß heute vielleicht ein Regen kommen würde und daß
dieses zu wünschen sey, weil, wenn dieß nicht geschehe, der Sandsturm
mit seiner Trübung des Himmels mehrere Tage dauere. Die Hoffnung
des Besseren gieng in Erfüllung, denn der Himmel zeigte sich von
Regengewölk getrübt; die Luft war gekühlt und überaus angenehm zum
Athmen. Es war heute der Tag des Herrn und noch überdieß Palmsonntag;
uns erquickte als ein Manna der Wüste das schöne Sonntagslied: »Allein
Gott in der Höh sey Ehr« und der herrliche Ambrosianische Lobgesang.
Bei der heute freier gewordnen Aussicht erblickten wir zu unsrer Linken
eine niedre Hügelkette aus Sandstein, welche diesseits der Mitte des
großen Arabathales näher nach der Ostseite desselben verläuft, und
auf diese Weise ein anfangs noch ziemlich breites Seitenthal bildet,
welches auch zu seiner rechten Seite vorherrschend Sandsteingebirge
anstehen hat. Dieses Seitenthal ist sehr reich an Strauchwerk und
niedreren Kräutern, auch sahen wir viele Vögel aus der Familie der
Frankolinen und Wüstenhühner; es muß hier großentheils ein gutes
Weideland geben. Einige Male fieng es an zu regnen, hörte aber
immer bald wieder auf. Mein Kamel mußte bei solcher Gelegenheit die
Gewohnheit haben das Wetter als stiller Zuschauer abzuwarten, es
legte sich, als der Regen kam, freilich auch später bei Sonnenschein,
mehrmalen mit mir nieder. Als wir durch eine enge Schlucht hinanzogen,
kamen etliche fremde Beduinen, mit Lanzen bewaffnet, zu Pferde gegen
uns angesprengt, unser sehr phantasiereicher Arabischer Knecht,
zugleich aber auch mit ihm etliche der Kamelführer wollten uns einen
feindlichen Ueberfall befürchten machen, wir hielten uns deshalb näher
zu einander und die Bewaffneten unter uns rückten an ihren Flinten. Die
Vorsicht war indeß überflüssig; unser alter Scheikh ritt auf seinem
Dromedar den Lanzenmännern entgegen und bald sahen wir, daß beide
Theile zu Handschlag und friedlichem Zweigespräch sich vereinten. Die
Reiter waren von befreundetem Stamme; sie hatten unsre Begleiter bloß
vor einem Regiment Aegyptischer Soldaten warnen wollen, dessen Durchzug
man heute, auf seinem Wege von Ghaza nach Kerek hier erwartete, weil
solche Bewaffnete, wenn es ihnen an Lastthieren fehlt, gar gerne auch
fremde zum Mitgehen einladen. Unsre Beduinen, wahrscheinlich in Folge
dieser Warnung, führten uns von hier an eine Zeit lang, in ziemlicher
Eile, sehr schlechte Wege. Gegen Mittag erreichten wir eine Anhöhe,
von welcher aus wir das wahrhaft hehre, Edomitische Gebirge ganz nahe
vor uns erblickten, welches durch seine riesenhaften Pfeilerformen
einen überwältigenden Eindruck auf die Sinnen macht. Wer die Gruppen
der Adersbacher Sandsteinfelsen oder jene der Sächsischen Schweiz
gesehen hat und diese zehnfach sich vergrößert denkt, der wird sich
ein ohngefähres Bild machen können von dem was hier unser Auge sahe.
Der Hor, auf welchem Aarons Grab ist, schaute majestätisch ernst über
das niedrere Gebirge herunter, während sich über seinen südlicheren
Nachbarhöhen und Thälern eine Wetterwolke entlud. Selbst unsre Beduinen
deuteten mit einem Ausdruck der Ehrfurcht auf die Grabstätte des
»Propheten« hin; unsre Augen und Herzen begrüßten freudig diesen neuen
Zielpunkt unsrer Wanderschaft. Wir traten jetzt in ein Thal ein, in
welchem die Wüste das gelblichgraue Alltagsgewand ganz abgelegt und
sich mit dem schönen, grünen Festtagsgewand der Gebüsche und Kräuter
bekleidet hatte, als wolle sie mit der Seele der Pilgrime zugleich
das Andenken des lieben Palmsonntages feiern. Aus dem Benehmen unsrer
Beduinen konnten wir bemerken, daß sie sich hier wieder vollkommen
sicher glaubten. Die Kamele wurden ruhig dem Zug ihrer Eßlust
überlassen, der sie bei jedem Schritte bald zu dieser, bald zu einer
andren Staude hinführte; das meinige hatte sich sogar ganz bequem
dazu auf seine untergeschlagnen Beine gelegt, und mir dadurch das
Absteigen erleichtert. Um uns her beleuchtete der helle Sonnenschein
die liebliche Wildniß; über den Riesenzinnen und Pfeilerfelsen des
Hochgebirges aber, in dessen Thäler und Fluthklüfte wir schon ganz nahe
hineinblickten, schwebte das dunkelfarbige Geflügel der Wetterwolken.
Wir ruheten da einige Augenblicke unter dem blühenden Gesträuch; das
Summen der aus- und einfliegenden großen Bienen klang wie der Ton einer
fernen Orgel; auch hier in diesem Tempel wandelte uns eine lebendige
Empfindung des Sabbathes an.
Während wir da ruheten und dann langsam -- die jüngeren Freunde
allerhand sammlend -- weiter zogen, hatte unser jüngerer Scheikh mit
einigen andern Beduinen zu Fuße die Höhe eines benachbarten Hügels
erklommen, wo er sich, mit dem Gewehre, das einer unsrer jungen
Freunde ihm geliehen hatte, an der Jagd ergötzte. Seine Mühe war nicht
umsonst gewesen, denn nach einiger Zeit brachte er uns mehrere von ihm
geschossene Felsen- und Wüstenhühner[107] und einen von ihm lebendig
gefangenen Arabischen Hasen.
Auf einer der Anhöhen, über welche der weitre Verlauf unsers Weges
führte, sahen wir ein altes, vielleicht vormals zum Wachthaus
bestimmtes Gebäude, an welchem meine jungen Freunde, da sie näher
zu ihm hingiengen, eingehauene Römische Zahlen entdeckten. Schon um
halb zwei Uhr nach Mittag war die Mündung des Wadi Musa erreicht, an
welcher unsre Beduinen den kurzen Tagesmarsch endeten und Halt machten.
Auf unsre Gegenvorstellungen, durch welche wir sie zu einem weitern
Vorwärtsschreiten hinein in das Thal bewegen wollten, antworteten sie,
daß im Wadi weit hinan kein schicklicher Lagerplatz zu finden sey,
überdieß sey ein Ungewitter am Ausbrechen, welches bald das Vordringen
ins Thal unmöglich machen werde. Und daß beides seine Richtigkeit habe,
davon überzeugte uns die eigne Erfahrung zum Theil noch heute, zum
Theil aber am andern Morgen. Denn kaum hatten wir unser Zelt in dem
steinigen Boden neben und über dem Bette des Gießbaches aufgeschlagen,
der aus dem Wadi Musa hier in die Ebene hervortritt, da entlud sich
mit heftigem Donner und Blitz auf den Nachbarbergen ein Gewitter,
wie Arabiens Hitze sie erzeugt; das eben noch ganz trocken gewesene
Gießbachbette ward zur Höhe und Mächtigkeit eines großen Waldstromes
angefüllt, welcher unser armes Zelt, das meine Weisheit durchaus, wenn
die landeskundigeren Beduinen es nicht verhindert hätten, hier im
tiefen Sande wollte aufgeschlagen haben, sammt allem Gepäck leicht mit
sich fortgerissen hätte. Doch die Gewitter dieses Landes, deren Donner
so schnell und laut auf einander folgen als die Worte in dem Munde des
schnell redenden Beduinen, sind wenigstens in dieser Zeit eine eilig
vorübergehende Erscheinung; das Gewölk hatte sich verzogen; die Sonne
schien wieder heiß und hell in die Ebene und auf die nächst gelegenen
Berge; das Wasser, welches vorher das enge Thal von der einen zu der
andern gähen Felsenwand überschwemmte, hatte sich bald wieder so weit
verlaufen, daß wir ein Stück Weges in demselben hinauf gehen konnten.
Sobald am andern Morgen, den 20sten März der Tag ergraute, saßen wir
auf zur Reise in das Thal und auf das Gebirge. Der umwölkte Himmel und
die Nebel auf den Höhen schienen mit Regen zu drohen; Wolken wie Nebel
wichen jedoch bald der höher steigenden Morgensonne. Man hatte uns
zum Theil, zur Beschleunigung des Weges, jene Reitkamele (Dromedare)
mit Sätteln gegeben, auf denen die vornehmsten unter unsern Beduinen
gewöhnlich ritten; denn nur einige von diesen begleiteten uns auf dem
heutigen Tagmarsche, die andern, sammt den meisten Kamelen und unserm
Arabischen Knechte waren bei dem Zelt und Gepäck zurückgeblieben.
Das Wasser des gestrigen Gewitterstromes hatte sich ganz verlaufen,
erst weiter im Engthal hinauf zeigten sich die letzten, bis hieher
noch glücklich gelangten Tröpflein des Baches, der durch den obern
Theil des Wadi strömt und da, wo wir jetzt stunden, nach Art der
meisten Bäche des Landes im Sande versiegt. Allerdings wäre in diesem
Engthale, dessen Sohle nirgends eben ist, auf weithin kein Ort zum
Aufschlagen des Zeltes gewesen, abgesehen von der Gefahr, welche ein
plötzlich hereinbrechender Regenstrom hätte bringen können. Zwischen
dem Gesträuch und Gehölze, namentlich des Oleanders hindurch, wand sich
unser Weg nach drei Viertelstunden zum Fuße eines steilen Hügels hinan,
über welchen ein Richtsteig führt, der die Krümmungen und plötzlichen
gähen Abfälle der Thalsohle vermeidet. Eine Schaar von Bergkrähen,
deren Geschrei eine ganz andre Sprache spricht als das der unsrigen,
denen sie übrigens an Gestalt und Farbe gleichen, flog über uns
hin[108]; aus den Felsenklüften vernahm man den Ton der wilden Tauben
dieses Landes. Das alte Gemäuer, welches in der Nähe des schneckenartig
sich hinanwindenden Richtsteiges liegt, scheint von Römischer Bauart
und mag, wie das gestern gesehene, zum Wachthaus gedient haben.
Wir hatten während des Hinansteigens, zu welchem wir abermals drei
Viertelstunden brauchten, rechts unter uns, in immer größerer Tiefe
das Bette des Siechbaches gesehen, dessen weniges Wasser nur selten an
der Oberfläche der Felsenplatten bemerkt wird, meist aber unter diesen
sich verbirgt. Da wir oben waren fanden wir uns mit dem Rinnsal des
Wassers wieder in gleicher Ebene und zugleich auf der Sohle einer
zweiten, höheren Terrasse des Thales, welche gegen das Erdgeschoß oder
das niedrigere, allmälig zur Ebene hinaus sich absenkende Plateau
des Thales mit einer senkrechten Felsenwand abbricht, über welche,
zur Zeit des Regens, ein mächtiger Wasserfall sich hinabstürzt. Der
Weg führte uns von hier an eine halbe Stunde lang auf der Ebene der
Terrasse hin, dann aber begann ein neues, ungleich beschwerlicheres
Ansteigen, als das vom untern Thale zum ersten höheren Stockwerk war.
Außer dem gähen, steinigen Abhang, mit welchem der Berg sich zum Thale
senkt, finden sich hier natürliche Stufen von solcher Steilheit und
Höhe, daß auch der geübte Fußgänger sich mit Händen und Füßen hinauf
arbeiten muß; zugleich mit uns legten aber auch heute unsre Kamele
eine Probe von jener Geschicklichkeit im Bergsteigen ab, welche man
diesem, scheinbar mehr für das Reisen in der Ebene geeigneten Thiere,
kaum zutrauen möchte. Unbelastet, wie sie jetzt waren, klommen sie
alle glücklich zur Höhe hinan, bis auf das eine, noch ziemlich junge,
welches +Dr.+ Erdl geritten hatte. Dieses schien außer Stande
das Steigen solcher Stufen zu begreifen; es mußte durch einen der
Beduinen wieder zurückgebracht werden zur Lagerstätte. Das Auge, wenn
auch auf Kosten der hart angestrengten Füße, wird indeß auf dieser
Anhöhe in seltner Weise ergötzt. Wir fanden uns hier nahe bei den
Gränzen des Landes, in welchem Hiob und seine Freunde lebten, und die
Natur, die wir hier sahen, sprach zu dem Auge, so wie durch dieses
zu der empfindenden Seele in einer ähnlichen Sprache, als das Buch
Hiob zum Geist des Menschen redet. Gerade dieser Schatten des eilig
hinüberfliehenden, leichten Gewölkes, der jetzt gehobene, dann wieder
niederfallende Schleier des Nebels erregten bald auf diese bald auf
eine andre Stelle der Felsenwarten und ihrer Thäler ein Aufmerken, wie
dieß in einem andern, höhern Maße die Sprache des von Gott begeisterten
Sehers oder Sängers jetzt auf diesen, dann auf einen andern Theil
der Gnadenerweisungen Gottes weckt. Auch die Pflanzen- und Thierwelt
dieser Nachbargebirge des Landes Uz trägt viel zu dem eigenthümlichen
Colorit der Gegend bei. Während im Thale das edle Roß in seiner
höchsten Kraft und Schönheit gesehen wird, weidet auf den Höhen und in
den Schluchten des Gebirges der kräftige asiatische Steinbock und die
schlanke Gazelle; mit der Stimme der Gebirgstauben zugleich läßt sich
der laute, melodische Gesang der Orientalischen Singdrosseln aus den
Zweigen der Edomitischen Cypresse vernehmen, von welcher wir auf den
Höhen des Wadi Musa und am Hor viele einzelne Stämme, ja ganze Haine
sahen; Bienenarten von fremder Gestalt wiegen sich summend auf den
Gewürzkräutern des Landes.
Wir hatten jetzt, drei Stunden nach unsrem Aufbruch, jene Höhe
erreicht, die zu der obersten Terrasse des Wadi Musa führt; zu jenem
bedeutungsvollen Theil des Thales, der, von einem Bache frischen
Wassers durchströmt, die alte, merkwürdige Edomitische Felsenstadt
Petra (Sela und Jaktheel der heiligen Schrift[109] umfaßt. Ehe ich
jedoch Petra sahe, wollte ich vorher einen andern Theil dieser Gebirge
besuchen, den ich mir längst zu einem der Hauptzielpunkte meiner Reise
gesetzt hatte. Man glaubt auf der Anhöhe vor Petra schon sehr hoch
gestiegen zu seyn, und dieß mit Recht, denn ich halte dafür, daß
dieselbe über der Mündung des Wadi Musa, die nach unsern Messungen
2046 Par. Fuß ober dem Meere liegt, wenigstens eben so weit erhaben
liege als der Gipfel des Horeb über dem Thale des Katharinenklosters;
jener Anhöhe aber zur Linken (fast im Norden) erhebt sein ungleich
riesenhafteres Haupt der majestätische Hor; der Fürst und Nazir des
Edomitischen Gebirges. Der größere Theil der Reisegesellschaft, jetzt
wieder zu Kamel gestiegen, eilte dem wunderreichen Petra zu; ich aber,
nur in Begleitung meines jungen Freundes, des Herrn Franz, schlug den
Weg nach dem Gipfel des Hor ein. Wir hatten uns zwei Beduinen aus der
Mitte der unsrigen zu Wegweisern ausgewählt, zu den zweien gesellten
sich jedoch ungebeten, angeblich unsrer Sicherheit wegen, noch zwei
andre, unter ihnen der verständige jüngere Scheikh oder
Karawanenführer.
Der Hor besteht, wie sein Nachbargebirge, aus einem bunten
Sandsteine, in welchem, wie in manchem vaterländischen Sandsteine,
hellere und dunklere, braungelb und röthlich gefärbte Streifen aufs
Mannichfaltigste wechslen. Die Streifen sind bald breiter bald
schmäler, bald gerade bald bogenförmig gekrümmt, sie geben öfters,
besonders im Thal von Petra, den Felsenwänden das Ansehen von gemahlten
Tapeten. Aus der körnigen Hauptmasse stehen Kugeln, kleinere wie
größere, hervor, in deren Innrem die bunten Lagen concentrisch, eine um
die andre sich fügen. Das Gebirge ist von vielen senkrechten Klüften
durchschnitten; zu den natürlichen Aushöhlungen, die sich an manchen
Stellen finden, kommen, besonders an dem Abhange gegen Petra hin,
jene von Menschenhand eingehauenen Grüfte und Höhlenräume, von denen
ich nachher reden will. Der Scheitel des Hor ist durch eine seichte
Einbuchtung in zwei Gipfel getheilt, auf deren einem, östlicheren
Aarons Grabmahl steht. Unsre Beduinen führten uns einen einsamen Steig,
welcher jenseits eines Thales, das wie ein Burggraben die Bergveste
umzieht und gegen Petra hinabläuft, seine nördliche Richtung verließ
und sich nach dem westlichen Theile des Berges wendete, dann aber
wieder, etwas minder steil, nach dem östlichen Gipfel hinüberzog.
Wir sahen am Abhange des Berges viele Cypressen; eine schöne Phlomis
fieng eben an ihre großen, goldgelben Blüthen zu entfalten, eine rothe
prächtige Anemone schmückte an vielen Stellen den Boden; mehrere
Cistusarten, zum Theil schon verblüht, wachsen, mit dem Gesträuch
des Ginsters und einer kleinen Art von Fichte vermischt[110]. Schon
ziemlich nahe am Gipfel kamen wir an eine Schlucht, in welcher, noch
recht wohl erhalten, Stufen hinauf führen und noch etwas höher hinan
fanden wir, in derselben Schlucht, alte Bauwerke: bogenartige Gewölbe,
unter denen eine Art von gemauerter unterirdischer Kammer oder Cisterne
offen vor Augen lag. Vor alten Zeiten stund am Abhange des Hor ein
christliches Kloster; sollten diese für ein vereinsamtes Kloster fast
zu prächtig erscheinenden Bauwerke von diesem die Ueberreste seyn? Von
dort wird in Kurzem der Gipfel, mit dem viereckten Gebäude erreicht,
welches die Andacht der Mohamedaner über Aarons Grabe erbaute. Auf dem
letzten Theile unsers Weges, besonders aber auf jenem der zwischen
dem großen, gemauerten Wasserbehältniß und dem Gipfel lag, so wie
am nordöstlichen Abhang von diesem fanden wir eine große Menge von
Scherben dicker, irdener, auch steinerner Gefäße, dazwischen auch
Stücklein von gefärbtem Glase, ähnlich jenem, dessen Trümmer wir
öfters in der Nähe der Aegyptischen Pyramiden gesehen. In welcher Zeit
diese Gegenstände hieher kamen, möchte schwer zu bestimmen seyn; das
Thal von Petra zeigte uns ähnliche; vielleicht war es die Andacht der
späteren Geschlechter, welche hieher diese Gaben brachte. Denn Haruns
des Propheten Grab, ist selbst den jetzt lebenden Nachkommen Ismaëls
und Edoms, wie allen Mohamedanern so heilig, daß sie, wenn sie auf
ihrem Vorüberzuge den Gipfel des Hor mit seinem viereckten Gebäude auch
nur von fern erblicken, ein Opferthier schlachten und über dem Blut
desselben einen Steinhaufen errichten; wir sahen solche Opferdenkmale
nicht bloß auf der näher am Fuß des Hor gelegnen Hochebene, sondern
selbst noch auf der nächsten Tagreise, hinwegwärts vom Wadi Musa öfters
an unserm Weg.
Auch unsre Beduinen näherten sich dem Grabe des Propheten und betraten
sein Innres mit Zeichen der Ehrfurcht; mich aber erhub und beugte
zugleich das mächtige Gefühl dieser unvergeßlichen Stunde in solchem
Maaße, daß ich vergaß, daß ich nicht in der stillen Kammer sey.
Abrahams Söhne, dem Fleische nach, beten hier gebückt im Staube den
Gott Jacobs, den Trost der Väter an, obgleich sie den großen Namen
nicht kennen; wie sollte dann ich, der ich den Namen kenne, vor welchem
sich beugen sollen die Kniee Aller, die auf der Erde und unter der
Erde sind, nicht dasselbe thun? Mir war es auch hier, als fühlte ich,
vielleicht als Folge der Nüchternheit und Stille des Wüstenlebens und
der heutigen, langen Bewegung in der reinen, balsamischen Gebirgsluft,
den Geist viel entfesselter vom Leibe, denn gewöhnlich; das Saitenspiel
meines Innren ertönte von einem Liede, dessen Inhalt dem des Jubilus
Bernhardi glich; ich fühlte im Nennen des großen Namens einen
Vorschmack der Freuden der Ewigkeit.
Die Beduinen hatten die Einkehr in die geistige Heimath nicht gestört.
Sie hatten sich, mit einer an ihnen noch ungewohnten Achtung Dessen,
was die »Ungläubigen« thaten, in einen Winkel des Gebäudes, auf die
vorspringende Mauer gesetzt. Dennoch weigerten sie sich uns durch
angezündetes Gesträuch oder Reißig das eigentliche, untere Grabgewölbe
zu beleuchten, zu welchem man auf mehreren Stufen hinabsteigt. Wir
versuchten denn dieses zuerst allein und ohne Licht. Da ich aber
unten, auf dem ebenen Boden, einige Schritte im Finstern vorwärts
tappte, fühlte ich mich an meiner Brust »wie durch zwei eiserne,
bewegliche Arme« (so beschrieb ich meinem jungen Reisegefährten die
Empfindung) gehalten und gehemmt. Wir stiegen wieder hinauf und fanden
unsre Beduinen in einem Gespräch begriffen, dessen Gegenstand ein bei
ihnen gewöhnlicher war: das sogenannte Trinkgeld für die Mühe, oder
der »Backschisch.« Ich fühlte mich gedrungen mit den wenigen Worten
Arabisch, welche mir zu Gebote stehen, sie daran zu erinnern, daß
nicht das Geld (»Fluhs«) etwas Großes und Gutes sey, sondern Gott sey
groß und gut und Den solle man vor Allem im Herzen tragen. Sie hörten
mein gebrochenes Arabisch freundlich und aufmerksam an, und nach
einiger Zeit ließ sich der junge Scheikh willig finden, einige Bündel
dürrer Zweige anzuzünden und mit ihnen die unterirdische Gruft uns zu
beleuchten. Jetzt sahe ich die »eisernen, beweglichen Arme,« die mich
bei meinen Herumtappen im Finstern an der Brust gehalten und gehemmt
hatten. Es waren zwei metallene, wie mir schien eiserne Flügelthüren,
welche halb offen stunden, und welche mit ihren inneren Seiten nach
vorn, gegen den Kommenden gerichtet waren. An den Wänden umher sahen
wir viele, Hebräisch und Arabisch geschriebene Namen und Denksprüche;
das getünchte Gemäuer aber, welches über und um den vermuthlichen
Eingang zur alten Gruft gelegt ist, reicht, mit der Zeit seines
Entstehens gewiß nicht in ein früheres Jahrtausend hinein, sondern mag
vielleicht nicht viel älter oder von gleichem Alter mit dem oberen
Mohamedanischen Ueberbau des Grabmahles seyn. Noch jünger ist der
(Türkische) Sarkophag, welcher im oberen Gebäude, dem Eingange gleich
entgegenstehend gefunden wird; er gleicht jenen, dergleichen ich später
in Abners wie in Rahels Grab, besonders aber in den Grabmählern der
Mohamedanischen Heiligen öfters sahe.
Während mein junger Reisegefährte ~Franz~ diesen vom Tageslichte
hell beleuchteten Sarkophag sammt seinen Hebräischen und Arabischen
Inschriften, davon jene Namen jüdischer Pilgrime sind, so genau als
möglich abzeichnete, trat ich zur Thüre hinaus und genoß der hehren
Aussicht, die sich dem Auge hier darbeut. Das höchste Interesse für
mich hatte, schon durch seine Gestalt, noch mehr aber durch seine
uralte Geschichte, das Gebirgsland, welches ostwärts und nordöstlich,
jenseits des Thales von Petra sich erhebt. Die zerrissenen Reste des
Nebels, welcher heute am Morgen als Regengewölk auf dem Gipfel des
Gebirges lag, zogen wie weidende Lämmer über die Bergabhänge hin;
ein großer Theil dieser östlichen Höhen scheint, wenn auch sparsam,
von grünem Weideland bekleidet; seine Schluchten sind mit dem Wald
der Cypressen und anderen Bäumen, so wie mit Gesträuch bedeckt.
Der Form nach sind jene östlicheren Höhen nicht mehr Sand- sondern
Kalkstein. Jenseits dieser Höhen, in Südost von Petra lag einst Bus
(wahrscheinlich das jetzige Bosta), von welchem Elihu, dort bei Dhana
lag Suah (später Szyah), von welchem Bildad kam, um Hiob zu trösten;
er selber aber, der Dulder, dessen nach Ihm fragenden und thränenden
Auge der Allmächtige selber begegnete, wohnte weiter gen Norden hin,
in dem jetzigen Gebalene. Hier aber, näher am Fuße des Berges, wo das
frische Wasser der Bäche ein ganzes, dürstendes Volk zu tränken und das
Grün des Weidelandes auch für Heerden des Viehes zu erzeugen vermochte,
beweinete Israël die Zeit der vierzig Trauertage hindurch, den ersten
der Hohenpriester; den Bruder jenes Mannes Gottes, »welcher in Seinem
ganzen Hauße treu war.«
Die Aussicht vom Hor hinüber nach Hiobs Lande, herab in das Thal des
Moses und auf Petras Gräberstadt, so wie in die Spalten und Schluchten
des Hor selber; dann nach Westen hin der ungehemmte Hinausblick über
die weite Thalebene der Araba, waren von einer Art, daß ich gern
Tage lang hätte hier verweilen mögen. Dazu war es da auf der Höhe so
lieblich kühl, daß ich freiwillig den Schatten des Gebäudes verlassen
und mich hinausgesetzt hatte, an die mild wärmenden Strahlen der
Sonne, zu einer Art von Seitenanbau des Grabmahles. Wie viele dieser
Werksteine, zum Theil aus weißem Marmor, aus denen die Hände der
Mohamedaner das jetzige Gebäude aufgeführt haben, mögen noch, wie dies
einige Spuren auch im Innren bemerken lassen, Inschriften enthalten,
die uns Kunde über die ältere Geschichte des Hor geben könnten.
Doch uns selber blieb, auch nur zur äußerlichen Beaugenscheinigung
der jüngeren Zusammenfügung alter Trümmer, heute wenig Zeit; der
Stand der Sonne so wie unsre Beduinen erinnerten uns daran, daß der
Mittag nicht mehr fern und daß es mithin Zeit sey, die vorangegangene
Reisegesellschaft in Petra aufzusuchen.
Der Hinabweg vom Hor gegen Petra hin war steiler als der Heraufweg,
brachte uns aber in kurzer Zeit zu den äußersten Ausbreitungen der
merkwürdigen Felsen- und Höhlenstadt. In der That ein wunderlicher
Bau; einzig vielleicht, in solcher Art und Größe unter allen jetzt
bekannten Menschenwerken. Wohin man sieht, überall, wenigstens in
dem was zuvörderst ins Auge fällt, etwas Andres und Neues; eine
Mannichfaltigkeit der Formen, wie sie etwa bei einem Römischen
Volksfeste an den Trachten der Menschenhaufen bemerkt wird, unter
denen man den reich gekleideten Engländer oder Franzosen neben dem
Italienischen Fischer oder Lazaroni, den Soldaten oder Bürger neben
den Geistlichen der verschiedenartigst gekleideten Orden bemerkt. Das
Thal von Petra ist ein riesenhafter Saal, den die Natur mit aller
Fülle, der ihr selber eigenthümlichen Architektonik aufgeführt, seine
Wände in orientalischem Geschmacke aufs schönste ausgemahlt hat (nach
S. 419) und in welchem sich alle Geschlechter und Jahrhunderte der
älteren Baukunst versammelt haben, um da ihre Studien zu machen. Die
jüngsten und spätesten Meister, welche in diesem Studiensaale hausten
und Werke hinterließen, waren die Römer, von denen noch lateinische
Inschriften der Gebäude reden; die ältesten stammten von jenem
Geschlechte her, welches »in Felsenklüften wohnte und hohe Gebirge
inne hatte.« »Dessen Streben es war sein Nest so hoch zu machen als
die Adler«[111], bis dennoch seine trotzige Brut aus dem unersteigbar
scheinenden Felsenhorste heruntergestürzt ward, durch die Hand des
Herrn. Die Römer, für welche Petra ein wichtiger Zwischenpunkt des
Handels und Verkehres mit den Völkern des Ostens und Südostens war,
baueten in dieser Bauschule der Felsen noch in den kunstreichen Zeiten
des Kaiser Hadrian und Antonins des Frommen; und vielleicht aus noch
jüngerer Zeit mag das Grabmahl seyn, das sich, nicht fern vom Römischen
Amphitheater, links von dem Eingang in das Engthal des Mosesbaches, gen
Eldschi hinan, durch seine, für uns wenigstens unleserliche griechische
Inschrift auszeichnet. Jene Adler aber, die dort oben, in einer Höhe
von mehreren hundert Fuß über der Thalsohle die Horste der Felsenhöhlen
anlegten, die konnten zu der nordischen Nachtigall, welche des Orpheus
und Linus, damals neue, Sybillinische Lieder sang, sagen, wir sind
älter als du. Die Kraft des Gedankens der ein ganzes Felsengebirge
in Denkmale der Menschennamen gestalten wollte, die einst genannt
und hochgepriesen, aus eigner Macht sich mit der Unvergänglichst des
ewigen Wortes zu überkleiden suchten, ist hier dieselbe, wie in den
gleichzeitigen der Tempelfelsen von Elephantine, oder wenigstens
der Bauwerke des Aegyptischen Theben. Und dennoch, bei all dieser
Kraft, welche die »Zeit der Riesen« ihnen gab, haben die ältesten
Baumeister von Petra, wenn man sie mit denen von Theben und Elephantine
vergleicht, sich einer ähnlichen Freiheit gebraucht, wie die Bewohner
einer, vom Herrschersitz weit abgelegnen Landgemeinde, bei der Anlage
ihres Kirchhofes. Da spricht sich auch in der Form der Denksteine und
im Inhalt der Inschriften nicht der mathematisch, nach einem festen
Gesetz gestaltende, ruhige Verstand, noch weniger ein durch äußres
Ansehen festgestellter Typus, sondern das in den mannichfachsten Formen
sich darstellende, lebendig bewegte Gefühl aus. Denn das Fühlen gehet
bei solchem Werk dem mathematischen Erkennen voraus.
Ich habe schon öfter, wenn ich den Eindruck beschrieb, den der Anblick
des Römischen Amphitheaters, mitten unter den Felsenwerken von Petra
(es ist übrigens selber großentheils aus dem Felsen gehauen) auf
mich machte, an jenes, aus Brettern gebaute Theater erinnert, das
die jetzt lebenden Bewohner von Verona auf der Arena des dortigen
alten, Römischen Amphitheaters errichtet haben. Dem Reisenden, welcher
von einem der oberen Umgänge dieses antiken Bauwerkes herabschauet,
erscheint allerdings, jenes moderne, zur Belustigung des Volkes so gut
ausreichende, sehr kleinlich. So ergeht es auch dem Wandrer, der von
der Anhöhe über den Römischen Schauplatz hinab- und hinüberschaut, auf
das Werk vom Titanischem Samen: auf die Reihen der Höhlengebäude an der
Wand des Gebirges. Hatten denn die alten Erbauer dieser Felsenwerke
Flügel, wie die Adler, mit denen sie sich da hinauf erhuben, an dem
senkrecht steilen Abfall? wer könnte ihnen jetzt, selbst mit Füßen
der Gemse, nachklimmen? Wie sich der Gedanke an eine Ewigkeit verhält,
die mit ihren Kräften zwar schon in das jetzige Leben, gleich dem
Morgenlicht durch die Spalten einer dunklen Felsenkluft, hineinbricht,
dennoch aber erst jenseits des Grabes ihren Anfang nimmt, zu dem
Gedanken der das Gewebe der Spinne, die gestern und heute spann,
umfasset; so verhält sich das alte Edomitische Petra, zu dem Spielhaus
der Römer. Denn der größeste Theil der frühesten Denkmäler, unter
deren das junge Römerreich sich ansiedelte, gehört, als Namenszug der
Hinübergegangnen und als Zeichen der Hoffnung, daß der Seele auch nach
dem Tode ein Fortwirken möglich sey, nicht dem Bedürfnisse oder der
Belustigung des schnell hinschwindenden, leiblichen Lebens, sondern dem
Reich des geistigen Seyns an.
Eines der größesten Kunststücke der Genien, oder Dschenni, ist doch
gewiß das, daß sie ihre Bauwerke nicht wie wir staubgebornen Menschen
von unten, vom Boden beginnen, und so allmälig zur Mitte und zur
Vollendung des Daches fortgehen, sondern daß sie von oben, vom Giebel
anfangen und dann die Mitte, zuletzt das Unterste ausbauen, auf welchem
das ganze Gebäu fußet. Im Grunde ist dies derselbe Weg, auf welchem die
mütterlich bildende Weisheit alle Lebendige bereitet, denn am Küchlein
im bebrüteten Ei sind es auch, nicht etwa zuerst die tragenden Füße
oder die Flügel, welche den Anfang des Gestaltens machen, sondern
dieses beginnt bei Dem das getragen wird: bei dem Gehirn, bei den
Augen, dem Herzen und bei allen andren Obersten und Innersten, und erst
nachher entfalten sich die Knospen der äußeren und unteren Theile.
Wollten wir jedoch, bei uns zu Lande, einem Architekten es aufgeben,
er solle zuerst den Giebel des Daches, dann die oberste Etage, und bei
gelegner Zeit auch die mittlere, dann die unterste und zuletzt die
Grundlage des Ganzen vollenden, so würde ihm die Lösung der Aufgabe
einige Schwierigkeit machen. In Petra aber, der alten Felsenstadt,
welche die Beduinen als ein Werk der Aegyptischen Pharaonen
preisen (und allerdings gehört diese Stadt der Zeit des älteren
Pharaonenreiches an), kann man dem Kunststück der Gebirgsgenien noch
jetzt so genau zusehen, als wäre man bei seiner Ausübung dabei gewesen.
Da bemerkt man mehrere angefangene Gebäude, von denen bloß Giebel und
Dach, andre an denen schon die obersten Kapitäler der Säulen, die den
Giebel tragen, vollendet herausstehen an den lichten Tag; die Schäfte
aber, auf denen die Kapitäler ruhen und noch weniger der Fußboden,
auf dem die Säulen gründen sollen, sind noch gar nicht angefangen: es
ist da ein in der Luft schwebendes Dach, das nur vorerst nicht durch
die leiblichen Massen, sondern von dem nach oben wurzelnden Gedanken
gehalten wird. -- Denn weil die Gebäude von Petra unmittelbar aus der
Felsenmasse selber ausgehauen wurden, begann die Arbeit von oben, und
endete nach unten.
Man frage nicht, in welchem Style diese sonderbaren Werke geformt
sind. Zwischen den abentheuerlichen Plänen und Träumen unsrer
frühesten Jugend und den Thaten wie Gewährungen, welche in die Zeit
des gereiften Mannesalters fallen, ist allerdings Verwandtschaft und
innre Beziehung, aber die Seitenauswüchse der Blätter, welche damals
dem jungen Stamm die erste Nahrung gaben, sind hinweggefallen und
die geradlinigtere, entschiednere Form ist hervorgetreten. In den
Säulenordnungen der Gebäude von Petra glaubt man bald Annäherungen an
die Dorische, bald an die Ionische, andre Male an die Korinthische
Form zu erblicken, doch gewiß ist, daß die Letztere auch hier, als
eine sehr alt Orientalische, nicht als eine erst aus dem Abendlande
eingewanderte erscheint. Zuweilen ist der obere (früher entstandene)
Theil des Werkes von ganz andrem Style, denn der untere, weil entweder
eine um Jahrhunderte spätere Zeit, den aus der Hand gefallenen Faden
in ihrer Weise weiter gesponnen, oder auch, weil der freie, seinen
eigenen Einfällen überlassene Geist der Erbauer, während der Arbeit
selber auf andre, neue Vorbilder seines Nachbildens gerathen war. Wie
auf unsren Kirchhöfen selbst unter den kunstreichsten Ehrendenkmalen
nur eine kunstlose, einfache Behaußung für den Sarg und seine Gebeine
gefunden wird, so bemerkt man auch innerhalb der vielversprechenden,
tempelartigen Portale der Ehrenmäler von Petra öfters nur einfache,
roh in das Felsengestein gehauene Kammern, zur Aufnahme, einst der
Todten, später auch zur Wohnung eines ohnmächtigeren, noch lebenden
Geschlechtes.
Wir Alle, auch meine früher als ich hier angekommene Reisegefährten,
blieben im Ganzen nur sieben oder acht Stunden bei den Ruinen von
Petra. Dennoch haben die beiden, im Aufzeichnen geübten Begleiter, Herr
Maler Bernatz und Doctor Erdl einige der bedeutungsvollsten Punkte der
alten Gräber- und jüngeren Krämerstadt aufgenommen. Wir Andren haben
uns, der Eine dahin, der Andre dorthin zerstreut, und da zuletzt,
eine durch gemeinsame Absicht so nahe verbundne Gesellschaft, in
allen ihren Gliedern für einen Mann steht, beschreibe ich zuerst den
Gesamtüberblick den wir uns erwarben, ehe ich zu der Spezialgeschichte
dieses meines Reisetages übergehe.
Nicht fern von den Ueberresten des Römischen Amphitheaters nimmt ein
Engthal der Sandsteinfelsen seinen Anfang, welches, von dem jenseits,
in Osten gelegnen, von Mauern geschützten, mit Aeckern, Obstgärten und
Weinpflanzungen umgebenen Eldschi her den eigentlichen Eingang nach
Petra bildet. +Dr.+ ~Roth~ drang zuerst und am tiefsten in
dieses Engthal ein, das einer Felsenkluft gleichet, durch welche der
Bach fließt. Er sah da Dasselbe, was Laborde und andre, frühere wie
spätere Reisende gesehen: den wunderschönen Tempel, der aus einem
Stücke der heller farbigen, röthlichen Sandsteinfelsen gehauen, eines
der prachtvollsten Gebäude des Thales ist; weiterhin findet sich
der sonderbare Bogen, der sich von dem Dache der einen Thalwand zu
dem andren herüberspannt. Die reich bewachsene Kluft ist öfters so
eng, daß mitten am Tage nur ein dämmerndes Licht sie erhellet. Der
Tempel, welcher, wenn auch ein später bauendes Volk an der Façade
manches veränderte, dennoch ursprünglich nur zum Ehrenmal der Todten
bestimmt war, wird von den innwohnenden Beduinen das Khasneh oder
Schatzhaus des Pharao genannt; Laborde giebt von ihm in seinem Werke
eine getreue Darstellung. Diesseits des architektonisch reichen, an
seinen Wänden öfters von Grabhöhlen durchbrochenen Engthales, in dem
eigentlichen Innenraum oder Edomitischen Adlernest des Petrathales
finden sich die meist in pyramidale Giebel endigenden, von Säulen der
verschiedensten Tonweisen getragnen Portale von scheinbaren Gebäuden,
deren innre Ausführung wie die Erwartung des Verborgenen, welches
das Grab verhüllt, nur von der Seele der Erbauer hinzugedacht, nicht
leiblich verwirklicht ward. Denn wer mit der Erwartung, etwa eines
Tempelgewölbes durch die Thüren des Portales hineintritt, der sieht
sich getäuscht; er findet da meist nur einige enge Kammern. Der Mensch,
wenn er am Tage auch noch so weit herumgezogen und gewirkt hat,
nimmt, wenn der Schlaf ihn befällt, gern mit der engen Ruhestätte am
Boden vorlieb. -- Unten im Thale, in welches der Bach, bald zwischen
dem Felsenschutt verschwindend sich ergießt, haben die Beduinen der
Umgegend Pflanzungen, selbst von Ackerfeldern angelegt; dazwischen
zieht sich eine alte, auf Römische Weise gepflasterte Straße hin;
Ruinen von Tempeln, Brücken, selbst die eines Triumphbogens bezeugen
es, daß der untre Theil des Thales schon in ziemlich alter Zeit mehr
für die Wohnungen der Lebenden, als zu Verwahrungsstätten der Todten
bestimmt war; die obersten Schwalbennester aber, in den Bergwänden
sind die Häußerburgen der anfänglichsten Bürger von Sela, während des
Lebens, so wie nach dem Tode gewesen. Auf einem der Hügel des untern
Thales liegen die Ruinen einer Art von Akropolis aus spätrer Zeit.
Soll ich auch noch etwas von meinen eignen, innren Erfahrungen an
diesem Tage sagen? Mir, da ich vom Gipfel des Hor, aus dem Kreise der
Gedanken und lebenskräftigen Gefühle, die dort mich bewegt hatten,
heruntertrat in dieses Thal einer wahrhaftig bewundernswürdigen
Menschen-Herrlichkeit, ergieng es dennoch wie Einem, der den
theuren Freund, von welchem er heute auf lange Zeit Abschied nahm,
hinausbegleitet hat, der Abendsonne entgegen, ins Freie; und der nun
bei seiner Zurückkehr in die Stadt hineintritt aus der Tageshelle in
einen verdunkelten, nur von Kerzenlicht beleuchteten Konzertsaale. Das
Auge war geblendet und sahe minder scharf als sonst; das Lied aber,
welches die Tonkünstler spielten, hatte eine erhebend schöne Melodie
und der Text, ich werde ihn nie vergessen, war von jenem Dichter,
welcher zugleich der größeste der Prediger und der weiseste der Könige
gewesen, er lautete und wiederholte die Worte oft: es ist Alles eitel;
Alles Thun der sterblichen Menschen ist eitel; nur Eines bleibet, der
Geist, der zu Gott gehet, von welchem er kam.
Wir beiden, mein Begleiter Franz und ich, sahen, da wir von Aarons
Grabe auf dem Hor herunter kamen in die Mitte der wunderlichen
Edomitischen Höhlenstadt, zuerst nur die Kamele weiden auf dem
grünenden Thalboden. Nach einiger Zeit entdeckten wir den fleißigen
Maler Bernatz, der vor einem der höher gelegnen Gebäude zeichnend saß
und hörten den Ton der geognostischen Hämmer. Der übrige Theil der
Gesellschaft, zu dem auch die treue Hausfrau gehörte, hatte sich in
eine der geräumigsten, innerlich mit Säulen, die aus dem Felsenganzen
gehauen waren, verzierte Höhlenwohnungen begeben. Unsre Beduinen
saßen hier bei dem angezündeten Feuer und wollten sich ihr schwarzes
Lieblingsgetränk bereiten, zu welchem wir ihnen gerne, nach ihrem
Begehren, den nöthigen Stoff gegeben hätten, wenn wir damit versehen
gewesen wären. Wir waren aber heute am Morgen so eilig fortgezogen, daß
wir es ganz vergessen hatten an das Bedürfniß der Küche zu denken.
Nach kurzem Ausruhen giengen auch wir hinab zu dem Hauptplatz der
alten Stadt, wendeten uns dann nach dem Römischen Amphitheater, und
von diesem zum Ufer des Baches hin, der aus dem vorhin beschriebenen
Engthal hervorbricht. Nach so vielen neuen Genüssen der Sinne zog
mich bald ein alter, längst entbehrter an. Ich saß am Bächlein nieder;
wie lange hatte ich kein solches gesehen und kein so frisches Wasser
getrunken. Das Ufer duftete von dem wohlbekannten Geruche einer Art
von Wassermünze, welche der unsrigen (der +Mentha aquatica+)
sehr ähnlich war; die darüber schattenden Bäume erinnerten mich an
unsre Erlen; jenseits des Ufers wuchs eine Hyazinthenart, welche aufs
vollkommenste der Schopfhyazinthe (+Hyacinthus comosus+) glich,
die ich in meiner Jugend so oft in der Nähe von Zirndorf, bei dem
lieben Nürnberg gesucht und gefunden hatte; ich glaubte daheim zu seyn,
an einem Bache des Vaterlandes. Zugleich regte sich der vaterländische
wie ausländische Hunger. Ein zusammengerolltes Stück Arabischen
Kuchenbrodes, das ich vor fast acht Tagen zu mir gesteckt, und das dem
Munde nicht mehr genießbar geschienen hatte, legte ich, beschwert mit
einem Steine (damit das muntre Bächlein mir es nicht entrisse) ins
Wasser. Ich trank in vollen Zügen aus der hohlen Hand und aß dazu das
mäßig erweichte Brod. Mir konnte das Mahl an der Tafel eines reichen
Fürsten nicht besser schmecken als dieses Mahl der Wüste; kein Wein der
Erde das Herz mehr erfreuen als dieses Bachwasser.
Ja, du mein Hirte, leiblich wie geistig führest du mich auf grüner Aue,
zum frischen Wasser. Du lassest kein Gutes mir mangeln, du tränkest
mich, auch in der dürren Wüste, mit Strömen der Freude. Darum sollst
Du seyn und bleiben meine Zuflucht für und für, mein Gott, auf den ich
hoffe; Dein Stecken und Stab sollen mein Trost und mein Führer seyn,
bis zum dunklen Thal des Todes.
