The Project Gutenberg eBook of Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Erster Band
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Title: Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Erster Band
Author: Gotthilf Heinrich von Schubert
Release date: August 10, 2026 [eBook #79332]
Language: German
Original publication: Erlangen: J. J. Palm und Ernst Enke, 1838
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/79332
Credits: Peter Becker and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was produced from images generously made available by The Internet Archive)
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE IN DAS MORGENLAND IN DEN JAHREN 1836 UND 1837, ERSTER BAND ***
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Anmerkungen zur Transkription.
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Die Schreibweise und Interpunktion
des Originaltextes wurden übernommen; offensichtliche Druckfehler sind
stillschweigend korrigiert worden.
Eine Liste der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.
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=~Reise~=
in das
~Morgenland~
in den Jahren 1836 und 1837
von
+Dr.+ Gotthilf Heinrich von Schubert.
Erster Band.
Erlangen, =1838=
~bei J. J. Palm und Ernst Enke.~
~Reise~
in das
=Morgenland=
in den Jahren 1836 und 1837
Erster Band.
Erlangen,
gedruckt bei C. H. Kunstmann
=Ihrer Königlichen Majestät=,
~Theresia~,
~regierenden Königin von Bayern~,
etc. etc. etc.
Eure Königliche Majestät haben es nicht verschmäht einige
Immortellenblüthen allerhuldvollest anzunehmen, welche jüngsthin ein
armer Pilgrim, dessen Hand nichts Besseres zu geben fand, mit sich aus
dem Lande einer alten Verheißung und Erfüllung brachte. Jene Blumen
sind von der Sonne des Ostens zum Leben geweckt und groß gezogen
worden, und auch jetzt, wo der Reiz des besondren Lebens erloschen ist,
blieb ihnen wenigstens das buntfarbige Gewand, mit welchem Sonne und
Boden des reichen Geburtslandes sie umwebten.
Dem Buche, das der Pilgrim Eurer Königlichen Majestät hiermit in
tiefester Ehrfurcht zu Füßen legt, mangelt zwar das lieblich bunte
Gewand der Immortellen; die Gluth der Sonne, welche auf die Arbeit
fiel, war für die Kraft der Darstellung zu übermächtig; mit dem
frischen Triebe der Gestaltung ermattete und verblich öfters auch die
äußere Farbe. Dennoch hat vielleicht derselbe Strahl, der das Grün
zerstörte, dem kahlen Felsen der Wüste irgend eine Beleuchtung gewährt,
die das Auge zum Aufmerken bewegt. Dieses allein gab dem Verfasser den
Muth Eurer Königlichen Majestät eine Reisebeschreibung in tiefester
Ehrfurcht zu widmen, deren Erinnerungen von einem Morgenroth der Zeiten
beleuchtet sind, welches Eure Majestät kennen und lieben, und von
einem Thau des Thabor und Hermon benetzt, dessen Segnungen im reichsten
Maaße über Allerhöchst Sie und das ganze Königliche Haus kommen und
fortwährend auf ihm verbleiben mögen.
Ich beharre in tiefster Ehrfurcht
=Eurer Königlichen Majestät=
allerunterthänigster
München den 21ten August 1838.
~G. H. v. Schubert.~
Vorwort.
Ich gebe hier den ersten Band der Beschreibung meiner Reise in das
Morgenland, welcher freilich gerade da zu erzählen aufhört, wo der Weg
nach dem eigentlichen Ziele meiner diesmaligen Wandrung seinen Anfang
nahm. Möge daher die Gedult des Lesers nicht ermüden, wenn ich ihn,
nothgedrungen, zuerst in diesem Bande durch jenes unfruchtbarere Dickig
der vorbereitenden Wege und Schwierigkeiten führe, durch welches ich
selber hindurch mußte, um auf das freie Feld der größesten Thaten und
Geschichten unsres Geschlechts hinaus zu kommen. Freilich war durch
die Beschaffenheit des Bodens, über welchen dieses erste Drittel der
Reise seinen Gang nahm, die Aussicht nach dem hehren Endziel noch sehr
gehemmt, doch brach auch da schon zuweilen ein Strahl in das Dunkel
herein, der zum Weitergehen Freudigkeit und Kraft gab.
Der zweite Theil, welcher durch die Stätte des Reiches der Memphiten
und durch die Wüsten des Sinai und des Hor nach dem gelobten Lande
führen soll, wird dem ersten sehr bald, dem zweiten dann der dritte
und letzte in möglichst kurzer Zeit nachfolgen. In diesen beiden
folgenden Bänden werde ich namentlich die naturwissenschaftlichen
Bemerkungen auf den ungleich engeren Raum der Notenschrift verweisen.
Jenen Lesern, welche ihrem Auge die Lust der unmittelbaren Anschauung
mancher in meiner Reise berührten Gegenden verschaffen können und
wollen, darf ich die lithographirten Abbildungen empfehlen, welche mein
Reisegefährte, Herr Maler ~Bernatz~, durch die Steinkopf'sche
Buchhandlung zu Stuttgart öffentlich mitgetheilt hat. Ich kann
versichern, daß diese Abbildungen wenigstens treu und wahr sind,
während so viele andre Bilder von Gegenden und Orten des gelobten
Landes, welche in diesem Augenblick verbreitet werden, entweder ganz
erdichtet, oder doch durch ein diesen Gegenständen fremdes, blendendes
Gewand entstellt sind.
München am 21ten August 1838.
=Der Verf.=
Inhalt des ersten Bandes.
I. =Einleitung.= Die innren Beweggründe des Verfassers zu seiner
Reise und das Ziel von dieser, S. 1-34.
II. =Reise nach Constantinopel= S. 35.
~Abreise von München nach Wien.~ Abschied vom Hause S. 35-36;
Fernansicht der Alpen 37; die Reisegefährten 37-38. -- Wasserburg 39;
Salzburg 40, 41; Frankenmarkt 42; Kleinmünchen 43; Lorch und Strengberg
44; die Donauufer 45; Mölk 46-48; St. Pölten 49; Perschling 50; Ankunft
in Wien 51; der Jahrestag der Entsetzung Wiens im Jahr 1683, S. 52-56.
~Wien.~ Erster Eindruck S. 57, 58. Die Stephanskirche 59, 60;
andre Kirchen 61; der Josephsplatz und seine Gebäude 62-63. Dankbare
Erinnerungen des Reisenden 64, 65; Schönbrunn 66.
~Die Donaufahrt von Wien nach dem schwarzen Meere.~ Abreise von
Wien S. 66, 67; eine neue Mitreisende 67; Fischament, Petronell,
Hainburg 68; Theben und Preßburg 69; die Insel Schütt und Comorn 70;
Vissegrad und Waitzen 71; Pesth 71; Hemmung der Weiterfahrt durch Nebel
72; Beginn der ungarischen Ebene 73; Tolna 74; Mohadsch mit seinen
historischen Erinnerungen 74-77; Nachtruhe bei Dalya 77; Vukovar und
Illok 78; Peterwardein 79; Carlowitz, Slankamen, Szurduck 80; Semlin
81, 82; Belgrad 83-86; Semendria 87; Rama, Gradiska und Bassiadsch
88; Alt- und Neu-Moldawa 89; Golubadsch und seine Mordmücken 90, 91.
Der Anfang der Engpässe des untren Donaulaufes 92, 93; Fahrt durch
dieselben und über die Donauwirbel in einem Ruderschiff von Trenkova
nach Alt Orsowa 93-97. Aufenthalt in Alt Orsowa 97-100; Reise zu den
Herculesbädern bei Mehadia 101; die Heilquellen des Ortes 102-104;
die Natur der Umgegend 105, 106. Die Reise durch den eisernen Thorpaß
106-107; Skela Kladowa 108; die Trajansbrücke 109, 110; Widdin 111;
türkische Reisegefährten 112; das bulgarische Donauufer 113; Nikopoli
und seine historischen Momente 114-119; Rusdschuk 120; Giurgevo 121;
Silistria 122; Brailow 123; Galladsch 124, 125; Isadschi und Tuldscha
126; die Ausfahrt aus der Donau 127.
~Die Fahrt auf dem schwarzen Meere und durch den Bosporus.~ Die
Bewegtheit des Pontus Euxinus S. 128; die Seekrankheit 129; Varna
130; Einfahrt in den Bosporus 131; Rumili und Anatoli Kawack 132; die
Naturschönheit des Bosporus 133, 134; Sarijari und Bujuckdereh 135;
der Riesenberg und die Papiermühle 136; Begkos, Sultania, Indschirkoi,
Stenia, Tschübükli 137; Göcksu und Rumili Hissari 138; Fernansicht der
Hauptstadt 139.
~Constantinopel.~ Erster Eindruck S. 140-142; die Pest 143, 144;
Ansicht der Stadt vom Hafen aus 145. Unsre Dragoman 146; das Mehlthor
147; die Pantokratorskirche und Wasserleitung des Valens 148; Moschee
Mohammeds +II.+ 149, 150. Uebersicht der Stadt vom Thurm des
Seraskiers und Andeutungen der Oertlichkeiten des alten Byzanz 151-154.
Gastfreiheit der Thurmwächter 155; Aussicht nach der Umgebung und auf
die jetzigen Haupttheile der Stadt 156, 157; die Suleimansmoschee
158-161; die Gasse der Teriakis 162; Kaffeehäuser und altes Serai 163;
die Bajasidsmoschee 164; Ueberlieferungsschule 165; die verbrannte
Säule 165-167; sogenannter Pallast des Belisar 167; die Cisterne der
tausend und eine Säulen 168; der Hippodrom oder Atmeidan 169-171; die
Achmedmoschee 171 u. 172; die dreifache Schlange und der Obelisk des
Hippodroms 172 u. 173. Die Aja Sophia 174-178; Grabmal Murads III.
179; Sorbetladen 180. Das neue Serai mit manchen seiner historischen
Erinnerungen 181-188; die hohe Pforte 189, 190; Osmans +III.+
Moschee und der große Bazar 191; Sultan Abdulhamidschans Begräbnißplatz
192; Hafenseite des neuen Serai's 192; öffentliche Bäder 193. -- Die
zweite Wandrung durch Constantinopel. Das griechische Patriarchat 195;
Ajasma der Blachernen 195; Vorstadt der Töpfer 196; Ejubs Vorstadt,
Moschee und Begräbnißplätze 197-201. Ruinen des byzantinischen
Kaiserpallastes des Hebdomon 202 u. 203; das Adrianopelthor 203 u.
204; die Moschee der Sultanin Mihrmah, 205 und Selims I. 206. Das
Kanonenthor 207; Balikli 208 u. 209. Die Stadtmauern 210 u. 211; die
sieben Thürme und die goldne Pforte des alten Cyklobion 212. Kirche des
h. Polycarpos so wie die der Armenier 213 u. 214; der Bezirk Condoscale
215; großes Kaffeehaus am Hafen 216.
~Die Vorstädte und Umgegend von Constantinopel.~ Die älteste vom
Apostel Andreas begründete Christengemeinde in den Vorstädten von
Byzanz 217-219; die Vorstädte Südlidsche und Piripascha 220; Chasskoi
221; Kassim Pascha 221-225; Galata 226-229; Pera 230; die tanzenden
Derwische 234 u. 235; Bonnevals Grabmal 236; Topchana 237, 238;
Skutari 239-241; die Prinzeninseln 241-243. Einige naturgeschichtliche
Bemerkungen über die Umgegend von Constantinopel 244-249; Wandrung nach
Bujukdereh 250-252.
III. =Reise von Constantinopel nach Smyrna= S. 253.
Rückblicke auf die letzten Tage unsres Aufenthaltes in Pera S.
253 u. 254. Historische Erinnerungen, welche der Anblick der Ufer
des Propontis weckt 255-258; der Abend auf dem Propontis 258; der
Fernanblick des Rhodopegebirges im Morgenlichte 259; Gallipoli und
Lampsacus. Die nachbarlich im Hellespont sich gegenüberstehenden Ufer
von Asien und Europa 261; Sestos und Abydos 262; die Dardanellen 263,
264. Ilions Küste 265-268. Tenedos 268; Imbros, Samothrake und Lemnos
269; Lesbos 270; Anblick von Smyrna 271.
~Smyrna.~ Erster Eintritt in die Stadt S. 272. Bucht von Smyrna
273; die verschiedenartigen Bewohner der Stadt 274, 275; die Akropolis
275, 276; Grabstätte des h. Polykarpos 277. Das asiatische Griechenland
eine Geburtsstätte vieler Heroën der Wissenschaft und Kunst 278-280.
Das Thal des Mäandros 281; Celänä ebendas.; Colossä und Laodicea 282;
Hierapolis 283.
~Reise nach Ephesus.~ Sediköi S. 284; Fernblick nach den Gebirgen
des Kaystros 285; Trianda 286; die Jurucken 287-288; Verwüstung der
Gegenden durch Niederbrennen der Gesträuche 289; Metropolis 290;
Jeniköi 291; Nachtlager daselbst 292; der Phyrites und Pagasäische
See 293; Thal des Kaystros 294; der Aquädukt von Ajasaluk 295; die
Akropolis 296; das Oertlein Ajasaluk 297; St. Johannis Bleibstätte
und Kirche 298; das von Lysimachus erbaute Ephesus 299; Stadium und
Theater 300; Stätte des Dianatempels 301 u. 302; Erinnerungen an die
hiesigen Synoden 303; an Tamerlans Lager 304; Böreklüdsche Mustapha
305; Christengemeinde zu Ephesus 306; griechischer Hirt und türkischer
Landmann 307, 308; geistige Polar- und Tropen-Bewohner 309; Rückreise
nach Jeniköi 310 und Budscha 311.
~Reise nach Magnesia und Sardis~ S. 312; Fernblick auf das Gebirge
des Hermosthales 313, allgemeine Schilderung desselben 314; die sieben
apokalyptischen Gemeinden 315; Pergamos 316 u. 317, Thyatira 318, 319.
Abreise von Smyrna nach Magnesia 320, der Mimnolus 321, 322; Ankunft in
Magnesia und Nachtlager im erzbischöflichen Pallast 323-325; Besehen
der Stadt 326; die vormalige christliche Kirche am Burgberge 327;
türkische Schulen 328; die Akropolis 329; Themistokles in Magnesia 330;
Murads +II.+ und +III.+ Andenken 331; Jusuff Effendi 332. --
Weiterreise am Sipylos hin 333; Fernansicht des Tmolus 334; Ankunft und
erstes Nachtlager in Kassabah 335. Weiterreise; türkische Todtenäcker
in Gegenden wo kein Dorf mehr ist 336; Teriköi; Karawane von Armeniern
337; Achmedli 338; wandernde Schaaren der Turkomanen 339; Grabeshügel
des Alyattes und Gygäasee 340; Bergabhang des Tmolus 341; volle Ansicht
dieses Gebirges 342. Ankunft bei den Ruinen von Sardis (Sart) 343;
Ueberreste des Theaters und der christlichen Kirchen 344; Spuren und
Geschichten von den hiesigen Erdbeben 345. Die älteste Christengemeinde
von Sardis 346; die Gerusia 346, 347; Geschiebe des Paktolus 348;
der Cybeletempel 349. Rückkehr nach Kassabah und zweites Nachtlager
daselbst 350, 351. Berichte über das alte Philadelphia 352-355;
Rückreise nach Magnesia 356, 357. Besuch bei dem Oglu Bey in Magnesia
358; ein türkischer Rechtshandel 359 u. 360; Rückreise nach Budscha 361
u. 362.
~Rückkehr nach Smyrna.~ Dankbare Erinnerungen an diese Stadt und
ihre Bewohner S. 363-369; naturgeschichtliche Bemerkungen 369-382;
Anstalten zur Abreise 383, 384; Einzug in das Schiff 385, 386;
Besorgnisse wegen der Pest 387, 388.
+IV.+ =Reise von Smyrna nach Alexandria und Cairo.= Abfahrt
S. 390; Blicke auf den heutigen Weg des Schiffes und auf die Bewohner
seines Innren, namentlich auf unsre türkischen Reisegefährten, die
Hadschis 392-394; ärztliche Hülfleistung 395, 396; getäuschte Hoffnung
397. Die Oenussischen Inseln 398; Aussteigen an der einen derselben und
Beschreibung derselben 399-402; nächtliche Unterhaltungen der Hadschis
403. Aussteigen an einer andern Insel 404; Aussicht auf Tschesme und
Erinnerungen an die Seeschlacht von 1770 S. 405-407; Beschreibung
der Insel 408-410. Abermaliger Besuch auf der vorgestern bestiegenen
Insel 411-413. Weiterfahrt 414. Ansicht von Samos 415, 416; Ikaria
417; nächtlicher Sturm 418; Patmos, Leros, Cos 419; Halikarnassos
und Cnidos 420. Erste Annäherung an Rhodus und vergeblicher Versuch
auf ihm zu landen 421-423; rückgängige Bewegung des Schiffes und
Einlaufen desselben in Symi 424; Eindruck dieser Insel aufs Auge 425;
die älteren und neueren Bewohner der Insel 426-428; Aussteigen ans
Land und Betrachtung desselben 429 u. 430; verdrießliche Stimmung und
Wiederaussöhnung der Hadschis 431, 432; Kajütenleben bei schlechtem
Wetter 433. Nochmaliges Aussteigen an der Insel 434; Vermuthungen über
den Grund der eigenthümlichen Gestaltung des hiesigen Kalksteines 435,
436. Streit des Capitäns mit den Hadschis 437; Abfahrt von Symi 438;
blinder Feuerlärm 439; Telmessus 440; endliches Einlaufen im Hafen von
Rhodus 441.
~Rhodus.~ Erster Eindruck S. 441, 442; Rückblick auf die älteste
Geschichte der Insel 443; die Zeit der Ritter 444; Abgabe und Wirkung
unsrer Empfehlungsbriefe 445; Milde der türkischen Quarantäne 446;
Spaziergang nach der Stadt 447; die Ritterstraße und vormalige St.
Johanniskirche 448; der Johannisthurm 449; Gärten der Stadt und
Allerheiligenkirche 450; Schulen in Rhodus 451; Rückkehr ins Schiff
und neuer Besuch des Landes 452. Die ältesten Belagerungen der Stadt
453; jene durch Mohammed +II.+ 454-457; Belagerung und Eroberung
durch Suleiman den Großen 458-461. Spaziergang in die Umgegend 462;
Freuden der Locanda 463; Aufhebung der Quarantäne 464; Erinnerungen
an den Kampf mit dem Drachen 465; genaures Besehen der Stadt 466,
467; Liebeinsam 468; Winterflora der Umgegend 469, 470. Familie des
Consul Giulianich 471; ein Seesturm vom Lande gesehen 472 u. 473; Ruhe
der Locanda 474; vergebliche Sorgen 475; Hassans Mittheilungen 476;
schneller Wittrungswechsel 477; Uebernachten und Erwachen am Lande 478;
Abschied von Rhodus 479.
~Die Seereise von Rhodus nach Alexandria~ S. 480. Ausfahrt aus dem
Hafen und Aussicht auf die Ufer der Insel 480. Abschied vom Anblick des
Landes 481; stürmische Fahrt über das weite Meer 482; Streit der beiden
Capitäne, bei welchem der griechische Recht behält 483; Ankunft in
Alexandria 484.
~Alexandria.~ Erster Anblick S. 484; freundlicher Empfang 485;
Ausschiffung der Hadschis in das Quarantänegebäude 486, 487. Besuch
beim Sprachgitter am Lande 488; große Illumination beim Anfang des
Ramadans 489; stürmisches Wetter im Innren und Aeußren 490, 491;
Quarantäneleben auf dem Schiffe 492, 493; Beendigung der Quarantäne
und freier Austritt ans Land 494; erste Besuche in der Stadt 495.
-- Aufsuchen des alten Alexandria im neuen 496; die Stätte des
Bruchion und seines Museums 497; Erinnerungen an das, was hier
geleistet worden 498; Größe des alten Alexandria 499; der Molo 500
u. 501; die Nekropolis und das sogenannte Bad der Kleopatra 502; der
Mareotissee 503; die Pompejussäule 504; das Gymnasium 505; Circus und
Stadtmittelpunkt 506; das Serapion 507; das Alexandria der Sarazenen
508; Verheerung durch die Türken 509. -- Die Winterzeit in Alexandria
510; das Frankenquartier 511; der Weihnachtsabend 512; Landzunge von
Abukir und Stätte des alten Canopus 513.
~Die Nilfahrt nach Cairo.~ Einrichtung der Nilbarke; Birket Gitas
S. 514; Frühlingsabend am Machmutskanal 515; Adfu 515. Erster Anblick
des Nils 516; die Reize des Landes in seiner Blüthenzeit 517, 518; Fuch
und Salmieh, 519; die Stätte des alten Sais 520; Schabur (Andropolis)
522; Salamun 523; Schluß des alten und Beginn des neuen Jahres in
Zayrah 523-526; Abentheuer in Ghisahi 527; erster Anblick der großen
Pyramiden 528; Gedultsübung durch Windstille 528; Weiterfahrt mit
starkem Seitenwind 528; Ankunft in Boulak 529; starker Gewitterregen
530; Aussteigen ans Land 531; erste Annäherung an Cairo 531.
I. Einleitung.
Wohin willst du?
»Wohin willst du?« so fragen wir den Wandrer, den wir auf einem
einsamen, von uns noch nie betretenen Stege einholen, und an den
wir uns, wenn er etwa gleichen Weges mit uns gienge, als Gefährten
anschließen möchten. »Wohin willst du?« so möchte wohl auch der zum
Mitreisen geneigte Leser den alten Wandrer fragen, welcher in den
nachfolgenden Blättern die Geschichte seiner Reise nach dem Morgenlande
beschreibt. Dieselbe Frage wurde schon viermal, zu vier verschiedenen
Zeiten meines Lebens an mich gethan und ich brauche hier nur zu
berichten, was ich jene vier Male auf sie zur Antwort gegeben.
Es hat wohl selten ein Mensch, der kein Schweizer von Geburt war, so
tief, so verzehrend am Heimweh gelitten, als ich. Da ich, in meinem
neunten Jahre zum ersten Male vom Hause der Eltern getrennt, an einem
fremden Orte lebte, um dort die Schule zu besuchen, da schien mich
auch die Miene eines Jeden, der mir theilnehmend in mein verweintes
Auge schaute, zu fragen: »~wo willst du hin?~« und jeder Nerv,
jede Ader meines Wesens antwortete: »Ich will zum Hause meiner
Eltern.« Dachte und sprach ich ja, außer den Stunden der Schularbeit
nichts andres als was die Heimath, was das Elternhaus angieng; das
Heimweh ließ mich nicht einschlafen, ließ mich nicht ausschlafen; es
ließ mich nicht ruhen beim Spiele der Kinder, nicht froh werden beim
Essen, wenn ich auch noch so hungrig war: im Hause der lieben Mutter
hätte mich wohl trocknes Brod und Wasser mehr vergnügt, als in der
Fremde Alles was süß und lecker ist. Mein Heimweh wurde nicht eher
still, bis die Thräne kam; die bittre süße Thräne des heißen Sehnens
nach dem Elternhause, die anfangs im Verborgenen, später aber, immer
zudringlicher um Mitleid und Hülfe flehend, auch vor Andren geweint
wurde.
Ich wundre mich selbst darüber wie ich so gar siech und elend vor
Heimweh seyn konnte. Von Natur war ich ein kräftiger, muntrer Knabe,
dem, das wissen Alle die mich in meiner Kindheit kannten, kein Thurm-
oder Kirchengemäuer zu hoch und zu gefährlich, kein Baum oder einzeln
hinausragender Ast zu gäh oder zu schwierig zum Besteigen war; der
ohne Grubenlicht dem Bergmann nachschlich in die dunkle Tiefe[1] ohne
sich von dem Sausen und Heulen der Kunsträder und Saugwerke stören zu
lassen. Ich liebte die Einsamkeit und gieng oft stundenlang im Buchen-
und Tannenwald umher, suchend nach Dingen, nach denen Keiner unter
meinen Gespielen Verlangen trug, außer mir. Und an dem fremden Orte,
wohin man mich in meinem neunten Jahre gebracht hatte, wohnte ja meine
liebe, älteste Schwester und der Vorstand der gut eingerichteten,
kleinen Schule, war mein eigner Schwager; wie kam es doch da, daß
jeder Odemzug, jeder Blutstropfen in mir nur nach dem Elternhause
ächzte und hinjagte, und daß mich die kindische Thräne des Heimwehes so
blind machte gegen all das Tröstliche und Gute das um mich her war?
Freilich hatte das Elternhaus gar besondere Dinge in und an sich,
die ein junges Herz, gerade je stärker beweglich es war, desto mehr
zu sich hinziehen konnten. Es wohnte da vor allem eine Mutter,
welcher eine Gabe und Macht der Liebe zu Gott und den Ihrigen, so
wie zu allen Menschen verliehen war, wie dergleichen nur selten in
einem Menschenherzen gefunden wird; eine Liebe die überall um sich
her Friede, Freude und heitres Wohlseyn ausstrahlte, weil sie in
beständiger, das eigne Selbst vergessender That lebendig war. Mit ihr
ein Vater, über dessen kräftiges Wesen die Ruhe eines guten Gewissens
vor Gott und den Menschen ihren Fittich breitete, ein Mann in Wort
und That, dessen ganzem, festen Wesen der Wahlspruch eingeprägt war:
»schlicht und recht das behüte mich«[2]. Dabei noch zwei Schwestern,
welche dieser Eltern Kinder waren und welche den jüngsten, spätgebornen
Bruder von Herzen liebten.
Das Elternhaus hatte aber außer dem innern, mächtig anziehenden Reiz
noch einen andern, auch äußeren: das war die hohe Anmuth der Gegend in
welcher es lag. Das nachbarlich an diese angrenzende Muldenthal hat
schon vor zweihundert Jahren einen begeisterten Lobredner und Sänger
gefunden, an meinem mir sehr theuren, vielgereisten Landsmanne ~Paul
Fleming~ aus Hartenstein, von welchem namentlich das schöne Lied:
»In allen meinen Thaten« so lange forttönen wird als es einen deutschen
christlichen Gesang giebt[3]. Der Berg aber, der sich wie eine hehre
Warte an der Westseite der kleinen Halbinsel erhebt, welche durch die
beiden gleichnamigen Schwestern: die Freiberger und Zwickauer Mulde
gebildet wird; der Berg worauf meine kleine Vaterstadt Hohenstein,
in der Grafschaft Schönburg liegt, trägt denn doch jenes Element, an
welchem sich in der Brust des Schweizers das Heimweh entzündet, in
noch viel höherem Maaße an sich, als das liebliche Muldenthal. Er ist
ein Rigiberg im Kleinen; ein Gilead zwischen der hehren Gebirgsgegend
des Südens und der hier angränzenden, fruchtbaren Ebene des Nordens.
Die Kirche des Städtleins, mit ihrem Thurme, wird wegen der hohen
Lage weithin im Lande gesehen; nahe bei dieser Kirche wohnten meine
Eltern. Von den Fenstern ihres Hauses, mehr aber noch vom väterlichen
Garten am Thurme und von der an ihn angrenzenden Höhe überblickt
man gegen Süd und Südost zunächst ein wellenförmig emporsteigendes,
von grünenden Thälern durchschnittnes, hügliches Land, über dessen
Saum weiterhin die Gebirgskette der erzreichen Sudeten, mit ihren
Granitzinnen und rundlichen, basaltischen Kuppen emporsteigt; in West
und Südwest erheben sich die waldreichen Hochufer des Muldenthales,
und in weiter Ferne die Voigtländischen Gebirge; gegen Norden ergeht
sich die Aussicht ungehemmt über die weite Ebene des niedreren
Muldenlaufes; tief am Horizont zeigt sich noch, als letzte dem Auge
wahrnehmbare Erhöhung, der Petersberg bei Halle. Damals, in den Zeiten
meiner Kindheit, war der seitdem fast kahl gewordene Scheitel unsres
vaterstädtischen Berges von einem Walde der hohen Edeltannen und Buchen
umkränzt, aus dessen kühlem Schatten mancher seitdem versiegte Quell
hervorströmte, in dessen dunkeln Zweigen mancher seitdem verstummte
Gesang der Vögel ertönte.
Allerdings war das ein Anblick von seltner Art, wenn von den Fenstern
des Elternhauses aus gesehen die Morgensonne an einem hellen Wintertage
über die beschneiten Felsenwände des Greifensteines (bei Geyer)
emporstieg und wenn nun die beeisten Bächlein im Thale wie Silberfäden
das dunkle Grün der Fichtenwälder umspannen, oder wenn das Abendroth
seine Flammen über dem Voigtländischen Gebirge und im Nachbarwald
der Edeltannen spielen ließ und der Rabe schreiend von dem Flug des
Tages wiederkehrte. Der Sturm hatte auf diesen freien Höhen, wenn
er die Zweige des vereinzelt stehenden Baums erfaßte oder durch die
Schalllöcher des Thurmes hindurchstrich, einen ganz andren, mächtigeren
Laut als anderswo; der Strahl der Frühlingssonne, wenn er in das
grünende, terassenartig emporsteigende Thal trat, das in Süden und
Westen den Fuß des Berges umwindet, oder wenn er auf den südlichen
Abhang von diesem selber fiel, weckte da mit den Maibrunnen[4]
zugleich eine Mannichfaltigkeit der Frühlingsblumen des Gebirges, wie
sie, in gleicher Fülle nur selten erscheint. Der alte Wandersmann, der
damals als Knabe mit einer freilich kindisch übertriebenen Vorliebe an
der Gegend seines Geburtsortes hieng, hat seitdem manche Länder und
Gegenden gesehen, die wohl zu den schönsten der Erde gehören, noch aber
wird ihm das Herz warm, wenn, nach langer Abwesenheit wieder einmal
sein Blick, verjüngt wie ein Adler, von der Höhe des Berges seiner
kleinen Vaterstadt einen Ausflug weithin über die Thäler und Berge
machet.
Im Garten meines Vaters, wie im Thal und auf den Höhen hatten
jeder bunte Stein, jede Blume für mich ihre besondere Sprache,
ihren Namen; die kleine, glänzende Quarzdruse, die mein erstes,
köstliches Besitzthum der Art war, verwahrte ich, wie einen, wenn etwa
Feuersgefahr ihn zerstörte, unersetzbaren Schatz, in einer Oeffnung der
innern Gartenmauer. Wenn mich dann auch beim Anblick des Bergsaumes,
der den Horizont begränzte, je zuweilen das Verlangen anwandelte, zu
sehen was jenseits der Berge wäre, so hatte ich doch Viel zu Viel und
angelegentlich mit dem Elternhause und seiner Umgebung zu schaffen und
zu reden, als daß mir, da zum ersten Male die Frage an mich ergieng,
»wo willst du hin?« eine andre Antwort möglich gewesen wäre als die:
»zum Hause der Eltern.«
Der Wunsch, der in dieser Antwort lag, wurde gewährt; nach etwa
zweijährigem Aufenthalte an fremdem Orte kam ich wieder heim und blieb
im Hause der Eltern bis zur Gränze des Knabenalters. Ueber die ersten
beiden Jahre der neuen Trennung breitete ein jugendlicher Leichtsinn
seinen Nebel; an dem Orte wo ich damals war, konnte keine Art von
Heimweh, konnte nichts Tieferes aufkommen; es war nichts da, was die
Tiefe aufregte. Da zog mich, wie eine sichere Ahnung des Künftigen,
dergleichen ich in meinem Leben öfters erfahren, ~Herders~ mir
kaum bekannter Name, Herders Gegenwart nach Weimar, und siehe es ward
mir das Glück zu Theil in der Nähe dieses großen Geistes, der seinem
Zeitalter ein Ararat, ein Ort der Bergung vor großen Wassern war,
aufzuwachen, zum innern, geistigeren Leben. Was ich etwa späterhin
als wissenschaftlicher Schriftsteller hervorgebracht habe -- es ist
so Weniges und so Mangelhaftes, daß ich fürchte es würde den theuren
Mann beschämen, wenn er diese Worte vernähme -- dazu danke ich, nächst
Gott, den ersten Antrieb und die erste Anregung ~Herder~. In diese
lebendig, bis in die Tiefe aufgeregte Zeit meiner Jünglingsjahre fällt
nun der zweite Brennpunkt meines Lebens, an welchem mein Innres die
Frage vernahm und beantwortete »~wohin willst du~?«
Die Frage ließ sich zwar damals wiederholt vernehmen, es ist mir aber
vor allem ein Moment in der Erinnerung stehen geblieben, in welchem,
wie mir scheint, Frage und Antwort am lautesten sich begegneten. Ich
erzähle was mir damals geschehen.
Es war ein Tag des eben beginnenden Frühlinges, ein solcher, der in
allen Seelen das Vorgefühl eines Lebens weckt, das niemals aufhört,
da wollte in mir das Heimweh, das bittersüße, nach dem Elternhause zum
zweiten Male, und wie mir schien, innig tiefer als jemals erwachen. Ich
stund, ganz allein, an dem kleinen See eines stillen Thales. Das Gewölk
gegen Süd und Ost hatte sich leise geöffnet; ein röthlicher Schimmer
schwebte am Horizont; ein röthlicher Strahl fiel aus dem Gewölk auf
die Bäume am Ufer und auf den Spiegel des Sees; es war als wollte noch
jetzt, am Mittage, der ganze Himmel in Morgenroth sich auflösen. Eine
Schaar der erst neulich wiedergekehrten Vögel, die über den See flog,
wurde nur gesehen, nicht gehört; die Lerche, als dürfte sie die Stille
des Thales nicht stören, sang ihr Lied hoch in der Luft; das Gebüsch
wie der Baum waren schweigend in das Geheimniß ihres Wachsens und
Gedeihens versenkt; es war wie ein Warten in der Natur: ein Warten,
das seinen Mund nicht aufthut, weil sich das sehnlich Erwartete schon
nahet. Es sind dieses Stunden, da der Geist, welcher in der Natur
webt und waltet, dem Geiste, der im Menschen lebt, mehr denn sonst
sich nähert, deutlicher denn sonst sich ihm kund giebt. Das Sehnen
das in dem heimwehkranken Herzen so eben noch von dem Elternhause
sprach, schwieg, mit der schweigenden Natur; wie ein Wandrer, wenn
er bei einer am Wege stehenden Menschenschaar vorüberkommt, welche
unverwandt, in stiller Erwartung, nach einem vor ihr gelegenen Punkte
hinblickt, unwillkürlich sein Auge dahinwendet, wohin die Andren sehen;
so lauschte der innre Sinn des Jünglinges, von welchem wir hier, aus
seinem eignen Munde erzählen, auf eine Stimme, die ihm sagen könnte,
wohin dieses Warten der Natur gienge?
Die Frühlingssonne trat jetzt frei aus dem Gewölk hervor, da endete
das Schweigen; die Nachtigall im Gebüsch begann ihr erstes Lied:
das Lied, das nach dem Verlauf der Wanderzeit durch ferne Auen, die
wiedererreichte Heimath begrüßt. Dem Jünglinge war es als sey heute
sein innres Ohr geöffnet; als verstünde er die Sprache der Sängerin,
die mitten in die Begrüßung der Heimath das Lob des Landes verwebte,
aus dem sie so eben kam. »Ja,« so schien mirs lautete der Inhalt des
Liedes, »ja das Wiedersehen der Stätte, die mich gebar, ist süß, und
mächtig der Zug, der mich nach ihr zurückführte; mächtiger aber noch
war jener, der mich im Spätsommer, als hier noch Feld und Gebüsch mit
all ihrer grünenden Fülle geschmückt waren, hinwegtrug über Meer und
fernes Land, in die Geburtsstätte der höheren Art, aus der sich am
Morgen die Sonne erhebt und über die ihr Weg am Mittage hinübergeht.
Das Sehnen, das zum Wandern treibt, weiß von einer doppelten Heimath:
von jener, in der das einzelne, sterbliche Leben geboren ward und
erzogen, und von einem andern, aus welchem das Leben Aller, das Leben
des ganzen Geschlechts seinen Anfang nahm.«
Es war freilich nicht bloß das Lied der Nachtigall oder die
begeisternde Kraft die in der Schönheit des Frühlingstages lag, sondern
mehr denn beide war es ein innres, aus der Seele selber kommendes
Bewegen, was in jener Stunde dem enger beschränkten Heimweh, das noch
kurz vorher sich schmerzlich geregt hatte, eine neue Richtung gab; was
dem Herzen auf die abermals wach gewordene Frage: wohin willst du? die
Antwort einsprach: »in das Land des Aufganges der Geschichte meines
Geschlechts.« Eine unbeschreibliche Lust zum Wandern, zum weiten
Wandern hatte mich seitdem ergriffen; meine liebste Erholung von dem
gewöhnlichen Werk des Tages war das Lesen von Reisebeschreibungen,
und wenn im Herbst die kleinen Zugvögel auf der Heide sangen: »ziehe
mit« -- »ziehe mit,« da konnte ich nicht widerstehen, ich ergriff den
Wanderstab, und zog, so weit es gehen wollte über Berg und Thal, bis
zuletzt, nach vierzig Jahren -- denn so weit liegt jener Frühlingstag
meiner Jugend[5] schon hinter mir, es mir war, als ob der Wanderstab,
den ich so lange rüstig geführt und bewegt hatte wohin ich wollte,
jetzt mich, bei schon ergrauendem Haare erfaßte und mich führte dahin
ich gehen ~mußte~. Ehe ich aber dieses Begebniß, so wie jenen
entscheidendsten Augenblick meines späteren Mannesalters beschreibe,
da in meinem Innern zum dritten Male die Frage gefragt und beantwortet
wurde: »wohin willst du« muß ich zuerst noch über den Sinn der Antwort,
die mir das zweite Mal auf jene Frage in Herz und Mund gelegt wurde,
etwas Weiteres berichten.
Es wirkt nicht allein auf den Vogel ein zweifacher Zug zum Wandern:
einmal nach dem besondren, engbeschränkten Bergungsplatz, da sein
mütterliches Nestlein ist, und Nahrung für ihn und die Jungen, dann
nach dem allgemeineren, weiteren, da die zahllosen Schaaren seines
Geschlechts Bergung vor dem Winter und Fülle der Nahrung finden,
sondern auch im Menschen regt sich ein ähnlicher, doppelter Zug des
Heimwehes und der Wanderlust. Kaum giebt es ein Volk der Erde, in
welchem nicht, wie ein Jugendtraum noch die Kunde nachtönte von einem
Lande des gemeinsamen Ursprunges, von einer paradiesisch reichen,
früheren Heimath seines Geschlechts, und in welchem diese Kunde nicht
einen Zug des Heimwehs aufregte. -- Ein Berg war es, bewacht von
geisterhaften Mächten: der Goldberg Meru, von welchem, nach der Sage
der Inder, als von dem Wohnsitz der seligen Götter, der Ausgang des
Schaffens geschehen; die Kunde von diesem Paradiese, dessen ewige
Fülle von keinem Sturme bewegt ward, kleidete sich bei den Griechen
in die Sage vom Lande der Hyperboräer; ein letzter Nachklang der
alten Ueberlieferung war vielleicht selbst die Dichtung von der
Nibelungen Hort. Wie die Magnetnadel in den Gegenden, die ostwärts
dem physikalischen Erdpole liegen gen Westen, in denen die westwärts
gelegen sind gen Osten hinweiset: nach dem Punkte, von welchem ihr
lebendiges Bewegen ausgieng; so weiset uns ein altes Sehnen der Völker
in Osten, wie die Stimme des sterbenden Confucius, wie der Stern jener
Weisen des Morgenlandes nach Westen, während sich das Erwarten der
Bewohner des Westens gegen den Aufgang, als auf das Land der Erfüllung
hinwendet. Es ist dieses Heimweh des Menschen nach dem vormaligen,
paradiesisch schönen Wohnsitz seines Geschlechts zum Theil selbst ein
anregendes Element für die Wanderungen der Völker gewesen, welche im
Reiche des Sichtbaren vergeblich nach dem suchten, das nur in einem
Reiche des Höheren zu finden war. Und dennoch spiegelt sich ja immer,
auch im Sichtbaren und Niedreren, das Höhere, nicht mehr im Bereich
des Sichtbaren Liegende ab; es läßt sich wirklich, auch noch auf Erden
eine Stätte bezeichnen, welche auf den Namen des Ausgangspunktes der
Geschichte unsers Geschlechtes und der zunächst zu diesem gehörigen
organischen Natur einen Anspruch machen kann.
Seitdem ~Paul Tournefort~ auf seiner Reise nach den Morgenländern
an dem Ararat eine Welt im Kleinen kennen gelernt und beschrieben
hatte, in welcher sich auf engem Raume fast alle Hauptformen des
Pflanzenreiches beisammen finden: unten am Fuße des Berges die Gewächse
des wärmeren Asiens, höher hinauf die des mittleren Europas, näher
nach dem beschneiten Gipfel die Pflanzengeschlechter vom nördlichen
Schweden und Lappland, hatte sich hie und da bei den Naturforschern
die Vorstellung von einem, ich möchte sagen, Schöpfungsberge gebildet,
der vielleicht wie eine Insel aus dem Gewässer hervorragend, die
Stammformen der Geschlechter der organischen Wesen trug und hegte,
die sich nachmals im Verlaufe der Zeiten über alle Gegenden der Erde
ausbreiteten und fortpflanzten. Und in der That, an die von Tournefort
veranlaßte Vorstellung werden wir noch von einer ganz andern Seite
erinnert.
In dem Hochlande Armeniens, umgürtet und bewacht von der Wildniß,
welche hier erhabener ist und gewaltiger als an andern Orten der
Erde, liegt eine Gegend, auf die der Morgenglanz der Geschichte
unsres Geschlechts seine ersten erhellenden Strahlen wirft. Einsam
erhebt sich dort der Ararat über die Hochebene; ein Mittelpunkt des
größesten Länderstriches der Erde, welcher vom Südende von Africa bis
zum nordöstlichen Küstensaume von Asien reicht; ein Mittelpunkt des
Zuges der Wüsten, wie der Gewässer, deren Stromgebiete von seiner
Nachbarschaft aus nach allen Richtungen hin zu den Meeren und Seen im
Norden und Westen, in Süden und Osten sich hinabsenken[6]. Die hehre
Warte jenes Gebirges, das in seinen Umrissen einem Schiffe verglichen
wird, erscheinet noch jetzt den umwohnenden Völkern wie den Bewohnern
der westlichen Länder als eine Denksäule der großen Errettungen; als
eine Stätte des Ausruhens von dem Ungestüm der gewaltigen Wasser. Denn
hier, in dieser Gegend, war es, wo der übrig gelassene Sprosse eines
älteren, zertrümmerten Stammes unsres Geschlechts zuerst wieder Wurzeln
schlug; hier erbaute am Frühlingsmorgen des zweiten Weltentages Noah
jene Hütten, aus denen, wie aus einem gemeinsamen Quellpunkte, die
Ströme der Völker von neuem über die Länder der Erde sich ergossen.
Aber diese Gegend, in deren Thälern und Ebenen noch jetzt ein fast
beständiger Frühling seinen Sitz hat, ist nicht bloß die Zeugin des
einen, zweiten Frühlingsmorgens der Geschichte unsres Geschlechts
gewesen; sie war auch Zeugin nicht nur, sondern Theilhaberin an der
Herrlichkeit eines andern Tages, dem an äußerer Fülle und Lieblichkeit
kein andrer Tag der Erde gleich kam. Könnten diese Berge und Thäler mit
Worten von Dem zeugen, was einst in ihrer Mitte sich zugetragen, dann
würde ihre Stimme ein Lied der Schöpfung nachhallen, bei dessen Tönen
der Mensch einst zum Bewußtseyn seiner selbst und zum Anschauen Dessen
erwachte, der ihn erschuf. Denn hier, diese Hochebene an den Quellen
des Euphrat und Tigris, welche noch jetzt, vorzugsweise vor allen
andren Punkten der Erdfläche, als das vermuthliche Vaterland unsrer
Getreide- und Obstarten, wie der nützlichsten Hausthiere erscheint,
wird uns von der heiligen Urkunde als die erste Heimath unsres
Geschlechts; als die Stätte des Paradieses bezeichnet[7]. Noah, als er
aus den Schrecknissen der allverheerenden Fluth hieher entrann, hatte
seine Bergungsstätte nahe bei der Heimath der ersten Väter gefunden.
Und fürwahr, die Kräfte der frischesten Jugend der Menschennatur müssen
sich, ein und das andre Mal, hier, wie in den nachbarlich angränzenden
Ländern, in einer Stärke und Mächtigkeit geregt haben, wie kaum sonst
in andren Gegenden der Erde; hier ward namentlich ein Bauwerk des
Menschengeistes begründet, welches statt der Werksteine aus den Sternen
des Himmels zusammengefügt ist; denn noch jetzt verräth das älteste
System der Sternkunde durch die Anfügung seiner Elemente an die Grade
der Breite dieses Erdstriches, daß es von da seinen Ausgang genommen.
Riesenhaft groß und mächtig, dieß bezeugen selbst die wenigen übrig
gebliebenen Trümmer, muß aber auch alles Das gewesen seyn, was, bald
nach dem Beginn des zweiten, noachischen Weltentages, die Jugendzeit
der Völker, dort, auf dem Tummelplatz ihrer ersten Thaten, aus
irdischem Material erbaute. Das, was der spätgeborne Sohn des Westens
bei dem Anblick von Baalbeck empfindet, in dessen Ringmauern Werkstücke
von mehr denn sechzig Fuß Länge sich finden; das was er bei dem Anblick
von Palmyra fühlt, das ist dennoch, was die Größe und Macht der Massen
betrifft, nur ein schwacher Nachhall von Dem, was vormals in den
östlicher gelegenen Ländern bestanden.
Wie ein einsamer Wandrer strömt der Euphrat an den Schutthaufen
des alten Babylon, der Tigris an der Stätte vorüber, auf welcher
einst das mächtige Ninive drei Tagreisen weit sich ausbreitete;
statt der Menage der Städte die während ihres längst vergangenen
Jahrtausends in dem Gewässer jener Ströme sich spiegelten, wirft
jetzt die verödete, menschenleere Wüste ihren Schatten darein; nicht
ein Drittheil, nicht die Hälfte, sondern mehr denn neun Zehntheile
der Zahl der Seelen, die einst hier wohnte, und von Geschlecht zu
Geschlecht sich forterbte, sind von dem schweren Gericht der Zeiten,
das diesen reichen Erdstrich traf, ertödtet und hinweggeräumt worden;
zur Erde, in den Staub gefallen, sind die Sterne der irdischen
Größe, welche einst hier leuchteten. Sollte jener große König, der
im Gesichte der Nacht mit dem goldnen Haupte verglichen ward; jener
König, der auf dem Dache seiner Burg wandelnd, vor Hochmuth trunken,
sich des Anblickes »der großen Babel« freuete, »die er sich erbaut
hatte zu Ehren seiner Herrlichkeit«[8], sollte dieser jetzt auf dem
Trümmerhügel stehen, zu welchem seine Königsburg zusammengesunken
ist, und um sich schauen, wie würde es da vor Dem ihm grauen, das
einstmals seiner Augen Lust war. Den Lauf der langen, geraden Straßen,
die sich meilenweit in Osten, meilenweit in Westen, seitwärts vom
Strome des Euphrat, und eben so weit, seinem Laufe folgend, gegen
Norden und Süden ausdehnten, bezeichnen anjetzt nur noch jene wall-
oder rainartigen Schutthaufen, an deren Abhange sich die Schlange
sonnet; Nebucadnezars, des Weltbeherrschers Pallast, in dessen Sälen
Alexander, der Welterschütterer, starb, unterscheidet sich von den
andern Trümmerhaufen, die an der Ostseite des Stromes liegen, nur
durch seine bedeutendere Höhe und Ausdehnung; vergeblich suchet da
das Käuzlein ein aufrecht stehendes Gemäuer, in welchem es sich vor
dem blendenden Lichte des Tages verbergen könnte. Und wen sollte auch
die grauenvolle Zerstörung aller der Bauwerke, welche die Ostseite
der vormaligen Haupt- und Mutterstadt der Weltenreiche umfaßte, noch
befremden, wenn er die Zertrümmerung jener ungleich colossaleren
Werke der Menschenhand gesehen, die an der Westseite des Stromes
stunden. Von Bagdad herkommend, haben mehrere frühere Reisende jenen
Theil der Ruinen des alten Babylons, von denen wir jetzt reden, gar
nicht beachtet, denn sie liegen drei Stunden Weges vom Ufer des
Euphrat ab. Hier -- es war einst, nach der Beschreibung der Alten,
die Mitte der Stadt, stund, selbst noch in den Zeiten der genaueren
historischen Kunde, jener Birs Nimrud oder Thurm des Baal, welcher
in acht terassenartig sich absetzendem Stockwerken, deren unterstes
sechshundert Fuß im Durchmesser beherrschte, bis zur entsprechenden
Höhe von sechshundert Fußen sich erhob; es umfaßte dieser Thurm in
seinem mächtig weisen, unterem Ringe, den viereckten Tempel des Baal,
dessen Umfang zwölfhundert, die Länge jeder der einzelnen Säulen
dreihundert Fuß betrug; im Innersten des Tempels fand sich das vierzig
Fuß hohe güldene (wenigstens mit dichtem Goldblech überzogene) Bild des
babylonischen Gottes, für dessen unmittelbares, persönliches Annahen
die Kammer des obersten Stockwerkes erbaut war. Doch dieser Thurm,
den uns ~Strabo~ beschreibt, war selber nur ein Neubau, errichtet
über den Trümmern eines Thurmes zu Babel, von dessen ältestem Bau die
historische Kunde uns zwar kein Maaß der Fuße und Ellen, die heilige
Urkunde aber ein andeutendes Bild gegeben hat, das den Schatten seines
mächtigen Emporstrebens weithin über das Feld der Geschichte der
nachkommenden Geschlechter wirft. Noch jetzt ziehet der Trümmerberg,
der sich an der Stätte des denkwürdigen Gigantenwerkes emporthürmt,
von Allem was die Zeit, deren Zuname das Vergehen ist, von der alten
Babel übrig gelassen hat, das Auge des Wandrers am meisten an sich.
Er erscheint als eine terassenartig emporsteigende Anhöhe, die zu
unterst aus einem Schuttwerk von alten Bausteinen bestehet, welche,
nach ~Ker-Porters~ Beschreibung und Ausdruck[9], wie durch ein
Feuer vom Himmel, wie durch Blitze verglast sind, und vielleicht,
daß dieser unterste Hügel der zerschmetterte Leichnam jenes ältesten
Thurmes zu Babel ist, der sich die Höhe des Höchsten zum Endziel seines
jugendlich übermüthigen Emporstrebens erlesen hatte. Oben auf der Mitte
des Trümmerhügels giebt noch jetzt ein kunstreiches Gemäuer, aus den
Zeiten der späteren assyrisch-babylonischen Weltherrschaft den wilden
Thieren, welche in unsern Tagen die wüste Stätte des gesunkenen Thrones
beherrschen, einen notdürftigen Schatten; ~Ker-Porter~ sahe bei
einem seiner Besuche des Birs Nimrud zwei Löwen neben jenem Gemäuer
stehen, welche erst bei dem lauten Geschrei, das seine arabischen
Begleiter erhuben, sich entfernten.
Daß von Ninive, daß von der noch gewaltigeren Babel, deren Stadtmauern,
ehe Darius Hystaspes sie erniedrigte, nach ~Herodots~ Angabe
350 Fuß hoch waren, fast gar nichts übrig geblieben als häßliche
Schutthaufen, das darf uns nicht befremden. Das Material aus welchem
zum größeren Theil jene uralten Städte erbaut waren, konnte ihnen keine
lange Ausdauer sichern: es bestund aus Backsteinen, geformt aus dem
feinen Thon der Euphratebene, verbunden mit Asphalt aus Is am Euphrat
und mit Rohrlagen. Auch bei solchen Menschenwerken wird erkannt, daß
der Anfang zwar von einem Antriebe ausgehe, der, im Vergleich mit jenem
der den Fortgang bewirkt, von überwiegend mächtigerer geistiger Natur
ist, daß aber die leibliche Basis mit welcher dieser Antrieb sich
überkleidet, wie bei der Blüthe des Baumes eine leichter vergängliche
sey, während später, nach dem Vergehen der Fülle der Blüthen die
Früchte, sparsamer an Zahl und langsamer, zugleich aber auch in
dauerhafterer Form heranwachsen. Uebrigens konnte auch Babylon, außer
der Euphratsbrücke noch manche andre Bauwerke aus festerem Gestein
umfaßt haben, deren Trümmer ein später bauendes Geschlecht von ihrer
anfänglichen Stätte hinwegführte; denn aus den Ruinen jener alten
Herrscherstadt haben[10], außer den vielen kleineren, drei namhafte
Städte des späteren Altertums sich erbaut und ausgestattet: Seleucia
der Griechen, Ktesiphon der Parther und Al-Maidan der Perser.
Siegreicher sind aus dem Kampfe mit den Verheerungen der Zeiten
jene Werke der verständig und künstlich bauenden Menschenhand
hervorgegangen, welche vormals um einen zweiten Thron der irdischen
Herrlichkeit versammelt waren: um jenen, den das Geschlecht des Chus
im Nilthale begründete; in dem Thale das so reich begabt ist mit allen
Lieblichkeiten, mit aller Fülle und Kraft der Natur. Der Geist des
Menschen hat hier, an der Gränze der Wüste, welche den beständigen
Schlaf des Todes schläft, Denkmale seines lebendigen Bewegens
hinterlassen, die noch jetzt in dem sie Betrachtenden eine lebendige
Bewegung der Theilnahme erwecken, an einem irre gegangenen Sehnen der
Menschenseele, welches das Leben, das ohne Ende ist, da gesucht hatte
wo dasselbe nie gefunden wird: bei den Gebeinen der Todten. Riesenhaft
mächtig dann, wie das ungestillte Sehnen des Menschengeistes, erheben
sich jene Pyramiden, neben deren fast unzerstörbar festem Gebäu schon
weit mehr denn hundert Geschlechter den Menschen geboren wurden und
sich niederlegten zur langen Ruhe des Grabes. Auch die Ruinen der alten
Königsstadt Theben, welche noch jetzt einen Umkreis von neun Stunden
Weges erfüllen, tragen eine Beachtung erweckende Macht in sich, die
mehr in der Bewegung des Suchens, als in der befriedigten Ruhe des
Findens oder Gefundenhabens ihren Grund hat. Denn wenn der Geist des
Wanderers jene Memnonskolosse »Tama« und »Chama«[11], welche hoch über
den Akazienwald des alten thebanischen Gefildes hervorragen; wenn er
jene riesenhaften Sphinxe, deren Reihen zwischen Luksor und Karnack
eine weithin laufende Allee bilden[12]; wenn er die Bildwerke der
Tempel und Grabgewölbe des alten Aegyptens fraget: »wohin schauet euer
Auge so unverwandt?« -- Da antworten jene: »wir sehen des Lebens Ende,
wir schauen den Tod an.« -- Wenn dann der Geist des Wandrers weiter
fragt: »was suchet ihr bei dem Tode?« -- Da sprechen jene »wir suchen
bei ihm die Lösung des Räthsels, das in der Brust des Menschen stehet.«
-- »Und wie heißt das Räthsel?« -- »Es heißet Ewigkeit.« -- »Habt ihr
bei dem Schweigen der Gräber die Lösung gefunden?« -- »Der Staub, den
gestern der Wind verwehte, sagte zu uns, ich kenne sie nicht; der
Splitter des Todtengebeines, dem unsre Kunst Ewigkeit zu geben wähnte
und mit welchem nun die Hand des spätgebornen Fremdlings ihr Spiel
treibt, sprach: ich weiß nicht was ewig ist.«
Wir haben erst einen Theil der Fernansicht jenes Landes des Ausganges
der Geschichte unsres Geschlechts betrachtet, von welchem damals,
als zum zweiten Male die Frage: »wohin willst du?« in mir laut
wurde, die Antwort sprach. Näher als alle Herrlichkeiten und Werke
der schaffenden Menschenhand lagen damals dem Jüngling jene noch
unvergänglicheren Herrlichkeiten und Werke, welche der bedenkende,
schaffende Geist namentlich bei dem Volke der Griechen und Römer
geweckt und zur Vollendung gebracht hat. Ninive's Stätte und
Nebucadnezars Königspallast konnten keinen so anziehenden Reiz für mich
haben, als Homers liebliches Vaterland, als der hohe Ida und Troja's
verödete Küste. Jene Lehren uralter Weisheit welche man einst in
Aegyptens Tempeln vernahm, oder welche die chaldäische Sternkunde auf
Babylons künstlich bereitete Steine schrieb, mögen allerdings hehren,
reichen Inhaltes gewesen seyn; näher aber und vertrauter sind dem nach
Erleuchtung verlangenden Geiste jene offenkundigen Lehren, welche die
Weisen von Athen nicht im verschlossenen Innern der Tempelgewölbe,
sondern hier im Schatten der Platane, dort beim freundschaftlichen
Mahle und selbst mitten im Geräusch der öffentlichen Volksversammlungen
Jedem, der offnen Sinnes für ihre Worte war, verkündeten. Das
Andenken an Ninus und Semiramis ausgedehnte Herrschergewalt, oder
an Nebucadnezars stolze Macht, konnte mich nicht so rühren, als die
Beschreibung von des alten Roms Einfalt der Sitten und innerer Kraft;
die Ufer von Salamis und Marathons Gefilde können es bezeugen, wie
weit überlegen die eigne durch ernstes Streben erworbene Kraft des
Armes jener Macht sey, welche der im Purpur erwachsene Despot des
Morgenlandes durch die Menge der bei der Geburt ihm zugefallenen Arme
der Sklaven empfieng.
Ueberhaupt zog mich namentlich zu den Griechen und Römern nicht bloß
die Verwandtschaft der äußern Form und der innern Richtung mit der
meines eignen Volkes hin, sondern ein jugendliches Wohlgefallen an
jener jugendlich selbstthätigen Kraft, die sich, wie der Adler des
Fluges, so der Arbeit und des Sieges über das feindlich hemmende und
beschränkende Element freut. Denn während die vormals herrschenden
Völker am Euphrat wie am Nil zunächst nur des Genusses und Besitzes
jener Güter pflegten, in deren Fülle, wie in einem wohlgesicherten
väterlichen Erbtheil, sie geboren waren, mußten und wollten die
Völker des Westens mit der Mühe der Hand das Eigenthum sich erwerben.
Dem Westen und höherem Norden, wohin diese kräftigen, unter sich
nahe verwandten Völker sich ausbreiteten, konnte auch äußerlich der
fruchtbringende Boden nur im männlichen Kampfe des Armes mit den
schwer durchdringlichen Waldungen und mit den wilden Thieren in ihrem
Innren abgewonnen und durch immer sich wieder erneuernde Arbeit im
Bau erhalten werden. Hier giebt es keine Palmen, die dem Schläfer
unter ihrem Obdache ihre Früchte fast mühelos darreichen; selbst den
Sprößling des Obstbaumes und den Saamen des Getraides mußten die
Völker, welche hier ihre Wohnstätten aufschlugen, mit sich aus der
alten Heimath des Ostens herüberbringen. Wie das edle Metall des
Nordens und das nützliche Eisen ist da Alles als ein Keim, welcher der
Menschenthat zu seiner Belebung bedarf, im Boden verschlossen, oder muß
durch den rüstigen Arm, mit Jagdspieß, Bogen und Fischernetz erbeutet
werden. Selbst in dem Gebiet des Wissens betrat das kräftige Volk
des Westens, durch eigne Wahl, zuerst die Bahn eines selbstständigen
Forschens; die Güter jener Tempelweisheit, welche den Völkern des
Ostens ohne ihr Zuthun, als ein ererbtes Gut aus dem Mund und der Hand
der Väter gekommen waren, diese verarbeiteten sich namentlich die
Griechen durch eignes Sinnen und geistiges Bemühen; so zeigte sich in
jeder Hinsicht der Stamm der Völker, welcher im Westen des mittlern
Asiens und diesseits des Bosporus und des Archipelagus herrschte,
neben jenem, der auf Sinears und Aegyptens üppigem Boden wurzelte
und waltete, wie ein kräftig männliches Geschlecht, neben dem minder
kräftigen, nicht männlichen.
Die heilige Urkunde nennt uns drei Hauptstämme des nun auf
Erden angesiedelten Geschlechtes der Menschen, welche, nach der
allverheerenden Fluth, in das Geschäft der Besitznahme und des
Wiederanbaues der Länder sich theilten, und in der That sind es drei
verschiedene Richtungen des Bewegens und der äußren Gestaltung, in
welche, von frühester Zeit an, die Masse der Völker sich scheidet.
Wir betrachten zuerst jene Verschiedenheit, welche die innerste Wurzel
der Menschennatur angehet: die Kraft und Aeußerung des Denkens und
Erkennens. Daß der Mensch nicht ursprünglich, so wie er aus der Hand
seines Schöpfers hervorgieng, ein Thier, mit Anlage zur Vernunft,
sondern umgekehrt ein vernünftiges, denkendes Wesen, mit Anlage zur
Thierheit gewesen sey, das beweist uns jeder vergleichende Blick auf
die älteste wie neuere Entwicklungsgeschichte unsres Geschlechts. Der
Mensch war ein Denkender und Sinnender, weil er ein Sprechender war;
der Geist des Erkennens, der Geist aus Gott, wodurch er von dem Thier
sich unterschied, war das Wort, war die Sprache. Daß diese nicht von
niederem, thierischen Anfange, sondern höheren, geistigeren Ursprunges
sey, das bezeugt uns die Betrachtung der ältesten bekannten Sprachen;
die tiefe Vielsinnigkeit ihrer Worte, die Kraft ihres Ausdruckes. Wie
die Pyramiden Aegyptens und die Herrlichkeit des alten Thebens zu
den bequemen, aber keineswegs großartigen Bauwerken einer modernen
Gewerbstadt, verhalten sich die uns bekannten Sprachen des ältern
Orients und die des klassischen Alterthums der Griechen und Römer zu
den jetzt lebenden, sogenannt gebildeteren Sprachen. Mit Recht hat man
gesagt, daß allein in der vielseitigen Bedeutung und Zusammenfügung
der Worte der hebräischen und samscretamischen Sprache ein ganzes
System der Philosophie verborgen liege. Daß in jenen frühesten
Menschenaltern, von denen die historische Kunde weiß, nicht ein
halbthierischer Instinkt die Bauwerke am Euphrat und am Nil, wie am
Ganges hervorgebracht habe, sondern ein tief bedenkender Verstand, das
zeigen uns die Nebengebäude der geistigen Art, die bei jenen steinernen
bestunden: die Sternkunde der alten Chaldäer, wie der Aegypter und
Inder.
Während die Wissenschaft bei den Völkern aus dem Stamme Japhets, wie
wir oben sahen, zwar als das Erzeugniß einer höheren Begeisterung,
zugleich aber als ein Werk des einzelnen Menschen erscheint, und
Allen zugänglich ist, nennt uns die Tempelweisheit der Völker des
Ostens aus den Geschlechtern des Sem und des Cham keine einzelnen,
menschlichen Erfinder ihrer geistigen Werke, sondern sie spricht nur
von einem höheren, göttlichen Ursprung derselben; die Verwaltung der
Güter des höheren Wissens ist zunächst in die Hände eines einzelnen
Standes: des Standes der Priester gelegt. Doch eben hiebei zeigt sich
ein neuer, bedeutender Unterschied zischen dem erwählten Saamen aus
dem Stamme Sems und den Völkern aus Chams Geschlecht. Das Haus des
Sem blieb fortwährend auf dem festen Grunde des höheren, geistigen
Anfanges erbaut; nicht bloß die eigne Aussage, sondern die That und
Kraft seiner Geschichte bezeuget es, daß dasselbe wie ein Kind und Erbe
in fortwährender, lebendiger Verbindung mit den Kräften des ewigen,
väterlichen Ursprunges blieb. Wie eine Felsenwarte, aus deren Ruhesitz
die Quellen des Thales hervorbrechen und deren Gipfel dem Wandrer der
Wüste zum Richtpunkt des Weges dienet, stehet Sems friedliche Hütte
mitten in dem mühevollen Treiben der Urgeschichte der andern Völker
da; Sems Geschlecht wußte in der That von einer andren höheren Lust zu
zeugen[13] als von der Lust der Sinnen. Dagegen war in Chams Völkern,
so wie diese im Spiegel der Urkunde und Geschichte uns erscheinen, von
Grund aus eine andre innere Richtung, welche vorherrschend auf den
Genuß und Besitz Dessen hingieng, das die Sinne ergötzt und was der
leiblichen Natur des Menschen herrlich und groß erscheint. Dieser innre
Zug führet notwendig zur Abhängigkeit unsres Wesens von der Lust und
dem Bedürfniß der Sinnen, und wie sich aus dem Schooß der Sklaverei und
neben dieser stets die Herrschsucht entfaltet, so wird jene Richtung
mittelbar eine Begründerin der Weltenreiche und ihrer Eitelkeit. Ihr
entsprechend und sie begünstigend ist dann auch die Wahl des äußern
Wohnortes gewesen. Denn wenn irgend eine Gegend der Erde geeignet
erschien den Zug nach dem Besitzen und Genießen der Herrlichkeit der
Welt auf sich hinzulenken, so war dieß jene, die hinabwärts am Euphrat
und Tigris und hinanwärts am Nil sich ausbreitet. Hier aber, wie bald
nachher am Ganges, schlug vor allem Chams Geschlecht seine Wurzeln;
Nimrod, der Sohn Chus, des Sohnes Chams, so erzählt uns die heilige
Urkunde hatte in Sinear (Babylonien) das erste Weltenreich begründet,
während Mizraim, Chams Sohn, Aegypten zur Stätte seiner Herrschermacht
erkohr.
An dem einzelnen Menschen wie in der Geschichte ganzer Völker wird es
erkannt, daß die Kräfte unsrer Natur in der Gluth des Sehnens nach dem
nahe liegenden Sinnlichen am frühesten reifen; am frühesten zu einem
Zustand der äußern Vollendung und der raschen Beweglichkeit nach dem
Ziele jenes Sehnens gelangen. Dieses frühe Reifen zu einer vollendeten
Form der Staaten und einem Gipfelpunkt der Herrschergewalt zeigte
sich namentlich auch bei den Völkern aus dem Geschlechte Chams. Denn
diese waren es, wie wir eben gesehen, welche mitten in der Fülle des
irdischen Paradieses in Mesopotamien und am Nil, jene vorhin erwähnten
Bauwerke errichteten, welche, noch in ihren Trümmern, nicht minder von
der Geschicklichkeit der bauenden Hände als von der unumschränkten
Gewalt der Herrscher zeugen. Sie waren es auch, welche zuerst von
Phöniziens Küste aus, weithin über das gefahrvolle Meer den Gang nach
der Herrlichkeit und den Schätzen der weiter abgelegenen Länder wagten.
Wie viel langsamer und später, und dennoch dann wie viel kräftiger
und selbst mächtiger entwickelte sich der Keim, der in Japhets hartem
Geschlechte lag, das die Ströme seiner Völker über die Länder des
Westens und Nordens ergoß. Es hatte dieses Geschlecht die Kräfte
eines doppelten Segens mit sich aus dem gemeinsamen Hause der Väter
genommen: den der weitern Verbreitung über das freie, dem Scepter
der Weltenreiche des Cham nicht unterworfene Land der Erde und
jenen der einstigen Wiederkehr zu Sems friedlichen Hütten. Die Kraft
des letzteren Segens war es, welche Japhets Geschlecht auf dem
labyrinthischen Wege seiner Mühen einen Faden der Ariadne in die Hand
gab: einen Zug des Heimwehes nach der Ruhe im Vaterhause, der zuletzt
aus dem Kampfe der Schwerter zum Frieden, aus dem Dunkel des ungewissen
Sehnens zum Licht führte.
Die nordische Edda giebt uns in einer ihrer Sagen, in der von
~Gangler~, dem weitgereisten Könige, ein treues Abbild jenes
Geschlechtes der vielgeschäftigen Männer: des Geschlechtes Japhets
welches Freude hatte an dem Gedeihen des selbstgepflanzten Keimes und
an dem Genießen der selbsterbeuteten Lust, und welches deshalb in der
Wissenschaft, die es sich selbst neu erschuf, wie im Leben von der That
des Armes wie des Geistes sich nährte. Gangler, der königliche Wandrer,
war aus der Ferne hergekommen, zu forschen nach der Weisheit Urstätte;
nach des Werdens verborgenem Anfang und Ende. Gefunden hat er endlich
den Ort, von dem eine dunkle Kunde ihm sprach; die sichtbare Vorhalle,
da das Göttliche dem Menschlichen sich nahet. Das Thor der mächtigen
Burg ist ihm aufgethan; aus ihren Sälen vernimmt er die lauten Stimmen
vieler Sprechenden, ein Getös der Waffen. Er tritt in den ersten Saal
aus dem das Tönen der sprechenden Stimmen kam und findet ihn leer;
die Sprechenden, er hört dies deutlich, sind im angränzenden Saale.
Er kommt in diesen, aber auch da ist wieder Alles stumm und leer. So
zieht er, im vergeblichen Suchen nach dem Anblicke der Redenden, dem
Laute nach, durch manchen der Säle, bis er näher nach dem Innern der
Burg gelangt, vor sich Schaaren der spielenden Helden erblickt, welche
sich vergnügen an dem Emporwerfen und Wiederauffangen der spitzigen,
scharfen Schwerter. Durch die Tausende der stürzenden Schwerter, welche
so dicht fallen als Flocken des Schnees, gehet sein Weg hin; er wandelt
ihn furchtlos. Da öffnet sich ihm die Thüre zum innersten Gemach. Hier
ist Frieden und Stille; das Getös der Stimmen wie der Waffen wird nicht
mehr gehört; auf dem Throne sitzen, von ruhigem Lichte beleuchtet,
jene Drei, welche jetzt Drei dann wieder Einer sind: Har, Jafnhar und
Tredie; hier vernimmt der Forschende das Geheimniß des Seyns und der
Schöpfung Kunde; hier findet er das ersehnte Ziel des langen, vielfach
irrenden Wanderns.
Seit jenem Frühlingstage am stillen See, da in mir die Wanderlust
nach der Heimath im höheren Sinne: nach den Stätten des Ausganges der
Geschichte unsres Geschlechts so mächtig erwachte, war mehr denn ein
Jahrzehend vergangen; die Zeit des Lebens war von der Morgenstunde
hinweg, dem Mittage näher gerückt. Mir, wie vielen Andren aus Japhets
Geschlecht, war das geschehen was uns die Sage von Gangler im Abbilde
darstellt. Wir suchten weit herum im Lande nach einer Weisheit, an
deren Fülle der Geist ein Ausruhen und Frieden finden könnte, und siehe
ein Ende des Weges -- es war wie ein Gemäuer, das uns nicht weiter
ließ -- schien erreicht. Da hörten wir ein Gerede vieler Stimmen; wir
giengen dem Gerede nach, denn durch die Vielen, so wähnten wir, konnte
man vielleicht die sichre Kunde vernehmen von dem was wir suchten.
Aber das Gerede der Vielen, wenn wir näher traten, zerstob in ein
leeres Nichts, auch das Gedräng der Noth, wenn es gleich den spitzen
Schwertern der Kämpfer, in Ganglers Sage, dicht wie Schneeflocken auf
uns herabfiel konnte nichts Andres als unsre Schritte nach dem Ort des
Friedens und des sichern Ausruhens beschleunigen. Endlich fand sich
das, was wir suchten, in der stillen Kammer, die jenseit des Lärmens
der vielen Stimmen wie der Waffen, im Innersten des Hauses lag.
Ein Räthsel war mir auf dem Wege den mein Sehnen nach den Stätten
des Aufganges, mein Wandeln über das Feld der Geschichte unsres
Geschlechtes nahm, aufgefallen, davon hätte ich die Lösung gerne
gewußt; das Räthsel wie doch das, was durch eignen, inwohnenden Zug
seiner Natur, gleich dem fallenden Steine hinab zur Tiefe gesunken
war, ganz seiner Natur entgegen, sich wieder erheben und emporsteigen
konnte. Denn wenn aus der Mitte der Menschenzeiten jenes äußerlich so
unscheinbare Ereigniß hinwegfiele, das einst in Bethlehem, in Jerusalem
statt gefunden, was wäre dann aus der innern Verwesung geworden, in
welche die herrschende Welt der Heiden mit all ihrer äußern Bildung und
Herrlichkeit am Ende des zweiten Weltentages versunken war? Giebt es
auch wohl unter den Heilmitteln unsrer Menschenweisheit eines, welches
kräftig genug wäre das Todte, das schon so weit von der Fäulniß eines
allgemeinen Verderbens ergriffen war, wieder zu erwecken und dasselbe
zur Jugendfrische und Gesundheit zurück zu führen?
Vor diesem Räthsel stund ich noch sinnend, da kam die Stunde, da
zum dritten Male in meinem Leben in meinem Innren die Frage gefragt
und beantwortet wurde: ~wohin willst du~? Es ist diesmal nicht
zunächst von einem äußren, sondern von einem innren Ereigniß die Rede,
welches der wörtlichen Erzählung sich entziehet; ich gebe deshalb,
statt eines äußerlich thatsächlichen Berichtes von der Geschichte
jener Stunde, ein Bild der innren Gestalt derselben, wie dieses in dem
Spiegel eines Vergleiches sich darstellt; eines Vergleiches der jedoch
Vielen von Denen, welche mit mir die Geschichte jener Tage erlebten,
aus denen ich Ein einzelnes Moment hervorhebe, leicht verständlich seyn
wird.
Es war eine Nacht -- ich meine die dunkelste meines Lebens; -- der
Himmel war mit Gewitterwolken bedeckt; mit dem Laut des Donners
vermischte sich ein Rasseln in der Luft, wie das des nahenden Hagels;
Blitze zuckten von allen Seiten hervor; kehrte der Wandrer, von dem
Leuchten, das aus Osten kam, gescheucht, sich zurück nach Westen,
da schreckte ihn eine andre stärkere Flamme, die aus dem Westen
hervorbrach; hinter der Gefahr, die aus Norden drohete, machte sich
unverzüglich die andre auf, die von Süden ausgieng. Das arme Land war
damals[14] von den Kriegsvölkern eines äußern Feindes zertreten; der
Weinberg, wo man sonst, wenn etwa die Stadt ein Gedräng der Noth traf,
eine Stätte der Bergung und der Sicherheit gefunden, war von innren
Feinden -- von den Weingärtnern selber[15] -- verwüstet; er war zu
einem Anblick des Entsetzens und des Eckels geworden[16]. Ich suchte,
getrieben von innrer Angst, nach einem Obdach; nach einer Lagerstätte
in der späten Nacht, denn mein ganzes Haupt war krank, das ganze Herz
war matt. »Da kam ich an einen Ort, der einem Häuslein im Weinberge,
einer Nachthütte im Kürbisgarten«[17] glich. Ich hörte da die Stimme
eines Rufenden, welche zu Dem sprach, Der da hält Bund und Gnade Denen
die Ihn lieben und die seine Gebote halten[18], eine Stimme welche die
Schuld der Weingärtner und des ganzen Volkes bekannte, das sich zur
Feindschaft seines eigenen väterlichen Erbes und des heiligen Berges
verkehrt hatte. Mitten unter den Tönen der Stimme des Rufenden hörte
man die eines Kampfes, welchen Einer, der von Natur schwach war, mit
dem Starken zu kämpfen wagte. Und siehe, jener siegte über den Starken,
als er, statt der eignen Waffe, die Waffe des Starken erfaßte, welche
dieser ihm willig abtrat, weil der Kampf ein Kampf des Liebenden mit
dem Geliebten war[19].
Ich trat hinein in die Nachthütte des Kürbisgartens und fand da eine
vom Feinde noch unbesiegte, »übrig gelassene« Stätte[20] des Ausruhens.
Hier war ein festes Obdach gegen den niederstürzenden Hagel; das Zucken
der Blitze leuchtete nicht hinein; der Donner war jenseits der Berge
verstummt. In mir war es, durch die Stimme des Rufenden, mehr aber noch
durch die Nähe Dessen, mit dem der Rufende den Kampf des geistigen
Sehnens gekämpft hatte, Friede geworden; eine Stunde der Ruhe war
gekommen, wie ich sie seit Langem nicht genossen. Der Morgen leuchtete
herein; sein Strahl fiel gerade auf das Bild jenes großen Ereignisses,
das in Bethlehem, das in Jerusalem statt gefunden, und siehe, der
Augenblick war vorhanden, da ich an und in mir selber die Lösung des
Räthsels erfuhr: wie das Herz das durch eigenen, inwohnenden Zug seiner
Natur, gleich dem fallenden Steine hinab zur Tiefe gesunken war, ganz
seiner Natur entgegen, sich wieder erheben und emporsteigen könne.
Das »kranke Haupt« war eben noch geneigt; von dem Ausruhen gestärkt
richtete es sich jetzt empor; siehe da war mirs als vernähm ich zum
dritten Mal in meinem Leben die Frage: wo willst du hin? und die
Antwort war fast eine ähnliche als sie würde gewesen seyn, wenn jemand
in meiner Kindheit, im Hause der Eltern mich so gefragt hätte. »Wo
sollte ich hingehen,« so lautete sie jetzt, »was ich gesucht das hab'
ich nun.« Die Ruhe in der sichern, stillen Stätte that wohl; sie diente
zur Stärkung und Bekräftigung des Hauptes wie der Glieder.
Der Herr des Weinberges, bei welchem es mir vergönnt war meine Hütte
zu bewohnen, hatte mich indeß zu dem Geschäft eines Boten bestellt,
welcher gebraucht ward um etwa da und dort ein Gewürzkraut der Berge,
einen Stein zum Bauen oder auch Blumen zur Erquickung und Belehrung
der Kinder des Hauses herbei zu holen. Wenn ich dann in der Stunde des
frühen Morgens, da der Thau auf dem Felde lag, oder am späten Abend
über Berg und Heide gieng, da war ich fröhlich, denn ich wußte, mein
Gang sey nach Seinem Geheiß. Oefter wurde es mir auch freigestellt,
in der Nähe oder in der Ferne den Ort selber zum Ziel meines Weges
zu erwählen, wo ich den heilsamen Enzian oder die balsamische Lilie
des Thales reichlicher zu finden meinte. Und so geschah mir es auch
jüngsthin da ich rufend in meiner Hütte stund und darüber nachsann
wohin der etwa weitere Gang am meisten sich lohnen möchte, daß ich
abermals gefragt wurde: wohin willst du? Da erwachte auf einmal wieder
-- und er durfte dieses -- in seiner ganzem Macht und ersten Richtung
der alte Trieb zum Wandern und die Antwort auf die Frage lautete
diesmal wieder ähnlich jener, die mein wanderlustiger Sinn in der Zeit
des Jünglingsalters auf dieselbe Frage gab: »Ich will mich aufmachen
nach der Stätte des Aufganges und der Geburt, nicht des Lebens des
Einzelnen, sondern des Lebens Aller, damit ich beim Sammlen der
Gewürzkräuter, wenigstens in der lebendigen Erinnerung an das, was hier
geschehen, die Kräfte des Sehens mit eignen Augen, des Berührens mit
eignen Händen erfahre.«
Das Ziel der Pilgerreise, die auf diese Weise doch noch, nachdem der
Keim des Vorsatzes so lange im Boden verborgen gelegen, zur Ausführung
kam, habe ich bereits bezeichnet. -- Es war ein kleiner, armer Fleck
der Erde, bewohnt von einem durch eigne Schuld sehr verachtetem Volke,
wo es der ewigen Weisheit gefiel den Grundstein zu einem geistigen
Gebäu zu legen, welches das wahrhaft erlangte, was jener alte Thurmbau
zu Babel in seinem Uebermuth vergeblich erstrebte: ein Hinansteigen
des Irdischen und Menschlichen zu dem Himmlischen und Ewigen. Das
was etwa ein Wandrer, der mit »Ganglers« Sehnen, weit über Länder
und Meere nach dem Lande der großen Verheißungen und ihrer Erfüllung
kam, dort findet, das sind freilich keine Pyramiden Aegyptens, es
sind keine Tempelhallen oder Königsgräber von Theben, sondern es ist
da nur ein verödetes Erdreich, benetzt von den Thränen der Tausende,
welche hier nicht eine Stätte der großen Menschenwerke, sondern der
Wunderthaten Gottes begrüßten. Aber es ruhet noch eine besondre Kraft
in diesen verödeten Steinen, in dem Anblick dieser Höhen und Thäler;
eine Kraft, welche, wie Elisa's Gebein den Todten, den man darauf
hinwarf, so die Erinnerungen zum Leben erweckt, wenn sie auch fast
erkaltet und todt im Herzen schliefen. Wer hat nicht erfahren, welches
neue kräftige Leben der Anblick der Gräber oder der Wohnstätte der
längst verstorbenen Eltern den Gefühlen der dankbaren, kindlichen Liebe
gab, wenn er einmal, nach langem Verweilen in der Fremde die Heimath
wieder besuchte. Und in der That, das was in den Thälern und auf den
Höhen Judäa's sich bezeugte, das war ja mehr als Vatertreue, mehr als
Mutterliebe. Darum möge man auch dem alten Wandersmann, der in den
nachfolgenden Blättern seine Reise nach den Ländern des Aufganges
beschreiben will, es zu gute halten, wenn er nicht bloß manches
äußerlich unscheinbare Blümlein, sondern selbst die dürren Grashälmchen
und Keime an seinem Wege je zuweilen in dem rosenfarbenen Lichte einer
sich selber nicht mehr beherrschenden Liebe betrachtet; in dem Lichte
das über jenem Frühlingstage seiner Jugend leuchtete, an welchem, wie
er vorhin erzählte, der so spät zur Ausführung und Reife gekommene
Gedanke zu dieser Reise zuerst, im Innren, zu keimen anfieng.
II. Reise nach Constantinopel.
Abreise von München nach Wien.
Wenn der Alpenjäger noch spät am Abend die gähe Felsenwand hinanklimmt
und die Herbstsonne war so dunkelroth untergegangen als wollte auf die
Nacht ein Nebel kommen, da ruft ihm sein Nachbar aus der Hüttenthür
bedenklicher und nachdrücklicher als sonst sein »behüt dich Gott« zu.
Der Weg, den der alte Wandersmann am 6ten September 1836 antrat schien
von nicht minder bedenklicher Art als der des Jägers über die Alpenwand
bei später Abendzeit; denn wenn man schon sechs und funfzig Jahre alt
ist, da geht es auch auf den Abend zu, und als das Anzeichen eines
nahen Nebels, der am Weiterziehen hätte hindern können, ließ sich wohl
die Kränklichkeit betrachten, die den Wandrer in den letzten Monaten
vor Antritt der Reise heimgesucht hatte. Darum sahen ihn viele seiner
Freunde und Nachbarn ungern ziehen und auch der treuen Hausfrau, die
nöthigenfalls dem alten Genossen selbst zum Tode folgen wollte, kam
diesmal der Ausgang aus der Heimath härter als jemals an.
Das Haus war bestellt; nicht bloß wie vor einer großen, sondern, wenn
es Gottes Wille wäre, wie vor der größesten Reise, von welcher keine
Wiederkehr mehr möglich ist; der letzte Schlaf im lieben, eignen
Kämmerlein, wenigstens für lange Zeit, war vorüber; der Reisewagen
stund bereit. Noch einmal ein Blick zurück, auf alles Das was die
Trennung schwer, ja unmöglich machen würde, wenn es da überhaupt eine
Trennung gäbe; und nun die Hand frisch an den Pflug gelegt und nicht
mehr umgeschaut.
Du muntre Isar, wenn ich an deinem grünen Wasser saß, da sehnte ich
mich so oft nach der Stunde, da ich deinen ganzen Weg mit dir machen
dürfte, der zuletzt, nach so manchen Hemmungen und Krümmungen, vereint
mit dem der Donaufluth in dem weitab in Osten gelegnem Meere sich
endet, darinnen der hohe Caucasus sich spiegelt und dessen südöstliche
Küste an das Nachbarland der Armenischen Hochebene gränzt. Und siehe
da die Stunde ist jetzt gekommen wo ich mich dir als Reisegefährte
anschließen darf; als ein Mitwandrer nach dem Lande des Aufganges.
Der Morgen war wunderschön und heiter; wir genossen seines vollen
Glanzes, da wir jenseits der Isarbrücke die Anhöhe erreichten und nun
der Zug der Alpen weithin in Süden sich entfaltete.
Die Masse der Hochgebirge ziehet nicht bloß das schwebende, todte
Bleiloth und das fliegende Gewölk gegen sich; sie bewegt auch mit
unwiderstehlicher Gewalt die Empfindung des Menschen; man weiß daß
selbst Blinde ein deutliches Gefühl von der Annäherung des Gebirges
hatten. Der Anblick der Alpen macht auf die Seele, wenn diese es
gelernt hat die Sprache der Natur in die des Geistes zu übersetzen,
immer einen wohlthuenden Eindruck; er hebt sie empor wenn sie
niedergebeugt, er bewegt sie freudig, wenn sie durch Traurigkeit der
Welt gebunden und gelähmt ist, denn es scheint als ließen sich bei dem
Anblick zugleich die Worte eines alten Liedes vernehmen: »ehe denn die
Berge wurden ... bist du Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit«[21]. Und in der
Seele antwortet darauf eine Stimme: »Ich hebe meine Augen auf zu den
Bergen, von welchen mir Hülfe kommt«[22]. -- Wer nun auch bekümmerten
und beschwerten Gemüthes den Weg von München nach Salzburg und von da
weiter nach Wien machte, den müßte wohl, sollte man denken, schon der
Anblick der hohen, herrlichen Alpenkette, die er bei heitrem Himmel
fast immer zu seiner Seite erblickt, aufmuntern und freudig stimmen.
Auch auf uns hatte heute, wie schon so manch andres Mal, der Ausblick
auf die Berge diese Wirkung. Wie ein Vogel, der dem Käfig entronnen,
endlich die Fittiche zum langersehnten Fluge bewegt hat und der nun,
ausruhend in den sichren Zweigen des Eichbaumes sein erstes Lied singt;
so feierte die Seele im Anblick der hehren »Werke« welche das Auge
neben sich sahe, und der Mund sang seine gewohnten Lieder.
Erst jetzt auf dem Wege und auf den Stationen des Ausruhens gab es
wieder Zeit und Ruhe genug um mit den Reisegefährten, die sich für
diese Pilgerfahrt mit uns verbunden hatten, ein Wort zu reden; denn
in dem Drange der letzten Tage vor der Abreise hatte man sich kaum
gesehen, noch weniger gesprochen. Auch der Leser, der sich im Geiste
der Reisegesellschaft anfügen will, muß diese Gefährten kennen lernen,
denen er hoffentlich in der Folge noch manchen freundlichen Blick
zuwenden wird.
An das ältere Paar der Wandrer, an mich und meine Hausfrau, hatte sich
vor allem diesmal ein jüngeres: ein Paar von Freunden angeschlossen,
deren Seele von der innigen Zuneigung zu einem und demselben hehren,
schönen Gegenstand entzündet und bewegt wird: von der Liebe zur
Erkenntniß der Natur und des Waltens jener ewigen Weisheit, die sich
dem redlich forschenden Sinne in den sichtbaren Werken kund machet.
Beide, +Dr.+ ~Johannes Roth~ und +Dr.+ ~Michael Erdl~ sind ihrem ganzen
innren und äußerem Berufe nach Naturforscher und Aerzte. Sie sind dem
Ziele ihrer jugendlich kräftigen Zuneigung schon über manchen Berg
und durch manches Thal nachgegangen und auch jetzt ist es vor allem
dieses Eine, was sie zur Mitreise nach den Morgenländern bewegt. Zu
diesen Vieren hatte sich, schon von München aus, noch ein andrer Freund
gesellt: der fleißige und geschickte Architectur- und Landschaftsmaler
~Martin Bernatz~, der durch seine vielen, treuen Zeichnungen dem
schnell vorüber eilenden Fluße der äußren Erscheinungen, welche uns auf
dieser Reise begegneten, ein festes Bestehenbleiben für die Erinnerung
verlieh. Für diese Fünf, welche gleich von dem ersten Schritte der
Reise an gemeinsam das Angesicht wie die Herzen gerichtet hatten nach
dem Lande des Aufganges, bedurfte es keiner längeren Bekanntschaft
und Zusammengesellung um sie in Einklang mit einander zu bringen; sie
glichen schon daheim fünf Saiten eines Saitenspieles welches die Hand
eines guten Tonkünstlers an einander gefügt und gestimmt hat, zu einem
Liede das von Freude und Frieden singet, und so blieben sie dieß auch
im fernen Lande. -- Für die kürzere Strecke des Weges, von München
nach Salzburg, hatten sich uns überdieß noch mehrere andre, nahe
befreundete Begleiter zugesellt.
Mit Freuden begrüßten wir bei ~Wasserburg~ (dem alten +Pons
Aeni+) den Inn, den kräftigen Jüngling unter den vaterländischen
Flüssen, welchem eines der merkwürdigsten und schönsten Thäler von
Europa zur Heimath verliehen ist und der seinen Ursprung von einem
Elternpaare der Gebirgsstämme herleitet, das die Reihe seiner Ahnen
bis zu den altberühmten Hochrücken des Taurus und des Antitaurus
hinanführen kann. Denn das Innthal, das zusammen mit jenem der Adda
eine fortlaufende, tief einschneidende Kluft durch die Alpen, von
der oberdeutschen bis zur oberitalischen Hochebene bildet[23], ist
nichts andres als die natürliche Abgränzung des südistrischen, vom
Antitaurus herkommenden, und des apenninischen, vom Taurus auslaufenden
Gebirgszuges[24]; jener begleitet und nähret durch seine zuströmenden
Wasser den Inn von der rechten (südlichen), dieser von der linken
(nördlichen) Seite. Selbst bei Wasserburg hat sich der nun seinem Ende
nahende Verlauf des Flusses noch einzelne Spuren seiner majestätischen
Schönheit erhalten. Aber es will hier freilich Abend werden mit dieser
Schönheit; statt der hehren Alpen, deren beschneite Häupter weiter
aufwärts in sein Thal herabblicken, statt der gähen Felsenwände,
die sich, bei Finstermünz, nahe zusammengerückt die Stirne bieten,
zeigen sich hier nur noch niedere Berge und bald verlieren auch diese
sich in hügliches Land. Die Abendsonne warf einen verklärenden Schein
über Thal und Höhen und mit ihrem glänzenden Taglauf war auch unser
unscheinbarer, kleiner Taglauf in ~Frabertsheim~ geendet; klein
wie er auch gewesen, war er doch ein Schritt vorwärts, auf dem Wege
nach dem Ziel.
In ~Salzburg~, der mir so wohlbekannten, lieben Stadt[25] gab es
am andren Abend, beim Hofwirth zum Mirabell, eine zahlreiche, fröhliche
Familientafel, denn zu unsrer aus München gekommenen Reisegesellschaft
fand sich hier noch eine andre, von jungen Freunden, die vor uns die
Vaterstadt verlassen hatten und von einer eben beendeten Alpenreise
ausruhten. Ein Nachklang der Gespräche der letzten Tage vor unsrer
Abreise lebte auf; noch einmal erfüllte mich das ganze, volle Gewicht
der langen Trennung von dem mir so eng und nahe anliegenden Kreise
meines gewöhnlichen Wirkens und Lebens.
Wir hätten keinen schöneren Tag für unsren diesmal nur kurzen
Aufenthalt in Salzburg haben können als den 8ten September. Der Himmel
war heiter und rein; die Alpen stunden in voller Klarheit vor uns,
neben und zwischen ihren hellglänzenden Höhen lag das tiefe Dunkel des
Engpasses am Lueg wie ein verschlossenes Haus da, dessen Bewohner noch
schlafen, während die muntren Nachbarn umher schon längst Thüren und
Fensterläden ihrer Wohnungen dem hellen Tage geöffnet haben. Es war
heute Festtag (Mariä Geburt); auf den Gassen und in den Kirchen zeigte
sich überall ein fröhliches Gedränge der festlich gekleideten Städter
und Landleute. Auch der Mönchberg, den wir noch während der kühleren
Morgenstunden bestiegen, war mit seinem Festtaggewand bekleidet: mit
dem Grün, durchwirkt von dem farbigen Schmucke der mannichfaltigen
Blumen, unter denen das rosenröthliche Cyclamen schon aus der Ferne
durch seinen lieblichen Duft sich verrieth. Wir erquickten uns lange
an der hehren Aussicht, die sich bei dem Herumgehen um die Höhe des
Berges auf jeder Seite neu gestaltet und entfaltet, dann suchten wir
eine andre Aussicht auf, welche, wenn auch nicht das äußre, leibliche,
doch das innre, geistige Auge in noch weitere Fernen führte als die vom
Gipfel des Berges.
Es fand sich diese Fernsicht in einem Eckzimmer des Lustschlosses
Mirabell, an das sich für den alten Reisenden manche tiefanregende
Erinnerungen knüpfen. Hier ward (am 1ten Juni 1815) ein König geboren,
dessen Scepter, zugleich mit der Form welche die Herrschergewalt
bezeichnet, die Bedeutung des Pilgerstabes vereint, auf welchen der
Wandrer, der nach den Stätten des Aufganges zieht, sich stützet; ein
Wandrer, dessen jugendliches Haupt mit dem Diadem zugleich die Palme
umschlingt, welche mitten in des Kampfes Last und Mühe vom Lohne des
Siegers spricht. Bedeutungsvoll erscheint der lebendig gewordenen
Erinnerung Alles, was von jenem Zimmer aus das Auge siehet. Aus dem
Fenster, das sich gen Süden öffnet, zeigt sich jenseit des Gartens,
dessen Blumenbeete als ein Symbol der lieblichen, sorglos spielenden
Kindheit, unmittelbar an das Haus angränzen, da das Auge zuerst dem
Licht sich öffnete, zuerst die gute Stadt, wie ein Bild der schönen,
reichen Heimath; hinter ihr aber erhebt sich, ohne merklichen
Uebergang, mit plötzlichem, gähen Ansteigen im Südost -- als sollte
dies die künftige äußre Richtung des Lebens andeuten -- der Fels mit
dem hohen Kreutze: dem Panierzeichen des östlichen Königreiches; ihm
gegenüber die fest auf ihrem Berge gegründete Burg, und zwischen beiden
siehet das Auge hinaus in den engen, dunklen Weg der nach dem Lande des
Südens führt: in den Paß Lueg.
Der Tag war heiß geworden; auf den Höhen in Südwesten sammelten sich
Gewitterwolken; wir wollten den Regen, mit welchem das Thal der
Salzach so oft und so reichlich gesegnet ist, diesmal nicht mit der
sonst so werthen Gegend theilen und unser Weg war noch ein weiter:
darum machten wir uns noch heute, bald nach Mittag, zur Weiterreise
auf. Bald hatten die Alpen rings umher ihre Nebelkappen aufgesetzt,
doch blickten noch unter dem tiefgehenden Gewölk die Umgegend des
Mondsees und der waldige Höhenrand, der den Attersee umgürtet, in ihrer
ganzen Anmuth hervor, bis mit dem Dunkel der Nacht der Regen zugleich
über das Thal hereinbrach. Erst spät erreichten wir das Nachtlager
in ~Frankenmarkt~, das mit all den Bequemlichkeiten reichlich
versehen war, welche der spät ankommende, vor allem der Ruhe bedürfende
Fremdling begehrt.
Der Regen war mit der Nacht vorübergegangen, nur noch einzelne Wolken
hatten sich zwischen den waldigen Hügeln am Attersee verspätet,
welche, als die höher steigende Sonne ins Thal vordrang, eilig den
Rückzug nach den Hochgebirgen antraten, wo sich ihr zerstreutes Heer
noch einmal sammlete. Der Eindruck, welchen die Gegend zwischen
Frankenmarkt und Lambach, das wir am Mittag erreichten, auf die Sinne
des Reisenden machet, gleicht jenem, den ein lebhaftes Gespräch
in einer geistreichen, großen Gesellschaft hervorbringt, das vom
näher Liegenden und Gewöhnlichen auf das Höhere und Entferntere und
von diesem wieder aufs Nähere übergeht, über Alles aber, was es im
Vorübergehen beleuchtet, einen Glanz der Anmuth ausstrahlet. Mit dem
reichen Wiesengrund der Thäler wechslete die weite, freie Aussicht
auf den Höhen der Hügel; mit dem Anblick der wohlbebauten Ebene jener
des gähen Alpenrückens. Hier rechts im Gebirge, das im Süden über das
hüglige Land hervorblickt, hat ein altes Ehepaar von Naturmächten seine
Wohnstätte aufgeschlagen, welches keinen bei ihm zusprechenden Wandrer
ohne das Gastgeschenk einer reichen, tiefeingeprägten Erinnerung
von sich lässet: die Erhabenheit des Hochgebirges vermählt mit der
Lieblichkeit des grünenden Thales, hat sich die Gegend des Traunsees zu
einem Ruhesitz erlesen, der auch auf das Gemüth des hier verweilenden
Fremdlings öfters einen eigenthümlich beruhigenden Einfluß übet. --
Am Nachmittag erfreuten wir uns an dem Betrachten des lebendigen
Verkehres, den die neu angelegte Linzer Eisenbahn der Welser Heide
gebracht hat; ~Kleinmünchen~, das wir zum Nachtlager erwählten,
erinnerte wenigstens durch den Anblick der vielen biertrinkenden Gäste,
die sich unter Rauchwolken des Tabaks in der geräumigen Wirthsstube
versammlet hatten, an die bürgerlichen Abendunterhaltungen des großen
Münchens. Uns ward ein Bergungsort vor dem betäubenden Nebel in einem
kleinen, freundlichen Nebenzimmer angewiesen.
Der zehnte September war einer jener Tage der Reise, da mit dem äußren
Laufe auch der innre auf eine recht merkliche Weise gefördert ward.
Bisher war es mir öfter gewesen, als wenn sich mehr nur der Leib, im
Wagen sitzend, vorwärts bewege nach Osten, die Seele aber noch nicht
recht dabei, sondern zurückgeblieben sey im Westen, bei mancherlei
Geschäften und Sorgen des Hauses. Heute aber kam die Verspätete nach
und nahm wirklichen, wachen Besitz von dem Glücke, das sie bisher nur
wie im Traume genossen hatte; von dem Bewußtseyn, daß sie nun endlich
wirklich auf dem Wege nach dem langersehnten Ziele sich befinde.
Vielleicht liegt selbst in der historischen Bedeutung der Gegend, durch
welche wir heute kamen ein Element das den Zug des Heimwehes nach der
Stätte des Aufganges anregt und verstärkt, denn hier in der Nähe, bei
~Enns~, war jene alte Pflanzstätte des Christenglaubens, die schon
in den Zeiten der ersten Jahrhunderte von dem Morgenlicht des neuen,
geistigen Lebens bestrahlet war, während das Land rings umher noch
tiefe Nacht bedeckte. Hier stund einst das römische ~Laureacum~
(Lorch), welches die Füße der Boten, die da Heil verkündeten, schon
in den Zeiten des zweiten Jahrhunderts betraten; das der gottgeweihte
Bischof Maximilian, im dritten Jahrhundert mit dem Wort des Lebens
erfüllte und wo der christliche Kriegsheld Florian, im Wasser der Enns,
den Zeugentod starb. -- Noch jetzt hat sich Unterösterreich, in das
wir nun jenseit der Enns hineintraten, die Gestalt einer fruchtbaren
Pflanzstätte, gleich wie ein äußeres Abbild oder wie einen Namen der
großen Zeit, die einst hier lebte, erhalten: es gleichet, durch seine
reichen Obstbaum-Anlagen, einem großen, schönen Garten. Besonders
am Nachmittag, jenseit ~Strengberg~ ergriff uns Alle, mit ganz
besonderer Macht, die Lieblichkeit des Herbsttages, die erhabene
Schönheit des Landes. Die Zinnen der steyerischen Alpen, zum Theil
mit frisch gefallenem Schnee bedeckt, glänzten im Wiederschein der
Abendsonne; ein erfrischender Wind regte die Zweige der Bäume und die
Blumen des Feldes auf; aus der Nähe wie aus der Ferne ließen sich die
Töne der Vesperglocken vernehmen. Mir war es als verkündeten mir diese
Töne nicht nur das Annahen des morgenden Sonntages, sondern ein Annahen
an das Land, das der Woche ihren Sonntag, das dem mühseligen Treiben
des Menschengeschlechtes die Ruhe des Sabbathes gab. War ich doch
wenigstens einige Schritte vorwärts auf meinem Wege gekommen und jeder
neue Schritt sollte mich dem Ziele näher bringen. Ich ruhete freudig
in dem Gedanken, daß ich nun wirklich, endlich einmal das Angesicht
gewendet habe, zu wandeln nach Jerusalem und daß ich nicht eher es
wieder zurückkehren werde nach Westen, bis ich das Ziel erreichte.
Das zuversichtliche Hoffen das mich, mit ganz besonderer Kraft, in
diesen Stunden ergriff, hat den ganzen, weiteren Weg meiner Reise
wie ein Morgenstern beleuchtet und ist mir selbst in den Stunden des
kleinmüthigen Zagens auf dem Meere vor Rhodus noch ein innrer Quell der
Beruhigung geworden.
Am 11ten September, einem Sonntag, näherten wir uns schon frühe den
hier ganz besonders lieblichen, reichbegabten Ufern der Donau. Bald
eröffnete sich uns, in ihrer ganzen Herrlichkeit, die Aussicht nach dem
bergigen Lande das im Norden des Flusses ansteiget und auf jeder neuen
Höhe zu der es emporwächset, mit wohlgebauten Dörfern und Flecken, mit
zierlichen Landhäusern und Lustschlössern der neuern Zeit, wie mit
Burgruinen der alten, längstvergangenen sich bekleidet. Ueber den Wein-
und Obstgärten schmücken grünende Saatfelder die Stirn der Hügel, den
Scheitel des Hochlandes bedeckt die Fülle der Waldungen; in der That
die Wallfahrtskirche von Maria Taferl konnte keinen, zum Hinansteigen
auf ihre Höhen einladenderen Punkt sich erwählen, als diese grünende
Stufenleiter der Thäler und Hügel, welche hier der letzte Abfall des
böhmisch-mährischen Urgebirgs bildet. Ihm gegenüber, in Süden, zeigt
sich von der Höhe herab, welche die Straße an einigen Punkten besteigt,
der Zug der Alpen; näher heran der grünende Hügelzug am Ufer der Erlaf.
~Mölk~, mit seinem prächtigen, auf einem Granitfelsen thronenden
Kloster wird mit Recht für einen der schönsten Anhaltspunkte der
Donaugegenden gehalten. Der Fels, auf welchem es gründet, erhebt hier
seine gähe Wand 180 Fuß hoch über den Wasserspiegel des Flusses;
an seinem nördlichen Abhange und Fuße liegt das Städtlein, dessen
äußerer Gestalt man leicht die Wohlhabenheit und Ordnungsliebe der
Bewohner anmerkt. Das Kloster -- eine Abtei der Benedictiner, wurde
zuerst im Jahr 984 durch Leopold den Erlauchten begründet, sein
jetziger prachtvoller Bau: im sogenannt italiänischen Stile ist das
Werk des berühmten Baumeisters Prandauer aus St. Pölten und ist nur
wenig über hundert Jahre alt. Es findet sich hier die Familiengruft
der Babenberge; in der Kirche eine Reihe von Frescogemälden aus
Rothmayers Hand; eine treffliche, weitberühmte Orgel; im Klostergebäude
selber eine reiche Bibliothek mit einem Codex des Horaz, neben ihr
eine Münzsammlung, so wie ein, mit vaterländischen Gegenständen
wohlversorgtes Naturalienkabinet, auch einige schätzenswerthe ältere
deutsche Gemälde, namentlich von Lucas Kranach. Zu der herrlichen
Aussicht, die sich im Garten des Klosters darbietet, möchte man,
wäre dies möglich, gar gerne öfter wiederkehren. Zunächst am
gegenüberliegenden Ufer des Flusses zeigt sich, unter der Ruine
Weideneck, das kaiserliche Landhaus Lubereck in edler Einfalt und
Anspruchslosigkeit der äußern Form, als wollte es mitten unter den
Herrlichkeiten der äußern Natur, welche es umgeben, die Aufmerksamkeit
des Reisenden nicht stören; nicht auf Menschenwerk hinlenken. Denn in
der That diese Gegend ist geeignet das Auge zu beschäftigen und zu
vergnügen; sie darf sich, was Naturschönheiten betrifft, mit mancher
der lieblichsten Ansichten des Rheinthales messen. Das Engthal in
das der Strom hier mehr nach Norden gewendet sich hineindrängt: die
~Wachau~ genannt, ist an seinem untern Saume mit Weinbergen, höher
hinan von Obstgärten und Waldungen umgürtet; die Menge der römischen
Ruinen, wie der noch jetzt blühenden Ortschaften, die grauen Gemäuer
der alten, zerstörten Burgen des Mittelalters neben den schöngebauten
neuen Schlössern und Landhäusern bezeugen es dem Vorüberreisenden,
daß der eigenthümliche Reiz dieses Thales nicht bloß für einzelne
Stunden die Theilnahme aufs Höchste zu steigern vermöge, sondern daß
er in alter wie in neuerer Zeit kräftig genug gewesen sey eine Menge
der fleißigen Bewohner an sich zu ziehen und sie aufs reichlichste zu
begaben. Unfern von Lubereck hat sich Emmersdorf an die Stätte einer
alten, römischen Niederlassung gebettet; ihm gegenüber öffnet sich das
Thal der Bielach in jenes der Donau; hoch auf einem Felsen, an dessen
Fuß das Wasser des Flusses mit lauter Strömung sich bricht, stehet
das Schloß Schönbühel und auf seinem weitern Verlaufe gegen Krems hin
ziehet der Strom an den Ruinen des einst übermächtigen Raubschlosses
Aggstein, dann an der Felsenwand der sogenannten Teufelsmauer, endlich,
näher an Krems an dem alten Gemäuer des Dürrensteins vorüber, auf
welches die romantische Sagenzeit des Mittelalters ihren farbigen
Schimmer fallen läßt, denn hier ward Richard Löwenherz gefangen
gehalten. Doch fällt auf diese Berge und Thäler auch noch ein andres,
höheres Licht der Geschichte, welches mehr noch als jenes der Sonne
die Kraft in sich trägt nicht bloß zu erhellen, sondern zugleich auch
zu erwärmen und zu beleben. Dort in den waldigen Gebirgen gegen Mähren
und Böhmen hin haben einst Cyrillus und Methodius ein festeres Gebäu
begründet als alle diese alten und neuen Städte oder Schlösser des
Landes waren, das Gebäude des Christenglaubens, welches später weder
die Wuth der heidnischen Fürstin Drahomira noch die Macht ihres Sohnes:
des Brudermörders Boleslav, noch alle Macht und Feindseligkeit des
Heidenthumes wieder zu zerstören vermochte. Und selbst der Ort welcher
der Betrachtung hier am nächsten liegt, die Benedictinerabtei Mölk
war in älterer wie in neuerer Zeit eine Wohnstätte und Pflanzschule
für Männer, welche mit dem Licht des Erkennens die Kraft des Glaubens
vereinten. Diese Kraft war es welche im Jahr 1683, als das Heer der
Türken die Hauptstadt und das ganze umliegende Land so hart bedrängte
und ängstete, den damaligen Prälaten von Mölk, ~Gregorius Müller~,
zu einem Retter der Stadt und des Klosters machte. Denn er wußte, durch
sein Beispiel, den Muth der wenigen, aber tapfern Bürger so kräftig
anzuregen und so weislich zu leiten, daß alle, sich öfter erneuernde
Angriffe der Feindesschaaren zurückgewiesen wurden.
Wir kehrten von dem Besehen des Klosters und seiner Umgegend wieder
nach dem Städtlein selber zurück. So sehr uns auch die Aussicht vom
Klostergarten heraus an die Ufer des Rheines erinnert hatte, so wenig
vermochte dieß der hier einheimische Wein zu thun, den wir im Gasthaus
genossen. Der Reisende der auf der Donaufahrt durch den Anblick der
üppig grünenden und fruchttragenden Weinberge, die zwischen Mölk und
Krems die Ufer bedecken, entzückt wird, muß es nicht versuchen an
diesem Entzücken des Auges die Zunge Theil nehmen zu lassen. Er darf
es nicht vergessen, daß der meiste Wein dieser fruchtbaren Reben nur
zur Essigbereitung benutzt wird und daß namentlich Emmersdorf, dessen
Weinberge so anlockend schön ins Auge fallen, durch seine großen
Essigsiedereien berühmt ist.
In St. ~Pölten~ das wir zeitig am Nachmittag erreichten, bemerkten
wir schon deutlich den Einfluß welchen die Nachbarschaft der großen,
reichen Kaiserstadt auf ihre Umgegend ausübt; die Wirthstafel war mit
vornehm erscheinenden Gästen und Speisen besetzt; das Tischgespräch
hatte zu seinem Inhalt die jüngsten Tagesneuigkeiten der Hauptstadt.
Uebrigens wäre St. Pölten auch ohne die Nähe der Hauptstadt ein
nicht unansehnlicher Ort, denn es ist der Sitz eines Bischofes und
Domcapitels, so wie Kreisstadt des Ober-Wienerwald-Viertels und
überdies der gewöhnliche Aufenthaltsort eines Regimentsstabes. Den
großen Hauptplatz ziert eine 63 Fuß hohe Säule; die Domkirche enthält
Gemälde von Altamonte. Die alten ehrwürdigen Stadtmauern haben in
früheren Zeiten manchem Anlauf der Feinde widerstanden; im Jahre 1683
wurde St. Pölten durch eine kleine Reuterschaar vom Dünewaldschen
Regiment gegen die heranstürmende Uebermacht der Türken geschützt.
Die Aussicht nach der Steyrischen Alpenkette, welche sonst die
Ebene von St. Pölten darbietet, war uns durch das immer mehr sich
verdichtende Gewölk verschlossen; bald ergoß sich der Regen in
Strömen und trieb uns unter das freundliche Obdach des Posthauses von
~Perschling~.
Der Regen war ein bald vorübergehender gewesen; der erste Eindruck
der großen, schönen Kaiserstadt sollte uns ein unverwischt lieblicher
und erfreuender werden, die Nähe von Wien empfieng uns mit einem
freundlichen Angesicht des Himmels. Wir hatten den Weg des heutigen
Tages (am 12ten September) mit der aufgehenden Sonne zugleich
angetreten; die Bäume, vom Morgenwind bewegt, schüttelten die
nächtliche Last des Regens von sich; aus den grünenden Wiesen stieg
ein leichter Nebel auf, der sich über das Gebüsch der Hügel ergoß; ein
etwas dichterer umzog noch das Gebirge, bald aber hatte die wärmer
scheinende Sonne die Scheidung der oberen, blauen Veste, durch welche
ihr Pfad gehet, von der unteren, grünenden der Erde, auf welcher der
Fuß des Menschen wandelt, vollendet und das Wasser als fallenden Nebel
an seine eigentliche, untere Wohnstätte zurückgewiesen. Wie oft habe
ich später, im weitren Verlauf dieser Reise, mit einem im eigentlichen
Sinne dürstenden Sehnen an solche Naturscenen mich erinnert, wie die
war, welche wir an jenem Morgen vor uns sahen und wie sie in den
vaterländischen Gegenden so oft und häufig auftreten. Diese Fülle
des fließenden, des niederträufelnden, des in jeder Vertiefung des
Bodens und auf jedem Blatte stehenden Wassers und dagegen die dürre,
wasserlose Oede des nach Erquickung lechzenden Bodens der arabischen
Wüste! Was wäre das arme Erdreich, mit all seinen in dasselbe
hineingelegten Lebenskeimen, ohne das ernährende Wasser; aber was wäre
auch das Wasser der Erde, wenn nicht ein Licht von oben, das der Sonne,
seine belebenden Kräfte in dasselbe hineinlegte.
Der letzte Ausläufer des Kahlenberges, eines Abkömmlinges der
Alpenkette, lag jetzt vor uns; auf einer der Anhöhen zu der sich
unser Weg erhob, öffnete sich uns zur Linken die Aussicht nach der
Donauebene gegen Tuln und Klosterneuburg, zur Rechten die nach den
weiter entfernten Reihen der Gebirgshäupter. Wir hatten aber jetzt
nicht mehr Zeit noch Neigung zur Rechten oder zur Linken, das was
in der Ferne lag zu betrachten, denn zu mächtig zog uns der Anblick
des Nahen und des vor uns Liegenden an. Neben unserem Wege die Menge
der Landhäuser und ihrer Gärten, die lieblich auf den Anhöhen und in
ihren Thälern gelegenen Dörfer und Lustörter, vor uns die Thürme und
Häusermasse der prächtigen Stadt. Bald sahen wir uns innerhalb ihrer
Thore und gegen drei Uhr waren wir schon, wenn auch nur für wenig Tage,
Bewohner derselben, die sich, im guten Gasthof zur Stadt London, so
wohl versorgt und einheimisch fühlten, als in einem eignen, seit Jahren
bewohnten Hause.
Die noch übrigen Stunden des wunderschönen Nachmittages benutzten wir
um eine vorläufige Bekanntschaft mit der Stadt und ihrer nächsten
Umgebung zu machen. Aus dem muntren Gedränge einiger der schönsten
und besuchtesten Hauptplätze gieng ich, mit meiner lieben Begleiterin
hinaus auf den Wall. Ich hatte da, gerade heute, noch etwas ganz
Besonderes, mir sehr Werthes aufzusuchen und zu thun. Ohne daß ich
vorher daran gedacht, noch weniger aber ohne daß ich dieß absichtlich
so eingerichtet hatte, war ich an einem Tage und in Stunden dieses
Tages nach Wien gekommen, die meiner Erinnrung aus der Geschichte
dieser Stadt in besonderer Tiefe und Frische eingeprägt sind[26].
Heute vor hundert und drei und fünfzig Jahren, gerade als die Noth
der von den Türken hart geängsteten Stadt am höchsten gestiegen war,
kam die Stunde der Errettung aus des Feindes Hand. An der Stätte der
alten Löbel- und Burgbastey stehend, ließ ich, so weit ichs vermochte,
das Andenken der ganzen Reihe jener Begebenheiten aus der Geschichte
der damaligen Leiden und Freuden Wiens an mir vorübergehen. Einen
Monat lang hatte die verhältnißmäßig kleine Schaar der Belagerten
durch Wunder der Tapferkeit den Andrang der Hunderttausende der
Feinde von den Mauern der Stadt zurückgehalten, als am 12ten August
eine feindliche Mine die äußerste Ecke des Burgravelins zerstörte.
Zwar wurde an diesem Tage der zweistündige, wüthende Sturm der
Türken zurückgeworfen und bis zum 16ten August der Einbruch ihrer
Schaaren in den Graben verhindert, dann aber durchbrach die Wuth der
übermächtigen, immer neu andringenden Feinde den Damm der Gegenwehr;
ihre Haufen ergossen sich, über die Leichname der Ihrigen, in den
Löbelgraben, den sie besetzten und von wo aus nun ihre unmittelbar an
der Contrescarpe errichteten Batterien die Mauern der Stadt beschossen.
Dennoch hielt der Muth der Belagerten sich und die sinkende Stadt noch
aufrecht, obgleich das Schwert der Feinde, mehr aber noch eine unter
der zusammengedrängten Volksmenge ausgebrochene ruhrartige Seuche
Viele der Kämpfer hinweggenommen oder zum Kampfe unfähig gemacht
hatte. Als aber nun durch die ungeheure Gewalt der Minen, welche die
Türken am 4ten, am 6ten und am 8ten September springen ließen, zuerst
die Spitze der Burgbastei und eine fünf Klaftern lange Strecke der
Courtine, dann sogar die beiden Façen der Löbelbastei sammt einem
vierzig Fuß langem Theil der Stadtmauer, endlich der größeste Theil
dieser Bastei selber zerschmettert und in Schutthaufen verwandelt
waren, da schien der nahe Untergang der Stadt unvermeidlich. Zwar
hatte diese, statt der gesunkenen Mauern mit dem unerschütterlichen
Glaubensmuth ihrer christlichen Kämpfer sich umgürtet und der vom
Großvezier selber geleitete furchtbare Sturm vom 6ten September wurde
mit großem Verlust der Stürmenden von der Macht dieser unscheinbaren
Schutzwehr zurückgeworfen, auch war es gelungen eine Kreuzmine des
Feindes zu entdecken und unwirksam zu machen, die in der Nacht zum
9ten September der Burgbastei Zerstörung drohete; dennoch konnte man
es nicht hindern, daß der Feind vom Graben aus allenthalben in die
wankenden, zerborstenen Gemäuer sich hineinwühlte. Da schien denn
doch endlich der Kahlenberg jene feurige Sprache der Angst und Noth
zu verstehen, welche die bekümmerte Stadt bisher jede Nacht durch
unzählige aufsteigende Raketen mit ihm gesprochen hatte und man sahe
besonders vom 9ten September an von seinem Gipfel antwortende Raketen
emporsteigen, welche die Annäherung des verbündeten Heeres und durch
dasselbe die Rettung Wiens verkündeten. Endlich als am letzten Abend
dieser angstvollen Woche die Sonne noch im Scheiden das Gehänge des
Kahlenberges beschien, sahe man auf seinen Höhen von der Stadt aus
die ersten Vorposten der Verbündeten, deren Stücke schon auf einige
Feindeshaufen zornig herabblitzten. Da eilte Alles, was noch gehen
konnte, auf die Zinnen der Häuser, auf Mauern und Thürme, um sich an
diesem seit neun Wochen bang ersehnten Anblick zu weiden, und alsdann
in die Kirchen um Gott für die nahe Rettung zu danken.
Einen schöneren, mehr zur Andacht stimmenden Sonntagsmorgen hatten
die damaligen Bewohner Wiens wohl niemals erlebt, als der jenes 12ten
Septembers war, welcher ihnen die Hülfe brachte in der großen Noth.
Da sie beim Anbruch des Tages »ihre Augen aufhuben zu den Bergen,«
von denen ihnen diese Hülfe kam, erblickten sie auf dem Gipfel des
Kahlenberges eine Fahne, an der sich auf rothem Grunde ein weißes
Kreuz zeigte, um den Belagerern sowohl als ihren Drängern anzudeuten,
wessen Sache jenes Heer vertheidigen solle, das sich, so weit nur das
Auge reichte, über den ganzen Rücken des Berges hin verbreitet hatte
und welches nun allmälig nach dem Thale herabzuziehen begann. Freilich
war dieser Sonntag für die Belagerten sowohl als für das befreundete
Heer noch keineswegs ein Tag der Ruhe; das Volk der Janitscharen, das
die Laufgräben erfüllte, schien die letzte Anstrengung der wüthenden
Tapferkeit zu versuchen, um noch vor der Ankunft der Verbündeten
in die hier mauernlose Stadt einzudringen, welche sie ohne ihr und
sich ein Ausruhen zu gönnen, durch Bomben und Steinwerfen, Miniren
und Anstürmen aufs Aeußerste bedrängten. Auf der andern Seite mußte
auch das Heer der Retter, welches der Zahl nach kaum ein Drittel
so stark war als das der Türken, jeden Schritt seines Vordringens
durch die vom Feinde besetzten Hohlwege, Schanzen und Steinhaufen
mit manchem Heldenblut und gewaltiger Anstrengung erkaufen. Endlich
am Mittage hatte es die Ebene erreicht; der linke Flügel, geführt
von dem Herzog von Lothringen und dem alten Kriegshelden Golz, mit
der schweren sächsischen Cavallerie und mehreren andren wohlgeübten
Truppen hatte sich den schwersten Theil des Tagwerkes: den Kampf mit
der Hauptmacht der Janitscharen erlesen, deren Gegenwehr durch die
kriegserfahrensten, tapfersten Baschen aufs Höchste gesteigert wurde;
den Kern des verbündeten Heeres bildete die bayerische Armee, zu der
sich, wie zum linken Flügel, die Blüthe des deutschen Adels aus allen
Gegenden des Vaterlandes gesellt hatte; am rechten Flügel kämpften die
Schaaren der Polen, geführt von ihrem edlen Könige Sobiesky. Unter dem
Herzog von Lothringen, auf dem linken Flügel des Heeres, begann der
Kampf zuerst und war zugleich am furchtbarsten und ausdauerndsten, bis
zuletzt Prinz Ludwig von Baden die sächsische Cavallerie zum Absitzen
ermahnte und mit ihnen und einigen kaiserlichen Regimentern sich den
Weg nach der Roßau und hiermit auch ins feindliche Lager und zur Stadt
bahnte. So hatte denn auf dieser Seite das Heer der Unsrigen zuerst
die Süßigkeiten eines Sieges geschmeckt, welcher nicht von armseliger
Selbstsucht herbeigewünscht, sondern von dem Sehnen aller rechten
Gottesfreunde herbeigebetet worden war; bald drang auch der Mittelpunkt
der verbündeten Armee, die sich in allen ihren Bewegungen nach denen
des linken Flügels gerichtet hatte in die Flanke des Feindes und als
nun selbst der heldenmüthige König Sobiesky mit frischen Truppen gegen
diesen anrückte, wurde derselbe zuerst ins Lager zurückgeworfen, dann
aber durch die Flucht seines von Lothringens Schaaren geschlagenen
rechten Flügels mit fortgerissen in die gleiche Eile des Entfliehens.
So war denn jener zwölfte September, dessen Andenken wir heute, da er
sich jährte, dort auf dem lieblich von der Abendsonne beleuchteten,
jetzt mit allen Gaben eines langen Friedens geschmückten Walle
feierten, ein Tag des großen Heiles und der innigen Freude für Wien
geworden. Ich hatte, als wollte ich auch noch die Fußtapfen der großen
Begebenheit am Boden erblicken, so lange und unverwandt nach dem
Kahlenberg, auf den sich jetzt die untergehende Sonne niedersenkte,
hinübergeschaut, daß ich ganz geblendet, das Nahe kaum mehr erkannte;
erst in dem fröhlichen Getümmel der Straßen und Hauptplätze über die
wir noch giengen, fand sich die Erinnrung und der bemerkende Blick für
das gegenwärtige Heute und seine Erscheinungen wieder.
Die Dämmerung war schon eingebrochen als wir uns aus dem Treiben und
Geräusch der Straßen wieder zurückzogen auf unsre stillen Zimmer; das
Bild aber von Dem, was wir heute gesehen, leuchtete noch lange in
unsrer Seele fort, und in den Gesprächen an der Wirthstafel, an der wir
heute Abend mit unsern Reisegefährten ganz allein waren, verwandelte
sich das mannichfache Getöne der Stimmen und der rollenden Wägen,
das wir noch so eben gehört hatten, in einen Nachklang, welcher wie
ein fröhliches Lied lautete, denn uns Allen war es in dieser großen,
volkreichen, für unsre Sinnen noch ganz neuen Stadt in den wenigen
Stunden, welche wir da gelebt hatten, schon so vertraulich wohl
geworden, daß wir, wäre der Zug nach dem fernen, großen Ziele der
Reise nicht so mächtig gewesen, Wochen statt der einzelnen Tage hätten
verweilen mögen.
~Wien.~
Statt eines eigentlichen Capitels meiner Reisebeschreibung gebe ich
hier nur eine Ueberschrift, zu der sich Jeder, der selber zu sehen
Gelegenheit hat, aus eigner Anschauung oder Erinnrung den Text
hinzufügen kann. Denn des noch künftig zu Beschreibenden, weniger
Bekannten, ist noch zu viel, und überdieß wäre die Aufgabe für den
Beschreiber zu schwierig; denn wie von einem Maler der sich unterfängt,
das Portrait eines allbekannten, geehrten Fürsten zu malen, würde man
von ihm ein treffend ähnliches Abbild verlangen und dazu hat mir der
große, schöne Gegenstand meiner Beschreibung zu kurze Zeit gesessen,
indem wohl Monate nöthig seyn möchten, um alles Sehenswerthe der
Kaiserstadt und ihrer Umgebung zu sehen, uns aber hierzu für dieses Mal
nur vier Tage gegeben waren.
Das was sich uns von jedem Besuch einer vorhin noch nie gesehenen
Gegend oder Wohnstätte der Menschen am ersten, und zugleich am
tiefesten in die Erinnrung einprägt, ist zuletzt doch nur Das, was
selber in der Tiefe des Seyns und Bleibens gründet: der Geist der
etwa einst in den Thaten der Geschichte hier waltete, oder der in den
Bewohnern noch jetzt lebt und fortwirkt. Das herrschende Prinzip des
geselligen Lebens und Bewegens in den Bewohnern Wiens ist ein solches,
mit welchem sich auch der schnell hindurchgehende Fremdling und
Wandrer bald und leicht befreundet: es herrscht da, so weit wir dieß
zu beurtheilen vermochten, im Allgemeinen ein Geist des Wohlwollens
und der Friedlichkeit, wie er uns in einer glücklichen, einträchtig
beisammenlebenden Familie begegnet. Eine solche gute Stimmung aller
Genossen des Hauses geht zunächst von der vorwaltenden Stimmung der
Häupter der Familie: des Hausvaters und der Hausmutter aus, und wer
die Geschichte von Wien seit längerer Zeit kennt, der weiß es, daß
es hier gute, an innrem Frieden reiche Oberhäupter des Haushaltes
gegeben hat und noch fortwährend giebt. Was dem geselligen Ton in
Wien, dem Grundton der durch den Wechselverkehr seiner Bewohner
geht, den eigenthümlichen Wohllaut mittheilt, das ist der Geist der
Freundlichkeit und des Wohlwollens, der von dem Haus der Herrscher
ausgieng. Darum wird es auch dem Fremden unter den Bürgern Wiens so zu
Muthe wie unter Kindern die bei der guten, ausreichenden Versorgung
welche sie im Elternhause haben, ganz vergnügt und wohlauf leben und
ihre Eltern in Ehren halten.
Die große Kaiserstadt war gerade in den Tagen, in denen wir sie
besuchten, in etwas vereinsamt; der Hof befand sich in Prag, bei
den Festlichkeiten der Krönung; ein großer Theil der Gelehrten und
Lehrer der Hochschule, auf deren Bekanntschaft ich mich gefreut hatte,
befand sich auf dem Lande oder war auf Ferienreisen in der Nähe und
Ferne verstreut. Man sagte uns es sey eben jetzt bei weitem weniger
»Leben« in der Stadt als gewöhnlich; wir aber bemerkten das nicht,
uns war es, wenn wir in manchen Stunden des Tages über einen der
Hauptplätze giengen so zu Muthe wie den Landleuten, wenn sie an einem
Jahrmarktstage aus ihrem stillen Dorfe in das Volksgedränge der Stadt
kommen. So in langen Reihen und so zusammengeschaart wie hier an jedem
schönen Nachmittag sieht man bei uns die gehenden und fahrenden Städter
und Städterinnen nur an Sonntagen oder bei besonderen Festlichkeiten;
Wien legt sein Sonntagsgewand die ganze Woche nicht ab.
Aus einer solchen Masse des Sehenswerthen und Neuen, wie die ist,
welche hier auf unsre Sinnen einstürmte, wählt man sich bald einzelne
Lieblings- und Ausruhepunkte aus, zu denen man gern öfter wiederkommt.
Ein solcher Ausruhe- und Richtpunkt der Wege war für uns die ~St.
Stephanskirche~, die schon im Jahre 1144 von dem ersten Babenberger
Herzog gegründet wurde, obgleich der Ausbau nach dem jetzigen Umfang
erst in die Jahre 1359 bis 1430 fällt. In ihrem Innren drängen sich
mehrere Mächte der älteren Kunst zusammen: die Glasmalerei der
drei Fenster um den aus schwarzem Marmor gebildeten Hochaltar; die
Fürstengruft; das Grab Friedrichs des Vierten mit mehr als 300 Figuren
und vielen Wappen, oben auf ihm die liegende Figur des Kaisers im
fürstlichen Ornat. Zur Vervollständigung des Eindruckes, den schon
das Innre, selbst auf den bloß Beschauenden macht, gehört jedoch vor
allem die Betrachtung des Aeußeren. Der eine, ausgebaute Thurm, hat
mit Recht auf den Tafeln der Messungen der Höhen und Tiefen seine
Stellung neben den höchsten menschlichen Bauwerken der Erde erhalten.
Er stehet hierinnen der größesten der ägyptischen Pyramiden und dem
Straßburger Münsterthurm nur wenig nach; seine Höhe erscheint wie
ein wohlgelungener Reim auf das Höhenverhältniß des Donauspiegels
bei Wien zur Fläche des Meeres, denn so hoch der mittlere Stand des
Flusses über das Meeresniveau, so hoch erhebt sich die Spitze des
gewaltigen Stephansthurmes über den Boden in welchem sein Grundgemäuer
ruhet[27]. Das Baumaterial der Quadersteine, abgesehen von dem
kräftigen, in wohlerwogenem Verhältniß zur Höhe stehenden Durchmesser,
giebt diesem mächtigen Gebäu das Ansehen eines fast auf der Tiefe
ruhenden Berges, den die mannichfachen, zierlichen Gestalten der
altgothischen Verzierungen wie eine Welt der auf ihm wohnenden Thiere
und Pflanzen beleben. Es thut dem Auge, das gern in die Höhe schaut,
ganz besonders wohl, wenn es mitten auf der Ebene und in der Mitte
der immer bewegten Wellen des gewöhnlichen Lebens einer großen Stadt
an einem solchen Berge (nach Psalm 121) ausruhen kann, den sich, wenn
auch nur als ein Abbild, ein frommer Sinn mitten in die Fläche der
Alltäglichkeit hineingesetzt hat. Auf der Höhe des Stephansthurmes,
zu der man auf etwa 700 Stufen hinansteigt, hat man auch den besten,
den vollständigsten Ueberblick über die Stadt und ihre reiche, schöne
Umgegend. Wie riesenhaft groß das Gebäude sey, das man erstiegen hat,
das bemerkt man bei dem genauen Anblick der Tafel der Uhr, welche über
12 Fuß hoch und fast eben so breit ist. Die große Glocke des Thurmes,
die aus dem Erz der eroberten türkischen Kanonen gegossen ward, wiegt
354 Zentner (nach andern Angaben 412 Z.) sie übertrifft mithin an
Masse und Gewicht die große Glocke zu Notre Dame in Paris, wie die
des Mailänder Domes, welche beide zu 320 Zentnern geschätzt werden,
noch mehr die zu Magdeburg (von 293 Z. Gewicht) und hat im deutschen
Vaterlande zur gleichkräftigen Gesellin nur die berühmte Erfurter
Susanna, deren Gewicht 362 Zentner betragen soll. Ueberhaupt wird die
St. Stephansglocke in Europa (seitdem die riesenhaft große Glocke
in Moskau, von, wie man sagt, mehr als 4000 Zentnern Gewicht, nicht
mehr vorhanden ist) nur von wenigen solchen stimmführenden Mächten,
namentlich von der Cordeillac zu Toulouse (sie wiegt über 500 Zentner)
übertroffen.
Nächst der St. Stephanskirche hat noch gar manches andre der prächtigen
Kirchengebäude von Wien einen anziehenden Reiz für den Fremden. Die
kleine St. Ruprechtskirche erhielt sich nur den Ruf, nicht aber das
äußere Ansehen ihres hohen Alterthumes, denn obgleich ihre erste
Erbauung auf das Jahr 740 gesetzt wird, gehört dennoch ihre jetzige
Form dem 15ten Jahrhundert an. Dagegen hat sich die St. Michaëlskirche
in ihrem Innren unverändert die ehrwürdige Form der morgenländisch
christlichen Bauart bewahrt; eine freundliche Gabe der jüngsten Zeit
an das alterthümlich merkwürdige Gebäude sind die Gemälde von Ludwig
Schnorr. Selbst außen auf dem Vorplatze von St. Michaël erinnert
man sich gern an ein Ereigniß aus den Zeiten der vorhin erwähnten
Belagerung Wiens durch die Türken. Die erste Bombe welche damals die
Feinde in die Stadt warfen, war gegen diese Kirche des Schutzengels
der Unschuld gerichtet, sie fiel, Verderben drohend, vor ihrem Gemäuer
nieder; da lief ein dreijähriges Kind, das sich von selber zu dieser
kühnen That getrieben fühlte, zu ihr hin, löschte sie aus und wendete
so die Gefahr von der Kirche und allen ihren Nachbargebäuden ab.
