The Project Gutenberg eBook of Der Dechant von Gottesbüren
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Title: Der Dechant von Gottesbüren
Author: Jakob Schaffner
Release date: February 21, 2026 [eBook #78001]
Language: German
Original publication: Berlin: Deutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H, 1917
Credits: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER DECHANT VON GOTTESBÜREN ***
Anmerkungen zur Transkription.
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des
Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler
sind stillschweigend korrigiert worden.
Die Dekoration am Anfang des Dritten Teil fehlt im Original; sie wurde
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worden: ~gesperrt gedruckter Text~, +antiqua gedruckter Text+.
[Illustration]
Der Dechant von Gottesbüren
+JAKOB SCHAFFNER+
Der
Dechant
von
Gottesbüren
~Roman~
[Illustration]
Deutsche Buch-Gemeinschaft
G. m. b. H.
+~BERLIN~+
Copyright 1917 by Grethlein & Co. G. m. b. H. in Leipzig
Alle Rechte, im besonderen das der Übersetzung, vorbehalten
Erster Teil / Liebe
[Illustration]
Erstes Kapitel
Ein halbfrommer Mann singt den Gregorianischen Lobgesang. Es wird
Besuch empfangen und noch eine Einladung erwogen
In einer schönen alten hessischen Kleinstadt steht ein ebensolcher
Dom, an dem ein Mann von bedeutenden Qualitäten als Dechant wirkt. Das
heißt, die Qualitäten fangen eben erst recht an, wie ein Sternnebel
zu atmen und zu leuchten; eine Zeitlang schien es, als sollten sie
sich in Liebhabereien so aufbrauchen und der Rest in die allgemeine
Luft verpuffen, und als sollte ein süddeutscher Christ und Katholik
nach nicht unernsten Jugendwegen sich so sachte ins weltbürgerliche
Wohlgefallen verlieren. Die Welt sah diesem Spiel mit Ruhe zu, aber
der Erzbischof hatte seine eigene Meinung darüber, und Gott hatte noch
eine eigenere. Aus der Entwicklung dieser und anderer Verhältnisse, von
denen sofort die Rede sein soll, entstand dann durch Herbst und Winter
ein Schicksal, das sich mit Nutzen erzählen lassen wird.
Als der Erzbischof den damaligen frommen, hoch- und tiefsinnigen
Pfarrer Klemenz Ekkard auf das Dechanat gestellt hatte, war es in der
Meinung geschehen, einen etwas ausgesetzten Posten mit einem lebendigen
und treuen Mann zu versehen, denn ringsum standen und drehten sich
auf den Türmen im Wind der Zeit die Hähne des Protestantismus um die
steilen, hohen Kreuze des Domes. Als dann der Dechant im zweiten
oder dritten Jahr als erste öffentlich sichtbare Amtshandlung
die Renovierung des Domes beim Erzbischof anregte und nach dessen
Zustimmung bei der Regierung forderte, lag die Notwendigkeit dazu mit
vielen Zerfallsmerkmalen deutlich vor, und widersprach die Unternehmung
in keiner Weise den Erwartungen, die sein hoher Vorgesetzter sich von
ihm machte, obwohl sie auch nichts Unmittelbares mit dem christlichen
Kernpunkt zu tun hatte, denn das Licht der Welt ist in einem Stall
aufgegangen, und in großen, herrlichen Gotteshäusern hat man schon viel
Verderbnis und Todesstarre gesehen. Inzwischen stellte es sich aber
heraus, daß die endlich nach jahrelangen Verhandlungen eingeleitete
Arbeit dem Dechanten mehr Stoff gab zu schönwissenschaftlichen,
als zu geistlich frommen Anregungen. Aus der männlich gottseligen
Entschiedenheit leiteten sich sachte gewisse Kunsttrödeleien ab. Der
hellsinnige Freund Gottes entwickelte sich zu einem Freund von hübschen
Altertümern; er wurde ein Truhen- und Bücherwurm, ein Schürzenjäger
nach alten Meßgewändern, ein blonder Maulwurf der zünftigen
Kunstgeschichte, der seinen gelehrten Rüssel bald überall ansetzte.
Wo die Hacke der Arbeiter aufschlug, da war er sofort mit seinen
Fingern dazwischen, um ein zugetünchtes oder vergrabenes Altertum
herauszuklauben, und bald ging überhaupt das ganze Baugeschäft mit der
begeisterten Mithilfe des Architekten nach seinem kunstgeschichtlichen
Interesse. Jeden Morgen sah man den ziemlich großen, ernsten Mann mit
sauberer Soutane in das Trümmerfeld kriechen, in das er die Stätte
der Andacht nach und nach verwandelt hatte, und mittags kroch er mit
schmutziger und mit den Lungen voll Mauerstaub wieder heraus, um sich
zuerst einigermaßen wieder zurechtzuschütteln und zu husten und dann
wie ein Maurergeselle zum Mittagessen zu gehen.
Die erste Person, mit der ihn dies neue Leben in Widerspruch brachte,
war weder Gott, der viel Zeit, noch der Erzbischof, der etwas
weniger hatte, sondern seine alte, treue Haushälterin. Das war ein
gottesfürchtiges und redliches Weib von einigen fünfzig Jahren, das
noch einen Zahn besaß, damit aber tüchtig zubiß, und ein braves,
unerschrockenes Herz, dem man zu Unrecht Härtigkeit nachredete,
sondern was so aussah, das war Notwehr. Im Haus eines Dechanten am Dom
einer nicht eben reichen Kleinstadt laufen die Möglichkeiten, Geld
auszugeben, wie Hühnerscharen die Treppen auf und ab, und wenn nicht
ein guter Haushund zum Rechten sieht, so kann der Dechant gegen das
Ende des Vierteljahres selber auf den Bettel gehen, wenn er nicht seine
Opferstöcke angreifen will. Eine gewisse geistliche Verwegenheit im
Ausgeben von Geld war aber außerdem ein Zug an ihrem Herrn, den sie
verehrte, und um dessentwillen sie ihn mit liebte -- er hatte für sie
noch andere, mit denen sie weniger zankte --; die liebende Verehrung
hörte bei ihr höchstens einmal auf, wo die großmütige Neigung den Gang
des Hauswesens in Gefahr brachte und zur vollkommenen Kassenöde führte,
was leider immer wieder vorkam. Obwohl er nun schweres Geld in seine
Privatliebhaberei steckte und sogar sein Kapital dafür angriff, und
obwohl er ihr beschmutzte Schuhe und zerrissene Soutanen genug ins Haus
brachte, setzte ihr Widerstand doch nicht auf der irdischen Linie ein,
sowenig ihr auch diese Dinge gefielen, sondern in ihren Augen hing sich
ihm, seitdem er den heiligen Ort zur Rumpelkammer gemacht hatte, je
länger, je sichtbarer ein Gespinst von Gotteslästerlichkeit an. Wenn er
gegen ihr Gemurre mehr oder weniger geduldig die Notwendigkeit und den
Zusammenhang der Maurerarbeiten ins Treffen zu führen suchte, so hatte
er den Schein der Wahrheit für sich, aber auch nur den Schein, und die
alte Person hieb keineswegs ins Blaue, wenn sie meinte, daß er darum
doch nicht das ganze Münster einzureißen brauche, außer wenn er ein
völlig neues bauen wolle, aber soviel sie wisse, sei eine Ausbesserung
im Werk, kein Neubau. Wenn er also die Gemeinde einen Sonntag wie den
andern im nachgelassenen Maurerstaub zwischen groben Gerüsten und
umgestürzten Altären auf dem bloßen Erdboden knien lasse -- denn auch
die Platten waren allenthalben aufgebrochen --, so müsse man doch
sagen, daß eine Kirche für den Gottesdienst da sei, und sie ihrerseits
pfeife ihm auf seinen gebildeten Architekten, der ihn nur noch mehr
verführe, und auch auf die alten Meßgewänder, die man unter den Platten
gefunden habe, Gott möge ihr die Sünde verzeihen. Ihr sei die Andacht
verdorben, und wenn sie während des Hochamts weltliche und zanksüchtige
Gedanken beschlichen, so trage er daran die Schuld.
Nun war er nicht der Mann, dergleichen Einsprüche auf die leichte
Achsel zu nehmen, und die Zweifel einer gläubigen Seele hatten ihm je
und je starken Eindruck gemacht. Aber hier handelte es sich nachgerade
um eine Leidenschaft. Wo er hinguckte, da sah er geschichtliche
Niederschläge und Kunst oder Unkunst, aber keine göttlichen Beziehungen
mehr, und kaum noch menschliche, wie dem Pilzsucher mit der Zeit
überall Pilze aufstoßen, schließlich kann er kein Stückchen Wald
oder magern Rasen sehen, ohne ihn auf Pfifferlinge und Champignons
einzuschätzen. Er hätte am liebsten auch den unendlichen Himmel
abgekratzt, um zu sehen, ob nicht Fresken darunter zum Vorschein
kamen. Sogar die Orgel hatte er abbrechen lassen, weil nach alten
Chroniken früher dort die Empore der Landgrafen oder Kurfürsten gewesen
sein sollte; wirklich fand er an den Wänden ein paar Malereien und
hinter dem Orgelkasten einen vergessenen oder verlorenen Hut aus dem
siebzehnten Jahrhundert, den die Motten schon halb aufgefressen hatten.
Indessen sang die Gemeinde zu einem kleinen, eingestaubten Harmonium
auch noch nicht übermäßig schön, und dazu blickte sie zu unbemalten
Nachbildungen aus Pappe auf, die an Stelle der entfernten Heiligen
überall aufgestellt und -gehängt waren.
In diesem stillen Haus lebte noch eine dritte Person, ein junges
Mädchen namens Linde, das seine Nichte war und der alten Brigitt,
lieber noch ihm selber zur Hand ging, aber nicht in seinem
antiquarischen Maulwurfstreiben, sondern in seinen mehr menschlichen
und seelsorgerlichen Angelegenheiten. Linde empfing seine Besuche,
besorgte ihm den laufenden Briefwechsel, soweit er nicht zu
vertrauliche Dinge betraf, und die Armen- und Krankenpflege stand
beinahe ganz auf ihren zwei schmalen Schultern. Sie trug die Last
mit vielem Ernst, mit natürlicher Liebe und einigen übernatürlichen
Kräften, da sie mit gleicher frommer Innigkeit zwischen den
Geheimnissen der Finsternis und den Holdseligkeiten des Lichtes stand.
Die Menschen fürchtete sie nicht, und vor ihrem Schmutz schreckte
sie nicht zurück, so rein sie in ihrem Teil lebte. Es gab also viele
Leute, die sie suchten, um sie auszunutzen, und wenige, die ihr
außer ihrem Elend etwas dafür zurückgaben, und dieses erwiderte sie
sofort durch Mitleid. Sie war hübsch, mittelgroß, sehr ziervoll,
blauäugig, braunhaarig und zart von Gesundheit. Auch sie fand in ihrem
gottesfürchtigen Herzen, daß es der Dechant mit seiner Kunstgräberei
etwas zu wild betreibe, aber gegen eine kirchliche Respektsperson, die
er ihr war, hätte sie nie gewagt, mit einem Wort oder einem Seufzer
zu verraten, wie sie an der zerstörten Kirche litt, und nach ihrem
Gefühl versündigte sich die alte Person mit ihren aufsässigen Reden.
Sie glaubte nicht, daß ein erwählter Diener Gottes auf die Dauer
etwas ganz Verkehrtes tun könne, und sah Gottes Ratschluß darin, daß
nach so langer Verborgenheit die schönen alten Meßgewänder, Bilder,
Kreuze, Bücher, Pokale und Monstranzen aus ihrem Schutt wieder
auferstanden, um vielleicht an dem frommen Werken der Längstvergangenen
die Gegenwärtigen zu ebensolchen zu entzünden. Mit solchen Gedanken
aber auch mit keinen andern, suchte sie den Oheim zu beruhigen, wenn
er sich einmal klagend über den Unverstand und die Bockbeinigkeit der
Gemeinde und Behörden gegen sie ausließ, und das war für ihn außer
dem verwandtschaftlichen, um nicht zu sagen väterlichen, noch ein
weiteres Verständnis, das ihn mit dem stillen, tiefgründigen Mädchen
und dessen fruchtbarem Wandel verband. Obwohl er im Lauf der stets
breiter ausgreifenden Arbeiten im Dom gelernt hatte, mit den Füchsen zu
bellen oder auch einmal allein kräftig anzuschlagen, um seinen Willen
durchzusetzen, so lag dies Treiben doch sehr wenig seiner geistigen
und im Grund freien Natur, und das Mädchen schätzte er vielleicht
am höchsten deshalb, weil es ihm jene Natur rein und ungekränkt zu
enthalten schien, sei es als Beruhigung, sei es als Versprechen auf
eine spätere Zeit, in welcher auch er dazu zurückkehren würde, und was
ihm immer wieder neben aller kindlichen Unfertigkeit an ihr Achtung
abgewann, das war, wenn nicht die Größe ihrer seelischen Richtung, so
doch die Möglichkeit zur Größe.
Ein großer Charakter ohne Wenn und Aber war jedoch der Hund, der noch
zum Haus gehörte, ein dunkelgrauer, lebhafter Boxer von ausgesucht
rassigen Körperformen und mit einer Vergangenheit, die allein so
viele Kapitel umfaßte wie die aller andern Hunde des Städtchens
zusammengenommen, weil die Unternehmung das Element seines Lebens war.
Jedoch das Fundament dazu gab eine unbestechliche Treue gegen seine
Herrschaft, ein angeborener Hochsinn, der sich durch seine Stellung als
Hund einer geistlichen Respektsperson und durch den nahen Umgang mit
dieser und der auch nicht sehr ungeistlichen der jungen Nichte noch
gesteigert hatte. Eine gewisse innere Erwecktheit war die Furcht seiner
besondern Anhänglichkeit an Linde. Als weitere Eigenschaften zeigte er
Stolz, Phantasie, Verstand, unermüdliche Aufmerksamkeit, aber nicht die
knechtische des Hofhundes, sondern sozusagen eine vergeistigte, die
auch auf andere Dinge achtete, als die mit dem Futter- und Besitzneid
des Hundes zu schaffen haben, und eine vollkommene Furchtlosigkeit.
Dazu kam noch eine immer frohgestimmte Angriffslust, die ihn zum
unabhängigen Beherrscher seines Reviers machte; sie hätte ihm viele
materielle Vorteile einbringen können, aber er bezweckte nichts mit
ihr, als immer wieder seine Überlegenheit festzustellen, und es war
noch nie vorgekommen, daß er einen Knochen von der Straße aufgenommen
hätte. Seinen ausdrucksvollen, ernsten Kopf zierten unzählige große und
kleine Narben und Bißwunden, und infolge eines Feldkampfes mit einem
Fuchs hatte er die Sehkraft des linken Auges verloren, das grau und den
Leuten etwas unheimlich in seiner Höhle stand, aber dafür blickte das
andere um so launiger und unternehmender in die Welt.
In diese Hausgemeinde fuhr eines Nachmittags unvermutet noch ein
fremder Geist herein, und zwar trug sich der Einzug folgendermaßen
zu. Es war im Herbst. Der Dechant saß zur Abwechslung einmal nicht
auf einem Schutthaufen und weissagte mit dem Architekten über alte
Pläne des Domes, sondern er stand im Geäst eines Birnbaums in seinem
Garten und pflückte Bergamotten. Er hatte einen Sack um die Schultern
gebunden, in den er immer mit der gefüllten Hand hinein- und mit
der leeren verlangend wieder herausfuhr. Dazu summte er leise und
versponnen die Melodie des alten Gregorianischen Lobgesangs vor sich
hin, wie es sich für einen frommen deutschen Menschen schickt, wenn er
in diesem strengen Kriegslauf einen gesegneten Obstbaum ansieht, der
mit seinen Früchten fürstlich am Licht steht. Der gegenwärtige sah nun
nicht bloß, sondern er hing als eine andere Frucht Gottes, aber eine
unreife, lose schwankend zwischen dem reifen Jahressegen und machte
unter allem stillen Einheimsen im Kopf den Überschlag, wieviel davon
nach der Stadt zu kriegsbedürftigen Verwandten und Freunden auf den
Weg gebracht werden müsse; es kam nicht wenig dabei heraus. Aber wenn
er von seinem Ast einen Umblick tat, so sah er in lauter fruchtschwere
Apfel- und Birnbäume hinein, die alle in seinem Garten standen, und
über hundert und tausend andere, die drunten in den Bürgergärten und
im Tal dem Flüßchen nach und gegen den Wald hinauf ihre Habe an der
Sonne gar kochten. Ab und zu schoß ihm ein Vogel wie ein Schatten an
der Nase vorbei oder sank ihm ein Räupchen an langem Faden sachte auf
den Ärmel, und wenn ihm eine Birne zu Boden fiel, so sagte er: »Dummes
Tier, was hast du nun davon? Eine Beule, und daß du zuerst gegessen
wirst; das ist nur weniger vornehm.« Wenn ein Korb voll war, so blies
er in eine Holzpfeife, und dann kamen seine Frauen und holten ihn. Die
Viertelstunden schwebten ihm verträumt wie Goldgespinst von den nahen
Türmen des Domes herab und woben ihn so ins Nachmittagslicht ein, als
sollte er nun ewig Birnen pflücken und den Gregorianischen Lobgesang
summen; nachher begann er ihn auch leise zu singen.
Plötzlich fuhr aber Bob den Gartenweg herab, sauste zweimal um
den Baum, ohne den Dechanten zu finden, begann suchend am Boden
zu schnüffeln, entdeckte plötzlich seinen Herrn im Gezweig, wo er
sonst nur Vögel sah, und fing, darüber aufgeregt, aus vollem Hals zu
jaulen an. Er machte sogar Versuche, die Leiter hinaufzuspringen,
weil er sich nichts anderes denken konnte, als daß der Dechant durch
einen Unglücksfall dort hinaufgekommen sei und sich entsprechend
übel befinde. Als er Linde denselben Gartenweg herkommen hörte,
rannte er ihr entgegen, um sie von dem außerordentlichen Mißstand
zu unterrichten. Sie schien auch wirklich selber erregt zu sein,
wenigstens lief sie schnurstracks zum Baum, um über und über rot
hinauf zu melden, daß ein Leutnant da sei, packte dann den halbvollen
Korb bei den Ohren und fuhr wie der Wind damit ab, ohne links und
rechts zu sehen. Ihr dunkelblonder Scheitel leuchtete golden und
klug den Gartenweg hinauf. Über ihre weiße Bluse spielten die
freundlichen Sonnenlichter des Herbstes. Indem ihre schlanke Figur
um eine Himbeerhecke verschwand, ging dem Dechanten ein Gedanke
durch den Kopf, den er schon oft gedacht hatte, wenn er sie irgendwo
unvermutet erblickte: »Nein, sie ist gar nicht mehr klein«, murmelte
er. »Manchmal möchte man sogar glauben, daß sie ordentlich unters Maß
gewachsen sei. Man muß sie einmal an den Türpfosten stellen.« Etwas
betrübt wegen der Störung kletterte er mit dem Sack über der Schulter
Tritt für Tritt die Leiter hinab, erinnerte sich drunten, daß Linde
den Korb weggeschleppt hatte, ohne einen andern dafür herzusetzen,
und verfolgte kopfschüttelnd ihren Weg dem Haus zu. Bob gab durch
einige ungestüme Bewegungen schnell zu verstehen, wie er sich freue,
seinen Herrn wieder in normalen Umständen zu sehen, und flog davon,
Linde nach; er machte einen Buckel vor Eifer und feuerte mit den
Hinterbeinen breit rückwärts heraus, daß der Kies flog. Aber schon kam
er in langgestrecktem Galopp zurück und hinter ihm her Linde mit dem
leeren Korb. »Gib nur her«, sagte sie betriebsam. »Daß der Leutnant
nicht warten muß. Und bürste dich vorher ein bißchen ab. Vergiß das
nicht.« Der Dechant wollte noch etwas über den Krieger fragen, aber
Linde schob ihn mit den Worten: »Er ist naseweis und hat ein kurzes
Gedächtnis!« beinahe zornig den Gartenweg hinauf, und der Dechant ging
leise schmunzelnd vollends dem Haus zu. »Sie ist auch nicht anders als
die übrigen Evastöchter, gottlob!« dachte er vergnügt. Aber bevor er
den Leutnant näher ansah, trat er in sein Schlafkabinett, um gehorsam
einiges Spinngeweb von seiner Soutane zu bürsten.
Als er dann dem fremden Militär gegenüberstand, fand er gar keine
besondere Erscheinung in ihm, sondern nur seinen von früher her
wohlbekannten Neffen Heinz, den er freilich viele Jahre nicht mehr
gesehen hatte; seit seinem letzten Bubenbesuch war das Flüßchen etwa
achtmal zugefroren, ungerechnet die beiden warmen Winter, in denen
es zu keinem Eis gelangt hatte. Inzwischen war der junge Mann durch
verschiedene Lehren gelaufen, auch in Amerika gewesen, hatte schon
einen ordentlichen Vertrauensposten versehen und war nach dem Ausbruch
des Krieges als Heizer im Kohlenraum eines holländischen Schiffes
nach Deutschland zurückgekehrt, um als Reserveoffizier seinen Mann
zu stellen. Diese Absicht hatte er bereits so weit verwirklicht, daß
seine Brust beide Eiserne Kreuze und noch dazu zwei landesfürstliche
Auszeichnungen schmückten, und daß er in seinem Regiment als eine
»große Kanone« galt.
»Nun sieh mal an«, rief der Dechant dem gesunden und frischen Offizier
erfreut entgegen. »An dich habe ich gerade heute gedacht. Grüß Gott,
Heinz. Haben dich denn die Engländer wirklich am Leben gelassen? Daran
taten sie unklug, was ihr Interesse angeht, obwohl ich's sehr zu loben
weiß. Es scheint auch auf die Linde einen gewissen Eindruck zu machen.
Du kannst dir etwas darauf zugute tun, daß das Mädel ohne Kopf im
Garten herumschießt; es ist sonst das kapitalfesteste und kaltblütigste
Frauenzimmer, was das Mannsvolk angeht. Setz' dich, lieber Junge. Wirst
du ein paar Tage bei uns wohnen? Hoffentlich recht viele!«
»Na, wollen mal sehen, wie mir das Klima bekommt«, lachte der Krieger.
»Aber wer ist denn die Linde, wenn man in einem so frommen Haus nach
dergleichen fragen darf?«
»Nun, eins von euch scheint sich sehr verändert zu haben«, wunderte
sich der Dechant. »Aber sie sagte schon, du habest ein kurzes
Gedächtnis. Kennst du wirklich das kleine Mädchen nicht wieder, mit
dem du vor zehn Jahren hier in den Himbeerbüschen gehaust hast? Gott
erbarme sich, wie hat sich die Brigitt über euch erbost! Und wie kam
ihr nachher das Haus leer vor!«
»Wahrhaftig, sie erinnerte mich doch an sie«, wunderte sich nun auch
der Soldat. »Aber damals war sie strohblond und pumpelrund und hieß
Marie.«
»Ja, diese Veränderung ihres äußern Menschen ist auch eins von ihren
Geheimnissen«, nickte der Dechant ernsthaft bestätigend. »Was den Namen
angeht, so schrieb mir kurz nach eurem Besuch ihre Mutter, daß sie
ihn aus eigener Machtvollkommenheit geändert habe. Eines Tages sei sie
mit dunklen Augen aus dem Garten gekommen und habe erklärt, die Linde
sei ein sehr schöner und heiliger Baum, und sie wolle Linde heißen.
Nun sagte man ihr, die Mutter Gottes sei eine noch viel schönere und
heiligere Frau; warum sie denn nicht mehr Marie heißen wolle? Worauf
die merkwürdige Antwort kommt, Tante Klinger, ihre Patin, sei keine
schöne und keine heilige Frau und heiße auch Marie. Und dabei bleibt
sie. Auf den Vorhalt, Tante Marie werde sich beleidigt fühlen, schweigt
sie hinterhältig. Wirklich waren die beiden auch keine besonderen
Freunde; nun, das weißt du wohl selber, du hast der Linde bei manchem
Indianerstück gegen sie geholfen, als ihr alle gleichzeitig hier das
Haus unsicher machtet. Eine Zeitlang nannte man sie scherzhaft Linde,
um sie zu necken, wie das so geht in einer Familie, und dann blieb der
Name an ihr hängen. Er ist ein bißchen heidnisch, aber gar nicht roh,
da hat sie schon recht, und die Linde war von früh auf der Schirmbaum
der Mutter Gottes. Nun, du wirst noch mehr Wunderlichkeiten bei ihr
finden, wenn du dir die Zeit dazu nimmst.«
»Besondere Geschäfte hat sie seither körperlich nicht gemacht«, meinte
Heinz zweifelnd. »Damals war sie handfester. Nicht, daß sie eben elend
aussähe, aber ein bißchen unsolid für irdische junge Männer. Hat sie's
denn an der Lunge?«
»Muß es ein Mensch gleich irgendwo haben, wenn er zarter registriert
ist?« spottete der Dechant. »Sie hat einen empfindlichen Magen wie alle
Ekkarde; das ist alles. Dem einen fehlt's mehr an körperlichen Organen,
dem andern an geistigen. Es kommt alles auf die geheimen Reserven
an. Ihr seid ja eine ziegenfräßige Gesellschaft, muß ich sagen. Ich
dachte, ihr würdet etwas bescheidener aus dem Krieg heimkommen, aber
hochfahrender seid ihr geworden. Nun, Gott mit euch, ihr Galgenvögel!«
»Aber ich habe ja nichts gegen das Mädchen einzuwenden!« lachte der
junge Mann. »Gut, ich sage nicht unsolid, sondern zierlich. Für uns
läuft's auf dasselbe hinaus. Woran sollen wir uns halten? Vielleicht
hat uns der Krieg verdorben. In Frankreich gibt's wirklich hübsche
Weiber. Die unsern wollen mehr von innen genommen sein; das ist
zeitraubend. Ich glaube ja nicht besonders an diese Innerlichkeit; das
soll ein Ersatz sein für das mangelnde Temperament. Nun, wenigstens hat
sie Grazie; das ist schon etwas. Ist sie denn noch frei?«
»Jedenfalls bist du's«, sagte der Dechant doppelsinnig. »Wenigstens
gibst du dich so.« Doch war zu hören, daß er ihm wohlwollte, und der
Ermahnte hörte es.
»Ich bin jetzt eigentlich gar nicht zu Frechheiten aufgelegt«, bemerkte
er beinahe nachdenklich. »Mir ist eher sentimental zumut, elegisch
wegen dem Wiedersehen mit der Heimat und so weiter. Denn von der Heimat
hab' ich noch wenig gesichtet seit Amerika; ich kam doch gleich aus
dem Schiffsbauch in den Schützengraben. Aber was die Linde angeht,
so ist es mir nicht sicher, daß du wirklich weißt, was hinter ihr
steckt. -- Ach, die Väteruhr. Sie hat immer noch ihr Ewigkeitspendel.
Dann die braven deutschen Birkenmöbel. Die blauen Sessel. Mehr Blumen
sind da als früher; das ist wohl die Hand des Mädchens? Die dicken
Mottenvorhänge hat gewiß auch sie abgeschafft und Mullgardinen dafür
aufgehängt. Eine Art von Übertragung des Ewigweiblichen nach außen.
Zudem stehen sie besser zu den Birkenmöbeln und sind sogar stilreiner.
-- Tja, ihr habt eure Atmosphäre. Bei uns stinkt's nach Pulver und
Gas; aber einen gewissen Stil kann man auch uns nicht abstreiten. --
Hm, also das Mädchen. Wie sie da hereinkommt und mich zuerst sieht,
macht sie doch eine Bewegung, als ob sie mir geradeswegs in die Arme
laufen will. Die Heimat, denke ich, denn mir ist doch alles Heimat
hier, was mir in die Arme läuft, oder wem ich in die Arme laufen
kann. Im übrigen bin ich ein heimatloser Gesell, an dem schon die
ganze Nation Vaterstelle vertreten muß. Sohn des Volkes. Auch gut.
Also sie erkennt mich sofort, ich sie nicht. Das merkt sie denn und
bekommt auf den Schlag ein anderes Gesicht, ganz junge Dame und
ungeheuer reserviert. Was der Herr Leutnant wünsche. Und dann läßt
sie mich mit aller Dummheit stehen, und mir ist doch so hinter ihr
her, als hätt' ich etwas Rechts verpaßt. Derweil ist's nur eben grade
meine gewesene Spielschwester. Zu komisch, was so aus den Leuten
wird, wenn sie auseinander wachsen. -- Sag' mal, hat sich jener alte
Druck wiedergefunden, das Hohelied Salomonis, das Büchelchen mit den
kurzweiligen Bildern, das auf einmal verschwand? Es gehörte ja auch
nicht gerade in ein so gottseliges Milieu. Hast du wieder etwas davon
gehört oder gesehen?«
»Nein, das hat sich nicht wiedergefunden.«
»Glaubst du noch, daß die Klingse es geklaut hat?«
»Du meinst die Tante Marie. Das ist eine dunkle Sache. -- Wir sprechen
eben von eurer Klingse«, wandte er sich ernsthaft gegen die wieder
eintretende Jungfrau, die mit dem Geschirr für den Nachmittagstee kam.
»Der Name enthält beinahe ein Programm, nämlich eins des Unbehagens. Es
ist eine bittere Frau; Gott mache sie süßer. Heinz bringt mich darauf,
daß ihr damals vielleicht Unrecht geschehen ist.«
Sie streifte die Gegend des Offiziers mit einem halben Blick, um dann
das Teegeschirr abzustellen.
»Vielleicht«, sagte sie leicht errötend. »Hat dir der Herr Leutnant
Anhaltspunkte gegeben?«
»Anhaltspunkte? Nein, eigentlich nicht. Es ist mehr eine Gefühlssache.«
»Dann mußt du deinem Gefühl nachgehen.«
»Nun, der Handel hat doch seine Tragweite«, meinte er bedenklich.
»Habe ich ohne klare Beweise ihr unrecht gegeben und soll nun wieder
ohne klare Beweise mir unrecht geben? Solche Dinge werden mit den
Jahren schwerer beweglich; vollends Gefühlen nachzugehen, wird man
fortgesetzt mißtrauischer.«
»Na, diese liebe Verwandte ist auch wirklich kein besonders
begeisternder Mensch«, warf Heinz lachend ein. »Seid froh, daß ihr sie
los seid. Ihr tut ja so, als ob ihr euch nach der Möglichkeit sehntet,
euch wieder einmal recht ausbündig zu ärgern und euch am Leben stören
zu lassen.«
Wenn Heinz mit der Bemerkung bezweckt hatte, Lindes Augen auf sich zu
ziehen, so erlebte er jetzt allerdings einen Erfolg, aber nicht in der
gewünschten Richtung. Sie wandte sich einigermaßen fragend nach ihm um
und dann mit bemerklicher Würde ihrem Oheim zu.
»Kannst du den Herrn nicht veranlassen, wenn er mit dir so gut bekannt
ist, sich auch mir vorzustellen?« erkundigte sie sich, vom Kopf bis zu
den Füßen eine einzige Verwunderung. »Vorher möchte ich mich nicht auf
ein so ernstes Thema mit ihm einlassen.«
»Donnerwetter!« sagte der Soldat verblüfft und erhob sich, um ihr eine
halb scherzhafte, halb verlegene Verbeugung zu machen. »Verzeihung,
Heinz Ekkart. Die junge Dame hat sich etwas unerwartet entwickelt,
darum erkannte ich sie nicht gleich wieder -- wenigstens nicht mit den
Augen, wenn auch das Gefühl sprach.«
»Dann mag's weitersprechen«, erwiderte sie, noch wenig besänftigt.
»Aber was die Tante Marie angeht, so weiß man entweder nichts
Besonderes und läßt die peinliche Sache auf sich beruhen, oder man weiß
und findet dann für seinen Anteil etwas warmherzigere Ausdrücke. Vor
dem Unfrieden der Tante Marie habe ich keine Angst, aber schwerer weiß
ich mich mit wirklichem Unrecht abzufinden. Lieber Onkel, ich glaube,
wir sind uns allen nun etwas Großmut schuldig und müssen Tante Marie
bitten, uns auf ein paar Wochen zu besuchen.«
Dabei blieb sie, und keine Einrede, auch nicht des nun völlig
verdutzten Leutnants, brachte sie davon ab. Der Dechant suchte sich
noch eine Weile zu entziehen, denn wenn Linde behauptete, keine Angst
zu haben vor dem Unfrieden der Tante Marie, so hatte er um so mehr;
die zehn Jahre, in denen er seine Schwägerin nicht mehr gesehen hatte,
dünkten ihn besonders friedlich und ungestört. Aber über diese Sache
gab Linde noch eine besondere Ansicht ab.
»Wenn ich einen wirklich schlimmen Verwandten hätte, einen Verbrecher
zum Beispiel, so müßte ich auch meinen Verwandtenanteil an seinem
Verbrechen tragen. Hier handelt es sich, wie du selber sagst, um eine
Unglückliche; darf man sich von einem Unglück ausschließen?«
»Das Unglück ist nicht direkt mit uns verwandt«, wendete der Dechant
ein. »Es ist angeheiratet.«
»Da muß es doch irgendwie verwandt sein, wenn es ein Verwandter von uns
geheiratet hat, sonst hätte er es eben nicht geheiratet.«
»Es ist ja gar nicht gesagt«, versuchte sich der Leutnant wieder, »daß
ihr etwas daran liegt, euch wiederzusehen. Diese Dummheit hat sie
sicher längst vergessen. Vielleicht ist es ihr gerade so wohl bei der
Trennung wie euch.«
»Mir ist nicht wohl dabei«, sagte Linde streng und sichtlich verstimmt.
»Ich kann mich auch nicht erinnern, daß es damals auf Dummheiten
abgesehen gewesen wäre, wenigstens konnte ich es die ganze Zeit nicht
so auffassen. -- Will sie aber nicht kommen, so haben wir wenigstens
das unsrige getan.«
»Verzeihung, aber das sieht doch verflucht nach Selbstkasteiung aus«,
platzte der Soldat nun heraus. »Das läßt sich ja alles brieflich
erledigen. ›Liebe Tante, Dir ist Unrecht geschehen. Wir haben's heute
miteinander ausgeknobelt. Willst Du's in der Zeitung lesen, so setzen
wir's hinein. Wie immer Deine und so weiter.‹ Aber im übrigen kann ich
euch vor dieser Frau nur warnen; das ist keine Gesellschaft für euch.«
»Aber du bist eine Gesellschaft für uns?« fragte Linde mit
aufblitzenden Augen und nun ein wenig lachend. »Du kannst nur einen
guten Einfluß ausüben, keinen beunruhigenden und aufstörenden. Nun,
auch das muß sich weisen.«
»Wieviel Zeit willst du mir dazu bewilligen?«
»Keinen Tag länger, als bis wir darüber ins klare gekommen sind.«
»Dann will ich mich nur mit meinen Erklärungen vorsehen«, meinte er
doppelsinnig. »Angenehme Bekanntschaften, besonders weibliche, soll man
nicht durch solche Demonstrationen abkürzen.«
»Ich glaube kaum, daß du dir das Leben durch sie schon sehr verbittert
hast; wenigstens siehst du nicht so aus.«
»Nun, du siehst auch nicht aus, als ob du deine Rechnung sehr darauf
gesetzt hättest«, wandte er den Spott in einen Lobspruch. »Wenigstens
ist mir noch kein Mädchen vorgekommen, das es so gut ohne den Mann zu
machen weiß.«
»Du weißt viel«, spottete sie errötend. »Ist erst fünf Minuten im Haus
und hat schon alles weg.«
»Nun also, da habt ihr ja wieder Bekanntschaft gemacht«, schloß der
Dechant diese Auseinandersetzung. »Was dann die Tante Marie angebt,
so will ich dir die Angelegenheit in die Hände legen. Ladest du sie
ein, so will ich mich darein schicken. Wenn nicht, dann ist's nicht
nötig, und ich kann beruhigt sein. Und jetzt will ich eine ordentliche
Begrüßung unter dem jungen Volk sehen. Der Mann kommt aus dem Feld und
hat Ansprüche zu machen.«
Das war nicht ganz gegen Lindes Meinung gesprochen. »Wir werden ihm
nichts schuldig bleiben, was ihm zusteht«, sagte sie nun freundlich
lächelnd und ging ihm mit dargebotener Hand entgegen. »Ich hatte mich
viel um dich geängstigt und bin froh, daß du heil dastehst. Du selber,
nicht?« fügte sie scherzhaft hinzu, um eine Verlegenheit zu verbergen.
»Ich kann mir's vorstellen. Was werdet ihr so über uns Schwätzer und
ofenwarmes Stubenvolk denken? Man sollte uns wirklich so lange den Mund
zubinden, denn was Gescheites kommt doch nicht heraus. Wie ist's dir
jetzt, da du das Ganze so weit hinter dir hast?«
»Gar nicht besonders«, kopfschüttelte er. »Wie soll mir sein? Ich
bin doch im Schützengraben jetzt heimischer als in der Heimat. Hier
kenne ich mich schwer aus. Wenn ich so sehe, wie hier eine friedliche
Menschheit sich weiter dem kleinen Handel und Wandel nachtreibt,
so ist's mir direkt, als ob ich in den Traum eines andern Menschen
hineinguckte. Ich will ja nichts gegen den Frieden sagen, aber ich
verstehe nicht mehr, wie ich früher gelebt habe, ohne vor Langeweile
einfach einzugehen. Seht doch unsre Kerls an, was die für Farbe und
Wucht bekommen haben. Weltgeschichtliche Haltung haben sie. Das gibt's
im Frieden nicht. Jetzt bin ich schon vier Tage schlafen gegangen,
ohne wenigstens einen Engländer hinter der Schießscharte weggeblasen
zu haben. Das kann man nämlich genau kontrollieren. Wenn man abdrückt,
und es fliegen gleich darauf zwei Hände in die Höhe, so weiß man
Bescheid. Geradezu komisch ist das manchmal. Wie in der Schießbude.
Ich hab' ja sonst mit dem Gewehr nichts zu tun, aber man will doch
eine Unterhaltung haben, wenn nicht was Besonderes los ist. Diese
Englishmen liebe ich geradezu; sie sind so kolossal zuverlässig.
Sich nun vorzustellen, daß eines Tages der Friede ausbricht und
die ganzen interessanten Beziehungen plötzlich aufhören sollen --
lächerlich. Wirklich lächerlich. Manchmal ist's geradezu eine Panik.
Na, vorläufig sind wir ja noch für 'ne Weile sicher. Tja, Mariechen,
so ist das Leben. Auf welcher Seite der Hund in den Dreck fliegt, auf
der wird er schmutzig. Zu schnurrige Leutchen seid ihr da in eurem
Biedermeierzimmer aus Birke und mit den alten Großmuttertassen und
-kännchen, dem ernsthaften Familiensofa und den Bildern von längst
verstorbenen Verwandten an den Wänden. Na, immerhin will ich dafür
sorgen, daß ihr beizeiten auch eins von mir bekommt; es muß sich da
nicht übel hängen. Und so rahmt uns, wenn wir tot sind, und verwöhnt
uns, derweil wir leben. Seid recht nett zu uns, besonders ihr Mädchen,
so nett ihr könnt sogar, nämlich solang ihr uns habt. Wollen sehen,
Kusinchen, was du in dieser Richtung leisten kannst.«
Linde hatte diesen kriegerischen Ausführungen mit erst vergrößerten und
dann vertieften Augen zugehört, und nach und nach war ihr eine Röte der
Anteilnahme oder der Erregung in die Wangen gestiegen. Denn indem sie
diesen hübschen jungen Menschen mit den roten Lippen und den blauen,
kühnen Westfalenaugen betrachtete, wußte sie nicht, was bei ihm größer
war, seine Grausamkeit oder seine Unschuld, sein Selbstbewußtsein oder
die einfache Bescheidenheit, mit der er in einer einmal gestellten
Aufgabe aufging, und wenn sie noch so dumpf oder fürchterlich war.
Indem sie ihn dann inmitten einer Welt von Leid und Jammer interessiert
und munter tätig an seinem Schießstand erblickte, seiner Mutter, seiner
Kindheit und seiner eigenen Sterblichkeit vergessend, so überkam sie
ein so heißes Mitleid mit seiner lebendigen Seele, daß sie ihm nicht
anders antworten konnte, als mit ergriffenem Gefühl:
»Du armer, armer Mensch!«
Seine Verblüffung über diesen Eindruck war ziemlich groß. Sonst war er
gewöhnt, daß ihn die Mädchen bei solchen Reden bewundernd und in allem
Grausen vor seiner hartherzigen Kriegerbrust gerade nach dieser als
nach einem verläßlichen Fels verlangend ansahen, und daß er dann nur
seine Wahl zu treffen und keine andere Sorge zu haben brauchte, als
daß er nicht neben die Rechte griff. Er hätte es auch noch verstanden,
wenn Linde eine Lebensbetrachtung wie die geäußerte schroff abgewiesen
oder verspottet hätte, ohne darum von seiner Selbstbewunderung etwas
aufgeben zu müssen. Aber daß etwas Bedauernswertes an ihm sei, das war
ihm bisher weder von jemand gesagt worden, noch vollends von selber
eingefallen. Ganz verdutzt von dem Wort machte er: »Nanu? Wieso denn?«
und schlug eine verlegene Lache auf, da aber niemand mitlachte, Linde
auch offenbar zu weitern Auskünften nicht bereit war, so gab er's
achselzuckend auf.
»Ihr seid wohl immer noch die alte seltsame Gesellschaft!« meinte er
gutgelaunt. »Also gut, bedaure mich; es soll mir auch recht sein. Warum
hast du mich eigentlich noch nicht gefragt, weshalb ich keinen Degen
trage, sondern ein gewöhnliches Seitengewehr? Das wollen sonst alle
Mädchen wissen. Den Degen braucht man nämlich im Schützengrabenkrieg
nicht. Er kommt einem höchstens zwischen die Beine und macht einen
stürzen, oder er verrät einen bei den gegnerischen Schützen, die auf
Offiziere besonders erpicht sind. Und dann ist das Seitengewehr eine
ganz gute Handwaffe, nicht zu verachten. Hat mir schon einigemal
gute Dienste geleistet. Sonst« -- er sagte es mit einem einfachen
und liebenswürdigen Lächeln -- »sonst säßen wir hier nicht so hübsch
beisammen.«
Dem Dechanten wurden die Augen trübe. »Du stehst etwas tief im Blut,
mein Junge!« sagte er ernst. »Ich weiß nicht, ob die Heimat so viel von
dir verlangt.«
»Was denn? Krieg ist Krieg. Was soll die Heimat verlangen? Ich
vergesse meinen Ersten meiner Lebtage nicht. Es war ein netter junger
Englishman. Höchstens neunzehn Jahre. Er sah mich mit ganz großen,
erstaunten Augen an, ein bißchen vorwurfsvoll und traurig. Ein paar
Tage lief's mir doch nach. Das zweitemal sah ich nicht lange hin; das
ist viel besser. Und dann -- heute dir, morgen mir. Da hilft schon
nichts.«
»Die Liebe würde helfen. Aber wer hört heute darauf? Obwohl keiner im
Grund seines Herzens nach etwas anderem verlangt. Kannst du während
solcher -- Vorgänge oder gleich nachher an Jesus Christus denken?«
»Na, dazu ist er wohl auch nicht da!« meinte der Soldat verdutzt.
»Daran denkt wahrscheinlich immer nur der, den's trifft. Und da es
nacheinander alle trifft, wenn's nur lang genug dauert, so -- tja, das
ist noch eine Vorstellung. Thema für eine Predigt, lieber Onkel. Aha,
da kommt die Brigitt mit dem Kaffee. Grüß Gott, alte Dame. Obwohl sie
kein bißchen älter geworden ist die Jahre durch, das muß wahr sein.
Nicht einmal den Rücken beugt sie tiefer. Schade, daß nun so was keinen
Jungen dastehen hat. Das kommt von der übergroßen Keuschheit. Man
sollte alles mit Maß treiben, meinst du nicht auch, Brigitt?«
»Du übertreibst die Keuschheit jedenfalls nicht«, erwiderte die alte
Person halb erbost, halb lachend. »Die Mäuler, die die jungen Herren
aus dem Krieg heimbringen, sind schlimm genug, aber sie sind immer noch
nicht das Schlimmste an ihnen. Gott bessere sie zeitig, sonst wird's
bald zu spät sein.«
»Amen!« sagte Heinz. »Aber du mußt zugeben, daß manchmal auch ganz
brave Dinge von uns verrichtet werden. Nicht?«
»Wenn ihr nachher im Frieden halb so große Kerle seid, so will ich
euch loben«, meinte sie vorsichtig. »Ich habe gefunden, daß manchmal
mehr Mut dazu gehört, seinen Gott zu bekennen, als einen auf Kommando
totzuschlagen. Warst du verwundet? Nein? So wird's Zeit dazu, daß du
endlich wieder zum Denken kommst. Siehst gut aus. Na, Gott mit dir.«
Mit diesen Worten ließ sie ihn und ging aus der Tür, geradeso gemessen,
aufrecht und gesammelt, wie es einer alten Frau in ihrer Stellung
und mit ihren Lebensgewohnheiten zukam. Übrigens trug sie ein blaues
Waschkleid von hessischem Leinen, das ihren tüchtigen Rücken fest
umspannte, aber weit um die Hüften und Beine fiel, und starke schwarze
Lederpantoffeln, mit denen sie bei jedem Schritt den Rocksaum hinten
etwas in die Höhe stieß. Diese erlaubte sie sich seit etwa zwei Jahren,
weil ihre alten Füße hohe Schuhe nicht mehr gut vertrugen; in der
Kirche mußten sie's freilich dennoch.
Übrigens war Bob mit dem jungen Mädchen ins Zimmer gekommen, hatte den
Soldaten berochen und mit einem Blick auf Linde mitgeteilt, daß man
ihn anerkennen könne, und darauf seinen Platz auf dem Fensterbrett
aufgesucht, um von dort aus den Zuzug oder Durchgang fremder Hunde
auf dem Domplatz zu bewachen. Jetzt rief ihn Brigitt, um mit ihm
auszugehen. Er wedelte einen kurzen Abschied und fuhr aus der Tür.
Zweites Kapitel
Linde entwickelt sich. Ein Soldat bekommt Zweifel und löst sie
praktisch. Die Tante tritt an
In der Folge sah niemand einen Grund, verhindern zu sollen, daß die
beiden jungen Leute wieder so gute Freunde wurden, wie sie vorher
gewesen waren, auch nicht die alte Brigitt, obwohl nach ihrer Meinung
der junge Soldat es mit der Keuschheit nicht genau nahm, aber Linde
wußte sie in guter Hut, denn sie ging mit den Engeln schwesterlich
um. So wandelte diese denn mit ihrem frühen Jugendgespielen und ihren
spätern Schutzgeistern die Gartenwege des Dechanten auf und ab und
nachher, als sie etwas kühnlicher wurde, auch die Gassen und Stiege der
alten kleinen Heiligenstadt, vergaß bald ihre Engel über dem Soldaten
und bald den Soldaten über den seligen Geistern, die ihr zuflüsterten,
aber doch immer etwas häufiger und länger die Engel. Die Engel konnte
sie auch wirklich nachher, wenn der Soldat weg war, wieder genug haben,
aber den Jugendgespielen hatte sie bloß vier oder sechs Tage, je
nachdem es ihm bei ihr gefiel. Sie legte es nicht geradeheraus, doch
still besorgt und mit gütigem Herzen darauf an, daß es ihm jedenfalls
nicht mißzufallen brauchte, zündete jeden Morgen in ihren ernsten Augen
ein neues Lichtchen an und manchmal auch schon abends, wenn sie mit der
Überzeugung ins Bett stieg, daß er in gar keinem Fall ein schlechter
Mensch sei und in diesem und jenem ihr sogar den Eindruck eines lieben
und von Gemüt wahrhaft freundlichen Knaben gemacht habe, gottlob, denn
das Gegenteil hätte ihr leid getan. Sie trug sogar nach und nach ein
wenig frische Farbe auf ihren Wangen und Lippen auf, nicht mit dem
Pinsel, sondern mit dem holden Engelsfinger der erlaubten Lebensfreude
und auch nicht zu hastig, aber immerhin so beseelt aus ihrem dankbaren
Sinn heraus, daß er es merkte und sie den Tag über manchmal daraufhin
ansah.
Es ging von ihrer tiefen Gehaltenheit etwas auf den irdischen jungen
Mann über, das ihn ergriff und rührte. Manchmal meinte er, es sei ihre
zarte Gesundheit, dann glaubte er, es komme von dem musikalischen
Seraphim, der in ihrer Stimme wohnte, dann von dem besondern aus sich
seligen Strahl, der oft aus ihren blauen Augen brach, und wiederum
schien es ihm, die Wirkung rühre her von Qualitäten und innerlichen
Kräften, die ihm zur Zeit und vielleicht für immer verborgen bleiben
müßten, denn er war ein Weltkind, aber sie ein Kind Gottes und nicht
nur dem Geist nach. Wenn er ihre reinen, langen Hände betrachtete
mit den leichten und vornehmen Fingern, die sowenig von sich selber
wußten, ihre fromme Stirn, hinter der neben aller Erdenklugheit so
unirdische Gedanken wuchsen, und die ganze freundliche Gestalt auf
dem feinen Knochengerüst, die ihm, dem gesunden Soldaten, doch eher
hinfällig als stark erschien, soviel Federkraft und Leistungsfähigkeit
sie auch sonst entwickelte, so überkam ihn ebensooft etwas wie Sorge,
daß sie am nächsten Morgen etwa plötzlich nicht mehr da sein könnte,
wie Verwunderung darüber, daß sie's dann doch immer wieder war, sich
nie auf müden Stimmungen oder Abwesenheiten ertappen ließ und neben
allen gemeinsamen Jugenderinnerungen, die er vergessen hatte, noch so
mancherlei Einfälle und Reize aufbrachte, die zu seiner Sinnlichkeit
sprachen und offenkundig aus Sinnlichkeit kamen, so daß ihm schließlich
nichts anderes übrigblieb, als sie auf eine wachsame und etwas
verlegene Art zu verehren und ohne vieles Gefrage zu nehmen, was sie
ihm bot, und wie sie's bot.
Darüber hinaus mußte er zugeben, daß aus dem Mädel von einst in der
Tat ein vollgültiges Fräulein geworden war, mit dem man sich sehen
lassen konnte, und das jeden zur Aufmerksamkeit reizte, sobald sie
den Mund auftat, manchmal sogar schon vorher, wenn sie lächelte oder
nachdenklich den Kopf neigte. Immer sah sie aus wie jemand, der sich
etwas denkt oder dies und das schon selber erfahren hat, und wo sie
hinkam, da verbreitete sie Vertrauen um sich. Immer häufiger wurden
auch die Momente, in denen er sie geradezu reizend fand. Sie, Weib
genug, um das zu merken und zwar sofort, freute sich darüber, gab
errötend ein weiteres Stück ihres scheuen Jungfernwesens heraus,
das er dann sofort ebenfalls bewunderte, und so kam es, daß sie in
Wahrheit in kurzer Zeit derart an Lieblichkeit und Weibergut von Gottes
Gnaden zunahm, daß es auch die andern Leute merkten und man sie sogar
damit necken konnte. Das besorgte der Dechant, der als ein erfahrener
Freund aller Schönheit das Auge dafür hatte. Ihm schien sie ein Stück
wiedererstandene leibhafte Gotik, und manchmal war es ihm, als müsse er
in seinem Münster oder im Schuppen, wohin er seine Figuren und Bilder
während der Renovation untergebracht hatte, nachsehen, ob ihm nicht
eine aus einem Rahmen oder von einem Sockel verschwunden sei. Denn
um falschen Vorstellungen zu begegnen, so fehlte ihr keine von allen
Leibesliebenswürdigkeiten, die auch die wundersamsten Gestalten der
Gotik an sich hervorbringen, und die das Auge des liebefähigen Mannes
je nachdem mit melodiöser Sehnsucht oder mit Formen- und Linienglück
erfüllen. Die der beredeten Männer füllte sie nun mit Glück, zumal sie
einiges von ihrer gottseligen Strenge aufgab und jetzt mehr geneigt
war, die Natur reden zu lassen, als den Geist der reinen Lehre. Die
alte Brigitt sah vieles und dachte sich, was zu denken war, aber sie
sagte nichts, dagegen lebte sie manches in ihrer alten Seele mit, wie
Mütter bei ihren Töchtern zu tun pflegen. War sie nicht Lindes Mutter,
so fühlte sie sich doch so, da sie's aber trotzdem nicht war, so ergab
sich als Effekt der mütterlichen Veranstaltung bei ihr eine gewisse
altmädchenhafte Verweltlichung auf eigene Rechnung. Es war ihr wichtig,
daß die schöne und stille Zeit nicht durch »Unflätigkeiten« von ihrer
Seite, durch »Schmutzereien« und »Liederlichkeiten« gestört und der
Jüngling vielleicht durch sie verstimmt oder gar vertrieben würde.
Nicht daß sie ihm um den Bart ging, dazu besaß sie schon nicht das
Temperament, sondern wenn sich die Gelegenheit bot, sein Großmannstum
ein wenig zu ducken und ihm seine sittliche Minderwertigkeit zu Gemüt
zu bringen, da versäumte sie nichts, dagegen setzte sie zeitweise
allerlei alte Garderobe außer Gebrauch und erschien in neueren,
hübscheren Sachen, und schließlich dachte sie auch, daß man sich an
ihren Pantoffeln stoßen müsse, und zog wieder Schnürstiefel an. Da sie
aber um den Abend gar zu mühselig daherhumpelte, wurde Linde darauf
aufmerksam und verbot ihr die Hoffart. Brigitt gehorchte dankbar, und
die Stiefel wurden wieder nur dem lieben Gott geweiht.
Der Garten fiel mit seinen Büschen und Bäumen steil zwischen alten
Mauern zum Bach hinab; man beging ihn meistens auf Treppen außer den
Querwegen, auf die die hängenden Beete stießen, und den Rasenplätzen,
auf die man sich setzen konnte, um zu träumen oder nach Gefallen
zu wachen. Die jungen Menschen taten immer beides durcheinander.
Die Zwetschen waren reif und sahen amethystblau aus dem grünen Laub
hervor. Heinz half Linde schütteln und auflesen. Dann half sie ihm
Gravensteineräpfel pflücken und einbringen. Einmal wollten sie auch
der alten Brigitt bei ihrer Gemüseernte zur Hand gehen, aber sie war
sehr kurz und hieß sie ihre eigenen Wege suchen. Das taten sie denn
auch, etwas verlegen über die behördliche Erlaubnis und zufrieden über
die Möglichkeiten, die sie ihnen eröffnete. Es stellte sich heraus,
daß Heinz in der Fremde manches von dem alten Städtchen vergessen
hatte. Was er sich am wenigsten verzeihen konnte, war, daß er das Stück
Stadtmauer und den runden Turm nicht mehr gewußt hatte, woran der
Garten Anstößer war. Dort standen große, ehrbare Holunderbüsche. Auch
den reifen Holunder pflückten sie miteinander; Brigitt kochte Suppe
davon, und den Rest machte sie ein. Heinz holte eine Leiter herbei, und
sie stiegen nacheinander zum Turmloch hinauf, um zu sehen, ob Eulen
drin säßen. Sie fanden ihrer vier, aber Linde erlaubte nicht, daß Heinz
sie ängstigte. Inzwischen litten sie ohne das schon genug Angst.
Mit dem Dechanten gingen sie manchmal den Fortgang der Kirchenarbeit
besehen. Das hübsche gotische Sakramentshäuschen war eben wieder
von den Gerüsten frei geworden und stieg nun mit seinen Säulchen
und Blumen so rein und leicht wie der Liebesseufzer einer frommen
Jungfrau zur Wölbung des Mittelschiffes hinan. Die Ehrfurcht und das
religiöse Grundgefühl, aus denen der ganze ernste Bau gewachsen war,
vermochten freilich auch die Steinhobel und Hebeisen der Maurer nicht
aus den sonst entkleideten Bogengängen zu vertreiben; sie wallten mit
dem Staub und den Sonnenstrahlen feierlich in alter Weise vor den
farbigen hohen Fenstern auf und ab und umdämmerten unerfaßlich und mit
dem Charakter der Ewigkeit das ewige Licht, das uns die Wiederkehr
des göttlichen Menschen und des menschlichen Gottes verspricht. Der
Dechant beklagte sich bei Heinz darüber, daß auch Linde im geheimen an
seiner Frömmigkeit zweifle, weil er den notwendigen Mut gefunden habe,
mit Schaufel und Karre in das geweihte Lokal einzuziehen, aber Linde
hatte heute nicht genug strenge Heiligkeit im Leib, um dies Thema zu
spinnen, und wich ihm aus. Heinz sprach ganz weltlich von dem Bedürfnis
eines alten Gebäudes nach Pflege und immerwährender Fürsorge keinem
ganz zur Zufriedenheit und keinem geradehin zum Unbehagen; sie spürten
beide, daß er ihnen zu Gefallen auf fremde und ihm gleichgültige Dinge
einging, und so ließ auch der Dechant den Gegenstand fallen. Als er
aber seinen Neffen in sein kleines Museum führte, wo die aufgefundenen
heiligen Geräte und Gegenstände sich wieder ans Tageslicht gewöhnten,
hatte der moderne Soldat ganz ordentlich mit der seltsamen Empfindung
zu schaffen, die uns immer überkommt, wo wir einen leibhaften Zeugen
von mehr theoretisch bekannten alten Historien vor die Augen bekommen.
Eine persönliche Verwirrung hatte Linde mit sich selber abzumachen. Am
zweiten oder dritten Tag, als Heinz noch nicht wieder ganz vertraut mit
ihr war und auch schon nicht mehr ganz unvertraut, hatte er in der Nähe
des Mauerzahns ein kurzes Gespräch mit ihr. Was diese Ruine angeht,
so kann man sagen, daß Heinz sich von ihr allgemein und besonders
angezogen zu fühlen schien, während Linde sie lieber umging und, in
ihrer Nähe angekommen, stets Zeichen von Unruhe und Befangenheit gab,
die Heinz eher zu vermehren Lust hatte als zu vermindern. Als sie sogar
einmal errötete, sprach er sie mit etwas spöttisch verzogenen Lippen
darüber an.
»Wie ist das nun eigentlich?« sagte er andeutend mit einer Kopfbewegung
nach der Mauer. »Alles beim alten? Konservativ wie immer? Oder in aller
Stille in Ordnung gebracht? Zwar dann hätte ich etwas davon gehört. Wie
steht's?«
»Wie soll's stehen?« erwiderte sie mit weggewandtem Blick. »Frage dich
selber.«
»Also noch beim alten. Bewahrte Erinnerung. Sag mal, warum weiß
er nichts davon? Das ist doch unter Umständen inzwischen eine
Gewissensfrage geworden, wenn man bedenkt, wie er daran hing. Hast du's
wenigstens gebeichtet?«
»Nein.«
»Nun seht einmal dies verstockte Herzchen an. Nicht einmal gebeichtet
hat sie's. Und hast immer nett und gut die Kommunion mitgemacht mit der
ungebeichteten Sünde im Gewissen? Du, wie machst du das dem lieben
Gott plausibel?«
»Wieso ist das jetzt eine Sünde?« fragte sie unzufrieden. »Als du
kamst, war's noch eine Dummheit.«
»Nun, was denn ist's? Also ein gutes Werk! Na, die Bilderchen waren ja
wirklich etwas drastisch. Wenn du's ehrlich und fest dafür ansiehst,
so mag's angehen, obwohl du neulich nicht danach gesprochen hast und
augenblicklich auch nicht danach dreinsiehst. Es ist dir ins Gewissen
gewachsen, und du hast dich schon ordentlich tief darein verstrickt.«
»Ich konnte nichts tun, solange ich mich nicht mit dir verständigt
hatte. Wir haben doch gemeinsam daran teil.« Diese Worte sagte sie
beinahe heftig, aus einer Erregung heraus, aus der Heinz die jahrelange
Spannung zu vernehmen glaubte.
»Haben wir?« fragte er aufmerksam. »Überlege dir das noch einmal,
Mariechen. Haben wir nicht, so fällst du zwar dem Gericht deines
Gewissens und so weiter unters Urteil, aber du hast's doch nur mit
der höhern Macht zu tun. Haben wir aber, so bist du in der Hand eines
Menschen gegeben, und ich bin nicht immer sauber. Siehst du nun, wohin
solche Kinderstreiche führen, wenn man sie konserviert? Ach, ihr
Leutchen da in der Heimat, wie seid ihr so deutsch und so tiefsinnig
und so gewissenhaft. Und so gar nicht amerikanisch! Warum hast du nicht
einen guten Sport draus gemacht und ›es‹ ihm ganz einfach eines Tages
gesagt, ihm zum Geburtstag die Schwarte stillvergnügt auf den Tisch
gelegt? Du konntest ja die Schuld auf mich schieben.«
»Ich sagte dir schon, daß wir das zusammen besitzen.«
»Ach, besitzen. Ich besitze gar nichts, Mariechen, außer wenn ich damit
etwas anfangen kann zu meinem Vorteil oder zu meinem Vergnügen. Werde
ich also eine Erinnerung besitzen? Rechne einmal. Aber wenn ich heute
oder morgen mit diesem Handel Ernst mache, so werde ich dich besitzen,
das ist das Lange und Breite. Wie willst du mir nun eine Sünde
verreden, wenn ich Lust dazu bekomme, nachdem ich dich selber in einer
bis an die kleinen hübschen Ohren sitzen gefunden habe? Ich will mich
noch besinnen, ob ich dich herausziehen werde. Es kommt alles darauf
an, ob ich dich reizend finden werde oder nicht. Sei also Weib oder
Betschwester, was dir besser vorkommt. Danach wird sich alles richten.«
Sie sagte nichts mehr dazu, da sie außerdem einsah, daß mit Worten hier
wenig zu richten war. Dagegen schien es dem weltlichen Vetter bald, daß
Linde sich dafür entschieden habe, Weib zu sein, und das bereitete ihm
unter allen andern die größte Überraschung, ja beinahe eine Art von
Bestürzung, denn was sollte er mit einer solchen Beute machen, wenn sie
ihm in die Hand fiel? Das war doch kein landläufiges Liebchen, sondern
eine Jungfer mit Beziehungen und Qualitäten, und zur Hälfte gehörte sie
sogar schon dem Himmel; mit dem trat er aber am allerwenigsten gern
in Konkurrenz. Es wurde ihm immer gewisser, daß sie ziemlich genau
wußte, was sie tat, und welchen Weg es mit ihr nahm, ebenso, daß sie
anderseits der Entwicklung selber rat- und hilflos gegenüberstand,
ohne die Möglichkeiten, sich dagegen zu wehren, weil im Grund alles
seltsame, gefährliche und liebliche Wesen aus ihrem heimlichsten Blut
erblühte. Bedachte er dann diese ihre Zwangsläufigkeit, so fühlte er
beinahe Mitleid mit ihr. Etwas Gefährlicheres konnte er gar nicht
fühlen, denn es weckte zu gleicher Zeit seine Begehrlichkeit und
Abenteuerlust, und sein Blut trieb sich bunt schäumend und voller
Mannesträume durch seine Adern, aber es machte ihm auch schwermütige
Stunden und einsame Nächte voll Furcht und Grillen, für einen jungen
Mann mit einer so handlichen Philosophie recht seltsame Stimmungen und
Gemütszustände. Bei jeder andern hätte er sich auf den Kopf zugesagt,
daß er verliebt sei, und keine andern Folgerungen daraus gezogen, als
daß man nun eben suchen müsse, ihrer habhaft zu werden. Und dann
hätte er sie erwischt, oder sie wäre ihm entwischt, und er hätte sich
in jedem Fall mit verschärftem Appetit nach der nächsten umgesehen.
Daß hier sein lohnender Turnus so peinlich gestört war, wollte ihm am
allerwenigsten gefallen, und manchmal dachte er verärgert: Laß doch das
ganze preziöse Persönchen zum Teufel gehen oder in den Himmel fahren,
und sieh, daß du noch ungeschoren davonkommst, ein honetter junger
Mann, der du bist. Aber dann mußte ihm nur einfallen, wie sie sich
drehte, oder wie ihre Stimme klang, so war es um den ganzen honetten
jungen Mann wieder geschehen und war er entschlossen, sich weiter
scheren zu lassen. Was in dieser Schur fiel, das waren seine sündigen
blonden Locken, und es wäre eine unnötige Gewalttätigkeit, behaupten
zu wollen, daß er diesem leisen Schneefall der Eitelkeit nicht mit der
allertiefsten Wehmut beigewohnt habe.
Indessen hatte diese Art von Leben für ihn auch angenehme, ja schöne
Stunden. Wenn er mit dem zutraulichen Kind, zu dem sie aus einer
wachsamen Jüngerin der Gottseligkeit geworden war, die steilen Gassen
und Treppen der alten Stadt auf und ab stieg und in seinem Gemüt
wie in einem Brennglas der Hoffart alle Ehrungen einfing, die ihm
zuflogen, teils als Begleiter einer so geehrten und frommen Jungfer und
andernteils doch auch aus eigenen Verdiensten, nämlich als Besitzer
und Träger beider Eiserner Kreuze und von zwei kleinen Fürstenorden
dazu, so fand er die hessischen Giebelhäuser, die bunt und quer auf
seine moderne Existenz herabsahen, genau so originell und hübsch, wie
Linde es wünschte, und er sprach nicht einmal davon, daß es drinnen
doch recht niedrige und enge Buden habe. Und tatsächlich schwebte
auch soviel silbernes Gespinst nicht nur des Herbstes, sondern auch
der Geschichte in der Luft, hing an Giebeln und Türmchen, machte die
Brunnen heimlich und die Plätze weise wie alte Bücher, daß es ihm oft
war, als habe er sich aus seinem fortgeschrittenen Jahrhundert in
irgendeine mittelalterliche Epoche verirrt, und dann war er seiner
unentwegten Begleiterin dankbar, daß sie mit ihrer zeitgenössischen
Figur ihn wieder mit der berühmten Gegenwart verband, in der er zu
Hause war, und die er kannte wie seine Hosentasche, wenigstens glaubte
er's. So erlebte er sie jedesmal in einer neuen Beziehung, und die
Hauptsache: er erlebte und fühlte sie unausgesetzt, ob er wollte oder
nicht. Sie beschäftigte seine Gedanken und Sinne und war auf lange
Striche der einzige Mensch, der ihn nicht bloß mit dem Augenblick,
sondern mit der ganzen weiten Welt und selbst mit dem hohen geneigten
Schöpfer verband. Hatte er seine altkluge Nase nicht oben zwischen den
Fenstern und Erkern der engen Bürgerhäuser, so waren sie sicher bei
ihren kleinen Mädchenfüßen, die sie immer so flink und wohlgemut unter
ihren Rocksäumen hervorbrachte und so eigensinnig fest aufs Pflaster
setzte. Redete sie einmal ein Kind an, um es nach Geschwistern oder
der Mutter zu fragen, so blieb er wohlgesinnt stehen, bis die heilige
Unterhaltung zu Ende war. Und als ihn einmal ein naseweiser Junge am
Rock zupfte und ihn andächtig fragte: »Sie, haben Sie denn immerzu
gesiegt?«, freute er sich, als ob er beschenkt worden wäre, und er
wurde es auch aus heiterm Himmel, denn so losgebunden hatte Linde die
ganze Zeit noch nicht gelacht und gescherzt wie diesen Nachmittag. Das
Geschenk bestand darin, daß sie zum erstenmal über seinen kriegerischen
Charakter sprach, heiter und in verzwickten Neckereien, für die er in
der Eile gar nicht genug flüchtigen Geist aufzubringen vermochte, aber
die Scheu davor schien doch gebrochen, und jenes schmerzliche Mitleid
hatte sich zu einem launigen Bedauern für allen Schmutz, Hunger und
sonstigen soldatischen Notstand gemildert, den er im Feld erleiden
mußte. Wenn sie ihm auch seine wahre Größe nicht richtig einzuschätzen
schien, denn sie ging ihm gar zu selbstherrlich damit um, so war er's
doch zufrieden, daß sie nicht mehr als Befremdung zwischen dem Mädchen
und ihm stand, sondern ihm nun in ein allgemeines Weiberwohlgefallen
aufgelöst als Liebeslaune von ihr zurückstrahlte, wenigstens legte er
sich die Sache so aus. Den ernsten, wachsamen Hintergrund, auf dem
ihre Laune leuchtete, merkte er nicht; dafür waren seine Augen zu
roh, sein Blick zu oberflächlich und sein seelischer Tastsinn noch zu
unentwickelt. Etwas Niggerhaftigkeit hängt jedem Amerikaner an, auch
dem nachgemachten deutschen.
Der besagte Nachmittag führte aber das Paar an sehr gütigen Fäden aus
der Stadt hinaus über die Felder, die schon frisch bestellt wurden, an
herbstlichen Wiesen vorbei, auf denen Vieh läutete, zwischen Büschen
mit Schlehen und Hagebutten hin, in denen Kinder hingen. Da und
dort wurden Kartoffeln ausgemacht. Feldfeuer brannten. Allenthalben
sah man gefangene Franzosen und Belgier zwischen dem eingesessenen
Bauernvolk arbeiten, und manche radebrechten ein wenig miteinander.
Rings auf den Hügeln standen neben den Wäldern die grauen Wachttürme
und sahen wie vor alters in die Täler hinab. Aber sie hatten nichts
mehr zu bewachen; das Wächteramt war an andere Gewalten übergegangen,
und auch die Kriege nahmen heute andre Wege. Aber die Wolken flogen
noch ihre alten heiligen Straßen. Auch die Wetter zogen noch aus den
gleichen Himmelsgegenden her. Und die Gestirne durchwandelten an
ihrem Ort ihre Ewigkeiten wie von Anbeginn. Wälder wuchsen, wurden
geschlagen und wuchsen neu. Die Täler waren im Wechsel grün und
weiß. Ab und zu brach irgendwo ein Feuer aus, brannte seine Zeit und
erlosch wieder. Das war's, was die Türme noch vom Zeitlauf zu sehen
bekamen. Vom gegenwärtigen ungeheuren Krieg war ihnen nichts bewußt,
und das erschien als das Ergreifende an ihnen, obwohl niemand zu sagen
vermochte, warum.
Zu einem von diesen uralten Türmen wanderten die beiden jungen Menschen
hinaus. Linde sang leise vor sich hin und dachte, sie wußte nicht,
woran. Sie fühlte sich jung und kräftig wie noch nie und bereit, das
Leben der Liebe in sich aufzunehmen, und diesem rätselhaften Leben
blickte sie mit vertrauenden, beinahe klaren Augen entgegen, doch
mehr dem künftigen als dem gegenwärtigen, von dem sie doch noch ein
leichter Schleier von Scheu und Ängstlichkeit schied. Im künftigen
war alles schon geschehen und erfüllt, was sie am gegenwärtigen noch
schreckte und erregte; das Heute war in aller Süßigkeit voll Unruhe und
widersprechender Empfindungen, die sie manchmal einschüchtern wollten.
Sie trieb im Ungewissen und konnte sich nicht aufhalten, und wenn ihr
Tod darauf stand, so war es ihr unmöglich, von den beiden Wegen, die
ihr Heinz eröffnet hatte, einen andern zu gehen als den hellen, auf dem
er sie sehen und lieben konnte. Daneben hörte sie nicht auf, Mitleid zu
empfinden für seine Lebensgier und für seine ganze innere Armut, die
er mit so grober Kost und alltäglichem Kram in Bedeutung und Besitz
zu verwandeln hoffte, und manchmal schwebte sie eine Geisterluft an,
daß sie vielleicht dazu berufen sei, durch irgendein frommes Opfer
ihn, wenn es sein mußte gegen seinen Willen, zum wirklich reichen Mann
zu machen und ihm eine Bewegung zu verursachen oder vorzubereiten,
aus der dann seine wahre beseelte Persönlichkeit hervorbrechen
konnte. Inzwischen sie aber so fleißig und mit aller Treue an sein
Inneres dachte, versäumte sie nicht, sein mannhaftes Äußere weiterhin
anzusehen, das, wie sie deutlich erkennen konnte, nicht nur ihr gefiel.
So wurde aus liebendem Mitleid, freundlicher Eifersucht, Wohlgefallen
und Furcht vor dem eigenen Blut wie aus vier Morgenröten, wovon eine
immer die andre überschäumte oder durchleuchtete, in ihrer Mädchenwelt
der erste tiefe und wildkeusche Morgen der Liebe, dem es sowenig an
gottesfürchtigen Lerchen wie an naturfrommen Rehen und Hasen fehlte,
und in dem sie den endlichen Regen jetzt schon deutlich voraussah, denn
der Geliebte war bestimmt, nach dieser Zeit von ihr weg in den Krieg
zurückzukehren, und sie wußte, ohne fragen zu müssen, daß er sich auf
das Wiedersehen mit seinem guten Gewehr freute und auf den Tag, an dem
er durch das Zielfernrohr wieder den ersten Engländer visierte.
Beim Turm angekommen, setzte sich das Paar auf die verfallene Ringmauer
und ließ die Blicke zunächst ziemlich still durch die Landschaft gehen.
Hin und wieder wies eins das andre wie auf ein Geschenk auf irgendeine
besondere Erscheinung, wie sie das Licht gerade hervorhob. Drunten
wand sich der Fluß durchs Tal; seine Windungen erinnerten beide an die
Inschriftenbänder, die man oft auf alten Bildern flattern sieht, und
Linde meinte, hier würde irgendein schöner Spruch vom Frieden darauf
stehen. Das Städtchen stand mit seinen Türmen und Dächern und dem
hohen Dom gegen den hellen Abendhimmel wie eine Burg Gottes, in der es
nur Freunde Christi und stille Priester gibt und gastliche Herbergen
für Pilger. Der Dom teilte der ganzen Landschaft eine ernste, milde
Stimmung von Ehrfurcht vor dem Unsagbaren mit, das hier als Geschichte
und Legende lebendiger als sonstwo und zugleich so einfach wie nirgends
zur Seele sprach. Hier hatte der große Heilige der Vorzeit furchtlos
das Unternehmen gewagt, das Kreuz seines Herrn aufzupflanzen und den
verehrten Baum mit der Axt zu fällen.
»Du, mir ist etwas eingefallen«, sagte Linde, die wie ein geistiger
Spiegel immer alle Lagen und Zeiten ihrer Umwelt nachdenklich bewegte.
»Eine alte Eiche zu schlagen, das muß doch damals mit den schwachen
Werkzeugen eine sehr schwere Arbeit gewesen sein. Man lernt das
so leichthin: ›Und dann schlug er die Eiche!‹ Ich meine, weil es
äußerlich so schwierig war, so erhöhten sich doch auch die geistigen
Schwierigkeiten; die frommen Männer werden nur unterschätzt, wenn man
davon aus falscher Scham oder aus Gedankenlosigkeit nicht spricht. Es
hat mir den Heiligen noch viel lieber gemacht, seitdem ich mir denken
kann, wie mühselig und mit wie unvollkommenen Mitteln er sich für seine
große Idee plagen mußte.«
»Tja«, erwiderte Heinz, »sobald man das Dings an der Quelle studiert,
so schrumpfen die berühmtesten historischen Ereignisse zu Kindereien
zusammen im Vergleich mit den modernen Errungenschaften und Vorgängen.
So ein Weltkrieg zum Beispiel! Da stehen einander vielleicht vierzig
Millionen Soldaten gegenüber. Wieviel werden's in den griechischen
Feldzügen gewesen sein? Fünfzigtausend Männchen etwa. Und was für Lärm
haben sie davon gemacht! Und dann unsre heutigen Kriegsmaschinen.
Ein Römer, wenn man ihn in eine moderne Schlacht brächte -- glatt
blödsinnig würde er. Selbst der berühmte Julius Cäsar. Nero würde sich
vielleicht halten aus perversem Wohlgefallen, aber außer Schußweite.
Bonifazius? Er tat, was er konnte; du mußt nicht zu scharf ins Gericht
gehen mit ihm. Man soll überhaupt die mythischen Tatsachen möglichst
unbesehen hinnehmen, sonst verlieren sie an Bedeutung, und den Schaden
haben wir davon. Etwas Poesie muß man sich zu erhalten suchen; sie
verschönt das Leben. Sonst wird der moderne Zeitlauf gar zu kahl und
das Volk zu materialistisch.«
Auf diesen unerwarteten Sermon hatte Linde nichts zu sagen, und sie
schwieg beinahe erschreckt unter einer erneuerten heftigen Aufwallung
ihres Mitleids. Er seinerseits horchte etwas ernüchtert seinen klugen
Ausführungen nach, und noch bevor ihm ihr Schweigen auffiel, kamen
sie ihm schon irgendwie dutzendmäßig und bubenhaft vor. Doch war er
gescheit genug, die Sache nicht durch erweiterte Erklärungen noch
schlimmer zu machen, und als er nachher sagte, daß ihm der Begriff
der lärmvollen großen Welt noch nie so aufgegangen sei wie hier an
diesem stillen Erdenfleck, während er an das Draußen denke, so hatte
er sogar eine gefühlte und gute Bemerkung gemacht, die ihr außerdem
zeigte, daß er durchaus nicht der stupide Esel war, als der er manchmal
zu erscheinen für nötig hielt. Als eine Art von Dank machte sie ihn
dann -- zum erstenmal und nicht ohne Scheu -- von seinen Kameraden im
Schützengraben reden und von seinen Obliegenheiten, vom Hergang eines
Sturmangriffs und manchen andern Dingen, von denen sie wirklich nur
ihm zuliebe Augenzeugenbericht empfing. Sie fürchtete sich von Herzen
dabei, obwohl er sehr zurückhielt und bestrebt war, sie zu schonen, und
zwar aus einem ritterlichen Verständnis für die natürliche Sorge der
liebenden Frau, den geliebten Mann in so traurigen und gefährlichen
Lebenslagen zu sehen. Was sie sonst noch sah, das war die liebende
Schnelligkeit, mit der sich ein Erdenkörper, in wenig Tagen ihren
frommen Mond ganz verfinsternd, zwischen sie und ihren Sternenhimmel
schob und Gewalt über sie bekam; während sie unruhvoll der Entfernung
von ihrem Heil beiwohnte, tröstete sie sich bald schwach und bald
stark an der schweren Süßigkeit, die in allem Schmerz der seelischen
Übermannung enthalten war, und die sie nachgerade doch beinahe mehr
förderte als leidend ertrug. Heinz konnte nun schon sein Verhalten
einrichten, wie er wollte, so diente es immer zur Schürung ihrer
ganz sterblichen Leidenschaft. Seine Schönheit entzückte und seine
Häßlichkeit verwundete sie, aber sie gehörte zu den seltsamen Menschen,
die an ihren Wunden stärker werden. Er, der weit weniger von seiner
Seele wußte, ahnte dies und jenes von der ihren, und während er sich
zu Zartheit und zu ungewohnten Rücksichten zwang, verstrickte er sich
tiefer in ihre verletzbaren Bedürfnisse, ließ sich halb willig und halb
widerstrebend von ihrem hohen Feinsinn reizen und verlor auf seiner
Seite immer mehr Position, während er auf der ihren alle gewann; er
bemerkte mit wahrer Zaghaftigkeit und einer ihm ganz neuen Furcht, wie
sie zusehends reif wurde.
Als bereits der Abendrauch aus den Kaminen der Stadt aufzusteigen
begann und die Glocken in den Dörfern den Feierabend einläuteten, der
mit erfülltem Frieden hinter den Wäldern dämmerte, sagte Linde ein
Wort, das Heinz sofort naheging und ihn beinahe bestürzte. »Morgen
kommt Besuch. Tante Klinger wird ein paar Wochen bei uns sein.« Sonst
nichts, aber die halbe Stimme und der sorgenvoll ins scheidende Licht
verlorene Blick sagten ihm alles, was er wissen mußte, und viel mehr,
als dem Rest seiner Ruhe dienlich war. Der Name Klinger bedeutete
Friedensstörung, Übellaune und Verdruß, das wußte er noch sehr gut,
nicht zu reden von dem kahlen Bildungs- und Literaturwesen, dem das
unglückliche Weib so sehr ergeben war, daß es auch seine Umgebung
unerbittlich in die ausgelaugte Stimmung wie in eine Krankheit tauchte.
Im ersten Gefühl nahm er Lindes Hand.
»Das ist ja jetzt nicht mehr zurückzutun«, sagte er dann tröstend.
»Man muß es hinnehmen wie ein Regenwetter. Viel Freude wird für uns
nicht dabei herausspringen. Sag mal, Linde, würdest du sie noch einmal
einladen, wenn du's heute zu tun hättest?«
Sie schüttelte stumm den Kopf, während ihr das stille einsame Herz
zu zittern begann und sie mit ihrer Sehnsucht plötzlich riesengroß
aus allen bisher gewohnten und erlaubten Maßen herauswuchs. Aber
bevor sie sich allein in eine Einsamkeit verlor, um auf einer höheren
Ebene vielleicht doch wieder ihrem strengen Gott zu begegnen, fühlte
sie sich menschlich von Armen ergriffen und an eine sterbliche Brust
heimgenommen, und empfand sie die dunkel bedrängte Wonne des ersten
Liebeskusses.
Wie sie dann doch nach Hause gekommen waren, das wußten sie nachher
jedenfalls in der Eile nicht zu sagen, und Bob konnte darüber auch
weiter nichts mitteilen. Bei Tisch glaubte man, sie hätten sich
gezankt, so scheu gingen sie im Licht und in der Gesellschaft andrer
Menschen aneinander vorbei, nicht aus Kälte, sondern aus schwer
verhaltenem Feuer der Zärtlichkeit zueinander. Einmal hatte sie auf
dem Heimweg eine Schafherde umwimmelt, und weil Bob begriff, daß ihn
jetzt niemand beachtete oder auf seine Wachsamkeit Anspruch machte, kam
er zur Abwechslung an den Schäferhunden vorüber, ohne eine Rauferei
anzufangen, wenn auch mit steifen Beinen und gesträubter Bürste. Dann
sprach ein Kind Linde an, weil seine Mutter es wieder so schlimm in
der Brust habe; sie streichelte ihm liebreich den Kopf, und die Frau
mußte sich heute sonstwie behelfen. Linde wußte nachher nicht einmal,
welches Kind es gewesen war, obwohl sie jeden Flachskopf in der Stadt
kannte und die dunklen auch. Sowenig sie sich auf dem Heimweg um Bob
gekümmert hatte, soviel machte sie sich bei Tisch mit ihm zu schaffen,
und er nahm alles in charaktervoller Munterkeit hin, was geboten wurde,
als Hund mit Familienanschluß längst an die Wandelbarkeit der Gestirne
gewöhnt. Indessen ließ sich Heinz willig, doch ohne Aufmerksamkeit,
obwohl er welche heuchelte, über die besonderen Reize der frühgotischen
Webereien unterrichten, die in der Tat auch nicht klein waren, aber er
wußte sich noch stärkere und zeitlich näherliegende.
Als man beinahe mit Essen fertig war, läutete es draußen. Nach einer
Weile erschien Brigitt und meldete wie einen Geldverlust die Frau
Professor Klinger, durch welche Anzeige sie einiges Aufsehen erregte.
Die Angemeldete folgte der Magd auf dem Fuß, schlank, vierzigjährig,
in einem eleganten Reisekostüm, über mittelgroß, ordentlich hübsch,
doch sehr kühl und gerade, obwohl wieder beinahe etwas Rührendes,
Mädchenhaftes an ihr war, und mit einem interessanten aber spähenden
und unverbindlichen Gesichtsausdruck, der es bewirkte, daß einfache
oder nicht verbildete Naturen unwillkürlich Stellung gegen sie
bezogen. Bob fuhr ihr sofort knurrend entgegen, und das galt sonst
als schlechtes Zeichen. So bemächtigte sich auch der engeren Familie
bei ihrem Anblick eine gewisse Betretenheit, weil man sie nicht von
der Bahn abgeholt hatte, und die Worte und das Lächeln, womit sie die
entsprechenden Entschuldigungen abwehrte, fuhren den Fehlbaren wie ein
Schnupfenfrost in die Glieder.
Die Sache stellte sich so heraus, daß Linde sie auf morgen erwartet und
der Dechant in derselben Meinung heute noch einen guten Tag genossen
hatte. Nun, der Genuß war kein Wahn gewesen, aber die Voraussetzung;
denn als Linde nachher den Brief der Tante herbeiholte, fand es sich,
daß sie richtig auf dies Datum und diesen Abend angesagt hatte, und
die Tante war nicht ganz im Unrecht, wenn sie leichthin meinte, der
Dechant hätte den Brief selber lesen können, zumal er sonst gegen
mündliche Überlieferungen so vorsichtig sei. Linde bat verwirrt und
mit wenig Hoffnung um Entschuldigung. Die Tante sagte ungerührt und
mit einer überlegen lächelnden Miene, als die Dame von Welt, die sie
war, man solle nun ein Verhältnis nicht gleich mit Entschuldigungen
und Verzeihungen beginnen; ein Fehler sei ein Fehler, man müsse sich
eben bemühen, wenn möglich, keinen mehr zu machen. So schob sie mit
wenig Worten, ohne sie zu berühren, die Schuldhaftigkeit und die
Verantwortung für die etwa kommenden Folgen den andern zurück, und
anstatt, daß ein früherer schlechter Eindruck durch einen neuen
angenehmen gutgemacht wurde, schien zur Betretenheit der Hausgemeinde
jener frisch bestätigt, ja Linde war auf einen Moment geradezu
erschüttert von der totenhaften Kälte, die aus dem Wesen dieser Frau
wehte, und von dem Egoismus und der Menschenverachtung, die neben aller
geistigen Bildung und Geschmacksverfeinerung ihre wenigen guten Züge
so mit abstoßenden und schreckenden vermischten, daß sie sie beinahe
zerstörten. Heinz freilich fühlte sich angenehm enttäuscht und fand die
Frau in Wirklichkeit nicht so unhold, wie sie ihm in Erinnerung stand,
aber er behielt diese Beobachtung für sich.
Drittes Kapitel
Die Tante beweist ihre Bildung und führt eine neue Hausordnung ein, die
nicht allen Leuten bekommt
Von der besagten geistigen Bildung und Geschmacksverfeinerung
gab die Tante gleich nach dem Nachtessen eine Probe, als sie mit
vorgestrecktem Kinn und schmalen Lippen durchs Haus ging, um sich
wieder darin umzusehen, von Bob, der ihr nicht von den Füßen wich,
unausgesetzt berochen und beknurrt. Das Haus des Dechanten stand voll
hübscher alter Möbel, die er durch viele Jahre mit Liebe und Zähigkeit
zusammengebracht hatte, Schränke, Tische, Kommoden und Stühle aus jenen
goldenen Zeiten, in denen die Tischlerei noch eine persönliche Kunst
gewesen war, und in denen es weder Fabrikanten gegeben hatte, die diese
zerstörten, noch Professoren, die mit großem Aufwand von Gelehrsamkeit
und Prinzipien für vermögliche Leute auch noch nichts Glückhaftes an
ihre Stelle setzten.
»Da hobeln sie jetzt mit tiefsinnigen Theorien ein Kunstgewerbe
zurecht, das von sämtlichen nachgerühmten Eigenschaften nur eben die
eine hat, daß es modern ist«, führte der Dechant aus, um, von einem
Gegenstand angeregt, endlich ein wirkliches Gespräch und womöglich
ein Einvernehmen in Gang zu bringen. »Sieh nur diese Sachen, das sind
Phantasien, Erfindungen, Träume, Wunscherfüllungen. Etwas Schöneres
läßt sich übrigens auch von der sogenannten hohen Kunst nicht sagen,
wo sie's wirklich hochgebracht hat. Es hängt alles davon ab, daß den
Leuten etwas einfällt, daß sie zu erzählen, zu musizieren, zu malen
~haben~, nicht aus Büchern, und was weiß ich, woher lernen,
abstrahieren, und dann etwas aus dem Verstand daherrechnen, das keines
Menschen Wünsche erfüllt und weder von Träumen noch von Einfällen weiß.
Heut sind sie stolz darauf, daß sie endlich wieder das ›Material‹
entdeckt haben und kein Holz mehr als Metall oder Gips als Holz
auffrisieren. Lieber Gott, das sind doch ziemlich alte Fortschritte.
Betrachte das, wie diese Schreiner mit einem Birkenholz umzugehen
wußten; da zeigt sich ein Material immer von seiner besten Seite.
Jetzt brauchen sie hohe Schulen, um wieder so klug zu werden, wie ihre
Urgroßväter schon in der Lehre waren.«
»Nimm mir's nicht übel«, sagte die Tante mit ihrem etwas singenden
norddeutschen Tonfall und aufrichtiger, als für heute nötig war:
»Ich kann mir aus diesen Antiquitäten nun gar nichts machen. Das ist
für mich nur ein künstliches und leeres Spiel mit Formen. Ich kann
begreifen, daß man dergleichen in Museen stellt, oder daß Leute in
der Provinz noch dazwischen wohnen mögen, aber ein moderner Mensch
geht mit seiner Zeit. Dieser Schrank zum Beispiel ist ja ganz falsch
gebaut. Da ist zuerst ein hoher Kasten mit griechischem Giebelabschluß.
Ein Abschluß ist ein Abschluß, und der Schrank wäre also fertig.
Aber nun kommt über dem Giebel noch einmal ein Kasten, und zwar mit
Säulchen, die einen zweiten, kleineren Giebel tragen. Du rühmst
die alten Tischlermeister. Nun, ich muß sagen, man kann sehen, daß
diesen Schrank nur ein Tischler gemacht hat. So kindisch kann bloß
ein Handwerker mit klassischen Formen der Architektur umspringen. Das
ist so willkürlich und irrationell, daß einen modernen, vernünftigen
Menschen ein Schwindel darüber erfaßt. Und dann, du sprichst von
Echtheit. Der untere Schrank ist ja als Sekretär maskiert, obwohl
er ein Kleiderschrank ist; ist das Echtheit? Ich muß gestehen, du
argumentierst etwas wunderlich, beinahe wie der Tischler, der diesen
komischen Schrank machte. Er wußte das Holz zu behandeln, das ist aber
auch alles«.
Der Dechant lächelte. »Wie ist das mit dem Wort vom Fühlen und
Begreifen und dem andern von der Schulweisheit?« fragte er spottend.
»Sieh mal an, irrationell sind diese Möbel ja wirklich. Dieser
Giebel und diese etwas gebauchten Säulchen kommen an keinem einzigen
griechischen Tempel zusammen; dafür will ich selber einstehen. Aber
der Schreiner wollte ja auch keinen Tempel bauen, sondern einen
schönen, fröhlichen und recht praktischen Schrank. Und ich kann
dir sagen, in meinen Augen ist ihm alles ausgezeichnet gelungen.
Der Schrank stimmt mich zu Fröhlichkeit, wenn ich ihn ansehe, und
von Schönheit gibt er mir auch jedesmal einen verständlichen und
anschaulichen Begriff. Was aber meine Kleider angeht, die hängen drin
wie in einem Paradies. Liebe Marie, laß mich nur ungeschoren mit eurem
Rationalismus, mit eurer steifen, unfruchtbaren, selbstgerechten
Lebens- und Weltweisheit. Wo bisher Künstler und Dichter aus
›rationellen‹ Epochen glücklich waren, da waren sie's durch ihre
irrationellen, nicht verstandesmäßigen, nicht meß- und nachweisbaren
Einfälle. Ich habe zufällig kurz vor dem Krieg in einer illustrierten
Kunstzeitschrift Abbildungen von eurem neuen Landhaus und seiner
Einrichtung gesehen, entworfen von Herrn Professor Soundso. Ich weiß
also Bescheid. Es ist alles sehr schön und richtig, es stimmt alles
aufs Haar, und es ist nirgends ein Fehler. Die Flächen sind Flächen und
hören nimmer auf wie die Liebe. Die Kästen sind wirkliche Kästen und
die Leisten richtige Leisten. Sie haben das Prinzip des Rechtecks und
das Prinzip des Quadrats auch. Die Prinzipe heiraten sich und scheiden
sich, und die Linien laufen ewig und kommen nie an, oder sie werden
notgedrungen abgebrochen, weil auch das Landhaus des seligen Professors
Klinger nicht der unendliche Himmelsraum ist, obwohl sie gut und
gern weitergehen könnten, denn eine geometrische Figur kann man sich
bekanntlich in jeder Ausdehnung vorstellen. Dieser Schrank dagegen,
ins Unendliche erweitert, ergäbe eine ausgemachte Absurdität, denn er
ist auf endliche Verhältnisse für endliche Menschen gedacht. Das ist
auch das Geheimnis seiner Vollkommenheit und sein Reiz. Alle Reize sind
nämlich sterblich, geliebte Schwägerin, auch die deinen.«
»Nun«, meinte sie und streckte das Kinn vor, »meine Reize sollen
eigentlich nicht das Thema eines katholischen Geistlichen sein. Ich
begreife aber, daß gerade ein katholischer Geistlicher sich mit solchen
Möbeln umgeben muß. Sie müßten für euch vorgeschrieben sein wie die
Soutane. Es sind in wesentlichen Zügen katholische Möbel.«
Der Dechant neigte halb zustimmend den Kopf. »Dein Gesichtspunkt wird
manchem etwas streng vorkommen, wenigstens was die deutsche Birkenmode
angeht. Dies sogenannte Biedermeier war doch auch der Stil des
protestantischen, ›aufgeklärten‹ Berlin, dem es für eine Generation
die Physiognomie gab. Aber es war zugleich das Berlin des E. Th. A.
Hoffmann und das Deutschland der katholisierenden Romantik, also
immerhin eine sehr fruchtbare und, wie ich gern zugebe, eine ziemlich
dunkelleuchtende Ausgabe von Aufklärung. Vor allen Dingen: eben eine
katholisierende, was nicht nur meine Möbel trifft, sondern auch deinen
Rationalismus. Folgt daraus: wir sind immer katholisch, aber ihr seid
nicht immer rationalistisch.«
»Wenn wir nur immer protestantisch sind, Klemenz, dann ist mir für den
Fortschritt der Welt nicht bange, trotz Rom.«
»Nun, mir wäre bange«, lächelte der Dechant. »Vom protestantischen
Fortschritt hat man mich noch nicht vollkommen überzeugt. Denk an
Goethe. Seinen katholischen Weg zum zweiten Teil des Faust macht doch
jeder tiefer denkende protestantische Deutsche einmal im Leben durch.«
»Ich werde ihn jedenfalls nicht durchmachen, mein Lieber.«
»Habe ich denn gesagt, daß ich dich für einen tiefer denkenden
protestantischen Deutschen halte?« lachte der Dechant.
Sie hob die Nase in die Luft. »Es ist jetzt auch nicht die Rede, wofür
du mich hältst«, erwiderte sie kühl. »Jedenfalls bewahren wir die Welt
vor dem Versinken in den leeren Formalismus von der Art, wie du ihn da
in deinem Haus herumstehen hast, und wie ihn eure Kirchen zeigen.«
»Ich will dir etwas sagen, Marie: es gibt einen sinnlichen und einen
unsinnlichen Formalismus. Den sinnlichen Formalismus seid ihr freilich
los samt der sinnlichen Form. Eure Architektur beweist es und nicht nur
die. Dafür habt ihr die deutsche Nation in den unsinnlichen Formalismus
der Ziffer gestürzt. Da liegt sie nun drin und erlebt wie in einem
wüsten Traum, wie alles Leben zum Einmaleins wird. Die Alten da trieben
ein Spiel mit Formen, aber ein hoffnungsvolles und freudiges; ihr
treibt ein hoffnungsloses mit Zahlen, und eure Freude ist dann auch zum
Amüsement geworden. So verhält es sich mit dem Rationalismus von heute.
Katholisierend ist er nicht; wäre er wenigstens protestantisierend!
Wißt ihr noch etwas von der alten gottheiligen Kreisberechnung der
Seelenkraft? Radius mal Radius mal Pi, das ist verdeutscht: das Ich mal
das Ich mal Gottvertrauen gleich dem Kreis der unendlichen Wirkung.
Nun, der fromme Mensch Hindenburg hat uns diese Rechnung ja wieder
vorgemacht; ein Rationalist ist er aber nicht.«
»Wir haben ja jetzt das Biedermeier wieder«, meinte die Klingse. »Sieh
nur mich an. Wenn ich meinen Koffer auspacke, so werde ich dir noch
ganz anders kommen.«
»Ja, ihr habt's, aber nicht selber gemacht. Importiert aus dem
neunzehnten Jahrhundert. Was importiert ihr nicht alles! Es ist gut,
daß es mit der Importiererei zunächst ein Ende hat, so besinnt ihr euch
wieder auf eure deutsche Fruchtbarkeit und Schöpferkraft. -- Was ist
übrigens aus dem Landhaus geworden?«
»Was wird geworden sein? Sollte ich allein das große Haus bewohnen?
Sobald ich einen guten Käufer fand, schlug ich's natürlich los. Ich
bin wieder in die alte kleine Villa gezogen. Eben wird sie frisch
hergerichtet; so bin ich sozusagen heimatlos.«
»Und die modernen Unendlichkeitsmöbel?«
»Die Möbel sind selbstverständlich ins Haus komponiert und im Haus
geblieben. Was willst du dich über Möbel lustig machen, die du bloß
in der Zeitschrift gesehen hast! Was aber das Importieren angeht,
so finde ich dich hier doch auch ziemlich fleißig dabei, sogar aus
allen Jahrhunderten, wenn ich mich nicht irre. Hast du etwa diese
Mahagonisachen selber geschaffen? Und warum läßt du die alten Fetzen
und Geräte nicht im Schutt liegen, sondern hebst sie auf und richtest
sie wieder her? Import, mein Lieber! Wir sind ein Volk von Kaufleuten.
