The Project Gutenberg eBook of Narziß und Goldmund
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Title: Narziß und Goldmund
Erzählung
Author: Hermann Hesse
Release date: July 24, 2026 [eBook #79173]
Language: German
Original publication: Berlin: S. Fischer, 1930
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/79173
Credits: Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net. This file was produced from images generously made available by The Internet Archive
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NARZISS UND GOLDMUND ***
Hermann Hesse
Gesammelte Werke
Narziß und Goldmund
Erzählung von Hermann Hesse
S. Fischer Verlag / Berlin
21. bis 30. Auflage 1930
Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten
Copyright 1930 by S. Fischer Verlag A.-G., Berlin
Printed in Germany
Einbandentwurf: E. R. Weiß
Narziß und Goldmund
Erstes Kapitel
Vor dem von Doppelsäulchen getragenen Rundbogen des Klostereinganges von
Mariabronn, dicht am Wege, stand ein Kastanienbaum, ein vereinzelter
Sohn des Südens, von einem Rompilger vor Zeiten mitgebracht, eine
Edelkastanie mit starkem Stamm; zärtlich hing ihre runde Krone über den
Weg, atmete breitbrüstig im Winde, ließ im Frühling, wenn alles ringsum
schon grün war und selbst die Klosternußbäume schon ihr rötliches
Junglaub trugen, noch lange auf ihre Blätter warten, trieb dann um die
Zeit der kürzesten Nächte aus den Blattbüscheln die matten, weißgrünen
Strahlen ihrer fremdartigen Blüten empor, die so mahnend und beklemmend
herbkräftig rochen, und ließ im Oktober, wenn Obst und Wein schon
geerntet war, aus der gilbenden Krone im Herbstwind die stachligen
Früchte fallen, die nicht in jedem Jahre reif wurden, um welche die
Klosterbuben sich balgten und die der aus dem Welschland stammende
Subprior Gregor in seiner Stube im Kaminfeuer briet. Fremd und zärtlich
ließ der schöne Baum seine Krone überm Eingang zum Kloster wehen, ein
zartgesinnter und leicht fröstelnder Gast aus einer anderen Zone,
verwandt in geheimer Verwandtschaft mit den schlanken sandsteinernen
Doppelsäulchen des Portals und dem steinernen Schmuckwerk der
Fensterbogen, Gesimse und Pfeiler, geliebt von den Welschen und
Lateinern, von den Einheimischen als Fremdling begafft.
Unter dem ausländischen Baume waren schon manche Generationen von
Klosterschülern vorübergegangen; ihre Schreibtafeln unterm Arm,
schwatzend, lachend, spielend, streitend, je nach der Jahreszeit barfuß
oder beschuht, eine Blume im Mund, eine Nuß zwischen den Zähnen oder
einen Schneeball in der Hand. Immer neue kamen, alle paar Jahre waren es
andere Gesichter, die meisten einander ähnlich: blond und kraushaarig.
Manche blieben da, wurden Novizen, wurden Mönche, bekamen das Haar
geschoren, trugen Kutte und Strick, lasen in Büchern, unterwiesen die
Knaben, wurden alt, starben. Andre, wenn ihre Schülerjahre vorbei waren,
wurden von ihren Eltern heimgeholt, in Ritterburgen, in Kaufmanns- und
Handwerkerhäuser, liefen in die Welt und trieben ihre Spiele und
Gewerbe, kamen etwa einmal zu einem Besuch ins Kloster zurück, Männer
geworden, brachten kleine Söhne als Schüler zu den Patres, schauten
lächelnd und gedankenvoll eine Weile zum Kastanienbaum empor, verloren
sich wieder. In den Zellen und Sälen des Klosters, zwischen den runden
schweren Fensterbogen und den strammen Doppelsäulen aus rotem Stein
wurde gelebt, gelehrt, studiert, verwaltet, regiert; vielerlei Kunst und
Wissenschaft wurde hier getrieben und von einer Generation der andern
vererbt, fromme und weltliche, helle und dunkle. Bücher wurden
geschrieben und kommentiert, Systeme ersonnen, Schriften der Alten
gesammelt, Bilderhandschriften gemalt, des Volkes Glaube gepflegt, des
Volkes Glaube belächelt. Gelehrsamkeit und Frömmigkeit, Einfalt und
Verschlagenheit, Weisheit der Evangelien und Weisheit der Griechen,
weiße und schwarze Magie, von allem gedieh hier etwas, für alles war
Raum; es war Raum für Einsiedelei und Bußübung ebenso wie für
Geselligkeit und Wohlleben; an der Person des jeweiligen Abtes und an
der jeweils herrschenden Strömung der Zeit lag es, ob das eine oder das
andere überwog und vorherrschte. Zuzeiten war das Kloster berühmt und
besucht wegen seiner Teufelsbanner und Dämonenkenner, zuzeiten wegen
seiner ausgezeichneten Musik, zuzeiten wegen eines heiligen Vaters, der
Heilungen und Wunder tat, zuzeiten wegen seiner Hechtsuppen und
Hirschleberpasteten, ein jedes zu seiner Zeit. Und immer war unter der
Schar der Mönche und Schüler, der frommen und der lauen, der fastenden
und der feisten, immer war zwischen den vielen, welche da kamen, lebten
und starben, dieser und jener Einzelne und Besondere gewesen, einer, den
alle liebten oder den alle fürchteten, einer, der auserwählt schien,
einer, von dem noch lange gesprochen wurde, wenn seine Zeitgenossen
vergessen waren.
Auch jetzt gab es im Kloster Mariabronn zwei Einzelne und Besondere,
einen Alten und einen Jungen. Zwischen den vielen Brüdern, deren Schwarm
die Dormente, Kirchen und Schulsäle erfüllte, gab es zwei, von denen
jeder wußte, auf die jeder achtete. Es gab den Abt Daniel, den Alten,
und den Zögling Narziß, den Jungen, der erst seit kurzem das Noviziat
angetreten hatte, aber seiner besonderen Gaben wegen gegen alles
Herkommen schon als Lehrer verwendet wurde, besonders im Griechischen.
Diese beiden, der Abt und der Novize, hatten Geltung im Hause, waren
beobachtet und weckten Neugierde, wurden bewundert und beneidet und auch
heimlich gelästert.
Den Abt liebten die meisten, er hatte keine Feinde, er war voll Güte,
voll Einfalt, voll Demut. Nur die Gelehrten des Klosters mischten in
ihre Liebe etwas von Herablassung, denn Abt Daniel mochte ein Heiliger
sein, ein Gelehrter jedoch war er nicht. Ihm war jene Einfalt eigen,
welche Weisheit ist, aber sein Latein war bescheiden, und Griechisch
konnte er überhaupt nicht.
Jene wenigen, welche gelegentlich die Einfalt des Abtes etwas
belächelten, waren desto mehr von Narziß bezaubert, dem Wunderknaben,
dem schönen Jüngling mit dem eleganten Griechisch, mit dem ritterlich
tadellosen Benehmen, mit dem stillen, eindringlichen Denkerblick und den
schmalen, schön und streng gezeichneten Lippen. Daß er wunderbar
Griechisch konnte, liebten die Gelehrten an ihm. Daß er so edel und fein
war, liebten beinahe alle an ihm, viele waren in ihn verliebt. Daß er so
sehr still und beherrscht war und so höfische Manieren hatte, nahmen
manche ihm übel.
Abt und Novize, jeder trug auf seine Art das Schicksal des Auserwählten,
herrschte auf seine Art, litt auf seine Art. Jeder der beiden fühlte
sich dem andern mehr verwandt und mehr zu ihm hingezogen als zum ganzen
übrigen Klostervolk; dennoch fanden sie nicht zueinander, dennoch konnte
keiner beim andern warm werden. Der Abt behandelte den Jüngling mit
größter Sorgfalt, mit größter Rücksicht, hatte um ihn Sorge als um einen
seltenen, zarten, vielleicht allzufrüh gereiften, vielleicht gefährdeten
Bruder. Der Jüngling nahm jeden Befehl, jeden Rat, jedes Lob des Abtes
mit vollkommener Haltung entgegen, widersprach niemals, war nie
verstimmt, und wenn das Urteil des Abtes über ihn richtig und sein
einziges Laster der Hochmut war, so wußte er dies Laster wunderbar zu
verbergen. Es war gegen ihn nichts zu sagen, er war vollkommen, er war
allen überlegen. Nur wurden wenige ihm wirklich Freund, außer den
Gelehrten, nur umgab seine Vornehmheit ihn wie eine erkältende Luft.
„Narziß“, sagte der Abt nach einer Beichte zu ihm, „ich bekenne mich
eines harten Urteils über dich schuldig. Ich habe dich oft für hochmütig
gehalten, und vielleicht tat ich dir damit unrecht. Du bist sehr allein,
junger Bruder, du bist einsam, du hast Bewunderer, aber keine Freunde.
Ich wollte wohl, ich hätte Anlaß, dich zuweilen zu tadeln, aber es ist
kein Anlaß. Ich wollte wohl, du wärest manchmal unartig, wie es junge
Leute deines Alters sonst leicht sind. Du bist es nie. Ich sorge mich
zuweilen ein wenig um dich, Narziß.“
Der Junge schlug seine dunklen Augen zu dem Alten auf.
„Ich wünsche sehr, gnädiger Vater, Euch keine Sorge zu machen. Es mag
wohl sein, daß ich hochmütig bin, gnädiger Vater. Ich bitte Euch, mich
dafür zu strafen. Ich habe selbst zuzeiten den Wunsch, mich zu strafen.
Schickt mich in eine Einsiedelei, Vater, oder lasset mich niedere
Dienste tun.“
„Für beides bist du zu jung, lieber Bruder“, sagte der Abt. „Überdies
bist du der Sprachen und des Denkens in hohem Grade fähig, mein Sohn; es
wäre eine Vergeudung dieser Gottesgaben, wollte ich dir niedere Dienste
auftragen. Wahrscheinlich wirst du wohl ein Lehrer und Gelehrter werden.
Wünschest du dies nicht selbst?“
„Verzeiht, Vater, ich weiß über meine Wünsche nicht so sehr genau
Bescheid. Ich werde stets Freude an den Wissenschaften haben, wie sollte
es anders sein? Aber ich glaube nicht, daß die Wissenschaften mein
einziges Gebiet sein werden. Es mögen ja nicht immer die Wünsche sein,
die eines Menschen Schicksal und Sendung bestimmen, sondern anderes,
Vorbestimmtes.“
Der Abt horchte und wurde ernst. Dennoch stand ein Lächeln auf seinem
alten Gesicht, als er sagte: „Soviel ich die Menschen habe kennenlernen,
neigen wir, zumal in der Jugend, alle ein wenig dazu, die Vorsehung und
unsere Wünsche miteinander zu verwechseln. Aber sage mir, da du deine
Bestimmung vorauszuwissen glaubst, ein Wort darüber. Wozu denn glaubst
du bestimmt zu sein?“
Narziß schloß seine dunklen Augen halb, daß sie unter den langen
schwarzen Wimpern verschwanden. Er schwieg.
„Sprich, mein Sohn“, mahnte nach langem Warten der Abt. Mit leiser
Stimme und gesenkten Augen begann Narziß zu sprechen.
„Ich glaube zu wissen, gnädiger Vater, daß ich vor allem zum
Klosterleben bestimmt bin. Ich werde, so glaube ich, Mönch werden,
Priester werden, Subprior und vielleicht Abt werden. Ich glaube dies
nicht, weil ich es wünsche. Mein Wunsch geht nicht nach Ämtern. Aber sie
werden mir auferlegt werden.“
Lange schwiegen beide.
„Warum hast du diesen Glauben?“ fragte zögernd der Alte. „Welche
Eigenschaft in dir, außer der Gelehrsamkeit, ist es wohl, die in diesem
Glauben zu Wort kommt?“
„Es ist die Eigenschaft“, sagte Narziß langsam, „daß ich ein Gefühl für
die Art und Bestimmung der Menschen habe, nicht nur für meine eigene,
auch für die der andern. Diese Eigenschaft zwingt mich, den andern
dadurch zu dienen, daß ich sie beherrsche. Wäre ich nicht zum
Klosterleben geboren, so würde ich ein Richter oder Staatsmann werden
müssen.“
„Mag sein“, nickte der Abt. „Hast du deine Fähigkeit, Menschen und ihre
Schicksale zu erkennen, an Beispielen erprobt?“
„Ich habe sie erprobt.“
„Bist du bereit, mir ein Beispiel zu nennen?“
„Ich bin bereit.“
„Gut. Da ich nicht in die Geheimnisse unserer Brüder ohne deren Wissen
eindringen möchte, magst du mir vielleicht sagen, was du über mich,
deinen Abt Daniel, zu wissen meinst.“
Narziß hob seine Lider und blickte dem Abt in die Augen.
„Ist es Euer Befehl, gnädiger Vater?“
„Mein Befehl.“
„Es fällt mir schwer, zu sprechen, Vater.“
„Auch mir fällt es schwer, junger Bruder, dich zum Sprechen zu zwingen.
Ich tue es dennoch. Sprich!“
Narziß senkte den Kopf und sagte flüsternd: „Es ist wenig, was ich von
Euch weiß, verehrter Vater. Ich weiß, daß Ihr ein Diener Gottes seid,
dem es lieber wäre, Ziegen zu hüten oder in einer Einsiedelei das
Glöckchen zu läuten und die Beichten der Bauern anzuhören, als ein
großes Kloster zu regieren. Ich weiß, daß Ihr eine besondere Liebe zur
heiligen Mutter Gottes habet und zu ihr am meisten betet. Ihr betet
zuweilen darum, daß die griechischen und anderen Wissenschaften, die in
diesem Kloster gepflegt werden, keine Verwirrung und Gefahr für die
Seelen Eurer Anbefohlenen sein mögen. Ihr betet zuweilen, daß Euch gegen
den Subprior Gregor die Geduld nicht verlasse. Ihr betet zuweilen um ein
sanftes Ende. Und Ihr werdet, so glaube ich, erhört werden und ein
sanftes Ende haben.“
Still war es in dem kleinen Sprechzimmer des Abtes. Endlich sprach der
Alte.
„Du bist ein Schwärmer und hast Gesichte“, sagte der greise Herr
freundlich. „Auch fromme und freundliche Gesichte können täuschen;
verlaß dich nicht auf sie, wie auch ich mich nicht auf sie verlasse. –
Kannst du sehen, Bruder Schwärmer, was ich über diese Sache im Herzen
denke?“
„Ich kann sehen, Vater, daß Ihr sehr freundlich darüber denket. Ihr
denket das Folgende: ‚Dieser junge Schüler ist ein wenig gefährdet, er
hat Gesichte, er hat vielleicht zu viel meditiert. Ich könnte ihm
vielleicht eine Buße auferlegen, sie wird ihm nicht schaden. Ich werde
aber die Buße, die ich ihm auferlege, auch selbst auf mich nehmen.‘ –
Dies ist es, was Ihr soeben denket.“
Der Abt erhob sich. Lächelnd winkte er dem Novizen, sich zu
verabschieden.
„Es ist gut“, sagte er. „Nimm deine Gesichte nicht allzu ernst, junger
Bruder; Gott fordert noch manches andere von uns, als Gesichte zu haben.
Nehmen wir an, du habest einem alten Mann damit geschmeichelt, daß du
ihm einen leichten Tod versprachst. Nehmen wir an, der alte Mann habe
einen Augenblick lang diese Versprechung gern gehört. Es ist nun genug.
Du sollst einen Rosenkranz beten, morgen nach der Frühmesse, du sollst
ihn mit Demut und Hingabe beten und nicht obenhin, und ich werde
dasselbe tun. Geh nun, Narziß, es ist genug geredet.“
Ein andermal hatte der Abt Daniel zu schlichten zwischen dem jüngsten
der lehrenden Patres und Narziß, die sich über einen Punkt im Lehrplan
nicht einigen konnten: Narziß drang mit großem Eifer auf die Einführung
gewisser Änderungen im Unterricht, wußte sie auch mit überzeugenden
Gründen zu rechtfertigen; Pater Lorenz aber, aus einer Art von
Eifersucht, wollte nicht darauf eingehen, und jeder neuen Besprechung
folgten Tage eines verstimmten Schweigens und Schmollens, bis Narziß im
Gefühl des Rechthabens nochmals mit der Sache anfing. Schließlich sagte
Pater Lorenz, etwas gekränkt: „Nun, Narziß, wir wollen dem Streit ein
Ende machen. Du weißt ja, daß die Entscheidung bei mir und nicht bei dir
läge, du bist nicht mein Kollege, sondern mein Gehilfe und hast dich mir
zu fügen. Aber da die Sache dir gar so wichtig scheint und da ich dir
zwar an Amtsgewalt, nicht aber an Wissen und Gaben überlegen bin, will
ich nicht selbst die Entscheidung treffen, sondern wir werden sie
unserem Vater Abt vortragen und ihn entscheiden lassen.“
So taten sie denn, und Abt Daniel hörte den Streit der beiden Gelehrten
über ihre Auffassung des Unterrichts in der Grammatik geduldig und
freundlich an. Nachdem sie beide ihre Meinungen ausführlich dargelegt
und begründet hatten, blickte der alte Mann sie fröhlich an, schüttelte
ein wenig das greise Haupt und sprach: „Liebe Brüder, ihr glaubet ja
wohl beide nicht, daß ich von diesen Sachen ebensoviel verstünde wie
ihr. Es ist löblich von Narziß, daß die Schule ihm so sehr am Herzen
liegt und daß er den Lehrplan zu verbessern strebt. Wenn aber sein
Vorgesetzter anderer Meinung ist, so hat Narziß zu schweigen und zu
gehorchen, und alle Verbesserungen der Schule wögen es nicht auf, wenn
ihretwegen Ordnung und Gehorsam in diesem Haus gestört würden. Ich tadle
Narziß, daß er nicht nachzugeben wußte. Und euch beiden jungen Gelehrten
wünsche ich, es möge euch nie an Vorgesetzten mangeln, welche dümmer
sind als ihr; nichts ist besser gegen den Hochmut.“ Mit diesem
gutmütigen Scherz entließ er sie. Aber er vergaß keineswegs, während der
nächsten Tage ein Auge darauf zu haben, ob zwischen den beiden Lehrern
wieder ein gutes Einvernehmen bestehe.
* * * * *
Und nun begab es sich, daß ein neues Gesicht im Kloster erschien, das so
viele Gesichter kommen und gehen sah, und daß dies neue Gesicht nicht zu
den unbemerkten und schnell wieder vergessenen gehörte. Es war ein
Jüngling, der, schon vorlängst von seinem Vater angemeldet, an einem
Frühlingstage eintraf, um in der Klosterschule zu studieren. Beim
Kastanienbaum banden sie ihre Pferde an, der Jüngling und sein Vater,
und aus dem Portal kam der Pförtner ihnen entgegen.
Der Knabe blickte an dem noch winterkahlen Baum empor. „Einen solchen
Baum“, sagte er, „habe ich noch nie gesehen. Ein schöner, merkwürdiger
Baum! Ich möchte wohl wissen, wie er heißt.“
Der Vater, ein ältlicher Herr mit einem versorgten und etwas
verkniffenen Gesicht, kümmerte sich nicht um die Worte des Jungen. Der
Pförtner aber, dem der Knabe alsbald wohlgefiel, gab ihm Auskunft. Der
Jüngling dankte ihm freundlich, gab ihm die Hand und sagte: „Ich heiße
Goldmund und soll hier zur Schule gehen.“ Freundlich lächelte der Mann
ihn an und ging den Ankömmlingen voran durchs Portal und die breiten
Steintreppen hinauf, und Goldmund betrat das Kloster ohne Zagen mit dem
Gefühl, an diesem Ort schon zwei Wesen begegnet zu sein, denen er Freund
sein konnte, dem Baum und dem Pförtner.
Die Angekommenen wurden erst vom Pater Schulvorsteher, gegen Abend auch
noch vom Abte selbst empfangen. An beiden Orten stellte der Vater, ein
kaiserlicher Beamter, seinen Sohn Goldmund vor, und man lud ihn ein,
eine Weile Gast des Hauses zu sein. Er machte jedoch nur für eine Nacht
vom Gastrecht Gebrauch und erklärte, morgen zurückreisen zu müssen. Als
Geschenk bot er dem Kloster das eine seiner beiden Pferde an, und die
Gabe ward angenommen. Die Unterhaltung mit den geistlichen Herren
verlief artig und kühl; aber sowohl der Abt wie der Pater blickte den
ehrerbietig schweigenden Goldmund mit Freude an, der hübsche zärtliche
Junge gefiel ihnen sogleich. Den Vater ließen sie andern Tages ohne
Bedauern wieder ziehen, den Sohn behielten sie gerne da. Goldmund wurde
den Lehrern vorgestellt und bekam ein Bett im Schlafsaal der Schüler.
Ehrerbietig und mit betrübtem Gesicht nahm er Abschied von seinem
wegreitenden Vater, stand und blickte ihm nach, bis er zwischen Kornhaus
und Mühle durch das enge Bogentor des äußeren Klosterhofes verschwand.
Eine Träne hing ihm an der langen blonden Wimper, als er sich umwandte;
da empfing ihn schon der Pförtner mit einem liebkosenden Schlag auf die
Schulter.
„Junges Herrchen“, sagte er tröstend, „du mußt nicht traurig sein. Die
meisten haben im Anfang ein klein wenig Heimweh, nach Vater, Mutter und
Geschwistern. Aber du wirst schnell sehen: es läßt sich auch hier leben,
und gar nicht übel.“
„Danke, Bruder Pförtner“, sagte der Junge. „Ich habe keine Geschwister
und keine Mutter, ich habe bloß den Vater.“
„Dafür findest du hier Kameraden und Gelehrsamkeit und Musik und neue
Spiele, die du noch nicht kennst, und dies und jenes, du wirst schon
sehen. Und wenn du einen brauchst, der es gut mit dir meint, dann komm
nur zu mir.“
Goldmund lächelte ihn an. „Oh, ich danke Euch sehr. Und wenn Ihr mir
eine Freude machen wollet, dann zeigt mir bitte bald, wo unser Rößlein
steht, das mein Vater hiergelassen hat. Ich möchte es begrüßen und
sehen, ob es ihm auch gut gehe.“
Der Pförtner nahm ihn sogleich mit und führte ihn in den Pferdestall
beim Kornhaus. Da roch es in lauer Dämmerung scharf nach Pferden, nach
Mist und nach Gerste, und in einem der Stände fand Goldmund das braune
Pferd stehen, das ihn hierhergetragen hatte. Er legte dem Tier, das ihn
schon erkannt hatte und ihm den Kopf lang entgegenstreckte, beide Hände
um den Hals, legte ihm die Wange an die breite weißgefleckte Stirn,
streichelte es zärtlich und flüsterte ihm Worte ins Ohr: „Grüß dich
Gott, Bleß, mein Tierchen, mein Braver, geht es dir gut? Hast du mich
noch lieb? Hast du auch zu fressen? Denkst du auch noch an daheim?
Bleßchen, Rößchen, lieber Kerl, wie gut, daß du dageblieben bist, ich
will oft zu dir kommen und nach dir sehen.“ Er zog aus dem Ärmelumschlag
ein Stück Frühstücksbrot, das er beiseitegebracht hatte, und gab es in
kleinen Brocken dem Tier zu fressen. Dann nahm er Abschied, folgte dem
Pförtner über den Hof, der breit wie der Marktplatz einer großen Stadt
und zum Teil mit Linden bewachsen war. Am innern Eingang dankte er dem
Pförtner und gab ihm die Hand, dann merkte er, daß er den Weg zu seinem
Schulsaal nicht mehr wisse, der ihm gestern gezeigt worden war, lachte
ein wenig und wurde rot, bat den Pförtner, ihn zu führen, und der tat es
gerne. Dann trat er in den Schulsaal, wo ein Dutzend Knaben und
Jünglinge auf den Bänken saßen, und der Lehrgehilfe Narziß wendete sich
um.
„Ich bin Goldmund“, sagte er, „der neue Schüler.“
Narziß grüßte kurz, ohne Lächeln, wies ihm einen Platz in der hintern
Bank an und fuhr sofort in seinem Unterricht fort.
Goldmund setzte sich. Er war erstaunt darüber, einen so jungen Lehrer zu
finden, kaum einige Jahre älter als er selbst, und war erstaunt und tief
erfreut darüber, diesen jungen Lehrer so schön, so vornehm, so ernst,
dabei so gewinnend und liebenswert zu finden. Der Pförtner war nett mit
ihm gewesen, der Abt war ihm so freundlich begegnet, drüben im Stall
stand Bleß und war ein Stück Heimat, und nun war da dieser erstaunlich
junge Lehrer, ernst wie ein Gelehrter und fein wie ein Prinz, und mit
dieser beherrschten, kühlen, sachlichen, zwingenden Stimme! Dankbar
hörte er zu, ohne doch gleich zu verstehen, von was da die Rede sei. Ihm
wurde wohl. Er war zu guten, zu liebenswerten Menschen gekommen, und er
war bereit, sie zu lieben und um ihre Freundschaft zu werben. Am Morgen
im Bett, nach dem Erwachen, hatte er sich beklommen gefühlt, und müde
von der langen Reise war er auch noch, und beim Abschied von seinem
Vater hatte er etwas weinen müssen. Aber jetzt war es gut, er war
zufrieden. Lange und immer wieder sah er den jungen Lehrer an, freute
sich an seiner straffen schlanken Gestalt, seinem kühl blitzenden Auge,
seinen straffen, klar und fest die Silben formenden Lippen, an seiner
beschwingten, unermüdlichen Stimme.
Aber als die Unterrichtsstunde zu Ende war und die Schüler sich lärmend
erhoben, schrak Goldmund auf und merkte etwas beschämt, daß er eine
ganze Weile geschlafen hatte. Und nicht er allein merkte es, auch seine
Banknachbarn hatten es gesehen und flüsternd weitergemeldet. Kaum hatte
der junge Lehrer den Saal verlassen, da zupften und stießen die
Kameraden Goldmund von allen Seiten.
„Ausgeschlafen?“ fragte einer und grinste.
„Feiner Schüler!“ höhnte einer. „Aus dem wird ein schönes Kirchenlicht
werden. Dachst gleich in der ersten Stunde ein!“
„Bringt ihn zu Bett, den Kleinen“, schlug einer vor, und sie griffen ihn
an Armen und Beinen, um ihn unter Gelächter wegzutragen.
So aufgeschreckt wurde Goldmund zornig; er schlug um sich, suchte sich
zu befreien, bekam Püffe und wurde schließlich fallen gelassen, während
einer ihn noch an einem Fuße festhielt. Von diesem trat er sich
gewaltsam los, warf sich auf den ersten besten, der sich stellte, und
war alsbald mit ihm in einen heftigen Kampf verwickelt. Sein Gegner war
ein starker Kerl, und alle sahen dem Zweikampf mit Begierde zu. Als
Goldmund nicht unterlag und dem Starken einige gute Fausthiebe
beibrachte, hatte er schon Freunde unter den Kameraden, noch ehe er
einen von ihnen mit Namen kannte. Plötzlich aber stoben alle in größter
Hast davon, und kaum waren sie weg, so trat der Pater Martin herein, der
Schulvorsteher, und stand dem allein zurückgebliebenen Knaben gegenüber.
Verwundert sah er den Knaben an, dessen blaue Augen verlegen aus dem
hochgeröteten und etwas zerschlagenen Gesicht blickten.
„Ja, was ist denn mit dir?“ fragte er. „Du bist doch Goldmund, nicht?
Haben sie dir denn etwas getan, die Lotterbuben?“
„O nein“, sagte der Knabe, „ich bin mit ihm fertig geworden.“
„Mit wem denn?“
„Ich weiß nicht. Ich kenne noch keinen. Einer hat mit mir gekämpft.“
„So? Hat er angefangen?“
„Ich weiß nicht. Nein, ich glaube, ich habe selber angefangen. Sie haben
mich gehänselt, da wurde ich böse.“
„Nun, du fängst ja gut an, mein Junge. Also merke dir: Wenn du noch
einmal hier im Schulzimmer Prügeleien auskämpfst, gibt es Strafe. Und
jetzt mache, daß du zum Vesperbrot kommst, vorwärts!“
Lächelnd sah er Goldmund nach, wie er beschämt davonlief und unterwegs
das zerzauste hellblonde Haar mit den Fingern zu strählen bemüht war.
Goldmund war selbst der Meinung, seine erste Tat in diesem Klosterleben
sei recht unartig und töricht gewesen; ziemlich zerknirscht suchte und
fand er seine Schulkameraden beim Vesperbrot. Aber er wurde mit Achtung
und Freundlichkeit empfangen, er versöhnte sich ritterlich mit seinem
Feinde und fühlte sich von Stund an wohl aufgenommen in diesem Kreise.
Zweites Kapitel
Wenn er indessen mit allen gut Freund war, einen wirklichen Freund fand
er doch nicht so bald; es war keiner unter den Mitschülern, dem er sich
besonders verwandt oder zugeneigt fühlte. Sie aber waren verwundert, in
dem schneidigen Faustkämpfer, den sie geneigt waren für einen
liebenswerten Raufbold zu halten, einen sehr friedfertigen Kollegen zu
finden, der eher nach dem Ruhm eines Musterschülers zu streben schien.
Zwei Menschen im Kloster gab es, zu denen Goldmund sein Herz hingezogen
fühlte, die ihm gefielen, die seine Gedanken beschäftigten, für die er
Bewunderung, Liebe und Ehrfurcht fühlte: den Abt Daniel und den
Lehrgehilfen Narziß. Den Abt war er geneigt für einen Heiligen zu
halten, seine Einfalt und Güte, sein klarer sorglicher Blick, seine Art,
das Befehlen und Regieren demütig als einen Dienst zu vollziehen, seine
guten stillen Gebärden, das alles zog ihn gewaltig an. Am liebsten wäre
er der persönliche Diener dieses Frommen geworden, wäre immer gehorchend
und dienend um ihn gewesen, hätte all seinen knabenhaften Drang nach
Devotion und Hingabe ihm als beständiges Opfer dargebracht und ein
reines, edles, heiligmäßiges Leben von ihm gelernt. Denn Goldmund war
gesinnt, nicht nur die Klosterschule zu absolvieren, sondern womöglich
ganz und für immer im Kloster zu bleiben und sein Leben Gott zu weihen;
so war es sein Wille, so war es seines Vaters Wunsch und Gebot, und so
war es wohl von Gott selbst bestimmt und gefordert. Niemand schien es
dem schönen, strahlenden Knaben anzusehen, und doch lag eine Bürde auf
ihm, eine Bürde der Herkunft, eine geheime Bestimmung zu Sühne und
Opfer. Auch der Abt sah es nicht, obwohl Goldmunds Vater ihm einige
Andeutungen gemacht und deutlich den Wunsch geäußert hatte, sein Sohn
möge für immer hier im Kloster bleiben. Irgendein geheimer Makel schien
an der Geburt Goldmunds zu haften, irgend etwas Verschwiegenes schien
Sühne zu fordern. Aber der Vater hatte dem Abt nur wenig gefallen, er
hatte seinen Worten und seinem ganzen etwas wichtigtuerischen Wesen
höfliche Kühle entgegengestellt und seinen Andeutungen keine große
Bedeutung eingeräumt.
Jener andere, der Goldmunds Liebe erweckt hatte, sah schärfer und ahnte
mehr, aber er hielt sich zurück. Narziß hatte recht wohl bemerkt, welch
ein holder Goldvogel ihm da zugeflogen war. Er, der in seiner
Vornehmheit Vereinsamte, hatte alsbald in Goldmund den Verwandten
gewittert, obwohl er in allem sein Gegenspiel zu sein schien. Wie Narziß
dunkel und hager, so war Goldmund leuchtend und blühend. Wie Narziß ein
Denker und Zergliederer, so schien Goldmund ein Träumer und eine
kindliche Seele zu sein. Aber die Gegensätze überspannte ein
Gemeinsames: beide waren sie vornehme Menschen, beide waren sie durch
sichtbare Gaben und Zeichen vor den andern ausgezeichnet, und beide
hatten sie vom Schicksal eine besondere Mahnung mitbekommen.
Brennend nahm Narziß an dieser jungen Seele teil, deren Art und
Schicksal er bald erkannt hatte. Glühend bewunderte Goldmund seinen
schönen, überlegen klugen Lehrer. Aber Goldmund war schüchtern; er fand
keine andere Weise, um Narziß zu werben, als daß er sich bis zur
Übermüdung bemühte, ein aufmerksamer und gelehriger Schüler zu sein. Und
nicht die Schüchternheit allein hielt ihn zurück. Es hielt ihn auch
zurück ein Gefühl dafür, daß Narziß eine Gefahr für ihn sei. Er konnte
nicht den guten demütigen Abt zum Ideal und Vorbild haben und zugleich
den überklugen, gelehrten, scharfgeistigen Narziß. Und dennoch strebte
er mit allen Seelenkräften seiner Jugend beiden Idealen nach, den
unvereinbaren. Oft machte ihn das leiden. Manchmal in den ersten Monaten
seiner Schülerzeit fühlte Goldmund sich so im Herzen verwirrt und hin
und her gerissen, daß er stark in Versuchung kam, davonzulaufen oder im
Umgang mit den Kameraden seine Not und seinen inneren Zorn auszulassen.
Oft wurde er, der Gutmütige, auf irgendeine kleine Hänselei oder
Schülerfrechheit hin urplötzlich so aufflammend wild und böse, daß er
nur mit äußerster Anstrengung sich halten und sich, mit geschlossenen
Augen und leichenblaß, schweigend abwenden konnte. Dann suchte er in der
Stallung das Pferd Bleß auf, lehnte den Kopf an seinen Hals, küßte es,
weinte bei ihm. Und allmählich nahm sein Leiden zu und wurde bemerkbar.
Seine Wangen wurden schmal, sein Blick war oft erloschen, sein von allen
geliebtes Lachen selten geworden.
Er selbst wußte nicht, wie es um ihn stehe. Es war sein ehrlicher Wunsch
und Wille, ein guter Schüler zu sein, bald ins Noviziat aufgenommen und
dann ein frommer stiller Bruder der Patres zu werden; er glaubte daran,
daß alle seine Kräfte und Gaben diesem frommen sanften Ziele zustrebten,
er wußte nichts von anderen Strebungen. Wie seltsam und traurig war es
ihm darum, sehen zu müssen, daß dies einfache und schöne Ziel so schwer
zu erreichen sei. Wie entmutigt und befremdet nahm er zuweilen
tadelnswerte Neigungen und Zustände an sich wahr: Zerstreutheit und
Widerwillen beim Lernen, Träumen und Phantasieren oder Schläfrigkeit
während der Lektionen, Auflehnung und Abneigung gegen den Lateinlehrer,
Reizbarkeit und zornige Ungeduld gegen die Mitschüler. Und das
Verwirrendste war dies, daß seine Liebe zu Narziß sich so schlecht mit
seiner Liebe zum Abt Daniel vertragen wollte. Dabei glaubte er manchmal
mit innerster Gewißheit zu spüren, daß auch Narziß ihn liebe, daß er an
ihm teilnehme und auf ihn warte.
Viel mehr, als der Knabe ahnte, waren Narzissens Gedanken mit ihm
beschäftigt. Er wünschte sich diesen hübschen, hellen, lieben Jungen zum
Freunde, er ahnte in ihm seinen Gegenpol und seine Ergänzung, er hätte
ihn an sich nehmen mögen, ihn führen, aufklären, steigern und zur Blüte
bringen. Aber er hielt sich zurück. Er tat es aus vielen Beweggründen,
und sie waren ihm beinah alle bewußt. Vor allem band und hemmte ihn der
Abscheu, den er gegen jene nicht seltenen Lehrer und Mönche fühlte,
welche sich in Schüler oder Novizen verliebten. Oft genug hatte er
selbst mit Widerwillen die begehrenden Augen älterer Männer auf sich
ruhen gefühlt, oft genug war er ihren Freundlichkeiten und Hätscheleien
mit stummer Abwehr begegnet. Nun verstand er sie besser – auch er sah
eine Verlockung darin, den hübschen Goldmund liebzuhaben, sein holdes
Lachen hervorzurufen, mit zärtlicher Hand durch sein hellblondes Haar zu
streichen. Aber nie würde er das tun, niemals. Außerdem war er als
Lehrgehilfe, der im Rang eines Lehrers stand, ohne doch dessen Amt und
Autorität zu haben, an besondere Vorsicht und Wachsamkeit gewöhnt. Er
war daran gewöhnt, den um wenige Jahre Jüngeren gegenüberzustehen, als
sei er zwanzig Jahre älter, er war daran gewöhnt, sich jede Bevorzugung
eines Schülers streng zu verbieten, sich gegen jeden ihm widerwärtigen
Schüler zu besonderer Gerechtigkeit und Fürsorge zu zwingen. Sein Dienst
war ein Dienst am Geiste, ihm war sein strenges Leben gewidmet, und nur
heimlich, in seinen unbewachtesten Augenblicken, erlaubte er sich den
Genuß des Hochmuts, des Besserwissens und Klügerseins. Nein, mochte eine
Freundschaft mit Goldmund noch so verlockend sein, sie war eine Gefahr,
und den Kern seines Lebens durfte er von ihr nicht berühren lassen. Der
Kern und Sinn seines Lebens war der Dienst am Geist, der Dienst am Wort,
war das stille, überlegene, auf eigenen Nutzen verzichtende Führen
seiner Schüler – und nicht nur seiner Schüler – zu hohen geistigen
Zielen.
Ein Jahr und länger war Goldmund schon Klosterschüler in Mariabronn,
hundertmal schon hatte er unter den Linden des Hofes und unter dem
schönen Kastanienbaum mit den Kameraden die Schülerspiele gespielt,
Laufspiele, Ballspiele, Räuberspiele, Schneeballschlachten; nun war es
Frühling, aber Goldmund war müde und fühlte sich kränklich, oft tat der
Kopf ihm weh, und in der Schule hatte er Mühe, sich wach und aufmerksam
zu erhalten.
Da sprach eines Abends Adolf ihn an, jener Schüler, dessen erste
Begegnung mit ihm damals ein Faustkampf gewesen war und mit dem er in
diesem Winter den Euklid zu studieren begonnen hatte. Es war in der
Stunde nach dem Abendessen, einer Freistunde, in der das Spielen in den
Dormenten, das Plaudern in den Schülerstuben und auch das Spazieren im
äußern Klosterhof erlaubt war.
„Goldmund“, sagte er, indem er ihn mit sich die Treppe hinabzog, „ich
will dir etwas erzählen, etwas Lustiges. Aber du bist ja ein Musterknabe
und willst gewiß einmal Bischof werden – gib mir zuerst dein Wort, daß
du Kameradschaft halten und mich nicht bei den Lehrern angeben willst.“
Goldmund gab ohne weiteres sein Wort. Es gab eine Klosterehre, und es
gab eine Schülerehre, und beide kamen zuweilen in Widerstreit, er kannte
das, aber es waren, wie überall, die ungeschriebenen Gesetze stärker als
die geschriebenen, und nie hätte er, solang er Schüler war, sich den
Gesetzen und Ehrbegriffen der Schülerschaft entzogen.
Flüsternd zog ihn Adolf zum Portal hinaus unter die Bäume. Es seien da,
erzählte er, ein paar gute kühne Kameraden, zu denen er gehöre, die
hätten von früheren Generationen den Brauch übernommen, je und je sich
dessen zu entsinnen, daß sie ja keine Mönche seien, und für einen Abend
das Kloster zu verlassen und ins Dorf zu gehen. Es sei ein Spaß und
Abenteuer, dem ein ordentlicher Kerl sich nicht entziehe, in der Nacht
werde man zurückkommen.
„Aber dann ist ja das Tor geschlossen“, warf Goldmund ein.
Gewiß, natürlich sei es geschlossen, dies eben sei ja der Spaß bei der
Sache. Man wisse aber auf geheimen Wegen unbemerkt hereinzukommen, es
sei nicht das erstemal.
Goldmund erinnerte sich. Die Redensart „Ins Dorf gehen“ hatte er schon
gehört, man verstand darunter nächtliche Ausflüge der Zöglinge, zu
allerlei geheimen Genüssen und Abenteuern, und es war vom Klostergesetz
bei schwerer Strafe verboten. Er erschrak. „Ins Dorf“ zu gehen war
Sünde, war verboten. Er begriff aber sehr wohl, daß es gerade darum
unter „ordentlichen Kerls“ zur Schülerehre gehören könne, das
Gefährliche zu wagen, und daß es eine gewisse Auszeichnung bedeute, zu
diesem Abenteuer aufgefordert zu werden.
Am liebsten hätte er nein gesagt und wäre zurückgelaufen und zu Bett
gegangen. Er war so müde und fühlte sich so elend, den ganzen Nachmittag
hatte ihm der Kopf weh getan. Aber er schämte sich ein wenig vor Adolf.
Und wer weiß, vielleicht gab es da draußen, bei dem Abenteuer, irgend
etwas Schönes und Neues, etwas, worüber man Kopfweh und Stumpfheit und
allerlei Elend vergessen konnte. Es war ein Ausflug in die Welt, ein
heimlicher und verbotener zwar, ein nicht ganz rühmlicher, aber
vielleicht doch eine Befreiung, ein Erlebnis. Zögernd stand er, während
Adolf auf ihn einredete, und plötzlich lachte er auf und sagte ja.
Unbemerkt verlor er sich mit Adolf unter den Lindenbäumen im weiten,
schon dunklen Hof, dessen äußeres Tor um diese Stunde schon verschlossen
war. Der Kamerad führte ihn in die Klostermühle, wo in der Dämmerung und
im stetigen Lärm der Räder es leicht war, sich ungehört und ungesehen
hindurchzuschleichen. Durch ein Fenster gelangte man, schon ganz im
Finstern, auf einen feuchten schlüpfrigen Stapel von hölzernen Bohlen,
deren eine man herausziehen und über den Bach legen mußte, um
hinüberzukommen. Und nun war man draußen, auf der matt schimmernden
Heerstraße, die in den schwarzen Wald hinein verschwand. Dies alles war
erregend und geheimnisvoll und gefiel dem Knaben sehr.
Am Waldrande stand schon ein Kamerad, Konrad, und nachdem sie lange
gewartet, kam noch einer dahergestapft, der große Eberhard. Zu vieren
marschierten die Jünglinge durch den Wald, über ihnen rauschten
Nachtgevögel auf, ein paar Sterne zeigten sich hell-feucht zwischen
stillen Wolken. Konrad schwatzte und machte Witze, zuweilen lachten die
andern mit, dennoch schwebte ein banges und feierliches Nachtgefühl über
ihnen, und ihre Herzen schlugen reger.
Jenseits des Waldes, nach einer kleinen Stunde, erreichten sie das Dorf.
Da schien alles schon zu schlafen, bleich schimmerten die niederen
Giebel, von den dunklen Rippen des Gebälks durchwachsen, nirgends war
Licht. Adolf ging voran, schleichend und schweigend umgingen sie einige
Häuser, stiegen über einen Zaun, standen in einem Garten, traten in die
weiche Erde von Beeten, strauchelten über Stufen, hielten vor der Wand
eines Hauses. Adolf pochte an einen Laden, wartete, pochte nochmals,
innen gab es Geräusch, und bald schimmerte Licht auf, der Laden öffnete
sich, und einer hinterm andern stiegen sie ein, in eine Küche mit
schwarzem Rauchfang und irdenem Boden. Auf dem Herd stand klein eine
Öllampe, flackernd brannte auf dünnem Docht eine schwache Flamme. Ein
Mädchen stand hier, eine hagere Bauernmagd, die gab den Eindringlingen
die Hand, hinter ihr aus dem Dunkel trat ein zweites, ein junges Kind
mit langen dunklen Zöpfen. Adolf brachte Gastgeschenke mit, einen halben
Laib weißes Klosterbrot und etwas in einem papierenen Beutel, Goldmund
vermutete, es sei ein wenig gestohlener Weihrauch oder Kerzenwachs oder
dergleichen. Die Junge mit den Zöpfen ging hinaus, ohne Licht tastete
sie sich durch die Tür, blieb lange aus und kam wieder mit einem Krug
aus grauem Ton mit blauer Blume darauf, den sie Konrad reichte. Er trank
daraus und gab ihn weiter, alle tranken, es war starker Apfelmost.
Im Schein der winzigen Lampenflamme ließen sie sich nieder, auf kleine
steife Stabellen die beiden Mädchen, rund um sie auf den Boden die
Schüler. Es wurde flüsternd gesprochen, dazwischen Most getrunken, Adolf
und Konrad führten das Wort. Zuweilen stand einer auf und streichelte
der Hageren das Haar und den Nacken, flüsterte ihr ins Ohr, die Kleine
blieb unberührt. Wahrscheinlich, dachte Goldmund, war die Große die
Magd, die hübsche Kleine die Tochter des Hauses. Es war übrigens
gleichgültig, es ging ihn nichts an, denn er würde niemals mehr
hierherkommen. Das heimliche Ausreißen und der Nachtgang durch den Wald,
das war schön, das war ungewohnt, erregend, geheimnisvoll und doch nicht
gefährlich. Es war zwar verboten, aber die Übertretung des Verbots belud
das Gewissen nicht schwer. Das hier aber, dieser nächtliche Besuch bei
den Mädchen, war mehr als nur verboten, so fühlte er, es war Sünde. Für
die andern vielleicht war auch dies nur ein kleiner Seitensprung, für
ihn aber nicht; für ihn, der sich zum Mönchsleben und zur Askese
bestimmt wußte, war kein Spiel mit Mädchen erlaubt. Nein, er würde nie
wieder mitkommen. Aber sein Herz schlug stark und bang in der
Ampeldämmerung der ärmlichen Küche.
Seine Kameraden spielten vor den Mädchen die Helden und machten sich mit
lateinischen Redensarten wichtig, die sie in die Unterhaltung mischten.
Alle drei schienen bei der Magd in Gunst zu stehen, sie näherten sich
ihr je und je mit ihren kleinen, linkischen Liebkosungen, deren
zärtlichste ein scheuer Kuß war. Sie schienen genau zu wissen, was ihnen
hier erlaubt sei. Und da die ganze Unterhaltung im Flüsterton geführt
werden mußte, hatte die Szene eigentlich etwas Komisches, doch Goldmund
empfand nicht so. Er kauerte still am Boden und blickte starr ins
Flämmlein der Ampel, ohne ein Wort von sich zu geben. Zuweilen fing er
mit etwas begehrlichem Seitenblick eine der Zärtlichkeiten auf, die
zwischen den andern getauscht wurden. Steif blickte er vor sich hin. Am
liebsten aber hätte er nichts anderes angeschaut als die Kleine mit den
Zöpfen, aber gerade dies verbot er sich. Immer aber, wenn einmal sein
Wille nachließ und sein Blick sich zu dem stillen süßen Mädchengesicht
hinüber verirrte, fand er unfehlbar ihre dunklen Augen auf sein Gesicht
geheftet, wie verzaubert starrte sie ihn an.
Eine Stunde war vielleicht vergangen – nie hatte Goldmund eine so lange
Stunde erlebt –, da waren die Redensarten und Zärtlichkeiten der Schüler
erschöpft, es wurde still, und man saß etwas verlegen, Eberhard fing an
zu gähnen. Da mahnte die Magd zum Aufbruch. Alle erhoben sich, alle
gaben der Magd die Hand, Goldmund zuletzt. Dann gaben sie alle der
Jungen die Hand, Goldmund zuletzt. Dann stieg Konrad voran aus dem
Fenster, ihm folgten Eberhard und Adolf. Als auch Goldmund hinausstieg,
fühlte er sich von einer Hand an der Schulter zurückgehalten. Er konnte
nicht anhalten; erst als er draußen am Boden stand, wandte er sich
zögernd um. Aus dem Fenster beugte sich die Junge mit den Zöpfen.
„Goldmund!“ flüsterte sie. Er blieb stehen.
„Kommst du einmal wieder?“ fragte sie. Ihre schüchterne Stimme war nur
ein Hauch.
Goldmund schüttelte den Kopf. Sie streckte ihre beiden Hände aus, faßte
seinen Kopf, warm fühlte er die kleinen Hände an seinen Schläfen. Sie
beugte sich tief herab, bis ihre dunklen Augen dicht vor den seinen
waren.
„Komm wieder!“ flüsterte sie, und ihr Mund berührte den seinen in einem
kindlichen Kuß.
Schnell lief er den andern nach durch den kleinen Garten, taumelte über
die Beete, roch feuchte Erde und Mist, riß sich die Hand an einem
Rosenstrauch wund, kletterte über den Zaun und trabte den andern nach,
zum Dorf hinaus, dem Wald entgegen. „Niemals mehr!“ sagte befehlend sein
Wille. „Morgen wieder!“ flehte schluchzend sein Herz.
Niemand begegnete den Nachtvögeln, unbehelligt kamen sie nach Mariabronn
zurück, über den Bach, durch die Mühle, über den Lindenplatz und auf
Schleichwegen über Vordächer und durch säulchengeteilte Fenster ins
Kloster und in den Schlafsaal.
Am Morgen mußte der lange Eberhard mit Püffen geweckt werden, so schwer
war sein Schlaf. Alle waren sie rechtzeitig in der Frühmesse, bei der
Morgensuppe und im Hörsaal, aber Goldmund sah schlecht aus, so schlecht,
daß Pater Martin ihn fragte, ob er krank sei. Adolf warf ihm einen
warnenden Blick zu, und er sagte, ihm fehle nichts. Im Griechischen
aber, gegen Mittag, ließ Narziß ihn nicht aus den Augen. Auch er sah,
daß Goldmund krank sei, schwieg aber und beobachtete ihn scharf. Am Ende
der Lektion rief er ihn zu sich. Um die Schüler nicht aufmerksam zu
machen, schickte er ihn mit einem Auftrag in die Bibliothek. Dorthin
ging er ihm nach.
„Goldmund“, sagte er, „kann ich dir beistehen? Ich sehe, daß du in Not
bist. Vielleicht bist du krank. Dann legen wir dich zu Bett und schicken
dir eine Krankensuppe und ein Glas Wein. Du hast heut keinen Kopf fürs
Griechische.“
Lange wartete er auf eine Antwort. Aus verstörten Augen sah der bleiche
Knabe zu ihm her, senkte den Kopf, hob ihn wieder, zuckte mit den
Lippen, wollte sprechen, konnte es nicht. Plötzlich sank er zur Seite,
lehnte den Kopf auf ein Lesepult, zwischen die beiden kleinen
Engelsköpfe aus Eichenholz, die das Pult einfaßten, und brach in ein
solches Weinen aus, daß Narziß sich verlegen fühlte und eine Weile den
Blick abwandte, ehe er den Schluchzenden anfaßte und aufhob.
„Nun ja“, sagte er freundlicher, als Goldmund ihn je hatte sprechen
hören, „nun ja, _amice_, weine nur, es wird dir bald besser sein. So,
setze dich, du brauchst nicht zu sprechen. Ich sehe, du hast genug;
wahrscheinlich hast du schon den ganzen Morgen Mühe gehabt, dich
aufrecht zu halten und dir nichts anmerken zu lassen, sehr brav hast du
das gemacht. Weine jetzt nur, es ist das Beste, was du tun kannst. Nein?
Schon fertig? Schon wieder aufrecht? Nun ja, dann gehn wir jetzt in die
Krankenstube, und du legst dich ins Bett, und heut abend wird dir schon
viel besser sein. Komm nur!“
Er führte ihn, unter Umgehung der Schülerstuben, in ein Krankenzimmer,
wies ihm eines der beiden leeren Betten an und ging, als Goldmund sich
folgsam auszukleiden begann, hinaus, um ihn beim Vorsteher krank zu
melden. Er bestellte auch, wie versprochen, eine Suppe und ein Glas
Krankenwein für ihn in der Speisung; diese beiden klosterüblichen
_beneficia_ waren bei den meisten Leichtkranken sehr beliebt.
Im Krankenbett lag Goldmund und suchte sich aus seiner Verwirrung
zurückzufinden. Vor einer Stunde vielleicht hätte er sich klarzumachen
vermocht, was ihn heute so unsäglich müde machte, was für eine tödliche
Überanstrengung der Seele es war, die ihm den Kopf leer und die Augen
brennen machte. Es war die gewaltsame, in jeder Minute erneute, in jeder
Minute mißglückende Anstrengung, den gestrigen Abend zu vergessen –
vielmehr nicht den Abend, nicht den törichten und hübschen Ausflug aus
dem geschlossenen Kloster, nicht die Wanderung im Walde, noch den
schlüpfrigen Notsteg über den schwarzen Mühlbach oder das Aus- und
Einsteigen über Zäune, durch Fenster und Gänge, sondern einzig den
Augenblick an jenem dunklen Küchenfenster, den Atem und die Worte des
Mädchens, den Griff ihrer Hände, den Kuß ihrer Lippen.
Aber jetzt war noch etwas hinzugekommen, ein neuer Schreck, ein neues
Erlebnis. Narziß hatte sich seiner angenommen, Narziß liebte ihn, Narziß
hatte sich um ihn bemüht – er, der Feine, Vornehme, der Kluge mit dem
schmalen, leicht spöttischen Munde. Und er, er hatte sich vor ihm gehen
lassen, war beschämt und stammelnd und schließlich heulend vor ihm
gestanden! Statt diesen Überlegenen mit den edelsten Waffen zu gewinnen,
mit Griechisch, mit Philosophie, mit geistigem Heldentum und würdiger
Stoa, war er schwach und jämmerlich vor ihm zusammengebrochen! Nie würde
er sich das verzeihen, nie würde er ihm ohne Scham ins Auge sehen
können.
Aber mit dem Weinen war die große Spannung entladen, die stille
Stubeneinsamkeit, das gute Bett tat wohl, der Verzweiflung war mehr als
die halbe Kraft geraubt. Nach einem Stündchen kam ein dienender Bruder
herein, brachte eine Mehlsuppe, ein Stückchen Weißbrot und einen kleinen
Becher roten Wein dazu, den die Schüler sonst nur an Festtagen bekamen,
und Goldmund aß und trank, aß den Teller halb leer, stellte ihn weg,
fing wieder zu denken an, aber es ging nicht; er holte den Teller wieder
her, aß nochmals einige Löffel voll. Und als etwas später die Tür leise
aufgetan wurde und Narziß hereinkam, um nach dem Kranken zu sehen, lag
er und schlief und hatte schon wieder Rot auf den Wangen. Lange
betrachtete ihn Narziß, mit Liebe, mit forschender Neugierde und auch
mit etwas Neid. Er sah: Goldmund war nicht krank, er würde ihm morgen
keinen Wein mehr zu schicken brauchen. Aber er wußte, der Bann sei
gebrochen, sie würden Freunde sein. Mochte heute Goldmund es sein, der
seiner bedurfte, dem er Dienste erweisen konnte. Ein andermal würde
vielleicht er selbst es sein, der schwach wäre und einer Hilfe, einer
Liebe bedürfte. Und von diesem Knaben würde er sie annehmen können, wenn
es einmal dahin kommen sollte.
Drittes Kapitel
Eine wunderliche Freundschaft war es, welche zwischen Narziß und
Goldmund begann; wenigen nur gefiel sie, und manchmal konnte es so
scheinen, als mißfiele sie den beiden selbst.
Narziß, der Denker, hatte es damit zunächst am schwersten. Ihm war alles
Geist, auch die Liebe; es war ihm nicht gegeben, gedankenlos sich einer
Anziehung anheimzugeben. Er war in dieser Freundschaft der führende
Geist, und lange Zeit war er es allein, der Schicksal, Umfang und Sinn
dieser Freundschaft bewußt erkannte. Lange Zeit blieb er einsam mitten
im Lieben und wußte, daß der Freund ihm erst dann wirklich angehören
werde, wenn er ihn zur Erkenntnis würde geführt haben. Innig und
glühend, spielend und rechenschaftslos gab Goldmund sich dem neuen Leben
hin; wissend und verantwortlich nahm Narziß das hohe Schicksal an.
Für Goldmund war es zuerst eine Erlösung und Genesung. Sein junges
Liebesbedürfnis war soeben, durch den Anblick und Kuß eines hübschen
Mädchens, mächtig aufgeweckt und zugleich hoffnungslos zurückgeschreckt
worden. Denn dies fühlte er im Innersten, daß all sein bisheriger
Lebenstraum, alles, woran er glaubte, alles, wozu er sich bestimmt und
berufen meinte, durch jenen Kuß im Fenster, durch den Blick jener
dunklen Augen an der Wurzel gefährdet war. Vom Vater zum Mönchsleben
bestimmt, mit ganzem Willen diese Bestimmung annehmend, mit der Glut
erster Jugendinbrunst einem frommen und asketisch-heldischen Ideal
zugewandt, hatte er bei der ersten flüchtigen Begegnung, beim ersten
Anruf des Lebens an seine Sinne, beim ersten Gruß des Weiblichen
unweigerlich gespürt, daß hier sein Feind und Dämon stehe, daß das Weib
seine Gefahr sei. Und jetzt bot ihm das Schicksal eine Rettung, jetzt
kam, in der dringendsten Not, diese Freundschaft ihm entgegen und bot
seinem Verlangen einen blühenden Garten, seiner Ehrfurcht einen neuen
Altar. Hier war ihm zu lieben erlaubt, war ihm erlaubt, ohne Sünde sich
hinzugeben, sein Herz einem bewunderten, älteren, klügeren Freunde zu
schenken, die gefährlichen Flammen der Sinne in edle Opferfeuer zu
verwandeln, zu vergeistigen.
Schon im ersten Frühling dieser Freundschaft aber stieß er auf
wunderliche Hemmnisse, auf unerwartete, rätselhafte Kälten, auf
erschreckende Forderungen. Denn ihm lag es ferne, sich seinen Freund als
Widerspiel und Gegenpol zu denken. Ihm schien, es bedürfe ja nur der
Liebe, nur der aufrichtigen Hingabe, um aus zweien eins zu machen, um
Unterschiede auszulöschen und Gegensätze zu überbrücken. Wie herb und
sicher, wie klar und unerbittlich aber war dieser Narziß! Ihm schien ein
harmloses Sichhingeben, ein dankbares gemeinsames Wandern im Lande der
Freundschaft unbekannt und unerwünscht zu sein. Wege ohne Ziel,
träumerisches Dahinwandeln schien er nicht zu kennen, nicht zu dulden.
Wohl hatte er sich, als Goldmund krank schien, um ihn besorgt gezeigt,
wohl half und riet er ihm getreulich in allen Angelegenheiten der Schule
und Gelehrsamkeit, erklärte ihm schwierige Stellen der Bücher, öffnete
ihm Blicke ins Reich der Grammatik, der Logik, der Theologie; aber
niemals schien er so recht mit dem Freunde zufrieden und einverstanden,
ja oft genug schien er ihn zu belächeln und nicht ernst zu nehmen.
Goldmund fühlte zwar, daß dies nicht bloße Schulmeisterei sei, nicht
bloßes Wichtigtun des Älteren und Gescheiteren, daß etwas anderes
dahinterstehe, etwas Tieferes, Wichtigeres. Erkennen aber konnte er dies
Tiefere nicht, und so machte seine Freundschaft ihn oft traurig und
ratlos.
In Wirklichkeit wußte Narziß recht wohl, was an seinem Freunde sei, er
war nicht blind für seine blühende Schönheit, noch für seine naturhafte
Lebenskraft und blumige Fülle. Er war keineswegs ein Schulmeister, der
eine glühende junge Seele mit Griechisch füttern, eine unschuldige Liebe
mit Logik beantworten wollte. Allzusehr vielmehr liebte er den blonden
Jüngling, und für ihn war dies eine Gefahr, denn Lieben war für ihn kein
natürlicher Zustand, sondern ein Wunder. Er durfte sich nicht verlieben,
sich nicht mit dem wohligen Anschauen dieser hübschen Augen, mit der
Nähe dieser blühenden lichten Blondheit begnügen, er durfte dieser Liebe
nicht erlauben, auch nur einen Augenblick beim Sinnlichen zu verweilen.
Denn wenn Goldmund sich zum Mönch und Asketen und zu einem lebenslangen
Streben nach Heiligkeit bestimmt fühlte – Narziß war wirklich zu einem
solchen Leben bestimmt. Ihm war Lieben nur in einer einzigen, der
höchsten Form erlaubt. An Goldmunds Bestimmung zum Asketen aber glaubte
Narziß nicht. Deutlicher als ein anderer verstand er in Menschen zu
lesen, und hier, wo er liebte, las er mit gesteigerter Klarheit. Er sah
Goldmunds Natur, die er trotz des Gegensatzes innigst verstand, denn sie
war die andere, verlorene Hälfte seiner eigenen. Er sah diese Natur von
einer harten Schale umpanzert, von Einbildungen, Erziehungsfehlern,
Vaterworten, und ahnte längst das ganze, nicht komplizierte Geheimnis
dieses jungen Lebens. Seine Aufgabe war ihm klar: dies Geheimnis seinem
Träger zu enthüllen, ihn von der Schale zu befreien, ihm seine
eigentliche Natur zurückzugeben. Es würde schwer sein, und das Schwerste
daran war, daß ihm der Freund vielleicht darüber verlorengehen würde.
Unendlich langsam rückte er dem Ziel näher. Monate vergingen, ehe auch
nur ein ernster Angriff, ein tiefgreifendes Gespräch zwischen beiden
möglich wurde. So weit waren sie, trotz aller Freundschaft, auseinander,
so weit war der Bogen zwischen ihnen gespannt. Ein Sehender und ein
Blinder, so gingen sie nebeneinander; daß der Blinde von seiner eigenen
Blindheit nichts wußte, war nur für diesen selbst eine Erleichterung.
Die erste Bresche schlug Narziß, als er das Erlebnis zu erforschen
suchte, das ihm damals den erschütterten Knaben in einer schwachen
Stunde zugetrieben hatte. Die Erforschung war weniger schwierig, als er
gedacht hatte. Längst fühlte Goldmund das Bedürfnis, das Erlebnis jener
Nacht zu beichten; doch gab es niemanden außer dem Abt, zu dem er genug
Vertrauen fühlte, und der Abt war nicht sein Beichtvater. Als nun Narziß
in einer Stunde, die ihm günstig schien, den Freund an jenen ersten
Beginn ihres Bundes erinnerte und sachte an das Geheimnis rührte, sagte
der ohne Umschweife: „Es ist schade, daß du die Weihen noch nicht hast
und noch nicht Beichte hören kannst; gern hätte ich mich von jener Sache
in der Beichte befreit und gern dafür eine Strafe abgebüßt. Aber meinem
Beichtvater konnte ich sie nicht sagen.“
Vorsichtig, listig grub Narziß weiter, die Fährte war gefunden. „Du
erinnerst dich“, probierte er, „an jenen Morgen, wo du krank zu sein
schienst; du hast ihn nicht vergessen, denn damals sind wir ja Freunde
geworden. Ich habe oft daran denken müssen. Vielleicht hast du es nicht
beachtet, aber ich war damals recht hilflos.“
„Du hilflos!?“ rief der Freund ungläubig. „Aber der Hilflose war ja ich!
Ich war es doch, der dastand und schluckte und kein Wort herausbrachte
und schließlich wie ein Kind zu weinen anfing! Pfui, ich schäme mich
noch heute dieser Stunde; ich glaubte, ich würde dir nie mehr vor die
Augen treten können. Daß du mich so jämmerlich schwach gesehen hast!“
Tastend drang Narziß vor.
„Ich verstehe“, sagte er, „daß dir das unangenehm war. Ein so fester und
tapferer Kerl wie du, und vor einem Fremden weinen, gar noch vor einem
Lehrer, das paßte in der Tat nicht zu dir. Nun, damals hielt ich dich
eben für krank. Wenn das Fieber ihn schüttelt, mag auch ein Aristoteles
sich sonderbar benehmen. Aber dann warst du ja gar nicht krank! Es war
ja gar kein Fieber! Und das ist es, wessen du dich schämtest. Niemand
schämt sich, einem Fieber zu unterliegen, nicht wahr? Du schämtest dich,
weil du etwas anderem erlegen warst, weil da etwas dich überwältigt
hatte. War denn etwas Besonderes geschehen?“
Goldmund zögerte ein wenig, dann sagte er langsam: „Ja, es war etwas
Besonderes geschehen. Laß mich annehmen, du seiest mein Beichtvater; es
muß ja doch einmal gesagt sein.“
Mit gesenktem Kopf erzählte er dem Freunde die Geschichte jener Nacht.
Lächelnd sagte darauf Narziß: „Nun ja, das ‚ins Dorf gehen‘ ist in der
Tat verboten. Aber man kann vieles Verbotene tun und kann darüber
lachen, oder man kann es beichten, und es ist erledigt und geht einen
nichts mehr an. Warum solltest du denn nicht auch einmal, wie fast jeder
Schüler, diese kleinen Torheiten begehen? Ist denn das so schlimm?“
Ohne Hemmung, zornig brach nun Goldmund los: „Du sprichst wirklich wie
ein Schullehrer! Du weißt ja genau, um was es sich handelt! Natürlich
sehe ich keine große Sünde darin, einmal den Hausregeln ein Schnippchen
zu schlagen und einen Schülerstreich mitzumachen, obwohl auch das ja
nicht gerade zu den Vorübungen des Klosterlebens gehört.“
„Halt!“ rief Narziß scharf. „Weißt du nicht, Freund, daß für viele
fromme Väter gerade diese Vorübungen nötig waren? Weißt du nicht, daß
einer der kürzesten Wege zum Leben eines Heiligen das Leben des
Wüstlings sein kann?“
„Ach, rede nicht!“ wehrte Goldmund ab. „Ich wollte sagen: nicht das
bißchen Ungehorsam war es, das mein Gewissen belud. Es war etwas
anderes. Es war das Mädchen. Es war ein Gefühl, das ich dir nicht
schildern kann! Ein Gefühl, daß, wenn ich dieser Verlockung nachgebe,
wenn ich auch nur die Hand ausstreckte, um das Mädchen anzurühren, ich
niemals mehr zurück könne, daß mich dann die Sünde wie ein Höllenschlund
einschlucken und nie mehr herausgeben werde. Daß es dann mit allen
schönen Träumen, mit aller Tugend, mit aller Liebe zu Gott und dem Guten
ein Ende hätte.“
Narziß nickte, sehr nachdenklich.
„Die Liebe zu Gott“, sagte er langsam, die Worte suchend, „ist nicht
immer eins mit der Liebe zum Guten. Ach, wenn es so einfach wäre! Was
gut ist, wissen wir, es steht in den Geboten. Aber Gott ist nicht nur in
den Geboten, du, sie sind nur der kleinste Teil von ihm. Du kannst bei
den Geboten stehen und kannst weit von Gott weg sein.“
„Verstehst du mich denn nicht?“ klagte Goldmund.
„Gewiß verstehe ich dich. Du fühlst im Weib, im Geschlecht, den
Inbegriff alles dessen, was du ‚Welt‘ und ‚Sünde‘ nennst. Aller anderen
Sünden, so scheint es dir, bist du entweder gar nicht fähig, oder aber
sie würden, wenn du sie begingest, dich doch nicht erdrücken, sie würden
sich beichten und gutmachen lassen. Nur die eine Sünde nicht!“
„Jawohl, genau so fühle ich es.“
„Du siehst, ich verstehe dich. Du hast ja auch nicht so sehr unrecht,
die Geschichte von Eva und der Schlange ist ja wahrlich keine müßige
Fabel. Und doch hast du nicht recht, Lieber. Du hättest recht, wenn du
der Abt Daniel wärest oder dein Taufpatron, der heilige Chrysostomus,
wenn du ein Bischof oder Priester oder auch nur ein kleiner simpler
Mönch wärest. Der bist du ja aber nicht. Du bist ein Schüler, und wenn
du auch den Wunsch hast, für immer im Kloster zu bleiben, oder wenn dein
Vater diesen Wunsch für dich hat, so hast du doch noch kein Gelübde
abgelegt, noch keine Weihe erhalten. Wenn du heut oder morgen durch ein
hübsches Mädchen verführt würdest und der Versuchung erlägest, so
hättest du keinen Schwur gebrochen, kein Gelübde verletzt.“
„Kein geschriebenes Gelübde!“ rief Goldmund in großer Erregung. „Wohl
aber ein ungeschriebenes, das heiligste, das ich in mir trage. Kannst du
denn nicht sehen, daß, was für viele andere gelten mag, für mich nicht
gilt? Hast denn nicht auch du selber noch keine Weihe, hast noch kein
Gelübde getan, und doch würdest du dir niemals erlauben, ein Weib
anzurühren! Oder täusche ich mich da? Bist du gar nicht so? Bist du gar
nicht der, für den ich dich hielt? Hast nicht auch du den Schwur, den du
mit Worten und vor den Oberen noch nicht geleistet hast, doch längst im
Herzen geleistet und fühlst dich durch ihn für immer verpflichtet? Bist
du denn nicht meinesgleichen?“
„Nein, Goldmund, ich bin nicht deinesgleichen, nicht so, wie du glaubst.