Gleich am ersten Nachmittag unsres kurzen Aufenthaltes in Wien waren
wir von dem sogenannten Graben durch ein schmales Seitengäßchen zu der
St. Peterskirche gekommen, welche Johann Fischer von Erbach der Form
der Peterskirche zu Rom nachbildete; von demselben Meister ist auch die
prachtvolle St. Karlskirche auf der Wieden erbaut worden. Das Grabmal
der Erzherzogin Christina von Canova's Meisterhand findet sich in der
Hofpfarrkirche der Augustiner.
Auf unsren Wanderungen durch die große Kaiserstadt und einige ihrer
Vorstädte verweilten wir öfters mit vorzüglichem Wohlgefallen auf
dem Josephsplatze. Die eine Seite desselben nimmt das Gebäude der k.
k. Hofbibliothek ein, dessen äußere Pracht und Herrlichkeit nicht
vergeblich auf einen eben so reichen innern Gehalt schließen lässet.
Der Sarkophag von weißem Marmor, den man unten in der Vorhalle des
Gebäudes sieht und auf welchem in halberhabener Arbeit der Kampf
des Theseus mit den Amazonen dargestellt ist, wurde (im siebzehnten
Jahrhundert) unter den Ruinen von Ephesus aufgefunden und durch seinen
glücklichen Finder -- einen Grafen von Fugger -- hieher geschenkt.
Der Freund der naturgeschichtlichen Litteratur wird nicht ohne ein
Gefühl der höchsten Befriedigung den großen, herrlichen Saal der
Bibliothek verlassen. Von der alten Handschrift des Dioscorides
an, bei der sich gemalte Pflanzenabbildungen finden, bis zu den
theuersten und seltensten Kupferwerken der neuesten Zeit wird man
beständig daran erinnert, daß man sich hier in einer Stadt befinde, wo
sich mehrere durch Talent und Wissen wie durch hohen Stand mächtige
Geister der Naturwissenschaft zugewendet haben. Der Reichthum an den
bedeutungsvollsten Werken des Morgenlandes ließ mich den Einfluß des
reichen Geistes von Hammer's errathen, überhaupt erkannte ich und
erfreute mich gar vielfältig in Wien an den Fußtapfen der Wirksamkeit
dieses verehrten Mannes, ihn selber aber, dessen Werke wie wohlwollende
Empfehlungen mir doch ein so kräftiges Geleite auf diese Reise
gaben, fand ich nicht. -- Für die Betrachtung der Landcharten und
Kupferstiche, so wie doch eigentlich für die genauere der Bibliothek
hätte man sich nur mehr Zeit wünschen mögen, als für dieses Mal
dafür vorhanden war. Eben so für die Betrachtung der gehaltreichen
Naturaliensammlung. -- Auf dem Josephsplatze steht auch noch die große,
schöne Reuterstatue Josephs +II.+, von Zanner. -- Außer dieser für
mich so vielfach anziehenden Parthie der Stadt, sind mir auch der neue
Markt mit den trefflichen Brunnenfiguren von Donner, der hohe Markt,
mit dem kleinen Tempel in seiner Mitte, wo die Vermählung der heil.
Jungfrau dargestellt ist; der sogenannte Graben mit der wenigstens
stark genug in die Augen fallenden Dreifaltigkeitssäule gar wohl in
der Erinnrung geblieben. Unter den vielen, nicht immer regelrecht
verlaufenden Gassen der Stadt lernte ich mich nicht einmal bei dem
Tageslicht der unmittelbaren Anschauung zurecht finden, noch weniger
vermöchte ich dieß jetzt, bei dem dämmernden Licht der Erinnrung. In
der k. k. Burg und ihrer Nähe ist mir es immer sehr wohl geworden; sie
ist ein Stammbuchblatt in der Geschichte Deutschlands, auf welchem
viele werthe Namen, Derer die hier walteten, aufgezeichnet stehen.
Ihr Innres gewährt viel mehr als das Aeußre verspricht. Die köstliche
Mineraliensammlung sahe ich nicht; der treffliche Mohs war verreist.
Vor den Gewächshäusern und in den nachbarlichen Gärten der Burg weilte
ich mit Wohlgefallen.
Nun möchte aber auch wohl bald alles das beisammen seyn, was ich
von der Altstadt von Wien zu sagen weiß. Denn wenn ich auch aus dem
Tagebuch des Gedächtnisses noch einige Dinge erwähnen wollte, würde man
bald die flüchtige Eile bemerken, in der ich an Allem vorübergekommen
bin, oder ich müßte nur aus Hörensagen beschreiben, was ich nicht
einmal selber gesehen, wie namentlich Belvedere mit der reichen
Gemäldegallerie und der schönen Aussicht nach der Stadt und ihren
Vorstädten. Ueberdieß ist auch noch gar zu viel von der Geschichte der
Reise nach dem Morgenlande zu erzählen, welche doch eigentlich erst
von Wien aus ihren Anfang nimmt. Indem ich aber nun meine Erzählung
anheben will, fühle ich mich wie von neuem an der guten Kaiserstadt
festgehalten und zu ihr hingezogen; ich finde, daß die Geschichte der
Reise nicht erst von Wien aus, sondern schon in demselben ihren Anfang
nimmt. Denn in seiner Mitte entspannen sich jene goldenen Fäden des
Wohlwollens und der freundlichen Fürsorge, die mich auf meinem ganzen
weitem Wege von der Donau bis zur Herrscherstadt vom Propontis und von
da wieder an den Meles, Nil und Jordan, ja bis zum Arno geleiteten.
Die kräftige Wirksamkeit jener Empfehlungen, welche ich aus der
Staatskanzlei Seiner Durchlaucht, des ~Fürsten von Metternich~
mit mir nahm, ließen es mich erfahren: daß der große, vielumfassende
Geist dieses Staatsmannes mit der Vorsorge für das Allgemeine und
Ganze auch die für das Bemühen eines Einzelnen zu vereinen wisse,
und daß neben dem mächtigen Strome des politischen Bewegens, dessen
Lauf derselbe zum Wohle des Vaterlandes zu leiten bemüht ist, auch
ein armes Bächlein seiner Hülfe sich erfreuen dürfe, welches, aus
dem Quell der Wissenschaft hervorgehend, vielleicht irgendwo einen
noch schlummernden Keim des Erkennens wecken könnte. Was ich hierbei
dem hohen Wohlwollen Seiner Excellenz, des Herrn ~Grafen von
Ottenfels~ verdankte, das war so Wesentliches und so Vieles, daß ich
meinen tiefgefühlten Dank dafür besser durch den Thatbericht über das,
was jenes Wohlwollen in dem ihm so nahe bekannten Lande des Ostens für
mich bewirkt hat, als durch Worte auszusprechen vermag. Einen andern
Punkt, von welchem die goldnen Fäden der freundlichen Bemühungen für
mich und das gute Gelingen meiner Reise ausgiengen, habe ich schon
genannt; das war ein Schreibtisch, von welchem gar viele goldne
Fäden über ganz Europa und tief nach Asien hinein, bis weit über den
Euphrat auslaufen: der Schreibtisch des hochverehrten ~Ritters von
Hammer~. Der Mittelpunkt aber, das eigentliche »Herz« von welchem
alles das Bewegen zu meinem Gunsten in Wien seinen ersten Antrieb
empfieng, habe ich noch nicht genannt: das war jener Mann, der die
hülfreiche That seines Wohlwollens und seiner Liebe schon in so manches
frühere Jahr und Begegniß meines Lebens unvergeßlich tief hineingeprägt
hat, der hochtheure K. Bayerische Minister, Baron ~Maximilian
von Lerchenfeld~. Wenn aber alle die eben erwähnten Beweise von
Wohlwollen und Güte, die wir in Wien erfahren durften, zusammen mit
dem freundlichen, nur unsres Vortheiles gedenkenden Geleites, das uns
die Briefe der Herrn Eskelin und C. in alle größeren Handel treibenden
Städte der östlichen und südöstlichen Mittelmeeresküste gaben,
wenigstens doch an die Fortreise erinnerten, so waren daneben auch
noch andre Fäden wirksam, die uns in der Kaiserstadt selber so fest
und innig umspannen, daß sie uns fast hätten können das Weitergehen
vergessen machen. Wir erfuhren hier die Kräfte und Aeußerungen einer
Freundschaft, welche zu ihrem Erstarken keiner längeren Zeit des Sehens
und Bekanntwerdens bedarf, weil sie von einer Art ist, über deren
Gedeihen und Fortbestehen die Zeit keine Gewalt hat.
An der Seite des theuren ~Endries~ besuchten wir noch am letzten
Tage unsres Aufenthaltes einige Gärten und Landhäuser in der Nähe der
Stadt; vor allem Schönbrunn. Hier ließ uns die Umgegend von Wien noch
einmal die Fülle aller ihrer Lieblichkeiten sehen und genießen; zuerst
bei der weiten Aussicht am Gloriette, dann in den stillen, schattigen
Gängen der hohen Baumgruppen und am Gesundbrunnen der hehren Nymphe.
Die kräftig gedeihenden, ausländischen Gewächse der Treibhäuser und
Blumengestelle sprachen mit mir zum Theil schon die Natursprache jener
Länder, die mein Fuß nun bald betreten sollte. Bei jedem solchen
Anblick merkte ich recht deutlich, daß mein ganzes Sinnen und Trachten
nicht mehr daheim, sondern bereits ausgewandert sey in das Land gegen
der Sonne Aufgang, und wo das Herz wandelte, da wollten dieß auch die
Füße. Darum auf, zur Weiterreise!
Die Donaufahrt von Wien nach dem schwarzen Meer.
Es schien als sey eine ganze Gemeinde im Auswandern begriffen, so groß
war die Zahl der Reisenden, so wie der mit Reisegepäck belasteten
Träger und Karren, welche mit uns zugleich am Nachmittag des 15ten
Septembers hinabzogen durch den Lustwald des Praters nach der Donau.
Hier, bei dem Dampfschiff, war das Gedräng noch größer; denn so wie
mehrere liebe Freunde uns aus der Stadt bis hieher das Geleit gaben,
so hatten auch die Schaaren der andern Reisenden ihre Begleiter, zu
denen sich die Menge der Neugierigen und der im Prater Lustwandelnden
gesellte, welche das Dampfschiff wollten abfahren sehen. Das Glöcklein
das die Abfahrt verkündete, hatte zum letzten Male geläutet, die Räder
der Dampfmaschiene setzten sich in Bewegung und mit ihnen zugleich die
Stimmen, die sich noch einmal vom Schiff und vom Lande aus begrüßten.
Auch auf der schnellen Fahrt, die nun begann, fuhren die Stimmen,
die mit uns im Schiff geblieben waren, fort, an Lauttönigkeit und
Schnelle mit den Rädern und Getrieben zu wetteifern; die Menge der
Mitreisenden war aber auch so groß, daß sich zum Sitzen nur selten
Raum und Gelegenheit fand, man stund da in einem Menschengedränge, wie
jenes ist, das sich an einem Jahrmarkte vor einer Garküche anhäuft.
Denn gerade dergleichen Erinnerungen an Jahrmarkt und Garküche
drängten sich hier der Seele am meisten auf, wo man so viel reden
hörte von den in Wien gemachten Einkäufen, so viel wahrnehmen mußte
von der Geschäftigkeit der Küche, deren Erzeugnisse, von den schnellen
Dienern ohne Aufhören unter die immer mehr und Neues begehrende Menge
ausgetragen wurden. Unter solchen Umständen konnten freilich die
Gedanken an die Pilgerschaft nicht recht aufkommen, obgleich gerade
heute eine besondere Anregung zu denselben vorhanden gewesen wäre. Denn
es hatte sich von Wien aus noch eine Mitpilgerin an uns angeschlossen,
die wir mit ihrem Vornamen: ~Elisabeth~ nennen wollen. Eine
muthige und freudige Wanderin nach dem Morgenlande, welche namentlich
meiner Hausfrau oftmals, wenn zu den äußern Stürmen auf dem Meere die
innern der Sorgen und der Furcht vor dem »großen Wasser« hinzukamen,
von neuem Muth und Freudigkeit mittheilte, und durch ihr geduldiges
Ertragen der vielfältigsten Bedrängnisse uns Allen zur Stärkung; durch
Rath wie That zur Erleichterung und Hülfe gereichte.
Der Anfang der großen Wasserbahn, die wir jetzt auf unserm
Dampfschiffe, der Nador genannt, betreten hatten, gewährt dem Auge
nicht viel Unterhaltung. Der mächtige Strom wird hier zu beiden
Seiten durch eine grünende Ebene begränzt, die sich erst bei
~Fischament~, am Ufer der rechten Seite, wieder hüglich erhebt.
Hier belebt sich die unmittelbare Nachbarschaft des Wassers auch durch
die große Landstraße, welche auf dem 10 Fuß hohen Damme hingehet;
zur Linken dehnt sich noch das Marchfeld aus. Uebrigens gehet die
Fahrt hier an einem Boden vorüber, den man gerne, nicht bloß im
schnellen Vorüberschiffen mit dem Auge durchstreifen, sondern zu
Fuß durchwandern möchte, denn nahe bei ~Petronell~ deuten der
Triumphbogen des Tiberius, so wie andre Ruinen die Stätte des alten
ursprünglich Celtischen, dann Römischen ~Carnuntum~ an; eine
merkwürdige Schanze, welche diese alten Bewohner und Beherrscher des
Landes errichteten, reichet von dieser Gegend fünf Stunden weit gen
Süden, bis an den Neusiedlersee und dehnt sich auch jenseit des linken
(nördlichen) Ufers der Donau bis an Zwerndorf aus. Vor ~Hainburg~
(Hunnenburg) erinnert der 60 Fuß hohe rundliche Hügel, noch mehr aber
die Ruine der wahrscheinlich von den Römern angelegten, dann aber von
den Hunnen bewohnten Veste an König Etzels (Attila's) Hofhalt und an
den Sagenkreis des Nibelungen Liedes. Noch jetzt in ihren Trümmern
riesenhaft mächtig erhebt sich am linken Ufer des Stromes die Burg
des schon zu Ungarn gehörigen Gränz- und Mauthortes ~Theben~,
deren Begründung auch den Römern zugeschrieben wird und welche dem
Mittelalter für eines der unüberwindlichst festen Schlösser des Landes
galt. Berge zu beiden Seiten, deren Abhänge und Schluchten mit Laubwald
und Weinpflanzungen sich bekleiden, geben der Nähe von ~Preßburg~,
dessen alte Königsburg sich von ferne zeigt, ein gastlich einladendes
Ansehen und noch ehe die Sonne sinkt landet das Dampfschiff bei der
Stadt an. Wir waren von Wien nach Preßburg, wohin der gerade Weg
(abgesehen von den Krümmungen der Donau) 12 Stunden beträgt, in nicht
ganz 3 Stunden gekommen.
Wir hatten uns beim Hineingehen nach der Stadt etwas verspätet;
denn welchen Fremdling sollte nicht der erste Anblick dieses alten,
ungarischen Königssitzes anziehen und festhalten, der von den
Vorbergen und Weinbergshügeln der kleinen Karpathen im Halbkreis,
wie von einem grünen Mantel umgeben ist, und welcher seinen Fuß auf
den hier ungetheilten, 780 Fuß breiten, majestätischen Strom stellt.
Die Herrscherburg, in welcher vormals die Reichskleinodien bewahrt
wurden, thronet auf einem 420 Fuß hohem Felsen und hat sich noch
immer, obgleich die Feuersbrunst von 1811 ihr Innres verheerte, die
äußren Züge ihrer stattlichen Gestalt bewahrt; ehrwürdig durch ihr
Alter wie durch ihre Bauart, stehet die von Ladislaus dem Heiligen im
Jahr 1090 begründete St. Martinskirche mit ihrem prächtigen Thurme
da; unter manchen andren schönen und ansehnlichen Gebäuden zeichnet
sich der erzbischöfliche Pallast aus. Während wir jedoch so beim
Anschauen zögerten, hatte das kleine Heer von Reisenden, das sich aus
dem Schiffe über alle Gassen und Plätze der Stadt ergoß, bereits von
allen bessern Gasthöfen Besitz genommen, wir fanden endlich nach langem
Herumfragen nur noch in einem Wirthshause von ziemlich niederem Range
ein Unterkommen.
* * * * *
Wir fuhren am andern Morgen bald nach Tagesanbruche ab; der Himmel
hatte sich getrübt, die Gluthsäule des Morgenrothes über den grünenden
Hügeln, so schön sie dem Auge erschien, war nichts Erfreuliches, denn
sie deutete auf nahen Regen. Bald jenseit Preßburg theilt sich die
mächtige Donau in mehrere Arme, zwischen denen sich die beiden Inseln
Schütt, die größere zur Linken auf die Länge von 9, die kleinere zur
Rechten auf 7 Meilen ausdehnt, wobei die Breite von jener 4-5, von
dieser etwa 1 Meile beträgt. So fruchtbar auch diese Inseln seyn mögen,
hätten wir für heute gerne ihres Anblickes entbehrt und uns vor dem
dicht herabfallenden Regen in die Kajüten gerettet, wenn da nicht das
Gedränge der vielen Menschen eine so unerträgliche Schwüle erzeugt
hätte, daß der Aufenthalt auf dem Verdeck unter dem Regenschirme
noch immer vorzuziehen war. Es waren indeß nur Gewitterregen, die
sich, einer nach dem andern, über die Ebene entluden, dazwischen
gab es auch heitre Sonnenblicke, die uns das unüberwindlich feste
~Comorn~, am Einfluß der Waag und die jenseits Comorn wieder
bergig sich erhebenden, namentlich bei Neszmely (Nesmil), reich mit
Reben und Obstbäumen bepflanzten Ufer, so wie den majestätisch auf
seinem Felsen hervortretenden Dom zu ~Gran~ mit genußreicher
Ruhe betrachten ließen. Ueber den Höhenzügen des Bakonyerwaldes zu
unsrer Rechten, stiegen am Nachmittag von neuem die Wetterwolken wie
Berge auf, während die noch höherstehende Sonne den wunderlichen Bau
der dreieckigen Bergveste von ~Vissegrad~ (der Plentenburg)
beleuchtete, in welcher einst der edle ~Matthias Corvinus~
in der Gesellschaft unsres großen Landsmannes des Astronomen
~Regiomontanus~ Tage eines genußreichen Ausruhens verlebte, und
welche ein Lieblingsaufenthalt mehrerer ungarischen Könige war. Unten
am Fuße des Berges, der die Burg auf seinem Rücken trägt, stehet der
6 Stockwerk hohe Salomo'sthurm, so genannt, nicht nach dem weisen
Herrscher des Israëlitischen Reiches, sondern nach einem Vetter des
Königes Ladislaus, dem ungarischen Gegenkönig Salomo, der (im Jahr
1077) hier gefangen saß. Bei dem schön gelegenen ~Waitzen~ nimmt
der Strom seine Wendung nach Süden; nur noch eine kurze Strecke hatten
wir zu fahren, da zeigte sich das hochgelegene ~Ofen~ und bald
begrüßte das an dem gegenübergelegenen ~Pesth~ anlandende Schiff
die Bewohner der schönen Stadt mit Kanonenschüssen. Abgesehen von den
vielen, sehr bedeutenden Krümmungen, welche die Wasserbahn machet und
die der Landweg abschneidet, misset selbst der gerade Weg von Preßburg
nach Pesth 32 Stunden, während unser Dampfschiff in 13 Stunden das
Ziel erreichte. Doch brachte wenigstens uns diese Eile für heute wenig
Vortheil; ein heftiger Regenguß, der das Ausladen des Reisegepäckes aus
dem Nador, den wir hier mit dem Dampfschiff Zriny vertauschen sollten,
überaus erschwerte, hielt uns noch mehrere Stunden im Fahrzeug zurück,
bis wir endlich nach 9 Uhr Abends im schönen, bequemen Gasthause zum
König von Ungarn Ruhe und Erquickung fanden.
Sonnabends, den 17ten September, noch vor Tagesanbruch mußten wir schon
wieder auf unsrem Dampfschiffe seyn; denn dieses sollte, so war es die
Absicht des Capitäns, heute einen noch weiteren Weg machen als gestern;
es sollte am Abend bei dem gegen 40 Stunden Weges von Pesth abliegenden
Mohacs anlegen, damit dort das Einladen der Steinkohlen während der
Nacht geschehen könnte. Die Wasserbahn wurde allmälig heller, die
Räder begannen ihren Kreislauf; wir wandelten wenigstens mit Augen
und Herzen nach dem guten Ofen hinauf, das wir so gerne begrüßt und
besucht hätten; doch schon nach wenig Riesenschritten des Fahrzeuges
war uns das schöne Schwesterpaar der Städte, zuerst Pesth, dann Ofen
aus dem Auge gerückt und wir zogen auf dem einen Arme der hier wieder
getheilten Donau hinab nach der großen, unübersehlich weiten Ebene. Vor
dem eigentlichen Beginn von dieser erhub sich noch einmal der letzte
Sprosse des von Westen, vom Savoischen Gebirgsstamme herkommenden
Höhenzuges zu dem mit Weingärten umkleideten Eugeniusvorgebirge, auf
welchem ein prächtiges Lustschloß gesehen wird; dann aber fiel der
Vorhang eines dichten Nebels über den großen Schauplatz herunter,
das Dampfschiff mußte, weil jetzt die Weiterfahrt wegen der vielen
Schiffsmühlen am Ufer bedenklich erschien, den kaum begonnenen Lauf
hemmen, und wir lagen da, mitten im Strome, bis gegen Mittag still.
Indeß hatten wir Zeit genug uns in dem Dampfschiffe umzusehen, das von
heute an auf längere Zeit unsere Wohnstätte seyn sollte. Der Zriny, so
heißt dasselbe, hat eine Länge von 180 Fuß und 23 Fuß Breite, bewegt
seine Last mit einer Kraft, welche jener von 80 Pferden gleichkommt und
durchläuft hiermit, unter sonst günstigen Umständen in jeder Stunde
eine Strecke, welche mehr als 6 Stunden Weges beträgt. Zu unsrer
großen Freude hatte sich das Gedräng der Reisenden, das auf dem Nador
so übervoll war, sehr vermindert; nur eine Schaar von Handelsleuten,
die auf einen Jahrmarkt jenseit Semlin zog, schien in Pest neu
hinzugekommen zu seyn; an unsere nähere Gesellschaft schloßen sich
jetzt, wo man erst Gelegenheit fand sich näher zu kommen, ein alter,
vielgereister, wohlunterrichteter Engländer mit seinem Neffen und ein
junger Grieche aus Chios an, der in München studirt hatte.
Gegen Mittag wurde der Vorhang des Nebels wieder aufgezogen, die
neue Scene: der volle Anblick der großen, ungarischen Ebene begann,
die Fahrt gieng ohne Hemmung weiter. Der schöne Strom, als wollte
er einige Zeit von dem schnellen Laufe ausruhen, ergeht sich hier,
gleich einem weidenden Rosse durch üppig grünende Auen; verbirgt
sich bald hinter dem grünenden Gebüsch, bald zwischen einzelnen
Laubwäldern, aus denen manche uralte Bäume weit emporragen. Heerden
von bräunlichen Cormoranen und wilden Gänsen flogen lautschreiend
über uns hin, Pelikane mit schneeweißem Gefieder sonnten sich auf den
abgelegenen Sandbänken, Löffelgänse schoßen begierig nach ihrer Beute,
den kleinen Fischen, herunter, hin und wieder zeigte sich auf einem
Baum am Ufer ein einsamer Seeadler. Nur an wenig Stellen öffnete sich
über das hohe Grün des Ufers hinüber die Aussicht nach einem Dorfe;
Heerden des weidenden Viehes oder ein wohlberittener Landmann, der
die Schnelle seines guten Rosses prüfen und zeigen wollte, indem er
auf der Ebene am Ufer mit dem Dampfschiff den Wettlauf versuchte,
verriethen es, daß das Land von Menschen bewohnt sey. Gegen Abend
schien sich unser Weg in undurchdringlichen Waldungen zu verlieren;
die Nacht war schon angebrochen als wir aus der Stille dieser
dichten Laubgänge hinausgelangten ins Freie und in ~Tolna~ das
Nachtlager suchten. Hier fanden wir ein Gasthaus, das an die beßern
Gasthäuser mancher unsrer wohlhabenden Dörfer erinnerte; der Tisch des
Wirthes bot in Fülle die reichen Gaben des Landes dar; noch vor dem
Einschlafen ergötzte uns ein lieblich tönender, von Flöten begleiteter,
zweistimmiger Gesang, der sich nahe bei den Fenstern unsers Zimmers von
einer vorüberziehenden Gesellschaft vernehmen ließ.
Die Stille des Sonntag Morgens, am 18ten September, wurde in den sich
immer gleich bleibenden, grünenden Auen durch nichts gestört, das etwa
die Sinnen sehr anzuziehen vermocht hätte. Noch vor Mittag erreichten
wir ~Mohacs~, dessen reiche Ebene an das malerisch schöne Gebirge
von Villany und Hersany, so wie an die Höhen sich anlehnt, welche das
breite Thal von Fünfkirchen begränzen. Unser Dampfschiff hielt hier, um
neue Steinkohlen einzunehmen, mehrere Stunden und ließ uns Zeit, den
in vieler Hinsicht merkwürdigen Ort zu besehen. Jene Höhe bei Hersany
und Villany, die sich in Gestalt eines rundlichen Grabeshügels über
die Ebene erhebt, trägt allerdings, gleich dem Tumulus des Patroklos
oder Achills die Bedeutung eines alten Heldengrabes an sich; denn diese
Ebene ist ein großes, mit vielem Blute benetztes Schlachtfeld der
Völker, auf welchem das eine Mal die Macht des türkischen Halbmondes
so zum Wachsen kam, daß der Morgenstern der Herrlichkeit dieses
Landes vor seinem Glanze erlosch; das andre Mal aber so ins Abnehmen
gerieth, daß sein schwaches Licht in der Helle des neuanbrechenden
Tages verschwand. Am 29ten August 1526 traf hier bei Mohacs die Schaar
der Christen unter Ludwig +II.+, dem Könige von Ungarn, auf das
Heer der Türken, welches Suleiman der Große zur Schlacht führte. In
der That ein ungleicher Kampf; denn die Armee der Christen, der Zahl
nach nicht viel mehr als ein Zehntheil der türkischen, war ein Gemächte
aus vielen unter einander streitenden Gliedern, denen ein kräftig
herrschendes Haupt fehlte, weil der erst 20jährige König, zwar von
seiner Geburt an[28] durch manche Schule der Schmerzen gegangen, die
stählende Kraft aber derselben immer von neuem in der erschlaffenden
Wärme seiner nächsten, nur auf Sinnenlust denkenden Umgebung wieder
verloren hatte; während Suleiman, der Schrecken der Völker vom Nil bis
zum schwarzen Meere, ein vollkommner Herrscher und Heerführer seiner
an Kampf und Sieg gewöhnten Schaaren war. Als dort, in den Sümpfen des
nachbarlichen Czelie der fliehende junge König, unter der Last seines
gestürzten Rosses den Tod gefunden, da brach die furchtbare Verheerung
durch Feuer und Schwert der Türken über das ganze wehrlose Land herein
und erfüllte dasselbe bis gen Gran, ja bald nachher bis gen Wien,
mit Wehklagen und mit einem Elend, welches über einen großen Theil
von Ungarn länger denn anderthalb Jahrhunderte lastete. Aber eben in
dieser nämlichen Ebene von Mohacs kam auch für jenes Land eine Stunde
der großen Errettung, als am 16ten August 1687 hier das Heer der
Türken, das der Großvezier führte, von jenem der Christen, welches der
Herzog von Lothringen befehligte und Prinz Eugen beseelte, vollkommen
geschlagen ward. Achtzig Kanonen und das ganze christliche Lager waren
vormals (im Jahre 1526) in die Hände der Türken gefallen; achtzig
Kanonen und das ganze Lager der Türken wurden jetzt in die Hände der
christlichen Sieger zurückgegeben; und wie damals der zwanzigjährige
König Ludwig ein Triumph der Türken ward, so triumphirte jetzt ein
nicht viel mehr als zwanzigjähriger christlicher Held, Prinz Eugen von
Savoyen über die Türken, als er, in jugendlicher Kampflust zuerst die
Gräben des feindlichen Lagers erstieg und nach beendigter Schlacht
den Auftrag des Feldherrn empfieng: die Kunde des Sieges selber nach
Wien zu bringen[29]. War es doch derselbe Eugen, der 10 Jahre später
als Feldherr dort im Osten von Mohacs, bei Zenta die von dem Großherrn
selber geführte Uebermacht der Türken brach, und endlich nach wiederum
2 mal 10 Jahren (am 10. August 1717) das Lager des Großveziers bei
Belgrad vernichtete, wobei 140 Kanonen und unmittelbar nachher Belgrad
selber eine Siegesbeute der Christen wurden.
Die Geschichte der beiden, an Erfolg so ungleichen Schlachten bei
Mohacs ist in dem dortigen erzbischöflichen Pallast in zwei großen
Schlachtgemälden dargestellt, die man in ihrer gerade nicht sehr
kunstwerthen Art als »grausam schön« bezeichnen könnte. Wir besahen sie
dennoch, so wie das bei ihnen befindliche Porträt des unglücklichen
Königs Ludwig, dann erquickten wir uns im Gasthaus an dem berühmten
Sexarder Wein, der hier in der Nähe wächst und an kräftig bereiteter
Speise, später mischten wir uns unter das sonntäglich geschmückte
Volk, das heute außer dem Sonntag selber noch ein andres Kirchenfest
feierte. Mohacs hat mehr als 8000 Einwohner, denen man großentheils
Wohlhabenheit und gutmüthiges Wohlbehagen anmerkt. Ich habe das Volk
der Ungarn, so weit ich es auf dieser Reise kennen lernte, wahrhaft
liebgewonnen. Es erinnerte mich oft, in seiner Art und Sitte, an jene
~Sarolta~, das schöne Weib des heidnischen Ungarnköniges Geyssa,
welche den Keim der höheren, geistigen Gestaltung in ihr Volk legte,
als sie, selber Christin, zuerst den Gemahl, dann, durch ihren Sohn:
König Stephan +I.+ das Vaterland zum Christenglauben hinführte.
Diese, kräftig und entschlossen wie sie war, wußte nicht allein,
gleich einem Reutersmann zu Pferd zu sitzen und das Roß zu bändigen,
sondern, an der Seite des kämpfenden Gemahles, auch das Schwert zu
führen; sie achtete während des Feldzuges nicht Beschwerde noch Gefahr,
dagegen achtete sie auch des Spottes der Fremden nicht, wenn sie, nach
väterlicher Sitte, den Männern beim Trinken Bescheid that. So liegen
auch in dem kräftigen, entschloßnen Volke der Ungarn vielversprechende
Keime einer immer höheren Ausgestaltung und der entschiedene Hang zum
Festhalten an väterlicher Art und Weise.
Einige Stunden nach Mittag war das Geschäft des Einnehmens der
Steinkohlen ins Schiff beendigt, die Fahrt gieng weiter an der
sumpfigen, durch ihre große Schweinezucht berühmten Margarethen-Insel
hin. Gegen Abend erreichten wir, vor ~Dalya~, den Punkt, da die
Drau, aus grünen Waldungen herkommend, sich zur Donau gesellt, und
bald hernach warf unser Dampfschiff mitten im Strome Anker. Vormals
hätte sich freilich gerade in dieser Gegend ein gastlicherer Ruhepunkt
gefunden als der im Wasser, denn hier zur Rechten, wo sich am Einfluß
der Drau auf dem hüglichen Vorgebirge vereinzelte Ruinen zeigen, stund
zu den Zeiten der Römerherrschaft ~Teutoburgum~ und später die
Veste von Erdöd. Das Land zur Rechten des Stromes, vom Einfluß der Drau
bis zu jenem der Save gehört zu Slavonien, dessen reiche Ebene bei dem
wohlhabenden Marktflecken ~Vukovar~, am Einfluß der Vuka, wo wir
am andern Morgen vorüberfuhren, so wie noch mehr die waldigen Höhen,
welche bei der Ruine von Scharengrad und Illok die Ufer begränzen,
einen neuen, sehr angenehmen Eindruck auf das Auge machen. Hinter
~Illock~, auf einer Anhöhe des Sissatovajischen Bergrückens
zeigen sich die Ruinen von drei, wahrscheinlich römischen Kastellen,
unfern von ihnen im Walde die Trümmer eines Dianentempels mit einigen
halbzerbrochnen Säulen. Die Worte: Zerstörung und Vernichtung
wiederholen sich hier, in der Zeichensprache der Natur und der
untergegangenen Herrlichkeiten der Menschenhand, in den verschiedensten
Sprachen und Dialekten; denn während über die bergigen Ufer der rechten
Seite der Graus der Zerstörung durch Krieg und Kampf der Menschen ihren
Lauf nahm, war die fruchtbare, ungarische Ebene auf der linken Seite,
vornämlich zwischen O-Palanka und O-Futak, wiederholten Einbrüchen des
Stromes ausgesetzt, welche noch jetzt die Wohnstätten und das Eigenthum
der Menschen fortwährend gefährden und unsicher machen. Unsicher
jedoch wie dieser Boden erscheint, ist er dennoch nicht ohne mächtig
anziehenden Reiz, denn während sich bei ~Szussek~ das rechte
Ufer mit Weinbergen schmücket, vergnügt sich das Auge an der linken
Seite bei ~O-Futak~ und ~Kamenicz~ an den üppig grünenden
Baum- und Gartenanlagen, welche durch ihre etwas höhere Stellung gegen
die Verheerungen der Fluthen geschützt sind. Gegenüber der Festung
~Peterwardein~ bei der ansehnlichen Handelsstadt ~Neusatz~,
legte das Dampfschiff an, um hier Waaren auszuladen und einzunehmen.
Die Veste von Peterwardein liegt auf einem Serpentinfelsen, der sich
194 Fuß über den Wasserspiegel erhebt; im Halbkreis umschließet als
eine zweite, untere Vestung die eigentliche Stadt die gewaltigen
Mauerwerke der oberen Vestung. An der Stätte von Peterwardein, das wie
man sagt von Peter dem Einsiedler, dem Anführer der ersten Kreuzfahrer
seinen Namen empfieng, lag das ~Milata~ der Römer; die untere
Festung wurde erst im 6ten Jahrzehend des vorigen Jahrhunderts erbaut.
Obgleich die benachbarte Eugeniusinsel kein Denkmal enthält, das des
Siegers und Bändigers der türkischen Macht würdig wäre, läßt sich
dennoch der Felsenhügel von Peterwardein schon für sich allein als ein
Ehrendenkmal des Helden betrachten, der hier am 5ten August 1716 einen
der größesten Siege über die Türken erfocht, welche die europäische
Christenheit jemals über diese Feinde feierte. Das ganze türkische
Lager mit der reichen Kriegskasse der Feinde und 170 Kanonen waren die
eine, die Eroberung von Temes war die andere Frucht dieses Sieges; das
Wehen der Paniere, welche der Sieger weithin in dem wiedergewonnenen
Lande aufstellte, verbreitete Furcht und Schrecken durch alle Länder
der Osmanen, Freude und Jubel durch alle Länder der europäischen
Christenheit vom Eismeer bis zu den Pyrenäen. Seit diesen glorreichen
Tagen konnte auch Neusatz, das kurz vorher nur ein armes, serbisches
Fischerdorf war, sich zu einer blühenden Handelsstadt erheben, welche
in unsern Tagen schon gegen 20,000 wohlhabende Einwohner zählt, unter
denen viele deutsche Handwerker und Handelsleute sind. Beide Städte,
Neusatz und Peterwardein, so nahe unter sich verschwistert wie Pesth
und Ofen, sind durch eine Schiffsbrücke verbunden.
Jenseits Peterwardein gehet die Fahrt an den mit herrlichen
Eichenwaldungen gekrönten, von Weinpflanzungen umsäumten Gebirge
von Fruska Gora vorüber. Hier soll Kaiser Probus die ersten Reben
gepflanzt haben; in den anmuthigen Schluchten des Gebirges liegen 15
griechische Klöster zerstreut, welche den Reisenden in all ihrer Armuth
aufs Freigebigste Obdach und Bewirthung darbieten. Obgleich etwas
weiterhin die ausgedehnten Sandflächen und Sandbänke des Ufers die
zuströmende Macht des Stromes verrathen, so wird dennoch das Auge durch
den Anblick der überreichen Weinbergshügel des am äußersten Saume der
Fruska Gora lieblich gelegenen ~Carlowitz~ viel mehr an die Segnungen
erinnert, welche die Nähe des Wassers bringt. Der hiesige, köstliche
Wein gedeiht nicht selten in solcher Fülle, daß man im Jahr 1812 den
Eimer desselben um 48 Kreutzer verkaufte. -- Von ~Slankamen~, das an
der Stätte des römischen ~Acimincum~ liegt, strömt die mächtige Theiß
in die noch mächtigere Donau; bei ~Szurduck~ lag das ~Rittium~ der
Römer. Allmälig sahen wir jetzt die Gebirge des Fremdlingslandes, das
unter der Herrschaft des Halbmondes steht, aus der Ebene aufsteigen,
vor allem den durch seine rundliche Form ausgezeichneten Avalaberg,
welcher 5 Stunden südwärts von Belgrad liegt und goldhaltig seyn soll.
Ein erfrischender Wind wehete uns aus Westen, vom Gebirge her entgegen;
Heerden von großen Wasservögeln zogen schwerfälligen Fluges über uns
hin; auf dem Strome bewegte sich das Gedräng der Fischerboote und
der kleinen Frachtschiffe, welche Waaren und Handelsleute zu einem
Jahrmarkt in der Nachbarschaft hinführten; mitten durch alle und an
ihnen vorüber schritt unser Dampfschiff so eilenden Laufes vorbei, wie
ein schnelles Roß an den Heerden der auf der Weide gehenden Stiere.
Noch in einer frühen Nachmittagsstunde erreichten wir ~Semlin~, bei
welchem unser Fahrzeug, weil dies eine seiner Hauptstationen war,
für die künftige Nacht anlegte. Obgleich der Landungsplatz eine
ziemlich weite Strecke von der Stadt und ihren Gasthäusern abliegt
und die Abfahrt am andern Morgen sehr zeitig geschehen sollte, zogen
wir es dennoch vor, statt im Schiffe, auf dem Lande zu übernachten,
auf welchem es uns während der bisherigen, kurzen Reise durch Ungarn
überall so wohl ergangen war. Als wir denn da über den Damm des
Donauufers und durch die nur aus Hütten bestehende Vorstadt einzogen,
wachte unwillkührlich, in Einigen von uns, jene Stelle aus dem alten,
deutschen Volkslied von Prinz Eugen auf: »bei Semlin schlug man das
Lager, alle Türken zu verjagen.« Doch dieser Nachklang aus mancher
fröhlichen Stunde in der theuren Heimath mußte bald vor dem ernsteren
Eindruck verstummen, den die Gegenwart auf uns machte. Das Zimmer,
das man uns im Gasthaus zum Löwen anwieß, hat die freie Aussicht nach
dem ganz nahen, am jenseitigen Ufer der Save gelegenen ~Belgrad~,
dessen Festung, mit der hochgewölbten Moschee, so wie die untere, am
Ufer des Flußes sich ausbreitende, sogenannte Wasserstadt, mit dem
Pallast des Fürsten Milosch in größester Deutlichkeit vor uns lagen.
Der Halbmond der Minares erglänzte dort in einem von der Abendsonne
erborgten Glanze, während das Abendgeläute der christlichen Kirchen
zu Semlin von einem Lichte sprach, das älter und bleibender ist, denn
jenes der Sonne. Uns freilich lauteten heute diese Glockentöne wie die
Worte eines Abschiedes, den eine gute Mutter von ihren hinwegwandernden
Söhnen nimmt, obgleich bei den Gedanken des Ernstes das freudige Gefühl
war, von dem hülfreichen Nahebleiben und der Gewißheit des Wiedersehens
der Mutter.
Der wunderschöne Abend zog Mehrere von uns noch auf einige Augenblicke
hinaus, zum Besuchen der Stadt und ihrer Umgegend. Das jetzige Semlin
liegt nahe an der Stätte des ~Taurunum~ der Römer, welches,
weniger durch seine Größe oder durch Verkehr und Handel als durch seine
große Festigkeit ausgezeichnet, zum Anhaltspunkt jener Abtheilung
der Donauflotte diente, die gewöhnlich beim Ausfluß der Save sich
aufhielt. Dagegen hat das heutige Semlin die vormalige Bestimmung
zur Festung ganz aufgegeben und sich mit seinen 9000 Einwohnern die
friedlichere des Handels und Verkehrs erwählt. Serbische, griechische
und türkische, mit ihnen einzelne deutsche und italienische Kaufleute
haben sich einträchtiglich in dieses Geschäft getheilt; die deutsche
Sprache scheint allgemein unter ihnen verständlich; selbst die Häuser,
wenigstens in etlichen Straßen der innern Stadt, wo sich auch ein
Straßenpflaster findet, erinnern durch Bauart und Einrichtung an
das Vaterland. Dagegen gleichen die kleinen Häuser des nördlichen
Stadttheiles, die sich an den sogenannten Zigeunerberg anlehnen, den
Hütten der stets zum Wegziehen bereiten Pilgrime, und die Ruinen der
Burg des Johann Hunvads, die hier auf einem kleinen Hügel gesehen
werden, reden von Krieg und Zerstörung. Die Quarantäneanstalt, welche
auf der andern Seite der Stadt liegt, umfasset in ihrem von 12 Fuß
hohen Mauern umschloßenen Raume, außer den Magazinen, 6 einstöckige,
massive Häuser, welche, sammt ihrem freien Vorplatz, von einem hohen
Stacketenzaun eingefaßt und durch diesen äußerlich, so wie innerlich
durch die Mauern, in vier verschiedene Quartiere, für eben so viele
Reisegesellschaften abgetheilt sind. -- An der Wirthstafel in unserm
Gasthause trafen wir beim Abendessen Landsleute aus den verschiedensten
Gegenden von Deutschland, welche großenteils der Handel hieher gezogen
hatte; das Tischgespräch ergieng sich bald am Rhein, bald in den
Gegenden des Mains und der Elbe, oder in jenen der Spree.
Der Morgen des 20ten Septembers brach unter Regengewölken an, die
jedoch bald zerrissen und den blauen Himmel wieder durch sich
hindurchblicken ließen. Der erste Reiseeindruck den wir heute
empfiengen, war der nahe Anblick der Festung ~Belgrad~, (dem
~Singidunum~ der Römer, das Justinian mit starken Mauern umschloß),
der so oft von Türken und Christen belagerten, eroberten und
wiederverlorenen. Wem sollte nicht vor allem, bei dem Anblick dieser
alten Mauern ~Johann Hunyads~ und ~Capistrano's~ Heldenmuth und
Heldenglaube in die Erinnrung kommen, welche hier bei Belgrad ein
fester Damm wurden, an welchem die wilde Kraft Mohammeds +II.+ und der
Uebermuth der Türken sich brach. Denn schon gedachte dieser zweite
Mohammed den Halbmond, so wie auf der Sophienkirche und den Zinnen
des von ihm eroberten Constantinopels, auch in Ofen, ja auf der St.
Stephanskirche und den Zinnen von Wien aufzupflanzen, als seinem in der
rasenden Trunkenheit der vielen Siege fast unwiderstehlich gewordenen
Heere am 14. Juli 1456, gerade drei Jahre nachher, nachdem der
türkische Eroberer alle Herrscher der christlichen Nachbarstaaten als
Zinnspflichtige erklärt und abgeschätzt hatte, Johann Hunyad zuerst die
Lehre gab, daß es im Reiche der Christenheit noch Köpfe gäbe, an welche
man bei der Berechnung der türkischen Kopfsteuer nicht gedacht hatte.
Denn an diesem Tage schlug der ungarische Held auf der Donau die Flotte
der Türken, eroberte 3 Galeeren, bohrte 4 in den Grund, die übrigen
ließ der Sultan selber verbrennen, damit sie nicht Beute der Christen
würden. Noch aber stund am Lande das Heer des Mahommed: eine furchtbare
Macht durch seine mehr denn anderthalbmal hundert tausend wohlgeübte
Krieger, durch seine 300 Kanonen, unter denen 22 die Riesengröße von 27
Fuß hatten und sieben Mörser zentnerschwere Steinkugeln schleuderten.
Tag und Nacht hörte man den Donner dieser gegen Belgrad gerichteten
Geschütze, bis nach dem 24 ungarische Meilen entfernten Szegedin und
schon waren die Mauern zerschmettert, schon war über ihre Trümmer
Mohammeds Heer am 21ten Juli in die untere Stadt erobernd eingezogen,
auch die Mauern der obern, so wie Hunyads Muth, welcher die Festung
schon als verloren betrachtete, waren gebrochen; da setzte Capistrano's
gottbegeisterte Rede andre, höhere Kräfte in Bewegung als die der
Mörser und Riesenkanonen des Feindes waren. Er, an der Spitze jener
mit dem Kreuz bezeichneten, meist aus ungeübten Bürgern, Landleuten
und Studenten gebildeten Schaar, welche sein feuriger Glaubensmuth
für diesen Kampf geworben und entflammt hatte, schreckte zuerst die
über den Schutt der gestürzten Mauer heraufklimmenden Türken durch
angezündete, in Schwefel getauchte Reisigbündel zurück und wagte
dann, mit nur 1000 Kreuzfahrern, einen angreifenden Anfall auf das
mehr als hundertfach stärkere türkische Heer. Es war ein Schrecken
von Gott, der die Tiger des Ostens ergriff, als sie mit dem lauten
Schlachtruf Allah, vor jenem äußerlich schlecht bewaffneten Häuflein
flohen, das mit dem Loosungsworte »Jesus« ihren mordenden Waffen sich
entgegenwarf. Mohammed selber, am Schenkel verwundet, ward zur Flucht
vor diesen »Hündlein« hingerissen; 24,000 Türken lagen erschlagen
auf dem Schlachtfeld vor Belgrad, unter ihnen der tapfre Feldherr
Karadscha und Hasan der General der Janitscharen; hundert Wägen, mit
Verwundeten beladen, zogen mit dem Reste des feindlichen Heeres gen
Sophia; das ganze Belagerungsgeschütz der 300 Kanonen war in die Hände
der Christen gefallen. So endigte für diesmal der Lauf der Eroberungen
Mohammeds, der so unaufhaltsam geschienen, vor Belgrad und der Sieg
der Christen hätte noch andre, bedeutungsvollere Früchte getragen,
wären nicht bald nachher Hunyad und Capistrano, so wie ein großer
Theil der Schaaren des Letztern der Seuche erlegen, welche vielleicht
aus dem verpesteten Aushauch des blutgetränkten Landes ihren Ursprung
genommen hatte. Aber Belgrad mußte dennoch der türkischen Macht sich
beugen, denn schon unter der Regierung Ludwig +II.+, am 29. August
1521, ward diese für unüberwindlich gehaltene Veste durch Suleiman
erobert, nachdem ein Häuflein von 700 tapfern Ungarn und Serbiern,
unter des ritterlich kühnen Morgai Oberbefehl, drei Monate lang der
Uebermacht des türkischen Heeres widerstanden hatte. Und auch jetzt,
hätte die Vertheidiger der Stadt der Schrecken, den die Macht der ihnen
noch unbekannten Minen erregte, noch nicht zur Uebergabe bewogen,
wäre nicht die Ueberzahl der Serbier, die als griechische Christen
ein unglücklicher Religionsstreit mit den Ungarn entzweite, auf der
Capitulation bestanden, in welcher zwar von einem freien Abzuge die
Rede war, der jedoch von den Türken nachmals nur den Seelen der von
ihnen niedergehauenen Streiter, nicht den lebenden Leibern gegeben
wurde. Erst am 6ten September 1688 ward Belgrad von neuem durch das
christliche Heer, das der Churfürst von Bayern befehligte, erobert,
schon im October 1690 aber, als ein, wie man glaubt, durch Verrätherei
entzündetes Pulvermagazin die Mauern zerstört hatte, gieng es zum 2ten
Male an die Türken verloren, wobei von 8 der besten Regimentern des
christlichen Heeres nur 500 Mann sich auf Schiffen retteten. Und was
half es, daß Prinz Eugen im Jahr 1717 es wieder gewonnen hatte, ward es
doch schon ein Jahr nach dem Tode dieses großen Helden, im Jahr 1737,
in dem leichtsinnig und übereilt abgeschlossenen Belgrader Frieden den
Türken ohne Schwertstreich überlassen, ja selbst, nachdem Landon 1789
noch einmal sie genommen, kam die Veste schon in dem Friedensvertrag
von 1791, den das Unglück der damaligen Zeiten Oesterreich abnöthigte,
wieder in die Hände der Feinde. Jetzt sind alle die Werke, welche
besonders während des österreichischen Besitzes von 1717 bis 1737 hier
angelegt waren, in einem sehr augenscheinlichen Verfall.
Bei ~Panczova~ verließ uns ein Theil unsrer Handel treibenden
Reisegefährten; mit der geflügelten Schnelle unsres Dampfschiffes
eilten wir weiter auf der Bahn des Wassers hinab; das Auge,
ohnehin durch einzelne Regenschauer gehindert, konnte nur schnell
vorüberziehende Streifzüge machen, bald hinüber in die fruchtreiche
Ebene des Banats, bald in die immer näher an den Strom heranrückenden
waldbedeckten Gebirge und Weinbergshügel von Serbien, und in Kurzem
sahen wir uns schon bei der dreieckig geformten, serbischen Festung
Semendria[30], an deren zinnenreichen Mauern dreimal sieben viereckte
Thürme sich erheben. In der That, es ist etwas Schönes um die Eile
eines Dampfschiffes. Von Pesth nach Semlin beträgt der Weg 75 Meilen,
wir waren (den Aufenthalt bei Nacht und bei Nebel abgerechnet) kaum
26 Stunden gefahren. Von Semlin oder Belgrad würde ein Fußgänger
fast einen ganzen Tag lang bis nach Semendria zu gehen haben, denn
die Entfernung beträgt 12 Stunden, wir aber hatten diese Strecke
fast in zwei Stunden zurückgelegt. In der Nachbarschaft der alten,
thürmereichen Vestung von Semendria sahen wir auch den ersten
türkischen Gottesacker, über dessen weißen Denksteinen der Baum, der
unter allen andren ein Sinnbild der freudig emporstrebenden Kraft
seyn könnte: die Zypresse, als Sinnbild der Trauer dastehet. Weiß
doch die jugendlich kräftige Natur dieses Landes überall, besonders
am rechten Ufer des Flußes, Das was ans Veralten und an Zerstörung
erinnern könnte, mit ihren Reizen zu verhüllen und zu bekleiden, denn
die Trümmer der alten Burgveste von ~Kulich~, am Einfluße der
Morava in die Donau werden unter der Fülle der Gärten und Weinberge
kaum bemerkt; der Pestkirchhof, nahe an der Eugeniusschanze, auf der 6
Stunden langen Insel Ostrava, wird von dem lieblichen Grün der hohen
Bäume beschattet; ~Rama~ (das vormalige Armata?) mit seinem alten
römischen Kastell, stehet, umgürtet von seinen waldbewachsnen Felsen,
wie ein zwar grauhaariger, aber noch immer starker Held da, welcher
der Hut des Landes wartet. Noch am 28ten Juni 1788 vertheidigte der
damalige Lieutenant Joseph Baron ~Lopresti~ dieses Schloß mit
23 Mann gegen 4000 Türken und ihre Kanonen, bis zuletzt das von dem
Feind in Flammen gesetzte Gebäude die tapfre, kleine Schaar unter den
zusammenstürzenden Trümmern begrub. Rama gegenüber, am linken Ufer der
Donau, scheint ~Uj-Palanka~, nahe vor dem Einfluße der Nera, den
vorüberziehenden Schiffer in seine freundlichen Wohnungen einzuladen.
Von hier an zieht sich auch an dieser Seite die Ebene zurück, und das
banatische Gebirge, von Norden herkommend, tritt an ihre Stelle. Der
Strom, von einem hier fast beständig wehenden Zugwind des Engthales
erfrischet, windet sich nach Südosten, rauschet an der grünenden
Felseninsel Nova gaja vorüber und zeiget den Ruinen der serbischen
Festung ~Gradisca~ das Bild ihrer veralteten Herrlichkeit in
seinem Spiegel.
Gerade die Stelle des linken Ufers, bei welcher unser Dampfschiff,
um neue Steinkohlen einzunehmen, einige Stunden lang verweilte: der
Bergabhang von ~Bassiacz~ gewährte wenigstens in dieser Jahreszeit
kein besonderes Interesse. Die vorhergegangene, lang anhaltende Dürre
hatte an den jenseits des kleinen griechischen Kirchleins häufig
wachsenden Rosengesträuchen nur noch die Dornen, keine einzige der
schönen Blüthen zurückgelassen, auch die Schmetterlingsblume der hier
gedeihenden Hülsengewächse war zur unscheinbaren Frucht geworden.
Statt des Gesanges der Vögel oder des Blöckens der Lämmer hörte man
nur das unliebliche Grunzen einer Schweinheerde, welche auf den Ruf
einer Frau die aus der Wohnung des griechischen Geistlichen hervortrat,
aus Wald und Gebüsch herbeieilte und an dem reichlich hingeworfenen
Mittagsfutter sich sättigte, während ein kleiner Zigeunerknabe, der
den Hirtendienst versahe, durch einen andren, deutschredenden Knaben,
der ihm zum Dolmetscher diente, gegen uns die Klagen und Wünsche des
bittern Hungers aussprach[31].
In ~Alt-Moldawa~, bei welchem wir am Nachmittag einige Augenblicke
anhielten, weil hier der Capitän unsres Dampfschiffes Vorkehrungen
für unsre morgende Weiterförderung zu treffen hatte, fanden wir ein
fröhliches Gedränge festlich gekleideter Menschen. Jenseit des Orts
zeigen sich die Trümmer einer zerstörten Burg und etwas weiter nach
Norden das Bergbau treibende ~Neu-Moldawa~. Der Strom begiebt
sich nun von neuem in die einsame Wildniß der Gebirgswände, aus denen
sich auf der linken (ungarischen) Seite der Fels Tivadicza; auf der
serbischen der Jocz hervorhebt, und welche für die Bahn des Wassers
zum Theil nur einen Raum von 500 Fuß übrig lassen. Der mächtige Fluß
wird zwar schon längst nicht mehr durch diesen Engpaß so angestaucht
und gehemmt als vormals, wo sein Gewässer in der Ebene des Banats
einen großen Landsee bildete, aber sein lautes Rauschen und Anbranden
gegen die Felsen verräth die Gewalt, mit welcher er noch immer sich
durchdrängen muß. Während das Ohr des sicher dahin Schiffenden mit dem
Brausen des Wassers sich unterhält, wird das Auge mächtig angezogen und
entzückt durch die wahrhaft majestätische Form der Felsenberge und der
Burgruinen von ~Golubacz~ und der ihm auf der linken Seite des
Stromes gegenüberliegenden vormaligen Veste von ~Babakaly~. An
den riesenhaften Gemäuern von Golubacz haben sehr verschiedene Zeiten
gebaut, denn ein Theil derselben ist offenbar ein Werk der Römer, die
hier eine Veste, ~Cupus~ genannt, besaßen; ein andrer Theil, dies
bezeugen die arabischen Inschriften, ist von der Hand der Türken.
Unter den alten Thürmen dieser Veste wird der, welcher am weitesten
nach oben liegt, für das Gefängniß der schönen, griechischen Kaiserin
Helena gehalten. So hehr und lieblich diese Gegend dem Vorüberreisenden
erscheint, so furchtbar ist sie dem, mit der Natur des Landes bekannten
Eingebornen, weil hier aus dem Schooße der Schönheit Schrecken und
Verderben hervorgehen. Denn gerade dieses zur Ruhe in seinem Schatten
einladende von klaren Quellen und kleinen Wasserfällen durchwebte,
malerisch schöne Grün der Waldungen gebiert in der wärmeren Zeit des
Spätfrühlinges jene Schwärme der Golubaczer Mordmücken[32], welche in
manchen Jahren in unermeßlicher Menge über das ganze, benachbarte
Land sich verbreiten und ganze Heerden des Viehes, dem sie durch
Nase und Mund in die Luftröhre und Eingeweide dringen, plötzlich
tödten oder in Lebensgefahr bringen. Weil diese sehr kleine Mücke,
welche auch in andern Gegenden von Europa, obwohl nirgends in solcher
übermächtiger Menge vorkommt, bei kühlem Wetter und eintretendem Regen
sich in die Felsenhöhlen und Klüfte verbirgt, wo man sie dann oft in
ungeheuren Massen zusammengehäuft finden kann und von wo aus dieselbe
bei wiederkehrender Wärme in ganzen Wolken hervorbricht, ist daraus
die Volkssage entstanden, daß sie ihren Ursprung aus diesen Höhlen,
besonders aus einer, unterhalb Golubacz gelegenen nähmen, in welcher
der h. Georg den Drachen erlegt haben sollte. Vergeblich war aber, dies
zeigte die Erfahrung, das Bemühen, durch das Vermauern mehrerer solcher
Höhlen der Vermehrung der Mordmücken Einhalt zu thun; man hatte ihnen
nur ein und den andern bequemeren Schlupfwinkel genommen, worinnen
sie bei kühler Zeit leichter als anderwärts durch Feuer zu tödten
gewesen wären; statt dessen fanden die furchtbaren Schwärme einen
andern Bergungsort in hohlen Bäumen und Felsenklüften. Nur Eines kann
dem Verderben steuern, das hier aus einer ungebändigten Ueberfülle der
sich selber überlassenen, herrscherlosen Natur entsprang: das ist der
Fleiß der Menschenhand, welcher das feuchte Dickig durchbrechen, das
in den Schluchten stehende Wasser der Sümpfe ableiten, den faulenden
Abfall und die erstorbenen Reste der organischen Körper hinwegräumen
müßte. Aber das Auge vermisset hier in diesem serbischen, so reich
begabten Waldgebirge und Wiesenland nur zu sehr die Hand des ordnenden
Herrschers; es fehlt demselben, wie einem schon ganz zur Wohnung
eingerichteten Hause der Bewohner selber: der Mensch; auf jeder Miene
der dortigen Natur und Creatur spricht sich ein sehnliches Warten des
besseren Künftigen aus.
Von Golubacz fuhren wir auf dem hier wieder in breiterer Strombahn,
immer aber noch in reissender Schnelle verlaufenden Fluße nur noch
eine kurze Strecke, dann warfen wir am linken Ufer Anker; an einer
Stelle, bei welcher keine Ortschaft in der Nähe sich zeigte. Denn
hier fand sich jene Gränze, welche damals noch, wenigstens bei
niedrem Wasserstande, die von Menschenhänden unbezwungene Natur, der
Dampfschifffahrt von da an bis zum eisernen Thor jenseits Orsowa
setzte. Aber nicht der unternehmende Sinn der Dampfschifffahrer allein,
sondern auch die Vorstellung die man etwa zu der ungarisch-serbischen
Donauklause von ferne her mit sich brachte, muß vor dieser Wildniß der
Felsengebirge sich beugen, denn seines Gleichen mag dieser Engpaß,
wenigstens in Europa nur wenige haben, weil die Macht und Fülle des
Stroms, die sich da in den Kampf mit der Veste der Erde begiebt, eine
größere ist, als die der meisten andern Ströme unsres Welttheiles.
Es wunderte mich nun nicht mehr, daß jener gekrönte Freund der
Architektur: Kaiser Trajan, dessen Geschmack an großartig Schönem
so viele Bauwerke verkünden, seines Namens Gedächtniß so eifrig und
wiederholt in diese Felsenwände einschreiben lassen; denn hier vergnügt
sich das Auge an einer Baukunst der Natur, deren Herrlichkeit wie
der Flug des Adlers den Flug eines im Käfig erzogenen Vogels, so die
Herrlichkeit der Menschenwerke besieget. Der Engpaß, zu welchem das
eiserne Thor gehört, ist keinesweges durch die mechanische Gewalt
eines da hindurchreissenden Gewässers entstanden, sondern durch jene
krystallinisch bauenden Kräfte der Natur gebildet, welche bei dem
Entstehen der jetzigen Erdveste aus dem formlosen Zustand[33] der
Massen, die einzelnen Stämme und Gruppen der Gebirge von einander
sonderte und abgränzte. Es nähern sich bei diesem Engpasse der vom
Kaukasus entsprossene Hauptstamm der nordistrischen Gebirge und der vom
Höhenzug des Antitaurus herkommende südistrische allerdings einander
so sehr, daß sich ihre tieferen Wurzeln, wie die zweier nachbarlichen
Gewächse in einander verpflechten, das aber, was zuletzt die Wände der
so nahe gerückten Höhenzüge als Zwischenkluft von einander abgränzt,
das scheint eine Wirkung derselben Kraft, welche die Flächen zweier
nachbarlichen Krystalle gesondert hält. Die Felsarten zu beiden Seiten
gehören vorherrschend zum Geschlecht der granitischen Gebirge.
Ein kleines, aber bequem genug eingerichtetes Ruderschiff, von
tüchtigen, des Ortes kundigen Schiffsleuten bewegt und geleitet,
brachte uns am andern Tage, den 21sten September weiter, und die
dritthalbstündige Verzögerung, die uns bei der Unterschrift der Pässe
in dem höchst uninteressanten ~Trenkowa~ zustieß, erschien uns
härter als die leicht vermeidliche Gefahr, welche die Klippenreihe
des Sztenka gleich am Anfang der Fahrt hätte bringen können, obgleich
weiter abwärts unser Schifflein, wegen des niedern Wasserstandes, auf
einer der Klippen für einige Augenblicke festsaß. Der Strom ist da,
wo er aus der Hemmung der Felsenriffe sich hinausringet, so kräftig
schnell, daß er das Fahrzeug auch ohne Ruderschlag bald gegen
~Berszaszka~ hinfördert, dessen Wachtthürme sich am linken,
ungarischen, gegenüber einer Burgruine am rechten, serbischen Ufer
zeigen. Eine halbe Stunde unterhalb Berszaszka, bei dem Wachthause
Welika Kozla, verräth die starke Brandung des Stromes ein andres,
durch sein Bette hindurchsetzendes Felsenriff. Von hier, etwa in
einer Entfernung von einer Viertelstunde, folgt bei dem Einfluß
des Szirinyakbaches in den Hauptstrom die Charybdis des unteren
Donaulaufes: der berüchtigte Jardop- oder Kurdapwirbel, der durch das
Zurückprallen des Wassers von den Felsenwänden des serbischen Ufers
entstehet, hierauf die freilich nur bei hohem Wasserstande gefährliche
Skylla: der mitten aus dem Flußbette hervorragende Doppelfels Bioolj.
Drei Viertelstunden weiter hinabwärts drohet das laut gegen die Felsen
des Izlas und weiter abwärts des Tachtalia anbrandende Wasser eine
neue Gefahr, welcher noch im Jahr 1833 fünf große Fahrzeuge erlagen,
indem sie an den hier überall nahe zur Oberfläche heraufragenden
Klippen zerscheiterten. Diese Gefahr wird vermieden, wenn sich die
Schiffe ganz nahe zum serbischen Ufer halten, an welchem ein fahrbarer
Paß von 60 Fuß Breite offen stehet. Jenseit des minder gefährlichen
Felsens Brany, bei dem serbischen Flecken ~Porecz~ und der nach
ihm benannten Insel Porecza beginnen die Donaufälle, von denen jene
des linken, stärkern Armes, über Klippen hinabstürzend, auch für die
kühnsten Schiffer unfahrbar sind, während die des rechts an der Insel
vorbeiströmenden, serbischen Armes selbst stromaufwärts befahren
werden, obgleich das Wasser mit solcher Gewalt über die rundlichen,
glatten Felsenmassen herunterstürmt, daß man, um ein Frachtschiff mit
etwa 80 Zentnern Ladung heraufzufördern, einer Vorspann von 120 bis
130 Menschen und 10-20 Ochsen bedarf. Die Bahn des Stromes erweitert
sich nun, sein Lauf wird ruhiger; am linken Ufer zeigt sich Szvinicza,
weiter abwärts das Dorf Plavischivicza. An vielen dieser Punkte und
selbst an Tachtalia und bei den Donaufällen hat das Auge Ruhe genug
an dem Anblick der Uferfelsen sich zu ergötzen, das Ohr, um auf andre
Stimmen der Natur zu horchen, welche etwa, vom Lande her, die Melodien
des brausenden Stromes begleiten. Aber das majestätische Schweigen
dieser Gebirgsgegend wird nur selten durch die Stimme eines Vogels,
etwa des Schwarzspechtes, oder in den grünenden Thälern, die sich hie
und da an den Seiten des Stromes eröffnen, durch das Brüllen eines
Stieres, dem das Echo der Felsen antwortet, unterbrochen; es ist als ob
die Häupter der Gebirge, mit stillem Lauschen, nur auf die Stimme der
Wasserwogen herabhorchten, welche der Lauf aus manchem fernen, schönen
Lande hier vorüberführt.
Die tiefer stehende Sonne war schon hinter die Höhen der niedreren
Ufergebirge hinabgesunken; das Thal mit dem Gewässer lag im Schatten,
während die gähe Felsenwand des 2000 Fuß hoch über die Thalfläche
emporsteigenden Sterbeczberges noch in hellem Sonnenlichte erglänzte,
da fieng das seit Kurzem wieder ruhiger gewordene Wasser von neuem
an zu wogen und wir hörten sein Brausen, sahen seine Wirbel an dem
Felsensaume des Kazan. Der Strom ist hier in ein Engbette von nur 520
Fuß Breite zusammengedrängt, seine Tiefe gleichet an dieser Stelle der
Tiefe eines Thurmes, denn sie wird nahe an 170 Fuß geschätzt. Längs
der gähen Felsenwände des linken Ufers wird, mit bewundernswürdiger
Kunst, auf Kosten der k. k. österreichischen Regierung eine neue Straße
angelegt, die schon ziemlich weit gediehen ist. Eine halbe Stunde lang
waren wir durch diesen Lustwald der Felsen und des brausenden Gewässers
gefahren, da zog die Abendröthe über den Abhang des Blutberges hinüber,
dessen jetziger Name (ursprünglich hieß er Schukuru) an eine blutige
Niederlage erinnert, welche die Türken bei seinem Fuße erlitten. In
diesem Berge zeigt sich, 120 Schritte vom linken Donauufer entfernt,
in einer Höhe von etwa 12 Fuß, der von Schanzen umgürtete, von oben
durch die 70 Fuß hohe, weit überhangende Felsenwand geschützte, durch
eiserne Thüren verschließbare Eingang jener Höhle, deren alter Name
Romanaz und Pescabara seit dem Jahr 1692 fast ganz aus dem Munde der
deutsch redenden Bewohner des Landes verschwunden ist. Denn in diesem
Jahre hatte der General ~Veterani~ jene Höhle, die in ihrem
geräumigen Innern eine Besatzung von fast 700 Mann zu fassen vermag,
zu einer Veste einrichten lassen, welche durch 300 Deutsche und eine
geringe Anzahl serbischer Soldaten so trefflich versehen wurde, daß
sie die Schifffahrt der Türken auf der Donau und auch die Bewegungen
der Feinde auf dem benachbarten Lande fast gänzlich hemmte. Nur der
Mangel an allen Lebensmitteln zwang zuletzt das kleine Häuflein der
Vertheidiger zur Capitulation mit der sie belagernden Armee des Pascha
von Belgrad. Seitdem wird diese Höhle allgemein die Veteranische
genannt. Und warum sollte sie nicht wenigstens hierdurch das Andenken
des Mannes erhalten, der sich nicht bloß durch seine Tapferkeit und
großen Feldherrntalente, sondern mehr noch durch seine weise Milde
in Siebenbürgen den Namen eines Vaters des Landes erworben hatte
und der auch in der Schlacht, welche gerade heute vor 141 Jahren, am
21. September 1695, bei dem 10 Meilen von hier nördlich gelegenen
~Karansebes~ geschahe, als Vertheidiger von Siebenbürgen den Tod
des Helden starb, als er, verlassen von der ihm versprochenen Hülfe
der befreundeten Armee, mit seinem nur 7000 Mann starken Corps ein
mehr als 8 mal stärkeres, mit Wuth kämpfendes Feindesheer von dem
Eindringen durch den Gebirgspaß von Varhely abhalten wollte. Drei und
zwanzig Jahre später (1718) vertheidigte gegen die Uebermacht der
Türken der tapfere Major von Stein diese Höhle, deren Geschütz die
hier nur 840 Fuß breite Strombahn vollkommen beherrscht. Einige alte
bei der Höhle aufgefundene Inschriften bezeugen es, daß schon die
Römer hier Waffenthaten geübt haben, und etwas weiter hinabwärts, dem
fast unmittelbar auf das Dörflein Dubova folgendem ~Ogradina~
gegenüber, am rechten Ufer, spricht in halbverloschenen Zügen
eine Marmortafel, vom Bilde des römischen Adlers und der Delphine
beschattet, von Trajans erstem, siegreichen Feldzuge in Dacien. Es
ist hier ein Ort des Zusammentreffens, da der Geist, welcher in
der Geschichte waltet, und jener, der in der Natur herrschet, im
Zweigespräche der großartigen Gedanken sich begegnen; unten im Thale
murmelt die schnell vorübergehende Welle ein Erinnern an die Thaten
des Menschen die hier geschahen, oben in den feststehenden Zinnen des
Felsengebirges verkündet der tausendstimmige Widerhall des Sturmwindes
oder des Donners die großen Thaten Gottes.
Für ein Verweilen von etlichen Tagen konnte es, am ganzen untern Laufe
der Donau, für uns keinen angenehmern Ort geben als ~Alt-Orsova~ (dem
+Tierna+ oder +Colonia Zernensium+ der Römer und Byzantiner) in
welchem wir jetzt die Ankunft des Dampfschiffes Pannonia zu Kladowa
abzuwarten hatten. Das deutsche, wohleingerichtete Gasthaus bietet
Alles dar, was man zur Ruhe und Pflege des ermüdeten Leibes bedarf; die
Gesellschaft an der Wirthstafel, die aus mehreren wohlunterrichteten,
freundlich zuvorkommenden Officieren und Beamten bestund, zu denen am
andern Tage noch einige junge Adelige aus Siebenbürgen hinzukamen,
fanden wir unterhaltend und angenehm. Wir besahen uns am 22ten
September zuerst die nächste Umgegend von Orsova. Das Städtlein wird
landeinwärts von einem Halbkreise der Höhen umgränzt, gegen die
Stromseite hin gewährt es eine herrliche Aussicht nach der gerade
gegenüber am rechten Ufer, auf den Felsen thronenden Elisabethburg,
deren einst unter der österreichischen Herrschaft wohlbestellter Bau,
jetzt unter türkischer sehr in Verfall gerathen ist, und auf das
serbische Dorf Tekia. Weiter abwärts zeigt sich die mitten im Fluße,
auf einer Insel gelegene, türkische Festung ~Neu-Orsova~, und neben
ihr, am linken Ufer, erhebt sich der wegen seiner herrlichen Aussicht
gerühmte Alionberg, während man stromaufwärts in das waldige Engthal
hineinblickt, an dessen Ufer die schon oben erwähnte Trajanstafel und
andere Ueberreste römischer Bauwerke gefunden werden. Die Umgegend
von Alt-Orsova ist vorzüglich reich an Wein- und Maisbau; den Strom
erfüllt eine Menge von Fischen, unter denen der oft mächtig große
Hausen (+Acipenser Huso+) den man öfters gleich einem spielenden
Delphin über die Wasserfläche emporspringen sieht, für den Fischfang
der wichtigste, für den Gaumen der köstlichste ist. Das Städtlein
selber hat in Folge des Friedensvertrages von 1739 aufgehört Festung
zu seyn, was es doch schon zu den Zeiten der Römer gewesen war; seine
späteren österreichischen Werke sind geschleift; die Ueberreste alter
Befestigung, die man noch an einigen Punkten bemerkt, sind früheren,
türkischen Ursprunges. Die Zahl der Bewohner von Alt-Orsova steigt
kaum über 900, doch wird der kleine Ort belebt und wohlhabend durch
seine Lage an der türkischen und wallachischen Gränze, die ihn zu
dem Wohnsitz eines Cordons-Commandanten und eines Dreißigstamtes
macht; auch führt die Nähe der Heilbäder von Mehadia im Sommer viele
besuchende Fremde hieher. Ganz nahe bei dem Orte liegt das Dorf
~Schupaneck~ mit einer wohleingerichteten Quarantäneanstalt, die
vor vielen andren den aus dem Orient zurückkehrenden Reisenden zu
empfehlen scheint, da die Lage gesund, die besten Lebensmittel in
Fülle vorhanden, und (wenigstens war es bei unsrem Hierseyn so) die
Anforderungen auf ein längeres Verweilen in der Obhut der Quarantäne
ungleich gemäßigter sind, als an den meisten Häfen des adriatischen
und des europäischen Mittelmeeres. Und wo könnte der von der Reise
im Fremdlingslande vielleicht noch heftig angegriffene Reisende sich
besser zu dem Wiedereintritt in die rauhere Heimath stärken, als in den
kraftvollen Bädern von Mehadia.
Am Nachmittag ergötzten wir uns am Besuch der Skella: jenes
Gränz-Ueberfahrtspunktes am Ufer der Donau, der gegen das Land hin ganz
von Pallisaden umschlossen ist, und bei welchem überdieß Wachtposten
stehen, um jede Verpestung drohende Gemeinschaft mit den Waaren und
Bewohnern des jenseitigen Ufers zu verhindern. Hier wird täglich,
unter Aufsicht einiger Sanitäts- und Mauthbeamten, in einer ziemlich
großen, bretternen Schranne (Verkaufsbude) Markt gehalten. Die Bewohner
des jenseitigen Ufers, Serbier wie Türken, mit ihnen Zigeuner, die
den Geschäftsgang des Handels mit dem gellenden Laut ihrer singenden
Stimmen und ihrer Instrumente begleiten, kommen auf Fahrzeugen herüber
und stellen sich, so wie die etwa mitgebrachten Waaren hinter den
Schranken des jenseits, nach dem Ufer hin gelegenen Theiles der Bude
auf, während die Bewohner und Verkäufer, so wie Käufer des diesseitigen
Ufers in dem landeinwärts gelegenen Theile, ebenfalls hinter Schranken
ihre Stelle einnehmen; in der Mitte zwischen beiden Schranken bleibt
ein freier Platz für die Sanitäts-Officianten. Man zeigt sich nun
gegenseitig die Waaren des Ostens wie des Westens, des Nordens wie des
Südens, und nach abgeschloßnem Handel wird das Geld wie die Waare auf
den Boden des Mittelplatzes zwischen den beiden Schranken hingeworfen,
oder, wenn es von diesseits kommt, den Sanitätsdienern übergeben, die
es unmittelbar hinüber befördern an die andere Seite, während das,
was von jenseits kam, zuerst den Räucherungen oder den Waschungen mit
Essig und Wasser unterworfen wird. In ganz vorzüglichem Maaße zog
unsre Aufmerksamkeit eine christliche serbische Familie an sich, die
in reichem, festlichen Nationalschmuck, in einer zierlichen Barke
vom jenseitigen Ufer zur Skella herüberkam. Es war ein serbischer
Hauptmann mit seiner Frau und mehreren Kindern. Die wahrhaft hohe,
männliche Schönheit des Vaters war mit einer Würde gepaart, wie sie
nur ein angeborner Edelsinn der Natur des Menschen giebt; wir hörten
seiner Unterredung mit dem Cordons-Commandanten von Orsova, obgleich
wir die Sprache nicht verstunden mit Interesse zu, weil die Mienen
und Gebärden des Serbiers uns zu Dolmetschern dienten. Auch die Mutter
wie die Töchter schienen es zu fühlen, daß der höchste Schmuck der
Schönheit, welche ihnen die Natur gab, jene bescheidene Sittsamkeit
sey, die sich, ihnen selber unbewußt, in ihrem ganzen Wesen aussprach.
Uns erinnerte dieser Anblick an jene schöne serbische Prinzessin, die
als Lieblingsgemahlin des türkischen Sultan Murad +I.+ dem Glauben
der christlichen Väter auch im Fremdlingslande bis an ihr Ende getreu
blieb.
Den zweiten Tag unsres Aufenthaltes in dieser Gegend benutzten wir
zu einer Reise nach den Herculesbädern bei ~Mehadia~, welche in
einer Entfernung von 5 Poststunden von Orsova an den Ufern der Caserna
liegen. Der Weg gehet zuerst ziemlich nahe an dem Dorfe Schupaneck
und seinen Quarantänegebäuden vorüber, durch die reiche Donauebene,
und tritt dann durch den Engpaß von Koramnick in den sogenannten
Serakovaer Schlüssel, unter welchen sich jedoch der Reisende, in dieser
Gegend, wo jede kleine Parthie durch die Geschichte der so häufig
hier vorgefallenen Schlachten, ihren eigenen Namen hat, keine solche
Vorstellung machen darf, wie von den »Clausen« und Schlüsselpässen
unsrer Tyroler Alpengebirge; denn gegen diese gehalten, erscheint
freilich der Serakovaer Schlüssel gleich dem eines Zimmers- gegen einen
Kirchenschlüssel. Auf einer kleinen Anhöhe zeigen sich jetzt die ersten
vier Bögen jenes Aquädukts, der weder türkischer noch altrömischer
Art, mehr an jene Bauwerke erinnert, die wir etwa, aus den Zeiten
des »Dietrichs von Bern« in Verona so wie bei Terracina erblicken.
Die Straße zieht sich von da, an dem durch starke Mauern gestützten
Ufer der Czerna hinan und immer zeigen sich von neuem die Trümmer der
alten Wasserleitung, deren zweistöckige Bögen an einigen Stellen die
Höhe von 30 bis 36 Fuß erreichen. Eine hölzerne Brücke führt weiterhin
über das Bächlein Jardesdizka, das an Forellen reich ist; weiterhin
zeigen sich jene alten, festgemauerten Gräben, die für den Anfang des
erwähnten Aquäduktes gehalten werden und bald ist das reichgrünende
Felsenthal von Mehadia mit seinen zum längern Verweilen einladenden,
schönen Gebäuden und hiermit zugleich die Eingangspforte zu den Bädern
des Hercules erreicht. Wenn auch der Halbgott, dessen Namen diese
Heilquellen, gleich andern ihrer Art geweiht waren, in die Gegend
von Mehadia nicht die Reize des Gartens der Hesperiden hineinlegte,
so gab er ihr doch dafür desto reichlicher den Ausdruck der Alles
durchbrechenden Kraft. Das Werk des Hinwegräumens der niedergestürzten
und von der Czerna herabgeführten Felsmassen, scheint wie von der Hand
jenes Starken begonnen, nicht aber vollendet zu seyn, denn zwischen
und neben den üppig grünenden Wäldern und Bergwiesen liegen an vielen
Stellen, gleich den Gandecken einer ehemals hier sich stauchenden, dann
hindurchbrechenden Wasserfluth, die wilden Gehäuse des Bergsturzes.
~Mehadia~, ein Marktflecken mit etwa 1500 Einwohnern, liegt
am linken Ufer der Bella-Reka an der Stätte des römischen +ad
Mediam+. Eine lange, steinerne Brücke führt über das breite Bette
des kleinen Flußes hinüber, der sich nicht fern von da mit der Czerna
verbindet. Die Herculesbäder, welche, wie dies die hier aufgefundenen
Inschriften, so wie die vormaligen Ueberreste der Tempel des Hercules
und Aeskulap erweisen, schon den Römern bekannt, und bei ihnen, wegen
ihrer Heilkräfte sehr in Ehren waren, liegen etwa 40 Minuten weit von
dem Städtlein entfernt, am felsigen Ufer der Czerna. Das Grundgebirge,
aus dessen Gangspalten die Dämpfe hervorsteigen, welche nach oben zu
dem Wasser der Heilquellen sich verdichten[34], ist Granit, der unten
in der Tiefe des Flußbettes, besonders auf der rechten Seite, zu Tage
ausstehet und weiter flußaufwärts große Felsen bildet. Ueber dem Granit
sind Mergelschiefer und dichter, aschgrauer Kalkstein aufgelagert, aus
denen die heißen Quellen zunächst hervorbrechen[35]. Der Geruch nach
geschwefeltem Wasserstoffgas (Hydrothionsäure) der an jenen von faulen
Eiern erinnert, kündigt dem im Thale aufwärts gehenden Fremdling die
Nachbarschaft der Heilbäder an, welche von 22, mit wenigen Ausnahmen
nur am rechten Ufer gelegenen Quellen, mit solcher Fülle von heißem
Wasser versorgt werden, daß in dieser Hinsicht nur wenig andre
Warmbrunnen von Europa, namentlich die Isländischen, die von Mehadia
übertreffen. Denn schon neun jener Quellen, welche ~Zimmermann~
mit musterhafter Genauigkeit untersuchte und beschrieb, liefern in
einer Stunde im Mittel 6525 Cubikfuß Wasser, mithin mehr denn halb so
viel als die gesammten Wasserleitungen von Paris dieser Königsstadt
an Quellwasser zuführen[36]. Unter diesen neun genauer beschriebenen
Quellen stehet, an Wassermenge, die des Herculesbades, welche am
weitesten nach oben im Czernathale entspringt, voran, denn sie quillt
wie ein kleiner Bach aus der Höhle des dichten Kalksteines hervor und
stürzet, nachdem sie das was zur Füllung zweier großen Badekästen
nöthig ist, in die verdeckten Röhren abgegeben, den größten Theil
ihres Wasserüberflusses in die Czerna hinab. Diese Quelle allein giebt
im Mittel in jeder Stunde über 5000 Cubikfuß Wasser, doch ist diese
Menge veränderlich, weil die Quelle ihre große Stärke zum Theil der
Zumischung von Tagewässern verdankt, weßhalb sie im Frühling, wenn der
Schnee der Gebirge thaut, oder nach starkem Regen, am reichlichsten
fließt, dann aber zuweilen nur 18° R. Wärme zeigt, während sie in
trockner Sommerzeit minder reichlich strömt, zugleich aber 39° R.
Wärme annimmt. Die Heilquellen von Mehadia enthalten außer dem
geschwefelten Wasserstoff- und kohlensauren Gas auch etwas Stickgas;
unter den festen Bestandtheilen hauptsächlich salzsaures Natron und
salzsauren Kalk[37]. Die Wärme einiger der am tiefsten im Czernabette
entspringenden Quellen steigt bis 51° Reaumur. Gegen Gicht und
langwierige Rheumatismen, Lähmungen und gegen eine große Zahl anderer
Krankheiten, welche durch eine Steigerung der Hautthätigkeit gehoben
werden können, haben sich diese Warmbrunnen schon vielfältig heilsam
bewiesen.
An den Ufern der Czerna giengen wir durch das Schattendach des
Laubwaldes und an grünenden Waldwiesen vorüber, aufwärts bis zu dem
Wasserfalle. Auf dem grünen Rasen und im Schatten der Gebüsche zeigte
sich mit fleischrothen Blüthen, ähnlich unsrer Herbstzeitlose, der
+Crocus speciosus+; unter den Bäumen erhub sich stellenweise der
schöne, türkische Haselnußbaum (+Corylus Colurna+), an einem
Felsenabhang stund neben dem ruthenartigen Bohnenstrauche (+Cytisus
elongatus+) der mittägige Zeltenbaum (+Celtis australis+); im
dichten Waldschatten erschien zwischen den heller grünenden Bäumen
die Schwarzföhre (+Pinus Pinaster+). In verwildertem Zustande
wird nicht selten am Saum des Waldes der Weinstock gesehen, und, als
Zeichen der Milde dieses Landstriches gedeiht schon, nahe bei der
Herculesquelle, der Feigenbaum (freilich nur von strauchartiger Größe)
im Freien. Unter den Vögeln glaubten wir die Bewohnerin des Ostens:
die wilde Lachtaube (+Columba risoria+) zu bemerken.
Auf den langen Spaziergang schmeckte uns das wohlbereitete Mittagsessen
im Gasthause sammt dem mit Recht gepriesenen Schillerwein von Mehadia
vortrefflich; am Nachmittag kehrten wir nach Orsova zurück, wo die
heitre Stimmung, in welche der Genuß dieses Tages uns versetzt hatte,
auf einige Augenblicke durch die kleinen Quälereien unterbrochen ward,
welche die Douaniers uns zufügten. Doch bald war der innre Ton wieder
derselbe, der er am Morgen gewesen, und der letzte Abend in Orsova
wurde fröhlich beschloßen.
Sonnabends am 24ten September traten wir die Weiterreise nach
Kladowa an, wo das Dampfschiff Pannonia unsrer wartete. Unsre
Gesellschaft hatte sich getheilt; Einige, welche das beßre Theil
erwählt hatten, machten den Weg zu Wasser durch das sogenannte
eiserne Donauthor (+Cataractae Danubii+) auf einem mit tüchtigen
Schiffern versorgten Fahrzeuge, Andre zu Lande in einer Art von
Gesellschaftswagen. Der Landweg, welcher Anfangs die herrliche Aussicht
auf die Elisabethburg, Neu-Orsova und das rechte Ufer der Donau, so
wie auf den Eingang des eisernen Thores beherrscht und auch in seinem
späteren Verlauf meist in der Nachbarschaft des Flußes bleibt, geht
eine halbe Stunde unterhalb Alt-Orsova über die Czerna und zieht
sich dann am Vorgebirge Alion vorüber hinab nach der Wodiczer Mühle.
Nahe bei dieser, am Bagnabache erinnerten die steinernen Pyramide
mit dem Doppeladler und die Gebäude des Cordonpostens an den letzten
Abschied aus den guten, österreichischen Landen, denn hier ist die
Gränze; jenseits des Baches betritt man in dem Dorfe Werczerowa die
Wallachei und von nun an wachen die Sanitätsdiener, welche die
Landreisenden begleiten, ängstlich über jede Gelegenheit, bei welcher
eine Berührung ihrer Personen oder ihrer Pferde mit den Menschen
und Thieren von jenseits statt finden könnte, weil sie sonst selber
durch eine lange Quarantäne den freien Eintritt in die Heimath wieder
erkaufen müßten. Die Felsarten, aus denen sowohl das gäh abstürzende
linke, als auch das mehr terassenartig ansteigende rechte Ufer der
Donau beim eisernen Thore bestehen, sind vorherrschend Glimmerschiefer
und Gneus; an unsrem Wege blühten unter andrem die acanthusblättrige
Silberdistel (+Carlina acanthifolia+), die schwärzlich purpurne
Centaurea (+Centaurea atropurpurea+) und das caucasische Doronicum
(+Doronicum caucasicum+); die große, grüne Eidechse und die
vierstreifige Natter (+Coluber Elaphis+) sonnten sich am Felsen.
Ungleich interessanter als der Landweg ist der zu Wasser, der zugleich
im wohlversorgten Fahrzeuge so sicher ist, daß der größte Theil der
Damen, welche gleich uns auf der Pannonia sich einschiffen wollten (es
waren meist Engländerinnen) ihn vorzogen. Denn obgleich auf der Fahrt
durch den eigentlichen Engpaß des eisernen Thores das Schifflein fast
wie auf stürmischem Meere bewegt wird, obgleich die Brandung an den
Felsenmassen, die aus dem Strom hervorstehen und das laute Tosen des
abstürzenden Wassers, so wie die vielen Wirbel bei der Insel Balmi, in
der Nähe des serbischen Dorfes Sip (man zählte sonst ihrer 23) einen
gewaltigen Eindruck auf die Sinnen machen, darf man dennoch, besonders
seit den Sprengarbeiten des Jahres 1834, ohne alle Furcht sich der
Betrachtung der hehren Felsenpforte hingeben, durch welche der mächtige
deutsche Strom hinaustritt in das Land des Ostens. Die Länge des
Engpasses beträgt 7200 Fuß, die Breite der Strombahn gegen 600, der
Fall des Wassers auf der ganzen Strecke 16 Fuß, die Geschwindigkeit
seines Fortbewegens fast 12 Fuß in einer Secunde. Bei dem Dorfe
~Sip~ werden, auf der rechten Seite der Donau, noch die Ueberreste
eines von den Römern angelegten, gemauerten Kanales bemerkt, durch
welchen es möglich wurde, die bedenklichsten Stellen des Engpasses
ganz zu umschiffen und auf diese Weise selbst die Aufwärtsfahrt an den
Catarakten zu erzwingen.
Das schöne, große Dampfschiff Pannonia, welches nahe bei ~Skela
Kladova~ vor Anker lag, mußte eigentlich einen größern anziehenden
Reiz für uns haben, als das armselige, wallachische Oertlein mit seinen
Lehmhütten. Da wir aber wußten, daß von dem Augenblicke an, in welchem
wir das in beständigem Verkehr mit dem rechten (türkischen) Ufer
stehende Fahrzeug beträten, der fernere Verkehr mit dem linken Ufer uns
versagt seyn werde, genoßen wir noch eine Zeit lang der Freiheit am
sandigen Ufer, unter dem langhaarigen Volk der Wallachen herumzugehen
und in ihre Hütten hineinzutreten, in denen man Kaffee und allerhand
andre Lebensmittel feil bot. Wir wurden jedoch dieser Unterhaltung
ziemlich bald müde und begaben uns freiwillig, indem wir die Pannonia
bestiegen, hinüber in den Fremdlingskreis des rechten Ufers, aus
welchem von nun an eine Rückkehr zur Heimath nur durch die Sühnanstalt
einer langen Quarantäne möglich war. Unser Dampfschiff ließ es übrigens
gleich vom ersten Augenblicke an den Reisenden sehr heimathlich in
seinem Innern werden. Das gemeinsame Aufenthalts- und Speisezimmer, wie
die Nebenkammern mit den reinlichen Betten waren hell und geräumig;
ein italienischer Koch versorgte auf seine vaterländische Weise den
Tisch und ergötzte die Schiffsgesellschaft während seiner freien
Stunden mit Guitarrespiel und Gesang; unter dem dienenden Personal war
ein Landsmann: ein Kellner aus Bayern.
Erst am Nachmittag war das Geschäft des Einräumens der Waaren
vollendet; das Dampfschiff begann seinen kräftigen Lauf und führte
uns in Kurzem zu den so viel besprochenen Resten der Brücke, welche
Kaiser Trajan nach seinem Siege über die Dacier durch den kunstreichen
Architekten Apollodorus Damascenus erbauen ließ. Dieses mächtige
Bauwerk ruhete auf 20 durch Bögen unter einander verbundenen,
steinernen Pfeilern, welche auf hölzernem Rost begründet waren. Nicht
die spätere Herrschermacht der Barbaren, sondern der Nachfolger des
Trajan selber, Kaiser Hadrian, ließ diese erste und bis auf unsre
Tage letzte Brücke, welche die untere Donau jemals getragen, wieder
zerstören, angeblich um den Uebergang der Geten über den Strom zu
hindern, nach einer andern Vermuthung des Alterthums aber aus Neid
über den Ruhm des Apollodor[38]. In unsern Tagen sieht man noch, bei
niedrigem Wasserstand, die Trümmer von 11 Pfeilern im Strome stehen;
auch am rechten Ufer haben sich zwei 18 Fuß breite Pfeiler und hier wie
am linken Ufer die Mauerreste der Brückenkastelle erhalten, welche aus
großen Quadersteinen erbaut und mit Ziegelsteinen überkleidet sind.
Der Brückenkopf des rechten Ufers hieß das +Caput bovis+ und hier in
der Nähe lagen ~Egeta~, so wie das stark befestigte ~Zanes~[39],
am linken Ufer war in der Nachbarschaft der Brücke die Stätte von
~Drubetis~ und von ~Amutrium~. Da wo einst diese so wie die Menge
der andern Städte und Burgfesten ein eisernes Netz der römischen
Waffenrüstungen bildeten, welches die Freiheit der alten Bewohner des
Landes umstrickte, wirft jetzt der Bewohner von ~Werbicza~ und ~Tikya~
seine Netzfallen und Harpunen zum Fange der Hausen aus, deren Caviar
und Fleisch von hier weithin stromauf- und abwärts verführt werden.
Der spätere Nachmittag und der vom Vollmond beleuchtete Abend waren
sehr genußreich. Das äußere Auge ruhete bald im Anblick des fruchtbaren
Hügel- und Berglandes des rechten (Serbischen) Ufers, bald auf der
getraidereichen Ebene der linken Seite oder auf dem stillen Spiegel des
Stromes; das innre Auge betrachtete, im reichen Lande der Erinnerungen
den Lauf eines andern Stromes, der nicht so still und ruhig, wie hier
die Donau, sondern mit verheerender Gewalt über diese Wüste der Völker
hereinbrach; den Strom jener Tausende aus Japhets-Stamme, welche
in den Zeiten der Völkerwanderungen aus den Ländern des Aufganges
herüberdrangen in die Wohnsitze ihrer vorangegangenen Brüder, damit
auch an ihnen die Verheißung erfüllt würde, daß sie wohnen sollten in
den Hütten Sems.
Der Mond schien so hell, und die Fahrt auf dem hier still und ruhig
gehenden Wasser ist, mit Ausnahme einiger leicht vermeidlichen
Sandbänke von so wenigen Hemmungen bedroht, daß unser Dampfschiff
auch während der Nacht seinen Lauf fortsetzte. Wir hörten noch
bis zu einer späten Stunde, auf dem Verdecke sitzend, dem Gesange
der neapolitanischen Volkslieder zu, mit welchem der gefällige
Schiffskoch uns vergnügte, dann begaben wir uns zur Ruhe und bald nach
Mitternacht folgte auch das Dampfschiff diesem Beispiele, indem es bei
~Widdin~ sich vor Anker legte.
Es war eine sehr gemischte Empfindung von erhebender Freudigkeit
und zugleich von einer sich hier in der Fremde fühlenden Scheu, mit
welcher wir am Sonntag den 25sten September beim Grauen des Tages
erwachten, als auf dem ganz nahen Minare der türkische Iman sein
lautes, wohlklingendes: »Gott ist nur Einer, Gott ist groß, Gott ist
allmächtig« sang. Ja, wir werden auch in diesem Fremdlingslande unter
dem Schutz und Schirm des Allmächtigen sicher wohnen und wandeln! --
Schon in einer der frühesten Morgenstunden traten wir, jetzt durch
keine Sanitätsmasregeln des linken Ufer mehr gehemmt und gebunden,
hinaus ans Land und ergiengen uns zum ersten Male in den Gassen und
Bazars einer türkischen Stadt. Ein wohlschmeckendes Frühstück war hier
schon für uns aufgestellt: die Menge der süßesten, wohlschmeckendsten
Trauben, und der in diesen Ländern gewöhnliche, aus Blätterteig
und dem Fleisch der Lämmerschwänze bereitete Kuchen. Widdin ist
eine ansehnliche Stadt, welcher ihre 25 Minares schon von fern ein
stattliches Aeußeres geben; die Zahl der Bewohner wird auf 25,000
geschätzt; unter ihnen sind einige tausend griechische Christen,
welche hier unter der Leitung eines Erzbischofes stehen und eine viel
besuchte Schule haben. So hat das alte +Viminacium+ als das
jetzige Widdin noch immer einen abendlichen Schatten jenes vormaligen
Glanzes erhalten den ~Procopius~[40] an ihr rühmt, so oft auch im
Verlauf der Jahrhunderte die Fluthen des verheerenden Krieges über sie
zusammenschlugen. Denn schon unter Bajasid +I.+ ward sie zweimal
(1394 und 1396) von den Türken eingenommen, und selbst die Heldenmühe
des Prinzen Ludwig von Baden, der sie am 6ten October 1689 der Hand
des Feindes entriß, trug für die christliche Herrschaft keine lang
dauernden Früchte des Besitzes. Die Insel, welche nahe vor der Stadt im
Strome liegt, beherrscht durch ihre Anhöhe die Stadt, und von dort aus
gelang es auch den österreichischen Geschützen im Jahr 1689 jene zur
Uebergabe zu zwingen.
Von Widdin aus, wo wir ziemlich lang anhielten, pflegt sich das
Dampfschiff allmählig mit türkischen Passagieren zu bevölkern, was
auch auf unsrer diesmaligen Fahrt, besonders im Verlaufe einiger der
späteren Tage geschahe. Diese, sobald sie das Schiff betreten und einen
Raum für sich und ihre Geräthschaften aufgefunden hatten, setzten sich
mit übergeschlagenen Beinen auf die am Boden hingebreitete Decke,
und schienen auf nichts zu achten als auf den aus der langen Pfeife
hervorgeathmeten Dampf. Man hätte diese neuen Bewohner unsres Vapore
selber für seelenlose Dampfmaschinen halten mögen, wäre an ihnen nicht,
wenigstens in den Stunden des Gebetes, das Walten einer Menschenseele
sichtbar geworden, deren innerstes Wesen in der Hoffnung eines Ewigen
bestehet. Denn wenn diese Stunden kamen, da verrichteten unsre
Moslimeer, ohne sich im Mindesten durch die Gegenwart der neugierigen
Fremden stören zu lassen, das Angesicht nach der Gegend von Mekka
hinwendend, die frommen Gebräuche ihrer Gebete und Waschungen,
und bezeugten hierdurch, vielleicht auf eine für manche Christen
beschämende Weise, daß Gott ihnen beachtenswerther und größer erscheine
als das Urtheil und Ansehen der Menschen.
Aber diese äußere, sich immer gleich bleibende Ruhe unsrer türkischen
Begleiter scheint auch ein bleibender Charakterzug jenes Landes zu
seyn, in das wir von hier an mehr und mehr hineintraten. Der Hochrücken
des nordistrischen Gebirges hat sich weit von dem linken Ufer des
Stromes zurückgezogen; dieser ist so breit und dabei so ruhig geworden
wie einer unsrer Landseen in der windstillen Zeit eines Sommertages,
nur die emporspringenden, mächtig großen Hausen rühren von Zeit zu Zeit
den stillen Wasserspiegel auf. Das rechte (südliche) Ufer des Flusses,
in dessen Nähe unser Fahrzeug großentheils blieb, ist bei weitem das
schönere; es ist ein fruchtbares Hügelland, geziert mit dem Gewand
des Südens. Denn in der Nähe der vielen Ortschaften, aus denen die
schlanken, weißen Minares hervorglänzen, zeigen sich hin und wieder
kleine Haine von Zypressen; den Bach im Thale beschattet die hohe
Platane; die Anhöhen bekleiden sich mit den Waldungen der immergrünen
Eiche; in den Gärten stehet, mit reifenden Früchten bedeckt, der
edle Lorbeer- neben dem Feigenbaum; die Gehänge der Hügel sind mit
Weinreben bedeckt, aus deren Laubdach allenthalben die großen, reifen
Trauben hervorblicken. Nur ein leiser, kühlender Hauch aus Osten regt
sich in den Zweigen der alten Terebinthe und im Schilfe der großen
Donauinseln; das tiefe Blau des Himmels wird nirgends von einem Gewölk
getrübt; es ist, als habe dort bei den Feldern des zum Theil noch
blühenden Mohns und des eben aufblühenden Safrans neben dem geräuschlos
hineinströmenden Bächlein die Ruhe selber ihr Bette aufgeschlagen,
welches so weich und so bequem ist, daß sie nicht von ihm aufstehen
mag.
Wir kamen an diesem Tage vorüber an dem Einfluß des Lom, bei welchem,
an der Stätte des jetzigen ~Lom-Palanka~ das alte ~Almum~
lag, dann an jenem des Dsibritz, da die Gränzstadt gegen Nieder-Mösien,
~Cibrus~, ihre Stelle hatte. Das alte Gemäuer einer zerstörten
Veste, das bei dem Flecken ~Oreava~, am Einfluß des Schitul
gesehen wird, mag wohl noch zu den Ueberresten des römischen
~Variana~ gehören; nahe gegenüber, am linken Ufer, mündet hier
der Schyll in die Donau, der bei den Alten Rhabon, auch Sargetia, von
den späteren Geographen Gilpit genannt war. Die Sonne stund schon
ziemlich tief, da wir am reich grünenden Strande den Ort der Begegnung
des Eskers (Oescus) mit der Donau und die Stätte des vormaligen,
ansehnlichen, mit dem Flusse gleichnamigen Oescus erreichten, da in
späterer Zeit das Heerlager der Hunnen seinen Sitz aufschlug. Wir
fuhren von hier noch etwa eine Stunde, dann legte sich unser Fahrzeug,
nahe vor dem Einfluß des Utus oder Vid, bei einer kleinen, buschreichen
Insel, aus welcher die Rohrdommel ihr rauhes Abendlied vernehmen ließ,
vor Anker.
Das alte ~Nikopolis~ mit seinem vormals festen Schloße lag
zwischen seinen grünenden Hügelabhängen in so ganz besonders günstiger
Beleuchtung von der Morgensonne da, daß es uns, als wir am 26ten
September aufs Verdeck traten, war, als wollte diese bedeutungsvolle
Gegend zu uns sagen: siehe mich recht an. Und wir thaten dieses mit
jener ernsten Aufmerksamkeit, mit welcher der Wandrer in der Fremde
irgend einen sinnvollen Spruch betrachtet und erwägt, der in einem
bemoosten Denkstein am Wege eingegraben stehet. Der Spruch welchen
der Griffel der Geschichte hier dieser Stätte mit unvergänglichen
Zügen eingeschrieben hat, heißet: »der den Harnisch anleget, soll
sich nicht rühmen als der ihn hat abgelegt«[41]. Dort vor Samaria gab
diese Lehre in zweimaligem Siege ein Tyrann von Israël dem syrischen
Könige Ben Hadad, der auf die Macht seines Heeres, seiner Rosse und
Wägen trotzend, dem Hort und Helfer Israëls Hohn sprach; hier nahe bei
Nicopolis gab sie einmal ein Herrscher des westlichen Reiches: Trajan,
dem durch sein Waffenglück trunken gewordenen Dacierkönige Decebalus,
ein andres Mal aber ein waffengeübter Tyrann des Ostens: Bajasid
+I.+ dem vor Uebermuth rasenden Heere der Christen. Sind es doch
gerade jetzt, 1836, in diesen Tagen des Septembers, 440 Jahre, daß hier
bei Nicopolis die Blüthe der damaligen europäischen Ritterschaft zum
Kampfe gegen den gemeinsamen Feind der christlichen Reiche versammlet
stund; ein Heer, so wohlgerüstet, so waffenkundig und muthig, als bis
dahin der Westen noch keines den Türken entgegen gestellt hatte. Denn
eine Schaar von 1000 französischen Rittern, unter ihnen mehrere Prinzen
von Geblüt, Herzöge und Fürsten, befehligt von dem kühnen Grafen von
Nevers und dem Connetable Grafen von Eu; geleitet, wenn sie das hätten
seyn mögen, durch den Rath des alten, wohlerfahrnen Feldherrn Coucy, so
wie des edlen Admirals Jean de Vienne; verstärkt durch die Begleitung
von 1000 Knappen und 6000 Söldnern waren dem König Sigmund von Ungarn
zu Hülfe gezogen; mit ihnen ein Heerhaufe der bayrischen Ritter unter
dem Churfürsten von der Pfalz und dem Burggrafen von Nürnberg, sammt
den Schaaren des deutschen Ritterordens, geführt von ihrem Großprior,
dem Grafen Friedrich von Hohenzollern, so wie der Johanniterritter aus
Rhodus unter dem Ordensmeister Philibert von Naillac. Wenn auch diese
Macht des Westens, welche zusammen mit dem durch steyermärkische und
wallachische Truppen verstärkten Heere der Ungarn nach der gemäßigtsten
Angabe 60,000, nach andern 100,000 Mann stark war, an Zahl der Streiter
dem Heere des Bajasid nicht ganz gleich kam, so übertraf sie dasselbe
dennoch an innrer auf Kriegskunst gegründeten Stärke, und der Sieg wäre
dem christlichen Heere nicht entgangen, hätte dieses nicht in das Lager
bei Nicopolis zugleich mit jenem tollen Hochmuth, welcher beständig
dem nahen Falle vorausgeht, die vermessene Sicherheit mitgenommen, die
den Feind, ohne ihn zu kennen, verachtet. Denn wie jene 32 Könige,
die vormals als Verbündete den König der Syrer Ben-Hadad vor Samaria
begleiteten, im Zelte saßen beim Schmauße und trunken waren vom Wein,
als schon das Racheschwert über ihrem Haupte geschwungen ward, so
thaten auch jene Verbündeten des Ungarnköniges Sigismund, vor Allem
die französischen Ritter. Diese, welche in ihrem Uebermuth sprachen:
»Wenn auch der Himmel einstürzte, wollten sie mit ihren Speeren ihn
aufhalten,« hielten sich vor aller Gefahr so sicher, daß sie sorglos
und schrankenlos dem Taumel der Sinnen und der Schwelgereien sich
hingaben. Und als heute vor 440 Jahren, am 26ten September 1396,
die Kunde von der Annäherung des türkischen Heeres, welche die
hartgekränkten Bewohner des Landes verheimlicht hatten, durch seine
eigenen Soldaten zu dem Marschall Baucicault kam, da drohte dieser den
Ueberbringern derselben als falschen Lärmmachern die Ohren abschneiden
zu lassen. Doch jene Kunde erwieß sich nur zu wahr; Bajasids Heer stund
kaum noch 6 Stunden weit entfernt. Am 27ten September wurde hierauf
großer Kriegsrath gehalten, in welchem der Marschall Baucicault und
der Connetable den besonnenen Schlachtplan, den der sachkundige König
Sigmund und mit ihm der greise Couzy sammt dem Admiral vorschlugen,
mit toller Geringschätzung verwarfen. Namentlich stellten sie es als
Ehrensache hin, daß nicht die hiezu am besten geeigneten, leichten
Truppen der Wallachen, sondern die ganze französische Macht der
Seifenblase des türkischen Vortrabes entgegen ziehen und diese
zersprengen sollte. War doch die wilde Hitze und Anstrengung bei diesen
Verblendeten so hoch gestiegen, daß sie, nach gepflogenem Kriegsrath,
gegen das gegebene Wort der Verschonung, die im Lager befindlichen
türkischen Gefangenen mordeten. Als aber nun am Tage der Schlacht,
am 28ten September, das kühn vorandringende Heer der französischen
Ritter durch das Zersprengen der leichten Asiaten und selbst des
verschanzten Vortreffens der Janitscharen, so wie eines Theiles der
Spahi's sich entkräftet und ermüdet hatte, als es auch jetzt, wo die
Wagschale des Sieges noch immer auf die Seite der Christen geneigt
war, Couzy's Rath, das nachrückende ungarische Heer zu erwarten, nicht
beachtete, sondern im blinden Selbstvertrauen den Hügel, welchen der
Kern des feindlichen Heeres besetzt hielt, hinansprengte, da ward,
beim Anblick der 40,000 Lanzen, in dessen Mitte Bajasid stund, der
nicht männliche, sondern knabenhaft tolle Muth in weibische Feigheit
verkehrt[42]; jene vorgeblichen »Himmelserhalter« flohen in wilder Eile
und rissen in ihre Flucht den nachfolgenden Troß, so wie den rechten,
von Lascovitsch geführten und den linken, aus Wallachen bestehenden
Flügel des ungarischen Heeres mit hinweg. Nicht aber den edlen Admiral
Jean de Vienne, der den zwölf Rittern die ihn umgaben es zurief: »hier
gilt es ehrenvoll zu sterben« und mit ihnen zugleich den Tod unter den
Lanzen der Feinde suchte und fand; auch König Sigmund hielt mit dem
Kern der ihm treu gebliebenen Ungarn und mit den steyermärkischen, so
wie bayerischen Schaaren festen Stand und diese tapfern Haufen hatten
schon die Janitscharen geworfen, selbst die Spahi's fingen an ihren
geschloßenen Reihen zu weichen, da kam der Despot von Serbien mit 5000
frischen, tapfern Streitern Bajasid's Heere zu Hülfe und Sigmunds
Heer erlag der Uebermacht. Ihn selbst, den König, hatten der Burggraf
von Nürnberg und der Anführer der Steyermärker Hermann von Cilly dem
Gedränge der Schlacht und der Todesgefahr entrissen und ihn auf ein
Donauschiff gebracht, während viele der Seinen noch mit dem Muthe
verwundeter Löwen kämpften. Alle bayerischen Ritter, so wie die meisten
der Steyermärkischen waren zuletzt in diesem Heldenkampf gefallen[43],
zugleich aber deckten auch das Schlachtfeld 60,000 Leichname der
Erschlagenen aus dem türkischen Heere. Ungleich bedauernswerther als
das Loos derer, welche den Tod in der Hitze der Schlacht, ohne ihn
fast zu bemerken, gefunden hatten, war das Loos jener Streiter des
christlichen Heeres, welche lebend von den Türken gefangen wurden, oder
durch die Flucht sich zu retten gedachten. Von den Letzteren ertranken
Viele, als sie in den von Menschen überfüllten Fahrzeugen über die
Donau setzen wollten; von den Gefangenen ließ Bajasid am Tage nach der
Schlacht, zur Rache für die gefallenen Moslimen 10,000 niedermetzeln,
unter denen vielleicht Manche waren, welche 3 Tage vorher dasselbe an
den ihnen auf Treu und Glauben ergebenen Türken gethan. Zwar der Graf
von Nevers hatte, gegen Versprechen eines hohen Lösegeldes, für sich
und 24 der vornehmsten Gefangenen Schonung des Lebens erhalten, aber
auch von diesen starben Mehrere, unter ihnen der alte Feldherr Coucy,
noch ehe die Auslösung geschahe, in den Gefängnissen von Kallipolis und
Brussa; nur König Sigmund und einige ihn begleitende Herren waren so
glücklich gewesen, an der Mündung der Donau die Flotte der Rhodiser und
auf dieser, schon nach 3 Monaten, die Küste von Dalmatien zu erreichen.
So endigte hier bei Nicopolis, der »Siegesstadt,« welche Trajan zum
Andenken an seinen entschiedenen Sieg über die Dacier begründet und
so benannt hatte, die Heerfahrt einer christlichen Macht, die sich
vermessen hatte, nicht bloß die Türken zu besiegen und Jerusalem wieder
zu erobern, sondern selbst den bewegten Kräften des Himmels die Macht
ihrer Arme entgegen zu stellen. Statt der Lustfeuer und der lärmenden,
nur allzu frühe triumphirenden Freude, womit das fremde Bundesheer
noch kurz vorher das Land erfüllt hatte, brannte jetzt das Feuer der
angezündeten Städte, hörte man das Aechzen der Sterbenden, das Jammern
der hinweggeschleppten Gefangenen; Steyermark und Sirmien wurden
verheert, die ganze Halbinsel zwischen der Save, Drave und Donau mit
dem Schutte der zerstörten Städte und dem Graus der Verwüstung erfüllt.
Von Nicopolis, dessen deutsche Benennung ~Schiltau~ ist, selber,
sahen wir nur wenig. Die Masse seiner alten Häuser dehnt sich über
einen weiten Raum aus; es ist der Sitz eines griechischen Erzbischofes,
so wie eines katholischen Bischofes und zählt 20,000 Einwohner. Ihm
gegenüber, am linken Ufer, nahe an der Mündung des Aluta- (Araros-)
Flußes, liegt an der Stätte des alten Pelendova der wallachische Ort
~Turnul~.
Vorüber an dem grünenden Hügelland und den Auen des rechten Ufers
kamen wir nach einigen Stunden zu der wohlhabenden Handelsstadt
~Sistov~, welche durch den Friedensschluß zwischen Oesterreich
und der Türkei im Jahre 1791 eine politische Wichtigkeit erhielt.
Während die 21,000 Einwohner dieser freundlich aussehenden Stadt
ein lebhafter Verkehr mit den Bewohnern des eignen Landes, wie der
fremden Länder ernährt, beschäftiget die Bewohner der nahe gegenüber
gelegenen, wallachischen Oertlein ~Simnitza~ und ~Tuteschty~
ein ziemlich ergiebiger Hausenfang. -- Auf der weiteren Fahrt, am
Nachmittag, glich die Donau, deren Breite zuletzt bis auf eine
Stunde Weges anwächst, einem kleinen, stillen See; wir landeten bei
~Rusczuk~, wo unser Dampfschiff eine Menge der in ihm enthaltenen
Waaren ausschiffte, und neue aufnahm: denn diese Stadt, welche 30,000
Einwohner umfasset, ist eine der bedeutendsten Handelsplätze des
unteren Donaulaufes. Zwar, wie dies schon die vielen, ansehnlichen
Moscheen mit ihren Minares dem Auge bezeugen, herrschet die Macht des
Islamismus hier vor, doch leben unter den Türken mehrere Tausende
von Christen (Armenier und Griechen), denen ein Erzbischof vorstehet
und eine bedeutende Anzahl von Juden. Die Stadt, von Festungswerken
umgeben, liegt auf einem Berge; wir besahen uns einige ihrer Gassen und
Plätze, genoßen in einem türkischen Kaffeehaus des warmen Getränkes,
giengen dann aber wieder herab an den Abhang des Hügels, von wo die
Aussicht nach der Insel Slobodsee und dem festen Schlosse, weiter
hinab aber nach dem von Mahommed +I.+ begründeten Giurgevo einen
neuen Genuß gewährte. Während wir hier die uns neue Gegend beschauten,
waren wir selber für Andre ein Schauspiel geworden, denn neugierig
betrachteten uns, durch die Zwischenräume der pallisadenartigen
Umzäumung, die verschleierten Bewohnerinnen eines benachbarten Harems.
Unsre europäisch gekleideten, so frei sich bewegenden Begleiterinnen
schienen der Hauptgegenstand ihrer Betrachtungen zu seyn. Wer sollte
nicht, bei einem vergleichenden Blick auf jene Gefangenen und auf diese
Freien die Segnungen des Christenthumes dankbar empfinden, welches den
Völkern zuerst die wahre Beachtung des weiblichen Wesens lehrte.
* * * * *
Von hier aus brauchten wir noch anderthalb Tage zur Fahrt nach Gallacz.
Das von der Morgensonne beleuchtete ~Giurgevo~, bei welchem
wir frühe am andern Tage vorbeikamen, imponirte dem Auge mehr durch
seine Größe, denn es hat gegen 3 Stunden im Umfange, als durch seine
Schönheit. Die große Wüste der Geten[44], am rechten (bulgarischen)
Ufer des Stromes, ist ein grünendes Hügel- und Flachland, welches
wenig Abwechslung zeigt. ~Turtukai~ liegt an der Stätte des alten
Transmariska: nahe gegenüber, auf der linken (wallachischen) Seite
mündet die Dombrovicza (Argis) in die Donau, an welcher nur eine kleine
Tagreise aufwärts Bukarest liegt. ~Silistria~ hat sich unter dem
kräftig gestaltenden Einfluße, der in den letzten Jahren auf diese
Stadt wirkte, zu einer Herrscherin des Stromes und des angränzenden
Landes erhoben; mit dem immer blühender werdenden äußeren Verkehr war
sie in dieser Zeit zugleich ein Mittelpunkt des geistigen Verkehres
der Völker des Nordens und Ostens geworden. In dieser Hinsicht ist
sie an die Stelle des alten ~Axiopolis~ getreten, dessen Stätte
da war, wo jetzt weiter stromabwärts ~Rassova~ stehet. Nahe bei
Silistria werden die Ueberreste jener Gränzmauer gesehen, welche die
Griechen zur Abwehr gegen die Einfälle der Barbaren erbaut hatten.
Jenseits Rassova wird die Strombahn des Flusses, der von hier an
nach Ptolemäus Aussage den Namen ~Ister~ empfieng, nach Norden
gekehrt; denn die Ausläufer des Balkangebirges, die sich an das rechte
Ufer herandrängen, verhindern den geraden Fortgang nach Osten. Dieser
Damm der Gebirge, welcher stellenweise mit sumpfigen Niederungen und
Haideland abwechslet, ist, besonders seit dem letzten Kriege, zu einer
Einöde geworden, in welcher, gleich den Ameisen, die an den Resten
einer längst abgefallenen, dürren Frucht zehren, die Schaaren der
Zigeuner ihr Wesen treiben. -- Am 28ten September kamen wir zuerst
an ~Hirsova~ oder Kersova vorüber, das an die Stätte des alten
~Corsus~ oder Karson getreten ist. Die Stadt, welche nur 4000
Einwohner zählt, wird von einer Citadelle beherrscht. Der Strom theilt
sich jenseits Hirsova in viele Arme, welche manche buschreiche oder
mit Schilfrohr bewachsne Inseln umschließen. Das Chor der gefederten
Sänger, das im Frühling und angehenden Sommer hier, wie man uns sagte,
ohne Aufhören seine Stimmen vernehmen lässet, war jetzt verstummt; nur
noch die Trompetentöne der vorüberfliegenden Kraniche wurden gehört.
Wir naheten uns nun wieder dem linken Ufer der Strombahn, welche da, wo
die zertheilten Arme des Flußes von neuem sich einander nähern, mächtig
breit erscheint. Hier liegt, von Wällen umgeben, die ansehnliche
Stadt ~Brailov~, der Ausgangspunkt namentlich eines wichtigen
Getraidehandels nach Konstantinopel. Brailov (von den Türken Ibrahil
genannt) zählt gegen 25,000 Einwohner; in seinem großen Hafen sieht man
die Flaggen der verschiedensten, Seehandel treibenden Nationen wehen;
zu den Zeiten des »Pfalwütherichs« Wlad, des Woiwoden der Wallachey,
als im Jahr 1401 Mahommed +II.+ sie niederbrannte, war diese Stadt
der berühmteste Handelsplatz des Landes[45]. Die beiden Ufer haben ihre
bisherige Rolle gegen einander ausgetauscht; das rechte zeigt nur noch
einzelne, kleine Befestigungspunkte, auf welche in früheren Zeiten der
Krieg zuweilen seinen Fuß setzte, während er mit dem andern Fuße das
Land umher zertrat, dann waldiges Hügel- und Flachland, auf welchem
einzelne unbedeutende Ortschaften zerstreut stehen; dagegen bietet
das linke dem Verkehr der Völker reiche Sammel- und Ruhepunkte dar,
vor allem jenseit der Einmündung des Szereth an der Fürstin unter den
Handelsstädten des ganzen, unteren Donaulaufes: an ~Gallacz~. Es
war in einer der früheren Stunden des Nachmittags als wir die weithin
über das hügliche Ufer sich ausdehnende Stadt mit ihrem ansehnlichen,
von Schiffen erfüllten Hafen vor uns sahen. Unter den Schiffen zeigten
sich schon einzelne Dreimaster; im Vorüberfahren hörten wir uns von
englischen, italienischen und russischen Zungen begrüßt; Oesterreicher,
Franzosen und Türken sind hier mit den andern Schifffahrt treibenden
Nationen zu friedlichem Verkehr vereint. Die Strenge der Quarantäne
bewachte und hemmte unsre Schritte; wir durften eben so wenig als
die Mannschaft der türkischen, bulgarischen und serbischen, so wie
der aus Constantinopel kommenden europäischen Schiffe die Stadt
betreten, oder mit ihren Bewohnern und mit den vom linken Ufer und aus
Oesterreich angelangten Fahrzeugen unmittelbar verkehren, doch war die
von Pallisaden umzäumte Skella groß genug, um sich auf ihr zu ergehen
und dem muntern Austausch der Waaren des Südens und Ostens mit den
Erzeugnissen des reichen Landes zuzusehen.
Da uns, als den Genossen der Türken, der Eintritt in Gallacz und in
dem ganzen Fürstenthum Moldau versagt war, fuhren Einige von uns am
andern Morgen auf einem kleinen türkischen Fahrzeuge den breiten Strom
hinüber, an eine große baum- und buschreiche Insel, wo wir den größeren
Theil des Tages unter den noch spärlich blühenden Gewächsen und dem
kleineren wie größeren Geflügel des Waldes zubrachten. Den schönen,
gelben Blüthen der punktirten Lysimachia (+Lysimachia punctata+)
mußte hier unter den Spätlingen der übrigen Blumenwelt der Preis
der Schönheit zugestanden werden; die hohlsägenblättrige Nachtviole
(+Hesperis runcinata+) war schon mit Schoten bekleidet; zugleich mit
den andern Schilfarten zeigte sich das Prunkrohr (+Arundo speciosa+).
Unter den einzeln noch herumschweifenden Schmetterlingen schien uns die
Roxelana (+Hipparchia Roxellana+) an die Familiengeschichte des großen
Suleiman erinnern zu wollen, dessen vormaligen Wohn- und Herrschersitze
wir uns jetzt naheten. Am Ufer des Stromes lagen die (fossilen?)
Schaalen von Cerithien, Trunkatellen und Rissoën angeschwemmt, am Lande
fand sich noch lebend und von besonderer Schönheit die österreichische
Schnirkelschnecke (+Helix austriaca+) im Gebüsch der drüsenblättrigen
Brombeeren (+Rubus glandulosus+).
Bei einigen Türken, welche etwas aufwärts am Strome ihr Fahrzeug
ausbesserten, konnten wir doch unsre auswendig gelernten türkischen
Grüße anbringen, als wir aber in dem kleinen Kaffeehause, das
stromabwärts, am Ende der Insel, jenseits einem kleinen Arm des
Flußes lag, außer dem schwarzen, ungezuckerten Getränk noch andre
Lebensmittel verlangten, da war unser Türkisch nur durch die Sprache
der Zeichen verständlich. Die letzten Stunden des Tages brachten wir
wieder auf und bei unserm Dampfschiff in der Skella zu, wo man so
eben mit dem Einladen der mit Butter gefüllten Ochsenhäute in die
Fahrzeuge beschäftigt war. Noch am Abend bezogen wir das große, schöne
Dampfschiff Ferdinand, das uns von hier zum schwarzen Meere und nach
Constantinopel bringen sollte.
Unsre Abfahrt von Gallacz war eigentlich auf den 1ten Oktober
bestimmt gewesen, da aber einer der Vorsteher der österreichischen
Donauschifffahrt, an welchem wir seit Cladova einen sehr
kenntnißreichen, zuvorkommend freundlichen Reisegefährten gefunden
hatten, in dringenden Geschäften seiner Gesellschaft nach
Konstantinopel und Smyrna eilte, wurde der Aufenthalt um einen Tag
verkürzt und schon am 30ten September, gegen 2 Uhr des Morgens, zogen
wir wieder auf die vom Mond beleuchtete, breite Strombahn hinaus.
Von Gallacz bis zur Donaumündung bei Sulina durchmisset der oft
gekrümmte Lauf des Stromes eine Strecke von 50 Stunden, diese sollte am
heutigen Tage zurückgelegt werden, und dem Eilschritt des Ferdinand,
der in jeder Stunde, auch bei ungünstigem Winde, 13 englische Meilen
durchläuft, wurde dieses auch möglich, obgleich bei Sonnenaufgang ein
starker Nebel die Fahrt etliche Stunden lang hemmte. Da der Nebel sich
verzogen hatte, sahen wir zur Linken das fruchtbare Hügelland von
Bessarabien, zur Rechten begegneten dem Auge die äußersten Höhenzüge
des Balkangebirges. Schon war ~Isaczi~ (das alte Aegysus) hinter
uns; der Strom belebte sich mit einer Menge der aufwärts seglenden
Fahrzeuge, während andre, welche gleich uns hinaus zum Meere wollten,
am Ufer still lagen. Wir bogen jetzt, zwischen den immer häufiger
werdenden Landseen, deren Spiegel, von der Sonne beleuchtet, von Zeit
zu Zeit hinter den Hügeln des Ufers hervorblickten, in den Donauarm von
Suline ein; noch vor Mittag kamen wir an dem ansehnlich aussehenden
~Tulcza~ (dem vormaligen Salsovia) und bald nachher an der Stätte
des alten Halmyris (bei Kisilbasch) vorüber. Ein frischer Wind wehete
vom Meere her. Schaaren von Möven flogen lautschreiend über uns
hin, am Ufer zeigten sich immer häufiger die Gewächse der Seeküste,
es deutete Alles die Nähe des Meeres an. Aber nur wir, in unserm
Dampfschiffe, das in ungehemmter Eile über die ruhende Wasserfläche
hinabglitt, durften uns dem freudigen Gefühl überlassen, daß wir
jetzt mit jedem Augenblick dem Thor zu dem Gewässer des Ostens näher
rückten; der nämliche Wind, der uns mit seinem erfrischenden Hauche so
wohlthuend entgegen kam, hielt seit mehreren Wochen, in den einzelnen
Buchten des Stromes, eine Menge von Segelschiffen, deren Mastbäume wie
ein dichter Wald über die Ebene hervorragten, vom Auslaufen zurück. In
übermüthigem Scherz riefen unsre Schiffer ihren Landsleuten auf einigen
dalmatinischen Fahrzeugen, an denen sie jetzt, seit 14 Tagen, zum
3ten Male vorbeikamen, die Aufforderung zu »sie möchten doch vorwärts
machen.« Jene schwiegen verdrießlich. Die Fahrt im neuen Dampfschiffe
ist eine Uebung der selbstthätigen menschlichen Kraft; die Fahrt in
einem Segelschiffe ist eine vielleicht noch wohlthätigere Uebung der
menschlichen Geduld.
Die Sonne neigte sich zum Untergang; ihre letzten Strahlen beleuchteten
uns die blaue, dunkle Tiefe des schwarzen Meeres. Das Auge hatte
einige Augenblicke den Glanz der eben scheidenden Königin des Tages
betrachtet; beim Zurückschauen auf das Verdeck schwebten farbige
Schattenbilder vor dem geblendeten; sie glichen den Gestalten von
theuren, fern in der Heimath weilenden Freunden, welche im Geist auf
dieser Reise uns begleiteten. Die treue Hausfrau, die voll Furcht vor
dem Meere, vor allem aber vor diesem war, von dessen Gefahren sie so
Vieles gelesen und gehört hatte, drängte sich ängstlich an mich hinan;
aber das Rauschen der hohen Wellen wollte uns ja nur einen Spruch
in die Erinnerung zurückführen, der uns heute, am Morgen des 30ten
Septembers, als Loosungswort (Parole) des Tages gegeben worden war:
»die Wasserwogen im Meere sind groß und brausen gräulich; der Herr aber
ist noch größer in der Höhe« (Ps. 93. V. 4.).
Die Fahrt auf dem schwarzen Meere und durch den Bosporus.
Die Macht der Fluthen der Donau, bei ihrem Einströmen in das schwarze
Meer, ist so groß, daß, wie man sagt, noch in einem Abstand von der
Küste gegen Osten hin, welche drei und eine halbe Meile beträgt, das
Süßwasser des Flußes fast unvermischt über dem schwereren Seewasser
seinen Lauf fortsetzet, und durch seinen Geschmack sich verräth.
Wir, gegen Süden gewendet, verloren sehr bald dieses Geleite, das
der heimathliche Strom den gegen Osten steuernden Schiffen noch auf
ein Stück Weges hin, auf das unwirthbare, fremde Gewässer giebt; wir
traten in das unbeschränkte Herrschergebiet des Pontus Euxinus ein.
Wie ganz anders war hier das Bewegen des wogenden Wassers; wie ganz
anders das Bewegen des Dampfschiffes, als auf der stillen Donau. Das
schwarze Meer, auch bei ruhiger Zeit, gehet fast immer in hohen Wogen;
sein Wasserspiegel ist ein Punkt des Begegnens des im Osten an ihn
angränzenden caucasischen Hochgebirges, des im Süden ihn umgürtenden
Hämus und Olympus, so wie der von Westen und Norden her verlaufenden
Ebene des unteren Donaugebietes und der nördlichen Stromtiefen. Durch
diesen kräftigen Gegensatz der nahe zusammengränzenden Bergketten und
der von ihnen umschlossenen Ebenen, wird ein fast beständiges Bewegen
der Atmosphäre erregt; das schwarze Meer ist im Großen das, was etwa
mitten in einer unsrer Städte der Vorplatz vor einer hohen Domkirche im
Kleinen ist: der Treibheerd eines beständigen Wind- und Wetterzuges.
Bewegt, wie das Gewässer, wird hier das Gemüth des Wanderers, der
zum ersten Male hinaustritt in die Nähe des Schauplatzes der hehren
Jugendthaten unsres Geschlechts. Da, im Osten, erhub sich die Sonne des
zweiten Weltentages der Geschichte; dort, im fernen Süden erstieg sie
die Höhe ihres Mittages.
Der Mond gieng endlich auf und beleuchtete mit unsichrem Scheine
die immer weiter zurücktretende, westliche Küste, die Nacht ward so
windstill und ruhig, wie sie in solcher Jahreszeit auf diesem Meere nur
selten gefunden wird.
Am andern Morgen versuchten die Meisten von uns vergeblich sich vom
Lager zu erheben, um wenigstens nach der Stätte der westlichen Küste
hinüber zu blicken, an welcher ~Tomi~, die vormalige Hauptstadt der
Scythiaminor lag, wo der dorthin verbannte römische Dichter Ovid die
Schmerzen seines Heimwehes besang. Uns hatte jetzt jener Zustand
ergriffen, der einem Sterben gleicht, an welchem niemand stirbt;
jene Krankheit, da man sich übersatt fühlt, ohne gegessen, zum Tode
müde, ohne gearbeitet zu haben, weil selbst die Ruhe kein Aufhören
der Bewegung bringt. Es ist als fühlte man nicht mehr sich selber,
sondern nur das schwankende Schiff; die Gedanken sind aus dem Gehirn
entwichen; sie sitzen, wie festgebunden, am Mastbaume, an ihrer Statt
ist ein umkreisendes Bewegen der rasselnden Räder und ein Auf- und
Niederschnappen der Dampfmaschinen hinein in den Kopf getreten, was
diesem alle Kraft nimmt, sich aufrecht zu halten. So vergieng uns
der schöne Tag des ersten Octobers; nur am Nachmittag gewährte der
kurze Aufenthalt vor dem ansehnlichen ~Varna~, dem ~Odessus~ der
Alten[46] einige Augenblicke des Ausruhens, dann begann in und außer
uns von neuem das Rasseln der Räder, das Auf- und Niederschnappen des
Pumpengestänges.
Aber auf die Unruhe des Sonnabends folgte am 2ten October eine
liebliche Stille des Sonntages. Freilich schien es uns anfangs, als
wir noch vor Mittag den Kyaneen oder Symplegaden an der äußern Mündung
des Bosporus uns näherten, als sey dieses Fünfgespann der Felseninseln
mit sammt dem Fußgestell vom Altar des Apoll, welches auf der einen
von ihnen stehet, von neuem von jenen Ruhesitzen aufgestanden und
losgeworden, die ihnen die Orpheische Lyra angewiesen; sie schienen
uns, denn noch schwindelte das Haupt, wieder eben so bewegt, wie
damals, als Jason seiner Argo die Taube voraus sendete und als zwei
der Symplegaden, durch welche der Vogel noch so eben hindurchflog,
diesem, durch ihr Zusammenschlagen die Federn des Schwanzes entrissen.
Als aber jetzt, bei Fanaraki, das Dampfschiff in das ruhigere Gewässer
des Bosporus eintrat und zugleich die schaukelnden Bewegungen desselben
sich milderten, da kehrten mit einem Male Gesundheit und der sichre
Blick des Auges wieder.