Das ist's.«
»Ja, das Wort geht jetzt durch die Zeitungen«, bemerkte der Geistliche,
der seine Verwandte kannte, etwas trocken. »Es ist bequem zu handhaben
und nach allen Richtungen zu konjugieren.«
»Was du sagst, steht allerdings nicht in den Zeitungen«, erwiderte
die Tante ein wenig spitz und tat dann vor Bob einen nervösen
Seitenschritt. »Willst du nicht den häßlichen Hund an dich nehmen; es
ist nicht erfreulich, ständig berochen und beknurrt zu werden.«
Der Dechant rief das Tier zu sich. »Er wittert nur nach Wohlwollen«,
sagte er. »Wenn er keins findet, so knurrt er.«
»Das heißt, du sprichst dem Tier Seele zu?«
»Nein, ich denke nicht daran«, erwiderte er verwundert. »Kann ich dir
Augen zusprechen? Du hast sie, ob ich sie bestätige oder nicht. So
verhält es sich mit der Seele eines Tieres. Du bildest dir vielleicht
ein, bloß ihr, du und die andern sechs Neunmalklugen in Berlin, hättet
Seele. Seid froh, daß man euch nicht daraufhin untersuchen kann.«
»Das sind Fragen des geistigen Hochstandes!« sagte sie und hob die
feine Nase. »Gegenüber einem Tier habe ich Herrengefühle. Es erfüllt
seinen Zweck, und ich lasse es abschlachten oder verkaufe es. Was
darüber hinausgeht, sind Sentimentalitäten.«
»Hoffentlich hast du noch andere Unterlagen für dein Herrengefühl«,
bemerkte der Dechant. »Aber nun bewundere ein immerhin seelenloses
Tier, das dir diesen geistigen Hochstand abgerochen und beknurrt hat.«
»Da würdest du wohl auch keine Nachtruhe für ein Tier drangeben?«
fragte Linde, die bisher schweigend zugehört hatte, mit etwas
feindlichen Augen. »Voriges Jahr ist er nämlich überfahren worden.
Brigitt brachte ihn in einem Korb blutend und halbtot nach Hause. Er
hatte Lungenverletzungen und konnte kaum mehr atmen. Der Tierarzt
wollte ihm Gift geben, aber ich ließ es nicht zu. Wir trugen ihn auf
mein Zimmer hinauf. Damit er sich nicht verkroch mit seinen Schmerzen,
verstellten wir ihm alle Möbel. Nun saß er da traurig Stunden und
Stunden und kämpfte um Luft. Seine Lunge ging wie eine Rassel. Liegen
konnte er nicht, weil er sofort Erstickungsanfälle bekam. Schließlich
begann er vor Schwäche umzufallen. Da baute ich ihn ganz mit Kissen
ein und unterstützte ihm auch die Brust. Ab und zu hielt ich ihm
ein Tellerchen mit Milch vor, weil er durch den Blutverlust durstig
wurde; davon nahm er immer ein bißchen. Wenn ich mich bewegte, so
blickte er sofort mit seinen großen, dunklen Augen nach mir hin,
weil er fürchtete, daß ich ihn verlassen wolle. So verbrachten wir
die erste Nacht. Als der Tierarzt am andern Morgen kam, wunderte er
sich, daß der Hund noch lebte, aber er glaubte immer noch nicht, daß
er durchkommen werde. Nun, er ist durchgekommen. Seither ist das Tier
von mir unzertrennlich, und von dem Unglück an hat es ein ganz anderes
Verhalten zu mir.«
Die Tante verzog den Mund etwas. »Das ist mir in der Tat zu hoch«,
achselzuckte sie. »Du hättest dem +beast+ eine qualvolle Zeit
ersparst, wenn du es sofort hättest töten lassen. Mehr kann ich dabei
nicht sehen. Eine inferiore Kreatur dürfte mir keine Unbequemlichkeiten
verursachen.«
»Du sagtest, der Hund sei häßlich«, erwiderte Linde mit roten Wangen.
»Vielleicht erscheinst auch du ihm -- abstoßend. Wenigstens hat er sich
noch nie gegenüber einem Gast so verhalten.«
In der Tat saß Bob neben seinem Herrn, das eine Auge unausgesetzt auf
die fremde Frau gerichtet, und knurrend, sobald sie sich regte oder zu
sprechen begann; ab und zu ging ein erregtes Zittern über seinen Leib,
weil er seinen Platz nicht verlassen durfte, und in seinen treuen,
mutigen Zügen drückte sich ein unverkennbares Leiden aus, das ihm das
Mißtrauen gegen diese parfümierte Person erregte. Die Klingse zuckte
wieder die Achseln.
»Jetzt fehlt nur noch, daß ihr den Hund zum Richter über euren
menschlichen Wert macht«, sagte sie hochmütig und selber ein bißchen
erregt, weil ihr die so rückhaltlos geäußerte Abneigung des Tieres
immerhin peinlich war.
»Auch das wäre zu denken, daß wir unter Umständen durch ein Tier
gerichtet werden«, versetzte der Dechant ernsthaft. »Wir werden ja
auch durch Tiere gerettet. Sicher gibt es viele Beziehungen zwischen
dem Tierreich und uns, von denen wir nicht einmal etwas wissen. Alles
Unrecht und alle Grausamkeit, die an Tieren verübt worden sind, leben
als Handlungen und als Wirklichkeit ebenso weiter wie die Guttaten und
die erwiesenen Barmherzigkeiten sowie jene Beweise der Großherzigkeit
und des Edelmutes, den andrerseits wieder unsre Freunde aus dem
Tierreich uns geliefert haben. Vor Gottes Auge ergibt das eine Summe,
die nicht wenig gelten kann. Vielleicht gibt es sogar Gerechte, die die
Prüfung durch die Armen und selbst durch die Kinder bestehen, und die
am Tier scheitern. Aber wollen wir nicht noch ein wenig in mein Zimmer
treten? Bob wird sich solange auf sein Bett im Korridor legen. Hast du
gehört, Bob?«
Bob hatte gehört. Durch einen ernsten, kummervollen Blick auf
seinen Herrn und dann auf das junge Mädchen teilte er noch mit, wie
schwer ihm in diesem Fall das Gehorchen werde, und wie wenig er den
Befehl verstehe; darauf begab er sich widerstrebend mit gesträubter
Rückenbürste und steifbeinig wie vor einer Rauferei auf den
kommandierten Platz, nicht ohne unterwegs noch einmal zu knurren, als
die Klingse mit ihrem seidenen Unterrock rauschte.
Der Soldat hatte von der ganzen gebildeten Unterhaltung wenig
begriffen. Er hörte, daß es sich um modern oder altväterisch
handelte, und da er als junger Mann, der in Amerika gewesen war, zu
einer weltmännischen Gesinnung verpflichtet hielt, so leuchtete ihm
eigentlich das, was die Tante sagte, besser ein. Als moderne Frau nahm
er aber noch einen besondern Augenschein von ihr, der wiederum nicht
ungünstig ausfiel, und im großen ganzen fand er, daß der Dechant sie
wohl gelten lassen könnte, und daß Linde einen Fehler begehe, sich so
feindlich zu ihr zu stellen, nachdem sie sie doch einmal eingeladen
hatte, abgesehen von dem Beispiel, das sie sich in vielem an ihr nehmen
konnte. Aber auch von diesen Erkenntnissen verlautete er nichts.
Das waren die Begleiterscheinungen, unter denen sich der Einstand
der Tante vollzog. Für den Rest des Abends sprach man nur noch von
unverfänglichen Dingen, so daß die Klingse nicht mehr nötig hatte, auf
Zeitungsartikel und gehörte Kunstvorträge zurückzugreifen. Aber am
nächsten Morgen trat sie mit vorgeschobenem Kinn und schmalen Lippen
das Hausregiment an. Zuerst, noch droben im Hausgang, ordnete sie an,
daß die Möbel in ihrem Zimmer umgestellt würden, weil sie nicht genug
zum Frisieren sehe und nachts durch das Rauschen der Bäume gestört
werde. Als sie etwas später zum appetitlich hergerichteten und nicht
eben ängstlich besetzten Frühstückstisch kam, überblickte sie ihn
im Niedersitzen mit unbestechlichen Augen; darauf, während sie die
Serviette nahm, sagte sie etwas singend, doch immerhin Ärgernis nehmend:
»Ihr habt ja Eier und Butter. So üppig sind wir's lange nicht mehr
gewöhnt. Ich finde, ihr könntet euch bedürfnisloser einrichten; es gibt
jetzt soviel Elend. Ihr wißt so schöne Dinge über die Hunde zu sagen;
denkt auch ein wenig an das deutsche Volk.«
Die Hausgemeinde fühlte sich von diesen Worten so auf ihrer
Unanständigkeit betroffen und bloßgestellt, daß niemand wagte, mit
einer klugen oder festen Entgegnung das Hausrecht zu behaupten. Man
erkundigte sich bestürzt nach der Not in der Hauptstadt, bemerkte
kleinlaut dies und jenes Allgemeine über den Gegenstand und fragte die
Tante schüchtern, ob denn sie nicht auch ein wenig gehamstert habe,
worauf sie einigermaßen verwundert antwortete: »Aber warum denn? Man
kann sich ja für Geld noch genug kaufen!« Vom nächsten Tag an kam
nur noch Marmelade auf den Tisch, zwar auch keine schlechte, und die
Tante fand sie viel zu süß, aber das war nun nicht mehr zu ändern. Zum
ersten Mittagessen sagte sie noch nichts, aber beim Tee nahm sie an den
schneeweißen Brötchen Anstoß und erklärte es als ein Vergehen an der
Allgemeinheit, jetzt so weiße Brötchen zu essen. Nun war es wirklich
unmöglich, dunkleres Kleingebäck zu bekommen, aber um die Stimme des
Gewissens zu beschwichtigen, aß man künftig grobes Schwarzbrot zum Tee,
obwohl dem Dechanten und besonders Linde so schwere Kost übel bekam;
schon der Abgang der Butter und des frischen Eies am Morgen bedeutete
für Linde eine rechte Lebensverschlechterung, und die Folgen stellten
sich bald als Magenschmerzen ein, aber sie ertrug sie still.
Am zweiten Tag ließ sich die Tante über das Abendessen aus, am dritten
über den Mittagstisch. Es sah niemand ein, welches Interesse das
verwünschte Weib daran hatte, sich selber die Kost zu verschlechtern.
Das Nachtessen war die Hausgemeinde warm gewöhnt; man genoß einige
leichte, angenehme Dinge, die den Schlaf nicht erschwerten und am
andern Morgen ein erquicktes Erwachen versprachen. Damit räumte die
Klingse auf. Man aß jetzt Brot mit Schmierkäse zu Nachgewärmtem oder
zum Tee, auch etwas Aufschnitt und hinterher einen Apfel; auch liebte
die Klingse Weintrauben und Nüsse. Dem Hund wurde der Speisezettel
ebenfalls nachgeprüft und nach Menge und Gehalt streng beschnitten.
Man briet nicht mehr mit Butter, obwohl die Bauern sie willig und
reichlich ins Haus brachten und die alte Brigitt lästerlich schimpfte,
sondern mit Schmalz, und im weiteren zeigte sich, daß die Tante
überhaupt gegen die Braterei war; man solle mehr kochen und sieden, um
das Fett für das deutsche Volk zu erhalten.
Allmählich führte sie der Reihe nach die verschiedenen Ersatzstoffe
ein, die von der Chemie oder auch nicht von der Chemie hergestellt
wurden. Sie bestand darauf, daß man das Milchpräparat Milfix oder die
Kuh in der Tüte kostete, um einen Begriff davon zu bekommen, wie das
Großstadtvolk lebte. Man fand es zur allgemeinen Beschämung nicht eben
wohlschmeckend. Sie ordnete an, daß ein Kuchen damit gebacken würde,
in dem anstatt Ei Eifix kam, ein Präparat aus Gott wußte was, das
sträflich gelb machte und nicht die Spur nach irgend etwas auf der Welt
schmeckte. Anstatt Weizenmehl verordnete sie solches von Kartoffeln,
anstatt Zucker Sacharin, und von Butter war überhaupt keine Rede,
nur daß eben der Backnapf etwas mit Butteröl bestrichen wurde, damit
der Kuchen nicht ansetzte; aber er setzte unerbittlich an, wie sich
nachher zeigte. Brigitt schmiß das Zeug mit Tränen in den Augen in
den Backofen, und wenn die Klingse nicht vorausahnend danach gesehen
hätte, so wäre es zu Staub verkohlt, denn die alte Person hatte ein
Höllenfeuer daruntergesetzt. Das nächste Mal war der Ofen kalt, und die
Klingse mußte selber nachheizen, wenn sie ihren Kuchen bekommen wollte.
Heinz fraß alles ziemlich gehorsam und etwas bewundernd. »Wie gut muß
dein Kuchen erst schmecken, wenn es ein wirklicher Kuchen ist!« sagte
er gläubig und steckte sich ein neues Stück in den Mund.
»Greif nur zu, Heinz«, nickte sie wohlwollend. »Du mußt nachher wieder
dein Leben für uns einsetzen. Man könnte noch viel mehr für die Armee
tun.«
Anstatt Öl kam eine Art von dicker, gelber, säuerlicher Brühe ins Haus,
die nicht ein Tröpfchen Fettgehalt besaß und jeden Salat verdarb.
Puddings wurden aus Ißnur hergestellt und schmeckten nach Tinte. Es
gab bald keinen natürlichen Stoff, den sie nicht verwässerte oder
mit Zusatzmitteln streckte. Was man früher in guter Qualität kaufte,
erstand man jetzt in geringerer. Kurz, das Essen hörte im Haus des
Dechanten auf, ein Vergnügen zu sein. Aber zum Vergnügen esse man
jetzt auch nicht, sagte die Klingse, sondern nur um sich zu erhalten.
Da sie einen ledernen Magen hatte, erhielt sie sich ganz ordentlich,
aber der Dechant mußte viel Kräuterschnäpse zu sich nehmen und wurde
ein kleiner Trinker über der Askese; doch sah er ein, daß die Nation
vorging und der Einzelne zurückstehen mußte, zumal an einem so
sichtbaren Platz. Auch Linde begriff, aber da sie sich nicht durch
Kräuterschnäpse weiterhelfen konnte, so sah sie bedenklichen Zeiten
entgegen. Die brave Brigitt überfiel in ihrer Küche täglich das
heulende Elend, und sie schwur jeden Abend, davonzulaufen, um jeden
Morgen in tiefer Ergebenheit gegen Linde einen schlechten Ersatzkaffee
zu brauen, nach dem das ganze Haus stank, denn Bohnenkaffee war auch
nicht mehr gestattet. Sie beschwor das Mädchen, nur zum Schein zu essen
und sich von ihr etwas Besonderes machen zu lassen, das sie besser
vertragen konnte, aber Linde sagte, im Feld hätten sie auch nichts
Besonderes, und lehnte jede Heimlichkeit ab. Sie nahm dieses Übelwetter
als gerechte Strafe für das Unrecht, das sie an der Frau begangen
hatte, und ihr eigentlicher Kummer war dabei, daß Unschuldige mit ihr
getroffen wurden.
Viertes Kapitel
Linde tritt mit gutem Erfolg öffentlich auf, aber mit immer geringerem
innerlich. Die Tante gewinnt Spielraum mit einem geschenkten Ring
Eins wurde bald klar: die einzige Person, für die die schlanke Weltdame
im Haus sich erwärmte, und die sie anerkannte, war der Leutnant.
Erstens stachen ihr seine Dekorationen in die Augen; an Kreuze und
Orden läßt sich immer befriedigend glauben. Dann fand sie in dem jungen
Mann mit scharfem Blick den Angelpunkt, auf dem sie sich bewegen
und von dem aus sie die andern beherrschen konnte. Er war einfach
organisiert, eitel, oberflächlich und uniform und darum ein gefundenes
Fressen für jedes ehrgeizige Weibsbild, das sich seiner bemächtigen
wollte. Von ihren Beweggründen ahnte er zwar den einen oder andern,
nicht zu seinem Stolz, und wenn Linde ihn mit der neuen Verehrerin
neckte, so wurde er verlegen und suchte die Ehre abzulehnen, aber
sobald er in den Bannkreis ihrer selbstsichern, gebildeten Unterhaltung
oder nur unter ihren egoistischen, schwermütigen Blick geriet, so
schlich sich, ob er wollte oder nicht, ein geschmeicheltes Gefühl
unter seinem Magen hin über den Vorzug, den sie ihm vor den andern
Hausgenossen gab, sie, eine weltbefahrene Frau, die doch etwas gewöhnt
war, und Linde erschien ihm neben ihr dann immer etwas hausbacken
oder kleinstädtisch, jedenfalls nicht als das glänzende und reich
ausgestattete weibliche Wesen, das er gern an seine Seite träumte,
seitdem er sich solchen Spekulationen hingab. Die Klingse bemerkte und
bestätigte alles, was er sagte, während Linde dazu still war oder mit
wenig Worten schwierig widersprach und der Dechant väterlich spöttische
Bemerkungen daranhing, die ihn in seiner Würde kränkten, denn er war
kein Junge mehr, sondern hatte zwei Jahre Krieg hinter sich, von
Amerika nicht zu reden. Dieser Erwägung gab er auch neuerlich Ausdruck,
indem er Rechtfertigungen mit den Worten einleitete: »Wenn man zwei
Jahre im Feld gestanden hat, so weiß man, was los ist!« Die Klingse
übernahm die Redensart von ihm, wenn es darum ging, ihm zu helfen.
Übrigens war sie mit ihren dünnen Lippen und ihrem kalten Blick noch
eine sehr gangbare Frau, der Heinz unter andern Umständen nicht
durchaus abgeneigt gewesen wäre, zumal sie sich mit großer Sorgfalt
modern kleidete und mancherlei hübsche Spitzen und Schmuckstücke an
sich sehen ließ, wovon man an Linde wenig bemerkte. Gezeugt war sie
in England von einem deutschen Vater, aber geboren dortselbst von
einer englischen Mutter, und bis zum Krieg hatte sie sich Mary nennen
lassen, was von den Lippen ihrer Verwandten durchweg als Mehrie klang.
Jetzt hieß sie Malva. Unterweilen war sie längst nach Deutschland
zurückgekommen und die Taufpatin Lindes geworden, ohne daß diese das
Verhältnis nachträglich von sich aus bestätigte, vielmehr begann das
merkwürdige Kind eine gewisse Reihe von moralischen Unternehmungen
damit, daß es jenes, das nie innerlich bestand, auch äußerlich durch
die bekannte Namensänderung löste, eine Feindseligkeit, die die Frau
einigermaßen erleichtert quittiert hatte, freilich ohne etwas zu
verzeihen oder zu vergessen. Noch weit vom Matronenalter entfernt, fand
sie sich neuerlich dem Mädchen gegenüber außerdem im Zustand einer
gewissen Rivalität, mit der aber Linde wahrscheinlich schon damals
begonnen hatte. Die Erkenntnis gereichte der reifen Frau zunächst
nicht zur Steigerung ihres Selbstgefühls, und sie hielt es bereits
für einen Fehler, der Einladung gefolgt zu sein. Dazu kam, daß die
Klingse benannte Frau Professor und Witwe eines berühmten Augenarztes
einen außerordentlich mißtrauischen und einsamen Charakter besaß und
in dem richtigen Gefühl, sich bei ihrem unglücklichen Temperament auf
niemandes Liebe verlassen zu können, höchstens auf die Untertänigkeit
der Kreaturen, die sie wohltuenderweise um sich versammelte, wenig
Zufriedenheit im Leben genoß. Sie war eine wahrhaft tragisch veranlagte
Natur, vor der Linde aus guten Gründen Angst empfand, so große Angst,
daß es ihr sogar unmöglich war, das Gefühl von Mitleid, das sie während
der Entfernung für jene erfüllt hatte, in ihrer Gegenwart zu erhalten
und sinnenmäßig zu betätigen, sosehr sie auch immer wieder von ihrem
Gewissen getrieben darum rang. Solange die Klingse da war, empfand
Linde nur Panik, Kummer und bodenloses, ganz ursprüngliches Lebensweh.
In der Anteilnahme am Leben ihres erwachsenen Jugendgespielen, die
jetzt noch außerdem zwischen den beiden Frauen stand, steigerte sich
ihr alles wie in einem Vergrößerungsglas oder einem Schallbecher zu
verwirrendem Tumult und zu Feststellungen von peinigender Bedeutung,
denn die Frau hatte tausend Möglichkeiten, Menschen zu tyrannisieren
und zu verderben, aber Linde hatte nur einen einzigen Geliebten auf der
weiten Welt, besaß ihn erst seit wenig Tagen und mußte ihn nach einer
bereits festgesetzten kurzen Reihe von Stunden wieder lassen, ohne
seinen Lieblichkeiten und guten Tiefen ganz auf den Grund gekommen zu
sein.
Um von Brigitt zu reden, so verfolgte sie das fremde Frauenwesen
mit einem sichern, ingrimmigen Haß. Daran hinderte sie auch ihr
sonstiges warmes Christentum nicht, denn erstens störte die Klingse
den Frieden der Menschen, die ihr auf der Welt die liebsten waren,
und zweitens war sie protestantisch und stammte aus England, und die
Sprache, die sie redete, war norddeutsch. Was sie in der Stille tun
konnte, um die Frau zu ärgern, das versäumte sie nicht, was sie aber
von Dingen unterlassen konnte, die jener Befriedigungen verschafft
hätten, darum machte sie einen weisen und erfahrenen Bogen. Sie genoß
dafür auch die Ehre, einer der ganz wenigen Menschen zu sein, die das
verwöhnte Weib wirklich fürchtete, und die es leiden machten, während
die Klingse sonst in der Übung hatte, die Menschen leiden zu machen.
Das widerfuhr ihr, weil der Haß dieser meist aus Trieb und Natur
handelnden Leute sie in einem tiefen Grund verurteilte, wohin keine
verstandesmäßigen Selbstrechtfertigungen drangen, und weil sie gegen
deren ganz unmittelbare und natürliche Äußerungen als konventioneller
und literarischer Mensch, der sie von ihrem Ehrgeiz verführt im Lauf
ihrer gesellschaftlichen Bildung geworden war, gar keine Hilfsmittel
besaß. Der Haushälterin gegenüber half sie sich von einem Tag in den
andern mit einer kühlen Verachtung; sie schien sie nicht zu sehen, und
wo sie sie als Dienstboten packen konnte, da tat sie es. Einer solchen
feinen Niedertracht gegenüber war dann wieder Brigitt hilflos, weil sie
an die Verachtung wie das Nichtsehen glaubte. Da sie aber doch nicht
ihre Pflichten als Hausmagd gröblich verletzten konnte, so sammelte
sie still ihre Wut zu einer Art von stehendem Gewitter auf, mit dem
sie stumm oder gelegentlich in der Tiefe grollend am Horizont lauerte
und auf ihren Tag wartete. Um den betete sie vorläufig aus ganzem
Herzen, denn sie hielt das calvinistische Weib ehrlich und aufrichtig
im allgemeinen für eine Verbrecherin und im besondern für eine Spionin,
mit welchem populären Verdacht sie sich denn auf einem schiffbaren
Fahrwasser und in großer Gesellschaft befand.
Dem Dechanten erging es noch verhältnismäßig am besten; entweder er
trieb sich i mherum, oder er stand in seinem Museum vor den gefundenen
Altertümern, um die Geschichte des Domes, die er im Kopf zu Faden
schlug, wieder in einigen innern Beziehungen zu fördern, und die
übrige Zeit des Tages verbrachte er auf seinem Arbeitszimmer, wo er
unangreifbar war. Den Garten mied er, so lieb er ihn hatte; nur wenn
er seinen Besuch sicher in der Stadt wußte, lief er geschwind hinunter
und erging sich auf ein Stündchen zwischen seinen Bäumen und Büschen
und unter dem offenen Licht eines Gottes, in dessen Geheimnissen er zur
Zeit doch bei weitem nicht so tief steckte, wie in denen der Bischöfe
und Künstler, die den hiesigen Platz durch die Jahrhunderte herauf- und
heruntergebracht hatten, um alles dann ihm als dem wahren Kundigen und
Genießer zur endgültigen Reinigung und Zusammenfassung zu hinterlassen.
Indessen wurde der Gott freilich unbehaglicher und bitterer.
Die Klingse zwar fand den Dechanten zu katholisch und zu fanatisch,
und das war die größte Verblüffung, die er seit langer Zeit erlebt
hatte. In der sichern Erwartung, ihn an einem schwachen Zipfel packen
zu können, besuchte sie schon am ersten Sonntag das Hochamt mit der
anschließenden Predigt. Da gerade auf den Tag das Thema vom Pharisäer
und Zöllner fiel, so sagte er vieles über den falschen Ehrgeiz, die
Nichtigkeit von Bildung und gesellschaftlichem Stand, die Wertlosigkeit
des übereingekommenen Mitleids und des öffentlichen Wohltuns, und was
sich sonst so über die verschiedenen Kategorien von Heuchelei sagen
läßt; dagegen hörte man allerlei Gutes über die Armut, die Niedrigkeit,
das stille Werk im Namen Gottes, die bescheidene Liebe von Mensch
zu Mensch, das meiste nicht besonders ergreifend und erweckt, aber
doch weit ursprünglicher und anschaulicher, als man dergleichen sonst
kirchenmäßig betreibt. Es war ihm, während seine Blicke immer wieder
prüfend nach möglichsten Verstecken neuer Altertümer ausflogen, nicht
weiter bewußt, auf einige Gedankengänge unmittelbar durch die Klingse
verfallen zu sein, und vollends merkte er nicht, daß er im Grund gegen
sie predigte, daß die gesellschaftliche Eitelkeit und das leere Getue
mit Wohltäterei, worüber er sich pflichtgemäß zum hundertstenmal
verbreitete, diesmal ihre Gestalt und Züge wies, und daß seiner Predigt
soviel Gegenständlichkeit und Beweiskraft innewohnte wie seit Monaten
nicht. Er hatte nachher nur das Gefühl, daß sie ihm gut geraten sei,
und war befriedigt darüber, daß sich auf lange Strecken in der Kirche
keine Maus gerührt hatte.
Der Anstoß zu dieser Regung bestand aber in einer Vorstandssitzung des
Roten Kreuzes, die einige Abende zuvor beim Dechanten stattgefunden und
an der die Klingse als bedeutende Rote-Kreuz-Dame, wenn auch einer
andern Provinz, handelnd teilgenommen hatte, denn immerhin war sie eine
erfahrene Wohltäterin und hatte schon viel in »Organisation« gemacht.
Zur Verhandlung standen diesmal die untröstliche und andauernde
Kassenleere des hiesigen Vereins und das Angebot eines amerikanischen
Komitees, das Lazarett aus amerikanischen Mitteln zu übernehmen und
mit amerikanischen Ärzten, Instrumenten, Geldern und so fort unter
der fortdauernden Oberhoheit des Roten Kreuzes unendlich glanzvoller
weiterzubetreiben. Es schien ein sehr glückhaftes Angebot und beinahe
eine Rettung in der höchsten Not. Man hätte zwar die Übernahme des
Lazaretts durch den Fiskus oder wenigstens eine staatliche Beihilfe
beantragen können, aber beide Auswege wären nach der einstimmigen
Auffassung einem moralischen Bankrott des hiesigen Roten Kreuzes
gleichgekommen, während die überseeische Lösung den Bankrott unerwartet
in Ruhm und Reichtum verwandelte, denn nun konnte man sich auf eine
mustergültige Einrichtung, ein herrliches Instrumentarium und beinahe
unermeßliche Mittel und sozusagen geradezu auf Luxus einrichten.
Auch der Dechant sah in dem Angebot eine gute Wendung und war nicht
unzufrieden, eine Beunruhigung auf vorteilhafte Weise loszuwerden, um
sich desto ungestörter seiner Kunstgräberei hingeben zu können. Die
Vorsteherin des Vereins, ein redliches, aber ein wenig törichtes altes
adliges Fräulein, weinte himmelblaue Freudetränen. Ihr bedeuteten
ihre Verwundeten ihren ganzen Lebensinhalt, und sie konnte sich nicht
vorstellen, was sie nach Beendigung des Krieges mit sich selber
anfangen sollte. Sie fand den Krieg ja schrecklich, aber sie genoß
doch in aller echten Menschenliebe die große Zunahme an Bedeutung,
die er ihr plötzlich eingebracht hatte, und auf der Fürsorge für ihre
Verwundeten schwamm sie mit verschämt geblähten Segeln daher als
eine freudig bewegte Fregatte des Mitleids. Wie sie nun mädchenfromm
und überlang in ihrem altmodischen Kleidchen dasaß und im Reden und
Rühmen den schwarzen Rembrandthut mit der schönen Straußenfeder, der
ihr so unwahrscheinlich hoch über dem Haarbau schwebte, hin und her
schwang, die blaugrauen kleinen Augen beseligt und feucht von einem
zum andern richtete und es jedermann ans Herz zu legen strebte, wie
sehr man diesem edlen Volk, den Amerikanern, unrecht getan habe, und
wieviel Ursache man besitze, ihre Freundschaft zu erwerben, war da
außer Linde, die als jüngstes Mitglied des Vorstandes auch im Kränzchen
saß, nicht einer, der ihr nicht beschämt recht gegeben und bereits
für die endgültige Abstimmung das Jawort gezückt hätte. Auch die
Klingse fand kühl, daß man alle Ursache habe, sich zu gratulieren,
besonders nach der etwas reichlichen und unbefangenen Wirtschaft, die
hier geführt worden sei. Da sollte man einmal sehen, wie es an andern
Plätzen zugehe, und wie da gerechnet werde. Natürlich, man wolle es ja
überall den Verwundeten so angenehm machen als möglich, aber deshalb
dürfe man doch nicht das Ganze aus den Augen verlieren und vor lauter
Mitleid die »Organisation« vergessen. Nun, man sei jetzt gerettet, und
daß der kommende Überfluß einer innern Neigung entspreche, werde man
wahrscheinlich mit besonderer Befriedigung feststellen. Die gnädige
Bemerkung wurde mit einem etwas verschämten Gelächter quittiert, und
auch die Klingse lächelte nachsichtig, und so war das ganze Geschäft
zur Abstimmung reif, als Linde ums Wort bat.
Die Klingse, die alles sah, hatte längst bemerkt, daß Linde ihre
besondern Empfindungen über den Fall hütete, aber im Traum nicht
erwartet, daß sie versuchen würde, sie zur Geltung zu bringen. Auch
dem Dechanten war ein beunruhigter und beinahe trauriger Ausdruck
ihres Gesichts aufgefallen, während alle andern wie die Erlösten
strahlten und vor lauter Aussicht auf Ruhm und Luxus schon fast immerzu
schlucken mußten, und er hatte sich einige Male gefragt, was ihr wohl
fehlen könne, aber nicht zu ernsthaft, obwohl sie sein Gewissen
war, oder vielmehr eben deshalb. Linde in der Zeit saß da in einer
wachsenden Angst und in einem zunehmenden Zorn, Angst um die kranken
und wunden Soldaten, um die Reinheit eines Werks -- auch sie dachte
ans Ganze --, und Zorn über die billigen und käuflichen Seelen, die
sie hier umringten, und über die schlaffen Gewissen, die in einem
bedrohten Land das Werk der Daheimgebliebenen so lau und kleinmütig
betrieben. Dem adligen Fräulein, das zeit seines Lebens noch niemals
einem Menschen etwas Übles getan hatte, sonst hätte es längst einen
Mann ergattert, war sie geradezu gram, und daher wandte sich ihre Rede
auch ganz ausschließlich an dieses, und zwar mit einem solchen düstern
Gesichtsausdruck und einer so schmerzlich bebenden Stimme, daß das gute
Wesen bis auf die Knochen davor erschrak.
Sie könne die Anschauung des Vorstandes nicht teilen, redete Linde
das Fräulein an, zunächst unter großen Anstrengungen, ihre Scham zu
überwinden. Es scheine ihr nicht, daß man keinen andern Ausweg hätte,
als das Werk abzutreten. Gewiß, man habe vielleicht etwas aus dem
vollen gewirtschaftet und immer zuerst an die Soldaten gedacht. Aber
sie seien auch die Hauptsache. Sie kämen hilflos und traurig an und
dächten nicht, daß hier das oberste Interesse die »Organisation« sei.
Man sei schon solange bankrott gewesen, und es sei weitergegangen; es
werde auch weitergehen, wenn man nur nicht den Glauben verliere. Man
dürfe nicht die Soldaten, die sich auf ihre Brüder und Schwestern im
Land verließen, den Messern amerikanischer Ärzte ausliefern. »Was sind
unsre armen, frommen Soldaten den Amerikanern? Sie lernen und probieren
an ihnen und gehen dann nach Amerika zurück mit der Reklame, daß sie
ein Jahr lang in einem deutschen Lazarett gearbeitet haben. Sie sind
dann gewiegte Chirurgen, und die Patienten kommen gelaufen. Was geht
uns das an? Jetzt ist jeder verwundete deutsche Soldat unser Bruder
oder Sohn, und unsre Söhne und Brüder müssen wir selber pflegen. Wir
werden die Mittel dazu bekommen wie bisher, auch wenn wir schlecht
wirtschaften und zu freigebig sind.«
Das war die kurze Rede, die ein so großes Aufsehen machte und eine
ganze kluge Bereitschaft über den Haufen warf. Luxus und Ruhm, ein
prachtvolles chirurgisches Instrumentarium, Geld und Hilfsmittel, alles
zerstob vor ein paar herzlichen und zornigen Mädchenworten zu nichts,
und wie vorhin alle Damen gerührt und begeistert gewesen waren, so
waren sie jetzt von ihrem eigenen einfachen und menschlichen Wesen
ergriffen, das ihnen aus Lindes Darstellung entgegensah. Jawohl, das
war ja ihre wirkliche Art: wohlwollend, gütig, verschwenderisch, ein
bißchen fahrlässig, voll Liebe und Mitleid und lebendiger mütterlicher
Beziehungen zu den lebendigen verwundeten Soldaten, immer bankrott,
immer hoffnungsvoll, viel beredet und viel geliebt, ein herzlicher,
treuer, gottgefälliger Klüngel, der sich den Teufel um Prinzessinnen
und Fürsten scherte und sich bisher glücklich alle Protektoren vom
Hals gehalten hatte, nach dem weisen Rat und unter der diplomatisch
geschickten Leitung desselben Dechanten, den heute ein plumpes
materielles Angebot mit dem ganzen Kränzchen beinahe über den Haufen
geworfen hätte. Er schämte sich bereits, und alle Damen schämten sich,
so glücklich sie sonst auch waren, ihrem bisherigen lieben, warmen Werk
zurückgeschenkt zu sein. Nur fand in der Geschwindigkeit keine den
Bogen, das alles in Worten auszudrücken. Aber es brauchte auch weiter
keiner Worte; einig war man immer gewesen. Die Klingse allein war nicht
zufrieden.
»Ich kann den Damen nur noch einmal raten, das amerikanische Angebot
anzunehmen«, sagte sie wie jemand, der mehr weiß, als er für jetzt
verlauten will, und geflissentlich über Linde hinweg. »So üppig ist es
Ihnen ja hier doch nicht ergangen, daß Sie mit Vorteil für sich und die
armen Verwundeten sogenannten hohen Idealen nachjagen dürften. Mein
Gott, wie arbeiten Sie denn! Sie entlasten die Schwestern vom Putzen
und Scheuern und stellen dafür bezahlte Frauen an. Wo finden Sie das
noch? Nicht einmal im reichen Frankfurt. Sie schicken nach Marburg
geschlossene Fäßchen mit Hahnen für den Kaffee an die Militärzüge,
weil Ihnen die offenen Eimer unästhetisch sind. Gewiß, es wird einmal
ein Stäubchen Ruß hineinfallen; im Feld fällt noch mehr hinein, und
man trinkt es auch. Aber die Hahnen sind zu eng, und das Auf- und
Zudrehen nimmt Zeit weg; es geht ja faktisch viel langsamer als aus den
offenen Eimern. Und was tun Sie, meine Damen? Sie kaufen ganz große
teure Messinghahnen und lassen die an die Fäßchen anbringen. Nun ja,
jetzt funktioniert die Sache. Es fällt kein Ruß in den Kaffee. Es sieht
auch appetitlicher aus. Aber was hat das nun gekostet! Und gerade Sie,
meine Damen, mit Ihren Mitteln! Darum sage ich Ihnen noch einmal, nicht
immer können die Soldaten die Hauptsache sein. Das Rote Kreuz muß auch
leben. Es ist nicht jedermanns Geschmack, ewig bankrott zu sein. Der
Geschmack unsrer Oberleitung ist es jedenfalls nicht, das muß ich Ihnen
schon bemerken. Ihr Kultus, den Sie mit den Verwundeten treiben, ist ja
auch höhern Orts bekannt und gibt viel zu reden. Da ist keine Wäsche
weich genug und keine Decke genügend warm. Und die Soldaten müssen dies
essen und jenes haben. Meine Damen, im Feld haben sie das alles auch
nicht, und sie siegen dennoch. Es besteht höhern Orts die Meinung,
daß man auf diese Weise das Material nur verwöhnt. Mütterlichkeit ist
schön in der Familie, aber dies hier ist eine Sache der Organisation.
Durch Organisation wird Deutschland diesen Krieg gewinnen, wenn man
das denn immer wieder sagen muß. Tun Sie, was Sie wollen, aber sagen
Sie nachher nicht, daß Sie nicht gewarnt seien. Fragen Sie sich auch,
ob es politisch ratsam ist, die amerikanische Öffentlichkeit durch
eine Absage zu brüskieren. Das wäre vielleicht warmherzig, aber wenig
staatsklug. Aber natürlich ganz wie Sie wollen; ich bin hier nur Gast.«
»Liebe Tante«, erwiderte Linde sofort und tief erregt, »wenn dich ein
Verwundeter hören könnte, so würde ihm ein furchtbarer Schreck oder
eine Traurigkeit in die Glieder fahren, die er nie mehr verlöre. Ich
möchte dir beinahe wünschen, daß du einmal mit einer Wunde zu Bett
lägest, um dich zu fragen, ob dir nun etwas Verwöhnung lieb sei oder
nicht; und dann würden wir dich nicht mit der Bemerkung abfinden, daß
du im Feld auch nicht verwöhnt würdest. So ist das. Ich finde, daß
du sehr zu bemitleiden bist. Ihr alle seid zu bemitleiden samt euren
Auszeichnungen und Titeln.«
Da sich Linde völlig selbstvergessen einem fremden Bedürfnis hingab,
gelang ihr ebenso selbstvergessen ein Sieg über die kaltherzige
Frau gerade durch jenes tiefe, geheimnisvolle Mitgefühl, zu dem sie
sonst im persönlichen Umgang ihrer Patin gegenüber nicht mehr frei
zu werden vermochte. Diese in den Augen der Klingse ganz verrückte
und dilettantische Vorstandssitzung entwickelte sich denn auch ganz
in der Richtung, die ihr Linde gewünscht hatte, und die in der Tat
die natürliche für alle Teile war. Die Amerikaner wurden samt ihrem
wundervollen Instrumentarium höflich bedankt und wandten sich an eine
andere Stadt, und da nicht überall so helle und kühne Wächterinnen der
nationalen Würde und der wahren Nächstenpflicht saßen, so fanden sie
auch eine. Das ganze Ereignis gab aber eben die unbewußte Unterlage
und den Anstoß zu der Sonntagspredigt her, die wieder der Klingse
die Unterlage für einen Vorstoß gegen den Dechanten verschaffte. Und
zwar war es gleich beim Mittagessen, daß sie das Gespräch auf das
Predigtthema lenkte.
»Ich kann ja solche Seligpreisungen der Dummheit und Inferiorität nur
vom politischen Standpunkt aus verstehen«, erklärte sie mit kühlem
Lächeln. »Wahrscheinlich willst du auch so aufgefaßt sein. Es wäre ja
auch zu altfränkisch, im Ernst die hohe Bedeutung und die Verdienste
der Gesellschaft leugnen zu wollen. Obwohl mir auch für politische
Zwecke die Predigt immer noch fanatisch genug war. Ein enger Kopf
bleibt ein enger Kopf, wenn er noch so gläubig ist, und ein Zöllner
behält der Gesellschaft den Wert eines Zöllners, selbst wenn Christus
mit ihm verkehrt hat. Wohin kämen wir, wenn auf einmal der Unsinn und
die Beschränktheit den Ton angeben wollten! Zum Beispiel im Feld,
Heinz, was macht einen Sieg dort aus, die sogenannten Gemütskräfte,
Glaube und Liebe, oder die technisch vollkommene Kriegsmaschine, die
Fähigkeit der Teilnehmer, +a good sport+ zu sein?«
»Natürlich der gute Sport«, sagte Heinz sofort. »Die größere Schlauheit
und Fixigkeit. Das neuste Gas. Das schwerste Kaliber Feldgeschütz. Die
Mechanik mit einem Wort. Der Mensch ist nichts. Wolle, was du willst,
das ist soviel, wie wenn eine Feder fliegt.«
»Also die Organisation der Materie«, übersetzte die Klingse. »Wir
hier im Land wissen gar nichts. Wir müssen diese da reden lassen. Das
sind jetzt die wahren Herren unseres Schicksals. Wenn einer schon
im Heizraum eines Schiffes sich nach Europa durchschlägt, um seinem
Vaterland zu dienen, der hat Anspruch auf Beachtung. Auch wenn er
über Dinge des Friedens redet, denn der Krieg ist der Vater aller
Dinge. Ein Volk wird niemals groß durch gläubige Zöllner und bekehrte
Sünder, sondern durch Leute, die in die Welt passen, wie die jetzige
Generation, Techniker, Industrielle, Kaufleute, Amerikaner und Juden.
Jawohl, Juden. Das sind sogar die Leute, die am wenigsten Vorurteile
haben. Es ist sonderbar, daß man euch das noch klarmachen muß, nachdem
unsere herrlichen Unterseeboote und Luftschiffe schon so lange an der
Arbeit sind. Von Seele habe ich in diesem Krieg noch nichts gemerkt; du
vielleicht, Heinz?«
»Nein, ich auch nicht«, lachte Heinz verlegen; es war ihm schon nicht
mehr ganz wohl bei dem Spiel. »Aber vom Leib, und das tüchtig«, fuhr
er mit knabenhaftem Eifer fort. »Kinder, wie haben wir schon gehungert
und gefroren, und wie waren wir schon müde, verlaust und dreckig!
Essen und schlafen und mal wieder ein Bad, und die ganze menschliche
Herrlichkeit ist repariert. Das schönste ist aber die Entlausung, das
kann ich euch schon sagen. Wenn einen das Läusevieh so ein paar Wochen
recht vorgehabt hat, und dann alles auf einen Tag loszuwerden: das ist
Wiedergeburt.«
»Seht ihr, so tönt das bei den modernen jungen Leuten«, triumphierte
die Klingse kühl und verzog ihre Lippen. »Wir sind auch nicht anders
als die andern, die Franzosen und Engländer, und könnten sogar vieles
von ihnen lernen. Wenigstens haben die begriffen, daß der Egoismus
die Quelle alles Lebens und das Geschäft das Ziel aller geistigen
Spekulationen ist. Es wäre besser, wir hätten ein Bündnis mit den
Engländern als mit den Bulgaren und Türken; dort blüht bloß die Roheit
und der Aberglaube. Schön, ihr habt nationale Eigenart, und die andern
besitzen die Welt.«
Dem Soldaten war schließlich wie vor den Kopf geschlagen; denn so laut
und feierlich seine schadhafte Wäsche als Mannskraft ausrufen zu hören,
ist nicht jedermanns Sache, und keinesfalls hatte er ein Interesse
daran, Linde in dem Licht zu erscheinen, in das ihn die weltliche Frau
mit Kunst und Weiberlist hineinpraktizierte. Seine Genugtuung über
die gehörten Lobsprüche war daher nur klein, und das wenige, das sich
seine Eitelkeit davon aneignete, wurde ernstlich von seinem schlechten
Gewissen angegriffen. Nach so langer Zeit fühlte er überhaupt zum
erstenmal wieder Gewissensregungen, und zwar durch den Besitz eines
deutschen Mädchens von Wert und Kühnheit, eines Mädchens, dem nun
einmal die Gabe verliehen war, jedem, der sich damit einließ, als eine
Art von kühler Morgenluft in die Seele zu ziehen und dort Erwachen
und Aufstand zu verursachen. Heinz war freilich vorläufig erst beim
Frösteln angekommen, und seine Gemütsstimmung zeigte daher einen
etwas weinerlichen und katzenjämmerlichen Anstrich, während er sehr
unbehaglich vor sich auf seinen Teller blickte und auf die Entgegnungen
wartete, die ihm in den Unterstand fahren mußten.
Der Dechant war weiter nicht erschüttert von den Offenbarungen seiner
Schwägerin; er kannte noch größere, wenn er zur Zeit auch keinen zu
heftigen Gebrauch von ihnen machte. Sehr gelassen sagte er:
»Wenn's dann nur jedem bei seinem Besitz wohl ist; denn immerhin hat
Hinz wie Kunz etwas, worauf er sich wenigstens eine Weile verlassen
kann. Leid tun mir aber die Leute, die bei uns gezwungen sind, mit
leeren Händen auszugehen, weil sie weder unsre Eigenart noch jene Welt
besitzen, die ja die andern haben und ausbeuten. Ich habe deshalb
immer darauf gedrungen, daß wir in Gegenwart dieser wirklich Armen und
Leeren jedes Auftrumpfen mit unserm Besitz vermeiden müßten einerseits
aus Feingefühl, andrerseits aus Gewissenhaftigkeit; denn ein Besitz
wie Eigenart ist ein ernstes und unerbittliches Geschenk. Ihr, die ihr
nicht damit belastet seid, tut unrecht, uns darüber zu beschreien, und
seid zu tadeln; denn ihr solltet ja dank eurer Modernität den größern
Überblick haben. Nun, dergleichen Talente liegen nicht in den Zeiten,
sondern in den Personen. Ich lege dir aber ans Herz, künftig nicht
mehr die Unmündigen zu mißbrauchen, wenn du gern einen persönlichen
Beweis führen möchtest, auch wenn sie alle Eiserne Kreuze und Orden
tragen, die ihrer Jugend zugänglich sind. Was dann das eigentliche
Thema angeht, die Seligpreisung der Armen, so wundere ich mich etwas,
daß du im Haus eines katholischen Geistlichen daran Anstoß zu nehmen
erklärst. Ich dachte, du wüßtest, zu wem du auf Besuch kamst. Nun, in
der Großstadt vergißt sich wohl dies und das, und es ist gut, daß ihr
von Zeit zu Zeit darauf kommt, daß wir auch noch da sind.«
Mit diesen lächelnd gesprochenen Worten hob er die Tafel auf. Indem
er im Vorbeigehen dem Soldaten leicht und väterlich die Hand auf
die Schulter legte, sagte er zum Mädchen: »Daß du dich jetzt auf
eine Stunde legst, Linde, und wenn zehn Leutnants gute Unterhaltung
in Aussicht stellten. So ein Luftibus darf doch nicht gleich alle
Hausregeln über den Haufen werfen.« Ihr freundlich zunickend, ging er
scheinbar ganz unangefochten hinaus. Innerlich war er's weniger, denn
mit allen weltmännischen Lästerungen hatte ihm die Schwägerin doch
einige Bedenken aufgeregt. Daß sie in seiner Predigt Fanatismus fand,
beunruhigte ihn noch am meisten, nicht weil er darin einen liberalen
Vorwurf erblickte, den er sehr ruhig ertragen hätte, sondern weil es
beim genauern Zusehen als ein unverdientes Lob herauskam; denn er wußte
doch am besten, auf welchem Weg seine Predigten neuerlich entstanden,
und wo seine Gedanken in der Zeit, während er sie hielt, sich manchmal
herumtrieben. Er hatte in seinem Gott immer einen klugen Pädagogen
gefunden; nun war es diesem sogar gelungen, ihn durch das ungewollte
Lob eines ungläubigen Weibes ernstlich zu tadeln und zu mahnen. Mit
einem Anflug von echter Besorgnis bemerkte er wieder die zuwartende
Langmut Gottes, und für diesen Nachmittag jedenfalls dachte er weniger
an die Geschichte des Domes als an die seiner Seele und der mystischen
Bindungen, die er andern Seelen und jener höchsten, an die keiner ohne
Erschütterung denkt, schuldig war und zum großen Teil schuldig blieb.
Nebenher rückte er doch auch seine Domgeschäfte und die Geschichte des
frommen Platzes wieder um einen Schritt näher unter den göttlichen
Gesichtspunkt, ein zäher Ringer, der er war, und ging so nicht ganz
ohne Vorteil für seine Lieblingstätigkeit aus der Affäre hervor. Den
verdienten Mittagsschlaf verpaßte er freilich über aller Spekulation,
so daß er später beim Tee etwas müde aussah.
Heinz und Linde waren beide dem Vorgang des Dechanten gerne gefolgt,
um diesen Tisch, an dem es ihnen so wenig wohl war, zu verlassen. Mit
einem überlegenen Lächeln blieb die Frau allein noch eine Weile sitzen,
horchte prüfend ihren Worten nach, suchte ohne Wohlwollen und darum
umsonst, sich ein wahres Bild von diesen Menschen zu machen, verlor
darüber ihr Lächeln, ärgerte sich über die empfangene Abfertigung,
dachte mit einer etwas bittern Regung von Eifersucht an den jungen,
blühenden Leutnant und mit Abneigung an das Mädchen und fühlte sich
alles in allem ziemlich einsam mit der Tragik ihres Lebens und ihrer
kalten, unfruchtbaren Natur. Unterweilen kam Brigitt herein, um
abzuräumen, hochbefriedigt darüber, den ungeliebten Gast rechtmäßig mit
einer häuslichen Pflichterfüllung aus einer Behaglichkeit auftreiben
zu können. Sie erhob sofort ein überaus kriegerisches Geklapper mit
Tellern und Gabeln, bewegte sich breitspurig ordentlich unter der
feinen Nase der Frau hierin und dorthin und nahm ihr, ohne viel zu
fragen, die Kaffeetasse weg, obwohl sie noch Kaffee darin und die
Hand am Löffelchen hatte. Wirklich erstaunt über soviel völkische
Niedertracht, blickte die Klingse auf und sah zur Abwechslung das
rabiate Frauenzimmer wirklich einmal näher an.
»Warum nehmen Sie mir das fort?« fragte sie mit hochgezogenen
Augenbraunen. »Sie sehen doch, daß ich noch nicht fertig bin. Warten
Sie mit dem Abräumen, bis alle Herrschaften den Tisch verlassen haben.«
»Die Herrschaften, was Herrschaften sind, haben ihn verlassen«,
erwiderte die Haushälterin patzig und räumte weiter.
»Sie werden ja anmaßend«, wunderte sich die Geärgerte. »Was soll denn
das alles heißen?«
Brigitt zog ihr auch das Tischtuch unter den Händen fort, so daß sie
jetzt am nackten Tisch saß. »Was es eben heißen soll.«
»So werde ich mir meine Frage selber beantworten«, erklärte die Klingse
errötend und erhob sich. »Es heißt, daß Sie der unverschämteste
Dienstbolzen sind, der mir zeit meines Lebens vorgekommen ist. Man
nennt Ihresgleichen bei uns Pfarrerskathel, und man weiß, daß solche
Rechte, wie Sie sich anmaßen, allgemein nicht nur durch häusliche
Dienstleistungen erworben werden. Aber es wäre besser für Sie, wenn Sie
die guten Beziehungen zu Ihrem Herrn nicht in dieser öffentlichen Weise
ausnützten.«
Damit ging auch sie und ließ den alten redlichen Menschen in einer
maßlosen Betroffenheit zurück, in einer Verblüffung, die sich dann
langsam zu ungefaßtem Ärger und Wut steigerte in dem Tempo, in dem die
Magd die Infamie begriff, die ihr gesagt worden war. Daß Brigitt aber
zum Begreifen soviel Zeit brauchte, war für diesmal das ganze Glück der
Klingse, denn in diesem Fall hatte sie ihre Gegnerin unterschätzt; als
aufgeklärte Persönlichkeit besaß sie weder Verständnis für menschliche
Ideale noch Respekt vor persönlichem Anstand.
Um noch einmal vom Nachmittagstee zu sprechen, so servierte ihn Brigitt
in kochendem Haß und in vollem Bewußtsein der erfahrenen Niedertracht,
mit einer tiefen Falte über der redlichen gebogenen Nase und fest
geschlossenen Lippen. Dieser Handel war nun ganz ausschließlich
ihre Sache wie auch die Abrechnung im Namen der Hausehre und der
beschimpften geistlichen Person, der sie diente. Von der landläufigen
Verunehrung ihres Standes sowie von den summarischen Verleumdungen
des einsamen, vor Gott gestellten Mannes hatte sie ja schon zu ihrem
Verdruß gehört, und sie wußte auch, welche Schicht der Gesellschaft
und welche politischen Parteien sich in solchen weltläufigen
Allgemeinheiten gefallen; aber den Feind im eigenen Haus zu haben, war
ihr ein ungeheures Erlebnis, mit dem sie nicht so in der Schnelligkeit
fertig zu werden und dessen Tragweite sie auch noch nicht von fern zu
überblicken vermochte.
Linde verbrachte diesen Nachmittag traurig und bedrückt, obwohl in
Gesellschaft ihres Geliebten, und das war der einzige Trost, wenn auch
ein kummervoller, denn dieser Geliebte war zu gewissen Zeiten und
Teilen auch der Mann ihrer Feindin. Nicht nur, daß sich das unselige
Weib seiner minderwertigen Qualitäten und seiner Torheiten bemächtigt
hatte, um ihn von dem gottesfürchtigen Umgang zu sich, der Weltdame,
zu ziehen, und noch abgesehen davon, daß sie ihm durch ihren Verstand
und ihre gesellschaftliche Überlegenheit imponierte und geistig die
geringe Einheit störte, die sich zwischen den jungen Leuten bisher
gebildet hatte, machte sie auch, noch weniger sichtbar als fühlbar,
ganz äußerlich als Weib einen gewissen Eindruck auf ihn, dem er sich
nicht zu entziehen vermochte. Sie betraf ihn stets mit größerer Scham
über Blicken nach gewissen Geheimnissen der Tante, die bei dem Schnitt
ihrer Kleider und Blusen nicht allzu streng verborgen waren, und als
er eines Tages sich über seine Vorliebe für Parfüm erklärte, wußte sie
auch, was das zu bedeuten hatte; denn von der Tante ging fortwährend
ein feiner, geheim erregender Duft aus. Alles in allem glaubte sie
nicht, daß Heinz ihr an die Gegnerin untreu werden könnte; eine solche
Niedrigkeit traute sie ihm mit keinem Gedanken zu. Allein der ganze
Einfluß, der von der städtischen und äußerlichen Frau auf ihn überging,
veränderte ihn wenigstens zeitweise in einer ungünstigen und für Linde
schmerzlichen Richtung. Sie sah deutlich, wie er jedesmal nach einem
Zusammensein mit der andern auf einer neuen Seite sozusagen anverdorben
zu ihr zurückkam wie ein gefallener oder gedrückter Apfel. Er wurde
eitler und gefallsüchtiger, kaufte sich Manschetten und weiße gestärkte
Halsringe, die dann sehr kavaliermäßig unter seinem ernsten Ärmel- und
Kragenaufschlag hervorblinkten, dazu feine Handschuhe und Lackstiefel,
und die kriegerisch verbeulte Feldmütze vertauschte er mit einer neuen,
ganz korrekten und steif stehenden. Daß ihm die vorige kriegerische
Abgeschlissenheit viel besser und männlicher gestanden hatte, wußte er
nicht, und er glaubte es auch nicht, als es ihm Linde sagte.
Das schlimmste Leiden floß ihr aus dem Gewissen. Es war nicht mehr
allein das jener Frau zugefügte und noch nicht wieder gutgemachte
Unrecht um das entwendete Buch, das ihr auf der Seele lag, sondern
das Schuldgebiet war weit über die von Heinz gezogene Grenze
hinausgewachsen, und zwar schon an dem Abend, an dem die bittere
Frau auf Lindes bußfertige Einladung leiblich erschienen und von dem
bestürzten Mädchen so niederschmetternd abstoßend und auf den ersten
Blick unversöhnlich feindlich empfunden worden war. Linde erlebte
diesen Mißerfolg wie eine Katastrophe. Es war ihr jetzt klar, daß sie
sich im Grund schon damals gegen die Frau um Heinz gewehrt hatte, wenn
auch mit törichten und verwerflichen Mitteln; denn anstatt alle frei
zu erhalten, hatte sie alle in eine geheimnisvoll drohende Verwicklung
gebracht, den Dechanten, die Frau, den Geliebten und am tiefsten
sich selbst. Sie meinte daher nicht mit Unrecht, daß es nötig sei,
Schritte zu unternehmen, um ihre sittliche Freiheit zurückzugewinnen
und zugleich der Leugnerin aller seelischen und moralischen Impulse
die Hoheit des Gewissens und das Wirken der lebendigen Seelenkräfte
zu beweisen. Aber dies Mittel erforderte eine so übermenschliche
Selbstüberwindung, daß sie sich nicht fähig fühlte, es aus freier Hand
anzuwenden, jedenfalls nicht ohne die Hilfe und den innern Beistand
eines Freundes. Beides suchte sie im Lauf des Nachmittags, müde
von allem Denken und von der Bemühung, ihrem Geliebten nicht durch
Traurigkeit schwerzufallen, bei ihm selber ohne besonderen Mut, nur um
einen Versuch nicht ungewagt zu lassen.
»Hast du auch schon bemerkt, daß die alte Geschichte mit dem Buch
wieder lebendig geworden ist und als Gespenst umgeht?« fragte sie
aus einem Schweigen heraus schüchtern ihren Freund. »Ich meine nicht
die Entwendung an sich«, fuhr sie hastig fort, als sie mit einem
Streifblick sein verständnisloses Gesicht bemerkte. »Gewiß, die Tante
ist furchtbar verletzt und will sich rächen. Und es scheint, daß sie
sehr an ihrem Ehrgeiz leidet. Aber es ist da noch anderes; ich kann
es nicht so sagen. Ich meine, sollten wir nicht einen -- ehrlichen
Entschluß fassen?«
Heinz sah immer noch gleich verständnislos aus. »Einen Entschluß
fassen?« wiederholte er verwundert. »Wir haben über die Sache doch
schon gesprochen. Ach, du meinst wohl unseren Vertrag? Aber liebes
Kind, das war doch eine Neckerei. Wer wird doch gleich alles so
tiefgründig nehmen. Du bist vollkommen freiwillig meine Freundin
geworden; das hat mit der dummen Büchergeschichte doch nichts zu tun.
Fühle dich nur ja in keiner Weise gebunden, ich bitte dich. Wir sind
doch erwachsene Leute.«
»Ich fühle mich dir gegenüber auch frei«, sagte Linde. »Aber du mußt
verstehen, daß ich dieser Frau ein Unrecht angetan habe.«
»Lieber Gott, doch nicht wissend!« ermahnte Heinz wohlmeinend. »Damals
warst du noch ein Kind! Da könnte ich mir ja auch Gedanken machen!«
»Ich wußte ganz genau«, kopfschüttelte Linde. »Ich hatte ein Gewissen,
und wenn ich dort die Wahrheit gesagt hätte, so brauchte ich mich jetzt
nicht vor Gespenstern zu fürchten.«
»Nun, bei der großen Beliebtheit, die sie sich damals bei uns erwarb!«
erinnerte Heinz mit einem Versuch, sie zu erheitern. »Aber was ist
denn so Schlimmes geschehen? Sie hat doch die Sache längst vergessen,
sonst wäre sie nicht hier. Na also. Obwohl ihr sie sicher alle falsch
beurteilt«, platzte er dann plötzlich heraus. »Sie ist eine sehr
gebildete und feinsinnige Frau, nur etwas verbittert. Sie wird zuwenig
geliebt, wie es scheint.«
»Gewiß«, stimmte Linde mit ernsten Augen, doch erleichtert zu. »Wir
wollen eine offene Aussprache herbeiführen; vielleicht lernen wir uns
dabei verstehen, und jedenfalls machen wir allen das Herz frei.«
»Aber gern, natürlich«, sagte Heinz lachend. »Es wird einen rechten
Spaß geben. Verfluchte Blase, die wir auch waren! Laß mich nur machen,
ich werde diese Sache schon einfädeln.«
»Vielleicht besser nicht«, bat Linde, erschreckt von seiner absoluten
Verständnislosigkeit. »Es wird doch nicht gehen. Wir wollen es lieber
lassen. Ich bitte dich. Vielleicht später. Jedenfalls nicht, bevor wir
wieder darüber geredet haben.«
»Na -- was also? In den Kartoffelacker 'rin oder aus dem Kartoffelacker
'raus? Schön. Wenn du nicht willst, so wird eben nicht darüber
gesprochen. Ich meine nur --«
»Ich -- kann ihren Blick nicht ertragen, nicht einmal in der
Vorstellung«, suchte sie zu erklären, verstummte aber bedrückt und
machte auch keinen Versuch mehr, ihm ihre Empfindung näherzubringen.
»Tja, da muß ich wiederholen, daß du ihr unrecht tust«, meinte er,
selber verschüchtert. »Sie mag ihre Härten haben, aber ein übler Mensch
ist sie nicht. Wenn man zwei Jahre so draußen gewesen ist und dann mal
wieder ins Land schneit, so hat man für alles Weibliche einen ganz
andern Nerv, auch für das Männliche, versteht sich. Und da kann ich nur
sagen --«
Er sprach nicht aus, was er nur sagen konnte, und auch Linde ließ ein
Gespräch fallen, bei dem sie bloß Verluste und Enttäuschungen erlebte.
Gleich darauf klingelte Brigitt zum mehrfach berufenen Nachmittagstee,
der ziemlich still und gemessen verlief. Nachher belegte die Tante den
Soldaten mit Beschlag, um mit ihm zu musizieren. Er spielte ganz hübsch
Klavier, und sie brauchte ihre dünne Stimme mit Geschmack; darauf
spielten sie vierhändig, womit schon manche schwere Not begonnen hat.
Später ging sie mit ihm spazieren, und er zeigte ihr die schöne Gegend.
Zum Nachtessen erschien er mit einem Ring ihres verstorbenen Mannes,
den sie ihm geschenkt hatte. Als später unter vier Augen Linde eine
Bemerkung darüber machte, meinte er, er wisse nicht, was sie gegen die
Frau habe; er könne sich doch von einer reichen Verwandten, die dazu
ihre Patin sei, etwas schenken lassen. Ob sie denn an Eifersucht leide?
Sie sagte, sie leide nicht, und mußte dafür auch ihre Empfindlichkeit
unterdrücken und ihre Trauer verbergen, und er war zufrieden, daß sie
es wieder schien.
Fünftes Kapitel
Der Abschied des Soldaten und der Kampf um seine letzten Stunden führt
zu überraschenden Ergebnissen; fast alle Leute stehen nachher auf einem
andern Fleck.
Mit solchen und anderen Geschehnissen ging der Urlaub des Soldaten
zu Ende; indem er am Mittwoch zum Kaffeetisch herunterkam, hatte er
bereits seinen letzten Tag angebrochen. Linde erwartete ihn mit einem
heiteren Gesicht und trüben Augen; sie hatte die Nacht geweint. Heinz
schnupperte in die Luft, und sie lächelte.
»Heute gibt's echten Kaffee«, sagte sie. »Ich verantworte ihn. Und
überhaupt einen Tag, wie wir ihn früher gewöhnt waren. Willst du hören?«
Er wollte, und sie zählte ihm auf, was sie für das Abschiedsfest
vorbereitet hatte. Er war gerührt und schien nachdenklich, hatte
eine dumpf beunruhigte Nacht hinter sich und war mit dem Tagesgrauen
wach geworden wie im Schützengraben; aber geweckt hatte ihn nicht
ein Kanonenschuß, sondern der Gedanke an Linde und den Abschied.
Er konnte noch zu ihr sagen: »Wir gehen nachher zum letztenmal zur
Warte hinaus!«, da trat die Tante ein, und gleich erschien auch der
Dechant. Die Klingse hatte ebenfalls schlecht geschlafen; sie zeigte
dunkle Ränder unter den Augen und schien so mit sich und ihren Gedanken
beschäftigt, daß sie nicht einmal einen Laut über den echten Kaffee
verlor und über die Butter, die heute auf dem Tisch stand. Sie zeigte
sich jedem guten Wort zugänglich, gab freundliche Antworten, stellte
unverfängliche, teilnehmende Fragen und schien alles in allem so
weich, wie sie hier noch niemand gesehen hatte. Dazu trug sie einen
blauseidenen, silbergestickten Kimono, den sie noch nie angehabt hatte,
und der ihr sehr gut stand. Sogar der Dechant mußte innerlich zugeben,
daß sie immer noch ihre Stärken hatte mit dem weißen schlanken Hals,
dem säuberlich modellierten Ansatz in den zarten Brüsseler Spitzen, den
feinen Armen und dem delikaten rötlichen Haar. Freilich gab er nicht
eine Strähne von Lindes blonden Zöpfen dafür her, und dieser Meinung
war schließlich Heinz auch, wenn denn schon unterschieden sein mußte;
sonst war er mehr dafür, jede in ihrer Art zu nehmen. Obgleich er eben
mit seiner jungen Freundin ein zärtliches Rendezvous ausgemacht hatte,
verlor er doch immer wieder die Augen an die weltbedeutende Dame im
Morgenkleid, und außerordentlich beschäftigte ihn ihr goldenes Armband
am Handgelenk, das sie auch noch nicht getragen, sowie das lange grüne
Ohrgehänge, das sie zur Feier des Tages vorgenommen hatte. Mit einem
Wort, Heinz konnte nun sehen, was es mit einer ausgewachsenen Frau
auf sich hatte, und er sah alles, was es zu sehen gab; übermäßige
Zurückhaltung war seine Sache ohnehin nicht.
Darüber hinaus lagen ihm noch die Träume dieser Nacht in den Knochen.
Er hatte sich selber sterbend »auf blutiger Wahlstatt« -- diese Worte
tönten ihm unausgesetzt in den Ohren -- liegen gesehen und war darum
traurig und etwas tiefsinnig. Für eine solche Gemütsverfassung schien
ihm Linde eher der geeignete Umgang zu sein als die überlegene und
ungläubige Frau, und darum kehrte er von seinen Augenausflügen immer
reuig zu seiner stillen Freundin zurück. So ging er auch nach dem
Frühstück verabredetermaßen redlich mit ihr spazieren, und Bob durfte
mit. Der Dechant hatte noch angezeigt, daß heute nachmittag um fünf die
neuaufgestellte Orgel probiert werde, und zwar durch einen bekannten
Organisten aus Köln; wer sich dafür interessiere, möge sich einfinden.
Es interessierten sich alle, sogar Bob wedelte erfreut mit seinem
kurzen Schwanz, und das Ereignis wurde zu einem Programmpunkt des Tages
gemacht.
Diesen etwas bedeckten aber gnädigen Vormittag benützten die Liebenden
dazu, noch einmal alle Dinge zu nennen und redend lebendig zu machen,
die ihnen wert und lieb waren. Jedes sprach gütig und rein die
innern Vorzüge des andern an und auch das, was ihm an seinem Äußern
die Sinne bewegte und die Gedanken mit Freude erfüllte. Was sie
verschweigen mußten, das zitterte desto kühner als Sehnsucht in ihnen.
Sie wandelten dahin, glaubend und hoffend als zwei edle Kinder der
Erde, an denen keine Falschheit war, und die sich so treu und in der
Hand des natürlichen Gottes geborgen fühlten, daß sie nichts sahen,
was ihnen nicht erlaubt gewesen wäre, nicht weil sie nun als kleine
Frevler mit schlauer Logik die Hände nach verbotenem Gut ausgestreckt
hätten, sondern weil sie annoch wirklich nur nach Erlaubtem begierig
ausblickten und darin sich vor dem anrückenden Abschiedsweh bargen.
Sie machten sich die Erde zum Bild, in dem sie sicher von ihrer
Treue umrahmt nebeneinanderstehen, und den Himmel zur Melodie, die
sie einander aus jeder Ferne zusingen wollten. Heinz war ganz offen,
ganz kinderreich und hörte und sprach mit festlich erregten Organen.
Er verstand das meiste und glaubte alles, was sie sprach, und was
er sagte, das hatte Hand und Fuß und konnte sich in ziemlich guter
Gesellschaft bewegen. Er vergaß, was ihn sonst dumm und ledern machte,
die Klingse, die moderne Zeit, sogar den Schützengrabenjargon, und
war diesen Morgen wirklich nur Lindes frommer und sanfter Geliebter,
ein innerlich wohlgewachsener junger Mann ohne jede Eitelkeit, dem die
nahende Trennung von seiner Geliebten schwer zu schaffen gab, und der
mit Sorge bemerkte, wie die silbernen und goldenen Fäden schon sich
zum Zerreißen anstrafften. Die still gewordene, kühle Flur sagte ihm
Lebewohl. Die Türme sagten ihm Lebewohl. Das Tal, die Wälder, der Fluß,
der Kalvarienberg drüben mit seinen Leidensstationen, das Geläute des
weidenden Viehs, alles sagte ihm gläubig und heimatlich Lebewohl. Nur
einmal hörte er die Klingse sagen: »Du mußt wieder dein Leben für uns
einsetzen«, und das Wort klang ihm schlecht, er wußte nicht warum. Dann
wandelte es sich ihm zur Unruhe, weil er den Tod darin ahnte, und mit
dem ganzen Gefühl drängte er sich noch näher an den Menschen, der ihm
und dem er in diesen Stunden alles war, Besitz und Zuflucht, Verheißung
und Erfüllung. Von soviel Wärme und kindlich-männlicher ernster
Hingabe überwältigt, verlor Linde auf eine kurze Zeit die mühsam
beherrschte Fassung und lag ihm wortlos weinend an der Brust, aber
als sie sich wieder aufrichtete, lächelte sie ihm erneut zu, und das
war der Höhepunkt ihres Jungfrauenlebens, auf dem sie das Frauenleben
begriff und es auf eine keusche, zagende Weise, aber unwiderstehlich
begann. Die höchste gesellige Leistung des liebenden Weibes für den
Mann und zugleich seine Bestätigung durch sie ist die Kameradschaft,
und vom Kameraden fühlte Linde von diesem Augenblick an viel in sich.
Auch Heinz fühlte es, und es steigerte seine Achtung für sie und
sein Gefühl von ihren Werten, die sich immer noch aus sich selber
summierten. Er merkte wieder einmal, daß sie mit der Ausstrahlung und
Befreiung ihrer Kräfte noch lange nicht zu Ende war, und das erfüllte
ihn ebenso mit Bewunderung als mit Erstaunen, denn bisher hatte er
von deren Vorhandensein im Weib noch nichts bemerkt, auch nicht durch
seine Kameraden im Schützengraben gehört. Darunter hin schämte er sich
ein wenig, aber es tat ihm wohl, weil ihn das Gefühl letzten Endes
reicher machte, und weil er davon gleich wieder in der Form von neuen
Liebesbeweisen mitteilen durfte, ohne über deren Herkunft Rechenschaft
geben zu müssen. Mit der Seele zweier Liebenden verhält es sich
ohnehin wie mit den beiden klingenden Personen der Terz, die singend
und anschauend und immer neue Melodien bildend durch das weite schöne
Tonreich wandeln und zu keinem Ende kommen.
Bob suchte in der Zeit Mäuse, kam ab und zu fragen, ob es nicht bald
wieder weitergehe, und als Linde weinte, stand er plötzlich dicht vor
Heinz und sah ihn mit dem einen Auge sehr aufmerksam und prüfend an.
Indessen kam doch dieser gütige Vormittag mit allem Frieden zum Ende,
als die Mittagsglocken in der Stadt und in den Dörfern zu läuten
anhoben. Noch einmal umarmten sie einander herzlich und voll von jenen
bräutlichen Gefühlen, die mit den Begriffen Unendlichkeit und Ewigkeit
und mit allen göttlichen Geheimnissen unzertrennlich sind, in der
Meinung, für sie beide nun ein unzerstörbares Abschiedsmal aufgerichtet
zu haben, an dessen großherziger Endgültigkeit bis zum Wiedersehen
niemand etwas verändern konnte, kein Mensch und kein Geist, wenn er
mit noch so großen Gewalten ausgestattet war, denn das fromme Herz ist
unbesieglich, solang es unbesiegt bleiben will. Unterwegs schenkte ein
Bauer Linde einen wunderschönen Apfel von einem ganz seltenen Baum, und
als er hörte, daß Heinz wieder ins Feld mußte, schenkte er auch ihm
einen, obwohl der ganze Baum bloß drei getragen hatte. Beide dachten
ganz unwillkürlich: »Der dritte gehört dem Tod!« Aber keins sprach den
Gedanken aus.
Der Dechant, der heute einmal nicht in seinem Getrümmer steckte,
sondern sich mit ein paar aufgefundenen alten Kirchenschmökern hinter
seinen Schreibtisch verschanzt hatte, konnte sich den ganzen Morgen
nicht helfen: er mußte sich immer auf das Mittagessen freuen, wenn ihm
ein Windchen den guten Duft aus der Küche in die Nase trug, dergleichen
er seit zwei Wochen nicht mehr gerochen hatte, nämlich seitdem die
Klingse im Haus den Ton angab. Von Heinz war zu den ursprünglichen
acht Tagen immer noch einer zugesetzt worden, so daß er schließlich
gegen die erste Absicht seinen ganzen Urlaub im Pfarrhaus verbracht
hatte. Immerhin war auch dem Dechanten der Grund dazu nicht verborgen
geblieben und hatte ihm gelegentlich zu denken gegeben. Auch heute,
wenn ihm nicht gerade der Mund wässerte, gingen seine Gedanken hinter
den jungen Leuten her, und er erkannte von ungefähr die Notwendigkeit,
mit Heinz noch ein allgemeines ernsteres Wort zu reden, ehe er wieder
in seinen Schützengraben zurückkehrte, damit er nicht ganz ohne ein
geistliches Gastgeschenk schied. Indessen kamen die beiden eilfertig
an, als bereits aufgetragen wurde, und das Gespräch mußte mindestens
bis nach dem Braten und Wein verschoben werden.
Brigitt strahlte sozusagen auf eine grimmige Art, denn da sie wieder
einmal anständig kochen durfte, so zeigte sie nun auch, was es mit
einer christlichen hessischen Pfarrküche auf sich hat, im Gegensatz
zu einem mageren norddeutschen Hungertisch. Es troff alles von Butter
und gewürzigen Wohlgerüchen, und außerdem hatte sie gleich für acht
Tage im Vorrat gekocht und gebraten, denn um ihre heutige Bescherung
aufzuessen, war mindestens eine Schulklasse oder ein gefüllter
Schützengraben nötig. Es gab erstlich Äschen, einen charaktervollen,
schneefrischen Flußfisch, dann Reh, wovon Brigitt zwei Schlegel und
einen Rücken, also beinahe das ganze Tier, angeschafft hatte, weil
es für Linde zum bekömmlichsten Fleisch gehörte, und in Gottes Namen
noch gebratene Gans, obwohl es dafür ein bißchen zu früh war, aber
was man hatte, das hatte man, und man hatte zweie. In die Küche war
heute außer ihr den ganzen Vormittag keine Menschenseele gekommen; so
wußte auch niemand, wie sie es fertiggebracht hatte, auf einem Herd
und mit nur zwei Händen Äschen zu kochen, Rehschlegel zu schmoren und
Gänse zu braten, der Suppe nicht zu vergessen, des Sauerkrauts und der
Kartoffeln sowie der Maronen und der Äpfel, mit denen die eine Gans
gefüllt war, und der Sauce, die auch gemacht sein wollte. Und daneben
hatte das gute begeisterte Tier noch zwei Dauerkuchen gebacken aus
wirklichem Weizenmehl, wirklichen Eiern und der besten Butter, die zu
haben war, alles echte Ware und alles auf Wochen haltbar. Nun mochte
jeder essen, was er konnte, den Rest wollte sie nach dem Ratschluß
ihrer Liebe verwalten. Und da doch heute der Tag der Erlaubnis war,
hatte sie weiße Semmeln zum Nachmittag bestellt in der Erwartung, daß
sie ihren Leuten auch morgen früh bekommen würden; Semmeln frisch zu
halten verstand sie aber wie keine. Zum Nachtessen hatte sie noch
einmal eine besondere Mine gegraben und sie reichlich mit Schinken und
Würsten geladen; ein paar Hühner lagen auch drin. Eigentlich hätte sie
einen Anbau an das Pfarrhaus benötigt, aber sie wußte im Keller und auf
dem Boden noch viel gewissere Unterkünfte. Und über dem ganzen Krieg
kam sie so in Schwung und Begeisterung, daß sie schwor, von heute ab
überhaupt wieder ihren Stil zu kochen, und wenn Linde sie auf den Knien
bat, der Klingse zu gehorchen. Es sollte nichts mehr gehorcht, sondern
gebraten und geschmort werden, wie es die zarten herrschaftlichen Mägen
verlangten, und wie es die Pflichten geboten, die sie von Gott gegen
diese übernommen hatte.
Die weiche Stimmung der Klingse hielt an und steigerte sich beinahe bis
zur Träumerei. Sie begann sogar aus ihrem Leben zu erzählen, von ihrem
verstorbenen Mann, wie berühmt er gewesen sei, und was für Honorare
er genommen habe. Einmal war die Rede davon, daß vor ihrem Landhaus
eigentlich die Bäume etwas die Aussicht hinderten, besonders eine
schöne hohe alte Tanne, die vor den Fenstern des Wohnzimmers stand.
Oh, die stehe längst nicht mehr da, erzählte sie mit einem leichten
Lächeln ihrer dünnen Lippen. Nachdem sie lang genug mit ihrem Mann
darum gezankt habe, daß der Gärtner sie schlagen solle, habe sie sie
heimlich vergiften lassen, immer eine Wurzel nach der andern, bis dann
der Baum scheinbar von selber eingegangen sei. Später war die Rede von
einem Nachbarhund, der nächtens manchmal etwas Lärm gemacht hatte,
aber sonst ein sehr hübsches, kluges Tier gewesen war. »Ach, ihr meint
den Neger?« erinnerte sie sich angeregt. »Der lebt nicht mehr. Erst
war er zu meiner großen Freude blind und taub geworden, und dann mußte
man ihn natürlich abtun.« Man sagte nicht viel zu diesen Nachrichten,
aber Linde ging jedes Wort davon wie ein Messer durch's Herz, so daß
sie eine ganze Zeitlang die Freude am schönen Essen und dem guten Wein
verlor und nur an ihrer Angst vor diesem Weib würgte. Heinz lachte ein
bißchen über die in einem trockenen, humoristischen Ton vorgetragenen
Berichte, wurde aber gleich darauf verlegen und sah schuldbewußt und
abbittend nach Linde. Der Dechant sagte nur: »Schade um den schönen
Baum!« und: »Der arme Kerl! Hoffentlich ist ihm der Tod nicht zu schwer
geworden!« »Was weiß ich ~davon~!« achselzuckte sie gutgelaunt.
»Ich denke, man hat ihn erschossen. Mir hat er sechs Jahre lang das
Leben schwer gemacht.«
Darauf wandte sie sich wieder dem Thema des Tages zu und fing aus dem
Gefühl des Abschiedes an, Geschichten zu erzählen, die sich in ihrer
Gesellschaft zugetragen hatten; die meisten handelten von Soldaten, die
aus dem Urlaub wieder in den Schützengraben zurückgekehrt und gleich am
ersten Tag von der tödlichen Kugel ereilt oder von einem Granatsplitter
erfaßt worden waren, so daß man beinahe von einem Gesetz reden
könne. Einer stehe zwei Jahre im Feld, und es passiere ihm nichts;
dann bekomme er einen kurzen Urlaub, und es sei um ihn geschehen.
Überhaupt, um aus einem guten Soldaten einen schlechten zu machen, sei
ein Urlaub das beste Mittel; nachher könne man mit Menschen auf lange
Zeit hinaus nichts mehr anfangen, die früher ganz sichere Leute gewesen
seien, besonders wenn sie etwa eine Liebe zurückgelassen hätten.
Heinz werde das bestätigen können. Indem sie dabei an ihre Einsamkeit
dachte, richtete sie auf Heinz einen schweren, dunkeln, begehrlichen
Blick, unter dem er errötete, und der mit seiner ehrgeizigen Selbstheit
Linde beinahe aufschreien machte. Heinz bestätigte alles, auch jenes
unheimliche Gesetz, obgleich ihm sehr wenig wohl dabei war. In
dieser Weise fuhr sie wohlunterhalten und befriedigt fort, das Opfer
zu bekränzen, und je mehr es zum Opfer wurde, um so gegenwärtiger
entfachte sich in ihr jene eiskalte Leidenschaftlichkeit, vor der
Linde zitterte, und von welcher sich der Soldat unwiderstehlich
angezogen fühlte wie nach der Sage der kleine Vogel, der in den Blick
der Schlange gerät. Und da waren auch alle Mittel des Dechanten, das
Gespräch und die Aufmerksamkeit auf andre Dinge zu lenken, umsonst,
zumal es ihr immer wieder gelang, in Heinz die Lust am Prahlen zu
wecken, wodurch sie ihn zu ihrem Helfershelfer machte. Als der Dechant
endlich im Anblick der Leiden, denen Linde beinahe erlag, geradezu
eingriff und sagte, man wolle doch von andern Dingen sprechen, es sei
noch früh genug, daran zu denken, wenn Heinz wieder draußen im Feuer
stehe, antwortete sie mit gerechter Verwunderung:
»Aber warum? Ihr hört doch, daß Heinz selber sehr gern davon spricht.
Er ist Soldat mit Leib und Seele, und wenn ihm das Thema gefällt, so
werden wir's wohl auch ertragen können, die wir nicht hinaus müssen,
um unser Leben für die Daheimgebliebenen einzusetzen. Ist's nicht so,
Heinz?«
Der Heroismus verlangte es, daß Heinz zustimmte, aber von dem schönen
Mahl hatte niemand den erhofften Genuß. Die Männer tranken in ihrer
innerlichen Erregung um so mehr, und sogar Linde, als sie das Mittel
der Zuflucht erkannte, das jene anwandten, gab ihr Glas immer öfter und
williger zu einem gütig gemeinten stillen Anstoßen nach rechts und nach
links her, so daß bei aufgehobener Tafel außer der Klingse alle etwas
von Wein und Traurigkeit angetrunken waren und keinen Gegenstand mehr
sicher vor den Augen hatten.
Der Dechant und Linde mußten notwendig schlafen gehen, besonders diese,
die sonst kraftlos hingesunken wäre, aber den Soldaten nahm die Klingse
an sich; sie hatte nicht mehr so viel Zeit, daß sie welche davon
verschlafen oder ihn verschlafen lassen wollte, so herzlich gern er's
getan hätte, denn er war vom Abschied ganz unterhöhlt und schwer von
Müdigkeit und Alkohol, so daß er jeden Moment einzubrechen fürchtete.
Aber Mitleid gehörte nicht zu ihren Trieben, und so mußte er im Salon,
wohin sie ihn mitnahm, zuerst von seinem Leben und seinen Liebschaften
erzählen, ob er wollte oder nicht, besonders von den letzteren, und
für eine Zeitlang kam er richtig wieder ins Schleudern und Prahlen.
Sie legte ihm nahe, was für ein liebreizender Kerl er und was für eine
ganz selbstverständliche Sache es sei, daß einsame Frauen nach hübschen
jungen Männern von seinem Schlag aussähen. Ob er schon reifere Frauen
geliebt habe? Nein, die kannte er noch nicht. Nun, dann sei es Zeit
dazu, daß er sie kennenlerne; die besäßen besondere Mittel, aus einem
Jüngling einen Mann zu machen, und wendeten sie nirgends lieber an als
bei so idealistisch angelegten Naturen.
Die idealistische Natur war ihr stockernst, und er hielt sich
aufrichtig selber für eine; aber für diesmal hing sie ihm eng mit
Linde zusammen, und an diese hielt er sich auch getreu und noch fast
ganz so warm, wie er von ihr kam. Inzwischen glitt ihm auch von seiner
Prahlerei ein öder Geschmack auf die Zunge; sie wurde ihm mit dem
ganzen dargestellten Treiben schal, und schließlich schlief er beinahe
ein. Da wünschte sich die Klingse von ihm, daß er ihr Soldatenlieder
singe; er solle sich dazu auf dem Klavier begleiten. Er wandte ein,
daß man die Leute im Mittagsschlaf stören werde. »Wenn du meinst«,
sagte sie und streckte das spitze Kinn vor. Da setzte er sich hin und
fing an zu singen von den Vöglein im Walde und der Heimat, in der es
ein Wiedersehen gibt, von dem Mädchen, das seine Tränen trocknen soll,
weil ja nicht jede Kugel trifft, von den deutschen Soldaten, die alle
gut schießen, und vor denen sich das Franzosenblut hüten soll, und
was sonst so gegenwärtig auf Märschen und in den Quartieren sang und
klang. In der Ecke gegenüber, ihm gut im Gesichtsfeld, saß die Klingse
mit übergeschlagenen Beinen und in dünnen grauseidenen Strümpfen. Ihm
war, er wußte nicht wie. Die Lieder regten ihn auf, wie sie es noch nie
getan hatten. Gefahr und Liebe, Unschuld und Blutvergießen, Verlockung
und Tod, alles floß ihm zusammen zu einem rot blühenden Rausch des
jungen Blutes, auf dessen Grund sich in großer Bestimmtheit eine
lastende, dunkle Traurigkeit ausbreitete, welche die Berufung zu haben
schien, sein Heiligstes vor Besudelung zu bewahren. Die Einsicht davon
erschreckte ihn ebensoviel, als sie ihn beruhigte. Manchmal war es
ihm, als ob er um sein Leben und dann wieder, als ob er bloß für Linde
sänge, die jetzt vielleicht droben in ihrem Zimmer weinend auf ihrem
Bettchen lag und alles auf sich bezog, wenn sie sich auch wunderte, daß
er ihr damit den Schlaf raubte, aber wahrscheinlich dachte sie, daß er
es vor Traurigkeit nicht aushalte.
Nach einiger Zeit merkte zwar die Klingse, daß er aus dem
aufgeforderten Singen ins Leidenschaftliche gekommen war, aber sie ließ
ihn dabei, weil sie wohl fühlte, wie mit jedem neuen Lied auch seine
innerliche Ratlosigkeit zunahm. Er sang und spielte sich ihr selber in
die Hände; je weniger er die Empfindung hatte, von ihr ergriffen zu
sein, desto freier bewegte er sich dahin, wohin sie ihn haben wollte,
in ihre dünnen Arme und an ihr bitteres heißes Herz. Vorläufig erfüllte
er sich in seinem offenen, vom Abschied erregten Zustand immer höher
mit ihrem gepflegten Frauenwesen, ihrem Parfüm, ihrem Seidenglanz, dem
Schimmern ihrer Spitzen und dem Blitzen ihrer sündigen Steine. Sie
selber saß mitten darin wie eine Spinne in ihrem Netz, ruhig und kühl
lächelnd, und wartete auf ihre Stunde, die jetzt noch nicht schlug. Sie
brachte es sogar fertig, ihn, als er endlich schwieg, ohne vom Klavier
aufzustehen, auf sein Zimmer zu schicken, um noch etwas zu schlafen.
»Riegle dich ein, daß dich niemand stiehlt«, sagte sie lächelnd.
»Mich stiehlt niemand«, erwiderte er erhitzt und etwas wirr. »Und
einriegeln, das ist nicht für einen Soldaten«, setzte er mit einem
Versuch, zu scherzen, noch hinzu.
»Ja, es ist auch nicht«, stimmte sie bei, indem sie ihn mit einem
prüfenden Blick betrachtete. »Aber sieh zu, daß du nicht einmal
unerwarteten Besuch bekommst!« Ein zweifelhaftes und etwas verlassenes
Lächeln begleitete diese Worte, und das war der Eindruck, mit dem Heinz
sie für diesmal verließ. Zum Schlafen ließ ihn sein inneres Feuer
freilich nicht kommen.
Linde lag genau so, wie Heinz sich dichterisch vorgestellt hatte,
nämlich weinend, auf ihrem Bett, bloß daß sie die Lieder nicht als
eine Huldigung an sich betrachtete. Sobald er begann, wußte sie, daß
er für die Feindin sang, und sie hörte auch im fernern die Wärme, in
die er sich hineinmusizierte und vielleicht nicht nur musizierte. Dann
griff ihr auch der Inhalt der Lieder, unter solchen Umständen gesungen,
doppelt ans Herz, denn jedes sprach von Gefahren und hatte den Tod vor
Augen, und alle miteinander waren geradeso tiefsinnig und voll naiven
Selbstgefallens wie die erschütternden Menschen, die sie sangen. Sie
sah wieder alle Sicherheit wanken, die sie heute aufgerichtet zu haben
glaubte, und ahnte zum erstenmal, daß sie, um den Geliebten endgültig
dem schlimmen und verderblichen Einfluß zu entreißen, vielleicht ein
viel verwegeneres und entscheidenderes Mittel gebrauchen müsse, als
es Küsse und Liebesworte waren; wenn sie nicht seine Natur besaß, so
besaß sie wenig von ihm. Ein Mädchen ihres Schlages, dem dergleichen
klar wird, ist vielleicht nicht so entsetzt, wie manche denken, weil
es entschlossener ist, als es wohl den Anschein erweckt, aber auch
schwermütiger, als sich irgendein Mensch vorstellen kann, nicht wegen
seiner, sondern wegen des andern, den es ständig mit Liebe und Mitleid
umgibt, und dessen menschlich-göttliche Gesamtheit es keinen Augenblick
aus den Augen verliert. Will es für den Geliebten um seines irdischen
Glückes willen gern Seele sein, so wird es auch nicht auf die Dauer
zaudern, für ihn Leib zu werden, wenn es hoffen kann, damit sein
Unsterbliches zu erobern. Daß diesem kühnen Gedanken seine gesunde
sinnliche Ausstrahlung, ihr eigenes passioniertes Wohlgefallen an dem
Mann und das Abschiedsleid auf weite Strecken vorgearbeitet hatten,
wurde ihr dann wieder nicht klar, und das war der holde Sophismus
daran, den ihr Gott wohl in dem Augenblick verzieh, in dem sie ihn
beging.
Zum Tee erschienen alle ein bißchen verkatert und mit trockenem,
sehr dürstendem Gaumen und die jungen Leute mit trüben Augen, die
einander schüchtern und mit tiefer drängendem Blick als sonst, beinahe
ein wenig wühlend, suchten, weil beide in der Notwendigkeit waren,
um ihre Liebe nun schon aufs äußerste zu kämpfen. Der Organist, der
inzwischen angekommen war, saß mit zu Tisch und war nebenbei ein
guter, kindlicher Mensch, der allen wohltat. Weil die Klingse ihn
als eine Autorität kannte, stellte sie sich mit ihm auf gleich und
gleich und suchte es so einzurichten, daß die andern daneben als
Leutchen zweiter Wichtigkeit erschienen. Da es dem Organisten an jeder
gesellschaftlichen Übung fehlte, war er dagegen machtlos; je mehr
wohlgemeinte aber ungeschickte Versuche er unternahm, den Ring von
Autorität zu durchbrechen, in den sie ihn schmiedete, desto schlimmer
machte er nur die Sache, und desto mehr glänzte sie neben ihm mit
ihren musikalischen Kenntnissen. Sie gehörte zu jener Sorte von
Gesellschaftsweibern, die sich mit Zielbewußtsein und Beharrlichkeit
auf irgendein Bildungsgebiet oder auf zweie werfen, um dort zu lernen,
was zu lernen ist, und mit ihren Wissenschaften nachher über die Laien
zu herrschen und bei den Wissenden zu thronen. So hatte sich die
Klingse in die Musiktheorie gründlich eingearbeitet, und ihr zweites
Gebiet war die Literaturgeschichte. Da sie den nötigen Ehrgeiz besaß
und nicht dumm war, gelang es ihr immer, den Eindruck einer musikalisch
und literarisch tiefgebildeten Frau zu machen, obwohl sie im Grund
ganz unmusikalisch war und dem Leben der andern viel zu teilnahmslos
gegenüberstand, um Sinn und Herz für Dichtung zu haben. Aber sie besaß
für alles die Theorie und war daher sattelfest.
Dem Leutnant imponierte sie sehr, und er wurde von ihr als ebenfalls
musikalischer Mensch mehrmals ausgezeichnet, so daß er sich schließlich
auch selber ein bißchen wichtig vorkam; denn sie drehte es mit
großem Geschick so, daß er bedeutende Dinge gesagt hatte, die ihm
nie in den Sinn gekommen waren. So gesellig belebt, und die es nicht
waren, wenigstens durch den Tee etwas aufgefrischt, begab man sich
zur Orgelprobe ins Münster hinüber. Der Organist ließ es durch alle
Register laufen, brausen, säuseln, weinen, erhaben schreiten und
liebreich aufschweben, und wenn man meinte, die Erscheinungen hätten
sich im Blau verloren, so sanken sie auf sichern Engelsflügeln wieder
herab. Nun merkte Heinz wohl, daß das eine andere Art von Musik war,
als die er wohlgeartet so vortrug, um Damen zu bestricken; das waren
Töne und Klänge, denen Gott zuhörte, und er fühlte sich ziemlich
unbedeutend und alltäglich. Mit diesem bescheidenen Gefühl hätte er
gern Zuflucht bei Linde gesucht, aber die Klingse ließ ihn nicht
aus der Kur, sondern nahm ihn mit auf die Orgelempore, um ihm auch
dort mit Bedeutung angetan zu erscheinen. Als der kindliche Meister
sich fürs erste ausgetobt und ausgespielt hatte, bat sie sich für ein
Weilchen seinen Platz aus, den er ihr etwas verblüfft überließ. Da
zeigte es sich, daß sie auch über die Orgel Bescheid wußte. Sie hatte
nicht umsonst in jeder Sommerfrische die Dorforgeln geschunden und
den Einwohnern Konzerte gegeben. Heinz sperrte nun wirklich Mund und
Augen auf, und der Organist brummelte einmal verwundert: »Schau mal
an, so ein Besen!« Da sie ein eisernes Gedächtnis besaß, brachte sie
auch etwas Richtiges vor sich, wenigstens hörte es sich danach an, aber
der kleine Herr aus Köln hatte bald heraus, wo es bei ihr haperte. Sie
spielte wie eine wohlunterrichtete, feinsinnige Schreibmaschinendame,
saß aber darüber mit einer Gebärde, wie man sie auf gewissen Bildern
der heiligen Cäcilia sieht, und daraus war sie auch bewußt übernommen.
Dem Leutnant, der von allem natürlich nichts merkte und wußte, ging sie
doch wieder sehr auf die Phantasie, und er dachte, daß ein Mann mit
einem solchen glänzenden, kühnen und überall zuständigen Stück von Weib
gut bedient sein müsse; nur jünger und etwas milder wünschte er sich
die seine, aber die Richtung leuchtete ihm höllisch ein.
»Nun, Meisterchen, was sagen Sie mir zu meinem Orgelspiel?« fragte sie
den kleinen Herrn, als sie das letzte Stück ordentlich hatte ausbrausen
lassen. Heinz lief es noch kalt den Rücken hinunter wegen ihrer Größe.
Sie hatte sich auf dem Orgelbock nach dem Organisten herumgedreht und
sah, die Hände gemächlich zwischen den Knien, jovial zu ihm hinunter.
»Ganz ordentlich! Ganz brav!« kicherte der berühmte Mann, indem er
seine Brillengläser putzte. »Sie haben Gedächtnis, da hilft nun nichts.
Und die Register -- na ja, sie lassen sich ja gern ziehen. Dafür sind
sie auch da, die Register, nicht wahr. Tja. Aber meine Gnädige, das
Orgelspiel, das fängt mit dem Pedal an. Sonst ist's eben Harmonium.«
Die Klingse nahm die Hände zwischen den Knien heraus und legte
sie neben sich auf den Bock. »Das können Sie von einer Dame nicht
verlangen!« sagte sie etwas spitz und schob das Kinn vor. Dann glitt
sie vom Bock herab und ließ den kichernden Herrn mit seiner Brille
stehen. Der lachte über diese Antwort noch etwas lauter, putzte die
Brille zu Ende, setzte sie auf die starke, gebogene Nase, schwang sich
wieder auf den Bock und ließ nun zunächst einmal eine ganze Weile
die Pedale brummen, daß die Kirchenmauern zitterten. Dann stellte
er obendrauf eine Manualstimme, nach einiger Zeit wieder eine, und
schließlich eine dritte, fing an zu weben und zu schweben, immer über
dem unabänderlichen Pedalgang, und als alles fertig war, so war's ein
Orgelsatz, wie ihn Bach nie besser geschrieben hatte, aber er hatte ihn
immerhin geschrieben, und er klang auch in einem katholischen Münster
von einer katholischen Orgel so herzbewegend, daß Linde beinahe den
Atem darüber verlor; aber sie hatte heute überhaupt nicht viel. Es gibt
religiöse Erscheinungen unter der Sonne, die weder protestantisch noch
katholisch sind, sondern der weiten tiefen Menschheit entspringen,
wie ein Strom der lebendig wirkenden Erde, die ihn vom Himmel hat,
und dann gibt es noch einige, die als Erzengel Tag und Nacht dienend
vor dem alleinigen Gott stehen. Wer will dort kommen und sagen: »Ich
bin nämlich protestantisch«? oder: »Ich möchte nur daran erinnern,
daß ich gut katholisch -- ich meine --«. »Da kannst nun nix machen,
Bach bleibt Bach!« murmelte der kleine Herr zwischen den Zähnen und
lächelte beglückt. Und der Dechant saß in einer Bank und machte sich
Gedanken über eine einige, starke, fromme deutsche Nationalkirche. Aber
er kam nicht zu Schlag damit; beizeiten erhob sich vor seinen Augen
der warnende Finger Roms. Linde blickte aus großen, ganz trockenen
Augen ins Weite und sah merkwürdig reif aus. Die Klingse ging,
musikalisch völlig uninteressiert, die Glasmalereien betrachtend von
einem Fenster zum andern. Und Heinz stand vorn in der Kirche, wo ihn
die Klingse hatte stehenlassen, und wußte auf einmal nicht mehr, wo
er hingehörte. Es war ihm nicht entgangen, daß der kleine Herr ihr
moralisch ein wenig auf die Achseln geklopft hatte, aber andrerseits
mußte er ihr darin recht geben, daß man das von einer Dame auch nicht
verlangen konnte. Darüber hinaus ergriff ihn die Einsamkeit, die sich
mit ihrer unzufriedenen Gestalt überall hinbewegte, und fand er in
ihrer Absonderung etwas so Drohendes, daß er nicht wagte, zu Linde zu
gehen, obwohl er sehr deutlich fühlte, wie einsam auch sie war, und
wie sie jede Minute und jeden Atemzug nach seiner Nähe verlangte. Vor
Ratlosigkeit begann er schließlich ebenfalls, Fenster zu betrachten.