Wohl halte auch ich ein ungesprochenes Gelübde, darin hast du recht.
Aber deinesgleichen bin ich keineswegs. Ich sage dir heut ein Wort, an
das wirst du einmal denken. Ich sage dir: Unsere Freundschaft hat
überhaupt kein anderes Ziel und keinen anderen Sinn, als dir zu zeigen,
wie vollkommen ungleich du mir bist!“
Betroffen blieb Goldmund stehen; Narziß hatte mit dem Blick und Ton
gesprochen, dem nicht zu widerstehen war. Er schwieg. Aber warum sagte
Narziß solche Worte? Warum denn sollte Narzissens ungesprochenes Gelübde
heiliger sein als seines? Nahm er ihn überhaupt nicht ernst, sah er bloß
ein Kind in ihm? Die Verwirrungen und Traurigkeiten dieser sonderbaren
Freundschaft begannen von neuem.
Narziß war nicht mehr im Zweifel über die Natur von Goldmunds Geheimnis.
Es war Eva, es war die Urmutter, die dahinterstand. Wie aber war es
möglich, daß in einem so schönen, so gesunden, so blühenden Jüngling das
erwachende Geschlecht auf so erbitterte Feindschaft stieß? Es mußte ein
Dämon am Werke gewesen sein, ein heimlicher Feind, dem es gelungen war,
diesen herrlichen Menschen in sich zu spalten und mit seinen Urtrieben
zu entzweien. Gut, der Dämon mußte gefunden, mußte beschworen und
sichtbar gemacht werden, dann war er zu besiegen.
Inzwischen war Goldmund von den Kameraden mehr und mehr gemieden und im
Stich gelassen worden, vielmehr sie fühlten sich von ihm im Stich
gelassen und gewissermaßen verraten. Niemand sah seine Freundschaft mit
Narziß gerne. Die Hämischen brachten sie als naturwidrig in Verruf,
namentlich jene, welche selbst in einen der beiden Jünglinge verliebt
gewesen waren. Aber auch die andern, denen es einleuchtete, daß hier
kein Laster zu beargwöhnen sei, schüttelten die Köpfe. Niemand gönnte
diese beiden Menschen einander; durch ihren Zusammenschluß hatten sie,
so schien es, sich hochmütig als Aristokraten von den andern
abgesondert, die ihnen nicht gut genug waren; das war nicht kollegial,
war nicht klösterlich, war nicht christlich.
Dem Abt Daniel kam manches über die beiden zu Ohren, Gerüchte, Anklagen,
Verleumdungen. Viele Jünglingsfreundschaften hatte er in mehr als
vierzig Jahren Klosterlebens mit angesehen, sie gehörten ins Bild des
Klosters, sie waren eine hübsche Zugabe, waren zuweilen ein Spaß, waren
zuweilen eine Gefahr. Er hielt sich zurück, er hielt die Augen offen,
ohne sich einzumischen. Eine Freundschaft von solcher Heftigkeit und
Ausschließlichkeit war etwas Seltenes, sie war ohne Zweifel etwas nicht
Ungefährliches, aber da er an ihrer Reinheit keinen Augenblick
zweifelte, ließ er der Sache ihren Lauf. Wäre Narziß nicht in einer
Ausnahmestellung zwischen Schülern und Lehrern gewesen, so hätte der Abt
nicht gezögert, einige trennende Verordnungen zwischen die beiden zu
legen. Es war für Goldmund nicht gut, daß er sich von den Mitschülern
zurückzog und einzig mit einem Älteren, einem Lehrer, nahen Umgang
pflegte. Aber durfte man Narziß, den Ungewöhnlichen, Hochbegabten, den
von allen Lehrern als geistig ihresgleichen, ja als überlegen
Betrachteten, in seiner bevorzugten Laufbahn stören und der
Lehrtätigkeit wieder entheben? Hätte Narziß sich als Lehrer nicht
bewährt, hätte seine Freundschaft ihn zu Nachlässigkeit und
Parteilichkeit verführt, er hätte ihn sofort abgerufen. Aber es lag
nichts gegen ihn vor, nichts als Gerüchte, nichts als eifersüchtiges
Mißtrauen der andern. Außerdem wußte der Abt von Narzissens besonderen
Gaben, von seiner merkwürdig eindringenden, vielleicht etwas anmaßenden
Menschenkenntnis. Er überschätzte solche Gaben nicht, andere Gaben wären
ihm an Narziß willkommener gewesen; aber er zweifelte nicht, daß Narziß
an dem Schüler Goldmund Besonderes wahrgenommen habe und ihn weit besser
kenne, als er oder irgendein anderer ihn kannte. Ihm selbst, dem Abt,
war an Goldmund außer der gewinnenden Anmut seines Wesens nichts anderes
aufgefallen als ein gewisser verfrühter, sogar etwas altkluger Eifer,
mit dem er schon jetzt, als bloßer Schüler und Gast, sich im Kloster als
zugehörig und schon beinahe als Mitbruder zu fühlen schien. Daß Narziß
diesen rührenden aber unreifen Eifer begünstigen und noch mehr
anstacheln werde, glaubte er nicht befürchten zu müssen. Zu fürchten für
Goldmund war eher, daß sein Freund ihn mit einem gewissen Geistdünkel
und gelehrten Hochmut anstecken werde; aber die Gefahr schien ihm gerade
für diesen Schüler nicht groß zu sein, man konnte es darauf ankommen
lassen. Wenn er daran dachte, wieviel einfacher, friedlicher und
bequemer es für einen Vorsteher sei, Durchschnittsmenschen statt großer
und starker Naturen zu regieren, so mußte er zugleich seufzen und
lächeln. Nein, er wollte sich nicht vom Mißtrauen anstecken lassen, er
wollte nicht undankbar dafür sein, daß ihm zwei Ausnahmemenschen
anvertraut waren.
Narziß dachte viel über seinen Freund nach. Sein besonderes Vermögen,
die Artung und Bestimmung der Menschen zu schauen und fühlend zu
erkennen, hatte ihm über Goldmund längst Bescheid gesagt. Alles
Lebendige und Strahlende an diesem Jüngling sprach so deutlich: er trug
alle Zeichen eines starken, in den Sinnen und der Seele reich begabten
Menschen, eines Künstlers vielleicht, jedenfalls aber eines Menschen von
großer Liebeskraft, dessen Bestimmung und Glück darin bestand,
entzündbar zu sein und sich hingeben zu können. Warum war nun dieser
Liebesmensch, dieser Mensch mit den feinen, reichen Sinnen, der einen
Blumenduft, eine Morgensonne, ein Pferd, einen Vogelflug, eine Musik so
tief erleben und lieben konnte, warum nur war er darauf versessen, ein
Geistmensch und Asket zu sein? Viel grübelte Narziß darüber nach. Er
wußte, daß Goldmunds Vater diese Versessenheit begünstigt hatte. Aber
konnte er sie hervorgebracht haben? Mit welchem Zauber hatte er den Sohn
verhext, daß er an eine solche Bestimmung und Pflicht glaubte? Was für
ein Mensch mochte dieser Vater sein? Obwohl er absichtlich sehr oft die
Rede auf ihn gebracht und Goldmund nicht wenig von ihm gesprochen hatte,
konnte Narziß sich doch diesen Vater nicht vorstellen, er konnte ihn
nicht sehen. War das nicht merkwürdig und verdächtig? Wenn Goldmund von
einer Forelle sprach, die er als Knabe gefangen hatte, wenn er einen
Schmetterling beschrieb, einen Vogelruf nachahmte, von einem Kameraden,
einem Hund oder einem Bettler erzählte, dann entstanden Bilder, dann sah
man etwas. Wenn er von seinem Vater sprach, dann sah man nichts. Nein,
wäre dieser Vater wirklich in Goldmunds Leben eine so wichtige,
mächtige, beherrschende Figur gewesen, er hätte ihn anders zu schildern,
er hätte andere Bilder von ihm hinzustellen vermocht! Narziß dachte
nicht hoch von diesem Vater, er gefiel ihm nicht; er zweifelte manchmal
sogar, ob er wirklich Goldmunds Vater sei. Er war ein leerer Götze. Aber
woher hatte er diese Macht? Wie hatte er Goldmunds Seele mit Träumen
füllen können, die dem Kern dieser Seele so fremd waren?
Auch Goldmund grübelte viel. So sehr er der herzlichen Liebe seines
Freundes sich sicher fühlte, er hatte doch immer wieder das lästige
Gefühl, von ihm nicht ernst genug genommen und immer ein wenig wie ein
Kind behandelt zu werden. Und was bedeutete das, daß der Freund ihm
immer wieder zu verstehen gab, er sei nicht seinesgleichen?
Indessen füllte dies Grübeln Goldmunds Tage nicht aus. Lange zu grübeln,
das vermochte er nicht. Es gab anderes zu tun den langen Tag hindurch.
Er steckte oft beim Bruder Pförtner, mit dem stand er sehr gut. Er
erbettelte und erlistete sich immer einmal wieder die Gelegenheit, eine
Stunde oder zwei auf dem Pferde Bleß zu reiten, und sehr beliebt war er
bei den paar Umsassen des Klosters, namentlich beim Müller, oft lauerte
er mit dessen Knecht dem Fischotter auf, oder sie buken Fladen aus dem
feinen Prälatenmehl, das Goldmund geschlossenen Auges, nur am Geruch,
aus allen Mehlarten heraus kannte. War er auch viel mit Narziß zusammen,
es blieben doch manche Stunden, in denen er seinen alten Gewohnheiten
und Freuden nachging. Auch die Gottesdienste waren ihm meistens eine
Freude, gerne sang er im Chor der Schüler mit, gern betete er einen
Rosenkranz vor einem Lieblingsaltar, hörte das schöne feierliche Latein
der Messe, sah im Weihrauchgewölk das Gold der Geräte und Zierate
funkeln und die stillen ehrwürdigen Heiligenfiguren auf den Säulen
stehen, die Evangelisten mit den Tieren, den Jakobus mit Hut und
Pilgertasche.
Von diesen Gestalten fühlte er sich angezogen, diese steinernen und
hölzernen Figuren dachte er sich gerne in geheimnisvoller Beziehung zu
seiner Person, etwa als unsterbliche allwissende Paten, Beschützer und
Wegweiser seines Lebens. Ebenso spürte er eine Liebe und eine geheime
holde Beziehung zu den Säulen und Kapitälen der Fenster und Türen, den
Ornamenten der Altäre, zu diesen schön profilierten Stäben und Kränzen,
zu diesen Blumen und krautig wuchernden Blättern, die aus dem Stein der
Säulen brachen und sich so sprechend und eindringlich falteten. Es
schien ihm ein wertvolles, inniges Geheimnis: daß es außer der Natur,
ihren Pflanzen und Tieren noch diese zweite, stumme, von Menschen
gemachte Natur gab, diese Menschen, Tiere und Pflanzen aus Stein und
Holz. Nicht selten brachte er eine Freistunde damit hin, diese Figuren,
Tierköpfe und Blätterbündel nachzuzeichnen, und auch wirkliche Blumen,
Pferde, Menschengesichter versuchte er manchmal zu zeichnen.
Und sehr liebte er die Kirchengesänge, namentlich die Marienlieder. Er
liebte den festen strengen Gang dieser Gesänge, ihre immer
wiederkehrenden Anflehungen und Lobpreisungen. Er konnte ihrem
ehrwürdigen Sinn anbetend folgen oder konnte auch, des Sinnes
vergessend, nur die feierlichen Maße dieser Verse lieben und sich von
ihnen erfüllen lassen, von den langgezogenen tiefen Tönen, von den
vollen tönenden Vokalen, von den frommen Wiederholungen. Im innersten
Herzen liebte er nicht die Gelehrsamkeit, nicht Grammatik und Logik,
obwohl auch sie ihre Schönheit hatten, sondern mehr liebte er die
Bilder- und Klangwelt der Liturgie.
Immer wieder unterbrach er auch für Augenblicke die zwischen ihm und den
Mitschülern eingetretene Entfremdung. Auf die Dauer war es ihm ärgerlich
und langweilig, von Ablehnung und Kühle umgeben zu sein; immer wieder
brachte er einen mürrischen Pultnachbarn zum Lachen, einen schweigsamen
Bettnachbarn zum Plaudern, gab sich eine Stunde lang Mühe, warb und war
lieb und gewann ein paar Augen, ein paar Gesichter, ein paar Herzen für
eine Weile für sich zurück. Zweimal erreichte er es durch solche
Annäherungen, sehr wider seine Absicht, daß er wieder aufgefordert
wurde, mit „ins Dorf zu gehen“. Da erschrak er und zuckte rasch zurück.
Nein, er ging nicht mehr ins Dorf, und es war ihm gelungen, das Mädchen
mit den Zöpfen zu vergessen, ihrer nie mehr zu gedenken, oder doch
beinahe nie mehr.
Viertes Kapitel
Lange hatten Narzissens Belagerungsversuche das Geheimnis Goldmunds
uneröffnet gelassen. Lange hatte er scheinbar vergeblich sich bemüht,
ihn zu erwecken, ihm die Sprache zu lehren, in der das Geheimnis
mitteilbar wäre.
Was der Freund ihm von seiner Herkunft und Heimat erzählt hatte, hatte
kein Bild ergeben. Es war da ein schattenhafter, gestaltloser aber
verehrter Vater, und dann die Sage von einer schon vor langer Zeit
verschollenen oder umgekommenen Mutter, die nur noch ein blasser Name
war. Allmählich hatte Narziß, im Seelenlesen bewandert, erkannt, daß
sein Freund zu den Menschen gehöre, welchen ein Stück aus ihrem Leben
verlorengegangen ist, welche unter dem Druck irgendeiner Not oder
Bezauberung sich dazu verstehen mußten, einen Teil ihrer Vergangenheit
zu vergessen. Er sah ein, daß bloßes Befragen und Belehren hier unnütz
sei; er sah auch, daß er allzusehr an die Macht der Vernunft geglaubt
und viel vergebens geredet habe.
Nicht vergeblich aber war die Liebe geblieben, die ihn mit dem Freunde
verband, und die Gewohnheit vielen Zusammenseins. Trotz aller tiefen
Verschiedenheit ihrer Wesen hatten sie beide viel voneinander gelernt;
es war zwischen ihnen neben der Vernunftsprache allmählich eine Seelen-
und Zeichensprache entstanden, so wie zwischen zwei Wohnstätten zwar
eine Straße sein mag, auf welcher Wagen fahren und Reiter reiten können,
daneben aber noch viele kleine Spielwege, Nebenwege, Schleichwege
entstehen: Wegchen für Kinder, Pfade für Verliebte, kaum bemerkbare Wege
von Hund und Katze. Allmählich hatte Goldmunds beseelte Einbildungskraft
auf manchen magischen Wegen sich in des Freundes Gedanken und ihre
Sprache eingeschlichen, und dieser wieder hatte manches von Goldmunds
Sinn und Art ohne Worte verstehen und mitfühlen gelernt. Langsam
reiften, im Licht der Liebe, neue Verbindungen von Seele zu Seele,
hinterher erst kamen die Worte. So kam eines Tages, von keinem erwartet,
ein Gespräch zwischen den Freunden zustande, an einem schulfreien Tage
in der Bibliothek – ein Gespräch, das sie plötzlich mitten in den Kern
und Sinn ihrer Freundschaft stellte und weithin neue Lichter warf.
Sie hatten über Astrologie gesprochen, welche im Kloster nicht getrieben
wurde und verboten war, und Narziß hatte gesagt, Astrologie sei ein
Versuch, in die vielen verschiedenen Arten von Menschen, Schicksalen und
Bestimmungen Ordnung und System zu bringen. Hier setzte Goldmund ein:
„Immer sprichst du von den Verschiedenheiten – ich habe allmählich
erkannt, daß dies deine besonderste Eigenschaft ist. Wenn du von dem
großen Unterschied sprichst, der zum Beispiel zwischen dir und mir
bestehe, dann will mir immer scheinen, der Unterschied bestehe in nichts
anderem als eben in deinem merkwürdigen Versessensein auf das Finden von
Unterschieden!“
Narziß: „Gewiß, du triffst damit den Nagel auf den Kopf. In der Tat: dir
sind die Unterschiede nicht sehr wichtig, mir aber scheinen sie das
einzig Wichtige zu sein. Ich bin meinem Wesen nach Gelehrter, meine
Bestimmung ist die Wissenschaft. Und Wissenschaft ist, um dein Wort zu
zitieren, gar nichts anderes als eben das ‚Versessensein auf das Finden
von Unterschieden‘. Man könnte ihr Wesen gar nicht besser bezeichnen.
Für uns Wissenschaftsmenschen ist nichts wichtig als das Feststellen von
Verschiedenheiten, Wissenschaft heißt Unterscheidungskunst. Zum Beispiel
an jedem Menschen die Merkmale finden, die ihn von den andern
unterscheiden, heißt ihn erkennen.“
Goldmund: „Nun ja. Einer hat Bauernschuhe an und ist ein Bauer, ein
anderer hat eine Krone auf und ist ein König. Das sind allerdings
Unterschiede. Sie werden aber auch von Kindern gesehen, ohne alle
Wissenschaft.“
Narziß: „Wenn der Bauer und der König aber beide gleiche Kleider
anhaben, dann kennt das Kind sie nicht mehr auseinander.“
Goldmund: „Die Wissenschaft auch nicht.“
Narziß: „Vielleicht doch. Sie ist ja nicht klüger als das Kind, das sei
zugegeben, aber sie ist geduldiger, sie merkt sich nicht bloß die
gröbsten Kennzeichen.“
Goldmund: „Das tut jedes kluge Kind auch. Es wird den König am Blick
erkennen oder an der Haltung. Und kurz gesagt: Ihr Gelehrte seid
hochmütig, ihr haltet uns andere stets für dümmer. Man kann ohne alle
Wissenschaft sehr klug sein.“
Narziß: „Es freut mich, daß du das einzusehen beginnst. Nun wirst du
bald auch einsehen, daß ich nicht die Klugheit meine, wenn ich vom
Unterschied zwischen dir und mir rede. Ich sage ja nicht: du bist klüger
oder dümmer, besser oder schlechter. Ich sage nur: du bist anders.“
Goldmund: „Das ist leicht zu verstehen. Du sprichst aber nicht nur von
Unterschieden der Merkmale, du sprichst oft auch von Unterschieden des
Schicksals, der Bestimmung. Warum zum Beispiel solltest du eine andere
Bestimmung haben als ich? Du bist wie ich ein Christ, du bist wie ich
zum Klosterleben entschlossen, du bist wie ich ein Kind des guten Vaters
im Himmel. Unser beider Ziel ist dasselbe: die ewige Seligkeit. Unsere
Bestimmung ist dieselbe: die Rückkehr zu Gott.“
Narziß: „Sehr gut. Im Lehrbuch der Dogmatik ist freilich ein Mensch
genau wie der andere, im Leben aber nicht. Mir scheint: der
Lieblingsjünger des Erlösers, an dessen Brust er ruhte, und jener andere
Jünger, der ihn verriet – die haben doch wohl beide nicht dieselbe
Bestimmung gehabt?“
Goldmund: „Du bist ein Sophist, Narziß! Auf diesem Wege kommen wir
einander nicht näher.“
Narziß: „Wir kommen auf keinem Wege einander näher.“
Goldmund: „Sprich nicht so!“
Narziß: „Es ist mein Ernst. Es ist nicht unsere Aufgabe, einander
näherzukommen, so wenig wie Sonne und Mond zueinander kommen oder Meer
und Land. Wir zwei, lieber Freund, sind Sonne und Mond, sind Meer und
Land. Unser Ziel ist nicht, ineinander überzugehen, sondern einander zu
erkennen und einer im andern das sehen und ehren zu lernen, was er ist:
des andern Gegenstück und Ergänzung.“
Betroffen hielt Goldmund den Kopf gesenkt, sein Gesicht war traurig
geworden.
Endlich sagte er: „Ist es darum, daß du meine Gedanken so oft nicht
ernst nimmst?“
Narziß zauderte ein wenig mit der Antwort. Dann sagte er mit heller,
harter Stimme: „Es ist darum. Du mußt dich daran gewöhnen, lieber
Goldmund, daß ich nur dich selbst ernst nehme. Glaube mir, ich nehme
jeden Ton deiner Stimme, jede deiner Gebärden, jedes Lächeln von dir
ernst. Aber deine Gedanken, die nehme ich weniger ernst. Ich nehme an
dir das ernst, was ich als wesentlich und notwendig erfinde. Warum
willst du denn gerade deinen Gedanken besondere Beachtung zugewendet
sehen, da du so viele andere Gaben hast?“
Goldmund lächelte bitter. „Ich sagte es ja, du hast mich immer bloß für
ein Kind gehalten!“
Narziß blieb fest. „Einen Teil deiner Gedanken halte ich für
Kindergedanken. Erinnere dich, wir sprachen vorher davon, daß ein kluges
Kind durchaus nicht dümmer zu sein brauche als ein Gelehrter. Wenn aber
das Kind über Wissenschaft mitreden will, wird der Gelehrte es eben
nicht ernst nehmen.“
Heftig rief Goldmund: „Auch wenn ich nicht über Wissenschaft rede,
belächelst du mich! Du tust zum Beispiel immer so, als sei meine ganze
Frömmigkeit, meine Bemühungen um Fortschritte im Lernen, mein Wunsch
nach dem Mönchtum bloß Kinderei!“
Ernst blickte Narziß ihn an: „Ich nehme dich ernst, wenn du Goldmund
bist. Du bist aber nicht immer Goldmund. Ich wünsche mir nichts anderes,
als daß du ganz und gar Goldmund würdest. Du bist kein Gelehrter, du
bist kein Mönch – einen Gelehrten oder einen Mönch kann man aus
geringerem Holz machen. Du glaubst, du seiest mir zu wenig gelehrt, zu
wenig Logiker, oder zu wenig fromm. O nein, aber du bist mir zu wenig du
selbst.“
Hatte sich auch Goldmund nach diesem Gespräch betroffen und sogar
verletzt zurückgezogen, schon nach wenigen Tagen zeigte er dennoch
selbst Verlangen nach seiner Fortsetzung. Diesmal nun gelang es Narziß,
ihm ein Bild von den Unterschieden ihrer Naturen zu geben, das er besser
annehmen konnte.
Narziß hatte sich warm geredet, er fühlte, daß Goldmund heute seine
Worte offener und williger in sich einließe, daß er Macht über ihn habe.
Er ließ sich durch den Erfolg verführen, mehr zu sagen, als er
beabsichtigt hatte, er ließ sich von seinen eigenen Worten hinreißen.
„Schau“, sagte er, „es gibt nur einen einzigen Punkt, in dem ich dir
überlegen bin: ich bin wach, während du nur halbwach bist und zuweilen
völlig schläfst. Wach nenne ich den, der mit dem Verstand und Bewußtsein
sich selbst, seine innersten unvernünftigen Kräfte, Triebe und Schwächen
kennt und mit ihnen zu rechnen weiß. Daß du das lernest, das ist der
Sinn, den die Begegnung mit mir für dich haben kann. Bei dir, Goldmund,
sind Geist und Natur, Bewußtsein und Traumwelt sehr weit auseinander. Du
hast deine Kindheit vergessen, aus den Tiefen deiner Seele wirbt sie um
dich. Sie wird dich so lange leiden machen, bis du sie erhörst. – Genug
davon! Im Wachsein, wie gesagt, bin ich stärker als du, hier bin ich dir
überlegen und kann dir darum nützen. In allem andern, Lieber, bist du ja
mir überlegen – vielmehr du wirst es sein, sobald du dich selbst
gefunden hast.“
Goldmund hatte staunend zugehört, aber bei dem Wort „Du hast deine
Kindheit vergessen“ zuckte er auf wie von einem Pfeil getroffen, ohne
daß Narziß es beachtete, der nach seiner Art während des Sprechens die
Augen oft lange geschlossen hielt oder vor sich hinstarrte, als fände er
die Worte so besser. Er sah nicht, wie Goldmunds Gesicht plötzlich
zuckte und zu verwelken begann.
„Überlegen – – ich dir!“ stammelte Goldmund, nur um etwas zu sagen, er
war wie von einer Starre befallen.
„Gewiß“, sprach Narziß weiter. „Die Naturen von deiner Art, die mit den
starken und zarten Sinnen, die Beseelten, die Träumer, Dichter,
Liebenden, sind uns andern, uns Geistmenschen, beinahe immer überlegen.
Eure Herkunft ist eine mütterliche. Ihr lebet im Vollen, euch ist die
Kraft der Liebe und des Erlebenkönnens gegeben. Wir Geistigen, obwohl
wir euch andere häufig zu leiten und zu regieren scheinen, leben nicht
im Vollen, wir leben in der Dürre. Euch gehört die Fülle des Lebens,
euch der Saft der Früchte, euch der Garten der Liebe, das schöne Land
der Kunst. Eure Heimat ist die Erde, unsere die Idee. Eure Gefahr ist
das Ertrinken in der Sinnenwelt, unsere das Ersticken im luftleeren
Raum. Du bist Künstler, ich bin Denker. Du schläfst an der Brust der
Mutter, ich wache in der Wüste. Mir scheint die Sonne, dir scheinen Mond
und Sterne, deine Träume sind von Mädchen, meine von Knaben ...“
Mit weit offenen Augen hatte Goldmund zugehört, wie Narziß in einer
gewissen rednerischen Selbstberauschung sprach. Mehrere seiner Worte
hatten ihn getroffen wie Schwerter; bei den letzten Worten wurde er blaß
und schloß die Augen, und als Narziß es merkte und erschrocken fragte,
sagte der tief Erbleichte mit erloschener Stimme: „Es ist mir einmal
passiert, daß ich vor dir zusammenbrach und weinen mußte – du erinnerst
dich. Es darf nicht wieder passieren, ich würde es mir nie verzeihen –
und auch dir nicht! Geh jetzt schnell fort und laß mich allein, du hast
mir furchtbare Worte gesagt.“
Narziß war sehr betreten. Die Worte hatten ihn mitgerissen, er hatte das
Gefühl gehabt, besser als sonst zu sprechen. Nun sah er mit Bestürzung,
daß irgendeines dieser Worte den Freund tief erschüttert habe, daß er
irgendwo ins Lebendige getroffen habe. Es fiel ihm schwer, ihn in diesem
Augenblick allein zu lassen, er zögerte sekundenlang, Goldmunds
Stirnrunzeln mahnte ihn, und verwirrt lief er davon, um dem Freunde das
Alleinsein zu gönnen, dessen er bedurfte.
Diesmal löste die Überspannung in Goldmunds Seele sich nicht in Tränen
auf. Mit einem Gefühl tiefsten und hoffnungslosen Verwundetseins, als
habe der Freund ihm plötzlich ein Messer mitten in die Brust gestoßen,
blieb er stehen, schwer atmend, mit einem tödlich zusammengepreßten
Herzen, wachsbleich im Gesicht, mit abgestorbenen Händen. Es war wieder
das Elend von damals, nur um einige Grade verstärkt, es war wieder das
Würgen im Innern, das Gefühl, etwas Furchtbarem ins Auge sehen zu
müssen, etwas schlechterdings Unerträglichem. Aber kein erlösendes
Schluchzen half diesmal das Elend überstehen. Heilige Mutter Gottes, was
war denn nur? War denn etwas geschehen? Hatte man ihn gemordet? Hatte er
getötet? Was war da Furchtbares gesagt worden?
Keuchend stieß er den Atem von sich, wie ein Vergifteter war er bis zum
Zerreißen erfüllt von dem Gefühl, sich von etwas Tödlichem befreien zu
müssen, das tief in ihm innen stecke. Mit Bewegungen wie ein
Schwimmender stürzte er aus der Stube, floh unbewußt in die stillsten,
menschenleersten Bezirke des Klosters, durch Gänge, über Treppen und ins
Freie, an die Luft. Er war in die innerste Zuflucht des Klosters, in den
Kreuzgang geraten, über den paar grünen Beeten stand klar der sonnige
Himmel, durch die kühle steinerne Kellerluft zog in süßen zögernden
Fäden der Duft von Rosen.
Ahnungslos hatte Narziß in dieser Stunde das getan, was zu tun schon so
lange sein ersehntes Ziel war: er hatte den Dämon, von dem sein Freund
besessen war, bei Namen gerufen, er hatte ihn gestellt. Von irgendeinem
seiner Worte war das Geheimnis in Goldmunds Herzen angerührt worden und
hatte sich in rasendem Schmerz aufgebäumt. Lange irrte Narziß durchs
Kloster und suchte den Freund, fand ihn aber nirgends.
Goldmund stand unter einem der runden schweren Steinbogen, die aus den
Gängen ins Kreuzgärtchen führten, von den Säulen des Bogens blickten je
drei Tierköpfe, steinerne Köpfe von Hunden oder Wölfen, glotzend auf ihn
herab. Schauerlich wühlte in ihm die Wunde, ohne Weg zum Licht, ohne Weg
zur Vernunft. Todesangst schnürte ihm Kehle und Magen. Mechanisch
aufblickend sah er über sich einen der Säulenknäufe mit den drei
Tierköpfen, und alsbald war ihm, als säßen, glotzten, bellten die drei
wilden Köpfe innen in seinen Eingeweiden.
„Gleich muß ich sterben“, empfand er ergrausend. Und gleich darauf,
zitternd vor Angst, empfand er: „Jetzt verliere ich den Verstand, jetzt
fressen mich die Tiermäuler.“
Zuckend sank er am Fuße der Säule nieder, der Schmerz war zu groß, er
hatte die äußerste Grenze erreicht. Eine Ohnmacht umhüllte ihn; er
entschwand, mit einsinkendem Gesicht, in ein ersehntes Nichtmehrsein.
Abt Daniel hatte einen wenig erfreulichen Tag gehabt, zwei von den
älteren Mönchen waren heut zu ihm gekommen, aufgeregt, keifend,
anklägerisch, wegen uralter eifersüchtiger Nichtigkeiten wieder einmal
wütend verzankt. Er hatte sie angehört, allzulange, hatte sie ermahnt,
doch erfolglos, hatte sie schließlich streng entlassen, jeden mit einer
ziemlich harten Strafe belegt, und hatte im Herzen das Gefühl behalten,
sein Tun sei nutzlos gewesen. Erschöpft hatte er sich in die Kapelle der
Unterkirche zurückgezogen, hatte gebetet, war unerfrischt wieder
aufgestanden. Jetzt trat er, vom leise herziehenden Rosenduft angezogen,
für einen Augenblick, um Duft zu schöpfen, in den Kreuzgang. Da fand er
den Schüler Goldmund ohnmächtig auf den Fliesen liegen. Traurig sah er
ihn an, über die Blässe und Erloschenheit des sonst so hübschen jungen
Antlitzes erschrocken. Es war kein guter Tag heute, nun auch dies noch!
Er versuchte, den Jüngling aufzuheben, war aber der Last nicht
gewachsen. Tief seufzend ging er weg, der alte Mann, um zwei von den
jüngeren Brüdern zu rufen, daß sie ihn hinauftrügen, und schickte auch
noch den Pater Anselm hin, der ein Heilkünstler war. Zugleich schickte
er nach Narziß, der bald gefunden wurde und vor ihm erschien.
„Weißt du schon?“ fragte er ihn.
„Wegen Goldmund? Ja, gnädiger Vater, ich habe soeben gehört, er sei
krank oder verunglückt, man habe ihn getragen gebracht.“
„Ja, ich fand ihn im Kreuzgang liegen, wo er ja eigentlich nichts zu
suchen hat. Er ist nicht verunglückt, er ist ohnmächtig. Es gefällt mir
nicht. Es scheint mir, daß du mit der Sache zu tun haben müssest, oder
doch etwas darüber wissen, er ist ja dein Intimus. Darum rief ich dich.
Sprich.“
Narziß, wie immer mit beherrschter Haltung und Sprache, gab einen kurzen
Bericht über sein heutiges Gespräch mit Goldmund, und wie überraschend
heftig es auf diesen gewirkt habe. Der Abt schüttelte den Kopf, nicht
ohne Unmut.
„Merkwürdige Gespräche sind das“, sagte er, und zwang sich zur Ruhe.
„Was du mir da geschildert hast, ist ein Gespräch, das man einen
Eingriff in eine fremde Seele nennen könnte, es ist, möchte ich sagen,
ein seelsorgerliches Gespräch. Du bist aber nicht Goldmunds Seelsorger.
Du bist überhaupt nicht Seelsorger, du hast die Weihen noch nicht. Wie
kommt es, daß du mit einem Schüler im Ton des Beraters über Dinge
sprichst, die bloß den Seelsorger angehen? Die Folgen, wie du siehst,
sind üble gewesen.“
„Die Folgen“, sagte Narziß mit sanftem Ton, aber bestimmt, „kennen wir
noch nicht, gnädiger Vater. Ich war etwas erschreckt über die heftige
Wirkung, aber ich zweifle nicht daran, daß die Folgen unseres Gesprächs
gute für Goldmund sein werden.“
„Wir werden die Folgen sehen. Ich rede jetzt nicht von ihnen, sondern
von deinem Tun. Was hat dich veranlaßt, solche Gespräche mit Goldmund zu
führen?“
„Wie Ihr wißt, ist er mein Freund. Ich habe zu ihm eine besondere
Zuneigung, und ich glaube ihn besonders gut zu verstehen. Ihr nennt mein
Verhalten gegen ihn seelsorgerlich. Ich habe mir keinerlei geistliche
Autorität angemaßt, nur glaubte ich ihn etwas besser zu kennen, als er
selbst sich kennt.“
Der Abt zuckte die Achseln.
„Ich weiß, dies ist deine Spezialität. Hoffen wir, daß du damit nichts
Schlimmes angerichtet hast. – Ist Goldmund denn krank? Ich meine, fehlt
ihm irgend etwas? Ist er schwächlich? Schläft er schlecht? Ißt er
nichts? Hat er irgendwelche Schmerzen?“
„Nein, bis heute war er gesund. Am Leibe gesund.“
„Und sonst?“
„An der Seele ist er allerdings krank. Ihr wißt, er ist im Alter, wo die
Kämpfe mit dem Geschlechtstrieb beginnen.“
„Ich weiß. Er ist siebzehn?“
„Er ist achtzehn.“
„Achtzehn. Nun ja. Spät genug. Aber diese Kämpfe sind ja etwas
Natürliches, was jeder durchmachen muß. Darum kann man ihn doch nicht
krank an der Seele nennen.“
„Nein, gnädiger Vater, darum allein nicht. Aber Goldmund war schon
vorher seelenkrank, schon lange, darum sind diese Kämpfe für ihn
gefährlicher als für andere. Er leidet, wie ich glaube, daran, daß er
einen Teil seiner Vergangenheit vergessen hat.“
„So? Was ist das für ein Teil?“
„Es ist seine Mutter und alles, was mit ihr zusammenhängt. Auch ich weiß
hierüber nichts, ich weiß nur, daß dort die Quelle seiner Krankheit
liegen muß. Goldmund nämlich weiß angeblich nichts von seiner Mutter,
als daß er sie früh verloren hat. Es macht aber den Eindruck, als schäme
er sich ihrer. Und doch muß sie es sein, von der er die meisten seiner
Gaben geerbt hat, denn was er über seinen Vater zu sagen hat, läßt
diesen Vater nicht als den Mann erscheinen, der einen so hübschen,
vielbegabten und eigenartigen Sohn hat. Ich weiß dies alles nicht aus
Berichten, ich schließe es aus Anzeichen.“
Der Abt, der anfangs diese Reden als altklug und überheblich in sich
etwas belächelt hatte und dem die ganze Sache lästig und bemühend war,
begann nachzudenken. Er erinnerte sich an Goldmunds Vater, an jenen
etwas geschraubten und unvertraulichen Mann, und erinnerte sich jetzt
auch, da er danach suchte, plötzlich wieder einiger Worte, die er damals
über Goldmunds Mutter zu ihm geäußert hatte. Sie habe ihm Schande
gemacht und sei ihm davongelaufen, hatte er gesagt, und er habe sich
Mühe gegeben, in dem Söhnchen die Erinnerung an die Mutter und die
etwaigen von ihr ihm vererbten Laster zu unterdrücken. Dies sei auch
wohl gelungen, und der Knabe sei willens, zur Sühnung dessen, was die
Mutter gefehlt, sein Leben Gott darzubringen.
Nie hatte Narziß dem Abt so wenig gefallen wie heute. Und dennoch – wie
gut hatte dieser Grübler geraten, wie gut schien er in der Tat Goldmund
zu kennen!
Zum Schlusse nochmals über die heutigen Vorgänge befragt, sagte Narziß:
„Die heftige Erschütterung, in welche Goldmund heute geraten ist, war
nicht von mir beabsichtigt. Ich habe ihn daran erinnert, daß er sich
selbst nicht kennt, daß er seine Kindheit vergessen hat und seine
Mutter. Irgendeines meiner Worte muß ihn getroffen haben und in das
Dunkel gedrungen sein, gegen das ich schon so lange kämpfe. Er war wie
entgeistert, er sah mich an, als kenne er mich und sich selbst nicht
mehr. Ich habe ihm oft gesagt, er schlafe, er sei nicht richtig wach.
Jetzt ist er geweckt worden, daran zweifle ich nicht.“
Er wurde entlassen, ohne Rüge, doch mit dem vorläufigen Verbot, den
Kranken aufzusuchen.
Inzwischen hatte Pater Anselm den Ohnmächtigen auf ein Bett legen lassen
und saß bei ihm. Ihn durch gewaltsame Mittel ins Bewußtsein
zurückzuschrecken, schien ihm nicht geraten. Der Junge sah allzu
schlecht aus. Wohlwollend blickte der alte Mann aus dem faltigen guten
Gesicht auf den Jüngling. Vorläufig untersuchte er den Puls und horchte
am Herzen. Gewiß, dachte er, hatte der Bursche irgend etwas Unmögliches
gegessen, einen Haufen Sauerklee oder sonst etwas Dummes, man kannte das
ja. Die Zunge konnte er nicht sehen. Er mochte Goldmund gern, aber
seinen Freund, diesen frühreifen allzu jungen Lehrer, konnte er nicht
leiden. Da hatte man es nun. Sicher war Narziß an dieser dummen
Geschichte mitschuldig. Was brauchte auch so ein frischer, helläugiger
Junge, so ein liebes Naturkind sich ausgerechnet mit diesem hochmütigen
Gelehrten einzulassen, mit diesem eitlen Grammatiker, dem sein
Griechisch wichtiger war als alles Lebendige auf der Welt!
Als nach langer Zeit die Tür sich öffnete und der Abt hereinkam, saß der
Pater noch immer und starrte in das Gesicht des Ohnmächtigen. Was war
das für ein liebes, junges, argloses Gesicht, und da saß man nun
daneben, sollte helfen und würde es wahrscheinlich nicht können. Gewiß,
die Ursache konnte eine Kolik sein, er würde Glühwein verordnen,
vielleicht Rhabarber. Aber je länger er in das grünbleiche, verzogene
Gesicht blickte, desto mehr neigte sich sein Verdacht nach einer anderen
Seite, einer bedenklicheren. Pater Anselm hatte Erfahrung. Mehrmals im
Lauf seines langen Lebens hatte er Besessene gesehen. Er zögerte damit,
den Verdacht auch nur vor sich selbst auszusprechen. Er würde warten und
beobachten. Aber, dachte er grimmig, wenn dieser arme Junge wirklich
verhext worden war, so würde man den Schuldigen wohl nicht weit zu
suchen haben, und es sollte ihm nicht gut gehen.
Der Abt trat näher, sah sich den Kranken an, hob ihm sachte ein Augenlid
etwas in die Höhe.
„Kann man ihn erwecken?“ fragte er.
„Ich möchte noch warten. Das Herz ist gesund. Wir dürfen niemand zu ihm
lassen.“
„Ist Gefahr?“
„Ich glaube nicht. Nirgends Verletzungen, keine Spuren von Schlag oder
Sturz. Er ist ohnmächtig, vielleicht war es eine Kolik. Bei sehr starken
Schmerzen verliert man das Bewußtsein. Wenn es eine Vergiftung wäre,
käme Fieber. Nein, er wird wieder aufwachen und am Leben bleiben.“
„Kann es nicht vom Gemüt her gekommen sein?“
„Ich will es nicht verneinen. Weiß man denn nichts? Hat er vielleicht
einen starken Schrecken gehabt? Eine Todesnachricht? Einen heftigen
Streit, eine Beleidigung? Dann wäre alles erklärt.“
„Wir wissen es nicht. Traget Sorge, daß niemand zu ihm gelassen wird.
Ich bitte Euch, bei ihm zu bleiben, bis er erwacht. Sollte es schlimm
werden, so rufet mich, auch wenn es in der Nacht wäre.“
Vor dem Weggehen beugte der Greis sich nochmals über den Kranken; er
dachte an dessen Vater und dachte an den Tag, an dem dieser hübsche
heitere Blondkopf ihm zugebracht worden war, und wie sie alle ihn gleich
gern gehabt hatten. Auch er hatte ihn gern gesehen. Aber darin hatte
Narziß wirklich recht: in nichts erinnerte dieser Knabe an seinen Vater!
Ach, wieviel Sorgen überall, wie unzulänglich war all unser Tun! Hatte
er nicht vielleicht an diesem armen Knaben etwas versäumt? Hatte er den
richtigen Beichtvater gehabt? War es in Ordnung, daß niemand im Hause
über diesen Schüler so gut Bescheid wußte wie Narziß? Konnte denn der
ihm helfen, der noch im Noviziat stand, der weder Bruder war noch die
Weihen hatte und dessen Gedanken und Anschauungen alle etwas so
unangenehm Überlegenes, ja fast Feindseliges hatten? Weiß Gott, ob nicht
auch Narziß seit langem falsch behandelt worden war? Weiß Gott, ob er
nicht hinter der Maske des Gehorsams Schlimmes verbarg, vielleicht ein
Heide war? Und alles, was aus diesen beiden jungen Menschen einst werden
würde, dafür war er mit verantwortlich.
Als Goldmund zu sich kam, war es dunkel. Er fühlte seinen Kopf leer und
schwindlig. Er fühlte sich in einem Bett liegen, er wußte nicht, wo er
war, er dachte auch nicht darüber nach, es war ihm gleichgültig. Aber wo
war er gewesen? Wo kam er her, aus welcher Fremde von Erlebnissen? Er
war irgendwo gewesen, sehr weit fort, er hatte etwas gesehen, etwas
Außerordentliches, etwas Herrliches, etwas Furchtbares auch und
Unvergeßliches – und doch hatte er es vergessen. Wo war es? Was war da
vor ihm aufgetaucht, so groß, so schmerzlich, so selig, und war wieder
hingeschwunden?
Tief horchte er in sich hinein, dorthin, wo heute etwas aufgebrochen,
etwas geschehen war – was war es gewesen? Wüste Bilderknäuel wälzten
sich herauf, er sah Hundeköpfe, drei Hundeköpfe, und er roch den Duft
von Rosen. O wie weh war ihm gewesen! Er schloß die Augen. O wie
furchtbar weh war ihm gewesen! Er schlief wieder ein.
Wieder erwachte er, und eben noch im Entschwinden der eilig
weggleitenden Traumwelt sah er es, fand das Bild wieder und zuckte wie
in schmerzlicher Wollust zusammen. Er sah, er war sehend geworden. Er
sah Sie. Er sah die Große, Strahlende, mit dem voll blühenden Munde, mit
den leuchtenden Haaren. Er sah seine Mutter. Zugleich meinte er eine
Stimme zu hören: „Du hast deine Kindheit vergessen.“ Wessen Stimme war
doch dies? Er horchte, er sann und fand. Es war Narziß. Narziß? Und in
einem Augenblick, mit einem jähen Ruck war alles wieder da: er erinnerte
sich, er war wissend. O Mutter, Mutter! Berge von Schutt, Meere von
Vergessenheit waren weg, waren verschwunden; aus königlichen, hellblauen
Augen blickte die Verlorene ihn wieder an, die unsäglich Geliebte.
Pater Anselm, der im Lehnstuhl neben dem Bett eingeschlummert war,
erwachte. Er hörte den Kranken sich bewegen, hörte ihn atmen. Vorsichtig
erhob er sich.
„Ist jemand da?“ fragte Goldmund.
„Ich bin es, sei ohne Sorge. Ich mache Licht.“
Er brachte die Ampel zum Brennen, der Schein fiel über sein faltiges
wohlwollendes Gesicht.
„Bin ich denn krank?“ fragte der Jüngling.
„Du bist ohnmächtig gewesen, mein Söhnchen. Gib mir die Hand, wir wollen
nach dem Puls sehen. Wie fühlst du dich?“
„Gut. Ich danke Euch, Pater Anselm, Ihr seid sehr gütig. Es fehlt mir
nichts mehr, ich bin nur müde.“
„Natürlich bist du müde. Bald wirst du wieder schlafen. Nimm vorher
einen Schluck heißen Wein, er steht bereit. Wir wollen einen Becher
miteinander leeren, mein Junge, auf gute Kameradschaft.“
Sorglich hatte er ein Krüglein Glühwein bereit gehalten und in ein Gefäß
mit heißem Wasser gestellt.
„Da haben wir also beide eine ganze Weile geschlafen“, lachte der Arzt.
„Ein feiner Krankenwärter, wirst du denken, der sich nicht munter halten
kann. Na ja, wir sind Menschen. Jetzt trinken wir ein wenig von diesem
Zaubertrank, mein Kleiner, nichts Hübscheres als so eine kleine
heimliche Zecherei in der Nacht. Also Prosit!“
Goldmund lachte, stieß an und kostete. Der warme Wein war mit Zimmet und
Nelken gewürzt und mit Zucker gesüßt, das hatte er noch nie getrunken.
Es fiel ihm ein, daß er schon einmal krank gewesen sei, da hatte Narziß
sich seiner angenommen. Diesmal war es Pater Anselm, der lieb mit ihm
war. Es gefiel ihm sehr, es war höchst angenehm und wunderlich, beim
Lämpchenschein dazuliegen und mitten in der Nacht mit dem alten Pater
einen Becher süßen warmen Wein zu trinken.
„Hast du Bauchweh?“ fragte der Alte.
„Nein.“
„Ja, ich dachte, du müßtest Kolik haben, Goldmund. Also damit ist es
nichts. Zeig deine Zunge. Na, es ist gut, euer alter Anselm hat wieder
einmal nichts gewußt. Du bleibst morgen hübsch liegen, ich komme dann
und untersuche dich. Und mit dem Wein bist du schon fertig? Recht so, es
möge dir wohl bekommen. Laß mich sehen, ob noch etwas da ist. Zu einem
halben Becher für jeden von uns reicht es noch, wenn wir redlich teilen.
– Du hast uns schön erschreckt, Goldmund! Liegst da im Kreuzgang wie
eine Kinderleiche. Hast du wirklich kein Bauchweh?“
Sie lachten und teilten redlich den Rest des Krankenweins, der Pater
machte seine Späße, und Goldmund blickte ihn dankbar und belustigt aus
den wieder hell gewordenen Augen an. Dann ging der Alte fort, um sich zu
Bett zu legen.
Goldmund lag noch eine Weile wach, langsam traten die Bilder wieder aus
seinem Innern hervor, flammten die Worte seines Freundes wieder auf, und
nochmals erschien in seiner Seele die blonde strahlende Frau, die
Mutter; wie Föhnwind ging ihr Bild durch ihn hin, wie eine Wolke von
Leben, von Wärme, von Zärtlichkeit und inniger Mahnung. O Mutter! O wie
war es möglich gewesen, daß er sie hatte vergessen können!
Fünftes Kapitel
Bisher hatte Goldmund von seiner Mutter wohl einiges gewußt, aber nur
aus den Erzählungen anderer; ihr Bild hatte er nicht mehr besessen, und
von dem wenigen, was er über sie zu wissen glaubte, hatte er Narziß das
meiste verschwiegen. Die Mutter war etwas, wovon man nicht sprechen
durfte, man schämte sich ihrer. Eine Tänzerin war sie gewesen, ein
schönes wildes Weib von vornehmer, aber unguter und heidnischer
Herkunft; Goldmunds Vater hatte sie, so erzählte er, aus Armut und
Schande aufgelesen; er hatte sie, da er nicht wußte, ob sie nicht Heidin
sei, taufen und in der Religion unterweisen lassen; er hatte sie
geheiratet und zu einer angesehenen Frau gemacht. Sie aber, nach einigen
Jahren der Zahmheit und des geordneten Lebens, hatte sich ihrer alten
Künste und Übungen wieder erinnert, hatte Ärgernis erregt und Männer
verführt, war Tage und Wochen von Hause weggeblieben, war in den Ruf
einer Hexe gekommen und schließlich, nachdem ihr Mann sie mehrmals
wieder eingeholt und zu sich genommen hatte, für immer verschwunden. Ihr
Ruf war noch eine Weile vernehmbar geblieben, ein böser Ruf, flackernd
wie ein Kometenschweif, und war dann erloschen. Ihr Mann erholte sich
langsam von den Jahren der Unruhe, des Schreckens, der Schande und der
ewigen Überraschungen, die sie ihm bereitet hatte; an Stelle des
mißratenen Weibes erzog er nun sein Söhnlein, das der Mutter an Gestalt
und Gesicht sehr ähnlich war; der Mann war vergrämt und frömmlerisch
geworden und züchtete in Goldmund den Glauben, er müsse sein Leben Gott
darbringen, um die Sünden der Mutter zu sühnen.
Dies etwa war es, was Goldmunds Vater über sein verlorengegangenes Weib
zu erzählen pflegte, obwohl er nicht gerne darauf zu sprechen kam, und
Andeutungen davon hatte er bei Goldmunds Einlieferung auch dem Abte
gemacht; und dies alles war, als schreckliche Sage, auch dem Sohne
bekannt, obwohl er gelernt hatte, es beiseitezuschieben und beinahe zu
vergessen. Ganz und gar vergessen und verloren aber hatte er das
wirkliche Bild der Mutter, jenes andere, ganz andere Bild, das nicht aus
den Erzählungen des Vaters und der Dienstboten und aus dunklen wilden
Gerüchten bestand. Seine eigene, wirkliche, erlebte Erinnerung an die
Mutter hatte er vergessen. Und nun war dieses Bild, der Stern seiner
frühsten Jahre, wieder aufgestiegen.
„Es ist unbegreiflich, wie ich das hatte vergessen können“, sagte er zu
seinem Freunde. „Nie in meinem Leben habe ich jemand so geliebt wie
meine Mutter, so unbedingt und glühend, nie habe ich jemand so verehrt,
so bewundert, sie war Sonne und Mond für mich. Weiß Gott wie es möglich
war, dies strahlende Bild in meiner Seele zu verdunkeln und allmählich
diese böse, bleiche, gestaltlose Hexe aus ihr zu machen, die sie für den
Vater und für mich seit vielen Jahren war.“
Narziß hatte vor kurzem sein Noviziat beendet und war eingekleidet
worden. Merkwürdig hatte sein Verhalten zu Goldmund sich verändert.
Goldmund nämlich, der des Freundes Winke und Mahnungen früher oft als
lästiges Besserwissen und Besserwollen abgelehnt hatte, war seit dem
großen Erlebnis voll staunender Bewunderung für die Weisheit seines
Freundes. Wie viele von dessen Worten hatten sich wie Prophezeiungen
erfüllt, wie tief hatte dieser Unheimliche in ihn hineingesehen, wie
genau hatte er sein Lebensgeheimnis, seine verborgene Wunde erraten, wie
klug hatte er ihn geheilt!
Denn geheilt schien der Jüngling zu sein. Nicht nur war jene Ohnmacht
ohne üble Folgen geblieben; es war auch jenes gewisse Spielerische,
Altkluge, Unechte in Goldmunds Wesen wie weggeschmolzen, jenes etwas
frühreife Mönchtum, jenes zu ganz besonderem Gottesdienste
Sichverpflichtetglauben. Der Jüngling schien zugleich jünger und älter
geworden, seit er zu sich selbst gefunden hatte. All das verdankte er
Narziß.
Narziß aber verhielt sich zu seinem Freunde seit einer Weile
eigentümlich vorsichtig; sehr bescheiden, gar nicht mehr überlegen und
belehrend sah er ihn an, während jener ihn so sehr bewunderte. Er sah
Goldmund aus geheimen Quellen her mit Kräften gespeist, die ihm selbst
fremd waren; er hatte ihr Wachstum fördern können, hatte aber keinen
Teil an ihnen. Mit Freude sah er den Freund sich von seiner Führerschaft
befreien und war doch zuweilen traurig. Er empfand sich als
überschrittene Stufe, als weggeworfene Schale; er sah das Ende dieser
Freundschaft nahe, die ihm so viel gewesen war. Noch immer wußte er mehr
über Goldmund als dieser selbst; denn wohl hatte Goldmund seine Seele
wiedergefunden und war bereit, ihrem Ruf zu folgen, wohin sie ihn aber
führen werde, ahnte er noch nicht. Narziß ahnte es und war machtlos;
seines Lieblings Weg führte in Länder, die er selbst nie betreten würde.
Goldmunds Begierde nach den Wissenschaften war sehr viel geringer
geworden. Auch seine Disputierlust in den Freundesgesprächen war
vergangen, beschämt erinnerte er sich an manche ihrer einstigen
Unterhaltungen. Inzwischen war bei Narziß in jüngster Zeit, sei es mit
der Vollendung seines Noviziats oder infolge der Erlebnisse mit
Goldmund, ein Bedürfnis nach Zurückgezogenheit, Askese und geistlichen
Übungen erwacht, eine Neigung zu Fasten und langen Gebeten, häufigen
Beichten, freiwilligen Bußübungen, und diese Neigung vermochte Goldmund
zu verstehen, ja beinahe zu teilen. Seit seiner Genesung war sein
Instinkt sehr geschärft; wußte er auch noch nicht das geringste über
seine künftigen Ziele, so spürte er doch mit starker und oft
beängstigender Deutlichkeit, daß sein Schicksal sich vorbereite, daß
eine gewisse Schonzeit der Unschuld und Ruhe nun vorüber und alles in
ihm gespannt und bereit sei. Oft war die Ahnung beseligend, hielt ihn
halbe Nächte wach wie eine süße Verliebtheit; oft auch war sie dunkel
und tief beklemmend. Die Mutter war wieder zu ihm gekommen, die lang
Verlorene; das war ein hohes Glück. Aber wohin führte ihr lockender Ruf?
Ins Ungewisse, in Verstrickung, in Not, vielleicht in den Tod. Ins
Stille, Sanfte, Gesicherte, in Mönchszelle und lebenslängliche
Klostergemeinschaft führte sie nicht, ihr Ruf hatte nichts gemein mit
jenen väterlichen Geboten, die er so lange mit seinen eigenen Wünschen
verwechselt hatte. Aus diesem Gefühl, das oft stark, bang und brennend
war wie ein heftiges Körpergefühl, nährte sich Goldmunds Frömmigkeit. Im
Wiederholen langer Gebete an die heilige Mutter Gottes ließ er den
Überschwall des Gefühls, das ihn zur eigenen Mutter zog, von sich
strömen. Häufig aber endeten seine Gebete doch wieder in jenen
merkwürdigen, herrlichen Träumen, die er jetzt so oft erlebte: Träumen
bei Tage, bei halbwachen Sinnen, Träumen von ihr, an denen alle Sinne
teil hatten. Da umduftete ihn die Mutterwelt, blickte dunkel aus
rätselhaften Liebesaugen, rauschte tief wie Meer und Paradies, lallte
kosend sinnlose, vielmehr mit Sinn überfüllte Koselaute, schmeckte nach
Süßem und nach Salzigem, streifte mit seidigem Haar über dürstende
Lippen und Augen. Nicht nur alles Holde war in der Mutter, nicht nur
süßer blauer Liebesblick, holdes glückverheißendes Lächeln, kosende
Tröstung; in ihr war, irgendwo unter anmutigen Hüllen, auch alles
Furchtbare und Dunkle, alle Gier, alle Angst, alle Sünde, aller Jammer,
alle Geburt, alles Sterbenmüssen.
Tief sank der Jüngling in diese Träume, in diese vielfädigen Gespinste
beseelter Sinne. In ihnen stand nicht nur geliebte Vergangenheit wieder
bezaubernd auf: Kindheit und Mutterliebe, strahlend goldener
Lebensmorgen; es schwang in ihnen auch drohende, versprechende, lockende
und gefährliche Zukunft. Zuweilen erschienen diese Träume, in denen
Mutter, Madonna und Geliebte eins waren, ihm nachher wie entsetzliche
Verbrechen und Gotteslästerungen, wie niemals mehr zu sühnende
Todsünden; zu andern Malen fand er in ihnen alle Erlösung, alle
Harmonie. Voll von Geheimnissen starrte das Leben ihn an, eine finstere
unergründliche Welt, ein starrer stachliger Wald voll märchenhafter
Gefahren – aber es waren Geheimnisse der Mutter, sie kamen von ihr, sie
führten zu ihr, sie waren der kleine dunkle Kreis, der kleine drohende
Abgrund in ihrem lichten Auge.
Viel vergessene Kindheit kam in diesen Mutterträumen herauf, aus
unendlichen Tiefen und Verlorenheiten blühten viele kleine
Erinnerungsblumen, blickten goldig, dufteten ahnungsvoll, Erinnerungen
an Gefühle der Kindheit, vielleicht an Erlebnisse, vielleicht an Träume.
Von Fischen träumte er zuweilen, die schwammen schwarz und silbern auf
ihn zu, kühl und glatt, schwammen in ihn hinein, durch ihn hindurch,
kamen wie Boten mit holden Glücksnachrichten aus einer schöneren
Wirklichkeit, schwanden schwänzelnd und schattenhaft, waren dahin,
hatten statt Botschaft neue Geheimnisse gebracht. Oft träumte er
schwimmende Fische und fliegende Vögel, und jeder Fisch oder Vogel war
sein Geschöpf, war von ihm abhängig und lenkbar wie sein Atemzug,
strahlte wie ein Blick, wie ein Gedanke von ihm aus, kehrte in ihn
zurück. Von einem Garten träumte er oft, einem Zaubergarten mit
märchenhaften Bäumen, übergroßen Blumen, tiefen blaudunklen Höhlen;
zwischen den Gräsern blickten funkelnde Augen unbekannter Tiere, an den
Ästen glitten glatte sehnige Schlangen; an Reben und Gesträuchen hingen
groß und feuchtglänzend riesige Beeren, die schwollen beim Pflücken in
seiner Hand und vergossen warmen Saft wie Blut oder hatten Augen und
bewegten sie schmachtend und listig; er lehnte sich tastend an einen
Baum, griff nach einem Ast und sah und fühlte zwischen Stamm und Ast ein
Gekräusel wirrer dichter Haare nisten wie das Haar in der Höhle einer
Achsel. Einmal träumte er von sich selber oder von seinem
Namensheiligen, träumte von Goldmund, Chrysostomus, der hatte einen Mund
aus Gold und sprach mit dem goldenen Munde Worte, und die Worte waren
kleine schwärmende Vögel, in flatternden Scharen flogen sie davon.
Einmal träumte er: er war groß und erwachsen, saß aber wie ein Kind am
Boden, hatte Lehm vor sich und knetete wie ein Kind aus dem Lehm
Figuren: ein Pferdchen, einen Stier, einen kleinen Mann, eine kleine
Frau. Das Kneten machte ihm Spaß, und er machte den Tieren und Männern
lächerlich große Geschlechtsteile, im Traume kam ihm das sehr witzig
vor. Dann wurde er des Spiels müde und ging weiter, da fühlte er hinter
sich etwas leben, etwas Lautloses, Großes sich nähern, und sah zurück,
und sah mit tiefem Erstaunen und mit großem Schrecken, der aber nicht
ohne Freude war, seine kleinen Lehmfiguren groß und lebendig geworden.
Gewaltig groß, stumme Riesen, marschierten die Figuren an ihm vorbei,
noch immer wachsend, riesig und schweigend zogen sie weiter, in die Welt
hinein, hoch wie Türme.
In dieser Traumwelt lebte er mehr als in der wirklichen. Die wirkliche
Welt: Schulsaal, Klosterhof, Bibliothek, Schlafsaal und Kapelle, war nur
Oberfläche, nur eine dünne zitternde Haut über der traumgefüllten,
überwirklichen Bilderwelt. Ein Nichts war genug, um in diese dünne Haut
ein Loch zu stoßen: etwas Ahnungsvolles im Klang eines griechischen
Wortes mitten in der nüchternen Lektion, eine Welle Duft aus der
Kräutertasche des botanisierenden Paters Anselm, der Blick auf eine
steinerne Blattranke, die oben aus der Säule eines Fensterbogens quoll –
solche kleine Anreize genügten schon, um die Haut der Wirklichkeit zu
durchstoßen und hinter der friedlich dürren Wirklichkeit die tosenden
Abgründe, Ströme und Milchstraßen jener Seelenbilderwelt zu entfesseln.
Ein lateinisches Initial wurde zum duftenden Gesicht der Mutter, ein
langgezogener Ton im Ave zum Paradiestor, ein griechischer Buchstabe zum
rennenden Pferd, zur bäumenden Schlange, still wälzte sie sich unter
Blumen davon, und schon stand an ihrer Stelle wieder die starre Seite
der Grammatik.
Selten sprach er davon, nur wenige Male gab er Narziß eine Andeutung von
dieser Traumwelt.
„Ich glaube“, sagte er einmal, „daß ein Blumenblatt oder ein kleiner
Wurm auf dem Wege viel mehr sagt und enthält als alle Bücher der ganzen
Bibliothek. Mit Buchstaben und mit Worten kann man nichts sagen.
Manchmal schreibe ich irgendeinen griechischen Buchstaben, ein Theta
oder Omega, und indem ich die Feder ein klein wenig drehe, schwänzelt
der Buchstabe und ist ein Fisch und erinnert in einer Sekunde an alle
Bäche und Ströme der Welt, an alles Kühle und Feuchte, an den Ozean
Homers und an das Wasser, auf dem Petrus wandelte, oder der Buchstabe
wird ein Vogel, stellt den Schwanz, sträubt die Federn, bläst sich auf,
lacht, fliegt davon. – Nun, Narziß, du hältst wohl nicht viel von
solchen Buchstaben? Aber ich sage dir: mit ihnen schrieb Gott die Welt.“
„Ich halte viel von ihnen“, sagte Narziß traurig. „Es sind
Zauberbuchstaben, man kann alle Dämonen mit ihnen beschwören. Nur
freilich zum Betreiben der Wissenschaften sind sie ungeeignet. Der Geist
liebt das Feste, Gestaltete, er will sich auf seine Zeichen verlassen
können, er liebt das Seiende, nicht das Werdende, das Wirkliche und
nicht das Mögliche. Er duldet nicht, daß ein Omega eine Schlange oder
ein Vogel werde. In der Natur kann der Geist nicht leben, nur _gegen_
sie, nur als ihr Gegenspiel. Glaubst du mir jetzt, Goldmund, daß du nie
ein Gelehrter sein wirst?“
O ja, Goldmund glaubte es längst, er war damit einverstanden.
„Ich bin gar nicht mehr in das Streben nach eurem Geist verbissen“,
sagte er, halb lachend. „Es geht mir mit dem Geist und mit der
Gelehrsamkeit ähnlich, wie es mir mit meinem Vater gegangen ist: ich
glaubte ihn sehr zu lieben und ihm ähnlich zu sein, ich schwor auf
alles, was er sagte. Aber kaum war meine Mutter wieder da, so wußte ich
erst wieder, was Liebe ist, und neben ihrem Bild war das des Vaters
plötzlich klein und unfroh und beinah widerwärtig geworden. Und jetzt
neige ich dazu, alles Geistige als väterlich, als unmütterlich und
mutterfeindlich anzusehen und es ein wenig gering zu achten.“
Er sprach scherzend, doch gelang es ihm nicht, seines Freundes trauriges
Gesicht heiter zu machen. Narziß sah ihn schweigend an, sein Blick war
wie eine Liebkosung. Dann sagte er: „Ich verstehe dich wohl. Wir
brauchen jetzt nicht mehr zu streiten; du bist erwacht, und du hast ja
jetzt auch den Unterschied zwischen dir und mir erkannt, den Unterschied
zwischen mütterlichen und väterlichen Herkünften, zwischen Seele und
Geist. Und nun wirst du ja wohl bald auch das noch erkennen, daß dein
Leben im Kloster und dein Streben nach einem mönchischen Leben ein
Irrtum war, eine Erfindung deines Vaters, der damit das Andenken deiner
Mutter entsündigen oder auch nur sich an ihr rächen wollte. Oder glaubst
du noch immer, daß es deine Bestimmung sei, dein ganzes Leben im Kloster
zu bleiben?“
Nachdenklich betrachtete Goldmund seines Freundes Hände, diese
vornehmen, ebenso strengen wie zarten, mageren und weißen Hände. Niemand
konnte bezweifeln, daß dies Asketen- und Gelehrtenhände seien.
„Ich weiß nicht“, sagte er mit der singenden, etwas zögernden, lang auf
jedem Laut verweilenden Stimme, die er seit einiger Zeit bekommen hatte.
„Ich weiß es wirklich nicht. Du urteilst etwas hart über meinen Vater.
Er hat es nicht leicht gehabt. Aber vielleicht hast du auch hierin
recht. Ich bin seit mehr als drei Jahren hier in der Klosterschule, und
er hat mich noch nie besucht. Er hofft, daß ich für immer hierbleiben
werde. Vielleicht wäre es das beste, ich habe es ja auch selber immer
gewünscht. Aber heut weiß ich nicht mehr, was ich eigentlich will und
wünsche. Früher war alles einfach, so einfach wie die Buchstaben im
Lesebuch. Jetzt ist nichts mehr einfach, nicht einmal mehr die
Buchstaben. Alles hat viele Bedeutungen und Gesichter bekommen. Ich weiß
nicht, was aus mir werden soll, ich kann jetzt nicht an solche Sachen
denken.“
„Das sollst du auch nicht“, meinte Narziß. „Es wird sich schon zeigen,
wohin dein Weg führt. Er hat begonnen, dich zu deiner Mutter
zurückzuführen und wird dich ihr noch näherbringen. Was aber deinen
Vater betrifft, so urteile ich über ihn nicht zu hart. Würdest du denn
zu ihm zurückkehren wollen?“
„Nein, Narziß, gewiß nicht. Sonst würde ich es tun, sobald ich mit der
Schule fertig bin, oder schon jetzt. Denn da ich doch kein Gelehrter
werde, habe ich eigentlich Latein, Griechisch und Mathematik genug
gelernt. Nein, ich will nicht zum Vater zurück ...“
Nachdenklich sah er vor sich hin, und plötzlich rief er: „Aber wie
machst du das nur, daß du mir immer wieder Worte sagst oder Fragen
stellst, die in mich hineinleuchten und mich mir selbst klarmachen? Auch
jetzt wieder war es nur deine Frage, ob ich denn zu meinem Vater würde
zurückkehren wollen, die mir plötzlich gezeigt hat, daß ich es nicht
will. Wie machst du das? Du scheinst alles zu wissen. Du hast mir manche
Worte über dich und mich gesagt, die ich im Augenblick des Hörens gar
nicht recht begriff und die mir nachher so wichtig geworden sind! Du
warst es, der meine Herkunft eine mütterliche nannte, und du hast
entdeckt, daß ich unter einem Bann stand und meine Kindheit vergessen
hatte! Woher kennst du die Menschen so gut? Kann ich das nicht auch
lernen?“
Narziß schüttelte lächelnd den Kopf.
„Nein, mein Lieber, du kannst es nicht. Es gibt Menschen, die viel
lernen können, aber du gehörst nicht zu ihnen. Du wirst nie ein Lerner
sein. Wozu denn auch? Du hast das nicht nötig. Du hast andere Gaben. Du
hast mehr Gaben als ich, du bist reicher als ich und bist auch
schwächer, du wirst einen schöneren und schwereren Weg haben als ich.
Manchmal wolltest du mich nicht verstehen, oft hast du dich gesträubt
wie ein Füllen, es war nicht immer leicht, und oft habe ich dir auch weh
tun müssen. Ich mußte dich erwecken, du schliefst ja. Auch daß ich dich
an deine Mutter erinnerte, hat zuerst weh getan, sehr weh, man fand dich
wie einen Toten im Kreuzgang liegen. Es mußte sein. – Nein, streichle
mein Haar nicht! Nein, laß es! Ich kann es nicht leiden.“
„Und lernen kann ich also nichts? Ich werde immer dumm und ein Kind
bleiben?“
„Es werden andere da sein, von denen du lernst. Was du von mir lernen
konntest, du Kind, damit sind wir zu Ende.“
„O nein“, rief Goldmund, „dazu sind wir nicht Freunde geworden! Was wäre
das für eine Freundschaft, die nach einer kurzen Strecke ihr Ziel
erreicht hat und einfach aufhören kann! Hast du denn genug von mir? Bin
ich dir denn entleidet?“
Narziß ging heftig auf und ab, die Blicke am Boden, dann blieb er vor
dem Freunde stehen.