Noch war es nicht ganz entschieden ob wir zur Lagerstätte zurückkehren
oder heute Nacht in unsern Felsenkammern bleiben sollten. Dem
drückenden Mangel an Lebensmitteln hofften wir durch Ankauf von
Brod und vielleicht auch eines Lammes von den umwohnenden Beduinen
abzuhelfen. Einige dieser Leute hatten sich schon im Thale sehen
lassen, waren aber, bis auf einen, der mit unsern Führern wohl bekannt
schien, wieder verschwunden. Da wir jedoch jetzt zu den Unsrigen
zurückkehrten, hörten wir schon von ferne das laute Geschrei zankender
Männer. Eine Schaar jener fremden Beduinen, unter ihnen etliche von
so wildem, rohen Aussehen, wie mir auf dieser ganzen Reise noch keine
vorgekommen, hatte sich um die unsrigen versammelt und schalt diese
als wären sie Räuber und Feinde, die in ein fremdes Gebiet eindrangen.
Auch mochte wirklich das Vernehmen der beiden Stämme bei dem damals
ausgebrochnen Kriege zwischen Ibrahim Pascha, dessen Verbündete die
unsrigen waren, und den Beduinen von Kerek nicht das beste seyn. Im
günstigsten Falle hätte die Sicherheit der nächsten Nacht, hier in
Petra, durch eine Abgabe von mehreren hundert Piastern, an den Scheikh
von Eldschi erkauft werden müssen; unsre Beduinen schienen jedoch
auch für die Sicherheit ihrer Kamele besorgt, sie trieben diese eilig
zusammen, und wir machten uns zum Aufbruch fertig.
Auf dem Rückweg, der für mich und meinen Begleiter ein andrer war
als jener Weg, der uns vom Hor hieher geführt hatte, traten wir
noch ins Innre mehrerer Grabeskammern; sahen die zusammengesetzte,
hohe Säule am Ende des Thales und mehrere andre Bauwerke; außer
dem schönen, kuglichen Sandstein und der schon erwähnten neuen
Krähenart, hatten meine jungen Freunde eine noch unbekannte Art der
Süßwasser-Conchylien, vom Geschlecht der Carocolla erbeutet.
Das herrliche Wadi Musa war zuletzt nur noch von der späten
Abenddämmerung und dann von dem Lichte des Vollmondes beleuchtet, als
wir aus seiner Mündung heraustraten in die Ebene, in der unser Zelt
lag. Wie die Biene, die an vielen Blumen eines grünenden Feldes sich
satt gesogen, kehrte unsre Seele, reich beladen von den Vorräthen ihrer
heutigen Gefühle zurück zu ihrer stillen Einkehr in den geistigen
Ruheort. Ein lang ersehnter Hauptzielpunkt der Reise vom Sinai bis
Hebron war leichter und glücklicher erreicht worden, als ich mir dies
gedacht hatte: der Hor, mit dem einsamen Grabe auf seinem Gipfel,
welches noch jetzt in hellem Lichte über das Feld der Geschichte
hinstrahlet, und mit der Schaar der Grabeshöhlen zu seinen Füßen,
welche in eine Tiefe der vergangenen Zeiten eindringen, die von keinem
Lichte der sichren Kunde erhellt wird.
Reise durch das Ghor nach Palästina.
So groß die Anstrengungen des gestrigen Tages gewesen waren, brachen
wir dennoch Dienstags den 21sten März schon kurz nach 6 Uhr des Morgens
auf. Es war dies gegen unsre Erwartung und selbst gegen unsren Willen,
denn in der Meinung, daß wir heute etwas länger ruhen wollten als
gewöhnlich, hatten wir gestern durch den Beduinen in Petra, der mit
den unsrigen bekannt schien (nach S. 435) und der uns bis fast an
unser Zelt das Geleite gab, Milch, Eier und frische Arabische Brode
aus Eldschi bestellt, die uns noch vor dem Dahah (vor etwa 9 Uhr des
Morgens) gebracht werden sollten. Unsre Beduinen ließen uns ruhig diese
Bestellungen machen; heute aber dämmerte kaum der Morgen da weckten
sie schon die Arabischen Knechte und uns; da wir hinaustraten fanden
wir die Kamele schon bereit zum Aufpacken, wir hatten kaum Zeit das
Frühstück zu bereiten und einzunehmen, zu welchem uns der jüngere
Scheikh einen Becher sehr wohlschmeckender Kamelmilch schenkte, denn
unter unsern Thieren war eine Mutter mit ihrem Füllen, welche den
übrigen das Ehrengeleite gab, indem man der ersteren nur ein leichtes
Gepäck auflegte. Auch das eine von unsern Kamelen, jenes welches den
Reissack trug, hatte es heute auffallend leichter als früher, denn
dieser Vorrath hatte sich gestern, während unsrer Abwesenheit, so stark
vermindert, daß wir den alten Bekannten bei unsrer Rückkehr am Abend
kaum wieder erkannten. Wahrscheinlich hatten es die bei der Gerätschaft
zurückgebliebenen Beduinen für rathsam gehalten die Last aus dem großen
in viele kleine Säcke, und von einem auf viele Kamele zu vertheilen,
denn so ehrlich sie in Beziehung auf Geld und andre Dinge der Art sind,
so halten sie doch das stillschweigende Entlehnen von Lebensmitteln für
kein Unrecht, um so weniger da es im jetzigen Falle wahrscheinlich mit
Wissen unsers Knechtes geschehen war.
Da wir zu Kamel saßen trat der ältere Scheikh zu uns und sagte uns, daß
wir uns heute, besonders am Vormittag auf einen möglichen Angriff von
feindlichen Beduinen gefaßt machen müßten; wir sollten uns beim Reiten
nahe zusammenhalten. Er selbst mit seiner Lanze in der Hand ritt an der
Spitze des Zuges; ein andrer Beduine, auf einem flüchtigen Dromedar,
ritt in einiger Entfernung vor uns her, stieg von Zeit zu Zeit ab und
kletterte auf die Spitze eines Felsen oder bestieg einen Sandhügel, um
mit seinen wohlgeübten Augen nachzusehen ob Alles sicher sey. Dabei
brauchte er die Vorsicht nicht aufrecht zu stehen, sondern, damit er
nicht selber gesehen würde, auf allen Vieren zu kriechen und sich auf
den Bauch zu legen. Wir zogen leise -- denn keiner der Beduinen ließ
heute seine laute, kräftige Stimme vernehmen -- und in ziemlicher
Eile vorwärts, anfangs noch in dem Nebenthal das die Vorberge und
Hügel der Ebene bilden, in welche der Wadi Musa mündet und im trocknen
Bette der Gießbäche, welche in der Regenzeit nach dieser Richtung
sich ergießen. Die Wände der Felsen bestunden aus buntem, merglichen
Sandstein und Kreidekalk, in welchem sich öfters kleine Höhlen und
mannichfaltige, gleichsam architektonische Naturspiele zeigten.
Gebüsche des Tamarisken- und des Artasstrauches zierten den Boden; an
den Felsen zeigte sich das Gesträuch der Kappern, hin und wieder jenes
das der Cleomen. Das augenfälligste Gewächs das wir heute sahen, war
jedoch eine wunderschöne Orobanche (+Heliopoea+) mit großen, gelb
und blaufarbigen Blüthen. War es doch als sollten die feindseligen
Bewegungen, mit denen wir, Gott Lob, von außenher verschont blieben,
auf einmal in unsrer kleinen Karawane selber ausbrechen. +Dr.+
~Roth~ hielt, wieder auf dem Kamele sitzend, einige der hier
abgepflückten Exemplare der Orobanche in der Hand, um sie genau zu
betrachten, da schlug sie ihm der Beduine, welcher das Kamel führte,
mit der Lanze aus der Hand. Darüber wurden wir sehr aufgebracht,
obgleich die That des Arabers wahrscheinlich aus guter Absicht gekommen
war, weil er meinte unser Freund wolle diese in seinen Augen schädliche
Pflanze essen. Auch zwischen Herrn Mühlenhof und einem der Beduinen
brach ein Streit aus, wobei sich jener beinahe statt der lauteren
Sprache der Worte der leiseren der Fäuste bedient hätte, wäre der
ältere Scheikh der uns durch einen einzigen Wink der Lanze zum Recht
verhalf, nicht als Schiedsrichter dazu gekommen. Der Streit war dadurch
veranlaßt, daß Herr Franz seit mehrern Tagen aus freier Wahl meist
zu Fuß gegangen war; indeß hatte ein Beduine sein Kamel in Besitz
genommen, das er dem rechtmäßigen Reiter nicht wieder einräumen wollte.
-- Während wir der Richtung der Gießbachbetten folgten und hierbei von
einem Seitenthal ins andre kamen, hatten wir manche Krümmung gemacht,
im ganzen jedoch vorherrschend die Richtung von Nordwest in Nord
beibehalten. Dieser Richtung folgten wir auch da wir um 9 Uhr auf die
freie Ebene der Araba herauskamen, welche von hier an nördlich bis
zum todten Meer den Namen des Ghor führt. Die Aussicht war dort eine
überaus weite und reiche. Vor uns die einige Meilen breite Fläche des
Ghor, in Westen von dem Sandsteinzuge der Tyh begränzt; hinter uns das
Gebirge Seir, über welches der majestätische Hor sein Haupt erhebt. Die
Senkung des Ghor, von Ost gegen West war hier sehr augenfällig; wir
ritten den ganzen Tag hindurch allmälig abwärts; an der Seite unsers
Weges zeigten sich öfters jene Steinhaufen, womit die vorüberziehenden
Araber die Stätte bezeichnen, an der sie, wenn sie Aarons Grabmahl von
ferne erblicken, dem Propheten zu Ehren ein Opferthier schlachteten.
Der grünende Saum der Bäume und Gebüsche, der an der niedren Westseite
des Ghor sich hinzieht und den wir, seit unsrem Heraustritt in die
Ebene immer vor uns sahen, war schon um drei Uhr erreicht. Unsre
Beduinen, welche ihre Thiere heute zu ungewöhnlicher Eile angetrieben
hatten, beschlossen hier zu halten; wir hatten dagegen nichts
einzuwenden, denn die Hitze war überaus groß und drückend und die
hochstämmigen Tamarisken versprachen uns erquicklichen Schatten.
Die Gegend, in welcher wir übernachteten erschien uns im hohen Grade
beachtenswerth und wird jedem Reisenden so erscheinen. Sie ist, durch
ihre tiefe Lage, ein Sammel- und Vereinigungspunkt der in der Zeit des
Regens hier aus Ost und West zusammenströmenden Gewässer, und gleichet
ganz dem Kessel eines kleinen ausgetrockneten Landsees, durch welches
das breite Bette eines Flußes sich hinzieht. Mit einigen Stichen der
Schaufel in den Sand hatten unsre Beduinen Wasser gefunden, das sie
zum Tränken ihrer Kamele und zum übrigen Bedarf des heutigen Abends
benutzten. Auch wir fanden es trinkbar; es hatte nur einen sehr
schwachen, salzigen Beigeschmack. Nach den Berechnungen, welche Herr
Prof. v. Steinheil, mit größester Vorsicht auf Dr. Erdls barometrische
Messungen gründete, lag der tiefere Punkt des kleinen Thalkessels,
an dessen Saume wir übernachteten 91 Fuß ~unter~ dem Spiegel
des rothen Meeres, eine Thatsache die uns als eine kaum glaubliche
erschienen seyn würde, wenn nicht die späteren barometrischen Messungen
in der obern Jordansaue ähnliche unerwartete Resultate ergeben hätten.
Von dem Punkte unsers vorigen Nachtlagers, an der Mündung des Wadi
Musa, dessen Meereshöhe zu 2046 Fuß berechnet war, hatten wir uns
mithin heute, im allmäligen Absteigen durch die Thäler und dann auf
der Fläche des Ghor um 2137 Par. Fuß gesenkt. Der Maler Bernatz
benutzte die letzten Stunden des Tages um von hier aus eine Ansicht des
Eremitischen Gebirges mit dem Hor aufzunehmen; auch wir Andren nahmen,
wenn auch nicht auf das Papier, doch in die Seele manche Eindrücke
dieses Thales der Tamarisken auf, die sich in der Erinnerung zum
lieblich reichen Bild gestalteten.
Mittwochs den 22sten März giengen die Meisten von uns zu Fuße der
kleinen Karawane voraus, die sich, mit ihren Kamelen halb sieben Uhr
in Bewegung setzte. Wer hätte aber auch hier an solchem Orte und zu
solcher Zeit nicht lieber zu Fuße gehen als reiten mögen! Glich doch
der freilich sehr schmale, nach beiden Seiten von der Wüste umsäumte
Landstrich, durch den wir anfangs hinzogen, einer vaterländischen
Frühlingsaue, so grün war er. Freilich erinnerte uns die ausländische
Form der hier blühenden Gräser: der Aristiden, Penniseten, Eleusinen,
und Danthonien bald daran, daß wir im außereuropäischen Lande seyen;
die Bäume die uns von ferne wie Edeleschen oder Ahorne erschienen
waren, zeigten sich in der Nähe als Arten der Cassien und südlichen
Akazien; die vermeintliche Straße, die durch das Grün zog, war das
trockne Bette eines Winterstromes, dennoch aber wehete uns schon hier
die Luft einer Heimath an, denn wir naheten uns der Gränze des Landes
unsrer Wünsche; des Landes in dem schon unsre Kindheit im Geiste
gewohnt und sogar gewandelt hatte. Hatte ja doch auch heute schon die
Mitte der stillen Woche begonnen, deren Ende wir noch in Jerusalem,
oder wenn dieß nicht möglich seyn sollte, doch in Bethlehem zu feiern
hofften.
Wir zogen anfangs noch in fast nordwestlicher Richtung und kamen so um
acht Uhr zu dem Brunnen Huaibi (Wuäbe), an welchem Palmenbäume stehen
und der ein trinkbares, wiewohl etwas salpetrig schmeckendes Wasser
enthält. Von hier an, wo wir fast eine halbe Stunde verweilt hatten,
zog sich der Weg mehr in nördlicher Richtung über einen kleinen Hügel
nach einer sandigen Ebene hinan, auf welcher ein großer, runder Stein
lag. Jeder unsrer Beduinen strengte sich im Vorbeigehen an um den Stein
ein wenig hinanwärts, nach der Richtung unsers Weges zu wälzen; auch
unsre Knechte und zum Scherz einige der jungen Freunde halfen mit. Nach
eingezogner Erkundigung erfuhren wir, daß es, nach der Meinung der
Beduinen, mit diesem Stein eine gar besondre Bewandtniß habe. Derselbe
rückt, so wähnen sie, von selber alle Jahre ein wenig weiter nach Süden
hinab, und werde so zuletzt zum Meer bei Akaba kommen. Wenn aber dieß
geschähe, dann sey der Tag des Gerichts, der Tag des Endes vorhanden.
In früheren Zeiten habe dieses Fortrücken alljährlich nur etwa eine
Armslänge (Elle) betragen; seit mehreren Jahren aber bemerke man an
dem Steine, daß jetzt Alles zum Ende eile; denn er fange an ins Laufen
zu kommen. Einer unsrer ältern Kamelführer wollte ihn noch selber vor
etlichen Jahren fern von da, auf dem Abhange einer vor uns stehenden
kleinen Anhöhe haben liegen sehen. -- Sonderbare Erwartung von großen,
nahe bevorstehenden Veränderungen, die sich zu unsrer Zeit im Kopf und
Herzen der Bekenner der verschiedensten Religionen: des Islam, des
Mosaischen Gesetzes und des Christenthumes regt!
Gegen Mittag kamen wir in ein reich mit Gebüsch und Mimosenbäumen[112]
bewachsnes Thal, dessen Gestalt ich wegen seiner vielen, engeren
Nebenthäler und Schluchten mit dem innren Baue einer vielfächrigen
Frucht vergleichen möchte. In dem Thale sind Quellen; die eine mit
sehr hellem Wasser; unsre Beduinen hielten aber das Wasser für giftig
und warnten vor seinem Genuße. Sie nannten diese Gegend Birsaba oder
Mirsaba, indeß kamen wir nicht in Versuchung bei diesem Namen an das
Bersaba der heiligen Schrift zu denken. Am Nachmittag zog sich unser
Weg ziemlich hoch, wiewohl allmälig bergan und dann wieder eben so
bedeutend bergab, bis wir rechts neben dem Abhange, an dem wir hinab
stiegen, ziemlich tief unter uns ein grünendes, mit Strauchwerk
bewachsnes Thal sahen. Noch auf der Anhöhe fiengen zuerst die Beduinen,
dann aber auch unsre, von ihren Führern verlassenen Kamele an wild zu
laufen und zu rennen, so daß wir Mühe hatten uns auf dem Rücken der
Thiere zu erhalten. Jene thaten es, weil sie das gute Futter für ihr
Vieh sahen und jeder vor dem Andren von dem besten Grasplatz Besitz
nehmen wollte, diese aber, weil sie eben dieses Futter aus der Ferne
witterten. Wir lagerten im Thale am Rande eines jetzt trocken liegenden
Gießbachbettes, an der gähen Wand eines fast südwärts stehenden
Felsen; nach Norden lag vor uns, jenseit des Thales ein hoher, kahler
Berg. Ueber ihn und die Stätte unsers Lagerplatzes ertheilten uns die
Beduinen, da wir nach dem Namen fragten, sehr verschiedne Auskunft;
einige nannten beide ganz richtig Madara, ein Andrer nannte das Thal
Figari und den Berg Assapha oder Assowa. Nach unsern barometrischen
Messungen und den später darauf gegründeten Berechnungen lag auch das
Bette des Gießbaches, an dessen Saum wir unser Zelt schlugen, noch 5
Fuß unter dem Meeresspiegel.
Der heutige Nachmittag und Abend hatten uns in eine, für den Freund
und Forscher der heiligen Schrift sehr bedeutungsvolle Gegend geführt.
Dieser Madaraberg und seine Umgegend sollten eigentlich den uralten
Namen des Menschenherzens: »Trotzig und Verzagt« führen. Hier in der
Nähe war Kades. Saras Magd, Ismaëls Mutter, die Hagar, da sie trotzig
den Händen und den gerechten Demüthigungen ihrer Herrin entflohen war,
irrte zwischen Kades und Sur, wo der Engel des Herrn sie fand und zur
Rückkehr bewog (1. Mos. C. 16). Hier war die Stätte des Verzagens,
bei welcher die Heere Israëls eine Nacht hindurch weinten, als die
Kundschafter zurückgekehrt waren, welche dem Lande ein böses Geschrei
machten (4. Mos. C. 13, V. 33; C. 4, V. 14). Aber über dieses Gebirge
da gieng auch der Anlauf, den der Trotz nahm, welcher mit dem Verzagen
wechselte, als Israëls Volk in eigner Kraft, bei der das Mitwirken
des Herrn nicht war, hinaufzog um auch gegen den Willen des Herrn das
verheißene Land zu erobern (4. Mos. C. 14, V. 40-45). Hier bei Kades,
dessen Gebirge Madara allerdings, wie sein Name in dem Munde eines
unsrer Beduinen klang, ein Assaph oder Versammler heißen könnte, weil
diese Gegend mehrmalen ein Sammelpunkt der Heere Israëls war, starb
auch, da die Zeit der vierzigjährigen Reisen ihrem Ende nahe war,
Mirjam die Prophetin, die Schwester Mosis (4. Mos. 20, V. 1); hier in
der Nähe war der Wunderquell jenes Haderwassers, bei welchem Israël
sich durch den Trotz, Moses und Aaron sich durch die Verzagtheit des
Unglaubens an dem Herrn versündigten.
Der Mond stieg über die Felsenwand in Südost heran und beleuchtete
das tiefe Thal; die kleinen weißen Hügel des Gesteines erschienen uns
wie Denkmale der Gräber, welche neben Mirjams Gebein hier so Viele
aus dem Volke fanden. Die Beduinen saßen am Feuer und erzählten sich
lebhaft, vielleicht von einem Kampfe der Ihrigen, der einst da, in
diesem Thal gehalten worden. Obgleich wir mit diesen Beduinen nun
schon manchen Tag gereist waren, hatten wir doch mit ihnen niemals so
vertraulich zu werden vermocht, als wir es mit denen vom Towarastamm,
namentlich mit unserm alten Hassan gleich in den ersten Tagen gewesen.
Es war zwischen uns und ihnen ein Zaun, vielleicht der Vorurtheile
gezogen, über welchen, wenn auch die Hände, doch niemals die Herzen
sich recht eng einander zu nahen vermochten. Während wir mit unsern
Towara-Beduinen zogen hatte selbst die Hausfrau öfters der Kochkunst
der Wüste zugesehen; es gelüstete uns aber niemals die jetzigen
Begleiter bei ihrer Feuerstätte zu besuchen, noch jene, sich ohne ein
besondres Geschäft, unserm Zelte zu nahen. Doch was uns die Gegenwart
versagte, das gab uns hier im reichsten Maße, die Erinnerung an die
Vergangenheit; und wenn auch die sichtbaren Begleiter etwas fremd gegen
uns waren, so erzeigten sich doch die unsichtbaren an diesem Abend
unsern Herzen desto fühlbar näher und freundlicher.
III. Die ersten zwölf Tage in Palästina.
Reise durch die Wüste von Süd-Judäa nach Hebron.
Der 23ste März, es war der grüne Donnerstag, der mich heute vor 44
Jahren, vor dem Altar des Herrn, über die Gränzen des geistigen
Landes der Verheißung, zu der Gemeinschaft des himmlischen Jerusalems
eingeführt hatte, ist mir ein ganz besondrer Gedenktag dieser Reise
geworden. Nach unsrer früheren Berechnung hatten wir heute in Jerusalem
eintreffen und den schönen Tag in der Kirche des heiligen Grabes feiern
wollen, und dieses wäre auch möglich gewesen, wenn uns nicht in der
Nachbarschaft jener Stätte, da einst die Kinder Edoms die Heere Israëls
am Weiterziehen hinderten, die Verbündeten Edoms, die Männer von Akaba
aufgehalten, und wenn unsre jetzigen Beduinen das Werk der Förderung
unsers Weges nicht so saumselig betrieben hätten. Aber wenn auch nicht
in die Thore von Jerusalem, führte uns doch dieser Tag in die sichren
Gränzen des alten Landes der Verheißung ein.
Doch, wie dieß uns Pilgrimen und Bürgern der Erde so oft begegnet,
dem Aufschwunge zum neuen, höheren Moment des Lebens mußte ein harter
Kampf, ein Vorschmack wie von der Ermattung des Todes vorangehen. --
Unsre Beduinen waren erst kurz vor sieben Uhr zum Aufbruch fertig,
da die Sonne schon sehr heiß schien. Wir zogen Anfangs über das
ziemlich breite Thal hinüber, bis wir nach etwa drei Viertelstunden
an das hohe Gebirge (Madara) in Nordwesten kamen. Dieses besteht
ganz aus Kalk, dessen Schichten sehr steil gegen Osten einfallen;
unten in der Schlucht, durch welche der Bergweg anstieg, zeigten
sich einzelne Mimosenbäume mit denen die Natur von Arabien gleichsam
Abschied von uns nahm, denn es waren die letzten, welche ~wir~ auf
unserm Wege sahen. Wir waren abgestiegen von den Kamelen, wir drei,
die Hausfrau mit ihrer Freundin und ich folgten dem Beduinenweibe,
welches als Besitzerin der beiden Kamele, auf denen abwechslend, einen
Tag um den andern unsre beiden Reisegefährtinnen ritten, bei der
Karawane war. Die Araberin führte uns einen Richtweg, der allerdings
viel gerader nach der Höhe hinangieng, als der andre, welchen die
Kamele und unsre Reisegefährten einschlugen, dafür aber auch desto
beschwerlicher war. Er stieg so steil empor und der Reflex der hellen,
heißen Sonnenstrahlen von seinem weißen Gestein war so heftig, daß
mir es öfters vorkam als wollte mir, wie in einem Gluthofen, der
Athem versagen und das Auge erblinden. Wir fanden übrigens an diesem
steilen Abhange deutliche Ueberreste von eingehauenen Stufen. In einer
Bergschlucht, in der wir, nahe beim Gipfel, ausruhten, zeigte sich
ein altes, festes Gemäuer, wie von einer ehemaligen, nun aber ganz
versandeten Eintiefung oder Cisterne, für das vom Gebirge kommende
Regenwasser. Wir waren bis zu diesem Ausruhepunkte, wie dieß die
barometrischen Messungen ergaben, schon mehr denn doppelt so hoch als
der Straßburger Münster, oder die höchste der Aegyptischen Pyramiden
ragt, nämlich 902 Par. Fuß gestiegen; die Abkühlung im nothdürftigen
Schatten eines kleinen Felsenvorsprunges brachte nur wenig Stärkung.
Jetzt kamen auch unsre Reisegefährten neben den Kamelen einhergehend
nach; wir zogen mit ihnen den etwas minder beschwerlichen Weg der
Kamele bis zum Sattel des Gebirges, dessen Höhe nach unsern Messungen
1434 Fuß über der Meeresfläche beträgt. Wir hatten diese Höhe vom Thale
an, die Zeit des Ausruhens mit eingerechnet, in anderthalb Stunden
erstiegen; ich möchte aber die Beschwerden dieser anderthalb Stunden,
wenigstens auf dem Richtwege des Beduinenweibes, und bei solcher
Hitze nicht noch einmal in meinem Leben durchmachen; es waren für
mich die leiblich mühsamsten Schritte der Reise gewesen. In der Nähe
des Berggipfels sahen wir alte Gemäuer, welche uns an die Bauart der
Römischen Wachtthürme zu erinnern schienen und auch an andern Punkten
bemerkten wir Ruinen. Von der Höhe, deren Ersteigen, mir wenigstens,
so schwer geworden war, gieng es wieder, doch nur auf kurze Zeit,
steil bergunter; hier fand sich, in der Bergschlucht, zur Rechten
des Weges, in einer Felsenkluft eine kleine, von der Natur gebildete
Cisterne, mit etwas, von der Regenzeit her verhaltenem Wasser, welches
einige unsrer Beduinen, die uns zum mit Hinabsteigen in die Schlucht
ermuntert hatten, begierig tranken. Diese Kinder der Wüste können an
keinem Wasser vorbeigehen, ohne es zu kosten; das Wort Wasser ist
bei ihnen fast gleichbedeutend mit jenen für Glück und Segen; auch
wir labten uns mit ihnen. Aus der Schlucht hinaus traten wir in eine
Ebene, über die wir anfangs in westlicher Richtung hinzogen. O wie
schön dünkte uns diese Gegend nach den überstandnen Mühseligkeiten des
»kahlen Berges« über den man nach Edom hingehet. Sey mir noch einmal
in der Erinnerung gegrüßt und gesegnet du erster Eintritt in das Land
der Verheißung! Der Boden war hier ein wahrer Blumengarten, denn da
blüheten mit mehrern Arten der Tulpen, die buntfarbigen Anemonen und
zarten Hyazinthen; ein erfrischender Windhauch kam uns, als wir uns
jetzt wieder nach Norden wendeten, aus den grünenden Hügeln entgegen.
Wir zogen in einer Einbuchtung dieser Hügel hinan und erreichten hier
Mittags, gegen zwölf Uhr eine Höhe, von welcher aus wir links neben uns
ein ansehnliches Zeltendorf erblickten, das die Fremdlinge des Landes,
die Araber bewohnen. Unsre Beduinen nannten dieses Dorf Kurnup (auf den
Karten heißt es Kalla el Kurnup), es ist reich an Brunnenwasser und
trefflichem Weideland. Zur Rechten, im Thale, erblickten wir mehrere
große Heerden von Schafen und Ziegen. Die beiden Scheikhs verließen uns
hier mit mehreren ihrer Gefährten, sie ritten in das Dorf hinein; wie
die Andern sagten um mit den Bewohnern desselben wegen des friedlichen
Durchzuges und der Lagerung auf ihrem Lande zu unterhandeln. Unser
Knecht war indeß zu den Heerden hinabgegangen um bei den Hirtinnen
etwas saure Milch für uns zu kaufen. In solchen Fällen pflegte er sich,
das hatten wir schon mehrmalen bemerkt, so ungestüm und gebieterisch
zu benehmen als wenn er -- der Aegypter -- selber ein Pascha wäre, der
dies ganze Land mit Furcht und Schrecken in Zaum halten und beherrschen
müsse. Die Folge davon war, daß die Hirtinnen ihm keine Milch abließen,
während der Knecht des Herrn v. Krohn so viel bekam als er wollte. Wir
ritten von hier an nur noch kurze Zeit über das Gefilde der Tulpen und
Anemonen, kamen an üppig grünenden Wiesen vorüber, die, wie ehemalige
Felder, durch Gränzsteine und niedrige Gränzmauern abgetheilt waren und
mußten es uns, so sehnlich wir weiter verlangten, gefallen lassen, daß
unsre Beduinen schon bald nach zwei Uhr in einem grünenden, von niedern
Hügeln umsäumten Thale das Nachtlager aufschlugen, weil, wie sie
sagten, es nöthig sey auf die beiden Scheikhs zu warten. Die Hoffnung,
noch vor dem Ostertage in Jerusalem einzutreffen, fieng nun ohnehin an
zu schwinden, wir gaben uns ruhig dem Genusse hin, den uns an jener
Lagerstelle die Natur so reichlich darbot.
Durften wir doch da den Nachmittag des grünen Donnerstags mitten
in einem Grün der Wiesen und Auen hinbringen, dergleichen wir seit
unsrer Abreise aus dem Nilthale nirgends sahen; und selbst das
Nilthal läßt, weil es allenthalben zum angebauten Feld und Acker
geworden, nur an wenig Punkten ein solches mannichfaches Gewebe der
Wiesenblumen sehen als wir hier fanden. Der Boden unsers Zeltes, der
bisher nur dürrer Sand gewesen, war heute ein hohes, weiches Gras, mit
gewürzhaft duftenden Kräutern untermischt; es that mir leid, daß fast
mit jedem Tritte in und außer dem Zelte eine Blume oder der junge,
noch blüthenlose Stengel eines Gewächses zertreten wurde, welches
zu Hauße, im Vaterlande, als eine Zierde der wissenschaftlichen
Pflanzensammlungen oder der fürstlichen Lustgärten gelten würde.
Denn es gab allein von wildwachsenden Tulpen in dieser Gegend drei
Arten[113]; zwei Arten der Irideen, darunter ein Gladiolus von noch
unbeschriebener Art, ein IIxiolirion und eine Menge andrer Gewächse
dieser wärmeren Heimath[114], welche wenigstens Farbenverschiedenheiten
der unsrigen bildeten: wie der Wunderklee mit rothen Blüthen, meist
aber zu Arten gehörten, welche unsren Landschaften fremd sind. Dasselbe
galt auch von den Vögeln, unter denen ein Steinschmätzer durch
besonders lieblichen Gesang sich auszeichnete, und von den Käfern, auch
wenn sie im Ganzen den Umriß unsrer Cetonien, Sepidien, Cyminthen und
Cryptocephalen trugen; hatte doch selbst die Wüstenschnecke (+Helix
desertorum+) hier ihr Alltagsgewand der Färbung abgelegt und sich
mit einem neuen Kleid der Zeichnung angethan, in welchem sie kaum als
dieselbe Art zu erkennen war.
Ganz nahe bei unserm Zelte zogen die dicken Mauern eines kastellartigen
Gebäudes unsre Aufmerksamkeit an. Das, was noch von dem Gebäude steht,
scheint das unterste Geschoß eines festen Wachthurmes gewesen zu seyn;
überhaupt war das Ganze nur von geringem Umfange und ursprünglich
wahrscheinlich nur zum Wachtposten an einer der Stationen der hier
vorüberführenden Römischen Heerstraße bestimmt gewesen. Die Höhe unsers
Lagerplatzes betrug nach Erdls Messungen und Steinheils späteren
Berechnungen 1525 Par. Fuß. Unsre Beduinen nannten das Thal Ateiche.
Die Richtung unsers heutigen Weges war im Ganzen Nordnordwest gewesen.
Die beiden Scheikhs mit ihren Begleitern kamen erst gegen Abend
zurück. Auch wir erhielten etwas von dem frischen, Arabischen Brode,
das sie von ihren Gastfreunden mitgebracht hatten. Die Lerche sang noch
ihr Abendlied, auf dessen Töne ein andrer Vogel, aus der Kluft der
Felsen antwortete; unser Herz war sehr bewegt; wir athmeten hier schon
die Luft eines Landes, dessen Hauch für uns ein Geruch des Lebens,
zum Leben war. Dennoch dachten wir zugleich mit wehmüthigem Sehnen an
das, was uns dieser Tag der Einsetzung des Abendmahls in andern Jahren
in der Gemeinde der christlichen Brüder gewährt hatte. Vom Gipfel
des kleinen Sandhügels sahe man weithin noch nichts als die grünende
Einöde; die Seele jedoch, wie auf Taubenflügeln, erhub sich über das
im Norden hinziehende Gebirge und schaute da schon mit dem innren Auge
das, was nun in wenigen Tagen auch das äußre Auge sehen sollte.
Der stille Freitag, am 24sten März, erhub sich in einem solchen
Morgenglanze über das blühende Thal, daß er sich uns auch äußerlich
als ein Tag der hehren Feier ankündigte. Wir brachen fast mit
Sonnenaufgang (gegen 6 Uhr) auf. Unter dem Gesange der Lieder, womit
die vaterländische Kirche diesen hochheiligen Tag begrüßet, ritten
wir zuerst noch durch das blumenreiche Ateichethal, dann jenseits
einiger niedriger Hügel durch das Thal Ghirfalgula. Der Gesang der
Vögel, aus Gesträuch und Felsen, mischte sich mit den Tönen unsres
Gesanges; eine sehr große Heerde von Störchen schwebte mit stillem
Fluge an uns vorüber, der nördlichen Heimath zu. Wir befanden uns hier
schon in einer Gegend, auf deren Boden die Erzväter Israels öfter ihre
Heerden weideten, im Nachbargebiet von Bersaba, da der Brunnen war, des
»Lebendigen und Sehenden.« Gegen zehn Uhr sahen wir in einer weiten
Ebene, die gegen Norden hin von einem Gebirge begränzt wird, in einiger
Entfernung von uns zur Rechten ein altes, tempelartig von Säulen
getragnes Gebäude und noch mehrere andre Ruinen, wie es schien von
gutem klassischen Styl der Bauart[115]. Bald hernach kamen wir an einem
gemauerten Brunnen vorüber, den unsre Beduinen Bir Melech nannten.
Hier schöpften einige Männer in den Schöpfeimern, die mit ihren Seilen
an der langen, schlagbaumartig nach unten befestigten Stange hiengen,
Wasser, das sie in die steinernen Tränkrinnen schütteten. Heerden von
Lämmern, eine von der andern gesondert, bei jeder ein Hirte, stunden in
der Nähe und warteten geduldig bis die Reihe des Trinkens sie träfe.
Wenn der lange Trog gefüllt war, gab der Hirt, dessen Heerde jetzt
die nächste war, mit Stab und Stimme ein Zeichen und der Widder, mit
tanzenden Sprüngen, welche jedes der andern Schafe dann nachahmte,
begann den Lauf nach dem Wasser. Wenn die eine Schaar getränkt war,
trat sie ab, und eine andre kam an ihre Stelle. Uns erinnerten diese
tanzend hüpfenden Lämmer, so wie ihre Folgsamkeit gegen die Stimme
des Hirten an viele, gar liebliche Stellen der heiligen Schrift; wir
glaubten hier ein Nachbild aus dem Leben der Erzväter zu sehen. Wir
ritten von Bir Melech etwas lehnan über die Ebene oder das Hochthal,
von unsern Beduinen Wadi Malath oder Malahh[116] benannt und kamen,
etwa um zwölf Uhr, nahe an einem ansehnlichen Beduinendorfe vorüber,
in dessen Nähe eine hier gelagerte, große Heerde von Störchen ihre
Mittagsrast hielt, und durch diese Wahl des Ortes uns vermuthen ließ,
daß hier kein Mangel an wasserreichem Boden sey. Auch einzelne,
grünende Stellen zeigten sich auf der weiten Fläche. So grün aber auch
Ateiche und das jetzt vor uns liegende Wadi Malath erschienen, so
wurden wir doch erst recht innen, daß wir nun ganz im gelobten Lande
seyen, als wir jenseit des terrassenförmig ansteigenden Kalkgebirges,
welches unsre Beduinen mit dem allgemeinen Namen Dschebel Chalil
(Gebirge Hebron) benannten, auf eine fruchtbare Höhe kamen, auf
der wir, zum ersten Male nach so langer Zeit, denn es waren heute
~vierzig Tage~ seit wir in die Wüste eintraten, wieder Getraide
sahen. Gott Lob! rief ich, die Wüste, da kein Säen noch Erndten ist,
ist nun aus; das Land, dem Glauben verheißen, ist erreicht.
Zu dem einen, lang entbehrten Anblick gesellte sich noch ein andrer,
der mir wie ein ganz neuer vorkam: ich sahe wieder Menschen, nicht in
den Schaffellen und Umschlagetüchern der Wüstenbewohner, sondern in
gewöhnlicher Orientalischer Kleidung. Ein Mann der mir ganz besonders
stark und groß vorkam, begegnete uns und grüßte uns mit dem Gruß des
Friedens. Wir zogen, inniglich vergnügt, von der letzten Anhöhe, die
wir heute noch zu besteigen hatten, hinab nach einem Thale, in welches
die tiefer stehende Sonne durch das Gewölk mild hereinblickte. Ich
weiß nicht, war es die höhere Lage der Gegend, durch die wir eilten,
oder war es der mit Gesträuch und Saatfeldern reich bewachsne Boden,
was der hiesigen Luft ihre eigenthümliche, wohlthuende Frische gab;
mir war es als athmete ich hier noch vielmehr als in Ateiche, statt
der drückend heißen oder austrocknenden Luft der Wüste wieder die des
vaterländischen Gebirges oder seiner Hochthäler; die Brust erweiterte
sich; sie trank in vollen Zügen den balsamischen Lebenshauch.
* * * * *
Das Gebirge Chalil, durch dessen Felsenpässe und Engthäler von Wadi
Melech aus unser Weg gegangen war, erinnert durch seine allgemeinen
Umrisse ganz an den vaterländischen Jurakalk; auf der Sohle des einen
Thales zeigte sich ein Quell, der sich als ein schwaches Bächlein
ergoß. Als wir hier am steilen Abhang hinritten, glitt das Kamel des
+Dr.+ Erdl, durch Unachtsamkeit des Beduinen, der es führen
sollte, aus, und hätte, wenn nicht ein Felsenstück den Fall noch
hemmte, seinen Reiter in große Gefahr bringen können, so aber sprang
derselbe unversehrt herunter und auch das Reisebarometer, welches er
aus Vorsorge immer auf seinem Rücken trug und keinen Augenblick am
Tage von sich legte -- das einzige unter unsren vieren, auf die Reise
mitgenommenen, welches noch ganz geblieben war, fand sich zu unsrer
Freude, durch den Sturz nicht beschädigt. Aus diesem Thale zog sich
unser Weg eine Anhöhe hinan, die kein Ende nehmen wollte, bis zu
der freien Fläche, auf der wir, wie ich vorhin erzählte, die ersten
Getraidefelder sahen. Die Meisten von uns giengen hier zu Fuß und wir
fanden an etlichen Stellen deutliche Dolomitfelsen, wie sie auf unsrem
vaterländischen Jurakalk vorkommen.
* * * * *
So sehr jedoch auch die Formation des Gebirges an vaterländische
Naturverhältnisse uns erinnerte, und namentlich die Getraidefelder den
Eindruck des Altbekannten machten, so bemerkten wir dennoch an der
hiesigen lebenden Natur das Gewand des fernen Morgenlandes. So fanden
unsre Beduinen und wir selber schon beim Hinansteigen aufs Gebirge
einige lebende Chamäleons von schönster Färbung; oben auf der Höhe, in
den Feldern und an ihren Rändern bemerkten wir nach allen Richtungen
die Baue der merkwürdigen Blindmaus (+Spalax typhlus+) über
deren kleinen Augapfel das behaarte Fell eine so dicke Lage bildet,
daß selbst kein dämmernder Schein des Tageslichtes hineinfallen kann.
Einer der Landleute der Gegend, der sich weiterhin zu uns gesellte
und einige Zeit neben meinem Kamele hergieng, hatte das Thier gesehen
und beschrieb es wegen seiner langen (Schneide-) Zähne zwar mit
fabelhafter Uebertreibung, als sehr gefährlich, übrigens aber deutlich
genug. Und so waren auch aus der Pflanzenwelt zwar die Gestalten der
Wüstengewächse verschwunden, man sahe da nicht mehr die stachlichen
Mimosen und die andern Sippschaften der dornigen Sträuche, wenn jedoch
auch die Hauptform der Gattungen an unsre vaterländischen erinnerte,
so war doch, bei genauerer Betrachtung, ~die Art~ eine andre
und neue. Denn die Iris, eben so wie die Orchis und das Arum welche
hier wuchsen, gehörten zu ganz unbekannten Spezien; die Salbei war
die Sibthorpische, die Reseda die mittelmeerische[117]. Zugleich
sahen wir auch in großer Menge, in der Nähe der Felder ein Gewächs,
das wenigstens nur als eine Nebenart der Alraunpflanze (+Atropa
Mandragora+) betrachtet werden kann, welche zu den seltensten,
eifrigst von den Sammlern gesuchten Zierden unsrer vaterländischen
Kalkgebirge gehört. Sie trug schon ausgewachsne aber noch unreife
Früchte; die Bewohner des Landes genießen diese und schreiben ihnen
wohlthätig aufregende Kräfte zu.
Von der Höhe her hatten wir schon seit längerer Zeit in der
Thalschlucht, nach welcher unser Weg sich hinlenkte ein starkes,
thurmartiges Gebäude erblickt; als wir näher kamen zeigten sich uns
in dem Seitenthale zu unsrer Linken große, ansehnliche, wohlerhaltene
Ruinen von Gebäuden und Mauern. Der Thurm war uns zur Rechten
geblieben. Unsre Beduinen nannten diese Ruinen mit einem ihnen
von Jugend an gelängen Namen Arafat, einer der Bewohner von Samua
jedoch Araad. Sollte hier nicht die Stätte jenes Arad der heiligen
Schrift zu suchen seyn, welches in der Mosaischen Zeit der Sitz eines
Kananitischen Königes war, der (nach 4. Mos. 21, V. 1-3) zuerst
siegreich gegen Israël kämpfte, dann aber von diesem geschlagen wurde?
Denn dieses Arad lag sechs bis sieben Stunden südwärts von Hebron, nahe
der Wüste Juda oder Kades Barnea, nicht weit von Malatha, das, wie wir
vorhin sahen, wahrscheinlich am südlichen Saume des Chalilgebirges
stund, über das wir heute kamen.
Nur noch eine halbe Stunde jenseit der Ruinen von Araad kamen wir
in die Nähe des ziemlich hoch auf seinem Felsenhügel gelegnen,
ansehnlichen Esmua oder Samua. Wir zogen nicht hinauf in den Ort;
sondern schlugen unser Zelte unten im Thale, auf einem steinigen,
brach liegendem Felde auf. Wir erhielten bald mehrere Besuche aus
dem Städtlein, von Männern, die uns Eier brachten und saure Milch,
auch frisches, sehr wohlschmeckendes Kuchenbrod und Butter, wofür
sie nur eine geringe Bezahlung annahmen. Sie schienen mit mehreren
unsrer Beduinen wohl bekannt und nachdem sie einige neugierige Blicke
in das Zelt hineingeworfen, kauerten sie sich, Tabak rauchend, zu
unsern Leuten hin an das Feuer. Einer von ihnen zeigte uns, am Fuße
der benachbarten Felsen mehrere schön gemauerte Brunnen, die ein sehr
wohlschmeckendes Wasser enthielten. Nach seiner Versicherung sollten,
außer den Cisternen, in der nächsten Umgegend von Samua sieben solcher
Brunnen seyn. Und daß der Umgegend dieses Ortes die beiden Hauptquellen
der Naturfülle: die wohlthätige Wärme und das nährende Wasser in
reichlichem Maaße zuströmen müssen, das bewiesen uns die trefflichen
Gartenanlagen voll Oliven, Feigen und Pistazienbäumen. Diese Gärten, so
wie die steinernen, wohlgebauten Häußer, thaten unserm Auge besonders
wohl. Die Höhe der heutigen Lagerstätte über dem Meeresspiegel wurde,
aus den barometrischen Messungen, zu 2225 Fuß berechnet.
Es war ein unvergleichlich schöner Frühlingsabend. Ich stieg einsam
an einem der Stadt gegenüber, nahe bei unserm Zelt gelegnem Hügel
hinan. Von da war der Hinüberblick auf die Oelgärten der Stadt und
nach einer andern Seite hin auf einen, oben mit einer tempelartigen
Ruine gekrönten Nebenhügel, so wie in das enge Thal gegen Araad hinauf,
sehr anziehend. Neben mir zogen Heerden und Hirten still vorüber, nach
ihren Ruheplätzen in der Stadt. In den Gefilden dieses Landes hatten
auch die Erzväter ihre Heerden geweidet; Abraham einst gepredigt von
dem Namen des Herrn. Ich setzte mich jenseits einem längst unbrauchbar
geworden, in den Felsen gehauenen Behältnisse für das Regenwasser, bei
einer Höhle nieder, welche den Anschein eines alten Felsengrabes hatte;
mein Geist aber feierte bei einem andren Ruheort der Felsen, da Der den
kurzen Schlummer des Todes schlief, welcher der Geber und Quell des
Lebens selber ist.
