Timur: Novellen

By Kasimir Edschmid

The Project Gutenberg EBook of Timur, by Kasimir Edschmid

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Title: Timur
       Novellen

Author: Kasimir Edschmid

Release Date: May 13, 2010 [EBook #32358]

Language: German


*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TIMUR ***




Produced by Jens Sadowski




Transcriber's Note:
Text that was s p a c e d - o u t has been changed to _italics_.
Double quotation marks have been encoded as » and «.




Timur


Novellen
von
Kasimir Edschmid



Kurt Wolff Verlag
Leipzig





Geschrieben im Dezember neunzehnhundertfünfzehn
und im folgenden April






_Viertes bis achtes Tausend_
Copyright Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1916





   Unsere harten Herzen halten wie Berge Bestand
                               Nasreddin von Tus




Inhalt

Der Gott . . . . . . . .   1
Die Herzogin . . . . . .  73
Der Bezwinger  . . . . . 143










Der Gott


Seine Mutter verließ ihn, nachdem sie ihn ein halbes Jahr vorher geboren
hatte. Er schlug die festen Arme in die Luft und rief zweimal: »Ma«. --
Dann losch sie, die ein großes Segelboot von Honoruru entfernte, aus seinem
Gedächtnis. Seine französische Gouvernante nannte ihn Jean François und
lieh ihm wenig Zeit und Mühe. Seine drei ersten Jahre vollzogen sich am
Strand. Gespielen waren ihm Natives, Chinesen und Malaien. Er kroch auf dem
Bauch und schrie aus gebräunter Kehle langgedehnte Vokale und wurde ein
gesundes Kind.

Nach drei Jahren kehrte die Mutter zurück. Sie suchte ihn im ganzen Haus,
den Gebäuden der einzigen Faktorei auf der Insel, lief durch den Garten und
fand ihn im Sand am Meer zwischen Muscheln und Farbigen. Sie gab der
französischen Gouvernante eine Ohrfeige und nahm ihr Kind auf den Arm.

Sie fragte ihn in englischer Rede schluchzend, wie er sich befinde. Der
Junge aber schwieg, denn er verstand sie nicht. Er sprach nur polynesisch
und minderes Französisch. Die Mutter war eine feurige Frau. Sie weinte und
glaubte, das Kind sei vertauscht. Das Kind sah sie stumm mit großen Augen
an. Sie wies es zurück und schenkte ihm einen Monat lang keinen Blick. Kurz
darauf verfiel es einer Krankheit, und als sie nun besorgt und glücklich es
pflegte, sagte es an einem Morgen: »Ma«.

Nach geringer Zeit vermochten sie sich in der Rede zu verständigen. Da
zwang ein ausbrechendes Leiden die Mutter, die begonnen hatte, in Ruhe ihre
schweifende Seele an das Kind anzulehnen, ins Weite. Sie schifften sich auf
dem Segler Bounty ein, als die Sonne einen riesigen Kranz um die Insel
legte und in dunklem Blau verging. Ein Krater rauchte noch dünn in die
Dämmerung. Dann scholl das unendliche Meer in ihr Ohr.

Sie erlebten am dritten Tage einen Sturm, der das Schiff über die Wellen
schleuderte, daß die Kajütenwände sprangen. Jean François hielt verzückt
den Stößen stand. Der Kapitän ließ Stagsegel aufziehen. Sie rissen sofort.
An den Marquesasinseln warfen sie Anker. Der Meerboden war Muschelgrund und
Kalkgrieß, der Anker hielt nicht.

Da stieß, während sie lavierten, ein Kanoe mit rotem Holz und Perlmutter in
der Schnitzung aus einer Bucht. Zwei Wilde hielten kupferfarbene Binsen
hoch und winkten. Folgend bugsierten sie die Bounty in eine Bay.

Der eine Malaie stieg herauf, seine Glieder hatten wunderbaren Anstand. Sie
bedeuteten ihm, sie brauchten Wasser, da schrie er sofort, indem er die
Hand wie eine Schale unter den Mund legte, ins Meer hinaus. Der Strand
bevölkerte sich mit Booten, die in breiten Gefäßen Wasser und Geflügel
brachten, denn viele der Matrosen litten am Scharbock. Jean François, auf
dem Arm seiner Mutter an den Mast gelehnt, rief ihnen einige Sätze zu. Da
erstaunten sie und verbeugten sich vor ihm. Ihr Oberhaupt aber legte ein
Messer vor ihn hin und sagte: »Rono . . . Rono -- --«.

Bald hörten sie es donnern. Vogelschwärme rauschten über sie. In leichter
Brise liefen sie gegen eine Küste an. Es war Peru. Sie ankerten im Hafen
von Callao. Zwanzig Matrosen desertierten in der Nacht. Sie stellten
Spanier ein. Langsam trieben sie die Küste hinunter, bis sie Antufugasta
erreichten.

Dort stiegen sie aus. Sie blieben wenige Tage, aber das Klima
verschlechterte die Gesundheit der Frau. Sie zog in die Berge hinauf zu
einer Schwefelquelle, in der sie badete. Jean François jedoch vertrug die
Luft der Höhe nicht und wurde bleich. Deshalb gab ihn die Mutter mit
einiger Dienerschaft hinunter nach Valparaiso.

Als die Mutter zurückkam, war Jean François sechs Jahre alt, hatte blonde
Haare und braune Haut und sprach nun spanisch und polynesisch (den Dialekt
von Taheiti und der hawaiischen Eilands), aber kein Wort englisch. Da
beschloß die Frau, den Sohn, der ihr bis zur Hüfte reichte, und mit dem sie
kein Wort zu wechseln wußte außer dem Gefühl, das von Auge zu Auge strömend
redete, nie wieder zu verlassen in seiner Jugend, schiffte sich mit ihm
ein, und an einem Morgen kam ihnen wieder unter dem Himmel die große Küste
Oahus entgegen.

Sie fanden dort bei ihrem Eintritt in das Haus die Nachricht, daß Jean
François' Vater gestorben sei, der die Jahre in Rom und in einer Mission
des Papstes in Skandinavien verweilt hatte. Die Mutter ward still und
nachdenklich, obwohl ihre Seele getrennt von dem Schicksal dieses Mannes
lag. Jean François begriff dagegen keineswegs, um was es ging, und lehnte
ab, als sie es ihm deutlich machen wollte.

Sein Gefühl verbreiterte sich. Er lebte sein Dasein bis zum sechzehnten
Jahre rund herum aus im Kreis der Begriffe und Dinge, die ihn umgaben. Die
Gedanken waren schlicht. Die Dinge gestalteten sich einfach, nur im Verkehr
mit primitivem Dasein. Selten nur brachten anlegende Schiffe Europa in sein
Blickfeld. Aber seine Seele saugte sich fest an Küste, Meer und Land.

Dann sandte ihn die Mutter, die noch vier Jahre die Welt durchschweifen
wollte, von sich, damit er in den europäischen Dunstkreis eintrete. Sie
stellte ihm große Wechsel aus, und sie verplauderten den letzten halben
Abend.

Darauf ging er hinaus in den Garten. An der großen Hecke der weißen
Himbeeren stand Kalekua, die dem Geschlecht der Könige verwandt war, sang
vor sich hin und schaute über ihren Garten hinauf zu ihrem hellen schönen
Haus. Jean François, die Brust von Weite erfüllt, rief ihren Namen, mit der
er die anfänglichen Spiele erster Jugend geteilt hatte. Sie wandte sich um.

In diesem Augenblick hob sich das Gefühl abenteuerlicher Ferne, in die er
verlangte, zu einer großen Welle, und er, dessen Hände noch keine Frau
berührt hatten, überströmte den Körper des Mädchens mit Liebkosungen. Ihre
dünnen Gewänder schwanden unter seiner Hand, und er fühlte ihre weichen und
wunderbar gerundeten Glieder ihm entgegenfliegen. Da faßte er sie auf die
Arme und trug sie noch tiefer in den Garten in die Mulde einer Platane.

Ganz umhängt von ihrem Duft hob er sich in den Morgen, schiffte sich ein
und fuhr nach England.

Nach zwei Jahren schon zog seine Mutter ihm nach; Sie nahmen ein Haus in
der Nähe des Hydeparks. Sommers zogen sie auf ein Landgut in Schottland.
Sie empfingen viele Menschen, gaben große Gesellschaft und hatten
ausgewählte Freunde. Aus ihren Besitzungen flossen gewaltige Mittel immer
erhöht ihnen zu, später verkauften sie Anwartschaft und Faktoreien und
breiteten das Kapital in englischen Anlagen aus.

Vor der Wirklichkeit dieses fest gegründeten Daseins sank die Jugend der
Südsee, fast vergessen, in Traum zurück. Jean François studierte in
Cambridge, züchtete Hunde und hatte Anspruch auf die diplomatische
Laufbahn. Mit neunzehn Jahren hatte sich die Luftschicht weltmännischer
Beherrschung dicht um ihn gelegt.

An dem Tage, wo er den großen Preis im Ballspiel für das westliche England
errang, starb seine Mutter. Er erfuhr es, als er, den Kopf zurückgelegt,
sich von der Richtertribüne wendend, nach der Seite ging und den Diener
sah, der ihm den Brief überreichte.

Er war einundzwanzig Jahre, hatte einen glänzenden Körper und gute Zukunft,
wie viele sagten.

Er kehrte nach London zurück, verschloß die Fenster und nahm am brennenden
Kamin das Bild seiner Mutter vor und beschaute es. Sein Herz öffnete sich
nicht, sie heftig zu beweinen. Kaum ward ihm die eingetretene Leere bewußt.
Eine Unbegreiflichkeit waltete über seinen Gefühlen, daß sie ihn, dem
Schwung erhöhter Seelenlagen fernhaltend, alle Empfindungen nur von der
Oberfläche diktiert und durch etwas von seinem inneren Dasein getrennt
erleben ließen. Er zog in der Folge roten Dreß an und jagte Füchse und
legte die Sachen der Mutter beiseite. Beim Jagen und raschen Leben kam ihm
geringer das Gefühl, in leichter Betäubung sich zu befinden.

Bei einem ausgesuchten Diner saß ihm eine Sängerin gegenüber, deren zarte
Haut und große Augen seinen Blick anzogen. Um sie besser zu sehen, nahm er
eine breite Blumenattrappe und setzte sie auf den Boden hinter seinen
Stuhl. Ihr Blick begann, entgegenkommend, gleichfalls auf ihm zu ruhen. Ihr
Reden war schnell und heiß. Unmerklich hob sie ein spitzes Glas, als sie
mit einem Nachbar anstieß, herüber zu ihm. Als nach Tisch alles in den
Musiksaal strömte, stellte er sich hinter ihren Fauteuil und redete zu ihr.
Sie, ohne sich umzudrehen, sagte: »Ich kenne Sie nicht«.

»Sie sollen es lernen,« sagte er. Verbeugte sich kurz und berührte knapp
ihr Knie im Gehn mit dem seinen.

Sie trug an diesem Abend eine gelbe Robe, und ihre schönen Brüste standen
voll und fest in dem schmalen Ausschnitt. Leichter Puder machte die Locken
grau, die tief in ihren Kopf hineinhingen.

Sie ließ ihn zweimal durch ihren Diener abweisen, bis er eindrang und sie
ihm Geliebte wurde.

In einer Nacht fragte sie ihn, als sie ihn übermäßig ihrer sicher glaubte,
wie alle Frauen fragen: nach denen, die vorausgingen.

Es seien einige, doch nicht allzuviel, denn dies sei billig, sagte er. Sie
fragte, wie lange es her sei, daß er die letzte gehabt habe, und er zuckte
die Achseln.

»Was waren sie, Lieber?«

»Was soll die Frage, die nicht schön ist?« sagte er langsam.

»Mein Herz stürmt, daß ich es weiß. Um Sie mehr zu lieben.«

Da drückte er die Ampel aus und sagte: »Eine Blumenverkäuferin von den
Docks, eine Dame, ein Mädchen, eine Tänzerin, eine liebe Frau . . .«

Sie schloß die Augen und öffnete sie verwirrend vor den seinen: »Keine
hielt Sie in dieser Reihe?«

Sie sah an seinem starken Körper hinunter, und im Gefühl, daß in solchen
Erlebnissen sich das Weibliche in seiner ganzen Art erschöpft habe, legte
sie sanft ihre Brüste an seine Wange und fragte das Gleiche ein weiteres
Mal.

Da warf er sich hoch, und indem es schien, daß er sie ganz in sich
schlinge, sagte er ihr, daß er auch sie verlasse, wenn der Nebel vor den
Fenstern heller werde. Er blieb noch einige Stunden bei ihr, indem er sie
streichelte und ihr Wesen ein letztes Mal einsog, denn sie war schön und
edel und weinte, die Hände vor die Augen geschlagen. Dann verließ er sie.

Er ging den Morgen in die Themse und badete.

Dann ging er nach Hause, ließ packen und fuhr nach den schottischen Gütern.
Aber am ersten Tage der dritten Woche glitt er, jagend an einem Bergrücken,
aus und brach das linke Bein. Sein Hochländer trug ihn ins Tal.

Sie tauchten immer tiefer hinunter, wo die Dunkelheit ihnen entgegenkam,
und je mehr sie in die verdichtete Landschaft hineinschritten, überfiel ihn
Beklemmung, deren Sinn er nicht begriff. Sie erreichten ein Licht, ein
geöltes Haus. Sie schrieen nach dem Besitzer und befahlen ihm, mit dem
Pferd in die Finsternis hineinzureiten, damit er Hilfe bringe. Erst am
Morgen kam er mit einem weißbärtigen Mann, der das Bein einrenkte. Als die
Knochen wieder aneinanderstießen, schrie Jean François vor Schmerz, so sehr
lähmte der Alp seine Brust.

Der Hochländer schaute abgewandt durchs Fenster, und Jean François, der
fühlte, wie jener sich für ihn schäme, schrie ihn an, und wurde ungerecht.
Am nächsten Tage aber schenkte er ihm das Elengeweih seiner Sammlung, damit
dieser beides vergäße, die Scham und den Schrei.

Da er lange lag, haderte er mit dem Geschick. Denn er fühlte, daß der Druck
über ihm blieb. Er wollte ihn vertreiben. Er fuhr mit dem Auge die Berge
hinauf und ließ den Blick herabfallen in die Wiesen, über denen Kuhgebrüll
erdwarm donnerte. Er trieb Studien, er las. Er färbte Stoffe. Er focht zwei
Stunden des Morgens angeschnallt ans Bett mit einem großen Fechter des
Clans, damit seine Muskeln hart blieben. Aber es half nichts.

Nach sechs Wochen zog er wieder in London ein.

Sein seitheriges Leben kam ihm in gleicher Form entgegen.

Er griff es, nahm es und lebte weiter.

Eines Abends reizte ein Mädchen sein Gefühl, das mit einer herrischen
Kopfbewegung aus dem Nebel ihm entgegenkommend in den Laternenschein
hineintrat. Sie war untersetzt mit geschmeidigen Lenden und trug einen
ausländischen Pelzhut. Er drehte um und folgte ihr. Sie gingen durch
Straßen und Gassen, es war eine ganze Stunde, daß er sie verfolgte, da
kamen sie in die Gegend des Hafens. Die Gassen verwirrten sich immer
verzogener ineinander. Da bog sie zur Seite und verschwand. Das Haus, in
das sie getreten war, hatte einen wüsten Eingang voll Winkel. Ein grünes
Licht flammte davor. Die Fenster waren aus Ölpapier und erleuchtet.

Jean François trat ein. Im Flur schon hörte er, wie Musik begann. Er trat
in einen Saal. Links saßen die Musikanten. Sie spielten Flöten und irische
Dudelsäcke. Ein einzelner Hagerer hieb wild auf eine Pauke.

Im Hintergrund hob sich der Saal im Rauch und Qualm zu Terrassen von
Stühlen und Bänken in die Höhe und vergrößerte sich ungewiß. Vorne
schwankten Paare durch die dichte Luft. Schreien und Gestampf durchbrach
die Musik.

Auf einem der Tische stand eine der Vorstadtköniginnen, wunderbar wild im
Bau, hatte eine rote Mütze über den Haaren, die Bluse voll herabgestreift
und schwang die Arme singend, den Kopf im Rausch gerötet, durch den Raum.
Der Rauch umwallte sie manchmal ganz, dann riß er sie wieder in die Blicke.
Ihre Augen glänzten wie feuchte Steine, der Mund stand offen, derb und
glühend.

Ein Matrose schwankte mit großen Sprüngen über die Diele und suchte im
Vorbeisprung Jean François zu umarmen. Doch der schob ihn weit zur Seite
und arbeitete sich durch die Tanzenden quer hindurch zu den Stuhlkolonnen
und setzte sich an einen leeren Tisch. Das Gesicht eines Graubärtigen
bewegte sich neben ihm auftauchend und brachte ihm Punsch, der scharf nach
Essig roch.

Plötzlich ging die Saaltür weit auf und schloß sich rasch, frische Luft
strömte herein und warf den Rauch auseinander, die Ölfenster knallten unter
der Luft, die wie helle Nester eines über dem anderen hockend die ganze
Straßenfront gliederten . . . da sah er in der Lücke, daß am anderen Ende
des Tisches ein Mann saß, dessen Blick ihn kühl abmaß. Er hatte grüne
Augen, Brauen, die sich romanisch über die Stirn spannten und ein bleiches
Gesicht. Er trug die Kleidung eines vornehmen Mannes, eine flandrische
Krause als Einsatz, aber hohe Stiefel.

Der Mann erhob sich und setzte sich ihm näher gegenüber.

Die Musik brach jäh ab. Vom Nebentisch sprang die Tanzende herunter und
warf ihre Arme von hinten her dem Fremden über die Schulter und drängte
ihre schweren Brüste um seinen Nacken. Sie hatte den Kopf an sein Ohr
geschmiegt und lachte, über ihn weg kokettierend, zu Jean François hinüber.
Im gleichen Augenblick aber steckte ein Matrose seine Hand in des
Gegenübers Tasche und zog mit zwei spitzen Fingern ein funkelndes seltsames
Stück Börse wie einen Wurm heraus.

Jean François erheiterte dieser Fall sehr, allein er nagelte trotzdem den
Kerl sofort mit gezogener Handpistole auf den Platz fest. Der Bursche ward
bleich, von einigen Tischen scholl Geschrei.

Der Fremde lächelte, nahm die Börse zurück, um sie dem Matrosen mit einem
Kompliment wieder zu überreichen. Dann dankte er, indem er den
ausbrechenden Tumult des Lokals mit einer Handbewegung dämpfte, durch eine
leichte Verbeugung Jean François für seine Güte.

Das Mädchen hatte sich auf seine Knie gesetzt.

Seine Hand spielte nebensächlich mit ihr, indem er Jean François bat, als
einen Ausgleich und um -- zumal als Ausländer -- höflicher Handlung mit
edelmännischer Genugtuung zu begegnen, eine Bitte an ihn zu richten.

Allein Jean François lächelte nur, denn ihm schien nichts wünschenswert,
was er nicht selbst hätte erreichen können.

Doch auch der Fremde lächelte.

Und wiederholte eindringlich, daß er bäte, ihn nicht zu verkennen, sondern
ins uferlos Blinde über ihn zu verfügen, denn es sei morgen bereits schon
zu spät, und das würde ihn schmerzen, wo ihn eine Flotte nach Indien fahre.
Dann lächelte er wieder, Jean François' Erstaunen erwartend.

Der aber durchdrang mit dem Blick den Rauch des Zimmers, schweifte einige
Sekunden in Entferntem, das ihn betäubte mit der Unendlichkeit der Bilder,
und sagte, dem Traum der Jugend nahe gebracht, dunkel aufgewühlt und
Unbekanntem willig folgend (obwohl er erstaunte über Sinn und Klang der
eigenen Stimme), er bäte um ein Patent, wenn dies in der Macht liege
. . . »Würden Sie. . .«

Der Fremde jedoch zog ein Papier, bemalte es mit wenigen Zeichen und
überreichte es ihm. Es war ein Diplom als erster Leutnant und zweiter
Supracargo auf einem Schiff, das »Santa Cruz« hieß.

Jean François sah ihn scharf an. Dann verbeugte er sich.

Der Fremde hielt ihm die damenhaft schmale Hand hin, in die das Mädchen auf
seinem Knie einige Tropfen Wein schnickte. Aber eh Jean François einschlug,
sagte er, daß er wohl wisse, wie eng dies ihn binde, daß er aber innerlich
keine Verpflichtungen auf sich nehme, denn er sei gewohnt, die Stunden zu
treiben, wie er wolle, zu weilen, wie ihm passe und der zu sein, der er
beliebe. Doch der mit den grünen Augen ihm gegenüber saß, gab hierauf keine
Antwort, empfing den Handschlag und wies hinaus, wo Pferde stampften.

Sie erhoben sich und verließen den Raum. Das Mädchen zerrte an ihren
Rockschößen. Sie achteten nicht darauf.

Ein Wagen mit weißen Pferden hielt in der Gasse. »Sie werden alles finden,«
sagte der Fremde, »aber Sie dürfen nicht zögern.« Er verabschiedete sich,
da er noch einiges zu verhandeln habe und sagte, sie würden sich bald
wiedersehen. Der Wagen fuhr bis zum Hafen. Eine Ruderbarkasse brachte ihn
ans Schiff.

Sie zogen die Nacht noch den Fluß hinunter. Am Morgen floß England hinter
ihnen zusammen wie grauer Schaum.

Als die Weite des Meeres vor ihnen lag, füllte sich Jean François' Herz mit
tosenden Takten. Er nahm seine Equipierung auf dem Schiff. Als er sich
umzog, trat ein Offizier in seine Kabine, -- er wechselte gerade die Hosen,
-- und bat um die Aushändigung des Patents. Jean François reichte es ihm:

»Sie werden erstaunt sein, mich aus einer schwärmerischen Nacht in diese
Fahrt und Stellung stürzen zu sehen, im Abendanzug, Leutnant Vaudricourt.
Allein es trieb mich so.«

Der Leutnant grüßte höflich und erwiderte, dies wolle nichts sagen, denn er
habe die Fregatte lediglich mit einer Nachtkleidung und einem
Damenstrumpfband aus weißer Seide erreicht. Er legte die Papiere zusammen
und sagte: »Ich sehe, wer Sie sind.«

Er war höflich. Er war Franzose, wie viele auf diesem Schiff
Übergetretener, und von guter Erziehung.

Am Abend, als er die Offiziere zu einem großen Diner einlud, erfuhr Jean
François, daß sie sich mit fünf anderen Schiffen vereinigen würden,
bestimmt, Brotbäume in der Südsee aufzunehmen und sie zur Verpflanzung nach
Westindien zu schaffen. Die Verdecke waren schräg aus Blei aufgelegt mit
Rinnen zur Bewässerung. Zwischen den oberen Verdecks waren hohe Räume, und
in einem falschen Boden standen hunderte Kübel.

Nach vier Tagen trafen sie auf eine Flotte. Signale riefen die Offiziere
auf das Admiralschiff. Sie stellten sich im Halbkreis auf dem Hinterdeck
auf.

Dann erschien, begleitet von großem Stab, ein Mann, edel und vornehm. Er
hatte grüne Augen, Brauen, die sich romanisch über die Stirn spannten und
ein bleiches Gesicht. Die Augen funkelten. Die Offiziere verbeugten sich
tief.

Er senkte langsam den Kopf. Über seiner Brust schwebte noch das
Ludwigskreuz. Sein Degen war von wundervoller Arbeit. Es war der Admiral.

Er ging auf Jean François zu, nachdem er die Befehle ausgegeben hatte,
nannte leise seinen Namen: »D'Aché,« und bat ihn, mit ihm zu kommen. Sie
stiegen über einige Treppen tief hinunter. Dann traten sie in einen breiten
Raum.

Der Vicomte hob einen Leuchter und deutete auf einen Käfig, in dem ein Mann
geduckt saß: Der Käfig hing an Seilen hoch von der Decke herunter. Er ließ
mit einem Griff ihn sich senken. Jean François sah, daß es der Matrose war,
dem er vor sechs Abenden seinen Pistolenmund auf die Magengrube gerichtet
hatte, und der Graf sagte lächelnd:

»Junger Mann, ich schätze Ihre Liebe für andere Atmosphären, in denen das
Leben derber und inbrünstiger geht, als in den uns angemessenen. Ich liebe
dies auch. Sie werden darüber schweigen, hören Sie. Ich habe Sie
verpflichtet, weil ich aus dieser Anlage Großes und Wildes von Ihnen
erwarte.

Doch das mit der Pistole war töricht. Sie mißverstehen den Stil. Man hätte
uns in Fetzen geschlagen. Man muß das anders machen. Den hier habe ich mir
später selbst und allein noch geholt. Fragen Sie ihn.«

Der Matrose wimmerte, aber schwieg . . .

Jean François fuhr mit seinen Offizieren zu seinem Schiff.

Während der Fahrt betrat er das Admiralschiff nicht mehr.

Sie waren drei Leutnants auf der Fregatte, er, Vaudricourt und Jules Labé.
In den Nächten seufzte Vaudricourt nach dem Mond und erlebte die Verse
großer Dichter, wenn das Meer in ziellosen Spiegelungen erglühte. Labé
hatte eine Kreolin mit, die in einer Matte unter dem großen Segel lag und
rauchte.

Oft spielte Vaudricourt auf einer langen silbernen Flöte ihr vor und sang
mit warmem Tenor. Sie schloß die Augen wieder, öffnete sie zu Jean François
und bat ihn, ihren Windhund zu holen, damit sie mit diesem spiele. Sie
hetzte ihn über das Verdeck, und seine wilden Laute schoben sich zwischen
die Schwingungen der Flöte. Vaudricourt biß sich die Lippen und sagte:

»Madame, wenn Sie das Spiel nicht lieben, will ich die Flöte ins Meer
werfen, obwohl sie Richelieu meinem Vatersbruder gab.«

Die Kreolin bog sich in ihrer Matte und sagte: »Aber ich liebe das Spiel.«

Der Hund sprang über die Matte hin und zurück, und sie sah Vaudricourt so
lange an, bis er verzweifelt ans Heck ging und ins Weite stierte.

Abends legten sie eine Pharaobank aus und spielten.

Als sie um Kap Horn fuhren, griff ein Wind sie von der Seite und warf sie
gegen eine Bank. Da das Steuer aus Zufall quer stand, glitten sie scharf
vorbei.

Wieder flogen sie in den blauen Spiegel der Winde.

An einem Morgen lag Land vor ihnen. Sie hoben die Köpfe. Sie begriffen erst
langsam, daß es Land sei. Sie fuhren Wochen schon.

Steil erhob sich eine dunkle Küste, die ohne jede Einschnürung war. Sie
suchten zwei Tage lang eine Einfahrt an der westlichen Küste, sie trafen
nichts als einen Wall schwarzen Gesteins, aus dem Flüsse ins Meer spien. Da
gab das Admiralschiff das Zeichen, und sie fuhren nach der östlichen Seite.

Da hob sich der Nebel und schwebte in einer gleichen Lage wie ein
mystisches Tuch in die Höhe. Berge in tausend Gipfeln, die weiß waren wie
Schnee, stellten sich gegen den Himmel, der in unsäglichem Blau an ihren
Linien herabrann. Vor ihnen öffneten sich geschwungene Buchten, saftig und
grün heranschwellend ans Meer.

Sie warfen Anker.

Dann schifften sie aus. Da brach aus Gebüsch weiter hinten eine Masse
fetter eingeborener Weiber mit Geschrei. Doch liefen sie nicht nach vorn,
sondern bewegten sich in gleichbleibender Erregung am Platz.

In der Mitte zwischen der Küste und den Tobenden stand eine Zeder mit
Olivenblättern. Neben ihr, allein, war ein Eingeborener, braungelb, und hob
die Hand. Er näherte sich nicht und ließ sie herankommen. Die Offiziere
grüßten ihn höflich, so viel Würde war an ihm. Jean François sprach ihn an.
Da wuchsen, als er die eigene Sprache vernahm, seine Augen ins Ungemessene,
er berührte seine Nase und verneigte sich tief. Sie verabredeten zum
folgenden Tag eine Expedition. Durch Boden aus Bims und schwarzem Glas
brachen sie vor, bis sie in ein Tal kamen, das viele Brotbäume hatte. Jean
François befahl, sie auszupflanzen und auf das Schiff zu bringen.

Der Anführer verneigte sich, sprach kein Wort und ließ den Blick nicht von
ihm.

Rückwärts durchquerten sie einen Sumpf, in dem viel Pappeln standen. Am
letzten Rande des Moors, wo das Gelände sich nach dem Meer abbaute, saß
eine Frau, die eine Farrenwurzel kaute, die Fasern löste und einem Säugling
in den Mund schob. Es war hoher Mittag und die Sonne fiel steil auf die
Frau.

Sie hob den Blick, ließ ihn an Jean François hängen und hob das Kind hoch
in die Luft, drehte sich dreimal im Kreis und lief rufend, die Arme
kreisend, davon.

Das Land war Neu-Seeland.

In der Nacht ging Jean François auf Deck. Schlaf kam ihm nicht. Er sah die
weiche Küste sich gegenüberliegen. Er sann nach. Er war nie an dieser Insel
gewesen. Er schaute den Himmel ab. Der Mond rollte hoch über den Bergen des
Westens. Er fühlte sich sehr leicht und umgeben von einer unerhörten
Wallung. Er horchte lange, schnickte Wassertropfen von seinem Ärmel und
ging hinunter.

In der Nacht fiel Frost.

In den drei folgenden Tagen füllten sie die Hälfte der Schiffe mit Bäumen.
Am vierten fuhren sie.

Sie fuhren nördlich.

Die Schiffe glitten voll Musik zwischen wunderbaren Eilanden durch, an
Buchten vorüber, die voll Pinguinen saßen und von Bächen durchströmt waren.
Sie lagen den ganzen Tag auf dem Vorderdeck und rauchten. Das Meer war
leicht und kaum bewegt, und die Inseln formten sich mit glänzenden Farben
und Vogelruf aus ihm heraus wie Wasserblumen.

Als sie zwischen einem Gemisch süßer Buchten lavierten, suchte die Kreolin
Jean François zu verführen, indem sie abends nach dem Ankern ihr Bein aus
der Matte gleiten ließ und ihren Fuß langsam über seine Hand führte.

Doch er stellte das Windlicht schräger, daß die Matte ganz in Vaudricourts
Blickfeld blieb.

Sie ankerten noch einmal in Guam, um Wasser zu nehmen und den Rest der
Ladung. Sie blieben zwei Wochen in dem Hafen, der vor vier Winden schützte.
Die Bucht war morgens rot von Seegras, Meerwölfen und Seenesseln. Große
Schildkröten schwammen langsam vorüber.