„Laß gut sein“, sagte er sanft, „du weißt wohl, daß du mir nicht
entleidet bist.“
Zweifelnd betrachtete er den Freund, nahm alsdann seine Wanderung wieder
auf, hin und her, blieb nochmals stehen und sah Goldmund an, mit festem
Blick aus dem harten und hagern Gesicht. Mit leiser Stimme, aber fest
und hart sagte er: „Hör zu, Goldmund! Unsere Freundschaft ist gut
gewesen; sie hat ein Ziel gehabt und hat es erreicht, sie hat dich wach
gemacht. Ich hoffe, sie sei nicht zu Ende; ich hoffe, sie werde sich
nochmals und immer wieder erneuern und zu neuen Zielen führen. Für den
Augenblick ist kein Ziel da. Das deine ist ungewiß, ich kann dich da
weder führen noch begleiten. Frage deine Mutter, frage ihr Bild, höre
auf sie! Mein Ziel aber liegt nicht im Ungewissen, es liegt hier, im
Kloster, es fordert mich zu jeder Stunde. Ich darf dein Freund sein,
aber ich darf nicht verliebt sein. Ich bin Mönch, ich habe das Gelübde
getan. Ich werde, ehe ich die Weihen erhalte, mich vom Lehramt
beurlauben lassen und viele Wochen mich zu Fasten und Exerzitien
zurückziehen. Ich werde in dieser Zeit nichts Weltliches sprechen, auch
mit dir nicht.“
Goldmund verstand. Traurig sagte er: „Du wirst nun also das tun, was
auch ich getan hätte, wenn ich für immer in den Orden getreten wäre. Und
wenn deine Übungen absolviert sind, wenn du genug gefastet und gebetet
und gewacht hast – wohin wirst du dann zielen?“
„Du weißt es“, sagte Narziß.
„Nun ja. Du wirst in einigen Jahren erster Lehrer sein, vielleicht auch
schon Schulvorsteher. Du wirst den Unterricht verbessern, wirst die
Bibliothek vergrößern. Vielleicht wirst du selbst Bücher verfassen?
Nicht? Nun, also nicht. Aber wo wird das Ziel sein?“
Narziß lächelte schwach. „Das Ziel? Vielleicht werde ich als
Schulvorsteher sterben oder als Abt oder Bischof. Einerlei. Das Ziel ist
dies: mich immer dahin zu stellen, wo ich am besten dienen kann, wo
meine Art, meine Eigenschaften und Gaben den besten Boden, das größte
Wirkungsfeld finden. Es gibt kein anderes Ziel.“
Goldmund: „Kein anderes Ziel für einen Mönch?“
Narziß: „O ja, Ziele genug. Es kann für einen Mönch Lebensziel sein,
Hebräisch zu lernen, den Aristoteles zu kommentieren oder die
Klosterkirche auszuschmücken oder sich einzuschließen und zu meditieren
oder hundert andere Dinge zu tun. Für mich sind das keine Ziele. Ich
will weder den Reichtum des Klosters vermehren, noch den Orden
reformieren oder die Kirche. Ich will innerhalb des mir Möglichen dem
Geist dienen, so wie ich ihn verstehe, nichts anderes. Ist das kein
Ziel?“
Lange überlegte sich Goldmund die Antwort.
„Du hast recht“, sagte er. „Habe ich dich auf dem Weg zu deinem Ziel
sehr gehindert?“
„Gehindert? O Goldmund, niemand hat mich mehr gefördert als du. Du hast
mir Schwierigkeiten gemacht, aber ich bin kein Feind von
Schwierigkeiten. Ich habe an ihnen gelernt, ich habe sie zum Teil
überwunden.“
Goldmund unterbrach ihn, halb scherzend sagte er: „Wunderbar hast du sie
überwunden! Aber sage doch: Wenn du mir geholfen, mich geführt und
befreit und meine Seele gesund gemacht hast – hast du denn damit
wirklich dem Geist gedient? Du hast damit wahrscheinlich dem Kloster
einen eifrigen und gutgewillten Novizen entzogen und hast dem Geist
vielleicht einen Gegner erzogen, einen, der gerade das Gegenteil von dem
tun und glauben und anstreben wird, was du für gut hältst!“
„Warum nicht?“ sagte Narziß mit tiefem Ernst. „Mein Freund, du kennst
mich noch immer so wenig! Ich habe in dir wahrscheinlich einen künftigen
Mönch verdorben und habe dafür in dir einen Weg freigemacht für ein
nicht gewöhnliches Schicksal. Auch wenn du morgen unser ganzes hübsches
Kloster niederbrennen würdest oder irgendeine tolle Irrlehre in der Welt
verkündigen, ich würde keinen Augenblick bereuen, dir auf den Weg dazu
geholfen zu haben.“
Freundlich legte er dem Freunde beide Hände auf die Schultern.
„Sieh, kleiner Goldmund, zu meinem Ziel gehört auch dies: Mag ich Lehrer
oder Abt, Beichtvater oder was immer sein, niemals möchte ich in die
Lage kommen, einem starken, wertvollen und besonderen Menschen zu
begegnen und ihn nicht zu verstehen, ihn nicht erschließen, ihn nicht
fördern zu können. Und ich sage dir: Mag aus dir und aus mir dies oder
jenes werden, mag es uns so oder anders gehen, nie wirst du im
Augenblick, wo du mich ernstlich rufst und zu brauchen meinst, mich dir
verschlossen finden. Niemals.“
Das klang wie Abschiednehmen, und wirklich war es der Vorgeschmack des
Abschieds. Wie Goldmund vor seinem Freunde stand und ihn betrachtete,
das entschlossene Gesicht, das auf Ziele gerichtete Auge, da fühlte er
untrüglich, daß sie beide jetzt nicht mehr Brüder und Kameraden und
ihresgleichen waren, daß ihre Wege sich schon getrennt hatten. Dieser
hier, der vor ihm stand, war kein Träumer und wartete auch nicht auf
irgendwelche Zurufe des Schicksals; er war ein Mönch, er hatte sich
verschrieben, er gehörte einer festen Ordnung und Pflicht, war ein
Diener und Soldat des Ordens, der Kirche, des Geistes. Er selbst aber,
dies war ihm heute klar geworden, gehörte nicht hierher, er war ohne
Heimat, eine unbekannte Welt wartete auf ihn. So war es einst auch
seiner Mutter gegangen. Sie hatte Haus und Hof, Mann und Kind,
Gemeinschaft und Ordnung, Pflicht und Ehre verlassen und war ins
Ungewisse hinausgegangen, war wohl längst darin untergegangen. Sie hatte
kein Ziel gehabt, wie auch er keines hatte. Ziele zu haben, das war
anderen gegeben, ihm nicht. O wie gut hatte Narziß dies alles schon vor
langer Zeit gesehen, wie recht hatte er gehabt!
Schon bald nach diesem Tage war Narziß wie verschwunden, er schien
plötzlich unsichtbar geworden zu sein. Ein anderer Lehrer gab seine
Lektionen, sein Lesepult in der Bibliothek blieb leer. Er war noch da,
er war nicht völlig unsichtbar, man konnte ihn zuweilen den Kreuzgang
durchschreiten sehen, konnte ihn manchmal in einer der Kapellen murmeln
hören, auf dem Steinboden kniend; man wußte, daß er die große Übung
angetreten hatte, daß er fastete und dreimal in der Nacht zu Exerzitien
sich erhob. Er war noch da und war doch in eine andere Welt
hinübergegangen; man konnte ihn sehen, selten genug, konnte ihn aber
nicht erreichen, nichts mit ihm gemein haben, nicht mit ihm sprechen.
Goldmund wußte: Narziß würde wieder erscheinen, er würde sein
Arbeitspult, seinen Stuhl im Refektorium wieder einnehmen, würde wieder
sprechen – aber von dem Gewesenen würde nichts wiederkommen, Narziß
würde nicht wieder ihm gehören. Indem er es bedachte, wurde auch das ihm
klar, daß es einzig Narziß gewesen war, durch welchen ihm Kloster und
Mönchtum, Grammatik und Logik, Studium und Geist wichtig und lieb
geworden war. Sein Vorbild hatte ihn gelockt, wie er zu werden war sein
Ideal gewesen. Wohl, auch der Abt war noch da, auch ihn hatte er
verehrt, auch ihn geliebt und ein hohes Vorbild in ihm gesehen. Aber die
andern, die Lehrer, die Mitschüler, der Schlafsaal, der Speisesaal, die
Schule, die Übungen, die Gottesdienste, das ganze Kloster – ohne Narziß
ging es ihn nichts mehr an. Was tat er noch hier? Er wartete, er stand
unterm Dach des Klosters wie ein unentschlossener Wanderer bei Regen
unter irgendeinem Dach oder Baum stehenbleibt, bloß um zu warten, bloß
als Gast, bloß aus Angst vor der Unwirtlichkeit der Fremde.
Goldmunds Leben in dieser Zeit war nur noch ein Zögern und
Abschiednehmen. Alle Orte suchte er auf, die ihm lieb oder bedeutsam
geworden waren. Mit wunderlicher Befremdung stellte er fest, wie wenige
Menschen und Gesichter da waren, von welchen der Abschied ihm schwer
fallen würde. Da war Narziß und der alte Abt Daniel und auch noch der
gute liebe Pater Anselm und auch etwa noch der freundliche Pförtner und
der lebenslustige Nachbar Müller – aber auch diese waren schon beinahe
unwirklich geworden. Schwerer als von ihnen würde er Abschied nehmen von
der großen steinernen Madonna in der Kapelle, von den Aposteln des
Portals. Lange stand er vor ihnen, auch vor den schönen Schnitzereien
des Chorgestühls, vor dem Brunnen im Kreuzgang, vor der Säule mit den
drei Tierköpfen, lehnte sich im Hof an die Linden, an den Kastanienbaum.
Dies alles würde ihm einmal eine Erinnerung sein, ein kleines Bilderbuch
in seinem Herzen. Schon jetzt, da er noch mitten drin war, begann es ihm
zu entgleiten, verlor an Wirklichkeit, wandelte sich gespenstisch in
etwas Gewesenes. Mit Pater Anselm, der ihn gern um sich hatte, ging er
auf die Kräutersuche, beim Klostermüller sah er den Knechten zu und ließ
sich je und je zu Wein und gebackenen Fischen einladen; aber alles war
schon fremd und halb wie Erinnerung. So wie drüben in der
Kirchendämmerung und der Bußzelle sein Freund Narziß zwar wandelte und
lebte, für ihn aber ein Schatten geworden war, so stand alles rings um
ihn entwirklicht, atmete Herbst und Vergänglichkeit.
Wirklich und lebendig war nichts mehr als das Leben in ihm innen, das
bange Schlagen des Herzens, der wehe Stachel der Sehnsucht, die Freuden
und Ängste seiner Träume. Ihnen gehörte er an und gab sich hin. Mitten
im Lesen oder Lernen, mitten zwischen den Schulkameraden konnte er in
sich versinken und alles vergessen, nur den Strömen und Stimmen des
Innern hingegeben, die ihn hinwegzogen, in tiefe Brunnen voll dunkler
Melodie, in farbige Abgründe voll märchenhafter Erlebnisse, deren Klänge
alle wie die Stimme der Mutter klangen, deren tausend Augen alle die
Augen der Mutter waren.
Sechstes Kapitel
Eines Tages rief Pater Anselm Goldmund in seine Apotheke, seine hübsche,
wunderbar duftende Kräuterkammer. Hier kannte Goldmund sich gut aus. Der
Pater zeigte ihm eine gedörrte Pflanze, zwischen Papierblättern sauber
aufbewahrt, und fragte ihn, ob er diese Pflanze kenne und genau
beschreiben könne, wie sie draußen im Felde aussehe. Ja, das konnte
Goldmund; die Pflanze hieß Johanniskraut. Deutlich mußte er alle ihre
Merkmale beschreiben. Der alte Mönch war zufrieden und gab seinem jungen
Freunde den Auftrag, am Nachmittag ein gutes Bündel solcher Pflanzen zu
sammeln, deren Lieblingsstandorte er ihm angab.
„Du bekommst dafür einen schulfreien Nachmittag, mein Lieber, du wirst
nichts dagegen haben und wirst nichts dabei verlieren. Auch die Kenntnis
der Natur nämlich ist eine Wissenschaft, nicht bloß eure blöde
Grammatik.“
Goldmund bedankte sich für den sehr willkommenen Auftrag, ein paar
Stunden Blumen zu sammeln, statt in der Schule zu sitzen. Damit die
Freude vollkommen würde, erbat er sich vom Bruder Stallmeister das Pferd
Bleß, und bald nach Tische holte er das Tier aus dem Stall, das ihn
heftig begrüßte, sprang auf und trabte sehr zufrieden in den warmen
leuchtenden Tag hinaus. Ein Stündchen oder mehr ritt er spazieren, genoß
die Luft und den Felderduft und vor allem das Reiten, dann erinnerte er
sich seiner Aufgabe und suchte einen der Plätze auf, die ihm der Pater
beschrieben hatte. Dort band er das Pferd unter einem schattigen Ahorn
an, plauderte mit ihm, gab ihm Brot zu fressen und machte sich dann auf
die Pflanzensuche. Einige Stücke Ackerland lagen hier brach, von
vielerlei Unkraut überwuchert, kleine kümmerliche Mohnpflanzen mit
letzten blassen Blüten und schon vielen reifen Samenkapseln standen da
zwischen verdorrten Wickenranken und himmelblau blühender Wegwarte und
verfärbtem Knöterich, ein paar Haufen zusammengeworfener Feldsteine
zwischen zwei Feldern waren von Eidechsen bewohnt, hier standen auch
schon die ersten gelb blühenden Stauden Johanniskraut, und Goldmund fing
an zu pflücken. Als er eine gute Handvoll beisammen hatte, setzte er
sich auf die Steine und ruhte. Es war heiß, und er blickte begehrlich
zum Schattendunkel eines fernen Waldrandes hinüber, aber so weit wollte
er doch nicht von den Pflanzen und von seinem Pferde weggehen, das er
von hier aus noch sehen konnte. Er blieb auf den warmen Feldkieseln
sitzen, hielt sich ganz still, um die geflohenen Eidechsen wieder
hervorkommen zu sehen, roch am Johanniskraut und hielt dessen kleine
Blättchen gegen das Licht, um die hundert winzigen Nadelstiche in ihnen
zu betrachten.
Wunderlich, dachte er, da hat jedes von den tausend kleinen Blättchen
diesen kleinwinzigen Sternhimmel in sich gestochen, fein wie eine
Stickerei. Wunderlich und unbegreiflich war doch alles, die Eidechsen,
die Pflanzen, auch die Steine, überhaupt alles. Der Pater Anselm, der
ihn so gern mochte, der konnte nun sein Johanniskraut nicht selbst mehr
holen, er hatte es in den Beinen und war an manchen Tagen unbeweglich,
und seine Arzneikunst konnte es nicht heilen. Vielleicht würde er schon
bald eines Tages sterben, und die Kräuter in der Kammer dufteten weiter,
aber der alte Pater war nicht mehr da. Vielleicht aber lebte er auch
noch lange, vielleicht noch zehn oder zwanzig Jahre, und hatte dann
immer noch dieselben weißen dünnen Haare und dieselben drolligen
Faltenbündel um die Augen; aber er selbst, Goldmund, was würde in
zwanzig Jahren mit ihm sein? Ach, alles war unverständlich und
eigentlich traurig, obwohl es auch schön war. Man wußte nichts. Man
lebte und lief auf der Erde herum oder ritt durch die Wälder,
und manches schaute einen so fordernd und versprechend und
sehnsuchterweckend an: ein Stern am Abend, eine blaue Glockenblume, ein
schilfgrüner See, das Auge eines Menschen oder einer Kuh, und manchmal
war es, als müsse jetzt gleich etwas Niegesehenes und doch lang
Ersehntes geschehen, ein Schleier von allem fallen, aber dann ging es
vorüber, und es geschah nichts, und das Rätsel wurde nicht gelöst und
der geheime Zauber nicht entbunden, und zuletzt wurde man alt und sah so
pfiffig aus wie der Pater Anselm oder so weise wie der Abt Daniel und
wußte vielleicht noch immer nichts, wartete und horchte noch immer.
Er hob ein leeres Schneckenhaus auf, es klirrte schwach zwischen den
Steinen und war ganz warm von der Sonne. Versunken betrachtete er die
Windungen des Gehäuses, die eingekerbte Spirale, die launige Verjüngung
des Krönchens, den leeren Schlund, in dem es perlmuttern schimmerte. Er
schloß die Augen, um die Formen nur mit den tastenden Fingern zu
erfühlen, das war eine alte Gewohnheit und Spielerei von ihm. Die
Schnecke zwischen den losen Fingern drehend, tastete er gleitend, ohne
Druck, ihre Formen liebkosend nach, beglückt vom Wunder der Formung, vom
Zauber des Körperlichen. Dies, dachte er träumerisch, war einer der
Nachteile der Schule und der Gelehrsamkeit: es schien eine der Tendenzen
des Geistes zu sein, alles so zu sehen und darzustellen, als ob es flach
wäre und nur zwei Dimensionen hätte. Irgendwie schien ihm damit ein
Mangel und Unwert des ganzen Verstandeswesens bezeichnet, doch vermochte
er den Gedanken nicht festzuhalten, die Schnecke entglitt seinen
Fingern, er fühlte sich müde und schläfrig. Den Kopf über seine Kräuter
gebückt, die im Welken mehr und mehr zu duften begannen, schlief er in
der Sonne ein. Über seine Schuhe liefen die Eidechsen, auf seinen Knien
welkten die Pflanzen, unter dem Ahorn wartete Bleß und wurde ungeduldig.
Vom fernen Walde her kam jemand gegangen, ein junges Weib in einem
verblichenen blauen Rock, ein rotes Tüchlein ums schwarze Haar gebunden,
mit braungebranntem Sommergesicht. Das Weib kam näher, ein Bündel in der
Hand, eine kleine brennrote Steinnelke im Munde. Sie sah den Sitzenden,
betrachtete ihn lange aus der Entfernung, neugierig und mißtrauisch,
sah, daß er schlafe, kam behutsam näher, auf braunen nackten Füßen,
blieb dicht vor Goldmund stehen und sah ihn an. Ihr Mißtrauen schwand,
der hübsche schlafende Jüngling sah nicht gefährlich aus, er gefiel ihr
wohl – wie kam der hierher auf die Brachfelder? Blumen hatte er
gepflückt, sah sie mit Lächeln, sie waren schon halb welk.
Goldmund öffnete die Augen, aus Traumwäldern zurückkommend. Sein Kopf
lag weich, er lag im Schoß einer Frau, in seine verschlafenen
verwunderten Augen blickten fremde nahe Augen warm und braun. Er
erschrak nicht, es war keine Gefahr, freundlich schienen die warmen
braunen Sterne herab. Nun lächelte die Frau unter seinem erstaunten
Blick, lächelte sehr freundlich, und langsam begann auch er zu lächeln.
Auf seine lächelnden Lippen kam ihr Mund herab, sie begrüßten sich in
einem sanften Kuß, bei welchem Goldmund alsbald jenes Abends im Dorfe
und des kleinen Mädchens mit den Zöpfen gedenken mußte. Aber der Kuß war
noch nicht zu Ende. Der Frauenmund verweilte an dem seinen, spielte
weiter, neckte und lockte und ergriff zuletzt seine Lippen mit Gewalt
und Gier, ergriff sein Blut und weckte es auf bis ins Innerste, und im
langen stummen Spiel gab die braune Frau, ihn sacht belehrend, sich dem
Knaben hin, ließ ihn suchen und finden, ließ ihn erglühen und stillte
die Glut. Die holde kurze Seligkeit der Liebe wölbte sich über ihm,
glühte golden und brennend auf, neigte sich und erlosch. Mit
geschlossenen Augen lag er, das Gesicht auf der Brust des Weibes. Es war
kein Wort gesprochen worden. Das Weib hielt stille, streichelte leise
sein Haar, ließ ihn langsam zu sich kommen. Endlich tat er die Augen
auf.
„Du“, sagte er. „Du! Wer bist du denn?“
„Ich bin Lise“, sagte sie.
„Lise“, sprach er nach, den Namen kostend. „Lise, du bist lieb.“
Sie brachte ihren Mund nahe an sein Ohr und flüsterte hinein: „Du, ist
es das erstemal gewesen? Hast du vor mir noch keine liebgehabt?“
Er schüttelte den Kopf. Dann plötzlich richtete er sich auf und blickte
um sich, übers Feld und an den Himmel.
„Oh“, rief er, „die Sonne ist schon ganz tief. Ich muß zurück.“
„Wohin denn?“
„Ins Kloster, zum Pater Anselm.“
„Nach Mariabronn? Da gehörst du hin? Willst du denn nicht noch bei mir
bleiben?“
„Ich möchte gerne.“
„So bleib doch!“
„Nein, es wäre unrecht. Ich muß auch noch mehr von dem Kraut sammeln.“
„Bist du denn im Kloster?“
„Ja, ich bin Schüler. Aber ich bleibe nicht mehr dort. Kann ich zu dir
kommen, Lise? Wo wohnst du denn, wo bist du zu Haus?“
„Ich wohne nirgends, mein Schatz. Willst du mir aber nicht deinen Namen
sagen? – So, Goldmund heißest du? Gib mir noch einen Kuß, Goldmündchen,
dann kannst du ja gehen.“
„Du wohnst nirgends? Wo schläfst du denn?“
„Wenn du willst, mit dir im Wald oder auf dem Heu. Kommst du heut
nacht?“
„O ja. Wohin? Wo finde ich dich?“
„Kannst du schreien wie ein Käuzchen?“
„Ich habe es nie probiert.“
„Probiere es.“
Er versuchte es. Sie lachte und war zufrieden.
„Dann komm heut nacht aus dem Kloster und schreie wie ein Käuzchen, ich
bin in der Nähe. Gefalle ich dir denn, Goldmündlein, mein Kindlein?“
„Ach, du gefällst mir sehr, Lise. Ich komme. Behüt dich Gott, jetzt muß
ich weiter.“
Auf dampfendem Pferd kam Goldmund in der Dämmerung ins Kloster zurück
und war froh, daß er den Pater Anselm sehr beschäftigt fand. Ein Bruder
hatte sich barfuß im Bach vergnügt und sich dabei einen Scherben in den
Fuß getreten.
Jetzt galt es, Narziß aufzufinden. Er fragte einen der dienenden Brüder,
die im Refektorium aufwarteten. Nein, sagten sie, Narziß käme nicht zum
Nachtmahl, er habe Fasttag und werde jetzt wohl schlafen, da er nachts
Vigilien halte. Goldmund rannte. Seines Freundes Schlafstätte während
der langen Exerzitien war eine der Büßerzellen im innern Kloster. Ohne
Besinnen lief er hin. Er horchte an der Tür, nichts war zu hören. Leise
trat er ein. Daß es streng verboten war, kam jetzt nicht in Betracht.
Auf der schmalen Pritsche lag Narziß, in der Dämmerung glich er einem
Toten, wie er starr mit bleichem, spitzem Gesicht auf dem Rücken lag,
die Hände über der Brust gekreuzt. Er hatte aber die Augen offen und
schlief nicht. Stumm blickte er Goldmund an, ohne Vorwurf, doch ohne
sich zu rühren und sichtlich so in einer Versunkenheit befangen, so in
einer andern Zeit und Welt gegenwärtig, daß er Mühe hatte, den Freund zu
erkennen und seine Worte zu verstehen.
„Narziß! Verzeih, verzeih, Lieber, daß ich dich störe, es geschieht
nicht aus Mutwillen. Ich weiß, daß du jetzt eigentlich nicht mit mir
sprechen darfst, aber tue es dennoch, ich bitte dich sehr darum.“
Narziß besann sich, einen Augenblick heftig blinzelnd, als gebe er sich
Mühe, wach zu werden.
„Ist es notwendig?“ fragte er mit erloschener Stimme.
„Ja, es ist notwendig. Ich komme, um von dir Abschied zu nehmen.“
„Dann ist es notwendig. Du sollst nicht vergebens gekommen sein. Komm,
setze dich zu mir. Eine Viertelstunde ist Zeit, dann beginnt die erste
Vigilie.“
Er hatte sich aufgerichtet und saß hager auf dem nackten Schlafbrett;
Goldmund setzte sich neben ihn.
„Verzeih nur!“ sagte er schuldbewußt. Die Zelle, die kahle Pritsche,
Narzissens überwachtes und überanstrengtes Gesicht, sein halb abwesender
Blick, alles zeigte ihm deutlich, wie sehr er hier störe.
„Nichts zu verzeihen. Nimm auf mich keine Rücksicht, mir fehlt nichts.
Du willst Abschied nehmen, sagst du? Du gehst also fort?“
„Ich gehe, noch heut. Ach, ich kann es dir nicht erzählen! Es ist
plötzlich alles zur Entscheidung gekommen.“
„Ist dein Vater da oder Botschaft von ihm?“
„Nein, nichts. Das Leben selber ist zu mir gekommen. Ich gehe fort, ohne
Vater, ohne Erlaubnis. Ich mache dir Schande, du, ich laufe fort.“
Narziß blickte auf seine langen weißen Finger nieder, dünn und
gespenstisch kamen sie aus den weiten Kuttenärmeln hervor. Nicht in
seinem strengen, arg ermüdeten Gesicht, aber in seiner Stimme war ein
Lächeln zu spüren, als er sagte: „Wir haben sehr wenig Zeit, Lieber.
Sage nur das Notwendige, und sage es deutlich und kurz. – Oder muß ich
es dir sagen, was mit dir geschehen ist?“
„Sage es“, bat Goldmund.
„Du bist verliebt, kleiner Junge, du hast ein Weib kennengelernt.“
„Wie kannst du nun das wieder wissen!“
„Du machst es mir leicht. Dein Zustand, _o amice_, trägt alle
Kennzeichen jener Art von Trunkenheit, die man Verliebtheit nennt. Nun
sprich aber, bitte.“
Schüchtern legte Goldmund seine Hand auf des Freundes Schulter.
„Nun hast du es schon gesagt. Aber du hast es diesmal nicht gut gesagt,
Narziß, nicht richtig. Es ist ganz anders. Ich war auf den Feldern
draußen und schlief in der Hitze ein, und als ich aufwachte, lag mein
Kopf auf den Knien einer schönen Frau, und ich fühlte sogleich, daß
jetzt meine Mutter gekommen sei, um mich zu sich zu holen. Nicht, daß
ich diese Frau für meine Mutter hielte, sie hatte dunkle braune Augen
und schwarzes Haar, und meine Mutter war blond wie ich, sie sah ganz
anders aus. Aber doch war sie es, war es ihr Ruf, war eine Botschaft von
ihr. Wie aus den Träumen meines eigenen Herzens heraus war da plötzlich
eine schöne fremde Frau gekommen, die hielt meinen Kopf in ihrem Schoß,
und sie lächelte mich an wie eine Blume und war lieb mit mir, gleich bei
ihrem ersten Kuß fühlte ich es in mir schmelzen und auf eine wunderbare
Art weh tun. Alle Sehnsucht, die ich je gespürt, aller Traum, alle süße
Angst, alles Geheimnis, das in mir geschlafen, wurde wach, alles war
verwandelt, verzaubert, alles hatte Sinn bekommen. Sie hat mich gelehrt,
was eine Frau ist und welches Geheimnis sie hat. Sie hat mich in einer
halben Stunde um viele Jahre älter gemacht. Ich weiß jetzt vieles. Auch
das wußte ich ganz plötzlich, daß jetzt meines Bleibens in diesem Hause
nicht mehr sei, keinen einzigen Tag mehr. Ich gehe, sobald es Nacht
ist.“
Narziß hörte zu und nickte.
„Es ist plötzlich gekommen“, sagte er, „aber es ist etwa das, was ich
erwartet hatte. Ich werde viel an dich denken. Du wirst mir fehlen,
_amice_. Kann ich etwas für dich tun?“
„Wenn es dir möglich ist, so sage unserm Abt ein Wort, daß er mich nicht
völlig verdammt. Er ist der einzige außer dir im Hause, dessen Gedanken
über mich mir nicht gleichgültig sind. Er und du.“
„Ich weiß ... Hast du sonst ein Anliegen?“
„Eine Bitte, ja. Wenn du später an mich denkst, dann bete einmal für
mich! Und ... ich danke dir.“
„Wofür, Goldmund?“
„Für deine Freundschaft, für deine Geduld, für alles. Auch dafür, daß du
mich heute anhörst, wo es doch schwer für dich ist. Auch dafür, daß du
nicht versucht hast, mich zurückzuhalten.“
„Wie sollte ich dich zurückhalten wollen? Du weißt, wie ich darüber
denke. – Aber wohin wirst du wohl gehen, Goldmund? Hast du denn ein
Ziel? Gehst du zu jener Frau?“
„Ich gehe mit ihr, ja. Ein Ziel habe ich nicht. Sie ist eine Fremde,
eine Heimatlose, so scheint es, vielleicht eine Zigeunerin.“
„Nun ja. Aber sag, mein Lieber, weißt du, daß dein Weg mit ihr
vielleicht sehr kurz sein wird? Du solltest dich nicht zu sehr auf sie
verlassen, glaube ich. Sie wird vielleicht Verwandte haben, vielleicht
einen Mann; wer weiß, wie man dich dort aufnehmen wird.“
Goldmund lehnte sich an den Freund.
„Ich weiß das“, sagte er, „obwohl ich bisher noch nicht daran gedacht
hatte. Ich sagte dir schon: ein Ziel habe ich nicht. Auch jene Frau, die
so sehr lieb mit mir war, ist nicht mein Ziel. Ich gehe zu ihr, aber ich
gehe nicht ihretwegen. Ich gehe, weil ich muß, weil es mich ruft.“
Er schwieg und seufzte, und sie saßen, aneinandergelehnt, traurig und
doch glücklich im Gefühl ihrer unzerstörbaren Freundschaft. Dann fuhr
Goldmund fort: „Du mußt nicht glauben, daß ich ganz blind und ahnungslos
bin. Nein. Ich gehe gerne, weil ich fühle, daß es sein muß, und weil ich
heut etwas so Wunderbares erlebt habe. Aber ich denke mir nicht, daß ich
in lauter Glück und Vergnügen hineinlaufe. Ich denke mir, der Weg wird
schwer sein. Und doch wird er auch schön sein, hoffe ich. Es ist so sehr
schön, einer Frau anzugehören, sich hinzugeben! Lache mich nicht aus,
wenn es töricht klingt, was ich sage. Aber sieh: eine Frau zu lieben,
ihr sich hinzugeben, sie ganz in sich einzuhüllen und sich von ihr
eingehüllt fühlen, das ist nicht dasselbe, was du ‚Verliebtsein‘ nennst
und ein bißchen bespöttelst. Es ist nicht zu bespötteln. Es ist für mich
der Weg zum Leben und der Weg zum Sinn des Lebens. – Ach, Narziß, ich
muß dich verlassen! Ich liebe dich, Narziß, und ich danke dir, daß du
mir heut ein bißchen Schlaf geopfert hast. Schwer fällt es mir, von dir
fortzugehen. Wirst du mich nicht vergessen?“
„Mach dir und mir das Herz nicht schwer! Ich vergesse dich niemals. Du
wirst wiederkommen, ich bitte dich darum, ich erwarte es. Wenn es dir
einmal schlecht geht, so komm zu mir oder rufe mich. – Leb wohl,
Goldmund, Gott sei mit dir!“
Er hatte sich erhoben. Goldmund umarmte ihn. Da er seines Freundes Scheu
vor Liebkosungen kannte, küßte er ihn nicht, er streichelte nur seine
Hände.
Die Nacht brach ein, Narziß schloß die Zelle hinter sich und ging zur
Kirche hinüber, seine Sandalen klappten auf den Steinfliesen. Goldmund
folgte der hagern Gestalt mit liebenden Augen, bis sie am Ende des
Ganges wie ein Schatten verschwand, von der Finsternis der Kirchenpforte
eingeschluckt, angesogen und eingefordert von Übungen, von Pflichten,
von Tugenden. O wie wunderlich, wie unendlich seltsam und verwirrt war
doch alles! Wie seltsam und erschreckend war auch dies gewesen: mit
seinem überströmenden Herzen, mit seiner blühenden Liebesberauschtheit
zu seinem Freunde gerade in einer Stunde zu kommen, wo dieser
meditierend, von Fasten und Wachen verzehrt, seine Jugend, sein Herz,
seine Sinne ans Kreuz schlug und zum Opfer brachte und sich der
strengsten Schule des Gehorsams unterzog, um nur dem Geiste zu dienen
und ganz zum _minister verbi divini_ zu werden! Da war er gelegen,
todmüde und erloschen, mit dem bleichen Gesicht und den gemagerten
Händen, wie ein Toter anzusehen, und war doch alsbald klar und
freundlich auf den Freund eingegangen und hatte dem Verliebten, der noch
nach einem Weibe duftete, sein Ohr geliehen und seine karge Ruhezeit
zwischen zwei Bußübungen geopfert! Wunderlich war es, und wunderbar
schön war es, daß es auch diese Art von Liebe gab, diese selbstlose,
ganz vergeistigte. Wie anders war sie als diese Liebe heut im sonnigen
Feld, dies trunkene und rechenschaftslose Spiel der Sinne! Und doch war
beides Liebe. Ach, und jetzt war Narziß ihm verschwunden, nachdem er ihm
in dieser letzten Stunde nochmals so deutlich gezeigt hatte, wie ganz
und gar verschieden und einander unähnlich sie waren. Narziß lag jetzt
vor dem Altar auf müden Knien, vorbereitet und geläutert zu einer Nacht
voll Gebet und Betrachtung, in der ihm nicht mehr als zwei Stunden Ruhe
und Schlaf erlaubt waren, während er, Goldmund, davonlief, um irgendwo
unter den Bäumen seine Lise zu finden und jene süßen tierischen Spiele
mit ihr zu wiederholen! Narziß hätte Beachtenswertes darüber zu sagen
gewußt. Nun: er, Goldmund, war nicht Narziß. Ihm lag es nicht ob, diese
schönen und schauerlichen Rätsel und Verwirrungen zu ergründen und
Wichtiges darüber zu sagen. Ihm lag nichts ob als seine ungewissen,
törichten Goldmundwege weiterzugehen. Ihm lag nichts ob als sich
hinzugeben und zu lieben, den betenden Freund in der nächtlichen Kirche
nicht minder als die schöne warme junge Frau, die auf ihn wartete.
Als er, das Herz von hundert streitenden Gefühlen erregt, unter den
Hoflinden davonschlich und den Ausgang durch die Mühle suchte, mußte er
dennoch lächeln, als er sich plötzlich jenes Abends erinnerte, an dem er
einst mit Konrad auf diesem selben Schleichweg das Kloster verlassen
hatte, um „ins Dorf“ zu gehen. Wie erregt und heimlich furchtsam hatte
er damals den kleinen verbotenen Ausflug angetreten, und heute ging er
für immer, ging viel verbotenere und gefährlichere Wege, und hatte keine
Furcht dabei, dachte nicht an Pförtner, an Abt und Lehrer.
Es lagen diesmal keine Bretter am Bach, er mußte ohne Brücke hinüber. Er
zog das Gewand aus und warf es ans andere Ufer, dann ging er nackt durch
den tiefen, stark strömenden Bach, bis an die Brust im kalten Wasser.
Während er sich drüben wieder ankleidete, waren seine Gedanken wieder
bei Narziß. Mit großer beschämender Klarheit sah er jetzt, daß er in
dieser Stunde nichts anderes tue, als was jener vorausgewußt und wozu er
ihn geführt habe. Er sah überdeutlich jenen klugen, etwas spöttischen
Narziß wieder, der ihn so viel Törichtes hatte reden hören, und jenen,
der ihm einst in wichtiger Stunde unter Schmerzen die Augen geöffnet
hatte. Einige der Worte, die Narziß ihm damals gesagt, hörte er jetzt
deutlich wieder: „Du schläfst an der Brust der Mutter, ich wache in der
Wüste. Deine Träume sind von Mädchen, meine von Jünglingen.“
Einen Augenblick zog sein Herz sich frierend zusammen, schrecklich
allein stand er da in der Nacht. Hinter ihm lag das Kloster, eine
Scheinheimat nur, aber doch eine geliebte und langgewohnte.
Zugleich aber fühlte er das andere: daß jetzt Narziß nicht mehr sein
mahnender und besserwissender Führer und Wecker war. Heute hatte er, so
fühlte er, ein Land betreten, in dem er die Wege allein fand, in dem
kein Narziß ihn mehr führen konnte. Er war froh, daß ihm dies bewußt
wurde; es war ihm drückend und beschämend gewesen, so auf die Zeit
seiner Abhängigkeit zurückzublicken. Jetzt war er sehend und war kein
Kind und Schüler mehr. Es war gut, das zu wissen. Aber dennoch – wie
schwer war es, Abschied zu nehmen! Ihn dort drüben in der Kirche knien
zu wissen, ihm nichts geben, nicht helfen, nichts sein zu können! Und
nun für lange Zeit, vielleicht für immer, von ihm getrennt zu sein,
nichts von ihm zu wissen, seine Stimme nicht mehr zu hören, sein schönes
edles Auge nicht mehr zu sehen!
Er riß sich los und folgte dem steinigen Sträßchen. Als er einhundert
Schritte von den Klostermauern weg war, blieb er stehen, schöpfte Atem
und stieß, so gut er konnte, den Eulenschrei aus. Ein gleicher
Eulenschrei antwortete, bachabwärts, in der Ferne.
„Wie die Tiere schreien wir nacheinander“, mußte er denken und erinnerte
sich der Liebesstunde am Nachmittag; erst jetzt kam es ihm zum
Bewußtsein, daß zwischen ihm und Lise erst ganz zuletzt, am Ende der
Liebkosungen, Worte gewechselt worden waren, und auch da nur wenige und
belanglose. Wie lange Gespräche hatte er mit Narziß gehabt! Nun aber, so
schien es, war er in eine Welt eingetreten, wo man nicht sprach, wo man
einander mit Eulenrufen lockte, wo Worte keine Bedeutung hatten. Er war
damit einverstanden, er hatte heut kein Bedürfnis mehr nach Worten oder
Gedanken, nur nach Lise, nur nach diesem wortlosen, blinden, stummen
Fühlen und Wühlen, nach diesem seufzenden Hinschmelzen.
Lise war da, schon kam sie ihm aus dem Walde entgegen. Er streckte die
Hände aus, um sie zu fühlen, umfaßte mit zärtlich tastenden Händen ihren
Kopf, ihr Haar, ihren Hals und Nacken, ihren schlanken Leib und die
festen Hüften. Einen Arm um sie geschlungen, ging er mit ihr weiter,
ohne zu sprechen, ohne zu fragen: wohin? Sicher ging sie in den
nächtlichen Wald, er hatte Mühe mitzukommen, wie ein Fuchs oder Marder
schien sie mit Nachtaugen zu sehen, ging ohne anzustoßen, ohne zu
stolpern. Er ließ sich führen, in die Nacht, in den Wald, in das blinde
geheimnisvolle Land ohne Worte, ohne Gedanken. Er dachte nicht mehr,
auch nicht an das verlassene Kloster, auch nicht an Narziß.
Stumm liefen sie eine finstere Waldstrecke, zuweilen auf weichem,
polstrigem Moos, zuweilen auf harten Wurzelrippen, zuweilen war zwischen
spärlichen hohen Baumkronen lichter Himmel über ihnen, zuweilen war es
völlig finster; Sträucher schlugen ihm ins Gesicht, Brombeerranken
hielten ihn am Gewande fest. Überall wußte sie Bescheid und fand sich
durch, selten blieb sie stehen, selten zögerte sie. Nach einer langen
Weile kamen sie zwischen einzelnen, weit voneinander stehenden Kiefern
an, weithin lag der blasse Nachthimmel offen, der Wald war zu Ende, ein
Wiesental nahm sie auf, süß duftete es nach Heu. Sie wateten durch einen
kleinen, lautlos rinnenden Bach, hier im Freien war es noch stiller als
im Walde: kein rauschendes Gesträuch, kein aufschnellendes Nachtgetier,
kein Knacken von Dürrholz mehr.
Bei einem großen Heuhaufen machte Lise halt.
„Hier bleiben wir“, sagte sie.
Sie setzten sich beide ins Heu, erst einmal aufatmend und die Rast
genießend, beide etwas ermüdet. Sie streckten sich, hörten der Stille
zu, fühlten ihre Stirnen trocknen und ihre Gesichter allmählich kühl
werden. Goldmund kauerte in angenehmer Müdigkeit, zog spielend die Knie
an und streckte sie wieder, sog Nacht und Heuduft in langen Atemzügen
ein und dachte weder zurück noch an die Zukunft. Langsam nur ließ er
sich vom Duft und der Wärme seiner Geliebten anziehen und bezaubern,
erwiderte je und je das Streicheln ihrer Hände und fühlte beglückt, wie
sie neben ihm allmählich zu erglühen begann und sich näher und näher zu
ihm schob. Nein, hier waren weder Worte noch Gedanken vonnöten. Deutlich
fühlte er alles, was wichtig und schön war, die Jugendkraft und einfache
gesunde Schönheit des Frauenleibes, sein Warmwerden und Begehren;
deutlich auch fühlte er, daß sie diesmal anders geliebt zu werden
wünsche als beim erstenmal, daß sie diesmal ihn nicht verführen und
belehren, sondern sein Angreifen und seine Begierde erwarten wolle.
Still ließ er die Ströme durch sich hingehen, glücklich empfand er das
lautlose stillwachsende Feuer, das in ihnen beiden lebendig war und das
ihre kleine Lagerstätte zur atmenden und glühenden Mitte der ganzen
schweigenden Nacht machte.
Als er sich über Lises Gesicht gebeugt hatte und im Dunkeln ihre Lippen
zu küssen begann, sah er plötzlich ihre Augen und die Stirn in einem
sanften Licht erschimmern, staunend blickte er hin und sah zu, wie der
Schein aufdämmerte und schnell sich verstärkte. Dann begriff er und
wandte sich um: überm Rand der schwarzen langgestreckten Wälder kam der
Mond herauf. Wunderbar sah er das weiße sanfte Licht über ihre Stirn und
Wangen fließen, über den runden lichten Hals, und sagte leise und
entzückt: „Wie schön du bist!“
Sie lächelte wie beschenkt, er richtete sie halb auf, zog ihr sanft das
Gewand vom Halse weg, half ihr heraus und schälte sie, bis Schultern und
Brust nackt im kühlen Mondlicht schimmerten. Mit Augen und Lippen folgte
er hingenommen den zarten Schatten, schauend und küssend; wie bezaubert
hielt sie still, mit gesenktem Blick und einem feierlichen Ausdruck, als
werde ihre Schönheit in diesem Augenblick zum erstenmal, auch ihr
selbst, entdeckt und offenbar.
Siebentes Kapitel
Während es über den Feldern kühl wurde und von Stunde zu Stunde der Mond
höher rückte, ruhten die Liebenden auf ihrem sanft beschienenen Lager,
in ihre Spiele verloren, gemeinsam entschlummernd und schlafend, im
Erwachen sich neu zueinander wendend und einander entzündend, aufs neue
ineinander verstrickt, aufs neue entschlafend. Nach der letzten Umarmung
lagen sie erschöpft, Lise hatte sich tief ins Heu gepreßt und atmete
schmerzlich, Goldmund lag auf dem Rücken, regungslos, und starrte lang
in den bleichen Mondhimmel; in beiden stieg die große Traurigkeit empor,
der sie in den Schlaf entflohen. Sie schliefen tief und verzweifelt,
schliefen gierig, als sei es zum letztenmal, als seien sie zu ewigem
Wachsein verurteilt und müßten in diesen Stunden vorher noch allen
Schlaf der Welt in sich eintrinken.
Beim Erwachen sah Goldmund Lise mit ihren schwarzen Haaren beschäftigt.
Er sah ihr eine Weile zu, zerstreut und erst halb wach geworden.
„Du bist schon wach?“ sagte er schließlich.
Sie wandte sich mit einem Ruck ihm zu, wie erschrocken.
„Ich muß jetzt fortgehen“, sagte sie, etwas bedrückt und verlegen. „Ich
wollte dich nicht wecken.“
„Nun bin ich ja wach. Müssen wir denn schon weiter? Wir sind doch
heimatlos.“
„Ich, ja“, sagte Lise. „Du gehörst doch ins Kloster.“
„Ich gehöre nicht mehr ins Kloster, ich bin wie du, ich bin ganz allein
und habe kein Ziel. Ich werde mit dir gehen, natürlich.“
Sie blickte zur Seite.
„Goldmund, du kannst nicht mit mir kommen. Ich muß jetzt zu meinem Mann;
er wird mich schlagen, weil ich die Nacht ausgeblieben bin. Ich sage,
ich hätte mich verlaufen. Aber natürlich glaubt er es nicht.“
In diesem Augenblick erinnerte sich Goldmund, daß Narziß ihm dies
vorausgesagt habe. Also so stand es nun.
Er stand auf und gab ihr die Hand.
„Ich habe mich verrechnet“, sagte er, „ich hatte geglaubt, wir beide
würden beisammen bleiben. – Aber hast du mich wirklich schlafen lassen
wollen und ohne Abschied fortlaufen?“
„Ach, ich dachte, du würdest böse werden und mich vielleicht schlagen.
Daß mein Mann mich schlägt, nun ja, das ist so, es ist in Ordnung. Aber
ich wollte nicht auch noch von dir Schläge bekommen.“
Er hielt ihre Hand fest.
„Lise“, sagte er, „ich schlage dich nicht, heute nicht und niemals.
Willst du nicht lieber mit mir gehen statt mit deinem Mann, wenn er dich
doch prügelt?“
Sie zog heftig, um ihre Hand loszubekommen.
„Nein, nein, nein“, rief sie, mit einer weinerlichen Stimme. Und weil er
wohl fühlte, daß ihr Herz von ihm fortstrebe und daß sie lieber von dem
andern Schläge wolle als von ihm gute Worte, ließ er die Hand los, und
jetzt fing sie an zu weinen. Aber zugleich lief sie. Die Hände vor die
nassen Augen haltend, lief sie davon. Er sagte nichts mehr und sah ihr
nach. Sie tat ihm leid, wie sie da über die gemähten Wiesen fortstrebte,
von irgendeiner Macht gerufen und gezogen, einer unbekannten Macht, über
welche er sich Gedanken machen mußte. Sie tat ihm leid, und auch er
selbst tat sich ein wenig leid; er hatte da kein Glück gehabt, schien
es, allein und etwas dumm saß er da, verlassen, sitzengeblieben.
Indessen war er noch immer müde und schlaflüstern, noch nie war er so
erschöpft gewesen. Es war später noch Zeit, unglücklich zu sein. Schon
schlief er wieder und kam erst wieder zu sich, als ihm die schon
hochgestiegene Sonne heiß machte.
Jetzt war er ausgeruht; rasch erhob er sich, lief zum Bach, wusch sich
und trank. Viele Erinnerungen kamen ihm jetzt, aus den Liebesstunden
dieser Nacht dufteten wie fremde Blumen viele Bilder, viele holde
zärtliche Empfindungen herauf. Ihnen sann er nach, während er rüstig zu
wandern begann, fühlte alles nochmals, schmeckte, roch und tastete alles
noch einmal und noch einmal. Wieviel Träume hatte ihm das fremde braune
Weib erfüllt, wieviel Knospen zum Blühen gebracht, wieviel Neugierde und
Sehnsucht gestillt und wieviel neue erweckt!
Und vor ihm lag Feld und Heide, lag vertrocknetes Brachfeld und dunkler
Wald, dahinter mochten Höfe liegen und Mühlen, ein Dorf, eine Stadt. Zum
erstenmal lag die Welt vor ihm, offen und wartend, bereit, ihn
aufzunehmen, ihm wohlzutun und wehzutun. Er war kein Schüler mehr, der
die Welt durchs Fenster sieht, seine Wanderung war kein Spaziergang
mehr, dessen Ende unweigerlich die Rückkehr war. Diese große Welt war
jetzt wirklich geworden, er war ein Teil von ihr, in ihr ruhte sein
Schicksal, ihr Himmel war der seine, ihr Wetter das seine. Klein war er
in dieser großen Welt, klein lief er wie ein Hase, wie ein Käfer durch
ihre blau und grüne Unendlichkeit. Da rief keine Glocke zum Aufstehen,
zum Kirchgang, zur Lektion, zum Mittagstisch.
O wie hungrig er war! Ein halber Laib Gerstenbrot, eine Schüssel Milch,
eine Mehlsuppe – was waren das für zauberhafte Erinnerungen! Wie ein
Wolf war sein Magen erwacht. An einem Kornfeld kam er vorüber, die Ähren
waren halbreif, er enthülste sie mit Fingern und Zähnen, mahlte die
kleinen glitschigen Körner mit Gier, holte immer neue, stopfte sich die
Taschen mit Ähren voll. Und dann fand er Haselnüsse, noch sehr grüne,
und biß mit Lust in die krachenden Schalen; auch von ihnen nahm er
Vorrat mit.
Nun begann wieder Wald, Fichtenwald mit Eichen und Eschen dazwischen,
und hier gab es Heidelbeeren in unendlicher Menge, da hielt er Rast und
aß und kühlte sich. Zwischen dem dünnen harten Waldgras standen blaue
Glockenblumen, braune sonnige Falter flogen auf und verschwanden
launisch in zackigem Flug. In einem solchen Walde hatte die heilige
Genoveva gewohnt, ihre Geschichte hatte er immer geliebt. O wie gern
wäre er ihr begegnet! Oder es mochte etwa eine Einsiedelei im Walde
sein, mit einem alten bärtigen Pater in einer Höhle oder Rindenhütte.
Vielleicht hausten auch Köhler in diesem Walde, gern hätte er sie
begrüßt. Es mochten selbst Räuber sein, ihm hätten sie wohl nichts
getan. Schön wäre es, Menschen anzutreffen, irgendwelche. Aber er wußte
freilich: vielleicht konnte er lang im Walde weitergehen, heut und
morgen und noch manchen Tag, ohne jemand zu begegnen. Auch das mußte
hingenommen werden, wenn es ihm so bestimmt war. Man durfte nicht viel
denken, man mußte alles kommen lassen, wie es mochte.
Er hörte einen Specht klopfen und versuchte ihn zu beschleichen; lange
gab er sich vergeblich Mühe, ihn zu Gesicht zu bekommen, endlich gelang
es ihm doch, und er sah ihm eine Weile zu, wie er einsam am Baumstamm
klebte und hämmerte und den fleißigen Kopf hin und her bewegte. Schade,
daß man nicht mit den Tieren sprechen konnte! Es wäre schön gewesen, den
Specht anzurufen und ihm etwas Freundliches zu sagen und vielleicht
etwas von seinem Leben in den Bäumen zu erfahren, von seiner Arbeit und
seiner Freude. Oh, daß man sich verwandeln könnte!
Es fiel ihm ein, wie er in Mußestunden manchmal gezeichnet hatte, wie er
mit dem Griffel auf seiner Schreibtafel Figuren gezogen hatte, Blumen,
Blätter, Bäume, Tiere, Menschenköpfe. Damit hatte er oft lange gespielt,
und manchmal hatte er wie ein kleiner Herrgott Kreaturen nach seinem
Willen erschaffen, er hatte in einen Blumenkelch Augen und einen Mund
gezeichnet, er hatte ein aus dem Zweig sprossendes Blätterbündel zu
Fingern gestaltet, er hatte einem Baum einen Kopf aufgesetzt. Bei diesem
Spiel war er oft eine Stunde lang glücklich und verzaubert gewesen,
hatte zaubern können, hatte Linien gezogen und sich selbst davon
überraschen lassen, ob aus der begonnenen Gestalt das Blatt eines
Baumes, die Schnauze eines Fisches, der Schwanz eines Fuchses, die
Augenbraue eines Menschen werde. So sollte man verwandlungsfähig sein,
dachte er jetzt, wie es damals die spielerischen Linien auf seinem
Täfelchen gewesen waren! Goldmund wäre so gerne ein Specht geworden,
vielleicht für einen Tag, vielleicht für einen Monat, hätte in den
Wipfeln gewohnt, wäre hoch an den glatten Stämmen gelaufen, hätte mit
starkem Schnabel in die Rinde gepickt und sich mit den Schwanzfedern
gegengestemmt, hätte Spechtsprache gesprochen und gute Sachen aus der
Rinde geholt. Süß und kernig klang das Spechtgehämmer im klingenden
Holz.
Viele Tiere traf Goldmund unterwegs im Walde. Er traf manche Hasen, die
schossen plötzlich aus dem Gehölz, wenn er nahe kam, starrten ihn an,
wandten sich und jagten davon, die Ohren niedergelegt, hell unterm
Schwanz. In einer kleinen Lichtung fand er eine lange Schlange liegen,
die lief nicht davon, es war keine lebendige Schlange, nur ihre leere
Haut, er nahm sie und betrachtete sie, grau und braun lief ein schönes
Muster über ihren Rücken, und die Sonne schien durch sie hindurch, sie
war dünn wie Spinnweb. Schwarze Amseln mit gelben Schnäbeln sah er, die
blickten starr und eng aus schwarzen ängstlichen Augenkugeln und flohen
in niedrigem Fluge der Erde nah davon. Rotbrüstchen und Finken gab es
viele. An einem Ort im Walde war ein Loch, ein Tümpel voll mit grünem,
dickem Wasser, auf dem liefen langbeinige Spinnen eifrig und wie
besessen durcheinander, einem unverständlichen Spiel hingegeben, und
darüber flogen ein paar Wasserjungfern mit tief dunkelblauen Flügeln.
Und einmal, schon gegen den Abend, sah er etwas – vielmehr er sah nichts
als bewegtes durchwühltes Laub und hörte Zweige brechen und feuchte Erde
aufklatschen und ein großes, kaum sichtbares Tier mit gewaltiger Wucht
durchs Gestrüpp rennen und brechen, vielleicht ein Hirsch, vielleicht
eine Sau, er wußte es nicht. Lange stand er noch, vom Schrecken
aufatmend, tief erregt lauschte er der Bahn des Tieres nach, lauschte
noch mit Herzklopfen, als längst alles still geworden war.
Er fand nicht aus dem Walde heraus, er mußte darin übernachten. Während
er eine Schlafstätte aussuchte und ein Moosbett aufbaute, suchte er sich
auszudenken, wie das sein würde, wenn er nie mehr aus den Wäldern fände
und für immer darin bleiben müßte. Und er fand, daß dies ein großes
Unglück sein würde. Von Beeren leben, das war am Ende möglich, und auf
Moos schlafen auch, außerdem würde es ihm ohne Zweifel gelingen, sich
eine Hütte zu bauen, vielleicht sogar Feuer zu machen. Aber immer und
immer allein zu bleiben und zwischen den stillen schlafenden Baumstämmen
zu hausen und zwischen den Tieren zu leben, die vor einem davonliefen
und mit denen man nicht sprechen konnte, das würde unerträglich traurig
sein. Keine Menschen sehen, niemandem guten Tag und gute Nacht sagen, in
keine Gesichter und Augen mehr blicken können, keine Mädchen und Frauen
mehr ansehen, keinen Kuß mehr spüren, nicht mehr das heimliche holde
Spiel der Lippen und Glieder spielen, o das wäre unausdenklich! Wenn ihm
das beschieden wäre, dachte er, dann würde er versuchen, ein Tier zu
werden, ein Bär oder Hirsch, sei es auch unter Verzicht auf die ewige
Seligkeit. Ein Bär zu sein und eine Bärin zu lieben, das wäre nicht
schlecht und wäre zumindest sehr viel besser, als seine Vernunft und
Sprache und all das zu behalten und damit allein und traurig und
ungeliebt dahinzuleben.
In seinem Moosbett, vor dem Einschlafen, hörte er neugierig und
ängstlich die vielen unverständlichen, rätselhaften Nachtgeräusche des
Waldes. Sie waren jetzt seine Kameraden, mit ihnen mußte er leben, sich
an sie gewöhnen, sich mit ihnen messen und vertragen; er gehörte jetzt
zu den Füchsen und Rehen, zu Tanne und Fichte, mit ihnen mußte er leben,
mit ihnen sich in Luft und Sonne teilen, mit ihnen den Tag erwarten, mit
ihnen hungern, bei ihnen zu Gast sein.
Dann schlief er und träumte von Tieren und Menschen, war ein Bär und
fraß die Lise unter Liebkosungen auf. Mitten in der Nacht wachte er mit
tiefem Schrecken auf, wußte nicht warum, fühlte sein Herz unendlich bang
und sann lange verstört nach. Es fiel ihm ein, daß er gestern und heute
ohne Nachtgebet schlafen gegangen war. Er stand auf, kniete neben seinem
Lager nieder und betete seinen Abendspruch zweimal, für gestern und für
heut. Bald schlief er wieder.
Verwundert blickte er sich am Morgen im Walde um, er hatte vergessen, wo
er war. Die Waldangst begann nun nachzulassen, mit neuer Freude
vertraute er sich dem Waldleben an, immer aber weiter wandernd und
seinen Weg nach der Sonne richtend. Einmal fand er eine Waldstrecke, die
war vollkommen eben, mit wenig Unterholz, und der Wald bestand aus
lauter sehr dicken, alten, geraden Weißtannen; als er eine Weile
zwischen diesen Säulen gegangen war, begannen sie ihn an die Säulen der
großen Klosterkirche zu erinnern, ebenjener Kirche, in deren schwarzes
Portal er seinen Freund Narziß neulich hatte verschwinden sehen – wann
doch? War das wirklich erst vor zwei Tagen gewesen?
Erst nach zwei Tagen und zwei Nächten kam er aus dem Walde heraus. Mit
Freude erkannte er die Zeichen der Menschennähe: bebautes Land, Streifen
Ackers mit Roggen und mit Hafer bestanden, Wiesen, durch welche, da und
dort ein Stückchen weit sichtbar, ein schmaler Fußweg getreten war.
Goldmund pflückte Roggen und kaute, freundlich blickte das bestellte
Land ihn an, menschlich mutete und gesellig nach der langen Waldwildnis
alles ihn an, das Wegchen, der Haber, die verblühten weißgewordenen
Kornnelken. Nun würde er zu Menschen kommen. Nach einer kleinen Stunde
kam er an einem Acker vorüber, an dessen Rande stand ein Kreuz
aufgerichtet, er kniete und betete zu seinen Füßen. Um eine
vorspringende Hügelnase biegend, stand er plötzlich vor einem schattigen
Lindenbaum, hörte entzückt die Melodie eines Brunnens, dessen Wasser aus
hölzerner Röhre in einen langen Holztrog fiel, trank kaltes köstliches
Wasser und sah mit Freude ein paar Strohdächer aus den Hollundern ragen,
deren Beeren schon dunkel waren. Tiefer als alle diese freundlichen
Zeichen berührte ihn das Brüllen einer Kuh, das klang ihm so wohlig,
warm und wohnlich entgegen wie eine Begrüßung und ein Willkomm.
Spähend näherte er sich der Hütte, aus der das Kuhgebrüll gekommen war.
Vor der Haustür saß im Staube ein kleiner Knabe mit rötlichem Haar und
hellblauen Augen, der hatte einen irdenen Topf voll Wasser neben sich
stehen, und aus dem Staub und dem Wasser machte er einen Teig, mit dem
seine nackten Beine schon überzogen waren. Glücklich und ernsthaft
drückte er den nassen Dreck zwischen seinen Händen, sah ihn zwischen den
Fingern hervorquellen, machte Kugeln daraus und nahm zum Kneten und
Formen auch noch sein Kinn zu Hilfe.
„Grüß’ Gott, Bub“, sagte Goldmund sehr freundlich. Aber der Kleine, als
er aufblickte und einen Fremden sah, riß das Mäulchen auf, verzog das
feiste Gesicht und lief plärrend auf allen vieren zur Haustür hinein.
Goldmund folgte ihm und kam in die Küche; sie war so dämmerig, daß er,
aus dem hellen Mittagsglast hereinkommend, anfangs nichts zu sehen
vermochte. Er sprach für alle Fälle einen frommen Gruß, es kam keine
Antwort; über dem Geschrei des erschreckten Knaben wurde aber allmählich
eine dünne greise Stimme hörbar, die dem Buben tröstend zusprach.
Endlich erhob sich im Dunkel und näherte sich eine kleine alte Frau,
hielt eine Hand vor die Augen und sah zu dem Gaste auf.
„Grüß’ dich Gott, Mutter“, rief Goldmund, „und alle lieben Heiligen
sollen dein gutes Gesicht segnen; seit drei Tagen hab’ ich kein
Menschengesicht mehr gesehen.“
Blöde schaute das alte Weiblein aus weitsichtigen Augen.
„Was willst denn du?“ fragte sie unsicher.
Goldmund gab ihr die Hand und streichelte die ihre ein wenig.
„Grüß’ Gott sagen will ich dir, Großmütterchen, und ein bißchen ausruhen
und dir beim Feuermachen helfen. Ein Stück Brot, wenn du mir eins geben
willst, verschmähe ich nicht, es hat aber keine Eile damit.“
Er sah eine Bank an die Wand gezimmert, auf die setzte er sich, während
die Alte dem Buben ein Stück Brot abschnitt, der jetzt gespannt und
neugierig, aber noch jeden Augenblick zum Weinen und Weglaufen bereit,
zu dem Fremden hinüberstarrte. Die Alte schnitt noch ein zweites Stück
Brot vom Laib und brachte es Goldmund.
„Danke schön“, sagte er, „Gott soll dir’s lohnen.“
„Hast du einen leeren Bauch?“ fragte das Weib.
„Das nicht, er ist voll von Heidelbeeren.“
„Na dann iß! Wo kommst her?“
„Von Mariabronn, vom Kloster.“
„Bist ein Pfaff?“
„Das nicht. Ein Schüler. Auf Reisen.“
Sie sah ihn an, halb spöttisch, halb blöde, und schüttelte ein wenig den
Kopf auf dem hagern faltigen Halse. Sie ließ ihn ein paar Bissen kauen
und brachte den Kleinen wieder an die Sonne hinaus. Dann kam sie wieder,
neugierig, und fragte: „Weißt du was Neues?“
„Nicht viel. Kennst du den Pater Anselm?“
„Nein. Was ist mit dem?“
„Krank ist er.“
„Krank? Muß er sterben?“
„Weiß nicht. Es ist in den Beinen. Er kann nicht gut gehen.“
„Muß er sterben?“
„Ich weiß nicht. Vielleicht.“
„Na, laß ihn sterben. Ich muß Suppe kochen. Hilf mir Späne schneiden.“
Sie gab ihm ein Tannenscheit, hübsch am Herd getrocknet, und ein Messer.
Er schnitt Späne, so viel sie wollte, und sah zu, wie sie sie in die
Asche steckte und sich darüber bückte und hastete und blies, bis sie
Feuer fingen. Nach einer genauen, geheimen Ordnung schichtete sie nun
auf, Tannenes und Buchenes, hell strahlte das Feuer auf dem offenen
Herde, sie rückte den großen schwarzen Kessel in die Flammen, der an
verrußter Kette aus dem Rauchfang hing.
Goldmund holte auf ihren Befehl Wasser am Brunnen, rahmte die
Milchschüssel ab, saß in der rauchigen Dämmerung, sah die Flammen
spielen und über ihnen das knochige Runzelgesicht der Alten in roten
Schimmern erscheinen und verschwinden; er hörte nebenan, hinter
bretterner Wand, die Kuh in der Raufe wühlen und stoßen. Es gefiel ihm
sehr. Die Linde, der Brunnen, das flackernde Feuer unterm Kessel, das
Schnauben und Mahlen der fressenden Kuh und ihre dumpfen Stöße gegen die
Wand, der halbdunkle Raum mit Tisch und Bank, das Hantieren der kleinen
greisen Frau, das alles war schön und gut, roch nach Nahrung und
Frieden, nach Menschen und Wärme, nach Heimat. Auch zwei Ziegen waren
da, und von der Alten erfuhr er, man habe auch einen Schweinestall
hintenan, und die Alte war des Bauern Großmutter, die Urahne des kleinen
Buben. Der hieß Kuno, er kam ab und zu herein, und wenn er auch kein
Wörtchen sprach und etwas ängstlich blickte, er weinte doch nicht mehr.
Es kam der Bauer mit seinem Weib, die waren sehr erstaunt, einen Fremden
im Haus zu treffen. Der Bauer wollte schon zu schimpfen anfangen,
mißtrauisch zog er den Jüngling am Arm zur Tür, um beim Tageslicht sein
Gesicht zu besehen; dann lachte er, schlug ihm wohlmeinend auf die
Schulter und lud ihn zum Essen ein. Sie setzten sich, und jeder tauchte
sein Brot in die gemeinsame Milchschüssel, bis die Milch zur Neige ging
und der Bauer den Rest austrank.
Goldmund fragte, ob er bis morgen bleiben und unter ihrem Dach schlafen
dürfe. Nein, meinte der Mann, dazu sei kein Raum, aber draußen liege ja
überall noch Heu genug, da werde er schon ein Lager finden.
Die Bäuerin hatte den Kleinen neben sich, sie nahm nicht am Gespräch
teil, aber während des Essens nahmen ihre neugierigen Augen von dem
jungen Fremden Besitz. Seine Locken und sein Blick hatten ihr sogleich
Eindruck gemacht, dann nahm sie mit Gefallen auch seinen hübschen weißen
Hals, seine vornehmen glatten Hände und deren freie schöne Bewegungen
wahr. Ein stattlicher und vornehmer Fremder war das, und so jung! Was
sie aber am meisten anzog und verliebt machte, war die Stimme des
Fremden, diese heimlich singende, warm ausstrahlende, sanft werbende
junge Männerstimme, die wie Liebkosung klang. Noch lang hätte sie dieser
Stimme zuhören mögen.
Nach dem Essen machte der Bauer sich im Stall zu schaffen; Goldmund war
aus dem Hause getreten, hatte sich am Brunnen die Hände gewaschen und
saß auf dem niedrigen Brunnenrand, sich kühlend und dem Wasser zuhörend.
Unschlüssig saß er; er hatte hier nichts mehr zu suchen, doch tat es ihm
leid, schon wieder gehen zu sollen. Da kam die Bäuerin heraus, einen
Eimer in der Hand, den stellte sie unter den Strahl und ließ ihn
vollaufen. Mit halber Stimme sagte sie: „Du, wenn du heut abend noch in
der Nähe bist, will ich dir zu essen bringen. Dort hinüber, hinter dem
langen Gerstenfeld, liegt Heu, das wird erst morgen geholt. Wirst du
noch da sein?“
Er sah ihr ins sommersprossige Gesicht, sah ihre starken Arme den Eimer
rücken, warm blickten ihre hellen großen Augen. Er lächelte ihr zu und
nickte, und schon schritt sie mit dem vollen Eimer weg und verschwand im
Dunkel der Tür. Dankbar saß er, sehr zufrieden, und hörte dem laufenden
Wasser zu. Ein wenig später ging er hinein, suchte den Bauern, gab ihm
und der Großmutter die Hand und bedankte sich. Es roch nach Feuer, nach
Ruß und nach Milch in der Hütte. Eben war sie noch Obdach und Heimat
gewesen, schon ward sie wieder Fremde. Grüßend ging er hinaus.
Jenseits der Hütten fand er eine Kapelle stehen, und in ihrer Nähe ein
schönes Gehölz, eine Gruppe alter starker Eichen, mit kurzem Grase
darunter. Hier im Schatten blieb er und wandelte spazierend zwischen den
dicken Stämmen hin und wider. Sonderbar, dachte er, war das mit den
Frauen und der Liebe; sie bedurften in der Tat keiner Worte. Eines
Wortes hatte die Frau bloß bedurft, um ihm den Ort des Stelldicheins zu
bezeichnen, alles andere hatte sie nicht mit Worten gesagt. Womit denn?
Mit den Augen, ja, und mit einem gewissen Klang in der etwas belegten
Stimme, und noch mit irgend etwas, einem Duft vielleicht, einer zarten,
leisen Ausstrahlung der Haut, an welcher Frauen und Männer es sofort
erkennen konnten, wenn sie einander begehrten. Merkwürdig war es, wie
eine delikate Geheimsprache, und so rasch hatte er diese Sprache
gelernt! Er freute sich sehr auf den Abend, er war voll Neugierde, wie
diese große blonde Frau sein möchte, was für Blicke und Töne, was für
Glieder, Bewegungen und Küsse sie haben würde – gewiß ganz andere als
Lise. Wo mochte sie jetzt sein, die Lise, mit ihrem schwarzen straffen
Haar, ihrer braunen Haut, ihren kurzen Seufzern? Hatte ihr Mann sie
geschlagen? Dachte sie noch an ihn? Hatte sie schon wieder einen neuen
Liebhaber gefunden, so wie er heut eine neue Frau gefunden hatte? Wie
schnell ging das alles, wie lag überall das Glück am Wege, wie schön und
heiß war es und wie sonderbar vergänglich! Es war Sünde, es war
Ehebruch, noch vor kurzem hätte er sich lieber töten lassen, als diese
Sünde zu begehen. Und jetzt war es schon die zweite Frau, auf die er
wartete, und sein Gewissen war still und ruhig. Das heißt, ruhig war es
vielleicht doch nicht; aber es war nicht der Ehebruch und die Wollust,
wegen der sein Gewissen manchmal unruhig war und Last trug. Es war etwas
anderes, er konnte es nicht mit Namen nennen. Es war das Gefühl einer
Schuld, die man nicht begangen, sondern schon mit sich zur Welt gebracht
hat. Vielleicht war es dies, was in der Theologie Erbsünde genannt
wurde? Es mochte wohl sein. Ja, das Leben selbst trug etwas wie Schuld
in sich – warum sonst hätte ein so reiner und so wissender Mensch wie
Narziß sich Bußübungen unterzogen wie ein Verurteilter? Oder warum hätte
er selbst, Goldmund, irgendwo in der Tiefe diese Schuld fühlen müssen?