Wir sind nun bei dem Boden einiger bedeutungsvollen Sagen des
Alterthums. Hier zur Rechten, am europäischen Ufer, auf dem
zerklüfteten Felsen stund einst ~Phineus~, des Erblindeten, Königsburg,
der dem Jason und den andren Helden der Argo freundliche Bewirthung
bot. Statt der Harpyen, welche damals, bis Jasons Begleiter sie
besiegten, die Freuden der Gastung störten; statt der Geier, die
noch jetzt hier nisten, kam ein Vogel der Minerva: die thrazische
Nachteule an unser Schiff geflogen und ruhete, nachdem sie mehrmalen
ihn umkreiset, einige Minuten auf dem Mastbaume aus. Phineus Burg ist
längst verschwunden; an ihrer Stätte stehet das türkische Kastell
~Karibdsche~; diesem gegenüber, am asiatischen Ufer, ein andres,
~Poiras~ genannt, beide von Batterieen umpflanzt. Hierauf steigen, an
der rechten oder europäischen Seite die Felsenwände von ~Mauros-molos~,
wo vormals ein griechisches Kloster stund[47], so gäh aus dem Meere
hervor, daß zu ihren Füßen kein Raum für den Wandrer und sein
Lastthier bleibet; oben auf der Höhe stehet die +Turris Timaea+: jener
alte, rundliche Leuchtthurm, dessen Licht den Schiffern ein sichrer
Leitstern durch die Klippen der Kyaneen zum Eingang des Bosporus
gewesen wäre, hätten nicht die Barbaren der äußeren Küste durch
andre, von ihnen angezündete Feuer die Fahrzeuge zwischen die Klippen
verlockt, um die gestrandeten zu berauben. Das eigentliche Thor zu den
Schönheiten des Bosporus thut sich erst jenseits der beiden einander
gegenüberstehenden Vorgebirge von ~Rumili Kawack~ und ~Anatoli Kawack~
auf. Diese Vorgebirge sind einer der Hauptpunkte des Ueberganges der
asiatischen, vom Antitaurus herstammenden Gebirgskette nach Westen;
denn die letzten, bei Rumili Kawack hervortretenden Ausläufer des
europäischen Hämus begegnen hier unmittelbar gegenüber denen des
asiatischen Olympos. Auf diese Gränzhöhen der beiden Welttheile hatte
das Alterthum die Mächte aller seiner Götter versammlet; denn der
Hinausblick auf die nahen Todesgefahren des Pontus Euxinus mußte auch
in der trägesten Seele die Gedanken der Ewigkeit wecken. Dort zur
Linken, am asiatischen Ufer, stund der Tempel der zwölf großen Götter,
mit dem kostbaren Dache der vergoldeten, metallenen Ziegel. Jason, als
er hier anbetend der Herrschergewalt des Unsichtbaren sich gebeugt,
erbaute am nahe gegenüberliegenden europäischen Ufer die Altäre der
Cybele und des Serapis. Während der byzantinischen Herrschaft stunden
hier zwei Schlösser, davon das eine in seiner byzantinisch-genuesischen
Bauart noch ziemlich wohl erhalten stehet; in Zeiten der Noth wurden
von einem Schloß zum andren eiserne Ketten gezogen, um die Durchfahrt
der feindlichen Schiffe zu hemmen. Von der Felsenwand des Berges, da
der Tempel der Zwölf erbaut war, wagte, so erzählte die alte Sage, ein
jugendliches Paar von Liebenden eine nur in den Augen des Heidenthumes
bewundernswert erscheinende That: es sprang, als das Opfer einer Liebe,
deren Flamme mit dem Tode stirbt, vom festen Grunde hinab ins Meer; aus
dem Leben des Diesseits, dessen Kräfte es verkannte, hinüber, in die
richterliche, ernste Stille des Jenseits. -- Anjetzt wohnet hier ein
Volk, gleich jenem zu Mönkgut auf der Insel Rügen, kräftig, sittsam und
friedlich, die Vermischung mit den Nachbarn vermeidend; von den Türken
des Unglaubens beschuldigt; hierinnen gleiches Loos theilend mit den
Drusen des Libanon.
Wir treten nun hinein in das Innre dieses Zaubergartens: in das
Innre des eigentlichen Bosporus. Welche Erinnerungen an irgend
etwas schon Gesehenes soll ich aber in den Seelen meiner Leser
hervorrufen, welche jenes Paradies des Meeres und des Landes noch
nicht besuchten, um an das schon Geschaute und Erfahrene das Bild des
noch nicht Geschaueten anzuknüpfen. Ich hatte, ehe ich hieher kam
die schönsten Küstengegenden von Italien, Südfrankreich und Piemont
gesehen, aber unter den Erinnerungen an diese früheren Genüsse
meiner Wanderschaften war keine, die mir, wie ein passender Reim zu
jenen Empfindungen erschienen wäre, welche der Anblick des Bosporus
weckte. -- Wir haben etwa in unsrer Kindheit die Mährchen des Orients
gelesen; wir haben im Spiegel jener Gedichte der Morgenländer, welche
~Rückerts~ Meisterhand auf vaterländischen Boden verpflanzte, das
Bild einer irdischen Natur gesehen, durch deren vergänglichen Schleier
allenthalben die Schönheiten einer unvergänglicheren, überirdischen
Natur hindurchblicken; das was jene Dichtungen uns ahnden ließen,
das glaubt hier das Auge verwirklicht vor sich zu sehen. Bei dem
Feigendorfe ~Indschirkoi~, an dem wir weiterhin vorüberkamen,
bewundert der Einheimische wie der Fremde eine Baumgruppe von seltsamer
Art: zwei Zypressen und zwei Feigenbäume sind hier so in und durch
einander gewachsen, daß die fruchttragenden Arme des Feigenbaumes aus
dem Körper der Zypresse, der hohe Scheitel von dieser aus dem Stamme
von jenem hervorzukommen scheint; der Feigenbaum hat der Zypresse
die Fülle seiner Süßigkeiten, diese aber hat jenem die Kräfte ihres
erhabenen Aufschwunges mitgetheilt. So, wie in dieser Baumgruppe
sind im Bosporus die Elemente des innigsten Liebreizes der Natur mit
der hochstrebenden Herrschermacht derselben verschlungen. Wie das
Brennbare, wenn der entzündende Funke es getroffen sich als Flamme
emporschwingt, und, je stärker die Gluth wird, immer höher sich erhebt;
so erhebt sich bei dem Anblick des Bosporus die Empfindung; es ist wie
ein Jauchzen der Lust, das gleich der singenden Lerche emporsteigt
vom Boden, in das unbegränzte, unermessene, tiefe Blau des Himmels.
Aber der Vogel der Empfindung, wenn er auch jetzt sich hinaufschwang,
läßt sich doch bald da bald dort wieder nieder auf das Thal und das
grünende Ufer, wenn sich hier, neben der hohen Platane die Wildniß des
blühenden Rosengesträuches entfaltet; wenn unter dem Wald der Zypressen
die duftende Wiese des Crocus und der Anemonen sich hinbettet, oder die
grünende Fülle der Orangengärten, gleich einem überschwellenden Strome
über die Mauern der Lustgärten heraustritt und ihre Wände mit den
blühenden Ranken der Ipomöen und persischen Winden bedeckt. Hier, neben
der festlich geschmückten Natur hat auch die Baukunst des Morgenlandes
ihr Prachtgewand angelegt; die hochgewölbten Moscheen, die Palläste
der Großen, im Glanze des weißen Marmors ihrer Säulen und Mauern
erscheinen wie durchsichtig; es ist als hätte die Gluth des Schönen,
welches allhier in unbesiegbarer Jugendkraft waltet, das starre Gemäuer
durchdrungen und dasselbe für ihre Strahlen durchleuchtig gemacht. --
Doch es ist Zeit, daß ich einige der lieblichsten Ruhepunkte des Auges,
die sich hier unter dem tiefen Blau des südlichen Himmels und neben dem
noch tieferen Lazur des Meeres auf dem immer grünenden Boden auferbauet
haben, wenigstens nenne und im Umriß bezeichne.
Der Hain der Zypressen und Platanen der hier zur Rechten, sobald
jenseit der Landspitze von Mesar-Burnu das Schiff in das eigentliche
Innre des Bosporus tritt, bei ~Sarijari~ ins Auge fällt, ist nur
eines jener bunten Gewänder, welches die Sitte der Moslimen über
die Schatten und Schrecknisse der Gräber breitet, denn unter den
weissen Steinen ruhen Gebeine der Todten, denen die türkische
Inschrift einer der Springbrunnen, Wiederbelebung, durch die Kräfte
eines Wassers verheißet, welches auch das Erstorbene neu erfrischt.
Nahe hierbei fließet das gepriesene Wasser von ~Kastanessu~, oder
des Kastanienquelles; weiterhin zeigt sich das breite Thal von
~Bujuckdereh~: ein Lustgarten des Landes, in dessen grünendem Gebüsch
und Bäumen, als wir an ihm vorüberzogen, ein erfrischender Wind seine
Wogen schlug. Hier erquickte sich, so erzählte die Sage, nach der
Mühe der langen Pilgerfahrt Gottfried von Bouillon mit der vertrauten
Schaar seiner Helden, und noch jetzt ist Bujuckdereh ein Ort der
Erquickung für den hier, während des Sommers verweilenden fränkischen
Adel. Dort zur Linken, den Hainen des wasserreichen, thrazischen
~Belgrad~[48] gegenüber, erhebt sich der ~Riesenberg~, mit dem
steinernen, sogenannten Bette des Hercules, das die Sage der Moslemen
zu Josua's Grabe machet; weiterhin stehet, am asiatischen Ufer, an der
Stätte des vormals herrlichen Sommerpalastes zu ~Chunkar Inkalessi~
die schönste Papiermühle in der Welt: ein Gebäu aus Marmor errichtet,
mit prachtvollen Sälen, am Saume des reichen Flußthales; als wollte es
alle Die, welche auf Papier schreiben an die Tröstungen und Freuden des
Paradieses erinnern, wo das gar viele Schreiben aufhören wird. Wenn
auch der Blick des schnell Vorüberfahrenden von da sich wieder hinüber
wendete zur europäischen (linken) Seite, auf ~Tharapias~ Gärten, bei
denen Medea dem väterlichen Zorn entfliehend, ihre bezaubernden Gifte
ans Land geworfen; oder auf die schattige, fischreiche Bucht von
~Kalender~ und die wilde Brandung an den Felsen von ~Jenikoi-Burni~;
so kehrt es doch bald wieder zurück zu der im Ganzen schöneren und
reicheren asiatischen Küste. Hier, bei ~Begkos~ und seiner unter hoher
Kuppel spielenden Fontäne waren die Ochsenställe des Amykos, der im
Kampfe dem Kastor unterlag; hier stund die +Daphne insan+, jener
Lorbeerbaum dessen Blätter -- möge doch kein treuloser Krämer in unserm
Vaterlande sie verbreiten -- in Jedem, der sie genoß, Streitsucht und
gehässigen Unmuth erregten. Statt des Lustschlosses in persischer
Bauart und mit persischer Pracht innerlich geziert, das Murad +III.+
(um 1585) in ~Sultania~ erbaute, stehet jetzt der Pallast eines
türkischen Großbeamten am Bache der Platanen. Die Hügel des Dorfes
der Feigen: ~Indschirkoi~, von dessen merkwürdiger Baumgruppe vorhin
Erwähnung geschahe, sind ein Fruchtgarten, so reich und anmuthig, wie
das Auge des Wanderers durch die Nachbarländer der Heimath noch kaum
einen gesehen.
An der europäischen Seite hat sich jetzt der schönste Hafen des
Bosporus: ~Stenia~ eingestellt; die Masten der europäischen
Kriegsschiffe wetteifern an Höhe mit den Zypressen des nahen
~Emirgum~, wo sonst ein Tempel der Hekate stund, jetzt aber die
türkische Mauth ihren Sitz aufschlug. Asiatischer Seits öffnet sich
den Blicken die Bucht der Ruthe: ~Tschübükli~, so genannt, weil Sultan
Bajasid +II.+ seinem Sohne Selim hier 8 Ruthenstreiche ertheilte.
Vormals stund da ein Kloster jener »Schlaflosen«, deren einzelne Chöre
ohne Aufhören, Tag und Nacht Loblieder tönten und Gebete.
Prachtvoll wölbt sich bei ~Karibdsche~ die Kuppel der hohen
Moschee; ihr gegenüber, bei ~Balkalimani~ zeigen sich Grabmäler
der türkischen Heiligen. Die verdüsternde Wolke, welche etwa der
»schwarze Thurm« bei ~Anatoli Hissari~, einst ein grausamer Kerker
der Kriegsgefangenen, in der Seele des Betrachtenden aufsteigen ließ,
zerstreut sich beim Anblick der »himmlischen Wasser« von ~Göcksu~,
aus deren Rosenhainen und duftenden Orangengärten ein Sommerpallast
des Großherrn hervorschimmert. Ein türkischer Dichter besingt diese
liebliche Gegend am Bosporus in Versen, deren ohngefährer Sinn
folgender ist:
Wie Damaskus und Yemen und Sogd auf Erden berühmt sind,
So wird im Paradies Göcksu's Gestade gerühmt.
Der abentheuerliche Bau der alten, gegenüber liegenden Veste von
~Rumili Hissari~, welche ~Mohammed~ +II.+ zwei Jahre vor der Eroberung
von Constantinopel nach einem Grundriß erbauen ließ, der die Züge der
arabischen Buchstaben in dem Worte »Mohammed« nachahmte, bildet mit
den Prachtgebäuden des benachbarten ~Bebeck~, so wie mit denen des
nahe gegenüber liegenden ~Kandilli~ einen sonderbaren Contrast. Dort
im Thurme von ~Kule Bagdschessi~ ward Suleiman der Große, Selims +I.+
einziger Sohn, dessen Hinrichtung der mit dem Blut vieler seiner Freunde
befleckte Vater im Zorn befahl, drei Jahre lang von dem wohlgesinnten
Bostandschi Bey verborgen, bis der Grimm des Herrschers der bittren
Reue über den vermeintlich vollbrachten Mord des Sohnes Raum gegeben.
Jene hochstämmige, alte Zypresse, die dort neben dem Quell stehet, soll
der gefangene Prinz mit eigner Hand gepflanzt haben.
Bei ~Arnaudkoi~, an der europäischen Seite, wird die vorherrschend
nach Nord und Süd gehende Strömung der Meerenge so heftig, daß die
Schiffer der kleineren Fahrzeuge, wenn sie aufwärts fahren, durch die
hier wohnenden Piloten am ausgeworfenen Seile sich ziehen lassen.
Unser Dampfschiff steuerte so ruhig wie ein auf der Woge scherzender
Delphin auf dem schäumenden Meeresstrom hinab, gegen die Lustgärten
und Palläste von ~Beglerbegkoi~ und gegen Kurutsche hin, wo die
berühmten Einsiedler des 5ten Jahrhunderts: Simon und Daniel Stylites
in jahrelanger Entsagung, auf einer Säule stehend gelebt und Buße
gepredigt haben. Kaum hat das Auge noch so viel Zeit, daß es sich an
dem Anblick des wogenden Blumenmeeres, durch dessen Farben das von der
Sonne beleuchtete Wasser der Springbrunnen hindurchschimmert und an den
Prunkgebäuden und Moscheen von ~Baschiktasch~ und ~Istawros~ ergößen
kann; denn dort bei ~Fündüklü~, der Stätte des vormaligen Altars des
Ajas, Skutari gegenüber beut sich, in der ganzen Macht des ersten
Eindruckes der Anblick der nahen Hauptstadt des osmanischen Reiches und
der ihrer Vorstädte dar. Die Stunden, welche wir, bis zur Ausschiffung
unsrer Personen und unsrer Gerätschaften noch auf dem Verdeck des
Schiffes zubrachten, vergiengen uns wie der Traum eines Schläfers im
Schatten des Rosengebüsches. Das Boot das uns von dem Dampfschiff
wegführte, hatte bei ~Galata~ gelandet, von hier, im Geleite der
Lastträger, die unser Gepäck auf ihre starken Schultern nahmen, stiegen
wir den Berg hinauf nach ~Pera~, wo uns das Haus einer trefflichen
Landsmännin, der Madame ~Balbiani~ Ruhe und reichliche Pflege gab. Von
den Fenstern unsres Zimmers aus gesehen, lag die Herrscherstadt des
Ostens, auf ihren sieben Hügel gebettet, in ihrer ganzen Herrlichkeit
vor uns; die Abendsonne bestrahlte die hohen, vergoldeten Kuppeln der
Moscheen, die Palläste und Thürme; zu ihren Füßen das blaue Meer;
der Himmel war klar und rein. Aber wie ein Schatten, den eine im
Trauerkleide vorüberwandelnde Wittwe auf ein Beet der blühenden Tulpen
wirft, zogen mitten durch den Glanz des Neuen die düstern Streifen der
alten Ruinen und der erst neulich, an einem der Hügel entstandenen
Brandstätten hindurch. Die Hauptstadt der Moslemen mag ihr gold- und
perlengesticktes Gewand ausbreiten, so viel sie will, dennoch reicht
es nicht hin, um die Flecken des Blutes und die Gebeine einer vor ihr
gemordeten Vorwelt zu verdecken, welche, so tief sie auch zuletzt
gesunken, ohnläugbar einst höher geragt und Bessres erstrebt hat als
sie.
Constantinopel.
An den türkischen Fahrzeugen finden sich öfters die Namen der
Siebenschläfer, aus der bekannten anmuthig-kindlichen Legende. Denn
diese sieben Langschläfer sind auf eine sonderbare Weise zu der Ehre
gekommen, Schutzpatrone der türkischen Schiffer zu werden; deshalb
nämlich, weil ihre Geschichte, die der Koran ziemlich ausführlich
erzählt, mit den Worten endet: »und sie stiegen in ein Schiff.« Auch
uns kam, am ersten Tage unsres Aufenthaltes in Constantinopel jene
im Munde der Christen wie der Moslemen lebende Sage lebhaft in die
Erinnerung; nicht deshalb, weil sie im Koran stehet; nicht deshalb,
weil die türkischen Inschriften an der Pupa der vor unsren Augen im
Hafen liegenden Schiffe von ihr redeten, sondern weil das, was wir an
und in uns selbst an diesem ersten Tage erfuhren, Aehnlichkeit mit
Dem hatte, was den Siebenschläfern bei dem Erwachen aus ihrem tiefen
Schlafe begegnete. Diese, nachdem sie in dem Schlummer der vielen Jahre
die Zeiten der blutigen Verfolgungen und alle Gräuel der seitdem zu
Ende gegangnen, heidnischen Herrschaft verträumt hatten, erwachten
erst in den Tagen einer neuen Weltherrschaft. Die lange Ruhezeit hatte
ihnen nur wie eine einzige Nacht gedäuchtet; von alle Dem, was seitdem
geschehen und geworden, wissen sie nichts, so kommen sie hinab in die
nachbarliche, sonst so wohlbekannte Stadt, welche sie noch so zu finden
wähnen, als sie dieselbe »gestern« verließen. Aber wie ist da Alles so
verändert; kaum daß sie noch eine der alten Gassen wieder erkennen; sie
wollen Speise kaufen, aber die Verkäufer verstehen ihre Sprache, kennen
ihr Geld nicht; staunen sie nur an in der alterthümlichen, ungewohnten
Tracht, und sie ihrerseits verstehen jene nicht, staunen das Gewand und
die Weise der ihnen neuen, spätern Welt an.
So ergieng es, abgesehen von Dem was diesmal die Stellung vom Alten
zum Neuen in eine umgekehrte verwandelte, uns, und so ergehet es
vielleicht Jedem, der den schnellen Flug des Dampfschiffes auf
der Donau hinabmachte, bei dem Eintreten in die große türkische
Kaiserstadt. Wir hatten zwar eine Morgenstunde lang in den Gassen
von Widdin, dann des einen Abends zwischen den Häusern und Hütten
von Rusczuk uns herumgetrieben, Varna, vom Hafen aus, wie ein Bild
im Guckkasten beschaut; dieß Alles war aber nur eben so viel, als
wenn ein Zugvogel, der eilig, ohne Ruhe und Rast über das Meer in
ein fremdes Land ziehet, zuletzt etwa noch einige Augenblicke lang
auf den Dächern eines Wohnortes der Fischer ausruhet und in die
Höfe oder Gassen hinunterschauet, kaum aber, so groß ist die Eile,
nur Muße hat, das unter ihm Liegende und Stehende genau zu bemerken.
Jetzt war der Flug zu Ende und wir saßen, giengen und stunden in
der mächtigen Herrscherstadt und in der Mitte eines Volkes, das an
Religion, Sitte und Sprache uns fremd -- wie den Siebenschläfern die
neue, spätere Welt war. Wie lärmte, wie schallte, wie drängte sich
all das bunte Gewimmel in den engen Gassen des gewerbthätigen Galata,
dem Tummelplatze aller hieher Schifffahrt treibenden Nationen; zur
Rechten, etwa in einem griechischen Kaffeehause, Musik und Tanz; zur
Linken, in einer von türkischen Officieren besetzten Garküche, der
gellende Gesang eines Zigeunerknabens, begleitet von dem Geklimper
einer übeltönenden Zither; dort weintrinkende, lärmende Matrosen der
fremden Schiffe, nicht weit davon einheimische Türken, die beim Dampfe
der langen Pfeifen den schwarzen Kaffee tranken; außen auf der Gasse
Mäkler und Lastträger; beschäftigte wie unbeschäftigte Franken und
Türken; gravitätisch einherschreitende Derwische und gespensterartig
vermummte Frauen.
Doch wir wollen hier nicht zuerst bei der Beschreibung und Geschichte
einer Vorstadt von Konstantinopel verweilen, sondern uns sogleich über
den Hafen hinüber nach der Hauptstadt selber begeben; wir berichten,
ehe wir von Pera und von der Umgegend reden, das, was wir auf mehreren
unsrer Tagwanderungen in der alten und neuen Kaiserstadt des Ostens
gesehen und empfunden.
Diese zeigte sich uns freilich, so laut auch die Geigen und der
gellende Gesang der Zigeuner in Galata tönten, damals, als wir bei ihr
verweilten, nicht in der fröhlichen Gestalt einer Herrscherin, welche
durch solche Musik zum Tanzen sich locken ließe; eine langanhaltende
Dürre, welche das Land, diesseits und jenseits des quellenreichen
Bosporus seit Monaten aussog, hatte Asche auf das Haupt der Fürstin
der türkischen Städte gestreut; die Pest war in ihrem Innren mit
einer Heftigkeit ausgebrochen, in der sie seit vielen Jahren nicht
mehr erschienen; eine heftige Feuersbrunst hatte vor Kurzem einige
der ansehnlichsten Gassen der Stadt, mit ihren reichen Kaufmannsläden
vernichtet, und während wir in Pera wohnten, brach nahe bei uns
ein Feuer, in den armseligen türkischen Hütten, am südöstlichen
Bergabhange, gegen das Arsenal hin aus, dessen drohende Gefahr nur
durch die Windstille und die Entschlossenheit der zu Hülfe eilenden
Franken von der Vorstadt abgewendet schien. Wenn wir, im Haine der
Zypressen, bei den türkischen Grabstätten, deren lange, meist durch
säulenartig aufrecht stehende Steine bezeichnete Reihen fast bis unter
die Fenster unsrer Wohnung sich heranzogen, hinabgiengen zum Meere,
da begegneten uns Lastträger, welche einen Todten, in härene Decke
gehüllt, hinausschleppten; im Hafen kleine Fahrzeuge, mit belasteten
Särgen oder Todtenbahren. Jenseits der Stadt, auf der Landseite, etwa
gegen Daud-Pascha hin waren die Gräber der moslemitischen Heiligen
nach einem eben so gefährlichen als eckelhaften Gebrauche des hiesigen
Volkes mit Kleiderstücken und Lappen vom Körper oder Lager der tödtlich
Kranken behangen, welche hierdurch Linderung ihrer Krankheit und
selbst Heilung zu erlangen hofften; in den Gassen und Bazars der Stadt
begegnete man allenthalben den in schwarzen Wachstaffet gekleideten
Franken, die sich durch diese Verhüllung, so wie durch die langen
Stöcke der Gefahr der Berührung von den Türken zu entziehen strebten;
wenn man in das Haus eines Franken trat, oder nach einem Ausgange
in die Stadt und ins Freie in die eigne Wohnung zurückkehrte, da
ward man in einen schrankähnlichen, nur oben an der Thüre mit einer
kleinen Oeffnung zum Athmen versehenen Kasten gesperrt, und von dem
übelriechenden Rauchwerk eines zu den Füßen gestellten Kohlenbeckens
fast bis zum Ersticken durchräuchert.
Bei all diesen Bedenklichkeiten und Gefahren blieben jedoch die
eigentlichen Bewohner der Hauptstadt: die Moslemen so unerschüttert
ruhig, als wäre die Pest nur als eine beiläufige Zeitungsnachricht aus
fernem Lande, nicht sie selber, als verwirklichtes Ereigniß unter ihnen
verbreitet; in den Gassen wie in den Bazars drängten sich, eben so wie
sonst, die Haufen der gleichgültigen, Handel- und Wandel-treibenden
Menschen; kaum daß sie den Trägern auswichen, die etwa wieder einen
Todten aus den Häusern forttrugen; verächtlich blickte der im
Kaffeehause sitzende, ruhig rauchende Türke heraus, auf das ängstliche
Bemühen der Franken jedes Anstreifen an einen Vorbeigehenden zu
vermeiden. Uebrigens gehörten wir, besonders in den ersten Tagen unsres
Hierseyns nicht zu diesen ängstlichen Franken; wir drängten uns, gleich
den Moslemen, ziemlich furchtlos durch die Haufen des Volkes; sey es,
daß wir die Größe der Gefahr allzuwenig erkannten oder daß uns etwa
die Worte jenes heiligen Hochgesanges, den wir am ersten Morgen mit
einander lasen, bei gutem Muth erhielten: »ob Tausende fallen zu deiner
Rechten und Zehntausende zu deiner Linken, so wird es doch Dich nicht
treffen«[49].
Wir blieben in Allem neun Tage in Constantinopel und sahen in dieser
Zeit außer dem Innren der hehren Sophia, zu welchem den nicht allzu
schwierigen Eingang uns zu bahnen wir versäumt hatten, Alles, was
für uns und wohl für die meisten Reisenden aus dem Westen als das
Sehenswürdigste und Schönste in der großen Stadt und ihrer nächsten
Umgegend erscheint. Ich beschreibe hier in einigen Hauptumrissen
vornämlich die Geschichte zweier Tage, die mir als die genußreichsten
und denkwürdigsten unsres Aufenthaltes erschienen.
Dienstags am 4ten October hatten wir uns frühe, als der Tag noch kühl
war, aufgemacht. Hier, in der Nähe des Weges, der uns hinab zum Hafen
führte, fand sich vormals, auf einem der nun verwitterten Grabessteine,
welche die Gebeine der in den früheren Kämpfen des Islams mit Byzanz
gefallenen Krieger deckte, eine Inschrift des folgenden, ohngefähren
Inhaltes.
Sie sind es, die gekommen und gegangen,
Was haben sie auf dieser Welt erlangt?
Gekommen und gegangen, was erlangt?
Das Eine, daß ins ewge Heim sie drangen.
Als wir über den Meeresarm des Hafens hinüberfuhren, da glänzten
die Moscheen auf den Höhen der Stadt; da leuchteten die Minares mit
ihren farbigen oder vergoldeten Dächern und Halbmonden, von der
Morgensonne beschienen, so mächtig auf uns herab, daß wir, von diesem
Glanze geblendet, das kleinliche Gewirr der andren Häusermasse nicht
bemerkten. Es ist jedoch dieses nur die Ouvertüre, aus einem alten
Meisterstück der Tonkunst entnommen, die zu dem Stücke des heutigen
Tages, das so eben gegeben werden soll, nicht ganz paßt; denn
Constantinopel verspricht, von fern gesehen, mehr, als es in der Nähe,
in seinem Innren gewährt. Man hat, wegen der nach oben kolbigen Gestalt
des meist bunten Dachwerkes die Minares mit Tulpen verglichen; wohl mag
denn die türkische Kaiserstadt wegen der Menge der hellfarbigen Minares
die nach allen Richtungen über sie verbreitet sind, ein prunkendes
Tulpenbeet genannt werden, man thut jedoch wohl, wenn man den Boden,
aus dem diese Tulpen sich erheben, nicht zu genau beachtet; denn dieser
bestehet aus einem Stoffe, der zwar den Gewächsen eine gute Nahrung
gewährt, für die Sinnen aber des Vorübergehenden nur ein Gegenstand des
Eckels, nicht des Wohlgefallens seyn kann.
Wir näherten uns, bei unsrer ersten Ueberfahrt von Pera, der
Hafenseite der Stadt in der Gegend des Mehl- und Holzthores. Wir
hatten uns in mehrere der kleinen, beständig bereit liegenden
türkischen Fahrzeuge vertheilt, denn außer uns Sechsen, die wir die
eigentliche Hauptgesellschaft dieser Reise bildeten, war mit uns
ein junger (israëlitischer) Dragoman aus Varna, der sich uns schon
auf dem Dampfschiffe zu diesem Geschäft angeboten hatte, im Ganzen
ein günstiger Fund, denn obgleich dieser Dragoman bei jedem Handel
oder sonstigen Auftrag, wobei Geld im Spiele war, seines Vortheils
wahrnahm, so geschahe doch dieses in keinem zu übertriebenen Maße,
dabei war er im hohen Grade unternehmend und zum Führer selbst an
schwerer zugängliche Orte geschickt; in Ungarn erzogen, sprach er
so fertig Deutsch als Türkisch und Ungarisch. Außer diesem freilich
unentbehrlichen Begleiter der mit der jetzigen Stadt und ihren
Bewohnern gleich einem Eingebornen bekannt war, fand sich in unsrer
Gesellschaft noch ein freundlicher, wackrer Landsmann, Herr Mühr, der
schon seit längerer Zeit in Constantinopel gelebt und mit Sprache so
wie mit Sitte des Volkes sich bekannt gemacht hatte, vor Allem aber,
was dem Dragoman abgieng, einen Ueberblick über die alte und neue
Geschichte der Stadt, eine Kenntniß der alten Bauwerke und Denkmale
besaß, welche uns die Bekanntschaft mit dem alten wie neuen Byzanz sehr
erleichterte und das Interesse unsrer Wanderungen ungemein erhöhte.
So eben haftete der Blick noch an der prächtigen Moschee Suleimans des
Großen, dem Meisterwerke des großen Baukünstlers ~Sinan~, da mußte er
sich, denn wir waren am Aussteigen, auf den Boden niederlassen. Unsre
türkischen Schiffer hatten nicht gerade den günstigsten Punkt zu diesem
Aussteigen gewählt. Wir mußten gezogen am Arme von unsren Türken an der
morschen Bretterwand, welche hier den Hafen einfaßte, emporklimmen,
und wo wir ans Land traten, hatte dieses kein erfreuliches Aussehen.
Dort lagen, am Strahle der Morgensonne sich wärmend die Schaaren und
Familien der verwilderten Hunde auf den erhöhten Haufen des Unrathes,
neben diesen, schon besetzten Höhen, breitet sich der Stoff, auf dem
jene liegen, in reichlicher Menge aus. Hier sollte wohl der Wandrer
immer seine Wasserstiefeln anhaben, diese könnten ihn noch gegen andre
Dinge schützen als gegen Wasser. Doch schon sind wir über den fatalen
Landungsplatz hinüber; wir steigen zuerst von der Gegend des Mehlthores
(~Unkapu~) an dem Abhang des einen der sieben Hügel (~Sirek~), durch
die Mühlengasse hinan. Tagwerker gehen da eben an ihr Geschäft,
dazwischen beladene Esel, kleine Truppen von Schlachtvieh; einzelne,
vermummte Frauen. Auch hier erinnerte das schlechte, vereinzelt über
den Schmutz gelegte Pflaster, wie die Rotten der Hunde, nur zu sehr
daran, daß man fern von den Wohnungen des Heimathlandes: in der Türkei
sey.
Während wir so am Hügel hinansteigen, zeigt sich zur Rechten über uns,
auf der Höhe desselben, die Moschee des Eroberers von Constantinopel,
Mohammeds +II.+, und, mit der lang fortlaufenden Reihe ihrer Bögen, die
alte Wasserleitung des Valens. Vor diesen beiden beschäftigt uns jedoch
der Anblick einer an unsrem Wege liegenden Ruine, an deren Schutt und
Gemäuer kaum noch der Umriß jener ~Pantocrators-Kirche~, mit ihren
vormaligen vierzig Kuppeln zu erkennen ist, welche Johannes der Comnene
mit seiner Gemahlin Irene erbauen ließ. Diese alte, von Mohammed +II.+
in eine Schusterwerkstätte, später in die Moschee ~Kilissi dschamissi~
verwandelte Kirche umfaßte einst die Familiengruft der byzantinischen
Herrscher aus dem Geschlecht der Comnenen; hier begrub man auch (im
Jahr 1158) die deutsche ~Bertha~, Kaiser Conrads Schwester, Kaiser
Manuels +I.+ geliebte Gemahlin. Ein alter Sarkophag von Verde antico,
aus jener Fürstengruft entnommen, dienet jetzt, außen vor dem Gemäuer,
zum Wassertrog. -- Die ~Wasserleitung~, nach ~Valens~ genannt, sollte
eigentlich die des Constantin heißen, weil dieser ihr erster Begründer
und Erbauer, Valens nur ihr Wiedererneuerer war. Doch, so wie sie
jetzt vor Augen steht, ist sie ein zusammengesetztes Werk der Hände
manches späteren Jahrhunderts; denn das Erdbeben hatte öfters ihre
Bögen zerrissen und niedergestürzt; Barbarenhände den Bau zerstört,
dessen einzelne Steine selber an Krieg und Zerstörung erinnerten, da
Valens sie den geschleiften Stadtmauern Chalcedons hatte entnehmen
lassen. Hier ist ja überall, wohin das Auge siehet, ein Feld der
wilden Bewegungen der Natur und der Gräuelthaten der Menschen; denn die
ersteren unter Justinian, unter Michael der Paphlagonier und manchem
andren der späteren Herrscher wecken nur jene Empfindungen die ein
Orkan oder ein tobendes Gewitter erregt, und auch die Wuth der Avaren,
welche einen Theil der Wasserleitung verheerten, erregt keine solchen
Gefühle des Abscheus als die Erinnerung an das gräuelvolle Leben und
den noch gräuelvolleren gewaltsamen Tod des einen Bauherrn an diesem
Aquädukt, Andronikus des Comnenen (im Jahr 1184), so wie an die
Ermordung eines der späteren Bauherrn, des 18jährigen Sultans Osmans
+II.+ im Aufstande der Janitscharen (1622)[50].
Da, wo nun die Moschee des Eroberers von Constantinopel, Mohammed
+II.+ auf dem vierten der sieben Hügel stehet, prangte vormals einer
der schönsten Tempel des christlichen Byzanz: ~die Kirche der heiligen
Apostel~. Sie war, in jener Form und innren Pracht, welche Theodora,
Justinians Gemahlin ihr verliehen, an Rang wie an Schönheit die zweite
der Kirchen, nach der Aja Sophia; in ihren Todtengrüften ruheten,
von Constantin an, die Gebeine der meisten morgenländischen Kaiser,
umschlossen von den reich verzierten Särgen aus Porphyr, ägyptischem
Granit und lacedämonischem Marmor, bis die Lateiner, nach Einnahme
der Stadt unter Balduin und Dandolo im Jahr 1204, die Särge sammt den
Gebeinen ihren alten Lagerstätten entrissen und diese stummen Zeugen
einer längst vergangenen Herrlichkeit vernichteten. Nach Mohammeds, des
osmanischen Eroberers Absicht, sollte der Tempel, den er hier zu seines
Namens Gedächtniß erhöhete, nicht der zweite: er sollte der erste der
Stadt an Höhe und äußrer Gestalt werden; hierzu fehlten jedoch der
damaligen Baukunst die Mittel und Kräfte. Der erzürnte Tyrann ließ --
so erzählt man -- dem Baumeister Christodulos, als er erfahren, daß
dieser zwei der höchsten, zum Bau bestimmten, antiken Granitsäulen
etwas kürzer sägen lassen, beide Hände abhauen, stellte sich jedoch
auch, da der Verstümmelte ihn verklagte, wie ein andrer (gemeiner)
Bürger der Stadt vor den Richter, der ihn vorladen lassen, ein, und
fügte sich willig dem strafenden Urtheil, das ihm die lebenslängliche,
reichliche Versorgung des Baumeisters und seiner Familie auferlegte.
Die Moschee, auf einer 8 Fuß hohen Terrasse stehend, ragt vom
Boden bis zur Höhe der Kuppel gegen 170 Fuß; die Säulengänge des
Vorhofes, mit den bleigedeckten Kuppeln; die Fontäne, welche mitten
im Vorhofe zwischen den hohen Zypressen spielt; die 8 zu Hochschulen
bestimmten Hallen, mit den hinten an sie anstoßenden 360 zellenartigen
Wohnplätzen für Studirende; das Krankenhaus und die Küche, aus welcher
täglich eine große Zahl der Armen gespeist wird; das Becken mit dem
hervorsprudelnden Wasser, zu welchem man neben den Moscheegebäuden tief
in den Boden hinabsteigt, sind Gegenstände, welche der jetzige Reisende
ganz ungehindert betrachten darf.
Unser diesmaliger Weg führte uns vor Allem, denn wir suchten einen
Ueberblick über das Ganze der Stadt zu gewinnen, auf den Thurm
der Feuerwache: den ~Thurm des Seraskiers~ in der Nähe des alten
Serais. Ich habe nichts dagegen, wenn der Reichshistoriograph Isi,
der in der Mitte des vorigen Jahrhunderts schrieb, den Scheitel des
Feuerwächterthurmes sammt dem fensterreichen, obersten Rundgemach,
mit einem in den Lüften schwebenden Neste des Paradiesvogels
vergleicht[51], denn die Aussicht, die man von da über Land und Meer
genießt, ließe sich wohl eine paradiesische nennen, doch scheint
es mir fast ein wenig übertrieben, wenn derselbe Schriftsteller in
seinem türkischen Hofstyl hinzufügt: »es ist eine, für erleuchtete
Sinnen ausgemachte Wahrheit, daß man von diesem Thurme aus nicht nur
die Feuersbrünste des ganzen Erdkreises, sondern auch den Brand der
Sterne am Himmel mit den Augen der Beobachtung ermessen könne.« --
Armes Byzanz! du selber hast im Verlaufe deiner Geschichte mehrmalen
das Beispiel eines innren Brandes gegeben, dessen Flamme den ganzen
Erdkreis erschreckte, dessen Trauer verkündende Asche über die Reiche
der Christenheit hinstäubte; dessen entzündende Fackeln aus den
bewegten Gewalten der Höhe wie der Tiefe hervorbrachen!
Wir stehen hier oben als Zuschauer vor einer Bühne, auf welcher eines
der ernstesten, tief bedeutendsten Trauerspiele der Geschichte gegeben
ward. Das Stück ist noch nicht zu Ende; es spielet im fünften Akt;
möge, ehe der Vorhang fällt, in die vom abnehmenden Mond nur düster
beleuchtete Scene ein Morgenstrahl hereindämmern, der die annahende
Zukunft eines neuen, besseren Tages, eines Tages des Friedens von oben
verkündet.
Wir treten als Freunde und geistige Genossen deiner vormals herrlichen
Jugendzeit in deine Mitte, du altes und neues Byzanz. Aber wo sind wir
hier, und wo ist der Eingang zu deiner Gruft, aus der dein Schatten,
wenn unser theilnehmendes Sehnen ihn beschwört, gleich Samuels Gestalt
heraustreten wird vor unser Auge? Zwar das Meer, das deinen Fuß
umspülte, ist noch dasselbe geblieben; hier im Süden spiegelt sich,
wie sonst, der blaue Himmel in den weiten Fluthen des Propontis ab; in
Osten rauscht an deiner Seite noch die Strömung des Bosporus vorüber,
in Nord und Nordosten umgürtet dich noch wie vormals der Meeresarm des
Hafens. Auch der vormalige Umriß der Herrscherstadt der Konstantine
ist an dem jetzigen, osmanischen Stambul noch zu erkennen, ein etwas
unregelmäßiges Dreieck, dessen eine Seite die von den ~Blachernen~ bis
zu der Spitze des ~neuen Serai's~ reicht gegen das Gewässer des Hafens,
die andre vom Serai bis zu den ~sieben Thürmen~ nach dem Bosporus
und dem Propontis, die dritte dem flachen Lande, gegen Adrianopel
zugewendet ist und davon jede einzelne etwa auf die Länge einer Stunde
sich ausdehnt. Noch sind die sieben Hügel, daraus auch die östliche
Roma begründet war, eben so abgegränzt, noch fließt der ~Lykus~, der
zum armseligen Bächlein geworden, an derselben Stelle von Westen zur
Stadt herein, noch wird in der asiatischen Vorstadt ~Skutari~ das
alte ~Chrysopolis~, in ~Kadikoi~ der Ort der Kirchenversammlung:
~Chalcedon~ erkannt, dort vor ~Skutari~, auf dem Meeresfelsen ~Damalis~
stehet noch der von Manuel dem Comnenen befestigte ~Leanderthurm~, von
welchem, in Zeiten der Gefahr, eiserne Ketten hinüber nach dem Thurme
an der Spitze des Serai's gezogen, den Paß zwischen dem Bospor und
Propontis sperrten, und hier gegenüber liegt noch ~Galata~, dessen
einer Thurm einen andern Befestigungspunkt der Ketten, vom jetzigen
Serai her, zum Versperren des Hafens darbot. Wo aber finden wir
die eigentlichen Wohnstätten der von dem tausendstimmigen Lobe der
Dichter wie der Redner, hoch, bis zum Himmel erhobnen und gepriesnen
Herrlichkeiten der alten, byzantinischen Herrscherstadt? -- Wie?
sollte jenes bräunlich graue Trumm, dessen Gipfel da südostwärts, wie
ein verbrannter Schornstein, über das ihm nahe Gedräng der Häuser
hervorragt, wirklich ein Ueberrest der fast 100 Fuß hohen, von goldenen
Kränzen umwundenen Porphyrsäule seyn, die nach der Beschreibung der
Zeitgenossen auf Erden nicht ihres Gleichen hatte; jener Porphyrsäule,
welche zuerst das colossale Bildniß des Constantin, dann das des
Julian, hierauf jenes des Theodosius, zuletzt, nachdem das Erdbeben
dieses gestürzt ein hochragendes, vergoldetes Kreuz trug? War denn da,
bei dieser Säule nicht das Forum des ~Constantin~? Wohin sind denn
die bedeckten Hallen, welche dieses umgaben; wo die 12 Porphyrsäulen
mit den goldenen Sirenen; die eherne Uhr, das riesige, eherne Gebilde
des Elephanten, die künstlich aus Metall gegossenen Rosse, Seewölfe
und Schildkröten? Zwar, die Herrlichkeit jener mit den Blüthen der
altgriechischen Baukunst und Architektur geschmückten Bogenhallen,
die sich vom Forum der Porphyrsäule bis zu dem andern Forum des
Constantin: dem ~Augusteon~, an der Seite der Sophienkirche und vor
dem alten Kunstpallast ausdehnten, sie, sammt dem goldnen Meilenzeiger
und allen Kunstwerken, welche diesen umgaben, sind schon bei dem
verheerenden Einbruche der Lateiner von den Flammen verzehrt worden;
wo aber stehet, auf hoher Säule, die Reiterstatue des prachtliebenden
Justinian? Lagen nicht zu den Füßen des Pferdes dieses metallenen
Reiters noch in den Tagen der osmanischen Eroberung der Stadt das Haupt
und der Leichnam des Letzten der christlichen Kaiser hin zur Schau
gestellt, und nun ist mit der hohen Säule und ihrer Statue selbst jener
freie Platz verschwunden, in dessen Mitte die Säule stund? Sollte nicht
hier, in der Nähe des Thurmes des Seraskiers, da wo nun das sogenannte
alte Serai zur Wohnung der veralteten Schönheiten aus den Sultanischen
Frauenkästchen dient, die Stätte des ~Theodosischen~ +Forum Tauri+, mit
jener Triumphsäule gewesen seyn, welche im Schmucke der künstlichen,
halberhabenen Arbeit der Triumphsäule des Trajan in Rom nacheiferte?
Und der kleine Raum des jetzigen, sogenannten Hünermarktes ist dann
der einzige Rest jenes hochgepriesenen Forums? Wo stehet denn die
120 Fuß hohe, prächtige ~Säule des Arcadius~? War nicht dort, wo nun
der Weibermarkt des türkischen Stambuls ist, ihre Stätte? Und jene
Schaar der Kunstwerke, welche die byzantinischen Herrscher aus allen
Gegenden ihres Reiches im ~Hippodrom~ versammelten, ist sie denn, bis
auf den Obelisken, dort vor ~Achmets Moschee~, ganz vernichtet und
zerstäubt? -- War dort, an der nordwestlichsten Ecke der Stadt, der
hohe Pallast der ~Blachernen~, war da, in seiner Nähe, jenes Thor,
durch welches Justinian als Sieger, begrüßt von dem Päan der Sänger:
+Jo Triumphe+ hereinzog; voran der Zug der betenden, Hymnen singenden
Priester, mit den Heiligtümern der Kirchen, nachfolgend die Reihen der
lieblich blühenden, mit Rosen geschmückten Jungfrauen. -- Du schöne
Jungfrau des Ostens, wie sind deine Rosen entblättert und in den Staub
getreten; wie ist der Nacken, der sich siegreich emporhob, unter der
Last der Sklavinnenkette zum Boden gebeugt. Gehe nicht hin dein Leid
im Haine der Zypressen zu klagen; die Zypresse darf, so will es dein
Dränger, nur an den Gräbern der Seinen von Leid und Schmerz reden;
dort wo an der Meeresbucht des Propontis die jugendliche Platane
schattet, da sprich von deiner Vergangenheit und von der Hoffnung des
Künftigen. Denn unter den Zweigen dieses langlebenden Baumes wird
sich, wir hoffen es mit dir, ein Geschlecht deiner Kinder oder Enkel
jener wiedererwachten, gerade nach oben strebenden Kraft des Geistes,
aus welcher mit der innern zugleich auch die äußere Freiheit kommt,
erfreuen, von welcher die Zypresse nur wie ein Abbild des Traumes zu
deinen Feinden redet.
Die gastfreundliche Sitte des Morgenlandes ruft uns aus den Gedanken
an das, was vormals gewesen, zurück in die Gegenwart, deren Luft wir
athmen. Die Thurmwächter haben am Kohlenfeuer des Kamins den Kaffee
bereitet; man bringt uns die mit dem schwarzen, bittern Getränk
gefüllten, kleinen Tassen, dabei Gläser voll trefflich schmeckenden
Wassers. Der freundliche Mann, der uns das Getränk herumreicht,
versichert uns: es sey dieß von dem besten Wasser, das sich in Stambul
finde. Und er hat recht, denn es ist aus der ~Simeons Fontäne~ am
östlichen Thore des alten Serai's geschöpft; aus jener Fontäne,
deren Wasser, da unter Mahommed +II.+ alle Brunnen der Stadt durch
Sachverständige geprüft wurden, vor ihnen allen das höchste Lob
empfieng, so daß seitdem selbst der Bedarf des Trinkwassers für die
Tafeln des Großsultans und des neuen Serai's hier, in silbernen
Flaschen geschöpft, und drei Pferdeladungen täglich, weggeführt wird.
Der türkische, schwarze Kaffee hat die Kräfte eines Nepenthes: er setzt
das Blut, welches noch so eben durch die ernsteren Gedanken der Seele
nach ernsterem Takte bewegt war, in eine leichte, zur Fröhlichkeit
stimmende Wallung; der Takt ist ein andrer geworden; unwillkührlich
passet sich der veränderten Tonweise ein neuer Text der Gedanken an.
Wir kehren wieder zu der weiten Aussicht an den Fenstern des Thurmes
zurück; wir gehören jetzt der Gegenwart an. Wie deutlich sieht man
dort, gegen Süd in Ost den Gipfel des hohen Olymp; wie schmückt sich
die ganze Küste von Asien, vom fernen Süden herauf bis zum nahe
gegenüber liegenden Osten (bei Skutari) mit Bergen und grünenden
Hügeln. Die goldenen, von porphyrnen Säulen getragenen Sirenen im
vormaligen Forum des Constantin sind verschwunden; der Ton ihrer
Stimmen aber, zur Sehnsucht lockend, wird noch immer auf diesen mit
Gärten und Rebenpflanzungen bedeckten Hügeln vernommen. Die Nachtigall,
da sie noch jung war, hat hier den Sirenen die Melodie des Gesanges
abgelauscht; sie besingt im Gebüsch des Lorbers den Reiz jener Daphne,
die selbst in Apollos Brust das Lied eines Sehnens erweckte, welches in
vergänglichen Thautropfen der Rose das Bild der unvergänglichen Sonne
erkennt. Das mitfühlende Herz schlägt lauter; ist es doch als wollte
selbst das arme Gebüsch, welches einst menschlich fühlende Daphne war,
aus dem Schlafe der Starrsucht erwachen; da breitet der ernste Hain der
Zypressen seinen abkühlenden, düstern Schatten über den Hügel aus und
bald ist der letzte Wiederhall der Töne verstummt.
In der That, der »Beinbrecher« (dies ist die Bedeutung des Namens des
Osmanen)[52] hat sein Nest allenthalben in den Hain der Zypressen
gesetzt. Wohin man sieht, in Ost und Nord und Westen, da blickt der
grüne Teppich der Zypressenwälder hervor, auf dem die Herrscherin der
Städte des Halbmondes sitzet. Jede Grabstätte der Türken hat, wo noch
Raum für einen jugendlichen Stamm war, jenen Baum der Trauer wie der
nach oben sich richtenden Hoffnung neben sich hingepflanzt; er erhebt
seine hohen Wipfel in der Nähe der Moscheen und der Springbrunnen der
Stadt, wie auf allen Hügeln und Flächen des Landes; seine Tausende
sprechen ohne Aufhören von der Ruhe der Gräber, welcher sich die
Lebendigen auf den Tausenden der Wege ihrer Mühen und Freuden nähern.
Mag immerhin, wie nach Edrisi's Erzählung von Osmans prophetischem
Traume[53], Constantinopel mit seinen glänzenden Moscheen hier am
Zusammenfluß zweier Meere und zweier Erdtheile, als ein Diamant
zwischen zwei Sapphiren und zwei Smaragden gefaßt erscheinen, dennoch
blicken die weißen Steine der Todtenmäler, wie Flecken aus der
smaragdnen Einfassung hervor; das Blau der beiden Sapphire war nur zu
oft durch Blut geröthet; der Demant in ihrer Mitte ist voll Risse und
Mackel.
* * * * *
Gefällt es uns: der Aufseher des Thurmes zeigt und nennt uns wenigstens
die Gegend aller der acht und zwanzig Thore, welche (nur sieben
jedoch von ihnen an der Landseite) die jetzige Stadt besitzt; nennt
uns die Namen der festen Thürme der Hafenseite, deren viele noch
die Namenszüge ihrer alten byzantinischen Erbauer, und, wie die in
und bei ihnen liegenden Kanonen, griechische Inschriften an sich
tragen. Er zeigt uns, dort in Osten, neben der hehren Sophia, das
neue Serai: den Pallast der jetzigen Herrscher, mit festen Mauern
umschlossen, eine Stadt im Kleinen; er zeigt uns hier in der Nähe die
Gebäude des alten Serai; etwas ferner, an der südöstlichen Ecke der
Stadt, da wo die dreifache Mauer der Landseite am Propontis endigt,
die Stätte der alten, byzantinischen Burg des Cyklobion: die sieben
Thürme, mit dem altgepriesenen, goldenen Thore, zugleich aber auch
mit dem Blutbrunnen in ihrem Innren. Uns aber reizet für jetzt mehr
als das Ferne der Anblick der nahe von hier, auf der Höhe des dritten
der sieben Hügel gelegenen ~Suleimanje~, der Moschee des großen
Suleiman. An Symmetrie und äußrer Würde ist sie das schönste Gebäude
des jetzigen Konstantinopels; ~Sinan~, der Baumeister, errichtete
sie in den Jahren 1550-56. Hier, von oben hinabgesehen, wird es uns
am leichtesten die äußren Grundzüge des Bauplanes aller Moscheen,
an einem der besten Beispiele zu überblicken. Gleich den alten,
ägyptischen Tempeln bestehet jede von ihnen aus drei Haupttheilen: dem
Vorhofe, oder, nach dem türkischen Kunstausdrucke, dem Harem, dann
dem eigentlichen Kirchengebäude[54], dann dem sogenannten Garten,
mit den Begräbnißstätten der Erbauer und ihrer nächsten Angehörigen.
Am Eingange zum Vorhof oder zur Moschee selber, stehen die hohen
Minares[55], deren die Suleimanje vier hat: zwei niedere am Vorhofe,
zwei höhere am eigentlichen Tempelthore. Im Vorhofe findet sich
immer ein laufendes oder emporspringendes Wasser, bestimmt zu den
vorgeschriebenen Waschungen Derer, die in den Tempel treten wollen;
bei der Suleimanje ist es eine Fontäne, deren Wasser unter einem
thürmchenartigen Dache spielt. Säulenhallen, bei eben dieser Moschee,
von acht und zwanzig Kuppeln gedeckt, laufen um die drei Seiten des
Vorhofes herum; im Innern desselben die langen Reihen der Marmorsitze.
Das Dach des eigentlichen, prachtvollen Tempelgebäudes wölbt sich
zu einer hohen Kuppel, umgeben von zwölf kleinen Halbkuppeln. Der
Haupteingang zu allen Moscheen der Hauptstadt und ihrer Umgegend, wenn
sie nicht etwa durch bloße Umgestaltung einer christlichen Kirche
entstanden sind, liegt an der S. S. O. Seite, weil der ~Mihrab~,
oder mahommedanische Hochaltar (eine Nische zur Aufbewahrung des
Korans), welche, dem Eingange gegenüber, im hintersten Grunde des
Gebäudes stehet, seine Richtung nach der Kibla, das heißt nach jener
Weltgegend nehmen muß, in welcher Mekka liegt, und diese ist für die
Gegend von Konstantinopel in Süd-Süd-Ost. Ober dem Haupteingange,
nach welchem sich die Moslimen beim Gebete hinwenden, stehen, im
Innern der Suleimans-Moschee, mit goldenen Buchstaben auf lasurblauem
Grunde die Worte: »Ich habe mein Gesicht zu ihm gewendet, der Himmel
und Erde ernährt.« In dieser Moschee, deren Bau 760,000 Ducaten
gekostet hatte[56], ließ der Erbauer unter andern die vier schönsten
und höchsten Säulen des alten Konstantinopels bringen, welche ihm
seine baulustigen Vorfahren noch übrig gelassen; namentlich die,
welche vormals das Reiterbildniß des Justinian trug. Jene vier
Säulen aus rothem Granit, an deren marmornen Capitälern der Meißel
des Sinan mit den prachtvollsten Zierrathen der Säulen von Palmyra
und Persepolis zu wetteifern versuchte, stützen die Kuppel. Auch am
Mihrab, so wie an der zu seiner Linken stehenden Kanzel (Kursi) und
dem Gerüste des Freitagsredners (dem ~Mimber~) und an dem Sitze des
Sultans (~Makssure~), der eine Art von Emporkirche, rechts vom Mihrab
bildet, zeigt sich, in mannichfachen Zierrathen, diese künstliche
Hand; an den Wänden laufen Reihen von Marmorbänken für die Leser
und Hörer des Korans herum; oben, die Gallerieen dienen hier wie in
vielen Moscheen zu geheiligten Verwahrungsorten für das Geld und die
andern Kostbarkeiten der Privatleute, welche mit Recht in diesem
festen, steinernen, von der Andacht bewachten Gebäude ihr Eigenthum
vor Feuersbrünsten und Diebereien besser verwahrt glauben als in
ihren eigenen, leichtgebauten Wohnungen. Die prunkendfarbig ins Auge
fallenden Glasmalereien der Fenster, welche Blumen oder die Namenszüge
»Allah« darstellen, sind von der Hand eines zu seiner Zeit berühmten
Meisters in dergleichen Arbeiten, der »trunkene Ibrahim« genannt. Im
Friedhof oder sogenannten Garten der Moscheen, welcher unmittelbar an
die Seite des Mihrab (d. h. der Hochaltars-Nische) angränzt, ohne
hier durch einen Ausgang unmittelbar mit der Kirche verbunden zu seyn,
zeigen sich, von hohen Kuppeln bedeckt, das große Grabmal des Erbauers:
des Sultan Suleiman[57] und hinter ihm das etwas kleinere seiner
berüchtigten Lieblingssultanin Roxelane, jener schönen und talentvollen
Russin, an deren blutige Ränke die nicht fern von hier, südwärts
von der Suleimanje gelegene, kleine Moschee der Prinzen wenigstens
mittelbar erinnert. Denn hier wurde zwar nicht der gefürchtetste Sohn
von Roxelane's Nebenbuhlerin, der trefflich begabte, edle, künftige
Thronerbe Mustapha, als unschuldiges Opfer eines bei dem Vater erregten
Verdachtes begraben, wohl aber sein Bruder, der geistreiche Prinz
Dschihangir, dessen von Natur gebrechlicher Körper dem tiefen Schmerz
über des Vaters Härte und des Bruders Tod erlag. Roxelane selber starb
schon im zweiten Jahre nach Vollendung der Suleimans-Moschee, 1558.
Nur noch einen Blick auf die hehre Sophienkirche des alten, auf die Aja
Sophia des neuen Byzanz, und wir begeben uns wieder hinab in das muntre
Volksgedränge der Hauptstadt. Der riesenhafte, vergoldete Halbmond,
der auf dem Gipfel pranget (sein Durchmesser soll 50 türkische Ellen
betragen), weckt schon aus weiter Ferne die Aufmerksamkeit des Auges,
denn man sieht, wenn die Sonne ihn erweckt, seinen Glanz viele Meilen
weit im Meere; man bemerkt ihn von der Höhe des fernabliegenden Olymp.
Das Gebäude selber, mit seiner leicht sich hinüberspannenden, großen,
kunstreich flachen Kuppel, welche die Kreise der kleineren Halbkuppeln
umgürten, vermag jene erwachte Aufmerksamkeit des Auges nicht bloß fest
zu halten, sondern sie zur höchsten Theilnahme zu steigern. Doch eben
dieser Fernanblick ist es auch, der uns am unwiderstehlichsten wieder
hinunter, zu der näheren Betrachtung des gepriesensten Bauwerkes des
alten Byzanz führet.
Wir nehmen unsren Weg am Vorhof der prächtigen Suleimanje vorbei;
weiterhin zieht unsre Neugier die ~Gasse der Teriaki's~ oder
Opiumverkäufer an, in deren Hallen sich schon ein Theil der Freunde und
Gefangenen der an Wahnsinn gränzenden, silenischen Begeisterung des
Mohnsaftgenusses eingefunden haben. Wer die närrischen Taumelfreuden
dieses in seinen Folgen gefahrvollen Zustandes einmal und mehrmalen
gekostet, für den mögen sie, abgesehen von dem Bedürfniß nach
neuer Aufregung, welches aus der Abspannung hervorgeht, eine fast
unwiderstehliche Kraft der Anziehung haben. Jene Bedauernswürdigen oder
auch jene Neugierigen, die sich ihm, jene für immer, diese nur auf
ein und das andre Mal hingaben, schildern die innre Aufregung durch
den Mohnsaft fast ganz auf dieselbe Weise, auf welche Kämpfer die
Trunkenheit von den aus Hanfextrakt und anderen narkotischen Stoffen
bereiteten Fröhlichkeitspillen beschreibt, welche er einstmals, auf
seiner asiatischen Reise, aus eigner Erfahrung kennen lernte. So
leiblich überglücklich und fröhlich, sagt er, habe er sich in seinem
Leben noch niemals gefühlt als in jenem Zustande; das Tischgespräch
solcher Berauschter wird zu einem Lachen, welches zuletzt über nichts
mehr als über sich selber lacht; man ist mit der ganzen Welt in
Brüderschaft getreten; Franken und Moslimen umarmen sich wie alte
Freunde und Bekannte. Und beim Nachhausereiten am Abend fühlt man sich
so leicht und seltsam in die Höhe gehoben, daß es einem däuchtet als
gienge das Pferd nicht auf dem Boden, sondern in den Lüften und man
ritte gerade in das Gewölk der Abendröthe hinein. Man kommt nach Hause,
ißt mit gutem Appetit, schläft vortrefflich, fühlt am andern Tage keine
Beschwerde. -- Dieß ist der Viele verlockende, harmlos scheinende
Zustand der noch gesund verdauenden Anfänger im Opiumessen. Kämpfer
ließ sich indeß hierdurch nicht zum weitern Genuß auch der minder
schädlichen Fröhlichkeitspillen verleiten; er kämpfte ritterlich gegen
jede Wiederholung des Versuches.
* * * * *
Auch die berühmten Kaffeehäuser dieser Stadtgegend verdienen eine
Beachtung; ihr täglicher Besuch, vom Morgen bis zum Abend ist zu
innig mit dem Lebenskreise der Bewohner der osmanischen Hauptstadt
verschlungen. Man kann sich den jetzigen Türken fast nicht ohne Kaffee
und Tabak denken; beide Genüsse, so sollte man meinen, haben hier
ihren Ausgangs- und Mittelpunkt. Und doch wurde das erste Kaffeehaus
in Constantinopel erst im Jahr 1554 von einem Aleppiner errichtet,
der nach 3 Jahren mit einem baaren Gewinn von 5,000 Ducaten in sein
Vaterland zurückkehrte. Die Sitte des Tabaksrauchens gesellte sich im
Jahr 1605 zu der des Kaffeetrinkens.
* * * * *
Wir gehen weiter, gegen die Mauern des alten Serai's hin, welche die
Wohnungen der Gemahlinnen und der noch unverheiratheten Töchter der
verstorbenen Sultane umschließen. Hier herrschte gewöhnlich nur ein
stummes Nachsinnen über das Vergangene, doch gab namentlich die Wittwe
Achmeds +I.+, die Stiefmutter Osmans +II.+, diesem hier ein
mehrtägiges glänzendes Fest.
Weiterhin im Süden vom alten Serai verweilen wir ein wenig bei der
~Moschee Bajasids~ +II.+ (der Große genannt), des Sohnes und
Nachfolgers des Eroberers der Stadt: Mohammed +II.+ Sie ward 1505
sieben Jahre vor Bajasids Tode vollendet. Der Vorhof mit dem Brunnen,
dessen Kuppel auf acht Marmorsäulen ruhet, zog uns zu sich hin; wir
blickten von da ungehindert in das schmucklose Innre hinein, in welchem
keine Säulen, und außer der Emporkirche mit vergoldetem Gitter (dem
Sitze des Sultans) nichts Besondres bemerkt wird. Sie hat nur zwei
Minare's. Bei dieser Moschee werden die hochgeschätztesten Kiblaname
oder Gebetscompasse für die Moslimen gefertigt und verkauft; sie
sollen, so meint man, dem Betenden, wo er auch stehe, am sichersten es
erkennen lassen, wo Mekka liege und wohin er beim Gebet sein Gesicht zu
richten habe. Denn, so erzählt die Sage, als der Baumeister der Moschee
den Sultan Bajasid, der bei den Türken im Geruch großer Heiligkeit
stehet, um Bestimmung der Kiblalinie für den Grundplan des Gebäudes
bat, da ließ ihn der Herrscher auf seinen Fuß steigen, und die Augen
des Baumeisters wurden geöffnet; er sahe Mekka vor sich liegen. Bajasid
der sich während seiner dreißigjährigen Regierung als ein natürlich
wohlwollender, nach dem Maaße seiner Erkenntniß frommer Moslim zeigte,
war eben als solcher im hohen Grade für die Träumereien der Astrologie
und orientalischen Mystik eingenommen. Eine Menge von Schulen und
Bildungsanstalten, welche er stiftete, wie seine Bereitwilligkeit
jedes weiterstrebende Talent zu unterstützen, beurkunden vielleicht
das freilich unbefriedigt gebliebene Sehnen dieses Mannes für sich
selber wie für sein Volk ein höheres Erkennen zu begründen. Nicht ohne
Theilnahme erinnert sich der vorübergehende Wandrer der Schicksale
dieses osmanischen Herrschers; besonders seiner Entthronung durch
seinen ihm ungleichen Sohn, den Wütherich Selim, und der Auswanderung
des kränklichen Alten, der sich jetzt von allem, so lang gewohnten
Prunk und Glanz des Thrones so wie den Schaaren der Höflinge entkleidet
und verlassen sahe, nach seinem Geburtsort Demitoka, den er jedoch
nicht mehr erreichte, weil ihn bald nach dem Hinaustreten aus der
Herrscherstadt der Tod eine nähere Ruhestätt, hier in dem Garten der
von ihm selber erbauten Moschee anwieß.
In der Nähe der Bajasids Moschee, welche auch auf dem dritten Hügel der
Stadt stehet, blickten wir in eine sogenannte Ueberlieferungsschule,
wo von einem hierzu bestellten Lehrer eine Art von Encyclopädie der
höheren Rechtskunde und der Glaubenslehren der Moslimen vorgetragen
wird. Jenseits dem kleinen mit Marmor gepflasterten Hofe, in einem
großen, lüftigen Saale, an dessen Wänden die Reihen der gepolsterten
Kissen für die vornehmeren Zuhörer herumliefen, saß der türkische
Professor (Muderris); ein stattlicher, alter Mann, lesend in einem
Buche und Tabak rauchend. Wir begrüßten ihn nach orientalischer Sitte,
mit den über die Brust gelegten Armen; er dankte mit Gravität. Die
Thüren stunden offen, aber kein Zuhörer hatte sich noch eingefunden.
Wir naheten uns jetzt der Stätte und den Resten der gepriesensten
Kunstherrlichkeiten des alten Byzanz. Da stund denn vor uns die noch
immer fünfzig Fuß hoch über ihr Gestell hinaufragende »~verbrannte
Säule~,« der einst so weltberühmte Stylos von Porphyr, den
Constantin hatte errichten lassen. Von den acht Stücken aus
denen diese Porphyrsäule vormals bestund, bis ein Erdbeben unter
Alexius +I.+ die drei obersten, sammt der Statue des Kaisers
herunterstürzte, sind noch fünf stehen geblieben; statt der prächtigen,
goldenen Kränze, welche die Fugen zwischen den einzelnen Stücken
umgürteten und verdeckten, sieht man nur noch die schon von den
Byzantinern herumgelegten, häßlichen, eisernen Reifen. Der Schaft der
Säule, die von dorischer Ordnung ist, misset im Umfange 33 Fuß; jedes
der acht ursprünglichen Stücke hatte zehn, das Piedestal achtzehn
Fuß Höhe, so daß das ganze Werk, ohne die auf ihm stehende Statue
98 Fuß hoch ragte. Unter dem Grundgemäuer dieses von Erdbeben und
Feuersbrünsten so vielfach entstellten Säulenkolosses ließ Constantin
das Palladium des alten Romes, gebildet aus den Gebeinen des Pelops
vergraben, damit durch diesen Talisman seine Herrscherstadt, selber
unbesiegbar, eine Besiegerin der andren Städte werde, wie Rom dieß
war. Da jener Grund, seitdem man ihn legte, niemals aufgegraben,
ja nur berührt worden ist, hat dieses Palladium nun schon fünfzehn
Jahrhunderte lang Zeit gehabt seine magischen Kräfte zu bewähren;
dieses ist jedoch auf eine Weise geschehen, welche wenig Zutrauen zu
dergleichen magischen Kunststücken, an denen das alte Byzanz so reich
war, einflößen konnte. Hat sich doch die unbezwingbar und unverletzlich
machende Kraft der Gebeine des Pelops nicht einmal über die nächste
Umgebung zu erstrecken vermocht, denn die Statue des Apolls mit dem ihr
angesetzten von einem Nimbus umgebenen Kopfe, welcher Constantins Züge
trug; diese heidnisch-christliche sogenannte Bildsäule des Constantin,
die zuerst den Gipfel der Säule einnahm, fand hier kaum 30 Jahre eine
bleibende Stätte und auch die Statue des Julian, welche dieser statt
dem Bild des Erbauers auf so hohen und doch so wandelbaren Fußschemel
stellte, mußte abermals nach 30 Jahren jenem des großen Theodosius
weichen. Nachdem das Erdbeben im Jahr 1112 auch diese Herrscherstatue
sammt den obersten Stücken des Schaftes herabgestürzt und zerschmettert
hatte, stund auf der nun kürzer gewordenen Säule ein hohes, vergoldetes
Kreuz. Dieses wollte allerdings an jenes »Geheimniß«[58] erinnern,
welches, so lange es über den »Hütten« der Erdbewohner »bleibet« eine
mächtiger bewahrende und schützende Kraft hat als jedes Palladium aus
Gebeinen der Todten oder das Bild der Glücksgöttin, das am Fuß der
Porphyrsäule stund. Aber das Volk von Byzanz hatte die Erinnerung,
welche das vergoldete Zeichen gab, weder beherzigt noch verstehen
wollen, darum wurde auch das todte Denkzeichen von den Augen
hinweggenommen; statt des Goldschimmers blieb nur die Farbe des Rostes
und des Rußes.
Das gewesene ~Forum~, in dessen freiem Raume die vormalige
Porphyrsäule emporragte (m. v. oben S. 153.), ist jetzt mit einer
Menge, zum Theil sehr unansehnlicher und verfallener Häuser überbaut;
eine dieser Ruinen wird, ohne hinlänglich überzeugenden Grund als der
gewesene ~Pallast des Belisarius~ bezeichnet. In der Nähe der so
oft von den Schrecknissen Gottes getroffenen, verbrannten Säule, in
einer der hier angränzenden Latrinen fand der Urheber vieler innrer
Zerrüttungen und geistiger Verheerungen der Kirche: Arius seinen
grausenhaften Tod.
Auf diesem Platze, bei dem angeblichen Palast des Belisarius befand
sich in den früheren Zeiten der Osmanischen Herrschaft der Eltschichan
oder die Wohnung der auswärtigen Gesandten, welche hier gleich
Gefangenen bewacht und behandelt wurden. Einem von ihnen, einem Herrn
von Sinzendorf, wurden auf Großsultanischen Befehl die Fenster seiner
Wohnung zugemauert, weil er durch dieselben herausgesehen hatte
und weil (was er kaum wissen konnte) diesen Fenstern gegenüber ein
Türkischer Harem war.
Wir besahen, von hier weiter gehend, jene berühmte ~Cisterne~ in
der Nähe des Hippodrom, welche die Türken, nach ihrer Liebhaberei an
großen, runden Zahlen, ~Bin bir dinek~, d. h. die ~tausend und
eine~ Säulen nennen. Wirklich fanden und finden sich in ihr noch
jetzt 672 Säulen, denn dieses alte Wasserbehältniß, welches Philoxenos
der Senator unter Constantin dem Großen erbauen ließ, bestund aus drei
Stockwerken, davon jedes von 224 Säulen getragen wurde. Die Säulen des
obersten (Decken-) Geschosses sieht man noch in ihrer ganzen Höhe von
24 Fuß frei hervorstehen; die des zweiten sind mit zwei Drittheilen
ihrer Länge, die des untersten Geschosses ganz im Schutt und Schlamm
versenkt. Um dieses Behältniß ganz zu füllen, bedurfte es nach
~Andreossy's~ Berechnung einer Wassermenge von mehr als einer
Million Cubikfuß, mithin fast so viel als alle jetzige Wasserwerke
Constantinopels zusammengenommen in drei Tagen liefern. Gegenwärtig
findet sich in dem kühnen Bauwerk der (sogenannt) 1001säuligen Cisterne
eine Seidenspinnerei, die einem Armenier zugehört. Auf dem nun mit
Schutt und Modererde bedeckten Platze, der an das Gebäude angränzt,
fanden sich einst die Bäder und der Pallast des ~Lausus~,
ausgeziert mit vielen der berühmtesten, schönsten Kunstwerke der alten
Welt.
Doch diese alle waren nur Zierrathen einer schönen Vorhalle, denn
siehe, noch um einige Schritte weiter finden wir uns auf dem Boden des
~Hippodrom~ oder des ~At Meidan~, auf jener merkwürdigen
Tenne, da einst Früchte der Kunst aufgespeichert waren, deren Werth
die Schätze eines jetzigen Königreiches nicht aufzuwiegen, deren
Verlust die später gebornen Zeiten bis jetzt noch nicht wieder zu
erstatten vermogten. Dieser At Meidan, für die Spiele des Wettrennens
schon von Severus begründet, war unter den Kaisern des Ostens nicht
nur ein Hauptpunkt der Stadt und des ganzen Reiches, sondern der
gesammten damaligen gebildeten Welt geworden. Denn wie sich von hieraus
alljährlich aus der ehrgeizigen Streitsucht der Rennpartheien jene
Fäden der inneren Kämpfe und Zerrüttungen entspannen, welche öfters
das ganze Reich erschütterten; so feierten da, auf eine edlere,
stillere Weise die Künste der blühendesten Jahrhunderte des gesammten
Griechenlandes ohne Aufhören einen Wettkampf, der die Seelen der
Betrachtenden zur tiefsten Theilnahme bewegte, und aus welchem sich die
Fäden eines Gewebes entspannen, das nachmals der christlichen Kunst
zu einem Teppich diente, auf welchen sie zuerst ihre Füße setzte. Die
Herrscher des oströmischen Reiches hatten die gepriesensten Kunstwerke
des Griechischen und zum Theil selbst des Römischen Alterthumes hieher
auf diesen engen Raum versammlet, und, so kann man sagen, auf die
Schlachtbank der später über sie hereinbrechenden Vernichtung geführt.
Hier stund das Meisterwerk des Lysimachos: jenes kolossale, eherne
Bildniß des ~knieenden Herkules~, dessen Daumen der Dicke, dessen
Wade, an dem niedergelehnten Fuße der Höhe eines Mannes gleich kam; ein
Werk, das sich dem Andenken der Alten so tief eingeprägt hatte, daß
sie es als Bild des Knieenden, in den Darstellungen der Sternbilder
nachahmten. Hier war, unter den Tausenden der andern Kunstwerke,
jenes Bildniß der ~Trojanischen Helena~, dessen Untergang ein
alter Freund der Kunst nicht minder beklagenswerth nannte, als Ilions
Untergang selber; hier stunden die Kunstwerke ~des Reuters~, auf
dem kampfgierigen Rosse; ~des Helden~, der mit dem Löwen rang; des
~fliegenden Adlers~; des ~Viergespannes~ der Rosse vor dem
Wagen der Siegesgöttin und etwas weiter hin auch jenes andere freie
Doppelpaar der Rosse, welches vormals, ehe Theodosius +II.+ es von
dort hinweggeholt, der Stolz von Chios war und das jetzt den Eingang
der Markuskirche in Venedig schmücket. Hier im Hippodrom fanden sich
auch die Bilder der ~Dioskuren~, der ~Wölfin Roma's~, des
~Erymantischen Ebers~ und des ~Eseltreibers aus Actium~,
eines Meisterstückes aus der Augusteischen Zeit, welches an das Glück
verheißende Wort des begegnenden Landmannes vor der entscheidenden
Schlacht bei Actium erinnern und der Stadt Constantins selber Glück
bedeuten sollte. Doch, wer sollte es versuchen wollen, eine für
sich allein nichtssagende Reihe von Namen aller Götter und Heroën,
so wie der Herrscher und Herrscherinnen, der Ungeheuer und Wunder
des Meeres wie des Landes zu wiederholen, deren Gestalten, aus der
Hand der kunstmächtigsten Meister des Asiatischen und Europäischen
Griechenlandes hier zusammengehäuft stunden. Hatten doch Ephesus
und Sardis, Smyrna und Chios, Athen, Cäsarea, Cycikus und Sebastia,
Tralles und Antiochia, Cypern, Creta und Rhodus, mit allen andern
kunstliebenden Städten und Inseln ihrer Nachbarschaft die Augenlust
ihrer Tempel und vormaligen Herrscher-Palläste hergeben müssen,
damit sie, wie die enggedrängten Stämme eines Waldes, der Arena
des byzantinischen Hippodromos Schatten gäben. Manche dieser alten
Herrlichkeiten des At Meidan hatten schon die großen Feuersbrünste der
Regierungszeiten des Arkadius und Anastasius (in den Jahren 406 und
498) beschädiget; viele, ja die meisten hatte die Barbarei der Lateiner
am Anfang des 13ten Jahrhunderts vernichtet, welche, namentlich das
Bild des knieenden Herkules zu kleinen Geldmünzen und Waffengeräthen
verschmolzen, das aber, was noch übrig war, das haben die Baulust und
die Bilderscheu der Osmanen vollends hinweggeräumt. So wurden die
Säulen des von Severus errichteten unteren Theiles des Rennplatzes
zum Bau der Moschee des großen Suleiman, die Marmorstufen zum Bau des
Pallastes eines seiner Minister verwendet. Der jetzige At Meidan,
seiner Breite nach durch den Aufbau der Achmedmoschee, der Länge nach
durch den eines Spitales verkürzt, misset noch immer 250 Schritte in
die Länge, 150 in die Breite; er empfängt seine schönste Zierde jetzt
nicht mehr durch die eignen Kunstwerke, sondern durch seine prächtige
Nachbarin: die ~Moschee des Sultan Achmed~, jenes Herrschers,
der während seiner vierzehnjährigen Regierung, welche durch Krieg und
Empörung von aussen wie im Innern des Reiches vielfach beunruhigt war,
sein liebstes Ausruhen an der Begründung und Ausschmückung dieses
prunkend schönen Gebäudes fand. Die Achmeds-Moschee, zu welcher der
Grund im Jahr 1609, am 25. December, dem alten Geburtsfest des Mithras,
in einer von den Hofastronomen bestimmten, glücklichen Stunde[59]
gelegt ward: im zwanzigsten Lebensjahre des Sultans, sechs Jahre
nach seiner Thronbesteigung, läßt sich, wegen ihrer Bestimmung bei
den Hauptfesten der Stadt als die eigentliche Cathedrale derselben
betrachten. Sie pranget mit sechs Minares; vier thurmartig nach
außen vorstehende Säulen tragen die Kuppel, in ihrem Innern finden
sich die hochgerühmten vier mit Smaragden besetzten Lampen, die
riesenhaften Leuchter aus edlem Metall und andre Kostbarkeiten. Und
doch erinnert dieses prunkende Gebäu, wenigstens bei dem Anblick
seines Todtengartens, zugleich an die Gräuel des Hippodroms, dessen
Kunstgehalt nach seinem Maßstab es nachzuahmen versuchte. Denn neben
den Gebeinen Achmeds des Erbauers, welcher, nur 28 Jahre alt, 1617
starb, ruhen hier die Gebeine seiner Söhne: Sultan Osman +II.+,
der den frühzeitigen Anfang seiner Regierung mit dem Mord des Bruders
(Mahommed) befleckte, er selber aber, schon im 18ten Lebensjahre aufs
grausamste und schmählichste von den empörten Janitscharen gemordet
ward, außer diesen die Reste auch von drei andern Söhnen Achmeds,
namentlich die des Wütherichs Murad +IV.+ und der beiden von ihm
gemordeten Brüder Bajasid und Suleiman.
Nur noch einen Blick auf jene traurigen Reste der Herrlichkeit
der Kunst, die einst, wie ein Schattenspiel an der Wand, an der
Stätte des Byzantinischen Hippodroms vorüberzog. Hier ist noch die
dreifache ~eherne Schlange des Delphischen Dreifußes~; doch sind
ihr die drei Köpfe (der eine durch Mohammed +II.+) abgehauen. Da
stehet auch noch der nach oben wie abgespitzte Obelisk, der aus der
alten Aegyptischen Heimath zuerst nach Athen, dann nach Constantins
Stadt geführt wurde, mit seinen, auf einigen Seiten noch deutlich
erkennbaren Hieroglyphen-Räthseln. Unten an seiner Basis bezeugen es
die lateinische wie die griechische Inschrift, daß Theodosius diesen
Obelisken, der vom Erdbeben gestürzt lag, wieder aufrichtete. In
der Reihe dieser beiden, armen Reste zeigt sich endlich auch noch
die Spitzsäule des Rennbahnzieles, welche jedoch ihrer metallenen
Bekleidung mit der prahlenden Inschrift aus den Zeiten des Constantinus
Porphyrogenitus schon vorlängst beraubt ward.
So ist die Lust der Augen, so ist die Pracht der Städte Kleinasiens und
Hella's wie ein Stein im Meere, im Elend der späteren Zeiten versunken;
gleich Blasen des Schaumes schweben nur noch jene armseeligen Reste
über der Fluth. Aber ein flüchtiges Doppelpaar von Rossen, das
ungefesselt stund, ist dem Kampf entronnen; es kam zu uns, an Venedigs
Gestade herüber. Wie? -- wollte es etwa gegen die sonstige Weise der
Streitrosse, welche den Kampf der Männer lieben, der Gefahr sich
entziehen, das Getöse der Waffen meiden? -- Keinesweges; das was es
zu uns über das Meer herüberführte, das war ein Zug der Treue zu dem
alten Herrn und Pfleger; denn wie es dort in der Nähe der Kirche
gestanden, da die Gebeine mehrerer der Apostel ruheten und ihr Andenken
geehrt ward; so wollte es mitten durch die Gräuel der Verwüstung
das friedliche Heiligthum des Schwestertempels der hehren Sophia:
die Markuskirche Venedigs aufsuchen, weil hier noch fortlebend das
Gedächtniß und der Name eines der Apostel wohnet. Das vielgewanderre
Doppelpaar der Rosse, das aus seiner Heimath Athen zuerst nach Chios,
dann nach Byzanz, dann nach Venedig, von hier nach Paris und abermals
nach Venedig gezogen ist, erweckt noch eben so wie vormals in der Seele
des Betrachtenden ein Andenken an das Werk der Heldenkämpfe; weniger
aber jener des Schwertes als der friedlich stilleren, dafür aber desto
kräftigeren des Geistes, welche zuletzt alle Macht der Finsterniß und
der Barbarei besiegt.
Doch wir haben lange genug bei der Betrachtung des Hippodroms und
seiner nächsten Nachbarschaft verweilt, mächtig zieht uns die hohe,
über die Masse der alten Palläste und Häuser hervorragende Kuppel
der Aja Sophia zu dem Anblick dieses dreizehnhundertjährigen Tempels
hin, welcher neunhundert Jahre lang der Gottesverehrung der Christen
geweihet war.
An solchen Greisen, die zuletzt gedächtnißschwach wurden, hat man
öfters bemerkt, daß, während die Mühen und die Noth so wie das
kleinliche Thun und Treiben der späteren Jahre ganz aus der Erinnerung
geschwunden sind, einzelne Begebenheiten aus der glücklichen Zeit der
Jugend oder einzelne, bedeutungsvollere Thaten des früheren Lebens
ihnen noch so frisch vor der Seele stehen, als wären sie erst gestern
geschehen. Gleich einer solchen deutlichen, sich vollkommen treu
gebliebenen Erinnerung an den genußreichsten, kraftvollsten Moment der
früheren Vergangenheit, stehet mitten in dem Osmanischen Stambul das
schönste, prachtvollste Gebäude des alten, von so manchem Ungewitter
des Elendes verheerten Byzanz, die ~Aja Sophia~ da. Wenn man sich die
vier unsymmetrisch gebauten Minare's und die Nebengebäude hinwegdenkt,
welche die türkische Architektur angefügt hat, und die sich hier
ausnehmen wie Aenderungen oder Zusätze, die ein moderner Dichterling
an dem Lied eines alten Meisters anbrachte; wenn man, sage ich, von
dem türkischen Schleier absiehet, der einen Theil des Angesichtes der
hehren Sophia verhüllet, so hat man da, noch vollkommen erhalten,
den Tempel der ewigen Weisheit, den Justinian im 6ten Jahrhundert
(im Jahr 538) erbaute, vor sich. Denn als der Osmanische Eroberer
Mahommed der Zweite 900 Jahre später mit seinem Barbarenheer in die
Stadt eindrang, behielt er sich, als seinen Antheil an der reichen
Beute, nur die Gebäude vor, und da er, beim Hineintreten in das Innre
der Sophienkirche einen seiner Soldaten bemerkte, der im Begriff
war, einen kostbaren Stein des Mosaikpflasters herauszubrechen,
traf sein handgreiflicher, mit dem Schwert geführter Verweis den
Frevler so empfindlich in die Schulter, daß man diesen ohnmächtig
aus der Kirche heraustragen mußte. Dieser freilich sehr wirksamen
Art der allergnädigsten Verweise danken wir denn die Rettung und so
vollkommne Erhaltung des berühmtesten christlichen Kirchengebäudes des
Morgenlandes.
Ich versuche es, das Aeußere der hehren Sophia aus eigner Anschauung
zu beschreiben; das Innre habe ich zwar leider nicht selbst gesehen,
dennoch werde ich auch von ihm aus fremden Berichten Einiges erwähnen.
-- Es war heute zum ersten Male, daß mich jene Wehmuth ergriff, die
ich nachmals öfters auf dieser Reise empfunden: die Wehmuth, die
jenen alten Nordländer erfaßte, als er seinen Sohn zu Algier in dem
Gewand und der Lebensweise des türkischen Renegaten erblickte. Du
altes Heiligthum des Christenglaubens; der Christ darf deine Hallen
nicht betreten; er darf nur im Vorübergehen hinein in deine Vorhöfe
blicken. Wie lange weilet der Minstrel, der außen vor deinem Gefängniß,
wie vor dem Thurme, in welchem Richard Löwenherz gefesselt lag, die
wohlbekannten Töne anstimmet, denen dann Du, im Innern, mit Hymnen des
Lobes und dem Posaunentone des Dankens antworten wirst? Der Minstrel,
dein Retter und Befreier; er weilet lange. Du alter Glockenthurm am
Eingange, gegen die Minare's und ihre vergoldeten Halbmonde erscheinest
du nur klein, wenn dir aber dereinst die Stimme wiederkehrt, da wird
sie weiter tönen über Meer und Land, als der Ruf des Muesin's.
Die Sophienkirche, welche in manchen Zügen der Aehnlichkeit an die
Marcuskirche in Venedig erinnert, ist so wie alle älteren christlichen
Kirchen orientirt; der Haupteingang in Westen, der Hochaltar stund in
Osten. Der Umriß ahmet die Gestalt eines griechischen Kreutzes nach.
Die Länge des innern Schiffes, von West nach Ost, misset 269, die
Breite 143 Schuhe; 180 Fuß beträgt die Höhe vom Boden bis zum Scheitel
der Kuppel. Diese, die Kuppel, machet durch die Leichtigkeit, mit
welcher sie sich, gleich einer nur wenig gehobenen Woge des Meeres,
über das Gebäude hinspannt, einen besonders mächtigen Eindruck aufs
Auge, denn bei einem Durchmesser von 115 Fuß hat diese Kuppel kaum 20
Fuß Höhe. Ueber den Eingang zum Tempel wölben sich zwei Vorhallen, die
erste gegen Westen mit drei, gegen Nord und Süd mit einer Pforte, die
andre mit 16 Thüren, davon 5 in die erste Vorhalle, 2 nach den Seiten,
9 nach dem Innern der Kirche sich öffnen. An dem Deckengewölbe dieser
Hallen zeigen sich noch Spuren der vormaligen kostbaren Mosaikbilder.
Das Haupt, das äußere Ansehen des alten Gemäuers, aus Backsteinen
bestehend, ist seiner ehemaligen christlichen Zierrathen beraubt,
dagegen enthält das Innre, das sein meistes Licht durch die 24 Fenster
der Kuppel empfängt, noch immer jenes Heer der herrlichsten Säulen,
welches mit Zuversicht des gewissen Sieges den Fremdling zu fragen
scheint, ob er wohl auf Erden seines Gleichen gesehen habe. Denn als
Justinian hier an die Stätte der von den Rennpartheien im Jahr 532
niedergebrannten Sophienkirche des Constantin und Theodosius dieses
mächtige, steinerne Bauwerk setzen ließ, da wurden acht der schönsten
Säulen des Dianentempels zu Ephesus, achte des Sonnentempels zu Balbeck
zum Bau herbeigeführt; zu ihnen gesellte man jene berühmten aus dem
Cybeletempel zu Cyzikus, deren weißer Marmor von rosenrothen Streifen
(erinnernd an das Blut des Athys), durchwirkt ist; und wo es noch
sonst in alten Tempeln und Pallästen zu Athen und Troas wie auf den
Cykladen Säulen gab, welche vor andern als die schönsten galten, die
wurden herbeigebracht, um die damalige Herrscherin aller christlichen
Kirchengebäude zu schmücken. Die große Kunst der beiden Baumeister,
des ~Anthemius von Tralles~ und des ~Isidorus von Miletos~
giebt sich noch jetzt in der sichern Anordnung des kostbaren Materials
kund, das ihnen zu Gebote gestellt war. Denn obgleich das thurmartige
Tabernakel mit der goldnen von goldnen Lilien umkränzten Kuppel, und
dem goldnen, 75 Pfund schweren Kreuze, obgleich die 12 goldnen Säulen
vor dem Altar, so wie der goldene Baldachin über dem Lesepulte, mit
seinem 100 Pfund wägenden goldnen, mit Edelsteinen und Perlen besetzten
Kreuze längst verschwunden sind; obgleich der türkische Ritus, der
den Hochaltar in die Mekkalinie oder Kibla zu stellen gebeut, mithin
nach S. S. O., die Symmetrie des alten Kirchengebäudes durchkreuzt,
stehen dennoch in ungebrochener Kraft ihrer Schönheit und Würde jene
acht Porphyrsäulen aus Balbeck da, von denen vier die große, vier die
an diese gränzenden kleineren Kuppeln tragen; die grünen Säulen des
Dianentempels, welche den Frauenchor stützen und jene andern, auf denen
die Gallerien ruhen. Vierzig zählt man in allem im innern Theile der
Kirche, sechszig in den Gallerien, sieben an den Eingängen.
Wir werfen noch im Vorübergehen einen Blick auf die mit vielen Kuppeln
gedeckten Säulengänge, welche den Vorhof von drei Seiten umgeben; auf
den Springbrunnen von Marmor in seiner Mitte, und auf die Menge des
laufenden Wassers, das unter dem alten Glockenthurme hervordringt.
Es kommt aus einem immer gefüllten unterirdischen Gewölbe der
Sophienkirche und wem sein klarer Strom noch nicht wohlschmeckend
genug erscheint, der kann an einem jener beiden Brunnenhäuser, die
zu den Stiftungen dieses Tempelgebäudes gehören, sich von den hiezu
bestellten Leuten den erfrischenden Trunk reichen lassen. War nicht
vielleicht hier in der alten byzantinischen Zeit jene Cisterne, auf
welche der große Justinian, dieser Ludwig +XIV.+ der oströmischen
Kaiser, das Bild des Königs Salomo hatte darstellen lassen, welcher mit
den Mienen der Verwunderung, ja des Schreckens nach der Sophienkirche
hinblickte? Wie denn auch Justinian, am Tage der Einweihung der Kirche
unter anderen dadurch an Salomo zu erinnern suchte, daß er 1000 Ochsen,
1000 Schafe, 600 Hirsche, 1000 Schweine, 10,000 Hühner für die Armen
schlachten, 30,000 Mezzen Kornes und mehrere Zentner Goldes unter
sie vertheilen ließ. Wenn ihm aber auch wirklich diese äußerliche
Nachahmung des weisesten der Könige gelungen seyn sollte, so gelang
ihm desto weniger jene mehr von innen kommende Nachahmung, die sich
in dem, was er bei der Einweihung sprach, kund gab. Denn nachdem der
große Kaiser hinlaufend gegen den Altar, die Worte gesagt hatte: Ich
danke dir Gott, daß du mich diesen Bau hast vollenden lassen; rief er
selbstgefällig mit lauter Stimme aus: »Ich habe dich besiegt Salomo.«
Ja, jene Weisheit, welche Salomo kannte und in deren Kraft er bei der
Einweihung seines Tempels betete, war eine andre als die Weisheit
Justinians; jene von himmlischer, göttlicher, diese von irdischer,
menschlicher Art.
Wir gehen von hinnen; denn diese ~Begräbnißstätte Murads~
+III.+ und seiner Söhne ist eine Denksäule des Brudermordes.
Hundert und zwei Kinder waren dem Sultan Murad geboren, von diesen
überlebten ihn 20 Söhne und 29 Töchter. Außer Mohammed +III.+, dem
Thronerben waren bei dem Tode des Vaters vier Söhne, schon erwachsen;
durch ihren Lehrer Newi aufs Sorgfältigste erzogen und gebildet,
unter ihnen der vielversprechende Prinz Mustapha. Sie alle, zugleich
mit den 15 noch unmündigen Brüdern, ließ Mohammed am Tage seiner
Thronbesteigung erwürgen; sieben Sclavinnen, noch vom verstorbenen
Sultan schwanger, wurden auf seinen Befehl im Meere ertränkt; bald
folgten den sämmtlich, einen Tag nach dem Begräbniß des Vaters hier
bestatteten 19 Brüdern noch andre, dem Sultan verdächtig gewordne
Verwandte, selbst seine eigene Mutter, gewaltsam hingerichtet, in die
Gruft; nach einer nicht ganz neunjährigen Regierung wurden auch die
Gebeine des Mörders zu denen der durch ihn Gemordeten gesammlet[60].
Die Würmer, welche sterben, möchten immer nagen; die Verwesung, die ein
langsames Verbrennen ist, möchte das arme Todtengebein verzehren, gäbe
es nicht einen andern Wurm, der niemals stirbt; ein Feuer, das niemals
verlöscht.
Der Tag fängt an heiß zu werden, der reinliche schöngeschmückte Laden
des ~Sorbetbereiters~ zieht das Auge wie den Geruch an; wir treten
hinein uns zu erquicken. Wie groß ist da die Mannichfaltigkeit der
lieblich kühlenden Getränke, der eingemachten Früchte und der Gelees.
Sorbet und Gelee aus Rosen von Brussa, aus Aprikosen von Damascus, aus
den Datteln Aegyptens, den Pandanusblüthen Arabiens, den Amomumwurzeln
Indiens; wohlriechende Wasser und Spezereien aus Yemen und Persien.
Dazu genießt man das treffliche Wasser des gegenüber liegenden
Brunnenhauses, von welchem ein fühlender Aushauch über die ganze
Nachbarschaft ausgehet.
Es bedarf hier keiner langen Ruhe; der Anblick des Neuen wirkt selber
wie Speise und Trank. Wir sind ja da auch ganz nahe ~am neuen
Serai~ und in wenig Minuten stehen wir vor seinem Hauptthore. Ehe
wir hineintreten, betrachten wir erst den von Achmed +III.+
erbauten ~Wasserthurm~, dessen oberer Theil an den Bau einer
chinesischen Pagode erinnert. Er ist im Ganzen von viereckigem Umriß;
statt der Ecken stellen sich aber zwischen den beiden Seitenflächen
noch vier schmälere ein, und diese Flächen enthalten auf lasurblauem
Grunde poëtische Lobschriften der Güte dieses Wassers. Einer
unserer Begleiter erzählte uns mit halblauter Stimme von jenen
Schreckensstunden, da hier, nach der Besiegung der aufrührerischen
Janitscharen, Haufen von abgehauenen Menschenköpfen zur Schau lagen.
Wir treten hinein in dieses Thor, dessen Halle vormals, in der Zeit
der byzantinischen Herrscher mit den auserlesensten Statüen, die
Decke und Wände mit den Mosaikbildern geziert waren, welche Belisars
Siege darstellten. Jetzt hat hier, statt der Götter und Helden die
türkische Thorwache der Kapidschi's ihren Sitz. Ein junger angehender
Offizier und ein Unteroffizier oder wohl auch Gemeiner ließen sich
bereitwillig finden, uns zuerst in den Garten, dann in die Höfe des
Serais zu begleiten. Wir traten durch das Gartenthor hinaus in das
Haus der Rosen oder Gülchane, wo die Pagen des Hofes alljährlich,
am dritten Tage des Bairams vor den Augen des Sultans in den Waffen
sich üben. Wir gehen hinab, neben dem Lusthaine der alten Zypressen
und jenseits desselben bis an die Mauern am Meere; bis zu dem
~neuen Köschk am Sommerharem~. Was kümmern uns die geschmacklos
eingerichteten, jetzt leer stehenden Käfiche der Frauen da neben uns;
oder das Theater für die Ballettänze, wo der Sultan auf der Bühne
sitzt, während die Schauspieler im Parterre ihre Kunststücke machen;
wir mögen das nicht sehen; wir weilen bei der Aussicht am Meere und
setzen uns dann in der Nähe des neuen Köschk bei einem gar wirthlich
für die besuchenden Fremden eingerichteten Hause, wo man uns Kaffee
und jene blasenden Instrumente reicht, welche, statt zu tönen nur
dampfen. Wie groß erscheint von hier aus das Serai mit seinen hohen
Mauern und Thurmzinnen. Ich glaube gerne, daß es mit den Gärten eine
Stunde im Umfange hat, und daß Raum für Tausende der Bewohner in ihm
ist. Hier nordwärts von uns ist das ~Kanonenthor~ des Serai's.
Steht da vielleicht jene Kanone, die bei nächtlicher Weile durch ihren
Donner den Bewohnern der Stadt es ankündigt, daß jetzt die gleich
weiterhin ans Kanonenthor angränzende, sonst immer verschlossene Pforte
~Odun Kapussi~ einmal wieder sich aufthue, nicht für Einen der
die liebliche Kühlung der Nacht in sich aufnehmen will, sondern für
Einen den jetzt die Nacht für immer in ihre Schatten aufnimmt: für
den Leichnam eines hingerichteten, durch die Anklage der Eunuchen
verdächtig gewordenen Weibes, oder eines gefallenen Günstlinges.
Wir kehren zurück zum ersten Hofe des Serais. Da links vom Haupteingang
durch den wir vorhin kamen, das jetzige Zeughaus, war einst, man
erkennt es noch am Baue, die ~Kirche der heiligen Irene~,
vor welcher, gegen die Sophienkirche hin jene silberne Statue der
Kaiserin Eudoxia stund, von welcher nicht in jene beiden nachbarlich
angränzende Kirchen allein, sondern durch alle Kirchen der Stadt eine
mächtige Bewegung ausgieng. Denn als ~Chrysostomus~ mit heiligem
Ernste gegen die heidnische Verehrung des Bildnisses predigte, da zog
ihm sein lautes Sprechen das Urtheil der Verbannung zu; der Kirche
des Landes aber innre Zerrüttung und Kämpfe. -- Hier der Brunnen am
Rasenplatze ist ein ~Ajasma~ oder ein Weihbrunnen, dessen Wasser
die Griechen an ihren Festen um ziemlich hohen Preis von der Thorwache
des Serais erkaufen. Dort weiterhin an der linken Seite des Hofes
ist die ~türkische Münze~ mit den Wohnungen des Münzdirectors,
des Stadthauptmannes, und des Cabinetssecretärs. Wir stunden da im
Schatten einer uralten, herrlichen Platane, während unser Dragoman im
Münzhause für uns neue türkische Piaster, Paras und etliche kleine
Goldmünzen einwechselte. Auf der rechten Seite des Hofes sind die
Kanzleien, die Bäckerei und die Wohnungen der niederen Dienerschaft.
Wir nähern uns nun der Seite die zum zweiten Hofe führt und ihrem
Thore, in dessen Halle so Mancher hineintrat, der nicht mehr aus ihr
herausgieng. Da rechts neben dem Thore ist der Eingang zum Marstall des
Serais (der eigentliche, größere Stall liegt am Meere); die Fontäne
vor dem Marstall des Serais ist nach ~Abla~, dem Beduinenmädchen
genannt, das der ritterliche Sarazene Antar liebte und besang; nicht
weit davon steht der große Mörser, welcher, so geht die Sage, sonst zum
Zerstampfen nicht von allerhand Wurzeln, sondern von allerhand Menschen
diente. Da, unmittelbar am Eingang zum Thore des zweiten Hofes ist der
Stein ~Binek-taschi~ d. h. Vortheil der Reitschule, an welchem die
fremden Gesandten und andre Standespersonen, Einheimische wie Fremde,
die sich des Sultans Majestät nähern wollen, absteigen müssen. Wir
treten jetzt hinein unter die Halle des Thores, die sich nach beiden
Seiten hin durch Thüren schließen läßt. Hier ist oder war wenigstens
sonst die Wohnung des Scharfrichters; hier geschahen auch meist die
Hinrichtungen der zu solchem Zweck hieher Geladenen, und hier mußten,
wenigstens sonst, nach der barbarischen Etikette des osmanischen
Hofes, die Gesandten der fremden Mächte so lange stehen, bis man sie
beim Sultan gemeldet. Doch war dies nur die vorläufige Meldung, die
eigentliche, wenn drinnen Alles bereit war, brachte der Großwessir in
dem blumenreichen Style des Orients unmittelbar vor dem Thore der
Glückseligkeit, d. h. vor dem Eingang zum dritten Hofe an. Die Herrn
Gesandten konnten es jetzt selber mit anhören, denn obgleich die
Ceremonienmeister, die vor ihnen Schritt vor Schritt vorausgiengen, den
Stock mit dem vergoldeten Knopfe immer laut auf das Pflaster aufstießen
und hierdurch ihr »bis hieher und nicht weiter« aussprachen konnte
man doch der Hauptmeldung ganz nahe beiwohnen. Diese lautete wörtlich
übersetzt dahin, daß der Großvessir bei dem Throne der Glückseligkeit
die Gnade nachsuchte, »daß der fremde Gesandte, nachdem er gespeist und
gekleidet worden, seine Stirne in dem Staube der Füße der sultanischen
Majestät abreiben dürfe«[61].
Wir bedurften dieser Anmeldung nicht; unsre beiden Kapidschi's, zu
denen sich noch, ohne unser Begehren ein Dritter und Vierter, damit
der Weg nicht ohne Leute sey, gesellt hatte, führten uns wohlbehalten
durch das unheimliche Mittelthor in den zweiten Hof hinein. Hier zeigen
sich drei gepflasterte Wege; der zur Rechten führt zu den neun Küchen
des Serai's; der zur Linken zum Diwan, in dessen beiden, mit Kuppeln
bedeckten Sälen der Reichsrath sich versammlet, welchem der Sultan,
so oft er will, in seiner vergitterten Loge ungesehen beiwohnen kann,
und neben dem Diwan sind die Sorbetbäckereien. Der zwischen beiden
die Mitte haltende, gerade, geht nach dem Thore der Glückseligkeit,
nach dem Eingang zum dritten Hofe hin. Hier halten gewöhnlich die
weißen und schwarzen Eunuchen Wache; uns ließ man, nach dem der junge,
türkische Offizier für uns gesprochen, hineintreten und hindurchgehen.
Die alte Porphyrsäule, außen, vor dem Thore der Glückseligkeit[62], so
wie die alten, vergoldeten Schilde, die in der Halle des Thores hängen,
erregten keine großen Erwartungen, und auch im Innren des dritten Hofes
ist nicht viel Besondres zu schauen; die alte sultanische Herrlichkeit
sieht ziemlich baufällig aus; die Gebäude des ~Harems~ und
des ~Schimschirlück~, oder des Prinzenkäfiches, worinnen seit
jenen Bruderkriegen die sich durch Roxelanes Ränke entspannen, alle
Prinzen bis zur Thronbesteigung wie gefangen gehalten wurden, so wie
alle die andren hier anstoßenden Theile des Kaiserpallastes lassen,
wenigstens von außen, nichts von dem Prunk ahnden, der in ihrem Innren
sich zeigen soll. Wir hielten uns auch mit ihrer Betrachtung nicht
auf, sondern wendeten uns sogleich nach dem reich vergoldeten und
bemahlten, marmornen, porzellanenen, buntsteinigen Audienzsaale, wo den
auswärtigen Gesandten nach der alten Sitte des Hofes vormals die Gnade
wiederfuhr, daß ihnen die beiden hierzu verordneten Ceremonienmeister,
die neben ihnen hergiengen, die Hände auf das Haupt legten, und dieses,
so tief sie wollten, zu einer Verbeugung gegen des Sultans Majestät
niederdrückten. Wir schauten neugierig durch die hellen Fenster des
Saales hinein, dessen Wände von allerhand glänzenden Dingen flimmerten.
Da man uns dieses so hingehen ließ, wollten wir auch in ein andres
schönes, buntes Lusthäuslein oder Gemach hineinblicken, da kam ein
alter, bartloser, vornehm gekleideter Türke, von der Seite, wo der
Eingang zum ~Harem~ ist, heraus und schalt auf Türkisch über uns
und unsre Kapidschis. Etliche von diesen, sammt dem Dragoman, traten
ganz erschrocken zurück, als wollten sie sich hinter uns verstecken,
nur der junge Offizier blieb bei uns in Reihe und Glied stehen, brummte
etwas in den Bart hinein, machte aber, sobald der alte Herr den ersten,
ziemlich langen Satz seiner Strafrede geendigt hatte, rechts umkehrt
euch mit uns und wir beeilten uns Alle, glücklich wieder aus dem Thor
der Glückseligkeit hinaus zu kommen.
Die neun Küchen, worinnen für den Sultan, für die Sultanin Kasseki und
Walide so wie für ihre Damen und Dienerinnen, für den Präfekten des
Serais, den Schatzmeister und andre Hofdiener, der tägliche Bedarf der
Tafeln zubereitet wird, schienen namentlich unsren Reisegefährtinnen
einer nähern Betrachtung werth, und da man uns den Eintritt anbot,
besuchten wir zunächst die Küche der Sultaninnen. Man setzte uns
hier eine große Schüssel vor, mit einem süßen Gebackenen, das noch
überdieß in Zucker geschmalzen war, wir mußten jedoch diese Gabe der
Gastfreundschaft stehend vor dem Küchentische verzehren und Messer,
Gabeln und Löffeln gab man uns auch nicht. Sobald wir Andren zulangten,
griffen unsre Kapidschi's auch sehr eilig mit uns in die Schüssel.
Vielleicht sollte uns dieses an jene alte türkische Hofsitte erinnern,
nach welcher, wenn fremde Gesandten und Herrschaften kamen, den
Janitscharen Schüsseln mit Pilau vor die Küche hingesetzt wurden, und
wenn dann die Soldaten recht munter auf die Schüsseln zusprangen und
Hand an die Speisen legten, so war das ein gutes Zeichen; ein Zeichen,
daß dieses so leicht aufzureizende Volk zufrieden und Alles ruhig und
sicher sey[63]. Da nun unsre Kapidschis so eilig mit ihren Händen in
die Schüsseln fuhren, konnte man dieß allerdings als ein Zeichen ihrer
Zufriedenheit und der öffentlichen Sicherheit betrachten; nur wäre
zu wünschen gewesen, daß diese fleißigen Hände sich mit Löffeln oder
Gabeln versehen hätten. Nach diesem türkischen Mahle der Süßigkeiten
zeigte man uns noch Alles was zu den Räumen und Geschäften der Küche
gehörte und wenigstens bei dem Türken, welcher, wie es schien, das
Geschäft eines Unteraufsehers der Küche begleitete, geschah dieß ohne
Eigennutz, denn unser Geschenk, das der Dragoman ihm anbot, wurde von
ihm ab- an die Dienerschaft der Küche gewiesen.
Mit einem Gefühl des Unheimlichen verweilten wir noch im Hinausgehen
einige Augenblicke beim Anblick des mittleren Hofes und der zu ihm
gehörigen Gebäude. Während den Zeiten des alten christlichen Byzanz
haben sich allerdings über diese Stätte vielfache Gräuel ergossen,
aber immer ward doch der im Innern der entarteten Herrscher wüthenden
Seuche durch die Furcht vor der Kraft oder vor dem äußern Ansehen
eines göttlichen Gesetzes noch Ziel und Damm gesteckt. Welche
Furcht konnte aber die einst hier hausenden Wütheriche unter den
mohammedanischen Herrschern bändigen, welche vom neuen Serai aus über
Stadt und Land Furcht und Entsetzen verbreiteten? Wer wollte es, unter
Murads +IV.+ Herrschaft nur wagen den Mauern dieser prunkvollen
Mordgrube sich zu nahen. Schoß doch der Tirann mit eigner Hand den
Sohn eines Pascha nieder, ließ er doch ein Boot, das von Weibern
erfüllt war, im offnen Meere versenken, weil sie unversehens den
Mauern des Serais zu nahe gekommenen waren; eine andre Gesellschaft
von Frauen, die auf einer Wiese mit Tanz und Gesang sich vergnügte,
wurde ertränkt, weil den Sultan der Ausdruck der Frölichkeit in Grimm
setzte; Hunderte der Mächtigen und zum Theil auch der Edlern des
Landes, welche des Sultans Befehl ins Serai zum Handkuße rief, endeten,
ehe sie das Thor der Glückseligkeit erreichten, unter der Hand des
Henkers. Nur in den letzten sieben Jahren seiner siebenzehnjährigen
Regierung, welche mit dem Mord der Brüder begann, wurden 50,000
Menschen auf Murads Befehl hingerichtet; als er selber schon mit den
Vorboten des Todes rang, befahl er die Hinrichtung des einzigen noch
lebenden Bruders und Thronerben der osmanischen Dynastie, Ibrahim, und
als man die (erdichtete) Nachricht von der Vollziehung des Urtheils
ihm brachte, erheiterte ein schadenfrohes Lächeln noch einmal sein
Gesicht, auf welchem man gleich vorher nur den Ausdruck der Schrecken
des Todes gesehen. Doch wie bald mögen, in vielfach vergrößertem Maaße
diese Schrecken zurückgekehrt seyn, dem Manne, welcher, so lange er
lebte, Allen, die um ihn seyn mußten, so zum Schrecken war, daß sie
kaum es wagten, in seiner Gegenwart anders als durch Zeichen der
Taubstummensprache zu reden und zu antworten. Und was hatte das arme
Land gewonnen als nun an die Stelle der Grausamkeiten des mordlustigen
Murad +IV.+ die Gräuel der Wollüste seines Bruders und Nachfolgers
Ibrahim traten und Verheerungen andrer Art über das Reich der Osmanen
ergoßen, welche nur als Mordthaten in andrer Form erschienen, bis mit
Ibrahims Hinrichtung (im Jahr 1648) die schmachvolle Herrscherzeit der
drei Söhne Achmeds und ihres blödsinnigen Oheims Mustapha endigte.
Wir traten jetzt wieder hinaus vor das Serai in die Straßen der Stadt.
Hier betrachteten wir die vormals sogenannte ~hohe Pforte~: den
~Pallast des Großwessirs~, worinnen dieser Audienzen ertheilt
und in welchem die wichtigsten Angelegenheiten des Reiches berathen
und besorgt werden. Allerdings konnte man das alte, vormalige Wohn-
und Geschäftshaus der osmanischen Großwessire, das in dem letzten,
großen Aufstand der Janitscharen großentheils in Trümmer fiel, als
die hohe, von den Seufzern des Elendes nur selten erreichbare Pforte
betrachten, durch deren geöffnete Thüren Schrecken und Kriegsgeschrei
weithin über Land und Meer ihren Auslauf nahmen, in welchem auch
mancher nicht bloß kräftige, sondern zugleich weise Wessir, wie der
Sokolli Mohammed Pascha, dann der greise Köprili und mehrere Andre das
wahre Wohl des Landes beachteten, aber diese allvermögenden türkischen
Minister selber, so sehr ihnen mit dem Thor der Glückseligkeit zugleich
der Weg zu allen irdischen Ehren und zu allem Glück der Sinnenwelt
eröffnet schien, waren dennoch deshalb keineswegs hierüber zu beneiden.
Unter dem Tyrannen Selim +I.+, dem Vater Suleimans des Großen,
der selbst diesen, seinen einzigen Sohn hätte hinrichten lassen, wenn
der kluge Bostandschi Pascha (nach S. 138.) die Gräuelthat nicht
verhindert hätte, war es eine seitdem lange in Gebrauch gebliebene
Verwünschungsformel der Türken geworden, zu dem Feinde oder Beleidiger
zu sagen: mögest du Sultan Selims Wessir seyn. Denn, wie dies der
osmanische Geschichtsschreiber Aali erzählt[64], die Wessire Sultan
Selims blieben oft kaum einen Monat im Amte, ohne der Hand des Henkers
überliefert zu werden, daher dieselben ihr Testament beständig bei sich
im Busen trugen, und, so oft sie wieder lebend von der Audienz des
Tyrannen herauskamen, das Leben als ein neugeschenktes betrachteten.
Da einmal der kräftige, kluge und in allen Geschäften gewandte, dabei
auch unbescholtene Großwessir Piribascha diesen »strengen« Herrn bei
besonders guter Laune traf, sprach er, halb im Scherze zu ihm: mein
Padischah, ich weiß, daß du mich zuletzt doch unter irgend einem
Vorwand umbringen wirst; könntest du mir nicht wenigstens einen freien
Tag zuvor schenken, an welchem ich meine Rechnungen mit dieser und
jener Welt in Ordnung bringen könnte? Der Großherr lachte über diese
freimüthige Bitte und antwortete: seit langem gehe ich wirklich mit
dem Gedanken um, dich hinrichten zu lassen, aber ich habe noch keinen
Andern, den ich an deine Stelle setzen könnte, sonst wäre es mir ein
Leichtes, dir deine Bitte zu erfüllen. -- Unter solchen Umständen,
die sich unter vielen der türkischen Sultane wiederholten, erschien
allerdings der Zugwind der vom Serai durch die hohe Pforte wehte als
eine schlimmere Ursache des Halswehes, denn der Zugwind unter den
Thüren der armen Bürgerhäuser.
Auf dem weitern Wege wurde uns an der Mauer des Serais der ~Köschk~
oder das Lusthaus gezeigt, hinter dessen Gitter-Jalousieen der
Großsultan den öffentlichen Aufzügen zusieht, ohne selber gesehen zu
werden. Durch manche der langen, krummen Gassen kamen wir zu der
modernen, fensterreichen ~Moschee Osmans~ +III.+ (vollendet im Jahr
1755), in deren Nähe das 14 eckige Bibliothekgebäude dem Auge auffällt.
Hier finden sich unter den 1693, meist geschriebenen Büchern selbst die
astronomischen Tafeln von Cassini in einer türkischen, die heiligen
Schriften der Christen in arabischer Uebersetzung[65]. Mehr jedoch als
die Betrachtung der Bücher zog unsre Begleiterinnen, und für diesmal
auch uns der ~Besestan~ oder große Markt zu seinen unter den bedeckten
Hallen hinlaufenden Kaufmannsläden hin. Hier ist Alles zu haben, was
an Kleidung, Zierrathen und Kostbarkeiten ein türkisches Herz sich
etwa wünschen mag. Wie prunkten da, in ganzen Reihen der Buden, die
kostbaren Kaschemir-Schawls; die gold- und perlengestickten Tücher,
Tabaksbeutel, Schleier, Kopfputzsachen, Schuhe und Pantoffeln. -- Mit
den eigentlichen Türken ist es gut handeln; sie sind im Ganzen ehrlich
und offen, legen kein zu hohes Aufgebot auf ihre Waaren, lassen sich
aber von der gebotenen Summe nur wenig abhandeln. Bei einer spätern
Gelegenheit sagte ein türkischer Fabrikant aus Magnesia zu jemand aus
unsrer Begleitung, der an einem seiner Teppiche Gefallen zu finden
schien: mich kostet er 60 Piaster, dir will ich ihn um 70 lassen, statt
daß unsre Fabrikanten öfters in solchen Fällen das Umgekehrte sagen.
Mit Freund Mühr gieng ich jetzt noch durch den ägyptischen Marktplatz
(+Missr-tschar schussi+), dessen Gewürze schon aus ziemlicher
Entfernung durch ihren starken Duft sich verriethen, hinab nach
dem Hafen, um in der Nähe desselben den einfach schönen, im Jahr
1775 erbauten ~Begräbnißplatz des Sultan Abdulhamidschan~ zu
betrachten. Er selbst der Großsultan, so wie seine beiden in den
Soldatenempörungen umgekommenen Söhne Selim +III.+ und Mustapha
+VI.+ sind hier beerdigt; wie bei vielen andern Begräbnißstätten
der verstorbenen osmanischen Herrscher, finden sich auch bei dieser
mehrere wohleingerichtete, fromme Stiftungen. Dem Grabmale gegenüber
zeigt sich eine reinliche und geräumige Armenküche, mit ihren großen,
glänzenden, metallenen Kesseln und Pfannen. Hier werden täglich, außer
den vielen Fleischspeisen und Pilau, 1200 Brode an die Dürftigen
vertheilt. Neben dem Hauptgebäude selber verdient noch das Gebäude
einer andern, wohlthätigen Stiftung die Aufmerksamkeit des Fremden:
das der Bibliothek des Abdulhamidschan, zu welcher auch Ausländer und
Nichttürken ungehinderten Zutritt haben. Hier, wie bei allen Grabmälern
der Großen sind einige Hymnensänger und Leser des Korans zur Erbauung
des Volkes angestellt.
Die Sonne stund noch hoch; der Abend war schön; wir nahmen beim
Gartenthor eine Barke und fuhren im Hafen hinab, nach der Seeseite
des Serai hin. Vor allem fällt an dieser der ~Indschuli Köschk~
oder das Perlenlusthaus, in seiner morgenländisch prächtigen Bauart
und mit seinen grünen, wie es scheint aus »lacedämonischem Marmor«
gehauenen Säulen ins Auge; weniger das Uferlusthaus oder der ~Jalli
Köschk~, von welchem der Sultan dem Aus- und Einfahren der Flotten,
sitzend auf silbernem Throne zusiehet. Heimkehrend nach Pera, nehmen
wir unsren Weg über die stattlich aussehende Vorstadt Tophana, welche
unter Pera am Ufer, neben Galata liegt. Doch von den Gebäuden und
andren Sehenswürdigkeiten dieser, wie der übrigen Vorstädte, wird
nachher noch besonders die Rede seyn, vor der Hand erwähne ich nur
noch einiger sonderbaren Ueberschriften der öffentlichen Bäder, auf
welche mein Freund und mehr noch Joseph von Hammer in seinem Werk über
die Hauptstadt und ihre Umgebungen mich aufmerksam machte[66]. Schon
durch diese Ueberschriften bestimmt sich fast jedes Bad für einen
besondern Stand, dessen Zugehörige sich auch wirklich an diesen Orten,
die zugleich der geselligen Unterhaltung dienen, zusammenfinden. So
giebt es, wenigstens besagen dieß die einladenden Inschriften, ein
eignes Bad für Gesetzgelehrte, eines für fromme und andächtige Männer,
ein andres für unschuldige und sittsame Leute, andre, besondre Bäder
sind für Sternkundige, für Dichter, für Maler, für Tonkünstler, für
Derwische, für Pferdeliebhaber bestimmt; in Akhaba sogar eines für
Mystiker und nicht weit davon eines für Vogelfänger. Aber außer diesen
wohl- oder doch nicht geradezu übellautenden Inschriften giebt es auch
andre, welche den, der ihre Züge zu enträthseln versteht, nicht sehr
zum Besuch des Bades einladen können. Denn man findet unter andrem
ein Bad für Solche, welche das Gebet nicht lieben, eines für +bons
vivans+, eines für Possenreisser, eines für Banditen, in Tophana
eines für Lügner. Freilich könnte da jeder Badende beim Eintritt in das
Haus voraus wissen, welche Gespräche hier unter den Gästen vorherrschen
werden; der Rechtsgelehrte wird sich dahin gesellen, wo von den
Rechtshändeln, der Pferdeliebhaber dahin, wo von den schönsten Pferden
der Stadt die Rede ist.
Wir gehen nun zu der kurzen Beschreibung einer zweiten Tagwanderung
durch Constantinopel über.
Donnerstags den 6ten October hatte sich ein erfrischender Herbstwind
aufgemacht, der uns hinüber über den Hafen nach der Stadt und einiger
ihrer nächsten Angränzungen begleitete. Wir waren diesmal zu Pferde;
unser Weg gieng an der Nordostseite von Constantinopel, zwischen
dem Hafen und den alten hohen Mauern der Stadt hinan. Er zog sich
großentheils durch enge, schlecht gepflasterte Gassen, in deren einer
die langen Reihen von Werkstätten der Steinmetzen Staub in Menge
verbreiteten. Von Zeit zu Zeit wird der von einem ortskundigen Führer
geleitete Reisende, auf diesem Landwege nach Ejub, dem sonst der Weg
zu Wasser vorzuziehen wäre, bald zur Rechten nach dem Hafen, bald
zur Linken gegen die Stadt zum Beschauen abgerufen. Ein Punkt, der
Beachtung werth, ist da am ~Petrion~ innerhalb dem Fanalthore oder
~Fener-Kapussi~ das Kirchen- und Wohngebäude des ~griechischen
Patriarchats~, zum heiligen Georg genannt. Die alte Kirche hat
vielleicht weniger wirklichen als historischen Kunstwerth. Unter
den Vorhallen zeigen sich bildliche Darstellungen der verschiedenen
Bleibstätten der Seligen, deren größere Menge in geistlichem Gewand der
Patriarchen, Bischöfe und Mönche erscheint; so wie die buntfarbigen
Schilderungen der verschieden Stufen der Höllenstrafen. Der Künstler,
verzichtend auf die Kenntlichkeit der Figuren, die der Pinsel gab,
hat sich hie und da durch Zusetzen der Namen geholfen, unter denen,
auf der feuerrothen Seite der Linken, oder der Verdammten, Julians,
des Abtrünnigen, so wie Maximinians Name zu lesen ist. Im Innren der
Kirche wird unter andrem der mit Perlenmutter ausgetäfelte Stuhl
des h. Joannes Chrysostomus gezeigt, worauf der Patriarch, an hohen
Festen seinen Sitz einnimmt. Diesem gegenüber stehen die mit Scharlach
aufgeschlagenen, durch ein weißes Kreuz und seit neuerer Zeit mit dem
russischen Adler verzierten Sitze der Fürsten der Moldau und Wallachey.
Nicht fern von dem Patriarchat des heiligen Georg, außerhalb dem
Fanalthor ist die Residenz und Kirche des Patriarchen von Jerusalem
so wie des Bischofs von Bethlehem. Immerhin macht das Hineinblicken
in diese alten, christlichen Kirchen, hier in dem mohammedanischen
Constantinopel auf den innren Sinn des christlichen Pilgrims einen
ähnlichen Eindruck als der ist, welchen der Anblick des frischen
Schnees der Alpen auf den äußren Sinn eines Wandrers macht, der sich
fern von jenen Höhen, mitten im dürren, heißen Sand der Wüste befindet.
Der Schnee ist wohl kalt und todt, aber es quillt aus seinem Schooße
doch lebendiges Wasser, hier aber in der brennend heißen Wüste erstirbt
die Seele den schmerzhaften Tod des Durstes.
Vor dem Hinaustreten aus dem Thore von ~Haiwan Hissari~ gegen
die ~Vorstadt der Töpfer~ hin, wenden wir uns zuerst noch zur
Betrachtung jenes Weihbrunnens (Ajasma), der wenigstens die Stätte
bezeichnet, bei welcher die während den Zeiten der byzantinischen
Herrschaft so hoch in Ehren gehaltene, zuerst von der Kaiserin
Pulcheria (457) erbaute, dann von vielen spätern Kaisern erweiterte und
verschönerte Kirche der Blachernen stund. Diese ist den Freunden der
altdeutschen Dichtkunst wegen einer Anspielung im Titurel merkwürdig,
denn in dieser Kirche war außer dem heiligen Schranke mit dem Gewand
der Mutter Gottes auch jenes Gnadenbild, dessen Schleier jeden Freitag
Abend wie durch unsichtbare Hände erhoben wurde und das Angesicht
des Bildes einen Tag lang unverhüllt sehen ließ, bis er am Sonnabend
bei der Vesper sich wieder herniederließ und die Gestalt 6 Tage lang
verhüllte. Nach der Kirche der Blachernen fanden jährlich mehrere Male
sehr feierliche Prozessionen statt, an denen der Kaiser mit seinem
ganzen Hofstaate theilnahm.
Weiterhin führt der Weg nach Ejub durch die Vorstadt der Töpfer.
Hier verweilt man gern bei der schönen, von Sinan dem Architekten
erbauten ~Moschee Sal Pascha~, um welche, wie Zellen der Bienen,
die Wohnstätten der Studirenden, die hier durch wohlthätige Stiftung
erhalten werden, herumgelagert sind. Vormals war da, wo diese Moschee
steht, ein Tempel des Jupiter; später die Kirche des heiligen Mamas;
nahe von hier zog sich die prachtvolle, von Leo dem Großen im Jahr
469 erbaute Brücke über den Meeresarm des Hafens hinüber. Eine der
beiden Fontänen, die sich in der Nähe dieser Moschee zeigen, wird
bedeutungsvoll durch ihren Erbauer, denn sie erinnert an den Großwessir
~Sokolli Mohammed Pascha~, der die Würde eines Großwessirs
40 Jahre lang unter der Regierung von drei Sultanen: Suleiman dem
Großen, Selim +II.+ und Murad +III.+ mit Verstand und Glück
bekleidete, bis er im Jahr 1599 durch Meuchelmord erlag und die so
ungewöhnlich lang getragene Ehrenstelle seinem Nachfolger einräumte.
Ejub, die lieblich zwischen den hochwüchsigen Zypressen, Platanen
und Ahornbäumen gelegne Vorstadt, hat für den Christen wie für den
Mohammedaner ein besonderes historisches Interesse. Hier, wo jetzt
die Sultanin Mutter (Walide) ihren Sommerpallast, nahe am Ufer des
Meeres bewohnt, stund das ~Kosmidion~ der Byzantiner, jenes Schloß
das nach den Namen der beiden heiligen Nothhelfer und sich selber
verläugnenden Krankenwärter Kosmas und Damianus benannt war. Es wurden
den Schutzheiligen dieser Kirche heilsame Wunderkräfte zugeschrieben,
welche selbst im Traum des Nachts, wie dieß einst im Tempel des
Aeskulap geschehen, der Seele sich kund thaten und durch sie über den
kranken Leib sich ergossen. Auf diese Weise ward Justinian der Große
von einer tödtlich scheinenden Krankheit, in welcher die Aerzte ihn
schon aufgaben, wieder geheilt und zur dankbaren Erinnerung daran
hatte dieser prachtliebende Kaiser die Kirche der heiligen Nothhelfer
nach größerem Maßstabe neu erbauen lassen. Vielleicht daß noch manches
der alten Grundgemäuer des vormaligen Kosmidion das sehenswerthe,
anmuthig gelegene Gebäu des ~Pallastes der Walide~ stützt; wäre
aber auch dieses nicht, so wird dieses Kosmidion in der Erinnerung des
abendländischen Reisenden, durch das Andenken eines Glaubenshelden:
des Gottfried von Bouillon gestützt, welcher auf seinem Kreuzzuge nach
Jerusalem mit seinen 70,000 Streitern zu Fuße und 10,000 Reutern hier
eine Zeit lang gelagert war. Damals erhielt das Kosmidion, weil Graf
Raimund in ihm wohnte, den Beinamen der Raimundsburg.
Nach dem Besehen des Pallastes der Walide, erquickten wir uns an der
in dieser Vorstadt ganz besonders guten, den Bewohnern der Hauptstadt
rühmlich bekannten geronnenen Milch (Kaimak). Ejub hat keine bedeckten
Hallen, sondern eine Reihe offner Kaufmannsläden. In einem von diesen
betrachtete ich die türkischen Spielsachen für Kinder. Wie arm erschien
mir da der Kreis der kindlichen Vorstellungen und Bedürfnisse gegen
jenen Kreis den in unsrem Vaterland eine Spielwaaren-Niederlage
überblicken lässet und umfasset. Nichts als hölzerne Pferde, Trommeln
und andre Lärm machende Dinge, Säbelchen, Flinten und Peitschen; für
die Mädchen falsche Schmucksachen und Dinge, die an die Kaffeevisiten
und die halb blödsinnigen Spiele des Harem erinnern. Wie verirrte
Zugvögel des Auslandes erschienen übrigens auch unter den neuen,
türkischen Spielsachen einige ziemlich altmodisch aussehende Nürnberger
Waaren, vor allem solche, bei denen da und dort ein kleiner Spiegel
angebracht war, auch kleine Messingwaaren, an denen die wohlbekannten
Zeichen unsrer vaterländischen Fabriken zu erkennen waren. Selbst die
(wohlfeileren) Arten des Porzellans sind hier häufig von deutschem
Ursprung.
Wir wandelten nun weiter nach dem Orte hin, der dem jetzigen Ejub seine
Hauptbedeutung in den Augen der osmanischen Bewohner der Hauptstadt
und des ganzen Landes giebt. Hier stehet, im Schatten der uralten,
hohen Platanen die Moschee des Ejub, die schon der Eroberer von
Constantinopel, Mohammed +II.+ begründete, und in welcher jeder
neue Herrscher der Osmanen gleich nach der Besteigung des Thrones,
durch die Umgürtung mit Mohammeds Schwert die höhere Weihe für seine
Regentenwürde empfängt. Sie gilt den Moslimen für eine der heiligsten
Gedenkstätten ihres Glaubens. Sie darf nie von einem Christen
oder Juden betreten werden; schon das bloße Hineinblicken auf den
ummauerten, mit Bäumen bepflanzten Platz, der den Vorhof umgiebt, wurde
uns von den Thorhütern verwiesen. Im Koran findet sich eine Stelle,
welche die Moslimen von Anfang an als eine untrügliche Weissagung ihres
Propheten betrachteten, und welche auch wirklich Jahrhunderte lang,
bis sie endlich in Erfüllung gieng, sich von wunderbar aufregender
Kraft an den Schaaren der eroberungssüchtigen, kriegslustigen Völker
des mohammedanischen Ostens erwies. Die Stelle, welche von der Zukunft
des Reiches des Islams und seiner Ausbreitung durch die Gewalt des
Schwertes handelt, schließt mit den politisch-prophetischen Worten:
»sie« (die Gläubigen des Islams) »werden Constantinopel erobern; wohl
dem Fürsten, dem jenesmaligen Fürsten, wohl dem Heere, dem jenesmaligen
Heere.« Im Vertrauen auf die unverbrüchliche Wahrheit dieser Weissagung
machte sich schon Moawia, der Feldherr Ali's, des Schwiegersohns des
Propheten, im 34. Jahre der Hedschira, dem 684ten nach Christi Geburt,
zum Kampfe gegen die Kaiserstadt des Ostens auf und wiederholte zum
zweiten Male, da er selber Khalif geworden war im Jahr 667, dann zum
dritten Male durch seinen Feldherrn Sosian Ben Auf im Jahre 672 die
Belagerung. Die Söhne der Wüste umlagerten damals, wie eine Wolke, die
von der Morgensonne geröthet, am künftigen Abend mit Ungewitter drohet,
die Stadt, deren Stunde noch nicht gekommen war. Für Mahoammeds Jünger
war dieses eine Zeit der ersten Begeisterung; mächtige, ritterliche
Waffenthaten wurden von ihnen geübt; dennoch wurde Constantinopel
noch gegen den furchtbar andrängenden Sturm gehalten. Bei dem Heere
der Moslimen fand sich auch ein für heilig geachteter, greiser Held:
~Ejub~ Chalad, ben Said Anssari, der den Propheten noch selber
gekannt und in den Kämpfen desselben seine Fahne getragen hatte.