Bald nach Anbruch des Tages weckte uns, mit fröhlichem Tone, der Gesang
der Vögel. In Begleitung eines der Beduinen ritt Herr Mühlenhof voraus
nach Hebron, um uns eine Wohnung bei jenen »Franken« aufzusuchen,
welche, nach der Versicherung unsrer Beduinen in bedeutender Anzahl
zu Chalil (Hebron) wohnen sollten. Wir andern, weil noch der Hügel
mit den (Römischen) Tempelruinen bestiegen und besehen wurde, traten
die heutige Tagreise etwas später, erst eine halbe Stunde nach
Sonnenaufgang (fast um halb sieben Uhr) an. Unser Weg führte den Hügel
hinan. Wir hatten das Städtlein rechts, zu unsrer Linken Gemäuer von
zerstörten, vormaligen Gebäuden; an dem jenseitigen (nördlichen) Abhang
des Hügels zeigten sich in ziemlicher Menge die Felsengräber der alten
Bewohner dieser Trümmer. Ein tiefes Thal wurde nun seiner Breite nach
durchschnitten, jenseits welchem wir eine Anhöhe bestiegen auf der sich
uns eine weite Aussicht über das herrliche Land eröffnete. Sind nicht
dort in Südost jene Felsen der Gemsen, jene Wüste Engeddi, in welcher
David vor Saul sich verbarg (1. Sam. 24, V. 1-3); ist nicht einer
dieser Berge der von Maon, wo der zum Herrscher Israëls Geweihte schon
vom Netz des Feindes umgeben, dennoch durch die Hand des Herrn errettet
ward? (Ebend. C. 23, V. 27, 28). Und dort mehr gegen Nordost lag jenes
Carmel, da Nabal der Reiche wohnte, dessen Heerden David und seine
Männer lange beschirmt hatten (C. 25, V. 2 u. f.).
Vom nördlichen Abhang der Anhöhe hinab kamen wir in ein Engthal, dessen
Laufe, der in nördlicher Richtung gehet, wir eine Zeit lang folgten.
Dieses Thal, durch seine Gestalt wie durch sein vieles grünendes
Strauchwerk und die (freilich sparsameren) Waldungen der Höhen, weckte
viele Erinnerungen an das theure Vaterland auf. Ich wähnte mich in
ein Thal der Gegend von Muggendorf versetzt, nur war hier, schon am
Osterheiligenabend, die Pflanzenwelt so grünend und blühend, wie sie
dort erst in der Pfingstzeit es ist und statt der Deutschen Bäume und
Gesträuche blüheten neben uns der Erdbeerbaum (+Arbutus Unedo+)
und einige Arten der Pistazien; auf den Höhen erhuben sich vereinzelt
stehend die Orientalische Seefichte und die Pinie. Auch diese Höhen da
zu unsrer Rechten erinnerten an jene Tage der Angst und Noth, in welche
David den Gesalbten die Feindschaft eines mächtigen Königes versetzte,
zugleich aber auch an jene Stunden des Trostes, welche die Freundschaft
ihm gewährte, als Jonathan, vor dem Angesicht des Herrn mit ihm einen
Bund schloß; denn hier, im Osten der Höhen, war die Wüste Siph (1. Sam.
C. 23, V. 15 u. f.).
Es war jetzt eben die Blüthenzeit der schön gebildeten Orchideen, von
denen meine jungen Freunde schon heute in diesem Thale des Jurakalkes
eine reichliche Menge sammleten. Auch für den Freund der älteren
Baukunst und der Kunde des Landes gaben ein rundliches Bauwerk,
das im Thale, zur Rechten unsres Weges lag, noch mehr aber die
anscheinend viel älteren Ruinen von mehreren ansehnlichen Gebäuden,
die wir auf dem letzten, hochansteigenden Berge vor Hebron, etwa eine
Stunde vor diesem, zu unsrer Rechten sahen, mannichfachen Stoff zur
Beachtung und geistigen Beschäftigung. Vermuthlich lag hier das alte
Inta, die Levitenstadt (Jos. 15, V. 55 und 21, V. 16), welches von
Einigen (namentlich von Reland und Rosenmüller) für Bethzacharia,
die eigentliche Wohnung der Eltern Johannes des Täufers und für den
Geburtsort des Letzteren gehalten wird.
Noch war es nicht Mittag (erst eilf Uhr) als wir von eben dieser Anhöhe
herab das herrliche Thal vor uns sahen, in welchem Hebron liegt. Das
Erste was uns, so wie wir weiter nach dem Thale hinabzogen, ins Auge
fiel, war die zur Rechten, am Fuße des östlichen Bergabhanges gelegne
Moschee, welche in ihrem Innren, zu welchem den Christen wie den Juden
der Zutritt neidisch versagt ist, die zwiefache Höhle verbirgt, in
welcher Abraham neben Sarah, Isaak und Rebekka, Jacob und Lea begraben
sind. Dieses große Gebäude beherrscht durch seine hellere Färbung, so
wie durch die Höhe der Mauern und der beiden (an Größe ungleichen)
Thürme die übrige Stadt und ihre dunklen alterthümlichen Mauern, Häußer
und Thürmlein so ganz, daß das Auge des Pilgrims zum Besehen des Andern
noch gar keine Zeit finden kann. Und wie sollte dasselbe nicht vor
Allem unsrem Auge ein Punkt des erquicklichen Ausruhens, unsrem Herzen
ein Ort der feiernden Betrachtung gewesen seyn, da Hebron eines der
längst ersehnten Ziele dieser Reise war, wie neben und bei ihm Mamre,
in dessen Haine der Vater der Gläubigen Ihn, den Herrn, dessen Wort
der Verheißung er so zuversichtlich vertraut und geglaubt hatte, von
Angesicht sahe. Auch für die Beschreibung dieser Reise soll deshalb
Hebron der Ort eines kurzen Verweilens und Stillstandes seyn.
Hebron.
Während so manche mächtige Stadt jener Länder, durch welche der Weg
unsrer Reise uns geführt hatte, in Trümmer gesunken, ja bis auf jede
Spur von der Erde vertilgt und verschwunden ist, hat sich Hebron,
eine der ältesten Städte, welche die Geschichte der Völker uns nennt,
bis auf unsre Tage als nicht unansehnlicher Ort erhalten. Hebron war
(nach 4. Mos. 13, V. 23) schon sieben Jahre vor Zoan (Thanis) in
Aegypten, nach Josephus vor Memphis erbaut; welche Reiche und stolze
Herrschersitze der Erde sind seit jener Zeit in den Staub gesunken,
aus denen andre, jüngere sich erhuben und wieder versanken, aus ihnen
noch spätere, die gleich ihren Vorgängern zerstäubten und vergiengen.
Eine Jüdische Ueberlieferung, die wir selbst noch im Vaterlande von
einem gelehrten Rabbiner wiederholen hörten, will sogar in Hebron
eine Denkstätte der Geschichte erblicken, welche in die Zeiten
hinüberweiset, welche vor der großen Noachischen Fluth waren. Denn, wie
die jetzt lebenden Christen in Jerusalem von Golgathas Felsen etwas
Aehnliches erzählen, so glauben die Juden, daß zu Hebron des ersten
der Menschen, Adams, Grab sey[118]. Deshalb, nicht nach dem Vater der
Riesen, Arba (Jos. 14, V. 15), habe Hebron in ältester Zeit die Stadt
der Viere (Kiriath Arba) geheißen, weil hier mit den drei Erzvätern
Israëls auch der Vater der Väter bestattet gewesen sey. Näher liegt
uns jedoch die Ableitung des Arabischen Namens, womit die jetzt hier
lebenden Mohamedaner die uralte Stadt benennen. Dieser, im ganzen
Morgenlande für Hebron gebräuchliche Name ist Chalil (der Geliebte) und
derselbe ward von Ihm, dem Geliebten, dem Freunde Gottes, von Abraham
entnommen.
Von dem ersten Eindrucke, welchen Hebron schon von fern gesehen auf das
Auge macht, sprach ich schon vorhin Einiges. Die Umgegend der Stadt
gleicht einem großen, reichen Oelgarten; die Abhänge der Hügel wie die
Fläche des Thales grünen und blühen mit allen Kräutern der Wiesen und
Gärten; dazwischen, vorzüglich auf der anderen, gegen Jerusalem hin
gelegnen Seite, zeigen sich reiche Weinpflanzungen, deren Trauben der
Mohamedanische Bewohner frisch oder getrocknet meist nach Jerusalem
verkauft, deren Wein aber der hier wohnende Israëlit genießt.
Jetzt lag die Stadt mit ihren hohen, alten Gebäuden unmittelbar vor
uns; neben den tief und fest gemauerten Teichen, von denen der eine,
weiter abgelegene, Davids Namen führt, kamen wir zu dem engen,
finstren Thore, in welchem noch immer, wie zu Davids Zeiten ein
mordsüchtiger Joab unvermerkt sein Schwert ziehen könnte gegen einen
Helden der größer war denn er (2. Sam. 3, V. 27). Schon vor dem Thore
begegnete uns Herr Mühlenhof und mit ihm ein Orientalisch in rothes
Gewand gekleideter Mann. Es war so, wie wir schon vermuthet hatten:
die Franken in Hebron, von denen unsre Beduinen uns so Vieles gesagt
und deren Wohnungen sie uns zur Herberge empfohlen hatten, waren
die hier wohnenden, zum Theil sehr wohlhabenden Israëliten. Diese
selber feierten heute ihren Sabbath; sie hatten uns deshalb einen in
Hebron wohnenden Christen, der sich zur Griechischen Kirche hält, den
nämlichen der uns jetzt mit Herrn Mühlenhoff entgegen kam, zugesendet,
damit dieser für uns jene Geschäfte, beim Abladen der Kamele und
Einräumen der für uns bestimmten Zimmer besorgte, von welcher die Feier
des Sabbaths sie abhielt. Unsre Wohnung war uns bei dem Ober-Rabbiner,
einem gebornen Spanier, angewiesen; sie stund schon für uns bereit.
Gleich in der ersten der engen, dunklen Gassen der Stadt lag der
Haupteingang zu dem vielwinklichen Gehäuse und Gewirre der Häußer,
welche zusammen das Stadtviertel bilden, in welchem die meisten
Israëliten von Hebron beisammenwohnen. Es dauerte auch späterhin einige
Zeit, bis ich mich in diesem Labyrinth der kleinen, gassenartigen Höfe,
der Nebeneingänge und der auf- und niedersteigenden Treppen zu meinem
Zimmer finden lernte. Doch herrschte hier eine im Orient seltene, große
Reinlichkeit, zu welcher diesmal die Osterfeier unsrer Israëlitischen
Gastfreunde auch das Ihrige beigetragen hatte.
Schon vor dem Haupteingang zum Judenquartier empfieng uns unser
Wirth, der Ober-Rabbiner, ein schöner, ansehnlicher Mann in reicher
Kleidung. Vor den Thüren der einzelnen, kleinen Wohnungen saßen und
stunden Frauen, Mädchen und Kinder in ihrem Festtagsschmucke, um die
neuankommenden Fremden zu sehen. An der Thüre der stattlicheren und
größeren Rabbinerwohnung zeigte sich mit ihrem reichen, goldenen
Halsschmuck die jugendliche, wohlgebildete Frau unsers Wirthes. Da
diese uns Deutsch reden hörte, fragte sie freudig: Ihr sprecht ja
peilnisch; seyd ihr aus Peilen? Statt Polnisch und Polen, was die
gute Frau hatte benennen wollen, verstund ich Bayerisch und Bayern,
und antwortete eben so freudig als jene gefragt hatte: »Ja.« Jetzt
versammelte sich alsbald ein Häuflein der Deutsch redenden Jünglinge
und Kinder, besonders um meine jungen Freunde her, und die Frauen und
Mädchen hörten in einiger Entfernung den Deutschen Fragen und Antworten
zu. Wir erfuhren gleich bei diesem ersten Gespräch, daß damals (1837
im März) über sechszig Jüdische Familien die man gewiß zu sechshundert
Seelen anschlagen darf, in Hebron wohnten und lebten; ein ansehnlicher
Theil von ihnen stammt aus Polen her, Andere aus Rußland, Spanien und
anderen Europäischen Ländern. Mehrere von ihnen besitzen außer dem
eignen Hauße auch Oel- und Weingärten, so wie andre Grundstücke.
Ich vermag es nicht zu beschreiben, wie es mir an diesem Tage des
stillen Sabbathes zu Muthe war, als ich sammt meiner treuen Lebens- und
Reisegenossin in das kleine, freundliche Zimmer eingeführt wurde, das
man uns zur Wohnung eingeräumt hatte. Da war ja Wasser zum Waschen;
ein Teller voll lieblich duftender, goldgelber Orangen, ein sehr
wohlschmeckendes Festtagsbrod und eine Flasche köstlichen Weines.
Die Bewirthung, in dem reichsten, ansehnlichsten Hotel von London
oder Paris hätte mir andre Male nicht ausgesuchter und kostbarer
erscheinen können, als jetzt, am Ende der vierzigtägigen Wüstenreise
die Bewirthung in dem Zimmer des wackren Ober-Rabbiners zu Hebron.
Unmittelbar vor unserm Zimmer führten einige Stufen auf eine kleine
Terrasse, mit der freien Aussicht nach dem unter und bei dem Hause
gelegenen Baumgarten und nach dem der Stadt gegenüber gelegnen Berge,
welchen einst ein Theil von Mamres geheiligtem Hain umschattete.
So wohl mir die lang entbehrte Ruhe auf den zu ihr einladenden
Polstern that, und so sehr auch der heutige, stille Sabbath zur Ruhe
ermahnte, konnte ich doch dem Drange nicht widerstehen in Begleitung
meiner jungen Freunde und eines im Orte einheimischen Führers noch
heute einen Theil von Hebron zu besehen. Wir hatten nicht Ursache,
die unbedeutende Anstrengung zu bereuen, denn durch diese kleine
Aufopferung der äußern Ruhe war die Kraft des Ausruhens an dem großen
Sabbathsgedanken, der sich dem Pilger zu Hebron darbeut, nur noch
gewachsen und gestärkt worden. Hier in dem Felsen, den uns das Gebäude
verdeckte, ruheten Abrahams Gebeine; dort bei jenem alten Gemäuer stund
Davids Königshaus[119]; dort jenseits der Stadtmauer die alterthümliche
prächtige Cisterne ist noch ein Werk dieses Königes, dem die höchste
der Verheißungen und die klare Voraussicht ihrer Erfüllung beschieden
war.
Der Abend war etwas trübe, eben hierdurch aber auch lieblich gekühlt;
ein frischer Wind vom Thale herauf ergieng sich in den Zweigen der
alten Pistazienbäume und entlockte dem zerrissenen Gemäuer, das neben
Abners Grabmahle emporstehet, Laute, wie Töne einer fernen Harfe.
Auch in meinem Innren tönte ein Lied ähnlich an Inhalt und Worten
dem alten Liede des stillen Sabbathes von Paul Gerhard: »Als Gottes
Lamm und Leue entschlafen und verschieden.« -- Als ich nach Hauße kam
fand ich die Familie des Ober-Rabbiners nebst einigen andern zu ihr
gehörigen Personen in unsrem Zimmer, bei meiner Hausfrau sitzend. Die
Unterhaltung war Deutsch gewesen, wobei die Frau des Ober-Rabbiners
für ihren Mann die Stelle eines Dolmetschers vertreten hatte. Er
selber, unser Gastfreund, sprach übrigens auch etwas Italienisch.
Ich lernte in ihm einen gelehrten und frommen Israëliten kennen,
der schon vor mehreren Jahren hieher, in das Land der Verheißung
gezogen ist, weil er des Trostes Israëls als eines noch künftigen,
aber nahe künftigen wartet. Dergleichen fromme Israëliten, welche in
der Hoffnung auf die Verheißung, welche geschehen ist von Gott zu
ihren Vätern, Alles verließen und in das alte Land der Väter zogen,
lernte ich in Palästina, vor allem in Jerusalem, Viele kennen. Man
kann von diesen mir wahrhaft ehrenwerthen Israëliten sagen, was der
heilige Apostel Paulus von seinen Glaubensgenossen sagt, daß sie mit
ernstem Gottesdienst, mit Gebet und Flehen Tag und Nacht emsiglich der
Erfüllung des Wortes, das auch ihnen gegeben ist, entgegenharren.
Am Verlaufe des leiblich sichtbaren Tages ist es bekannt, daß die
Länder des Ostens schon das tiefe Dunkel der Nacht umhüllet, wenn es
in den westlicheren noch heller Tag ist, oder daß in jenen schon der
Morgen dämmert, wenn es im fernen Abendlande noch mitternächtlich
finster ist. Wohl denen, die an der Pforte des Abends wohnen, wenn
ihnen das Licht, das vom Lande des Aufganges kam, noch helle leuchtet;
Die aber, denen es schon untergieng, möge bald der frische Lebenshauch
des Morgens, welcher, dies verkündet allenthalben der Gesang des frühen
Vogels und ein im Osten anbrechendes Roth, ganz nahe ist, zum neuen
Leben erwecken und stärken. Du neuer Tag der Geschichte der Völker des
Westens, wer möchte deine nahe Zukunft verkennen!
So war mir denn, am 26sten März, der heilige Ostersonntag, zwar nicht,
wie ich früher gehofft hatte, in Jerusalem, doch aber in Hebron
angebrochen; in Hebron dessen Geschichte zu der von Jerusalem sich eben
so verhält, wie die aufkeimende Hülsenfrucht, in welcher das ganze
künftige Gewächs seinem Hauptumrisse nach schon vorgebildet liegt, zu
dem nachmaligen Blätter und Blüthen tragenden Stamme. Ich begrüßte den
lieben Tag aus tiefstem Herzensgrunde, mit dem alten, schönen Liede:
Christ ist erstanden, und mit manchem andren schönen Osterliede; dann
erquickten wir uns, freilich fern von einer Gemeinde, die sich heute
des auferstandnen Herrn freut, an dem Lesen der großen Geschichte
dieses Tages, in den vier Evangelisten. Die Stimmung der Seele war die,
welche das alte, gute Osterlied von Paul Gerhard ausspricht, das mit
den Worten anhebt: »Auf, auf mein Herz mit Freuden, nimm wahr was heut
geschieht.«
Auch der äußere Mensch sollte, denn er bedurfte dieß sehr, des Tages
genießen, der die Reinigung und Wiedererneuerung des innren feiert;
ein Türkisches Bad nahm den Staub der Wüste von ihm hinweg. Die Luft
in den ersten Morgenstunden erschien unsrem, in der Tiefe der dürren
Wüste verwöhntem Gefühle, hier in Hebron fast kalt; sie war jedoch
auch nach der Angabe des Thermometers im Freien noch nicht vier Grad
Reaumur. Hebron liegt aber auch, nach unsern barometrischen Messungen
fast noch 200 Fuß höher über dem Meere als Jerusalem, fast noch einmal
so hoch als München, nämlich gegen 2700 oder nach Russegger 2842 Par.
Fuß. Nach einigen Stunden gab die höher steigende Sonne dem Thale seine
milde, gemäßigte Frühlingswärme wieder, die uns hinauslockte ins Freie.
Der erste Gang, den wir heute gemeinsam machten, war abermals nach der
vormaligen Christenkirche und nunmehrigen Moschee gerichtet, welche die
zwiefache Höhle Machpelah umfasset, die Abraham von Ephron dem Hethiter
zum Erbbegräbniß erkaufte (1. Mos. C. 23). Da hier das Denkzeichen,
welches die Geschlechter von vier Jahrtausenden mit Ehrfurcht
betrachteten, nicht an einem leicht zerstörbaren Menschengebäude,
sondern an einem mächtig festen Werk der Natur haftete, läßt sich kaum
ein gegründeter Zweifel gegen die Annahme erheben, daß hier wirklich
das Grab Dessen gewesen sey, den selbst die heidnischen Bewohner des
Landes als einen »Fürsten Gottes« erkannten (1. Mos. 23, V. 6). Die
Moschee liegt am südöstlichen Ende der Stadt; ihr eigentliches Gebäude
ist, wie manche unsrer alten Klosterkirchen, von hohen Ringmauern
umgeben, zu deren Innenraum ein fest gemauerter Bogengang führt.
Schon gestern hatten wir die Türkischen Hüter dieses Einganges zu den
Vorhallen und zu dem engen Hofraum, der zwischen den Ringmauern und dem
Tempelgebäude herumläuft, gefragt, ob es nicht erlaubt sey, wenigstens
in diese Außenräume hineinzutreten; sie hatten 200 Piaster für die
Vergünstigung begehrt, einmal da innen um die Moschee herumzugehen.
Heute schien es, als ob sie mit einer geringeren Summe sich wollten
abfinden lassen, da wir aber von unsern Führern erfahren hatten, daß es
außer- und oberhalb der Mauern Punkte gäbe, von wo aus der äußre Umriß
des Gebäudes viel besser könne in Augenschein genommen werden, als von
dem dunklen Hofraume, begnügten wir uns damit unsre Reisegefährtinnen,
welche gestern noch nicht mit uns waren, durch die vergitterte
Oeffnung, bei welcher es auch den Juden erlaubt ist dazustehen und zu
beten, hineinschauen zu lassen nach den Vorhallen. Wir giengen zuerst,
indem wir die Moschee zur Linken ließen, hinan zu der Höhe des Hügels,
an dessen Fuß jene liegt. Er gehört zu jenem Bergrand, der das Thal
von Hebron an seiner Ostseite umgürtet. Wir fanden hier, in dem von
vielen natürlichen Höhlen durchzognen Kalkstein viele Felsengräber
der vormaligen Israëlitischen (?) Bewohner der Stadt. Bei mehreren
dieser Gräber ist der innre, natürliche Umriß der Höhle, die zur
Todtenbehaußung benutzt wurde fast unverändert und deutlich erkennbar
geblieben.
Wir hatten schon hier einen Punkt zu erreichen gehofft, wo die Aussicht
nach Osten, vielleicht selbst nach dem nur wenige Meilen entfernten
todten Meere sich freier und weiter öffnen würde; es stellten sich
aber andre, bedeutendere Höhen zwischen uns und jene große Tiefe des
Wassers, so daß wir bald, durch die Felder des schon hochgeschoßten
Getraides zurückkehrten. Da von der östlichen Höhe aus kann man
übrigens freier als von irgend einem andern Punkte die ganze Stadt,
mit ihren vereinzelteren Häußergruppen oder kleinen Vorstädten
überblicken, die sich nordwärts von ihr, so wie am Abhang und in den
Schluchten des westlichen Bergabhanges finden. Das ganze Thal steigt
von Südost gegen Nordwest an. Wenn man auch nicht wüßte, daß Hebron
sein augenfälligstes Gebäude, die oft erwähnte Moschee durch die Hände
christlicher Baumeister empfieng, und daß diese Stadt im Mittelalter,
zur Zeit des Fränkischen Königthumes ein Bischofssitz war, so würde
man an vielen Gebäuden einen gewissen, abendländischen Charakter nicht
zu verkennen vermögen. Ehe wir jedoch ins Einzelne der Betrachtung
eingiengen, begaben wir uns zuerst von neuem, von Osten her zu der
alten Kirche, die vormals, wie das hiesige Bisthum, den Namen des
heiligen Abraham trug und auch jetzt noch, als Moschee, in ihrem
Arabischen Beinamen, den ehrwürdigen Vater der Gläubigen nennt.
Hier am Abhang des Berges an dem das Gebäude stehet, fanden wir, wie
schon erwähnt, Gelegenheit sein Aeußeres besser zu betrachten als
dies im engen Hofraume möglich gewesen wäre. Wir traten sogar auf die
breite Ringmauer selber, die sich in Osten und Norden unmittelbar an
den Felsen anlehnt, dessen Steinmasse von den ältesten christlichen
Erbauern nach diesen Seiten hin so tief ausgehauen und so weit
abgetragen wurde, bis es zur Anlage der Kirchenmauern um die Höhe her
und über dieselbe hinlänglichen Raum gab. Die Moschee oder vormalige
Kirche ist von keiner besondern Größe; sie bildet ein längliches
Viereck dessen Länge kaum über 140 Fuß, die Breite zwischen achtzig
und neunzig Fuß betragen mag. Das, was ihr von fern gesehen ein so
bedeutendes Ansehen giebt ist die hohe, äußere Ringmauer. An jeder der
vier Ecken von dieser erhub sich vormals ein Thurm. Von diesen vier
Eckthürmen ist der eine ganz, der andre halb zerstört; von den beiden
übrigen aber, welche an zwei diagonal gegenüber liegenden Ecken stehen,
und welche nun zu Minares benutzt sind, scheint ebenfalls nur der eine,
bis hinan zu den alten Zinnen unversehrt zu seyn, während der andre,
der neben dem ganz zerstörten Thurme steht, wenigstens des Obertheiles
ermangelt und hierdurch niedriger ist. Diese Thürme könnten eben so
gut zur Verteidigung des festen Gebäudes als zu Trägern des Kreutzes
an ihrer Spitze gedient haben. Die Moschee selber macht noch immer
in ihrem Hauptumrisse den Eindruck einer alten, christlichen Kirche;
steht sie doch noch auf der Grundlage jenes Christentempels, den schon
die fromme, vielthätige Kaiserin Helene über der Höhle erbauen ließ,
und den die christlichen Könige von Jerusalem zu einer bischöflichen
Kirche weiheten. Freilich haben aber jene rohen Hände, die das
alte, christliche Prachtgewand der äußren Form, so weit es an die
Gottesverehrung der Nazarener erinnerte, zerrissen und verstümmelten,
dasselbe hin und wieder sehr ungeschickt mit neuen unpassenden Lappen
geflickt. Der Haupteingang scheint, wie in allen alten christlichen
Kirchen in Westen, der Hochaltar in Osten gewesen zu seyn.
Was das Innre des Gebäudes betrifft, dem die Andacht der Christen
und Israëliten bis jetzt sich noch vergeblich zu nahen bemüht, so
kann ich bei dem was ich von ihm erwähne nur die Berichte fremder
Augenzeugen geben, deren letzter und jüngster für mich unser Arabischer
Knecht Mohamed war, der mehrmalen in die Moschee hineingieng, und auf
mein Ermahnen Alles so genau als möglich betrachtete. Der älteste
Beschreiber jenes Innren ist der Jüdische Geschichtsschreiber
Josephus, der die Grabstätte der Erzväter besuchte und sahe. Zwar
stund zu seiner Zeit noch kein Tempelgewölbe über der zwiefachen
Höhle, sie selber aber hatte die Verehrung, schon der jüdischen
Herrscher mit Marmor ausgetäfelt und bekleidet. So sahe dieselbe
noch der Kirchenvater Hieronymus, und auch die Kaiserin Helena, da
sie das Scepter, in welchem Orpheisch bauende und gestaltende Kraft
lag, auf diese ehrwürdige Stätte wendete, fand das Innre, so wie jene
beiden es sahen, noch unverletzt. Selbst die Bekenner des Islams, da
sie sich gewaltsam in das Amt der Erhalter und Wächter der heiligen
Stätten des gelobten Landes eindrängten, haben am Grabe, auch ihres
Erzvaters nichts zerstört. Die eigentliche Höhle, deren Eingang, nach
der Beschreibung unsers Arabers gegen Südwest zu liegen scheint, ist
zwar sehr vergittert und verwahrt, oben darüber aber sahe der Engländer
Monro, der unter Ibrahim Paschas Schirm und Schutz zuerst wieder
unter allen abendländischen Christen das Kirchenschiff betrat, eben
so gut als unser Knecht Mohamed jene »hüttenartigen« Kenotaphien in
Türkischem Geschmack, deren jedes einem der Erzväter gewidmet ist. Hat
doch die überflüssige Sorgfalt der Moslemen hier selbst des Bruders des
Erzvaters Jacobs, des Esaus gedacht, denn auch für diesen (nicht für
Isa oder Jesus, wie unser Mohamed meinte) ist, ein wenig seitwärts von
den andern, ein Kenothaphium errichtet[120].
Nur bei einem einzigen Punkte, den wir bei unsrem Herumgehen um die
Moschee, und bei dem Besteigen selbst der Ringmauer berührten,
erinnerte uns ein alter Türke, der hier im Freien sitzend seine Pfeife
rauchte, daß es den Christen nicht erlaubt sey sich so weit zu nähern,
er schwieg übrigens ganz ruhig, als wir dennoch mehrmalen zu den
Stellen zurückkehrten, von welchen man von oben in einen großen Theil
der Vorhallen hineinblicken kann. Das Aegyptische Regiment, vor Allem
der in Hebron sehr gefürchtete Ibrahim Pascha, haben die Undultsamkeit
der Türken schon so weit zum Schweigen gebracht, daß vielleicht nach
wenig Jahren das Betrachten mancher der ehrwürdigsten zur Moschee
entstellten Gebäude des jüdischen und christlichen Alterthumes nicht
bloß als seltene, ausnahmsweise Vergünstigung, sondern als allgemeines
Recht den abendländischen Reisenden gegeben seyn wird.
Unfern der Moschee (nordwärts von dieser) führte uns ein junger Türke,
der sich freiwillig zu unsrem Begleiter angeboten hatte, in ein altes,
unterirdisches Gewölbe, welches offenbar in älterer Zeit, als sein
starkes Gemäuer noch fest geschlossen war, zur Cisterne gedient hat.
Noch jetzt füllt es sich, zur Zeit des Regens, bis oben an mit Wasser.
Wahrscheinlich ist ein Nachhall jener Kunde, welche die Späher des
Landes schon dem Moses von Hebron brachten; jener Kunde, daß hier ein
Geschlecht der Riesen (Enakim) lebte (4. Mos. 13, V. 23), welches
nachmals Caleb, der Held, bezwang und vertilgte (Jos. 11, V. 21), auch
noch bis auf die jetzt hier wohnenden Türken gekommen, nur legen sie
jenem Nachklang einen falschen Text unter. Sie erzählen nämlich, daß
jene Cisterne, in welcher eines unsrer kleinen Bürgerhäußer, bis an
sein oberes Stock Platz hätte, das Bad der Sarah gewesen sey. Diese,
schön wie sie war, von Angesicht, sey eine Riesin von Gestalt gewesen;
denn wenn sie, wie sie täglich pflegte, in der Cisterne sitzend sich
wusch, reichte ihr das Wasser derselben, auch wenn der Raum des
Gemäuers ganz davon gefüllt war, nur bis an den Hals.
In der Stadt, obgleich der größere Theil ihrer Bewohner, als
Mohamedaner, nichts von unserm Osterfeste wußte, war mir es, als
feierte sie mit uns das große, schöne Fest der Auferstehung. Mich
täuschte hierbei jene Stille, jene schweigende, nicht sehr augenfällige
Art der Geschäftigkeit, die im Allgemeinen den Orient von dem Occident
unterscheidet. Ich wurde jedoch dieser Täuschung ganz enthoben, als
wir durch die Gasse kamen, in welcher die Glasfabriken von Hebron
sich befinden, welche nicht bloß für Palästina eine ungemeine Menge
der Flaschen und anderer Glaswaaren zum Gebrauch des gemeinen Lebens,
sondern auch vor allen Dingen jene bunten Armringe und andre wohlfeile
Schmucksachen fertigen, welche an die christlichen Pilgrime von
Jerusalem verkauft, und von diesen in alle Gegenden des westlichen
Asiens, auf die Inseln des griechischen Archipelagus und in viele
Länder von Europa mitgenommen werden. Diese Glasfabriken empfangen
das viele Holz, dessen sie sich bedienen, noch immer aus den Resten
der großen Waldungen, von denen Mamres, jetzt fast ausgerotteter Hain
ein Theil war. Freilich darf man sich jene Waldungen nicht so dicht
und schattig vorstellen wie die unsrigen; die Fichtenarten ragen nur
in einzelnen Stämmen über das Gebüsch der Terebinthen, das aus den
Wurzeln der alten abgehaltenen Stämme ausschlug, und der Erdbeerbäume
hervor; da aber dieses Gehölz, namentlich gegen Ost und Nordost
bis zum todten Meere und in die Nähe von Thekoa sich erstreckt,
und bei aller rohen Bewirthschaftung dennoch überaus leicht wieder
nachwächst, reicht es für den Bedarf der hiesigen Fabriken aus. Und
hierdurch bleibt fortwährend die Stätte von Mamres geheiligten Hain
eine Ernährerin der Quellen, die unter der grünenden Decke sich
erzeugen, und des Wohlstandes von Hebron. Denn schon der Verkehr mit
den Glaswaaren ist bedeutend; während unsers hiesigen Aufenthaltes
sahen wir täglich ganze Züge von Kamelen beladen, welche namentlich
die vorhin erwähnten bunten Schmucksachen hinwegführten. Das Osterfest
der Orientalischen Christen fiel zwar in diesem Jahre um fünf Wochen
später als das unsrige, aber schon jetzt stellten sich in Jerusalem
die Käufer solcher farbigen Waaren: die Schaaren der Armenischen und
Griechischen Pilgrime ein und veranlaßten hierdurch eine lebhaftere
Thätigkeit und häufigeren Sendungen. Wir traten ein wenig hinein in
die geräumigen, meist steinernen Fabrikgebäude, sahen da die Menge der
Arbeiter und anderwärts die mit dem Sortiren und Einpacken der leicht
zerbrechlichen Fabrikate beschäftigten Leute und bedauerten sie, daß
dieser große Tag des Herrn nicht auch für sie ein Tag der festlichen
Freude und Stille war. Ich entfloh dem Geräusch, das übrigens nur auf
diese Gebäude beschränkt schien, und suchte die sabbathliche Stille
außen vor der Stadt, bei dem Türkischen Gottesacker, im Schatten der
uralten Pistazien auf.
Obgleich die Kochkunst unsers Arabischen Knechtes auf keiner
sonderlichen Höhe stund, ward uns dennoch am Mittag das von ihm
zubereitete Lammfleisch mit dem wohlschmeckenden Wein und gutem Brode
von Hebron zu einem unvergleichbar köstlichem Festtagsessen. Schon
Hasselquist machte die Bemerkung, daß die Rebe von Palästina zu
derselben Unterart des Weinstockes gehöre, die am Rhein gepflegt wird
und hier die edelsten Weine des Landes erzeugt. Selbst der Geschmack
schien uns diese Verwandtschaft zu bezeugen, denn der Wein, den wir
in Hebron so wie später in Bethlehem und Jerusalem tranken, gleicht
hierinnen sehr unsern feurigsten, lieblichsten Rheinweinen, während
des ersten Jahres ihres Alters, nur ist er reicher an Zucker und
natürlichem Gewürz.
Bald nach unsrer Mahlzeit machten wir uns von neuem auf, um Abners und
Isboseths Grab zu sehen. Wir giengen zuerst wieder hinabwärts nach der
Gegend der Moschee und betrachteten die Gemäuer einiger der größesten
vormaligen Gebäude. Das, welches nach der Aussage unsers Griechischen
Christen (nicht unsre Jüdischen Begleiter) die Burg Davids gewesen
seyn sollte, mag wohl nur der Zeit der christlichen Herrschaft des
Landes angehören und war vermuthlich die Wohnung des Bischofes von St.
Abraham und seiner Geistlichkeit. Doch zu welchem ungleich älteren
Gebrauch mögen so manche dieser mächtigen Werkstücke, namentlich der
unteren Gemäuer, hier und an andern Stellen gedient haben. Jenes
kleinere Gebäude, welches, offenbar von Türkischer Bauart, über der
vermuthlichen Gruft steht, welche einst die Gebeine des Feldhauptmann
Abner und Isboseths Haupt verwahrte, liegt in dem kleinen Hofe eines
Türken, der gegen ein geringes Trinkgeld sich willig finden ließ uns
hinein zu führen. Auch hier sind, unten im Gewölbe der Gruft jene etwa
noch vorhandnen Reste des vormaligen Ehrenmahles von den Türken mit
einem jener weiß angestrichnen, backofenartigen Sarcophagen überbaut
und verkleidet worden, dergleichen man in Rahels Grabe wie in den
Gräbern der Mohamedanischen Heiligen sieht. Durch die Sitte dieses
Zudeckens und Ueberbauens haben mich die Bekenner des Islams öfters an
eine Gewohnheit mancher bienenartigen Insekten erinnert, welche fremde
Körper, die in ihren Bau hinein geriethen, wenn ihnen dieselben zu groß
und zu übermächtig zum Hinausschaffen sind, ganz mit Wachs überwölben
und verbauen.
Ungleich lohnender als der Besuch von Abners Grabe war der Weg, den
wir am schönen Nachmittag, welcher die Frische eines vaterländischen
Frühlingstages hatte, hinan auf die im Westen der Stadt emporsteigende
Anhöhe zu Jesses (Isais) Grabe machten. Wir giengen zuerst über den
Türkischen Gottesacker nach jenen uralten, dickstämmigen Bäumen der
Pistazien hin, deren Alter weit über jenes der türkischen Herrschaft
hinausreicht. An ihren Zweigen hiengen in großer Menge die eben
in höchster Entfaltung stehenden Kätzchen der männlichen Blüthen,
dazwischen zeigten sich die zarten, zierlich gestalteten Fruchtblüthen.
Die Nüsse dieses Baumes gehörten schon in den Zeiten der Erzväter
zu den geachtetsten Früchten des Landes, denn jene Botnim, welche
Jacob (nach 1. Mos. 43, V. 11) dem Joseph, dem gefürchteten Herrscher
Aegyptens, nebst andern Erzeugnissen von Palästina zum Geschenk sendet,
waren nicht Datteln, wie unsre gewöhnliche Uebersetzung dies aussagt,
sondern Pistazien von jener edlen, ächten Art (+Pistacia vera+),
welche wir hier zum ersten Mal in ihrer blühenden Schönheit sahen. Nahe
bei jenen hochstämmigen Pistazien zeigte unser Israëlitischer Führer
ein Feld der Märtyrer, welche in Treue gegen Jehovahs Gesetz hier dem
Schwert der Heiden unterlagen.
Wir nahmen jetzt unsren Weg mehr zur Linken (gegen Süden) nach einem
Brunnen, der den Namen des Vater Abraham führt, so wie zwei andre, im
Hebronthale gelegne, der eine nach Isaak der andre nach Jacob benannt
sind. Viele steinerne Stufen führen zu dem klaren, frischen Wasser
des kunstreich gemauerten Abrahamsbrunnen hinab. Da schöpften so eben
Frauen und Jungfrauen die großen irdenen Krüge voll, die sie auf dem
Haupte zur Stadt trugen; einzelne Männer füllten große Schläuche, womit
sie ihre Esel beluden. Diese reiche Quelle leidet, wie unser Führer
uns erzählte, zu keiner Jahreszeit Mangel an Zufluß; sie versorgt die
Bewohner von Hebron in Ueberfluß mit dem reinsten, wohlschmeckendsten
Quellwasser.
Jesses angebliches Grab, zu welchem zuletzt ein sehr beschwerlicher
Weg, über die zwischen die Gartenmauern herausgeworfnen Steine
hinführte, liegt innerhalb dem Gemäuer eines jener alten, zur Ruine
gewordnen Gebäude, dergleichen viele auf der Höhe des Berges stehen.
Sie scheinen fast durchgängig einer älteren, zum Theile wohl viel
älteren Zeit anzugehören als die der Muhamedanischen Herrschaft
des Landes ist. Nahe bei Jesses Grabgebäude sind mehrere Häußer
zusammengebaut gewesen, von denen das eine wohl einmal die Bestimmung
einer christlichen Kirche gehabt haben kann. Vielleicht mag dasselbe
auch von jenem Gebäude gelten, in welchem die Grabstätte gezeigt wird.
Von einer brunnen- oder schachtartig senkrecht hinabführenden Oeffnung
in der einen Ecke dieses Gebäudes trugen sich unsre Begleiter mit einer
Sage, nach welcher jenes Brunnenschacht zu ausgemauerten Gängen führen
sollte, welche in der Tiefe bis Hebron und noch weiter führten.
Bei den Ruinen des Berges und rings um dieselben her sind Gärten von
niedern Mauern umgeben, aus kunstlos über einander gehäuften Steinen
gebaut. Der vorzüglichste Reichthum dieser Gärten sind der Oelbaum und
der Pistazienbaum, daneben aber sieht man häufig unsern Wallnußbaum
(+Juglans regia+), welcher durch ganz Palästina wildwachsend und
einheimisch gefunden wird; neben den alten Stämmen der Feigenbäume
gedeihen einige unsrer Obstarten, vor allem der Aprikosenbaum; an den
freieren Abhängen breitet sich, fast ohne alle Menschenpflege der
Weinstock aus.
Die reiche Anhöhe, an der wir diesen Nachmittag zubrachten, hatte
uns mit den schönsten Frühlingsblumen des Landes versehen. Mit
buntfarbigen, duftenden Sträußen in den Händen, wie sie schwerlich der
ansehnlichste Gewächsgarten unsers Vaterlandes am 26sten März zu geben
vermöchte, giengen wir unsrer Wohnung zu[121]. Ich stund noch lange auf
der kleinen Terrasse bei unsrem Zimmer und schaute hinaus in die von
der Abendsonne beleuchtete, schöne Gegend. Ein Gewölk stieg in Westen
auf, zog aber bald wie Absaloms, des in Hebron Geborenen, Aufstand
gegen den König und Vater, an den Herrscherstrahlen der Sonne vorüber.
Unten im Garten hatte auch die Familie unsers Hauswirthes sich heute
ein ganz neues Festtagsvergnügen gemacht. Sie hatte sich unser Zelt,
das wir nicht weiter als Hebron mit uns nehmen wollten, um billigen
Preis verschafft, dasselbe im Garten, unter den Bäumen aufgeschlagen
und diese Wohnung so angenehm gefunden, daß sie sich erst spät am Abend
von ihr trennte. Das Erdbeben vom ersten Januar dieses Jahres 1837,
welches mit verheerender Macht durch so viele Gegenden von Palästina
sich verbreitete, hatte auch in Hebron die Häußer erschüttert und den
Wunsch erregt ein Zelt zu haben, unter dessen Obdach man, bei solcher
Gefahr im Freien wohnen könne. -- Armes, so oft gescheuchtes und
geängstetes Volk! wann wirst du ohne Furcht und in stillem Frieden das
Land deiner Väter bewohnen. Möchte doch bald einem Erdbeben, welches
dir das Annahen deines Herrn verkündete, das Feuer folgen, das Alle
Herzen entzündet und von dem die Liebe wollte es brennete schon (Luc.
12, V. 49), und nach dem Feuer dich jenes stille, sanfte Sausen[122]
anwehen, das die Seele mit den Kräften eines ewigen Friedens erfüllt.
Auch der zweite Ostertag, am 27sten März, ward noch dem sabbathlichen
Ausruhen in Hebron bestimmt. Wir feierten den Vormittag still in
unsrer Wohnung; am Nachmittag, der abermals lieblich kühl war,
giengen Einige von uns wieder hinan auf die Berge, welche einst
Mamres gesegneter Hain beschattete. Wir ließen heute den Weg, der
zu Isais Grabe führt weit zur Linken, giengen zuerst, neben jenem
der Türken hinan zum Gottesacker der Juden, bei dessen Gräbern ein
strauchartiges Hülsengewächs seine goldgelben, schmetterlingsförmigen
Blüthen entfaltete, die an Gestalt, nicht aber an den Eigenschaften
der südeuropäischen Anagyris glich, denn sie hatte nichts von dem
unangenehmen Geruch an sich, der an der gemeinen Anagyris bemerkt wird.
Von den Grabstätten der Juden stiegen wir, in mehr nördlicher Richtung
hinan nach dem Gipfel des nicht sehr steilen Berges. Die Felsart,
woraus dieser besteht, gleicht unsrem Jurakalk; stellenweise zeigt sich
Dolomit; Versteinerungen sahen wir heute nicht. Zwischen den vielen
Felsentrümmern, die auf dem Boden umhergestreut liegen, ist dieser so
fruchtbar, und die auf ihm wuchernden Gesträuche und Kräuter sind von
solcher Art, daß sich der vormalige Waldboden nicht verkennen lässet.
Hin und wieder bezeugten dasselbe auch unmittelbar jene alten, in den
Felsen versteckten Wurzeln, aus denen die neu ausschlagende Brut der
Eichen und Terebinthen zum grünen Strauchwerk sich erhub.