Den Mittag gingen sie in die Stadt, die auf Pfählen stand. Der spanische
Gouverneur Dom Simon de Auda ließ die Wache antreten und ging ihnen jeden
Tag in großer Uniform entgegen. Auf seiner Veranda nahmen sie Schokolade
und lange Zigaretten, die er ohne Pause selber drehte. Dann ritten sie ins
Innere, das voll Savannen lag, die tief in den Urwald hineinreichten, auf
denen weiße Ochsen mit dunklen Ohren gingen. Am letzten Abend gab er ihnen
ein Fest.

Die Eingeborenen, deren Reste die Spanier auf diese Insel gepfercht hatten,
da sie revoltierten und aus Verzweiflung ihre Frauen zwangen, die Kinder
nicht mehr auszutragen, bewegten sich mit Lichtern und Stieren auf einer
weichen Rasenebene, um die der Wald aufwuchs. Im Gezuck der Bodenfeuer und
dem Kreischen der Männer kämpften zwei Hähne. Der Spanier saß unbeweglich
und stolz davor. Sie nahmen großen Abschied. Aber im letzten Augenblick,
noch am Strand, kam eine Schar aus dem Inneren, die Weiber mit roten
Hummerscheeren in den Ohren und legten, die Offiziere umringend, Gaben hin
und in die Nähe von Jean François. Jean François verzog nicht den Mund.

Letztmals legten sie bei den Philippinen an. Der Gouverneur sandte eine
Einladung durch seinen Minister, einen Native in Hosen aus roter Seide und
weißem, chinesischem Hemd. Er bat, ungezählt lang zu bleiben. Seine
Langeweile wiege seine Orden nicht auf. Er versprach gestirnte Hirsche und
Eingeborene mit Schwänzen.

Jules Labé sagte lächelnd, ein Wunder sei eines Wunders wert und sah auf
Vaudricourt. Die Kreolin trug eine ironische Falte und bat, ihr den weißen
Stoff zu besorgen, den der Minister trage. Jules Labé zog ihn in eine Ecke
und kaufte das Hemd um eine Pistole. Nur seine Hosen glühten, als er
halbnackt vom Ufer zurückwinkte. Die ganze Nacht schwammen die Inseln unter
weichen Mandolinentönen.

Morgens flaggte das Signal zur Abfahrt.

Mittags hob sich ein Strudel aus dem Meer, wuchs an den Himmel und sprengte
wie ein Geschoß die Schiffe auseinander.

Sie fuhren auf seiner Fregatte Wochen irr und im Sturm.

Als sie glaubten, daß sie sterben wollten und alles gleich schien, senkte
sich ein linder Abend herab. Die Wellen schoben sich ineinander, der Wind
lief gering und zart. Wie ein Schaumnest quoll der Horizont auseinander. Im
letzten Licht streckte sich eine schmale Bai vor ihnen aus. Sie wußten
nicht, wo sie waren. Der Sturm hatte die Kompasse zerhauen. Sie fanden nur
aus dem Sonnenstand, daß sie westlich fahren müßten und beluden, die
Gesichter aufgehellt, das Schiff mit Leinwand, daß es gut davonstrich. Sie
warfen keine Anker in der Dämmerung, da die Lotung günstig war.

Sie ließen die Fregatte gleiten. Dämmerung schob sich raubend zwischen das
Schiff und das Land. Sie glitten in leichter Brise seltsam geschwellt in
das warme Meer.

Da ließ Jean François, während die anderen aßen, die Hände vom Reeling.
Sein Herz hob sich. Er taumelte fast. Von einem Gestiegensein getragen,
ging er ans Heck. Sein Herz sprang. Er überstrich das Schiff mit dem Auge.
Er wußte nicht, was er tat. Aber er ließ, stolz und strahlend, das kleinste
Boot herunter, sprang hinein und stieß ab von der Fregatte in die
Dunkelheit, die ihn anzog, daß seine Pulse brannten.

Er ging ohne Abschied, die Hände leer, das Ohr ungeheuer gefüllt vom
schwachen Geräusch ferner Brandung.

Allein die Ebbe war ihm entgegen. Er ruderte mit allen Muskeln. Doch er kam
nicht vorwärts und das erzürnte ihn, daß er das Ruder drohend in die Nacht
hinein hob.

Er arbeitete weiter. Er ruderte mit allen Muskeln, allein die Ebbe war
entgegen und warf ihn zurück. Es war eine lange Nacht. Sturzseen überfielen
ihn. Riffe türmten sich auf. Sein Kiel streifte oft an Madreporen. Allein
er barst nicht.

Sein Gesicht strahlte, daß die Dunkelheit um ihn wich. Seine Augen hefteten
sich an das Land und zogen sich hin an dieser Kette. Gegen Morgen umfuhr er
eine Bucht Korallen und schob sich in helles Wasser. -- Als sein Boot Sand
unter sich erknirschen machte, wich die Dämmerung. Die Küste lag frei. Er
sprang mit einem riesigen Satz hinüber.

Es wurde Morgen, und Helligkeit stürzte über ihn.

Vor ihm standen Eingeborene, die Muscheln suchten. Als er aber unter ihnen
erschien, erstarrten sie. Einer allein sprang in die Luft, drehte sich im
Wirbel und schrie wie in hitzigem Gelächter.

Die anderen aber fielen zur Erde. Sie lagen wie gefällt. Die Frauen sahen
hoch und zogen die Haare über den Mund. Dann riefen sie: »Rono . . . .
Rono« -- und weiter kein Wort.

Er befahl ihnen aufzustehen. Sie wichen zurück.

»Welche Insel?« rief er mit der Sprache von O-Taheiti.

Allein sie antworteten mit dem rechten Dialekt:

»Oahu«, sagten sie und starben schier.

Er aber hatte diese Sprache lange nicht gehört. »Oahu«, sagte er und sah
sich um. Seine Augen schlossen sich. Das Blut zog hinauf in den Kopf. Dann
fiel es zurück. Die Blicke faßten alles.

Zugleich vergaß er alles Vorherige. Es hatte keinen Wert mehr, es fiel wie
eine Kulisse. England strömte aus seinem Bewußtsein. Vaudricourt, die
Kreolin flogen schemenhaft von ihm. Alles Seitherige erschien ihm nur
geheimnisvoll (auch im Unbegreiflichen) nach dieser Küste gerichteter
Wille.

So begriff er alles im Fallenlassen und Heben der Lider. Nahm den Fall des
Strandes in sich auf, das Erbrausen der Brandung, die Demut der Natives und
einen zarten Maiabaum, der ganz allein auf der Küste stand.

Wie alles hinter ihm zurücksank, kein Gedanke das Schiff mehr suchte, das
zwischen fernen Wellen segelte und nichts mehr aus ihm her daran rührte,
stieg eine Zärtlichkeit in ihm, der folgend er niederkniete. Legte das
Gesicht in den weißen Sand, erhob sich, den Kopf drehend, und schrie wie
ein Tier in das Land.

Da stoben die Eingeborenen in den Wald.

Nachdem er die alte Welt aus seiner Seele getilgt hatte und gierig den
Einzug der neuen spürend, folgte er ihnen.

Es war still. Die Bäume schlossen sich dicht über ihm. Er ging. Eine
Fledermaus spannte sich vor ihm auf und flog. Wurzeln krallten sich über
den Weg. Der Tag stieg. Ein Trogu kletterte in den Palmen. Er segnete ihn.
Zwischen Schachtelhalmen rauschte ein Wiedehopf. Es wurde stiller. Sein
Herz klopfte bis in die Kokoskronen und breitete sich über sie. Sein Herz
schwoll über den Wald und verschlang sich mit ihm, daß jedes Geräusch der
Blätter in seinen Kammern mitschwoll. Er empfand Zärtlichkeit für alles. Am
Mittag sah er einen langen, spitzen Kopf mit steilem, hohem Ohr. Es war ein
wildes Schwein. Es sah ihn an. Er streichelte es.

Er ging.

Dann kam er in ein kleines Tal. Bergwände warfen sich herunter, es war eng
und dicht. Plötzlich verließ er das Dickicht und brach ins Freie. Die Enge
war paradiesisch. Palmen schwankten in der Sonne über einer Hütte.

Vor der Hütte stand ein Mädchen.

Als er kam, kniete sie nieder und flüsterte: »Rono.«

Er trat an sie heran und sagte: »Liebe mich.«

Sie war weiß wie eine Französin mit einem metallischen Schimmer der Haut.
Ihre Glieder waren schlank und weich. Sie stand auf.

Sie hob die Arme. In den Achselhöhlen saß kupferner Flaum. Ihre Haare waren
tiefrot und glatt.

Sie hob die Arme und legte sie um seinen Hals. Er trug sie in die Hütte
voll Erleben des zärtlichen Druckes, mit dem sie sich an ihn lehnte, so,
als stürbe sie an ihm.

Er fragte sie, wie sie heiße.

Sie wagte ihren Namen vor ihm nicht zu sagen. Da nannte er sie Kalekua,
weil sie dieser ähnlich war.

Aber nach wenigen Tagen bedrückte es ihn, daß er deren Erlebnis noch
ungelöst und schwingend hinter sich trage. Er brach auf und ging zwei
Wochen durch den Wald mit ihr bis Honoruru zur südlichen Küste. Dort hörte
er, Kalekua sei gestorben, und dies erfüllte ihn mit Freude, denn nun
schien ihm alles auf diese Frau übergegangen zu sein.

Er baute zwei Tage von der kleinen Stadt der Natives ein Haus auf einem
schwarzen Lavafelsen, der die Bai überragte.

Morgens sahen sie gleich aufs Meer, in dem Kanoes lichte Schaumstreifen
hinter sich zogen und silberne Rollen an den Madreporen rannten. Einmal lag
ein Schiff lang draußen unbeweglich, das amerikanischen Kaufleuten gehörte,
die Sandelholz nach China brachten, wo es als Weihrauch durch die Pagoden
stieß. Sonst kamen keine Schiffe.

Oft regnete es. Aber der Himmel blieb strahlend blau, und die Tropfen
hingen wie tanzende Seile in die See.

An einem Morgen nahm Kalekua ihn bei der Hand und führte ihn stundenweit.
Sie bahnten sich durch Farrengestrüpp und Unterholz einen Weg. Spät kamen
sie in eine Schlucht. Kalekua ließ seine Hand nicht frei. Plötzlich,
nachdem sie unter überhängenden Felsen lang gegangen waren, traten sie
hinaus.

Über ihnen war ein Brausen. Sie hoben die Köpfe. Er sah auf der einen Seite
der Schlucht einen Strom herabfallen, aber in der Mitte der Luft fing ihn
ein Windstrom, der strudelnd gerade vor ihnen hochstürzte, und trug ihn auf
die andere Seite hinüber. Der Wind stand wie eine blaue Spirale in dem Tal.

Kalekua sah fragend zu ihm auf.

Da herrschte er sie an, stellte sie und fragte: »Was willst du?«

Sie sagte: »Rono!« und sonst nichts. Aber ihre Augen fragten. Sie kehrten
zurück.

Manchmal kamen Natives an den Rand des Waldes und sahen nach der Hütte und
gingen scheu zurück.

Die Luft war klar und hell. Geräusche spannten sich unendlich aus. Klang
entfernter Fischerboote hallte lang herauf. Selten wurden die Nächte kühl.
Drei Kokosbäume standen um ihre Hütte. Kam Sturm, bogen sie sich wie Glas
tief hinunter nach dem Meer. Es wurde heiß, aber eine leichte Brise schob
die Luft klar zusammen und machte das Klima wie aus Seide glatt und kühl.

Kalekuas Wesen war durchsichtig und glänzend, und ihre Haut glich geblaßtem
Bernstein. Manchmal erzitterte sie, wenn sie Jean François sah und schien
unter seinem Blick aufzugehen und sich zu entfalten, und in immer
steigender, unirdischer Hingabe ihn mitzuführen und nach seiner Seele
wiederum hinaufzuwachsen, daß er in den Umarmungen ihrer Nächte sich wie
schwebend empfand.

Einmal traf er sie, als er durch den Wald streifte. Sie saß neben einem
Ohiobaum, spielte mit den roten Früchten und hielt eine zwischen den Knien.
Ihr rotes Haar fiel straff zurück. Sie sang:

   Inoa o Mauae a Para,
   He aha matou auanei?
   O Mauae, te wahine horua nui,
   Wahine maheai pono.
   Tuu ra te Ravaia
   I ta wahine maheai,
   I pono wale ai te aina o orua.
   I ravaia te tane.
   I mahe ai te wahine.
   Mahe te ai na te ohua,
   I ai na te puari.


Sie hatte eine Verklärung in ihr Gesicht gesammelt, daß er nicht wagte, sie
anzureden. Er schloß die Augen. Dann zog er wie ein Fuchs den Kopf ins
Dickicht zurück.

Ein paar Tage regnete es hintereinander. Dann kam die Luft gesträhnt frisch
herauf. Jean François lag auf seinem Bett und kaute gelangweilt an den
Limonenblättern. Kalekua trat ein. Sie war noch feucht vom Bad. In ihren
Haaren staken vier weiße Federn.

»Du hast die weißen Federn . . .«

»Es ist das Königszeichen.« Sie strich über sie.

Ihre Brust bebte. Sie nickte. Dann ging sie allein hinunter den langen Weg
nach Honoruru zu den Zeremonien der Königin, der sie verwandt war in der
dritten Reihe. Jean François lief den Tag durch den Wald.

Die Fledermäuse stoben auf. Sie reizten ihn nicht. Kein Trogu entzückte
seine Augen. Er warf mit Früchten nach den wilden Schweinen und brüllte aus
breiter Brust, daß sie verstoben. Er kam heim, als die Sterne sich über den
Wald wölbten und lag eine Nacht, das Gesicht verzerrt gegen den Himmel,
schlaflos.

Am Morgen wusch er sich, nahm ein Kanoe, stieß ins Meer, sang heiß, kam des
Nachts in die Stadt und durchschweifte die Gassen. Gegen Morgen kam er an
die große Bai. Draußen lagen im fahlen Silbergrau sieben Schiffe. Er
begriff nicht. Er visierte. Es waren sieben Schiffe. Es waren nicht die
seinen.

Drei waren Sandelholzfahrer, Amerikaner. Die anderen hatten die plumpe
Bauchlinie und das Grau der Walfischfahrer der südlichen Meere. Er verstand
diese große Flotte nicht, wo sonst nur einzelne in Monaten Pause ankerten.

Er ging zurück und trat in eine erleuchtete Hütte. Matrosen johlten darin.
Sie hatten Rumfässer aus den Schiffen herübergewälzt. Er ging auf den
Besitzer zu und nahm ihn zur Seite. Es war ein alter Chinese, er kannte
ihn. Der sah ihn an von unten und sagte, seit vier Wochen sammelten sich
Schiffe und Matrosen am Strand. Jean François erstaunte, allein seine
Sehnsucht ging nach Kalekua. Er vergaß alles darüber.

Als er aber im großen Garten von Ananas bei ihrem Oheim Kuakini saß,
begannen die Amerikaner das Haus der Königin zu beschießen. Sie speisten
gerade. Jean François sprang hinaus. Zwischen den verankerten Schiffen und
der Küste wimmelten Boote.

Ein Weißer kam ihm entgegen. Er trug den dürftigen Taillenrock um die
eherne Brust, ein starres Gesicht, um das sich Locken kräuselten. Er war
ein Missionar von den Schiffen.

»Warum tun sie das?«

Der Missionar sprach von Christi Wunden und hob sein Bibelbuch. Da schlug
ihm Jean François die Hand voll ins Gesicht.

Die Natives flohen aus allen Häusern. Die Matrosen stellten Espingoles am
Strand auf und schossen einpfündige Kugeln. Häuser brachen knallend
zusammen. Das Haus der Königin brannte. Jean François ging in den Garten
zurück, nahm Kalekua und floh mit ihr. Überall in breiter Kette strömten
Menschen in den Wald, wo die Matrosen nicht mehr folgen konnten. Einige
blieben stehen, hoben die Arme und machten demütige Gebärden, »Rono«
rufend.

Allein er umarmte Kalekua und fragte nach nichts.

Sie zogen zwei Tage durch den Wald. Am Abend noch, da sie ihre Hütte
erreichten, fuhr er hinaus aufs Meer. Er sah sein dunkles Lavariff in den
Himmel aufwärts stoßen und sein Haus wie auf einem Wellenrücken hoch
tragen. Er sah die geschmeidige Flanke der Bucht ausgedehnt nach den beiden
Seiten. Sah darüber gewölbt die Unendlichkeit des Waldes, den hellen Sand,
die Muscheln, die Sonne . . . er sang, er spürte in einer heißen
Gehobenheit, wie dies alles zu ihm gehöre und er sich wieder darein
zurückergieße wie an die weißen Glieder Kalekuas.

Kalekua aber irrte verwirrt umher. Glanz zog aus ihrem Auge. Sie sprach
nicht, sie sah ihn lange an. Es war einsam um die Hütte. Selten tauchten
Eingeborene auf. Das Klima wurde köstlicher und von Blüten durchzogen.

Einmal wagte Kalekua zu reden und bat, er solle das Unglück bedenken. Er
verstand sie nicht. Sie meinte die Stadt und sagte es. Jean François hatte
es vergessen, als er den Abend in die See stieß, denn es war an der Größe
seines Gefühls hinabgeglitten und beiseite geblieben. Wenn er die Höhe der
Seele empfand, was war es ihm, daß Matrosen Kokos plünderten! Und er lachte
und sagte es ihr.

Doch sie setzte einen Fuß vor den anderen wie spielend und sagte: »Sie sind
noch da, streifen und suchen die Königin.«

»Was willst du --.«

Da wies Kalekua auf ihre weißen Federn und bat zu ihr gehen zu dürfen, die
versteckt sei, und zitterte vor ihm.

Schmerz wühlte sich kurz in seine Brust, wie er dachte, daß sie gehe, aber
er sah in ihre Augen und ließ sie gehen.

Am vierten Tage ihrer Abwesenheit tauchte eine Flotte aus dem Horizont.
Jean François lag auf dem Bauch über den Rand der Klippe gebeugt und
erwartete sie. Sie schaukelte weich getragen heran. Plötzlich riß er den
Kopf zurück und schüttelte ihn. Dann sprang er auf und lief ins Haus.

Es war kein Zweifel. Es waren seine eigenen Schiffe.

Er schrieb sofort einen Brief. Er schrieb, fette Walkähne hätten die Küste
beschmutzt, an der er lebe. Man solle sie zerschießen, obwohl es
verächtliches Handwerk sei. Er habe sich vom Schiff entfernt wie er
gekommen sei. Er habe darauf vorbereitet, auch ohne zu wissen, warum. Darum
unterlasse er es, Entschuldigung zu ersuchen, denn allein das Verständnis
erkläre sein Tun: daß so sein Drang und seine Art sei.

Als die Schiffe Anker warfen in der Dämmerung, schwamm er hinüber und warf
ihn ins Admiralschiff.

Die Nacht lag er schlaflos. Er bedachte Vergangenes, wo die alte Welt ihn
wieder überspülte. Sein Hirn fand keine Brücke zu ihr. Sein Herz staunte
über sie. Sein Leben schien nur nebensächliche Vorbereitung für den
Zustand, in dem er nur die höchste Gleichgewichtslage seines Daseins
empfand. Er hob eine Muschel und schlürfte sie voll Andacht. Er streichelte
den Boden des Hauses und empfand Erschütterung. Er lächelte, hob die Hand,
und unter dieser Bewegung schwang das Vergangene ins Uferlose zurück.

Morgens wechselte das Admiralschiff Signale nach dem Strand. Graf d'Aché
stand auf der Brücke in großer Uniform, das Band des Ludwigskreuzes über
der Brust. Er kommandierte:

»Mein Herr, Sie sind desertiert. Ich würde Sie in Eisen schlagen, träfe ich
Sie. Ich werde den Strand absuchen lassen mit fünfzig Mann. Man wird Sie
wie eine Dohle fangen. Ihr Wunsch um Hilfe sei aus Sachlichkeit gewährt.
Ich werde morgen fahren. Nehmen Sie von einem Gentleman am Schluß die
Versicherung bewundernder Freundschaft.«

Kurz danach kam Kalekua.

Am Mittag suchten fünfzig Mann mit Bajonetten die Küste ab. Jean François
floh nicht. Er wußte, daß sie die Wege zu ihm nicht fanden, und sie fanden
sie auch nicht. Anderen Morgens lösten sie eine metallene Kanone, begaben
sich kreuzend unter Wind und trieben aus der Bucht nach Honoruru zu.

Kalekua hatte eine neue Weise zu gehen, sie berührte den Boden weniger wie
früher, ihre Hände hatten einen eigenen Takt und ihre Augen sahen durch die
Dinge hindurch, die sie umgaben. Die Feierlichkeit reizte Jean François,
und er bat sie, ihn zur Königin zu führen, wenn sie wieder zu ihr ginge.
Und sah sie fest an.

Sie erschrak und wurde braun im Gesicht und sagte stockend vor Freude und
Angst: »Ich will.«

Sie speisten auf dem Tisch vor dem Haus. Sie brachte eine Karabasse mit
Teig, gebratenes Schwein und süße Kartoffeln. Als sie die Holzschale mit
Wasser reichte, sah er wieder, wie schön sie war.

Sie setzte sich ihm gegenüber, eine Yameswurzel leicht zerkauend, die
Palmen bogen sich in der Luft, das Meer scholl herauf.

Da wies er hinunter und sagte ihr, daß er fremde Schiffe gesandt habe gegen
die Chinafahrer und verzog keine Miene. Sie aber, ungläubig, übermäßig
erbebend, sprang auf, wandte sich wie zum Fliehen, kehrte um und küßte ihn
zwischen die Warzen seiner Brust, wagte den Blick nicht aufzuheben zu ihm
und flüsterte: »Rono«. Jean François erzürnte über das Wort, das wieder auf
ihn traf, ohne daß er es faßte, drohte ihr und fragte, was sie damit sage.

Sie hob wieder den Blick. Aber sie brachte das Auge nur bis dahin, wo sie
ihn geküßt hatte, und fast vergehend sagte sie:

»Du wolltest zur Königin. Sie will dich sehen.«

Ihre Haltung war schwach. Die Schultern hingen. Sie kehrte um in das Haus,
kam zurück und trug die weißen Federn. Sie nahm seine Hand und sagte:
»Komm.«

Dann gingen sie in den Wald hinein und ließen das Haus hinter sich.

Die Tür stand offen.

Das Meer brauste blau hinein.

Kalekua sah sich noch einmal um.

Nachts schliefen sie in einer Platane. Morgens wanderten sie weiter. Als
die Sonne steil stand, kamen sie an einen Paß, der in Windungen sich
aufwärts drehte. Sie gingen lange. Mit einem Male endete der Weg. Hinter
einem Busch trat ein Mann hervor, der mit dem Firnis der Gumminuß im
Gesicht gezeichnet war. Er neigte sich. Kalekua winkte mit der Hand. Da
ging er vor ihnen her.

Sie schritten durch den Busch und gingen über eine Gegend, die verbrannt
war, dürrer als Wüste. Erdhaufen bogen sich wie Wellen. Risse durchfuhren
den Boden. Trockene Büsche klebten am Rand der Steigung. Kalekua packte
seine Hand. Sie kletterten über eine Lavadüne, bogen und stiegen eine
kleine Terrasse hinunter.

Der Boden senkte sich tief und lief in mächtigen Kurven sich verschlingend
um einen Streifen Wasser, der sich tief ausdehnte, den wieder Zungen und
Wellen Landes durchstießen und sich so zum Horizont verloren.

Aus dem Wasser brachen Kegel wie spitze Maulwurfshügel. Aus ihren Röhren
stieg lautlos weißer Dampf. Es waren Hunderte von Kegeln. Einer spritzte
Gelbes aus seinem glasdünnen Schlund.

Kalekuas Hand führte ihn weiter. Vor ihnen ging der Gezeichnete. Sein
Rücken zitterte.

Jean François schritt federnd und leicht. Sein Herz stürmte in eine große
Erwartung. Seine Augen streiften ein großes Erlebnis über den Tag und
hungerten danach.

Sie stiegen wieder. Es wurde glühend vor Sonne. Die Erde tat den Sohlen
weh. Nirgendwoher kam ein Wind.

Dann tauchte eine Mauer auf, die den Bergrücken herunterlief in einem
langen und leeren Bogen. Auf ihr war ein Holzstamm rund gehauen aufgestellt
mit vielen schmalen Rinnen, die nach unten liefen. Darauf hockte, halb
stehend, eine Figur. Sie war in die Knie gebeugt mit einer Knickung, daß
die Schenkel wollüstig und breit anschwollen. Die Arme waren dünn und
verkürzt leblos nach der Erde gehängt. Die Brüste waren klein und saßen
dicht unter dem Hals. Der Kopf bestand aus einem einzigen wüsten Rachen und
trug einen Helm, dessen Schweifung sich in einer Raupenfahne bis zum Becken
hinabzog.

Sie machten einen Bogen und traten dicht an der Bergwand in einen Gang.
Zuerst war es dunkel. Dann sonderten die Wände ein Licht aus, das mit einem
matten gelben Schein die Höhlung durchdrang. Die Luft war weich. Kalekuas
Daumen strich über den Ballen seiner Hand. Das gelbe Licht aus den Mauern
verdichtete sich zu phosphorischem Glanz.

Eine Stimme scholl ihnen entgegen, die seinen Schritt hemmte. Aber Kalekua
trat vor ihn. Er fragte: »Kalekua? Am Ziel?« Sie drehte sich halb und
sagte: »Der Priester, der das Kommende weiß,« und zog an seiner Hand. Sie
waren in einem runden Saal voll von dem Licht. In der Mitte stand ein
Gehäuse, oval und derb geschnitzt, mit Gitterung in der Hälfte der Höhe.

Kalekua deutete auf ihre Federn, wies mit beiden Händen darauf und sagte:
»Zur Königin.«

Als ein dumpfer Laut zurückkam, wollte sie vorgehen. Allein Jean François
trat, sich von ihr lösend, an das Gehäuse und erfragte streng den Sinn des
Wortes, das ihn überall traf und das sein Bewußtsein quälte. Er fragte:
»Was ist Rono?«

Ein Kopf schob sich aus dem Gitter, pergamenten die Wangen, mit
geflochtenem, weißem Bart, starrte ihn an und erschrak. Dann zog sich der
Kopf zurück, und eine demütige, zitternde Stimme fragte aus dem Inneren des
Gehäuses, warum er scherze. Doch Jean François befahl laut die Antwort.

Da begann die Stimme wieder. Sagte -- wenn er Bekanntes wiederholen müsse
--, daß Rono ein Gott gewesen sei, der die Insel bewohnte, dann Menschen
die Erlaubnis gab, sie zu besiedeln, die ihn aber schlecht ehrten. Da brach
er los, tötete viele und verließ die Insel . . . Und daß er wiederkomme
übermächtig in einem Schiff, der Gott, der Gott -- -- -- sagte er, und
heulte erbärmlich.

Kalekuas Gesicht war starr. Der Priester wimmerte und bewegte sein Gehäuse,
daß es um die Achse schnellte und ein hallendes Geräusch gab.

Nun wußte Jean François Kalekuas tiefste Gedanken.

Sie drangen weiter vor. Das schwebende Licht hörte auf, die Beleuchtung
ward mehr die des Tages, blau und durchsichtig.

Plötzlich wich die Wand auf der einen Seite tief in die Dunkelheit hinein,
die anbrach. Am Ende des finsteren Raumes jedoch sahen sie hellen Himmel
hereinkommen. Als sie die Augen senkten, öffnete sich das Meer vor ihnen,
und vertiefter noch dann die Stadt und die Bai.

Jean François gewöhnte sein Auge an das strahlende Licht. Da sah er die
Bucht voll von Booten, die vom Strand zurückeilten. Um die Klippe aber
schwammen fremde Schiffe, von denen weiße Wolken sich hoben.

Kalekua drückte ihn gegen die Wand.

Ein feiner Lärm kam von unten heran. Zehn junge Männer gingen vor einem
Zuge. Sie bliesen Hörner aus weißen Knochen, die spitz gleich
Schäferpfeifen klangen. Ihnen folgten andere, die Besen hatten, die
brannten und einen Moschusduft ausspannten. Dann kamen, stampfend, die
Beine wirbelnd, Mädchen in gelben Mänteln. Sie hatten in der linken Hand
kleine und dicke Stöcke, in der anderen große geschälte hohle und schlugen
quirlende Takte darauf. Zwei hatten Trommeln aus Haifischhaut. Sie
rasselten knatternd und dumpf.

Sie rannten vorüber nach dem Felsausblick, und ihr Geschrei erhob sich
heftig und monotoner, während sie die Schlacht beschauten. Kalekua faßte
ihn. Sie gingen weiter. Es wurde wieder dunkel. Dann aber kam von neuem
Luft zart und mild herauf. Sie blieben stehen.

Ein Teich lag vor ihnen. Ein schmales Stück Land schloß ihn am Ende rund
ein. Darüber stand die große Öffnung des Berges gegen den Himmel hin.

Aus dem Wasser stiegen langsam Frauen. Eine kam zuerst. Sie trugen alle,
ohne diese, Helme mit roten Papageienfedern. Eine nur trug einen Wedel aus
Palmenfächern.

Die erste aber schwang in leichtem Spiel die Arme zum Trocknen durch die
Luft. Das Blau zog dick hinter ihr zusammen. Sie war schlank mit
wunderbaren hohen Beinen und nackt.

Ihre Knöchel trugen Ringe von Gardenien.

Ihre Haut war gefärbt; gelblich braun wie eine reife Olive.

So trat sie vor ihn, das Haupt zurückgelehnt, und sah ihn starr an.

Ihr Blick aber streifte die Welt um ihn hinweg. Er sah ihren Kopf, ihre
Nacktheit, die weich und einfach auf ihn strahlte. Ihr Blick weilte auf ihm
mit stolzer und demütiger Klarheit, und dies erhob sein Gefühl, daß sie ihm
wie ein Ausgleich schien zwischen seiner Kraft und ihrer Höhe, sein Blut
strömte gesteigert bis an Grenzen, die er selbst nicht mehr erreichte, sein
Hirn, unirdisch geworden, schrie: Königin.

Er begehrte sie.

Er löste Kalekuas Hand von sich ohne Empfindung. Dann warf er mit einem
Schrei den Stolz der Königin nieder.

Ihr Blick fiel. Sie wurde bleich.

Von den Strömen seines Ich durchschwellt erhob er die Hände nach ihr:
»Liebe mich«.

Seine Stimme schuf ein Schweigen, in dem die anderen erstarrten und Kalekua
niederfiel. Er sah ihr Gesicht, als er die Königin auf seine Arme legte,
versteint und still zu ihm aufsehn von der schmutzigen Erde. Aber so sehr
kreiste dieses Erleben in ihm, daß es seinem Bewußtsein vorbeischwamm wie
ein rascher Mond.

Er nahm die Königin hoch, küßte sie und trat mit ihr in das Wasser, das bis
zu seinen Hüften stieg. Dann wurde es seichter. Er bog in den Seitengang
und kam in ein Nebengewölbe, das voll stand von kleinen Geräten, Waffen und
Figuren aus Jade. Sie aßen grünes Harz zusammen, das ihre Adern tosend
erhitzte und er küßte sie, die verging.