Dieser älteste Streiter für den Islam fiel, im kühnen Kampfe mit den
Heeren der Stadt und wurde an der Stätte, wo nun seine Moschee stehet,
begraben. Das Grab war längst vergessen, da fand es, vielleicht
geleitet durch die Namenszüge des alten längstbemoosten Denksteines,
oder durch andre andeutende Zeichen ~Ak-Schem-Seddin~, einer
jener heiligen Scheikhs, welche fast 800 Jahre nach Ejubs Tode das
Heer des Eroberers der Stadt, Mahommeds +II.+ begleiteten, wieder
auf und diese (wenigstens angebliche) Entdeckung entflammte den schon
gesunkenen Muth der Belagerer von neuem zu so gewaltigen Waffenthaten,
daß bald hernach die bedrängte Stadt ihnen unterlag. Jene Weissagung.
»sie werden Constantinopel erobern; wohl dem Fürsten, dem jenesmaligen
Fürsten; wohl dem Heere, dem jenesmaligen Heere«, ließ dann der
Eroberer, durch den sie wirklich in Erfüllung gegangen war, mit
goldenen Buchstaben in die von ihm erbaute, schon oben erwähnte Moschee
schreiben.
* * * * *
Die Moschee von Ejub enthält außer dem Grabmal des alten Fahnenträgers
und Waffengefährten des Propheten auch noch ein Erinnerungszeichen
an diesen selber; nämlich einen Fußtapfen, welchen er, da er am Bau
der Kaaba mithalf, dem Felsenboden, auf welchem er stund, einprägte.
Von Mekka war dieser angebliche Fußtapfen nach Aegypten, von da,
bei Eroberung dieses Landes nach Constantinopel in den osmanischen
Herrscherschatz gekommen, bis ihn im Jahr 1705 der damalige
Schatzmeister Redschel-Pascha unter den andren alterthümlichen
Kostbarkeiten auffand, und der Sultan die kostbare Fußspur mit Silber
umfaßt in die Wand der Ejubs-Moschee einmauern ließ.
* * * * *
Diese Vorstadt ist seit den Zeiten der türkischen Eroberung zu einer
kleinen, für den Kenner der osmanischen Geschichte merkwürdigen
Gräberstadt geworden. Es gehörte zu den frommen Wünschen Aller durch
ihren Stand oder durch eine Art von geistliches und wissenschaftliches
Verdienst hierzu berechtigten Moslimen der Hauptstadt, da, bei den
Gebeinen des Freundes ihres Propheten begraben zu werden. Darum sieht
man hier, als ein Prachtwerk des großen Baukünstlers Sinan, das
Grabmal des oben (S. 196) erwähnten glücklichen Großwessirs Suleimans
und seiner beiden Nachfolger: des ~Sokolli Mohammed Pascha~,
des Eroberers von Szigeth, so wie das von demselben Meister erbaute,
kleinere, des Wessirs ~Pertew Pascha~, welcher in derselben
Stunde, in welcher Suleiman vor Szigeth starb, die ungarische
Gränzfestung Giula einnahm. Auch das Grabmal des Wessirs ~Ferhad
Pascha~, nahe am Landungsplatze des Meeresarmes ist Sinans Werk.
Wenn diese Grabstätten schon durch den werkereichsten und berühmtesten
Architekten, den Michel Angelo der Osmanen, beachtenswerth erscheinen,
so sind dieß Andre wenigstens durch das Andenken an die ausgezeichneten
Männer, deren Gebeine sie beschatten. Denn unter den Hunderten der
andern berühmten Männer ruhen hier bei Ejub der große Gesetzgelehrte
und Rathgeber Suleimans ~Ebn-Suud~; der gelehrte Koranforscher
und Prinzenlehrer ~Achmed Effendi~; dann ~Seadeddin~ oder
~Chodscha Effendi~, der vornehmste unter den Geschichtsschreibern
der Osmanen, so wie die Dichter ~Ghanaji~ und ~Baba Mahmud~.
Zu den meisten dieser Grabstätten und in das Innre der sie umringenden
Gärten, gestattete man uns ohne Schwierigkeit den Zutritt; von
andern, namentlich jenen der Stifter oder gewesener Vorstände mancher
Derwischorden, wieß man uns zurück.
Die Umgegend von Ejub gehört zu den reizendsten, welche die
Nachbarschaft von Constantinopel dem Reisenden darbietet. Die Menge
der Zypressenhaine, die Quellen in den kleinen schattigen Thälern,
vor allem aber die paradiesisch-schönen Ufergegenden am Einfluß des
Barbyses in den Cydaris, bei dem durch Achmed +III.+ durch viele
neue Anlagen gezierten Dorfe ~Alibeg-köi~ und noch mehr der
Lustort ~der süßen Wasser~ (von den Türken Kiagdschane genannt),
welcher weiter hineinwärts gegen das Ende des Hafens liegt, in welches
der Barbyses und Cydaris münden, wären eines Verweilens, nicht nur von
etlichen Stunden, sondern von ganzen Tagen werth. Die Pflanzenwelt
dieses reichen Landes wird hier in einer Fülle und Farbenpracht
gesehen, zu welcher sie in unsern Treibhäusern und Lustgärten sich
niemals erhebt. Doch wir hatten an diesem Tage noch Vieles zu sehen;
wir kehrten deshalb wieder zurück zu der Vorstadt der Töpfer, und
zogen, an der Gegend der türkischen Grabstätten vorüber, den Hügel
hinan, zu dem nicht weit vom Kanonen-Thore (~Egri Kapu~) der
Hauptstadt gelegenem ~Pallast des Hebdomon~, dessen alte Gemäuer
noch jetzt mit ihren drei Stockwerken ziemlich wohlerhalten dastehen.
Schon Constantin der Große hatte diesen Pallast erbaut; hier lebte
später jene der himmlischen Weisheit vertraute kaiserliche Jungfrau
Pulcheria, die unter allen Perlen, welche in der reichen Schatzkammer
des Pallastes aufgehäuft lagen, selber die kostbarste Perle des Landes
war; hier hatte der Philosoph Leo seine Schule; hier wohnte selbst
der prachtliebende Justinian. Noch unter der Regierung des Kaiser
Theophilus (im J. 830) fanden sich unter den vielen, werthvollen
Schätzen dieses Pallastes die weltberühmten fünf goldnen Thürme, bei
ihnen jener goldne Baum, auf dessen Zweigen künstliche, goldne Vögel
tönten; die beiden goldnen, reich mit Edelsteinen verzierten Orgeln;
dann unter andern Reliquien das Haupt Johannis des Täufers. -- Durch
die Hütten der armen Leute (es waren Juden), die sich anjetzt wie
Dohlen in und an das Gemäuer des vormaligen Kaiserpallastes angebaut
haben, stiegen wir hinan zum zweiten Stockwerk, das sieben Fenster und
eben so viele Bogengewölbe hat. An der Rückseite dieses Stockwerkes
sieht man noch den Erker, mit der weiten, herrlichen Aussicht, zunächst
freilich über die armenischen und türkischen Gräberstätten, dann
aber weit über das Land und zur Rechten über die Zypressenhaine und
grünenden Ufer bei Ejub. Hier stund der Thron der vormals hier Hof
haltenden byzantinischen Kaiser. -- Hier unten, auf dem angränzenden,
jetzt mit dem Schutt der niedergestürzten Mauern bedeckten und mit Gras
wie Gesträuch bewachsnen, äußeren Vorplatz des gewesenen Pallastes
fand unter Mohammeds +II.+ Regierung ein spielendes Kind den
schönsten und größesten Demant des osmanischen Schatzes. Vermuthlich
war dieß derselbe Demant, der im 22sten Jahre der Regierung des Kaisers
Justinian, bei einem öffentlichen Aufzuge aus dem Throngeschmeide
dieses reichen Fürsten verloren gegangen war. -- Die byzantinischen
Herrscher hatten noch andre, kostbarere Gaben, die ihnen anvertraut
gewesen, verloren; möge eine künftige, glücklichere Zeit dieses Landes
sie wieder auffinden und sie besser benutzen als Jene dieß gethan.
Von dem alten Pallast des Hebdomon oder Tekir-Serai ritten wir weiter
am Innren der Stadtmauer hin, bis zum ~Adrianopelthore~ oder
~Edrene Kapussi~. Dieses Thor führte in der Zeit der Byzantiner
den Namen des vielmännrigen (polyandros). Diesen Namen: Thor
des Männergedränges empfieng es unter der Regierung des jüngeren
Theodosius. Denn als ein furchtbares Erdbeben im 31sten Regierungsjahre
dieses Kaisers die Mauern der Stadt, sowohl die alten, welche 100 Jahre
vorher Constantin der Große, als auch die neuen, welche Anthemius
während der Minderjährigkeit des jüngeren Theodosius errichtete,
niedergestürzt hatte, und der Kaiser den damaligen Präfekten der Stadt,
Cyrus-Constantinus genannt, Befehl gab, die zertrümmerten Werke neu
zu erbauen, da wollte dieser, wie vor ihm Anthemius in zwei Monaten
die riesenhafte Aufgabe vollenden, obgleich ihm nicht wie diesem
die Einrichtung nur einzelner, großer Stücke, sondern der gesammten
Stadtmauern oblag. Hierzu setzte er als den wirksamsten Hebel den
Wetteifer, der beständig unter einander ehrsüchtig sich aufreizenden
Rennpartheien in Bewegung, denn während die Grünen oder die Prasiner
am Hafen bei dem hölzernen Thore (Xyloporta), in der Gegend, durch
welche heutigen Tages der Weg von der Stadt nach Ejub führet, bis
hieher ans Adrianopelthor die Mauern baueten, hatten die Blauen oder
Veneter die Aufgabe, die Strecke vom goldnen Thore, gegen den Propontis
hin, bis zum Adrianopelthor zu erneuern. Bei diesem, in der Mitte der
beiden Strecken gelegnen Thore, begegneten sich dann beim Hinein- und
Herausgehen die Arbeiter der beiden Partheien und machten hierdurch
dasselbe wirklich zu einem Punkte des lebhaftesten Volksgedränges.
Wir wendeten uns vom Thore einwärts, um einige in der Nachbarschaft
desselben gelegne Merkwürdigkeiten zu betrachten. Die zunächst liegende
ist jene große, schöne Moschee, ganz nahe beim Thore, welche die
Sultanin Mihrmah oder Sonnenmond, die Tochter Suleimans des Großen
und der Roxelane zugleich mit einer andren nach ihrem Namen genannten
in Skutari, wie man erzählt, von dem Werthe eines einzigen ihrer
Pantoffeln erbauen ließ. Ein Bad und ein Markt, so wie die von hohen
Platanen beschatteten Wohnungen der Studirenden, im Vorhof der Moschee,
sind die wichtigsten Nebengebäude von dieser. Von hier an, wie an
mehreren Punkten des nach der Landseite hingekehrten Theiles der Stadt,
den wir heute besuchten, kamen wir durch so vereinsamte, menschenleere
Gassen und vorüber an so armseligen Hütten, daß es schien als hätten
die Bewohner ihren alten Grund und Boden den verwilderten Hunden, die
hier in ganzen Schaaren hausten, das verfallene Dach aber der vormals
bedeckten Hallen den Fledermäusen und Spatzen zur Wohnung überlassen.
Ich habe in keiner andren auf dieser Reise gesehenen Stadt des
türkischen Reiches so menschenleere Plätze gesehen, als stellenweise
die Hauptstadt in sich fasset, welche hierin mit der lebendig bewegten,
überall reich bewohnten, wohlgebauten Hauptstadt Aegyptens, mit Cairo,
einen auffallenden Contrast bildet. Unser Abweg führte uns unter andrem
zu der Moschee ~Kahrije Dschamissi~, vormals eine von Justinian
erbaute Kirche, in welcher das, wie man glaubte, vom h. Apostel Lucas
gemalte Bildniß der Mutter Gottes Hodegedria (Wegweiserin) genannt,
aufbewahrt wurde, welches die Türken, bei der Eroberung der Stadt in
4 Stücken zerhieben. Wir sahen dann einige jener osmanischen Gebäude,
welche die Ohnmacht der letzten byzantinischen Herrscher noch vor der
Eroberung der Stadt von ihren Drängern sich aufzwingen ließen. An einer
Stelle, welche wieder besser gebaut und besser bevölkert erschien,
begegnete uns ein armenischer Hochzeitzug; anderwärts eine Reihe
beladener Lastthiere der Holzverkäufer.
Wir hatten uns auf die Höhe des fünften Hügels der Stadt, zur
~Moschee des Sultan Selims~ +I.+, des gestrengen Vaters des
großen Suleiman hingelenkt, welche in den Jahren 1520 bis 26 erbaut
ist. In den Hallen des mit Marmor gepflasterten Vorhofes prangen 20
Säulen aus kostbarem Granit und vielfarbigem Marmor, zwischen hohen
Zypressen spielt das Wasser einer Fontäne und auch außerhalb dem
Vorhofe geben zwei unterirdische Springbrunnen, zu denen 52 Stufen
hinabführen, eine größere Menge von Wasser als die hier nachbarlich
angränzenden Bewohner des Stadttheiles bedürfen. Die Kuppel dieser,
nicht sonderlich hoch erscheinenden Moschee soll im Durchmesser noch um
eine Spanne größer seyn als die Kuppel der Aja Sophia. -- Nicht fern
von der Selimsmoschee sieht man auch eine jener alten Cisternen, an
denen das alte Byzanz so überreich war, bis Kaiser Heraklius, nachdem
sein Hofastrolog Stephanus ihm geweissagt hatte, er werde im Wasser
umkommen, die meisten derselben austrocknen und zu Gärten machen ließ.
Die bei der Selimsmoschee gelegne ~Cisterne des h. Petrus~ hatte
der Kaiser Manuel Comnenus begründet; sie ist im Viereck gebaut und
jede der Seiten misset 460 Fuß, die Dicke der Mauern beträgt sechszehn
Fuß; sie ragen heutiges Tages etwa nur noch sechs Fuß über den Schutt
und die Ausfüllungsmasse des Innren hervor, welches einst, da es noch
unverschüttet war, über 6 Millionen Cubikfuß Wasser fassen konnte.
Wir kehrten wieder nach der Gegend des Adrianopelthores zurück. Von
diesem gen Süden, da wo der Lykus, der sich uns nur als armseliges
Bächlein zeigte, herein in die Stadt fließt, kommt man durch das
Quartier der Zigeuner, deren weit verbreitete Schaaren, hier, in der
Hauptstadt der Türkei, einen ihrer wichtigsten Halt- und Mittelpunkte
haben. Wie ein Schwarm von krächzenden Krähen und Todtenvögeln, hat
sich dieses, in seinem ganzen Wesen räthselhafte Volk hier um einen
Punkt der Stadt versammlet, der vor allen andren die tiefergreifendsten
Erinnerungen an Tod und Vernichtung erweckt. Da, auf dem jetzigen
~Top Kapu~ oder ~Kanonenthore~, dem St. Romanusthor der Byzantiner,
fiel der letzte der Paläologen, der letzte Herrscher des griechischen
Kaiserthrones, Constantin der Blutzeuge, als christlicher Held; im
Kampfe für den Glauben der Väter und für sein Volk. Das Abendroth
pfleget, wenn es recht hochfarbig ist und weit sich verbreitet, ein
gutes Vorzeichen für den künftigen Tag zu seyn. Als dieses Blut des
edelsten der Paläologen aus dem Herzen floß, welches der Liebe zu
Gott und den Brüdern geweiht war, da war auch die Abendstunde des
oströmischen Reiches gekommen, und wie ein Abendroth färbte dasselbe
hochansteigend und weithin die letzten Blätter der byzantinischen
Geschichtsbücher. Die Nacht kam seitdem über das Land und sie hat lang
gewährt. Aber schon dämmert in der Ferne vielleicht der Morgen und der
neue Tag wird, dieß verkündete das Abendroth, schön seyn.
Nach dem mehrstündigen Herumwandeln in den engen, schmutzigen Gassen
der Stadt und nach dem Verweilen bei manchen trüben Erinnerungen
gewährte es eine Erquickung für Auge und Herz als wir jenseits des
verschlossenen Thores aus dem ~Neuthor~ (~Jeni-Kapussi~)
hinaustraten vor die Mauern der Stadt ins Freie. Von hier rechts
(gegen N. O.) gelangt man in die weite Ebene von ~Daudpascha~,
die sich bis nahe an die Mauern der Stadt hinanzieht, und die zum
Versammlungs- wie zum Musterungsort der türkischen Armeen dient,
welche von Constantinopel aus gegen die Länder des Westens ziehen.
Unser diesmaliger Weg führte aber zuerst südwärts eine zeitlang neben
den Denksteinen und Zypressen der türkischen Grabstätten vorbei, die
sich hier nahe an der Stadt hinziehen; auf der andern Seite ragten
die alten, von Epheu umsponnenen Mauern. Bei dem Thore von Silivri
wendeten wir uns hinauswärts nach dem lieblich, im Schatten der hohen
Bäume gelegnen armenischen Wallfahrtsorte von ~Balikli~. Die
dortige griechische Kirche, am heiligen Quell, hatte zuerst Justinian
aus dem vom Bau der Sophienkirche übrig gebliebenen Material erbauen
lassen, und auch nach ihrer Verheerung durch die Bulgaren, im Jahr
929, wurde sie durch den Kaiser Romanus stattlich wieder aufgerichtet.
Es wurden hier vormals in der tief gelegnen Cisterne, welche aus dem
Quell ihr Wasser empfängt, die für wunderbar gehaltnen goldenen, heut
zu Tage die »gebratenen« Fische gezeigt, welche wenigstens durch
die bräunliche Farbe den Anschein tragen als wären sie, dem Rost
entgangen, hier im Quell wieder lebend geworden. Auch wir giengen,
durch die Menge der Almosen begehrenden Krüppel und Bettler hinein ins
Gebäude und stiegen hinab ins Gewölbe an der Cisterne, in deren nur
von einem dämmernden Lichte beleuchteten Wasser die gebratenen Fische
herumschwimmen sollen. Wir bekamen aber wenig von ihnen zu sehen und
der hier Aufsicht haltende griechische Geistliche schien keine Lust zu
haben, uns europäisch gekleideten Fremdlingen seine wunderbaren Thiere
näher zu zeigen. Interessanter als das Wasser des Quells fanden wir
die herrliche Aussicht auf dem Hügel von Balikli, weithin über Meer und
Land. Die Armenier haben in dieser Gegend eine Begräbnißstätte; der
Hauptgegenstand ihrer häufigen Besuche und Wallfahrten ist jedoch das
Grab eines ihrer Märtyrer, des Comidas, der im Jahr 1707 auf Befehl
des damaligen Großwessirs hingerichtet wurde. Es machte einen ganz
eigenthümlichen, beruhigenden Eindruck auf uns in der Unruhe und Sorge
des Reisens Begriffene, als wir uns da unter den schattigen Baumgruppen
die ruhig bei ihrem einfachen Mittagsbrod sitzenden Familien der
Wallfahrer oder Lustwandler betrachteten. Ja freilich ists eine schöne
Sache um das ruhige, stille Daheimseyn mit und bei den Seinen, doch hat
die große Gotteswelt auch da außen in der Fremde und Ferne ihre Altäre,
bei denen der flüchtige Vogel des Sehnen's nach dem stillen Heim einen
Ruheort finden kann. Das arme Morgenland, dessen äußerer Friede so oft
und viel durch Kampf und Krieg der Natur wie der Menschenhand gestört
wird, begrüßt wenigstens mit dem Munde sich und jeden Wandrer, der ihm
begegnet, mit dem Gruß und Wunsch des Friedens und spricht dadurch sein
unauslöschliches Heimweh nach der Segensfülle jenes Friedens aus, der
einst in seiner Mitte seinen Quell und Wohnsitz hatte. Ist doch noch
jetzt, wenigstens äußerlich, eine Stille und Ruhe hier zu Hause, wie
ich sie in und bei volkreichen Städten von Europa niemals gefunden.
Der Gesang der Muesin von den Minare's verkündigte eben, daß der Mittag
vorüber sey, als wir uns wieder in der Nähe der alten Stadtmauern
befanden. Wir ritten lange schweigend an dem Gemäuer hin; sein Anblick
weckt Gedanken, wie dieß nur selten und an wenig Punkten das todte
Gestein es vermag. Dieser Thron der Herrscher, gegründet an den
Gränzen zweier Welttheile und zweier Weltenzeiten, hat seine Fuße zu
vertrauensvoll auf dem schnell vorübereilenden Strom der Lust der Augen
und der andern Sinne gesetzt; ein Boden, welcher, eben weil er ein
immer rinnender Strom ist, seinem Besitzer niemals lange Treue hält.
Wie Helena's leicht anlockender Reiz ward dieses »goldne Horn« des
Bosporus und Propontis ein nach Ambra duftender Köder, der die Räuber,
wie scharfzähnige Hayen, aus allen Gegenden hieher lockte; die Stadt
Constantins glich einer Wohnung an vielbesuchter Straße, durch welche
mit lautem Getös der Heerpauken und Waffen die kämpfenden Schaaren
vieler Völker zogen, und deren Aussicht zwar dem Besitzer Unterhaltung
genug, zugleich aber Unruhe und Unsicherheit des Besitzes bringt. Vier
und zwanzig Mal ward diese Stadt von Feinden bestürmt und belagert[67],
nur wenige Male aber ward sie von ihnen eingenommen. Denn abgesehen
von den 3 frühern noch in die Zeiten der heidnischen Herrschaft
fallenden Eroberungen des alten Byzanz durch Alcibiades, Severus und
Constantin, schlug das christliche Constantinopel von 616 an vierzehn
schwere Belagerungen zurück, ward erst in der fünfzehnten (1204)
durch die Lateiner genommen und furchtbar verheert, dann 1261 durch
Michaël den Paläologen wieder eingenommen erhielt es noch, freilich
bereits im Zustand eines Sterbenden 192 Jahre Frist zur Bestellung
seines morschen Hauses, bis dieses vielfach verschuldete Haus den
Osmanen anheim fiel. Wie fest und gewaltig erscheint der Bau dieser von
Mahoammed +II.+, dem Eroberer, von Grund auf neu errichteten, dann von
dem Wütherich Murad +IV.+ im J. 1635 und zuletzt von Achmed +III.+ im
Jahr 1721 ausgebesserten und verstärkten Mauern, und doch zeigt er sich
schon wieder an vielen Stellen von den Zinnen herab bis an den Boden
zerrissen und zerspalten; das todte Gestein, eben weil es ein Todtes
war, hat den Angriffen des Erdbebens erliegen müssen, nur das Lebende:
der Epheu, der es umschlingt, hat sich unverletzt erhalten. Die
weitklaffenden Risse aber jener Todtgebornen, gegenüber den Tausenden
der Grabsteine und der neu, für die Schaaren, welche der Pest erlagen,
erst heute geöffneten Gräber reden zu dem Auge des Wanderers aus Westen
eine beredte Sprache. »Nicht deine Macht«, so sagen sie, »du Volk des
Westens und Nordens hat mich so gebeugt und zerrissen, sondern die Hand
des Allmächtigen hat mir diese Wunden geschlagen; der Schrecken von
Gott hat meine Mauern gerührt und erschüttert.«
Wir zogen jetzt hinein zu dem Nachbarthore der ~sieben Thürme~, zu
dem ~Jedi Kulleler Kapussi~ und naheten uns den eisernen Pforten
dieser, seit den Zeiten der Osmanen zu einer Behausung des Jammers
und der Todesnoth gewordnen Veste. Das Schloß der sieben Thürme,
welches Mahommed +II.+ nach seinem jetzigen Umriß und in seiner
jetzigen Gestalt neu erbauen ließ, war das ~Cyklobion~ der alten
Byzantiner; der festeste Punkt an der Stadtmauer der Landseite. Hier,
zwischen den beiden massiv, aus mächtigen Quadern zusammengefügten,
viereckigen Thürmen, an denen noch jetzt die Spuren der römischen Adler
an ihren Byzantinischen Erbauer Kantakuzenus (im Jahr 1345) erinnern,
öffnete sich gegen den jetzigen Stadtgraben hin das vormals mit den
herrlichsten Kunstwerken ausgezierte goldene Thor, durch welches die
Byzantinischen Herrscher ihre Triumpheinzüge in die Stadt hielten.
Das Ganze des Schloßes bildet ein Fünfeck; außer den beiden alten,
eben erwähnten Thürmen, welche in der Mitte der einen der fünf Seiten
stehen, erhub sich an jeder der fünf Ecken ein Thurm, von denen der
eine der nachbarlichen Eckthürme des ehemaligen goldnen Thores durch
Erdbeben, im vorigen Jahrhundert zerschmettert ward, so daß anjetzt
eigentlich nur 6 Thürme vorhanden sind, unter denen jener, welcher
links vom Eingang stehet, mit seinem obern Stockwerk am höchsten (bis
über 180 Fuß) sich erhebt. Auch die viereckten Thürme, zu beiden Seiten
des goldnen Thores, mit der noch immer architektonisch imposanten, sie
beide verbindenden Mauer, ragen 100 Fuß hoch empor. In dem einen dieser
beiden alten Thürme ist das furchtbare Gefängniß mit dem Blutbrunnen;
so genannt, weil in ihn die Köpfe der Hingerichteten geworfen wurden.
Waren es doch nicht allein die nicht zum Throne geborenen Einheimischen
und Fremden, welche in dieser Todesburg als Opfer der Osmanischen
Tirannei fielen, sondern hier, in dem Schloß der sieben Thürme erlag
auch ein Herrscher dieses Hauses selber, Osman +II.+ der Hand
seiner Mörder. Der Eingang in das Schloß war uns, durch Freund Mührs
Verwendung leicht gebahnt; auf dem Hofraum zeigen sich riesenhaft
große, eiserne Kugeln aufgehäuft; an der einen Seite stehet das Haus
des Aga, sonst die gewöhnliche Wohnung der hier gefangen gehaltnen
vornehmeren Unterthanen der europäischen christlichen Mächte, welche
das Unglück des Krieges in diese Banden führte. Zu unsrer Zeit ward
eine lebendige Löwin in einem Käfig des Schloßhofes gefangen gehalten.
Die schöne Aussicht auf einer der Plattformen läßt es dem Wandrer, bei
ihrem Genusse, hier in der Nähe des Blutbrunnens nicht recht wohl und
heimathlich werden.
Durch manche verödet aussehende, öfters von hohen Bäumen beschattete
oder mit Gras bewachsne Gassen und Plätze, zogen wir, von dem Schloß
der sieben Thürme aus, immer in der Nähe des Meeres hin, nach der
Gegend des Sandthores oder ~Psammatia Kapussi~. Ziemlich nahe bei
einander finden sich hier die alte, griechische ~Kirche des heiligen
Polykarpos~, mit Spuren von unterirdischen Anlagen und die neue, erst
seit wenig Jahrzehenden erbaute ~Patriarchatkirche der Armenier~.
Für Reisende, welche vielleicht weniger anderweitige Gelegenheit
finden große armenische Kirchen zu sehen, wird das Hineintreten
in diese nicht ohne besondres Interesse seyn. Man siehet in ihrem
Innren keine Bänke, wie in andren Kirchen; der Fußboden ist, wie in
den Moscheen, mit Binsenmatten und Teppichen bedeckt; eben so wie in
den Moscheen zeigen sich zwischen den Hängeleuchtern, die an langen
Schnüren schwebenden, mit Goldflittern verzierten Straußeneier. Das
Allerheiligste stehet auf einer Art von niedriger Emporkirche, welche
den hintren Theil des Kirchenschiffes seiner Breite nach einnimmt und
auf welcher drei Altäre stehen, deren mittelster der Hochaltar ist.
Der Weg von diesem zu den Seitenaltären ist durch eine vorstehende
Wand verdeckt; beim Gottesdienst, welcher in den frühesten Stunden
des Tages, selbst im Sommer vor Sonnenaufgang gehalten wird, wandelt
der Priester, in Begleitung der Diakonen, mit feierlichem Chorgesang
bald vor den Altären, bald hinter den Mauern jener Gänge und hinter
dem Hochaltar[68]. Die Kirche selber hat drei Abtheilungen, eine
für die Frauen, zwei andre für die Männer; die buntfarbigen Gläser
der Kronleuchter wie die blaue Fayence, welche, mit mannichfachen
Zeichnungen verziert, die Wände des Allerheiligsten bedeckt, macht
einen angenehmen Eindruck aufs Auge, Werke jedoch einer höheren Kunst
darf man weder hier noch wohl auch in andren armenischen Kirchen
des Morgenlandes suchen, wenigstens fanden wir auf den Wegen unsrer
weiteren Reise nichts dergleichen; die Kunst der Armenier weiß nur in
der Art und Sprache der Kinder zum Auge zu reden; bloß der Festigkeit
des Baues gedenkend gilt ihr selbst das marmorne Kunstwerk einer
früheren Zeit nur als Baustein, wie denn bei der Errichtung dieser
armenischen Kirche wirklich in dem alten, zum Bau benutzten Gemäuer
eine vielleicht beachtenswerte Statue gefunden, alsbald aber wieder in
den Bau der neuen Mauern hineingefügt wurde[69]. Ein Reisegefährte,
der uns später durch Kleinasien begleitete, Jusuf Effendi, selber
ein Armenier von Geburt, pflegte seine Landsleute, wenn ihm welche
begegneten, scherzhaft zu fragen, was der Koch Mohammeds mache, denn
dieser war nach der Sage der Moslimen ein Armenier von Geburt. Das Amt
und Geschäft der Bereitung der Speise ist ein ehrenwerthes, möge es nur
immer auch in geistiger Hinsicht in der Kirche der Armenier auf recht
kräftige, gute Weise geübt werden, dann vergißt man an dem reinlichen
Gewand des Koches gern den Mangel der Zierrathen.
Nordwärts von hier erhebt sich der Saum des siebenten Hügels der Stadt,
auf welchem, in der Gegend des jetzigen Weibermarktes, oder ~Avret
Bazar~, einst das +Forum Arcadii+ mit seinen vielfachen Bildwerken
und mit der Säule des Arkadius sich befand, von deren Fußgestell nur
wenige Spuren geblieben sind. Die Richtung unsres diesmaligen Weges
blieb jedoch näher dem Meere; sie zog sich neben dem ~Vlanga-bostan~,
wo zur Zeit des großen Constantin ein künstlicher Hafen bestund (der
eleutherische genannt), durch einen Theil des Stadtviertels der
Armenier nach dem Bezirk ~Condoscale~, der meist von den Griechen
und Juden bewohnt ist. Während der Sumpf und Moorboden des alten,
eleutherischen Hafens, an welchem wir kurz vorher vorüber kamen, mit
grünenden Gemüsefeldern bedeckt und bekleidet ist, findet sich in
diesem Stadtviertel ein Sumpf von andrer, sittlicher Art, dessen losen,
bösen Grund keine menschliche Kraft noch Kunst mit erfrischendem
Grün zu bekleiden vermag; es sind hier die verrufensten Stätten der
niedrigsten Laster und Bübereien. Weniger Furcht und Ekel erregte der
Anblick der Pestleichen, welche weiterhin in den von Türken bewohnten
Gassen neben uns vorübergetragen wurden, so wie der Anblick eines
Sterbenden, den die Verwandten herausgetragen hatten vor die Thüre, an
die Wärme der Sonne. Lieber möchte man mit diesem Sterbenden sterben,
als mit dem bübischen Gesindel leben, das in dem armen Condoscale seine
Schlupfwinkel hat.
Am Nachmittag ruheten wir, auf die Mühe der langen Wanderungen, unter
den luftigen Hallen am großen Hafen, bei einem berühmten Kaffeehaus,
in welchem der geübteste und beliebteste unter allen jetzigen
Mährchenerzählern der Hauptstadt die Schaaren der um ihn Versammleten
mit seinen morgenländischen Sprüchen und Dichtungen zu unterhalten
pflegt. Den Erzähler selber fanden wir heute nicht, aber das Andenken
an alles Das, was wir an diesem Tage gesehen, gestaltete sich in unsrer
Seele auch ohne ihn wie eine seiner Sagen aus dem Zypressenhaine von
Ejub, wie die Sage von jenem alten Fahnenträger, dessen Geist, nachdem
der Leib schon vor achthundert Jahren sich zur Ruhe gelegt, Thaten des
Helden wirkte. Denn so liegt auch das sichtbare Wesen des alten Byzanz
unter dem prachtvollen Grabgewölbe, welches das Osmanische Stambul
über seiner Asche bildet; das unsichtbare Wesen aber des Geistes, der
einst hier lebte, wirket doch im Verborgnen noch fort und wird das
Werk, welches er begonnen, in der künftigen Zeiten Lauf vollenden.
-- Statt des Mährchenerzählers ergözte ein Zitterspieler das Ohr der
Gäste; die Melodie klang fröhlich, der Inhalt des Liedes war eine Art
von Todtenklage. So wirket auch der Anblick von Constantinopel auf den
Betrachtenden wie ein Lied, dessen Melodie eine fröhlich scheinende,
dessen Text aber ein sehr ernster ist.
Auf unsrer Heimfahrt, über den Hafen hinüber nach Galata hatten wir
das Glück den Großsultan zu sehen, der in seiner prächtigen, offnen
Barke ganz nahe an uns vorüberfuhr. Nicht ohne besondres Interesse
betrachteten wir diesen Mann, dessen Bestimmung es scheint seinem Volk
das allmälige Hinüberwachsen in eine neue, höhere Stufe der geistigen
Gestaltung und Ausbildung zu erleichtern.
Die Vorstädte und Umgegend von Constantinopel.
Einer jener armen Fischer aus Bethsaida am See Tiberias, welche der
Herr zu Menschenfischern geweiht hatte, Andreas der Apostel, der
Bruder des heiligen Petrus, war auf seiner Reise, die er im Dienst
seines Herrn hinaus durch den Bosporus nach dem schwarzen Meere
machte, hieher in die Gegend des jetzigen ~Galata~ gekommen, wo er, so
erzählt die fromme Sage, mit eigner Hand dem todten Felsenstein das
Erinnerungszeichen an Den, welchen seine Seele liebte: die Form eines
Kreuzes aufprägte. Und bald nachher gelang es ihm den Namen Dessen,
an den das Kreuz erinnert, nicht bloß dem starren Felsen, sondern den
lebenden Herzen der Bewohner dieser Gegend einzuschreiben; das arme
Volk am Gestade bei Hieron, dem jetzigen Skutari, wie in Byzanz selber,
vor allem die Einwohner jenes Stadttheiles, der am jetzigen Fanal
lag, nahmen willig die große Botschaft der Freude und des Friedens
auf, welche der Apostel ihnen verkündete. Zwei Jahre lang bewohnte
dieser, als die Tyrannei des damaligen Herrschers von Byzanz, des
Zeuxippos, aus der Stadt selber ihn vertrieben, die Landschaft, welche
nordwestwärts von Galata, diesseits ~Piri Pascha~, auf der Thrazischen
Seite des Hafens liegt, und säete von hier aus die ersten Samen
einer byzantinischen Christengemeide, die nachmals unter Sonnenhitze
und Sturm so manche gute Garbe trug. So war dieses so oft verheerte
und zur Wüste gewordene, und dennoch stets, aus tief inwohnender,
unzerstörbarer Kraft immer wieder neu aufgrünende Paradies, hier um
Galata und bei dem gegenüber gelegnen Skutari einst mit den gesegneten
Fußtapfen eines Apostels des Herrn bezeichnet; die Christenkirche der
östlichen Roma nennt als den ersten ihrer Engel Andreas, den Bruder
jenes Apostels den die westliche Roma als ihren Engel verehrt.
Freilich sind jene Spuren eines Wandelns der geistigen Kräfte über den
leicht verwehenden, veränderlichen Staub in dem jetzigen Galata und
Byzanz kaum noch erkennbar; Disteln und Dornen bedecken das Ackerfeld;
Trümmer und Schutthaufen verhüllen den Weg, auf welchem vormals die
Boten des Friedens einhergiengen, aber noch immer ist ein Nachhall
jener lebenskräftigen Erinnerungen, welche diese Gegend da im Herzen
der Christen wecken sollte, bei einem Volke zurückgeblieben, das dem
der Christen, wie der Fels, der das Echo giebt, der tönenden Stimme
gerade gegenübersteht: bei den Türken. Merkwürdiges Volk, das gleich
der Grasmücke im Dornengebüsch durch einen unwiderstehlichen Naturtrieb
sich gedrungen fühlt das verlassene Ei des Kukuks auszubrüten und
des verwaisten Keimes eines künftigen Lebens zu pflegen, bist du
etwa selber der todte, starre Felsenstein, dem die Kraft des Geistes
die Form eines Erinnerungszeichens an den Geliebten einprägte; der
Felsenstein, welcher ohne dies zu wollen und zu wissen von einem Leben
zeugen muß, das ihm noch fremd ist? Man erzählt, daß in jener Zeit als
durch Napoleons Macht ein großer Theil der vollendetsten Kunstwerke
des Alterthumes in Paris zusammengedrängt war, ein Gärtnermädchen
fast täglich zu diesen Bildwerken kam und vor allem die Statue des
Belvederischen Apolls mit Bewunderung und mit einer Art von Ehrfurcht
betrachtete. Sie, welche niemals von Opfern und Gaben, die man einst
in der Zeit der Heiden jenem Bilde darbrachte, etwas vernommen,
fühlt sich zuletzt innerlich gedrungen, jeden Morgen, an welchem sie
den Besuch wiederholt, der Götterstatue eine Spende der Blumen und
Gartenerzeugnisse zu bringen. So hatte der Geist des Künstlers dem
Marmorgestein eine Ehrfurcht gebietende Gewalt aufgeprägt, die nach
Jahrhunderten noch fortwirkte, und es war als haftete an dem Bilde
eine besondre, magische Kraft, welche die irregeleitete Vergötterung
der anbetenden Menschenseelen in dasselbe gelegt hatte. Wenn aber
der Menschengeist schon in diesem minderkräftigen Kreise ein Werk
der Uebertragung seines innren Bewegens an ein fremdes, späteres
Geschlecht, durch das an sich todte Erinnerungszeichen vermochte, wie
sollte er dieses Werkes nicht fähig gewesen seyn, wo jener Glaube ihn
erfüllte, welcher Leben schaffet und Leben wirket allerwärts, wohin
sein Odem wehet. Gewiß ist, daß die Moslimen allenthalben, wo sie
den dunklen Schatten ihrer Herrschaft über Stätten der christlichen
Verehrung warfen, alsbald diese Stätten selber zum Gegenstand der
lebhaftesten und eifersüchtigsten Verehrung machten, wie dies die Aja
Sophia in Constantinopel, der Tempel Morija's zu Jerusalem, die Kirche
über der zwiefachen Höhle zu Hebron, und eine Menge der andren vormals
christlichen Heiligthümer bezeugen.
Der Grund, weshalb hier an der Thrazischen Küste bei Galata und
Piri-Pascha und hinanwärts am Meeresarm des Hafens bis zu den süßen
Wassern die Andacht der Türken ihre Tritte so ganz in die Fußtapfen
einer früheren christlichen Verehrung dieser Oertlichkeit setzte,
ist übrigens noch ein andrer, unmittelbar geschichtlicher. Während
der sieben Belagerungen von Constantinopel durch die Araber,
vorzüglich aber während der dritten, welche sieben Jahre dauerte und
bei der sich mehrere alte Waffengefährten des Propheten befanden,
wurde das gegenübergelegne Ejub, so wie hier diese Ufergegenden,
nord-westwärts von Galata eine Stätte der Kämpfe und der Gräber
vieler, von den Moslimen für heilig gehaltner Verehrer des Islams.
Wie deshalb der griechische Patriarch ~Nicolaus~ der Exeget bei
~Südlidsche~ dem Milchdorf, das schon zu den Zeiten der Byzantiner
~Galakrene~ (Milchquell) hieß, ein Kloster erbaute, in welchem
er in stiller Zurückgezogenheit den Betrachtungen und Forschungen der
h. Schrift lebte, so wohnten auch hier die Zeitgenossen und Freunde
Suleimans des Großen, der weise Ausleger des Korans Ebus-suud und
der mächtige Feldherr Sokolli Mohammed Pascha. Weiter am Hafen her
gegen Galata, vorüber an der großen Ankergießerei, in der Vorstadt
~Piri-Pascha~, welche meist von Griechen, Armeniern und Juden
bewohnt ist, finden sich nachbarlich beisammen die Moscheen der Türken
und die Kirchen der Christen; Weihbrunnen, davon der eine jenen, der
andre diesen werthvoll erscheint. Hier beginnt dann die Reihe der den
Christen wie den Israëliten und Mohammedanern heiligen Grabstätten,
welche in der älteren Zeit Piri-Pascha zu einem Wallfahrtsort der
Byzantiner machten, während bei der nachbarlich angränzenden Vorstadt
~Chasskoi~, welche ganz von Juden bewohnt ist, die Menge der
Israëlitischen Leichensteine schon von ferne ins Auge fällt, und die
Grabstätten der großen, mit den ansehnlichsten Gebäuden verzierten
Vorstadt ~Kassim Pascha~, noch fortwährend, eben so wie Ejub,
ein Wallfahrtsort der Moslimen sind. Denn hier, hinter dem mächtigen
Gebäude des Arsenals waren vormals und sind zum Theil noch die
Denkmäler der in den sieben Belagerungen Constantinopels durch
die Araber gefallenen Kämpfer, so wie die Gräber mehrerer Stifter
jener geistlichen Orden zu sehen, deren Klöster in Kassim Pascha
zusammengedrängt stehen. Unter den alten Grabmälern wird auch das des
~Meitsade~, des Grabgebornen genannt, der wie die alte Sage gehet
von seiner Mutter, die am Ende der Schwangerschaft starb, erst nach dem
Tode geboren und lebend dem Grabe entnommen ward[70].
Die Vorstadt ~Kassim Pascha~[71] mit ihrem großen Arsenal, ihren
Brücken, von denen die eine, ansehnlichste, zu unsrer Zeit eben im
Bau war, fällt von Pera, wo wir wohnten, so nahe und so deutlich ins
Auge, daß ich noch einige Worte über dieselbe hinzufüge. Sie ist einer
der wichtigsten Punkte des Osmanischen Reiches, ein Grundstein seiner
Herrschermacht, denn hier werden die meisten Türkischen Kriegsschiffe
erbaut und ausgerüstet. Alle die Gebäude, welche der Zimmerung und der
Zurüstung jener Schiffe dienen, nehmen einen weiten Raum am Ufer ein;
bei dem eigentlichen Arsenal findet sich das Admiralitätsgebäude und
etwas höher gelegen der Pallast des Kapudan-Pascha. Nicht gar fern
von diesem Wohnsitz der Sinnenlust türkischer Pascha's findet sich
eine Behausung vielfältigen Jammers der Christen, das ~Bagno~
oder Sklavengefängniß, in welchem sonst Tausende der christlichen
Kriegsgefangenen als Galeerensclaven eingesperrt waren und die
unmenschlichste Behandlung der Türken erduldeten. Die Geschichte der
Brüder des Trinitarierordens, welche eine Menge dieser Unglücklichen
loskauften, so wie die des edlen Britten, des Admirals ~Sir Sidney
Smith~, dessen vielvermögende Fürsprache den Franzosen, die bei
dem ägyptischen Feldzug in türkische Gefangenschaft gerathen waren,
die Befreiung aus dem Bagno bewirkte, lässet auf diesen Sitz des
Jammers einen erheiternden Strahl fallen. Das Arsenal verdankt seine
spätere Erweiterung und zweckmäßigere Einrichtung vornämlich zwei
unglücklichen Seeschlachten der Türken: jener von Lepanto, im Jahr
1571 (am 8ten October) und der von Tschesme im Jahr 1770. Denn als
bei Lepanto der ritterlich kühne Don Juan von Oesterreich mit einer
Flotte der verbündeten christlichen Mächte Spaniens und Italiens die
um ein Drittel der Streitkräfte mächtigere Flotte der Türken fast ganz
vernichtet und genommen hatte, da war Uladsch, oder wie er nachmals
hieß, Kilidsch Pascha, ein Renegat, durch kluge Tapferkeit mit dem
Rest der Flotte dem allgemeinen Untergang entronnen und in den Hafen
von Constantinopel zurückgekehrt. Während die christlichen Mächte,
durch ihre innre Uneinigkeit diesen günstigen Augenblick, die Macht
des gemeinsamen Feindes auf immer zu brechen oder zu demüthigen
vorübergehen ließen und nur die damalige Kunst dem Andenken an diesen
herrlichen Sieg die Dauer der Jahrhunderte verlieh[72], wendete der
sachkundige und unermüdet thätige Renegat alle Zeit und Kräfte auf den
Bau einer neuen Flotte, welche besser und mächtiger ausgerüstet als
die verlorne, schon nach 8 Monaten zum Auslaufen bereit war. So hatte
sich für jenesmal die Großsprecherei des Sultan Selims +II.+, des
Trunkenboldes, bewährt, als dieser zu dem Venetianischen Botschafter,
der nach der Schlacht von Lepanto ihm aufwartete, sagte: »wir haben
euch, da wir euch ein Reich (Cypern im Jahr 1570) entrissen, einen Arm
abgehauen, ihr, indem ihr unsre Flotte schlugt, uns den Bart geschoren;
der abgehauene Arm wächst nicht wieder nach, der abgeschorne Bart nur
um so dichter.« Die Macht der Osmanen jener der Christen gegenüber
erhielt nur dadurch ihr furchtbares Uebergewicht, daß jene einmüthig
und unzertheilt, nur die Waffen mit sich in den Krieg brachten,
während die Macht der Christen, vielköpfig und vielgetheilt, mit
dem belastenden Gepäck ihrer kleinlichen politischen Interessen ins
Feld zog. Wie einig und ernst der Sinn der beiden damaligen, noch
von Suleiman dem Großen an seinen ihm so ungleichen Sohn vererbten
Minister Ebus-suud und Mohammed Sokolli nur auf Abwehr der Gefahr,
mit Aufopferung aller kleinlichen Bedenklichkeiten gerichtet war,
das bewies die Aeußerung des letzteren gegen den Kilidsch Pascha, als
dieser um Herbeischaffung der Anker für die 250 neuen Kriegsschiffe
verlegen war: »und wenn es befohlen würde die Anker von Silber, das
Tauwerk von Seide, die Segel aus Atlas herbeizuschaffen, so sollte
dies möglich werden.« Damals, wo dem Admiral der Flotte jedes Ansuchen
gewährt und alles erlaubt wurde, geschahe die erste große Erweiterung
des Arsenals, sogar auf Kosten der großherrlichen Gärten und der
angränzenden türkischen Grabstätten; das zweite Mal geschahe dieselbe,
nach der Vernichtung der türkischen Flotte durch die Russen und
Engländer im Hafen von Tschesme, denn auch dieses Mal wurden dem Baron
von Tott, einem geborenen Ungarn, welchen Frankreich dem Großsultan
empfohlen hatte, alle seine Vorschläge zur Verbesserung des Arsenals
bewilligt, so wie in unsern Tagen unter der Leitung einsichtsvoller
Seeleute des westlichen Europa's diese mächtigen Anlagen noch immer
weitre Vollendung erhielten.
Unter den vielen Moscheen der Arsenal-Vorstadt, von denen einige ein
Werk des berühmten Sinan sind, zeichnet sich die in der Schlucht
gegen den Pfeilplatz (Okmeidan) gelegene Moschee des Piale Pascha
(des Eroberers von Chios unter Suleiman) durch ihre prachtvolle
Bauart aus. Sie enthält 12 von rothen Granitsäulen getragene Kuppeln;
das Metall der Fenstergitter kam, wie man sagt, von dem Metall der
eingeschmolzenen christlichen Glocken. Eine herrliche Aussicht genießt
man auf der Höhe hinter dem Arsenal. Bei der Moschee Sinans, nicht des
Architekten dieses Namens, auch nicht jenes Pascha's Sinan, der 5 mal
die Würde des Großwessirs erlangt, 4 mal dieselbe durch Ungnade der
Sultane, zum fünften Mal durch den Tod verloren hatte; jenes rohen
Feindes aller Christen, aller Dichter, aller tieferen Gelehrsamkeit
und höheren Bildung, Freundes dagegen nur des irdischen Mammons[73],
sondern des Sinanpaschas, des Bruders Rustems, der bis 1554 die Würde
eines Admirals der Flotte, oder Kapudan-Paschas bekleidete. Wer sich
einmal recht in die Menge und ins Gedränge der Türken und ihrer
Derwische, untermischt von einzelnen französischen und englischen
Seeleuten, begeben will, der braucht nur den Marktplatz bei dem
~Kloster der Mewlewis~ in Kassim-Pascha zu besuchen, jenes
Klosters, das unter Murad +IV.+ der fromme Derwisch Abdidede von
dem Ertrage seiner Handarbeit erbauen ließ.
Dort jenseits Kassim-Pascha, gegen Chasskoi hin ist auch der Punkt,
von welchem auf einmal an einem für das christliche Constantinopel
verhängnißvollen Morgen, im April 1453 zum Schrecken der Belagerten
eine türkische Flotille von mehr denn siebenzig Segeln unter dem
Schall der Trompeten und Pauken mitten in dem von eisernen Ketten
versperrten und bisher so wohl verteidigten Hafen einlief. Mohammed
+II.+, den Gott zum Vollstrecker seiner schweren Gerichte
über die vielverschuldete Hauptstadt der morgenländischen Christen
bestimmt hatte, zeigte auch damals, welche ungeheure und ungewöhnliche
Kräfte der Natur dem Wahnsinne, zu dessen Geschlechte die unbändige
Zornwuth gehört, zu Gebote stehen, denn er hatte in einer Nacht
dieses Geschwader der Kriegsfahrzeuge, von Beschiktasch im Bosporus,
über den hüglichen und unebenen Grund hinter Galata und Pera, auf
einer Dielenbahn, die mit Ochsenschmalz geglättet war, nahe gegen
zwei Stunden Weges heranschleifen, und mit den vom günstigen Winde
geschwellten Segeln ins Gewässer des Hafens laufen lassen. So kommt,
wenn die Frucht ohnehin zum Abfallen reif und mürbe ist, auch noch
der Wind dazu, der die locker sitzende mit einer Gewalt, vom Himmel
gesandt, zu Boden wirft.
Wir kommen nun allmählig von Piri-Pascha und den jenseits demselben,
bis hinan zu den süßen Wassern gelegnen, für Christen wie für Moslimen
bedeutungsvollen Gegenden der Küste, unsrer Pilgerherberge während des
Aufenthaltes in Constantinopel, in Pera, wieder näher, und verweilen
vorerst in der größesten der Vorstädte des europäischen Ufers: in
~Galata~. Wenn nach ~Walsh~[74] die Gesammtzahl der Einwohner von
Constantinopel auf 700,000 geschätzt wird und hiervon 200,000 der
Halbinsel von Pera zugerechnet werden, so dürfte wohl die Bevölkerung
von Galata allein, nach dem was man uns hierüber berichtete, ein
Fünftel dieser Bewohnerzahl und darüber umfassen. Der Umfang dieser
alten, nach einem gewissen Galatius genannten Vorstadt, zu welcher
ursprünglich auch Pera, die »jenseitige« gehörte[75], kommt für sich
allein, ohne Pera und das nachbarlich an der Hafenseite angränzende
Topchana, nach ~v. Hammers~ Schätzung dem Umfange der Altstadt von
Wien, ohne ihre Vorstädte, nahe gleich. Die Häuser liegen theils
am Abhange des steilen Felsenhügels gegen Pera hinan, theils in
der Ebene am Ufer zwischen den äußersten Schiffsbauwerften von
Kassim-Pascha und dem durch seine Stückgießerei berühmten Topchana
ausgebreitet. So wie Galata noch jetzt, abgesehen von seinen Moscheen
und anderen osmanischen Bauwerken, dem zur See oder zu Lande sich ihm
nähernden Fremdling mit seinen alten Mauern und Festungsthürmen ins
Auge fällt, ist es großentheils ein Werk der Genueser, welche als
mächtige Nachbaren und öfters als Feinde der byzantinischen Hauptstadt
vornämlich seit dem Ende des 13ten Jahrhunderts hier festen Fuß
faßten. Denn jenes große Vertrauen das die Venetianer, von den Zeiten
Justinians in der Mitte des 6ten Jahrhunderts an, bei den Byzantinern
gefunden hatten, war durch öftere Handlungen des Uebermuthes jener
Republikaner und durch ihre stolze Verachtung der Griechen vielfältig
geschwächt, zuletzt aber mit der Eroberung und Verheerung der Stadt
durch die Lateiner (1204), woran die Venetianer unter ihrem 90jährigen
blinden Dogen Dandolo einen vorzüglichen Antheil genommen, ganz
zerstört worden, so daß seit der Wiedereroberung der Hauptstadt
durch die byzantinischen Herrscher die Nebenbuhler und Gegner des
Freistaats von Venedig, die Genueser, in Constantinopel vorherrschend
begünstigt wurden. Von da an war Galata und der Vortheil des Verkehrs
der oströmischen Hauptstadt mit den Ländern des Westens in den
Händen dieser Kaufleute, welche nur zu oft das äußre Wohl der ganzen
Europäischen Christenheit und das Blut von Tausenden der christlichen
Kämpfer (wie vor der Schlacht bei Varna und wie bei dem Untergang des
christlichen Herrscherthrones von Constantinopel selber) um Geld und
Geldeswerth an die Feinde verkauften.
Auch Galata bietet dem besuchenden Fremdling einen unvergleichlichen
Punkt der weiten Aussicht über sein Innres und über die ganze Umgegend
dar, dies ist der große Thurm der oben auf dem Hügel, vor Pera
liegt. Da von hier aus die Vorstadt von feindlichen Wurfgeschützen
beherrscht und verheert werden konnte, benutzten die Genueser eine
Zeit der innren Zerrüttung des Byzantinischen Reiches, während der
Bürgerkriege zwischen der Mutter Johannes des Paläologen und seinem
Vormunde dem Kaiser Kantakuzenus, um ihren Wohnsitz auch nach dieser
Richtung hin zu sichern; sie erbauten während der Abwesenheit des
Kaisers den großen Thurm und dehnten den Umfang der Mauern von Galata
über einen Theil des Hügels aus (im J. 1348). Bei diesem Baue legten
selbst die Weiber mit Hand an und der Kaiser konnte, nach seiner
Rückkehr, obgleich mannichfach erbittert durch Feindseligkeiten, die
sich seine übermüthigen Nachbarn zu gleicher Zeit gegen die Hauptstadt
selber erlaubt hatten, jenes Austreten der fremden Macht aus den
ihnen angewiesenen Dämmen nicht mehr verhindern, um so weniger
da bald nachher die Genueser mit dem Herrscher der Osmanen, mit
Orchan, gegen ihre Erbfeinde, die Venetianer und gegen die Byzantiner
sich verbündeten. So ward dieser Thurm, der seine Stirn mit so
herausfodernder Kühnheit der Veste der Hauptstadt entgegensetzet, ein
Wahrzeichen das schon hundert Jahre vor der türkischen Besitznahme die
herannahende Gefahr des Unterganges verkündete, wie noch jetzt der
Thurm von Galata ein Erwecker der Angst und Schrecknisse ist, wenn die
Trommel der Feuerwächter den Ausbruch der Flammen verkündet, durch
welche so oft ganze große Strecken dieser Vorstädte in Schutt und Asche
aufgelöst wurden.
Man steigt zu der Höhe dieses festen Thurmes auf 146 Stufen hinan. Der
Herunterblick auf die engen, vielfach durch einanderlaufenden Gassen,
auf die zum Theil nach alten, in genuesischem Geschmack gebauten, oben
mit Zinnen bekränzten Häuser, auf die hohen mit 12 Thoren versehenen
Mauern von Galata ist weniger anziehend, als der über den Meeresarm
des Hafens bis hinan zu den süßen Wassern, über einen Theil des
Bosporus und Propontis und über die reiche, das Wasser umsäumende
Landschaft; jetzt darf man auch ungescheut, selbst in Gegenwart der
durch ein kleines Trinkgeld befreundeten Feuerwache durchs Fernrohr
hinüberblicken nach der Hauptstadt und wohin man sonst will, während
in frühern Zeiten der türkischen Tyrannei das arglose und vielleicht
zufällige Hinüberblicken eines europäischen Fremdlinges durch ein
Fernrohr, nach der Gegend des Serai's mit dem Tode bestraft wurde.
Die Genueser behielten auch nach der Eroberung von Constantinopel
ihren Wohnsitz in Galata bei, der ihnen, nebst vielen Freiheiten,
gegen eine Kopfsteuer von Mohammed +II.+ zugesichert wurde. Denn
obgleich während der Belagerung ihr tapfrer Landsmann Giustiniani und
mehrere Edle ihres Freistaates die Mauern ritterlich vertheidigen
halfen, verharrten dennoch die Bewohner von Galata in solcher
zweideutigen Stellung zu den Türken, daß sie mehr als Verbündete der
Feinde, denn ihrer hartbedrängten, christlichen Brüder erschienen
waren. Späterhin haben sich dann inmitten dieses, gerade nicht auf
die ehrlichste Weise erworbenen Asyls der fränkischen Freiheiten die
Handelsleute, Handwerker und Künstler aus den verschiedensten Ländern
des westlichen Europa's niedergelassen; in Galata wie in Pera wohnen
Franzosen, Holländer, Engländer, Italiäner, Russen und Deutsche, mit
Griechen, Armeniern und Türken beisammen. Auch Amerika hat daselbst
seine Handelshäuser, wie seinen friedlichen Verkehr; Aegypten wird
durch mehrere fränkische Speditionshandlungen repäsentirt, so daß sich
hier das materielle Interesse der Völker von vier Welttheilen zu einem
bunten Gewebe verflicht, dessen groteske Grundlage die anjetzt sehr
dultsam gewordene Türkische Macht bildet. In Galata wie in Pera haben
auch die Katholiken mehrere Kirchen; die Protestanten ihre eignen
Kapellen, in deren einer wir einem deutschen Gottesdienst beiwohnten.
Am meisten und nächsten wurden wir, unter allen andern Vorstädten
mit ~Pera~ bekannt. Wir hatten hier bei Madame ~Balbiani~,
eine Wohnung gefunden, die sich durch ihre herrliche, die schönste
Aussicht gewährende Lage eben so vorteilhaft auszeichnete, wie durch
Reinlichkeit, Trefflichkeit und Billigkeit der Bewirthung. Madame
Balbiani stammt aus dem südlichen Deutschland; sie war mit ihrem ersten
Gemahl (einem Deutschen) nach Odessa gezogen, dann mit dem zweiten,
der bald nachher starb, hiehergekommen, wo sie durch ihr gastliches
Haus vornämlich dem deutschen Reisenden eine heimathliche Oase mitten
in der Wüste des Fremdlingslandes darbietet. Denn die treffliche
Familie des französischen Consuls Fabriquet aus Candia und ein junger
Reisender aus der französischen Schweiz, die wir als Hausgenossen
schon vorfanden, trugen nur noch mehr dazu bei, es in der stillen,
freundlichen Wohnung uns recht wohl werden zu lassen.
Die Vorstadt Pera zieht sich in ziemlich bedeutender Ausdehnung über
den sattelförmigen Rücken des Hügels von Galata hin. Noch lag, seit den
Verheerungen, welche die große Feuersbrunst einer der letzten Jahre
hier anrichtete, ein großer Theil der verödeten Baustätten mit Schutt
und Asche bestreut; an vielen Stellen erhuben sich jedoch auch wieder
neue Gebäude und der langen Hauptstraße so wie einigen Nebenstraßen
merkte man von dem Einbruch, den das Feuer auch in ihre Häuserreihen
gemacht hatte, nur noch wenig an. Am meisten ließ auch noch die jetzige
Gestalt der Ruinen des englischen Gesandtschaftspallastes, der auf der
Krone des Hügels lag, den Untergang dieses schönen Gebäudes beklagen,
welches Lord Elgin, unterstützt von der orientalischen Compagnie und
von dem brittischen Gouvernement mit so vielem Geschmack erbaut hatte.
Der große Platz, auf welchem dieser prächtige Pallast sich erhub, war
ehedem mit Hütten und kleinen hölzernen Häuschen bedeckt, in denen
meist Türken wohnten. Als die Engländer durch Vertreibung der Franzosen
aus Aegypten sich ein so großes Verdienst um den osmanischen Thron
erworben hatten, ließ die hohe Pforte den Platz räumen, mit hohen
Mauern umfassen und machte ihn, als Zeichen ihrer Erkenntlichkeit
der englischen Gesandtschaft zum Geschenk. Auch am Tage, wo der Bau
und die innre Einrichtung des Pallastes vollendet war und wo derselbe
nun zum ersten Male dem Besuch der andern Gesandten eröffnet wurde,
überraschte der Großsultan die brittische Gesandtschaft mit einem ganz
besondern Beweis seiner dankbaren Anerkennung, denn mitten unter dem
Gedränge der hohen Gäste und ihrer Begleitung stellte sich ein Haufe
von Christensklaven ein, denen das türkische Gouvernement an diesem
Tage ihre Freiheit geschenkt hatte, unter ihnen einige, welche seit
dreißig Jahren in der harten Gefangenschaft geschmachtet hatten. Diese
Alle, neu gekleidet, dankten in den verschiedensten Sprachen der
christlichen Nationen dem edlen Lord, der ihnen als der Urheber ihres
Glückes war genannt worden, und kehrten meist bald nachher, von den
Engländern reichlich beschenkt, in ihre Heimath zurück. Obgleich jetzt
nur ein zerborstenes Gemäuer an das Prachtgebäude erinnerte, das noch
vor wenig Jahren die schönste Zierde von Pera war, vergnügten wir uns
dennoch sehr an dem Anblick des Gartens, der fortwährend in gutem Stand
erhalten wird. Der Judäabaum (+Cercis Siliquastrum+) zeigte sich
an manchen Stellen noch mit den Spätlingen seiner purpurrothen Blüthen
bedeckt, neben dem Gebüsch der schönfarbigen Passionsblumen erhub sich,
mit kräftigem Stamme die Lebbek Mimose (+Mimosa Lebbek Forsk.+),
welche wegen ihrer langen, feinen Staubfäden von den Türken Seidenrose
(Gul-Ibrasim) genannt wird; Bäume, vom Geschlecht der Pistazien und des
Lorbeers, Orangen und Zitronen gaben ihren Schatten. Nur schade, daß
die lang anhaltende Dürre und die weit vorgerückte Jahreszeit so wenig
von den Reizen übrig gelassen hatten, welche im Frühling diesen Garten
schmücken, der sich mit dem ganzen zu ihm gehörigen angebauten und
freien Platze über einen Raum von vier Morgen Landes ausdehnt.
Am Abhange des Hügels, auf welchem der Pallast der brittischen
Gesandtschaft stund, ziehen sich die Reihen der türkischen Grabstätten,
bepflanzt mit hohen Zypressen hin, deren ernstere Form nach unten, im
Thale der Kürbisgärten (Dolma-Backtsche) in die freundlichere der hier
immer reichlich grünenden Gartengewächse übergehet. Namentlich gewährt
ein Kaffeehaus, das am westlichen Saume der Vorstadt liegt und welches,
wie so viele andre in Pera befindliche, ganz in französischer oder
italienischer Art eingerichtet und bedient ist, eine liebliche Aussicht
über die angränzende Landschaft. An der andren, östlichen Seite des
Hügelsattels, auf dessen Länge die Vorstadt sich hinzieht, in der Nähe
der dortigen Gesandtenwohnungen ist die Aussicht hinüber nach der
Hauptstadt und zunächst nach den Gebäuden des neuen Serai's am besten
zu gewinnen. In jedem Falle müßte man, wenn man anders der schönen
Aussicht begehrt, dahin trachten, während des Verweilens in Pera nicht
in der Mitte der engen Gassen, wo dennoch einige der besuchtesten
Gasthäuser stehen, sondern an einer der freieren Seiten zu wohnen.
Der Zypressenhain der Grabstätten, der an unsre Wohnung angränzte, zog
uns oft hinab zu Spaziergängen in seinem Schatten. Mehr jedoch als
diese Nachbarschaft zog eine andre unsre Neugierde an, das war die
der ~Tanzhalle der Mewlewis~, in welcher die Derwische dieses
Ordens wöchentlich zweimal, am Dienstag und am Freitag jene mystischen
Sphärentänze beginnen, die als ein uraltes Erbgut der Geheimlehren
der Väter zu den jetzigen Verehrern des Islam gekommen sind. In der
Mitte der Halle sitzt der Scheich, der den Tanz mit dem Spiele der
Flöte begleitet, um ihn tanzen einzeln, um sich selber sich drehend und
so den Umkreis beschreibend die Derwische, langsam, mit feierlicher
Geberde. Oder auch es beginnt der in der Mitte stehende Führer des
Reigens, den ein Andrer seitwärts, außer dem Kreise Sitzender mit dem
Spiele der Töne belebt, die langsamen Umdrehungen, und die Uebrigen,
Einer und wieder Einer, dann Alle erbeben sich zum Wirbel des Tanzes,
der so gleichmäßig und kräftig ist, daß der Saum des Gewandes, wie
der einer Glocke oder fast radförmig ausgespannt, die Füße umkreiset.
Wenn bei solchen oder andren Aeußerungen einer Trunkenheit des innren
Sinnes der Ausruf »Huh« oder »Ja Huh« das heißt Jehovah, aus der Brust
der Tänzer sich hervorringet, dann erinnert dieser Zustand an jene
unwillkürlichen Ausbrüche einer Entzückung des sinnlichen Menschen, bei
welcher jene Kräfte von oben, die den Kreislauf des sichtbaren Seyns
und Wesens der Natur bewirken, in ihre Wogen ihn hinreißen, ohne daß
der freie Wille, der aus dem erkennenden Geist kommt, den Zügel des
Bewegens zu erfassen und dieses zu leiten vermag. Denn es giebt in der
Geschichte der menschlichen Natur eine zweifache Art der Begeisterung,
die eine ist die sinnliche, die man auch silenische, oder magnetische
und mystische nennen kann, die andre ist die prophetische. Jene, sie
möge durch silenische Berauschung oder magnetische Gewaltthätigkeit
oder mystische Ueberspannung hervorgerufen seyn, zeigt sich des
klaren Selbstbewußtseyns, der Selbstherrschaft des freien Willens,
öfters selbst der Rückerinnerung beraubt; sie stehet häufig in der
traurigen Abhängigkeit von dem Willen und Befehl andrer Menschen
oder von dem Einfluß leiblicher Elemente; auf die Bekräftigung des
wachen, selbstbewußten Willens, auf das Gedeihen und Wachsthum des
inneren Menschen hat sie nur selten entschiedene Einwirkung. Die
prophetische Begeisterung dagegen lässet dem Menschen das klare, wache
Selbstbewußtseyn und den freien Willen. Sie gebeut ihm zu reden und zu
thun, und er gehorcht, weiß es aber auch daß und warum er gehorcht und
genießet das Wohlbefinden, nicht nur der lieblich blühenden Rose oder
Lilie, die wie das Schlafende unter dem Herzen der Mutter von dem Geist
des Lebens durchwirkt wird, sondern jenes des Kindes, das die Mutter
beim Namen nennt und das ihre Worte versteht. Der Tanz der Sphären,
welcher die sich selber umkreisende und zugleich die Bahn um die
Sonne beschreibende Bewegung der Planeten unwillkührlich nachbildete;
derselbe, den wir bei den jetzigen Mewlewis-Derwischen finden, war
ein geheiligter Gebrauch bei den Indern (wo Chrishna als Scheich den
Reigen begann) und bei den alten Persern; er war ein Hinstarren mit
unverwandtem Blicke und ein unwillkührliches Nachahmen der Bewegungen
Dessen, das den Heiden der anziehende Mittelpunkt der Verehrung und
das Hochheilige war: der Sonne, der Königin des Tages, der Führerin
und strahlenumgränzten Lyra des Reigens und des harmonischen Bewegens
der Gestirne[76]. Den zuschauenden Moslimen erscheinen deshalb diese
Bewegungen, welche, nur schneller sich wiederholend, jener der
Sonnenblume gleichen, so ehrwürdig, daß ein (christlicher) Reisender
des vorigen Jahrhunderts, nach Stephan Schulze, aus der Gefahr vom
fanatischen mohammedanischen Pöbel gesteinigt zu werden, sich dadurch
rettete, daß er sich (ich mag nicht sagen, ob das recht und wohlgethan
war) gleich den Mewlewis-Derwischen um sich selber tanzend drehete.
Denn alsbald riefen die Alten, die dem Unfug der jungen Fanatiker
bisher ruhig zugesehen hatten: lasset diesen unverletzt, er ist ein
heiliger Mann. --
In der Nähe der Mewlewis-Tanzhalle war auch das Grabmal ~Bonnevals~
jenes vormals berühmten Franzosen, der noch nicht zufrieden mit dem
äußern Glücke, das ihn bis zum Range eines österreichischen Generals
unter Eugen hatte steigen lassen, durch Verläugnung des Glaubens seiner
Väter da im Reiche der Osmanen ein noch größeres Glück zu erkaufen
suchte. Er starb hier als Chef des Bombardier-Corps.
Pera war in der Zeit, da wir unter seinen Dächern verweilten, von jenen
Bewohnern verlassen, welche sonst der Mittelpunkt seines Verkehres und
innern Lebens sind: von den Gesandten der christlich europäischen Höfe.
Diese hielt, theils die noch immer fortwährende Hitze des Spätsommers,
welche in diesem Jahre noch kein Regenguß der Herbstnachtgleiche
abgekühlt hatte, theils auch jene Zerrüttung, welche der heftige
Ausbruch der Pest in den Verkehr mit der Hauptstadt gebracht hatte,
noch auf ihren Landsitzen, namentlich in Bujukdereh zurück. Dennoch
boten sich uns, auch schon aus dieser Entfernung von jenen Inhabern,
nicht nur der Macht, sondern auch der Güte der Herrscher der
christlichen Heimath wohlwollende Hände, von denen ich nachher noch
reden will. Unter den anwesenden Bewohnern der pilgerlich-heimathlichen
Vorstadt erfreuten uns die Herren Brown und Goodel, Schneider und Mühr
durch ihre Bekanntschaft, und ein Mitpilgrim durch viele Gegenden der
Erde, dem wir später noch mehrmalen begegneten, Herr Leewes, näherte
sich uns hier zum ersten Male.
Ehe ich jedoch mehr von dem reden darf, was uns hier während der
schnell vorübergehenden Pilgerschaft in der Nähe von Constantinopel
begegnete, muß ich zuerst weiter fortgehen in meiner Beschreibung der
Vorstädte und des benachbarten Landes.
~Topchana~ ist der dritte Theil jenes Dreiblattes, das die
Vorstädte der Halbinsel von Galata bilden, denn es liegt am Ufer des
Meeres, nachbarlich neben Galata, welches durch das Topchana-Thor
(Topchana-Kapussi) mit ihm verbunden ist, und zieht sich hinter
den Mauern von Galata am Bergabhange hinan gegen Pera, mit welchem
es auf der Anhöhe zusammengränzt. Schon der Name Top-Chane, d. h.
Kanonenbehaußung, deutet die Bestimmung dieser Vorstadt an: eine
Mutter- und Werkstätte der groben Geschütze zu seyn, auf deren
Macht und Menge die Herrscher des Osmanischen Reiches seit Mohammed
+II.+ sich fortwährend so viel zu gute thaten. Denn seitdem zuerst
Orban, der ungarische Stückgießer, den Hang dieses Städtebestürmers
und Eroberers zu ungeheuern Kriegsgewehren geweckt und genährt hatte,
war es eine der ersten Bauunternehmungen des Sultans, daß er gleich
nach der Eroberung von Constantinopel eine außerhalb den Mauern
von Galata gelegne christliche Kirche sammt dem zu ihr gehörigen
Kloster in eine Stückgießerei verwandeln ließ. Zwar von dieser
ältesten Anlage des Gebäudes, welches das Entstehen der Vorstadt
Topchana bewirkte, haben die Feuersbrünste, namentlich des vorigen
Jahrhunderts und die hierdurch veranlaßten neuen Aufbaue, so wie
die vielen späteren Erweiterungen nur wenig übrig gelassen; dagegen
hat sich fortwährend die rege Theilnahme der osmanischen Herrscher
für diese wichtige Anstalt erhalten, deren innre Einrichtung und
Leistungen als großartig ins Auge fallen. Der jetzige Großsultan hat
zur Verschönerung dieser Vorstadt der Stückgießer Vieles beigetragen,
namentlich durch den Aufbau seiner neuen, prachtvollen Moschee und
des überaus zierlichen Brunnenhauses. An die Stelle der vormaligen,
aus Persien nach Constantinopel und seiner Umgegend gekommenen
Fayance-Werkstätten scheinen jetzt andre von sehr untergeordnetem
Range, namentlich die Pfeifenkopffabriken getreten zu seyn. Eine
solche Menge dieser vergoldeten und unvergoldeten rothen, thönernen
Pfeifenköpfe wie in Topchana sahen wir nirgend sonst beisammen. --
Schon bei unserm erstmaligen Besuch dieser Vorstadt und bei unserem
Hinaufgehen durch ihre Gassen gegen Pera hin setzte uns der Anblick
der großen Menge der verwilderten Hunde in Verwunderung, als wir aber
später einmal am Abend, bei der Zurückkehr aus Bujuckdereh den Weg
durch Topchana nahmen, hätte sich jenes Staunen fast in Furcht und
Schrecken verwandelt, denn nur mit Mühe und großer Vorsicht entgiengen
wir den Zähnen dieser bissigen, namentlich den Fremden sehr aufsäßigen
Thiere, die schon manchem Europäer seine Kleider zerrissen und ihn
verwundeten, zuweilen auch, in abgelegenen Gegenden der Stadt wehrlose
Wanderer umbrachten. Auf der Höhe des Hügels, ober Topchana, war auch
vormals jene merkwürdige unterirdische Sternwarte des türkischen
Astronomen Ali Kuschdschi, ein 105 Ellen tiefer Brunnen, der unter
Murad +IV.+ verschüttet ward.
Größer an Umfang als Galata, obwohl nicht so wie dieses von Mauern
umgeben ist ~Skutari~, das alte Chrysopolis, das auf der auch hier
noch durch höhere Naturschönheit ausgezeichneten asiatischen Küste
des Bosporus liegt. Sein eigentlicher Name, Uskudar bedeutet auf
Persisch Postbothe und mag wohl aus derselben Zeit stammen als der
Name Chrysopolis oder Goldstadt, den der Ort erhielt, weil hier die
Perser während ihrer Herrscherzüge in Europa die erbeuteten Schätze und
Abgaben der unterworfenen Völker aufhäuften. Noch jetzt ist Skutari
die erste Poststation von der Hauptstadt des Reiches aus in Asien, der
Sitz eines Molla's oder Gerichtspräsidenten, dessen Obergerichtsbarkeit
alle Ortschaften an der asiatischen Seite des Bosporus untergeordnet
sind. Von ferne her gesehen macht Skutari einen imposanten Eindruck
aufs Auge durch die Krone des mächtigen Zypressenhaines der den
Hügelabhang oberhalb der mit ihren Moscheen und Minare's prangenden
Vorstadt bedeckt (m. v. S. 156). Dieser Zypressenhain, welcher die
größte Gräberstätte der Hauptstadt und ihrer asiatischen Nachbarküste
beschattet, erstreckt sich über einen fast 1½ Stunden langen Raum;
ober demselben erhebt sich der Berg ~Bulgurlu~, dessen entzückend
schöne Aussicht Einheimische wie Fremde zu seinem Besuche anlockt.
Der alte Name des Berges ~Damatrys~, scheint nach ~J. v. Hammers~
Vermuthung (a. a. O. +II.+ 338) freilich in sehr verwandelter Gestalt
die Benennung der beiden auf dem Gipfel liegenden Dörflein: Groß- und
Klein-»Dschamlidsche« erzeugt zu haben, an deren vortrefflichem Wasser,
Kaffee und allerhand Süßigkeiten die Besuchenden aus der Hauptstadt
sich erquicken. Denn in der günstigen Jahreszeit vergeht selten ein
Tag, wo nicht mehrere der mit Ochsen bespannten Wägen, befrachtet
vornämlich mit verschleierten Frauen und ihren Kindern, den Berg
hinanfahren und oben im Schatten der Bäume den bewegten Lebensstrom
der Luft in und mit sich walten lassen. Das Gefühl, das den Wandrer
an solchem hehren Orte, bewegt von den Kräften des waltenden und
erhaltenden Lebensgeistes, dessen Odem auch durch die Sichtbarkeit
hindurchwirket, erfasset, ist ein ähnliches als jenes, das die häufig
an den Denksteinen zwischen den Zypressen vorkommende Grabschrift
wecket: +Ena Lillahi we ileihi radschiune+, d. h. »wir sind Gottes
und zu Gott kehren wir zurück«[77]. Die Vorstadt Skutari zeichnet
sich durch ihre breite, schöne Hauptstraße und mehrere prachtvolle,
öffentliche Gebäude aus. Die hiesige, von Sultan Selim angelegte
türkische Druckerei hat Manches zur Begründung und Verbreitung
gemeinnütziger Kenntnisse unter den Osmanen beigetragen; eine ebenfalls
berühmte Druckerei von ganz andrer Art: die Kattundruckerei der
Armenier wetteiferte zu gleicher Zeit mit den ähnlichen Unternehmungen
der westeuropäischen Länder. Ein Gegenstand der Beachtung für viele
Reisende, ist besonders seit ~Clarkes~ und noch mehr durch ~J. v.
Hammers~ genauer Beschreibung das Kloster der ~Rufaji Derwische~
geworden (genannt nach dem von den Moslimen für heilig gehaltnen Said
Achmed Rufai). Die Gebete dieser Derwische sind nicht bloß Andachts-,
sondern zugleich Leibesübungen zu nennen, denn nach einem ruhigeren
Anfange derselben steigert sich die Sinnentrunkenheit allmählig zu so
raschen, wilden Bewegungen des abwechslend vorwärts geneigten, dann
gerade stehenden, dann rückwärts gebognen oder auch rechts und links
sich neigenden Körpers, daß das Auge der Zuschauer kaum ihnen zu
folgen, das Ohr die einzelnen Silben des Gebetes »La-i-lah-il-la-lah«
nicht mehr zu unterscheiden vermag, sondern nur noch ein tobendes
Il-lah hört, abwechslend mit dem Ausruf des Entzückens: »Ja-Huh.« Das
stöhnende Geschrei dieser im Eifer ihrer »Andacht« Rasenden begleitet
indeß ein lieblich tönender Choral, welchen zwei gute Sänger in
feierlichem Takte absingen; es ist meist die »Borda« das Lobgedicht
auf den Propheten oder irgend ein andres Lied zum Preis der Gläubigen
des Islams. Nebenbei unterhalten dann auch noch die Derwische die
Zuschauer mit allerhand gaukelspielerischen Versuchen, wodurch sie ihre
Unverletzlichkeit durchs Feuer zu bezeugen suchen, indem sie glühende
Kugeln und glühende Eisen anfassen und in den Händen bewegen.
Auch noch eine Erwähnung der so viel gepriesenen und besungenen
~Prinzeninseln~, welche weiterhin im Propontis, an der asiatischen
Küste liegen, glauben wir dem Leser schuldig zu seyn. Ihr alter Name
»~Daimonnisoi~« wurde, wie ~v. Hammer~ bemerkt, in den jetzigen
verwandelt, weil diese so schönen Eilande während der Zeiten der
byzantinischen Herrschaft ein Verbannungs- und Verwahrungsort so vieler
für den Purpur des Fürstenstandes Geborenen und Erzogenen, so Vieler
Herren und Großen des Reiches waren. Man zählt neun dieser Inseln, die
man beim Hinaus- oder Hereinfahren in und aus dem Propontis, so wie
schon von den erhöhten Punkten der Hauptstadt, noch besser aber vom
Bulgurluberge überblicken kann. So schön sie auch sind, so weckt doch
zugleich fast jede von ihnen Erinnerungen des Abscheus oder der Trauer.
Denn im gewesenen Klostergebäude auf ~Prote~ (jetzt Kinaliadassi), der
am nächsten herüber nach der Stadt gelegnen Insel, starben die Kaiser
Romanus der Erste und vier Menschenalter später Romanus Diogenes im
Elend, der letztere mit ausgestochnen Augen, an deren wunden Höhlen die
Würmer nagten. Auf ~Antigone~ (jetzt ~Baghatsli ada~) schmachtete der
h. Methodius, der Maler und kräftige Beschreiber der Gerichte Gottes,
sieben Jahre im Kerker, und in einem spätern Jahrhundert verzehrte hier
den entthronten Kaiser Romanus Lacapenus und seinen Prinzen Stephan das
Heimweh nach den gewohnten Freuden des Thrones, Deren sie der eigne
Sohn und Bruder, Constantin, der im Purpur Geborene beraubt und sie
hieher verbannt hatte. Die lieblichste unter allen Prinzeninseln ist,
durch ihre Naturschönheit ~Heibeli adassy~, deren alter Name Chalkitis
oder auch der nachher auf die ganze Gruppe übertragene Demonesos war.
Alleen von Zypressen, Gruppen von Terebinthen und Pinien, Gärten
voll von Feigen und andern Fruchtbäumen, hin und wieder dickstämmige
Platanen zieren dieses Eiland, das von dreieckigem Umrisse ist und
drei Hügel hat, auf deren jedem ein griechisches Kloster stehet. In
älterer Zeit wurde auf Chalkitis, das hiervon diesen Namen erhielt,
ein Kupferbergbau betrieben. Hier wie auf den andern Prinzeninseln
verübten die rachsüchtigen Schaaren der Venetianer im Jahr 1302 an den
Bewohnern wie an den armen dem Schwert der Perser hieher entflohenen
christlichen Pelopythiern große Gräuel, so daß damals auch diese schöne
Insel ein Ort der Seufzer und des Jammers war. Die flache, öde Insel
~Plate~ erinnert an Michaël Rhangabes, der mit seinen Söhnen hieher
(im J. 813) verbannt ward, wo er unter dem Namen Athanasius 32 Jahre
lang im Kloster lebte; die noch trauriger aussehende kleine Felseninsel
~Oxeia~, an den hier gebornen und hieher verbannten frommen Patriarchen
Michaël Oxyta; ~Pyti~, an den unter Zeno im J. 477 hieher verbannten
Unruhestifter Petrus Knaphäus. ~Antirobidos~ und ~Niandro~ sind bloß
nackte, von Kaninchen bewohnte Meeresklippen, welche nur etwa für
Liebhaber dieser Jagd einen anziehenden Reiz haben, dagegen ist die
Chalkitis gegenübergelegne große Prinzeninsel, die bei den Türken
~Kisil ada~, rothe Insel, bei den Griechen und Franken ~Prinkipo~
heißt, die vielbesuchteste von allen. In dem Thale, welches zwischen
zwei Reihen von Hügeln das gegen drei Meilen lange Eiland durchsetzt,
vermählt sich die vollwüchsige Rebe mit der Zypresse; Feigen und
Granaten und am Hügelabhang hinan Waldungen von Oelbäumen wechslen mit
Gärten der andern Obstbäume und der Gemüse. Der Reiz dieses fruchtbaren
Thales und der quellenreichen, grünenden Schluchten wird durch den
Anblick der Felsenwildniß im Süden der Insel nur noch mehr erhöht.
In einem Kloster dieser Insel, das sie selber erbaute, lebte Irene,
die große Kaiserin, die Zeitgenossin Carls des Großen wie Harun al
Raschid's in der Verbannung; späterhin traf hier dasselbe Loos Zoë, die
Gemahlin Michaëls +V.+, und noch später Anna, die Mutter der Comnenen,
welche mit ihren Töchtern in dieses Kloster verschlossen ward. Anjetzt
mag diese schöne Insel manchem Wandrer, welcher die edleren, reineren
Freuden aufzusuchen weiß, deren Quellen hier neben dem klaren Wasser
aus den Felsen strömen, ein Verbannungsort seiner Sorgen und mancher
trübender Erinnerungen werden.
Während sich das Auge der meisten andern Reisenden dem ruhigen Genusse
jenes Totaleindruckes hingeben darf, welchen es beim Anblick der
herrlichen Umgegend von Constantinopel empfängt, muß der Freund der
Natur an das seinige noch andre Ansprüche machen: sein Auge soll
die einzelnen Fäden beachten und bezeichnen, woraus das Gewebe des
Totaleindruckes einer Gegend zusammengefügt ist. Wie gern hätte ich
dieses Berufsgeschäft auch bei Constantinopel treulich geübt, wenn
mich nicht nur zu bald das Loos der Gefangenen auf den Prinzeninseln
getroffen hätte: eine Verbannung aus der schönen, freien Natur in
den engen Raum des Zimmers, nicht zwar durch Tirannengewalt, wohl
aber durch Krankheit. Wer sollte es meinen, daß man in solchem heißen
Lande und bei solch heißen Tagen der beständigen Gefahr der Erkältung
ausgesetzt sey, und daß gerade dieses die größeste sey, welcher die
Gesundheit des Fremdlinges in diesem Lande unterliegt. Während sich in
der lieben, jetzt so weit entfernten Heimath die Cholera zuerst regte,
mußte auch ich, wenn auch nur einige Tropfen aus dem Becher ihrer
Schmerzen und ihres Wehes kosten, den sie um diese Zeit den Bewohnern
Münchens reichte. Als Folge einer mehrmaligen Erkältung, besonders
bei Gelegenheit einer abendlichen Fahrt auf dem Bosporus, nach einer
Fußwanderung in der Hitze des Tages über Berg und Thal, hatte ich mir
Uebel zugezogen, welche leichten Anfällen der Cholera glichen. Dennoch
behielt ich der Stunden und Tage noch mehrere, an denen ich kräftig
genug war herum zu wandern und zu sehen, um so mehr, da die Stimme des
Wehes sich gewöhnlich bloß in der Nacht vernehmen ließ und während der
heißen Stunden des Tages verstummte.
Den einen der gesünderen Tage benützte ich, in Gesellschaft meiner
jungen Freunde und des Herrn Mühr zu einer naturhistorischen Wanderung
in die nördlich von Pera gelegne Landschaft, aus der wir uns dann
herabbegaben nach den Ufern des Bosporus und nach dem lieblich gelegnen
Bujukdereh. Um zuerst über das Felsengeripp der Landschaft Einiges
im Vorübergehen zu bemerken, so zeigt sich im Norden der Halbinsel
von Pera an mehrern Punkten der Thonschiefer; weiterhin gegen den
Bosporus und am Saume von diesem treten häufig die Felsarten des von
Werner sogenannten Flötztrappes: Wacke, basaltischer Mandelstein,
Porphyrschiefer und Basalt auf; bei Sarijari, jenseits Bujukdereh ein
eisenschüßiger Quarz mit eingesprengten Schwefelkies-Krystallen. Aus
den Bergen, die sich am Propontis auf der asiatischen Seite erheben,
sahen wir Bausteine von bläulichgrauem Kalk; auch die Felsart des
Riesenberges ist Kalk. Am nördlichen Verlaufe des Bosporus zeigt
sich an beiden Ufern eine Breccie mit eisenthonigem und quarzigem
Bindemittel, häufig von Chalcedongängen durchschwärmt; zu der schönen
Gruppe von Basaltsäulen bei Yum Burnu nahe bei der äußern Mündung
des Bosporus ins schwarze Meer, so wie zu den Höhlen der Bucht
von Cabacos konnten wir nicht kommen; wir verweisen hierüber auf
~Andreossy's~ und ~Walsh~ Beschreibung[78]. Noch immer liefert die
Umgegend von Constantinopel und dem Bosporus in Menge jene Steinart,
welche von Chalzedon (gegenüber dem alten Byzanz), ihren Namen hatte:
den Chalzedon, der sich am Bosporus öfters in Kugeln findet, außer
demselben Carneol, Achat und Jaspis von verschiedenen Farben.
* * * * *
Die langanhaltende Dürre hatte uns nur wenig blühende oder grünende
Pflanzen übrig gelassen; über die Hochebene hingehend hatten wir zur
Rechten wie zur Linken nur ein verödetes Erdreich, da nur wenig Pflügen
und Ernten ist, denn der Kornbau ist, besonders auf der europäischen
Seite, so unbedeutend, daß der Landbauer den ganzen armseeligen Ertrag
seiner Ernte auf dem Rücken der Lastthiere oder in wenig kleinen
Wagenladungen zur Tenne führt. Am Abhange der zur Schaafweide benützten
Hügel wie auf der unbebauten Ebene zeigte sich in Menge die ~stachliche
Bibernelle~ (+Poterium spinosum+), an einigen Stellen prangte die
baumartige Heide (+Erica arborea+) mit ihren Blüthen; die Beeren des
Machmudistrauches (+Osyris alba+) fiengen an sich zu röthen; das
Blumenrohr (+Spartium junceum+) trug, statt der lieblich duftenden
Blüthen schon dürre Hülsenfrüchte, auch die schöne strauchartige
Phlomis (+Phlomis fruticosa+) war schon verblüht. Auffallend ist
auf solchem dürren, heißen Boden die Menge der stachlichen oder
hakrig-borstigen Gewächse, denn da zeigten sich die gemeine Stechwinde
(+Smilax aspera+)[79], der Mäusedorn (+Ruscus aculeatus+), der
Judendorn (+Zizyphus Paliurus+), häufiger aber als alle diese der
gemeine Bürzeldorn (+Tribulus terrestris+) und die hakrig-borstigen
Echien (+Echium italicum+, +violaceum+ u. f.). An einer felsigen Stelle
nach dem Meeresufer hin fand sich der hakige Tragant (+Astragalus
hamosus+), in den buschreichen Schluchten der Erdbeerbaum (+Arbutus
Unedo+), die türkische Haselnuß (+Corylus colurna+ auf türkisch
+Jaban Fonduk+), die gemeine Mispel (+Mespilus germanica+) und Quitte
(+Cydonia vulgaris+ auf türkisch +Jaban Aiva+, d. h. wilde Quitte), die
Kermes- und Färbereiche (+Quercus coccifera+ und +infectoria+), so wie
der Granatapfel und (meist nur strauchartig) der Mastixbaum (+Pistacia
Lentiscus+).
* * * * *
Da wir hier einmal bei der Pflanzenwelt von Constantinopel verweilen,
richten wir auch einen Blick auf die Gewächse der Gärten und Felder.
Es war eben die Zeit der Reife der Trauben (auf Türkisch +Uzum+,
unter denen die gewöhnlichste, weiße Sorte die Traube des Landes
(+Jeri Uzum+), süß und lieblich; die röthliche +Altin Uzum+ unsrer
Muskatellertraube verwandt, die goldfarbige +Gradina+ am meisten
geachtet ist. Die Gärten sind reichlich mit Arten der Kirschen
(+Chiress+), Weichseln (+Vischene+, daraus der gleichnamige kühlende
Trank), Aprikosen (+Kaissi+), Pfirsichen (+Schiefteli+), Birnen
(+Armud+), Aepfeln (+Alma+), Mandeln (+Badem+), schwarzen Maulbeeren
(+Kara Dul+) und andern, auch bei uns vorkommenden Obstsorten versehen;
beliebt ist bei den Osmanen auch die von ihnen sogenannte Traube der
Franken (+Frenk-Uzum+) d. h. unsre saure Johannisbeere. Aber neben
all diesen Gewächsen der Heimath findet der deutsche Reisende hier
auch Bäume, mit reifen Früchten, die er in den gewöhnlichen Gärten des
Vaterlandes kaum jemals kostete: wie die Dattelpflaume (+Diospyros
Lotus+, auf Türkisch +Kurmasi+), die Frucht des schmalblättrigen
Oleaster (+Elaeagnus angustifolius+, auf Türkisch +Igidè+), die
wohlschmeckende Jujubenbeere (+Zizyphus Lotus+ und +Jujuba+), so wie
als Gartengesträuch den eßbaren Hibisch (+Hibiscus esculentus+),
dessen schleimige Frucht +Bamia+ genannt hier zu Lande gekocht und als
Gemüse verspeist wird. Ueberhaupt findet man in Constantinopel gar
manches undeutsche Gemüse, wie die Früchte mehrerer Arten von Solaneen
oder Nachtschatten (+Solanum pomiferum+, +Melongena+) mit ihnen auch
die eckelhaften Brunstäpfel oder +Pommes d'amour+: die Früchte des
auf meine Natur immer wie ein Gift wirkenden +Solanum Lycopersicum+.
Dagegen gewähren einen angenehmern Zusatz zu den Speisen, vornämlich zu
den Zucker- und Honigkuchen (+Helva+ genannt) die Saamen des Sesams.
Von Blumen liebt der Osmane vor allen die von greller Farbe wie
+Tagetes patula+ (auf Türkisch Kadisè Tschitscheghi d. h. Sammtblume),
die bunte großblumige Rosenpappel (+Alcea rosea+), welche er die Rose
Fatime's (Gul-Fatime) nennt, aber auch die sanfte, blaue Passionsblume
(auf Türkisch Rad des Himmels: »Schiark-Feleki«). Seine Geruchsnerven
können nicht so empfindlich seyn wie jene des Italieners, denn in
großer Menge wurde in dieser Jahreszeit die starkduftende Tuberose
(+Polyanthes tuberosa+ hier »Teber« genannt) in den Gärten gebaut und
in die Harems verkauft.
Auch von der einheimischen Thierwelt bekamen wir während unsers
Aufenthaltes in Constantinopel nur wenig zu sehen. Der Wolf wie
der »Tschakal« (+Canis aureus+) sollen sich, der letztere zu
allen Jahreszeiten, der erstere vorzüglich im Winter in der Umgegend
der Hauptstadt aufhalten; der Zlepez (+Spalax typhlus+), die
Zieselmaus (+Spermophilus Citillus+) und der Jerboa (+Dipus
sagitta+) bewohnen mit dem gemeinen Maulwurf die Untertiefungen
jener Auen und Felder, auf denen der Hase, der jetzt fast allgemein
von den Türken genossen wird, in Menge gesehen wird. Der Gesang der
Vögel an den Felsen und in den Gärten war verstummt; doch sahen wir
den beliebtesten Sänger dieses Landes: die Blaudrossel (+Turdus
Cyanus+ auf Türkisch Felsennachtigall oder Kaja-Bulbul) und auf
den Feldern die Spinoletta und Calandra-Lerche; von Schildkröten
giebt es die allbekannte griechische (+Testudo graeca+); unter
den Fischen des Bosporus erschien uns am interessantesten der
Schwertfisch (+Xiphias gladius+, auf Türkisch »Chilik«), dessen
Fang im July und August, wo er in ganzen Zügen den Canal passirt, von
Wichtigkeit ist; unter den Insekten interessirten uns namentlich der
auch in den ungarischen Weinbergen lebende Großkopfkäfer (+Lethrus
Cephalotes+) so wie der Fingerkäfer (+Scarites+) und die
Arten der Fangheuschrecken (+Mantis+), deren Wachsthum jetzt
eben vollendet war; unter den Süßwasser-Conchylien, die meine jungen
Freunde fanden, war die schönste die Hainschnirkelschnecke (+Helix
lucorum+) aus Skutari[80].
Doch es ist Zeit, daß wir aus diesem bacchantischen Herumschwärmen
neben den zerrissenen Gliedern der thrazischen Natur, die im Frühling
so hehr und reich, in der dürren Zeit des Spätsommers und Herbstes so
arm ist, zurückkehren und wieder zu uns selber kommen. Die Fußreise
über die Landschaft der Halbinsel von Pera, endete, wie ich schon
vorhin erwähnte, in dem lieblichen Bujukdereh. Hier war mir noch der
größte Genuß und die reichste Ausbeute dieses Tages aufbehalten:
die persönliche Bekanntschaft so wie das Wiedersehen mehrerer hier
wohnenden durch Stand wie durch geistigen Werth hochgestellten
Franken. Zwar den hochverehrten Herrn ~Grafen von Königsmark~,
Königlich Preußischen Gesandten, der mir während meines Aufenthaltes
in Constantinopel so viele Beweise seines Wohlwollens gab, fand
ich heute nicht, sondern lernte ihn erst am folgenden Tage in Pera
kennen, dagegen fand ich im Pallast der russischen Gesandtschaft
einen theuren Freund wieder, den ich schon in München kennen lernte,
den Legationsrath ~Baron von Titoff~ und an Sr. Excellenz dem
Kaiserlich-Russischen Gesandten, ~Grafen Boutenineff~ einen
neuen Gönner, dessen wirksame Empfehlungen mir von hier an auf meiner
ganzen, weitern Reise durch das Morgenland von größtem Nutzen waren.
Doch vor allem, mit der innigsten Rührung der Dankbarkeit, gedenke der
genußreichen Stunde, die mir im Pallast des k. k. österreichischen
Herrn Internuntius, ~Baron von Stürmer~ vergönnt war. Das Gefühl
des innren Wohlseyns und der Heimathlichkeit, das mich in der Nähe
dieses ausgezeichneten Staatsmannes und seiner huldvollen Gemahlin
erfüllte, ist ein Gastgeschenk das wohl Jedem zu Theil wird, der für
den Geist, welcher in dieser reichbegabten Familie herrschet, offnen
Sinn hat: denn hier wohnen die Kräfte einer hohen Bildung mit den Gaben
eines gütigen, menschenfreundlichen Herzens in Frieden beisammen.
Außer der wohlthuenden Erinnerung, die ich an jenes theure Haus mit
mir auf meinen weitern Weg nahm und welche mich nie verlassen wird,
begleiteten mich noch gar viele andre, kräftige Zeichen des Wohlwollens
des hochverehrten Herrn Internuntius. Namentlich fand ich in Folge
seiner freundlichen Empfehlungen an die k. k. Oesterreichischen
General-Consulate zu Smyrna und Alexandria, überall freundliche
Zuvorkommenheit und gebahnten Weg für meine Reisepläne. Einen großen
Genuß gewährte mir auch die persönliche Bekanntschaft der k. k.
Herrn Interpreten Freiherrn v. Testa, v. Kletzl und R. Steiner, die
ich noch öfter in Pera sahe und die mir unvergeßliche Beweise ihrer
freundschaftlichen Gesinnung gaben.
Der Tag hatte sich schon ziemlich geneigt, da wir ins Boot stiegen und
die Heimkehr, hinab auf dem Bosporus antraten. Ein frischer Nordostwind
bewegte das Wasser mächtig; unsre Ruderer ersuchten uns, daß wir von
den Bänken herab auf den Boden uns setzen möchten, dennoch schwankte
das Fahrzeug gewaltig und die hochgehenden Wogen ergossen sich so
reichlich über seinen Bord, daß unsre Kleider ganz durchnäßt wurden.
Doch diese Beschwerden minderten sich sehr, da wir aus der breiteren
Bahn des Meeresstromes jenseits Kenikoi in den Schutz der hohen Ufer
kamen. Zu dem erhabenen Schauspiel, welches unsrem Auge das hochbewegte
Meer gab, gesellte sich jetzt jenes der Liebreize und Segnungen, die
sich hier über Berg und Thal ergießen. Ehe wir indeß den Hafen von
Topchana erreichten, war das Dunkel der Nacht schon eingebrochen und
mit Mühe den Bissen der Gassenhunde entronnen, gaben wir uns in dem
gastlichen Pera ganz dem angenehmen Gefühl des Ausruhens nach einem für
uns so reichen Tage hin.
Das gute Pera war mit jedem Tage uns lieber geworden, durch die Liebe
und Güte der Freunde, die wir hier gefunden hatten. Denn außer den
schon genannten Wohlthätern und Freunden hatten wir hier den theuren
~Fielstedt~ getroffen, dem wir auf dieser Reise bald wieder begegnen
werden; durch ihn so wie durch Briefe aus der Heimath ward uns die
Bekanntschaft und Annäherung an die Herren ~Leeves~ und ~Renger~,
~Goodel~, ~Brown~ und ~Schneider~ gewährt, und die Herren ~Lafontainee~
und ~Deshayes~ bezeugten uns Fremdlingen eine theilnehmende
Freundlichkeit, welche unsrem Gemüth, das so gerne der fremden Liebe
sich freut, für immer werth bleiben wird.
III. Reise von Constantinopel nach Smyrna.
Die Gegend, durch welche uns die heutige Erzählung einer Schifffahrt
über das Marmora-Meer führet, giebt in ihrer Geschichte einen ganz
besonders kräftigen, herrlichen Beweis für die Wahrheit jenes guten,
alten Sprichwortes: »wo die Noth am größesten ist Gottes Hülfe am
nächsten.« Ja, wer als ein guter Haushalter der Güter seines geistigen
Erkennens die Belege für eine solche hohe, tröstliche Wahrheit gern
zusammenhält und vermehrt, der steige mit uns, Montags den 10ten
October am Nachmittag auf das für Smyrna bestimmte Dampfschiff, und
theile mit mir alten Wandersmann das Gefühl der Errettung aus großem
Uebel, mit uns Allen aber jene Gefühle, die beim Anblick von Chalcedon
und der lieblichen Bucht von Ismid oder Nicomedia das Andenken an die
großen Thaten Gottes erweckte, welche einst, als die Noth am größesten
gewesen, vor 1500 Jahren, an dieser Stätte geschahen.
Die letzten Tage des Aufenthaltes in Pera waren für Mehrere von uns
Tage des Schreckens und der Noth gewesen. Noch hallte in unsrem
Ohre der dumpfe Ton der Trommel und der Ruf der Wächter auf dem
Galata-Thurme »Janghin-war,« Feuer ists, so wie das angstvolle
Getümmel nach, das sich bei der ganz in unsrer Nähe entstandenen
Feuersbrunst, Sonnabends den 8ten October, am Saume der türkischen
Begräbnißstätten erhub, da wurden wir in der darauf folgenden Nacht
durch ein noch viel entsetzlicher lautendes Geheul und Geschrei
erweckt. In dem Hause, welches nur durch eine enge Gasse von demselben
geschieden, unsrem Schlafzimmer gegenüber lag, war die Frau des Hauses,
eine junge Griechin, plötzlich an der Pest gestorben; das Geheul und
Geschrei, das wir in der Nacht hörten, kam aus der Brust ihrer Kinder
und ihrer Dienstboten. Am darauf folgenden Tage wurden in dem Hofe
jenes Nachbarhauses die Betten und Gewänder der Verstorbenen mit Feuer
verbrannt; der übelriechende Dampf drang in die leicht verwahrten
Fenster unsrer Wohnung herein und verpestete die Luft derselben auf
unerträgliche Weise. Hierbei litt ich, dessen Uebelbefinden durch
Alles, was die unwillkührlichen Aeußerungen des innren, heftigen Eckels
erweckte, sehr vermehrt wurde, am meisten, meine Krankheit hatte
sich am Montage, am Tage der Abreise in solchem Grade gesteigert,
daß ich mich kaum aufrecht zu erhalten vermochte und daß nur das
sehnliche Verlangen hinauszukommen vom Krankenlager an die frische
Luft des Meeres, mir die Kraft gab hinab zum Hafen zu schleichen. Kaum
aber wehete mich auf dem Verdeck des Dampfschiffes der erfrischende
Ostwind an, da fühlte ich mich unbeschreiblich gestärkt und da ich auf
dem spiegelglatten, sanften Marmorameere noch einmal das prächtige
Constantinopel, dann aber vor allem Chalcedon und weiterhin, vorüber an
den Prinzeninseln, den Eingang zu der herrlichen Bucht von Ismid vor
mir sahe, da wirkte auch noch die Erinnerung an Das, was einst sich
hier zugetragen mit so wunderbar stärkender Kraft auf die Seele, daß
ihre Empfindungen sich zu einem Liede des Lobes und Dankens
gestalteten.
* * * * *
Meine Leser werden es mir zu gute halten, wenn ich auch sie an eine
zwar altbekannte, in ihrer Wirkung aber auf das Gemüth noch immer
jugendlich neue und kraftvolle Geschichte erinnere.
* * * * *
Seit Kaiser Gallienus für längere Zeit den blutigen Verfolgungen des
Christenthumes Ruhe und Stillstand geboten, war der gotteskräftige
Glaube an den Gekreuzigten, gleich dem lebendigen Keime, welcher
aus dem Senfkörnlein kam, zu einem Gewächs erstarket, das über alle
Provinzen des großen, römischen Reiches, bis heran an die Ens und
den Lech, bis an den Rhein und an die Seine seinen erquickenden,
friedengebenden Schatten verbreitete. Da geschahe es, im Winter des
Jahres 303 nach Christi Geburt, daß der Kaiser ~Diocletian~, der
eben damals hier ostwärts in ~Nicomedia~ oder Ismid sich aufhielt,
durch den Ausspruch eines zusammenberufenen Rathes, an dessen Spitze
der Mitregent, der grimmige Feind der Christen: Galerius stund, zu dem
Entschluß bewogen wurde, den überall aufkeimenden Christenglauben durch
Feuer und Schwert von der Erde zu vertilgen. Furchtbarer und grimmiger
hat keine Verfolgung gegen das arme Häuflein der »Nazarener« gewüthet,
als die damalige; sie war zu einem wirklichen Vertilgungskriege
geworden. In der Provinz allein, deren Hauptstadt Nicomedia war:
in Bithynien wurden 150,000 Christen um ihres Bekenntnisses willen
gemordet; die Hunderttausende der Andren, welche in den meisten
übrigen Provinzen des Römerreiches als Schlachtopfer fielen, vermochte
die spätere Kirche kaum mehr zu zählen. Wenn man, so berichten die
Reisenden[81] in die Bucht hineinfährt, da sieht man, jenseits Libyssa
an der fast unersteiglich gähen Felsenwand des Ufers noch Spuren von
armseeligen Menschenwohnungen; hieher hatte sich eine kleine Schaar
der noch übriggelassenen Christen in die Klüfte und Felsenlöcher
gerettet, und vielleicht später, da sie dem Auge der andern Menschen
sich wieder zeigen durfte, die Hütten, mit der kleinen Kirche, deren
Trümmer noch bestehen, an den Bergabhang geklebt. Die andren Kirchlein
des Landes waren zerstört; der große Name, in dessen Kräften das Heil
der Menschen ruhet, wurde nirgends mehr laut genannt, denn die Lippen,
denen er ein Vorschmack des Himmels gewesen, waren im Grabe verstummt;
die wenigen Herzen, in denen er noch lebte, von Furcht und von dem
Schrecken des Todes wie erstarrt. In der That es war so stumm auf dem
großen Blutacker geworden, daß der Wahn der Herrscher, als sey der
Aberglaube der »Christen« jetzt vom Erdreiche vertilgt, einen Anschein
der Wahrheit gewann, und daß Säulen errichtet, Münzen geschlagen
wurden, deren prahlende Inschriften das Gelingen der Ausrottung des
Christenthumes und der Wiederherstellung des alten Götzendienstes
verkündeten. Mußte es doch selbst Vielen unter dem noch überlebenden
Häuflein der Gläubigen so erscheinen als sey es jetzt aus -- Alles
aus. Aber, wir wiederholen unser Sprichwort: wann und wo die Noth am
größesten, da ist Gottes erbarmende, allmächtige Hülfe am nächsten.
-- Blicken wir noch einmal hinüber auf diese vor uns liegende, östliche
Küste des Propontis. Hier, gerade bei Chalcedon, schlug Constantin der
Große am 18ten September des Jahres 323 seinen Gegner und Nebenkaiser
Licinius, den Verteidiger und Schützer des Heidenthumes, und setzte
hierdurch, wie durch ein von den Feinden selber herbeigerufenes
Gottesurtheil, den Herrscherthron des Christenglaubens auch äußerlich
fest. Aber, was noch vielmehr und bedeutungsvoller ist: in Nicomedien,
in der nämlichen Stadt, welche der Ausgangs- und Mittelpunkt des
Vertilgungs- und Ausrottungskrieges gegen die Christen gewesen war,
empfieng -- da eben seit jener Zeit nur ein einziges Mannesleben von 33
Jahren vergangen war, im Jahre 337, Constantin die Taufe der Christen.
-- Du hoher Olymp im Süden schauest noch in unverwandelter Gestalt auf
das vormalige Blutfeld herunter; der Kaiser aber, der sich auf den
Münzen, die seinen Sieg über die Christen feiern sollten, als Herrscher
des Olymp, als Jupiter, mit dem Donnerkeil in seiner Rechten, und zu
seinen Füßen die niedergeschmetterte Macht der Christen darstellen
ließ, wie hätte er schon nach einem einzigen Mannesleben Alles so ganz
anders gestaltet gefunden, als er es erwartet. ~Hannibals Grab~,
dort bei Libyssa, zwischen Chalcedon und Nicomedia, du erinnerst an
das Vorspiel oder die Ouvertüre, welche die Geschichte hier dem großen
Schauspiele, das sie bald zu geben bereit war, voraussendete. Hier
versank der Strom, der einst so mächtig gewesen, daß er die Grundsteine
der stolzen Roma zu erschüttern drohete, gleich einem Siechbache der
Wüste, welcher mit starker Fluth aus dem Gebirge hervorbrach, im Sande.
Fürwahr, die Geschichte beobachtet, wenigstens was die Einheit des
Ortes betrifft, bei ihren Vorstellungen öfters die Regeln der alten
Tragödie. Wie hat sich doch hier, in einem engbegränzten Raume, auf
einer kleinen Bühne der Erdoberfläche, deren Scenerie unverändert
dieselbe blieb, ein Cyklus von Tragödien entwickelt, welche, wie
jene, in denen Sophokles die Geschichte des Oedipus und seines Hauses
besang, ein großes Ganzes bildet, das, durch Gleichheit des Inhaltes
der einzelnen Stücke sich als ein zusammengehöriges zeigt. An der
südlichen Gränze des Propontis erhub sich die Flamme, von welcher Troja
verzehrt wurde, dessen Lebenskeim, wie der Phönix der alten Sage, in
der neuen Form des römischen Weltenreiches wieder aufwachte. Hier
bei Libyssa feierte die Macht des weströmischen Reiches an Hannibals
Grabeshügel einen Triumph, dessen Gegenspiel der Sieg des Constantin
über den Licinius war; denn damit erhub sich ein Gegengewicht, das für
lange Zeiten den Scepter aus der Hand des Westens zu sich herüberriß.
Hier auch, in Nicomedia, rühmte sich das Heidenthum über das, wie es
schien, vertilgte Christenthum eines Sieges, dessen das Christenthum
bald nachher sich nicht rühmte, sondern seiner in der That und Wahrheit
genoß.
Es war ein unbeschreiblich schöner Abend, als wir mit unserem
Dampfschiff über den Propontis hinschwebten. Die Schaaren der Delphine
spielten in unsrer Nähe; dieses Thier, das einer wirklichen Regung
der Neugier fähig ist, schien durch das Rauschen und Rauchen des
Dampfschiffes mehr angelockt denn abgeschreckt zu werden. Wir hatten
uns wieder der westlichen, der europäischen Küste genähert, die sich
hier zur weiten Ebene ausdehnt; fern hinter uns lag schon das alte
~Athyras~ (jetzt Bujuk Tschekmedsche), wo der Feldherr Belisarius,
nachdem er noch einmal das greise Haupt mit dem Kriegshelme bedeckt,
die Hunnen schlug; weiterhin erheben sich über die vormals so reiche
Fläche nur hohe Grabeshügel, welche die Gebeine wie den Namen der
Helden, deren Ehrendenkmal sie einst waren, verdecken und verschweigen.
So lange die Dämmerung es erlaubte genossen wir des Anblickes des
Meeres und Landes; den von ~Rodosto~, dem Wohnorte vieler
deutschredenden Ungarn und Siebenbürgen, die aus Buda hieher kamen,
entzog uns die Nacht.
Die Empfindung, mit welcher ich am 11ten October beim ersten Grauen des
Tages erwachte, glich fast jener, die mich in meinen Jünglingsjahren
ergriff, als nun endlich der Morgen des längst ersehnten Tages gekommen
war, an dem ich den theuren Mann und Lehrer, der mir der erste,
freundliche Führer auf das Meer des eigenen, selbständigen Denkens
und Forschens gewesen war[82], nach zweijähriger Trennung wiedersehen
sollte. Ich sollte heute ein Land sehen und begrüßen, das mir in der
Blüthenzeit des Lebens ein Lustgarten gewesen war, darinnen meine Seele
sich Hütten, wie zum beständigen Wohnen aufgeschlagen, meine Phantasie
täglich sich ergangen hatte; ich sollte die Küste von ~Ilion~
sehen: Achilles wie des Patroklos Grabmal und des Skamandros blühende
Gefilde. Schon vor Sonnenaufgang stunden wir auf dem Verdeck; ein
Geruch, wie nach Narden, den der Wind vom Lande her brachte, kam uns
entgegen; die breitere Bahn des Propontis lag hinter uns, wir näherten
uns schon dem Eingang zum Hellespont. Dort auf den Alpenhöhen des
Rhodopegebirges, die sich uns durch eine der Thalschluchten zeigten,
erwachte jetzt, im Strahle der aufgehenden Sonne der Morgen; es war
als ob einzelne Töne der Orpheischen Lyra, wie ein Säuseln aus dem
Wipfel der Eiche, an unser Ohr kämen; dort an dem beschneiten Gipfel
von Rhodopes Gebirge, klagte Orpheus seine Euridice. Das Herz des
alten Barden, der, ein Seher des Künftigen, in vielen seiner Lieder
die Herrlichkeit eines fernkommenden Reiches des Geistigen besang,
schlug noch jugendlich treu und warm, als das Haupt schon vom Schnee
des Alters bedeckt war; die Liebe seiner Jugend war ihm Vorbild
und Führerin zu einer Liebe gewesen, die nicht vom Geschlecht des
Vergänglichen, sondern von einer niemals alternden, unvergänglichen Art
ist.
~Gallipoli~, auf welches nun auch die Strahlen der Morgensonne
fielen, erscheint noch immer, wie sein alter Name Kallipolis es
nennet, als eine schöne Stadt; malerisch schön durch den Gürtel
der streifenweise geschichteten, von Gärten und Zypressenwäldern
durchzogenen Felsen, an die es sich anlehnt; schön durch das farbige
Gemisch seiner Moscheen und Häuser. Denn wenn auch der (deutlich
geschichtete) Felsen seit Jahrtausenden derselbe blieb, so hat doch
dieses Heer der Gebäude, gleich der Haut einer Schlange, im Verlauf
der Jahrhunderte sich oft erneut; es erhub sich aus den Haufen des
Schuttes und der Asche, in welche es durch die Barbarei der Lateiner
versunken war, und als in der Mitte des 14ten Jahrhunderts ein
furchtbares Erdbeben Mauern und Häuser der Stadt zu Boden gestreckt,
da hob dieselben die Hand der Türken, welche hiermit zuerst festen
Fuß an der europäischen Küste faßten, zu neuer Herrlichkeit empor.
Das vormalige ~Lampsacus~ (jetzt Lepsek oder Lamsaki), das
an der entgegengesetzten asiatischen Küste etwas südlicher denn
Gallipoli liegt, hat sich nicht so wie dieses erneuert und gehäutet;
es hat dieses Geschäft der peloponnesischen Riesenschlange (+Boa
turcica+) überlassen, welche unter der üppigen Fülle der Landschaft
(der alten Abarnis) herumschleicht, da wo nach der Sage der häßlich
entstellte Halbbruder des Amor geboren ward, den, von Schaam ergriffen
die eigne Mutter verläugnete. Noch jetzt vermöchte diese Gegend, deren
köstlicher, feuriger Wein vom Alterthume so hoch gepriesen ward, eine
Pflegerin jener silenischen Begeistrung zu werden, welche den von ihr
Bewältigten sich selber und seine geistige Bestimmung vergessen und
verläugnen machet, denn noch immer glühet hier, unter dem Grün der
Rebe das Feuer der edelsten, gehaltreichsten Trauben; Feigenbäume von
bräunlichen Früchten behangen, bedecken die Hügel. Das Oertlein selber
aber, das an der Stätte von Lampsacus, dem Geburtsorte des mitten in
solcher Naturfülle nüchtern gebliebenen Redners und Geschichtsforschers
Anaximenes stehet, ist ein unregelmäßiges Gehäufe armseliger Hütten.
Immer genußreicher und reizender wird jetzt die Fahrt. -- Da in der
Meerenge des Hellespontes stehen sich die Kräfte zweier nachbarlicher
Welttheile, wie die Vorposten zweier Heere nahe gegenüber; sie rufen
sich wechselseitig Worte der Herausforderung zu. Das asiatische
Ufer, in der unvergleichlich schönen Fülle seiner Lorbeer- und
Terebinthenhaine, in dem Schmucke der Wein- und Kirschengärten, über
deren niedre Hügel von Süden her der hohe Ida hervorblickt, ruft mit
lauter Stimme zu der Nachbarin hinüber: »Siehst du mein Haupt mit
Kränzen des Ruhmes umwunden?« -- »Wunden« antwortet drüben das Echo aus
den gähen Felsen des Chersonesus. Darauf fraget der noch jetzt von den
Trümmern der ~Mauer des Miltiades~ umzäumte Chersonesus: »Siehst
du die hehren Werke meiner Hände?« und das Echo der asiatischen Küste
antwortet »Ende.« Von neuem rufet das Blumengefilde Mysiens zu der
Nachbarin hinüber: »Was hast du, mit Asiens Blüthen zu vergleichen?« --
»Eichen« antwortet darauf der Wiederhall von Thraziens Halbinsel. --
Wiederum erhebt Europas Küste die mächtige Stimme und rufet: »Welcher
Ausgang bleibt dir, du Sklavin der Sklaven offen?« -- Die Gegnerin
antwortet: »Hoffen.«
Indem wir so, das Auge bald auf die grünenden Anhöhen und die von
immerblühenden Rosengehängen gerötheten Schluchten der asiatischen
Küste, bald auf die von Seelilien[83] umsäumten Felsengestade des
Chersonesus gerichtet, dem Zweigespräch der beiden Nachbarinnen
lauschten, sind wir schon, ~Sestos~ gegenüber, bis an das
~Vorgebirge von Abydos~ gekommen. Da, an den Klippen, deren Reihen
weit hinein ins Meer sich fortsetzen, sahe man noch vor wenig Jahren
einzelne Trümmer jener fünf türkischen Kriegsschiffe herumgestreut
liegen, welche der kühne, englische Admiral ~Duckworth~ (im
J. 1807) hier, hinter der für unannahbar gehaltenen Schutzwehr der
Dardanellen aufgesucht und zerstört hatte, ein Wagstück, welches
übrigens schon unter Andren der Capitän des Meerbusens von Venedig:
~Jacob Veniero~ im Jahr 1464, und Admiral ~Elphinston~, nach
der für die Türken so unglücklichen Seeschlacht bei Tschesme im Jahr
1770 bestanden hatten, der Letztere so glücklich, daß er, nachdem er
jenseits der Dardanellen ruhig Anker geworfen, und während seine
Trompeter bließen, eine Tasse Thee getrunken hatte, ohne Verlust mit
der Fluth zurückkehrte. Hier, wo die Sage der Dichter ~Hero's~
und ~Leanders~ Ort der Begegnung und letzten Trennung hinsetzet,
treten sich beide Ufer am nächsten, darum hatte da bei der Landspitze
~Nagara Burnu~, auf welcher der alte Leuchtthurm stund, etwas
nördlich von Abydos Xerxes seine Schiffsbrücke gebaut; hier bei
Abydos war es auch, wo Alexander der Große mit seinem Heere nach
Asien übersetzte, und wo auch die kriegerische Macht der Galater
hinüberdrang, während umgekehrt da in derselben Gegend ~Soliman~,
Orchans Sohn, am Saume des Strandes hinreitend, hundert Jahre vor
der Einnahme von Constantinopel den Entschluß faßte und auszuführen
begann, als Eroberer nach Europa überzusetzen. Uns, wie einst die
alten Gallier, wandelte, bei dem Anblicke der ganz nahe an unsrer
Seite liegenden, asiatischen Küste der entgegengesetzte Trieb an,
hinüber zu ziehen nach Asien, welches hier, am Ufer der Bäche, die aus
den waldigen Höhen herabstürzen, eine unbeschreibliche Lieblichkeit
entfaltet. Wir hatten indeß nicht lange Zeit das Auge mit den Heerden
der Lämmer zugleich, die am Abhange der Hügel giengen, auf die Weide
dieser grünenden Auen zu senden; schon lagen vor uns, drohend in roher
Kraft, die beiden Bergschlösser der Dardanellen: das ~Kellidil
Bahar~ oder Auge des Meeres und die ~Sultanie Kalessi~ oder
große Sultansstadt. Unser Dampfschiff hatte hier auf kurze Zeit
anzuhalten; wir kamen der Kellidil Bahar so nahe, daß wir in den
ungeheuren Schlund ihrer Geschütze so deutlich hineinschauen konnten
als Odysseus in das grimmig blickende Auge des Kyklopen. Seitdem,
wie schon erwähnt, jener gefangene Ungar für Mohammed +II.+
die Riesenkanone gegossen, welche steinerne Kugeln von 6 Zentnern
Gewicht, wie man sagt, auf eine Meile weit schoß, und welche wirklich
bei dem Bestürmen der Mauern von Constantinopel furchtbare Wirkung
that, haben die Türken mehrere ihrer befestigten Orte, vor allen aber
die Dardanellen mit solchen, Feuer und Gestein speienden Ungeheuern
besetzt, die sich an Größe zu andern Kanonen fast so verhalten, wie die
Riesenschlange zur Ringelnatter. Träge jedoch zugleich und unbeweglich
wie die Riesenschlange, wenn sie ihren Leib mit Nahrung gefüllt hat,
liegen diese Feuerschlünde an ihrem Orte; sie gleichen Gewalten der
Natur, welchen der Mensch nichts zu gebieten vermag, das sie nicht
selber zu thun geneigt sind; sie schleudern ihre verderblichen
Steinmassen immer nur nach einem Punkte hin, eine Richtung von andrer
Art kann ihnen, so wie sie da fest liegen, der Türke nicht geben.
Dennoch vermögen sie auch so noch Ungeheures zu leisten; dieses erfuhr
der kühne Duckworth als er nach der Zerstörung der türkischen Flotille
mehrere Tage in vergeblichen Unterhandlungen vor Constantinopel
verloren und als nun die türkische Artillerie, geleitet durch
französische Offiziere, an den Dardanellen und manchen andern Punkten
der Küste seiner mit feindselig gespannter Aufmerksamkeit wartete. Denn
obgleich er, begünstigt von Wind und Strömung ziemlich schnell zwischen
den künstlichen Vulkanen der Dardanellen hindurchfuhr, ward dennoch
ein Theil seiner Schiffe so nachdrücklich von dem Geschütze getroffen,
daß der Royal George fast zu Grunde gegangen wäre; dem Windsor Castle
wurde der Mastbaum, einer andern Fregatte das Steuerruder sammt einem
Theil der Pupa zerschmettert; an der Aktive, auf welche eine mehr als
zwei Fuß im Durchmesser haltende, gegen 8 Zentner schwere Granitkugel
auftraf, wurde das mächtig starke Zimmerwerk in der Gegend des
Backbordbuges so durchbohrt, als sey es von Papier; die Kugel rollte
jedoch dann auf dem Mittelverdeck nach hinten, ohne weiteren Schaden
zu thun. Auch Jacob Veniero, als er des groben Geschützes dieser
furchtbar drohenden Felsenschlösser spottend zwischen den Dardanellen
hin und herfuhr, verlohr auf der Einfahrt 7, auf der Hinausfahrt 5
Ruderer, nicht sowohl durch die großen Kanonen als durch die kleinen
Schießgewehre der Besatzung.
Doch wir haben in diesen Gegenden andre, bedeutungsvollere Dinge zu
bedenken und zu betrachten als die Thaten einiger neueren Seehelden;
wir stehen hier am Ufer eines Meeres der bewegten Lebenskräfte,
welches, dem Auge unübersehbar von einem Jahrtausend zum anderen woget.
Der Geist, welcher durch seine Kraft das sichtbare und vergängliche
Wesen zum Leben der Ewigkeit weihet, hat verschiedne Weisen dieser
Weihungen; denn Er ist es, welcher der Seele die Weihe eines Lebens
in Gott und aus Gott ertheilet, Er auch ist es, der ihr, mitten in
dem dumpfen Gedränge des Sinnenlebens ein Sehnen nach Gott und dem
Göttlichen einhauchet. Noch ehe das zarte Kind den süßen Namen, der
noch nicht gekannten Mutter zu nennen vermag, ist sein Rufen nach ihr
ein Weinen; dieses Weinen ist es, durch welches im leiblichen Menschen
zuerst die Kraft der Stimme und der Sprache aufkeimet; der Schmerz ist
das erste nährende Element der Seele, deren Wesen und Leben ein Sehnen
ist, hinaus und hinauf aus dem armen, beengten Kreise des selbstsüchtig
sinnlichen Seyns in den Zustand eines Mitgenießens der Freude, welche
niemals aufhört; des Lebens das niemals endet. Wie das Kind zuerst
an der Hand der Wärterin sich festhält und so zum eignen Gehen sich
bekräftiget: so erstarket das geistige Leben der Völker, das Leben
der frühe verwaisten, in die Fremde gerathenen Kinder zuerst durch
das Erfassen des Mitgefühles mit vielen Andren, welche das Gleiche
fühlen; eines Mitgenießens der Freude, welche viele Andre erfreut.
Dieses Mitgefühl, das in Tausenden zugleich die Thräne des Schmerzens
wie das Aufwallen der Freude und der Begeisterung zur That der Helden
weckte; dieses Mitgefühl das um viele der äusserlich unter sich
getrennten und uneinigen Städte, Inseln und Völkerschaften ein Band der
geistigen Einheit schlang, reichte die Muse dar, welche Ilions Fall
und ein Sehnen nach der Heimath besang, das erst nach langem Kampfe
und mühseligen Irrfahrten das theure Heim gefunden. Denn wie einst der
Atreiden Schlachtruf Hella's Stämme vor Ilion versammlet, so rufte
Homers Lied der Helden sie alle von neuem zum gemeinsamen, geistigen
Werk des Lebens; Athens wie Sparta's Gesetzgeber und Begründer des
Bauwerkes der Staatenverfassung, sie erfuhren von neuem die Kräfte
jener Orpheischen Lyra, die das ungeordnete Gestein zur Anordnung
der Tempelgemäuer herbeizog, als sie durch Homers Gesang die Seelen
der Menschen zum Aufmerken auf die große That der Geschichte geweckt
hatten, welche überall, sie erscheine in welcher Form sie wolle, ein
Hineilen nach einem Ausgang und nach einer Lösung des Räthsels ist, die
nicht in des vergänglichen Lebens Zeit, sondern in des Lebens Ewigkeit
fällt, und deren sichtbares Gewebe aus Fäden sich entspinnt, die in
einer unsichtbaren Welt des Göttlichen ihren Anfang nehmen. Was hierbei
so Großes wirkte, das war vor allem das Erfassen dieser unsichtbaren
Anfänge und Ausgänge alles in das sichtbare Wesen kräftig wirkenden
Thuns; ein Erfassen das durch Kraft, hier des Geistes als Muse, gewirkt
ward, als in Argos Auen wie an Asiens Küsten und auf Creta's Gebirgen
der Gesang widertönte, vom Zorne der Atreiden und des Peleiaden
Achilles, oder die Thräne des Mitleides bei Hektors und Andromache's
Abschied, wie, zu Achills Füßen, um Hektors Leichnam, mit dem ergrauten
Priamus, das Auge des dorischen wie des jonischen Jünglinges und des
Bewohners der Inseln benetzte. Ja, »aus Troja's leiblichem Untergang
ist ein geistiges Ilion erstanden und wenn auch nicht mit dem
beglückteren Achill auf Leuke, lebet doch der frühe verblühete Hektor,
lebet mit ihm Andromache ein nie verwelkendes Leben im Liede; Ilions
Fall und geistige Verklärung wird hierdurch ein Bild voll Bedeutung wie
das Samenkorn das im Boden verwest, während der Keim des Neuen fröhlich
aus ihm hervorwächset«[84].
Doch nicht mit dem geistigen Auge allein, auch mit dem leiblichen
treten wir jetzt dem Schauplatz der Homerischen Heldenkämpfe etwas
näher. Unser Dampfschiff hielt hier, weil mehrere Reisende ausstiegen,
gerade so lange als nöthig war, um wenigstens die Hauptpunkte der
Scenerie, die sich aus ~Le Chevalier's~ und ~Clarke's~ Beschreibungen
dem Gedächtniß tief eingeprägt hatten, freilich nur wie ein Gemälde,
zu überblicken. Da, wo der Saum der Küste ein wenig anwärts steigt,
erhebt sich noch jetzt, neben dem des ~Patroklus~ jener ~Grabeshügel
des Achill~, den schon vor 22 Jahrhunderten Alexander der Macedonier
durch gymnischen Kreistanz ehrte; hier war das Lager der Griechen; dort
auf der Anhöhe, die nun das Dorf ~Burnabaschi~ einnimmt, stund Ilions
Veste und noch jetzt quillt am Fuße des Hügels der warme Quell, noch
jetzt zeigt sich da, von altem Gemäuer umfaßt, ein Wasserbehältniß,
vielleicht dasselbe, an welchem Troja's Frauen, ehe das Annahen der
feindlichen Heeresmacht die Sitte des Friedens störte, die Gewänder
wuschen. Noch jetzt wächst auf dem ~Feigenhügel~ das Gebüsch der
wilden Feigen; die Höhe von ~Kali Kolone~ dort jenseits, auf welcher
die mit Troja befreundeten Götter, jene ihr gegenüber gelegne, auf
welcher die mit den Griechen verbündeten stunden, selbst der kleine
Hügel (das ~Grabmal des Aësites~), von wo Polites die Bewegungen des
Griechenheeres erspähte, lassen, aus ~Homers~ Beschreibungen, sich
noch errathen. Der ~Simois~ wälzet noch jetzt sein trübes, schlammiges
Wasser zuletzt in eine sumpfige, mit Schilf bewachsne Brake, aus deren
stehendem Wasser die Strahlen der Sonne Seuchen ausbrüten wie damals,
da Griechenlands Heere vom tödtlichen Geschoß derselben erlagen.
Zwar der klare, fischreiche ~Skamandros~ strömet jetzt durch ein
andres, später gegrabenes Bett ins Meer, doch zeigen sich noch in den
Vertiefungen des Bodens die Spuren seiner alten Zusammenmündung mit
dem Simois. So tritt die Natur, wie die Aussage eines unschuldigen,
unbefangenen Kindes auf die Seite des Dichters und bezeuget, daß Homers
Muse Wahres gesehen und gesprochen.
Jenseits ~Tenedos~, das noch immer, wie zu Themistokles Zeiten durch
seinen köstlichen Wein[85] berühmt ist, begegnete uns, gerade in
den heißen Stunden des Tages, ein erfrischender Wind; das Meer, auf
welches ein vorüberziehendes Gewölk das dunkle Lasur seines Schattens
warf, gieng in etwas kräftigeren Wogen; fern im Norden, hinter und
neben ~Imbros~ zeigte sich der ~Saoke~, der Berg von ~Samothrace~.
Es erscheinet nicht ohne tieferen Sinn, daß dieser Sitz der alten
Orpheischen Geheimlehren so nahe an Ilions Küste gestellt war; wie in
Dante's und Shakespear's Geiste gesellet die ewige Weisheit auch in der
Geschichte der Länder und Völker zu dem mildernden Vordergrunde des
Diesseits den ernsten Hintergrund der Kunde des Jenseits. Eben ertönte
noch in unserem Ohre der liebliche Gesang zur Zither und der Laut
der Flöte, welche von der Lust und dem Leid des vergänglichen Lebens
sprachen; da erhebt das ernste Geläute der Glocke, vom benachbarten
Thurme seine Stimme und erinnert an Das, was jenseits der Gräber
ist. Die Gesänge der Homerischen Muse auf Troja's Ebene stärkten
und begeisterten Die, welche sie vernahmen, zu den Heldentaten des
Schlachtfeldes und des Kampfes der Männer; die Töne der Orpheischen
Lyra, in den Geheimlehren Samothrakes gaben Denen, die sie vernahmen
und erfaßten, Kraft und Muth zu dem Bestehen der siebenten Trübsal, zu
dem Kampf mit den Schrecken des Todes.