Der Organist aß abends noch mit, und er wäre gern vergnügt gewesen,
denn die Orgelprobe hatte ihm Freude gemacht, aber die Klingse erlaubte
es nicht. Es schien, als ob sie sich nun eine Übung daraus machte, ihn
nirgends hochkommen zu lassen und ihm überall zu widersprechen. Er
konnte sagen, was er wollte, so wußte sie es besser, oder sie hatte
davon noch nie etwas gehört, was für ihn ebenso schlimm war. Wenn er
einen Witz machte, so streckte sie das Kinn vor und ließ ihn abfahren,
wurde er aber gefühlvoll, so verzog sie ein wenig die dünnen blassen
Lippen, und für einen kalten Guß brauchte er dann nicht extra zu
sorgen. Mit seiner guten warmen Menschlichkeit zappelte er an der Angel
ihres kalten konventionellen Verstandes erbärmlich, und einmal machte
er auch den Versuch, auszuschlagen, bekam es aber sofort zu bereuen,
denn auf solche Fälle hatte sie ein vernichtendes Mittel immer in der
rechten Zusammensetzung auf Lager. Sie hob die scharfe Nase in die Luft
und sagte kühl: »Über den Geschmack läßt sich nicht streiten.« Der
kleine Herr war alles in allem froh, als es Zeit für seinen Zug wurde,
von diesem verfluchten Nachtessen aufstehen zu können, so schöne und
für ihn ungewohnte Dinge auch auf dem Tisch standen. Von den jungen
Leuten verabschiedete er sich väterlich, von der Klingse mit einem
Kopfnicken, das sie kaum erwiderte. Der Dechant begleitete ihn hinaus.
»Apropos«, sagte er unter der Tür, »es wäre schon besser, wenn sie
die Orgeln in Zukunft in Ruhe ließe; da haben Dilettanten nichts zu
suchen.« Mit diesem Trumpf hob er sich davon. Dem Soldaten, der nun
einen großen Ausbruch voraussah, blieb beinahe das Herz stehen. Zu
seinem Erstaunen und zu Lindes Unbehagen ging aber nur ein spöttisch
erheitertes Lächeln über ihr Gesicht.
»So sind diese Künstler nun«, bemerkte sie weise. »Wenn sie guter
Laune sein sollen, so muß man sie bewundern. Hat man aber einmal Lust,
sich selber zu behaupten, so werden sie weinerlich oder ausfällig. Sie
wollen nur immer sich selber erleben. Gib mir noch eine Zigarette,
Heinz.«
Heinz beeilte sich, ihr zu dienen. Sie nahm sich eine kleine
Damenzigarette und sah um Feuer auf. Heinz wollte ihr ein Streichholz
anreiben, aber sie meinte, das könne man sparen, er solle ihr Feuer von
seiner Zigarre geben. Er reichte sie ihr bereitwillig; sie fand, daß
sie nicht genug Glut habe, und veranlaßte ihn, sie durch ein paar Züge
erst klarzurauchen. Endlich wickelte sich das bekannte Liebesspiel ab;
Linde wunderte sich in allem Leiden, daß sie zu so gewöhnlichen Mitteln
griff, und verachtete sie dafür. Aber Heinz wußte nicht: befand er sich
im Vorhof zum Himmel oder in der ersten Klasse des Fegefeuers, während
sie Auge in Auge mit ihm, ihre Hand auf seinem Arm, langsam und in
aller Umständlichkeit ihre Zigarette an seiner Zigarre in Brand setzte,
und in dieser herbeigeführten Annäherung der Gesichter lag so viel
Schamlosigkeit und unausgesprochenes Laster, daß er nachgerade dem Zorn
ebenso nahe war als einem Ausbruch seiner Begehrlichkeit.
Brigitt kam über der Übung herein und machte ziemlich große Augen
dazu; ihr zweiter Blick ging zu Linde, und da sie durch die scharfe
Brille der Liebe guckte, so sah sie, ohne Erklärungen zu brauchen, was
da im Gange war. Ihre Triumphstimmung erlitt einen schweren Stoß. Da
sie nicht immer langsam dachte, so erinnerte sie sich in ihrem alten
Hirn blitzschnell an zehn, zwanzig ganz kleine, unbedeutende Vorgänge,
die sie nicht weiter beachtet hatte, die jetzt aber plötzlich zusammen
ein Bild machten. Das andere dachte sie sich. Lange saß sie nachher
brütend auf ihrem Küchenstuhl, mit ihrem Haß und ihrer Eifersucht
geplagt und unausgesetzt das vergrämte Gesicht ihres Schützlings vor
den Augen. Einmal sagte sie laut vor sich hin: »Ihm ist ja auch nicht
zu trauen!« und stand auf, als ob sie nun sofort einschreiten sollte;
enttäuscht und ernüchtert machte sie sich zunächst wieder über ihre
Küchengeschäfte her, um das Gedankenspiel von vorn zu beginnen.
Nach dem Nachtessen waren die Zustände schon so verworren und
innerlich erregt -- nur der Dechant gewahrte nichts davon, weil er
alles auf Rechnung des Abschieds setzte --, daß die Klingse selber
Gesellschaftsspiele aufbrachte, um glimpflich über die nächste Stunde
in die Nacht hineinzukommen. Man gab Rätsel auf, verbot bestimmte
Worte, konstruierte mit andern und kam dazwischen auf rednerische
Lächerlichkeiten und auf Ungeheuerlichkeiten des Zeitungsstils. Die
Klingse berichtete von den sprachlichen Fatzkereien gewisser Literaten,
von denen man hier weniger wußte, aber es wurde klar, daß sie sie im
Grund bewunderte, und dann wandte sich der gesellige Geist auf das
Gebiet des Kalauers und des Stegreifrätsels, auf dem sie mit ihrem
unerbittlichen Gedächtnis vor den ernsthaften Leuten sehr glänzen
konnte, obwohl nicht ein halber eigener Einfall darunter war, sondern
der schöpferische Kopf war hier der Soldat, nur daß er leider damit
nicht seine stille Geliebte bekränzte, sondern das unheimliche Weib.
Zum Beispiel brachte er folgende Drolligkeit zum Vorschein: »Das erste
ist eine Stadt in Österreich, das zweite eine englische Bejahung,
von einem Tiroler ausgesprochen, das ganze die Tante Malva.« Linde
erriet vor dem Dechanten, aber sie sprach nicht aus; der Dechant dachte
länger und sagte dann lachend: »Graziös!« Spät war die Rede davon, daß
Linde so still sei. »Unsre Linde«, meinte die Klingse mit einem leisen
Lächeln, indem sie sich erhob und dem Mädchen die Hand auf die Schulter
legte -- Linde zuckte sichtlich zusammen --: »Unsre Linde ist ein
bißchen spießig. Nun, wir wollen schlafen gehen; Heinz muß morgen früh
aus den Federn.«
Damit war auch diese Not zu ihrem Ende gekommen, und man trennte
sich mit allseitigen guten Wünschen für die Nacht; die meisten bekam
Heinz, weil es seine letzte im Vaterland war. Der Dechant fuhr ihm
väterlich mit der Hand über den Scheitel. »Ich will hoffen, daß du
nicht mit leerem Kopf und Herzen aus der Heimat in den Schützengraben
zurückkehrst«, sagte er ernst und bedeutsam. Linde sagte und tat
am wenigsten von allen. Aber die Klingse hielt die Zeit für einen
Kuß gekommen, wozu sie ihr Verwandtschaftsverhältnis vollkommen
berechtigte. Es war ein sündhaftes Feuer, in rechtmäßiger Fassung
dargeboten, und im letzten Moment bog Heinz erschreckt den Kopf
beiseite, so daß der Kuß statt auf den Mund auf die Wange traf. Lindes
Herz tat einen Kniefall des Dankes vor Gott, seins einen der Schwäche,
aber es raffte sich wieder auf, als er in der Verwirrung Lindes Augen
suchte und fand. Es war ein Hilferuf; er sah, daß er verstanden wurde,
und daß seine Geliebte sehr fest und stolz war und alles hoffte. Da
hoffte auch er, aber er fürchtete fast ebensoviel, denn er sah sich
noch bei weitem nicht der Gefahr enthoben, wagte auch nicht zu denken,
daß er am frommen Ort Zuflucht vor dem Laster haben könnte.
Das Geräusch des Aufbruchs hatte die wachende Brigitt aus ihrer Höhle
gezogen; die Augen wären ihr aus dem Kopf gesprungen, wenn es ihr
verwehrt worden wäre, noch einmal zu sehen und vor dem Schlafengehen
ein Blickmaß zu nehmen. Sie sah den Kuß und den siegesgewissen
Gesichtsausdruck der Feindin, und sie konnte sich nicht helfen, aber
in den Haaren hatte sie ein Gefühl, als ob ihr der ganze Schopf zu
Berg stände, während ihr vor Mitleid mit Linde jeder Knochen im Leib
weh tat. Ohne den Haß hätte der alte keusche Mensch freilich niemals
diese Witterung für das Laster gehabt. Es war für sie dann beinahe
überflüssig, daß die Klingse beim Hinaufsteigen nach den Schlafräumen
noch mit ihrem magern Humor sagte: »Ich weiß nicht, bei mir muß das
Schloß kaputt sein, ich kann gar nicht die Tür riegeln. Da könnte
doch jeder hereinkommen.« Worauf der Dechant gutmütig spottend
erwiderte: »Beruhige dich nur, es wird dich niemand in Gefahr bringen,
als höchstens morgen der Schlosser; aber er hat auch schon seine
sechzig Jahre auf dem Rücken.« Darauf die Klingse etwas zynisch:
»Nun, wenn er sie bloß auf dem Rücken hat!« Weiter hörte Brigitt
nicht, und eigentlich hatte sie auch nichts Neues gehört, sondern nur
Bestätigungen für innere Gewißheiten; ihr war, als hätte sie diese
Gespräche schon vor Jahrtausenden belauscht; trotzdem erregten sie
sie ungeheuer oder vielleicht eben deshalb, denn beinahe so groß
wie ihr Abscheu war die Befriedigung, die sie über dem pünktlichen
Eintreffen ihrer schlimmsten Erwartungen genoß. Der Mensch ist ein
altes verängstigtes Tier; er glaubt gern und leidenschaftlich an
das unbedingt Böse und ist überall schwer vom bedingten Guten zu
überzeugen; manchmal macht er wirklich den Eindruck, als ob er am Bösen
auch mehr interessiert sei.
Nun begann aber für Brigitt eine Nacht, wie sie noch keine erlebt
hatte, und wie sie sie auch nie für möglich gehalten hätte. Es gibt
ja keine »bestimmte Erwartung«, die nicht im Hirn des aufgeschreckten
Menschen neue Möglichkeiten und noch bestimmtere Erwartungen zeugte.
Dazu kam, daß Brigitt bei aller Witterung nicht die geringste
Erfahrung besaß, um sich die richtige und endgültig zutreffende
bestimmte Erwartung bilden zu können. Sie vermochte sich nicht im
entferntesten vorzustellen, wie »so etwas« vor sich ging, und weil
sie nichts sah, nahm ihre Vorstellung bald die abenteuerlichsten Wege
und brachte sie in eine solche Geistesverfassung, daß sie anfing,
gemeingefährlich zu werden. Solange droben die Geräusche der zu Bett
Gehenden andauerten, war ihr Zustand immer noch erträglich; sie
zitterte vor Haß, sobald sie etwas von der Klingse vernahm, aber sie
konnte sich doch sagen, daß »noch nichts passiert« sei. Jedoch als es
still zu werden begann, wurde ihr ihre Einsamkeit zur unerträglichen
Qual. Obwohl sie aus Liebe zu Linde wie den Tod fürchten mußte, etwas
zu hören, schärfte sie doch zehnfach alle Sinne darauf, um die Feindin
auf frischer Untat zu überführen, und so rachsüchtig und zum voraus
schadenfroh war sie, daß sie in der Viertelstunde wohl zehnmal unten
an die Treppe lief, weil im Haus etwas geknackt hatte, eine Uhr sich
räusperte oder auch nichts geschehen war. Nachdem sie dann lange genug
gelauert hatte, schlich sie mit hämmerndem Herzen und zitternden Knien
in die Küche zurück, um sich vor allen Dingen auf dem Küchenstuhl
wieder etwas zu fassen und ein bißchen neue Kraft zu sammeln. Viel
war's nie, und die Sammlung reichte auch nur gerade dazu hin, um
sich wieder eine aufregende Einbildung zu machen. Darüber ging die
Mitternacht vorbei, wurde aber ihre viele Arbeit, die sie sich den Tag
so fröhlich vorgelegt hatte, nicht weniger, denn sie wagte sich kaum
zu regen aus Sorge, irgendeinen »entscheidenden Moment« zu verpassen
und so vielleicht am Unglück Lindes mitschuldig zu werden. Daß es
dann schon besser war, der ungetreue Stiel fuhr in Gottes Namen in
den norddeutschen Besen, als daß sich Linde mit Kummer und Not an ihm
herumzerrte, um am Ende doch nichts zu haben, diesen Gedanken faßte
sie nicht, sonst hätte sie auf ihrem aufreibenden Posten doch etwas
mehr grimmiges Vergnügen genossen in der Erwartung, die beiden saubern
Herrschaften miteinander zu erwischen.
Schließlich gegen eins -- die Uhr im Eßzimmer, die falsch ging, schlug
langsam und dröhnend zwölf, worüber Brigitt schier verrückt wurde --
hörte sie, bereits zum zwanzigsten- oder dreißigstenmal, »endlich doch
etwas«, und mit der Geflügelschere, die sie gerade in der Hand hielt,
lief sie wieder zur Treppe vor. Die Dielen droben hatten geknarrt, wie
wenn jemand langsam, doch ohne zu große Vorsicht, in bloßen Füßen oder
in Strümpfen über den Korridor gegangen wäre, eine Tür geöffnet hätte,
um dort einzutreten und hinter sich, auch nicht besonders leise, zu
schließen und sich alsdann vollkommen still zu verhalten, was natürlich
an dem ganzen Vorgang das verdächtigste war. Brigitt zog rasch die
Pantoffeln aus und schlich atemlos die Treppe hinauf, geduckt und
mit ihrer Geflügelschere und den hängenden Haarsträhnen mehr einer
Raubmörderin gleichend als einer so braven Person, die sie sonst war.
Unter den obersten Stufen kauerte sie sich hin, um zunächst wieder zu
horchen. Richtig dauerte es nicht lange, so ging wieder ein Schloß, und
als sie den Kopf vorsichtig über die oberste Treppenstufe hinaufschob,
sah sie den Dechanten in der Unterhose und in Pantoffeln und mit dem
Licht in der Hand ernsthaft und mit dem gewohnten gesammelten Ausdruck
seinem Schlafzimmer zuwandeln, und der kleine Raum, von welchem er kam,
war ihr auch genau bekannt. Indessen hielt er seitlich aufblickend an,
besann sich einen Moment und ging dann auf die etwas offen stehende
Tür des Soldaten zu, die er behutsam ins Schloß zog, worauf er durch
seine eigene verschwand. Bestürzt und reuevoll fuhr es Brigitt durch
den Kopf: »Die Zwetschen!« und sie schämte sich heftig, ihren Herrn
in diesem Aufzug belauscht zu haben. Immerhin war sie diesmal keinem
Trugbild nachgelaufen, und da nun wirklich auch niemand wissen konnte,
ob nicht doch noch sonst etwas geschehen war, was sie mit ihren alten,
schlechten Ohren nur überhört hatte -- denn auch diesen Vorgang hatte
sie doch »beinahe nicht gehört« --, so blieb sie auf ihrem neuen
Posten sitzen, mit der Geflügelschere und den grauen Haarsträhnen, dem
Herzklopfen und dem Haß samt der großen unvernünftigen Liebe.
Diese Ausdauer wurde schließlich belohnt, wenigstens faßte es Brigitt
nachher so auf. Denn indem sie so lag und vor Frost mit allen alten
Knochen zitterte, auch vor Erregung und Müdigkeit, knickte ganz fein,
wie von leichter Hand herabgedrückt, ein Schloß. Brigitt schob den
zottigen Kopf vor und sah tatsächlich die Klingse ganz traumhaft,
blauseiden und silbern wie ein Mondstrahl, ihr Zimmer verlassen, ohne
Licht, aber das aus unsichtbarer Leuchtquelle beglänzte schwebende
Nachtgewölk verbreitete einigen zarten Schein durch den Raum, genug
für Brigitt, um jeden Zug des verhaßten, hochmütigen kalten Gesichtes
unterscheiden zu können. Zuerst fürchtete sie noch, sie möchte
vielleicht auch nur den Weg des Dechanten wandeln, aber sie bog, als
ob sie Brigitt zu Gefallen leben wollte, nach rechts ab und ging ganz
geradeaus auf das Zimmer des Soldaten zu. Brigitt mußte sich im letzten
Moment noch abfassen, daß sie nicht laut: »Aha!« rief. Auch dort
knickte die Falle ein bißchen. Die Tür ging auf, und die nachtwandelnde
Frau trat etwas vorgebeugt und nun mit einem rascheren Schritt ein,
ganz in der Haltung eines Menschen, der sich in einer unerträglichen
Spannung Gewißheit verschaffen will; die Tür ließ sie hinter sich offen.
Brigitt freilich dachte, daß »es« jetzt vor sich gehen solle. Soweit
hatte sie regungslos zugesehen, nur Auge und Ohr. Nun richtete sie sich
empor, etwas mühselig, denn vom langen Kauern war sie steif geworden,
stieg unsicher die paar Stufen noch vollends hinauf und schwankte mehr,
als sie schlich, den Korridor vor, auf die Tür des Soldaten zu. Von
dem, was nun folgen mußte, hatte sie weiter keine klare Vorstellung,
nur daß sie eben entlarven und retten wollte. Vermutlich wäre sie
mit der offenen Tür ins Zimmer gefallen und hätte schrecklich Lärm
geschlagen, und das übrige wäre in eine Rauferei oder dergleichen
ausgeartet. Aber es kam ganz anders, denn eben, als Brigitt die Nase im
Türspalt hatte, bewegte sich etwas darin, und dann prallte die Klingse,
vollkommen unvorbereitet, mit ihrer Feindin zusammen.
Auf einen Augenblick standen beide Frauen einander ganz starr vor
Verwunderung gegenüber. Der Gesichtsausdruck der Klingse, die eben noch
gespannt und sorgenvoll dreingesehen hatte, wandelte sich rasch wieder
in Hochmut und jene kühle Verachtung, die das alte Wesen wie nichts
auf der Welt zur Wut brachte. Sie räusperte sich beherrscht, aber
sie sagte nichts, sondern wartete stumm mit einem deutlichen Zug des
Ekels, daß die untergeordnete Kreatur ihr den Weg frei gebe. Brigitt
ihrerseits, in ihren schönsten Hoffnungen so furchtbar enttäuscht, denn
in der kurzen Zeit konnte unmöglich etwas geschehen sein, schwindelte
vor Haß und Leid; beinahe weinte sie, so erbarmungswürdig sah sie
sich selber mit ihrer Ratlosigkeit vor der gefährlichen und gewandten
Person stehen. Aber indem sie sich dennoch nur mit heißeren Augen in
die eisige Physiognomie festsah, warf ihre aufgerührte Seele, nach
irgendeinem Donnerkeil Gottes für dies Lästergesicht schreiend und
greifend, die Hände um sich. Gleichzeitig schoß ihr ein Gedanke durch
den Kopf: »Sie hat dich gehört, darum ist sie wieder herausgekommen!«,
und so war denn auch wieder der Auftrag der Moral auf ihrer Seite.
»Hab' ich dich ertappt!« flüsterte sie beinahe bewußtlos vor Erregung.
»Wolltest spionieren, Spionin? Wolltest einen hübschen jungen Mann
verführen, du niederträchtiges, gottloses Weibsstück? Warte nur, jetzt
soll dich der Dechant kennenlernen!«
Schon fühlte sich die Klingse im Haar gepackt und vorwärts gezogen,
aber auch jetzt nicht die Frau, mit sich spielen zu lassen, warf sie
sich herum, ergriff schnell Brigittens Arm und schlug trotz ihres
Ekels ihre schmalen, immer noch sehr scharfen Zähne in ihr Fleisch,
daß die alte Person vor Schmerz leise aufschrie. Dadurch halb von
ihrer Besessenheit abgebracht, aber andrerseits zur körperlichen
Raserei aufgereizt, faßte Brigitt noch um einen Griff schärfer zu, riß
die Feindin an ihrem roten Schopf seitwärts gegen die Wand, und ganz
besinnungslos vor Schmerz, ohne zu wissen, was sie tat, mehr, um sie
von ihrem Arm abzuschrecken, stieß sie mit der Geflügelschere nach ihr
und traf sie in die Schulter. Da ließ die Klingse den Arm los, und
Brigitt ließ den Schopf los, und dann standen die Feindinnen noch eine
Weile um Atem und Haltung ringend voreinander, bis die Frau von Blut
überlaufen und schweigend schnell nach ihrem Zimmer ging und Brigitt
als Siegerin auf dem Platz ließ. Brigitt sah den alsbald erscheinenden
dunklen Fleck auf der blauen Seide nicht ohne Schreck, aber dann
erinnerte sie sich an Linde und den unsichern Geliebten, und noch
mehr, um durch ihn wieder Anschluß an ihr Leben und ihre Wirklichkeit
zu gewinnen, als um ihn zur Rede zu stellen, trat sie durch die noch
nicht wieder geschlossene Tür, griff um den Pfosten herum nach dem
elektrischen Knopf und schwankte dann, mit Mühe auf den Füßen bleibend,
ins erleuchtete Zimmer.
Dort erlebte sie von allen Erschütterungen des Tages die größte. Das
Bett des Soldaten stand vollkommen unberührt, und wenn Heinz nun nicht
in der Stadt auf Abenteuern war, so war er bei Linde. Es dauerte eine
Weile, bis sie diesen Gedanken in seiner vollen Bedeutung begriff. Als
sie so weit war, wandte sie sich um und stieg vor Rührung und Glück
leise schluchzend noch eine Treppe höher nach ihrer Kammer hinauf. Das
Licht im Zimmer des Soldaten vergaß sie auszudrehen; es brannte einsam
in den Morgen hinein. In ihrer Kammer droben sandte sie mit weinenden
Augen und lachendem Herzen ein Dankgebet zum Himmel hinauf, dessen
Lästerlichkeit sie mit ihrer Kirche ausmachen mußte.
Sechstes Kapitel
Heinz erlebt eine bittere Nacht und will kein Held mehr sein
Als Heinz wieder in seinen Schützengraben eintraf, war er bestürzt,
gerührt, beglückt, von frommen Schauern durchdrungen, und die Kameraden
fanden ihn verändert. Bestürzt war er über dem Erlebnis von soviel
Schönheit, Leidenschaft und Liebe, gerührt von der Reinheit und Güte
eines hingebenden Menschen, beglückt von der Helligkeit seiner Sinne.
Die ersten Tage ging er still und in sich gekehrt seinen Pflichten
nach, ließ die Kameraden spotten und dachte nur an den Schatz, den
er in der Heimat gefunden hatte. Sein Blut war noch voll von ihrem
Feuer. In seinem Ohr wohnte ihre Stimme und flüsterte unbeschreiblich
köstlich, wie sie's eine Nacht lang getan hatte; sie verstummte auch im
schwersten Geschützlärm nicht. Jeden Augenblick fühlte und roch er sie,
und den Geschmack ihrer Küsse trug er ständig auf den Lippen. Man sah
ihn oft abwesend lächeln und sich an irgendeinem zufälligen Gegenstand
festgucken. Er vertrug weniger gleichmütig den Anblick von Gefallenen
und Verstümmelten. Sein Gewehr mit dem Zielfernrohr rührte er nicht
an. Seine Untergebenen behandelte er freundlich, und wenn sie älter
waren, achtungsvoll; früher war er für einen etwas groben Ton bekannt
gewesen, und die Mannschaft hatte über unnötige »Stripsereien« geklagt.
Gefährliche Patrouillen führte er gewissenhaft und zweckmäßig aus, aber
mit möglichster Schonung seiner Leute und sogar des feindlichen Lebens;
eine gute Gelegenheit, mehreren Engländern das Licht auszublasen,
wies er ab mit der Bemerkung, daß es genug an den Menschen sei, die
man im Gefecht blindlings töten müsse; der Krieg sei kein Sport. Bald
war es ausgemacht, daß er verliebt sei, und zwar gründlich. Er sollte
erzählen, aber wer noch träumt, der erzählt nicht.
Als er dann doch endlich zu berichten anfing, träumte er nicht mehr.
Das war in der zweiten Woche nach einem abgeschlagenen und glücklich
überstandenen englischen Sturmangriff, der ihm etwas ins Gemüt
gegangen war. In den halbzerschossenen Drahtverhauen hingen noch die
frischen Leichen. Verwundete suchten sich umsonst aus dem Stacheldraht
herauszuwinden; jammernd sahen sie um Hilfe her, aber niemand sprang
ihnen bei; man erwartete einen neuen Angriff. Eben begannen die
Geschosse ihrer eigenen Landsleute wieder neben, hinter und vor
ihnen einzuschlagen. In den Schützengräben wurden neue Handgranaten
ausgeteilt, und man brachte frische Munition für die eingebauten
Maschinengewehre. Ab und zu, in unregelmäßigen Abständen, schrie
hier einer getroffen auf, oder trug man einen Verwundeten durch den
Verbindungsgraben nach dem Verbandsplatz ab. Heinz war weich und nahe
am Weinen. Die Sehnsucht machte ihn gefühlvoll, und er fühlte sich
von Todesahnungen beunruhigt. Damit aber Linde nicht ohne Nachricht
bliebe, wenn ihm etwas widerführe, zog er einen Freund ins Vertrauen;
in Wirklichkeit war eben sein Geheimnis mitteilungsreif und sehnte sich
seine gesunde, unternehmende Natur danach, sich zu erleichtern, um
weiterleben zu können.
Zuerst erklärte er nur in knappen, ernsten Worten, daß er ein edles
Mädchen liebe, und gab dem Offizier ihren Namen und ihre Adresse.
Später, als auch der folgende Sturmangriff gut überstanden und ihm
schon etwas leichter war, ihn auch die Toten in den Drähten nicht
mehr so dauerten, erzählte er ein bißchen mehr. Mittlerweile gewöhnte
er sich wieder an Schußverletzungen und Verstümmelungen, und in dem
Maß, wie er die Achtung vor seinen ältern Untergebenen verlor und die
Freundlichkeit gegen die jüngern, verfiel er wieder in seinen groben
Ton. Beim erstenmal schämte er sich, beim zweitenmal zuckte er die
Achseln, und bald war wieder alles wie früher, auch die Stripserei fing
wieder an. Bei der nächsten Patrouille verlor er zwei Mann, obwohl
er sie hätte erhalten können; dafür »versaute« er auch vier oder fünf
Engländern das Leben, wie er sich auszudrücken pflegte. Es ist nötig,
hier zu bemerken, daß er ganz und gar kein schlechter Mensch war; er
war nur etwas gedankenlos und besaß die Fähigkeit, sich zu rasch an
Mißstände zu gewöhnen, weil ihm noch der Lebensstolz fehlte, der sich
erst nach einer Reihe von schwereren Erfahrungen einstellt. Darum war
er auch in seiner Eitelkeit noch ganz unangefochten, und sie verleitete
ihn zu den meisten Roheiten, die er beging, weil er gern für einen
Teufelskerl galt. Nach Ablauf der dritten Woche griff er eines Tages
wie in Gedanken nach seinem Gewehr, ließ es von seinem Burschen putzen
und noch einmal wegstellen; aber am andern Morgen stand er wieder wie
früher auf der Lauer hinter seinem Zielfernrohr, und diesen Tag trug er
zwei Kopfschüsse in sein Notizbuch ein.
Allmählich begann er mit der eleganten Großstädterin zu prahlen, die
ihm nachgestellt hatte, und bald gab es nicht mehr viel Geheimnisse,
die seine Freunde nicht auch wußten. In der Folge machte es ihm
zu schaffen, daß sich die meisten mehr für die ausgewachsene Frau
interessierten als für das scheue Mädchen, und daß sich alle etwas
an ihren seidenen Strümpfen und Spitzen entzündeten. Ein junger
Oberleutnant sagte ihm gerade heraus, daß er ein Schöps sei, und
diese Meinung blieb unwidersprochen, wenn man sie auch nicht als eine
besondere Lebensweisheit betrachtete; schließlich legten sie alle der
Sache viel weniger Wichtigkeit bei als Heinz selber, und hätten die
meisten in seinem Fall auch selbstverständlich seine Wahl getroffen,
aber er argwöhnte anders. Die ersten vierzehn Tage schrieb er an
Linde täglich; reichte die Zeit nicht zu einem Brief, so schickte er
ihr doch eine Karte: »Bin wohl und denke an Dich!« Dann fanden sich
Tage, an denen er zwar auch wohl, aber sich nicht gedrungen fühlte, es
ihr mitzuteilen, obwohl er immer noch an sie dachte. Eine Zeitlang
hielt er den zweitägigen Verkehr aufrecht, darauf schrieb er zweimal
in der Woche, schließlich wöchentlich einmal, was mit den Tag und
Nacht anhaltenden Stürmen der Engländer glaubhaft zu erklären war. Im
weiteren kamen Tage des Wegs, an denen er sich weniger wohl fühlte und
immer noch an Linde dachte, aber nicht mehr an sie allein, endlich
solche, an denen ihn nichts mehr an Linde erinnerte, dagegen manches an
die schlanke, elegante norddeutsche Frau Malva Klinger mit den Spitzen
und seidenen Strümpfen und den Errungenschaften der großen Welt, von
denen er für diesmal sowenig profitiert hatte.
Die ersten Wochen hindurch beunruhigte er sich darüber, daß bei seiner
Rückkehr um vier Uhr morgens in seinem Schlafzimmer das Licht gebrannt
hatte, und über die andern seltsamen Umstände, die sich am Morgen
seiner Abreise nacheinander zutrugen. Man fand nicht nur die Tante
in ihrem Zimmer bewußtlos vor, sondern auch Brigitt wurde beinahe
stehenden Fußes von einer Krankheit überfallen; sie machte in der
Folge einen ziemlich schweren Anfall von Gelenkrheumatismus durch.
Über die Krankheit der Tante erfuhr man lange nichts Näheres. Lindes
Mitteilungen darüber lauteten etwas dunkel, besonders über den großen
Verbrauch von Verbandstoffen, die fremde Pflegerin und die strenge
Verschwiegenheit der Patientin. War ihm damals die Enthebung von der
Abschiedszeremonie eine Erleichterung gewesen, so fing ihn später
die ganze Sache an zu beunruhigen, weil er sie mit dem brennenden
Licht in Zusammenhang brachte. Dann mischte sich etwas unaufrichtiges
Mitleid zwischen seine Betrachtungen über die bittere Enttäuschung,
die eine »immerhin liebende Frau« durch ihn erlebt hatte, und dem
Mitleid folgte eine ziehende oder leise nagende Art von Reue, die ihn
in sehr gegensätzliche Unternehmungen hineinbegleitete, zum Beispiel
in die Abfassung seiner Feldberichte an Linde. Sie führte dazu, daß
er in Briefwechsel mit der Kranken trat und nachher mit der Gesunden
darin blieb; den Anstoß dazu gab freilich Linde, die in ihrem echten,
heiligen Mitgefühl wünschte, daß Heinz ihr ein paar gute Worte
schreibe. Sie war es auch, die zuerst den Gedanken andeutete, daß bei
der Tante vielleicht ein Selbstmordversuch vorliege, aus Gründen,
die sie ihm nicht weitläufiger auszuführen brauchte, und sie selber
machte so bei ihm die Bahn wieder frei in ein Gehege, dem sie ihn
für immer hatte entreißen wollen, in ihrer Großmut auch entrissen
glaubte, in das zurückzukehren ihm aber nicht so schwer fiel, wie
sie voraussetzte; eine weniger herzliche Zurede hätte dafür auch
genügt. Die Klingse antwortete sofort auf seinen ersten Brief, und so
entwickelte sich schließlich ein Nebenverkehr, der Linde auf die Dauer
nicht ganz gleichgültig bleiben konnte, wie Heinz in gewissen klareren
Augenblicken sich richtig sagte, aber nun waren die Dinge einmal wieder
ins Treiben gekommen, so mochten sie treiben. Schließlich, solange er
im Feld blieb, konnte ja nichts passieren, und nachher, redete er sich
vor, würde es sich hier wie überall finden, daß eben die stärkere Macht
siegte; mit dieser würde er dann marschieren. Eine solche Abfindung mit
den Dingen nannte er »moralische Notwendigkeit«, und er fühlte sich
ganz ordentlich darin geborgen. Inzwischen verlangte es der männliche
Anstand, daß er einer Frau, die für ihn einen Selbstmordversuch
begangen hatte, nicht anders als ehrerbietig und zartfühlend
gegenübertrat. Das tat er denn in einem Briefwechsel, der seinen
Nachrichtenaustausch mit Linde nicht an Häufigkeit, aber doch nach und
nach an Gehalt übertraf, und zwar nach Umfang wie nach Gefühlsart.
Schwere und herzliche Sorgen hatte ihm von Anfang die Betrachtung
gemacht, seine Geliebte mit der Feindin im gleichen Haus zu wissen,
ohne durch seine persönliche Gegenwart sie vor vergifteten oder
verletzenden Bemerkungen und vor schlechter Behandlung schützen zu
können. Diese Wirkung hätte zwar selbst seine leidenschaftlichste
Anwesenheit nie gehabt, aber die Selbstüberschätzung entsprach
zunächst noch seinem innigen und ergriffenen Gefühl für die Geliebte.
Vorerst äußerte sich dieses in Ratschlägen über das rechte, stolze und
unnahbare Betragen gegen die Klingse, indessen lag diese krank und
gab dazu keinen Anlaß. Außerdem erwartete Heinz wie jedermann, daß
sie bald nach ihrer Wiederherstellung die Koffer packen und ein Haus
räumen würde, worin sie soviel peinliche Erfahrungen gemacht hatte. Als
jedoch ihre Entschlossenheit sichtbar wurde, den Platz noch länger zu
behaupten, besaß Heinz bereits nicht mehr die ursprünglichen Gründe,
das Verhältnis seiner Geliebten zu der enttäuschten und beleidigten
Frau zu bedenken, sondern andere; jenes schmerzliche Zusammenleben
machte ihn nun weniger traurig und besorgt, als verlegen, und es wurde
ihm um so peinlicher, je weniger er sich auf sein gutes Gewissen
verlassen und die ganze Sache der Gerechtigkeit Gottes anheimstellen
konnte. Schließlich, als die daraus fließenden Erwägungen die rechte
Temperatur hatten, bekam Linde in einer Woche zwei Briefe; im zweiten
machte ihr Heinz den Vorschlag, doch zeitenweise eine Gesellschaft zu
verlassen, von der ihr sowenig Freude werde, und die weder ihrer noch
seiner Selbstachtung dienlich sei. Sehe es immer noch nicht aus, als
ob »Tante Malva« -- er nannte sie bereits nicht mehr die Klingse --
bald reisen werde, so müsse man eben seinerseits sehen, dem Verhältnis
eine Wendung zu geben. Er sei sehr besorgt um ihre, Lindes, Gesundheit
und Lebenslust und könne das als ihr bester Freund nicht mehr länger
mit ansehen. Es gebe genug Verwandte, die sie mit Freuden aufnehmen
würden. Vielleicht würde es überhaupt nichts schaden, wenn sie eine
Strecke, etwa ein halbes Jahr, in einer großen Stadt lebe; man müsse
heute alles kennen. Über die Gründe der Tante zu ihrem hartnäckigen
Verhalten wisse er nichts, aber vielleicht verlören sie sich, wenn ihr
die »Reibungsfläche« entzogen werde, und im Frühjahr sei dann das Haus
wieder für Linde frei.
In dem letzten Satz verbarg sich eine bescheidene Lüge wie der Hase im
Kohlfeld, denn schon durch die naive Schlußerwartung bewies Heinz, daß
er über die Gründe zum »hartnäckigen Verhalten« der Klingse eine ganz
deutliche Ahnung besaß; sie wollte, so überlegte er, Linde körperlich
von dem Kampfplatz vertreiben, auf dem sie menschlich so schmerzhaft
unterlegen war, um wenigstens eine »taktische Genugtuung« zu genießen.
Dann, meinte er freilich weiter, werde ihr auch am längern Beharren
in dem kleinen Städtchen, das sie ja verachtete, nichts mehr liegen,
zumal sie die wieder angeknüpften Fäden mit ihm von einem andern Platz
aus ebenso bequem oder bequemer weiterspinnen könne. Aber just aus
ähnlichen Betrachtungen zog das Mädchen die Gründe, seine Vorschläge
abzulehnen, deren Fadenscheinigkeit Linde in ihrem geradsinnigen
Vertrauen nicht bemerkte oder nicht bemerken wollte, wie denn auch
von der Möglichkeit, daß Heinz die Beziehungen zu dieser Frau in
irgendeinem doppelsinnigen oder gar verräterischen Licht erwägen
könnte, nichts in ihrem frommen Mädchenkopf war. Ihre Antwort hatte
folgenden Wortlaut:
»Liebster Mann, habe Dank für alle Nachrichten über Dich und Deine
Welt. Ihr steht vieles aus, und wir leiden sehr tief mit. Du sagst,
daß Ihr für uns sterbt, so bleibt uns nichts übrig, als für Euch zu
leben. Indem wir's tun, ist es unser Gebet, daß Ihr einen Trost und
eine Zuversicht darin findet. Ach, was sind wir ohne Euch, aber Ihr
seht die Heimat in uns, und so sind wir alles durch Euch. Vor allen
Dingen sollt Ihr uns nicht jammern hören. Wir lachen nicht viel, aber
wir weinen auch nicht viel. Wir kommen Tag und Nacht nicht von einem
gewissen Stolz weg, der uns, ich möchte sagen, kühn und traurig macht.
Doch gibt es auch Stunden, die uns fröhlich finden; ich weiß nicht, ob
wir Euch dann besonders lieben, aber jedenfalls sind wir dann in einer
ganz besonderen Weise für Euch da. Verstehst Du das?
Leider seid Ihr fern, aber wenn Ihr da wäret, so wäre auch dies alles
anders.
Dein Vorschlag ist lieb, und ich danke Dir für Deine Fürsorge, aber
ich kann in diesem Fall nichts damit machen. Ich müßte nur sagen, der
Onkel braucht mich, so wäre alles übrige schon abgeschnitten. Oder ich
könnte noch einen Schritt weitergehen und sagen, daß ich nicht aus
einer Schule laufen will, auch wenn sie mir nicht gefällt; ich weiß ja
nicht, ob ich dem Lehrer besonders gefalle. Aber ich will ganz ehrlich
sein und Dir den wahren Grund schreiben. Siehst Du, hier hängt alles
mit Dir und unserm Glück zusammen. Die Bäume und Büsche erzählen: Als
er da war, trugen wir noch Laub. Das ist schon etwas. Die Vögel rufen
manchmal ganz plötzlich: Wir haben ihn auch gesehen. Oder Bob kommt,
stößt die schwarze Nase an mein Knie und sieht mich ernsthaft an,
bis ich ihm einen Blick zuwende; dann bewegt er schnell den kurzen
Schwanz, und das heißt: ›Wann kommt der Offizier wieder?‹ Ich habe mir
im Pflaster ganz bestimmte Steine gemerkt, über die Du gegangen bist.
Die Türme haben wir miteinander betrachtet und untersucht; das eine
Eulennest ist noch da, und die Eule sitzt auch noch drin. Nun sage, ob
ich von hier weg soll. Eine Wirklichkeit ist immer eine Wirklichkeit.
Nachher würde es nicht halb wirklich, sondern ganz unwirklich sein.
Also rede mir nicht mehr davon, wenn Du mich liebhast.«
Von der Klingse stand kein Wort im Brief; seitdem sie wiederhergestellt
war, erwähnte Linde sie nicht mehr. Darum war sie über den ganz
unvermittelten Vorschlag ihres Geliebten eigentlich ein bißchen
betroffen gewesen, denn woher sollte er außer durch sie von der stillen
Feindschaft wissen? Inzwischen schrieb sie es ihm als Feingefühl zugut.
Der Stern oder Geist seines Schicksals dachte: »Vielleicht fehlt ihm
nur ein ganz schweres Geschehnis, so klingt sein etwas ausgeklungenes
Herz wieder mit den Sphären! Man müßte es erzittern machen!« Nun
fehlte es ihm ja nicht an schweren Erfahrungen; jeder neue Sturmangriff
der Engländer war eine, und wenn ihm ein Geschoß einen Kameraden
wegriß, so war es auch eine. Aber einem gewöhnlichen Menschen wird
alles rasch gewöhnlich; es braucht ein ungewöhnliches Herz, um auch im
Gewohntesten immer das Ungewöhnliche zu fühlen. Ein Ungewöhnliches im
äußern Geschehen betraf ihn in einer Nacht.
Die Engländer legten in der letzten Zeit ihre Sturmläufe auf die späten
Abend- und Mitternachtstunden, nachdem sie bis zur Dämmerung furchtbar
mit schweren Geschossen gearbeitet hatten in der Erwartung, die Erde
und die armen Seelen bis auf den Grund aufzuwühlen. Das geschah auch,
jedoch aus den armen Seelen wühlten sie immer neuen Heldenmut heraus.
Wie nun aber auch die deutschen Gewehre stürmten und die Spechte des
Todes, die Maschinengewehre, hämmerten, so drangen doch immer eine
Anzahl überlebende Feinde durch die zerfetzten Drahtverhaue, wenn
auch selber zerfetzt, kampfwütend vor und erschienen im Nachtlicht
riesengroß über den Rändern der Schützengräben. Diejenigen Verteidiger,
die nicht schon vorwärts herausgesprungen waren, um sich ihnen auf dem
freien Feld entgegenzuwerfen, empfingen sie drunten, und nach dem wild
lärmenden Vorspiel hob dann stets eine stumme, grausame Todesarbeit von
Mann zu Mann an, wobei ab und zu ein zwischen den Zähnen geknirschter
Fluch und selten ein Revolverschuß erklang. Gerade dieser Abschnitt
der langen Grabenreihe war durch seine ungewöhnlich wilde Verteidigung
bekannt. Die Engländer schickten immer neue und immer ausgewähltere
Truppen dagegen vor, aber immer seltener sah man etwas davon wieder,
und auch wenige Angekommenen überlebten einen solchen Gang außer mit
entsetzlichen Wunden in deutschen Lazaretten.
Es war schon tief im Winter, daß man nach einem vulkanischen
Tagesbombardement stumm und verbissen den gewohnten geisterhaften
Dämmersturmlauf der englischen Infanterie erwartete. In Eile hatte
man sich aus den Verwüstungen ausgegraben, einigen Schutt zur
Verteidigung vor sich aufgeworfen, sich mit Handgranaten versehen
und die blanken Messer griffbereit in die Stiefelschäfte oder unter
den Gürtel gesteckt. Gesprochen wurde nicht viel. Im Laufschritt
kamen aus der Reservestellung noch Mannschaften mit frischen
Maschinengewehren für die zerschossenen oder ganz verschütteten an, die
sie hastig aufstellten und einrichteten. Das war schon ein vollkommen
gespenstischer Vorgang. Wer an seinem Platz nicht mehr genug Tiefe zum
Stehen hatte, der kniete oder lag auf der frisch aufgeworfenen Erde.
Heinz stand mit einem Infanteriegewehr neben dem Grabengeschütz seiner
Abteilung, das halb umgestürzt zwischen den Trümmern seines Aufbaues
lag. Wie jeder Mann hatte auch er sich eine Anzahl Handgranaten
bereitgelegt. Wer ihm im jetzigen Zustand unvermutet begegnet wäre,
der hätte ihn nicht wiedererkannt. Da er im Lauf des Tages zweimal aus
Verschüttungen hatte ausgegraben werden müssen, war er über und über
mit Lehm bedeckt. Aus dieser elementaren Farbe blickte sein junges
Gesicht bleich und etwas hohl in das letzte fahle Verglimmen des
Tages hinter den englischen Grabenlinien, und da er fest die Lippen
aufeinanderpreßte, so gewannen seine Züge einen bittern und leidenden
Ausdruck, der ihn um Jahre älter und reifer erscheinen ließ, als er
wirklich war. In seinem Geist lebte nicht die geringste Bewegung; er
wartete schweigend und entschlossen auf die Engländer, und wenn er
etwas dachte, so war es nichts als die Beobachtung: »Sie brauchen heute
länger als sonst.« Dieselbe Beobachtung machte jeder im Graben, aber
keiner sprach sie aus; es herrschte ein vollkommenes Schweigen. Hinter
den englischen Schützengräben zog wie den ganzen Tag das feuchte,
graue Gewölk herauf, doch ohne zu regnen; jetzt schien es sich zu
beschweren und wurde dunkler, weil sich die Dämmerung auch dort an
die Körper hing. Plötzlich wie aus dem Boden gewachsen oder aus dem
Gewölk vorgetreten waren sie wieder da. Sie schrien nicht Hurra und
hielten sich mit keinen Heldenhaftigkeiten auf, sondern liefen um ihr
Leben, um möglichst schnell durch die Schieß- und Wurfzone hindurch dem
Feind an den Leib zu kommen. Es war ein leiser, gehetzter Vorgang voll
Schaurigkeit und Todesahnung. Aber auch das war nur ein Augenblick,
denn schon schrien die Gewehre auf, rasselte das Maschinenfeuer aus
hundert Läufen ihnen entgegen und krachten die wenigen übriggebliebenen
Grabengeschütze. Bereits sah man Feinde wie unselige Schatten vor dem
fahlen Himmel zu Dutzenden hinsinken, andere schwankend noch einige
Schritte vorstürzen und ebenfalls im Dunkel verschwinden, das auf
der Erde lag. Doch unaufhaltsam hastete die schwer gelichtete Linie
vorwärts und betrat im nächsten Moment die doppelt mit Sterblichkeit
geladene Region der Drahtverhaue und der Handgranaten. War vorhin der
Tod unsichtbar in der Luft gewesen, so sprang er jetzt körperlicher von
der Erde auf.
Heinz warf wie eine Maschine, ganz ohne Erregung, beinahe bewußtlos.
Leiber brachen zerfetzt mit nun sichtbarer Schwere frisch blutend hin
zu andern, die längst ausgeblutet hatten und vergeblich von immer
neuen Eisenwirbeln erfaßt, immer neu zerrissen auf die endliche Ruhe
warteten. Aber auch durch den vorgeschleuderten Riegel von Rauch und
Feuer brachen noch kampffähige Körper vor, nicht mehr viele und auf
dem Grabenrand hundertfach von Revolverkugeln und Bajonettstichen
empfangen, jedoch einige Dutzend kamen dennoch ihrerseits zum Wurf
und dann auch an ihren Mann; damit fuhren überall die Messer heraus.
Indessen folgte der ersten Sturmlinie beinahe auf dem Fuß eine zweite.
Wer mit seinem Mann zusammenhing, sah, wie er mit ihm fertig wurde;
kaum fand man Zeit, den einen oder andern durch einen gut geführten
Stich von seinem Feind zu befreien, als man wieder ans Gewehr mußte.
Inzwischen waren es soundso viel Schützen weniger, und der zweite Sturm
brachte ebensoviel Feinde mehr zum Nahkampf. Da ihm der dritte und
diesem dichtauf der vierte folgte, so füllte sich der Graben allmählich
mit Engländern, toten und lebendigen, aber die lebendigen nahmen immer
mehr zu als die toten, während sich bei den Verteidigern das Verhältnis
umkehrte. Übrigens kamen die Engländer in Gasmasken und glichen mehr
traumhaften und bösartigen Teufeln als Menschen.
Heinz hatte seinen Posten mit Bedacht gewählt, weil vor ihm der
Drahtverhau beinahe vollständig weggeräumt war und ein ganz freies
Einbruchstor offen ließ. Es wurde auch von den suchend und eilig hin
und her huschenden Gestalten gefunden und mit Leidenschaft benutzt,
daher stand er bald erwarteterweise im Mittelpunkt der Nahkämpfe. Die
ersten Eindringenden erledigte er durch gezielte Revolverschüsse;
was übrigblieb, das stachen Infanteristen mit den Bajonetten nieder.
Indessen taten die englischen Handgranaten ihre Wirkung, und
allmählich vereinsamte Heinz auf seinem Posten. Als er den Revolver
leer geschossen und keine Zeit hatte, ihn frisch zu füllen, warf er
ihn weg und griff zu seinem Seitengewehr. Den ersten Engländer, einen
jungen Offizier, der zu ihm in den Graben sprang, bekam er mit einem
raschen Griff an der Brust zu fassen; ehe es ihm noch gelang, Stand zu
nehmen, brach ihn Heinz schon rückwärts über das Grabengeschütz, wo
er seinen letzten Seufzer tat. Dem nächsten, der sich wie ein Tiger
auf ihn stürzte, wich er aus, so daß er zunächst in die Knie brach;
bevor er sich wieder erheben konnte, empfing er seinen Todesstoß, der
ihn vollends hinstreckte. Obwohl nun die Handgranaten schon rings um
ihn krepierten, blieb er doch wunderbarerweise heil. Zwischen zwei
Angriffen fand er noch rasch Zeit, auch seinerseits die Gasmaske
vorzubinden, denn die englischen Handgranaten erfüllten den Graben nach
und nach mit einem schweren, beizenden Qualm. Er wußte nicht mehr, was
die andern taten, blickte sich auch nicht nach ihnen um. Einmal kam
irgendein Infanterist hergelaufen, um ihm zu helfen; eine Handgranate
krachte, und er sank weg, als ob er nie dagewesen wäre. Einen Stürmer
erledigte Heinz, als er seine Handgranaten aufgebraucht hatte, durch
einen Steinwurf vor die Brust, bevor er an den Rand des Grabens kam.
Den Dienst des fehlenden Drahtverhaus begannen nun die gefallenen
Körper der Engländer zu leisten, die sich dunkel gegen den Horizont
häuften.
Aber es schien, daß die englische Heeresleitung die vielverwünschte
deutsche Bastion heute nacht um jeden Preis endlich in ihre Hand
bekommen wollte. Den Londonern folgten Schotten, diesen Kanadier, ihnen
Inder; darauf kamen Australier und wieder Inder, von den grausamen,
viehischen Bergstämmen, deren Ausdünstung schon so widerlich ist.
Heinz tat, was er konnte, schlug und stach an seinem Ort noch ein
Erkleckliches um sich, alles in voller Zweckmäßigkeit, aber schon ganz
mechanisch, stieß einem Inder das Seitengewehr durch den aufgerissenen,
schreienden Mund in den Hals, schlug einen andern mit dem Schädel auf
das Geschützrohr, bis ihn die Kräfte verließen; inzwischen fühlte er
freilich ebenso die seinen abnehmen, und sah er mit fatalistischer
Gelassenheit den Moment voraus, der auch für ihn der letzte sein würde.
Doch fand ihn der übernächste Brust an Brust mit einem kanadischen
Unteroffizier am Boden liegen und um sein Leben ringen, während der
fortgesetzte Sturm der englischen Massen nun schon ganz ungehemmt über
ihn weg und tiefer in die deutschen Stellungen hineinfuhr. Weil droben
nur jeder vorwärts wollte, blieb Heinz im Graben mit dem Unteroffizier
und dieser mit ihm allein. Er lag, wie ihn der Anprall des großen
Menschen hingeworfen hatte, auf dem Rücken im Grabenschlamm, mit der
linken Hand den Messerstoß des Kanadiers aufhaltend, und von diesem
gleicherweise selber am Zustoßen gehindert. Mit einer gefährlichen
Aufmerksamkeit, jeder des andern Blick bewachend, strebte zunächst
jeder angestrengt nach der ersten freien Bewegung, die dem andern das
Leben kosten mußte. Ein nur halb parierter Stoß des Kanadiers hatte
Heinz die Gasmaske weggerissen, zu seiner Befriedigung, da er ihm Blick
und Atem befreite. Bald wußte jeder, daß er es mit einem vollgültigen
Gegner zu tun habe, und dachte jeder auf eine überraschende Wendung, um
den andern zu verwirren und in der nämlichen Sekunde abzutun, zugleich
aber seinerseits mit größter Anspannung der Geistesgegenwart auf
ähnliche Unternehmungen des andern gefaßt.
Das stumme Todesspiel dauerte bereits nach Minuten, und eben überlegte
Heinz, daß, wenn er plötzlich die Stoßhand des andern fahren ließe
und blitzschnell dessen Kopf an sich risse, er vielleicht durch die
Überraschung seine eigene Hand befreien könnte, um jenem im gleichen
Moment die Schlußrechnung zu machen -- als ihm ein unbewachtes leichtes
seitliches Abirren im Blick des Kanadiers auffiel, dem er ebenso
unwillkürlich folgte, ohne freilich etwas anderes zu bemerken als die
Toten und Sterbenden, die um ihn herumlagen; in demselben Bruchteil
einer Zehntelsekunde war er schon wieder mit ganzer Spannung über
seiner Todesrechnung für den Feind. Nebenher fiel ihm ein gewisses
Nachlassen der körperlichen Anstrengung beim Gegner auf, das er
sogleich unbedenklich in die Kalkulation mit einsetzte. Wenn er, so
dachte er, nun den Kopf des Kanadiers rasch niederriß, während dessen
rechte Hand in der Luft frei wurde und die linke zunächst fortfuhr,
Heinzens Stoßhand an der Erde festzuhalten, so mußte er notwendig
im ersten Augenblick nach seiner rechten und also Heinzens linker
Seite fallen; raffte nun Heinz alle Kräfte in einen Moment zusammen,
so konnte es ihm gelingen, sich mit dem Kanadier schnell nach links
hinüberzuwerfen, und als beinahe sicher durfte er erwarten, daß der
Unteroffizier über der doppelten Überraschung weder sofort daran
dachte, mit dem nun freien Messer zuzustoßen, noch sich augenblicklich
an das drohende Seitengewehr des Deutschen erinnerte, sondern nach
aller Wahrscheinlichkeit würde er ganz instinktiv der Umwälzung
begegnen wollen. In der Zeit würde aber Heinz schon zustoßen.
Nun war er seiner Sache so gewiß, daß er einem neuerlichen Abirren im
Blick des andern nach derselben Seite überhaupt nicht folgte, sondern
sich in aller Tiefe auf den Augenblick zu sammeln begann, in dem er
seinen Plan ausführen wollte. Dunkel ging es ihm noch durch den Kopf,
daß er in seiner nächsten Nähe einen scheinbar schwerverwundeten Inder
bemerkt hatte, der sich, immer noch den Dolch in der ausgestreckten
Hand, wohl sterbend noch einmal regte; gleich erinnerte er sich
auch, daß es der Mensch war, dem er das Seitengewehr in den Schlund
gestoßen hatte. Er wollte eigentlich noch einmal hinsehen, aber eine
wiederholte, sehr merkliche Schwächeäußerung des Kanadiers, oder was
Heinz dafür hielt, bestimmte ihn, sofort die Tat auszuführen. Eben
spannte er seine Nerven und Sehnen zur höchsten Leistung, als plötzlich
neben ihm eine dunkle Hand mit einem indischen Messer in die Höhe
flog, um niederfahrend mit einem fühlbar harten Stoß seine Brust zu
treffen. Der halb aufgerichtete indische Soldat hatte freilich mit
dieser Unternehmung alles gegeben, was er vermochte; er brach neben
Heinz röchelnd zusammen, indem er aus seinen weit geöffneten Augen, die
vieles Weiß zeigten, voll befriedigten Hasses ihn aus nächster Nähe
anstarrte. Zugleich spürte Heinz, wie eine freudige Bewegung durch die
Glieder des Unteroffiziers ging; ebenso rasch wurde er sich klar, daß
der Stoß an seiner gefüllten Brieftasche sich gebrochen hatte, und
bevor der völlig überrumpelte Kanadier irgendeinen Vorteil ausnützen
konnte, fühlte er durch den Deutschen mit einem harten Ruck seinen
Kopf herabgerissen, seinen ganzen Körper gewaltig herumgeworfen, und
seufzend empfing er das deutsche Eisen seitlich in die Lunge.
Ohne ihm noch einen Blick zuzuwenden, erhob sich Heinz. Aber er merkte
sofort, daß er für die nächsten Stunden nicht zu brauchen war. Vor
seinen Augen hing es wie Trauerflor. Seine Knie wankten unter ihm, und
von seinem Herzen ging ein Zittern aus, das sich dem ganzen Körper
mitteilte. Nachdem er sich einige Schritte hingeschleppt hatte, ohne zu
wissen, wohin, setzte er sich auf die umgestürzte Schützengrabenkanone,
und dort fanden ihn die zurückkehrenden Deutschen, als sie die
Engländer vor sich hintreibend die Bastion wiedernahmen. Zwei Tage
sprach er nicht. Am dritten begann er wieder, aber mit einem tief
veränderten Ton. Unterdessen kam sein Regiment in die Reservestellung,
um wieder aufgefüllt zu werden. Das indische Messer hatte etwa acht
Briefe durchstoßen, sechs von der Klingse und nur zwei von Linde, und
noch in seine Brust eine etwa zolltiefe Wunde geschlagen. Dazu kam, daß
die Briefe der Klingse schöngeistig und wenigstens achtseitig waren,
die Lindes einfach liebend und nur vierseitig, machte im ganzen dreißig
Blätter von der Tante und nur vier von der Geliebten. Es war also nicht
schwer zu sagen, wer ihm das Leben gerettet habe. Am Abend des vierten
Tages schrieb er zwei Briefe, einen an Linde und einen an die Klingse.
Der an Linde lautete:
»Liebes Mariechen, wir sind abgelöst nach einer verdammt dreckigen
Nacht, in der nicht viele von uns übrigblieben. Aber was hilft das
üble Leben? Jetzt liegen wir in Reserve und sollen erst wieder
aufgepumpt werden. Bis dahin fahre ich jeden Tag nach Lille hinein und
genieße meine Jugend. Das Messer eines Shiks fing meine Brieftasche
auf; zwei Bogen von Dir sind auch daran beteiligt. Daß Ihr überhaupt
noch von Seele, Nation und dergleichen zu reden wagt. Wartet, bis
wir wiederkommen. Sonst habt Ihr nichts zu tun. Und dann seht, was
wir mit Euch machen. So steht das. Mein Zielfernrohr ist in Scherben
geschossen. Mag's der Teufel haben. Ein neues wird nicht angeschafft.
Für mich ist die Heldenlaufbahn vorbei. Von jetzt an wird die Pflicht
getan. Fasse das aber nicht in Deinem übersittlichen Sinn auf; das wäre
ein Irrtum. Ich habe es einfach satt, mit dem Tod zu spielen. Das
Leben hat dafür zuviel Reize. Laß Dir's gut gehen. Herzlich Dein Heinz.«
Linde schrieb ihm zurück:
»Liebster Heinz! Ich habe eine Kerze gestiftet zum Dank dafür, daß Du
heil aus der Gefahr gekommen bist. Oder vielleicht nicht einmal so
rein aus Dank als aus Freude darüber, und in der Freude tut man gern
etwas, das hübsch ist und wohl lautet. Wenn mir jemand sagte, ich wäre
unfromm, so würde es mich sehr treffen, aber ich fürchte, daß sich
jemand finden wird, und daß ich ihm nichts werde erwidern können. Der
Onkel sieht mich manchmal verwundert an, und auch der Brigitt gebe ich
zu denken; ich sehe es wohl. Aber ich kann's nicht ändern. Und, lieber
Heinz, ich bitte Dich herzlich, werde wieder ein Held, auch wenn ich je
länger, je weniger eine Heldin bin. Es steht Dir so wohl, daß wir alle
um Dich Angst haben; Gott verzeihe mir die Lästerung. Wie soll ich mich
erklären? Das Herz läßt sich nicht gern etwas nehmen. Du denkst daran,
daß ich damals sauer dazu sah. Heut seh' ich süß. Liebster Schatz,
ändere nichts; Gott wird Dich bewahren! Mehr kann ich heute nicht
schreiben; in mir braust's wie ein Bienenvolk, und jeder Flügel will zu
Dir. Man hätte viel Honig. Wenn Du aber auf Urlaub denkst, so folge dem
Gedanken nicht. Schicke mir die vier Blätter oder eins davon; ich will
sie sehen, dann bekommst Du sie wieder. Deine Marie Linde.«
Sie bekam sie nie, aber der Klingse hatte er von sich aus eins von
ihren geschickt. Dazu schrieb er folgendes:
»Liebe Tante Malva! Ich habe vor einigen Tagen mit den Engländern
eine ekelhafte Nacht erlebt und darüber allerlei Scheu verloren. Sieh
Dir das beiliegende Blatt an. So sehen sechs Briefe von Dir aus, etwa
dreißig Blätter, die ich in der Brieftasche trug. Ohne sie wäre ich
wohl nicht mehr in der angenehmen Lage, an Dich zu schreiben, denn
der betreffende Shik hat, obwohl sterbend, doch noch ganz anständig
zugestoßen. Ich kann es also betrachten, wie ich will, so hast Du mir
das Leben gerettet. Und ich kann auch das betrachten, wie ich will, so
habe ich Dich nicht in gleicher Weise vor dem Stoß bewahrt. Das ist
der Sinn von dem, was ich von der verlorenen Scheu sage. Du bist eine
große Frau, und ich bin ein deutscher Offizier, und wir werden einander
nichts mehr vormachen. Sieh mal, in mir war bis neulich die Lust, ein
übriges über meine Pflicht zu tun, mit dem Schicksal anzubinden, denn
da war etwas, was verausgabt sein wollte, die Lust am Besonderen, die
ihre Abenteuer forderte. Damit bin ich jetzt fertig. Ich habe meine
Orden und meine beiden Eisernen Kreuze. Weiter komme ich ohnehin nicht
mehr. Und das Eiserne erster wird mir später im Frieden schon die
Türen auftun, die ich offen haben will. Meinen Anteil am Krieg habe
ich geleistet, das übrige ist Pflicht, nicht mehr, nicht weniger. Es
war ein Moment, da gehörte ich schon mehr dem Tod als dem Leben; von
einem solchen Standpunkt aus bekommt manche Sache ein anderes Gesicht.
Jetzt habe ich den Wunsch durchzukommen, weil ich nachher mit meiner
Jugend und Kraft etwas anzufangen weiß. Es soll mir keiner mehr mit
dem Kaisertum der deutschen Seele und der deutschen Weltanschauung
die Ohren vollreden. Was ist das, die deutsche Weltanschauung? Du
mußt hören, was sie gerade vor meinen Fenstern singen. ›Denn dieser
Feldzug geht auch vorüber, und diese Schweinerei ist bald vorbei.‹
Wir haben alle die Nase voll vom Heldentum. Nehmt Euch in acht, wenn
wir zurückkommen. Manchmal leben wir in einer ganz gefährlichen Wut,
aber meistens denken wir nicht weiter als in unsre Patronentaschen und
Brotbeutel. Jetzt hat man uns in Reserve gestellt, um das Bataillon
wieder aufzufüllen. Vorläufig bin ich jeden Nachmittag in Lille. Etwas
elegantes Leben zu sehen tut wohl nach der Dreckhamsterei. Alles was
wahr ist, für solche Frauen kann sich der Franzose schon schlagen.
Wofür schlagen wir uns eigentlich? Ich frage für die andern; für
mich bin ich nicht im Zweifel. Aber um ehrlich zu sein: noch lieber
hörte ich jetzt mit der Schlägerei auf, und zwar aus der gleichen
Betrachtung. Leb wohl und vergiß mich nicht. Dein Heinz.«
Die Antwort der Klingse lautete folgendermaßen:
»Mein lieber Junge! Wenn ich's genau überlege, so muß dieser furchtbare
Stoß Dich noch getroffen haben. Warum verschweigst Du mir das? Hast
Du Dich unnötigerweise in diese Gefahr begeben, so muß ich Dich
heftig tadeln. Und hat die Nacht, von der Du sprichst, Dich von
einer Jünglingsschwärmerei geheilt, so sei sie immerhin gesegnet.
Deinen Entschluß kann ich nur billigen. Nach dem Krieg kommt wieder
ein Frieden; was hilft er dem, der ihn nicht erlebt? Wohl Dir, daß
Du weißt, wofür Du kämpfst, und noch besser, wofür Du leben bleiben
willst. Was dann Eure Wut angeht, so werden wir uns schwerlich sehr
in acht nehmen, wenn Ihr zurückkommt. Dazu sind wir schließlich wohl
auch nicht da. Nun, was Du noch nicht weißt, das wirst Du ja erfahren.
Kannst Du nicht einen Urlaub bekommen? Es ist ja nicht gesagt, daß Du
ihn wieder in einer Kleinstadt bei Kleinstädtern verbringen wirst. Sei
ein Mann, mein Junge, und rechne mit Deinen Kräften, damit ich auf Dich
stolz sein kann. Deine Malva.«
Nach diesem Brief beantragte er sofort Heimaturlaub, aber er wurde ihm
abgeschlagen, weil die Wiedereinrichtung des Bataillons bereits in
vollem Gang war. Da faßte er sich ziemlich kalt und begann seine neue
Soldatenlaufbahn.
Zweiter Teil / Ehrgeiz
Erstes Kapitel
Der Gregorianische Lobgesang wird noch einmal angestimmt. Linde fällt
in Verdacht, Geheimnisse zu haben. Eine Prozession führt zu keinen
andern Einsichten als in das Wesen der Unwissenheit
Inzwischen fand unter der Anführung des Dechanten die alljährliche
Herbstprozession auf den Kalvarienberg statt. Man betrachtete sie als
einen Erntedankgang, aber sie stammte unter allerlei Umbildungen aus
einem früheren Jahrtausend, und gelehrte Leute, zu denen auch der
Dechant gehörte, wußten, daß sie ursprünglich im Land der Wotanseiche
mit dem herbstlichen Lichtwechsel zu tun gehabt hatte. Früher war der
Festtag im Monat festgelegen, aber in Anbetracht des unsicheren Wetters
hatte der Dechant den Gang unter der Billigung seiner Behörden auf den
Sonntag vor dem Vollmond gelegt, da dort nach der Erfahrung von alters
her noch am sichersten gutes Wetter angetroffen werden konnte. Bisher
war ihm auch noch keine Prozession verregnet.
Aber mit dieser hatte es seine besondre Bewandtnis. Nicht als ob einer
sternenhellen Nacht niederträchtig ein trüber Morgen gefolgt wäre.
Die Frühstunden brachen vielmehr in tiefer und reiner Bläue aus der
Himmelshöhe herein, nachdem nur einmal der Morgennebel gehörig in der
Tiefe verarbeitet war. Auch an den Hausgenossen ereignete sich, nach
den Seltsamkeiten jenes Abschiedsmorgens, keine neue Überraschung.
Zwar hüteten noch die beiden Frauen das Bett, jede das ihre, aber
Brigitt ging es weiter nicht bedenklich, obwohl schmerzhaft genug, und
die Tante hatte sogar angezeigt, daß sie heute zum Mittagessen zum
erstenmal wieder aufstehen werde. Der Dechant betrachtete diese Meldung
sogar mit besonders zufriedenen Blicken, nicht weil sie ihm wieder die
anregende Tischgesellschaft der großstädtischen Verwandten versprach,
sondern weil er sie für eine Voranzeige ihrer endlich in nähere
Sicht gerückten Abreise hielt. Obwohl sie bei seinen Krankenbesuchen
religiöse, sogar katholische, Lektüre in ihren Händen sehen lassen und
mit ihm ebensolche Gespräche geführt hatte, für eine protestantische
Rationalistin sogar ordentlich einsichtige, und obwohl sie von ihm
verschiedentlich auf weichen und zugänglichen Stimmungen betroffen
worden war, so hatte es ihm doch nicht gelingen wollen, Vertrauen zu
ihr zu fassen. Auch nahm er ihr ernstlich übel, daß sie das Liebesglück
der jungen Leute zu stören versucht hatte, und wenn er auch lange nicht
alles wußte, so war schon dies genug, um ihm mit einiger Deutlichkeit
zu zeigen, daß ihre Wirkung auf die Geselligkeit der Menschen,
jedenfalls seines Hauses, sich seit zehn Jahren nicht verändert hatte.
Von Seite der Tante erwartete er also in nächster Zeit nur
Erfreuliches. Was Linde anging, so war sie neuerlich etwas blaß und sah
mitgenommen aus; er setzte den Zustand auf Rechnung der Sorge um ihren
entfernten Geliebten, und außerdem hatten ihr die letzten Wochen bei
ihrem Eigensinn, keine Hilfskraft zu nehmen, Tag für Tag ein sicheres
Übermaß von Geschäften im Haus und um die beiden Kranken gebracht, von
dem es ein Wunder schien, daß sie es bei ihrer zarten Konstitution noch
so lange zu treiben wußte. Der Dechant selber war dabei mit ihr längst
nicht mehr auf seine Rechnung gekommen, da sie für ihn wenig oder keine
Zeit hatte, und so versprach er sich von der bevorstehenden Abreise
der Tante auch für das Mädchen etwas. Er stand so lebhaft unter dem
Gefühl dieser angenehmen Aussicht, daß sie ihn noch viel sonntäglicher
stimmte, als er's ohnehin schon war, und während er sich in seinem
schönen alten Mahagonischlafzimmer rasierte und ankleidete, summte er
nach so langer Zeit zum erstenmal wieder den Gregorianischen Lobgesang.
Darauf zog er ein Paar festere Schuhe an, da er doch einen Gang über
Land vorhatte, tat einen letzten Blick in den Spiegel, setzte das
schwarze Pfaffenmützchen auf, freute sich noch einmal, wie still und
gediegen das Morgenlicht auf den Formen des polierten Mahagoniholzes
spielte, und stieg dann mit dankbaren Gefühlen nicht nur für die
Jahresernte, sondern auch für die seines bisherigen Lebens die Treppe
hinunter, um sich zum Frühstückstisch zu begeben, von Bob, der schon
eine Weile eifrig an der Tür gekratzt hatte, freudig begleitet.
Dort hatte Linde schon alles hergerichtet. Auf der goldenen Maserung
der Birkenmöbel lachte die offene Sonne. Die blauen Sessel mit den
weißen Nägeln leuchteten erfreut auf, als ihr Herr eintrat. Die edlen
Formen des Gläserschranks belebten sich unter seinen Blicken. Violette
und blaue Astern standen in Vasen oder als lebende Pflanzen in Töpfen
auf guten Plätzen. Bemerkte er noch die weißen angenehmen Mullgardinen,
so fand er, daß nachgerade in dem Zimmer ebensoviel von Lindes Wesen
sich aussprach als von seinem. Just trat sie auch wie eine kleine
Siederei mit dampfenden Kesseln und Kannen durch die Tür, klar und
entschieden in aller Arbeit und Plackerei, der sie sich eigenwillig
unterzog, und mit hellem Morgengruß auf Stirn und Lippen.
»Nun, da bist du ja, du unverbesserliche Unruhe«, begrüßte er sie nicht
durchaus mißfällig. »Was hast du denn schon wieder um halb sieben heute
früh im Haus herumzuwirtschaften gehabt?«
Linde lachte eine Spur. »Warum schläfst du nicht, anstatt mir
aufzupassen?« sagte sie freundlich aber ein wenig betreten. »Ich bin
doch so leise bei dir vorbeigegangen. Daß die Dielen knarren, dafür
kann ich freilich nichts, soviel ich mich darüber ärgere.«
»Sieh nur zu, daß du bei diesem Betrieb übrigbleibst!« versetzte der
Dechant ernster. »Hast du dafür gestern in alle Nacht hineingearbeitet,
daß du nicht einmal den Sonntag mit einer christenmäßigen
Beschaulichkeit beginnen kannst?«
»Wenn du soviel redest, Onkel, so wirst du zu spät zum Hochamt kommen«,
erwiderte sie bescheidentlich ablenkend. »Vergiß auch nicht, daß du
vorher ordentlich essen mußt. Willst du zuerst Brot mit Käse und dann
mit Wurst oder umgekehrt?«
Er wollte es umgekehrt, und sie richtete ihm alles geschickt und
sorglich her, goß ihm Kaffee ein und begann derweilen von ihrer
Patientin zu berichten, nämlich von Brigitt, der es heute erträglich
ging, da sie fieberfrei war. Die Tante hatte sich ihrerseits eine
berufsmäßige Pflegerin kommen lassen, ein Weib zwischen dreißig und
vierzig, nicht vom allerbesten Ruf und mit einem ziemlich üblen
Mann behaftet, aber die einzige in ihrem Fach und besonders von den
protestantischen Familien, die sich nicht gern der Nonnen aus dem
Kloster bedienen mochten, in den vorkommenden Notfällen zugezogen.
Nun hatte man sie schon um die drei Wochen schmutzig, unverschämt
und ewig spionierend ungern ertragen, ohne gegen ihre Tyrannei etwas
Wirksames unternehmen zu können, da sie an der Tante einen Rückhalt
zu haben schien. Das bequeme Leben, das ihr diese im Haus machte, war
auffällig. Daß sie als einzige Person Butter und belegte Brote zu jeder
Tageszeit haben mußte, mochte noch hingehen, aber sie hielt ihr auch
jede gröbere Arbeit fern, die ausnahmslos Linde zufiel. Da sie außerdem
noch Anspruch auf Lindes Sekretärdienste machte -- sie diktierte ihr
eine Reihe literarischer und gedankenreicher Briefe an großstädtische
Freunde --, so wußte der Dechant wohl, warum er nichts mehr von
dieser hatte, und warum sie mit Nachtstunden verlorene Tagesstunden
ersetzen mußte, aber er wußte nicht, welchen Narren die Tante an dem
unerquicklichen Weibsstück gefressen hatte, daß sie es so verwöhnte.
Übrigens trat gleich darauf dieses selber im Eßzimmer auf, um die gute
Morgenstimmung doch in etwas zu stören, und zwar durch ein Ei vom
Frühstück der Tante, das schlecht sein sollte. Linde roch und konnte
nichts daran finden, sagte übrigens gehalten, daß sie für heute kein
anderes im Haus habe, da Eier jetzt schwer zu bekommen seien, und die
Pflegerin ging ab mit dem Ei, das sie nachher mit Genuß selber aß, und
mit einer unverschämten Glosse über die Hausordnung, gegen die nichts
zu sagen war, wenn man sich nicht in einen endlosen Zank verwickeln
wollte. Beim Hinausgehen klemmte sie noch den nicht ganz saubern blauen
Rock zwischen die Tür, die sie noch einmal aufstieß und dann offen
hinter sich stehen ließ, während sie schimpfend die Treppe hinaufstieg.
Mit diesem rostigen Nadelöhr und dem zugehörigen schlechten Faden
schlug sie dann die besondere Bewandtnis zur Naht, von der schon
die Rede war. Eben bemerkte der Dechant halb verdrossen und halb
verwundert, daß die Person ein ganz hübsches Weib sein könnte, wenn
sie nur etwas ordentlicher leben wollte, als die Hausglocke schrill
anklang, Bob wuffend vom Fensterbrett herunterfuhr und Linde, die
sich gerade vom Schließen der Tür wieder gesetzt hatte, von neuem
aufstehen mußte. Gleich darauf ertönte draußen die krähende Stimme
eines betrunkenen Menschen und die abwehrende Lindes, von der andern
eifrig überschrien, die nun schon im Haus zu sein schien, und über
allem der zornige Alarm des Hundes, mit dem sich der Besucher ebenfalls
auseinandersetzte. Der Dechant erhob sich, um selber zum Rechten zu
sehen. Im Hausgang stieß er mit einem Menschen zusammen, der durch
seinen Atem wie durch unmißverständliche Worte und Gebärden das
erschreckte Mädchen vor sich her trieb und überaus unternehmungslustig
nach dem Pfaffen verlangte. Beim Licht der offenen Küchentür war es der
stadtbekannte liederliche Ehemann der Pflegerin. Streng nach seinem
Begehr gefragt, blieb er dabei, daß er den Pfaffen sprechen wolle, und
erst, als ihm bedeutet wurde, daß hier kein Pfaffe sei, aber draußen
viel frische Luft, begann er sich den Mann im dunklen Hausflur näher
anzusehen und fand, daß es der Pfaffe selber sei, obwohl er eigentlich
von vornherein nichts anderes erwarten konnte. Da begann er gewaltig
herauszurücken. Er war gar kein so übler Schlag Mensch, ordentlich
gewachsen und nicht eben dumm aussehend, aber unsäglich verkommen und
verhetzt.
»Sehen Sie mal an, Sie sind ja -- ja der Pfaffe selber!« rief er,
ganz überrascht von dem Glückszufall und immer in der Tiefe gegen Bob
kämpfend, vor dem er sich zu besorgen schien. »Hören Sie mal, Sie Herr
Pfaffe, ich -- ich glaube nicht an Sie. Es gibt keine Pfaffen. Tja.
Nicht die kleinsten Pfaffen gibt es für einen gebildeten Weltbürger.
Denn wenn es den kleinsten Pfaffen gäbe, so stände ich doch nicht hier
und sagte: ›Es gibt keinen Pfaffen, nicht einmal den allerwinzigsten!‹
An Ihren Hund glaube ich, der hat mich ins Bein gebissen. Das ist eine
Belialswirtschaft hier! Weg! Aber wenn Sie ein Pfaffe sein wollen und
erlauben in Ihrem ei--eigenen Haus so -- so unsaubere -- so anstößige
Dinge -- so -- solche Unzucht, was? Und Mord und Totschlag und
Blutvergießen! -- Befehlen Sie mal Ihrem Hündchen, sonst muß ich ihm zu
meinem Bedauern die Schnauze zertreten. -- Tja, was glauben Sie denn?
Wenn ich nicht ein Lu--Lungenleiden hätte, so wäre ich doch auch ein
He--Held draußen im Schützengraben. Aber wir haben den na--nationalen
Auftrag, im Land die Sittlichkeit aufrechtzuerhalten. Mittels
moralischer Kontributionen an der fehlbaren Bourgeoisie. Sobald wieder
Frieden ist, sollen Sie einmal sehen, wie da aufgeräumt wird mit der
Bourgeoisie. Bringen Sie gefälligst in Anschlag, daß ich ein gebildeter
Ma--Mann bin, der bessere Tage gesehen hat. Und daß ich nicht umsonst
hier vor Ihnen stehe. Und dann sagen Sie mir, Sie Herr römischer
Pfaffe, warum liegt denn die feine Dame droben im Be--Bett? Ihre --
geehrte Frau Verwandte? Haben Sie sich nie gesagt, daß das meinem Geist
zu denken geben muß? Was?«
Der Dechant hatte ihm bisher mit groß aufsehenden Blick zugehört,
während seine Miene zugleich einen stark nach innen gekehrten Zug
annahm und die Zornader an seiner Stirn schwoll.
»Es ist gut, daß jedenfalls Ihre Bildung festgestellt ist«, sagte er
ruhig, wenn auch mit drohendem Unterton. »Mehr ist für den Augenblick
wohl nicht nötig. Wenn Sie morgen noch den Schwung in sich verspüren
sollten, dies Gespräch fortzusetzen, so kommen Sie wieder, aber in
nüchternem Zustand; es soll Ihnen dann nicht an Auskunft fehlen!«
»In -- in nüchternem Zustand?« stotterte der Mensch verblüfft:
»Ich bin in nü--nüchternem Zustand, sogar in einem sehr gebildeten
nü--nüchternen Zustand, wenn Sie gestatten. Wenn Sie ihn aber noch
nüchterner wollten, so müßte ich sagen: ›Wie -- wie soll ich dann das
Geschäft der moralischen Kontribution an der hiesigen Bourgeoisie
ausüben?‹ Dazu muß ein gebildeter Mann schon etwas angetrunken sein,
wie Sie leicht begreifen werden. Aber es ist gut; Sie wollen Zeit, um
sich zu bedenken. Ich werde morgen wiederkommen. Aber in nü--nüchternem
Zustand, Sie römisch-katholischer Spaßmacher? Wissen Sie die Geschichte
von der Thronbest--besteigung des Kaisers, als der Kaiser gesagt hatte:
›Und daß ich das halten werde, glaube ich, schwöre ich!‹ Und als er
das gesagt hatte also, und der Wilhelm Lehmann hatte nicht verstanden,
denn er war taub auf dem linken Ellbogen, Sie Spaßmacher, Sie! Ich
könnte mich schief lachen über Sie! Nüchtern soll ich Ihnen kommen?
Psch -- hihi! Aber wissen Sie, was der Fritz Schulze dann sagte, als
der Wilhelm Lehmann mit seinem tauben linken Ellbogen nicht verstanden
hatte? ›Dann zieh dir det nächste Mal den Rock aus, du Affe, damit du
besser hören kannst. Er hat jesacht: Und daß ich det halten werde, det
jloobe ich schwerlich!‹ Wie haben Sie gesagt? Nüchtern soll ich Ihnen
kommen? Sie, ich will Ihnen was sagen: Das glaube ich schwerlich!
Jawohl, ich gehorche Ihrem sanften Druck nach der Türe. Ich warne
Sie freundschaftlich davor, mich als einen gemeinen Verbrecher zu
betrachten! Aber wenn Sie skandalöse Dinge im Haus geschehen lassen,
Hochzeitsnächte ohne den Segen Gottes und Blutbäder, und wer weiß was
sonst noch: ach Sie Spaßmacher, und da soll ich Ihnen nüchtern kommen?
Daß Ihnen der Nabel abdorre! Morgen um zehn Uhr vormittags bin ich
wieder hier.«
Weiter mit sich selber redend und mit den Händen fechtend, stolperte
er über die Schwelle und aus dem Haus. Als er sich umdrehte, um noch
einmal auf die Nüchternheit zurückzukommen, schlug schon die Tür ins
Schloß. Er machte eine tief grüßende Bewegung gegen sie und torkelte
plaudernd davon, und alles in allem erweckte er den Eindruck eines
ausnehmend glücklichen und harmlosen Menschen.
Der Dechant fühlte von dieser Stimmung nichts an sich. Als er mit
schwer denkender Stirn ins Eßzimmer trat und sein Blick Linde suchte,
fand er sie blaß mit aufgestütztem Kopf am Tisch sitzen. Seinen Augen
zu begegnen vermied sie. Sie starrte mit einem verständnislosen
Gesichtsausdruck vor sich hin, und in ihrer Haltung war etwas, was
ihn für sie leiden und auf eine gewisse männliche Art betreten
machte. Unwillkürlich fiel ihm ein, daß sie seit Heinzens Abreise
nicht mehr zur Beichte gewesen war. Schließlich wurde ihm ihr Anblick
beschwerlich, und er trat ans Fenster, um einige Augenblicke auf den
Platz hinauszusehen. Dann erinnerte er sich an die Pflegerin, wandte
sich ins Zimmer zurück und ging nach dem Hausflur, wo er ihren Namen
rief. Als sie nicht antwortete, stieg er die Treppe hinauf, um sie zu
suchen. Er fand sie in ihrem Zimmer, wo sie sich stellte, als ob sie
mit Ordnen beschäftigt sei. Sie blickte ihm scheinbar verwundert und
unwirsch entgegen, und er sah ihr an, daß sie um alles wußte.
»Ich brauche Ihnen nicht erst zu sagen, warum ich Sie suche«, bemerkte
er, nachdem sie den Blick unsicher von ihm abgezogen hatte. »Sie
standen ja wohl über der Treppe und machten Ihrem Mann Zeichen. Sehen
Sie zu, daß ich Sie bei meiner Rückkehr von der Prozession nicht mehr
hier vorfinde.«
Sie antwortete nur mit einem Achselzucken, indem sie ihm den Rücken
drehte. Er zog die Tür zu und stieg langsam die Treppe wieder hinunter.
Drunten fand er Linde in der gleichen Haltung wie vorher. Er konnte es
nicht verhindern, daß ihm ein fremdes, leise erkältendes Gefühl von
Mißtrauen durch die Seele ging.
»Hat dich denn der Betrunkene so sehr erschreckt?« fragte er endlich
immer noch nicht ohne Güte, aber mit beschatteter; er legte ihr
die Hand auf den Scheitel und bog ihr den Kopf leicht zurück, eine
Liebkosung, die er gern brauchte, weil es ihn immer freute, ihr
reines und offenes Gesicht mit den stillen Augen und dem feinen Mund
unter seinem Blick aufgeschlagen wie ein schön gedrucktes Brevier
beschaulich zu lesen. Jetzt war es nicht offen, oder es hatte sich
verblättert. Die Augen sahen ihn zwar an, aber ohne Ausdruck und Mut.
Und der Mund blieb geschlossen; sie hatte ihm auf seine Frage nichts
zu antworten, nichts Wichtiges und nichts Unwichtiges. »Kind, hast du
mir etwas -- anzuvertrauen?« fragte er noch. Sie ließ den Blick nicht
sinken; es fehlte ihr ebenso an Freiheit, ihn wegzunehmen, wie an
Mut, seinem von innen heraus mit Festigkeit zu begegnen. Schließlich
ließ er sie. Indem er sich zu seinem erkalteten Kaffee setzte,
geschah es mit einem Gefühl väterlicher Betroffenheit; beinahe war
er ratlos. Sie schenkte ihm eine frische Tasse voll, legte ihm auch
noch vor, alles mit sozusagen verlorenen, hilflosen Bewegungen und
mit gewohnheitsmäßig offener aber leerer Gebärde. Er genoß nicht mehr
viel, schob schließlich das Ganze von sich und stand auf; es wurde
auch Zeit, daß er in die Kirche kam. Gern hätte er ihr, von der ihn
ja noch nichts Handgreifliches trennte, ein gutes und entlastendes
Wort zurückgelassen, aber er vermochte keins zu finden, das ihm
zugleich entgegenkommend und würdig schien. »Sie sieht doch aus wie
eine Schuldige!« fuhr es ihm wieder ganz unwillkürlich durch den Kopf.
Darüber erschreckt und besorgt zwang er sich doch noch zu einigen
gleichgültigen Worten.
»Frau Kienold« -- das war die Pflegerin -- »wird im Laufe des
Vormittags das Haus verlassen. Nun, darüber reden wir noch. -- Ich
denke um ein Uhr zurück zu sein.« Sie nickte stumm. »Auf Wiedersehen.«
»Auf Wiedersehen.«
Während der Dechant zur Sakristei ging, begann seine Erinnerung
lebendig zu werden. Es begegneten ihm festlich gekleidete Kirchgänger,
die ihn ehrfürchtig grüßten; er antwortete gedankenabwesend. Verfolgte
er die Zeit von der Abreise seines Neffen zurück bis zu dessen Ankunft,
so fand er alles einfach, klar und verständlich. Der Morgen der Abreise
hatte ihm schon damals zu denken gegeben; heute gewannen ihm noch
einige Wahrnehmungen während der vorvergangenen Nacht an Bedeutung.
Zuerst etwa eine Viertelstunde nach Mitternacht glaubte er etwas
schwere, ungleiche Schritte den Korridor hinuntergehen zu hören, die
nach seiner Meinung von der Magd herrührten. Etwas später war es ihm,
als vernehme er das heftige Geflüster oder Geraune einer erregten
Person, und zwar wiederum Brigitts, worauf nacheinander aus der Gegend
von Heinzens Zimmer zwei Personen weggingen, die eine nach dem Zimmer
der Tante, wo die Tür hörbar ins Schloß fiel, die andere etwas später
und viel langsamer nach der Treppe zur Mansarde, deren Stufen dann
unter ihr deutlich knarrten. Nachher spielten sich in Brigitts Zimmer,
das über seinem lag, die bekannten Nachtgeräusche ab.
Darauf morgens um vier Uhr weckte ihn aus einem seltsam unruhigen
Schlaf eine männliche Stimme, die ihm mit halb unterdrücktem Klang zu
sagen schien: »Gute Nacht, mein Liebling!« Aber die Worte waren noch in
seinen Schlaf gefallen, so daß er nicht sicher wußte, ob er sie nicht
bloß geträumt habe. Das Geräusch einer Tür dagegen, und zwar deutlich
derjenigen des Soldaten, vernahm er dann in vollkommen wachem Zustand.
Nun hatte er sich vor dem Einschlafen, unwillkürlich beunruhigt von den
vernommenen Geräuschen, noch Gedanken gemacht über das Liebesverhältnis
der jungen Leute zueinander, und den gehörten Ausruf konnte er sich
als Traumvorgang sehr leicht erklären. Wie ein körperlicher Schlag
hatte es ihn jedoch am andern Morgen getroffen, als er von Heinzens
Tür schräg über den Korridor und den Teppich eine Blutspur zur Tür der
Tante gehen sah, nicht sofort in der dunklen Frühe, sondern nachdem
Heinz schon fort und es Tag geworden war. Später fand er Linde darüber,
diesen blutigen Pfad mit Wasser und Bürste auszutilgen; obwohl er nicht
mit ihr darüber sprach, merkte er doch, daß auch sie davon betroffen
war, und wenn während der nächsten Tage die Rede auf die Tante kam, so
zeigten ihre Züge immer eine gewisse Verwirrung und innere Not, die
erst nach dem Eintreffen der ersten Feldpostbriefe sich langsam zu
lösen schienen.
Bei diesen Ereignissen und Resultaten war zwar nun genug Geheimnis und
Unruhe, aber das Mädchen hatte er bisher im Licht herwärts derselben
unbeteiligt auf seiner Seite stehen sehen, die Beteiligten im Dunkel
drüben und die Magd ungewiß dazwischen hin und her fackelnd. Heute zum
erstenmal erfuhr vor seinen Augen dies Verhältnis eine grundsätzliche
Veränderung. Linde rückte plötzlich zu den andern in die Dunkelheit,
und hatte er bisher geglaubt, mit der Entfernung der störenden einen
Person die ganze äußerlich haftende Hausfrage loszuwerden, so bemerkte
er heute zu seinem erkältenden Unbehagen, daß die Frage ihm ziemlich
tief im eigenen Fleisch saß.
Unterdessen war er aber in der Sakristei mit den Meßgewändern
bekleidet, und da ihn darauf fürs erste die Vorgänge des Gottesdienstes
in Anspruch nahmen, kam er mit seinen Erwägungen nicht weiter. Indem
er das heilige Gerät ergriff und den Opfergang zum Hochaltar antrat,
fühlte er sich im höchsten Symbol ebenso erfaßt und ergriffen wie die
ganze auf die Knie niederfallende Gemeinde, deren Mittler mit Gott er
in dieser Stunde war. Die wiedererstandene Orgel brauste ihn begrüßend
auf und dämpfte ihren Ton, das heilige Gleichnis bedenkend, scheu zum
ehrfürchtigen Gesang. Der Weihrauch strömte in dichten Wolken aus den
geschwungenen und leise klirrenden Gefäßen der Meßknaben. Das Glöckchen
ertönte gebieterisch durch den hohen Raum, und die Hände der Gemeinde
regten sich fromm zum Zeichen des Kreuzes. Jetzt sah er keine Gerüste
und keine Baugeschäfte mehr; in seiner priesterlich erregten Phantasie
spürte er nur noch hinter sich seine trübe Gemeinde und ahnte er vor
sich die klare Gottheit, und jetzt wie immer überfiel ihn angesichts
der hohen dunkelleuchtenden Fenster des Chors die Anschauung, daß wie
durch diese das Tageslicht in den Dom durch seine dunkelleuchtende
~Seele~ das Licht der Ewigkeit gedämpft in das versammelte Dasein
der Gemeinde falle. Er erfüllte durchaus jeden Satz seiner lateinischen
liturgischen Feier mit Leben und priesterlicher Leidenschaft zur stets
neuen verwunderten Ergriffenheit seiner Vikare, die ihm still dienten.
Heute ragte zum erstenmal wieder über dem Hochaltar das gewaltige,
kühne Kruzifix aus dem Mittelalter, das der Dechant gegen die
Begehrlichkeit der Museumsleitungen und den mittelbaren Druck der
Regierungsorgane so zäh als erfolgreich verteidigt hatte, und blickte
aus seiner furchtbaren Stimmung von Leiden erschüttert und durch
Leiden erschütternd auf die Gemeinde und den Priester herab, und das
Kyrie des Dechanten hatte lange nicht mehr soviel gegenständliche
Wucht der Wirklichkeit entfesselt wie heute unter dieser alten
wild-großen Darstellung des dämonischsten und zugleich heiligsten
Menschen. Zum Gott in diesem brauste dann wieder desto schimmernder
das Gloria der Orgel auf, immer von der tiefen, betrachtenden Stimme
des Dechanten unterbrochen und neu erregt. Sein Credo aber erdröhnte
von den unwandelbaren Fundamenten seiner christlichen Sicherheit
mit männlich reifer Kraft voll und unwidersprechlich, so daß seine
gläubige Stimme den ganzen tiefen Raum organisch füllte und jeden,
auch den unbelebten Gegenstand darin im Gedanken an seinen Schöpfer
auf einen Augenblick lebendig bewegte. Lebendiger bewegte und tiefer
füllte er noch die bereiten Seelen mit dem Gedanken an den Erlöser,
der für sie geboren, gemartert, getötet und wieder erweckt wurde. Im
Wort von der heiligen, allgemeinen und apostolischen Kirche baute sich
dann menschlich erkennbar die gotische Architektur des christlichen
Bewußtseins über jedem Herzen als Gewißheit des Lebens und des Sterbens
irdisch-himmlisch auf, und jedes Herz war solchermaßen gefaßt und
stark gemacht zum strengen Erlebnis des Opfers, der durch die Gnade
Gottes und den Glauben des katholischen Menschen ewig wiederholten
Inkarnation jenes höchsten Wunders am Kreuz. In der bang ergriffenen
Stille der knienden Gemeinde und dem unerbittlichen Laut der dreimal
schrillenden Glocken starb jedes fromme Herz den Tod des Erlösers nach,
während jede Hand, ihre Menschlichkeit bekennend, an Brust und Busen
schlug. Erlöst und erneuert atmeten sodann Seelen und Lichter auf,
während die Glöckchen das Zeichen der Wiedererhebung der Leiber gaben,
der Priester vor dem Altar das Dankgebet anstimmte und die Orgel mit
leisem Singen einfiel.
Bald darauf begannen die Glocken zu läuten, womit Stadt und Land der
Auszug der Prozession aus dem Dom verkündet wurde. Nach vollbrachtem
Dank erfaßte der Dechant das Allerheiligste und wandte sich damit
erneut der Gemeinde zu, um nun über die Stufen des Altars hinabsteigend
durch den Mittelgang den Dom der Länge nach zu durchschreiten, gefolgt
von seinen beiden Gehilfen und von den Ministranten. Vor dem Portal
stand ihm der Traghimmel bereit, unter den er feierlich trat, indessen
die Orgel mit vollem Ton ins Geläute fiel, die Flügel des Portals sich
weit auftaten und das freie Tageslicht breit in den von Weihrauchgewölk
und Kerzenschein erfüllten Raum hereinflutete. Hinter den Ministranten
setzten sich die Kinder an, die Mädchen in weißen Kleidern, aber
darunter mit warmen Unterröcken und Tüchern so wohlversehen, daß
sie sich mit einiger Mühe darin regten, dann die Blechmusik, darauf
die Männer und endlich die Frauen, zuletzt die alten, auch diese
vorsorglich eingepackt. Das Fest war dieses Jahr spät in den Monat
gefallen; die Sonne schien zwar ungehindert, aber dazwischen regte sich
ein frischer Wind von den Bergen. Aus andern Gegenden Deutschlands
waren bereits Nachtfröste gemeldet.
Nun bewegte sich der Zug unter dem vollen Glockengeläut und dem ersten
Choral der Blechmusik vom Dom über den Platz, dann durch eine alte
Bürgergasse nach der Hauptstraße, diese hinunter über den Markt mit
dem bunten Brunnen und den schönen, phantasiereichen Fachwerkbauten,
etwas steiler abwärts zum Fluß und dort über die ehrwürdige, steinerne
Brücke dem jenseitigen Uferweg nach dem Kalvarienberg zu. Von Zeit zu
Zeit dröhnte ein Böllerschuß aus einem der schwebenden Stadtgärten,
die farbig herüberleuchteten. Die Glocken läuteten volltönig weiter.