War er denn nicht glücklich? War er nicht jung und gesund, war er nicht
frei wie der Vogel in der Luft? Liebten ihn nicht die Frauen? War es
nicht schön zu fühlen, wie er als Liebender dieselbe tiefe Lust, die er
empfand, dem Weibe geben durfte? Warum also war er dennoch nicht ganz
und gar glücklich? Warum konnte in sein junges Glück ebenso wie in
Narzissens Tugend und Weisheit zuzeiten dieser merkwürdige Schmerz
dringen, diese leise Angst, diese Klage um die Vergänglichkeit? Warum
mußte er so manchmal grübeln, nachdenken, obwohl er doch wußte, daß er
kein Denker sei?
Nun, dennoch war es schön zu leben. Er pflückte im Grase eine kleine
violette Blume, hielt sie nah ans Auge, blickte in die kleinen engen
Kelche hinein, da liefen Adern und lebten winzige haarfeine Organe; wie
im Schoß einer Frau oder wie im Gehirn eines Denkenden schwang da Leben,
zitterte da Lust. O warum wußte man so gar nichts? Warum konnte man
nicht mit dieser Blume sprechen? Aber es konnten ja nicht einmal zwei
Menschen wirklich miteinander sprechen, dazu bedurfte es schon eines
Glücksfalles, einer besonderen Freundschaft und Bereitschaft. Nein, es
war ein Glück, daß die Liebe keiner Worte bedurfte; sie wäre sonst voll
Mißverständnis und Torheit geworden. Ach, wie Lises Auge, das
halbgeschlossene, im Übermaß der Wonne wie gebrochen war und nur noch
Weißes im Schlitz der zuckenden Lider gezeigt hatte – mit zehntausend
gelehrten oder dichterischen Worten war das nicht auszusprechen! Nichts,
ach nichts überhaupt ließ sich irgend aussprechen, irgend ausdenken –
und dennoch hatte man in sich immer wieder das drängende Bedürfnis zu
sprechen, den ewigen Antrieb zu denken!
Er betrachtete die Blätter der kleinen Pflanze, wie sie um den Stengel
her so hübsch, so merkwürdig klug geordnet waren. Schön waren die Verse
des Vergil, er liebte sie; aber es stand mancher Vers im Vergil, der
nicht halb so klar und klug, nicht halb so schön und sinnvoll war wie
die spiralige Ordnung dieser winzigen Blättchen am Stengel empor. Welch
ein Genuß, welch ein Glück, welch ein entzückendes, edles und sinnvolles
Tun wäre es, wenn ein Mensch es vermöchte, eine einzige solche Blume zu
erschaffen! Aber keiner vermochte das, kein Held und kein Kaiser, kein
Papst und kein Heiliger.
Als die Sonne tief stand, machte er sich auf und suchte den Ort, den ihm
die Bäuerin gewiesen hatte. Dort wartete er. Schön war es, so zu warten
und zu wissen, daß eine Frau unterwegs war und lauter Liebe mitbrachte.
Sie kam mit einem leinenen Tuch, in das hatte sie ein großes Stück Brot
und eine Schnitte Speck gebunden. Sie knüpfte es auf und legte es vor
ihm dar.
„Für dich“, sagte sie. „Iß!“
„Nachher“, sagte er, „ich bin nicht hungrig nach Brot, ich bin hungrig
nach dir. O zeig, was du mir Schönes mitgebracht hast!“
Viel Schönes hatte sie ihm mitgebracht, starke durstige Lippen, starke
funkelnde Zähne, starke Arme, die waren rot von der Sonne, aber innen
unterm Halse und hinabwärts war sie weiß und zart. Worte wußte sie
wenige, aber tief in der Kehle sang sie einen holden lockenden Ton, und
als sie seine Hände auf sich spürte, so zarte, zärtliche und gefühlige
Hände, wie sie nie gespürt hatte, schauerte ihre Haut, und es klang in
ihrer Kehle wie in der einer schnurrenden Katze. Sie wußte wenig Spiele,
weniger als Lise, aber sie war wunderbar kräftig, sie drückte, als wolle
sie ihrem Liebsten den Hals brechen. Kindlich und gierig war ihre Liebe,
einfach und in aller Kraft noch schamhaft; Goldmund war sehr glücklich
mit ihr.
Dann ging sie, seufzend, schwer riß sie sich los, sie durfte nicht
bleiben.
Goldmund blieb allein zurück, glücklich und auch traurig. Spät erst
erinnerte er sich des Brotes, des Specks und aß einsam, es war schon
ganz Nacht.
Achtes Kapitel
Eine lange Weile schon war Goldmund gewandert, selten ein zweites Mal am
selben Ort zur Nacht, überall von Frauen begehrt und beglückt, von der
Sonne braungebrannt, vom Wandern und von schmaler Kost gemagert. Viele
Frauen hatten in der Morgenfrühe von ihm Abschied genommen und waren
gegangen, manche mit Tränen, und manches Mal hatte er gedacht: „Warum
bleibt keine bei mir? Warum, wenn sie schon mich lieben und einer
Liebesnacht wegen die Ehe brechen – warum kehren sie alle sofort zu
ihren Männern zurück, von denen sie meistens Prügel zu fürchten haben?“
Keine hatte ihn ernstlich gebeten dazubleiben, keine einzige hatte ihn
je gebeten sie mitzunehmen und war aus Liebe bereit gewesen, Freude und
Not der Wanderschaft mit ihm zu teilen. Er hatte zwar keine dazu
eingeladen, hatte keiner diesen Gedanken nahegelegt; wenn er sein Herz
befragte, so sah er, daß seine Freiheit ihm lieb war, und er konnte sich
keiner Geliebten erinnern, nach der die Sehnsucht ihn nicht in den Armen
der nächsten verlassen hätte. Aber dennoch war es ihm wunderlich und ein
wenig traurig, daß überall Liebe so sehr vergänglich schien, die der
Frauen wie seine eigene, daß sie ebenso schnell satt war wie entflammt.
War das richtig? War das immer und überall so? Oder lag es an ihm
selbst, war er vielleicht so beschaffen, daß die Weiber ihn zwar
begehrten und schön fanden, aber keine Gemeinschaft mit ihm verlangten
als die kurze, wortlose im Heu oder auf dem Moos? Lag es daran, daß er
auf Wanderschaft lebte und daß die Seßhaften vor dem Leben der
Heimatlosen ein Grauen fühlten? Oder lag es allein an ihm, an seiner
Person, daß die Frauen ihn wie eine hübsche Puppe begehrten und an sich
drückten, dann aber alle zu ihren Männern zurückliefen, auch wenn dort
Schläge sie erwarteten? Er wußte es nicht.
Von den Frauen zu lernen wurde er nicht müde. Zwar zog es ihn mehr zu
den Mädchen, zu den ganz Jungen, die noch keine Männer hatten und nichts
wußten, in sie konnte er sich sehnlich verlieben; aber meistens waren
die Mädchen unerreichbar, die geliebten, die schüchternen und
wohlbehüteten. Aber auch von den Frauen lernte er gern. Jede ließ ihm
etwas zurück, eine Gebärde, eine Art von Kuß, ein besonderes Spiel, eine
besondere Art von Sichgeben oder von Sichwehren. Goldmund ging auf alles
ein, er war unersättlich und biegsam wie ein Kind, er stand jeder
Verführung offen: nur dadurch war er selbst so verführend. Seine
Schönheit allein hätte nicht genügt, ihm die Frauen so leicht
zuzuführen; es war diese Kindlichkeit, dies Offenstehen, diese
neugierige Unschuld der Begierde, diese vollkommene Bereitschaft zu
allem, was eine Frau irgend von ihm begehren mochte. Er war, ohne es
selbst zu wissen, bei jeder Geliebten gerade so, wie sie ihn wünschte
und erträumte, bei der einen zart und abwartend, bei der andern rasch
und zupackend, einmal kindlich wie ein zum erstenmal eingeweihter Knabe,
einmal künstlich und unterrichtet. Er war zum Spielen bereit und zum
Kämpfen, zum Seufzen und zum Lachen, zur Scham und zur Schamlosigkeit;
er tat einer Frau nichts, was sie nicht begehrte, nichts, was nicht sie
aus ihm hervorlockte. Das war es, was jede Frau von klugen Sinnen rasch
in ihm witterte, dies machte ihn zu ihrem Liebling.
Er aber lernte. Er lernte nicht nur in kurzer Zeit viele Liebesarten und
Liebeskünste und nahm die Erfahrungen von vielen Geliebten in sich auf.
Er lernte auch, die Frauen in ihrer Mannigfaltigkeit zu sehen, zu
fühlen, zu tasten, zu riechen: er bekam ein zartes Ohr für jede Art von
Stimme und lernte bei manchen Frauen schon aus deren Klang unfehlbar
ihre Art und den Umfang ihrer Liebesfähigkeit erraten; er betrachtete
mit immer neuem Entzücken die unendlich verschiedenen Arten, wie ein
Kopf auf einem Halse sitzen, eine Stirn sich vom Haarwuchs sondern, eine
Kniescheibe sich bewegen konnte. Er lernte im Dunkeln, mit geschlossenen
Augen, mit zart prüfenden Fingern eine Art Frauenhaar von der andern
unterscheiden, eine Art von Haut und Flaum von der andern. Er begann zu
merken, schon früh, daß vielleicht hierin der Sinn seiner Wanderschaft
liege, daß er vielleicht deshalb von einer Frau zur andern getrieben
werde, damit er diese Fähigkeit des Kennens und Unterscheidens immer
feiner, immer vielfältiger und tiefer erlerne und übe. Vielleicht war
das seine Bestimmung: die Frauen und die Liebe auf tausend Arten und in
tausend Verschiedenheiten bis zur Vollkommenheit kennenzulernen, so wie
manche Musikanten nicht nur ein Instrument zu spielen wissen, sondern
drei, vier, viele. Wozu freilich dies gut ist, wohin es führe, wußte er
nicht; er spürte nur, daß er auf dem Wege sei. Mochte er für Latein und
Logik zwar fähig, aber nicht in besonderer, erstaunlicher, seltener
Weise begabt sein – für die Liebe, für das Spiel mit den Frauen war er
es, hier lernte er ohne Mühe, hier vergaß er nichts, hier häuften und
ordneten die Erfahrungen sich von selbst.
Einst, nachdem er schon ein Jahr oder zwei unterwegs gewesen war, kam
Goldmund auf den Hof eines wohlhabenden Ritters mit zwei schönen jungen
Töchtern. Es war im Frühherbst, bald würden die Nächte kühl werden, im
vergangenen Herbst und Winter hatte er das gekostet, nicht ohne Sorge
dachte er an die kommenden Monate, im Winter war die Wanderschaft
schwer. Er fragte um Essen und Nachtlager. Man nahm ihn artig auf, und
als der Ritter hörte, der Fremde habe studiert und könne Griechisch,
ließ er ihn vom Tisch der Dienstboten an den seinen herüberkommen und
behandelte ihn beinah wie seinesgleichen. Die beiden Töchter hielten die
Augen gesenkt, die Ältere war achtzehn, die Kleine kaum sechzehn Jahre
alt, Lydia und Julie.
Andern Tages wollte Goldmund weiter. Es bestand keine Hoffnung für ihn,
eines dieser schönen blonden Fräulein gewinnen zu können, und andere
Frauen waren nicht da, um derentwillen er hätte bleiben mögen. Da nahm
ihn nach dem Morgenessen der Ritter beiseite und führte ihn in eine
Kammer, die er sich für besondere Zwecke eingerichtet hatte. Bescheiden
sprach der alte Mann zu dem Jüngling von seiner Liebhaberei für
Gelehrsamkeit und Bücher, zeigte ihm eine kleine Truhe voll Schriften,
die er gesammelt, zeigte ihm ein Schreibepult, das er sich hatte bauen
lassen, und einen Vorrat von schönstem Papier und Pergament. Dieser
fromme Ritter war, wie Goldmund später allmählich erfuhr, in seiner
Jugend auf Schulen gewesen, hatte sich dann aber ganz dem Kriegs- und
Weltleben ergeben, bis in schwerer Krankheit eine göttliche Mahnung ihn
veranlaßt hatte, als Pilger auszuziehen und seine sündige Jugend zu
bereuen. Er war nach Rom und sogar bis nach Konstantinopel gekommen,
hatte nach der Heimkehr seinen Vater tot und das Haus leer gefunden,
hatte sich da niedergelassen, geheiratet, die Frau verloren, die Töchter
auferzogen, und jetzt im Beginn seines Alterns hatte er sich hingesetzt
und darangemacht, einen ausführlichen Bericht über seine einstige
Pilgerreise aufzuschreiben. Er hatte auch mehrere Kapitel zustande
gebracht, aber – wie er dem Jüngling gestand – sein Latein war recht
mangelhaft und hemmte ihn überall. Er bot nun Goldmund ein neues Kleid
und freie Unterkunft an, wenn dieser ihm das bisher Geschriebene
korrigieren und ins Reine schreiben sowie bei der Fortsetzung behilflich
sein wolle.
Es war Herbst, Goldmund wußte, was das für einen Landfahrer bedeute. Das
neue Gewand war ebenfalls wünschenswert. Vor allem aber gefiel dem
Jüngling die Aussicht, noch lange Zeit im selben Hause mit den beiden
schönen Schwestern zu bleiben. Er sagte ohne Besinnen ja. Schon nach
wenigen Tagen mußte die Beschließerin den Tuchschrank öffnen, es fand
sich ein schönes braunes Tuch, von dem wurde ein Anzug und eine Mütze
für Goldmund in Arbeit gegeben. Der Ritter zwar hatte an Schwarz gedacht
und an eine Art Magisterkleid, aber davon wollte sein Gast nichts wissen
und wußte es ihm auszureden, und es entstand nun eine hübsche Tracht,
halb Page, halb Jäger, die ihm sehr gut zu Gesicht stand.
Auch mit dem Latein ging es nicht übel. Sie gingen das bisher
Geschriebene gemeinsam durch, und Goldmund berichtigte nicht nur die
vielen ungenauen und mangelnden Vokabeln, sondern baute da und dort auch
des Ritters kurze unbeholfene Sätze zu hübschen lateinischen Perioden
um, mit soliden Konstruktionen und einer sauberen _consecutio temporum_.
Dem Ritter machte er viel Vergnügen, er war mit Lob nicht sparsam. Jeden
Tag brachten sie mindestens zwei Stunden mit dieser Arbeit hin.
In der Burg – sie war ein etwas befestigter geräumiger Bauernhof – fand
Goldmund manchen Zeitvertreib. Er beteiligte sich an der Jagd und lernte
mit der Armbrust zu schießen beim Jäger Hinrich, befreundete sich mit
den Hunden und konnte reiten soviel er wollte. Selten sah man ihn
allein; entweder war es ein Hund oder Gaul, mit dem er sprach, oder
Hinrich, oder die Beschließerin Lea, eine dicke Alte mit einer
Männerstimme und vieler Geneigtheit zu Spaß und Gelächter, oder der
Hundejunge, oder ein Schäfer. Mit der Frau des Müllers, in nächster
Nachbarschaft, wäre es leicht gewesen, eine Liebschaft zu pflegen, er
hielt sich aber zurück und spielte den Unerfahrenen.
Von den beiden Töchtern des Ritters war er sehr entzückt. Die Jüngere
war die schönere, aber so spröde, daß sie kaum ein Wort mit Goldmund
sprach. Er trat beiden mit der größten Rücksicht und Höflichkeit
gegenüber, aber beide empfanden seine Nähe wie eine unaufhörliche
Werbung. Die Junge verschloß sich ganz, aus Schüchternheit trotzig. Die
Ältere, Lydia, fand gegen ihn einen besonderen Ton, indem sie ihn halb
ehrfürchtig, halb spöttisch wie ein Wundertier von einem Gelehrten
behandelte, ihm viele neugierige Fragen stellte, sich nach dem Leben im
Kloster erkundigte, aber stets wieder etwas Spöttisches und damenhaft
Überlegenes gegen ihn herauskehrte. Er ging auf alles ein, er behandelte
Lydia wie eine Dame, Julie wie eine kleine Nonne, und wenn es ihm
gelang, durch sein Gespräch die Mädchen länger als sonst nach dem
Abendessen am Tische festzuhalten, oder wenn in Hof oder Garten Lydia
ihn einmal anredete und sich eine Neckerei erlaubte, war er zufrieden
und fühlte einen Fortschritt.
Lange hielt sich in diesem Herbst das Laub an den hohen Eschen im Hof,
lange gab es im Garten noch Astern und Rosen. Da kam eines Tages Besuch,
ein Gutsnachbar mit seiner Frau und einem Reitknecht kamen geritten, der
milde Tag hatte sie zu einem ungewohnt großen Ausflug verlockt, nun
waren sie da und baten um Nachtquartier. Man empfing sie sehr artig, und
alsbald wurde Goldmunds Bett aus dem Gastzimmer in die Schreibstube
verbracht und das Zimmer für die Besuche hergerichtet, wurden einige
Hühner geschlachtet und nach der Mühle um Fische geschickt. Goldmund
nahm mit Vergnügen an der festlichen Aufregung teil und spürte sofort,
wie die fremde Dame auf ihn aufmerksam war. Und kaum hatte er, an ihrer
Stimme und an etwas in ihrem Blick, ihr Gefallen und Begehren bemerkt,
so bemerkte er auch, mit vermehrter Spannung, wie Lydia sich veränderte,
wie sie still und verschlossen wurde und ihn und die Dame zu beobachten
begann. Als beim festlichen Nachtmahl der Fuß der Dame unterm Tisch mit
Goldmunds Fuß zu spielen anfing, entzückte ihn nicht dies Spiel allein,
sondern noch viel mehr die finstere und verschwiegene Spannung, mit
welcher Lydia das Spiel aus neugierigen und lodernden Augen beobachtete.
Schließlich ließ er absichtlich ein Messer zu Boden fallen, bückte sich
danach unter den Tisch und berührte den Fuß und das Bein der Dame mit
liebkosender Hand, sah Lydia blaß werden und auf die Lippen beißen und
fuhr fort Klosteranekdoten zu erzählen, indem er fühlte, wie die Fremde
weniger den Geschichten als seiner werbenden Stimme innig zuhörte. Auch
die andern hörten ihm zu, sein Patron mit Wohlwollen, der Gast mit
unbewegtem Gesicht, aber auch er von dem Feuer berührt, das in dem
Jüngling brannte. Niemals hatte Lydia ihn so sprechen hören, er war
aufgeblüht, Lust schwang in der Luft, seine Augen blitzten, in seiner
Stimme sang Glück, flehte Liebe. Die drei Frauen fühlten es, jede
anders, die kleine Julie mit heftiger Gegenwehr und Ablehnung, die Frau
des Ritters mit strahlender Genugtuung, Lydia mit einem schmerzlichen
Wogen des Herzens, das aus inniger Sehnsucht, leisem Sichwehren und
heftigster Eifersucht gemischt war und das ihr Gesicht schmal und ihre
Augen brennen machte. Alle diese Wogen fühlte Goldmund, wie geheime
Antworten auf seine Werbungen kamen sie zu ihm zurückgeflutet, wie Vögel
umflogen ihn die Liebesgedanken, die sich hingebenden, die sich
widersetzenden, die miteinander kämpfenden.
Nach der Mahlzeit zog Julie sich zurück, es war längst Nacht, mit ihrer
Kerze im irdenen Leuchter verließ sie den Söller, kühl wie eine kleine
Klosterfrau. Die andern saßen noch eine Stunde auf, und während die
beiden Männer von der Ernte, vom Kaiser und Bischof sprachen, hörte
Lydia glühend zu, wie zwischen Goldmund und der Dame ein lässiges
Geplauder über nichts gesponnen wurde, zwischen dessen lockeren Fäden
aber ein dichtes, süßes Netz von Hin und Her, von Blicken, von
Betonungen, von kleinen Gebärden entstand, deren jede mit Bedeutung
überladen, mit Wärme überheizt war. Das Mädchen sog die Atmosphäre mit
Lüsternheit und auch mit Abscheu ein, und wenn sie sah oder fühlte, wie
Goldmunds Knie unterm Tisch das der Fremden berührte, empfand sie die
Berührung am eigenen Leibe und zuckte auf. Nachher schlief sie nicht und
horchte die halbe Nacht mit Herzklopfen, überzeugt, daß die beiden
zusammenkommen würden. Sie vollzog, was jenen versagt war, in ihrer
Einbildung, sie sah die beiden sich umschlingen, hörte ihre Küsse, dabei
zitterte sie zugleich vor Erregung, indem sie ebenso fürchtete wie
wünschte, es möge der hintergangene Ritter die Liebenden überraschen und
dem scheußlichen Goldmund sein Messer ins Herz stoßen.
Andern Morgens war der Himmel bezogen, es ging ein feuchter Wind, und
der Gast, alle Einladungen zu längerem Bleiben abwehrend, drang auf
raschen Aufbruch. Lydia stand dabei, als die Gäste zu Pferd stiegen, sie
drückte Hände und sprach Abschiedsworte, aber sie wußte nichts davon,
alle ihre Sinne waren in dem Blick, mit dem sie zusah, wie die
Rittersfrau beim Aufsteigen ihren Fuß in Goldmunds dargebotene Hände
setzte, und wie seine Rechte breit und fest um den Schuh griff und den
Frauenfuß einen Augenblick kräftig umspannte.
Die Fremden waren weggeritten, Goldmund mußte in die Schreibstube und
arbeiten. Nach einer halben Stunde hörte er unten Lydias befehlende
Stimme, hörte ein Pferd vorführen, sein Herr trat ans Fenster und
schaute hinab, lächelnd und kopfschüttelnd, dann sahen sie beide Lydia
nach, wie sie aus dem Hofe ritt. Sie kamen heute weniger vorwärts in
ihrer lateinischen Schriftstellerei, Goldmund war zerstreut; freundlich
entließ ihn sein Herr, früher als sonst.
Unbemerkt brachte Goldmund sich und sein Pferd aus dem Hofe, dem
kühlfeuchten Herbstwind entgegen ritt er in die verfärbte Landschaft,
rascher und rascher trabend fühlte er das Pferd unter sich warm werden
und sein eigenes Blut sich befeuern. Über Stoppelfelder und Brachland,
über Heide und über Moorstellen, mit Schachtelhalm und Riedgras
bewachsen, ritt er aufatmend durch den grauen Tag, durch kleine
Erlentäler, durch modrigen Fichtenwald, und wieder über bräunliche leere
Heide.
Auf einem hohen Hügelkamm, scharf gegen den lichtgrauen Wolkenhimmel,
entdeckte er Lydias Gestalt, hoch saß sie auf langsam trabendem Pferd.
Er stürmte zu ihr; kaum sah sie sich verfolgt, trieb sie ihren Gaul an
und floh davon. Bald verschwand sie, bald war sie sichtbar mit wehenden
Haaren. Wie einer Beute jagte er ihr nach, sein Herz lachte, mit kleinen
zärtlichen Rufen ermunterte er sein Pferd, las mit frohen Augen im
Hinfliegen die Kennzeichen der Landschaft ab, die hingeduckten Felder,
das Erlengehölz, die Ahorngruppen, die lehmigen Ufer der Tümpel, ließ
immer wieder den Blick zu seinem Ziel zurückkehren, der schönen
Fliehenden. Bald mußte er sie erreichen.
Als Lydia ihn nahe wußte, gab sie die Flucht auf und ließ ihr Tier im
Schritt gehen. Sie wandte sich nicht nach dem Verfolger um. Stolz,
scheinbar gleichmütig ritt sie vor sich hin, als wäre nichts gewesen,
als wäre sie allein. Er trieb sein Pferd neben ihres, dicht
nebeneinander schritten friedlich die beiden Rosse, aber Tiere und
Reiter waren erhitzt vom Jagen.
„Lydia!“ rief er leise.
Sie gab keine Antwort.
„Lydia!“
Sie blieb stumm.
„Wie schön war das, Lydia, dich von fern reiten zu sehen, wie ein
goldener Blitz flog dein Haar hinter dir her. Wie schön war das! Ach,
wie wunderbar, daß du vor mir geflohen bist! Da sah ich erst, daß du
mich ein wenig lieb hast. Ich hatte es nicht gewußt, noch gestern abend
war ich im Zweifel. Erst da, als du mir zu entfliehen versucht hast,
habe ich es plötzlich verstanden. Schöne, Liebe, du mußt müde sein, laß
uns absteigen!“
Er sprang rasch vom Pferde und faßte im selben Augenblick ihren Zügel,
daß sie nicht nochmals ausrisse. Schneeweiß blickte ihr Gesicht zu ihm
herab, und als er sie vom Pferde hob, brach sie in Weinen aus. Behutsam
führte er sie ein paar Schritte, ließ sie ins verdorrte Gras
niedersitzen und kniete neben ihr. Da saß sie und kämpfte mit dem
Schluchzen, tapfer kämpfte sie und wurde Herr darüber.
„Ach, daß du so schlecht bist!“ fing sie an, als sie sprechen konnte.
Kaum brachte sie die Worte heraus.
„Bin ich so schlecht?“
„Du bist ein Frauenverführer, Goldmund. Laß mich vergessen, was du mir
da vorher gesagt hast, es waren unverschämte Worte, es ziemt sich nicht
für dich, so mit mir zu reden. Wie kannst du glauben, ich hätte dich
lieb? Laß uns das vergessen! Aber wie soll ich vergessen, was ich
gestern abend habe sehen müssen?“
„Gestern abend? Was hast du denn da gesehen?“
„Ach, tu nicht so, lüge doch nicht so! Es war gräßlich und schamlos, wie
du da vor meinen Augen dieser Frau schön getan hast! Hast du denn keine
Scham? Sogar das Bein hast du ihr gestreichelt, unterm Tisch, unter
unserem Tisch! Vor mir, vor meinen Augen! Und jetzt kommst du, wo sie
fort ist, und stellst mir nach! Du weißt wirklich nicht, was Scham ist.“
Goldmund hatte längst schon die Worte bereut, die er ihr gesagt hatte,
ehe er sie vom Pferd holte. Wie dumm war das gewesen! Worte waren in der
Liebe entbehrlich, er hätte schweigen sollen.
Er sagte nichts mehr. Er kniete neben ihr, und da sie ihn so schön und
unglücklich ansah, steckte ihr Leid ihn an; er fühlte selbst, daß da
etwas zu beklagen war. Aber trotz allem, was sie da gesagt hatte, sah er
in ihrem Auge doch Liebe, und auch der Schmerz auf ihren zuckenden
Lippen war Liebe. Er glaubte ihrem Auge mehr als ihren Worten.
Aber sie hatte eine Antwort erwartet. Da sie nicht kam, machte Lydia
ihre Lippen noch herber, sah ihn aus den etwas verweinten Augen an und
wiederholte: „Hast du denn wirklich keine Scham?“
„Verzeih“, sagte er demütig, „wir sprechen da von Sachen, über die man
nicht sprechen sollte. Es ist meine Schuld, verzeih mir! Du fragst, ob
ich keine Scham habe. Ja, Scham habe ich wohl. Aber ich habe dich doch
lieb, du, und die Liebe weiß nichts von Scham. Sei nicht böse!“
Sie schien kaum zu hören. Sie saß und machte diesen bitteren Mund und
blickte darüber weg in die Ferne, als wäre sie ganz allein. Nie war er
in einer solchen Lage gewesen. Es kam vom Sprechen.
Sanft legte er sein Gesicht auf ihr Knie, und sogleich tat die Berührung
ihm wohl. Doch war er etwas ratlos und traurig, und auch sie schien noch
immer traurig zu sein, sie saß regungslos, schwieg und sah ins Weite.
Wieviel Verlegenheit, wieviel Traurigkeit! Aber das Knie nahm das
Anschmiegen seiner Wange freundlich an, es wies ihn nicht zurück. Mit
geschlossenen Augen lag sein Gesicht auf ihrem Knie, langsam nahm es
dessen edle, lange Form in sich auf. Goldmund dachte mit Freude und
Rührung, wie sehr dies Knie in seiner vornehmen und jugendlichen Form
ihren langen, schönen, straff gewölbten Fingernägeln entspreche. Dankbar
schmiegte er sich an das Knie, ließ Wange und Mund mit ihm sprechen.
Jetzt spürte er ihre Hand, die sich zaghaft und vogelleicht auf sein
Haar legte. Liebe Hand, fühlte er und spürte, wie sie leise und kindlich
sein Haar streichelte. Ihre Hand hatte er oft schon genau betrachtet und
bewundert, er kannte sie beinah wie seine eigene, die langen schlanken
Finger mit den langen, schön gewölbten, rosigen Hügeln der Fingernägel.
Nun sprachen die langen zarten Finger schüchtern mit seinen Locken. Ihre
Sprache war kindlich und bange, aber sie war Liebe. Dankbar schmiegte er
seinen Kopf in ihre Hand, fühlte mit dem Nacken, mit den Wangen ihre
Handfläche.
Da sagte sie: „Es ist Zeit, wir müssen fort.“
Er hob den Kopf und sah sie zärtlich an, sanft küßte er ihre schlanken
Finger.
„Bitte, steh auf“, sagte sie, „wir müssen nach Haus.“
Er gehorchte sofort, sie standen auf, sie stiegen auf ihre Pferde, sie
ritten.
Goldmunds Herz war voll Glück. Wie schön war Lydia, wie kindlich rein
und zart! Noch nicht einmal geküßt hatte er sie, und war doch so
beschenkt und von ihr erfüllt. Sie ritten scharf, und erst bei der
Heimkehr, dicht vor der Einfahrt des Hofes, erschrak sie und sagte: „Wir
hätten nicht beide zugleich ankommen sollen. Wie töricht wir sind!“ Und
im letzten Augenblick, als sie von den Pferden stiegen und schon ein
Stallknecht gelaufen kam, flüsterte sie ihm rasch und glühend ins Ohr:
„Sag mir, ob du heut nacht bei diesem Weib gewesen bist!“ Er schüttelte
den Kopf viele Male und machte sich daran, das Pferd abzuzäumen.
Am Nachmittag, als ihr Vater ausgegangen war, fand sie sich in der
Schreibstube ein.
„Ist es auch wahr?“ fragte sie sofort mit Leidenschaft, und er wußte
alsbald, was sie meinte.
„Warum hast du dann so mit ihr gespielt, so abscheulich, und sie
verliebt gemacht?“
„Es galt dir“, sagte er. „Glaube mir, tausendmal lieber hätte ich deinen
Fuß gestreichelt als den ihren. Aber nie ist dein Fuß unterm Tisch zu
mir gekommen und hat mich gefragt, ob ich dich lieb habe.“
„Hast du mich wirklich lieb, Goldmund?“
„O ja.“
„Aber was soll daraus werden?“
„Ich weiß es nicht, Lydia. Es kümmert mich auch nicht. Es macht mich
glücklich, dich zu lieben – was daraus werden wird, daran denke ich
nicht. Ich bin froh, wenn ich dich reiten sehe, und wenn ich deine
Stimme höre, und wenn deine Finger mir das Haar streicheln. Ich werde
froh sein, wenn ich dich küssen darf.“
„Man darf nur seine Braut küssen, Goldmund. Hast du daran nie gedacht?“
„Nein, ich habe nie daran gedacht. Warum sollte ich? Du weißt so gut wie
ich, daß du nicht meine Braut werden kannst.“
„So ist es. Und weil du nicht mein Mann werden und immer bei mir bleiben
kannst, darum war es sehr unrecht von dir, mir von Liebe zu sprechen.
Hast du geglaubt, daß du mich verführen könntest?“
„Ich habe nichts geglaubt und gedacht, Lydia, ich denke überhaupt viel
weniger, als du meinst. Ich wünsche nichts, als daß du mich einmal
küssen möchtest. Wir sprechen so viel. Liebende tun das nicht. Ich
glaube, du hast mich nicht lieb.“
„Heut morgen hast du das Gegenteil gesagt.“
„Und du hast das Gegenteil getan!“
„Ich? Wie meinst du das?“
„Zuerst bist du vor mir davongeritten, als du mich kommen sahst. Da
glaubte ich, du liebest mich. Dann hast du weinen müssen, und ich
glaubte, es sei, weil du mich lieb hättest. Dann lag mein Kopf auf
deinem Knie, und du hast mich gestreichelt, und ich glaubte, das sei
Liebe. Aber jetzt tust du nichts Liebes mit mir.“
„Ich bin nicht so wie die Frau, deren Fuß du gestern gestreichelt hast.
Du scheinst an solche Frauen gewöhnt zu sein.“
„Nein, Gott sei Dank bist du viel schöner und feiner als sie.“
„Ich meine nicht das.“
„Oh, es ist aber so. Weißt du denn, wie schön du bist?“
„Ich habe einen Spiegel.“
„Hast du darin einmal deine Stirn gesehen, Lydia? Und dann die
Schultern, und dann die Fingernägel, und dann die Knie? Und hast du
gesehen, wie das alles einander gleicht und sich aufeinander reimt, wie
das alles die gleiche Form hat, eine lange, gestreckte, feste und sehr
schlanke Form? Hast du es gesehen?“
„Wie du sprichst! Ich habe es eigentlich nie gesehen, aber jetzt, wo du
es sagst, weiß ich doch, was du meinst. Höre, du bist doch ein
Verführer, jetzt versuchst du es, mich eitel zu machen.“
„Schade, ich kann es dir nicht recht machen. Aber warum soll mir denn
daran gelegen sein, dich eitel zu machen? Du bist schön, und ich möchte
dir zeigen, daß ich dafür dankbar bin. Du zwingst mich, es dir mit
Worten zu sagen; ich könnte es dir tausendmal besser sagen als mit
Worten. Mit Worten kann ich dir nichts geben! Mit Worten kann ich auch
nichts von dir lernen und du nichts von mir.“
„Was soll ich denn von dir lernen?“
„Ich von dir, Lydia, und du von mir. Aber du willst ja nicht. Du willst
ja nur den liebhaben, dessen Braut du sein wirst. Er wird lachen, wenn
er sieht, daß du nichts gelernt hast, nicht einmal küssen.“
„So, also im Küssen möchtest du mir Unterricht geben, Herr Magister?“
Er lächelte ihr zu. Gefielen auch ihre Worte ihm nicht, so konnte er
doch hinter ihrem etwas heftigen und unechten Klugreden ihr Mädchentum
spüren, wie es von der Lüsternheit ergriffen war und sich angstvoll
dagegen wehrte.
Er gab keine Antwort mehr. Er lächelte ihr zu, hielt ihren unruhigen
Blick mit seinen Augen fest und gefangen, und während sie sich, nicht
ohne Widerstand, dem Bann ergab, näherte er langsam sein Gesicht dem
ihren, bis die Lippen sich berührten. Leise streifte er ihren Mund, der
gab ihm mit einem kleinen Kinderkuß Antwort und öffnete sich wie in
schmerzlichem Erstaunen, als er ihn nicht wieder losließ. Sanft werbend
folgte er ihrem zurückfliehenden Munde, bis er zögernd wieder
entgegenkam, und lehrte die Bezauberte ohne Gewalt das Nehmen und Geben
des Kusses, bis sie erschöpft ihr Gesicht auf seine Schulter drückte. Er
ließ es ruhen, roch beglückt an ihrem starken blonden Haar, murmelte
zärtliche und beruhigende Töne in ihr Ohr und erinnerte sich in diesen
Augenblicken daran, wie er, ein ahnungsloser Schüler, einst durch die
Zigeunerin Lise in das Geheimnis eingeweiht worden war. Wie schwarz war
ihr Haar gewesen, wie braun ihre Haut, wie hatte die Sonne gebrannt und
das welke Johanniskraut geduftet! Und wie weit lag das schon, aus
welcher Ferne schon blitzte es herüber! So schnell ward alles welk, was
kaum noch blühte!
Langsam richtete Lydia sich auf, mit verwandeltem Gesicht, ernst und
groß blickten ihre liebenden Augen.
„Laß mich gehen, Goldmund“, sagte sie, „ich war so lange bei dir. O du,
o mein Lieber du!“
Sie fanden jeden Tag ihre verschwiegene Stunde, und Goldmund ließ sich
ganz von der Liebenden führen, wunderbar beglückte und rührte ihn diese
Mädchenliebe. Manchesmal mochte sie eine ganze Stunde lang nichts als
seine Hände in ihren halten und in seine Augen sehen und nahm Abschied
mit einem Kinderkuß. Andere Male küßte sie hingegeben und unersättlich,
duldete aber keine Berührung. Einmal, tief errötend und mit Überwindung,
im Willen, ihm eine große Freude zu machen, ließ sie ihn eine ihrer
Brüste sehen; schüchtern brachte sie die kleine weiße Frucht aus dem
Kleide hervor; als er sie kniend geküßt hatte, verhüllte sie sie wieder
mit Sorgfalt und war noch immer rot bis zum Halse. Sie sprachen auch,
aber auf eine neue Art, nicht mehr so wie am ersten Tage; sie erfanden
Namen füreinander, gern erzählte sie ihm von ihrer Kindheit, ihren
Träumen und Spielen. Auch davon sprach sie oft, daß ihre Liebe unrecht
sei, da er sie nicht heiraten könne; traurig und ergeben sprach sie
davon und schmückte ihre Liebe mit dem Geheimnis dieser Traurigkeit wie
mit einem schwarzen Schleier.
Zum erstenmal fühlte sich Goldmund von einer Frau nicht nur begehrt,
sondern geliebt.
Lydia sagte einst: „Du bist so hübsch und siehst so heiter aus. Aber in
deinen Augen innen ist keine Heiterkeit, da ist lauter Trauer; wie wenn
deine Augen wüßten, daß es kein Glück gibt und daß alles Schöne und
Geliebte nicht lange bei uns bleibt. Du hast die schönsten Augen, die es
geben kann, und die traurigsten. Ich glaube, das ist, weil du heimatlos
bist. Du bist aus den Wäldern zu mir gekommen, und einmal wirst du
wieder fortgehen und auf Moos schlafen und wandern. – Aber wo ist denn
_meine_ Heimat? Wenn du fortgehst, dann habe ich wohl noch einen Vater
und eine Schwester und habe eine Kammer und ein Fenster, wo ich sitzen
und an dich denken kann; aber Heimat werde ich keine mehr haben.“
Er ließ sie sprechen, manchmal lächelte er dazu, manchmal war er
betrübt. Mit Worten tröstete er sie nie, nur mit leisem Streicheln, nur
indem er ihren Kopf an seiner Brust hielt und leise sinnlose Zaubertöne
summte, wie die Ammen sie zum Trost der Kinder summen, wenn sie weinen.
Einmal sagte Lydia: „Ich möchte wohl wissen, Goldmund, was einmal aus
dir werden wird, ich denke oft darüber nach. Du wirst kein gewöhnliches
Leben haben und kein leichtes. Ach, möchte es dir doch gut ergehen!
Manchmal denke ich, du müßtest ein Dichter werden, einer, der Gesichte
und Träume hat und sie schön aussprechen kann. Ach, du wirst durch die
ganze Welt wandern, und alle Frauen werden dich lieben, und doch wirst
du allein bleiben. Geh lieber wieder ins Kloster zu deinem Freund, von
dem du mir soviel erzählst! Ich werde für dich beten, daß du nicht einst
allein im Walde sterben mußt.“
So konnte sie sprechen, in tiefem Ernst, mit verlorenen Augen. Aber dann
konnte sie wieder lachend mit ihm über das spätherbstliche Land reiten
oder ihm Scherzrätsel aufgeben und ihn mit welkem Laub und blanken
Eicheln bewerfen.
Einmal lag Goldmund in seiner Kammer im Bett und wartete auf den Schlaf.
Das Herz war ihm schwer, auf eine holde schmerzliche Art, schwer und
voll schlug es in seiner Brust, überfüllt mit Liebe, überfüllt mit
Trauer und Ratlosigkeit. Er hörte den Novemberwind am Dach rütteln;
schon war es eine Gewohnheit geworden, daß er vor dem Einschlafen eine
ganze Weile so lag und der Schlaf nicht kam. Leise sprach er, wie es am
Abend seine Gewohnheit war, ein Marienlied in sich hinein:
Tota pulchra es, Maria,
et macula originalis non est in te.
Tu laetitia Israël,
Tu advocata peccatorum!
Mit seiner sanften Musik sank das Lied in seine Seele, zugleich aber
sang draußen der Wind, sang von Unfriede und Wanderung, vom Wald, vom
Herbst, vom Leben der Heimatlosen. Er dachte an Lydia und dachte an
Narziß und an seine Mutter, voll und schwer war sein unruhiges Herz.
Da schreckte er auf und starrte ungläubig: die Kammertür war
aufgegangen, im Dunkeln kam eine Gestalt im langen weißen Hemde herein,
lautlos kam Lydia mit bloßen Füßen über die Steinfliesen hereingegangen,
schloß sachte die Tür und setzte sich auf sein Lager.
„Lydia“, flüsterte er, „mein Rehlein, meine weiße Blume! Lydia, was tust
du?“
„Ich komme zu dir“, sagte sie, „bloß für einen Augenblick. Ich will doch
einmal sehen, wie mein Goldmund in seinem Bettlein liegt, mein
Goldherz.“
Sie legte sich zu ihm, still lagen sie, mit schweren schlagenden Herzen.
Sie ließ ihn küssen, sie ließ seine bewundernden Hände an ihren Gliedern
spielen, mehr war nicht erlaubt. Nach einer kurzen Weile streifte sie
seine Hände sanft von sich, küßte ihn auf die Augen, stand lautlos auf
und verschwand. Die Tür knarrte, im Dachstuhl klirrte und drückte der
Wind. Alles war verzaubert, voll Geheimnis, voll Bangigkeit, voll
Versprechen, voll Drohung. Goldmund wußte nicht, was er denke, was er
tue. Als er nach einem unruhigen Schlummer wieder erwachte, war sein
Kissen naß von Tränen.
Sie kam nach einigen Tagen wieder, das süße weiße Gespenst, und lag eine
Viertelstunde bei ihm, wie das letztemal. Flüsternd sprach sie, von
seinen Armen umschlossen, ihm ins Ohr, sie hatte viel zu sagen und zu
klagen. Zärtlich hörte er ihr zu, sie lag auf seinem linken Arm, mit der
rechten Hand streichelte er ihre Knie.
„Goldmündchen“, sagte sie, mit ganz gedämpfter Stimme dicht an seiner
Wange, „es ist so traurig, daß ich nie werde dir gehören dürfen. Es wird
nicht lang mehr dauern, unser kleines Glück, unser kleines Geheimnis.
Julie hat schon Verdacht, bald wird sie mich zwingen, es ihr zu sagen.
Oder der Vater merkt es. Wenn er mich bei dir im Bett fände, mein
kleiner Goldvogel, dann ginge es deiner Lydia übel; sie stünde mit
verweinten Augen und blickte zu den Bäumen hinauf und sähe ihren
Liebsten droben hangen und im Winde wehen. Ach du, lauf lieber fort,
lieber jetzt gleich, statt daß der Vater dich binden und aufhängen läßt.
Ich habe schon einmal einen hängen sehen, einen Dieb. Ich kann dich
nicht hängen sehen, du, lauf lieber davon und vergiß mich; daß du nur
nicht sterben mußt, Göldchen, daß nur in deine blauen Augen nicht die
Vögel hacken! Aber nein, du Schatz, du darfst nicht fortgehen – ach, was
mache ich, wenn du mich allein läßt.“
„Willst du denn nicht mit mir kommen, Lydia? Wir fliehen miteinander,
die Welt ist groß!“
„Das wäre sehr schön“, klagte sie, „ach, wie schön, mit dir durch die
ganze Welt zu laufen! Aber ich kann nicht. Ich kann nicht im Wald
schlafen und heimatlos sein und Strohhalme in den Haaren haben, ich kann
das nicht. Ich kann auch dem Vater nicht die Schande machen. – Nein,
rede nicht, es sind keine Einbildungen. Ich kann nicht! Ich könnte es so
wenig, als ich aus einem schmutzigen Teller essen oder im Bett eines
Aussätzigen schlafen könnte. Ach, uns ist alles verboten, was gut und
schön wäre, wir beide sind zum Leid geboren. Göldchen, mein armer
kleiner Junge, ich werde dich am Ende doch müssen hängen sehen. Und ich,
ich werde eingesperrt und dann in ein Kloster geschickt. Liebster, du
mußt mich verlassen und wieder bei den Zigeunerinnen und Bauernweibern
schlafen. Ach geh, geh, eh sie dich fangen und binden! Nie werden wir
glücklich sein, nie.“
Er streichelte sachte ihre Knie, und indem er ganz zart ihre Scham
berührte, bat er: „Blümchen, wir könnten so sehr glücklich sein! Darf
ich nicht?“
Sie drängte ohne Unwillen, aber mit Kraft seine Hand beiseite und rückte
etwas von ihm weg.
„Nein“, sagte sie, „nein, das darfst du nicht. Es ist mir verboten. Du
kleiner Zigeuner verstehst das vielleicht nicht. Ich tue ja unrecht, ich
bin ein schlechtes Mädchen, ich mache dem ganzen Haus Schande. Aber
irgendwo in meiner Seele drinnen bin ich doch noch stolz, dort darf
niemand hineinkommen. Du mußt mir das lassen, sonst kann ich nie mehr zu
dir in die Kammer kommen.“
Nie hätte er ein Verbot, einen Wunsch, eine Andeutung von ihr mißachtet.
Er war selbst verwundert darüber, wieviel Macht sie über ihn hatte. Aber
er litt. Seine Sinne blieben ungestillt, und sein Herz wehrte sich oft
heftig gegen die Abhängigkeit. Manchmal gab er sich Mühe, davon
loszukommen. Manchmal machte er der kleinen Julie mit ausgesuchter
Artigkeit den Hof, und allerdings war es ja auch sehr notwendig, mit
dieser wichtigen Person in einem guten Verhältnis zu bleiben und sie
womöglich zu täuschen. Es ging ihm merkwürdig mit dieser Julie, die oft
so sehr kindlich tat und oft so allwissend schien. Kein Zweifel, sie war
schöner als Lydia, sie war eine ungewöhnliche Schönheit, und dies war,
zusammen mit ihrer etwas altklugen Kinderunschuld, für Goldmund ein
großer Reiz; er war oft stark in Julie verliebt. Gerade an diesem
starken Reiz, den die Schwester für seine Sinne hatte, erkannte er oft
mit Erstaunen den Unterschied zwischen Begierde und Liebe. Anfangs hatte
er beide Schwestern mit denselben Augen angeschaut, hatte beide
begehrenswert, Julie aber schöner und verführenswerter gefunden, hatte
unterschiedlos um beide geworben und beide stets im Auge behalten. Und
jetzt hatte Lydia diese Macht über ihn gewonnen! Jetzt liebte er sie so
sehr, daß er sogar auf ihren völligen Besitz aus Liebe verzichtete. Ihre
Seele war ihm bekannt und lieb geworden, in ihrer Kindlichkeit,
Zärtlichkeit und ihrer Hinneigung zur Traurigkeit schien sie seiner
eigenen ähnlich; oft war er tief erstaunt und entzückt darüber, wie sehr
diese Seele ihrem Leibe entsprach; sie konnte etwas tun, etwas sagen,
einen Wunsch oder ein Urteil äußern, und ihr Wort und die Haltung ihrer
Seele war vollkommen nach derselben Form geprägt wie der Schnitt ihrer
Augen und die Bildung ihrer Finger!
Diese Augenblicke, in denen er die Grundformen und Gesetze zu sehen
glaubte, nach denen ihr Wesen, Seele wie Leib, gestaltet war, hatten in
Goldmund öfter die Lust erweckt, etwas von dieser Gestalt festzuhalten
und nachzubilden, und er hatte auf einigen Blättern, die er sehr
geheimhielt, Versuche gemacht, mit Federstrichen den Umriß ihres Kopfes,
die Linie ihrer Brauen, ihre Hand, ihr Knie aus dem Gedächtnis zu
zeichnen.
Mit Julie war es etwas schwierig geworden. Sie witterte sichtlich die
Woge von Liebe, in der ihre ältere Schwester schwamm, und ihre Sinne
wandten sich voll Neugierde und Begehrlichkeit dem Paradiese zu, ohne
daß ihr eigensinniger Verstand es zugeben wollte. Sie zeigte Goldmund
eine übertriebene Kühle und Abneigung und konnte ihn in Augenblicken der
Vergessenheit doch mit Bewunderung und lüsterner Neugierde betrachten.
Mit Lydia war sie oft sehr zärtlich, suchte sie zuweilen auch im Bette
auf und atmete dann mit verschwiegener Gier in der Zone der Liebe und
des Geschlechts, streifte mutwillig an das verbotene und ersehnte
Geheimnis. Dann wieder ließ sie in beinah verletzender Art merken, daß
sie um Lydias geheimes Vergehen wisse und es verachte. Reizend und
störend flackerte das schöne launische Kind zwischen den beiden
Liebenden, naschte in durstigen Träumen an ihrer Heimlichkeit, spielte
bald die Ahnungslose, bald ließ sie gefährliche Mitwisserschaft merken;
schnell war sie aus einem Kinde zu einer Macht geworden. Lydia hatte
davon mehr zu leiden als Goldmund, der die Kleine außer bei den
Mahlzeiten selten zu Gesichte bekam. Es konnte Lydia auch nicht
verborgen bleiben, daß Goldmund gegen Julies Reiz nicht unempfindlich
war, manchmal sah sie seinen anerkennenden, genießenden Blick auf ihr
ruhen. Sie durfte nichts sagen, alles war so schwierig, alles so voll
Gefahr, namentlich durfte Julie nicht verstimmt und beleidigt werden;
ach, jeden Tag und jede Stunde konnte das Geheimnis ihrer Liebe entdeckt
und ihrem schweren angstvollen Glück ein Ende gemacht werden, vielleicht
ein schreckliches.
Manchmal wunderte sich Goldmund darüber, daß er nicht längst auf und
davon gegangen war. Es war schwer, so zu leben, wie er jetzt lebte:
geliebt, aber ohne Hoffnung, weder auf ein erlaubtes und dauerndes
Glück, noch auf die leichten Erfüllungen, an welche seine Liebeswünsche
bisher gewohnt waren; mit ewig gereizten und hungrigen, nie gestillten
Trieben, dabei in beständiger Gefahr. Warum blieb er hier und ertrug das
alles, alle diese Verwicklungen und verwirrten Gefühle? Waren das nicht
Erlebnisse, Gefühle und Gewissenszustände für Seßhafte, für Legitime,
für Leute in geheizten Stuben? Hatte er nicht das Recht des Heimatlosen
und Anspruchslosen, sich diesen Zartheiten und Kompliziertheiten zu
entziehen und ihrer zu lachen? Ja, dies Recht hatte er, und er war ein
Narr, daß er hier etwas wie Heimat suchte und es mit so viel Schmerzen,
so viel Verlegenheiten bezahlte. Und dennoch tat und litt er es, litt es
gerne, war heimlich glücklich dabei. Es war dumm und schwierig, es war
kompliziert und anstrengend, auf eine solche Art zu lieben, aber es war
wunderbar. Wunderbar war die dunkelschöne Traurigkeit dieser Liebe, ihre
Narrheit und Hoffnungslosigkeit; schön waren diese gedankenvollen
herzbangen Nächte ohne Schlaf; schön und köstlich war dies alles wie der
Leidenszug auf Lydias Lippen, wie der verlorene, ergebene Klang ihrer
Stimme, wenn sie von ihrer Liebe und Sorge sprach. In wenigen Wochen war
dieser Leidenszug auf Lydias jungem Gesicht entstanden und heimisch
geworden, dessen Linien mit der Feder nachzuzeichnen ihm so schön und
wichtig schien, und er fühlte: in diesen wenigen Wochen war auch er
selbst anders und sehr viel älter geworden, nicht klüger und dennoch
erfahrener, nicht glücklicher und doch viel reifer und reicher in der
Seele. Er war kein Knabe mehr.
Mit ihrer sanften, verlorenen Stimme sagte Lydia zu ihm: „Du mußt nicht
traurig sein, nicht meinetwegen, ich möchte dich ja nur fröhlich machen
und glücklich sehen. Verzeih, ich habe dich traurig gemacht, ich habe
dich mit meiner Angst und Betrübnis angesteckt. Ich träume nachts so
merkwürdig: immer gehe ich da in einer Wüste, die ist so groß und so
dunkel, wie ich nicht sagen kann, da gehe ich und gehe und suche dich,
aber du bist nicht da, und ich weiß, ich habe dich verloren und werde
immer, immer so gehen müssen, so allein. Dann, wenn ich erwache, denke
ich: O wie gut, o wie herrlich ist es, daß er noch da ist und ich ihn
sehen werde, vielleicht noch Wochen oder noch Tage, einerlei, aber er
ist doch noch da!“
Eines Morgens erwachte Goldmund bald nach Tagesanbruch in seinem Bett
und blieb eine Weile nachsinnend liegen, Bilder aus einem Traume waren
noch um ihn, doch ohne Zusammenhang. Er hatte von seiner Mutter geträumt
und von Narziß, beide Gestalten konnte er noch deutlich sehen. Als er
sich aus den Traumfäden befreit hatte, fiel ein besonderes Licht ihm
auf, eine eigentümliche Art von Helligkeit, die heute durchs kleine
Fensterloch hereinkam. Er sprang auf und lief zum Fenster, da sah er das
Fenstergesimse, das Dach des Pferdestalls, die Hofeinfahrt und die ganze
Landschaft jenseits bläulichweiß schimmern, vom ersten Schnee dieses
Winters bedeckt. Der Gegensatz zwischen der Unruhe seines Herzens und
der stillen, ergebenen Winterwelt machte ihn betroffen: wie ruhig, wie
rührend und fromm gab sich Acker und Wald, Hügel und Heide der Sonne,
dem Wind, dem Regen, der Dürre, dem Schnee hin, wie schön und sanft
leidend trugen Ahorn und Esche ihre Winterlast! Konnte man nicht werden
wie sie, konnte man nichts von ihnen lernen? Gedankenvoll ging er auf
den Hof hinaus, watete im Schnee und befühlte ihn mit den Händen, ging
zum Garten hinüber und blickte über den hoch beschneiten Zaun in die vom
Schnee hinabgebogenen Rosenstämme.
Zum Frühstück aß man eine Mehlsuppe, alle sprachen vom ersten Schnee,
alle – auch die Mädchen – waren schon draußen gewesen. Der Schnee kam
spät in diesem Jahr, schon war die Weihnacht nahe. Der Ritter erzählte
von den südlichen Ländern, wo es keinen Schnee gebe. Das aber, was
diesen ersten Wintertag für Goldmund unvergeßlich machte, begab sich
erst, als es längst Nacht geworden war.
Die beiden Schwestern hatten heut einen Zank gehabt, von dem Goldmund
nichts wußte. Nachts, als es still und dunkel im Hause geworden war, kam
Lydia zu ihm, in ihrer gewohnten Art, sie legte sich schweigend zu ihm
und den Kopf an seine Brust, um sein Herz schlagen zu hören und sich an
seiner Nähe zu trösten. Sie war betrübt und ängstlich, sie fürchtete von
Julie Verrat, doch konnte sie sich nicht entschließen, mit dem Liebsten
davon zu sprechen und ihm Sorge zu bringen. So lag sie still an seinem
Herzen, hörte ihn zuweilen ein Kosewort flüstern und spürte seine Hand
in ihren Haaren.
Plötzlich aber – sie war noch nicht lange so gelegen – erschrak sie
furchtbar und richtete sich mit weitaufgerissenen Augen hoch auf. Und
auch Goldmund erschrak nicht wenig, als er die Kammertür offen und eine
Gestalt hereintreten sah, die er im Schrecken nicht sofort erkannte.
Erst als die Erscheinung dicht am Bette stand und sich darüber neigte,
sah er mit beklommenem Herzen, daß es Julie war. Sie schlüpfte aus einem
Mantel, den sie übers bloße Hemd geworfen hatte, und ließ den Mantel zu
Boden fallen. Mit einem Wehlaut, als hätte sie einen Messerstich
empfangen, sank Lydia zurück und klammerte sich an Goldmund.
Mit einem Ton von Hohn und Schadenfreude, aber doch mit unsicherer
Stimme, sagte Julie: „Ich mag nicht so allein in der Kammer liegen.
Entweder ihr nehmet mich zu euch und wir liegen zu dreien, oder ich gehe
und wecke den Vater.“
„Ja, dann komm nur“, sagte Goldmund und schlug die Decke zurück. „Du
erfrierst dir ja die Füße.“ Sie stieg ein, und er hatte Mühe, ihr auf
dem schmalen Lager etwas Raum zu schaffen, denn Lydia hatte das Gesicht
ins Kissen vergraben und lag regungslos. Endlich lagen sie alle drei,
auf jeder Seite Goldmunds ein Mädchen, und einen Augenblick konnte er
sich des Gedankens nicht erwehren, wie sehr diese Lage noch vor kurzer
Zeit allen seinen Wünschen entsprochen hätte. Mit wunderlichem Bangen,
und doch heimlich entzückt, spürte er Julies Hüfte an seiner Seite.
„Ich mußte doch einmal sehen“, fing sie wieder an, „wie es sich denn in
deinem Bette liegt, das meine Schwester so gern aufsucht.“
Goldmund, um sie zur Ruhe zu bringen, rieb sachte seine Wange an ihrem
Haar und streichelte mit leiser Hand ihre Hüften und Knie, wie man einer
Katze schön tut, und sie gab sich schweigend und neugierig in seine
tastende Hand, fühlte benommen und andächtig den Zauber, bot keinen
Widerstand. Während dieser Beschwörung aber bemühte er sich zugleich um
Lydia, summte ihr leise vertraute Liebestöne ins Ohr und brachte sie
langsam dazu, wenigstens das Gesicht zu erheben und ihm zuzuwenden.
Lautlos küßte er ihr Mund und Augen, während seine Hand drüben die
Schwester im Bann hielt und die Peinlichkeit und Verschrobenheit der
ganzen Lage ihm bis zur Unerträglichkeit bewußt wurde. Seine linke Hand
war es, die ihn belehrte; während sie mit den schönen, still wartenden
Gliedern Julies bekannt wurde, empfand er zum erstenmal nicht nur die
Schönheit und tiefe Hoffnungslosigkeit seiner Liebe zu Lydia, sondern
auch ihre Lächerlichkeit. Er hätte, so schien es ihm jetzt, während
seine Lippen bei Lydia waren und seine Hand bei Julien, er hätte Lydia
entweder zur Hingabe zwingen oder seines Weges weiterziehen müssen. Sie
zu lieben und ihr doch zu entsagen, war ein Unsinn und ein Unrecht
gewesen.
„Mein Herz“, flüsterte er Lydien ins Ohr, „wir leiden unnütze Leiden.
Wie glücklich könnten wir jetzt alle dreie sein! Laß uns doch tun, was
unser Blut verlangt!“
Da sie zurückschauernd sich entzog, flüchtete seine Begierde zur andern,
und seine Hand tat ihr so wohl, daß sie mit einem langen bebenden
Seufzer der Wollust antwortete.
Als Lydia diesen Seufzer hörte, zog Eifersucht ihr Herz zusammen, als
wäre Gift hineingetropft. Sie setzte sich unversehens auf, riß die Decke
vom Bett, sprang auf die Füße und rief: „Julie, laß uns gehen!“
Julie zuckte zusammen; schon die unbedachte Heftigkeit dieses Rufs, der
sie alle verraten konnte, zeigte ihr die Gefahr, und sie erhob sich
schweigend.
Goldmund aber, in allen seinen Trieben beleidigt und betrogen, umschlang
schnell die sich aufrichtende Julie, küßte ihr beide Brüste und
flüsterte ihr brennend ins Ohr: „Morgen, Julie, morgen!“
Lydia stand im Hemde und barfuß, auf dem Steinboden krümmten sich ihre
Zehen vor Kälte. Sie hob Julies Mantel vom Boden auf und hing ihn ihr
um, mit einer leidenden und demütigen Gebärde, die jener auch im Dunkeln
nicht entging und die sie rührte und versöhnte. Leise huschten die
Schwestern aus der Kammer und davon. Voll widerstreitender Gefühle
horchte Goldmund ihnen nach und atmete auf, als es im Hause totenstill
blieb.
So waren die drei jungen Menschen aus einem sonderbaren und
unnatürlichen Zusammensein in nachdenkliche Einsamkeit verwiesen, denn
auch die beiden Schwestern, nachdem sie ihre Schlafstube erreicht
hatten, fanden sich nicht zu einer Aussprache, sondern lagen jede
einsam, schweigend und trotzig in ihrem Bette wach. Ein Geist des
Unglücks und Widerspruchs, ein Dämon der Sinnlosigkeit, Vereinsamung und
Seelenverwirrung schien sich des Hauses bemächtigt zu haben. Erst nach
Mitternacht entschlief Goldmund, erst gegen den Morgen Julie. Lydia lag
wach und gepeinigt, bis überm Schnee der bleiche Tag heraufkam. Sie
erhob sich sofort, zog sich an, kniete lang vor ihrem kleinen hölzernen
Heiland und betete, und sobald sie auf der Treppe den Schritt ihres
Vaters vernahm, ging sie und bat ihn um eine Unterredung. Ohne den
Versuch zu machen, zwischen ihrer Sorge um Julies Mädchentugend und
ihrer Eifersucht zu unterscheiden, war sie zum Entschluß gekommen, der
Sache ein Ende zu machen. Goldmund und Julie schliefen beide noch, als
der Ritter schon alles wußte, was Lydia gut befunden hatte, ihm
mitzuteilen. Julies Beteiligung an dem Abenteuer hatte sie verschwiegen.
Als Goldmund zur gewohnten Stunde in der Schreibstube erschien, sah er
den Ritter, der sonst in Hausschuhen und Filzrock seinen Schreibereien
obzuliegen pflegte, gestiefelt, im Wams, das Schwert umgehängt, und
wußte alsbald, was das bedeute.
„Setz deine Mütze auf“, sagte der Ritter, „ich habe einen Gang mit dir
zu tun.“
Goldmund nahm seine Mütze vom Nagel und folgte seinem Herrn die Treppe
hinab, über den Hof und zum Tor hinaus. Ihre Sohlen knirschten hell im
leicht überfrorenen Schnee, am Himmel war noch Morgenrot. Schweigend
ging der Ritter voran, der Jüngling folgte und blickte mehrmals nach dem
Hof zurück, nach dem Fenster seiner Kammer, nach dem beschneiten steilen
Dach, bis es versank und nichts mehr zu sehen war. Nie würde er dies
Dach und diese Fenster wieder sehen, nie mehr die Schreibstube und
Schlafkammer, nie mehr die beiden Schwestern. Seit langem war der
Gedanke an ein plötzliches Scheiden ihm vertraut, dennoch zog sein Herz
sich schmerzlich zusammen. Bitter weh tat ihm dieser Abschied.
Eine Stunde lang gingen sie so, der Herr voran, beide ohne zu sprechen.
Goldmund begann an sein Schicksal zu denken. Der Ritter war bewaffnet,
vielleicht würde er ihn erschlagen. Er glaubte jedoch nicht daran. Die
Gefahr war klein; er brauchte nur davonzulaufen, so stand der alte Mann
mit seinem Schwerte hilflos. Nein, sein Leben war nicht in Gefahr. Aber
dieses Gehen und Schweigen, hinter dem beleidigten feierlichen Manne
her, dies stumme Davongeführtwerden wurde ihm von Schritt zu Schritt
peinlicher. Endlich blieb der Ritter stehen.
„Du wirst nun“, sagte er mit geborstener Stimme, „allein weitergehen,
immer in dieser Richtung, und wirst dein Wanderleben führen, wie du es
gewohnt warst. Solltest du dich jemals wieder in der Nähe meines Hauses
zeigen, so wirst du abgeschossen. Ich will keine Rache an dir nehmen;
ich hätte klüger sein und einen so jungen Menschen nicht in die Nähe
meiner Töchter kommen lassen sollen. Solltest du es aber wagen,
zurückzukommen, so ist dein Leben verloren. Geh nun, möge dir Gott
verzeihen!“
Er blieb stehen, im fahlen Schneemorgenlicht sah sein graubärtiges
Gesicht wie erloschen aus. Wie ein Gespenst blieb er stehen und wich
nicht von der Stelle, bis Goldmund über den nächsten Hügelkamm
verschwunden war. Die rötlichen Schimmer am Wolkenhimmel hatten sich
verloren, keine Sonne kam hervor, es begann langsam in dünnen, zögernden
Flocken zu schneien.
Neuntes Kapitel
Von manchem Ritt her kannte Goldmund die Gegend; jenseits des gefrorenen
Rieds wußte er eine Scheune des Ritters stehen, weiterhin auch einen
Bauernhof, wo man ihn kannte; an einem dieser Orte würde er rasten und
nächtigen können. Das Weitere mußte sich morgen finden. Allmählich kam
wieder das Gefühl der Freiheit und der Fremde über ihn, dessen er sich
eine Zeitlang entwöhnt hatte. Sie schmeckte an diesem eisig mürrischen
Wintertag nicht lieblich, die Fremde, sie roch sehr nach Mühsal, nach
Hunger und Bedrängnis, und doch klang ihre Weite, ihre Größe und harte
Unerbittlichkeit seinem verwöhnten und verwirrten Herzen beruhigend und
beinahe tröstlich.
Er lief sich müde. Mit dem Reiten ist’s nun vorbei, dachte er. O weite
Welt! Es fiel wenig Schnee, in der Ferne liefen Waldrücken und Wolken
grau ineinander, unendlich lag die Stille, bis ans Ende der Welt. Was
war nun wohl mit Lydia, dem armen ängstlichen Herzen? Bitter tat es ihm
leid um sie; zärtlich dachte er an sie, während er, mitten im leeren
Ried, unter einer alleinstehenden kahlen Esche saß und rastete. Endlich
vertrieb ihn die Kälte, mit steifen Beinen stand er auf, brachte sich
langsam in einen zügigen Schritt, schon schien das dürftige Licht des
trüben Tages wieder abzunehmen. Während des langen Trabens übers leere
Gefild vergingen ihm die Gedanken. Es galt jetzt nicht zu denken oder
Gefühle zu hegen, seien sie noch so zärtlich, seien sie noch so schön;
es galt sich warm zu halten, es galt beizeiten das Nachtlager zu
erreichen, es galt sich wie Marder und Fuchs durch diese kalte,
unwirtliche Welt zu bringen und womöglich nicht jetzt schon im freien
Feld kaputt zu gehen; alles andere war nicht wichtig.
Verwundert blickte er um sich, als er einen fernen Hufschlag zu hören
glaubte. War es möglich, daß man ihn verfolgte? Er griff nach dem
kleinen Jagdmesser in seiner Tasche und machte die hölzerne Scheide
locker. Nun bekam er den Reiter zu Gesicht und erkannte von weitem ein
Pferd aus des Ritters Stall, hartnäckig hielt es auf ihn zu. Fliehen
wäre unnütz gewesen, er blieb stehen und wartete, ohne eigentliche
Furcht, doch sehr gespannt und neugierig, mit beschleunigtem Herzschlag.
Heftig zuckte es ihm einen Augenblick durch den Kopf: „Wenn es mir
gelänge, diesen Reiter umzubringen, wie gut ginge es mir da; ich hätte
ein Roß, und die Welt gehörte mir!“ Aber als er den Reiter erkannte, den
jungen Stallknecht Hans, mit seinen hellblauen Wasseraugen und dem guten
verlegenen Knabengesicht, mußte er lachen; diesen lieben guten Kerl
totzuschlagen, dazu hätte ein Herz von Stein gehört. Freundlich begrüßte
er den Hans, und zärtlich begrüßte er auch das Pferd Hannibal, das ihn
sofort erkannte, und streichelte ihm den warmen feuchten Hals.
„Wo willst denn du hin, Hans?“ fragte er.
„Zu dir“, lachte der Bursche mit blanken Zähnen. „Du bist schon ein
braves Stück gelaufen! Also aufhalten darf ich mich nicht, ich soll dich
bloß grüßen und dir das da übergeben.“
„Von wem denn grüßen?“
„Vom Fräulein Lydia. Na, du hast uns da einen sauren Tag eingebrockt,
Magister Goldmund, ich bin froh, daß ich mich ein bißchen verziehen
konnte. Obwohl der Herr es nicht merken darf, daß ich fort war und
Aufträge hatte, es ginge mir schön an den Kragen. Also nimm!“
Er streckte ihm einen kleinen Packen hin, den Goldmund in Empfang nahm.