~Lemnos~ hatten wir wenig beachtet; desto mehr zog uns der Anblick
des bergigen, schön bewachsnen ~Lesbos~ (~Metelyn~) an, an dessen
östlichen Ufern wir in den späteren Nachmittagsstunden ganz nahe
hinfuhren, und in dessen einer Bucht unser Dampfschiff für kurze Zeit
anhielt, weil hier mehrere Reisende ausstiegen. Noch jetzt, wie zu
Tourneforts Zeiten, gewährt diese Insel mehr als 100 größeren und
kleineren Ortschaften Nahrung und fröhlichen Verkehr, und dieser
reiche Boden war nicht bloß fruchtbar an leiblichen Gewächsen, er war
dies auch an geistigen Kräften, denn Lesbos ist die Geburtsstätte
von ~Alcäus~ und ~Sappho~, wie von dem Zeichner der Charaktere, dem
Dolmetscher der stummen Zeichensprache der Pflanzen, der Steine und
Meteore: ~Theophrast~ dem Eresier. Wie durchsichtig und klar der
Himmel dieser Länder sey, das lehrte uns am Abend der Anblick der
Mondsichel, die wie ein zarter Silberfaden schon heute, gegen Ende des
2ten Tages nach dem Neumond, tief am Horizont sich zeigte. Die Feuer
der brennenden Gebüsche, welche die Hirten entzündet hatten, ergoßen
sich wie Gluthströme über die Schluchten des Gebirges; erst spät
verließen wir das Verdeck, um die Ruhestätte zu suchen.
Beim Erwachen, in der Dämmerung des nächsten Morgens, war das Erste
das wir vernahmen ein Laut, den wir lange nicht mehr gehört hatten:
der Ton der christlichen Gebetglocken. Unser Schiff lag schon seit
mehreren Stunden in der Bucht von ~Smyrna~. Sey uns gegrüßt du altes,
schwärzlich graues Felsenschloß auf der Höhe des Mastusiaberges, aus
dessen Pallästen und Tempeln einst die Fülle und Herrlichkeit Joniens
in solcher siegreichen Anmuth hervorblickten, daß der länderkundige
Strabo bei dem Anblick das Lob der »schönen Stadt« ausrief. Noch mehr
aber sey du uns gegrüßt du immergrünendes Gefilde des Meles, aus dem
einer jener Engel hervorgieng, der wie jene, durch deren Geschäft das
Gesetz gegeben ward, die Bestimmung hatte, den Völkern und Menschen
ein geistiges Bewegen, hinweg von dem thierischen Sinnengenuß in
ein Gebiet des innern Schauens und Genießens zu bringen, welches
wenigstens die Vorhalle oder der Garten jenes Tempels der Innenwelt
ist, deren Pforten der Glaube eröffnet. Hier oder nahe von hier war
die Geburtsstätte des Homeros, des einen, ganzen Sängers der Ilias
und der Odyssee, nicht jenes vielköpfigen, vielarmigen, den sich die
Gelehrsamkeit unsrer Tage ersonnen hat.
Es lag, in der dämmernden Frühe, über den Hainen der Zypressen und
den Gärten der Orangen eine Stille, wie jene die eine liebende
Mutter sich und den Ihrigen auferlegt, damit der schlafende Säugling
nicht geweckt werde; endlich nahete, von den Höhen des Sipylos der
Morgen und goß seine Strahlen herab in das Thal; der dunkelgrüne
Vorhang der Zypressenhaine that sich auf und verstattete dem Auge den
Zutritt hinein in die Lustgänge der Lebenden wie auf die Ruhestätte
der in den langen, letzten Schlummer versenkten Schläfer. Wenn auch
die jetzige Geschichte des Landes gleich dem Tithon die Züge des
kraftlosen Alters an sich trägt, so fällt dennoch auf sie noch immer,
lieblich verklärend, der Strahl der niemals alternden, ewig kräftigen
Morgenröthe, und es ist nicht die irdische Aurora allein, die im
Liede des Sängers hier mit Homers Geburtsstätte sich vermählte; es
ist ein Morgenglanz der Ewigkeit der seine Strahlen auf diese alte
Stadt wirft, die nicht nur im Liede der Dichter, sondern in dem hehren
Worte der Offenbarung eine hochgepriesene ist. Vergessen wir nicht,
daß wir hier bei der besten, untadelichsten unter jenen sieben alten
Christengemeinden sind, an welche die Sendschreiben des versiegelten
Buches gerichtet waren, das den Schlußstein der Schriften des neuen
Bundes bildet[86].
Smyrna.
Wir verweilten fast vier Wochen in Smyrna und seiner Umgegend; hier,
oder in dem Zypressenhaine von ~Budscha~ war der Mittelpunkt, von
welchem unsre Reisen nach dem Thale des Kaystros wie des Hermos und
des Paktolus ausgiengen, und wenn uns der Anblick der Marmorruinen
von Metropolis, die wie ein zerrissenes Leichentuch über die Stätte
der Gräber gestreut liegen, wenn uns die grauenvolle Verödung auf den
Gassen und in den Säulenhallen von Ephesus, wenn uns der erschütternde
Anblick von Sardis, aus dessen von Erdbeben und Barbarenhänden
zerrissenen Gemäuern Furcht und Entsetzen, wie aus dem Haupt der
Gorgone hervorblicken, niedergebeugt und traurig gestimmt hatten,
da erholten wir uns von neuem in dem lebensfrohen Smyrna; darum
beschreiben wir auch dieses zuerst.
Wir steigen jetzt aus, an dem reinlich gepflasterten Hafenplatz bei
dem Frankenquartier, der von ansehnlichen, europäisch eingerichteten
Häusern umgeben ist. Man glaubt sich hier in einer einheimischen
Stadt zu finden, denn neben den Waaren und Kaufleuten aus England und
Frankreich findet man auch mannichfache Handelsartikel aus Nürnberg und
einzelne deutsch-redende Kaufleute und Handwerker. Man hatte uns schon
vor unsrer Ankunft Wohnung in dem Gasthaus einer Griechin (der Madame
Maraccini) bestellt und bereitet, das in einer der ansehnlichsten,
luftigsten Nebenstraßen des Frankenquartieres liegt; hier fanden wir in
fast zu großem Ueberfluß die Bequemlichkeiten eines gut eingerichteten
europäischen Gasthauses und eine Gesellschaft von Gästen, welche in
vier Welttheilen zu Hause war; denn außer den einheimischen Asiaten
und den Europäern waren besuchende Fremde aus Aegypten und Amerika
da. Doch wir halten uns hier nicht auf, schon nach dem Genuß des
Frühstückes in dem zur Rosenlaube eingerichteten Hofraume begeben wir
uns hinaus vor die Stadt, ans Meer und in die Gärten. Ich beschreibe
mit dem Eindruck der ersten Stunde zugleich das, was wir im Verlaufe
auch der übrigen Tage unsres hiesigen Aufenthaltes gesehen.
Man hat die weite, von Bergen umgürtete Bucht von Smyrna mit der von
Neapel verglichen. Die Natur ist allerdings eben so großartig und
gewaltig in ihren Umrissen, ja vielleicht selbst noch großartiger als
die von Neapel; der Gedanke, daß man hier in Homers, in Hesiods, in
Anakreons, in Anaxagoras Vaterlande, und was noch mehr ist, daß man
sich an der Stätte jener alten Christengemeinde befinde, welche vor
allen andern Gemeinden der Erde den Namen »~der treuen~« sich
erworben, erhebt vielleicht die Seele noch mächtiger, als der Anblick
von Virgils Grabe am Posilippo; eines aber geht dennoch der Gegend
von Smyrna im Vergleich mit der von Neapel ab: das ist die grüne
Bekleidung der Berge und Hügel mit Gebüsch und Bäumen, welche Italiens
Landschaften ihren ganz besondren Reiz giebt. Der Muselmann, wie er
sein eignes Haupt, das er unter dem Turban verbirgt, ganz kahl zu
scheeren, ja glatt zu rasiren pflegt, rasirt auch, so weit er es nur
vermag, die Höhen seiner Berge und Hügel und entzieht hierdurch den
Quellen und Flüssen seines Landes die natürliche Nahrung. Die Ebenen
und Schluchten um Smyrna sind allerdings lachend schön, die Höhen aber
daneben lachen nicht; sondern in ihrer jetzigen Entstellung grinsen
sie das Auge des Europäers an, wie ein kahl geschorner Türkenkopf,
dem der Turban entfiel; während das Haupt der neapolitanischen Höhen
mit der Jugendfülle der Locken umgeben ist. Dennoch, wenn wir in der
grünenden Ebene, gegen Burnabat hin uns ergiengen oder zwischen den
duftenden Orangengärten uns so verirrt hatten, daß wir keinen Ausweg
mehr fanden, oder, jenseits der Gärten der Feigen und der Oelbäume auf
einem der Hügel, bei den Heerden der hier weidenden großen, schönen
Kameele stunden, neben uns das Engthal des ~Meles~, das noch jetzt
den Namen Paradeisos führt und in welchem, wie man sagt, der Dichter
der Iliade seine Grotte oder sein Hüttlein hatte, vergaßen wir gerne
das was etwa fehlte, und erquickten uns inniglich an dem das in reicher
Fülle gegenwärtig und vorhanden war.
In Smyrna haben Christen und Mohammedaner Jahrhunderte lang feindlich
sich gegenübergestanden und manche blutige Kämpfe mit einander
gekämpft. Oben die alte Burg auf dem Mastusiaberge[87], die seit
Antigonus, des Feldherrn Alexanders des Macedoniers und seit der
römischen Kaiser Zeiten[88] von so vielerlei Händen gebaut und wieder
zerrissen und wieder gebaut ward, hatten meist die Türken, den untern
Theil der eigentlichen Stadt vorherrschend die Christen im Besitz, bis
zuletzt unter der fester begründeten türkischen Herrschaft die Osmanen
auch in der Stadt selber die Oberhand gewannen. Dennoch, seitdem die
blutigen Kämpfe der griechischen Revolution beendigt wurden, wohnen
jetzt in dieser hierin merkwürdigen Stadt Mohammedaner und Juden mit
den Christen der verschiedensten Glaubensbekenntnisse so einträchtig
beisammen, daß man sich, nur freilich nach ungleich größerem Maßstabe,
in ein Gasthaus von Marseille, oder selbst von Leipzig, zur Zeit der
Messe, versetzt glaubt, wo sich auch die Abkömmlinge und Bewohner der
verschiedensten Länder und Städte zu friedlichem Verkehr vereint,
durcheinander bewegen. Der Stadttheil, welchen die Armenier und Türken
bewohnen, ziehet das Auge des Europäers durch seine reich, mit den
Erzeugnissen des Orients besetzten Bazars an. Die Gassen sind hier
zum Theil sehr schlecht gepflastert und schmutzig, dabei so eng, daß
wenn der lange Zug der Kameele mit Holz, Baumwolle oder getrockneten
Feigen beladen da hereinkommt, man in eine der angränzenden Werkstätten
sich retten muß; wenn sich, wie dieß nicht selten geschieht, in einer
solchen langen, engen Gasse zwei Züge von Kameelen begegnen, zwingt man
die des einen Zuges, welche entweder gar nicht, oder mit minder der
Gefahr ausgesetzten Dingen beladen sind, sich niederzulegen und die
Thiere des andern Zuges steigen dann ganz vorsichtig auftretend über
ihre am Boden liegenden Gefährten hinweg.
Um eine Uebersicht über das alte und neue Smyrna zu gewinnen, besteigt
man den Berg der alten, weitläufigen Burg, in deren innren Räumen
noch eine verlassene Moschee gesehen wird. Ein riesenhaft großer,
weiblicher Kopf, in halberhabener Arbeit, den die Türken öfters zur
Zielscheibe ihrer Pistolen gemacht und hierdurch sehr beschädigt haben,
soll an jene Amazone, oder nach Andern an jene Gemahlin des aeolischen
Begründers des alten Smyrna erinnern, von welcher diese Stadt, die alte
wie die spätere neue, ihren Namen empfieng. Wie diesem Bildniß ist es
dann freilich auch den vormals so viel und hochgepriesenen Bauwerken
des klassischen Smyrna selber ergangen. Das prachtvolle Theater, es war
das größeste in Asien, ist von den Osmanen bis auf wenige Reste, die
etwa schon bei der türkischen Besitznahme einen Theil der benachbarten
Wohnhäuser ausmachten, aus einander gerissen und seine marmornen
Mauerstücke zum Erbauen der Kaufmannshallen und andrer öffentlicher
Gebäude verwendet worden. Dennoch läßt sich noch die Stätte, nicht
nur des alten ~Theaters~ und des ~Stadiums~, sondern auch
die des ~Tempels~ des ~Jupiter Acräus~, in der vormaligen
~Akropolis~ bestimmen und auch die Wasserleitung, deren Bögen sich
durch das sogenannte Thal des Paradieses hinüberziehen, stammt, ihrer
Grundlage nach, aus den Zeiten wenigstens der römischen Baukunst her.
Von der Höhe des alten Burgberges überblickt man auch am besten den
bedeutenden Umfang der jetzigen Stadt, welche, wie man sagt, 12,500
Häuser, darunter freilich sehr viele Hütten, umfasset und über 120,000
Einwohner hat.
Herabwärts gehend von den verödeten Baustätten des zweiten, für uns
aber immerhin alt klassischen Smyrna[89] kommen wir da an einem
Felsenvorsprung vorüber, auf welchem, im Schatten der alten Zypresse,
ein einfaches Grabmal in türkischer Bauart stehet. Hier, in der Nähe
des Gemäuers eines längst zerstörten christlichen Kirchleins, das
nach seinem Namen genannt war, fand sich der noch jetzt lebenden
Sage nach, das Grab des heiligen ~Polykarpos~, eines Schülers
des Lieblingsjüngers des Herrn, des Apostels Johannes. Auf eine
beachtenswerthe Weise halten selbst die Türken diese Grabstätte, und
das Andenken des Mannes, an den sie erinnert in Ehren. Sie sagen von
ihm, daß er ein wahrer Freund Gottes gewesen sey; öfters schlachten sie
da Lämmer, deren Fleisch sie an die Armen vertheilen. Polykarpos litt
hier, in der Nähe seiner Grabstätte im Jahr 177 nach Christi Geburt,
mithin ein Jahr vorher, ehe das furchtbare Erdbeben (von 178) die
Stadt verheerte, den Zeugentod, der mit den Martern der Flamme begann
und durch das Schwert vollendet wurde. Da der heidnische Richter den
fast hundertjährigen, im Glauben seligen Greis fragte, ob er nicht
seines hohen Alters schonen und durch das Darbringen des Rauchwerkes
vor dem vergötterten Bilde des Kaisers Christo entsagen wolle,
antwortete der Alte: und wie könnte gerade ich, der so viele, lange
Jahre hindurch die Liebe und Wohltaten dieses guten Herrn erfahren,
mich von ihm lossagen? -- Ja, der Alte hatte jene Worte des göttlichen
Sendschreibens, das durch St. Johannis Hand an ihn ergangen war[90],
wohl beherzigt und behalten: er war getreu geblieben bis an den Tod,
und als ein fortwährender Segen des alten Hirten und seiner Heerde mag
es erscheinen, daß Smyrna seine Christengemeinden von den Zeiten der
Apostel bis auf unsre Tage sich noch immer bestehend erhielt, während
der Leuchter von Ephesus längst hinweggestoßen ward, Laodicea in die
Vergessenheit einer zerstörten Gerichtsstätte gerieth und über Sardis
die Vernichtung kam wie ein Dieb in der Nacht.
So gehet hier in Smyrna, wie in seiner ganzen Umgegend, die Erinnerung
an die Heroën der Dichtkunst und der tiefer gründenden Weltweisheit mit
der an die Helden des Christenglaubens Hand in Hand. Die Geschichte
Joniens wie die eines jeden einzelnen, wahrhaft geistig durchgebildeten
Menschen bezeugt es, daß die höchste Stufe dessen, was wir mit Achtung
und Recht »klassische Bildung« nennen, dem einfältigen Kinderglauben
des Christen keineswegs entgegenstehe und mit ihm unvereinbar sey;
sondern daß gerade die hohe Kunst und die Weisheit der sichtbaren
Welt, wenn sie nur redlich nach Wahrheit suchet, eine Führerin zu
jener verborgenen Weisheit werden kann, deren Reich zwar über und auf,
aber nicht ~von~ der Welt ist. Damit uns dieses deutlicher werde,
erbauen wir uns, ehe wir etwas Weitres von dem Aufenthalte in Smyrna
erzählen, da auf einem der Berge ein geistiges Homerion, zwar nicht aus
Säulen des Marmors oder des Granit, wohl aber aus einem Material das
bleibender ist denn diese: aus Erinnerungen an die große Geschichte
dieses Landes.
Man braucht nur einen Blick auf die Charte von Kleinasien und auf
die ganz nahe an seinen Küsten liegenden Inseln zu richten, um
mit einem Male an die ganze Urgeschichte der Wissenschaft wie der
hellenischen Kunst erinnert zu werden. Dieses Land gleichet dem
Granatbaum am Bache des Elisa bei Jericho, an welchem keine Blüthe
fehl schlägt, an welchem jedes einzelne Zweiglein mit der Fülle der
Früchte pranget: denn es ist hier keine Stadt, keine Insel, die nicht
Mutter und Pflegerin irgend eines Heroën gewesen wäre, dessen Name
in der Bildungsgeschichte unsers Geschlechts glänzt. Fassen wir da
einen Erdstrich an der Küste von Kleinasien ins Auge, dessen längste
Ausdehnung nur gegen 30 geographische Meilen beträgt und wir finden auf
ihm die Heimath aller der gepriesensten Väter und Anfänger der Kunst
wie der Wissenschaft beisammen. Dort, in der nachbarlichen, nördlich
von Smyrna gelegnen Meeresbucht von Sandarli sieht man noch die Ruinen
von ~Cyme~, dem Geburtsort des Dichters der Werke, des ~Hesiod~; hier
in der Gegend von Smyrna selber, oder wenn man dieß lieber will, auf
dem nahe gelegnen Chios war ~Homer~, der Vater der epischen, nur wenige
Meilen südwärts von Smyrna, an der andern Seite der kleinen Landzunge,
in ~Teos~, jener der lyrisch-erotischen Dichtkunst: ~Anakreon~
geboren. ~Miletos~ war die Vaterstadt des ersten der sieben Weisen,
des Begründers der ältesten Schule der Philosophie: des ~Thales~ und
mit ihm des ~Anaximander~ und des ~Anaximenes~; in ~Priene~, zwischen
Miletos und Ephesus, lebte der weise ~Bias~; ~Ephesus~ selber war
der Geburtsort des tiefsinnigen ~Heraklit~; dort in dem nachbarlich
gegenüber (von Ephesus) gelegnen ~Samos~ war der Erforscher einer
mächtiger und tiefer ins Leben eingreifenden Weisheit: ~Pythagoras~
geboren; hier südwärts von Miletos, in ~Halikarnassos~, der Vater
der Geschichte, ~Herodot~; auf der Nachbarinsel ~Cos~ (Stanchio) der
Vater der Arzneikunde, ~Hippokrates~; ~Klazomenä~ (jetzt Vourla) ganz
nahe bei Smyrna war die Vaterstadt von ~Anaxagoras~, des Perikles
Lehrer. Blicken wir auf die Geschichte der Kunst, dann darf sich Samos
die Mutter der gepriesensten Altmeister der griechischen Baukunst
nennen; denn hier wurden ~Rhökos~ und sein Sohn ~Theodoros~, so wie
der gleichnamige Enkel geboren, welche mit Ktesiphon dem Cretenser
den älteren Dianentempel zu Ephesus aus Crösus reichen, freiwilligen
Gaben erbauten. Ephesus selber war die Mutterstadt eines der ältesten
Meister der Malerkunst: des ~Parrhasius~, die Pflegerin des großen
Bildhauers ~Praxiteles~; ~Zeuxis~ war bei Milet in ~Heraklea~ am
Latmusgebirge, ~Apelles~ in ~Cos~ geboren. Und da späterhin auf
dieses an geistigen Erscheinungen so reiche Land noch ein anderer
Thau von oben fiel und auf seinem Boden neben den Myrten und Granaten
auch Heilgewächse zur Gesundheit der Heiden und Völker aufgehen und
gedeihen ließ; da hierdurch Kleinasien nicht nur ein Lustgarten der
Wissenschaft und Kunst, sondern ein Garten Gottes wurde, in welchem die
Neues schaffenden Kräfte der Ewigkeit sich ergiengen, in welchem Glanze
stunden damals Patmos und Ephesus, Colossä und Laodicea, Smyrna und
Sardis, Pergamum, Thyatira und Philadelphia da!
Ein Besuch bei einigen der sieben Gemeinden in Kleinasien, an welche
die Sendschreiben der Apokalypse gerichtet sind, gehörte von Anfang
an zu den Lieblingsplänen unsrer Pilgerreise, es war deshalb unsre
Absicht gewesen, schon von Constantinopel aus das unvergleichlich
schöne Brussa zu besuchen und von dort den Weg vielleicht zu Lande
über Pergamos und Thyatira nach Smyrna zu machen. Leider hatte die
Pest, welche gerade damals sehr heftig in Brussa und seiner Umgegend
wüthete, die Ausführung unsres Vorhabens verhindert und uns den Besuch
der hehren Gegend am Olymp und des prächtigen Brussa's verwehrt, wir
hatten jedoch auch von Smyrna aus günstige Gelegenheit, wenigstens die
alten Wohnstätten der kleinasiatischen Christengemeinden im Thale des
Kaystros und des Hermos zu besuchen. Ehe wir von diesen Besuchen etwas
Näheres erzählen, sey es erlaubt, jene in der Geschichte der ersten
christlichen Jahrhunderte so bedeutungsvolle Landschaft im Allgemeinen
zu überblicken.
Es waren vorzüglich die fruchtbaren Flußthäler der Nachbarschaft von
Smyrna, namentlich jenes des ~Hermos~ (jetzt Sarabat) und das
des ~Mäander~ (jetzt Meinder), das erstere nördlich, das andere
südlich der Halbinsel von Smyrna, in denen die Wohnstätten jener
Gemeinden sich fanden, deren Namen uns aus den Schriften der Apostel
ein so lieber, wohlbekannter Klang sind. Freilich haben in diesem
Lande nicht nur die Hände der Menschen sondern auch die Kräfte der
Natur die alte Gestalt der Dinge sehr verändert; der vormals flötende
Quell des Marsyas, inmitten des alten ~Celänä~, bei der Burg
und dem Park des Cyrus, hat, vielleicht schon seit dem Erdbeben in
den Zeiten des Mithridates, einen andern Ausgang durch den Felsen
genommen, auch das spätere ~Apamea~ (jetzt ~Dinare~), das
Antiochus Soter neben Celänä begründete, ist durch Erdbeben und die
Einbrüche der Türken ganz zerstört, dennoch finden sich auf dem Berge,
den eine spätere Sage, die sich auf Sybillinische Verse berief, zu
dem Ararat der Noachischen Fluth machen wollte[91], noch die Trümmer
einer Kirche und viele Grabstätten der Christen. Folgen wir weiter
hinab dem Laufe des Mäander, dann wecken die Schutthaufen der Städte,
an einem seiner Nebenflüsse: dem ~Lykus~ (jetzt Görduk) noch
näher liegende, ernste Erinnerungen. Nahe dem Quell des Lykus, bei
dem heutigen ~Khonas~, lag das einst so blühende ~Colossä~,
dessen Andenken der Brief des Apostels an die Colosser eine Dauer
der Ewigkeit verlieh, während die Gemäuer der Kirchen, Palläste und
Häuser, welche einstmals den Namen dieser Stadt trugen, niedergestürzt
sind in den Staub. Noch im 12ten Jahrhundert war Colossä oder wie es
damals hieß Colassä eine Wohnstätte vieler Christen; es stund hier
eine dem Erzengel Michael geweihete, prächtige Kirche; allen diesen
Herrlichkeiten aber machte die Zerstörung durch die Türken ein Ende
und selbst der unterirdische Felsenweg des Lykus, den das Alterthum
beschreibt, ist vom Erdbeben zerstört oder verändert. Ungleich reicher
noch und mächtiger denn Colossä war ~Laodicea~ am Lykus, das
seinen Namen so oft wie ein reicher Mann die Gewänder gewechselt hat.
Denn während diese Stadt in den Zeiten des Crösus Cydrara[92] und nach
Plinius Angabe[93] Diospolis, dann Phoas geheißen, erhielt sie den
späteren Namen von Laodike, der Gemahlin Antiochus +II.+, Theos.
Die noch immerhin prächtigen Trümmer der niedergestürzten Marmorgebäude
von Laodicea finden sich nun unter dem Namen ~Eski Hissar~ unweit
dem türkischen ~Denizli~. Nur noch der arme Ziegenhirte weidet
bei den Mauern der alten Theater und Palläste, in denen der Scorpion
und die Schlange wohnen, seine Heerde, keine einzige Hütte beut dem
bedürftigen Wandrer hier Obdach und Bewirthung dar. Dieß ist das Ende
der einst auch von Christen bewohnten[94] Stadt gewesen, welche mitten
in der Fülle des äußern Wohlstandes sprach: »ich bin reich und habe
gar satt, und bedarf nichts«[95]; der Stadt, deren Namen in dem Munde
der ernsteren Geschichte kein Fortleben fand[96], weil sie, gleich
dem verdorrten Grase und Gesträuche, das ihre Trümmer bedeckt, weder
nährende Frucht noch Schatten gab und deshalb nur noch zum Empfang der
verzehrenden Flamme geschickt war. Wie Colossä und Laodicea liegt auch
~Hierapolis~ (jetzt ~Pambuck Kalessi~), im Schutt und Staube,
die heißen Quellen, noch jetzt reich an heilenden Kräften wie vormals,
beurkunden seine ehemalige Stätte, westwärts und nahe bei Laodicea.
Auch hier blühte, bis zum Beginn der alles verheerenden türkischen
Herrschaft eine ansehnliche Christengemeinde, über deren Hütte freilich
ein andres, geistig kräftigeres Geheimniß waltete als über jener des
Cybeledienstes, dessen Mysterien ein früheres Jahrtausend hier feierte.
Doch wir gehen an diesen Städtetrümmern, wie an denen von ~Carura~
und seinen heißen Quellen, gehen selbst an jenen der einst so großen,
in den Zeiten des Heidenthumes geistig mächtigen ~Cabyra~ oder
Kibyre (am Carischen Flüßlein Indus) vorüber und beschreiben aus
eigner Anschauung die Reise nach der Wohnstätte einer der wichtigsten
Christengemeinden in Asien: nach ~Ephesus~, im Thal des Caystros.
Reise nach Ephesus.
Die Tage, auch die späteren des Octobers, sind in Kleinasien
keineswegs, so wie bei uns, Herbsttage; sie sind noch angethan mit
allen Kräften des heißen Sommers; dieß erfuhren wir, als wir am 19.
October uns aufmachten von dem paradiesisch schönen Budscha, wo
wir seit mehreren Tagen bei den theuren Freunden ~Jetter~ und
~Fielstädt~ wohnten, um in ihrer, so wie in des landeskundigen
Herrn ~Browns~ Gesellschaft das Thal des Caystros zu besuchen.
Wie bei uns im Sommer, gieng die Schaar der Honig sammelnden
Bienen aus und ein in den großen, schönfarbigen Blumen der wilden
Artischoke, die Myrte entfaltete noch, neben der schon reifenden
Beere einzelne ihrer spätgebornen Blüthen; auch das Gesträuch des
Lygon oder des Keuschlammstrauches war zugleich mit den traubenförmig
beisammenstehenden Früchten und mit dem lieblich farbigen Schmuck der
Blüthen geziert; in den Zweigen der Zypresse, wie der immergrünen
Eiche besangen noch Vögel den hier nie ganz verwelkenden Jugendreiz
des Landes. Neben diesem Grün der Schluchten und der Wälder zeigte
sich jedoch auch über weite Strecken hin der von der langen Dürre des
Sommers verbrannte Boden, die Ebene weißfarbig wie ein zur Ernte reifes
Getraidefeld, der nackte Boden der Hügel zerborsten und zerstäubt.
Ein Theil unsrer Reisegesellschaft (denn nur ich und die Hausfrau
wohnten in Budscha) hatte fast gleichzeitig mit uns die Reise von
Smyrna aus angetreten; wir begegneten uns noch vor ~Sediköi~,
dem Landaufenthalt mehrerer wohlhabenden Franken, welchem man die
Verheerungen durch die Revolution nicht mehr anmerkt. In unsrer
Gesellschaft befand sich auch der merkwürdige, vielgereiste Armenier,
~Jusuff Effendi~, von welchem wir später noch reden werden; ein
Mann, welcher der Sprache und Sitte der Türken mächtig, unter diesen
als einer ihres Gleichen gilt; mit ihm zwei türkische Postknechte oder
Surutschuis.
Als wir jetzt aus einem der immergrünenden Eichenwälder und dem dichten
Gebüsch der Myrte hinaustraten auf die freiere Höhe, da stiegen
jenseits der Ebene, in einer Klarheit, wie sie nur der Himmel von
Smyrna gewährt, gleich dunkellasurblauen Gewölken, die Felsenhöhen
von Teos und in Südost die Gebirge des Kaystros und des Mäandros am
Horizont herauf. Wie eine emporgehobene Hand, die dem besuchenden
Fremdlinge Willkommen zuwinkt, stunden vor uns die malerisch schönen
Höhengruppen des Mesogischen Bergzuges und gleich den Melodieen eines
Liedes, das uns die liebende Mutter bei der Wiege sang, lebten die
Erinnerungen an die Träume und Wünsche der Jünglingsjahre auf; die
Träume, die nun, einer nach dem andern, zum wirklichen Genuß, die
Wünsche, die zur Erfüllung wurden. War ja hier in der Nachbarschaft des
Meles, wie bei Teos, Ephesus und Milet, ja allerwärts wohin nun das
Auge sahe, die Seele schon oftmals wandeln gegangen, ehe dieß endlich
auch der Leib konnte.
Bei einem türkischen Kaffeehause, das neben etlichen Häusern am Fuße
des Hügels stehet, ruheten wir einige Augenblicke. Weiter hin deutet
ein meist ausgetrocknetes Flußbett, an dessen letzten Säften das
gemeinste Strauchwerk dieser südlichen Länder, die Keuschlammstaude
(+Vitex agnus castus+) sich groß saugt, den Lauf des alten
Mastusiaflußes an. Eine ansehnliche, steinerne Brücke aus älterer
Zeit, welche wie ein Spott auf den jetzigen, wasserleeren Zustand des
Bächleins aussiehet, führt über das Gestrüpp hinüber und bald hernach
zieht sich der Weg über eine kleine, mit dürftigem Myrtengebüsch und
vereinzelten immergrünen Eichen bewachsene Anhöhe. Die Strahlen der
Sonne fiengen jetzt an heftig zu brennen, denn ein Wind aus Südwest,
so heiß als käme er aus einem Gluthofen, verstärkte ihre Strahlen. Ein
Schwarm von größeren wie kleineren blutsaugenden Insekten warf sich auf
unsre armen Thiere, mein altes, aus Budscha gebürtiges Pferd, eben so
ungeschickt zum Lauf als der, welcher auf ihm saß zum Reiten, stürzte
im Kampfe mit jenen feindlichen Thierlein; zum Schrecken der guten
Hausfrau kam ich an Gesicht und Hand ein wenig verwundet, in Trianda
an.
Hier bei ~Trianda~, im Schatten einer mächtig großen, uralten
Platane, am Ufer des noch immer reichlich und munter fließenden Tartalu
oder Halesus, hielten wir Mittag. Wir hatten kaum auf den kühlen
Steinen am Fluße unsern Sitz genommen, da gesellte sich zu uns eine
Schaar von andren Wanderern, die es uns deutlich inne werden ließ, daß
wir in Asien seyen. Ein Zug von Kameelen und bei ihnen eine Heerde
von Kindern und Frauen, deren fast olivenbraunes Gesicht von keinem
Schleier bedeckt war, kam neben uns vorbei und während die Kameele
tranken oder mit hoch emporgehobenen Hälsen ausruheten, erquickten
sich diese, wie wilde Gänse lärmenden Schaaren im frischen Wasser und
lagerten sich im Gebüsche. Es waren ~Jurucken~, ein Völklein,
das in diesen Gegenden allenthalben unter die kräftigen Turkomannen
zerstreut lebt und welches manches Verwandte mit unsern Zigeunern hat.
Sie bilden hier, in Kleinasien, unter dem unmittelbaren Schutze des
Großsultans einen ziemlich ansehnlichen, unabhängigen Stamm, der, nach
seinem eigenen Gesetz, von einem eingebornen Fürsten regiert wird.
Dieser Landesfürst, der bei Trianda ein großes Haus besitzt und meist
bewohnt, ist sehr reich an Grundeigentum wie an Heerden der Kameele
und des andern Viehes; seine Unterthanen, Turkomanen und Jurucken,
großenteils ohne festen Sitz, durchziehen mit ihren Kameelen und
Ziegenheerden das Land nach allen Richtungen, suchen im Frühling und
Sommer schaarenweise die Weideplätze des Hochgebirges, im Winter die
der milder gelegnen Ebenen und Küstengegenden auf. Sobald jedoch, im
Kriege, der Großherr ihres Beistandes bedarf, dann eilen die flüchtigen
Haufen derselben, dem Ruf ihres Fürsten gehorsam, von allen Seiten
herbei, furchtbar dem Feinde nicht bloß durch rasche Beweglichkeit und
persönliche Tapferkeit, sondern mehr noch durch ihre Raubsucht und
durch ihre Lust an allen Gräueln des Krieges. In ganz andrer Weise
jedoch als im Kriege erscheint der Jurucke in der Zeit des Friedens.
Die Gastfreundschaft, die Pflege der Armen und Hülfsbedürftigen,
ist ihm eben so heilig wie seinem Nachbarn, dem Turkomanen; der
Wandersmann, wenn er so glücklich war den zerfleischenden Bissen ihrer
grausamen halbverwilderten Hunde zu entgehn, was bei Nacht für den
Unbewaffneten schwer seyn möchte, darf sich getrost dem Zelte der
Jurucken nahen; diese reichen ihm willig von der gesäuerten Milch ihrer
Ziegen und dem schwärzlich grauen, kuchenartigen Brode ihres Heerdes so
viel dar, als ihre Hand findet und als er zu seiner Sättigung bedarf.
Auch der wohlhabendere Reisende, der sich im Hochgebirge des Tmolus
mit Zutrauen den Horden der Jurucken nahet, hat weder für sein Leben
noch für sein Eigenthum etwas zu fürchten; er empfängt, auch bei einem
längeren Aufenthalte von seinen Nachbarn Alles, dessen er zum täglichen
Leben nöthig hat, und selbst an dem freiwilligen Geschenke, das er etwa
bei seinem Abschiede giebt, scheint die Freundlichkeit des Gebers höher
angeschlagen zu werden als der innre Werth. Doch nehmen Manche, welche
in öfterem Verkehr mit der Stadt stehen, auch gern eine Bezahlung in
Gelde an.
Die Jurucken, welche wir sahen, schienen sich durch ihre schlankere
Gestalt, durch ihr glänzend schwarzes, gerade herabhängendes Haar und
die dunklere Hautfarbe von den gedrungener gebauten, minder brunetten
Turkomannen auszuzeichnen; auch ihre einfache Körperverhüllung nähert
sich mehr jener der Beduinen; doch gehen die Frauen gewöhnlich
unverschleiert. Die Wohnung ist ein Zelt, ähnlich jenem der Beduinen,
bestehend aus schwarzen, wasserdicht gewebten, härenen Decken, die auf
Pfähle gespannt sind. Im Verkehr mit Andren reden die Jurucken die
gewöhnliche Sprache des Landes, unter sich selber bedienen sie sich
öfters einer Sprache, oder wenigstens gewisser Worte und Ausdrücke,
welche auf eine größere Verschiedenheit als die des bloßen Dialektes
hinzudeuten scheinen. Was ihre seyn sollende Religion betrifft, so
haben sie zwar in manchen äußerlichen Ceremonien und Geberden die Farbe
der hier herrschenden Lehre des Islam angenommen, doch ist dieses mehr
nur äußerer Schein; dem Wesen nach halten sie in großer Unwissenheit
über alle die wichtigsten Angelegenheiten der Menschenseele, wie
unsre Zigeuner, an einzelnen von ihren Vätern ererbten, heidnischen
Gewohnheiten und abergläubigen Verrichtungen fest, durch welche sie das
Unglück von ihren Heerden und Zelten abzuwenden meinen. Bei diesem
allem ist jenes Volk sehr lernbegierig und bildsam; namentlich scheint
den halbnackten, muntren Kindern der Jurucken aus ihrem lebhaften Auge
und orientalisch wohlgebildetem Angesicht die Fähigkeit des leichten
Auffassens und der gute Wille dazu hervorzublicken, möge daher das
Bemühen einiger edlen Menschenfreunde durch Errichtung von Schulen für
diese Kinder einst unter dem ganzen Volke höhere geistige Bildung und
Umgestaltung zu bewirken, reich gesegnet seyn.
Wir fahren fort in der Erzählung von unsrer Reise selber. -- Ein
altes Juruckenweib, aus der nachbarlich neben uns im Myrtengebüsch
versteckten Schaar trat jetzt zu uns, und betrachtete neugierig vor
allem die Kleidung der beiden europäischen Frauen. Sie fragte unsren
Jusuff Effendi gar Vieles, aß, als sie von ihren Landsleuten sich
nicht beobachtet glaubte, von Allem das wir von unsrem Mittagsmahl ihr
anboten, selbst Schinken, und nahm mancherlei übriggebliebene Brocken
für die Ihrigen mit.
Reichlich erquickt und gestärkt von der noch aus Smyrna mitgebrachten
Speise und von dem wohlschmeckenden Wasser des Halesus ritten wir
jetzt weiter durch eine Ebene, welche so aussahe als hätten Tamerlans
wilde Horden, die einst Smyrna und seine Landschaft verheerten, von
neuem hier das Werk der Mordbrenner geübt. Die Turkomanen hatten,
wie es schien, erst vor wenig Tagen die Gebüsche der Myrten und des
Lygos angezündet; über die verkohlten Reste des niedren Gestrüppes
ragte hie und da eine Cerreiche oder Pinie mit versengten Zweigen und
geschwärztem Stamme hervor, nur der scharfstachliche Judendorn oder
Paliurusstrauch, dem man das Verbranntwerden am liebsten hätte gönnen
mögen, war noch häufig genug den Flammen entgangen und zerschnitt
uns, beim Hindurchreiten unsre Kleider. Mitten aus diesen weiten,
öfter wiederkehrenden Brandstätten der Natur blickte die Verheerung
der vormals hier bestandenen menschlichen Werke heraus: dort die
zerrissenen Bögen einer alten Wasserleitung, hier die Trümmer einer
Marmorsäule oder die verstreuten Reste eines ehemaligen Landhauses.
Es war schon in einer späteren Nachmittagsstunde, als wir, neben
den Hüttenzelten einer Turkomanenhorde, die eine Schaar der großen
verwilderten Hunde umschwärmte, nach dem Hügel hinritten, auf welchem
das Gemäuer der Akropolis und des Theaters unter dem übrigen Schutt
hervorragen, der die Stätte des alten lydischen Metropolis[97]
bezeichnet. Das erste was wir von dieser vormaligen Mutterstadt der
nachbarlichen Colonieen zu Gesicht bekamen, das war das Todtenfeld
unten am Fuße des Hügels, über das wir hinritten. Auf den marmornen
Grabessteinen, die in Menge herumliegen und stehen, hat sich noch
manche der griechischen Inschriften deutlich erhalten, welche vom Wehe
der Trennung und Schmerz der Menschen reden und Namen der vormals
Lebenden nennen, welche nur Gott kennt; die uralte Platane aber und die
Wallnußbäume, die ihren Schatten auf die Gräber werfen, die sagen: wir
Namenlosen wissen nichts von euren Schmerzen.
Der Weg über den von Trümmern bestreuten Hügel wurde so schlecht, daß
wir abstiegen und zu Fuße giengen. Die Sonne war hinter die Anhöhe der
Akropolis getreten; die wilde Taube, mit rosenroth schillerndem Halse,
girrte im Gebüsch der Myrte und auf den Zweigen der Terebinthe; die
Heerden der Ziegen, gesättigt von der reichen Weide, sprangen munter
über die Felsen und Mauertrümmer herab, daneben, mit ruhigem Anstande,
erhub das Kameel, das Sinnbild der immer sich gleich bleibenden Ruhe
des Orientalen seinen langen Hals und athmete, gleichwie der Türke den
Dampf seiner langen Pfeife, so den erfrischenden Abendwind ein. Ganz
nahe bei den Ruinen von Metropolis und aus ihnen großentheils erbaut
liegt zwischen den Bäumen der Feigen und Granaten so wie der hohen
Platanen ~Jeniköi~ (Neudorf). Hier wollten wir, so war unsre
anfängliche Absicht, nur etwas Milch und Wasser genießen und dann in
der Kühle des Abends, begünstigt vom Mondschein, noch etwas weiter
reisen; da sich aber ein Theil unsrer Gesellschaft von dem noch sehr
ungewohnten Reiten gar ermüdet fühlte, wurde der Plan geändert und der
Mühe des heißen Tages schon hier ein Ende gesetzt. Einladender zur
Ruhe des Abends konnte auch kaum ein Ort seyn, als das vom Schatten
des Hügels gekühlte ~Jeniköi~, mit seiner herrlichen Aussicht,
hier auf die dunklen Ruinen von Metropolis und auf die weite Ebene,
dort aber auf das majestätisch gebildete Gebirge, dessen fernste Höhen
wie dunkles Gewölk am Abendhimmel erschienen. Der türkische Ferman,
den wir aus Smyrna mit uns führten, räumte uns, durch Jusuff Effendi
geltend gemacht, das Haus des Dorfrichters ein, welches übrigens, wie
die meisten Häuser des Ortes, nur aus einem einzigen Zimmer besteht,
das für gewöhnlich von dem männlichen Personal der Familie bewohnt und
von männlichen Gästen besucht wird, während für das weibliche und
seine Besucherinnen ein eigenes, nicht weit davon stehendes Wohnhaus
eingerichtet ist. Während man für uns in der Nachtherberge Raum machte,
hatten wir bei einem Nachbarhause auf einem der alten, marmornen
Leichensteine Sitz genommen, der hier mit andern Trümmern griechischer
Bauwerke zur Errichtung des niedren Gemäuers, um den Hof her, verwendet
war. Der Mond, wie ein unbemittelter, aber fröhlicher Wandrer, der am
Abend die Gaben, welche er aus der Hand der Reichen empfieng, unter die
Seinigen austheilt, ergoß seine, von der Sonne empfangenen Strahlen
über die Landschaft; noch einmal ließ sich das Krächzen oder Jauchzen
einer Schaar von Dohlen vernehmen, welche durch den Ueberfall der Eulen
in ihrer Ruhe gestört waren, dann wurde Alles still; denn die Schaar
der Fledermäuse und Nachteulen, die sich aus der zerstörten Burg der
alten Herrscher hervormachte, flog lautlos, wie ein Gespräch im Traume,
über die Trümmer und Hütten hin.
Auch wir nahmen nun unsren Sitz auf den Binsenmatten ein, welche unser
turkomanischer Wirth am Boden seines Zimmers für uns hingebreitet
hatte, genossen, während dem fröhlichen Gespräch mit den Freunden,
die abendliche Erquickung des Thee's und der Milch und versuchten
dann zu schlafen. Jedoch die Hütte, in welcher wir unser Nachtlager
genommen, war zwar von ihren menschlichen Bewohnern geräumt, nicht
aber von jenen Bewohnern, deren Wohnsitz die Bewohner selber sind. Von
wie bewundernswürdig mannichfacher Art und Menge sind im Morgenlande
jene kleinen, langsam kriechenden oder schnell hüpfenden Hausgenossen
der Hausbewohner. Mehrere von uns wachten die ganze Nacht hindurch
mit diesen unermüdet wachsamen Wesen; noch lange vor dem Grauen des
Tages saßen wir, selber von Grauen ergriffen, wieder zu Pferde. Der
Mond war untergegangen; ein tiefes Dunkel bedeckte die Ebene, dennoch
bemerkten wir, als wir zu ihr hinabkamen, daß wir nicht die einzigen
Reisenden seyen, welche sich so frühe vom Nachtlager erhuben; dem
türkischen Gesange unsrer Surutschuis antwortete das trillernde Lied
der Kameeltreiber, die uns, mit ihren schwer beladenen Thieren, einen
langen Zug bildend, unten im Thale des ~Phyrites~ begegneten.
Auch wir ließen uns von den singenden Türken und von der frühen Lerche
nicht beschämen; neben den türkischen hörte man auch gute deutsche
Morgenlieder ertönen.
Der anbrechende Tag beleuchtete uns jenseits des damals kaum einer
Lache gleichenden ~pegaseischen Sees~, durch welchen der kleine
Phyrites seinen Lauf nimmt, eine Gegend von seltner Schönheit. Neben
uns zeigten sich die Kalkgebirge des Mimas, welche das rechte Ufer des
schwänereichen Kaystros begränzen; weiterhin, gegen Süden und Osten,
erhuben die Gebirge des Mäandros ihre blauen, rundlichen Häupter. Wir
umritten den Fuß des rechts an unsrem Wege gelegenen Berges und es
öffnete sich uns nun das herrliche Thal des schilfreichen, langsam
fließenden Kaystros. Ganze Schwärme von Dohlen zogen mit lautem
Freudengeschrei der aufgehenden Sonne entgegen; sie bewohnen nicht nur
das verödete Gemäuer des rechts, am Eingange ins Thal auf dem Berge
gelegenen Kastelles von ~Kezel-Hissar~, sondern häufiger noch
die Höhlen des Kalkgebirges, deren größere und kleinere Oeffnungen
vielleicht von Menschenhand erweitert, man überall, auch aus weiter
Ferne, bemerkt. Jene Steinbrüche, aus denen der Marmor dieser Gegend
gewonnen wurde, den man öfters unter den Bausteinen von Ephesus findet,
mögen freilich zum Theil sehr alt seyn; einige von ihnen fielen auf
unsrem Wege, weißfarbig und hellglänzend wie die in Gneus gelagerten
Marmorbrüche des Penthelikon bei Athen, deutlich ins Auge.
Mehr und mehr belebte sich jetzt die Gegend vor und neben uns. Ueber
dem grünenden Wiesengrunde, auf dem wir hinritten, schwirrte die
Lerche des Südens empor; an dem Samen des hohen Cardobenedictenkrautes
(+Centaurea benedicta+) weidete sich zwitschernd ein vorüberziehendes
Heer der kleineren Vögel; zwischen dem Schilf des Kaystros erhub
schweigend der edle Schwan sein Haupt, während um ihn die kleineren
Wasservögel, lautschreiend nach der Beute haschten. Einige Züge von
wohlgestalteten, hohen Kameelen, dann eine Gesellschaft von meist
europäisch gekleideten Reisenden (wahrscheinlich Griechen) auf
Maulthieren und Pferden, kam uns, vielleicht von Guzel Hissar oder auch
von Scalanuova herauf, am Ufer des Kaystros entgegen.
An der alten, steinernen Brücke, die sich auch noch in ihrem halb
zertrümmerten Zustande als ein Gebäu der kräftig tragenden Bögen über
den Fluß hinüberspannt, stiegen wir, die gute Hausfrau sammt mir und
einem der jungen Freunde, von unsren Thieren herunter, nahmen an dem
jenseits des Wassers gelegenen türkischen Kaffeehause einige kleine
Oelkuchen und etwas Kaffee zu uns, und giengen dann auf der grünenden,
zum Theil buschreichen Ebene, dem vor uns liegenden, pyramidalen Hügel
entgegen, dessen Gipfel von dem Gemäuer des Kastelles des ältesten
wie des jüngsten Ephesus gekrönt ist. Denn auf diesem Felsenhügel,
an dessen Abhang die jetzige, türkische Ortschaft ~Ajasaluk~
sich anlehnt, lag schon die Akropolis des alten, von den Kariern und
Lelegern begründeten, von den Joniern nur erweiterten Ephesos; stark
genug befestigt, um selbst eine ernstliche Belagerung durch Crösus
auszuhalten[98]. Erst Lysimachos stellte die Mitte der wohlverwahrten
Grundfesten der Stadt auf jene südlicheren Höhen, wo noch jetzt die
bedeutendsten Werke des »klassischen« Alterthums gefunden werden.
Es war heute für mich ein besonderer Festtag; die treue Lebensgefährtin
und Mitpilgerin hatte eben am 20ten October ihren Geburtstag, der
wollte gerne auch ein wenig in der Stille gefeiert seyn, darum that das
langsame Hingehen durch das schöne Thal (mit unsern Thieren waren die
Surutschuis schon vorausgezogen) so ganz besonders wohl.
Der ansehnliche Aquädukt, welcher links vom Hügel der Ruinen des
ältesten und neueren Kastelles über die Ebene, nach dem Abhange des
Paktolus, sich hinzieht, ist von der Hand der späteren Herrscher und
Eroberer aus den Trümmern des alten Ephesus erbaut oder wenigstens
wieder erneuert; denn der Geist, wie die Hand des Menschen bezeugen
dadurch jenes Recht der Erstgeburt, welche das Leben vor dem Tode,
der Geist vor dem Leiblichen hat, daß sie den todten Trümmern einer
dahin geschwundnen Herrlichkeit das Gepräge ihres noch fortwährenden,
frischen Lebens aufdrücken. Wir stiegen jetzt auf einem Fußsteige, der
unter den von Epheu übersponnenen Trümmern bald sich verlor, bald von
neuem sich zeigte, an dem Hügel der ältesten ephesinischen Akropolis
hinan. Da stunden wir, an dem einst, namentlich zu den Zeiten der
byzantinischen Herrscher so prächtigen »Thore der Verfolgungen« das
zum Kastell hinanführte; betrachteten vor demselben eine kleine,
aus Marmorblöcken und älteren Gebäudetrümmern erbaute, nun auch
verödet stehende Moschee, mit ihrem Brunnenhause und ihren türkischen
Inschriften und ruheten ein wenig im Schatten des Gemäuers. Unter uns
rauchten die armseeligen Hütten des seit der griechischen Revolution
wieder neu aufgebauten, von Turkomanen bewohnten Ajasaluks, jenseit
des Schlosses erheben sich die majestätischen Trümmer der vormaligen
Kirche des heiligen Johannes, die später zur Moschee und dann abermals
zur Ruine geworden, daran erinnert, daß Der, welcher angebetet seyn
will im Geist und in der Wahrheit, nicht seine bleibende Wohnstätte
habe in Tempeln, von Menschenhänden gemacht. Weiterhin stehen über
der sumpfigen, durch die Anschwemmungen des Kaystros gebildeten Ebene
die Höhen der vormals herrlich gewesenen Fürstin unter den Städten
Kleinasiens[99]: die trümmerreichen Hügel des griechisch-römischen und
apostolisch-christlichen Ephesus, und in noch weiterer Ferne zeigen
sich, wie ein stahlblaues Schild, die Gebirge von Samos. Die Freunde
warteten unser; wir giengen hinab zum Dörflein, das die Südostseite des
Felsenhügels halbmondförmig umschlingt[100].
Der Vorplatz des türkischen Kaffeehauses, wo wir unsre Reisegefährten
fanden, war nothdürftig gegen die Strahlen der Sonne geschützt;
ganz in der Nähe lud ein Brunnen, mit frischem laufenden Wasser den
Wandrer wie sein Thier zur Erquickung ein; dort am Wege steht ein
alter Sarkophag, daneben das Gemäuer des türkischen Todtenackers
mit einer kleinen Moschee, auf welche eine hohe, alte Platane ihre
Schatten wirft. Neben und aus dem Staube der Verwesung erhub eine
schöne Herbstamaryllis ihre goldfarbenen Blüthen. Ich ruhete da auf
den Steinen, welche unter den Sprüchen des Korans Namen der Todten
nannten und beschaute im Geiste das Bild der herrlichen Vergangenheit,
die sich einst da, eine Herrlichkeit des Herrn, über den Hügel und
sein Thal gelagert hatte, als noch das »Geheimniß Gottes« über den
Hütten der jugendlichen Gemeinde war. Hier bei dem jetzigen Ajasaluk,
das nur eine Vorstadt des griechisch-römischen Ephesus war, hatte
wahrscheinlich, wie einst in einer Vorstadt der alten Roma, das arme
Häuflein der Christusbekenner seine Wohnungen, wenigstens will die Sage
der griechischen Kirche, daß dort, an der westlichen Seite des Hügels
von Ajasaluk das Grab des heiligen Timotheus, in der St. Johanniskirche
jenes des Apostels Johannes gewesen sey, während die Grabstätten
der Maria Magdalena, so wie die der sieben Schläfer der Legende am
Abhange eines nachbarlichen Hügels, wahrscheinlich des Prion gezeigt
wurden[101]. So mag denn wohl auch da bei dem jetzigen Ajasaluk, in
der Stille der abgelegenen Hütte, Timotheus der »rechtschaffene« und
»liebe«[102] gewohnt haben, welcher der ersten Christengemeinde zu
Ephesus als Bischof vorstand und hier, als Blutzeuge seinen Lauf mit
Freuden endete; hier wohnte wahrscheinlich auch der Lieblingsjünger des
Herrn, welcher vor und nach seiner Verbannung auf Patmos längere Zeit
in Ephesus verweilt hat. Wandelte nicht vielleicht auch hier einstmal
mit ihm die Auserwählte der Frauen, welche der Mund des Herrn seinem
Jünger zur Mutter gab und welche dieser von Stund an zu sich nahm? In
der That jener Eifer der Ehrfurcht, mit welcher Justinian die Stelle
des ältesten, ehrwürdigen Christenkirchleins durch sein prächtiges
Marmorgebäude zierte, ist dem mitfühlenden Herzen sehr begreiflich. Der
arme, schnell vorüberziehende Pilgrim kann freilich über dieser Stätte,
auf welcher einst die Füße der Engel und Boten Gottes wandelten, keine
marmornen Denkmale errichten, er hat sich aber in den Stunden seines
Hierseyns ein Denkmal im Herzen erbaut, welches wohl auch länger
bestehen wird als das so bald vergehende Fleisch.
Am Nachmittag machten wir uns auf, die Ueberreste des alten Ephesus zu
besehen. Wir wendeten uns zuerst noch einmal seitwärts zu dem verödeten
Gebäude der großen Moschee, am Abhange des Hügels von Ajasaluk. Das
Zeichen des Kreuzes, welches ältere Reisende auf Grabsteinen in
oder bei dieser Moschee sahen und das noch jetzt an den Capitälern
einiger corinthischen Säulen im Vorsale bemerkt wird, so wie viele
andre Umstände machen es wahrscheinlich, daß hier die prachtvolle,
von Justinian erbaute Kirche des h. Johannes stund[103]. Der glänzend
weisse Marmor, aus welchem die Fronte der Moschee erbaut ist, so wie
manche der herrlichen Säulen und andre Baumaterialien in ihrem Innern,
erinnern an die vormalige Nachbarschaft des hochgepriesnen Tempels
der Diana, mit dessen Bestandtheilen Justinian so manches seiner
Prachtgebäude schmückte. Aus dem zerrissenen Getäfel des Marmorbodens
wächst nun Gras und Gesträuch hervor; die halberhabenen Arbeiten in
sarazenischem Stile an der Kiblaseite, dienen den Vögeln zum Ort der
Bergung.
Die Stätte des eigentlichen, von Lysimachus erbauten Ephesus ist von
Ajasaluk durch eine fruchtbare, von Wassergräben durchschnittene Flur
geschieden. Einst war die nun längst versandete und verschlämmte Bucht,
in welcher der Caystros mündete, dieß bezeugen die mit Steinpflaster
belegten und vormals zum Anlanden der Schiffe eingerichteten Molo's,
bis heran an die alte Stadt schiffbar; jetzt ist das Ufer des Meeres
durch das Anwachsen des von der Menschenhand vernachläßigten Landes
mehr als eine Stunde weit von der Stätte des ehemaligen Ephesus
zurückgedrängt und die Gemäuer seines Hafens liegen meist tief im Boden
verborgen. Die alte Städtefürstin hatte sich an den Bergen begründet,
welche die Ebene der Caystrosmündung gegen Süden begränzen; ein Theil
seiner Gebäude zog sich an dem rundlichen, fruchtbaren Berge Prion,
ein andrer am Corissus hinan. Bei den Ruinen eines mächtigen alten
Gebäudes, in dessen Bogenhallen, aus deren einer Wasser hervorquillt,
mehrere Hirten ihre Mittagsruhe hielten, stiegen wir den mit Trümmern
bedeckten Hügel hinan. Wir waren da bei den Ueberresten eines alten
Stadiums und bei den gewölbten Substruktionen ihrer einen, nach
der Ebene hingekehrten Seite, während die andre, entgegengesetzte
Seite sich an den Hügelabhang hinanlegt. Die Länge der eigentlichen
Rennbahn misset 625 Fuß, mithin ein gewöhnliches römisches Stadium;
die vormaligen Marmorsitze, die sich in vielen Reihen übereinander
erhuben, sind längst herausgebrochen, nur an der Fronte hat sich noch
ein Theil der Marmorstücke nebst einem Thorbogen erhalten. Wir giengen
weiterhin über die nun von Disteln und Dornen erfüllten Gassen der
alten Städtefürstin, besahen, dem Stadium gegenüber, auf der andern
Seite eine der alten Hauptstraßen; das Marmorbassin, in welches, wie
man vermuthet, die Quelle Calippia sich ergoß, dann den Marktplatz, vor
allem aber das Theater, welches nicht fern vom Stadium, an derselben
Seite des Berges Prion seine Stätte hatte und an welches ein Säulengang
angränzte. Zwar ist das Proscenium großentheils zerstört und seine
Marmorquader sind längst zu andern Bauwerken hinweggeholt worden; von
den Sitzen der Zuschauer ist jedoch ein Theil der Grundlage und an
beiden Seiten noch ein Rest der architektonischen Zierrathen geblieben.
In den Vorhallen dieses Gebäudes das einst selber der Augen Lust war
und immer neue Lust der Augen in seinem Innren versammlete, ruheten wir
eine Zeit lang. Wir gedachten jenes Augenblickes, da diese Räume von
dem tausendstimmigen Geschrei wiederhallten: »groß ist die Diana der
Epheser.« Hier gegenüber oder dort unten am Saume des alten Hafens war
der Tempel der großen Göttin erbaut, welcher einst ganz Asien und der
Weltkreis Gottesdienst erzeigte; der Tempel, der als eines der Wunder
der Welt geachtet war. Nun ist selbst die Stätte dieses Weltwunders
schwer zu bestimmen, und vor der Majestät der Göttin beuget sich längst
kein Kniee mehr; der einst verachtete Name aber, den in den Tagen
seines Fleisches Paulus bekannte, der ist zu einem Heil und Trost der
Völker geworden. Und, so sprach eine Stimme der Zuversicht in unsrem
Herzen, die bald auch auf die Lippen trat, er wird dies bleiben. -- Der
Wind aus dem vorüberziehenden Gewölk wehete in die zerrissenen Mauern
des zerstörten Schauplatzes herein; es war als vernähme man von den
Marmorstufen her ein leises, aber dennoch tausendstimmiges »Amen.«
Jenseit des Theaters kommt man in ein Thal, welches sich zwischen dem
Prion und dem Corissus hinziehet. Am Prion sieht man stellenweise jene
Felsart anstehen, durch welche dieser Berg für Ephesus ein so reiches
Geschenk wurde: den schönen, weißen Marmor. Nicht fern vom Theater,
auch am Abhange des Prion, finden sich in jenem Thale die Ueberreste
des Odeons; da wo das Thal allmählig sich erweitert und zur Ebene
hinabsenkt die Reste des gewesenen Gymnasiums, mit einigen Bruchstücken
von großen Statuen. An einer andern Seite der alten Stadt sieht man das
ziemlich wohlerhaltne Bauwerk eines römischen Tempels.
Was nun die Reste des gewesenen Wunderwerkes der Welt: des Dianatempels
betrifft, an dessen Vollendung zwei Jahrhunderte gearbeitet hatten,
so möchte ich nicht mit voller Gewißheit entscheiden, ob das seine
wirkliche Stätte war, die unser kenntnißreicher Führer, Herr
~Brown~ mit mehreren der frühern Forscher, dafür hielt und als
solche uns zeigte. Allerdings war diese Stätte, auf einem nur wenig
erhöhten Grunde, ganz nahe an dem alten, jetzt mit Moorerde und Kies
erfüllten Hafen, so daß die Fronte von weißem Marmor, wie die Alten es
uns beschreiben, dem Schiffer schon aus weiter Ferne ins Auge leuchten
konnte, auch lassen die zerbrochenen Säulen von Porphyr, die Trümmer
von Serpentin und mancherlei Bruchstücke architektonischer Prachtwerke,
zusammen mit dem mächtigen Umfang, den das hier stehende Gebäude
eingenommen haben muß, und seinen riesenhaften Substruktionen, auf die
ehemalige Herrlichkeit desselben schließen. Ein Bedenken gegen die
Annahme, daß hier der Tempel der großen Göttin stund, erregt nur jener
eine Umstand, daß die Stätte, gegen die noch vorhandne Aussage des
Alterthums, zu nahe bei dem Theater und der Mitte der von Lysimachus
erbauten Stadt gewesen wäre. Vielleicht dann, daß die eigentliche
Baustelle des vom Angesicht der Welt entschwundenen »Weltwunders«
weiter hinab nach dem Meer war und daß seine Reste, mit manchen andren
Herrlichkeiten der alten Kunst, tief unter dem angeschwemmten Lande
vergraben liegen. War doch ohnehin schon der Tempel, auch da er noch
frei vor den Augen der noch lebenden Geschlechter dastund, seiner
schönsten Zierden beraubt worden, denn an wie viele Orte, in die
Kirchen und Palläste der Christen wie in die Moscheen der Moslimen,
sind seine herrlichen Säulen und architektonischen Prachtwerke
gewandert. Mehrere der Säulen, in frühester Zeit, kamen in die
Kirche des heiligen Grabes zu Jerusalem, acht der schönsten in die
Sophienkirche nach Constantinopel, zwei Säulen, wie man sagt, aus dem
Ephesinischen Wundergebäude, zieren selbst die Domkirche zu Pisa.
Was dann zurückblieb auf dem alten, jetzt mit Cardobenediktendisteln
und Dornen bewachsnen Boden, der einst so auserlesene Blüthen und
Früchte der Kunst getragen, das sind etwa solche Trümmer von Säulen,
welche die Hand der späteren Zerstörer als unbrauchbar liegen lassen.
Wir aber stehen vergeblich sinnend über den Namen, womit die Stimme
der Vergangenheit das Bauwerk, welches diese Säulen trugen, benannt
hat, denn zwischen ihr und uns hat sich ein Strom der barbarischen
Verheerungen ergossen, dessen lautes Brausen Denen, welche diesseits
stehen, die Stimme jener, die am andern Ufer sind, unvernehmbar machet.
Der Strom, der hier vorüberrauschte, war oft von Schlamm, öfter aber
noch und furchtbarer durch Blut getrübt; seine Wogen untergruben den
Grund, nicht nur des äußren Bestehens, sondern des innren, geistigen
Lebens der einst so herrlichen, reichbegabten Stadt. Denn der Grund der
»ersten Liebe,« welchen die ältesten Bischöfe und Engel der Gemeinde
zu Ephesus: Timotheus und Johannes der Evangelist[104] gelegt hatten,
mußte schon sehr untergraben und wankend seyn, als bei der hiesigen
Kirchenversammlung im Jahr 431 Nestorius und Cyrillus über die geeinte
oder gezweite Natur Dessen im heftigen Kampfe sich entzweiten, dessen
Wesen nicht von der Natur jener Vernunft ist, welche nur zu theilen
vermag, sondern näher verwandt dem Glauben, der in ungetheilter Kraft
das aufnimmt und genießt, was ihm aus dem Quell des Lebens kommt.
Nicht der Geist der Liebe oder des Glaubens war es, der dem Dioskuros
bei der berüchtigten Ephesinischen Räubersynode vom Jahr 449 es
eingab durch bewaffnete Mönche und Soldaten die Gegner seiner Meinung
zur Einstimmung zu zwingen und den edleren Flavianus mit Schlägen
zu mißhandeln. Die prachtvollen Kirchen und Denkmale der Apostel,
welche, ein Jahrhundert hernach Justinian hier erbaute, konnten den
fliehenden Geist des Lebens in ihren Gemäuer nicht umschließen und
festhalten; Ephesus war zu einem dürren Feld der Aehren geworden, deren
Fruchtkörner die Vögel hinweggetragen hatten, als im ersten Jahrzehend
des 14ten Jahrhunderts (um 1307) die Macht der Osmanen geführt von
Saisan, verheerend wie ein Feuer der Hirten, in seine Mauern einbrach
und kaum drei Menschenalter nachher (im Winter 1402 auf 1403) riß
der grausame Orkan, den Timur-Tamerlan[105] über Asien herbeiführte,
selbst die Asche und übrigen Stoppeln dieses Todtenfeldes hinweg. Denn
hier bei Ephesus hatte jener allgewaltige Chan der Tartaren, der 36
Jahre lang die Völker des Ostens zittern machte sein Lager; hier war
der Brennpunkt, in welchem alle die Strahlen seiner Mordfackeln sich
zusammendrängten und von wo aus sie immer von neuem sich entzündeten;
hier in der Nähe war der Schauplatz aller jener Gräuel, die dem Leben
der Völker an die Wurzel griffen, da sie Wald und junges Gebüsch,
Palläste, Tempel und Hütten, Thiere wie Menschen, die Letzteren ohne
Unterschied der Geschlechter, Lebensalter und selbst des Glaubens von
der Erde vertilgten[106]. So war das arme Ephesinische Feld der dürren
Stoppeln bis auf die Wurzel hinab ausgebrannt, da zog im Jahr 1419 wie
ein gespenstiger Schatten der räthselhafte Vater der osmanischen St.
Simonisten, Böreklüdsche Mustapha an der Stätte vorüber; der fanatisch
begeisterte Verkündiger jener neuen Lehre, welche Gemeinschaft aller
Güter (mit Ausnahme des Harems) und brüderliche Beachtung der Christen
gebot. Dieser, von den Seinen nur »Vater und Herr« (Dede Sultan)
genannt, wurde hier bei den Trümmern von Ephesus ans Kreuz genagelt und
Schaaren seiner Anhänger vor seinen Augen von den Osmanen geschlachtet;
Schaaren der schwärmerisch Verzückten, welche im Sterben ausriefen:
»Dede Sultan Irisch« d. h. »Vater Sultan laß uns zukommen« (dein
Reich). Dauerte doch selbst nach dem Tode des Böreklüdsche Mustapha der
Wahn unter seinen überlebenden Anhängern noch fort, der Vater Sultan
sey nicht wirklich gestorben; sein Freund, der christliche Anachorete
auf Chios, wie er vorher schon erzählt hatte, daß Mustapha jede Nacht,
trocknen Fußes über das Meer wandelnd, zum vertrauten Gespräche ihm
genaht sey, behauptete derselbe sey, nachdem er zum Schein sich
tödten lassen, zurückgekehrt nach Samos, zu den früheren Uebungen des
beschaulichen Lebens[107].
Wir hätten beim Nachhausereiten noch gerne die Ueberreste jener
kleinen, alten christlichen Kirche besucht, die sich unter den andern
Trümmern finden sollen, aber wir hatten uns so zwischen den Disteln
und Dornen verstrickt und zwischen den Gräben am Hügel verirrt, daß
wir nicht ohne Mühe den Ausgang nach der Ebene fanden, auf deren
Feldern Türken mit Bestellen des Ackers und dem Einbringen der Früchte
beschäftigt waren. Hier stunden wir noch einmal still und blickten nach
der Stätte des vormaligen »Wunders der Welt« zurück. Siehe dieß ist nun
das alte, einst so herrliche Ephesus, zu welchem (nach Apok. C. 2.)
»der, so da hält die sieben Sterne in seiner Rechten und wandelt mitten
unter den sieben goldenen Leuchtern« einst sagte: »Ich weiß deine
Arbeit, und deine Geduld, und daß du die Bösen nicht tragen kannst
-- -- und um meines Namens willen arbeitest du und bist nicht müde
geworden. Aber ich habe wider dich, daß du die erste Liebe verlässest.
Gedenke wovon du gefallen bist und thue Buße, und thue die ersten
Werke. Wo aber nicht, werde ich dir kommen bald und deinen Leuchter
wegstoßen von seiner Stätte, wo du nicht Buße thust.« -- Ja die »erste
Liebe« hatte vielleicht einst, hier unter den Augen des Jüngers, den
der Herr lieb hatte, in Ephesus geblüht wie an wenig Orten; sie war
aber bald nachher von ihrem geistigen Grunde entrückt worden und
gewichen; aus einer »Hasserin« zu einer Liebhaberin der Werke der
Nicolaiten geworden. Und wie ist nun das Wort so wahr geworden: der
Leuchter der Ephesinischen Christenkirche ist hinweggestoßen von seiner
Stätte. -- Wir lernten einen einzigen griechischen Christen in dieser
Gegend kennen, einen Hirten, der zu unsrem Kaffeehaus kam und bei uns
bettelte. Wenige andre Christenfamilien leben noch in den armen Hütten
des Gebirges verstreut, etwas mehrere in dem etliche Stunden entfernten
~Kirkinge~; Ajasaluk, wie die ganze Stätte des alten und neuen
Ephesus, ist von Mohammeds Jüngern bewohnt.
War jener Hirt, welchen wir da beim Kaffeehaus trafen (seinem Aussehen
nach hätte ich ihm und seines Gleichen nicht gern im einsamen Felde
begegnen mögen) vielleicht derselbe? von welchem man in Smyrna
erzählt[108], was ich hier kurz nacherzählen will. Einige reisende
Engländer, von einem heftigen Regenguß überfallen, hatten, auf Anrathen
des Wirthes im Kaffeehaus von dem kleinen Haus eines Türken Besitz
genommen, welches eben leer stund, weil der Eigenthümer desselben
verreist war. Der Regen war so anhaltend und so stark, die Ebene so
überschwemmt, daß sie auch am andern und dritten Tage noch nicht
weiter reisen konnten; sie fiengen an Mangel zu leiden. Da werden
sie mit einem alten, griechischen Hirten Handels einig um ein Lamm
seiner Heerde, das dieser ihnen, freilich um ungewöhnlich hohen Preis,
ablassen will, statt des Lammes bringt derselbe aber eine alte, dürre
Schaafmutter, und da sie auf dem Lamm bestehen, das nun auch schon
ausgewählt worden, verlangt er noch um die Hälfte mehr als seine
anfängliche Forderung gewesen. Aus Noth geht man auch diesen erhöhten
Preis ein, da er aber die Fremden bereit sieht ihn zu bezahlen, nimmt
er das Lamm auf seine Schultern und erklärt, daß er es nicht anders
lassen wolle denn um mehr denn das Doppelte der Summe, über die man
anfangs einig geworden war. Der Mann mußte etwas von dem Verkauf
der sybillinischen Bücher gehört aber nicht recht verstanden haben.
Es gab indeß keinen Tarquinius unter diesen Franken, man ließ den
ungeschickten Nachahmer der Sybille seines Weges ziehen. Indeß, was
geschieht, während man so sitzt und überlegt, woher man etwas zu essen
bekommen könne, öffnet sich die Thüre, und der Türke, dem das Haus
gehörte, welches unsre Fremden, ohne seine Erlaubniß dazu abzuwarten,
in Besitz genommen hatten, tritt herein. Voll Verwundrung blickt er
die unerwarteten Gäste an, doch er grüßt sie mit dem Friedensgruße
»Salam« und bald spricht er auch das treuherzige Wort »Hosch gelde«
(ihr seyd mir willkommen) und nun glaubte man sich vor weitren
türkischen Anspielungen auf die Besitznahme der fremden Wohnung sicher.
Aber man hatte sich geirrt; der Türke geht hinaus aus der Hütte und
nach einiger Zeit kommt er wieder herein, mit einem großen, scharfen
Schlachtmesser in der einen, mit einem Lamme in der andern Hand. Das
Lamm wird geschlachtet, das Fleisch (mit Pillaw) zubereitet und nun
nöthigt der Türke mit jenem gutmüthigen Ungestüme, der diesem Volke,
so oft es Gastfreundschaft übt, eigen ist, seine Gäste zum Essen.
Da sie am andern Tage abreisen und dem Wirthe etwas für Wohnung und
Mahlzeit bezahlen wollen, sagt er: ihr seyd unter das Dach meines
Hauses gegangen und ich habe zu euch gesagt: »Hosch gelde« seyd mir
willkommen. Sollte ein Gläubiger von seinen Gästen Bezahlung nehmen?
-- Nur mit Mühe konnte man der wahrhaft dürftigen, in einem Nebenhause
wohnenden Familie des Mannes einige kleine Geschenke aufdringen.
Bei dem Vergleich des türkischen Landmannes mit dem christlichen
Hirten müssen wir uns in acht nehmen, daß wir über die hiesigen armen
Griechen, von denen freilich manche Züge ähnlicher Art wie der eben von
dem Hirten berichtete, erzählt werden, nicht zu hart urtheilen. Das
Elend, welches Jahrhunderte lang nagte und lastete, konnte wohl auch
den Stamm mancher edlen Gewächse zernagen. Ja, in der Finsterniß thut
der Pilgrim der Erde: der Mensch, immer unsichere, irrende Tritte, und
über der ephesinischen Christenheit, »deren Leuchter hinweg gestoßen
ward« lastet die Finsterniß schon lange. -- Der Mohammedaner ist ein
geistiger Polarländer, dem in seiner anhaltenden Nacht der wohlthätige
Mond ohne Aufhören scheint; der Christ gleichet dem Bewohner der
reichen Tropenländer, welchen, wenn die Sonne ihm entwich, die Nacht
plötzlich überfällt.
Statt eines kleinen Marmortrümmers, etwa vom vormaligen Stadium,
wollen wir auch noch zum Andenken an das alte Ephesus eine Lehre
des tiefdenkendsten unter allen seinen bekannt gewordenen Bürgern,
des Heraklit, mit uns nehmen: jene Lehre, daß das Sehnen (das innre
geistige) der Vater der Erfüllung, die Hoffnung die Mutter des Findens
sey. »Denn wer nicht verlangt wird nicht erlangen, wer nicht hoffet
wird nichts gewinnen.«
Das Nachtlager in den Hütten von Ajasaluk versprach, bei seiner
Unreinlichkeit noch weniger Nachtruhe als das von Jeniköi; das Schlafen
aber im Freien wurde bei jetziger Jahreszeit in der sumpfigen Niederung
dieser Gegend, für sehr ungesund gehalten. Nur unser fleißiger Maler,
welcher noch einige Punkte des alten Ephesus aufnehmen wollte[109],
beschloß deshalb, in Begleitung des einen Surutschuis die Nacht
hindurch bei dem Feuerheerd des Kaffeehauses zu schlafen oder auch
zu wachen; für die übrige Reisegesellschaft wurde es angemessener
befunden, noch an demselben Abend bei dem hellen Mondenschein nach
Jeniköi zurück zu reiten. Denn die prachtvollen Ruinen von Teos (jetzt
Bodrun), der Geburtsstadt des Anakreon, welche in reizend schöner
Umgebung gelegen, noch so wohlerhalten dasteht, weil sie seit den
Bedrückungen der Perser und der damaligen Auswanderung ihrer Bewohner
nach Thrazien fast ganz unbewohnt, mithin auch von den späteren
Barbarenhorden unzerstört geblieben ist, hofften wir noch bei andrer
Gelegenheit besuchen zu können.
Der Abend, im Thal des Kaystros, war noch festlich schön. Ein alter,
graubärtiger Turkomane, der uns begegnete und den ich begrüßt hatte,
wünschte mir, wie mir dieß ~Jusuff Effendi~ übersetzte, außer dem
gewöhnlichen Gruß des Friedens Gottes ewige Erbarmung. Und in der That,
es war Frieden im Herzen, so wie das Gefühl und Vertrauen daß Gottes
Gnade mit uns sey. Wir hatten lange genug Gelegenheit, die Wirkung der
hellen Mondbeleuchtung auf das Aussehen dieser schönen Nachbargegend
des Larissäischen Gefildes zu beobachten, denn unser Surutschui, der
des Weges nicht so kundig war wie sein älterer, bei unsrem Freunde
in Ephesus zurückgebliebener Gefährte, hatte sich ziemlich weithin
verirrt, so daß wir erst nahe vor Mitternacht Jeniköi erreichten.
Hier dauerte es ziemlich lange, bis das Zimmer unsers Turkomanischen
Wirthes, das schon andre Schläfer besetzt hielten, uns eingeräumt
werden konnte. Desto lieblicher war die Ruhe; denn die heutige große
Ermüdung ließ uns die Bisse der Insekten, die uns gestern gestört
hatten, nicht fühlen, obgleich dieses an Aegyptens Plagen erinnernde
Ungemach von einer Art war, daß das Sprichwort, dessen sich ~Jusuff
Effendi~ am andern Morgen, im Streit mit der zänkischen, ihn
verächtlich behandelnden Wirthin bediente, das Sprichwort: mein Bette
ist reiner als das deinige (d. h. ich bin vornehmer als du) auch in
seinem wörtlichsten Sinne als wahr erschien.
Der Tag war schon längst angebrochen, als wir aus unsrer Hütte
heraustraten. Der Himmel hatte sich getrübt; über den Gebirgen des
Mäandros und der Quellen des Kaystros stunden dichte Regenwolken,
welche wie die kühler gewordene Luft dieß vermuthen ließ, schon
angefangen hatten, einen Theil ihres Inhaltes zu ergießen. Am Abhange
des Hügels, an welchem sich hin und wieder die Platane zeigt, mit dem
breiten Dache ihrer Aeste, die nach unten von den Kameelen abgeweidet
sind und deshalb hier wie künstlich zugeschnitten aussehen, weideten
Kameelmütter mit ihren Jungen, hinter den Ruinen von Metropolis ertönte
die Rohrpfeife der Hirten, dazwischen die Töne kleiner Zugvögel,
welche vom Hochgebirge herkommend, mit dem vorüberziehenden Gewölk
nach der Ebene am Meere hinabeilten. Auch wir ungeflügelten Wandrer
und Fremdlinge machten uns zum Weiterzuge auf. Wir hatten unsren
diesmaligen Rückweg, geführt von unserm jüngeren Surutschui über eine
sehr wasserreiche Ebene gewählt, die, wenn der Regen uns auf ihr ereilt
hätte, schwerlich würde den Durchzug erlaubt haben; schon heute, wo
noch kein Regen den hier stauchenden Nebenfluß des Tartalu angeschwellt
hatte, war das Hindurchreiten durch sein tiefes, sumpfiges Bette sehr
schwierig. Wie manche Bauwerke der alten Zeit mag dieses angeschwemmte
Land verdecken, auf dessen erhöhteren Stellen jetzt nur die schwarzen
Zelte der Jurucken gesehen wurden, umschwärmt von der Schaar der
häßlichen Hunde, die an den Knochen eines gefallenen Kameeles nagten.
Bei Trianda kamen wir an dem ziemlich europäisch eingerichteten
Landhaus des Landesfürsten vorüber, und während wir abermals unter der
großen Platane am Ufer des Halesus ruheten, sahen wir ihn, den Fürsten
mit einer seiner Frauen, beide in europäisch-türkischer Kleidung
an uns vorüberreiten. Wir kamen gegen Abend, gerade noch vor dem
Regengewölk, das sich schon am Nachmittag in mächtigen Strömen auf den
Nachbarbergen, und am Abend, wie in der darauf folgenden Nacht auch in
der Ebene ergoß, wieder in dem gastfreundlichen Budscha an.
Reise nach Magnesia und Sardis.
Vor allen andren Sinnen des Leibes trägt der Geruch das Vermögen in
sich die Pforten zu dem fest verschlossenen Garten unsrer Erinnerungen
zu eröffnen und mit magnetischer Kraft das Andenken an das Vergangene
aus seiner Vergangenheit hervorzuziehen. Der Duft eines blühenden
Baumes oder eines Gewürzes, der Geruch einer Arznei oder andre Male
der eines im Feuer verbrennenden Stoffes weckt in uns nicht selten das
Andenken an ganze, vergessene Geschichten unsrer Kindheit auf; die
Erinnerungen selber, in ihrer unzerstörbaren Kraft der Wiedererzeugung
gleichen dem Duften des Moschus oder des Ambra, welches sich Jahre
lang fortsetzet, ohne daß der Stoff, von welchem es herkommt, dadurch
verzehrt wird; das Erinnern der Seele, in seinem höheren Maße,
erscheint verwandt dem Einhauchen der Gerüche durch den athmenden Leib.
Die Zeit meines Verweilens in Kleinasien war in solcher Beziehung für
mich der Aufenthalt in einem Garten voller Blumen und Gewürzkräuter;
das anmuthige Budscha war mir eine Laube, beschattet vom Gebüsch des
blühenden Je länger je lieber, und wo ich aus diesem Ruhesitze heraus
den Fuß hinstellte, zwischen die duftenden Beete, da weckte jeder Hauch
die innre Welt der Erinnerungen auf.
Auf einer Anhöhe, nahe bei Budscha öffnet sich die weitre Aussicht
nordwärts und ostwärts nach den Höhen des Sipylus und nach den
Gebirgen, welche das Gebiet des Hermos (Sarabat) begränzen. Wie sollte
es nicht vor allem nach dieser Gegend mich hingezogen haben, deren
Felsenwänden und Thälern die Geschichte der Natur wie der Völker das
Andenken an die Thaten Gottes und der Menschen so vielfach und so
reichlich eingeschrieben hat wie nur wenig andren Stellen der Erde.
Die Natur dieses ganzen Landes in und neben dem Thalgebiet des Hermos
erinnert eben so an die Lieblichkeiten eines Paradieses wie an die
Schrecknisse, welche den gewesenen Bewohner aus der Stätte des Friedens
verscheuchten, und an den leitenden Zug, der den Hinweggescheuchten
über Land und Meer zur neuen Heimath führte. Denn an das Land der
süßen Früchte und aller Fülle des Bodens, genährt von dem Gewässer
der goldreichen Flüsse, gränzet weiterhin das Gebiet des Lydischen
Brandfeldes (Katakekaumene) mit seinen erloschenen Vulkanen und seinem
vom Zornfeuer der Natur verschlackten Erdreich; bei Magnesia bezeuget
noch jetzt ein auffallendes Bewegen der Magnetnadel das Vorhandenseyn
jener attraktorischen Eisenmassen, welche dem beobachtenden Geiste
des Alterthumes ein Führer in das innerste Gebiet der Geheimnisse der
Natur, den späteren Zeiten ein Führer über Land und Meer wurden[110].
Wie oft hat in diesem Thale des Hermos der Mensch es erfahren, daß hier
in einem solchen Paradiesesgarten der Erde das Wohnen ein unsichres und
unstättes sey; das alte, so fest ans Land gewachsne Volk der Lydier,
sammt des Crösus Reichthum und Macht entwurzelte das Schwert des Cyrus;
die Hoheit der persischen Satrapen hauchte der Sturmwind des großen
Macedoniers vom Boden hinweg; der Herrschaft der Syrer machte das Reich
der Römer ein Ende; das was das Schwert der früheren Eroberer noch
nicht gefressen hatte, das vernichtete der große Schlächter und Würger
der Völker, Tamerlan; auf dem Felde der vielen älteren Todtenmahle
gräbt und erbaut sich jetzt das Volk der Osmanen seine Gräber. Und wenn
auch hier zuweilen die Stimme der Kriegstrommete und der tartarischen
Trommeln schwieg, wenn die Völker des Ostens sich zuriefen, es ist
Frieden, da erschütterten dieses Paradies der Erde die Schrecknisse
Gottes, die als Erdbeben kamen wie ein Dieb in der Nacht, so daß
die Ruhe der Sinnen, wenn sie, gleichwie Murad +II.+ in seinem
geliebten Magnesia that, so im Gefilde des Hermos heute ihre Hütten
aufschlug, schon morgen den flüchtigen Fuß erheben und weiter ziehen
mußte. Dieses Land hier spricht aber auch noch auf andre Weise von den
Lieblichkeiten des Innren, wie von den Schrecknissen der Pforten des
Paradieses; es ist noch in andrem Sinne die Fundgrube eines Magnetes,
der über die rauchenden Trümmer des Vergangenen hinweg zur Ruhe einer
künftigen Heimath hinleitet; über seinen Gefilden hat die Weckstimme
noch einer andern Trommete ertönt als die der Schlachten, eine Stimme
die auch noch jetzt fortwährend die Schläfer zu wecken vermag und
zu warnen vor der nahen Gefahr. Hier in dem Gebiet des Hermos und
dem benachbarten des Caicus hatten vier jener sieben asiatischen
Christengemeinden ihre Stätte, welche in der ältesten Geschichte der
Kirche als so bedeutungsvolle Denkzeichen dastehen und von denen wir
schon drei (Smyrna, Ephesus und Laodicea) vor der Erinnerung des Lesers
vorüberführten.
Jenes geheimnißvolle Buch, welches den hehren, bedeutungsvollen
Schlußstein der Bücher, die Offenbarungen Gottes bildet, jenes Buch,
dessen Kräfte des Himmels und der Ewigkeit sich jedesmal in den
Zeiten der größesten Trübsale und Verfolgungen der Kirche tröstend,
aufrichtend und neubelebend erwiesen haben: das Buch »der Offenbarung
Johannes« beginnt mit sieben Sendschreiben des Fürsten der Könige auf
Erden an die sieben Gemeinden in Asien. Diese sieben Gemeinden waren
zu ihrer Zeit und sind noch jetzt die sieben äußern Erscheinungsformen
oder Richtungen, in denen der Christenglaube, der Welt gegenüber,
sich darstellt; sie sind uns in den Sendschreiben beschrieben nach
jenen Gefahren, die im täglichen Kampf und Wechselverhältniß mit
dem feindlichen Element von außen, ihnen drohen, so wie zugleich
nach der Möglichkeit ihrer Verherrlichung durch die heilende Kraft
und den Lebensgeist von oben. Wie die sieben Grundgestalten und
Erscheinungsformen der natürlichen Dinge, können auch die sieben
Erscheinungsformen der Kirche Christi theils als gleichzeitig
~neben~ einander, theils als in der Zeit ~nach~ einander
hervortretend betrachtet werden. Es regt und bewegt sich jedoch keine
der sieben Grundkräfte, es leuchtet keiner der sieben Sterne ohne die
Mitwirkung der andern sechs; das Herz jedes Christen hat in seinem
Laufe auf Erden die Einwirkung und die eigenthümliche Natur aller der
sieben Grundrichtungen des Glaubens an sich zu erfahren, obgleich die
eine oder andre an jedem Einzelnen die vorherrschende wird und zuletzt
alle die andern in die erste: in die Grundrichtung der kindlichen
Liebe wieder zurückkehren und in ihr sich vollenden müssen. Jene
sieben Sendschreiben sind daher nicht bloß der gesammten Christenheit
auf Erden, sondern auch ihren einzelnen Gliedern zur Warnung, zur
Belehrung und innern Bekräftigung gegeben; sie sind zugleich, noch in
ihrem jetzigen Zustande ein Beweiß für die Wahrheit der Weissagungen,
welche der Geist über die Zukunft der sieben Asiatischen Gemeinden
aussprach. Darum darf der Erzähler einer Reise in Kleinasien wohl auf
eine Theilnahme seiner christlichen Leser rechnen, wenn er in einigen
schnell vorübergehenden Zügen einen Abriß der neusten, jetzigen
Geschichte jener Gemeinden entwirft.
Das dritte der Sendschreiben, deren erstes an Ephesus, das zweite
an Smyrna lautet, ist an den Engel (Bischof) der Gemeinde von
~Pergamos~ gerichtet. Das alte Pergamum, das sich noch jetzt
seinen Namen als ~Pergamo~ erhalten hat, liegt am Caicusfluße
(jetzt Mandragorai genannt) auf einem steilen, kegelförmigen Felsen,
der sich an den Pindasus anlehnt. Diese Stadt, von welcher das in
ihr erfundene oder zuerst im Großen als Schreibematerial angewendete
Pergament den Namen führt, war in alter Zeit eine berühmte Pflegerin
der Wissenschaften, denn während sie Lysimachus wegen ihrer großen
Festigkeit zum Verwahrungsort seiner Schätze gewählt hatte, machte
sie der König Eumenes zu einer Schatzkammer von andrer, höherer Art,
indem er hier jene kostbare Bibliothek anlegte, welche bis auf 200,000
Rollen anwuchs. Unter der Herrschaft der Römer ward sie die Hauptstadt
von Mysien; in ihr wurde Galenus geboren, einer der Väter der älteren
Arzneikunde, schon vor ihm der Redner Apollodorus, der Lehrer des
Kaiser Augustus. Noch jetzt haben sich in Pergamum bedeutende
Ueberreste der alten Herrlichkeit erhalten, vor allem die Gemäuer der
alten Burg der Herrscher, so wie einer meist unterirdisch verlaufenden
Wasserleitung, welche beide durch ihre riesenhaft massive und feste
Bauart allen Zerstörungen der Natur- und Menschenkräfte widerstanden
haben; in einem türkischen Badehause der Stadt findet sich eine
wunderschöne griechische Vase. Jene Kirche, in der vormals die Gebeine
des Antipas, des getreuen Zeugen, geruht haben sollen, führt jetzt den
Namen der h. Sophia; die große Kirche des Evangelisten (Theologen)
Johannes ist zu einer Schule geworden. Von dieser St. Johanneskirche
erzählen die jetzigen Bewohner der Stadt, selbst die Türken, mit einer
Art von ehrfurchtsvoller Scheu, daß man früher mehrmalen versucht habe,
ein Minare bei derselben aufzuführen, der Bau sey aber immer wieder auf
unvorherzusehende Weise zusammengestürzt. Die jetzige Christengemeinde
von Pergamo bestehet aus etwa 250 Seelen. Für den Eifer wie für die
äußere Vermögenheit dieser kleinen Gemeinde scheint der Umstand zu
zeugen, daß sie vor Kurzem (1836) den Bau einer neuen Kirche begann,
der nun wahrscheinlich vollendet ist. So ist über ihr das Wort der
Weissagung Dessen, »der das scharfe zweischneidige Schwert« zur Prüfung
der Menschenherzen hat, wahr geworden: das Wort das dieser Gemeinde
das Lob des Festhaltens an Seinen Namen giebt und welches zwar ein
besondres, göttliches Gericht über einige der Abtrünnigen unter ihren
Gliedern, nicht aber den Untergang des getreugebliebenen Häufleins
verkündet. Sie hat deshalb bis zu unsrer Zeit die Segnungen jenes guten
Zeugnisses zu genießen und die Kräfte jenes neuen Namens, den die
Treuen, die unter ihr waren, mit dem guten Zeugniß zugleich empfangen
haben.
Ostwärts von Pergamum, in dem nördlichsten Gebiet des alten
Lydiens findet sich ~Thyatira~, welches, ehe Lysimachus, der
Wiedererneuerer der Stadt ihr diesen Namen gab, Pelopia hieß, jetzt
aber den Namen ~Akhissar~, d. h. weißes Schloß, führet. Sie ist
eine Nachbarin jenes Brandfeldes (Katakekaumene), dessen Boden, wie wir
vorhin erwähnten, die deutlichen Spuren vulkanischer Schrecknisse an
sich trägt; das Alterthum rühmte die hohe Kunst ihrer Purpurwebereien
so wie die verfeinerten Sitten ihrer Bewohner. Noch jetzt bestehet in
Akhissar ein lebhafter Verkehr des Handels (besonders mit Baumwolle)
und der Gewerbe. Sie ist reichlich mit gutem Quellwasser versehen.
An die Gemeinde von Thyatira war das vierte der prophetischen
Sendschreiben gerichtet, welches bei all' seinem göttlich-richterlichen
Ernst Worte des Trostes und der Verheißung enthält. Denn, wie Der
sagt, dessen Blick durchdringend ist wie die läuternde Gluth der
Flamme, es bestund hier eine durch Werke und treuen Dienst lebendige
Liebe, Glauben, Geduld und ein Eifer, der immer mehr zu thun strebte,
darum, obgleich die falsche Duldung gegen das silenisch-somnambule
Prophetenthum der »Jesabel«[111] gerügt, und dieser Abtrünnigen wie
ihren Anhängern Strafe des Unterganges gedroht wird, schließt sich
dennoch dieser Drohung zugleich die Versichrung an, daß die Andren,
die solche Lehre nicht hatten, verschont bleiben sollten und das
aufmunternde Wort: festzuhalten, das was ihr Herz besaß. Und noch jetzt
hält Thyatira nach seinem Maße fest am Bekenntniß des großen Namens:
es lebt hier eine Christengemeinde, welche an Zahl der Seelen jene zu
Pergamus übertrifft und es bestehet eine christliche Schule, welche
in einem lobenswerthen, guten Zustand sich befindet. An die ältere,
vormals hier bestandene Gemeinde erinnert eine zur Moschee umgestaltete
Kirche, mit jener Gestalt der wie aus Seilen zusammengeschlungenen
Marmorsäulen, welche wir nachher bei einer ähnlichen alten Kirche in
Magnesia erwähnen wollen. Der selbst in seinen Trümmern noch von der
vormaligen Pracht zeigende Altar der Kirche ist verwüstet; eine uralte
Zypresse in der Nähe des entweiheten Gebäudes scheint die Stätte des
vormaligen Gottesackers der christlichen Stadt zu bezeichnen. Von
der Herrlichkeit des vorchristlichen, heidnischen Thyatira ist nur
ein kostbarer, sehr reich von der Kunst ausgestatteter Sarkophag als
Denkmal übrig geblieben.
Wir gehen nun zu der fünften der sieben Gemeinden, zu Sardis (jetzt
Sart) über, bei welcher wir etwas mehr verweilen, weil sie das Ziel
unsrer zweiten Reise in Kleinasien war.
Seit unsrer Rückkehr aus Ephesus war der Herbstregen in Strömen auf
das dürre Erdreich herabgestürzt; seine Ergüsse waren so heftig und so
reichlich, daß in der einen Nacht das Wasser selbst durch die Decken
des Hauses drang, welches wir in Budscha bewohnten, und daß am Sonntag
Morgen der Verkehr selbst des einen Nachbarhauses mit dem andern sehr
erschwert war. Während sich die Wolken in der Ebene als Regen ergossen,
hatten sie die Gipfel des Hochgebirges, namentlich die des Tmolus,
mit frischem Schnee bedeckt. Seitdem hatte die Natur des Landes eine
sehr merkliche Veränderung erfahren. Aus dem Erdreich sproßte ein
neues, junges Grün; neben dem genügsamen Kameel fand auch das längst
darnach schmachtende Hornvieh wieder die angemessene Weide; aus den
Zweigen der Zypressen wie der Gebüsche hörte man die bekannten Stimmen
auch unsrer Singvögel, vor allen die der heimathlichen Finkenarten,
welche vor der diesmal früher eingetretenen Kälte des Nordens wie der
Hochgebirge hieher, in die warme Ebene geflohen waren. Der heiße Wind
aus Südwest und Südost hatte seine Alleinherrschaft verloren; die Luft
war meist angenehm kühl geworden, obwohl sie noch immer abwechslend auf
einzelne Tage und Stunden ihre vorige Gluthhitze wieder bekam. Diese
vortheilhafte Aenderung erschien uns für die Ausführung unsres Planes
einer Reise in die nördlicheren Gegenden von Smyrna so günstig, daß
wir uns hinein in die Stadt begaben, um die nöthigen Vorbereitungen
zu treffen. Freilich steckte uns das nachmals unerfüllt gebliebene
Versprechen des Capitäns unsres zur Weiterreise erkohrenen Schiffes,
daß er schon in den ersten Tagen der nächsten Woche abreisen wolle,
für die Dauer der Reise sehr enge Gränzen, doch konnte wenigstens das
Gebiet von Magnesia und Sardis in dieser Zeit besucht werden.
* * * * *
Donnerstags den 27ten October, an einem Vormittage der mit allen
Lieblichkeiten eines mittelasiatischen Herbsttages geziert war, traten
wir die Reise von Smyrna aus zu Pferde an. Unsre Gesellschaft war
diesmal kleiner als auf dem Wege nach Ephesus; sie bestand nur aus
mir und meinen drei jungen Reisegefährten; als freundliche Führer
und Dolmetscher hatten sich der werthe Gastfreund ~Jetter~ und
sein damaliger Hausgenoß, der vielgewanderte, vielerfahrene ~Jusuff
Effendi~ uns beigesellt; für das Geschäft aber der Besorgung der
Pferde hatte uns der Postmeister in Smyrna zwei berittene Postknechte
(Surutschuis) statt einem aufgedrungen. Der Anfang des Weges nach
Magnesia führt durch Gärten und an dem westlichen Abhange der Berge
hin. Ein vornehm gekleideter, seinem Aussehen nach todtkranker Grieche,
begegnete uns, zu beiden Seiten von Bedienten gestützt und gehalten,
auf einem Esel reitend, neben und hinter ihm, ebenfalls reitend, seine
trauernde Familie. Dieser Anblick, wie so vieles Andre von ähnlicher
Art, erinnerte uns an jene, scheinbar selbst unbedeutenderen Vorzüge
und Vortheile, welche unser liebes Vaterland in Bezug auf das Reisen,
der Kranken wie der Gesunden, vor dem ihm sonst an äußerer Cultur
näherstehenden Kleinasien hat.
* * * * *
Die fruchtbare Ebene von Smyrna wird auch gegen Magnesia hin, nach
etwa zwei Stunden Weges von einem Berge (dem Mimnolus?) begränzt, an
dessen Abhange jener Stein in ganzen Blöcken und einzelnen Geschieben
zerstreut liegt, der von diesem Lande seinen Namen führt: der Probier-
oder lydische Stein[112]. Mit ihm zugleich sieht man seinen öfteren
Begleiter, den Feuerstein; an manchen Punkten stehet der Kalkfels
dieser Höhen frei zu Tage aus. Schon von der Ebene, noch mehr aber
von dem Bergabhange genießt das Auge einer reichen Aussicht auf die
Meeresbucht bei Burnabat hin und in die herrlichen Baumgruppen von
Hajilar, so wie weiterhin in die grünenden Thäler und Schluchten der
östlichen Höhen, namentlich in das Thal des Meles. Der erste Berg, über
welchen die vielbesuchte Straße nach Magnesia hinansteigt, ist nur eine
niedere Stufe der bedeutenderen Anhöhe, die sich vom ersten Gipfel aus
jenseits eines fruchtbaren Hochthales dem Auge zeigt. Nur kurze Zeit
verweilten wir bei dem ziemlich ansehnlich erscheinenden Dorfe, das
jenseits des Thales am Fuße der höheren, aus Kalkstein bestehenden
Bergwand liegt, denn der nördliche Abhang, gegen die Ebene von
Magnesia hinab, will wegen seiner Steilheit und wegen der einzelnen,
gefahrdrohenden Stellen am Tage bereist seyn. Jenseits des Ortes zieht
sich der Weg zur Rechten einer grünenden Bergschlucht hinan, in welcher
selbst die unersättliche türkische Lust am Niederbrennen der Bäume
und Gesträuche es nicht vermocht hat die Kraft der Wiedererzeugung zu
lähmen, welche hier noch immer aus den Wurzeln der oft verstümmelten
Eichen junge Stämme hervortreibt; in besondrer Höhe gedeihen da die
Platane und Pappel. Die Anhöhe war nun erstiegen und in seiner ganzen
Majestät zeigte sich uns, jenseit eines engen Seitenthales, der hehre
Sipylos. Bald nachher lag auch die reiche Ebene vor uns, die der
Hermos durchströmt, weithin nach Norden, an die Höhen des Caicus und
von Pergamos sich ausbreitend. Das Auge konnte sich hier, was auf einem
unsrer vaterländischen Postpferde wohl schwerlich möglich gewesen
wäre, ruhig dem Genuß des herrlichen Anblickes hingeben, denn die
Thiere, die uns trugen, hatten zum Theil schon seit etlichen Jahren
wöchentlich mehrere Male diesen steilen Gebirgsweg gemacht, der sich
bald über zertrümmertes Gestein, bald in den engen, durch den Fußtritt
der Lastthiere und der Menschen in den Thonschiefer hineingegrabenen
Rinnen hinabzieht, an deren Wänden die weißen Gänge des Quarzes (und
Schwerspathes?) halberhabene Zierrathen bilden. Die Hand der jetzigen
Herrscher des Landes thut hier nichts zur Erleichterung des Reisens,
denn das fast auf der Hälfte des jähen Hinabweges gelegene, einzelne
Haus ist keineswegs, wie Einige von uns dies glaubten, eine Art von
Chausseehaus, sondern nur eine der zahllosen Kaffeeschenken dieser
vieldurchreisten Gegend, und die starke, steinerne Brücke, die beim
Beginn der Ebene über das jetzt nur wenig befeuchtete Bette des
Winterstromes führt, ist, wenigstens ihrer Grundlage nach, ein Werk
der früheren Zeiten, welche das Bauen zu gemeinsamen Zweck und Nutzen
kannten und übten.
Die buschreiche Ebene, zuerst im Thale am breiten Bette des
Winterstromes sich hinziehend, war nun glücklich erreicht und
jenseits einer niederen Anhöhe, die sich von den Vorbergen des
Sipylos herkommend hier in das Flachland verläuft, zeigte sich uns
zwischen Baumgärten und Zypressenhainen ~Magnesia~, mit seinen
vielen, hohen, prächtigen Minare's. Das war die erste asiatische
Stadt, die schon von fern gesehen, den Eindruck einer eigentlichen,
in sich selber einigen Bauart des älteren Morgenlandes machte, und
nächst Brussa soll sie auch in dieser Hinsicht die schönste und
stattlichste unter allen Städten Kleinasiens seyn. Unsre Thiere,
die Nachtherberge erkennend, eilten, wie im Wettlaufe der Stadt zu,
die wir nahe vor Sonnenuntergang erreichten. Der Weg zog sich noch
lang durch die ansehnliche Stadt hin, bis wir den Ort des Ausruhens
erreichten. Ein Empfehlungsbrief von dem wohlwollenden, freundlichen
Kaiserlich-Russischen Generalkonsul in Smyrna hatte uns den Zutritt zu
dem Pallast des griechischen Erzbischofes eröffnet. Wir ritten in den
Hof hinein, gaben unsern Brief ab, wurden sogleich ersucht abzusteigen
und hinaufgeführt in das gemeinsame Besuchszimmer, wo man uns mit
unsern Gepäck wie einen Besuch für längere Zeit aufnahm und behandelte.
Es war das erste Mal, daß uns auf dieser Reise die Sitten des Empfanges
der Gäste, die sich fast durch den ganzen Orient gleich bleiben, vor
Augen traten: die Spende, zuerst der in Zucker eingemachten Früchte
oder andrer Süßigkeiten mit dem Glase des frischen, klaren Wassers,
dann der Racky oder Traubenbranntwein, hierauf die angezündete, lange
Pfeife und die mit schwarzem Kaffee gefüllte Tasse. Dazu sitzt man, wer
es vermag, mit herangezogenen Beinen auf den niederen, an den Wänden
umherliegenden Kissen.
Der Erzbischof selber war in Constantinopel; sein hiesiger
Stellvertreter, der Bischof von Hierapolis, ein heitrer, freundlicher
Mann, empfieng uns und gesellte sich, beim gemeinsamen Rauchen der
Pfeife und beim Trinken des Kaffees zu uns. Das Gespräch, zuerst von
den hiesigen Schulen, wendete sich bald zu Gegenständen aus dem Gebiet
der Heilkunde, denn jeder Gelehrte aus europäischen Landen, muß, nach
der Meinung des Orientalen hierin bewandert seyn. Da nun wirklich
Mehrere von uns darin einige Kenntnisse besassen, so kamen bald auch
andre geistliche Bewohner oder Gäste des Hauses, die sich unsern
ärztlichen Rath erbaten. Bei dem Abendessen erprobten wir es selbst,
daß der Ruhm, den die Melonen dieser Gegend schon bei den Alten erlangt
hatten, ein wohlbegründeter sey; ihres Gleichen an Süßigkeit und
aromatischem Geschmack hatten wir noch nie genossen. Auch für die Ruhe
der Nacht war aufs beste gesorgt, man hatte uns dazu die gastlichsten
Zimmer des Hauses eingeräumt.
* * * * *
Schon in der frühesten Morgendämmerung weckten mich die Töne der
Menschenstimmen, welche aus der jenseits der engen Gasse gelegnen
Juden-Synagoge kamen. Zwar lauteten diese Töne nicht wie ein »Lob
in der Stille zu Zion«, nicht wie ein Loblied in »höherem Chor,«
sie erinnerten aber dennoch an die bei diesem Volke so wunderbar
ausdauernde Verehrung jenes Heiligthumes, das »hoch gebaut ist, wie
ein Land, das ewiglich fest stehen soll«[113]; sie erinnerten an jenen
Bund der Verheissung, welcher noch immer eine innre Lebenskraft dieses
Volkes ist, aus der das äußere Fortbestehen desselben hervorgehet. Auch
wir mit unsern jungen Reisegefährten freuten uns, in unsrem einsamen
Zimmer der Erfüllung jenes Trostes, dessen Israël so ausdauernd wartet,
und genossen der geistigen Stärkung.
* * * * *
Dem Leibe ließen die freundlichen, geistlichen Bewohner des Hauses
nichts abgehen von dem, was er zu seiner Stärkung und Nahrung brauchte.
Kaum hatten wir uns sehen lassen, da erschien auch der Kaffee, mit den
Tellern voll des wohlschmeckenden Kaimaks, welcher aus dem eingedickten
Rahm der Büffelmilch bereitet und mit Zucker versüßt ist. Dabei durften
denn auch die andern, zum Kreise des morgenländischen Frühstückes
gehörigen Dinge nicht fehlen, namentlich der Racky mit den Süßigkeiten
der Früchte und den Gläsern des frischen Wassers, so wie vor und nach
dem Genuße des Frühbrodes die angezündete Pfeife. Die Lachtaube, die
hier, als einheimischer Vogel in den Bäumen des Hofes nistete, ließ
dabei, wie zum harmlosen Genusse einladend, ihre fröhlichen Töne hören.
Der Vormittag wurde zum Besehen der Stadt angewendet, welche sich vor
Smyrna und vielen andern Städten des Morgenlandes durch ihre breiteren,
reinlicheren Gassen und ihre schöneren Gebäude sehr vortheilhaft
auszeichnet. Die Zahl der Häuser von Magnesia wird auf 9000 angegeben,
wovon fast sechs Siebentheile von Türken bewohnt sind, 800 sind im
Besitz der Griechen, 350 haben die Armenier, 100 die Juden inne; die
Summe der gesammten Einwohner soll sich auf nahe 80,000 belaufen. Wir
beobachteten auch hier unsre gewohnte Weise um zu einer Uebersicht
über die schöne Stadt und ihre noch schönere Umgegend zu gelangen:
wir stiegen vor allem auf eine Anhöhe, welche den freien Blick über
beide gewährt. Dieses ist hier ganz besonders leicht, denn Magnesia
liegt am Fuße des hohen Sipylos, der sich da, nach der Ebene hin, mit
mehreren gähen Vorbergen umgürtet hat. Einer dieser Vorberge ist jener,
worauf die vormalige Akropolis der Stadt liegt und an dessen Abhange
die bedeutendsten Ueberreste aus der alten christlichen Zeit dieser
Gegend gefunden werden. Wir stiegen zuerst da hinan, und verweilten
mit hohem Interesse bei der ehemaligen nun schon längst zur Moschee
gewordenen Kirche. In ihrer Bauart erinnert sie an die, freilich
ungleich größere Domkirche von Modena, auch an der vorhin erwähnten
Kirche zu Thyatira zeigt sich dieselbe Form der Säulen und der Bögen
wie der äußern Zierrathen. Die Moslimen hegen gegen dieses Gebäude eine
ganz besondere Verehrung. Zwar hat der Bilderhaß derselben das Innre
der gewesenen Kirche nicht verschont, das Aeußere aber, mit all seinen
christlichen Emblemen ist so unangetastet geblieben, daß selbst der
alte Glockenthurm, statt zum Minare umgestaltet zu werden, seine Glocke
behalten hat, die noch fortwährend zum Anzeigen der Zeitabschnitte
benutzt wird. Unser fleißiger Maler, Hr. ~Bernatz~, war bei dem
merkwürdigen Gebäude allein zurückgeblieben, um dasselbe zu zeichnen.
Eine türkische Frau bemerkte dieß, und, über die vermeintliche
Entweihung der heiligen Moschee durch die Nachbildung von der Hand
eines Ungläubigen entrüstet, erhub sie mit lautem Geschrei gegen das
Bild wie gegen das gute, ehrliche Angesicht des Künstlers ihre mit
scharfen Nägeln bewaffneten Hände, und beide, wenigstens das Bild
würde, da jetzt auch noch andre schreiende Frauen hinzukamen, hart
angetastet worden seyn, wenn der Maler sich nicht entfernt hätte.
Uebrigens bemerkten wir auch noch bei andrer Gelegenheit, daß der
Anblick eines europäisch gekleideten Mannes für einen Theil des
hiesigen Volkes ein Widerwillen erregender seyn müsse. Einer der jungen
Freunde (+Dr.+ Roth) klopfte mit seinem geognostischen Hammer an
eine Felsenwand des Kastellberges, an welchem wir mit einer besondern,
heimathlichen Zuneigung die Felsarten unsers Tyroler Fassathales
erkannten, da trat mit zornigem Geschrei ein türkisches Weib aus der
Hütte hervor, die auf diesem Felsenvorsprunge stand und äußerte ihre
Besorgniß: daß der Ungläubige ihr Haus umstürzen wolle.
Nahe bei der vormaligen christlichen Kirche steht eine Platane,
welche ihrer Stärke und Größe nach wohl eben so alt oder noch älter
seyn mag als das Gebäude; aus ihren Zweigen ertönt noch unverändert
derselbe Gesang der Vögel, der aus ihr vielleicht schon vor einem
Jahrtausend vernommen wurde, während in dem benachbarten Gemäuer
schon die Zungen der verschiedensten Völker laut wurden. Wir hörten
jetzt andere Stimmen, die uns lieblicher waren als die der Vögel: die
Stimmen der kleinen Kinder einer nicht weit von der Platane abgelegnen
Kinderschule, deren Lehrer Freund Jetter kannte und wegen seiner
Redlichkeit und Geschicklichkeit liebte. Mit Bedauern vernahm aber
unser Freund, daß ein großer Theil der Kinder, die noch im vorigen
Jahre diese Schule besuchten und unter ihnen mehrere der fleißigsten
und talentvollesten, an der verheerenden Pest des vergangenen
Frühlinges gestorben seyen. Unter den jetzt anwesenden Kindern
zeichnete sich ein Mägdlein von etwa acht Jahren durch seine Fertigkeit
im Lesen, so wie in den Anfangsgründen des Rechnens aus. Sie hatte
es bei ihrem geschickten Schullehrer, der sich selber die auf gute,
europäische Weise eingerichteten Schulen zum Muster nimmt, ohnfehlbar
weiter gebracht als der schon mehr als zwanzigjährige Student, den
wir bald nachher in dem unteren Theil der Stadt bei der prächtigen
Moschee Sultan Murads +III.+ kennen lernten, wo er an der dortigen
Hochschule die verborgenen Tiefen der türkischen Weisheit ergründen
wollte. Die Gelehrsamkeit dieses guten Jünglinges war auch in der That
eine sehr verborgene, denn er konnte nicht einmal lesen. Er sagte uns,
in der Türkei brauche man bloß zu singen, um ein gelehrter Muesin
(Gebetsausrufer) zu seyn; wozu solle man das erst lesen, was man schon
auswendig wüßte.
Oben auf dem Kastellberg genossen wir denn der ungehemmtesten Aussicht
über Stadt und Land. In ziemlicher Nähe von Magnesia windet sich der
Hermos durch das grünende, trefflich angebaute Thal; die Stadt, mit
ihren 32 Moscheen und andern ansehnlichen Gebäuden liegt selber wie in
einem großen, schönen Garten; man begreift die große Anhänglichkeit
Murads +II.+ an sein geliebtes Magnesia wohl, dessen Tulpengärten
und Zypressenhaine er zweimal mit dem Thron und seiner Herrscherwürde
vertauschte, bis beide Male ihn die Noth des Augenblickes einmal
zum Kampfe gegen den andringenden äußren Feind (bei Varna), das
andre Mal zur Beschwichtigung einer innern Empörung von dem Ruhesitz
hinwegrief. Dort, am Fuße des Hügels bezeichnet noch ein altes Gemäuer,
im Schatten der hohen Zypressen den Ort, wo Murads Pallast stund,
nahe dabei erheben sich die Kuppeln der Grabmäler von 22 Kindern und
Frauen Murads +II.+ so wie Murads +III.+, der ebenfalls die
Melonenfelder und Fruchtgärten von Magnesia den Herrlichkeiten der
unruhigen Kaiserstadt vorzog. Von dem letztern, von Murad +III.+
(nicht von Murad +II.+[114]) sind auch jene öffentlichen Gebäude
begründet, welche unter den sehenswürdigsten der Stadt genannt werden:
die Moschee des Sultans mit schönem Portal und hohem Kuppelgewölbe
(vollendet im Jahr 1591) mit den Gebäuden der Akademie; die Moschee
der Günstlingin (Chasseki) und der Frau (Chatunije); ein Bad und
Speisehaus für Arme, eine Karawanserai, ein Kloster für Derwische
und ein Narrenhaus. Wenn schon diese beiden Osmanischen Herrscher,
mehr freilich der edlere, thatenkräftigere Murad +II.+ als der
weichliche, dem Sinnentaumel ergebene Murad +III.+ durch das
Hineinflechten ihrer Geschichte in die der Stadt, dem schönen Magnesia
einigen Glanz verleihen, so thun dieses in noch viel höherem Grade jene
beiden Helden des Alterthumes, an deren Andenken dieser Ort erinnert.
Hier in Magnesia, welches der Perserkönig Artaxerxes mit noch zwei
andern Städten sammt allen ihren Einkünften[115] ihm zum Ruhesitz
der letzten Tage verliehen hatte, starb der Sieger bei Salamis, der
große Leitstern der geistigen Kräfte Athens zum ferneren Ziele der
Vollendung: ~Themistokles~; und wenn auch von den Statüen, womit
der kunstliebende Mann den Markt seiner Stadt schmücken ließ, wenn auch
von dem Grabmal des berühmten Atheniensers keine Spur mehr geblieben
ist, so hat sich doch noch immer in der Seele der jetzt da lebenden
Griechen das Andenken an Themistokles erhalten, dessen Geist hier
einstmals gewaltet[116]. Auch ein thatenreicher Römer hat neben dem
Athenienser, mehr denn acht Menschenalter später als dieser (im J.
190 v. Chr.) der Umgegend von Magnesia sein Andenken eingeschrieben:
Cornelius Scipio, der sich hier durch den Sieg über das buntgemischte
Heer des Antiochus den Beinamen des Asiaten, wie sein Bruder durch
Carthago's Besiegung jenen des Africaners erwarb.
Der Fels der Akropolis, auf dem wir jetzt der herrlichen Aussicht über
Länder und Zeiten genossen, enthält nach ~Chishulls~ Beobachtung
Spuren von Magneteisenstein und wirkt auf die Bewegung der Magnetnadel,
was jedoch noch mehr an einem andren Punkte des nachbarlichen Sipylus
statt finden soll. Bei der Akropolis selber konnten wir jene Spuren
nicht auffinden; die vorherrschende Felsart derselben ist Wacke
(Flötzgrünstein) von porphyr- und mandelsteinartiger Struktur, doch
fanden wir in dem Bette eines Gießbaches im Thale serpentinartiges
Gestein und Chlorit, die gewöhnlichen Muttergesteine des Magneteisens.
Wir stiegen jetzt wieder hinab in die schöne Stadt und brachten mehrere
Stunden mit dem Beschauen ihrer Merkwürdigkeiten zu, unter denen die
schon vorhin erwähnte Moschee Sultan Murad +III.+ den größten,
die Gärten beim alten Pallast Murad +II.+ den angenehmsten
Eindruck auf das Auge machten. Wie sehr beklagten wir, daß jetzt
nicht die Zeit des Tulpenflor sey, deren Pracht in der Umgegend von
Magnesia so groß seyn soll. Es enthält indeß das jetzige Magnesia noch
andre Blumenbeete, deren Pracht dem Wechsel der Jahreszeiten nicht
unterliegt, das sind die in neuester Zeit hier trefflich gedeihenden
Schulen, vor allen jene der armenischen Christen. Hiedurch ist auch
ein Theil der türkischen Volksschullehrer, wie wir davon schon oben
ein Beispiel sahen, zum rühmlichen Wetteifer erweckt worden und unter
ihren Händen werden die Schulen zu einem viele Früchte versprechenden
Blüthengarten, während uns die alten, Kaffee (vielleicht auch Opium)
schlürfenden und Tabakrauchenden Muderris oder Professoren an der
Academie bei der Muradsmoschee, in ihren buntfarbigen Hörsälen wie
abgestorbene, vom Wetter getroffne Zypressen vorkamen, von denen keine
Frucht mehr zu erwarten ist.
Wir mußten, bei unsrem gastfreien Bischof noch das Mittagsmahl
einnehmen, wobei, wegen des Fasttages, keiner der höheren
Geistlichkeit, sondern statt ihrer der Arzt des Hauses, ~Giovanni
Velastis~, ein geborner Italiener den anordnenden und nöthigenden
Wirth machte. Die Diener des Tisches (einige Geistliche von geringerem
Range) neckten, wegen der ihm verbotenen Speisen unseren ~Jusuff
Effendi~, der sich, obgleich Armenier, wie ein Türke hält und
beträgt; dieser, mit seiner gewöhnlichen Ueberlegenheit des Geistes,
machte das Tischgespräch lebhaft und unterhaltend. Und wie sollte er
nicht bei jeder Gelegenheit sich uns als lehrreicher und angenehmer
Reisegefährte erwiesen haben, er, der weltkundige, vielgereiste Mann,
der nicht bloß einige der wichtigsten und schönsten Gegenden von
Europa, namentlich Italien gesehen, sondern Asien von seiner Westküste
an bis zur Gränze von China zu Lande durchreist hat und auch in
Afrika, von Aegypten aus so tief eingedrungen ist wie vor ihm kaum ein
europäischer Reisender, und, was das Meiste ist, der diese Reisen mit
solchem klaren Sinn und Verstand gemacht hat.
Gleich nach Tische bestiegen wir unsre Pferde und ritten gegen
Kassabah (Durguthli) hin, welches gegen 6 Stunden Weges von Magnesia
abliegt und das wir zu unsrem Nachtlager bestimmt hatten. Der Anfang
des Weges läuft an dem nordöstlichen Fuße des Sipylos hin, dessen
Felsenwände schon in den Nachmittagsstunden dem Wandrer Schatten
gewähren. Ein klares, frisches Wasser entspringt aus der Sohle des (zum
Theil dolomitartigen) Kalkgebirges, dessen zackige Form und Umrisse
an jene der Julischen Alpen erinnern; an einer weiterhin gegen den
Kryosfluß gelegnen Stelle der gähen Bergwand zeigt sich eine große aus
dem Felsengestein ausgehauene menschliche Figur: ein altes Bild der
Cybele. Aus noch älterer Zeit als dieses Götzenbild der vormaligen
Lydischen Beherrscher des Landes, sind jene tiefen Klüfte, durch welche
sich, jetzt, seitdem mit den Waldungen zugleich der Reichthum des
Quellwassers sich vermindert hat, nur noch zur Zeit des Winterregens,
Wasserfälle herabstürzen, die an erhabener Schönheit ihrer Umgebung den
schönsten Wasserfällen unsrer vaterländischen Alpen nichts nachgeben
mögen.
Da, wo die Straße von den Wänden des Sipylos hinweg gegen Südosten
sich kehrt, nahe an der alten, steinernen Brücke, die über den eben
jetzt ziemlich reich strömenden ~Kryos~ hinüberführt, begegnete
uns ein Zug der schönsten türkischen Rosse, welcher dem reichen Aga
~Oglu Bey~ zu Magnesia angehörte, dessen Frauen auf diesen Thieren
eine Reise zu einem Familienfeste, wahrscheinlich nach dem schön
gelegnen ~Nymphi~ gemacht hatten[117]. Unser Auge wurde indeß bald
von einem Gegenstand angezogen, der einen mächtigeren Eindruck auf
dasselbe machte, als alle Pracht der Rosse und Mäuler. Vor uns lag, in
seiner ganzen Erhabenheit, der hohe ~Tmolus~, seine Gipfel mit
Schnee bedeckt, der Abhang von reichen Waldungen überkleidet; näher
gegen uns hin zog sich der Sandstein oder vielmehr der Hügelzug des
Fluthlandes, welcher in seinen grotesken Formen jetzt die Gestalt von
Burgruinen, dann von lang fortlaufenden Wällen und Mauern nachbildete;
die jetzt trocknen Rinnsäle der Winterbäche, durch welche wir ritten,
führten zum Theil Geschiebe und Bruchstücke, welche dem Schiefergebirge
der Urzeit entstammt waren, mit ihnen zugleich den nicht selten
dolomitartigen Kalk.
Noch jetzt ist die Thalgegend, die am Sipylus und weiterhin am Tmolus
sich hinziehet, eine reich gesegnete. In der Nähe von Magnesia zeigte
sich uns überall neben und an den Baumwollenfeldern, deren Ernte
jetzt begonnen hatte, unter vielen andern südlichen Feldfrüchten die
Fülle der süßesten Melonen (auf Türkisch Karpuz genannt) und der
Honigkürbisse (+C. Melopepo+, auf Türkisch Bal-Kahaghi), von
denen beiden unsre Surutschuis öfters sich welche aus der Hand der
Feldarbeiter erbaten und das Erbetene in Fülle erhielten. Am Gewässer
des Kryos und gegen den Hermos hin wie am Abhange der Hügel bemerkt
man allenthalben das üppig grünende Weideland; das hiesige Vieh ist
groß und stark, auch die Bewohner des Landes, die uns mit ihren von
Baumwollenkapseln erfüllten Wägen, oder mit der Last ihrer Ernte auf
den Schultern begegneten, erschienen uns so kräftig und schön als ihr
Land. Doch hatte die Pest des vorhergehenden Frühlinges unter diesen
»Starken,« wie man uns erzählte, eine mächtige Verheerung angerichtet.
Die Minare's von Kassabah, mit denen die Bäume, welche den Ort umgeben,
an Höhe wetteifern, lagen jetzt nahe vor uns; bald ritten wir in den
ansehnlichen, 2000 Häuser umfassenden, wohlhabenden Flecken ein. Wir
nahmen unsren Weg, gleich nach dem Eintritt in den Ort, rechts, zu der
Wohnung des Pächters, welcher die hiesigen Güter des Erzbischofs von
Magnesia verwaltet und seine Einkünfte aus der Umgegend eintreibt. Hier
hatte uns der empfehlende Brief, welchen uns der Bischof von Hierapolis
von Magnesia aus mitgab, Bewirthung und Nachtlager bereitet. Das Haus
des Pächters liegt neben einem türkischen Gottesacker, im Schatten
des Baumes, welcher, so oft man ihn auch in diesem Lande sieht, dem
Auge immer von neuem lieb und angenehm erscheint: im Schatten einer
hohen, alten Platane. Nicht fern davon findet sich das griechische
Kloster und jener Theil der Stadt, in welchem mehrere griechische
Familien beisammen zu wohnen scheinen. Außer den griechischen wohnen
auch armenische Christen in Kassabah, die schon seit dem Ende des 17ten
Jahrhunderts eine eigne Kirche hier besitzen und zu den wohlhabendsten
Grundbesitzern so wie Baumwollenfabrikanten des Ortes gehören.
Die Familie des Pächters war erst seit wenig Tagen vom Gebirge
zurückgekehrt, in dessen gesündere Luft sie sich vor den Schrecknissen
und Gefahren der Pest geflüchtet hatte. Das gastliche Zimmer des
Hauses, in welchem, während der Abwesenheit der Bewohner ein Theil
des Hausgeräthes aufgestellt worden, mußte erst geräumt werden, was
indeß der Hand unsrer rüstigen Wirthin und ihrer beiden Söhne sehr
schnell gelang. Bald hielten wir unsren Einzug in das Ehrengemach des
bischöflichen Landsitzes und ruheten auf den reinlich aussehenden,
niederen Polstern. Die Aussicht aus den Fenstern des Zimmers über die
weite, abendliche Flur und nach dem Purpurdache der eben untergehenden
Sonne war schön; die Gastfreundlichst unsrer Wirthsleute zeigte sich
von unsrem Eintritt ins Zimmer bis zu dem Augenblick des Schlafengehens
beschäftigt uns alle Süßigkeiten und eben aufzutreibende Speisen der
Gegend kosten zu lassen.
Noch vor Sonnenaufgang verließen wir das gastliche Kassabah. Zwar die
Morgenröthe, welche über das Thal des Hermos heraufstieg, war kein ganz
gutes Vorzeichen für das heutige Wetter, aber sie trug nicht wenig
zur Erhöhung der eigenthümlichen Reize dieses unvergleichbar schönen
Morgens bei. Die aufgehende Sonne beleuchtete uns die nun näheren,
wunderlichen Gruppen des jüngeren Sandsteines, der sich hier zu
mächtigem Pfeilern, höher noch als bei Adersbach, und zu ruinenartigen
Gewänden erhebt. Rechts an unsrem Wege, unter alten Zypressen, lag ein
türkischer Todtenacker, welcher, nach der Menge der Grabessteine zu
urtheilen, vielen Geschlechtern einer vormals hier bestandnen Gemeinde
zur Ruhestätte der Gebeine gedient haben muß. Die Denkmäler der Todten
sind fester und ausdauernder gewesen als die Wohnungen der Lebenden;
denn diese sind, bis auf wenige Spuren verschwunden; der Ackersmann,
welcher über und neben den Trümmern der vormaligen Häuser sein Feld
pflüget, der Hirte, der hier seine Heerde weidet, wissen nicht einmal
mehr den Namen der einst da bestandenen Orte zu nennen. Und die gleiche
Bemerkung von einer augenfälligen Abnahme der Zahl der türkischen
Einwohner in diesen Ländern, drängt sich dem Reisenden sehr oft und
vielfach auf.
Mit dem Dorfe ~Teriköi~ (Dorf des Thales) das rechts von der
Straße nach Sardis in einer Schlucht des grotesken Sandsteines liegt,
möchten sich wohl wenig Dörfer der Erde an majestätischer Schönheit
der Lage vergleichen lassen. Die Häuser so wie die von der Morgensonne
bestrahlten Minare's machten, wenigstens aus dieser Ferne gesehen,
den Eindruck von Reinlichkeit und Wohlstand der Einwohner; dort am
Quell, im Schatten der uralten Platane feiert der vormals reicher
blühende Liebreiz dieses Landes mit der durch manchen Sturm der Zeiten
gebrochenen Kraft des Landes seine goldene Hochzeit und wenn alle diese
Bäume und Gesträuche des Oleanders, die den Bach beschatten, durch
welchen weiterhin der Weg uns führte, in voller Blüthe stehen, dann muß
jene Landschaft einem Rosenteppiche gleichen.
Ganze Züge von hohen, schwerbeladenen Kameelen, angeführt von einem
Eselein, das mit dem Ton der an seinem Halse hängenden Glocke die
lastbaren, hinter ihm drein gehenden Thiere im Takt der Schritte
erhielt, begegneten uns jetzt. Die Männer, die jene Züge begleiteten,
waren Landsleute von Mohammeds Koch und von unserm Jusuff Effendi:
Armenier, in ihren dichtgewebten, oben nur mit den Löchern für den
Kopf und die Arme versehenen härenen Kutten, die so wasserdicht sind,
daß sie ihren Träger, wie der Schildkröte das Gewölbe ihrer Schaalen,
gleich einer Hütte zum Obdach dienen können. -- Neben den türkischen
Todtenäckern und ihren veralteten Zypressen zeigten sich jetzt auch
an unsrem Wege hin und wieder die Todtenmähler eines früheren
Jahrtausends: die kegelförmigen Grabeshügel der alten, heidnischen
Bewohner von Lydien. Als wollte der Mensch überall, in die Felsen wie
in die Hügel des Erdreiches, in das Holz der Zypresse wie in jenes
der Ceder nur seinen ursprünglichen Namen einschreiben: den Namen des
Staubes aus dem er gemacht ist, und in welchen er -- dieß ist das
gewisseste der natürlichen Ereignisse -- auch wieder zurückkehren und
versinken soll.
Ueber die Ebene, am Fuße der Vorberge des Tmolus hin, dessen Gipfel
die näheren Höhen uns noch verdeckten, gelangten wir jetzt zu dem
Dorfe ~Achmedli~, vor dessen türkischem Kaffeehause wir ein
wenig ausruhten. Ein junger Türke und ein wandernder Jude vergnügten
sich hier an dem Spiele einer viersaitigen, türkischen Zither, und
der Israëlit sang zum Ton der Saiten ein nicht unlieblich lautendes
Lied. Noch während wir am Kaffeehaus ruheten, kam eine Familie der
wandernden Turkomanen mit den Heerden ihrer schönen Ziegen vorüber; die
Schaaren dieser Wandrer wurden immer ansehnlicher und zahlreicher, je
näher wir von Achmedli aus dem eigentlichen Abhange des Tmolus kamen.
Wir glaubten uns in die patriarchalische Zeit zurückversetzt, als
wir diese Züge der einzelnen Familien und ganzer Horden der mit dem
Trosse der Jurucken vermischten Turkomanen sahen; ein Greis, vielleicht
der älteste der kleinen Gemeinde, zu Pferde oder zu Kameel an ihrer
Spitze; die jüngeren Männer und unverschleierten Frauen zu Fuße neben
den Kameelen, welche außer den gesammten Geräthschaften des einfachen
Haushaltes und dem Baumaterial der Nomadenwohnung auch die kleineren
Kinder trugen, die auf dem Bauche liegend an die Stroh- und Filzdecken
fest gebunden waren. Hinter den Kameelen folgten dann die Schaaren der
langhaarigen, wie Seide glänzenden Ziegen.
Jährlich zweimal, mit den Sangvögeln der Hochwälder zugleich, ziehet
das rüstige Volk dieser Gebirgsnomaden durch das Thal des Hermos.
Einmal, wie eben jetzt, im Herbste, wenn der fallende Schnee die
Heerden und ihre Hirten von den Alpenwiesen verscheucht, dann wieder im
Frühling, wenn der neubelebte Teppich der Gewürzkräuter des Gebirges
von neuem zu der Rückkehr nach den heimathlichen Höhen einladet.
Während der Wintermonate weiden diese Hirtenstämme ihre Heerden in der
vom Regen erfrischten Ebene und in der wärmern Küstengegend, deren
fruchtbarer Boden, reich genug um eine zehnfache ja zwanzigfache
Zahl der Bewohner mit Brod und andern Erzeugnissen zu nähren und zu
bekleiden, jetzt nur noch zum Weideland dienet. Der Reichthum dieses
Volkes bestehet vornämlich in den Heerden ihrer fein- und langhaarigen
Ziegen, durch deren Zucht einst die Umgegend von Laodicea so reich war.