In gleichmäßigen Zeitabständen klang von der Blechmusik eine Strophe
des Chorals dazwischen, der auf einer eigenartigen altkirchlichen
Melodie ging. Schon bauten sich drüben die Gassenzüge der Stadt mit
allen Mauern und Wachttürmen, Treppen, Toren, Birken und Obstgärten
frei zum klingenden Dom auf, über sich den blauen Himmel, zu Füßen den
geruhigen Fluß, und das Ganze heimatlich eingesäumt von einem Kranz
herbstlicher Berge und Wälder. Die nächste Erhebung jenseits des Tales
war der Kalvarienberg, und er trug auch von allen den buntesten und
schwermütigsten Wald. Eine Viertelstunde führte der Weg dem Fluß nach;
beim breiten Wehr bog er nach links ab. Die Kirchenfahnen wehten rein
und fromm im Wind. Die Kreuze schimmerten sehr hell in der gütigen
Herbstsonne, und ihr Silber oder Gold stand nicht vertraulich, doch
freundlich zu allen Gegenständen der offenen Welt Gottes und geheim
lebendig zu ihren Farben und ihrem Licht.
Dem Dechanten, der, einmal die Augen hebend, des Domes und daneben
seines Hauses ansichtig wurde, fiel wieder das Geheimnis auf die
Seele, das sich darin drohend eingenistet hatte. Während hinter ihm
das ziehende Volk abwechselnd eine Strophe des Chorals sang oder die
hochsinnigen Stationen des Rosenkranzes betete, bald sich seinem
himmlischen Vater im Paternoster zuwendend, bald der Heiligsten Mutter
in der engelmündigen Begrüßung, begannen seine Gedanken von neuem
jene Ereignisse zu umschweben. Er fand seit dem letzten Hinsehen ihre
Gebärde noch befremdender geworden; besonders mit Sorge erfüllte
ihn das Verhalten der beiden Liebenden am andern Morgen. Sie hatten
einander mit Blicken betrachtet nicht anders als Jungverheiratete. Sie
lächelten und schwiegen, standen eins im andern versunken herum, und
anstatt des Trennungswehs, das er von ihnen erwartet hatte, zeigten sie
seit dem letzten Abend einen Stimmungsumschwung, dem notwendig ein in
ihren Augen grundsätzliches Ereignis vorausgegangen sein mußte.
Dann begannen die großen Überraschungen des Morgens zunächst mit dem
Umstand, daß die Tante nicht zum Frühstück erschien und Linde, die
sie holen wollte, mit einer Art von wissender Miene den Bescheid
brachte, sie habe sich eingeriegelt und gebe keine Antwort. Der
Dechant fragte, ob sie gesagt habe, daß Heinz fort müsse; sie meinte,
das wisse jene doch. Als er sie noch einmal hinaufschicken wollte,
um zu erfahren, ob die Tante etwa krank sei, machte sie Umstände.
Mehr als klopfen und rufen könne sie doch nicht; wenn eins nicht
antworten wolle, so sei ihm nicht weiter zu helfen. Der Dechant horchte
verwundert auf. Warum denn in Gottes Namen solle sie nicht antworten
~wollen~? Darauf gab Linde keine Auskunft. Schließlich stieg er
selber hinauf, um mit dem gleichen Ergebnis herunterzukommen. Nach
einer ganz seinerseitigen Besprechung mit den jungen Leuten wurde
er unruhig, und als sie auch nach dem Frühstück nicht antwortete,
befahl er Brigitt zum Schlosser. Sie murrte, sie habe keine Zeit; wer
denn dem Soldaten den Reiseproviant rüsten solle. Die Frau Professor
schlucke ja schachtelweise Schlafmittel; vielleicht wirkten die
noch. Es brauchte am Ende ein ernstliches Machtwort, damit die alte
Person aus dem Haus kam; als er ihr nachblickte, bemerkte er dann
freilich, daß sie sehr übel ging, und er dachte, daß sie vielleicht
deshalb so wenig Lust bezeigt habe. Zu alldem blickten die Kinder
überraschend selbstverständlich und einmütig drein, und so, daß ihnen
jedermann ansehen konnte, wie gut sie ohne den Abschiedsgruß der Tante
weiterzuleben hofften. Nun, dann kam der Schlosser und brach die Tür
auf mit dem Erfolg, daß man die Tante bewußtlos in ihrem Blut liegend
fand. Das war kein kleiner Schreck, wenigstens für den Hausherrn. Die
jungen Leute erschraken zwar auch etwas mit, aber mehr sozusagen aus
allgemeinen Gründen, und die Magd, wie es schien, gar nicht, sie sah
sogar aus, als ob sie alles schon gewußt hätte. Da er aber die Magd
im allgemeinen und ihre Gefühle für die fremde Frau im besonderen
hinlänglich kannte, so brachte er sich wohl darüber auf, daß sie
nicht einmal ordentlich mit anfassen zu wollen schien, als es darum
ging, die Bewußtlose zu Bett zu bringen -- sie war auf dem Teppich
zusammengebrochen -- aber sonst fiel ihm zu jener Stunde noch nichts
weiter ein.
Inzwischen lief der Schlosser zum Arzt, unter dessen Händen endlich
die Kranke erwachte. Ihre erste Handlung war, daß sie außer diesem
alle Personen hinausschickte; was sie dann mit dem Arzt allein sprach,
erfuhr niemand. Inzwischen wurde sie verbunden, und nach einer Stunde
kam die fremde Pflegerin ins Haus. Der Arzt war noch nicht mit der
Tante fertig, so begann Brigitt zu schlottern und mit wachen Augen
zu phantasieren; als sie sich zu Bett zu schleppen versuchte, blieb
sie unterwegs auf der Treppe liegen, und dort fand sie Linde laut
predigend und von einem mageren Fasan erzählend, dem sie mit der
Geflügelschere beigekommen sei. Darüber erschreckte sie sich nun viel
heftiger. Sie rief in der ersten Aufwallung nicht etwa den Dechanten,
sondern Heinz, und mit dessen Hilfe brachte sie den alten Menschen
unter Dach und unter die Bettdecke. Der Arzt fragte nachher lachend,
ob das nun so weitergehen solle. Was Brigitt anging, so sah es ihm
nach Nervenfieber aus, und er verordnete Eis. Es war alles in allem
ein verhetzter, regenkalter, unwirtlicher Morgen gewesen, nur nicht
für den Liebesverein. Die jungen Leute machten den Eindruck, als
hätten sie die Sonne für sich gepachtet; wenigstens schien sie ihnen
wie den transparenten Kürbisköpfen aus Augen, Mund und Nase, und alle
Erregung störte ihnen nicht eine innerliche Heimlichkeit und Gewißheit,
die sie sich überall neu bestätigten, wo sie einander vor die Augen
kamen. Schließlich war der Dechant nur froh, als es für den Soldaten
endlich Zeit war, zur Bahn zu gehen. Begleiten konnte ihn niemand. Der
Dechant hieß ihn mit Gott gehen. Wie aber in der letzten Sekunde die
Liebenden dann noch einmal aneinanderhingen und sich küßten, das ging
ziemlich weit über Freundschaftsbezeigungen und sogar über bräutliche
Liebesweise hinaus. Er erklärte sich diese Leidenschaftlichkeit lange
mit den Schrecken des Krieges, in die das Mädchen den Soldaten
wieder hineingehen sah, aber er stand noch heute unter dem beinahe
körperlichen Eindruck, den ihm der Anblick gemacht hatte, und er konnte
das Mädchen die nächsten Tage nicht ohne eine gewisse Scheu ansehen.
Die Voraussage des Arztes bestätigte sich; Brigitt hatte ein tüchtiges
Nervenfieber durchzumachen, währenddessen sie sich auffallend mit der
Klingse herumschlug und ewig nicht von einer gewissen Geflügelschere
loskam. Fragte man sie aber danach, so wurde sie geheimnisvoll und fing
an, Kochrezepte auszukramen, die meisten über Fasanen. Im Verlauf der
Krankheit stellte sich auch noch ein Gelenkrheumatismus ein, so daß der
alte Mensch genug zu schaffen hatte und der junge, der ihn pflegte,
auch, nämlich Linde. Von der Tante erfuhr man weniger und nur, was sie
wollte. Sie erklärte nach einigen Tagen vollständiger Abschließung
von der Hausgemeinde, daß sie gestrauchelt und in eine Scherbe von
der Glocke der Nachttischlampe, die mitgestürzt sei, gefallen sein
müsse. Wirklich hatte man solche Scherben an jenem Morgen vom Boden
aufgelesen, und alles schien eigentlich hinlänglich erklärt. Trotzdem
spürte er, daß ihn aus den Vorgängen Geheimnisse anstarrten und ihm
drohten. »Unwissenheit ist stets ein würdeloser Zustand!« dachte er
unbehaglich. »Sie steht gleich neben der Unreinlichkeit.« Währenddessen
sang unter dem Vorantritt der Musik die Gemeinde die Strophe: »In
deiner heiligen Huld ertrinkt nun unsre Schuld. Es enden alle Pfade im
Abendrot der Gnade! So steigt der Mensch in dir! So sinkst du, Gott, in
mir!« Berührt hörte er auf diesen Text, der ihm in seiner mystischen
Selbstherrlichkeit immer zu denken gegeben hatte, und auf die nächsten
fünf Minuten vergaß er seine Fragen über die des tiefsinnigen alten
Liedes.
Darauf näherte man sich dem bunten Waldrand und der ersten
Passionsstation. Unter einer uralten Buche stand ein steinernes Kreuz
und eine kleine Kapelle mit der Darstellung des betenden und kämpfenden
Erlösers im Garten Gethsemane. Dort hielt er eine kurze Andacht,
worauf der Zug wieder weiterging, zuerst auf einem etwas ausgefahrenen
Waldweg an der Flanke des Hügels aufwärts und dann mit einer scharfen
Kehre nach der waldfreien Kuppe, wo nun einem Feldweg nach von hundert
zu hundert Metern die anderen Kapellen standen, fast alle unter wilden
Apfelbäumen; jede enthielt ein Bild vom Leidensweg des Herrn, und
vor jeder machte der Dechant einen kurzen, ehrfürchtigen Aufenthalt.
Zuletzt auf der Höhe der Kuppe kam man zu einem alten Friedhof mit
einer kleinen, ebenfalls alten und schon etwas verwitterten Kirche, das
Ganze umstanden von einem Kranz gewaltiger hundertjähriger Buchen, die
hier an Stelle einer Orgel aus sehr vollen Registern im Wind rauschten.
Darunter lagen in Reihen die alten und die neuen Toten und warteten
auf die Auferstehung des Fleisches. In die Kirche zog der Dechant mit
seinem heiligen Gerät ein, das er dort auf den Altar stellte, unter
den Klängen der Musik, die in der morschen Totenkirche wunderlich von
den Wänden und der hölzernen Decke hallte. Währenddessen hatte sich
die Mehrzahl der Gemeinde draußen um die aufgeschlagene Freikanzel
aufgestellt, die der Dechant kurz darauf betrat, um den Leuten eine
gedrängte und seltene Erntepredigt zu halten.
Zuerst verwies er auf die abgeernteten Felder hier oben auf dem Hügel
und drunten im Tal -- man sah sie zu beiden Seiten des Flusses erdbraun
und frisch bestellt in der Sonne ruhend liegen und darüber auf ihrem
Berg die alte Hessenstadt mit dem ehrwürdigen Dom -- darauf auf die
kleineren Felder des Kirchhofs, auf denen noch die letzten Blumen
der Liebe blühten, und endlich auf die großen draußen in Frankreich
und Rußland, wo der Tod die Ernte hielt, aber nicht behielt, denn er
mußte alles bis zum letzten Hälmchen dem Schöpfer in die Scheunen der
Ewigkeit einliefern; dort wurde der Segen nach seinem Willen von der
Spreu befreit und in die Äcker der Unendlichkeit noch einmal ausgesät,
um nun zu weisen, was darin steckte. »Und ihr könnt mir glauben, daß
Gott eine schlechte Ernte nicht weniger fürchtet als wir«, sagte er.
»Denn wie unser Glück und unsre Kraft ist sein Glück und seine Kraft
von einer Jahresernte abhängig. Eine gute Ernte macht ihn froh und
reich, eine schlechte schwach und arm. Wie habt ihr vorhin gesungen?
›So steigt der Mensch in dir! So sinkst du, Gott, in mir!‹ Wer das
bedenkt und begreift, dem wird Gott unentbehrlich, und der wird Gott
unentbehrlich. Habt ihr schon darüber nachgedacht, wer Gott ist?
Vielleicht. Aber ihr wißt es nicht. Ich weiß es auch nicht. Seit
tausend Jahren predigen und singen wir von Gott und kennen ihn nicht.
Wir wissen nur, daß er unser Gericht sein wird. Und sicher werden wir
seine Ernte sein. Aber wer er ist, dies schreckliche Geheimnis, meine
Freunde, wird sich erst dort klären. Und erst dort wird sich auch in
vollem Umfang das schreckliche Geheimnis klären, wer wir sind. Es
kann sein, daß wir uns voreinander entsetzen und unsern Anblick nicht
ertragen! Es kann auch sein, daß wir einander liebend in die Arme
stürzen, durch Ewigkeiten und Unendlichkeiten unaussprechlich beglückt
stürzen, weil wir grenzenlos sein und nach dem letzten Ende keins mehr
finden werden. So steigt der Mensch in dir! So sinkst du, Gott, in
mir! Singt diesen Vers zu Hause euch noch oft vor und bedenkt ihn noch
öfter. Er kann euch sehr frei und übermütig machen, nämlich in Gott.
Aber wir wollen zu den großen Erntefeldern in Frankreich und Rußland
zurückkehren. Es ist die Frage aufgeworfen: Hat Gott diesen Krieg
gewollt, oder hat er ihn zugelassen? Meine Freunde, wer von euch in
seiner Ernte einen Apfel fände, wie das eine Frage ist, der würde wenig
Freude daran haben. Wollen wir ein Gewitter? Manchmal wünschen wir
eins, und dann kommt's, oder es kommt nicht. Lassen wir's zu, wenn es
kommt? Wir könnten's nicht abhalten, wenn wir schon wollten. Glaubt ihr
denn, Gott sei allmächtiger als wir? Wenn ihr's glaubt, warum sündigt
ihr dann noch? Wenn ihr's aber nicht glaubt, warum seid ihr nicht
stolzer? Wenn der Frühling mit Stürmen und Gewitterregen kommt, was tut
ihr? Ihr bestellt euren Boden. Das Wetter ist da, und ihr seht, daß
eine Ernte daraus wird. Denkt nicht, daß Gott ein schlechterer Landwirt
sei als ihr! Glaubt nicht, daß es für ihn nicht auch gutes Wetter und
schlechtes Wetter gebe! Vielleicht ist ein großer Krieg für ihn ein
fruchtbarer Sommer. Ist er für uns nicht auch einer? Wofür führen wir
eigentlich diesen Krieg? Was wollen wir kriegen? Meine Freunde, wenn
wir nicht in diesem Krieg Gott und unsre Seele kriegen, so verlieren
wir den Krieg! Was glaubt ihr aber, wofür Gott in den Krieg ging? Um
uns zu strafen? Kann ich mit einem Hagelschlag, in den ich gehe, meine
Kinder strafen? Ich könnte mir's einbilden, aber es wäre keine sehr
großartige Einbildung. Er ging in den Krieg um seine Ernte. Er sucht
uns auf jede Weise und in jedem Wetter zu kriegen, weil er's ohne uns
nicht machen kann, kein Jahr, keinen Monat, keinen Tag. Er hat mehr
Leidenschaft als wir; das unterscheidet ihn von uns. Er ist immer, was
wir sind, wenn wir in einer heftigen Liebe liegen. Darum, wenn nun
einer von euch kommt und fragt: ›Was soll ich mit diesem Krieg?‹, dem
bin ich um keine Antwort verlegen. Ich sage ihm, verhalte dich dazu
wie Gott, nur von der andern Seite. Hänge dein ganzes Herz daran mit
aller Leidenschaft, als ob er deine Liebste wäre. Versteh mich recht,
du sollst nicht dein Herz an die Zöpfe und Zähne deiner Liebsten
hängen, das wäre eine Erbärmlichkeit gegen ~dich~, denn du bist
unsterblich, und ein Unrecht gegen ~sie~, denn sie ist sterblich.
Was aber Gottes nächste Ernte angeht, um die kümmern wir uns nicht!
Grundsätzlich nicht. Das ist seine Sache. Wir kümmern uns nur um unsre
demütige Leidenschaft, daß sie die rechte Farbe hat, um unsern heiligen
Zorn, daß er immer heiß und gerecht brennt, und um unsere Frömmigkeit,
daß wir weiterhin die Herzen damit bewegen. Ich sage euch, Gott wird
sich ebenso in Leidenschaft, Frömmigkeit und Zorn um uns bekümmern,
denn wir sind seine Ernte. So steigt der Mensch in dir! So sinkst du,
Gott, in mir! Wir singen jetzt diese Strophe noch einmal miteinander.«
Das war die Bergpredigt, die nachher soviel von sich reden machte, und
die ihn angesichts der schweigenden Gräber, der brausenden Bäume und
des weiten, hellen deutschen Landes geradeso überfallen hatte, wie er
die Gemeinde damit überfiel. Seine Hilfspfarrer, die ihn bei allen
Aussetzungen, die sie an ihm machen mußten, aufrichtig liebten, taten
in der Folge, was sie konnten mit Auslegen und Deuten, bis er wenig
oder nichts anderes gesagt hatte, als was die Kirche schon seit tausend
Jahren sagte, und was alle andern auch sagten. Aber jedenfalls hatte er
sich seine innere Spannung und seine Erregung vom Herzen gesprochen,
wenigstens für jetzt und hier.
An die Predigt schloß sich eine kleine Frühstückspause an, in welcher
jeder seinen mitgebrachten bescheidenen Mundvorrat verzehrte.
Der Dechant legte es der Gemeinde ans Herz, ihre Papiere wieder
einzustecken, als ob sie Banknoten wären, um nicht den geweihten Platz
durch ihr Nachgelassenes zu verunzieren. Er trat fragend und hörend zu
dieser und jener Gruppe, eine Unternehmung, über die sich jedermann
baß verwunderte, denn er war in den letzten Zeitläuften nicht mehr
oft unter den Leuten zu sehen. Wenn er nicht zwischen dem Mauerschutt
steckte, so saß er in seinem Arbeitszimmer, und die Seelsorge hatte
er beinahe ganz auf seine Gehilfen abgeschoben. Wer etwas von ihm
wollte, mußte ihn ausdrücklich erst auftreiben und hatte dann noch
leicht an seiner Ungeduld zu leiden oder an seiner menschlichen
Teilnahmlosigkeit. So war er nach und nach aus einem Bruder oder Vater
zu einem großen Tier geworden. Wo er hinkam, da hörten denn auch die
Leute auf zu essen, machten Reverenzen, wenn sie standen, und erhoben
sich eilfertig, wenn sie saßen, und andere als ehrfürchtige oder scheue
Antworten bekam er nirgends zu hören.
Zweites Kapitel
Die Tante wird geschröpft. Die Herzenskälte bereitet Unheil vor. Die
Unwissenheit fährt fort, im Haus eine Rolle zu spielen
Inzwischen machte die Tante ihre Ankündigung wahr und stand
zum erstenmal wieder auf; die Prozession hatte sie bereits bei
fortgeschrittener Toilette betroffen. Sie war etwas blaß und litt noch
an ihren Nerven, so machte der fromme Aufzug eine gewisse Wirkung
auf sie, wie ja Genesende für rührende oder feierliche Eindrücke
überhaupt empfänglich sind. Sie hielt sich freilich für »religiös
beeindruckt« und machte sich über ihre »Ergriffenheit« allerlei schöne
und literarische Gedanken, worin das liebe Volk und die deutsche Seele
hauptsächlich auftraten, aber Gott und die kühnen Wahrheiten der
christlichen Lehre nur nebensächlich. Eben hatte sie festgestellt,
daß religiöse Stimmung und »rationalistische« Lebensauffassung sich
gar nicht widersprächen, weil sich diese ja auch zum Beispiel mit
Lyrik und Musik und mit dem Traumtanz vertrügen, also ebenfalls
mystischen Stimmungen, und sie war im besten Zug, noch eine ganze
Reihe wohlunterrichteter Feststellungen zu machen und sich noch an
viele andere, die sie gelesen hatte, zu erinnern, als die Pflegerin
hereintrat und die Neuigkeiten des Morgens brachte, und zwar so
mürrisch, wie sie sie noch nicht gesehen hatte.
»Hier sind die Briefe und Zeitungen«, warf sie hin, ihr die Post
reichend. »Und dann wollte ich sagen, daß ich jetzt gehe. Ich habe von
diesem Haus genug.«
»Wieso?« fragte die Klingse verwundert. »Ich habe Ihnen ja noch nicht
gesagt, daß ich Sie entbehren kann. Warten Sie doch, bis ich Sie
entlasse.«
»Was ist da viel zu warten? Bin ich nicht mein freier Herr? Sehen Sie,
daß ich meinen Lohn kriege. In einer halben Stunde will ich heraus
sein.«
Über diese patzige Antwort mit Recht etwas geärgert, meinte die
Klingse: »Nun, das ist vielleicht süddeutsch.« Daneben bemerkte sie
mit Mißfallen, wie rasch ihre Nerven in Schwingung gerieten. »Hier hat
man ja über viele Dinge andere Begriffe. Wir sind nicht gewöhnt, daß
eine Krankenwärterin mitten aus der Pflege davonläuft.«
Natürlich begann sich die Pflegerin nun auch zu ärgern. »Die Pflege,
was die Pflege ist, die ist fertig«, sagte sie, indem sie zum erstenmal
nun auch gegen ihre Patientin unverschämt wurde. »Wenn Sie mehr wollen,
so müssen Sie sich eine Maniküre bestellen. Sonst gehen Sie vielleicht
in ein Sanatorium; dort ist alles los.«
»Sie überlassen das wohl mir!« bat sich die Klingse aus. »Was ist das
für ein Ton? Sagen Sie, was ich Ihnen schuldig bin, und dann wird es
mir auch lieb sein, wenn ich Sie nicht länger sehen muß!«
»Mir kann man hier nicht großartig kommen«, erwiderte die Person mit
einer vielsagenden Kopfbewegung. »Unsereins sieht doch, was in einem
Haus los ist. Ich kann die Leute hier nicht besonders leiden; der
Pfaffe hat mir sogar heute früh die Tür gewiesen, weil mein Alter
besoffen hereinstolperte und Krawall machte. Aber bessere Säfte haben
Sie schon. Soviel war in den drei Wochen zu riechen, besonders als
Ihre Wunde noch offen war. Was für eine Wunde war denn das, wenn man
fragen darf? Das mit dem Scherben von der Lampenglocke machen Sie ja
mir nicht weis. Wissen Sie was? Ich glaube an die Geflügelschere der
verrückten alten Magd, mit der sie das Haus vollschreit; ich hab' mir
sie daraufhin angesehen. Dann hab' ich mir doch auch die Blutspur im
Gang angesehen; sie kam von dem Zimmer, in dem der Leutnant die letzte
Nacht geschlafen hat -- oder auch nicht geschlafen, was geht's mich an.
Man soll also keine großen Worte an mich hinreden. Oder meinen Sie,
ich sehe nicht, was Sie dem Mädchen zu schaffen machen? Es wird die
Magd aufgestiftet haben. Schön, ich hätte sie auch aufgestiftet. Mir
haben Sie gute Tage gemacht. Warum? Sie dachten, ich werde Ihre Partei
nehmen. So geschwind nimmt unsereins nicht Partei. Meine Taxe ist fünf
Mark den Tag. Vier ganze Nachtwachen zu zwanzig und sechs zu zehn.
Macht zusammen zweihundertundfünfzig Mark. Die Taxe nämlich.«
Die Klingse spannte ihre Augenbrauen sehr hoch. »Soll das ein
Erpressungsversuch sein?« fragte sie etwas schrill. »Dann hätten Sie
sich in mir verrechnet.«
»Ich habe Ihnen die Taxe gesagt. Über Versuche unterhalten wir uns
nicht.«
Noch einen Moment behielt die Genesende den erhabenen Schein bei, dann
fühlte sie sich unter dem kalten und teilnahmlosen Blick des Weibes von
einer menschlichen Schwäche angewandelt, in deren Verlauf sich alles
zur Zufriedenheit der Pflegerin abwickelte, und zwar unter vollkommenem
Schweigen. Der Klingse freilich zitterten die Hände vor Erregung und
Ärger, und zum Schluß konnte sie sich doch nicht enthalten, noch einen
großen Abschluß zu versuchen.
»Ich hätte Sie gegen den Herrn Dechanten im andern Fall verteidigt, daß
Sie noch länger bleiben konnten, denn eine so gute Stelle werden Sie
nicht jeden Monat bekommen. Aber bei dieser Aufführung ist mir die Lust
dazu natürlich vergangen.«
»Schon gut«, meinte die Person kurz und strich ihr Geld ein. »Wenn Sie
wieder Bedarf bekommen. Wünsche bald vollständige Wiederherstellung.«
Damit ging sie. Ihr Handkoffer stand schon gepackt vor der Tür. Unten
an der Treppe begegnete ihr Linde.
»Gehen Sie denn schon, Frau Kienold?« fragte sie bedrückt. »Wollen Sie
nicht vorher etwas essen?«
»Kann mir selber Essen kochen«, erwiderte die Gefragte übellaunig.
»Sie bilden sich wohl ein, daß man nichts zu tun hat, als auf Ihren
Fraß zu warten. So schlecht wie bei Ihnen habe ich lange nicht mehr
gegessen, das muß ich schon sagen, und so elenden Kaffee habe ich
überhaupt noch nie getrunken. Es ist eine Schande, daß man so was
einer Krankenpflegerin zu bieten wagt. Aber das ist wohl katholisch.«
Sie überflog sie mit einem mißfälligen Blick. »Es hat's nicht jede so
bequem, eine Wache vor die Tür zu stellen, wenn sie mit einem Offizier
Abschied feiert«, sagte sie dann anzüglich. »Aber eine Person, die
Augen und Ohren hat wie ich, hätte ich etwas mehr traktiert an Ihrer
Stelle. Nun, das wird sich alles noch lernen; ich habe auch gelernt.
Mahlzeit.«
Es wäre ihr sehr schwer geworden, bei ihrem Abzug ihrem Ruf etwas
nachzugeben, und sie tat sich darum diesen Zwang auch nicht an. Linde
dagegen, die von den Menschen immer mehr Gutes als Übles erwartete,
sah sie mit Bestürzung ziehen. Sie machte zum erstenmal in ihrem
Leben die traurige Erfahrung, daß es kein unbedingtes Geheimnis gibt,
denn es finden sich immer Leute, die es wittern oder es aus gewissen
Naturschlüssen voraussetzen, weil es wenigstens als Möglichkeit in der
Luft liegt. Doppelt schwer zu ertragen schien es ihr, ihrem reinen
Besitz so entstellt und durch die Gemeinheit verzerrt zu begegnen,
und über allem stand sie unerwartet vor der Frage, wie sie sowohl
der Entwertung als der Entdeckung überhaupt entgegentreten wolle,
denn sie begriff wohl, daß ihre ganze Würde und der sittliche Wert
des Erlebnisses davon abhingen, ob sie Herrin und Verwalterin des
Geheimnisses blieb, oder ob es zum kurzweiligen Histörchen geworden in
der Leute Mäuler und als Vergehen zur Aburteilung kam.
Sie war noch auf keinen Entschluß gestoßen, als die Tante in einem
weißen Kimono langsam und blaß die Treppe herabstieg. Sie sah sich mit
den Blicken einer Genesenden großäugig nach allen Seiten um, aber zu
gespannt, um beschaulich zu sein. Lindes teilnehmend gütige Frage nach
ihrem Ergehen wies sie ab und fand dafür, daß im Haus keine gute Luft
herrsche, und daß allgemeiner Durchzug gemacht werden müsse. Mit der
Gelegenheit könne Linde ihr Zimmer einmal gründlich vornehmen, das es
schon lange nötig habe; mit Reinlichkeit und Akkuratesse sei sie nicht
gerade inkommodiert worden, obwohl diese heute zum ersten Erfordernis
der Krankenpflege gehörten, aber hier gehe nun einmal alles mehr
provinzmäßig zu. Auch Eier gehörten zur Krankenpflege; ob sich Linde
inzwischen welche verschafft habe, damit sie wenigstens zum zweiten
Frühstück eines bekommen könne? Linde bot etwas Schinken an, aber die
Tante dankte; wenn sie Eier wünsche, so wünsche sie nicht Schinken. Ob
im Salon geheizt sei? Linde verneinte; sie habe das Eßzimmer geheizt,
das gegen Süden liege. Die Tante lachte geärgert. Sie wolle aber nicht
im Eßzimmer sitzen, sondern im Salon; wozu sei ein Salon denn da?
Bürgerliche Hausordnungen seien die irrationellste Sache von der Welt;
sie werde nie dahinterkommen, warum zum Beispiel hier immer zuerst das
Speisezimmer aufgeräumt werden müsse, sogar dann, wenn eine Kranke
zum erstenmal wieder aufstehe und Bequemlichkeit verlange. Mit leicht
geröteten Wangen entgegnete Linde, daß sonst die Wohnstube zuerst
aufgeräumt werde und sie gerade heute die Ausnahme gemacht habe, weil
sie gedacht habe, daß ein Genesender die Sonne suche; an Bequemlichkeit
werde es ihr nicht im Eßzimmer fehlen, da sie den alten Lehnstuhl zum
Fenster gerückt habe.
»Es ist schon gut«, machte die Tante abwinkend. »Du brauchst dich nicht
zu erklären; du hast ja immer die besten Intentionen gehabt, wenn es
etwas zu monieren gibt. Das ist man gewöhnt. Mache jetzt nur Durchzug
im Haus, damit die stickige Luft hinauskommt; es ist ja hier nicht zu
atmen. Mein Zimmer laß ordentlich durchlüften. Hole mir vorher von oben
das Buch, das auf meinem Nachttisch liegt, und bringe mir's in Gottes
Namen ins Eßzimmer. Daß ihr auf dem Land diese Angst vor frischer
Luft habt. Aber bei dem versteckten Leben, das ihr führt, ist das ja
schließlich kein Wunder.«
Linde ging das Buch holen und brachte es mit verschlossenem Gesicht;
wer sie kannte, der wußte, daß sie zürnte.
»Hast du auch die Brille? Du weißt, daß ich ohne Brille nicht lesen
kann. Ich finde dich nicht übertrieben aufmerksam. Du sprachst damals
im Roten Kreuz so vieles von den herzlichen Beziehungen zu den Kranken
und Verwundeten. Vielleicht erstrecken sich die mehr auf das männliche
Geschlecht. Mir in meinem Teil ist Exaktheit lieber. Bringe mir auch
mein Plaid mit.«
Linde holte schweigend auch die Brille und das Plaid.
»Es wäre nötig, daß der ganze Boden in meiner Stube endlich einmal
aufgewaschen würde«, bemerkte die Tante noch mit zuckenden Nerven und
in einem solchen Zustand von Erregtheit, daß Linde sich innerlich über
sie entsetzte. »Ich wollte die Pflegerin heute ausnahmsweise damit
beauftragen, weil ich aufstand und ich sie solange nicht brauchte,
aber da man in diesem Haus über mich weggreift, so kann ich dir nicht
helfen. Diese Tannenböden und Fugen entwickeln bei der mangelhaften
Sorgfalt nämlich einen Staub, daß bei jedem Tritt eine Wolke aufsteigt
und sich dann natürlich auf den Kranken legt. Ich habe ständig
Schmerzen in den Bronchien und Hustenreiz. Besonders unter den Möbeln
muß naß aufgenommen werden. Du hast ja wohl noch soviel Zeit; die
Prozession soll nicht vor zwei zurück sein.«
Anstatt zu lesen, saß sie jedoch leise fröstelnd in der Sonne und
begann zu überlegen. An eine Abreise konnte sie zunächst wegen ihres
Zustandes noch nicht denken, und außerdem war es ihrem Ehrgeiz
unmöglich, sich vorzustellen, daß sie den Platz verlassen würde,
ohne eine Genugtuung von den hiesigen Menschen und Verhältnissen
genommen zu haben. Sie war beleidigt, erbittert, verletzt, nicht nur
körperlich, geschwächt und aufgebracht, und ihre Fassung war die Frucht
von Anstrengungen, die mehr Kraft auffraßen, als ihr blutarmer Körper
vorläufig von Tag zu Tag herstellte. Bisher hatte sie nur gelegen,
gewartet, gehorcht, gespäht, wenn ihr jemand von den Hausleuten vor die
Augen kam, ihre Schmerzen ertragen und in schlaflosen Stundenreihen
sich fruchtlos und aufreibend mit den Vorgängen jener Nacht und allen
Möglichkeiten, die sich daraus ableiten konnten, herumgeschlagen. Nach
ihren ersten Auskünften über die Ursachen des Unglücks war zwar keine
Frage mehr an sie gekommen, auch nicht die, vor welcher sie besonders
auf der Lauer lag: die Frage nach der Blutspur. Inzwischen wurde es
nicht nur peinlicher, sie noch zu stellen, sondern hatten sich auch
Antworten für sie gefunden; es war wohl nichts natürlicher, als daß sie
in ihrem Zustand Hilfe holen wollte. Auf einen offenen Skandal, dachte
sie, werde es ohnehin niemand ankommen lassen wollen. Fortdauernde
Sorge bereitete ihr die Magd, die nach ihrer Wiedererkräftigung aus
religiösem Bedürfnis ihre ganze feine Rechnung über den Haufen rennen
konnte, und zwar trotz ihrer rheumatischen Knochen. Sicher schien
es der Klingse freilich nicht, denn wenn nicht alles täuschte, so
sollte der Kranken eigentlich nach dem Attentat eine gewisse Scheu
zurückgeblieben sein, die sie der ersten Wiederbegegnung mit der
Feindin ebenso beklommen und ängstlich entgegensehen lassen mußte, wie
die Klingse erregt und unfrei sich selber auf dies Ereignis gefaßt
machte. Indessen versuchte sie sich damit zu beruhigen, daß es bis
dahin noch Weile habe. Sollte die Magd plappern, so konnte sie sagen:
allerdings, sie habe nach gewissen Geräuschen draußen sehen wollen
und sei ganz plötzlich von dem alten Menschen, wohl im ersten Stadium
der Krankheit, überfallen worden. Damit war das meiste abgeschnitten,
und das andere blieb als Drohung für das Mädchen unausgesprochen in
der Luft hängen. Und übrigens, so dachte sie, kam alles darauf an, zu
sorgen, daß ihre wahren Pläne undurchsichtig blieben.
Diese Pläne hingen eng zusammen mit dem seltsamen Gedankenaustausch,
der eben zwischen ihr und Heinz angehoben hatte. Sein erster Brief war
von ihr mit tiefer und hilfloser Erregung entgegengenommen und wider
den eigenen Wunsch, eigentlich nur aus Schwäche und Haltlosigkeit,
gelesen worden. Die Kenntnisnahme hatte sie dann auf bittere Weise
erheitert, weil Heinz sich auf Linde als Anregerin des »Schrittes«,
wie er seinen Brief bezeichnenderweise nannte, ausdrücklich berief.
Aber der ganze Vorfall war ihr doch zugekommen wie das Brettchen dem
Schiffbrüchigen, und sie war nicht die Frau, die sich an dergleichen
nicht eifrig und geschickt anklammerte. Das Anklammern war so recht
ihre Kunst; sie glich darin jenen Brackwassertierchen, die man auf
ganze Bündel von Hälmchen und Zweigen verankert findet, in ihrem
Fall anerkannte Einrichtungen und persönliche Handlungen, Künste,
Wissenschaften, Bäder und Bücher, und ihr Brackwasser war die
gebildete Gesellschaft. Seit jenem Brief, den sie mit großer Mühe
selber beantwortet hatte, fühlte sie in sich eine stille, lauernde
Aufmerksamkeit, eine Behutsamkeit des geistigen Schrittes, die nun
für die nächste Zeit keine, auch nicht die kleinste Veränderung ihrer
äußeren Lage erlaubte, und das war ihr andrer Grund, warum sie an die
Abreise zunächst nicht denken konnte. Bevor sie wußte, was aus der
neuen Möglichkeit ungefähr werden wollte, schien es ihr nötig, auch
äußerlich in den Umständen zu bleiben, in denen er sie kennengelernt
hatte und ihr -- das war der richtige Ausdruck -- verschuldet worden
war. Denn das hatte sie sofort herausgemerkt: seine Briefe diktierte
das schlechte Gewissen, die Unsicherheit über seine moralische Lage,
die unbefriedigte sinnliche Begehrlichkeit seiner Jungemannsnatur. Da
war ein Erlebnis ungenossen geblieben, sogar ein außerordentliches;
wie konnte er dabei beruhigt sein! Wie man weiß, hatte sie mit diesen
Berechnungen leider recht. So verzweifelt ihr vorher ihre Umstände
geschienen hatten, so interessant kamen sie ihr jetzt vor, und manchmal
spiegelten ihr ihr Ehrgeiz und die blassen, dünnen Träume ihres Blutes
für alle ausgestandene Schmach ein reiches Maß von Genugtuung und sogar
eine Art von fraulichem Spätglück vor; aber in diese Träume sah sie
noch sehr zweifelnd und dürr hinein, und sie war noch nicht so weit,
daß ein längeres Verweilen dabei ihr ungestörtes Vergnügen bereitet
hätte.
Über dem Denken und Erwägen sprang einmal unerwartet die Tür vom
Wohnzimmer auf und kam Bob, der seinen Lieblingsplatz am Fenster
aufsuchen wollte, hinter seiner schwarzen Nase her ins Eßzimmer. Sie
erschrak zuerst heftig über die unerwartete Erscheinung, dann ärgerte
sie sich über den kalten Luftzug, der aus dem ungeheizten Nebenzimmer
durch die offen stehende Tür hereinströmte.
»Mußt du stupide Kreatur denn eine Tür immer wagenbreit aufstoßen,
wenn du irgendwo hereinkommst?« schalt sie aufgebracht. »Nun soll ich
wahrhaftig deinetwegen aufstehen und schließen. Aber ich werde dir
deine wahre Stellung gegenüber den Menschen noch anweisen.« Bob hatte,
als er ihrer ansichtig wurde, sofort die Ohren zurückgelegt und war
unschlüssig stehengeblieben. Als sie sich nun erhob, duckte er sich
etwas und stieß ein leises, unbehagliches Knurren aus. Darüber noch
mehr erschreckt als empört, blieb auch sie stehen und fixierte ihn
unruhig, während sie es durchaus für möglich hielt, daß er auf sie
loszugehen beabsichtige. Aber seine brave Seele dachte nicht daran,
sondern nachdem er sich den Achtungsabstand erknurrt hatte, drehte er
sich langsam um und ging hinaus, froh, diese unerwünschte Gesellschaft
verlassen zu können. Die Klingse jedoch, der die Knie vor Erregung
wieder zitterten, setzte sich in ihren Stuhl zurück und verließ ihn
zunächst auch nicht mehr, obwohl sie sich über den kalten Luftzug
erbitterte. Nachdem sie dann doch wieder soviel Kraft gesammelt hatte,
bekümmerte sie sich nicht so sehr um die Schließung dieser Tür als
um die Öffnung der anderen im Haus. Wie sie richtig vermutete, war
der befohlene Durchzug nicht gemacht worden, und um ihren Willen zu
bekommen, machte sie ihn selber. Sie öffnete alle Türen samt der
Haustür, dazu die Fenster, wo sie sie erreichen konnte, und dann stieg
sie die Treppe hinauf, um auch dort für Lüftung zu sorgen. Zuletzt
tat sie die Tür zu ihrem Zimmer auf, wo sie Linde immerhin dabei
fand, mit dem Lumpen um den langen Schrupper den Boden unter dem Bett
aufzuwaschen. Als sie eintrat, flogen vom Durchzug die Vorhänge weit
ins Zimmer herein, denn es wehte, wie schon gesagt, eine frische Brise
von den Bergen, aber das war es gerade, was sie wünschte. Daß Linde von
Arbeit und Eile -- sie hatte sonst noch genug Geschäfte an den Fingern
hängen, und das Essen wartete -- erhitzt war, regte sie weiter nicht
zum Nachdenken an. Linde durchschauerte es auf dem Fleck von dem kalten
Zug, aber auch sie achtete nicht darauf, sondern machte nur, daß sie
fertig wurde.
»Die Fenster könnten ebenfalls gewaschen werden«, sagte die Tante
noch, indem sie sich mit einem befriedigten Blick zurückzog. »Sie
sind wirklich nicht mehr zu rein. Und oben über den Vorhängen fliegt
Spinnweb.«
Linde besorgte das Zimmer fertig und machte nachher gefaßt die
Fenster und Türen wieder zu, wie die Tante sie ungehalten aufgerissen
hatte. Zu einer grundsätzlichen Erkältung hatte sie aber inzwischen
genug Gelegenheit gehabt und sie, wie sich später herausstellte,
nicht versäumt. Die offene Haustür war unterdessen von Bob benutzt
worden, der sich draußen einen Platz in der Sonne suchte. Dort lag er
verdrießlich und etwas erregt mit dem Kopf zwischen den Vorderpfoten
und lauerte mit dem einen Auge auf fremde Hunde, aber es kamen keine.
Was Linde anging, so befand sie sich längst nicht mehr in guten
Gesundheitsumständen. Sie litt viel an Magenbeschwerden, und eine
genauere Untersuchung würde ergeben haben, daß sie unterernährt war,
noch ganz abgesehen von der Überanstrengung ihrer feingliedrigen
Konstitution durch übermäßige Arbeit und ihres Nervensystems durch
Nachtwachen bei der kranken Magd oder über ihrem Liebesgeheimnis
und ihrer Sorge um den fernen Freund. Die letzten Wochen waren
ihr vergangen mit Fegen und Scheuern, Zimmeraufräumen, Kochen,
Wassertragen, Waschen, Bügeln, und Gott wußte, was sonst noch alles.
Den ganzen Tag hatte sie die Hände voll, wurde sie verlangt bald in den
Krankenzimmern, bald vom Dechanten, bald von Leuten, die mit ihr zu
unterhandeln hatten, plagte sie sich mit einem unbeweglichen, schweren
Menschen, abgesehen von der Herbstarbeit in Garten und Keller und der
Einmacherei, die auch getan sein wollte. Die Tante hatte ihr beizeiten
vor Augen gehalten, wie unrecht und beschämend es wäre, dem Dechanten
noch ein Weib ins Haus zu ziehen, nachdem schon viere darin lägen oder
herumliefen. Wenn sie wieder auf sein würde, wollte sie selber mit
angreifen, solange müsse Linde allein zustande kommen, zumal sie ein
junger Mensch sei, der sich auch einmal etwas zumuten könne.
So mutete sie sich denn zu und war weder kleinlich noch ängstlich; sie
hätte nur gern etwas frohere Beweggründe gehabt, der Tante zu Willen
zu sein. Hatte diese früher gestört, so herrschte sie jetzt, mehr, als
sie zunächst selber wußte, alles kraft des unausgesprochenen, drohend
schwebenden Geheimnisses, von dem zwar das Mädchen die tatsächliche
Seite besaß, das aber die Tante rücksichtsloser handhabte, so daß sie
die Wirkung davon ausübte. Manche Leute haben ein besondres Geschick
darin, einen andern »etwas spüren zu lassen« und ihn aus der Sicherheit
des Herzens zu schrecken, ohne ihrerseits aus dem Hinterhalt zu treten,
aber die rechten Künstler sind die, die auch noch faßbare Ergebnisse
herauszuziehen wissen, während sie still und tückisch fortfahren,
hinter dem Busch zu halten. Ein solcher verängstigter, unerfahrener
Mensch gibt dann willig alles dran, nur um sein bestes Gut vor
Entweihung und seinen Talisman vor Entkräftung zu bewahren. Dazu kam
noch als weiterer moralischer Druck, daß Linde, wie gesagt, an einen
Selbstmordversuch der Tante glaubte, wodurch eine Strenge und eine
Verantwortung mehr auf ihre Liebe gelegt waren.
Nun hatte sie kaum die Kocherei weiter in Gang gebracht, so stieg
sie heute schon zum zehntenmal nach oben unters Dach, um nach der
kranken Magd zu sehen. Brigitt war jetzt fieberfrei und sah aus müden
und alten Augen sehr schweigsam in den neugeschenkten Tag, dem sie
offenbar noch nicht viel Freudigkeit entgegenbrachte, denn zunächst
machte ihr der Anfall von Gelenkrheumatismus zu schaffen, und anstatt
sich dem so nötigen Genesungsschlummer hingeben zu dürfen, litt sie an
Schlaflosigkeit. Das bedeutete für Linde wieder Nachtwachen, besonders
wegen der Herznot, die den geschwächten alten Menschen sehr ängstigte
und mitnahm und ihn zunächst noch auf absehbare Zeit nicht vom Boden
aufkommen ließ. Linde konnte sich eigentlich nie länger als auf eine
Viertelstunde von der Kranken entfernen, und auch dies tat sie noch
unter ständiger Unruhe. Ihre letzte Nacht war mittelmäßig gewesen,
doch brachte dann der Morgen zwei Stunden leichten Schlaf, aus dem sie
eben vorhin das Getöse eines im Durchzug zugeschmetterten Fensters
aufgeschreckt hatte, dem noch drunten im Haus eine Tür gefolgt war.
»Ist's heut so windig?« fragte sie mit müder Stimme das eintretende
Mädchen. »Es sieht draußen so warm aus.«
»Hat dich das Fenster geweckt?« fragte Linde mit geheimen Unmut zurück.
»Ich hab's nicht aufgemacht, Brigitt.«
»Wer denn?« wunderte sich die Haushälterin. »Hast du jemand zur Hilfe
eingestellt? Das wäre gut, Linde.«
»Nein, ich habe niemand eingestellt. Aber die Tante ist heute zum
erstenmal aufgestanden und hat gefunden, daß im Haus schlechte Luft
herrsche.«
»So, ist sie wieder auf?« Und nach einem kleinen bitteren Schweigen
sagte sie noch: »Ich liege nun so weiter. Ich dachte immer: ›Welche
wird die Geschwindere sein?‹ Sie war die Geschwindere. -- Aber es ist
gut, so wird sie bald abziehen.«
Linde hatte sich für ein paar Minuten auf den Stuhl beim Fenster
gesetzt.
»Die Pflegerin ist nun auch aus dem Haus«, berichtete sie, nur um etwas
zu sagen.
»Siehst du?« griff Brigitt eifrig auf. »Dann geht sie auch bald, sonst
hätte sie die Kienold nicht entlassen.«
Linde erwiderte nichts darauf, und eine Weile war es still in dem
kleinen, sonnigen Zimmer. Auch hier hatte Linde für weiße Vorhänge
gesorgt, und auf dem Tisch stand ebenfalls in einer Vase ein Strauß
Astern. Vor dem Fenster hatte Brigitt dann noch einen ganzen kleinen
Garten hängen, von dem aber nun das meiste verblüht war. Ein »fleißiges
Lieschen« wimmelte mit seinen kleinen roten Blümchen zwar noch ganz
uneingeschüchtert im Wind; aber die Geranie wehrte sich bereits in
ernsterer Stimmung gegen den kränkenden Einfluß des Spätherbstes, und
ein Nelkenstock verrichtete seine letzten Taten. An den Scheiben wumste
eine dicke, pelzige Winterfliege herum. Draußen riefen ein paar Meisen.
Endlich nahm Brigitt aus ihren trüben Gedanken wieder das Wort.
»Sag mal, Linde -- mir ist doch so im Kopf, als hätt' ich recht
phantasiert«, hob sie behutsam an. »Was hab' ich denn so geschwatzt,
hm? Ober hab' ich nichts geschwatzt?«
»Und ob du geschwatzt hast«, versetzte Linde. »Sogar gepredigt hast
du wie ein Kapuziner. Man konnte es manchmal im ganzen Haus hören.
Aber es kam nicht viel dabei heraus. Immer hattest du es mit einer
Geflügelschere zu schaffen und mit einem mageren Fasan. Wenn man
aber auf dich einging und etwas fragte -- der Onkel versuchte es ein
paarmal --, so wurdest du ganz geheimnisvoll und fingst an, Kochrezepte
auszukramen. So gut du sonst kochst, so möchte ich doch niemand raten,
sich danach zu richten. Ich glaube, nicht einmal Bob würde es nehmen.«
»So, so, von einer Geflügelschere -- sag mal, wo ist sie eigentlich
hingekommen, die Geflügelschere«, platzte sie plötzlich heraus. »Ich
meine, wie -- wie ich darauf gekommen sein mag«, suchte sie erschreckt
zu verbessern. »Etwas muß doch damit sein.«
»Ach, das weißt du noch?« wunderte sich Linde. »Du hast sie auf dein
Zimmer geschleppt. Man fand sie auf dem Tisch. Ich habe sie dann
heruntergenommen und versorgt. Der Kreisphysikus sagt, das kommt oft
vor, daß sich eins so an Nebendinge hängt mit seinen Phantasien.«
»Sie haben darüber gesprochen miteinander, die Männer?«
»Nun ja, warum sollten sie nicht. Sie haben sogar viel darüber gelacht,
das heißt der Kreisphysikus. Der Onkel hat nicht gelacht, der sah immer
sehr ernst drein; ich glaube, er hatte große Sorge um dich. -- Ist dir
etwas, Brigitt?«
»Nein, gar nicht. Nur die -- Geflügelschere. Weißt du, solche
Phantasien -- sie laufen einem noch eine Zeitlang nach. -- Wie sieht
sie denn aus -- die Klingse mein' ich. Und was war denn überhaupt los
mit ihr?«
Linde zögerte einen Augenblick. »Sie sagt, daß sie beim Straucheln,
während sie zu Bett wollte, die Nachtlampe vom Tisch gerissen habe
und dann in eine Scherbe gefallen sei. Es scheint, daß sie viel Blut
verloren hat. Man fand sie am andern Morgen ohnmächtig auf ihrem
Teppich. Jetzt ist sie noch sehr nervös und bleichsüchtig.«
»In -- in ihrem Zimmer drin ist das passiert?« fragte Brigitt unter
schwer niedergehaltener Erregung. »Und beim Ausziehen? Hm! Mir war
doch, ich hätte sie so um ein Uhr herum droben gehört und -- sogar
gesehen.«
»Du hast sie gesehen?« horchte Linde auf. »Das muß ich dem Onkel
berichten. Es scheint, daß sie draußen Hilfe holen wollte. Wir haben
nämlich eine Blutspur nachher gefunden, die fast bis an Heinzens Tür
lief.«
»So, so, hat man die gefunden? Ich wollte sagen, ist das so zugegangen?
Dann hat Heinz sie wohl nicht klopfen gehört, und sie ist umgekehrt.
Wenn sie jetzt nur nicht sagt, daß er gar nicht im Zimmer -- du, wird
dir nicht was überlaufen oder anbrennen in der Küche?«
»Ich werde sehen gehen«, sagte Linde, tief mit Rot übergossen, und
erhob sich. »Kann ich dir irgend etwas tun?«
»Nein, mir ist ganz gut. Die -- Prozessionsmusik heut früh hat mir
wohlgetan. Wie spät ist's? Ich denke, sie werden bald zurückkommen.«
Linde gab die Zeit an und ging, und Brigitt blieb erregt und mit sich
unzufrieden allein zurück. »Ich bin noch ganz blödsinnig«, brummte
sie verdrießlich. »Ich hab' mich fast immerzu verraten und zum Schluß
das Mädchen erröten gemacht. Wer seine fünf Sinne nicht beisammen
hat, muß das Maul halten und mit dem Ausfragen warten, bis er wieder
klar denken kann.« Inzwischen verhehlte sie sich nicht ein deutliches
Gefühl der Erleichterung über die immerhin eingebrachten Auskünfte,
und nachdem sie so lange in einem übel schaukelnden kleinen Schiffchen
zwischen Wind und Wellen der Ungewißheit getrieben hatte, war sie
endlich in ihr richtiges und wirkliches Bett zu liegen gekommen, das
auf seinem gehörigen Platz stand, und von dem aus man die Dinge wieder
mehr verwalten und bearbeiten konnte. Sie sah, daß die Klingse bisher
geschwiegen hatte, und schloß daraus, daß sie den Vorfall weder für
sich als siegreich abgelaufen betrachtete noch von einer polizeilichen
oder auch häuslichen Anzeige sich etwas versprach. Linde wußte
überhaupt nichts, und der Dechant, der, wie es schien, immerhin um die
Sache herumgetastet hatte, mußte notwendig um Lindes willen weiter in
seiner Unwissenheit erhalten bleiben. Soviel schien für jetzt klar, und
mehr brauchte es nicht. Wenn dann einmal die Feindin aus dem Haus und
die Kriegstrauung -- hoffentlich! -- vorüber war, konnte man ja mit den
wirklichen Tatsachen herausrücken. Etwas zu schaffen gab ihr die Frage
nach der Beichte, aber bis dahin hatte es noch Zeit; bevor sie wieder
kirchfähig war, erwartete niemand eine von ihr. Das noch bleibende
leise Gefühl der Beunruhigung legte sie zu den anderen Ungewißheiten,
die auch nach der heutigen Vergewisserung noch übriggeblieben waren.
Sie hatte sich schon vorher von Linde einen Fensterflügel öffnen
lassen, um die Prozession von möglichst weither zu hören, wenn sie
dem Fluß nach zurückkam. Eben trug ihr der Wind wieder die ersten
fliegenden Klänge der Musik zu, und sie faltete fromm die verkrümmten
Hände, um in Gedanken mitzusingen. Nachher holte sie sich unter Mühe
und Schmerzen den Rosenkranz herbei und begann demütig zu beten aus
einem leise tragenden Dankgefühl heraus, weil nun alles sich so zum
Guten wendete, die Feindin bald abreiste und für die restierenden
Umstände eine freundliche und treue Entwicklung bevorstand. Darüber
schlief sie sogar ein, überhörte auch das neuerliche Kommen ihrer
Pflegerin und erwachte erst wieder, als die Prozession das Städtchen
heraufzog und die Musik dröhnend allenthalben aus den engen Gassen
hervorbrach. Da ging es schon gegen ein Uhr und kam Linde mit dem
Krankensüppchen.
Drittes Kapitel
Das Unheil spinnt sich an. Man wehrt sich gegen Übergriffe, wobei die
Tante gegen den Dechanten und Linde über die Magd siegt. Dann siegt
Linde auch noch über ihre Körperschwäche
Es geschah an jenem Sonntag noch mancherlei im Haus des Dechanten,
was des Erzählens wert wäre, wie denn in Gottes Augen, durch die
die erweckten Priester und Dichter ein wenig mit sehen, nichts von
allem ohne Bedeutung und ewigen Schein ist, was von Menschen getan,
gesprochen und gedacht wird bei Tag und bei Nacht. Das hauptsächlichste
von allem war ein Blick, den der Dechant von der Prozession mitbrachte,
mit dem er seine Nichte beim ersten Wiedersehen noch einmal voll und
tief erfaßte, unter dem sie von neuem die Augen niederschlug und
sozusagen ihr Visier schloß, und den er schweigend durch viele Tage
hindurch, denn er war ein guter Schmoller, in gleicher Erwägung und
gleicher ernsten Drohung mit sich herumführte, wenigstens begegnete sie
ihm überall, wo sie dem Dechanten begegnete. Die Tante war, als sie
die Prozession die Stadt herauf spielen und singen hörte, aufgestanden
und nach ihrem Zimmer gegangen, um sich vollends anzuziehen. Als der
Dechant eintrat, fand er sie bereits in ganzer Toilette lächelnd
seiner warten. Er begrüßte sie in aller Luftfrische, die er
mitbrachte, und beglückwünschte sie zu ihrer Wiederherstellung, was sie
dankend entgegennahm.
»Und du, mein Freund?« fragte sie anteilnehmend. »Hast du einen
schönen Morgen gehabt? Ich habe euch beinahe ein bißchen beneidet.
Wenn man von solchen Empfindungen als ›beinahe‹ spricht, so heißt
das bekanntlich immer ›ganz‹. Du kannst dir etwas darauf zugute tun,
daß du einer ausgemachten Rationalistin und Protestantin solche
Geständnisse abnötigst. Die Magd ist noch immer krank, höre ich.
Das tut mir leid für Linde! Nun, dafür fange ich nun langsam an,
im Haus bemerkbar zu werden. Ich denke, wir werden ganz ordentlich
miteinander das Pensum deiner unersetzlichen Kraft aufarbeiten. Linde
ist ein bißchen blaß geworden die Zeit, findest du nicht auch? Das
wird sich jetzt bald geben. Ich bin ordentlich gerührt, daß ich wieder
in diesem altmodischen Speisezimmer sitzen kann. Wie ich die Sachen
so gewissermaßen neu vor die Augen bekomme, geht mir doch allerlei
Schönheit an ihnen auf, sogar das Irrationelle daran kann ich schon --
fast mit deinen Augen sehen. Nun, da kommt die Suppe. Essen wir also.«
Sie ließ sich nicht weiter davon anfechten, daß der Dechant auf zwanzig
von ihren Worten kaum eines erwiderte. Dagegen betrat sie unauffällig
und gewandt jeden Strich Boden, den Linde beim Dechanten verlor. Je
weniger er mit dem Mädchen sprach, desto mehr unterhielt er sich
notwendig mit der Schwägerin, und seine natürliche Offenheit, die
er dem Mädchen entzog, kam, wenn auch sehr abgekühlt, unwillkürlich
jener zu. Sie war weder die Frau, noch befand sie sich in der Lage,
gefundenes Gut von diesem Wert nicht aufzunehmen und sorgfältig zu
pflegen. Der Dechant freilich blieb unter ihren behutsamen Griffen
ein ziemlich sprödes Material, das leicht splitterte. Das erfuhr sie
am gleichen Mittag. Er klagte beiläufig darüber, daß sich bei ihm die
Schreiberei so hoch aufgehäuft habe, und gab zu erkennen, daß sie
ihm lästig war, weil sie ihn von seiner gegenwärtigen Haupt- und
Lieblingsarbeit, der Geschichte des Domes, abzog.
»Nun, was das angeht«, meinte die Klingse, »das soll dir keine
übermäßigen Sorgen machen. Ich bin ja jetzt wieder disponibel und will
dir gern als Sekretärin dienen, da doch Linde keine Zeit für dich hat.
Sage mir, wann ich morgen antreten soll.«
»Ich denke«, erwiderte der Dechant ablehnend, »daß du morgen zunächst
noch fortfahren willst, deine dünne Krankenhaut wieder in ein richtiges
Alltagsfell zurückzuverwandeln, das einen Landregen und auch -- einen
Eisenbahnstoß verträgt. Ansprüche wollen wir hier auf dich weiter nicht
machen, sondern« -- er neigte sich ihr höflich zu -- »lieber Ansprüchen
von deiner Seite zur Verfügung stehen.«
Linde, die auf seine Antwort mit einiger Spannung gewartet hatte,
atmete heimlich auf, und die Tante fand es für besser, auf dem Thema
nicht zu bestehen, sondern brachte ruhig über den Korb hinwegsteigend
ein anderes vor. Später bemerkte Linde nebenbei, wenn jetzt die
Tante ihre Post wieder selber erledigen könne, so werde sie schon
Zeit finden, dem Onkel bei der seinen zu helfen, aber darauf sagte
er überhaupt nichts. Aus allem ging hervor, daß er sich zwischen den
beiden Frauen einen ziemlich genauen Standpunkt gewählt hatte, den er
aber auf die Dauer kaum halten konnte. Die Klingse ihrerseits bemerkte,
daß es besser sein werde, diesem Mann nicht durch Verkündigungen
Anlässe zu Regierungshandlungen zu verschaffen, sondern mehr in der
Stille wirkend aufzutreten und sich ganz unauffällig da und dort auf
seinem Weg finden zu lassen.
Vor allem verwendete sie viel Aufmerksamkeit darauf, daß Linde
immer fern vom Dechanten vollauf beschäftigt war, da ihr an einem
verständnisvollen Beisammensein der beiden wenig liegen konnte;
von der bereits bestehenden Verstimmung zwischen ihnen hatte sie
zunächst noch keinen Wind. Es fiel ihr nicht eben schwer, denn mit
dem Wetterumschlag verschlimmerte sich der Zustand der Magd wieder
und machte vermehrte Pflege nötig. Nebenher schickte sie sich an,
versprochenermaßen in der Wirtschaft mit einzugreifen, das heißt,
sie übernahm die Obliegenheiten der Dame des Hauses vornehmlich in
der Verwaltung des Dechanten und überließ alle wirkliche Arbeit der
Nichte, die sie leise aber unerbittlich kommandierte. Sie kümmerte
sich persönlich um die Versorgung des Hausherrn und um seine Socken
und Hemden und ließ sich sogar dazu herbei, in den ersteren die Löcher
zu stopfen. Und während er ihre Fleischbrühe trank, fing er in einiger
Einsamkeit an, sich darüber zu beunruhigen, daß noch immer nichts von
ihrer Abreise verlautete. Da er jetzt niemand mehr hatte, mit dem er
ohne Umstände darüber reden konnte, so stellte sich als nächste und
sehr männliche Folge davon schlechte Laune bei ihm ein. So schmollte
er sozusagen auf beiden Mundwinkeln, und jedenfalls fand man ihn diese
Zeit nicht sehr gesprächig. Daß sich die Tante immer zu feineren Teilen
wie Gold in den Danziger Schnaps ins Hauswesen mischte, konnte er nicht
verhindern. Wenn ihm auch nicht schien, als ob es dadurch an Wert und
Reiz gewänne, so mußte er doch ihre Sachlichkeit und Unaufdringlichkeit
anerkennen, aber gerade mit diesen Vorzügen machte sie ihn immer öfter
stutzen.
In jener Zeit schlug sich Linde bereits mit einer beginnenden
Krankheit herum, die sie sich im Durchzug der Tante zugezogen hatte,
hustete, fröstelte, ertrug tagelang, ohne etwas davon zu sagen, ihre
Kopfschmerzen und eine bleierne Gliederschwere, Müdigkeit, Erbrechen
und auch gelegentliche Magenkrämpfe. Leider steckte sie die Magd
mit ihrem Schnupfen an, die ihn am wenigsten brauchen konnte, aber
dafür wachte sie auch nächtelang bei ihr und plackte sich mit ihrem
unbehilflichen Körper wie ein ganz Gesundes, und darüber hinaus fehlte
es ihr nie an einem freundlichen Wort, an einem Trost oder an der
rechten gemütsfesten Heimweisung einer Klage Brigitts über die viele
Mühe und Arbeit, die sie mit ihrer unnützen alten Person verursachte.
Es war nicht immer leicht, mit dem verdrießlichen und mißtrauisch
gewordenen Menschen fertig zu werden. Ihren Schnupfen ertrug sie
christlich, aber den des Mädchens beschrie sie laut. Darüber hinaus
brachte sie sich über die Leute auf, die Linde in diesem Zustand
herumlaufen und arbeiten ließen. Sie wollte den Dechanten darüber zur
Rede stellen, aber der Dechant ließ sich selten mehr bei ihr sehen.
»Warum kommt der Dechant nicht mehr? Warum zieht man keine Hilfe ins
Haus? Und warum reist die Klingse immer noch nicht ab?« Diese Fragen
stellte sie nachgerade täglich mindestens sechsmal, ohne von Linde
eine andere Antwort darauf zu bekommen als ein Achselzucken oder
eine Vertröstung. Dann schien es ihr, daß auch Linde anfange, ihrer
überdrüssig zu werden, daß ihre Liebe nachlasse, und daß sie sie mit
vorwurfsvollen Blicken betrachte.
Neuerlich begann sie wieder mit geschärften Ohren und Augen aus
ihrem Bett nach Zeichen auszuspähen, die ihr verrieten, daß sich die
Hausgenossen, wenigstens der Dechant und die Klingse, über ihre Untat
ausgesprochen und geeinigt hätten, und daß sie bereits in ihren Augen
als Verurteilte, in denen Lindes mindestens als Unglückliche gelte.
Diese Annahme war ihr dann entsetzlich bitter, da sie für ihre Tat,
mochte sie nun christlich sein oder nicht, wenigstens Verständnis
und Gegenliebe verdient haben wollte, wenn sie nicht zu bescheiden
gewesen wäre, auch nur in Gedanken einen Lohn zu beanspruchen. Dann
warf sie wieder auflodernd wie ein brennender Wald ihre ganze Liebe
auf das junge Mädchen, setzte es testamentarisch zu ihrer Erbin ein,
trieb eine geradezu unchristliche Abgötterei mit ihm unter strengem
Ausschluß aller andern Sterblichen und beobachtete mit hilfloser Angst,
wie Lindes Wangen blasser und ihre Augen trüber wurden, und wie sich
in ihrem Lächeln eine sichere Trauer einnistete, womit sie aller Welt
etwas Gutes und Schönes zu versprechen schien, nur sich selber nicht.
Ihre zarten, feinen Hände waren rot und verarbeitet. Brigitt küßte
erbarmungsvoll jeden neuen Schnitt und jede Brandblase. Wenn Linde,
wie es gerade in der letzten Zeit häufiger vorkam, still und müde vor
sich hinblickte, so kochte der alte Mensch gallig auf; verfiel sie
aber einmal in ihre frühere Art, zu scherzen und zu plaudern, so hörte
Brigitt gerührt und ungläubig zu, fest davon überzeugt, daß das Mädchen
trotzdem schwerkrank sei und ins Bett gehöre. Zu sehr Partei, um eine
gute Partie zu sein, gab sie nicht gerade die geeignete Kammerfrau ab
für ihre verlassene und verstörte Prinzessin, denn inzwischen begann
der briefliche Verkehr zwischen Heinz und der Tante jene überraschende
Wendung zu nehmen und kam für Linde die Zeit heran, in der sie
eigentlich der Weisheit einer Mutter bedurft hätte.
Auch von diesen Entwicklungen fühlte ihr der treue Mensch das
Hauptsächliche ab. Wenn dort alles gut gestanden hätte, so wäre an
Linde über aller Müdigkeit ein anderes Licht zu sehen gewesen; darüber
kannte sie sich nun schon aus. Als sie endlich den Geduldsfaden verlor,
begann sie zuerst allgemeine Bemerkungen in die Unterhaltung zu streuen
von den Offiziers im besonderen und den heutigen jungen Männern im
allgemeinen, nur um zu hören, wie das aus ihrem Wald zurückhallte.
Aber es hallte gar nicht, weder lang noch kurz, auch nicht, wenn
eben ein Brief von Heinz gekommen war. Brigitt wußte, daß er mit der
Klingse ebenfalls in Verbindung stand, und das übrige dachte sie
sich, da sie im Verlauf ihres Dienstlebens bei einem vielgesuchten
und vielverlassenen Geistlichen zur Pessimistin geworden war. So
schien es nun, als ob alles umsonst gewesen sei, daß sie sich um einen
undankbaren Burschen und luftigen Wicht zur Attentäterin gemacht und
ihr Gewissen mit Protestantenblut besudelt habe, und am Ende war ihr
Mitleid mit sich selber beinahe ebenso groß wie das mit Linde, größer
als beides der Zorn auf die menschliche Natur, am größten die brennende
und nagende Ungeduld, Klarheit zu bekommen, damit man unter Umständen
wieder etwas unternehmen konnte. Denn an allem gab sie unerbittlich
der Klingse die Schuld, und wenn es im mindesten gefährlich stand,
so sollte sie das Ganze bezahlen, indem sie mit Schande aus dem Haus
fuhr und Heinz von ihr, Brigitt, alles schwarz auf weiß zu lesen bekam.
Blieb bloß noch die Frage übrig, ob sie alter Topf mit dieser Einsicht
über dem Feuer ihres Verdrusses anbrennen oder überlaufen wollte; da
sie nie zu den kargen Köchinnen gehört hatte, lief sie über.
Es war nach einer Nacht voll ärgerlicher und aufreibender Schmerzen
-- sie hatte auch einige Herzanfälle gebracht -- und ebensolcher
Betrachtungen. Die Magd atmete noch rasch und erzürnt, während Linde
übermüdet im alten Lehnstuhl saß und in einem trüben Halbschlaf vor
sich hindämmerte. Die Zeit ging gegen vier Uhr; um diese Stunde trat
gewöhnlich die Erleichterung ein. Auf dem Nachttisch brannte mit
kleiner Flamme unter dem Schirm das Lämpchen. Eine Motte umschwirrte
es, von zwei sonst sehr eifrigen Mottenjägerinnen nicht beachtet. Linde
sah eben ihren Geliebten, der auf einen Engländer zielte, abdrückte und
sich lachend umdrehte mit der Bemerkung: »So, den hat's!« Drüben flogen
zwei arme Hände auf, genau so, wie er's damals beschrieben hatte, und
ihr war furchtbar weh ums Herz für den Engländer und für Heinz. Da
wurde plötzlich Brigitts erboste Stimme neben ihr laut.
»Wie ist denn das jetzt mit ihm? Mit dem Soldaten? Dem Offizierchen?
Warum kriegt man davon gar nichts zu hören? Ich bin überzeugt, dem Bob
erzählst du; mich schweigst du an, daß mir alle Glieder knacken. Sonst
hieß es, man vertritt Mutterstelle an dir. Jetzt liegt die Brigitt im
Bett, gleich ist's aus mit der Mutterstelle, und man ist ein alter
Besen, um den sich keiner mehr kümmert. Denn was weiß die Brigitt,
nicht? Sie kann noch einigermaßen Knödel kochen, aber sie ins Vertrauen
ziehen -- da sei Gott vor. Als ob die Brigitt lange wartete, bis man
sie erst ins Vertrauen zieht. Du, ich hab' auch meine Geheimnisse, und
könnt' ich noch gehen, so hätt' ich viel mehr. Was meinst du denn,
warum ich im Bett liege? Hab Nervenfieber bekommen. Schön, Nervenfieber
bekommt man vom Kuchenbacken. Verachtet nur die alte Brigitt. Daß ihr
mich überhaupt hier behaltet. Im Krankenhaus wäre ich doch noch viel
weiter vom Geschütz. Bringt mich doch fort, damit es hier vollends
drunter und drüber gehen kann! Und damit ich vor Denken und Grübeln
noch ganz verrückt werde. Du, wie steht das mit dem Soldaten? Sei gut
zu einem alten kranken Menschen, der dir redlich gedient hat. Gott
wird dir's vergelten. Schreibt er dir fleißig? Und schreibt er nett?
-- Hm! Ich dachte, du seist gut aufgehoben. Du seist an den Mann
gekommen! Ich bin ein altes Mensch und hab' geheult vor Freude. War
meine letzte Freude für lange Zeit. Ich sage dir, Mädchen, laß mich
nicht so daliegen und betteln. Ich bring's fertig und krieche aus dem
Bett und fall' dir zu Füßen. Wie steht's mit dem Soldaten, du? Wann ist
Kriegstrauung?«
Sie machte Miene, sich zu erheben, und Linde fuhr aus ihrer Verwirrung
auf. »Brigitt, wirst du liegenbleiben!« schrie sie die Kranke
erschreckt an. Die Magd, die ihren in Scham brennenden Blick bemerkte,
ließ sich einigermaßen eingeschüchtert ins Kissen zurückfallen,
aber aus ihren bleichen, unzufriedenen Zügen flackerte gereizt die
aufsässige Forderung weiter.
Auch Linde war eine gute Schmollerin und durch den frühen Tod ihrer
Eltern, besonders ihrer Mutter, an Einsamkeit und Selbstverantwortung
gewöhnt. Es fiel ihr schon schwer, Erfahrungen, die in Familien
aufgewachsene Menschen ganz leichthin mit andern bereden, preiszugeben,
geschweige persönliche Angelegenheiten von dieser Tragweite,
und so hatte sie immer einen schwierigen Stand zwischen ihrer
Selbstherrlichkeit und ihrer überstrengen Keuschheit. Indessen kratzte
Bob an der Tür, weil er reden gehört hatte und notwendig überall
dabeisein mußte, wenn etwas Grundsätzliches verhandelt wurde, und Linde
stand auf, um ihm zu öffnen. Er dankte ihr durch ein kurzes heftiges
Wimmeln seines Schwanzstummels und ging dann schnaubend zu Brigitts
Bett, an dem er sich einmal hin und einmal her rieb, um sich endlich
mit einem Seufzer auf die Vorlage niederzulassen.
»Was soll denn stehen, Brigitt?« antwortete das Mädchen endlich, seine
Aufwallung niederkämpfend. »Und wer wird jetzt an Kriegstrauung denken?
Du weißt, daß er regelmäßig schreibt; es wird ihm oft schwer genug
fallen bei dem Leben, das er führen muß. Plage doch nicht dich und
andere mit Grillen.«
»Es ist schon gut«, nickte die Magd, die mit ihren tiefliegenden
dunklen Augen jede Regung in ihrem Gesicht verfolgte. »Aber er schreibt
auch der andern. Wenn er das ließe, so würde es ihm gleich viel weniger
schwerfallen, dir auch einmal einen Brief extra zu schreiben. -- Viel
Lustiges scheint nicht eben in seinen Briefen zu stehen. Ich wette, daß
die Klingse an ihren mehr Spaß hat.«
»Wir wollen dies Gespräch lassen«, sagte Linde beklommen. Und dann
scheinbar heiterer: »Du hast's nun einmal gegen die Tante; da wird man
dir ohnehin keine andere Ansicht beibringen.«
»Nein, das wird man auch nicht«, fuhr die Magd, wieder hitzig werdend,
von neuem auf. »Sie ist ein Laster und bleibt eins, höre auf mich. Hat
sie etwa besonders viel Glück in dies Haus gebracht? Was aber deinen
Offizier angeht, so kann sich der einmal vor den Schädel schlagen; ich
weiß, warum ich das sage. Ist das Dankbarkeit und Charaktergröße?«
»Brigitt, willst du mich mit Gewalt böse machen?« warnte Linde und war
es schon halb, ganz in Glut getaucht. »Es gibt dir niemand das Recht,
so zu sprechen.«
»Das Recht? Es gibt mir niemand das Recht? Mein Kindchen, das Recht
habe ich mir längst selber gegeben. Laß dir das gesagt sein. Und das
Gespräch wollen wir gar nicht lassen. Im Gegenteil. Du willst mich aufs
trockene setzen; also steht es liederlich. Das ist doch einfach; man
muß dich nur ansehen. Aber das soll sie mir büßen. Alles Übel kommt von
ihr. Warum geht sie immer noch nicht? Weil sie hier ihre Absichten
verfolgt, weiß Gott, welche. Sie schleicht und schweigt und spinnt
derweil des Teufels Garn. Oh, nur einen einzigen Tag möchte ich wieder
einmal unten im Haus sein, um zu sehen, was da geht.«
Für eine Weile verstummte sie wühlend, und Linde hatte keinen Grund,
sie zu stören. Bob legte den Kopf zwischen die Pfoten, weil er glaubte,
das Gespräch sei jetzt zu Ende. Auch Linde war bereits dieser Meinung,
als die Magd plötzlich wieder anfing.
»Wenn man so viel Dreck am Stecken hat!« rief sie verwundert und erbost
aus. »Es kostet mich doch ein Wort, und es ist aus mit ihr! Aber sie
hält mich wohl auch schon für tot oder blödsinnig geworden. Über diese
Sache laß du dir nur keine grauen Haare wachsen, Kindchen; darüber hat
die Brigitt zufällig etwas zu sagen. Ich garantiere dir dafür, daß sie
in zweimal vierundzwanzig Stunden aus dem Haus ist.«
»Ich weiß«, versetzte Linde bedrückt, »daß du Geheimnisse hast. Aber
ich will sie nicht kennenlernen. Laß du jetzt die Hand aus den Dingen.
Ein Übel erzeugt nur immer ein anderes.«
»Du weißt?« zweifelte Brigitt sehr. »Woher weißt denn du? Und was weißt
du?«
»Ich weiß seit dem Prozessionssonntag.«
»Seit meinem Geschwätz von der Geflügelschere und so weiter«, nickte
die Magd. »Nun, ich hab' mir das auch gleich selber gesagt, aber ich
hielt die Unsicherheit nicht mehr aus. Wie jetzt auch wieder.« Sie sah
das Mädchen mit einem spähenden Blick an. »Schließlich, was nützt das
alles«, fuhr sie unaufhaltsam getrieben fort. »Kindchen -- sie war
selbe Nacht im Zimmer des Leutnants. An der Tür attrappierte ich sie.
Wenn das der Dechant erfährt, so fliegt sie. Augenblicklich. Und wenn
Heinz erfährt, wie eine Magd seine feine Dame ausgezahlt hat, so wird
ihn das nicht sehr hochmütig auf sie machen.«
Linde erbleichte auf eine erschreckende Weise; aber anstatt ohnmächtig
vom Stuhl zu sinken, richtete sie sich stolz und erzürnt auf, und
ihre Augen funkelten vor verhaltener Entrüstung. »Brigitt«, rief sie
mit bebender Stimme: »Wenn du willst, daß ich dir in meinem Leben noch
ein gutes Wort gebe, so hüte dich, an diese Dinge künftig auch nur mit
einem Blick zu rühren. Du bist hier die Haushälterin und sonst nur, was
man aus dir freiwillig macht. Ich verbiete dir, dich noch in irgend
etwas zu mengen, was hier vorgeht oder damit zusammenhängt. Die Tante
ist unsre Verwandte und unser Gast, solang es ihr gefällt. Und ich bin
alt genug, mein Leben selber zu betreiben. Du hast dich hier in deinem
Bett in Hirngespinste verwickelt und meinst, das, was du weißt, sei
alles, was man wissen könne, willst klüger sein als Gott und behender
als das Schicksal. Ich weiß, daß du alles von Herzen gut meinst, und
das ist das einzige Versöhnliche und Schöne daran. Aber man darf auch
aus Gutmeinen nicht in anderer Menschen Dinge hineingreifen und sie mit
ihren Geheimnissen beschämen.«
Brigitt traute unter dieser Standrede ihren Ohren und nachher noch
lange ihren Augen nicht, bis sie sich allmählich mit Wasser füllten;
als sie dann endlich die Zunge wieder zum Reden fand, wurde ein
ungeschlachtes und herzbrechendes Weinen daraus, das Linde mächtig
ans Herz griff, leider auch der Magd selber, so daß der Anlaß völlig
in Vergessenheit geriet und alle Aufmerksamkeit der Folge zugewendet
werden mußte. Nun, sie überstand auch den zweiten Schreck, kam nachher
noch einmal ins Weinen, dann ins Klagen und Beteuern, obwohl ihr Linde
schon alles zum voraus zugegeben hatte, hörte diese mit redlicher
Inbrunst trösten und gut zureden, und wenn sie am Ende nicht vom Fleck
weg beruhigt einschlief, so lag sie jedenfalls tränenmüde und ihrer
schmerzhaften Überspanntheit ledig still mit geschlossenen Augen da,
bereits in Lindes Ratschluß ergeben, obgleich noch nicht ohne wahres
Vertrauen und innerlich über die herrische Zurechtweisung noch ein
wenig nachschluchzend.
Hatte Linde noch auf ein Stündchen Morgenschlummer gehofft, so sah sie
sich durch eine nervöse Erregung, die sich nachher in äußerlichen
Frost umsetzte, darum gebracht. Immer stand ihr die schweigend drohende
Verwandte vor Augen. Wenn sich die Tante aussprach und ihre Gesinnung
äußerte, so konnte sie wenigstens ertragen werden, aber gegen ihr
Schweigen gab es keine Mittel, weder tätige noch leidende. Die Zeit
war längst vorbei, in welcher Linde mit ihrem Mitleid für sie gekämpft
hatte, und auch die folgende, in der sie es bereute, ihm so weitherzig
nachgegeben zu haben. Sie hätte sich vielleicht zugestehen können, daß
ihre Sache verloren sei, aber es gab zwei bewußte Empfindungen, die
es nicht litten: ihr Stolz und ihre Einsamkeit in der Welt. Darüber
hinaus waren freilich noch einige weniger bewußte aber ursprünglichere
wirksam, die Sehnsucht nach dem eigenen Frauentum, die Hoffnung auf das
Wunder »Dennoch« und nicht zuletzt der Glaube an das geistige Teil in
Heinz, von dem sie nie Verrat erleben würde, was auch sonst geschehen
mochte. Mit diesen fünf Engeln durfte sie gegen zwei Dämonen -- das
Weib und den Dämon in ihm selber -- noch für eine Zeit durchzukommen
hoffen, und inzwischen stießen ihr wohl Hilfsvölker zu, von denen heute
noch nichts zu sehen war, die sie aber bereits glaubte marschieren zu
hören.
Nachdem sie sich so bis gegen Morgen mit ihrem innern und äußern
Zustand leidlich obsiegend beholfen hatte, die letzte Stunde noch
auf ihrem Bett, und eben aufstehen wollte, um ihren überfrühen Tag
zu beginnen, ereilte sie ganz unversehens ein Blutsturz, kein sehr
schwerer, doch da sie ohnehin nicht mehr viel Kräfte zuzusetzen hatte,
so sank sie zitternd ins Bett zurück, wo sie dann wie ein Stein in
Schlaf oder in Bewußtlosigkeit fiel. Etwas später als sonst war sie
aber noch vor dem Hellwerden wieder bei der Hand. Von dem Vorfall
erfuhr niemand etwas, und von der Versäumnis hatte sie durch erhöhte
Ansprüche an ihre Leistungsfähigkeit bis zum Frühstück bereits wieder
einiges eingebracht. Wenn sie Ansprüche an sich selber stellte, so
blieben sie selten unerfüllt.
Viertes Kapitel
Es kommen erregende Briefe, und alles geht an Linde hinaus; sie wird
von der Tante angefochten und vom Dechanten zur Beichte vorgeladen,
nachdem der Dechant vom Erzbischof zur Verantwortung vorgeladen wurde
Es gibt Tage, die besonders mit Ereignissen geladen scheinen, von denen
wie die Kirschen des Pagen Seydlitz immer eins das andere nach sich
zieht. Zum Frühstück, das man elektrisch beleuchten mußte, weil draußen
nun aus einem schweren, tiefen Spätnovemberhimmel der Regen troff,
brachte der Postbote drei Briefe, die alle naß geworden waren, erstlich
den bekannten des Leutnants an Linde, worin er ihr vorschlug, auf eine
Zeit das Haus zu verlassen, zweitens einen ebenfalls vom Leutnant an
die Tante und dann noch einen an den Dechanten, von dem nachher die
Rede sein wird.
In dem Brief an die Tante gab sich Heinz zum erstenmal in gewissen
verschleierten Wendungen, die sonst nicht seine Art waren, Rechenschaft
über schwebende Fragen oder solche, die ihm mit der Zeit diesen
herausfordernden Charakter angenommen hatten, ungewissen Aussichten,
die noch keins von beiden bisher berufen mochte, obwohl sie schon seit
geraumer Zeit zwischen ihnen standen. Nachdem er dann noch dies und das
von der Sehnsucht und Unersättlichkeit des Mannes, in welche Regung
er nachgerade viel Einblick zu haben glaubte, so scheinbar »objektiv«
als heimlich erregt und erregend geschrieben hatte, teilte er ihr den
Vorschlag an Linde mit und bat sie, ihm darin zu helfen.
»Ich kann verstehen«, hieß es da wörtlich, »daß Du bei den letzten
schweren, wie Du schreibst, beinahe vernichtenden Erfahrungen in der
Großstadt die Ruhe und Geborgenheit des Pfarrhauses und der kleinen
Verhältnisse noch brauchst, und wenn ich zurückdenke, so machtest
Du auch mir einen etwas aufgelösten und ziellosen Eindruck, an dem
heutigen gemessen. Daß Du bei Lindes Überbürdung mit dem häuslichen
Kleinkram, wozu sie immer sehr geneigt hat, dem Dechanten viel sein
kannst, sehe ich auch ein. Er wird mit der Zeit deinen weltmännischen
und großzügigen Einfluß sehr schätzen lernen; vielleicht wirst du
unermüdliche Schrittmacherin der männlichen Talente sogar anfeuernd
und fördernd auf ihn wirken und ihn aus seiner Theologie herauslocken.
Das wäre freilich ein großer Triumph deines Rationalismus. Bei alledem
stört mich nur die Vorstellung, das Mädchen neben dir im Haus zu
wissen. Es ist wie ein Stilfehler, der mich innerlich unfrei macht und
mir, wie du vielleicht begreifst, nicht sehr erwünscht sein kann. Also
hilf mir bitte in dieser -- ich möchte sagen: Korrektur des dortigen
Bildes.« Und so weiter.
Nun wußte sie sofort, warum die Vorstellung ihn unfrei machte, und
was für eine Vorstellung das überhaupt war. Der letzte Grund seiner
Unlustgefühle bestand in der Achtung, die er nach wie vor auch bei
scheinbar schwindender Liebe der jungen Respektsperson und seinem
Verhältnis zu ihr darbrachte. So glaubte sie zwar, daß in der
Entfernung sein Liebesgefühl abgenommen habe, zumal es durch sie
bestritten wurde, aber sie glaubte nicht an eine Erschütterung der
Liebesgrundlage, vielmehr war sie vorläufig davon überzeugt, daß alles
neu da sein werde, sobald die jungen Menschen einander wieder zu sehen
bekämen, und dies, obwohl der heutige Brief des Leutnants ohne jede
Gewaltsamkeit und Selbsttäuschung, denn sie hatte ihn nicht erwartet,
als Heiratsbetrachtung ausgelegt werden konnte, und zwar mit ihr,
Malva Klinger. Sie lächelte viel mehr erwägend als spöttisch, während
sie ihre Rivalin mit einem Blick streifte. Ihr war zuviel bekannt
von den unfruchtbaren Qualen der Sehnsucht, den ziehenden Leeren der
Einsamkeit und den kalten Schrecken des unerbittlich anrückenden
Alters, als daß sie ein solches Angebot nicht sehr sorgfältig bedacht
hätte, zumal in einem Fall wie dem vorliegenden, wo sie längst liebte
und für ihr Gefühl nicht wenig gelitten und geduldet hatte. Ein
Entschluß jedenfalls stand ihr sofort fest, noch während sie den Brief
zusammenfaltete und wieder in den Umschlag steckte: sie würde Heinz
nicht bei der Entfernung des Mädchens helfen, da sie alles Interesse
daran hatte, Linde in dem »störenden Verhältnis« zu erhalten und ihn
in seiner »unerwünschten Unfreiheit«. Wenn sie Aussicht besaß, die
Liebesgrundlage zu erschüttern, so war es durch die Pflege dieses
wertkränkenden Umstandes, und obendrein gewann sie darin -- durch sein
Leiden an den Dingen -- in Tiefen Gewalt über ihn, die ihr sonst nicht
zugänglich geworden wären.
Die Stimmung, die sie aus diesem ganzen Tatbestand zog, empfand
sie sofort als vermehrte Lebenssicherheit und als Geneigtheit zu
vorsichtiger Unternehmung. Vorläufig wußte sie noch nicht, was in
ihr größer war, die Liebesbeziehung zu Heinz oder die Haßbeziehung
zum Mädchen. Zwischen ihr und Linde, so kam es ihr manchmal zu ihrer
peinlichen Verwunderung vor, schwebte vielleicht mehr als nur eine
Reihe von Zufällen und Anlässen, bei denen sie einander hassen und
fürchten gelernt hatten, sie verband unter Umständen eine Feindschaft
von Anbeginn, die ihren Austrag verlangte und ihr Opfer wollte.
Möglicherweise bedeutete die Liebe zu demselben Mann nur ein Symbol,
dann freilich ein sehr bedeutsames und unausweichliches. Inzwischen
beschloß sie, gleich nachher mit der Feindin in dieser Richtung ein
Vorpostengefecht herbeizuführen.
Unterdessen hatte auch der Dechant seine Morgenlektüre beendigt, und
sie war von einer Qualität, daß sie ihm die aufmerksam auf die heutige
Leistung gesammelte Stimmung, mit der er zum Frühstück erschienen war,
von Grund auf störte, ja in der Folge davon verspürte er sogar Lust,
den andern ihre friedliche zu verderben. Indem er sie aber der Reihe
nach betrachtete, fand er nur sehr schwache Spuren davon an ihnen, und
bemerkte er weiterdenkend, daß der Friede in seinem Haus überhaupt eine
fragliche Ware geworden sei. Die Tante lebte zwar mit ihren Büchern und
ihrer ausgebreiteten Korrespondenz ihren gewohnten weltläufigen Stil
weiter und hatte sich nachgerade so geschickt ins gestörte Hauswesen
eingefügt, daß sie manchmal geradezu unentbehrlich schien. Andererseits
hatte sie ihn bis auf diesen Tag schon zu allerlei widerstrebenden
Freundlichkeiten halb verführt und halb gezwungen, und während er sich
daran erinnerte, wandte er den Blick unbehaglich zu Linde. Die hatte
schmale Wangen und dunkel unterstrichene Augen, und es fehlte ihr weder
an Güte noch an strengen Lieblichkeiten, aber am rechten glücklichen
Jugendlicht, obwohl sie eben einen Liebesbrief aus der Hand gelegt
hatte. Es brauchte manchmal nicht viel, daß er sie freundlich zwang,
eine Hilfskraft ins Haus zu nehmen, aber es brauchte doch noch etwas,
nämlich daß von den beiden zähen Schmollern einer dem andern einen
Vorsprung ließ. In der Zeit beruhigte er sich damit, daß ihr ja die
Tante einen großen Teil der Arbeit abnehme. Jetzt saß sie freilich da
und rührte traurig sinnend in ihrem Kaffee, ohne etwas zu genießen, und
mit einem verdrossenen und heimlich aufgebrachten Blick erhob er sich
so plötzlich und ungeduldig, daß beide Frauen fragend die Augen nach
ihm wandten. Aber er hielt sich nicht mit Erklärungen auf; bloß an der
Tür drehte er sich noch halb um und sagte: »Komm dann nachher einmal zu
mir herauf, Linde; ich habe mit dir zu sprechen.« Bald darauf hörten
sie ihn mit unruhigen Schritten in seinem Zimmer auf und ab gehen.
Eine Weile horchten die Frauen stumm auf das einsame Geräusch, Linde
mit den Gedanken bei dem entfernten Freund, die Tante sich zum
beabsichtigten Gefecht rüstend. Schließlich räusperte sie sich.
»Warum ißt du nicht?«
»Mir ist heute nicht ganz gut«, erwiderte Linde einfach. »Ich will ein
wenig fasten.«
»Heinz schreibt, er hätte dir geraten, den Ort zu wechseln, und ich
solle ihm dabei helfen. Ich werde ihm natürlich nicht helfen, sondern
denke, daß du hierbleiben wirst.«
»Warum denkst du das?« fragte Linde, auf eine Feindseligkeit gefaßt.
»Ich könnte sagen, weil der Dechant dich braucht, und hätte sonst
gar nichts nötig«, erwiderte sie singend und etwas von oben herab.
»Aber es wäre nur halbe Wahrheit. Die ganze Wahrheit ist, daß du die
Nachsicht deines Onkels nötiger brauchst als er deine Dienste. Es haben
jetzt nicht alle Leute soviel Gutmütigkeit, ein kränkliches und nicht
übermäßig tüchtiges junges Mädchen um einiger Nettigkeiten willen zu
unterhalten. Du hast immer noch nicht begriffen, daß wir Krieg führen,
und was das in seinem ganzen Umfang bedeutet: Krieg! Nun, manchen hat
Gott ihren sanften Egoismus gegeben, daß sie sich leichter haben,
aber sie sollten wenigstens begreifen, daß andere das Leben nicht so
leicht finden, und ihre Haltung danach einrichten. Mir scheint deine
christliche Selbstgenügsamkeit etwas billig, und es wäre gut, wenn du
dich bemühtest, wieder etwas mehr zum allgemeinen Leben beizutragen.«
»Insofern wäre es vielleicht doch besser, auf eine Zeitlang den Ort zu
wechseln, da ich dir hier soviel Anstoß gebe«, meinte Linde.
»Insofern wäre es besser, deine Tonart zu wechseln«, versetzte die
Tante schärfer. »Ich bewundere nichts an dir als die Stirn, die du nach
allen Vorgängen noch hast.«
»Von was für Vorgängen sprichst du?« begehrte Linde aufhorchend zu
wissen, während auf ihren Wangen eine leise Röte erschien. Die Tante
lächelte.
»Viel Sicherheit tönt nicht aus deiner Frage«, spottete sie. »Obwohl
ich immer fand, daß Personen deines Schlages überraschend dickfellig
sind. Ich besitze ja wirklich kein Bedürfnis, von dir um Verzeihung
gebeten zu werden; solche frommen Scherze liegen mir gar nicht. Aber
es hätte für dich gesprochen, wenn du während der langen Zeit meines
Hierseins einmal Gelegenheit genommen hättest, eine begangene kindliche
Niedertracht ins gleiche zu bringen. Auf deinen Charakter hab' ich mich
nie verstanden.«
»Wenn du keine Bitte um Verzeihung erwartest, was verstehst du dann
darunter, etwas ins gleiche zu bringen?«
Die Tante bemerkte mit Ärger die Herausforderung in dieser Frage. Einen
Moment stutzte sie sogar darüber. »Oh, ganz einfach und von Mensch zu
Mensch«, brach sie dann mit einem etwas unangenehmen Lachen los. »Ganz
natürlich! Es ist nicht die mindeste Übernatürlichkeit dabei. Wir sind
nur gewöhnliche Weltmenschen, aber wir halten auf gute Sitten, obwohl
wir manchmal auch höhere Ideen hätten. Man kann ja Kindereien begehen
aus Dummheit, aus Bosheit, ja aus Bequemlichkeit; du siehst, es fehlt
mir nicht an Toleranz. Aber wenn man ältere Personen in Mitleidenschaft
gezogen und sogar menschliche Verhältnisse auf lange hinaus verdorben
hat, und man fängt dann einen frommen Wandel an, so glaubte ich
bisher, dergleichen beginne damit, daß man zuerst seine persönlichen
Verhältnisse ordnet auch mit solchen Personen, die man nicht besonders
gut leiden kann, trotz aller Heiligkeit. Abneigungsmotive sollen ja
sonst bei wirklich frommen Menschen nicht mehr wirksam sein. Aber
vielleicht bist du noch eine sehr grüne Heilige, und dann muß man dir
manches nachsehen. Nun, ich in meinem Teil stehe auf dem Standpunkt,
daß ich mein Verhalten zu dir ganz von deinem Verhalten zu mir abhängig
mache. Du kannst mich so erleben und kannst mich anders erleben. Das
wollte ich dir schon lange einmal sagen. Richte dich also danach. Auf
schöne Worte gebe ich aber nichts; damit bin ich schon lange nicht mehr
zu fangen.«
Linde saß nun wieder mitten im gerechten Zorn. »Hattest du etwa das
Gefühl, daß es mir darauf ankomme, dich mit irgend etwas zu fangen?«
»Ich brauche dir über meine Gefühle ja wohl nicht Rechenschaft zu
geben«, achselzuckte die Tante etwas dürr und erhob sich. »Wenn dir
daran liegt, sie kennenzulernen, so mußt du dir, wie schon gesagt,
einen andern Umgangston dafür aussuchen.«
»Den Ton in diesem Haus gibst ja gegenwärtig du an«, bemerkte Linde.
Die Frau zog die Augenbrauen in die Höhe. »Sehr nett«, anerkannte sie
hochmütig. »Aber ich werde nicht mit dir zanken, meine Liebe. In einem
so vertraulichen Verhältnis stehen wir ja nicht zueinander.«
»Das war auch immer meine Auffassung!« bestätigte das Mädchen ernst.
Der Tante fiel der schwermütige Gesichtsausdruck auf, mit dem sie
diese Worte sprach, und er gab ihr nachher noch zu denken. Für jetzt
erwiderte sie lächelnd und mit vorgeschobenem Kinn:
»Wie du meinst, mein Kind. Dann gehst du aber etwas unbequemen Zeiten
entgegen.«
»Ich bin davon noch nicht ganz überzeugt«, sagte Linde um einen Schein
blasser und bitterlich ihren Blick festhaltend. »Ich denke, wenn du
dagegen bist, daß ich den Platz hier verlasse, so will das heißen, daß
du ihn bald räumen willst.«
Der Hieb saß. Die Frau, die sich schon zum Gehen gewandt hatte, fuhr
getroffen herum und tat beinahe unbewußt einige Schritte zum Mädchen
zurück, das noch auf seinem Stuhl saß. »Ich bin dir immerhin verbunden,
daß du endlich dein wahres Gesicht zeigst«, erklärte sie, nun ebenfalls
mit zitternder Stimme, aber vor Wut und ein wenig zischend, sosehr sie
sich auch Gewalt antat. »Mein Kindchen, um eine solche Haltung mit
Erfolg durchführen zu können, bist du ein bißchen zu provinzlerisch,
und dazu hast du schließlich auch nicht den sittlichen Standpunkt. Zum
Glück stehen noch Mächte und Personen hinter uns, die dir Autoritäten
bedeuten, und bei denen dir an deinem guten Ruf etwas gelegen ist.
Nein, meine Liebe, ich werde den Platz zunächst noch nicht räumen;
darüber beruhige dich nur. Es liegt mir im Gegenteil daran, ihn noch
länger mit dir zu teilen. Hast du mir sonst noch einen zartfühlenden
Vorschlag zu machen? Es scheint nicht. Nun, ich stehe dir ja jederzeit
zur Verfügung.«
Nach diesen Worten ging sie ziemlich rasch ab, solchermaßen das letzte
behaltend. Linde erhob sich wenig später müde und unter einem großen
innern Schweigen, um ihre Tagesgeschäfte fortzusetzen. Nachdem sie in
den untern Räumen fertig war, stieg sie zum Dechanten hinauf, um zu
hören, was er ihr zu sagen hatte.