„Sag, Hans, hast du etwa ein Stück Brot in der Tasche? Dann gib mir’s.“
„Brot? Wird sich schon noch eine Kruste finden.“ Er bohrte in seinen
Taschen und brachte ein Stück Schwarzbrot heraus. Dann wollte er wieder
davonreiten.
„Was macht denn das Fräulein?“ fragte Goldmund. „Hat sie dir nichts
aufgetragen? Hast du kein Brieflein?“
„Nichts. Ich sah sie bloß einen Augenblick. Schlechtes Wetter im Haus,
weißt du; der Herr läuft herum wie König Saul. Also ich soll dir das
Zeug da abgeben, weiter nichts. Ich muß zurück.“
„Ja, nur noch einen Augenblick! Du, Hans, könntest du mir nicht dein
Jagdmesser abtreten? Ich habe bloß ein kleines. Wenn die Wölfe kommen,
und so – es wäre schon besser, wenn ich was Rechtes in der Hand hätte.“
Aber davon wollte Hans nichts wissen. Es sollte ihm leid tun, meinte er,
wenn dem Magister Goldmund etwas passieren sollte. Aber sein Stoßmesser,
nein, das würde er niemals hergeben, auch nicht für Geld, auch nicht im
Tausch, o nein, und wenn die heilige Genoveva selber ihn darum bäte. So,
und nun müsse er eilen, und er wünsche gute Zeit, und es täte ihm leid.
Sie schüttelten einander die Hände, der Bub ritt davon, mit sonderbar
wehem Herzen blickte Goldmund ihm nach. Dann packte er das Zeug
auseinander, froh über den guten Riemen aus Kalbleder, mit dem es
verschnürt war. Innen fand er ein gestricktes Unterwams aus starker
grauer Wolle, offenbar eine Handarbeit, die Lydia gemacht und ihm
zugedacht hatte, und in dem Wollzeug steckte, gut eingewickelt, noch
etwas Hartes, das war ein Stück Schinken, und in den Schinken war ein
kleiner Schlitz geschnitten, in dem steckte ein blanker goldener
Dukaten. Geschriebenes war nicht dabei. Mit Lydias Geschenken in den
Händen stand er da im Schnee, unentschlossen, dann zog er die Jacke aus
und schlüpfte in das Wollzeug, es gab angenehm warm. Schnell zog er sich
wieder an, verbarg das Goldstück in der sichersten Tasche, schnallte den
Riemen um und lief weiter querfeldein; es war Zeit, einen Rastort zu
erreichen, er war sehr müde geworden. Aber zum Bauern mochte er nicht,
obwohl es dort wärmer gewesen und wohl auch Milch zu finden gewesen
wäre; er mochte nicht schwatzen und ausgefragt werden. In der Scheuer
übernachtete er, zog früh bei Frost und scharfem Winde weiter, von der
Kälte zu großen Märschen getrieben. Viele Nächte träumte er vom Ritter
und seinem Schwert und den zwei Schwestern; viele Tage lang drückte ihm
Einsamkeit und Schwermut das Herz.
In einem Dorfe, wo es bei armen Bauern kein Brot, aber eine Hirsesuppe
gab, fand er an einem der nächsten Abende Nachtlager. Neue Erlebnisse
warteten hier auf ihn. Die Bäuerin, deren Gast er war, kam in der Nacht
mit einem Kinde nieder, und Goldmund war dabei anwesend, man hatte ihn
aus dem Stroh geholt, damit er helfe, obwohl sich am Ende nichts für ihn
zu tun fand, als daß er das Licht hielt, während die Hebamme beschäftigt
war. Er sah zum erstenmal eine Geburt und hing mit erstaunten, glühenden
Augen am Gesicht der Gebärenden, plötzlich um ein neues Erlebnis reicher
geworden. Wenigstens schien das, was er hier im Gesicht der Gebärenden
wahrnahm, ihm sehr bemerkenswert. Beim Schein des Kienspans nämlich,
während er mit seiner großen Neugierde in das Gesicht der kreißenden
Frau starrte, die in ihren Schmerzen lag, fiel ihm etwas Unerwartetes
auf: die Linien im verzerrten Gesicht der Schreienden waren ganz wenig
verschieden von jenen, die er im Augenblick des Liebesrausches auf
anderen Frauengesichtern gesehen hatte! Der Ausdruck großen Schmerzes in
einem Gesicht war heftiger zwar und mehr entstellend als der Ausdruck
großer Lust – aber er war im Grunde nicht von ihm verschieden, es war
dasselbe etwas grinsende Sichzusammenziehen, dasselbe Aufglühen und
Erlöschen. Wunderbar, ohne daß er begriff warum, überraschte ihn diese
Einsicht, daß Schmerz und Lust einander ähnlich sein konnten wie
Geschwister.
Noch etwas anderes erlebte er in diesem Dorfe. Der Nachbarsfrau wegen,
deren er am Morgen nach der Geburtsnacht ansichtig geworden war und
welche alsbald auf die Frage seiner verliebten Augen Antwort gab, blieb
er eine zweite Nacht im Dorf und machte die Frau sehr glücklich, denn es
war nach langer Zeit und nach allen den aufreizenden und wieder
enttäuschenden Verliebtheiten dieser letzten Wochen das erstemal, daß
sein Trieb wieder Stillung fand. Und diese Verzögerung führte zu einem
neuen Erlebnis; sie war schuld, daß er am zweiten Tage in ebenjenem
Bauerndorf einen Kameraden antraf, einen langen verwegenen Kerl namens
Viktor, der halb wie ein Pfaff und halb wie ein Schnapphahn aussah, der
ihn mit lateinischen Brocken begrüßte und sich als fahrenden Schüler zu
erkennen gab, obwohl er über die Schülerjahre lang hinauswar.
Dieser spitzbärtige Mann begrüßte Goldmund mit einer gewissen
Herzlichkeit und mit einem Landstreicherhumor, mit dem er den jungen
Kameraden rasch gewann. Auf dessen Frage, wo er denn Schüler gewesen sei
und wohin seine Reise ziele, deklamierte der sonderbare Bruder:
„Hohe Schulen hab’ ich, bei meiner armen Seele, genug besucht, in Köln
und Paris bin ich gewesen, und über die Metaphysik der Leberwurst ist
selten Gehaltvolleres gesagt worden, als ich es in meiner Dissertation
zu Leyden tat. Seither, _amice_, laufe ich armer Swinehund durchs
deutsche Reich, von unermeßlichem Hunger und Durst die liebe Seele
gefoltert; ich bin Bauernschreck genannt, und meine Profession ist es,
die jungen Weiber im Latein zu unterweisen und die Würste vom Rauchfang
in meinen Bauch zu zaubern. Mein Ziel ist das Bett der Bürgermeisterin,
und wenn ich nicht vorher von den Krähen gefressen werde, so wird es mir
kaum erspart bleiben, mich dem lästigen Beruf eines Erzbischofs widmen
zu müssen. Besser, kleiner Kollege, ist’s von der Hand in den Mund zu
leben als umgekehrt, und schließlich hat noch niemals ein Hasenbraten
sich wohler gefühlt als in meinem armen Magen. Der König von Böhmen ist
mein Bruder, und unser aller Vater ernähret ihn wie mich, aber das Beste
dazu läßt er mich selber tun, und vorgestern wollte er mich, hartherzig
wie Väter sind, dazu mißbrauchen, einem halbverhungerten Wolf das Leben
zu retten. Hätte ich das Vieh nicht totgeschlagen, Herr Kollege, du
wärest nie der Ehre teilhaftig geworden, meine angenehme Bekanntschaft
zu machen. _In saecula saeculorum_, Amen.“
Goldmund, noch wenig mit dem Galgenhumor und dem Vagantenlatein dieser
Gattung bekannt, fürchtete sich zwar ein wenig vor dem langen struppigen
Flegel und dem wenig angenehmen Gelächter, mit dem er seine eigenen
Späße begleitete, aber etwas an diesem hartgesottenen Landstreicher
gefiel ihm doch, und er ließ sich leicht dazu bereden, die Fahrt
gemeinsam fortzusetzen, denn mochte das mit dem erschlagenen Wolf nun
geflunkert sein oder nicht, auf jeden Fall war man zu zweien stärker und
hatte weniger zu fürchten. Aber ehe sie weiterzogen, wollte Bruder
Viktor mit den Bauern Latein reden, wie er es nannte, und quartierte
sich bei einem Bäuerchen ein. Er machte es nun nicht so, wie Goldmund es
bisher auf allen Wanderungen gehalten hatte, wenn er in einem Gehöft
oder Dorf zu Gast gewesen war, sondern er strich von Hütte zu Hütte,
fing mit jedem Weibe ein Geplauder an, steckte die Nase in jeden Stall
und jede Küche und schien nicht gesonnen, den Weiler eher zu verlassen,
als bis jedes Haus ihm einen Zoll und Tribut entrichtet hätte. Er
erzählte den Bauern vom Krieg in Welschland und sang am Herd das Lied
von der Paviaschlacht, er empfahl den Großmüttern Mittel gegen
Gliedersucht und Zahnausfall, er schien alles zu wissen und überall
gewesen zu sein, er stopfte sich das Hemd überm Gürtel zum Platzen voll
mit geschenkten Brotstücken, Nüssen, Birnenschnitzen. Verwundert sah
Goldmund ihm zu, wie er unermüdlich seinen Feldzug vollführte, wie er
die Leute bald erschreckte, bald durch Schmeicheln gewann, wie er sich
aufspielte und bestaunen ließ, wie er bald Latein radebrechte und den
Gelehrten spielte, bald durch eine buntscheckig freche Gaunersprache
Eindruck machte, wie er mitten im Erzählen oder Gelehrtreden mit
scharfen wachsamen Augen jedes Gesicht, jede sich öffnende Tischlade,
jede Schüssel und jeden Laib registrierte. Er sah, dies war ein
gerissener, mit allen Wassern gewaschener Heimatloser, ein Mann, der
viel gesehen und erlebt, viel gehungert und gefroren hatte und im
bittern Kampf um ein karges gefährdetes Leben klug und frech geworden
war. So also wurden die, die lange Zeit auf Wanderschaft lebten. Würde
auch er selbst einmal so werden?
Andern Tages zogen sie weiter, zum erstenmal kostete Goldmund das
Wandern zu zweien. Drei Tage waren sie miteinander unterwegs, und
Goldmund fand dies und jenes von Viktor zu lernen. Die zum Instinkt
gewordene Gewohnheit, alles auf die drei großen Bedürfnisse des
Heimatlosen zu beziehen: die Sicherung gegen Lebensgefahr, das Finden
eines Nachtlagers und das Beschaffen von Nahrung, hatte den seit so
vielen Jahren sich Herumtreibenden vieles gelehrt. Aus unscheinbarsten
Anzeichen die Nähe menschlicher Wohnungen zu erkennen, auch im Winter,
auch in der Nacht, oder jeden Winkel in Wald und Feld haarscharf auf
seine Eignung zum Rastort oder Schlafplatz zu prüfen, oder beim Betreten
einer Stube im Augenblick den Grad von Wohlstand oder Elend zu wittern,
in dem der Besitzer lebte, sowie den Grad seiner Gutherzigkeit, oder
seiner Neugierde, oder seiner Furcht – das waren Künste, in welchen
Viktor es zur Meisterschaft gebracht hatte. Manches Lehrreiche erzählte
er dem jungen Kameraden. Als Goldmund ihm einmal entgegnete, er möge
sich den Menschen nicht mit so absichtsvoller Überlegung nähern, und es
sei ihm, obwohl er alle diese Künste nicht kenne, auf seine freundliche
Bitte hin nur sehr wenige Male das Gastrecht verweigert worden, da
lachte der lange Viktor und sagte gutmütig: „Nun ja, Goldmundchen, dir
mag es schon glücken, du bist so jung und hübsch und siehst so
unschuldig aus, das ist ein guter Quartierzettel. Den Weibern gefällst
du, und die Männer denken: Ach Gott, der ist harmlos, der tut niemand
was zuleid. Aber schau, Brüderchen, der Mensch wird älter, und das
Kindergesicht kriegt einen Bart und kriegt Falten, und die Hosen kriegen
Löcher, und unversehens ist man ein häßlicher und unwillkommener Gast,
und statt der Jugend und Unschuld schaut einem bloß noch der Hunger aus
den Augen; dann muß einer hart geworden sein und etwas von der Welt
gelernt haben, sonst liegt er bald auf dem Mist, und die Hunde schiffen
ihn an. Aber mir scheint, du wirst ohnehin nicht lang so herumtraben, du
hast zu feine Hände, du hast zu hübsche Locken, du wirst dich schon
wieder dahin verkriechen, wo es sich besser leben läßt, in ein hübsches
warmes Ehebett, oder in ein hübsches fettes Klösterchen, oder in eine
schön geheizte Schreibstube. Du hast auch so nette Kleider an, man
könnte dich für einen Junker ansehen.“
Er fuhr, immer lachend, mit der Hand über Goldmunds Kleidung, und dieser
spürte, wie die Hand an allen Taschen und Nähten suchte und tastete; er
entzog sich und dachte an seinen Dukaten. Er erzählte von seinem
Aufenthalt beim Ritter und wie er durch lateinische Schreibereien das
schöne Kleid verdient habe. Aber Viktor wollte wissen, warum er denn
mitten im rauhen Winter ein so warmes Nest wieder verlassen habe, und
Goldmund, des Lügens ungewohnt, erzählte ihm ein wenig von den zwei
Ritterstöchtern. Da kam es zum ersten Streit zwischen den Kameraden.
Viktor fand, Goldmund sei ein Esel ohnegleichen, daß er da einfach
davonlaufe und die Burg und die Jungfern darin dem lieben Gott
überlasse. Das müsse gutgemacht werden, er werde schon sehen. Sie würden
die Burg aufsuchen, und natürlich dürfe man Goldmund dort nicht sehen,
aber da solle er ihn nur sorgen lassen. Er müsse ein Briefchen an die
Lydia schreiben, so und so, und damit werde er, Viktor, die Burg
aufsuchen und werde, bei des Heilands Wunden, nicht aus ihr
zurückkommen, ohne dies und jenes an Geld und Gut mit herauszubringen.
Und so weiter. Goldmund wehrte ab und wurde endlich heftig; er weigerte
sich, noch ein Wort in dieser Sache anzuhören oder den Namen des Ritters
und den Weg zu ihm zu verraten.
Viktor, als er ihn so erzürnt sah, lachte wieder und spielte den
Gutmütigen. „Na“, sagte er, „beiß dir nur keine Zähne aus! Ich sage dir
bloß: einen guten Fang lässest du uns da entgehen, mein Junge, und
eigentlich ist das nicht sehr nett und kollegial von dir. Aber du willst
also nicht, du bist ein edler Herr, zu Pferde wirst du in deine Burg
zurückkehren und das Fräulein heiraten! Junge, wie hast du den Kopf voll
edler Dummheiten! Na, meinetwegen, wir ziehen also weiter und frieren
uns die Zehen ab.“
Goldmund blieb verstimmt und schweigsam bis zum Abend, aber da sie an
diesem Tag keine Wohnstatt und keine Menschenspuren antrafen, ließ er es
dankbar geschehen, daß Viktor eine Stelle zum Nachtlager aussuchte, daß
er zwischen zwei Stämmen am Waldrand einen Rückenschutz baute und ein
Lager aus reichlichen Tannenzweigen aufschüttete. Sie aßen Brot und Käse
aus Viktors vollen Taschen, Goldmund schämte sich seines Zorns und
zeigte sich artig und hilfreich, er bot dem Kameraden seine Wolljacke
für die Nacht an, sie wurden einig, abwechselnd Wache zu halten, des
Getiers wegen, und Goldmund übernahm die erste Wache, während der andere
sich auf die Tannenzweige legte. Lange Zeit stand Goldmund an einen
Fichtenstamm gelehnt und hielt sich ruhig, um den andern nicht am
Einschlafen zu hindern. Dann fing er an auf und ab zu gehen, da ihn
fror. In immer weiterem Abstand lief er hin und her, sah die
Tannenwipfel spitz in den bleichen Himmel stechen, empfand die tiefe
Stille der Winternacht feierlich und etwas angstvoll, fühlte sein warmes
lebendiges Herz einsam in der kalten antwortlosen Stille schlagen und
hörte, leise zurückkehrend, dem Atmen seines schlafenden Kameraden zu.
Ihn durchdrang stärker als jemals das Gefühl des Heimatlosen, der keine
Haus- oder Schloß- oder Klostermauern zwischen sich und der großen Angst
gebaut hat, der bloß und allein durch die unbegreifliche, feindliche
Welt läuft, allein zwischen den kühlen spöttischen Sternen, zwischen den
lauernden Tieren, zwischen den geduldigen standhaften Bäumen.
Nein, dachte er, er würde niemals so werden wie Viktor, und wenn er auch
sein Leben lang weiterwanderte. Diese Art, sich gegen das Grauen zu
wehren, würde er nicht lernen können, nicht dies schlaue diebische
Sichdurchpirschen und auch nicht diese laute, dreiste Art von Narrentum,
diesen wortreichen Galgenhumor des Bramarbas. Vielleicht hatte dieser
kluge dreiste Mann recht, vielleicht würde Goldmund nie ganz
seinesgleichen werden, nie ganz ein Vagant, und eines Tages in
irgendwelche Mauern zurückkriechen. Heimatlos und ziellos aber würde er
dennoch bleiben, nie würde er sich wirklich geschützt und sicher fühlen,
immer würde die Welt rätselhaft schön und rätselhaft unheimlich ihn
umgeben, immer wieder würde er dieser Stille lauschen müssen, in deren
Mitte das schlagende Herz so bang und vergänglich war. Wenige Sterne
waren zu sehen, es war windstill, in der Höhe aber schien das Gewölk
bewegt.
Nach einer langen Zeit wurde Viktor wach – er hatte ihn nicht wecken
mögen – und rief ihn an.
„Komm“, rief er, „du mußt nun schlafen, sonst bist du morgen nichts
wert.“
Goldmund gehorchte, er legte sich aufs Lager und schloß die Augen. Müde
war er genug, doch schlief er nicht, Gedanken hielten ihn wach, und
außer den Gedanken ein Gefühl, das er sich selbst nicht eingestand, ein
Gefühl von Bangigkeit und Mißtrauen, das sich auf seinen Kameraden
bezog. Unbegreiflich war ihm jetzt, daß er diesem derben, laut lachenden
Menschen, diesem Witzbold und frechen Bettler von Lydia hatte erzählen
können! Er war böse auf ihn und auf sich selber, und sorgenvoll sann er
über die beste Art und Gelegenheit nach, sich wieder von ihm zu trennen.
Er mußte aber doch in einen halben Schlaf gesunken sein, denn er
erschrak und war überrascht, als er Viktors Hände an sich spürte, wie
sie seine Kleider vorsichtig abtasteten. In der einen Tasche hatte er
sein Messer, in der andern den Dukaten; beides würde Viktor unfehlbar
stehlen, wenn er es fände. Er stellte sich schlafend, drehte sich wie
schlaftrunken hin und her, rührte die Arme, und Viktor zog sich zurück.
Goldmund war sehr böse auf ihn, er beschloß, sich morgen von ihm zu
trennen.
Als aber, nach einer Stunde vielleicht, Viktor sich von neuem über ihn
beugte und mit dem Absuchen begann, wurde Goldmund kalt vor Wut. Ohne
sich zu rühren, tat er die Augen auf und sagte verächtlich: „Geh jetzt,
es gibt hier nichts zu stehlen.“
Im Schrecken über den Anruf griff der Dieb zu und drückte die Hände um
Goldmunds Hals. Als der sich wehrte und aufbäumte, drückte der andere
fester zu und kniete ihm zugleich auf die Brust. Goldmund, als er keinen
Atem mehr bekam, riß und zuckte heftig mit dem ganzen Leibe, und als er
nicht loskam, durchfuhr ihn plötzlich die Todesangst und machte ihn klug
und hellsinnig. Er brachte die Hand in die Tasche, brachte, während der
andere weiterwürgte, das kleine Jagdmesser heraus und stieß plötzlich
und blindlings mehrere Male in den über ihm Knienden hinein. Nach einem
Augenblick ließen Viktors Hände locker, es gab Luft, tief und wild
einatmend kostete Goldmund sein gerettetes Leben. Nun versuchte er sich
aufzurichten, da sank über ihm der lange Kamerad schlaff und weich mit
einem furchtbaren Stöhnen zusammen, und sein Blut lief über Goldmunds
Gesicht. Erst jetzt vermochte er hochzukommen. Da sah er im grauen
Nachtschein den Langen zusammengefallen liegen; als er nach ihm griff,
langte er in lauter Blut. Er hob ihm den Kopf, der fiel schwer und weich
wie ein Sack zurück. Aus seiner Brust und seinem Halse troff das Blut
immerzu, aus seinem Munde floß in irren, schon schwächer werdenden
Seufzern das Leben fort.
„Nun habe ich einen Menschen umgebracht“, dachte Goldmund und dachte es
immer wieder, während er über dem Sterbenden kniete und auf seinem
Gesicht die Blässe sich verbreiten sah. „Liebe Mutter Gottes, nun habe
ich getötet“, hörte er sich selber sprechen.
Plötzlich wurde es ihm unerträglich, hier zu bleiben. Er hob sein Messer
auf, wischte es an dem Wollenzeug ab, das der andere trug und das von
Lydias Händen für ihren Liebsten gestrickt worden war; er steckte das
Messer in die hölzerne Scheide und in die Tasche zurück, sprang auf und
lief aus allen Kräften davon.
Schwer lag ihm der Tod des lustigen Vaganten auf der Seele; mit
Schaudern wusch er, als es Tag wurde, mit Schnee all das Blut von sich,
das er vergossen hatte, und irrte noch einen Tag und eine Nacht ziellos
und beängstigt umher. Es war die Not des Leibes, die ihn endlich
aufrüttelte und seiner angstvollen Reue ein Ende machte.
In der öden verschneiten Gegend verlaufen, ohne Obdach, ohne Weg, ohne
Nahrung und beinahe ohne Schlaf, geriet er in große Bedrängnis, wie ein
wildes Tier schrie der Hunger in seinem Leib, mehrmals legte er sich
erschöpft mitten im Felde nieder, schloß die Augen und gab sich
verloren, wünschte nichts als einzuschlafen und im Schnee zu sterben.
Aber immer wieder trieb es ihn empor, verzweifelt und gierig lief er um
sein Leben, und mitten in der bittersten Not erquickte und berauschte
ihn die unsinnige Kraft und Wildheit des Nichtsterbenwollens, die
ungeheure Stärke des nackten Lebenstriebes. Vom beschneiten
Wacholderbusch las er mit blaugefrorenen Händen die kleinen
vertrockneten Beeren und kaute das spröde bittere Zeug, mit Tannennadeln
vermischt, es schmeckte aufreizend scharf, er fraß Hände voll Schnee
gegen den Durst. Atemlos, in die erstarrten Hände hauchend, saß er auf
einem Hügel und hielt kurze Rast, gierig spähte er nach allen Seiten,
nichts als Heide und Wald war zu sehen, nirgends eine Spur von Menschen.
Über ihm flogen ein paar Krähen, böse blickte er ihnen nach. Nein, sie
sollten ihn nicht zu fressen kriegen, nicht, solange noch ein Rest von
Kraft in seinen Beinen, ein Funke von Wärme in seinem Blute war. Er
stand auf und nahm den unerbittlichen Wettlauf mit dem Tode wieder auf.
Er lief und lief, und im Fieber der Erschöpfung und letzten Anstrengung
nahmen merkwürdige Gedanken von ihm Besitz, und er führte tolle
Gespräche vor sich hin, bald unhörbar, bald laut. Er sprach mit Viktor,
mit dem Erstochenen, barsch und höhnisch sprach er mit ihm: „Na,
schlauer Bruder, wie geht’s? Scheint dir der Mond durch die Därme, Kerl,
rupfen die Füchse dir an den Ohren? Einen Wolf willst du umgebracht
haben? Hast du ihn in die Kehle gebissen oder ihm den Schwanz
ausgerissen, he? Meinen Dukaten hast du mir stehlen wollen, alter
Schnappsack! Aber gelt, das kleine Goldmündchen hat dich überrascht,
gelt, Alter, es hat dich an den Rippen gekitzelt! Und dabei hast du noch
alle Säcke voller Brot und Wurst und Käse gehabt, du Schwein, du
Freßsack!“ Dergleichen Scherzreden hustete und bellte er vor sich hin,
er beschimpfte den Toten, er triumphierte über ihn, er lachte ihn dafür
aus, daß er sich habe kaputt machen lassen, der Tölpel, der dumme
Aufschneider!
Dann aber hatten seine Gedanken und Reden es nicht mehr mit dem armen
langen Viktor zu tun. Er sah jetzt Julie vor sich, die schöne kleine
Julie, so wie sie ihn in jener Nacht verlassen hatte; er rief ihr
unzählige Koseworte zu, mit irren schamlosen Zärtlichkeiten suchte er
sie zu verführen, daß sie zu ihm komme, daß sie ihr Hemdchen fallen
lasse, daß sie mit ihm in den Himmel fahre, eine Stunde vor dem Tode
noch, ein Augenblickchen vor dem elenden Verrecken. Flehend und
herausfordernd sprach er mit ihren hohen kleinen Brüsten, mit ihren
Beinen, mit dem blonden krausen Haar unter ihrer Achsel.
Und wieder, während er mit steifen stolpernden Beinen durchs beschneite
dürre Heidekraut trabte, trunken vor Weh, triumphierend vor flackernder
Lebensgier, begann er zu flüstern; und jetzt war es Narziß, mit dem er
sprach, dem er seine neuen Einfälle, Weisheiten und Scherze mitteilte.
„Hast du Angst, Narziß“, redete er ihn an, „graut es dir, hast du was
gemerkt? Ja, Verehrtester, die Welt ist voll von Tod, voll von Tod, auf
jedem Zaun sitzt er, hinter jedem Baum steht er, und es hilft euch
nichts, daß ihr Mauern baut, und Schlafsäle, und Kapellen und Kirchen,
er guckt durchs Fenster, er lacht, er kennt jeden von euch so genau,
mitten in der Nacht hört ihr ihn vor euren Fenstern lachen und eure
Namen sagen. Singt nur eure Psalmen und brennet hübsch Kerzen am Altar,
und betet eure Vespern und Matutinen, und sammelt Kräuter im
Laboratorium, und sammelt Bücher in der Bibliothek! Fastest du, Freund?
Entziehst dir den Schlaf? Er wird dir schon helfen, der Freund Hein, er
wird dir alles entziehen, bis auf die Knochen. Lauf, Teuerster, lauf
geschwind, im Felde da geht der Heirassasa, lauf und halte immer hübsch
die Knochen zusammen, sie wollen auseinander, sie werden nicht bei uns
bleiben. Ach unsere armen Knochen, ach unser armer Schlund und Magen,
ach unser armes bißchen Hirn unterm Schädel! Es will alles fort, es will
alles zum Teufel, auf dem Baum sitzen die Krähen, die schwarzen
Pfaffen.“
Längst wußte der Irrende nicht mehr, wohin er laufe, wo er sei, was er
sage, ob er liege oder stehe. Er fiel über Gesträuch, er rannte gegen
Bäume, er griff stürzend in Schnee und Dornen. Aber der Trieb in ihm war
stark, immer wieder riß er ihn fort, immer wieder jagte er den blind
Fliehenden weiter. Als er das letztemal zusammenbrach und liegenblieb,
war es im selben kleinen Dorfe, wo er vor einigen Tagen den fahrenden
Schüler getroffen, wo er nachts über der gebärenden Frau den Kienspan
gehalten hatte. Da blieb er liegen, und die Leute liefen her und standen
um ihn herum und schwatzten, er hörte nichts mehr. Die Frau, deren Liebe
er damals genossen, erkannte ihn und erschrak über seinen Anblick, sie
erbarmte sich, sie ließ ihren Mann schelten und schleppte den Halbtoten
in den Stall.
Es dauerte nicht lange, bis Goldmund wieder auf seinen Beinen stand und
wandern konnte. Von der Stallwärme, vom Schlaf und von der Ziegenmilch,
die das Weib ihm zu trinken gab, kam er wieder zu sich und zu Kräften;
nur war alles Jüngsterlebte zurückgerückt, als wäre viel Zeit seitdem
verflossen. Der Marsch mit Viktor, die kalte bange Waldnacht unter jenen
Tannen, der schreckliche Kampf auf dem Lager, das schreckliche Sterben
des Kameraden, die Tage und Nächte des Frierens, des Hungerns und
Verirrtseins, das alles war Vergangenheit geworden, beinahe hätte er es
vergessen; aber vergessen war es doch nicht, nur überstanden, nur
vorübergegangen. Etwas blieb zurück, nicht auszusprechen, etwas
Schreckliches und auch Wertvolles, etwas Versunkenes und doch nie zu
Vergessendes, eine Erfahrung, ein Geschmack auf der Zunge, ein Ring ums
Herz. In kaum zwei Jahren hatte er Lust und Schmerzen des heimatlosen
Lebens wohl bis zum Grunde kennengelernt: das Alleinsein, die Freiheit,
das Lauschen auf Wald und Getier, das schweifende treulose Lieben, die
bittere tödliche Not. Tage war er im sommerlichen Gefild zu Gast
gewesen, Tage und Wochen im Walde, Tage im Schnee, Tage in Todesangst
und Todesnähe, und von allem das Stärkste, das Seltsamste war gewesen,
sich gegen den Tod zu wehren, sich klein und elend und bedroht zu wissen
und dennoch im letzten verzweifelten Kampf gegen den Tod diese schöne,
schreckliche Kraft und Zähigkeit des Lebens in sich zu fühlen. Das klang
nach, das blieb ihm ins Herz geschrieben, so wie die Gebärden und Mienen
der Wollust, welche denen der Gebärenden und Sterbenden so ähnlich
waren. Wie neulich die Gebärende geschrien und das Gesicht verzogen
hatte, wie neulich der Kamerad Viktor zusammengesunken war und sein Blut
so still und schnell verströmt hatte! Oh, und er selbst, wie hatte er in
den Hungertagen den Tod rund um sich lauern gespürt, wie weh hatte der
Hunger getan, und wie hatte er gefroren, gefroren! Und wie hatte er
gekämpft, wie hatte er dem Tod auf die Nase gehauen, mit welcher
Todesangst und mit welcher grimmigen Wollust hatte er sich gewehrt! Viel
mehr als dieses, so wollte ihm scheinen, gab es eigentlich nicht zu
erleben. Mit Narziß hätte man vielleicht darüber sprechen können, sonst
mit niemandem.
Als Goldmund auf seinem Streulager im Stall zum erstenmal wieder richtig
zu sich gekommen war, hatte er den Dukaten in seiner Tasche vermißt.
Sollte er ihn auf dem schrecklichen, halb bewußtlos durchtaumelten
Marsch des letzten Hungertages verloren haben? Lange grübelte er darüber
nach. Der Dukaten war ihm lieb gewesen, er mochte ihn nicht verloren
geben. Geld zwar bedeutete ihm wenig, er kannte kaum seinen Wert. Aber
dies Goldstück war ihm aus zweierlei Gründen bedeutsam geworden. Es war
das einzige Geschenk Lydias, das ihm geblieben war, denn die Wolljacke
lag ja mit Viktor im Walde und war von dessen Blut durchtränkt. Und dann
war es ja vor allem die Goldmünze gewesen, deren Entwendung er nicht
dulden wollte, ihretwegen hatte er sich gegen Viktor gewehrt, hatte ihn
ihretwegen in der Not umgebracht. Wenn der Dukaten nun verloren war, so
war gewissermaßen das ganze Erlebnis jener grauenvollen Nacht unsinnig
und entwertet. Nachdem er lange nachgedacht, hatte er die Bauernfrau ins
Vertrauen gezogen.
„Christine“, flüsterte er ihr zu, „ich hatte ein Goldstück in meiner
Tasche, und nun ist es nicht mehr da.“
„So, hast du es gemerkt?“ sagte sie, mit einem merkwürdig liebevollen
und zugleich listig schlauen Lächeln, das ihn so entzückte, daß er trotz
seiner Schwäche die Arme um sie legte.
„Was bist du für ein sonderbarer Bub“, sagte sie zärtlich, „so klug und
fein, und dabei so dumm! Läuft man denn mit einem losen Dukaten in der
offenen Tasche in der Welt herum? O du kindischer Bub, du süßer kleiner
Narr! Dein Goldstück hab’ ich gefunden, gleich als ich dich da ins Stroh
legte.“
„Hast du? Und wo ist es jetzt?“
„Such es“, lachte sie und ließ ihn wirklich eine ganze Weile suchen, ehe
sie ihm die Stelle seines Rockes zeigte, wo sie es fest eingenäht hatte.
Sie knüpfte eine Menge guter mütterlicher Ratschläge daran, die er
schnell wieder vergaß, aber ihren Liebesdienst und jenes schlau-gütige
Lachen in ihrem Bauerngesicht vergaß er nie. Er gab sich Mühe, ihr seine
Dankbarkeit zu zeigen, und als er in kurzem wieder marschfähig war und
weiterwollte, hielt sie ihn zurück, da in diesen Tagen der Mond wechsle
und es gewiß milderes Wetter geben werde. Und so war es. Als er
weiterzog, lag der Schnee grau und krank, und die Luft war feuchtschwer,
in der Höhe hörte man den Tauwind stöhnen.
Zehntes Kapitel
Wieder trieb das Eis die Flüsse hinab, wieder duftete es unterm faulen
Laube nach Veilchen, wieder lief Goldmund durch die bunten Jahreszeiten,
trank mit unersättlichen Augen die Wälder, Berge und Wolken in sich ein,
wanderte von Hof zu Hof, von Dorf zu Dorf, von Frau zu Frau, saß manchen
kühlen Abend beklommen und mit Weh im Herzen zu Füßen eines Fensters,
hinter dem Licht brannte und aus dessen rotem Schein ihm hold und
unerreichbar alles strahlte, was es an Glück, an Heimat, an Frieden auf
Erden geben mochte. Alles kam wieder und wieder, was er nun schon so
wohl zu kennen glaubte, alles kam wieder und war doch jedesmal anders:
das lange Wandern über Feld und Heide oder auf steiniger Straße, das
sommerliche Schlafen im Walde, das Schlendern in Dörfern, hinter den
Reihen der jungen Mädchen her, die Hand in Hand vom Heuwenden oder vom
Hopfenlesen heimkamen, das erste Schauern des Herbstes, die bösen ersten
Fröste – alles kam wieder, einmal, zweimal, endlos lief das bunte Band
vor seinen Augen hin.
Mancher Regen und mancher Schnee war auf Goldmund gefallen, als er eines
Tages durch einen lichten, aber schon hellgrün knospenden Buchenwald
bergaufwärts stieg und oben vom Kamm des Berges aus eine neue Landschaft
vor sich liegen sah, die seine Augen froh machte und in seinem Herzen
eine Flut von Ahnungen, Begierden und Hoffnungen erregte. Seit Tagen
wußte er sich dieser Gegend nahe und erwartete sie, nun überraschte sie
ihn in dieser Mittagsstunde, und was er von ihr bei dieser ersten
Begegnung durchs Auge empfing, das bestätigte und bestärkte seine
Erwartungen. Er sah zwischen den grauen Stämmen und dem sacht wehenden
Gezweige in ein braun und grünes Tal hinab, in dessen Mitte ein breiter
Strom bläulich-glasig schimmerte. Nun, so wußte er, war es für lange
Zeit zu Ende mit dem Wandern ohne Straße, durch Gegenden voll Heide,
Wald und Einsamkeit, wo nur selten ein Hof oder ein armes Dörfchen
anzutreffen war. Da unten strömte der Fluß, und den Fluß entlang führte
eine der schönsten und berühmtesten Straßen des Reichs, da lag ein
reiches fettes Land, da fuhren Flöße und Boote, und die Straße führte zu
schönen Dörfern, Burgen, Klöstern und reichen Städten, und wer wollte,
der konnte auf dieser Straße viele Tage und Wochen reisen und brauchte
nicht zu besorgen, daß sie wie die elenden Bauernsträßchen plötzlich
irgendwo in einem Walde oder im feuchten Ried sich verliere. Es kam
etwas Neues, und er freute sich darauf.
Schon am Abend dieses Tages war er in einem schönen Dorf, das lag
zwischen dem Strom und den roten Rebenhängen an der großen Fahrstraße,
an den Giebelhäusern war das hübsche Balkenwerk rot gestrichen, es gab
gewölbte Einfahrtstore und steinerne Treppengäßchen, eine Schmiede warf
roten Feuerschein auf die Straße und helles Amboßgeläute. Neugierig
trieb sich der Ankömmling in allen Gassen und Winkeln herum, schnupperte
an Kellertoren den Fässer- und Weingeruch und am Flußufer den kühlen
fischigen Wasserduft, betrachtete Gotteshaus und Friedhof und unterließ
nicht, sich nach einer günstigen Scheune umzusehen, wo man vielleicht
für die Nacht einsteigen könnte. Vorher aber wollte er es im Pfarrhaus
mit der Bitte um Zehrung versuchen. Da war ein feister rotköpfiger
Pfarrer, der ihn ausfragte und dem er mit einigen Verschweigungen und
einigem Fabulieren seinen Lebenslauf erzählte; darauf wurde er
freundlich aufgenommen und mußte den Abend, mit gutem Essen und Wein
versorgt, in langen Gesprächen mit dem Herrn hinbringen. Andern Tags
reiste er auf der Straße weiter, die dem Strome folgte. Er sah Flöße und
Lastkähne fahren, er überholte Fuhrwerke, manches nahm ihn eine Strecke
weit mit, schnell und übervoll von Bildern liefen die Frühlingstage weg,
Dörfer und kleine Städtchen nahmen ihn auf, Frauen lächelten hinter
Gartenzäunen oder knieten im braunen Erdreich und steckten Pflanzen,
Mädchen sangen auf abendlichen Dorfgassen.
In einer Mühle eine junge Magd gefiel ihm so sehr, daß er zwei Tage in
der Gegend blieb und sie umstrich; sie lachte und schwatzte gerne mit
ihm, ihm schien, er wäre am liebsten ein Müllerbursch und bliebe immer
dort. Er saß bei den Fischern, er half den Fuhrleuten beim Füttern und
Striegeln, bekam Brot und Fleisch dafür und durfte mitfahren. Nach
langem Alleinsein diese gesellige Reisewelt, nach langem Grübeln die
Heiterkeit zwischen gesprächigen und vergnügten Menschen, nach langem
Darben das tägliche Sattwerden an reichlicher Speise tat ihm wohl, gern
ließ er sich von der frohen Welle tragen. Sie nahm ihn mit, und je mehr
er sich der Bischofsstadt näherte, desto voller und heiterer wurde die
Landstraße.
In einem Dorfe ging er, als es eben nachtete, unter schon belaubten
Bäumen am Wasser lustwandeln. Still und mächtig strömte der Fluß, unter
den Baumwurzeln rauschte und seufzte die Strömung, über den Hügel kam
der Mond herauf, warf Lichter auf den Fluß und Schatten unter die Bäume.
Da fand er ein Mädchen sitzen und weinen, sie hatte Streit mit ihrem
Liebsten gehabt, nun war er fort und hatte sie allein gelassen. Goldmund
setzte sich zu ihr und hörte ihre Klagen an, er streichelte ihre Hand,
erzählte ihr vom Wald und von den Rehen, tröstete sie ein wenig, brachte
sie ein wenig zum Lachen, und sie ließ sich einen Kuß gefallen. Aber da
kam ihr Schatz wieder gegangen, sie zu suchen; er hatte sich beruhigt
und den Zank bereut. Als er Goldmund bei ihr sitzen fand, warf er sich
alsbald über ihn und schlug mit beiden Fäusten auf ihn ein, Goldmund
hatte Mühe, sich zu erwehren, schließlich wurde er doch mit ihm fertig,
fluchend lief der Bursche ins Dorf, das Mädchen war längst fortgeflohen.
Goldmund aber, dem Frieden nicht trauend, ließ sein Nachtlager im Stich
und wanderte die halbe Nacht im Mondschein weiter, durch eine silberne
schweigende Welt, sehr zufrieden, seiner starken Beine froh, bis der Tau
ihm den weißen Staub von den Schuhen wusch und er, plötzlich müd
geworden, sich unter den nächsten Baum legte und einschlief. Längst war
es Tag, da weckte ihn ein Kitzeln im Gesicht, er scheuchte schlaftrunken
mit tappender Hand darüber, schlief wieder ein, wurde bald vom selben
Kitzeln aufs neue geweckt; da stand eine Bauernmagd, die sah ihn an und
kitzelte ihn mit der Spitze einer Weidengerte. Er taumelte auf, lächelnd
nickten sie einander zu, und sie führte ihn in einen Schuppen, wo es
besser zu schlafen sei. Sie schliefen eine Weile dort, beide
beieinander, dann lief sie fort und kam wieder mit einem Eimerchen voll
Milch, noch warm von der Kuh. Er schenkte der Magd ein blaues Haarband,
das er kürzlich auf der Gasse gefunden und zu sich gesteckt hatte, und
sie küßten sich noch einmal, ehe er weiterging. Sie hieß Franziska, es
tat ihm leid, sie zu verlassen.
Am Abend jenes Tages fand er in einem Kloster Obdach, wohnte am Morgen
der Messe bei; wunderlich wallte es in seinem Herzen von tausend
Erinnerungen, ergreifend heimatlich roch ihm die kühle Steinluft der
Gewölbe, klang ihm das Klappen der Sandalen auf den Fliesengängen. Als
die Messe vorüber und es still in der Klosterkirche geworden war, blieb
Goldmund knien, sein Herz war wunderlich bewegt, er hatte nachts viel
geträumt. Er empfand den Wunsch, sich irgendwie seiner Vergangenheit zu
entledigen, irgendwie sein Leben zu ändern, er wußte nicht warum,
vielleicht war es nur die Erinnerung an Mariabronn und an seine fromme
Jugend, die ihn bewegte. Er fühlte sich getrieben, eine Beichte
abzulegen und sich zu reinigen, viele kleine Sünden, viele kleine Laster
waren zu bekennen, schwerer aber als alles lag der Tod Viktors auf ihm,
der von seiner Hand gestorben war. Er fand einen Pater, dem legte er
Beichte ab, über dies und jenes, besonders aber über die Messerstiche in
des armen Viktor Hals und Rücken. O wie lange hatte er nicht gebeichtet!
Zahl und Schwere seiner Sünden schien ihm beträchtlich, er wäre bereit
gewesen, eine tüchtige Strafe dafür abzubüßen. Aber der Beichtvater
schien das Leben der Fahrenden zu kennen, er entsetzte sich nicht, ruhig
hörte er zu, ernst und freundlich tadelte er und mahnte, ohne an eine
Verdammung zu denken.
Erleichtert erhob sich Goldmund, betete nach des Paters Vorschrift am
Altar und wollte schon die Kirche wieder verlassen, da fiel ein
Sonnenstrahl durch eines der Fenster, dem folgte sein Blick, und da sah
er in einer Seitenkapelle eine Figur stehen, die sprach so sehr zu ihm
und zog ihn an, daß er sich mit liebenden Augen zu ihr wendete und sie
voll Andacht und tiefer Bewegung betrachtete. Es war eine Mutter Gottes
aus Holz, die stand so zart und sanft geneigt, und wie der blaue Mantel
von ihren schmalen Schultern niederfiel, und wie sie die zarte
mädchenhafte Hand ausstreckte, und wie über einem schmerzlichen Mund die
Augen blickten und die holde Stirn sich wölbte, das war alles so
lebendig, so schön und innig und beseelt, wie er es nie gesehen zu haben
meinte. Diesen Mund zu betrachten, diese liebe innige Bewegung des
Halses, daran konnte er sich nicht ersättigen. Ihm schien, er sehe da
etwas stehen, was er in Träumen und Ahnungen oft und oft schon gesehen,
wonach er oft sich gesehnt habe. Mehrmals wandte er sich zum Gehen, und
immer zog es ihn wieder zurück.
Da er endlich doch gehen wollte, stand hinter ihm der Pater, dem er
vorher gebeichtet hatte.
„Du findest sie schön?“ fragte er freundlich.
„Unaussprechlich schön“, sagte Goldmund.
„Manche sagen das“, sagte der Geistliche. „Und wieder andere sagen, das
sei keine rechte Mutter Gottes, sie sei viel zu neumodisch und weltlich,
und alles sei übertrieben und unwahr. Man hört viel darüber streiten.
Dir also gefällt sie, das freut mich. Sie steht erst seit einem Jahr in
unserer Kirche, ein Gönner unseres Hauses hat sie gestiftet. Sie ist vom
Meister Niklaus gemacht.“
„Meister Niklaus? Wer ist das, wo ist er? Kennt Ihr ihn? O bitte, sagt
mir etwas von ihm! Es muß ein herrlicher und begnadeter Mann sein, der
so etwas zu schaffen vermag.“
„Ich weiß nicht viel von ihm. Er ist Bildschnitzer in unserer
Bischofsstadt, eine Tagreise von hier, und hat als Künstler einen großen
Ruf. Künstler pflegen keine Heilige zu sein, und auch er ist wohl
keiner, aber ein begabter und hochgesinnter Mann ist er gewiß. Gesehen
habe ich ihn manchmal ...“
„Oh, Ihr habt ihn gesehen! Oh, wie sieht er aus?“
„Mein Sohn, du scheinst ja ganz bezaubert von ihm zu sein. Nun, so suche
ihn auf und sage ihm einen Gruß vom Pater Bonifazius.“
Goldmund dankte überschwenglich. Lächelnd ging der Pater davon, er aber
stand noch lange vor dieser geheimnisvollen Figur, deren Brust zu atmen
schien und in deren Gesicht so viel Schmerz und so viel Süße
beisammenwohnte, daß es ihm das Herz zusammenzog.
Verwandelt trat er aus der Kirche, durch eine ganz und gar veränderte
Welt trugen ihn seine Schritte. Seit jenem Augenblick vor der süßen,
heiligen Figur aus Holz besaß Goldmund etwas, was er noch nie besessen,
was er an andern so oft belächelt oder beneidet hatte: ein Ziel! Er
hatte ein Ziel, und vielleicht würde er es erreichen, und vielleicht
würde dann sein ganzes, zerfahrenes Leben einen hohen Sinn und Wert
bekommen. Mit Freude und mit Furcht durchdrang ihn dies neue Gefühl und
beflügelte seine Schritte. Diese schöne heitere Landstraße, auf der er
ging, war nicht mehr, was sie gestern gewesen war, ein festlicher
Tummelplatz und bequemer Aufenthalt, sie war nur noch eine Straße, war
der Weg zur Stadt, der Weg zum Meister. Ungeduldig lief er. Noch vor
Abend langte er an, sah hinter den Mauern Türme prangen, sah gemeißelte
Wappen und gemalte Schilder überm Tor, schritt mit pochendem Herzen
hindurch und achtete kaum auf den Lärm und das frohe Gedränge der
Gassen, auf die Ritter zu Pferde, auf die Wagen und Karossen. Nicht
Ritter noch Wagen, nicht Stadt noch Bischof waren ihm wichtig. Gleich
den ersten Menschen unterm Tore fragte er, wo der Meister Niklaus wohne,
und war schwer enttäuscht, daß der nichts von ihm wußte.
Er kam auf einen Platz voll stattlicher Häuser, viele waren bemalt oder
mit plastischem Bildwerk geschmückt. Über einer Haustür stand groß und
prangend die Figur eines Landsknechtes, mit kräftig lachenden Farben. Er
war nicht so schön wie die Figur in jener Klosterkirche, aber er stand
auf eine Art da und drückte die Waden heraus und streckte das bärtige
Kinn in die Welt, daß Goldmund doch dachte, auch diese Gestalt könnte
derselbe Meister gemacht haben. Er ging in das Haus hinein, klopfte an
Türen, stieg Treppen hinan, stieß endlich auf einen Herrn im
pelzbesetzten Sammetrock, den fragte er, wo er den Meister Niklaus
finden könne. Was er denn von ihm wolle, fragte der Herr zurück, und
Goldmund hatte Mühe, sich zu beherrschen und nur zu sagen, er habe einen
Auftrag an ihn. Der Herr nannte ihm nun die Gasse, wo der Meister wohne,
und bis Goldmund sich dahin durchgefragt hatte, war es Nacht geworden.
Beklommen und doch sehr glücklich stand er vor dem Haus des Meisters,
schaute zu den Fenstern hinauf und wäre beinah hineingelaufen. Doch fiel
ihm ein, daß es schon spät und daß er verschwitzt und staubig vom
Tagesmarsch sei, und er bezwang sich und wartete. Aber er stand noch
lange Zeit vor dem Hause. Er sah ein Fenster hell werden, und eben als
er sich zum Gehen wandte, sah er eine Gestalt ans Fenster treten, ein
sehr schönes blondes Mädchen, durch deren Haar von hinten der sanfte
Ampelschimmer floß.
Am andern Morgen, als die Stadt wieder wach und laut geworden war, wusch
sich Goldmund in dem Kloster, dessen Nachtgast er gewesen war, Gesicht
und Hände, klopfte den Staub von Kleidern und Schuhen, suchte sich in
jene Gasse zurück und pochte am Haustor. Es kam eine Magd, die wollte
ihn nicht gleich zum Meister führen, aber es gelang ihm, die alte Frau
zu erweichen, und sie führte ihn doch hinein. In einem kleinen Saal, der
seine Werkstatt war, stand in einer Arbeitsschürze der Meister, ein
bärtiger großer Mann von vierzig oder fünfzig Jahren, wie es Goldmund
schien. Er sah den Fremden aus hellblauen scharfen Augen an und fragte
kurz, was er begehre. Goldmund richtete den Gruß des Paters Bonifazius
aus.
„Weiter nichts?“
„Meister“, sagte Goldmund mit beengtem Atem, „ich habe Eure Mutter
Gottes dort im Kloster gesehen. Ach, schauet mich nicht so unfreundlich
an, es ist lauter Liebe und Verehrung, was mich zu Euch führte. Ich bin
nicht ängstlich, ich habe lang auf Wanderung gelebt und den Wald und den
Schnee und den Hunger geschmeckt, es gibt keinen Menschen, vor dem ich
Furcht haben könnte. Aber vor Euch habe ich Furcht. Oh, ich habe einen
einzigen, großen Wunsch, von dem ist mein Herz so voll, daß es weh tut.“
„Was ist denn das für ein Wunsch?“
„Ich möchte Euer Lehrling werden und bei Euch lernen.“
„Du bist nicht der einzige, junger Mensch, der diesen Wunsch hat. Ich
mag aber keine Lehrlinge, und zwei Gehilfen habe ich schon. Wo kommst du
denn her, und wer sind deine Eltern?“
„Ich habe keine Eltern, ich komme nirgends her. In einem Kloster war ich
Schüler, da habe ich Latein und Griechisch gelernt, dann lief ich weg,
und seit Jahren war ich unterwegs, bis heute.“
„Und warum meinst du, du müssest Bildschnitzer werden? Hast du schon
dergleichen versucht. Hast du Zeichnungen?“
„Ich habe viele Zeichnungen gemacht, aber ich habe sie nicht mehr. Aber
warum ich diese Kunst lernen möchte, das kann ich Euch wohl sagen. Ich
habe mir viele Gedanken gemacht, und ich habe viele Gesichter und
Gestalten gesehen und habe über sie nachgedacht, und einige von diesen
Gedanken haben mich immer wieder geplagt und mir keine Ruhe gelassen. Es
ist mir aufgefallen, wie in einer Gestalt überall eine gewisse Form,
eine gewisse Linie wiederkehrt, wie eine Stirn dem Knie, eine Schulter
der Hüfte entspricht, und wie das alles im Innersten gleich und eins ist
mit dem Wesen und Gemüt des Menschen, der eben ein solches Knie, eine
solche Schulter und Stirn hat. Und auch das ist mir aufgefallen, ich sah
es in einer Nacht, wo ich bei einer Gebärenden helfen mußte: daß der
größte Schmerz und die höchste Wollust einen ganz ähnlichen Ausdruck
hat.“
Durchdringend blickte der Meister den Fremden an. „Weißt du, was du da
sagst?“
„Ja, Meister, es ist so. Gerade das war es, was ich zu meiner größten
Wonne und Bestürzung in Eurer Mutter Gottes ausgedrückt fand, darum bin
ich ja gekommen. Oh, da ist auf diesem schönen holden Gesicht so viel
Leid, und zugleich ist alles Leid wie zu lauter Glück und Lächeln
geworden. Als ich das sah, fuhr es in mich wie Feuer, alle meine
jahrelangen Gedanken und Träume schienen mir bestätigt und waren
plötzlich nicht mehr nutzlos, und ich wußte sofort, was ich zu tun und
wohin ich zu gehen habe. Lieber Meister Niklaus, ich bitte Euch von
Herzen, lasset mich bei Euch lernen!“
Niklaus, ohne ein freundlicheres Gesicht zu machen, hatte aufmerksam
zugehört.
„Junger Mensch“, sagte er, „du kannst erstaunlich gut über die Kunst
reden, und es ist mir auch verwunderlich bei deinen Jahren, daß du so
viel über Wollust und Schmerz zu sagen weißt. Es wäre mir ein Vergnügen,
mit dir am Abend einmal bei einem Becher Wein über diese Sachen zu
plaudern. Aber sieh: miteinander angenehm und klug zu sprechen ist nicht
dasselbe, als miteinander ein paar Jahre lang zu leben und zu arbeiten.
Hier ist eine Werkstatt, und hier wird gearbeitet, nicht geplaudert, und
hier gilt nicht das, was einer etwa sich ausgedacht hat und zu sagen
weiß, sondern einzig das, was einer mit seinen Händen herzustellen
versteht. Es scheint dir Ernst zu sein, ich will dich darum nicht
einfach wieder fortschicken. Wir wollen sehen, ob du irgend etwas
kannst. Hast du schon aus Lehm oder Wachs etwas geformt?“
Goldmund dachte alsbald an einen Traum, den er vor langer Zeit einmal
geträumt hatte, da hatte er kleine Figuren aus Lehm geknetet, die waren
aufgestanden und zu Riesen geworden. Doch schwieg er davon und gab
Bescheid, daß er noch nie solche Arbeiten versucht habe.
„Gut. So wirst du also etwas zeichnen. Dort ist ein Tisch, siehst du,
und Papier und Kohlen. Setz dich hin und zeichne, laß dir Zeit, du
kannst bis Mittag oder auch bis zum Abend bleiben. Vielleicht werde ich
dann sehen können, zu was du taugst. So, nun ist genug geredet, ich gehe
an meine Arbeit; geh du an die deine.“
Im Sessel, den Niklaus ihm bezeichnet hatte, saß nun Goldmund am
Zeichentisch. Es eilte ihm nicht mit dieser Arbeit, vorerst saß er
wartend und still wie ein ängstlicher Schüler und starrte neugierig und
liebevoll zu dem Meister hinüber, der ihm halb den Rücken zuwandte und
an einer kleinen Figur aus Ton weiterarbeitete. Aufmerksam sah er sich
diesen Mann an, in dessen strengem und schon ein wenig angegrautem Kopf
und in dessen harten, aber edlen und beseelten Handwerkerhänden solche
holde Zauberkräfte wohnten. Er sah anders aus als Goldmund ihn sich
vorgestellt hatte: älter, bescheidener, nüchterner, viel weniger
strahlend und herzgewinnend und gar nicht glücklich. Die unerbittliche
Schärfe seines prüfenden Blicks war jetzt seiner Arbeit zugewandt, von
ihr befreit nahm Goldmund nun die ganze Gestalt des Meisters sorgfältig
in sich auf. Dieser Mann, dachte er, hätte etwa auch ein Gelehrter sein
können, ein stiller strenger Forscher, der sich an ein Werk hingegeben
hat, das viele Vorgänger vor ihm begonnen haben und das er einmal seinen
Nachfolgern würde überlassen müssen, ein zähes, langlebiges, niemals zu
Ende kommendes Werk, in dem die Arbeit und Hingabe vieler Menschenalter
sich sammelt. So wenigstens las es der Betrachter aus dem Kopf des
Meisters; viel Geduld, viel Gelernthaben und Nachdenken, viel
Bescheidenheit und Wissen um den zweifelhaften Wert aller Menschenarbeit
stand hier geschrieben, aber auch ein Glaube an seine Aufgabe. Anders
wieder war die Sprache seiner Hände, zwischen ihnen und dem Kopfe
bestand ein Widerspruch. Diese Hände griffen mit festen, aber sehr
gefühligen Fingern in den Ton, den sie formten, sie gingen mit dem Ton
um wie die Hände eines Liebenden mit der hingegebenen Geliebten:
verliebt, voll zart schwingender Empfindung, begehrlich, aber ohne
zwischen Nehmen und Geben zu unterscheiden, lüstern zugleich und fromm,
und sicher und meisterlich wie aus uralter tiefer Erfahrung. Entzückt
und bewundernd sah Goldmund diesen begnadeten Händen zu. Sehr gerne
hätte er den Meister gezeichnet, wäre jener Widerspruch zwischen Gesicht
und Händen nicht gewesen, der lähmte ihn.
Nachdem er wohl eine Stunde lang dem vor sich hin arbeitenden Künstler
zugesehen hatte, voll von suchenden Gedanken über das Geheimnis dieses
Mannes, begann in seinem Innern ein anderes Bild sich zu gestalten und
vor seiner Seele sichtbar zu werden, das Bild des Menschen, den er am
besten von allen kannte, den er sehr geliebt und innig bewundert hatte;
und dies Bild war ohne Bruch und Widerspruch, obwohl auch diese Gestalt
mannigfaltige Züge trug und an viele Kämpfe erinnerte. Es war das Bild
seines Freundes Narziß. Immer dichter rann es zu Einheit und Ganzheit
zusammen, immer klarer trat das innere Gesetz dieses geliebten Menschen
in seinem Bilde zutag, vom Geist geformt der edle Kopf, vom Dienst am
Geist gestrafft und geadelt der schöne beherrschte Mund und das etwas
traurige Auge, vom Kampf um Vergeistigung beseelt die hagern Schultern,
der lange Hals, die zarten vornehmen Hände. Nie hatte er seit damals,
seit dem Abschied vom Kloster, den Freund so klar gesehen, sein Bild so
ganz in sich besessen.
Wie im Traum, ohne Willen und doch voll von Bereitschaft und
Notwendigkeit, begann Goldmund behutsam zu zeichnen, strich mit
liebenden Fingern ehrfürchtig um die Gestalt, die in seinem Herzen
wohnte, und vergaß den Meister, sich selbst und den Ort, an dem er war.
Er sah nicht, daß das Licht im Saale langsam wanderte, sah nicht, daß
der Meister mehrmals zu ihm herüberblickte. Wie eine Opferhandlung
vollzog er die Aufgabe, die ihm geworden war, die sein Herz ihm gestellt
hatte: das Bild des Freundes emporzuheben und so aufzubewahren, wie es
heut in seiner Seele lebte. Ohne sich darüber Gedanken zu machen,
empfand er sein Tun wie das Abtragen einer Schuld, eines Dankes.
Niklaus trat an den Zeichentisch und sagte: „Es ist Mittagszeit; ich
gehe zu Tisch, du kannst auch mitkommen. Laß sehen – du hast etwas
gezeichnet?“
Er trat hinter Goldmund und schaute auf das große Blatt, dann schob er
ihn beiseite und nahm das Blatt mit Sorgfalt in seine geschickten Hände.
Goldmund war aus seinem Traum erwacht und blickte jetzt mit banger
Erwartung nach dem Meister. Dieser stand, die Zeichnung mit beiden
Händen haltend, und sah sie sehr genau an, mit seinem etwas scharfen
Blick aus den strengen lichtblauen Augen.
„Wer ist das, den du da gezeichnet hast?“ fragte Niklaus nach einer
Weile.
„Es ist mein Freund, ein junger Mönch und Gelehrter.“
„Gut. Wasche dir die Hände, dort im Hof läuft der Brunnen. Dann wollen
wir essen gehen. Meine Gehilfen sind nicht da, sie arbeiten auswärts.“
Goldmund ging gehorsam, fand den Hof und den Brunnen, wusch sich die
Hände und hätte viel darum gegeben, des Meisters Gedanken zu wissen. Als
er zurückkam, war dieser fort, er hörte ihn im Nebenraume hantieren; als
er erschien, hatte auch er sich gewaschen und trug statt der Schürze
einen schönen tuchenen Rock, er sah darin stattlich und feierlich aus.
Er ging voran, eine Treppe hinauf, deren Geländerpfosten aus Nußholz
kleine geschnitzte Engelsköpfe trugen, durch eine Diele, die voll alter
und neuer Figuren stand, und in eine schöne Stube, deren Boden, Wände
und Decke aus Hartholz waren und in deren Fensterecke ein gedeckter
Tisch stand. Eine Jungfer kam hereingelaufen, Goldmund kannte sie, es
war das schöne Mädchen von gestern abend.
„Lisbeth“, sagte der Meister, „du mußt noch ein Gedeck bringen, ich habe
einen Gast mitgebracht. Es ist – ja, nun weiß ich wirklich seinen Namen
noch gar nicht.“
Goldmund sagte ihn.
„Also Goldmund. Können wir essen?“
„Im Augenblick, Vater.“
Sie holte einen Teller, lief hinaus und kam bald mit der Magd wieder,
die das Essen auftrug, Schweinefleisch, Linsen und Weißbrot. Während des
Essens sprach der Vater dies und jenes mit dem Mädchen, Goldmund saß
schweigend, aß ein wenig und fühlte sich sehr unsicher und bedrückt. Das
Mädchen gefiel ihm sehr, eine stattliche schöne Gestalt, beinahe so groß
wie ihr Vater, aber sie saß züchtig und höchst unnahbar wie hinter Glas
und richtete weder Wort noch Blick an den Fremden.
Als gegessen war, sagte der Meister: „Ich will noch eine halbe Stunde
ruhen. Geh du in die Werkstatt oder treibe dich ein wenig draußen herum,
nachher wollen wir über die Sache sprechen.“
Mit einem Gruß ging Goldmund hinaus. Eine Stunde oder länger war es her,
seit der Meister seine Zeichnung gesehen hatte, und kein Wort hatte er
über sie gesagt. Jetzt sollte er nochmals eine halbe Stunde warten! Nun,
es war nicht zu ändern, er wartete. In die Werkstatt ging er nicht, er
wollte seine Zeichnung jetzt nicht wiedersehen. Er ging in den Hof,
setzte sich auf den Brunnentrog und sah dem Wasserfaden zu, der sich
unaufhörlich aus der Röhre ergoß, in die tiefe Steinschale fiel, im
Niederfallen winzige Wellen schlug und immerzu ein wenig Luft mit sich
in die Tiefe riß, die immerzu in weißen Perlen zurück- und emporstrebte.
Im dunklen Brunnenspiegel sah er sein eigenes Bild und dachte, daß
dieser Goldmund, der ihn aus dem Wasser anblickte, längst nicht mehr der
Goldmund des Klosters oder der Goldmund Lydias sei, und auch schon der
Goldmund der Wälder war er nicht mehr. Er dachte, daß er und jeder
Mensch dahinrinne und sich immerzu verwandle und endlich auflöse,
während sein vom Künstler geschaffenes Bild immer unwandelbar das
gleiche bleibe.
Vielleicht, dachte er, ist die Wurzel aller Kunst und vielleicht auch
alles Geistes die Furcht vor dem Tode. Wir fürchten ihn, wir schauern
vor der Vergänglichkeit, mit Trauer sehen wir immer wieder die Blumen
welken und die Blätter fallen und spüren im eigenen Herzen die
Gewißheit, daß auch wir vergänglich sind und bald verwelken. Wenn wir
nun als Künstler Bilder schaffen oder als Denker Gesetze suchen und
Gedanken formulieren, so tun wir es, um doch irgend etwas aus dem großen
Totentanz zu retten, etwas hinzustellen, was längere Dauer hat als wir
selbst. Die Frau, nach der der Meister seine schöne Madonna gebildet
hat, ist vielleicht schon verwelkt oder tot, und bald wird auch er tot
sein, andere wohnen in seinem Haus, andere essen an seinem Tisch – aber
sein Werk bleibt stehen, in der stillen Klosterkirche schimmert es noch
nach hundert Jahren und viel länger, und bleibt immer schön, und lächelt
immer mit dem gleichen Munde, der ebenso blühend wie traurig ist.
Er hörte den Meister die Treppe herabkommen und lief in die Werkstatt.
Meister Niklaus ging auf und ab, blickte wiederholt auf Goldmunds
Zeichnung, blieb endlich am Fenster stehen und sagte in seiner etwas
zögernden und trockenen Weise: „Der Brauch bei uns ist so, daß ein
Lehrling mindestens vier Jahre lernt und daß sein Vater dem Meister
dafür ein Lehrgeld bezahlt.“
Da er eine Pause machte, dachte Goldmund, der Meister fürchte, von ihm
kein Lehrgeld zu bekommen. Blitzschnell zog er sein Messer aus der
Tasche, trennte die Naht um den verborgenen Dukaten auf und fischte ihn
heraus. Erstaunt sah Niklaus ihm zu und fing an zu lachen, als Goldmund
ihm das Goldstück darreichte.
„Ah, so ist es gemeint?“ lachte er. „Nein, junger Mensch, dein Geldstück
sollst du behalten. Höre nun zu. Ich sagte dir, wie es in unserer Zunft
mit den Lehrlingen gehalten zu werden pflegt. Aber weder bin ich ein
gewöhnlicher Lehrmeister, noch bist du ein gewöhnlicher Lehrling.
Nämlich ein solcher pflegt seine Lehrzeit mit dreizehn, vierzehn oder
höchstens fünfzehn Jahren anzutreten, und die Hälfte der Lehrzeit
hindurch muß er Handlangerdienste tun und den Pudel machen. Du aber bist
ja schon ein ausgewachsener Bursche und könntest dem Alter nach längst
Geselle oder sogar schon Meister sein. Einen Lehrling mit einem Bart hat
man in unserer Zunft noch nie gesehen. Auch sagte ich dir ja schon, daß
ich in meinem Haus keinen Lehrling halten will. Du siehst auch gar nicht
aus wie jemand, der sich befehlen und herumschicken läßt.“
In Goldmund war die Ungeduld aufs höchste gestiegen, jedes der
bedächtigen Worte des Meisters spannte ihn auf die Folter und schien ihm
abscheulich langweilig und schulmeisterlich zu sein. Heftig rief er:
„Warum saget Ihr mir das alles, wenn Ihr doch gar nicht daran denket,
mich in die Lehre zu nehmen?“
Der Meister fuhr unerschüttert in seiner alten Weise fort: „Ich habe
über dein Anliegen eine Stunde lang nachgedacht, nun mußt du auch die
Geduld haben, mich anzuhören. Ich habe deine Zeichnung gesehen. Sie hat
Fehler, aber sie ist dennoch schön. Wäre sie das nicht, so hätte ich dir
einen halben Gulden geschenkt und dich entlassen und vergessen. Mehr
will ich über die Zeichnung nicht sagen. Ich möchte dir helfen, ein
Künstler zu werden, vielleicht bist du dazu bestimmt. Aber Lehrling
kannst du also nicht mehr werden. Und wer nicht Lehrling war und die
Lehrzeit abgedient hat, der kann in unserer Zunft auch nicht Gesell und
Meister werden. Das sei dir im voraus gesagt. Aber einen Versuch sollst
du machen. Wenn es dir möglich ist, eine Zeitlang hier in der Stadt zu
bleiben, so kannst du zu mir kommen und einiges lernen. Es geschieht
ohne Verpflichtung und Vertrag, du kannst zu jeder Stunde wieder gehen.
Du kannst bei mir ein paar Schnitzmesser zerbrechen und ein paar
Holzklötze verderben, und wenn es sich zeigt, daß du kein Holzschnitzer
bist, mußt du dich eben zu anderem wenden. Bist du damit zufrieden?“
Mit Beschämung und Rührung hatte Goldmund zugehört.