An Güte des Haares stehen diese Ziegen zwar allerdings noch hinter den
berühmten von Angora zurück, doch würde die Zucht, mit leichter Mühe,
sich aufs einträglichste verbessern lassen. Indeß sehen diese Nomaden
gerade nicht so aus als wenn sie ihr Nachdenken sonderlich anstrengten,
um ihr Einkommen zu vermehren. Das fröhliche, zum Theil wahrhaft
schöne Angesicht der graubärtigen Alten wie der Jüngeren; der Fleiß
der Frauen, die selbst im Gehen ihren Flachs am Handrocken spannen,
sprach uns sehr eindringlich an. So mancher Winter ist über diese
Gebirge gekommen, der die Schaaren der geflügelten Sänger von dort
verscheuchte; so mancher ist vergangen und hat dem wärmenden Frühling
Raum gemacht, in welchem die Stimmen des Gesanges in Fels und Wald von
neuem erwachten, möchten doch auch einmal zu diesen Hirten des Gebirges
jene Boten wiederkehren, die ihnen im Schatten des äußern Friedens
ihrer Hütten auch jenen höheren, inneren Frieden verkündeten, den die
Welt nicht zu geben vermag.
Links von diesem Wege zeigten sich uns jetzt die nördlichen
Gebirgsdämme des Hermosthales immer näher; an ihrem Saume, herabwärts
gegen den Fluß, doch jenseits desselben erhebt sich der merkwürdige,
berühmte ~Grabeshügel des Alyattes~, der wie ein Riese neben den
vielen kleineren Grabhügeln dasteht. Der hier schnell vorüberziehende
Nomade kann von dem bedeutungsvollen See von Gygäa: dem Coloesee und
von dem Grabmal des Alyattes nur das erzählen, was Andre, länger
verweilende Reisende schon berichteten, denn er selber sahe dieses
Nachbild des ägyptischen Mörissees und der Pyramiden nur wie im Fluge.
Dem Jünglinge, in seinem beengten Sehnen nach dem Hause des Vaters und
der Mutter ward (nach S. 8.) die erste Regung zum Hinausgehen nach
einer Heimath der höheren Art an einem See. Ist doch das Wasser überall
im Gebiet der Sichtbarkeit die Stätte des Ausziehens, in welches das
hinauswärts von dem Anfangspunkte des Werdens gewendete Gestalten
zurückkehrt und aus welcher es von neuem seinen Ausgang, zur höheren
Stufe des Seyns und des sichtbaren Wesens nimmt. Nicht ohne Bedeutung
erscheint es, was die Ueberläufer aus dem Leben des Diesseits in das
des Jenseits, die Scheintodtgewesenen, wenn sie der noch ungesättigte
Drang nach sichtbarer Verleiblichung zu diesem zurückführte, mit
so wörtlicher Uebereinstimmung von jenen »Wassern« berichteten, die
zwischen dem Diesseits und dem Jenseits schweben. Es sind Wasser, noch
im anderen Sinne als das Auge sie kennt, doch sind die sichtbaren der
unsichtbaren Abbild.
In Aegypten gab der See Möris den noch Lebenden und Sehenden ein
Erinnerungszeichen an das Wasser der Auflösung des alten, und der
Ausgeburt des neuen, beginnenden Lebens. Die Tonweise dieses »Liedes
der Völker« ist fernhin, über viele Berge und Thäler der Erde gezogen,
auch der Gygäasee, umgeben von Grabmälern der Lydischen Herrscher und
Helden, hatte die gleiche hieroglyphische Bedeutung wie der Mörissee;
das Grabmal des Alyattes, das von unten auf steinern, oben mit Erde
überschüttet, an seiner Basis sechs Stadien im Umfange hatte, war
wenigstens eine weitläufigere, wenn auch nicht eine gleichkräftige
Nachahmung der um mehr denn ein Jahrtausend früher erwachsnen großen
Pyramiden von Ghizeh. Alyattes, dessen Grabeshügel dort vor Augen
liegt, war der Besieger der Cimmerier, der Vater des ~Crösus~;
wie sein Tumulus die andren alle überragt, so hatte die äußere Macht
der Lydischen Herrscher mit ihm und seinem Sohne ihren Gipfelpunkt
erstiegen. Glücklicher Vater, der du das Unglück deines Sohnes nicht
mehr kommen sahest, und noch glücklicherer Sohn, der du das Elend, das
auf dich einstürmte, zu deiner Besserung benutztest.
Der Bergabhang zu unsrer Rechten wurde immer reicher und schöner.
Solche dichte Waldungen wie sie hier stehen, hatte ich kaum in einem
Lande zu sehen vermuthet, wo jeder der Bewohner, so wie der Fremdling,
nach Belieben sein Bau- oder Brennholz hauen darf, und wo nicht selten
die barbarische Sitte des Niederbrennens den Segen der Natur zu nichte
machet. Noch eine vorspringende Anhöhe war jetzt umritten, da lag, von
keinem seiner niedrigeren Nachbarn mehr verdeckt, in seiner hehren
Majestät der Tmolus vor uns; auf seinem Gipfel mit Schnee bedeckt,
weiter abwärts aber noch jugendlich, wie im Frühlinge grünend. Dieser
Berg, der mich seinem Umrisse nach an einige der schönsten Urgebirge
der europäischen Hochländer erinnerte, erhebt sich stufenweise,
zuerst als gähes, pfeilerartig zerklüftetes Sandsteingebilde, dann
über grünende, wellenartig gerundete Alpenwiesen und Hochwälder zu
dem Felsenhaupt des prächtigen Gipfels. Noch jetzt heißt er bei den
Eingebornen der Freudenberg (Bozdag), obgleich die Fülle der Wein-
und Obstgärten, die nach dem Zeugniß des Alterthums[118] vormals über
ihn, von seinem Scheitel an bis herab zum Fuß sich ergoß, großentheils
verschwunden ist, und das Gold, aus dessen Ueberfluß einst der Paktolus
und Hermos sich bereicherten, tief in seine Felsen sich verschließt.
An den Fuß dieses schönen Berges lagert sich die fruchtbare Ebene von
Sardis.
Schon aus der Ferne fällt auf einem schroffen Sandsteinfelsen
die ~Akropolis~ dieser Herrscherstadt des alten Lydiens als
unbeschreiblich imposante Ruine ins Auge. Sie wäre jetzt, seitdem
nicht allein Timurs wüthendes Heer, sondern die noch mächtigeren
Erdbeben einen großen Theil des Gemäuers sammt den Felsenmassen, worauf
es gegründet war, hinabgestürzt haben, noch schwerer zu besteigen
als damals, wo ein Soldat aus Cyrus Heere einem der Belagerten,
dem der Helm über einen Theil des Felsens herabgerollt war, die
Möglichkeit absahe, selbst an diesem scheinbar unzugänglichsten und
deshalb nur wenig bewachten Punkte herab und hinan zu klimmen. In
ziemlicher Entfernung von der Burg zeigt sich, unten in der Ebene,
das mächtige Bauwerk der vermuthlichen ~Gerusia~, des vormaligen
Herrscherhauses des Crösus.
Bei der Mühle, am Ufer des Paktolus, deren Oberknecht einer von den
beiden Christen ist, die jetzt noch den einzigen Ueberrest der alten
Christengemeinde von Sardis bilden, machten wir Halt. Auf den im Bette
des kleinen Flüßlein liegenden größeren Steinen schritten wir trocknen
Fußes über den Paktolus hinüber nach den Ruinen des von Tiberius so
prachtvoll wieder erneuerten, römischen und byzantinischen Sardis. Zu
unsrer Rechten lagen die jetzt verlassenen, aus Mauersteinen und Lehm
erbauten Hütten der Turkomanen; weiterhin auf unsrem Wege nach den
Mauern des alten Stadiums, kamen wir an den schwarzen Zelten einer
Juruckenhorde vorüber, deren Frauen außen vor der Hütte an einem
kunstlosen Weberstuhle mit dem Fertigen von bunten Teppichen und
Gewändern beschäftigt waren. Mehrere von diesen Frauen, da sie uns
kommen sahen, liefen nach ihren Zelten und holten aus diesen alte,
kupferne Münzen hervor, alle in sehr verrostetem Zustand und keine
darunter, deren Alter über die Zeit der römischen Kaiser hinaufgieng.
Auch hier wurde unser ärztlicher Rath und unsre Hülfe sogleich in
Anspruch genommen, von einem armen Juruckenweibe, das am Brustkrebs
litt. Ihr Uebel hatte leider schon einen so hohen Grad erstiegen, daß
nur noch das schneidende Messer, nach menschlicher Ansicht, Rettung
versprechen konnte. Nicht weit jenseits der Juruckenzelte betraten wir
die Stätte des römischen Theaters und des mit ihm verbundenen Stadiums.
Das noch von beiden stehende Gemäuer ist vom Erdbeben zerrissen; auf
den mit wucherndem Unkraut bedeckten Hügeln des Schuttes und Grauses
lag eine Rudel verwilderter Hunde, häßlich von Farbe und Aussehen,
manche von ihnen von Wunden bedeckt, die vielleicht den Kampf mit
Hyänen und Schakals bezeugten. Diese sind es, welche anjetzt das
vormals herrlich gewesene Theater besuchen, dessen äußrer Durchmesser
396, der innre 162 Fuß betrug; statt der Gesänge der Chöre, die
einst hier ertönten, hört man am Tage das Chor der Krähen, bei Nacht
antwortet der kreischenden Stimme des Käuzleins im Innern, von außen
das Geheul des Schakals und der grunzende Ton der Hyäne. -- Hier in der
Gegend des Theaters war es, wo die Soldaten Antiochus des Großen die
Mauern überstiegen und der Stadt sich bemächtigten.
Von den Trümmern der römischen Herrlichkeit hinweg giengen wir nach
den Ruinen der beiden Kirchen des alten, christlichen Sardis. Sie
liegen gegen den östlichen, hier langsam schleichenden Nebenfluß des
Paktolus hin. Die größere dieser Ruinen gehörte einer Marienkirche
an. Ihre vom Erdbeben zerrissenen, nicht unansehnlichen Mauern sind
zum Theil aus den Marmorblöcken und Fragmenten von Säulen und Tafeln
zusammengeflickt, welche den zerstörten Heidentempeln und den Pallästen
einer früheren Zeit entnommen scheinen; dazwischen auch Stücke von
zerschlagenen Statüen. Weiter hinab in der Ebene stehen die minder
ansehnlichen Mauern der Johanniskirche. Dazwischen liegen, bewachsen
mit Gras und Gesträuch, an welchen die Ziege wiederkäuend ruhet, die
Hügel der Trümmer, die das Erdbeben und die Verheerungen des Krieges
aus den zusammengestürzten Gebäuden bildeten. Einsam, denn meine
Begleiter waren einen andern Weg gegangen, schritt ich über den oft
mit Blute benetzten Schutt hin. Gegen die überschwellenden Wasser des
Hermos und des Cogamus hatte die große Kunst des Menschen dort jenseits
des Flußes, am Saume der Hügel den Gygäa- oder Cola-See gegraben;
den Strom der Verheerung aber, welcher, vor allem mit Tamerlans
wüthenden Rotten, plötzlich über Sardis hereinbrach, den vermochte
keine menschliche Kraft noch Kunst abzuleiten und jenes arme Werk der
Häuser und Hütten, welches später über der großen Stätte des Gerichts
von neuem sich anbaute, das ward vom Erdbeben niedergestürzt[119]. Ja,
hier, wo nun der Weg der wandernden Kameele wie der weidenden Ziegen
über einen mächtig großen Grabeshügel führt, welcher Gebeine der Todten
bedeckt, die zum Theil lebendig und noch athmend den andern Todten
beigesellt wurden, stund einst das alte, christliche Sardis, von
dessen Engel (dem Vor- und Abbild der ganzen Gemeinde) Jener, der die
Geister Gottes hat und die sieben Sterne, sagt: »Ich weiß deine Werke;
denn du hast den Namen, daß du lebest und bist todt,« und zugleich
die Drohung hinzufügt: »so du nicht wirst wachen, werde ich über dich
kommen wie ein Dieb und wirst nicht wissen, welche Stunde ich über dich
kommen werde.« -- Das Auge darf nur einen einzigen Blick auf Sart und
seine zerborstenen alten, so wie dahin geschütteten späteren Mauern
richten, um selber Zeugniß nehmen und zu geben, für die Wahrheit jener
Worte.
* * * * *
Ich mußte, nach der Gerusia hin einen weiten Bogen machen, um nicht,
ganz unbewaffnet wie ich war, in unnütze Händel mit den verwilderten
Hunden zu gerathen, die sich auf einigen der bewachsenen Schutthügel
sonnten. Jene ließen mich schweigend ziehen und sonst war hier Alles so
einsam und still, daß ich in das Gemäuer des angeblichen Schatz- und
Wohnhauses oder der Gerusia hineintretend, den Wiederhall meiner eignen
Schritte hörte. Dieses mächtige Gebäude, dessen doppelte Mauern aus
riesenhaften Werkstücken zusammengefügt sind und welches, eben vermöge
seiner massiven Anlage verhältnismäßig am wenigsten vom Erdbeben
gelitten hat, könnte, eben durch diese seine Bauart wohl Ansprüche
machen auf den Rang eines Werkes aus dem heroischen Zeitalter der
Baukunst; ich meines Theils möchte es für eine Arbeit, nicht der Römer,
sondern der alten Lydier halten. Der erste der Säle, in welchen man
hineintritt, ist an seinen beiden Enden halbrund, seine Länge misset
165, die Breite 43 (englische) Fuß, die Dicke der Wände beträgt 10
Fuß. Nach Vitruvs[120] Zeugniß hatten die Bewohner des späteren, seit
Alexanders des Großen Zeiten wieder sehr reich und mächtig gewordnen
Sardis das Haus des Crösus zur Gerusia bestimmt: zu einem öffentlichen
Gebäude, worinnen, wie im Prytaneum, alle, um den Staat verdiente
Männer lebenslänglich Wohnung und Verpflegung fanden. Wie seltsam ist
der Eindruck den diese dicken, riesenhaften, jetzt so leeren Wände des
alten Schatzhauses eines der reichsten Herrscher der alten Welt auf das
Auge machen. Er gleichet jenem Eindruck, den ein Wandrer empfindet, der
am Morgen über das Gebirge der Räuberhöhlen ziehet, und der da am Boden
den leeren, zerrissenen Beutel, befleckt mit dem Blute des Ermordeten
liegen siehet, welchen das Gesindel des Waldes in der vergangenen Nacht
einem Reisenden geraubt hat. Möchte sie dahin seyn die unermeßliche
Menge des geprägten und gehämmerten, des ungeprägten und durchbrochenen
Goldes und Silbers, die Fülle der Arm- und Fußbänder, der Halsbänder
und Diademe, der Ringe und Gürtel vielleicht mit Golkondas Diamanten,
Bedachschans Rubinen, mit Zeylons Sapphiren und Omans Perlen besetzt,
hätte nur Sardis jenen Schmuck sich erhalten, den es eben so wie das
treugebliebene, nachbarliche Philadelphia empfangen, aber nur zu bald
befleckt und verloren hatte.
Es war als wollte die Natur dennoch hier bei manchem unsrer Schritte
uns daran erinnern, daß der alte Quell des Reichthumes dieses Landes
noch nicht ganz versiegt sey. In ungemeiner Menge und Pracht der
goldgelben Farbe wuchs und blühete neben dem Gemäuer der Gerusia und
noch mehr weiter südwärts, in der Nähe des Paktolus die ephesinische
Sternbergia. Im Hinaufgehen nach der Mühle begegnete mir ein
Kameeltreiber; ich athmete fröhlich auf, wieder einen lebenden Menschen
zu sehen. Noch wohler ward mir, da ich meinen jungen Freund, den
+Dr.+ ~Roth~ in dem jetzt großentheils trocken liegenden
Bette des Flüßleins eifrig suchend fand. Er suchte da, und auch ich
begleitete ihn später bei diesem Geschäft, nach jenem Steine, der von
Sardis seinen alten Namen hatte: nach dem +Lapis Sardius+ (Sarder)
oder Carneol. Wir fanden gerade da, wo wir am längsten suchten, nur
unbedeutende, aber dennoch sichre Spuren seines hiesigen Vorkommens;
reichere Ausbeute verspricht dem Mineralogen, den vielleicht ein
antiquarisches Interesse zu seinen Nachforschungen antreibt, jene,
diesseits Sardis, gegen Kassabah gelegne Gegend der Ebene, über welche,
vom Abhange der Sandsteinhügel herab, die Rinnsäle einiger Gießbäche
verlaufen. Die Hauptmasse der Geschiebe des Paktolus bildet ein öfters
röthlich oder gelblich gefärbter Quarz.
Während der Mittagsstunde ruheten wir im Schatten der Bäume, bei der
Mühle, am westlichen Arm des Paktolus. Das Hochgebirge hatte sich
mehr und mehr mit dicken Regenwolken bedeckt, die uns einen Theil der
erhabenen Bergansicht nach dem andern verhüllten. Unten in der Ebene
behielt indeß die heiß strahlende Sonne noch die Herrschaft, welche
uns Hoffnung gab zum guten Gelingen, auch noch des übrigen Theiles
unsres heutigen im Sehen und Beschauen bestehenden Tagwerkes. Denn
der schönste Sinnengenuß des heutigen, reichen Tages stund uns noch
bevor. Nach der kurzen Ruhe des Mittags machten wir uns deshalb auf
zum Besuch des Tempels der Cybele, der am Fuße des alten Burgberges
liegt. Mit Recht, so scheint es mir, haben viele neuere Reisende,
welche diesen Tempel sahen, seine Säulen, was die Form der Kapitäler
betrifft, als die schönsten gepriesen, die man von jonischer Bauart
kennt. Sie sind aus gleicher Zeit mit dem älteren, von Herostratus
verheerten Dianentempel von Ephesus; das einzige Denkmal, das noch
in ursprünglicher Schönheit von der Herrlichkeit und Herrschermacht
des Crösus zeuget. Anjetzt stehen noch zwei Säulen dieses herrlichen
Tempels, die andren sind durch das Erdbeben und durch die Habsucht
der Türken niedergestürzt, welche Letztere mit kräftiger Faust
das Blei heraushämmern, das den einzelnen Theilen der 6½ Fuß
dicken Säulenschäfte und ihrer Kapitäler zur Verbindung diente. Das
Baumaterial ist der schönste, reinste weiße Marmor.
Ich erinnre mich nur weniger Stunden meines Lebens, in denen mich
die erhabene Stille einer großartigen, menschenleeren Natur so tief
ergriffen hatte, als in jenen Sonnabend-Nachmittagsstunden, die ich
hier, sitzend auf den Marmorstufen des alten Cybeletempels zubrachte.
Da in der verfallenen Akropolis wohnte der Herrscher, der sich für den
Glücklichsten aller Sterblichen hielt, weil er mehr denn Alle Silber
und Gold sich gesammlet, weil er Alles, was seine Augen wünschten ihnen
ließ; weil er groß und stark war, durch die Macht seiner Heere. Und
siehe, dort in der Ebene erlag alle diese Macht und Stärke dem Heere
eines Volkes, das unter Cyrus plötzlich, wie der Waldstrom den ein
Gewitterregen im Gebirge gebar, hereinbrach. Dort unten stund auch
die reiche, durch Handel und Gewerbe blühende Stadt Sardis, welche
da sie schon einmal das Erdbeben gestürzt hatte, Tiberius prächtiger
wieder aufbaute. Und siehe auch über diese große, schöne neue Stadt
kam das Verderben durch Krieg und Erdbeben plötzlich, wie ein Dieb in
der Nacht. Vielleicht war es hier, bei diesem Tempel der Cybele, in
einem der längst von der Erde verschwundenen Lusthäuser des großen
Königes, wo Solon der Weise, Crösus, den irdisch Glücklichen ermahnte,
vor allem das Ende zu bedenken. In der That, wenn irgend ein Punkt der
Erde geeignet ist, das Andenken an das Ende zu wecken, so ist es dieser
da, am einsamen Tempel der Cybele bei Sardis. Die zerrissenen Wände
der alten Akropolis dort auf dem Sandsteinfelsen reden zu dem Auge des
Wandrers von der Eitelkeit der Eitelkeiten; von der vergeblichen Mühe,
die der Mensch unter der Sonne hat. Es ist alles eitel, sagen hier die
niedergestürzten Säulen des Tempels, wie dort unten die Mauern des
alten Schatzhauses des Crösus.
Nach unsrer Rückkehr zur Mühle hatte sich das Regengewölk vom Gebirge
immer näher und tiefer herabgezogen zum Thale. Der morgende Tag, so
erkannten die Bewohner der Gegend, und wahrscheinlich auch schon der
heutige Abend ließ einen heftigen Erguß des Regens erwarten. Freund
~Jetter~, mit der Natur des Landes und mit den Folgen, die
das plötzliche, starke Durchnäßtwerden auf den Körper der Fremden
habe, schon seit Jahren bekannt, fürchtete vor allem für meine,
seit Constantinopel noch immer leidende Gesundheit; er bewog uns
noch an diesem Abend zurückzukehren nach dem gastlichen, bequem
eingerichteten Hause des Pächters in Kassabah. Wir drei, Jetter, Jusuff
Effendi und ich, in Begleitung eines der Surutschuis ritten voraus,
während unsere jungen Freunde, beschäftigt noch mit der Zeichnung
des imposanten Cybeletempels und seiner gewaltigen hehren Umgegend,
zurückblieben[121]. Wir zogen so schnell über die Ebene dahin, als
unsre zur Eile gewöhnten Postpferde dieß vermochten. Dennoch fand
uns die nächtliche Dämmerung schon jenseits Achmedli. Aus dem Dunkel
der eingebrochenen Nacht ertönte von den Zelten der hier gelagerten
Turkomanen und Juruckenhorden her die Pfeife der Cameelhirten, und
als diese, vom herabstürzenden Regen verscheucht, verstummte, da
antworteten sich mit lauterer Stimme die Donner des Gebirges. Wir kamen
dennoch, nur wenig durchnäßt, vor dem Thore der Pächterwohnung an,
das wir schon geschlossen fanden. Die guten Leute hatten heute unsre
Ankunft nicht mehr vermuthet, aber auch die unvermutheten Gäste wurden
von ihnen gern willkommen geheißen, und das Abendessen, zu welchem
auch noch, nicht lang nach uns unsre wohlberittenen jungen Freunde, im
Geleite des andern Postknechtes eintrafen, ward uns ein Beisammenseyn
zu lieblichen Gesprächen.
Schon am späteren Abend und noch mehr während der Nacht fiel der
Regen in so starken Strömen herab, wie man dergleichen nur in den
wärmeren Ländern als gewöhnliche Erscheinungen der Herbst- und
Winterentladungen kennen lernt. Auch in unser Schlafzimmer drang das
Wasser in reichlicher Menge herein. Am nächsten Tage (30. October)
ließen wir uns, während der noch immer von Zeit zu Zeit heftig
strömenden Regengüsse die liebliche Ruhe und Stille des Sonntages sehr
gern gefallen; außer andrem, was diesem Tag gebührte, benutzte ich die
Stunden des ungestörten Beisammensitzens mit Freund ~Jetter~, um
mir von diesem, der erst wenige Monate vorher wieder einen Besuch bei
den »sieben Gemeinden« gemacht hatte, den jetzigen Zustand der von uns
leider nicht selbst gesehenen beschreiben zu lassen. Was er mir von
dem jetzigen Pergamum und Thyatira (Akhissar) mittheilte, das habe ich
bereits oben erwähnt; ich füge nur noch eine kurze Beschreibung der
siebenten jener alten Christengemeinden: ~Philadelphia's~ bei.
Wer von uns möchte nicht gern von dieser frühen Wohnstätte der treuen
Bekenner etwas erfahren, welcher der Mund der Wahrheit, nächst
der Gemeinde von Smyrna das ungetheilteste Lob, und nur Worte der
Verheißungen und Tröstungen ertheilt. Denn weil dieselbe, bei ihrer
nur kleinen Kraft Sein Wort behalten und Seinen Namen nicht verläugnet
hatte, sollte auch sie behalten werden vor der Stunde der Versuchung,
die über den Erdkreis kommen würde und auch die Ermahnung, womit das
hehre Sendschreiben schließt, trägt zugleich Kräfte der Verheißung und
Erfüllung in sich; das Wort: »halte was du hast, daß niemand deine
Krone nehme«[122]. Und ja alle diese Worte der Segnungen haben sich
bis zu unseren Tagen in ihrer ganzen Lebenskräftigkeit bewährt und
erwiesen; jene Gemeinde »von kleiner Kraft« ist unter tausendfältigen
Versuchungen und Gefahren treu geblieben am Wort der Gedult; hält noch
jetzt am Bekenntniß fest.
Der ältere Name von ~Philadelphia~ ist wahrscheinlich ~Kallabytos~
gewesen, sein jetziger heißt ~Allah-Scheher~; Philadelphia ward sie
von Attalus von Pergamos genannt. Der erste Bischof oder Engel der
Christengemeinde dieser Stadt, ~Lucius~[123] war von Paulus, der
zweite, Demetrios von Johannes dem Apostel zu diesem Dienst geweiht und
bestellt worden[124]. Vergeblich hatte im ersten Jahrzehend des 14ten
Jahrhunderts (um 1307) der türkische Fürst von Kermian, Alischir das
fest auf seinem Felsen gegründete Philadelphia belagert, welches damals
durch Rogger den gewesnen Templer entsetzt wurde; vergeblich hatten
Orchan und Murad +I.+ den Versuch wiederholt, bis endlich Bajesid +I.+,
der Blitzstrahl, auch in diese guten Mauern einschlug und einbrach. Als
hierauf Timur alle Namen und Wohnstätten der Gemeinden und Menschen mit
Blutströmen hinwegwusch und vertilgte, da wurde, wie durch ein Wunder
das ringsumher von Tod und Verderben bedrohete Philadelphia vor dem
Untergang bewahrt; es diente sogar zur Zufluchts- und Bergungsstätte
der wenigen, dem Schwerte Timurs und seiner Rotten entflohenen Christen
von Sardis so wie ihres Bischofes. Bis zum 16ten Jahrhundert wohnte der
Bischof von Philadelphia fortwährend bei seiner Gemeinde; damals schlug
er seinen Sitz in Venedig, später in Constantinopel auf.
Philadelphia (Allahscheher) liegt südostwärts von Sardis in einem
Seitenthale des Hermos, am Ufer eines seiner Nebenflüsse, auf einem
Hügel, welcher die Aussicht über die reiche, fruchtbare Ebene
beherrscht. Nach allen Seiten von Ortschaften der Muhammedaner umgeben,
bildet hier diese kleine Stadt die letzte, einsam stehende Warte
des Christenbekenntnisses, mitten im Lande der Feinde. Denn welche
Stürme, besonders seit den Zeiten der türkischen Besitznahme und
Oberherrschaft im Aeußerlichen auch über seine kleine, fortwährend
jedoch von der Vertilgung verschont gebliebene Gemeinde ergangen sind,
das bezeugen die niedergestürzten Mauern der Vestungswerke so wie die
Ruinen des gewaltsam zerstörten Kastelles, dessen entzückend schöne
Lage und Aussicht den christlichen Reisenden mit Wehmuth erfüllt, weil
er, so weit sein Auge über den kleinen Kreis der Stadt hinausreicht,
nur ein Land sieht, aus welchem die einst so reichen Segnungen des
Christenglaubens gewichen sind. Aber von dem Häuflein der Christen in
Philadelphia sind sie noch nicht gewichen. Dieses besteht aus etwa
fünfzig Familien griechischer Christen, welche jedoch fast durchgängig
nur noch die türkische Sprache reden und verstehen. Mit großer Liebe
empfangen sie den christlichen Reisenden in ihrer Mitte, und dieser
fühlt sich hier wie unter Verwandten. Die Schulen unterliegen zwar
jenen Unvollkommenheiten, an denen auch die meisten türkischen Schulen
leiden, doch wird den jungen Seelen der Name des Herrn in Einfalt
verkündet. Sehr hart lastet auf der armen Gemeinde die Hand des
jetzigen Bischofes P...s, der gewöhnlich in Constantinopel lebt, von
dort aus jedoch, so wie noch mehr bei seiner etwa gelegentlichen,
persönlichen Anwesenheit solche gewaltthätige Erpressungen und
Grausamkeiten übt, daß er nicht wie ein Wolf in Schafskleidern,
sondern als ein Tiger in unverhüllter Gestalt erscheint. Aus der
alten, christlichen Stadt finden sich außer einigen kleineren, noch im
Gebrauch bestehenden Kirchlein, die ansehnlichen Reste einer größeren
(ehemaligen Johannis-) Kirche. Ein Iman, welcher in der Nähe dieser
alten Mauern wohnt, erzählte mit ehrfurchtsvoller Scheu, daß er nicht
selten, besonders bei Nacht, hier Stimmen höre und auch zuweilen
Erscheinung sehe, von majestätischer, Schrecken erregender Art. So
spricht sich selbst noch in dieser Sage jene natürliche Achtung aus,
welche die Moslimen an vielen Orten dem biblischen und christlichen
Alterthume bezeugen.
Dieses ist der jetzige Zustand, der noch immer fortlebenden
apokalyptischen Gemeinde zu Philadelphia, die, ganz nach jener
Verheißung die ihr geschahe, eine von den vieren aus den sieben ist,
welche stehen blieben, während drei, abermals wie das Wort es verkündet
hatte, von ihrer Stätte hinweggerissen und vertilgt sind.
Es war nun, in den Stunden des Nachmittags, endlich Zeit an die
Weiterreise zu denken; der Regen schien sich mehr von der Ebene
hinweg nach dem Gebirge ziehen zu wollen. Mehrmalen hatten wir unsre
Surutschuis, welche in einem der besten Chans des Ortes, genannt »zum
Sohn des Malers« ihrer Ruhe pflegten, ermahnen lassen, daß sie doch
mit den Pferden kommen möchten; diesen guten Leuten wie ihren Rossen
that die seltne Ruhe so wohl, daß sie mit dem Abbrechen derselben
so lang als möglich zögerten. Endlich sahen wir uns wieder auf dem
Rückwege nach Magnesia. Die Gebirge, in abwechslender Verhüllung der
Wolken, troffen noch immer vom Regen; unser Weg durch das Thal war
von der Sonne beschienen und keiner der vorüberziehenden Regengüsse,
die wir vor und hinter uns bemerkten, berührte uns. So genossen wir
ruhig den Anblick dieses Landes in jenem Zustand seiner Berge und
Thäler, worinnen es getränket wird und gesättigt, mit der Ueberfülle
des nährenden Wassers. Denn als wir uns den Wänden des Sipylos wieder
genähert hatten und in seinem erquicklichen Schatten dahinritten, da
glaubten wir eines der Alpengebirge unsres an lebendigen Wasser so
reich gesegneten Vaterlandes vor uns zu sehen; die Felsenwände waren
da und dort mit den silbernen Fäden der herabrinnenden Regenbächlein
übersponnen, aus den Klüften hörte man das Rauschen des Gewässers,
das von seinem Wolkenfluge nach der Höhe zur heimatlichen Tiefe
zurückeilte. Ja, so wie es uns heute sich zeigte, erschien uns das
alte Lydien wirklich, wie sein eigner und seiner Einwohner Namen Mäon
und Mäones bei Herodot und Homer[125] es zu bezeichnen scheint, als
ein Wasserland, aber auch in der trockenen Jahreszeit verdient es vor
vielen andren Ländern des wärmeren Asiens diesen Namen, denn fast in
jeder Stunde Weges kommt man auf der Reise durch seine Haupthäler an
ein laufendes Wasser, das durch wohlthätige Stiftung zum Brunnen gefaßt
ist, oder als natürlicher Quell und selbst als Bächlein aus dem Boden
hervordringt; bei jedem Kaffeehaus -- und wo im Orient gäbe es mehrere
und bessere als hier -- giebt es ein reines, erfrischendes Wasser.
Nahe vor Magnesia begegnete uns reitend auf wohlgebauten Rossen ein
Paar von Turkomanen; das jugendliche Weib mit zurückgeschlagnem
Schleier, in seinem Arm ein kleines Kind haltend. Auf dem Angesicht
dieses Volkes, so wie der in Kleinasien wohnenden Griechen, spiegelt
sich noch sehr oft die Schönheit und Klarheit des Jonischen Himmels;
sollten da nicht auch die Kräfte des Geistes innwohnen, durch welche
Jonien einst so groß und herrlich war und müßte es nicht leicht seyn,
den anjetzt nur gebundnen Drang nach geistiger Bewegung und Gestaltung
wieder zu entbinden und zu wecken?
* * * * *
Da waren wir schon wieder bei dem ersten, am Anfange der Gärten
gelegnen Brunnen von Magnesia, erbaut vielleicht aus manchem der übrig
gelassenen Trümmer vom Grabmal des Themistokles, und noch am Tage
ritten wir durch die Gassen der schönen Stadt. Hier nahmen wir abermals
unsre Wohnung in dem gastlichen Hause des Erzbischofes. Wir fanden
dieses voll besuchender Gäste, unter welchen der in Smyrna wohnende
(Titular-) Bischof von Ephesus der vornehmste schien. Dennoch ward uns,
unserer Gegenvorstellungen ungeachtet, das große Gastzimmer wieder
eingeräumt, das wir auf der Hinreise innen hatten. Beim Abendessen
vertrat der freundliche Doctor Velastis die Stelle des Wirthes und bot
Alles auf, was er vermochte, um uns gut zu unterhalten. Vor wie nachher
sahen wir noch manchen der eben zu Besuche anwesenden Bischöfe, welche
durch ihre glänzenden Namen, die von längst untergegangenen Gemeinden
herstammen, an jenes Gefühl erinnerten das ein alter Kriegsheld noch
fortwährend von einem Gliede und allen einzelnen Theilen desselben zu
haben glaubt, welches das Schwert oder Geschoß der Feinde ihm schon
vor vielen Jahren hinwegriß und das schon längst verwest und verstäubt
ist.
Wir verweilten am andern Tage abermals bis nach Mittag in Magnesia. Ich
ward heute schon ziemlich früh dem ~Oglu-Bey~, einem der reichsten
Fürsten im jetzigen Anatolien vorgestellt. In seinem Pallaste zeigten
sich, wenn auch nicht in der Form der europäischen Pracht, doch der
Bedeutenheit nach die Spuren einer herzoglichen Macht und Vermögenheit.
Dieser Herr hat sich an vielen Orten seiner weitläufigen Besitzungen
gar manches prunkende Gebäude aus den Trümmern der alten jonischen
Herrlichkeit erbaut. Auch an dem Ruin des herrlichen Cybeletempels bei
Sardis arbeitet er auf diese Weise, leider gar rüstig mit, denn von
dort hat er schon viele Stücke der unvergleichlich schönen, weißen
Marmorsäulen sammt den kostbaren Architraven hinwegholen und nach
seinem Geschmack zuhauen lassen. Wir schritten hindurch, durch die
Leibwachen und die mit Bedienten erfüllten Vorzimmer; ein Offizier
in modern türkischer Militäruniform führte uns ein; wir fanden einen
vornehmen griechischen Kaufmann bei dem Fürsten sitzend; auch uns
nöthigte man Platz zu nehmen auf dem Sitze der Polster; ein Page
brachte Kaffee und langrohrige Pfeifen mit dem großen Mundstück von
Bernstein. ~Oglu-Bey~ ist ein Mann von mittleren Jahren, stark von
Körper, gefälligen Aussehens; gegen uns wie gegen die meisten Europäer
sehr freundlich; dennoch machte diese Freundlichkeit wie die der
meisten orientalisch-türkischen Hoheiten, welche ich auf dieser Reise
sahe, auf meine Seele einen ähnlichen, gemischten Eindruck wie der
Geschmack des wilden Honiges der Fichtenwaldungen auf die Zunge; mitten
aus dem Süßen schmeckt man etwas gar Strenges, unter dem übrigen
Gewürz die Myrrhe heraus.
Einer der vornehmen Hofdiener des Fürsten nahm meine ärztlichen
Kenntnisse in Anspruch; Kenntnisse, welche mir in Europa, schon wegen
Mangel an Uebung, so unbrauchbar geworden waren wie ein eingerostetes
Schwert, und die mir dennoch auf dieser orientalischen Reise öfters
nützlich und meinem Nächsten zum Trost gewesen sind. Auch zu dem
kränklichen ~Kadi~ der Stadt nöthigte mich +Dr.+ Velastis
mitzugehen, um meine Meinung und meinen Rath über den Zustand des
Mannes zu vernehmen. Der Kadi ist ein feingebildeter Mann, der sich
in den Schulen seiner Vaterstadt, Constantinopel, gebildet hat; seine
Rechtlichkeit und Theilnahme an allem, was die Bildung des Volkes
fördern kann, wie seine Geschicklichkeit im Amte wurden mir gerühmt.
Einen Rechtsfall sahe ich hier entscheiden, ganz in orientalischer Art
und Form. Ein armer Landmann, der noch einen andern als Sprecher bei
sich hatte, und mit diesen beiden zugleich ein vornehmer gekleideter
Türke traten herein. Der Landmann näherte sich barfüßig, bis auf einige
Schritte dem Kadi, warf sich dann demüthig, mit der Stirn den Boden
berührend, vor ihm nieder, und trat hierauf wieder zurück bis zu der
Stelle an der Wand des Zimmers, wo hinter einer Art von Schranke die
Kläger und Beklagten stehen. Der Kadi winkte ihm mit der Hand, zu
reden, da nahm der Sprecher des armen Mannes das Wort und erzählte
ausführlich, wie ein Aga in der Nachbarschaft, der vor Kurzem wegen
der vielen von ihm verübten Ungerechtigkeiten seiner Würde entsetzt
und nach Constantinopel abgerufen worden war, dem Bauersmann sein
kleines Landstück, darinnen der größte Theil seines Vermögens bestand,
mit Gewalt abgedrungen habe; dieses nämliche, dem armen Landmann
geraubte Feld, hatte der reiche, neben dem Kläger stehende Türke von
dem Aga gekauft. -- Der Türke sagte darauf bloß, das Feld sey sein,
denn er habe es dem Aga theuer genug bezahlt. Der Kadi verlangte die
Papiere zu sehen, wodurch der Bauer als ursprünglicher Eigenthümer des
Grundstückes sich legitimiren könne. Dieser erwiederte: die Papiere
habe der Aga bei sich behalten, der sie auch, vorgeblich um sich
von dem Besitzrecht des Landmannes zu überzeugen, zu sehen begehrt
hatte. Der Kadi forderte jetzt den Kläger auf ihm Zeugen zu stellen,
welche sein Eigenthumsrecht bestätigen könnten und der Arme wie
sein Sprecher traten ab mit fröhlichen Mienen, aus denen ihr gutes
Gewissen sprach. Der vornehmere Käufer des Feldes zögerte noch, als
hätte er etwas mit dem Kadi zu reden, dieser aber, mit ernstem Blicke
winkte ihm gleichfalls abzutreten. Zwar wurde das Gespräch mit dem
verständigen Kadi durch dieses wie durch manche andre Geschäfte sehr
unterbrochen, dennoch diente es um unsre gute vorgefaßte Meinung von
dem Manne zu bekräftigen. Seine Fragen an Jetter über die bestmögliche,
dem örtlichen Bedürfniß am meisten angemessene Weise die türkischen
Schulen zu verbessern, wie seine Aeußerungen zu Jetters Antworten,
erschienen verständig und treffend. Durch den Besuch des »heiligen«
Derwisches, der sich schweigend und ohne zu grüßen auf den Diwan uns
gegenübersetzte, die ihm von dem Bedienten des Hauses dargereichte
Tasse Kasse schlürfte und dann schweigend sich wieder entfernte, ließ
sich der Kadi in seinem Gespräche nicht stören, vielmehr scheint es,
daß er, wie viele der jetzigen, von dem Geist der europäischen Cultur
angeweheten, vornehmeren Türken weder seinerseits den Imans und
Derwischen sonderliche Achtung bezeuge, noch daß auch ihrerseits diese
den Kadi besonders günstig sind, ein Umstand, der ihm, bei dem immerhin
noch sehr großen Einfluß dieser Leute für die Sicherheit seiner äußern
Stellung nachtheilig werden kann.
Nach einem kleinen Umweg durch die Stadt kamen wir endlich, gegen
Mittag, wieder zurück zur erzbischöflichen Behausung. Von hier durften
wir nicht ungegessen hinweg; nach eingenommener Mahlzeit entließ uns
der Bischof von Hierapolis mit gewohnter Freundlichkeit; ein junger
Grieche, der nahe Verwandte eines der hohen Geistlichen des Hauses und
+Dr.+ Velastis gaben uns noch das Geleite zum Thore der Stadt
hinaus.
Wie steil und mit anderen, der Gegend ungewohnten Rossen, wie
gefahrvoll der Weg über den Berg jenseits Magnesia sey, das lernten wir
heute noch einmal beim Hinansteigen erkennen. Die Aussicht jedoch hinab
nach dem Engthal und hinauf nach dem jenseit desselben emporsteigenden
Sipylos, so wie bald nachher über das Thal des Meles und nach dem
Meerbusen von Smyrna ist jedoch auch desto lohnender. Der reichliche
Erguß des Regens hatte während unsrer Abwesenheit die Schluchten noch
häufiger mit Wasser versorgt und die Ebene so getränkt, daß die Felder
des Klees und die Saaten in üppiger Fülle grünten. An dem Kaffeehaus
vor Hadjilar, an dem wir hielten, wurden alle Lastthiere der eben hier
verweilenden Reisenden mit frischem Klee erquickt, nur unsern armen
Postpferden, welche überhaupt während des Tagmarsches niemals gefüttert
wurden, versagten die Surutschuis das grüne Futter.
Einige von uns wählten in Begleitung des einen Postknechtes, angeführt
durch H. Jetter und Jusuff Effendi den Nebenweg über das Gebirge nach
Budscha, während die Andern gerade in der Ebene fort nach Smyrna
ritten. Wir auf unserm Wege kamen jenseits Hadschila durch einen Wald
von Granatbäumen, in dessen Zweigen noch eine Fülle der spätgereiften
Früchte hieng. Das Dickig der Baumzweige und der wild durch einander
wachsenden Gebüsche wurde zuletzt so undurchdringlich, daß wir unsern
Weg durch das breite Bette eines Baches nehmen mußten, welches eben
jetzt reichlich mit Wasser gefüllt war. Die Anhöhe über dem Granatwald,
die anfangs sanft, dann aber immer steiler und steiler emporstieg mit
den jetzt neu aufgrünenden Thälern und Schluchten an ihrer Seite war
so reich an Reiz der Sinnen, daß man sie gern mit weniger ermüdeten
Pferden und nicht bei Einbruch der Nacht hätte durchreisen mögen. Ein
dunkles Gewölk hatte sich mit der Nacht zugleich vom Sipylos aufgemacht
und schattete über die Hügel, unten aus Westen vom Meere her leuchtete
noch an dem klaren Himmel die späte Dämmerung, in den Zweigen der
Zypressen spielte der Wind ein Abendlied, leise, wie die Stimme der
Gräber, in uns aber tönte jetzt fröhlich, dann ernst ein Nachhall
dessen, was wir auf dem reichen Wege der letzten Tage gesehen und
empfunden hatten.
Das Haus unsres theuren Gastfreundes Jetter fanden wir einsamer,
als wir erwartet hatten. Ich hoffte meine liebe Hausfrau noch hier
zu finden, sie aber hatte mir auf dem gewöhnlichen Wege über Smyrna
entgegenkommen wollen und wartete meiner in Gesellschaft der lieben
Reisegefährtin und Freundin, begleitet von Herrn Fielstedt, dort in der
Stadt. Dahin machten denn auch wir, Freund Bernatz und ich, Dienstags
den 1ten November uns frühe auf, um noch einmal die reiche Gegend
zu Fuß zu durchwandern und in Smyrna den Abgang unsers Schiffes zu
erwarten.
Rückkehr nach Smyrna.
Die dankbaren Gefühle, mit denen ich hier noch einmal auf meinen
Aufenthalt in Budscha und Smyrna zurückblicke, gleichen den Gefühlen
eines Wanderers, der am Abend ermüdet und krank bei der Ruhestätte
ankam, hier bald dem heilkräftigen Schlummer sich überließ und der
nun neugestärkt erwacht, wenn die Morgensonne das gastliche Haus
bescheint, vor diesem auf und nieder gehend seiner schönen Lage und
Bauart sich erfreut. Die Sonne, welche mir jetzt ihre Strahlen auf
das freundliche Budscha und das gute Smyrna fallen lässet, das ist
die Kraft der Erinnerung: jener lebendigen und geistigen, welche mit
dem Leibe nicht leidet noch krank ist, mit ihm nicht stirbt, sondern
welche, immer sich selber treu und gleich auch jenseit des Grabes noch
fortlebt. Das niedre Thal des leiblichen Befindens war damals, wo ich
in Budscha und Smyrna der Güte des Landes und seiner Bewohner genoß,
von Wolken der Kränklichkeit bedeckt, daneben brausten öfters die Wogen
des Kleinmuthes, hoch über den Wolken stund die Sonne, und nun, da der
Wind das Gewölk vertrieben, scheint diese hell und klar auf den vorhin
verdunkelten Boden herab.
Ehe ich von dem Abschiede aus dem alten Vaterlande der Meister der
Menschenweisheit wie des Gesanges und der Kunst noch einige Worte
von der Güte des Landes sage, sey es mir erlaubt, etwas von der hier
erfahrenen Güte der Menschen zu erzählen.
Ein theurer Freund, den ich schon in Deutschland liebgewonnen, dann in
Constantinopel auf einige Augenblicke wiedergefunden hatte, der edle
Schwede ~Fielstedt~, war uns schon in der Nacht vom 12ten October,
gleich nach der Ankunft unsers Dampfschiffes im Hafen von Smyrna mit
einem Boote entgegengekommen; da man aber, aus einem Misverstehen
der Namen, ihn vom Dampfschiffe, als sey da niemand unsers Namens,
hinweg gewiesen hatte, war er am Morgen nach Budscha zurückgekehrt.
Wir machten aber noch an diesem nämlichen Morgen die persönliche
Bekanntschaft eines anderen Mannes, dessen Namen mir schon im deutschen
Vaterlande seit vielen Jahren ein wohllautender Klang gewesen war:
die Bekanntschaft des holländischen Generalconsuls ~van Lennep~. Es
giebt in der Geschichte der einzelnen Städte wie ganzer Reiche, in
der Geschichte der Wissenschaften wie der Kunst einzelne Familien und
Häuser, welche wie ein Strömlein frischen Wassers, das beständig aus
dem Quell sich erneut und ergänzt, durch viele Menschenalter hindurch
ihren wohlthätigen Lauf nehmen und welche noch den Urenkeln ein
wohlthätiger Punkt des Anhaltens sind, wie sie den Vätern es gewesen.
Ein solches Haus ist für die fränkischen Bewohner von Smyrna so wie für
den dorthin kommenden Europäer das van Lennepische, in welchem zugleich
auch der edle Stamm der Hochepiedschen Familie sich fortsetzt. Seit
länger als einem Jahrhundert wissen alle Fremde, welche aus Europa nach
den Morgenländern kamen, von der Freundlichkeit und Güte der Hochepieds
und van Lenneps zu erzählen; die Familie von jenem wurde in der ersten
Hälfte des vorigen Jahrhunderts wegen ihrer edlen Mildthätigkeit, die
sie in der Auslösung vieler Christensclaven, namentlich aus Ungarn
und Oesterreich, bewiesen, in den Grafenstand erhoben, weit mehr aber
noch als jemals Menschen erfuhren, ist von jenen guten Holländern für
Freie wie für Knechte, Einheimische wie Fremde, Gutes geschehen, wie
dieß namentlich die Geschichte der Schreckenstage der griechischen
Revolution und der türkischen, bei dieser Gelegenheit bewiesenen
Barbarei bezeugt. Auch uns gäbe die viele Freundlichkeit und Güte,
die wir von Herrn van Lennep von den ersten Stunden unsrer Ankunft in
Smyrna an bis zu den letzten erfuhren, Stoff genug, »ein Liedlein«
zu singen. In seinem gastfreien Hause lernten wir besuchende Fremde
aus vielen Ländern von Europa, wie aus Amerika und aus Aegypten
kennen, denen allen der treffliche Mann durch Rath und That das
Reisen und den Aufenthalt im Morgenlande nach Kräften zu erleichtern
und angenehm zu machen sucht. An den Grafen Hochepied erinnerte
uns gar oft der von ihm angelegte große Garten in Budscha mit den
vielen hohen Zypressen, in dessen Nähe wir wohnten, obgleich derselbe
jetzt keineswegs mehr in dem Zustande sich befindet, in welchem ihn
im Jahr 1752 Stephan Schultz sahe, weil der Landaufenthalt der van
Lennep'schen Familie jetzt nicht mehr in Budscha ist. Es hat indeß
nicht bloß Holland hier in Smyrna einen Repräsentanten seines innren
Wohlstandes und der freundlichen Gesinnung, wodurch seine besseren
Bewohner sich auszeichnen, sondern auch die andern europäischen Länder
reichen hier dem Fremdling durch ihre Bevollmächtigten freundlich
und hülfreich ihre Hand. In der That, die europäische Christenheit
bildet da, mitten in den türkischen Landen eine auf wechselseitiges
Zusammenwirken und Liebe zum gemeinsamen Vaterland begründete,
ansehnliche Macht. Die Gasse am Meere hin, wo auf hohen Segelstangen
die Flaggen der verschieden Nationen wehen und die Wohnungen der
Gesandten bezeichnen, wird mir immer in dankbarem Andenken bleiben,
weil ich in ihr so viel Gutes empfangen und genossen. An dem K. K.
Oesterreichischen Herrn General-Consul, Ritter ~von Chabert~, lernte
ich nicht bloß die unermüdliche Gefälligkeit und kräftige Verwendung
zu Gunsten aller unsrer Reisezwecke dankbar verehren, sondern
zugleich auch jene trefflichen naturwissenschaftlichen Kenntnisse
schätzen, durch welche er uns Fremdlingen ein zurechtweisender
Führer in die Betrachtung der physikalischen Beschaffenheit dieses
Landes wurde. Von der Freundlichkeit des Kaiserlich Russischen Herrn
General-Consuls, des Baron W. de Lelly welcher uns die gastfreie
Aufnahme im erzbischöflichen Hause zu Magnesia und Kassabah bereitete,
habe ich schon oben (S. 324.) gesprochen. Bei diesem einen Beweis
von zuvorkommender Güte ließ es aber jener edle Mann nicht bewenden,
sondern die Zeichen seiner warmen Theilnahme und Vorsorge begleiteten
uns auch auf die ganze weitre Reise. Durch den Kais. Russischen
Herrn Generalkonsul fand ich hier in Smyrna auch einen interessanten
Reisenden und vieljährigen Bekannten ~Baron von Yxkül~ auf, welcher,
eben von einer Reise durch Griechenland und auf den griechischen Inseln
zurückgekehrt, meine Sehnsucht, das herrliche Patmos zu sehen, welche
erst so spät befriedigt wurde, in hohem Grade steigerte. Diese und
manche andre interessante Bekanntschaft, namentlich jene der Herren
~Gliddon~, der Söhne des Americanischen General-Consuls von Alexandria,
hatten wir gleich in den ersten Tagen unsers Hierseyns gemacht; da that
sich uns durch die theuren Freunde ~Fielstedt~ und ~Jetter~ eine Thüre
noch zu neuen Bekanntschaften auf, aus denen das Herz große Stärkungen
für die Pilgerfahrt und eine Fülle der lieblichsten Erinnerungen
mitnahm. Der Anblick der reifen Frucht eines guten Baumes, wie der
einer edlen Perle, welche unter vielen Stürmen und Wellenschlägen groß
gewachsen ist, hat für das Auge etwas Erquickliches; noch mehr aber hat
dieses für das Herz das Anschauen einer solchen geistig reifen milden
Frucht und sanft glänzenden Perle wie Vater ~Lee~ dieß ist[126]. Der
lebenskräftige Geist des ~Eli Smith~ hat sich zwar in seinen öffentlich
bekannten Werken, namentlich in seinen +Researches in Armenia+ (+2 Vol.
Boston 1833+) deutlich genug kund gegeben; noch etwas ganz Andres als
die mittelbare giebt jedoch bei Menschen dieser Art die unmittelbare,
persönliche Annäherung. Der liebe Smith war eben in tiefer Trauer;
seine treue Lebensgefährtin war vor Kurzem ihm vorausgegangen in die
Heimath, aus welcher kein Wiederkehren ist, aber wie die Lilie im
Schatten der Nacht ihren stärksten Wohlgeruch giebt, so strahlte aus
seinem stillen Wesen eine Kraft hervor, welche wohlthuend über alle
verwandten Seelen sich ergoß. Den Verfasser so vieler gesegneten
Schriften für die Jugend, Herrn ~Brewer~ habe ich schon oben unter den
Reisegefährten nach Ephesus genannt. Einen Gefährten von so kindlich
heitrem Gemüth möchte man sich aber nicht bloß für die Tage einer Reise
nach Ephesus, sondern für die des ganzen Lebens wünschen. Zu der schon
älteren Bekanntschaft der Herrn ~Leeves~ und ~Renger~, welche bald nach
uns auch hier eintrafen, kam die neue des trefflichen Herrn ~Barker~
und noch mehrerer hier anwesenden Engländer hinzu. Durch Freund
Jetter lernte ich auch den Bischof der armenischen Christengemeinde
kennen; einen hochbetagten Greis, dessen ganzes Wesen Ehrfurcht und
Liebe weckt, weil er selber von Ehrfurcht und kindlicher Liebe zu Gott
seinem Herrn durchdrungen ist. Und wenn ich nun vollends im Geiste
von Smyrna hinauswärts über die immer belebte Caravanenbrücke, dann
an der türkischen Begräbnißstätte und dem Melesflüßlein vorüber, den
steilen Berg, links neben der Akropolis hinangehe und weiterhin den
Weg nach dem heimathlichen Budscha nehme, wohin mein Geist so oft
wandeln geht; wenn ich im Geiste hineinblicke in das gute Nachbarhaus
der hohen Zypressen, was kann ich von dort dem Leser mitbringen als
ein Gefühl des Heimwehes nach einer, dem Raume nach jetzt so fernen,
innerlich aber immer nahen Wohnstätte des Friedens und der innigen, im
Werke thätigen Liebe zu Gott und den Brüdern. Die Familie ~Jetter~,
Eltern wie Kinder, der theure, brüderliche Freund ~Fielstedt~,
wollen ihren Lohn nicht gern vorhin nehmen; was ich über meinen
Aufenthalt bei ihnen, dankbar liebend zu sagen hätte, das sey wie ein
Familiengeheimniß bewahrt. Mit Fielstedt vereinte mich auch noch ein
andrer Zug der gemeinsamen Neigung. Dieser Friedensbote, der schon in
Ostindien am Werk der neuen, geistigen Gestaltung der Menschenseelen
arbeitete, ist durch unmittelbare Erfahrung zu denselben Ansichten
gelangt, welche ~Schweigger~ in Halle mehrmalen so eindringend
aussprach: daß in diesen Ländern und unter diesen Völkern die Heilkunde
der Seelen jene des Leibes in ihren Bund ziehen, die Erkenntniß des
Wortes jene der sichtbaren Werke sich zur Freundin und Gesellin
wählen solle. Er beschäftigt sich deshalb fortwährend, so viel seine
Berufsgeschäfte ihm dieß erlauben, mit dem Studium der Natur- und
Heilkunde. An der Hand dieses theuern Freundes ergieng ich mich oft in
der reichen Natur der Umgegend von Smyrna und versuche es jetzt dieß
auch, auf wenige Augenblicke an der Hand des Lesers zu thun.
Die Natur des alten Lydiens erscheint durch die Fülle und
Mannichfaltigkeit ihrer Erzeugungen als ein Abbild der Geschichte
ihrer vormaligen Bewohner. Wenig Länderstriche der Erde haben auf so
geringem Raume eine solche bunte Verschiedenheit der sichtbaren Dinge
aufzuweisen als dieses Vaterland der mannichfachsten, hochstrebendsten
Männer des Alterthumes. Wenn man nur das Thal des Hermos und in ihm die
vielartigen Geschiebe betrachtet, welche die Gießbäche vom Sipylos und
Tmolus herabführten, dann kann man nicht mehr fragen, welche Felsarten
hier zu Hause seyen, sondern besser, welche bekannte Hauptform der
Felsarten dieser Gegend abgehe? Die Familie der granitartigen Gebirge,
namentlich der Gneus bildet den Kern des Hochrückens; an den niedren
Höhen zeigt sich der Thonschiefer mit den Lagern des lydischen Steines;
bei Ephesus und an vielen andern Orten der körnige Kalkstein; nordwärts
von Smyrna der Kalk mit Feuersteinen; am Fuße des Tmolus der Sandstein;
bei Magnesia wie um Smyrna die grünstein- und mandelsteinartige
Wacke, mit Chalzedon; bei den Trümmern von Laodicea wie diesseits
Thyatira gegen den Hermos hin die Mannichfaltigkeit der vulkanischen
Erzeugnisse. Der Reichthum des magnetischen Eisens verräth sich bei
Magnesia, selbst an der Boussole; im Thale des Kryos finden sich Spuren
eines älteren Bergbaues; der hehre Tmolus scheint noch jetzt den
Geognosten aufzufordern jene Schatzkammern des edlen Metalles in seinem
Innren aufzuschließen, aus denen vormals die Menge des Goldes und des
Crösus Reichthum gekommen und wodurch das Volk der alten Lydier so
frühe zu einem metallschmelzenden und Metall verarbeitenden geworden.
Wie das Mineralreich so ist auch die Pflanzenwelt von Anatolien
ungemein reich an Arten und kräftig an Wuchs wie an Ertrag der Früchte.
Lydien genießt zugleich den lebenstärkenden Einfluß der Wärme und den
nährenden des Wassers; nahe an die Niederung der Küste und der Thäler
gränzt das Hochgebirge, dessen Rücken alljährlich vom nordischen Winter
besucht wird, darum gedeihen hier in einem Abstand von wenig Meilen die
freilich sehr vereinsamte Palme des Südens mit der Pappel und Weide
des Nordens; Baumwolle und Flachs; unsre wohlbekannte Kirsche mit
der Orange und Feige; Indiens Reis wie Deutschlands Gerste. Es kann
hier meine Absicht nicht seyn, auch nur eine vollständige Aufzählung
der Namen, der uns hier zu Gesicht und zu Hand gekommenen Arten der
Gewächse zu geben, um so mehr da ich bei einer andern Gelegenheit und
an andrem Orte von der Naturgeschichte Kleinasiens zu reden hoffe,
einige Grundzüge des Bildes will ich jedoch vorläufig entwerfen.
Wenn ich irgend ein wärmeres Land unsrer Halbkugel für das alte,
ursprüngliche Vaterland oder für den Lieblingssitz des Feigenbaumes
halten möchte, so wäre dieß Kleinasien, vor allem die Umgegend von
Smyrna. Die Feigen dieser Gegend, wegen ihres Wohlgeschmackes berühmt,
haben auf eine beachtenswerte Weise in neuerer Zeit die ersten Fäden
einer Handelsverbindung zwischen den christlich europäischen Ländern
und dem osmanischen Orient angeknüpft. Die Türken bezeugten früher
eine so eifersüchtige Vorliebe für die Feigen von Smyrna, daß die
Ausfuhr derselben in andre Länder ganz verboten war, da schloß König
Karl +II.+, durch seinen Gesandten den Sir Finch im Jahr 1676
unter Mohammeds +IV.+ Regierung mit der hohen Pforte einen Vertrag
ab, vermöge welchem alljährlich zwei Schiffsladungen Smyrnaer Feigen
zum Bedarf der Küche Sr. Maj. des Königs nach England ausgeführt werden
durften. An die zwei »Ladungen« von nicht sehr genau bestimmtem Werthe,
schloßen sich bald zwei andre; an die vier in einem der nächsten
Jahre vier neue und so entfaltete sich im Schatten des Vertrages über
zwei Schiffsladungen Feigen ein lebhafter Handelsverkehr zwischen
der Levante und dem europäischen Westen, welcher noch viele andre
Gegenstände in seinen Kreis hineinzog, deren Ausfuhr sonst verboten
oder sehr erschwert war.
Hier, in der Umgegend von Smyrna, hat man die beste und häufigste
Gelegenheit, die Anwendung der Caprification zu beobachten. Auf den
Felsen, namentlich in der Nähe der Küste, wächst in Kleinasien wie auf
den Inseln des griechischen Archipelagus in Menge der wilde Feigenbaum
(von den Griechen Ornos oder Orinia genannt), der Stammvater unsres
durch Cultur veredelten zahmen. Wie die Thiere der Wildniß, namentlich
der Löwe, wo die Auswahl ihnen frei steht, lieber das Lastthier,
das den Reiter trägt als den Menschen, lieber den Neger oder den
Indianer, als den cultivirten Europäer anfallen[127], so geht auch
ein merkwürdiges Thierlein, das noch einen viel größeren Geschmack
an der Feige findet als die Osmanen und als Karl +II.+ von
England, lieber die wilde, als die zahme Feige an. Dieses Thierlein:
die Feigenfruchtwespe (+Cynips Psenes+) genannt, gehört jedoch
keinesweges zu den vertilgenden Feinden der Feige sondern vielmehr zu
ihren Erhaltern und Gönnern. Die Feige, wie dies hier vielleicht für
einen Theil der Leser der Erinnerung bedarf, ist nämlich keinesweges,
wie der Augenschein dies vorzuspielen scheint, eine Frucht, welche
ohne vorhergehende Blüthen entstund, sondern, wie das zergliedernde
Messer lehrt, in dem Innren ihres fleischigen Gehänges sitzen die
kleinen, sehr deutlichen Blüthchen, aus denen die Saamen des süßen
Fruchtbodens (Kuchens) sich erzeugen. In den verschiedenen Früchten
ist die Beschaffenheit und Kraft dieser Blüthen sehr verschieden, es
finden sich nämlich in einigen derselben solche Blüthen, bei denen
die beiden Gegensätze des Pflanzengeschlechtes: die Pollen tragenden
Antheren und die jene annehmenden Pistille neben und mit einander
vollkommen entwickelt sind und bei solchen Blüthchen gedeiht und
wächst die Frucht von selber, ohne Beihülfe der äußren Natur. Bei dem
größeren Theil der Früchte des Feigenbaumes ist jedoch das Verhältniß
ein andres, und zwar ein solches, welches eine höhere Stufe der innren
Entwicklung andeutet[128]. In ihnen sind nämlich, bei den einen nur
Blüthchen vorhanden, welche Pollen tragende Antheren umfassen, oder
nur Pistille denen die zur Erzeugung der süßen Frucht nothwendigen
Antheren mangeln, beide also, jene ohne diese, wie diese ohne jene,
würden keine reife Frucht tragen, sondern die grüne Kammer, welche
das Geheimniß der Befruchtung umschließet, würde noch ganz klein und
unausgebildet abfallen, wenn nicht das vorsorgende Band, welches allen
Mangel des einen Einzelwesens mit der Fülle des andern ergänzend
durch die Wesen der Sichtbarkeit gehet; wenn nicht die mütterliche,
in der Natur waltende Weisheit, auch hier ein Andres bedacht hätte.
Jene kleine Feigenfruchtwespe, gesättigt jetzt mit dem Lieblingstrank
den die Antherenblüthen tragende Kammer umschließet, bohrt sich, von
jenem Triebe geleitet, welcher auf die Ernährung und Erhaltung der
noch ungeborenen Brut gerichtet ist, in solche Kammern (Früchte)
ein, bei denen vorwaltend nur das aufnehmende Pistill zur Vollendung
gekommen ist. So empfängt nun auch dieses den keimbelebenden Einfluß
und eine Menge der sonst unreif abfallenden Kammern wird somit zu den
besten, größesten, lieblichsten Früchten gezeitigt. Damit nun dieses
erreicht werde, pflegt der Landmann der Umgegend von Smyrna den wilden
Feigenbaum, der die Lieblingswohnung des geflügelten Gastfreundes und
Schutzherrn der Feige ist, oder noch öfter die Früchte desselben,
in denen die Larve des Insekts den Beruf ihrer Verwandlung eben zu
beendigen bereit ist, in die Nähe und um die Früchte des zahmen
Feigenbaumes zu pflanzen oder aufzuhängen. Man sagt, daß auf diese
Weise ein Baum, der ohne solche Fürsorge nur 25 bis 30 Pfund Früchte
tragen würde, eine Ergiebigkeit von mehrern Zentnern empfangen könne.
So vortrefflich die Rosinen sind, welche man aus den Trauben von Smyrna
bereitet, so schlecht und übelschmeckend, wenigstens für den Gaumen
des Europäers, ist der hiesige Wein. Ich habe, außer manchen Arzneien,
noch niemals eine widerwärtigere Flüßigkeit gekostet als die war,
welche man im Gasthofe der Madame M**** unter dem Namen des Weines zur
Tafel brachte, so daß ich ganz unbefangen die Wirthin fragte, woraus
dieses Getränk gemacht werde? und daß auch, nachdem sie uns gesagt
hatte, daß man es aus Trauben fertige, keiner von allen Tischgästen,
selbst nicht der Sohn des Hauses davon trinken mochte. Der Geschmack
eines solchen Smyrnaer Weines gleicht einer Auflösung von unreinem
Geigenharz in schlechtem Branntwein, worunter der Uebelkeit erregende
Saft von der Zaunrübenbeere (+Bryonia alba+) gemischt ist; die
Farbe ist ein schmutziges Dunkelbraun. Man soll hier ziemlich allgemein
Gyps und andre sonderbare, in unserm Vaterlande unerhörte Dinge unter
den Most werfen, angeblich damit der Wein sich halte. Wie gut ist
es, daß der Meles reines, klares Wasser in Menge zur Stadt führt und
daß auch, namentlich wie man uns sagte, in der hiesigen, sehr gut
eingerichteten Schweizerpension so wie in den englischen Gasthäusern
andre Weine als der Smyrnaer zu haben sind.
In den Gärten von Smyrna, welche einen weiten Raum um die Stadt her
einnehmen, gedeiht eine solche Menge von Orangen- und Zitronenbäumen,
daß, in guten Jahren, mit der Fülle ihrer Früchte ganze Schiffe
befrachtet werden können. Jene zarten Gewächse hatten jedoch, als wir
sie sahen, durch die Kälte des unmittelbar vorhergegangen Winters (in
den ersten Monaten von 1836) so sehr gelitten, daß viele von ihnen
nur von neuem Zweige aus dem Stamm hervortrieben und auch die übrigen
wenig Hoffnung zu einer guten Fruchternte gaben. Diese Verheerungen
durch den Frost kommen nicht selten über das niedre Land, weil das
nachbarliche Hochgebirge im Sommer zwar den wohlthätigen Niederschlägen
des Wassers, im Winter aber dem Schnee zum Versammlungspunkte dient.
Außer den Orangen und andern Südfrüchten tragen die hiesigen Gärten
alle Arten unsres feinen Obstes, vor allem Aprikosen und Pfirsichen,
Kirschen und Weichseln, auch Aepfel von ziemlicher Güte, wiewohl mir
schien, daß in der Zucht dieser letztern Frucht so wie der Birnen und
am meisten der Pflaumen unser Vaterland vor der Smyrnaër Landschaft
voraus sey. Die Gemüse sind theils die unsrigen, theils die bei der
Beschreibung von Constantinopel (S. 248.) erwähnten. Die Wässerung der
Gärten wird meist durch Schöpfräder und Pumpen besorgt, welche Esel
oder alte Maulthiere in Bewegung setzen.
Unter den wichtigeren Erzeugnissen der Felder stehet die Baumwolle
(von +Gossypium herbaceum+) oben an. Auch der Taback, besonders
aus der Umgegend von Magnesia, ist in großem Ruf der Güte. Noch
mehr das Opium von Anatolien, von welchem freilich die beste Sorte
nicht innerhalb den Gränzen des alten Lydiens gebaut wird, sondern
aus dem nachbarlichen Phrygien und dem Gebiet des Mäandros, aus
~Karahissar~ kommt, das an der Stätte des oben (S. 281.) erwähnten
Celänä, zwei Tagreisen ostwärts von Sardis liegt[129]. Dieses Opium
aus der Gegend des »schwarzen Schlosses« (Karahissar) wird dem
Aegyptischen so wie jeder andern bekannten Sorte vorgezogen, und weil
es viel theurer als das ägyptische an die großen Kenner und Liebhaber
der falschen prophetischen Begeisterung, an die Chinesen, verkauft
werden kann, kommt es nur selten in die Läden der Droguisten und in die
Officinen des westlichen Europas. Wir fanden in dem reichen Waarenlager
des freundlichen van Lennep ganze große Massen jenes silenisch
begeisternden Giftes aufgehäuft, welche an die Hauptniederlagen der
holländisch-ostindischen Handelscompagnie versendet werden sollten,
von denen es dann in ganzen Schiffsladungen nach China ausgeführt
wird. Auch die reicheren Opiophagen, vornämlich die der osmanischen
Kaiserstadt, kennen die besondern Kräfte des Opiums von Karahissar und
erkaufen es um höheren Preis als jedes andre.
Unter den Bäumen des Waldes erscheint häufig die schöne ~Valonia-Eiche~
(+Quercus Aegilops+) mit Blättern, ähnlich jenen des ächten
Kastanienbaumes. Ihre großen, zackig-schuppigen Kelchschüsseln
enthalten so stark adstringirende Bestandtheile, daß sie, gleich den
Galläpfeln zur Färberei angewendet und deshalb häufig nach Europa
ausgeführt werden. Dasselbe gilt von der ~Färbereiche~ (+Quercus
infectoria+). An den Abhängen des Tmolus wie des Sipylus gedeihen
die Kastanie mit der Pinie und höher hinan selbst die hochwüchsige
Edeltanne; allenthalben an wasserreichen Stellen die edle Platane,
am Seestrand die Seefichte. Ein Baum, den man in so wie um Smyrna
überaus oft in den Gärten, wie in den Höfen vor den Häusern sieht, ist
der ~Azedarachbaum~ (+Melia Azedarach+), welcher durch seinen hohen
Wuchs und durch seine (freilich doppelt) gefiederten Blätter von ferne
gesehen an unsre Edelesche (+Fraxinus excelsior+) erinnert. Jetzt
im Spätherbst, hieng dieser Baum voller Früchte, die von gelblich
grüner Farbe, von der Größe unsrer Kirschen, etwas länglich geformt
sind und in Büscheln beisammen stehen, im darauf folgenden Frühling
sahen wir ihn zuerst in St. Saba, dann in Jerusalem und Sichem, am
häufigsten aber um Beirut in dem Schmucke seiner kleinen, blaulichen
(lilafarbenen) Blüthlein. Obgleich das bittersüßliche Fleisch der
Früchte des Azedarachbaumes schädlich und für viele Säugthiere (selbst
Hunde) sogar tödtlich ist, auch von den Vögeln nicht angerührt wird,
hat diese Frucht dennoch für die Türken einen Werth, weil sie aus ihrem
rundlichen, fünfgefurchten Kerne (Stein) ihre Paternoster bereiten,
wie dies der türkische Name +Tespih+ und der fränkische +Arbore degli
padre nostro+ und +arbre saint+ andeutet. Was aber hauptsächlich wohl
jenem Baume sein Hausgenossenrecht in diesem und andren Ländern des
Ostens verschafft hat, das ist die Meinung, daß seinen Blättern eine
heilsame Kraft gegen pestartige Uebel und selbst gegen die Folgen
des Schlangenbisses innen wohne. -- An den Feldrändern der Umgegend
von Smyrna sieht man häufig den gemeinen Terpenthinbaum (+Pistacia
Terebinthus+); in feuchten Schluchten hin und wieder neben unsrer
vaterländischen weißen und schwarzen Pappel auch die seltnere,
ägyptische Weide (+Salix aegyptiaca+); unter den Holzarten, welche in
ganzen Kameellasten von den gebirgigen Gegenden zur Stadt gebracht
wurden, war öfters das schöne, feste Holz des Cedernwachholders
(+Juniperus Oxycedrus+), zuweilen auch das des Storaxbaumes (+Styrax
officinale+) den wir auf dem Weg nach Ephesus sahen. Bis zum Uebermaß
häufig ist unter dem niedren Strauchwerk der Keuschlammstrauch (+Vitex
agnus castus+); unter den herbstlichen Distelarten fiel die wilde
Artischoke am schönsten ins Auge. Die am Sipylus schon gedeihende
~Jacea-Stäheline~ (+Stähelina arborescens+) gewährte uns den neuen
Anblick eines im Freien wachsenden Baumes aus der 19ten Linnëischen
Klasse. Die hohe ~Opopanaxpflanze~ (+Pastinaca Opopanax+) fiel uns
zwischen den Trümmern von Ephesus; mehrere Arten des ~Majorans~
(+Origanum smyrnaeum+, +sipyleum+, +creticum+) auf den dürren Hügeln
in die Augen; obgleich der wohlriechende Jasmin (+Jasminum fruticans+)
und die Phillyreen (+Phillyrea media+ und +latifolia+) schon verblüht
waren, blieben sie dennoch leicht erkennbar; das gelbe Bilsenkraut
(+Hyoscyamus aureus+) schmückte mit seinen goldfarbenen Blumen noch die
Mauern; in ihrer Saftfülle brüstete sich noch die blühende Kermesbeere
(+Phytolacca decandra+) an schattigen Orten. Doch es konnte hier unsre
Absicht nicht seyn, auch nur einen unvollkommnen Abriß der Flora von
Jonien zu geben, denn selbst die Ausführung dieser wenigen Grundzüge
unsrer Wahrnehmungen in diesem Gebiet, gehören an einen andren Ort. Ich
sage daher nur noch Einiges über die Thierwelt von Smyrna.
Unter allen Thieren des schönen Landes gewährte mir das Kameel die
meiste Unterhaltung. Ich hatte dieses Schiff der Wüste noch niemals
in so großen Heerden, noch nie so groß und schön gesehen und auch
auf der weiteren Reise mußte ich den Kameelen von Smyrna den Preis
der Schönheit, wenn auch nicht der Schnelligkeit vor den ägyptischen
und arabischen zugestehen. Wenn ich diese Thiere mit abgemessenem
Anstand einherschreiten oder mit gerade gen Himmel gestreckter Nase
den kühlenden Hauch der Luft oder irgend einen andren für ihren
Instinkt angenehmen Duft einathmen sahe; wenn ich ihren Gehorsam
gegen die Pfeife des Treibers, die nachgebende Unterwürfigkeit, mit
welcher sie hinter dem Glöcklein läutenden Eselein drein giengen,
beachtete, erschienen sie mir immer als das innerlich ruhigste,
brauchbarste, ordnungsliebendste Bürgervolk des Tierreiches. Wenn von
ihrer seltsamen, freundschaftlichen Zusammengesellung mit den Eselein
die Rede ist, darf man sich freilich die letzteren nicht wie unsre
vaterländischen Esel vorstellen. Die hiesigen sind ungleich kräftiger
als die unsrigen; eines Morgens begegneten wir, auf dem Wege nach
Budscha einem Manne, der auf seinem, noch überdieß schwer beladenen
Esel aus Angora (im alten Galatien) hergeritten kam und der auf dieser
ganzen, langen Reise keinen Rasttag gemacht hatte. Ein andres Thier,
welches in der Umgegend von Smyrna, vorzüglich aber während unsrer
Reise nach Sardis meine Aufmerksamkeit beschäftigte, war die schöne,
große Ziege mit dem seidenartig glänzenden, feinen (meist schwarzen)
Haare. Es ist noch immer dieselbe, welche einst dem alten Loadicea
seinen Reichthum gab; dieselbe durch welche Angora seinen Ruf hat,
denn die Umgegend des Tmolus liefert zu vielen jener feinen Gewebe
den Stoff, die wir, als aus Angora kommend betrachten. Das hiesige
Pferd gehört zur tartarischen Rasse; die Zucht des gemeinen Rindes
wird durch jene des stärkeren Büffels fast verdrängt. Häßlich, aber
von großer Stärke ist der hiesige Hund; ein Thier dieser Art war
uns aus der Gegend von Ephesus gefolgt und hatte sich vorzüglich an
+Dr.+ Roth, der es einige Male fütterte, angeschlossen. Das Gefühl
der Dankbarkeit und Anhänglichkeit schien übrigens auf diesem wilden
Grund keine tiefe Wurzeln fassen zu können und auch andre schlimme
Eigenschaften des Thieres nöthigten uns die Freundschaft mit ihm
wieder abzubrechen. Nicht selten ist um Smyrna der Schakal; die größte
hiesige Katzenart ist der Leopard; auf den Feldern und Wiesen lebt die
Blindmaus (+Spalax typhlus+).
Auf dem Gefilde von Sardis zeigte sich der ägyptische Percnopterusgeyer
(+Cathartes Percnopterus+), welcher bei den Türken unter dem Namen
»Humai« als ein Sinnbild königlicher Großmuth und Milde gepriesen
wird[130]. Auf einigen der Ruinen jener vormaligen Stadt nistet der
Storch; in der Ebene zeigt sich in ziemlicher Menge das griechische
Rebhuhn; in den Gärten um Smyrna vernahm man öfters die Stimme
mehrerer bekannter Finken und Sylvienarten, unter den letzteren auch
die des Feigensängers (+Sylvia Ficedula+). Von den Amphibien des
Landes erwähnen wir nur die auch anderwärts im Morgenland gemeine
Dorneidechse (+Stellio cordylea+) dann den +Pseudopus+ und die braun
und weißgefleckte Walzenschlange (+Amphisbaena fuliginosa+) die sich
namentlich in der Gegend des alten Ephesus unter Steinen findet, so
wie eine schwarze Flußschildkröte im Meles. Wenn man die Fische
der Bucht von Smyrna nennen wollte, da dürfte man fast alle Arten
des Mittelmeeres anführen, denn eine größere Mannichfaltigkeit der
Arten sahen wir auf keinem der andren Fischmärkte der asiatischen
Küstengegend. Eine der gemeinsten Speisen des hiesigen Volkes sind
die ~Meeräschen~ (+Mugil Cephalus+ und +M. Labeo+). Von der schönen
rothen Seebarbe (+Mullus barbatus+) sahen und genossen wir hier
mehrmalen für sehr geringen Kaufpreis so große Stücke, daß, wenn sie
uns nur um die Hälfte jener Summen wären angerechnet worden, die man
zur Zeit des Tiberius in Rom für einen Fisch dieser Art und solcher
Größe bezahlte, unser ganzes Reisegeld für solchen Genuß aufgegangen
seyn würde[131]. Von Sepien finden sich hier die meisten im Mittelmeer
vorkommenden Arten, am öftersten der Feind und Vertilger der Krebse:
der gemeine Achtfuß (+Octopus vulgaris+). Wenn aber auch dieser
Verfolger der Krustenthiere viele ihres Geschlechtes erhaschet, so weiß
sich doch eine merkwürdige Art seinen Nachstellungen zu entziehen:
der merkwürdige Pinnenwächter, der durch seine fast beständige
Zusammengesellung mit der großen Steckmuschel, die Aufmerksamkeit schon
des früheren Alterthumes erregte. Ein sehendes, schwaches Zwerglein
ist da mit einem starken, zugleich aber blinden Riesen in Verbindung
getreten und einer ergänzt den Mangel des andren. Die große schöne
Steckmuschel mit seidenartigem Byssus, welche in ansehnlicher Menge
(wie dies schon die am Ufer herumgestreut liegenden Schaalentrümmer
bezeugen) in der Bucht von Smyrna wohnt, hegt und bewirthet in ihrer
Schaale fast beständig einen jener kleinen, muntren Krebse, die sich in
den Muschelgehäusen finden (den +Pinnotheres antiquorum+). Und warum
sollte es nicht so seyn können, wie die Fischer noch jetzt erzählen,
daß jener kleine Wächter, wenn er die nahende Gefahr erblickt,
aus Furchtsamkeit tiefer in die Schaale und unter den Mantel des
Muschelthieres hineinkriecht und auf diese Weise das augenlose Thier
zum Schließen seiner Schaale reize. Der Meles ist reich an mehreren
sehr schönen Arten von Neritinen; in den Gebüschen an seinem Ufer
und am Meere fanden sich noch etliche Käfer[132]. Auf den Wogen des
Meeres schwebten viele große Scheibenquallen (Aequoreen, Geryonien,
Rhizostomen und Oceaniten) und sonst noch andre Heere der Lebendigen
belebten das immer Neues gebährende Gewässer.
Doch es ist Zeit, daß wir uns von dem Fischmarkt und der Seeküste nach
Hause begeben, um die Vorbereitungen zur nahen Weiterreise zu treffen.
Schon im Hafen von Constantinopel hatten wir ein Dampfschiff aus
Aegypten getroffen, welches die Wittwe eines der verstorbenen Söhne
des Mehemed Ali dorthin geführt hatte und von da wieder nach Aegypten
zurückbringen sollte. Es wäre uns leicht gewesen, in diesem Schiffe
ein Räumlein und Gelegenheit zur schnellen Ueberfahrt über das Meer zu
finden, denn der Arzt desselben war ein Grieche, der in Deutschland
(auch in München) studirt hatte. Eines Theiles hatte mich jedoch der
Wunsch, Kleinasien zu sehen, dann auch mein körperliches Uebelbefinden
gehindert, von dieser Gelegenheit Gebrauch zu machen, was uns auf
der späteren, so vielfach gehemmten Seereise oft reute, wiewohl mit
Unrecht, denn auf diesem nämlichen, schnellen Dampfschiffe war auf
der Reise die Pest ausgebrochen; obgleich mehrere Wochen vor uns in
Alexandria angelangt, hatte dasselbe noch die Pein der Quarantäne zu
dulten, da wir schon längst aus derselben erlöst waren. Auch in Smyrna
selber waren uns mehrere Gelegenheiten während der ersten Woche unsers
dortigen Aufenthaltes entgangen, Zufälle und Versäumnisse, die wir
ebenfalls auf der Weiterreise oft beklagten, aber eben so mit Unrecht
als das Abgehen des Aegyptischen Dampfschiffes, denn auch auf diesen
Schiffen war die Pest ausgebrochen; ein americanisches Fahrzeug war,
wie man uns noch in Smyrna erzählte, während der stürmischen Tage
des Herbstregens, den wir so ruhig unter dem Dach des Pächters zu
Kassabah verlebten, an den Klippen des Meers bei Patmos gescheitert.
Dennoch fieng es, bei der schon vorgerückten Jahreszeit an uns bang
zu werden um eine Reisegelegenheit, das österreichische Kriegsschiff,
das man aus den westlicheren Küstengegenden erwartete, wollte nicht
kommen, mit Freuden vernahmen wir daher durch ein Brieflein am 24ten
Oktober in Budscha die Nachricht, daß der sorgsame Hr. ~von Lennep~
ein Schiff für uns aufgefunden habe, das zwar einem Türken gehöre,
welches aber durch einen griechischen Capitän geführt werde, den Hr.
van Lennep persönlich kannte und achtete. Und in der That, wir hatten
späterhin oft Gelegenheit, die Wahrheit eines alten Sprüchleins zu
erkennen, das uns am Morgen des 24ten Octobers 1830 als ein besondres
Tagesgeschenk gegeben wurde: »der Herr machet im Meere Weg und in
starken Wassern Bahn«, denn außer den vielfachen Bewahrungen und
Rettungen in und aus der Gefahr der Stürme, war das die größeste, daß
unser Schiff, ohngeachtet es mehr als alle andre, vor ihm ausgelaufene,
mit türkischen Pilgrimen beladen war, von der Pest verschont blieb.
Ich habe schon oben erwähnt, daß unser Capitän seine Abreise länger
verschob als er es anfangs Willens gewesen. Wir brachten die letzte
Woche in Smyrna, nicht unbeschäftigt zu, bald unter den Ruinen
der alten Stadt, bald am Meere oder in Betrachtung der andern
Sehenswürdigkeiten, namentlich einer reichen Sammlung von alten Münzen,
welche ein hier wohnender, kenntnißreicher Engländer besitzt. Unser
Capitän hatte uns gerathen, uns für eine Zeit von drei Wochen mit
Lebensmitteln zu versehen, denn »obgleich er hoffe, daß wir die Fahrt
nach Alexandria in viel kürzerer Zeit beendigen würden, sey es doch
nicht unmöglich, daß sie gegen 20 Tage daure.« Das Einkaufen dieser
Vorräthe so wie einer schönen, großen, mit Baumwolle gefüllten Decke,
welche wir hier sehr wohlfeilen Preises fanden, führte uns noch einmal
in das bunte Gewirr des türkischen Bazars so wie in die Läden der
Frankenstraße, durch die man jetzt noch unbesorgt sich ergehen konnte,
obgleich sich während der letzten Tage unsres Aufenthaltes in Smyrna in
einer der Vorstädte die ersten Vorboten und Regungen der Pest gezeigt
hatten, welche kurz nachher auch in der Stadt mit Heftigkeit ausbrach,
und hierdurch die Strenge unsrer nachmaligen Quarantäne in Alexandria
vermehrte.
Sonnabends den 5ten November wurden wir denn endlich auf unser Schiff
bestellt, denn, so ließ der Capitän uns sagen, es war nun Alles zur
Abfahrt bereit. Wir hätten nicht so zu eilen gebraucht, denn der
Landwind, welcher die Ausfahrt aus der Bucht von Smyrna möglich
macht und begünstigt, erhebt sich gewöhnlich erst in der Nacht,
während in den späteren Nachmittagsstunden ein kräftiger Seewind in
entgegengesetzter Richtung weht, der das Einlaufen beschleunigt, die
Ausfahrt dagegen hemmt. Dennoch wünschten wir noch den Nachmittag
zur Einrichtung unsers kleinen Hauswesens in der Kajüte des Capitäns
zu benutzen, welche wir für uns gemiethet hatten, wir fuhren daher
schon um 2 Uhr nach Mittag aufs Schiff hinüber, welches das Panier der
Sonne führte. Wir fanden da freilich viele Veränderungen, welche auf
dem Verdeck seit dem erstmaligen Besehen unsrer künftigen Wohnung des
Gewässers statt gefunden hatten. Namentlich war der freie Raum auf dem
Verdeck der Pupa, über und neben unsrer Kajüte, der uns zur alleinigen
Benutzung versprochen war, mit kleinen, neuerbauten Bretterhüttchen
besetzt und außer diesen stunden da Körbe und Kisten, die nur wenig
Raum zur Bewegung ließen. Es war indeß hier nichts zu ändern, denn in
dem schriftlichen Kontrakt mit dem Capitän war nur von der Einräumung
der Kajüte die Rede, der freie Platz auf dem Verdeck war uns bloß
mündlich verheißen worden. So stiegen wir denn ruhig die enge Treppe in
unsre neue kleine Wohnung hinunter, die wir mit Besemen sauber gekehrt,
rein gewaschen und geschmückt fanden und trafen da unsre häusliche
Einrichtung. Ein Fenster, oben an der Decke gab uns so viel Licht, daß
man, wenn man sich unter dasselbe setzte, sogar lesen und schreiben
konnte, das war schon guter Trost; statt des Tisches diente eine alte,
in Smyrna gekaufte Kiste, in welcher unsre Vorräthe von Schiffszwieback
und andern Lebensmitteln lagen, statt der Stühle bediente man sich
der Reisekoffers und zum Ueberfluß eines kleinen, ebenfalls in Smyrna
gekauften Rohrschemels; als Lagerstellen fanden sich zwei Pritschen (an
jedem Ende der Kajüte eine), davon die, welche nächst der Thür war,
der Freundin Elisabeth, die andre mir und der Hausfrau zur Ruhestätte
angewiesen wurde, während +Dr.+ Roth und Erdl den Fußboden, der
Maler Bernatz eine Art von Holzkasten bei der Treppe zum Schlafgemach
wählten. So war denn für die Bewohner des Zimmerleins schon aufs Beste
gesorgt und auch unsre Barometer und Flinten fanden an den Wänden Orte
der Befestigung; unsre blechernen Teller und Becher stunden trefflich
verwahrt in einer Eintiefung der hölzernen Wand, die mir zugleich
öfters während der Freuden der Tafel statt eines Tisches diente, da das
Halten des Tellers auf dem Schooße nicht immer bequem fiel.
Der theure, brüderliche Freund ~Fielstedt~, der sich in seiner Liebe
niemals selber genug that, hatte uns zum Schiff begleitet und hier
eingeführt, war dann noch einmal nach der Stadt gefahren und mit
allerhand kleinen Gegenständen beladen, die uns, wie er bemerkt hatte,
zur Bequemmachung der Reise noch abgiengen, wieder zurückgekehrt.
Zum letzten Male saßen wir da beisammen, dankbar des Aufenthaltes in
Smyrna, voll Vertrauen und guter Hoffnung der weitern Reise gedenkend,
aber der Freund wollte heut noch nach Budscha, es war Zeit ihn zu
entlassen. Ihm nachschauend stund ich auf dem Verdeck, das schon
mehr und mehr mit türkischen Reisegefährten sich gefüllt hatte und
vertiefte mich in mancherlei Nachsinnen, und in manche, wie sich
später zeigte, vergebliche Sorge. Es waren heute gerade acht Tage
nach den meiner Seele tief eingeprägten Nachmittagsstunden, in denen
mir am Fuße des hehren, mit Wetterwolken bedeckten Tmolus die Säulen
des Cybeletempels und das zerrissene Gemäuer der Akropolis, die über
das verödete, vereinsamte Trümmerfeld von Sardis herabschauen, Solons
Lehre predigten: »an das Ende zu denken.« Hier auf unsrem türkischen
Schiffe gab es freilich keine Säulen des Cybeletempels, welche mir
und meinen Reisegefährten jene Lehre des atheniensischen Weisen
wiederholen konnten, wohl aber sonst Dinge genug, die an das Ende
erinnerten. Namentlich konnte man als solche Erinnrungszeichen alle
die Körbe und Kisten, wollenen Teppiche und Kotzen der türkischen
Schiffsgesellschaft, so wie diese selber betrachten. Es war nämlich
gerade jetzt die Zeit, in welcher sich aus allen Gegenden, am schwarzen
Meere, am Bosporus und Propontis, wie aus Kleinasien die türkischen
Pilgrime oder Hadschi's zur Fahrt nach Aegypten aufmachten, um sich
dort dem Zuge der großen Karawane anzuschließen, welche im Januar von
Cairo nach Mekka abgehen sollte. Dieses meist arme Volk von Pilgrimen,
welches auch die Hauptladung unsres Schiffes und die Veranlassung zu
seiner jetzigen Fahrt nach Alexandria war, kam zum Theil aus Gegenden,
in denen eben damals die Pest in größester Heftigkeit wüthete. Brachte
nur einer aus dieser Schaar die Seuche mit sich und brach diese erst
unter der eng zusammengedrängten Menschenmasse aus, dann war die Gefahr
für Alle eben so groß als wenn Feuer das Schiff ergriffen hätte. Denn
wohin sollte man sich retten! Aus einem solchen verpesteten Schiffe
darf Keiner an das bewohnte und bewachte Land steigen und zuweilen
(so erzählte uns der Capitän auf einem unserer österreichischen
Dampfschiffe) ist es, ehe man an der Küste von Aegypten und Syrien die
Quarantänespitäler zur Aufnahme der Ankommenden erbaute, in Zeiten
der heftigen Pest geschehen, daß zuletzt Keiner mehr da war, der von
dem Mastbaum des unglücklichen, von der Pest ergriffenen Fahrzeuges
die gelb und schwarze Pestflagge wieder abnehmen konnte, Keiner, der
das Ende der Quarantäne erlebte; das Schiff war ein großer Sarg aller
seiner gewesnen Bewohner geworden, den man, seine Seiten durchbohrend,
mit den Leichnamen zugleich ins Meer senkte. Ich habe schon vorhin
erwähnt, daß auf mehreren der vor und ziemlich gleichzeitig mit uns
von Constantinopel und Smyrna ausgelaufenen Schiffe die Pest wirklich
ausgebrochen war und daß namentlich das schöne ägyptische Dampfschiff,
welches versäumt zu haben wir auf der Reise so oft beklagten, noch
lange nach unsrer Befreiung aus der Quarantäne in Alexandria durch
seine gelb und schwarze Trauerflagge uns daran erinnerte, daß zum
Eilen das Schnellseyn nicht immer helfe. Wie leicht hätte dieses Loos
auch unser Schiff treffen können! -- Dies und noch manches Aehnliche
war damals am 5ten November des Abends auf dem türkischen Schiffe
zum Panier der Sonne, mein Sorgen, als die Sonne untergieng über den
Felsengipfeln des Mimas. Doch eben diese Felsenhöhen, zusammen mit
der Klarheit des Himmels und der Stille des Meeres erinnerten mich
daran, daß noch ein anderer festerer Fels, ein andres, beständigeres
Klar, abgespiegelt in einem noch tieferen Meere, da seyen; ein Fels,
auf welchem man diese Last der vorbeieilenden Sorgen sichrer noch und
zur längern Ruhe ablegen könne als der scheidende Tag seine vor sich
selber erröthenden Abschiedsgedanken auf dem Gestein des Mimas. Und
da jetzt im Blau des Nordens auch ein Stern aufgieng, war es als würde
mir mit seinem Schimmer zugleich ein Strahl der sonnenartig-selber
leuchtenden, nicht verlöschenden Zuversicht ins Herz gegeben; ich
stieg fröhlich hinab zum stillen Raume der Kajüte und bald war der
Schlaf auf der schon in Semlin gekauften Matrazze und im Schirm der in
Smyrna hinzugekommenen wollenen Decke so fest und süß wie in der lieben
Heimath.
IV. Reise von Smyrna nach Alexandria und Cairo.
Der Capitän des Schiffes war am Abend unsrer Ankunft auf demselben noch
in der Stadt beschäftigt gewesen; der Unterkapitän, ein Türke hatte,
bei unsrer Aufnahme in die neue Behausung seine Stelle vertreten.
Wir hatten (wenigstens ich) in dem festen, guten Schlafe nichts von
der Ankunft des Capitäns um Mitternacht, nichts von der Ankunft der
vielen, mit türkischen Pilgrimen beladnen Bote, schon in den späteren
Abendstunden vernommen. Da hörte man, zuerst noch halb im Traume,
dann beim Erwachen das Rasseln der Ketten, an denen der Anker hieng
und emporgewunden wurde, das taktmäßig die Arbeit begleitende »Kyrie
eleison« der griechischen Matrosen und bald nachher einen wahrhaft
harmonisch lautenden Gesang der türkischen Hadschis, dessen Inhalt
ein Gebet um guten Wind und glückliche Fahrt war. In Smyrna hatte man
uns gesagt, es würden etwa dreißig oder etliche und dreißig Hadschi's
im Schiffe »zur Sonne« mit uns fahren, die Stimmen aber, die da
sangen, tönten nicht wie die Stimmen von dreißig, sondern wie die von
hundert Männern und nur zu bald überzeugten wir uns, daß es mit der
uns angekündigten Zahl der türkischen Reisegefährten nur dann seine
Richtigkeit habe, wenn man die hundert nicht beachtete, welche über
die dreißig waren, denn ihre Summe belief sich auf 134. Es war nun
kein rechter Schlaf mehr möglich, doch gesellte sich zu dem Rauschen
der Wellen, welche das schnellseglende Schiff durchschnitt noch eine
Art von Schlummer, mit seinen Träumen von hochwüchsigen Fruchtbäumen,
in deren Wipfeln der Wind rauscht. Schon vor Sonnenaufgang waren wir
auf dem Verdeck; dieses aber war in ein türkisches Lager verwandelt,
denn jeder Fußbreit, mit Ausnahme eines schmalen Stegleins für das
arbeitende Schiffsvolk, war von den Hadschi's, so wie von ihren
Vorrathskörben und Küchengeschirren eingenommen; überall dampften schon
die kleinen, thönernen Oefchen, auf deren Kohlen ein mit Knoblauch
und Zwiebeln gewürzter Pilau, oder das brünette Getränk des Kaffees
bereitet ward. Der Wind indeß und das Wetter waren gut und so wurden
auch wir bald wieder guten Muthes. Und warum sollten wir dieses nicht
seyn; hatten wir doch Das bei uns, was der weise ~Bias~, welcher dort
jenseits der Berge der nachbarlichen Halbinsel, in ~Priene~ wohnte, für
das höchste Gut des Menschen hielt; das ruhige Selbstbewußtseyn eines
Wandrers, der sich auf dem geraden Wege nach dem Ziele seiner Reise
weiß. Dazu war ja heute Sonntag, und nicht bloß der Leib, sondern auch
die Seele hatte als Festtagsgewand jenes Gefühl des innren Still- und
Ruhigseyns und jenen Drang zum Auffliegen über die grünlichen Wellen
angezogen, welcher die Lerche über das grünende Feld und die Wiesen
emporhebt.
Die Sonne stieg jetzt empor; wir sahen uns um nach dem guten Smyrna,
aber dieses lag schon weit hinter uns, von einer vorspringenden
Landzunge verdeckt; doch zeigten sich der hohe Sipylos wie der
Mimnolus, den wir neulich auf der Reise nach Magnesia bestiegen
hatten, und fern in Südwest die Stätte des alten ~Klazomenä~, der
Vaterstadt des ~Anaxagoras~, welche früher eine Insel war, später aber
durch Dämme und neuen Ansatz des Landes mit dem Festland sich vereinte.
Der Wind war in hohem Grade günstig; die Fahrt nahm einen glücklichen
Anfang. Wir hatten jetzt Zeit und guten Muthes genug um uns mit unsrer
neuen Umgebung bekannt und vertraut zu machen. Fürwahr, über Einsamkeit
konnte man in unsrem Schifflein nicht klagen. Außer uns sechs Inhabern
der Kajüte, als des vornehmsten Räumleins, und den 134 türkischen
Hadschi's, so wie den Matrosen, Küchenjungen und beiden Capitänen,
gab es da noch eine Griechin mit ihren drei Kindern, welche ihrem
Manne nach Alexandria nachzog, zwei deutsche Schneidergesellen, einen
entlaufenen russischen Bedienten und einen jungen Griechen, welcher der
Vetter eines Bischofs war. Die türkischen Hadschi's, das geht aus ihrer
Zahl hervor, bildeten den Hauptkörper der Schiffsmannschaft; ihretwegen
setzte sich das Schiff von Smyrna aus nach Aegypten in Bewegung, denn,
obgleich jeder einzelne nur wenige Gulden für die weite Fahrt bezahlte,
war dennoch dieser Fahrlohn der Hadschi's die Haupteinnahme des
Capitäns, wie des Inhabers des Schiffes. Hätten diese guten Leute einen
ähnlichen, unruhigen Drang nach Bewegung gehabt, wie in der Regel wir
Franken ihn fühlen, dann wäre freilich diese Fahrt in viel andrem Maaße
beschwerlich geworden, als sie dieß wirklich war; so aber saß das Volk
der Pilgrime fast den ganzen Tag so still auf einem Fleck, daß es uns
öfters wie ein gemaltes Jahrmarktsgedränge oder wie eine Gallerie von
Wachsfiguren vorkam. Nur wenn die Stunde der Waschungen oder Gebete
kam, noch öfter aber, wenn das Geschäft und der Vorgang der Ernährung
und der Verdauung sie dazu nöthigte, erhuben sie sich von ihren Sitzen,
sonst war ihr gewöhnliches Tagesgeschäft jene harmlose Lust an der
Jagd, welche ihre Befriedigung nicht im düstren Walde oder auf steilem
Gebirge, sondern schon in den Falten des Turbans und der Gewänder
fand, und welche niemals den Tod des erbeuteten Thieres bezweckte,
sondern dieses lebendig hinfallen ließ aufs Verdeck, damit es ein
andres Unterkommen sich suche. Wie dieses große Volk der Hadschi's
vornämlich bei Nacht, wo der ausgestreckt liegende Mensch doch einen
größeren Strich des Bodens einnimmt als der auf untergeschlagnen
Beinen sitzende, in unsrem engen Schiffe und seinem untern Raume Platz
gefunden habe, das ist uns später, da wir den ganzen Gelaß des leer
gewordnen Fahrzeuges betrachteten, noch öfters ein Räthsel gewesen,
um so mehr da auch Frauen in diese untern Räume eingestallt saßen,
für welche ein eigner Verschlag von Brettern angebracht war. Freilich
sahen wir an dem Beispiel Derer, welche oben auf dem Verdeck auf oder
neben ihren Körben schliefen, daß diese armen Leute in Beziehung auf
die Schlafstätten so verträglich seyen wie die wandernden Schneegänse,
denn öfters diente der eine dem andren, dieser wieder dem dritten zum
Kopfkissen.
Wir lernten übrigens gar bald es unterscheiden, daß da unter dem Troß
der ärmeren Hadschi's auch solche wären, die sich vornehmer zu seyn
dünkten denn die Andren. Von den kleinen Bretterhütten, welche auf dem
Verdeck, ober unsrer Kajüte erbaut waren, bewohnte die eine, vorderste,
ein wohlhabender türkischer Kaufmann aus Smyrna, Namens ~Hassan~,
ein Mann, der uns durch seine gutmüthige Zutraulichkeit und sein
Anschließen an unsre Gesellschaft manche Unterhaltung gewährte; die
hierauf folgende Bretterhütte bewohnte die Griechin mit ihren Kindern
und dieser gehörten auch die sehr alt aussehenden Mobilien (Tische
und Stühle), welche wegen des Mangels an Raum über den Bord hinaus
gebunden waren. Die beiden hintersten Bretterhütten waren abermals von
zwei türkischen, unter sich nahe verwandten Familien bewohnt, davon
die eine aus dem ältlichen Vater, seiner Frau und Tochter, die andre
aus einem Mann mit seiner Frau bestund. Der erstere hatte durch die
Pest alle seine Kinder, außer der ihn begleitenden, etwa 10jährigen
Tochter verloren und schien hierdurch zur Pilgerfahrt bewogen. Was den
andren zu dieser angetrieben hatte, weiß ich nicht, so viel aber schien
gewiß, daß für seine arme Frau diese Reise eine furchtbare Pein seyn
mußte, denn diese war in einen so engen Raum eingesperrt, daß sie nur
liegen und sitzen, nicht aber aufrecht stehen konnte; durch ein Loch
der bretternen Thür des Kastens reichte der Mann ihr Speise und Trank
und nur selten verließ derselbe seinen Sitz oder sein Lager vor dieser
Thüre. Nicht mehr zwar durch das Bewohnen eines eignen Bretterkastens,
wohl aber durch andre Merkmale als vornehm ausgezeichnet, erschien
ein alter Kaufmann aus Magnesia, mit seinen beiden Söhnen, davon der
eine, ältere, ein Iman, der andre, viel jüngere der Liebling des Vaters
war, der am Tage an seiner Seite, bei Nacht an seiner Brust ruhte.
Alles Neue und Seltsame, was der Vater bei meinen jungen Freunden
sahe: Repetiruhren, Compaß, Messer, Farben, das wollte er für seinen
Liebling kaufen. Etwas entfernter von uns, im Vordertheil des Schiffes
hatte eine Familie von Mohren (mit weißen wie schwarzen Frauen) ihre
Bleibstätte, die ebenfalls reicher denn die andren schien, vornehm
genug that und unruhiger so wie anspruchsvoller war denn alle andren
Hadschis. Auch ein Derwisch, von schöner Gestalt und Aussehen, wurde
von seinen Genossen mit besondrer Achtung und Auszeichnung behandelt.
Er hatte gar bald mit +Dr.+ Roth und Erdl Bekanntschaft geschlossen;
wenn er diesen, den einen Finger emporhebend, durch den Ausruf des
Wortes »Huh« (Jehovah) sein Glaubensbekenntniß ablegte, da war sein
Blick so bedeutend und ernst, daß ich mit innrem Vergnügen ihn
betrachtete.
Daß sich der Derwisch schon heute mit so besondrer Achtung an unsre
beiden jungen Aerzte anschloß, daß diese beiden gleich vom ersten
Tage an ein Gegenstand des Aufmerkens für die ganze Schaar der
Schiffsgesellschaft wurden, das hatte einen guten Grund. Unter den
Matrosen befand sich ein altes, kleines, sonst aber kräftig gebautes
Männlein, welches die andren den Engländer (+il Inglese+) nannten.
Er war als Knabe in diese Gegenden gekommen, hatte sein Unterkommen
als Seemann bei den Türken gesucht und gefunden, und, ob er hierbei
Christ geblieben oder Türk geworden, das blieb uns ein Räthsel. Dieser
»Inglese« nun lag am ersten Tage unsrer Seereise sehr krank, an einer
Brustfellentzündung darnieder, hatte am Morgen schon eine Art von
mündlichem Testament gemacht, worin er seine wenigen Habseligkeiten,
in Gegenwart des Capitäns, an einen seiner Kameraden vererbte, und nun
wartete das Volk, das ganz ruhig um den ächzenden Mann herumsaß oder
stund, auf den Augenblick, da dieser »abfahren« würde. Der Capitän
indeß dachte nicht so. Er mochte schon in Smyrna gehört haben, daß
Aerzte unter uns seyen, er kam zu meinen jungen Freunden, bat diese
um ihren Rath und um Hülfe, und Doctor ~Erdl~ wendete sogleich
einen tüchtigen Aderlaß so wie kühlende Mittel mit so günstigem
Erfolg an, daß der Kranke bald sich erleichtert fühlte und nach wenig
Tagen wieder arbeiten konnte. Diese glückliche Cur machte auf unsre
türkischen Hadschi's einen solchen Eindruck, daß viele von ihnen zu
+Dr.+ ~Erdl~ kamen, sich den Puls fühlen ließen und Arznei oder einen
Aderlaß begehrten und obgleich in den letzteren Wunsch ohne Noth
nicht eingewilligt wurde, gewährte man dennoch desto reichlicher den
ersteren, denn +Dr.+ ~Roth~ war mit einer guten Reiseapotheke versehen
und bei solchen meist eingebildeten Krankheiten war die Hauptsache der
Zucker oder irgend ein andrer Beisatz der Art, wodurch die Masse der
Arznei vermehrt wurde. Man konnte wirklich bei mehreren Gelegenheiten
dieser Art sehen, was das Vertrauen that; die Leute sagten gewöhnlich
die Arznei habe ihnen alsbald geholfen. Während die Hadschis von den
beiden jungen Doctoren allerhand Heilmittel begehrten, ersuchten sie
mich, seitdem ich einigen von ihnen freiwillig eine Prise angeboten
hatte, ziemlich allgemein um Schnupftabak und da ich in Smyrna einen
großen Vorrath dieses unschuldigen Zeitvertreibs mit mir genommen
hatte, konnte ich solche Bittgesuche gern gewähren, dem einen ein wenig
in seine kleine Dose, dem andren in ein Schächtelchen, dem dritten auf
die Hand reichen.
Der Wind blieb heute fortwährend günstig und frisch, so daß wir schon
mehrere Stunden vor Sonnenuntergang die Spitze der erythräischen
Halbinsel umschifften, welche gegen Westen die hermäische Bucht: die
Bucht von Smyrna umgränzt; gegen Norden sahen wir die Gebirge von
Lesbos, im Süden erschien bereits die Pelinäische Höhe von Chios,
neben uns die Bergkette des Mimas, deren nördliche Ausläufer das
Vorgebirge von Meläna (jetzt Karaburnu) bilden. Seitdem wir uns gegen
Süden gewendet hatten, lag das Schiff, das den Wind von der Seite nahm,
etwas schief; ich fühlte von neuem eine leichte Anwandlung von jenem
Uebel, das ich oben (S. 129.) bei der Fahrt über das schwarze Meer
beschrieb und begab mich hinab auf meine Pritsche. Das was ich noch
vor dem Hinabsteigen in die Kajüte gehört hatte und noch bis gegen
Abend von meinen Freunden vernahm, lautete sehr gut. Morgen früh, so
sagte selbst der Unterkapitän, könnten wir an Patmos ankern; in fünf
Tagen, so versicherten Andre, könnten wir, bei solchem Winde, im Hafen
von Alexandria einlaufen und obgleich der sehr erfahrene Capitän zu
allen diesen wohllautenden Aeußerungen schwieg, ließen wir uns dadurch
dennoch nicht irre machen, sondern träumten schon vor dem Einschlafen
von dem Genuß des morgenden Tages auf den Felsen des herrlichen Patmos.
Einige Stunden nach Mitternacht hörten wir über unsrem Haupte die große
Kette raßlen und den Anker ins Meer lassen. »Da sind wir ja schon in
Patmos, rief ich den zugleich mit mir erwachten Freunden zu, das ist
über Erwarten schnell gegangen.« Wir ruhten dann noch etliche Stunden,
beim Anbruch des Morgens aber stunden wir auf dem Verdeck und sahen uns
in einer engen Meeresbucht zwischen felsigen Inseln. Ist dies Patmos?
fragte ich den Capitän. Dieser schüttelte den Kopf und zuckte die
Achseln; von Patmos, sagte er, sind wir noch weit.
Mit der Sonne zugleich gieng nun auch uns ein Licht auf über unsre
jetzige geographische Stellung. Wir waren noch gar nicht weit von
dem Punkt hinweggerückt, an dem sich unser Schiff am gestrigen Abend
befand; das Vaterland der erythräischen Sibylla, dessen Gebirge wir
schon gestern sahen, war noch immer ganz in unsrer Nachbarschaft. Der
Wind, der am gestrigen Morgen zuerst Nordost, dann Nordwind war, hatte
schon am Abend sich etwas gegen Westen umgesetzt, und in der Nacht,
nach kurzer Windstille, war er uns ganz ungünstig geworden: statt des
erfrischenden für unsre Fahrt günstigen Nordwindes stürmte uns heute
der warme Sirocco aus Südwesten entgegen. Unser wohlunterrichteter
und vorsichtiger Oberkapitän, welcher die Gefahren dieses Windes
hier, in der klippenreichen Gegend des Meeres kannte, war, Chios
gegenüber, zwischen zwei kleinen Felseninseln eingelaufen, welche zu
den südlichsten der Gruppe der oenussischen oder hippidischen Inseln
der Alten gehören; zu jener Gruppe, deren nördliche und größere Inseln
auf unsren Charten unter dem Namen der Spalmadoren (Spermatoren)
verzeichnet stehen. Unser Capitän nannte sie Agonusi (Egonuses), wie
noch jetzt die Griechen diese Oenussä heißen. Hier, wo unser Schiff
lag, war das Meer so ruhig und spiegelglatt, daß wir Unerfahrenen
in dieser Art des Welt- und Windlaufes gar nicht begreifen konnten,
wie die Schiffsleute von einer Gefahr reden konnten, welche unsrer
Weiterfahrt, wenn diese anders noch möglich, gedroht hätte; doch sahen
wir nach einigen Stunden auch das griechische Packetboot, welches
damals noch die gewöhnliche Communication zwischen Smyrna und Athen
unterhielt, und das fast einen halben Tag vor uns Smyrna verlassen
hatte, von Süden her zurückkehren und in einiger Entfernung von uns
Anker werfen.
Die eine der beiden kleinen Inseln, deren Felsenwände uns hier in
unsren Schutz genommen hatten; die welche uns auf der Westseite lag,
ist ganz unbewohnt, und wird nur von Zeit zu Zeit von Fischern oder
von Hirten besucht, welche, von benachbarten Inseln kommend, hier
ihre Netze auswerfen oder ihr Vieh auf die spärliche Weide führen. Sie
hat eine Quelle mit gutem Wasser; unsre Matrosen ruderten hinüber, um
einige Fässer zu füllen und da wir sahen, daß bei jeder solcher Fahrt
eine gute Anzahl der türkischen Hadschis sich ans Land setzen ließ,
auch zugleich erfuhren, daß heute den ganzen Tag an eine Weiterreise
nicht zu denken sey, gaben auch wir dem Hange nach das Eiland zu
besuchen und fuhren mit den Matrosen hinüber. Die Frauen blieben bei
der Griechin und ihren Kindern, in der Nähe des Quelles, wir Männer
zerstreuten uns zwischen die Felsenklippen; denn jeder Schritt bot uns
da etwas beachtenswertes Neues dar.
Der ganze Umfang des kleinen Eilandes beträgt kaum eine Stunde; es
besteht nur aus einem rundlich sich erhebenden Berge, der nach dem
Meere hin, besonders an der Westseite, Chios gegenüber, hohe, gähe
Felsenwände bildet. Die herrschende Felsart auf dieser, wie auf der
gegenüber liegenden Insel ist außer dem Trapp, welcher die Höhe
einnimmt, nach unten ein Thonschiefer von sehr eigenthümlicher Art und
Gestaltung. Er gleicht an manchen Stellen einer riesenhaften Schlacke
mit Höhlungen und Blasenräumen von einem Umfang und Rauminhalt wie
ich noch niemals dergleichen gesehen; öfters stehen nur die Reste der
zerstörten Gewölbe als sichelförmige Zacken hervor. Sehr häufig zeigten
sich in diesem Schiefer Lager und Nester von einem bröcklich weichen,
stark abfärbenden, viele Kohle enthaltenden Zeichenschiefer und auch
die Höhlungen und jetzt leeren Blasenräume mögen mit dieser Masse
ausgefüllt gewesen seyn. Die schon vorhin erwähnten gähen Felsenwände
an der Westseite der Insel tragen die Spuren eines gewaltsamen
Zusammensturzes an sich; mächtige Bruchstücke liegen zu ihren Füßen im
Meere und bilden, senkrecht in der Richtung ihrer Schichten stehend
eine oder mehrere Reihen von hohen, natürlichen Mauern um die Insel
her, zwischen welche das Meer hereintritt und in deren Schutz und
Schatten die Schaaren mancher der zarteren Seethiere sich versammlen.
Einige Abhänge und Schluchten der Insel waren eben jetzt mit den
kleinen, weißen Blumen der spätblühenden Narzisse (+Narcissus
serotinus+) bedeckt, an manchen Stellen entfaltete das Calocasien-Arum
(+Arum Calocasia+) seine schönen Blüthen. An dem Saamen der reifen
Gräser ergötzte sich eine kleine Schaar des Zaunammers (+Emberiza
Cirlus+, von den Türken »Kirlak« genannt) mit olivenfarbener Brust so
wie gelb und schwarz gefärbter Kehle; auch das rothe Rebhuhn (+Perdix
rufa+, auf Türkisch »Cil«) und eine Art von wilden Tauben kommen auf
der Insel vor, selbst ein weißschwänziger Steinschmätzer (+Saxicola
Oenanthe+) wollte mit seinem kurzem Liede zeigen, daß auch diese Wüste
ihre Gesänge habe. Unten im Meer erfreute uns der Anblick der Aktinien
und Seeanemonen, so wie der kleinen buntfarbigen Fische aus der Familie
der Meerjunker (+Labrus Julis+) der Anthias und Lutjane; an den Felsen
lebte +Helix naticoides+.
Mich hatte das Aufsuchen des blühenden Arums an die nördliche Seite
der kleinen Insel hingezogen, da wo das Wrack eines vielleicht erst
unlängst an diesen Klippen gescheiterten Fahrzeuges und weiterhin
das Gemäuer eines zerstörten Hauses an die Kämpfe des Menschen
mit dem übermächtigen Element wie an die noch furchtbareren mit
seinem eignen Geschlecht erinnerten. Je weiter ich mich gegen Westen
wendete, desto bedeutungsvoller und origineller wurden die Formen der
Thonschieferfelsen. Nach Norden hin zeigten sich die schwärzlichen
Berge der andern Inseln dieser Gruppe; die Bucht von Erythrä wie jene
von Tschesme waren durch die östliche Nachbarinsel verdeckt. Ich war
jetzt an die schönste Stelle des Eilandes gekommen: an die mächtigen
Felsenhallen seiner Westseite; dort, Chios gegenüber, suchte ich mir,
in der schattigen Felsenschlucht eine Ruhestätte. Wie ganz anders
zeigte sich hier das freie Meer als in der verschlossenen Bucht da
unser Schiff lag. Seine Wogen oben von weissem Schaum bedeckt schlugen
mit Ungestüm an die Wände des Schiefers; die Brandung, aus einem
benachbarten Felsengewölbe, das die Fluth sich ausgewaschen hatte,
tönte wie ein ferner Donner; das Gefühl der Sicherheit aber, mit
welchem ich von meinem festen Sitze aus das nachbarliche Saki oder
Skio, die Hauptstadt von Chios betrachtete, ließ mir das wogende Meer
wie eine Gewitterwolke erscheinen, die ein Alpenhirte vom Gipfel des
Rigi oder des Watzmanns aus tief unter seinen Füßen sich entladen
siehet, während er selber im heitren Glanze der Morgensonne dastehet.
Dort an einem der grünenden Abhänge von Chios war die sogenannte
»Schule des Homer«; wie ist doch die geistige Gestaltung, die von
Homers eigentlicher, nicht sogenannter Schule ausgieng, so frisch und
fest, gleich den Felsen dieser Inseln geblieben, während so manches
Bewegen der Völkergeschichte gleich den bald zerstäubenden Wogen
des jetzt heftig aufbrausenden, dann wieder ruhenden Meeres daran
vorüberzog.
Ich suchte jetzt auch meine Reisegesellschaft wieder auf. Die Hausfrau
mit den beiden größeren Kindern der Griechin kam mir schon entgegen;
die Türken lagen und schliefen an der Ostseite der Insel oder wuschen
an einer Pfütze, die vom Quell ihren Zufluß nahm, Tücher und Gewänder;
+Dr.+ Roth und Erdl vergnügten sich mit dem Heraushämmern von schönen
Schwefelkieskrystallen, die sich an mehreren Stellen in großer Menge
im Thonschiefer eingewachsen fanden, Hr. Bernatz zeichnete eine Gruppe
der Felsen. Wir bedurften gegen Abend keines Glöckleins und keines
Trompeters, die uns zur Tafel riefen, uns zog von selber der Hunger zum
Schiff, denn wir hatten gestern, weil in dem Getümmel des ersten Tages
noch keine Einrichtung mit der Küche des Schiffes zu treffen war, fast
nichts gegessen. Auf unserem Fahrzeug herrschte noch eine angenehme
Stille und Einsamkeit, denn die türkische Besatzung war großentheils
auf die Insel gefahren; der Küchenjunge hatte sich in der Bereitung der
trockenen Bohnenkerne und des geräucherten Fleisches als ein Meister
der Kochkunst gezeigt. Auch unsre Hadschis kehrten, nachdem sie ihr
Abendgebet noch auf der Insel verrichtet hatten, wieder zum Schiff
zurück; bald dampften die Oefchen von neuem vom Rauchwerk des stark
gezwiebelten Pilaus und gleich nach gehaltner Mahlzeit wurde der enge
Raum der Ruhestätte gesucht.
~Arundel~[133] erzählt, daß er öfters in Smyrna jene von mehrern
Reisenden gemachte Erfahrung aus eigner Wahrnehmung bestätigt gefunden
habe, nach welcher die Hähne im Morgenlande fast mit der Pünktlichkeit
einer Uhr gewisse Stunden der Nacht durch ihr Krähen anzeigen. Das
gesammte Chor der Hähne, so berichtet jener ehrenwerthe Beobachter,
kräht in Smyrna zum ersten Male in der Nacht zwischen 11 und 12,
das zweite Mal zwischen 1 und 2 Uhr, und wenn etwa das eine dieser
Thiere seinen Wächterruf ein wenig früher oder später denn die andern
ertönen läßt, so beträgt der Zeitunterschied nicht mehr denn eine
Minute. An unsern türkischen Reisegefährten bewunderte ich öfters auch
eine ähnliche Eigenschaft des Aufwachens zur bestimmten Stunde der
Nacht. Der große, untre Schiffsraum, in welchem der größte Theil der
Hadschis bei Nacht zusammengeschichtet lag, war von jenem Theil unsrer
Kajüte, an welchem bei Nacht mein Kopf lag, nur durch eine Bretterwand
geschieden, welche so dünn war, daß man jedes Wort vernehmen, und den
Geruch der geliebten Knoblauch- und Zwiebelgerichte, welche jenes immer
eßlustige Volk auch bei Nacht sich bereitete, deutlich wahrnehmen
konnte. Bald nach Mitternacht war der erste Schlaf meiner schon um 7
Uhr zur Ruhe gehenden Kammernachbarn beendigt; da fiengen alle zumal an
laut zu sprechen, einige auch zu essen, nach 1 Uhr wurden sie wieder
still, zwischen 4 und 5 Uhr war auch der zweite Schlaf beendigt und
nur wenige entschlossen sich zu einem dritten, denn die Lust zum Essen
überwog jetzt alle Lust zum Schlafen. Heute, am Dienstag den 8ten
November mußte dieß in vorzüglichem Maaße der Fall seyn, denn das laute
Sprechen und der Geruch der Eßwaaren jener Mekka-Pilgrime ließ uns fast
von vier Uhr an keine Ruhe mehr; mit Freuden bemerkten wir das Grauen
des Morgens und traten aufs Verdeck.
Unser griechischer Capitän hatte recht gehabt; der ungünstige Wind der
selbst für schnell seglende Fregatten den Durchgang durch die Meerenge
zwischen Icaria und Samos unmöglich macht, hielt auch heute noch an,
und würde, so versicherte unser alter Seemann, wohl auch morgen noch
andauern. Wir wünschten nun, da ja die Umstände es erlaubten, auch die
andre, östlich gelegne Nachbarinsel zu besehen; zu ihr ließen wir uns
hinüberfahren. Diese Insel ist bedeutend größer als die westliche;
ihr Gebirge erhebt sich höher, an ihrer südöstlichen und östlichen
Seite findet sich ein von Fischern und Ziegenhirten bewohntes Dorf. Es
war heute kein so heitres Wetter denn gestern, der Sturm war stärker
geworden; selbst in unsrer stillen Bucht bemerkte man eine Aufregung
des Gewässers; oben auf dem Berge fühlte man ein heftiges Wehen des
Windes. Wir (die Hausfrau und ich) suchten zuerst den höchsten Gipfel
des mehrköpfigen Berges zu ersteigen, an welchen das übrige hügliche
Land der Insel sich anlehnt. An dem steilen, steinigen Abhang so
weit hinanzuklimmen, war nicht ganz leicht; mehrmalen glaubten wir
uns dem höchsten Punkt schon nahe, jenseit des vermeintlich obersten
stieg aber dann noch ein höherer an. Die Aussicht oben von der Höhe,
hinüber nach dem Festlande der Halbinsel, so wie im Westen nach Chios,
lohnte indeß die Mühe des Ansteigens reichlich. Dort, jenseits des
schwärzlichen Felsengebirges, das sich in Südosten zeigt, öffnet sich
die Bucht von ~Tschesme~; die Bucht der Schreckensnacht des 5ten
July des 1770sten Jahres, aus welcher mit den Feuerflammen und dem
Rauche der verbrennenden türkischen Flotte zugleich eine Feuer- und
Rauchsäule aufging, die wie einst Israëls Heer vor Pharao, so das Volk
der griechischen Christen vor dem Henkerschwert der Osmanen schützte.
Denn die siegreichen Fortschritte der russischen Waffen am Pruth
und Kagul, zusammen mit dem so unglücklich endigenden Aufstand der
Griechen in Morea hatten bei der unbändig stolzen, hohen Pforte nur
Wuth und Erbittrung erregt, nicht Furcht vor der Macht der Christen;
noch war die griechische Halbinsel ein großer Blutacker, auf welchem
die Leichname der seit Orloffs Abzug von den Albanesen und Türken
gemordeten Griechen, vermischt mit den Trümmern der niedergebrannten
Städte und Dörfer herumgestreut lagen, da ward im türkischen Diwan
gefragt, ob es nicht das Rathsamste sey, alle griechische Christen
im großen Reiche der Osmanen zu vertilgen. Doch auch dieser Rath der
Feinde jenes großen Paniers, welchem der endliche Sieg über die Völker
der Erde verheißen ist, wurde, wie vormals bei Galerius und Diocletian
zu Schanden. Zwar die Seeschlacht in den heißen Mittagsstunden des
5ten July, hier im nachbarlichen Meere diesseits Chios hatte den
christlichen Waffen noch keine großen Vortheile gebracht; von dem
türkischen Admiralschiff hatte sich die verheerende Flamme auch auf
das russische verbreitet und dieses mit sich in die Luft gerissen,
doch war außer dem russischen Admiral Orloff auch der leitende Geist,
die Seele dieses ganzen Unternehmens, Lord ~Elphinston~ aus den
Flammen gerettet worden und da die türkische Flotte, wie von einem
Gorgonenhaupte aus den Wolken geschreckt, in die enge und schlammige
Bucht, Schiff an Schiff gedrängt sich flüchtete, da besetzte der
brittische Seeheld mit mehreren Schiffen den Eingang der Bay. Hierauf
wagte es der heldenmüthig kühne Engländer ~Dugdale~, unterstützt
von seinem Landsmann dem Contreadmiral ~Greigh~, während der Nacht
mit Brandern der türkischen Flotte sich zu nahen; es gelang ihm, mitten
unter dem Regen der türkischen Geschützeskugeln einen dieser Brander
an ein feindliches Schiff zu befestigen und mit verbrannten Händen,
Gesicht und Haaren durch Schwimmen zu den Seinen sich zu retten. Unser
berühmter ~Hackert~ hat, von Alexius Orloff hierzu beauftragt,
in vier Gemälden die vier Hauptmomente dieser mächtigen Seeschlacht
dargestellt, bei welcher das nur zum Verderben der Christen bestimmte
eigne, innre Feuer die türkische Kriegsmacht vernichtete, mithin »ein
Feind den andren fraß«[134]. Diese Gemälde, auch in ihrer stummen
Zeichensprache erregen Schauder; ein ungleich andrer jedoch war jener
den die Donner des Gerichts in jener Nacht im Ohre aller Schläfer des
benachbarten Festlandes und der Inseln, so wie das Gluthfeuer der
gerötheten Berge im Auge der wirklichen Zuschauer weckten. Das Krachen
der vom eignen Pulver zersprengten Schiffe hörte man, wie fernen Donner
bis nach Athen; in Chios wurden die Häuser erschüttert, in Smyrna und
Lesbos erbebte die Erde; die russische Flotte, welche ziemlich fern
von der Bucht sich gehalten, wurde wie vom heftigsten Sturme auf und
nieder bewegt, und mehrere Schiffe, wie schwimmende Nußschaalen vor
dem Hauch eines starken Mannes hinausgestoßen ins Meer. Zwar jene
Türken, die sich ans nahe Ufer bei Tschesme retteten, ließen ungehemmt
ihre bis zum Wahnsinn gesteigerte Wuth an dem armen griechischen Volk
aus, das sie ohne Erbarmen schlachteten und seine Städte und Flecken
in Brand setzten; der Anschlag aber der hohen Pforte, die Christen in
ihrem ganzen großen Reiche zu vertilgen, war über Nacht vergangen;
seine Ausführung schien jetzt nicht mehr rathsam. Man mußte sich denn
doch im Divan gestehen, daß nicht bloß das Panier des Islams, sondern
auch jenes der Christen zuweilen Furcht und Bedenken erregen könne;
denn wäre damals ~Elphinstons~ Muth (m. v. oben S. 405.) auch
bei andren Führern der Flotte gewesen, Constantinopel hätte diese vor
seinen Mauern und in seinem Hafen gesehen. Wie einst Odins Stab die
Stimme der alten ~Whole~ (dieser nordischen Sibylla) aus ihrem
Grabe weckte, das schon so lange von Thau und Schnee benetzt war, so
hatte Tschesmes Feuersäule hier an der nachbarlich angränzenden Stätte
von Erythrä die Stimme der ~Herophile~, der erythräischen Sibylla
aus ihrem Grabesschlummer geweckt, welche mehr noch als das weissagende
Wort der Whole dem Hause des Odin und der Freya, dem Throne Osmans
das nahende Weh verkündete. Und es war noch etwas Andres, Höheres,
was die Stimme der Gräber am Fuße der zerrissenen Felsenhäupter von
Erythrä aussprach; in jenem natürlichen Wohnsitz der Kassandrischen
Begeisterung, wo das Auge gern von den furchtbar verödeten Klippen
nach dem tiefblauen, fast nie getrübten Himmel und seinen Mächten
aufblicket, hat einst Herophile, welche das Alterthum unter seinen
tiefblickendsten, berühmtesten Sibyllen nennt, in prophetischem Geiste
von einer Zukunft gesprochen, da die Reiche und Völker der Erde unter
dem Schatten eines Friedens wohnen werden, der niemals endet[135].
Wir hatten uns lange an der Beschauung der großen Felsenwüste des Mimas
ergötzt; der Sturm brauste laut über die Bergeshöhe und erregte da,
statt der Hitze die wir gestern unten am Meere empfunden, ein Gefühl
von Kälte; wir stiegen in der Schlucht, welche zwischen den beiden
Hauptgipfeln des Berges verläuft, wieder hinab nach dem Meere. Auf
unsrem, wegen des losen Gesteines sehr beschwerlichem Wege kamen wir
an einzelnen Feldern und dürftigen Baumpflanzungen vorüber, um deren
Gezweig sich ohne Aufsicht und Pflege die Rebe schlingt; dazwischen
Trümmer von zerstörten Häusern und Hütten des noch jetzt hier lebenden
Hirtenvolkes, roh aus Steinen zusammengehäuft, tiefer hinabwärts auch
etliche Bruchstücke von weißem Marmor, vormals vielleicht Bestandtheile
eines Tempels oder eines Landsitzes, welcher diese liebliche Bucht zu
seiner Stätte erwählte. Denn lieblich, in der That, muß einst diese
Bucht, in die wir jetzt hinabkamen, gewesen seyn, als ihr noch jetzt
fruchtbarer, grünender Boden von dem Fleiß der Menschenhand mit Gaben
des ordnenden, die Schönheit erkennenden Geistes geziert war.
Wie fern oder wie nahe uns hier unser Schiff sey, wußten wir nicht,
denn die Schlucht, in der wir hinabgestiegen waren, hatte uns die
Aussicht nach der südwestlicheren Seite der Insel verdeckt; ich war
ohne Compaß und auch die Sonne, nach deren Stellung man sich hätte
orientiren können, war von Wolken bedeckt. Wir sahen jetzt an dem
entgegengesetzten Rande der Schlucht einige Männer, der eine mit einer
Flinte bewaffnet, übrigens aber armselig genug aussehend herabsteigen,
welche ihre Richtung gegen uns hin zu nehmen schienen, und obgleich die
erythräische Sibylla uns kein Leid, sondern Frieden geweissagt hatte,
hielt es die Hausfrau dennoch für sicherer, daß wir »des Friedens
halber« mit jenen Leuten uns nichts zu schaffen machten, sondern die
Nähe des Schiffes aufsuchten. Schnellfüßig eilte sie über den steinigen
Hügel hinan, da begegneten uns, ehe wir noch das Schiff sahen, einige
unsrer Reisegefährten, bewaffnet mit Jagdflinten, in ihrer Begleitung
auch die Freundin Elisabeth sammt der Griechin und ihren Kindern. Der
Knabe der Griechin, ein Männlein von eben so lebhafter Einbildung als
großer Furcht, wollte dort am Steinhaufen eine große Schlange gesehen
haben, welche er, noch jetzt blaß vor Schrecken, als ganz entsetzlich
beschrieb; wir forschten nach, es war aber nur eine Eidechse gewesen,
die durch das dürre Gras rauschte.