Als am Morgen sein erwachter Blick gegen das Blau des Horizonts prallte,
stürzte das Bild Kalekuas von allen Wänden gegen sein Gesicht und verstörte
sein Gefühl.

Er richtete sich auf, bis er kniete. Er sah auf die Königin. Sie war schön.
Ihre Lippen lagen fest zusammen und zitterten. Er verglich ihre Glieder. Er
berührte ihr braunes Haar und den schmalen Ansatz des Augenschlitzes, er
fuhr über ihre jungen Brüste. Er hielt die beiden Weiber gegeneinander.
Aber Kalekua stieg.

Er stand auf, trat bis zur Öffnung, wo der Berg hinuntersauste, schwang die
Arme, sah noch einmal auf die Königin und ging. Das Wasser nahm ihn kühl
auf. Am anderen Ufer schüttelte er sich wie ein Hund, die Tropfen spritzten
gegen die Mauern. Er wußte, daß er eine große Höhe erlebt habe, aber daß er
sie wegtun müsse aus der bleibenden Erinnerung. Es war nicht viel, eine
Nacht aus dem Leben zu streichen. Er schob sie zurück.

Im Gang standen in Nischen große Figuren aus Holz und Stein. Sie hatten
aufgeblasene Bäuche und grüne Augen.

Am Ausgang lag Kalekua, zusammengekrümmt. Sie schlief. Tau hatte ihr rotes
Haar verwirrt und feucht geballt.

Er bezähmte sich. Er stürzte nicht auf sie. Er wagte nicht sie anzureden.
Er sah sie lange an und ging vorüber.

Nach fünf Schritten holte ihre Stimme ihn ein; sie schüttelte sich, stand
auf und kam. Er senkte den Kopf ein wenig. Sie aber nahm seine Hand wie
immer. Sie gingen zusammen, wie sie kamen, den Paß hinunter. Sie stießen
durch die Dämpfe der aufgespitzten Vulkane. Sie schliefen die Nacht in der
Platane. Mittags erreichten sie das Meer.

In der ersten Nacht glaubte er, daß Kalekua ihn töten werde. Doch sie
zeigte Andacht und Liebe. Er grübelte, warum sie sich mit Freundlichkeit
verstelle. Dann stellte er sie zur Rede. Er sagte ihr, daß sie unehrlich
sei und Masken über ihr Empfinden ziehe. Sie weinte darauf und erbleichte
in Schmerz. Da stieß er roh in den Mittelpunkt des Gefühls:

»Hast du nicht Schmach über mich? Ich ließ dich beiseite und nahm andere
Glieder an die Brust.«

Da lächelte sie ihn an, verständnislos, und sah unsicher nach der See, über
der die Brandung aufschwang. Am Abend begann sie langsam zu weinen, und als
er ihr die Haare grade legte, fragte sie, ob sie bleiben dürfe. Da ließ
Jean François sein Mißtrauen vor solcher Liebe, deren Quellen er nicht
begriff, und überströmte sie mit Zärtlichkeit.

Als sie später aufbrach zur Königin, blieb er allein auf seinem Felsen
sitzen. Die ganzen langen Stunden sann er ihr Bild in die Luft, daß er am
Abend des dritten Tages, halb verstört von Liebe und heißer Luft, in die
Hütte taumelte, um die Kalekua in unzähligen Formen und Haltungen
schwankte. Jede Linie schob sich zusammen mit anderen und wurde ihr Bein,
ihr Arm, ihre Brust, ihr Winken. Seine Augen wurden rot. Im Fieber schlief
er ein. So wartete er auf sie.

Sie kam des Nachts und trat nicht ein. Als er unruhig erwachte und Kühlung
begehrend hinaustrat, sah er sie leblos vor der Tür. Das Sternlicht
überschwankte sie, und sie fror. Er trug sie auf Armen hinein. Das Herz
ging. Aber es schlug nicht nach dem seinen hin, es lief durch den Takt des
seinen ohne Sinn und Ziel.

Er blies ihr seinen Atem in den Mund. Sie stöhnte. Er stieg auf das Bett
und legte sich auf sie, daß sie erwärme. Ihr Blick traf ihn. Er war
ausdruckslos. Ihre Federn hatte sie aus den Haaren genommen.

»Kalekua.«

Die Pupille bog sich nach oben.

Sie bekam einen kleinen Ausdruck auf der Oberfläche. Es war Angst.

»Die Königin . . .«

»Was --« Seine Stimme fuhr scharf auf.

Doch sie antwortete nur mit einer leeren Geste, auf die keine Frage gesetzt
werden konnte. Kalekua war allein zurückgekommen, sie hatte die Königin
nicht gefunden. Grauen hatte sich in ihr Hirn gestürzt. Die Königin war
fort.

Nicht mehr strich Kalekua an sein Lager und durchduftete das Zimmer mit
Liebkosung. Die Welle ihrer erregten Brüste schlug nicht mehr an seine
Brust. Ihr Auge mied den Meerkreis. Kein Blick segelte auf den Horizont.
Echos schlug ihre Stimme nie mehr aus dem Riff.

Jean François tröstete sie mit Streicheln und mit Worten. Doch ihre Haut
zuckte nicht. Worte fielen von ihr ab. Da befahl er ihr, sich zu freuen,
aber sie sagte: »Die Königin . . .« und vertiefte das Auge zu Boden.

Sie ging ziellos durch die Gegend, fürchtete etwas Entferntes und hielt die
Haare in Verwirrung. Einen ganzen Morgen lief sie an der Küste auf und ab
ohne Laut. Sie wich den Wellen aus, die kamen, und bog in die
zurückflutenden ein in einem erschreckenden Zickzacklauf. Manchmal hielt
sie erstarrt einen Augenblick die Arme senkrecht. Jean François sah es
stundenlang an, bis es ihn tief bestürzte und er hinunterlief und sie
holte. An diesem Morgen begriff er, daß sie ein fremdes Gefühl in sich
trug, das von seiner Seele wild hinwegwuchs. Denn sie glaubte, daß sie ihn
der Königin entzogen habe, und daß diese ihr furchtbar zürne, und ihre
Liebe ging scheu geworden von der seinen zurück, die übermächtig über sie
hing. Er aber glaubte, daß sie Schmach trüge, weil er, ausbiegend vom
graden Sinn seiner Liebe, die Lust der Königin empfand.

Er suchte dies aus ihrer Seele zu werfen und sie mit Funkelndem zu
erfüllen. Er fuhr mit dem Kanoe sie tief hinein ins Meer, bis der
aufglühende Abend, als sie selbst schon vom Dunkel verzehrt waren, die
Bucht brandrot entflammte. Er fing kleine Schweine im Wald, damit das
Tiergequietsch bis zu ihrem Gelächter vordringe. Drei Wochen fertigte er an
einem Haken, mit dem er einen Haifisch fing, den Bauch vom Boot aus aufriß
mit dem Messer, und aus dessen Zähnen er eine Kette machte, damit der Stolz
darüber ihre zu Traurigkeit zusammengeschlossene Seele lockere. Er log zu
ihr eines Abends, als ein fernes Lächeln hinter ihren Augen saß, von einem
Bruder, den er nicht besaß, der mit Schiffen, wie mit Bauchflossen von
Fischen gestalteten, fahre.

Als er an einem Morgen spät hinaufkam von der Bucht, lungerte um sie, die
schweigend und nichtachtend saß, ein Chinese. Er erschlug das gelbe Tier,
das ihr Bein mit Berührung befleckte, schabte nach der Sitte der Stämme das
Fleisch von den Knochen und schenkte ihr diese, auseinandergelegt und
gebleicht von der Sonne, in einem gebeizten Kasten mit gelbem Tuch.

Allein sie färbte sich die Lippen schwarz mit Beerensaft aus Trauer und
fehlte zwei Nächte, den Wald stumm durchsuchend, in seinem Haus.

Die Welt war jedoch so mächtig und groß in ihm, daß er, sich heftiger an
sie verstrickend, nach dem Faßbaren das Unmögliche versprach: Giraffen,
Tiger und den Mond.

Doch ihr Auge blieb dunkel. Ihre Seele verehrte ihn scheu und entfernt.
Doch je tiefer sie in ihre Angst tauchte, um so wilder umfaßte sein Begehr
ihr Entweichen.

Als sie wieder einmal fortblieb, dachte er ihr Bild nicht mehr in den Raum.
Es genügte nicht mehr. Seine Hände zeichneten ihren Riß an die Wand. Seine
Fäuste schlugen den Kopf in Ton, in zwei Tagen, bis sie toten Blicks
zurückkam aus dem Wald.

Damit er sich verkleinere, ihre Leidenschaft aber aufwärts hebe, tat er das
übermäßige von sich, führte sie in das Haus und sagte:

»Ich bin nicht Rono. Fühl den Muskel, der dich manche Nacht hielt. Greif in
den Rücken. Ich bin nichts als Mann. Jeder könnte mich erschlagen. Deine
Liebe ist mehr wertend als meine. So gering bin ich, daß, niemand mich
begehrt, es sei denn eine wilde Sau zum Fraß.«

Doch sie wies auf die Stelle, wo die fremden Schiffe die Walfischfänger der
Südmeere geschlagen hatten, erinnerte ihn daran und lächelte und glaubte
ihm nicht.

Da griff er die Dumpfheit ihrer Seele von der anderen Seite an, die sich
zwischen ihre Liebe schob, packte das Bild der Königin, demütigte den
Triumph und das Genossene in sich und sagte:

»Was ist sie? Es ist geringes nur. Ich hatte sie in der Hand wie ein Ei.
Sie gab wenig zurück. Ihr Körper ist gut, wenn deine Haut auch heller ist.
Aber ihr Sinn ist der einer Schnecke.«

Allein ihre Seele, die an das Nahe und Einfache angelehnt stand und nicht
vordrang in das Entfernte und Aufbauende seiner Sätze, hielt fest an der
Königin. Sein Hebel zerbrach an dem einen Wort.

Denn der Gedanke an sie und das Mächtige, was sie umgab, lag zäher und
fester in ihrem Blut und vererbter den Rinnen ihres Gehirns, als das
Erdonnernde seines Namens für ihr irdisches Gefühl und selbst als die in
seinem Körper verankerte Liebe des Mannes, die nur durch Umarmung und
Umarmung, in Pausen gespalten, sich erlebt.

Sie stellte sich hoch und sah ihn scharf an. In dem Blick war wenig von
Liebe, aber dumpfe Erwartung, die ihm die Gurgel zerschnürte, denn er wußte
kein Mittel mehr, wie er die Angst vor der Königin Rache von ihr nähme.

Er versuchte noch eines: suchte tagelang die Königin, schrie ihren Namen in
die Täler. Aber fand sie nicht.

Kalekua sah ihn hart an, als er eintrat und wich die Nacht aus dem Haus. Er
aber saß in der Platane und erwartete den Morgen, in dem seine Liebe sich
noch tödlicher vertiefte.

Oft sah er sich um und erstaunte sekundenlang. Denn was ihn sonst trieb,
die Küste, die Wellen, die Flut der Palmen, was seinem Leben und Dasein
Ausgleich gegeben hatte und seine Seele tiefer ernährt und bewegt hatte,
wie jedes vorherige Dasein -- es schrumpfte zusammen vor dem Gefühl zu
Kalekua, das alles übertraf und nichtig machte neben sich.

Seine Liebe schwoll an, daß er sie nicht mehr in dem Gefäß seines Wesens
halten konnte, und daß sie ausströmend Kalekua adelte, ihren Gang erhob und
ihr Dasein ins Unbegreifliche steigerte. Seine Umschlingungen wurden
heftiger. Sie begnügten sich nicht mehr mit dem Erraffen des letzten
Menschlichen in ihr, das sie ihm in wunderbarem Rhythmus entgegengeschlagen
hatte, und mit der an ihrem Leib abschwingenden Glückseligkeit
gleichgefühlten Daseins, seine Umarmungen vielmehr erstiegen eine Höhe, wo
er ihr irdisches Dasein nicht mehr erkannte, sondern sie, dies alles
zurücklassend, nur noch erkannte und empfand verbunden und anheimgegeben
über das Erkennbare hinausgehenden Räuschen und Gefühlen.

Ihr Blick erschauerte unter seiner Umschlingung, die furchtbar sich über
ihrer Seele erhob, die nur in Sorge und Abwehr gespannt war. Er jedoch
küßte ihre Füße, lauschte ihren Atemzügen und erschrak, wenn ihr Puls
sprang.

Voll fessellosen Erlebens umgab er ihr geringes Dasein mit Inhalt. Er
folgte ihr in der Entfernung, verließ sie das Haus. Er setzte sich neben
sie, wenn sie die Augen furchtsam gegen die Höhe des Berges erhob. Nachts
beugte er sich über ihr Bett und sah entferntes Licht des Mondes
darübergehen.

Er suchte eine große Muschel und hielt sie lange vor ihr Gesicht, weil die
wechselnden Spiele in der Farbe des Perlmutter ihre Züge zum Lächeln zu
vermischen schienen.

Kalekua ging jeden Tag durch die Täler, die Küsten und die Bäume. Sie sah
sie nicht. Ihr Auge saß nach innen gedreht und lauschte auf Ungeheures, das
sie unsichtbar umscholl.

Er aber war so voll von Liebe, daß er die Insel nun (die ihn früher
beseelte) damit umfing, so daß der Geruch des Meeres, das Köstliche des
Horizonts, Sturm und Erschwanken der Palmen wie aus seinem Leben
herauszuströmen schien.

So gewaltig wuchs seine Liebe über das Land, dessen Sehnsucht lange vorher
über ihm stand, daß, wenn er es gewollt hätte, die Insel begonnen hätte,
während die Winde schwiegen, sich in Kreisen um sich selbst zu drehen.

Kalekuas Gefühl aber wandte er damit nicht.

Ihr wuchs alles, Luft und Erde, zusammen zum Bild der Königin, die mit
gierigen Lippen Rache heischte. Und auch den Geliebten zog es in diesen
Schlund. Sie bekam, von dem unabwendbaren Schicksal bedroht, eine
Ergebenheit, die ihr Gesicht bleichte und im Erwarten des Schreckens
leuchtend machte wie eine Qualle.

In einer Nacht erscholl der Berg hinter ihrem Haus, ein Riß zog sich durch
die Mauer. Die Klippe barst zur Hälfte ab und raste ins Meer. Die andere
trug schaukelnd ihre Hütte. Ein Donner warf sich aufstürzend gegen den
Himmel.

Kalekua erwachte, und aufschreiend erhob sie sich, glaubend, daß durch die
vertausendfachte Stimme die Königin sie rufe. Sie stürzte zur Tür.

Aber Jean François ergriff sie bei der Taille und hielt sie. Sie sah sich
um und blickte ihn an als wie ein schlechtes Tier. Ihr Mund wurde zornig.
Sie schrie:

»Laß mich!« -- und als er den zuckenden Leib fester faßte: »Die Königin
. . . die Königin . . .« Dann hob sie die Hand und stieß ihn unter das
Kinn.

Aber sie machte seine Liebe nur größer, und er band sie auf das Bett vor
Sehnsucht. Der Boden beruhigte sich, und gegen Morgen beruhigte sich
Kalekua, als er sich über die Zitternde neigte und seinen Namen sagte.
»Rono«, sagte er.

Als sie schlief, band er die Schnüre ab und ging hinaus. Der kalkweiße
Kegel des Bergs hatte eine tiefe Wunde. Der Krater dampfte leicht. Er lag
in der gleichen Höhe wie sein Haus, und über das Riff verband sie eine
Felswand miteinander. Das Meer war grün, wo die sausende Lava sich
hineingebohrt hatte. Weiße Fischbäuche blitzten unzählig herauf. Er setzte
sich vor die Hütte.

Gegen Mittag aber ward der Schreck übermächtig in ihm und warf ihn nieder.
Er stieg über den schmalen Grat zu dem Vulkan.

Da am Rande schleuderte es ihn auf die Knie. Sein Gefühl, ausquellend
unendlich, stieg uferlos und stieß an Gott. Das Meer verfärbte sich weit
hinaus fast gelb und silbrig zu einer unbewegten glanzlosen Fläche, auf der
zwei Kanoes wie gefroren schliefen. Er hob die ganze Inbrunst zu Gott
hinauf und herrschte ihn an, daß drüben über der kleinen Bucht Kalekua aus
der Hütte heraustrete und gelöst von ihrer Angst und zurückgeformt zur
Liebe ein Lächeln unter den Augen trüge.

Aber Gott war taub.

Der Tag ging. Kalekua schlief bis in die Dämmerung. Dann erwachte sie und
blieb still sitzen.

In der Nacht begann der Boden zu schwanken. Mond schien. Da stand sie auf.

Ihr Gesicht glich dem ihres ersten Tages, als ihm der Trogu noch die Seele
entzückte, die jetzt ganz nur Liebe war. Sie strich ihr Haar, das glühend
den Rücken hinunterbrannte. Dann nahm sie die vier weißen Federn und tat
sie in ihr Haar. Aber eh sie ging, zog sie aus dem hohlen Balken am Eingang
die Kette der Haifischzähne und küßte sie.

Es war fast hell. Er sah ihren reichen Leib, der straff und zart nach den
Brüsten hinaufwuchs, sich mit den spitzen Zähnen gürten. Sah den Schwung
ihres Beines, die Achsel, die Biegung ihres Nackens, die er mehr liebte als
wie Gott. Er sah alles. Er weinte nicht. Aber er hatte nicht die Kraft, sie
zu halten.

Er nahm das Schicksal in sich. Er konnte nicht höher als Gott.

Plötzlich ertoste der Berg. Da sprang sie hinaus. Sie lief. Einmal noch
hörte er ihre Stimme. »Sie ruft,« rief sie.

Da hielt es ihn nicht mehr. Er lief ihr nach. Aber sie war zu weit.

Da warf er sich mit dem Rücken gegen die erdröhnende Hütte. Er sah sie über
den Halbkreis des Grates über der Küste her hinlaufen, schmäler und blässer
werdend im entfernteren Monde und beschwingt voll Licht weitereilend wie
von Unirdischem getragen gleich einer silbernen Tänzerin in den Krater
verschweben.

Er aber hatte, tödlich verwirrt, noch nicht die Kraft, ihr zu folgen. Noch
jagte ein Strudel von Gefühlen sein vergangenes Leben über ihn hin. Aus der
Kette der Gesichte warf sich eines vor ihn, an das er nie mehr gedacht
hatte, und über ein Bild, das sich unter seinem Bewußtsein formte,
schluchzte er, sich wie an ein Letztes daran klammernd, daß es ihn
entwirren solle:

»Ma . . . Ma --«

Aber auch dies war taub.

Da raste und schrie er gegen Gott. Und dann beschwor er die Erde um ihn,
daß sie ihn hielte. Aber so tief war er als in das Höchste an Kalekua
verstrickt, daß, während er schrie, die Dinge, die er anflehte, sacht aus
ihm entwichen. Ruhiger werdend sah er nicht mehr Stern, kein Haus, kein
Meer. Seine Augen lauschten nach innen. Unendliche Stille umflutete sein
Gefühl.

Er warf sich mit dem Bauch auf den Boden und blieb wie ein Holz. Erst als
die Stimme des Abgrunds heischender heraufscholl, erhob er sich und folgte
ihr.




Die Herzogin


Als der Dichter Villon in Armut und tiefstem Leben der Stadt Paris stand,
sah er die Herzogin von Ventadron. Sie kam ihren Garten
heruntergeschritten, und ihre Gestalt ergriff ihn so, daß er die Dirne, die
ihn begleitete, von sich wies. Er schritt die Reihen des vergoldeten
Stakets weiter, und sie kamen aufeinander zu. Sie aber bog ab, ehe er sie
erreichte, doch ihm gelang es, beim Wenden ihr Gesicht zu sehen. Der Schein
ihres Gesichts fiel über sein Leben, um es nie zu verlassen.

Sein Herz verneigte sich tief vor ihr.

Sanftheit umgab seine kommenden Tage und umwölkte die Ausschweifungen und
Tavernennächte. Eines Abends sammelte er Mondlicht und Sehnsucht mit seiner
Seele und formte es zu einem Gedicht, das er der Herzogin sandte. Er legte
einen Brief hierbei und bat, daß sie den Kopf wende, wenn sie bei der
Auffahrt zum Schloß die vierte Baumreihe erreichte, denn dies zeige, daß
der Vers ihr gefiele.

Sie neigte drei Tage darauf das Gesicht aus einem großen Fächer nach der
vierten Baumreihe. Da sah er es noch einmal.

Sein Herz versank in Demut, alles für sie zu erleiden und Höchstes über sie
zu sammeln.

Nach Tagen erst, weil er elend war, besann sich sein Hirn auf ein Geschenk
für sie. Es schien ihm schön für sie. Er mußte es stehlen. Aber kein Stern
dünkte ihn zu hoch.

Da er Geld zu den Vorbereitungen nicht besaß, verkaufte er zwei dem Chor
entnommene goldreiche Kerzen wieder am Portal von Notre Dame einer
inbrünstigen Frau und trug den Erlös in seine Taverne. Aufgescheucht von
seinem Gelächter, tranken sie seinen Wein, hörten sie seinen Plan, gierig
die Profile, die Augen funkelnd, ihn auszuführen.

Sie brachen mit Fackeln auf. Villon schritt ihnen voran. Barral stieß vor
Wonne sein Messer in eine Tür. Die Gassen schwelten von Dunkel. In der Rue
des Saints Pères stand vor einem öffentlichen Haus ein Mönch, der mit den
Fäusten das Tor verbeulte. Sie gingen, ein Lied beginnend, das ihn
verhöhnte, im gleichen Paßschritt auf der anderen Seite vorbei, und ihr
Gesang dröhnte erzen durch die lange Gasse.

Der Mönch aber kam über die Pflastersteine herüber, stemmte die Fäuste in
die Hüften und begann mit normannischen Worten zu keifen. Er war groß und
breit und die Augen brannten rot. Sie gaben wenig Acht auf ihn und zogen
singend weiter. Einer der letzten stieß ihn auf die Brust mit der Fackel,
daß er, von Funken umsprüht, in eine Pfütze fiel. Aufjagend warf er sich
auf den Angreifer, schrie, aber die anderen lösten ihn los und warfen ihn
prallend ins Dunkel zurück.

Die Dirnen winkten aus den Fenstern und hielten Windlichter auf die Gasse,
aber Villon erhob aufs neue den Gesang und schritt weiter. Wie die übrigen
begannen, ihre Stimmen der seinen zu verketten, brach der Mönch noch ein
letztes Mal aus der Torflucht und hieß, ihn erkennend, Villon einen Säufer
und schlechten Dichter.

Villon zog den Fuß an, ihn beiseite zu treten, ließ es dann mit einer
Grimasse und sang weiter. Der Mönch aber stieß einen Pfeil in seine Scham
und rief: »Sohn einer Hure.« Da erbleichte er, schwankte und warf ihm sein
Messer in den Leib.

Während der Gesang wieder aufschwoll und dumpf die Gassen,
hinuntergleitend, erfüllte, lag der Priester auf der Erde, schrie und stieß
Arme und Beine in die Luft und goß langsam sein Blut in die Gosse. Die
Weiber im ersten Stock des Hauses hängten sich weit aus den Fenstern und
sandten ihm Einladungen hinunter.

Der Gesang war bis zur Seine gekommen. Villon betrat mit seinen Leuten ein
Boot und fuhr dunkelrot beleuchtet den Fluß hinunter.

Villon sagte: »Ich habe kein Blut an mir,« und wusch sich zufrieden die
Hände, denn es schien ihm geringer als der Tod einer Krähe, einen fetten
Mönch zu erschlagen. Plötzlich löschten alle die Fackeln, indem sie sie zu
beiden Seiten der Kahnwände ins Wasser stießen, es zischte, weiße Blasen
stürzten in die Höhe, und langsam legte sich das Boot ans Ufer der
königlichen Gärten. Sie überstiegen einen Zaun und verteilten sich nach
allen Seiten. Hinter Statuen und Bosketten lagen bald alle auf der Lauer.

Villon schlich allein vorwärts. Der Wein sauste durch sein Blut, aber er
fand die Richtung. Barral folgte ihm. Ein Truthahn neben ihnen begann zu
schreien. Ärgerlich drückte ihm Villon den Daumennagel in den Hals, denn er
hatte es nicht auf das Tier abgesehen, das sich grundlos in den Tod hinein
exaltierte. Es geht Sterben ohne Sinn von mir aus -- dachte Villon, indem
er die Tür zu den Tierställen aufbrach.

Aus weißem Stroh sahen ihn im Dunkeln unermeßlich und still glänzende Augen
an. Unter rasch entzündetem Licht breitete sich das sanfte Fell einer
Antilope vor ihnen aus. Villon löste mit der Linken die Schellen aus ihrem
Geweih, während die andere über den Rücken streichelte. Dann nahm er
behutsam das Tier in den Arm und trug es ins Boot.

Sie fuhren zurück und stiegen am anderen Seineufer aufs Land. Hinter dem
Louvre hörten sie das Aufklappern der Lanzen von der Wache. Sofort brachen
sie in Gesang aus, Villon mit dem Tier in der Mitte. Auf dies furchtbare
Signal hin verschwand der Tritt der Wachen in der Ferne. Noch eine Weile
gingen die Leute Villons taktmäßig im Paßschritt.

Dann verstummten sie, Villon ging allein vor bis an ein Schloß, öffnete das
Tor und trat in einen Garten. Auf dem Rasen ließ er sich nieder, schlich
bis an die Mauer, umkreiste den Flügel und band sein Geschenk, die
Antilope, mit langer Kette an einen Rosenbaum auf der Rückseite, damit am
Morgen nach dem Erwachen der Blick der Herzogin sich eine Sekunde sanfter
färbe und kleines Glück sich über den Park ergieße.

Dann kehrte er um, sie zogen zurück und stiegen in eine Kellertaverne, wo
sie würfelten.

Am Morgen zog eine Kompagnie auf, umstellte das Loch und fing einen nach
dem anderen der Herauskommenden ab.

Villon ward feig und fiel auf die Knie, als er sich gefangen sah. Sie
schlugen ihm mit den Schäften über den Kopf und brachten ihn verquollenen
Gesichts in einen der drei Türme. Er fiel die Stufen hinunter, die Wände
waren feucht und überschimmelt, es gab kein Licht.

In den Tagen, die sich zu Wochen zerdehnten, die er hier lag, bekam sein
Auge Macht über die Dunkelheit. Er erkannte den Wechsel des Tages und der
Nacht und die Bewegung des kleinsten Ungeziefers an der Wand. Er sah Kreise
und Strudel von blauem Licht, die Stille bekam Gewicht und sauste über sein
Gehör und er versank in Zustände, die zwischen Schlaf und Wachsein lagen.
Ihm wuchs ein Bart, indem sein Fleisch zerfiel. Ein pilziger Ausschlag
sammelte sich auf seinen Knien. Er dachte an nichts. Das Dasein ohne Welt,
das ihn weich dahintrieb, erfüllte ihn ganz.

Da sprang die Tür auf, zwei Männer mit Lichtern kamen. Hinter ihnen stand
ein Herr in grauem Kleid. Er beugte sich neugierig über Villon. Hierauf
ließ er die Laterne neben ihn stellen und nickte schräg nach oben mit dem
Kopf, worauf die Männer lautlos ins Dunkle der Tür zurücktauchten.

»Man interessiert sich für Sie.«

»Sie?«

»Nein . . .: man.«

Da erhob Villon den Blick genauer und erkannte den Herzog von Ventadron und
verbeugte sich tief und wurde feig und zitternd.

»Sie werden wohl verurteilt,« sagte der Herzog leutselig; »obwohl es mich
ergötzt, die Sache mit dem Klerk, geschieht hiermit Gesetz. Aus andrem
Grunde aber möchte ich mich für Sie einsetzen. Kennen Sie den Abt vom St.
Romacle? Ja?«

Villon, der den Ruf des Abtes kannte, nickte und zog ein schwaches Lächeln
über sein bebendes Gesicht.

»Ich möchte ihn sehr kränken, verstehen Sie. Er hat ein Haus mit einem
Olivengarten, daneben grenzt mein Gebiet. Da steht gerade ihm gegenüber ein
alter Bau mit vielen Zimmern. Sie kennen die Frauenviertel von Paris?

Villon nickte.

»Sie werden wohl verurteilt. Ich aber möchte in diesem Bau ein
Frauenkloster aufschlagen, wo jedem Mann freier Eintritt ist mit Gesang und
Wein. Wollen Sie?«

Da Villon der Plan sehr gefiel und seine Augen funkelten und er
zusammenzählte, wen er dazu gebrauche und welche Tavernen er leere,
erschrak er im Bewußtsein, daß der Fordernde der Gatte der Herzogin sei. Er
fragte sich, ob dies eine Falle sei, doch da er den Herzog kannte als edel,
tapfer und einen großen Verführer der Frauen, stieß er mit dem Fuß auf vor
Freude und sagte:

»Ich kann und will.«

Aber im gleichen Augenblick verfinsterte sich sein Gesicht und zerfiel im
trüben Schein gelben Lichts der Laterne, denn diese schlechte Sache, die er
gern täte, lag zu nah dem Gefühl für die Herzogin und in Scham zergehend,
lehnte er wieder ab.

Der Herzog stutzte.

Dann schwang er einen Schlüssel spielerisch im Kreise und sagte: »Kerl,
dann wirst du gehängt.«

Villon warf sich nieder und flehte hündisch ums Leben.

Er versprach dem Herzog Dinge sonst, von denen er nichts ahnte, obwohl er
Paris kannte wie wenige, aber Villon wußte mehr.

». . . oder -- -- -- aufgeknöpft,« achselzuckte der Herzog.

An dieser Kühle begriff Villon, was es heiße, nicht mehr zu atmen, bis in
die Nerven seiner Zehen. Von dem Ungeheuerlichen des Todes gestürzt, fiel
er auf die Füße des Herzogs, wand sich und küßte sie.

Er kämpfte mit sich, daß er den Plan ausführe, der seine Sinne reizte, doch
er stritt vergeblich gegen das Gefühl, das es ihm verbot, und selbst die
Grausamkeit des Sterbens war gering gegen dies Gefühl.

Es gelang ihm nicht.

Er fürchtete sich entsetzlich und wurde grün. Aber er sagte nicht wieder:
Ja.

Der Herzog entfernte ihn mit dem Fuße von sich und ging.

Villon fiel auf die Knie und betete inbrünstig zu einem Bild, das, aus
seiner Seele heraussteigend, sich durch die blauen Flammenkreise in das
Dunkel hinabneigte, Tränen stürzten ihm im Jubel aus den Lidern. Dennoch
schien es ihm zugleich, als ob er sich zerfleischen solle über den
Wahnsinn, die schöne Einrichtung des Dirnenklosters ausgeschlagen zu haben.