Über den Dechanten hatte in jener Zeit die Kunstleidenschaft
vollständig die Herrschaft gewonnen. Die Stunden, die er nicht auf
dem Bauplatz verbrachte, wozu ihm die Kirche jetzt ganz geworden war,
steckte er in seinem Museum oder im Arbeitszimmer über alten Chroniken
und über seiner neuen, zusammenfassenden, von der gegenwärtig eben die
ersten Kapitel wurden. Anders als kunsthistorisch beschäftigt sah man
ihn überhaupt nicht mehr im Dom. Die gottesdienstlichen Handlungen
samt der Beichte und der Predigt überließ er unbeschränkt seinen
Hilfsgeistlichen, die erstere, weil ihm die Stimmung dazu fehlte, die
letztere, weil ihm die Vorbereitung zuviel Zeit weggenommen hätte, denn
er besaß bereits einen auf den Termin festgelegten Vertrag mit einem
Verleger. Gegenwärtig wurden die photographischen Aufnahmen gemacht,
mit denen nachher das gelehrte Werk ebenso anschaulich unter- und
überbaut als kurzweilig geschmückt werden sollte. Der Dechant lebte
ständig in einer gewissen geistigen, aber nicht geistlichen Erregung,
und für alle nicht kunstgeschichtlichen Verhältnisse und Beziehungen
seines Lebens verlor er in zunehmendem Maß die Aufmerksamkeit und
den Sinn. Außerdem spannte ihn ein Ereignis, von dem noch die Rede
sein wird. Er lebte abwesend, wühlend und in einem ständig seine Glut
steigernden Vorfeuer des weltlich-wissenschaftlichen Ehrgeizes nach
Erfolg und Ruhm. Das war auch mit ein Grund, warum die Tante in ihrer
Hauspolitik schließlich von ihm unbehelligt blieb; jetzt schob er alles
auf und hinter sich, was an ihn sonst noch Ansprüche stellte, und zwar
nicht lässig und lahm, sondern mit heftig entschiedenen Bewegungen und
stets reizbarer, leidenschaftlicher Abwehrgebärde.
In diese Stimmung hinein hatte ihn diesen Morgen ein Schreiben
des Erzbischofs getroffen. Es beschäftigte sich mit seiner
Kirchenrenovation, über die er einige grundsätzliche Bedenken äußerte.
»Wir haben es gutgeheißen«, stand darin, »daß Du nebenbei einige
Gelegenheit benutztest, um das eine oder andere alte Gerät wieder
ans Licht zu bringen, was Dir denn auch vielfach gelungen ist. Du
weißt, daß Wir von vornherein keinen sehr großen Nachdruck auf diese
Möglichkeit legten, von der Wir nur als Gelegenheit sprachen. Wir
meinten daher auch keineswegs, daß, wie es seither immer mehr den
Anschein gewonnen hat, Du das ganze Werk auf eine Liebhaberei und auf
eine Leidenschaft einstellen würdest, die weniger Gott und der Gemeinde
dienen als der weltlichen Wissenschaft. Laß Du die Kunstgeschichte
denen, die diesen Zweig von vornherein für sich gewählt haben. Du
hast, soviel Wir wissen, den Dienst Gottes an der Seele der Menschen
für Dich gewählt. Die Klagen über Deine so ungebührlich in die Länge
gezogene Kirchenrenovation mehren sich. Ich weiß, daß Du in einseitigem
Eifer mit der weltlichen Behörde Abmachungen trafst, die den Termin
der Wiedereinweihung Deines Domes um Monate hinausgeschoben haben.
Darüber wirst Du Dich noch besonders vor Uns zu verantworten haben.
Die Gemeinde kniet im Maurerstaub. Die heiligen Geräte und Symbole
der Jetztzeit liegen im Schuppen, während Du alte ausgräbst, und
die Gläubigen sehen auf eine zerstörte Stätte, auf Attrappen aus
unbemaltem Karton und auf rohe Gerüste, die längst wieder aus der
Kirche sein sollten. Wir wollen daher, daß Du am nächsten Montag Dich
bei Uns einfindest, um Uns Rechenschaft über den Stand der Dinge zu
geben und Unsern endgültigen und unwidersprechlichen Entschluß über
die weitere Führung jener Geschäfte zu erfahren. Wir werden dann auch
noch andere Fragen zu besprechen haben, die Dein persönliches Leben
und Deine Hausordnung angehen, und die ebenfalls Unser lebhaftes
Bedenken erregen. Sieh zu, daß Du über alles befriedigende Auskünfte
geben kannst, die Wir Uns gerade von Dir herzlich wünschen. Inzwischen
empfange Unsern Segen.«
Vom Segen spürte er diesmal nicht viel, sosehr er den alten Herrn
bisher verehrt hatte; er steckte jetzt voll weltlich erregter Ströme,
die einem solchen frommen Einfluß widerstrebten. Heftiger brandeten
sie freilich an dem unerwartet entgegengestellten Hindernis auf, und
der Unmut dieses Sohnes der Kirche über die vorgesetzte väterliche
Gewalt war nicht klein, aber sofort stark von schlechtem Gewissen
bestritten. Nun wäre die Erregung in solchem Umfang trotzdem nicht
ganz zu verstehen und würfe ein schlechtes Licht auf den Charakter
des Dechanten, wenn man nicht erführe, daß er gerade diese Tage über
eine alte Handschrift geraten war, die alle seine Leidenschaften aus
dem Grund neu aufregte. Denn in dieser Handschrift stand klipp und
klar, daß unter dem Boden des Chores, da, wo in der darunterliegenden
Krypta alle Traggewölbe nach dem Mittelpfeiler zusammenlaufen, in
diese Vereinigung zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges ein Kasten mit
goldenen Geräten, die schon in der Handschrift als alt bezeichnet
wurden, versenkt worden sei. Mit dieser Nachricht erklärte sich dem
Dechanten erstens auf einen Schlag die auffällige Armut des alten,
vielverehrten Gotteshauses an goldenen Geräten und an Edelsteinen, an
denen viel jüngere und weniger berühmte Dome unverhältnismäßig reicher
waren, zweitens der Umstand, daß er nirgends auf einen Hinweis über
den Verbleib der unzweifelhaft vorhanden gewesenen Votivgaben gestoßen
war, und drittens weckten sie in dem einfach lebenden und persönlich so
anspruchslosen Mann urplötzlich einen rechten Heißhunger, eine geistige
Wolfsgier nach kirchlichem Besitz, Gold und Edelgestein, Reichtum und
schwerer Pracht, daß er seit den Tagen, die er mit diesen schwülen
Vorstellungen im Kopf herumlief, sich selber nicht mehr kannte. So gut
ihm die Armut und Einfachheit seines Domes bisher gefallen hatten, so
ehrgeizig wild, um nicht zu sagen: verwildert, umflogen nun seine
Gedanken die Stelle im Chor, in welcher ein solcher Glanz verborgen
war. Durch die Hebung des Schatzes konnte womöglich sein Dom von einem
Tag auf den andern alle übrigen an Besitz und geschichtlicher Bedeutung
überstrahlen, abgesehen von dem Ruhm, den ihm die Tat persönlich
einbringen mußte.
Die Schwierigkeit dabei war aber die, daß der Architekt ein
bedenkliches Gesicht machte, nicht über die Urkunde, an die glaubte er
ebenso wie der Dechant, aber über die technische Ausführung der Hebung.
Er wollte sie nicht wagen ohne eine ausgiebige Stützung des Gewölbes,
und zwar des ganzen, da man nie wissen konnte, welche Überraschungen
man mit einer alten Krypta erlebte, wenn man sich mit ihrer Struktur
einließ. Der Bau war im ganzen nicht mehr sehr kernig und hing
hauptsächlich durch sich selber zusammen; ein Turm war schon vor
dreißig Jahren eingestürzt, und ein Eingriff wie der beabsichtigte war
ein Unternehmen von ernstlicher Tragweite an Mitteln, Zeit und Geld.
Anstatt eines günstigen Zufalls nun, der dem Dechanten weitergeholfen
hätte, kam dieser Brief des Erzbischofs seiner Leidenschaft
außerordentlich unerwünscht in die Quere, und wenn es ihm nicht gelang,
den hohen Herrn am Montag für die Ausgrabung zu gewinnen, so wußte
er nicht, was weiter werden sollte. Indessen glaubte er im letzten
Grund nicht, daß der Erzbischof auch unter diesen Umständen an seinem
Einspruch festhalten würde, und nötigenfalls ließ sich vielleicht
zwischen ihm und der weltlichen Behörde ein Abkommen zustande bringen,
nachdem er sich noch ein bißchen länger geduldete und die weltliche
Behörde einige Arbeiter mehr stellte.
Für diese Angelegenheit rüstete er sich also mit einigem Mut, für
die auferlegte Rechtfertigung mit Ergebenheit, zum voraus wissend,
daß er sie nicht zum besten bestehen werde, und was den letzten Satz
des Hirtenbriefes nicht an die Herde, sondern an den zweifelhaften
Unterhirten anging, der sich mit dessen privaten und häuslichen
Angelegenheiten befaßte, so sah er sich zu seinem tief betroffenen
Verdruß nun doch genötigt, zwischen allen Geheimnissen einen Austrag zu
suchen, denn das Geraune oder Geschwätz, wenn es kein Geschrei war --
er wußte ja nicht mehr, was in der Gemeinde vorging --, hatte offenbar
bereits den Weg ins erzbischöfliche Palais gefunden und kam ihm von
dort in der Form einer sehr ernsten Drohung und einer Vorladung zurück.
Er mußte also über diese Dinge zumindest Bescheid wissen, und das war
der äußere Grund, warum er Linde zu sich befohlen hatte. Die innere
Veranlassung besaß er schon lange.
»Setze dich, Linde«, sagte er nicht ungütig zum Mädchen, als es
eingetreten war, und wies ihm einen Stuhl an. »Du kommst nicht zu oft
dazu. Warum nimmst du nicht wieder einmal dein Mittel ein? Mir scheint,
daß du's brauchen könntest. Am besten wäre gewesen, du hättest damals
eine Aushilfsköchin angestellt, als ich's dich hieß. Nun, wie du
willst. Hoffentlich geht's mit der Brigitt bald wieder aufwärts. Wie
war die Nacht?«
Linde gab Auskunft und wartete wieder. »Hm!« machte der Dechant und
ging nachdenkend und mit seiner Verstimmung kämpfend einige Male auf
dem Teppich vor dem Bücherregal auf und ab. »Deshalb habe ich dich
übrigens nicht herbestellt. Du hast mir vor einiger Zeit eine Auskunft
verweigert, du weißt welche, du hast sie sowenig vergessen wie ich.
Es brauchte weiter nichts dahinter zu stehen; eine Störung in den
innerlichen Beziehungen, sonst nichts. Vom übrigen, dachte ich, werde
das Haus von selber rein werden. Nun, derlei Angelegenheiten haben
die Eigenschaft, daß sie um sich greifen wie Petroleumflecken. Wo sie
hindringen, verbreiten sie üble Gerüche und verraten, daß etwas nicht
in Ordnung ist. Heute stellt der Erzbischof dieselben Fragen an mich,
die ich damals an dich stellte. So weit haben wir das gebracht, daß
man uns von außen ins Haus greifen kann. Du bist mir immer noch die
nächste, mit der ich über diese Dinge reden mag. Ich gebe dir jetzt
Gelegenheit, unser Vertrauensverhältnis wiederherzustellen. Benütze
sie, Kind. Was ist jene Nacht um die Tante vorgegangen?«
Nun war für Linde der Augenblick der Rache da, ganz ungesucht zu
benützen und mit dem besten Gewissen zur allgemeinen Befreiung zu
wenden. Sie mußte freilich bedenken, ob es möglich sein werde, das
Geheimnis der Frau preiszugeben, ohne das eigene zu gefährden, aber
sie bedachte es nicht, sondern sagte nach kurzem Zögern: »Ich weiß es
nicht!«, ohne eine einzige egoistische Nutzanwendung angestellt zu
haben. Aber weil ihr einmal die Triebkraft ihrer Handlungen aus zwei
Quellen flossen, der Liebe und der Feindschaft, so erkannte sie neben
ihren innersten Gründen der Vornehmheit gleichzeitig einen äußern, der
ebenfalls zu einem innern wurde: sie durfte nicht dazu beitragen, die
Tante von hier zu vertreiben, denn aus der fortdauernden körperlichen
Gegenwart der bittern Frau gewann Linde etwas wie ein Sicherheitsgefühl
dafür, daß mit ihrer schwebenden Liebesmöglichkeit -- die Liebe selber
hing für diesen Frühling erfroren am Baum -- keine eingreifende
Veränderung geschah. Solange sie um Heinzens Geschick sozusagen unter
seinen Augen mit der Feindin kämpfen durfte, solange konnte er weder
ihr noch sich selber ganz verlorengehen. Nebenher fand sie freilich
ihre Gewissenslage gegenüber dem wohlmeinenden Mann und der geistlichen
Person fortgesetzt ungünstig.
»Hm!« machte der Dechant, wieder enttäuscht. »Ich hoffe, daß dich kein
unangebrachtes Feingefühl hemmt.«
»Mich -- hemmt kein Feingefühl«, sagte sie und glaubte es selber.
»So weißt du auch nicht, was es mit der Geflügelschere der Magd auf
sich hat und mit ihrem Nervenfieber? Dergleichen kommt nicht vom
Kuchenbacken an eine sonst so robuste Person. Sicher hat sie dir
Mitteilungen gemacht! Ihr seid ja wie Mutter und Tochter.«
»Ich weiß -- nichts«, erwiderte Linde mit Anstrengung. »Die
Geflügelschere hat sie wohl zuletzt in der Hand gehabt.« Und auf die
vorige Frage zurückkommend, sagte sie noch: »Die Tante spricht ja
selber von der Lampenglocke.«
Von ihren etwas eintönigen Ableuchtungen gereizt, trat der Dechant
ihr ungeduldig näher. »Das ist nicht die Miene, mit der man Wahrheit
spricht«, bemerkte er bewegt. »Es fällt mir schwer, dir geradezu ins
Gesicht zu sagen, daß du lügst, aber du solltest bedenken, daß ich dich
von Kind auf kenne. Nach der Blutspur werde ich dich nun gar nicht
fragen; du wirst mir antworten, daß die Tante Hilfe haben wollte. Aber
warum fand ich dich am Prozessionsmorgen, als der Betrunkene dagewesen
war, so vollständig erschüttert und niedergebrochen? Das sage mir.
Darüber mußt du Bescheid wissen.«
Gequält ließ sie ihn wieder einen Augenblick auf Antwort warten. »Ich
-- erschreckte mich über den Menschen«, sagte sie dann tonlos und
wartete weiter, sie wußte nicht worauf.
Ihm schlug das Herz vor Unmut, und der Blick trübte sich ihm, was bei
ihm stets mit großen Gemütserregungen verbunden war. Rasch trat er
vollends auf sie zu, legte ihr die Hand auf den Scheitel und bog ihr
mit einer innerlich heftigen, doch nicht unzarten Bewegung den Kopf
zurück. »Linde«, sagte er leise, beinahe knurrend: »Linde, du weißt,
daß ich dich in der Beichte fragen kann! Willst du's darauf ankommen
lassen?« Aber als sie ihm nur mit abgewandtem Blick das blasse Gesicht
wies und mit festgeschlossenen Lippen schwieg, ließ er ihren Kopf
schwer verdrossen fahren und wandte sich, um seine ruhelose Wanderung
wieder aufzunehmen. »Es ist gut, du kannst gehen«, sagte er endlich,
nachdem er sich wieder gefaßt hatte, mit einer Stimme, die sie noch
nicht aufgab, aber die ihr tief erzürnt drohte. »Ich werde die Wahrheit
ja von andern Personen im Haus erfahren, aber es wird dir nicht zugut
kommen, daß ich zu ihnen gehen muß.«
Linde erhob sich mit einem Seufzer, stand noch einen Augenblick
schweigend mit düsterm Blick und verließ dann langsam und unter einem
Frostschauer das Zimmer. Draußen fiel sie nach der schlaflosen Nacht
und den Erregungen des Morgens eine solche Schwäche an, daß sie zuerst
ihr Zimmer aufsuchte, um sich ein wenig auf dem Bett auszuruhen. Sie
sank sofort in eine fieberige Bewußtlosigkeit, aber nicht ganz, sondern
ein wenig wache Qual blieb immer noch vorhanden. Aus der gewollten
Viertelstunde wurden zwei und mehr, so mühselig sie auch um die
Herrschaft über ihre Glieder kämpfte. Endlich, als die Tante sie lange
nirgends mehr gesehen hatte und auch nicht in der Küche fand, obwohl es
ihr längst Zeit zum Kochen schien, ging sie sie suchen und fand sie,
wo und wie sie zu finden war. Da sie auch auf kalte und spöttische
Worte sich diesmal nicht aufraffte, hieß sie sie mehr, als daß sie
ihr erbarmend half, sich vollends zu Bett zu legen. Sie war heute zum
erstenmal in diesem Zimmer, das mit einigen Abwandlungen aussah wie
überall die Kammer eines gedankenreichen, warmherzigen und reinlichen
Mädchens. Alles blickte ihr von Wänden, Tisch und Kommode freundlich
und geordnet entgegen. Vor dem kleinen Altärchen der Mutter Gottes
standen farbige Strohblumen still und liebreich, und ebenso standen
sie vor einem Bild des Leutnants auf der Kommode nicht zum Vergnügen
der Tante, und indem sie sich daran erinnerte, was in diesem Zimmer
sich gegen ihre Wünsche zugetragen hatte, überfiel sie ein ärgerlicher
Verdruß, den sie schwer verbarg. Unterdessen sagte sie singend und
unteilnehmend: »Dann sieh nur, daß du morgen wieder zu brauchen bist!«
und verließ sie, ohne nach einem Wunsch gefragt zu haben.
Von Lindes Zimmer weg stieg sie in die Küche hinunter, um zu sehen,
was zu tun sei. Kochen war nun gerade die Angelegenheit, von der sie
am wenigsten verstand. Außerdem wäre es zu einem richtigen Mittagessen
zu spät gewesen. So fand sie zu ihrem und zum Glück des Dechanten
einen Teller kalte Kartoffeln, die sie briet, und ein Töpfchen mit
ebensolchem Kohl von gestern, den sie aufwärmte. Der Dechant fand das
Glück jedoch nicht übermäßig, und er aß mit geringer Begeisterung.
Da er nun außerdem dem Weib, um das sich soviel Dunkelheit und
gefährlicher Schein zusammenzog, am Tisch allein gegenübersaß, war ihm
auch innerlich nicht wohl, und flogen seine Gedanken wie Schwalben,
denen man das Haus zerstört hat, irrend und unermüdlich um sein
zerstörtes. Sie beobachtete ihn eine geraume Weile; schließlich fand
sie es für gut, das Wort an ihn zu richten.
»Du bist heute schlechter Laune, mein Freund«, redete sie ihn leicht
lächelnd an. »Ich glaube, daß du diesen Morgen üble Post bekommen
hast. Darf man nichts davon hören? Es wird ja doch mit dem Kirchenbau
zusammenhängen, mit dem dein ganzes Wohl und Weh verknüpft ist. Ist dir
wieder ein Vorgesetzter in den Weg gefahren?«
Der Dechant zuckte die Schultern. »Es ist die alte Leier«, sagte er
unlustig. »Den Leuten dauert alles zu lang; sie glauben, ein Münster
bessert sich in einem Tag aus wie ein Ziegenstall.«
»Mit dem Unterschied, daß unter einem Ziegenstall keine besonders
wertvollen Geräte gefunden werden«, meinte sie mit leichter Laune.
»Mein Freund, man muß nicht mit Leuten über Dinge disputieren, die sie
nicht verstehen. Wer etwas durchführen wollte, hat es noch allemal
allein schaffen müssen.«
»Ja, wenn die verschiedenen Instanzen nicht wären«, brach er los; ihre
Anteilnahme löste ihm die Sprache wie Malzzucker den Husten, und so
kam er, ob er wollte oder nicht, auf seine alte Chronik und den Schatz
im Chor zu sprechen. »Gut, wenn ich davon nichts wüßte, so möchte doch
jeder zu seinem Recht kommen. Aber zu denken, daß wir das Chor schon
vorgehabt haben und vielleicht nur zehn Zentimeter mit der Spitzhacke
von dem Gewölbe entfernt waren --!« Er schlug sich leidenschaftlich mit
der flachen Hand vor den Kopf, ohne zu vollenden.
»Nun, und wer steht dir im Weg zu diesem Schatz?« fragte sie.
»Der Erzbischof!« achselzuckte er lakonisch; sie hörte, daß hier vor
seinem Zorn eine Barre über dem Weg lag, und hielt es für gut, sie zu
achten.
»Er wird dir schon nicht die Handschrift in Luft auflösen«, sagte sie
tröstend.
»Das ist's ja«, zweifelte er trübe. »Wird er was darauf geben? Um einer
alten Handschrift willen, die nicht einmal beglaubigt ist, darf er
nicht einen solchen Aufwand an Zeit und Mitteln neuerlich zulassen.«
»Wird das einen so großen Aufwand geben?« erkundigte sie sich. Er
erklärte es ihr.
»Mit den nötigen Leuten wäre alles zu leisten, aber die kosten auch
wieder Geld, und ich bin zu Ende. Ob wenigstens die Regierung auf die
Handschrift sich bewegt, ist mehr als fraglich, ohne Beziehungen, wie
ich dastehe. Wäre sie mir doch ein Vierteljahr früher in die Hände
gekommen. Ist aber das Haus einmal geweiht, so kann ich überhaupt an
nichts mehr denken.«
»Das heißt«, warf sie lächelnd ein: »Du wirst an gar nichts anderes
mehr denken als an den vergrabenen Schatz. Aber wie wäre es, wenn wir
die Sache in der Stille miteinander machten? Wieviel brauchst du denn?
Fünftausend? Zehntausend? Ich stehe dir vollständig zur Verfügung. Du
wirst doch keine unüberwindliche Abneigung gegen protestantisches Geld
haben?«
Aber der Dechant schien eine zu haben. »Liebe Malva«, sagte er erkältet
und spröde abspringend: »Das ist gutgemeint, und ich danke dir, aber
darüber können wir nicht reden. Ich habe ohnehin schon genug Geschrei
um mich.«
Sie merkte, daß sie sich wieder zu weit vorgewagt hatte, und schwieg
ein Weilchen. Dann versuchte sie, der Sache von einer andern Seite
beizukommen. »Sieh mal«, sagte sie endlich, »du solltest mir nicht die
einzige Gelegenheit verwehren, die lange Gastfreundschaft, die ich
hier genieße, durch einen kleinen Dienst ein bißchen auszugleichen.
Du wirst mich nämlich noch nicht ganz bald wieder loswerden, außer
wenn du aggressiv gegen mich vorgehst. Die kleine Stadt und das
stille Haus mit seiner saubern und einfachen Atmosphäre tun mir
wohl. Ich habe nicht die beste Zeit hinter mir. Davon sprachen wir
noch nicht. Du weißt vielleicht noch, wie äußerlich und verhastet du
mich von Anfang fandest. Es war etwas Aufgelöstes und Zielloses in
mir. Gott, dieser Krieg mit seinen Aufregungen! Dann die Prozesse
um den wissenschaftlichen Nachlaß meines Mannes, bei denen beinahe
jede menschliche Gemeinheit wenigstens einmal irgendwo durchschlug.
Degoutant ist die Eitelkeit und Perfidie in dieser wissenschaftlichen
Republik. Nachher das ungeregelte Leben mit Schauspielern und
Literaten, durchdisputierte und -gerauchte Nächte auf Diwans oder auf
Teppichen am Boden -- wild, selbstbetäubend -- alles um die Öde des
Lebens zu füllen, während da draußen das Große vor sich ging. Nun, ich
will dich nicht mit Einzelheiten beschweren. Genug, von dieser Unruhe
-- vielleicht war's auch eine Hysterie, die in der Zeit lag -- davon
habe ich hier schon vieles verloren. Inzwischen wird meine kleine Villa
fertig werden; in die Großstadt zurückzugehen hätte ich jetzt einen
Schauder. Bist du also nicht durchaus gegen mich eingenommen -- ich bin
ja nicht immer ein bequemer und vergnügter Mensch --, so möchte ich bei
dir erst ganz zum innern Gleichmut kommen, bevor ich mich wieder weiter
hinaus wage. Ich bin immer noch nicht gewisse quälende und verfolgende
Traumgesichte los. Manchmal ist's mir, als ob ich über Kellern mit
Leichen lebte. Aber reden wir nicht weiter davon. Du hast also
gewissermaßen eine Mission an mir. Und nun also, wie gesagt, wäre ich
dir geradezu dankbar, wenn du mir Gelegenheit gäbest, auch dir in einem
dir wichtigen und wertvollen Handel zu helfen. Ich müßte sogar sagen,
daß es mir nicht möglich wäre, länger hier zu sein, wenn du mich daran
verhindertest. Das Leben ist doch ein Geschäft auf Gegenseitigkeit.«
Der Dechant war mit einiger Verwunderung in den Augen diesen
Ausführungen gefolgt, und die vertraulichen Eröffnungen machten
immerhin einen gewissen Eindruck auf ihn, wenn auch keinen durchaus
angenehmen. »Du kannst natürlich bei uns bleiben, solange du dir
einen inneren Vorteil davon versprichst«, sagte er, über Widerstände
zustimmend. »Ich wußte nicht, daß dein Besuch bei uns etwas wie eine
Flucht vor der Welt darstellt. Und da auch Linde gegenwärtig nicht zum
besten im Stand ist, so kann es nichts schaden, wenn sonst noch jemand
sich um das Haus kümmert. Darin würde ich schon Vergeltung genug sehen.
-- Was dann das andere angeht, darüber können wir ja noch reden«,
schloß er, froh, mit einem guten Abgang den Tisch aufheben zu können.
Im Lauf des Nachmittags zeigte er ihr aber immerhin die alte Chronik,
da sie darum bat, und die Pläne des Münsters und ging sogar mit ihr in
die Kirche hinüber, um die Anstalt am Platz zu betrachten. Er konnte
gar nicht recht hinsehen vor Herzweh und Leidenschaft, indessen die
Klingse allerlei Interessiertes und sogar Gescheites über die Sache
vorbrachte und jedenfalls in aller Zurückhaltung ganz seine Partei war.
Das tat ihm dann doch wieder wohl, und er begann heimlich mit schwach
gelichtetem Mißtrauen nach den fünf- oder zehntausend Mark zu schielen,
aber doch immer noch mit Mißtrauen.
In der Zeit -- es ging wohl an die zwei Stunden -- lagen die beiden
Patienten mutterseelallein im Haus und konnte mit ihnen passieren,
was wollte. Brigitt hatte richtig nichts zu essen bekommen, und der
Dechant dachte vor lauter ungehobenen Schätzen auch nicht an sie. Über
Lindes Zustand besaß sie Nachricht. Das Mädchen hatte sich trotz aller
Schwäche einmal hergeschleppt, um zu sehen, ob sie auch zum Ihren
gekommen sei. Brigitt log: ja, und trieb nur erschreckt, daß Linde
wieder ins Bett kam. Unterdessen litt sie erheblichen Hunger.
Als man ins Haus zurückkehrte, erinnerte er sich ihrer, aber nicht
wegen ihres leiblichen Wohls, sondern wegen des bischöflichen
Sendschreibens. Bald darauf trat er durch ihre Tür. Sie dachte, er
wolle sie nur so wieder einmal besuchen, und war sehr erfreut.
Die Eingangsfragen des Dechanten nach ihrem Befinden beantwortete
sie mit einer dankbarlich stolzen Miene, denn wenn ihr Herr sie mit
einem Besuch bedachte, so befand sie sich wohl. Darauf kam sie mit
einer ernstlich besorgten auf das Mädchen zu sprechen, und er wurde
schweigsam. Als er darauf seinem Ziel näherrückte, wurde ~sie~
schweigsam. Schließlich schwiegen sie beide, sie mit peinlich
verschlossenen Zügen, denn sie dachte an Lindes Verbot, wenn sie auch
in Angst gehorchte, er mit ratlosen und erbitterten, denn jetzt blieb
ihm nur noch die Tante übrig oder vor dem Erzbischof das Bekenntnis,
daß er nicht wisse, was in seinem Haus vor sich gehe, abgesehen von
einer Verschwörung gegen seine Person, deren Grund oder Absicht er aber
ebenfalls nicht kannte. Still, doch unbehaglich grollend verließ er
endlich die Magd, die in Kummer über die notgedrungene Verschweigung
zurückblieb, außerdem selber ein bißchen grollend über seine ablehnende
Haltung, als sie ihm von Lindes Zustand gesprochen hatte. Fehlte es
ihrem Leib daher noch bis abends, wo ihr die Tante durch ein fremdes
Kind ein bißchen Essen hinaufschickte, durchaus an Nahrung, so hatte
ihr Geist dafür mehr als genug, wenn sie an die drei Hausgenossen
dachte, an jeden mit den zugehörigen Gefühlen. Zum Glück hatte ihr
Linde heute früh das ungebärdige Wesen gebrochen, so daß ihr Herz einen
geduldigen und ziemlich treuen Takt schlug. Früh nach dem Nachtessen,
von dem sie wenig aus der Hand der Feindin genoß, schlief sie ein; als
sie nachts doch einmal von ihrem Herzen erwachte, fand sie Linde neben
sich.
Der Dechant beschloß, die Tante aus diesem Spiel zu lassen. Er sah
Linde, die am nächsten Tag ihren gewohnten Wandel fortsetzte, wenn auch
trotz ihres Ruhetages unerquickt, durch den Schluß der Woche stets
ergrimmter zu. Am Sonnabendvormittag stellte er sie im Hausgang oben.
»Ich erwarte dich morgen zur Beichte«, sagte er fremd und leidend,
blickte ihr noch einmal beunruhigt ins blasse Gesicht und ging dann
mit raschen Schritten nach seinem Arbeitszimmer. Er hatte vor, die
Predigt zu machen, die er morgen zur Abwechslung wieder halten wollte,
weil er sich dazu aufgeregt fühlte. Aber es wollte ihm heute kein
Satz gelingen, so nahe ihm das Material dafür -- er dachte über die
Krankheit der falschen Leidenschaft zu reden -- zur Hand lag, nicht
nur in der Person seiner Nichte, sondern viel näher in der eigenen,
aber davon war ihm zur Zeit nichts bewußt. Fünf Blätter ballte er
ärgerlich zusammen und warf sie in den Papierkorb, bis eines auch
noch vielgeflickt und verschmiert zu den andern kam. Als er fertig
war, wußte er durchaus nicht mehr, wie der Eingang lautete, und beim
Nachlesen bemerkte er, daß dieser nicht im geringsten zum Schluß
stimmte. Gereizt und in ziemlich unfrommer Stimmung erschien er zum
Mittagessen, das ihm denn auch nicht bekam. Es befielen ihn bald
nachher Magenschmerzen, und er mußte Pfefferminztee bekommen; als
der nicht half, rüstete ihm Linde eine heiße Leibflasche, die etwas
Linderung brachte. Insofern hatte Linde ihre eigene Magenschwäche
nicht gestohlen; sie lag in der ganzen Familie. Auf den Nachmittagstee
verzichtete er, und zum Abend genoß er nur zwei Stückchen Zwieback,
obwohl es Heringe mit Kartoffeln gab, die er sonst zärtlich liebte.
Auch dies schrieb er dem Mädchen auf die Rechnung. Er konnte es
vor Groll fast nicht ansehen, obwohl es immer noch viel lieblicher
dasaß als die Tante, mit der er im wohlgebildeten Hin und Her der
Unterhaltung in aller Verstimmung höflich die Blicke kreuzte. Zeitig
nach einem verpfuschten Tag zog er sich zurück und konnte beinahe nicht
schlafen vor Erregung und vor Herzspannen auf den Morgen.
Fünftes Kapitel
Der Beichtgang. Ein alter Prozeß wird wieder betrachtet. Der
Gerichtstag
Als Linde am Sonntagmorgen zur Beichte ging, stand Bob umsonst
erwartend und mit kurzen, anfragenden Bewegungen seines Schwanzes
da, ob er mit dürfe. »Aber mein armes Kind, du bist doch ein
Heidenseelchen«, sagte sie und streichelte ihm den dunklen,
ausdrucksvollen Kopf. »Wie willst du denn mit Frauchen beten gehen?
-- Das Auge ist heute wieder schlimm; wir müssen's nachher ein wenig
waschen. -- Und dann riecht sein Fell wieder nach Mäusen, und das ist
immer das schönste an ihm!« schloß sie plötzlich leidenschaftlich,
drückte ihn rasch an sich und ging aus dem Vorgarten, während er
ihr mit seinem gesunden Auge ernst und denkend nachblickte. Darauf
führte er, irgendwie heimlich von ihr erregt, plötzlich die vordere
Streckung aus, nachher die hintere, um noch eine ganze Weile unmutig
herumzustreichen.
Linde war die Nacht wieder spät zu Bett gekommen. Über dem Schreiben an
Heinz und dem Denken an ihn war ihr die Zeit nicht eben glücklich aber
schnell vergangen, und schließlich hatte sie ihr doch etwas wie eine
Befriedigung zurückgelassen, denn es war ihr gelungen, ihm in freien
und lebendigen Worten zu sagen, warum sie dableiben müsse, wo sie war,
aber das Beste von allem hatte sie unter die Zeilen versteckt wie die
Mutter die Ostereier unter die Buchsbaumhecken im Garten; dort konnte
er suchen, wenn seine Sehnsucht am grünen ordentlichen Buchs noch nicht
satt wurde. Indessen hatte er der Klingse erst neulich angedeutet,
welche Art es mit seiner Unersättlichkeit auf sich habe, und zwischen
den Zeilen las er jetzt mehr bei ihr als bei seiner wahren Geliebten.
Daß er dabei immer tiefer ins Hungern geriet, bemerkte er halb und
halb, und er gab ganz dem Mädchen die Schuld daran, weil es ihn am
richtigen Zugreifen hindert.
Nachdem Linde den Brief in den Kasten geworfen hatte, trat sie in den
Dom. Der Beichtstuhl des Dechanten stand vorn im Schiff, linker Hand
vom Hochaltar. Sie kniete lange auf der andern Seite vor dem einzigen
Nebenaltar, den seine Altertumswut der Gemeinde gelassen hatte. Sie
betete nicht und dachte auch nicht an weltliche Angelegenheiten,
nicht einmal mehr an ihren Geliebten; sie war nur allein mit ihrer
unbeschrienen Stunde, ihrem Gefühl von sich und mit der Heiligkeit des
Ortes. Über diesem Ausruhen in Gott und im Anschauen der warmen, fromm
belebten Kerzenflammen, der Blumen und der heiligen Figuren auf dem
Altarbild versäumte sie beinahe die Zeit.
Der Dechant erwartete sie mit ebensoviel Ungeduld als Furcht, seitdem
er sie hatte durch die Kirche gehen sehen. Es würde ihn schwer
betroffen haben, wenn sie nicht gekommen wäre. Nun sie gesammelt
geradeaus zu ihm kam, wünschte er beinahe, sie wäre weggeblieben, und
nur die Hoffnung, daß sie wirklich zum Beichten bereit sei, verhinderte
ihn daran, ihr zu sagen, daß sie in Gottes heiligem Namen wieder gehen
solle, ehe sie diesen gelästert habe. Die formalen Eingangsfragen
stellte er mit Mühe und die nach ihrer Mitwisserschaft an fremden
Vergehungen beklommen und ohne Hoffnung; sie beantwortete sie ruhig und
still vertieft mit bescheidener Stimme und mit hingegebener Gebärde,
die ihn doch wieder etwas an sie glauben machen wollte. Als er aber
zur Hauptsache kam und sie ernst, doch nicht unväterlich auf eine
eigene Verfehlung zum erstenmal geradeheraus ansprach, zögerte sie
wieder einen Moment, während ihm das große Herz vor Angst klopfte;
dann erklärte sie fest, wenn auch mit derselben milden Stimme und der
gleichen ehrfürchtigen Haltung, daß sie sich keiner Verfehlung bewußt
sei. Sie war einmal unweigerlich entschlossen, das Geschick ihres
Liebsten, das sie in bekannter großherziger Weise auf sich genommen
hatte, als eine nicht durch menschliche Gespräche zu verwirrende
Angelegenheit zwischen ihm, ihr und Gott zu betrachten und zu erhalten.
An diesem Priester hinderte sie, daß er zugleich ein Mensch war;
sie hätte einen Erzengel gebraucht, und es war noch sehr die Frage,
ob sie diesem gebeichtet hätte. Darum lehnte sie auch des Dechanten
dringende Aufforderung, ihr Geheimnis der unpersönlichen Kirche Gottes
zur Beurteilung und Absolution zu übergeben, still und streng ab, denn
die Kirche, was sie davon begriff, stand auf persönlichen Menschen.
Sie kniete da mit blassen, ernsten Zügen, die neuerlich viel bisher
verborgen gewesene Lieblichkeiten ergreifend zeigten, und verweigerte
in völliger Gefaßtheit, so daß er die seine darüber verlor. Einige
Augenblicke schwieg und überlegte er, einen geistlichen Zornanfall
schwer niederkämpfend. Endlich sagte er noch ganz darin lodernd und
rauchend wie in einem feurigen Busch: »Die Kirche hat Macht, zu lösen
und zu binden. Sie löst und bindet dich zugleich. Sie stellt dich auf
dein Gewissen, wohin du dich selber gestellt hast. Der Weg zur heiligen
Kommunion steht dir frei, aber auf deine Verantwortung. Geh in Gott,
wenn du's vermagst.«
Was ihn am heftigsten erschütterte, war die Erfahrung, daß ein
Sakrament, das er bisher für eine unbedingte Macht gehalten hatte,
die er nur im vollen Ernst zu handhaben brauchte, um ihrer sozusagen
automatischen Wirkung gewiß zu sein, ihm in einem ernsthaften Fall wie
eine schlechte menschliche Waffe in der Hand splitterte und wirkungslos
am seelischen Gegner zerbrach. Das bestürzte ihn geradezu und griff
ihm als Schreck an seine apostolische Grundlage, wo wie der Staub
beim Erdbeben sich in geheimer Regung der Zweifel vom Boden löste und
in Schleiern aufzuwallen begann. Inzwischen kniete Linde noch ein
Weilchen betend und in sich gekehrt, wie ihm, der sie mit brennenden
Blicken beobachtete, schien. Dann erhob sie sich, um langsam, aber mit
gewissen, sicheren Schritten die Kirche zu verlassen. Zur Kommunion
trat sie nicht an, und sie hatte auch nicht die Absicht dazu gehabt.
Sie wollte ihm nur zu Willen sein, soweit sie das vermochte; darüber
hinaus ging sie den selbstherrlich betretenen eigenen Heilsweg weiter,
in ihrem Herzen nicht weniger katholisch als zuvor und jedem freien,
heiligen Symbol leidenschaftlich zugetan. Er seinerseits, als er die
ganze Reihe der Kommunikanten versehen und sie nicht darunter erblickt
hatte, atmete auf wie nach einer glücklich überstandenen großen Gefahr,
aber nicht im Gefühl, daß damit etwas gewonnen sei. Der Abgrund, der
einige Augenblicke sie und ihn hinabzureißen gedroht hatte, drohte
weiter, nämlich die finstere Erscheinung ihrer Schuld, von der er
jetzt fest überzeugt war. Als er das Mädchen beim Mittagessen nach
vollbrachter Predigt wiedersah, schien es ihm fremd und unheimlich wie
eine Kranke, die eine Gehirnentzündung zwar mit dem Leben überstanden,
aber darüber die Gnade der Vernunft verloren hat.
Im Verlauf dieses Essens brachte die Tante, die jetzt allerlei neue
Regsamkeit entfaltete, die Unterhaltung auf Familienzerwürfnisse und
was damit zusammenhängt oder dabei in die Brüche geht und kam auf
diesem Weg, worauf die ganze Anstalt angelegt war, auf ihr eigenes mit
diesem Haus zu sprechen, leicht und lächelnd, wie man lange verwundene
und beinahe ganze vergessene Vorkommnisse behandelt, die inzwischen
Gesprächsstoffe geworden sind.
»Ja, was ist eigentlich seither aus dem mysteriösen Buch geworden?«
fragte sie wie aus einem frischen Einfall heraus. »Hat es sich
inzwischen irgendwo gefunden?«
Der Dechant verneinte, und sie fuhr im gleichen angeregten Ton weiter.
»Tolle und eigenwillige Tage waren das eigentlich. Wir waren alle jung
und rigoros. Mit der Zeit geht man mit seinen Freundschaften sparsamer
um, und daß Menschen einander im wahren Wert entdecken, dazu gehören
auch Gelegenheiten. Ich bin ja überzeugt, daß die Kinder mit dem Buch
zu tun hatten. Sie waren in jedem Fall Racker, wie übrigens alle echten
Kinder. Man muß Kinder nie mit den gewöhnlichen moralischen Maßstäben
messen. Daß sie nicht von besonderer Liebe zu mir besessen waren, das
haben sie ja reichlich und stets unmißverständlich manifestiert; Linde
legte sogar meinen Namen ab. Es ist nichts so amüsant als ein großer
Zank, wenn er vorbei ist. Sieht man zurück, so haben sich fast immer
alle blamiert und ihre übelsten Seiten aufgedeckt, die sie sonst sehr
sorgfältig verbergen. Aber ich meine, Linde könnte uns jetzt schon
verraten, wo sie mit dem Buch geblieben ist. Die Verheerungen, die sie
angerichtet hat, sind ja inzwischen repariert, und die Heimlichkeit hat
keinen Sinn mehr. Wo ist das Buch, mein Kind?«
Der Dechant horchte einigermaßen überrascht von den neuen Ausblicken
auf einen alten Prozeß auf und war sofort davon überzeugt, daß seine
Schwägerin ihre Gründe habe, sich in dieser Weise hören zu lassen.
Schon ordnete er das Vernommene in das neue Charakterbild seiner Nichte
ein und fand, daß alles genau zu den übrigen Tatsachen paßte. Daß Linde
dann unbewegt mit feindlicher Miene sagte, sie habe das Buch nicht,
schien ihm nur programmatische Bedeutung zu haben, indem sie damit ihr
System der Heimlichkeiten und Ableugnungen fortsetzte. Die Tante lachte.
»Das will ich schon glauben, daß du es nicht in der Tasche mit dir
herumführst. Aber wo ist's hingekommen? Sicher habt ihr's verkauft,
um Konfekt und Feuerwerk dafür zu erstehen. Man wird euch heute doch
nichts mehr nachtragen; das wäre geradezu töricht, ebenso wie die
fortgesetzte Geheimniskrämerei eurerseits. Daß du aber mit dem Buch
nichts zu tun gehabt habest, das wirst du jetzt ja wohl selber nicht
mehr behaupten wollen.«
Nun lag Linde nichts mehr an diesem alten kindlichen Symbol, das durch
ein neues, reifes längs ersetzt war, und wenn der Teufel in eigener
Person gekommen wäre, um sie danach zu fragen, so hätte sie's einfach
zugestanden, selbst auf die Gefahr hin, dafür geradeswegs in die
Hölle fahren zu müssen. Auch dem Dechanten hätte sie auf eine gute,
unherrische Frage bescheiden und offen Auskunft gegeben, aber in diese
hochmütig falsche Physiognomie war es ihr schlechterdings unmöglich.
»Ich kann dir den Gefallen tun oder nicht tun«, sagte sie, ihren
geheim drohenden Blick feindlich aushaltend. »Du scheinst dir etwas
davon zu versprechen. Gut, wir haben das Buch weggeschafft. Inwiefern
bist du jetzt besser daran?«
»Du willst also noch heute den Anschein erwecken, daß ich damals
die Schuldige war?« entgegnete die Tante etwas schrill. »Solch ein
Widersinn! Wenn sich hier jemand etwas verspricht, so scheinst doch
du es zu sein, meine Liebe. Aber ich fürchte, du wirst dich am Ende
verrechnet haben. Das Leben geht weiter, gutes Kind.«
»Dann weiß ich nicht, was du willst«, versetzte Linde unbewegt.
»Ohnehin vermengst du die Dinge. Ich habe nicht gesagt, daß ich in
dem Menschen, der das Buch genommen hat, auch den wirklich Schuldigen
erblicke. Das kann doch gut wieder eine Sache für sich sein. Warum läßt
dich die Geschichte nicht ruhen? Wenn ich jemand nach dem Ganzen stehe,
so kann ich doch meinetwegen auch noch ein Buch entwendet haben. Was
liegt also daran!«
Beinahe verlor die Klingse ihre vielberühmte gute Haltung in allen
Lebenslagen.
»Das Mädchen ist doch wirklich sonderbar!« sagte sie zum Dechanten
gewendet mit einem etwas dünnen Lächeln, das er nicht erwiderte.
»Wem willst du denn nach dem Ganzen stehen, du Kücken?« wandte sie
sich mißtönig auflachend wieder an Linde. »Ich glaube, du solltest
etwas niederschlagende Mittel einnehmen. Ich habe dich nachgerade im
Verdacht, daß du in deiner ständigen Erkältung immer mit einem leisen
Fieber herumläufst. Willst du dich nicht in ärztliche Behandlung geben?«
»Vielleicht«, sagte Linde, ihren falschen Ton kurz abweisend, und erhob
sich, um das Geschirr abzuräumen und den Nachtisch aufzutragen. Die
Tante sah ein, daß sie es nachgerade mit einer nicht ungefährlichen
Gegnerin zu tun hatte, und über ihre herausfordernde Haltung machte
sie sich ernsthaft Gedanken, weil sie nicht wußte, wozu sie dadurch
unter Umständen verlockt werden konnte. Sie beschloß, solche Angriffe
in Gegenwart des Dechanten künftig lieber zu unterlassen und sich auf
scheinbar harmlosere Anlässe zu verlegen, bei denen sie zustechen
konnte, ohne dem Mädchen Gelegenheit zu größeren Gegenschlägen zu geben.
Nach dem Essen wurden der Dechant und die Klingse in seinem Zimmer, wo
sie ihn jetzt manchmal ein bißchen besuchte, bei einer Tasse Kaffee
über Lindes Fall noch vollständig einig. Linde zog es vor, gleich
ihr Geschirr zu waschen, um nachher eine erlaubte Sonntagsruhestunde
zu haben, die sie wohl brauchen konnte. Der Dechant war der Meinung
der Tante, daß die Kinder mit dem Buch zu schaffen gehabt hätten,
und daß das herausfordernde Scheinbekenntnis auf Wahrheit beruhe.
Unterdessen wurde ihm das Verlangen nach dem seltenen und kostbaren
Stück wieder rege, und als am Ende die Klingse eine Haussuchung bei
dem Mädchen vorschlug, fiel die Anregung nicht ganz auf unfruchtbaren
Boden. Seine Bedenken widerlegte sie leichthin. Manchmal müsse im
Interesse des Ganzen die höhere Autorität durchgreifen, zumal das
Mädchen ein unberechenbarer Kopf sei und von selber aus der Affäre
niemals herausfinden werde. Außerdem wisse man doch auch nicht, welche
Motive es über dem Buch so festhielten. Soviel sie wisse, enthalte es
etwas drastische Illustrationen zu den angeblichen Schönheiten der
christlichen Kirche, in Wahrheit der berühmten Sulamith, und zu dem
Liebesverkehr zwischen ihr und Salomo. Der Dechant sei überhaupt zu
tadeln, daß er solche Spezialitäten nicht sorgfältiger unterbringe; man
könne nun nicht wissen, was das Buch sonst noch alles verschuldet habe.
Der Dechant suchte sich ihrer etwas kahlen Bewertung des sanktionierten
Buches zu erwehren, aber in der Anwendung auf das Mädchen schlug sie
durch, und die Haussuchung wurde beschlossen; der Dechant erteilte der
Tante den formellen Auftrag dazu.
Mit diesem Beschluß besserte er freilich nichts an der Beklommenheit,
mit welcher er der morgigen Audienz beim Erzbischof entgegensah. Die
Tante versuchte noch einmal vorsichtig, ihren lackledernen Schuh auch
auf diesen Weg nach Canossa zu setzen, aber sie merkte, daß der Boden
für sie Glatteis war, und zog den Fuß unauffällig zurück. Für den
Rest des Abends wünschte er dann allein zu sein und brachte es auch
zustande, ohne viel Vergnügen davon zu haben. Die Nacht schlief er
nicht, und am andern Morgen saß er schweigend wie ein Grab im Abteil
zweiter Klasse und fuhr zum Gerichtstag.
Der Anfang der geistlichen Unterhaltung wickelte sich genau so ab,
wie er erwartete, der Fortgang nicht nach Wunsch, und der Schluß nahm
eine strenge, überraschende Wendung. Ihn empfing ein hoher Greis
in der schwarzen Soutane, mit wenig äußeren Abzeichen der Würde,
dagegen, wie ihm schien, seit dem letzten Sehen noch vermehrten
innern. Er wurde sitzen geheißen, und so begann das Verhör. Gegen die
vernachlässigte Gemeindepflege und die vielen ausgefallenen Predigt-
und Beichthandlungen konnte er sich nicht verteidigen; dafür nahm er
gefaßt und düster einen wohlverdienten ernstlichen Verweis hin. Über
die Ursache und Quelle aller dieser geistlichen Verdrießlichkeiten, die
Kirchenrenovation, wurden dann die sehr ernsthaften Männer miteinander
einig, das heißt, der Dechant wurde mit dem Erzbischof im Prinzip
einig, daß diese ärgerliche Kirchenstörung jetzt ein Ende haben
müsse. Der Erzbischof, eine freie, männliche Gestalt von bedeutender
Eindrucksfähigkeit, erklärte sich noch des näheren dazu.
»Habe ich dich zum Kunst- und Totengräber der Gemeinde bestellt oder
zum obersten Seelsorger? Hast du eine unüberwindliche Leidenschaft,
zu graben, so grabe in deiner Gemeinde, aber nicht nach Kunst,
sondern nach der göttlichen Natur, und nicht nach toten Dingen,
sondern nach lebendigen Seelen. Dagegen wirst du genug Kunst und noch
viel mehr herzliche Natur und Frömmigkeit brauchen, um die frühere
Willigkeit und den verlorenen Kirchensinn deiner verwilderten Gemeinde
wiederherzustellen. Du hast eine murrende und aufsässige Parochie,
die dich denunziert, und eine solche Verfassung ist der rechte Boden
für sittliche Verwahrlosung und für jede unbotmäßige und auflösende
Anregung von außen. Die Altertumskunde steht auf keinem ausgesetzten
Posten, aber deine Gemeinde. Als ich dich darauf setzte, versprach ich
mir von deinen mystischen Kräften eine Erweckung der Seelen zu Gott
und eine Erregung Gottes für deine Seelen, aber ich bemerke, daß du
die Seelen, anstatt sie zu erwecken, verdrießest, und Gott ist nicht
durch deinen großen Glauben erregt, sondern durch dein eigenwilliges
und ungefaßtes Treiben gestört. Von der Fürstlichkeit deiner Mission
zwischen Gott und deiner Gemeinde gibst du der Welt wenig Begriff. Wie
soll die Welt glauben, wenn du ihr nicht Gott erscheinen läßt? Und wie
soll Gott erscheinen, wenn du nicht täglich neu sein Schöpfer bist?
Willst du aber Kunstgeschichte erscheinen lassen, so bewirb dich um
einen Lehrstuhl. Du bewarbst dich um einen Auftrag der Ewigkeit, als du
die Weihen nahmst, und hast bisher noch keine gegenteilige Erklärung
getan. Das unendliche Wesen, das die Welt erfüllt, hat kein Interesse
an alten oder neuen Kreuzen, Monstranzen und Meßgewändern, sondern
an frommen und ergriffenen Seelen und am Glück seiner Erscheinung in
der Zeitlichkeit. Wenn es nicht durch unsre erleuchtete Zeugungs- und
Zeugenkraft in der Gemeinde erscheinen kann, durch welches Medium soll
es dann erscheinen? Die Welt ist roh und zynisch, und das menschliche
Hirn ist dumpf und eng. Mit diesen verhindernden und gottfeindlichen
Eigenschaften hängst du durch deine Eitelkeit zusammen. Du bist der
Ewigkeit zugewandt, oder du bist der Welt zugewandt. Steckte in dir
nichts als ein beschlagener Pfaffe, von denen alle Wege wimmeln,
so möchtest du auch noch laufen. Aber von dir will ich mystische
Entfaltung sehen, und darum befehle ich dir durchaus: Laß diese
Liebhaberei, die dich zur Liebe unfruchtbar macht! Sieh zu, daß du
mir nicht länger deine Gemeinde im Glauben störst und Gott in der
Erscheinung verhinderst. Du läufst Gefahr, zwischen diesen beiden
Mächten vernichtet oder versteinert zu werden, aber ich würde nicht so
lange zusehen.«
Nach dieser ernsten Zusprache wäre dem Dechanten eigentlich nichts
anderes übriggeblieben, als sein Herz vollkommen zu geben oder
vollkommen zurückzunehmen. Er tat immer noch keines von beiden,
sondern war zwar zum ersteren grundsätzlich bereit, suchte sich aber
vorher den Gewölbeschatz aus dem Dreißigjährigen Krieg zu retten,
was jeder vernünftige Mensch an seiner Stelle getan haben würde.
Und zwar versuchte er in aller Bescheidenheit den Gegenbeweis gegen
die Behauptung zu erbringen, daß das höchste Wesen kein Interesse
an Kreuzen und Geräten habe, besonders an solchen, die durch Alter
und Geschichte geheiligt seien. Sobald es feststehe, daß die Kirche
Gottes Offenbarung in der Endlichkeit sei, stehe es auch fest, daß
diese Kirche Symbole und Mittel der Veranschaulichung brauche, und daß
darunter jene die zweckmäßigsten seien, die den frommen Grundgedanken
am frömmsten und am nächsten beim Grund erfaßten und ausdrückten.
Diese Nähe könne sich dokumentieren sittlich und zeitlich, sittlich
durch das augenblickliche starke Erleben, das aber jetzt ganz fehle,
zeitlich durch das Herkommen aus stark erlebenden Epochen, wie die
frühen Zeiten des Christentums und das Mittelalter welche gewesen
seien. Solche Symbole könnten darum niemals tote Geräte sein, weil
sie ihr Leben in sich trügen, das sie offenbarten ebenso durch die
Erscheinung in der Wahrnehmbarkeit wie jedes Sein. Darum stehe er auf
dem Standpunkt, die Aufdeckung solcher alten Formen der Frömmigkeit
für ein verdienstliches Werk zu halten, weil eine Ergriffenheit immer
die andere wecke, und zwar eben durch das sinnenfällige Erlebnis,
welches sich dann in der Seele zum übersinnlichen umsetze. Den
deutschen Katholizismus zum Beispiel aus der formalen Verflachung und
Vergröberung aufzuschrecken oder herauszulocken, in die ihn der im
Grund ganz weltliche und phantasielose jesuitische Barock gebracht
habe, der jetzt überall herrsche, bedeute ihm eine Tat und eine
Erweckung. Die großen Epochen der deutschen Kirche seien unter den
Zeichen der Gotik gegangen, und eben diese innigen und ergreifenden
Gestaltungen einer verlorengegangenen deutschen Gefühlsweise seien
es, die er als Anschauungsmittel nicht nur der gedankenlosen modernen
Kirchenindustrie entgegenhalten wolle, sondern auch dem romanisierten
und ausländischen, undeutschen Kirchenstil im katholischen Deutschland.
Was der Mensch sehe, das erlebe er. Erblicke er überall banale, leere,
barocke Formen, pathetische, inhaltlose Heiligenbilder, Industriekreuze
und Industriemonstranzen, -Leuchter, -Fahnen, -Weihrauchfässer und
-Meßgewänder, so müsse auch das Erleben danach sein, das davon durch
die Sinne in die Seelen eingehe, denn in der Kirche erblickten die
Leute mit Recht das Vorbild und die große Erzieherin. Mit einem Wort,
er sprach sich zu guten Quellen durch und wurde so geistig frei und
eifrig, wie er nicht gedacht hatte, daß es ihm heute gelingen würde.
Er machte sogar dem hohen Herrn nun einen gewissen Eindruck, so daß
er anfing, aufmerksamer hinzuhören. Der Erzbischof war zwar zu alt
geworden, um noch auf Worte viel zu geben, aber auch erfahren genug, um
zu spüren, wo hinter ihnen ein Leben stand, und auf nichts so erpicht
wie auf dieses. Der erweckte nationale Ton, der aus den Darlegungen
des Dechanten klang, die Anrufung der gotisch-deutschen Kindlichkeit
gegenüber der jesuitischen-barocken Altklugheit berührten ihn in einer
Tiefe, wo während des langen schweren Krieges viele deutsche Menschen
leidend und wach geworden waren. Als sich dann aber die Beweisführung
wieder dem Kunsttrödel und im weiteren der alten Handschrift und dem
Gewölbeschatz zuwandte, kehrte sich der Greis mit einer enttäuschten
und etwas müden Bewegung von ihm ab.
»Woher nimmst du nur das viele Geld, das du in diese Liebhaberei
steckst?« fragte er, um zunächst nur seinen Verdruß zu überwinden,
aber mit einem immerhin so hörbaren unmutigen Ton, daß der Dechant,
der nicht den Dom, aber das ganze darin errichtete Tabernakel
seiner Ruhmsucht schon wanken sah, eilig mit Stützen herzusprang,
nämlich mit dem Interesse, das seine Bemühungen schon in weiten
Kreisen gezogen hätten, mit der indirekten geistlichen Wirkung
auf Gesellschaftsschichten, die sonst der Kirche, besonders der
katholischen, fernständen -- er dachte an die Klingse --, und mit dem
dorther rührenden neuerlichen Hilfeangebot, alles in allem diplomatisch
ganz brauchbare Argumente, nur daß sie auf den Erzbischof nicht wirkten
oder dann höchstens verdrießlich.
»Sprichst du von der Verjesuitung der Kirche und bist selber ein
Jesuit?« fuhr er ihn an, während seine deutschen blauen Augen ihn
unter den weißen Brauen hervor erzürnt anloderten. »Und willst du es
unternehmen, die Kirche mit einem so unsauberen und eitlen Besen zu
kehren? Mein Sohn, deine Reden von der Kindlichkeit der deutschen Gotik
und der innigen deutschen Seele scheinen mir zur Zeit noch blauer
Dunst, den du Gott, uns und deiner Seele vorzumachen strebst, um deiner
weltlichen Leidenschaft zu frönen. Deine ›interessierten Kreise‹ lassen
mich ganz gleichgültig, und was deine Bemühungen angeht, so untersage
ich dir, im Chor oder sonstwo in der Kirche auch nur einen Stein
umzuwenden. Die Renovation ist das Werk der weltlichen Behörde; ich
will nicht, daß du dich im mindesten weiterhin dareinmengst. Um noch
auf deine vorigen klugen Beweisführungen zurückzukommen: was war zuerst
da, ein erstes Äußeres oder ein erstes Inneres?«
»Unzweifelhaft ein erstes Inneres«, antwortete der Dechant ungern und
verstimmt.
»Es ist gut. Vergiß das nicht wieder, dann wird es dir nicht zu
schwer fallen, den vergrabenen Kirchenschatz zu vergessen. -- Ich
erhalte Mitteilungen über dein häusliches Leben oder das Leben der
andern in deinem Haus, die mir zweifelhaft erscheinen lassen, ob du
deine Angelegenheit noch so in der Hand hast, wie ich es bei einem
katholischen Geistlichen voraussetzen muß. Was ist das für eine Frau,
die unter deinem Dach wohnt?«
Der Dechant sagte, daß sie die Witwe seines Stiefbruders, des
Professors Klinger, sei, die in seinem Haus Heilung von einem
Gemütsleiden suche. Wenigstens äußere sie sich in diesem Sinn.
»Hm. Was hat das mit den Geschichten auf sich, die um diese Frau gehen?
Man erzählt sich von blutigen Ereignissen, an denen nach allem, was man
hört, etwas sein muß. Das übrige ist zu abenteuerlich, als daß ich es
anführen will. Was ist in Wirklichkeit vorgefallen?«
»Eminenz«, sagte der Dechant, während ihn sein ganzer
menschlich-geistlicher Bankrott wieder anrannte: »Eminenz -- ich weiß
es nicht.«
Der Erzbischof zog betroffen die Brauen hoch. »Du weißt es nicht?«
sagte er verwundert. »Du weißt nicht, was in deinem Haus geschehen
ist? -- Nun, dann bist du ein ebenso schlechter und blinder Hausvater,
wie du ein Seelensorger scheinst. Ich glaube, daß deine ganze
Aufmerksamkeit um den Gegenstand deiner Leidenschaft versammelt ist,
und so bietest du das für einen höheren katholischen Geistlichen nicht
eben würdige Bild eines balzenden Auerhahns.« Er betrachtete ihn einige
Sekunden mit sichtbarem Zorn. »Hattest du denn keine Mittel, diese
Geheimnisse in Erfahrung zu bringen? Oder hast du dich überhaupt nicht
um sie gekümmert vor lauter Antiquitäten?«
Der Dechant berichtete in großen Zügen den Hergang seiner vergeblichen
Bemühungen, hinter das Geheimnis zu kommen.
»Und die Beichte hat auch versagt?« fragte der Erzbischof.
Der Dechant bejahte, und der alte Mann schien einen Moment zu stutzen.
»Nun, ein Sakrament ist in der Hand eines Priesters, wozu es der
Priester macht«, sagte er dann ernst. »Sei heilig, und deine Sakramente
werden's auch sein. Sei eitel, und deine Sakramente sind's mit dir.
Sieh zu, daß diese Frau bald wieder aus deinem Haus kommt. Und laß mich
in einem Monat hören, wie es bei dir aussieht.«
Damit war der Dechant entlassen.
Sechstes Kapitel
Die weltliche Versuchung tritt an den Dechanten heran. Linde muß sich
ein peinliches Verfahren gefallen lassen. Eine Geburtstagsüberraschung.
Die Weihnachtsfeier
War der Dechant mit dem Schweigen eines Grabes hinausgegangen, so kam
er vollkommen abgründig zurück. Der Tante meldete er ziemlich lakonisch
den Erfolg der Audienz, und die Klingse sah ein, daß ihr ungefähr
soviel mehr erlaubt war zu sagen, als er mit seinen Äußerungen hinter
dem Erlaubten zurückblieb. So sagte sie denn, und es war allerlei
Kahles und Abschätziges über die Weltfremdheit eines Kirchenfürsten
dabei, und was sich sonst so mit guten Gründen unverfänglich noch
zwischen die beiden Männer werfen ließ. Es tönte ihm lange nicht alles
gut, dafür hatte er zuviel Ehrfurcht vor wirklicher Größe im Leib,
aber es fiel ihm doch auch schwer, ihr geradehin unrecht zu geben.
Einem gewissen Gedankengang, den sie heute zum erstenmal offener vor
ihm ausbreitete, hörte er zwar schweigend, aber nicht unaufmerksam zu.
Sie riet ihm, der Kirche sein Amt zur Verfügung zu stellen und sich
ganz der wissenschaftlichen Karriere zuzuwenden, wenn er denn doch
einmal seine Hauptbefriedigung auf diesem Gebiet finde. Sie könne ihm
sagen, daß es ihm gar nicht so sehr an Konnexionen fehle, wenn er nur
seinen Hang zur Selbstherrlichkeit aufgeben wolle. Zum genannten Ziel
ständen ihm bei den einschlägigen Leuten viele, wenn nicht alle Wege
offen. Längst sei man auf seine Tätigkeit aufmerksam geworden, und
seine Publikationen hätten Eindruck gemacht. Dazu komme, daß er nicht
als Fanatiker bekannt sei und man immer gern die Gelegenheit wahrnehme,
der katholischen Kirche oder dem Ultramontanismus ohne Beschwerden eine
Reverenz zu erweisen. Er solle sich darüber einmal klarwerden; was sie
könne, das wolle sie ihm sehr gern vorarbeiten, und sie glaube, daß es
nicht ganz unwesentlich sein werde.
Zu diesen Ausführungen sagte er also nicht viel, aber sie merkte wohl,
daß sie ihm zu denken gaben, und war dann klug genug, ihm das übrige
allein zur Weiterentwicklung zu überlassen. Dagegen nahm sie sich vor,
gleich einmal einen ersten Fühler nach jenen Regionen auszustrecken.
Ihren zweiten Vorschlag jedoch, sich ganz einfach über den Kopf des
Erzbischofs hinweg mit der weltlichen Behörde ins Einvernehmen zu
setzen oder noch besser die Nachgrabung mannhaft auf die eigene Kappe
zu nehmen, indem er die Sorge um Gewinn oder Verlust ihr überlasse, das
heißt, ihr den Verlust, während ihm in jedem Fall der Gewinn zufalle:
diese Versuchung wies er kurz und bündig ab. Inzwischen erwürgte er
beinahe an dem Verbot, und überfiel ihn jedesmal eine innere Tobsucht,
wenn er durch die Kirche ging und sein Blick ins Chor fiel, dessen
frisch gelegte, glatte, saubere Steinplatten solche Schätze bedeckten.
Übrigens kamen in dem Brief, den die Klingse nachher an einen
großstädtischen Freund schrieb, folgende Sätze vor:
»Sie werden sich wundern, daß ich mir so lange in einem hessischen
Kleinstädtchen gefalle. Aber erstens ist mein Schwager eine sehr
bedeutende katholische Persönlichkeit, und die Gelegenheit, in das
großartige Räderwerk der katholischen Kirche hineinzusehen, soll sich
unsereins nicht entgehen lassen, denn was wissen wir lutherisches
Volk von Rom. Es laufen hier schon allerlei Fäden zusammen, wie Sie
sich denken können. Es ist die bekannte historische Stelle, wo
jene germanische Eiche geschlagen wurde. Dann, wie Sie mich kennen,
werden Sie auch begreifen, wenn ich unermüdliche Schrittmacherin
des männlichen Talentes eine Gelegenheit nicht umgehen kann, meinem
Schwager in einer schwierigen Zeit etwas beizustehen. So ganz kann
ja auch ein katholischer Geistlicher nicht auf die spezifischen
Fähigkeiten der Frau verzichten, wenn er vorwärtskommen will, und zu
leicht verfallen diese Herren in den kleinen Verhältnissen, bevor sie
auf große Plätze kommen, der Liebhaberei, den Gefahren des bekannten
deutschen Gemütes. Er ist etwas metaphysisch versponnen, was der Sage
nach nicht einmal einem kirchlichen Karrierejäger zuträglich sein soll,
obwohl, ebenfalls der Sage nach, in der Kirche das Übersinnliche,
die Kraft des Gemüts das A und O aller Spekulation bildet. (Sie
schrieb diese Buchstaben griechisch, ohne Griechisch zu können.) Nun
vollends bei einem Menschen, dem möglicherweise ein großer Weg in
der Gelehrtenrepublik beschieden ist. Sie wissen ja genügend von den
kunsthistorischen Studien des seltsamen Mannes und haben mir selber zu
mehreren Malen etwas sehr Gutes darüber gesagt. Nun scheint es, daß er
sich mit dem Gedanken trägt, die geistliche Laufbahn mit der weltlichen
zu vertauschen. In Frage käme wohl ein kunsthistorischer Lehrstuhl,
zu dem nach meiner Meinung die Qualifikation wohl erbracht wäre. Ich
möchte, daß ihm in dieser Krise Förderung von außen entgegenkäme, und
Sie habe ich dazu besonders designiert. Recherchieren Sie einmal beim
Ministerium; Sie haben ja die offenen Wege dazu. Wenn Sie ernsthaft
rekommandieren, so wird man sich dort nicht verschließen. Und dann wäre
es sehr nett von Ihnen, wenn Sie einmal herüberführen, um sich die
geleistete Arbeit an Ort und Stelle anzusehen. Ich befehle es Ihnen
nicht geradezu, aber Gehorsam würde sehr guten Eindruck machen.
Sie sehen nun also, was für Interessen das sind, die mich über die
Entbehrungen trösten, die einer verwöhnten Großstädterin immerhin
bemerkbar werden. Aber nebenbei ist das ein so entzückendes,
originelles Städtchen, ein so bezauberndes historisches Denkmal der
alten, gemütvollen deutschen Seele, die, ach, so irrationell ist,
daß man sich daran nicht leicht satt sehen kann. Jeden Tag ist es
wieder neu. Außerdem ist es einfach eine Fundgrube für historische
Studien, denen ich mich ergeben habe, eine ganz glänzende, einzigartige
Gelegenheit, den charaktervollen Baustil einer vergangenen Zeit und
eines rein erhaltenen erdenstarken, ursprünglichen Volkes zu studieren.
Sie werden wieder sagen, daß die Kunstbegeisterung mit mir durchgehe,
und daß ich die Menschen als Volk überschätze. Aber was wollen Sie? So
ist man einmal geartet. Armseliger Volksfreund, den ein paar Fehler
abschrecken! Und das Volk ist doch der Nährboden! Es enttäuscht nie!
Das merken Sie sich nur, Sie kleiner Zyniker. Hier ist Gefühl, Kraft,
Übersinnlichkeit und sind innere Mächte fortwährend an der Arbeit. Was
wissen wir vom Volk!«
Was sodann das erzbischöfliche Gebot der Hausreinigung anging, so
verharrte der Dechant ihm gegenüber vorläufig in einer verstockten
und leidenden Regungslosigkeit. Abgesehen davon, daß die Tante jetzt
in manchen ihm wichtigen Angelegenheiten seine einzige Mitwisserin
geworden war, so hatte er sich auch sonst vielfach an sie gewöhnt,
und war sie ihm in einer Reihe von Dienstleistungen, in denen sie
nun doch Lindes Stelle vertrat, scheinbar unentbehrlich geworden.
Freilich störte ihn in dem neuen Vertrauensverhältnis eine innere
Unbehaglichkeit, die mit der Ermahnung des Kirchenfürsten wie mit
einem Sonnenspiegel in der Hand vor ihm stand und ihn jedesmal in die
Augen traf, wenn er sie eben mit einem offeneren Blick auf die neue
Hausfreundin richten wollte, so daß er auch auf dieser Seite zu keiner
Ruhe kam. Wie das Essen, so hörte allmählich das Leben auf, ein Genuß
für ihn zu sein. Die Geschichte des Domes starrte ihn neuerlich an
wie ein Klavier ohne Seiten und Tasten, und er brachte durch Wochen
keine Zeile mehr zustande. Sogar das Museum verlor seinen heimlichen
Glanz vor dem unheimlichen, den der Phantasieschatz in seinem Hirn
ausstrahlte; die schönen alten gotischen Sachen rückten ihm fern wie
auf höheren Befehl und sahen ihn von weitem fragend und ein bißchen
befremdet an. Den anbefohlenen Bericht nach einem Monat blieb er
weniger aus Trotz als aus Ratlosigkeit schuldig, unbeweglich den
Maßnahmen entgegensehend, die der Erzbischof weiter gegen ihn verfügen
werde. Aber er verfügte nichts, vor allem, weil er wußte, daß solche
Entwicklungen nicht auf Befehl marschieren; es hätte ihn vielmehr
befremdet, vom Dechanten per Ultimo pünktlich die erste Rate seiner
Bekehrung zu empfangen. Der Dechant seinerseits bemerkte mit einer
trüben Verwunderung, daß er vorläufig in Ruhe gelassen wurde.
In der Zeit ging die Haussuchung bei Linde vor sich. Die Klingse
übereilte sich nicht damit, sondern nahm sich eine Woche Zeit, bis
der Dechant selber danach fragte. Dann ging sie mit seinem vollen
zeitlichen Wissen daran. Das Hohelied fand sie nicht, dagegen hübsche
und ordentlich zusammengelegte Mädchenwäsche, einige stille Bücher,
darunter Calderons »Ein Leben, ein Traum«, eine kleine Ausgabe von
Schillers Werken und ein schönes Legendenbuch der hauptsächlichsten
Heiligen. Ferner fand sie, was sie ungern entdeckte: die
Liebesschriftstellerei des Soldaten an Linde. Sie warf diese Literatur
eines Gestorbenen innerlich erregt aus ihrem pietätvollen Begräbnis,
einem Ebenholzkästchen mit Silberbeschlägen, konnte aber dann doch
nicht dem schmerzenden Drang widerstehen, einen Blick hineinzutun. So
las sie mit geröteten Wangen und raschem Puls und Atem einige Seiten
aus seinen ersten Feldbriefen, die noch seine kindliche Seele und sein
reines sinnliches Feuer enthielten. »Geliebtes einziges Mädchen!« stand
auf der einen. »Das vergess' ich Dir meiner Lebtage nicht! Du weißt,
daß mir die Frau nicht fremd war, aber das, Du wahrhaftige Schönheit
und Güte, das gibt es auf der Erde einmal in Dir und nicht wieder.
Ich weiß nicht, ich muß ganz verwandelt sein. Manchmal meine ich, ich
müsse Dir gleichen. In meinen Händen habe ich ein Gefühl, als seien
es die Deinen, und als würde ich nie wieder eine Niedrigkeit damit
begehen, nicht einmal eine Gewöhnlichkeit. An Dir ist ja alles so
ungewöhnlich und unsagbar vornehm in aller Leidenschaft der Liebe.
Ich hätte niemals erwartet, daß soviel Weibs in Dir steckt. Glaube
nicht, daß ich der Narr bin, der so was jemals vergißt und aus den
Händen läßt. Dafür ist schon meine Habsucht zu groß, meine männliche
Gier nach Erlebnis und dem Außerordentlichen. In Dir sind ja Welten
von Überraschungen, Wohlgerüche, die in Wolken aus Dir aufsteigen.
Ich rieche noch völlig nach Dir. Nein, nein, Du Weib aller Weiber,
wo ein Mann einmal in einen solchen heißen Strudel des Frauenlebens
hineingeraten ist, der doch so kristallen und rosenrein und blumenbunt
-- Was sind Worte! Hätt' ich Dich wieder in den Armen! Ach du mein
Gott, was sind alle Gewitter der Schlacht und des Todes gegen diesen
Lebensorkan!« Soweit las sie, um dann mit einer erbitterten Aufwallung
plötzlich die »ganze idiotische Schreiberei« wegzupacken, das meiste
in die Schachtel zurück und den ärgerlichen Rest, den sie nachher noch
bemerkte, in irgendeine Schublade. So verschaffte ihr das Unternehmen
doch nur einen gewissen Triumph, nämlich einen gallenbittern und ganz
in Haß bebenden. Sie gab sich keine Mühe, Spuren verwischen zu wollen,
sondern hinterließ das Zimmer in dem Zustand, in den sie es gebracht
hatte, die Wäsche verwühlt und zerknittert, das Bett aufgerissen und
durcheinandergeworfen, Schranktüren und Schubladen offen, Bilder
umgestürzt und Bücher heruntergeworfen, das alles aber nicht aus
bewußter verletzender Absicht und vorgefaßter Berechnung, sondern aus
einer nervösen Hast, die einem hysterischen Anfall glich, im Bestreben,
möglichst bald wieder aus einer Atmosphäre herauszukommen, in der sie
wieder alles mögliche erlebt hatte, nur keinen moralischen Sieg. Um
sich von ihrem Anfall zu sammeln, brauchte sie außerdem nachher auf
ihrem Zimmer eine ganze Reihe von vernunftmäßigen Erwägungen und sogar
einige Mixturen, Kölnisches Wasser und eine Stunde unbewegliches Liegen
auf ihrem Langstuhl, und zum Essen erschien sie immer noch unruhig und
reizbar genug.
Linde erschien bleich und mit dunklen, stillen Augen, ohne sich eine
Mädchenblöße zu geben, denn im Leid besaß sie nun schon Erfahrung.
»Man ist heute in meinem Zimmer gewesen«, sagte sie, als auch der
Dechant da war, mit beherrschter Stimme. »Meine Sachen sind alle
untereinander gebracht. Kann mir jemand sagen, was das zu bedeuten hat?«
Die Tante wechselte einen Blick mit dem Dechanten. »Du nimmst also ohne
weiteres an, daß jemand von uns daran beteiligt war?« fragte sie mit
einiger Spitze zurück. »Sieh mal an, was für ein feinfühliger Mensch du
bist, und was für ein reines Gewissen du hast!«
»Ein Verbrecher hätte sich anders bewegt«, entgegnete sie kurz
und angewidert von ihrer Verstellung; auch dem Dechanten war sie
unangenehm. »Er hätte meine Uhr und meine Ringe mitgenommen.« Sie
schien das Thema fallen lassen zu wollen, aber die Haltung des Mädchens
reizte die Tante so auf, daß sie gegen ihre Absicht schneidend
versetzte:
»Und was hat man dir so mitgenommen?«
»Mir fehlen Briefe im Kasten«, antwortete Linde, indem sie ihrer
Gegnerin in die Augen sah.
Einen Moment betrachtete die Frau das Mädchen, verblüfft von dieser
Tollkühnheit, dann lachte sie amüsiert und ohne jeden Mißklang auf, so
daß der Dechant, der selber einen Moment gestutzt hatte, ihr glaubte
und sich gegen Linde wandte.
»Wenn du schon solche Maßnahmen gegen dich nötig machst«, sagte
er unwillig, »so solltest du mit deinen Äußerungen in diesem Haus
doppelt vorsichtig sein, denn wegen besonderer Wahrheitsliebe stehst
du gegenwärtig nicht im Vordergrund der Aufmerksamkeit. Die Briefe,
wenn sie dir wirklich an einem Ort fehlen, werden an einem andern zum
Vorschein kommen, wenn du suchst. Dagegen wirst du die Tante wegen
dieser Geschmacklosigkeit um Verzeihung bitten, und zwar sofort.«
Die Angelegenheit hatte dieser aber nicht erst jetzt eine unerwünschte
Wendung genommen, und sie legte sich abwehrend ins Mittel.
»Laß nur, Klemens«, sagte sie weise und welterfahren. »Bei solchen
erzwungenen Versöhnungsszenen kommt nie etwas heraus; keinesfalls sind
sie nach meinem Geschmack. Die Briefe werden in eine Schublade geraten
sein, und die ganze Bagatelle lohnt nicht die Worte. Inzwischen muß sie
erfahren, worum es sich überhaupt handelt. Meine Liebe« -- wandte sie
sich, jetzt wieder erhaben singend, an Linde --, »der Onkel hat mich
beauftragt, wegen des Buches in deinem Zimmer Haussuchung zu halten.
Hast du noch weitere Beschwerden, so wende dich bitte an ihn. Ich darf
mich wohl nach erfülltem Auftrag aus der Angelegenheit zurückziehen.«
So hatte sie sich nicht nur wiederhergestellt, sondern noch auf ein
vornehmes Piedestal gebracht, und dem Dechanten erschien es zum
erstenmal, daß dies Weib wirklich weltmännische Lebensart besitze. Er
richtete unwillkürlich sein weiteres Verhalten danach ein, und sie
bemerkte, daß sie Eindruck gemacht hatte. Da er ja ohnehin immer öfter
in sehr verschwiegener Erwägung nach der großen Welt ausblickte, wo
nach vielen glaubwürdigen Autoren Freiheit und Glück herrschen, so
gewann sie ihm als deren Vertreterin eine ganz besondere Bedeutung, die
jetzt immer mehr in den Vordergrund seiner Betrachtung trat; er ließ
sie in der letzten Zeit freier und breiter zum Sprechen kommen, froh,
daß er in der Hauptsache schweigen durfte, und sie war beflissen, vor
seinem schwermütig wühlenden Blick das Gespinst des geselligen Lebens
und der ungehemmten Personalmöglichkeiten auszubreiten, von denen ihm,
wie er selber dachte, zur Zeit das strengste Gegenteil zugemessen
schien. Doch gelang es ihr nicht, die steckengebliebene Geschichte des
Domes durch ihren Einfluß wieder in Gang zu bringen, sowenig wie sein
ganzes steckengebliebenes Leben, das unruhig vor dem Hindernis stand
und dunkel strudelnd und seine Überschwemmungstrümmer im Kreis treibend
seine Wassermarke höher schob.
Im Dezember näher bei Sankt Niklaus als bei Weihnachten hatte Linde
ihren Geburtstag. Sie bekam vom Dechanten ein paar neue Schuhe und
Briefpapier. Sein Glückwunsch lautete nur ihre Gesundheit betreffend
klar, sonst hielt er sich in mehr ausweichenden Wendungen und deutete
höchstens an, daß man sich von ~ihr~ etwas mehr Glück wünschen
möchte, aber die Aussichten dazu Gott anheimstellen müsse. Die Tante
schenkte ihr eine zu elegante, verschließbare und »diebessichere«
Kassette mit Geheimschloß und Metallbändern, das Ganze mit einem etwas
maliziösen Lächeln und mit dem Wunsch, daß sie im neuen Jahr viele
recht angenehme Briefe darin unterzubringen haben werde. Von Heinz war
pünktlich einer eingetroffen, doch ohne besonders angenehm zu sein. Er
wünschte in freundlicher und teilnehmender Weise für das neue Jahr eine
bessere Gesundheit und berichtete übrigens wieder von harten Kämpfen,
alles ein wenig enttäuschend und geschäftsmäßig. Die große freudige
Geburtstagsüberraschung wurde nicht von diesen Hauptpersonen, sondern
von der Magd ins Werk gesetzt und zu einer Tageszeit, als Linde schon
keine mehr erwartete.
Sie bestand darin, daß Brigitt am Nachmittag, als das Haus still war,
zum erstenmal sich wieder aus dem Bett herauswand, sich warm anzog und
hinunterkroch, um zu sehen, ob es auch einigermaßen geburtstagsmäßig im
Haus zugehe; für ihre Person hatte sie nichts davon bemerkt, und die
Unruhe ließ sie nicht länger im Bett. Sie fand eine sauber aufgeräumte
aber ganz gleichgültige und kalte Küche, eine leere Speisekammer und so
werktägliche, unfestliche Verhältnisse, daß ihr vor Zorn das Salzwasser
in die Augen sprang. Dabei blieb sie freilich nicht stehen, sondern
sie gab nicht eher nach, als bis sie durch anhaltendes Fechten und
Winken ein Kind ins Haus zog, das sie dann auf Einkäufe schickte zum
Bäcker nach Semmeln und Kuchen und zum Gärtner nach einer blühenden
Pflanze und mit dem Auftrag, noch ein zweites Kind unverweilt zu ihr zu
beordern. Das schickte sie um Butter und Eier, Schinken, einem Hühnchen
oder zwei und was ihr sonst einfiel und nötig schien, mit einem ganzen
langen Zettel zu ihrem besonderen Freund Felge, und zwar zu Arnold
Felge in der Oberstadt, denn es gab im ganzen Ort wenigstens zwanzig
dieses Namens, allein vier Metzger. Dieser Arnold Franz besaß besondere
Verbindungen und Vorratskammern, auf die er für seine bessern Kunden
zurückgriff, und es gab beinahe nichts, was er nicht herbeizuschaffen
vermochte in kürzester oder etwas längerer Frist, nie in langer. Da
Brigitts Zettel mit den Worten schloß: »Oder was Sie sonst haben, denn
es ist der Geburtstag des Fräuleins Linde!«, so erschien in kurzer Zeit
nicht nur das Kind, sondern in seiner Begleitung der sichere Bote des
Herrn Arnold Franz Felge, von der Magd schon an der Tür abgefangen,
weil sie keinen Glockenlärm wollte, und samt Bob, der keine Boten und
Briefträger leiden konnte, zur größten Lautlosigkeit beschworen. Er
brachte kein Hühnchen, aber eine schöne Ente, ließ übrigens die Wahl
zwischen diesem oder einem Hasen, der auch im Korb lag -- Brigitt nahm
beide --, und alles übrige war in wünschenswerter Menge und Qualität
vorhanden. Die Rechnung blieb sie vorläufig schuldig, aber nicht das
Trinkgeld, und da das andere Kind schon früher zurückgekommen war,
so konnte sie in vollkommener Ungestörtheit ihre geheimen Geschäfte
betreiben.
So kam es, daß Linde, als sie wieder im Haus unten erschien, um den
Nachmittagskaffee zu rüsten, den Tisch festlich hergerichtet fand,
ihren Platz mit Efeu aus dem Garten phantasievoll und reichlich
bekränzt und durch zwei dunkelblühende Alpenveilchen ausgezeichnet,
außerdem durch einen schönen, braunen Napfkuchen von nicht geringem
Umfang, den das Kind beim dritten Bäcker, bei dem es anfragte,
glücklich aufgetrieben hatte, auch den bekränzt, und zwar mit Immergrün
aus Brigitts eigenem Stubengewächs, das ihr Linde solange treulich
gepflegt hatte. In der Küche stand die Magd selber in der wohlbekannten
blauen Schürze vor dem Herd, in dem ein wildes Feuer brannte, auf
dem Milch und Kaffee und für Linde Schokolade kochte, und wo Brigitt
außerdem gerade beschäftigt war, eines jener Hausgebäcke aus Weißmehl,
Butter, Eiern und Zucker herzurichten, die in jeder Landschaft einen
andern knusprigen Namen tragen und überall von Geburtstagen und
Liebesbeweisen unzertrennlich sind. Brigitt hatte im Sinn gehabt,
Linde gehörig wegen der puritanischen Geburtstagsküche abzukanzeln,
und Linde wollte dasselbe der leichtsinnigen und tollköpfigen Magd
gegenüber, aber beiden kam das Weinen eher, zuerst dem alten Mädchen
und dann dem jungen mit zwei sehr nassen Augen vor Rührung. Aber mitten
aus dem Gefühlserguß fuhr Brigitt furios auf, weil ihr das Backwerk
wieder einfiel, das die Aufsicht noch weniger entbehren konnte als
eine Kinderschule oder ein hessisches Pfarrhaus. Sie setzte also das
Fräulein rücksichtslos ab und begann wieder mehr Rührung in der Pfanne
zu bewirken. In das werdende Backwerk fielen immer dick und emsig ihre
Tränen, und durch die des zusehenden Mädchens brach ein beglücktes
Lachen, weil ihm die Komik aller Umstände aufging. Nach einem
unwirschen Aufblick lachte auch die Magd mit, und im weitern schwang
sie die Pfanne mit einer Verwegenheit herum, als ob sie nicht gegen das
sechzigste Jahr liefe, sondern im zwanzigsten einem Feuerwehrball zu.
Nebenher fing freilich dennoch die liebevolle Abkanzlung an, und da
keins dem andern etwas schuldig zu bleiben brauchte, die Magd aber mit
ihrem Durchgriff wesentlich und überzeugend im Vorteil war, so kam man
zu keinem unliebenswürdigen Verständnis.
Vom Lärm angelockt und auch vom Duft, der sich nun schon festlich im
Haus verbreitete, erschienen nacheinander vorzeitig die Klingse und
der Dechant. Die erstere nahm schweigend mit zusammengepreßten Lippen
Kenntnis davon, daß die Feindin wieder auf dem Plan sei, und schob
sich etwas blaß und mit vorgestrecktem Kinn langsamer aus der Küche,
als sie hereingetreten war. Bob verharrte in der Zeit knurrend vor
dem Herd, den er gegen jede Anfechtung durch unbeliebte Personen zu
verteidigen entschlossen schien. Wer ihn näher kannte als die Klingse,
wußte außerdem, daß ihn die lang entbehrte Anwesenheit der Magd in der
Küche leidenschaftlich erregte, nicht als Freßmöglichkeit, sondern
als seelisches Erlebnis. Die Magd ihrerseits machte den Eindruck, als
ob sie den kurzen Besuch nicht bemerkt hätte, aber Linde sah wohl
die Röte, die ihr in die Augen stieg, und für die nächste Zeit war
sie schweigsam, während ihre Bewegungen einen ingrimmigen, heftigen
Charakter annahmen. Nachher trat weniger unliebsam und respektvoll
begrüßt der Dechant auf, bekam aber immerhin das Ergebnis der Wallung
in einer gedrängten, trotz des Gemurres wohlverständlichen Ansprache
entgegenzunehmen, die den unfestlichen Feiertag zum Thema hatte. Er
verteidigte sich damit, daß Linde ja selber das Küchenregiment führe,
und sie schwieg, weil sie wußte, daß es die Klingse führte wie jedes
andere, und weil sie für heute keinen Verdruß wollte. Nachher gab sie
besser aufgeräumt Auskunft über ihr Befinden. Sie wolle jetzt wieder
langsam ins Geschirr fahren, möge der Arzt nun reden oder singen. Wenn
man auf so einen Kreispfiffikus hören wolle, so könne man im Bett
liegen, bis man von selber verfaule und nicht einmal mehr das Sterben
nötig habe. Aber das heiße um die Auferstehung kommen, die man nur
durch das rechte christliche Verscheiden erwerbe, und so ziehe sie es
vor, christlich zu leben und christlich mit Tod abzugehen.
Der Dechant setzte sich nach langer Zeit zum erstenmal wieder mit etwas
erheiterter Stirn zu Tisch, und da die Magd diesmal nicht nur den Eß-,
sondern auch den Gesprächsstoff lieferte, zumal der Dechant aus ihrer
langen Geschichte in seinem Dienst hundert eigenartige Episoden und
charakterfeste Züge wußte, so verging eine Teestunde einmal heiterer,
als man's sonst gewohnt war, wenigstens zwischen dem Dechanten und
Linde, die für diesen Gesprächsstoff seine eigentliche Zuhörerin
war, während die Tante eher im Dunkel saß und wenig unterhaltend
aussah. Davon merkte er aber nicht viel, weil der Mitteilende gern wie
Mörikes Schönheit »in ihm selber selig« ist; war er nicht selig, so
war er doch erleichtert, und das kann für einen Hochbeschwerten unter
Umständen dasselbe bedeuten. Die gute Stimmung dauerte auch noch über
das Abendessen, zu welchem die Ente in ihrem letzten Kleid auftrat,
goldgelb und mit Äpfeln gefüllt, ein rechter Vogel, um vergnügliche
Laune zu machen, und zwar ganz ohne jede ergreifende Singstimme. Linde
verwaltete und verteilte ihren vergänglichen Leib, gab den andern viel
und behielt für sich wenig, und der Dechant, der nun doch noch eine
Flasche Wein aus dem Keller geholt hatte, fand heute abend das Gemüt
zu einem zweiten, etwas herzlicheren Geburtstagsspruch. Auch Brigitt
mußte hereinkommen und mit anstoßen; sie tat es nur mit Linde und dem
Dechanten, mit diesem ehrerbietig, mit jener zärtlich und mit nassen
Augen wegen Lindes leidwissenden. Etwas später stieg sie unter Lindes
Hilfe müde und voll süßen Weins, sie hatte den ihren gegen die Säure
gezuckert, auf ihre Kammer und schlief wie ein heimgekehrter Wallfahrer
befriedigt und siegreich ein.
Für diese Woche hielt sie es noch mit dem Nachmittagsturnus, und der
Arzt wollte weiter nicht mehr dagegen sein, als er sah, wie es mit dem
eigenwilligen Patienten wirklich einen guten Weg nahm. Aber er war
dafür bekannt, daß er keinen Kranken unter zwei Monaten aus dem Bett
ließ; hatten es die Nieren nicht mehr nötig, so konnte es doch den
Nerven nicht schaden, und es schadete ihnen meistens auch nicht. Die
nächste Woche stand sie zum Kochen auf. Die folgende war Weihnachten,
und da trieb es Brigitt wie immer. Zu den Bäckereien ging ihr Linde
zwar noch zur Hand, aber nur geduldet; dafür nutzte Brigitt die
Gelegenheit wieder gewaltig aus, weil sie heimlich hoffte, daß der
Soldat auf Urlaub kommen könnte. Allein er kam nicht.
Nebenher hatte Linde zur richtigen Zeit die Hände frei bekommen für
die kleine Weihnachtsfeier, die sie jährlich mit einem gewissen Kreis
von bedürftigen Kindern im Pfarrhaus zum Heiligen Abend abhielt. Es
pflegte dabei viel weniger hoch als freundlich herzugehen, entsprechend
dem freundlichen und trostvollen Ergebnis, das an diesem Tag die ganze
Christenheit feiert. Die Kinder sangen etwa ein paar Lieder. Linde las
ihnen die Weihnachtsgeschichte vor. Das übrige tat der Baum mit seinen
Lichtern und seiner ganzen freudenreichen Erscheinung. Zum Schluß bekam
jedes ein kleines Geschenk, ein Paar Strümpfe, wollene Handschuhe, ein
Mützchen oder eine hübsche Schürze, wie es sich traf, oder wovon Linde
gerade wußte, daß es not tat. Zum Zweck steckte der Dechant sonst zu
Sankt Niklaus ein Goldstück in Lindes Schuh vor der Tür, immer in den
rechten; dies Jahr war er leer geblieben. Nun, es war auch ohnehin
allerlei von ihrem Eigenen dazugeflossen, so mochte heuer noch ein
bißchen mehr fließen. Brigitt buk auf den Tag, was sie konnte, knetete
Teig, walzte ihn aus, stach wie im Turnier Sterne und Kreuze, Herzen
und Halbmonde, damit nach alter Übung bei dem Notwendigen sich auch
etwas Angenehmes finde.
Als die Tante von den Zurüstungen und ihrem Zweck Wind bekam, setzte
sie sich hin und schrieb ein paar Bestellzettel an ihre großstädtischen
Lieferanten. Nach einigen Tagen kamen Pakete und Kisten für sie an,
für die sie ganz sehenswerte Schecks ausfüllte. Brigitt mußte ihr
die Kisten öffnen und die Pakete aufschnüren, und am Heiligen Abend,
als Linde beinahe mit allem fertig und in der Vorerwartung warm und
beglückt war, erschien sie mit Armen voll Kleidungsstücken, Wollsachen,
Spielzeug, Büchern und Eßwaren. »Du gestattest wohl, daß ich auch etwas
beisteuere«, sagte sie norddeutsch singend und steckte das Kinn vor.
»Wo kann ich ablegen? Vielleicht bist du so liebenswürdig und nimmst
mir ab?« Linde war wie vom Schlag gerührt, denn an eine Friedensstörung
hatte sie heute am allerwenigsten gedacht. Es war ihr klar, daß es das
Weib darauf abgestellt hatte, sie mit seinen großstädtischen Geschenken
an die Wand zu drücken und dem bescheidenen Fest den rechten modernen
Schwung zu geben.
»Der Stuhl dort ist noch frei«, entgegnete sie kurz, indem sie mit
ein paar Blicken den ganzen pompösen Bettel überflog, den die Klingse
daherschleppte, alles ohne eine Hand für oder gegen sie zu regen. Die
Klingse legte auf dem Stuhl ab und wandte sich zunächst dem Baum zu,
den sie ganz hübsch und kleinbürgerlich fand, und dem Geschenktisch,
den sie lächelnd musterte. »Du mußt mir dann sagen, wie ich in jedem
Fall zweckmäßig ergänzen kann«, meinte sie. »Du hast ja doch wohl deine
Geschenke individuell angepaßt.« Linde antwortete nicht, und die Tante
verschwand zunächst noch einmal, um ebenso hoch beladen wie vorhin
wieder unter der Tür zu erscheinen. Sie hatte sich selber einen weitern
Platz zum Ablegen frei gemacht; indessen hatte sie auch aufgehört zu
lächeln. »So, und nun wollen wir sehen«, sagte sie darauf. »Wo hast du
die Plätze für Mädchen und die für Jungens?«
»Das ist wohl nicht so schwer herauszufinden«, erwiderte Linde, die
jetzt finster und feindlich an der Wand neben dem hohen Spiegel stand.
»Die Mädchenschürzen sind nicht für Buben und die Bubenmützen nicht für
Mädchen.«
Etwas gereizt fuhr die Tante nach ihr herum, dann schien sie sich aber
zu fassen. Und nachdem sie das Mädchen einen Moment schweigend fixiert
hatte, sagte sie hochmütig: »Ich werde mich von deinem Prinzessinnentum
nicht beirren lassen. Dafür müßte mehr hinter dir stecken als etwas
wurmige Tugend und Tücke. Ich finde, daß du die Dünkelhaftigkeit
zu weit treibst. In diesem Fall hast du froh zu sein, daß dein
Bettelvölkchen zu ein paar anständigen Kleidungsstücken kommt; mit
deinen selbstgerechten Lümpchen wird's nicht weit laufen.«
»Lumpen«, erwiderte Linde leise, um ihren Abscheu zu verbergen, aber
die Tante merkte ihn dennoch: »Lumpen sind Dinge, die sich jeder nach
Belieben kommen lassen und kaufen kann, wenn er das Geld dazu hat.«
»Wenn du nur endlich deinen hungerleiderischen Provinzhochmut aufgeben
wolltest!« zischte die erboste Frau. »Was willst du denn machen, wenn
dein Liebster dir vor der Nase weg eine andere heiratet?«
Linde zuckte leicht zusammen. »Heinz bedauern!« erwiderte sie langsam
und mit einem Unterton, der die Tante lange nicht so befriedigte, wie
sie sich's von diesem Augenblick versprochen hatte. Etwas ernüchtert
wandte sie sich zu ihrem Geschäft zurück.
»Wie alt ist dieser Junge?« fragte sie. Und Linde gab Auskunft: »Acht
Jahre.« Die Klingse legte einen norwegischen weißen Sweater zum
baumwollenen grauen Mützchen. Das folgende Mädchen war zwölf Jahre
alt und bekam drei Hemden mit Achselschluß und gesticktem Einsatz,
seine vierzehnjährige Schwester eine zurückgesetzte englische Bluse.
Linde sah voraus, daß man morgen im Städtchen mit Fingern auf die
Kinder zeigen würde, die von ihr beschenkt herumliefen und nicht
wußten, wie ihnen geschah, und sie taten ihr zum voraus leid, weil
sie sie liebhatte. Zum Schluß verfeuerte die Klingse auch noch ihre
Kuchenpakete und Spielzeuge, und sah der Weihnachtstisch aus wie eine
Jahrmarktbude; Linde war jetzt neugierig, wie die alten, einfachen
Weihnachtslieder und die stille, reine Evangeliengeschichte dazu
klingen würden.