„Ich danke Euch von Herzen“, rief er. „Ich bin heimatlos und werde mich
hier in der Stadt ebenso durchzubringen wissen wie draußen in den
Wäldern. Ich verstehe, daß Ihr nicht Sorge und Verantwortung für mich
wie für einen Lehrbuben übernehmen wollet. Ich halte es für ein großes
Glück, bei Euch lernen zu dürfen. Von Herzen danke ich Euch, daß Ihr das
an mir tun wollt.“
Elftes Kapitel
Neue Bilder umgaben Goldmund hier in der Stadt, und ein neues Leben
begann für ihn. So wie dies Land und diese Stadt ihn heiter, verlockend
und üppig empfangen hatten, so empfing ihn dies neue Leben mit
Freudigkeit und vielen Versprechungen. Blieb auch der Grund von Trauer
und Wissen in seiner Seele unangetastet, so spielte ihm doch an der
Oberfläche das Leben in allen Farben. Es war die fröhlichste und
unbeschwerteste Zeit in Goldmunds Leben, die jetzt begann. Von außen kam
ihm die reiche Bischofsstadt mit allen Künsten, mit Frauen, mit hundert
angenehmen Spielen und Bildern entgegen; von innen beschenkte ihn sein
erwachendes Künstlertum mit neuen Empfindungen und Erfahrungen. Er fand
mit Hilfe des Meisters Unterkunft im Haus eines Vergolders am Fischmarkt
und lernte beim Meister sowohl wie beim Vergolder die Kunst, mit Holz
und Gips, mit Farben, Firnis und Blattgold umzugehen.
Goldmund gehörte nicht zu jenen unseligen Künstlern, welche wohl hohe
Gaben haben, zu ihrer Äußerung aber nie die rechten Mittel finden. Es
gibt ja manche solche Menschen, welchen es gegeben ist, die Schönheit
der Welt tief und groß zu empfinden und in ihrer Seele hohe, edle Bilder
zu tragen, welche aber nicht den Weg finden, sich dieser Bilder wieder
zu entäußern und sie zur Freude der andern herauszustellen und
mitzuteilen. Goldmund litt nicht an diesem Mangel. Es fiel ihm leicht
und machte ihm Spaß, seine Hände zu brauchen und die Griffe und
Fertigkeiten des Handwerks zu lernen, ebenso wie es ihm leicht fiel, am
Feierabend bei einigen Kameraden das Spielen der Laute zu lernen und am
Sonntag auf den Tanzplätzen der Dörfer das Tanzen. Es lernte sich
leicht, es ging von selber. Wohl mußte er sich mit dem Holzschnitzen
immerhin ernstlich mühen, mußte Schwierigkeiten und Enttäuschungen
finden, mußte dies und jenes hübsche Stück Holz zuschanden hauen und
sich mehrmals tüchtig in die Finger schneiden. Aber er kam rasch über
die Anfänge hinweg und erwarb Geschicklichkeit. Dennoch war der Meister
oft sehr unzufrieden mit ihm und sagte ihm etwa: „Es ist gut, daß du
nicht mein Lehrling oder Geselle bist, Goldmund. Es ist gut, daß wir
wissen: du kommst von der Landstraße und aus den Wäldern und wirst eines
Tages wieder zu ihnen zurückkehren. Wer dies nicht wüßte, daß du kein
Bürger und Handwerker bist, sondern ein Heimatloser und Bummler, der
könnte leicht in Versuchung kommen, dies und jenes von dir zu verlangen,
was jeder Meister von seinen Leuten verlangt. Du bist ein ganz guter
Arbeiter, wenn es deine Laune gerade so will. Aber letzte Woche hast du
zwei Tage gebummelt. Gestern hast du in der Hofwerkstatt, wo du die zwei
Engel polieren solltest, den halben Tag geschlafen.“
Er hatte recht mit seinen Vorwürfen, und Goldmund hörte sie auch
schweigend an, ohne sich zu rechtfertigen. Er wußte selbst, daß er kein
zuverlässiger und fleißiger Mensch sei. Solange eine Arbeit ihn
fesselte, ihm schwierige Aufgaben stellte oder ihn seiner Fertigkeit
bewußt und froh werden ließ, war er ein eifriger Arbeiter. Schwere
Handarbeit tat er ungern, und jene nicht schwierigen, aber Zeit und
Fleiß fordernden Arbeiten, deren viele zum Handwerk gehören und die mit
Treue und Geduld getan sein wollen, waren ihm oft ganz unleidlich. Er
wunderte sich selbst manchmal darüber. Hatten die paar Jahre
Wanderschaft genügt, um ihn faul und unzuverlässig zu machen? War es die
Erbschaft der Mutter, die in ihm wuchs und überhand nahm? Oder woran
denn fehlte es? Er erinnerte sich sehr wohl an seine ersten
Klosterjahre, wo er ein so eifriger und guter Lerner gewesen war. Warum
denn hatte er damals so viel Geduld aufgebracht, die ihm jetzt fehlte,
warum war es ihm gelungen, sich der lateinischen Syntax so unermüdlich
hinzugeben und alle diese griechischen Aoriste zu erlernen, die ihm im
Herzensgrunde doch wirklich nicht wichtig waren? Er dachte manchmal
daran herum. Es war die Liebe gewesen, die ihn damals gestählt und
beflügelt hatte; sein Lernen war nichts anderes gewesen als ein
inständiges Werben um Narziß, und dessen Liebe war nur auf dem Wege der
Achtung und Anerkennung zu erwerben gewesen. Damals konnte er für einen
anerkennenden Blick des geliebten Lehrers stunden- und tagelang sich
mühen. Dann war das ersehnte Ziel erreicht, Narziß war sein Freund
geworden, und merkwürdigerweise war gerade der gelehrte Narziß es
gewesen, der ihm seine Untauglichkeit zum Gelehrten gezeigt und das Bild
der verlorenen Mutter in ihm beschworen hatte. Statt Gelehrsamkeit,
Mönchsleben und Tugend waren mächtige Urtriebe seines Wesens seine
Herren geworden: Geschlecht, Frauenliebe, Drang nach Unabhängigkeit,
Wanderschaft. Nun aber hatte er jene Marienfigur des Meisters gesehen,
hatte einen Künstler in sich entdeckt, hatte einen neuen Weg betreten
und war wieder seßhaft geworden. Wie stand es nun? Wo ging sein Weg
weiter? Woher kamen die Hemmnisse?
Er konnte es vorerst nicht erkennen. Er konnte nur dies einsehen: daß er
den Meister Niklaus zwar sehr bewundere, aber keineswegs in der Weise
liebe, wie er einst Narziß geliebt hatte, ja daß es ihm zuweilen Freude
mache, ihn zu enttäuschen und zu ärgern. Es hing, so schien es, mit dem
Zwiespalt in des Meisters Wesen zusammen. Die Figuren von Niklaus’ Hand,
wenigstens die besten von ihnen, waren für Goldmund verehrte Vorbilder,
der Meister selbst aber war kein Vorbild für ihn.
Neben dem Künstler, der jene Mutter Gottes mit dem schmerzlichsten und
schönsten Munde geschnitzt hatte, neben dem Seher und Wissenden, dessen
Hände tiefe Erfahrungen und Ahnungen zu sichtbaren Gebilden umzuzaubern
vermochten, wohnte in Meister Niklaus noch ein zweiter: ein etwas
strenger und ängstlicher Hausvater und Zunftmeister, ein Witwer, der mit
der Tochter und einer häßlichen Magd ein stilles und etwas geducktes
Leben in seinem stillen Hause führte, ein Mann, der sich gegen Goldmunds
stärkste Triebe heftig wehrte, der sich in ein stilles, gemäßigtes, sehr
geordnetes und anständiges Leben bequemt hatte.
Obwohl Goldmund seinen Meister verehrte, obwohl er sich niemals erlaubt
hätte, andere über ihn auszufragen oder vor andern über ihn zu urteilen,
wußte er nach einem Jahre doch bis ins kleinste alles, was irgend über
Niklaus zu wissen war. Dieser Meister war ihm wichtig, er liebte ihn und
haßte ihn ebenso, er ließ ihm keine Ruhe, und so drang der Schüler mit
Liebe und mit Mißtrauen, mit immer wacher Wißbegierde in die
Verborgenheiten seiner Art und seines Lebens ein. Er sah, wie Niklaus
weder Lehrling noch Gesellen bei sich im Hause wohnen hatte, wo doch
Raum genug war. Er sah, wie er nur sehr selten ausging und ebenso selten
Gäste zu sich einlud. Er beobachtete, wie er seine schöne Tochter
rührend und eifersüchtig liebte und sie vor jedermann zu verbergen
suchte. Er wußte auch, daß hinter der strengen und frühalten
Enthaltsamkeit des Witwers noch lebendige Triebe spielten, daß er, wenn
ein auswärtiger Auftrag ihn bisweilen auf Reisen führte, manchmal für
einige Reisetage sich wunderlich verwandeln und verjüngen konnte. Und
einmal hatte er auch das beobachtet, wie Niklaus in einem fremden
Städtchen, wo sie eine geschnitzte Kanzel aufstellten, eines Abends im
Verborgenen eine käufliche Dirne besucht hatte und nachher tagelang
unruhig und böser Laune gewesen war.
Mit der Zeit gab es außer dieser Wißbegierde auch noch etwas anderes,
was Goldmund in des Meisters Haus festhielt und ihm zu schaffen gab. Es
war die schöne Tochter, Lisbeth, die ihm sehr gefiel. Er bekam sie
selten zu Gesichte, sie betrat nie die Werkstatt, und er konnte nicht
ergründen, ob ihre Sprödigkeit und Männerscheu ihr nur vom Vater
aufgedrungen sei oder auch ihrer eigenen Natur entspreche. Daß der
Meister ihn niemals wieder mit sich zu Tische nahm und ihm jede
Begegnung mit ihr zu erschweren suchte, war nicht zu übersehen. Lisbeth
war eine sehr kostbare und behütete Jungfer, so sah er, und für eine
Liebe ohne Heirat gab es bei ihr keine Hoffnung; auch wer sie heiraten
wollte, mußte erst noch guter Leute Kind und Mitglied einer der obern
Zünfte sein, womöglich auch noch Geld und Haus besitzen.
Lisbeths Schönheit, so anders als die der Landfahrerinnen und
Bauernweiber, hatte Goldmunds Augen schon an jenem ersten Tage auf sich
gezogen. Es war etwas in ihr, das ihm noch unbekannt geblieben war,
etwas Sonderbares, das ihn heftig anzog und doch zugleich mißtrauisch
machte, ja ärgerte: eine große Ruhe und Unschuld, eine Zucht und
Reinheit, und dennoch keine Kindlichkeit, sondern hinter aller Artigkeit
und Sitte eine versteckte Kälte, ein Hochmut, so daß ihre Unschuld ihn
nicht rührte und wehrlos machte (er hätte niemals ein Kind verführen
können), sondern ihn reizte und herausforderte. Kaum war ihre Gestalt
ihm als inneres Bild ein wenig vertraut geworden, so fühlte er den
Wunsch, von ihr einmal eine Figur zu schaffen, nicht aber so wie sie
jetzt war, sondern mit erwachten, sinnlichen und leidenden Zügen, keine
kleine Jungfrau, sondern eine Magdalena. Oft ging sein Begehren danach,
dieses ruhige, schöne und unbewegte Gesicht, sei es in Wollust oder in
Schmerzen, einmal sich verzerren und aufblättern und sein Geheimnis
preisgeben zu sehen.
Außerdem gab es noch ein anderes Gesicht, das in seiner Seele wohnte und
ihm doch nicht ganz angehörte, das er einmal einzufangen und als
Künstler darzustellen sehnlich begehrte, das sich ihm aber immer wieder
entzog und verhüllte. Es war das Gesicht der Mutter. Dies Gesicht war
schon seit langer Zeit nicht mehr dasselbe, wie es ihm einst, nach den
Gesprächen mit Narziß, aus verlorenen Erinnerungstiefen wieder
erschienen war. In den Tagen der Wanderung, in den Liebesnächten, in den
Zeiten der Sehnsucht, den Zeiten der Lebensgefahr und Todesnähe hatte
das Muttergesicht sich langsam verwandelt und bereichert, war tiefer und
vielfältiger geworden; es war nicht mehr das Bild seiner eigenen Mutter,
sondern aus dessen Zügen und Farben war nach und nach ein nicht mehr
persönliches Mutterbild geworden, das Bild einer Eva, einer
Menschenmutter. So wie Meister Niklaus in einigen Madonnen das Bild der
schmerzlichen Gottesmutter mit einer Vollkommenheit und Stärke des
Ausdrucks dargestellt hatte, welche Goldmund unübertreffbar schien, so
hoffte er selbst einst, wenn er reifer und des Könnens sicherer sei, das
Bild der weltlichen, der Eva-Mutter so zu gestalten, wie es als ältestes
und geliebtestes Heiligtum in seinem Herzen stand. Aber dies innere
Bild, einst nur Erinnerungsbild seiner eigenen Mutter und seiner Liebe
zu ihr, war in beständigem Wandel und Wachstum begriffen. Es hatten die
Züge der Zigeunerin Lise, die Züge der Ritterstochter Lydia und manche
andere Frauengesichter Eingang in jenes ursprüngliche Bild gefunden, und
nicht nur hatten alle Gesichter von geliebten Frauen an dem Bilde
weitergeschaffen, es hatte auch jede Erschütterung, jede Erfahrung und
jedes Erlebnis an ihm gebildet und ihm Züge mitgegeben. Denn diese
Gestalt, wenn es ihm später einst gelänge, sie sichtbar zu machen,
sollte ja nicht eine bestimmte Frau darstellen, sondern das Leben selbst
als Urmutter. Oft glaubte er es zu sehen, manchmal erschien es ihm im
Traum. Aber er hätte über dies Evagesicht und über das, was es
ausdrücken sollte, nichts sagen können, als daß es die Lebenswollust in
ihrer innigen Verwandtschaft mit dem Schmerz und dem Tode zeigen sollte.
Im Lauf eines Jahres hatte Goldmund viel gelernt. Im Zeichnen war er
schnell zu großer Sicherheit gekommen, und neben dem Holzschnitzen ließ
ihn Niklaus gelegentlich auch das Modellieren in Ton versuchen. Sein
erstes gelungenes Werk war eine Tonfigur, gut zwei Spannen hoch, es war
die süße verführerische Gestalt der kleinen Julie, der Schwester Lydias.
Der Meister lobte diese Arbeit, aber Goldmunds Wunsch, sie in Metall
gießen zu lassen, erfüllte er nicht; ihm war die Figur zu unkeusch und
weltlich, als daß er ihr hätte als Pate dienen mögen. Dann kam die
Arbeit an der Figur des Narziß, Goldmund führte sie in Holz aus, und
zwar als Jünger Johannes, denn Niklaus wollte sie, wenn sie gelänge, in
eine Kreuzigungsgruppe stellen, die er in Auftrag hatte und an der die
beiden Gehilfen seit langer Zeit ausschließlich arbeiteten, um die
letzte Ausführung dann dem Meister zu überlassen.
An der Narzißfigur arbeitete Goldmund mit tiefer Liebe, in dieser Arbeit
fand er sich selbst, seine Künstlerschaft und seine Seele wieder, sooft
er aus dem Geleise gekommen war, und das geschah nicht selten:
Liebschaften, Tanzfeste, Zechereien mit Kameraden, Würfelspiel und
häufig auch Raufhändel rissen ihn heftig mit, daß er für einen oder
mehrere Tage die Werkstatt mied oder verstört und verdrossen bei der
Arbeit stand. An seinem Jünger Johannes aber, dessen geliebte sinnende
Gestalt ihm immer reiner aus dem Holz entgegentrat, arbeitete er nur in
den Stunden der Bereitschaft, mit Hingabe und Demut. In diesen Stunden
war er weder froh noch traurig, wußte weder von Lebenslust noch von
Vergänglichkeit; es kehrte ihm jenes ehrfürchtige, lichte und rein
gestimmte Gefühl im Herzen wieder, mit dem er einst dem Freunde
hingegeben und seiner Führung froh gewesen war. Nicht er war es, der da
stand und aus eigenem Willen ein Bildnis schuf; vielmehr war es der
andere, es war Narziß, der sich seiner Künstlerhände bediente, um aus
der Vergänglichkeit und Veränderlichkeit des Lebens herauszutreten und
das reine Bild seines Wesens darzustellen.
Auf diese Art, fühlte Goldmund manchmal mit einem Schauder, entstanden
die echten Werke. So war des Meisters unvergeßliche Madonna entstanden,
die er seitdem an manchem Sonntag im Kloster wieder aufgesucht hatte.
So, auf diese geheimnisvolle und heilige Art, waren die paar besten von
jenen alten Figuren entstanden, die der Meister oben in der Diele stehen
hatte. So würde einst auch jenes Bild entstehen, jenes andere, jenes
einzige, das ihm noch geheimnisvoller und ehrwürdiger war, das Bild der
Menschenmutter. Ach daß aus Menschenhänden doch einzig solche Kunstwerke
hervorgehen möchten, solche heilige, notwendige, von keinem Wollen und
keiner Eitelkeit befleckte Bilder! Aber es war nicht so, er wußte es
längst. Man konnte auch andere Bilder schaffen, hübsche und entzückende
Sachen, mit großer Meisterschaft gemacht, die Freude der Kunstliebhaber,
der Schmuck der Kirchen und Ratssäle – schöne Dinge, ja, aber nicht
heilige, nicht echte Seelenbilder. Er kannte nicht nur von Niklaus und
anderen Meistern manche solche Werke, die bei aller Anmut der Erfindung
und aller Sorgfalt der Arbeit doch eben nur Spielereien waren. Er wußte
es, zu seiner Beschämung und Trauer, auch schon im eigenen Herzen, hatte
es in seinen eigenen Händen gespürt, wie ein Künstler solche hübsche
Dinge in die Welt stellen kann, aus Lust am eigenen Können, aus Ehrgeiz,
aus Tändelei.
Als ihm diese Erkenntnis zum ersten Male kam, wurde er todestraurig.
Ach, um hübsche Engelsfigürchen oder andern Tand zu machen, und sei er
noch so hübsch, lohnte es sich nicht, Künstler zu sein. Für andere
vielleicht, für Handwerker, für Bürger, für stille zufriedene Seelen
mochte es sich lohnen, für ihn aber nicht. Für ihn waren Kunst und
Künstlerschaft wertlos, wenn sie nicht brannten wie Sonne und Gewalt
hatten wie Stürme, wenn sie nur Behagen brachten, nur Angenehmes, nur
kleines Glück. Er suchte anderes. Eine zierlich wie Spitzenwerk gebaute
Marienkrone schön mit blankem Blattgold zu vergolden war keine Arbeit
für ihn, auch wenn es gut bezahlt wurde. Warum nahm Meister Niklaus alle
diese Aufträge an? Warum hielt er sich zwei Gehilfen? Warum hörte er
stundenlang diese Ratsherren oder Pröpste an, wenn sie ein Portal oder
eine Kanzel bei ihm bestellten, mit dem Ellenmaß in der Hand? Er tat es
aus zwei Gründen, zwei schäbigen Gründen: weil er darauf hielt, ein
berühmter und mit Aufträgen überhäufter Künstler zu sein, und weil er
Geld anhäufen wollte, Geld nicht für große Unternehmungen oder Genüsse,
sondern Geld für seine Tochter, die schon längst ein reiches Mädchen
war, Geld für ihre Aussteuer, für Spitzenkragen und Brokatkleider und
für ein nußbaumenes Ehebett voll kostbarer Decken und Leinenzeuge! Als
ob das schöne Mädchen die Liebe nicht auf jedem Heuboden ebensogut
erfahren könnte!
Tief rührte sich in den Stunden solcher Betrachtungen das Blut der
Mutter in Goldmund, der Stolz und die Verachtung des Heimatlosen gegen
die Seßhaften und Besitzenden. Zuweilen war ihm das Handwerk und der
Meister zuwider wie fädige Bohnen, oft war er nahe am Davonlaufen.
Auch der Meister hatte es schon manches Mal ärgerlich bereut, daß er
sich auf diesen schwierigen und unzuverlässigen Burschen eingelassen
habe, der seine Geduld oft auf schwere Proben stellte. Was er vom
Lebenswandel Goldmunds erfuhr, von seiner Gleichgültigkeit gegen Geld
und Besitz, seiner Verschwendungslust, seinen vielen Liebschaften,
seinen häufigen Raufereien, konnte ihn nicht milder stimmen; er hatte da
einen Zigeuner, einen unvertrauten Gesellen bei sich aufgenommen. Auch
war ihm nicht entgangen, mit welchen Augen dieser Vagabund seine Tochter
Lisbeth betrachtete. Wenn er dennoch für ihn mehr Geduld aufbrachte, als
ihm leicht fiel, so tat er es nicht aus Pflichtgefühl und Ängstlichkeit,
sondern des Jüngers Johannes wegen, dessen Figur er entstehen sah. Mit
einem Gefühl von Liebe und Seelenverwandtschaft, das er sich nicht ganz
eingestand, sah der Meister zu, wie dieser aus den Wäldern ihm
zugelaufene Zigeuner aus jener so rührenden, so schönen und doch so
ungeschickten Zeichnung, deretwegen er ihn damals bei sich behalten
hatte, nun langsam und launisch, aber zäh und unfehlbar seine hölzerne
Jüngerfigur bildete. Sie würde, daran zweifelte der Meister nicht, trotz
allen Launen und Unterbrechungen einmal fertig werden, und dann würde
sie ein Werk sein, wie es keiner seiner Gesellen je machen konnte, wie
es auch großen Meistern nicht viele Male glückt. So vieles dem Meister
an seinem Schüler mißfiel, so manchen Tadel er ihm spendete, so oft er
wütend über ihn war – über den Johannes sagte er ihm nie ein Wort.
Der Rest von Jünglingsanmut und knabenhafter Kindlichkeit, wegen deren
Goldmund so vielen wohlgefallen hatte, war ihm in diesen Jahren
allmählich verlorengegangen. Er war ein schöner und starker Mann
geworden, sehr begehrt von den Frauen, bei den Männern wenig beliebt.
Auch sein Gemüt, sein inneres Antlitz hatte sich sehr verändert, seit
Narziß ihn aus dem holden Schlaf seiner Klosterjahre erweckt hatte, seit
Welt und Wanderschaft ihn geknetet hatten. Aus dem hübschen, sanften,
bei allen beliebten, frommen und dienstwilligen Klosterschüler war
längst ein ganz anderer Mensch geworden. Narziß hatte ihn erweckt, die
Frauen hatten ihn wissend gemacht, die Wanderschaft hatte den Flaum von
ihm gestreift. Freunde hatte er nicht, sein Herz gehörte den Frauen. Die
konnten ihn leicht gewinnen, ein verlangender Blick war schon genug. Er
konnte einer Frau nicht leicht widerstehen, er gab auf die leiseste
Werbung Antwort. Und er, der eine sehr zarte Empfindung für Schönheit
hatte und stets am meisten die ganz jungen Mädchen im Flaum ihres
Frühlings liebte, er ließ sich dennoch auch von wenig schönen und nicht
mehr jungen Frauen rühren und verführen. Auf dem Tanzboden blieb er
zuweilen an irgendeinem ältlichen und mutlosen Mädchen hängen, das
keiner begehrte und das ihn auf dem Wege des Mitleids gewann, und nicht
nur des Mitleids, sondern auch einer ewig wachen Neugierde. Sobald er
sich einem Weibe hinzugeben begann – mochte das nun Wochen oder bloß
Stunden dauern –, dann war sie schön für ihn, dann gab er sich ganz. Und
die Erfahrung lehrte ihn, daß jede Frau schön sei und zu beglücken
vermöge, daß die Unscheinbare und von den Männern Mißachtete einer
unerhörten Glut und Hingabe, die Verblühte einer mehr als mütterlichen,
trauernd süßen Zärtlichkeit fähig sei, daß jede Frau ihr Geheimnis und
ihren Zauber habe, dessen Erschließung selig machte. Darin waren alle
Frauen gleich. Jeder Mangel an Jugend oder Schönheit wurde durch
irgendeine besondere Gebärde aufgewogen. Nur allerdings vermochte nicht
jede ihn gleich lange zu fesseln. Er war gegen die Jüngste und Schönste
um keinen Grad liebevoller oder dankbarer als gegen eine Unschöne, er
liebte niemals halb. Aber es gab Frauen, die ihn nach drei oder nach
zehn Liebesnächten erst recht an sich banden, und andere, die schon nach
dem erstenmal erschöpft waren und vergessen wurden.
Die Liebe und Wollust schien ihm das einzige zu sein, wodurch das Leben
wahrhaft erwärmt und mit Wert erfüllt werden könne. Unbekannt war ihm
Ehrgeiz, Bischof oder Bettler galt ihm gleich; auch Erwerb und Besitz
vermochte ihn nicht zu fesseln, er verachtete sie, er hätte ihnen nie
das kleinste Opfer gebracht und warf das Geld, das er zu manchen Zeiten
reichlich verdiente, sorglos weg. Die Liebe der Frauen, das Spiel der
Geschlechter, das stand ihm obenan, und der Kern seiner häufigen Neigung
zu Traurigkeit und Überdruß wuchs aus der Erfahrung von der Flüchtigkeit
und Vergänglichkeit der Wollust. Das rasche, flüchtige, entzückende
Auflodern der Liebeslust, ihr kurzes sehnliches Brennen, ihr rasches
Erlöschen – dies schien ihm den Kern alles Erlebens zu enthalten, dies
wurde ihm zum Bilde für alle Wonne und alles Leid des Lebens. Jener
Trauer und jenem Vergänglichkeitsschauer konnte er sich mit ebensolcher
Hingabe überlassen wie der Liebe, und auch diese Schwermut war Liebe,
auch sie war Wollust. So wie die Liebeswonne im Augenblick ihrer
höchsten, seligsten Spannung sicher ist, mit dem nächsten Atemzug
hinschwinden und wiederum sterben zu müssen, so war auch die innigste
Einsamkeit und Hingabe an die Schwermut sicher, plötzlich verschlungen
zu werden vom Verlangen, von neuer Hingabe an die lichte Seite des
Lebens. Tod und Wollust waren eines. Die Mutter des Lebens konnte man
Liebe oder Lust nennen, man konnte sie auch Grab und Verwesung nennen.
Die Mutter war Eva, sie war die Quelle des Glücks und die Quelle des
Todes, sie gebar ewig, tötete ewig, in ihr waren Liebe und Grausamkeit
eins, und ihre Gestalt wurde ihm zum Gleichnis und heiligen Sinnbild, je
länger er sie in sich trug.
Er wußte, nicht mit Worten und Bewußtsein, aber mit dem tieferen Wissen
des Blutes, daß sein Weg zur Mutter führe, zur Wollust und zum Tode. Die
väterliche Seite des Lebens, der Geist, der Wille, war nicht seine
Heimat. Dort war Narziß zu Hause, und jetzt erst durchdrang und verstand
Goldmund seines Freundes Worte ganz und sah in ihm sein Gegenspiel, und
dies bildete er auch in seiner Johannesfigur und machte es sichtbar. Man
konnte sich nach Narziß bis zu Tränen sehnen, man konnte wunderbar von
ihm träumen – ihn erreichen, werden wie er aber konnte man nicht.
Mit irgendeinem geheimen Sinn ahnte Goldmund auch das Geheimnis seiner
Künstlerschaft, seiner innigen Liebe zur Kunst, seines zeitweiligen
wilden Hasses gegen sie. Ohne Gedanken, gefühlhaft ahnte er in vielerlei
Gleichnissen: die Kunst war eine Vereinigung von väterlicher und
mütterlicher Welt, von Geist und Blut; sie konnte im Sinnlichsten
beginnen und ins Abstrakteste führen, oder konnte in einer reinen
Ideenwelt ihren Anfang nehmen und im blutigsten Fleische enden. Alle
jene Kunstwerke, die wahrhaft erhaben und nicht nur gute
Gauklerstückchen, sondern vom ewigen Geheimnis erfüllt waren, zum
Beispiel jene Mutter Gottes des Meisters, alle jene echten und
unzweifelhaften Künstlerwerke hatten dies gefährliche, lächelnde
Doppelgesicht, dies Mann-Weibliche, dies Beieinander von Triebhaftem und
reiner Geistigkeit. Am meisten aber würde die Eva-Mutter dieses
Doppelgesicht einst zeigen, wenn es ihm einst gelänge, sie zu gestalten.
In der Kunst und im Künstlersein lag für Goldmund die Möglichkeit einer
Versöhnung seiner tiefsten Gegensätze, oder doch eines herrlichen, immer
neuen Gleichnisses für den Zwiespalt seiner Natur. Aber die Kunst war
kein reines Geschenk, sie war keineswegs umsonst zu haben, sie kostete
sehr viel, sie verlangte Opfer. Mehr als drei Jahre lang hatte Goldmund
ihr das Höchste und Unentbehrlichste geopfert, was er nächst der
Liebeswollust kannte: die Freiheit. Das Freisein, das Schweifen im
Grenzenlosen, die Willkür des Wanderlebens, das Alleinstehen und
Unabhängigsein, das alles hatte er weggegeben. Mochten andere ihn
launisch, unbotmäßig und selbstherrlich genug finden, wenn er zuweilen
Werkstatt und Arbeit wütend vernachlässigte – für ihn selber war dies
Leben Sklaverei, die ihn oft bis zur Unerträglichkeit erbitterte. Es war
nicht der Meister, dem er gehorchen mußte, noch die Zukunft, noch die
Notdurft – es war die Kunst selbst. Die Kunst, diese scheinbar so
geistige Göttin, bedurfte so vieler nichtiger Dinge! Sie brauchte ein
Dach überm Kopf, sie brauchte Werkzeuge, Hölzer, Ton, Farben, Gold, sie
verlangte Arbeit und Geduld. Ihr hatte er die wilde Freiheit der Wälder
geopfert, den Rausch der Weite, die herbe Wollust der Gefahr, den Stolz
des Elends, und er mußte das Opfer immer von neuem bringen, mit Würgen
und Knirschen.
Einen Teil des Geopferten fand er wieder, eine kleine Rache an der
sklavenhaften Ordnung und Seßhaftigkeit seines jetzigen Lebens nahm er
in gewissen Abenteuern, die mit der Liebe zusammenhingen, in den
Raufhändeln mit Nebenbuhlern. Alle eingesperrte Wildheit, alle
eingeklemmte Kraft seines Wesens rauchte zu diesem Notloche hinaus, er
wurde ein bekannter und gefürchteter Raufbold. Auf dem Weg zu einem
Mädchen oder auf dem Heimweg vom Tanze plötzlich in dunkler Gasse
angefallen zu werden, ein paar Stockhiebe zu erhalten, sich blitzschnell
herumzuwerfen und von der Verteidigung zum Angriff überzugehen, keuchend
den keuchenden Feind an sich zu drücken, ihm die Faust unters Kinn zu
hauen, ihn am Haar zu schleifen oder tüchtig am Hals zu würgen, das
schmeckte ihm gut und heilte seine dunklen Launen für eine Weile. Und
den Frauen gefiel es auch.
Dies alles füllte seine Tage reichlich aus, und alles hatte auch einen
Sinn, solange die Arbeit am Jünger Johannes dauerte. Sie zog sich lange
hin, und die letzten zarten Modellierungen an Gesicht und Händen
geschahen in einer feierlichen und geduldigen Sammlung. In einem kleinen
Holzschuppen hinter der Gesellenwerkstatt machte er die Arbeit fertig.
Es kam die Morgenstunde, wo die Figur fertig wurde. Goldmund holte einen
Besen, kehrte den Schuppen sorgfältig rein, pinselte zart den letzten
Holzstaub aus den Haaren seines Johannes und stand dann lange vor ihm,
eine Stunde und länger, feierlich erfüllt vom Gefühl eines seltenen
großen Erlebnisses, das in seinem Leben sich vielleicht noch einmal
wiederholen könnte, vielleicht auch allein und einzig bleiben würde. Ein
Mann am Tag seiner Hochzeit oder am Tage des Ritterschlags, eine Frau
nach der ersten Geburt mag Ähnliches im Herzen sich bewegen fühlen, eine
hohe Weihe, einen tiefen Ernst und zugleich schon eine heimliche Angst
vor dem Augenblick, wo auch dies Hohe und Einmalige erlebt und vorüber
und eingeordnet sein und vom gewöhnlichen Lauf der Tage verschlungen
würde.
Er stand und sah seinen Freund Narziß, den Führer seiner Jünglingsjahre,
mit lauschend erhobenem Gesichte stehen, bekleidet mit Gewand und Rolle
des schönen Lieblingsjüngers, mit einem Ausdruck von Stille,
Hingegebenheit und Andacht, der wie die Knospe eines Lächelns war.
Diesem schönen, frommen und geistigen Gesicht, dieser schlanken wie
schwebenden Gestalt, diesen anmutig und fromm erhobenen, langen Händen
waren Schmerz und Tod nicht unbekannt, obwohl sie voll Jugend und
innerer Musik waren; aber unbekannt war ihnen Verzweiflung, Unordnung
und Auflehnung. Mochte die Seele hinter diesen edlen Zügen froh oder
traurig sein, sie war rein gestimmt, sie litt keinen Mißklang.
Goldmund stand und betrachtete sein Werk. Als Andacht vor dem Denkmal
seiner ersten Jugend und Freundschaft begann seine Betrachtung, aber sie
endete mit einem Sturm von Sorgen und schweren Gedanken. Hier stand nun
sein Werk, und der schöne Jünger würde bleiben, und sein zartes Blühen
würde nie ein Ende nehmen. Er aber, der es gemacht hatte, mußte jetzt
von seinem Werk Abschied nehmen, schon morgen gehörte es nicht mehr ihm,
wartete nicht mehr auf seine Hände, wuchs und erblühte nicht mehr unter
ihnen, war ihm nicht mehr Zuflucht, Trost und Sinn des Lebens. Leer
blieb er zurück. Und, so schien ihm, es wäre am besten, heute nicht bloß
von diesem Johannes Abschied zu nehmen, sondern auch gleich vom Meister,
von der Stadt und von der Kunst. Er hatte hier nichts mehr zu tun; es
waren keine Bilder in seiner Seele, die er hätte gestalten können. Jenes
ersehnte Bild der Bilder, die Gestalt der Menschenmutter, war ihm noch
nicht erreichbar, noch lange nicht. Sollte er jetzt wieder
Engelsfigürchen polieren und Ornamente schnitzen?
Er riß sich los und ging in des Meisters Werkstatt hinüber. Leise trat
er ein und blieb bei der Tür stehen, bis Niklaus ihn bemerkte und
anrief.
„Was ist, Goldmund?“
„Meine Figur ist fertig. Vielleicht kommet Ihr, eh Ihr zu Tische geht,
einmal hinüber und seht sie an.“
„Gerne komme ich, gleich jetzt.“
Zusammen gingen sie hinüber und ließen die Tür offen stehen, daß es
heller sei. Niklaus hatte seit längerer Weile die Figur nicht mehr
gesehen und Goldmund bei der Arbeit ungestört gelassen. Jetzt
betrachtete er das Werk mit schweigender Aufmerksamkeit, sein
verschlossenes Gesicht wurde schön und hell, Goldmund sah seine strengen
blauen Augen froh werden.
„Es ist gut“, sagte der Meister. „Es ist sehr gut. Es ist dein
Gesellenstück, Goldmund, du hast jetzt ausgelernt. Ich werde deine Figur
denen von der Zunft zeigen und werde verlangen, daß sie dir dafür den
Meisterbrief geben, du hast ihn verdient.“
Goldmund legte auf die Zunft wenig Wert, aber er wußte, wieviel
Anerkennung die Worte des Meisters bedeuteten, und freute sich.
Indem Niklaus nochmals langsam rund um die Figur des Johannes ging,
sagte er mit einem Seufzer: „Diese Gestalt ist voll von Frömmigkeit und
Klarheit, sie ist ernst, aber voll Glück und Frieden. Man sollte meinen,
es habe sie ein Mensch gemacht, in dessen Herzen es sehr hell und heiter
ist.“
Goldmund lächelte.
„Ihr wißt, daß ich in dieser Figur nicht mich selber abgebildet habe,
sondern meinen liebsten Freund. Er ist es, der die Klarheit und den
Frieden in das Bild gebracht hat, nicht ich. Ich war es ja eigentlich
nicht, der das Bild gemacht hat, sondern er hat es mir in die Seele
gegeben.“
„So mag es sein“, sagte Niklaus. „Es ist ein Geheimnis, auf welche Art
solch ein Bild entsteht. Ich bin nicht eben demütig, aber ich muß sagen:
ich habe viele Werke gemacht, die weit hinter deinem zurückbleiben,
nicht an Kunst und Sorgfalt, aber an Wahrheit. Nun, du weißt wohl
selbst, man kann ein solches Werk nicht wiederholen. Es ist ein
Geheimnis.“
„Ja“, sagte Goldmund, „als die Figur fertig wurde und ich sie ansah,
dachte ich mir: Etwas solches kannst du nicht wieder machen. Und darum
glaube ich, Meister, ich werde mich in Bälde wieder auf die Wanderschaft
machen.“
Verwundert und unwillig blickte Niklaus ihn an, seine Augen waren wieder
streng geworden.
„Wir werden darüber noch sprechen. Für dich sollte die Arbeit nun erst
recht beginnen, es ist wahrlich jetzt nicht der Augenblick, um
davonzulaufen. Aber für heut machst du Feierabend, und zu Mittag bist du
mein Gast.“
Um Mittag trat Goldmund gekämmt und gewaschen im Sonntagskleide an.
Diesmal wußte er, wieviel es bedeute und welch seltene Gunst es sei, vom
Meister zu Tisch geladen zu werden. Als er die Treppe zu der mit Figuren
überfüllten Diele hinanstieg, war dennoch sein Herz lange nicht so voll
Ehrfurcht und banger Freude wie jenes andere Mal, da er mit klopfendem
Herzen in diese schönen stillen Räume getreten war.
Auch Lisbeth war geputzt und trug eine Kette mit Steinen um den Hals,
und zu Tische gab es außer dem Karpfen und Wein noch eine Überraschung:
der Meister schenkte ihm einen ledernen Geldsäckel, in dem waren zwei
Goldstücke, Goldmunds Lohn für die fertiggewordene Figur.
Diesmal saß er nicht stumm, während Vater und Tochter sich unterhielten.
Beide sprachen ihn an, und es wurde mit den Bechern angestoßen.
Goldmunds Augen waren fleißig, er nahm die Gelegenheit wahr, das schöne
Mädchen mit dem vornehmen und etwas hochmütigen Gesicht genau zu
betrachten, und seine Augen verschwiegen nicht, wie sehr sie ihm
gefalle. Sie zeigte sich artig gegen ihn, aber daß sie nicht errötete
noch warm wurde, enttäuschte ihn. Wieder wünschte er innig, dies schöne
unbewegte Gesicht zum Sprechen zu bringen und zur Preisgabe seines
Geheimnisses zu zwingen.
Nach Tische bedankte er sich, verweilte ein wenig bei den Schnitzereien
der Diele und trieb sich den Nachmittag unentschlossen, ein ratloser
Müßiggänger, in der Stadt herum. Er war vom Meister sehr geehrt worden,
über alles Erwarten. Warum machte es ihn nicht froh? Warum schmeckte
alle diese Ehre so wenig festlich.
Einem Einfall folgend mietete er ein Pferd und ritt in das Kloster
hinaus, wo er einst zum erstenmal ein Werk des Meisters gesehen und
seinen Namen gehört hatte. Vor ein paar Jahren war das gewesen und war
doch so unausdenklich lange her. In der Klosterkirche besuchte und
betrachtete er die Mutter Gottes, und auch heute wieder entzückte und
bezwang ihn dieses Werk; es war schöner als sein Johannes, es war ihm
gleich an Innigkeit und Geheimnis und war ihm überlegen an Kunst, an
freiem, schwerelosem Schweben. Er sah jetzt an dieser Arbeit
Einzelheiten, die nur der Künstler sieht, leise zarte Bewegungen im
Gewand, Kühnheiten in der Bildung der langen Hände und Finger,
feinfühlige Benutzung von Zufälligkeiten in der Struktur des Holzes –
alle diese Schönheiten waren zwar nichts im Vergleich mit dem Ganzen,
mit der Einfachheit und Innigkeit der Vision, aber sie waren eben doch
da, und waren sehr schön, und waren auch dem Begnadeten nur möglich,
wenn er das Handwerk aus dem Grunde verstand. Um so etwas machen zu
können, mußte einer nicht nur Bilder in seiner Seele hegen, er mußte
auch Augen und Hände unsäglich geschult und geübt haben. Vielleicht war
es also doch der Mühe wert, sein ganzes Leben in den Dienst der Kunst zu
stellen, auf Kosten der Freiheit, auf Kosten der großen Erlebnisse, nur
um einmal etwas so Schönes hervorzubringen, das nicht nur erlebt und
geschaut und in Liebe empfangen, sondern auch bis ins letzte mit
sicherer Meisterschaft gekonnt war? Dies war eine große Frage.
Goldmund kehrte spät in der Nacht auf ermüdetem Pferd in die Stadt
zurück. Eine Schenke stand noch offen, dort aß er Brot und trank Wein,
dann stieg er in seine Kammer am Fischmarkt hinauf, mit sich selbst
uneins, voller Fragen, voller Zweifel.
Zwölftes Kapitel
Andern Tags konnte Goldmund sich nicht entschließen, in die Werkstatt zu
gehen. Wie schon manchen unlustigen Tag trieb er sich in der Stadt
herum. Er sah die Frauen und Mägde zu Markte gehen, hielt sich besonders
beim Fischmarktbrunnen auf und sah den Fischhändlern und ihren derben
Weibern zu, wie sie ihre Ware feilboten und anpriesen, wie sie die
kühlen silbernen Fische aus ihren Bottichen rissen und darboten, wie die
Fische mit schmerzlich geöffneten Mäulern und angstvoll starren
Goldaugen sich still dem Tode ergaben oder sich wütend und verzweifelt
gegen ihn wehrten. Wie schon manches Mal ergriff ihn ein Mitleid mit
diesen Tieren und ein trauriger Unmut gegen die Menschen; warum waren
sie so stumpf und roh und unausdenklich dumm und blöde, warum sahen sie
alle nichts, weder die Fischer und Fischweiber noch die feilschenden
Käufer, warum sahen sie diese Mäuler, diese zum Tod erschreckten Augen
und wild um sich schlagenden Schwänze nicht, nicht diesen grausigen
nutzlosen Verzweiflungskampf, nicht diese unerträgliche Verwandlung der
geheimnisvollen, wunderbar schönen Tiere, wie ihnen das leise letzte
Zittern über die sterbende Haut schauderte und sie dann tot und
erloschen lagen, hingestreckt, klägliche Fleischstücke für den Tisch der
vergnügten Fresser? Nichts sahen sie, diese Menschen, nichts wußten und
merkten sie, nichts sprach zu ihnen! Einerlei, ob da ein armes holdes
Tier vor ihren Augen verreckte oder ob ein Meister in einem
Heiligengesicht alle Hoffnung, allen Adel, alles Leid und alle dunkle
schnürende Angst des Menschenlebens zum Erschauern sichtbar machte –
nichts sahen sie, nichts ergriff sie! Alle waren sie vergnügt oder
beschäftigt, hatten es wichtig, hatten es eilig, schrien, lachten und
rülpsten einander an, machten Lärm, machten Witze, zeterten wegen zwei
Pfennigen, und allen war es wohl, sie waren alle in Ordnung und höchlich
mit sich und der Welt zufrieden. Schweine waren sie, ach viel schlimmer
und wüster als Schweine! Nun ja, er selber war oft genug mitten unter
ihnen gewesen, hatte sich froh unter ihresgleichen gefühlt, war den
Mädchen nachgetrieben, hatte vom Teller lachend und ohne Grausen
gebackene Fische gegessen. Aber immer wieder hatte ihn, oft ganz
plötzlich wie durch Zauber, die Freude und Ruhe verlassen, immer
wieder war dieser fette feiste Wahn von ihm abgefallen, diese
Selbstzufriedenheit, Wichtigkeit und faule Seelenruhe, und es hatte ihn
hinweggerissen, in die Einsamkeit und ins Grübeln, auf die Wanderschaft,
zur Betrachtung des Leides, des Todes, der Zweifelhaftigkeit alles
Treibens, zum Starren in den Abgrund. Manchmal war ihm dann aus der
hoffnungslosen Hingabe an den Anblick des Sinnlosen und Furchtbaren
plötzlich eine Freude aufgeblüht, eine heftige Verliebtheit, die Lust,
ein schönes Lied zu singen oder zu zeichnen, oder im Riechen an einer
Blume, im Spielen mit einer Katze war ihm das kindliche
Einverstandensein mit dem Leben wieder zurückgekehrt. Auch jetzt würde
es wiederkehren, morgen oder übermorgen, und die Welt würde wieder gut
und vortrefflich sein. Bis eben das andere wiederkam, die Traurigkeit,
das Grübeln, die hoffnungslose beklemmende Liebe zu den sterbenden
Fischen, den welkenden Blumen, der Schrecken über das stumpfe säuische
Hinleben und Gaffen und Nichtssehen der Menschen. Immer in solchen
Zeiten mußte er mit quälender Neugierde, mit tiefer Beklemmung des
fahrenden Schülers Viktor denken, dem er damals sein Messer zwischen die
Rippen gestoßen hatte und den er voller Blut auf den Tannenzweigen hatte
liegenlassen, und er mußte dann darüber sinnen und grübeln, was jetzt
eigentlich aus diesem Viktor geworden sei, ob die Tiere ihn ganz und gar
gefressen, ob irgend etwas von ihm übriggeblieben sei. Ja, übrig waren
wohl die Knochen geblieben und vielleicht ein paar Hände voll Haare. Und
die Knochen – was wurde aus denen? Wie lange wohl dauerte es, Jahrzehnte
oder bloß Jahre, bis auch sie ihre Form verloren hatten und Erde
geworden waren?
Ach, heute, während er mit Mitleid den Fischen und mit Ekel den
Marktleuten zusah, das Herz voll ängstlicher Schwermut und bitterer
Feindseligkeit gegen die Welt und gegen sich selber, mußte er an Viktor
denken. Vielleicht war er gefunden und begraben worden? Und wenn das
geschehen war – war dann jetzt schon alles Fleisch von seinen Knochen
gefallen, war alles verfault, hatten alles die Würmer gefressen? Waren
noch Haare auf seinem Schädel und Brauen über seinen Augenhöhlen? Und
von Viktors Leben, das doch von Abenteuern und Geschichten und vom
phantastischen Spiel seiner wunderlichen Späße und Schnurren erfüllt
gewesen war – was war davon übriggeblieben? Lebte außer den paar losen
Erinnerungen, die sein Mörder an ihn bewahrte, noch irgend etwas von
diesem Menschendasein fort, das doch keines von den ganz gewöhnlichen
gewesen war? Gab es noch einen Viktor in den Träumen der Frauen, die er
einst geliebt hatte? Ach, es war wohl alles dahin und zerronnen. Und so
erging es allen und allem, es blühte schnell und welkte schnell hinweg,
nachher fiel der Schnee drüber. Was hatte alles in ihm selbst geblüht,
als er vor einigen Jahren in diese Stadt gekommen war, voll Begierde
nach der Kunst, voll banger tiefer Verehrung für den Meister Niklaus!
War etwas davon am Leben geblieben? Nichts, nicht mehr als von der
langen Schnapphahngestalt des armen Viktor. Hätte jemand ihm damals
gesagt, es werde ein Tag kommen, da würde Niklaus ihn als seinesgleichen
anerkennen und bei der Zunft für ihn den Meisterbrief verlangen, er
hätte geglaubt, alles Glück der Welt in Händen zu halten. Und jetzt war
es nichts als eine abgeblühte Blume, etwas Dürres und Freudloses.
Als er dies dachte, hatte Goldmund plötzlich ein Gesicht. Es war nur ein
Augenblick, ein zuckendes Aufblitzen: er sah das Gesicht der Urmutter,
über den Abgrund des Lebens geneigt, mit einem verlorenen Lächeln schön
und grausig blicken, sah es lächeln zu den Geburten, zu den Toden, zu
den Blumen, zu den raschelnden Herbstblättern, lächeln zur Kunst,
lächeln zur Verwesung.
Alles galt ihr gleich, der Urmutter, über allem hing wie Mond ihr
unheimliches Lächeln, ihr war der schwermütig sinnende Goldmund so lieb
wie der auf dem Pflaster des Fischmarktes sterbende Karpfen, die stolze
kühle Jungfer Lisbeth so lieb wie die im Wald verstreuten Knochen jenes
Viktor, der ihm einst so gern seinen Dukaten gestohlen hätte.
Schon war der Blitz wieder erloschen, das geheimnisvolle Muttergesicht
verschwunden. Aber tief zuckte sein fahles Leuchten in Goldmunds Seele
fort, eine Woge von Leben, von Schmerz, von würgender Sehnsucht lief
aufwühlend durch sein Herz. Nein, nein, er wollte das Glück und die
Sattheit der andern nicht, der Fischkäufer, der Bürger, der geschäftigen
Leute. Mochte der Teufel sie holen. Ah, dieses aufzuckende bleiche
Gesicht, dieser volle reife spätsommerliche Mund, über dessen schwere
Lippen dies namenlose Todeslächeln wie Wind und Mondschein hingelaufen
war!
Goldmund ging zum Hause des Meisters, es war gegen Mittag, er wartete,
bis er hörte, daß Niklaus drinnen seine Arbeit verließ und die Hände
wusch. Da trat er zu ihm herein.
„Lasset mich ein paar Worte zu Euch sagen, Meister, es kann geschehen,
während Ihr Eure Hände waschet und den Rock anzieht. Ich verdurste nach
einem Mundvoll Wahrheit, ich möchte Euch etwas sagen, was ich vielleicht
gerade jetzt sagen kann und dann nicht wieder. Es steht so mit mir, daß
ich mit einem Menschen sprechen muß, und Ihr seid der einzige, der es
vielleicht verstehen kann. Ich spreche nicht zu dem Mann, der eine
berühmte Werkstatt hat und der von Städten und Klöstern alle die
ehrenvollen Aufträge empfängt und zwei Gehilfen und ein schönes reiches
Haus hat. Ich spreche zu dem Meister, der die Mutter Gottes im Kloster
draußen gemacht hat, das schönste Bild, das ich kenne. Diesen Mann habe
ich geliebt und verehrt, seinesgleichen zu werden schien mir das höchste
Ziel auf Erden. Ich habe jetzt eine Figur gemacht, den Johannes, und
konnte ihn nicht so vollkommen machen, wie Eure Mutter Gottes ist; aber
er ist nun eben so, wie er ist. Eine andere Figur habe ich nicht zu
machen, es ist keine vorhanden, die mich verlangt und sie zu machen
zwingt. Vielmehr, es ist eine vorhanden, ein fernes heiliges Bild, das
ich einmal werde machen müssen, das ich aber heute noch nicht machen
kann. Um es machen zu können, muß ich noch viel mehr erfahren und
erleben. Vielleicht kann ich es in drei, vier Jahren machen, oder in
zehn Jahren oder später, oder auch niemals. Bis dahin aber, Meister,
will ich nicht Handwerk treiben und Figuren lackieren und Kanzeln
schnitzen und ein Handwerkerleben in der Werkstatt führen und Geld
verdienen und so werden, wie alle Handwerker sind, nein, das will ich
nicht, sondern ich will leben und wandern, Sommer und Winter spüren, die
Welt ansehen und ihre Schönheit und ihr Grauen kosten. Ich will Hunger
und Durst erleiden und will das alles wieder vergessen und loswerden,
was ich hier bei Euch gelebt und gelernt habe. Ich möchte wohl einmal
etwas so Schönes und tief ans Herz Rührendes machen, wie Eure Mutter
Gottes ist – aber so werden wie Ihr und so leben, wie Ihr lebet, das
will ich nicht.“
Der Meister hatte seine Hände gewaschen und getrocknet, jetzt wendete er
sich um und sah Goldmund an. Sein Gesicht war streng, aber nicht böse.
„Du hast gesprochen“, sagte er, „und ich habe gehört. Laß es nun gut
sein. Ich erwarte dich nicht zur Arbeit, obwohl viel zu tun ist. Ich
betrachte dich nicht als Gehilfen, du brauchst Freiheit. Ich möchte dies
und jenes mit dir besprechen, lieber Goldmund; nicht jetzt, in einigen
Tagen, du magst dir indessen die Zeit nach Belieben vertreiben. Sieh,
ich bin viel älter als du und habe dies und jenes erfahren. Ich denke
anders als du, aber ich verstehe dich und das, was du meinst. In ein
paar Tagen werde ich dich rufen lassen. Wir werden über deine Zukunft
sprechen, ich habe allerlei Pläne. Bis dahin habe Geduld! Ich weiß gut
genug, wie es ist, wenn man ein Werk fertiggebracht hat, das einem am
Herzen lag, ich kenne diese Leere. Sie geht vorüber, glaube mir.“
Unbefriedigt lief Goldmund weg. Der Meister meinte es gut mit ihm, aber
was konnte er ihm helfen?
Am Fluß kannte er eine Stelle, dort war das Wasser nicht tief und
strömte über einen Grund voll Gerümpel und Abfall, aus den Häusern der
Fischervorstadt wurde dort allerlei Kehricht in den Fluß geworfen. Dahin
ging er, setzte sich auf die Ufermauer und blickte ins Wasser hinab.
Wasser liebte er sehr, jedes Wasser zog ihn an. Und wenn man von hier
aus durch das strömende, kristallfädige Wasser hinabschaute auf den
dunklen undeutlichen Grund, dann sah man hier und dort irgend etwas mit
gedämpftem Goldglanz aufblinken und verlockend glitzern, unerkennbare
Dinge, vielleicht eine alte Tellerscherbe oder eine weggeworfene
verbogene Sichel oder einen lichten glatten Stein oder glasierten
Ziegel, manchmal auch mochte es ein Schlammfisch sein, eine feiste
Trüsche oder ein Rotauge, das sich da unten umdrehte und einen
Augenblick auf den hellen Bauchflossen und Schuppen einen Lichtstrahl
auffing – niemals konnte man genau erkennen, was es eigentlich sei,
immer aber war es zauberhaft schön und verlockend, dies kurze gedämpfte
Aufblinken versunkener Goldschätze im nassen schwarzen Grunde. So wie
dies kleine Wassergeheimnis, schien ihm, waren alle echten Geheimnisse,
alle wirklichen, echten Bilder der Seele: sie hatten keinen Umriß, sie
hatten keine Form, sie ließen sie nur wie eine ferne schöne Möglichkeit
ahnen, sie waren verschleiert und vieldeutig. Wie da in der Dämmerung
der grünen Flußtiefe für zuckende Augenblicke etwas unsäglich Goldenes
oder Silbernes herblinkte, ein Nichts und doch voll seligster
Versprechungen, ebenso konnte das verlorene Profil eines Menschen, halb
von hinten gesehen, manchmal etwas unendlich Schönes oder unerhört
Trauriges ankündigen, oder auch: wie unter einem nächtlichen Lastwagen
eine Laterne hing und die sich drehenden riesigen Schatten der
Radspeichen an die Mauern malte, konnte dies Schattenspiel eine Minute
lang so voll von Anblicken, Geschehnissen und Geschichten sein wie der
ganze Vergil. Aus demselben unwirklichen, magischen Stoff waren nachts
die Träume gewoben, ein Nichts, das alle Bilder der Welt in sich
enthielt, ein Wasser, in dessen Kristall die Formen aller Menschen,
Tiere, Engel und Dämonen als allzeit wache Möglichkeiten wohnten.
Wieder vertiefte er sich in das Spiel, starrte verloren in den ziehenden
Fluß, sah formlose Schimmer auf dem Grunde beben, ahnte Königskronen und
blanke Frauenschultern. Einstmals in Mariabronn, so erinnerte er sich,
hatte er in den lateinischen und griechischen Buchstaben ähnliche
Formträume und Verwandlungszauber gesehen. Hatte er nicht damals mit
Narziß einmal darüber gesprochen? Ach, wann war das gewesen, vor wie
viel hundert Jahren? Ach, Narziß! Um den zu sehen, um mit dem eine
Stunde zu sprechen, seine Hand zu halten, seine ruhige kluge Stimme zu
hören, hätte er gern seine zwei Golddukaten gegeben.
Warum waren denn diese Dinge so schön, dies Goldgeleucht unterm Wasser,
diese Schatten und Ahnungen, alle diese unwirklichen und feenhaften
Erscheinungen – warum waren sie denn so unsäglich schön und beglückend,
da sie doch genau das Gegenteil von dem waren, was ein Künstler Schönes
machen konnte? Denn wenn die Schönheit jener unnennbaren Dinge ohne jede
Form war und ganz nur aus Geheimnis bestand, so war es ja bei Werken der
Kunst grade umgekehrt, sie waren ganz und gar Form, sie sprachen
vollkommen klar. Nichts war unerbittlich klarer und bestimmter als die
Linie eines gezeichneten oder in Holz geschnittenen Kopfes oder Mundes.
Genau, haargenau hätte er die Unterlippe oder die Augenlider von
Niklaus’ Marienfigur nachzuzeichnen vermocht; da gab es nichts
Unbestimmtes, Täuschendes, Zerfließendes.
Goldmund dachte hingegeben darüber nach. Es wurde ihm nicht klar, wie es
möglich sei, daß das denkbar Bestimmteste und Geformteste ganz ähnlich
auf die Seele wirke wie das Ungreifbarste und Gestaltloseste. Eines aber
wurde ihm bei dieser Gedankenübung dennoch klar, nämlich warum so viele
tadellose und gutgemachte Kunstwerke ihm ganz und gar nicht gefielen,
sondern trotz einer gewissen Schönheit ihm langweilig und beinah verhaßt
waren. Werkstätten, Kirchen und Paläste waren voll von solchen fatalen
Kunstwerken, er selber hatte an einigen mitgearbeitet. Sie waren so
schwer enttäuschend, weil sie das Verlangen nach Höchstem erweckten und
es doch nicht erfüllten, weil ihnen die Hauptsache fehlte: das
Geheimnis. Das war es, was Traum und höchstes Kunstwerk Gemeinsames
hatten: das Geheimnis.
Weiter dachte Goldmund: Ein Geheimnis ist es, das ich liebe, dem ich auf
der Spur bin, das ich mehrmals habe aufblitzen sehen und das ich als
Künstler, wenn es mir einmal möglich sein wird, darstellen und zum
Sprechen bringen möchte. Es ist die Gestalt der großen Gebärerin, der
Urmutter, und ihr Geheimnis besteht nicht, wie das einer anderen Figur,
in dieser oder jener Einzelheit, in besonderer Fülle oder Magerkeit,
Derbheit oder Zierlichkeit, Kraft oder Anmut, sondern es besteht darin,
daß die größten Gegensätze der Welt, die sonst unvereinbar sind, in
dieser Gestalt Frieden geschlossen haben und beisammenwohnen: Geburt und
Tod, Güte und Grausamkeit, Leben und Vernichtung. Hätte ich diese Figur
mir ausgesonnen, wäre sie nur mein Gedankenspiel oder ein ehrgeiziger
Künstlerwunsch, so wäre es nicht schade um sie, ich könnte ihren Fehler
einsehen und sie vergessen. Aber die Urmutter ist kein Gedanke, denn ich
habe sie nicht erdacht, sondern gesehen! Sie lebt in mir, immer wieder
ist sie mir begegnet. Zuerst habe ich sie geahnt, als ich in einem Dorf,
in einer Winternacht, über dem Bett einer gebärenden Bäuerin das Licht
halten mußte: damals fing das Bild in mir zu leben an. Oft ist es ferne
und verloren, lange Zeit, aber plötzlich zuckt es wieder auf, auch heute
wieder. Das Bild meiner eigenen Mutter, einst mein liebstes, hat sich
ganz in dies neue Bild verwandelt, es ist in ihm drinnen wie der Kern in
einer Kirsche.
Deutlich fühlte er jetzt seine augenblickliche Lage, das Bangen vor
einer Entscheidung. Er war, nicht minder als damals beim Abschied von
Narziß und dem Kloster, auf einem wichtigen Wege: dem Weg zur Mutter.
Vielleicht würde einmal aus der Mutter ein allen sichtbares, gestaltetes
Bild werden, ein Werk seiner Hände. Vielleicht lag dort das Ziel, war
dort der Sinn seines Lebens verborgen. Vielleicht; er wußte es nicht.
Eines aber wußte er: Der Mutter zu folgen, zu ihr unterwegs, von ihr
gezogen und gerufen zu werden, das war gut, das war Leben. Vielleicht
konnte er nie ihr Bild gestalten, vielleicht blieb sie immer Traum,
Ahnung, Lockung, goldenes Aufblinken heiligen Geheimnisses. Nun, auf
jeden Fall hatte er ihr zu folgen, ihr hatte er sein Schicksal
anheimzustellen, sie war sein Stern.
Und nun lag die Entscheidung schon nahe vor ihm, es war alles klar
geworden. Die Kunst war eine schöne Sache, aber sie war keine Göttin und
kein Ziel, für ihn nicht; nicht der Kunst hatte er zu folgen, nur dem
Ruf der Mutter. Was konnte es nützen, seine Finger noch immer
geschickter zu machen? Am Meister Niklaus konnte man sehen, wohin das
führte. Es führte zu Ruhm und Namen, zu Geld und seßhaftem Leben, und zu
einer Verdorrung und Verkümmerung jener inneren Sinne, denen allein das
Geheimnis zugänglich ist. Es führte zum Herstellen hübscher kostbarer
Spielwaren, zu allerlei reichen Altären und Kanzeln, heiligen
Sebastianen und hübsch gelockten Engelsköpfchen, das Stück zu vier
Talern. Oh, das Gold im Aug’ eines Karpfen und der süße dünne
Silberflaum am Rand eines Schmetterlingsflügels war unendlich viel
schöner, lebendiger, köstlicher als ein ganzer Saal voll von jenen
Kunstwerken.
Ein Knabe kam singend die Uferstraße herabgegangen, manchmal verstummte
sein Gesang, und er biß in ein großes Stück Weißbrot, das er in der Hand
trug. Ihn sah Goldmund und bat ihn um ein Stückchen von seinem Brot,
krallte ein Stück Weiches mit zwei Fingern heraus und formte daraus
kleine Kugeln. Über die Mauerbrüstung hinausliegend, warf er die
Brotkugeln, langsam eine um die andere, ins Wasser hinab, sah im dunkeln
Wasser die helle Kugel hinabsinken und sah sie von den raschen
drängenden Köpfen der Fische umschwärmt, bis sie in einem der Mäuler
verschwand. Kugel um Kugel sah er sinken und verschwinden, tief
befriedigt. Dann fühlte er Hunger und suchte eine seiner Geliebten auf,
die im Haus eines Fleischers Magd war und die er „Gebieterin der Würste
und Schinken“ nannte. Mit dem gewohnten Pfiff lockte er sie ans
Küchenfenster und war willens, sich dies oder jenes Nahrhafte von ihr
geben zu lassen, um es zu sich zu stecken und draußen überm Fluß auf
einem der Rebhügel zu verzehren, deren roter fetter Boden so kräftig
unterm satten Weinlaub leuchtete und wo im Frühling die kleinen blauen
Hyazinthen blühten, die so zart nach Steinobst dufteten.
Aber es schien heut ein Tag der Entscheidungen und Einsichten zu sein.
Als Kathrine am Fenster erschien und mit dem festen, etwas derben
Gesicht herüberlächelte, als er schon die Hand ausstreckte, um ihr das
gewohnte Zeichen zu geben, da mußte er sich plötzlich anderer Male
erinnern, da er ebenso hier gestanden war und gewartet hatte. Und mit
langweilender Deutlichkeit sah er zugleich alles voraus, was in den
nächsten Minuten geschehen würde: wie sie sein Zeichen erkennen und sich
zurückziehen, wie sie in Bälde an der Hintertür des Hauses erscheinen
würde, etwas Geräuchertes in der Hand, wie er es entgegennehmen und sie
dabei ein wenig streicheln und an sich drücken würde, wie sie es
erwartete – und plötzlich schien es ihm unendlich dumm und häßlich,
diesen ganzen mechanischen Ablauf oft erlebter Dinge wieder
hervorzurufen und seine Rolle darin zu spielen, die Wurst in Empfang zu
nehmen, die kräftigen Brüste sich an ihn drängen zu fühlen und sie wie
zum Gegengeschenk ein wenig zu drücken. Plötzlich meinte er in ihrem
guten derben Gesicht einen Zug von entseelter Gewohnheit, in ihrem
freundlichen Lächeln etwas allzuoft Gesehenes, etwas Mechanisches und
Geheimnisloses, etwas seiner Unwürdiges zu sehen. Er beschrieb den
gewohnten Wink mit der Hand nicht zu Ende, auf seinem Gesicht erfror das
Lächeln. Liebte er sie denn noch, begehrte er sie noch ernstlich? Nein,
allzuoft schon war er hier gewesen, allzuoft hatte er dies immer gleiche
Lächeln gesehen und ohne Herzensantrieb erwidert. Was er gestern noch
unbedenklich gekonnt hätte, war ihm heut plötzlich nicht mehr möglich.
Die Magd stand noch und schaute, da hatte er sich schon umgewendet und
war aus der Gasse verschwunden, entschlossen, sich nie mehr dort zu
zeigen. Mochte ein anderer diese Brüste streicheln! Mochte ein anderer
diese guten Würste essen! Überhaupt, was wurde hier in dieser fetten
vergnügten Stadt nicht Tag für Tag gefressen und vergeudet! Wie faul,
wie verwöhnt, wie wählerisch waren diese feisten Bürger, wegen deren
jeden Tag so viel Säue und Kälber geschlachtet und so viel schöne arme
Fische aus dem Fluß gezogen wurden! Und er selbst – wie war er selbst
verwöhnt und verdorben, wie ekelhaft ähnlich war er diesen fetten
Bürgern geworden! Auf Wanderung, im verschneiten Feld, da schmeckte eine
gedörrte Pflaume oder eine alte Brotrinde köstlicher als hier im
Wohlleben ein ganzes Zunftessen. O Wanderung, o Freiheit, o
mondbeschienene Heide und vorsichtig beäugte Tierspur im graufeuchten
Morgengras! Hier in der Stadt, bei den Seßhaften, ging alles so leicht
und kostete so wenig, sogar die Liebe. Er hatte genug davon, plötzlich,
er spie darauf. Dies Leben hier hatte seinen Sinn verloren, es war ein
Knochen ohne Mark. Es war schön gewesen und hatte Sinn gehabt, solang
der Meister ein Vorbild, Lisbeth eine Prinzessin gewesen waren; es war
erträglich gewesen, solang er an seinem Johannes gearbeitet hatte. Jetzt
war es zu Ende damit, der Duft war dahin, das Blümlein war verwelkt. Mit
heftiger Welle ergriff ihn das Gefühl von Vergänglichkeit, das ihn oft
so tief peinigen und so tief berauschen konnte. Schnell verblühte alles,
schnell war jede Lust erschöpft, und nichts blieb übrig als Knochen und
Staub. Doch, eines blieb: die ewige Mutter, die uralte und ewig junge,
mit dem traurigen und grausamen Liebeslächeln. Wieder sah er sie für
Augenblicke: eine Riesin, Sterne im Haar, träumerisch sitzend am Rande
der Welt, mit verspielter Hand pflückte sie Blume um Blume, Leben um
Leben, und ließ sie langsam ins Bodenlose fallen.
In diesen Tagen, während Goldmund ein verblühtes Stück Leben hinter sich
erblassen sah und in einem traurigen Rausch von Abschiednehmen durch die
vertraute Gegend schweifte, gab sich Meister Niklaus große Mühe, für
seine Zukunft zu sorgen und diesen unruhigen Gast für immer seßhaft zu
machen. Er bewog die Zunft, Goldmund das Meisterzeugnis auszustellen,
und erwog den Plan, ihn nicht als Untergebenen, sondern als Mitarbeiter
dauernd an sich zu fesseln, alle großen Aufträge mit ihm zu beraten und
auszuführen und ihn zum Teilhaber an deren Ertrag zu machen. Es mochte
ein Wagnis sein, auch Lisbeths wegen, denn natürlich würde der junge
Mensch dann bald sein Schwiegersohn werden. Aber eine Figur wie den
Johannes hätte auch der beste aller Gehilfen, die Niklaus je besoldet
hatte, niemals zu machen vermocht, und er selbst wurde alt und wurde
ärmer an Einfällen und Schöpferkraft, und zu einem gewöhnlichen
handwerklichen Gewerbe wollte er seine berühmte Werkstatt nicht
herabsinken sehen. Es würde schwierig sein mit diesem Goldmund, aber es
mußte gewagt werden.
So rechnete sorgenvoll der Meister. Er würde für Goldmund die hintere
Werkstatt ausbauen und vergrößern lassen und ihm die Stube im Dachstock
einräumen, ihn auch zu seiner Aufnahme in die Zunft mit neuer, schöner
Kleidung beschenken. Vorsichtig holte er auch Lisbeths Meinung ein, die
seit jenem Mittagessen auf etwas Dergleichen wartete. Und siehe, Lisbeth
war nicht dagegen. Wenn der Bursch seßhaft gemacht wurde und Meister
hieß, war er ihr schon recht. Auch hier gab es keine Hindernisse. Und
wenn es dem Meister Niklaus und dem Handwerk noch immer nicht ganz
gelungen war, diesen Zigeuner zu zähmen, Lisbeth würde es schon vollends
fertigbringen.