Nicht mehr rauschte die dunkle Luft um sein Gehör. Zwischen Inbrunst und
Schmähung schwankten die Tage. Dennoch kam an einem Morgen die Nachricht,
daß er begnadigt, aber verbannt sei. Eine halbe Stunde darauf verließ er
den Turm.

Zwei Wächter gingen neben ihm her. Ohne Pause schritten sie bis zum Tor.
Sie gaben ihm ein Papier. Er war auf fünfzig Lieues des Umkreises der Stadt
verwiesen. Dann fluchten sie, lachten und ließen ihn laufen.

Und er lief wie ein Hase in einem entsetzten Bogen in die Landschaft
hinaus, bis ihm der Pulsschlag des Herzens in die Gurgel sprang. Dort hielt
er sich an einem Baum. Es war ein junger Birnbaum und schwankte unter
seiner Last.

Er aber sah zitternd an dem schlanken Schaft hinauf, erblickte die
gründunkle Krone, sah den überwältigenden Himmel, streichelte den Baum und
fiel auf die Erde vor Übermaß.

Am Mittag ging er weiter. Die Sonne lag eine lange Straße hinunter
überhell. Auf den Feldern stand Korn und rauschte. Vor der unerlebten
Herrlichkeit der Landschaft ergriff ihn um so tiefer die Wut, daß die Stadt
ihm versperrt sei. So rasch lief sein Herz im Kreis. Er sah sich an, wie er
so zerrissen dastand, ein Bach wies ihm stechende Augen in kalkenem Gesicht
und wildes Bartwerk. Er wankte auf der Straße. Ein Strolch lachte über ihn,
daß es schallte. Aus einem Bauernhof sprang ein Hund, der wütend in die
leblose Gegend hinausbellte.

Er hob einen Stein. Aber er hatte nicht viel Kraft mehr.

Am Abend sank er vor Erschöpfung in einen Graben und schlief. Zwei Tage
lief er sinnlos weiter. Als er am Mittag des dritten an einen Weinberg kam,
in dem ein alter Mann mit stillem Gesicht Wasser goß und Spaten führte,
blieb er neidisch stehen, Arbeit erbittend. Er erhielt sie. In wenigen
Wochen war sein Gesicht braun und bartlos, das Auge erfrischt. Enges Kleid
umschloß den gespannten Körper.

Eines Nachts schlich er an die Grenzen von Paris zurück. Doch schon ehe er
verbotenes Gebiet betrat, erhob ein Kleriker Geschrei, der ihn erkannte. Er
kehrte um. In einer Absteigschenke der Landstraße ließ er sich nieder und
schrieb nach allen Seiten. Er schrieb an Barral, an die anderen, an Weiber
und Wirte. Er flehte und drohte, ihm zu helfen, daß er in die Stadt
zurückkehre. Dann wartete er.

Aber als Antwort kamen nur zwei Dirnen, die er geliebt hatte. Barral sei
entsprungen, die anderen säßen. Er zitterte vor Zorn und schlug sie.

Allein sie erstickten ihn mit Küssen. Schwer gepeinigt und ihrer Treue doch
wieder süß entgegengebracht, schrieb er zwischen ihren Umarmungen und
Scherzen einen Brief an die Herzogin, schrieb: wie sehr sein Sinn sich in
das Hohe treibe und wie rasch er falle, denn sein Blut ziehe wie ein Blitz.
Doch immer sei sein Herz voll Inbrunst.

Als die Dirnen den anderen Tag zurückwanderten, sah er ihnen nach, die den
Brief trugen. Sie hatten schöne Beine, er sah es wieder.

Dann aber weinte er auf dem Rasen sitzend, denn die Welt war weit zwischen
ihnen und der Heiligen, und die Brücke des Briefes zwischen ihnen schmal.

In der Nacht verschwand er, ohne die Zeche zu zahlen.

Am Waldrand hob er, aus dem Schatten noch einmal tretend, die Hand steil
gegen die Stadt.

Dann brach er in das neue Land vor ihm hinein, gestärkt im Inneren und
festgefügt in der Entschlossenheit, daß sein Leben in großes Maß
hineinwachse und gleichschwingenden Strömen sich füge.

Ihm, der nie die Stadt verlassen hatte, war Wandern unbekannt. Nie kam
Gesang in seinen Mund. Sein Gang bewegte sich erfüllt vom Rhythmus seiner
Gefühle. Kaum daß er, aufgescheucht, die Landschaft knapp musterte und in
sich sog.

Einmal dachte er zurück und sah sich wie ein entferntes Spiegelbild, bunt
gekleidet, auf einer Straße den Kopf sanft gesenkt, weither durch ein
unbezirkbares Gitter von Bäumen herkommen.

So erfüllte sich diese Zeit an ihm mit Stille.

Abends betrat er Sonntags eine kleine Stadt. Auf dem Platz glänzten viele
Lichter. Zwischen zwei Bäumen zog sich ein Seil mit Tanzenden. Er mischte
sich am Ende des Spiels unter die Gaukler. Sie kamen ins Würfelspiel.
Trinkend und sich frei gebärdend traf ihn die lässige Haltung dieser
Menschen beglückend. Das selbstgefällige Wiegen der Frauenhüften, die
breite Sicherheit der Männer und beider geduckte Klugheit gaben ihm
Wohlgefühl. Er schloß sich ihnen an.

Sie waren aus Limoges, und die Weiber hatten heftigere Sitten, die seiner
Nordischkeit erregend waren. Sein Können überstieg das ihre im Geschäft. Er
gab schönere Positionen, elegantere Sätze, ihr Beifall wuchs. In Angers
engagierte ihn die Bürgerschaft mit seiner Truppe.

Als sie die reiche Stadt nach Abenden des Triumphs verließen, folgte ihnen
ein Ratsherr auf einem Pferd und bat Villon auf das Stadthaus zurück. Der
Bürgermeister wies ihm einen grauen Mönch und bat, daß er ihn, der Pra
hieß, unterstütze in der Einrichtung einer großen Passion. Villon musterte
kurz den Saal.

Dann verließ er seine schweifende Gefährtenschaft.

Auf einem Faschingsfest der Stadt sprach er den Prolog, die Halbmaske vorm
Gesicht, glühend, daß das Publikum ertobte.

Kommenden Morgens begann er still das Werk.

Dem steifen Redefluß des Priesters fügte er Fülle des Talents. In einer
Woche wies er dem Kleriker Irrtümer der Mythologie nach, zog das Ereignis
in Verse, Kinder sangen sie für geringes Entgelt auf den Gassen. Der Mönch
verließ die Stadt.

Nun umfaßte er allein das Geschäft. Morgens früh begann er die Dressur der
Massen. Er lernte sie die Arme aufstülpen gegen den Himmel, die Gesichter
verzerren und auf gekrümmtem Bauch zu schreien vor Entsetzen. Ein Rudel
Zimmerleute fügte das Amphitheater zusammen in mächtig geschweiftem Bogen,
nah der Kirche auf dem Gräberfeld. Etage der Bühne, Mansion an Mansion,
staffelte sich nebeneinander. Er lehrte die schöne Entzückung, den Schrei
der Brunst und Stille der Ergebung.

Er knetete den Teig der Menge, daß die Glieder des Stücks sich abrollend
wie durch Fadenziehung seiner Finger bewegten. Den Kostümen gab er Prunk,
der Schminke Wahrhaftigkeit. Den Text bearbeitete er mit Glätte und gab ihm
feurige Funken. Ein Hohngedicht auf graue Mönche fügte er ein.

Der Tag wuchs ihm vom Ausgang der Sonne bis ins Herz der Nacht. Wohlgefühl
der Tätigkeit, die er umspannte, durchfloß ihn. Die kleine Weltkugel der
Passion, die in seinen Händen allein ruhte, erhob ihn zu Begeisterung für
sich selbst.

Dann durchfuhr, als das Werk endete, Geschrei die Stadt. Der König zog ein.
Teppiche fielen aus den Fenstern. Binsen bedeckten den Gehsteig. Blumen
lagen im Fahrweg. Quer über die Straße hingen Räucherpfannen.

Morgens begann das Spiel des ersten Tages. Aus dem Zelttuch, das das
hölzerne Theater deckte, fielen zerstäubt gutriechende Wasser. Dann zog
weißgegürtet Villon auf einem Esel über die Bühne. Hörner erhoben sich.

Der König betrat die Loge. Unter Schweigen vollendete sich bis zum Abend
das Spiel. In der Dämmerung erst gab es Tumult. Ein Taschendieb schnitt
einem Adligen den Ärmel ab und versteckte ihn. Villon ließ ihn auf einen
Pfahl schnallen und verhöhnen, denn er gedachte streng zu sein in seinem
Bereich.

Aber in der Nacht band er verkleidet den Sträfling ab.

Der zweite Tag begann mit Hitze, am Mittag schon wurden die Gesichter
schlaff. Die Kinder auf den Brüstungen schrien. Das Volk hetzte Hunde in
die Arena.

Gegen Abend fiel der Tod des Judas, den Villon spielte. Während sieben
Teufel mit Hammelschädeln und Kuhglocken über dem Kopf tosten, erhob sich
eine dunkele Sonne. Satan stand auf, goldbraun im Gesicht, mit einer Krone
aus rotem Satin und orientalischen Perlen. Judas fiel weinend vom Gerüst.
Und weil sein Mund zu niedrig war und verräterisch, die Seele zu entlassen,
platzte der Bauch, dem sie entstieg.

Der König erhob sich Beifall winkend.

Zurücktretend hinter die Kulissen fühlte Villon einen Zettel, der sich in
seine Hand schob. Er sah sich um. Als sei nichts vorgegangen, stand hinter
ihm eine der Sibyllen, deren Tanz sich den Morgen in sein Bewußtsein
geprägt hatte. Es war eine elende Dirne, aber ihr Mund glühte von Worten,
wenn sie sprach.

Beim Austritt in die Stadt verhafteten die Leute eines Bischofs Villon
wegen des höhnenden Verses auf die Mönche, allein ein Reitender des Königs
machte ihn wieder frei.

Er betrachtete nun das Papier. Es war ein Bild: die heilige Susanne, ein
Bein ins Bad setzend, mit den Augen lächelnd. Es gefiel Villon, daß er
lachte.

Am letzten Mittag kam Villon, Christus spielend, auf das Podium.

Er war nackt, sie hingen ihn ans Kreuz, und der Schmerz erpreßte ihm
Geschrei von den Lippen. Ihm zu seiten hingen die Verbrecher, stöhnend,
Fratzen um die Nabel gemalt. Rechts gähnte eine Hölle. Links aber standen
Knaben mit roten Binden um die Stirn und hinter ihnen eine Kette Engel mit
den Instrumenten, alle herübergebeugt.

So groß waren Villons Trotz und Übermut, daß er das Haupt nach der Hölle
wandte und das Unerhörte begann, mit aufschwellender wilder Stimme nach der
Hölle zu reden.

In dem blassen Schweigen des Raumes löste sich da der Vorhang einer Loge
neben der königlichen, Villons Blick traf den Scheitel einer Frau.

Der Vorhang fiel zurück.

Unsägliches füllte seine Lippen, als er das Gesicht erhob. Es war ihr Kopf.

So sah er ihn noch einmal.

Er begriff die Wonne nicht. Er verstummte.

Aber sein Kopf fiel herum demütig und sein Blick umklammerte die Kulisse
des Paradieses. Maiwuchs und Orangenbaum sanken ihm in die Augen. Zwischen
Rosen und Majoran erhob sich in Granaten eine Fontäne.

Sein Herz neigte sich.

Der Vorhang schaukelte, aber er zog nicht mehr auf.

Seine Stimme aber erscholl, hochgetragen und lind, unwahrscheinlich sich an
das Brüllen schließend; der Kopf bog sich in die Höhe und spannte den
Körper von den Füßen bis an das Genick wie einen Sprenkel. Worte entfuhren
seinem verzückten Munde voller Ergebung und wuchsen wie aus breiten
Trompeten zu einem ehernen Donner.

Dann neigte er auch den Kopf.

Vorhänge teilten die Welt von ihm ab. Es war dämmrig geworden.

Als er wieder aus der Garderobe heraustrat und dem Gerüst zuging, befahl
ihn ein Ratsherr zum König.

An der Wand des Zaunes streifte jemand seine Hüfte. Er blickte flüchtig und
sah die Sibylle.

»O,« sagte sie und machte den Mund auf und biß auf die obere Lippe.

Villon dachte an das Bild und sah sie an. Dann legte er den Arm über ihre
Schultern, denn die Achseln schimmerten weiß und erwartungsvoll durch das
Tuch.

Sie ging zur Seite, wo die Friedhofkreuze gleich begannen, es ward ganz
dunkel um sie. Ihre Hüfte streifte ihn. Er küßte sie und biß ihr in den
Mund.

Sie lagerten hinter einem breiten Grabstein.

»Ich fürchte mich.«

Villon lachte.

Dicht neben ihnen liefen die letzten scharfen Grenzen des Lichts. Die Menge
tanzte lärmend auf dem Platze. Auf den Bänken des Amphitheaters begann
Gelage. Funken sprühten gegen die dunkle Wand des Horizonts. Ein roter
Dunst hängte sich um den Kirchturm.

»Willst du Geld? Nachher habe ich zwanzig Dukaten.«

»Nein.«

Sie schob die Zunge zwischen Zähne und Lippe. »Nimm mich mit. Heirate mich.
Gib mir ein Kind.«

»Lege die Hosen eines Franziskaners in dein Bett, da wirst du von selbst
eines haben.«

Villon lachte.

Sie gefiel ihm. Ihre Lippen schwellten sich vor Blut.

»Fünf Dukaten schenke ich dir.«

»Ich fürchte mich.«

»Du kaufst dir Armbänder und seidene Ärmel.«

»Ich fürchte mich.«

»Spei auf die Toten.« Er preßte ihre Brust.

»Wie warst du schön, als du auf dem Esel, den du Rutebeuf nanntest, wie du
mit dem weißen Gürtel auf dem Esel einrittest . . . . .«

Er küßte sie mit geschlossenen Augen.

Da aber stieg durch den Spalt der Dunkelheit ein Gesicht. Er preßte die
Lippen noch fester zusammen, um das Gesicht zu zerdrücken. Doch der selige
Kopf wurde immer größer, die Herzogin neigte sich freundlich über ihn. Das
Gesicht bedeckte seine Seele, indem er in immer wilderem Kuß sich ihm zu
entziehen suchte. Ihr gütiges Lächeln zog sich über den Garten, die Kreuze
und den Himmel.

Da stieß er entsetzt und bezwungen die Dirne mit den Füßen, sah von ihrer
offenen Brust verzerrt in die Höhe, um das Bild zu erreichen.

Sein Herz neigte sich, und aufstehend, laut jammernd, lief er in die Nacht.

Er ließ die Dukaten und den König.

Sein Lauf währte Tage, die er nicht zählte.

Verwilderten Bartes kroch er nachts in eine Scheune. Als er einschlief,
fiel durch das Gitter des Heus der Schein einer enthüllten Laterne über
seine Augen. Er fuhr herum und umarmte Barral, den er so fand.

»Wo warst du?« sagte Barral und lachte.

»Ich lief --« sagte Villon.

Er schob sich Stroh über den Körper. Dann weckte er Barral noch einmal:

»Barral,« sagte er, und sein Gesicht leuchtete von bösem grinsenden Hohn,
»ich möchte über die Welt hinkotzen in einem Strom. Mein Alter, wir wollen
Frauen verführen, Ställe anzünden und es mit Tobsucht tun.«

»Ja, mein Freund,« sagte Barral und zog sich Stroh aus dem Bart.

Ihre Nahrung ward Feldfrucht und geraubtes Geflügel. Bauern erschreckten
sie, indem sie das Land überquerten, des Abends auf ihren Feldern, daß sie
brüllend wegliefen. Mönche prügelten sie mit dornigen Stecken und trieben
lange ihr Wesen mit Frauen, denen sie die Röcke zuschnürten, daß sie als
Statuen auf allen Straßen standen.

Einmal fiel Villon in eine Falle. Von allen Seiten plötzlich
hervorbrechend, schlugen Burschen mit Gegenständen auf ihn. Knapp entwich
er aus der verdunkelten Dorfgasse, einen blutenden Riß über die Stirn.

Die Nacht zündeten sie das ganze Dorf an.

Villon und Barral standen auf einem Hügel, während die dunklen Scheine über
den Wald flatterten.

»Es ist ein schöner Anblick,« sagte Villon und legte den Arm über Barrals
Schulter.

»Es ist ein Schauspiel,« sagte Barral.

Zur Zeit der großen Prozession erreichten sie nach Wochen solchen Daseins
Toulouse. Sie fanden die Stadt gefüllt mit Fremden und reichen Klerikern,
die heimatlichen Erwerb in leichtem Leben verströmten. Barral stahl in der
vornehmsten Kirche Pelze und Steine. Sein Blick sah manche große Gabe in
den Opferstock eingehen. Es prägte sich ihm ein. Er vergaß es nicht. Sie
faßten abends rasch einen Plan.

Barral hieb wie ein Bär, nachdem sie die Tür erschlichen hatten, den
Opferkegel in der Mitte durch. Neben Kupfer und einigem Silber überrollte
vieles Gold den Boden. Sie teilten gemächlich. Als sie durch die blinde Tür
des Chorgestühls hinaustraten, prallte ihnen ein leichter Ruf entgegen.

Villon sah Barrals Hand erhoben und, selbst von zehn Fäusten angepackt,
vernahm und sah er beim Wenden des Kopfes eine Hellebarde, die breit
Barrals Bauch durchstieß.

Dann brachte ein kurzer Gang ihn zu der Dunkelheit des Turms.

Während die dauernde Nacht ihn umschloß, blieb sein Bewußtsein nicht ohne
Trübung. Nicht unterschied er Tag und Abend. Kein Schweben der Seele zog
ihn aus Welt und Gegenwart. Reue fraß ihn an, und er bog den Kopf gegen die
faulende Wand und sagte verzweifelt, während sein Blick ihm die Seligkeit
freier Landschaften, der blühenden Bäume und des zinnobernden Herbstes
vorspielte: »Warum bin ich Bandit, wo ich Dichter sein könnte . . .« Die
schmerzende Qual dieser Wochen gab ihm aber Verse von Frauen, Wiesen und
Mond.

Und unter der Beglückung dieser Tätigkeit weitete sich sein Herz. Er genoß
in größter Entfaltung der Seele, die das Umgebende durchdrang, Horizont,
Sonne und Meer.

In den Pausen aber schrie sein elendes Herz vor Sehnsucht und Qual. Er
empfand Mitleid mit seinem Geschick. Er sah den Tod als Strafe sicher vor
sich. Darum betete er zu Gott, daß dieser ihm helfend ein Mittel sende. Und
sei es, daß einer den Vorschlag wiederhole, den er im ersten Kerker
ausschlug. Er schwor, daß er ihn diesesmal packe und tue und mit noch
tieferen Demütigungen dabei. Denn die gestand er Gott als Erschwerung zu.

Dann aber weinte er lange aus Scham über diese Schwäche und hatte nichts
als Verachtung für sich.

Doch der Wille zum brünstigen Leben strahlte so stark in seinem Wesen, daß
er um weniges später das Gebet um Hilfe noch erniedrigender von den Lippen
stieß.

In dieser Nacht aber erfüllte sich sein Raum mit weißem Licht, und in
seinem Traum wuchsen helle Figuren mit Kerzen in den Händen, und eine
Stimme erfüllte das Zimmer, daß er erzitterte vor Bewegtheit: »dennoch,
mein Armer, sollst du dem Lichte dich zuführen lassen« . . . und erwachend,
die Augen weit geöffnet, empfand er, wie eine Hand, die, über seine Stirn
geführt war, sich davon löste. Er empfand das rasche Hinweggleiten nach der
Tür.

Da sprang er auf und bebend vor Glück erhob er den Kopf.

Die Tür öffnete sich zum Verlassen, er spürte den Luftzug.

Er warf sich auf die Knie nieder und schrie: »Laß mich!«

Die Gestalt aber wandte nicht ihr Gesicht (er bedurfte es nicht, um sie zu
wissen), doch sie machte eine große Bewegung mit ihrer Hand und
durchschritt die Tür.

Aufschwingend stürzte er nach: »Warum,« schrie er, »warum verfolgst du mich
mit Güte, -- -- -- warum überlädst du mein Leben mit Licht? Ich bin hilflos
dagegen. Aber ich will es nicht.«

Die Tür war zu.

Er hämmerte die Fäuste dagegen und Schaum deckte sich über seine Lippen:
»Laß mich, verdammt, ich fluche dir, in meiner Niedrigkeit. Das Heilige an
deinem Tun verzweifelt mich . . .«

Und er bäumte auf und stemmte sich dagegen.

Allein der Raum war leer, und nichts vollzog sich.

Böse und zornig setzte er sich in die Ecke.

Eine Furcht erfüllte seine ganze Nacht, die er verstockt und fluchend
wachte: sie würden ihn befreien, ohne Gegenleistung, die er von Gott erbat.

Am anderen Morgen geschah es. Er wurde frei.

»Ich weigere mich,« sagte er und verließ den Klotz nicht, auf dem er saß.
Die Wächter stießen sich mit den Ellenbogen in die fetten Seiten und
bestaunten sich.

»Es ging um deinen großen Kopf,« sagte einer und stemmte die Hände auf die
Hinterschenkel.

Villon lief wie ein Marder auf und ab: »Wer fällt dem Recht in den Arm?
Warum setzt Unrecht sich gegen Gesetz? Ich stahl. Möge man mich rädern.
Aber es ist feig, mich laufen zu lassen ohne Buße.«

Sie aber lachten und warfen ihn wie ein Tier auf die Straße.

Dort legte er sich auf die Erde aus Trotz. In der Nacht leckte ein Hund
sein Gesicht. Er küßte ihn auf die Schnauze, umschlang den dürren Hals mit
beiden Armen und schluchzte in das Fell.

Darauf gingen sie beide weiter aus der Stadt hinaus in das Feld. Sterne
überklommen den Himmel nicht, den Nebel zudeckte, in dessen Schein ihre
Schatten riesenhaft vor ihnen hingen. Da er das Tier liebte, nannte er es
Joi-Novel.

»Sie lebten lange im Wald ein einfaches Leben. Wandernd kamen sie an eine
Jagdhütte, die eine schlichte Frau bewohnte. Sie bot ihnen Obdach, und sie
gewöhnten sich daran und blieben. Einfache Liebe beglückte ihn.

Eines Tages, als er jagte, teilten sich die Büsche, und in den
auseinandergeschlagenen Zweigen ritt eine Frau auf ihn zu. Sie hatte ein
kastilisches Pferd mit weißen Füßen.

Sie hielt kurz an, und er verbeugte sich.

»Ihr Name?« fragte die Dame.

»Villon.«

»Villon . . .,« sagte sie und zog die grauen Augen zu einem Strich
zusammen, warf den Blick von seinem Gesicht bis zu den Füßen, streichelte
über den Pferdehals und ritt davon.

Sie hieß Loba. Sie bewohnte das Schloß in der Knickung des Waldes zwei
Stunden von Marseille. Die Frau in der Hütte sagte es ihm, als er Joi-Novel
eine Amsel zu speisen gab.

Am Morgen klopfte ein Diener und befahl ihn nach dem Schloß. Er aber sagte,
daß niemand von ihm zu fordern habe, schlug den Diener und jagte ihn.

Später traf er die Gräfin wieder im Walde.

»Warum kommen Sie nicht?« fragte sie. Ihr Zaumzeug aus limusinischem Leder
und Silber blitzte. Ihr Gesicht war kühl und zugekniffen.

»Was soll ich dort?« sagte er ruhig. »Lassen Sie mich hier, wie es paßt für
mich, niedrig und in elender Zufriedenheit!«

Sie warf den Arm mit einer Gerte in einer ungestümen Bewegung nach
aufwärts, folgte der Kurve mit einem großen Blick und ritt grußlos.

Nach einer Woche ließ sie ihn bitten, unter ein Bild ihr zwei Verse zu
setzen. Er widerstand nicht. Aber es schmerzte ihn, daß es ihn hochzog.
Doch da der Zug übermächtig war, folgte er.

Sein Anzug vollendete sich wieder höfisch. Seine Bewegung entschälte sich
dem Schweifenden und erhielt Maß. Sein Mund bequemte sich dem runden Fall
schöner Vokale. Aus den Fenstern des Schlosses sah er das Meer als dünnen
blauen Rauch.

»Ich liebe das Tier nicht,« sagte Loba und deutete auf Joi-Novel. Dies
bedeutete des Hundes Verstoßung. Als die Sehnsucht ihn zurücktrieb, seinen
Tod. Villon tötete ihn eifrig und unter Tränen.

Lobas Gatte kam einige Zeit erst, nachdem Villon sich seiner Gefolgschaft
gereiht hatte, zurück zum Schloß. Seine breite Gestalt verteilte
zufriedenes Gleichgewicht. Als er Villon sah -- -- und da er ihn nicht
liebte und nicht haßte -- -- gähnte er, um seine leidenschaftslose
Billigung darzutun. Auf Festen sang Villon Lobas Geist und Gestalt. In
verschwiegenen Nächten hin und wieder schlich er sich zu Küchen und
Dienerkammern, Würfeln und Wein und Geschwätz.

Scheu wie ein Hund wandte er den Blick weg von der vergangenen Zeit. Er zog
den Hals schräg und blinzelte in die Sonne, wenn ihm der Gedanke kam. Durch
den verhängten Raum seines Willens drang kein Laut in das untere
Bewußtsein.

Traf er Loba morgens im Saal, kreuzten sich ihre Wege. Sie ging an ihm
vorbei, ihn kaum sehend und doch mit einem Lächeln, das seine Knie
erschütterte. Fernbleibend bewegte sie durch Duldung allein den Kern seines
Wesens. Ihn zog es so hingerissen zu Loba, daß die Frau in der Hütte seinem
Gedächtnis entschwand, daß er sich unter Loba breiten wollte, damit sie
herrschend seinen Dienst nehme, in jeder Form.

Er nannte sich Wolf, damit sein Name dem ihren gleiche. Er zog ihr
Wachtelgeier und Lerchenfalken. Ihre venezianischen Gläser zierte er mit
gebogenen Sprüchen. Nie fehlte er, das Federkissen auf ihren Sattel zu
schieben.

An einem Jagdmorgen nahm er die Haut einer Wölfin und schlang sie um sich.
Aufbellend nahm die Meute seine Spur. Er lief, als gelte es sein Dasein und
hörte Lobas Schnalzruf an die Hunde. Quer lief er durch den Wald. An einer
Lichtung kreiste ihn die Meute ein.

Ein schwarzgefleckter Jagdhund biß sich in sein Genick.

Hochspringend, als andere Hundeleiber sich über ihn wälzten, scheuchte er
das Vieh zurück und stand blutend vor Loba.

Sie ritt den kastilischen Hengst wie zum ersten Male und zog die Augen zu
einem schmalen Spalt. Er verneigte sich und verbiß die Schreie. Sie
lächelte ein wenig und sagte:

»Eilen Sie zurück!«

Heulend vor Schmerz, schweißend, erreichte er das Schloß. In den
Fiebertagen näherte die Gräfin sich oft seinem Lager, entfernte die Binden
und goß zyprisches Öl in die Wunden. Er, der nach Dienerinnen hieb, die
laut die Diele überschritten, hielt den höllischen Schmerz aus mit ruhigem
Gesicht und strich einmal über ihren Arm, die Seele geduckt in Erwartung,
daß sie ihn ins Gesicht schlüge. Doch sie sah ihn nur an.

Wie es ihm besser erging, faßte ihn ein törichtes Glücksgefühl, für das es
keine Rechenschaft, keine Begründung gab. Jedem Menschen erwies er Freude.
Er sprach mit den Kühen. Er tanzte allein im Walde und rief: »Barral,
hättest du Fleisch noch auf den Knochen, wie lachtest du über Villon -- --
--«

Dann wagte er in mondloser Nacht zur Gräfin hinaufzuschleichen. Auf der
Treppe verließ ihn die Kraft, er wurde feig und kehrte um.

Das andermal wusch er sich gründlich und badete lang, damit ihn nicht
plötzlich Furcht überfalle, es möge Erde irgendwo an ihm sein, denn die
Angst seiner Herkunft saß in seinem Blut. Sodann stieg er hinauf. Sein Herz
drängte selig nach ihr. Er hatte Mut.

Beim Betreten des Gangs blieb er stehen. Etwas huschte an ihm vorbei und
hielt lauschend an. Es war eine der afrikanischen Mägde, deren Haut
goldbraun glänzte. Er sah es, wie sie sich durch den Lichtschein einer Tür
bewegte. Er sah ihre weiche Hüfte und pfiff leicht. Sie wandte den Kopf,
und ganz gefüllt mit ihrem Bild folgte er ihr.

Lange trat er nicht vor Lobas Augen, von Reue angenagt. Sie sandte ihm aber
einen arrasischen Teppich, daß er einen Spruch dafür zeichne. Er machte
eine große Tirade und schöpfte aus ihr neuen Mut. Sein Spiegel wies ihm ein
scharfes Gesicht schöner Männlichkeit. Er legte eine Schminke darauf aus
Quecksilber, Bohnen und Pferdemilch, damit die Schläfen einen weicheren Ton
erhielten.

Darauf wagte er es.

Ihr Zimmer war unverschlossen. Nähertretend sah er sie liegen, es kam viel
Licht vom Himmel, darum sah er sie genau. Er beugte sich nieder und küßte
sie auf den Mund.

Schlaftrunken nahm sie die Hand von der Brust und hob sie zu ihm, und
denkend, es sei ihr Mann, erhob sie sich und stand auf. Da sah sie Villon
vor sich. Sie tat nichts zuerst. Sie sah ihn an.

Diesen Blick trug er wie ein Mal tief im Haß seiner Seele weiter. Er
knallte ihn zu Boden.

Dann seinen schiefen Blick sehend, begann sie zu schreien. Türen schlugen.
An Mägden vorbei, die mit Kerzen kamen, verließ Villon eilend das erregte
und helle Schloß.

Er fühlte überall Schmutz an seinem gebadeten Leib.

Zweimal murmelte er: »Bande . . . Bande . . . -- -- warum, Villon, gabst du
dich, Sohn einer Dirne, den Feinen hin -- -- -- --?«

Die Nacht war schön. Wind blätterte sanft durch den Baumstand.

Durch den Wald irrend hob er die Hände zwischen den Stämmen und rief:

»O Joi-Novel, wo bist du nun?«

Bebend vor Zorn und in heißem Schmerz über des Hundes Tod, der seine Seele
nun schwer bedrückte, eilte er nach Marseille. Im Hafen lebte er versteckt
zwei Tage, bis eine Ruderbark nach Genua abfuhr. An den Mast gelehnt, das
wundersame Meer umfassend und voll Angst, seekrank zu werden, verließ er
aufgerichtet das heimatliche Ufer.

Den fremden Strand besprang er mit Gleichmut. Seine Erregung hatte die
Bewegtheit der Wellen eingesogen. Er durchstreifte die Stadt und verließ
sie. Auf und ab wandernd die Küste des Meeres, durchmaß er Italien und gab
wenig Acht auf Monat und Jahr.