Ich ruhete ermüdet von der fast schlaflosen Nacht und dem Besteigen
des Gebirges, in dem dichten Gebüsch der Myrten und der Terebinthen,
in dessen Obdach ich mich, zum Schutz gegen den Wind hineingedrängt
hatte, während nicht fern von mir mein Freund Bernatz zeichnete. Der
kurze Schlummer hatte meine Augen zur neuen Lust des Sehens gestärkt;
es war als seyen die alten Felsen wie das Meer ganz etwas Andres,
Neues geworden, auch hatte jetzt der blaue Himmel gegen Nord und West
hin das Nebelgewölk durchbrochen. Verloren in dem Anschauen der Höhen
wie der vom Gewässer bedeckten Tiefe hatte ich selbst den Weg (der ja
eigentlich kein Weg war) verloren, ich konnte weder den Freund Bernatz
noch die andren Reisegefährten finden, endlich ward mir der Ton der
geognostischen Hämmer ein Führer, hinab nach der schönen Bucht, in
der wir vorher verweilten, und hier fand ich die Begleiter, sammt der
Hausfrau und der Freundin.
Da unten auf den Stufen des zerklüfteten Thonschiefers, neben der
blauen tiefen, von keinem Lüftchen bewegten Fluth, in welcher die
Schaar der buntfarbigen Fischlein spielte und die Seeanemone neben
der rothen Aktinie ihren Kelch aufthat, um ihn mit den Strömen des
Wohlgefallens, welche durch die ganze Sichtbarkeit gehen, zu sättigen,
möchte ich wohl jetzt sitzen und meine Reise beschreiben; die Arbeit
würde vielleicht noch einen andren, höheren Ton gewinnen, als hier, wo
der Lufthauch die Aeolsharfe der athmenden Brust nur durch das halb
geöffnete Fenster berührt. Doch auch hier blüht neben mir, vom Wasser
genährt die Rose, wie sie, weißlich gefärbt und nach Bisam duftend an
einem der Felsenabhänge der Insel blühete.
In den späteren Stunden des Nachmittags hatte der Himmel sich ganz
aufgeheitert; das Meer aber, jenseits der stillen Buchten, schlug noch
immer seine weißbeschäumten Wogen. Wir suchten jetzt die Nähe unsres
Schiffes auf und dort verstund man unsren Wink; das Boot setzte sich
in Bewegung und bald waren wir wieder in der kleinen Heimath unsrer
Kajüte, wo wir abermals an einem wohlgelungnen Meisterstück des
Schiffskoches: an dem Gericht der ganz weich gekochten und hinlänglich
gesalznen Linsen uns ungemein erquickten. Hassan hatte, mit der Angel,
die einer unsrer jungen Freunde ihm lieh, sein Glück zur See versucht,
nichts aber erbeutet als einige kleine, bunte Fischlein, die wir unsrer
Sammlung zufügten. Desto glücklicher waren die türkischen Hadschi's
gewesen, welche jetzt, nach verrichtetem Abendgebet von der kleineren
Insel auf der wir gestern gewesen, zurückkehrten, geschmückt und
beladen mit den Blumen der spät blühenden, lieblich duftenden Narzisse,
welche sie, weil sie gestern uns solche Blumen sammlen sahen, freigebig
uns schenkten.
Auch am dritten Tage (den 9ten November) hielt der ungünstige
Wind noch an, obgleich dabei der Himmel ganz wolkenlos und klar
erschien. Auf der kleineren, westlichen Insel, zwischen dem Wrack des
gescheiterten Fahrzeuges und dem Gemäuer des zerstörten Hauses hatten
griechische Fischer, von einer der benachbarten Inseln, ihr langes Netz
ausgeworfen, das sie jetzt eben herauszogen. Auch wir ließen uns zu
ihnen hinüberschiffen, sahen aber bald daß die nächtliche Arbeit der
guten Leute für diesmal vergebens gewesen war; außer einigen Sepien war
nichts im gezogenen Netze, das der Beachtung werth erschien.
Mit Freund Bernatz, welcher heute das allerdings »malerisch schön« vor
unsern Augen liegende Saki (Chios) aufnehmen wollte, hatte ich mich auf
ein Amphitheater der Felsen an der Südwestspitze des kleinen Eilandes
begeben. Der Sirocco ergoß seinen erschlaffend warmen Hauch über das
Meer, auf dem schwarzen Felsen weckte der glühende Strahl der Sonne
eine Hitze, wie sie bei uns nur noch der August oder der angehende
September kennt; auch über das ja fortwährend bald trotzige bald wieder
verzagte Herz ergoßen die Ungedult und der Unglaube ihren lähmenden
Einfluß. Wir waren zu sehr durch den sich immer gleich bleibenden
Fortgang der Dampfschiffahrt verwöhnt, welche uns so schnell nach
Constantinopel und so schleunig von da nach Smyrna gefördert hatte;
wer kann wissen, so murrte das ungedultige, undankbare Herz, wie
lange der ungünstige Wind noch anhält und wie weit indeß, während wir
hier gehemmt sind, die stürmische Jahreszeit des Decembers heranrückt,
welche den weiten Weg über die breite Wasserbahn zwischen Rhodos und
Alexandria, zu einem Weg der Gefahren und der Schrecknisse macht. Doch
so wie unten, zwischen den Klippen, die feste Felsenwand durch ihren
Schatten dem Leibe Kühlung und Erquickung gab, so empfieng die Seele
Schatten und Stärkung, nach ihrem Maaße und in ihrer Art, durch den
Gesang eines guten alten Liedes und durch manches andre kräftige Wort.
Eine besondere beruhigende Kraft liegt auch in der Ausübung des
Handwerkes; in dem Thun und Schaffen des Berufes, den Gott dem Menschen
gab, besonders wenn er ein solcher ist, der überall, auf Felsen wie auf
grünenden Auen, am Meere wie auf Bergeshöhen betrieben werden kann. Ein
vorlängst vorstorbener Rathsherr in N..., aus dessen nachgelassener
Bibliothek ich selber mittelbar einige schöne Bücher gekauft habe,
lernte noch in seinen späteren Jahren Hebräisch, weil er meinte,
dieses sey die allgemeine Sprache der Welt des seeligen Jenseits.
So hoch mir nun auch die hebräische Sprache ihrer innern Kraft und
Bedeutung nach stehet, meine ich doch, daß man sie gerade nicht zu
erlernen brauche, um etwa einmal künftig die Bürger des Jenseits zu
verstehen, denn das, was diese reden, das wird Jeder, der Parther, wie
der Elamiter, gleich wie in seiner Sprache gesprochen vernehmen. Eine
Rede aber kenne ich, welche ausgehet in alle Lande; eine allgemeine
Sprache, welche die ewige Weisheit überall mit ihren Menschenkindern
redet: das ist die Sprache der Werke, die Hieroglyphik der sichtbaren
Gestaltungen in der Natur. Einem Wandrer, dessen Auge und Ohr für
dieses Zwiegespräch der Weisheit mit ihren Kindern geöffnet ist, dem
wird niemals, auch wenn ihn der ungünstige Wind auf eine der öden
Felsenklippen der Hippiden verbannen sollte, die Zeit lang. Auch heute,
nachdem der Nebel der unnöthigen Sorgen verschwunden war, erfuhren wir
dieses. Wir, ich und meine jungen Freunde, hatten uns förmlich, mit
stillschweigendem Vertrag, in die kleine Insel, die ja ohnehin keinen
Herrn hatte, getheilt. Der Maler Bernatz und ich, wir bewohnten ein
großes Amphitheater, das die Natur dort in dem stufenweis absetzenden
Thonschiefer gebildet hatte, unsre Herrschaft war die weite Aussicht
über das Meer und das nachbarliche Chios, kleine Fische in Menge, wie
Unterthanen des Besitzthumes, sonnten sich zu unsern Füßen im Meere;
einer der andern jungen Freunde wohnte und saß wie Thoms, in Zelters
wohlklingendem Liede, »am hallenden See«, wo er purpurfarbne Aktinien
und allerhand Seeschnecken in sein Felsenschloß aufhäufte; der dritte
Herr der Insel, der seine Besitzungen ostwärts hatte, wäre unermeßlich
reich geworden, wenn der Erzgang, den er heute im Thonschiefer entdeckt
hatte, und an welchem er den ganzen Tag von frühe an bis zum Abend
herumhämmerte, statt des goldfarbenen Schwefelkieses auch wirkliches
Gold enthalten hätte. Freilich, mit dem eigentlichen Hausbestand, sahe
es, bei all diesen Schätzen, auf unsrer Insel bedenklich aus; die
schönen Fische mochten mit unsern schönen, neuen Fangwerkzeugen nichts
zu schaffen haben, die Rothhühner wollten sich weder schießen noch
fangen lassen und so kamen wir auch heute sehr hungrig auf unser Schiff
zurück, wo uns, ich schäme mich fast unserer damals noch an beständige
Abwechslung denkenden Leckerei zu erwähnen, ein unvergleichlich
wohlschmeckendes Gericht von gekochten, trocknen Erbsen, aus der Hand
des Küchenjungen erwartete.
Donnerstags, den 10ten November, noch vor Tagesanbruch, lichtete unser
Schiff, zugleich mit dem griechischen Packetboot die Anker und als
wir bei Sonnenaufgang das Verdeck betraten, da waren wir so nahe an
~Chios~ (Saki), daß wir jedes Haus der weithin laufenden Hauptstadt
der Insel mit seinen Fensteröffnungen und den zum Theil zinnenartigen
Mauern unterscheiden konnten, ja daß es uns fast möglich gewesen
wäre, mit den am Ufer wandelnden Menschen ein Zweigespräch zu halten.
Chios wird nicht bloß von den Türken, es wird auch von den Franken,
die sich längere oder kürzere Zeit da aufhielten als das Paradies der
griechisch-asiatischen Inseln geschildert. Hier vermählt sich nicht,
wie in Italien der Weinstock mit der Ulme oder mit der Pappel, sondern
mit dem edleren Bürger des Ostens: dem ~Mastixbaume~, dessen balsamisch
kräftiges Harz nirgends in solcher Güte gewonnen wird denn auf Chios;
das Dickig der Granatbäume, das sich bald mit dem Scharlachroth der
Blüthen bald mit dem Purpur der Früchte schmücket, wechslet mit
dem zarten Weiß und dem glänzenden Golde der Blüthen oder Früchte
tragenden Orangenbäume; am Saume der Oelgärten duftet die Fülle der
Gewürzkräuter. Der kränkliche Engländer Bainbridge, als er in seinem
74sten Jahre einen schmerzhaften Armbruch erlitt, von dessen Folgen
er nirgends in Europa sich erholen konnte, zog hieher nach Chios, in
dessen balsamischer Luft er ein heitres Alter von 93 Jahren erreichte.
Am Nachmittag näherten wir uns dem herrlichen ~Samos~. Ich
bin zweimal an dieser Geburtsinsel des Pythagoras ganz nahe
vorübergekommen, und verweilte auf dem Rückwege, von ungünstigem
Winde gehalten, fast einen ganzen Tag in ihrer Nähe, und beide Male
war es mir, wenn sich mein Auge in der erhaben schönen Gebirgsnatur
dieser Insel ergieng, als vernähme ich, mit dem Ohr des Geistes,
jene Hymnen, mit denen die Schaar der Pythagoräer, dort in dem
fernen Lande des Westens die aufgehende Sonne begrüßte so wie die
niedergehende besang. Die schöne, gewaltige Natur um uns her ist eine
Schrift der musikalischen Noten, zu denen der ernstlich betrachtende
Geist beständig die entsprechenden Töne findet. Heute, da wir dem
hehren ~Cercetiusberge~ von Samos zum ersten Male uns naheten,
sahen wir ihn auch, wie Clarke[136], mit mehreren Kreisen von Wolken
umringt; sein Abhang steiget überaus steil vom Meere aufwärts; etwa
bei zwei Drittel seiner Höhe hat er eine Stelle, an der sich des
Nachts, wie dies schon Clarke berichtet, und wie alle ortskundige
Schiffer es bestättigen, bei stürmischem Wetter eine weithin leuchtende
Feuererscheinung zeiget. Oefters schon sind Eingeborne wie Fremde an
der gähen Bergwand hinan gestiegen, um den Quell dieses phosphorischen
Lichtes zu erforschen, ohne jedoch ihren Zweck zu erreichen. Es
verhielt sich damit, wie, im geistigen Gebiet, mit dem Feuer der
Andacht, welches, je stärker die Stürme von außen toben, desto
lebendiger emporflammet, welches jedoch, wenn ein fremdes, neugierig
forschendes Auge sich ihm nahet, tief ins Innre sich verbirgt, weil
sein eigentlicher Heerd nicht das sichtbare, augenfällige Wesen,
sondern die unsichtbare Region des Geistes ist. -- Das was jene
Phosphorescenz bewirkt, sind wahrscheinlich Schwaden der leuchtenden
Dünste, etwa einer Naphthaquelle, welche nur dann dem Auge sichtbar
werden, wenn sich der weit ausgedehnte und deshalb verdünnte Schimmer,
von fern gesehen, auf engerem Raume zusammendrängt.
Das Gebirge von Samos durchsetzt, in der gleichen Höhe seiner Häupter
die Insel von Ost nach West, dort gegen das Vorgebirge Mykale des
Festlandes, hier gegen das westlich gelegne Ikaria hin gerichtet.
Der alte Name ~Ampelos~, den die niedere, gegen Westen verlaufende
Fortsetzung des samischen Gebirges trug und der sie als einen Weinberg
bezeichnete, ist in unsern Tagen vielleicht wahrer und richtiger denn
vormals; denn der lieblich süße Wein des jetzigen Samos wird selbst
nach Europa geführt und ist hier hochgeachtet, während das alte Samos
sich nicht durch Weinbau auszeichnete. Die jetzigen Bewohner der Insel
haben freilich die Armuth zum Sporn für ihre landwirtschaftliche
Thätigkeit, ein Sporn, welcher den vormaligen Einwohnern abgieng.
Denn wie die Herrscherin Juno auf diesem blumenreichen[137] Eilande
die Tage der ersten Kindheit und blühenden Jugend verlebte, so hat
auch hier Joniens Macht und Reichthum einen Lieblingssitz seiner
aufblühenden Jugend gehabt. So mächtig und reich denn Samos war damals,
als ~Polycrates~ sie beherrschte, keine der griechischen Städte und
Inseln; die Geschwader der reich beladenen Handelsschiffe, beschirmet
von hundert Kriegsschiffen zogen von ihrem Hafen aus und ein, und
hinaus bis über die Säulen des Herkules, aber so wie das Loos des
allzuglücklichen Polykrates selber, war auch jenes der reichen Stadt:
jener starb durch Hinterlist eines äußern Feindes den Tod des Sklaven;
diese fand zuerst durch innre, dann durch äußre Feinde ihren Untergang.
Das mächtige Samos, das unter Polykrates 100, das noch in den Zeiten
des Peloponnesischen Krieges 60 Kriegsschiffe ausrüstete, hat jetzt nur
noch einzelne Fischerboote; sein Hauptort, das Städtlein Kora, gleicht
einem armen Marktflecken.
Zwischen dem hochgebirgigen Samos und dem niedrigeren, vormals so
weidereichen ~Ikaria~ (jetzt Nikarie), das uns in den Abendstunden
zur Rechten (im Westen) lag, bewegt sich das durchströmende Meer fast
immer in höheren Wogen denn außerhalb der Meerenge; heute jedoch
erschien diese Bewegung von ganz besondrer Stärke. Die Wolkenringe um
den Cercetius hatten uns nichts Gutes bedeutet; der frische Wind, der
am Tage wehete, hatte sich zum Sturmwind verstärkt. In dem Contrakt,
den wir in Smyrna mit unsrem Capitän abgeschlossen hatten, war als
eine der Hauptbedingungen festgesetzt worden, daß er an Patmos landen
und dort einen Tag mit uns verweilen solle; er selber, der Capitän,
wünschte aus persönlichem Interesse diese Bedingung einhalten zu
können, denn er hatte auf jener Insel einen Sohn, dem er, von Smyrna
aus, mancherlei zu bringen im Begriff war. Doch die Fahrt vorüber
an den Corassischen Felseninseln und zwischen den südwärts, gegen
Patmos hin gelegnen Klippen und Riffen hätte uns diesmal gar leicht
ähnliche Gefahren bringen können, als dem Ikaros der alten Fabel,
dessen Grab das benachbarte Ikaria geworden, sein Flug über das Meer,
denn in der Nacht wurde der Sturm so heftig, daß die Wellen über
das Verdeck des Schiffes schlugen und einen Theil ihres Gewässers
herunter in die Kajüte strömten. Es war der erste Sturm, den wir auf
dem Meer erlebten; das Aufrechtstehen war uns unmöglich; vom Lager
aus, an dessen Brettersaum man sich festhalten mußte, um nicht jetzt
heruntergerollt, dann wieder gegen die Wand geworfen zu werden,
sahen wir mit Schrecken und Bedauern, wie nicht bloß die Kiste, in
der Mitte der Kajüte, hin- und hergerissen wurde und die Reisekoffer
an diesem stoßweisen Bewegen Antheil nahmen, sondern wie auch unsre
wissenschaftlichen Geräthschaften, vor allem aber die scheinbar so
gut und sicher gestellten Barometer der Gewalt unterlagen, von denen
das eine in dieser Nacht den Todesstoß erhielt und auch ein andres,
in Wien gekauftes, wenigstens für diese Reise unbrauchbar wurde. Der
Capitän Angeli, der sich uns auf dieser ganzen Reise als ein Ehrenmann
gezeigt hat, welcher gern sein gegebenes Versprechen erfüllte, sendete
mehrmalen den Unterkapitän zu uns hinab in die Kajüte und ließ uns
fragen, ob wir nicht lieber wollten, daß die Beschwerlichkeiten dieser
Fahrt vermindert würden, indem wir das freie Meer suchten; wir hätten
aber gern alle jene vorübergehenden Uebel erduldet, wenn nur Patmos
wäre erreicht worden. Als er uns aber, etwa gegen 2 Uhr des Morgens,
sagen ließ, er sey zwar noch immer bereit, sein gegebenes Wort zu
halten, wenn wir darauf bestünden, aber er halte jetzt die Weiterfahrt
zwischen die Felsenklippen und selbst nach dem Hafen von Patmos, dessen
Eingang schwierig sey, für gefährlich, -- da entließen wir ihn seines
Versprechens und gaben für diesmal den Besuch der guten Insel auf.
Freilich schmerzte es uns sehr, als wir beim Aufgang der Sonne das
herrliche Patmos so nahe hinter uns sehen mußten, ohne seinen durch
vielfache, hehre Erinnerungen geweiheten Boden betreten zu können.
Da lag es, von der Morgensonne beleuchtet, vor uns, wie die Gestalt
eines brütenden Adlers; das Haupt mit dem kastellartigen, griechischen
Kloster gekrönt; an der einen der beiden Schwingen, jedoch jenseits
unsres damaligen Gesichtsfeldes, liegt die Schule und Grotte des h.
Johannes, wo dieser im Geiste die Zukunft und den Ausgang der Kämpfe
des Geistes mit der Macht des Scheines erblickte; die Abhänge des
Berges wie der Saum der Küste mit einer großen Zahl der Kirchlein und
einzelnen Kapellen bedeckt.
Der Wind hatte schon vor Aufgang der Sonne seine Sturmesgewalt
abgelegt, war aber noch immer kräftig und der Richtung unsrer Fahrt
günstig. Schon am Vormittag sahen wir zu unsrer Linken (westwärts) die
Insel ~Leros~ (Lirios); am Nachmittag fuhren wir an dem honigreichen
~Kalymna~ (Kolmone) vorüber, gegen Abend ergözte uns der nahe Anblick
von ~Cos~ (Stanchio). Hier war ~Apelles~, der altberühmte Meister der
Malerkunst geboren; wie sein hochgepriesenes Bild der Venus Anadyomene,
das hier in dem Tempel des Aeskulap stund, später aber Cäsars Tempel
in Rom zierte, war auch hier die Arzneikunde, als ein festgestaltetes
Wissen aus dem Meere der vielfältigen Erfahrungen und Wahrnehmungen
hervorgestiegen, denn aus Cos entstammte ~Hippokrates~, der Vater der
Arzneikunde, dessen forschender Geist an der wachen (nicht träumenden)
Beachtung jener Gedenktafeln am Tempel des Aeskulap erwacht war, welche
in einfachen Worten die Geschichte einzelner Krankheiten und ihrer
Heilung erzählten. Noch jetzt ist Cos eine schöne, von der Natur reich
begabte Insel, wenn auch jener hohe Wohlstand, welchen ihr vormals
die Webereien der Purpurgewande und der farbigen Tücher gaben, schon
längst von ihr gewichen ist.
Es war heute der zweite Tag nach dem Neumonde und zugleich der Sonntag
der Türken: unser Freitag. Sie hatten bei Sonnenuntergang knieend
ihre Gebete verrichtet und dabei auf eine lieblich lautende Weise
gesungen. Daß wir Männer ihre Andacht beobachteten, schien ihnen nicht
zuwider, wohl aber, daß auch die Frauen dieß thaten, weshalb diese
auf die Kajütentreppe sich zurückzogen. Indeß trugen sie uns jenes
Versehen nicht nach, und als nach Sonnenuntergang am heitren Blau des
Himmels die zarte Sichel des Mondes sich zeigte, da wurden sie sehr
fröhlich darüber, zeigten uns dieselbe und weissagten aus der Klarheit
des Mondlichtes einen ferneren günstigen Fortgang unsrer Fahrt. Doch
wie trügerisch sind alle solche Schattenspiele, die der Mensch sich
selber schaffet und welche er Voraussicht des Künftigen nennt, mag
nun in seiner +laterna magica+ als Lampe die Mondsichel oder ein
phosphorisch entzündeter Dunst leuchten. Der günstige Wind hatte uns
während der darauf folgenden Nacht ganz verlassen; wir schwebten am
andern Morgen (Sonnabends den 12ten November) noch südostwärts von
Cos; hinter uns im Norden zeigten sich die Gebirge der Umgegend von
~Halikarnassos~, welche das Andenken an den hier geborenen Vater
der Geschichte, an ~Herodot~, verherrlicht, und wo der Reisende
noch jetzt das von dem deutschen Johanniterritter ~Schlegelhold~
aus den Ruinen des als Weltwunder gepriesenen Mausoleums erbaute Schloß
~Petreon~ bewundert; nahe bei uns erhuben sich die schroffen
Felsenhäupter von ~Cnidos~, im Westen ~Nicyros~. Wenigstens
mit dem Fernrohr blickten wir (an Zeit hinzu fehlte es uns bei der
heutigen, langsamen Fahrt nicht) hinüber nach den Ruinen des einst so
schöngebauten Cnidos, der Vaterstadt des ~Praxiteles~ und jenes
~Sostrates~, der als Erbauer des Pharos in Alexandria so großen
Ruhm erlangte. Ob das, was wir, in etwas ungünstiger Beleuchtung als
Ruinen zu sehen glaubten, wirklich die noch vorhandenen Reste des alten
Theaters seyen, oder ein andres Gemäuer, konnten wir nicht entscheiden.
Gegen Abend näherten wir uns der Insel ~Symi~ und beschlossen im
Anblick dieser gewaltig schönen Felsenberge die erste Woche unsres
Seelebens mit frohen, dankbaren Herzen.
In der Nacht hatte sich ein schwacher Wind aus Norden, vom Lande her
erhoben; mittelst desselben war es unsrem Schiffe gelungen, bis in die
Meeresstraße von Rhodus vorzudringen, und als am Sonntag den 13ten
November die Sonne aufgieng, da beleuchtete sie uns ~Rhodus~ in
solcher Nähe, daß wir jede einzelne Windmühle an der Nordseite der
Stadt deutlich unterscheiden und das (schwache) Bewegen ihrer Flügel
bemerken konnten. In einer Stunde, so sagte uns selbst der in seinen
Voraussagungen sehr vorsichtige Obercapitän, könnten wir im Hafen
einlaufen. Aber diese Stunde währte lange. Eine plötzlich eintretende
Windstille hielt unser Schiff dort, im Anblick der nun auch stille
stehenden Windmühlen, wie festgebannt, die Segel mochten gezogen und
gespannt werden wie sie wollten, immer hiengen sie schlaff und leblos
herab. Wem es etwa im Traume so vorkam, als ob er gehen wollte, und die
Füße waren ihm wie gelähmt, er wollte mit der Hand zugreifen oder die
Zunge zum Sprechen bewegen, und beide waren so starr, als wären sie in
Stein verkehrt, der hat eine ohngefähre Vorstellung von dem Zustand
eines Schiffenden, der ganz nahe bei dem Ziele und neben diesem
hin und her schwebt, ohne dasselbe erreichen zu können. Der Morgen
vergieng noch leicht; wir hatten ihn meist stille lesend in der Kajüte
zugebracht; der Nachmittag aber, als wir auch da, so oft wir aufs
Verdeck traten, immer auf demselben Fleck uns sahen, wurde schon etwas
schwerer. Man bot jetzt dem einen, dann dem andern Hadschi eine Prise
Tabak, diese guten Leute dagegen nöthigten den Geber des Schnupftabaks
etwas von ihren Süßigkeiten: den getrockneten Jujubenbeeren oder
Aprikosen anzunehmen, und solches durfte man nicht verschmähen, so wie
auch die Türken, selbst ohne daß man sie dazu einlud, wenn für uns etwa
in der Küche ein ihnen neues oder sonst anständiges Gericht bereitet
wurde, mit ihren Fingern in die Schüssel langten und kosteten. Man
gieng wieder hinab in die Kajüte und las, aber leider nicht auf solche
Weise, daß das Lesen dem Herzen Ruhe und Stärkung gebracht hätte, denn
der Unmuth des verzagten Herzens schaute mit in das Buch hinein; die
Ungedult wendete das Blatt um. Abermals traten wir in einer späteren
Nachmittagsstunde hinauf aufs Verdeck und sahen da noch immer die
gleichen stillstehenden Windmühlen von Rhodus; Vögel vom Lande wie
vom Meere her vorbeiziehend vor unserm Schiffe, giengen und kamen;
ein Wind aber, der auch uns von der Stelle bewegt hätte, wollte nicht
kommen. Endlich, am Abend, beim Untergang der Sonne erhub sich einer;
die Windmühlen, die so lang und oft betrachteten, regten ihre Flügel,
unsre Segel schwellten sich auf, aber leider es war nicht der Wind, den
wir zur Förderung unsrer Reise brauchten, sondern der conträrste von
allen, welcher uns in diesem Augenblick hätte kommen können: der Wind
aus Südost, welcher alsbald unser Schifflein auf seine Schwingen nahm
und es wieder dahin zurückführte von wo es gestern hergekommen war.
Ich schäme mich, es zu gestehen; aber es gehört mit zu den Zügen der
innern Geschichte dieser Reise, darum sey es bekannt: mein ganzer
Muth war mir jetzt durch diesen so wenig bedeutenden Vorfall wie
gebrochen und gelähmt; ich hätte gleich jenem Manne, dem ein Wurm seine
Kürbisstaude stach, unter deren Ranken und Blättern er Schatten fand,
so daß sie am Hauch des Südwindes verwelkte, vor Verzagtheit und Unmuth
sterben mögen. Ich war mit der Hausfrau hinabgegangen in die Kajüte,
der Kleinmuth äußerte bei uns gegenseitig seine so leicht ansteckende
Gewalt; es war mir an diesem Abend, als würde die Frage »wohin willst
du?« von welcher ich am Eingang dieses Werkes gesprochen, in ganz
andrer Weise als vormals an mich gerichtet: in jener, in welcher man
einen Entflohenen fragt, der entwichen ist aus dem Hause, dahin er
gehörte, zu dem »Brunnen in der Wüste am Wege zu Sur«[138]. Zweifel,
ob dieser Weg wohl recht sey, ob man nicht wieder umkehren solle,
stiegen wie düstre Wolken über die erschrockene Seele auf; die Arme,
sie hatte vergessen, daß sie, ihrer Natur nach, dazu gemacht ist, auf
einem Felsen zu stehen, der überall ihr nahe ist, und hatte sich in
ein wogendes Meer geworfen, in welchem des unstäten Bewegens weder
Anfang noch Ende ist. Sehr wohlthätig war uns an diesem Abend, welcher
unter dem Panier der Zweifel dahin fahren wollte, die Nähe unsrer
sich gleich und ruhig bleibenden Freundin Elisabeth, die uns daran
erinnerte, daß es ja wohl im Leben nichts Neues und Ungewöhnliches sey,
daß am Abend das Weinen währe, am Morgen aber die Freude komme, und daß
bei einer solchen Pilgerreise nach der Stätte des Aufganges mit dem
äußern Fortbewegen durch den Raum der Meere und Länder auch ein innres
Fortbewegen gut und nützlich sey, durch die Bahn der Selbstverläugnung
und der Gedult.
Rückwärts gieng die Fahrt recht schnell; wir kamen in einer Stunde so
weit von Rhodos hinweg, daß wir nur noch die Umrisse der Gebirge im
Licht der Dämmerung unterschieden. Der Wind wurde während der Nacht
stärker, wir hörten in unsren Halbschlummer hinein das Rauschen und
Anschlagen der Wellen und die Stimmen der arbeitenden Schiffer beim
Hin- und Wiederspannen, Aufziehen und Niederlassen der einzelnen Segel,
so wie die Commandoworte des Capitäns, welche auf ein nahes Einlaufen
in einen Hafen hindeuteten. In den Frühstunden wurde das Meer stille,
das Schiff schien wie in einer stillen Bucht zu ruhen oder kaum
merklich sich zu bewegen, auch der Leib fieng an in die stille Bucht
eines erquickenden Schlafes einzulaufen.
Da wir am Morgen, ~Montags den 14ten November~, auf das Verdeck
traten, beleuchtete uns die aufgehende Sonne eine Felsengegend, deren
erhabene Wildheit ein Gefühl des Schreckens und der Ehrfurcht zugleich
weckte. Man erzählt von einem berühmten Reisenden, daß er in der
Audienz, die er bei dem geistig größesten Monarchen seiner Zeit hatte,
sich mit etwas ungeschickter, naiver Dreistigkeit benommen habe. Der
Monarch fragte ihn lächelnd: er habe wohl schon die Bekanntschaft
mehrerer Könige gemacht? »O ja«, erwiederte der Reisende, »ich habe
die Ehre gehabt, schon fünf wilde und zwei zahme (europäische) Könige
kennen zu lernen und Eure Majestät sind von diesen der dritte.« Zu
jenen wilden Hoheiten und Herrlichkeiten, auf deren Bekanntschaft sich
der Naturfreund eben so viel zu gute thun kann, als unser Reisender
auf die Bekanntschaft seiner fünf wilden Könige, gehört auch die
Gegend von ~Symi~, in deren enger Bucht wir uns jetzt befanden.
Die Felsenmassen dieser Insel gleichen nach ihrem Maaße und in ihrem
Geschlecht den hohen Mimosenbäumen der Wüste, die sich neben den
Ehrfurcht gebietenden Denkmalen des alten Aegyptens erheben, und von
deren Rinde der genügsame Araber sein eßbares Gummi sammlet; wie diese
in ihrer Art prachtvollen Bäume mit Stacheln, so ist hier das schroffe,
wilde Kalkgebirge mit unzähligen Zacken und vorragenden Felsenspitzen
bedeckt; das wenige Grüne, das man in den einzelnen Vertiefungen
gewahr wird, scheinet kaum zur Ernährung etlicher Ziegen hinzureichen,
und dennoch finden da ganze Gemeinden eines kühnen Küstenvolkes
hinlängliche Mittel des Unterhaltes und des Erwerbes.
Wir fuhren langsam in den engen Meeresarm hinein: in dem kleinen, vom
Kesselrand der hohen Felsen umgürteten Hafen von ~Sembecki~ warfen
wir Anker. Hier erfuhren wir, daß uns nur nach dreitägiger Quarantäne
das Anlanden und der unmittelbare Verkehr mit den Eingebornen könne
verstattet werden, weil das Schiff mit türkischen Reisenden gefüllt
sey, die aus verpesteten oder doch der Pest verdächtigen Gegenden
kamen. Unser Capitän wollte wenigstens für uns Franken (denn die
hiesige, noch in ihrer Kindheit begriffene Quarantäne war gar leicht
zur kindlichen Nachgiebigkeit zu bewegen) eine kleine Vergünstigung
erlangen; er fuhr mit mir und meinen beiden jungen Aerzten in einem
Boot hinüber nach dem Landungsplatze. Einer der Vorstände der neuen
Quarantäneanstalt, ein Grieche, mit noch mehrern andern ansehnlichen
Bürgern der Stadt trat zu uns an den Rand des Hafendammes, der Capitän
sprach gar Manches zu unsern Gunsten, und nach kurzem Hin- und Herreden
wurde uns Franken, weil wir unsrer so wenige seyen, erlaubt, bei dem
Felsenufer diesseits der Stadt, ans Land zu steigen, doch dürften wir
nicht in die Stadt selber kommen und sollten uns jeder Annäherung
an ihre Bewohner enthalten. Für diese Vergünstigung waren wir sehr
dankbar, und beschlossen sie sogleich zur Beschauung des merkwürdigen
Felseneilandes zu benutzen.
Zuerst geben wir einige Züge aus der Geschichte der Bewohner dieser
Insel, welche von jetzt an drei Tage lang uns Sicherheit und Ausruhen
in ihrem Hafen gewährte. Den Namen ~Symi~, so erzählt uns
das Alterthum, erhielt dieses felsige Eiland von der entführten
Gemahlin eines Fürsten jener Ansiedler, welche schon vor den Zeiten
des trojanischen Krieges hier ihren Sitz aufschlugen. Später maßten
sich die Karier die Herrschaft der Insel an, die jedoch freiwillig
den Besitz des Felsennestes aufgaben, in welchem dann gelegentlich
Archiver, Lacedämonier und zuletzt Rhodier ihre Bleibstätte
aufschlugen. Während der Herrschaft des Johanniterordens auf Rhodus
gehörte Symi zu jenen acht Inseln, welche im Besitz des Ordens
waren[139]. Noch jetzt erinnert das alte, hoch auf dem Berg begründete
Schloß, so wie das ansehnliche, auf einer andern Seite der Insel
gelegne griechische Kloster an jene Ritterzeit, welche durch Suleimans
des Großen Eroberung von Rhodos im Jahr 1522 endigte. Damals hatten,
bei der Belagerung der Stadt, die Griechinnen von Symi, als geschickte
Taucherinnen, dem Osmanischen Herrscher so gute Dienste geleistet, daß
er ihnen das Vorrecht ertheilte, einen weißen (türkischen) Kopfbund
zu tragen; ein Vorrecht, von welchem die Nachkomminnen bis auf unsre
Tage Gebrauch machen, wenn sie in Rhodos bei den dortigen Türken ihrem
Geschäft als Wäscherinnen oder andern Taglohngeschäften nachgehen, um
sich den sonst spärlich zugemessenen Unterhalt zu erwerben.
* * * * *
Noch jetzt ist Symi vorherrschend und fast ausschließend von
griechischen Christen bewohnt; noch jetzt zeichnen sich, wenigstens die
hiesigen Männer, durch dieselbe Geschicklichkeit aus, welche Suleiman
der Große an den damaligen Frauen anerkannte und belohnte; in Symi
wie in dem benachbarten Nisyros leben die berühmtesten Schwammfischer
und Taucher des Mittelmeeres. Da, unter ~Hamiltons~ Leitung, die
Engländer jene reiche Beute an Kunstschätzen, welche nun eine Zierde
ihrer Museen sind, aus Athen hinwegführten und eines der Schiffe, das
mit diesen Kostbarkeiten beladen war, außer ihnen aber auch wichtige
Papiere enthielt, in der Bay von Cerigo unterging, ließ man einige
von jenen Tauchern kommen, welche in die Tiefe von sechszig Fuß bis
zu dem untergesunkenen Schiffe hinabtauchten, eiserne Stangen durch
die mit Marmorwerken erfüllten Kisten stießen und so das Heraufziehen
derselben möglich machten[140]. Den Haupterwerb dieser Inselbewohner,
die an Kühnheit und Geschicklichkeit des Untertauchens mit den
Seevögeln wetteifern, lernten wir auf jeder unsrer Wanderungen kennen,
die uns etwa in die Nähe eines außer der Stadt gelegnen Hauses führte;
denn auf dem breiten Steinpflaster vor den Hausthüren lag die Menge der
erst neulich aus der Tiefe heraufgebrachten Badeschwämme zum Trocknen
aufgehäuft. Schon ~van Egmont~ und ~Heyman~ erwähnen einer
Sitte der Taucher zu Symi, die noch jetzt herrschen soll, und welche
an Schillers Ballade vom Taucher erinnert. Wenn ein bemittelter Vater
für seine Tochter einen Mann wählen will, kündigt er den Tag der Wahl
den unverheuratheten Burschen an, welche sich dann bei der Meeresbucht
versammlen und vor den Augen der künftigen Braut so wie ihres Vaters
ins Meer hinabtauchen. Der, welcher am tiefsten hinabzutauchen und am
längsten im Wasser zu verweilen im Stande ist, empfängt die Hand des
Mädchens[141].
* * * * *
Das Ufer, an welchem wir mit unsrem Boote anfuhren, war nur etliche
hundert Schritte vom Schiffe abgelegen; einige Fischerhäuser stunden
ganz in der Nähe des Landungsplatzes. Das Hinansteigen auf die Anhöhe,
überhaupt aber das Herumwandern an diesen Felsenufern war keine leichte
und angenehme Sache. Ich habe selten so viele, so eng zusammengedrängte
Gräten und Zacken und Spitzen der Felsenmassen gesehen als gerade an
jenem Theile der Bucht, bei welchem wir ausstiegen. Wenn man über eine
der Gräten oder größern Felsenspitzen hinübergestiegen war, da hemmte,
schon in einer Entfernung von einigen Fuß eine andre das Weitergehen,
oder es erschwerten die kleineren Zacken das Fortkommen. Bei all der
Regellosigkeit und anscheinenden Verworrenheit, in welcher diese,
nicht aus herumgestreuten Felsenblöcken, sondern aus festanstehenden
Massen bestehenden Spitzen emporstarrten, blickte dennoch wie eine
Art von Bildungsgesetz aus dem Dunkel hervor; der Gesammtumriß glich
jenem der Mäandrinen unter den Steincorallen, deren Vertiefungen und
Erhöhungen bogig sich um die thierisch belebte Gallertmasse der Polypen
herumwinden.
Wir nahmen uns heute noch keine Zeit, diese Gesteine genauer zu
betrachten, sondern mehr als sie zog uns der Anblick der lebenden
Natur an. Es war jetzt gerade die Zeit der Safranernte; jeder Fußbreit
Landes zwischen den Felsen, ja jede Handbreite des Erdreichs, die
sich in den kleinen Höhlungen und Blasenräumen angelegt hatte, ist
von den fleißigen Bewohnern der Bucht zum Anpflanzen jenes nützlichen
Gewächses benutzt worden; die meist goldfarbigen, zum Theil stark
ins Röthliche spielenden Blüthen gewährten im Großen einen ähnlichen
Anblick als eine in Felsenstein gehauene, mit Gold ausgelegte Schrift.
Wir kamen jetzt zu schmalen Fußsteigen, die, etwas bequemer zum Gehen,
bald auf-, bald niederwärts gebogen an dem steilen Abhang hinliefen.
Aus den Felsenritzen ragte die große, feste Knolle des persischen
Cyclamen (+Cyclamen persicum+) hervor, zum Theil mit duftenden
röthlich-weißen Blüthen geziert; weiterhin nach einer Schlucht,
durch welche in der Regenzeit ein Gießbach herabstürzt, fanden wir
die buntfarbige Herbstzeitlose (+Colchicum variegatum+) und
die schon öfter erwähnte goldfarbige Sternbergia, so wie im Schatten
des Gesteines die Calocasien-Aronwurzel. Die Zwiebeln und verdorrten
Stengel der Asphodi-Lilien, Scillen und Hyazinthen ließen uns ahnden,
wie reich und schön die Vegetation dieser Felseninsel im Frühling
seyn müsse. Unten am Meere zeigte sich eine große Mannichfaltigkeit
der Seeschwämme, wiewohl keiner von denen, welche an der Küste sich
fanden, noch fest saß oder mit der frischen Gallert erfüllt war,
sondern nur abgerissene, von den Fluthen ausgeworfene Stücke in unsre
Hände fielen. Desto frischer waren die Tangarten, die an den Klippen im
Meere wuchsen, vor allen zog der Pfauentang, durch seine schöne Form
und Färbung die Blicke auf sich. Wir stiegen neben dem Gießbachbette
der Schlucht hinanwärts; oben auf der Höhe zeigten sich Oelbäume und
einzelne Gärten, deren spärliche Anpflanzungen von Weinreben und
Obstbäumen durch mauernartige Anhäufungen von Steinen und noch mehr
durch die scharfstachlichen Hecken der Opuntienfeigen (+Cactus
Opuntia+) vor dem Eindringen der Ziegen nothdürftig geschützt
werden. Zwischen den Felsenklippen neben und über uns zeigten sich
hie und da die Bewohnerinnen der Insel mit dem Einsammlen des Safrans
und andern Feldarbeiten beschäftigt, deren Ertrag hier keinesweges im
Verhältnis zu der angewendeten Mühe steht. Von der Anhöhe herab konnten
wir etwas weiter in die Bucht hinabschauen und sahen da, wie hoch schon
dort die weiß beschäumten Wellen giengen und mit welcher Anstrengung
ein Schifferboot, das einer andern Stelle der Küste zusteuerte, mit
der Bewegung des Wassers und der Luft kämpfen mußte, während unser
Schifflein so ruhig und gesichert lag.
Da wir von unsrer Wanderung ziemlich ermüdet und hungrig zum Schiff
zurückkehrten, fanden wir die bisherige gesellige Stimmung der
Reisegefährten gegen uns sehr verändert. Die Türken so wie die Griechin
mit ihren Kindern hatten auch gleich uns ans Land steigen wollen, die
Quarantänehüter jedoch es ihnen nicht erlaubt. Da war unter ihnen, und
zwar mit einigem Recht, ein unmuthiges Murren entstanden: warum denn
gerade uns nur, den Fremden, das Aussteigen zugelassen, ihnen aber,
den Unterthanen des Landes, hier auf einer türkischen Insel verwehrt
sey. Allerdings hätte sich darauf erwiedern lassen, daß ein Mann aus
der Quarantäne, der von dem Städtlein her über den Felsensteig bis
zu unserm Landungsplatz gegangen war, unsre Bewegungen zu bewachen
schien und die Bewohner der benachbarten Fischerhütten, die sich uns,
Schwämme und Safran zum Verkauf anbietend, nähern wollten, vor dieser
Annäherung warnte, eine Vorsichtsmaßregel, die nur bei so wenigen
Personen, als wir waren, wirksam seyn konnte, nicht aber dann, wenn
mehr als hundert solche Leute ans Land gestiegen wären, welche nicht
gewohnt sind, von den Griechen sich etwas sagen zu lassen. Alle solche
Entschuldigungsgründe fanden aber bei unsern Türken keinen Eingang;
den Meisten von ihnen war ohnehin eine Quarantäne im türkischen Reiche
noch etwas ganz Neues und Unerhörtes, mit den Grundsätzen des Islams
im Widerspruch Stehendes. Am deutlichsten zeigte sich die neidische
Erbitterung bei dem Iman, dem ältesten Sohne des Fabrikanten aus
Magnesia, so wie bei jenem Trupp der Türken, der das Vordertheil des
Schiffes einnahm, wohin wir nur selten kamen. Bald jedoch gab sich
bei den Meisten diese Verstimmung. Die Nachbaren an der Kajütentreppe
nahmen wieder freundlich lächlend die dargebotenen Prisen des
Schnupftabaks; der lange Türke, der mit seiner verschleierten Frau und
seinem Töchterlein die größere Bretterhütte am Hintertheil des Schiffes
bewohnte, langte wieder wie sonst mit seinen Fingern in unsre Schüssel
mit Nudeln, als diese von der Küche aus an ihm vorübergetragen wurde;
der gute Hassan aus Smyrna, der sich am wenigsten hatte von der Sache
afficiren lassen, kam wieder mit dem Capitän hinab in unsre Kajüte und
unterhielt uns mit der Beschreibung seiner häuslichen Einrichtung; der
Capitän erzählte von seinen Kämpfen und Gefahren im Befreiungskriege
von Griechenland. Freilich war es keine leichte Sache, das gebrochne
Italienisch dieser guten Leute zu verstehen. Hassan zwar, der als
Kaufmann öftere Uebung hatte, konnte noch ziemlich deutlich es uns
begreiflich machen, wie sehr er über die vielerlei Geschicklichkeiten
der fränkischen Frauen verwundert sey, da die seinige den ganzen Tag
kein andres Geschäft übe als essen und trinken und den Besuch des
Bades der Weiber; wenn aber der Capitän jene Lieblingsgeschichte
seines Feldzuges erzählte, wo er einen von den Türken hart verwundeten
Franken, der neben ihm kämpfte, auf seinem Rücken von dem Orte der
Gefahr hinwegtrug, da konnte man nicht daraus klug werden, ob dieser
Getragene lebendig oder todt gewesen sey, denn bald schien die Rede
andeuten zu wollen, daß die Türken demselben den Kopf abgeschnitten
hätten, bald aber berichtete sie wieder, daß der hart Verwundete
gesprochen habe.
Schon gegen Abend, noch mehr aber bei Nacht erhub sich ein heftiger
Sturm, dessen Sausen so wie das ferne Rauschen des von ihm bewegten
Meeres man hinein hörte in unsre stille Bucht. Einige kleine Schiffe,
die dem Ungewitter entflohen waren, legten sich neben dem unsrigen vor
Anker; ein mächtiger Regen ergoß sich in Strömen auf das Verdeck; die
armen Türken, die im untern Schiffsraume kein Unterkommen fanden und
selbst die Griechin mit ihren Kindern, in der leichten Bretterhütte,
wurden sehr durchnäßt, während man den Eingang zu unsrer Kajüte mit
einer dicken Decke verwahrt und auch das Fenster mit Brettern bedeckt
hatte, so daß es uns mehrere Male in der Nacht war als sollten wir
ersticken. Auch am Morgen den 15ten November regnete es noch etwas,
doch erlangten wir wenigstens eine baldige Befreiung von den Decken
und Brettern, so daß ein nothdürftig erhellender Schein des Tages uns
erlaubte auf der über die Kniee gelegten Mappe einen Brief und die
Fortsetzung unsrer Tagebücher zu schreiben. Wie dankbar lernte man bei
solcher Witterung jene große Wohlthat erkennen, welche uns durch das
bisher so beständig anhaltende gute Wetter widerfahren war, das uns
doch täglich erlaubt hatte, aufs Verdeck zu gehen und hier die längste
Zeit zu verweilen. Denn in unsrer Kajüte vermochten die Meisten von
uns nur dann aufrecht zu stehen, wenn sie unter das Fenster der Decke
traten; an allen übrigen Punkten mußte man sitzen oder gebückt stehen.
Heute konnten wir doch auch an jenem Handelsverkehr mit den Insulanern
Theil nehmen, welchen gestern, während unsrer Abwesenheit, die Türken
allein genossen hatten. Man brachte vortrefflichen Honig, Feigen und
etwas Wein zum Verkauf, welcher, wie man uns sagte, der einzige noch
übrige Vorrath im Hause des Weinverkäufers sey; denn man pflegt hier
den wenigen, selbst gebauten Wein großentheils als Most zu trinken und
den Schwammfischern und Schiffern sagt der Racki (Traubenbrantwein)
besser zu denn der schwächer wirkende Wein. Auch etwas frisches
Lammfleisch hatten wir erhalten, das jedoch, da man es an den Mastbaum
gehangen, irgend einen andern Liebhaber und früheren Esser unter der
Schiffsgesellschaft gefunden hatte, als uns.
Mittwochs den 16ten November war zwar der Himmel wieder vollkommen
heiter, aber es wehte der Wind noch aus Südwest, welcher, so warm
er auch erschien, dennoch, wie ein falscher Freund uns ungünstig
und entgegen war. So ließen wir uns denn abermals bei demselben
nachbarlichen Punkte, wo wir neulich es gethan, ans Land setzen,
stiegen über die scharfen Gräten der Felsen hinüber und giengen
dann in der Schlucht am Gießbachbette hinan, wendeten uns jedoch
weiterhin links auf die Anhöhe, welche der Stadt unmittelbar gegenüber
liegt. Wir schauten von da hinunter auf die kleine Schiffswerfte des
Städtleins und folgten wenigstens mit unsern Blicken den Schaaren
der Beschäftigten oder der Käufer und Verkäufer, welche von dem
untern Theil der Stadt den steilen Berg hinanstiegen auf den oberen,
oder von da hinab zum Meere. Unten im Thale, das nicht fern von der
Schiffswerfte an der Meeresbucht endet, sahen wir manchen grünenden
Baum und Strauch, wie es uns schien, selbst einige Palmen; aber so
wenig auch die Fernansicht uns genügte, hinabzusteigen zur Stadt, und
in das grünende Thal erlaubte die Quarantäne uns nicht. So nahmen wir
denn wenigstens ein Bild des seltsamen Felsennestes mit uns und zwar
in doppelten Exemplaren: das eine, welches sich der Seele einprägte,
das andre von der treuen Hand unsers guten Bernatz aufs Papier
gezeichnet. Du alte, verfallene Ritterburg auf dem Berge, hast zur Zeit
der Herrschaft der Johanniter wohl manchen guten Deutschen, tapfer
wie ~Rudolph von Walenberg~ und ~Christoph von Waldner~ es
waren[142], in deinen Mauern gepflegt und gewartet, wir durften nur,
wie vorüberziehende Wanderfalken aus der Ferne dich beschauen.
Unten in der Bucht gab es heute noch Vieles zu besehen und zu
bedenken. Lebende Lernäen fielen in unsre Hände, Bruchstücke aber
von ziemlich großen Porzellanschnecken so wie die Schließdeckel der
Mondschnecken ließen uns nur errathen, daß solche Thiere hier leben,
finden konnten wir in dieser Jahreszeit keine; wir mußten uns mit
den Gehäusen der Landschnecken und mit den Tangarten begnügen[143].
Bedeutungsvoller jedoch und Nachdenken erweckender als die hiesige
Thier- und Pflanzenwelt erschien uns jenes in Symi aufgeschlagene Buch
der Zeiten und Werke, dessen Blätter und Buchstaben die Felsen und
ihre Gestaltungen sind. Tief unten am Ufer nach der äußeren Seite der
engen Bucht bei unserm Landungsplatz hin zeigten sich wieder, wie auf
Agonusi, die Felsenmassen des Thonschiefers mit ihren Schwefelkiesen
und Brauneisensteinen, der Kalk aber, auf ihnen gelagert, ward uns
je länger je mehr ein Gegenstand des neuen Bedenkens und der neuen
Beachtung. Das was die Schwämme im benachbarten Meere, noch jetzt
fortlebend und fortgedeihend, oder noch mehr das was die Mäandrinen
unter den Steinkorallen der wärmeren Meere im Kleinen sind, das
ist diese zackige Felsart von Symi im Großen. Da ist kein einziges
Stück, welches nicht von mäandrinischen Furchen durchzogen wäre, an
deren großen und tiefen die schmäleren und kleinern rippenartig sich
anschließen; kein Stück, in welchem nicht die Anlage oder der Durchgang
der rundlichen Poren und schwammartigen Zellen sich zeigte. Auf diese
Weise konnten weder das Feuer noch eine andre Kraft der unorganischen
Natur die Steinmasse gestalten, viel eher erinnert eine solche Form
an ein Walten organischer Kräfte. Zwar, der Muschelversteinerungen,
die wir hier fanden, waren nur wenige[144], aber sollte nicht bei dem
Entstehen dieser mäandrinischen Felsengebilde eben so wie bei dem
Entstehen der Seeschwämme und mancher Steinkorallen ein organisches
oder organisirbares Element mitgewirkt haben, gleich der noch immer
räthselhaften Gallert, welche in den Poren und auf der Oberfläche der
Seeschwämme lebt und aus deren im Polypenkörper ausgehenden Masse
das Kalkgerippe der Lithophyten sich ausscheidet? ~Ehrenbergs~
sinnvolle Entdeckungen der Myriaden von Infusionsthier-Ueberresten,
welche einen nicht unbedeutenden Theil unsrer Erdrinde bilden, bezeugen
nur dasselbe, was nach seinem Maaße jeder Frühling, was jeder Moment
der neuen Erzeugungen uns lehret, wenn vor dem Ansetzen der bleibenden
Früchte unzählbare, bald wieder verschwindende Blüthen, wenn Millionen
der Keime, wenn eine Ueberfülle des Elementes, das als Träger der
erzeugenden Kraft auftritt, wie ein anschwellender Strom über seine
Dämme hervorbricht und nur zum geringsten Theil zur Befruchtung des
Landes dient, zum meisten aber, scheinbar nutzlos ins Meer verrinnet.
Es ist dieß nur eines jener vielen Ereignisse, aus denen hervorgeht,
wie unermeßbar viel höher, mächtiger und größer der Schöpfer sey als
das Geschöpf, das Leben als der Tod. Denn überall, wo Jenes diesem
sich nahet, da zeigt es sich in seiner Alles durchdringenden, lebendig
gestaltenden und bewegenden Kraft; wenn aber der Blitz, der wie ein
Feuermeer herabfuhr und über Wald und Feld, über Berg und Thal sich
ergoß, vorüber ist, dann brennt nur hie und da, in schwächerem Lichte
ein einzelner, entzündeter Baum oder es raucht der Boden, den der
Strahl getroffen; doch zündet auch der zurückgelassene Funke weiter und
wird in der fortlebenden Natur wie in der Hütte des Landmannes zu einem
beständigeren Quell des Lichtes und des Feuers.
Am Nachmittag kehrten wir aufs Schiff und in den engen Raum unsrer
Kajüte zurück. Die Türken, namentlich der Iman, hatten abermals an
dem Capitän ihren Unmuth ausgelassen, darüber, daß ihnen verwehrt
sey, ans Land zu gehen. Morgen, so erwiederte ihnen der Capitän, sey
die dreitägige Quarantäne, welche ja er nicht anzuordnen habe, zu
Ende, dann könnten sie Alle in der Stadt und wo sie sonst möchten,
sich ergehen; sie aber mochten hiervon nichts wissen, sondern drangen
darauf, daß noch heute die Anker gelichtet würden und der (türkische)
Unterkapitän schien auf ihrer Seite, obgleich unser griechisches
Schiffsvolk allgemein versicherte, das Auslaufen werde uns, bei
noch immer widrigem Winde, nicht viel weiter fördern. Auch unser
Verlangen, endlich einmal einen Schritt weiter zu kommen, war im
geheimen Einverständniß mit den Türken und als beim lieblich tönenden
Abendgeläute der christlichen Betglöcklein aus den Kirchen der Stadt
die Anstalten zur Fortreise gemacht, die Schiffstaue, die uns mit
der Felsenküste verbanden, gelöst wurden, da regten sich in uns die
Schwingen der Hoffnung und fröhlichen Zuversicht auf ein endliches
gutes Gelingen der Fahrt.
Es war Abend um 9 als der Anker aufgezogen wurde und das Schifflein,
durch einen schwachen Landwind begünstigt, seine Weiterfahrt antrat.
Da wir am 17ten November des Morgens aufs Verdeck traten, sahen wir
uns noch immer in der Nähe von Symi, und, bald von Windstille bald von
ungünstigem Winde gehemmt, kreuzten wir fast diesen ganzen Tag vor der
bergigen Landspitze von ~Loryma~, auf der uns die höher steigende
Sonne die Stätte der alten Felsenburg ~Phönyx~ beleuchtete, dann
die nahe am Lande liegende Insel ~Helause~, während die Gebirge
von Rhodos noch immer nur in blauer Ferne sich zeigten. Am Abend
erhub sich wieder, vom Südwind erregt, das Getümmel und Brausen der
Wasserwogen und vereitelte die Hoffnung des Capitäns, mittelst der hier
meist von Nord nach Süd gehenden Meeresströmung etwas vorzurücken.
Der Ungestüm des Meeres und das Schwanken des Schiffes hatte sich
in der Nacht so verstärkt, daß der Tollrausch der Seekrankheit wie
ein Gewapneter mich ergriff und aufs Lager warf; die Betäubung der
Sinnen wurde jedoch gegen Mitternacht durch ein wildes Geschrei im
angränzenden untern Schiffsraum und durch ein starkes Laufen und Rennen
auf dem Verdeck verscheucht. Unsre Türken hatten sich den gefährlichen
Unfug des Hinabnehmens ihrer Oefchen in den Schiffsraum nicht verwehren
lassen, bei Nacht war eine dieser kleinen Handküchen, in der noch
Kohlen glühten, umgefallen und hatte in seiner Nähe gezündet; der Rauch
und Dampf der brennenden Binsenmatten und Teppiche drang in unsre
Kajüte hinein; das eng zusammengedrängte Volk suchte eilig, ohne ans
Löschen zu denken, die freie Luft des Verdeckes. Die Entschlossenheit
wie Geschicklichkeit unsres Capitäns und seiner griechischen Matrosen
dämpfte indeß das nicht sehr bedeutende Feuer bald. Doch sahen wir bei
dieser Gelegenheit was unser Schicksal würde gewesen seyn, wenn auf
dieser Fahrt ein ernstlicheres Unglück dieser Art sich ereignet hätte.
Die Türken, an Ueberzahl und Macht der Waffen uns weit überlegen, an
ihrer Spitze der lautschreiende Mohr und der Iman, hatten gleich bei
dem ersten Entstehen des Feuerlärmes Hand an das große, im Schiffe
hängende Boot gelegt und wollten dieses ins Wasser lassen, um sich und
ihre kostbareren Sachen darauf zu retten. In solchem Falle würde weder
uns noch dem griechischen Schiffsvolk das Hineinsteigen in den ohnehin
zum Sinken angefüllten Kahn möglich und verstattet gewesen seyn.
* * * * *
Freitags den 18ten November hielt das stürmische Wetter von außen, im
Innern die Seekrankheit noch fortwährend an. Wenn man auch mühsam sich
aufraffte vom Lager und das Verdeck erreichte, so war das, was da in
die Sinnen fiel von solcher Art und Weise, daß man gern bald wieder in
das Halbdunkel der Kajüte sich zurückzog. Denn so reizend und lieblich
auch der Fernanblick der Felsenbucht von ~Telmessus~[145], das
vormals durch seine Zeichendeuter so berühmt war, unter andern Umständen
und zu andern Zeiten gewesen wäre, so unlieblich war dagegen der
Naheblick auf unsre türkischen Hadschi's, welche fast sämmtlich von der
Seekrankheit dahingestreckt lagen oder saßen, und ihr Krankseyn auf
eine nur zu stark sich äußernde Weise kund gaben. Auch das Hinabgehen
in die Kajüte machte übrigens des Eckels kein Ende, denn die dünne,
spaltenreiche Bretterwand hinderte weder das Ohr noch die andern
Sinnen es wahrzunehmen, daß hier neben uns, im untern Schiffsraum,
viele Kranke dieser Art seyen. Die guten Leute feierten heute ihren
Freitag ohne Gesang und Klang, doch schienen sie wenigstens bei der
Bedienung ihrer kleinen Küchen des Festtages zu gedenken, denn so
elend sie waren, hörten sie doch nicht auf ihren gezwiebelten Pilau
zu bereiten und in jeder Pause der Krankheit den Magen von neuem zu
beladen, obgleich jeder Versuch solcher Art der Krankheit nur neuen
Stoff gab sich zu äußern. In dieser Weise lebten und schwebten wir auch
am Sonnabend den 19ten November auf dem bewegten Meere, doch hatten wir
uns heute, vom Sturm zurückgeworfen, Rhodus wieder mehr genähert. Unsre
Freundin, die so gern Nachrichten von tröstlicher Art vernahm und der
beängsteten Hausfrau mittheilte, hatte uns schon am Tage erzählt, was
der Steuermann als Geheimniß mittheilte, daß der Capitän, wenn der Wind
nicht heute noch günstig werde, in den Hafen von Rhodus einzulaufen
gedenke; als in der Nacht der Sturm noch drohender wurde, kam endlich
dieser gute Vorsatz zur Reife: gegen 10 Uhr näherten wir uns dem äußern
Hafen der Insel, eine Stunde vor Mitternacht warfen wir in ihm Anker.
So endigte die zweite Woche unsrer Fahrt glücklich, im sichern Hafen,
den wir seit acht Tagen so sehnlich erstrebt und nicht erlangt hatten;
der Schlaf, seit mehreren Nächten zum ersten Male wieder sorglos und
ruhig, nahm uns auf seinen Mutterschooß und ließ uns erst spät am
andern Morgen erwachen.
Rhodus.
Der Bergmann, der etliche Tage lang, Schlegel und Eisen ungebraucht
in der Hand haltend, denn die Grubenlampe war ihm erloschen, unten in
seiner Förderstrecke gefangen saß, weil er, als er nach vollendeter
Tagschicht ausfahren und heimkehren wollte zu den Seinen, den Ausgang
durch eine niedergegangene Gesteinwand gesperrt fand, kann wohl kaum
das Tageslicht und die grünenden Höhen mit innigerem Wohlbehagen
begrüßen, als ich den schönen Sonntagmorgen und die mitten im Grün der
Gärten und fruchtbaren Höhen gelegene Stadt Rhodus, da ich am 20ten
November des Vormittags aus der Kajüte hinauftrat auf das von der
wärmenden Sonne bestrahlte Verdeck. Ich kann es nicht läugnen, auch mir
war während der zwei Tage lang ununterbrochen anhaltenden Seekrankheit
das Grubenlämplein der inneren Freudigkeit zur Fortsetzung der Reise
fast erloschen; ich hatte in dem Zustand jenes beständigen Uebelseyns,
welcher die Natur des Menschen überaus kleinmüthig stimmt, oft gedacht,
ob es nicht besser und rathsamer seyn möchte, die Weiterreise über das
große, breite Meer, das uns noch zwischen Rhodus und Aegypten lag,
aufzugeben, und mit dem so beständig anhaltenden ungünstigen Winde,
der gerade für solche Absicht ein günstiger gewesen wäre, umzukehren
zur Heimath. Noch öfter war mir aber, wenn ich so festgebannt auf der
Pritsche lag, und, ohne schwindlich zu werden, nicht einmal den Kopf
erheben konnte, die Sehnsucht angekommen, nur einmal fünf Minuten
lang hinaustreten zu können ins Freie, damit ich statt der seekranken
Türkenluft, die da unten herrschte, frische Luft athmen möchte, und
nun ward mir die Erfüllung dieses Sehnens nicht bloß auf fünf Minuten
oder auf fünf Stunden, sondern auf fast fünf Tage gewährt. Zwar, da
ich jetzt hinaustrat aufs Verdeck, konnte ich nicht, ohne am Geländer
der Kajütentreppe mich zu halten, aufrecht stehen; denn das Meer gieng
auch hier in dem wenig geschützten Hafen sehr hoch, das Schiff tanzte
noch stark; ich aber, der ich niemals das Tanzen geübt, war heute um so
weniger zum Mittanzen geschickt, da ich seit zwei Tagen nichts gegessen
hatte und auch jetzt noch keine Lust zum Essen empfand. Aber nur um
so stärker, um so überwältigender war der reizende Eindruck, den die
strahlende Schönheit von Rhodus, wie das Licht auf die lange im Dunkel
gewesnen Augen, auf die nüchternen Sinnen machte.
* * * * *
Wie hätte mir nicht gleich bei den ersten Worten, die ich vorhin über
das Gefühl sprach, womit ich Rhodus begrüßte, der Bergmann einfallen
sollen; hier, beim Anblick dieser Insel, welche in ältester Zeit
die Heimath der ~Telchinen~, jener kunstreichen Meister in
der Bearbeitung der Erze war; jener Meister im Gebrauche der Hände
wie des Wortes, die dem Stein wie dem Erze nicht bloß göttliche
Gestalt, sondern durch magische Sprüche eine übersinnliche Gewalt
über die Seele des Beschauenden gaben?[146]. Zieht nicht da noch
ein Hauch jener die Sinne bezaubernden Gewalt mit dem Morgenwinde
zugleich über Berg und Thal und über die amphitheatralisch an den
Felsen gelehnte Stadt, welche bald nachdem die Bewohner der Insel,
gegen Ende des peloponnesischen Krieges, die Macht und den Reichthum
ihrer drei älteren Städte Lindos, Jalyssos und Kamiros zum Aufbau
dieser gemeinsamen Hauptstadt vereinten, mit Recht den Beinamen der
kolossalen und herrlichen empfieng, weil nicht bloß sie selber durch
den Baumeister des Piräus und der langen Mauer von Athen, welcher ihre
Anlage leitete, diese herrliche Gestalt empfieng, sondern weil mit
den weltberühmten Colossen der Sonne und dem nicht viel kleineren des
Zeus noch tausend andre Colossen sammt dreitausend Statüen ihre freien
Plätze, Gassen und Tempel schmückten. Ist es doch als ob die magische
Kraft, welche die Telchinen in das Werk ihrer Hände legten, und
welche dieses mit einer abwehrenden Gewalt umgab, von einem bauenden
Geschlecht aufs Andre sich fortgeerbt hätte. Denn als ~Artemisia~,
die Erbauerin eines andern Weltwunders: des Mausoleums in Halikarnaß,
der Stadt Rhodus durch List sich bemächtiget und zur Schmach für die
Besiegten ihr eignes Bildniß, in mishandelnder Stellung, neben die
Statue der Rhodos stellen lassen[147], wagten es, aus abergläubischer
Scheu vor einem Werke der Kunst, die Bewohner von Rhodus nicht, dieses
Denkmal ihrer Schmach zu vernichten, sondern sie umschlossen beide
Bilder nur mit Mauern, in welche Keinem der Zugang gestattet war. Auch
~Demetrius~, der Städtebezwinger, schenkte der Erhaltung von
Protogenes[148] berühmtem Bilde eine mehr als kindliche Sorgfalt[149],
und Cassius wagte es nicht das Viergespann der Sonne von Lysippos, der
alten Lieblingsinsel des Helios, zu rauben. Eben so haben selbst die
Osmanischen Eroberer diesen Wohnsitz der Rhodischen Ritter, wie aus
einer Scheu, selbst vor der Höhle des alten Löwen, fast ganz in seinem
alten Zustande gelassen und haben hierinnen schonender verfahren als
der deutsche Rhodiser Ritter Schlegelhold (m. v. S. 420.), welcher,
ohne dies vielleicht zu bedenken, für den Uebermuth, den Artemisia an
seiner Ordensinsel geübt, dadurch eine späte Rache nahm, daß er das
weltberühmte Mausoleum derselben, hier ein Stück und dort ein andres
in eine Burgveste, Petreion genannt, verbaute. Ja, wer eines der
schönsten Meisterwerke der mittelalterlichen Befestigungskunde, wer
eine ganze Stadt aus der kraftvollen, ritterlichen Zeit sehen will,
der darf nur Rhodus betrachten. Welchen mächtigen Eindruck aufs Auge
machen noch jetzt diese alten Mauern mit ihren Zinnen und Thürmen, vor
allem der feste St. Niclasthurm, welcher rechts bei der Einfahrt in den
Hafen stehet und der auf der andern Landzunge ihm gegenüberliegende
Engelsthurm, so wie dort in der Ferne die alte Burgveste St. Elmo mit
ihren tiefen Gräben, Zugbrücken und Bollwerken. Doch es ist Zeit,
daß wir aussteigen aus dem schaukelnden Schiffe in das freilich noch
stärker tanzende Boot, durch dieses aber hinaus auf den festem
Felsenboden und den kiesigen Strand der Insel.
Von Smyrna aus hatten wir Empfehlungen an den k. k. österreichischen
Consul Herrn ~Giulianich~, so wie an den kaiserlich russischen und
americanischen, Herrn ~Wilkinson~. Da der Capitain erklärt hatte,
daß er, sobald günstiger Wind komme, die Abfahrt beschleunigen wolle
und wir deßhalb nicht wissen konnten, ob nicht schon am andern Morgen
Rhodus wieder fern von uns liegen werde, beschloß ich jene Empfehlungen
baldmöglichst abzugeben und mit Hülfe derselben den Versuch zu machen,
ob es uns nicht erlaubt werden könne, ungeachtet der auf drei Tage
festgesetzten Quarantäne, schon heute die Stadt zu sehen, in deren
Nähe wir dann vielleicht in unserm Leben nicht mehr kommen möchten.
In Begleitung meiner beiden jungen Aerzte und des Capitäns fuhr ich
hinüber zu den Schranken der Quarantäne, die Briefe, nachdem man sie
wohl durchräuchert hatte, wurden angenommen und während wir an dem
Anblick der buntfarbigen, mannichfaltigen Steingeschiebe am Strande uns
ergötzten, kam schon der Sohn des trefflichen Herrn Consuls Giulianich
und bald auch, mit dem Vater zugleich, Herr Wilkinson. Diese edlen
Männer fragten sogleich womit sie uns dienen könnten und da wir den
Wunsch, vor allem die Stadt zu sehen, äußerten, sendeten sie alsbald
zum türkischen Kommandanten, erbaten von ihm einen Janitscharen und
einen Quarantäneaufseher und äußerten selber ihre Bereitwilligkeit
uns zur Stadt zu begleiten. Während dieser Verhandlungen war der
Hunger, den die Seekrankheit so lange in Fesseln gehalten, zugleich
aber auch heftig gereizt hatte, in seiner ganzen Stärke erwacht, wir
fragten bescheiden an, ob uns wohl aus einer nahen Locanda etwas zu
essen könne gebracht werden und diese Frage wurde sehr bald durch
die That beantwortet. Als man jetzt die Thüre, hinein ins Innre der
Schranken uns öffnete und uns selbst eine Hütte der Quarantänehüter
zum Speisezimmer einräumte, fielen mir freilich die Worte eines alten
Engländers ein, der mit uns die Donaureise machte: daß »nur in der
Türkei noch Vernunft sey«, weil man da weder mit der Pestquarantäne
noch mit der Mauth es so genau nehme, doch möchte ich diese Art von
Vernunft nicht unbedingt und überall anempfehlen, obgleich, bei der
wirklich sorgfältigen Aufsicht, welche die Herrn Consuln und die
Quarantänehüter über uns und jede unsrer Bewegungen führten, von uns
weniger die Gefahr einer Ansteckung zu fürchten war, als von jenen
türkischen Schiffen, die mit uns fast aus denselbigen Gegenden kommend,
durch besondre Vergünstigung der türkischen Stadtbehörden gleich nach
ihrer Ankunft der Quarantäne überhoben wurden. Ohnehin war ja die ganze
Einrichtung dieser noch jugendlichen Anstalt nicht eben ausreichend zu
nennen, da nach Verlauf der kurzen, dreitägigen Frist unsre Türken mit
einem großen Theil ihrer in Körben und Kisten verwahrten Sachen ohne
weitre Vorkehr zu ihren Glaubensgenossen hinüberzogen.
Wir traten jetzt den Weg an, vorüber an der Grabstätte des türkischen
Heiligen (Marabu's), dem unsre Hadschi's schon heute reichliche Gaben
zum Opfer sendeten, um durch seine Hülfe eine günstige Seefahrt zu
erflehen; vorüber dann an einigen erhöhten, mit Bäumen bepflanzten
Plätzen und an den Brunnen mit herrlichem Wasser, aus deren einem,
welcher der Quarantäne zugehört, auch wir, so wie unsre Matrosen,
Wasser schöpfen und trinken durften. Hier neben uns, am Eingang des
innern oder Galeeren-Hafens, nicht an jenem des äußern, stund, so
sagt man, auf den Felsenklippen das eine der sieben Wunder der alten
Welt: der Sonnenkoloß, das Meisterwerk des Chares und Laches von
Lindos, welcher siebenzig bis achtzig Ellen hoch ragte und zwischen
dessen Füßen die Schiffe ein- und ausliefen. Im 282ten Jahre vor
Christus war dieser Coloß, zum Andenken an die glückliche Abwehr des
Städtebezwingers Demetrius von den hart bedrängten Mauern errichtet
worden; schon im Jahre 226, nachdem er nur 56 Jahre gestanden, stürzte
er, durch ein Erdbeben getroffen nieder; auch in seinen Trümmern noch
Bewunderung erregend, bis die ersten moslimitischen Eroberer der Insel,
die Araber, welche Moavia hieher geführt hatte, im Jahr 656 n. Chr., im
938ten nach der Aufrichtung, selbst diese Reste, deren Erzmasse 9000
Zentner lastete, hinwegführten.
Zwischen dem innern oder dem Galeerenhafen und den Mauern der Stadt
zieht sich ein Saum der Küste hin, auf welchem, außerhalb der
eigentlichen Stadt, das Haus des türkischen Statthalters der Insel
stehet. Weiterhin steigt man den grünenden Hügel hinan zu einem der
Thore, das zunächst stehet dem Schloß St. Elmo und dem Bollwerke der
Engländer, während der Belagerung der Stadt durch Suleiman. Die Kanonen
in der Nähe dieses Einganges tragen das Bild des heiligen Johannes
und Inschriften, welche es bezeugen, daß sie einst im Dienste andrer
Herren und Vertheidiger der Stadt gewesen, denn die jetzigen sind.
Nicht fern von hier tritt man in die Hauptstraße der Ritter (+Strada
dei Cavalieri+). Da rechts, über den Thüren der alten, festgebauten
Häuser sieht man noch jetzt die Wappen jener edlen Geschlechter,
die aus den Ländern des Westens hierher gezogen waren, zum Kampfe
für den Glauben der Väter und das heilige Land. Es erwecken diese
Zeichen das Andenken an manchen Pilgrim und mannhaften Streiter aus
den noch jetzt in der christlichen Heimath fortbestehenden Häusern;
denn hier in Rhodus, im Munde seiner Ritter, sprach sich der ernstliche
Wunsch, dem von Osten hereinbrechenden Verderben zu steuern, in acht
verschiedenen Zungen aus: in der französischen, deutschen, englischen,
spanischen, portugiesischen und italienischen, zu denen sich noch
die für sich bestehenden Schaaren der Ritter der Auvergne und der
Provence gesellten. Der Pallast des Großmeisters, mit seinen Hallen und
Gemächern, das alte Gebäude der Kanzlei und der Rittersaal, erinnern
durch die noch ungebrochene Kraft ihres festen Gemäuers an die Kraft
ihrer ritterlichen Erbauer und an jene Einfalt, die sich so gut mit der
Würde vertrug.
Hier, am Ende der Ritterstraße stehet die vormalige Cathedrale: die
Kirche des heiligen Johannes. Sogar die Thüren aus Sykomorus(?)holze
mit vielem, halberhabenen Schnitzwerk, noch mehr aber die Säulen und
Bögen des ehrwürdigen Gebäudes, sind in ihrer anfänglichen Schönheit
zu sehen. Mitten durch das Innre der Kirche haben die Türken einen
bretternen Verschlag gezogen; der östliche Theil, wo der Hochaltar
stund, ist in ein Kornmagazin verwandelt. Hier ließ man uns ohne
Schwierigkeit ein; noch erinnert mancher Zug der Gestaltung des festen
Gesteines an die vormalige Bestimmung der Stätte, die Wände aber, von
welchen die zügellosen Janitscharen nach der Eroberung der Stadt durch
Suleiman, an dem für Rhodos so trauervollem Christtage (25. Dec. 1522),
alle christlichen Gemälde abkratzten, sind kahl. Der westliche Theil
der Kirche, jenseit des bretternen Verschlages hat die Bestimmung
einer Moschee erhalten. Ein neidischer Türke, der eben vorübergieng,
protestirte laut gegen unsern Eintritt, als der Janitschar die Thür
uns öffnete, dieser aber gebot ihm Schweigen und wir giengen hinein.
Doch was sieht man da, als die auf den Boden, zur Bequemlichkeit der
Betenden, hingebreiteten Matten und Teppiche; an den leeren Wänden
einige Koransprüche und den Rednerstuhl des Freitagspredigers.
Wir stiegen jetzt hinan auf den noch immer festen St. Johannisthurm
und genoßen der Aussicht über Stadt und Land, so wie auf das Meer.
Nach der Eroberung der Stadt durch die Türken fand man in diesem
Thurme vermauerte Gemächer, in denen ziemlich ansehnliche Vorräthe
von Schießpulver aufgehäuft lagen. Da man weiß, daß Rhodus zuletzt
hauptsächlich durch den Mangel an Munition zur Uebergabe an den Feind
genöthiget wurde, glaubt man mit vielem Recht in dieser Verheimlichung
eines so wichtigen Kriegsbedürfnisses die Spuren, entweder einer innern
Verrätherei oder der geheimen Geschäftigkeit jener selbst unter den
Rittern und Bürgern nicht unansehnlichen Parthei zu erblicken, welche
die Uebergabe beschleunigt wünschte, der sich eine andre Parthei
der Tapfern standhaft widersetzte. Doch könnte dieses Vermauern der
Pulvergemächer auch einen andern minder zweideutigen Grund gehabt
haben, welcher nur durch den Tod des Generals der Artillerie, der bei
einem der ersten Stürme (am 17ten September) fiel, zum Geheimniß wurde.
Der Weg an der Mauer der Stadt hin eröffnete uns eine Aussicht hinab in
die Gärten, welche nach der langen Entbehrung eines solchen Anblickes
dem Auge ganz besonders wohl that. Seit Magnesia und Smyrna hatten
wir keine solchen Gärten gesehen und diese hier waren noch ungleich
mehr als jene mit den Kräften und Schönheiten des warmen Südens
angethan. Es war eben die Zeit der angehenden Reife der Orangen, die
hohen, dickstämmigen Bäume prangten in dem reichsten Schmucke ihrer
goldfarbenen Früchte. Dazwischen zeigten sich auch hochwüchsige Palmen,
zum Theil mit halbreifen Datteln, deren volle Reife freilich hier auf
Rhodus, dessen Wintertage nicht selten Flocken selbst des Schnees
erzeugen, kaum zu Stande kommt.
* * * * *
An der vormaligen Allerheiligenkirche konnten wir freilich nur die
prächtigen Marmorsäulen und die schönen, halberhabenen Arbeiten
ihres Haupteinganges und Vorhofes betrachten[150]; ihr Innres, das
als eine der Hauptmoscheen der Stadt im Dienste des Islams steht,
durften wir nicht betreten. Hier in der Nähe sind auch die Gebäude
und Zellen einer türkischen Hochschule. Dieser arme, gespenstische
Schatten, dieses Zerrbild einer Schule der Weisheit an solchem Orte,
macht einen schmerzlichen Eindruck. Ja, Rhodos ist freilich vormals
in andrem Maaße, eine Schule der Kunst und der Weisheit gewesen: in
den Zeiten des Chares und Laches aus Lindos, der Bildner des großen
Sonnencolosses, so wie des Bryares, des Meisters der andern kolossalen
Statuen, eine Schule der Sculptur; zu Protogenes Zeiten der Malerei;
in den Tagen der römischen Republik eine Schule der Redekunst und
Staatsweisheit, deren Lehren Cato, Cicero, Cäsar und Pompejus hier
vernahmen, nachmals eine Schule der ritterlich christlichen Tapferkeit
und Kunst der Waffen, jetzt aber ist diese ruhmgekrönte Stadt des
Alterthums für jeden, der ihre Geschichte bedenkt, eine Schule nur
jener verborgenen, auf Glauben gegründeten Weisheit, welche in der zu
Boden gefallenen, zerborstenen Frucht jene Saamenkörnlein erblickt, aus
denen einst die Gewächse einer neuen Zeit hervorkeimen werden.
Statt der Herrlichkeit der in der Geschichte der Kunst so
hochgepriesnen Hallen des alten Rhodus, in denen der Auläos und
Mänander des Apelles, der Meleager, Herkules und Perseus des Zeuxis
bewundert wurden, sahen wir jetzt noch die Waaren und bewunderten
namentlich die riesenhaften Kürbisse in einem der Hauptbazars der
Stadt. Auch wir durften an dem Handel und Verkehr Theil nehmen, dabei
aber weder in die unmittelbare Nähe der Menschen noch der Waaren
kommen, bis unser Quarantäneaufseher die letzteren vor uns hin auf
den Boden gelegt hatte. An den Schranken der Quarantäne, zu welcher
wir in einer späteren Stunde des Nachmittags wieder zurückgekehrt
waren, fanden sich jedoch bald andre Handelsleute ein, die uns den
Einkauf leichter machten als er im Bazar gewesen: eine Menge von Juden,
beladen mit Früchten und allerhand andern eßbaren Gegenständen. Noch
vor Sonnenuntergang kehrten wir zum Schiff zurück, dessen schwankender
Mastbaum schon von fern das noch immer fortwährende Schaukeln verrieth,
das uns hier, nach kurzer, wohlthätiger Ruhe auf dem festen Boden
erwartete. Doch hatte schon diese kleine Ausruhezeit und noch mehr
der Genuß der frischen Orangen den Magen so kräftig gestärkt, daß
der Schwindel der Seekrankheit nicht wieder kehrte, denn wenn auch
das Schiff schwankte, so stunden doch der nachbarliche alte St.
Niklasthurm, so wie der Thurm der Engel, an der andern Seite des
Hafeneinganges desto fester und in ihrem Anblick fand das Auge jene
sichern Anhalts- und Ausruhepunkte, welche das widerwärtige Gefühl
der Unstättigkeit und Bodenlosigkeit, das den Schwindel erzeugt,
vertreiben. Es war heute ein griechisches Schiff neben uns im Hafen
eingelaufen, welches, von demselben Wind begünstigt, der uns entgegen
war, den Weg von Alexandrien hieher in wenig Tagen gemacht hatte.
Montags den 21ten November war noch immer bei anhaltendem Südwind an
kein Weiterfahren zu denken und auch unsre türkischen Reisegefährten
wünschten diesmal, mit uns zugleich, ein längeres Verweilen an der
Insel, die ihnen so viele frische Lebensmittel, wohlfeilen Kaufes
darbot und wo viele von ihnen alte Bekannte und Freunde wiedersahen.
Der Himmel war klar und schön, wir beschloßen den Tag so gut als
möglich zum weitern Besehen der Stadt und ihrer Umgegend zu benutzen.
Wir fuhren denn mit unserm wackern Capitän Angeli wieder hinüber nach
der Gegend der Quarantäne, stiegen aber heute sogleich an dem Molo des
Galeerenhafens aus, wo uns alsbald unsre gestrigen Kaufleute: mehrere
Juden mit kleinen Schüsseln voll wohlschmeckendem Kaimak (S. 326.)
entgegen kamen. Bald waren auch unsre freundlichen Begleiter: die Herrn
Consuln Giulianich und Wilkinson wieder bei uns: erbötig uns auf unserm
Wege zu begleiten und uns die Merkwürdigkeiten der Gegend zu zeigen.
Ein kleines Mißverständniß, das zwischen unsrem griechischen Capitän
und einem der Mitglieder der Quarantäne-Commission ausbrach, umwölkte
auf einige Augenblicke die heitre Stimmung des Tages, bald aber trat
diese wieder in ihre Rechte und wir bestiegen einen der Hügel an der
Nordseite der Stadt, wo sich diese mit allen Erinnerungszeichen an
ihre bedeutungsvolle Geschichte dem Auge auf eine höchst imposante
Weise darstellt. Wie diese fest und schön begründete Stadt all den
Mauerbrechern und Belagerungsmaschinen des »Städtebezwingers« Demetrios
so kräftig widerstehen konnte, begreift man wohl, obgleich, da schon
die erste und auch die zweite aus den Quadern der eingerissenen Theater
und andrer Gebäude errichtete Mauer gesunken war, auch wohl die dritte
unter den Stößen der von dreißigtausend Menschen errichteten und
bedienten Maschine Helepolis (Städtegewinnerin) würde erlegen seyn,
wenn nicht die Gesandten der andern griechischen Staaten für Rhodus
den Frieden erbeten hätten. Schwerer begreiflich ist es aber, wie
Rhodos, als seine Bewohnerzahl und Seemacht kaum noch ein Fünftel
der früheren war, die überlegene Gewalt der Türken so lange von sich
abwehren konnte. Die Geschichte dieser tapfern Abwehr gehört zu jenen
Ereignissen, welche nach ihrem Maaße die Macht und Oberherrschaft
eines ernsten Willens und des Menschengeistes überhaupt über das
gegenüberstehende, leibliche Element beweisen, es möge daher erlaubt
seyn, ehe wir von hinnen segeln in ein Land, da der Geist noch andre,
mächtigere Spuren seines Waltens hinterlassen hat, bei der Betrachtung
der Heldenthaten zu verweilen, durch welche hier ein kleines Häuflein
christgläubiger Männer im Kampfe mit der riesenhaft großen Uebermacht
eines allgemeinen Feindes sich kräftig erwiesen.
Der Wahnsinn einer fanatischen Wuth, welcher seiner Natur nach dem
gesunden, ruhigen Leben des Menschengeistes feindlich entgegenstehet,
hatte seine Ketten zerrissen, und wie es bekannt ist, daß die Raserei
das Maaß der leiblichen Kräfte auf mehr denn das Vierfache steigert,
so hatte die Fiebertrunkenheit des Islamismus gleich Anfangs den Armen
ihrer Kämpfer eine Macht gegeben, welche auch durch die Anstrengung
vieler Arme nicht zu hemmen, noch zu bändigen war. Immerhin liegt auch
darinnen ein Beweis der alten Herrschermacht der Seele über den Leib,
daß selbst dann, wenn sie in kranker Gestalt aus der Verborgenheit
der leiblichen Hülle hervortritt, die leibliche Natur des Menschen
sammt der ruhig in diese versenkten Seele vor ihr erschrickt und daß
Rolands, des Rasenden, furchtbarer Anblick und übernatürlich kräftiger
Arm ein ganzes Heer der nur mit leiblichen Waffen Versehenen schlägt.
Die Völker und Reiche des christlichen, wie des heidnischen Ostens
waren der Heldenwuth des neuen Glaubens unterlegen, wie vom lähmenden
Hauche des Siroccowindes oder des Odems der Schlange war der sonst
kräftige Norden von dem Schrecken Gottes getroffen, das den Schritten
der Heere der Moslimen vorangieng, da führte noch immer das Panier des
Kreuzes eine Schaar der Ritter dem Feind entgegen, denen diese Löwen
nur dadurch noch Widerstand zu leisten vermochten, daß sie zugleich
Lämmer waren, die sich schweigend und duldend, wenn der Glaube es
gebot, zur Schlachtbank stellten. Aus Akre zuletzt durch die Uebermacht
des Feindes vertrieben, hatten die Johanniter, geführt von ihrem
Großmeister Foulques von ~Villaret~, im Jahr 1411, ihrerseits
wieder die Räuberschaar der Türken aus Rhodus verscheucht und die
Stadt im Sturm erobert; der Nachfolger des Eroberers, der Großmeister
Helion ~de Villeneuve~ war hierauf bemüht gewesen, die Mauern
zu erneuern und durch neuangelegte Bollwerke sie zu befestigen; ihm
folgte in diesem Werke der im Liede des Dichters lebende Kämpfer mit
dem Drachen: ~Dieudonné de Gozon~, denn dieser war es, der den
festen Damm des Galeerenhafens begründete; etwas später der Großmeister
~Johann Lastik~, welcher die Zahl der neuen Festungswerke noch
vermehrte, so daß das Heer des ägyptischen Sultans, welches im Jahr
1444 die Stadt belagerte, nach 42tägigen vergeblichen Anstrengungen
wieder abziehen mußte. Es war dieß nur das erste, schwache Donnern
jenes furchtbaren Ungewitters gewesen, welches bald nachher dem
Ruhesitz der Ritter sich nahen sollte, denn schon am 4ten December
1479 zeigte sich das drohende Gewölk, als der türkische Admiral
~Mesih Pascha~ eine Schaar seiner Krieger ans Land setzte. Der
Sieg des Großpriors von Brandenburg: ~Rudolph von Walenberg~
über diese Haufen bewirkte nur einen kurzen Aufschub des Kampfes; am
23ten Mai 1480 erschien 100 Segel stark die Flotte des Eroberers von
Constantinopel, des Besiegers der Städte, Inseln und Völkerheere:
Mohammeds +II.+ vor Rhodus, und jene mordlustigen Schaaren, die
sie ans Land setzte, schlugen bald nachher dort am Fuß des Berges von
St. Stephan, im Westen der Stadt, ihr Lager auf. Wäre innerhalb diesen
Mauern nicht ein andrer Muth und Sinn wach gewesen als der, welcher das
türkische Heer belebte, so würde die Stadt bald von den meisten ihrer
Bewohner und Vertheidiger verlassen gewesen seyn, welche die Furcht
vor dem nahenden Tode hinaus getrieben hätte ins Gebirge oder auf die
unsichern Schiffe. Denn dies war ja dasselbe Volk der Feinde, das schon
ein Jahr vorher (am 11. August 1479) Otranto, die feste Schutzwehr
Apuliens eingenommen, die Heiligthümer entweiht, die unschuldigen
Kinder an der Wand zerschmettert, den Befehlshaber und Bischof zersägt,
mehr denn die Hälfte der Einwohner ermordet, die andern zu längeren
Martern und allerhand Gräueln aufgespart hatte. Und mit sich führten
sie mehrere jener Tod und Verwüstung bringenden künstlichen Vulkane,
mehrere jener riesenhaften Geschütze, welche die Mauern des mächtigen
Byzanz darniedergestürzt hatten. Bald mußte der feste Thurm von St.
Niklas die Macht der türkischen Kanonen erfahren, derselbe war mit
dreihundert Schüssen von der Landseite her in Bresche gelegt, dennoch
konnte der Feind selbst bei dem gewaltigen Sturm am 19ten Juny das
halb zerbrochene Werk nicht nehmen, weil der Muth seiner Vertheidiger
noch ungebrochen war. Auch auf die Mauern der Stadt, in der Gegend
des Judenquartiers donnerten die großen Kanonen mit so entsetzlicher
Kraft, daß man das Getös hundert Miglien weit nordwestlich, bis nach
Cos, und eben so weit östlich bis nach Castelrosso vernahm. Endlich
war die feste Mauer der Gewalt erlegen und obgleich die Belagerten
jenseits der äußern Mauer eine zweite, innere aufgeführt hatten, an
deren Bau Greise wie Kinder, Wittwen wie Jungfrauen Hand anlegten, so
schien dennoch die Einnahme der Stadt fast unvermeidlich, als am 28ten
Juny dritthalbtausend Feinde in die Bresche eindrangen und hinter ihnen
das ganze türkische Heer nachdringend sich bewegte. Die Stürmenden
hatten schon die Stricke bei sich, womit sie die Knaben und Mädchen
der Stadt zu binden, Säcke, worein sie den Raub zu fassen, achttausend
Pfähle, woran sie die Ritter und andern Bewaffneten der Stadt lebendig
zu spießen gedachten, denn im Rathe ihres Heerführers wie des Sultans
war das Loos der Stadt in derselben Art beschlossen, wie jenes der
andern, von Mahommed eroberten Städte gewesen. Aber sie hatten ihren
Rath beschlossen und es ward nichts daraus; der Arm der Helden im
Innern der Mauer war, so gering auch ihre Zahl, dennoch den Feinden
zu schwer und selbst der Geiz des Heerführers, der die schon gegebene
Erlaubniß des Plünderns noch jetzt, wo er die Stadt schon für gewonnen
hielt, zurücknahm, ward für ihn und die Seinen ein Strick, der besser
band als die Stricke, welche die Türken für ihre vermeintlich künftigen
Gefangnen bei sich trugen. Vierthalbtausend Erschlagene lagen in der
Bresche, da stund der Feind von seinem Stürmen ab und sein Muth war von
nun an mehr denn die Mauer, die er beschossen, darniedergeschlagen,
denn hiermit war die Bedrängniß der Stadt geendigt; die Feinde
ließen ab von der Belagerung, welche neuntausend der Ihrigen das
Leben gekostet, funfzehntausend aber durch mehr oder minder schwere
Verwundung zum weitern Kampfe unfähig gemacht hatte. Statt der Schätze
und Güter der Stadt, nach denen dieses Räubervolk so lüstern gewesen,
schleppte es nun den Reichthum des armen Landmannes, seine Heerden und
Kinder mit sich fort zur Schlachtbank und Sklaverei und noch lange Zeit
nach dem Abzug der Türken, nachdem schon alle Leichname der von ihnen
Gemordeten begraben waren, bezeugten die zerstörten Dörfer und Hütten
die schwere Schuld des Mörders, welcher seinen ungerechten Grimm an den
Armen und Wehrlosen ausgelassen hatte.
Noch etwas länger als ein Menschenalter ward jetzt dem Orden zu seinem
Haushalt auf Rhodus Frist gegeben. Hätte er nur diese letzte Zeit vor
Abschluß der Rechnung nicht durch solche Handlungen entehrt, wie
die des gebrochenen Wortes und der Verletzung des Gastrechtes an dem
Bruder Bajasids +II.+: dem unglücklichen Prinzen ~Dschem~,
oder träfe wenigstens diese Schuld so wie das ganze Gewicht der
letzten Seufzer des zuletzt in Italien durch Gift getödteten Prinzen
nicht gerade jenen Großmeister d'Aubüsson, welcher als Kämpfer für
die Mauern der Stadt bei der Belagerung des Jahres 1480 so große
Errettung erfahren[151]. Doch über Rhodus kamen bald die Zeiten noch
schwererer Kämpfe, zugleich aber auch der besseren Thaten als die
zuletzt erwähnten es waren, als im Jahr 1522 die letzte Stunde der
Herrschaft der Ritter auf dieser Insel schlug. Damals war Großmeister
des Ordens der greise ~Villiers de l'Isle Adams~; als Führer eines
Heeres von 100,000 Mann, das sich zu Lande der gegenüberliegenden Küste
nahte, war ~Suleiman der Große~ selber zum Kampf herbei gezogen,
während sich zugleich die türkische, mit andren Heerhaufen bemannte
Flotte, dreihundert Segel stark der Insel nahete. Zwei Festtage
waren es, die den christlichen Bewohnern der Insel sonst die Tage
der größesten Freude und Verherrlichung gewesen, welche diesmal zu
Tagen des größesten Jammers und Elendes wurden: der Tag Johannis des
Täufers, des Schutzpatrons des Ordens der Johanniterritter und der Tag
des heiligen Weihnachtsfestes; denn am 24ten Juny hatte der Schwarm
der Feinde zuerst gelandet und seine verheerende Wuth an der Umgegend
von Favez ausgelassen; am 25ten December ward das moslimitische Gebet
von dem Thurm der St. Johanniskirche ausgerufen und von den Zinnen
des eroberten St. Niklasthurmes ertönte die türkische Musik. Die
Ereignisse jener sechs Monate, welche zwischen den beiden Festtagen
innen lagen, werfen gleich einer Gluthsäule, die bei Nacht von einer
verbrennenden Stadt aufsteigt, einen blutrothen Schimmer auf die Bücher
der Geschichte der vor Alters so »seelig« (in ihrem Beinamen Makaria)
gepriesenen Insel. Dort auf dem Hügel St. Cosmas und Damians schlug
Suleiman, als er am 28ten July unter dem Donner von mehr denn hundert
türkischen Canonen gelandet, sein Zelt auf; hier an der Nordseite
der Stadt, bei dem nahe am damals sogenannten Siegerthor gelegenen
Bollwerk der Deutschen, an deren Spitze ~Christoph von Waldner~
aus Pludenz kämpfte, geschahe am 1ten August der erste, wüthende
Angriff der Türken. Wie mächtig die Geschütze des Feindes auf die
Mauern trafen, das bezeugen noch jetzt einige Reste der riesenhaften,
steinernen Kugeln, welche jene schleuderten, denn diese Kugeln maßen 6
bis 10, etliche sogar 11 Spannen im Umfange[152]. Dennoch widerstund
die alte, feste Mauer bis zum Ende des August dem furchtbaren Anlauf
der feindlichen Kräfte; erst am 4ten September öffnete eine Mine, dort
an der Ostseite der Stadt, dem Sturme den Zugang, da wo das Bollwerk
der Engländer war. An dieser Stelle sind die größten Heldenthaten
jener Tage geschehen, denn hier ward dreimal der schon eingedrungene,
übermächtige Feind durch das Schwert der Ritter zurückgeworfen, und
Tausende der Seinigen erschlagen, die Fahnen, welche derselbe schon auf
den Wällen aufgepflanzt hatte, von den christlichen Kämpfern (eine von
dem deutschen Waldner) erobert. Hier war es auch, wo jene heldenmüthige
Griechin, die Geliebte eines Feldobersten, den blutigen Mantel ihres
vom Feind erschlagenen Freundes um sich legend, und sein Schwert
erfassend, sich kämpfend unter die dichtesten Schaaren der Türken warf
und den Heldentod errang, als am 24ten September das ganze Heer der
Feinde von der Nord- und Ost- und Südseite zugleich die hart bedrängte
Stadt bestürmte. Noch trug »die Rose« (Rhodos), die der Räuber brechen
wollte, ihre Stacheln und verwundete die Hand, die nach ihr sich
ausstreckte, so hart, daß fünfzehntausend Türken dem damaligen Kampf
mit den Schwertern und Geschützen der christlichen Helden unterlagen.
Doch so wenig Erfolg auch die oft wiederholten Stürme des Feindes,
durch welche dieser im October und November die Stadt bedrohete, für
den Fortgang seiner Waffen hatten, so mußte dennoch der hohe Sinn der
Vertheidiger zuletzt in das unvermeidliche und unabwendbare Loos der
Unterwerfung sich ergeben. Denn obgleich der Feind bei den Stürmen
und Angriffen der Stadt während der ganzen Zeit der Belagerung 64,000
Mann und gegen 40,000 durch Krankheiten verloren hatte, waren dennoch
seine Streitkräfte jenen der Belagerten noch immer ungeheuer überlegen,
weil diese gleich anfangs nur aus einem Häuflein von 600 Rittern und
5000 Reisigen bestunden, denen freilich die Bewohner der Stadt von
jedem Alter und Geschlecht nach Kräften beistunden. Die Uebergabe, von
welcher noch immer mehrere der Ritter nichts wissen wollten, wurde
zuletzt durch den Mangel an Pulver beschleunigt und am 20ten December
1480 auf die Zusicherung eines freien Abzuges der Belagerten nach zwölf
Tagen festgesetzt; zugleich hatte Suleiman den Bürgern versprochen,
daß sein Heer bis auf die Entfernung einer Meile von der Stadt sich
zurückziehen sollte. Aber dieses Versprechen blieb unerfüllt, denn
schon nach fünf Tagen (am 25ten December), als Ferhad Pascha 15,000
Janitscharen von der persischen Gränze herbeigeführt hatte, welche
allerdings nicht zu jenem Heere der bisherigen Belagerer gehört
hatten, deren Zurückziehen von der Stadt verheißen war, rückten die
Janitscharen, blos mit Stöcken und Bündeln in der Hand heran, erbrachen
das cosquinische Thor und erfüllten alle Gassen und Häuser der Stadt
mit dem Jammer ihrer Gräuelthaten; die Kirchen mit den Ausbrüchen ihrer
feindseligen Wuth. Daß es bei dieser Einnahme von Rhodus nicht ganz zum
Aeußersten kam, daß der alles verheerende und vernichtende Strom seine
Dämme nicht durchriß und über die Stadt und alle ihre Bewohner sich
ausgoß, das hinderte Suleimans Menschlichkeit, die sich auch hierbei
in mehreren denkwürdigen Zügen bezeugte. Denn als am 26ten December
der Großmeister, mit einem Kaftan bekleidet, ihm vorgestellt wurde,
tröstete ihn der Sultan mit der Erinnerung, daß es das öftere Loos der
Hochgestellten sey, von dieser Höhe herabzufallen; besuchte nochmals,
freundlich zusprechend, in Gesellschaft nur eines Sklaven und des
Achmed-Pascha, den Greis, im Speisesaal der Ritter und da am ersten
Tage des Jahres 1523 der Großmeister, vor seiner Abfahrt von der Insel,
noch einmal seinen Besieger begrüßte, sagte Suleiman zu einem seiner
Vertrauten: »mir thut es leid, daß ich diesen Greis von Haus und Hof
vertrieben«[153].
Wir hatten über dem Rückblick in die Vergangenheit der schönen, alten
Stadt, fast die Beachtung ihrer Gegenwart vergessen. Doch diese ist so
eindringend lieblich, daß sie bald das Aufmerken wieder auf sich lenkt;
wie ein schönes Kind, das einem nachsinnenden Alten so lange am Gewand
zieht und anregt, bis er endlich sein Auge zu ihm hinabwendet, stund
der Frühling von Rhodos neben uns auf dem aus der Fülle des neulich
geflossenen Regens wieder belebten, grünenden Hügel und legte, spielend
mit Farben und mannigfachen Gestalten, seine lieblichen Blumen zu
unsern Füßen. Es blühten da die frühen Ranunkeln und Muskari-Hyazinthen
des Südens; von den Schaaren der seit Kurzem angekommenen Wandervögel
des Nordens schienen Manche, des Weiterziehens vergessend, auf den
Hügeln wie an der Küste die Stätte ihres Winteraufenthaltes zu suchen;
das vaterländische Rothkehlchen und die Bachstelze zwitscherten im
Gebüsch und am Felsen.
Quarantänepflichtig wie wir auch waren, führte uns dennoch Herr
Wilkinson in sein Haus und bei seiner Familie ein. Die Gemahlin,
eine schöne Griechin, bewirthete uns mit Kaffee, den wir, an der
entgegengesetzten Seite des Saales sitzend, genoßen, während die
andern nicht in der Quarantäne begriffenen Gäste und Bewohner des
Hauses in der Nähe der Wirthin ihren Sitz nahmen. Von hier gingen wir
in Begleitung des Herrn Giulianich in die +Locanda della Luna+,
deren Inhaber, Pietro Petrowisch, einer der gefälligsten Gastwirthe
die ich auf dieser Reise gefunden, uns sogleich einen kleinen Salon
einräumte, zu welchem man auf einer Treppe hinansteigt. Diese für jeden
Reisenden, der nicht zu hohe Ansprüche macht, sehr empfehlenswerte
Locanda, liegt, eben so wie die Wohnungen der sämmtlichen Consuln
auswärtiger Nationen, in jener Vorstadt, in welcher die meisten
christlichen Ein- und Anwohner von Rhodus sich aufhalten; denn in der
Stadt selber darf, seit der Eroberung derselben durch die Türken, kein
Christ wohnen; nur den Juden ist es verstattet innerhalb der Mauern
ihr Obdach zu haben. Es that uns ganz besonders wohl, einmal wieder an
einem still und feststehenden Tische und zwar aufrecht auf Stühlen zu
sitzen, und wenn auch die Küche unsres Wirthes nicht an sich selber
sehr gut bedient, der Wein vortrefflich gewesen wäre, so würde schon
die von der Seekrankheit sehr geschärfte Eßlust und der herrliche,
frühlingsartige Tag der zu den geöffneten Fenstern hereinblickte, über
diesen Mittagstisch einen ungewöhnlichen Reiz ergossen haben. Auch der
Nachmittag vergieng uns in der Familie des griechischen Herrn Consuls,
bei welchem wir abermals mit Kaffee bewirthet wurden, sehr angenehm.
Der Sohn des Hauses spricht mehrere Sprachen, unter andern auch mit
ziemlicher Geläufigkeit das Deutsche. Sehr erquickt und gestärkt an
Seele und Leib kehrten wir am Abend auf unser Schiff zurück, das nun
schon mit allen Bequemlichkeiten und Genüssen versorgt war, die uns die
Nähe des Landes darbot; selbst wieder mit Milch zum Thee.
Dienstags den 22ten November hatten wir kaum das Land betreten und
unter den Bäumen, jenseits des Galeerenhafens, uns ein wenig ergangen,
als wir erfuhren, daß die Angelegenheit unsres Capitäns wegen baldiger
Aufhebung der Quarantäne so günstig und glücklich beendigt sey, daß wir
schon heute, und nun nicht mehr bloß wir, sondern mit uns zugleich alle
unsre türkischen Reisegefährten derselben entlassen werden sollten.
Wir waren, in Begleitung der Herrn Consuln, zu der Gasse hingegangen,
die an den alten Hafen gränzt, da brachte ein Janitschar des Aga,
begleitet von einem Oberaufseher der Quarantäne, den Befreiungs-
und Erlösungsbrief aus dem Gewahrsam der Sanitätswache. Uns war
diese Gefangenschaft freilich durch die Güte der Herrn Consuln sehr
erleichtert worden, dennoch gewährte es uns eine Art von Festfreude,
als uns jetzt die Freunde, die sich bisher so fern von uns gehalten,
unsre Berührung so sorgfältig vermieden hatten, die Hand reichten, uns
umarmten und zur Beendigung der Quarantäne Glück wünschten. Alsbald
ward das Zeichen hinüber nach dem Schiffe gegeben; die Quarantäneflagge
ward abgenommen; das große Boot füllte sich mit Türken und von der
Stadt aus stießen mehrere türkische Boote ab, um die Ueberfahrt der
Landsleute zu beschleunigen. Ehe eine halbe Stunde vergieng, waren alle
Kaffeehäuser und Hallen am Hafen mit unsern Tabak rauchenden und Kaffee
schlürfenden Hadschi's erfüllt, welche die Ruhe auf dem Schiffe nun mit
der Ruhe am Festlande vertauschten, denn sie saßen hier den größten
Theil des Tages eben so unbeweglich still auf ihren unterschlagenen
Beinen, als sie dieß am Bord gethan hatten.
Wir Andern, fern im Lande des Abends geboren, des Abends, dessen
wachsende Schatten ohne Aufhören an das Nahen der Nacht erinnern
und zur Beschleunigung der Schritte treiben, mochten nichts vom
Stillsitzen wissen, sondern beschloßen sogleich von der empfangenen
Freiheit Gebrauch zu machen und nun erst recht ungehemmt das schöne
Rhodus zu beschauen. Hatten doch ohnehin unsre beiden Begleiterinnen
noch nicht einmal die Ritterstraße und die andren Denkwürdigkeiten der
Stadt gesehen, welche wir gleich am ersten Nachmittag betrachteten.
Wir giengen heute nicht mehr durch die Nebenpforte der St. Elmoburg,
sondern, denn nun war das Alles erlaubt, durch das volkreiche Hauptthor
am Hafen. Wahrscheinlich hier sahe noch ~Thevenot~ im Jahr 1653
den riesenhaften Kopf jenes sogenannten Drachen aufgehängt, welchen
der schon oben genannte provenzalische Ritter ~Deodat de Gozon~
mit tapfrer Hand erlegte. Er beschreibt jenen Kopf, als von platter
Form, größer und dicker als den eines Pferdes, der Rachen war bis an
die Gegend der Ohren geöffnet, mit furchtbar starken Zähnen bewaffnet;
die Augen größer als die eines Rosses, die Nasenlöcher rund; die Haut
von graulich weißer Farbe[154]. Dieses alte, augenfällige Denkzeichen
an die That des Ritters ist nun freilich schon längst, bis auf jede
Spur von dem Thore verschwunden, doch lebt die Erinnerung an »den Kampf
mit dem Drachen« auf schönere Weise im wohlbekannten Liede fort, als
in einer abgebleichten, thierischen Haut, und nun ist es ein andres,
schöneres Thor als das des zinnenreichen Rhodos, es ist Walhallas Thor,
an welchem der deutsche Jüngling, in Schillers Ballade das Bild der
herrlichen Heldenthat erblickt.
Wir zogen jetzt wieder hinauf durch die stille, menschenleere Straße
der Ritter, und betrachteten die vielen, in Stein gehauenen Wappen.
Wenn auch dort, die verödeten Hallen des Pallastes und des Rittersaales
auf schmerzliche Weise von Krieg und Zwietracht der Völker zeugen,
so redet dagegen diese Straße in der stummen Zeichensprache ihrer
Wappen, in denen die Edlen aller christlichen Reiche und Länder Europas
zusammengestellt erscheinen, von einer Eintracht und einem Frieden,
welchen der Glaube und die Kraft des Geistes geben, und welche einmal
künftig, wenn der Keim der im Senfkörnlein lag, nach seinem ganzen Maaß
sich entfaltet hat, nicht über eine, sondern über viele Inseln und
Länder und Meere ihren Schatten breiten werden.
Bei der vormaligen Allerheiligen Kirche und jetzigen Moschee schrie
mich ein kleines, muthiges Türkenknäblein zornig blickend und
schimpfend an, zog zugleich seinen hölzernen Säbel drohend, als wollte
es auf mich einhauen; ich streichelte ihm lächlend seine rothen Backen
und es steckte, wie erschrocken, die kleine, harmlose Waffe in ihre
Scheide. Desto unversöhnlicher schien der Grimm zu seyn, mit welchem
uns ein Imam, aus der verschlossenen Thüre hervortretend, anblickte,
als einer unsrer Begleiter, ohne seinen Willen, an den metallenen
Zierrathen des Thürschlosses ein etwas lautes Geräusch verursacht
hatte. Zwar, als er die begleitenden Consuln und Janitscharen sahe,
sprach er seinen fanatischen Unmuth nur in halblauten Scheltworten aus,
seine Augen und Mienen ließen aber gar wohl errathen, wie gern er zum
Worte die Thaten des Zornes gesellt hätte. Friedlicher dagegen gieng
heute der Handel und Verkehr im großen Bazar von statten. Wir durften
nun selber an die Buden und ins Innre der Kaufmannsläden hineintreten;
die Waaren mit der Hand berühren und auswählen. Als Unterhändler und
Dolmetscher drang sich uns hierbei ein in rothen Kaftan gekleideter
Jude auf, der auch für Herrn Giulianich die auswärtigen Geschäfte des
Hauses besorgt und dieser Freund Rothmantel begleitete uns von heute
an, wo wir der Quarantäne entlassen bald da bald dorthin zogen, auf
jedem unsrer Schritte, mischte sich in alle unsre Händel und Geschäfte.
Doctor Roth fand in einem der Kaufmannsläden zu seiner großen Freude
mehrere Waaren aus seiner Geburtsstadt Nürnberg, mit den Namenszeichen
der Verfertiger und Fabriken versehen: der Merkwürdigkeit wegen
wurden einige dieser weit gewanderten Sachen gekauft. Auch etliche
unsrer türkischen Hadschi's hatte die Eßlust von ihren Ruhesitzen in
den Hallen und Kaffeehäusern am Hafen hinweg, hieher nach dem Bazar
gezogen, wo sie reichlich mit frischem Brod und Zwiebeln sich versahen.
Erst heute lernten wir die noch immer ansehnliche Stadt recht
kennen. In einer der Hauptstraßen sahen wir außer dem vormaligen,
erzbischöflichen Pallast noch viele, nun in Schmuz und Verödung
liegende, ansehnliche Gebäude; hie und da ein alterthümlich
prachtvolles Gesimse, von Tauben bewohnt; Marmortafeln, mit Spuren
der ehemaligen, halberhabenen Zierrathen, zur Thürschwelle gebraucht.
Dennoch aber, ohngeachtet dieser kleinen, einzelnen Züge der allmälig
vorschreitenden Auflösung, erscheint das ritterliche Rhodus wie ein auf
der Todtenbahre liegender Held, der in der Blüthe seiner Jahre, ohne
vorangegangene Krankheit plötzlich den Tod des Schlachtfeldes starb und
dessen Leichnam noch unentstellt den Ausdruck der männlichen Stärke
und Schönheit sich erhielt. Einen besonders imposanten Eindruck aufs
Auge macht der Anblick der hohen Mauern und Gräben der Stadt von der
Westseite derselben, und zugleich ist auch hier die Aussicht nach den
benachbarten Anhöhen von St. Stephan und hinabwärts nach der Küste
ungemein reich und ergötzlich. Dort, in einer der Felsenhöhlen soll der
»Drache« seinen Aufenthalt gehabt haben; an dem Thore der Landseite,
zu welchem wir da herauskamen, war auch, nach Thevenots Bericht,
zuerst der Kopf des Ungeheuers aufgehängt gewesen, ehe die Türken ihn
zu dem Thor am Hafen hinbrachten. Aber durch eben dieses Thor, das
den Sieg der ritterlichen Tapferkeit bezeugte, drang dann später ein
furchtbareres Ungeheuer hinein in die Stadt, als jenes gewesen, das der
edle Provenzale erschlug; hier zog zuerst das wüthende Heer der Türken
ein, und verwandelte den Wohnsitz der Ritter selber in eine Höhle des
Lindwurms.
Ganz besonders schön und reich bewachsen zeigt sich die Umgegend
der Stadt nach der nördlichen Seite hin. Hier erhebt sich der Hügel
»~Sünbülli~« das heißt der hyazinthenreiche, beschattet von hohen
Zypressen, deren röthliches, duftendes Holz mit unter dem Namen des
Rhodusholzes begriffen und geachtet ist. Vormals stund da im Schirm
der hohen Bäume eine Kirche der Christen »Liebeinsam« genannt, in
welcher ein Gnadenbild verehrt ward. In den letzt verflossenen
Zeiten bewohnte hier der englische Seeheld ~Sir Sidney Smith~ ein
Landhaus, welches, wenn auch nicht durch die Pracht seiner Bauart
oder Bequemlichkeit der Einrichtung, doch durch den Liebreiz seiner
Umgebung mit den hochgepriesensten Landhäusern der Erde wetteifern
konnte. -- Der jüngere Herr Giulianich erzählte uns von einer Pflanze,
welche hier und an vielen andern Stellen der Insel wachsen soll und
welcher die Eingebornen ganz besondre Heilkräfte gegen die Folgen des
Schlangenbisses zuschreiben. Jetzt im November konnte unser Freund
weder das längst verblühte Gewächs auffinden, noch bekamen wir eine
jener Schlangen zu sehen, die sich im Sommer noch immer in Menge
auf dieser Insel zeigen sollen, welche eben deshalb schon bei den
Alten den Beinamen der schlangenreichen (Ophiussa) erhielt, ja deren
Namen Rhodus eben so im Phönizischen die Bedeutung der Schlange,
denn im Griechischen der Rose hat. Uebrigens fanden wir an diesem
Tage als einen freilich nur sehr kleinen Bruchtheil der in andren
Jahreszeiten so überreichen Flora von Rhodus noch oder von neuem
blühend den ächten Jasmin (+Jasminum officinale+), das jonische
Cyclamen (+Cyclamen Coum+); in einem Garten das wohlriechende Veilchen
(auf türkisch Menekschieh), die buchtig blättrige Statice (+Statice
sinuata+), die italienische Anchuse (+Anchusa italica+). Mit der
römischen Hyazinthe (+Hyacinthus romanus+) zugleich blühete die
lieblich duftende Tazette (+Narcissus Tacetta+); mit einem unserem
vaterländischen wurzelknolligen (+Ranunculus bulbosus+) wenigstens
sehr nahe verwandten auch der röthlich blüthige carische Ranunkel
(+Ranunculus asiaticus+) und die balearische Waldrebe (+Clematis
balearica+). Von den zahlreichen aromatischen Gewächsen der 14ten
Linnéischen Klasse, deren Blätter und Stengel an vielen Stellen
gesehen wurden, fanden wir nur noch blühend die kopfständige Saturei
(+Satureja capitata+, auf türkisch Jaban Zibarik) und in Gärten das
Basilienkraut so wie den Majoran (+Ocymum basilicum+ und +Origanum
officinale+); aus einer andern Familie jener Klasse das Löwenmaul
(+Antirrhinum cymbalaria+). Von mehreren hiesigen Levcojen-Arten
blühete noch der +Cheiranthus tricuspidatus+, von Bohnenarten der
+Phaseolus Caracalla+, von zusammengesetzt blüthigen die +Centaurea
moschata+, die +Artemisia crithmifolia+ und das +Gnaphalium stoechas+.
Von der kleinen Thierwelt, die sonst an diesen Gewächsen oder in ihrem
Schatten lebt, fanden wir außer mehreren noch unbestimmten Arten der
Schnecken den zierlichen braunstreifigen +Bulimus fasciatus+ so wie den
+Bulimus decollatus+, +Helix pellita+ und +carascalensis+; von Käfern
fast nur den +Ateuchus variolosus+. Wenn aber auch in diesem Gebiet
für den Naturfreund und Sammler nur wenig zu forschen und zu gewinnen
war, so gab für ihn gerade diese Jahreszeit der Insel ein besondres
Interesse jene Menge der wandernden Vögel, die nun alltäglich aus
Norden ankam. Freilich findet unter diesen gerade der Nordländer wenig
oder keine neue Bekannten; die Schnepfen, welche in den letzten Tagen
des Novembers und Anfang Decembers Rhodus so häufig besuchen, daß dann
jeder Hauswirth seinen Tisch oft und reichlich damit versorgen kann,
haben mehr für den Jagdliebhaber als für den Naturforscher Interesse;
dennoch freut sich dieser der Gelegenheit, die Zeiten und die Richtung
jener Wanderungen zu beachten, deren Geschichte zu den höheren,
bedeutungsvolleren Geheimlehren der Natur gehören. Ueberdieß bleibt
dem Vorüberwandernden auch in solcher Zeit des Jahres der Reichthum
der Meeresküste: jene Mannichfaltigkeit der Geschiebe der Felsarten,
die selbst für das unkundige Auge der Türken durch ihre Buntfarbigkeit
etwas so Anziehendes hat, daß man die Steine von Rhodus bis nach Smyrna
und Constantinopel führt um sie in Häusern, Höfen und Gärten der Harems
zur Fertigung eines farbigen Mosaikgrundes zu benutzen. Die rothe
Farbe der Steine kommt von Jaspis wie von Feldspath; neben der rothen
erscheint die grüne Farbe des Serpentins und der grünsteinartigen
Geschiebe, in jenen nicht selten der bronzefarbige Schillerstein,
anderwärts zeigt sich das silberfarbige Weiß des Glimmers, das
Rabenschwarz der Hornblende. Im Ganzen wird, auf eine beachtenswerthe
Weise zwischen den Geschieben, die wir hier an der Küste von Rhodos
und jenen, die wir etwas später an einigen Stellen des ägyptischen
Ufers, noch mehr aber an der Küste von Cypern fanden, eine sehr große
Aehnlichkeit und innre Uebereinstimmung bemerkt.
Wir brachten einen sehr vergnügten Mittag im Hause und an dem
gastlichen Familientische des Herrn Giulianich zu. Hier waren wir
ja ganz unter Landsleuten, denn Herr Giulianich selber stammt aus
Triest, seine Gemahlin aus Gräz in Steiermark; unter den Kindern
spricht vornämlich der Sohn sehr fertig deutsch. Heute so wie schon
am gestrigen Tage ward in Ueberlegung gezogen, ob wir auch für die
weitere Reise nach Alexandria in unsrem voll Türken gepfropften Schiffe
bleiben, oder mit einem andren fahren sollten, dessen Hauptladung
Holz war, mit welchem aber zugleich auch ein hiesiger Arzt und seine
Familie die Reise machen wollte. Die Wagschale der Ueberlegung neigte
sich dennoch zu Gunsten unsres Türkenschiffes, denn dieses war uns mit
all seinen Vorzügen und Mängeln bekannt und war überdieß sogleich,
sobald der Wind sich günstig machte, zur Abfahrt bereit; das andre
hätte uns durch sein längeres Verzögern gar leicht der Gefahr jener
größeren Stürme und widrigen Winde aussetzen können, welche im Winter
nicht selten die Schiffe Wochen, ja Monate lang in Rhodos und seiner
Umgegend zurückhalten. Am Nachmittag besahen wir noch die Kirche der
Franziskaner, in welcher ein Madonnenbild auf Marmor gemalt gezeigt
wird, das ein Werk des letzten Großmeisters der Rhodiser Ritter: des
Villiers de l'Isle Adam ist, welcher, wie der Augenschein lehrt, es
nicht verschmähte, auch mit dem Pinsel den kindlich frommen Sinn zu
bezeugen, der sich in derselben Hand so oft durch das Schwert als ein
männlich starker kund gab.
Wir kehrten fröhlich nach dem Hafen und nach unsrem Schiffe zurück.
Die Gebirge der gegenübergelegenen Küste hatten sich mit dichten
Wolken umhüllt, der Horizont in Westen war getrübt, in den Wipfeln der
Zypressen und Platanen rauschte ein starker Wind; das Innre aber der
Pilgrime und Fremdlinge, da sie jetzt wieder hinabstiegen zur kleinen
bretternen Kammer, war durch nichts getrübt und durch keine Stürme
bewegt. Einige Stunden lang mochte der ruhige Schlaf in dem freilich
schon heftig schwankenden Schiffe gedauert haben, da weckte uns das
laute Heulen des Sturmes, das Rauschen und Anschlagen der Wellen an
das Fahrzeug, das Tosen der Brandung am Felsen. Der äußere Hafen von
Rhodus gewährt freilich den hier vor Anker liegenden Schiffen Rettung
und Sicherheit vor dem Untergang, das heftige Schwanken derselben aber
durch die Gewalt der Stürme kann er mit seiner meist niederen Umgebung
nicht verhindern. Wir stunden schon beim Grauen des Morgens auf dem
Verdeck, um bald möglichst ans Land zu gehen. Das große Boot ward
zur Ueberfahrt bereitet, aber die Wellen warfen es bald hoch hinauf
in die Nähe des Schiffsbordes, bald glitt es wieder hinab in die neu
sich öffnende Tiefe, näherte sich jetzt dem Schiffe so weit, daß nur
mit Mühe das Zusammenstoßen vermieden werden konnte und fuhr dann
weit von ihm hinweg. So schwer war den beiden Reisegefährtinnen das
Aussteigen aus unsrem Haus der Gewässer noch nie geworden und dennoch
begehrten sie so sehnlich aus dem unter ihren Füßen schwankenden in ein
still und fest stehendes Haus zu kommen. Als ein besonders günstiger
Umstand erschien es uns, daß der Sturm nicht gestern, sondern erst
heute kam, denn gestern, wo wir der Sanitätsobhut noch nicht entlassen
waren, hätten wir, wenn dies anders bei solchem Sturme möglich, den
weiten Umweg um den St. Niklasthurm hinum nach dem Quarantänebezirk
nehmen müssen; heute durften wir gerade über den Hafen hinüber nach
dem nahen Damm unmittelbar beim Stadtthor fahren. So nahe aber auch
dieser Weg der Ueberfahrt war, reichte er dennoch hin, um uns sattsam
in das Spritzbad des Meeresschaumes einzutauchen, denn die Wogen
zerstäubten sich dort am Felsen weit hin vom Boote und der Sturm warf
den flüssigen Staub wie Regengüsse über uns her; wir kamen gründlich
durchnäßt am Lande an. Das angenehme Gefühl jedoch, dem wir uns hier,
auf sicherem Boden stehend überließen, während wir unser gutes Schiff
drüben im Wasser so taumeln und schwanken sahen, das läßt sich für
Einen, der es noch nicht selbst erfahren, kaum beschreiben. Dazu kam
noch, am einsamen Felsenufer bei und jenseits der St. Elmoburg der
wahrhaft erhebende Hinausblick auf das vom Sturm bewegte Meer; ein
Schauspiel der Elemente, das ich bis dahin in solcher Großartigkeit
noch nie gesehen hatte. Der Himmel war fast ganz mit schweren dichten
Wetterwolken bedeckt, nur aus Osten fuhr, wie ein drohend gezucktes
Schwert ein Streifen des dunkelroth glühenden Morgenrothes empor,
der bald wieder verschwand; ein oder etliche Male blickte die
Sonne, blickte Apollo der Hirt, mit gelblich falbem Scheine auf die
Wogen herunter, welche wie eine Heerde, die von Furcht und Entsetzen
ergriffen nicht mehr auf die Stimme des Hirtens achtet, in wilder Eile
dahin fuhren; die Blätter der hohen Platanen wurden vom Sturme weithin
über Land und Meer gestreut. Die Stimme der Schrecken, welche die Natur
in solchen Augenblicken vernehmen lässet, tönet zwar lauter als die
ihrer Lieblichkeiten, es wird aber in jenen wie in diesen dasselbe
harmonisch lautende Lied der Schöpfung vernommen.
Die Gewitterwolken zogen sich immer dichter und drohender zusammen,
wir wußten aus mehrmaliger Erfahrung, mit welcher überströmenden Kraft
sie in dieser Gegend und in dieser Jahreszeit sich entladen, daher
eilten wir an der Grabstätte des türkischen Marabus vorüber nach unsrer
+Locanda della Luna+, wo uns bald das kleine, abgesondert stehende
Häuslein, das sich über die Mauer des Hofes erhebt und welches mich
oft durch seine Bauart an die Nachthütte im Kürbisgarten erinnerte,
unter sein Dach aufnahm. Fenster gab es da nicht, sondern bloß hölzerne
Läden, welche heute, beim herannahenden Gewitter verschlossen bleiben
mußten, das nöthige Licht fiel durch die geöffnete Thüre herein
und beleuchtete da die einfache Geräthschaft des Häusleins: einen
alten, hölzernen Tisch, zwei hölzerne Bänke und einen Stuhl. Wir
hatten hinlängliches Licht, um uns einmal am lieben, festen Lande auf
Pilgrimsweise durch Wort und Schrift zu erquicken, unter andern lasen
wir heute ein tröstliches Wort von Einem, der uns leitet nach Seinem
Rath, und hatten auch ein Gefühl von jener Freude, deren Die genießen,
welche zu Ihm sich halten (Ps. 72. V. 24, 28.). Und dieses Gefühl,
mit seiner stärkenden Kraft, kam uns heute gerade zur rechten Zeit,
denn bald nach unsrem Einzug unter das stille Dach der »Nachthütte«
brach nicht nur das Ungewitter mit furchtbaren Donnerschlägen und
Blitzen und mit Hagelschauer aus, sondern, da das Gewitter ein wenig
stiller geworden, kam der Sohn unsres wohlwollenden Herrn Consuls
Giulianich, der uns die Nachricht brachte, daß im Quarantänehaus zu
Alexandria die Pest ausgebrochen sey. So hatten sich zwei Sorgen
statt einer, und beide waren, wie sich nachher zeigte, vergebliche,
in unsre Gesellschaft eingedrängt: die eine, ob uns nicht vielleicht
die jetzt mit Macht einbrechenden Winterstürme Wochen, ja Monate lang
auf Rhodus zurückhalten und hierdurch unsern Reiseplan sehr verändern
und verkürzen würden, die andre, daß wir abermals, auch wenn wir
nach Alexandria gelangten, als Hausgenossen einziehen müßten bei der
»Pestilenz die im Finstern schleichet, bei der Seuche die im Mittage
verderbet.« Das dumpfe Toben des Meeres, welches das Liedlein der
ersteren Sorge sang, hörte man, bis herein in unsre kleine Hütte,
dazwischen aber vernahm die Seele auch ein andres Lied in höherem Tone,
dessen Anfang lautete: »gieb dich zufrieden und sey stille.«
Gegen Mittag hatte der Regen aufgehört, die lauten Donner schwiegen,
nur die furchtsamen Lämmer und wilden Stiere des Meeres, die
Wasserwogen, konnten noch nicht von dem Entsetzen sich los machen,
das sie ergriffen, obgleich, wenn sie vor Furcht auch noch so hoch
sprangen, nur hier eine Tiefe und dort eine andre Tiefe sich aufthat.
Hassan, unser türkischer Freund aus Smyrna besuchte uns, und auch
heute, wo wir mit ihm allein waren, vernahmen wir Aeußerungen von ihm,
welche uns schließen ließen, daß in dem geistigen Reiche der Osmanen
zwar noch die Wogen, jetzt einmal in Bewegung gesetzt, laut, gegen den
Felsen brausen, der fest stehet, daß aber die Wetterwolken, aus denen
der aufregende und bewegende Sturm kam, bereits anfiengen sich zu
zertheilen und zu verziehen. Hassan äußerte auf seine Weise mehrmalen
gegen uns, als Hoffnung seines Herzens, daß vielleicht schon in wenig
Jahrzehenden die Moslimen in Sinn und Sitte den Franken (Christen)
gar ähnlich und sehr nahe befreundet seyn würden; der Großherr selber
mache zu der Annäherung einen guten Anfang. Namentlich schien ihm auch
der Anblick unsrer christlichen Familienverhältnisse und das Benehmen
unsrer Reisegefährtinnen das Vorurteil der Türken (wenn es anders
wirklich noch in ihm war) benommen zu haben, daß in den Frauen keine
solche, zum Wirken kräftige, verständige Seele sey, wie in den Männern.
Hassan war heute unser Gast und nach einiger Zeit fand sich auch unser
guter Capitän Angeli bei uns ein, den der sorgsame, wohlwollende Herr
Giulianich hieher beschieden hatte, um ihn, in unsrer Gegenwart, das
Versprechen abzunehmen, daß wir im Hafen zu Alexandria auf seinem
Schiffe, nicht in dem jetzt verpesteten Siechhause die Quarantäne
halten dürften.
Rhodus war, nach der Sage des Alterthums, dem Sonnengott als einer
seiner Lieblingssitze geheiligt, denn dort auf dem hohen Atabyriosberge
sahe Phoebus die lieblich blühende »Rhodos,« die Tochter der Aphrodite
und wählte sich die Jungfrau zur Braut und Gemalin[155]. Darum vergehet
schon nach dem Ausspruch der Alten kaum ein Tag, an welchem nicht,
wenn auch Wolken ihn verhüllten, die Sonne, aus dem Gewölk hervor,
ihr Lieblingseiland wenigstens auf eine Stunde beleuchtete[156], der
Himmel ist über diesem Gefilde der Rosen (und Schlangen) von einer
so vorherrschenden Neigung zur Heiterkeit und zum Lachen, wie die
Laune des ~Aristophanes~, welcher dieser Insel entstammt war.
Auch die jetzigen Bewohner sagen, daß ein Tag, an welchem die Sonne
nicht wenigstens eine oder etliche Stunden schiene, zu den großen
Seltenheiten auf ihrer Insel gehöre. Eine dieser Seltenheiten glaubten
wir heute erlebt zu haben, denn ein so geschwärzter Himmel, wie der
des heutigen Vormittags war, schien so bald keine Aufheiterung zu
versprechen. Und dennoch war der ganze Nachmittag so schön und heiter,
die Sonne schien wieder so lieblich warm, wie in unsrem Vaterlande
etwa an einem der letzten Tage des Aprils. Diese günstige Stimmung des
Himmels zog uns bald wieder hinaus auf die Höhe des Hügels und ans
Meer. Hatten doch selbst unsre Hadschi's den Ruhesitz der Kaffeehäuser
verlassen und waren in Schaaren her zu der Grabstätte und Moschee
ihres Heiligen gezogen, dem dieses Volk auch nach seinem Tode, wie
vormals das heidnische Alterthum den auf Rhodos wohnenden Telchinen,
eine magische Gewalt und Macht über Wind und Wetter zuschreibt,
deren Verwendung zu Gunsten unsrer Schifffahrt, diese türkischen
Reisegefährten durch Gebet und reichliche Gaben zu gewinnen suchten.
Obgleich der eigentliche Sturm sich ganz gelegt hatte, war dennoch
das Meer, selbst innerhalb des Hafens noch so unruhig, unser Schiff
schwankte so gewaltig, daß wir uns entschlossen, heute dem Beispiel
jener türkischen Hadschi's zu folgen und am Lande zu übernachten.
Unsre jungen Reisegefährten fanden gastliche Aufnahme im Kloster
der Franziskaner, wir, sammt unsrer Gefährtin, bei einem Freunde
des Herrn Giulianich, und die Ruhe in einem unbewegt feststehenden,
bequem eingerichteten Bette erschien uns so neu und unvergleichlich
wohlthuend, daß wir ruhig schliefen bis an den hellen Morgen.