Die Sonne neigte sich zum Untergang; es war unmöglich die äußerste
Anhöhe des Berges zu erreichen, die sich, auch wenn wir sie schon
erstiegen glaubten, in immer abgelegnere Ferne zurückzog. Aber schon
da, wo wir stunden, hatten wir nach Süden hin die Aussicht in ein
fruchtbares Nebenthal, in welchem, neben den Oelbäumen Saatfelder
grünten und ein kleines Dörflein stund; gegen Osten in das Hauptthal
von Hebron und die jenseit, nach dem todten Meere hin gelegnen Höhen,
so wie über das bergige, von Thälern durchschnittne Land in Nord und
Nordosten, durch welches der Weg nach Bethlehem und Jerusalem sich
hinziehet. Mehr aber denn die Aussicht in die Ferne des Raumes fühlte
sich hier die Seele durch eine Aussicht in die Ferne der Zeiten bewegt
und angezogen, welche mit der andren Hand in Hand gieng. War doch hier,
in dieser schönen Landschaft die Stätte jener gesegneten Hütte, zu der
sich der Herr selber, im Geleite der beiden Engel, als Gast nahete;
hier hat der Vater der Gläubigen die große Verheißung empfangen und
mit Gott geredet, wie ein Mann mit seinem Freunde redet; hier ist der
Glaube eines sterblichen Menschen zu einem festen Boden geworden, auf
den die Kräfte des Himmlischen und Ewigen in sichtbarlicher Gestalt
sich niederließen. Was die Kräfte in der menschlichen Natur wirkten und
erzeugten, das ist nicht wie das Sterbliche dem Veralten unterworfen,
und, ob selbst Sara lachen möchte hinter der Thür der Hütte, die
Verheißung, dem Glauben gegeben, wird feste bleiben, auch wenn dieser,
scheinbar schon ganz erstorbenen Leibes dastünde; alle Lande sollen
noch voll werden der Ehre Dessen, der dem Abraham als ein Segen
aller Geschlechter der Erde verkündet war. Zu den Zeiten des Kaiser
Constantin hatten, wie Eusebius[123] erzählt, die Heiden, hier, bei
dem Haine Mamre einen Altar, auf welchem sie, auch ohne Seinen Namen
zu kennen, Dem Gottesdienst erzeigten, welcher daselbst dem Abraham
erschien; wie hat sich doch in so tausendfachen Formen bei allen
Völkern und Heiden der Zug des Sehnens nach Dem bewegt, der vormals bei
dieser Stätte in sichtbarlicher Gestalt dem Glauben der Menschenseele
entgegen trat.
Ein Türke, der vom Felde kam, hatte jetzt sein Abendgebet, zur Erde
gebeugt, mit dem Angesicht gegen Mekka gerichtet, vollendet; er schritt
raschen Ganges an uns vorüber; wir grüßten uns freundlich. Wie gern
hätte ich mit ihm, der ja auch den Vater der Gläubigen als Vater
erkannte, reden mögen, was mir eben das Herz eingab. Mir fielen einige
Verse ein, aus dem schönen Liede: »Ich will dich lieben meine Stärke,«
namentlich jener: »Ach daß ich dich so spät erkennet, du hochgelobte
Schönheit du« -- und vor Allem die Worte: »Ich lief verirrt und war
verblendet, ~ich suchte Dich~ und fand Dich nicht; ich hatte mich
von Dir gewendet und liebte das geschaffne Licht.« -- Ja, auch diese
Kinder Abrahams, dem Fleische nach ~suchen Ihn~, den Aufgang aus
der Höhe, und auch ihnen wird es, wie uns Andren, die wir ja auch von
Ihm verirrt waren, noch geschehen; daß sie ewig Ihn ersehen.
Nur noch ein Abend und eine kurze Nacht, und die letzte Tagreise sollte
beginnen, deren naher Endpunkt Jerusalem war. Die Unruhe, welche durch
die Ruhe dieser letzten Nacht vor Jerusalem gieng, möchte ich wohl
eine selige nennen; es war mir wie Einem der im Felde der blühenden
Lilien einschlief und den von Zeit zu Zeit der Duft der Blumen aus
lieblichen Träumen weckt und in noch lieblichere hinüberführt; oder
wie einem armen Sänger, der mitten im Liede des Heimwehes, das seine
Hand spielte, entschlafen, sein müdes Haupt auf die Harfe legte, und
den bei jeder Bewegung das leise tönende Schwirren der Saiten zu
neuen Gedanken an das Lied vom Heimweh weckt. Du Morgen, an welchem
einst die letzte Tagreise vor dem Eingang zu den Thoren des Friedens
beginnen wird, mögest du mich einfältiger, treuer, lauterer finden, als
jener, an welchem ich am letzten Tage vor dem Eingang in die Thore des
irdischen Jerusalems von meinem Lager aufstund; und dennoch sey mir
auch der damalige Morgen einer Pilgerreise gesegnet, die so vielfach
von Zerstreuungen und geistigen Trübungen heimgesucht war.
Wenn im Tempel des alten Jerusalems das Morgenopfer dargebracht werden
sollte, da rief der Priester dem Wächter auf der Zinne zu: fängt es
an Licht zu werden bis nach Hebron[124]? Als ich auf die Terrasse
bei unserm Zimmer hinaustrat an die erfrischende Morgenluft, da rief
die Wachtel in den nachbarlichen Feldern der jungen, grünen Saat ihr
lautes »wachet auf, wachet auf.« Aber das Sehnen nach dem Anblick der
»hochgebauten Stadt,« die vormals ein irdisches Vorbild der himmlischen
Stadt war, und dereinst dies wieder seyn wird, wachte schon lange; es
wachte heute mit besondrer Kraft. Die alten Geschichten Hebrons, welche
am Saume von Mamres Haine so lebendig in der Seele erwacht waren, sind
zu den Geschichten Jerusalems Dasselbe, was der schöne Herbstabend, an
welchem der Säemann, in Hoffnung und zuversichtlichem Glauben an die
Zukunft eines nahenden Frühlinges, das Saatkorn in den Boden streuete,
zu dem Morgen des Frühlingstages sind, an welchem die Saat in hoher,
grünender Fülle vor dem Auge dasteht, und zum Morgen des Sommertages,
da man ihre reifen Garben zur Scheuer führt. Wie leicht hat es doch
der treu, bei der Mutter gebliebene Kinderglaube eines spät gebornen
Geschlechtes, dem die Schaaren der Zeugen, welche es erfuhren daß
die Wahrheit des Glaubens wahr sey, den Weg so ebneten und bahnten.
Zwischen dem geistigen Hebron eines Abraham auch dann als er auf Morija
es erfahren daß der Herr Alles siehet, und zwischen der Verherrlichung
des Golgathas und des Oelberges bei Jerusalem, da Abrahams spätere
Geschlechter es erfuhren, daß der Herr, der Sehende, auch der alles
Sehnen stillende, alles Hoffen erfüllende sey, welche Jahrhunderte der
Noth, der Verirrungen, der Kämpfe lagen da innen; und der Pilgrim des
heutigen Tages hat zwischen dem Morgen der in Hebron anbricht und dem
Abend, der über Jerusalem anbricht nur die kurze Frist der Mühe von
wenigen Stunden.
Wir mußten heute, unsrer innren Eile kam es wenigstens so vor, ganz
besonders lange warten, bis Alles zur Abreise bereit war. Noch einmal
sollten, vor allem unser Gepäck, die Schiffe der Wüste, die Kamele
weiter führen. Ich war in Begleitung meines lieben Reisegefährten
Krohn, geführt von dem schon erwähnten Griechischen Christen und von
einem, der Gegend besser kundigen Israëliten, der ein Verwandter unsres
Hauswirthes ist, zu Fuß vorangegangen; erst draussen vor der Stadt
begegneten uns jene Pferde, die außer den Kamelen für die heutige
Tagreise bestellt waren. Wir nahmen zwei von diesen und folgten
dann unsern Führern, die uns heute noch die Stätten zeigen wollten,
an denen, der hier noch fortbestehenden Sage nach, Abraham wohnte,
Nathan der Prophet begraben ward und David seinen Königspallast hatte.
Unser Weg, östlicher als die gewöhnliche Heerstraße nach Jerusalem,
gieng zuerst zwischen den üppig grünenden, schon dem Aufblühen nahen
Weingärten hin, welche aufwärts im Thale, und im Norden der Stadt sich
weithin ausbreiten. Wir wendeten uns dann rechts (nordostwärts) von
der Straße ab, durch dicht grünende Saatfelder, deren Getraide eben
blühete, und kamen, etwa nach einer Stunde an ein, aus riesenhaften
Werkstücken zusammengefügtes Gemäuer, welches einen großen, viereckten
Raum, wie einen Hof umschließt, innerhalb welchem, nach der einen
Ecke hin, eine schön gemauerte Cisterne sich zeigt. Hier konnte
wohl die Wohnung des reichen Besitzers der Heerden seyn, von denen
ein großer Theil in dem geräumigen Hofraum bei Nacht Schutz fand.
Wir trafen daselbst einen Hirtenknaben, der in dem alten, noch zum
Theil gepflasterten und dennoch mit hohem Grase bewachsenen Hofraum
seine Kühe weidete. Die Umgegend, rings um dieses Gebäude her, gehört
zu den fruchtbarsten die wir in Palästina sahen; die Hügel sind mit
Strauchwerk und Bäumen bewachsen und auch die üppig gedeihenden Kräuter
der Ebene machen hier den vormaligen Waldboden kund.
Von dieser Stätte, welche die Ueberlieferung der Israëliten Abrahams
Wohnung, bei Mamres Haine nennet, nahmen wir die Richtung wieder fast
nordwärts, dann den Abhang des Hügels hinab in ein Thal, welches
voller Weingärten ist. Auf der jenseitigen Anhöhe liegt ein Arabisches
Dörflein (Nabi Yunas), und in ihm ein ansehnlicheres, fast burgartiges
Gebäude, welches unsre Führer das Grab Nathans, des Propheten nannten.
Der Landmann, welcher in oder bei dem Gebäude wohnt, öffnete uns das
Grabgewölbe; auch hier fand sich ein Türkischer Sarkophag, ähnlich den
früher erwähnten; denn den Mohamedanern ist auch das Grab des Propheten
Nathan ein geheiligter Ort. Bei dem Dorfe sind mehrere alte Gemäuer.
Westwärts von Nathans Grabe und dem eben erwähnten Dorfe gelang man
sehr bald wieder zu der Straße, die in gerader Richtung von Hebron
nach Jerusalem führt; wir hatten zu unsrem ganzen Abwege nicht viel
über eine Stunde gebraucht. Jener Punkt, an welchem man die Heerstraße
berührt, gewährt nicht bloß wegen des gemauerten Brunnens voll
reichlich fließenden, lebendigen Wassers, sondern auch noch aus andern
Gründen einen interessanten Ort des Ausruhens. Es stehen in der Nähe
des Brunnens, bei welchem wir uns mit unsren, gerade von Hebron hieher
gegangenen Reisegefährten wieder zusammenfanden, Ruinen von Gebäuden,
welche noch in ihrem jetzigen Verfall von alterthümlicher Pracht
zeugen. Höchst wahrscheinlich lag hier Beth-Zur oder Bethsur, welches
unter Josua dem Stamme Juda zugetheilt ward (Jos. 15, V. 58), welches
von Rehabram (nach 2. Chron. 11, V. 7) und nachmals von den Makkabäern
und Bacchides befestigt wurde. Hier an diesem Brunnen taufte, nach
der älteren und wahrscheinlicheren Angabe, Philippus den Kämmerer der
Königin Candace. Auf geradem Wege von Hebron hieher braucht man nicht
viel über eine halbe Stunde. -- Die Eingebornen, wenigstens unsre
Israëlitischen Freunde, nennen übrigens diese Stätte der Trümmer nicht
Bethsoron, sondern Luar oder Iluel und sagen daß hier, nicht in Hebron
selber, Davids gewöhnlicher Aufenthalt, während der sieben ersten Jahre
seines Königreiches über Juda gewesen sey. Nahe bei den noch jetzt
Herrschergewalt über das Auge übenden Ruinen, finden sich mehrere
Felsengräber, weiter westwärts von dort soll die uralte Terebinthe
seyn, die wir nicht besuchten.
Von hier an giengen Mehrere von uns, unter denen auch ich war, den
Weg zur Stadt der Städte, wie es den Pilgrimen geziemt, zu Fuß. Der
Westwind, der bald über die Saatfelder, bald über den Felsengrund der
Gewürzkräuter kam, hatte Eile, damit aus dem Abend der Morgen werde;
das Sehnen unsrer Seele aber strebte vorwärts, damit aus dem Morgen der
Abend werde. Wollte ich jetzt, ohne mein Tagebuch zu fragen, bloß der
Besinnung an das folgen, was damals meine Seele bewegte, so würde ich
vielleicht, ohne mir es bewußt zu seyn daß ich irrte, erzählen, ich sey
an vielen Kirchlein und andern Denksteinen der christlichen Andacht
vorüber gekommen, da, wo über die duftende Narde der Wind wehete und
auf die Kappernstaude der weißlichen Felsen die Mittagssonne schien.
Und dennoch waren all' die Kirchlein und Denksteine der »veralteten«
Christenandacht, dies sagt mir mein Tagebuch, nur innerliche gewesen,
denn auf dem ganzen Wege von Iluels Trümmern bis zu Salomons Teichen
sahen wir keine andren Spuren der bauenden Menschenhand, als nur einen
alten, verfallenen, von Gebüsch umwachsenen Brunnen. In seiner Nähe
begegnete uns ein reich und halbfränkisch gekleideter Grieche, mit
mehreren Gefährten, der neugierig und teilnehmend uns einsame, zu Fuße
wandernde Franken fragte woher wir kämen und wohin wir wollten? Denn,
in der That, das, was wir heute thaten, das wäre vor wenig Jahren noch
ein kühnes Wagstück gewesen. Ich war schnell vorangegangen; zuletzt
blieben nur noch Herr Franz und +Dr.+ Erdl an meiner Seite, die
Andern waren zum Schutz der beiden Begleiterinnen und des Gepäckes bei
der kleinen Karawane. Wir drei aber, als hätte es große Eile, waren
bald im Thale, während jene noch über den Hügel zogen, oder auf der
Höhe, wenn jene im Thale weilten und zuletzt verloren wir, ohne es zu
bemerken, die Gefährten ganz aus dem Auge.
Die Stunde des Nachmittags war eben vorüber, da kamen wir von einem
wenig gangbaren Stege, auf den wir uns verirrt hatten, den steilen, mit
Felsenstücken bestreuten Abhang hinab, zur Mündung des Nebenthales,
in welchem »Salomons Teiche und versiegelte Brunnen« liegen. Ich
werde von diesen später erzählen; heute galt es nur das Vorwärtskommen
zum Ziele. Neben Salomons Teichen geht der genauere Richtweg gen
Jerusalem etwas westlicher über die Berge hinan; diesem folgten unsre
Reisegefährten mit den Kamelen und Pferden; wir drei, nachdem wir uns
an dem frischen Wasser erquickt hatten, dessen Brunnen nach dem Namen
des weisesten der Könige genannt ist, blieben an dem Wege, welcher
der alten Wasserleitung folgt, die am höhern Abhange des Berges nach
Jerusalem sich wendet. Es ist dieses zugleich, bis zur Anhöhe hin, die
man in dieser Richtung ebenen Fußes erreicht, der Weg nach Bethlehem.
Nur wenig weiter, nordwärts im Thale, siehe da lagen uns zur Rechten,
im Thale, Salomos verschlossene Gärten. Es war dieß das dritte Mal
im Jahre, daß uns der Frühling mit seinen blühenden Fruchtbäumen,
von denselben Arten wie sie in den Gärten der lieben Heimath stehen,
begegnete. Das erste Mal trafen wir ihn, schon im Januar, in Aegypten;
das zweite Mal, im Februar, schon in einer herrlicheren Gestalt, in
den Gärten des Katharinenklosters am Sinai, und heute, am 28sten März,
girrte uns die Turteltaube der Felsen bei den blühenden Aprikosen- und
Kirschenbäumen der Salomonischen Gärten an. Die Turteltaube dieser
heiligen Stätte, sie schien hier anders zu sprechen denn vormals, als
sie in Südfrankreich zu mir redete; anders als im Nilthale und in
den Felsen Arabiens: sie redete deutlicher die Sprache des Freundes,
welcher unter den Rosen weidet: siehe der Winter ist vergangen; der
Regen ist weg und dahin. Die Blumen sind hervorgebrochen aus dem Lande,
der Lenz ist herbeigekommen, und ich, die Turteltaube, lasse meine
Stimme hören im Thale; die Weinstöcke haben Augen gewonnen und geben
ihren Geruch. So stehe nun auf, o Seele, komm' und schaue und genieße
die seligen Freuden dieses Landes.
Zu unsrer Rechten öffnete sich jetzt eine ganz besondre Aussicht. Es
war die auf den seltsam, wie ein Altar von welchem die Rauchsäule
des Opfers aufsteigen soll, gestalteten Frankenberg[125] mit seinen
Nachbarhöhen. Weiterhin zeigten sich, am jenseitigen Abhange mehrere
Thürme gleich jenen Wacht- und Schutzthürmen, welche die alte, deutsche
Ritterzeit erbaute. Wir hatten jetzt den äußersten (nördlichen)
Rand des Höhengürtels erreicht, der das Thal der Salomonischen
Gärten umschlingt, da lag vor uns in Norden, jenseit des tiefen,
gäh abfallenden Thales, auf der Höhe des Felsenberges, Bethlehems
Stadt; neben uns, zur Rechten (gegen Osten), das grünende, von Bäumen
beschattete Feld der Hirten: das Feld des Gesanges der Engel. -- Wer
sollte da nicht fröhlich gewesen seyn! Hatten ja die Engel hier an
dieser Stätte ihr Lied vom Frieden und von dem Wohlgefallen über und
an den Menschen auch für uns mit gesungen: sie hatten uns dieß an
so manchem, lieben Weihnachtsabend in der winterlich kalten Heimath
gethan, heute aber waren die Himmelskräfte des Weihnachtsfestes mit
der Fülle des herrlichsten Frühlingstages überkleidet; jeder Lufthauch
der aus den Weinbergen und blühenden Gärten des Hügels herüberkam
wiederholte die Worte des Preises, des Friedens und des Wohlgefallens
womit seit jener seligen Nacht jedes vorübergehende Menschenalter und
Geschlecht der Pilgrime das andre begrüßt.
Wir neuen Ankömmlinge in dieser Gegend hatten beim Hinabsteigen von
dem Hügel nicht den gewöhnlicheren und bequemeren Weg gewählt, den
wir bei unserm, zweiten, längeren Besuch in Bethlehem kennen lernten;
auch das Hinanklimmen an den steilen Berg, auf welchem die Stadt wie
eine Burg des Friedens fest gegründet steht, gieng nicht ohne große
Beschwerde ab, doch nun war sie ja erreicht, die Stadt Davids, die
lieblichste, die bedeutungsvolleste unter allen Wiegenstätten der Erde.
Das große, in seiner Bauart einem Kastell gleichende, lateinische
Kloster, das an dem einen Ende der Stadt stehet, machte sich uns von
selber kenntlich; vor seinem verschlossenen Thore empfieng uns der
Arabische Thürhüter und ließ uns durch das Pförtlein hinein, das in dem
einen Thorflügel angebracht ist; so klein, daß man nur gebückt hinein
gehen kann. Die armen Väter des Klosters müssen noch immer, wenigstens
gegen die Zudringlichkeiten wenn auch nicht Gewaltthaten der Araber
auf beständiger Hut seyn, obwohl die Sicherheit des Landes, wie wir ja
dieses selber auf unserm heutigen Wege erfuhren, den wir unbewaffnet
und ohne Führer machten, jetzt eine ungleich größere ist, als sie noch
vor wenig Jahren war.
Wir wurden in ein freundliches Zimmer geführt, dessen Fenster nach
dem kleinen Garten hinausgehen; bald trat der Prior des Klosters, ein
geborner Spanier zu uns herein, der uns freundlich bewillkommnete. Der
Leib war zwar wohl des Ausruhens und der Erquickung bedürftig, denn
wir hatten seiner Pflege heute nur wenig gedacht, aber das Verlangen
nach einem Ausruhen von geistiger Art lag uns noch näher an; wir
wollten gerne, wenn auch heute nur wie Vorübergehende, Bethlehems
heilige Grotte begrüßen. Der Prior erfüllte gern unsren Wunsch; durch
die langen Kreuzgänge des alten Klostergebäudes hindurch, dann durch
die uralte, innen mit Teppichen ausgekleidete Basilika führte er uns
hinab zu dem Raum der Felsen, da, nach dem unbestrittenen Zeugnisse
schon der ersten christlichen Jahrhunderte, Christus geboren ward. Es
ist eine große, natürliche Höhle des Gebirges, die ihren eigentlichen
Eingang vom Tage herein, außerhalb des Gebäudes hat, zu welcher aber,
innerhalb der darüber gebauten Kirche von oben herab eine Treppe führt.
Auf dieser waren wir jetzt hinuntergestiegen in den von Lampenlicht
beleuchteten, innersten Raum der Höhle, dessen Wände und Boden die
Andacht der christlichen Jahrhunderte mit Marmorplatten ausgelegt hat.
Und siehe, hier in diesem verborgnen, engen Raume war die Stätte, da
Er, den Erde und Himmel nicht umfassen, in Kindesgestalt erschien;
hier hat uns zuerst besucht, der Aufgang aus der Höhe. Der gute
Prior trat so still auf und sprach so leise, als fürchte er einen
theuren Schläfer zu stören; und in der That, das Gefühl, welches den
Pilgrim bei dem ersten Eintreten in die Grotte von Bethlehem ergriff,
war von solcher Art, daß auch die Beschreibung desselben nur leise
andeutend aufzutreten vermag. Es war als halleten, in dem von Ehrfurcht
durchdrungenen Herzen jene Worte eines heiligen Buches nach, das von
dem Geheimniß des Einswerdens der Seele mit Dem redet, der ihres Wesens
und Sehnens Anfang und Ende ist: »Ich beschwöre euch, ihr Töchter
Jerusalems, bei dem zarten, frühe gejagten Rehe des Feldes, daß ihr
Ihn, den meine Seele liebet, nicht aufreget noch wecket, bis daß es Ihm
selber gefällt.« -- War doch diese süße Ruhe am geheiligten Herzen der
liebenden Mutter die einzige, welche Dem auf Erden vergönnt war, der
die Angst und Unruhen des frühe gejagten Rehes für sich erwählte, nur
damit wir Frieden hätten und Ruhe.
Die kindliche Andacht eines erst heute hier gewesenen Pilgrimes hatte
einen duftenden Blüthenzweig neben die heilige Krippe gestellt. Es
hätte nicht dieser äußren Erinnerung an den draussen auf den Bergen und
in den Thälern wiedergekehrten Frühling bedurft; Bethlehems Geschichte
und innerliche Erinnerungen schließen dem Geiste das Land eines ewigen,
unvergänglichen Frühlinges auf. Wie verständlich wird der Seele hier
bei dieser Stätte jener Zug der Liebe der den Kirchenvater Hieronymus
an die Grotte zu Bethlehem band. Dort in einer Nebenkammer der Höhle
verweilte der Greis und wollte hinfort nicht mehr unter anderm Obdach
wohnen; in einem andren Raume des Felsens haben die geheiligten Frauen
Paula und Eustochia ein Leben des seeligen Friedens genossen und
geendet. Und wem sollte es hier nicht wohl seyn und werden im Anblick
des unvergänglichen Morgenrothes eines Tages der Ewigkeit; wem sollte
das alternde Herz nicht wieder jung werden und neu aufleben, wenn er im
Geiste das Kind anblickte das unter allen Menschenkindern dem Geiste
als das schönste und liebenswertheste erscheint.
Zuweilen geschieht es uns selbst im Traume, daß wir, auch wenn uns im
wachen Zustande die Gabe der Dichtkunst versagt ist, ein Lied singen
oder lesen, als sey es uns von einem fremden Meister gegeben; hier
bei der Krippe von Bethlehem wurde dem in Liebe bewegten Gemüthe in
noch viel andrem, höheren Maaße als dies im Traume geschieht ein neues
Lied gleich wie auf Zunge und Lippen gegeben; ein Lied das noch
lieblicher tönte und zugleich in lebenskräftigeren Worten sprach als
der Hymnos der Posaunen, auf Sinais Höhen, oder der Gesang der Klage
um Aaron und über Hiobs Jammer, auf dem Gipfel des Hor. Die Kräfte
dieses neuen Liedes sind vor Allem es gewesen, welche die Schritte von
Bethlehem nach Jerusalem wie zu einem Fluge machten. Es war schon nahe
an fünf Uhr des Nachmittags als wir vom Kloster der heiligen Grotte
schieden; der Prior entließ uns ungern, weil in Jerusalem, wohin man
zwei Stunden Weges rechnet, die Thore mit Sonnenuntergang verschlossen
werden und ein späterer Einlaß auch der Fußgänger, überaus schwierig,
ja fast unmöglich ist. Uns aber, die wir ja später noch einmal nach
Bethlehem zurückkehrten und dann länger da verweilten ließ das Sehnen
nach der »hochgebauten Stadt,« nach welcher der größere Theil unsrer
Reisegefährten schon voraus gezogen war, keine Ruhe mehr.
Nicht fern von der Stadt fanden wir unsern Arabischen Knecht, den die
sorgsame Hausfrau uns zum Führer und Begleiter zugesendet hatte. In
einiger Entfernung von uns, gegen Westen, zeigte sich, schon durch
die Beschreibung seiner Lage erkennbar, Rahels Grabmahl, welches bis
auf diesen Tag am Wege gen Ephrata-Bethlehem zu sehen ist. Ich hatte
noch niemals jene Worte des gesalbten Dichters, welche von einem
Fröhlichwerden der Gebeine reden (Ps. 51, V. 10) so an mir selber
erfahren und verstanden als heute; die Last der Ermüdung und des Alters
waren hinweggenommen; uns däuchte es wir seyen so eben aus Bethlehem
ausgegangen, da fanden wir uns schon auf der Anhöhe in der Mitte des
Weges, bei dem Eliaskloster und in der Nähe jenes Brunnens, bei
welchem den Weisen des Morgenlandes von neuem der Stern erschien, der
sie zur Stätte geleitete da Jacobs Stern, das Licht der Heiden aus dem
Schweigen der Nacht hervorgebrochen war.
Und siehe, da lag vor uns, vom hellen Glanze der Abendsonne beleuchtet,
Zions Burg mit ihren Zinnen, Morijas Tempel und Jerusalems Stadt. Als
hier auf diesen Höhen, der Vater der Gläubigen, Abraham, auf dem Wege
von Süden kommend sein Auge aufhub und Morijas Felsen von ferne sahe;
als er von hier an mit Isaak, dem Sohne der Verheißung allein gieng
und auf die Frage des Knaben, wo ist aber das Lamm zum Brandopfer?
antwortete: Gott wird Ihm ersehen ein Lamm zum Brandopfer[126], da
regte sich in ihm ein Geist der Voraussicht nicht nur des nahen sondern
eines fernkünftigen Tages jener Herrlichkeit des Herrn, welche die
auserwählte Stätte des Opfers erleuchten sollte. Als fast zweitausend
Jahre nachher, Der, welcher in einem höheren Sinne denn Isaak als Lamm
zum Brandopfer ersehen war, von jenen nachbarlichen, in Nordosten
gelegnen Höhen, die Stadt von ferne sahe, da überblickte er, mit
göttlich klarem Erkennen die ganze Hinausführung des Rathschlusses
einer ewigen Erbarmung, über das Geschlecht des Menschen, von Abrahams
schwerem Glaubensgange an, nach Morija, bis zu dem noch schwererem
der Leiden des Menschensohnes auf Golgatha, und seinem Triumph auf
des Oelbergs Höhe, ja bis zu dem letzten der Kämpfe und Siege. Der
Pilgrim, welcher abermals nach fast zwei Jahrtausenden, seit Golgathas
und des Oelberges großen Geschichten, Jerusalem von ferne erblickt,
siehet, gleich jenen Lichtern, welche in der Thräne eines Menschenauges
zittern, in nahem Beisammenseyn alles vergangene und künftige Bewegen
einer Welt des Göttlichen und Geistigen, die einst sichtbarlich dort
über den heiligen Bergen wohnte und waltete, und noch jetzt ihr
Aufsehen auf Zions Stätte gerichtet hat. »Ja, der Herr ist König
ewiglich, dein Gott o Zion für und für.«
Das Heer der Kreuzfahrer, welches Gottfried von Bouillon gen Jerusalem
zum Kampf und Siege führte, da es von der Höhe des nördlichen
Blachfeldes die heilige Stadt erblickte, hatte auf einmal aller bisher
erduldeten Mühen und Beschwerden vergessen; ein Gesang der Hymnen
ergriff, wie ein Sturmwind im Walde der Eichen, seine ganzen Schaaren,
das Auge, selbst der rohesten Krieger, füllte sich mit Thränen der
Freude; anbetend naheten sie sich dem hehren Ziele ihrer sorgenvollen
Fahrt. Wer möchte nicht gern, in der vollesten Kraft das mit und
nachempfinden was jene empfanden? Und doch wird wohl Jedem der nicht
allein unter den Fremdlingen zu Jerusalem ein Solcher ist, dessen
~Herz~ nicht vernahm was in seinen Mauern geschehen ist, nach
seinem Maaße von einem Schauer der Ehrfurcht ergriffen werden, wenn
sich die Königin der Städte, die noch jetzt, in ihrer Wittwentrauer,
ein hehrer Anblick ist, zuerst seinem Auge zeiget. Ich fühlte und
bemerkte nichts mehr als den Zug des Sehnens in meinem Innren und
das neue sichtbarliche Ziel nach welchem der Zug hingieng; ob ich,
im Anschauen verloren, still stünde oder mit so eiligen Schritten
fortgienge, das hätte ich nicht bemerkt, wären wir nicht auf einmal, in
unerwartet kurzer Zeit hinabgekommen zum untren Teich, im Thale Gihon,
welches weiter gen Süden in Ben Hinnoms Thale endigt. Da wir gegen das
Thor hinangiengen, gesellten sich zu uns die Schaaren der Pilgrime,
welche den schönen Frühlingsnachmittag außerhalb der Stadt, in den
grünenden Thälern und Auen zugebracht hatten; die weiß gekleideten
Frauen und Kinder, im Schutze der Väter und Brüder; mit ihnen zogen wir
ein in das Thor und die Gassen der Stadt. Jener fromme Israëlit eines
früheren Jahrhunderts, da er in das Gewand der tiefsten Trauer gehüllt
zu Jerusalems Thore eingieng, wandelte, gebeugt von Schmerz, singend
unter Thränen ein Lied des Jammers und der Klage über Zions Trümmer
hin. Dieser Schmerz über Jerusalems Fall und Zerstörung, so gerecht
er scheinen möge, ist nicht das einzige, nicht das vorherrschende
Gefühl das den Christen beim Anblick der tief erniedrigten Königsstadt
ergreift, denn dieser weiß es, daß, als Jerusalem, das irdische
zerbrochen ward, der Bau eines himmlischen schon begründet war, welcher
nicht zerbrochen werden kann, und dessen Thore niemals geschlossen sind
für den Pilger, der in sie einzugehen begehrt.
Wir giengen sogleich zur gewöhnlichen Herberge aller Fremdlinge die
aus den Abendländern kommen: zu dem Kloster St. Salvator. Ich hatte
durch die Vermittlung eines vielvermögenden Freundes einen sehr
gütig mich empfehlenden Brief an die Väter des heiligen Landes, vom
Cardinal Franzoni in Rom erhalten; aber auch ohne diese Empfehlung
würde uns im lateinischen Kloster die freundlichste Aufnahme geworden
seyn, denn es ist die Weise der in ihm wohnenden, guten Väter, alle
Pilgrime, die seinem Dache sich nahen, nach Kräften zu bewirthen und zu
verpflegen. Wir neuen Ankömmlinge wurden zuerst zu einem Besuch bei
dem damaligen Quardian des heiligen Grabes, dem venerandissimo Padre
Saverio da Malta ins Kloster eingeladen. Er und der Padre Secretario
empfiengen uns sehr freundlich; es wurde mir, nebst einigen meiner
Freunde eine Wohnung im Kloster angeboten, wir zogen es jedoch vor in
dem nachbarlich angränzenden Pilgerhauße mit der Gesellschaft unsrer
übrigen Reisegefährten beisammen zu bleiben.
Es war Abend geworden, als wir unter das Obdach eingingen, das nun auf
mehrere Wochen uns in der hochgebauten Stadt bewirthen sollte. Drei
Zimmer die zum Theil erst heute wieder leer geworden, unter ihnen ein
sehr großes, hatte man uns eingeräumt; es herrschte in dem abgelegenen
Hofe, nach welchem diese Zimmer die Aussicht hatten, eine Ruhe und
Stille, wie in den Vorhöfen eines Tempels; auch in uns war ein seliges,
stilles Erwarten, wie es die Seele am Vorabend eines hohen Festes
empfindet.
Die erste Woche in Jerusalem.
Der Morgen grauete kaum, da hatte ich schon den Weg zu dem platten
Dache gefunden, das über der Reihe unsrer Zimmer war. Der Mond, fast
im letzten Viertel, schien noch klar und hell am Himmel, über dem
Oelberg fuhren die ersten Strahlen des Tageslichtes auf. Es hat, wie
ich dieß schon bei andrer Gelegenheit erwähnte, immer zu einem meiner
Lieblingsvergnügungen auf Reisen gehört, in fremden Land und in fremder
Stadt den Morgen erwachen zu sehen. Er erwacht ja überall, wie aus
Gedanken des Traumes von dem was gestern und ehegestern war und trägt
das Gepräge der Gedanken, die in ihm sind, an seiner Stirne; wo aber
könnte der Morgentraum, der des Vergangenen gedenket, großartiger und
Theilnahme erregender seyn als in dem Gewölk des Sonnenaufganges das
über dem Oelberg, über Gethsemanes Thale, über Morija und Golgathas
Tempel schwebt.
Noch war mir das Ganze, das mein Auge von dem hochgelegnen Dach
überblickte, in vielen seiner Theile fremd und neu; doch wer könnte
dort in Osten den Oelberg, mit der Kirche der Auffahrt verkennen; wer
sollte nicht errathen, daß die Thalschlucht da in Südosten der Weg
des Kidron nach dem todten Meere sey, und daß einige der jenseits
herüberblickenden Höhen schon zu Pisgas Bergzug gehören. Die Höhen
gegen Süden hatten wir auf unsrer Reise vom Hebron hieher selbst
durchwandelt; in Norden schließt sich das hohe Blachfeld an, über
welches zur Linken der Weg nach Ramla und Joppen (Jaffa), zur Rechten
aber nach Nazareth und nach Damaskus führet. Aus den allmälig heller
werdenden Häußern der Stadt erhebt sich am östlichen Ende die Moschee
des Omar, an der Stätte, da einst Salomo's Tempel stund; näher
heran aber, mit ihren beiden Kuppeln, gegen Omars Moschee gar klein
erscheinend, die Kirche des heiligen Grabes. Neben den Gedanken der
Kämpfe, welche hier über diesen Hügeln gekämpft wurden, erwachten, mit
dem Morgenlicht des neuen Tages zugleich jene Gedanken des Friedens,
welche von Ewigkeit über Jerusalem gedacht waren und ohne Aufhören über
ihm bleiben werden[127].
Wer könnte aber, wenn in ihm Kraft zum Gehen ja nur zum Kriechen ist,
die Stadt der Städte so nahe zu seinen Füßen sehen, ohne sich von ihr
hinabgezogen zu fühlen zur unmittelbaren Betrachtung und Berührung. Wir
warteten keinen Führer aus dem Kloster ab, sondern machten uns allein
auf den Weg, begleitet von Herrn Mühlenhof, der schon mehrere Male in
Jerusalem war.
Jener Jäger, der den Lieblingsjünger des Herrn, Johannes den
Evangelisten besuchte, fand den heiligen Greis, den er sich nicht
anders als in beständigem Gebet oder lehrend und schreibend gedacht
hatte, kindlich spielend mit einem zahmen Adler, und würde an diesem
Anblick ein Aergerniß genommen haben, wenn der Jünger ihn nicht
liebreich belehrt hätte über die Nothwendigkeit des Wechsels zwischen
Ausruhen und Thätigseyn, welcher der Geist des Menschen unterliegt,
so lange er die irdische Hülle bewohnt. Wer möchte sich nicht gern
Jerusalem, die heilige Stadt, als eine solche denken, an deren Aeußerem
schon Züge jenes stillen Ernstes und jener Andacht sichtbar wären, von
denen der Pilgrim, der hinaustritt in ihre Gassen, sich durchdrungen
fühlt. Solchen Zügen begegnet man auch wirklich fast auf jedem
Schritte; man darf sich jedoch nicht ärgern an der bunten Decke der
Gegenwart, welche die ernsten Züge der großen Vergangenheit verhüllet.
Und doch wäre dieses mir und einem meiner jüngeren Freunde, der neben
mir gieng, fast geschehen. Das Alltagsgewühl der Gassen so wie der
von Käufern und Verkäufern erfüllten Bazars machte auf uns einen
ähnlichen Eindruck, als etwa auf Kinder, denen heute der Vater starb,
das alltägliche, scherzhafte Geschwätz eines von Gästen erfüllten
Nachbarhauses. Die Stadt war schon sehr gefüllt von den Schaaren der
orientalischen Christen, welche die ihnen noch bevorstehende Feier
der Passionswoche und des Osterfestes hieher gezogen hatte. Ihnen,
von denen Manche vielleicht erst gestern oder heute angekommen waren,
konnte man die Aeußerungen der Freude über das glückliche Erreichtseyn
des ersehnten Zieles nicht verargen, wenn auch diese Aeußerungen von
andrer Form waren als bei uns; eben so wenig den Käufern und Verkäufern
der vielerlei Waaren, die laute und geräuschvolle Art mit der sie ihr
Gewerbe trieben.
Da stunden wir denn auf dem Vorplatz vor der heiligen Grabeskirche.
Auch ihn fanden wir erfüllt, wie dies vormals die Hallen des Tempels
auf Morija waren, von den Schaaren der Käufer und Verkäufer jener
mannichfachen Erinnrungszeichen an Jerusalem, welche die Pilgrime
gewöhnlich von hier mit sich nehmen in die Heimath. Wir hatten gehofft
die Thüre der Kirche offen zu finden: unsre Erwartung sah sich
getäuscht. Noch immer sind die Schlüssel zu dieser dem Christenglauben
ehrwürdigsten Kirche in den Händen der Türken, welche selbst in der
österlichen Zeit nur zu gewissen Stunden ihre Thüren aufthun, oder,
gegen reichliche Belohnung, auch zu andrer Zeit den Fremden sie
öffnen. Wir hatten versäumt vom Kloster aus um das Aufthun der Kirche
nachsuchen zu lassen; Keiner von uns wußte wo die Thürhüter zu finden
seyen; so mußten wir uns begnügen das ehrwürdige Gebäude vorerst nur
noch von außen zu betrachten.
Während wir da, auf einem jenseits des Vorplatzes gelegnen Gemäuer
stunden und anschaueten, wendete sich das Gespräch zwischen mir und
dem Freunde, der dort mit mir war, auf die älteren so wie neueren
Bedenklichkeiten über die Oertlichkeit des heiligen Grabes. Auch hier,
in der Beschreibung meiner Reise scheint es mir nöthig, mich mit meinen
Lesern über die historische Bedeutung der heiligen Grabeskirche zu
verständigen.
Ein Umstand auf den sich der Zweifel hauptsächlich gründete, daß die
Stätte von Golgatha und dem heiligen Grabe da zu suchen seyen, wo
die Andacht der späteren Christen sie verehrte, war der, daß ja dann
beide innerhalb der Stadtmauern müßten gelegen seyn, was im offenbaren
Widerspruch mit der Schrift so wie mit den Einrichtungen und Sitten
der Jüdischen Hauptstadt stünde. Dieser Anstoß des Zweifels ist
durch die neueren Untersuchungen über die Lage und den Umkreis der
alten Stadtmauern zu Christi Zeit gehoben worden, denn aus ihnen hat
sich ergeben, daß die damalige Mauer von der Burg Davids nicht wie
die jetzige nach Westen sich verlängerte, sondern von der östlichen
Ecke der Burg sich zuerst gegen Nordosten wendete, dann nordwärts
und zuletzt in N. N. W. zu der Gegend des jetzigen Damaskusthores
verlief[128]. Bei dieser früheren Begränzung der Stadt lag jene ganze
westliche Ecke derselben, die jedem Auge als ein unsymmetrischer Ansatz
erscheint, an welcher anjetzt das Lateinische so wie der größere Theil
des Griechischen Klosters und die Kirche des heiligen Grabes stehen,
außerhalb der älteren Mauern, von denen sich noch unverkennbare
Ueberreste bei dem Gerichtsthor (+Porta judiciaria+) finden.
Allerdings wurde auch diese Gegend der jetzigen Stadt, an welcher
schon zu Christi Zeiten die vereinzelten, von Gärten umgebenen Häuser
der Neustadt (Bezetha) stunden, späterhin, unter der Regierung des
Kaiser Claudius durch Agrippas des Ersten Vorsorge von einer neuen (der
dritten) Mauer umfasset; diese Veränderung des alten Umrisses der Stadt
fällt jedoch erst nahe gegen zehn Jahre nach Christi Kreuzigung[129].
Außer diesen bloß negativen, die Zweifel abwehrenden Gründen
finden sich auch noch andre, positive für die Aechtsprechung der
Oertlichkeiten des heiligen Grabes und der Schädelstätte. Auch nach
der Zerstörung Jerusalems durch Titus hatte die Liebe, welche für
die Fußtapfen des Geliebten so aufmerksame, scharfe Augen besitzt,
Golgathas Stätte, mitten unter den Trümmern wiedererkannt und
aufgefunden; das gescheuchte Häuflein der Jünger, wie mit Flügeln der
Taube, »welche den Weg zur Heimath kennet,« besuchte vielfältig die
geheiligte Stätte, und feierte hier das Andenken des größesten der
Siege. Kaiser Hadrian der Hochgebildete (denn die hohe Bildung schützet
nicht vor dem Widerwillen gegen die Einfalt des Christenglaubens)
hatte, um den Wallfahrten der Nazarener nach Golgathas nun zur Aelia
Capitolina gehörigen Felsen ein Ende zu machen, sechs Jahrzehende
nach der Zerstörung Jerusalems an die Stelle, da Christus gekreuzigt
ward, einen Tempel der Venus erbauen lassen; über dem Felsen, in
welchem das heilige Grab gewesen, stund ein Bild des Jupiter[130]. Die
Unsauberkeiten des Venusdienstes hatten allerdings die armen Tauben
der Wüste, welche in der reinen Luft der Höhen wohnen, verscheucht;
dennoch hatte auch diesmal, wie dieß so oft geschieht, der Haß für die
Liebe den Weg bereitet. Da nach dem Verlauf von fast zwei Jahrhunderten
(im Jahre 326 n. Ch. Geb.) die Kaiserliche Pilgerin Helena, damals
in Jerusalem weilend[131], in Vollmacht und nach dem Wunsche ihres
Sohnes, des Kaiser Constantin jene heiligen Stätten wiederaufsuchte,
um sie zu Christentempeln zu weihen, da gaben gerade die Ueberreste
der heidnischen Götzentempel den Forschungen einen sichren Anhalt. Als
am Fuße des Felsens Golgatha unter dem hinweggeräumten Schutte die
Grotte des heiligen Grabes, so wie die Sage der früheren Menschenalter
sie beschrieben, wieder aufgefunden, als sie unter dem Triumphgesang
der Christen wieder gereinigt und zur Stätte der Andacht geweiht war,
da erhub sich die christliche Baukunst zu ihren ersten, jugendlich
schönen Werken. Das domartige Dach über dem Grabesfelsen wurde von
hohen Säulen getragen; das geheiligte Grab umgab ein Vorhof der mit
glänzendem Gestein gepflastert und an drei Seiten von Säulenhallen
umgeben war. Die Basilika, der Tempel darinnen die betende Gemeinde
sich versammlete, stund ostwärts von dem heiligen Grabe (da wo
Golgathas Stätte ist). Das Auge der damals lebenden Christen hatte noch
keinen solchen Tempel, seinem Herrn zu Ehren gesehen, darum wird uns
von den Zeitgenossen, mit überfließendem Lobe die Größe und Höhe, die
buntfarbige Mosaik der äußeren Mauern, das bleierne Dach, die marmorne
Auskleidung der innren Wände, das prachtvolle Schnitzwerk der Decke
und die reiche Vergoldung gerühmt, von welcher vor Allem das Inwendige
der Basilika strahlte. Der Eingang war im Osten. Ehe jedoch die Schaar
der zum Tempel Wallenden zu dem Halbkreis kam, den zwölf hohe Säulen
vor diesem bildeten, und zu den drei kunstreichen Thüren, die ins
Innre führten, führte ihn zuerst sein Weg durch prachtvolle Propyläen
und den großen, von Hallen umgränzten Vorhof. So hatte sich die Kunst
bemüht, auch den Eindruck der Andacht auf die äußern Sinnen mit jedem
Schritte zu steigern, der zum Ziele der Wallfahrt: dem jenseits der
Basilika gelegnen heiligen Grabe führte. Auch an der nördlichen wie
an der südlichen Seite der Basilika fand sich ein Anbau der reich
vergoldeten Hallen und über der Stätte der Kreutzesfindung erhub sich
eine besondre Kapelle. So stund der Bau bis Chosroes der Perserkönig,
durch den Neid der Juden hiezu bewogen, im Jahr 614 ihn verheerte und
seiner goldnen Zierrathen beraubte. Doch hatte schon im Jahr 628 Kaiser
Heraclius das Ganze wieder hergestellt, und Omar der Kalife, dem sich
im Jahr 639 die feste Stadt, nach zweijährigen tapfren Widerstand
ihres Patriarchen Sophronius ergab, bezeugte den heiligen Stätten
des Christenglaubens solche Ehrfurcht, daß er nur auf den Stufen des
Einganges der Kirchen knieend seine Andacht verrichtete, damit, seinem
Beispiele folgend, auch keiner seiner Krieger in die Tempel hineingehen
und die Andacht der Christen stören möchte. Dreihundert und siebenzig
Jahre lang freueten sich die Christen an dem ungestörten Besitz ihres
Tempels zu Jerusalem, bis Hakem, der Aegyptische Kalif im Jahr 1010 ihn
abermals verwüstete. Aber auch dieser Aegyptische Herrscher bereuete
später seine Härte gegen die Christen; er, so wie sein Sohn Daher
gaben Erlaubniß zum Wiederaufbau der zerstörten Kirche Jerusalems und
schon im Jahre 1048 unter dem Patriarchen Nicephorus erhub sie sich
wieder aus ihren Trümmern. Die noch immer vereinzelt stehenden Kapellen
des Grabes, der Kreutzigungsstätte und der Kreutzesauffindung brachten
um ein halbes Jahrhundert später die ersten christlichen Könige von
Jerusalem unter ein gemeinsames Dach und verbanden sie zu jenem
nicht ganz regelmäßigen Ganzen, das noch jetzt in seinem Hauptumriß
unverändert dastehet, obgleich der große Brand, der im Jahre 1807 die
Kuppel über dem heiligen Grabe zerstörte und der spätere Wiederaufbau
derselben im Einzelnen einige Veränderungen herbeigeführt hat. Man darf
sogar behaupten, daß die eigentliche, innre Kapelle des heiligen Grabes
noch in dem ursprünglichen Felsengestein sich finde, obgleich der
Fels, damit man ihn in die Kirche aufnehmen konnte, nach allen Seiten
so weit als nöthig behauen und abgetragen, so wie von außen und innen
mit Marmorplatten ausgelegt ist. Auch Golgathas Fels, mit der Stelle
der Kreutze, steht noch, wiewohl von Marmor überkleidet, im östlichen
Theile des großen Tempels.