So wurde alles eingefädelt und dem Vogel der Köder hübsch hinter die
Schlinge gehängt. Und eines Tages wurde nach Goldmund geschickt, der
sich nicht mehr hatte sehen lassen, und er wurde abermals zu Tische
geladen, erschien wieder gebürstet und gekämmt, saß wieder in der
schönen, etwas zu feierlichen Stube, stieß wieder mit dem Meister und
des Meisters Tochter an, bis diese sich entfernte und Niklaus mit seinem
großen Plan und Anerbieten herausrückte.
„Du hast mich verstanden“, fügte er seinen überraschenden Eröffnungen
hinzu, „und ich brauche dir nicht zu sagen, daß wohl niemals ein junger
Mensch, ohne auch nur die vorgeschriebene Lehrzeit abgedient zu haben,
so rasch zum Meister aufgerückt und ins warme Nest gesetzt worden ist.
Dein Glück ist gemacht, Goldmund.“
Verwundert und beklommen sah Goldmund seinen Meister an und schob den
Becher von sich, der noch halbvoll vor ihm stand. Er hatte eigentlich
erwartet, daß Niklaus ihn wegen der verbummelten Tage etwas schelten und
ihm dann vorschlagen werde, als Gehilfe bei ihm zu bleiben. Nun stand es
so. Es machte ihn traurig und verlegen, diesem Manne so gegenübersitzen
zu müssen. Er fand nicht gleich eine Antwort.
Der Meister, schon mit etwas gespanntem und enttäuschtem Gesicht, als
sein ehrenvolles Anerbieten nicht sofort mit Freude und Demut angenommen
wurde, stand auf und sagte: „Nun, mein Vorschlag kommt dir unerwartet,
vielleicht willst du erst darüber nachdenken. Es kränkt mich ja ein
wenig, ich hatte gedacht, dir eine große Freude zu bereiten. Aber
meinetwegen, nimm also Bedenkzeit.“
„Meister“, sagte Goldmund, um die Worte ringend, „seid mir nicht böse!
Ich danke Euch von ganzem Herzen für Euer Wohlwollen und danke Euch noch
mehr für die Geduld, mit der Ihr mich als Schüler behandelt habt. Ich
werde nie vergessen, in welcher Schuld ich bei Euch stehe. Aber die
Bedenkzeit brauche ich nicht, ich habe mich längst entschlossen.“
„Wozu entschlossen?“
„Es war bei mir beschlossen, noch ehe ich Euerer Einladung folgte und
ehe ich eine Ahnung von Eueren ehrenvollen Anerbietungen hatte. Ich
bleibe nicht länger hier, ich wandere.“
Bleich geworden, blickte ihn Niklaus mit finstern Augen an.
„Meister“, flehte Goldmund, „glaubet mir, daß ich Euch nicht kränken
will! Ich habe Euch gesagt, wozu ich entschlossen bin. Es ist nichts
mehr daran zu ändern. Ich muß fort, ich muß reisen, ich muß in die
Freiheit. Laßt mich Euch noch einmal herzlich danken, und laßt uns
freundlich voneinander Abschied nehmen.“
Er streckte ihm die Hand hin, die Tränen waren ihm nahe. Niklaus nahm
seine Hand nicht, er war weiß im Gesicht geworden und begann jetzt rasch
und rascher in der Stube auf und ab zu gehen, mit vor Wut dröhnenden
Schritten. Nie hatte Goldmund ihn so gesehen.
Dann blieb der Meister plötzlich stehen, beherrschte sich mit
furchtbarer Anstrengung und sagte, ohne Goldmund anzublicken, zwischen
den Zähnen hervor: „Gut, also geh! Aber geh sogleich! Daß ich dich nicht
wiedersehen muß! Daß ich nicht etwas tue und sage, was mich einmal reuen
könnte. Geh!“
Nochmals streckte Goldmund ihm seine Hand entgegen. Der Meister machte
Miene, auf die dargereichte Hand zu speien. Da wendete sich Goldmund,
der nun auch bleich geworden war, ging leise aus der Stube, setzte
draußen seine Mütze auf, schlich die Treppe hinab und ließ die Hand über
ihre geschnitzten Pfostenköpfe laufen, trat unten in die kleine
Hofwerkstatt, stand zum Abschied eine kleine Weile vor seinem Johannes
und verließ das Haus mit einem Weh im Herzen, tiefer als er es einst
beim Verlassen der Ritterburg und der armen Lydia empfunden hatte.
Es ist wenigstens rasch gegangen! Es ist wenigstens nichts Unnützes
gesprochen worden! Das war der einzige Trostgedanke, als er über die
Schwelle hinausging und plötzlich Gasse und Stadt ihm mit jenem
verwandelten, fremden Gesicht ins Auge sahen, den die gewohnten Dinge
annehmen, wenn unser Herz von ihnen Abschied genommen hat. Er warf einen
Blick auf die Haustür zurück – es war jetzt die Tür zu einem fremden,
ihm verschlossenen Hause.
In seiner Kammer angekommen, stand Goldmund und begann die Zurüstungen
zur Abreise. Freilich, es war da nicht viel zu rüsten; es war nichts zu
tun, als Abschied zu nehmen. Es hing da ein Bild an der Wand, das er
selbst gemalt hatte, eine sanfte Madonna, und es hingen und lagen Dinger
herum, die sein Eigentum waren: ein Sonntagshut, ein Paar Tanzschuhe,
eine Rolle Zeichnungen, eine kleine Laute, eine Anzahl von ihm
gekneteter Tonfigürchen, einige Geschenke von Geliebten: ein künstlicher
Blumenstrauß, ein rubinrotes Trinkglas, ein alter hartgewordener
Lebkuchen in Herzform und dergleichen Kram, wovon jedes Stück seine
Bedeutung und Geschichte gehabt hatte und ihm liebgewesen war und was
jetzt alles lästiger Plunder war, denn nichts davon konnte er mitnehmen.
Wenigstens tauschte er beim Hausherrn das Rubinglas gegen ein starkes
gutes Jagdmesser um, das er am Schleifstein im Hofe scharf machte, er
zerbröselte den Lebkuchen und fütterte ihn den Hühnern im Nachbarhof,
schenkte das Madonnenbild der Hausfrau und bekam dafür auch ein
nützliches Gegengeschenk: einen alten ledernen Reiseranzen und einen
reichlichen Mundvorrat für die Reise. In den Ranzen packte er einige
Hemden, die er besaß, und ein paar kleinere Zeichnungen, über ein Stück
Besenstiel gerollt, dazu die Eßwaren. Der übrige Kram mußte
zurückbleiben.
Es gab mehrere Frauen in der Stadt, von denen sich zu verabschieden
schicklich gewesen wäre; bei einer von ihnen hatte er noch gestern
geschlafen, ohne ihr von seinen Plänen zu sagen. Ja, so hängte sich
einem dies und jenes an die Fersen, wenn man wandern wollte. Man durfte
es nicht ernst nehmen. Er sagte niemandem Lebewohl als den Hausleuten.
Er tat es am Abend, um in aller Frühe weggehen zu können.
Trotzdem war am Morgen jemand aufgestanden und lud ihn, als er eben
still das Haus verlassen wollte, zu einer Milchsuppe in die Küche ein.
Es war die Tochter des Hauses, ein Kind von fünfzehn Jahren, ein stilles
kränkliches Geschöpf mit schönen Augen, aber mit einem Schaden am
Hüftgelenk, der sie hinken machte. Sie hieß Marie. Mit übernächtigem
Gesicht, ganz bleich, aber sorgfältig gekleidet und gestrählt, bediente
sie ihn in der Küche mit heißer Milch und Brot und schien sehr traurig
darüber zu sein, daß er fortging. Er dankte ihr und küßte sie zum
Abschied mitleidig auf den schmalen Mund. Andächtig, mit geschlossenen
Augen, empfing sie den Kuß.
Dreizehntes Kapitel
In den ersten Zeiten seiner neuen Wanderschaft, im ersten gierigen
Taumel der wiedergewonnenen Freiheit, mußte Goldmund erst wieder lernen,
das heimatlose und zeitlose Leben der Fahrenden zu leben. Keinem
Menschen gehorsam, abhängig nur von Wetter und Jahreszeit, kein Ziel vor
sich, kein Dach über sich, nichts besitzend und allen Zufällen offen,
führen die Heimatlosen ihr kindliches und tapferes, ihr ärmliches und
starkes Leben. Sie sind die Söhne Adams, des aus dem Paradies
Vertriebenen, und sind die Brüder der Tiere, der unschuldigen. Aus der
Hand des Himmels nehmen sie Stunde um Stunde, was ihnen gegeben wird:
Sonne, Regen, Nebel, Schnee, Wärme und Kälte, Wohlsein und Not, es gibt
für sie keine Zeit, keine Geschichte, kein Streben und nicht jenen
seltsamen Götzen der Entwicklung und des Fortschritts, an den die
Hausbesitzer so verzweifelt glauben. Ein Vagabund kann zart oder roh
sein, kunstfertig oder tölpisch, tapfer oder ängstlich, immer aber ist
er im Herzen ein Kind, immer lebt er am ersten Tage, vor Anfang aller
Weltgeschichte, immer wird sein Leben von wenigen einfachen Trieben und
Nöten geleitet. Er kann klug sein oder dumm; er kann tief in sich
wissend sein, wie gebrechlich und vergänglich alles Leben ist und wie
arm und angstvoll alles Lebendige sein bißchen warmes Blut durch das Eis
der Welträume trägt, oder er kann bloß kindisch und gierig den Befehlen
seines armen Magens folgen – immer ist er der Gegenspieler und Todfeind
des Besitzenden und Seßhaften, der ihn haßt, verachtet und fürchtet,
denn er will nicht an all das erinnert werden: nicht an die Flüchtigkeit
alles Seins, an das beständige Hinwelken alles Lebens, an den
unerbittlichen eisigen Tod, der rund um uns das Weltall erfüllt.
Die Kindlichkeit des Vagantenlebens, seine mütterliche Herkunft, seine
Abkehr von Gesetz und Geist, seine Preisgegebenheit und heimliche
immerwährende Todesnähe hatten längst Goldmunds Seele tief ergriffen und
geprägt. Daß dennoch Geist und Wille in ihm wohnte, daß er dennoch ein
Künstler war, machte sein Leben reich und schwierig. Jedes Leben wird ja
erst durch Spaltung und Widerspruch reich und blühend. Was wäre Vernunft
und Nüchternheit ohne das Wissen vom Rausch, was wäre Sinnenlust, wenn
nicht der Tod hinter ihr stünde, und was wäre Liebe ohne die ewige
Todfeindschaft der Geschlechter?
Sommer und Herbst sanken hinab, mühsam brachte sich Goldmund durch die
kargen Monate, berauscht durchwanderte er den süßen duftenden Frühling,
die Jahreszeiten liefen so eilig hinweg, so schnell sank immer wieder
die hohe Sommersonne hinab. Es ging Jahr um Jahr, und es schien, als
habe Goldmund vergessen, daß es anderes auf Erden gebe als Hunger und
Liebe und diese stille unheimliche Eile der Jahreszeiten; es schien, als
sei er ganz in der mütterlichen, triebhaften Urwelt versunken. In jedem
Traum aber und bei jeder sinnenden Rast mit dem Blick über die blühenden
und welkenden Täler war er voll Schauen, war Künstler, litt an quälender
Sehnsucht, den holden dahintreibenden Unsinn des Lebens durch Geist zu
beschwören und in Sinn zu verwandeln.
Einst traf er, der seit dem blutigen Abenteuer mit Viktor nie mehr
anders als allein gewandert war, auf einen Kameraden, der sich
unmerklich ihm anschloß und den er eine ganze Weile nicht los wurde.
Doch war er nicht von der Art Viktors, sondern es war ein Rompilger, ein
noch junger Mann in Kutte und Pilgerhut, der Robert hieß und am Bodensee
zu Hause war. Dieser Mensch, ein Handwerkersohn und eine Weile bei den
Mönchen des heiligen Gallus zur Schule gegangen, hatte sich schon als
Knabe eine Wallfahrt nach Rom in den Kopf gesetzt und sich immer diesem
Lieblingsgedanken hingegeben und die erste Gelegenheit, ihn auszuführen,
ergriffen. Diese war der Tod seines Vaters, in dessen Werkstatt er als
Schreiner gearbeitet hatte. Kaum war der Alte begraben, da erklärte
Robert seiner Mutter und Schwester, daß nichts ihn zurückhalten könne,
sofort zur Stillung seines Dranges, und um für seine und seines Vaters
Sünden zu büßen, die Pilgerfahrt nach Rom anzutreten. Vergebens klagten
die Frauen, vergebens schalten sie ihn aus, er blieb eigensinnig und
trat, statt für die beiden Weiber zu sorgen, ohne den Segen der Mutter
und unter den zornigen Schimpfreden seiner Schwester die Reise an. Was
ihn trieb, war vor allem Wanderlust, mit ihr verband sich eine Art von
oberflächlicher Frömmigkeit, das heißt eine Neigung zum Verweilen in der
Nähe kirchlicher Stätten und geistlicher Verrichtungen, eine Freude an
Gottesdienst, Taufe, Begräbnis, Messe, Weihrauch und Kerzenflammen. Er
konnte ein wenig Latein, aber nicht Gelehrsamkeit war es, wonach seine
kindliche Seele strebte, sondern Beschaulichkeit und stille Schwärmerei
im Schatten der Kirchengewölbe. Er war als Knabe mit Leidenschaft dem
Dienst als Meßbub hingegeben gewesen. Goldmund nahm ihn nicht sehr ernst
und mochte ihn doch gern, ein wenig fühlte er sich ihm verwandt in dem
triebhaften Hingegebensein an Wanderung und Fremde. Robert war also
damals zufrieden losgewandert und auch bis nach Rom gekommen, hatte die
Gastfreundschaft unzähliger Klöster und Pfarreien in Anspruch genommen,
sich Gebirg und Süden betrachtet und sich in Rom zwischen allen den
Kirchen und frommen Veranstaltungen sehr wohlgefühlt, Hunderte von
Messen gehört und an den berühmtesten und heiligsten Örtern Andacht
verrichtet und die Sakramente genossen und mehr Weihrauch eingeatmet,
als für seine kleinen Jugendsünden und für die seines Vaters vonnöten
war. Ein Jahr und länger war er ausgeblieben, und als er schließlich
wiederkam und wieder ins väterliche Häuschen trat, empfing man ihn nicht
wie den verlorenen Sohn, sondern die Schwester hatte sich inzwischen der
häuslichen Pflichten und Rechte bemächtigt, hatte einen fleißigen
Schreinergesellen eingestellt und geheiratet und regierte Haus und
Werkstatt so vollkommen, daß der Heimgekehrte sich nach kurzem
Aufenthalt dort als entbehrlich erkannte und von niemand zum Bleiben
ermahnt wurde, als er bald wieder von Fortgehen und Reisen sprach. Er
nahm es nicht schwer, ließ sich von der Mutter einige Spargroschen
geben, schmückte sich wieder mit der Pilgertracht und trat eine neue
Wallfahrt an, ohne Ziel, quer durchs Reich, ein halbgeistlicher
Landfahrer. Kupferne Erinnerungsmünzen an bekannte Wallfahrtsorte und
geweihte Rosenkränze klirrten an ihm herab.
So traf er auf Goldmund, wanderte einen Tag mit ihm, tauschte
Landfahrererfahrungen mit ihm, verlor sich im nächsten Städtchen, traf
da und dort wieder auf ihn und blieb schließlich ganz bei ihm, ein
verträglicher und dienstwilliger Reisegefährte. Goldmund gefiel ihm
sehr, er warb mit kleinen Dienstleistungen um ihn, bewunderte sein
Wissen, seine Kühnheit, seinen Geist und liebte seine Gesundheit, Kraft
und Aufrichtigkeit. Sie gewöhnten sich aneinander, denn auch Goldmund
war verträglich. Nur eines vertrug er nicht: Wenn er von seiner
Traurigkeit oder Grübelei befallen war, dann schwieg er hartnäckig und
sah am andern vorbei, als wäre er nicht vorhanden, und dann durfte man
weder schwatzen noch fragen noch trösten und mußte ihn gewähren und
schweigen lassen. Dies hatte Robert bald gelernt. Seit er gemerkt hatte,
daß Goldmund eine Menge lateinischer Verse und Lieder auswendig wußte,
seit er ihn vor dem Portal eines Domes die steinernen Gestalten hatte
erklären hören, seit er ihn an eine leere Mauer, an der sie rasteten,
mit Rötel in schnellen großen Strichen lebensgroße Figuren hatte
hinzeichnen sehen, hielt er seinen Kameraden für einen Liebling Gottes
und beinahe für einen Zauberer. Daß er auch ein Liebling der Frauen war
und manche mit einem Blick und Lächeln sich zu eigen machte, sah Robert
ebenfalls; es gefiel ihm weniger, aber bewundern mußte er es doch.
Ihre Fahrt wurde einst auf unerwartete Weise unterbrochen. Eines Tages
kamen sie in die Nähe eines Dorfes, da empfing sie ein Häufchen Bauern,
mit Knütteln, Stangen und Dreschflegeln bewaffnet, und der Anführer
schrie ihnen von weitem zu, sie sollten alsbald umkehren und sich auf
Nimmerwiedersehen davonmachen, dem Teufel zu, sonst würden sie
totgeschlagen. Während Goldmund stehenblieb und zu wissen begehrte, was
denn los sei, traf ihn schon ein Steinwurf an die Brust. Robert, nach
dem er sich umblickte, war davongerannt wie besessen. Drohend rückten
die Bauern vor, und es blieb Goldmund nichts übrig, als dem Fliehenden
langsamer zu folgen. Zitternd erwartete ihn Robert unter einem Kreuz mit
einem Heiland daran, das mitten im Felde stand.
„Heldenmäßig bist du gelaufen“, lachte Goldmund. „Aber was haben denn
diese Mistfinken in ihren Dickköpfen? Ist denn Krieg? Stellen bewaffnete
Wachen vor ihr Nest und wollen niemand hereinlassen! Nimmt mich wunder,
was dahintersteckt.“
Sie wußten es beide nicht. Erst am folgenden Morgen machten sie in einem
alleinstehenden Bauernhof gewisse Erfahrungen und begannen das Geheimnis
zu erraten. Dieser Hof, aus Hütte, Stall und Scheune bestehend und von
einer grünen Hofstatt mit hohem Gras und vielen Obstbäumen umgeben, lag
merkwürdig still und verschlafen: keine Menschenstimme, kein Tritt, kein
Kindergeschrei, kein Sensendengeln, nichts war zu hören; in der Hofstatt
stand eine Kuh im Gras und brüllte, und man sah ihr an, daß es Zeit war,
sie zu melken. Sie traten vors Haus, klopften an die Tür, bekamen keine
Antwort, gingen zum Stall, der stand offen und leer, gingen zur Scheune,
auf deren Strohdach das lichtgrüne Moos in der Sonne gleißte, fanden
auch da keine Seele. Sie kehrten zum Hause zurück, verwundert und
betreten über die Verödung dieser Heimstatt, sie schlugen nochmals mit
Fäusten gegen die Tür, wieder kam keine Antwort. Goldmund versuchte zu
öffnen und fand zu seinem Erstaunen die Türe unverschlossen, er drückte
sie nach innen und trat in die finstere Stube. „Grüß’ Gott“, rief er
laut, und „Niemand daheim?“, aber es blieb alles still. Robert war vor
der Tür geblieben. Neugierig drang Goldmund vor. Es roch schlecht in der
Hütte, es roch sonderbar und widerlich. Die Feuerstelle war voll Asche,
er blies hinein, auf dem Grunde glommen noch Funken in verkohlten
Scheiten. Da sah er in der Dämmerung im Hintergrunde des Herdplatzes
jemand sitzen; jemand saß da in einem Sessel und schlief, es schien eine
alte Frau zu sein. Rufen half nichts, das Haus schien verzaubert.
Freundlich tippte er der sitzenden Frau auf die Schulter, sie bewegte
sich nicht, und jetzt sah er, daß sie mitten in einem Spinnennetze saß,
dessen Fäden zum Teil an ihrem Haar und ihren Knien befestigt waren.
„Die ist tot“, dachte er mit einem leichten Grausen, und um sich zu
überzeugen, machte er sich am Feuer zu schaffen, schürte und blies, bis
er Flamme hatte und einen langen Span entzünden konnte. Mit dem
leuchtete er der Sitzenden ins Gesicht. Er sah unter grauem Haar ein
blauschwarzes Leichengesicht, das eine Auge stand offen und blinkte leer
und bleiern. Das Weib war hier gestorben, im Stuhl sitzend. Nun ja, man
konnte ihr nicht helfen.
Mit dem brennenden Span in der Hand stöberte Goldmund weiter und fand im
selben Raum, auf der Schwelle zu einer hinteren Stube, noch eine Leiche
liegen, einen Knaben von vielleicht acht oder neun Jahren, mit
verschwollenem, entstelltem Gesicht, im bloßen Hemde. Er lag mit dem
Bauch auf der Balkenschwelle, mit beiden Händen machte er feste grimmige
Fäustchen. Das ist der zweite, dachte Goldmund; wie in einem häßlichen
Traum ging er weiter, in die Hinterstube, dort standen die Läden offen,
und der Tag schien hell herein. Vorsichtig löschte er seine Leuchte aus
und zertrat die Funken auf dem Boden.
In der Hinterstube standen drei Bettladen. Eine war leer, unterm derben
grauen Leilach sah das Stroh heraus. Im zweiten lag wieder einer, ein
bärtiger Mann, starr auf dem Rücken mit zurückgelegtem Kopf und
emporstehendem Kinn und Bart; es mußte der Bauer sein. Sein
eingesunkenes Gesicht schimmerte fahl in unvertrauten Todesfarben, ein
Arm hing bis zum Boden herab, dort lag umgeworfen und ausgelaufen ein
irdener Wasserkrug, das zerronnene Wasser war vom Boden noch nicht ganz
geschluckt, es war gegen eine Mulde gelaufen, in der stand noch eine
kleine Lache. Im zweiten Bett aber lag, in Leintuch und Kotzen ganz
eingegraben und verwickelt, eine starke große Frau, ihr Gesicht war ins
Bett eingedrückt, derbes strohblondes Haar schimmerte im hellen Licht.
Bei ihr und mit ihr verschlungen lag, wie im zerwühlten Leintuch
gefangen und erdrosselt, ein halbwüchsiges Mädchen, strohblond auch sie,
graublaue Flecken im Totengesicht.
Von einem Toten zum andern ging Goldmunds Blick. In dem Mädchengesicht,
obwohl es schon sehr entstellt war, stand noch etwas von hilflosem
Todesgrauen. Im Nacken und Haar der Mutter, die sich so tief und wild
ins Lager eingewühlt hatte, war Wut, Angst und leidenschaftliches
Fliehenwollen zu lesen. Namentlich das unbändige Haar konnte sich gar
nicht ins Sterben ergeben. Im Antlitz des Bauern war Trotz und
verbissener Schmerz; er war, so schien es, schwer, aber mannhaft
gestorben, sein bärtiges Gesicht ragte steil und starr in die Luft wie
das eines auf der Walstatt hingestreckten Kriegers. Diese still und
trotzig gereckte, ein wenig verbissene Haltung war schön; es war wohl
kein geringer und feiger Mensch gewesen, der den Tod so empfing. Rührend
aber war der kleine Leichnam des Knaben, der bäuchlings über der
Schwelle lag; sein Gesicht sagte nichts, aber seine Lage über der
Schwelle samt den festgeballten Kinderfäusten verkündete viel: ratloses
Leid, hilfloses Sichwehren gegen unerhörte Schmerzen. Dicht neben seinem
Kopf war in die Tür ein Katzenloch gesägt. Aufmerksam betrachtete
Goldmund alles. Es sah ohne Zweifel in dieser Hütte ziemlich scheußlich
aus, und der Leichengeruch war wüst; dennoch hatte für Goldmund das
alles eine tiefe Anziehungskraft, es war alles voll Größe und Schicksal,
so wahr, so unverlogen, irgend etwas daran gewann seine Liebe und drang
ihm in die Seele.
Mittlerweile fing draußen Robert an zu rufen, ungeduldig und ängstlich.
Goldmund hatte Robert gern, dennoch dachte er in diesem Augenblick, wie
sehr doch eigentlich ein lebender Mensch in seiner Angst, seiner
Neugierde, seiner ganzen Kinderei kleinlich und gering sei im Vergleich
mit den Toten. Er gab Robert keine Antwort; er gab sich ganz dem Anblick
der Toten hin, mit jener sonderbaren Mischung von herzlichem Mitfühlen
und kalter Beobachtung, wie die Künstler sie haben. Er sah sich die
liegenden Gestalten und auch die sitzende genau an, die Köpfe, die
Hände, die Bewegung, in der sie erstarrt waren. Wie still war es in
dieser verzauberten Hütte! Wie roch es sonderbar und schrecklich! Wie
war diese kleine Menschenheimat, in der noch ein Rest von Herdfeuer
glomm, gespenstisch und traurig, von Leichen bewohnt, ganz von Tod
erfüllt und durchzogen! Bald würde diesen stillen Gestalten das Fleisch
von den Wangen fallen, und die Ratten würden ihre Finger fressen. Was
andere Menschen im Sarge und im Grab, in gutem Versteck und unsichtbar
vollzogen, das Letzte und Armseligste, das Zerfallen und Verwesen, das
vollzogen diese Fünf hier zu Hause in ihren Stuben, bei Tageslicht, bei
unverschlossener Türe, unbekümmert, schamlos, schutzlos. Goldmund hatte
schon manchen Toten gesehen, aber solch einem Bilde von der
unerbittlichen Arbeit des Todes war er noch nie begegnet. Tief nahm er
es in sich auf.
Endlich störte ihn Roberts Schreien vor der Haustür, er ging hinaus.
Ängstlich sah der Kamerad ihn an.
„Was ist?“ fragte er leise, die Stimme voll Furcht. „Ist denn niemand im
Haus? Oh, und was machst du für Augen. Sprich doch!“
Goldmund maß ihn mit kühlem Blick.
„Geh hinein und sieh dir’s an, es ist ein komisches Bauernhaus. Nachher
melken wir die schöne Kuh drüben. Vorwärts!“
Unentschlossen betrat Robert die Hütte, steuerte auf die Herdstatt los,
entdeckte die sitzende Alte und stieß, als er merkte, sie sei tot, einen
lauten Schrei aus. Eilig kam er zurück, mit aufgerissenen Augen.
„Um Gottes willen! Da sitzt ein totes Weib am Herd. Was ist das? Warum
ist niemand bei ihr? Warum begräbt man sie nicht? O Gott, es riecht ja
schon.“
Goldmund lächelte.
„Du bist ein großer Held, Robert; aber du bist gar zu rasch wieder
umgekehrt. Eine tote alte Frau ist ja, wenn sie so im Stuhl sitzt, ein
merkwürdiger Anblick; aber du kannst, wenn du ein paar Schritte
weitergehst, noch viel Merkwürdigeres sehen. Es sind fünf, Robert. In
den Betten liegen drei, und ein toter Bub liegt mitten auf der Schwelle.
Alle sind tot. Die ganze Familie liegt und ist tot, das Haus ist
ausgestorben. Darum hat auch niemand die Kuh gemolken.“
Entsetzt starrte der andere ihn an, dann rief er plötzlich mit
erstickter Stimme: „Oh, jetzt versteh’ ich auch die Bauern, die uns
gestern nicht in ihr Dorf haben einlassen wollen. O Gott, jetzt wird mir
alles klar. Es ist die Pest! Es ist bei meiner armen Seele die Pest,
Goldmund! Und du bist so lange da drinnen gewesen, und womöglich hast du
die Toten angerührt! Weg, du, komm mir nicht näher, du bist sicher
vergiftet. Es tut mir leid, Goldmund, aber ich muß fort, ich kann nicht
bei dir bleiben.“
Er wollte schon laufen, wurde aber am Pilgerrock festgehalten. Goldmund
sah ihn streng mit stummem Tadel an und hielt ihn, der sich sträubte und
stemmte, unerbittlich fest.
„Mein kleiner Junge“, sagte er mit freundlich-spöttischem Ton, „du bist
klüger, als man meinen sollte, du wirst wahrscheinlich recht haben. Nun,
das werden wir im nächsten Hof oder Dorf erfahren. Wahrscheinlich ist
die Pest in dieser Gegend. Wir werden sehen, ob wir wohlbehalten wieder
davonkommen. Aber laufen lassen, kleiner Robert, kann ich dich nicht.
Schau, ich bin ein barmherziger Mensch, mein Herz ist viel zu weich, und
wenn ich denke, du könntest dich nun da drinnen angesteckt haben, und
ich ließe dich fortlaufen, und du legtest dich da irgendwo im Feld zum
Sterben hin, so ganz allein, und kein Mensch würde dir die Augen zutun
und keiner dir ein Grab machen und etwas Erde auf dich werfen – nein,
lieber Freund, da würgt mich der Jammer. Also paß auf und merke dir sehr
gut, was ich sage, ich sage es nicht zweimal: Wir zwei sind in der
gleichen Gefahr, es kann dich oder mich treffen. Wir bleiben also
beisammen, und wir werden beide miteinander entweder umkommen oder
dieser verfluchten Pest entrinnen. Wenn du krank wirst und stirbst, so
wirst du von mir begraben, das soll gelten. Und wenn ich es bin, der
sterben muß, dann tu wie du magst, begrabe mich oder drücke dich davon,
mir ist es einerlei. Vorher aber, Teurer, wird nicht ausgekniffen, merke
dir das! Wir werden einer den andern nötig haben. Und jetzt halte das
Maul, ich will nichts hören, und suche irgendwo im Stall einen Eimer,
daß wir endlich die Kuh melken können.“
So geschah es, und vom Augenblick an war es Goldmund, der befahl, und
Robert, der gehorchte, und es ging beiden gut dabei. Robert machte
keinen Versuch mehr zu entfliehen. Er sagte nur begütigend: „Ich hatte
einen Augenblick Angst vor dir. Dein Gesicht gefiel mir nicht, als du
aus dem Totenhaus zurückkamst. Ich glaubte, du hättest dir die Pest
geholt. Aber wenn es auch nicht die Pest ist, dein Gesicht ist anders
geworden. War es so schlimm, was du dort drinnen gesehen hast?“
„Es war nicht schlimm“, sagte Goldmund zögernd. „Ich habe dort drinnen
nichts gesehen als das, was mir und dir und allen bevorsteht, auch wenn
wir nicht die Pest bekommen.“
Im Weiterwandern stießen sie bald überall auf den schwarzen Tod, der im
Land regierte. Manche Dörfer ließen keinen Fremden ein, in anderen
konnten sie ungehindert durch alle Gassen gehen. Viele Höfe standen
verlassen, viele unbeerdigte Tote verwesten auf dem Felde oder in den
Stuben. In den Ställen brüllten ungemolken oder hungernd die Kühe, oder
das Vieh lief wild im Felde. Sie molken und fütterten manche Kuh und
Ziege, sie schlachteten und brieten am Waldrand manches Zicklein und
Ferkel und tranken Wein und Most aus manchem herrenlos gewordenen
Keller. Sie hatten ein gutes Leben, es herrschte Überfluß. Aber er
schmeckte ihnen nur halb. Robert lebte in immerwährender Angst vor der
Seuche, und beim Anblick der Leichen wurde ihm übel, oft war er ganz
verstört von Furcht; immer wieder glaubte er sich angesteckt, hielt Kopf
und Hände lang in den Rauch ihrer Lagerfeuer (das galt für heilsam),
tastete sogar im Schlaf an sich herum, ob nicht an den Beinen, an den
Armen, unter den Achseln die Beulen kämen.
Goldmund schalt ihn oft, oft spottete er ihn aus. Er teilte seine Furcht
nicht, und auch nicht seinen Ekel; er ging gespannt und düster durch das
Todesland, furchtbar angezogen vom Anblick des großen Sterbens, die
Seele voll vom großen Herbst, das Herz schwer vom Lied der mähenden
Sense. Manchmal erschien ihm das Bild der ewigen Mutter wieder, ein
bleiches Riesengesicht mit Medusenaugen, mit einem schweren Lächeln voll
Leid und Tod.
Sie kamen einst zu einer kleinen Stadt; sie war schwer befestigt, vom
Tor lief ein Wehrgang in Haushöhe um die ganze Stadtmauer, aber kein
Wächter stand oben und keiner im offenstehenden Tor. Robert weigerte
sich, die Stadt zu betreten, und beschwor auch seinen Kameraden, es
nicht zu tun. Indem hörten sie eine Glocke läuten, es kam zum Tor ein
Priester heraus, ein Kreuz in den Händen, und hinter ihm kamen drei
Lastwagen gefahren, zwei mit Pferden bespannt und einer mit einem Paar
Ochsen, und die Wagen waren bis oben angefüllt mit Leichen. Ein paar
Knechte in sonderbaren Mänteln, die Gesichter tief in Kapuzen verborgen,
liefen nebenher und trieben die Tiere an.
Robert verlor sich mit bleichem Gesicht, Goldmund folgte den Totenwagen
in kleiner Entfernung, es ging ein paar hundert Schritt weit, und da war
kein Friedhof, sondern mitten in der leeren Heide war ein Loch gegraben,
nur drei Spatenstiche tief, aber groß wie ein Saal. Goldmund stand und
sah zu, wie die Knechte mit Stangen und Bootshaken die Toten von den
Wagen rissen und sie zu Haufen in das große Loch stießen, wie der
Priester murmelnd sein Kreuz darüber schwang und davonging, wie die
Knechte auf allen Seiten des flachen Grabes große Feuer anzündeten und
schweigend in die Stadt zurückliefen, ohne daß jemand darangegangen
wäre, die Grube zuzuwerfen. Er schaute hinab, es mochten fünfzig oder
mehr da drinnen liegen, übereinander geschmissen, viele nackt. Starr und
klagend ragte hier und dort ein Arm oder Bein in die Luft, ein Hemde
flatterte schwach im Wind.
Als er zurückkam, flehte Robert ihn beinah auf Knien an, sie möchten
doch eiligst weiterziehen. Er hatte wohl Grund zu seinem Flehen, er sah
in Goldmunds abwesendem Blick diese ihm nun schon allzu bekannte
Versunkenheit und Starre, dies Hingewendetsein zum Schrecklichen, diese
furchtbare Neugierde. Es gelang ihm nicht, seinen Freund zurückzuhalten.
Allein ging Goldmund in die Stadt.
Er ging durchs unbewachte Tor, und indem er seinen Schritt vom Pflaster
widerhallen hörte, standen in seinem Gedächtnis viele Städtchen und
viele Tore auf, durch welche er so gewandert war, und er erinnerte sich,
wie da Kindergeschrei, Knabenspiel, Weibergezänk, Schmiedegehämmer auf
schönklingendem Amboß, Wagengerassel und viele andere Klänge ihn
empfangen hatten, feine und derbe Geräusche, deren Durcheinander wie zu
einem Netz geflochten das Vielerlei menschlicher Arbeit, Freude,
Verrichtung und Geselligkeit verkündet hatte. Hier nun, in diesem hohlen
Tor und dieser leeren Gasse, klang nichts, lachte nichts, schrie nichts,
alles lag erstarrt in Todesschweigen, worin die plaudernde Melodie eines
laufenden Brunnens allzu laut und beinah lärmend klang. Hinter einem
offenen Fenster war ein Bäcker inmitten seiner Laibe und Wecken zu
sehen; Goldmund deutete auf einen Wecken, und der Bäcker reichte ihn
vorsichtig auf langer Backschaufel heraus, wartete darauf, daß Goldmund
ihm Geld auf die Schaufel lege, und schloß sein Fensterchen böse, aber
ohne Gezeter, als der Fremde in den Wecken biß und weiterging, ohne zu
zahlen. Vor den Fenstern eines hübschen Hauses stand eine Reihe von
tönernen Töpfen, in denen hatten sonst Blumen geblüht, jetzt hingen
verdorrte Blätter über die leeren Scherben herab. Aus einem anderen
Hause drang Schluchzen und Jammergeschrei von Kinderstimmen. Aber in der
nächsten Gasse sah Goldmund oben hinter einem Fenster ein hübsches
Mädchen stehen und die Haare kämmen; er schaute ihr zu, bis sie seinen
Blick fühlte und herabblickte, errötend sah sie ihn an, und als er ihr
freundlich zulächelte, lief langsam und schwach auch über ihr errötetes
Gesicht ein Lächeln.
„Bald fertiggekämmt?“ rief er hinauf. Lächelnd beugte sie das lichte
Gesicht aus der Fensterhöhle.
„Noch nicht krank?“ fragte er, und sie schüttelte den Kopf. „Dann komm
mit mir aus dieser Totenstadt hinaus, wir wollen in den Wald gehen und
ein gutes Leben haben.“
Sie machte fragende Augen.
„Besinn dich nicht lange, es ist mir Ernst“, rief Goldmund. „Bist du bei
Vater und Mutter, oder bei fremden Leuten im Dienst? – Bei Fremden also.
Dann komm, liebes Kind; laß die alten Leute sterben, wir sind jung und
gesund und wollen es noch eine Weile gut haben. Komm, Braunhärchen, es
ist mein Ernst.“
Prüfend sah sie ihn an, zögernd, erstaunt. Er ging langsam weiter,
schlenderte durch eine Gasse ohne Menschen und durch eine zweite, und
kehrte langsam zurück. Da stand das Mädchen noch immer am Fenster,
vorgebeugt, und freute sich, daß er wiederkam. Sie winkte ihm zu,
langsam ging er weiter, bald kam sie nach, noch vor dem Tore holte sie
ihn ein, ein kleines Bündel in der Hand, ein rotes Tuch um den Kopf.
„Wie heißt du denn?“ fragte er sie.
„Lene. Ich komme mit dir. Oh, es ist so schlimm hier in der Stadt, alle
sterben. Nur fort, nur fort!“
In der Nähe des Tores kauerte Robert mißgelaunt am Boden. Er sprang auf,
als Goldmund kam, und riß die Augen auf, als er das Mädchen sah. Diesmal
ergab er sich nicht sogleich, er lamentierte und machte Szenen. Daß
einer da aus dem verfluchten Pestloch eine Person mit herausbringe und
daß man ihm zumuten wolle, ihre Gesellschaft zu dulden, das sei mehr als
verrückt, es sei Gott versucht, und er weigere sich, er gehe nicht mehr
mit, seine Geduld sei jetzt zu Ende.
Goldmund ließ ihn fluchen und klagen, bis er stiller wurde.
„So“, sagte er, „du hast uns nun lang genug angesungen. Du wirst jetzt
mit uns gehen und wirst dich freuen, daß wir eine so hübsche
Gesellschaft haben. Sie heißt Lene, und sie bleibt bei mir. Aber nun
will ich dir auch eine Freude machen, Robert, höre: wir wollen jetzt
eine Weile in Ruhe und Gesundheit leben und der Pestilenz aus dem Wege
gehen. Wir suchen uns einen hübschen Ort mit einer leeren Hütte, oder
bauen selber eine, da will ich mit Lene Hausherr und Hausfrau sein, und
du bist unser Freund und lebst mit uns. Wir wollen es jetzt ein bißchen
hübsch und freundlich haben. Einverstanden?“
O ja, Robert war sehr einverstanden. Wenn man nicht von ihm verlange,
daß er der Lene die Hand gebe oder ihre Kleider berühre – –
„Nein“, sagte Goldmund, „das wird nicht verlangt. Es wird dir sogar aufs
strengste verboten, die Lene mit einem Finger anzurühren. Laß dir das
nicht einfallen!“
Sie marschierten zu dreien weiter, schweigend zuerst, dann allmählich
fing das Mädchen zu sprechen an, wie froh sie sei, wieder Himmel und
Bäume und Wiesen zu sehen, es sei so grausig gewesen da drinnen in der
Peststadt, nicht zu sagen. Und sie fing an zu erzählen und ihr Gemüt von
den traurigen und scheußlichen Bildern zu entladen, die sie hatte sehen
müssen. Manche Geschichten erzählte sie, üble Geschichten, die kleine
Stadt mußte eine Hölle sein. Von den beiden Ärzten sei einer gestorben,
der andere gehe bloß zu den Reichen, und in vielen Häusern lägen die
Toten und verfaulten, weil niemand sie holte, in anderen Häusern aber
hätten die Totenknechte gestohlen, geludert und gehurt, und oft hätten
sie mit den Leichen auch die noch lebenden Kranken aus den Betten
gezerrt und auf ihre Schinderkarren geworfen und sie mit den Toten
zusammen in die Gruben geschmissen. Vielerlei Schlimmes hatte sie zu
erzählen; niemand unterbrach sie, Robert hörte entsetzt und lüstern zu,
und Goldmund blieb still und gleichmütig, er ließ das Grausige sich
entleeren und sagte nichts dazu. Was sollte man da auch sagen?
Schließlich wurde Lene müde, und der Strom versiegte, die Worte gingen
ihr aus. Da begann Goldmund langsamer zu gehen und fing ganz leise zu
singen an, ein Lied mit vielen Strophen, und mit jeder Strophe wurde
seine Stimme voller; Lene fing zu lächeln an, und Robert hörte beglückt
und tief verwundert zu – nie hatte er Goldmund bisher singen hören.
Alles konnte er, dieser Goldmund. Da ging er nun und sang, der
wunderliche Mensch! Er sang kunstvoll und rein, aber mit gedämpfter
Stimme. Und Lene summte schon beim zweiten Lied leise mit und fiel bald
mit voller Stimme ein. Es ging gegen Abend, fern hinter der Heide
standen schwarze Wälder und hinter ihnen blaue niedere Berge, die wie
von innen her immer blauer wurden. Bald fröhlich, bald feierlich klang
im Takt der Schritte ihr Gesang.
„Du bist heut so vergnügt“, sagte Robert.
„Ja, ich bin vergnügt, natürlich bin ich heut vergnügt, ich habe ja eine
so hübsche Liebste gefunden. Ach Lene, es ist schon gut, daß dich die
Totenknechte für mich übriggelassen haben. Morgen werden wir ein kleines
Heimatchen finden, da wollen wir es gut haben und froh sein, daß wir
Fleisch und Knochen noch hübsch beisammen haben. Lene, hast du schon
einmal im Herbst in einem Walde den dicken Pilz gesehen, den die
Schnecken so gern mögen und den man essen kann?“
„O ja“, lachte sie, „viele Male hab’ ich ihn gesehen.“
„Grade so braun wie er ist dein Haar, Lene. Es riecht auch so gut.
Wollen wir noch eins singen? Oder hast du etwa Hunger? In meinem Ranzen
ist noch etwas Gutes.“
Am andern Tag fanden sie, was sie gesucht hatten. In einem kleinen
Birkengehölz stand eine Hütte aus rohen Stämmen, vielleicht von
Holzfällern oder von Jägern einmal gebaut. Sie stand leer, die Tür ließ
sich aufbrechen, und auch Robert fand, daß es eine gute Hütte und eine
gesunde Gegend sei. Unterwegs waren sie Ziegen begegnet, die ohne Hirt
sich herumtrieben, und hatten eine schöne Geiß mit sich genommen.
„Nun, Robert“, sagte Goldmund, „wenn du auch kein Zimmermann bist, so
warst du doch einmal ein Schreiner. Wir wollen hier wohnen, du mußt eine
Zwischenwand in unser Schloß bauen, daß wir zwei Stuben haben, eine für
Lene und mich, eine für dich und die Geiß. Zu essen haben wir nicht mehr
viel, wir müssen heut mit der Geißmilch zufrieden sein, ob es viel oder
wenig sei. Du mußt also die Wand bauen, und wir beide rüsten das
Nachtlager für uns alle. Morgen geh’ ich dann nach Futter aus.“
Alle gingen sogleich an die Arbeit. Goldmund und Lene gingen nach Streu,
nach Farnkraut, nach Moos für Schlaflager, und Robert zog sein Messer
auf einem Feldkiesel ab, um Stämmchen für die Wand zu schneiden. Doch
konnte er damit nicht an einem Tage fertig werden, und ging am Abend im
Freien schlafen. Goldmund fand an Lene eine süße Gespielin, scheu und
unerfahren, aber voll Liebe. Sanft nahm er sie an seine Brust und wachte
noch lange und hörte ihr Herz schlagen, als sie längst ermüdet und
gesättigt eingeschlafen war. Er roch an ihrem braunen Haar und schmiegte
sich an sie und dachte zugleich an jene große flache Grube, in welche
die vermummten Teufel all die Wagen voll Leichen geworfen hatten. Schön
war das Leben, schön und flüchtig war das Glück, schön und rasch
verwelkt die Jugend.
Sehr hübsch wurde die Zwischenwand der Hütte, schließlich arbeiteten sie
alle drei daran. Robert wollte zeigen, was er könne, und sprach eifrig
darüber, was er alles bauen wollte, wenn er nur eine Hobelbank und
Werkzeug und Winkeleisen und Nägel hätte. Da er nichts hatte als sein
Messer und seine Hände, begnügte er sich damit, ein Dutzend
Birkenstämmchen zu schneiden und aus ihnen einen festen derben Zaun in
den Hüttenboden zu bauen. Die Zwischenräume aber, so verfügte er, mußten
mit Flechtwerk aus Ginster zugebaut werden. Das brauchte Zeit, aber es
wurde fröhlich und schön, alle halfen mit. Zwischenein mußte Lene auf
die Beerensuche gehen und nach der Ziege sehen, und Goldmund suchte in
kleinen Streifzügen die Gegend ab, fahndete nach Nahrung, erkundete die
Nachbarschaft und brachte dies und jenes mit. Weit und breit waren keine
Menschen in der Nähe, damit war namentlich Robert sehr einverstanden,
man war sicher vor Ansteckung sowohl wie vor Feindseligkeiten; aber es
hatte den Nachteil, daß sich sehr wenig zu essen fand. Es gab eine
verlassene Bauernhütte in der Nähe, diesmal ohne Tote darin, so daß
Goldmund vorschlug, sie zum Quartier zu wählen statt ihrer Blockhütte,
aber Robert weigerte sich schaudernd und sah es ungern, daß Goldmund das
leere Haus betrat, und jedes Stück, das jener von dort herüberbrachte,
mußte erst geräuchert und gewaschen werden, eh Robert es anfaßte. Viel
war es nicht, was Goldmund drüben fand, doch aber zwei Stabellen, einen
Milcheimer, einige Stück irdenes Geschirr, ein Beil, und eines Tages
fing er zwei verflogene Hühner im Felde. Lene war verliebt und
glücklich, und allen dreien machte es Spaß, an ihrer kleinen Heimat zu
bauen und sie jeden Tag ein bißchen hübscher zu machen. An Brot fehlte
es, dafür stellten sie noch eine Ziege ein, und ein Äckerchen mit Rüben
wurde auch gefunden. Tag um Tag verging, die geflochtene Wand war
fertig, die Lagerstätten wurden verbessert und ein Herd gebaut. Der Bach
war nicht weit, das Wasser war hell und süß. Oft wurde zur Arbeit
gesungen.
Eines Tages, als sie gemeinsam ihre Milch tranken und ihr häusliches
Leben rühmten, sagte Lene plötzlich, mit träumerischem Ton: „Wie wird es
aber, wenn dann der Winter kommt?“
Niemand gab Antwort. Robert lachte, Goldmund blickte sonderbar vor sich
hin. Allmählich merkte Lene, daß niemand an den Winter dachte, daß
niemand daran dachte, allen Ernstes so lange Zeit am selben Ort zu
bleiben, daß die Heimat keine Heimat, daß sie unter Landfahrern war. Sie
ließ den Kopf hängen.
Da sagte Goldmund, spielerisch und ermunternd wie zu einem Kind: „Du
bist eine Bauerntochter, Lene, die sorgen weit voraus. Hab keine Angst,
du wirst schon wieder nach Hause finden, wenn diese Pestzeit vorüber
ist, sie wird ja nicht ewig dauern. Dann gehst du zu deinen Eltern oder
wen du sonst hast, oder gehst wieder in die Stadt in einen Dienst und
hast dein Brot. Jetzt aber ist noch Sommer, und überall in der Gegend
ist das Sterben, hier aber ist es hübsch, und es geht uns gut. Darum
bleiben wir hier, so lang oder so kurz als es uns gefällt.“
„Und nachher?“ rief Lene heftig. „Nachher ist alles aus? Und du gehst
fort? Und ich?“
Goldmund haschte ihren Zopf und zog sachte daran.
„Kleines dummes Kind“, sagte er, „hast du die Totenknechte schon
vergessen, und die ausgestorbenen Häuser, und das große Loch vor dem
Tor, wo die Feuer brennen? Du sollst froh sein, daß du nicht dort in dem
Loch liegst und der Regen auf dein Hemdchen regnet. Daran sollst du
denken, daß du entronnen bist, daß du noch das liebe Leben in deinen
Gliedern hast und noch lachen und singen kannst.“
Sie war noch nicht zufrieden.
„Ich will aber nicht wieder fort“, klagte sie, „und will dich nicht fort
lassen, nein. Man kann doch nicht froh sein, wenn man weiß, daß schon
bald alles wieder aus und vorbei sein soll!“
Nochmals gab Goldmund Antwort, freundlich, aber mit einem verborgenen
Klang von Drohung in der Stimme:
„Darüber, kleine Lene, haben sich schon alle Weisen und Heiligen den
Kopf zerbrochen. Es gibt kein Glück, das lang dauert. Wenn dir aber das,
was wir jetzt haben, nicht gut genug ist und nicht mehr Freude macht,
dann zünde ich noch in dieser Stunde die Hütte an, und jeder von uns
geht seiner Wege. Laß es gut sein, Lene, es ist genug gesprochen.“
Dabei blieb es, und sie ergab sich, aber ein Schatten war auf ihre
Freude gefallen.
Vierzehntes Kapitel
Noch eh der Sommer ganz verblüht war, fand das Hüttenleben sein Ende,
anders als sie gedacht hatten. Es kam ein Tag, da trieb sich Goldmund
lange mit einer Vogelschleuder in der Gegend herum in der Hoffnung, etwa
ein Rebhuhn oder sonst ein Wild zu erwischen, die Nahrung war ziemlich
karg geworden. Lene war in der Nähe und sammelte Beeren, manchmal strich
er an ihrem Revier vorüber und sah überm Gesträuch ihren Kopf auf dem
braunen Hals aus dem Leinenhemd ragen oder hörte sie singen; einmal
naschte er ein paar Beeren bei ihr, dann streifte er weiter und sah sie
eine Weile nicht mehr. Er dachte an sie, halb zärtlich, halb ärgerlich,
sie hatte wieder einmal vom Herbst und von der Zukunft gesprochen, und
daß sie schwanger zu sein glaube, und daß sie ihn nicht fortlasse. Nun
geht es bald zu Ende, dachte er, bald wird es genug sein, dann wandere
ich allein und lasse auch Robert zurück, ich will sehen, daß ich bis
gegen den Winter wieder in die große Stadt zum Meister Niklaus komme,
dann bleibe ich den Winter dort, und im nächsten Frühling kauf’ ich mir
neue gute Schuhe und ziehe los und schlage mich durch, bis ich in unser
Kloster nach Mariabronn komme und Narziß begrüßen kann, es werden wohl
zehn Jahre sein, daß ich ihn nicht gesehen habe. Ich muß ihn
wiedersehen, sei es auch nur für einen Tag oder zwei.
Ein unvertrauter Laut weckte ihn aus seinen Gedanken, und plötzlich ward
ihm bewußt, wie er mit allen Gedanken und Wünschen schon weit fort und
nicht mehr hier gewesen war. Er horchte scharf, jener bange Laut
wiederholte sich, er glaubte Lenes Stimme zu erkennen und folgte ihr,
obwohl es ihm nicht gefiel, daß sie ihm rufe. Bald war er nah genug –
ja, das war Lenes Stimme, und sie schrie wie in großer Not seinen Namen.
Er lief rascher, noch immer etwas geärgert, bei ihren wiederholten
Schreien aber nahmen Mitleid und Besorgnis in ihm überhand. Als er sie
endlich sehen konnte, saß oder kniete sie in der Heide, mit ganz
zerrissenem Hemde, und rang schreiend mit einem Mann, der sie
vergewaltigen wollte. In langen Sprüngen kam Goldmund heran, und was an
Ärger, Unruhe und Trauer in ihm gewesen war, entlud sich in einer
rasenden Wut gegen den fremden Attentäter. Er überraschte ihn, wie er
Lene vollends zu Boden drücken wollte, ihre nackte Brust blutete, gierig
hielt der Fremde sie umklammert. Goldmund warf sich auf ihn und preßte
ihm mit wütenden Händen die Kehle zusammen, die sich hager und sehnig
anfühlte und mit wolligem Bart bewachsen war. Mit Wonne drückte Goldmund
zu, bis der andere das Mädchen losließ und ihm erschlafft in den Händen
hing; weiter würgend schleifte er den Kraftlosen und halb Entseelten ein
Stück am Boden fort bis zu einigen grauen Felsrippen, die da nackt aus
der Erde standen. Hier hob er den Besiegten, so schwer er war, zweimal,
dreimal hoch und ließ seinen Kopf auf die kantigen Felsen schlagen. Mit
gebrochenem Genick warf er den Körper weg, sein Zorn war noch nicht
gesättigt, er hätte ihn noch weiter mißhandeln mögen.
Strahlend sah Lene zu. Ihre Brust blutete, und sie zitterte noch am
ganzen Leibe und schnappte nach Luft, aber sie hatte sich alsbald
aufgerafft und sah mit einem entrückten Blick voll Wollust und
Bewunderung zu, wie ihr starker Geliebter den Eindringling
dahinschleppte, wie er ihn würgte, wie er ihm das Genick brach und
seinen Leichnam von sich schmiß. Wie eine totgeschlagene Schlange lag
der Tote da, schlaff und verrenkt, sein graues Gesicht mit wüstem Bart
und dünnen ärmlichen Haaren hing ihm jämmerlich hintenüber. Jubelnd
richtete Lene sich auf und fiel Goldmund ans Herz, doch erbleichte sie
plötzlich, der Schrecken lag ihr noch in den Gliedern, es wurde ihr übel
und sie sank erschöpft ins Blaubeerenkraut. Bald aber konnte sie mit
Goldmund zur Hütte gehen. Goldmund wusch ihr die Brust, sie war
zerkratzt, und die eine Brust hatte eine Bißwunde von den Zähnen des
Unholds.
Robert regte sich sehr über das Abenteuer auf, hitzig fragte er nach den
Einzelheiten des Kampfes.
„Das Genick gebrochen, sagst du? Großartig! Goldmund, man muß dich
fürchten.“
Aber Goldmund mochte nicht weiter davon reden, er war jetzt kühl
geworden, und im Weggehen von dem Toten hatte er an den armen
Schnapphahn Viktor denken müssen, und daß es nun der zweite Mensch sei,
der von seiner Hand gestorben war. Um Robert loszuwerden, sagte er: „Nun
könntest aber auch du etwas tun. Geh hinüber und schau, daß du die
Leiche wegbringst. Wenn es zu schwer geht, ein Loch für sie zu machen,
dann muß er in den Schilfsee hinübergetragen oder gut mit Steinen und
Erde bedeckt werden.“ Aber dies Ansinnen wurde abgelehnt, mit Leichen
wollte Robert nichts zu tun haben, man wisse bei keiner, ob nicht das
Pestgift in ihr stecke.
Lene hatte sich in der Hütte niedergelegt. Der Biß in der Brust
schmerzte, doch fühlte sie sich bald besser, stand wieder auf, fachte
Feuer an und kochte die Abendmilch; sie war sehr gut gelaunt, wurde aber
früh zu Bett geschickt. Sie gehorchte wie ein Lamm, so sehr bewunderte
sie Goldmund. Dieser war schweigsam und finster; Robert kannte das und
ließ ihn in Ruhe. Als Goldmund spät seine Streu aufsuchte, bückte er
sich horchend zu Lene hinab. Sie schlief. Er fühlte sich unruhig, dachte
an Viktor, fühlte Bangigkeit und Wandertrieb; er spürte, daß es zu Ende
sei mit dem Heimatspielen. Eines aber machte ihn besonders nachdenklich.
Er hatte den Blick aufgefangen, mit dem Lene ihn ansah, als er den toten
Kerl geschüttelt und weggeworfen hatte. Ein merkwürdiger Blick war das
gewesen, er wußte, daß er ihn nie vergessen würde: aus aufgerissenen,
entsetzten und entzückten Augen hatte da ein Stolz, ein Triumph
gestrahlt, eine tiefe leidenschaftliche Mitlust am Rächen und Töten, wie
er sie in einem Frauengesicht nie gesehen und nie geahnt hatte. Wäre
dieser Blick nicht gewesen, dachte er, so würde er vielleicht Lenes
Gesicht später einmal, mit den Jahren, vergessen haben. Dieser Blick
hatte ihr Bauernmädchengesicht groß, schön und schrecklich gemacht. Seit
Monaten hatten seine Augen nichts erlebt, das ihn mit dem Wunsch
durchzuckte: „Das müßte man zeichnen!“ Bei jenem Blick hatte er, mit
einer Art von Schrecken, diesen Wunsch wieder zucken gefühlt.
Da er nicht schlafen konnte, stand er schließlich auf und ging aus der
Hütte. Es war kühl, ein wenig Wind spielte in den Birken. Im Dunkeln
ging er auf und ab, setzte sich dann auf einen Stein, saß und versank in
Gedanken und in tiefe Traurigkeit. Es tat ihm leid um Viktor, es tat ihm
leid um den, den er heut erschlagen hatte, es tat ihm leid um die
verlorene Unschuld und Kindheit seiner Seele. War er darum aus dem
Kloster fortgegangen, hatte Narziß verlassen, hatte den Meister Niklaus
beleidigt und auf die schöne Lisbeth verzichtet – um nun da in einer
Heide zu lagern, verlaufenem Vieh aufzulauern, und um dort in den
Steinen diesen armen Kerl totzuschlagen? Hatte das alles Sinn, war es
wert, gelebt zu werden? Eng wurde ihm das Herz vor Unsinn und
Selbstverachtung. Er ließ sich zurücksinken, lag auf den Rücken
gestreckt und starrte in das bleiche Nachtgewölk, im langen Starren
vergingen ihm die Gedanken; er wußte nicht, starre er ins Gewölk des
Himmels oder in die trübe Welt seines eigenen Innern. Plötzlich, im
Augenblick, da er auf dem Stein entschlief, erschien hinzuckend wie ein
Wetterleuchten im treibenden Gewölk bleich ein großes Gesicht, das
Eva-Gesicht, es blickte schwer und verhangen, plötzlich aber riß es die
Augen weit auf, große Augen voll Wollust und voll Mordlust. Goldmund
schlief, bis der Tau ihn näßte.
Andern Tags war Lene krank. Man ließ sie liegen, es gab viel zu tun:
Robert hatte am Morgen zwei Schafe im Wäldchen angetroffen, die alsbald
vor ihm davonflohen. Er holte Goldmund, sie jagten mehr als den halben
Tag und fingen eins der Schafe ein; sie waren sehr müde, als sie gegen
Abend mit dem Tier zurückkamen. Lene fühlte sich sehr schlecht. Goldmund
beschaute und befühlte sie, und fand Pestbeulen. Er verheimlichte es,
aber Robert schöpfte Verdacht, als er hörte, Lene sei noch krank, und
blieb nicht in der Hütte. Er werde sich draußen eine Schlafstelle
suchen, sagte er, und die Ziege nehme er auch mit, auch sie könnte
angesteckt werden.
„So schere dich zum Teufel“, schrie Goldmund ihn wütend an, „ich begehre
dich nicht wiederzusehen.“ Die Ziege packte er und nahm sie zu sich
hinter die Ginsterwand. Lautlos verlor sich Robert, ohne Ziege, ihm war
übel vor Angst, Angst vor der Pest, Angst vor Goldmund, Angst vor der
Einsamkeit und Nacht. Er legte sich nahe der Hütte nieder.
Goldmund sagte zu Lene: „Ich bleibe bei dir, mach dir keine Sorgen. Du
wirst schon wieder gesund werden.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Nimm dich in acht, Lieber, daß du nicht auch die Krankheit kriegst, du
darfst nicht mehr so nahe zu mir herkommen. Gib dir keine Mühe, mich zu
trösten. Ich muß sterben, und es ist mir lieber zu sterben, als daß ich
eines Tages sehen muß, daß dein Lager leer ist und du mich verlassen
hast. Jeden Morgen habe ich daran gedacht und mich gefürchtet. Nein, ich
sterbe lieber.“
Am Morgen stand es schon schlecht mit ihr. Goldmund hatte ihr von Zeit
zu Zeit einen Schluck Wasser gegeben, hatte zwischenein eine Stunde
geschlafen. Jetzt beim Hellwerden erkannte er in ihrem Gesicht deutlich
den nahen Tod, es war schon so welk und mürbe. Er trat für einen
Augenblick aus der Hütte, um Luft zu schöpfen und nach dem Himmel zu
sehen. Ein paar krumme rote Kiefernstämme am Waldrand leuchteten schon
sonnig, frisch und süß schmeckte die Luft, die fernen Hügel waren noch
unsichtbar im Morgengewölk. Er ging eine kleine Strecke weit, reckte die
müden Glieder und holte tief Atem. Schön war die Welt an diesem
traurigen Morgen. Nun würde bald die Wanderschaft wieder beginnen. Es
galt Abschied zu nehmen.
Vom Walde her rief Robert ihn an. Ob es besser gehe? Wenn es nicht die
Pest sei, bleibe er da, Goldmund möge ihm doch nicht böse sein, er habe
inzwischen das Schaf gehütet.
„Geh zur Hölle samt deinem Schaf“, rief Goldmund ihm zu, „Lene liegt im
Sterben, und auch ich bin angesteckt.“
Das letzte war gelogen; er sagte es, um den andern loszuwerden. Mochte
dieser Robert ein gutherziger Kerl sein, Goldmund hatte genug von ihm,
er war ihm zu feig und zu klein, er paßte ihm allzu schlecht in diese
Zeit voll Schicksal und Erschütterung. Robert verlor sich und kam nicht
wieder. Hell kam die Sonne herauf.
Als er wieder zu Lene kam, lag sie schlafend. Auch er schlief nochmals
ein, im Traum sah er sein einstiges Pferd Bleß und den schönen
Klosterkastanienbaum; ihm war zumute, als blicke er aus unendlicher
Ferne und Öde auf eine verlorene holde Heimat zurück, und als er
erwachte, liefen ihm Tränen über die blondbärtigen Wangen. Mit schwacher
Stimme hörte er Lene sprechen; er glaubte, sie rufe ihm, und stemmte
sich auf seinem Lager hoch, aber sie sprach zu niemand, sie lallte nur
Worte vor sich hin, Koseworte, Schimpfworte, lachte ein wenig, begann
alsdann schwer zu seufzen und zu schlucken und wurde allmählich wieder
still. Goldmund stand auf, beugte sich über ihr schon entstelltes
Gesicht, mit bitterer Neugierde folgte sein Auge den Linien, die sich
unterm sengenden Hauch des Todes so elend verbogen und verwirrten. Liebe
Lene, rief sein Herz, liebes gutes Kind, willst auch du mich schon
verlassen? Hast du schon genug von mir?
Gern wäre er davongelaufen. Wandern, wandern, marschieren, Luft atmen,
müde werden, neue Bilder sehen, das hätte ihm wohlgetan, das würde
vielleicht seine tiefe Bedrücktheit lindern. Aber er konnte nicht, es
war ihm unmöglich, das Kind hier allein liegen und sterben zu lassen.
Kaum traute er sich, alle paar Stunden für eine Weile hinauszugehen, um
frische Luft zu atmen. Da Lene keine Milch mehr annahm, trank er sich
selbst daran satt, sonst war nichts zu essen da. Auch die Ziege führte
er einige Male hinaus, daß sie fresse, Wasser trinke und sich bewege.
Dann stand er wieder an Lenes Lager, murmelte ihr zärtlich zu, blickte
unentwegt in ihr Gesicht und sah trostlos, aber aufmerksam ihrem Sterben
zu. Sie war bei Bewußtsein, zuweilen schlief sie, und wenn sie erwachte,
öffnete sie die Augen nur noch halb, die Lider waren müd und erschlafft.
Hier um die Augen und die Nase herum sah das junge Mädchen von Stunde zu
Stunde älter aus, auf dem frischen jungen Hals saß ein schnell welkendes
Großmuttergesicht. Sie sprach nur selten ein Wort, sagte „Goldmund“ oder
„Liebster“ und suchte die geschwollenen bläulichen Lippen mit der Zunge
zu befeuchten. Dann gab er ihr ein paar Tropfen Wasser.
In der folgenden Nacht starb sie. Sie starb ohne zu klagen, es war nur
ein kurzes Zucken, dann stand der Atem still, und es lief ein Hauch über
die Haut, bei dem Anblick wogte ihm das Herz, und es fielen ihm die
sterbenden Fische ein, die er oft auf dem Fischmarkt gesehen und
bedauert hatte: gerade so waren sie erloschen, mit einem Zuck und mit
einem leisen wehen Schauder, der über ihre Haut lief und den Glanz und
das Leben mitnahm. Er kniete noch eine Weile neben Lene, dann ging er
ins Freie und setzte sich in die Heidekrautbüsche. Die Ziege fiel ihm
ein, er ging nochmals hinein und holte das Tier heraus, das sich nach
kurzem Herumsuchen zu Boden legte. Er legte sich neben sie, den Kopf auf
ihrer Flanke, und schlief, bis es hell wurde. Nun ging er zum letztenmal
in die Hütte und hinter die geflochtene Wand, sah zum letztenmal das
arme Totengesicht. Es widerstrebte ihm, die Tote da liegenzulassen. Er
ging und suchte Arme voll Dürrholz und welkes Gestrüpp zusammen, das
warf er in die Hütte, schlug Feuer und zündete an. Aus der Hütte nahm er
nichts mit sich als das Feuerzeug. Hellauf brannte im Augenblick die
dürre Ginsterwand. Draußen blieb er stehen und schaute zu, das Gesicht
vom Feuer gerötet, bis auch das ganze Dach in Flammen stand und die
ersten Dachbalken stürzten. Ängstlich und klagend sprang die Ziege. Es
wäre richtig gewesen, das Tier zu töten und ein Stück von ihm zu rösten
und zu essen, um Kraft für die Wanderschaft zu haben. Aber es war ihm
nicht möglich; er trieb die Geiß in die Heide und ging davon. Bis in den
Wald hinein folgte ihm der Rauch von der Brandstelle. Nie hatte er eine
Wanderung so trostlos angetreten.
Und dennoch war das, was ihn nun erwartete, noch schlimmer, als er
gedacht hätte. Bei den ersten Höfen und Dörfern begann es und dauerte an
und wurde ärger, je weiter er kam. Die ganze Gegend, das ganze weite
Land stand unter einer Wolke von Tod, unter einem Schleier von Grauen,
Angst und Seelenverfinsterung, und das Schlimmste waren nicht die
ausgestorbenen Häuser, die an der Kette verhungerten und verwesenden
Hofhunde, die unbegraben liegenden Toten, die bettelnden Kinder, die
Massengräber vor den Städten. Das Schlimmste waren die Lebenden, die
unter der Last von Schrecken und Todesangst ihre Augen und ihre Seelen
verloren zu haben schienen. Wunderliche und grausige Dinge bekam der
Wanderer überall zu hören und zu sehen. Eltern hatten die Kinder und
Gatten ihre Frauen verlassen, wenn sie krank geworden waren. Die
Pestknechte und Spitalbüttel herrschten wie Henker, sie raubten in den
leergestorbenen Häusern, ließen nach ihrer Willkür bald die Leichen
unbeerdigt, bald rissen sie die Sterbenden, noch eh sie ausgeatmet
hatten, aus den Betten und auf die Leichenkarren. Geängstete Flüchtlinge
irrten einsam umher, verwildert, jede Berührung mit Menschen meidend,
von Todesfurcht gejagt. Andere taten sich in aufgepeitschter,
erschreckter Lebenslust zusammen, hielten Zechgelage und feierten Tanz-
und Liebesfeste, bei denen der Tod die Fiedel strich. Verwahrlost,
trauernd oder lästernd, mit irren Augen hockten andere vor den
Friedhöfen oder vor ihren entvölkerten Häusern. Und, schlimmer als
alles: Jeder suchte für das unerträgliche Elend einen Sündenbock, jeder
behauptete die Verruchten zu kennen, die an der Seuche schuld und ihre
böswilligen Urheber seien. Teuflische Menschen, hieß es, sorgten
schadenfroh für die Verbreitung des Sterbens, indem sie aus den
Pestleichen das Seuchengift holten und an die Mauern und Türklinken
strichen, Brunnen und Vieh damit vergifteten. Wer in den Verdacht dieser
Greuel kam, war verloren, wenn er nicht gewarnt wurde und fliehen
konnte; er wurde entweder von der Justiz oder vom Pöbel mit dem Tod
bestraft. Außerdem gaben die Reichen den Armen die Schuld und umgekehrt,
oder es sollten die Juden sein, oder die Welschen, oder die Ärzte. In
einer Stadt sah Goldmund mit grimmigem Herzen zu, wie die ganze
Judengasse brannte, Haus an Haus, rundum stand das johlende Volk, und
die schreienden Flüchtlinge wurden mit Waffengewalt ins Feuer
zurückgejagt. Im Irrsinn der Angst und Erbitterung wurden überall
Unschuldige totgeschlagen, verbrannt, gefoltert. Mit Wut und Ekel sah
Goldmund zu, die Welt schien zerstört und vergiftet, es schien keine
Freude, keine Unschuld, keine Liebe mehr auf Erden zu geben. Oft floh er
zu den heftigen Festen der Lebenslustigen, überall klang die Fiedel des
Todes, er lernte ihren Klang bald kennen, oft nahm er teil an den
verzweifelten Gelagen, oft spielte er dabei die Laute oder tanzte beim
Pechfackelschein durch fiebernde Nächte mit.