Er schlief auf schlechter Streu und in Betten, er ward verfolgt, und Ehre
umgab ihn wie Beleidigung. Lungernd trieb er sich im Gewühl der Häfen hin
und gab sich tagelang dem Meere preis an heller Küste mit entkleidetem
Körper, Sonne aufnehmend und in die geweitete Seele das Meer einspannend.

In einem Winter schloß er ein Quartett zusammen, das die Schelle, den
Tamburin, eine kleine Orgel und die Querpfeife führte. Die Feuer mancher
Höfe und Märkte, das Geschrei vieler Nächte umfuhr die vier seltsamen
Gesichter. Dann löste er sich hiervon wieder, schwankte trunken und
verkommen, geldlos die Taschen, in die Städte, bettelte alte Fische und zog
Ringe von Damenfingern. Mancher Morgen aber umschlug ihn, auf einem Pferde
sitzend, lässig die Haltung, ein Birett über dem Kopf und eine Harfe am
Sattel, deren Kopf eine Wölfin war.

Als er Genua, von Syrakus kommend, durchwanderte einmal, sah eine volle
Frau aus einem Fenster, und er blieb stehen. »Dein hoher Busen reizt mich,«
sagte er. Sie betrachtete ihn und schimpfte ihn: »Provenzale!« Doch er
lachte und wies auf ihre Brust.

Er schlug einige schiefe Triller an und intonierte: »Dein hoher Busen
. . .« Die Frau wurde rot vor Zorn und schrie: »Ich verstehe dich weniger
als einen Berber, Deutschen oder Sarden.« Jedoch nahm sie seine Hand und
führte ihn in ihr Haus. Im Gange dann schlug er den Arm hoch um ihre Hüfte,
und da sie dies verstand, entfremdeten sie sich nicht mehr.

Gut gepflegt nach Abenteuern des Weges blieb er gern bei ihr. In den
Jahren, die daraus erwuchsen, erhielt sie Gewalt über ihn. Wohl schlug er
sie manchmal, wenn er trunken war oder eine andere zufällig genossene Frau
ihn zu neuem Mut gespeist hatte, aber später ihr Blick duckte ihn wieder
feig. Einmal prügelte sie ihn und warf ihn vor die Tür. Es war eine bittere
Nacht, und der Hahn schrie vor Kälte. Morgens kroch Villon wieder in das
Haus.

Er fühlte, daß sein Leben nicht mehr weit ausschlug, sondern im Kleinen
hinschwankte, und trotz manchen Schmerzes befriedigte es ihn mit Wollust.

Sie besaßen einen Raum, in dem sie Wein ausschenkten. Menschen aller
Gattungen schoben sich vermischt durcheinander zwischen diesen Tischen, die
nie leer wurden. Hier traf er Babolin und Jaufre Rudel, die mit ihm waren,
als er die Antilope holte im königlichen Garten. Doch er redete wenig davon
und ließ sie ziehn. Fremde Herren, die mit den schlanken Weibern der
unteren Viertel schwelgten, trafen sich in diesen Räumen. In den hinteren
Zimmern, die sie später aufsuchten, entkam ihnen manches Kleid, viel Geld
und Schmuck, der Villons Reichtum erhöhte.

Sein niederes fettes Leben gab ihm keine Verse mehr.

Da sprach eines Abends ein reisender Lombarde von der Fürstin von Tripolis,
die niemand noch sah auf der Welt, und deren Güte und Schönheit an kein Maß
reichte.

In dieser Nacht schlief Villon schlecht neben seiner hochbusigen Frau, und
in den folgenden kämpfte er verbissen gegen sich selbst.

Am Mittag des vierten Tages ging er an das Meer, über dem die Sonne lag,
und da überfiel es ihn. Als werde er leicht und verliere sein Gewicht,
erschien es ihm; der Himmel wurde heller und weißer, und es vollzog sich
eine Klarheit des Gesichts in ihm, daß er bestürzt zu Boden fiel. Wo er
gedacht hatte, sein Leben beschließe sich in ruhiger Niedrigkeit, entstieg
es ihm steil und seinem Willen und wuchs in das Lichte des Himmels hinauf.

Taumelnd durchlief er die Straßen bis zum Abend, nahm dann viel von dem
gesammelten Geld und verließ die Stadt.

Ein Schiff fuhr ihn. Das Meer glänzte. Die ferne fremde Küste schwebte ihm
entgegen. Als er ausstieg, war sein Herz nach oben hin beschwingt . . .
nach Herrlichem lüstern, Gutes zu tun bereit, seine Seele voll Verachtung
auf das Seither.

Der Strand war ungewohnt herrlich. Indigofarbner und blauer Zindel stand in
den Gärten. Pferdestimmen riefen. Hörner und Klarinetten ertobten aus den
Zelten.

Er mischte sich unter die Menschen. Doch hier war nicht das Hoflager der
Fürstin. Tagelange Reisen brachten ihn zu ihrer Stadt.

Er fragte ihren Palast. Er klopfte an.

Allein die eiserne Tür bewegte sich nicht. Er sang und rief und trotzte.
Doch sie blieb ihm verschlossen. In wochenlangen Listen erschöpfte sich
sein Hirn, aber keine Klugheit brachte ihn näher. Er lernte die Sprache des
Landes und die Dialekte der Städte. Er wurde schwach und wich vom Pfade der
Sehnsucht und besaß geringe Frauen, aber sein großes Gefühl erzitterte nur
sacht unter ihnen und warf sich in weiter Flut von neuem nach der Fürstin.

Als er heißköpfig von Wein eine Nacht mit Edelleuten aus der Bretagne
würfelte, spotteten sie auf seine Sehnsucht. Im Zweikampf ringend auf
bretonische Art warf er den einen, der andere aber besiegte ihn. Da spie er
ihm in das Gesicht vor Wut, daß dieser seine Hoffnung zertrete und auch im
Gottesurteil über ihm sei.

Er versuchte es zu zwingen, daß er die Fürstin sähe.

Er ritt mit einem großen Hengst klirrend auf die Brüstung vor dem Schloß,
warf den Arm auf und schrie hinauf nach den Fenstern: »Du Hure.« Doch
niemand nahm Acht davon. Da schäumte er und schwur bei seinem Gedärm und
den Wunderzeichen von Compiègne, daß er die Fürstin besitzen werde. Doch
der sonst menschenvolle Platz war ausgestorben, und kein Fenster öffnete
sich, keine Strafe kam.

Nun bestach er die Wachen mit Geld von verkauften Reliquien (deren Handel
er großzügig an Europäer betrieb) und verführte liebend und mit Gesang
Dienerinnen des Palastes, es war umsonst. Hingenommen von seiner Aufgabe,
überließ er seine Tapferkeit den Heerführern der Fürstin, streifte durch
unerhörtes Gebiet, sah Tier, Waffen und Mensch, die er nie erahnte.

Als Belohnung erbat er, die Fürstin zu sehen, deren Ruf er, singend, in die
Levante hinein erhob. Er bat, befahl und drohte. Es war umsonst.

Da ließ er, geruhiger, vom Trotz und lebte still verehrend in der Nähe des
Palastes. Bald bekam er von ungefähr, ohne daß er die Hand nun danach
streckte, eine Stelle in den Anlagen. Monate diente er, indem er Sklaven
beaufsichtigte. Eines Morgens, als die Aussichtslosigkeit seiner Sehnsucht
ihn bedrückte, in Verzweiflung und Ungeduld, schlug er eine junge Sklavin,
daß sie schrie.

Während er schlug, erstarrte sein Arm. Ruhe überkam ihn mit strömender
Gewalt. Er drehte sich.

Über eine Terrasse schritt eine Frau herunter, ganz in hellen und roten
Farben. Ihr Gang betäubte ihn. Langsam verlief das Bild nach der Seite des
Wegs. Er breitete die Arme hoch.

In diesem Augenblick wandte sie sich um. Ihr Gesicht strahlte kurz herüber.
Der Garten begoß sich mit Licht.

Villon fiel nieder, demütig die Hände gefaltet. Sein Herz neigte sich. Er
weinte in die Hände über seine Schlechtigkeit. Als er aufsah, machte die
Fürstin eine leichte Bewegung dahin, wo wolkenloser Himmel stand, und ihr
Bild erlosch hinter Gebüsch.

Drei Jahre sog Villon Kraft zu stiller Tätigkeit und Leben, das nach der
Höhe des Herzens zielte, bis eine Pest die ganze Landschaft überzog und die
Fürstin mitnahm.

Bei ihrer Beisetzung stand er vor dem Sarg. Lange blickend und das ganze
Bewußtsein auf sie zwingend, kam ihm ihr Gesicht durch den Stein des
Sarkophags, unter dem sie lag, deutlich entgegen, wuchs durch den Deckel
und erleuchtete ihn. Aber langsam löste sich das Bild und nahm eine andere
Form, die er bebend gewahrte, ängstend und die Hände dagegen gekehrt. Denn
seine Erinnerung sagte ihm, daß sie in dem Teil um das Kinn deutlich aussah
wie Loba. Doch der Glanz um die Schläfen war von der Herzogin von
Ventadron.

Da riß er sich weg von den Trauernden, lief hinaus und begriff es nicht.
Vor dem Haus aber schrie er plötzlich:

»O, warum, mein Gott, gleichen sich die Frauen?«

Tief bestürzt sann er nach, aber _im Grunde blieb nur das Bild der
Herzogin_. Der Gedanke an sie, gegen die er sich sträubte, ließ ihn nicht.
Er kam in Trotz und irrte durch die Landschaft. An die Fürstin dachte er
nicht mehr. Das Gesicht der Herzogin aber stand vor ihm, wenn seine Hände
in den Haaren geringer Dirnen wühlten. Er floh davor. Und auch es sank
zurück, wo er sich ganz dagegen wehrte.

Noch war nicht seine Zeit.

So trieb es ihn in das niedere Gedränge zurück, das er in stillem Leben
verlassen hatte. Das Blut nur gab den Ausschlag seines Daseins. Bald lobte
er Gott und abends spie er ihn aus.

Irrend kam er nach Genua.

Er schlich an sein Haus. Als er es von anderen Menschen bewohnt sah,
empfand er Erleichterung. Nach dem Weib, mit dem er Jahre hier lebte, frug
er nicht. Es kümmerte ihn nicht, mochte sie aus diesem Leben getreten sein
wie aus seiner Errinnerung. Einiges begann er, aber es mißlang, weil er
wenig Trieb dazu fühlte. Eines Nachts band er eine Barke ab, die eines
Wüstlings, den er kannte, Namen trug, und fuhr nach Marseille.

Gereifter im Antlitz, einiges Grau an der Schläfe, betrat er heimatliches
Land. Nachdem er die Barke gut verkauft hatte, mietete er ein kleines Haus.
Er beschloß zu bleiben und sah sich um. Bald legte er die große Kleidung
ab, die er trug. Er griff zu blauen Hosen, dem Wollkleid und roten
Rindlederschuhen und nahm Gürtel und Mütze. Den Orient kannte er zu gut, um
ihm nicht über zu sein im Handel. Durch seine kaufmännischen Hände ging
alle zweideutige Fracht: Speckseiten, Frauen und Gewebe, es gab keinen
Unterschied. Er begann zu schielen und die Hände zu reiben. Oft machte er
Bücklinge vor jedermann. Araber scheuten sich vor ihm. Spanische Juden
nannten ihn den drohenden Finger.

Eines Tages brachte er Spitzen und Steine nach dem Schloß. Er sah Loba,
doch sie erkannte ihn nicht.

Sie stand mitten in der Halle, breit geworden, kinderlos. Graupelz umsäumte
kühl ihr Gewand. In dem dunklen aufgewellten Haar hoben sich stolz die
Büschel der wunderbaren Pfeile des Stachelschweins. Sie herrschte ihn an,
er solle sich beeilen.

Herantretend bückte er sich tief vor ihr. Während sie wählte, beschaute er
sie von unten, schielend, diensteifrig. Sie rührte ihn nicht. Er dachte
vergnügt an ein schmales baskisches Mädchen, das jung war und in
vorgeschriebenen Zeiten ihn besuchte. Er zwang Loba einen unerhörten Preis
ab und ging grinsend vor Wonne und Rache.

Im Park murmelte er einmal: »Joi-Novel.«

An den Bettagen, wo Handel untersagt war, kamen Spaniolen, die eilend
löschen wollten, und schlugen ihm günstige Bedingungen vor zum Kauf. Er
folgte früh morgens auf das Schiff. Während er Häute musterte auf dem
Verdeck, begann Geheul im Nachbarboot und griff um sich. Eine Frau rang
hingekniet neben den Anker die Hände. Matrosen neben ihr sahen neugierig in
das Wasser. Seinem Blick, der ihren folgte, begegnete der Kopf eines
kleinen Kindes, der wieder auftauchte aus dem Wasser, -- und sich
schüttelnd sprang er nach und holte es heraus.

Als er das Kind hochhob mit beiden Armen, schien die Sonne über das weiße
Gesicht, und plötzlich vergrößerte sich der Kopf und wurde, steigend,
milder werdend und sich verklärend, das Gesicht der Herzogin.

Die Mutter wand sich vor ihm, doch er sah es nicht.

Sofort begab er sich auf die Flucht. Streifend lebte er im Bezirk
Carcassonne, wanderte durch albigensisches Gebiet. Einen Winter war er auf
Schloß Gaillac, und fütterte den Sommer Rehe und Eichhörner auf Schloß
Fanjau.

Als Bote eines provenzalischen Dichters zog er mit goldenen Ringen, mit
weißen und schwarzen Bändern nach Norden. Es hielt ihn kein Ort. Die Unrast
stieg. Manchmal bei kleinen Menschen mit tierischen Gebärden zog ihn die
Sehnsucht unter Schreien weg nach Höherem. Aus den Sälen der Schlösser
zwang ihn dumpfer Drang in die Niederkeit.

Unter gefälschtem Namen kam er zu dem Herzog von Burgund. Er trug den Titel
eines tripolitanischen Adels. Er sprach die Mundart des Genuesischen,
Neapels und des Orients. Sein Gesang umfaßte alle französischen Zungen.
Geruch maßloser Unternehmung umgab ihn. So auffallend, erreichte er bald
die Nähe des Herzogs. Er zog eine eiserne Linie von Feinden hinter sich
her, indem er so rasch die Ringe um den Herzog sprengte. Doch dieser
überhäufte ihn mit Nachsicht und Gnade.

Er wurde unentbehrlich für Feste und Beratung. Aus Alexandria ließ er
Kunststicker kommen, die den burgundischen Hof im Schmuck an die erste
Stelle brachten. Er verschaffte ihm Affen für die Boudoirs seiner Damen.
Für die Portalkäfige des Schlosses besorgte er tanzende Bären. Die Zwinger
füllte er mit Löwen, denen der Herzog bei guter Laune unter den rostroten
Abenden der flamischen Landschaft Stiere zum Zerreißen vorwerfen ließ.

Er beschenkte Villon mit dem Goldenen Vlies.

Wenn er trunken war, überschüttete er Villon mit Wein und schlug ihn,
Villon, der dann zitterte, der sonst glänzend an der Spitze seiner
Kavalkaden ritt.

Je mehr aber sein Leben im Äußeren aufstieg, um so größere Sehnsucht trieb
ihn weiter. Gefühl nach Ruhe war langsam in ihn gekommen, wo sein Haar
mählich über dem herrlichen Kopf erblich. Doch die Unrast, die ihn trieb,
war, wie wenn er einem blinden Stern gehorche, der ihn magisch zu sich
führte aus einer unbekannten Dunkelheit her.

Geringer wurden seine Nächte. Der Schlaf schrumpfte. Es zog und zwang.

Da gab er nach und ritt auch aus dieser Stadt. Er wußte nicht wohin.

So kam er nach Paris.

Er ritt hinein. Sein Kopf erdröhnte. Das war die Stadt Villons, die Gärten
der Jugend, Gassen und Tavernen. Er faßte nichts und ritt.

Sein Pferd hielt an. Wie einen Schlafwandelnden riß es ihn aus der
Betäubung. Er sah durch Nebel und Erinnerung.

Sein Tier hielt vor dem Schloß der Herzogin. Doch sie kam nicht das Gitter
heruntergeschritten mit den vergoldeten Staketen. Keine Handbewegung
erfüllte den mittäglichen Garten. Er wartete und kehrte um.

Fliegenden Mundes durchstürmte er die Keller, die Kneipen der Stadt. Er gab
ein Schauspiel für viele in den Tagen dieser Suche und Fahrt. Er trug den
Orden des Goldenen Vlieses durch die Spelunken verkommener Akteure und
Mörder. Gier, Altes, Bekanntes zu sehen und zu befragen, trieb ihn rastlos.
Doch er traf keine Seele, keinen Kopf, von dem er wußte. Vertraut und
dennoch durch die fehlenden Menschen unsäglich entrückt, kamen ihm Bänke,
Schilder, Räume ins Gesicht. Die Kirche Notre Dame jagte er vor Angst
vergehend hinaus.

Der Herzog von Ventadron war lange tot. Niemand wußte um seine Frau.

Ihr Lächeln aber stand wie ein Mond, milder und heller werdend, über ihm.
In einer Nacht hielt er sich nicht mehr, erhob sich, schlich den Weg durch
den Garten zur Rückseite des Schlosses, erbrach es und durchwanderte es die
ganze Nacht. Gegen Morgen quoll ein Zorn in ihm auf, daß er den Degen nahm
und, vor Wut schreiend, das Zimmer zerhieb, in dem sie geschlafen haben
mußte.

Dann sank er um, und als er erwachte, war nur eine große Müdigkeit in ihm
und Sehnsucht nach Stille. Viele Tage blieb er im Bett seines Gasthofs,
dachte, schlief und besah die Bäume im Garten, hinter denen blauer Himmel
und Sternentfaltung sich vollzog. Er stand dann auf und ließ Bettler kommen
und Insassen der Kneipen und schenkte ihnen seine Kleider. Sein Gold nähte
er in den Mantel. Nur das Metall behielt er des Goldenen Vlieses unter
grauer Wandrerkleidung auf der Brust. Er vergaß seine Schuld zu zahlen,
müden Auges, fast ruhig im Innern, zog er wieder in die Welt.

Nach wenigen Tagen kam er an ein Kloster, das in fruchtbarer Ebene lag.
Soweit, daß die Sonne die Kuppeln morgens mit Glanz enthüllte, schwebte der
weiße Bau eines anderen Klosters gegenüber vor dem Horizont. Die Luft war
klar und mild, es roch nach Blumen und Stille.

Da hielt Villon den wandernden Fuß an und beschloß sein Leben hier dem Ende
zuzuführen. Dicht am Kloster war ein Konvent für Menschen der Welt, die,
der Einsamkeit anheimgegeben, Gott suchten, die Gebräuche der Mönche
teilend, ohne Klerks zu sein. Ihnen, die aus großer Welt kamen, schloß sich
Villon an, denn der Geruch der Mönche und Tonsuren stach ihn fuchsend in
die Nase und das Die-Ruhe-Wollende seiner Seele überstieg noch nicht seinen
Instinkt.

Er half dem Pförtner, den die Gicht angeschwellt hatte und der, mit
vernichteten Gelenken, nur die Augen bewegte und vier Finger der linken
Hand.

Seine Liebe war jedoch der Garten. Wenn er morgens erwachte, sah er über
die Beete und die Ebene hinüber zum anderen Kloster, das sich aus dem Nebel
schälte. Dann erhob er sich und begoß im Schatten, eh die Sonne Brand
herunterwarf. Mit Messer und Schere zähmte er den schmalen Weinberg, umgrub
die Wurzeln und schleppte schweißiger Stirne schwere Wasserkannen den Hügel
hinan. Ihm unterstand die Hühnerzucht, und er mästete die Tiere, Körner vor
sie streuend, und sandte manches fette Huhn als Geschenk ins andere
Kloster. Oft half er den Käse bereiten. Manchmal fing er Fischottern und
briet sie, und eines Morgens stand ein zarter Amarellenbaum im Garten, von
dem niemand wußte, woher er kam.

In den freien Stunden des Mittags ging er ruhig durch den Hof und mit
langen gemessenen Schritten hin zwischen den Beeten. Er sah Eidechsen die
braunen Köpfe auf den weißglühenden Steinen sonnen, und hin und wieder saß
eine Kröte unter dem Holunder.

Letzte Stille schien über sein Leben gekommen.

Da schlugen Zigeuner ein Lager auf, nahe dem Konvent. In der Nacht sahen
die Kleriker Villon berauscht in zuckenden Sprüngen im Feuerschein. Später
durchtobte er das Haus, zerschlug die Scheiben und füllte die Kirche mit
satanischen Rufen. Altardecken beschmutzte er, als er die Weinfülle wieder
ausspie.

Sie waren erstaunt so sehr, daß sie Mitleid mit ihm empfanden.

Der Abt sprach ihn ohne Buße frei.

Villon grübelte tagelang, dann ging er in die Zelle des Abts: »Ich stahl
den Amarellenbaum nachts im Nachbarkonvent,« sagte er und wies hinüber nach
den weißen Mauern.

Der Abt befahl ruhig, den Baum hinüberzutragen.

Da brüllte Villon: »Strafe mich!« und trommelte die Fäuste auf die Brust.
Der Abt verneinte lächelnd.

»Warum?«

»Du hast den guten Willen,« sagte der alte Mann kühl.

Villon aber stand noch eine Weile, ehe er die Zelle verließ, die
Augenbrauen gegen die Schläfen hinaufgezogen, und starrte vor sich hin.

Als er am Mittag, den zagen Baum in der rechten Hand vor sich haltend, zum
Frauenkloster ging, sah er durch die geöffnete Tür die Priorin den Hof
durchqueren.

Da brach sein Herz, daß er aufschrie und Seligkeit ihn so erhob, daß er
begann, das Haar aus seinen Schläfen zu reißen und schrie.

Aber sie wandte ihm nur das Gesicht zu. Es war jung und strahlte groß. Ihre
Haare waren weiß. Es war die Herzogin.

Sie staunte nicht. Sie lächelte nur und winkte einer Dienerin, die den Baum
von ihm nahm.

Doch da schrie er schon nicht mehr, sondern kniete verzückt und wagte nicht
aufzusehen. Lang blieb er so vor längst verschlossenem Tor.

Mit der Dämmerung erhob er sich und singend: Regina celi laetare alleluja
-- schritt er, die Arme ausgebreitet, nach seinem Haus. Dort schloß er sich
ein und sang Tag und Nacht. Erleuchtung schien über ihm zu sein. Aber nach
einiger Zeit kam er heraus, älter in der Haltung, aber froher, durchlebter
von Geist, und wandte sich seiner Tätigkeit zu wie seither.

Er floh nicht.

Nichts änderte er an sich. Wochenlang sah er kaum nach dem anderen Kloster.
Er sprach weniger zu seinen Genossen. Mittags einmal, als sie speisten,
erschien ein großer Edelmann des burgundischen Hofs und ließ Hörner blasen.
Der Abt erschien. Er aber wollte nur zu Villon, dem er die Bitte brachte,
zurückzukehren. »Weiber und Löwen brüllen nach dir,« schrie er hinauf nach
Villons Fenster, der ihn in dieser Haltung empfing. Doch Villon sagte: »Gib
ihnen Fressen« und machte eine Bewegung, eh er zurücktrat, lächelnd mit der
Hand.

Nachts nach Wochen brach er einmal auf, er widerstand nicht mehr. Wie ein
Dachs umschlich er das andere Kloster. Seine geschärften Augen nahmen die
Steigung jeder Treppe, die Bewegung jedes Lichts auf. Er wußte bald um das
Zimmer der Priorin.

Dann zog er sich wieder lange in sein Zimmer zurück. Seine einzige
Genossenschaft waren zwei Tauben, gefleckt wie Falken mit langen Schweifen.
Sie trennten sich nie mehr von ihm. Ging er in hellen Nächten über Land,
saßen sie auf seinen Schultern, und sie umtanzten ihn im Garten, wenn er
grub.

Eines Tages aber beendete er diese Art mit ihnen zu sein. Er zwang ihnen
seinen Willen auf, daß sie aufstoben, sich in die strahlende Höhe warfen
und verschwanden. Sie wußten ihr Ziel.

Jeden Monat einmal schob er Papier in ihre Federn, auf dem Verse standen.
Doch schämte er sich dann ein jedesmal. Einmal aber hielt seine erstarrende
Hand, die die Heimkehrenden aufnahm, beim Einfangen eine Blume fest.

Da nahm er das Höchste, was ihm blieb vom Leben, er trennte sich davon. Er
löste von seiner Brust die Schnalle des Goldenen Vlieses und band es der
Taube um. Heimkehrend die gleiche Nacht trug das Tier, flatternd vor
eisiger Kälte, einen Ring aus Haaren geflochten, über die Flügelenden
gestreift.

Aber die weiße Farbe der Haare schlug ihn nieder, daß er nie mehr wagte,
Dinge hinüberzusenden. Und was gab es noch, das die Unendlichkeit dieses
Gefühls überträfe.

Nach einem Jahr gab ihm der Abt Auftrag, hinüberzugehn und mit der Priorin
zu verhandeln um eine Orgel. »Es ist dein Fach,« sagte er und wandte sich
zu den Papieren um. Villon weigerte sich. Er schüttelte den Kopf.

»Ich will nicht.«

Da drehte sich der Abt zurück und sagte klar: »Du sollst.«

Als der Klang dieser Worte sich erhob, scholl eine Stärke darin, die
dröhnte, daß Villon nachgebend sich beugte und ging.

Am Gitter traf er die Priorin. Gesenkten Blickes richtete er den Befehl aus
und sagte ihn her ohne Stocken. Sie antwortete nicht. Sie hielt mit einer
Hand sich in der Höhe der Achsel am Gitter und sah ihn an. Er lehnte auf
der anderen Seite gegen das Eisen. Dann hob er den Blick und traf ihr Auge.

Als dies eintrat, verwirrte sich sein Mund. Dunkel bog sich um seine Stirn
und klammerte sie zu. Er wollte danken, daß sie Güte über sein Leben getan,
aber ihm schienen unbegreiflich seine Lippen zu beben vor Flüchen. Doch aus
der Seligkeit, die ihn erschütterte und hinstieß, daß das Eisen knirschte
unter seiner Schulter, hob sich durch die Verwirrung der Gefühle ein
Augenblick der Jugend. Und er sagte:

»Als Kind, wie ich Psalter sang . . .«

Sie wartete noch eine Weile, freundlich lächelnd. Sein Mund jedoch trug den
Fluß der Gefühle, der riefenhaft anschwoll, nicht mehr. Er stammelte in die
Luft.

Fern sah er sie noch einmal durch den Hof gehn. Sie wandte am Tor das
Gesicht und wies leicht, ohne den Arm zu rühren, mit dem Finger nach oben.

Er wußte, daß er sie nie mehr sehen werde. Es war das Letzte.

Die Tauben allein flogen noch, bis ihr, als sie betete, ein schwerer Stein
aus dem Gebälk im späten Sommer den Nacken zerschlug. Zehn Nonnen, steif in
weißen Leinen, trugen ihren Sarg in die große Kirche des Männerklosters.
Als die Prozession vorbeiging, losch der Himmel aus. Dunkelheit schoß an
den Rändern des Horizonts herunter, band sich zäh an die Erde und trieb
Nacht und Wolke vor sich, die brüllend heranwälzten.

Dann schloß die Kirchentür. Villon erhob an seinem Fenster den Kopf und sah
die Sonne in einem Strahlenkranz, dessen Zacken alles berührten. Es wurde
Abend!

Er ging hinein ins Land. Je tiefer er aber vorausschritt, um so leichter
trugen ihn die Füße, und die Stoppelfelder legten sich wie Seidenwalzen vor
ihn. Wälder wogten unten über dem Fluß in das Dunkel der blauen Dämmerung.
Er dachte an Joi-Novel, denn ungezählte Mäuse überkrochen die Erde.

Aus einer Hütte, um die Bohnen hoch schossen, trat ein Mädchen mit einer
Hacke. Sein Blick fiel auf ihre Hüfte, die sich leicht wölbte. Der
Bückenden bogen die Brüste sich aus dem Tuch und die Beine standen rund und
straff vom Rock gehalten. Er sah in die Dämmerung weg, die den Wald schon
einsog und rotbraun wurde, dann fiel sein Blick zurück. Wieder wandte er
den Kopf. Aber in der Sanftheit eines ungewohnten Jahres war sein Blut
angeschwollen und warf sich bäumend auf.

Doch er zwang sich und bebend sprach er sich vor: »Der Tod der Herzogin
. . . der Tod der Herzogin . . .« Allein die Worte waren ohne Klang. Sein
Schmerz war vor ihm selbst zugezogen und sprang durch Reizung selbst nicht
auf. Er preßte noch einmal sein ganzes Bewußtsein wie einen Stempel auf,
daran zu denken, daß sie in der Kirche liege, die Prozession, der
Weihrauch, der schreiende Tod.

Aber es war nicht stark genug.

Seine Hände ergriffen das Mädchen, und sein Blut sprang an das ihre wie an
das keiner Frau.

In der Nacht kehrte er zurück, die Sterne anflehend, ihn zu erschlagen. Er
ging in den Zwinger und löste die Hunde, die auf Wölfe geschult waren. Sie
rissen die blutigen Lefzen auf. Aber keiner sprang zu, so sehr er die
Gurgel wies.

Da schien es ihm, sein Herz selbst müsse springen und aufplatzen vor
Traurigkeit und Verzweiflung. Er nahm ein härenes Hemd, band einen Strick
um das Genick und legte sich auf den mit Asche bestreuten Boden und wartete
so auf den Tod.

Um die dritte Nachtstunde, da er noch lebte, erhob er sich, mehr
verzweifelt, und schlich an die Kirche. Dort horchte er. Dann ließ er die
Befangenheit und stieß, sich aufrichtend, die dumpfe Tür mit dem Fuß auf
und trat ein. Der offene Sarg stand zwischen wächsernen Kerzen. Ein fremder
Mönch hielt die Vigilie. Er sah auf und wies ihn mit der Hand streng
hinaus.

Villon hielt ihm das Messer vor den Bauch.

Da zerfloß das hagere Gesicht des Mönchs in Mitleid: »Du mußt elend sein,«
sagte er.

Aber Villon, außer sich, achtete nicht auf ihn, sondern warf sich
aufheulend wie ein Hund quer über das Fußende des Sarges und blieb so.

Jede Viertelstunde sang der Mönch einen Psalm und scheuchte ihn nicht.
Plötzlich sah Villon auf und, vom Anblick der Toten geschüttelt, schrie er:
»Schreier, mach das Maul zu! Schweig. Gib mir eine Antwort: kann es sein,
diese Frau zu lieben und am Abend ihres Todes eine Dirne zu umarmen? Kann
es sein?« Er drohte mit der Stimme und stieß mit den Fußspitzen haltlos auf
den Boden.

»Du hast die Inbrunst,« sagte der Mönch.