So hat seit der Zerstörung Jerusalems ein Jahrhundert dem andren die
Anerkennung der Stätte, wenigstens des heiligen Grabes und Golgathas
aus Hand in Hand gegeben, und über jene christlichen Menschenalter
hinüber, welche nicht wie Pilgrime sondern nur wie eilig Fliehende an
der geheiligten Einöde der Trümmer vorüberzogen, und deren Aussage
mithin eine minder sichre gewesen wäre, hatte die Feindschaft der
Heiden, durch Hadrians Götzentempel, einen sichren Wegweiser bilden
müssen.
Die Stunden in Jerusalem vergehen schnell. Wir waren in unser
Pilgerhaus beim Lateinischen Kloster zurückgekehrt und hatten
da Einiges, das zum heutigen Tagwerk paßte, gelesen; ehe wir es
erwarteten, kam der freundliche Padre Secretario, um uns ins Innre der
heiligen Grabeskirche zu geleiten. Die Thüren waren jetzt geöffnet; mit
uns zugleich drängten sich die Pilgrime der verschiedensten Völker des
Morgenlandes, Kopten, Georgianer und Maroniten, Armenier und Griechen
hinein zu den Felsen, welche Zeugen einer ersten so wie einer zweiten,
höheren Schöpfung gewesen. Da ich aus diesen Schaaren die Aeußerungen
der Andacht, bei Vielen, auch den stärksten Männern des Gebirges von
Thränen begleitet, in den verschiedensten Sprachen vernahm, war es
mir als sähe ich, wenn auch nur im schwachen Vorbilde und noch mitten
im Elende der Gegenwart, die Herrlichkeit jener Zeit, da sie zu Zion
predigen werden den Namen des Herrn und Sein Lob zu Jerusalem; wenn
(hier) die Völker zusammenkommen, und die Königreiche, dem Herrn zu
dienen (Ps. 102 V. 22, 23). Ja, ich freue mich deß, das mir geredet
ist, daß wir werden ins Haus des Herrn gehen; und daß unsre Füße werden
stehen in deinen Thoren, Jerusalem (Ps. 122 V. 1, 2). Siehe diese meine
Freude ist heute erfüllt.
Vielleicht hat es Jeder von uns, der Leser wie der Schreiber, einmal
in seinem Leben erfahren, daß es Freuden wie Schmerzen im Leben giebt,
die, wenn sie da sind, unsre ganze Seele erfassen und so tief in
dieselbe hineinreden, daß alle Kräfte des innren Menschen zu einem
Aufmerken und Verstehen der Rede geworden scheinen, und daß dennoch,
wenn die Augenblicke des Zweigespräches vorüber sind, und die Seele
gefragt wird: was hast du vernommen? sie antworten muß: ich weiß
es nicht. Bei Einigen, denen dieß begegnet, wie vielleicht bei dem
Pilgrim, der dieses schreibt, mag der Grund des Gebundenseyns der
Sprache, über das was die Seele erfuhr, in der großen Verschiedenheit
des alltäglichen, kalten, todten Wesens von jenen Augenblicken liegen,
da auch die ärmste Seele besucht wird von dem Aufgang aus der Höhe; bei
Andren verbergen sich solche Begegnisse aus der oberen, seligen Welt,
tief ins Innre, damit der Rost und die Würmer des täglichen Treibens
der Welt sie nicht verderben, und sie behalten bleiben mögen in ihrer
ganzen Kraft für die selige Erinnerung der Ewigkeit. Ihr Augenblicke,
da ich zum ersten Male knieete und anbetete an der Stätte, da der Leib
Dessen, welcher aller Verleiblichung Anfang ist, auf kurze Stunden
ruhete; dann da, wo auf Golgathas Felsen das große Werk der Errettung
vollbracht ward, wie wenig würde von Dem, was ich in euch empfand,
für das Seyn das jenseits ist, zurückbleiben, wenn es hier nur die
eigne Kraft, die eigne, lautere, unverfälschte Stimmung gälte. Und
dennoch, der Fels, auf dem das Kreuz stund, so wie Jener in welchem Er,
welcher Macht hatte Sein Leben zu lassen und dasselbe wieder zu nehmen,
erwachte, ist fester und sichrer als die Welle des Blutes, die im
unstäten Herzen sich bewegt; ich lege die Hand jetzt auf diesen Felsen
und dann aufs Herz. Hätte ich den Felsen der Ueberzeugung nicht, daß
das, was das Evangelium sagt, ein wahrhaft Geschehenes ist, was sollte
der arme Schlag des sehnenden Herzens, mit seinen Odemzügen?
Indem wir da, tief ausruhend im Geiste, weilen, beginnen die Gesänge
des täglichen Umganges der Minoriten, durch die geheiligten Stätten
des weiten Tempelgebäudes; auch wir schließen uns den Pilgrimen aus
der Heimath des Abendlandes an und treten hinein in die Kapelle der
Lateiner, in und bei welcher der Zug sich versammlet. Das Lied der
anbetenden Dankbarkeit und Beugung hebt bei der Säule an, die einst in
Pilatus Hauße stehend, von der Andacht vieler Jahrhunderte als dieselbe
betrachtet wird, an welcher Christus, den Händen der Heiden übergeben,
gegeißelt ward:
Erwache Mensch, und nimm es dir zu Herzen,
Du darfst jetzt mit Ihm gehn den Weg der Schmerzen;
Mit Ihm, der deiner Seele Schuld getragen,
Als hier der Heiden Hände. Ihn geschlagen. --
Von der Stätte der Geißelung gehet der Zug der singenden Priester und
Pilgrime weiter, zuerst durch einen langen, am Umfang des eigentlichen
Kirchengebäudes gelegnen Gang zu der Stätte, welche seit anderthalb
Jahrtausenden von der Andacht der Christen als jene verehrt wird, an
der Christus der Herr gebunden stand, während die Heiden, in deren
Hände er übergeben worden, die Vorbereitung zu seiner Kreuzigung
trafen. Dann, mit Gesängen, in denen Töne der innigsten Klage mit
jenen des Triumphes des Christenglaubens sich vereinen, wird jene
zerbrochne Säule begrüßt, die vormals im Richthauße stund und bei der
man den Herrn mit Dornen krönte; hierauf die Stätte, an welcher die
Kriegsknechte seine Kleider theilten und über sein Gewand das Loos
warfen. »Ja,« (so singt das Lied) »Der, welcher die Sterne des Himmels,
mit Seinem Gewande, welches Licht ist, bekleidet; Er, der das Geflügel
unter dem Himmel wie die Blumen des Feldes mit dem Kleide des bunten
Gefieders und der Farben zieret, läßt sich hier von Menschenhänden
des von ihnen geliehenen Gewandes berauben, damit Er den Menschen das
Kleid eines ewigen Seyns verleihen könne.« Von hier begiebt sich die
Schaar der Anbetenden hinab in die Tiefe der Felsen zur Kapelle der
Kreuzesfindung; es legte wenigstens der Geist der Andacht von fünfzehn
vorübergegangenen Jahrhunderten in diese Stätte ein Andenken an jenen
Stamm, der aus tiefen Wurzeln der Liebe entsprungen hinanraget mit
seinem Gipfel, zu den Höhen des Aufganges eines ewigen Erbarmens. Das
herrliche, alte Lied: +vexilla regis prodeunt+, mit welchem die
Wonne des Glaubens, unter dem Panier ihres Königes hinansteiget auf
Golgathas Felsen, so wie das +pange lingua+, mit welchem sie das
Hinaufführen des Kampfes der Zeitlichkeit zum Siege der Ewigkeit,
beim Hinabsteigen zu der Steinplatte, auf der man den Leib des Herrn,
des Königes der Höhen wie der Tiefen salbete, besingt, sprachen noch
niemals mit solch rührender Gewalt zur Seele; noch nie ertönten die
Gesänge des Auferstehungsmorgens so erhebend als dort, am Felsen des
Grabes und an der Stätte da der Auferstandene der Maria Magdalena
erschien. Bei dem Singen der Litanei antwortet ein Chor wohllautender,
tiefer Männerstimmen, zugleich mit den Tönen der Orgel, dem Chor der
Sänger und Pilgrime, welche in der Capelle, an der Stätte versammlet
stehen, die der Glaube als jene verehrt an welcher Christus der unter
den Weibern Erkohrenen, seiner Mutter, als Sieger aus des Grabes Nacht
sich zeigte. Wie ein Frühlingsregen, der das dürstende Land netzt
und im Wald wie Feld Tausende der verschlossenen Knospen wie der
schweigenden Stimmen wecket, ergoß sich die Fülle dieser Töne über
Geist und Herz, und weckte hier Gedanken und Empfindungen, in denen
ein Saame des Werdens und Bleibens seyn möge.
Wir kommen in dieser Reisebeschreibung noch einmal zu der Betrachtung
der heiligen Grabeskirche und ihren mitten unter dem Geräusch des
menschlich Gebrechlichen, »herrlichen Gottesdiensten« zurück; heute
fand uns der Abend wieder im Hauße der Pilger. Wir saßen da schweigend,
und Einige von uns im Stillen über die Erfahrung verwundert, daß das
Herz, wie ein armer, lahmer Fußgänger, den ein reicher Reisender ein
Stück Weges mit auf seinen Wagen nahm und ihn schnell über die Auen
dahinführte, dann aber wieder aussteigen ließ, so bald wieder, statt
im Fluge zu eilen, an seinen alten Krücken dahin schlich. Führe Du
Reichester unter den Reichen den Lahmen nicht nur auf ein Stück Weges
über Deine Auen, sondern gieb ihm, Du, Israëls Arzt, die Kraft des
Laufens, wenn Du ihn ziehest.
Der dreißigste März, es war ein Donnerstag, sollte uns, im
unmittelbarem Geleite des an Erkenntniß wie an Liebe reich begabten
Padre Secretario mit den andren heiligen Stätten bekannt machen, welche
in und um die Stadt, seit anderthalb Jahrtausenden Denksteine und
Gefäße waren, auf die der kindliche Glaube der Christen seine magischen
Kräfte übertrug. -- Es liegt eine ganz eigene, geistig erweckende Kraft
in der Reihenfolge der einzelnen christlichen Feste des Kirchenjahres;
der Palmsonntag lässet in der Seele das Hosianna des Einzuges in
Jerusalem erwachen; der grüne Donnerstag führt sie zur stillen,
hochgesegneten Einkehr beim Tische des Herrn; der Charfreitag wie der
Charsamstag ziehen den Blick des Geistes jetzt hinan zum Kreuze und
senken ihn dann hinab zur Stille des geheiligten Grabes, bis das innre
Ohr am Osterabend und Morgen den Posaunenton des Triumphgesanges der
Auferstehung vernimmt. Es begleitet hierauf die feiernde Betrachtung
Maria, die Magdalenerin, zu den Entzückungen des ersten Anblickes
des Erstandenen und freuet sich am Abend des Ostertages, so wie acht
Tage hernach und am See von Tiberias wie auf dem Berge in Galiläa der
Freude des Wiedersehens, mit den verwaisten Jüngern. Sie folget am
Himmelfahrtstage dem Herrn auf den Gipfel des Oelberges und siehet Ihm
freudig nach auf der Heimkehr zur Herrlichkeit des Vaters, aus welcher
Er gekommen; vernimmt die Verheißung der Engel, daß Er, welcher thronet
zur Rechten Gottes, so, wie wir Ihn sahen auffahren, einst wiederkehren
werde; empfängt am heiligen Pfingstfeste mit den Aposteln zugleich
einen Vorschmack jener Seligkeiten, da nicht mehr der Geist des
Menschen, sondern ein neuer Geist aus Gott den Tempel der Seele wie des
Leibes erfüllet mit seinen Himmelskräften. Oder auch zu andren Zeiten
führet die Erinnerung, welche die einzelnen Festtage mit sich bringen,
das theilnehmende Herz mit sich hinaus vor die Thore Jerusalems, zu
der Stätte, da der erste der Blutzeugen des neuen Bundes, Stephanus
gesteinigt ward, und betend für seine Feinde entschlief; zu der Quelle
Siloahs, da der Blinde mit dem leiblichen Licht zugleich Ihn, des
Lichtes geistigen Quell erkennen lernte; nach Bethanien, zu dem Hauße
da Maria wohnte und Martha, zu dem Grabe da Lazarus schlief. Wieder an
andern Gedenktagen des Jahres nahet sich die Betrachtung der großen
Geschichten, die in Jerusalem geschahen jener Stätte, da Jacobus
enthauptet ward; dem Kerker aus welchem die Hand des Engels Petrum
hinausführte, oder dem Hauße, in welchem Maria Magdalena die Füße des
Herrn mit ihren Thränen benetzte. Aber alle diese hehren Stimmen der
Erinnerungen, mit denen die einzelnen christlichen Jahresfeste zum
Herzen sprechen, sind in und nahe bei Jerusalem zu einem Gesammtchore
vereint, das wie ein voller, kräftiger Strom die Seele bewegt. Wenn das
innre Auge das große Farbenbild der sonst zerstreuten, hier wie zu der
Fensterrose eines Tempelthores vereinten Strahlen, in ganzer Stärke zu
erfassen vermöchte, dann könnte ihm der Eindruck den Jerusalem macht
der Vorschmack eines Momentes der Ewigkeit seyn, dessen Wesen von
keinem Wechsel der Jahre und der Tage berührt wird, weil in ihm die
~eine~, ungetheilte Kraft jenes Sieges sich kund giebt, welcher in
vielfachen Thaten und Kämpfen der Zeit errungen ward.
Das was unser Führer heute zuerst uns zeigte ist für eine lange Reihe
der christlichen Jahrhunderte ein Gegenstand der andächtigsten,
innigsten Beachtung gewesen; es war der sogenannte Schmerzensweg, die
+via dolorosa+. An wie viel tausend Wohnstätten der Christen, in allen
Ländern der Erde, finden sich Nachbildungen dieses Schmerzensweges der
heiligen Stadt, mit allen seinen einzelnen Stationen; Nachbildungen
in denen selbst alle Raumverhältnisse genau nach Schritten abgemessen
und in Uebereinstimmung mit dem Urbild gebracht sind. Der kindliche
Glaube beschauet in dem Wege, welcher von Gethsemane herauf durch
das Thor der Ostseite, vorüber an den Resten der Antoniaburg und an
Pilatus Richthaus, zuerst hinabwärts, dann ungleich steiler aufwärts
nach Golgatha hingehet, die Bahn der Erniedrigungen und Leiden, welche
einst der Sieger betrat über den Tod und seine Schrecken. Allerdings
vermag die Seele auch mit dem innren Auge, ohne des leiblichen Sehens
zu bedürfen den Helden auf der Bahn seiner Kämpfe zu begleiten. Aber,
wer sollte es nicht schon, auf einem Schlachtfelde stehend, wo vor
vielen Menschenaltern das Volk seines Landes einen großen Sieg errang,
erfahren haben, daß bei der sinnlichen Betrachtung einer solchen
Denkstätte die Erinnerung an Das was hier geschehen zu einer ganz
andren, lebendigeren, kräftigeren wurde als sie in der Ferne, beim
bloßen Vernehmen der Geschichte jener Schlacht gewesen war? Mag es seyn
daß uns die hier eingeborne kindliche Andacht, wenn sie die einzelnen
Züge des großen Bildes beschreibt, zuweilen auf ähnliche Weise
erscheint wie ein Landmann, dessen Hütte in der Nähe des Schlachtfeldes
stehet, wenn derselbe nicht mit den Worten eines sachkundigen Kriegers,
noch weniger mit der Sicherheit eines Augenzeugen uns erzählt was
da und dort auf der seitdem viel veränderten Stätte geschehen sey;
immerhin wird uns die Erzählung zur innigsten Theilnahme bewegen,
denn sie ist doch ein Nachhall Dessen, was die Urväter hier wirklich
sahen und erlebten. Es ist nun, seit Constantins und Helenas Zeiten
das sechzehnte Jahrhundert, das an den Denksteinen dieser großen
Erinnerungen sich erbaut und geistig erquickt.
Wenn man vom Lateinischen Kloster aus hinabgehet, berührt man zuerst
jenes Ende des Schmerzensweges, welches, ehe hier der alte Weg mit
Häußern verbaut wurde, hinab führte nach dem Calvarienberge. Da wo zur
Linken des Weges der Thurm des Gerichtsthores stehet, war die alte
Stadtmauer; hier trat der Herr hinaus ins Freie um die Schmach des
Kreuzestodes zu tragen[132]. Unten im Thale, an dem tiefsten Punkte
der Stadt, wo nun das mühsame Aufwärtssteigen begann, ward Simon
von Cyrene gewürdigt dem Herrn das Kreuz zu tragen, weiterhin zeigt
die fromme Sage die Stelle da die erkohrene der Frauen den Mann der
Schmerzen sahe, den sie, verkündigt von den Engeln gebahr, und wo sie
nach Simeons Worten das Schwert fühlte durch ihre Seele dringen. Dort
wo sich der jenseitige Hügel etwas steiler zum Thal herunter senkt
erlag Christus zum ersten Male unter der Last des Kreuzes, etwas weiter
hinan, vor dem Hauße des Stadtcommandanten, das an der vermuthlichen
Stätte von Pilatus Pallast stehet, war jener Bogen auf dem der Herr
stund da Pilatus mit den Worten: sehet welch ein Mensch, dem Volk ihn
zeigte; auf der linken Seite der jetzigen Straße, dem Pilatushaus
gegenüber finden sich die Trümmer eines Kirchleins, in welcher die
Andacht der früheren christlichen Jahrhunderte die Stelle verehrte, da
Christus von den Kriegsknechten verhöhnt und mit Dornen gekrönt wurde.
Weiterhin, bei dem Hauße das anjetzt zu einer Kaserne des Aegyptischen
Militärs dienet, zeigt man die heilige Treppe auf der Christus
hinanstieg nach des Pilatus Haus.
In der Nähe des Thores der Ostseite, das gegen Gethsemane hinabführt,
und welches an die Stelle des Schafthores getreten ist, mischen sich
die Erinnerungen auch an andre Thaten des Herrn mit denen an seinen
letzten Kampf. Noch ehe man zum Thore kommt sieht man zur Linken
die Ruinen jenes Haußes, welches das der heiligen Anna, der Mutter
Marias, genannt war; weiterhin, zur Rechten, gleich innerhalb des
Thores, den Teich Bethesda, mit drei noch jetzt wohlerhaltnen Hallen.
Den ehemaligen Grund dieses festgemauerten Wasserbehältnisses füllt
besonders gegen Nord und Osten hin ein Hügel von Schutt aus, auf
welchem ein dichtes Gebüsch von wilden Granatbäumen grünet. An dem
östlichen Rande des Bethesdateiches hin würde der gerade Weg gen Süden
an einen der Eingänge zum Vorplatz der großen Moschee führen. Wir
sahen Türkische Frauen die Stufen hinansteigen um gegen den Tempel
hinzugehen, uns andren jedoch, als Christen war selbst der Zutritt zum
Vorplatz nur ungern verstattet. Auch zog es uns, so hehr immer die
Erinnerungen sind die sich an den Berg des Tempels anknüpfen, jetzt
mehr nach einer andern Stätte hin als nach Morija.
Wir traten zum Thor hinaus, welches von den jetzigen christlichen
Bewohnern Jerusalems das St. Stephansthor genannt wird, weil die
Andacht der späteren Jahrhunderte hier an die Stätte erinnert, an
welcher der erste der Blutzeugen, Stephanus, gesteinigt wurde,
während in den Zeiten der Kreuzzüge[133] allgemein eine Gegend bei
dem nördlichen (Herodes-) Thore für den Ort der Steinigung galt. Eine
Schaar der griechischen Pilgrime kam uns den Berg herauf entgegen;
andre zogen hinab nach dem Grabe der Maria; unter uns im Thale lag
Gethsemanes Garten, vor uns der grünende Oelberg mit seinen drei
Gipfeln. Eine steinerne Brücke führt über den jetzt ganz wasserlosen
Kidron; die uralten Oelbäume zur Rechten, die Eintiefung des Thales
zur Linken, auf welche der überhangende Fels seinen dichten Schatten
wirft, müßten die Seele auch des unkundigen Wandrers mit Gedanken und
Ahndungen des tiefen Ernstes erfüllen. Ein durch den Felsen gehauener,
durch eine Thür verschließbarer Gang führte uns hinein in das nur
dämmernd beleuchtete Geheimniß der Felsen, bei deren Geschichte selbst
das tiefsinnigste Erkennen des Menschengeistes, ja der Verstand der
Engel anbetend staunt. Hier hat sich Der, welcher des Lebens Anfang
und Vollendung ist, Er der in Bethlehems Grotte mit dem Geschlecht des
Menschen, zu dem Er als Bruder und Helfer sich gesellte, die Schwäche
der Kindheit, dann alle Noth und Gebrechlichkeit des vergänglichen
Lebens trug, hinabgebeugt bis zu der Angst und den Schrecken des Todes;
hier war es wo der Herr, blutigen Schweiß schwitzend, die Last des
Fluches empfand, welcher auf der alten Schuld des Menschen liegt[134].
Wenn an dieser Stätte des Schauders der Glaube des Christen sich beugt
und hinabschaut in den finstern Abgrund, in welchen damals der Sieger
über des Todes Gewalt und Schrecken sich versenkte, da wird ihm dennoch
die Beugung der Trauer bald zu einer Erhebung der Freude; der Abgrund,
in welchem die Furcht und Bangen wohnten ist leer; statt jener Feinde
stehet ein freundlicher Engel da, welcher der Seele zurufet: Weine
nicht; siehe es hat überwunden der Löwe aus dem Stamme Juda; die Wurzel
Davids.« Ja, »Tod wo ist dein Stachel, Hölle wo ist dein Sieg?«
Nahe bei Gethsemanes heiligem Felsendunkel ist der Oelgarten, in
welchem die Jünger, die der Herr zu Zeugen seines Todeskampfes gewählt
hatte, verweilten und schliefen, während Er, der Held die Kelter allein
trat[135] und mitten unter den Schmerzen der Wunden und der Last der
Arbeiten wachte[136]. Einige uralte Stämme von Oelbäumen, deren selbst
die Türken mit frommer Scheu verschonen und die sie auch von Andern
nicht verletzen lassen, stehen hier, welche ihrem Aussehen nach, bei
dem hohen Alter das dieser Baum erreicht, wohl zu einem Geschlecht der
Mitlebenden vieler, längst vergangener Jahrhunderte gehören können.
Ihr Innres ist ganz hohl; damit der Wind sie nicht umbrechen möge, hat
man dasselbe hoch hinan mit Steinen angefüllt und auch äußerlich, zum
Schutz und zur Befestigung, Haufen von Steinen herumgelegt. -- Jene
Stelle in Gethsemane Garten da Christus von Judas verrathen ward, haben
die Türken als eine verfluchte mit Steinhaufen umgeben.
Hinan zum mittleren Gipfel des Oelberges, auf welchem die
Himmelfahrtskirche stehet, war es als würde der Leib durch Kräfte
eines neuen, innren Lebens getragen. Ja, wer sollte hier nicht sehr
freudig seyn, wenn er unter den blühenden Bäumen des Frühlinges, die
mit den grünenden Feldern des Getraides zugleich ihren Duft geben,
hinan steiget nach jener Höhe, da die Erde mit dem Herrlichsten das
sie in ihrer Leiblichkeit getragen, dem Himmel entgegenkam; dieser
aber, der Himmel, mit all seinen Kräften der Ewigkeit, zur Erde sich
niedersenkte. Gewiß, hier ist noch in höherem Sinne denn zu Bethel, die
Stätte heilig und eine Pforte des Himmels[137]. Und dennoch fürchten
wir uns nicht.
Jener nördlichere Gipfel des Oelberges erscheint als der höchste unter
den dreien, auf welchem die Denksäule an den Ort erinnern soll, da die
Engel stunden, welche, als der Herr gen Himmel gefahren war, zu den
Jüngern sprachen: Ihr Männer aus Galiläa, was stehet ihr und sehet gen
Himmel? Dieser Jesus, welcher von euch ist aufgenommen in den Himmel,
wird kommen wie ihr ihn gesehen habt gen Himmel fahren[138]. Als den
Punkt auf welchem der Herr stund als er aufgenommen ward, bezeichnet
die christliche Ueberlieferung schon der ersten Jahrhunderte jene
Stelle der mittleren Kuppe, an welcher der nächste Weg von Jerusalem
gen Bethanien vorüberführt, und auf welcher die Auffahrtskirche stehet.
Diese Stelle ist von der nördlichen bei der die Engel stunden einige
hundert Schritte weit entfernt; ein Eindruck im Felsenstein der mit
der Gestalt eines Menschenfußes verglichen wird, ist noch jetzt hier
Gegenstand der Verehrung der Pilgrime. Der dritte südlichste Theil
heißt Berg des Aergernisses, weil hier Salomon im hohen Alter seinen
fremden Frauen den Dienst des Moloch gestattete.
Die Auffahrtskapelle, schon von der Kaiserin Helena begründet,
gehört jetzt den Armeniern, die uns freundlich und gern den Eintritt
gestatteten. Auch der Islamismus, der wie die flüchtige, scheue,
Schwalbe, so unzähmbar er auch ist, dennoch gern sein Nest unter
und bei den Hallen der christlichen Andacht erbauet, hat nahe bei
der Auffahrtskirche eine Moschee angelegt, und wahrlich, hier wie
einst auf dem Thabor möchte die Seele des Pilgrims sagen: »da ist
gut seyn; laß uns Hütten bauen.« Was in Mamres Haine verheißen, auf
Morija vorgebildet, auf dem Thabor vorausgeschaut, aus Golgatha
durchgekämpft wurde dem ist hier, auf des Oelbergs Höhe das Siegel
der Verherrlichung ausgeprägt und die Palme des Sieges gereicht
worden. Und welche andre Aussicht auf Erden ist wohl der vom Gipfel
des Oelberges zu vergleichen, die wir nicht bloß heute, sondern auch
später noch öfters genossen. Unter sich in Westen sieht man die
Stadt, welche einst genannt war eine Wohnstätte des Herrn und Seiner
Herrlichkeit; die Mauer um den Tempel auf Morija hemmet, von diesem
höheren Standpunkte aus[139], den Ueberblick nicht, man sieht mit ihren
Säulenhallen die wahrhaft schöne Moschee des Omar und die vormalige
Kirche von Mariä Opferung, sammt dem ganzen sie umringenden Vorplatz;
das Fernrohr, dessen man sich in unsern Tagen ungestraft bedienen darf,
macht jeden der kunstreichen, metallisch glänzenden Ziegel der Kuppel
deutlich. Aber auch die Höhen und Tiefen der weiten Umgegend sind ein
bedeutungsvoller, herrlicher Rahmen zu dem Bild von Jerusalem. Gegen
Osten hin senkt sich der Blick von einer Tiefe zur andern, bis zu dem
Kessel des todten Meeres hinab und jenseit des Wasserspiegels, dessen
nördliches Ende man sieht, erhebt sich der Bergzug des Nebo und Pisga,
von dessen Gipfel der Mann, der in seinem ganzen Hauße treu erfunden
ward das Land der Verheißung überblickte, das sein Fuß nicht betreten
durfte. Das Thal des Jordans (das Ghor) kommt im Norden des Salzmeeres
aus dem Verdeck der diesseitigen Höhen hervor; es ist als ob man aus
der leichteren Luft des Oelberges nach jenem Thalkessel hin in eine
ungleich dichtere atmosphärische Schicht blickte, die dem Flußthale
wie dem todten Meere eine ganz besondre Färbung ertheilt[140]. Auch
das Kidronthal kann man als tiefe Spalte verfolgen bis an jenes Meer
der Senkungen. Wendet man sich von Ost nach Norden da zeigen sich dem
Auge die Höhen des Gebirges Ephraim; unter ihnen, besonders deutlich,
der Ebal und Garizim bei Sichem und manche andre Gegenden, die wir auf
unsrer nachmaligen Reise berührten. Denn wie oft habe ich es beklagt,
daß ich nicht später, da ich des Landes etwas besser kundig war noch
einmal zum Oelberg zurückkehrte, um das Panorama seiner Aussicht besser
deuten zu können; wie sehr beklagt es noch jetzt mein Reisegefährte,
der Maler Bernatz, daß er es versäumt hat dieses Panorama zu zeichnen;
eine Arbeit die sich jeder geschickte Zeichner der an diese Stelle
kommt zu einer Hauptaufgabe machen sollte, da sie für die bessre
Kenntniß des Landes von großer Wichtigkeit seyn könnte.
Während meine Begleiter noch bei der Auffahrtskapelle und bei dem
neuen Bau der Armenier verweilten, war ich ein wenig am östlichen
Abhange des Berges hinunter gegangen bis dahin, wo man jenseit des
schmalen Höhensattels der zwischen den beiden Thalschluchten verläuft,
nach Bethanien hinabschauen kann. Der kurze Weg hatte über die Stätte
von Bethphage am Oelberg geführt, wo die Zurüstungen zum Einzuge des
Sanftmüthigsten und Demüthigsten der Herrscher begannen. Auch in meiner
Seele ertönte das Hosianna der Jünger; ich genoß da eine Nachfeier des
Palmensonntags, die zwar der Zeit nach verspätet, ihrer Kraft nach aber
durch keinen Unterschied der Tage geschwächt war.
Von dem mittleren Gipfel des Oelberges, an welchem der eine, nähere
Weg von Jerusalem nach Bethanien vorüberführt, giengen wir, auf eben
diesem Wege hinab nach dem Kidron. Seitwärts, am Rande eines Feldes
voll junger, grünender Saat, zeigte uns unser Führer eine Eintiefung
im Felsen »in welcher die Apostel das Glaubensbekenntniß verfaßten;«
in der Mitte eines andren, von jungen Oelbäumen und Granatengebüsch
umgebenen Feldes die Stätte »da der Herr den Jüngern Sein Gebet
lehrte;« noch weiter abwärts am Berge stehet zur Rechten des Weges ein
in Trümmer verfallenes Kirchlein, das die Kaiserin Helena an jenem
Punkte begründete, »wo Christus beim Anblick jener Stadt weinete,«
welche auf die Lockstimme der mütterlich erbarmenden Liebe nicht hören
noch achten wollte.
Wir waren jetzt hinabgekommen zu dem Thale Josaphat, durch welches
das Bette des Kidron seinen Verlauf nimmt; zu jenen Grabmählern,
welche gleich denen in Petra fast ganz aus der Masse des nachbarlichen
Felsens ausgehauen sind. Dieses Thal der Gräber und der Schatten,
dem sich während der Frühstunden hinter dem Oelberg, während der
Nachmittagsstunden hinter dem Morija die Sonne verbirgt, hat auf mich
unter allen Punkten der nächsten Umgegend der Stadt den ernstesten
Eindruck gemacht; daselbst weilte ich später oft und lange, wenn die
Sonne über die Höhen in Westen hinüber war, und fühlte mich jedesmal
in meinem Innersten von »Gedanken an das Ende« durchdrungen. Hier sind
seit Jahrhunderten die meisten Grabstätten der Israëlitischen Bewohner
von Jerusalem; ihnen gegenüber unmittelbar an der Stadtmauer hin,
welche die Ostseite des Morija umgiebt, Grabstätten der Türken. Von
den Denkmälern aus Felsen, welche uns auch durch ihre Form an mehrere
von jenen erinnerten, die wir in Petra sahen, wird das eine das in
thürmchenartiger, runder Spitze endigt, gewöhnlich für Absaloms, ein
andres dessen gemauerter Obertheil von vierseitig pyramidalem Umriß
ist für Josaphats Grab, ein drittes für das des Zacharias gehalten und
in der Nähe von diesem wird eine Grotte gezeigt, in welcher Jacobus
und mit ihm noch etliche Jünger bei der Gefangennehmung des Herrn
sich verbargen. Bei dem gewöhnlich sogenannten Grabmale des Absalom
sieht man ganze Haufen von Steinen, welche die Türken dahin warfen
mit Aussprechen eines Fluchs gegen Absalom und gegen Jeden der seinen
Eltern ungehorsam ist[141].
Auf diese westlichen Abhänge des Oelberges und auf Josaphats Thal
lässet die Weissagung der Propheten ein Licht fallen, das seit langer
Zeit die Aufmerksamkeit des in alle Länder zerstreuten Volkes, mitten
im nächtlichen Dunkel seines Weges auf sich lenkte, und Tausende der
gläubigen Israëliten noch in ihren alten Tagen nach Jerusalem zog,
damit ihre Gebeine dort im heiligen Thale zu den Gebeinen der Väter
gesammlet würden. So verkündet einer der Propheten, der den Zeiten
der ersten Erfüllung, da der Heiden Trost kam, schon nahe stund, daß
der Herr, wenn er kommen wird mit allen Heiligen ein Richter und
Helfer, stehen werde auf dem Oelberg[142] und ein heiliger Seher des
früheren Jahrhunderts weissaget von einem Tage der großen Entscheidung
im Thale Josaphat[143]. Und so glaubt das merkwürdige Volk dem die
Weissagung zunächst galt, daß der Schauplatz des großen Gerichts der
Völker und Menschen hier im Osten des Morija im Thale des Kidron seyn
werde. Aber nicht allein die Israëliten, sondern auch die Mohamedaner
und selbst ein großer Theil der Orientalischen Christen hegen von
dieser Stätte eine gleiche Erwartung. Die Bekenner des Islam verehren
dort, auf Morijas Höhe, bei der Moschee Aksa, welche südwärts von
der des Omar liegt einen Stein, auf dem der Prophet sitzen werde an
jenem großen Tage, wenn er mit Jesus dem Propheten zugleich die Völker
richtet. Es zeigt sich in Ismaëls Volk bei jeder Gelegenheit eine
Beachtung des prophetischen Wortes, das den Kindern Abrahams nach dem
Fleisch, wie jenen nach dem Geiste gegeben war, zugleich aber ein
Bestreben das lebendige Wasser das aus dem Quell hervorkommt nach
ihrer Cisterne zu leiten und dann zu behaupten hier, nicht am Quell,
der ohne Aufhören fließet, sey der Ursprung des klaren Bornes. Endlich
so erinnern viele Christen des Orients, wenn sie das Thal Josaphat so
hoch beachten, außer den Stellen des Propheten an die Worte der Engel
bei der Auffahrt des Herrn[144], indem sie zu dem ~Wie~ sich ein
~Wo~ hinzudenken. Und lassen wir immer das Sehnen des kindlichen
Glaubens, der den Gedanken des Wiedersehens zuversichtlich festhält,
hinausschauen auf den Weg da die Mutter ihm entschwand; hoffend daß auf
demselben Wege sie auch einmal zurückkehren werde.
Ganz nahe bei Absaloms und Josaphats Grabmale führt eine steinerne
Brücke über das hier tief in den Felsen gegrabene Bette des Kidron. Von
ihr sollte Christus durch seine Dränger -- die Kriegsknechte und Juden,
in der Nacht seiner Gefangennehmung hinabgestoßen worden seyn. Von hier
führt der steinige Weg sehr steil hinan nach der südöstlichen Ecke der
Stadt, dann minder beschwerlich und zum Theil eben, an der Südseite der
Mauer herum nach dem Zionsthor, zur vermutheten Stätte von dem Haus
des Hohenpriester Hannas. Wir behielten für den heutigen Vormittag
die Richtung nach Westen bei und vorläufig zeigte unser Führer uns
in der Ferne, am jenseitigen Abhange des Gihonthales die Grabstätte
der Pilger, welche für den Töpferacker oder Blutacker der heiligen
Schrift gehalten wird[145], so wie nahe am Zionsthor, zu unsrer Linken,
auf der Höhe des Zionsberges, welche jetzt außerhalb der Stadtmauern
liegt, die Stätte da Kaiphas Palast, und jenseits derselben jene wo
das Haus stund, in welcher Christus der Herr das letzte Osterlamm mit
seinen Jüngern genoß und das Abendmahl einsetzte. Wir hatten jetzt
die südwestliche Ecke der Stadt erreicht, von wo der Weg bergab gehet
bis er sich zuletzt wieder nach dem Bethlehemsthore hinanziehet. Es
war eben Mittag als wir in unser stilles Pilgerhaus zurückkamen; mit
solchem Gefühle als den Gast und Fremdling in einer Stadt anwandelt,
in welcher theure, vorhin noch nicht gesehene Freunde wohnen, wenn er
nun endlich die geistig längst Gekannten, leiblich aber Unbekannten mit
eignen Augen gesehen und mit der eignen Hand begrüßt hat.
In einer der früheren Nachmittagsstunden machte ich einen Besuch
im griechischen Kloster, in welches ich durch Empfehlungen des
griechischen Patriarchen in Kairo eingeführt war. Auch hier fand
ich die freundlichste Aufnahme und genoß von dem platten Dache der
griechischen Kirche, welche mit der des heiligen Grabes (wie ich dieß
später beschreiben werde) vereint ist, eine herrliche Aussicht über die
Stadt und ihre Umgegend. Es war noch zeitig am Tage; es zog mich hin
nach der Ostseite der Stadt, zu dem kleinen, meist aus Schutthaufen
gebildeten Hügel, der jenseits der Stätte von Pilatus Palast neben
dem sogenannten Hauße der heiligen Anna, in der Nähe der Stadtmauer
beim Stephansthore sich findet. Diesen hatte ich mir heute als einen
Punkt der nächsten, deutlichsten Aussicht nach der Höhe des Morija und
zugleich nach dem Oelberg bemerkt. Hier konnte ich die Sonne ruhig
untergehen und den Abend dämmern sehen, ohne fürchten zu müssen, daß
man mich beim Schließen der Thore aus der Stadt aussperre. Denn dieser
Ort, den ich von nun an öfter am Abend besuchte, und auf welchem ich
gewöhnlich auch bei der Heimkehr aus dem Thale Josaphat und vom Oelberg
noch einige Augenblicke verweilte, gewährt, obgleich er innerhalb
des Thores liegt, durch seine Höhe und Stellung an der Mauer alle
die Vortheile der Aussicht, welche ein außerhalb der Stadt gelegener
Punkt darbieten kann. Zugleich ist es hier so still und einsam, daß
die Betrachtung durch Nichts gestört wird; denn nur selten ließ am
Saume des Schutthügels ein alter Türke mit seiner Ziege sich sehen,
welcher mitten unter den Trümmern ein armseliges Hüttlein bewohnt.
Eine einsame, schlanke Palme beschattet an der Südseite des Hügels die
alte Stadtmauer; das genügsame Gewächs der amerikanischen Felsenwüsten,
so wie unsrer südeuropäischen Lavafelder: die Opuntienfeige mit ihren
stachlichen, dickfleischigen Blätterstämmen hat hin und wieder über
den Schutt und Staub sich ausgebreitet. Nur einige Schritte gegen
Nordwest senkt sich der Hügel gegen das nun auch in Trümmer liegende
Gebäude hinab das zuletzt noch Moschee, in früheren Jahrhunderten
aber eine Kirche war, welche die christliche Andacht über der Stätte
errichtete, wo nach der Sage die Eltern der erwählten Jungfrau ein
Haus bewohnten[146]. Vor zwanzig Jahren fand Otto von Richter in der
anfänglichen Kirche und nachmaligen Moschee einen Pferdestall; als wir
es sahen war das alte Gemäuer von allem Leben verlassen, ein Ort der
Todtenstille. Unten am Boden führen Stufen nach einer Grotte hinab, die
vormals auch den Uebungen der Andacht geweiht war. Denn wie die Feier
der alten Mysterien, welche meist, mit mehr oder mindrer Deutlichkeit
auf die Zukunft Dessen hinwiesen, der den ersten Vätern verheißen
war, so hatte auch die Gottesverehrung der frühesten, christlichen
Jahrhunderte, vorzüglich die abgelegene Tiefe und Stille der Grotten
zu ihrer Bergungsstätte gewählt.
Dort bei dem verfallenden Gemäuer, auf dem Grabhügel des Getrümmers,
in welchem der älteste Schutt der Zerstörung unter dem einer späteren,
dieser unter dem einer noch jüngeren begraben liegt, stund ich und
überblickte die Stadt, welche mehr als jede andre der Erde ein
großer Gottesacker, eine Stadt der Gräber genannt werden kann, unter
denen ~eines~ ist das auch die andern alle vermag zu Kammern
den Friedens zu machen. Wie viel des Staubes auf den hier mein Fuß
tritt ist wohl gewöhnlicher Staub, wie viel davon ist Asche des
Menschengebeines! Als dort auf Morijas Höhe der Vater der Gläubigen,
im festen Vertrauen, daß Der, welcher die That ihm selber befahl, auch
aus den Todten wieder erwecken könne[147], den Sohn der Verheißung
darbrachte, da waren von nun an Zions Höhen zu einem Garten geweiht
den die Hand des Gärtners mit Balsambäumen und Gewürzkräutern, von
andrer Kraft denn jene auf Gileads Auen, bepflanzte; der Berg Zion
war bald selber zu einem schönen Zweige geworden, dessen das ganze
Land sich tröstete[148]; denn aus Zion brach an der Glanz Gottes;
hier war die Stätte von welcher des Herrn Wort ausgieng, denn es war
erwählet zu einer Wohnung des Herrn und Seiner Herrlichkeit; zu einem
Quell aus dem das Heil aller Völker kam. Aber obgleich der Grundstein
der Herrlichkeit Zions von einer Hand gelegt war, deren Werke nie
vergehen noch veralten[149], mußte doch alles Das was durch Kraft des
Menschen auf und an dem Grundstein erbauet war, Verwandlungen erleiden
wie ein Gewand; dort jene Moschee Sackhara, welche der Chalife Omar
im Jahr 637 an der Stätte des Salomonischen Tempels erbauete steht
nun schon 12 Jahrhunderte lang unzerstört da, während die Dauer des
ersten Tempels der von Davids und Assaphs Gesängen wiederhallete,
noch lange nicht an die Hälfte dieser Jahre reichte, und auch der
zweite, zuletzt von Herodes so prachtvoll geschmückte Bau in welchem
Der erschien, welcher größer war denn der Tempel[150], noch nicht halb
so alt ward als das buntstreifige Werk des Islams schon jetzt ist.
Denn der farbige Schimmer wird auch von jenen Augen denen das klare
Sonnenlicht wehe thut, leicht ertragen; der reine Glanz Gottes aber
der von Zion ausgieng (Ps. 50, V. 2) reizte die im Dunkel geborene
Natur zur heftigen Abwehr; der balsamische Duft der einsamen Lilie
erschien den Meisten als ein Geruch des Todes zum Tode. Darum ist
keines der größesten Völker der Erde das seine Hand nicht gelegt hätte
an Jerusalem und seinen Muth nicht gekühlet an Zion; seitdem Israël
den Fels seines Heiles verlassen hatte war es ein Ziel der Geschosse
aller Feinde, ein Feld das zertreten ward von Allen, welche der Weg der
Kämpfe daran vorüberführte. Wenn die Trümmer, welche hier, die einen
über die andern hingestreut liegen auferstehen und zeugen könnten,
wie viele verschiedene Hände ihrer Erbauer und Bewohner so wie ihrer
Zerstörer würden sie nennen! Und dennoch bestehet der Grundstein, den
der Herr selber auf Zion legte annoch unverrückt und fest, und würde
dies bleiben auch wenn die Grundvesten der Erde vergiengen.
Das vergoldete, buntfarbige Dach der Moschee des Omar schimmerte im
Strahl der Abendsonne; hehrer jedoch denn die farbigen Ziegel erglänzte
der nahe Oelberg. Jetzt aber neigte sich die Sonne zum Untergang am
Hügel der Gräber der Richter; es war Zeit an den Heimweg zu denken,
denn von hier bis zum Lateinischen Kloster betrug die Entfernung fast
20 Minuten, und ich war in der Stadt noch Neuling. Ich kam noch während
der Dämmerung in unser Pilgerhaus zurück, wo man meiner nicht ohne
einige Besorgniß gewartet hatte.