Darauf war es wie jedes Jahr. Die Kinder schoben sich unten durch die
Haustür herein mit saubern Schuhen und geputzten Nasen und vor lauter
Vornehmheit über ihre eigenen Füße stolpernd, aber noch mehr aus Angst
vor der Magd, die ihnen gewaltig aufpaßte, so herzlich sie sich für sie
geplagt hatte, und dem Hund, der jeden Ankömmling einzeln und eingehend
beroch. Die letzten, die hereintröpfelten, sahen schon von unten die
ersten Lichter am Baum brennen, sogar durch die zugezogenen Vorhänge;
die ersten bemerkten dasselbe durch das unverstopfte Schlüsselloch.
Darauf läutete das Glöckchen, ging die Tür zum Bescherungszimmer auf
und begann sich die Kinderrotte über die Schwelle zu schieben. Mit den
Mädchen ging es noch; die waren neugierig und zutraulich. Aber was
ein rechter Junge ist, der hat schon nicht mehr das reine Gewissen
wie im Mutterleib und ist vorerst von einer würdevollen Mischung aus
Welterfahrung, Mißtrauen und Tölpelhaftigkeit sehr erfüllt; jedenfalls
im Beginn einer zivilisierten und gesellschaftlich mehr gemischten
Angelegenheit beherrscht diese verzwickte Stimmung sein Benehmen
durchaus. So drückten sich die Herren Buben zunächst eher verdrießlich
scheinend an der Tür herum und blinzelten erwägend in die Lichter des
Christbaums, und je älter einer war, desto tiefer versenkte er die
Hände in den Hosensäcken und duckte er den Kopf zwischen die Schultern.
Aber die frommen Geister, die mit gütigen Herzen im Baum schwebten
und ihnen die schon prosaischen Augen und die abwartenden Mienen
beglänzten, weckten und lockten auch rasch das Träumerische in ihren
Seelen, die darum, weil sie's enthielten, nicht ~weniger~
männlich waren, sondern ~mehr~, obwohl sie's anders glaubten.
Eine Zeitlang verscheuchte sie noch die fremde Dame, die vornehm in
einem Lehnstuhl saß und sie mit falscher Teilnahme, wie sie sofort
witterten, und herrischen Augen musterte; aber dann begann ihnen der
Duft von Lebkuchen und Hausgebäck in die Nasen zu steigen, und darüber
vergaßen sie auch die Großstädterin. Den Mädchen machte diese weniger
zu schaffen, obwohl auch sie sie als störend empfanden. Indessen
klang das alte, selige Weihnachtslied unter Lindes Händen vom Klavier
auf, und unter dem Vortritt der Mädchen ließen auch die Buben sich zu
einigem Gesang herbei, der sich bis zum Schluß der letzten Strophe
ganz ordentlich steigerte, einesteils aus Wirkung von innen heraus,
anderseits von außen herein, denn auf der langen Tafel lag diesmal
nicht wenig. Vorher hatten sie noch die schöne Evangeliengeschichte
mit anzuhören, die sie zwar schon kannten, von denen ihnen aber doch
manches heute wieder plausibel und vielversprechend vorkam, besonders
ihre drei Glanzpunkte, nämlich daß jedermann in seine Stadt ging, um
sich vom Kaiser Augustus schätzen zu lassen, dann daß das Kindchen in
eine Windel gewickelt und in eine Krippe gelegt wurde, und endlich daß
die Engel nach dem Gesang wieder gen Himmel fuhren; dies sahen sie
sogar am deutlichsten und leuchtete ihnen am meisten ein, weil sie
gewöhnt waren, nach dem Singen auch immer abzufahren.
Nach dem zweiten Lied durften sie dem Geschenktisch näher treten und
hörten sie von Linde, daß die schönsten Sachen von der Frau Professor
Klinger kämen, die da säße, und der sie nachher dafür danken müßten.
Linde war jetzt wieder ganz frei und in ihrem Element sicher, und es
gewährte ihr eine besondere Genugtuung, daß sie der Feindin nicht
das mindeste schuldig zu bleiben brauchte. Die Mädchen ergriffen
von ihren teuren Geschenken sofort und ohne Hemmungen Besitz, aber
die Buben, die von übler Nachrede und von der Unrätlichkeit, durch
irgend etwas Besonderes in der Welt aufzufallen, bereits genügend
Bescheid wußten, hielten sich mehr an die gewohnten Gaben, die auch
besser in ihre etwas nüchterne Stimmung paßten. Das meiste Mißtrauen
erregte das elegante und »fortgeschrittene« moderne Spielzeug,
Gedächtnis- und Geduldsübungen, Lehrspiele, Erziehungsspiele,
Diabolo, das in den Großstädten längst aus der Mode war, Rollschuhe
veralteter Konstruktion, die sie auch mit der neuesten auf ihrem
Wackensteinpflaster nicht brauchen konnten, gesittete Kartenspiele,
Kinderkrockets aus zurückgesetzten Beständen und was sonst so die
großstädtische Unternehmung gern aufs Land abschiebt, um es noch an
den Mann zu bringen, wobei zu bemerken ist, daß die Klingse sehr wohl
wußte, was vollgültige Marken waren und was nicht; sie war nicht etwa
übertölpelt worden.
Zur Geschenkbesichtigung hatte sie sich erhoben, um von Gruppe zu
Gruppe gehend einige Anweisungen über den Gebrauch der Dinge zu
erteilen, die mit Befremdung über den norddeutschen Dialekt und mit
Unglauben über den Inhalt entgegengenommen wurden, denn sie sah den
Kindern nicht aus, als ob sie in ihrem Leben jemals gespielt hätte.
Linde allerdings wußte weiter auch nicht Bescheid darüber, doch
fühlten ihr die Kinder ab, daß sie wenig begeistert war, und aus ihren
innerlich vornehmen Bemühungen, ihnen die Ware mund- und handgerecht
zu machen, witterten sie nur die Verdächtigkeit des Umstands, daß sie
das überhaupt für nötig hielt. Nebenbei sah sie, daß die prachtvollen
wollenen Stücke auch nicht wenig Baumwollenes an sich hatten und
übrigens durch teilweise schon deutliche Vergilbungen ihren Charakter
als Ladenhüter ohne übertriebene Scheu anzeigten. Die Klingse gehörte
zu jenen Wohltäterinnen, die für ihre Betriebsamkeit sehr sorgfältige
Verbindungen mit allerlei Ramschgeschäften und Saisonausverkäufen
unterhalten, und denen für sich nicht bald etwas gediegen und frisch
genug scheint, aber für andere immer rasch.
Indessen kam auch diese Feier zu ihrem Ende. Die Kinder sangen noch ein
Schlußlied und konnten abziehen. Eins nach dem andern bedankte sich
gebräuchlicherweise mit dem Respekt oder der Verehrung, die man vor
ihr hatte, bei Linde und mit angemessen erzeigtem Vergnügen. Um die
Dame aus Norddeutschland bemühte sich weiter niemand. Nur zwei oder
drei magere, bleiche Dinger, die durch eine besondere Bettelhaftigkeit
bekannt waren, näherten sich ihr untertänig und mit dem früh entblößten
Blick der jugendlichen Verdorbenheit; die Klingse konnte sicher sein,
nächstens von deren Eltern einen ausführlichen Bericht über das
herrschende Elend zu bekommen und, wenn der nicht half, auf der Straße
angesprochen zu werden. Sie sah von ihrem Erfolg wenig entzückt aus und
mit kalten Augen zu, wie sich alle Köpfe blond und dunkel um Linde wie
um einen leibhaftig herabgestiegenen Engel drängten, dem sie in ihrem
weißen Kleid den Abend auch mehr glich als der irdischen Rivalin einer
so vielvermögenden Weltdame.
»Es hätte dir angestanden, die Kinder auch zu mir zu schicken«, sagte
sie nachher mit mißfälliger Schärfe aus ihrem Lehnstuhl heraus,
wohinein sie sich vor Verdruß wieder geworfen hatte. »Sie können nichts
für ihre plebejischen Gewohnheiten, aber für dich als Erzieherin ist es
kennzeichnend, daß du sie benutzt, um einen billigen Triumph zu feiern!«
»Was willst du? Du hörtest selber, daß ich sie angewiesen habe!«
entgegnete Linde versöhnlich, vor allem bestrebt, sich ihre gute
Stimmung nicht verderben zu lassen. Ȇbrigens bin ich nicht die
Erzieherin der Kinder, sondern die Freundin.«
Mit diesen Worten ließ sie sie sitzen, zumal auch der Baum gelöscht
war, und ging zu Brigitt in die Küche hinunter, die sie wegen ihres
weißen Kleides mit Gebrumm, aber wegen der heitern Augen erfreut
empfing, denn diese zeigte sie in der letzten Zeit nicht mehr oft.
»Die Rangen haben mir doch wieder die Treppe versaut«, sagte sie
kopfschüttelnd. »Aber der Karpfen ist schön heuer.« Das war ebenfalls
keine übelklingende Weihnachtsbotschaft, wenn auch nicht gerade ein
Engel sie sang, aber der fromme Fisch wurde auch keineswegs von lauter
Engeln verspeist, sondern es half daran alles in allem ein halber oder
sterblicher wenig, eine Art vom Gegenteil mehr und ein dunkel belebter
geistlicher Adam mit Hingabe und heute zum Frieden gestimmt. Leider kam
er nicht dazu, obwohl ihn die Engel gerade wieder vernehmlich aus der
Höhe riefen; es fehlte zur Zeit Gott noch zu merklich an Ehre und daher
dem Adam an Wohlgefallen. Die Tante gab die Vorgänge der Kinderfeier,
nun bereits ins Anekdotische verkleidet, mit Laune zum besten, aber mit
säuerlicher, und der Dechant fand auch, daß Linde die Jugend besser
zum Danken hätte anhalten müssen. Linde schwieg, wieder um einen
Breitegrad vereinsamt, doch fortgesetzt darauf gesammelt, ihr eigenes
Christgeschenk in der Seele unzerstört über den Abend zu retten. Sie
rettete damit den Abend, weil sie heute mit der Gutmütigkeit des
Dechanten rechnen durfte.
Siebentes Kapitel
Linde erkrankt infolge eines üblen Briefwechsels ernstlich
Noch am selben Abend schrieb die Tante an Heinz einen Brief, der
ihn vor eine vorläufige Entscheidung stellte, nur der Form nach
unvermittelt, denn der Sache nach hatte er ihr ja schon längst
vorgebaut.
»Mein lieber Junge«, so lautete dies Schreiben, »es scheint mir nun
Zeit, daß wir uns endlich über gewisse Dinge klarwerden. Du schriebst
einmal, Du seist ein deutscher Offizier, und mir gabst du das Epitheton
einer großen Frau. +Well.+ Aber diese Charaktere haben ihre
Tragweite. Ich werde als große Frau kaum weibchenhaft Bewegungen
inszenieren, die einmal der Mann auslösen muß. Du als Mann, der zu
leben weiß, wirst anderseits nicht schriftliche und prinzipielle
Erklärungen loslassen wollen, denen keine Wirklichkeit auf dem Fuß
folgen kann. Das sehe ich ein. Warten wir also ab, bis Du wieder
Urlaub bekommst. Inzwischen würde ich Dich freilich gern in einiger
männlichen Freiheit sehen, unbehängt mit heimatlichen Sentimentalitäten
und verblichenen Kinderspielen, die Dich als deutschen Offizier nicht
absolut gut kleiden. Ich denke, daß Du mich verstehst, da Du weder
dumm noch in hypertrophem Maß idealistisch veranlagt bist. Wir sind
Realisten des Lebens, mein Freund. Hast Du ein Interesse daran, mir in
der Gestalt und dem moralischen Milieu zu erscheinen, worin ich Dich zu
sehen wünsche, so ziehe die Konsequenzen daraus. Und bedenke das eine:
Poesie ist immer für money zu haben. Da ich nicht liebe, Geschäftliches
und Gefühlvolles zu vermengen, so halte ich mit andern Elogen zurück,
die mir immer naheliegen, wenn ich an Dich denke. Mit den herzlichsten
Wünschen für Dein weiteres Wohlergehen Malva.«
Drei Tage nach Weihnachten traf schon die Antwort des Soldaten ein. Sie
hatte folgenden Wortlaut:
»Liebe Malva, ich weiß Deine Trennung von Geschäftlichem und
Gefühlvollem zu schätzen und folge Dir auf diesem Weg, zumal uns hier
draußen überhaupt nicht mehr besonders gefühlvoll zumut ist, jedenfalls
nicht mir. Um die andern kümmere ich mich eigentlich zuwenig, um genau
für ihre Stimmung einstehen zu können. Es ist auch ganz meine Meinung,
daß wir uns nicht mit theoretischen Erklärungen unterhalten; wir sind
Menschen der harten Wirklichkeit. Was die anhängenden heimatlichen
Sentimentalitäten angeht, so trifft auf sie der Ausdruck verblichen
wohl richtig zu. Indessen solltest Du mir's nicht übel anschreiben,
daß mich etwas wie Achtung vor Deinem ganzen Geschlecht hindert,
wenigstens sehr bald mit rauher Hand durchzugreifen. Etwas anderes
ist es aber nicht als Achtung vor Deinem Geschlecht. Wenn Du Mittel
und Wege finden kannst, so prüfe mich darauf. Ich stelle Dir alles
frei. Hier draußen fehlt uns auch die schonende Form für dergleichen
Notwendigkeiten. Die Faust ist kriegsgewohnt, und in der ewigen
Schießerei geht einem schließlich die geistige Beweglichkeit verloren.
Ich bitte Dich nur, was Du tust, so tue es schonend, was ich aber bei
Deinem vornehmen Sinn, den Du überall bekundest, gar nicht besonders zu
bemerken brauchte. Das ist's ja eben, was mich so mit Dir verbindet,
nicht nur Deine äußere Eleganz, sondern auch Deine innere, Deine
absolute seelische Sauberkeit und der große Zug Deines Wesens bei aller
weiblichen Feingliedrigkeit. Nun bin ich doch in Elogen verfallen.
Hier geht's wie immer, nämlich dreckig, aber ich bin noch gesund, und
die feindliche Erde sah bis jetzt kein Blut von mir. Leb wohl, Du hohe
Frau, ich muß noch sehr wachsen, um an Dich heranzureichen. Herzlich
Dein Heinz.«
Als die Klingse diesen Brief gelesen hatte -- es war beim
Nachmittagstee --, war sie nicht lange im Zweifel darüber, was nun zu
geschehen habe. Wie sie ihn von den Augen sinken ließ, noch in den
letzten Erwägungen darüber, reichte sie ihn Linde über den runden Tisch.
»Der Brief geht diesmal dich mit an«, sagte sie kühl und ein bißchen
singend. »Es ist besser, du liest ihn selber, als daß ich dir ein
Exzerpt daraus gebe.« Darauf wandte sie sich leicht angeregt an den
Dechanten. »Ich finde, daß Heinz so außerordentlich viel reifer
geworden ist, seitdem er hier war, sozusagen moderner. Es ist ein
männlicher, berechnender Zug in seinem Wesen erschienen, während er
früher etwas knabenhaft für sein Alter in den Tag hineinlebte. Ich
liebe es nicht, wenn ein Mann seine Fähigkeiten herumliegen läßt und
metaphysischen Vorstellungen nachhängt, anstatt seine Erfolge zu
betreiben.«
»Nun, ich kann nicht eben sagen, daß ich an Heinz viel Metaphysik
bemerkt hätte«, erwiderte er etwas trocken. »Er scheint mir
im Gegenteil ein junger Mann, der sich mit auffallend wenig
Übersinnlichkeit herumzuschlagen hat, und der ausgezeichnet in euren
modernen Tag paßt oder in das, was ihr so nennt. Mir ist immer noch
nicht ganz klar, daß die rechte Modernität vornehmlich im Seelenschwund
zu bestehen habe.«
Sie zog die Brauen ein wenig hoch. »Ich dachte doch, wir beide seien
über diese Frage im Prinzip einig«, sagte sie lächelnd und bedeutsam.
»Sie ist ja auch aus der Geschichte leicht zu beantworten. Als die
Deutschen metaphysisch und romantisch lebten, waren sie arme Teufel
und wurden unterdrückt. Als sie mit der Metaphysik und der Romantik
aufräumten und reale Erfolge anzustreben begannen, kamen sie zu Ruhm
und Reichtum. Ohne die französische Aufklärung und die geschäftliche
Lebensauffassung der Engländer gäbe es aber keine Industrie und keine
wirtschaftliche Expansion. Was Wunder, daß die jungen Leute von den
irrationalen Kräften nichts wissen wollen und den persönlichen Erfolgen
nachgehen. Sagt, was ihr wollt, das Geld herrscht heute beinahe
unbeschränkt und wird morgen absolut herrschen. Was ist das für ein
Unsinn, daß ihr gegen England Krieg führt; England ist unbesieglich
und könnte euch zu noch ganz anderen Erfolgen helfen. Was könnte
Rußland werden, wenn es den westeuropäischen Händlerlehren Eingang
verschaffte und sie zur Herrschaft brächte. Aber gerade dort gehört der
Mystizismus zum guten Ton. Es ist daher begreiflich, daß unsere Jugend
ihre Vorbilder nicht dort sucht, sondern allen asiatischen angeblich
gesteigerten Vorstellungen den Rücken wendet. Das kann ich jedem Mann
raten, der etwas aus sich machen will.«
»Ja, das rate ich auch jedem«, sagte der Dechant kurz und unangenehm
berührt. Und etwas sarkastisch setzte er noch hinzu: »Mit den Asiaten
war ja auch noch nie viel los.«
Sie blickte ungewiß auf, um zu sehen, wie er das meinte, aber
inzwischen hatte Linde den Brief gelesen, widerstrebend und ohne
eigenen Willen und von vornherein auf nichts Kleineres gefaßt als
auf das, was er enthielt, zu edel, um mit falscher Großartigkeit
eine Demütigung abzuweisen, und zu kühn, um sich vor dem Schmerz
zu hüten, der auf sie wartete. Nun gab sie das beschriebene Blatt
zurück, langsam, doch innerlich mit derselben Schnelligkeit denkend
und Entschlüsse fassend wie die Feindin. »Ich danke dir«, sagte sie,
mehr von Vorstellungen erfüllt als erschüttert. »Du hattest recht,
keinen Auszug zu geben. Dergleichen muß im großen genommen werden.«
Im Grund hatte sie ja auch nichts so auffällig Neues gelesen. Die
Tante hob den Blick vom Dechanten weg und richtete ihn mit demselben
mißtrauischen Ausdruck auf das Mädchen; sie brauchte ihn nur noch
ein bißchen höher zu spannen, sonst paßte er beim einen Ekkart wie
beim andern; beide waren sie in dieser Zeit lakonisch und erschienen
ihr gewissermaßen orakelhaft. Auch der Dechant sah einen Augenblick
fragend her, weil Lindes Ton ihm auffiel; aber daran gewöhnt, nun
ohne sie zu leben, wandte er sich in Gedanken wieder seinen eigenen
Angelegenheiten zu. Der Tante blieb sodann nichts übrig, als vorerst
die beiden Abfertigungen einzustecken und sich darüber zu ärgern, über
die kleinere wenig und über die größere mehr, und das alles, obwohl
sie sich vorgenommen hatte, Linde in des Dechanten Gegenwart keine
Gelegenheit zu Ausfällen mehr zu geben.
Im Laufe desselben Vormittags traf Linde auf den gelesenen Brief ihre
Gegenmaßregeln, indem sie ihrerseits einen an Heinz schrieb. Er war
kurz und bestand aus folgenden Sätzen.
»Liebster Heinz! Ich bin zur Überzeugung gekommen, daß es besser ist,
wenn ich Dir Deine Freiheit zurückgebe. Nicht weil ich mir davon eine
Verbesserung für mich verspräche, obwohl ich Anlaß haben könnte,
mir eine zu wünschen, aber ich kann nicht sehen, woher sie bei der
Unfreiheit kommen soll, die uns alle befallen hat. Verzeih, daß ich
Dich zunächst ein wenig beunruhigen muß, aber ich habe lange genug über
Dich nachgedacht, um zu wissen, was auch Du nötig hast, nämlich eben
Freiheit. Schreibe mir bitte nicht mehr, es würde mir schmerzlich sein.
Wir werden einander nicht vergessen, aber wir werden uns auch nicht
auf falsche Wege drängen durch eine falsche Treue, die bloß Eitelkeit
und Ehrsucht wäre. Liebster Mann, ich werde für Dich beten. Leb wohl.
Bitte, gehorche mir, und verursache uns nicht unnötige Schmerzen.
Herzlich Marie Linde.«
Sie besorgte mit Bob ihre Einkäufe, warf den Brief im Vorbeigehen bei
der Hauptpost ein und kam von diesem Gang fiebernd nach Hause. Den
Tag über wehrte sie sich noch; gegen Abend jedoch wurde ihr Zustand
stärker als sie, und sie mußte sich vorzeitig zu Bett legen. Im Verlauf
der weiteren Entwicklung fehlte es dann Brigitt nicht an Gelegenheit,
empfangene Pflege und Wohltat zu erwidern.
Für die erste Nacht zwar wollte Linde keine annehmen und blieb mit
großem Ernst dabei. Aber am andern Morgen, als das Thermometer
achtunddreißig Grad zeigte, bekam Brigitt Oberwasser und wurde der
Arzt gerufen. Die Magd glaubte ihrerseits an eine geheime Vergiftung
durch die Tante, und man hätte ihr leichter ein Bein ausgedreht als
diesen Aberglauben verredet. Da sie ihn aber zu niemand äußerte, so
konnte ihn ihr auch niemand verreden, und sie blieb seine ungestörte
Besitzerin, leider nicht auch die der Patientin, denn es stellte sich
sofort heraus, daß die Tante ganz selbstverständlich im Verkehr mit
dem Arzt die Rolle der Hausfrau übernahm, und für die Magd fielen nur
die Neuigkeiten ab, die sie nebenher erhorchte, oder die sie dem Arzt
selber abfragte.
Der Arzt war ein semmelblonder, großer, wohlgenährter Mann mit etwas
eingedrückter Nase und wasserblauen Augen, mehr geschäftseifrig als
medizinisch hochbegabt, obwohl er mit dem Titel eines Kreisphysikus
herumging, aber jemand mußte ihn doch tragen. Dieser vielgegrüßte Mann
also nahm die zuständige Untersuchung vor und hielt dann der Tante
einen Vortrag über den Befund, da sie ihm besonders imponierte. Im
ganzen großen wollte er nicht viel Neues entdeckt haben, und das konnte
man ihm aufs Wort glauben, denn er sah danach aus. Nach seiner Meinung
handelte es sich um die alte gastrische Schwäche, durch zuviel Arbeit
und die Kriegsernährung etwas gesteigert, wie ihm denn die Patientin
einen heruntergewirtschafteten, vernachlässigten Eindruck machte.
Alles in allem: Ruhe, Diät, Wärme, etwas Medizin und Nährpräparate.
»Aber das Fieber?« zweifelte die Klingse besserwissend. »Fieber sei
doch immer ein schlechtes Zeichen.« -- »Ja, das Fieber«, spottete er.
»Schön, die Patientin habe eben Fieber, und er und die Frau Professor
hätten kein Fieber. Eines Tages könne es umgekehrt sein, und es gehe
auch noch nicht gleich zum Tod.« Die Klingse, die an seinem Umgangston
wenig Geschmack fand, ließ mit gerunzelter Stirn etwas von Tuberkulose
hören, aber er lachte sie aus. Von einer örtlichen Ursache sei gar
keine Rede; das sei ein so elastisches und seidenweiches Mägelchen
bei aller geheimen Festigkeit, daß ihm die gnädige Frau schon glauben
müsse, wenn er ihr und sich nie einen schlechteren +estomac+ zu
haben wünsche. Mit diesem Scherz machte er ihr eine Verbeugung und hob
sich davon. Er trug einen schönen warmen Pelzmantel. Vor dem Haus stand
sein Wägelchen und wartete auf ihn. Es ging ihm nichts ab, und er hatte
immer recht, ob die Patienten starben oder leben blieben.
Er behielt auch in Lindes Fall recht, obwohl er bei weitem nicht
ahnte, daß man es hier mit einer viel mehr geistigen als körperlichen
Erscheinung zu tun hatte. Der Mensch, wie er geboren wird, antwortet
auf feindselige Anfechtung mit Trauer, wird er kräftig, mit
Gegenfeindschaft, wird er stark, mit Verachtung oder mit Taten, ist er
zart, mit Kummer, und dann gibt es noch Menschen, deren Leibliches so
vergeistigt ist, daß ihre Trauer und ihr Kummer wie ihr Schreck und
ihre Gegenfeindschaft kränkend auf den ganzen durchseelten Organismus
wirken, der sich dann genau wie gegen eine stoffliche Infektion
ritterlich mit Fieber zur Wehr setzt. Bei ihr war nun noch außerdem
das große Geheimnis, daß sie sich mit diesem Fieber nicht nur für sich
wehrte, sondern auch für den an der gleichen Krankheit miterkrankten
Geliebten, um mit beiden zu einer neuen Gesundheit durchzubrechen. Der
Kreisphysikus hätte wirklich das sein müssen, was ihn das Volk nannte:
ein Kreispfiffikus, wenn er von dergleichen vornehmen Krankheiten einen
Begriff hätte haben sollen.
Achtes Kapitel
Brigitt zaubert und wahrsagt, wird aufsässig, erfährt eine
Zurechtweisung und unterwirft sich. Linde steht unerwartet wieder auf
Der neue Zustand brachte für Linde insofern einen Vorzug, als sie sich
in ihrem Fieber wie in einer Zauberburg vor dem persönlichen Verkehr
mit der Feindin zunächst geschützt fand. Sie spann still versunken
ihre leise quälenden Phantasien, tauchte freundlich und müde daraus
in ihre klaren Stunden auf, sah die alte Magd kommen und gehen, wirken
und weissagen und schätzte am höchsten die Teile des Tages, in denen
sie ganz allein war. Dann führte sie einen großmütigen Kampf mit ihrem
Weh und ertrug kampflos die Anstürme ihrer ungebrochenen Liebe, weil
sie genau wußte, was sie wollte, und in aller Jugend schon so stark und
kühn war, zwischen dem Wanken und Brechen ihres irdischen Glückes den
Sieg ihres überirdischen Liebeswillens vorauszusehen. Sie sah auch den
Preis voraus, um den er aller Wahrscheinlichkeit nach zu haben war,
aber wenn sie wirklich aus Kleinmut hätte markten wollen, so hätte es
ihre Hingenommenheit vom hohen Wert des Gegenstandes nicht zugelassen.
Nicht als ob sie ihre Jugend und ihre Lebenshoffnung weniger geliebt
hätte als jene persönlich sittliche Vorstellung, die sie sich vom
höchsten Sinn ihrer Liebe machte: der Befreiung ihres Geliebten aus der
Gewalt der Feindin; sie liebte sie sogar viel heftiger und zärtlicher,
und es war ja eben die Voraussetzung ihrer verwegenen Rechnung, sich
noch das Ganze zu retten, indem sie das Angefochtene freigab. Sie wäre
auch kein Mensch gewesen und vor allem kein Mädchen, wenn sie nicht die
unermüdliche und zähe Hoffnung besessen hätte, am Ende und schließlich
auch irdisch zu triumphieren. Was die Klingse vom Kreisphysikus so
ungläubig vernahm, nämlich daß ihr Fieber sozusagen in der Luft schwebe
und mithin gar keine richtig begründete Sache sei, das klang ihr wie
ein Evangelium, und außer dem jüngst gelesenen bei der Kinderfeier
wußte sie sich kein süßeres.
So war sie denn getrost und fest und fuhr innerlich freudig fort, auf
dem Fundament ihrer irdischen Zuversicht das fromme Sakramentshäuschen
ihrer überirdischen mit immer schwebenderen Blumengittern zur Höhe
zu führen. Aber in Stunden der einsamen Zaghaftigkeit, als das
Fieber immer eher zum Steigen Neigung zeigte als zum Sinken und die
krampfartigen Schmerzen, so hartnäckig sie sie dem Arzt verschwieg,
nicht nachlassen wollten, schüttelten ihren zarten Körper harte
Weinanfälle und plagte sie unsäglich die Versuchung, ihr wertvolles
Heiligtum stehenzulassen und zu ihrem Liebsten zu laufen mit dem
natürlichen Schrei: »Nimm mich wieder!« Und dann brauchte sie auch
nicht weniger als die volle Einsicht in die Schädlichkeit einer solchen
Wendung, in die Einbuße an innerm Wert, die sie sich selber zufügen
und den bequemen, spöttischen Vorsprung, den sie der Feindin dadurch
verschaffen würde, um sich von einer so bedenklichen Anwandlung
zurückzuhalten. Indem sie endlich still wieder den Standpunkt betrat,
den ihre Selbstachtung und die Notwendigkeit gleichermaßen von ihr
forderten, tat sie's doch unter Vorbehalt aller persönlichen und
diesseitigen Hoffnungen, so bereit sie war, für ihren höchsten
Liebesgedanken weiterhin zu leiden und nach dem Leibe weniger zu werden.
Es war um die Zeit der weissagungsvollen Zwölf Nächte. Als Brigitt
das Mädchen so rasch von der Kraft kommen sah, fuhr ihr ein heilloser
Schreck in die Glieder, der sie auf Wege trieb, die einer frommen
Katholikin eigentlich nicht erlaubt sind: sie ging unter die
Zeichendeuter und Zauberer, um mit der Hilfe der Zwölfnächtegeister
ein bißchen hinter die Geheimnisse zu sehen und von den zu jener Zeit
waltenden besondern Kräften welche einflußreich und heilend auf die
Patientin zu ziehen. Sie legte Karten unter die Sterne aus, versuchte
wie Gideon Gott durch Zeichen, aber nicht mit einem Schaffell, sondern
mit Kaffeesatz, und zündete Rauchwerk an in der Vorgabe, bessere Luft
zu machen, in Wahrheit, um die bösen Geister zu vertreiben und die
gütigen anzuziehen.
Die Sterne steigen in jenen Nächten mit einem besondern Glanz schon
aus der Abendröte herauf, die sich aus dem Gehalt ereignisvoller
Tage als das Gold der Erfüllung beglückt und früh niederschlägt.
Daran prophetisch entzündet, leuchten alle himmlischen Lichter in
beseelterem Feuer auf. Sie sind umdrängt von Gestalten und Geistern,
die, blasse Zeugen der Geburt des Herrn, auf ihre Erlösung warten,
und durch die dynamischen der Sterne treten die Systeme des Schicksals
drängend hervor und werden in vielen gläubigen und frommen Blicken
zur Erscheinung. Brigitt war nun freilich mehr in Liebe eifernd als
fromm, und andererseits glich ihr Glaube sehr dem schicksalbewegten
Sternenhimmel: er war voller Ahnungen und Wünsche. Mithin arbeitete
ihre Weissagung unter optischen Trübungen, und die wenigen Klarheiten,
die sie gewann, waren Stichlichter von schmerzender Überschärfe. Die
Seele zieht wie die vom Licht getroffene, aber noch nicht entwickelte
photographische Platte die chemischen Stoffe der Erkenntnis, auch
der übersinnlichen, nur nach der geheimnisvollen Leitung des noch
unsichtbaren Bildes an oder stößt sie ab, und nach seinen Gesetzen
deckt sie sich mit Schwärzen oder bringt Helligkeiten hervor, alles
im Entwicklungsbad der Empfindung, um dann im Fixierbad der Erfahrung
bestätigt und haltbar zu werden.
Nun fand sich in Brigitts Karten, so sehnsüchtig und zornig sie sie
für Linde auf Liebe und Glück mit der Seele anschrie, stets ein
störender Einfluß, und alles lief auf Tränen und auf einen dunklen,
traurig bewegten Abgang hinaus. Es war dabei ganz gleich, ob sie auf
die Herzdame oder auf den Herzbuben legte; der Herzbube war immer
so übel daran wie die Dame, und zwischen sie schob sich stets alles
Unglücksgesindel von schwarzen Karten ein, das es überhaupt gab, aber
vor allem das Kreuzweib, das der Herzdame mit großer Beharrlichkeit
nach dem Leben stand, während es dem Herzbuben auf den Fersen nachzog
als ein gefährliches und unheildrohendes dunkles Gestirn. Das war ihr
zwar alles nichts Neues; es bestürzte sie nur mit jedem Mal heftiger,
daß die Karte mit solcher Hartnäckigkeit, sie konnte mischen und
abheben, wie sie wollte, bei ihrer Aussage blieb und sich durch kein
Zureden etwas abhandeln ließ.
Lange hatte sie gebraucht -- nicht einen Tag, wie sie sich damals
auf dem Krankenbett wünschte, sondern Tage und Wochen --, bis sie
dahinterkam, auf welche Weise sich jetzt, da der Soldat nicht mehr
da war, die Feindschaft des Weibes gegen Linde zur Wirkung brachte,
und was für Methoden es dazu anwandte, denn von den geheimen Vorgängen
blieben ihr die meisten verborgen, zumal Linde nicht einmal durch einen
Blick, geschweige durch ein Wort oder sonst einen Fingerzeig, ihr darin
zu Hilfe kam. So blieb sie auf ihre eigene Wachsamkeit angewiesen, doch
mußte sie viel Zufallsworte, Mienen, Blicke und abgerissene Gespräche
auffangen und wie im Zusammensetzspiel gegeneinanderhalten, bis sie ein
ungefähres Bild von den jetzigen Verhältnissen auch nur ahnungsweise
und unvollkommen erhielt.
Am wenigsten von allen nahm sich noch der Dechant in acht; der redete
und blickte, wie es ihm zumut war, und da es ihm je länger, je schwerer
zumut war, so gab er mancherlei harte und unwirsche Worte und düstere
Blicke. Sie merkte bald, daß Linde in Ungnade stand, und ingrimmig, daß
sich die Klingse in einer ganzen Reihe von Gelegenheiten bei ihm an
ihren Platz gebracht hatte. Er diktierte ihr seine Predigten und ließ
sie Auszüge machen. Die Korrespondenz besorgte er zwar selber, so nahe
sie es ihm wiederholt legte, sie ihr zu übertragen; aber auch Linde
entzog er sein Vertrauen: sie hatte dies Amt nach Brigitts Genesung
nicht wieder angetreten. Wenn er etwas aus dem Hauswesen wissen
oder haben wollte, so wandte er sich an die Tante, und nur sofern
er bemängeln oder schelten wollte, rief er, wenn es gesund war, das
Mädchen.
Die Haushaltung ging, wie die Tante wollte; Zuwiderhandlungen und
Aufsässigkeiten der Magd wurden vom Dechanten, durch den die Klingse
nun mit ihr abrechnete, unwidersprechlich kaltgestellt. Tägliche
Anweisungen gab die Dame des Hauses über ihre Schultern oder über
die Magd weg in die Luft, ohne sie anzusehen, mit gleichgültiger
Stimme und hochmütigem Gesichtsausdruck, hinter dem sie ihr Leiden
an diesem »kommunen Menschen« verbarg. Brigitt ihrerseits gab sich
je länger, je weniger Mühe, ihr dies Leiden durch Zurückhaltung
zu erleichtern; immer rücksichtsloser kehrte sie ihren völkischen
Triumph gegenüber der gedemütigten vornehmen Feindin hervor, und je
weniger sie nachgerade dazu Ursache hatte, denn die Feindin herrschte
nun durchaus, desto eifriger wandte sie sich wieder ihrem groben
Verfahren zu, die Frau durch persönliche Verdrießlichkeiten, Störungen
und Verachtungsbeweise zu kränken. Wenn diese auf eine nachträgliche
Denunziation nun vollkommen gerüstet war, so ging ihr das etwas breite
Gehaben doch sehr auf die Nerven, und die Magd brachte sie mehr als
einmal zum Zittern vor Wut. Aber zu einem Ausfall ließ sie sich nicht
hinreißen, erstens weil sie sich den Methoden der Magd nicht gewachsen
fühlte, zweitens weil zu solchen Herausforderungen bloß noch Linde die
moralische Fähigkeit besaß, und drittens weil sie gegen den Dienstboten
mit ihren Mitteln auf eine andere Auszahlung hinarbeitete; sie ging
darauf aus, den verdienten alten Menschen vom Dechanten zu trennen,
indem sie diesem ganz unauffällig das Gefühl beizubringen suchte, daß
eine Magd von solchen Lebensgewohnheiten für eine Übersiedlung in die
Welt ungeeignet sei. Die Klagen über ihre gelegentlichen Verfehlungen
führte sie maßvoll, und die nicht zu umgehenden Bemerkungen über ihre
zunehmenden Alterserscheinungen begleitete sie mit einem bedauernden
Achselzucken, aber sie umging sie jedenfalls nicht, und jeder neue
Einwand wirkte verdrießlicher auf den Dechanten.
Dieser hatte noch einen besondern Grund, der Magd gram zu sein.
Nachdem sie angefangen hatte, wieder ihr Leben zwischen den Gesunden
aufzunehmen, bewegte er immer öfter die geheime Hoffnung in seinem
Herzen, bei ihrem ersten Kirch- und Beichtgang über jene Geheimnisse,
die ihm das Leben verdüsterten, endlich das so zornig ersehnte Licht
zu gewinnen. Nun führte sie ihr erster Ausflug auch wirklich in den
Dom, aber nicht in den Beichtstuhl, den sie mied wie das offene Feuer,
im Gegenteil, sie hielt sich mit großer Vorsicht in jenen Bezirken des
weiten Raumes auf, die dem Beichtstuhl möglichst entlegen waren. Wenn
sie von diesem Kirchgang auch etwas still und angegriffen zurückkam, so
bedeutete er für den Dechanten nichtsdestoweniger eine Enttäuschung.
Dabei blieb es. Brigitt fehlte an keinem Sonntag im Frühamt, aber
obwohl dort die Beichtmöglichkeit so nahelag wie der Juni dem Sommer,
kehrte sie doch stets in ungebeichtetem, völlig winterlichem Zustand
ins Haus zurück. Endlich sah er ein, daß diesen Wandel nicht der Zufall
lenkte und auch nicht die Vergeßlichkeit, sondern daß ein Bewußtsein
dahinterstand. Wo sie dem Dechanten begegnete, da blickte es aus ihren
Augen und hing zugleich als Schleier der Behutsamkeit vor ihrer Miene,
schien als Wortzähler in ihrem Mund zu stecken und als Watte in ihren
Ohren, denn sie hörte auf seine Freundschaft lange nicht mehr so fein
wie früher -- freilich drückte er sie auch nicht mehr so leicht und
glaubhaft aus, aber das setzte er nicht in Rechnung --, und ihre ganze
neue Aufführung seit ihrer Krankheit faßte er in einen grollenden
Begriff zusammen: Widerspenstigkeit! Die Verschwörung dauerte fort, und
wirklich hatte er auch keine Ursache, einen Hausgenossen, der auf diese
Weise hartnäckig die Hausgemeinschaft verschmähte, auf die Dauer zu
ertragen.
Den schwelenden Zustand brachte Lindes Erkrankung zum Ausbruch, und
zugleich gab sie der Magd zum erstenmal wieder einen festen Anhalt
vom wahren Stand der Dinge, gewissermaßen einen Zipfel vom Gewebe der
Feindin, in die Hand. Eines Tages gegen Abend begegnete ihr die Tante
im Hausgang drunten und meldete im Vorbeigehen über die Schulter: »Sie
möchten einmal zum Herrn Dechanten hinaufkommen.« Da sie gerade Zeit
hatte, ging sie gleich, obwohl solche Zitationen neuerlich nicht mehr
zu ihren Vergnügungen gehörten. Wirklich hatte ihr die Feindin wieder
eine Suppe eingebrockt.
»Brigitt, ich habe nun schon viel Klage über deine neuerliche
Ungebärdigkeit hören müssen, und ich habe dir gegenüber keinen Zweifel
daran gelassen, daß Frau Professor Klinger jedenfalls jetzt in diesem
Haus die Befehlende ist, während du die Gehorchende zu sein hast«,
begann er ärgerlich, um sofort von ihr unterbrochen zu werden.
»Es ging früher ohne die Frau Professor. So krank ist Fräulein Linde
nicht, daß sie nicht angeben könnte, was geschehen soll, und dann bin
ich alt genug, um das selber zu wissen.«
»Es ist auch eine deiner unleidlichen neuen Gewohnheiten, mir ins Wort
zu fallen, wenn ich dir etwas zu sagen habe«, tadelte er. »Laß das in
Zukunft. Über die Einrichtung der Hausordnung werde ich mit dir nicht
streiten --«
»Die Hausordnung war lange eingerichtet«, bemerkte sie.
»Du warst krank«, suchte der Dechant zu erklären »Und da Linde nicht
nachkam, wurde es nötig, daß jemand das Ganze in die Hand nahm. Jetzt
ist Linde krank --«
»Aber ich bin gesund. Früher war auch Fräulein Linde manchmal krank,
und es ging mit mir allein.«
»Das tut es eben nicht mehr«, betonte er, zufrieden, gegen sie frisch
ansetzen zu können. »Du wirst älter, und die Verhältnisse haben sich
durch den Krieg geändert --«
»Sie haben sich nicht durch den Krieg geändert.«
Diesen Einwurf überhörte er, um schärfer fortzufahren. »Und bei deiner
unverständigen Renitenz muß ich noch froh sein, wenn sich sonst jemand
um eine vernünftige Ordnung kümmert. Was soll das heißen, wenn du der
Frau Professor den Kaffee über das Kleid schüttest und dich nicht
einmal entschuldigst? Wenn du morgens den Besen gegen ihre Tür wirfst,
damit sie nicht mehr schlafen kann? Wenn sie dir aufträgt, ihr Bänder
aus der Stadt zu bringen, und du sie absichtlich nicht bringst? Ihre
Briefe liegenläßt, die du mitnehmen sollst, und sie zwingst, sie selber
zur Post zu tragen? Entweder sind das Aufsässigkeiten, oder es sind
Dummheiten eines alterskindischen Menschen. In beiden Fällen sind es
Erscheinungen, die ich nicht an einem Dienstboten zu bemerken wünsche.
Das sollst du künftig bedenken.«
»Ich dachte, die Frau Professor sei hier nur auf Besuch!« entgegnete
die Magd gereizt.
Der Hieb saß, aber er kam ihr nicht zugut. »Ich habe dir gesagt, daß
ich deine Unverschämtheiten nicht länger dulden will«, bemerkte der
Dechant mit kalter Miene. »Du bist hier eine Dienstmagd mit kündbarem
Verhältnis. Entweder die Umstände behagen dir, und du fügst dich ihnen,
oder sie behagen dir nicht, und du verläßt sie. Sonst gibt es darüber
zwischen uns beiden nichts zu reden. Dabei fällt es noch ganz dir zur
Verantwortung, daß du es soweit kommen ließest. -- Für heute wollte
ich dir mitteilen, daß Frau Professor Klinger bereit ist, trotz deiner
Widerspenstigkeiten deine Tagesarbeit zu erleichtern, indem sie dir die
Pflege des Mädchens abnimmt --«
»Die Pflege gebe ich nicht ab«, versetzte Brigitt erregt und schnell.
»Ich will nichts von der Frau Professor abgenommen haben. Hat mich
Fräulein Linde gepflegt, so werde ich sie wieder pflegen. Das ist
alles. Mit meinem Tagewerk werde ich schon allein fertig werden.«
»Aber Brigitt«, versuchte der Dechant erneut zu mahnen, »du vergißt
schon wieder, daß über diese Angelegenheiten ich zu entscheiden habe --«
»Verzeihung, Hochwürden, darüber muß ich entscheiden. Wie Fräulein
Linde gepflegt werden muß, und was ihr bekommt und was nicht, das weiß
ich von lange her, und wenn ich's besorge, so weiß ich, daß es recht
besorgt ist.«
»Du wirst nicht so kindisch sein, zu glauben, daß Frau Professor
Klinger das nicht auch recht besorgen wird«, wunderte er sich.
»Davon bin ich nicht so überzeugt«, erklärte sie düster.
Er lachte geärgert. »Linde ist in ärztlicher Behandlung. Was hast du da
noch zu zweifeln?«
»Weiß der Herr Kreisphysikus, woher diese Krankheit kommt? Nun also.
Bis er's weiß, behalte ich meine Meinung. Linde pflege ich selber.«
»Du bist ganz und gar närrisch«, sagte der Dechant sehr verdrießlich.
»Du verläßt dich darauf, daß ich dir nicht auf gewöhnlichem Weg
kündigen und dich auf die Straße setzen werde. Und das werde ich auch
nicht, aber ich werde dich ins Altersasyl einkaufen oder dir eine Rente
aussetzen, aber in meinem Haus wirst du unter diesen Umständen nicht
mehr sehr lange sein. -- Ich habe dir mitgeteilt, daß Frau Professor
Klinger die Pflege bei Linde übernehmen wird. Finde dich damit ab, wie
du willst. -- Du hast nicht den besten Geist, Brigitt. Ich fand dich
früher gottesfürchtiger. Sieh zu, daß du mit dir selber wieder ins
reine kommst.«
Mit diesen Worten war sie entlassen, und sie wußte von jedem genau, was
es zu bedeuten hatte. Die letzten spielten auf die hinausgeschobene
Beichte an, die sie Gott nach der schweren Krankheit und der endlichen
Genesung schuldig war, und die andern stellten sie vor die Wahl,
entweder das Haus zu räumen, den Dechanten einem gleichgültigen neuen
Dienstmädchen und Linde der Feindin auszuliefern, oder zu gehorchen, um
wenigstens bei den Vorgängen zu sein, wachen und beten und vielleicht
in irgendeinem Moment als Retterin oder Rächerin einspringen zu
können. Was sie wagen durfte, um beim geistlichen Herrn ihre Rechte
durchzusetzen, das hatte sie heute gewagt und mehr als das. Er forderte
von ihr Verzicht auf alle Hoffart, und sie verzichtete erschüttert um
Lindes willen. Im Lauf der Nacht faßte sie den schweren Entschluß, den
Krieg gegen die Feindin aufzustecken, alles zu tun, was sie ihr hieß,
zu lassen, was sie ihr verbot, und vorläufig in diesem Haus keine
andere Rolle mehr zu spielen als eine stumm gehorchende, auch wenn sie
mit offenen Augen sah, wohin der Kurs steuerte. Besondere Freudigkeit
konnte sie dabei nicht versprechen, und für den Mund, der ihr fortan
verboten war, wollte sie die Ohren desto mehr brauchen, unvergessen die
Zunge -- nicht zum Lästern, sondern zum Schmecken! -- und die Nase zum
Riechen, denn an ihrem Verdacht, so kindisch er in der Tat war, hielt
sie fest.
So zeitigte denn diese Unterredung das wunderbare Ergebnis, daß
beinahe eine ganze Woche lang nichts über Brigitt zu klagen war. Sie
tat ihre Pflicht, schwieg, gehorchte, gab zu, ließ sich gefallen, war
korrekt wie ein Reserveoffizier und zurückhaltend wie ein Hauslehrer,
und nur mit der Abtretung der Krankenpflege harzte es noch etwas;
aber die Klingse war damit nicht barsch, und wenn sie ihr wieder
eine Verrichtung aus der Hand nahm, so geschah es leichthin und ohne
grundsätzliche Verdrießlichkeiten. Bald war sie in aller Stille und
Noblesse beinahe ganz aus dem Krankenzimmer gedrängt. Auf die stumm
drohende Gebärde ihres Zurückweichens und den tief knurrenden Unterton
in ihrem: »Jawohl, gnädige Frau!« achtete diese nicht weiter; wenn
nur das Tier gehorchte und sie mit ihrem Herrentum durchdrang. Sie
genoß ihren Sieg, ohne ihn zu mißbrauchen; doch war sie streng darauf
bedacht, ihn nach allen Seiten unmißverständlich auszubauen und keine
Gelegenheit übrigzulassen, bei welcher Brigitt nicht gedemütigt und mit
großer Selbstverständlichkeit als Dienstmagd behandelt war.
Nach einer solchen Woche voll büßender Selbstüberwindung war dann
Brigitt am kommenden Sonntag in der richtigen Verfassung, um die
schuldige Beichte abzulegen. Sie nahte sich in demütiger und
sorgenvoller Stimmung dem Beichtstuhl, aber nicht dem des Dechanten,
sondern dem seines ersten Gehilfen, der auf der andern Seite der Kirche
stand. Dort legte sie eine große und schwere Last ab, ein gewichtiges
Bündel von Eitelkeit, Hoffart, Haß, Gewalttat, bösen Gedanken und
widerspenstigem Wesen gegen ihren Herrn, blieb nichts schuldig, verbarg
keine Regung, die ihr bewußt war, verschwieg auch nicht ihre Gründe,
warum sie das alles anstatt ihrem Dienstherrn, der doch der nächste
dazu war, dem Hilfsgeistlichen bekannte: aber von Linde war kein
Hauch dabei, und der junge Priester konnte ihr Bekenntnis drehen und
wenden, wie er wollte, so fiel davon nicht der leiseste Schatten auf
die rechtmäßigen Bewohner des Pfarrhauses. Das Verlangen der büßenden
Botmäßigkeit und Demut, das der Geistliche darauf an sie stellte, war
schon zum voraus erfüllt, und schließlich nahm sie ihre Absolution mit
innerlich schweigendem Dank ohne Hosianna entgegen, denn vorläufig war
ihr Gram noch nicht kleiner als ihre Schuld, und nachdem sie diese
Last los war, fand sie, daß das Gewicht ihrer mütterlichen Sorge um
Linde und der andern um den Dechanten wenig an Druck verloren habe.
Sie kommunizierte unter sehr ernsten Gedanken, und dann ging sie doch
etwas getröstet nach Hause, weil sie wieder an der Hand Gottes war.
Mit solcher Bedeutung angetan und mit dieser heiligen und gerechten
Macht im Einverständnis sah sie auch dem nächsten Zeitlauf gefestigter
entgegen, und konnte sie eher hoffen, aus der harten Demütigung ihre
menschliche und katholische Würde zu retten.
Der Dechant genoß nun von Brigitts Unterordnung doch nicht die
Genugtuung, die er sich davon versprochen hatte. Es blieb ihm natürlich
nicht verborgen, daß sie zu seinem Untergebenen beichten ging, und das
gab ihm schließlich mehr zu schaffen als alle andern Verdrießlichkeiten
zusammengenommen; das war kein neues Ärgernis, sondern ein stiller,
demütiger Bruch mit seiner Vergangenheit, die auch die ihre war. Sie
hatte alle Hauptstationen seines Priesterlebens getreulich mit ihm
durchgemacht, von der ersten kleinen Hinterwaldpfarre an bis ins
Dechanat, immer ihm blind ergeben, auf seinen Ruhm und seinen Vorteil
bedacht, in seiner Zufriedenheit und seiner Anerkennung ihren höchsten
Lohn erblickend -- um sich nun in seiner schwersten Zeit von ihm zu
scheiden und ihm ihre geistliche Kundschaft zu entziehen samt ihrem
Vertrauen und ihrem Glauben an seine priesterliche Person. So war
ihm zumut, als ob ihm seine besten Jahre und seine Jugend den Rücken
gewandt hätten, und da ihm seine Mutter diese Magd aus ihrem Besitz
ausdrücklich abgetreten hatte, so schien auch sie fragend und zur
Anklage bereit auf ihn herzublicken. Zu diesem innern Unbehagen kam
noch ein äußeres. Es erbitterte ihn noch einmal ganz besonders auf die
alte Person, weil er sich sagte, daß man draußen über ihre Abwendung
von ihm reden und Schlüsse ziehen und daß das ganze vermaledeite
Geschwätz nun frisch aufleben würde. Da sie aber ihren neuen Wandel mit
großem Ernst betrieb, so fehlte es ihm an Anlässen, seine Gereiztheit
gegen sie zum Ausdruck zu bringen.
Andrerseits war sie nicht zwanzig Jahre lang seine Magd und Verehrerin
gewesen, um am Ende nichts von ihm zu verstehen. Sie sah mit mehr
als nur zwei Augen, wie er entartete und verwilderte und auf großen
Strecken die Ähnlichkeit mit sich selber verlor. Es fehlte ihm
nachgerade überall am richtigen innern Halt und an der Festigkeit des
reinen Gewissens. Seine Seele war voll von fressenden Zweifeln. Es
gab Zeiten, in denen er sich uralt und erzverloren vorkam; dann hielt
er zerrissene und leidende Predigten, über die sich mancher wunderte,
und die die Gemeinde in Unruhe erhielten, solange er sprach und noch
darüber hinaus. Man fand ihn bitter, scharf und schwer verständlich. Im
Beichtstuhl war er von dumpfer Gleichgültigkeit oder von ergreifender
Eindringlichkeit; manche verließ ihn weinend, und an solchen Tagen
machte er auch den Männern zu schaffen.
Als aber die Klingse sich anschickte, mit einem Buch in der Hand sich
für längere Zeiten im Zimmer der Kranken einzurichten, stand diese ganz
unerwartet auf und setzte ihren früheren Lebenslauf wieder fort.
Neuntes Kapitel
Heinz wird ganz unbegreiflich. Die Herzenskälte richtet neues Unheil
an, und Bob findet einen tragischen Untergang
Eigentlich hätte die Klingse schon vor vierzehn Tagen ihre Koffer
packen und mit dem letzten Brief des Soldaten in der Tasche heimfahren
können, um von dort aus das Verhältnis in einer angenehmeren
Umgebung weiterzupflegen. Aber erstens spannte sie der innere
Prozeß des Dechanten, den sie den Ehrgeiz hatte, aus einem »nicht
ungefährlichen katholischen Geistlichen« zu einem weltlichen Gelehrten
zu »rationalisieren«. Dann war auch ihre Villa eigentlich noch nicht
fertig. Aber vor allen Dingen: sie schwebte noch in Ungewißheit über
Lindes Verhalten auf jenen Brief des Soldaten. Nicht darauf gefaßt,
daß das Mädchen so kühn und schnell das Richtige getan haben werde,
fing sie nach acht Tagen bittrer Genugtuung wieder zu gären an. Als
sie ihre Einsamkeit nicht länger ertrug, denn auch die Bewachung einer
Feindin wird schließlich zum Bedürfnis, focht sie mit dem bekannten
Erfolg die Magd in ihren Pflegevorrechten an. Wie aber Linde durch
ihre Wiederherstellung ihre Einrichtungen über den Haufen warf, mit
sichtbarer Kraft weiterlebte und bei allem eine Entschiedenheit
und Elastizität an sich bemerken ließ, die man vorher lange an ihr
vermißt hatte, so diagnostizierte der Kreisphysikus nachträglich eine
Influenza, aber die Klingse diagnostizierte eine befreiende Handlung
oder eine, die Linde dafür ansah, und erwartete mit Spannung und von
vornherein mit Mißtrauen den Bericht des Soldaten darüber. Spannung
und Mißtrauen schienen ihr gegenüber einer Gegnerin, die ständig
auf unkontrollierbare Weise neue Kräfte zog und Größe gewann, wohl
angebracht, doch inzwischen erlebte sie wirklich üble Zeiten, weil der
Bericht länger ausblieb, als sie gern ertrug.
Die ersten vierzehn Tage faßte sie sich leidlich, weil die Post von der
westlichen Front in der letzten Zeit überhaupt unregelmäßig kam. Die
dritte Woche verbrachte sie in widerstrebender und äußerst aufreibender
Stimmung, zwischen Furcht und Selbstgefühl peinlich eingespannt, mit
innerlich gehetzten Tagen und auch äußerlich ruhelosen Nächten, in
denen sie kaum das Bett aufsuchte. Brigitt mußte ihr am Abend den
Ofen frisch einheizen, was gewöhnlich bis gegen zwei Uhr vorhielt.
Solange saß sie brütend und mit unbekannten Faktoren rechnend in ihrem
Lehnstuhl, nervös und schreckhaft und manchmal mit einem Modebuch,
um sich an seiner oberflächlichen und billigen Sensation etwas
abzulenken. Aber von ihrem tiefsten und tragischsten Leiden lenkte
sie sich niemals und durch kein Mittel ab; ihre kalte und hochmütige
Einsamkeit begleitete sie in jedes Verhältnis und ließ sie aus jedem
kalt und einsam herausfallen. Sie saß wirklich, wie sie dem Dechanten
erzählt hatte, über Kellern voller Leichen, aber nicht solchen, die
sie mit Wissen und Willen dazu gemacht hätte, dazu fehlte es ihr
vor allem an Natur, sondern sie hatte das peinliche Geschick, daß
in ihren gespenstischen Händen jedes Leben bald erkältet den Geist
aufgab. Dann barg sie das Tote in den besagten Kellern, aber wiederum
nicht aus mütterlich untröstlicher Trauer, sondern aus literarischem
Interesse, um das »furchtbare Bewußtsein« zu haben, nach dem sie
dann ihre gesellschaftliche Haltung einrichtete. Inzwischen litt sie
nichtsdestoweniger an ihrer lemurischen Unfruchtbarkeit und sehnte sich
nach Wärme und Jugend, wie sich nur ein Gespenst sehnen kann.
Linde in ihrem Teil war ihrem fernen Freund in zunehmendem Maß dankbar,
daß er ihre Bitte erfüllte und sie nicht durch Erklärungen beunruhigte,
die bloß neue Unklarheiten bringen konnten, oder sie mit Abrechnungen
peinigte, die auf moralische Pfennigspaltereien hinauslaufen mußten.
Irgendwo in ihrer Seelentiefe schwebte ja ein armes Fünkchen von
Hoffnung auf und ab und bat, er möchte dennoch schreiben, um ihr
rettungslos mitzuteilen, daß sie von ihm mit ihrem Trennungsvorschlag
das Unmögliche verlange, das er durchaus nicht zu leisten gesonnen sei,
sondern was er wirklich leisten könne, sei höchstens das Gegenteil,
wenn es nicht eben in seinem Herzen längst geleistet wäre. Immer
wieder in ihren Träumen sah sie ihn auf seinen hoch aufgelaufenen
Reichtum zurückgreifen, um sie zu bitten: »Laß mich nicht damit einsam
verderben!« In dieser Weise schwebte sie auf sehr hohen und dünnen
Sommerfäden der Hoffnung schon etwas erdenfern und doch zugleich
mit der kühnen Seele äußerst erdennah über ihr wartendes Land,
lebte von Vorstellungen und ein bißchen Essen, und niemand wußte,
woher sie nach einer Krankheit, ohne den bekannten unternehmenden
Rekonvaleszentenhunger zu entwickeln, die Kräfte nahm, über die man sie
freimütig verfügen sah.
Sie besuchte wieder wie ehedem alte Weiblein und kranke Kinder, focht
mit jenen geistlich und tröstete diese irdisch, und Bob machte das
meiste ernsthaft mit. Was früher etwa von Altklugheit an ihr gewesen
war, das schien nun ganz in Erfahrung und warmherzige Seelenklugheit
aufgelöst. Einige besonders heilige Weiblein fanden sie freilich
weltlich angehaucht und brummelten künftig unzufrieden hinter ihr
herum, jedoch alle andern Freunde fielen ihr noch herzlicher bei, und
zu den alten gewann sie neue. Auch Bob gewann einige neue Gönner,
verständigte sich aber jedesmal durch einen Blick mit Linde, daß er
nichts Besonderes davon halte. Linde schenkte viel und bekam geschenkt.
Manchmal war es beinahe ein Verhältnis wie zwischen einem zur Abfahrt
gerüsteten Auswanderer und seinen Verwandten und lieben Freunden,
und später fanden sich auch Leute, die diese Stimmung aussprachen,
wenn von Lindes letzten Zeiten die Rede war. Sogar an Bob war eine
besondere zärtliche Erregtheit, so daß er ihr nicht von den Fersen
wich und ihretwegen mit Hunden Händel anfing, mit denen er bisher ganz
gut gestanden hatte. Dies war übrigens auch die einzige Zeit, in der
die Tante sich ihr gegenüber ohne wirksame Macht befand. Es fehlte ihr
durchaus nicht am Willen, aber einmal schien Linde geradezu entrückt,
und dann wußte sie nicht, auf was für einer Grundlage sie fußte,
solange Heinz nicht schrieb oder seine Briefe ausblieben.
Als dann aber gänzlich unerwartet von Heinz ein Brief an Linde eintraf
und nur an Linde, erregte das Ereignis gleichermaßen bei beiden Frauen
Bestürzung, und erbleichten beide vor Schreck, während sie, jede an
ihrem Ort, Brigitt durchs Haus schreien hörten: »Lindchen, ein Brief
vom Herrn Heinz!« Linde nahm ihn mit leise zitternder Hand entgegen und
beinahe geistesabwesend, so daß ihr der alte Mensch mitleidig übers
Haar strich. »Ach Gottchen! Ach Gottchen! Nun, siehst du wohl! Da ist
er ja wieder! Was hab' ich immer gesagt?« Mit einer Freudenträne im
linken und einer Kummerträne im rechten Auge hob sie sich wieder davon,
denn die letzten Ereignisse hatte sie doch, was den Herrn Heinz anging,
zur Skeptikerin gemacht. Indessen ließ sie beide hängen und paßte nur
auf, welche zuerst herunterfiel; die linke sollte Glück bringen. Aber
obwohl sie sogar ein bißchen mit Zwinkern nachhalf, fiel die rechte.
Da brummte sie erbost: »Aberglauben und Zauberwesen! Wer sich damit
einlassen wollte!« Gleich darauf zerbrach sie einen Topf, und nun hatte
sie auch ein ~gutes~ Zeichen, und zwar ein altangesehenes.
Indessen las die Linde ihren Unglücksbrief. Er war kurz und drangvoll.
»Liebes Mädchen, was soll ich sagen! Du willst, daß ich Dich nicht
mit einer Antwort quäle, aber hast Du auch an mich gedacht? Ich bin
Offizier. Auch ein Mann läuft nicht aus der Schule. Verlange nicht
von mir, daß ich jetzt mehr aus mir herauspresse. Um mich kracht und
donnert es. Eben muß ich das Blatt abschütteln, weil Erde von einer
Granatfontäne draufgefallen ist. So sieht es hier aus. Hab' Geduld mit
mir; woher sollen wir Augenmaß nehmen? Hoffentlich hat die Morderei
bald ein Ende. Herzlich Heinz.«
Die Antwort war also so schlimm ausgefallen, als Linde irgend fürchten
konnte; selbst ewiges Schweigen wäre besser gewesen. Außerdem, daß
sein Ton verletzend klang, bemerkte sie mit leise erregendem Schmerz
das Fehlen des zueignenden Fürworts am Schluß vor seinem Namen, und da
es für die Liebe keinen Zufall gibt, so durfte sie nichts anders, als
einen trauervollen Schluß daraus ziehen. Sie tat es in sehr anständiger
Haltung. An ihrem Glauben änderte sie nichts. Ihren Liebeswillen
hielt sie aufrecht. Den Brief des Freundes ließ sie unbeantwortet.
Aus Morgen und Abend begann jedoch eine neue Leidenszeit für sie auch
körperlich. Das Fieber fand sich wieder ein, wie es schien geradezu
zur Befriedigung des Kreisphysikus, welcher erklärte, daß es sich um
einen Influenzarückfall handle, der ihm wie gerufen komme; das kleine
wichtige Fräulein müsse ja in dieser Zeit ganz voll Bakterien aus
Armeleuts- und Krankenstuben hängen, und es sei ein Wunder, daß sie
überhaupt nicht viel öfter krank werde. »Zu früh aufgestanden, mein
Kindchen. Da haben wir's wieder! Quarantäne! Vor vier Wochen lass' ich
dich nicht wieder 'raus.«
Die Klingse hatte abermals ihre besondern Gedanken über den Fall. Wenn
sie erwog, daß Linde gestern einen Brief von Heinz bekommen hatte,
der diesen Erfolg bewirkte, so fühlte sie etwas unter ihren Füßen wie
Festigung des Bodens. Weiter brachte sie ihr Literatursinn auf die
Vermutung, daß Heinz bei seinem weichen Gemüt natürlicherweise mit den
Dingen nicht so überlegen fertig zu werden verstehe wie ein älterer
und härterer Mensch, und daß es an ihr liege, ihre Zurückhaltung nun
aufzugeben und ihm weiterzuhelfen, nachdem er offenkundig den großen
Schritt ihr entgegen getan hatte. Sie hielt ihn noch für zu wund
und zu erregt, um nun auch gleich die Folgerungen ihr gegenüber zu
ziehen, und vielleicht war er auch zu geschmackvoll. In allen diesen
vorausgesetzten Regungen sah sie achtenswerte »ideale Momente«;
mindestens wollte sie sie jetzt achten, weil sie ihr den Weg zu ihm,
den sie schon verschüttet gesehen hatte, wieder frei machten und es
ihr ermöglichten, aus ihrer nachgerade unerträglichen Vereinsamung
herauszutreten. So setzte sie sich denn noch am ersten Tag von Lindes
Neuerkrankung hin und schrieb an Heinz, ohne länger seinen berichtenden
Brief zu erwarten.
»Mein lieber Freund! Es drängt mich, Dir mit einem Wort zu schreiben,
daß ich manches sehe und vieles empfinde; das übrige vermag ich zu
konstruieren. Ich verstehe das, was Dir schwer ist, wenn dergleichen
mir auch längst nicht mehr schwer scheint. Mein Freund, wir tun gut
daran, die Dinge vom Standpunkt des Mondes aus zu betrachten; ich für
mein Teil bin bereits auf dem Sirius angekommen. Wie klein ist diese
Welt, und wie bedeutungslos ist das, was man so gemeinhin Schicksal
nennt! Du kannst mir glauben, daß sich noch jeder und jede getröstet
hat, und der Prozeß geht immer viel schneller, als wir denken.
Tragödien ereignen sich nur auf dem Theater, und der Realismus hat
auch mit den Theatertragödien schon aufgeräumt. Am schwersten hat es
immer der, den das Beharrungsvermögen der Menschen zwingt zu handeln.
Mein lieber Junge, was sich in der Welt so ›gut‹ nennt, und wen man
›schuldig‹ spricht, darüber reden wir einmal mündlich. Hoffentlich nun
bald! Mir ist beinahe religiös zumut. Wir werden unser Leben künftig
nicht mehr durch Gefühle aufhalten, sondern wie es uns ziemt, gut
englisch auf +business+ einstellen. Die Karriere, mein Freund, die
Befriedigung des Ehrgeizes, das sind die wahren Genugtuungen. Die Wege
dazu sind mir bekannt; ich werde dich führen. Das Geheimnis besteht
in der Verachtung der Menschen, während man den Anschein erweckt, sie
zu schätzen. Wohl Dir, daß es Dir so früh kund wird. Nun sorge Dich
um nichts und genieße Deine Jugend. Lebe Dich frei und versäume keine
Gelegenheit. Das ist die ganze Weisheit des Glückes. Ich bin wie immer
herzlich Deine Malva.«
Nach weitern zehn Tagen Wartens traf endlich seine Antwort ein.
»Liebe Malva! Ich danke Dir für Deinen Brief und die guten Ratschläge.
Ich werde sehen, was sich davon in die Wirklichkeit umsetzen läßt. Bei
uns hier draußen hat eben manches ein anderes Gesicht, und wenn man
so einen Monat wie den andern im Dreck herumbuddelt, so ist es nicht
leicht, den Standpunkt des Mondes einzunehmen oder gar die Welt vom
Sirius aus zu betrachten. Jeder Tag bringt seine Granaten; das ist
~unsre~ Weisheit, und eine andere brauchen wir vorläufig nicht.
Gestern hatte ich wieder einmal den Rachen voll Erde. Ums Haar hätte
ich mich daran verschluckt. Ich war so verdast von dem Schlag, daß
ich nicht einmal darauf verfiel, mir mit dem Finger Luft zu schaffen.
Ein Musketier erwies mir noch schnell den Dienst, ehe ich erstickte;
ich hatte keine Zeit, mir seine Kralle näher anzusehen. So geht es
aber, wenn man den Mund zu weit aufreißt. Daran zu denken, daß ihr
euch in der Heimat in der Zeit um uns balgt, das gibt manchmal ein
putziges Gefühl. Versteh mich nicht falsch, aber unser höchster Wunsch
ist jetzt, daß das alles zuerst einmal vorbei wäre; dann wollen wir
weitersehen, soviel von uns übrigbleiben. Wenn ich aber die Menschen
verachtete, so wollte ich's ihnen auch zeigen; darin stimme ich mit
Dir nicht überein. Nun, was wissen wir noch voneinander! Habt ihr
Überblick, so kann's uns nur lieb sein; wir haben längst keinen mehr.
Du hast recht, man müßte wieder einmal miteinander reden. Also hoffen
wir. Eben kommt mein Bursche und meldet, daß sie unsern Unterstand
eingeschossen haben. Zum Glück war niemand drin. Ich muß sehen gehen.
Herzliche Grüße. Heinz.«
Dieser Brief war nun dazu angetan, auch der Klingse Fieber zu
verursachen, und die Stelle: »-- daß ihr euch in der Zeit um uns balgt
--« verletzte und verdroß sie unsäglich. Aber kühl erwägend sagte sich
ihr Verstand, daß, wenn Linde Ursache für einen neuen Fieberanfall
gefunden habe, für sie vernünftigerweise keine bestehen könne. Was sie
erlitt, das erschien ihr, überlegen betrachtet, ein ungezogener Vorstoß
von übler Laune und Nervosität gegen eine eingebildete Bedrängung, die
Schlechtberatenheit eines jungen Menschen, der sein augenblickliches
kriegerisches Übergewicht gegen seine moralische Hilflosigkeit geltend
zu machen suchte, »irrationell«, wie er von seinen Lehrern kam, und
sachlich noch gar nicht eingeschult. Da sie ihn aber auf ihre Art
wirklich liebte, so sah sie's ihm nach in der Erwartung, noch Zeit
genug zu seiner Erziehung zu bekommen, wenigstens bildete sie sich
ein, die Frau dazu zu sein, während niemand weniger für eine solche
Aufgabe geeignet war als sie mit ihrem gespenstischen Fatalismus, ihrer
Verständnislosigkeit für Leidenschaftsausbrüche und ihrem Mangel an
Würde und Wehrhaftigkeit gegenüber wirklichen Ungezogenheiten. Und
während sie sich nach den Mitteln und Wegen umzusehen begann, wie seine
Karriere in der Welt vorzubereiten und im größeren Stil durchzuführen
sei, schrieb sie bereits die ersten Briefe, die nötig waren, um nach
jenen Richtungen die wünschenswerten Beziehungen bereitzustellen.
In dieser Zeit wurde sie für Bob die Beziehung zum Untergang, und
zwar hatte das erbarmungslose Ereignis folgenden Verlauf. Bob kam,
seitdem seine Freundin wieder zu Bett lag und die Klingse von neuem
die Vermittlung zwischen dem Hauswesen und der Geschäftswelt führte,
selten mehr zum Ausgang; wenn er Anregung haben und in der Stadt
auf dem laufenden bleiben wollte, so mußte er sich schon an die
unbeliebte Person halten. Nun hatte die Klingse wenig Lust, sich mit
dem lebhaften und sehr unternehmenden Tier zu befassen, aber da der
Dechant wünschte, daß Bob seine tägliche Bewegung bekomme, so nahm sie
ihn mit. Trotz seiner gelegentlichen Wildheit war er hochsinnig und
zartfühlend, und wo er ein wenig Interesse für seine Art und seine
Bedürfnisse bemerkte, da zeigte er sehr genauen Appell. Eine Rauferei
zum Beispiel zu verhüten, war nicht immer möglich, aber wenn man rasch
weiterging und ihn abrief, so schloß er ganz richtig, daß man sich mit
dem gegebenen Beweis seines Eifers begnüge, und kam nach, ohne auf
der Austragung des Falles zu bestehen, obwohl es sonst nicht seine
Art war, einen Streit halbgenäht hängen zu lassen; daß er vorzeitig
davon abließ, tat er wirklich nur seinem Herrn oder seiner Herrin zu
Gefallen. Mit kleineren Hunden, als er war, ließ er sich nicht ein;
seine Feinde begannen erst in den Reihen der größeren Terrier, und
dort machte er noch zur Bedingung, daß er oder sein Begleiter zuerst
in unflätiger Weise beschrien werden mußte. Bei Wölfen, Dobermännern,
Neufundländern und Bernhardinern dagegen ging er selbständig an und
desto sicherer, je größer die Feinde waren. Darum war es nötig, daß man
etwas die Augen für ihn brauchte, um ihn beizeiten ablenken zu können,
denn schließlich war er nicht mehr jung, und durch den Verlust des
einen Auges entstand ihm mancher Nachteil, zumal in letzter Zeit auch
das andere angegriffen schien. Er suchte immer auffälliger dämmerige
Plätze zum Liegen, und manchmal bemerkte man, daß er an Gegenstände
anstieß, die eigentlich mit normalem Gesicht nicht wohl zu übersehen
waren. Nun schien ihn auch der Schmerz in dem verletzten Auge und das
scharfe Tageslicht zuzeiten zu reizen und ihn etwas rauher und weniger
ritterlich zu machen, als er sonst war. Alles in allem verlangte er
also ungefähr die Aufmerksamkeit und Vorsorge, die man einem lebhaften
und phantasiereichen Knaben auf der Straße zuwendet, und bei seinem
bedeutenden Reichtum an sonstigen wertvollen Eigenschaften, Treue,
Wachsamkeit, Selbstgefühl, Unbestechlichkeit, Dankbarkeit, und der
ganzen Entschiedenheit seines Wesens war es keine Frage, ob er jene
verdiente oder nicht.
»Nun, so komm also!« sagte die Tante kaltsinnig und etwas verdrießlich
zu ihm, der schon nach ihr sehend vor der Tür wartete und hoffend den
kurzen Schwanz bewegte. »Ich bitte mir eine anständige Aufführung aus.
Nicht aus dem Haus schießen!«
Aber er schoß bereits, und für den fremden Hund, der jetzt gerade
nicht dastand, war es ein wahres Glück, denn Bob fühlte sich diesen
Morgen besonders begierig und gereizt, weil ihn Brigitt nach dem Willen
der Klingse neuerlich wiederholt im Futter zurückgesetzt hatte. Er
suchte noch schnell die bekannteren Plätze ab, dann setzte er sich
gesammelter und leise gespannt auf die vorkommenden Abenteuer am Dom
vorbei nach der Sattlergasse zu in Bewegung. Zuerst begegnete ihm ein
kleiner Wachtelhund, der ihm respektvoll aus dem Weg ging. Nachher kam
ein großes, graues Windspiel des Weges, das zur Präsidentin des Roten
Kreuzes, dem Fräulein von Epstein, gehörte. Aber Windspiele hielt er
nicht für Hunde; er hatte schon von Kind auf eine Verachtung für sie
gehabt. Auf den Anruf des Fräuleins von Epstein kam er zwar her und
ließ sich gnädig den Kopf streicheln, doch an ihrem Gespräch mit der
unbeliebten Person nahm er keinen Anteil, und sobald es der Anstand
erlaubte, machte er sich davon.
In der Hauptstraße begegnete er dem braunen Jagdhund des Kaufmanns
Felge, der dessen Boten auf einem Gang begleiten durfte. Mit diesem
setzte es eine kurze grundsätzliche Anremplung um der Ordnung willen;
im übrigen waren sie alte Bekannte, die an diesem Platz schon viel
Wechsel gesehen hatten. Der Jagdhund war als Eingeborener freilich
schon dagewesen, als man Bob mit der Eisenbahn brachte, wenn auch erst
die zehn Wochen, die er alles in allem damals zählte, aber da gehörte
Bob bereits unter die Erwachsenen, und diesen Vorsprung an Geltung
hatte der Jagdhund nie ganz einholen können, zumal Bob überhaupt als
Ausnahme betrachtet wurde und darum allen Respekt und alles Übelwollen
genoß, das die Mittelmäßigkeit für solche Erscheinungen immer bereit
hat. Zu Ehren des Jagdhundes muß gesagt werden, daß er von Übelwollen
nur so lange besessen war, als er sich mit Bob zu raufen hatte; sonst
war er ein Ehrenmann, der fremde Verdienste zu schätzen wußte.
Nach dem braunen Jagdhund des Herrn Felge kamen die beiden weißen
Pudel der Frau Oberförster, einer anspruchsvollen, reichen Frau, in
Begleitung des Dienstmädchens. Das Mädchen bemerkte den Boxer schon von
weitem und nahm die Pudel vorsichtig an die Leine, da sie zu seinen
besten Feinden zählten; er konnte die zierigen, eingebildeten und
hochtrabenden Tiere, die immer farbige Bänder am Halsband und Decken
mit Monogrammen und weißen Taschentüchern trugen, in den Tod nicht
ausstehen, und wo er eines von ihnen erreichbar fand, ging er es sicher
nicht vorbei. Nachher hatte er das Maul voll weißer Pudelwolle und
etwa einen neuen Biß am Kopf oder an der Brust, denn die Pudel waren
trotz ihrer Zierigkeit nicht von schlechter Rasse und schlugen wütend
zu. Wenn sie aber an der Leine gingen, fing er nichts mit ihnen an.
Zur Durchführung dieses großmütigen Grundsatzes war es dann freilich
nötig, daß er weder von den Pudeln beschrien -- Knurren vertrug er
in solchen Fällen auch nicht -- noch von seiner Begleiterin verwarnt
wurde, sonst vergaß er auch die Leine und fuhr unhaltbar drein.
Nun beging die Klingse, die sich noch nie die Mühe genommen hatte,
ein Tier zu verstehen, die große Torheit, beim Nahen der Pudel
Bob ausdrücklich und von vornherein über den möglichen Ungehorsam
indigniert zu vermahnen. Bob dachte also, daß sie von den Pudeln eine
Gefahr besorge; er leckte sich die Zähne, und seine Miene nahm bereits
einen drohenden Ausdruck an. Die Pudel ihrerseits fühlten sich von
der scharfen und nervösen Stimme der Klingse erregt und glaubten, daß
dort ein Angriff befohlen werde. Bob ging den Pudeln mit langsamen,
steifen Schritten und gespanntem Rücken entgegen. Die Pudel schlugen
Lärm und rissen unruhig an der Leine. Die Klingse verwarnte und rief
aufgebracht Bob beim Namen. Das Dienstmädchen begann zu schreien und
suchte, mit den Pudeln wegzukommen. Aber schon fuhr der sehnige,
dunkle Körper des Boxers in die weiße Pudelherrlichkeit hinein und
diese flockig und leidenschaftlich über ihn her. Was dann geschah, war
nicht mehr im einzelnen zu erkennen. Einmal schien sich Bob in einem
Pudelohr festgebissen zu haben. Einmal hing ein Pudel an Bobs rechtem
Vorderlauf, dicht unterhalb der Brust. Das Dienstmädchen schlug mit der
Peitsche dazwischen und konnte nichts Dümmeres tun, denn jede Partei
setzte die empfangenen Hiebe der andern aufs Konto und steigerte ihre
Angriffswut. Die Klingse versuchte sich mit ein paar Fußtritten, ließ
dann aber, jetzt mit Grund indigniert, jede weitere Bemühung, um nach
Männern auszusehen, die helfen konnten.
Die erschienen in Gestalt von zwei Arbeitern, die Eisenstangen und
Werkzeuge trugen. Sie ließen sich lachend bereit finden, den Krieg
auseinander zu bringen. Zuerst probierten auch sie es mit Fußtritten,
und da das Dienstmädchen wie auch die Klingse einstimmig angaben, daß
Bob den Streit angefangen habe und er außerdem als Raufer bekannt war,
machten sie es sich zum besondern Vergnügen, einmal dem Hund eines
katholischen Pfarrers zu zeigen, was rechte genagelte Arbeiterschuhe
sind. Er bekam also alle Fußtritte allein. Als die Schuhspitzen
nicht auszureichen schienen, versuchten sie sich mit den Absätzen.
Schließlich war es natürlich, daß Bob, den die Fußtritte und die
allgemeine Parteinahme gegen ihn verwirrten, blindhin nach den Feinden
biß; dabei erhaschte er einen der Männer flüchtig am Schuh. Der Zahn
hatte, wie sich nachher zeigte, nicht einmal das Leder durchschlagen,
aber nach der Art aller rohen und stupiden Menschen, die auf eine
Niedertracht eine Abfertigung erhalten, schlug seine vergnügte Stimmung
schnell in Wut um. Er ergriff eine der Eisenstangen, die er bei sich
trug, und begann damit auf Bob loszuschlagen. Der erste Hieb traf ihn
auf die Schulter, so daß er erschreckt herumfuhr und sich bei seiner
Führerin in Sicherheit zu bringen suchte. Die Absicht war auch ganz
deutlich, aber der Arbeiter schrie: »Was, du elendes Vieh, du willst
noch mehr beißen? Da hast du fürs Beißen!« und führte einen zweiten
Schlag, der ihn auf den Kopf traf; das Blut floß sofort nach. Und weil
er doch einmal am Schlagen war, versetzte er dem hilflos taumelnden
Tier, das vor Blut nichts mehr zu sehen vermochte und vom Schlag halb
betäubt war, einen dritten Hieb ins Kreuz, unter dem es leise stöhnend
zusammensank.
Das Mädchen hatte unterdessen längst seine weißen Pudel aus dem Streit
zurückgezogen, etwas gezaust und schmutzig, aber übrigens heil, und
sich mit ihnen davongemacht; man konnte es eben noch die Nebengasse
hinauflaufen sehen, in der Herr Felge wohnte, und die Pudel sprangen
munter mit. Auch die Klingse, als sie sah, daß der Krieg beendigt
war und Bob »seinen Denkzettel erhalten« hatte, wandte der Szene den
Rücken. »Das hat dir schon lange gefehlt«, bemerkte sie noch belehrend
zu ihm, der sie mit blutüberströmten Augen blind suchte. »Das nächste
Mal wirst du besser gehorchen.« Mit dieser angenehmen Aussicht wandte
sie sich wieder auf ihren Weg, im ganzen befriedigt, nur daß ihre
schwachen Nerven noch etwas von der gehabten Aufregung zitterten. Den
Hund hatte sie so wenig aufmerksam angesehen, daß sie nicht einmal
bemerkte, wie er die Hinterbeine kraftlos am Boden schleppte. »Der hat
genug!« lachte der zweite Arbeiter, der nicht geschlagen hatte, halb
verlegen. »Komm.« Auch darauf achtete sie nicht. Sie ging die Stadt
hinunter, die Arbeiter machten sich nach der andern Richtung davon, und
nur einige Kinder standen halb neugierig, halb erbarmungsvoll um das
verlassene Tier.
Als Bob erkannte, daß man ihn allein gelassen hatte, war er zuerst
bestrebt, seinen Blick wieder zu befreien. Er fuhr sich einige Male
hastig und ungeduldig, weil er nicht mehr Herr aller Glieder war, mit
einer Vorderpfote über das heile Auge. Endlich gelang es ihm, es klar
zu bekommen, so daß er wenigstens die Richtung erkennen konnte, die er
heimwärts nehmen mußte. Mühselig mit seinem schleppenden Hinterkörper
setzte er sich die Stadt hinauf in Bewegung. Da das Blut weiterfloß,
wurde er bald wieder blind, aber nun halfen ihm die Kinder; sie
riefen: »Komm, Bob!« und wiesen ihm so die Richtung weiter. Aus der
barmherzigen Erfindung wurde dann ein Sport, und dermaßen kam das
stumme, traurige Tier mit großem Geleite und einigem Hallo langsam
durch die Stadt vorwärts; aber die ganze Reise dauerte eine halbe
Stunde und mehr, während sie sonst in fünf Minuten leicht zurückzulegen
war. Auf dem ganzen Weg fand Bob keinen Freund, der sich über ihn
erbarmt, und auch kein menschliches Herz, das sich aus Naturfrömmigkeit
seiner angenommen hätte. Die Erwachsenen, die ihn blutend seines Weges
kriechen sahen, eskortiert von der Kinderrotte, hatten für ihn wenig
andere Regung als die einer befriedigten Neuigkeitssucht, und das Wort
des Arbeiters: »Der hat genug!« wurde noch einigemal hinter ihm laut,
begleitet von keineswegs immer freundlichen Kennzeichnungen seines
Wesens und Treibens. Die etwas gespannte oder aber gleichgültige
Stimmung der Leute für seinen Herrn schlug sich auch auf ihn nieder,
und wenn er einmal für ein paar Minuten erschöpft liegenblieb, war
er inmitten aller Leute, die er wie in seiner Todesstunde kommen und
gehen hörte, in einer für ihn mehr ehrenden als nützlichen Weise
einsam. Es fand sich nicht einmal jemand, der ihm einen Schluck Wasser
gebracht hätte, obwohl er an mancher Haustür vorbeikam, durch die er
dem Dechanten oder Linde auf einem Hilfsgang gefolgt war, und nicht
nur einmal. Man hatte ihn stets mit ausgesprochenen Freundschafts- und
sogar Achtungsbeweisen empfangen, aber nie dazu gebracht, einen Bissen
Brot oder einen Knochen von jemand anzunehmen, und es war bei solchen
Ehrungen immer eine gewisse Verlegenheit an dem feinnervigen Tier zu
bemerken gewesen, die es durch angelegte Ohren, leises Knurren und
durch mitteilende Blicke auf seinen Herrn oder die Herrin äußerte. Bob
war auch immer sehr erleichtert, wenn es wieder hinausging, so gern
er stets mit hereinkam, denn die Aufsuchung von fremden Verhältnissen
schätzte er über alles, dagegen weniger deren Insassen; dafür hatte er
von jeher den richtigen Instinkt besessen.
Die Tante war inzwischen zur Post gegangen und dann zu Herrn Felge,
ohne den Hund besonders zu vermissen; sie sah, daß er nicht bei ihr
war, und sonst dachte sie sich nichts. Nach vollbrachter Verrichtung
kehrte sie auf einem andern Weg nach Hause zurück und war noch
vor Bob da. Sie fragte nicht nach ihm, sondern gab Brigitt eine
Küchenanweisung und stieg dann zu Linde hinauf, um mit dem Hinweis auf
das schöne Wetter -- es war gar nicht übermäßig schön -- ihr Fenster
zu öffnen, das sie von unten geschlossen gesehen hatte. Auch sie zog
bloß Schlüsse von sich auf andere Leute, um ihnen damit unbequem zu
werden, denn während sie in gesundem Zustand sehr auf Wärme hielt --
sie war fortdauernd blutarm --, konnte man ihr, wenn sie unpäßlich
war und zu Bett liegen mußte, nicht bald genug frische Luft machen,
weil sie es dann bei ihrem leicht hysterischen Zustand immer etwas mit
Hitzen zu tun bekam. Unterdessen hatte Brigitt dem Hund seine Schüssel
zurechtgemacht und ging, ihn rufend, durch die Zimmer, darauf vors
Haus, und dort sah sie den betrüblichen Zug herankommen, voraus das
Tier, das mit den letzten Kräften seinen gelähmten Leib nach Hause
schleppte, und dann die Kinderrotte, die sich jetzt mehr im Hintergrund
verhielt und nur noch sehen wollte, wie Bob empfangen wurde.
Als Brigitt nach dem ersten Schreck erkannte, worum es sich handelte,
lief sie eilig herzu, das Tier, viel tiefer erschreckt, als sie selber
wußte, beim Namen rufend. Bob hob aufhorchend den blinden Kopf. Über
seinen zerstörten Körper lief ein Zittern, und vor Erregung und
Schwäche brach er wieder zusammen. Die Magd ließ sich erschüttert bei
ihm nieder, um ihm vor allem mit der Schürze das schon eingedickte
Blut vom Auge zu wischen. Er blickte sie, als er wieder sehen konnte,
hilfesuchend und mit einem so kummervollen Ernst an, daß ihr das Weinen
in die Kehle drang. Es war nun durchaus nichts Hündisches mehr an ihm,
sondern nur noch die schweigende Bereitschaft der Kreatur, die den Tod
wittert. Sie streichelte ihm ergriffen und unfähig, zu sprechen, den
schönen, ausdrucksvollen Kopf, und er lag leise klagend, doch nicht
winselnd, auf dem Pflaster, ab und zu um Luft kämpfend und keinen Blick
von ihrem Gesicht wendend.
Inzwischen besann sich Brigitt, daß etwas mit dem Tier geschehen müsse;
da sie sich aber nicht getraute, es anzufassen, schickte sie ein Kind
nach dem Dechanten. Das traf ihn bereits auf der Treppe; er hatte den
Aufzug ebenfalls bemerkt und sich eilig auf den Weg begeben. Als Bob
ihn kommen sah, machte er eine Anstrengung, ihm entgegenzukriechen,
blieb aber halb aus Schwäche und halb unter Brigitts mitleidsvollem
Widerstand liegen; nur das Spiel seiner Ohren und die Spannung seiner
Miene verriet die Bewegung, in die ihn das Wiedersehen mit seinem
Herrn versetzte. »Um Gottes willen, was ist hier geschehen?« rief
dieser bestürzt, bei der Gruppe ankommend. »Brigitt, so rede doch!«
Diese hatte unterdessen von den Kindern so viel erfahren, um über
die Hauptsachen Bescheid zu wissen. Sie kämpfte um Worte. Sie wisse
es nicht, würgte sie endlich hervor, ohne ihn anzusehen. Die Frau
Professor sei mit ihm ausgewesen. Da sie seinen Blick vermied, so sah
sie auch nicht den Schatten, der bei ihren Worten über sein Gesicht
ging, und wenn sie ihn bemerkt hätte, so hätte sie den schlechten
Eindruck in ihrer neuen Demut sich zugeschrieben, nicht der Feindin. Er
bezog sich aber auf die Verwandte.
Da man das Tier nicht auf dem offenen Platz liegenlassen konnte, trug
es der Dechant mit Brigitt in ihrer Schürze ins Haus. Bob knurrte
zuerst, ließ sich dann aber von seinem Herrn zureden. Sie brachten
ihn in die Küche; Brigitt holte sein Lederkissen herunter, und darauf
betteten sie ihn. Nachher lief sie zum Tierarzt; der Dechant blieb
solange beim Hund. Der Arzt war über Land gefahren und nicht vor
Mittag zurückzuerwarten. So war vorläufig nichts weiter zu tun, und
der Dechant suchte seine Schwägerin auf, um von ihr Näheres über die
Vorgänge zu hören.
Es war ihr neu, daß das Tier erst jetzt nach Hause gefunden habe; von
seinem Zustand wußte sie überhaupt nichts, und was sie sonst erzählte,
verwischte keineswegs die peinliche Empfindung, die dem Dechanten
Brigitts Worte bereits gemacht hatten, im Gegenteil, es verstärkte
sie noch wesentlich. »Du hättest dich besser um das arme Tier kümmern
sollen, anstatt es von fremden Leuten zuschanden schlagen zu lassen«,
sagte er, unfähig, seine Erregung ganz zu verbergen.
»Was willst du?« wunderte sie sich. »Du wirst doch nicht von mir
verlangen, daß ich mich in die Raufereien deines Hundes mische!«
»Du hast recht; irgendwo hat jedes menschliche Verhältnis seine
Grenzen«, bestätigte er erkältet und verließ sie, um auf sein Zimmer zu
gehen.
Bob lag in der Küche auf seinem Kissen, den Kopf zwischen den
Vorderpfoten und mit unruhig belebten Sinnen allen Vorgängen um ihn
aufmerksam folgend, während sein Hinterkörper ohne Bewegung und leblos
an ihm hing, auch schon ganz gefühllos, denn seine Exkremente gingen
ohne sein Bewußtsein von ihm, bei einem so peinlich hausreinen Tier
ein bekümmernder Anblick. Brigitt hatte ihm seine Wunden ausgewaschen
und ihn vom Straßenschmutz gereinigt. Ab und zu stieß er einen tiefen
Seufzer aus; sonst lag er still und auf irgend etwas wartend da.
Nahrung nahm er nicht mehr zu sich; Wasser trank er immer wieder mit
Begier. Brigitt kochte weinend das Mittagessen. Linde wagte niemand
etwas zu sagen, weder der Dechant noch Brigitt, und die Tante hielt den
Vorfall für keine mitteilungswürdige Tatsache, zumal sie der Dechant
über deren wahre Tragweite im ungewissen gelassen hatte. Schließlich
merkte Linde an gewissen Anzeichen, für die der Kranke eine feine
Empfindung hat, daß im Haus etwas nicht in Ordnung sei, und auf ihre
Frage bekam sie von der Tante die trockene Nachricht, daß der Hund
wieder eine Rauferei gehabt und dabei wohl eine etwas derbe Lektion
erhalten habe.
»Wieso?« fragte Linde aufhorchend. »Weißt du das denn nicht sicher? Wer
war denn aus mit ihm?«
»Ich war aus mit ihm, meine Liebe«, erklärte sie sehr kühl und
kampfbereit. »Was willst du damit sagen?«
»Daß er dann mit dir wenig Glück gehabt hat«, versetzte Linde erregt.
»Was ist mit dem Tier?«
»Ich bewunderte immer eure Auffassung, daß sich die ganze Stadt nach
eurem Köter richten solle«, sagte sie mißmutig. »Aus diesem Kult
wünsche ich herauszubleiben. Ich werde dir die Magd herschicken, damit
du die Dinge in der gewünschten Aufmachung erfährst.«
Brigitt kam ungern und wollte dann nicht mit der Sprache heraus, so
daß endlich Linde in Ungeduld und wahrer Angst aus dem Bett sprang,
ohne auf etwas weiteres zu hören einige Kleider anzog und in aller
Leibesschwäche sich an den Wänden und dem Treppengeländer hintastend
nach der Küche hinunterstieg, gefolgt von der händeringenden und still
vor sich hinweinenden Magd. Als Bob seine liebste Freundin bemerkte,
raffte er sich eilig auf und kroch, bevor ihn jemand halten konnte,
seinen Hinterleib nach sich schleppend, auf sie zu, und als sie mit
den zitternd hervorgebrachten Worten: »Mein armes Tier, was haben sie
mit dir gemacht?« bei ihm niedersank, stieß er einen so klagenden
und zugleich von ihrer Nähe erschütterten Laut aus, daß Brigitt
haltlos aufschluchzend sich gegen die Wand warf und Linde sich bis
ins Mark erbleichen fühlte. »Willst du dich -- nicht wieder auf dein
Bett legen?« bat sie ihn mit wankender Stimme, umsonst bestrebt, ihr
Entsetzen über seinen Zustand zu verbergen, und mit ihrer blassen,
kranken Hand leise seine Wunden abtastend. Er kroch noch näher zu ihr
hin, um seinen Kopf eng an ihren Fuß zu schmiegen, und sie hatte nicht
die Kraft, gegen diese Gebärde der Liebe noch etwas zu unternehmen.
Dieser Augenblick war es aber, auf den er die ganze Zeit gewartet hatte.
Schließlich besaß aber Linde nicht mehr so viel Kräfte, um einen
derartigen Ansturm von Empfindungen und dazu noch den Anblick und
die Nähe der dem Tod verfallenen Kreatur lange zu ertragen. Als sie
den Zustand seines vorigen Platzes bemerkte und sah, daß der Weg von
dort bis hierher über den Zementboden mit den Spuren seiner Schwäche
gekennzeichnet war, überfiel sie ein furchtbares Mitleid, dem sie
mit einem hilfesuchenden Blick nach Brigitt stumm erlag. Sie sank
ohnmächtig neben dem Tier nieder, und Brigitt konnte mit knapper Not
verhindern, daß sie den Kopf auf dem harten Boden aufschlug. Dann rief
sie laut durchs Haus nach dem Dechanten, der neu erschreckt herbeikam,
sich, wie vorhin Linde über den Hund, jetzt über ihre Anwesenheit
in der Küche entsetzte und dann das bewußtlose Mädchen beinahe ganz
allein, Brigitt hielt sich mehr daran, als daß sie heben half, über die
Treppe hinauf in sein Bett zurückbrachte.
Bob blieb solange allein in der Küche. Das Wegsinken der Freundin
neben ihm und dann die folgenden Vorgänge, die mit der Entfernung
aller Personen endeten, hatte er mit ernster und trauriger Miene
beobachtet und auch noch aufmerksam die folgenden Geräusche im Haus
droben verfolgt, darunter unsäglich erregt die haltlos und beinahe wild
aufweinende Stimme des wieder erwachten Mädchens. Als es dann endlich
still wurde und Brigitt allein und seufzend zu ihm zurückkehrte, ließ
er sich in sein Schicksal ergeben wieder auf sein Kissen betten, und
die nächste Stunde lag er regungslos wie vorher, den Kopf beobachtend
und ständig Schlüsse ziehend zwischen den Vorderpfoten, auf seinem
Lager, nun auf nichts wartend als auf seinen Tod.
Den brachte ihm endlich, noch bevor das Mittagessen ganz fertig war,
der Tierarzt. Er hatte sich gleich mit allen Instrumenten versehen und
für den äußersten Fall auch mit Blausäure. Nun, diesen äußersten Fall
fand er gegeben, und er betrieb die Zurüstungen still und schonend. Er
konnte weder dem Tier noch den Hausgenossen die Pein ersparen, jenem
die Kiefer mit einer handfesten Schnur zuzubinden, und da er wußte, mit
was für einem Hund er's zu tun hatte, betrieb er diese Vorbereitung
sogar besonders umsichtig und gewissenhaft. Bob hatte sich von selber
auf die Vorderbeine aufgerichtet. Er schnaufte etwas erregt und sah
fragend nach seinem Herrn, ob das in der Ordnung sei. Der Dechant
redete ihm wieder zu und strich ihm beruhigend mit der Hand über die
phantasievolle, hochgewölbte Stirn. Der Tierarzt, ein schmächtiger,
blasser Jude mit blondem Schnurrbart und dünnem Haar, suchte dem
Dechanten und der Magd die Furcht vor dem Kommenden zu nehmen. Sie
sollten ganz ruhig sein; er werde jetzt nur die Spritze rasch ins Herz
einführen; mit dem nächsten Pulsschlag trete die Blausäure ins Gehirn
und werde sofort Bewußtlosigkeit bewirken. Was dann noch folge, das
vollziehe sich nur mechanisch und ohne daß das Tier etwas davon wisse.