»Sie hilft nicht durch,« schrie Villon im letzten Zorn sich
entgegenstemmend: »Ich habe die tripolitanische Heilige verehrt und nannte
sie mit gleichem stinkendem Atem Hure. Die Güte der Herzogin schien mich
an, aber ich stahl und tötete.«

»Ereifere dich nicht. Ich kenne dein Leben,« sagte der Mönch.

Er war die Pfeiler hinabgeschritten, Lichter löschend, und wie er sich
unten umwandte, schien seine Gestalt mit dem Plafond verschwommen, seine
Kutte schwebte in einer dunkelen Glocke um ihn und verwuchs den steinernen
Rippen der Kirche, und vor den Augenhöhlen seines riesigen Kopfes wogten
die Schatten des Weihrauchs. Wie er jedoch, im Chor stehend, nun die Stimme
erhob, war seine Gestalt wieder klein und gewöhnlich, doch die Rede, die er
begann, wurde vor seinem Munde so furchtbar, daß in der ertosenden Kirche
sich die Echos blendend zerschlugen.

Es hieß aber, was er sagte: »Fast hast du Gott erreicht.«

Aber Villon antwortete darauf ganz ruhig: »Du hast recht, aber ich will
nicht mehr. Ich erreiche sie nicht, die kleine Spanne, die fehlt. Gott
erkämpfen, gelingt mir nicht. Du weißt es, wenn du mich kennst. Gott soll
zu mir kommen, denn er kann über mein Blut, aber ich kann es nicht. Gott
soll sich entwickeln in mir, bis er reif ist. Ich will ihn nicht stören und
verhindern, nicht in der Andacht, nicht im Gemeinen. Die Dinge sollen
laufen. Ich schalte mich aus meinem Blut.

Gott soll mich suchen. Ich suche ihn nicht mehr. Ich warte.«

Und auch der große Ruf des Engels im Traum, der ihn, dem Lichten zu, sich
gleiten zu lassen befahl, schien ihm, über das Blut und seine Gesetze
hinaus, in diesem Sinne beschlossen zu sein.

Aufstehend legte er die Arme der Herzogin im Kreuz über die Brust. Dann
nahm er Öl und Chrisma und salbte seinen Scheitel wie einem Neugeborenen.

Langsam ging er aus der Kirche, nach Ruhe gierig, und sonst nichts.

Diesen Ort verließ er. Hier lebte es sich nicht länger.

Er ging durch den frühen Morgen, der noch dunkelte, hinab zum Fluß.

Einmal noch wandte er sich, und wie er den Arm steil gehoben gegen Paris,
so hob er ihn rückwärts gegen sein ganzes Leben, weniger in Drohung und
Trotz, aber voll Ablehnung. Es hatte ihn zu keinem großen Abschluß geführt,
darum galt es ihm nicht, so voll und reich es auch war.

Allein schon wurde ihm dies unwesentlich, da er nach Kampf nicht lüstern
mehr war.

Er schob den Blick nach vorn.

Sich auf das harte Holz der Kahnbank pressend, stieß er die Ruder in das
Wasser und fuhr -- -- -- damit das Leben sich weiterhin über ihn stürze,
solange der Rest Tage ihm noch blieb . . .; daß ein Bauer ihn, buhlend,
hinter einem Zaun mit der Gabel ersteche, oder Gott ihn im feurigen Wagen
wie Elias in den brennenden Himmel reiße. Denn dies alles, was sich noch
vor den endlichen Abschluß schob, war ihm gleich und ihm lag nichts am
Ziel. Es war kein Wollen in ihm. Nur Sehnsucht nach Klarheit und kleine
Neugier auf das Ende.




Der Bezwinger


Im Jahre des Tigers geschah Timurs Geburt, im Monat Schual, geronnenes Blut
fest in der Faust. Vierzehnjährig ließen sie ihn aus der Jurte auf seine
erste Jagd. Er tötete dreißig Hirsche in hüfthohem Schnee. Sein Oheim
Hadschi berlas salbte ihm den Daumen und schenkte ihm ein Weib. Im Garten
am Fluß spielte er mit ihm den Abend. In der Nacht tötete er sie und fraß
sie an, schwamm durch den Fluß, machte einen Stamm Pferde los und ritt
einen Wirbel durch die Landschaft Kesch.

Hadschi berlas wies ihm ein Frauenhaus zu. Allein von diesem Tage ab
verließ er sein Zelt nicht mehr. Breit wie eine Kröte hockte er
zusammengezogen und sah schräg nach den Falten des Tuchs. Nie besah er das
Haus, aus dessen Innern sie ihm Harfen entgegenschlugen. Sein Auge wuchs
sich zu mit einem Nebel, daß die Pupille verschwand. Hadschi berlas setzte
Spione um sein Zelt, die ihn lockten. Sie sprachen von der Güte dieses
Oheims. Sie lobten seine Stärke, seine Schenkel und grinsten über die Kraft
seiner Lenden. Stets beobachteten sie seine Miene. In Monaten vermochten
sie keine Änderung des Gesichts zu melden, das größer nur und
undurchsichtiger sich zusammenschloß.

Beim Fest des Tages Gleiche mit der Nacht äffte der Narr im Hause Hadschi
berlas einen Emir, der Rücksicht vergaß und, die Hand im Gürtel, aufsprang.
Der fliehende Narr warf, über den Tisch springend, die Lichter um. Der
Dolch des Emirs ritzte einem Wächter die Hand. Ein Rustemdare schrie,
Hadschi berlas blute, in tobender Verwirrung knallten die Türen zu, die
Posten deckten außen die Türen, den Mörder abzufassen. Als der Narr, blind
die Augen vor Angst, durch einen Teppichschlitz hinaussprang, hieb ihm der
Wächter den Dolch in die Seite, und er verschied. In der Dunkelheit schrie
ein Emir, erkennend, daß Hadschi berlas nicht der zuerst Blutende sei, und
ihn nicht findend, er sei der Tote.

Das Geschrei lief bis an Timurs Zelt, doch gab es seinem Gesicht keine
Veränderung.

Später sagten ihm die erbleichten Spione, nicht Hadschi berlas trage den
Dolch in der Seite, denn sie fanden ihn, Schweiß auf der Stirn, in eine
seidene Tapete gewickelt, in der Ecke des Saals.

Als dies Timur hörte, gab es eine Welle Blut in seine Schläfe.

Wenige Nächte darauf tastete er mit zwei Katzensprüngen über die Lauernden
vor seinem Zelt, lief zum Palast seines Oheims und trat mit einer ruhigen
Bewegung zu dem Türhüter. Er sprach mit ihm lange plaudernd und ging
schlendernd wieder. Kaum aber war er aus der Füllung des Tors getreten,
trug ein schnellender Satz ihn zurück, an der Wohnung des Pförtners vorbei,
die Stufen nach oben. Durch stiere Gänge, die er nicht kannte, irrte er,
bis er eine Lampe sah.

Hadschi berlas lag nackt auf seinem Lager, schlafend, die Hand auf dem
Nacken der Frau, die er für diese Nacht gewählt. In der Ecke stand eine
Lanze. Timur hielt die Spitze in die Lampe, bis sie knisterte, dann stieß
er sie der Frau durch die Brust. Seine rechte Hand schlug einen Säbel in
den Hals des Oheims, die linke riß den Kopf weg, und, den der Frau
dazunehmend, erstieg er einen Turm, ließ die eisernen Rasseln sich
knirschend drehen und stellte sich auf die Galerie.

Die weiße Nacht ging gegen das Ende. Er schwang die Köpfe im Kreis und rief
sich zum Chan aus. Seine Stimme klang zum erstenmal rollend über die
Dächer. Aus den Hälsen fiel klatschend Blut auf die Straßen.

Der Astronom Guines trat auf das Minarett der Moschee und rief über die
Stadt ihm zu: »Bewahre die große fernhin schmetternde Trompete.«

Am Mittag zogen die Emire in die Ebene. Sie warfen die Mützen in die Luft,
schwangen die Gürtel über den Rücken. Sie warfen sich auf den Bauch, die
Sonne anzubeten, und huldigten durch neunmalige Kniebeugung dem neuen Chan.
Ein Prinz reichte ihm kniend den Becher mit Stutenmilch, er gab ihm, den
Kopf wenig lüftend, als Gegengabe das Todesurteil.

Dann ließ er, damit sich Hadschi berlas nur mit einer Frau, den Thron mit
der Gruft wechselnd, nicht allzu langweile, sechzehn seiner
Beischläferinnen schlachten und befahl den Zug nach Samarkand. Den Emir
dieser Landschaft zerhieben sie, und da sie ihm gefiel, baute er sich ein
Haus hinein neben die Stadt, umgab es mit zungenlosen Wärtern und pflanzte
die Fahne der Macht vor die Tür.

Er stieß sie selbst, neungipflig mit weißen und schwarzen Schweifen, in den
Boden, wandte sich langsam um und ging in das Haus.

Zehn Jahre lang sah ihn kein Tatare wieder.

Von diesem Orte ging nun Gewalt aus, die sie alle traf. Jeden Tag erhoben
sich aus der Ferne Reiter, rannten bis an den Gürtel der Wachen, saßen ab,
erhielten Befehle und kreuzten, abreitend, Kommende, die Nachrichten
brachten. Ein Graben, tief einen halben Fuß, umlief das Haus, sonst nichts.

In Jahren beugte er alle, niemand wagte ihn zu überschreiten.

Einmal, während die Massen im Kriegszug lagen, schlichen, unabgewehrt, zwei
Horden in das Haus. Sie fanden es ohne Gerät, ohne Lager, wie seit Jahren
unbewohnt. Echos schallten ihnen entgegen, ihre flüsternden Stimmen brachen
sich dreifach an den tauben Wänden. Ihre schrägen Blicke flimmerten. Da
brach die Furcht irr in ihre Augäpfel. Sie sprangen auf die Rücken der
Pferde, verwirrt in ihrem Hirn, und hingen ihre Leiber in einem nahen Wald
an die Äste.

Einmal brach ein tatarisches Heer aus den Steppen. Reiter im Halbmond den
Kopf geschoren, mit großen Schenkeln, die Achseln spitz gereckt, ritten um
Samarkand, fielen in die Ebene und wälzten sich durch die Städte. Sie
schwammen durch die Ströme und standen nach zwei Jahren auf den Graten des
Gebirges. Abgleitend verloren sie viele Pferde, doch im Anblick persischer
Ebenen schloß eine Felsmauer das Tal ihnen zu. In Vorhuten, tagelang,
schwärmten sie aus, sie fanden keinen Ausgang. Die Bergseite dampfte von
den Lagerfeuern. Da stob den Wartenden ein Bote an, setzte den Feldherrn ab
und gab die Zügel des Befehls einem kleinen Gruppenführer, den keiner
achtete. _Er hinkte und bewegte die linke Hand nicht._ Er ließ mit siebzig
aufgestellten Blasebälgen den Felsen wochenlang erhitzen. Dann warf er
einen abgeleiteten Fluß dagegen, daß der Basalt zerknallte. Das Heer trabte
in die Ebene. Sie schlugen die Perser in zwei Treffen und, abtretend, gab
der Feldherr sein Amt ab, zurückberufen, an Yakou, dem die Augen bis an die
Mitte der Schläfen saßen, und der Schiraz in einer Nacht in den Himmel
feuerte.

Ein anderes tatarisches Heer, stummem Winke folgend, stieg aus den Steppen,
zog um Samarkand, überritt die Wüste und das stachlige Tiefland. Die Reiter
trabten wochenlang, Weiber auf den Sätteln, Kamele hinter sich mit Kindern
und Proviant. Eine Wolke von Schweiß brach vor ihnen her, und die Geten
zündeten ihre Dörfer an und verließen sie und schrien nachts aus den
Wüsten. Die runden Säbel glühten in der Sonne. In einem Halbkreis rannte
das Heer über die Steppe. Sie banden die feindlichen Männer mit den Köpfen
in die Kniehöhle und warfen sie in die Sonne.

Sie hatten ihre Weiber auf den Sätteln und verließen die Pferde nicht. Sie
machten große Feuer und trabten darüber in den Horizont. Reitende Boten
täglich zogen eine Schnur zwischen ihnen und dem Haus in Samarkand.

Aus den Schneesteppen brachen tatarische Heere. Die Pferde stampften in die
Jurten vor Kurdistan. Sie brieten einen Emir überm Lagerfeuer und ließen
seine Söhne daran speisen. Zwei Tage nach einer Schlappe des Führers
wechselte der Oberbefehl. Zurückkehrend nach Samarkand verschwand dieser.
Axalla führte die Geschwader. Sie warfen sich über die Landschaft und
trieben Pferde zusammen und das Vieh. Ein mongolischer Fürst wehrte Axalla
mit Gebeten. Stolz trat er redend vor ihn und erfragte den Sinn der
Überfälle. Axalla sagte: »Gibt es anderes für mich als zu folgen? Dein
Aussehen ist besser als deine Frage,« und ließ ihn hinausführen.

Als Axalla nach Georgien aufbrach, betrat ein Unterführer sein Zelt.

Axalla speiste auf dem Boden kniend und sah unwillig schief nach der Tür.

Der Unterbefehlshaber hob rasch das gesenkte Gesicht und warf den Mund
brausend auf: »Teile das Heer.«

Axalla stand auf, lehnte sich gegen den Pfosten, Spott um den Mund:

»Wer bist du?«

»Genug, dich zurechtzuweisen.«

Da stand Axalla, gegen diesen Stolz gerichtet, zurückgeworfen den Kopf, vor
dem Unterführer, _aber da war dieser aus den Schultern heraussteigend mehr
als zwei Köpfe größer als er._

Er öffnete wieder den Mund: »Teile das Heer zwischen Georgien und Kars.«

Da schlug Axalla schäumend auf die Trommel, Wachen führten den Mann,
gebunden die Armgelenke, hinaus. Axalla kniete nieder und aß weiter.

Am Abend öffnete sich das Zelttuch unter einer drängenden Schulter. Der
Unterführer stand in der Mitte des Zeltes bewaffnet und frei.

Axalla fuhr an den Dolch.

Aber der Eingetretene sagte: »Bekümmere dich nicht. Ich könnte dich
zwingen, denn deine Macht geht nicht über mich,« und er wies, die Zähne
fauchend, die gelösten Arme. »Aber ich will deine Klugheit sehen. Darum
rate ich nur. Teile die Geschwader.«

»Wer bist du?«, rief Axalla wieder, aber unter dem Ruf schlug das Zelttuch
schon zusammen.

Am Morgen schied Axalla das Heer.

Die Geschwader gegen Kars trafen den Mittag einer Gruppe in den Rücken, die
die Truppen Axallas in einen Schraubengang locken sollten. Sie hielten sie
zusammen.

Axalla sah den Unterführer nie wieder. Die zwei Säulen der Geschwader
lockerten sich. Georgien wurde überrannt. In einem Halbkreis stießen die
Tataren schweigend aus den Steppen. Ihre runden Schwerter blitzten in der
Sonne. In Kars rissen sie die Rosenstöcke aus und setzten die Männer auf
die Stäbe. Über Georgien wälzten sie eine Flamme, die die Städte erstickte
und die Reisfelder fraß. Die Erde zitterte unter dem Schlag immer trabender
Hufe.

Sie ritten, eine lange glänzende Masse, durch die Engpässe am Rand des
Gebirgs. Dann stoben sie in die Steppen und schwirrten auseinander. Sie
sägten einen Sherif in der Mitte durch. Ein Mann brach das Tor einer Burg
nachts auf mit den Zähnen. Sie schlachteten eine Nacht. Sie hatten die
Weiber auf den Sätteln und verließen die Pferde nicht.

Ein einziger Wink holte sie alle zurück.

Im zehnten Jahre rollten alle tatarischen Heere im Halbkreis aus den vier
Winden gegen Samarkand zurück. Die Stadt schaukelte, wie sie nacheinander
antrabten. Ein Schneesturm überfiel das Heer Axallas zwei Tage vor der
Stadt, sie kamen in einem langen Brausen, der Schnee vor ihnen schmolz auf
Stunden.

Sie lagerten in einem Bogen in der Ebene.

In der Mitte bauten sie einen Thron auf. Dann warteten sie, die Augen
tausendfach gegen das Haus schleudernd.

Aus einem kleinen Vortrupp der Aufgestellten löste sich da ein einfacher
Tatar, ritt an den Thron und stieg fest hinauf.

_Er hinkte und konnte die linke Hand nicht gebrauchen, zwei Köpfe höher als
alle._

Da erkannten ihn alle plötzlich. Sie schrien: »Timur Chan« und warfen sich
auf den Bauch brüllend vor Wonne. Er stand auf und stieß den Finger nach
diesem und jenem: »Dich kenne ich . . . dich kenne ich.«

Axalla verkroch sich unter den Bauch eines gefallenen Pferdes vor Scham,
aber er ließ ihn herausziehen und ihm zwei Ringe schenken.

So ward er sichtbar, unbewegten Gesichts.

Er trug den Kopf barhaupt, lange Haare.

Nach der Jagd, in dem Haus gelagert, sagte Yakou einmal an den Fingern die
Gebiete her, die sie in den Jahren unterwarfen, es machte ihm Mühe, die
Hände reichten nicht aus.

Timur sagte: »Was ist es . . .« und zog mit Stutenmilch einen kleinen Kreis
auf den Tisch.

Dann nahm er Yakou mit in das Nebengemach. Sie blieben den Abend bis zur
Nacht. Später rief Yakou heraus, daß sie Guines hereinführten; er erschien,
aus dem Schlaf gerissen, mit verklebten Augen und halb angekleidet und warf
sich auf die Knie, aber Timur winkte nur nach oben und grüßte ihn. Guines
schrieb die ganze Nacht. Yakou bewunderte es kauernd daneben und fraß die
Nägel seiner Hand.

Timur änderte das Heer, vertauschte, warf weg und ernannte. In der Nacht
noch schlugen sie Pflöcke ein. Tausend Unterführer wurden in die Sonne
hinein gepflockt. Der Fürst von Tanais erhielt eigene Korps, einfache
Tataren rückten an den ersten Platz. Die Reiter erhielten Kumis und waren
berauscht am Abend vom Anfang der Stadtgärten bis wo das Auge das Ende der
Ebene faßte.

Feuer umbrannten den ganzen Nachthimmel.

Timur hielt Abrechnung über zehn Jahre. Schuldige wie von Blitzen gefaßt
entleibten sich selbst. Ihm war nichts unbekannt, der ihre Lager geteilt
hatte. Kam er nahe an unbesichtigte Geschwader, wälzten sich einzelne
heraus, auf dem Bauch Verzeihung erbittend, den Mund voll Anklagen. Er
hatte nur _einen_ Wink.

Monate hindurch ordneten die Führer. Timur schickte einen Vortrupp gegen
die Grenzen. Er blieb einen Monat länger als ein halbes Jahr, das er ihm
gesetzt. Der Führer sagte: »Wir konnten nicht rascher als der Wind.« Timur
griff in den Bauch ihrer Pferde, fühlte Fett zwischen zwei Fingern und ließ
sie enthaupten.

Dann zog er gegen Moscow.

Tatarenheere tauchten wieder in die Steppen, der Chan unter ihnen, sie
wußten es und sagten es den Pferden in die Ohren. Das Heer der Moscower war
dreimal größer wie das der Tataren, sie schrien schon aus der Entfernung.
Der Fürst von Tanais zog einen Bogen nach rückwärts ab, als es noch
dunkelte. Am Morgen stand die Sonne an einem geschweiften Hügel, an den die
Feinde sich lehnten.

Brüllend rückten sie vor. Yakou warf ihnen zwei Flügel entgegen und trennte
ein Teil. Dazwischen brauste Timur, eine silberhelle Wolke lag zwischen den
Massen, sie erkannten ihre Flügel nicht mehr. Ungarische Reiter der
Moscower durchbrachen die Mitte und gingen in eine Falle Axallas.

Da brach ein weißer Glanz auf dem Hügel auf. Der Fürst von Tanais bohrte in
die Seite sich mit zwanzigtausend Rossen. Die Moscower bliesen stählerne
Drommeten. Die Flitschpfeile der Tataren sausten in die Leiber ihrer Pferde
wie in Faschinenkörbe. Klatschend spickten sie die hellen Bäuche.

Die weiße Flut vom Hügel schoß tiefer in die Masse. Durch die Wolke brach
Timur zurück, die nackten Säbel zerhieben die Flanke der Brüllenden. Die
Ebene dampfte in dickem Rot. Tataren nahmen die Säbel in die linke Hand und
schlugen. Ein junger Sohn Yakous rief vorbeifliegend, tagelang müßten sie
Scharten aus den Säbeln schleifen. Timur sah zu.

Axalla wälzte einen Haufen Gefangener heran.

Er zog einen Bogen mit der Hand: »Sklaven«.

Timur schüttelte den Kopf:

»Du hast zuviel jüdisches Blut, Axalla.«

Axalla warf sich nieder, eine Falte des Zorns in der Stirn. Timur gab das
Zeichen, sie zu schlachten, zwanzigtausend. Er nahm Axallas Bogen und schoß
nach einem Moscowerfürsten. Der Pfeil flog in seine Hüfte, sein Pferd
machte einen Satz, er sprang fallend vor und zusammenbrechend, eine Hand
auf dem Boden, die andere drohend mit dem Kopf gehoben, krisch er:

»Blutiger Hund« . . .

Timur bewegte sich nicht, zielte in seinen Hals und warf ihn mit dem Schuß
um sich selbst.

Dann zog er die linke Braue ein wenig hoch wie im Lächeln.

Sie schlachteten stundenlang des Abends.

In der Frühe ging Yakous Sohn leuchtend aus Timurs Zelt, sprang auf sein
Roß und jagte los. Hinter ihm, daß sie die Spitze seiner Mütze über den
Staub noch sahen, ritten zweihundert Tataren. Sie ritten über den flachen
Hügel, der sich aus dem Kampfplatz in den Horizont stieß, und über ihn
hinaus in Tag und Nacht. Fünf Monate trabend kamen sie an die Vorhuten
Chinas. Beobachtet stündlich erreichten sie wenige Wochen darauf
Juen-min-Juen.

Sie nächteten drei Tage, bis ein geschminkter schwarzer Eunuch sie in den
Palast führte, ein Zelt mit unendlichen Gemächern, größer als Samarkand.

Yakous Sohn, Zeinabdeddin, trat, geleitet von zwanzig Führern, in einen
Saal. Durch ein Spalier fettschenkliger Eunuchen glitten sie in den Garten.
Der Hof stand um einen Pavillon aus Gold. Gedämpfte Musik, feierlich, und
entfernte Glocken schwollen an. Diener sprangen erregt umher. Der König
stand hinter einem Schirm.

Plötzlich stoben alle Musikanten in die höchste Harmonie ihrer Instrumente,
der Hof lag gefällt auf dem Bauch, über erstarrte Leiber stieg Yakous Sohn,
stieg, beugte ein Knie am Thron und empfing das Friedenszeichen, ein
Ju-schi in weißlichem Serpentinstein mit geritzten Emblemen.

Da schlug sich Yakous Sohn auf die Schenkel und drehte sich um sich selbst
vor Lachen. Die Tassen mit Milch und Eiswasser klirrten in den Händen der
Chinesen. Ihre Augen klotzten dick und rund.

»Timur Chan fordert von dir die Provinzen Pazanfu und Paquinfu. Aber
außerdem Pässe am Fluß Tachij.« Zeinabdeddin grinste und wiegte, auf einem
Fuß hüpfend, das Ju-schi auf der Hand.

Der König verlor keinen Strahl Würde aus seinem Gesicht. Er ließ die vor
Schreck eingehakte Musik ausklingen und ließ dem Sohn Yakous, indem ein
Diener ihm Tee einschenkte, sagen, nur Güte sei es gewesen, daß er seither
das kleine Reisgericht des tatarischen Reiches nicht zu seiner Tafel
gezogen.

Zeinabdeddin begann zu schreien und ungeberdig wie ein Ochs die eroberten
Gebiete auszurufen, aber der Schirm schob sich zwischen ihn und den König.

Sie trabten zurück, verließen verbundenen Auges die Grenze. Ein Jahr und
drei Monate nach dem Ausritt erreichten sie Timur. Die Rippen blähten sich
aus den Pferdeweichen.

»Sind es die gleichen Pferde?« fragte Timur.

»Die gleichen,« sagte Zeinabdeddin.

Timur ließ sich eine Fontäne bauen von gefangenen persischen Künstlern. Die
Abende wanderte er in großen Kreisen um den Auf- und Niederfall des
Wassers. Er ging darauf zu, streckte die Hand aus und zog den Kopf rasch
zurück zwischen die Schultern.

Im Frühjahr schwanden dann alle Zelte. Der Horizont besternte sich mit
fliegenden Punkten. Sie schwollen zu Lawinen, stürzten zusammen, sie
trabten, die Ebene hallte unter ihnen. Sie stiegen hoch und sammelten sich
aus Westen in der Wüste Ergimul. Im Osten wirbelte das zweite Geschwader,
breite Schenkel bogen sich um klopfende Bäuche. Pferdehälse strotzten von
jagendem Blut. Sie hatten den Wind im Rücken und schwiegen. Sie stauten
sich in den Hordas von Baschir.

Zwei ungeheure Halbkreise brausten, Pferde mit kleinen Tataren, bartlos,
Bogen über den Rücken, über das asiatische Tiefland nach China. Ihre runden
Schwerter blitzten in der Sonne. Sie wälzten die Steppen blank. Die Weiber
auf den Sätteln, schienen sie, zweiköpfig in der Dämmerung reitend,
gegliedert bis ins Unsichtbare. Ihre Gäule wuchsen mit wiehernden Hälsen in
den Himmel hinein.

Über gelben glühenden Sand trabten sie und warfen sich gegen die
chinesische Mauer, die nackt und weiß vor dem Horizont hinstrich.
Vierzigtausend schlugen einen Haken, nahmen verborgene Pässe und stürmten
in chinesische Rücken. Vor den Angreifern glühte die Mauer vor Sonne, die
Hufe der kleinbeinigen Pferde schmolzen. Die Mauer fiel gespickt von
Pfeilen. Ein Mandarin, auf die Mauerreste tretend, flog, zerfetzt von
Flitschpfeilen, so zerrissen in die Luft, daß kein Rest des Körpers
übrigblieb. Über die Mauer rennend, durchschwammen sie einen Strom und
rieben die anziehenden Heere auf in einem heißen Tag.

Die Nacht ritt Timur von seinem Zelt los. Ein Reiter Axallas fragte, ob er
den gefangenen König haben wolle, »es hat Zeit,« sagte Timur und ritt. Es
war eine Nacht voll Hitze, und die Körper faulten schon auf der Sandsteppe.
Der Mond fehlte.

Über den weithin getürmten Leichen in farbenen Seiden wogte eine Helligkeit
wie Gas, ein grünliches Weben, das sich zäh an den Boden klammerte, als ob
es nicht sich heben könne. »Ihre unreinen Seelen stinken in den Himmel,«
sagte Zeinabdeddin, aber Timur entgegnete nicht.

Sein Auge trat groß und opalig, stumpf wie eines Schauspielers, aus der
Wölbung, und es schien, als tanze ihm gehorchend die Landschaft auf diesem
halben Bogen und der mit Gestirn dünn übergossene Horizont.

Die Klammer der linken Hand, mit der er die Bogensehnen spannte, hing
verdorrt um einen Zügel gehakt.

Sie ritten über einen Bach, da bildeten sich Umrisse aus dem Dunkel heraus,
ein Flimmern traf ihr Auge von eingelegten Muscheln und Metallen. Wagen
stieß an Wagen, die ganze Nacht stand voll zusammengefahrener Wagen.
Tatarische Wachen, die die Karrenburg umkreisten, brachen jeden Augenblick
vorüber. Sie ritten näher an den Platz und trabten hinein.

Drinnen hingen Papierlaternen an vielen Schnüren, in bronzenen Krügen
standen Flammen, die steil brannten und Duft ausstreuten.

In grellen Farben mit Skorpionen gezeichneter Seide standen, in fünf Kreise
geteilt, auf dem Rasen die fünf Frauenlager des Königs, in der Mitte jedes
Trupps eine Königin. An einen Ast gelehnt stand Axalla träumerisch mit halb
geschlossenen Augen und wachte, daß kein Mann Timurs beste Beute packte.

Timur ließ sich die Lieblingsfrau zeigen.

Er schleifte ein Bein nach, die Hüften wiegend in torklem Reitergang,
schritt er dicht vor sie, »du heißt?« fauchte er.

»Miser Ulek,« sagte sie und fiel nicht nieder.

Er ließ seinen Kopf bis auf die Berührung der Haut vor den ihrigen
schweben. Sein Geruch strömte über sie. Ihre Augenlider bebten ein wenig,
aber die grauen Augen hielten sich steif und furchtlos in den seinen.

»Du hast den König getrieben zu dem Zug gegen mich.«

Sie fletschte die Zähne.

Laut stieß ihr Timur ins Gesicht »warum . . .«, aber, nicht zitternd vor
dem Rollen, gab sie zurück: »Er sollte herrschen über dich«.

Sie hielt mit taumelndem Hirn in seinem Gestank. Auf ihren roten Lippen
tanzten kleine weiße Blasen, sie legte den Kopf schräg.

Er sah auf sie. Ihre Augen stachen hell vor Haß.

Er ließ ihren Blick steigen. Eine Weile wartete er. Dann sagte er: »Dein
Lager kann in mein Frauenhaus geführt werden. Ich nehme dich als fünfte
große Frau. Du sollst später die Residenz dieser neuen Provinz haben.«

Er winkte nach der Seite, wo eine Kolonne sich schon formte. Sie stand
ruhig, während ihr Blick in dunklem Schatten einfror. Dann warf sie die
Hände hoch, stieß die Arme in den Himmel und sank mit einem Schrei, das
Haupt zurück, auf seine Füße und biß sie vor Lust.

Weggehend ritt sie mit schmalen weichen Hüften davon, sie war eine
Kurdistane von kleinem Fuß.

Timurs Auge wölbte sich in die Braue zurück. Sie ritten über das
Schlachtfeld, Tataren huschten durch die gasige Luft, nahmen das Gold und
rissen die Ringe aus den Ohren.

Gegen Morgen kamen sie an das Zelt.

Timur schlief jedoch nicht.

Nach einer Stunde öffneten Hände außen den inneren Vorhang, der chinesische
König trat langsam zwei Schritte in den Raum. Timur stand, aufgestanden,
ihm gegenüber. Sie schwiegen eine Zeit. Dann senkte der Gefangene das
Gesicht, schaute zu Boden und erhob es wieder.

Timurs Gesicht ballte sich nach innen zusammen, als der andere begann:

»Im Umschwung der sieben Planeten habe ich siebenmal den Zyklus von zwölf
Jahren durchlaufen . . .«

Timur deutete auf den Pfühl.