Als wir am Donnerstag, den 24ten November, die Läden öffneten und
bald nachher auch hinaustraten ins Freie, da zeigten sich uns die
Hochgebirge der benachbarten kleinasiatischen Küste am Cap Balbi
(Phönix) und an der Bucht von Marmaris (Loryma) mit dem Leichentuche
des frisch gefallenen Schnees bedeckt. Das aber, was uns auf den
Höhen als Trauergewand erschien, das war und ward für uns ein Anlaß
und Anzeichen der Freude, denn siehe, eine der gestrigen Sorgen war
über Nacht gehoben und vergangen, der Wind war uns endlich wieder
einmal günstig geworden und ließ, durch sein kräftiges Wehen, einige
Ausdauer erwarten. So bestättigt es, auch bei solchen minder bedeutend
scheinenden Ereignissen, selbst die unmündige Natur, daß in ihr, wie
in der Geschichte unsres Geschlechts, eine Mutterliebe walte, welche
gern sich zu dem Schweigen und Erstarren des Todes herablässet, damit
in ihren Kindern die Stimme und Lust des Lobes wie des Dankens erwachen
könne.
Unsre hiesigen landes- und meereskundigen Freunde, vor allen Herr
Giulianich, der in seinen jüngeren Jahren selbst Seekapitän war, hatten
uns gesagt, daß jener günstige Wind, den wir schon seit mehreren
Tagen erwarteten und der nun endlich heute gekommen war, in dieser
Jahreszeit und auf diesem Meere selten länger als drei Tage anhalte.
Wenn man ihn jedoch gleich bei seinem Anheben benutze, dann sey diese
Zeit gerade ausreichend, um mit ihm von Rhodus nach Alexandria zu
seglen; wo nicht, so dürfe man oft lange warten, bis ein eben so
kräftiger, günstiger Wind käme. Wir hatten dieses wohl zu Herzen
gefaßt, und da uns keine Zeit zu verlieren war, suchten wir gleich
am Morgen unsern Schiffskapitän auf, um ihn zur baldigen Abreise zu
bestimmen. Wir fanden ihn, den wohlerfahrnen Mann, schon von selber
unserm Wunsche entgegenkommend, denn er war eben im Begriff gewesen,
uns bis gegen Mittag aufs Schiff zu bescheiden. Aber unsrer und des
Capitäns Entschluß fand diesmal nicht den Beifall der Hadschi's.
Diese, an deren Spitze der Unterkapitän stund, hätten gerne noch ihren
morgenden Wochenfesttag (Freitag) auf dem Lande zugebracht und der
Unterkapitän suchte auch mich mit in das Einverständniß zu ziehen. Wir
aber blieben mit dem Capitän für die Beschleunigung der Abreise, und
die Anwesenheit unsrer fränkischen Freunde legte ein solches Gewicht in
die Wagschaale, daß der Unterkapitän keinen weitern Widerspruch wagte
und auch die Hadschi's sich ruhig in den baldigen Abschied von den
glückseligen Hallen der Kaffeehäuser fügten. Noch einmal kehrten wir
dann zu unsrer Vorstadt zurück, genossen zum letzten Male die Aussicht
bei den Zypressen des Hügels von »Liebeinsam« und da uns von da ein
schnell vorüberziehender Regenguß verscheucht hatte, erquickten wir
uns noch einmal an den Gütern unsrer Locanda. Der Abschied von unseren
hiesigen wohlwollenden Freunden war ein dankbarer und herzlicher;
mehrere von ihnen begleiteten uns zum Hafen, der Freund Rothmantel
sogar aufs Schiff. Bald nach Mittag ward der Anker gelichtet und gegen
2 Uhr, war, mit einiger Anstrengung, weil gerade der heutige, unsrer
Weiterfahrt im Ganzen so günstige Wind das Auslaufen hinderte, der
Ausgang aus dem Hafen gewonnen.
Die Seereise von Rhodus nach Alexandria.
Das Geschrei unsrer Matrosen, ihr lautes »Kyrie eleison,« womit
sie jede anstrengende Bewegung beim Aufwinden der Anker, beim Auf-
und Niederziehen der Segel, beim Fortbugsiren des Schiffes aus dem
Hafen hinaus zu begleiten pflegten, war verstummt, man hörte nur
noch das Rauschen der Wogen, durch welche unser Schiff mit kräftig
aufgeblähten Segeln hindurchschritt. Der Wind war Maëstral Tramontana
(Nord-Nordwest) und wehte so frisch, daß man den Mantel vertragen
konnte; der Himmel war klar und rein, nur am Gipfel des hohen
Atabyrisberges, im Süden der Insel, hiengen einzelne Wolken. Doch
dieser war ja schon den Alten, wie sein Name sagt, als ein Verhüllter
bekannt; auf seinen Höhen stund ein Tempel des umhüllten Zeus des
Gottes der über den Wolken thronet, auf uns aber schien die Sonne
ungetrübt hernieder und das Gewölk der Sorgen hatte sich zerstreut,
obgleich unsre Freunde in Rhodus uns darauf gefaßt gemacht hatten,
daß, bei leicht möglicher Veränderung des Windes wir vielleicht nach
Castelrosso und von da zurück nach Rhodus verschlagen werden könnten.
Wir steuerten mehrere Stunden lang nahe an der Insel hin, deren Berge
und Thäler wie Blätter der Rose, die das Sinnbild des lieblichen
Eilandes war, vor unserm Auge sich ausbreiteten. In besondrer
Schönheit zeigte sich uns die bergumsäumte Bucht und Felsenstätte des
alten Lindos, der Geburtsstadt des Chares und manches andern großen
Meisters in Erz und Stein. Das Werk des Erzes und Steines schien zwar
dauernd und fest genug, wo wäre es aber, verwandelt vielleicht in die
häßliche Schlauchform der Kanonen, oder in die Kochgeschirre der Türken
und Beduinen, geblieben, hätte nicht das Wort, das beschreibende,
welches unvergänglicher ist denn alles Erz und Felsengestein der Erde,
seinen Nachhall erhalten. Denn von allem sichtbaren Werk und Wesen
bleibet zuletzt doch nur das, und geht in die Ewigkeit hinüber, was mit
den ewigen Kräften ~des Wortes~ sich überkleidet.
Der Atabyris warf seinen Schatten weithin über die schöne Landschaft,
wir waren bei dem südlichen Ende der großen Insel; nur noch ein
kleines, niedriges Eiland, mit Bäumen bewachsen, zeigte sich neben uns,
im Westen; die Sonne gieng uns schon im weiten, freien Meere unter.
Das Auge, noch einmal auf die dunkelnden Höhen von Rhodus gerichtet,
nahm Abschied vom Lande und vom Anblick der Berge, der uns, auf unsrer
bisherigen Fahrt von Constantinopel nach Smyrna und von da durch das
inselnreiche, aegeische Meer noch keinen Tag ganz verlassen hatte; denn
auf der großen, breiten Fläche des Gewässers, die sich zwischen Rhodus
und Alexandria ausdehnt, ist nun kein weiterer Punkt des Anhaltens und
der Bergung vor Stürmen; kein Eiland, das dem Schiffer auch nur einen
Trunk des frischen Wassers darbieten könnte.
Der Mond, welcher fast voll war, beleuchtete jetzt die schaumbedeckten
Wogen, deren Andrang hier, auf dem freieren Meere, mächtiger erschien,
als in der Nachbarschaft der Insel; der Wind hatte sich etwas mehr
nach Westen gewendet und legte das Schiff, das ihn noch immer mit
vollen Segeln erfaßte, so stark auf die Seite, daß Mehreren von uns
das Feststehen auf dem Verdeck unbequem ward; wir giengen freiwillig
wieder hinab in das kleine Gefängniß der Kajüte und streckten uns,
um den Anfall der Seekrankheit zu verhüten, aufs Lager der Pritsche.
In der Nacht hatte sich der Wind fast wieder zur Sturmesgewalt
verstärkt, der Himmel mit Wolken bedeckt, die sich von Zeit zu Zeit in
Regenströmen ergossen. Die armen Hadschi's oben auf dem ungeschützten
Verdeck, so wie unten im engen Schiffsraume hatten heute (am Freitag)
ein trübseliges Wochenfest; sie alle waren seekrank und auch mir
schwindelte, so oft ich mich vom Lager erheben wollte, der Kopf so
sehr, daß ich gar bald mich wieder niederlegen mußte. Auch am Sonnabend
hielt das stürmische Wetter an; die Wellen giengen so hoch, daß sie
öfters über das Verdeck schlugen und ihr Gewässer über die Treppe
hinab in die Kajüte ergoßen, der obere Eingang zu dieser wurde deshalb
mit Decken verschloßen und auch das Deckenfenster der Kajüte, um das
Eindringen des Regens zu verhüten, öfters mit Brettern und härenen
Teppichen verhüllt. Hiedurch ward die Luft in dem engen, dunklen
Kämmerlein so drückend und dumpf, dabei durch die Nachbarschaft der
seekranken Hadschi's im Schiffsraume so verpestet, daß der Eckel und
Schwindel im Haupte fast keinen Gedanken, im Herzen keine Freudigkeit
aufkommen ließen. Meine lieben Reisegefährten waren indeß weniger von
der Seekrankheit erfaßt worden denn ich, auch die Hausfrau stieg von
Zeit zu Zeit hinan aufs Verdeck, von wo sie, freilich immer sehr bald,
mit Mienen der Furcht und des Schreckens zurückkehrte, wenn sie hier
und wenn sie dort in die geöffneten Tiefen des Wassers hineinblickte,
oder wenn eine große Woge über den Saum des Schiffes hereinsprang.
Seitdem der Oberkapitän gegen den Wunsch des türkischen Unterkapitäns
und seiner Glaubensgenossen die Abfahrt von Rhodus beschleunigt hatte,
war ein Zwiespalt zwischen beiden entstanden, der sich auch darin
äußerte, daß der Unterkapitän die seit Rhodus eingeschlagene Richtung
der Fahrt beständig tadelte, und behauptete, auf diese Weise würden
wir nicht nach Alexandria, sondern nach einem westlicheren Punkt der
Küste kommen, der, wenn wir bei Nacht anführen, wegen der Sandbänke
gefährlich werden könne. Der Oberkapitän, seiner Sache gewiß, hatte auf
das Geschwätz wenig geachtet, und sein Triumph ward vollkommen, da am
27ten November des Morgens um 9 Uhr auf einmal einer unsrer Matrosen
vom Mastkorbe aus das Land, und zwar das der Umgegend von Alexandria
erkannte und dieses mit lautem Freudengeschrei verkündete. Die Hoffnung
gab jetzt den Gliedern neue Kraft, Alle drängten sich aufs Verdeck und
sahen unverwandten Blickes nach Süden hin und bald erkannten auch wir
Andern ganz niedrig am Horizont die Wipfel der Palmen und den hohen
Scheitel der sogenannten Säule des Pompejus; die Burg des Vizekönigs
und den Wald der Mastbäume der vielen, im innern Hafen liegenden
Schiffe.
Es war heute die dritte Woche seit unsrer Abfahrt aus Smyrna vergangen,
dazu war heute der erste Adventssonntag: ein Tag der Freude für
viele Volker und Länder. Die beschwerliche Seereise, mit all ihren
vergeblichen Sorgen, lag hinter uns und wir mußten jetzt mit freudigem
Dank es erkennen, wie sehr sie uns durch die öfteren Ausruhezeiten am
Lande und durch die Beschleunigung der letzten Fahrt von Rhodus bis
hieher erleichtert worden war. Der frische Wind, gleich als hätte er
nun seine Botschaft vollendet, fieng an uns zu verlassen, wir näherten
uns, mit seinem letzten Hauche, langsam dem Lande und zwischen 1 und
2 Uhr des Nachmittags liefen wir im äußern Hafen von Alexandria ein
und warfen neben vielen Schiffen, auf denen die schwarz und gelbe
Quarantäneflagge wehte, Anker.
Alexandria.
Wir waren nun, wenn auch nicht auf dem Boden, doch auf dem Gewässer
von Aegypten; nahe bei uns die Stätte der hohen Obelisken (Nadeln
der Cleopatra) und an vielen Stellen der Küste die dichtgedrängten
Waldungen der Palmen; vor uns die ansehnlichen Gebäude der
neuen Straße, bei denen, auf hohen Mastbäumen, die Zeichen der
verschiedensten Nationen des Westens wehen, deren General-Consuln
hier wohnen; weiterhin die Moscheen, so wie die Palläste und Gärten
der Großen. Ueber uns schwirrten und zwitscherten die Schwalben und
verkündeten uns, daß wir nun im Lande des beständigen Grünens und
Blühens, im Lande des anhaltenden Sommers seyen. Wir stunden an dem
Anfang jenes Weges der großen Thaten der Geschichte, welcher ein
Hauptweg auch unsrer Reise werden sollte; stunden vor dem Thore der
alten Heimathstätte einer Weisheit der Tempel, deren Licht weithin
über die Zeiten und Völker leuchtete. Ehe sich uns aber dieses Thor
selber aufthat, ehe wir unsern Fuß auf jenen Weg der bedeutungsvollen
Weiterreise setzen durften, da sollte noch mancher Tag vergehen;
denn gleich einem tiefen, von Wasser gefüllten, durch Pallisaden
verwahrten Graben, den das Auge von weitem nicht bemerkte, der aber
desto größeren Schrecken bei der Annäherung erregt, lag zwischen uns
und dem freien Austritt ans Land die langweilige Absperrung einer vier
und zwanzigtägigen Quarantäne. Diese wäre allerdings vermieden worden,
wenn wir den Weg von einem der europäischen Häfen unmittelbar hieher
genommen hätten; jetzt aber, da wir noch dazu in Gesellschaft dieser
großen, verdächtigen Schaar der Türken aus Gegenden gekommen waren, in
denen die Pest herrschte, konnten wir den Stricken der Sanitätsobhut
nicht entgehen.
Wir hatten gleich in den ersten Stunden nach unsrer Ankunft im Hafen
unsre Empfehlungsbriefe abgegeben und schon am darauf folgenden Tage
erfreuten uns die Herren, an welche jene Briefe lauteten, mit ihrem
tröstlichen, angenehmen Besuche bei dem Schiffe[157]. So machte ich
schon an diesem Tage die später für mich so wichtigen und genußreichen
Bekanntschaften der Herrn General-Consuln von Oesterreich, Rußland,
Preußen, Dänemark und Amerika; des Herrn Regierungsrath Ritters ~v.
Laurin~, des Herrn Obersten ~Duhamel~, der Herrn v. ~Dumreicher~,
~Roquerbe~ und ~Gliddon~, und später am Nachmittag die des Herrn
Bergwerksdirectors ~Russegger~, dessen bedeutungsvolle Forschungen
mit Recht in ganz Europa Teilnahme erregt haben. Am meisten und
unmittelbarsten nahm sich unsrer und aller unsrer Angelegenheiten unser
wohlwollender, gütiger Landsmann, der k. dänische Herr Generalconsul
~v. Dumreicher~ an, der aus Bayern (Kempten) gebürtig, die Liebe zu
seinem Vaterlande an uns bei jeder Gelegenheit bewieß. Durch ihn, so
wie durch seinen jungen Freund und Landsmann, Herrn ~Pfäffinger~, wurde
uns die Gefangenschaft der Quarantäne sehr erleichtert, denn außer dem
Verlangen nach Freiheit wurde uns jedes andre aufs Zuvorkommendste
erfüllt.
Die schon früher vernommene Nachricht von dem Ausbruch der Pest in
den Gebäuden des Quarantänehauses bestättigte sich hier im vollen
Maße; unser Entschluß im Schiffe zu bleiben, wurde dadurch von neuem
bestärkt. Ein Hauptanliegen mußte es jetzt für uns seyn, daß die
Hadschi's bald möglichst ausgeschifft würden. Denn erst wenn dieses
geschehen und die andre der ansteckenden Kraft verdächtige Waare, die
unser Capitän an Bord führte, ausgeladen war, konnten wir aus dem
äußern (sogenannten neuem) in den innern (alten) Hafen einlaufen und
den eigentlichen Anfang der Quarantäne machen; alle die Tage, die wir
im neuen Hafen verweilten, zählten hierbei nicht mit, sondern waren
wie verloren. Aber der Erfüllung unsres Wunsches, der auch zugleich
der Wunsch der türkischen Hadschi's war, die sich selber aus dem
engen Schiff hinaus ans Land sehnten, stund entgegen, daß alle Räume
des Quarantänehauses bereits besetzt waren. Endlich, am Dienstag,
sollte die Ausschiffung geschehen. Unsre Türken hatten den Augenblick
kaum erwarten können; schon am frühen Morgen setzten sie sich, mit
all' ihren Geräthschaften in die beiden großen, zu ihrem Transport
bestimmten Böte. Zu dieser Eile mochte wohl auch die Mishelligkeit
beigetragen haben, in welche die Hadschi's seit gestern mit dem
Capitän gerathen waren, weil sie für das Wasser, das er hier im äußern
Hafen doch selber kaufen mußte, und das sie bei ihren Waschungen so
übermäßig verschwendeten, nichts bezahlen wollten, sondern dasselbe
noch immer umsonst, wie bisher auf der Ueberfahrt verlangten. Die guten
Leute mußten indeß auch diesmal erfahren, daß zum Eilen das Schnellseyn
nicht immer helfe, denn bei dem Ausräumen des Quarantänehauses hatten
sich Schwierigkeiten ergeben; nachdem die Türken den ganzen Tag, der
Sonnenhitze ausgesetzt und eng zusammengepreßt in ihren schwankenden
Böten, gesessen waren, unvermögend ihren Pilau zu kochen, mithin auch
meist ohne zu essen, ohne Kaffee zu trinken, ja selbst ohne Tabak
zu rauchen, mußten sie am Abend wieder hinaufsteigen ins Schiff.
Dieses alles geschahe mit einer wahrhaft bewundernswürdigen Ruhe; mit
derselben Gleichmüthigkeit, mit welcher sie am Tage fast regungslos
zusammengepreßt gesessen, rauchten sie jetzt am Bord des Schiffes
ihre Pfeife und bereiteten sich den zwiebeldurchwürzten Reis oder
Kaffee. Erst am Mittwoch wurde es Ernst mit dem Ausladen der Türken,
deren etliche, an ihrer Spitze der streitsüchtige Mohr, zuletzt noch
widerwärtige Streitigkeiten mit dem Capitän wegen der Bezahlung der
Ueberfahrt hatten. Das Schiff war nun auf einmal für uns ein sehr
geräumiger, bequemer Wohnsitz geworden, denn alle Hadschi's waren
heraus; von den Türken blieben überhaupt nur noch der gute Kaufmann
Hassan und der Unterkapitän so wie der Halbtürke Inglese; der ganze
Raum des Verdeckes war jetzt, abgesehen von dem Schiffsvolk, für uns
und die Griechin mit ihren drei Kindern, einen jungen Griechen und die
beiden deutschen Handwerkspurschen, denen ich die Erlaubniß ausgewirkt
hatte, im Schiff zu bleiben. Wir hatten an diesem Tage außer dem
Gefühl der Befreiung von einer Reisegesellschaft, die uns leicht,
wenn Krankheiten unter ihr ausgebrochen wären, sehr gefährlich hätte
werden können, noch einen andern großen Genuß gehabt: ein mehrstündiges
Verweilen auf dem festen Boden des Landes, in dem freilich eng
begränzten Bezirk des Quarantäne-Mauthhofes. Als wir, reichlich
versehen mit Vorräthen der eben reifenden Datteln und mancher andern
Güter des Landes zum Schiff zurückkamen, fanden wir dieses gereinigt
und gesäubert, so gut dieß nur durch die Hände der Matrosen geschehen
kann; auch das Ausladen der »suspekten« Waaren des untren Schiffsraumes,
zu denen man erst jetzt, da die Hadschi's fort waren, gelangen konnte,
hatte schon begonnen und am Donnerstag den 1ten December war Alles so
weit im Reinen, daß wir nun endlich den äußern Hafen verlassen und in
den innern (alten) einlaufen durften. Hier hatten wir freilich einen
ungleich sichrerern und angenehmern Bergungsort gefunden als der äußre
Hafen ihn darbot. Denn außerdem daß hier unser Schiff viel geschützter
vor dem Angriff der Stürme lag, denen es dort, besonders wenn sie
aus Nordost weheten, nicht viel weniger als auf dem offnen Meere
ausgesetzt lag, genossen wir auch da den unmittelbaren, nahen Anblick
der schönen Flotte des Viceköniges und der vielen vor Anker liegenden
europäischen Schiffe; hatten ganz nahe bei uns auf dem Lande ein bequem
eingerichtetes Sprachgitter, an welchem wir öfter mit freundlichen
Landsleuten zusammentrafen, konnten vom Verdeck aus die Arbeiten der
Schiffswerfte betrachten, das Auge an dem Grün der vielen Palmengärten
und dem Beschauen der Pompejussäule erquicken.
Die Geschichte eines Quarantäneaufenthaltes hat so viel Einförmiges,
daß sie sich kurz zusammenfassen läßt. Man ließt da, man schreibt
Briefe, man empfängt Besuche, unter andern schon am ersten Tage
den des griechischen Herrn Generalconsuls ~Tosizza~ und jenen eines
freundlichen, gefälligen Landsmannes, des Herrn Flottenarztes +Dr.+
~Koch~; man fährt zum Quarantänesprachgitter oder ergeht sich in
der kühleren Zeit des Tages auf dem Verdeck des Schiffes. Gleich am
zweiten Tage nach unserer Einfahrt in den innern Hafen gewährte uns
eine große Illumination der Kriegsschiffe und mehrerer öffentlicher,
in der Nähe des Hafens stehenden Gebäude, so wie der Minare's der
Stadt, eine große Augenbelustigung. Es hatte heute (Freitag den 2ten
December) bei Sonnenuntergang die Fastenzeit: der Ramadan der Moslimen
begonnen und dieser Abend von hoher moslimitischer Bedeutung, wurde von
Kanonenschüssen angekündigt und dann als ein Fest der Lampen gefeiert.
Nächst der Beleuchtung der Peterskirche in Rom, am Vorabend und am
eigentlichen Festabend von Peter und Paul habe ich noch keine große
Lampenbeleuchtung gesehen, die einen so mächtigen Eindruck auf mein
Auge machte, als die der ägyptischen Kriegsschiffe, deren Licht seine
widerspieglenden, beweglichen Funken weithin über den Wasserspiegel des
Hafens ergoß. Wir hatten heute am Tage eine Wärme unsrer Sommertage
gehabt, die Kühle des Abends that wohl; wir blieben lange, wie Kinder
an den vielen Lichtlein uns freuend, auf dem Verdeck.
Es war nur ein Traumbild gewesen, das in mir wie ein Funke der
großen, gesehenen Lampen, wenn er in Baumwolle oder Werg gefallen
wäre, den Brand der innren Unruhe entzündet hatte und doch fühlte ich
den ganzen Tag seine Schmerzen. Ich war auf einmal im Traum wieder
zurückgekehrt in die liebe Heimath. Theilnehmend drängten sich mehrere
meiner Freunde um mich; ich sollte ihnen von meiner Reise erzählen.
Ich that dieß mit einer Lebendigkeit und Wärme, deren ich im Wachen
selten fähig bin und mit großer Ausführlichkeit; ich beschrieb die
Donaufahrt, Constantinopel, Kleinasien, die Fahrt nach Alexandria und
kam mit meinem Reiseberichte bis zu der Beschreibung der gestrigen
Illumination, da auf einmal stockte die Erzählung. Meine Freunde
ersuchten mich, ich solle ihnen doch noch mehr sagen über Aegypten,
über die Wüste des Sinai und über das gelobte Land, da mußte ich mit
einem unbeschreiblichen Schmerz gestehen: ich bin so lange und weit
weggewesen und bin nun zurückgekehrt, ohne den eigentlichen Zweck
meiner Reise erlangt, ohne die Pyramiden, ohne das rothe Meer und den
Sinai, ohne Palästina, ja selbst ohne nur den Nil gesehen zu haben.
Wer die Unruhe eines Wandervogels mit theilnehmendem Sinne betrachtet
hat, der, wenn die Wanderzeit kam, im Käfich versperrt und festgehalten
war, der kann sich in die Lage eines aus allen Kräften vorwärts, zum
Ziele der Pilgrimschaft strebenden Menschen denken, wenn derselbe
auf einmal da im Angesicht der Palmenhayne wochenlang auf den Wellen
schweben muß und nutzlos die Zeit verstreichen siehet, die er zwischen
den Ruinen von Theben und Luxor oder bei dem Rauschen der Nilkatarakten
hätte zubringen können. Das unruhige Sehnen, einzugehen wenigstens
in das schon so nahe vor uns liegende Thor des Nilthales wurde noch
gesteigert, da heute Herr Bergwerksdirector ~Russegger~ mit +Dr.+
~Veit~ und einigen andern seiner Begleiter zu uns ans Schiff kam und
uns nach vielen interessanten Mittheilungen über seine bisherigen
gründlichen und gehaltreichen Forschungen seine nahe Abreise in das
obere Nilthal ankündigte. Wie gerne hätten wir uns ihm angeschlossen,
und, obgleich dieses nicht zunächst in unserem Reiseplan lag, auch
die später denn die Pyramiden gebornen Herrlichkeiten von Theben
gesehen[158].
Das innre, unruhige Bewegen war durch Nachrichten aus dem Vaterlande
von dem Ausbruch der Cholera bei dem heimatlichen Heerde noch vermehrt
worden, wiewohl die guten, schon am 29ten November empfangenen Briefe
zugleich auch vielen heilenden und lindernden Balsam gegen die
Schmerzen der Unruhe enthielten; einen Balsam, der nur gerade heute
nicht recht gebraucht und angewendet wurde. Freilich war es, als
wollte selbst die äußere Natur in den Takt des gellenden Singetanzes
einstimmen, der eben im Innern ertönte, denn wir hatten seit der
vergangenen Nacht statt des gestrigen Sommerwetters Sturm bekommen,
am Morgen war nur 14° R. Wärme; wir durften froh seyn, daß wir nicht
mehr im äußern, sondern im innern Hafen vor Anker lagen, denn selbst
hier empfanden wir das Schwanken des Schiffes auf dem stark bewegten
Wasser; im äußern Hafen wäre uns dasselbe wieder zu einem Siechbette
der Seekrankheit geworden. Auch am Sonntag dauerte das stürmische
Wetter in solcher Heftigkeit an, daß uns dasselbe von unsern Freunden
in der Stadt abtrennte, doch sahen wir wenigstens den freundlichen
Landsmann, Herrn Pfäffinger. Endlich am Montag den 5ten December
hatten wir uns in das unvermeidliche Loos der Sanitätsgefangenschaft
gefunden und von hier an begann für uns ein arbeitsames, häusliches
Leben, das neben den Entbehrungen auch seine vielfachen Freuden hatte.
Wenn wir am Morgen aus der stillen, dem gemeinsamen Lesen bestimmten
Kajüte, gestärkt an Seele und Leib hinaustraten aufs Verdeck, da
dauerte es nicht lang, da kam unsre »Silberflotte« an; das kleine
Boot das uns frische Lebensmittel aus der Stadt, zuweilen auch
Briefe und die »allgemeine Zeitung« brachte. Jeder gieng nun an sein
Tagesgeschäft: Einige schrieben oder lasen, Andre zergliederten und
zeichneten Seethiere, der Maler Bernatz porträtirte. Denn seitdem unser
Schiffsvolk an ihm und +Dr.+ Erdl diese Geschicklichkeit bemerkt hatte
mußten beide, vornämlich aber Bernatz, nach und nach sie Alle, und zwar
Manche von ihnen mehrere Male abbilden. Hierbei wurde ganz vorzüglich
auf ein getreues Nachbilden der schönen Kleidung gesehen; selbst der
Capitän war darüber empfindlich, daß +Dr.+ Erdl ihn in seiner ziemlich
alten und farblos gewordenen Schiffskleidung gemahlt hatte; er zog
für die zweite Abkonterfeiung durch Bernatz, eben so wie Jeder der
sich später malen ließ, sein schönstes Gewand an und der Unterkapitän
borgte sich zu gleichem Zwecke von dem reicheren Hassan noch allerhand
buntfarbigen Zierrath, nur damit das Bild recht schön werde. Mitten in
diese Tagesgeschäfte, welche jetzt großenteils, wenn die Sonne nicht
zu heiß schien, auf dem freien Verdeck verrichtet wurden, kam dann
ein angenehmer Augenblick des Ausruhens, wenn jetzt ein Schiff von
der Barbareskenküste, erfüllt mit mauritanischen Hadschi's, ankam,
die viel unsaubrer und wildfremder aussahen als unsre Türken, oder
wenn ein europäisches Schiff ungehindert, mit vollen Segeln neben uns
vorbeifuhr und bald hernach seine, durch keine Quarantäne gehemmten
Passagiere und Waaren -- vielleicht auch neue Briefe für uns --
ausschiffte. Nicht selten ward auch ein Besuch am Sprachgitter und auf
seinem Vorplatz gemacht und das Gedräng der verschleierten Frauen, die
hier mit ihren von einer Seereise heimkehrenden Männern oder Söhnen
sprachen, oder die Beduinen betrachtet, die allerhand Eßwaaren feil
boten. Der Mittagstisch war außer den gewöhnlichen Speisen täglich mit
der lieblich schmeckenden, frischen Frucht der Datteln und mit Orangen,
zuweilen auch mit ägyptischen Kuchen besetzt. Dabei mußten unsre beiden
arabischen Quarantäneaufseher, so wie Hassan und der Unterkapitän
müssig zusehen, denn diesen erlaubte das Gebot des Islams jetzt,
während der langen Fastenzeit oder des Ramadans von Sonnenaufgang bis
zum Sonnenuntergang nicht einmal einen Trunk Wassers oder eine Pfeife
Tabak, geschweige die Erquickung der Speisen. Doch kam der aufgeklärte
Hassan gar oft zu uns herunter in die Kajüte, um sich während des Tages
mit einem Glas Wein zu laben, denn, sagte er, von Weintrinken sey in
den Vorschriften die den Ramadan beträfen keine Rede, der sey nur
überhaupt und im Allgemeinen verboten, es sey also einerlei, ob man ihn
während oder außer der Zeit der Fasten tränke. Am Nachmittag erhielten
wir nicht selten Besuche am Schiffe, besonders von unserm gefälligen
Landsmann, dem Herrn Flottenarzte +Dr.+ Koch; gegen Abend vergnügte
uns unser griechisches Schiffsvolk mit Gesang oder der freundliche
Capitän stellte zu unserer Belustigung gymnastische Spiele im Springen
und Tanzen an, wobei einige seiner Leute sich durch ungewöhnliche
Kraft und Gewandtheit auszeichneten. So wie dann die Sonne jenseits
der Palmengärten hinabsank und zum Untergang sich neigte, da stopften
unsre arabischen Quarantänehüter ihre Pfeifen, legten dann die glühende
Kohle vor sich hin und in dem Augenblick, wo die Kanonenschüsse den
eigentlichen Untergang der Sonne verkündeten, da begannen sie das
behägliche Rauchen und das Trinken des Wassers, bis ihnen die Matrosen
die große, volle Schüssel mit gekochten Bohnen oder Erbsen hinsetzten.
Auch Hassan und der Unterkapitän fiengen jetzt ihre offenbarlichen
Schmausereien an, wir aber vergnügten uns noch einige Zeit an dem
Anblick des ägyptischen Sternenhimmels, an welchem unserm Auge zum
ersten Male der in dem Vaterlande niemals sichtbare ~Canopus~ in seiner
vollen Schönheit sich zeigte.
So war denn der 20te December und mit ihm das Ende unsrer
Quarantänezeit herangekommen. Unsre lieben Freunde und Landsleute, Herr
Generalconsul von Dumreicher, Hr. Pfäffinger und Hr. +Dr.+ Koch holten
uns, jetzt zum ersten Mal Hand in Hand uns begrüßend, hinüber zum
Lande; die Angelegenheiten der Mauth brachte Hr. Pfäffinger in Ordnung,
wir Andern, im Geleite der Freunde, giengen durch manche Gassen der
ältern, türkischen Stadt hinüber zu dem schönen, meist neugebauten
Quartier der Franken, wo für uns in dem ganz europäisch eingerichteten
Gasthaus zum schwarzen Adler schon Zimmer und Kost bestellt waren. Wie
neu und wie herrlich erschien uns da Alles was wir sahen und genoßen;
die schöne Aussicht von dem festen, sichern Boden des Speisezimmers
nach dem Meere und zunächst nach dem Hafen, in dem wir zuerst Anker
geworfen hatten; das Sitzen auf Stühlen und an ordentlichen Tischen,
ja selbst auf einem Sofa; das Schlafen auf den weichen Matrazzen
eines Himmelbettes; die Bequemlichkeit eines abgesonderten, sogar
verschließbaren Zimmers. Das Wohlbehagen über alle diese Dinge ließ
mehrere Stunden lang gar kein andres Gefühl noch andre Gedanken
aufkommen, erst am Nachmittag erhuben wir uns zu einigen Besuchen
und zum Besehen der Stadt. Das erste was uns da, in einer der Gassen
auffiel, waren unsre türkischen Hadschi's, die mit uns zu gleicher Zeit
der Obhut der Quarantäne entlassen waren. Sie grüßten uns freundlich
und wir erfuhren, daß keiner von ihnen, mitten unter den Pestsiechen
des Quarantänehauses erkrankt sey. Auch unsre griechischen Matrosen,
festlich geputzt, trieben sich in den Gassen umher.
In einer der spätern Stunden des Nachmittags besuchte ich in
Gesellschaft des aufopfernd gütigen Herrn Dumreicher wenigstens noch
~eine~ Gegend der Stadt, in welcher die längstvergangene Herrlichkeit
des alten, hochgepriesnen Alexandria, wie eine Stimme der Gräber zu
dem jetztlebenden Geschlecht redet. Es ist dieß eine Baustätte am Ende
jener neuen, schönen Straße, welche Ibrahim Pascha anlegen lässet; eine
Baustätte, bei welcher man, als hier der griechische Generalconsul
den Grund zu einem Pallaste legen wollte, in bedeutender Tiefe unter
dem Boden viele prächtige Säulen von ansehnlicher Größe aus rothem
ägyptischen Granit, zum Theil noch aufrecht stehend, fand. Wir stiegen
hinab bei diesen Ausgrabungen zu jener Stelle, wo dem Boden ein
brackiges Wasser entquillt, welches damals noch den Fortgang des neuen
Baues bedeutend hemmte. Es waren einst noch Quellen von ganz anderer,
höherer Art, welche da an dieser Stätte entsprangen, denn hier stund
wahrscheinlich, wie wir nachher sehen werden das Gebäude des Museums.
Auf dem Heimwege sahen wir noch jenes kleine Kirchlein und Kloster der
hiesigen abendländischen Christen, das, wie man sagt, seit den Zeiten
der Kreuzzüge wenigstens seine alte Stätte, wenn auch nicht seine
vormalige innre Vermögenheit und Bedeutung behalten hat. Noch jetzt
ist es eine Herberge der Pilgrime des Westens. Von den Fenstern unsers
Speisezimmers aus genossen wir später den Anblick auf die vom Mond
beleuchtete, kräftig bewegte Wasserfläche des äußern (neuen) Hafens
und auf die felsige Landzunge, auf welcher einst der Pharos stund und
erfreuten uns dann der so lang entbehrten Bequemlichkeit eines guten,
nach heimathlicher Weise eingerichteten Lagers.
Mittwochs den 21ten December war es, sobald wir das Haus verließen,
mein erstes Tagesgeschäft, mich auf der Stätte des vormaligen älteren
und ältesten, so wie in dem jetzt bestehenden, neuesten Alexandria
zu orientiren. In Gesellschaft der Hausfrau, denn die andere
Reisegefährten waren schon nach andrer Richtung voraus, gieng ich durch
die große neue Straße des Frankenquartiers, dann weiterhin zu den
sogenannten Nadeln der Cleopatra: jenen Obelisken, welche nebst den
felsigen Vorgebirgen Lochias und Pharos, dann der Säule des Pompejus
und den Katakomben die Hauptanhaltspunkte für die Forschungen über Lage
und innre Anordnung des alten Herrschersitzes der Ptolemäer gewähren.
Nur noch der eine jener herrlichen, mit Hieroglyphen beschriebenen
Obelisken stehet aufrecht, der andre liegt niedergestürzt am Boden,
ist aber in neuerer Zeit wenigstens so weit von dem früherhin über ihm
liegenden Sand und Schutt befreit, daß man seine Hieroglyphenschrift
ungehemmt von drei Seiten, und, wenn man sich etwas hinabbeugt, selbst
von einigen Parthieen der vierten, zum Theil untergrabenen Seite lesen
kann. Die Höhe der beiden stattlichen Spitzsäulen, deren jede aus
einem Stück rothen, ägyptischen Granit gearbeitet ist, beträgt mit dem
Piedestal und dem Dreieck des Gipfels 70, der Durchmesser der Basis
sieben Pariser Fuß; zwischen den Obelisken und der Meeresküste stehen
Gebäude, welche, wie es scheint anjetzt zum Bezirk der neuerrichteten
Quarantänehäuser gehören, zu denen die Annäherung jedem der sich nicht
selber leiblich suspekt machen will, versagt ist.
Stellen wir uns hin, auf eine der benachbarten Anhöhen, und rufen
wir uns mitten in dieses Gewirre der Palläste, der Häuser, wie der
armseligen, von den Frauen der Soldaten bewohnten Hütten und der leeren
Räume, das Bild des alten durch Alexander den Großen begründeten,
dann jenes des noch immer bedeutungsvollen sarazenischen Alexandria
hervor. Hier, bei den Obelisken war die Ostseite jenes Stadtviertels
der Königspalläste, welches ~Bruchion~ hieß und welches dem Raume nach
nicht nur den vierten, sondern fast den dritten Theil der auf drei
Stunden des Umfanges ausgedehnten Stadt umfaßte. Mitten in diesem
Bezirk der von Gartenanlagen umgebenen Palläste stund jenes Museum,
welches durch seine, mit Marmorsitzen versehene Säulenhalle, durch
seinen großen Saal und durch sein von der Freigebigkeit der Ptolemäer
zur täglichen Bewirthung der hierher zusammenberufenen Gelehrten
bestimmten Speisezimmer zu einem Mittel dienen sollte, das einmüthige
Zusammenwirken der Geister, zum gemeinsamen Zweck der höheren Bildung
herbeizuführen. Freilich hat auch die damalige Erfahrung gelehrt, daß
eine solche Einheit der Geister nicht durch wohlmeinende Gaben der
königlichen Milde, nicht durch leibliche Speise und Getränke, sondern
nur durch einen anders woher kommenden (magnetischen) Zug bewirkt
werden könne, welcher dem allbewältigenden, vereinigenden Einfluß des
Bienenweisels gleichet. Dennoch hat der wohlmeinende Sinn der edlen
Begründer dieses Museums Früchte getragen, welche auf dem Wege des
geistigen Forschens und Erkennens vielen nachkommenden Geschlechtern
der Menschen zur erquicklichen Nahrung dienten. Jener Leuchtthurm,
an welchem die große Kunst seines Erbauers, des ~Sostratus~ von
Cnidos eines der gepriesensten »Wunderwerke der Welt« erschaffen
hatte, ist schon längst von seiner Stätte verschwunden, noch aber
leuchtet, bis auf unsre Tage allen Arbeitern in den reichen Fundgruben
der ägygtischen Hieroglyphensprache und Geschichte, ~Eratosthenes~
aus Cyrene[159], welcher das feste Gebäu seines wissenschaftlichen
Forschens auf dem uralten Grund der Tempelweisheit errichtete. Jene
vierhundert Säulen aus ägyptischem Granit, welche noch zu Saladins
Zeiten die Umgegend der großen Pompejussäule zierten, hat Karadja
ins Meer gestürzt; keine Macht aber der Barbarei vermochte jene
Säulen zu zerbrechen, mit denen Euclides und Aristarch, Erasistratos
und Hipparch, auch Appian und Herodian und mit ihnen noch viele
der alexandrinischen Gelehrten das Gebäu des wissenschaftlichen
Erkennens verherrlichten. In dieser geistigen Stadt der Ptolemäischen
Herrscherzeit fällt es deshalb noch immer ungleich leichter sich
zu orientiren als auf der verwüsteten Stätte des alten, leiblichen
Alexandria. Wo hat jenes mit Recht gepriesene Museum gestanden?
Vielleicht dort, bei jener Stelle am Ende der großen, neuen
Straße, wo wir gestern und auch wieder heute die Ausgrabungen der
Granitsäulenhallen betrachteten? Immerhin ist es erfreulich, daß die
europäische Cultur und Baukunst gerade wieder in die Fußstapfen der
höchsten alexandrinischen Herrlichkeit ihre Schritte setzt, denn die
neue Straße und das Quartier der Franken nimmt einen Theil der Stätte
des alten Bruchion: des Bezirkes der Palläste und des Grabestempels
Alexanders des Großen ein.
Folgen wir von hier aus weiter über das nun verödete oder entstellte
Land hinüber jenen zurechtweisenden Fäden, die uns, vor allem
in ~Strabo's~ Beschreibung den Umriß des alten Alexandria
bezeichnen. Nach jener ersten Grundlage, welche auf Alexanders Geheiß
~Dinochares~ der Stadt gegeben, erstreckte sich dieselbe ihrer
Länge nach 1½ Stunden weit von West gegen Ost[160], während die
Breite an den schmalsten Stellen nur ein Viertel der Länge, der Umfang
der ganzen Stadt über 3 Stunden Weges betrug. Wenn in der blühendsten
Zeit des innern Wohlstandes Alexandria 300,000 freie Einwohner,
zusammen aber mit den Sklaven und den Bewohnern der Judenvorstadt
wahrscheinlich über 600,000 zählte, da mochte wohl der Anbau der Häuser
in den Vorstädten so bedeutend geworden seyn, daß jene Hauptstraße,
welche die Stadt ihrer Länge nach durchzog, nach Diodors Zeugniß 40
Stadien oder eine geographische Meile weit zwischen den Reihen der
Häuser dahinlief. Die Richtung und Gränze der beiden Dimensionen wird
uns auf eine genügende Weise durch das hier zusammentretende Land und
Gewässer gegeben. Das felsige Vorgebirge ~Lochias~ mit der Insel
Farillon, auf welcher in den Zeiten der Ptolemäer ein königliches
Schloß stund, ist noch dasselbe geblieben; es ist jene Felsenreihe, die
man beim Einfahren in den neuen (äußern) Hafen zur Linken (nach Osten)
siehet. Eben so ist der Felsengrund der Insel Pharos noch vorhanden.
Hier stund der nahe 400 Fuß hohe, aus mehreren Etagen bestehende
Leuchtthurm, dessen prachtvolle Gallerieen von Marmorsäulen getragen
wurden, auf dessen Gipfel bei Nacht die angezündete Leuchte auf 300
Stadien weit den Schiffen sichtbar war, am Tage aber die Schiffe in
einem später hier angebrachten stählernen Spiegel schon aus großer
Ferne bemerkbar wurden. Statt dieses bewundernswürdigen Gebäudes, das
Sostratus unter dem Zweiten der Ptolemäer (dem Philadelphus) in der
Mitte des dritten Jahrhunderts vor Christo vollendete, stehet jetzt auf
der Felseninsel des Pharos jenes Kastell, das beim Einfahren in den
neuen Hafen rechts (westwärts) sich zeigt. Von der Stadt aus führte ein
mächtiger Damm, welcher 7 Stadien, oder eine Viertelstunde Weges lang
war und deshalb Heptastadion hieß, hinaus ins Meer zu der Insel Pharos
und theilte den Hafen in zwei Theile, deren einer der jetzt sogenannte
neue, der andre der alte Hafen (vormals Eunoste genannt) war. Während
wir bei unsrer Ausfahrt aus dem neuen oder äußern Hafen zuerst weit
hinaus ins Meer fahren mußten, um den zur Einfahrt in den alten Hafen
günstigen Wind zu erfassen und deshalb mehrere Stunden zu diesem Weg
gebrauchten, fand sich in alter Zeit eine unmittelbare Verbindung
beider Häfen durch zwei, im Heptastadion offen gelassene Zwischenräume,
über welche die von mächtigen Säulen getragenen Brücken so hoch sich
hinüberspannten, daß den Schiffen hinreichender Raum zur Durchfahrt
blieb.
Die beiden Häfen des alten sind, wie wir oben erwähnten, auch noch die
des neuen, jetzigen Alexandria's geblieben; sie sind noch denselben
Winden ausgesetzt, denen sie dies, nach der Klage der Alten ehemals
gewesen; die Umgränzung der Klippen und höheren Felsen ist noch die
gleiche; was aber ist aus dem tief und fest im Meere begründeten
Heptastadion geworden? Nichts andres als jene zum Theil nur fünf- bis
sechshundert Schritte breite Landzunge, die sich nordwestlich vom
Frankenquartier in gerader Linie etwa eine Viertelstunde lang ins Meer
hineinzieht, rechts (nach Osten) von dem neuen, links vom alten Hafen
begränzt ist und auf welcher sich die jetzige Stadt der Türken angebaut
hat. Das Meer hat zu beiden Seiten, von Osten wie von Westen her,
seine Gerölle und Schuttmassen an dem festgegründeten Damm angelegt;
die alten Oeffnungen, über welche die Brücke führte, sind von diesen
Auswürfen der Fluth schon längst verstopft und angefüllt, eben so
jener, welcher die kleine Insel ~Antirhode~ von dem Meere schied; diese
Insel wie die nachbarliche Stätte des Theaters sind nun selber mit
ihren Schutthaufen in die Landzunge eingeschlossen; das anfangs lose
Gerölle ist zum Theil durch den feineren Absatz des Meeres zu einer
breccienartigen Festigkeit gelangt und in bedeutender Mächtigkeit von
Sand und Erde bedeckt. So hat das merkwürdige Volk der Türken, welches
in seinem Wesen selber einer Anschwemmung des großen Völkerstromes auf
den Boden der alten Weltenreiche gleicht, auch hier seine Wohnstätte
auf dem Schutt und Graus der von den Elementen wie von ihm selber
angerichteten Verheerungen aufgeschlagen; es wohnet auf einem Lande,
das kein Land war; hier wo nun der türkische Bazar hinläuft, war der
Molo; die Kaffeehäuser am Saume des neuen Hafens stehen da wo vormals
das Meer fluthete und gegen den Molo anbrandete.
Wenden wir uns nun weiter zu der westlichen und südwestlichen Gränze
der alten Stadt. In Westen beschränkte die weitre Ausdehnung der
Eunostische oder jetzt sogenannte alte Hafen, in dessen südöstlichster
Ecke der kleine, nun ganz mit Sand und Gerölle ausgefüllte Hafen
~Kibotos~ abgedämmt war. Nach Südwesten hin setzte die Natur keine
solche Gränzen. Hier zog sich die Gräberstraße zwischen dem Meere und
dem Mareotissee bis zu dem öfters sogenannten Bad der Kleopatra und den
hier angränzenden Gräbergewölben, welche fast eine halbe Stunde weit
von der jetzigen Stadt, an einem Punkte des Meeresufers liegen, den man
bei der Einfahrt in den alten Hafen zur Rechten hat. Es gleichen die
einzelnen Systeme jener Grabeskammern, welche anjetzt der genaueren
Betrachtung allmählig zugänglicher werden, einer unterirdischen Stadt,
zum Theil mit domartigen in den Felsen ausgehauenen Wölbungen, getragen
von Säulen, verwandt mit jenen einfachen der älteren dorischen Ordnung,
welche jenen ähnlich sind, die in einigen später zu erwähnenden Gräbern
bei Jerusalem gefunden werden. Das sogenannte Bad der Kleopatra scheint
mehr zur Abwaschung der todten menschlichen Körper als der lebenden
bestimmt gewesen zu seyn.
Die ganze Vorstadt der Gräber oder Nekropolis, deren Höhlengebäude
weithin am Meeresufer sich verbreiteten, war gegen Süden von dem
Mareotissee begränzt, welcher, als wir ihn sahen, abermals in den
widerwärtigen Zustand eines weit ausgedehnten, mächtigen Sumpfes
zurückgesunken war, dessen tiefste Stellen etliche Fuß hoch ein
brackiges Wasser anfüllt, aus welchem weißliche Schlammhügel
hervorragen. Zu Strabo's Zeiten mündeten vier Canäle in diesen damals
von Papyrusschilf grünenden See; an seinem Ufer verbreiteten sich die
reichen Pflanzungen der Oliven und der Reben, deren Wein selbst nach
Rom ausgeführt und dort hoch geschätzt ward; noch im Mittelalter,
bis zu dem tiefen Verfall und Elend, welches diese Gegend bei der
Besitznahme durch die Türken traf, sahe man hier nach allen Richtungen
hin eine üppig grünende, von Palmenhainen durchzogene Landschaft.
Später war der einst so lieblich umgürtete See mit den verschlämmten
Betten seiner Canäle zu einer sumpfigen Wüste geworden, aus deren
stehenden Lachen die Sonnenhitze fast beständige Seuchen ausbrütete,
bis die Engländer im Frühling des Jahres 1801, während ihres Kampfes
mit der französischen Macht bei Aboukir jenen Uferdamm durchstachen,
auf dem der Canal hinläuft, welcher vom Nil aus der Stadt Alexandria
ihr trinkbares Wasser zuführt. Damals drang das Gewässer des Meeres
in solcher Fülle durch den Aboukirsee in das alte, seichte Becken des
Mareotissees herein, daß eine Menge Meierhöfe und (meist sehr kleine)
arabische Ortschaften der Nachbargegend von ihm überschwemmt wurden
und erst nach einem Monat hörte das Anwachsen des Wassers auf. Auf die
gesündere Stimmung der Luft schien dieser Einbruch der Fluth von so
wohlthätigem Einfluß, daß hierdurch der momentane Nachtheil desselben
fast aufgewogen wurde. Seit der Wiederherstellung des Uferdammes,
welcher den Zufluß des Nilwassers vermittelt ist dem Einströmen des
Meeres Einhalt geschehen und zugleich hat nun auch die allmälige
Wiederaustrocknung des Mareotissees begonnen. Immerhin dienet jedoch
der Umriß jenes Brackenwassers und seiner schlammigen Ufer noch zu
einem wichtigen Anhaltspunkt für die Umgränzung der alten Stadt.
Wir betrachten nun, von dem »Bad der Kleopatra« fast in gerader
Richtung nach Osten gehend die südliche Umgränzung Alexandrias. Hier
fällt uns schon aus weiter Ferne die außerhalb des Sedrathores der
(Araber-) Stadt stehende imposante »~Pompejussäule~« ins Auge,
deren riesenhaften Schaft bei einem Durchmesser von acht Fuß und
acht und sechzig Fuß Höhe dennoch aus einem einzigen Stück rothen,
ägyptischen Granites gehauen ist. Die Säule gehört zur corinthischen
Ordnung; der Schaft, und sein Fußgestell das auf Steinen ruhet, welche
mit Hieroglyphen beschrieben sind, scheint aus älterer Zeit als das
zierlich gearbeitete Capital; die Gesammthöhe des Werkes, von der
Basis des Fußgestelles bis zum obern Ende des Knaufes misset 98½
pariser Fuß. Wir gaben uns, da wir an einem späteren Tage unsres
hiesigen Aufenthaltes die Pompejussäule besuchten ganz jenem Eindruck
hin, den dieser vereinsamt in der Wüste stehende, mächtige Ueberrest
der alten Herrlichkeit auf die Sinnen macht, ohne für diesmal jener
verschiedenartigen Meinungen zu gedenken, welche die europäischen
Gelehrten über den Begründer und die Bestimmung jenes Kunstwerkes
aufgestellt haben. Der gelehrte Araber Abulfeda nennt sie die Säule
des Severus; eine erst in neuer Zeit wieder erkannte griechische
Inschrift am Piedestal führte zu der Vermuthung, daß Diocletian der
Begründer gewesen; Clarke macht es wahrscheinlich, daß Julius Cäsar
wirklich einmal dieser wahrscheinlich schon lange vor seiner Zeit
errichteten Säule die Bestimmung gegeben habe, oben, in einer noch
jetzt sichtbaren beckenartigen Eintiefung des damals neu zu dem alten
Schaft hinzugefügten Capitals jene Urne zu tragen, in welcher das Haupt
des Pompejus beigesetzt war. Obgleich dann Hadrian und vielleicht noch
manche andre römische Kaiser sich um die Wiedererneuerung der Säule
Verdienste erwarben, würde sie dann noch immer mit mehrerem Rechte
ihren gewöhnlichen Namen als »Pompejussäule« führen. Fragen wir nun, an
welcher Stelle der großen ägyptischen Herrscherstadt der Ptolemäer und
Römer diese Pompejussäule stund, so erscheint es wahrscheinlich, daß
ihre Stätte westwärts von dem südlichen Ende jener Straße war, welche
von Nord nach Süden gehend die große, von Ost gen West streichende
Hauptstraße durchkreuzte[161].
Schwieriger als nach den andren Seiten ist die Abgränzung des alten
Alexandria in Osten nachzuweisen. Im Süden von den Nadeln der
Kleopatra, vor dem Rosettethor der ehemaligen Araberstadt sahen
frühere Reisende noch viele jener Marmorsäulen, deren Reihen in den
Tagen der prachtliebenden Ptolemäer die mehr denn sechshundert Fuß
langen Säulenhallen trugen, welche zum Gebäude des ~Gymnasiums~
gehörten. Auch dem jetzigen Reisenden deuten noch einzelne solcher
mächtigen Ueberreste diese Stätte der Uebungen an, deren Bestimmung
es war mit den Kräften des Leibes zugleich auch die der Seele zu üben
und zu stärken, weil der rechte Gebrauch und die Bewältigung der
Glieder in der Hand des rechten Erziehers ein Mittel werden kann,
die Selbstherrschaft des Willens über die Leiblichkeit zu begründen.
Ostwärts von der Stätte des Gymnasiums, vor dem Canopusthore, gegen
die damalige stattliche Vorstadt Nikopolis hin war auch der große, zum
Wettrennen bestimmte Circus, dessen Stätte anjetzt einige armselige
Hütten der Araber einnehmen.
Forschen wir nun auch nach der gewesenen Stellung und Anordnung der
innren Theile des alten Alexandria. Jene Hauptstraße, welche sich in
einer Breite von mehreren hundert geometrischen Schritten durch die
ganze Länge der Stadt, von Ost nach Westen zog, ward, wie schon erwähnt
von einer andren Straße, deren Richtung von Nord in Süden gieng, unter
einem rechten Winkel durchschnitten. Da wo beide Straßen sich kreuzten
bildeten sie einen freien viereckten Platz von mächtigem Umfang, auf
welchem stehend man zu den Thoren hinausblicken und im großen Hafen
wie im Eunostischen die Schiffe sehen konnte. Dieser freie Platz wird
mithin mitten in dem nun verödeten Bezirk der Stadt der Araber in einer
Linie zu suchen seyn, welche ostwärts von der Pompejussäule gegen
Norden nach dem neuen Hafen läuft.
Von der Stelle des Stadtbezirkes, welches die königlichen Palläste
und das Museum in sich faßte, sprachen wir schon oben. Seine Länge
erstreckte sich von den Nadeln der Kleopatra bis an den Molo oder
die jetzige Türkenstadt. Westwärts, mehr gegen den alten Hafen hin,
jedoch diesseits des Kanals, welcher von dem kleinen, Kibotos genannten
Hafenraum nach dem Mareotissee führte, lag der ~Serapistempel~,
der nach Ammians Zeugniß nächst jenem des Capitoliums in Rom das
prachtvollste Gebäude seiner Art in der damals bekannten Welt war.
Von diesem Tempel erhielt der ganze ihn umgränzende Bezirk der Stadt
den Namen ~Serapion~, ein Name, welcher in dem Freunde der
alten Literatur schmerzliche Erinnerungen weckt, denn hier war die
spätere, weltberühmte alexandrinische Bibliothek. Schon zu Julius
Cäsars Zeit war eine andre hiesige Bibliothek, jene welche in den
königlichen Pallästen aufbewahrt stund, ein Raub der Flammen geworden,
die sich von der durch Cäsar in Brand gesteckten ägyptischen Flotte
hieher verbreitet hatten; damals aber hatte sich bereits neben jener
königlichen und aus der Ueberfülle derselben eine andre Bibliothek im
Serapion begründet, welche nachmals, obgleich noch mancher ähnliche
kleinere Unglücksfall sie betroffen, der vereinigende Sammelplatz für
die wissenschaftlichen Werke des Alterthumes geworden. Sie war es,
welche im Jahr 651 auf des Kalifen Omars Befehl als Heizungsmaterial
der Bäder verbrannt wurde. Anjetzt läßt sich kaum noch mit Sicherheit
die Baustelle des Serapistempels so wie jene vom Tempel des Neptun,
am großen Marktplatz bestimmen; ein hochgethürmter Anbau des Schuttes
und Sandes verbirgt die mächtigen Grundgemäuer und so manche
ansehnliche Reste der alten Herrlichkeit tief unter seinen Massen;
mit der Augenlust des alten Alexandria, mit vielen seiner Marmor- und
Granitwerke hat Rom sich ausgestattet und nachmals Byzanz, über andren
fluthet das Meer, nur die hunderte der noch immer vorhandnen Cisternen,
deren Zahl einstmals jener der Tage des Jahres gleichkam, bezeugen es
noch, daß hier die große Stadt, die mächtige Herrscherin der Meere
und Wüsten gestanden, welcher an Reichthum und Pracht, während der
Zeit ihrer höchsten Blüthe keine andre damalige Stadt der Erde zu
vergleichen war[162], und welche selbst später unter der Herrschaft
Roms für die zweite Stadt des Reiches galt.
Selbst in seiner Verstümmelung durch die Araber, welche nach sechszehn
monatlicher Belagerung im Jahr 651 die von ihrem byzantinischen
Herrscher ohne Hülfe gelassene Stadt einnahmen, stund Alexandria
fortwährend als ein herrlicher Koloß da. Zwar hatten die Sieger viele
der noch übrigen Züge der vormaligen Schönheit zerstört, hatten im
Jahr 875 die alten Mauern abgetragen und in einem nur etwa halb so
großen Raume die neue Stadt »mit ihren hundert Thürmen« begründet,
deren sarazenische Mauern namentlich auf der Südseite, gegen die
Pompejussäule hin noch jetzt ziemlich wohlerhalten dastehen, dennoch
blieb auch damals Alexandria die Hauptstadt der afrikanischen
Küste. Denn bis zu Edrisi's Zeit im 12ten Jahrhundert war, außer
dem weltberühmten Leuchtthurm, auch ein großer Theil der alten
Monumente und der Plätze der Stadt bestehen geblieben; bis ins 13te
Jahrhundert blühete Alexandria durch seinen reichen Handelsverkehr
mit drei Welttheilen und selbst bei dem beginnenden Verfall durch
viele innere und äußere Kämpfe, blieb der Stamm, wenn auch der Blüthe
beraubt, noch kräftig genug, bis im Jahr 1517 Selim der Wütherich
mit den Schaaren seiner Henker und Mordbrenner über Aegypten kam.
In diesen neuen Eroberern war für die freilich veraltete Schönheit
des greisen Alexandria weder Sinn noch Schonung; was für Feuer,
Schwert und Hämmer nicht zu fest gewesen, das wurde vernichtet oder
unter Schutt begraben, auch auf die Stadt der Araber, welche durch
ihre sich rechtwinklich durchschneidenden Gassen einem Schachbret
glich, ist damals der zermalmende Felsen gestürzt, welcher mit den
spielenden Figuren zugleich das zierliche Gefüge der zinnenreichen
Gebäude zerstäubte. Wenn man jetzt von der großen Straße südwärts durch
eine der kleinen Seitengassen hinausgeht in das ehemalige Gebiet des
sarazenischen Alexandrias findet man allerdings freie Plätze genug;
Plätze, so weit und geräumig, daß sie die Emporien und Mittelräume
der Herrscherstadt der Ptolemäer bei weitem an Umfang übertreffen.
Statt der Palläste jedoch und Tempel, statt der zum Theil nach Rom
geretteten Obelisken und prachtvollen Säulen findet man neben den
vereinzelten Gebäuderesten aus sarazenischen und einzelnen aus dem
Schutt hervorragenden Trümmern der noch älteren Zeit hier etwa eine
arabische Hütte, dort das zierliche Haus eines Franken oder die im
ummauerten Hofraum gelegne Wohnung eines Türken; anderwärts geräumige
Gärten mit den Pflanzungen der hohen Palmen. Wer in das alte Alexandria
eintrat, der sahe sich in diesem Paris der Vorzeit alsbald unter dem
Gedräng eines Volkes das mit dem Gepräge der feinen äußren Bildung
zugleich jenes der Vielgeschäftigkeit und der unruhigen Neuerungssucht
an sich trug; eines Volkes das hier, im reichsten Lande der Erde mit
dem Reichthum und üppigen Wohlleben einen Bund für immer geschlossen
zu haben schien. Der größte Theil der jenesmaligen Bewohner waren
Griechen, welche zum Theil das Verlangen nach dem geistigen Erwerb des
Wissens, häufiger aber noch die Lust an irdischem Gut hieher gezogen
und zu Bürgern der Stadt gemacht hatte; unter ihnen wohnte jedoch auch
der ernste Aegypter, der Handel treibende Jude und Fremdlinge aus allen
Gegenden der Erde; Sklaven wie Freie. Wenn man aber in unsren Tagen auf
der Spur jener langen Straße wandelt, welcher nach Diodors Zeugniß an
großartiger Pracht keine Gasse irgend einer Stadt der Erde gleichkam,
da sieht man nur ein armes Volk der Araber, neben ihm das wiederkäuende
Cameel, das besser gesättigt scheint, denn seine Treiber; statt der
köstlichen Waaren Indiens und Nubiens werden da Bohnen verkauft und
Datteln.
Nachdem wir uns so über die Schuttmassen des neuen Alexandria ein
beiläufiges Abbild des vormaligen, alten hingezeichnet haben, erwähnen
wir noch mit einigen Worten der einfachen und unbedeutenden Geschichte
unsres dortigen Aufenthaltes.
Die Weihnachtszeit, die wir in Alexandria zubrachten, erscheint ganz
besonders dazu geeignet dem Bewohner des kühleren Europa's, welcher zum
ersten Male nach Aegypten kommt, an das neue Clima zu gewöhnen. Wir
fanden da noch die Kräfte unsres Sommers mit der Fülle des Herbstes
vereint, während an vielen Stellen der neu grünende Boden an die
Tage des Frühlings erinnerte und ein oder etliche Male ein leichter
Nebel ein Schattenbild unsrer winterlich trüben Tage gab. Schwalben
flogen in der Luft; in dem Garten des Bogusbay, dahin ein Freund am
23ten December uns führte, blüheten Nelken, Ipomöen und Rosen während
die Palmenbäume voll reifer Datteln hiengen; die Abende waren so
mild, daß wir, von unsrem freundlichen Landsmann +Dr.+ Koch
geleitet noch spät bei hellem Mondenschein zwischen den Bazars und den
Kaffeehäusern der Türkenstadt herumwandelten, deren Bewohner jetzt, in
der Zeit des Ramadans erst am Abend zu den gewöhnlichen Belustigungen
der Sinnen aufwachen. Am Tage, im Sonnenschein, war die Wärme so
stark und kräftig, daß uns das schön eingerichtete europäische Bad im
arabischen Stadtbezirk außerordentlich wohlthat und daß wir am ersten
Weihnachtstage, selbst noch in einer der späteren Stunden sehr begierig
den Schatten eines Palmengartens aufsuchten, in welchem wir uns mit
frischen, reifen Datteln und Pisangfrüchten, deren Geschmack an eine
süße Mehlspeise erinnert, erquickten.
Hätten uns übrigens nicht die Palmengärten, die Springhasen und
buntfarbigen Nilenten, welche die Beduinen zum Verkauf brachten, so
wie die unserem Auge noch neuen Formen der Fische des Fischmarktes,
so oft daran erinnert, daß wir in Aegypten seyen, dann möchte sich
leicht in uns der Wahn erzeugt haben, daß wir in einer europäischen
Stadt verweilten, wohin etwa der Handel eine Schaar der Orientalen
gezogen hätte. In unserm Frankenquartier und im Umgang mit so vielen
Landsleuten walteten beständig der Charakter und die Formen der
Heimath vor; in den Kaffeehäusern wie in den Wohnungen, an Kleidung
wie Sprache und Sitte der Menschen, die man da sahe, war fast Alles so
wie man es bei uns findet; Alexandria trug schon in alter Zeit nicht
den eigentlichen Charakter Aegyptens, sondern des Auslandes und noch
jetzt erscheint es vorherrschend als eine Pflanz- und Wohnstätte der
Fremden. Selbst jene armen arabischen Landleute (Fellahs), die man auf
den Feldern und in der Stadt sieht, die Soldaten und ihre in ärmlichen
Hütten wohnenden Frauen und Kinder erscheinen wie vorüberziehende
Fremdlinge; der Gesang der arabischen Mädchen, welche Baumaterial auf
ihrem Haupt durch die Gassen trugen, lautete fast wie die Töne der
Klageweiber, die wir am 22ten December einen Todten zu seinem Grabe,
in der Nähe der Pompejussäule geleiten sahen, zu jenem abgeschiedenen
Räumlein der Erde, das der müde Wandrer zuletzt doch sein eigens nennen
darf.
Den Weihnachtsabend feierten wir still und auf heimathliche Weise in
unsrem Zimmer; Palmenzweige von Wachslichtchen beleuchtet vertraten die
Stelle des deutschen Tannenbäumchens. Am ersten Weihnachtstag sammlete
sich bei uns, nach griechischer Sitte, zum Besuch unser alter Capitän
Angeli mit einem Theile seines stattlich geputzten Schiffsvolkes.
Vor allen Andren hatten wir seinen kleinen Pflegesohn, der auf dem
Schiff uns zur Bedienung gegeben war, mit mancherlei Weihnachtsgaben
bedacht; so war dann auch für uns in der weiten Entfernung von der
theuren Heimath der liebe Tag ein Fest der Kinder geworden. Hat ja
über Alexandria, so tief es auch gesunken war, niemals, in geistiger
Hinsicht aufgehört der Wechsel von Säen und Ernten, Morgen und Abend,
denn seit der ersten Verkündigung der großen Botschaft des Heiles der
Menschen durch den Evangelisten Marcus und den von ihm zum Bischof
geweihten Anicenus, ist diese Stadt immer die Wohnstätte einer
Christengemeinde gewesen und geblieben.
Die Tage nach dem Weihnachtsfeste vergiengen im Umgang der Freunde,
unter denen uns der naturkundige +Dr.+ ~Hedenborg~ ein lehrreicher
Führer und Rathgeber wurde, gar schnell. Noch am letzten Morgen,
Dienstags den 27ten December, machte ich eine einsame Wanderung hinaus
nach Nordost auf dem Wege nach Abukir. Ich wollte wenigstens auf die
Stätte des alten Canopus hinüberblicken, das mir seit langer Zeit
so bedeutend war. Auf einem der Pylonen des dortigen Serapistempels
hat ~Claudius Ptolemäus~, der kenntnißreiche Forscher des Laufes
der Gestirne vierzig Jahre lang gewohnt und den Himmel beobachtet.
Mein Weg gieng, jenseits den Nadeln der Cleopatra an den Hütten der
Soldatenfrauen vorüber, bald nachher über das Schlachtfeld von 1801;
weiterhin bestieg ich eine der Anhöhen bei dem alten Kastellgemäuer,
welches, wie man vermuthet, aus den Zeiten der Römer stammt. Von einem
der Hügel überblickt man die ganze schmale Landzunge, die sich zwischen
dem See von Abukir und dem Mittelmeer hinzieht und auf welcher vormals
die schöngebauten Nachbarstädte des größeren Alexandria: Nikopolis,
Taposiris und Canopus (jetzt Abukir) lagen. In Südost zieht sich die
noch schmälere Landzunge zwischen dem See von Abukir und dem Mareotis
hin, über welche der Nilkanal, der Alexandria mit dem Nil verbindet und
zugleich mit seinem trinkbaren Wasser versorgt, hingeführt ist. Das
feste Gestell dieser Landzungen, so weit nicht die Hand des Menschen
dabei mitbauete, ist ein Kalksandstein mit vielen Muscheltrümmern,
welcher noch fortwährend als Ansatz des Meeres sich zu bilden scheint.
Ziemlich ermüdet kehrte ich, bald nach Mittag zur Stadt zurück, denn
die ägyptische Sonne erschien mir auch in ihrer Winterschwäche noch
überkräftig und stark. Noch einige Stunden verweilten wir in dem
gastlichen Alexandria, dann zogen wir im Geleite der freundlichen,
gütigen Landsleute, v. Dumreicher und Koch, neben dem Kameel, das
all unsre Sachen trug, hinaus zum Canal, wo schon die Nilbarke unsrer
wartete.
Die Nilfahrt nach Cairo.
Eine Nilbarke, wie der treffliche americanische Consul H. Gliddon ihrer
mehrere erbauen ließ, gewährt freilich ganz andre Bequemlichkeiten
als etwa ein solches Segelschiff wie unser bisheriges türkisches war.
Man hat einige wohleingerichtete Kajütenzimmer zur Wohnung, unten im
Schiffsraum kühle Verwahrungsorte für die Speisen und Getränke, auf
dem Verdeck eine Art von Küchenherd. Ein arabischer Diener, Ibrahim
genannt, den uns Freund Dumreicher empfohlen, begleitete uns als Koch;
auch der Reis oder Capitän der Barke so wie sein Schiffsvolk waren
Araber.
Erst gegen Abend fuhren wir ab; die Baumanlagen und Landhäuser zu
beiden Seiten des Machmut-Kanals beleuchtete uns, mit unsicherem
Schimmer, nur die Dämmerung; die enge Landzunge zwischen dem Abukirsee
und der sumpfigen Tiefe des Mareotissees durchfuhren wir bei Nacht.
Bald nach Anbruch des Morgens am 28ten December hielt unsre Barke
bei ~Birket Gitas~ still, bei welchem unmittelbar am Canal eine Art
von Markt gehalten wurde, zu dem aus der ganzen Umgegend Käufer und
Verkäufer herbeigekommen waren. Das Dorf selber liegt etwas tiefer
landeinwärts; bei ihm das Gebäude eines Telegraphen; zum ersten Male
sahen wir hier die sonderbare kegelförmige Bauart der ägyptischen
Bauernhäuser, deren Hauptmasse ein getrockneter Nilschlamm ist. Von der
Höhe des Dammes aus war eine weite, herrliche Aussicht über die üppig
grünende, zum Theil noch vom Wasser des Nils bedeckte Ebene. Es ward
Mittag, ehe es unsern Schiffern, welche vergeblich auf günstigen Wind
warteten, weiter zu fahren gefiel, diese Fahrt war indeß für sie auch
keinesweges eine vergnügliche, denn die Barke mußte von den Matrosen an
Seilen gezogen werden. Bei solchem Lauf der Dinge schien es uns besser
und anmuthiger auf dem Lande, wo jeder Schritt etwas Neues uns zeigen
konnte, zu gehen, als in der Barke zu stehen oder zu sitzen: wir ließen
uns aussetzen. Als ich da in einer der späteren Nachmittagsstunden
zwischen den Heerden der fröhlich springenden Lämmer durch die Wiesen
des blühenden Trigonellenklees und des alexandrinischen Dreiblattes
hingieng, singende Lerchen und Bachstelzen neben mir emporschwirrten,
da glaubte ich mich in einen Maitag des Vaterlandes und zwischen die
grünenden Ebenen und Felder der fruchtbaren Ebenen von Thüringen
versetzt; ich fühlte mich in dieser milden, balsamischen Luft so
leicht und wohl, wie in der Zeit meiner Jünglingsjahre. Von der Höhe
des Dammes, in der Nähe eines ägyptischen Wachthauses sahe ich noch
einmal die Sonne, die in der unbegränzten Ebene, wie in einem grünenden
Meere untergieng; am Abhang des Dammes glänzten wie kleine Sterne
die Stücken des Salzes, welche hier überall aus dem aufgegrabenen
Erdreich hervorblicken; in Nordost ruhete das Auge auf dem dunklen
Grün der Palmenwälder. Nach Sonnenuntergang kehrten wir in unsre Barke
zurück; gegen neun Uhr am Abend landeten wir bei ~Adfu~, am Ende des
Machmutkanals.
Ein erquickender Schlaf auf dem kühlen, reinlichen Lager der Barke
hatte alle Sinnen kräftig gestärkt und empfänglich gemacht für den
hohen Genuß der ihnen heute bevorstund. So bedeutungsvoll der Kanal,
auf dem wir von Alexandria hieher fuhren, für das jetzige Land ist,
so viel man auch Ursache hat dieses im Jahr 1820 vollendete Werk der
Hände von 25,000 ägyptischen Landleuten (Fellahs) zu bewundern, so weit
steht doch das Alles, was die Fahrt auf dem Machmutskanal gewährt,
hinter dem Genuß einer eigentlichen Nilfahrt zurück. Wir konnten
am Morgen es kaum erwarten den Strom zu sehen, welcher durch sich
selber wie durch sein Land ein Wunder der Welt ist. In Adfu besteigt
man eine größere Barke; die unsrige lag schon bereit, ehe aber die
Waaren, die sie, sammt uns nach Cairo führen sollte, so wie jene die
sie aus Cairo, zur Befrachtung unsrer bisherigen Barke brachte, aus-
und eingeladen waren, vergieng der größere Theil des Vormittages. Wir
brachten dann die müßige Zeit des Wartens zwischen dem Gedränge der
Araber zu, die hier Datteln, Orangen und andre Früchte des Landes feil
boten und dagegen Waaren, aus Alexandria gekommen, einhandelten, und
im Besehen der Umgegend. Endlich war es so weit gekommen, daß wir das
neue, schöne Fahrzeug, dessen Kajütenzimmer ganz zu unsrer Disposition
waren, beziehen und abfahren konnten. Das tacktmäßige Geschrei unsers
arabischen Schiffsvolkes beim Aufziehen des Ankers und dem Aufspannen
der Segel; das Rauschen des Wassers, dessen Lauf wir durchschnitten,
klang uns wie ein Lied des Jubels als wir an dem von Palmenwäldern
beschatteten Fuah und an Salmieh hinfuhren.
Obgleich mir die früher gemachten Wasserfahrten auf der Rhone und
Etsch, auf dem Rhein und der Donau manchen schönen Genuß gewährten,
so stund dieser doch unvergleichbar weit hinter dem Genuß der
Nilfahrt zurück. Man darf ja wohl sagen, daß diese nicht nur zu
den anmuthigsten und herrlichsten gehöre, die man auf Erden machen
kann, sondern daß sie die herrlichste von allen sey, denn welcher
befahrbare Fluß der Erde ist an vielfacher Bedeutendheit mit dem Nil
zu vergleichen? Es sind hier nicht allein die Waldungen der Palmen
und der blühenden Mimosen, nicht die weithin schattenden Stämme der
uralten Sykomoren oder das Smaragdgrün der Saatfelder, das sich am
gelben Saume der Wüste hinziehet; es ist nicht der balsamische Duft den
jeder Windhauch aus den Hainen der Orangen oder aus den Feldern der
blühenden ägyptischen Bohnen und des Klees mit sich bringt; sondern
das was hier wie ein belebender Odem die Seele aufregt, das sind die
riesenhaften Fußtapfen einer Heroënzeit der Wissenschaft, der Kunst und
der gesammten Geschichte unsres Geschlechts, die allenthalben, selbst
dem Sande der Wüste, mit unvergänglicher Kraft eingeprägt erscheinen.
Noch ein andres äußres Element war es, das den Becher der innren Freude
mit seinen Strömen des Wohlgefallens füllte. Der Frühling von Aegypten
war gekommen; die Mimosen entfalteten ihre goldgelben Blüthen; auf
den Feldern grünten und blüheten die Saaten und Kräuter zur Sättigung
des Menschen und seiner Heerden; die strauchartige Baumwolle zeigte
neben den reifen Saamenkapseln zugleich wieder die große, wunderschöne
Blüthe; reife Orangen von ungemeinem Wohlgeschmack bedeckten die Bäume;
die edle Palme sättigte auch das ärmere Volk mit der Fülle ihrer
Datteln. So hätten wir denn keine schönere Zeit des Jahres zu unsrer
Reise durch das Nildelta wählen können als die von den letzten Tagen
des Decembers bis in die erste Woche des Januars; war doch diese Zeit
schon den alten Aegyptern eine besonders festliche, denn jetzt, wo die
Sonne aus den südlichen Sternbildern zurückkehrt in die nördlichen,
ward Horos, der Sohn der Isis und des Osiris, er selber eine liebliche
Blüthe unter Blumen geboren.
Der Nil war zwar wieder in sein Bett zurückgekehrt, floß aber in diesem
noch in voller Strömung und hatte überall in der angränzenden Niederung
von seiner Ueberfülle Wasser zurückgelassen. Unsre Fahrt, aufwärts
auf dem kräftigen Strome gieng gerade nicht mit Dampfschiffseile von
statten, wir brauchten zu ihr von Adfu bis Cairo fast so viele Tage
als etwa ein Dampfschiff Stunden dazu nöthig gehabt hätte; unsre
fortrückende Bewegung glich den Schritten eines Spaziergängers, der
durch einen Lustgarten wandelt und zur Betrachtung wie zum Genuß sich
volle Zeit gönnet. Die Windstille wechslete großenteils nur mit dem
Winde aus Süden, der uns entgegen war, und erst am letzten Tage der
Reise beschleunigte ein wahrhaft günstiger Wind, der fast zum Sturm
ward, unsre Fahrt. Gerade aber diese scheinbare Ungunst der Wittrung
gab uns Gelegenheit das schöne Land am Ufer nicht blos zu sehen,
sondern auch zu durchwandern; denn so oft das Fahrzeug gezogen werden
mußte, oder stille lag, stiegen wir aus und ergiengen uns bald in den
Wäldern der Palmen, bald in den Feldern der Baumwollen-Gesträuche
oder des Indigos, oder zwischen jenen sonderbaren, zuckerhutförmigen
Häusern des ägyptischen Landvolkes, die, aus Lehmen und irdenen Krügen
zusammengesetzt, mehr und besser zu Wohnungen unzähliger Tauben als der
Menschen eingerichtet sind.
Nach dieser allgemeinen Beschreibung unsrer Nilfahrt geben wir auch die
besondre der einzelnen Tagesstationen in einigen wenigen Zügen.
Die erste Tagesfahrt von Adfu aus gieng noch immer ziemlich schnell von
statten. Wir kamen gleich anfangs an der herrlichen, mit Palmenwäldern
bedeckten Insel und Ebene bei ~Fuah~ (Fueh?) vorüber, erreichten
dann nach etwa anderthalb Stunden die Gegend von ~Salmieh~ und die
Palmenhaine des nahe gegenübergelegenen ~Abou Salem~, brauchten von
hier keine ganze Stunde zu dem grünumsäumten ~Mehallet Malek~, kamen
noch in der letzten Neige des Tages an ~Marieh~ vorüber und sahen die
Sonne hinter den Palmen versinken, ehe wir die Nähe von ~Rahmanieh~
gewonnen. Unsre arabischen Schiffsleute sammt ihrem alten Reis oder
Capitän hatten sehnlich auf diesen Augenblick gewartet; ihr heutiges
Tagwerk, das Hinübertragen der Waaren aus der einen Barke in die andre
war ein sehr schweres gewesen und dabei hatten sie wegen des Ramadan,
den sie mit größter Strenge feierten, seit Sonnenaufgang noch mit
keinem Bissen oder Trunk Wassers sich gelabt. So groß aber auch ihr
Verlangen seyn mochte, ihre Hände und den Mund mit den gekochten Bohnen
zu füllen, fragten sie dennoch, auch da die Sonne augenscheinlich
untergegangen war, uns, die wir Uhren hatten, ob jetzt der Tag zu Ende
sey und erst als wir dies bejaht hatten, griffen sie fröhlich nach
ihrem hölzernen Gefäß mit Nilwasser und nach den Bohnen. Wir, bei
unsrem Abendessen bemerkten heute zum ersten Male einen Mangel, der uns
freilich schon nach wenig Tagen nicht mehr fühlbar war. In Alexandria
sammelt man zur Zeit der Stromschwelle das Nilwasser in die seit alter
Zeit zu diesem Zweck bestimmten Cisternen, wo es seinen Schlamm absetzt
und klar wird. Wir hatten deshalb dort immer helles, reines Wasser
getrunken und auch in der Barke die uns nach Adfu brachte, fand sich
ein Faß mit solchem Getränk. In Adfu selber hatten wir ganze Haufen von
jenen wohlfeilen thönernen Gefäßen gesehen, durch deren poröse Wände
man das trübe Nilwasser durchseihen läßt und so dasselbe beständig
klar und zugleich abgekühlt erhalten kann, wir hatten aber versäumt
dergleichen Gefäße zu kaufen und mußten daher bis Cairo mit unsern
Arabern das unklare Flußwasser genießen.
Da der günstige Wind noch anhielt und noch vor Mitternacht der Mond
aufgieng, setzten unsre Schiffer auch bei Nacht die Fahrt fort. Der
Wind war indeß nach Mitternacht immer schwächer geworden und hatte vor
Sonnenaufgang sich ganz gelegt, der Morgenglanz des 30ten Decembers
beleuchtete uns die grünenden Ufer jenseits ~El Goudabi~ (Ghodabbi).
Ein Theil unsres Schiffsvolkes stieg aus, um die Barke zu ziehen;
wir benutzten die Gelegenheit begierig, um hier ans Land zu kommen.
Wie schmerzlich hatten wir es zu beklagen, daß die Windstille nicht
um einige Stunden früher eingetreten war. Denn so wenig auch die
Stätte der ältesten griechischen Niederlassung ~Naukratis~, nahe bei
der jetzigen Ortschaft ~Mahallet Dakhel~ dem Auge dargeboten hätte,
so bedeutungsvoll und erwünscht wäre uns der Anblick der bei ~Sa el
Hadschar~ (Salhadschar) gelegenen ~Ruinen von Sais~ gewesen. Diese
konnten von der Stelle des Ufers bei ~El Goudabi~, an der wir jetzt
ans Land gestiegen waren, kaum anderthalb Stunden Weges entfernt seyn.
Bei der großen Langsamkeit, mit welcher die Fahrt seit Mitternacht vor
sich gegangen war, hätten wir, wäre es am Tage gewesen, gar leicht die
wallartigen, grünbewachsnen Schutthügel und die Felder der Fellahs von
Sa el Hadschar besuchen können, unter deren mit Bohnen besäeten Boden
der nachgrabende Freund des Alterthums gar leicht eine Ernte machen
würde, welche reicher wäre als alle Ernten dieser Landschaft. Zwar
wußten wir wohl, daß jetzt, seitdem auch die letzten über die Erdfläche
hervorragenden Reste der alten Kunstwerke, so weit sie nur tragbar
waren, hinweggenommen sind, fast nichts mehr die Stätte von Sais und
vom Grabmal des Osiris bezeichne als nur die wallartigen Hügel, welche
einen fast viereckten Raum umschließen, dennoch beklagen wir es den
Besuch dieser Höhen verfehlt zu haben, auf welche einst ein so geistig
Hohes seinen Glanz warf, daß der Wiederschein weiter über das Reich des
Erkennens strahlte, als das Licht des Pharos zu Alexandria über Meer
und Land[163].
Die Morgenstunde während welcher wir da, in der Nachbarschaft des alten
Sais im Schatten der eben blühenden Nil-Mimosen (+Mimosa nilotica+),
zwischen den Feldern der großblumigen Baumwolle[164] lustwandelten,
war unbeschreiblich schön. Jenes Lied der sieben Stammlaute, jenes
Lied, in welchem die Priester des alten Aegyptens Ihn, den erhabenen,
ewigen Gott priesen; Ihn den rastlosen Vater der Wesen, den Ordner und
Erhalter des Weltalls, tönte, wie ein Säuseln im Wipfel der Palme aus
dem alten Sais herüber, und weckte tief im Herzen seinen Nachklang.
Wie der ferne Klang der Posaunen lautete dem Ohr das Rauschen des
herrlichen Stromes der hier, zur Linken einer langen waldbewachsnen
Insel, in etwas verengterem Bett geht.
Jenseits ~El Farastagh~, ~Nikleh~ gegenüber kamen wir an einen
Wassergraben, der das Weitergehen hinderte; wir mußten in die Barke
zurück, welche, den schwachen Windhauch benutzend, der sich eben
wieder erhoben hatte, langsam von ~Mahallet Läbben~ gegen ~Mordeh~
auf dem hier kaum sechshundert Fuß breitem Strome hinaufschwamm. Bei
~Kufur Sowali~ bildet der Fluß, in mehrere Arme getheilt, große, mit
Saatfeldern und Lebech-Akazien bepflanzte Inseln. Die Barke wurde hier
von neuem gezogen bis gegen Mit ~Schahaleh~, wo der Lauf des Stromes
eine Krümmung gegen Osten (fast O. N. O.) macht, bei welcher uns der
jetzt aus Südosten wehende Wind hülfreich zu statten kam. Es war schon
in einer späteren Nachmittagsstunde als wir vor ~Schabur~, mit den
Schiffsleuten zugleich, welche dort von neuem die Barke ziehen mußten,
wieder ans Land stiegen. Wie verödet und verbrannt sahe hier das
Erdreich aus, an der Stätte da einst ~Andropolis~ stund, das noch zur
alexandrinischen Synode des Jahres 362 einen eignen Bischof (Zoilus)
sendete. Keine einzige blühende Pflanze ließ sich hier finden, auch
von dem schönen, großen Isiskäfer (+Copris Isidis+) den wir heute
früh zum ersten Male, bei Farastagh gesehen hatten, fanden wir, unten
am Ufer nur etliche verstümmelte Leichname. Der Ort ~Schabur~, der
durch die siegreiche Schlacht der Franzosen am 14ten July 1798 bekannt
ist, nimmt sich von außen ziemlich stattlich aus; sein Innres, durch
welches wir zum Theil hindurchgiengen, zeigte uns meist nur armselige,
halbverfallene Lehmhütten und eine Menge der erblindeten Bettler. Ein
Theil der rüstigsten Jugend, welche dem vereinsamten Orte noch übrig
gelassen ist, begegnete uns jenseits demselben, dies waren die jungen
arabischen Frauen oder Jungfrauen, welche kleine Körbe, gefüllt mit
Banmwollenkapseln und kleinen Limonien auf dem Kopf trugen und von
den letzteren uns zum Verkauf boten. Auf einer Sandbank des Stroms
sahen wir viele Pelikane, nahe bei uns, am Ufer lustwandelte die
sogenannte ägyptische Elster: der spornflügliche Regenpfeifer[165].
Wir waren unsrer Barke weit vorausgekommen, denn das arme Schiffsvolk,
vom strengen Fasten ermüdet, konnte dieselbe nur langsam nachziehen;
das einbrechende Dunkel und ein breiter Wassergraben nöthigte uns
wieder ins Fahrzeug zu steigen; wir übernachteten im Flusse, unter den
Baumpflanzungen von ~Salamun~.
Als wir am letzten Morgen des Jahres, Sonnabends den 31ten December,
erwachten, lag unser Schifflein noch still. Unsre jungen Freunde
giengen auf die Jagd und der Maler, Herr Bernatz, hatte auf einem Baum
ein Nest mit ganz befiederten Jungen des ägyptischen Weihen erbeutet.
Etwas nach acht Uhr rief unser Ibrahim die jungen Jäger zurück in die
Barke, die nun, bald von einem schwachen Winde bewegt, bald gezogen,
ihren langsamen Lauf antrat, vorüber an ~El Bahgi~ und ~El Dschedid~.
Bei der ruhigen Bewegung des Schiffes benutzten wir den größten Theil
des Tages zum Briefeschreiben, was hier, in der bequem eingerichteten
Barke, freilich viel leichter war als im türkischen Schiffe. Wir kamen
noch am Nachmittag bis nach ~El Zayrah~ (Sahyarah) wo die Fahrt durch
den widrigen Wind gehemmt ward. Unser Schiffskapitän sagte uns, daß
dieser Ort wegen des Raubgesindels, das in ihm hauste, sehr berüchtigt
sey, erbat sich etwas Pulver und Blei, um einige Flinten zu laden und
ersuchte auch uns, wir möchten zur etwa nöthigen Vertheidigung bereit
seyn. Wir schenkten der Warnung wenig Glauben; gingen noch am hohen
Nilufer gegen Tanoub hinab spazieren, lasen dann in der stillen Kajüte
noch Einiges; gedachten all der großen, guten Dinge die in diesem nun
vergangenen Jahre an uns geschehen und tranken zum Schlaftrunk, nach
heimathlicher Gewohnheit, ein Glas Punsch. Unsre Schiffsleute hielten
wirklich abwechselnd Wache, sie hatten auch, bei einbrechender Nacht,
mehrere Male ihre Gewehre abgefeuert, um den Leuten in ~El Zayrah~ es
bemerkbar zu machen, daß wir bewaffnet seyen; die ganze Nacht vergieng
aber so still und ruhig wie in einer sichern Kammer der Heimath.
Der erste Tag des Jahres 1837 war ein Tag der Todesschrecken für
Tausende der Bewohner von Syrien und Palästina; ein furchtbares
Erdbeben hatte Saphet wie Tiberias und eine Menge andrer Ortschaften
niedergestürzt; hatte in Nazareth wie in Sichem Verheerungen
angerichtet; die Höhen der Gebirge vom Sinai bis zum Libanon
erschüttert. Auch im Nilthale, namentlich in Cairo, wo es vier Häuser
umwarf, hatte es sich theils durch Erdstöße, theils aber als heftiger
Sturmwind bemerkbar gemacht; in der letztern Gestalt erschien es auch
uns bei El Zayrah und hielt uns hier, weil seine Richtung der Fahrt
entgegen war, den ganzen Tag festgebannt. Dennoch war diese Verbannung
eine sehr erträgliche. Die Gegend um El Zayrah ist wahrhaft reich
und schön; die Alleen der Mimosen wechslen mit den Pflanzungen der
Orangen- und Zitronenbäume; zwischen den Feldern der Indigopflanzen,
dem Strauchwerk der Baumwolle und der Saat des Sesams, duften die
Gewürzkräuter Arabiens; das benachbarte Tanub, südwärts von Zayrah und
die ostwärts vom Strome gelegenen Ortschaften ~Rabia~ wie ~Mit-Koram~
liegen jedes in einem dichten Haine der Palmen.
Wir begannen das neue Jahr mit dem wohlthuenden Gefühl und Bewußtseyn,
daß es nicht bloß dieselbe Sonne sey, welche hier uns wie dort in der
weit entfernten Heimath die theuern Verwandten und Freunde beleuchte;
sondern daß dieselbe, allumfangende Mutterliebe uns wie diese aus dem
alten Jahre ins neue herübergetragen habe und auch ferner tragen werde,
und wenn sich dann auch manchmal an uns wie an jenen eine Neigung »zum
Weinen« im neuen Jahre einstellen möchte, so werde ja wohl auch das
Sprichwort an uns beiden sich bewähren, daß wenn am Abend das Weinen
walte, bald hernach, am Morgen die Freude komme. Ein lieber Freund in
München lag, nach den letzten Zeitungsnachrichten, welche wir lasen,
an der Cholera krank; wir hofften, er werde uns ja auch fürs neue Jahr
und fernerhin erhalten werden und unsre Hoffnung ist nicht zu schanden
geworden.
Ich hatte, als wäre ich zu Hause, in der Barke einige Briefe
geschrieben; die jungen Freunde waren auf der Jagd oder mit dem
Zubereiten des bereits Erbeuteten für unsre Sammlungen beschäftigt; die
Hausfrau in Gesellschaft der Freundin Elisabeth hatte sich aufgemacht,
die Landschaft von Zayrah zu besehen. Die Briefe waren geschrieben;
ich wollte nun auch wieder hinaus zu den Freunden. Ich hatte mich
zwischen den Indigofeldern hin nach Osten gewendet; da vernahm ich,
die ohnehin laute Stimme der Hausfrau noch lauter als gewöhnlich
sprechend. Ich wendete mich hin nach der Orangenpflanzung, aus welcher
der Ton der Rede kam, und sahe dann die beiden Freundinnen eilig
aufs Feld heraustreten. Sie hatten sich während der wärmeren Zeit
des Mittags im Schatten der Bäume ergangen und sahen sich jenseits
der Alleen der Mimosen auf einmal unter arbeitenden Männern, die mit
scharfen Hackmessern die Orangenbäume beschnitten. Sie wollen schnell
vorbei gehen; die Hausfrau aber, voraustrippelnd, da sie nach der
Freundin sich umsieht, bemerkt zu ihrem Schrecken, daß ein Araber
dieser nachgeht und das scharfe Hackmesser über ihrem Nacken schwingt.
Sie ruft laut auf; der Araber verschwindet zwischen dem Gesträuch,
noch lange aber hatte der Wiederhall des Schreckens in dem kräftigen
Stimmorgane der Hausfrau nachgetönt. Zusammengehalten mit der Aeußerung
unsres arabischen Reis, daß hier ein Raub- und Mordgesindel wohne,
möchte man wohl glauben, daß die Schwingung des Hackmessers gegen das
Haupt unsrer Freundin nicht Scherz, sondern Ernst gewesen sey. Wir
hatten aber ja jetzt wieder des Schutzes im vollen Maaße; zuerst die
Barke, mit dem rüstigen Schiffsvolk, dann den tapfren Maler Bernatz,
der uns mit seiner nicht vergeblich geladnen, sondern für einige
Wiedehopfe des Nilstrandes todtgefährlich gewordnen Flinte hinaus nach
Tanub begleitete, wo wir im Schatten der Palmen noch eine liebliche
Frühlings-Abendstunde genossen.
Heute Abend machten sich die Schiffsleute wie die jungen Freunde noch
mehr denn gestern auf eine etwa nöthige Erwiederung des Begrüßens
der Zayrahner bereit, aber noch vor 10 Uhr erhub sich plötzlich
ein günstiger Wind, den unsre Schiffer benutzten, und zuerst zum
westlichen Ufer bei ~Kum Scherik~ hinübergewendet, dann in der Mitte
des Stromlaufes weitergehend am Morgen bereits ~Nadir~, noch vor
Mittag aber ~Gezaieh~ (Ghisahi) erreichten. Hier fanden wir mehrere
Nilschiffe, die sich, gleich dem unsrigen, an dem wie es scheint
wohlhabenden Orte mit Lebensvorräthen versorgen wollten. Während wir
da die wunderlichen Lehmhütten der Fellahs betrachteten, welches
eigentlich Schläge und Kolonien der Tauben sind, bei denen der Mensch
zur Miethe wohnt, war unser Ibrahim hinein ins Dorf gegangen, um
frische Brote, Eier und Milch für unsern verschwenderischen Haushalt
zu kaufen. Auf einmal entstund bei und in der Barke ein Geschrei;
man wollte im Dorfe unsern Ibrahim behalten und zum Soldatenstand
pressen. Aber die tapfern, mit dem weiten Gewand des fliegenden Hemdes
bekleideten Seemänner unsrer Barke, die jungen, arabischen Helden
der Bohnen und Linsen, ergriffen Stangen und Stöcke und drangen
so kräftig in das Volk der halbblinden und lahmen Männer, welche
das Dorf beherrschten, ein, daß Ibrahim bald wieder mit all seinen
eingekauften Eiern, Broten und Milchkrügen frei war. Wir fuhren,
noch immer mit günstigem Winde, weiter, vorüber an ~Terraneh~ und
seinen nachbarlichen, modernen Ruinen, dann an ~Zaviet Rezin~ und
~Abu Noschabeh~; erst jenseit ~Mit Salameh~ verließ uns der Wind. Im
Ganzen hatten wir seit voriger Nacht einen Weg von fast zehn Stunden
zurückgelegt.
Dafür lagen wir aber auch schon in der Nacht und am Morgen des dritten
Januars unbeweglich still, an der Westseite des Flusses, in einer
Gegend, in welcher das Auge, als wir ans Land stiegen, weiter gegen
Westen hin nichts erblickte als die Hügel des Sandes. Schon vor
Sonnenaufgang verkündete uns einer der jungen Freunde, der vor uns ans
Land gestiegen war, daß man außen auf der sandigen Anhöhe beim Ufer
die Pyramiden sehen könne. Wir stiegen hinan ans hohe Ufer und siehe
die aufgehende Sonne bestrahlte uns jene Wunder der ältesten Baukunst,
welche schon Abraham sahen und Moses, deren Höhen Thales maß, deren
Pracht Herodot bewunderte und in deren Nähe Joseph, der Versorger und
Ernährer seiner Brüder so wie achtzehn Jahrhunderte nach ihm ein andrer
Joseph seine Zufluchtsstätte fand, dem noch ein viel höherer Beruf
des Pflegens und Versorgens geworden war, als Joseph, dem Sohne des
Altvaters Jacob. Jetzt, bei Sonnenaufgang sahen wir außer den beiden
größesten Pyramiden von Ghizeh auch die dritte kleinere; da die Sonne
höher stieg, verschwand uns diese und nur die größeren blieben
sichtbar.
In der That es war noch eine Gedultsprobe dergleichen unsre
Wasserfahrten mit Segelschiffen uns schon mehrere aufgegeben hatten:
so nahe und bereits im Anblick eines ersehnten Zieles abermals, wir
wußten ja nicht auf wie lange? stillstehen zu müssen. Zwar gab uns
die Natur auch hier, auf den öden Sandhügeln manche Unterhaltung; wir
machten glückliche Jagd auf mehrere Pimelien- und selbst auf den großen
Isiskäfer, sahen zum ersten Male einige vereinsamte Straucharten der
Wüste, dennoch ward uns da in den glühend heißen Strahlen der Sonne
die Zeit des Wartens, bis fast gegen Mittag, sehr lang. Endlich erhub
sich ein Wind aus Westen (W. N. W.), welcher jedoch hier, wo unser
Schiff hinter der Wand des hohen, gähansteigenden Nilufers lag, die
Segel nicht recht fassen konnte; die Schiffsleute ruderten deshalb
in ihrem Boote hinüber an die östliche Seite und zogen die Barke
nach, deren Segel alsbald sich füllten und das Schifflein wie auf
Taubenflügeln von hinnen trugen. Wie im Fluge zogen wir an dem Grabmal
eines türkischen Santo's vorüber, das vor ~Atris~ nahe am Ufer liegt,
dann an ~Wardan~ und ~Abu Awali~. Der Fluß wendet sich hier nach Osten;
der Westwind stund gerade in unser Segel. Als aber jetzt der Stromlauf
wieder mehr nach Süden sich kehrte und der Wind fast zur Stärke des
Sturmes sich steigerte, da hatten sich die sanften Taubenflügel,
die uns vorhin weiter trugen, wenigstens in den Augen der sorgsamen
Hausfrau in Rabenschwingen verkehrt; das Schiff, das den Wind von der
Seite hatte, lag so schief, daß Alles was in unsrer Kajüte nicht fest
gemacht war, in Bewegung gerieth. So flogen wir an ~El Ghatah~ und bei
einer neuen Krümmung an ~El Aksas~ vorüber, erreichten schon um vier
Uhr des Nachmittags vor ~El Akmin~ und noch mehr bei ~Dschaladnieh~
und ~El Machi~ jene Orte der ungetheilten Stärke und jugendlichen
Kraft des Nilstromes, an welchen dieser die Fülle seines Wassers noch
nicht an alle seine Sprößlinge, an jene Arme vererbt hat, welche das
Nildelta bilden. Von den Herrlichkeiten des in dieser Jahreszeit
paradiesischen Schubra sahen wir nur die grüne Schaale der hohen Bäume.
Ein Gedränge der Wetterwolken war an dem vorher so klaren, blauen
Himmel emporgestiegen, gleich als wollte es uns daran erinnern, daß
keine Regel, welche die Sichtbarkeit giebt, ohne Ausnahme sey. Wir
waren kaum, gegenüber von ~Embabeh~, in den Nilhafen von Cairo, in
~Boulak~ eingelaufen und hatten dort den stillen, sichren Landungsplatz
gefunden, an welchem, nach eingezogenen Segeln das Schiff wieder gerade
und still stund, da stürzte der Regen in solchen Strömen herab, daß
unsre, scheinbar so gut gedeckte Kajüte mit ganzen Wasserbächlein
erfüllt ward, die sich weiter hinunter in den Schiffraum, auf
die geladenen Waaren ergossen. So alltäglich und unbedeutend ein
solches Naturereigniß bei uns erscheinen würde, gehörte es dennoch
in früheren Zeiten wenigstens, für diese Gegend von Aegypten zu den
ungewöhnlicheren. Wie man sagt, hat sich, seitdem Ibrahim Pascha der
Umgegend von Cairo durch seine reichen Gartenanlagen eine neue Gestalt
gab, auch die hiesige Witterung anders gestaltet denn sonst; der starke
Regen, welcher in alter Zeit in dem Distrikt von Memphis unter die
seltneren Erfahrungen eines Menschenlebens gerechnet war, ist seitdem
ein öfter wiederkehrender, wohlthätiger Gast des Landes geworden.
So sehr es auch außen wetterte, so still und behaglich war es, die
Nässe, die sich nicht wohl vermeiden ließ, abgerechnet, innen in unsren
Kajütenzimmern. Die gute Hausfrau hatte heute Mittag, als das Schiff so
schief stund und Alles in der Kajüte ins Bewegen gerieth, nicht mehr
da bleiben mögen; hatte von dem vortrefflichen Gerichte der gekochten
Gerste, welches der arabische Knecht mit arabischer Vortrefflichkeit
zur Tafel brachte, nichts genießen können; jetzt da Alles wieder
auf festem Fuße stund, that auch ihr die Erquickung des Thees und
des frischen, arabischen Brodes wohl. Wir Alle aber ruheten, besser
denn auf Polstern, auf dem Bewußtseyn, daß jetzt doch endlich der
~Anfangspunkt~ unsrer eigentlichen Reise in das Morgenland erreicht sey.
Als wir am Morgen des vierten Januars erwachten, da war das gestrige
Ungewitter, mit aller Trübung des Himmels, wie ein Traum verschwunden.
Die Sonne schien wieder hell und heiß; kein Wölklein war mehr zu
sehen; nur die Durchweichung des fruchtbaren Bodens am Ufer und die
Nässe auf den Verdecken und in den Räumen der Nilschiffe erinnerte
noch an die Regenströme der vergangenen Nacht. Das erste, was uns beim
Hinaustreten ans Land, bei dem Obdach der Chans von Boulak in das Auge
fiel, waren unsre türkischen Hadschi's: die beständigen Reisegefährten
von Smyrna nach Alexandrien. Bald aber bewillkommten uns auch, denn
wir hatten durch Ibrahim Botschaft hinein nach Cairo gesendet, mehrere
der lieben Freunde und Landsleute aus der Herrscherstadt des jetzigen
Aegyptens, und machten es uns fühlbar, daß, wenn auch die Heimath des
Leibes auf gewisse Gränzen gewiesen, dennoch die des Geistes an allen
Orten der Erde, und unumschränkt sey.
* * * * *
Das ägyptische Zollamt in Boulak hielt nur wenig auf, bald war unser,
nicht sehr großes Hab und Gut auf den Rücken der Eselein geladen und
auch für uns stunden etliche dieser reitbaren Thiere bereit. Mehrere
von uns, unter denen auch ich, zogen es vor den Weg nach der Stadt zu
Fuße zu machen. Und siehe, da lag denn das große, mächtig ausgedehnte
Cairo mit seiner hochgebauten Burg, seinen dreihundert Moscheen, und,
wie man sagt, mehr denn siebenhundert Thürmen, ganz nahe vor den Augen.
* * * * *
Ein Gedränge der Fußgänger und Reiter, der Lastthiere und ihrer Treiber
zog mit uns zugleich nach der volkreichen Hauptstadt; wie Staub vom
Winde erregt stieg der Lärmen, den das lautstimmige Volk machte,
vom Boden auf. Fast an jedem andern Orte wäre das Getöse überlästig
geworden, hier aber, im Anblick der hehren Pyramiden, gestaltete es
sich für das innre Ohr zu dem Rauschen eines Wasserfalles, welcher,
so tief auch seine zerstäubenden Tropfen auf die Ebene herabstürzen,
dennoch an die Höhe und an den uralten Sitz des Alpenschnees erinnert,
aus welchem sein Strömen herkam.
Verbesserungen.
Neben manchen andren Druck- und Schreibfehlern hat sich in diesem Bande
einer, und zwar doppelt eingeschlichen, den man zu verbessern bittet;
auf S. 31 Z. 3 und 2 v. u. in den Noten steht nämlich Daniel 4 statt
Daniel 9.
Nachricht.
Die auf diese Reise bezüglichen, aber auch ein selbstständiges
Kunstwerk bildenden
»Vierzig ausgewählte Original-=Ansichten aus dem heiligen Lande=,
aufgenommen und gezeichnet von =J. M. Bernatz=, lithographirt
von Emminger und Federer, =mit erläuterndem Texte von G. H. v.
Schubert=«
erscheinen bei Unterzeichneter binnen Jahresfrist in viererlei
Ausgaben:
Nro. 1 auf großem französ. Velinpapier +à+ 3 Rthlr. 8 ggr. Preuß.
" 2 " chinesischem Papier +à+ 2 Rthlr. 12 ggr.
" 3 " weißem Papier in der Größe von Nro. 2 +à+ 2 Rthlr.
" 4 " etwas kleinerem Papier (Allgem. Ausg.) +à+ 1 Rthlr.
16 ggr.
+pro+ Heft mit je zehn Ansichten.
welche Subscriptionspreise nach der Vollendung jedes der vier Hefte
aufhören. Ein Blick auf die fertigen Blätter wird den Werth dieses
Unternehmens außer Zweifel setzen.
~Stuttgart~ im Juli 1838.
=J. F. Steinkopfsche Buchhandlung.=
Fußnoten:
[1] Meine kleine Vaterstadt hatte damals noch Bergbau.
[2] Ps. 25. V. 21.
[3] Neuerdings hat ein verwandter Geist: ~Gustav Schwab~ durch die
Herausgabe von ~Paul Flemings erlesenen Gedichten~ (Stuttgart 1820)
sammt einer kurzen Lebensbeschreibung des Dichters den Freunden der
deutschen, lyrischen Poesie ein werthvolles Geschenk gemacht. Das hier
erwähnte »Reiselied« steht in der Schwab'schen Ausgabe S. 48.
[4] Kleinere, nur im Frühlinge und zwar auf kurze Zeit fließende
Quellen, die von dem in die Bergklüfte eingedrungenen Wasser des
thauenden Schnees und Eises der Höhen ihren Zufluß haben.
[5] Im Jahr 1797.
[6] M. vgl. ~C. v. Raumers~ Abh. in der Hertha 1829 S. 346, so wie
desselben allgem. Geographie.
[7] Genes. 2.
[8] Daniel 4. V. 27.
[9] +Ker-Porter travels II. p.+ 312-317. u. f; m. vgl. auch +Maurice
Rich. Memoir on the ruins of Babylon+, so wie Desselben +Observations
on the ruins of Babyl.+ und +Topographie of anc. Bab.+ in d. +Archeol.
Britt. XVIII.+ 8. 243.; u. ~Hammers~ Fundgruben III.; ~K. O. Müllers~
Handb. d. Archäol. u. Kunst S. 259.
[10] Begünstigt von den jährlichen Stromschwellen, welche nach
~Ker-Porter~ das Ueberschiffen der Steine vom Euphrat bis zum Tigris
möglich machen.
[11] So nennen sie die umwohnenden Araber.
[12] Die hier erwähnte erstreckt sich über mehr als eine halbe Stunde
Weges.
[13] Ps. 1. V. 2. 37. V. 4. Hiob 22. V. 26.
[14] 1809 und 1810.
[15] Es. 3. V. 14.
[16] Matth. 21.
[17] Esaj. 1. V. 5-8.
[18] Dan. 9. V. 4-19.
[19] Dan. 9. V. 18.
[20] Esaj. 1. V. 9.
[21] Ps. 90.
[22] Ps. 121.
[23] M. vgl. ~Ulysses von Salis in Johann von Müllers~ Schriften.
+XII.+ +c.+ 54.
[24] M. vgl. meine ~Geschichte der Natur~. +I.+ S. 255.
[25] M. vgl. mein ~Wanderbüchlein eines reisenden Gelehrten~ durch
Salzburg, Tyrol u. f.
[26] Vorzüglich durch meine Bearbeitung von ~Claudius Angeli de
Martelli~ Errettung in und aus der türkischen Gefangenschaft. Erlangen
1825. Die Einleitung dieses freilich durch eine Masse von Druckfehlern
und durch seine Sprachweise selber entstellten Büchleins giebt eine
kurze Geschichte der Belagerung und Entsetzung Wiens im Jahr 1683.
[27] Gegen 420 Fuß.
[28] ~Engels~ Geschichte des ungarischen Reichs. +III.+ Bd. S. 130.
[29] ~Engel~ a. a. O. +III.+ Bd. S. 295 u. f. +V.+ S. 131.
[30] Erbaut im Jahr 1433.
[31] An Süßwasser-Conchylien fanden wir übrigens hier die +Neritina
danubialis+ und +transversalis+; die +Paludina neritoides+ und
+achatina+; +Unio tumidus+, +patavus+, +crassus+; +Anodonta
complanata+; +Mytilus Wolgae+.
[32] +Similium reptans.+
[33] M. v. die treffliche Abhandlung des Oberbergrathes +D.+ J.
N. Fuchs: ~über die Theorie der Erde~ im Februarheft der Münchner
gelehrten Anzeigen Nr. 26 bis 30.
[34] In der hoch auf einem Felsen über der Herculesquelle gelegenen
Dampfcaminhöhle, steigen aus den Spalten des Bades heiße Dämpfe hervor,
die sich an den Wänden zu Tropfen verdichten.
[35] Das Streichen der Mergelschieferlagen gehet fast von Süd nach
Nord, ihr Fallen unter einem Winkel von beiläufig 25° von N. O. in
S. W. Unter den aufgelagerten Massen zeigt sich auch stellenweise
eine grauwackenähnliche Felsart, anderwärts Grünstein, flußabwärts
Thonschiefer.
[36] Jene Wasserleitungen liefern täglich 293600 C. F. Wasser, in jeder
Stunde 12233⅓.
[37] Die Quelle des Kaiserbades, welche 44° R. Wärme hat und in
jeder Stunde 89 Cubikfuß Wasser giebt, enthält in 100 Cubikzollen
Wasser: 10,10 Cubikzoll geschwefeltes Wasserstoffgas, 1,15 Stickgas,
2,10 kohlensaures Gas, überdieß 96 Gran salzsaures Natron, 50 Gran
salzsauren Kalk, 5 Gran schwefelsauren Kalk. Die Ludwigsquelle, die
960 Cubikfuß Wasser in einer Stunde giebt und 37° Wärme hat, enthält
in 100 Cubikzoll Wassers 5,15 C. Z. geschwefeltes Wasserstoffgas,
1,10 Stickgas, 1,24 Kohlensäure, fast 55 Gran salzsaures Natron,
23 salzsauren Kalk u. s. w. Die Herculesquelle führt gar kein
geschwefeltes Wasserstoffgas, dagegen die meiste Kohlensäure (3,68 C.
Z.) und eben so viel Stickgas als die Ludwigsquelle.
[38] M. s. die Beschreibung des Bauwerkes bei +Procopius de aedificiis+
+IV+, 5.
[39] a. a. O. +IV+, 6.
[40] +de aedificiis IV+, 5.
[41] 1 Könige 20, V. 11.
[42] +Ils devenoient tout d'un coup moins que des femmes. Mém. de Mad.
de Lussan III.+
[43] ~Schiltberger's~ Reise in den Orient. München 1813. ~J. v.
Hammer's~ Geschichte des osmannischen Reiches. +I.+ S. 241.
[44] +Getarum solitudo.+
[45] M. s. ~J. v. Hammer~ Geschichte des osman. Reiches +II.+ S. 64.
[46] Sie hieß später +Constantia ad Varnam+. Uns Christen könnte sie
billig »~Warnstadt~« heißen, denn hier gab uns am 10ten November 1444
die an Murad +II.+ verlorne, für das spätere Schicksal der christlichen
Reiche so entscheidende Schlacht die Warnung, daß man durch den
Machtspruch keiner menschlichen Willkühr, trüge sie auch das Gewand
eines Engels des Lichtes, zu dem Wahne sich verleiten lassen solle, daß
wir armen Menschen straflos seyen, wenn wir einem Andersglaubigen den
geschwornen Eid und das gegebene Wort brächen, da doch Gott selber das
Wort seiner gegebnen Verheißungen allen Völkern und Heiden so treulich
hält.
[47] M. v. die treffliche Beschreibung aller der hier und weiterhin
erwähnten Küstengegenden in ~J. v. Hammers~ Constantinopel und der
Bosporus, B. +II.+
[48] Dieses Dorf, früher Petra genannt, erhielt den Namen ~Belgrad~,
seitdem durch Suleiman den Großen jene Bulgaren, denen die Türken bei
der Einnahme des serbischen Belgrad im Jahr 1521 das Leben geschenkt
hatten, hieher versetzt wurden. Belgrad liegt in einem Wald von
Platanen, Eichen, Buchen, Ahornen, Ulmen, Pappeln, Pinien und Birken,
welcher gegen 6 Stunden im Umfang hat und der von den Türken sorgfältig
geschont wird, weil auch ihnen die Erfahrung gelehrt hat, daß von dem
Wohlbestand dieses Waldes der Zufluß und Niederschlag des Wassers in
die bei Belgrad befindlichen, wichtigen Wasserbehältnisse abhänge,
aus deren Fülle mehrere Wasserleitungen der nahen Hauptstadt versorgt
werden (m. v. ~J. v. Hammers~ reizend schöne Beschreibung dieses
Lustwald-Ortes in s. Constantinopel und der Bospor. +II.+ S. 252.
[49] Ps. 91.
[50] M. v. J. v. ~Hammers~ Gesch. d. osman. Reiches +IV.+ S. 553-555.
[51] Nach ~J. v. Hammers~ Constant. und der Bospor. +I.+ S. 331.
[52] ~J. v. Hammers~ Gesch. d. osm. Reich. I. S. 64.
[53] Ebendas. S. 50.
[54] Dem Mesdschid, d. h. Ort der Anbetung.
[55] D. h. Leuchtthürme, wegen ihrer Beleuchtung besonders am
Ramasan-Feste.
[56] ~J. v. Hammers~ Gesch. d. osm. Reich. +III.+ S. 341.
[57] Er starb vor Szigeth zehn Jahre nach Vollendung der Suleimanje am
6ten Sept. 1566.
[58] ~Hiob~, 29 v. 4.
[59] M. vergl. ~Jos. v. Hammers~ Gesch. d. Osm. B. +IV.+ S. 442.
[60] M. s. ~Jos. v. Hammers~ Gesch. des Osm. Reich. +IV.+ S. 241.
[61] M. s. über dieses erniedrigende Ceremoniell des türkischen Hofes
~J. v. Hammers~ Constantinopel und der Bospor. +I.+ S. 246 u. f.
[62] Sie stund früher im Portikus des byzantinischen Kaiserpallastes.
[63] M. v. ~J. v. Hammer~ a. a. O.
[64] Bei ~Jos. v. Hammer~ Gesch. d. osm. R. +II.+ S. 378.
[65] ~J. v. Hammers~ Const. u. d. Bosp. +I.+ S. 521.
[66] ~J. v. Hammers~ Const. u. d. Bosp. +I.+ S. 537.
[67] Zweimal durch alte Griechen (Alcibiades und Philipp den
Macedonier), dreimal durch römische Kaiser (Severus, Maximinus und
Constantinus), einmal durch die Perser (im J. 616) und zehn Jahre
nachher (626) durch die Avaren; siebenmal (654, 667, 672, 713, 743,
780, 798) durch die Araber, zweimal durch die Bulgaren (764 und 914),
zweimal durch Rebellen (819 und 1048), einmal durch die Lateiner
(1204), dann durch einen byzantinischen Herrscher selber (1261);
dreimal durch die Osmanen (1393, 1424, 1453). Wenn man die kurzen
Intervalle zwischen den Stürmen von 616 und 1453 vergleicht, so findet
man, daß Constantinopel nur in den ersten 3 Jahrhunderten seines
christlichen Herrscherreiches so wie seit der Einnahme durch die
Osmanen eine etwas längere Ruhezeit genossen habe.
[68] M. s. die schöne Beschreibung des armenischen Gottesdiensts,
dem ich in Constantinopel nicht selber beiwohnte, in ~J. v. Hammers~
Constant. u. d. Bosp. +I.+ S. 470.
[69] +J. v. Hammer+ a. a. O. S. 469.
[70] ~J. v. Hammer~ a. a. O. +II.+ S. 73.
[71] Ihren Namen empfieng sie von dem Pascha Kassim, der unter Suleiman
dem Großen Napoli di Romania eroberte.
[72] Zu Padua in der Justinakirche, zu Venedig im Dogenpallaste, in der
Kapelle des Rosenkranzes, im Arsenal und in der Akademie; zu Rom in der
Kirche +Ara coelis+ u. f.
[73] Nach seinem Tode im Jahr 1596 fand man in dem Schatze dieses
»osmanischen Marius«, über dessen rohe Behandlung alle Botschafter
der christlichen Mächte, wie alle Dichter seines eignen Volkes sich
bitter beklagen, unter anderem 600,000 Ducaten, 61 Maaße Perlen, in
Silber fast drei Millionen Aspern, 20 Kistchen mit Chrysolithen, 20
Mäßchen Goldstaub, 30 diamantne Rosen, 15 Rosenkränze von großen,
30 Pferdedecken mit kleinern Perlen, zwei Halsbänder von Diamanten,
zwanzig mit Edelsteinen besetzte Waschbecken, sieben dergleichen
Tischdecken, 900 Pelze von Grauwerk, 600 dergleichen von Zobel, 30 von
schwarzem Fuchse. M. v. ~Jos. v. Hammers~ Gesch. d. osm. Reiches +IV.+
S. 258.
[74] +A Residence at Constantinople. Lond. 1836. I. p. 265.+
[75] Beide zusammen hießen in ältester Zeit Sykä, Feigengegend, seit
Justinian Justiniana.
[76] M. v. über den Sphärentanz der Mewlewis-Derwische und seine
Bedeutung: ~J. v. Hammers~ Constant. u. d. Bosp. +II.+ S. 112.
[77] ~J. v. Hammer~ Const. u. d. Bosp. +II.+ S. 332 und S. 335 wo
derselbe zugleich den schönen Commentar eines arabischen Philologen
über diesen Koranspruch anführt, der hiermit den Gebrauch der Vorwörter
erläutern will:
Wir beginnen ~mit~ Gott, und vollenden ~in~ Gott;
Wir leben ~durch~ Gott, und streben ~nach~ Gott;
Wir wandeln ~vor~ Gott, und handeln ~für~ Gott;
Wir sprechen ~aus~ Gott, und schwören ~bei~ Gott;
Wir trauen ~auf~ Gott, und bauen ~nächst~ Gott;
Wir kommen ~von~ Gott, und gehen ~zu~ Gott.
[78] +~Andreossy~ voyage p. 35; ~Walsh~ residence at Constantinople I.
p. 284.+
[79] In den Gärten baut man auch +Smilax excelsa+, um die jungen
Schossen als Sallat zu benützen.
[80] Außerdem fanden sich um Pera, meist im Garten der englischen
Gesandtschaft + ~Helix~ vermiculata+, +adspersa+, +carthusianella+,
+conica+, +turrita+, +subrostrata+; +~Bulimus~ Pupa+ u. +ventricosa+;
+~Clausilia~ sulcosa+ u. +similis+; +~Pupa~ tridens+.
[81] M. v. unter andrem +~Walsh~, a residence at Constantinople. II. p.
164+.
[82] M. v. oben S. 7.
[83] +Pancratium maritimum.+
[84] M. v. m. Gesch. der Seele §. 59.
[85] ~Tournefort~ nannte ihn als den besten des Orients.
[86] M. v. Offenb. +II.+ V. 8-11.
[87] +Plin. V+, 29.
[88] Nach dem großen Erdbeben vom Jahr 178 ließ sie Marcus Aurelius
prächtig wieder aufbauen.
[89] Das alte Smyrna lag etwa eine Stunde Weges (2500 Schritte) von dem
späteren, dessen Stelle zum Theil das jetzige noch einnimmt, entfernt
und war von Aeoliern aus Thessalia erbaut, vom lydischen Könige
~Sadyattes~ zerstört worden. Vierhundert Jahre nach dem politischen
Untergange des alten Smyrna erbaute ~Antigonus~ der Nachfolger
Alexanders des Großen das neue Smyrna, mit der prächtigen viereckten
Säulenhalle des Homer (dem Homerion).
[90] Apok. 2. V. 11.
[91] M. v. +Arundel discoveries in Asia minor I. p. 208.+ u. f. so wie
+Bochart. Sacr. geograph. I. c. 3.+
[92] +Herodot. VII, 20.+
[93] +Plin. V, 29.+
[94] Ep. an die Coloss. +II+, 4. +IV+, 13. 15.
[95] Apok. +III.+ V. 17.
[96] Ebendas. V. 16.
[97] Ich bin in der Benennung dieser Ruinen ~Arundel~ gefolgt, in
seinem Werk +A visit to the seven Churches of Asia p. 23+.
[98] +Herodot. I. 26.+
[99] M. v. die Inschrift auf den ephesinischen Münzen aus den Zeiten
Vespasians.
[100] Selbst der Name Ajasaluk bedeutet: »kleiner Mond.«
[101] +~Arundel~ discover. in As. min. II. p. 253.+
[102] 1 Ep. an Tim. 1 V. 2; 2 Ep. 1 V. 2.
[103] ~+Arundel+~ a. a. O. +p.+ 264.
[104] Der ältere und neuere Orient nennt ihn immer »den Theologen.«
[105] Sein eigentlicher Name Timur bedeutet Eisen; weil er lahm war,
bekam er den Beinamen »Lenk« (der Lahme) und aus Timurlenk gestaltete
die Sprache der westlichen Völker den Namen Tamerlan.
[106] In Smyrna hatte doch Timur bloß die abgehauenen Köpfe der
Christen durch Wurfgeschosse auf die Schiffe der Christen geschleudert,
in Siwas (Sebaste) bloß die gefangenen Armenier und die Tapferen
der Stadt wie Knäuel zusammenbinden und lebendig in die Gruben
rollen lassen, hier aber in diesen Gegenden selbst die Schaar der
moslimitischen Kinder, welche Sprüche aus dem Koran betend und
um Erbarmen flehend, ihm entgegenzogen, von den Hufen der Rosse
zerstampfen lassen (m. s. ~Jos. v. Hammers~ Gesch. des osm. Reiches
+I.+ 334).
[107] ~J. v. Hammer~ ebendas. S. 378.
[108] M. v. auch +~Arundel~ discoveries I. p. 248+ u. f.
[109] M. v. in den Bildern aus dem heiligen Lande, treu nach der
Natur aufgenommen und gezeichnet von ~J. M. Bernatz~, Stuttgart
bei Steinkopf, im ersten Heft die erste Abbildung, welche eine der
damaligen Arbeiten des genannten Künstlers ist.
[110] Der Magnet hatte vorzüglich von diesem Lydischen Magnesia seinen
Namen.
[111] Der Sage nach war diese angebliche Prophetin das Weib der Jugend
des Engels (Bischofs) der Gemeinde gewesen, das sich jedoch selber von
ihm geschieden hatte.
[112] Jaspisartige Kieselschiefer.
[113] Ps. 78. V. 69.
[114] M. v. ~Jos v. Hammer~ a. a. O. +I.+ 465.
[115] Magnesia zum Brode, Lampsakos zum Weine, Myus zum Gemüse.
[116] Wir überzeugten uns auf unsrer ganzen Reise bei vielen
Gelegenheiten von der vertrauten Bekanntschaft der jetzigen Griechen mit
der Geschichte und den Thaten ihres Volkes.
[117] Dieses ~Nymphi~, ein Lieblingsaufenthalt des byzantinischen
Kaisers ~Michaël Paläologus~ (im J. 1260) soll in seiner Nähe Gold- und
Silbergänge enthalten. Berühmter jedoch als diese sind in jetziger Zeit
seine Kirschgärten, welche von Smyrna aus viel besucht werden.
[118] +Virgil. Georg. II, 97+; +Plin. V, 29+; +VII, 48+.
[119] Ein ganz verheerendes für diese Gegend war, außer den vielen
früheren, das von 1595. Damals war Sardis (Sart) wieder ein Flecken
gewesen, den das Erdbeben ganz in einen Schutthaufen verwandelte.
Zu gleicher Zeit quoll am Wege nach Magnesia pechschwarzes Wasser
hervor; bei Partschinlü klaffte die Erde 10 Joche weit, das Wasser
sprang thurmhoch empor und warf seltsame, noch nie gesehene,
blinde Fische aus. (M. v. ~v. Hammer~ +IV+, 255.) Auch im 17ten
und 18ten Jahrhundert, trafen die Landschaft noch manche schwere
Erderschütterungen, sie fanden jedoch nicht viel mehr zu verheeren
übrig. Doch sahe noch Thomas Smith im 17ten Jahrhundert hier eine
Moschee, die sich mit Trümmern alter Bauwerke, namentlich schöner
Säulen geschmückt hatte.
[120] +Vitruv. II, 8. med.+ m. v. auch +Plin. h. n. XXXV, c. 14. Sect.
49.+
[121] Die Gegend von Sardis, ohne den Cybeletempel, s. m. in den
von ~H. M. Bernatz~ herausgegebnen Steindrücken; die Ansicht des
Cybeletempels wird er bei andrer Gelegenheit mittheilen.
[122] Apok. 3 V. 8-11.
[123] M. v. Apostelgesch. +XIII+, V. 1; Ep. an d. Röm. +XVI+, V. 22.
[124] +Oriens christianus I. p. 868.+
[125] +Herod. I+, 7; +Hom. Il. II+, 865. ~Sickler~, in seinem Handbuche
der alten Geographie, 2te Auflage +II.+ S. 319 erinnert bei dem Worte
Mäon an die des gleichlautenden semitisch-arabischen Wortes, welches
»Wasser« bedeutet.
[126] Herr ~John Lee~ wohnt schon über 50 Jahre (seit 1786) in Smyrna.
[127] Selbst der Haifisch zeigt diese Vorliebe für das menschliche
»Wildpret.«
[128] Wie das System annimmt, stehen die vorher erwähnten und die zwei
hier nachfolgend zu erwähnenden Blüthen gewöhnlich an drei verschiednen
Bäumen.
[129] In einem Aufsatz, den ich in der Quarantäne bei Livorno schrieb,
wo ich meiner Papiere und Landcharten so wie aller wissenschaftlichen
Hilfsmittel beraubt war, und den ich, so wie er geschrieben war, dem
Druck überließ, habe ich leider Karahissar (Celänä) und das drei gute
Tagereisen von diesem nordwestwärts gelegnen Akhissar (Thyatira) mit
einander verwechslet, wofür ich hier um Entschuldigung bitte.
[130] M. s. ~v. Hammer~ Gesch. d. osman. Reichs +I.+ S. 51.
[131] Eine Seebarbe von 4 Pfund Gewicht wurde nach unsrem Gelde mit
eben so vielen 100 Gulden bezahlt (+Senec. epist. 95.+).
[132] Namentlich +Brachycerus barbarus+, +Larinus subcostatus+,
+Tentyria grossa+, +Pimelia alutacea+, so wie +Erodius+ u. f.
[133] In s. +Discoveries in As. min. II. p. 278+.
[134] Um dem Künstler die Arbeit zu erleichtern, ließ Orloff bei
Livorno ein Kriegsschiff in die Luft sprengen.
[135] Bemerkenswert ist es, daß in dem Geburtsort jener uralten
Sibylla, selbst noch zu Alexanders Zeiten eine neue Sibylla aufstund,
welche dieselben (jetzt näher gerückten) Aussichten in die Zukunft
besang, an deren Fernanblick die ältere sich entzückt hatte. (M. v.
+Strabo+ 953.)
[136] +Travels II, 1. p. 192.+
[137] Ein Beiname von Samos war Anthemos.
[138] Genes. +XVI+, 7.
[139] Leros, Kos, Kalymna, Nisyros, Telos, Chalke, Limonia, Symi.
[140] +Clarke travels II, 1. p. 230.+
[141] +v. Egmont and Heyman travels I. p. 266.+, bei +Clarke+ a. a. O.
[142] Jener war unter den Vertheidigern der Stadt bei der Belagerung
durch Mohammed +II.+, dieser bei der durch Suleiman.
[143] Eine noch unbestimmte, schöne +Carocolla+, +Helix melastoma+,
+naticoites+. Von Käfern ein +Helops+ und der in diesen Ländern gemeine
+Trox paniculatus+. Unter den Tangarten am häufigsten die +Ulva
pavonia+.
[144] Unter andern eine Art von Neritine.
[145] +Sinus Glaucus+ der Alten.
[146] +Diodor. Sicul. V.+
[147] +Vitruv. II.+
[148] Nach Plinius +XXXV+, 10.
[149] Lieber, so sagte er, wolle er das Bild seines Vaters als das
weltgepriesne Meisterstück des Protogenes in Flammen aufgehen lassen.
[150] Waffen darstellend, so wie musikalische Instrumente, Delphine und
Embleme der Kaufmannschaft.
[151] M. s. ~Jos. v. Hammers~ Gesch. des osm. Reiches +II.+ S. 278, und
die ganze Geschichte der Gefangenschaft und Hinrichtung Dschems durch
Gift von S. 263 bis 277.
[152] ~Jos. v. Hammer~ a. a. O. +III.+ S. 22 und 627.
[153] ~Jos. v. Hammer~ a. a. O. +III+, S. 30.
[154] +Thevenot Relation d'un voyage fait au Levant. Paris 1665. p.
223.+
[155] +Pindar. Olymp. VII. 25.+
[156] +Plinius II+, 62.
[157] Bei solchen Besuchen führt ein Mann von der Quarantäne, der die
Besuchenden begleitet, die Aufsicht; das Boot muß immer in einiger
Entfernung vom Schiff bleiben.
[158] Die Erbauung der Pyramiden wird nach den neuesten, auf
die Entzifferung der Hieroglyphen begründeten chronologischen
Untersuchungen von ~Bunsen~ auf das Jahr 3150 v. Chr. gesetzt, die von
Theben fiel um anderthalb Jahrtausende später.
[159] Unter Ptolemäus Euergetes (246-224) zum Aufseher der Bibliothek
ernannt.
[160] Genauer fast von W. S. W. nach O. N. O.
[161] Den Lauf dieser Hauptstraße deuten noch jetzt lange Reihen der
Schutthaufen, einzelne Granitsäulen und viele Cisternen an.
[162] Nach Appian hinterließ der zweite der Ptolemäer (Philadelphus),
obgleich ihm nur allein der Bau des Pharos 3½ Million gekostet,
eine baare Summe von nahe 440 Millionen Gulden (740,000 ägyptischer
Talenten). Die Flotte war damals 2000 Segel stark, das besoldete Heer
zählte 240,000 Mann.
[163] Von dem Dienst der Neith zu Sais und der dortigen Tempelweisheit
reden wir noch einmal im nächsten Bande dieses Buches.
[164] Es war das strauchartige +Gossypium hirsutum+.
[165] +Charadrius spinosus.+
Anmerkungen zur Transkription.
Die unterschiedliche Schreibweise des Propheten Mohammed und die des
Generalkonsuls wurden beibehalten.
Die Berichtigungen sind eingearbeitet worden.
Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~.
und =fett gedruckte= so.
*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE IN DAS MORGENLAND IN DEN JAHREN 1836 UND 1837, ERSTER BAND ***
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Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg
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from people in all walks of life.
Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg’s
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remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
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and permanent future for Project Gutenberg and future
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Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
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Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification
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and official page at www.gutenberg.org/contact
Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
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increasing the number of public domain and licensed works that can be
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Section 5. General Information About Project Gutenberg electronic works
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