Wenn uns in den Zeiten der Kindheit der liebe, heilige Christabend
irgend eine besonders erfreuende Gabe brachte, fiel uns wohl in der
Nacht, wenn die Lichter längst verlöscht waren, der Gedanke ein, daß
wir die schöne Gabe noch von dieser oder jener Seite nicht recht
betrachtet hatten, und wir konnten kaum den Morgen, mit seinem klaren
Scheine erwarten, um das neue Besitzthum mehr und besser zu beschauen.
So ergieng es mir in Jerusalem, das mit jedem neuen Blicke den ich
darauf richtete, den Wunsch ~noch mehr~ zu sehen, immer tiefer
aufregte. Ich hatte am 31sten März kaum den Morgen erwarten können;
denn heute war es unser Vorsatz ganz allein, Schritt vor Schritt
theils das schon Gesehene noch einmal zu betrachten, theils aber
Neues zu beschauen. In Begleitung zweier der jungen Freunde (des
+Dr.+ Roth und des Herrn Franz) machte ich mich frühe, bald nach
Sonnenaufgang auf um die Stadt von außen am ganzen Umfange ihrer
Mauern zu umgehen. Wir betrachteten zuerst noch innerhalb des Thores
von neuem, jenseits der niedren Mauer, zur Rechten des Weges, die
kleine, meist verschüttete Cisterne, welche den jetzigen Pilgrimen
als Teich der Bathseba gezeigt wird. Ihrer Bauart und der Masse ihrer
Mauerstücke nach scheint sie allerdings zu den Werken (wenn auch nicht
zu den ansehnlicheren) des alten jüdischen Jerusalems gehört zu haben;
ganz in ihrer Nähe jedoch ziehet ein andres Bauwerk die Aufmerksamkeit
mächtiger an sich, an welchem der Adel einer ehrwürdig alten Abkunft
unverkennbar deutlicher erkannt wird. Dies ist die Davidsburg oder das
Pisanerkastell, vor allem aber ihr mächtig starker Thurm. Es liegt in
ihr, die einstmals, zu den Zeiten Kaiser Friedrichs +II.+, auch
ein Besitzthum des deutschen Ritterordens war, anjetzt der Kern der
Aegyptischen Besatzung; denn durch ihre Lage wie durch ihre Festigkeit
beherrscht diese Akropolis die ganze übrige Stadt. Mag es seyn, daß
an den obersten Theil selbst des Thurmes, und noch mehr an die Mauern
und Burggräben der übrigen Citadelle die Zerstörer und Wiedererbauer
sehr verschiedner Zeiten ihre Hand angelegt haben; gewiß scheint es,
daß die riesenhaften Werkstücke der unteren Mauer, namentlich des
Davidsthurmes, seitdem sie die ersten Erbauer aufeinander fügten,
unangetastet in der alten Lage blieben, und daß diese daher wohl als
noch fortwährende Zeugnisse der Kraft des Jüdischen Herrscherreiches,
zu Davids und Salomons Zeiten gelten können. Titus befahl nach Josephus
Aussage, bei der Zerstörung Jerusalems, das man zum Andenken an die
fast unüberwindliche Festigkeit der Stadt drei Thürme der alten Mauern:
den Hippikus, Phasaëlus und Mariamne stehen lasse. Der Lage nach
entspricht vollkommen der Thurm Davids dem Hippikus; und noch jetzt
passet Josephus Beschreibung, nach welcher die unteren Werkstücke bei
einer zwanzig Ellen großen Länge, eben so großen Breite und einer
fünf Ellen betragenden Höhe so fest und dicht zusammengefügt waren,
als seyen sie aus einem Stücke gehauen, auf den unteren Theil dieses
Thurmes.
Gleich neben der Nordseite des Kastelles öffnet sich das
Bethlehemsthor, welches nach ~v. Raumers~ Vermuthung dem Thalthore
des alten Jerusalems entspricht[151]. Fast unmittelbar vor dem Thore
und noch mehr vor der Mauer der Burg beginnt die Senkung des Abhanges
gegen das Thal Gihon, so daß man wohl den Grund begreift, aus welchem
Graf Raimund, dem bei der ersten Eroberung Jerusalems durch die
Kreuzfahrer diese Gegend zur Stätte des Angriffes bestimmt war, von
hier sich hinweg zog an die südwärts gelegene, ebnere Höhe des Berges
Zion[152].
Wir hatten beschlossen den Umgang um die Stadt zuerst nach Norden,
von da gegen Osten zu machen, und von dort, vorüber an der Südseite,
zum Punkte des Ausganges zurückzukehren. Von dem Bethlehems Thore aus
bildet die Mauer eine gerade gegen Westen vorspringende, scharfe Ecke,
als hätte hier die Macht der Mohamedanischen Gewalthaber sich wie eine
durchbohrende Waffe gegen die Abendländer wenden wollen. Die jetzige
Mauer der Stadt, ein Bauwerk des Türkischen Sultans Suleiman, im Jahre
1534 vollendet, hat eine ziemlich gleichmäßige Höhe von etwa 36 Par.
Fuß, über welche in fast symmetrischen Abständen die viereckten Thürme,
zum Theil bis zur dreifachen Höhe hervorragen; die Dicke der Mauer
misset zwischen drei bis vier Fuß, wir bestiegen jedoch ihre obere
Breite nur in der Gegend des Stephansthores und bei den Ruinen der St.
Johanniskirche.
Von der westlichen Spitze des Mauernumfanges wendeten wir uns zuerst
zu dem nur wenig entfernten, oberen Teiche des Gihon, der sich jetzt
eben so, wie der untere ganz ohne Wasser fand, denn der Regen war
in diesem Frühling sparsamer denn sonst gefallen. Jener obere Teich
liegt auf dem hier allmählich, in der Richtung des Weges nach Ramla
und Jaffa ansteigenden Berges Gihon, der sich mit seinem östlichen
Ende innerhalb der Mauern herein in die Stadt fortsetzt, wo auf seiner
äußersten Höhe noch das Lateinische Kloster, an seinem Abhange die
heilige Grabeskirche erbaut ist. Von dem Gihons Teiche kehrten wir
zurück zu der Nähe der Mauern, welche einer Belagerung durch die
jetzigen Geschütze des Krieges gar bald erliegen würden, und zu dem
Wege, welcher nahe an den meist ausgefüllten, fast unkenntlichen
Gräben herumführt. Jerusalems Macht die vormals in so trotzender
Gestalt dem angreifenden Feind ins Auge sahe, ist seit einer Reihe
von Jahrhunderten, unter der Türkischen Herrschaft in einen tiefen
Schlaf gesunken; die Schläferin würde nicht im Stande seyn auch nur
die feindliche Fliege von ihrer Stirn hinweg zu treiben, noch ungleich
weniger den angreifenden Löwen. Von Nordwest gegen Nord legt sich
an die Mauern der Stadt eine nur gegen das Damaskusthor ein wenig
eingetiefte Hochebene an, die weiter in Norden von Hügeln begränzt und
von Oelbaumpflanzungen so wie von grünenden Aeckern bedeckt ist. Hier
breitete sich weithin der Umfang jenes Theiles der alten, durch Titus
zerstörten Stadt aus, welchen Agrippa +I.+ mit Mauern umfaßte;
wo man nördlich von den jetzigen Mauern sich hinwendet, da tritt
man, bis zu einem Abstand von etwa 1200 Schritten auf den Boden der
damaligen Vorstadt Bezetha. Die Heere der Kreuzfahrer fanden indeß den
äußeren Umriß Jerusalems schon dem jetzigen ziemlich ähnlich. Dort
am nordwestlichen und nördlichen Rande, von wo allein der damaligen
Belagerungskunst der Angriff möglich war, fanden sich die Schaaren der
Streiter aufgestellt. Namentlich hatte sich die Gegend der Mauer, nahe
bei der jetzigen Nordwestecke der Stadt der Heldenfürst, ~Gottfried
von Bouillon~ anfangs zum Punkt des Angriffes erlesen, später aber
die nordöstliche Ecke die gegen das Kidronthal hinliegt. Hier wurde
auch am 15. Juli des Jahres 1099 die Stadt erstürmt, an der Nordseite
selber aber die Mauer zuerst gebrochen. Der christliche Pilgrim, wie
jeder Mensch, welcher hoffet und weiß daß ~der Geist~ die Thaten
des Lebens thut, nicht das Fleisch, kann nicht an dieser Stätte vorbei
gehen, ohne im Andenken an jenen Tag freudig bewegt zu werden. Hinter
den festen Doppelmauern der Stadt fanden sich sechszig Tausend, welche
zum blutigen Widerstand bereit waren, sie hatten Lebensmittel, vor
Allem Wasser in Fülle, und sonst Alles was zur Abwehr des Angriffes
der Feinde nöthig erschien, stund ihnen zu Gebote. Diesen gegenüber
stellte sich außer den Mauern das Heer der Wallfahrer auf, dessen
Zahl im Ganzen vierzig Tausend nicht überstieg, wovon aber mehr denn
die Hälfte des Kampfes nicht fähig war. Denn diese Hälfte bestund aus
Frauen, abgelebten Greisen, Kranken und kraftlosen Bettlern; Viele
waren nur hieher gekommen um bei dem Grabe des Erlösers das eigene
Grab zu finden. Aber auch unter der andern Hälfte, die am Angriff
der festen Stadt thätigen Antheil nahm, fanden sich nur zwölf bis
dreizehnhundert eigentliche Krieger, die andern Alle waren unvollkommen
bewaffnete Bürger und Geistliche, welche vormals noch nie das Geschäft
des Krieges geübt hatten. War doch dieses Häuflein nicht einmal fähig
die Stadt eigentlich zu umlagern, sondern nur die Nordseite und die
Gegend nach Westen so wie die Höhe des Zion verwahrt zu halten und
den Oelberg einigermaßen zu bewachen, während der größere Theil der
Mauern und mehrere Thore dem Feinde frei blieben. Dazu litt die arme
Schaar der Kämpfer des Kreuzes an allen Lebensbedürfnissen Mangel,
vornämlich an Wasser, welches in dieser heißesten Zeit des Jahres am
dringendsten begehrt wurde. Ohnehin ist der Schatz des Wassers den
Jerusalem besitzt, wie wir nachher sehen werden, ein geheimnißvoller
und verborgener, und seine Fülle ergießt sich nur innerhalb der Mauern,
während die Umgegend eine meist wasserlose Einöde ist; damals hatten
aber die Saracenen auch die wenigen Brunnen und Cisternen in der Nähe
der Stadt verstopft und verschüttet und wenn von Zeit zu Zeit die
Quelle Siloah das nöthige Wasser gegeben hätte, oder wenn sich in Osten
der Stadt, am Brunnen des Elisa und bei Bethanien eine Erquickung
dieser Art zeigte, da lauerten die Feinde im Hinterhalt, so daß jeder
Tropfen des Getränkes mit Blut erkauft werden mußte. So starben die
Lastthiere des Heeres großenteils am Durste dahin und selbst von den
Wallfahrtern erlagen Viele diesem Elend; Manche, eines solchen Lebens
satt, nachdem sie im Jordan gebadet und bei Jericho Palmenzweige
genommen, verließen das Heer der Kämpfer und kehrten über Joppe heim,
zu den Bequemlichkeiten des Vaterlandes.
Dennoch war, mit der freilich von Tag zu Tage sich verkleinernden Zahl
der Treuen auch der Glaube vor den Mauern Jerusalems stehen geblieben,
welcher da noch hoffte, wo Nichts zu hoffen schien. Und obgleich die
Feinde auf ihren Mauern täglich des Haufens der Wahnsinnigen spotteten,
die fast ohne Wurfmaschinen und Belagerungszeug, ja wie der erste,
ihnen wie Tollwuth erscheinende Anlauf[153], bei welchem die äußere
Mauer an einem Punkte niedergestürzt war, gezeigt hatte, selbst ohne
Sturmleitern eine solche Stadt bedroheten, blieb die Stimmung der
Belagerer dennoch, jenem Spott gegenüber, eine Stimmung des Ernstes,
welcher weiß was er will und was er thut.
Noch am achten Juli, als die Schaar der Christen in frommer Bewegung
einen Umgang um die Stadt, im Gewand der Büßenden hielt, verhöhnten
vor ihren Augen die Feinde auf den Mauern das sichtbare Abbild
alles Dessen was Jenen heilig war; selbst am dreizehnten, am Tage
welcher dem vorangieng, der zum Sturm bestimmt war, schien es, wenn
die Christen nicht Flügel erhielten, unmöglich, daß einer von ihnen
über die hohen Mauern käme. Und auch dann, als in der Nacht den
Herrführern und Rittern, in Gemeinschaft mit den andern Streitern es
gelungen war, die einzelnen Theile der Belagerungswerkzeuge mühselig
aus der Ferne herbeizuschleppen und zusammenzusetzen; auch dann als
am 14ten Juli ein ernstlicherer Angriff bei der Nordwestecke der
Stadt beginnen konnte, schien das Erringen des Zieles noch gar weit
hinausgerückt. Denn wie ein Steinwurf nach dem Alpengipfel, der von
dort ein Herabstürzen der Lawinen erregt, wurde jeder durch Wollsäcke
und schräge Balken unwirksam gemachte Stoß der Wurfmaschinen auf die
Mauern von diesen aus durch eine Fluth von brennenden Stoffen, welche
das Belagerungszeug entzündeten, so wie durch geschleuderte Steinmassen
und Geschosse beantwortet, die zehnfältig, statt der Wunden welche
einzelne der Belagerten empfiengen, den Tod zurückgaben. So gieng die
Sonne über dem Kampfe unter, ohne daß in andern Augen, als in denen
des Glaubens ein Sieg möglich erschien. Ja selbst am 15ten, am Tage
des Sieges, als Tankreds Schaaren schon die Mauern der Nordseite (beim
damaligen Stephansthore) durchbrochen hatten, schien in den Stunden
des Vormittages die Hülfe, die nicht aus der Kraft des Fleisches
kommen konnte, noch so fern, daß die Fürsten, wenigstens für heute,
den Rückzug der beschädigten Maschinen von den Mauern beschlossen.
Denn das Volk der Belagerten hat sich an diesem Tage wie mit Kräften
der Hölle bewaffnet; Ströme von brennenden Flüssigkeiten ergoßen sich
auf die Stürmenden und ihre Werkzeuge; flammende Balken, entzündet von
einem Feuer, das nur von Weinessig gelöscht werden konnte, stürzten
wie ein brennender Wald über die Mauern herunter, und wenn auch die
sogenannten Hexen, welche von den Mauern herab dem Zeuge der Christen
fluchten durch einen wohlberechneten Steinwurf, der einige von ihnen
zerschmetterte, dem Heere der Wallfahrer zum Spott wurden, so waren
diese dennoch auch ihrerseits es dem Feinde, als sie entmuthigt und
trauernd in die armseligen Gezelte zurücktraten. Da ward, in der
Stunde, in welcher man den Herrn ans Kreuz erhöhete, Gottfried, der
Held, als er seine Augen aufhub nach dem Oelberge, wie durch eine
Erscheinung aus der andern Welt, die der Glaube zuweilen »schauet«
von neuem zum Kampf ermuthigt, und siehe eine Macht Gottes war mit
ihm und den Seinen: ein heftiger Nordwind entzündete plötzlich die
wohlverwahrten Wollsäcke der Mauern, welche endlich einmal von den
Bränden der Belagerer getroffen waren, und vertrieb durch den heftigen
Rauch die Feinde von den Mauern; die schrägen Balken, die bis dahin
ein Schutz der Stadt gewesen, wurden jetzt ein Befestigungspunkt
der Fallbrücken, welche die Christen von ihren hölzernen Thürmen
herabließen; nur noch kurze Frist der heftigen Mühen und das Ziel war
errungen; die Stadt, in welcher einst das Blut floß, durch welches der
schwerste der Kämpfe entschieden, der höchste der Siege gewonnen ward,
fand sich wieder in den Händen Derer, denen dieses Blut heilig war.
Der Lohn des leiblichen, noch mehr aber des geistigen Ausruhens, nach
solchem Kampfe, war überschwenglich groß; in der Stadt fand sich
Alles, dessen die Seele, Alles auch dessen der arme, von Sehnsucht
und unsäglicher Mühe ermattete Leib bedurfte und begehrte. Jerusalem
ward von Neuem die Stadt eines Königes, dem es ein Ernst war in allen
Geboten und Gesetzen des Herrn zu wandeln, untadelich. Aber nur wenig
Monate und dieser König ward hinweggenommen; nur wenig Menschenalter
und der, wie es schien so fest auf Glauben gegründete Herrscherthron
ward umgestoßen.
Wie kam es, daß dieses Reich eines neuen, christlichen Jerusalems so
bald endete?
Die Natur antwortet uns hierauf, in einem ihrer unverbrüchlichsten
Gesetze. Der Löwe kann sich nicht vermählen mit dem Wolfe; und ob auch
das edle, geflügelt schnelle Streitroß mit dem unedleren langsamen
Lastthier sich vermischte, so werden doch die Kinder solcher
ungleicher Ehe selber keine Kinder haben; ein Geschlecht solcher
chimärenartiger Formen pflanzet sich nicht fort. Die Thaten und die
Herrschaft der Franken in Jerusalem waren zum Theil aus einem fast eben
so ungleichen Elternpaar hervorgegangen als Löwe und Wolf es sind; der
Vater war allerdings bei Vielen der Glaube von göttlicher Abkunft, die
Mutter aber war zum großen Theil jene arme, unlautere, fleischliche
Selbstsucht, die von ungöttlicher Herkunft ist und deren Werken der
Christenglaube der späteren Jahrhunderte, der zur Selbsterkenntniß
kam, sich schämet[154]. Wäre dort die Omarsmoschee, so lange sie im
christlichen Königreich Jerusalem Kathedrale des Patriarchen war, wäre
die Kirche des heiligen Grabes von jener Zeit an bis auf unsre Tage
ein Buch gewesen, darinnen Alles verzeichnet stünde, was hier von
Christen geschehen, nicht nur in der unsichtbaren, verborgenen That des
Herzens, sondern selbst in der sichtbaren der fleischlichen Werkzeuge,
sie würden von Vielen, welche das Buch läsen, nicht mehr Tempel einer
göttlichen Weisheit genannt werden können. Mancher Leser der Schrift
der Wände würde die größere Zahl der Schaaren, welche hieher kamen,
um, wie sie sagten anzubeten den Rathschluß einer ewigen Weisheit, der
da will daß allen Menschen geholfen werde, fragen, mit den Worten des
Apostels Jacobus[155]: »Wer ist weise und klug unter euch? Der erzeige
mit seinem guten Wandel seine Werke, in der Sanftmuth und Weisheit.
Habt ihr aber bittren Neid und Zank in eurem Herzen; so rühmet euch
nicht und lüget wider die Wahrheit. Denn das ist nicht die Weisheit
die von oben herab kommt; sondern irdisch, menschlich und teuflisch.
Denn wo ~Neid und Zank~ ist, da ist Unordnung und eitel böses
Ding[156]. Die Weisheit aber von oben her ist aufs erste keusch,
darnach friedsam, gelinde, lässet ihr sagen, voll Barmherzigkeit und
guter Früchte, unpartheiisch, ohne Heuchelei. Die Frucht aber der
Gerechtigkeit wird gesäet im Frieden denen, die den Frieden halten.«
Paulus der Apostel, wenn er eben dieselbe Frucht beschreibt[157],
nennet sie als »Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit,
Gütigkeit, Glaube, Sanftmuth, Keuschheit.« Diese Frucht wuchs freilich
nur sehr sparsam auf Golgathas Felsen als Christen mit weltlicher Macht
ihn beherrschten. Aber dennoch bleibt es dabei, der Duft von Zions
Lilie war nicht Allen die ihn einathmeten ein Geruch des Todes zum
Tode, sondern Manchen, und nicht Wenigen, ein Geruch des Lebens zum
Leben.
Wir wenden uns von neuem, von der Betrachtung des vormaligen zu der des
jetzigen Jerusalems.
Nur nach Osten hin bildet der Umfang der Stadt, dem hier der Bergabhang
gegen das Kidronthal die natürliche Begränzung giebt, eine fast gerade
Linie; von Westen nach Norden und von da gegen Osten zieht sich die
Mauer in einer bogigen Richtung herum. Diese Seite ist die längste von
allen, denn nach Maundrells Messung, welche wir in dem Verhältniß der
einzelnen Strecken richtig fanden, wiewohl wir meist eine geringere
Zahl der Schritte herausbrachten[158], beträgt der äußere Weg von der
Nordwest- zur Nordostecke 1435 Schritte (der Umfang der ganzen Stadt
4630). Dennoch hat auch diese lange Seite nur ~ein~ offnes Thor:
das Bab es Scham oder Damaskusthor, weil das weiter nach Nordosten
gelegne Herodesthor, das von den Kreuzfahrern des Mittelalters das
St. Stephansthor genannt war, seit den letzten Unruhen in Syrien
verschlossen ist. Jenseit des Damaskusthores führt ein Seitenweg zu
jener Grotte, in welcher Jeremias, so erzählt die Ueberlieferung, seine
Klagelieder schrieb. Ein Türke hat bei jener Felsenkluft seinen Garten
angelegt, dessen Zugang wir heute verschlossen fanden, weshalb wir erst
später das Innre betraten. An einem der benachbarten Felsen trafen wir
unsern Reisegefährten, den Maler Bernatz, mit dem Aufnehmen seiner
nördlichen Ansicht von Jerusalem beschäftigt.
Vor den andern allen erscheint die Ostseite der Stadt als die
interessanteste und bedeutungsvollste. Hier hat die Natur selber der
bauenden Menschenhand ihre Gränze gesteckt, darum ist dort der Umriß
der jetzigen, neuen Stadt noch der nämliche denn jener der ältesten,
zur Zeit der Zerstörung durch Nebucadnezar, und der alten, zur Zeit des
Titus war. Das alte Jerusalem hatte an seiner Ostseite, deren Länge
gegen tausend Schritte misset, vier Thore: das Fischthor nahe an
der Nordostecke der Mauern, dann das Schafthor, welches dem jetzigen
Stephansthor entsprochen zu haben scheint, hierauf, jenseits der beiden
Mauerthürme Mea und Hananeel das Roß- oder Kerkerthor, am Morija,
dessen vermuthliche Gegend bei dem jetzt zugemauerten, goldnen Thore
gesucht werden muß, endlich am weitesten nach der Südostecke hin das
Wasserthor[159]. Dagegen besitzt die jetzige Stadt auch an dieser Seite
nur ein einziges offenes: das sogenannte Stephansthor.
So wie man um die Nordostecke herum kommt hat man die nahe, freie
Aussicht nach dem herrlichen Kidronthale und dem grünenden Abhange
des Oelberges. Noch vor dem Stephansthore kommt man an einer
brunnenartigen, anjetzt wasserleeren Cisterne vorüber. Jenseits des
Thores ist die Stadtmauer so nahe an den gähen Abhang vorgerückt, daß
nur ein schmaler, unebener Saum, neben dem Tempelberg hin, für die
Türkischen Grabstätten übrig bleibt. Hier ist das goldne Thor, das
die Türken zumauern ließen, weil einer ihrer vermeintlichen Seher
der Zukunft weissagete, daß einst, an einem Freitage, ein Held und
König der Christen durch dieses Thor seinen Einzug halten werde. Da
herein nahm vormals am Palmsonntage, die Prozession der Christen,
an ihrer Spitze der Patriarch ihren Weg und nicht ohne Grund der
Wahrscheinlichkeit lässet die christliche Ueberlieferung das goldne
Thor jenem entsprechen, durch welches auch Christus der Herr unter dem
Hosiannarufen der Seinigen hinanzog zum Tempel. Er selber, mit dem
festen, unverwandtem Hinblicke auf eine andre Erhöhung und auf eine
andre Krone denn die war, welche das freudige Zujauchzen seiner Jünger
meinte; den Meisten und Mächtigsten im Volke der Allerverachtetste,
und dennoch, das durfte und sollte die Schaar der Kleinen und Armen
ohne Scheu bekennen, ein König, welcher dazu geboren und in die Welt
gekommen war, daß er die Wahrheit zeugte.
Schon in der Nähe des goldnen Thores, noch mehr aber an der Südseite
der Stadt, bemerkt man an dem untern Theile der Mauer riesenhafte
Werkstücke, welche ohnfehlbar von ungleich früheren Bauleuten gebrochen
und behauen wurden, als die der jetzt bestehenden Mauern waren. Die
ganze Länge der Südseite der Stadt, von der südöstlichen, bis zu
der, jenseit des Zionsthores gelegnen südwestlichen Ecke, beträgt
über 1200 (nach Maundrell 1290) Schritte und auch an dieser ganzen
Seite findet sich jetzt nur ~ein~ offenes, das schon erwähnte
Zionsthor, weil die Pforte, am sogenannten Mistthore, seit den
letzten Unruhen verschlossen ist. Hier nach Süden hat, eben so wie
nach Norden der Umriß und die Ausdehnung der Stadt, wenn man ihren
jetzigen Zustand mit dem älteren, zur Zeit der Zerstörung durch Titus
vergleicht, sehr bedeutende Veränderungen erlitten. Von der heutigen
Südgränze Jerusalems zog sich vormals an den Abhängen des Zion wie des
Morijaberges ein unterer Theil der Stadt hinab, bis zur Gegend der
Quelle Siloah; Titus ließ nach Eroberung des Tempels die Häußer dieses
unteren Stadttheiles abbrennen, ohne deshalb von hier in die obere
Stadt eindringen zu können, weil der Berg Zion noch von einer besondren
Mauer fest umschlossen war[160].
Die Aussicht, an einigen Punkten der nächsten Umgegend der südlichen
Mauer ist eine der schönsten, welche man bei Jerusalem finden kann.
Nahe vor sich erblickt man die Kuppel der großen Moschee, noch
näher an der Stadtmauer erhebt sich das schöne Gebäu des vormaligen
Christentempels, welcher der Darstellung Marias im Tempel gewidmet,
jetzt aber zur Aksa-Moschee geworden ist. In Nordosten erhebt sich
der Oelberg, in Osten siehet man, unten, am jenseitigen Abhang des
Josaphatthales das Dorf Siloah; im Süden das tiefe Kidronthal und die
fernen Höhen an denen der Weg nach St. Saba vorbeigeht; im Westen das
Ben Hinnomthal mit der Menge seiner Grabeshöhlen[161].
Das Tyropöonthal, welches selbst innerhalb der alten Stadt den
Morijaberg deutlich von dem Zion abgränzte, ist auch jetzt, wenigstens
außerhalb der Mauern noch erkennbar; als eine Schlucht, in welcher
der Weg von der Gegend des Mistthores hinab gen Siloahs reinen Quell
verläuft. Jenseits dieser Schlucht, bei der sich so manche Erinnerungen
des Reinen und Unreinen aus der Geschichte Jerusalems vermischen; da
wo jetzt Dornengesträuch auf dem Haufen der zertrümmerten Marmorsteine
wächset, erhub sich, wetteifernd an Pracht mit dem Bruchion zu
Alexandria des Herodes Pallast. Gärten und schattige Baumanlagen,
abwechslend mit gemauerten Wasserteichen umgaben das prunkende Gebäu,
aus dessen einem Flügel man Alles sehen konnte was in dem gegenüber
gelegnen Tempel auf Morija vorgieng, bis die Juden diese Aussicht
durch eine hohe Mauer verbauten. In dem Pallaste selber fanden
sich Säle, vom Golde glänzend, in denen für hundert Gäste Raum und
königliche Bewirthung gegeben war. Und siehe, da auf derselben Höhe des
Zion, außerhalb der dreißig Fuß hohen Mauern des Königspallastes, stund
ein andres Haus mit einem gepflasterten Saale, in welchem zwar nicht
hundert Gäste nach königlicher Weise, wohl aber zwölf, unter denen
nur einer des Mahles unwürdig, von dem »Fürsten der Könige auf Erden«
mit einem Brod und einem Weine bewirthet wurden, gegen welche Indiens
und Yemens Gerichte nur Staub und Asche sind. Es war dort keine Mauer
vorgebaut, wie vor dem Tempel auf Morija; Herodes hätte sehen dürfen
was geschahe, aber das Auge des Idumäers hätte nicht verstanden was
da vorgieng und verstehet dieses bis auf den heutigen Tag noch nicht,
denn die Decke hängt nicht vor dem offenkundigen Geheimniß, sondern vor
dem Auge des Schauenden. Der Pallast des Herodes mit den Gebäuden des
Agrippa, sammt allen Cisternen und Gärten die sie umgaben, sind bis
auf jede Spur verschwunden; ihrer gedenket nur ein längst verstummter
Augenzeuge: der Jüdische Geschichtsforscher Josephus, und keiner der
vorüberziehenden Pilgrime fragt nach der Stätte wo die Hunderte der
Gäste des Herodes mit ihrem Könige zu Tische lagen. Nach der Stätte
aber des Haußes, da Christus mit seinen Jüngern das letzte Osterlamm
aß und das Abendmahl feierte, fragt die Liebe auch des spät gebornen
Geschlechtes noch mit sehnendem Verlangen, und Der, welcher die Liebe
und das kindliche Vertrauen der Einfalt nicht verachtet, wird dafür
gesorgt haben, daß in vielen Menschenherzen, welche dort im Hauße des
Abendmahls auf Zion Sein gedachten, eine Thüre sich aufthat, durch
welche Er selber eingieng um mit dem beseligten Herzen das Abendmahl zu
halten.
* * * * *
Wir wendeten uns jetzt, von der südwestlichen Ecke der Stadt wieder zur
Westseite, nach unsrem heimathlichen Bethlehemsthor. Diese westliche
Seite der Stadt hat die geringste Ausdehnung, obgleich man um sie zu
umgehen, wegen der Unebenheiten des Bodens, der von der Südwestecke
abwärts fällt, von da bis zum Thore gegen 480 (nach Maundrell 500)
von hier bis zur vorspringenden Nordwestecke fast 390 (nach Maundrell
400) Schritte zu machen hat. Auf dem Hinabweg nach dem Thore sahen wir
an der Seite des Weges viele jener bunten (namentlich roth und weiß
gefärbten) Marmorsteine, durch welche die Umgegend von Jerusalem sich
auszeichnet. Er gleicht jenem hochgeachteten Marmor, den die Alten nach
Adonis nannten. Und so kamen wir denn abermals mit sehr beschwerten
Taschen, aber mit leichten, sehr fröhlichen Herzen in unser Pilgerhaus.
* * * * *
Die guten Väter des griechischen Klosters, an die wir von Kairo aus,
wahrscheinlich zur Bewirthung empfohlen gewesen, hatten uns, ich weiß
nicht warum? gar zu freigebig beschenkt, mit zwei Lämmern, einem
großen Krug voll trefflichen Weines, einem Hut Zucker und sehr vielen
Broden. Ich machte am Nachmittag dort einen Besuch und brachte dem
Kloster ein entsprechendes Gegengeschenk an Geld, weil eine andre Art
der Entgegnung nicht zu finden war. Wir freuten uns abermals an der
alterthümlichen Pracht des Klostergebäudes und an der Schönheit des
Gartens, wie an all jenen Vorzügen, welche dieses Kloster durch seine
Nähe an der Kirche des heiligen Grabes und durch seine unmittelbare
Verbindung mit dem Dache dieses Gebäudes hat.
Die Kirche wurde heute früher als gewöhnlich geöffnet; wir hatten Zeit
das Innre, in der sonderbaren Zusammenfügung seiner Theile, ganz ruhig
zu betrachten. Für viele meiner Leser hat mir mein Reisegefährte und
Freund, der Maler Bernatz, durch die Herausgabe seiner Zeichnungen die
Mühe eines genaueren Beschreibens erspart[162], nicht aber für alle.
Ich gebe demnach hier wenigstens die Hauptumrisse.
Wenn dieses Gebäude der bedeutungsvollsten Kirche der Christen, den
tiefen Eindruck, den sein Besuch auf so viele Seelen machet, nur
der äußren Symmetrie und architektonischen Schönheit seines Innren
verdanken müßte, dann wäre es übel mit ihm bestellt; die Besuchenden
würden sehr wenig befriedigt seine Hallen verlassen. Es sind, wie
wir schon oben sahen, drei verschiedne, und nicht in gerader Linie
liegende, älteste Christenkirchen, welche seit den Zeiten des
Fränkischen Königthumes zu einem Ganzen verschmolzen wurden: die
Kirche des heiligen Grabes, die hiervon südöstlich stehende Kirche
der Kreuzigungsstätte und die in Ost gegen Süd gelegene meist
unterirdische Kirche der Kreuzesfindung. Aber mit der Aufnahme dieser
drei Kirchen unter ein gemeinsames Dach war die Aufgabe der späteren
christlichen Bauleute noch nicht vollkommen gelöst; sie mußten auch
die in Norden gelegne Kapelle, welche die Stätte bezeichnete, da der
auferstandne Herr am ersten der Maria Magdalena erschien, dem übrigen
Tempel anfügen und einem Chor der Armenier seinen Raum im Innren
der Mauern anweisen. So erinnert dann das Ganze an ein Gehäufe von
verschiedenartigen Krystallen, daran jüngere auf ältere, jeder nach
eignem Gesetz der Gestaltung, sich angefügt haben.
Wenn man zu einer der beiden Thüren des Einganges, der nach Süden
liegt, (es ist der einzige den die Kirche hat) hereintritt, sieht
man, jenseits der viereckten Säule, gerade vor sich die Marmorplatte,
welche den Pilger an die Salbung des Herrn, nach der Abnahme vom
Kreuze erinnern soll. Zur Rechten (in Osten) von dieser steigt man
auf 18 Stufen hinan zu der Kapelle der Kreuzigung auf Golgathas Fels;
in den Fels selber unter der Kreuzigungsstätte, ist von ebener Erde
aus die Kapelle des Evangelisten Johannes eingehauen. Eine Spalte im
Felsen, die man auch oben, neben dem Orte bemerkt, da Christi Kreuz
stund, setzt hinab in die Tiefe der unteren Grotte fort und wird als
ein Zeugniß des Erdbebens betrachtet, das bei Christi Tod das Land
erschütterte. Vor der Kapelle des St. Johannes war sonst ein Anbau, in
welchem die steinernen Särge der beiden ersten christlichen Könige von
Jerusalem, des Gottfried von Bouillon und Balduins +I.+ stunden.
Als die wilden Horden der Charismier im Jahre 1244 an der Kirche des
heiligen Grabes ihre zerstörenden Gräuel übten, da öffneten sie auch
die Gräber der christlichen Könige von Jerusalem und andrer vornehmer
Pilger und verbrannten die noch übrigen Gebeine[163]; schon damals
hatten deshalb diese Stätten aufgehört Gräber jener Heldenkönige zu
seyn; nun aber sind, seit dem neuen Kirchenbau der griechischen
Christen auch die Inschriften der Gräber dem äußren Auge verschwunden,
nicht aber dem innren, welches dieselben mit unverlöschbaren Zügen dem
Heldenbuche der Geschichte eingeschrieben findet.
Die Kapelle der Kreuzigungsstätte ist 45 Bayerische Fuß lang und 30
Fuß breit: ihre beiden, massiven Gewölbe mögen wohl zu den frühesten
Werken der christlichen Baukunst gehören. Noch unverkennbarer jedoch
als an der Golgathaskirche ist die uralte Abkunft an dem Bauwerk der
Kapelle der heiligen Helena. Auch diese liegt eigentlich außerhalb des
Kirchenschiffes des Haupttempels und nicht einmal genau in der Linie
der Längenausdehnung jenes Schiffes, sondern um einige Grade von Ost
nach Süden gerückt. Wie die Kapelle der Kreuzigung über, so liegt die
der heiligen Helena unter dem ebenen Boden der Kirche. Die gerade
Linie der Entfernung von der Treppe zu Golgatha, bis zu dem Eingang
zur Helenenkapelle misset gegen 110 Fuß; man steigt auf 21 Stufen zu
dieser hinab; sie bildet ein ziemlich vollkommnes Quadrat von 45 Fuß
Durchmesser; an der südöstlichen Ecke steigt man auf 11 Stufen zu dem
brunnenartigen Raum hinab der als Ort der Kreuzfindung verehrt wird.
Die Hauptkirche selber umfasset das Gewölbe, welches über dem heiligen
Grabe sich erhebt, und das Chor der Griechen. Seit dem Brande vom
Jahr 1807 hat das erstere einige, obwohl unbedeutende Veränderungen
erlitten, indem z. B. statt der vormaligen runden, viereckte Säulen die
hohe Kuppel tragen, durch deren Mitte von oben das Licht hereinfällt.
Auch im Griechenchore erhebt sich eine hochgewölbte Kuppel über
dem unten am Boden angedeuteten Punkte, der als die Mitte ~des
Ganzen~ bezeichnet wird, und eben diese beiden Kuppeln sind es,
welche schon von Ferne her das Dach der heiligen Grabeskirche kenntlich
machen. Beide Rotonden sind übrigens weder an Durchmesser noch an Höhe
sich gleich; denn der innre Durchmesser der Grabesrotonde, ohne den
Anbau der Hallen ist 78, jener der andern 45 Fuß groß. Hierdurch erhält
auch das Hauptschiff der Kirche, dessen ganze innre Länge von West nach
Ost, von der äußersten Wand der Hallen am Umfang der Grabesrotonda,
bis an die Linie des Einganges zur Helenenkapelle 240 Bayerische Fuß
misset, eine ungleiche Breite von 78 bis 105 Fuß; wenn man jedoch
den nicht zum eigentlichen Kirchenschiff gehörigen Anbau, seitwärts
der Kreuzigungskapelle, vom Eingang der Kirche in Süden, bis zu der
Thüre des kleinen, geschlossen Hofes in Norden mit in Anschlag bringt,
dann empfängt allerdings, wie ~Otto v. Richter~ dies beschreibt,
das Innre des Gebäudes eine (freilich sehr unregelmäßige) Art von
Kreuzform, deren kürzerer (Quer-) Balken 140 Fuß lang ist.
Das Licht, welches oben durch die Oeffnung der Kuppel der größeren
Rotonda hereinfällt, beleuchtet zunächst das gerade unter dieser Mitte
stehende, heilige Grab, das wie ein Kirchlein im Kleinen von Marmor, in
der größeren Kirche dastehet. Der äußere Umfang mag anfangs auf einen
nicht unbedeutenden Raum der beiden, im Innren enthaltnen Kapellen
schließen lassen, denn der Durchmesser des nach Westen etwas rundlich
(fünfeckig) zulaufenden Quadrates misset gegen 30 Fuß. Dieser Raum
wird jedoch großentheils durch die unverhältnißmäßig dicken Mauerwände
ausgefüllt, so daß für die innerste, eigentliche Grabeskapelle nur
ein Räumlein von 7 Fuß Länge und 6 Fuß Breite; für die Engelskapelle
ein Quadrat von zehn Fuß Durchmesser übrig bleibt. Dagegen misset die
Dicke der südlichen Wand der kleinen Grabeskapelle vierzehn, die der
nördlichen gegen eilf Fuß. Schon aus diesen Verhältnissen wird es
leicht zu errathen, daß die scheinbaren Mauern nicht von gewöhnlicher
Art, sondern daß sie (nach S. 507) Ueberreste des alten Felsen sind,
von welchem die Grabeshöhle umschlossen war. Vorzüglich gilt dies
von der eigentlichen Grabeskapelle, die ein zugehauenes, von außen
und innen mit Marmorplatten ausgekleidetes Stück Kreidefels ist,
während die vordere Kapelle nur zum Theil Felsen, zum Theil aber ein
alter Anbau aus Backsteinen ist, den die spätere Zeit eben so wie die
innerste mit Marmor belegt hat. Mit einem besondren patriotischen
Wohlgefallen bemerkt der deutsche Pilgrim an dem Zeichen des Wappens,
daß der neue Aufbau des heiligen Grabes seit dem Brande von 1807
großenteils und zunächst ein Werk des Oesterreichischen Kaiserhaußes
ist; auch von den goldnen Lampen, welche bei Tag und Nacht das heilige
Geheimniß des Grabes beleuchten, sind die meisten eine Gabe unsres
edlen Kaiserhaußes.
Bisher hatten die drei mächtigsten Kirchengemeinschaften der
jetzigen Christenheit des Orients: die der Lateiner, der Griechen
und Armenier sich in die drei Kirchlein getheilt, welche unter die
gleichsam politische Gewalt des gemeinsamen Obdaches der heiligen
Grabeskirche zusammengefaßt sind. Die Armenier besorgten die Obhut
der Helenenkapelle, die Griechen die der Kreuzigungskirche, die
Lateiner hatten den Aufbau und die Erhaltung der heiligen Grabeskapelle
übernommen. In neuester Zeit sind unsre armen Landsleute, die Lateiner,
abermals in großer Gefahr, die Obhut des letzten Räumleins der von
ihren Vorfahren wiedererkämpften Kirche zu verlieren.
Von den eben genannten drei vornehmsten Christengemeinschaften des
westlichen Asiens und seiner nachbarlichen Inselnwelt hat jede einzelne
eine Anzahl der beständigen Hüter in der Kirche des heiligen Grabes
aufgestellt, welche da bei Tag und bei Nacht des Gottesdienstes
warten. Die Griechen haben an der Südseite der Kirche einen Anbau, in
welchem dreißig ihrer Geistlichen beständig haußen, die Lateiner in
Norden, wo zwölf Minoriten ihren Aufenthalt haben; fünfzehn Armenische
Geistliche finden ein Räumlein in einer Art von Chor am Innren der
Südseite und auch von den armen Kopten wohnen zwei Repräsentanten
ihrer Gemeinschaft an der Westseite des heiligen Grabes, bei dem Grabe
des Nikodemus. Alle diese Bewohner der kleinen, nur durch Mauern von
Menschenhand zusammengefügten Kirchenhallen sind, so lange ihr Hüteramt
währt, gewissermaßen in einer Gefangenschaft der Türken. Ihre kleinen
Klosterhallen haben nur nach innen, zur Kirche, einen Ausgang und
Eingang, nicht nach außen, nach der Stadt hin; zu dieser öffnen ihnen
in den meisten Monaten des Jahres täglich nur einmal die Türkischen
Thürhüter den Zugang, und dieß nur auf kurze Zeit; die armen Gefangenen
im dumpfigen Gemäuer werden von ihren Mutterklöstern aus, die in der
Stadt sind, täglich zu bestimmten Stunden durch eine kleine Oeffnung,
welche an den Thüren angebracht ist, mit Speise und Trank versorgt.
Von den Hütern der heiligen Grabeskirche hinweg, wenden wir uns zu
den äußerlichen Bewahrern und Inhabern eines andren, noch früher
gegründeten und weiter umfaßenden Baues, als jener des ehrwürdigen,
mittelalterlichen Gebäudes ist; zu den Bewahrern des alten Bundes,
den Gott mit Israël schloß. Es mag als ein nicht unbedeutendes
Anzeichen einer großen, geistigen Bewegung in diesem merkwürdigen
Volke erscheinen, daß so zahlreiche Schaaren desselben in unsern Tagen
nach Palästina ziehen. Diese Auswandrungen geschehen nicht mit großem
Aufsehen und äußerem Gepränge, sondern ganz in der Stille deßhalb mit
glücklicherem Erfolg; die Auswandrer, welche als Fremdlinge kommen,
werden, namentlich unter der sie vielfach begünstigenden Aegyptischen
Herrschaft, leichter denn alle sonstige Ankömmlinge einheimisch,
weil sie in Alles sich fügen, auch mit dem ärmsten Hüttlein und
geringsten Stück Landes zufrieden sind und einen Fond der vertrauenden
Liebe zu der neuen Heimath mitbringen, welcher ihren Unternehmungen
ein glückliches Gedeihen giebt. Die in Jerusalem Wohnenden sind
freilich meist sehr arm, und da weder Handel noch Gewerbe sie nährt,
großenteils nur auf die Unterstützungen angewiesen, die sie von
ihren Glaubensgenossen in Europa zugesendet bekommen. Richardson und
Scholz[164] geben die Zahl der in Jerusalem wohnenden Juden auf 10000
an, uns versicherten jedoch mehrere zuverläßige hiesige Israëliten,
daß sie nur gegen 6000 betrage. Zwar hat nun die letzte Pest wieder
eine große Zahl der auch im engsten, niedrigsten Raum der Stadt
zusammengedrängten Israëliten hinweggerafft, dennoch glaube ich nicht
zu viel zu sagen, wenn ich die Juden als das reichliche Drittel der
Gesammtzahl der hiesigen Bewohner angebe[165]. Freilich hat diese große
Menschenschaar nur den kleinsten Theil (kaum ¹⁄₂₀) der Stadt inne und
erregt unter allen das wenigste Aufsehen, während die Mohamedaner,
deren Zahl mit dem Aegyptischen Militär sich auf 9000 belaufen mag,
den größesten Theil der Gassen einnehmen und am meisten ins Auge
fallen. Das kleinste Häuflein bilden im Verhältniß zu den andern beiden
Religionsgenossen die Christen, denn ihre Zahl übersteigt, außer der
österlichen Zeit schwerlich 3500; doch gehören ihren Gemeinschaften,
vor allen den Armeniern sehr große weit ausgedehnte Räume der Stadt an.
So mag die ganze Summe der Einwohner ohne das Militär über 17000, mit
diesem über 18000 betragen; eine Zahl, welche für eine Stadt, deren
Umfang noch jetzt über fünf Viertelstunden Weges misset, nicht groß
genannt werden kann.