Der König schüttelte den Kopf:

». . . ich war der glücklichste König. Ich hatte jeden Erfolg. Ich hatte
Ruhe. Du scheinst glücklicher als ich.«

Einen Augenblick zuckte Timurs graues Gesicht. Zwischen dem Zuschlag der
Lider verschwand der schmale Schlitz des betroffenen Auges. Dann quollen
die Äpfel breit aus den Höhlen und stierten in Nichtbegrenztes:

»Ich habe keine Ruhe. Du irrst. Es hängen so viele Dinge an mir, die ich
zusammenraffte, daß sie schon in meinem Schlaf sich lösen. Sie fallen
auseinander, wenn ich nur erkranke. Nur ich bin das Gegengewicht. Es ist
mehr Qual als du ahnst, kleiner König.«

Timur beugte sich ein wenig nieder und sah auf den Mann, der ihm
gegenüberstand. Er hatte eine Habichtsnase und einen dunklen Blick,
verwöhnt von Frauen und trotzig auf seine Jahre.

Der König trat mit dem Fuß zurück, hob den Kopf und sagte wie in die Stille
redend:

»Ich ließ in zweihundert Städten Priester um die Feuer der Sonne gehen und
kupferne Pauken schlagen, daß ich siege. Ich tat es nicht.«

Er trat nun, das Gesicht umändernd, wieder vor und sah lächelnd zu Timur:
»Was beweist es?«

Und: »Was beweist es . . .?« warf dieser ihm in den Mund zurück.

»Nichts für dich,« sagte der König, auf jedem Wort ruhend, »aber zwei
Dinge: Daß dein Sieg ein Irrtum ist und falsch -- oder daß die Bestimmung
des Gottes in mir ist, daß ich mich neige zur Prüfung.«

Da hub Timur den Arm zum erstenmal und brüllte: »Nein. Schwächling.« Seine
Stimme rollte durch das Zelt, daß die Vorhänge flogen.

Der König aber hob stumm fragend sein ruhiges Gesicht.

Dann sagte er: »Du leidest unter deinem Tun. Warum?«

Timur antwortete kalt, die größte Dienstbarkeit, die so hohe Häupter wie er
mit Gott hätten, sei, daß kein Ende ihrer Ehre sei. Was er tue und handle,
borge er von Gott. Gott sei in seinem Anfang und Ende, denn es sei seine
Bestimmung, in so großen Kriegen zu sein.

»Woher weißt du das?«

Da aber lachte Timur rauh wie ein Wolf, und das Blut stürzte in sein
Gesicht, daß es strahlte durch die Dämmerung des Zeltes:

»Wo ist der, der den Gegenbeweis aushielte.«

Nun senkte der König den Kopf. Er stand zitternd. Bleich.

Dann fragte er: »Wer bist du, der du so hoch dich türmst?«

»Mehr als du, der du so vieles für mich angehäuft hast.«

Auch sein Körper leuchtete nun. Er trug den einfachen Reiteranzug seiner
Krieger, aber ein Glänzen brach von den Rändern aus, breit und scharf.

Ein Beben überlief den König kurz.

Dann neigte er das Knie. Und indem ein langsames Besinnen in Pausen auf die
Oberfläche seiner Augen zurückkam, bat er, daß er in seinem Muschelwagen
die weite Reise fahren dürfe, denn die Last der durchlebten Jahre drücke
auf seine Brust.

Timur nickte kurz.

Es war der mächtigste König an Gewalt hier vor ihm, fleischigen Körpers
noch in diesem Alter, der die Jugendstärke des berühmten Bogenspanners
zeigte, er lächelte und hob ihn auf.

Da trat der König an ihn heran, stieg auf die Spitzen der Schuhe und küßte
ihn auf den Mund.

Umwendend stand sein Rücken der Tür zugewendet. Seine linke Hand faßte die
Portiere, sie zu öffnen.

»Vergiß nicht, was es heißt, daß ich mehr zu dir sprach als je einem
Menschen,« sagte Timur verhalten.

Über die Schulter lächelnd antwortete der König: »Fürchte nicht, daß der
Gott, der in mir so lange lebte, seine Bestimmung im Stich läßt.«

Da hob sich der Vorhang, und die im Morgen aufgekommene Sichel des halben
Mondes hing vor ihnen.

Während er unter ihr dem Wagen zuschritt, kam ein Zug Frauen aus Osten an.
Timur sah nicht nach ihnen, wandte den Kopf nach der Seite, und wie seine
Blicke zwei Tataren trafen, sprangen sie hinter den schreitenden König und
zerhieben ihn.

Der Zug der Frauen aber stieß an die Ecke des Zeltes, ein Kamel kniete
nieder. Reiter sprengten danach durch die Fülle der Frauen hindurch. Aus
den zweihundert aber lief eine heraus. Sie stellte die Arme zur Seite, bog
die Hände aufrecht, trat weiter heraus, die Augen geschlossen, und hatte
die trübe Sonne über dem Gesicht. So schritt sie führerlos über den
Leichnam, ohne zu fallen. Ihr Fuß netzte kein Blut. Sie ging bis zu Timur,
hielt eine Weile, öffnete den Mund mit einem leisen Ton und rief dann:

»Ich hindere dich weiterzugehen. Es ist genug.« So blieb sie stehen, zunen
Gesichts. Sie war eine Chinesin. Timur befahl, sie nicht niederzuschlagen.

Von dem Kamel glitt Miser Ulek. Sie deutete auf den Zerhackten: »Die Krone
des Glücks fiel von seinem Haupt.« Sie legte die Hände rund aneinander und
preßte ihre linke Brust. Den Kopf frei zurückwerfend sah sie auf die
Chinesin, deren gebrochener Blick sie nicht empfand.

Timur sah den Blick, der zerstörte, auf was er traf.

Er maß die beiden einige Zeit.

Dann schob ein Wink sie weiter, der Zug rollte davon.

Am Abend ließ er seine Lieblingstochter, mit der er schlief, zu dem Haus
seiner weiblichen Kinder zurückkehren und überließ ihren Pfühl Miser Ulek.

Eine grüne Wolke hüllte das Heer ein zehn Tage, bis sie geteilt hatten.
Rudel wilder Tiere durchmaßen die Ebenen von dem Gebirge her und fraßen in
Orgien. Pferde starben an der Pest hin, und Tataren fielen in Haufen vor
Hitze und Geruch der Fäulnis. Timur gab ihnen aus der Beute Gäule zum
Schlachten, und sie fraßen rohes Pferdefleisch schmatzend vor Seligkeit,
bis ihnen die Mägen platzten und sie würgend über die Toten fielen. Axalla
und Yakou erhielten chinesische Prinzessinnen. Die Frauenhäuser wogten
überschwemmt von Stoff, Seiden, Rubin und Zelten mit goldenen Stangen.

Den Tag, ehe sie ritten, hielten sie ein Gelage. Timur gab den Befehl eines
Emirschulbaus in Petsche-li, daß in ihr Hirn anderes als Gaulgeruch steige.
Guines stellte die Konstellation der Sterne. Einmal erhob sich der Fürst
von Tanais, deutete auf den Tonkünstler Ssasijeddin Abdulmumenin und sagte:
»Nimm die Leitung, Ssasijeddin.« Da erhob sich Timur und verwies es ihm,
auch wenn er den Namen des großen Kalifen trage, zu dem außerordentlichen
Mann nur mit dem Vornamen zu reden. Und schenkte dem Künstler einen Ring.

An der Quelle Baldschuma betrat Timur das Zelt der Chinesin. Ihr klarer
Blick fiel auf ihn. Er wies auf eine fränkische Dogge und gab ihr sie zum
Geschenk. Er fragte nach ihrem Stamm. Jedoch sie vermochte nicht zu
antworten.

Sie sah ihn mit feuchten porzellanenen Augen an. Da verließ er sie. Sie
ritten weiter.

In einer Gewitternacht ließ Miser Ulek der Chinesin Tee reichen, aber
dieser entfiel die Tasse. Sie sah lächelnd zu Miser Ulek: »Gift.« Da weinte
Miser Ulek, umarmte sie und stach ihr ein Messer in die Seite. Doch es
blieb in der Haut. Timur befahl, die Chinesin aus dem Haus Miser Uleks zu
nehmen und in das seiner Töchter zu führen.

Sie ritten durch Monate. Sengende Sonne wirbelte ihnen Staub in die
Gesichter, sie stachen durch Schnee, bis sie das achte Paradies erreichten:
Samarkand leuchtete aus den Gärten. In der Ebene von Kjanegül erbaute Timur
einen Palast in der Mitte des Fundorts der Rosen. Künstler aus Bagdad
übermalten die Wände. Der Hof stieg in Marmor und Talkstein, Schwibbogen
leuchteten Sprüche des Korans, die Türen brüllten vor Erz. Glockentürme
wuchsen aus den Ecken. Er baute einen Windfang und einen unterirdischen
Saal.

Er gab ihn der fünften seiner großen Frauen Miser Ulek und den zweihundert
Beischläferinnen hinter ihr.

In der Nacht schreckte ein Traum ihm die Chinesin ab, und er schenkte sie
an das Frauenhaus Zeinabdeddins.

Er selbst wohnte in dem dunklen festen Haus mit dem fußtiefen Graben.
Abends wie ein Panther zog er in großen Kreisen um den Auf- und Niederfall
seiner Fontäne. Er ging darauf zu, streckte die Hand aus und zog den Kopf
zurück zwischen die Schultern . . .

Gekitzelt vom Lachkrampf schlug eines Tags ein zirkassischer Fürst zwei
Leuten Timurs, die raubten, die Köpfe ab. Timur ließ ein Heer aufstehen.

Vor dem Aufbruch gab er eine Jagd.

Jagdleoparden in Satin und Coliers glitten in die Ebene bis hinter den See.
Dort witterten sie, stießen die Nasen zum Boden und stoben in den Wald. In
der Einbruchecke sah er ein Weib vorbeistreichen. Timur hetzte den
Leoparden, doch der legte sich nieder, daß Timur wütend ihm einen Pfeil ins
Kreuz schoß, er wendete und schnitt sie ab. Er stellte sie mit dem Pferd,
das bäumte. Sie hob sich gleitend, warf die Arme auf und erstarrte. Die
Pupillen erloschen. Geschlossenen Auges, grau im Gesicht, sagte sie:
»Betritt den Boden der Ruhe. Es ist genug.«

Timur spannte den Bogen auf sie.

Sie sah ihn an: »Ich warne zweimal.« Er schüttelte sich in kaltem
Gelächter.

Es war die Chinesin. Sie schwang sich auf einen Zweig; wie ein Silberaffe
sitzend, sagte sie in halbem Ton: »Du fällst noch heut in Unglück an einer
weißen Stute.« Timur hielt einen Herzschlag lang ein im Besinnen. Dann
sagte er:

»Geh zurück in das Haus meiner Töchter.«

Auf der Spur ritt er durch einen Tümpel, von einem Ast zischte ein brauner
Klumpen, ein gelber Rachen biß sich in die Kehle des Gauls, der schrie.

Timur konnte den Bogen in der Nähe nicht spannen. Da erschien Yakous Sohn.
Timur sah ihn lange an, während er deutlich zielend die Sehne anzog, der
Pfeil riß dem Tiger das Auge heraus, glitt ab und fuhr streifend durch
Timurs Schläfe. Brüllend sprang der Chan ab, daß der Wald erzitterte, griff
in den fetten Pelz der Katze über den Hinterbeinen, wirbelte und schlug sie
auf die Erde mit einem Aufschwung, daß ihr zuckend der Kopf sprang. Dann
sah er sich nach Zeinabdeddin um. Er ritt ein weißes Pferd, sprang ab. »Es
ist nicht deine Schuld,« sagte er zu dem auf dem Boden sich Windenden: »Du
bist bewährt.«

Aber er gab ihm am Abend dennoch in seinem Zelt eine Mission nach China,
die ihn Jahre entfernte.

Dann holte er die Chinesin. Er ließ ihr Stutenmilch reichen und hockte sich
zu ihr, ein Brettspiel auf den Knien. Als sie gut anzog, sagte er von dem
geviereckten Holz kurz aufblickend: »Komme wieder.« Sie kam mit jungen
Hunden, die die Dogge geworfen. Sie klammten auf dem Körper des liegenden
Chans und leckten ihm den Bart. Er lachte und, mit ihnen spielend,
zerdrückte er eines aus Ungeschick, da hob sich die alte Dogge gegen ihn.
Er achtete sie nicht, sondern wandte den Kopf gegen die Chinesin:

»Wie lange hast du das zweite Gesicht?«

»Immer.«

»Du sagtest dem chinesischen König das nun Eingetretene?«

Sie nickte.

»Miser Ulek sprach dagegen?«

»Sprach dagegen.«

Timur sah leuchtend auf sie. Sie wirbelte wie ein Staub in seinem Blick.
Dann röteten sich ihm die Augäpfel und wölbten sich. Er stand auf, seine
Stimme dröhnte, daß die Hunde winselten, doch sprach er nicht laut: »Warum
warnst du mich?«

»Ich muß.«

Er schüttelte den Kopf, aber er schlug sie nicht damit nieder.

Sie erhob sich. Fest, leise sagte sie stärker wie sein Dröhnen: »Ich muß.
Es ist genug. Nimm Ruhe. Ziehe nicht,« und langsam weinten ihre Augen über
die Wangen.

»Nein,« sagte Timur und sandte sie hinaus. Sofort ließ er Guines holen. Der
nahm die Konstellation des Gestirns, zitterte und warnte vor neuem Zug.

Timur saß drei Wochen in seinem Zelt, kalkigen Auges, ohne Ton. Sein Kopf
glühte stärker als eine Fackel aus den Spalten in der Dunkelheit. Sein Hirn
wütete wie ein Stier. Dann machte er einen Ruck und brach auf.

Am Tage, wo er den Befehl gab, stürzte Miser Ulek erglühend auf seinen
Pfühl, und er nahm sie mit.

Die Vorhut wurde in einem Tal, durch falsche Führer im Kreis geleitet,
zusammengehauen. Timur, getrennt, erschossen sie zwei Pferde; mit der Frau
auf dem Sattel erstürmte er einen Paß. Den Lederwams gespickt mit
Eisenspitzen, entkam er wie eine wilde Sau stiebend.

Er sagte, als Miser Ulek vom Pferd sprang: »Du siegtest wieder nicht.« Sie
sah ihn kurz an, bekam Spott um den Mund und hängte sich mittags mit einer
Schnur an das Fenster. Doch er schnitt sie ab. Unbewegt, fast lachend, so
ruhig. »Es ist noch nicht das Ende,« sagte er.

Hinaustretend ließ er Führer köpfen, einen Schwarm Unterführer zerreißen,
er schaute zu. Zurücktretend aus dem Dampf des Blutes, Kraft und Trotz aus
der Grausamkeit in die zusammengezogene Brust gesogen, sah er auf die
Frauenlager, demütigte kalt den Blick der Chinesin und unternahm zum
zweitenmal den Zug.

Er gelang. Mit klarer Stirn, die Augen unmäßig herausgeschwollen, leitete
Timur den Kampftag. In seiner Nähe hielt keiner. Es ging ein unsichtbarer
Sturm um ihn. Die Achseln zusammengedrückt, den Körper vergrimmt, stieß er
Willen aus sich, als kämpfe er mit einem unsichtbaren Feind.

Er ließ dem Emir den Kopf abschlagen. Er sandte ihn Miser Ulek. Sie ließ
ihn am Eingang des Paradieses auf eine Säule hängen.

Timur ließ, zurückgekehrt, die Chinesin in sein Zelt tragen: »Was sagtest
du Schlechtes? Es gelang.«

Sie lächelte: »Das Blut steht dir überm Mund. Du darfst nicht weiter.«

Aber sein Kopf barst vor Plänen:

»Gelbe Mücke, was hält mich auf?« Und er schlug mit der Hand in die Luft.

Aber unerschüttert im Lächeln sagte sie: »Ich.«

Er nahm ein Schwert, sie zu zerhauen, aber er ließ es und schickte sie weg.
Er ging zur Fontäne, umkreiste sie und ließ die Chinesin wieder holen:

»Ich war stärker als deine Voraussage,« er hob die Stimme, doch sie blieb
dumpf.

»Ja,« sagte sie, »du hast mein Gesicht überschritten, aber ein Pfeil steht
auf deine Stirn gezückt. Hier ist das Ende.«

»Wann?« schrie Timur und lachte wie ein Pferd.

Ihr Gesicht verfiel. Dann in einem Stoß sich aufwerfend wie aus Kratern,
zischte sie: »_. . . am siebenten Tag im Monat Ramadhan._« -- Dann sank sie
auf den Boden, ausgelöscht von Ohnmacht.

Dies war über ein Jahr.

Beim Tisch der Feldherren legte Timur plötzlich die Regierung auf das Haupt
Yakous, ihn zu vertreten. Sie schwiegen und fragten nicht.

Die Nacht sprach er mit Guines.

Sein Hirn war voll dumpfem Triumph, schon eh er aufbrach. Er lachte die
ganze Nacht. Guines zitterte. In der letzten Stunde sagte Timur: »Glaubst
du an mich?« Er schlug auf den Tisch, ganz sachte, aber er schlug Guines in
die Knie. »Ja,« stöhnte er. Timur lächelte.

Am Morgen verließ ein riesiger Tatar Timurs Zelt. Er ritt, als säßen
Geister in seinen Schenkeln. Das Pferd warf die Kruppe in die Luft,
ausschlagend. Der Kopf hing zwischen den Vorderbeinen. Manchmal drehten sie
sich im Kreise. Die Hufe gingen durch Tage und Nächte in gleichem Aufschlag
über der Steppe, der Reiter zählte den Aufschlag, so ritten sie.

An einem See machten sie Halt. Der Reiter zog Hose und Rock aus, die steif
waren vor Schweiß, warf sie in die Sonne und stürzte in das Wasser. Der
Gaul soff keuchend mit den roten Nüstern. Hier blieb der Reiter Wochen, sah
in den Himmel, lachte, brüllte, schwieg, übte sich im Scheibenwerfen und
Jagen und zwang einen Vorüberreitenden, mit ihm Ball zu spielen bis in die
Dunkelheit.

Dann besprang er das Pferd und ritt weiter. Weißer Schaum flockte aus den
mahlenden Kiefern des Tieres.

Langsam teilte sich die Gegend vor ihm auf. Er kam in Wälder von Aprikosen
und Pistazien. Ein Hase kreuzte seinen Pfad, er schoß ihn. Speisend traf er
Menschen, die keine Waffen trugen. Ihre Jurte war von Feigen gegen die
Sonne beschattet. Sie arbeiteten mit Geräten in Gärten und Hainen. Ihre
Frauen waren spitzbrüstig und weich. Es gab keinen Speer, keinen Bogen.

Er lebte unter ihnen, den Frieden aufnehmend, der alle trug. In einer Nacht
kroch die Frau eines Führers in seine Matte und warf sich auf ihn. Die
Nacht noch löste sich der Vorhang. Die blonden Augen eines Mannes stierten
glänzend in die Dunkelheit. Seine Hand, vorschnellend, griff in des Tataren
Gurgel. Der riß einen Ziegel vom Herd und schlug ihn ihm in den Rücken, daß
er die Hände in die Luft krallte und verzuckte.

Der Tatar ließ die Gegend, besprang sein Pferd und trabte weiter, auf
seinem Sattel lebte acht Sonnenaufgänge und Mondsicheln lang die
spitzbrüstige Frau, bis er sie einer anderen Jurte ließ.

In der Nähe der Stadt Tahauzeguh stieg er ab, zog aus der Tasche des
zerrissenen Kleides Pelzwerk und goldene Münzen und ritt geschmückt in die
Stadt. Auf den Straßen erhob sich Aufsehen über ihn, die Chinesen lachten,
lachten über die Hosen, aus denen Schweiß rann und die Kette an seinen
Ohren aus Smaragden.

Waffenlos zog er in eine Karawanserei, zog sich aus und legte sich
schlafen. In der Nacht entriß ihm einer den Schmuck. Er stand auf unter
drohenden Gesichtern, griff den Knopf einer Tür, lief dem Dieb, im Hemd
gekleidet, nach, erschlug ihn auf der Straße, kehrte zurück und legte sich
nieder. Das Murren einer Menagerie empfing ihn. Er schlief ein. Aufwachend,
fehlte ihm nichts, aber er war allein.

Der Tatar überkletterte ein Gebirge, trabte durch eine Steppe und kam an
den Rand der Wüste Ergimul. Auf einem Felsen wohnten zitternde Mongolen,
die am Tag Bilsenkraut pflückten, in Angst vor Löwen und Panthern
ersterbend, deren Gebrüll nachts in tobenden Wellen über die Gegend jagte.

Sie hatten kupferne Kessel und brannten das Kraut darin, bis es sott. Den
Schaum zogen sie ab und handelten ihn weiter, es war ein Opiat, das zwei
Tage berauschte.

Der Tatar soff kreischend einen ganzen Abend davon, besprang das Pferd,
trabte in die Wüste und legte sich in die Blumen einer Oase. Tagelang
schlafend überstürzten ihn Träume von Schlachten und Weibern. Fiebernd
schrie er, daß sein Gebrüll das der Tiere überschäumte. Ströme schlugen aus
seinem berauschten Leib, der die Tiere verjagte. Löwen prallten zurück und
Panther winselten vor Wut.

Erwacht, durcheilte er die große Ebene bis zu einem rötlichen Gebirg. In
der Mitte hob sich ein Pyramidenberg mit einer Seite voll aufsteigender
Treppen, wie eine Leiter steil und glänzend von Rot. Die Menschen der
Dörfer wiesen ihm Pfade, die um das Gebirge führten und sagten ihm, daß bei
den Stufen ein Wind herunterfalle, der ihn, aufnehmend, in einen Fluß werfe
und zerschlage.

Er stieg die Treppen und fiel nicht.

Oben, wo der Wirbel weißlich tanzte, trat er bis um einen Nagel breit an
den Abgrund und hob den Kopf steil. Der Wirbel teilte sich vor ihm. Immer
stand er in der Mitte des Trichters, der die Luft in Strudeln um ihn
herumriß, daß die Ebene vor seinen Augen hinglitt wie unter fließendem
Wasser.

Zurücktretend stieg er ab und ritt nach Persien zu. Im Durchreiten einer
kleinen Stadt sah er eine Chinesin auf einem Kamel den Platz queren. Die
Blicke begegneten sich, ein Wort warf ihr Tier in das Knie, sie lief zu ihm
und riß die Arme um den Hals seines trabenden Pferdes, daß es hielte, und
schleifte ein Stück.

»Was willst du?«

»Dich.«

»Woher kommst du?«

»Ich suche dich.«

Sie blieben hier.

Aus den Fenstern der gartenreichen Stadt hingen Seiden. Über die Ebene
wellte sich blonder Weizen. Trauben überspannten die Pavillons.

»Es ist gut, so zu leben,« sagte nach Tagen die Chinesin.

Durch den blauen Abend flogen Rufe der Minarette, die sich in den Himmel,
weiße Flammen, spannten.

Der Tatar lachte: »Auf kurze Ruhe.«

Ihr Garten schwebte voll Geruch. Vögel tanzten durch die Pfützen im Kies
nach blitzendem Regen.

Als er das Pferd musterte einmal im Stall, sagte sie, zwischen den
Pistazien des Gartens stehend: »Du darfst nicht weiter,« und schloß zum
erstenmal wieder die Augen.

Da griff er aus dem Gebüsch eine grüne Schlange, hielt sie an die Zunge,
die ihr Zahn sofort durchstieß. »Wo ist das Stärkere? Ich suche es die
ganze Zeit.«

Die Zunge schwoll, gebläht von rotem Schleim. Sie wurde dicker und füllte
am Ende den Mund an, daß kein Ton aus der Gurgel mehr gelang. Wie sein Kopf
begann, bläulich unter dem Gift anzulaufen, zuckte er die Achseln und
stemmte sie zurück.

Seine Augen stiegen aus den Höhlen, es schien einen Augenblick, als sauge
er die sichtbare Landschaft ein. Dann warf sich ein Schuß Blut in seinen
Kopf, und abgetötet lief die Schwellung ab.

In der Nacht weinte die Chinesin und sprach lange auf ihn ein, während der
Duft der Gärten sich über die blaue Dunkelheit erhob. Doch er hörte nicht
auf sie und ging in den Pavillon, legte sich auf das rechte Ohr und verfiel
dem Schlaf.

Auf der Veranda dann zog sich ein Geräusch durch die Klettertrauben. Der
Kopf einer Frau leuchtete in das Gemach. Auf Vieren lief sie wie ein Wiesel
durch den Raum, richtete sich auf dem Bett hoch, ballte sich in einer Kugel
zusammen und schlug weinend ein Messer in die Brust des Tataren.

Der aber, an dessen Rippe das Eisen sich bog, ergriff sie, streifte das
helle Kleid über ihre festen gelben Brüste, auf denen die lakierten
schwarzen Warzen saßen, und zog sie in seine Umarmung.

»Ich liebe dich,« stammelte die Chinesin ersterbend: »Ich liebe dich zu
sehr.«

Die Hufschläge des Davonreitenden rissen sie morgens wirren Auges aus dem
Schlaf, sie streckte die Arme aus. Dann bestieg sie das Kamel und folgte,
den Kopf wie ein Luchs zur Erde geneigt, seinen Spuren.

Der Tatar ritt durch die unendlichen Gärten der Birnen und Granatäpfel,
durch die Dörfer und die Städte. Eine Dunstwolke umhüllte ihn, sein Pferd
rannte, Fett der Ruhe zwischen den Rippen. Sein Anzug lag in Fetzen. Wildes
Haar verfilzt hing ihm um das wüste Gesicht.

Am Abhang eines Bergstocks hing auf übergeneigtem Gestein eine Stadt. Zwei
Wachen traten ihm entgegen. Als sie sein Aussehen sahen, ließen sie ihn
ein. Es war eine Burg noch der Sassaniden, er erkannte es aus der Lagerung
der Mauern. Die ganze Stadt stak voll Straßenräubern. Der Tatar trank mit
ihnen und schlug den ersten Tag, streitend, zwei nieder. Er bekam Macht.

Ausrückend bald trafen sie eine tatarische Karawane, die nach Mekka zog.
Sie plünderten sie aus. Der Tatar ließ den Führern die Augen ausstechen und
sandte sie zurück zu Timur, sie sollten ihm den Weg zeigen zurück, wo sie
geblendet worden seien.

Sie kamen wieder, Yakou wütend bei ihnen mit einem Heer. Die Räuber warfen
sich in die Stadt, gegen die die Tataren anliefen. Der große Tatar unter
ihnen nahm die Verteidigung in die Hand.

In manchem Ausfall machten sie Gefangene. Sie schlachteten sie auf den
Mauern, bauten große Bogen, pfählten die Köpfe und pfeilten sie den Tataren
hinunter in ihr Lager.

Yakou stellte Schleudern auf. Aber der Tatar errichtete die gleichen und
schoß im selben Abzug wie Yakou, daß die Granitblöcke sich knirschend in
der Luft trafen und zermalmten.

Yakou ließ säumige Soldaten hinrichten und trieb Maschinen in die Felswand,
die Stadt zu unterhöhlen. Bei einer Besichtigung, die Yakou machte, warfen
die Verteidiger in der Stadt ein Hebelwerk auf. Ein Strom schoß rauschend
aus dem Felsen und spülte Yakou und seine Leute in ein Bassin, aus dem sie
mitten in der Stadt gefischt wurden mit Netzen.

Ein Geschwaderführer wurde vor Yakou hinaufgebracht in einen Raum, in dem
aus einem zugehängten Kabinett eine Stimme ihn anrief. Der Offizier warf
sich nieder und erflehte sein Leben. Ein Wink kam aus dem Teppich, er wurde
hinausgeschafft an den Beinen wie ein Schwein.

Yakou trat vor. Er schnitt eine Fratze und sah sich um.

Die Stimme hinter dem Vorhang rief:

»Hat je ein Hund sich erfrecht, ohne Gruß . . .«

»Bin ich ein Hund, bin ich nicht deiner.«

»Ein Gefangener.«

»Sei nicht stolz auf den Sieg. Timur hat dreihunderttausend solcher. Ich
bin nur einer.«

»Prahle nicht.«

»Du bist ein Tatar. Verräterei machte dich groß. Ich war treu.«

»Ich hau dich entzwei.«

»Mach es kurz,« sagte Yakou stolz und riß die Brust auf.

Der Vorhang schwankte unter einer dürren Hand, die hakend zog sekundenlang.
Dann fiel er.

Wie ein Wolf fletschte Timur lachend Yakou in das Gesicht.

Yakou fiel in die Knie: »Du hast Axalla gedemütigt. Nun demütigst du mich.«

Timur führte ihn hinaus. Sie öffneten die Tore, damit die Tataren
eindrängen und das persische Gesindel erschlügen, denn was lag ihm nun
daran. Timur saß zu Pferd. Als die ersten Scharen eintrabten, sagte er,
umschwenkend, zu Yakou: »Hättet ihr die Stadt genommen, glaubst du, ihr
hättet mich erreicht?«

Aber noch ehe Yakous Antwort erscholl, warf er, das Pferd steil aufschießen
lassend, es über die Mauer in den Fluß, durchschwamm ihn und kam an das
Ufer. Yakou eilte ihm nach über die obere Brücke und schrie nach den Seiten
das Geschrei, das sei der Chan.

Timur eilte durch Sumpf und Bäume, trabte, ereilte Geschwader, die
erstarrten, ritt durch sie, stinkend von Fett und Schweiß und zerrissen die
Kleider.

Vor den Zelten stand Miser Ulek aufgerichtet. Die Tataren warfen die runden
Säbel blitzend in die Luft. Mit einem Kamel trabte vom Fluß herauf eine
Frau, sie kam näher, es war die Chinesin, während Timur durch die Wellen
jubelnden Geheuls wogte.

Timur hielt sein Pferd.

Da sah er auf der Mauer der Stadt jemand einen Bogen spannen und richtete
sich groß auf.

Er stand hoch. Wie gegossen. Kein Haar bewegte sich.

Lang sah er im Schweigen auf den Zielenden, dessen Hand die Sehne immer
gewaltiger anzog.

_Es war der siebente Tag des Monats Ramadhan._

Die Zeit war um.

Der Pfeil kam, riß einen zischenden Ton durch die Luft und flog in Timurs
Stirn und fiel von ihr nieder.

Timur saß starr. Dann wölbten sich seine Augen zurück in die Höhlen.

Miser Ulek stürzte vor und warf sich gegen ihn, schreiend und seine
Schenkel umklammernd. Timur stand ruhig, schob mit einer träumerischen
Bewegung die Haare aus der Stirn, es war kein Mal darin, sein Gesicht wuchs
wie ein Fels.

Als das Kamel der Chinesin langsam an ihn herantrat, sagte er, auf den
Pfeil deutend, leis:

»Gebt ihn ihr.«

Sie hielt ihn wenige Sekunden in erstarrten Händen, warf plötzlich die
Hände, ihn anstierend, abschattend vor die Augen, öffnete den Mund und fiel
bleich um, ohne Ton.