Bob wurde schonend gelegt und dann auf den Rücken gedreht. Der Arzt
füllte die Spritze mit Blausäure, suchte die Stelle zwischen den Rippen
und stieß dann schnell zu. Das Tier ließ einen mehr verwunderten als
schmerzhaften kurzen Laut vernehmen, während der Arzt die Spritze
in seinen Körper entleerte. Darauf warteten alle, auch das Tier. Es
verging eine halbe Minute, eine Minute, und dann noch eine zweite und
dritte, ohne daß die angesagte Bewußtlosigkeit eintrat. Bob blickte aus
seinem gesunden Auge unruhig und seinem Schicksal, aber durchaus nicht
dem Gift erlegen um sich. Ab und zu machte er eine nervöse Bewegung, um
sich den Händen zu entwinden, die ihn niederhielten; nach der dritten
Minute wurden diese Anstrengungen heftig und nachhaltig, so daß der
Arzt nicht länger mit seinem Erstaunen zurückhielt. Ein derartiger
Fall sei ihm im ganzen Verlauf seiner Praxis noch nicht vorgekommen,
erklärte er befremdet. Er habe bisher noch nie etwas anderes erlebt,
als daß ein Hund nach der ersten Injektion bewußtlos hinzucke und nach
einer halben Minute spätestens tot sei. Um den Prozeß zu beschleunigen,
gab er eine zweite Spritze. Bob hielt wieder betroffen inne, wartete
ein Weilchen und erneuerte seine Anstrengungen, sich zu befreien. Der
Verlauf fuhr nun dem Arzt schon sichtbar in die Nerven. Der Dechant
litt schweigend mit dem Tier, und Brigitt biß sich wild auf die Lippen,
um ihre Fassung zu behalten.
Schließlich gab Bob ermüdet und schwerer schnaufend nach, aber
er schien noch bei Bewußtsein. Kopfschüttelnd und verständnislos
wiederholte der Arzt zum fünften- oder sechstenmal: »Eine fabelhafte
Vitalität! Eine ganz unheimliche Natur!« ohne daß er wagte, den Blick
von dem Hund auf die Anwesenden zu richten.
Darüber waren nun bereits zehn Minuten vergangen, und von jeder neuen
hofften die Anwesenden, daß es die letzte sei. Aber es wurde noch eine
dritte, besonders große Dosis Blausäure nötig, bevor die vorausgesagten
Wirkungen nacheinander endlich eintraten, die Bewußtlosigkeit rasch,
das ringende Atem der Lungen langsam, um dann einen desto zäheren und
heftigeren Verlauf zu nehmen. Dieser hoffnungslose und hastige Kampf um
Luft war vielleicht von allen Erscheinungen die, die seinen Freunden
am bittersten zu Herzen ging, zumal er dabei noch einmal den ganzen
rassigen Bau seines Körpers zur Anschauung brachte. Darauf stieß er
schnell hintereinander zwei, drei Schreie aus, begann zu zittern und
zu zucken, und endlich fühlten der Dechant und Brigitt mit wahrem Dank
gegen Gott seinen Widerstand unter ihren Händen nachlassen, und zwar
ganz plötzlich. »Geben Sie ihn jetzt nur frei«, sagte der Arzt leise.
»Es ist vorüber.« Er sah noch eine Weile zu, wie das geheimnisvolle
letzte Beben durch seine bereits erschlaffenden Glieder ging. Dann
löste er ihm die Verschnürung von den Kiefern. Sein Kopf sank schlaff
über die erbarmungsvoll stützende Hand Brigitts zu Boden nieder,
und die Zunge hing ihm aus dem Maul. In diesem Moment hatten alle
einen kalten und scheuen Begriff vom Wesen des Todes, und eine Weile
betrachteten sie den schönen leblosen Körper, ohne doch verstehen zu
können, was im Grunde damit vorgegangen war.
Durch die Stille drang von droben schneidend der neu aufweinende Ton
von Lindes Stimme. Sie hatte läuten gehört und aus allen Geräuschen
im Haus drunten den richtigen Schluß gezogen. Bis zu Bobs letzten
Schreien hatte sie sich noch gefaßt, weil sich die Tante wieder bei
ihr im Zimmer aufhielt. Jetzt brauste der Jammer um das liebenswürdige
und edle Tier widerstandslos in ihr auf, aber nicht nur der Jammer,
sondern auch das Grauen vor der Person, die ihn mit ihrer Gefühlskälte
verschuldet hatte, und die leidenschaftliche Abneigung gegen sie. Als
sie ihr mit überlegenen Belehrungen den wilden und schädlichen Ausbruch
verweisen wollte, schrie sie gepeinigt und außer sich: »Laß mich
allein! Geh! Ich will nichts hören! O Gott! Mußte denn das sein?« Da
erhob sich die Tante, den bittern Ernst mit Verdrießlichkeit erkennend,
und verließ das Zimmer. Nachher kam Brigitt, um durch die letzten
Mitteilungen Linde wenigstens wieder in den Kreis der Geschehnisse
zu ziehen und ihr die Ruhe zu bringen, die stets aus vollendeten
Tatsachen, besonders solchen, fließt. Diese Ruhe verbreitete sich in
ihr mit jener geheimnisvollen, schauernden Bewegung des Nebels im
Herbst nach einer vollbrachten Jahreszeit; sie war bang und ahnungsvoll
und, wie die Folge zeigte, von recht bedenklichen Einwirkungen auf
ihren Zustand begleitet.
Dritter Teil / Die letzten Dinge
[Illustration]
Erstes Kapitel
Das überirdische Wintergewitter. Die Herzenskälte fährt fort, Unheil
anzurichten. Linde stürzt in die letzten Dinge. Die letzte Ölung
Die Tante, die in der letzten Endes doch ziemlich geheimnisvollen
Krankheit des jungen Mädchens ein neues Hindernis für ihre Abreise
fand, übernahm nach solchen Vorspielen vollständig die Pflege, ohne von
jemand einen Widerspruch zu erfahren, wenn auch der Dechant jetzt nicht
mehr so überzeugend dafür sprach. Bevor sie wußte, welche Wendung es
mit den vorliegenden Dingen und jenen andern, die dahinter lauerten,
schließlich nahm, war es ihr unmöglich, den Platz zu räumen. Ihre
Zentralweisheit, von der sie alle andern Erkenntnisse und Schlüsse
ableitete, bestand in dem Grundsatz, daß sie, ohne dieses Mädchens
sozusagen körperlich versichert zu sein, sich auf nichts verlassen
konnte, nicht einmal auf seine Krankheit, die sie für gar keine rechte
Krankheit hielt, sondern mehr für einen Eigensinn oder eine Finte,
zumal auch der Kreisphysikus noch gar nichts von einem wirklichen Ernst
wissen wollte, jedenfalls solange das Fieberthermometer keine höheren
Temperaturen zeigte. Daß achtunddreißig Grad für einen Organismus unter
Umständen soviel bedeuten konnten wie neununddreißig oder vierzig
für einen andern, das war diesem selbstvergnügten Bauerndoktor noch
nicht aufgegangen, und wenn die Tante auch sonst mancherlei an ihm
auszusetzen hatte, so war sie jedenfalls im Glauben an die Zahl und das
Meßgerät jeder Art -- ausgenommen das kirchliche -- mit ihm durchaus
einig.
Das Pflegeamt verwaltete sie unerbittlich nach allen ihr bekannten
Grundsätzen der modernen Krankenpflege. Die Fenster wurden bei jedem
Wetter weit und lange geöffnet, weil das fortgeschrittene Heilverfahren
Licht und Luft verlange. Es wurde viel Durchzug erregt, weil er die
Atmosphäre reinige und die Bakterien hinausfege, und was die paar
Unbequemlichkeiten anging, die die Patientin zu ertragen hatte, so
wünschte ihr die Tante, einmal in die ganz modernen Kliniken und
Spitäler hineinzusehen, um zu erfahren, wie man heutzutage mit Kranken
und Frischoperierten umgehe. Früher beim tiefen Stand der Medizin seien
Krankheiten mit einigem Recht als Unglücksfälle betrachtet worden,
denen sich die allgemeine Teilnahme zugewendet hätte, freilich auch
ohne etwas zu helfen. Heutzutage bedeute eine Krankheit nichts als
einen Fall, den die Medizin geschäftsmäßig in die Hand nehme, um ihn
zu erledigen, so wie es der Fall und die Medizin verlange, nicht wie
es der wehleidige Patient und der noch wehleidigere Angehörige etwa
wünsche. Zu bemitleiden gebe es dabei nichts, weil jeder Patient bei
der glänzend entwickelten Wissenschaft sofort in die ideale Lage
versetzt werde, und das ganz automatisch, ohne wie früher von den
religiös fanatisierten Heilzauberern erst nach seiner Schuld gefragt
zu werden und dann nach seinem Glauben. Daß man heute auch ohne den
mindesten Glauben des Patienten heilen könne, ja gegen seinen Willen,
zum Beispiel bei todesschuldigen Verbrechern, das bedeute den wahren
Triumph der modernen Wissenschaft.
Alle diese Ausführungen machte sie in einem leicht überlegenen
weltmännischen Ton, ohne sich auf eine Miene oder auf Worte weiter
einzulassen. Wenn es in Lindes Zimmer wieder warm war, so setzte
sie sich hinein und schrieb Briefe oder las moderne Literatur. In
der Folge geriet sie auf die Idee, dem Mädchen vorzulesen, damit es
auch erfahre, was draußen gedacht und geschrieben werde, zumal der
Mensch nie empfänglicher sei für neue und tiefe Eindrücke als in
Krankheitsperioden. So hörte Linde von ihrer dünnen, singenden Stimme
und ihrem unteilnehmenden Tonfall vorgetragen allerlei Novitäten oder
auch Ausgrabungen, weltläufige Romankapitel, kultivierte Novellen,
witzige Enthüllungen über den Wert von Moral und Religion, kaltherzige,
ausgerechnete Sketches allerneuster Prägung, mit einem Wort alle
jene wichtigen Nichtigkeiten und »gerade jetzt fortgeschrittensten«
Wahrheits- und Kunstleistungen, mit denen Weiber wie sie und Männer,
die ihnen glichen, die eigene Phantasielosigkeit unterhielten und
den stets leeren Kropf füllten, um in der Gesellschaft eines Winters
den Inhalt als Bildung mit Ansehen zu leeren, indes die verworrene
kleine Welt für noch fortgeschrittenere Sketches und noch mutigere
Enthüllungen unermüdlich tätig blieb.
Die Sachen waren dem einfachen Gefühl und dem geraden Sinn des
Mädchens unendlich verwirrend und quälend, und schließlich taten
diese Lesestunden ebensoviel zu Lindes fortdauernder Ermüdung und
Entkräftung wie das Fieber, indem sie ihr neben dem körperlichen noch
ein geistiges erzeugten. Diese künstlerisch und wissenschaftlich
maskierten Frivolitäten, Lügenhaftigkeiten und Verstandslaster wirkten
so ernüchternd und niederschmetternd auf ihren Glauben an die Güte
und den Edelmut aller Menschen und auf ihre kindliche Vorstellung
von der Steigerung der Tugend mit dem Bildungsgrad, daß sie sich
vor Ratlosigkeit nicht zu helfen wußte und sich zum Sterben verödet
und verwüstet der Gegend zuwarf, in der sie sonst ihren Gott fand,
um dort dieselbe Öde und Wüste zu finden. Liebe, Freundschaft,
Vertrauen, Frömmigkeit, Glauben, Achtung vor dem Menschen, Hingebung
ans Vaterland, Ehrfurcht vor dem Unaussprechlichen: das waren ihr
alles Sicherheiten des Lebens, von Gott aus seinem unendlichen Sein
den Menschen für ihr zeitliches verliehen als wirksames Abbild seiner
höchsten Wesenhaftigkeit und seiner höchsten Weisheit, Sinn von seinem
Sinn, Tatsache von seinen Tatsachen, Wahrheit von seiner Wahrheit.
So lebte in ihr dieselbe einfache und gläubige Weltstimmung, die sie
in der Art deutscher Männer mit Andacht verehrte, und die ihr auch
überall als die Art des Volkes entgegentrat, wo das Volk sich selbst
darstellte. Dagegen die schadenfrohe Unterstreichung der menschlichen
Not und Armut, die spitzfindig-schlaue Auslegung der göttlichen Gebote
anstatt der würdigen Unterordnung unter sie, alle überklugen Wenn
und kränklich unreifen Aber und die eitle Hervorkehrung der eigenen
Entartung und Häßlichkeit waren Züge am Menschen, die sie nicht einmal
begriff; sie erfüllten sie nur mit einem leidenden Grauen vor der
gespenstischen Unwesentlichkeit eines solchen Treibens und mit einem
Mitleid, das stark mit Abwehr versetzt war.
Aber mehr noch als die vorgetragenen Sachen selber fürchtete Linde bald
den selbstgerechten, wohlbelehrten Tonfall der Vorlesenden und die
banalen und dürren Nutzanwendungen, die sie nachher aus dem Gelesenen
zog. Die bizarren oder leeren Figuren der literarischen Phantasie
gingen in ihre Fieberträume ein und trieben dort ihren peinigenden Spuk
selbständig handelnd fort, aber die traurigen Behauptungen der Tante
über Gott und Welt verdichteten sich ebendort zu einer grauenhaften
Gestalt der Verwandten, die sie nun auch in deren Abwesenheit als
ihre Stellvertreterin weiter verfolgte. Durch viele Stunden der Nacht
und des Tages vermochte sie sich aus dem niederziehenden Gestrüpp des
Fiebers nicht loszuwinden, eilig und angstvoll immer bestrebt, der
unvermeidlichen Gestalt zu entfliehen, und stets von neuen Phrasen
oder Romanfiguren aufgehalten und von schamlosen Handlungen in eine
andere Richtung geschreckt, wo sie die gleichen Hindernisse und nur
durch andere Laster einen Ausweg vorgespiegelt fand, stets unentrinnbar
die Stimme oder Erscheinung hinter sich. Die fieberfreien Zeiten lag
sie dann müde und abgehetzt und sehr blaß zwischen ihren Kissen mit
der flehenden Bitte in den Augen, sie allein zu lassen und ihr Ruhe
und Erholung zu gönnen. Aber wenn eben ihre Gedanken sich leise auf
die eigenen Wege davonheben wollten, wo auf den Wiesen links und
rechts ihr Glaube herzlich blühte und sie hoffen konnte, dem Sinn
ihres Lebens zu begegnen, erklang wieder der Unsinn und begann der
aufgeklärte Aberglaube seinen Tanz um sie. Manchmal traf alles im
gleichen Augenblick und an demselben Ort zusammen, der Widersinn
der gehörten und der gehäufte Unsinn der gleichzeitig geträumten
Phrasen, die Ereignisse der Lektüre und die fiebrige Übersetzung in
die Wahnvorstellung, die unerbittliche Stimme der Vorleserin und
die eintönigen Androhungen der Verfolgerin, und über allem marterte
sie gesteigert die hoffnungslose Hast, sich aus dem Fieber und dem
vernichtenden Doppelzustand zu befreien.
Eine solche auf Bildung zielende Unternehmung der Tante fiel auf einen
der späteren Februarnachmittage. Die Tante hatte sich bereits Licht
angesteckt. Sie saß in einiger Helligkeit beim Fenster am Tisch,
während Linde mehr im Hintergrund im Halbdunkel lag. Nach einer kurzen
Winterzeit herrschte wieder der Föhn in der Luft. Es regnete in den
frischen Schnee hinein, und laue und kalte Windströmungen erregten
eine solche atmosphärische Spannung, daß auch die Gesunden eine schwer
erträgliche Unruhe befiel, geschweige die Kranken. Obwohl Linde von
der grauschwarzen Wand aus Dunst und Strichregen, die im Süden und
Westen beinahe unverrückbar stand, nichts sah, fühlte sie sie doch, und
unter der erregenden Einwirkung des Föhns sah sie in ihrem schwachen
Zwielicht außerordentlich leidend aus. Ihre Augen glänzten fieberig
und sozusagen transparent. Ihre Haut schien durchsichtig, und in den
von Natur freundlichen Ausdruck ihrer stillen Züge hatte sich längst
eine tiefe Melancholie eingenistet. Ihre Hände tasteten unruhig auf
der Bettdecke hin und her. Ihr Mund stand wie nach Kühlung verlangend
offen, und sie litt an Durst. Doch hatte sie es immer noch nicht dazu
gebracht, daß ihre Krankheit außer Brigitt von jemand im Haus ernst
genommen wurde.
Die Tante las aus einem ganz auf verstandesmäßiger Nervenspannung
aufgebauten allerneuesten Roman, dessen Figuren schon an sich wie
Ausbrütungen eines fiebernden Hirnes wirkten, und dessen Vorgänge
unheimlich und wühlend aus kranken Gründen aufbrachen, um ebensolchen
zuzutaumeln, während ein schmerzlich überwacher Geist glossierend über
dem Ganzen schwebte wie eine unfaßliche Lästerung des Lebens und
Gottes. Ab und zu prellte ein Regenschauer an die Fenster. Der Föhn
heulte und wimmerte um alle feststehenden Körper und rüttelte an den
beweglichen.
»Bist du nun dem Gedanken des Autors gefolgt?« fragte die Tante, als
sie endlich das Buch sinken ließ. »Hast du begriffen, was er will?«
»Ja, ja!« sagte Linde hastig, während sie in der Phantasie über
treibende Eisschollen sprang, hinter sich die furchtbare Gestalt,
vor sich in Kähnen maskierte Figuren von übler Bedeutung, die nach
ihr griffen, und jeden Augenblick von einer Eisscholle ins Wasser
abgleitend, stürzend, sich wieder aufraffend und von neuem stürzend.
»Ich weiß! Man soll nicht mehr so alles glauben, weil -- weil ja doch
alles anders ist --«
»Auch das«, gab nachsichtig lächelnd die Sprecherin am Fenster zu;
die geäußerte Erkenntnis hatte den Inhalt ihrer gestrigen Belehrung
gebildet. »Obwohl diesmal von etwas anderem die Rede war. Du hast
wieder nicht aufgepaßt. Wenn man so viel Mühe an deine Bildung
wendet, so solltest du dich ein bißchen anstrengen. Du kannst nicht
wissen, ob das bequeme Leben hier immer dauern wird, und mancher hat
einen Halt verloren, auf den er sich bereits verlassen zu können
glaubte. Freundschaft geht nach der Nützlichkeit, und die hat ihre
Phasen wie alles. Und die Liebe ist nichts als ein sinnlicher Reiz
aus körperlichem Wohlgefallen. Entferne den Liebenden, und er hört
nach einiger Zeit auf zu lieben, weil ihm andere mehr einleuchten,
die jetzt um ihn sind. Oder es kann auch sein, daß ein glänzenderer
Gegenstand in der Ferne seine Augen auf sich zieht. Wovon willst du
leben, wenn der Dechant aus der katholischen Kirche austritt und nur
seiner Kunstliebhaberei nachgeht? Auf deine Frömmigkeit werden dir
die Leute nichts halten, wenn du mit leeren Händen zu ihnen kommst.
Jeder will nehmen, keiner geben. Für dich wär's am besten, du gingst
in ein Kloster. Auch das ist ja ein Schwindel, wie das ganze römische
Räderwerk. Eine verkriecht sich mit ihren unreinen Gedanken, ihrer
Faulheit oder Schlechtigkeit und ist nun eine Braut Christi. Aber
wenigstens hat sie zu essen und ein Dach überm Kopf. Du glaubst, Gott
herrscht in der Welt, aber die Gemeinheit herrscht; die Natur verlangt
ihre Rechte. Das ist der Grund, warum die Dichter Poesie machen. Zum
Beispiel dieser da verdient ein Vermögen mit seinem Buch, weil es
über der Wirklichkeit schwebt und die Gemeinheit in poetisches Grauen
auflöst. Dichter haben die Wollust des Schmerzes. Jeder hat seine
Wollust. Junge Mädchen haben die Wollust der Heuchelei, solange sie
keine andere haben können. Es wird immer gut sein, den Dingen ins
Gesicht zu sehen. Ich hoffe, daß du jetzt begriffen hast?«
Linde warf sich erregt herum, weil eine Hand aus dem Kahn nach ihr
griff und eine viehische Stimme schrie: »Wir wollen das Nönnchen
hereinholen, damit man ihm einmal ins Gesicht sehen kann. Höchstens
gibt es eine Wollust des Schmerzes, oder auch eine andere.« Dann hörte
sie die Tante fragen: »Ich hoffe, daß du jetzt begriffen hast?« und sie
strengte ihren schmerzenden Kopf furchtbar an, um sich zu erinnern,
während die Fiebergestalt hinter ihr drohte: »Die Natur verlangt ihre
Rechte. Die Linke verlangt sie auch.« Gerade daß sie die Linke auch
verlangte, war die entsetzlichste Drohung, sie begriff sehr wohl, daß
sie dann vollkommen verloren war, und lief, was sie konnte, um zwischen
der Gestalt und den Kähnen durchzukommen. Darauf erinnerte sie sich,
daß sie etwas antworten sollte, und nahm sich wieder zusammen, obwohl
sie an allen Gliedern zitterte. »Damit die Poesie nicht in der Welt
ausstirbt!« sagte sie endlich gehetzt. »Und damit die Gemeinheit sich
in poetisches Grauen auflöst.« Aber eben brach sie wieder zwischen die
Schollen ein, und wenn nicht ein Mensch mit einem Bocksgesicht sie
festgehalten hätte, so wäre sie unter den Kahn geraten. Sie lächelte
ihm dankbar zu, erschüttert vor der natürlichen, wenn auch rohen Güte,
die sich in seinen Zügen ausdrückte, aber zugleich entsetzt von seiner
tierischen Begehrlichkeit. Wimmernd riß sie sich aufs neue los, um die
Jagd fortzusetzen. Jemand legte ihr die Hand auf den Mund und zog sie
rückwärts. Die Stimme hinter ihr sagte mit schauerlicher Bedeutung:
»Die Dirnen sind gegenwärtig sehr rar; sie haben die Schamlosigkeit,
sich zu verbergen.« Der Ausspruch stand in Zusammenhang mit irgendeiner
schlimmen Schuld, die auf Lindes Gewissen lastete, und von der die
Verfolgerin wußte. »Ja, ja, es wird noch eine Revolution geben!« rief
Linde aus, indem sie sich die Hand entwand und sich nach Atem ringend
im Bett aufrichtete. Noch im Verhallen hörte sie, was in Wirklichkeit
gesprochen worden war.
»Nur die Dirnen sind wahr. Die Schamlosigkeit hat nichts zu verbergen.
-- Revolution wird es schon nicht geben, mein Kind«, fuhr dann die
lehrhafte Stimme fort. »Dafür sind die Menschen bereits zu sehr ans
Wohlleben gewöhnt. An die Wahrheit sind sie weniger gewöhnt. Die
Wahrheit ist ja immer mehr für die andern. Du machst auch keinen
übertriebenen Gebrauch von ihr. Ich glaube zum Beispiel nicht, daß
du dein Geheimnis gebeichtet hast, obwohl es nach eurer Auffassung
eine Sünde darstellt. Nicht, als ob der Onkel mir etwas davon gesagt
hätte, aber man hört doch so, was er von dir weiß, und was er nicht
weiß. Schließlich zeigst du uns einen Zustand, in dem man sich sonst
Rechenschaft über gewisse sogenannte letzte Dinge gibt. Obwohl ich
glaube, daß du reichlich spielst.«
Linde hatte sich ermüdet in ihre Kissen fallen lassen, um sofort wieder
in ihren marternden Doppelzustand zu versinken. Sie hörte, wie die
Stimme der Tante von ihren Geheimnissen und von der Beichte sprach, und
obwohl sie lange nicht alles begriff, quälte es sie doch unendlich.
Gleichzeitig rief die Verfolgerin hinter ihr: »Mit dir ist's Matthäi
am letzten. Mache deine Rechnung. Übermäßig schlau bist du ja nicht,
so wirst du wohl draufgehen in deinen jungen Jahren.« Nach Erbarmen
suchend, sah sie sich zwischen den Kähnen um, ob sie nicht unter den
fratzenhaften Insassen ein menschliches Gesicht erblickte. Plötzlich
bemerkte sie ihren Liebsten, der mit einer Katze auf dem Schoß lächelnd
dasaß und sich eine Zigarette anzündete. Als er sah, daß sie nach
ihm blickte, bog er sich zur Seite und versteckte sich hinter einem
Menschen, der aussah wie ein Leichenbegleiter. Zwar ging der auf ihre
Bitte weg, aber nun verkroch er sich hinter den Mann, der ihnen damals
die Äpfel geschenkt hatte. Wie auch der zur Seite trat, war Heinz
überhaupt verschwunden. »Suche ihn nur«, lachte die Gestalt hinter ihr.
»Der sitzt bei mir zu Hause am Tisch und sortiert goldne Ringe!« Indem
kam sie wieder zu sich und hörte eben noch die letzten Worte mit einem
dumpf dröhnenden Geräusch gegen die Wände ihres Zimmers schlagen. »Es
donnert ja!« rief sie halb erstickt und warf sich mit erschreckten
Augen nach der Tante herum, wie um ihre Meinung darüber zu hören.
Wirklich zog ein Gewitter über die verschneite Landschaft herauf; der
ferne Donner war die erste Ankündigung gewesen. Die Klingse lächelte
wieder.
»Ich habe keine Ursache, mich davor zu fürchten«, sagte sie
gleichgültig. »Da ich mit Gott weiter nicht stehe, so ist es mir ganz
uninteressant, ob es donnert oder nicht. Du solltest versuchen, dich
auch zu dieser Unabhängigkeit durchzuarbeiten. Wir würden uns viel
besser verständigen können, wenn du etwas von deinem Aberglauben
abgäbest. Was hast du nun von allen übersinnlichen Vorstellungen?
So, wie du's jetzt treibst, richtest du dich zugrund und bringst
dich obendrein immer mehr in ein falsches Licht. Sieh mal, früher
als Kind, da warst du mir nur manchmal unangenehm. Inzwischen hast
du's verstanden, mir beschwerlich zu werden. Ich muß mich oft dagegen
wehren, in dir das lästigste und widerstrebendste Geschöpf zu
erblicken, das ich mir denken kann, und eine solche Beobachtung an sich
selber macht kein reifer Mensch zu seinem Vergnügen. Du kannst dir
denken, daß niemand einen Geschmack daran findet, dich zu bekämpfen,
aber man wird sich ebenso ungern von einem subalternen jungen Wesen
ins Unrecht setzen lassen. Auch das öffentliche Leben wird sich nicht
von dir ins Unrecht setzen lassen; es wird aber in seinen Antworten
bedeutend grausamer sein als wir. Nun, du wirst nach dieser Krankheit
in keinem Fall auf den alten Punkt zurückkehren. Ich möchte dir nur
noch sagen, daß ich dir ebenso gern zu deinem Fortkommen in der Welt
behilflich sein werde, wenn du etwa Wert darauf legst. -- Es gibt ein
richtiges Gewitter. Wie verrückt! In dieser Jahreszeit! Das Donnern ist
nicht nach meinem Geschmack; ich pflege dabei stets Musik zu machen.
Brauchst du noch etwas? Du kannst ja klingeln. Ich gehe jetzt nach
unten.«
Unter den letzten Worten hatte sie sich bereits erhoben. Nun verließ
sie das Zimmer, indem sie die Tischlampe löschte, etwas atmosphärisch
beunruhigt, aber sonst in ihrem gewohnten kühlen und unverbindlichen
Aussehen. Linde hörte unter aller Fiebernot aus dem Nachhall des
Donners eine Stimme, merkwürdigerweise die des Dechanten, die sagte:
»Sie redet doch wie gedruckt!« Das Wort stammte aus einer Zeit, in
der er sich noch zu seiner Nichte über die großstädtische Verwandte
ausgelassen hatte, und es traf den Nagel auf den Kopf, denn unter
allen geäußerten Weisheiten war kaum eine laut geworden, die nicht aus
einem Buch oder einer Zeitschrift gezogen war. Ihre ganze Bildung und
ihr Bewußtsein als modern fortgeschrittener Mensch war Niederschlag
aus Büchern und Zeitschriften. Sogar die Meinung, daß Linde ihren
Lebenskonflikt durch die Entscheidung Welt oder Kloster lösen müsse,
hatte sie aus einer neuerlichen Lektüre. Sie trieb damit das bekannte
Spiel der Kinder, die die gummierte Bildchen in ihre Hefte abziehen und
sich einbilden, daß sie große Künstler seien. Ihrerseits hielt sie sich
für eine große Lebenskünstlerin.
Nun lag da Linde unter dem leisen Schüttern des Donners und dem Schein
der Blitze, der vom Schnee bleich zurückgeworfen wurde, und wunderte
sich über den menschlichen Zuspruch ihrer Feindin und darüber, daß
sie auf einmal ins Kloster sollte. Sie setzte sich wieder im Bett
aufrecht, um sich leichter den Delirien des Fiebers zu entwinden. Die
Donnerschläge hatten einen dumpfen, erstickten Klang, und bald nahmen
auch die Blitze ein solches Licht an, weil es während des Gewitters zu
schneien begann. Gleichzeitig drang die Dunkelheit der Dämmerung zu,
und alles in allem erlebten die Menschen eine so seltsame und erregende
Abendstunde, daß sie an tausend Dinge und Nichtdinge dachten, die ihnen
sonst selten einfielen, und wenn es einem Mann, etwa dem Dechanten,
möglich gewesen wäre, das Unfaßbare in der Atmosphäre und in den Seelen
zu fassen, so hätte er eine heilig betroffene Frömmigkeit gestaltet,
wie sie seit den ersten Tagen des Christentums alle hundert Jahre
einmal eine Gemeinde ergriff. Aber er war jetzt nicht der erweckte
Mann, der dazu eine Berufung in sich finden konnte, und die heilsame
Stunde fand nur Verwunderung und etwas abergläubische Furcht.
Linde saß und horchte lange auf den überirdischen Gang dieses
Gewitters, und erblühte in jedem Blitz als eine Lilie der scheuesten
Andacht. Ihr Kopf freilich war ihr so schwer, daß sie ihn mit Mühe
aufrecht hielt, und er ihr doch immer wieder vor die Brust oder auf
die Schulter sank. Aber diese frühe Jahrespredigt Gottes erschreckte
sie nicht etwa. Abgesehen davon, daß Linde nach wenig in dieser Zeit
so lechzte wie nach Einsamkeit, um ihre innere Verstörtheit wieder zu
sammeln und ihre bestürzte Welt in der Stille neu zu schaffen, so war
sie nichts oder beinahe nichts mehr von der kleinen spinösen Heiligen,
als die ihre Tante sie immer noch betrachtete. Die Stimme Gottes war
ihr willkommen in ihrem reinen und großartigen Naturlaut, der die Brust
erschütterte und die innere Anschauung von der Bedrücktheit befreite.
Dazwischen überfiel sie zwar immer wieder eine Fieberphantasie, der
ein Schwindel folgte oder eine halbe Bewußtlosigkeit; dann fand sie
sich erwachend auf dem Kissen liegen, aber zu ihrer Befriedigung hielt
das Gewitter an, und die Zustände konnten also nicht lange gedauert
haben. Im nächsten Augenblick raffte sie sich wieder auf, und für eine
Minute oder zwei sank das dumpfe und quälende Fiebergrauen unter sie
und stieg ihr Geist blaß und müde, aber mit liebender Reinheit einsam
aus dem Abgrund auf, um die Quelle aller Not ihres Leibes und der Seele
zu suchen und das Gestirn, aus dem ihr solche bittere Traurigkeit aufs
Herz tropfte. Sie fand den Quell in dem untröstlichen Brief ihres
einstigen Geliebten, den sie schon mit so vielen heimlichen Tränen
beweint hatte, und das Gestirn erschien ihr nun zum erstenmal ganz
klar aus dem Nebel ihrer Verwirrung heraustretend als der Gedanke an
den Tod, geweckt von den Worten der Tante und in enger Verbindung
mit allem, was auf der Erde süß ist und zum Bleiben lockt, was sie,
kaum besessen, schon verloren hatte und doch mit allen Kräften ihres
sehnsüchtigen Herzen zurückwünschte.
Weit davon entfernt, sterben zu wollen, weil der Geliebte sich von
ihr entfernt hatte, wußte sie von keinem andern Trieb, als ein neues
Leben, das sie durch ihn entdeckt hatte, fortzusetzen, schon deshalb,
weil nur der Lebende von Hoffnung weiß. Das Fieber war ihre ganze
Not, und ohne diese neue Krankheit, so dachte sie, stände sie auf
einem ganz andern Fleck und wäre der vorübergehenden Bestürzung viel
rascher Herr geworden. Sie mußte siegreich hindurch und wieder gesund
werden, und zwar bald, um die zerrissenen Fäden frisch aufzunehmen,
um den Raum zwischen ihm und ihr nicht zerfallen zu lassen und die
Zeit, die stehenbleibend verdorren wollte, durch die selbstlose
Entfaltung ihrer Seele zum Weiterblühen zu zwingen. Darin lag der
Sinn ihrer heldenhaften Gegenwehr, wie jetzt der Panik, die mit jeder
Minute oder halben Minute mehr Gewalt über ihr junges Herz bekam.
Denn nun vielleicht sterben zu müssen, den Atem auszuhauchen, tot zu
sein und im Grab fern von allem Leben zu zerfallen: diese Vorstellung
traf sie so furchtbar, daß sie im ersten jähen Schreck bis in die
Herzkammer erkaltete und ihr auf einen Moment der ganze weite Weltlauf
stehenblieb. Im nächsten schrie ihr Herz leidenschaftlich auf, und
warf sich ihre verängstigte Seele ungestüm Freiheit fordernd gegen ihr
Gefängnis, den armen Leib, ohne zu bedenken, daß diese Freiheit ja
eben ihre Auflösung bedeutete. Als sie's bei einem Blitzstrahl einsah,
erkannte sie auch die furchtbare Verlassenheit alles Fleisches unterm
Schweigen Gottes, und jetzt war es das tief verletzte Leibesgefühl, das
aufbrandend vom erschütterten Geist Zusicherungen verlangte, die er
nicht zu geben hatte. Und plötzlich wurde ihr klar, daß sie in jedem
Fall verloren war, eben weil sie lebte, durch die Tatsache ihrer Geburt
unweigerlich eingestellt in den Kreislauf der Vergänglichkeit und der
Verwesung.
Nun fiel doch unter dem bleich zuckenden Gewitterschein und dem Rollen
des Donners die Einsamkeit in das Leben der Kranken ein. Das vom
Schneefall wie von unhörbarem Schluchzen erfüllte Gefangenenlicht der
Dämmerung löste ihren ganzen sittlichen Besitz auf und vernichtete die
plötzlich gegenstandlos gewordene Selbstachtung, womit sie jedem Grauen
und jedem wilden Urgefühl ausgeliefert war. Ächzend und mit einem
vergeblichen Versuch, um Hilfe zu klingeln, weil ein Rest von Scham sie
daran verhinderte, die Tante zu dieser Niederlage herbeizurufen, warf
sie sich wieder hin, und mit verhülltem Gesicht und Gehör, am ganzen
Leib zitternd, erlitt sie das Weh dieser Stunde zu Ende, indessen die
Figuren des Fiebers sich wieder fratzenhaft über sie machten und die
Gestalt hinter ihr, mit einem goldenen Armband wie mit höchster Gewalt
angetan, die Hand hob und laut durch den Raum rief: »Da ist sie jetzt!
Sie hat Gott verlassen, darum verließ sie der Soldat.« Zu gleicher
Zeit ging fern am Horizont Christus vorbei mit dem heiligen Kreuz auf
der Schulter, das er nun nach einer andern Weltgegend trug, ohne einen
Blick auf ihre Not zu wenden. Mit vielfach erhöhter Angst nahm sie
ihre ziellose Flucht über die treibenden Schollen von neuem auf, bis
endlich ein erlösender Blutsturz der ganzen Grausamkeit ein Ende machte
und sie bewußtlos unter den letzten zuckenden Scheinen des abziehenden
Gewitters liegenließ.
Inzwischen kam die Magd von einem Ausgang nach Hause, völlig verschneit
und von dem Naturereignis wie alle Welt erregt, und sah von der Straße
aus Lindes Fenster dunkel. »Als ob ein Totes dahinter läge!« dachte
sie erschreckt, und dann zornig: »Bei einem solchen Wetter lassen
sie sie allein liegen!« Hastig trat sie ins Haus, stellte schnell
ihren Korb weg -- den Schnee hatte sie schon draußen abgeschüttelt
-- und stieg rasch die Treppe nach Lindes Kammer hinauf. Nachdem sie
an der Tür einen Augenblick gehorcht hatte, drückte sie sachte die
Klinke herab, öffnete etwas und fragte dann mit ganz zarter Stimme:
»Kindchen, schläfst du?« Da sie keine Antwort hörte und auch keine
Atemzüge vernahm, trat sie auf den Zehenspitzen ein und schlich zum
Bett vor. Gleichzeitig fuhr ziemlich in der Nähe wie ein Nachzügler
ein letzter Blitzstrahl herab und übergoß den blutigen Schauplatz und
die bleiche Kranke, die in einem Versuch, sich aufzurichten, nach vorn
seitlich auf den Bettrand gesunken war, mit beinahe taghellem Licht.
Mit einem Blick übersah Brigitt alles, die leblos überhängende Hand,
die bläulichen Blässen des Gesichts, den herabgesunkenen Unterkiefer,
die tief eingefallenen geschlossenen Augen. Ohne Zeit mit Wehklagen
zu verlieren, lief sie eilig, noch unterm Nachrollen des Donners, um
zunächst den Dechanten aufzujagen, denn nach ihrer Meinung lag Linde
im Sterben. Er folgte ihr betroffen und konnte am Ort nach seiner
Erfahrung mit Sterbenden auch nichts anderes sagen. Brigitt hatte das
elektrische Licht angedreht, das den ganzen untröstlichen Zustand mit
übermäßiger Deutlichkeit zeigte. Noch war Atem in dem Körper, doch
wollte sich das Bewußtsein trotz einiger rasch versuchten Mittel ungern
wieder einstellen; als es endlich doch zurückkehrte, schien es nur noch
ein sehr dürftiges Flämmchen. Da entschloß sich der Dechant zur letzten
Ölung, und indem er die Kranke der Magd überließ, entfernte er sich
schnell und bestürzt, um alles Nötige zu veranlassen.
Unter dem hohen Ernst des Augenblicks eilig dahinschreitend,
suchte sich der Dechant nach so langer Zeit zum erstenmal wieder
die Lage des jungen Mädchens zu vergegenwärtigen, dem er durch
vielleicht sehr schwere Wochen seine Großmut und die Kräfte seiner
väterlichen Liebe entzogen hatte. Mit der Klarheit des Blitzes
und der Eindrucksfähigkeit des Donners erkannte er urplötzlich in
anklagender Deutlichkeit, was er bisher immer als dumpf beunruhigendes
Gefühl verdrossen beiseitegeschoben hatte: die weite, trostlose
Einsamkeit, die Linde in diesem Haus und in dieser Gesellschaft
erduldet haben mußte, und vielleicht ein nie wieder gutzumachendes
Unrecht, das sie still und bescheiden bis in diese Minute ertrug.
Zwar im nächsten Moment wurde das natürliche Empfinden schon wieder
heftig bestritten von seiner verletzten männlichen und priesterlichen
Eitelkeit und von den Schuldbeweisen, die sich in seiner Vorstellung
gegen Linde nachgerade zu einem festen System von Tatsachen aufgebaut
hatten, aber nun forderte ihn die Pflicht, und schon trat er bei
dem Küster ein, um Geläut und Geleit zu befehlen. Indem er darauf
die widerspruchsvolle und gar nicht göttlich gefaßte Brust mit den
symbolischen Gewändern bedeckte, wandelte ihn wieder als ein tiefer
Verdruß die Unentschiedenheit seines geistlichen Zustandes an, und
ganz seltsam überkam ihn eine Sehnsucht nach Lindes einfacher Gottes-
und Lebensfrömmigkeit. Indessen sah er, daß auch dies nur ein Symbol
sei, daß die Wahrheit viel tiefer und schwieriger liege, und rüstete
er sich ebenso ratlos als eigensinnig, mit der Sterbenden die letzte
Unterhaltung zu führen, denn angesichts des Todes und der letzten Dinge
mußten sich nach seiner Meinung die geheimsten Türen auftun.
Der Küster schwatzte vieles über das Gewitter und wo es eingeschlagen
habe, welche alten Leute sich an ähnliche Anormalitäten erinnerten, und
daß es einen Nachwinter bedeute; er hörte nur mit halbem Ohr. Als dann
die Glocke vom Turm erklang und er mit dem Allerheiligsten den Gang
antrat, war er immer noch nicht im höchsten Wesen gefaßt, aber doch in
den Gewalten und Bedeutungen, mit denen ihn die Kirche versehen hatte,
und die von seiner persönlichen Würdigkeit oder Unwürdigkeit nicht
beeinflußt werden konnten. Sie waren mehr als das Menschliche, das
ihnen als Träger diente; aber sie waren niemals mehr als die lebendige
Seele des Priesters, wenn sie ihnen in Gott geweckt ein persönliches
und geheimnisvolles Leben verlieh. Inzwischen kämpfte sein eigenes
abseits, und so näherte sich durch den leise nachhaltenden Schneefall
einem einsamen kranken Mädchen ein einsames Allerheiligstes. Auch das
Glöckchen in der Hand des Begleiters tönte mit einem verirrten und
verlassenen Klang über den Domplatz, auf den mit wenigen erleuchteten
Fenstern die Bürgerhäuser und hoch im Schneetreiben dunkelnd die alten,
strengen Türme herabsahen. Doch indem er dann in sein Haus trat und
die Treppe hinanstieg, versank ihm auch die letzte Selbstheit, denn
bereits kam ihm mit schwereren Drohungen aus Lindes Zimmer die fremde
Atmosphäre des Todes entgegen, jenes besondere weite Schweigen, das
jeden Zweifel eisig durchdringt und Kaiser ist, wo es auftritt.
Er kannte diese Atmosphäre von vielen hundert Sterbegängen, doch war
es das erstemal, daß er einem so nahen Anverwandten beim Austritt aus
der Welt helfen sollte -- sein Vater war sehr früh und seine Mutter
überraschend in der Ferne ohne ihn gestorben --, und um sein Herz
schwoll eine Bangigkeit auf, wie er sie bisher noch nie empfunden
hatte. Der Klang seiner Schritte droben auf der Diele und der Ton des
Glöckchens erschienen ihm wie Todesurteile für die Kranke, und der Duft
des Weihrauchs, den die Zugluft in blassen Streifen durch den Korridor
wehte, legte sich ihm schwer und ahnungsvoll auf die Seele. Als er die
stille, dunkle Tür erblickte, hinter der er das junge Leben mit dem
Tod ringen wußte, schien es ihm auf einen Moment ganz unmöglich, in
dieser Bedeutung und mit diesem Auftrag durch sie einzutreten. Indessen
erklang das Glöckchen des Begleiters wieder, und sie öffnete sich so
bereitwillig und demütig vor ihm, daß er abermals erschrak und er die
alte Person, die ehrfürchtig daneben in die Knie sank, sekundenlang
bestürzt ansah.
Mit dem nächsten Blick fiel ihm das traurige Bild der jungen Kranken
in die Augen, die im blütenweiß bezogenen Bett sehr blaß dalag und
eben mit einer überraschten Bewegung das Gesicht nach ihm wandte. Sie
schien voll bei Bewußtsein und sogar wieder Herrin ihrer Glieder, denn
beinahe zugleich richtete sie sich hastig in die Höhe, um mit einer
aufgestützten Hand sitzend ihm entgegenzusehen; die andere tastete
blind und unbewußt und mit unruhigen Bewegungen an dem gekräuselten
Besatz ihres Nachthemdes auf und ab, und in ihren Augen malte sich
das ganze furchtbare Grauen, das ihre Jugend vor dem nahenden Aufzug
empfinden mußte. So erwartete sie bis auf die irrende Hand vollkommen
bewegungslos das Zeichen, dessen Begleiterscheinungen durch ihr Gehör,
ihr Gesicht und bereits auch durch ihren Geruch erschütternd auf ihre
Seele einstürmten, dieselbe Seele, die sich eben still und dankbar zum
Weiterleben aufgerafft hatte. Sie vergaß, sich zu bekreuzigen, und
alles erschien ihr wie ein grandioser, heiliger, aber vernichtender
Traum, der sie mit überlegener Schnelligkeit gefangennahm und sie
ganz in seine überirdische Stimmung schlug, indem er ihre weltliche
zerstörte. Von einem Lichtreiz getroffen, wandte sie flüchtig die Augen
zur Seite und bemerkte in dem Weihrauchnebel, der bereits das Zimmer zu
erfüllen begann, brennende Kerzen. Noch einmal schimmerte ihr Stübchen
mit allen vertrauten Gegenständen irdisch auf; dann verblaßte es und
versank. Die kniende Gestalt an der Tür erhob sich schattenhaft und
schwankte still schluchzend hinaus, die Tür hinter sich zuziehend,
und während sich Linde zitternd in ihr Kissen zurücklegte, verlor
sie auch sich selber aus dem Gefühl, wuchs der fromm-schauerliche
Auftritt des Todes von allen Seiten riesengroß neben ihr auf, mit den
endgültigen Gebärden eines Domgewölbes über ihrem versunkenen Leben
zusammenschlagend.
Die Anschauung eines hochgewölbten Domraumes hielt ihr Geist als
einzig faßbaren Begriff lange fest und suchte ihn zu betrachten und mit
sich selber in Beziehung zu bringen. Bekannt und zugleich beklemmend
fremd schimmerten die Lichter, wallte und duftete der Weihrauch und
schwebte die sprechende Stimme des Dechanten in dem weiten Raum. Sie
sprach Worte und Rhythmen, die ihre Ohren noch nie vernommen hatten,
in einem Klang, der ihren ertrinkenden Lebensfunken immer wieder
kämpfend aufzucken machte. Ihr Kopf war ganz klar und fieberfrei, nur
befangen und voll ungewohnter Erscheinungen. Einmal hörte sie das
Sterbeglöckchen vom Turm klingen. Dann bellte irgendwo ein Hund, und
sie dachte flüchtig an Bob. Darauf herrschte wieder nur die einsame,
tiefe Stimme des Dechanten in dem umgebenden hohen Schweigen und der
ergriffene Tonfall seiner Sterbebegrüßung. Linde hörte ihm zu wie durch
Ewigkeiten, obwohl es bloß nach Minuten dauerte, treu und still und in
seiner neuerwachten väterlichen Innerlichkeit sich heimlich von ihrer
Panik sammelnd. Die Stimme war voll Sorge, Liebe und Schmerz, und
was Linde davon nicht sofort klar zum Erlebnis zu bringen vermochte,
das zog ihr doch hoffend in die verstörten Herzkammern, wohin sich
ihr armes Erdengefühl erkaltet geflüchtet hatte, und bewirkte dort
wieder einige geheime Regung. Indem begann auch ihr Blick schüchtern
aus seinem Grab nach seinem Blick aufzusteigen, glühte aber an dem
allerheiligsten Zeichen geängstigt auf und flüchtete sich zu den
frommen Lichtern, um auch von dort neuerschreckt abzuirren und wieder
in Grauen zu versinken und im weiteren in eine Betäubung, die nahe an
Bewußtlosigkeit grenzte, so voll dunkel drängender Vorstellungen und
dumpf dahintreibender Empfindungen sie auch war.
Aber auch in diesem Zustand verharrte sie nicht lange. Sie erwachte
wieder an der Stimme des Dechanten, die jetzt aus großer menschlicher
Nähe dringend ihr Gehör suchte, während sie seine Hand auf ihrer fühlte
und aufblickend sich dicht unter seinen ernst bewegten Augen fand. Eine
Zeitlang sah und hörte sie nur, ohne zu verstehen. Endlich begriff
sie, daß er von ihrem Leben und Tod und von ihrer unsterblichen Seele
sprach. Er gebrauchte zarte und doch zugleich mächtige Ausdrücke für
das, was er fühlte und wollte, Ausdrücke, wie sie sie von ihm lange
nicht mehr vernommen hatte, und aus denen eine Anteilnahme an ihrem
Dasein leuchtete, die sie vollständig erloschen glaubte. Dann schien
er an Geschehnisse und Vorgänge zu erinnern, von denen sie zuerst
das Gefühl hatte, daß sie ein ganzes Leben zurücklägen, und daß sie
ihr nie wieder ganz lebendig werden würden. Aber unversehens wurden
sie's dennoch, und je näher er nun nach ihrem Geheimnis vorstieß,
desto lebhafter kam ihr wieder in aller Schwäche zum Bewußtsein, daß
es eins war. Und dann begann ihr zum erstenmal seit der Erkenntnis
vom Untergang ihres irdischen Seins die sichere Überlegenheit ihres
geistigen Besitzes aufzugehen und des kühnen, unabhängigen Sinnes, in
welchem sie es unter allen Rückschlägen weiter verwaltete. Daraus trat
deutlich wie ein Erzengel eine gewisse scheue, heilige Feindschaft
gegen die rohe Unruhe der Welt hervor. Eine fromme Abneigung gegen die
grobe Wirkung ihrer Organe warf sie vollends in sich selber zurück und
gab ihr in großer Bescheidenheit doch eine Stellung jener äußerlichen
Welt gegenüber, die sie für alle Vorstöße, auch die des Dechanten,
beinahe unerreichbar machten.
»Mein Kind! Mein Kind!« schloß der Dechant ergriffen: »Der davonzieht,
der leistet nicht das schwerste Stück, sondern das leichteste, wenn er
mit offenen Händen zieht. Bekenne und heilige deine Sünden; sie sind
die Stufen, auf denen wir zur Unseligkeit oder zur ewigen Seligkeit
steigen. Laß keine Bettler und Gläubiger unbefriedigt hinter dir.
Mache deinen Frieden mit Gott und uns, und dann fahre in des ganzen
Himmels Wohlgefallen! Unsre Sehnsucht nach deiner Erleuchtung wird dich
begleiten!«
Er schwieg, beinahe erschöpft von der Kraftanstrengung, die ihn in
diesem Fall die Ausübung seines Amtes kostete und das stumme Ringen
seiner fordernden Seele mit ihrer abwehrenden. Er sah alt und
eingefallen aus, und um seinen Mund prägten sich sehr tiefe Züge des
Mannesleids aus. Seine Hand auf der ihren lag heiß und zitterte leise.
Sein ganzes Leben stand in seinen Augen, aber da es von dem ihren
abhängig war, so fand Linde es nicht königlich, wie es seiner Sendung
entsprochen hätte, sondern in große kämpfende Teile zerrissen. Was
sie für ihn empfand, das war vor allem Mitleid, aber während sie für
~ihn~ litt, stieg ihr auch alles Leiden auf, das er ihr geschaffen
hatte, und erschüttert, wenn auch mit schwacher Stimme und zitterndem
Herzen, brach sie aus:
»Ich gehe mit ganz leeren Händen von euch. Ich habe euch nichts
genommen. So laßt mich in Frieden gehen. Ich liebe euch. Ich segne
euch. Ich werde vor Gottes Thron für euch beten! Habe ich denn nicht
alles weggeschenkt? Ich dachte es wiederzugewinnen, das ist wahr. Ich
werde es vielleicht im Himmel zurückbekommen. Gott muß zwischen uns
allen richten.«
Mit einem Schluchzen der Schwäche brach sie ab, und auch der Dechant
vermochte nicht gleich wieder zu sprechen. Endlich sagte er erschüttert:
»Gott wird uns nicht allein richten, sondern er wird jedes durch das
andere richten. Mich durch dich und sich selber durch uns. Seine
Seligkeit wird mit der unsern steigen und fallen. Hast du alles
weggegeben, so wirst du alles wieder empfangen. Ich glaube dir, wenn
auch dieser Glaube mich zu deinem Schuldner macht. Gott helfe mir
abzahlen; es ist eine hohe Summe, wie ich fürchte. Aber warum hast du
nicht deine redliche Beichte durch die Kommunion bestätigt? Heiliger
Himmel, vor welchem Unrecht hättest du mich bewahren können!«
Über ihr blasses Gesicht ging ein zartes und himmlisch freundliches
Lächeln. Sie wollte sagen: »Kein Unrecht!« aber eine Herzschwäche
befiel sie, und statt dessen sagte sie mit wegsinkendem Blick und dem
vorletzten Funken der verlöschenden Kraft:
»Ich -- ~will~ kommunizieren!«
Er empfing die Willenserklärung wie ein Urteil, während die kühle
Klarheit dieser wenigen Worte sich ihm augenblicklich mitteilte,
und zwar als eine Aufwallung des Schrecks, nicht als ein Gefühl
der Befreiung. Seiner nicht wieder gutzumachenden Schuld tief und
schmerzvoll bewußt, faßte er erneut nach ihrer erkaltenden Hand, und
während er sich in der weiten Welt hoffnungslos vereinsamen sah, bat er
mit rauher Stimme vor Leid und Reue:
»Wir sind sterbliche Menschen und wissen nichts trotz aller Eitelkeit.
Du bist jetzt mehr als wir alle. Verzeih uns, was wir dir angetan
haben! Wir haben die christliche Demut und die Liebe ganz vergessen,
und so hat uns der Friede Gottes vergessen!«
Das vorige Lächeln kehrte noch einmal in ihr Gesicht zurück, aber
blasser und müder, um nach den ersten Worten gleich zu verlöschen.
»Ich habe -- nichts zu verzeihen!« sagte sie kaum hörbar. »Verzeiht
mir. Ich muß -- sterben. Gott sei uns allen gnädig!«
Mit einem erstickenden Laut der Klage verstummte sie. Darauf begann
sie zu beten, um nicht in seiner Kümmernis unterzugehen, und er
eilte, ihr die letzte Wegzehrung zu reichen. Sie empfing seine
Worte und Handlungen in hoher Schwäche, aber in voller Gegenwart
des reisefertigen Geistes, und während er aus der Finsternis ihrer
Todesversunkenheit den ersten Stern ihrer Ewigkeit schon aufglänzen
sah, gab er ihr den Leib des Herrn auf den Weg zur Herrlichkeit des
Herrn mit. Heftig, ja herrisch gegen sein Weinen ankämpfend schritt
er zur letzten Ölung. Er bekreuzigte sich und salbte ihr mit dem
heiligen Chrisma Augen, Ohren, Nase, Mund und Hände, jene Augen, die
eine Zeitlang an der Wohlgestalt des Soldaten so freundliches Gefallen
fanden, die Ohren, die einst so innig beglückt seinen Liebesreden
lauschten, den Mund, der unter seinen Küssen seine fromme Kühle in
ebenso frommes irdisches Feuer wandelte, die Hände, die eine Nacht
lang gläubig seine beseligende Gegenwart hielten, und die Nase, mit der
sie seine sinnlichen Düfte und erschauernd ihre eigenen atmete. So an
Haupt und Händen entsündigt hieß er sie ergriffen ziehen. Voller Liebe
betete er, daß sie mit ebenso geheiligtem und reinem Herzen sich von
der trüben Anziehungskraft der Erde zu lösen vermöge, denn über ihr
Herz, das fühlte er nach wie vor betroffen, besaß er keine Macht mehr.
So hatte er alles in allem wohl einen Blick in den dunklen Spiegel
getan, aber seine Seele blieb unerleuchtet. So heimatlos wie zuvor,
nur mit schwererer Schuld beladen, verließ er die Kranke. Die Kerzen
brannten unruhig und trübe. Draußen kniete schluchzend die Magd. Das
Glöckchen des Begleiters läutete ihm suchend voraus. Und noch lange lag
auf seinem Weg hinter ihm der leere und erkaltete Duft des Weihrauchs.
Zweites Kapitel
Der Prediger Salomo. Der Versucher tritt in neuer Gestalt auf. Die
Austreibung
Noch während der Dechant das Haus verließ, trat die Tante aus der Tür
des Salons und sah den letzten Schein des Auftritts. Sie hatte das
Glöckchen des Küsters für die Hausglocke gehalten und war aufgestanden,
um nachzusehen, warum die Magd nicht öffne. Zuerst machte sie eine
Bewegung, als ob sie dem Dechanten nachgehen wolle, dann ließ sie
es und wandte sich mit leicht verzogenen Lippen dem Treppenhaus zu.
Etwas rascher als sonst stieg sie die Stufen nach dem oberen Stockwerk
hinauf, befremdet und widerwillig den Weihrauch atmend, der nun alle
Räume des Hauses erfüllte. Als sie die Tür zu Lindes Zimmer öffnete,
fand sie die Magd darin. Brigitt wandte sich ihr entgegen mit einer
Miene und einem Blick, die sie jetzt nicht zu mißachten wagte. In
diesem Moment war nichts mehr vom Dienstboten an ihr, sondern ihre
Haltung zeigte die natürliche Größe und Unerbittlichkeit des Menschen,
der gerade ein ungeheures Leid in der tiefsten Erschütterung der
Ehrfurcht erlebt. Die Klingse stand eine Weile prüfend und erwägend nur
in der Tür, kaum daß sie einen Blick nach dem Bett zu tun vermochte,
das von Weihrauchwolken wie von Engelscharen umwallt war, und zog sich
dann zurück, mit vorgeschobenem Kinn und bereits lebhaft denkend, und
der erhobenen Nase widersprach durchaus der beunruhigte Blick und die
scharfe Falte zwischen den dichten Augenbrauen.
Der Tante fehlte beinahe jede ursprüngliche Seelenwitterung, und
auf diesem Gebiet war sie ganz hilflos. Aber es fehlte ihr nicht
an einem gewissen Polizeischarfsinn, und was sie nicht selber
errechnete, das wandte sie aus ihren literarischen Gleichungen und
aus ihrer wissenschaftlichen Lektüre an. Die Liebe gehörte ihr im
Grund zur Gattung der Gemütskrankheiten, wie auch Aufwallungen der
Vaterlandsliebe und der Religiosität. Diese Liebespsychose der jungen
Leute beurteilte sie nun so, daß es für sie, die Gesunde und Kühle, in
den Augen des Liebenden nicht günstig wirken konnte, wenn das Mädchen
gerade jetzt in dieser kritischen Wendung das Zeitliche segnete und
in der Verklärung nicht des Himmels, aber in die des schmerzlich
ergriffenen und aufgewühlten Liebenden einging. Von den »noch nicht
durch Verstand vernichteten unreifen Gefühlsabhängigkeiten« des
»trotz allem poetisch veranlagten« jungen Menschen konnte sie nur
eine sehnsuchtsvolle und leidenschaftliche Schwenkung von ihr, der
überlegenen Frau, weg dem entschwindenden Schatten nach erwarten. Sie
durfte nicht hoffen, daß sie noch die sinnliche Überzeugungskraft und
den Trostreiz ausstrahlen werde, um die moralische Verwicklung rasch
in ihm zu besiegen, so rasch, daß der Sieg ohne Übersetzung geradehin
ihr zugut kam. Es lag nach keiner Richtung in ihrem Interesse und hatte
nie darin gelegen, daß die Rivalin von der Erde verschwand. In ihrem
Interesse lag bloß die Erniedrigung und Entwertung des verehrten
Bildes in der Betrachtung des Leutnants; während sie aber ihr Verfahren
der letzten Zeit überprüfte, fand sie, daß sie dieser Erkenntnis lange
nicht so aufmerksam nach gehandelt habe, als sie jetzt wünschte, daß
es geschehen sei. Sie bemerkte mit Unbehagen, daß sie sich bei aller
Kälte von ihrem Haß doch auf ganze Strecken beinahe aufsichtslos hatte
führen lassen. So hätte sie als überlegene Person, als die sie sich
selber gern betrachtete, in keinem Fall das ebenso hinfällige wie
hinterhältige Persönchen im Gewitter allein lassen dürfen, sondern
hätte alles daransetzen müssen, die unzuverlässige Gegnerin über den
Naturschrecken hinwegzulügen und sie so gleichzeitig in der Hand zu
behalten. Statt dessen hatte diese die Gelegenheit benützt, ihrer
Wächterin zu entwischen, und jetzt konnte niemand wissen, was weiter
kommen würde.
So war sie aus schwerwiegenden Ursachen außerordentlich unzufrieden mit
sich selber. Heimlich erregt und bereits auf der ersten Stufe einer
trüben Lebensverdrossenheit ging sie auf ihr Zimmer. Pessimistisch
grübelnd saß sie lange am Ofen in ihrem Lehnstuhl und sah dem
enttäuschenden Vorbeimarsch der Ereignisse und Gestalten der letzten
Zeit zu, die ihr die Fehler in ihrer Rechnung aufdeckten und sie sogar
bereits ahnen ließen, daß die ganze Rechnung als solche falsch angelegt
war und auf ganz irrigen Voraussetzungen beruhte. Indessen faßte sie
sich achselzuckend und wurde mit sich selber insoweit einig, daß
man jetzt eben abwarten müsse. Es war nicht gesagt, daß das Mädchen
wirklich sterben und dann auch gleich der Soldat dazukommen würde,
und sollte ihn ein Zufall oder bei der Verzögerung des Hinscheids
ein Telegramm des Dechanten herführen, so stand es auch nirgends
geschrieben, daß die ganze »rührende Chose« andere Empfindungen in
ihm anregen werde als Bedauern und etwas reputierliches Mitleid.
Seine letzten Briefe hatten nicht eben sentimental geklungen, und
eine Karriere blieb auf alle Fälle eine Karriere. Trotz allem fühlte
sie sich bei der Aussicht eines Wiedersehens zwischen den beiden
Jugendfreunden keineswegs sicher, da sie auch nicht wissen konnte,
was ihm das Mädchen über sie, die Rivalin, für Eröffnungen machen
würde, und für das beste hielt sie es, ein Wiedersehen auf alle
Fälle zu verhindern. Das geeignetste Mittel dazu schien ihr, jetzt
stracks auf ihr Ziel loszugehen und die Kriegstrauung zu veranlassen.
So setzte sie sich an ihren Tisch, um Heinz zu schreiben, daß er
unbedingt suchen müsse, sofort Urlaub zu bekommen, da sie sich mit ihm
in Köln zu treffen wünschte. Sie nahm sich vor, ihm dasselbe noch zu
telegraphieren. Außerdem wollte sie sich jetzt endlich aus diesem Kampf
mit den »übersinnlichen Kräften«, der nachgerade zur »Manie«, zu einer
Art von fixer Idee ausgeartet war, losreißen, ihre Koffer packen und
von morgen an wieder die freie Frau sein, die sie vordem gewesen war.
Mochte der Dechant römischer Pfaffe bleiben oder Kunstpfaffe werden
-- das konnte ihr wirklich gleichgültig sein. Die Hauptsache war, daß
sie sich nun von allen kränklichen Einflüssen befreite und wieder zu
handeln begann.
Gedankenvoll, zu Taten entschlossen und mit Nerven, die beinahe zum
Zerreißen gespannt waren, erschien sie endlich zum Nachtessen. Dort
empfing sie, noch bevor sie ihrerseits irgendeine Absicht anzuzeigen
vermochte, zwei Nachrichten, von denen die eine sie vor eine ganz
neue Lage stellte. Die erste unterrichtete sie auf ihre Frage, daß
jedenfalls bis jetzt das Mädchen noch lebte, und die zweite teilte
ihr mit, daß der Dechant von Heinz einen Brief bekommen hatte, worin
er schrieb, daß er verwundet sei und, sobald der Arzt ihm die Reise
freigebe, auf Urlaub kommen werde. Was für eine Verwundung es war,
schien nicht gesagt zu sein, und was darüber hinaus wirklich noch
gesagt war, das verschwieg der Dechant, so aufmerksam und prüfend er
sie übrigens daraufhin ansah. Heinz hatte noch geschrieben, daß er
beabsichtige, sich mit Frau Malva Klinger zu verloben und auch gleich
kriegstrauen zu lassen, wenn er alles so finde, wie es den Anschein
habe. Er für seinen Teil glaube nicht mehr an Ideale, und man werde
ihn auch nicht so rasch wieder glauben machen. Die schönsten Worte
trögen am meisten, und es sei nirgends eine größere Leere als hinter
hingebenden Blicken. Man werde ihn in Zukunft sich an das Reale halten
sehen. »Als ob er sich bisher an viel anderes gehalten hätte!« dachte
der Dechant unwillig verwundert, während er sich an jene unglückliche
Reihe von lauten und schiefen Ankündigungen erinnerte. Aber im übrigen
glaubte er jetzt, durch den Brief im Übermaß belehrt, mit sich im
reinen zu sein über die Verteilung von Schuld und Unschuld an diesem
Platz, und was seine Schwägerin anging, so erwog er den Gedanken, ob es
nicht richtig wäre, wenn er sie jetzt ersuchte, ein Haus zu verlassen,
worin sie sich so vielfach zur Geltung gebracht hatte. Doch war ihm aus
ihrem Verhalten noch nicht das sichere Gefühl geworden, daß sie von
diesen neuesten Dingen grundsätzlich wußte; die Verwundung jedenfalls
war ihr neu, und ihre hastige Frage nach dem Lazarett des Soldaten ließ
ihm einige Hoffnung, abgesehen von dem Umstand, daß er ihm, dem Oheim,
den ersten Brief nach der tödlichen Erfahrung geschrieben hatte, und
nicht der Tante, freilich auch nicht Linde. So gestand er sich, daß
er im ganzen großen wenig von den Dingen wußte. Unterdessen überhörte
er auch ihre zweite Frage nach dem Lazarett, in welchem Heinz liege,
und nachdem er noch eine Weile in zunehmender Scham mit seinem neuen
Widerwillen gegen diese Frau gekämpft hatte, erhob er sich und überließ
ihr den Tisch.
Auf sie selber wirkte die Nachricht von der Verwundung und dem in
Aussicht stehenden Urlaub, wie immer ein Blitz wirkt, ob erwartet
oder unerwartet. »Er hat dem Dechanten geschrieben und nicht mir?«
fuhr es ihr kalt befremdend durch den Kopf. Dann mit einer spähenden
Hoffnung: »Aber vielleicht ist sein Brief an mich hängengeblieben und
kommt nach!« Daß sie auf ihre Frage nach Heinzens Lazarett ohne Antwort
blieb, zeigte ihr ihre ganze neuerliche Hilflosigkeit in diesem Haus.
Ihr kühn gefaßter Plan, die Sterbenden hier sich selber zu überlassen,
war schon gegenstandslos geworden, denn wo sollte sie jetzt den
Soldaten finden? Nun hieß es von neuem: warten und sich gedulden.
»Bereit sein ist alles!« dachte sie literarisch. Aber die Blicke,
mit denen sie dem schweigsamen Dechanten folgte, waren bitter und
feindselig, und ihre Miene war aufgebracht. So hatte auch sie aus dem
Gewitter noch ihren Nachzügler erhalten.
Der Kranken selber fiel gegen alles Erwarten nach den Schrecken der
heutigen Schneedämmerung und nach dieser leise bewegten Nacht, die
sie doch ohne besondere Ereignisse verbrachte, ein stiller, milder
Frühlingstag zu, in dem sogar die ersten Amselrufe erklangen trotz
der Prophetie des Küsters von einem Nachwinter. Sie genoß ihn und
noch einen folgenden und einen dritten blaß und schon sehr fern. Die
Nachricht von Heinz erfuhr sie durch Brigitt; sie gab keine Zeichen
von Erregung, höchstens daß sie ihr eine leise Steigerung des Fiebers
verursachte, aber es war nicht mehr quälend, sondern gestaltenlos und
reiner Zustand. Ob sie Heinz erwartete oder nur noch ihren baldigen
Hingang, konnte niemand mit Sicherheit von ihr sagen.
Die große Änderung im Verhältnis des Dechanten zu ihr zeigte sich
zunächst in dem Zustand, daß er sich mit Brigitt in die Wachen bei
ihr teilte. Er übernahm außer den Stunden des Vormittags die erste
Nachthälfte bis um ein oder zwei Uhr, Brigitt versah sie die übrige
Zeit. Die Tante hatten sie ohne viel Worte ausgeschaltet, und die
wenigen, die der Dechant aus dem Anlaß zu ihr zu reden hatte, waren
kühl und merklich fremd. Zwischen ihm und Brigitt war die Anordnung
weiter kein Gesprächsthema gewesen, aber sie bildete unausgesprochen
eine erste Wiederverständigung zwischen der alten treuen Seele und
ihrem Herrn, wenn auch der neue Verkehr auf dieser schwebenden Brücke
zunächst noch recht sparsam und vorsichtig hinüber- und herüberging.
Die Verwandte betreffend barg sich der Dechant vor einer unliebsamen
Notwendigkeit noch einmal in der Erwartung, daß sie doch wohl jetzt
die Folgerungen ziehen und gehen werde, wo sie so deutlich sah, wie
überflüssig und entsetzlich fremd in dem ganzen strengen Vorgang sie
war. Die Menschen machen immer die gleichen Rechenfehler, und zwar die
ihnen eigentümlichen.
So stand das Leben in dem nun sehr stillen Pfarrhaus völlig unter
dem Zeichen der Sammlung und Erwartung. Brigitt benutzte die erste
Schwächung in dem Einfluß, den die Tante auf das Hauswesen ausübte, um
zur früheren, ihrer Pflicht und der Gesundheit des Herrn angemessenern
Lebensweise zurückzukehren; außer ihrem eigenen Tod hätte sie an diesem
Handstreich unter den herrschenden Umständen keine Gewalt der Welt
verhindern können. Sie richtete mit den verschiedenen Lieferanten die
alten Gewohnheiten wieder ein und genoß so unter allem Kummer um das
Kind doch eine oder zwei Stunden der Befriedigung. Als das aber getan
war, wandte sie sich wieder mit allen Gedanken und Empfindungen der
Kranken zu, für die sie noch einen Vormittagsgang in den Dom machte,
wo sie an demselben Fleck, auf dem Linde damals vor der Beichte
gekniet hatte, lange um deren Genesung oder seligen Hingang betete.
Auf dem Heimweg stieß sie mit dem Kreisphysikus zusammen, der auch zum
Pfarrhaus wollte. Er fragte nach den Ereignissen der Nacht und der
Temperatur und fand alles ausgezeichnet. Am Krankenbett verstärkte
sich ihm dieser vorteilhafte Eindruck noch. Obendrein bekam er endlich
einmal den Dechanten selber zu fassen, von dem es ihn schon lange
verdroß, daß er seiner medizinischen Person so wenig Ehre antat.
Also benützte er die Gelegenheit, seinen geistlichen Hochmut mit
einem scharfsinnig und launig zusammengefaßten Vortrag über die ganze
Krankheitsgeschichte zu bekämpfen, zumal diese Krankheitsgeschichte
jetzt »lächerlich deutlich wie ein aufgeschlagenes Kinderbilderbuch«
vor seinen Augen dalag. Diesem Natürchen habe er nämlich wirklich
mit List und Geduld seine letzten Geheimnisse abgeluchst, richtig
abgeluchst. Ach du lieber Gott, der Arzt, der sich nicht mit der
Geschicklichkeit eines Marders zwischen dem Tod und dem Patienten
hinzuschleichen wisse, der solle sich nur lieber gleich um einen
Lehrstuhl an der Universität bewerben. Er gehöre ja gar nicht zu jenen
Angstdoktoren, die sich von jedem Schwindsüchtchen oder Karzinömchen
ins Bockshorn jagen ließen. Was sei denn dabei, wenn jemand nun
wirklich einen kleinen Magenkrebs habe? Es gebe wirklich schlimmere
Dinge. Neulich sei doch ein Junge zu ihm gekommen, der sei in eine
Sense gefallen und habe sein Gedärmchen in der Hand vor sich her
getragen. Eine außerordentlich einfache Sache. Er habe ihn auf einen
Stuhl sitzen und warten heißen, bis er mit seinem Kaffee zustande
gekommen sei, denn an der Tatsache habe er ja auch nichts mehr ändern
können. Das sei die Natur. Er wünsche sich nur einmal den Dechanten
unter die Finger zu bekommen mit einer ordentlichen Pneumonie oder
dergleichen, da sollte er einmal den wahren Arzt kennenlernen. Dies
Natürchen da, das sei ja zum Lachen. Gucke so vergnügt und schlau
aus seinen Kissen heraus und besinne sich gerade auf neue Finten und
Hasensprünge. Nur nicht verblüffen lassen. Oberster Grundsatz: Glaube
nichts, bevor du's siehst. Die Theologie lehre das Gegenteil, dafür sei
sie auch die Theologie. »Nur so weiter, du kleines heiliges Satänchen.
Liegst jetzt ordentlich fest auf dem Rücken. Hat dir schon lange einmal
gefehlt, damit du deine Wirtschaft wieder sanierst. Hast verteufelt
schlecht Haus gehalten. Hut ab vor der Natur. Vor einem Vierteljahr
kommst du mir nicht aus dem Bett heraus. Sie kann jetzt ein bißchen
gehacktes rohes Fleisch kriegen. Auch Zwieback, damit sie die Zähnchen
nicht verliert. Hab' lange nicht einen solchen witzigen Fall gehabt.
Der reine Humor. Na, Gott befohlen. Morgen wieder. Habe die Ehre.«
Mit diesen Worten hob er sich auf, griff zu Stock und Hut, die er auf
Lindes Bettdecke gelegt hatte, und verabschiedete sich vom Dechanten.
Der hatte zu dem ganzen vergnügten Vortrag sehr wenig gesagt und
endlich überhaupt nicht mehr hingehört, und der Kreisphysikus verließ
das Haus im ganzen großen doch etwas unbefriedigt von dem Eindruck, den
er auf den Geistlichen gemacht hatte.
Während der Kreisphysikus sich höchstens auf die hippokratischen
Züge des leiblichen Patienten und da nicht immer verstand, besaß der
Dechant eine große Erfahrung in der Todesmiene der Seele, weil er
nicht nur mit den Augen sah, sondern mit dem Geist. Es wäre ihm nie
möglich gewesen, an einem Sterbebett anders als mit allen priesterlich
geweihten Kräften seines naturstarken Herzens anwesend zu sein, und
so lange war er immer ganz ohne Eitelkeiten. Darum besaß er soviel
undilettantischen, tiefernsten Scharfblick, um im Gegensatz zum Arzt
sich keinen spielerischen Hoffnungen hinzugeben, sondern wohnte bereits
mit voller Einsicht Lindes Auflösung bei. Was sich nebenher oder
unmittelbar damit für ihn selber auflöste, das ahnte er zur Zeit mehr,
als daß er es mit irgendwelchen Worten auszudrücken vermocht hätte; es
wäre ihm nicht einmal gegeben gewesen, es anzudeuten, so aufrührerisch
wurde mit seinen bisherigen Anschauungen vom Leben verfahren, und so
anarchistisch waren die Witterungen, die ihn unter dem Schatten dieses
selbstherrlichen und schweigsamen Sterbens überkamen. Von der Lüge des
Lebens erhielt er gerade aus den Finsternissen des Todesgeheimnisses
die blendendsten Erkenntnisse. Manchmal sah er sich an der Grenze des
immer tendenziösen Seins angelangt und wollte schon mit dem ersten
Schritt in die ungeheure, grenzen- und tendenzlose Wahrheit des
Nichtseins stürzen, da trat sein tastender, unsichtbarer geführter Fuß
wieder auf ein klug gepflastertes und organisiertes gesellschaftliches
Übereinkommen, und die Wanderung ins Unbestimmte ging weiter mit
ihm. Dabei war in seiner Seele ein geheimes Kommen und Gehen von
Erscheinungen, ein Wirken und Weben von Empfindungen aus längst
vergangenen Lebensepochen, die nicht seine schlechtesten gewesen waren,
ein Aufblühen und Verblassen einstiger Stimmungen und einstiger Träume,
und allem Knüpfen und Lösen hielt er stand, ohne etwas vorenthalten
oder beiseitebringen zu wollen. Soviel Ehrlichkeit und Würde war lange
nicht mehr in ihm enthalten gewesen, aber wenn er glaubte, nun bald
den Gipfel zu erreichen oder -- der Tod verändert ja alle Richtungen
-- im Abgrund zu versinken, weil er sich schon soviel einsichtiger
und weiser vorkam, als er vorher gewesen war, so befand er sich immer
noch in keiner andern Gegend des Weltplanes als in seiner alten
wohleingerichteten Lehre, in der er groß und schon ein bißchen grau
geworden war. Auch wenn er in seiner versunkenen Stimmung den Prediger
Salomo vornahm und den Text zu der Vergänglichkeitsmusik, die in ihm
klang, aufschlug, so brachte ihn auch diese Lektüre nicht weiter, als
morgenländische Gehirne Tausende von Jahren vor ihm gewesen waren.
Er las beim Schein der Krankenlampe: »Was hat der Mensch mehr von aller
Mühe, die er sich macht unter der Sonne? Ein Geschlecht vergeht, das
andere kommt; die Erde bleibet ewiglich.« Erstens, dachte er, irrt sich
der Prediger in der Voraussetzung, da die Erde eben nicht ewiglich
bleiben wird, und mit diesem wirksamen Kontrast fällt seine ganze
Erkenntnis in sich zusammen, zumal der Mensch von seiner Mühe wirklich
etwas zu haben scheint, nämlich seine Sicherheit, sein zeitliches
Wohlergehen, sein Haus, seine Kinder, seine Freuden und die materiellen
und geistigen Erfolge seiner Persönlichkeit. Es war ihm nicht möglich,
dem morgenländischen Prediger bis zum nihilistischen Ziel seiner
Philosophie zu folgen, weil er das durch das Gewissen gesteigerte Tun
des ~christlichen~ Menschen höher einschätzen mußte, trotz seiner
Endlichkeit und deutlichen Beschränktheit, die er mit jenem Orientalen
teilte. Dennoch fühlte er mit beunruhigender Bestimmtheit, daß ihn das
große »Eitel« an seiner Stelle traf, wo auch er ihm nicht zu entrinnen
vermochte, wo er standhalten und zusehen mußte, daß ganze gepflegte
Hühnerhöfe seiner sittlichen Begriffe vom Marder der Vergänglichkeit
abgewürgt wurden, und es waren sehr wertgehaltene Exemplare darunter.
Aber das war noch nicht alles. Denn indem er weiterlas, ging ihm das
unheimliche Licht auf, daß auch das große Eitel des Predigers und
aller Menschen, die sich persönlich denkend mit dem Leben befaßten,
unheilig und ungeordnet, wie es war, selber zu den Eitelkeiten gehörte.
Denn was geschah nun mit der weiteren Erkenntnis? »Die Sonne geht
auf und geht unter und läuft an ihren Ort, daß sie daselbst wieder
aufgehe. Der Wind geht gegen Mittag und kommt herum zur Mitternacht
und wieder herum an den Ort, da er anfing. Was ist es, das man getan
hat? Eben das man hernach wieder tun wird, und geschieht nichts Neues
unter der Sonne.« Das war schließlich auch nichts anderes als der
Versuch eines alterseitlen Mannes, das Leben der andern jugendstarken
zu verneinen und recht zu behalten. Nein, dachte er, auch die Weisheit
des Alters ist eine Eitelkeit. Die Begründung, daß alles schon
dagewesen ist, reicht nicht aus, das Leben zu verneinen. Freilich
gibt es ein grandioses, heiliges Aber, das sich gegen das Leben
richtet. Wo finde ich es? Vielleicht, grübelte er weiter, war es in
den nachfolgenden Wegleitungen zur rechten, aus Weisheit stammenden
Glückseligkeit enthalten. Aber wohin er blickte, fand er nichts als
zerbrechliche Denkform, Filigranwerk der menschlichen Erfahrung,
erlernbare Anweisungen, die der Selbstsüchtige und der Erkaltete ebenso
befolgen konnte wie der Erweckte und Ergriffene, um genau zu demselben
Ziel zu kommen, von dem der Prediger als letztem Schluß der Weisheit
sprach: zur Herstellung der irdischen Glückseligkeit und zur Bewahrung
vor Fallen und Schädigungen. Auch diese letzte »Weisheit« erschien
ihm eitel, denn sie war ebenso vergänglich und nur um vieles weniger
geheimnisvoll als die Mühe des Menschen, die er hat unter der Sonne,
das Wehen des Windes und das Ereignen der Zeit.
Bedrückt und verwirrt schloß er endlich das berühmte Buch, um dann bloß
wieder dem so kühnen als stillen Weben der Auflösung in der bekannten
Gestalt zuzusehen, auf das überirdische Sausen der Stille zu hören, die
ihn umgab, und der unermeßlichen Einsamkeit, in welcher er sein und das
Leben aller Menschen nun irren und suchen sah. Nachdem er so begriffen
hatte, was das hieß, allein sein und auch die letzte Eitelkeit des
Gedankens vernichtet wissen, gab es nichts mehr, was er nicht willens
war, mit zu opfern und dem allgemeinen Untergang des Irdischen, der
sich in ihm ereignete, nachzustoßen, unbekümmert darum, was weiter aus
ihm wurde, und mit der großartigen Gebärde des in Bescheidung still
Verzweifelnden. Er verzichtete auch auf die Hoffnung, daß ihm seine
Bescheidenheit schließlich doch noch einen schlechten Freiplatz im
Theater der Allmacht einbringen werde, von dem aus er auf den Zehen
stehend der Weltkatastrophe oder der Katastrophe der fünf Sinne als
kleiner Zuschauer beiwohnen könne, in seinem Teil immerhin das Ganze
mit dem Leben überstehend.
In diesen Tagen des innerlichen Wandels bekam der Dechant einen
Besuch, der ihm sonst nicht wenig geschmeichelt und ihn in seiner
letzten Absicht vielleicht sehr erregt hätte. Ein Beamter der Berliner
Museumsverwaltung sprach ganz unangemeldet bei ihm vor, um mit ihm
über die Dinge zu reden, die seinen Kirchenbau betrafen, und sich
seine kleine Sammlung zeigen zu lassen. Es war ein mittelgroßer,
magerer Herr in den vierziger Jahren, mit einer Physiognomie, der etwas
Spitzmäusiges anhaftete, mit einer großen Brille aus dunklem Glas auf
der Nase, mit englisch geschnittenem Schnurrbärtchen und schneiderhaft
mit Bändern eingefaßtem, dunklem englischen Jackett. Er begann sofort
zunftgerechte und zweckmäßige Fragen zu stellen, die der Dechant etwas
verwundert beantwortete, und forschte sich in kurzer Zeit durch die
ganze Geschichte der Renovation und der Ausgrabungen durch. Worum der
Dechant lange ahnend und in gewissenhafter Sorge gestrichen war wie
der Jüngling um den Gegenstand seiner Wünsche, ehe er den betreffenden
Zugriff tat, da packte der Herr ohne falsche Scheu zu, und es fiel
weder eine Verneigung vor dem Allerheiligsten noch ein Achtungsbeweis
für die geistliche Behörde ab, beides Dinge, die auch wirklich nicht
in sein Fach schlugen. Wenn es nun dem Dechanten darauf angekommen
wäre, gegen den Erzbischof einen Wunsch oder ein Interesse auf Umwegen
über die weltliche Macht durchzudrücken, so hätte er die beste
Gelegenheit dazu besessen, aber zunächst dachte er gar nicht daran.
Inzwischen führte er den kunstbewanderten Herrn in seinem kleinen
Museum herum, und es zeigte sich, daß der Besucher alles mit treffenden
und manchmal entzückten Ausdrücken an den richtigen Ort heimzuweisen
wußte. Dies Kreuz gehörte jener Werkstatt, und jener Pokal wies
die und die orientalischen oder maurisch-spanischen Einflüsse auf,
Beziehungen, die dem Dechanten natürlich genau bekannt waren, und die
er längst für seine Person festgestellt hatte -- er widersprach dem
findigen Mann sogar in einer Sache und behielt recht --, die ihm aber
lange nicht so wichtig waren, und bei denen ihm höchstens vor der
weltfertigen Gelehrsamkeit des andern wind und weh wurde. Denn darin
hatte er vor dem Erzbischof keineswegs geflunkert, daß ihm jedes Kreuz
ein Erleben des christlichen Gedankens bedeutete und er in einer alten
gotischen Monstranz zuerst und zuletzt das Gottesgefühl erkannte und
nachspürte, das sich darin zum Ausdruck gebracht hatte. Ob nun die
oder jene Werkstatt, der östliche oder südwestliche Geschmack hier den
Griffel geführt und dort das Modellierholz beeinflußt hatte, galt ihm
erst in zweiter Linie, und auch da zuvörderst durch die Erkenntnis,
daß auch diese anregenden Führerformen religiösen Vorstellungen
entsprungen waren. Das war der Zug, den der feine Herr aus Berlin sehr
rasch als das dilettantische Leitgefühl seiner kunstgeschichtlichen
Tätigkeit erkannt haben würde, wenn nicht der Dechant verdrossen von
dem gelehrten Gallimathias, den der Besucher von sich gab, meistens
den Mund gehalten hätte, und über die Wurzeln seiner Leidenschaft am
meisten. Da tönte es von Linienführung, Stilprinzipien, technischer
Überlegenheit oder primitiver Kindlichkeit, und was solcher Zensuren
mehr waren, so daß er vor Unmut über das gespreizte moderne Kerlchen,
das mehr einem altklugen Jungen glich als einem Mann, der so leichthin
über diese durch Alter, Geschichte und Gebrauch geheiligten Gegenstände
urteilen durfte, bald nicht mehr wußte, wie gleichgültig und kühl er
reden sollte, nur um sich vor peinlichen Empfindungen zu bewahren, die
mit der Preisgabe selbst des kleinsten Gefühlsanteils unweigerlich
verbunden waren.
»Es zeigt sich doch immer wieder«, sagte der Herr mit der dunklen
Brille, indem er sich eifrig schnaubte: »Alles ist Auge. Die Leute
hatten damals mehr Auge als wir.«
»Goethe meinte: Alles ist Gefühl!« erwiderte der Dechant beinahe
unwirsch. »Man könnte ebensogut sagen, daß die Leute von damals mehr
Gefühl hatten.«
»Ganz richtig«, stimmte der Herr zu. »Gefühl des Auges. Augengefühl.
Augenkultur. Daß dann mit solchen Kultgeräten der Gottesdienst
ebenfalls Intensität und Schwung bekam, ist nur natürlich. Eine Kunst
weckt die andere. Die Anschauung einer edlen Monstranz erregt im
Musiker die melodiöse Linie; die neue Messe ist da. Der Maler wird zu
neuen Bildern und Glasfenstern angeregt, der plastisch begabte Mensch
zu Skulpturen. Und alles zusammen erregt dann jenes unbestimmt gehobene
Lebensgefühl, das man früher Religion nannte. Heute heißt es Kultur.
Bei unsern Nachbarn nennt man's Zivilisation. Aber am Anfang steht das
Gerät.«
Der Dechant stand halb ungeduldig, halb schwermütig da, weil er an
seine Sterbende dachte. »Im Anfang war das Wort«, sagte er, für den
andern unnötig gewichtig, so daß der ihn überrascht anblickte. »Sie
können nicht glauben, daß am Anfang der Religion das Gerät stand,
wenn Sie dann noch einen einzigen vernünftigen Gedanken in Ihrer
Kunstgelehrsamkeit weiterdenken wollen. Das ist derselbe Widersinn,
den uns die Naturwissenschaft auftischt, wenn sie sagt: Am Anfang
des Lebens ist die Urzelle, der Urkeim. Was wissen wir nun? Andere
erklären uns, das Leben sei als Keim von einem andern Stern auf
die Erde gekommen. Das nennen sie exakte Forschung, und solche
Knabenhaftigkeiten hoffen sie dann an Stelle der alten religiösen
Mythen und der christlichen Grundwahrheiten zu setzen. Herr, am Anfang
der Kunst und auch des Geräts war das Gottgefühl. Es war am Anfang
alles menschlichen Tuns, der Kultur, der Zivilisation, und wessen Sie
sonst wollen. Ich wollte Ihnen das nicht sagen, weil Sie's vielleicht
doch nicht begreifen. Wenn Sie nun den Dom sehen wollen --«
»Aber natürlich!« erklärte der Kunstbeamte mit gewinnender Miene und
ganz ungetrübt, indem er den großen Mann -- der Dechant überragte
ihn um mehr als den Kopf -- interessiert betrachtete. »Sie geben da
sehr bedenkenswerte Erklärungen und Zusammenhänge. Sie haben einen
Standpunkt. Sehen Sie, auch daran fehlt es dem modernen Kunstbetrieb,
am Standpunkt. Auch der Architektur. Sie verstehen sich auszudrücken
und Ihre Vorstellung an den Mann zu bringen. Leute wie Sie braucht
man heutzutage, weil sie als Anreger und frische Impulsgeber in
unsrer schon etwas ausgeleierten Zeit unerläßlich sind. Sie besitzen
Urkraft; das ist heute ein rarer Stoff. Sie bemerken, daß wir ganz
unvoreingenommen sind. Übrigens sind wir auch selber nicht so absolut
von dem Linien- und Nurfarbenwahn besessen. Eine Ahnung davon, daß
es noch andre Gesichtspunkte gibt, haben wir immerhin auch noch.
Uns fehlt nur die Kraft, wie gesagt. Kommen Sie zu uns. Es dürfte
nicht schwer halten, Ihnen einen Lehrstuhl, zum Beispiel an einer
katholischen Universität, zu verschaffen. Was Sie dann obendrein mit
Ihrer Wissenschaft wirkten, und wie weit Sie damit kämen, wäre Ihre
Sache. Allein schon Ihr Einfluß auf die katholische Kirchenkunst müßte
sehr beträchtlich sein, denn Sie sind nicht bloß Kraft, sondern auch
Intelligenz. Ich kann Ihnen ja nun sagen, daß ich -- ganz unverbindlich
-- sondieren darf, was Sie zu einem derartigen Vorschlag zu sagen
hätten. Ich für meinen Teil, der ich nun die Ehre habe, Sie persönlich
zu kennen, kann Ihnen dazu nur aufrichtig raten. Überlegen Sie sich
die Sache; Sie brauchen nicht sofort zu antworten. Inzwischen gehn
wir zum Dom. Wohnt nicht gegenwärtig Ihre Verwandte, Frau Professor
Klinger, bei Ihnen? Eine talentvolle und hochgebildete Dame. Sie ist
an dem Antrag nicht ganz unbeteiligt, obwohl natürlich die Möglichkeit
dazu Ihr Verdienst gegeben hat, ohne das auch in Preußen nichts ist.
Aber ein Anstoß muß überall sein. Hoffentlich darf ich nachher die Dame
sehen?«
Indem der Dechant den Kunsthistoriker zum Dom begleitete, ging es ihm
seltsam. Immerzu sah er einen Menschen in seinem Alter und von seinem
Aussehen auf dem Katheder stehen und bedeutende, anfeuernde Vorlesungen
halten, während eine große und stets wachsende Zahl von jungen
Männern zu ihm aufsah, die Augen voll frommer Erregung und die Mienen
gespannt in der Aufmerksamkeit auf ein göttliches, in der Zeitlichkeit
sichtbares Thema, das er allgemeinverständlich entwickelte mit klaren
und wissenschaftlichen Worten. Oder er sah den Menschen Bücher
schreiben, die von Hand zu Hand gingen, deren Geist sich betrachtend
und hinweisend am Rand des göttlichen Erscheinungsfeldes bewegte,
und deren Materie, von der Geschichte herausgereicht, anzeigte, daß
dort drin der Sternnebel der Ewigkeit gestaltenzeugend die unendliche
Hochzeit seines seienden Werdens feiere, geformte Meteore der Kunst
wunderbar ins gemeine Leben hinausschleudernd, die in der Reibung der
sündigen Atmosphäre noch einmal aufglühten und dann in der Geschichte
erstarrten. Vor allem aber, er stand draußen und zeugte draußen
weltlich, während ungeheuer brausend der Orkan des lebendigen Gottes,
in sich selber drinnen heilig erschaffen, lebte und heilig erschaffend
mitriß, was sich den Wirbeln seiner Unendlichkeit gläubig und reinen
Herzens überließ. Darauf warf er wie eine Weiche die Anschauung um
und sich selber hinein, um Gottes teilhaftig, ~Verfüger~ über
Seine Allmacht und Weisheit, vor dem Abgrund Seiner Liebe für das
Draußen zu zeugen, ohne das es Sein Drinnen nicht gab, für das Tiefe,
ohne das Er nie hoch war, und das Unwissende, in dessen Nacht allein
Sein Sternnebel so unbegreiflich wild und schön aufbrannte. Und nach
dem Draußen hin zeugte er nun anstatt mit dem erstorbenen Meteor mit
der schleudernden Kraft selber, für die es kein Oben und Unten gab.
Das Tiefe machte er durch seinen Glauben zur Höhe, wie vom Firmament
aus betrachtet das irdische Meer ein kristallenes Gebirge von tief
hingetürmtem Wasser ist; aber das Unwissende erhob er durch die Wucht
seiner Liebe zur wahren göttlichen Wissenschaft. Er sah sich stehen mit
einem großen Herzen voll gewaltiger Hinneigung und einer Seele voll
unbesieglicher Aufstrebung, angetan mit dem Gewand eines Kirchenfürsten
und mit dem schwersten Ernst des Lebens.
Dieser Traum hielt auch noch stand, während er mit seinem Begleiter
den Dom betrat. Als er vor dem Allerheiligsten vorbeigehend mit dem
Zeichen des Kreuzes sich tief verneigte, fühlte er eine bedeutsame
Überlegenheit gegenüber dem verständigen klugen Mann, der nichts
sah und nichts fühlte und darum auch nichts zu verehren hatte. Noch
einen Moment gehörte ihm der ganze heilige Dom mit seiner Geschichte
und Tradition, aber während sein Blick die strengen Formen und die
ernsten Räume durchflog, erinnerte er sich an das sterbende junge
Leben, und wurden seine Augen wieder trüb. Eine Stimme raunte ihm zu:
»Es ist alles eitel!« und so schien's ihm auch schon der Gedanke an
seine große Steigerung in Gott und seine Zukunft als geheiligte und
unantastbare geistliche Großmacht, zumal der Kunsthistoriker wieder
mit seinem bewanderten Geschwätz zu plätschern begann und in kurzer
Zeit außerordentlich viel Nüchternheit um sich verbreitete, so daß ihm
der Dom zu einem aufgetürmten Steinhaufen wurde und das ganze geweihte
Wesen zu einer Rumpelkammer. Damit schien ihm freilich nichts anderes
daraus geworden, als was die angebliche neugeschichtliche Aufklärung
schon längst aus dem Leben und dem Weltplan gemacht hatte, und indem
der Dechant diese Gleichung stellte, entsank ihm auch die letzte
gesteigerte Vorstellung von sich selbst, und wandte er sich bitter
seufzend von dem großstädtischen Klügling ab.
Doch ging ihm sehr anschaulich das Gebiet auf, wo er einer ganzen
berühmten Klasse von Menschen überlegen war. Er konnte unter den
Bettlern immer noch den König spielen, wenn er die Professur annahm,
und war auch dies eine Eitelkeit, so war es doch eine bescheidene,
auf wirklichen Verdiensten begründete. Nun hatte der feine Herr
wieder viel Aussichten bei dem zweifelvollen Geistlichen, aber
wieder fiel es diesem auf, diesmal beim Austritt aus dem Dom, welche
Kraft und Bedeutung gegenüber dem andern ihm die Ehrfurchtbezeigung
vor dem höchsten Zeichen in seinen eigenen Augen verlieh, ohne daß
er sie gesucht hätte. Es überdrang ihn aus jener Gegend her und
durchwehte ihn ein Strom göttlicher Wirkung, der ihn so lange durchaus
verwandelte, als er ihn empfand, und es gereichte ihm zur ahnungsvollen
Beunruhigung, zu fühlen, daß er selber einen Einfluß darauf hatte,
wie lange diese Durchdringung und die Verwandlung dauern sollten.
Draußen wurde noch der stille, kindlich fromme Vorbau besprochen und
kunsthistorisch eingeschätzt. Darauf führte der Dechant seinen Gast ins
Haus und ließ die Tante benachrichtigen, daß Besuch da sei.
Die Klingse erschien, und der Dechant wurde stumm und steif Zeuge
einer weltläufig herzlichen und wortreichen Begrüßung, an der, wie er
deutlich fühlte, kein Zug echt und kein Wort wirklich und alles genau
so dreist und hohl war, als ob man sich auf einem großstädtischen
Parkett befunden hätte. »Diese Leute«, dachte er erzürnt, »bringen
ihre Atmosphäre überallhin mit wie das amerikanische Stinktier.« Der
Museumsmensch erklärte den Grund seiner Anwesenheit, und die Klingse
nahm ihn unter aller geheimen Bitterkeit mit laut geäußerter Genugtuung
entgegen, zu der auch der Dechant seinen Anteil als Anerkennung ihrer
Verdienste um ihn beitragen sollte. Aber er trug nicht bei. Inzwischen
war sie geschickt genug, eine gute, vielleicht letzte Gelegenheit
zu benutzen und die seinen des näheren herauszustreichen, und der
Kunstwissende half ihr eifrig, weil er ihren Einfluß jedenfalls für die
nächste absehbare Zeit noch keineswegs entbehren konnte, sowenig wie
ihre Geldmittel für seine Spezialsammlungen, mit denen er einmal seinen
Aufstieg zu den höchsten Staffeln zu unterlegen hoffte. Andrerseits
hatte sie nach wie vor als leise alternde Frau ein Interesse daran,
sich solche karrieremachende Männer zu verbinden, um im Kreis des
Geschehens zu bleiben.