Wir hatten schon in Bayern einen Brief bekommen, an einen jetzt in
Jerusalem wohnenden Israëliten, den Rabbiner Bergmann aus Würzburg. Der
gefällige Mann hatte uns mit mehreren seiner Glaubensgenossen, welches
lauter deutsche Landsleute waren, schon in unsrem Pilgerhauße besucht;
wir beschlossen ihm heute, weil es noch früh am Nachmittag war, einen
Gegenbesuch zu machen. Um zu der Judenstadt zu kommen steigt man von
der Gegend der Grabeskirche abwärts nach dem großen, aus mehreren
Reihen der Läden und Kaufhäußer gebildeten Marktplatz oder Bazar.
In den kleinen, vielfach gewundnen und zickzackartig durch einander
verlaufenden Gäßchen, in welche man südwärts und südostwärts vom
Bazar eintritt, möchte es schwer seyn ohne einen Führer sich zurecht
zu finden. Gewöhnlich sind mehrere Häußer und Häußchen von einem
gemeinsamen Hofraum umschlossen, der, mit all seinen vielen Bewohnern,
einer kleinen Stadt gleicht. Wäre Jerusalem an allen Stellen seines
Flächeninhaltes, selbst nach Ausnahme des großen Platzes der Moschee,
eben so bevölkert, wie hier im Judenquartier, dann könnte es weit über
hunderttausend Einwohner beherbergen.
In der Familie wenigstens unsers Israëlitischen Landsmannes wurde
es uns recht wohl; mit der äußren Reinlichkeit herrschte hier innre
Lauterkeit und anspruchslose Zufriedenheit; ich lernte an Herrn
Bergmann und den Seinigen solche Menschen kennen, denen das Bürgerrecht
im Lande der Väter schon in ihrem Innren verliehen ist. Wir konnten
heute nur kurze Zeit bleiben, da wir die fromme Sitte und Stille des
mit Sonnenuntergang beginnenden Sabbathes im Hauße des gewissenhaften,
ernsten Rabbiners durch unsren Besuch nicht stören wollten. Dagegen
wiederholten wir später unsern Besuch öfter und ich lernte hier,
so wie durch die Gegenbesuche in unserm Pilgerhauße mehrere der
ausgezeichnetsten und gelehrtesten deutschen Rabbiner von Jerusalem
kennen. Ich fasse das, was diese Bekanntschaft mir zu bemerken gab,
schon hier kurz zusammen.
Im Allgemeinen darf man den deutschen, nach Palästina ausgewanderten
Israëliten das Zeugniß geben, daß der Zug der sie dahin führte ein
sehr achtenswerther, Theilnahme erregender war. Es sind die Hoffnungen
Israëls, der noch immer fortbestehende Glaube an das ihren Vätern
gegebene Wort der Verheißung, was ihnen den Muth verlieh alle Vortheile
und Bequemlichkeiten des Vaterlandes zu verlassen und sich freiwillig
in ein Loos der harten Entbehrungen und mannichfaltigen Gefahren zu
begeben. Unter ihnen fand ich nicht bloß eine große Zahl vorzüglich
gelehrter, sondern auch frommer Männer, welche durch eifrigen
Gottesdienst und anhaltendes Gebet bei Tag und Nacht zu dem Troste
Israëls zu gelangen hoffen und dieses Trostes als eines nahen warten.
Auch der Freund jener tieferen Erkenntnisse, welche durch uralte
Ueberlieferung bis zu den jetzt lebenden Israëliten gekommen sind,
namentlich der kabbalistischen Studien, würde unter den gelehrten
Rabbinern von Palästina Meister treffen, deren Belehrung ihm von
höchstem Werthe seyn könnte. Was jedoch höher zu schätzen scheint
denn Alles: man findet unter den Israëliten von Palästina so Manche,
welche mit Ernst in den Propheten und andren Schriften des alten Bundes
forschen und diese von Herzen lieb haben.
Der treffliche Beurtheiler von Lord Lindsays Reiseberichten in einer
vielgelesenen englischen Zeitschrift[166] macht die Bemerkung: »daß
vor allen andern Ländern unser deutsches Vaterland der Sitz- und
Ausgangspunkt jenes modernen, liberalen Judaismus sey, an welchem
der eigentliche, göttlich prophetische Charakter des altgläubigen
Judenthums sich ganz verwischt hat. Mit dem Glauben an einen göttlichen
Ursprung der Verheißungen und Zeugnisse des alten Bundes, fällt dann
auch die Hoffnung auf eine göttliche Wiederbelebung des erstorbenen
Stammes hinweg; an ihre Stelle ist das Streben nach einer politischen
Regeneration, auf dem natürlichen Wege der jetzigen, Europäischen
Völkerbewegungen getreten. Während deshalb der altgläubige Israëlit
noch immer fortfährt zu Gott zu beten, daß der Stern Jacobs über
seinem Volke aufgehen, daß der Trost Israëls erscheinen möge; während
sein großes Festgebet mit den Worten schließet: »Jahr das da kommt, o
führe uns nach Jerusalem,« entfernte dagegen der neuere Liberalismus
aus seiner Liturgie die Bitte um die Zukunft des Mesias und um die
Wiedererlangung Dessen das den Vätern versprochen und bisher ein Ziel
des fortwährenden Heimwehes des in alle Länder der Erde zerstreuten
Volkes war[167].« Aber so richtig auch das Negative erscheinen mag,
was in jener Bemerkung über den modernen, deutschen Judaismus liegt,
der jene göttlichen Wahrheiten verkennt und verläugnet die selbst dem
Talmud noch als feste Basis unterlagen, so darf dennoch auf der andren
Seite nicht übersehen werden, daß, wie der Verfasser zugleich bemerkt,
der geistige »Aussatz« der falschen Freiheit und des Unglaubens nicht
das ganze, sondern nur einen Theil des Israëlitischen Volkes ergriffen
habe[168]. Namentlich in Deutschland, wo diese Art der Gegensätze auch
nach andern Seiten hin in ihrer größten Schärfe sich hervorzurufen
und zu bestärken pflegt, ist zugleich der alte Glaube der Väter und
das Aufmerken auf das Wort der Verheißungen in einer Stärke und
Lebendigkeit wieder erwacht wie kaum anderswo. Die meisten jener
Israëliten, die in unsern Tagen im Glauben und fester Hoffnung daß der
Herr sich Zions einst wieder erbarmen werde, nach Palästina zogen,
kamen aus dem Lande in dem nach der Aeußerung unsers edlen Engländers,
der moderne Judaismus entsprang, welcher solcher Hoffnung spottet, und
aus jenem »in welches die Ansteckung zunächst sich verbreitete«: aus
Deutschland und aus Polen.
Merkwürdiges Erwarten eines neuen, großen Tages der Geschichte, welches
auf einmal so viele Völker: Beduinen und Türken, Israëliten und
Christen in Süden wie im Norden bewegt!
Sonnabends am 1sten April sahe ich, wie ich dieß öfters that, den
Morgen, stehend auf dem platten Dache des Haußes, über Jerusalem
erwachen. Ein Morgenroth, so purpurglänzend wie man es nur selten in
der Heimath sieht, zog über den Oelberg, und gieng herauf aus der
Wüste des Kidronthales, »wie ein gerader Rauch, wie ein Geräuch von
Myrrhen und Weihrauch[169].« Die Luft war mit dem Geruch der blühenden
Orangen und Gewürzkräuter aus den benachbarten Gärten erfüllt; ein
erfrischender Wind bewegte die Wipfel der Zypressen. Auch die Seele
fühlte sich bewegt und doch noch lange nicht so wie sie es hier, am
lang ersehnten Ziele der Pilgerreise hätte seyn sollen. Ja, »stehe
auf Nordwind und komme Südwind und wehe durch meinen Garten, daß sein
Balsam sich ergieße.«
Unser aufopfernd gütiger Führer der Pater Vicar kam um 8 Uhr, um
uns von neuem zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt zu geleiten. Der
Himmel hatte sich mit Regenwolken bezogen, die jedoch so leicht und
dünn waren, daß sich, so erwünscht dieß dem Lande gewesen wäre, kein
reichlicher Erguß von ihnen erwarten ließ, wir beschloßen daher dennoch
unsre Wanderung nach dem Berge Zion anzutreten.
In die Citadelle konnten wir nur im Vorübergehen einen Blick werfen.
Leider war der hohe Offizier an den ich von Kairo aus empfohlen war,
verreist und kehrte während unsers ganzen hiesigen Aufenthaltes nicht
nach Jerusalem zurück, wodurch uns manche Vergünstigung entgieng,
auf die wir gehofft hatten. Uebrigens hätte uns auch weniger das
über der Erde stehende Gebäude der Davidsburg interessirt, als jener
unterirdische der Grüfte und Gänge, von welchem wir verschiedene
Berichte vernahmen. Desto ungehemmter jedoch durften wir uns in dem
mächtig großen Klostergebäude der Armenier umsehen. Zu diesem gehört
nicht ein Gebäude allein, sondern eine große Menge, der von der hohen,
gemeinsamen Ringmauer umfaßten Häußer und Höfe, und der Raum den die
Ringmauer umfaßt ist so groß daß die ganze vormalige Reichsstadt
Neresheim darinnen bestehen könnte. Einige der Höfe, mit den vielen
kleineren und größeren Pilgerhütten, welche auf ihnen stunden, glichen
schon jetzt durch die Schaaren der Wallfahrer, die zum Fest gekommen
waren, einem kleinen Heerlager; in der eigentlichen Zeit des Festes
soll sich die Zahl der Gäste in diesem Kloster so vermehren, daß der
Umfang desselben, so groß er auch ist, sie nicht alle beherbergen
kann. Denn zur Osterfeier des Jahres 1834 waren nach der Versicherung
unsers Führers, aus allen Gegenden des Morgenlandes zwischen acht
und neuntausend Armenische Pilgrime gekommen. Deshalb haben auch die
Väter dieses reichesten Klosters des Morgenlandes[170] darauf Bedacht
genommen durch den Ankauf von ganzen Plätzen und neuen Anbau von
Häußern und Höfen ihren Gästen noch mehr Bequemlichkeit zu gewähren.
Uebrigens hatten diese schon bisher im Armenischen Kloster es besser
als in jedem andren Kloster der übrigen christlichen Gemeinschaften;
denn viele Pilgerfamilien bewohnten ein besondres kleines Haus, oder
nahmen wenigstens eine jener bequemen Wohnstätten (Kammern) ein,
deren in den verschiednen Gebäuden zusammen über tausend seyn sollen.
Und dabei gleichen die Vorhöfe des Klosters einem kleinen Markt, wo
jene Familien, welche selber für ihre Beköstigung sorgen wollen,
Lebensmittel in Menge zum Verkauf finden; für die Uebrigen sorgen
die wohlbestellten Küchen des Klosters, in denen man auch auf das
Bedürfniß der Armen hinreichend Rücksicht nimmt. Mir that es wohl eine
christliche Pilgerherberge und Pilgerheimath von solcher Größe und
solchem Wohlstand zu sehen. Bei einer der Kapellen des Klosters wird
die Stätte, da Christus vor Hannas den Hohenpriester geführt war, in
einer andern Kirche die der Enthauptung des Apostels Jacobus verehrt.
In der großen Kirche verweilten wir mit besondrer Aufmerksamkeit.
Ihre innren Reperaturen und Ausschmückungen waren erst vor Kurzem
vollendet, namentlich die Malereien, die ein Armenischer Künstler
gefertigt hat. Ich hätte Manchen meiner Europäischen Landsleute an
meine Seite gewünscht, welcher sich die Anfänge und die Entwicklung
der Kunst etwa so wie die eines Handwerkes oder wie die Fertigkeit im
Blasrohrschießen denkt. Hier in dem reichen Kloster der Armenier sind
dem Kindheitszustande der Kunst dieselben äußren Hülfsmittel geboten
wie einst in den ersten Jahrhunderten der christlichen Herrscherreiche,
ja wie in den reichsten Zeiten der Italiänischen und Niederrheinischen
Freistaaten. Und dennoch wird man in all' diesen überreich mit Gold
belegten, in die theuersten Farben gekleideten Bildern des Armenischen
Künstlers vergeblich auch nur nach einem einzigen, entferntesten
Zuge jenes geistigen Lebens suchen, welche die christliche Kunst
der frühesten Jahrhunderte, lange vor Cimabue, so oft ihren Werken
aufgeprägt hat. Wenn jener gute Mann, der die Armenische Kirche neu
bemahlt hat, ja wenn eine ganze Schule von seines Gleichen Jahrhunderte
lang auf solchem Grunde fortbauete und dabei die Fertigkeit im Zeichnen
und Farbengeben bis aufs Höchste brächte, würden dennoch ihre Arbeiten
als etwas kraft- und wesenloses erscheinen, so lange nicht jene Kraft
der Begeisterung und des innren Lebens zurückkehrte, welche auch zu
solchem Werke die Meister der alten Zeiten regte und bewegte.
Wir traten jetzt hinaus ins Freie, vor das Zionsthor, auf die Höhe
des Berges Zion, auf welcher das Haus eine Stätte hatte, in welchem
der Herr das Abendmahl stiftete. Die Sonne brach durch das Gewölk
hindurch, aus dem sich kurz vorher ein leichter Regen ergossen hatte;
das Grün der Felder und der Bäume glänzte erfrischter und kräftiger.
Man zeigt auf dem Zion das »Haus des Kaiphas« das an jenen großen
Augenblick erinnert, in welchem Christus, Er, der künftige Richter
aller Geschlechter der Erde, vor dem Gericht der Sünder stund, und
mitten in Schmach und Banden sich bekannte als den Sohn Gottes, sitzend
einst, zu der Rechten der Kraft. Die Armenier haben die Stätte des
Hohenpriesterhaußes mit einer »Kirche des Erlösers« überbaut, während
die Türken an die Stätte jenes Haußes, da Er, der wahre Hohepriester
nach der Ordnung Melchisedeks sein hohepriesterliches Gebet sprach,
eine Moschee gestellt haben. Der Eintritt in den Saal des Abendmahles
ist gegen eine kleine Abgabe an den Türkischen Thürhüter jedem Fremden
gestattet; dagegen ist der Zutritt namentlich zu den unterirdische
Gewölben, welche die Sage für die Gräber Davids und mehrerer der
ältesten Könige Juda's erklärt, selbst den Mohamedanern sehr erschwert.
Der Christ verweilt indeß gern in den oberen Räumen die von einem
Lichte der heiligsten Tage Jerusalems beleuchtet sind; denn in
demselben Hauße, in welchem durch das Geheimniß des Abendmahles die
arme Natur des Menschen des Göttlichen theilhaftig geworden, waren die
Apostel am Tage der Pfingsten einmüthig bei einander, als jenes Brausen
vom Himmel geschahe, gleich eines gewaltigen Windes und das ganze Haus
erfüllete; als ausgegossen ward über sie Alle der Geist des Herrn.
Schon damals waren außer den eilf Jüngern auch die heiligen Frauen
»und Maria die Mutter Jesu, und seine Brüder«[171] hier versammelt
gewesen in Gebet und Flehen, bis zur Stunde der großen Vollendung
der Verheißungen. Die Ueberlieferung der christlichen Jahrhunderte
läßt jedoch dieselbe Stätte noch einmal zu einem Orte des einmüthigen
Beisammenseyns in der Stunde einer andern Vollendung werden; denn hier
soll sie, die Erkohrene der Frauen gestorben, in der Nähe des Haußes
nach Jesu Tod und Himmelfahrt ihre Wohnung gewesen seyn. Klopstock
in seinem Mesias muß die Sage von dieser Wohnung des Friedens in der
Nähe der Stadtmauer, von wo auch der Weg gen Emmaus in seinem Anfange
überblickt wird, vor Augen gehabt haben; ich gedachte hier gern der
Gesänge der Sionitin, obgleich kein Saitenspiel der Erde die Töne des
Liedes nachzuhallen vermag, das dort auf Zion in der Seele des Pilgers
erwacht.
Als nach den Zeiten der Kreuzzüge auch das letzte, mit vielem Blut
erkaufte Flecklein des heiligen Landes den Christen wieder entrissen
war; als der Weg des Pilgers nach Jerusalem und dem Jordan, so wie der
Aufenthalt in der einst werthen Stadt den meisten Christen wie ein
sichrer Gang zum Tode erschien; da wohnte hier auf dem Zion, mitten
unter den Trümmern, ein wehrloses Häuflein der Jünger des heiligen
Franziskus, das in seinem armen Hauße die Pilgrime, die den Zug noch
wagten, aufnahm und ihrer pflegte. Schon einmal hatte man diese
Herbergsväter der Lateinischen Pilger von ihrem Obdach vertrieben, da
bewohnten sie lange Zeit die Felsengrotten, die am Abhange des Felsens,
dem Blutacker (Hackeldema) gegenüber liegen. Im Jahr 1561 nahmen ihnen
die Türken das Kloster und die uralte Christenkirche des Coenaculums
gänzlich, und die armen Väter haben seitdem an dem Zion kein andres
Recht mehr als da ihre Todten, auf dem alten Kirchhof der Lateiner zu
bestatten. Nicht weit davon haben die Armenier ihren Gottesacker, gegen
die Stätte vom Haus der Maria hin.
Von der Anhöhe des Zion steigen wir über die Felder, aus deren Erdreich
sehr häufig die Trümmer der vormaligen Stadt hervorblicken, hinab nach
der Gegend in welcher die Wasserleitung aus Salomons Brunnen, jenseits
Bethlehem ihren Verlauf (durch irdene Röhren) hin nach dem Morija
nimmt; dem Sammelpunkte vieler unterirdischer Zuströmungen. Auf unsrem
Wege, in der Ebene der Wasserleitung gegen die Mauern der Stadt, kamen
wir an jener Felsengrotte vorüber, welche von der Ueberlieferung als
die Stätte bezeichnet wird, da Petrus die Untreue seines sonst so
feurigen Herzens bitterlich beweinte.
Eine Regenwolke die über Gihons Berg herabzog fieng an sich zu
ergießen; uns wäre dieses keine Nöthigung zur Heimkehr gewesen,
wohl aber war sie es unserm besorgten Führer, der uns versicherte,
daß Fremden, die des hiesigen Klimas noch ungewohnt seyen, ein so
plötzliches Naßwerden durch Regen öfters Erkrankungen brächte. Wir
eilten nach dem Zionsthore und fanden am Eingang zum großen Garten der
Armenier ein Obdach. Doch nach wenig Minuten war der Regen vergangen
und die Sonne schien wieder klar und hell. Unter den Thorhallen des
Klosters sahen wir noch die buntfarbigen Schaaren der Armenier und
ihrer verschleierten Frauen, welche da die kleinen Kunstwerke der
Stadt: Kruzifixe und Paternoster, auch Kleidungsstücke und Eßwaaren
kauften und verkauften. Eine Familie mit vielen Kindern, welche eben
erst eingewandert zu seyn schien in die Stadt, erquickte sich an der
Ruhe und dem Genuß des frischen Brodes und Wassers; wir aber am Anblick
so vieler still vergnügter Gesichter.
Der Sonnabend Nachmittag ist für mich von jeher der Anfang des
Sabbathes; eine Zeit des Ausruhens und der Stille; er war mir dieß
in Jerusalem in ganz besondrem Maße. Zuerst ein Stillstehen auf
meinem Lieblingsplätzlein, jenseit des Bogens des Ecce homo und der
Trümmer der Antoniaburg, auf dem Hügel des Schuttes innerhalb dem
Stephansthore. Mehrere der Begleiter hatten diese Aussicht auf den
nahen Morija und über die Häußer der Stadt hin noch nicht gekannt;
ihnen zeigte ich sie heute. In dem jetzigen Jerusalem läuten keine
Glocken den morgenden Sonntag ein, der Wechsel der einzelnen Stunden
und Wochen hat hier keine Stimme; man darf den Ausrufer der Zeiten des
Gebetes dort am Minaret neben der Moschee des Morija nicht fragen: wann
werden wohl die Tage enden, während denen das innre Chor des Tempels,
der freilich nur im Abbild uns sichtbar ist, dahingegeben ward den
Heiden, daß sie ihn zertreten zwei und vierzig Monden lang?
Zum Thore des Ostens hinaus giengen wir jetzt hinab gegen den Garten
Gethsemane; die Begleiter verweilten im Thal und Bette des Kidron,
die Hausfrau und mich verlangte es den Vorabend des Sabbathes auf dem
Oelberg zu feiern. Selbst die Wüste und der öde Fels waren durch den
heutigen Regen getränkt mit Strömen der Lust und des Wohlgefallens,
noch mehr aber der grünende Teppich des Oelberges. Mich wandelte,
als ich da hinanstieg gegen den Gipfel ein ähnliches Gefühl an,
wie etwa sonst an einem Himmelfahrtsabend des lieben, christlichen
Vaterlandes, wenn die Kräfte des angehenden Sommers den grünenden
Hügel anrühren, daß aus Wald und Gebüsch ein Regen des Blüthenstaubes
sich ergießet und das Feld der blühenden Aehren seinen Duft giebt.
Wenn ich in der theuren Heimath zuweilen an einem solchen Vorabend
des Himmelfahrtstages, den Fußtritten eines eben vorübergezogenen
Gewitters nachgieng, und die Donner im Wald und Gebirge schwiegen;
aus dem Thale stieg wie von einem Altar, dessen Opfer eben vollendet
ward, ein leichter Hauch des Wasserdampfes auf; wenn dann in meinem
Innren, zugleich mit den Blumen des Feldes, die arme Lilie des Thales
sich aufthat, die ein Gärtner vor langer Zeit dahin pflanzte und
seitdem treulich pflegt, da sehnte ich mich oft nach deinem Anblick du
Oelberg, nach deinem Anblick mit eignen, leiblichen Augen, nach deiner
Berührung mit eigner, leiblicher Hand, und nun darf ich dich sehen und
anrühren.
Wir traten heute nicht in das Innre der Auffahrtskirche, welches
verschlossen schien, sondern nur auf die Felsenaltane der freien Höhe
mit ihrer Aussicht nach dem Pisga und Jordan, in Josaphatsthal wie
über die Stadt »des großen Königes;« denn diesen Tempel darf keine
Menschenhand verschließen. Vorüber an den Gräbern der Propheten, am
dritten (südlichsten) Höhenpunkt des Oelberges, den Salomo »aus Liebe
zu den fremden Frauen« zu einem Berg des Aergernisses für sein ganzes
Volk und für alle künftige Zeiten entstellte, nachdem wir da die
gefallenen Säulen und Cisternenartigen Grüfte betrachtet, stiegen wir
hinab nach dem Thale Josaphat. Dem Thale des Ernstes und der Stille,
in welchem es, so schien es wenigstens mir, der Seele des Pilgrims
und Fremdlings auf Erden zu jeder Zeit leichter werden müßte denn
anderwärts, den reinen Grundton ihres Innren wieder zu finden, und dem
verstimmten Instrument des Herzens den verlorenen Wohllaut wieder zu
geben. Wir und unsre Begleiter fanden uns da mit dem eifrig zeichnenden
Maler Bernatz zusammen. Die Schatten aber des Morija breiteten ihre
Flügel immer weiter über den Abhang des Oelbergs hinüber; es war Zeit
an den Eingang ins Thor zu denken, damit uns dieses nicht für die ganze
nächste Nacht verschlossen würde.
Mehr als bei jedem andern früheren Tage (doch der spätern gab es
noch einige welche diesem wenigstens glichen) möchte ich vor der
Beschreibung des ersten Sonntages in Jerusalem meine Leser fragen:
wer wohl von ihnen schon in Jerusalem, wer in Bethanien war? Ich
meine nicht gerade mit dem äußren, leiblichen, sondern mit dem
innren Menschen. Denn an solche Orte, welche uns, wenn wir sie nun
leiblich betreten, noch mitten in der Zeit einen rechten Vorschmack
gewähren sollen von dem Seyn im Heim der Ewigkeit, muß schon der
Geist vorausgegangen seyn und Wohnung da gemacht haben. Auch ich war
im Geiste schon oft in Bethanien gewesen, bei den Seelen, die der
Herr lieb hatte, darum bewegte mich der leibliche Anblick mit so
unbeschreiblicher Gewalt; mir kamen, schon beim Hineintreten in das
Thal, wie eine Schaar guter Engel, jene Stunden entgegen, die ich im
Geiste hier verlebt hatte.
Wir hatten uns am Morgen mit einer Gemeinde der Christen zur Freude
an dem Herrn und an Seinem Namen versammlet; dann in der Grabeskirche
bei Gethsemane an der Andacht der Mitpilger erbaut. Die Ueberlieferung
der ersten Jahrhunderte, und wem sollte sie, der das Bewegen einer
Mutterliebe versteht, die über alle Liebe der andern Mütter der Erde
war, nicht ehrwürdig seyn, erzählt, daß sich »Maria, die Mutter Jesu«
die Nähe der Stätte, da Christus, bei Gethsemanes Felsen den Kampf
mit dem Tode kämpfte, zur Ruhe des Grabes erlesen habe. Die Kirche
die hier steht, großentheils unterirdisch, erinnert an den letzten
Schlummer der Auserwählten der Frauen, wie des treuen Pflegvaters
Joseph, und Joachims und Annas. Aus dieser Grabeskirche, in welcher
selbst die Türken ihre eigenen Gebetsstätten haben, wendeten wir
uns zum Wege, neben dem Kidronthale hin, nach Bethanien, in welchem
Lazarus wohnte mit Maria und Martha, seinen Schwestern. Der Weg, es ist
derselbe, der, wie ich später erfuhr, zu der Gegend von Jericho führt,
durchschneidet jene Thalschlucht die vom Kidron am südlichen Abhange
des Oelberges hinansteigt nach der vormaligen Stätte von Bethphage.
Hier stehen Häußer, von Bäumen umgeben; wir hielten jene schon für
Bethanien, von einigen uns begegnenden Pilgrimen aber belehrt, setzten
wir, nach kurzer Ruhe, unsre Füße weiter. Nur noch eine kleine Anhöhe
war zu ersteigen, da sahen wir links vom Wege das Dörflein, das selbst
noch in seiner jetzigen Gestalt als einer der lieblichsten Orte des
Landes erscheint. Es liegt seitwärts von der Heerstraße, im Schutze
der Berge, umgeben von hohen Bäumen, die gegen Westen hin einen Wald
der Gärten bilden. In ihrem dichten Schatten grünen der Fels und die
Haufen der Trümmer. Da, wo wir nahe bei der Straße, welche nach Jericho
führt, im Schatten eines Baumes stunden und hineinblickten in das
Dorf der Gärten, weilte vielleicht der Herr, als Martha ihm entgegen
eilte und dem zu spät gekommnen Helfer die Worte eines Glaubens
zurief, welcher in der Prüfung treu geblieben war[172]. Freilich
gleichet das zertrümmerte Gemäuer, das wie man glaubt zu Lazarus Hauße
gehörte, selber schon einem Todtenmahle, und noch mehr soll die tiefe
Felsenkammer[173], in die man nahe bei der kleinen Moschee den Pilgrim,
als zu »Lazarus Grabe« hinabführt, diesen mit Gedanken an den Tod
erfüllen, aber dieser Gedanke hat hier eine andre Gestalt gewonnen als
seine gewöhnliche ist. Denn in Bethanien war es ja, wo der Erlöser aus
des Todes Nacht und Banden als Sieger auf dem Staube des Grabes stund,
und sich kund gab als die Auferstehung und das Leben[174], auch ist nur
ein kurzer Weg aus dem Thale hinan zu dem Hügel des Triumphes und der
Auferstehung.
Diesem armen Dörflein muß noch jetzt ein Reiz innenwohnen der es zu
einem Lieblingsort der fremden Pilgrime macht. An keinem andren Orte
der Umgegend von Jerusalem sahen wir so viele Wallfahrter aus den
verschiedensten Gegenden des Morgenlandes einträchtiglich versammlet
als hier. Im Schatten der Bäume und Felsen saßen Eltern und Kinder,
Freunde bei Freunden, oder auch Unbekannte bei Unbekannten und genoßen
die leiblichen Erquickungen, die ihnen das kleine Arabische Dorf zu
ihrem Mittagsmahle bieten konnte. Wir giengen den Fußweg nach dem
Oelberg hinauf. Der krank aussehende Jüngling, welcher neben dem vom
Alter gebeugten Greise, abgesondert von den andern Pilgrimen, im
Schatten eines Wallnußbaumes ruhete, sollte er uns vielleicht an jenes
Krankseyn vor Liebe erinnern, von welchem ein heiliges Buch redet? In
der That, hier an diesem Orte, wo das Andenken an das Geschehene Ihn,
den Freund der Freunde, in einer so nahe erfaßbaren Gemeinschaft mit
den Menschen erblickt, die Er lieb hatte[175], wäre die Anwandlung
eines solchen Krankseyns leicht möglich. Ja, »wer ist dein Freund, o
Menschenseele; wer ist dein Freund vor andern Freunden, daß du ihn so
ersehnest?« Der Name meines Freundes ist eine ausgeschüttete Salbe,
die das Sterbende belebt; Seine Liebe ist besser denn des Lebens Lust;
mächtiger denn des Todes Schmerz; Er ist der Freude Quell, des Lebens
Brunn, ein Fels daran das Sehnen auf immer ruht, denn siehe in Ihm ist
Alles, »was man je begehrt. Ein solcher ist mein Freund; mein Freund
ist ein solcher, ihr Töchter Jerusalems.«
Der Anblick einer alten, verfallenen Ritterburg, in deren Mauern
einst große, gute Helden bei den Ihrigen ausruheten von des Kampfes
Mühe, und Kräfte sammleten zu neuen Kämpfen, hat für den Wandrer,
der unten im Thale, am Bache vorbeigeht und hinaufschaut nach den
Trümmern, etwas Rührendes; wie sollte es nicht viel mehr der Anblick
von Bethaniens alten Gemäuern für den Pilger haben, der aus dem Thale
hinaufsteigt gegen den Oelberg. Die Stunden des Ausruhens in Lazarus
und Marthas und Marias Hauße, dort unten am Fuße des Hügels, sind
längst vorübergezogen, die Liebe aber, die sich da zu dem Geschlecht
der sterblichen Menschen gesellte, wohnet noch immer über dem Thale wie
über den Hügeln; denn sie gründet tiefer als die Tiefe, spannet höher
als die Höhe und ist bleibender denn Thal und Hügel.
Wenn man von Bethanien hinansteigt, den nächsten, geradesten Weg nach
Jerusalem, der über die Mitte des Oelberges führt, kommt man über
einen schmalen Bergrücken, der den Hügel von Bethanien mit dem Oelberg
verbindet. Zu seiner Rechten wie zur Linken senkt sich der Abhang nach
den Nachbarthälern hinab. Hier an diesem Bergsattel lag Bethphage;
aus seinem von der ursprünglichen Stätte ganz verschwundnen, oder
mit Gras bewachsnen Trümmern ist vielleicht ein Theil der steinernen
Hütten der Araber erbaut, die sich, wie Schwalbennester im Vorhofe
eines Tempels, unterhalb der Auffahrtskirche angesetzt haben. Es war
fast Mittag da wir auf der Höhe aller Höhen ausruheten. Ein andres
Ausruhen ist freilich das auf dem Oelberg, an einem Frühlingstage,
im Anblick von Josaphatsthal und von Jerusalem, als jedes, noch so
leiblich erquickende auf einer blumenreichen Alpenwiese, von der man
hinabschaut nach dem See und den grünenden Auen; dennoch wird noch ein
seligeres Ausruhen seyn, das den Pilgrim und Fremdling der Erde, wenn
er den rechten Weg dahin fand, auf einer Höhe des mühsamen Ansteigens
erwartet, von welcher jenes Jerusalem geschauet wird, das nicht irdisch
sondern himmlisch ist.
Auch im Pilgerhauße, bei unsern Freunden, ruhte es sich gut. Am
Nachmittag machten wir uns, mit den Reisegefährten vereint, auf den Weg
nach der südwärts gelegnen Umgegend der Stadt. Wir hatten zuerst bei
dem sogenannten Teiche des Ezechias verweilt. Dieser ist eine Cisterne,
welche in ihrem festgemauerten Behältniß andres nichts denn Regenwasser
aufnimmt und nach unten keinen Abfluß, von oben her keinen andren
Zufluß hat als den vom Regen. Das Wasser war mit grünlichen Conferven
bedeckt; an seinem niedern Stande konnte man erkennen, daß in diesem
Jahre der Frühlingsregen sparsamer geflossen war denn sonst. Neben dem
Teiche zeigen sich die Lauben und Hallen eines Türkischen Kaffeehauses.
Wir sollten heute ein lebendigeres, frischeres Wasser sehen als
das der Cisternen; unser Weg gieng nach dem in vielfachem Sinne
wunderbar zu nennenden Quell Siloahs, im Süden der Stadt. Hinaus zum
Stephansthore, dann an Gethsemane vorüber nahmen wir unsre Richtung
über die Grabstätten der Juden nahe bei jenem Felsen, da nach der Sage
Judas Ischarioth sich erhieng, nach dem armseligen Dörflein Siloah.
Seine Hütten und überbauten Höhlenkammern sind von Arabern bewohnt; der
schmale Weg neben den Wohnungen beugt sich bald aufwärts am steilen
Abhange, bald wieder abwärts. Jenseit des Dorfes und südwärts von ihm,
im Kidronthale ist die vermuthliche Stätte, an welcher dem Moloch ein
Altar gebaut war, bei dem Israëls weit verirrte, abtrünnige Väter ihre
Kinder durchs Feuer gehen ließen; noch mehr südwärts findet sich der
mehr denn hundert Fuß tiefe Brunnen des Nehemia, der in der Zeit des
Herbstregens überschwillt; in seiner Nähe sind gemauerte, teichartige
Wasserbehältnisse, die jetzt ohne Wasser waren. Hier ist der Punkt
wo das Thal des Kidron und des Gihon sich vereinen. Wir wendeten
uns wieder aufwärts gen Norden; zu unsrer Linken, am Felsenabhange
Ben Hinnom, nahe bei dem Todtenacker der Pilgrime blieben uns die
Grabeshöhlen mit Spuren alter Malereien an ihren Wänden. Noch weiter
aufwärts an der Westseite des Kidron erlitt Jesaias der Prophet, auf
Befehl des Tyrannen den Martertod, und nahe dabei waren des Königes
Gärten.
Ein klares Bächlein, hier in der wasserarmen Umgegend von Jerusalem
ein seltner, dem Auge wohlthuender Anblick, fließt nahe bei dem
vermuthlichen Grabmahle des von Gott begeisterten Sehers vorüber.
Hier waren Arabische Frauen mit Waschen beschäftigt, weiterhin aber
genossen, im grünen Grase gelagert, christliche Pilgrime die Ruhe des
Sonntages. Das Bächlein kommt aus dem Teiche und Quell Siloah, in jener
Bergschlucht, die sich zwischen dem südwestlichsten Abhange des Morija
und dem südöstlichsten des Zionberges hineinzieht. Wenn man dort
auf den steinernen Stufen hinabsteigt und hier wie weiter nordwärts
in der engen Felsenkluft das klare Wasser dem Fels entquellen sieht,
da stehet man an dem einen, letzten Ende eines unterirdischen Baues
von Jerusalem, welcher bisher den Forschungen der neueren Zeit noch
unzugänglicher war als die unterirdischen Räume und verschütteten Gänge
der Aegyptischen Pyramiden, obgleich er an Bedeutung den Katakomben des
alten Romes nichts nachgiebt. An der südöstlichsten Ecke der Stadt,
auf der für Christen so schwer erreichbaren, hochummauerten Fläche des
Morija oder des jetzigen Berges der Omar-Moschee, nicht fern von jenem
Felsensteine, auf welchem einst nach der Sage des Islams Mohamed sitzen
wird, wenn er mit Christus die im Thale Josaphat versammelten Todten
richtet, zeigt sich der Eingang zu mächtig weiten Gewölben und Gängen
der Tiefe, von denen auch anderwärts unter den Trümmern der alten
Stadt Spuren gefunden werden. Auch wir hörten, wie Monro[176], von
jenen Gewölben unter dem Tempelberge, welche von Tausenden der Säulen
getragen würden; von den Wasserbehältnissen die mit ihnen in Verbindung
stehen, vor allem aber von dem zwischen der Omar- und Aksamoschee
gelegnem Brunnen, in welchem lebendiges Wasser quillt. Von dem
unterirdischen Jerusalem, dessen Centralpunkt zwar unter dem Tempelberg
war, das aber seine Gänge nach allen Richtungen hin unter der Stadt,
ja bis vor die Mauern fortsetzte, erzählen die Schriftsteller des
Alterthumes[177]. Jene Bauwerke der Tiefe waren auch den späteren
Jahrhunderten nicht ganz unbekannt, obgleich ihnen ein großer Theil
derselben unter dem Schutt und den Trümmern verschlossen blieb[178];
erst die kleinliche Eifersucht der Türken hat es der wissenschaftlichen
Forschung unmöglich gemacht in jenes Geheimniß der Tiefe einzudringen.
Da bei der Belagerung der Stadt durch Titus der nahe Untergang
derselben als unvermeidlich vor Augen lag, hatten ganze Schaaren der
Belagerten in den unterirdischen Gängen und Gewölben der Stadt sich
und ihre Schätze verborgen; unter den Versteckten war auch Simon
von Gerasa, einer der Führer der Rotten; dieser war bis unter den
Tempelberg gekommen, wo die Qual des Hungers ihn wieder heraustrieb ans
Tageslicht, in die Hände der Feinde[179]. In der frühern Zeit jener
Belagerung waren die Juden öfters durch solche unterirdische Gänge
hervorgebrochen aus der Stadt und hatten die Römer, wenn diese Wasser
holen wollten, bei Siloah überfallen, bis Titus die Ausgänge verstopfen
ließ. Ein großer Theil der unterirdischen Gewölbe war zu Behältnissen
des Wassers bestimmt, dessen Quellen Hiskia bei dem oberen Teich des
Gihon (und an der Nordseite der Stadt?) in der Tiefe abgefangen und
vor allem unter den Tempelberg geleitet hatte, unter welchem, in
einem Umfange von fünf Stadien ein Wasserbehältniß am andern sich
fand[180]. Im Tempel drang, aus Oeffnungen, welche den opfernden
Priestern bekannt und durch sie wieder verschließbar waren, das
Wasser, so oft diese wollten, in Menge hervor[181]. Könnte man Siloahs
zuweilen reichlicher, dann wieder sparsamer fließendem Quell nachgehen
bis zu den Räumen der Tiefe aus denen er hervorkömmt, dann würde man
wahrscheinlich durch ihn noch jetzt zu den uralten Wasserbehältnissen
unter dem Morija und von da hinan in die Felsengründe des Gihon geführt
werden. Es sind dieselben Mittel gewesen, durch welche die Artesischen
Brunnengräber noch jetzt ein dürres Land mit Wasser versorgen, die
von den Herrschern des alten Jerusalems, namentlich von dem wahrhaft
weisen Könige Hiskias angewendet wurden, als sie die Stadt innerhalb
der Mauer, nach Tacitus Ausdruck, zu einem beständigen Quell des
Wassers umschufen, während die Landschaft rings umher, mit Ausnahme des
Abflusses am Siloah, ohne Quell und Brunnen, ein, ohne Hülfe der Stadt
unbewohnter Boden ist.
So lebt die Macht und Herrlichkeit des alten Jerusalems, auch leiblich,
eben so wie geistig, noch in der verborgenen Tiefe fort; dieser
entquillt noch immer, auf geheimnißvollem Wege, ein lebendiges Wasser,
welches die Durstenden tränkt. Und mag die Wurzel des vom Wetter
zertrümmerten Baumes immerhin von Haufen des Schuttes bedeckt und
begraben seyn, wenn sie nur lebt, wird sie wohl dereinst mit neuen
Sprossen aus dem Grabeshügel der Trümmer hervorbrechen und dastehen vor
den Augen der Völker »auserwählt wie die Sonne, schrecklich wie die
Heerschaaren.« Davids Grab wie Salomons, und das Geheimniß jener Gruft,
das nach einer alten Sage fortwährend noch die höchsten Heiligthümer
des ersten Tempels verwahrt, werden wenigstens im geistigen Sinne sich
aufthun; der Quell des Erkennens Dessen der war und ist und seyn wird,
soll dann ein offener Born seyn, aus welchem alle Heiden und Völker
Kräfte des Lebens schöpfen umsonst.
Wie schön war doch noch der Sonntag Abend im Thale Ben Hinnom, das wie
ein Feld des Auferstehens fröhlich grünte und blühete. Schaaren der
Pilgrime, mit ihnen die weißgekleideten, verschleierten Frauen und
Jungfrauen zogen mit uns hinan zum Thore. Dieses waren die äußren,
sichtbaren Begleiter. Die innren aber und unsichtbaren, welche die
Seele heute mit sich hineinnahm in das Schweigen und Ausruhen der
Abendstunden, das waren Bewegungen und Gefühle wie sie, in solcher Art
und Gestalt nur ein Frühlingssonntag in Bethanien und Ben Hinnoms Thale
wecken kann.
Der Morgen am Montag, den dritten April, hauchte kühl über die Berge
her; selbst nach Sonnenaufgang zeigte das Thermometer nur 6 Grad
Reaumur. Bald aber wachte über Zion der Frühling mit seiner belebenden
Wärme wieder auf; wir begaben uns hinaus zum Damaskusthore, nach der
nördlichen Umgegend der Stadt. Ein kleiner Flug von Aasgeiern (wir
sahen diese »Adler« öfters über Jerusalem und seine Nachbarhügel
versammlet) schwebte über die Trümmerhaufen nach Süden hin; diese
Befreundete des Todes und der Verwesung finden da fortwährend eine
Fülle des Todten und Erstorbenen. Und nicht jener Vogel der Leichname
allein, sondern Alles was das Auge auf der Nordseite außerhalb den
Stadtmauern siehet erinnert an Zerstörung. Zwischen den Pflanzungen
der Feigen-, Maulbeer- und Oelbäume, die nach dieser Seite hin häufig
sind, bemerkt man ganze Haufen von aschfarbigem Schutte, wie von einer
alten Brandstätte; die Mauern der Olivengärten bestehen zum Theil aus
Trümmern behauener Steine und da wo der Regenbach oder eine grabende
Menschenhand den Grund entblößte sieht man auch größere Werkstücke,
die jedoch nur selten in ihrer ursprünglichen Lage eines auf dem
andern geblieben, sondern von den vielmals wechslenden Zerstörern
und Wiedererbauern der Stadt wenigstens auseinander gerissen, wenn
auch nicht hinweggeschleppt sind. Denn so viel auch Byzantiner und
Sarazenen, Franken und Türken an dem späteren, noch jetzt vorhandenen
Jerusalem bauten, so viele Steine Omar zu seiner Moschee, Suleiman zu
Mauern und Thürmen verbraucht hatten, so fanden doch beide den größten
Theil dieses Baumaterials schon im innren Kreise der Stadt. Dagegen
blieb von der 25 Ellen hohen und 10 Ellen dicken Mauern, von den 90
Thürmen, worunter der bedeutendste der 70 Fuß hohe Psephinus war, womit
Agrippa +I.+ die hier im Norden der jetzigen Stadt weithin sich
erstreckende Neustadt Bezetha an ihrem Umfange schützte, noch eine
solche Menge der Steine unter dem Graus der Verwüstung liegen, daß,
wenn man sie ausgrübe der Stoff noch zu manchem Mauernbau gefunden
würde. Wie Gräber einer Zigeunerhorde, wo der Staub das verscharrte
Gebein nur seicht bedeckte und von hungernden Thieren oft durchwühlt
wurde, erscheinen diese unregelmäßigen, nun zu Oelgärten gewordenen
Schutthügel von Bezetha.
Wir waren heute ohne Führer aus dem Kloster gegangen; ein junger
Türke den wir auf dem Felde fanden und darum ansprachen, ließ sich
willig finden uns nach den Gräbern der Könige und der Richter zu
geleiten, wozu jedoch noch ein Andrer gewonnen werden mußte, dem als
Eigenthümer des Grundstückes das Recht des Herumführens zustehet.
Von dem Thurme Psephinus, welcher eine Aussicht über die Gebirge und
Ebenen bis an den Saum des Mittelmeeres und an die Gränzen »Arabiens«
gewährte, konnten wir keine sichre Spur entdecken. Wir hätten seine
Stätte wahrscheinlich weiter westwärts von den Gräbern der Könige
suchen sollen. Diese (die vermuthlichen »Königshöhlen« des Josephus)
finden sich eine Viertelstunde Weges nordwärts vom Damaskusthore,
ganz nahe an der Straße die nach Bir und Sichem (Naplus) führt. Man
tritt zuerst in einen Vorhof der ausgehauenen Felsen, der durch
eine Thür verschlossen werden kann. An der südlichen Felsenwand des
Vorhofes zeigt sich eine prachtvolle Halle, mit Dorischem Frontispiz;
verziert mit den halberhabenen Bildwerken der Rosen und Weinranken.
Im Osten der Halle ist der Eingang zum Innren der Grabeskammern.