. . . Timur trabte auf Samarkand.

Den feigen Offizier führte er in einer Kiste mit sich, zu gering, ihn zu
töten, ließ er ihm den Bart scheren, ihn mit Bleiweiß und Mennig
überstreichen und barfuß, eine Weiberhaube am Kopf, durch die Stadt gehen.
Am gleichen Tage, wo er die Chinesin zu seiner sechsten großen Frau mit der
bepfauten Tiara erhob, gab er Yakou eine Tochter und endete Zeinabdeddins
verbannende Mission.

Kein Maß hielt mehr, keine Prüfung, den schleudernden Herausbruch seiner
Pläne.

Filzzelte rauchten über den Ebenen. Tataren kämmten vom halbmondig
geschorenen Kopf die Haare lang nach dem Nacken und ölten die Brust Der
Himmel glühte in riesigen Bogen vor ihnen her. Der Donner der geschlagenen
Steppe rollte vor den Hufen der Geschwader. Dann jagten sie an.

Sie schossen Flitschpfeile, und die Dörfer qualmten auf. Sie rollten durch
die Reisfelder. Auf Nachbarbergen standen Lärchenbäume. In dunkle Ballen
geduckt, zogen sie in schwindelnden Höhen durch den blauen Himmel über eine
Brücke nach Almaligh. In der Stadt fließender Brunnen, um die Türken und
Chinesen wohnten, hielten sie Feste, fraßen rohes Pferdefleisch mit
blänkernden Zähnen, tranken mit Gekrisch Kumis die runden Nächte. Sie
raubten die türkischen Harems aus und beförderten einen Abkömmling des
Propheten durch Keulenschläge zum Martyrium.

Die Steppe flimmerte unter dem Reiten. Sie bekam metallene Ränder, die sich
erhitzten. Der Boden glühte gläsern. Ihnen schmerzten die Augen, doch sie
ritten.

Von einem Baum fiel nachmittags ein Affe und biß Timur in die Achsel. Er
gab nicht Acht auf das Geschwür, das eiternd anwuchs. Die Chinesin gab ihm
Salben darauf, aber es riß neues Fleisch in sich hinein. Timur ließ zwei
Menschen täglich schlachten, deren Hirn die Wunde fraß und, satt, nach
Monaten sich schloß.

Stumm, ohne Rede, sah ihn die Chinesin an, die sein Pfühl öfter bewohnte
als die anderen Frauen. Seine Stirn war blank.

Eine Gesandtschaft des Sultans Bajazeth brachte zwei weiße Papageien. Miser
Ulek teilte sein Zelt, als sie eintraten. Sie richtete sich auf, groß,
geschmückt und gemalt um die Augen, nahm den Kniefall der Gesandten und bat
Timur um die Tiere. Er sagte ihr, daß er sich freue, ihr zu Willen zu sein.
Sie wandte sich an die Turbanträger und sagte ihnen: daß, wenn sie sich
auch tagelang an den Tieren ergötze, sie diese dennoch nur lehren werde zu
sagen, daß das Staubkorn solchen Geschenks Timur keinen Augenaufschlag
durch aufhalten werde, ihren Sultan niederzuschlagen.

»Du bist stolz,« sagte einer der Turkmanen.

Timur sagte: »Es ist nicht nötig, stolz zu sein, um so kleine Dinge zu
sagen.«

Die Gesandten gingen, geschüttelt vor Zorn und Feigheit.

Die Tataren warfen Katapulte in ein Schloß, das das Meer umspülte, erritten
die Mauer, von den Sätteln aus hochspringend, und wurden heruntergestürzt.
Schielend vor Wut setzten sie sich in Klumpen um die Stadt. Ein
Unterhändler ritt aus den Mauern, aber beim Verhandeln mit vorgegangenen
Feldherren machten die Belagerten einen Ausfall und hieben ein Geschwader
Tataren zusammen. Die Tataren brausten in Bogen um die Stadt, fingen den
Einwohnern selbst die letzten Mäuse und Ratten, bis diese begannen, ihre
Toten zu speisen,

Ihr Feldherr kam morgens, abgezehrt, allein heraus, sich zu unterwerfen,
deutlich den Degen und das Schweißtuch in der Hand. Er stand vor Timur:

»Du hast gesiegt. Ich muß fliehen. Wohin? Zu dir.«

»Ich weiß es zu belohnen,« sagte Timur und überantwortete ihn dem Wind des
Untergangs. Gierig die Hände, zu rächen, lauerten die Tataren seines Winks,
dann schossen sie in die Stadt. Timurs Sohn Keser ergriff Hauptleute und
brach ihnen die Rücken wie Pfeile durch. Zeinabdeddin erhielt eine Lanze in
den Mund. Einen Pfeil noch in der Hüfte kam er zu Timur, deutete mit der
Hand, daß er nicht reden könne, legte den Kopf auf seine Füße und eilte
lächelnd aus seiner Jugend hinaus in die Gruft.

Die Tataren rissen die Türen aus, zwischen den Fenstern blitzten ihre
gesalbten Brüste. Spielend flogen die blanken Messer. Timur befahl
siebzigtausend Köpfe. Ihre Arme erlahmten, die Zungen fuhren erregt durch
den Mund. Sie kauften gierig, hundemüde, Köpfe voneinander.

Timur ließ sie vorbeitraben, sie hielten Köpfe in der Hand. Die Chinesin
stand neben ihm unter goldenem Zeltdach. Sie stieß die Hände in die Brust.

Keser führte des toten Zeinabdeddins Geschwader. Seine Brust war gewölbt
und sein Bauch eingezogen, daß, lag er, Hunde mit gerecktem Schweif durch
die Höhlung laufen konnten. Zwei geraubte Frauen lagen auf seinem Sattel.

Reitend kamen sie zum Paß Conghez, den drei Reiter verteidigten, einen Wall
Tataren vor sich niederlegend. Als Timur selbst vorsprengte, kam der größte
der drei auf ihn zu und schlug ihm zweimal feurig über den Helm, daß er
erstaunt stand wie eine Säule. Über die Felsen herunterkletternd schlug ihm
Keser den abgehauenen Kopf des Riesen vor die Füße.

Unter ihnen dehnte sich eine Landschaft, glatt und ohne Welle, mit
Fruchtbäumen, Quellen und vielen Lusthäusern geschmückt.

In diesen Gegenden rastend und den Genuß der strahlenden Sonne nehmend,
noch den Frost wirbelnden Schneesturms der Gebirge in den Knochen, kam
eines Mittags, wo Timur ein Lustzelt aufbauen ließ zwischen Tulpen in einer
Wiese, aus einem Hain eine Ziege, größer wie ein Pferd, ein Horn auf der
Stirn und voll langer grüner Haare, die die Erde überstreiften. Die
Chinesin, die neben ihm stand, duckte sich schreiend nieder.

Das Tier kam einen langsamen Gang auf sie zu, die Augen und das Horn gegen
Timurs Brust gewendet, aber gerade vor ihm verlor es die Richtung seines
Ganges. Es bewegte die Nase gegen die Höhe und zog einen Bogen weiter. Je
mehr es sich entfernte, um so stärker glänzte sein Fell, bis es, eine weiße
Wolke, in den Hain zurückschlug.

Die Chinesin hieb mit allen Gliedern um sich und klopfte die Stirn auf den
Boden vor Verzweiflung, die sich endlich sprengte. Sie schrie: ». . .
genug, genug . . .« und faßte sich nicht. Er fragte sie, warum sie es wolle
und sie sagte, weil sie ihn liebe, er aber lächelte mit einer Falte über
sie hin. Hinter ihnen standen Negerinnen und Miser Ulek. Steif das Gesicht
wie ein Segel flüsterte sie: »Preis für feige Offiziere, heulende Maus«.
Aber Timur schüttelte die filzigen Haare um den Kopf, daß sie schwieg.

Er ließ Guines holen in das Zelt und eine Windrose asiatischer Erde malen.
Zu zwei Dritteln füllte er sie mit roter Farbe. Auf den Rest deutete er,
seine Augen beherrschten opalig breit das Zelt, er sagte:

»Dies ist in meine Hand gegeben, soll ich das andere lassen?«

Ihre Lippen formten »zu viel«, aber ihr Atem gab dem kein Leben, denn seine
ungeheure Stirn erblickend, stürzte vor ihren Augen auch das letzte
Zeichen, und, erblassend, fiel sie vor ihn und versprach, ihre Liebe
zurückzuwerfen über ihre Angst und die Stimme zu töten, die aus ihr sprach.

Sie schwieg.

Schwieg Monate. Ihre feuchten porzellanenen Blicke leuchteten blau wie der
Mond.

In einer Nacht wieherten Pferde hell und wild. Es war eine weiße Nacht.

Ein Bote wurde in das Zelt geführt.

Der Feldherr des Sultans Bajazeth beugte sich ein wenig vor Timur und
kündete ihm die Schlacht. Seine Stimme war hart und edel. Timur schenkte
ihm ein Pferd.

Er bat, es am nächsten Tage gegen ihn reiten zu dürfen. Timur nickte.

»Ich werde das Geschenk in Ehren halten,« sagte der Feldherr.

Timur hielt eine Pause den Atem. Dann sagte er barsch:

»Ich lösche es morgen wieder aus.«

Am anderen Abend bestieg Timur sein Lager über den gebückten Rücken des
Sultan. Aus den erschlagenen Köpfen baute er Türme. Sie stiegen gieriger
als die Minarette Samarkands in den Himmel. Tataren wälzten sich fliegend
über Konstantinopel. Sie ließen die Glocken spielen und lagerten über den
Gärten am Meer.

Die Tataren waren behängt wie Weiber mit Turbanen voll Steinen. Ihre
Ausdünstungen überroch Ambra. Aus Moscheedecken schnitten sie Satteldecken.
Goldne Ketten flochten sie um ihr Haar und die Gebisse der Gäule.

Timur befahl den Zug nach Ägypten. Dem Heer voranreitend traf er auf dem
Marsch nachts in Tauriz ein, das ein Sohn von ihm residierte. Sie trabten
vor das Haus, das er bewohnte. Die Gärten waren erleuchtet, Gesindel und
Musikanten trieben sich in den Scheinen der Laternen durch die Gebüsche.

Sie ließen die Pferde fressen im Hof und stiegen hinauf. In dem großen Saal
lag er auf einem Haufen Teppiche. Die Fenster standen geöffnet gegen die
hinteren Gärten, die veilchenblau in der hellen Dämmerung sich hoben.

Zerbrochen waren die Weinkrüge, der Wein ausgegossen, die Schöne in seinem
Arm zerwühlt, die Halsschleife zerknüllt. Aus der Ecke tönte schwach die
Halbtrommel. Aus dem Mund der Flöte einen Augenblick aufgähnend, die Haare
verwirrt wie die Frauen, die das Gesicht nachts schmollend gegen die Wand
kehren, sah er auf nach der Seite, ohne Timur zu sehen. Auf den Teppichen
lagen Schlafende überall, auf einem Ast, sichtbar, vor dem Fenster, sang
eine Nachtigall ein Gasel, trotzdem erwachten sie nicht.

Timur ließ seinem Sohn, hinaustretend, Zeit bis zur Nüchternheit. In den
sternüberflogenen Garten schlug er ein Zelt. Er hatte keine Zeit zum
Verweilen, am Morgen, eh er ritt, ließ er ihn vor sich kommen.

»Ich habe eine halbe Stunde für dich,« sagte er. »Was hast du getan in der
Zeit, die ich dir die Provinz gab, welche Sherife hast du geschlagen,
welche Provinzen erobert? Hast du Vesten unter dich gelegt, Städte
gesprengt . . . Hast du Künstler gefangen und Bauten gemacht . . . Welche
Heere hast du geordnet, Aufstände gedämpft? Eile dich im Reden, meine Zeit
für dich ist knapp, sie soll gerecht sein.«

Der Sohn schlug die Augen nieder.

»Nichts,« sagte Timur. »Du hast geschwelgt, getrunken. Du bist weich
gelegen. Hast keine Feldherren. Die Provinz ist nicht bewacht, keine Grenze
erweitert. Du hast keine Jagden abgehalten. Kränze auf deinen Kopf gesetzt
wie ein Grieche.«

Der Jüngling hob den weichen Kopf und sagte trotzig:

»Hast du nicht Feste gefeiert wie keiner der Chane? Lag die Steppe nicht
tagelang voll wälzender Soldaten? Ist dein Frauenhaus nicht das größte?«

»Du wirfst mir vor. Gut. Rechnen wir ab.« Timur trat herabgebückt vor zu
dem in den Hüften Schaukelnden: »Gut. Aber . . .« er zog den Mund zusammen,
daß es eine Falte gab und durch den gedämpften Ton ein gepreßtes Keuchen
aus dem Innern stieg:

». . . ich habe sie verdient. Erworben. Glaubst du, sie haben mich nichts
gekostet wie dich? Glaubst du an die Abenteuer des Geistes, Kampf der
Seele? Weißt du um Prüfung? Und Überwindungen . . . Weißt du, über welche
Zacken der Qual erst eine Tat entsteht? Ich kann kein Blut sehen, aber ich
muß es vergießen, um daran zu steigen wie keiner.«

Erschrocken vor dieser heiseren und verächtlich geballten Stimme warf sich
der Jüngling hin und flehte, aufgelöst, daß er nicht verbannt werde in die
Wüste Cipribet, wo Timur die gefallenen Emire sammelte. Sein ängstliches
Kinderauge lauerte.

Timur kniff die Augen zusammen und sah Augenblicke lang auf den Sohn.

Dann öffnete er das Zelttuch und sagte:

»Das wäre die Strafe, weil du unnütz lebtest. Aber weißt du, daß du nicht
mehr leben darfst, nachdem du mich gereizt hast, daß ich dir dies sagte
. . .« Der Jüngling fiel bleich hinaus. Tataren brachten ihn in einen
Garten mit Galbudsamurblumen, die den Wind vergifteten, der ihn mit
zerpflückten Locken auf einem Rosenbeet überwand.

Die Mondköpfe Timurs grüner Paniere rollten über Flüsse und die toten Arme
des Meeres. Palästina füllte sich mit Reitern, kleinnasig, mit
aufgeworfenen Lippen und olivenfarbenen Wangen. Ihre spitzen Augen schoben
schräg nach der Stirn. Sie ritten gegen das brandende Meer, das sich weiß
vor ihnen aufsteilte. Sie konnten nicht weiter.

Sie legten die Gesichter in Fratzen, drehten scheu, bespritzt, und stoben,
sich schüttelnd, zurück in die heißen wogenden Wüsten. Sie überritten die
Städte der Küste, zerschlugen Jerusalem, rollten Pfeilschwärme über
Damaskus. Schlugen Mameluken, hingen Männer auf an den Füßen, Weiber an den
Brüsten.

Als Timur Alcair mit Katapulten in Brand schoß, betrat der ägyptische Fürst
weinend den Boden der Flucht. Die Mondköpfe stürmten die Stadt. Sie glühte
auf dreißig Parasangen, daß die Nacht hell wurde.

Ein dunkler Punkt in den roten Dämpfen stand gegen den Himmel der junge
Fürst und schaute auf seine Stadt, bis die Türme und Kuppeln krachend
zerstoben. Dann erst warf er sich von den Dämmen in den Nil.

In dieser Nacht reizte Miser Ulek einen kurdistanischen Stamm, dessen
letzter Abkömmling sie war, daß er die eigene Nachhut überfiel, abfiel von
Timur und, die Chinesin raubend, floh. Miser Ulek sah die Chinesin nicht
an, sie saß auf einem Eildromedar in einem schilfgeflochtenen Drahtkorb,
vergittert, unter dem Gepäck.

Yakou meldete es Timur noch die Nacht, schon zum Zeichen der Trauer in
blauer Filzkleidung das Zelt betretend.

»Die Chinesin,« keuchte Timur. Dann brüllte er auf. Aber sofort sich
packend, gab er dem alternden Yakou die Hand und ging über seine Rede
hinweg. Sich schüttelnd verfolgte er den ägyptischen Fürsten drei Tage, bis
er ihn, einfing wie einen Hasen. In einer Schlinge zappelnd wurde er
vorbeigeführt.

Doch Timur sah ihn nicht, schon wendete er. Mit dreitausend ausgewählten
Hauptleuten entflammte er die Erde mit schlagenden Hufen. Doggen stürzten
vor ihnen her auf der Spur.

In einem Steinbruch fingen sie den Stamm. Timur riß dem Schach selbst die
Augen heraus. Die anderen sotten sie in siebzig Kesseln. Es waren zwei
Prinzen aus Timurs Haus dabei. Sie sotten. Sein Kopf war unbeweglich. Blaß
mit roten Rändern um die Lider stand die Chinesin hinter ihm.

Den Abend brach mit der Hand am Dolch ein Neffe bei ihm ein. Timur riß ihm
mit dem Säbel den Unterarm ab. »O daß ich sterbe . . . o daß ich sterbe
. . .« stöhnte der Junge, der seine Brüder rächen wollte. Timur gab ihn zum
Sterben.

»Auch du hast deinen Oheim getötet,« sagte die Chinesin.

»Gott wollte das,« sagte Timur stolz. »Was will der Fant?«

Hochfahrend kam Miser Ulek vor das Gericht, das Timur ihr aus Fürsten
stellte. Sie hatte sich mit Schmuck belegt und bemalt wie eine große
Fürstin. Aus Versehen führten sie die Wachen zuerst in das Zelt des
wachthabenden Emirs. Timur ließ dem Emir Stockschläge auf die Sohlen geben,
denn sie war seines Geblüts und er ehrte sie im Zorn noch, daß sie nicht im
Haus eines Untergebenen weile.

Das Gericht sprach kein Wort vom Raub der Chinesin. Dies wurde nicht
erwähnt. Miser Ulek sprach keine Silbe. Das Gericht verhandelte wie nach
Vereinbarung über einen Seid, den Miser Ulek in ihrer chinesischen
Residenz, die sie, Timurs Zügen folgend, nie besuchte, auf der Straße
erstechen ließ, weil er vergaß, ihr zu ihrem Geburtstag eine Aufwartung zu
machen. Sie wurde zu tausend Balischen Gold verurteilt.

Kurz lag ihr Blick auf der Chinesin, stechend und kalt.

Sie erwiderte kein Wort, Timurs Gesicht blieb starr, als sie, die die
Flamme seiner Pläne war, hochaufgerichtet, klirrend von Steinen, die er ihr
geschenkt, den Raum verließ.

Sie fastete zehn Tage, aber das Leben der zähen Katze, das in ihr schlief,
verlief nur schwer. Als am elften Tage die Stimme der Gottheit an sie
erscholl, rief sie, schön noch mit bleichen Lippen: »Ich bin bereit.«

Kein anderes Weib als die Chinesin kam fürder auf Timurs Pfühl.

In einem Tale stiller Gräser und Tiere lebte er mit ihr ein halbes Jahr und
jagte Schwäne auf den Teichen.

Eine Mondfinsternis riß ihn auf, er kehrte nach Samarkand zurück und
rüstete den indischen Zug, leblos die Chinesin mit sich führend. Die
Feldherrn kamen in das dunkle kleine Haus, der Garten war überdacht mit
Leinen, die Fontäne knallte. Guines nahm den flimmernden Lauf der Sterne
auf, die aus entfernten Gebirgen aufstiegen. Timur füllte bis auf ein
Kleines das letzte Drittel seiner Windrose. Aus allen Provinzen Asiens
fielen Heere in die Ebene, erstiegen die Gebirge und strömten in die
Tiefländer.

In einem südlichen Gebirg gingen Menschen an ihnen vorbei, stolz wie
Götter, die, weißer Haut, von der Sonne angeglüht, auf dem hohen Schnee
nackt liefen. Waffenlos traten sie heran, stellten die Arme auf die Hüften
und ließen lächelnd die Tataren vorüberreiten. Sie hießen Siapusch. Timur
ließ ihren Anführer von einem Gletscher hinabstürzen, er flog, die Arme
gebreitet, ab.

Als erster warf Timur sein Pferd in den Indus, dann brachen die Heere
tagelang nach und zerwühlten den Strom. An der steinernen Kuh, aus deren
Euter der Ganges fällt in sieben Strahlen, warf er ein Heer der Inder um.

Er ließ die lebenden Gefangenen zusammenschichten zu Türmen, legte feuchten
Lehm und Gebälk dazwischen, mörtelte sie ein. Die Türme schwankten wie
Schlangen bis in die Nacht. Dann erstarrten sie.

Geknäult in sein Zelt, die Augen weit geöffnet, sagte er, wenn indische
Trophäen kamen, der Boten überdrüssig: »Was kommen sie, bin ich müde?«, und
sandte ihnen den Todesbefehl entgegen.

Auch hier teilte die Chinesin sein Zelt.

Am unteren Ganges fing die Vorhut einen Prinzen, schön wie ein Schläfer,
daß die Papageien der Chinesin zu singen anhuben wie die Lerchen, geblendet
von ihm. Er ließ ihn, um den viele als Sklaven inbrünstig baten, um seine
Schönheit in einem Ausgleich zu ehren, in seidenen Tapeten zu Tode rollen.

An den Seiten der Flüsse folgten seinem Fuß zuckende Türme, die sich in das
Rot schwerer Abende hineinkrümmten. Die Tataren gossen sich aus dem Gebirg
herunter, Pfeile schütteten die Wälder zu, Pferdegewieher rauschte in die
Ströme.

Timur warf die Geschwader um Dehli.

Zur Entsetzung der dreistaffligen Königsstadt kamen um den Bogen des Stroms
Hunderte von Schiffen rotgesegelt eines Morgens den Fluß herauf. Das
stahlblaue Band der Strömung zitterte. Mit Katapulten zerschmetterten die
Tataren knallend die Hölzer. Bogenschützen, die Ufer säumend, mit
Harnischen, schossen den Fluß rot, daß er über die Ufer trat.

Um Dehli lag ein fester Ring. Andere Geschwader lösten sich. Wie Bremsen
glitzernd warfen sie das Land unter ihre Pferdebäuche bis ans Meer. Als die
Wellen vor ihnen sich wütend in die Höhe bogen, ritten sie knirschend
zurück.

Aus Dehli fiel ein Heer aus. Das Tal stand überflutet von braunen Indern.
Elefanten wogten an mit giftigen Dolchen. Glocken, Pauken und Trommeln
knatterten. Aus den Tatarenreihen flogen Flitschpfeile. Ochsen sausten los,
brennendes Reisig zwischen den Hörnern, die Augen dunkelgebläht.

Tatarenhaufen stießen in die braunen Massen, rissen mit geschärften Ringen
die Rüssel der Elefanten aus den Körpern. Das Tal spie Blut in den
Gangesarm. Die Braunen schwanden. Tataren brachen bis an die Tore. Auf dem
Feld tanzten die Nacht in gekrümmten Sprüngen die ausgerissenen Rüssel.

Mit krummen Schenkeln, obeinig, ersprangen, die Tataren die Vorstädte, drei
Tage schwangen sie die Messer, die Gheberer warfen ihre Kinder und Frauen
ins Feuer, die Muslemin aus Angst vor den Tataren erdrosselten sie, und,
selbst die Leiber zerhackt, entfielen sie den Säbeln der Tataren.

Nach diesen drei Tagen schmiß Keser seinen Säbel auf einen Prellstein, spie
aus und ritt zu Guines. Den zwang er zu seinem Vater zu laufen mit den
Worten, die er ihn lehrte:

»Ich habe gekämpft wie wenige deiner Feldherrn. Du hast mich belohnt. Ich
danke dir. Doch ich bin diesen Auftrag müde. Bin ich ein Metzger oder ein
Hund? Ich fechte nicht weiter in der Stadt. Ich werfe mich in den Staub vor
deiner Kraft. Aber bedenke, hättest du die Verwüstungen Nebukadnezars, die
Macht der Amalekiter: das Grab eines Palastes ist das Ende. Ein Hemd und
ein Rock, reines Wasser und Brot ist alles, was ein durchgängiger
Wandersmann verlangen muß und schon zuviel für einen. Mein Kopf steht dir
frei. Aber ich höre auf, laß es genug sein.«

Ein Wolkenbruch spülte Wellen Wassers in die Zelte und der Wind war voll
Schwaden Blutdampfs. Guines erwartete seinen Tod, dem er bei Keser
entronnen war, nun bei Timur. Doch der sandte ihn Keser zu holen.

Timur hob die Braue, groß gefüllt, und sagte: »Knabe . . .« Weiter kam ihm
kein Wort, denn der Mann, der zehn Sherife gestürzt, fiel in die Knie.

Die Chinesin sah auf ihn, die Augen schimmernd und hob die Hand ins Haar.

Als der Regen drohender anlief, legten sie Filz in die Straßen, der das
Wasser einsog und hieben weiter. An den Gebetschnüren hingen die Radschas
aus den Fenstern der hochgegliederten Paläste. Naphthafeuerwerker setzten
den Fluß in Brand.

Als die Stadt leer war, füllte Timur den letzten Fleck von Weiße auf seiner
Windrose, die Welt lag in seinen Händen, schaukelnd nach dem Tempo seines
Atems, es gab kein Tier, das nicht unter seinen Pfeilen stand.

So wuchs er über alles.

Von den Gliedern der Chinesin fiel eine Starre, in einer glühenden Umarmung
wühlte sie sich die Nacht an seine Brust.

Allein es war noch nicht die Zeit.

Yakou kam als letzter aus der Stadt, den Kopf zitternd tragend, ordnete die
ungeheuren Massen der Gefangenen, küßte Timurs Sohle und, nicht mehr
sprechend, vom Joch der Monate überspannt, zog er sich in den Winkel seines
Zeltes zurück und wandte fürder das Gesicht der Nische der Gottesverehrung
zu.

Seine Tat war getan. Seine Hände glitten über kostbare Stoffe, die er
ordnend durch die Finger führte und im Hingleiten der Tage erhielten seine
Augen sicheren ruhigen Glanz.

Am Morgen kam als Bote des griechischen Kaisers der Prinz von Schiruan,
breitete vor dem Zelt neun Ladungen aus edler Geschirre, neun Kamele voll
Teppiche und acht gelehrte Sklaven, die Harfen, Zirkel und Papierrollen
trugen. Sie fragten ihn, wo der neunte sei, wie die Sitte es wolle. Er hob
die Hand, bog sie um und stellte den Finger gegen die eigene Brust.

Die Heere Axallas, die die Küsten durchstäupt hatten, kehrten donnernd
zurück. Axalla fehlte. Sein Schreiber brachte seinen Brief: »Vierzig Jahre
führe ich Krieg mit dir. Der Tod schlägt mich am Meer entzwei, ich sterbe
in Verdruß, daß ich nicht Dehli mit dir nehmen kann. Doch bin ich nicht
groß genug, um bis ans Ende mitzugehen.«

Es war ein heißer Morgen, ganz gelb voll spiegelndem Licht. Timurs Mund war
geschlossen, als er mit der Chinesin die Schätze musternd vorüberging, das
Letzte der Welt. Die Strahlen flogen in Fluten darüber. »Einsam,« sagte
Timur, »aber am Ziel.«

»Leben wir,« sagte die Chinesin: »Es ist überstanden.«

Den Abend ließ er die Gefangenen zusammenpferchen. Sie füllten den ganzen
auslaufenden Kessel des Gebirgs. Es waren hunderttausend Leiber, um die die
gelbkalkigen Abhänge hingen. Ihnen gegenüber stellte Timur die Halbbogen
zweier Heere an das andere Ende der Ebene. In der Nacht ging der Fluß
zurück und ließ silbrige Quallen. Heiße Fontänen spritzten um das Lager in
die Höhe, und zwei Kometen bohrten sich durch den hängenden Himmel.

Am Morgen ging Timur vor das Zelt.

Dann schritt er einen Hügel hinauf, der mit einem Kegel mitten in der Ebene
aufstieg.

Links wogte im Kessel die braune Flut, ungedämmt, sich an den Wänden
brechend, der Gefangenen. Rechts hielten die Tataren, bereit zum Sturm.
Zwischen ihnen am Fuße des Hügels war eine Tribüne, und ein Tatar hielt,
das Gesicht heraufgerichtet, einen halbgerafften Teppich in der Hand.

Die Tataren hielten unbeweglich, gegossen, die Zügel zwischen die Zähne
eingespannt. Die Pferde stemmten die Beine nach vorn, an den Mäulern
zurückgerissen. Die runden Säbel blitzten in der Sonne. Sie hingen
blutgierig wie zwei geschwollene Wolken am Ende des Gebirgs.

Da begriff die Chinesin.

Die Freude losch aus ihren Blicken. Und das Schweigen brechend wandte sie
ihre erschütterte Seele gegen ihn und beschwor ihn. Während die stille
Sicherheit, die sie aus den vergangenen Tagen gesogen, einstürzte vor neuer
Qual, rief sie die Schlichtheit seiner Gärten vor ihn hin, die Kanäle, die
Flüsse, die Paläste, Samarkand. »Leben wir. Laß das Unnötige.« Sie zog den
Mund in einem Bogen, daß die gedämmte Inbrunst der Sprache über ihr Gesicht
rann und sie verstummte.

Eine Flamme schoß aus den Augen der Chinesin, Timur schüttelte den Kopf:
»Ich gehe bis an das Ende.«

»Gott hemmt dich in mir.«

»Du warst der Stachel nur Gottes, daß ich nicht rastete.«

Sie riß mit einem Schrei das Kleid von ihrer Brust und jammerte: »O daß ich
dich tötete . . . o daß ich dich tötete.«

Mit einem Sprung kehrte sie sich um, legte die Hände vor den Mund, und, vor
ihn tretend, rief sie hinunter zur Tribüne:

»Vorhanghalter, laß den Vorhang fallen. Es ist keine Vorstellung mehr.«

Doch auf ihre kleine Stimme, die nicht hinunterreichte, geschah nichts. Sie
kehrte, die Hände senkend, sich um.

Sie sah auf Timurs Stirn mit einemmal die Stelle, die der Pfeil getroffen,
erhellt wie ein rotes Gestirn, von dem Riefen nach den Seiten liefen und
heller wurden. Hinter seinem Kopf stieg die Sonne aus dem Gebirg, und sein
Gesicht, aufgeklärt und wie mit einer Keule verdichtet, wuchs zu Granit
hinein in die roten Kreise, die sich darum nieteten und ihre Strahlen
aussandten, die schon den letzten Horizont entzündeten.

Da nahm sie die Hand an die Stirn und fiel, zurückgedonnert von diesem
Gesicht.

Aber er, vor die Frau tretend, die hinfiel abgeblendet, nahm, indem er sie
aufhob, die Sehne aus der Gabelung seines Bogens und zog und umschnürte
ihren Hals. Dann biß er ihn auf, nahm einen Mund voll ihres Blutes und gab
den Wink, daß der Vorhang sich hebe, hinunterschreitend zu den Zelten,
durchbraust von Gott, der ihn berief, auch in diesem Letzten, sein
unsterbliches Gesicht glänzend wie Gold.







End of the Project Gutenberg EBook of Timur, by Kasimir Edschmid

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