Während der Dechant nach Linde sehen ging, erzählte die Klingse
dem großstädtischen Freund die Geschichte des unglücklichen jungen
Mädchens, das sie so lange in dieser Stadt festhalte, und der Freund
hörte sie gerührt an, obwohl sie ihm, das hätte er beschwören können,
herzlich gleichgültig war. Gleich darauf machte er denn auch der
Klingse Lobsprüche für ihr frisches und jugendliches Aussehen bei
allen Nachtwachen und Gefühlserregungen, und verbreitete sich, als
der Dechant ernst und innerlich erregt wieder eingetreten war, noch
des näheren über ihre elastische Natur und ihre schöne Aufopferung.
Er sollte sich auch dazu äußern, aber er schwieg hier wie dort,
und sogar mit stichhaltigeren Gründen. Der Klingse war es bei
diesem Gespräch auch nicht wohl, und sie brachte rasch die Kunst
wieder aufs Tapet, womit ein entzücktes Geplauder anhob über dies
Gemälde und jene »pikante« Kleinplastik, Rembrandt, französische
moderne Impression, alte englische Frauenbildnisse, die auch »nicht
ohne« seien, »schmalbrüstige, spitzgiebelige deutsche Gotik« und
lebenslustiges Pariser Rokoko, die neuesten Museumsleistungen,
Raumgestaltungen, Umgruppierungen, Wert und nähere Umstände von
Neuerwerbungen, so daß dem Dechanten schließlich war, nicht als ob
er nun in einem Museum, sondern als ob er in einem Irrenhaus wäre,
zumal schließlich die Unterhaltung auf das ergiebige und vielbesuchte
Gebiet der Personalchronik überging, nicht von einigen Künstlern und
öffentlichen Charakteren, von deren Haltung etwas zu gewinnen gewesen
wäre, sondern von den gesellschaftlichen Modesäuglingen des Tages,
ihren interessanten Gehversuchen, ihrem okkulten Gestammel, ihren Ammen
und Gespielinnen, ihren neuesten Verdauungsstörungen und nächsthin zu
erwartenden Revolutionsversuchen.
Soviel oberflächliches Geschwätz und konventionellen Tratsch und
Klatsch hatte er noch in seinem Leben nicht gehört, und er mußte an
die Ankündigung denken: »Wahrlich, ihr sollt Rechenschaft ablegen
von einem jeden Wort, das aus eurem Munde gehet!« Indem er aber
alles summierte, dachte er, daß dann das Jüngste Gericht sehr lange
dauern könne und die Seligen noch weithin auf ihre Seligkeit zu
warten hätten, indes die Verdammten eine Galgenfrist gewännen, bevor
sie endgültig hinunter müßten. An den Gesprächen beteiligte er sich
wenig oder gar nicht, sondern saß meistens stumm und über sich wie
ein Berg brütend da, mit allen Anzeichen, daß er auf die Entfernung
des störenden Gastes wartete. Schließlich brachte er ihn mit einer
Kriegslist auf eine Stunde noch vor dem Essen ins Freie. Er sagte
ihm, daß ein Trödeljude einen sehr schönen alten Schrank, ein wahres
Museumsstück, aufgetrieben und bei sich stehen habe; ob er's nicht
ansehen wolle. Der Kunstmaulwurf wollte und fuhr sofort aus dem Haus,
begleitet von seiner Freundin. Auf den Gassen hoben sie miteinander
ein lautes und bedeutendes Auslegen der alten Motive und Ornamente
an den Bürgerhäusern an, der Abwechslung von gotischen mit Ideen der
Renaissance, dem echten hessischen Fachwerkbau, wie er war, und wie er
sein müsse, und weissagten so gelehrt und gewaltig, daß es ihnen ob
ihrer eigenen Schläue grauste und die guten Leute wunderliche Gesichter
aus den Fenstern machten. Den Schrank fand man dann originell, aber
nicht stilrein, da eine Zierleiste zuviel daran war und der Beschlag
aus einer andern Epoche stammte. Mit aller Wichtigtuerei hatte man
aber Zeit versäumt, und schließlich fand der behende Herr kaum noch
so viel, geschwind im Pfarrhaus einen Bissen hinunterzuschlingen, sich
daran den Hals zu verbrennen und dann zum Bahnhof zu laufen, um eben
gleichzeitig mit dem Zug dort anzukommen. Über den Hauptantrag hatte
man nicht mehr weitergesprochen; der Dechant wollte in einigen Tagen
Bescheid schreiben.
Bald darauf trat dieser wieder seine Nachtwache an. Bei Linde hatte
sich seit der großen lebensgefährlichen Veränderung nichts weiter
gewandelt. Sie lag still, manchmal schlummernd, manchmal traumhaft
denkend, nie lange mit offenen Augen, wie wartend da, auf ganze
Strecken beinahe erfüllt, wenigstens schien es dem Dechanten so, ohne
Worte und auch meist ohne Regung, und auf Fragen oder Mitteilungen
gab sie selten ein Zeichen des Verständnisses. Aber in jener Nacht,
nach ein Uhr -- der Dechant saß eben mit seinem Leben tief versunken
über dem Evangelium, das mit der großen Erkenntnis beginnt: »Im Anfang
war das Wort!« -- regte sich die Kranke, und als der Dechant aufsah,
begegnete er ihrem dunklen Fieberblick, in dem doch soviel gesammelte
Klarheit lag und neuerlich immer mehr Wissen um die fortgeschrittenen
Dinge des Lebens und des Todes; jetzt wand sich darin eine irdische
Frage aus den überirdischen Verstrickungen los, die ihm zu verraten
schien, wohin immer noch ihre Gedanken sich wendeten, wenn das
Bewußtsein auf fliehende Augenblicke nach der Erde zurück aufklärte.
»Wann -- will Heinz kommen?« begehrte sie zu wissen. »Hat er darüber --
geschrieben?«
Der Dechant wußte es nicht. »Er wird gewiß kommen, sobald er kann,
Kindchen«, versuchte er zu trösten, indem er ihre weiße Hand
streichelte. Daß er ihm telegraphiert hatte, er solle seine Reise
beschleunigen, wenn er Linde noch lebend treffen wolle, mußte er
verschweigen, aber sie dachte es sich. »Er ist möglicherweise etwas
schwieriger verwundet, als wir wissen, vielleicht an einem Fuß.«
Sie sagte nichts dazu und lag wieder eine längere Weile mit
geschlossenen Augen, so daß er nicht wußte, ob sie schlief oder nur
dachte. »Ist Tante Malva noch da?« fragte sie darauf, ohne den Kopf zu
wenden oder die Augen zu öffnen.
Der Dechant bejahte. »Möchtest du sie gern sehen?« fragte er
einigermaßen zweifelhaft. Er hätte gern noch etwas Vermittelndes, ihr
Fernbleiben Erklärendes hinzugefügt, aber er vermochte es nicht.
Sie schien einen Augenblick darauf zu warten. Dann bewegte sie leise
verneinend den Kopf. Und wieder nach einigen Momenten Zögerns tastete
sie still nach seiner Hand. »Ich danke dir, daß du bei mir wachst. --
Und Brigitt«, setzte sie noch hinzu.
Etwa zehn Minuten oder eine Viertelstunde verharrte sie so mit ihrer
heißen hinfälligen Hand in seiner kühlen, erdensicheren, während seine
Gedanken sich um Erinnerungen bewegten, die ihm aus dem sozusagen
unterirdischen Verhältnis zwischen den beiden Frauen neuerlich immer
deutlicher und schärfer bezeichnend entgegenkamen. Er begann sogar
mit schwerem Herzen zu ahnen, daß dies Verhältnis ein Verhängnis
gewesen sei nämlich für Linde, obwohl er von allen Schuldtatsachen
noch keine einzige kannte und nicht von weitem den wahren Umfang und
die wirkliche schicksalhafte Abgründigkeit dessen gewärtig war, was er
jetzt schon Verhängnis nannte. Inzwischen überraschte sie ihn durch
eine Mitteilung. Sie schlug die Augen wieder ganz auf und wandte ihm
das schmale Krankengesicht zu.
»Wenn Heinz kommt, so frage ihn nach dem Hohenlied«, sagte sie
plötzlich ganz klar. »Er weiß von allem. Wir haben es miteinander
weggeschafft. -- Und sage ihm, er soll -- sie nicht heiraten. Er würde
sehr unglücklich sein. Seine Jugendgespielin läßt ihm das sagen.«
Ermüdet von der Anstrengung des Sprechens legte sie sich in ihre
Kissen zurück und regte sich diese Nacht nicht wieder. Als bald darauf
Brigitt kam, um den Dechanten abzulösen -- es ging gegen zwei Uhr --,
nahm sie keine Notiz davon, und auf eine leise Frage, ob sie trinken
wolle, gab sie keine Antwort. Der Dechant verließ sie wie vom Donner
gerührt, obwohl ihre Stimme nicht viel stärker geklungen hatte als das
entfernte Zirpen einer Grille, und nachdem er die erste Nachthälfte
bei ihr verwacht hatte, verbrachte er auch die zweite schlaflos um sie
und über den Geheimnissen, die sich nach wie vor um ihre stille Person
bewegten. Warum, fragte er sich ebenso unruhig wie vergebens: warum
hatte sie so lange und hartnäckig über das Buch geschwiegen, sie, die
sonst so offene und klare Seele? Warum war damals, als es sich um die
Einladung der Tante handelte, das Spiel mit verdeckten Karten gewesen?
Nun befanden sie sich also doch alle im Unrecht gegenüber dieser
bitteren Frau! Wer wußte jetzt, wie dies eine Unrecht weitergewirkt
und Verhältnisse verdorben und verzerrt hatte? Ferner, was war dem
Kind von den Absichten des Soldaten auf die Tante bekannt? Und woher
wußte Linde davon, wenn nicht durch die Tante selber? Indessen, mochte
diese Frau nun schuldig oder unschuldig sein, war sie selber ein Opfer
ihres Verhängnisses, während sie andre ebenfalls dazu machte, so wollte
er ihr jede Billigkeit zugestehen, aber sonst nichts mehr. Sie hatte
wieder auf ihrem ganzen Weg Zwietracht und Verderben gesät; er sah
es an der Saat, die jetzt überall aufging. Der Friede des Hauses und
Lindes Leben waren zerstört, ein junger Mensch verführt und ein alter
zerrüttet; was der nächste Zeitlauf noch alles ans Licht bringen würde,
sollte er hilflos dagegen erwarten, und dem ganzen Ergebnis wohnte
sie, täglich schwerer zu ertragen, als die Siegerin bei. Das war der
Tatbestand, den er feststellte, und aus dem er im Verlauf der Nacht und
der Morgendämmerung Schlüsse zog.
Es war noch nicht hell, als er, unfähig, länger liegenzubleiben, sich
erhob. Der Südwind herrschte noch in der Luft. Die Sterne zitterten
und schwankten; der Himmel schien ganz in warme Luftströme aufgelöst,
und über den Türmen des Domes stand unsicher die dünne Sichel des
angehenden Mondes. In der Luft rauschte es wie von großen feuchten
Flügeln; die Vögel, zu denen sie gehörten, sangen wunderbar durch den
enteisten Raum für Liebende und Sterbende und für Menschen mit frisch
aufgestörten, unbewachten Herzen. Jetzt begann auch die Glocke zur
Frühmesse zu läuten. Ihr folgte der Dechant, den es zu gesicherten
Gegenständen des Lebens zog. Zur Verwunderung des Vikars erschien
er aus dem Dunkel des weiten Raums ernst und suchend im schwachen
Lichtschein der Morgenhandlung, und von allen seinen Gläubigen war
er der hungrigste und letzte. Der Kruzifixus blickte gewaltig und
auffordernd auf ihn herab. Die Kerzen flackerten belebt und erwartend.
In den Fenstern webte der erste Tagesschein. Die Bilder darin standen
noch schlafend, aber einige Farben träumten morgendlich. Nachdem der
Dechant lange einsam in einer Bank gesessen hatte, verließ er tief
gesammelt den hohen Bau, ohne ein einziges Mal an die Altertumsschätze
zu denken, die unter dem Chor begraben lagen.
Den Kaffee trank er früh und allein auf seinem Zimmer. Der Magd
gab er den Auftrag, die Frau Professor zu ihm zu bitten, wenn sie
gefrühstückt habe. Inzwischen vertiefte er sich wieder in das
abgründige Eingangswort des Evangeliums. Wie so viele vor ihm und
wenige mit ihm fühlte er, daß sich in dem kleinen Satz der reifste
Gedanke des gottwissenden Menschen darstellte, jener Gedanke, der aus
dem Bewußtsein des diesseitigen Lebens zum jenseitigen einmal und nicht
wieder ohne Verwandlung durchgebrochen und unvernichtet zurückgekehrt
war, beladen mit der Erkenntnis des menschwissenden Gottes, die ihm
dort als ~Gottes~ tiefste entgegengetreten war. Gleich neben
diesem Wort steht für alle Zeiten der verständige Deutungsversuch des
Dichters: »Im Anfang war die Tat!« und der Dechant bedachte auch diese
eigenwillige Unternehmung. Aber er kam immer wieder auf denselben
Schluß zurück, nämlich daß sie nichts erreichte und erreichen konnte
als die ausgeleerte Form des kühnsten Gedankens, eine Handlichmachung
des ungeheuren Ergebnisses, Fassung des Unfaßbaren und damit dessen
Verkleinerung, um es der sinnenmäßigen Übersicht zur Nutzanwendung zu
vermitteln. Je länger er die Umwertung betrachtete, und er betrachtete
sie schon seit seiner Jugend, desto verdächtiger kam sie ihm vor, und
desto deutlicher glaubte er sie zu erkennen als den genialen Versuch
des Weltmenschen, den übersinnlichen Begriff in zwei Teile zu spalten,
ihm den unendlichen Gott auszutreiben, um desto vernünftiger mit dem
Rest auf Erden leben zu können, und, versteht sich, desto ansehnlicher.
Denn, so dachte er weiter, es ist schon im Ursachenzusammenhang
unmöglich, daß im Anfang die Tat war. Nie ist eine Tat der Anfang,
und sie als erstes setzen, heißt den Gottessohn zum Funktionär der
Handlung erniedrigen, wie es denn auch gekommen ist. Jetzt sehen
sie nichts mehr als die Tat. Der Weg abwärts ist beschritten. Die
ursprünglich hohe Tat wird zum Tun, das Tun zum Handeln und zum Handel,
und schließlich besteht die Tat in der Tonnenzahl einer Ausfuhr. Sobald
sich das weltliche Denken, auch das erleuchtetste, eines göttlichen
Gedankens bemächtigt, geschieht es auf weltliche Art und führt es zur
Verderbnis des Gedankeninhalts, der unbürgerlich und unfaßbar ist.
Darum empfand der Dechant auch stets beim Lesen des Wortes: »Im Anfang
war die Tat!« eine Ernüchterung, eine Entheiligung, wie er sie sonst
nicht bei Goethe erlebte, der Gemeines zum Ungemeinen zu erheben wußte.
Hier schien er ihm, trotz der bekannten Forderung der Ehrfurcht vor
dem Unaussprechlichen, als Ausrufer der Tat lediglich am Beginn eines
ernüchternden Zeitalters zu stehen.
»Nein«, sagte er laut, indem er feierlich die Hand auf den tiefen Text
legte, »so ist es: ~Am~ Anfang war die Tat, aber ~im~ Anfang
war das Wesen, durch das alle Dinge gemacht, also getan sind. Goethe
verschiebt den Schauplatz aus dem Innern ins Äußere, um zu seinem
Resultat zu kommen. Weltfrömmigkeit ist nicht Gottesfrömmigkeit, aber
diese enthält jene in sich, wie das Wesen die Tat enthält. So war im
Anfang das Wesen, und das Wesen war bei Gott, und Gott war das Wesen.
Wie er's noch ist, denn indem ich ihn ausspreche, ist er, und das ist
allerdings die Tat. Verschweige ich ihn, so ist er nicht, und das
ist die wahre Untat. Da ich in ihm bin oder nicht bin, so werde ich
mit ihm mein Leben aussprechen oder mit ihm tot sein. Indessen geht
die Tat ihren Weg und kommt zu ihrem Ende. Aber Gott, der das Wesen
ist, und das Wesen, das Gott ist, gehen keinen Weg und kommen auch
zu keinem Ende, sondern sie sind in unvergänglicher Wesenhaftigkeit
sie selber, stürzen aus sich selber wesenhaft in die Seele des
ehrfürchtigen Menschen, der durch seinen Glauben im Wesen begriffen
ist, und aus der Seele wesenhaft in Gott zurück, der der Anfang ist.
Das ist der unfaßbare und unbeschreibliche Kreislauf des göttlichen
Wesens durch die Wesenhaftigkeit der gläubigen Seele, welche hier als
die Beschließerin des Wesens und Vollenderin Gottes, ihres Vollenders,
auftritt. Die wahre Tat aber ist ihrer beider lebendige Zeugung.«
Es ging ihm übrigens seltsam. Während er diese Vorstellungen und
Begriffe empfand und im erregten Geist hervorbrachte, stand in
schweigender Bedeutung die hohe Gestalt des Erzbischofs über ihm
und sah nicht ungnädig auf ihn her. Er selber war nicht groß und
nicht klein, nur bereit und offen, und seine größte Größe bestand in
seiner Möglichkeit, die er dunkel als grenzenlos empfand. Aber wieder
erinnerte er sich des sterbenden Lebens in seinem Haus und seiner
ungelösten Fragen, und der Bruch ging hart und unversöhnlich durch
seine Schöpfung. Denn wenn das Leben im Wesen alles bedeutete, wie ging
es dann zu, daß ein abgedorrter Buchstabe das Leben vernichtete? Oder
hatte nicht eine Leiche aus der großen Welt ein gottseliges Kind mit
aller Liebe und Frömmigkeit zur Strecke gebracht? Da stand er wieder
an, genau so, als ob er die greisenhafte Weisheit von der Eitelkeit
alles Tuns betrachtete (in die auch jene verständig-unmystische
Auslegung des mystischen Gott-Wesens zurückführen mußte) und nicht den
sprudelnden Quell des ewigen Wesens selber.
Im rechten Augenblick trat daher das störende Gestirn seines Himmels
bei ihm ein. Während sie die Tür auftat und er aus einer andern
Welt gerissen nach ihr blickte, gab es eine Sekunde, in der er sich
ungeheuer alt, verstaubt und reisemüde vorkam gegenüber dieser
wohlgepflegten und aufs beste gekleideten Erscheinung, die immer nach
einem frischen Parfüm duftete und sich niemals in einem Schmutz zu
wälzen schien. »Nun«, meinte sie nach der Begrüßung, seine verwühlte
und übernächtige Miene übersehend, denn ihr ging es selber nicht
zum besten: »Du willst mir wohl mitteilen, daß du dich entschlossen
hast, den Ruf an die Universität anzunehmen?« Dabei ließ sie sich
uneingeladen in seinem Polsterstuhl nieder, zwar nicht ganz so
geschmeidig wie sonst, doch mit der Selbstverständlichkeit, die sie
sich als seine Hauskatze angewöhnt hatte. Er beobachtete diese Anstalt
mit einer unruhigen Art von Zorn.
»Das hätte ich dir wohl auch im Vorbeigehen mitteilen können, ohne dich
zu einer so ungewohnten Zeit in mein Zimmer zu bitten«, erwiderte er
langsam, ihre Erscheinung mit einer neuen Art von Verständnis ins Auge
fassend. »Heute haben wir ein Geschäft miteinander, das weiterführen
wird. -- Erinnere dich bitte an eine bestimmte Reihe von Vorgängen,
die sich in meinem Haus ereignet haben. Es handelt sich um Dinge, die
drohend und sündenbeladen mit deiner Person zusammenhängen. Du führtest
damals aus, daß dir mein Haus etwas wie ein Zufluchtsort vor der Welt
sei, in dem du eine neue Innerlichkeit schaffen oder erwerben wolltest.
Nun, dein Wandel widerspricht einer solchen Auslegung in wesentlichen
Stücken. Du hast wiederum Zerfall und Unheil um dich verbreitet. Tat
man damals vielleicht ohne Willen dir unrecht, so hast du das Unrecht
nicht zehnfach, sondern hundertfach bewußt vergolten mit Handlungen,
die von einem Gast Vergehen darstellen, wenn sie« -- seine Stimme wurde
rauh und brüchig -- »nichts Schlimmeres sind. Du weißt, was hier bei
uns in diesen Tagen vor sich geht. Ich überlasse es Gott, zu urteilen,
inwieweit die Tragödie mit dir als dunkler Heldin zu schaffen hat. Ich
werde nicht richten, um so weniger, als ich mich durch Unwachsamkeit
und Gehenlassen in die Schuld mit verwirrt fühle. Aber eines ist eine
unerbittliche Notwendigkeit: unsre Wege müssen sich scheiden, und das
bald. Packe deine Koffer und klage nicht über Bruch des Gastrechts; du
hast's lange gebrochen. Was zerstört ist, ist zerstört; wir können's
nicht wieder aufbauen. Aber die letzten Stunden und Handlungen wollen
wir rein und unangefochten begehen. Du hast einen feindlichen Geist.
Hüte dich künftig vor den Kindern Gottes. Es wird dir nicht leicht
werden, Lindes Schicksal zu verantworten.«
Er wandte sich von ihr ab, weil er Mühe hatte, ihren Anblick zu
ertragen, und wartete auf ihr Gehen. Aber sie dachte noch nicht daran.
Zuerst war ihr ein eisiger Schreck in die Glieder gefahren, denn jetzt
das Haus zu verlassen bedeutete für sie, die nicht einmal des Leutnants
Adresse wußte, unweigerlich den Verlust der letzten Hoffnungen und den
Beginn des Alters; während der Dechant den jungen Mann den Wirkungen
aussetzte, die von der Sterbenden auf ihn übergingen, schloß sich dort
der Kreis wieder und wurde sie einsamer, als sie je gewesen war. Aber
auch in diesem gefährlichen Schreck wußte sie sich zu beherrschen, und
nachdem der Dechant mit Anstrengung geendet hatte, zeigte sie nichts
hiervon als einen leicht verzerrten Zug um die dünnen Lippen.
»Das -- sind ja allerdings sehr interessante Eröffnungen«, sagte
sie darauf. »Hoffentlich hast du die Übersicht insoweit behalten,
daß du zu bemerken vermagst, wie du mit der Tür ins Haus fällst.
Mit deinen Gemeindeangehörigen verfährst du juristischer; du gibst
ihnen Gelegenheit, sich zu verantworten, und unternimmst nichts ohne
Beweise. Dafür springst du bei mir mit einem herrischen Saltomortale
zum Urteil über, und ich habe den Platz zu räumen. Ich werde dir
in diesem Charakterfehler nicht zum zweitenmal helfen, sondern die
Überlegenheit behaupten und hierbleiben. Ausgenommen den Fall, daß
du Beweise gegen mich aufbringst. Nun, den kann ich abwarten. Nachher
wirst du froh sein, daß ich dich vor der Wiederholung einer peinlichen
-- Unedelmütigkeit bewahrt habe.«
Der Dechant hatte sich mit einer Röte im Gesicht etwas hastig nach ihr
umgedreht; doch faßte er sich, und ruhig erwiderte er: »Die Beweise
sind mit Heinz auf dem Weg hierher. Ich werde sie dir nachschicken.«
Sie besann sich einen Augenblick, indem sie erwägend auf ihre nervös
wippende Schuhspitze blickte. »Es ist doch seltsam«, sagte sie dann
langsam, »daß du nicht wenigstens von ~einer~ Partei Nachrichten
besitzest. Wozu habt ihr nun die Beichte? Oder beichtet Linde beim
Vikar? Das wäre beinahe pikant. Und die Magd?« Und als er sie nur
verständnislos ansah, fuhr sie noch ruhiger fort. »Sieh mal, irgendwo
muß es jetzt doch bei dir hapern. Wenn du von der andern Seite nur
halbwegs unterrichtet wärest, so würdest du außerordentlich billiger
arbeiten. Du stürzest dich sehr hoch in moralische Unkosten, bemerkte
ich. Ich habe mit Heinz, um die widerliche Sache offen auszusprechen,
nichts zu tun gehabt, was man nicht wissen dürfte. Dagegen stelle ich
mit Verwunderung fest, daß man den Leuten einen schönen Tod vorsterben
und als halbe Heilige gelten kann, alles mit einer Beichtsünde,
einer ganz derben Verschweigung im Gewissen. Da liegt sie nun weiß
und fromm mit ihrem Mädchengeheimnis, ist absolviert und womöglich
seliggesprochen, und du tappst über die gröbsten Vorgänge im Dunkeln.
Nun, so höre. In jener Nacht -- du weißt, welche -- wollte ich mich
in Heinzens Zimmer über gewisse Beobachtungen persönlich überzeugen.
Es war ungefähr um ein Uhr. Als ich durch die Tür trat, fand ich das
Zimmer leer und das Bett unberührt. Bei mir war er nicht, sonst hätte
ich mir den Gang erspart. Wenn er nicht bei Linde war, so steckte er
bei dir oder war auf Abenteuer aus. Du sagst, daß der Beweis auf dem
Weg sei; ich sehe ihm mit Ruhe entgegen, sowenig angenehm es einem
reifen Menschen sein kann, sich mit solchen Widerlichkeiten befassen
zu müssen. Indessen, du willst es. Warten wir also ab.«
Sie erkannte beinahe augenblicklich, daß sie sich nicht im Mittel,
denn sie besaß kein andres, aber in der Anwendung vergriffen hatte.
Einem noch so schweren Anfall von Zorn oder Entrüstung hätte sie
ruhig standgehalten, aber als er nun sein gutes, männliches Gesicht
voll Widerwillen von ihr wandte und mit trüber Schwere unter dem
menschlichen Schmerz, den er dadurch erlitt, stumm ans Fenster
trat, zunächst offenkundig unfähig, sich zu einer weiteren Antwort
zu bewegen, erbleichte sie. Wenn eine wirkliche Verleumdung nicht
verfangen hätte, so wäre sie um neue Lügen vielleicht nicht verlegen
gewesen; zu erleben, daß eine echte Wahrheit ihr in der Hand verfaulte
-- unter solchen Umständen -- und zur gemeinen üblen Nachrede wurde,
erschütterte sie. Der Vorgang fiel als Urteil ungesäumt in ihr
Selbstbewußtsein zurück und ließ sie den Grad fühlen, bis zu dem ihre
Leidenschaft ihre moralische Stellung und damit ihren menschlichen
Kredit, der darauf beruhte, schon zerstört hatte. Eine bestürzende
Empfindung durchfuhr sie auf einen Moment, die ungefähr besagte: »Es
ist weit mit dir gekommen, Malva!« Ihr von Jugend auf unfrisches Herz
tat einige rasche, nervöse Schläge, während ihr literarisch geladenes
Hirn umsonst darüber war, neue Auskunftsmittel zu schaffen. Indessen
tat der Dechant einen beschwerten Atemzug und begann wieder zu sprechen.
»Das ist ganz genau so, wie damals Linde sagte. Wer jemand nach dem
Ganzen steht, der kann auch noch ein Buch gestohlen haben; es liegt
nichts daran. Er kann das erlegte Wild auch noch verleumden; es wiegt
kaum mehr. Malva, wir sind hier so von Kummer niedergedrückt und vom
Schicksalsgefühl durchdrungen, daß einzelne Bösartigkeiten bei uns
keinen Eindruck mehr machen. Ich wollte, daß du das begriffst, damit
du dir besser dientest. Was uns angeht, so haben wir nicht nötig,
Heinzens Zurückkunft abzuwarten. In dem Brief, worin er sie in Aussicht
stellte, schrieb er von gewissen Verlobungs- und Heiratsplänen, an
denen -- nicht Linde beteiligt ist. Willst du mehr Beweise? Was damals
vorgegangen ist, kann, wenn es irgendeinen menschlichen Sinn haben
soll, doch nur dazu der Auftakt gewesen sein. Ich füge noch hinzu, daß
die arme Kranke, ich weiß nicht auf welchem Weg, und will es nicht
wissen, von diesen abgeschmackten Aussichten erfahren hat; es war nicht
möglich, daß sie wenigstens in Frieden starb. Nun tun wir das Ganze mit
einemmal ab. Und so geh mit Gott!«
Endlich erkannte sie, daß sie diesem Mann gegenüber, der nichts mehr
verlangte, wozu sie ihm verhelfen konnte, den Einfluß verloren habe,
und erhob sich mit leise zitternden Knien.
»Ich kann mir ja nicht denken, daß wir schon miteinander fertig wären«,
sagte sie bitter blickend. »Vielleicht hast du dir in der Erregung
noch nicht klargemacht, ob du auch die Mittel besitzest, deinen Willen
gegen mich materiell durchzusetzen. Linde habe ich nicht die Nachricht
hinterbracht, ich kannte sie bis auf diesen Moment selber nicht. Sie
ist sehr interessant. Nun, wir werden sehen.« Mit einem verfallenen und
vereinsamten Zug um den Mund schob sie sich hinaus. Es schien, als ob
sie nicht mehr Herrin ihrer Gelenke sei. Die Mitteilung von Heinzens
Absicht, die sie sonst als Sieg gefeiert hätte, brannte ihr nun wie
Galle im Eingeweide, und mit letzter Kraftanstrengung erreichte sie ihr
Zimmer.
Darauf übernahm der Dechant wieder die Wache bei der Sterbenden. Die
Morgensonne lag gnadenreich und hoffnungsvoll in ihren Fenstern,
indessen der Föhn von außen daran rüttelte und die Amsel im Garten
kühnlicher zu singen anhob. Er trat ans Fenster und sah sie ganz
oben auf dem Bergamottenbaum sitzen, in dem ihn Linde im Herbst mit
der Nachricht von der Ankunft des Leutnants überrascht hatte. Er
erinnerte sich Bobs, der eifrig vorausgelaufen war, und der ganzen
hellen Stunde, seufzte tief auf und wandte sich ab, wieder der Kranken
zu. Brigitt hatte gebeten, sie wegen des Frühstücks zu rufen, wenn
Linde erwacht sei; bisher war es noch nicht geschehen. Vor Sorge kam
sie selber wieder sehen und fand sie, wie sie während ihrer ganzen
Wache gelegen hatte, mit geschlossenen Augen kaum atmend unbeweglich
in ihrem Kissen; nur daß sie jetzt durch den geöffneten Mund atmete.
Brigitts bange Frage, ob das nun wohl zum Guten oder zum Schlimmen
sei, versuchte der Dechant zu beruhigen, aber er selber machte sich
auf das Ende gefaßt, und sie sah ihm wohl an, was er dachte. Indessen
hieß er sie sich erkundigen, ob sie der Frau Professor, die abreisen
wolle, packen helfen könne, und wies sie an, lieber die Hausarbeit
dafür liegenzulassen. Einem überraschten und forschenden Blick der
alten Seele wich er aus, doch kannte sie seine Gesichter gut genug, um
zu merken, was der Auftrag zu bedeuten habe, und ihr Herz schwoll ihr
in allem Leid hoch auf vor Dankgefühl, unter dem einen bittern Verlust
wenigstens ihren Herrn wieder zurückkehren zu sehen. Sie nickte zwei-,
dreimal zustimmend, nahm ihm erregt und ehrfürchtig ein Stäubchen von
der Soutane und lief dann plötzlich davon.
Gleich darauf kam der Arzt, um zu sehen und zu hören. Auf den neuesten
Bericht machte er ein etwas dummes Gesicht, fand dann, daß man die
Kranke wegen der Nahrungsaufnahme wecken müsse, da sie sonst zu schwach
würde, und beendete den angestellten Versuch mit der Erkenntnis,
daß sie bewußtlos sei. Er schüttelte den Kopf, murmelte etwas von
geheimnisvollem Patienten und begann sich dann unvermittelt und beinahe
bitter über Lindes Verstocktheit zu beklagen. Nach seiner Meinung
müsse sie unbedingt Schmerzen und Krämpfe haben, der Henker möge
wissen, warum sie sie verleugne. Als ob es sich um ein Liebesgeheimnis
handle und nicht um eine Krankheit! Was man ihr nicht auf den Kopf
beweisen könne, das sei nicht aus ihr herauszubringen, da müsse man
schon ein Zauberer und Prophet sein, um ein richtiges Krankheitsbild
zu bekommen. Wenn ihn einer frage, was mit dem Frauenzimmer los sei,
so könne er nur sagen, daß er keine Ahnung habe. Na, man solle sich
mal aufs Schlimmste gefaßt machen und das Beste tun, das rate er immer
bei bedenklichen Krisen. Der Teufel möge es wissen, wiederholte er
ärgerlich: gerade als ob die Krankheit eine Kapitalanlage wäre, aus der
sie Zinsen zöge, oder ein gutes Geschäft, von dem sie die Konkurrenz
fernhalten wolle. Dann verschrieb er im Zorn etwas, was kein Mensch
lesen konnte, und fuhr ab. Draußen hörte ihn der Dechant noch zu
Brigitt etwas von Nahrung einflößen sagen, aber vorsichtig, in ganz
kleinen Quantitäten, damit nichts in die Luftröhre komme. Gleich darauf
trat sie wieder ein und meldete, daß Frau Professor sich zu Bett gelegt
habe, doch hoffe sie am Nachmittag wieder aufzustehen.
Dasselbe hofften der Dechant und Brigitt, die stillschweigend der
Ansicht waren, daß ihr die heutige Aussprache auf die Nerven gefallen
sei. Aber sie stand auch im Verlauf des Nachmittags nicht auf; am Abend
meldete das Thermometer sogar Fieber, und in der Nacht überfiel sie
ein so heftiges Erbrechen, daß sie etwas blutigen Schaum mit erbrach,
nachher überhaupt nur noch Schleim und Blutschaum. Sie ächzte sehr,
und die Glieder zitterten ihr, daß sie nichts anfassen konnte. Als der
Kreisphysikus am andern Morgen kam, sprach er von möglicher Infektion
im Verlauf der aufopfernden Pflege, Überanstrengung und einigen andern
Dingen, glaubte aber übrigens doch nur an influenzöse Basis und
verschrieb Diät und Ruhe.
Im Lauf des Vormittags traf dann ein Telegramm von Heinz und mit dem
Abendzug er selber ein, etwas abgemagert und blaß und mit dem Arm in
der Schlinge.
Drittes Kapitel
Heinz muß mit seinem Blut besiegeln, daß er kein Held mehr
sein will
Des Leutnants Schicksale, soweit sie nicht aus seinen Briefen schon
sichtbar wurden, bestanden seit jener Engländernacht äußerlich
in den nervenzerrüttenden oder abstumpfenden Vorgängen des
Schützengrabenkrieges und in periodischen dumpfen oder ausschweifenden
Abwechslungen während der Zeiten der Reservestellung in den Dörfern
und Städten hinter der Front. Mit Engländern hatte er's nach jenem
letzten, furchtbaren Kampf nicht mehr zu tun bekommen; beim nächsten
Vormarsch war sein Truppenteil gegen Franzosen und dann der Reihe
nach gegen Turkos, Zuaven, Senegalneger, Marokkaner und Südfranzosen
eingesetzt worden. In der letzten Zeit lag er einem Pariser Regiment
gegenüber, das nach allgemeiner Bestätigung sehr mutig arbeitete; es
war ein gefährlicher Gegner, der die größte Wachsamkeit und Aufopferung
nötig machte, Fähigkeiten, an denen es andrerseits wieder im deutschen
Truppenteil nicht mangelte. Die frischen Mannschaften, mit denen
die damals beinahe aufgeriebenen Kompagnien neu aufgefüllt wurden,
brachten nicht nur die hohen kriegerischen Eigenschaften ihrer Stämme
mit, sondern übernahmen auch besinnungslos den besonderen Geist des
Regiments, und so fanden die Pariser viel saure Arbeit, aber wenig
Feste. Es gab genug junge Kräfte, die tatenlustig Heinzens frühere
kühne Regsamkeit aufgegriffen, wo er sie hatte liegenlassen, und die
jetzt ebenso von sich reden machten, wie ehedem von ihm geredet worden
war. Er seinerseits ließ es in dem selbstbestimmten Umfang seiner
Tätigkeit an keiner Aufmerksamkeit und strengen Pflichterfüllung
fehlen. Dazu fand man ihn als »alten Krieger« im Besitz beider Eiserner
Kreuze und von Orden, die sich infolge jener Kämpfe noch um einen
vermehrt hatten, und wußte obendrein, daß er aus den gleichen Ursachen
sehr früh zum Oberleutnant aufgerückt war. So besaß er bei den Jungen
durchaus das Ansehen einer Respektsperson, und da er einen ziemlichen
Befehlsbereich -- neuerlich, solange der Hauptmann beurlaubt war, einen
Kompagnieabschnitt -- unter sich hatte, so verlangte auch niemand
heldenhafte Ausfahrten von ihm, sondern man war es zufrieden, daß er
die Verteidigung umsichtig und furchtlos führte und die Heldengänge
den Jungen überließ. Seine Kameraden kannten ihn als vorsichtig, immer
etwas zurückhaltend und stets um eine Spur lieber zum Abwarten geneigt
als zum Zugreifen, und bei den Vorgesetzten hatte er die Geltung eines
etwas schwerblütigen und pessimistischen aber talentvollen und durchaus
verläßlichen Offiziers, bei dem eine Truppe gut aufgehoben war, und um
den man sich weiter keine Sorge zu machen brauchte.
Über die Dinge in der Heimat war er fortlaufend gut unterrichtet, aber
je länger, je ausschließlicher durch die Tante anstatt durch seine
wahre Freundin, die immer schweigsamer wurde. Sein Einfluß auf die
Entwicklungen nahm im gleichen Maß ab; sie beeinflußten ihn. Er sah
auch ziemlich deutlich ein, daß er sein Schicksal aus der Hand verloren
habe und in einer manchmal beunruhigenden Weise geschoben und Zielen
zugestoßen wurde, über die er sich in Arbeit und Inanspruchgenommenheit
durch seinen neuen Dienst lange nicht genügend Rechenschaft geben
konnte. Er vermochte naturgemäß nur noch zu sehen, was man ihm zeigte.
Da die alte Freundin sich zurückzog und die neue sich immer mehr in den
Vordergrund schob, so dachte er, sich langsam gegen jene verstimmend,
mehr an die neue und an ihre Kapitalien und Beziehungen. Etwas mußte
ja nach dem Krieg im Frieden mit ihm geschehen. Da ihm aber ganz die
geistige Freiheit abging, darüber nachzudenken, so war er es auf
lange Strecken zufrieden, daß jemand anderer für ihn dachte, während
er kämpfte, beaufsichtigte, Meldungen gab und Befehle entgegennahm.
Trieb ihn nicht schon in der Nacht ein Alarm aus seinem Unterstand,
so erhob er sich morgens mit schweren Gliedern und dumpfem Kopf von
seinem Lager, erinnerte sich an den herrschenden Zustand und seine
Obliegenheiten, und dann begann wieder die krachende und feuerspeiende
und so eintönige als gefahrvolle Mühle des Tages. Abends spät sank
er müde und ohne jeden Gedanken hin und schlief sofort ein. Die
wenigen Ruhepausen waren mit Essen oder mit denselben ewig gleichen
Gesprächen und Witzen ausgefüllt, die ebenso ewig gleich von einer
Meldung, einem Befehl, einem höheren Besuch zur Inspizierung oder
einer feindlichen Unternehmung unterbrochen wurden. Das übrige war
für ihn Rauchen, Warten, Handeln, in Untätigkeit zurücksinken, sich
wieder aufraffen, um sich über dies oder jenes Ereignis Rechenschaft
zu geben, einen zweckmäßigen Entschluß fassen, das Nötige anordnen
und dann von neuem warten, brüten, gleichgültige Worte wechseln,
Verwundete vorbeitragen sehen, Munition anfordern, die Abgänge melden,
Diensttagebuch führen, das Wasser aus den Gräben schaffen lassen, den
Schlamm durch die Einführung von Steinen und Brettern bekämpfen, in
nassen Kleidern frieren, gelegentlich hungern und immer weiter warten,
warten, warten! Zum Lesen hatte er weder Zeit noch, wenn sich wirklich
eine Stunde dafür fand, Lust. Was in der Heimat gedacht und geschaffen
wurde, erfuhr er nicht. Die kulturpolitischen Gespräche seiner jungen
Offiziere oder gebildeten Mannschaften blieben ihm gleichgültig, und
er nahm kaum Anteil daran. Er stand oft durch viele Tage unter einem
gleichmäßigen seelischen Druck, unter einer geistigen Verödung, die ihn
stumpf leiden machte, ohne daß er durch das Bewußtsein darüber Herr
wurde. Der Zustand ließ nach, verstärkte sich, ging und kam wieder, und
Heinz handelte dabei auf weite Strecken wie eine aufgezogene Mechanik.
Er ging halb bewußtlos mit Denkformen um, wandte Erfahrungen andrer
Leute an, und wenn er einmal ins Bewußtsein seiner Lage auftauchte, so
geschah es mit einer Regung der Ungeduld über ihre Unübersichtlichkeit,
und tat er irgend etwas, nur um damit für diesmal wieder fertig zu
sein, und zwar immer das Nächstliegende. Auf diese Weise, und weil sich
Linde stets weiter aus seinem Blickfeld zurückzog, kam seine Antwort
auf das drängende Entweder-Oder der Tante zustande, die dann Linde
zur Auflösung der Verlobung veranlaßte. Er nahm auch dies Ereignis
dumpf und bedrückt wie ein Gefangener zur Kenntnis und antwortete
automatisch. Der neue philosophisch tröstende Brief seiner künftigen
Braut brachte ihn wieder halb zum Bewußtsein, und so antwortete
er unwirsch und von der Verwirrtheit der Dinge tief verdrossen.
Vielleicht hatte er wirklich nicht genug Zeit gehabt, sich von den
Schrecken jenes Kampfes mit den Engländern zu erholen, und war in einem
unwiederhergestellten körperlichen Zustand in neue Schrecken gegangen.
Sein Vorsatz, künftig nur das Unerläßliche zu tun, deutet nach dieser
Richtung; daß dabei immer noch soviel Tüchtiges und Ganzes herauskam,
spricht nur für den Wert und die bedeutende Gesamtanlage seiner Natur.
Inzwischen kam seine Verwundung, und damit hatte es einen sehr
organischen und einfachen Zusammenhang. Während er damals trotz, oder,
wie die Verhältnisse lagen, wegen seines unbegrenzten Heldentums
unverwundet geblieben war, ereilte ihn diesmal wegen seines begrenzten
das französische Bajonett. Die gegenüberliegenden Franzosen,
leidenschaftliche Sucher der großen und Genies der kleinen Vorteile,
hatten neuerlich angefangen, sich mit vermehrtem Eifer auf diese zu
werfen, um jenen schrittweise näher zu rücken. Tag und Nacht arbeiteten
die Mineure, und das Gefühl der Unsicherheit nahm außerordentlich
überhand. Kaum war hier ein Minengang abgefangen, so meldeten die
Horchposten das verräterische scharrende Geräusch an einer andern
Stelle. Heldenhafte und erbitterte Kämpfe spielten sich geheim ab,
auf die keine Sonne und kein Stern blickte, und bei denen der Ringer
auf Leben und Tod auch das Bewußtsein entbehren mußte, wenigstens in
Gemeinschaft von Kameraden zu bluten; sein Minenstollen wurde zugleich
sein Grab. In der Luft kreisten zu jeder Tageszeit die behenden
Flugzeuge des genialsten Dämons, machten photographische Aufnahmen,
warfen Bomben, verfolgten und wurden verfolgt. Und unaufhörlich
sprangen von der Erde die schwarzen Fontänen der Granateinschläge auf.
In diesen Einschlägen verwickelte sich Heinzens Schicksal.
Den Parisern kam es darauf an, sich näher an den deutschen
Schützengraben heranzuarbeiten, um beim nächsten Sturm einen kürzeren
Sprung zu haben. Ob der Schuß bei der schweren Artillerie bestellt war
oder nicht, jedenfalls schlug eines Nachmittags eine großkalibrige
Granate genau in der Mitte zwischen beiden Linien in den Boden und
warf einen ungeheuren Trichter aus. Der Staub und Rauch der Explosion
lag noch in der Luft, da sah man schon einen Trupp Franzosen in
voller Schnelligkeit herzulaufen, um sich in den Trichter zu werfen
und den herwärtigen Rand zu besetzen. Sie hatten auch gleich ein
Maschinengewehr mit, das in unglaublicher Schnelligkeit aufgestellt und
schußbereit gemacht wurde; schon drohte die Mündung gegen die deutsche
Linie, bereit, augenblicklich Blei und Stahl zu speien, sobald sich aus
dem diesseitigen Graben etwas regte. Die kurze kriegerische Entfaltung
hatte im deutschen Schützengraben allgemein imponiert, aber es dachte
niemand daran, daß die verwegenen Burschen längere Zeit in dem Loch
würden bleiben können außer tot, und eine Empfindung wie Bedauern klang
aus den wenigen wortkargen Bemerkungen, die dazu gemacht wurden. Wie
man sie heraustreiben oder darin mit den Nägeln des Todes festnageln
sollte, darüber machte man sich weiter keine Gedanken; das war die
Sache der Gefechtsleitung.
Die Gefechtsleitung war in diesem Fall Heinz. Er beobachtete mit
düsterm Blick und starkem Unlustgefühl den ganzen erfinderischen
Vorgang und war sich auch nicht über seine Tragweite im unklaren. Sein
Graben bildete den Flankenteil einer vorspringenden Feldbastion; was
ihm geschah, das geschah der ganzen Stellung, und es war nicht gut,
daß die Franzosen in dem Trichter saßen. Er ließ die kühnen Männer
unter gesammeltes Feuer nehmen, richtete seine Maschinengewehre auf
sie und verschoß ziemlich viel Munition, obwohl er sparen sollte, ohne
etwas Sichtbares auszurichten. Das feindliche Maschinengewehr vollends
schwieg sich tückisch aus; es wartete eine andre Gelegenheit ab, um
seine kostbare und abgezählte Munition an den Mann oder die Männer
zu bringen. Einige Soldaten und Unteroffiziere, die schon an andern
Plätzen erfahren hatten, was Krieg ist, erwarteten nun einen Aufruf von
Freiwilligen, um das Nest auszuheben und selber zu besetzen, aber es
kam kein Aufruf.
Dieser Zustand blieb etwa eine halbe Stunde so im Unentschiedenen
schweben, als in einiger Entfernung von der ersten eine zweite schwere
Granate einschlug, und zwar vor dem linken Flügel der Kompagnie, wo die
Stellung an einen Steinbruch stieß. Die Leute eröffneten ungeheißen ein
eifriges Feuer in den Pulverrauch hinein, aber als der Erdregen sich
niedergeschlagen hatte, saß ein Trupp Franzosen auch im neuen Trichter;
diese hatten sogar zwei Maschinengewehre mit. Auf dem Weg dazu lagen
einige Tote und Schwerverwundete, aber das Loch schien dennoch stark
besetzt zu sein; sie hatten also mit Abgang von vornherein gerechnet.
Es erhob sich für die nächste Zeit wieder eine wütende Schießerei, an
der sich aber die Männer in den Erdlöchern nur mit wenigen günstigen
Schüssen beteiligten. Auch diese Maschinengewehre schwiegen und
warteten. Nach einiger Zeit sah man am Auffliegen von Erde, daß zuerst
im einen, dann auch im andern Trichter geschaufelt wurde, und zwar in
der Richtung gegeneinander.
Heinz beobachtete und wartete, er wußte nicht, worauf. Schließlich
stellte er das Feuer ab, um für die größern Vorgänge, die sich aus
diesen kleinen entwickeln mußten, die Munitionsbestände zu sparen,
gerade wie die Männer in den Trichtern, obwohl er fühlte, daß ihm ein
andres Verfahren zukam. Es ist nie ganz aufgeklärt worden, aus welchen
Beweggründen an diesem unglücklichen Tag Heinz handelte oder nicht
handelte; das meiste erklärten sich seine Vorgesetzten schließlich
wohlwollend mit seiner zu großen Jugend für die Verantwortung, die
auf ihm lag. Was er dumpf und von seiner Unbeweglichkeit gepeinigt
erwartete, das geschah. Mit großer, beinahe tollkühner Genauigkeit
placierte die französische schwere Artillerie einen dritten Treffer
zwischen die ersten beiden, worauf sich alles programmgemäß
wiederholte, nur daß diesmal bei den Deutschen kein Schuß losging, zur
großen Verblüffung der Pariser. Auch hier bemerkte man nach der Klärung
der Luft eine Gruppe Schützen und schon arbeitende Pioniere nebst
zwei Maschinengewehren. Der Grund, warum diesmal niemand geschossen
hatte, lag darin, daß nun die meisten vermuteten, Heinz habe es auf
eine mehr summarische Aktion abgesehen und wolle dafür vielleicht die
Nacht abwarten; möglicherweise hatte man für den Zweck Verstärkungen
zu gewärtigen. So war man denn im deutschen Graben getrost und rüstete
sich auf die Dunkelheit, und den kecken Parisern wollte niemand
weiter gram sein, zumal man sie am andern Morgen gefangen wegzuführen
gedachte, versteht sich, wer den Spaß mit dem Leben überdauerte.
Aber es gibt im Frieden wie im Feld eine Art von seelischer
Wetterkunde, eine hellseherische Witterung von der Dichtigkeit oder
Flauheit einer moralischen Luft. Die Kommandanten des Gegengrabens
fühlten flaue Luft von den Deutschen herüberwehen. Aus den Mitteilungen
der Gefangenen ergab sich nachher für die deutsche Oberleitung etwas
folgendes Entwicklungsbild. Den Parisern hatte das ganz unerwartete
Verhalten der Deutschen lebhaft zu reden gegeben. Entweder, sagte man,
seien sie schlecht kommandiert, und dann mußte man rasch zugreifen,
oder sie planten eine eigene Unternehmung, dann mußte man ihnen
zuvorkommen. Schließlich wurden die Kommandanten einig, daß es an der
Führung fehlen müsse; es sprachen für diese Auffassung eine gewisse
Reihe kleiner, aber belegender Tatsachen. Man verständigte sich mit
der Brigade, und diese benachrichtigte die Artillerie, die plötzlich
den deutschen Graben unter Präzisionsfeuer und nachher noch eine
halbe Stunde unter Trommelfeuer setzte. Neue Schwärme kamen hinter
diesem eisernen und feurigen Vorhang aus dem französischen Graben
heraus, warfen sich zwischen die Trichter hin und gruben sich eilig
oberflächlich ein. Kaum war der letzte Schuß der Artillerie gefallen,
so schnellten sie mit großer Behendigkeit vom Boden auf und stürmten
auf den deutschen Graben los.
Heinz hatte auch diese Entwicklung vorausgesehen, aber jetzt war es
schon zu spät für irgendwelche Gegenbewegungen; seine Leute wären unter
dem Feuer der vorgebrachten Maschinengewehre nur dem offenen Tod ins
Haus gelaufen, ohne das geringste auszurichten.
Den Parisern glückte es nun freilich nicht so schnell, wie sie
gerechnet hatten. Die erste Sturmwelle, oder was davon nach vorne
kam, mußte vor den Drahthindernissen liegenbleiben. Die Pariser
taten es weiterfeuernd und mit erbitterter Zähigkeit in Erwartung
der Unterstützung. Inzwischen hatten sich die Trichter und die
Zwischenstellungen neu angefüllt und wieder geleert, aber auch die
zweite und dritte Welle kam nicht zum Ziel, doch bildete sich aus allem
Getröpfel etwas wie eine Rinne oder eine allervorderste Angriffslinie
dicht vor den deutschen Gewehren, und jetzt begannen auch die fünf
Maschinengewehre zu spielen, die von den tollkühnen Männern aus den
Trichtern herausgeschafft und auf dem Feld frei aufgestellt worden
waren.
Unter allem schweren Verdruß bemerkte Heinz den großen Unterschied
zwischen dem damaligen englischen Angriff und dem heutigen
französischen. Die Engländer führten ihren Krieg als sportliche
und brutale Einzelleistung, während die Franzosen als ausgemachte
Gesellschaftsmenschen geschickt und oft dämonisch fein einander in die
Hände arbeiteten und in der Mechanik einer gemeinsamen Unternehmung von
keinem Volk der Erde übertroffen wurden. Es war ihm später nicht einmal
möglich, alle Einzelvorgänge sich zu vergegenwärtigen, durch die sie
ihn überrascht, unterlaufen, festgenagelt und gelähmt hatten, um dann
mit einem wütenden Gesamtschwung den entscheidenden Vorstoß anzusetzen.
Den ließ er freilich nicht untätig über sich ergehen, aber auch nicht
tätig genug. Er fragte zwar nicht danach, ob er sich aussetzte oder
nicht, war da, war dort, schrie Anordnungen durch den höllischen
Lärm der Handgranaten, schickte Leute auf entblößte Stellen, jagte
Leichtverwundete auf ihre Posten zurück, schoß auch den einen oder
andern eindringenden Franzosen mit seinem Revolver nieder und machte
durchaus den Eindruck eines tätigen, umsichtigen und aufopfernden
Truppenführers. Aber als sein vorderstes Maschinengewehr, um das sich
der Kampf schließlich zuspitzte, den letzten Mann verlor und nur noch
allein starr geradeaus feuerte, bis das Band abgelaufen war, um dann
plötzlich zu verstummen, sprang er nicht helfend ein, obwohl er der
Nächste dazu war und mit der Mechanik umzugehen wußte, sondern indem er
den unheimlichen Vorgang irgendwie gespenstisch berührt beobachtete,
sprach eine Stimme zu ihm: »Jetzt ist's um alle geschehen!« und kam
eine solche unerträgliche Trübung über seinen Geist, daß er auf einen
Moment daran dachte, sich das Leben zu nehmen. Er sah noch, wie ein
junger Offizier im Stahlhelm elastisch neben dem Maschinengewehr
in den Graben sprang, nach links und rechts je eine Handgranate
schleuderte und dann mit schnell gezogenem Revolver auf ihn zulief.
Aber gleichzeitig empfing Heinz einen Stoß von hinten in die Schulter,
der ihn vornüber zu Boden warf und ihm sehr wahrscheinlich das Leben
rettete. Wie sich nachher zeigte, stammte er von einem französischen
Bajonett. Der Stich war ihm über dem Schulterblatt in den Rücken und
unter dem Schlüsselbein aus der Brust gedrungen. Was weiter geschah,
wußte er nicht, weil er ohnmächtig wurde.
Die Pariser wurden nun trotz dieses Erfolges nicht warm in dem
deutschen Graben. Sie hatten kaum Zeit, die unverwundeten Gefangenen
und die marschfähigen Verwundeten wegzuführen, so setzte schon die
Gegenaktion aus den flankierenden deutschen Nachbargräben ein; das
Vorgelände wurde für französische Unterstützungen durch Artilleriefeuer
gesperrt und die fremde Besatzung von beiden Seiten Mann für Mann
aufgerieben, bis sich die letzten sechs ergaben, auch schon reichlich
blutend und mit leeren Gewehrläufen. Die aufgehenden Sterne fanden
die Deutschen wieder im Besitz des Grabens und Heinz zur ersten Not
verbunden auf dem Weg zum Etappenlazarett. Seine Lunge war nicht
verletzt, dagegen hatte er während der Rückeroberung des Grabens
noch ein deutsches Gewehrgeschoß in den Oberarm bekommen, mit dem
zweiten glücklichen Umstand, daß der Knochen nicht getroffen war. Die
Trübung seines Geistes hatte sich nicht gelichtet, sondern war noch
schwerer und qualmiger geworden. Sie hielt auch die nächsten Tage
noch an und machte ihn wortkarg und finster. Dazu erfüllte ihn eine
unerklärliche Unruhe, die ihn im Schlaf schreien und aus wirren Träumen
auffahren ließ und sich im Wachen als unaufhörlicher Drang äußerte,
irgend etwas zu tun, anzuordnen, einzuschreiten, zur Ruhe zu bringen.
Der Oberstabsarzt sagte lächelnd zu ihm, für ihn sei es auch Zeit
gewesen, daß er einmal verwundet worden sei, aber etwas weniger hätte
hingereicht. Heinz verstand ihn nicht und maß den lächelnden Mann mit
einem feindlichen Blick. Aber indem ihm mit fortschreitender Ablösung
von der kriegerischen Spannung seine bürgerlichen Verhältnisse wieder
nähertraten, warf sich seine verdrossene Unruhe auf diese, und in der
Meinung, sich Befreiung zu verschaffen, schrieb er jenen Brief an den
Dechanten, worin er seine bevorstehende Ankunft und die beabsichtigte
Verlobung mit der Tante anzeigte. Daß beides zusammen eine
unbegreifliche Roheit ergeben mußte, fühlte er dunkel und geplagt,
aber es war ihm unmöglich, sich der Zwangsvorstellung zu entziehen. Nur
ahnungsweise war ihm bewußt, daß er mit der Roheit sich selber an den
Leib wollte, und gar nicht, daß seine Seele an die Verlobung im letzten
Grund nicht glaubte.
Nach zwei Tagen bekam er die Depesche des Dechanten: »Wenn du Linde am
Leben treffen willst, komm baldmöglich.« Sie bestürzte ihn kaum und
bestätigte ihn nur, er wußte nicht worin. Indessen machten sich die
Ärzte ernsthaft Sorge um seinen Gemütszustand, und die Reiseerlaubnis
zu einer Sterbenden bekam er daher nur mit Mühe und erst, als sie
sahen, daß sie mit der Verweigerung die Sache noch schlimmer machten.
Viertes Kapitel
Die Heimkehr des verlorenen Sohnes. Ein Nachtgespräch. Linde mahnt
ihre Hausgenossen zu ihrem Sterben. Vor dem Dechanten reißt der letzte
Vorhang
Als Brigitt auf das Läuten der Glocke die Haustür aufmachte und Lindes
gewesenen Geliebten draußen erblickte, brach sie, keines Wortes
mächtig, augenblicklich in Tränen aus. Die Frage, ob Linde noch
lebe, beantwortete sie mit einem heiseren Krächzen und wiederholtem
Kopfnicken. Darauf führte sie ihn blind und taub vor Leid zum Dechanten.
Auch dem Dechanten wurde das Sprechen zunächst sauer, als er so
abgemagert und mit unreinem Blick den Freund seiner Linde vor sich
stehen sah. »Grüß dich Gott, Heinz«. sagte er ernst. »Wie geht's dir?
Bist du schwerverwundet? Setz dich; die Reise wird dich ermüdet haben.
Kommst du in einem Zug aus dem Lazarett?«
Heinz gab mit kurzen Worten Auskunft und fragte dann nach Linde,
während sein Herz, nach langer Zeit zum erstenmal wieder, bei diesem
Namen sich dumpf regte und in seinem düster verhängten Blick auf
Sekunden etwas aufschimmerte wie ein vorbeischwebender Engelsflügel,
aber nur auf Sekunden. Die lebendige Regung des Herzens hielt jedoch
an; es war eine erste Regung zur Auferstehung. Der Dechant allerdings
wollte diesem heimgekehrten Sohn kein Kalb schlachten.
»Ich dachte, du würdest zuerst nach Tante Malva fragen«, erwiderte
er nicht ohne Bitterkeit. »Sage mir doch, wie ist es möglich, daß
eine Seele, die du geordnet und geheiligt hier forttrugst, in kurzer
Zeit so unendlich verwildern und verrohen konnte? Oder warst du
schon nicht mehr geheiligt, als du gingst? Was soll ich mit dieser
Verlobungsvoranzeige? Ich habe deinen Brief nicht verstanden und werde
ihn nie verstehen, und er hat mir schlaflose Nächte gemacht. Zuerst
wollte ich dich dringend ersuchen, das Fest woanders zu feiern, und das
tue ich auch jetzt. Aber darüber hinaus sagte ich mir, daß es nötig
sei, dich reden zu hören. So rede, sieh deine ehemalige Geliebte,
schlafe einmal unter meinem Dach, wenn du kannst, und geh morgen
wieder. Aber zuerst rede. Hast du dich schon in jener Nacht mit Tante
Malva, deiner jetzigen Verlobten, vergangen? Hat sie dich verführt,
indem sie deine Sinnlichkeit ausnutzte? Und ist diese Verlobung eine
physische Folge davon, wovor Gott sein möge? Ich bitte dich, sprich
jetzt Wahrheit; unser ganzes Verhältnis hängt daran und vielleicht auch
deine ganze Zukunft.«
Heinz hatte dem Dechanten eine Zeitlang mit einer halb geweckten
Aufmerksamkeit ins Gesicht gesehen. Nun schaute er düster vor sich hin
und beschäftigte sich unruhig mit dem Eindruck, den ihm der Geistliche
machte, und mit der neuen sittlichen Entschiedenheit, um nicht zu
sagen: Leidgröße, die von seinem Blick und von seinen Worten ausging.
So hatte ihm sein Oheim vielleicht nur noch in seiner frühesten Jugend
imponiert, und es gab ihm zu denken, daß nun zum erstenmal wieder sich
dieser weite und bedeutungsvolle Abstand zwischen seiner eigenen
sittlichen Alterslage und der des vorgerückten Mannes auftat. Indessen
beantwortete er die gestellten Fragen beinahe mechanisch.
»Ich habe nichts mit Tante Malva zu tun gehabt«, sagte er. »Unsre
Beziehungen haben sich erst seither angeknüpft. Ist in jener Nacht
etwas geschehen, so war sie jedenfalls nicht daran beteiligt.«
»Es ist schon etwas, daß wenigstens deine Beteiligung feststeht«,
bemerkte der Dechant mit großem Blick. »Wer kommt noch in Betracht?«
Aber Heinz antwortete auf diese Frage nicht, und eine Zeitlang ging der
Dechant denkend vor seinen Büchergestellen auf und ab. »Tante Malva
machte mir einige Mitteilungen, die seltsam klingen«, hob er darauf
widerstrebend von neuem an. »Sie erzählt, daß ihr gewisse Vorgänge
aufgefallen seien und sie sich in der Folge davon nach deinem Zimmer
begeben habe, um sich zu vergewissern. Sie habe dein Zimmer leer und
dein Bett unberührt gefunden. Kann sie das nach der Wahrheit behauptet
haben?«
Heinz hob etwas überrascht das Gesicht, doch nicht betroffen, dazu war
er jetzt noch zu schwer zu bewegen. »Linde hat also nichts gebeichtet!«
ging es ihm verwundert durch den Kopf; der Verwunderung folgte eine
unbestimmte, hoch mit Trübsinn beschwerte vergrößerte Anschauung von
ihrem Wesen. »Ich weiß nicht, was Tante Malva getan und gesehen hat«,
sagte er dann, wieder mit einem Anflug von Unlust. »Darüber muß sie
sich selber verantworten.« Er ließ den Kopf grübelnd wieder sinken.
»Du mißverstehst mich, Heinz!« mahnte der Dechant eindringlich.
»Wer sich jetzt verantworten muß, das bist du, und es handelt sich
hier nicht um die Tante Malva, sondern um deine Menschlichkeit, die
bitterlich in Frage steht. Das ist für uns der einzige Sinn ihrer
Mitteilung.« Er stieß auf einen neuen Gedanken und ging ihm zögernd
nach. »Warst du -- jene Nacht in der Stadt?«
Heinz bedachte sich einen Moment, dann sagte er mit dem Ausdruck von
Geplagtheit: »Ja, ich war in der Stadt. Ich -- hielt das alles nicht
aus, ich mußte mich betrinken. Das möchte ich am liebsten auch jetzt.
Ich habe mich seither oft betrunken. Aber lassen wir das; kann ich
jetzt Linde sehen?«
»Tante Malva ist ebenfalls krank«, erwiderte der Dechant etwas
erkältet. »Willst du nicht deine Verlobte zuerst sehen? Sie würde es
vermerken, wenn du die andere vor ihr besuchtest.«
Heinz erhob sich langsam, mit einer müden Bewegung. »Ich bitte dich,
Onkel, quäle mich jetzt nicht«, sagte er etwas kahl. »Halte dich an
keine Worte und an keine vergangenen Dinge, sondern an das, was ich
jetzt tue. Wenn du mich nicht hinführen willst, so gehe ich allein.«
Indessen blieb er unschlüssig stehen, weil ihm an diesem Wort etwas
nicht in Ordnung schien.
Der Dechant übereilte sich auch nicht. »Du siehst offenbar selber ein«,
bemerkte er, nachdem er ihm Zeit gelassen hatte, »daß dies nicht die
Tonart ist, in der du in diesem Haus und in dieser Stunde mit Erfolg
auftreten kannst. Du wirst auch nicht mit Dingen, die du jetzt tust,
andere so rasch wieder gutmachen können, die du früher getan hast. Wie
es scheint, hast du im Feld draußen allmählich vergessen, daß du nicht
beziehungslos in der sittlichen Welt stehst, und daß es noch Menschen
gibt, die sich mit dir auseinanderzusetzen haben. Aber ich denke, daß
dir vielleicht vor allem ein Augenmaß not tut. Es ist gut; komm denn
sehen, was dir vom nächsten Anblick als Anteil zufällt.«
Mit diesen Worten ging er ihm an die Tür voraus, öffnete, ließ
ihn an sich vorbei in den Korridor treten und führte ihn dann ins
Sterbezimmer. Das erste, was Heinz in die Augen fiel, war die brennende
Kerze vor dem Bild der Mutter Gottes, die Brigitt für die Kranke
gestiftet hatte; eine Schwesterkerze brannte gleichfalls in der Kirche
neben dem Altar, um Gott durch die fromme Flamme an die Fürbitte zu
erinnern, die Brigitt Tag und Nacht für die abscheidende Seele tat.
Das Licht machte ihn auf den Schlag einsam und klagte ihn an. Hier
war alles Liebe und Sorge um ein gekränktes junges Leben, während er
kam, um zu sehen, was er angerichtet hatte. Mit schauernder Kühle
berührte ihn die tiefe Verwandlung dieses Zimmers, worin er eine
Nacht lang Liebender und Beglückter gewesen war, und indem er endlich
der Sterbenden näher trat, geschah es mit einer Beklommenheit, die
er noch vor keiner Schlacht empfunden hatte, und mit einer geradezu
bestürzenden Ahnung von den Gewalten, die nicht von dieser Welt waren,
und die an Bedeutung und Machtmitteln jede sinnliche Erscheinung
unendlich drohend übertrafen. Nicht als ob an dem sterbenden jungen
Mädchen irgendwelche überirdischen Zeichen hervorgetreten wären,
sondern es lag recht irdisch arm und abgezehrt auf seinem weißen
Kissen, noch viel mehr bekümmernd als rührend in seiner Hinfälligkeit,
die dunkelblonden Zöpfe verloren neben sich, die durchsichtigen Hände
kalt und schon gestorben auf der Bettdecke, die Augen tief eingesunken
und geschlossen und den Mund kaum atmend offen, mit gesprungenen Lippen
und scharfen Linien auf den Wangen hinunter, die sie etwas alt machten.
Nur auf der Stirn und dem Scheitel war eine Helligkeit beisammen, die
auch den fremden Betrachter überrascht hätte, und die immer wieder wie
lockend die Blicke des Soldaten auf sich zog, wenn ihm das Anschauen
der andern Zeichen gar zu grausam die Kehle zusammenschnürte.
Als er sich bis unter die Haarwurzeln mit dieser jammervollen
Wirklichkeit erfüllt hatte, ohne noch den Sinn für das Geheimnis darin
finden zu können, wandte er sich seufzend ab und verließ, beinahe ohne
es zu wissen, mit dem Dechanten den Raum; erst beim Gehen bemerkte er,
daß Brigitt auch da war.
Den Rest des Abends verbrachten die Männer ziemlich schweigsam
miteinander, zuerst bei Tisch und dann wieder an Lindes Bett. Zwei
oder dreimal tat der Dechant eine Frage, nach seiner Verwundung, nach
dem Stand der Dinge draußen im Feld, und ob er nicht müde sei und
schlafen gehen wolle? Die ersten beiden beantwortete Heinz, die letzte
nicht, und der Dechant wartete auch nicht darauf. Von den nächsten
Angelegenheiten war nicht mehr die Rede; die gleiche Scheu hielt den
Dechanten ab, davon zu sprechen, und den Soldaten, danach zu fragen.
Nur einmal, nach einem langen Schweigen, brach Heinz die Stille,
indem er sich mit einer Stimme, die ihm selber fern und fremd klang,
erkundigte: »Hat -- Linde nichts für mich -- hinterlassen?« Den Oheim
vermochte er dabei nicht anzusehen, sondern er blickte starr auf die
Sterbende.
Er mußte sich etwas mit der Auskunft gedulden. »Da du dich danach
erkundigst«, sagte der Dechant endlich, und Heinz hörte, wie
widerwillig der gebeugte Mann antwortete: »Sie läßt dir sagen, du
sollst -- Tante Malva nicht heiraten. Es würde dein Unglück sein. --
Aber vielleicht irrt sie sich darin«, setzte er zweifelnd hinzu. »Die
Umstände sind verschieden, unter denen die Menschen ein Glück finden.«
Nicht fähig, die Nähe dieses unglückseligen jungen Menschen länger
auszuhalten, stand er auf und trat ans Fenster, wo er lange stand und
in die Nacht hinaussah.
Auch diese Bewegung verstand Heinz. Nach einer weitern halben Stunde
erhob auch er sich. »Ich will jetzt zu Bett gehen«, sagte er mit einem
letzten Blick auf die ehemalige Geliebte. »Wenn -- etwas Besonderes
geschieht, so klopfe mir bitte. Gute Nacht.«
»Gute Nacht«, erwiderte, nicht nur körperlich abgewendet, der Dechant,
und Heinz ging tiefer vereinsamt hinaus.
Er legte sich angekleidet aufs Bett, ohne zu schlafen, doch auch ohne
viel zu denken; dafür war es bei ihm immer noch nicht Zeit. Seine
wenigen Gedanken waren seltsamerweise bei seiner Mutter, an die ihn
einige Züge in Lindes Gesicht erinnert hatten, seine Sinne bei dieser,
seine Gefühle tief unter ihm in seinen Wurzeln, und sein Bewußtsein
schwebte unbeheimatet und ohne Auftrag über seinem stillstehenden
Leben im Leeren. Seine Wunden schmerzten, und eigentlich hätte er
frisch verbunden werden müssen. Sein Herz klopfte schwer und wie unter
einer Last von Steinen. Ab und zu suchte sich ein Gesicht aus seinem
Dunkel zu lösen, aber es kam nicht aus einer gewissen schmerzlichen
Gleichgültigkeit frei, die es festhielt, und sank trauernd zurück.
So vergingen ihm die Viertelstunden; er hörte sie wehend im Föhn vom
benachbarten Turm schlagen.
Aber aus dieser unnatürlichen Ruhe löste sich in der Tiefe eine
zuckende Willensregung, ein dunkles scheues Wirkliches, das peinigte
und sich aus der Unbewußtheit schmerzend ins Bewußtsein hindurchbohrte.
Etwas stand ihm noch bevor! Ein Letztes mußte noch getan sein, wenn
alles getan und gelitten, wenn alles erfüllt sein sollte. Er wußte
gut, daß kein äußerer Zwang ihn veranlassen konnte, der Mahnung zu
gehorchen, aber ebenso klar wurde ihm, daß er in jedem Fall gehorchen
mußte, wenn er aus allem Tod sein junges Leben retten wollte, nicht
sein äußeres, das war gesichert, aber sein inneres, das noch unter
der ganzen Bedrohung des sittlichen Untergangs stand. Beschmutzt und
erniedrigt, wie er sich fühlte, sah er sich vor der Notwendigkeit, noch
einmal mit vollem Wissen in den Bannkreis jener unheimlichen Gewalt
zu treten, die ihn verdorben und beinahe vernichtet hatte, indem sie
seine niedern Instinkte entfesselte. Das alles wäre ihm aber nicht
geschehen, wie er sich ganz ehrlich sagte, wenn er keine niedern
Instinkte besessen hätte, und in dieser Erkenntnis lag unter aller
Niederlage bereits ein Fortschritt, wenn er sie auch nicht als solchen
empfand, sondern zunächst als Leiden und Urteil. Doch war es dieselbe
männliche Ehrlichkeit, die ihm den Wahlspruch eingab: »Jetzt los davon
oder ganz in den Schmutz!« An der Ausdeutung des Gefühls war freilich
sein jüngster Fatalismus noch zu großen Teilen tätig, und sie bewies
seine kindlich rohe Ungeübtheit im Umgang mit sittlichen Forderungen.
Unruhig, voll düsterer Vorgefühle und freudlos kahler Erwartungen erhob
er sich endlich, richtete den zerschossenen Arm in die Binde ein und
verließ nach einem letzten grübelnden Aufenthalt am Fenster das Zimmer.
Er war sicher, daß die schlaflose Frau ihn erwartete, fand auch die Tür
offen und sie bei einem Nachtlicht wachend, und zwar im Lehnstuhl neben
dem geheizten Ofen mit einem Buch in der Hand, doch nicht lesend, blaß,
verfallen, alt, mit ungewöhnlich großen, vor Angst geweiteten Augen,
deren Blick ihm verschärft und spähend entgegenflog, um auf einen
Moment sich klammernd an ihn zu halten und dann enttäuscht und fremd
erkältet von ihm abzugleiten. Heinz stand wortlos im Zimmer und sah
sie an mit einem Ausdruck, als ob er daran zweifle, daß sie wirklich
jene elegante und gefährliche Frau sei, die ihm aus der Ferne so zu
schaffen gemacht hatte. Eine Zeitlang herrschte vollkommene Stille, bis
ihr sein Blick peinlich wurde und sie den ihren, der ruhelos zwischen
den Dingen in der Stube hin und her ging, nach einem Stuhl wandte, auf
den sie zugleich mit der schmalen Hand deutete: »Setz dich, Heinz.«
Er gehorchte, während sich in ihm eine unsägliche Befremdung über
sich, sie, die Menschen und das ganze Leben ausbreitete. Lust, Gier,
Besitz, Geltung, so dünkte ihn --, was war das alles gegen ein reines
Bewußtsein von sich selber und das Gefühl der Einheit mit jenen treuen
und redlichen Seelentrieben, aus denen die Menschheit ihre eigentliche
Schönheit und ihren tiefsten Wert gewinnt. »Ich bin krank«, sagte die
Frau wie erklärend. »Es wird aber vorübergehen.« Er nickte, unfähig,
ein Wort zu sprechen. Was sich jetzt am Anblick ihres Elends in ihm
erregte, das war die schwere Empfindung des Mitschuldigen, die ihn
ergriff und erschütterte, ihn, den in aller Schuld beinahe Erfrorenen,
und die unter der Erstarrung der Gegenwart den heißen Quell der
Erkenntnis befreite, so daß sein winterliches Leben heimlich erregt
wieder in Fluß kam, sich stoßend und brechend zwischen Eisschollen,
Schmutz und entsetzlichen Versteinerungen, aber doch wieder bewegt,
doch wieder einem irdischen Vorgang ähnlich.
»Ich -- dachte nicht, daß wir uns -- unter solchen Umständen --
wiedersehen würden«, brachte er endlich stockend heraus, verstummte
aber sofort, weil ihm wie eine Faust das Schluchzen nach der Kehle
fuhr. Dazu quälten ihn seine Verletzungen, und er brauchte sein ganzes
männliches Schamgefühl, um vor ihr seine äußere Fassung zu behaupten.
Sie hörte alles. Zuerst saß sie noch eine Zeitlang mit
zusammengepreßten Lippen und unruhig denkend wieder den Blick zwischen
den Gegenständen ihres Zimmers umherführend. Endlich begann sie zu
reden.
»Nun, mein Freund, so weit hätten wir's also gebracht miteinander«,
sagte sie, ihm das kranke Gesicht flüchtig zuwendend, um dann wieder
unbehaglich dahin und dorthin zu blicken, als ob sie etwas suchte. »Du
hättest früher kommen müssen, wenn dein Besuch für mich irgendeinen
Wert haben sollte. Was willst du hier bei mir, nachdem du zuerst
bei ihr warst? Und was hat es für einen Sinn, daß du dich wie einen
Glückbringer ausführlich hier im Haus annonciertest, nachdem doch nun
jeder, auch sie, seinen Fußtritt von dir besitzt? Daß du dem Dechanten
deine bevorstehende Verlobung mit mir anzeigst, mich im dunkeln läßt
und in ~einer~ Reise zu ihr gehst? Du bist ein seltsamer Mensch!
Ein ganz seltsamer und unberechenbarer Mensch! -- Nun, mache dir nur
keine Gedanken darüber, und vor allem erspare dir alle Gewissensbisse
meinetwegen. Ich habe keine Lust, ~auch~ noch an dir zugrunde zu
gehen. Das Mädchen hast du aus dem Leben getrieben. Wozu? Müßt ihr
jetzt um jeden Preis vernichten? -- Morgen werde ich dies unheimliche
Haus verlassen, halb Spital, halb Irrenanstalt, halb Leichenhalle.
Lebt sie denn noch? Hm, einen Augenblick sah es aus, als ob sie mich
infiziert hätte. Ich hatte einen ganz rätselhaften Magenanfall.
Das Volk würde sagen, sie wollte mich nachholen. Man erliegt aber
übersinnlichen Ansteckungen nicht so rasch.« -- Sie verstummte unter
einem Kälteschauer und schwieg eine Weile innerlich zitternd ohne ein
Mittel, sich gegen ihr Leiden zu wehren, und hilflos Auge in Auge mit
ihrer Altersangst. -- »Was sonst?« fuhr sie dann dünn und skeptisch
fort, wie bisher ruhelos das Zimmer absuchend. »Jetzt sitzt dir das
Schluchzen in der Kehle und bist du ganz Reue und Todesgefühl. In vier
Wochen könnte ich wieder auf dich zu rechnen anfangen, aber du bist
mir zu kostspielig. Ich bin schließlich doch nicht mehr jung genug,
um mir einen solchen Sport zu leisten. Das Seelenleben wirst du dir
doch nie abgewöhnen, und daran wird deine Weltmannschaft immer wieder
scheitern. -- Weißt du eigentlich, warum ich überhaupt in dies Haus
kam, nach allem, was geschehen war? Ich bin auf Jugend hungrig, und
Linde schrieb mir in jenem Brief, daß du auch da seist. Von dir hatte
ich aber schon eine ganz bestimmte Witterung; die Aussicht reizte mich.
-- Ich glaube, ich habe dich wirklich geliebt. Ich habe Hoffnungen
und Träume auf dein Leben gebaut. Ich wollte dich kapitalisieren. Ich
wollte dir das Außerordentliche sein, das dich zum freien Mann machte
und dir eine große Karriere verschaffte. Ich verdanke dir eine der
bittersten Erfahrungen meines Lebens; das ist auch etwas. Nun, es wird
sich wieder ausheilen. -- Man wird hier in den nächsten Tagen deinen
Glauben wiederherstellen. Du wirst erschüttert und ›erweckt‹ ins neue
Leben gehen. Ich werde in mein altes zurückkehren. Noch eines will ich
dir sagen -- aber hat es nicht geklopft? Es ist dir wohl unangenehm,
wenn ich eintreten lasse? Obwohl wir ja nicht aussehen, als ob wir
ungern gestört würden. Herein!«
Heinz hatte sich schon erhoben. »Linde wird sterben«, sagte er tonlos.
»Ich hatte gebeten, mich zu rufen.« Doch zögerte er unter ihrem Blick,
in welchem ein kaltes und zugleich unruhig fürchtendes Licht aufging.
Dieser Blick widerlegte alle ihre vernünftig kühlen Ausführungen,
und Heinz sah, daß auf seinem Grund die Angst vor dieser Sterbenacht
lauerte. Er machte eine verlorene und halb unbewußte Bewegung nach der
Tür. »Ich muß gehen!« erklärte er widerstandslos. »Ich -- kann dir
auch nichts sagen. Da muß sich nun jedes selber weiterhelfen.« Indem
klopfte es zum zweitenmal dringlicher, und er öffnete, immer noch
nicht fähig, den Blick von ihrem fahlen, zuckenden Gesicht zu lösen.
Eine Weile wartete er, daß jemand eintrete oder spreche, um ihn aus
diesem Bann zu befrein. Als sich nichts regte und ihn das erste Grauen
von hinten beschlich, wandte er den Kopf herum und bemerkte, daß der
Vorplatz leer war. »Es hat doch zum zweitenmal geklopft!« sagte er
befremdet, während er einen bereits erregten Blick nach der Tante
ins Zimmer zurückwarf, unter dem sie bis auf die Lippen hinein grau
wurde. Unwillkürlich beugte sie sich vor, als ob sie einen Versuch
machen wollte, ihn zurückzuhalten. Noch kämpfte er einen letzten
Kampf zwischen ihrer verzweifelnden Angst und dem Trieb, der ihn zum
Sterbezimmer fortdrängte. Sie verfolgte jede seiner kleinsten Regungen
überwachsam mit den Blicken, aber nach einem allerletzten Zaudern
angesichts ihrer Einsamkeit, die er überall im Dunkel lauern sah,
bereit, sich wieder auf sie zu stürzen, ergab er sich aufatmend seinem
Trieb und ging, während er schon die erbitterte Stille, die er hinter
sich im Halbdunkel ließ, körperlich als Furchtempfindung im Rücken
spürte.
Als er aber mit schnellerem Schritt in das Sterbezimmer trat, fand er
den Oheim vor Müdigkeit schlummernd im Lehnstuhl sitzen; er hatte den
Platz überhaupt nicht verlassen und Heinz also auch nicht gerufen.
Jedoch gleich darauf trat Brigitt ein, ebenfalls von einem Klopfen
gerufen, beinahe aufgelöst vor Schreck, weil auch sie niemand vor ihrer
Tür gefunden hatte, und sichtlich beruhigt darüber, Heinz bei Linde zu
finden.
Linde verharrte noch in ihrer vorigen Lage, aber es war eine geheime
Unruhe in sie gekommen, Ihre Lider zitterten, und die Augäpfel
bewegten sich darunter. Der Mund schloß sich und öffnete sich wieder;
ihr Gesichtsausdruck war gequält, und die Leidenslinien neben der
Nase herunter vertieften sich. Die Hände griffen auf der Bettdecke
umher, und ihr Atem ging schneller. Niemand zweifelte daran, daß
der Todeskampf eingesetzt habe. Der Puls, der manchmal kaum mehr zu
merken gewesen war, regte sich. Sie wendete den Kopf nach der einen
Seite und dann nach der andern, als ob sie einem Schmerz ausweichen
wollte. Dazwischen stockte dann plötzlich der Atem wieder, während
sie gleichzeitig die Brust aufbäumte, als ob sie schreien wollte.
Gegen drei Uhr begann sie leise zu wimmern, und einige Male gab
sie halb gesprochene Laute von sich, als ob sie jemand um Erbarmen
flehte. Dann ertönte plötzlich jener langgezogene, jammervolle Schrei,
der die Männer bis ins Blut erbleichen machte und die alte Magd
fassungslos vor ihrem Bett niederwarf. Auch die einsame Frau vernahm
ihn in ihrem Zimmer zu ihrem namenlosen Grauen. Aber darauf geschah
das Unerwartete. Plötzlich öffnete die Sterbende die Augen mit einem
ganz vollen, bewußten Blick, mit dem sie nacheinander die Anwesenden
ansah und schließlich nachdenkend und wie fragend an der Gestalt des
Soldaten haftenblieb. Ihn schüttelte das Elend bis ins Mark, aber er
hielt ihr stand, um sie nicht zu verwirren, so gefährlich er selber
verwirrt war. Es konnte niemand mit Bestimmtheit sagen, daß sie ihn
erkannte, wenigstens gab sie's durch kein Zeichen kund, sondern mit
diesem unverwandten, fragenden Blick sank sie nach einer Minute oder
zweien in ihre Bewußtlosigkeit unter, ebenso unerwartet, wie sie daraus
aufgetaucht war.
Bald setzte der Todeskampf frisch ein. Sie wimmerte noch viel, flehte
um Gnade, schrie zu verschiedenen Malen, aber nicht mehr so laut und
lange, wie das erstemal, bäumte sich und warf sich so heftig, daß sie
gehalten werden mußte, aber gegen fünf Uhr ließ die Kraft und damit der
Kampf nach, und um halb sechs stieß sie den letzten Schrei aus, kurz
darauf auch den letzten Seufzer. Als die Frühglocke zu läuten begann,
war alles geschehen.
Nachdem aber diese verklungen war und der Dechant dachte, man habe
nun alles überstanden, warf Brigitt noch einmal einen Ast ins Feuer,
daß es von neuem hoch aufflammte. Vom Schluchzen und Beten an Lindes
Bett auftaumelnd, erblickte sie den bleichen Soldaten, den Mittelsmann
des ganzen Unglücks, und ihr altes Herz stieg ihr mächtig an gegen
ihn. »Und du?« schrie und weinte sie ihn an. »Wie ist dir jetzt mit
deinem schwarzen Herzen? Hast jetzt die zweite Nacht in ihrem Zimmer
verbracht! Die dritte wartet auf dich in der Ewigkeit!« Mit diesen
Worten wankte sie hinaus, um ihr schweres heutiges Tagewerk zu beginnen.
Der Dechant, von dem Wort tief betroffen, wandte einen Blick
auf den jungen Menschen, dessen Miene und Haltung es grenzenlos
bestätigten. Sie drückten in aller männlichen Erschütterung noch
viel mehr aus, Gefühle und Regungen, die ihm den Soldaten zum
erstenmal wieder menschlich näherbrachten, aber inzwischen brach ihm
vor dem Geheimnis dieser wunderbaren Verstorbenen auch die letzte
Stützmauer seiner rechtgläubig-religiösen Welt ein. Denn indem er
bedachte, wie selbstherrlich Linde durch die Sterbesakramente in den
Tod gegangen war, mußte er entweder den Glauben an ihre göttlich
geführte Menschlichkeit oder an sein so logisch aufgeführtes Gebäude
der Gotteserkenntnis aufgeben. Augenblicklich stürzte und barst
es in seiner Seele, ohne daß er in der Geschwindigkeit wußte, was
da unterging. Noch eben hatte er mystisch gewaltige Spekulationen
angestellt über das Wesen, das im Anfang war, und das bei Gott war, und
über den Gott, der im Wesen, vom gläubigen Menschen gesprochen, ist
oder nicht ist. Nun erkannte er, daß er in der Rechnung das Wesen des
hoheitsvoll liebenden Menschen und seine Abgründe nicht eingestellt
hatte, daß alles noch viel gewaltiger und mystischer und daß auch jene
Erkenntnis weder das letzte Wort über Gottes Wesen ist noch genug Raum
enthält, um die Wesenhaftigkeit der menschlichen Seele zu fassen.
Schluß
Heinz verbrachte seine Zeit im Pfarrhaus ernst und gesammelt bei
ernsten und gesammelten Menschen, gepflegt von der alten Magd, die Wege
außer dem Haus allein wandelnd, darunter mit Bitternis reich besetzt
den zum Grab seiner ehemaligen Geliebten. Über allen männlich offenen
und gefaßten Gesprächen mit dem Dechanten erschien das Hohelied Salomos
wieder am Licht, heilten seine Verletzungen, reinigte sich seine Seele,
und jetzt steht er aufs neue in Frankreich und ist ein Held wie vorher,
wenn auch ohne Zielfernrohr.
Die Tante hat ihr weltläufiges Leben wieder aufgenommen, wenn auch
zunächst in einem Sanatorium. Obwohl sie nach wie vor auf ihren
Rationalismus stolz ist, so hat sie doch genug von andern Mächten
erfahren, um ihre Wunden zeitlebens nicht zu vergessen; hier und da
denkt sie auch an das, was dabei wohllautete und Lieblichkeiten zeigte,
aber es sind nicht ihre besten Stunden.
Die Geschichte des Domes ist inzwischen doch geworden, und der
Erzbischof hat nichts gegen sie einzuwenden. Wenn sie erscheinen wird,
so wird sie kein kunsthistorisches Ereignis sein, sondern ein frommes,
und ihren Verfasser hat sie nicht zum Mann einer Zunft gemacht, sondern
zum Mann Gottes.
[Illustration]
Dieses Werk ist eine Veröffentlichung der
Deutschen Buch-Gemeinschaft
Wien ~Berlin~ SW 68 New York
Alte Jakobstraße 156/157
Guten und doch billigen Büchern in vorbildlicher Formgebung und bester
Ausstattung den Weg in alle Schichten unseres Volkes zu bahnen, ist
die Aufgabe der Deutschen Buch-Gemeinschaft. Sie erreicht dies durch
Herstellung und Vertrieb in eigenem Wirkungsbereich.
Jedermann wird durch Beitritt zur Deutschen Buch-Gemeinschaft die
vorteilhafteste Gelegenheit gegeben, sich unter neuen Bezugsformen
eine eigene und wertvolle Hausbibliothek anzuschaffen.
Ausführliche, reich illustrierte Werbeschrift wird auf Wunsch kostenlos
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+DEUTSCHE BUCH-GEMEINSCHAFT+
+BERLIN SW 68 / ALTE JAKOBSTRASSE 156/57+
Geschichte und Biographie
+Bab u. Handl, Wien und Berlin. Vergl. Kulturgeschichte der beiden
deutschen Hauptstädte (148)+
+Bismarck, Otto von, Gedanken und Erinnerungen. Vollst. Ausgabe
(277)+
+Bornstein, Paul Friedrich Hebbel. Ein Bild seines Leben auf Grund
der Zeugnisse entworfen (216)+
+Büchmann, Georg, Geflügelte Worte. Der Zitatenschatz des deutschen
Volkes. Fortgeführt von Walter Robert Tornow, Friedrich Streißler und
Alfred Streißler (214)+
+Buchner, Eberhard, Anno dazumal, Versuch einer Kulturgeschichte in
Dokumenten und Anekdoten. Band I: Von 1546 bis zum Regierungsantritt
Friedrichs d. Gr. (173)+
+do do Band II. Von Friedrich dem Großen bis 1848 (174)+
+Deutsche Mystik. Eingeleitet und ausgewählt von Dr. L. Schreyer
(71)+
+Droysen, J G., Geschichte Alexanders des Großen. Neu herausgegeben
und eingeleitet von Dr. Albert Ehrenstein Mit einer Übersichtskarte
(239)+.
+Frank, Bruno, Friedrich der Große als Mensch im Spiegel seiner
Briefe, seiner Schriften, zeitgenössischer Berichte und Anekdoten
(161)+
+Franz, Dr. G., Der deutsche Bauernkrieg 1525. In zeitgenössischen
Zeugnissen zusammengestellt (125)+
+Freytag, Gustav. Bilder aus der deutschen Vergangenheit.
Vollständige Ausgabe in 3 Bänden. Mit Nachwort und Ergänzungen von
Hans Ostwald Band I (201); Band II (202); Band III (203)+
+Frobenius, Else, Mit uns zieht die neue Zeit. Eine Geschichte der
deutschen Jugendbewegung. Mit 16 Abbildungen (217)+
+Goetz, Wolfgang, Napoleon in seinen Briefen, Proklamationen und
Gesprächen (118)+
+Harich, Walter, Dämon Kunst. Das Leben E. Th. A. Hoffmanns (112)+
+Hehn, Viktor, Gedanken über Goethe. Mit einem Nachwort (199)+
+Heuß, Theodor, Staat und Volk. Betrachtungen über Wirtschaft,
Politik und Kultur (148)+
+Humboldt, Wilhelm von, Ausgewählte Schriften. Herausgegeben von E.
von Sydow (152)+
+Kügelgen, Jugenderinnerungen eines altes Mannes. Herausgegeben von
Geh. Rat Prof. Dr. R. Sternfeld (25*)+
+Lux, J. A., Ludwig van Beethoven. Sein Leben und Schaffen. Mit 32
Abbildungen. (177)+
+Mommsen, Wilhelm, Die deutsche Einheitsbewegung. Eine Auswahl
zeitgenössischer Äußerungen. (204)+
+Nestriepke, Siegfried, Das Theater im Wandel der Zeiten. Mit vielen
Abbildungen. (227)+
+DEUTSCHE BUCH-GEMEINSCHAFT+
+BERLIN SW 68 / ALTE JAKOBSTRASSE 156/57+
Geschichte und Biographie
+Ranke, L. v., Historische Charakterbilder. Herausgegeben von Geh.
Rat Prof. Dr. R. Sternfeld. (27)+
+Rolland, Romain, Das Leben Tolstois. Vom Dichter genehmigte
deutsche Ausgabe. Mit 16 ganzseitigen Abbildungen auf
Kunstdruckpapier. (237)+
+Schmidt, Heinrich, Professor Dr., Ernst Haeckel. Sein Leben und
sein Wirken. Mit Abbildungen. (111)+
+Treitschke, Heinrich v., Charakterbilder aus der deutschen
Geschichte. (22)+
+Wagner, Richard, Briefe und Tagebuchblätter an Mathilde Wesendonck.
Herausgegeben von Geh. Rat Prof. Dr. R. Sternfeld. (23*)+
+Zahn-Harnack, Agnes v., Die Frauenbewegung. Geschichte, Probleme,
Ziele. (228)+
Kunstgeschichte / Musik
+Behne, Adolf, Die frühen Meister. Eine Einführung in die
Schönheiten alter Meister. Mit 24 ganzseitigen Bildertafeln. (269)+
+Brahm, Otto Karl Stauffer-Bern. Sein Leben. Briefe und Gedichte.
Mit Kunstdruckbildern. (94)+
+Leben des Benvenuto Cellini. Von ihm selbst geschrieben. Übersetzt
von J. W. v. Goethe. Mit ? Vollbildern (40)+
+Deri, Max, Das Bildwerk. Eine Anleitung zum Erleben von Werken der
Baukunst, Bildhauerei und Malerei. Mit 36 Abbildungen+
+Doehring, Karl, Prof. Dr., Indische Kunst. Eine Einführung und
Übersicht. Teil I: Vorderindien und Ceylon. Teil II: Hinterindien und
Java. Mit 296 Tafelbildern. Dieser Band muß infolge seines Umfanges
als Doppelband berechnet werden. (98)+
+Feuerbach, Anselm, Ein Vermächtnis. Neue Ausgabe mit einer
Einführung über das Leben und Schaffen des Künstlers von M.
Fleischhack. Mit 16 Kunstdruckbildern (72)+
+Halm, A., Einführung in die Musik mit Notenbeispielen. (162)+
+Hausenstein, Wilhelm, Illustrierte Kunstgeschichte. 536
Seiten Umfang im Format von 26 × 19 cm. 310 Textabbildungen, 8
Vierfarbendrucktafeln (225 I/II/III Preis wie bei 3 Bänden)+
+Mayer, Anton, Geschichte der Musik. Mit eingedruckten
Notenbeispielen und Abbildungen. (248)+
+Richter, Ludwig, Lebenserinnerungen eines deutschen Malers.
Illustrierte Ausgabe von Dr. Nemitz. (159)+
+Thausing, M., Albrecht Dürer. Geschichte seines Lebens und seiner
Kunst. Mit vielen Abbildungen. (185)+
+DEUTSCHE BUCH-GEMEINSCHAFT+
+BERLIN SW 68 / ALTE JAKOBSTRASSE 156/57+
Reise- und Naturbeschreibung
+Couperus, Louis, Unter Javas Tropensonne. Eine Reise nach
Sumatra-Java-Bali. Mit 12 Abbildungen. (124)+
+Dugmore, A. R., Wild -- Wald -- Steppe. Mit Kamera und Büchse
in Ostafrika. Bearbeitet von Dr. Arthur Berger. Mit 121 Aufnahmen.
(263)+
+Edschmid, Kasimir, Das grobe Reisebuch. Von Stockholm bis Korsika!
Von Monte Carlo bis Assisi! Buchschmuck von E. Pinner. (172)+
+Filchner, Wilhelm, Tschung-Kue. Das Reich der Mitte. Land und Leute
in China. Mit 32 Bildtafeln u. 4 Karten im Text. (28)+
+Francé-Harrar, Anie, Tropen-Amerika. Ein Zug der Abenteuer. Reich
illustriert. (229)+
+Jacques, Norbert, Im Kaleidoskop der Weltteile. Mit 17 Bilder und
einem Nachwort von Dr. Hanns Martin Elster. (82)+
+Loti, P., Reise durch Persien. Mit 8 Bildtafeln. (62)+
+Roselieb, Hans, Spanische Wanderungen. Land und Volk, Kunst und
Kultur einst und jetzt. Mit 16 Abb. (114)+
+Schweinfurth, Georg, Prof. Dr., Verschollene Merkwürdigkeiten aus
Afrika. Illustriert. (99)+
+Spunda, Franz, Griechische Reise. Mit 16 Abbild. auf
Kunstdruckpapier. Mit Buchschmuck von J. Wentscher. (163)+
+Stevenson, Louis Robert, In der Südsee. Übersetzung und Vorwort von
Heinrich Siemer. Mit einer Übersichtskarte. (249)+
+Wildhagen, Eduard, In Japan. Erfahrungen und Erlebnisse. Mit vielen
Abbildungen im Text und auf Tafeln. (278)+
+Zabel, Rudolf, Das heimliche Volk. Erlebnisse eines
Forschungsreisenden am Lagerfeuer und vor den Höhlen des Urvolkes der
Tarahumare-Indianer. Mit 3 Kartenskizzen sowie etwa 180 Aufnahmen auf
48 Bildtafeln. Vorwort von Leo Frobenius. (238)+
+Zeidler, Paul Gerhard, Polarfahrten. Die wichtigsten
Entdeckungsreisen in den Eismeeren mit Berichten der Forscher und
ihrer Gefährten. Mit vielen Textbildern, einem Schlußwort und fünf
Polarkarten von Dr. Leonid Breitfuß. (215)+
Druck von A. Seydel & Cie. Aktiengesellschaft, Berlin SW 61
*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER DECHANT VON GOTTESBÜREN ***
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