Das Hineindringen in dieses Innre ist, wenigstens in dem Zustand in
welchem wir das Bauwerk fanden, mit großer Beschwerde verbunden; wir
mußten auf Händen und Füßen, auf dem Bauche liegend hineinkriechen in
den ersten Saal. Unsre Türken hatten uns die mitgebrachten Lichter
angezündet; sie selber bemühten sich nicht mit dem Hineinkriechen,
sondern blieben, Tabak rauchend, im Hofraume sitzen. Von dem ersten,
zwanzig Fuß im Gevierte messenden Saale führt eine Thüre auf bequemere
Weise in eine andre Kammer, welche an ihrer Nord- und Südseite auf
jeder an drei Grabeshallen gränzt. So kommt man noch in mehrere Kammern
von deren oberen Reihen man an einigen Punkten hinabsteigen kann in
die tiefer gelegnen. Manche Zugänge zu den untersten Theilen mögen
durch die Trümmer, vielleicht auch durch Mauerwerk verborgen seyn,
doch hat das Auge schon hinlängliche Beschäftigung an dem, was offen
vor ihm daliegt. Die kunstreichen, halberhabenen Arbeiten der Wände,
die sonderbaren zum Theil gestürzten und zerbrochnen, inwendig hohlen
Säulen; die aus dem Felsenstein selber gehauenen, einen halben Fuß
dicke Thüren, die ehedem, mit der Decke und dem Boden der Kammern
durch eigenthümliche Angeln zusammengefügt waren und an diesen sich
herumdrehen ließen, welche aber jetzt aus dieser Verbindung gerissen
am Boden liegen, sind sämmtlich Gegenstände, der Beachtung werth. Von
etlichen steinernen Särgen werden in einer der tieferen Kammern noch
die Bruchstücke gesehen, an denen sich eine vormalige Größe derselben
erkennen lässet, die das Hineinschaffen durch die engen Thüren
unmöglich machte; sie mußten innerhalb der Grabeskammern aus dem Felsen
selber gehauen worden seyn. Diese Grabeskammern mit allen den Werken
von Stein die in ihnen enthalten sind, erinnern mich an Nichts ihnen
Aehnliches das ich früher oder später auf meinen Reisen gesehen; es
scheint sich in ihnen der Charakter einer andern Baukunst zu offenbaren
als jene der Aegypter, der Griechen und Römer war. Doch vergleicht sie
Richardson mit den alten Grabeskammern auf Malta und bei Syrakus. Auch
die sogenannten Gräber der Richter (des Sanhedriums), zu denen wir
nordwärts von jenen der Könige, jenseits einer kleinen Moschee kamen,
tragen eine eigenthümliche (altjüdische) Form, die ihnen die Hand ihrer
unbekannten Erbauer aufprägte; auch sie erinnern weder an Aegypten
noch an Griechenland, eher aber an Petra. Die Eingänge zu diesen
Grabeshöhlen, welche jetzt den Hirten zum Bergungsort dienen, sind am
Abhange eines Hügels, in den Felsen gehauen, und lassen einen bequemen
Zutritt zu.
Wir traten wieder hinaus auf die Straße von Damaskus, welche in
ziemlich gerader Richtung nach Norden verläuft. Hier entließen wir
unsre Führer, von denen jetzt keine weitren Aufschlüsse über die Gegend
zu erwarten waren, und giengen hinaus nach der Stätte des alten Gibea
Sauls oder Benjamins, welche fast anderthalb Stunden weit von der Stadt
abliegt. Stünde sein Name nicht mit Schrecken erregenden Zeichen im
Buch der Geschichte geschrieben, dann würde keine Kunde dieses Ortes
bis zur jetzigen Zeit gekommen seyn, denn außer einer gestürzten Säule,
zur Linken der Straße und außer einigen von Menschenhand behauenen
Stufen, an dem allmälig ansteigenden Felsenhügel, findet sich keine
Spur der Stadt. Nordwärts von der Gegend des alten Gibea zeigen sich
zwei kegelförmig-spitzig ansteigende Felsenhügel, welche schon von
ferne durch ihre ausgezeichnete Form dem Auge auffallen. Sie liegen
nahe und fast ostwärts von dem Dorfe Schafat. Zwischen beiden Hügeln
führet ein schmales, jetzt grün bewachsenes Thal hin; der eine der
pyramidalen Hügel stehet in Süden, der andre in Norden des Thales.
Wir bestiegen den südwärts (gegen Gibea und Jerusalem) gelegenen. Auf
seiner Höhe fanden wir eine tiefe, gemauerte Cisterne und mehrere
Ueberreste alter Befestigungswerke, auch am östlichen Abhange, an
welchem eine durch Menschenhand geebnete Felsenplatte hervortritt,
stehen alte feste Gemäuer. Die Nachbarschaft dieser beiden Hügel,
die von Ost oder Westen gesehen wie die Spitzen zweier Thürme eines
altgothischen Domes, oder wie die Zelte zweier Heerführer einander
gegenüberstehen, ist sehr bedeutungsvoll. Hier in Süden erscheint
Gibeas Stätte wie ein verödetes Feld, über welches der Eroberer seinen
Pflug gezogen hat; dort in Nordwest blicket von der waldbewachsnen Höhe
Rama Samuelis mit majestätischem Ernst hernieder; in Norden öffnet sich
das Felsenthal von Michmas; im Kreise der hohen Bäume, einladend zu
ihrem Schatten, liegt in West zum Süd das freundliche Schafat.
Während wir auf dem Hügel stunden kam ein großer, für diese Gegend
ungewöhnlich schöner Hirtenhund von der Heerde aus dem grünenden
Zwischenthal und nahete sich der Cisterne, in der man in großer Tiefe
Wasser bemerken konnte. Das arme Thier lief ängstlich an dem Mauernrand
des Wasserbehältnisses hin und roch hinab zum Wasser, es sahe uns, wie
Hülfe flehend an; wir aber hätten selber kein Mittel gewußt etwas zu
schöpfen. Wahrscheinlich haben die Hirten der Nachbarschaft irgendwo im
Felsen einen Schöpfeimer mit seinem Seile verborgen, dessen sie sich
nach Bedürfniß bedienen; die nächste Umgegend aber, dies bewies das
hier wohlbekannte, durstende Thier ist ohne Bach und Quell.
Bei der Lage der beiden zuckerhutförmigen Felsenhügel hier zwischen
Gibea und Michmas war es uns nicht ganz zu verdenken, wenn wir an
die zween spitzigen Felsen Bozez und Senne dachten, welche Jonathans
Heldenthat im Buch der Geschichte Israëls verherrlichte[182]. Die
Philister diesseits dem Engthale von Michmas (von welchem wir später
reden werden) hatten sich auf dem nördlichen Blachfeld gelagert, das
durch das seichte Thal zwischen den beiden Hügeln von Gibeas Fläche
abgegränzt ist und die Warte ihres Lagers stund auf dem nördlichen
Felsenhügel. Darum konnten die Wächter zu Gibea Benjamin es sehen, daß
der Haufe der Feinde zerrann und zerschmissen ward[183].
Einige der jungen Freunde schlugen ihren Weg ostwärts, nach der Gegend
ein, von welcher der Winterstrom des Kidron seinen Lauf nimmt, ich,
von Herrn Mühlenhof begleitet, nachdem ich noch vergeblich mich bemüht
hatte einige deutliche Spuren von Gibea Benjamin aufzufinden (denn
die Trümmer von behauenen Steinen in einem benachbarten Felde konnten
nicht als solche deutliche Spuren gelten) schlug den geraden Weg nach
der Stadt ein. Auch von Anathoth dem Geburtsort des Jeremias, der nach
Hieronymus etwa eine Stunde Weges von Jerusalem in Norden lag[184],
deutet kaum ein zurückgebliebenes Gemäuer die Stätte an.
Bei Gelegenheit eines Besuches, den wir am Nachmittag unsren
Landsleuten, den Deutschen Juden machten, versuchte ich es zum ersten
Male etwas weiter gegen Morija, an den Platz der Omar- und Aksamoschee
vorzudringen und auch ostwärts von der Citadelle unter den zum Theil
mit Gärten bepflanzten Trümmerhaufen die Stätte der beiden mächtigen
Thürme der innren Mauer: Phasaëlus und Mariamne aufzusuchen. Der
Weg der letzteren Forschungen hat keine Schwierigkeit, wenn er auch
heute mich nur zu wenig sichren Wahrnehmungen führte. Auch zu jenen
Trümmerhaufen und alten Gemäuern, welche in den Höfen und Gärten der
Türkischen Häußer liegen, öffnet ein freundliches Wort oder ein
kleines Trinkgeld den Zugang. Ungleich mehr jedoch ist die Annäherung
an den Platz der Omarmoschee erschwert. Ich war heute ganz allein,
denn so glaubte ich würde ich weniger gehindert seyn, bis in den
bedeckten Gang vorzudringen, der auf Siebers Karte von Jerusalem als
Xystus bezeichnet, auf Catherwoods Grundriß jedoch als bedeckter Bazar
(unter +q+) benannt ist. Hier hatte ich das wahrhaft prachtvolle
Gebäude der Omarmoschee unmittelbar und ganz nahe vor Augen. Einige
Aegyptische Soldaten, die mir dort begegneten, ließen mich ruhig
meines Weges gehen, schon war ich, nach meinem Bedünken bis jenseits
der Hälfte des Ganges gekommen, da traf ich auf einige Türken, unter
denen ein ältlicher, der seiner Kleidung nach von vornehmeren Stande
war, mir zuwinkte, ich solle umkehren. Ich blieb stehen bis jene an
mich kamen, da bedeutete er mich nochmals, mit großer Freundlichkeit,
daß es Christen nicht erlaubt sey diesen Weg zu gehen. So kehrte ich
denn für heute um, betrachtete jedoch, denn dieß wehrte mir niemand,
lange stillstehend, vom Eingang der bedeckten Hallen aus und durch sie
hindurch die Stätte da einst Jehovas Herrlichkeit thronte.
* * * * *
Dienstags den vierten April führte uns der freundliche Pater Vicar
abermals zu mehreren, bisher noch nicht gesehenen Merkwürdigkeiten
der Stadt. Zuerst zu dem alten Gemäuer eines schmutzigen, von Arabern
bewohnten Haußes, in welchem den Pilgrimen das Gefängniß gezeigt wird,
da Petrus zwischen zwei Kriegsknechten an Ketten gebunden lag, und
aus welchem der Engel des Herrn, die Ketten lösend und die eiserne
Thür öffnend ihn hinausführte[185]. In dem Kloster der Kopten, das
wir von hier aus besuchten, sieht es etwas ärmlich aus. Nicht ohne
besondre Theilnahme betrachtet der Pilgrim aus den christlichen Ländern
des Westens die Ueberreste des nahe an der Ostseite der heiligen
Grabeskirche gelegenen, alten, ehrwürdigen Haußes der Johanniterritter.
Unter den dickstämmigen Feigenbäumen erhebt sich das zerrissene Gemäuer
des vormaligen Glockenthurmes, dessen längst verstummte Glocken, an
denen keine Hand des Feindes sich vergriff, seit Jahrhunderten unter
den Trümmern und Schutt vergraben liegen. Das Armenhaus der Lateiner
macht durch seine Reinlichkeit, durch die verständige Anordnung
seiner Pfleganstalten und den Fleiß seiner jüngeren Bewohner einen
freundlichen Eindruck. Von noch andrer Art mag freilich jener gewesen
seyn, den ein Pilgrim der früheren Jahrhunderte empfand, wenn er die
Pilgerherberge und das Hospital betrat, welche die Kaiserin Helena
zur Aufnahme und Pflege der nach Jerusalem kommenden christlichen
Fremdlinge erbauen, und mit dem Nöthigen ausstatten ließ. Die gewesene
Pilgerherberge liegt innerhalb, das Hospital nordöstlich außerhalb
dem jetzigen Bazar der Stadt, und das letztere ist seit mehreren
Jahrhunderten zu einem Verpflegungshauße der armen Türken geworden,
die, gleich den Christen, ein Zug der Verehrung zu der heiligen Stätte
hieher führt, an welcher der Tempel stehet, »da Dem, welcher in seinen
Hallen betet, eine Gewährung Dessen zugesagt ist, das er bittet[186].«
Wir sahen in den unteren Räumen mehrere große, metallene Kessel, davon
der eine von uns gemessene gegen fünf Fuß im Durchmesser hatte; diese
und andre Geräthschaften sollen noch ein Vermächtniß der mütterlichen
Vorsorge der frommen Kaiserin für die Armen und Hungernden seyn.
Die Türken, welche da am Boden saßen, und auf die Mahlzeit, die man
eben bereitete, warteten, schienen beides zu seyn, und die jetzigen
Miethleute des Haußes bewahren ja vielleicht nur, mit ehrenwerther
Sorgfalt, das anvertraute Gut den rechtmäßigen, jetzt aber in einem
Untersuchungsprozeß der Schulden begriffenen Erben auf. Wir kletterten
nach allen Richtungen auf dem alten Gemäuer des großentheils leer
stehenden, mächtig großen Gebäudes herum, und erfreuten uns namentlich
an dem Anblick von Tauben, mit rosenrothem Gefieder des Halses und der
Brust, welche in den Löchern der Mauern nisten.
Von dem Gebäude des Spitales brachte unser Führer durch eine
Seitengasse uns herüber nach der via dolorosa. Ich bewunderte öfters
die Weisheit, mit welcher der wohlunterrichtete Mann uns Fremdlinge auf
einzelne Sehenswürdigkeiten hinwies. Dort, so sprach er, bei dem bunt
bemahlten Hauße, haben unsre Väter an das Haus des reichen Prassers
und des armen Lazarus gedacht; hier, sagen Einige, soll der Pallast
des Herodes gestanden seyn. An der angeblichen Stätte des letzteren
vorbei giengen wir hinan zu jenem Hauße, bei welchem man den Pilgrim,
als sey er hier unter dem vormaligen Obdache Simon des Pharisäers, der
den Herrn bat, daß er mit ihm äße, an die rührend schöne Geschichte der
Sünderin, Maria Magdalena erinnert, welche Seine Füße mit ihren Thränen
netzte, mit ihrem Haare trocknete, dann salbete mit Salben und von Ihm,
dem Herzenskündiger Vergebung empfieng, so wie die Fülle des seligsten
Friedens[187]. Das Haus, mit der längst verfallenen Magdalenenkapelle
ist jetzt im Besitz eines arbeitsamen Türken, der die Andacht der
Christen in seinem Hauße gerne zuläßt und duldet.
Wir näherten uns hierauf bei dem Besuch einer alten christlichen
St. Johanniskirche, in deren oberen Stockwerk Korn aufgehäuft lag,
den Mauern der Stadt, deren Zinnen wir weiterhin auch betraten.
Die Aussicht über die Stadt und ihre Umgegend ist an einem der
nachbarlichen Punkte sehr beachtenswerth. Von hier, an der Mauer hin,
zum Damaskusthore hinaus, besuchten wir die »Grotte des Jeremias,« eine
Felsenhalle von 70 Fuß Länge und Breite, bei einer Höhe von 40 Fuß. Das
Felsendach wird durch einige mächtige Säulen getragen; vor der Grotte
hat sich der jetzige Türkische Besitzer in dem verschlossenen Garten
wie es scheint eine Familiengrabstätte angelegt. Das ganze Aussehen,
sowohl der sogenannten Jeremiasgrotte als mancher andrer benachbarter
Eintiefung in die Felsenwände lässet auf eine künstliche Entstehung
durch die Menschenhand schließen. Hier und noch mehr am Gihon und in
seinem Thale scheinen die meisten jener Steinbrüche gewesen zu seyn,
aus denen die Bauleute des ältesten Jerusalems ihre so oft aus einander
gerissenen und neu zusammengefügten Bausteine entnahmen.
Auf dem Hügel, jenseits der Jeremiasgrotte, wird die Stadt von der
Nordseite in ihrer ganzen Ausdehnung überblickt. Nicht fern von
hier, so erzählt die Sage, war der Ort wo der Hohepriester Jaddus in
hohenpriesterlichen Gewand, hinter ihm der Zug der andren Priester in
weißen Kleidern Alexander dem Großen, der gekommen war die Stadt zu
züchtigen, entgegentraten. Und siehe der große König, welcher, ohne
dieß zu wissen, auch durch sein Tagwerk, dem König der Könige den Weg
bahnen sollte[188], ward bei dem Anblick tief erschüttert. Denn zu
Dium in Macedonien war der Hohepriester, so wie ihn jetzt das wache
Auge sahe, dem Alexander im Traumgesicht erschienen, hatte ihn zum
Beginn des Heldenlaufes nach Asien ermahnt und den Sieg verheißen.
Und der »Welteroberer,« der vor keiner Macht der Welt sich gebeugt,
neigte sich hier voll Ehrfurcht vor einer Gewalt, die im Verborgenen
die Geschichten der Völker und ihrer Reiche lenkt und führet[189].
So waltete ein Schrecken von Gott über deinen Mauern Jerusalem,
der nicht Sanheribs Macht allein, sondern die aller deiner Feinde
hinwegscheuchte, so lange noch in dir Treue wohnten und Glauben, nach
Jehovahs Bunde. Du, vor allen Städten der Erde, solltest den Völkern
es bezeugen was ein Volk sey und vermöge, dem der Herr sein Gott ist
und was aus demselben werde, wenn es seinen Fels verlassen und wenn
Jehovahs Schutz und Aufsehen von ihm gewichen.
Auf dem Rückwege erzählte uns unser Führer noch Einiges von den
Begebenheiten des letzten Aufstandes der Araber gegen Ibrahim
Pascha. Der damalige Gouverneur war ein Sohn des Anführers der
feindlichen Haufen; auf sein Anstiften wurden diese bei Nacht durch
das Stephansthor eingelassen, später gab man vor sie seyen durch
alte, unterirdische Gänge hineingekommen. Das damalige Benehmen des
Landvolkes der Umgegend, so wie der mohamedanischen Bewohner der Stadt
gegen die hiesigen Fränkischen Christen gab einen Beweis von der
Achtung und Liebe, welche diese, weder durch Gaben noch durch Ansehen,
sondern bloß durch die stille Gewalt ihres Benehmens bei den jetzigen
Bewohnern Palästinas sich erworben haben.
Die späteren Stunden des Tages brachte ich an der Ostseite der Stadt
zu, anfangs allein, dann innerhalb dem Stephansthore, an meinem
Lieblingsplatze (nach S. 527) in der Gesellschaft des hier zeichnenden
Maler Bernatz. Mein Auge ruhete bald am Oelberge, bald auf Morija und
auf der Gihonshöhe mit ihrem Tempel. Die erste Woche in Jerusalem
gieng eben jetzt zu Ende; mir war es als hätte ich schon seit
Jahren hier gewohnt und die Sonne aufgehen sehen über dem Oelberge,
untergehen über dem Gihon. Ich war an der kleinen, steinernen Treppe
hinangestiegen zu einem der niedreren Thürme der Mauer, aus dessen
Lücke ich hinabschauen konnte nach dem im abendlichen Schatten ruhenden
Gethsemane. Ein Gefühl des Friedens durchdrang meine Seele, es war als
wollte der Gedanke in mir laut werden: »hier sey deine Heimath.« Da
tönten mir lauter als jener Gedanke die Worte eines Liedes des seligen
Terstegen in mein innres Ohr:
»Noch weiter« heißt des Christen Losungswort
Kein Pilger bleibt am fremden Ort.
Was kann die Sichtbarkeit dir geben
Dein Heim ist Gott und ewig Leben. --
Zu dem das sein ist sehnt der Geist sich hin;
Ach daß ich nicht schon fertig bin.
Ja, deine einst sichtbare Herrlichkeit, du hehrer Morija ist vergangen
bis auf einen Schatten, dem der Pilger sich nicht einmal nahen darf;
vorlängst schon hat man in deinem Heiligthum die Stimme vernommen:
»Lasset uns von hinnen ziehen.« Und du Zion stehest verwaiset, denn
das Scepter des äußren Königthumes ist von Juda dahingenommen und
entwendet; deine Königshäuser sind zu Schutthaufen geworden. Und wenn
auch das Vergängliche nicht vergangen, das Sterbliche nicht gestorben
wäre, so bliebe deine Herrlichkeit dennoch nur ein Vorbild und Schatten
des Urbildes das nie veraltet. Darum, so erquicklich auch der Schatten,
ist es doch das Licht was allein das Auge vergnügt; nicht Sein Zelt,
Ihn selber sucht die Seele und es bleibt bei den weitren Worten jenes
Liedes:
-- -- -- du Schönheit alt und neu
Dich lieb ich, mach zum Tod mich treu:
Ich überlaß mich Deinem Leiten
Bis in die frohen Ewigkeiten.
Die Sonne war schon untergegangen, da wir uns aufmachten von unsrem
Orte, und, den Schmerzensweg (die +via dolorosa+) hinan, durch die
stillen, menschenleeren Gassen heimzogen in unser Pilgerhaus. Morgen,
sobald man das Thor öffnete, wollten wir eine Wandrung antreten nach
Bethlehem; darum begaben wir uns zeitig zur Ruhe, in deren äußere
Erquickungen auch eine innre Ruhe ihre belebenden Kräfte ergoß.
Berichtigung.
Der bei weitem größeste Theil der grünen Steinart, die nach S. 301 am
Eingang des Thales Hebron im Sienit vorkommt ist ~Pistazit~.
Fußnoten:
[1] M. v. +~E. W. Lane~: an account of the manners and customs of the
modern Egyptians Vol. 1. p. 83.+, ein Werk dem ich bei der spätern
Überarbeitung dieser Briefe zum Drucke, so wie als Wegweiser durch die
mir bei meinem Eintritt noch so neue Welt des Lebens der Aegypter sehr
viel verdanke.
[2] M. s. den ersten Band S. 493.
[3] Von der seltsamen Anwendung der Krücken beim Gottesdienste der
Kopten werde ich noch später reden.
[4] So wie Jesus bei den Mohamedanern als einer ihrer sechs Propheten
und zwar als der größeste nächst Mohamed geehrt ist, so steht auch
Maria, seine Mutter, bei ihnen in hoher Achtung.
[5] Dieses Mistkäfergericht (vom +Scarabaeus sacer+) wird für ein
Mittel gegen die Magerkeit, ja selbst gegen die Unfruchtbarkeit
gehalten.
[6] Ein berühmtes Gericht, das man am 10ten Tage des Moharrem in Menge
bereitet, ist auch das Hubub: gekochte Waizengraupen mit Honig und
Zucker, oder Reis mit Nüssen, Mandeln, Rosinen u. f.; Rosenwasser ist
fast überall dabei.
[7] Auch die ersten Menschen stellt sich der Moslim wenigstens so hoch
als einen Palmenbaum, d. h. gegen 60 Fuß vor.
[8] Ein Theil der Gassen hat nur von der einen Seite einen Eingang,
nach der andern hin aber keinen Ausgang.
[9] Pflegt doch in Kairo Jeder, der noch an der alten Sitte hält, wenn
er Gähnen muß zu sagen: »Ich suche Zuflucht bei Gott, gegen Satan
den Verfluchten,« weil er fürchtet der böse Geist möchte ihm in den
aufgesperrten Mund fahren; wenn einer nießt sagt er: »Preiß sey Gott«
die Anwesenden: »Gott erbarme sich deiner« (Rachem kum Allah) worauf
jener wieder antwortet »Gott schütze uns und schütze euch.«
[10] Das gewöhnliche Abschreiblohn ist sehr gering. Fünf Doppelblätter
Papier, das meist aus Venedig kommt und in Aegypten geglättet wird,
bilden einen Karras oder Lage. Für das Vollschreiben einer solchen mit
einer Schrift ohne Vokalpunkte bekommt der Abschreiber aufs Höchste 30
Kreuzer rheinisch; mit Vocalpunkten das Doppelte.
[11] Noch ein weitrer Grad dieser Höflichkeit ist der, wenn man die
rechte Hand erst an die Lippen, dann an die Stirne legt.
[12] Dieser Polizeibeamtete hatte die Aufsicht über das Innehalten der
festbestimmten Preise, so wie des richtigen Maaßes und Gewichts. Er
übte sein Amt mit solcher Grausamkeit, daß er einen Nudelverkäufer,
der, vielleicht aus Versehen, etliche Heller mehr für seine Waare
genommen hatte, als gesetzt war, auf ein heiß gemachtes Nudelnblech
setzen und dazu noch auspeitschen; einem Metzger, der beim Abwiegen
einige Loth Fleisch zu wenig gegeben hatte, eben so viel dem Gewicht
nach aus seinem Rücken herausschneiden; Bäckern, welche das Brod zu
leicht gemacht die Nasenscheidewand mit einem Stück Eisen durchbohren
und das Brod daran hängen ließ, wobei die so Gemißandelten den heißen
Sonnenstrahlen ausgesetzt dastehen mußten. Die gelindeste Aeußerung
seines Zornes gegen Schuldige und Unschuldige war die, daß er ihnen die
Ohrläppchen abschneiden ließ.
[13] Einer meiner Freunde versuchte, mit Vorsicht übrigens, mehrere
Arten, ohne etwas Weitres, als eine schnell vorübergehende Betäubung zu
empfinden.
[14] Diese, wie andre Moscheen der Stadt, besaß vormals auch sehr
ansehnliche geistliche Fonds, welche jetzt eingezogen sind, weil die
Regierung die Verwaltung derselben übernommen hat.
[15] So heißt die schneidend scharfe Brücke, welche nach der Lehre des
Islams mitten über die Gehennem oder Hölle hinüber führt. Die Seelen
der Verstorbenen müssen, auf ihrem Wege zum Paradiese da hinüber und
die Bösen fallen bei dieser Gelegenheit hinab.
[16] Von jedem Palmbaum werden 1½ Piaster gesetzliche Abgaben
erhoben; dieser Gesamtbetrag dieser Abgaben beläuft sich auf 1,200,000
Gulden rheinisch.
[17] Achmed Ibn Taylun, der Kalif, welcher die Moschee erbauen ließ,
hatte, so erzählt man, im gedankenlosen Spiel der Hände ein langes
Stück Pergament spiralförmig aufgerollt; sein ernster Vezir belächelte
tadelnd das Spiel. Es war nicht des Belächelns werth, sagte der Kalif;
in solcher Weise, so dachte ich eben soll eine auswendige Stiege
schneckenartig an dem Minare der Moschee emporlaufen, welche ich
erbauen lasse. Und der Herrscher führte wirklich den Gedanken aus, den
ein Zufall ihm an die Hand gegeben. Die Taylunmoschee wurde schon im
Jahre 879 n. Chr. mithin 90 Jahre vor der Begründung der eigentlichen
Stadt erbaut. In der Nähe derselben stund ein, nun verfallenes Kastell.
Vom Minaret der Taylunmoschee hat man den vollständigsten Ueberblick
über die Stadt.
[18] Den Gräueln der Blutrache ist übrigens, wenigstens in Aegypten
unter der jetzigen Regierung ein ziemlich kräftiger Einhalt gethan
worden.
[19] Ueberhaupt zeigen die Welihs bei solcher Gelegenheit nicht selten
ihre Capriçen. So wollte einer sich schlechterdings nicht auf den
Todtenacker vor dem Bah el Nusr hinaustragen lassen. Die Bahre machte
sich beim Thore so schwer, daß sie nicht zu ertragen war. Da winkt
einer der Träger seinen Gefährten sie sollten sie niedersetzen, geht
mit ihnen etwas bei Seite, daß der Welih nicht hören kann was man
spricht, und verabredet sich mit den Andern, man wolle sich stellen
als trüge man den Heiligen wieder in die Stadt hinein, wolle aber,
um ihn in der Richtung irre zu machen, mit der Bahre mehrere Male im
Kreise gehen. Die List gelingt; der Welih wird irre, man nimmt dann
noch einmal einen rechten Anlauf und bringt ihn so glücklich zum Thore
hinaus.
[20] Jener Ali Bey war einer der Mochtesibs oder Polizeiofficianten,
welche den Alleinhandel der Regierung mit verschiednen Gegenständen
zu bewahren und zu beaufsichtigen hatten. Ihm lag die Bewahrung des
Monopols mit dem Leinwandhandel ob. Wenn dann irgend ein Bewohner der
Stadt oder Landschaft gefunden wurde, der auf eigne Rechnung an seinem
eignen Webstuhle Leinwand webte, oder diese verkaufte, ließ er die
Leinwand mit Theer oder Pech bestreichen, den Unglücklichen darein
wickeln und an einem Baumast aufgehängt lebendig verbrennen.
[21] In einem Kloster an einem der Natronseen soll sich noch ein
koptisch-arabisches Wörterbuch finden.
[22] Nach langem Gebet und hochgespanntem Erwarten der Versammlung
erscheint als Wandbild, einmal früher, andre Male später die h.
Jungfrau (Sette minna) in rothem, St. Georg (Mar Girgis) in grünem, die
h. Gemiana in weißem, St. Macarius in schwarzem Gewande. Einer meiner
Freunde war Augenzeuge dieses »Schattenspiels an der Wand,« konnte aber
die (physikalischen) Kunstgriffe, die es hervorrufen, auf keine Weise
entdecken.
[23] Weil Turteltauben in seinem Zelte genistet, ließ Amru dasselbe
nicht abbrechen; um das stehen gebliebene Zelt baute sich Altkairo an.
[24] Die gegliederte Tamariske (+Tamarix articulata+) gedeiht da
in der mittleren Höhe der Cypressen; mit ihr die schönsten Arten
der Parkinsonien, Gleditschien und Poincianen; mit hohem Interesse
betrachtet man die altberühmte Persäa (+Cordia myxa+).
[25] Das Zuckerrohr wird in Aegypten in der Mitte des März gepflanzt
und im Januar geschnitten. Die Sprossen die im zweiten Jahre aus der
Wurzel hervorkommen schossen nicht so hoch auf als die des ersten
Jahres; obgleich aber der Zucker den sie geben an Quantität geringer
ausfällt, ist er dagegen an Qualität desto besser.
[26] +Ardea bubalus.+
[27] Sie mag jenes jüngere On gewesen seyn, welches nach Josephus (+B.
J. VII+, 37) der Hohepriester Onias erbaute.
[28] Der geschickte Aufseher und Pfleger des Gartens ist Herr ~Figari~.
[29] +~Wilkinson~ Topographie of Thebes and general view of Egypt, p.
316 and 509.+ Dieser treffliche Forscher setzt die Regierung jenes
Pharao zwischen 1740 bis 1696 vor Christo, die Ankunft Josephs auf
1706, so daß die Wirksamkeit des letzteren mehr in die Regierungszeit
der beiden Nachfolger (vermuthlichen Söhne) Osirtesens +I.+ fiel,
Amumgari +I.+ und +II.+ davon der erstere bis 1686, der andre bis 1651
regierte, wo Osirtesen +II.+ den Thron bestieg.
[30] Vormals wuchsen hier auch Balsamstauden.
[31] Gerade in der Zeit, in welcher wir in Aegypten verweilten, klagte
man über die gesteigerten Lebenspreise. Im Mittel kostet der ägyptische
Scheffel (Ardebb), der 2 Metzen 7 Achtel, 2½ Mäßel Wiener oder 3
Scheffel 5 Metzen Berliner Maß entspricht, vom Waizen gegen 50 Piaster
das heißt 5 Gulden Münze; Gerste 28, Bohnen 30, Moorhirse (Dura) 30,
Linsen 64 Piaster. Das Rotl (1 Pfund 2⅓ Unze englisch Gewicht)
Butter kostet 2, Brod ¼, Käse ½, Milch ¼, Zucker 3, Kaffee 7,
gutes Oel 5, Lammfleisch 1¼, Rindfleisch 1, ein Huhn 1½, das
Duzend Eier im Frühling ½ oder ¾ Piaster (einer zu 6 Kr. Münze).
[32] Waizen (Kumh) wird in der Mitte des Novembers gesäet und reift
Anfang Aprils, Gerste zum Theil schon Ende Februars oder Anfang März.
Bohnen, Erbsen, Linsen, Kichern, Lupinen, Faseln, Klee, Safflor, Salat,
Flachs, Tabak, Rübsamen werden ebenfalls im November oder gegen Ende
Oktobers gesäet; Mohn, Hanf, Kümmel, Coriander, Melonen, Kürbisse,
Gurken im December; Reis, Zuckerrohr, Baumwolle, Indigo säet oder
pflanzt man im März oder April; der Reis reift in 7 Monaten; einige
Arten von Dura (+Holcus Sorghum+) säet man, wenn der Nil die Felder
noch befeuchtet, zur Zeit der höchsten Stromschwelle. Die Zeit des
Reifens der Baumfrüchte ist für die Maulbeere und Sevilla-Orangen
der Januar; für die Früchte des +Rhamnus nabeca+ der März, die
Aprikosen reifen im Mai, Aepfel und Birnen, Johannisbrot, Pflaumen und
Weintrauben im Juni, Sykomorusfeigen vom April bis September.
[33] Doch heißt jetzt das südliche Dorf Menschi a Daschu und ist das
Daschur unsrer Karten.
[34] In 25 Jahren von 365 vollen Tagen sind 309 synodische Monate (bis
auf eine Stunde genau) enthalten, so daß nach 25 Jahren die Neu- und
Vollmonde wieder auf dieselben Tage des Jahres fallen.
[35] +Hirundo caspica.+
[36] Nach Wilkinsons Vermuthung.
[37] Ähnliche Züge beschreibt übrigens Ammianus Marcellinus (+L.
XXII.+) schon an den alten Aegyptern.
[38] Dieser türkische Gouverneur, Abu Daud, von dessen Grausamkeiten
noch jetzt das Volk erzählt, kam einmal des Abends an dem Kornhause des
Ortes vorüber und fand da zwei arme Fellahs schlafend am Boden liegen.
Er läßt sie wecken, fragt was sie hier machten, der eine erzählt er
habe 130 Ardebs Getraide als Abgabe seines Dorfes gebracht und sey
erst spät mit dem Abladen fertig geworden, der andre berichtet daß
er 60 Ardebs hergeführt und abgeladen habe. Warum brachtest du nur
60 und jener 130? fragt der Gouverneur. Herr, erwiedert der Bauer,
dieser wohnt in einem weiter abgelegenen Dorfe und kommt jede Woche
nur einmal, ich, der ich aus der Nachbarschaft bin, führe fast täglich
Getraide herein, kann daher auf einmal nicht so viel bringen. Der
Türke, ohne die Entschuldigung zu beachten, befiehlt dem Nachrichter,
der ihn beständig begleitete, er solle den Bauer hängen und dies
geschieht an dem Aste des nächsten Baumes. Am andern Morgen geht der
Gouverneur wieder am Kornhauße vorbei und sieht, daß da so eben ein
Bauer eine sehr große Menge Getraide (160 Ardebs) ablädt. Er fragt
den Nachrichter wer und woher der Fellah sey, jener antwortet es ist
derselbe den du gestern hängen ließest. »Wie, fragte der Türke, ist
er von den Todten erstanden?« -- »Du befahlst mir nicht, sagte der
Andre, ihn zu tödten (muwet), sondern nur zu hängen, ich hieng ihn
so, daß seine Fußspitzen am Boden waren. -- Gut, murmelte der Türke,
ein andermal wenn ich jemand strafe will ich mir diese Arabische
Wortfeinheit merken, -- nimm dich in Acht vor Abu Daud.
[39] Der Wüthrich der dies that war der verstorbene Defterdar Mohammed
Bey. Ein Bauer im Distrikt Menufieh hatte 60 Reiyals (gegen 18 Gulden
rhein.) Abgaben zu zahlen und besaß nichts als eine Milchkuh, die ihn
und die Seinen ernährte und welche 120 Reiyals werth war. Der Nazir
als Steuereinnehmer fordert die andern Bauern des Ortes auf die Kuh
zu kaufen und da keiner dieß will, läßt er den Metzger kommen, die
Kuh schlachten und in sechzig Theile theilen, welche sechzig der
wohlhabendsten Bauern das Stück um einen Reiyal (18 Kreuzer) kaufen
müssen. Der arme Mann läuft zum Defterdar, klagt diesem seine Noth,
dieser läßt den Nazir, den Metzger und die Käufer des Kuhfleisches
rufen. Der Kadi hatte geurtheilt die That des Nazirs sey eine
Gewaltthat gewesen. Der Defterdar fragt den Metzger warum er die Kuh
des armen Mannes geschlachtet, die Bauern warum sie das Fleisch gekauft
hätten. Diese antworten: der Nazir ist gar gestreng, hätten wir ihm
nicht seinen Willen gethan, er hätte unsre Hütten niederreißen und uns
schlagen lassen; ich that, fügte der Metzger hinzu, was der Nazir, als
meine Obrigkeit, mir befohlen. -- So wirst du auch thun was ich dir
befehle? fragt der Defterdar. -- Unbedingt, sagt der Metzger. Wohlan,
befiehlt der Defterdar, schlachte den Nazir. Der Metzger verrichtet
dieß mit denselben Gebräuchen wie, nach den Geboten des Islam, ein
Ochs geschlachtet wird, sagt bis Millah (in Gottes Namen) u. s. w. und
schneidet dem Nazir den Kopf ab. Hierauf läßt der Defterdar den Körper
in sechzig Stücke theilen, davon jeder Käufer des Kuhfleisches eines,
und zwar um zwei Reiyals nehmen muß, diese 120 Reiyals bekommt der arme
Mann für seine Kuh; der Metzger, wie dieß auch beim Schlachtvieh die
Sitte ist, erhält als Schlächterlohn den Kopf des Steuereinnehmers.
+Lane account etc. Vol. I. p.+ 153.
[40] +Ibis sanctus+, eine Thierart, welche jetzt eben so wie das
Krokodil und der Hippopodamus aus Mittel- und Unterägypten verschwunden
ist, und nur noch in den Gegenden des obersten Nillaufes gefunden wird.
[41] Ein Erdbeben in solcher Stärke wie sie in Syrien und Kleinasien
öfter sich ereignen, würde wahrscheinlich manche dieser baufälligen
Pyramiden zusammenstürzen. Solche Erdbeben kämen jedoch, so weit die
Geschichte weiß, kaum in diesem Lande vor, sondern nur Erdstöße. Doch
erzählt ~Tegg~ in s. +Dictionary of Chronology+, daß am 2ten Nov.
1754(?) in Kairo zwei Drittel der Häußer durch eine Erschütterung
eingestürzt, und dabei 40000 Menschen zu Grunde gegangen seyen.
[42] Seit unsrer Abreise aus Aegypten ist bereits wieder ein viel
höher gelegenes Innengemach entdeckt worden, in welchem man das
hieroglyphische Namenszeichen des Pharao Saophis fand.
[43] Uebrigens wollte noch Lord Munster Gebeine eines Stieres in dem
Sarkophag bemerkt haben, die freilich auch später hineingebracht seyn
konnten.
[44] Abgesehen von einer andren, kühneren Zeitrechnung, auf deren
Ergebnisse im ersten Band dieser Reise S. 491 hingedeutet war, welche
aus Bunsens und Lepsius noch nicht öffentlich mitgetheilten Forschungen
ihre weitre Begründung erwartet, läßt sich nach ~Wilkinsons~
bescheidnen Angaben die Zeit dieses Pharao Saophis auf das zweite
Jahrhundert des dritten Jahrtausends (2123) vor Christo hinanstellen.
[45] Nach den neueren Messungen der Engländer 460 P. F.
[46] Nach +Herodot II+, 125 1600 Silbertalente.
[47] Nach andern Schätzungen des Werthes der damaligen Silbertalente
gar nur anderthalb Millionen Thaler.
[48] +Iris Sisyrinchium.+ Sie hat zwei Zwiebeln übereinander stehen,
davon die obere, weisliche von Kindern wie von Erwachsnen aufgesucht
und gegessen wird.
[49] S. 138.
[50] So heißt der heilige Berg bei Medina, welcher nebst dem
nachbarlichen Thale Mina, wohin der Aberglaube der Mohamedaner die
Scene von Ismaëls (statt Isaaks) Opferung verlegt, das letzte Ziel der
Pilgerschaft ist.
[51] Schon in Palästina erfuhr ich die Nachricht von ihrem Tod.
[52] Wobei ich dann freilich Lanes Schilderungen ganz überaus treu und
treffend erfand.
[53] Vor einiger Zeit berichteten die Zeitungen, daß Mrs. Holyday von
Mehemed Ali zum Unterricht seiner Töchter bestimmt und berufen sey.
[54] M. vergl. den ersten Band dieser Reise.
[55] Ihr Titel ist: der Zug der Israëliten aus Aegypten nach Kanaan.
Ein Versuch von Karl von Raumer. Leipzig bei Brockhaus 1837.
[56] Beide, das in Aegypten sogenannte Dromedar und gemeine Kamel,
sind übrigens nur ein und dieselbe Art des einhöckrigen (+Camelus
Dromedarius+).
[57] M. v. S. 331.
[58] Hier und weiterhin die +Fagonia latifolia+, +glutinosa+, +mollis
arabica+ u. a.
[59] Namentlich das einkörnige Pfriemenkraut (+Spartium monospermum+)
mit weißgraulichen Zweigen und wohlriechenden Blüthen, auch die
+Zilla myagrioides+ und das +Trichodesma africanum+, so wie die schon
erwähnten Tragant- (+Astragalus+) und mehrere Wegerigarten (+Plantago
argentea+ und +bellidifolia+).
[60] Die scheinbar fortrückende Bewegung der Sonne auf der jährlichen
Bahn am Himmel durchmißt eben so wie die des Kamels auf der
Erdoberfläche in zwölf Stunden reichlich einen halben Grad.
[61] Die Kamele selber, wenn man sie, um auf- und absteigen zu können,
während des Marsches zum Niederknieen nöthigt, erheben, als wenn ihnen
wunder was zu leid geschähe, ein Erbarmen erregendes Gebrüll.
[62] Eine Ueberlieferung, welche bis nahe zu unsrer Zeit gekommen,
nennt einen Vorsprung der Hügelkette von Torrah, herüber nach dem Thale
von Bessatin, den Merawat Musa (Standort des Moses).
[63] +Voyage de l'Arabie petrée.+
[64] Ps. 23, V. 4.
[65] 2. Mos. 15, V. 8.
[66] Im Winter mag auch, wegen der hier starken Regenzeit ein
bedeutender Strom des Gewässers von Felsenstufe zu Felsenstufe
herabstürzen.
[67] Ich führe hier nur die Arten an, welche, so viel wir bei unserm
kurzen Aufenthalte urtheilen konnten, wirklich lebend, nicht bloß als
gestrandetes, leeres Gehäuße bei Suez vorkommen. Im feuchten Sande
die +Arytene+ oder +Aspergillum vagina+, im Meere selber +Tellina
rugosa+, +Cardium retusum+, +Tridacna gigas+ und +squamata+, +Strombus
accipitrinus+, +Cypraea moneta+; +Nerita polita+, +albicilla+; +Natica
mammillaris+; +Turritella imbricata+ und +Terebra caerulea+, +Buccinum
arcularia+; der schöne +Murex crassispinosus+, +Tornatella Ceramia+,
+Triton anus+; +Cerithium fasciatum+, +nodosum+ und +tuberculatum+;
+Conus Virgo+. Die Landschnecken waren seit den zwei letzten Tagreisen
ganz verschwunden, erst am Sinai fanden wir wieder welche; von Fischen,
die wir freilich nur auf einen Blick zu sehen bekamen, unterschieden
wir +Julis purpureus+.
[68] Sesostris hatte den Bau des Kanales Hero begonnen, Psammetich
+II.+ und Darius ihn fortgesetzt, die Ptolemäer vollendet. An seinem
vormaligen Ufer lassen Erdwälle und die vom Sand bedeckten Schutthaufen
den Standort mancher frühern Stadt errathen, unter andrem den von
Heroopolis, welches Champollion für das Avaris der Hirtenkönige hält.
[69] Wenn ich mich recht erinnere +Cyperus junciformis+ und
+conglomeratus+. Auch eigentliche Gräser, namentlich ein +Crypsis+
blühten hier. Die gesammleten Exemplare sind mir zu Grunde gegangen.
[70] Bei Howara und etwas weiter südwärts: +Lepidium Draba+; +Matthiola
tricuspidata+; +Farsetia aegyptiaca+; +Diplotanis pendula+. -- Auch
eine +Frankenia+ von unbestimmter Art wurde hier gesammelt. Die
+Nitraria tridentata+ (das +Peganum retusum+ des Forskal), welches in
den heißesten, dürresten Monaten des Jahres die Wanderer durch diese
Wüste durch seine Beeren erquickt, war noch nicht in Blüthe.
[71] +Lotus arabicus+, +Deverra tortuosa+; +Ochradenus baccatus+,
+Cleome brachycarpa+ u. a.
[72] +~Scarites~ subterraneus+; +~Pimelia~ longipes+, +villosa+,
+unicolor+, +alutacea+, +grossa+? und +muricata+. Diese Hauptkäfer der
Wüste zwischen Suez und Tor wurden meist hier gefunden.
[73] Unter andren schöne Exemplare der Pharaos-Kräuselschnecke
(+Monodonta Pharaonis+).
[74] Wahrscheinlich doch in Gneis, nicht wie unsre Kupferschiefer in
einer Art von Zechstein, der über dem rothen Sandsteine liegt.
[75] Was wir sahen waren Stücke von +Sargassum vulgare+, +crispum+
und +angustifolium+, sowie von +Chondria obtusa+ und +Solenia
compressa+. finden sich hier und an der nördlichen Küste: +~Sargassum~
dentifolium+, +aquifolium+, +latifolium+ und +turbinatum+;
+~Cystoseira~ Myrica+, +triquetra+, +trinodis+; +~Sphaerococcus~
musciformis+; +~Chondria~ papillosa+; +~Liagora~ viscida+; +~Ulva~
reticulata+; +~Caulerpa~ clavifera+. M. v. die +Enumération des plantes
recueillies par M. Bove, par M. J. Decaisne+.
[76] +Caranx Sansun+; +Mugil crenilabris+ und die +Sciaena Samara+
des Forskal (+Holocentrus Samara