Furcht fühlte er nicht. Einst hatte er die Todesangst gekostet, in jener
Winternacht unter den Tannen, als Viktors Finger um seine Kehle gedrückt
lagen, und auch im Schnee und Hunger manches harten Wandertages. Das war
ein Tod gewesen, mit dem man kämpfen, gegen den man sich zur Wehr setzen
konnte, und er hatte sich gewehrt, mit zitternden Händen und Füßen, mit
klaffendem Magen, mit erschöpften Gliedern, hatte sich gewehrt, hatte
gesiegt und war entkommen. Mit diesem Pesttod aber war nicht zu kämpfen,
man mußte ihn toben lassen und sich ergeben, und Goldmund hatte sich
längst ergeben. Er hatte keine Furcht, es schien, als sei ihm nichts
mehr am Leben gelegen, seit er Lene in der brennenden Hütte
zurückgelassen hatte, seit er Tag um Tag durch das vom Tod verheerte
Land zog. Aber eine ungeheure Neugierde trieb ihn und hielt ihn wach; er
war unermüdlich, dem Schnitter zuzusehen, das Lied der Vergänglichkeit
zu hören, nirgends wich er aus, überall ergriff ihn dieselbe stille
Leidenschaft, dabei zu sein und mit wachen Augen den Gang durch die
Hölle zu tun. Er aß verschimmeltes Brot in ausgestorbenen Häusern, er
sang und zechte Wein bei den wahnsinnigen Gelagen, pflückte die schnell
welkende Blume der Lust, sah in die starren trunkenen Augen der Weiber,
sah in die starren blöden Augen der Betrunkenen, sah in die erlöschenden
Augen der Sterbenden, liebte die verzweifelten fiebernden Frauen, half
Tote hinaustragen für einen Teller Suppe, half für zwei Groschen Erde
über nackte Leichen schütten. Es war dunkel und wild in der Welt
geworden, heulend sang der Tod sein Lied, Goldmund hörte es mit offenen
Ohren, mit brennender Leidenschaft.
Sein Ziel war die Stadt des Meisters Niklaus, dorthin zog ihn die Stimme
in seinem Herzen. Lang war der Weg, und er war voll Tod, voll Welke und
Sterben. Traurig zog er hin, berauscht vom Todeslied, hingegeben an das
laut schreiende Leid der Welt, traurig und dennoch glühend, mit weit
offenen Sinnen.
In einem Kloster sah er ein neugemaltes Wandbild, das mußte er lange
betrachten. Es war da der Totentanz an eine Mauer gemalt, da tanzte der
bleiche knöcherne Tod die Menschen aus dem Leben, den König, den
Bischof, den Abt, den Grafen, den Ritter, den Arzt, den Bauer, den
Landsknecht, alle nahm er mit, und beinerne Musikanten spielten auf
hohlen Knochen dazu auf. Tief sogen Goldmunds neugierige Augen das Bild
in sich ein. Da hatte ein unbekannter Kollege die Lehre aus dem gezogen,
was er vom schwarzen Tod gesehen hatte, und schrie die bittere Predigt
vom Sterbenmüssen den Menschen gell in die Ohren. Es war gut, das Bild,
es war eine gute Predigt, nicht schlecht hatte dieser fremde Kollege die
Sache gesehen und hingestrichen, es klang beinern und schaurig aus
seinem wilden Bilde. Aber doch war es nicht das, was er selbst,
Goldmund, gesehen und erlebt hatte. Es war das Sterbenmüssen, das hier
gemalt war, das strenge und unerbittliche. Goldmund aber hätte sich ein
anderes Bild gewünscht, ganz anders klang in ihm das wilde Lied des
Todes, nicht beinern und streng, sondern eher süß und verführend,
heimwärtslockend, mütterlich. Da, wo der Tod seine Hand ins Leben
streckte, klang es nicht nur so grell und kriegerisch, es klang auch
tief und liebevoll, herbstlich und satt, und in der Todesnähe glühte das
Lebenslämpchen heller und inniger. Mochte der Tod für andere ein
Krieger, ein Richter oder Henker, ein strenger Vater sein – für ihn war
der Tod auch eine Mutter und Geliebte, sein Ruf ein Liebeslocken, seine
Berührung ein Liebesschauer. Als Goldmund den gemalten Totentanz
betrachtet hatte und weiterging, zog es ihn mit erneuter Macht zum
Meister und zum Schaffen. Aber überall gab es Aufenthalte, neue Bilder
und Erlebnisse, mit bebenden Nüstern atmete er die Todesluft, überall
verlangte Mitleid oder Neugierde eine Stunde, einen Tag von ihm. Drei
Tage lang hatte er einen kleinen greinenden Bauernknaben bei sich, trug
ihn stundenlang auf seinem Rücken, einen halbverhungerten Wicht von fünf
oder sechs Jahren, der ihm viel Mühe machte und den er nur schwer wieder
loswerden konnte. Endlich nahm ihm eine Köhlerfrau den Buben ab, ihr
Mann war gestorben, sie wollte wieder etwas Lebendiges um sich haben.
Tagelang begleitete ihn ein herrenloser Hund, fraß ihm aus der Hand,
wärmte ihn beim Schlafen, eines Morgens aber hatte er sich wieder
verloren. Es tat ihm leid, er hatte sich daran gewöhnt, mit dem Hunde zu
sprechen; halbe Stunden lang richtete er grüblerische Reden an das Tier,
über die Schlechtigkeit der Menschen, über die Existenz Gottes, über die
Kunst, über die Brüste und Hüften einer jungen Ritterstochter namens
Julie, die er einst in seiner Jugend gekannt hatte. Denn natürlich war
Goldmund auf seiner Todeswanderung ein klein wenig verrückt geworden,
alle Menschen im Pestgebiet waren ein wenig verrückt, und viele waren es
ganz und gar. Ein klein wenig verrückt war vielleicht auch die junge
Jüdin Rebekka, das schöne schwarze Mädchen mit den brennenden Augen, mit
dem er sich zwei Tage versäumte.
Er fand sie vor einer kleinen Stadt im Felde, bei einem schwarz
verkohlten Trümmerhaufen hockte sie und heulte, schlug sich ins Gesicht
und riß an ihren schwarzen Haaren. Die Haare erbarmten ihn, sie waren so
schön, und er fing ihre wütenden Hände und hielt sie fest und redete dem
Mädchen zu und nahm dabei wahr, daß auch ihr Gesicht und Wuchs von
großer Schönheit war. Sie klagte um ihren Vater, der war samt vierzehn
anderen Juden auf Befehl der Obrigkeit zu Asche verbrannt worden, sie
aber hatte fliehen können, war nun aber verzweifelt zurückgekehrt und
klagte sich an, daß sie sich nicht habe mitverbrennen lassen. Geduldig
hielt er ihre zuckenden Hände fest und sprach sanft auf sie ein, brummte
mitleidig und beschützend, bot ihr Hilfe an. Sie verlangte, daß er ihr
helfe, ihren Vater zu begraben, und sie sammelten aus der noch heißen
Asche alle Knochen heraus, trugen sie feldeinwärts ins Verborgene und
bedeckten sie mit Erde. Es war darüber Abend geworden, und Goldmund
suchte einen Schlafplatz, in einem Eichenwäldchen richtete er dem
Mädchen ein Lager, versprach ihr, zu wachen, und hörte zu, wie sie im
Liegen weiterweinte und schluckte und endlich einschlief. Dann schlief
auch er ein wenig, und am Morgen begann er seine Werbung. Er sagte ihr,
daß sie so allein nicht bleiben könne, man würde sie als Jüdin erkennen
und totschlagen, oder wüste Landfahrer würden sie mißbrauchen, und im
Wald seien Wölfe und Zigeuner. Er aber, er nehme sie mit sich und
schütze sie gegen Wolf und Mensch, denn sie tue ihm leid, und er sei ihr
sehr gut, denn er habe Augen im Kopf und wisse, was Schönheit sei, und
nie werde er dulden, daß diese süßen klugen Augenlider und diese holden
Schultern von Tieren gefressen würden oder auf den Scheiterhaufen kämen.
Finster hörte sie ihn an, sprang auf und lief davon. Er mußte sie jagen
und fangen, eh er fortfahren konnte.
„Rebekka“, sagte er, „du siehst doch, daß ich es nicht schlimm mit dir
meine. Du bist betrübt, du denkst an deinen Vater, du willst jetzt
nichts von Liebe wissen. Aber morgen oder übermorgen oder später werde
ich dich wieder fragen, und bis dahin beschütze ich dich und bringe dir
zu essen und rühre dich nicht an. Sei du traurig, solange es nötig ist.
Du sollst bei mir traurig sein können oder fröhlich, du sollst immer nur
das tun, was dir Freude macht.“
Aber alles war in den Wind geredet. Sie wolle nichts tun, sagte sie
verbissen und wütend, was Freude mache, sie wolle tun, was Schmerzen
bringe, nie mehr werde sie an etwas wie Freude denken, und je eher der
Wolf sie fräße, desto besser sei es für sie. Er solle nun gehen, es
helfe nichts, es sei schon viel zuviel geredet.
„Du“, sagte er, „siehst du denn nicht, daß überall der Tod ist, daß in
allen Häusern und Städten gestorben wird und alles voll von Jammer ist.
Auch die Wut der dummen Menschen, die deinen Vater verbrannt haben, ist
nichts als Not und Jammer, sie kommt nur aus allzu großem Leiden. Schau,
bald holt auch uns der Tod, und wir verfaulen im Feld, und mit unseren
Knochen würfelt der Maulwurf. Laß uns vorher noch leben und lieb
miteinander sein. Ach du, es wäre so schade um deinen weißen Hals und um
deinen kleinen Fuß! Liebes schönes Mädchen, komm mit mir, ich rühre dich
nicht an, ich will dich nur sehen und für dich sorgen.“
Er flehte noch lange und fühlte plötzlich selbst, wie nutzlos es sei,
mit Worten und Gründen zu werben. Er schwieg und sah sie traurig an. Ihr
stolzes königliches Gesicht war starr vor Abweisung.
„So seid ihr“, sagte sie endlich mit einer Stimme voll Haß und
Verachtung, „so seid ihr Christen! Erst hilfst du einer Tochter ihren
Vater begraben, den deine Leute gemordet haben und dessen letzter
Fingernagel mehr wert ist als du, und kaum ist es getan, so soll das
Mädchen dir gehören und mit dir buhlen gehen. So seid ihr! Zuerst dachte
ich, vielleicht seiest du ein guter Mensch. Aber wie solltest du gut
sein! Ach, ihr seid Säue.“
Während sie sprach, sah Goldmund in ihren Augen, hinter dem Haß, etwas
glühen, was ihn rührte und beschämte und ihm tief zu Herzen ging. Er sah
in ihren Augen den Tod, aber nicht das Sterbenmüssen, sondern das
Sterbenwollen, das Sterbendürfen, die stille Gefolgschaft und Hingabe an
den Ruf der Erdenmutter.
„Rebekka“, sagte er leise, „du hast vielleicht recht. Ich bin kein guter
Mensch, obwohl ich es mit dir gutgemeint habe. Verzeih mir. Ich habe
dich erst jetzt verstanden.“
Mit gezogener Mütze grüßte er sie tief wie eine Fürstin und ging davon,
schweren Herzens; er mußte sie untergehen lassen. Lange blieb er betrübt
und mochte mit niemand sprechen. So wenig sie einander glichen, so
erinnerte dies stolze arme Judenkind ihn doch auf irgendeine Art an
Lydia, die Tochter des Ritters. Es brachte Leiden, solche Frauen zu
lieben. Aber eine Weile schien es ihm so, als habe er niemals eine
andere geliebt als diese beiden, die arme ängstliche Lydia und die
scheue bittere Jüdin.
Noch manchen Tag dachte er an das schwarze glühende Mädchen und träumte
manche Nacht von der schlanken brennenden Schönheit ihres Leibes, die zu
Glück und Blüte bestimmt schien und doch schon dem Sterben ergeben war.
O daß diese Lippen und Brüste den „Säuen“ zur Beute werden und im Feld
verwesen sollten! Gab es denn keine Macht, keinen Zauber, diese
kostbaren Blüten zu retten? Ja, es gab einen solchen Zauber: daß sie in
seiner Seele weiterlebten und von ihm gestaltet und aufbewahrt würden.
Mit Schrecken und mit Entzücken fühlte er, wie voll von Bildern seine
Seele war, wie dies lange Wandern durch das Todesland ihn mit Figuren
vollgeschrieben hatte. O wie spannte diese Fülle in seinem Innern, wie
sehnlich verlangte ihn danach, sich still auf sie zu besinnen, sie
abströmen zu lassen und in bleibende Bilder zu verwandeln! Glühender und
begieriger strebte er weiter, noch immer mit offenen Augen und
neugierigen Sinnen, aber voll heftiger Sehnsucht nach Papier und Stift,
nach Ton und Holz, nach Werkstatt und Arbeit.
Der Sommer war vorüber. Viele versicherten, daß mit dem Herbst oder doch
mit dem Winteranfang die Seuche aufhören werde. Es war ein Herbst ohne
Fröhlichkeit. Goldmund kam durch Gegenden, in denen niemand mehr da war,
das Obst zu ernten, es fiel von den Bäumen und faulte im Gras; an
anderen Orten wurde es von verwilderten Horden, die aus den Städten
kamen, in rohen Raubzügen geplündert und vergeudet.
Langsam näherte sich Goldmund seinem Ziel, und in dieser letzten Zeit
befiel ihn mehrmals die Furcht, er möchte vorher noch die Pest erwischen
und in irgendeinem Stalle sterben müssen. Er wollte jetzt nicht mehr
sterben, nicht, ehe er das Glück genossen hätte, noch einmal in einer
Werkstatt zu stehen und sich dem Schaffen hinzugeben. Zum erstenmal in
seinem Leben war ihm jetzt die Welt zu weit und das deutsche Reich zu
groß. Kein hübsches Städtchen konnte ihn zur Rast verlocken, keine
hübsche Bauernmagd hielt ihn länger fest als eine Nacht.
Einmal aber kam er an einer Kirche vorüber, an deren Portal standen in
tiefen, von Schmucksäulchen getragenen Nischen viele Steinfiguren aus
sehr alter Zeit, Figuren von Engeln, Aposteln und Märtyrern, wie er
ähnliche schon oft gesehen hatte; auch in seinem Kloster, in Mariabronn,
hatte es manche Figuren dieser Art gegeben. Früher, als Jüngling, hatte
er sie gerne, aber ohne Leidenschaft betrachtet; sie schienen ihm schön
und würdevoll, aber ein wenig zu feierlich und etwas steif und
altväterisch. Später dann, nachdem er am Ende seiner ersten großen
Wanderschaft von jener süßen traurigen Mutter Gottes des Meisters
Niklaus so sehr ergriffen und entzückt worden war, hatte er diese
altfränkisch feierlichen Steinfiguren allzu schwer und starr und fremd
gefunden, er hatte sie mit einem gewissen Hochmut betrachtet und hatte
in der neuen Art seines Meisters eine viel lebendigere, innigere,
beseeltere Kunst gesehen. Heute nun, da er voll von Bildern, die Seele
gezeichnet von den Narben und Spuren heftiger Abenteuer und Erlebnisse,
voll schmerzlicher Sehnsucht nach Besinnung und nach neuem Schaffen aus
der Welt zurückkam, rührten diese uralten strengen Figuren sein Herz
plötzlich mit übermächtiger Gewalt. Andächtig stand er vor den
ehrwürdigen Bildern, in welchen das Herz einer lang vergangenen Zeit
fortlebte und die Ängste und Entzückungen längst verschwundener
Geschlechter nach Jahrhunderten noch zu Stein erstarrt der
Vergänglichkeit Trotz boten. In seinem verwilderten Herzen erhob sich
schauernd und demütig das Gefühl der Ehrfurcht und ein Grauen vor seinem
vergeudeten und verbrannten Leben. Er tat, was er unendlich lange nicht
mehr getan hatte, er suchte einen Beichtstuhl auf, um zu bekennen und
sich strafen zu lassen.
Aber wohl gab es Beichtstühle in der Kirche, doch in keinem einen
Priester; sie waren gestorben, lagen im Hospital, waren geflohen,
fürchteten Ansteckung. Die Kirche war leer, hohl klangen Goldmunds
Schritte im Steingewölbe wider. Er kniete vor einem der leeren
Beichtstühle nieder, schloß die Augen und flüsterte ins Sprechgitter
hinein: „Lieber Gott, sieh, was aus mir geworden ist. Ich komme aus der
Welt zurück und bin ein schlechter unnützer Mensch geworden, ich habe
meine jungen Jahre vertan wie ein Verschwender, wenig ist
übriggeblieben. Ich habe getötet, ich habe gestohlen, ich habe gehurt,
ich bin müßiggegangen und habe andern das Brot weggegessen. Lieber Gott,
warum hast du uns so geschaffen, warum führst du uns solche Wege? Sind
wir nicht deine Kinder? Ist nicht dein Sohn für uns gestorben? Gibt es
nicht Heilige und Engel, uns zu leiten? Oder sind das alles hübsche
erfundene Geschichten, die man den Kindern erzählt und über die die
Pfaffen selber lachen? Ich bin irr an dir geworden, Gottvater, du hast
die Welt übel geschaffen, schlecht hältst du sie in Ordnung. Ich habe
Häuser und Gassen voll von Toten liegen sehen, ich habe gesehen, wie die
Reichen sich in ihren Häusern verschanzt haben oder geflohen sind und
wie die Armen ihre Brüder unbegraben haben liegenlassen, wie sie einer
den anderen verdächtigt und die Juden wie Vieh totgeschlagen haben. Ich
habe so viele Unschuldige leiden und untergehen sehen und so viele Böse
im Wohlleben schwimmen. Hast du uns denn ganz vergessen und verlassen,
ist dir deine Schöpfung ganz entleidet, willst du uns alle zugrunde
gehen lassen?“
Seufzend trat er durchs hohe Portal heraus und sah die schweigenden
Steinbilder, Engel und Heilige, hager und hoch in ihren starr gefalteten
Gewändern stehen, unbewegt, unerreichbar, übermenschlich und doch von
Menschenhand und aus Menschengeist geschaffen. Streng und taub standen
sie da oben auf ihrem knappen Raume, keiner Bitte und Frage zugänglich,
und waren doch ein unendlicher Trost, waren ein triumphierender Sieg
über Tod und Verzweiflung, wie sie in ihrer Würde und Schönheit standen
und ein hinsterbendes Menschengeschlecht ums andere überdauerten. Ach,
daß hier auch die arme schöne Jüdin Rebekka stünde und die arme, mit der
Hütte verbrannte Lene und die holde Lydia und Meister Niklaus! Aber sie
würden einmal stehen und dauern, er würde sie hinstellen, und ihre
Gestalten, die ihm heute Liebe und Qual, Angst und Leidenschaft
bedeuteten, würden vor den später Lebenden stehen, ohne Namen und
Geschichte, stille, schweigende Sinnbilder des Menschenlebens.
Fünfzehntes Kapitel
Endlich war das Ziel erreicht, und Goldmund betrat die ersehnte Stadt
durch dasselbe Tor, durch das er einst, vor so viel Jahren, zum
erstenmal geschritten war, um seinen Meister zu suchen. Manche Nachricht
aus der Bischofsstadt hatte ihn schon unterwegs im Näherkommen erreicht;
er wußte, daß auch dort die Pest gewesen war und vielleicht noch immer
herrschte, man hatte ihm von Unruhen und Volksaufständen erzählt und daß
ein kaiserlicher Statthalter gekommen sei, um Ordnung zu schaffen,
Notgesetze zu geben und Gut und Leben der Bürger zu schützen. Denn der
Bischof hatte die Stadt gleich nach dem Ausbruch der Seuche verlassen
und residierte fern in einem seiner Schlösser auf dem Lande. An allen
diesen Nachrichten hatte der Wanderer wenig teilgenommen. Wenn nur die
Stadt noch stand und die Werkstätte, wo er arbeiten wollte! Alles andere
war ihm nicht wichtig. Als er ankam, war die Pest erloschen, man
erwartete die Rückkehr des Bischofs und freute sich auf den Abzug des
Statthalters und die Wiederkehr des gewohnten friedlichen Lebens.
Als Goldmund die Stadt wiedersah, zog ihm eine nie zuvor erlebte Woge
von Wiedersehen und Heimatgefühl durchs Herz, und er schnitt ein
ungewohnt strenges Gesicht, um sich zu bemeistern. Oh, dies alles war
noch da: die Tore, die schönen Brunnen, der alte klotzige Turm der
Kathedrale und der schlanke neue der Marienkirche, das helle Geläut von
Sankt Lorenz, der große strahlende Marktplatz! O wie gut, daß das alles
auf ihn gewartet hatte! Hatte er nicht unterwegs einmal geträumt, daß er
hier ankomme und alles fremd und verändert vorfinde, teils zerstört und
in Trümmern, teils unkenntlich durch neue Bauten und wunderliche
unerfreuliche Zeichen? Die Tränen waren ihm nahe, während er durch die
Gassen ging, Haus um Haus wiedererkennend. Waren am Ende nicht doch die
Seßhaften zu beneiden, in ihren hübschen sicheren Häusern, in ihrem
befriedeten Bürgerleben, in ihrem beruhigenden und stärkenden Gefühl von
Heimathaben, von Zuhausesein in Stube und Werkstatt, zwischen Weib und
Kind, Gesinde und Nachbarschaft?
Es war Spätnachmittag, und an der Sonnseite der Gasse standen die
Häuser, die Wirts- und Zunftschilder, die geschnitzten Türen und die
Blumentöpfe warm bestrahlt, nichts erinnerte daran, daß auch in dieser
Stadt der wütende Tod und der irre Angstwahn der Menschen regiert habe.
Kühl, hellgrün und hellblau strömte unter den tönenden Gewölben der
Brücke der klare Fluß; Goldmund setzte sich eine Weile auf die Brüstung
der Ufermauer, noch immer glitten unten im grünen Kristall die dunklen
schattenhaften Fische hin oder standen regungslos, die Nasen gegen die
Strömung gekehrt, noch immer blinkte aus den Dämmerungen der Tiefe hier
und dort jenes schwache Goldleuchten herauf, das soviel verspricht und
das Träumen so sehr begünstigt. Auch in anderen Wassern gab es das, und
auch andere Brücken und Städte waren hübsch anzuschauen, und doch schien
ihm, er habe seit sehr langer Zeit dergleichen nicht mehr gesehen und
Ähnliches nicht mehr gefühlt.
Zwei Metzgerburschen trieben lachend ein Kalb vorüber, sie wechselten
Blicke und Späße mit einer Magd, die über ihnen in einer Laube Wäsche
abnahm. Wie schnell doch alles vorüberging! Vor kurzem noch hatten hier
die Pestfeuer gebrannt und die scheußlichen Spittelknechte gewaltet, und
jetzt lief das Leben wieder weiter, man lachte und machte Späße; und ihm
selbst ging es nicht anders, da saß er und war entzückt vom Wiedersehen
und fühlte sich dankbar und hatte sogar ein Herz für die Seßhaften, als
ob es kein Elend und keinen Tod, keine Lene und keine Judenprinzessin
gegeben hätte. Lächelnd stand er auf und ging weiter, und erst als er
sich der Gasse des Meisters Niklaus näherte und den Weg wieder ging, den
er vor Zeiten jahrelang jeden Tag zu seiner Arbeit gegangen war, begann
sein Herz beklemmt und unruhig zu werden. Er ging schneller, er wollte
heut noch beim Meister vorsprechen und Bescheid wissen, es ertrug keinen
Aufschub mehr, es hätte ihm ganz unmöglich geschienen, noch bis morgen
zu warten. Sollte der Meister ihm etwa noch böse sein? Das war so lange
her, es konnte keine Bedeutung mehr haben; und wenn es doch so sein
sollte, so würde er es überwinden. Wenn der Meister nur noch da war, er
und die Werkstatt, dann war alles gut. Eilig, als ob er noch in letzter
Stunde etwas versäumen könnte, schritt er auf das wohlbekannte Haus zu,
faßte nach dem Türgriff und erschrak heftig, als er das Tor geschlossen
fand. Konnte das Böses bedeuten? Früher war es nie vorgekommen, daß
diese Tür am hellen Tag verschlossen gehalten wurde. Dröhnend ließ er
den Klopfer fallen und wartete. Es war ihm plötzlich sehr bang ums Herz
geworden.
Es kam dieselbe alte Magd, die ihn einst beim ersten Eintritt in dies
Haus empfangen hatte. Sie war nicht häßlicher geworden, aber älter und
unfreundlicher, und sie erkannte Goldmund nicht. Mit banger Stimme
fragte er nach dem Meister. Sie blickte ihn blöde und mißtrauisch an.
„Meister? Es gibt hier keinen Meister. Geht nur weiter, Mann, es wird
niemand eingelassen.“
Sie wollte ihn aus dem Tor zurückdrängen, er nahm sie am Arm und schrie
auf sie ein: „So rede doch, Margrit, um Gottes willen! Ich bin Goldmund,
kennst du mich denn nicht? Ich muß zum Meister Niklaus.“
Aus den weitsichtigen, halb erloschenen Augen schimmerte kein Willkomm.
„Es gibt hier keinen Meister Niklaus mehr“, sagte sie ablehnend, „der
ist tot. Machet, daß Ihr weiterkommt, ich kann hier nicht stehen und
schwatzen.“
Goldmund, während alles in ihm zusammenstürzte, drückte die Alte
beiseite, die schreiend hinter ihm herlief, und eilte durch den dunklen
Gang gegen die Werkstatt. Sie war geschlossen. Von der klagenden und
schimpfenden Alten gefolgt, lief er die Treppe hinauf, in der Dämmerung
sah er im bekannten Raume die Figuren stehen, die Niklaus gesammelt
hatte. Mit lauter Stimme rief er nach Jungfer Lisbeth.
Es ging die Stubentür, und es erschien Lisbeth, und als er sie, erst
beim zweiten Hinblicken, erkannte, drückte ihm der Anblick das Herz
zusammen. War schon alles hier in diesem Hause, seit dem Augenblick, da
er zu seinem Schrecken das Tor verschlossen gefunden hatte, gespenstisch
und verzaubert und wie in einem beklommenen Traum gewesen, so fuhr ihm
jetzt beim Anblick der Lisbeth wirklich ein Schaudern über den Rücken.
Aus der schönen stolzen Lisbeth war eine scheue, gebückte Jungfer
geworden, mit einem gelben, kränklichen Gesicht, in einem schwarzen
schmucklosen Kleid, mit unsicherem Blick und ängstlicher Haltung.
„Verzeihet“, sagte er, „Margrit wollte mich nicht hereinlassen. Kennet
Ihr mich nicht? Ich bin doch Goldmund. Ach, sagt mir: ist es denn wahr,
daß Euer Vater gestorben ist?“
An ihrem Blick sah er, daß sie ihn jetzt erkenne, und sah auch sogleich,
daß er hier nicht in gutem Andenken stehe.
„So, Ihr seid Goldmund?“ sagte sie, und in der Stimme erkannte er etwas
von ihrer früheren hochmütigen Art. „Ihr habet Euch umsonst herbemüht.
Mein Vater ist gestorben.“
„Und die Werkstatt?“ fuhr es ihm heraus.
„Die Werkstatt? Ist geschlossen. Wenn Ihr Arbeit sucht, müßt Ihr
anderswohin gehen.“
Er versuchte, sich zusammenzunehmen.
„Jungfer Lisbeth“, sagte er freundlich, „ich suche keine Arbeit, ich
wollte nur Grüßgott sagen, dem Meister und Euch. Es betrübt mich so
sehr, daß ich das hören muß! Ich sehe, daß Ihr es schwer gehabt habet.
Wenn Euch ein dankbarer Schüler Eures Vaters irgendeinen Dienst tun
kann, so sagt es, es wäre mir eine Freude. Ach, Jungfer Lisbeth, es will
mir das Herz brechen, daß ich Euch so – so tief im Leid finde.“
Sie zog sich in die Stubentür zurück.
„Danke“, sagte sie zögernd. „Ihr könnet ihm keinen Dienst mehr tun und
mir auch nicht. Margrit wird Euch hinausführen.“
Schlecht klang ihre Stimme, halb böse, halb ängstlich. Er spürte: hätte
sie Mut gehabt, sie hätte ihn schimpflich hinausgewiesen.
Schon war er unten, schon hatte die Alte das Haustor hinter ihm
zugeschlagen und die Riegel gestoßen. Er hörte das harte Anschlagen der
beiden Riegel noch, es klang ihm wie das Zuschlagen eines Sargdeckels.
Langsam kehrte er zu der Ufermauer zurück und setzte sich wieder an den
alten Platz überm Flusse. Die Sonne war untergegangen, kalt zog es vom
Wasser herauf, kalt war der Stein, auf dem er saß. Die Ufergasse war
still geworden, am Brückenpfeiler rauschte die Strömung auf, dunkel lag
die Tiefe, kein Goldschimmer blinkte mehr herauf. Oh, dachte er, daß ich
jetzt über die Mauer fiele und im Fluß verschwände! Wieder war die Welt
voll von Tod. Eine Stunde verging, und die Dämmerung war Nacht geworden.
Endlich konnte er weinen. Er saß und weinte, über die Hände und Knie
fielen ihm die warmen Tropfen. Er weinte um den toten Meister, er weinte
um die verlorene Schönheit Lisbeths, er weinte um Lene, um Robert, um
das Judenmädchen, um seine verwelkte, vergeudete Jugend.
Spät fand er sich in einer Weinschenke ein, wo er einst oft mit
Kameraden gezecht hatte. Die Wirtin erkannte ihn, er bat um ein Stück
Brot, sie gab es ihm und gab ihm freundlich auch einen Becher Wein. Er
brachte weder Brot noch Wein hinunter. Auf einer Bank in der Schenke
schlief er die Nacht. Die Wirtin weckte ihn am Morgen, er sagte Dank und
ging, unterwegs aß er das Stück Brot.
Er ging zum Fischmarkt, da stand das Haus, in dem er damals seine Kammer
gehabt hatte. Neben dem Brunnen hielten ein paar Fischweiber ihre
lebende Ware feil, er starrte in die Bottiche zu den schönen
schimmernden Tieren hinein. Oft hatte er dies früher gesehen, es fiel
ihm wieder ein, daß er oft mit den Fischen Mitleid gehabt hatte und
wütend auf die Weiber und Käufer gewesen war. Einstmals, so erinnerte er
sich, hatte er sich auch einen Morgen hier so herumgetrieben, hatte die
Fische bewundert und bemitleidet und war sehr traurig gewesen, es war
viel Zeit seitdem vergangen und viel Wasser den Fluß hinabgeronnen. Er
war sehr traurig gewesen, das wußte er noch wohl, aber was es war,
worüber er so traurig gewesen war, wußte er nicht mehr. So war es: auch
das Traurige verging, auch die Schmerzen und Verzweiflungen vergingen,
ebenso wie die Freuden, sie gingen vorüber, verblaßten, verloren ihre
Tiefe und ihren Wert, und schließlich kam eine Zeit, da konnte man sich
nicht mehr darauf besinnen, was es gewesen war, das einem einmal so weh
getan hatte. Auch die Schmerzen verblühten und verwelkten. Würde auch
sein heutiger Schmerz einmal verwelken und wertlos sein, seine
Verzweiflung darüber, daß der Meister tot und im Groll gegen ihn
gestorben war und daß keine Werkstatt ihm offenstand, um das Glück des
Schaffens zu kosten und sich die Bilderlast von der Seele zu wälzen? Ja,
ohne Zweifel würde auch dieser Schmerz, auch diese bittere Not alt
werden und müde werden, auch sie würde er vergessen. Nichts hatte
Bestand, auch nicht das Leid.
Indem er auf die Fische starrte und diesen Gedanken hingegeben war,
hörte er eine leise Stimme freundlich seinen Namen sagen.
„Goldmund“, rief es schüchtern, und als er hinschaute, stand da ein
etwas zartes und kränkliches junges Mädchen, aber mit schönen dunklen
Augen, das ihn angerufen hatte. Er kannte es nicht.
„Goldmund! Du bist es doch?“ sagte die schüchterne Stimme. „Seit wann
bist du wieder in der Stadt? Kennst du mich nicht mehr? Ich bin doch
Marie.“
Aber er kannte sie nicht. Sie mußte ihm erzählen, daß sie die Tochter
seiner einstigen Hauswirte sei und daß sie einst, in jener Morgenfrühe
vor seiner Abreise, ihm in der Küche eine Milch gekocht habe. Sie wurde
rot, als sie es erzählte.
Ja, es war Marie, es war das dürftige Kind mit dem kranken Hüftgelenk,
das damals so lieb und schüchtern für ihn gesorgt hatte. Er wußte nun
alles wieder: sie hatte am kühlen Morgen auf ihn gewartet und war so
traurig über seine Abreise gewesen, sie hatte ihm Milch gekocht, und er
hatte ihr einen Kuß gegeben, den hatte sie so still und feierlich
empfangen wie ein Sakrament. Nie mehr hatte er an sie gedacht. Damals
war sie noch ein Kind gewesen. Jetzt war sie groß geworden und hatte
sehr schöne Augen, aber sie hinkte noch immer und sah etwas verkümmert
aus. Er gab ihr die Hand. Es freute ihn, daß doch jemand in dieser Stadt
ihn noch kannte und lieb hatte.
Marie nahm ihn mit, er wehrte sich nur schwach. Bei ihren Eltern in der
Stube, wo sein Bild noch hing und sein rotes Rubinglas überm Kamin auf
dem Bord stand, mußte er zu Mittag essen und wurde eingeladen, ein paar
Tage dazubleiben, man freue sich, ihn einmal wiederzusehen. Hier erfuhr
er auch, was im Haus seines Meisters geschehen war. Niklaus war nicht an
der Pest gestorben, sondern die schöne Lisbeth war es, die die Pest
bekam, sie lag todkrank, und ihr Vater pflegte sich an ihr zu Tode, er
starb, noch eh sie ganz genesen war. Sie wurde gerettet, nur aber war
ihre Schönheit dahin.
„Die Werkstatt steht leer“, sagte der Hausherr, „und für einen tüchtigen
Bildschnitzer wäre da eine schöne Heimat bereit und Geld genug. Überleg
dir das, Goldmund! Sie würde nicht nein sagen. Sie hat keine Wahl mehr.“
Er erfuhr auch dies und jenes andere aus der Pestzeit, daß der Pöbel
zuerst ein Spital angezündet und später einige Häuser von Reichen
erstürmt und geplündert habe, eine Weile sei keine Ordnung und
Sicherheit mehr in der Stadt gewesen, da der Bischof geflohen sei. Da
habe der Kaiser, der gerade in der Nähe war, einen Statthalter
hergeschickt, den Grafen Heinrich. Nun ja, es sei ein schneidiger Herr,
er habe mit seinen paar Reitern und Soldaten Ordnung in der Stadt
geschafft. Aber nun sei es wohl Zeit, daß sein Regiment aufhöre, man
erwarte den Bischof zurück. Der Graf habe der Bürgerschaft manches
zugemutet, und auch von seiner Kebse habe man genug, der Agnes, die sei
schon ein richtiger Teufelsbraten. Na, bald werden sie abziehen, der
Gemeinderat habe es längst satt, statt seines guten Bischofs so einen
Hof- und Kriegsmann auf dem Halse zu haben, der des Kaisers Günstling
sei und beständig Gesandtschaften und Abordnungen empfange wie ein
Fürst.
Nun wurde auch der Gast nach seinen Erlebnissen gefragt. „Ach“, sagte er
traurig, „davon spricht man nicht. Ich bin gewandert und gewandert, und
überall war die Seuche und lagen die Toten herum, und überall waren die
Leute verrückt und böse vor Angst. Ich bin am Leben geblieben,
vielleicht vergißt man das alles einmal wieder. Nun komme ich zurück,
und mein Meister ist tot! Laßt mich ein paar Tage bleiben und ausruhen,
dann geh’ ich weiter.“
Er blieb nicht des Ausruhens wegen. Er blieb, weil er enttäuscht und
unentschlossen war, weil Erinnerungen an glücklichere Zeiten ihm die
Stadt lieb machten und weil die Liebe der armen Marie ihm wohltat. Er
konnte sie nicht erwidern, er konnte ihr nichts geben als Freundlichkeit
und Mitleid, aber ihre stille, demütige Anbetung wärmte ihn doch. Mehr
aber als alles dieses hielt ihn an diesem Ort das brennende Bedürfnis
fest, einmal wieder Künstler zu sein, sei es auch ohne Werkstatt, sei es
auch nur mit Notbehelfen.
Ein paar Tage lang tat Goldmund nichts anderes als zeichnen. Marie hatte
ihm Papier und Feder verschafft, nun saß er in seiner Kammer und
zeichnete Stunde um Stunde, füllte die großen Bogen bald mit eilig
gekritzelten, bald mit liebevoll zarten Figuren, ließ das überfüllte
Bilderbuch seines Innern hinüberwandern aufs Papier. Er zeichnete viele
Male das Gesicht Lenes, wie es nach dem Tod jenes Landstreichers voll
Befriedigung, Liebe und Mordlust gelächelt hatte, und das Gesicht Lenes,
wie es in ihrer letzten Nacht geworden war, begriffen schon im
Hinüberschmelzen ins Formlose, in der Rückkehr zur Erde. Er zeichnete
einen kleinen Bauernbuben, den er einst tot auf der Schwelle zu seinen
Eltern hatte liegen sehen, mit geballten Fäustchen. Er zeichnete einen
Karren voll Leichen, drei mühsam ziehende Klepper davor, Schinderknechte
mit langen Stangen daneben, die Augen finster aus den Schlitzen
schwarzer Pestmasken schielend. Er zeichnete immer wieder Rebekka, das
schlanke schwarzäugige Judenkind, ihren schmalen stolzen Mund, ihr
Gesicht voll Schmerz und voll Entrüstung, ihre holde junge Gestalt, die
so sehr zur Liebe geschaffen schien, ihren hochmütigen bitteren Mund. Er
zeichnete sich selbst, als Wanderer, als Liebenden, als Flüchtling vor
dem mähenden Tod, als Tänzer bei den Pestorgien der Lebenshungrigen.
Hingegeben hing er überm weißen Papier, strich das hochmütige feste
Gesicht der Jungfer Lisbeth hin, so wie er sie früher gekannt hatte, die
Fratze der alten Magd Margrit, das geliebte und gefürchtete Gesicht des
Meisters Niklaus. Mehrmals auch deutete er mit dünnen, ahnenden Strichen
eine große Frauengestalt an, die Erdenmutter, sitzend mit den Händen im
Schoß, im Gesicht unter schwermütigen Augen ein Hauch von Lächeln.
Unendlich wohl tat ihm dies Strömen, das Gefühl in der zeichnenden Hand,
das Herrwerden über die Gesichte. Er zeichnete in wenigen Tagen alle die
Bogen voll, die ihm Marie besorgt hatte. Vom letzten Bogen schnitt er
ein Stück ab und zeichnete darauf, klar mit sparsamen Strichen, das
Gesicht Maries, mit den schönen Augen, mit dem entsagenden Mund. Das
schenkte er ihr.
Durch das Zeichnen hatte er das Gefühl von Schwere, Stauung und
Überfülltsein in seiner Seele gelöst und erleichtert. Solang er
zeichnete, hatte er nicht gewußt, wo er sei, seine Welt hatte aus nichts
bestanden als dem Tisch, dem weißen Papier und abends der Kerze. Jetzt
erwachte er, erinnerte sich der jüngsten Erlebnisse, sah unerbittlich
neue Wanderschaft vor sich und begann durch die Stadt zu schweifen mit
einer wunderlich gespaltenen Empfindung halb von Wiedersehen, halb von
Abschiednehmen.
Auf einem dieser Gänge begegnete er einer Frau, deren Anblick allen
seinen aus der Ordnung gekommenen Gefühlen eine neue Mitte gab. Es war
eine Frau zu Pferde, ein großes hellblondes Weib mit neugierigen, etwas
kühlen Blauaugen, mit festen, straffen Gliedern und einem blühenden
Gesicht voll Lust zu Genuß und Macht, voll Selbstgefühl und witternder
Sinnenneugierde. Etwas herrisch und hochmütig hielt sie sich auf ihrem
braunen Pferde, ans Befehlen gewöhnt, doch nicht verschlossen oder
abwehrend, sondern unter den etwas kühlen Augen standen bewegliche
Nüstern allen Düften der Welt offen, und der große lockere Mund schien
des Nehmens und Gebens im höchsten Grade fähig. Im Augenblick, da
Goldmund sie sah, wurde er völlig wach und voll Begierde, sich mit
diesem stolzen Weib zu messen. Diese Frau zu erobern schien ihm ein
edles Ziel, und auf dem Weg zu ihr den Hals zu brechen hätte ihm kein
übler Tod geschienen. Alsbald empfand er, daß diese blonde Löwin
seinesgleichen sei, an Sinnen und Seele reich, allen Stürmen zugänglich,
ebenso wild wie zart, aus uralt ererbter Bluterfahrung der
Leidenschaften kundig.
Sie ritt vorüber, er sah ihr nach, zwischen krausem Blondhaar und
blausamtenem Kragen sah er ihren festen Nacken ragen, stark und stolz
und doch von der zartesten Kinderhaut umspannt. Sie war, so wollte ihm
scheinen, die schönste Frau, die er gesehen hatte. Diesen Nacken wollte
er in seine Hand zu fassen bekommen und ihren Augen das blaukühle
Geheimnis entreißen. Wer sie sei, war nicht schwer zu erfragen. Alsbald
erfuhr er, sie wohne im Schloß und sei Agnes, die Geliebte des
Statthalters; es setzte ihn nicht in Erstaunen, sie hätte die Kaiserin
selbst sein können. An einem Brunnenbecken blieb er stehen und suchte
sein Spiegelbild. Das Bild paßte brüderlich zum Bild der blonden Frau,
nur war es gar sehr verwildert. Noch in derselben Stunde suchte er einen
Barbier auf, den er kannte, und brachte ihn mit guten Worten dazu, daß
er ihm Haar und Bart kurz schnitt und sauber strählte.
Zwei Tage dauerte die Verfolgung. Agnes trat aus dem Schloß, und der
fremde Blonde stand beim Tor und sah ihr bewundernd in die Augen. Agnes
ritt ums Bollwerk, und aus den Erlen trat der Fremde. Agnes war beim
Goldschmied, und beim Verlassen der Werkstatt begegnete sie dem Fremden.
Sie blitzte ihn kurz aus den herrischen Augen an, dabei spielte es
bebend um ihre Nasenflügel. Am andern Morgen, da sie ihn beim ersten
Ausritt wieder bereitstehen fand, lächelte sie ihm ihre Herausforderung
zu. Auch den Grafen sah er, den Statthalter; es war ein stattlicher und
kühner Mann, er war ernst zu nehmen; aber er hatte schon Grau im Haar
und hatte Sorgen im Gesicht, Goldmund fühlte sich ihm überlegen.
Diese beiden Tage machten ihn glücklich, er strahlte vor
wiedergewonnener Jugend. Schön war es, sich dieser Frau zu zeigen und
ihr den Kampf anzubieten. Schön war es, seine Freiheit an diese Schöne
zu verlieren. Schön und tief aufreizend war das Gefühl, sein Leben auf
diesen einen Wurf zu setzen.
Am Morgen des dritten Tages kam Agnes zu Pferde aus dem Schloßtor, von
einem berittenen Knecht begleitet. Ihre Augen blickten sogleich nach dem
Verfolger aus, kampflustig und etwas unruhig. Richtig, er war schon da.
Sie schickte den Knecht mit einem Auftrag fort, allein ritt sie langsam
voran, ritt langsam zum untern Brückentor hinaus und über die Brücke.
Nur einmal blickte sie zurück. Sie sah den Fremden folgen. Am Weg zur
Wallfahrtskirche Sankt Veit, wo es um diese Zeit sehr einsam war,
erwartete sie ihn. Sie mußte eine halbe Stunde warten, der Fremde ging
langsam, er wollte nicht außer Atem kommen. Frisch und lächelnd kam er
gegangen, ein Zweigchen mit einer hellroten Hagebutte im Mund. Sie war
abgestiegen und hatte das Pferd angebunden, sie stand an den Efeu der
steilen Stützmauer gelehnt und blickte dem Verfolger entgegen. Aug’ in
Auge mit ihr blieb er stehen und zog die Mütze.
„Warum läufst du mir nach?“ fragte sie, „was willst du von mir?“
„Oh“, sagte er, „ich möchte dir viel lieber etwas schenken, als etwas
von dir annehmen. Ich möchte mich dir zum Geschenk anbieten, schöne
Frau, mach dann mit mir, was du willst.“
„Gut, ich will sehen, was sich mit dir machen läßt. Aber wenn du gedacht
hast, hier draußen gefahrlos ein Blümchen pflücken zu können, dann hast
du dich getäuscht. Ich kann nur Männer lieben, die im Notfall ihr Leben
daran wagen.“
„Du hast über mich zu befehlen.“
Langsam nahm sie von ihrem Halse eine dünne Goldkette und reichte sie
ihm hin.
„Wie heißt du denn?“
„Goldmund.“
„Schön, Goldmund; ich werde schmecken, wie golden dein Mund ist. Hör mir
gut zu: Du wirst diese Kette gegen Abend im Schloß herzeigen und sagen,
du habest sie gefunden. Du gibst sie nicht aus den Händen, ich möchte
sie selbst von dir zurückempfangen. Du kommst so, wie du bist, mögen sie
dich für einen Bettler halten. Wenn einer vom Gesinde dich anschnauzt,
bleibst du ruhig. Du mußt wissen, daß ich nur zwei sichere Leute im
Schloß habe: den Reitknecht Max und meine Zofe Berta. Eins von den
beiden mußt du erreichen und dich zu mir führen lassen. Gegen alle
anderen im Schloß, den Grafen eingerechnet, benimm dich vorsichtig, sie
sind Feinde. Du bist gewarnt. Es kann dir das Leben kosten.“
Sie streckte ihm die Hand hin, lächelnd nahm er sie, küßte sie sanft,
rieb leise seine Wange an ihr. Dann steckte er die Kette zu sich und
ging davon, bergabwärts dem Fluß und der Stadt entgegen. Die Weinberge
waren schon kahl, von den Bäumen wehte ein gelbes Blatt ums andere.
Goldmund schüttelte lächelnd den Kopf, als er, auf die Stadt
hinunterblickend, sie so freundlich und liebenswert fand. Vor wenig
Tagen noch war er so traurig gewesen, traurig sogar darüber, daß auch
Not und Leid vergänglich sind. Und nun waren sie in der Tat schon
vergangen, hingesunken wie das goldene Laub vom Ast. Ihm schien, noch
niemals habe die Liebe ihm so gestrahlt wie aus dieser Frau, deren hohe
Gestalt und blonde lachende Lebensfülle ihn an das Bild seiner Mutter
erinnerte, wie er es damals, als Knabe in Mariabronn, im Herzen getragen
hatte. Vorgestern noch hätte er es nicht für möglich gehalten, daß ihm
noch einmal die Welt so froh ins Auge lachen, daß er noch einmal den
Strom des Lebens, der Freude, der Jugend so voll und drängend durch sein
Blut könnte strömen fühlen. Welches Glück, daß er noch am Leben war, daß
in all diesen grausigen Monaten der Tod ihn verschont hatte!
Am Abend fand er sich im Schlosse ein. Im Schloßhof ging es lebhaft zu,
Pferde wurden abgesattelt, Boten liefen, ein kleiner Zug von Priestern
und geistlichen Würdenträgern wurde von Dienern durchs innere Tor und
die Treppe hinangeführt. Goldmund wollte ihnen nach, der Türsteher hielt
ihn zurück. Er holte die Goldkette hervor und sagte, er sei angewiesen,
sie niemandem auszuhändigen als der gnädigen Frau selbst oder ihrer
Zofe. Man gab ihm einen Diener mit, lange mußte er in den Gängen warten.
Endlich erschien eine hübsche behende Frau, die ging an ihm vorbei,
fragte leise: „Seid Ihr Goldmund?“ und winkte ihm, ihr zu folgen. Still
verschwand sie durch eine Tür, erschien nach einer Weile wieder und
winkte ihn herein.
Er kam in ein kleines Zimmer, das duftete stark nach Pelz und nach süßem
Parfüm und hing voll von Kleidern und Mänteln, Frauenhüte staken auf
hölzernen Bolzen, allerlei Schuhwerk stand in einer offenen Truhe. Hier
stand er und wartete, wohl eine halbe Stunde, roch an den duftenden
Kleidern, fuhr mit der Hand über die Pelze und lächelte neugierig über
all das hübsche Zeug, das da herumhing.
Endlich ging die innere Tür, und es kam nicht die Zofe, es kam Agnes
selbst, in einem hellblauen Kleid, einen weißen Pelzbesatz am Halse.
Langsam kam sie auf den Wartenden zugegangen, Schritt für Schritt, ernst
blickten ihm die kühlblauen Augen entgegen.
„Du hast warten müssen“, sagte sie leise. „Ich glaube, wir sind jetzt
sicher. Es ist eine Abordnung von Geistlichen beim Grafen, er speist mit
ihnen und wird wohl noch lange Verhandlungen mit ihnen haben, die
Sitzungen mit den Priestern dauern immer lange. Die Stunde gehört dir
und mir. Sei willkommen, Goldmund.“
Sie neigte sich ihm entgegen, ihre verlangenden Lippen näherten sich den
seinen, schweigend begrüßten sie einander im ersten Kuß. Langsam schloß
er seine Hand um ihren Nacken. Sie führte ihn durch die Tür, in ihr
Schlafgemach, das war hoch und hell von Kerzen erleuchtet. Auf einem
Tische stand eine Mahlzeit gerüstet, sie setzten sich, sorglich legte
sie ihm Brot und Butter vor und etwas Fleisch und schenkte ihm weißen
Wein in ein schönes bläuliches Glas. Sie aßen, sie tranken beide aus
demselben bläulichen Kelch, ihre Hände spielten probend miteinander.
„Wo kommst du denn hergeflogen“, fragte sie ihn, „mein schöner Vogel?
Bist du ein Krieger, oder ein Spielmann, oder bist du bloß ein armer
Landfahrer?“
„Ich bin alles, was du willst“, lachte er leise, „ich bin ganz der
Deine. Ich bin ein Spielmann, wenn du willst, und du bist meine süße
Laute, und wenn ich die Finger um deinen Hals lege und auf dir spiele,
hören wir die Engel singen. Komm, Herz, ich bin nicht gekommen, um deine
guten Kuchen zu essen und deinen weißen Wein zu trinken, ich bin nur
deinetwegen gekommen.“
Leise zog er ihr den weißen Pelz vom Halse und schmeichelte ihr die
Kleider vom Leibe. Mochten draußen die Höflinge und Pfaffen ihre
Beratungen abhalten, mochten die Diener schleichen und der dünne
Sichelmond vollends hinter die Bäume hinabschwimmen, die Liebenden
wußten nichts davon. Ihnen blühte das Paradies, zueinander gezogen und
ineinander verschlungen verloren sie sich in seine duftende Nacht, sahen
seine weißen Blumengeheimnisse dämmern, pflückten mit zärtlichen und
dankbaren Händen seine ersehnten Früchte. Noch nie hatte der Spielmann
auf einer solchen Laute gespielt, noch nie hatte die Laute unter so
starken und kundigen Fingern geklungen.
„Goldmund“, flüsterte sie ihm glühend ins Ohr, „oh, was bist du für ein
Zauberer! Von dir, du süßer Goldfisch, möchte ich ein Kind haben. Und
noch lieber möchte ich an dir sterben. Trink mich aus, Geliebter,
schmilz mich, töte mich!“
Tief in seiner Kehle summte ein Ton des Glückes, als er die Härte in
ihren kühlen Augen hinschmelzen und schwach werden sah. Wie ein
zärtliches Zittern und Sterben flog der Schauer in der Tiefe ihrer Augen
vorüber, erlöschend wie der Silberschauder auf der Haut eines sterbenden
Fisches, mattgolden wie das Aufblinken jener Zauberschimmer tief im
Flusse. Alles nur irgend dem Menschen erlebbare Glück schien ihm in
diesen Augenblick zusammengeronnen.
Gleich darauf, während sie mit geschlossenen Augen bebend lag, erhob er
sich leise und schlüpfte in seine Kleider. Mit einem Seufzer sagte er
ihr ins Ohr: „Mein schöner Schatz, ich verlasse dich. Ich mag nicht
sterben, ich mag nicht von diesem Grafen totgeschlagen werden. Erst will
ich noch einmal dich und mich so selig machen, wie wir es heut gewesen
sind. Noch einmal, noch viele Male!“
Schweigend blieb sie liegen, bis er angekleidet war. Nun schlug er
sachte die Decke über sie und küßte ihre Augen.
„Goldmund“, sagte sie, „oh, daß du fortgehen mußt! Komm morgen wieder!
Wenn Gefahr ist, dann lasse ich dich warnen. Komm wieder, komm morgen
wieder!“
Sie zog an einem Glockenstrang. In der Tür zur Kleiderkammer empfing ihn
die Zofe und brachte ihn aus dem Schloß. Gern hätte er ihr ein Goldstück
gegeben; er schämte sich einen Augenblick seiner Armut.
Gegen Mitternacht stand er auf dem Fischmarkt und sah am Hause empor. Es
war spät, niemand mehr würde wach sein, wahrscheinlich würde er die
Nacht draußen bleiben müssen. Zu seinem Erstaunen fand er die Haustür
offen. Leise schlich er hinein und schloß hinter sich das Tor. Der Weg
zu seiner Kammer führte durch die Küche. Dort war Licht. Bei einem
winzigen Öllämpchen saß Marie am Küchentisch. Eben war sie eingenickt,
nachdem sie zwei, drei Stunden gewartet hatte. Sie erschrak und sprang
auf, als er eintrat.
„Oh“, sagte er, „Marie, bist denn du noch auf?“
„Ich bin auf“, sagte sie. „Sonst hättest du das Haus verschlossen
gefunden.“
„Es tut mir leid, Marie, daß du gewartet hast. Es ist so spät geworden.
Sei mir nicht böse.“
„Ich bin dir nie böse, Goldmund. Ich bin nur ein wenig traurig.“
„Traurig sollst du nicht sein. Warum denn traurig?“
„Ach, Goldmund, ich möchte wohl, daß ich gesund und schön und stark
wäre. Dann müßtest du nicht in der Nacht in fremde Häuser gehen und
andere Frauen liebhaben. Dann würdest du wohl auch einmal bei mir
bleiben und mit mir ein wenig lieb sein.“
Keine Hoffnung klang in ihrer sanften Stimme, und keine Bitterkeit, nur
Trauer. Verlegen stand er bei ihr, sie tat ihm so leid, er wußte nichts
zu sagen. Mit vorsichtiger Hand faßte er nach ihrem Kopf und streichelte
ihr Haar, und sie stand und hielt still, fühlte schauernd seine Hand auf
ihrem Haar, weinte ein wenig, richtete sich wieder auf und sagte
schüchtern: „Geh nun zu Bett, Goldmund. Ich habe dummes Zeug gesprochen,
ich war so schläfrig. Gute Nacht.“
Sechzehntes Kapitel
Einen Tag voll glücklicher Ungeduld brachte Goldmund auf den Hügeln zu.
Hätte er ein Pferd gehabt, so wäre er heut ins Kloster zu der schönen
Madonna seines Meisters geritten; es verlangte ihn, sie noch einmal zu
sehen, auch schien ihm, er habe nachts vom Meister Niklaus geträumt.
Nun, er würde es nachholen. Sollte auch dies Liebesglück mit Agnes
vielleicht von kurzer Dauer sein, vielleicht zu Bösem führen – heut
stand es in Blüte, er durfte nichts davon versäumen. Er wollte heute
keine Menschen sehen und nicht zerstreut sein, er wollte den sanften
Herbsttag draußen verbringen, unter den Bäumen und Wolken. Er sagte es
Marie, daß er einen Gang über Land im Sinn habe und wohl erst spät
zurückkommen werde, sie möge ihm ein tüchtiges Stück Brot mitgeben, und
am Abend möge sie doch nicht seinetwegen warten. Sie sagte nichts dazu,
sie steckte ihm die Tasche voll mit Brot und Äpfeln, fuhr mit der Bürste
über seinen alten Rock, dessen Schäden sie gleich am ersten Tage
geflickt hatte, und ließ ihn ziehen.
Er spazierte über den Fluß und durch die leeren Weinberge auf steilen
Treppenwegen hügelan, verlor sich oben im Walde und hörte nicht auf zu
steigen, bis er den letzten Höhenkranz erreicht hatte. Da schien die
Sonne lau durch das Gestänge der kahlen Bäume, Amseln flohen vor seinen
Schritten ins Gebüsch, saßen scheu geduckt und schauten aus
schwarzblanken Augen aus dem Dickicht, und weit unten in blauem Bogen
floß der Strom und lag die Stadt klein wie Spielzeug hingebaut, von dort
war kein Ton mehr zu hören als die Geläute zu den Betzeiten. Hier oben
gab es kleine grasbewachsene Wälle und Hügel aus alter heidnischer Zeit,
vielleicht Befestigungen, vielleicht Gräber. Auf einem dieser Hügel ließ
er sich nieder, hier saß man trocken im knisternden Herbstgras und
übersah das ganze weite Tal und jenseits des Flusses die Hügel und
Berge, Kette hinter Kette, bis wo Gebirg und Himmel in bläulichem Spiel
sich begegneten und nicht mehr zu unterscheiden waren. All dies weite
Land und viel weiter noch, als ein Auge sehen konnte, hatten seine Füße
durchwandert; alle diese Gegenden, die jetzt Ferne und Erinnerung waren,
waren einmal Nähe und Gegenwart gewesen. In diesen Wäldern hatte er
hundertmal geschlafen, hatte Beeren gegessen, hatte gehungert und
gefroren, über diese Bergkämme und Heidestriche war er gewandert, war
froh und traurig, war frisch und war müde gewesen. Irgendwo in dieser
Ferne, jenseits des Sichtbaren, lagen die verbrannten Knochen der guten
Lene, dort irgendwo mochte sein Kamerad Robert noch immer auf Wanderung
sein, wenn nicht die Pest ihn geholt hatte; da draußen irgendwo lag der
tote Viktor, und irgendwo auch, weit und verzaubert, lag das Kloster
seiner Jugendjahre, stand die Burg des Ritters mit den schönen Töchtern,
lief arm und gehetzt die arme Rebekka oder war umgekommen. Alle diese
vielen, weit zerstreuten Orte, diese Heiden und Wälder, diese Städte und
Dörfer, Burgen und Klöster, alle diese Menschen, sie mochten leben oder
tot sein, wußte er in sich innen vorhanden und miteinander verbunden, in
seiner Erinnerung, in seiner Liebe, seiner Reue, seiner Sehnsucht. Und
wenn morgen auch ihn der Tod holte, dann würde das alles wieder
auseinanderfallen und auslöschen, dies ganze Bilderbuch, so voll von
Frauen und Liebe, von Sommermorgen und Winternächten. Oh, es war an der
Zeit, noch etwas zu tun, noch etwas zu schaffen und hinter sich zu
lassen, das ihn überdaure.
Von diesem Leben, von diesen Wanderungen, von allen diesen Jahren seit
seinem Auszug in die Welt war bis heute wenig Frucht übriggeblieben.
Übriggeblieben waren die paar Figuren, die er einst in der Werkstatt
gemacht hatte, namentlich der Johannes, und dann noch dies Bilderbuch,
diese unwirkliche Welt in seinem Kopfe drin, diese schöne und
schmerzliche Bilderwelt der Erinnerungen. Würde es ihm gelingen, einiges
von dieser inneren Welt zu retten und nach außen zu stellen? Oder würde
es nur immer so weitergehen: immer neue Städte, neue Landschaften, neue
Frauen, neue Erlebnisse, neue Bilder, eins aufs andere gehäuft, von
denen er nichts davontrug als diese unruhige, ebenso quälende wie schöne
Überfülltheit des Herzens?
Es war ja schmählich, wie man vom Leben genarrt wurde, es war zum Lachen
und zum Weinen! Entweder lebte man, ließ seine Sinne spielen, sog sich
voll an der Brust der alten Eva-Mutter – dann gab es zwar manche hohe
Lust, aber keinen Schutz gegen die Vergänglichkeit; man war dann wie ein
Pilz im Walde, der heut in schönen Farben strotzt und morgen verfault
ist. Oder man setzte sich zur Wehr, man sperrte sich in eine Werkstatt
ein und suchte dem flüchtigen Leben ein Denkmal zu bauen – dann mußte
man auf das Leben verzichten, dann war man bloß noch Werkzeug, dann
stand man zwar im Dienst des Unvergänglichen, aber man dorrte dabei ein
und verlor die Freiheit, Fülle und Lust des Lebens. So war es dem
Meister Niklaus ergangen.
Ach, und es hatte dies ganze Leben doch nur dann einen Sinn, wenn beides
sich erringen ließ, wenn das Leben nicht durch dies dürre Entweder-Oder
gespalten war! Schaffen, ohne dafür den Preis des Lebens zu bezahlen!
Leben, ohne doch auf den Adel des Schöpfertums zu verzichten! War denn
das nicht möglich?
Vielleicht gab es Menschen, denen es möglich war. Vielleicht gab es
Ehemänner und Familienväter, denen über der Treue nicht die Sinnenlust
verlorenging? Vielleicht gab es Seßhafte, denen der Mangel an Freiheit
und an Gefahr das Herz nicht eindorren ließ? Vielleicht. Gesehen hatte
er noch keinen.
Es schien alles Dasein auf der Zweiheit, auf den Gegensätzen zu beruhen;
man war entweder Frau oder Mann, entweder Landfahrer oder Spießbürger,
entweder verständig oder gefühlig – nirgends war Einatmen und Ausatmen,
Mannsein und Weibsein, Freiheit und Ordnung, Trieb und Geist
gleichzeitig zu erleben, immer mußte man das eine mit dem Verlust des
anderen bezahlen, und immer war das eine so wichtig und begehrenswert
wie das andere! Die Frauen hatten es hierin vielleicht leichter. Bei
ihnen hatte die Natur es so geschaffen, daß von selbst die Lust ihre
Frucht trug und aus dem Liebesglück das Kind wurde. Beim Manne war statt
dieser einfachen Fruchtbarkeit die ewige Sehnsucht da. War der Gott, der
alles so geschaffen hatte, denn böse oder feindselig, lachte er
schadenfroh über seine eigene Schöpfung? Nein, er konnte nicht böse
sein, wenn er die Rehe und Hirsche, die Fische und Vögel, den Wald, die
Blumen, die Jahreszeiten geschaffen hatte. Aber der Riß ging durch seine
Schöpfung, sei es nun, daß sie mißglückt und unvollkommen war, sei es,
daß Gott eben mit dieser Lücke und Sehnsucht des Menschendaseins
besondere Absichten haben mochte, sei es, daß dies der Same des Feindes
war, die Erbsünde? Aber warum denn sollte diese Sehnsucht und Ungenüge
Sünde sein? Entstand nicht aus ihr alles Schöne und Heilige, was der
Mensch geschaffen hatte und Gott als Dankopfer zurückgab?
Von seinen Gedanken bedrückt, richtete er den Blick auf die Stadt,
erspähte Markt und Fischmarkt, die Brücken, die Kirchen, das Rathaus.
Und da war auch das Schloß, der stolze Bischofspalast, in dem jetzt der
Graf Heinrich regierte. Unter diesen Türmen und langen Dächern wohnte
Agnes, wohnte seine schöne königliche Geliebte, die so hochmütig aussah
und in der Liebe sich doch so sehr vergessen und hingeben konnte.
Freudig dachte er an sie, freudig und dankbar erinnerte er sich der
vergangenen Nacht. Um das Glück dieser Nacht erleben, um diese
wunderbare Frau so beglücken zu können, dazu hatte es seines ganzen
Lebens bedurft, all der Schulung durch Frauen, all der Wanderschaft und
Not, all der durchwanderten Schneenächte und all der Freundschaft und
Vertrautheit mit Tieren, Blumen, Bäumen, Wassern, Fischen,
Schmetterlingen. Es bedurfte dazu der in Wollust und in Gefahr
geschärften Sinne, der Heimatlosigkeit, der ganzen in vielen Jahren
gehäuften Bilderwelt im Innern. Solange sein Leben ein Garten war, in
dem solche Zauberblumen wie Agnes blühten, durfte er nicht klagen.
Den ganzen Tag brachte er auf den herbstlichen Höhen zu, wandernd,
rastend, Brot essend, an Agnes und den Abend denkend. Um die Zeit des
Zunachtens war er wieder in der Stadt und näherte sich dem Schloß. Es
war kühl geworden, und die Häuser blickten aus stillen roten
Fensteraugen, es begegnete ihm ein kleiner Zug von singenden Knaben, die
trugen auf Stäben ausgehöhlte Rüben über sich, in welche Gesichter
geschnitzt und brennende Kerzen gesteckt waren. Der kleine Mummenschanz
brachte einen Duft von Winter mit sich, lächelnd sah Goldmund ihm nach.
Lange Zeit trieb er sich vor dem Schloß herum. Noch immer war die
Pfaffengesandtschaft da, hier und dort sah man in einem Fenster einen
der geistlichen Herren stehen. Endlich gelang es ihm, sich ins Innere zu
schleichen und die Zofe Berta zu finden. Wieder wurde er in der
Kleiderkammer verborgen, bis Agnes erschien und ihn zärtlich in ihr
Zimmer führte. Zärtlich empfing ihn ihr schönes Gesicht, zärtlich, aber
gar nicht froh; sie war traurig, sie machte sich Sorgen, sie war
ängstlich. Er mußte sich viel Mühe geben, sie ein wenig zu erheitern.
Langsam gewann sie unter seinen Küssen und Liebesworten etwas
Zuversicht.
„Du kannst so sehr lieb sein“, sagte sie dankbar. „Du hast so tiefe Töne
in deiner Kehle, mein Vogel, wenn du zärtlich bist und gurrst und
schwatzest. Ich hab’ dich lieb, Goldmund. Wenn wir doch weit von hier
wären! Es gefällt mir nicht mehr hier, es wird ja ohnehin bald zu Ende
sein, der Graf ist abberufen, bald soll der dumme Bischof zurückkommen.
Der Graf ist heut böse, die Pfaffen haben ihn geplagt. Ach du, daß er
dich nicht zu sehen bekommt! Du würdest keine Stunde mehr leben. Es ist
mir so bange um dich.“
In seiner Erinnerung stiegen halbverlorene Klänge auf – hatte er nicht
dies Lied schon vor Zeiten einmal gehört? So hatte einst Lydia zu ihm
gesprochen, so liebend und angstvoll, so zärtlich-traurig. So war sie
nachts in seine Kammer gekommen, voll Liebe und voll Angst, voll Sorgen,
voll von schrecklichen Bildern der Furcht. Er hörte es gerne, das
zärtlich-ängstliche Lied. Was wäre Liebe ohne Heimlichkeit! Was wäre
Liebe ohne Gefahr!
Sanft zog er Agnes an sich, streichelte sie, hielt ihre Hand, summte ihr
leise Werbungen ins Ohr, küßte ihre Augenbrauen. Es rührte und entzückte
ihn, sie seinetwegen so angstvoll und besorgt zu finden. Dankbar empfing
sie seine Liebkosungen, beinahe demütig, sie drängte sich voll Liebe an
ihn, aber heiter wurde sie nicht.
Und plötzlich zuckte sie heftig zusammen, man hörte in der Nähe eine Tür
zuschlagen, und rasche Schritte näherten sich dem Zimmer.
„Um Gottes willen, er ist es!“ rief sie verzweifelt, „es ist der Graf.
Schnell, durch die Kammer kannst du entkommen. Schnell! Verrate mich
nicht!“
Schon hatte sie ihn in die Kleiderkammer gedrängt, allein stand er und
tappte zögernd im Finstern. Drüben hörte er den Grafen laut mit Agnes
sprechen. Er tastete sich zwischen den Kleidern hindurch zur
Ausgangstür, lautlos setzte er Fuß vor Fuß. Nun war er bei der Türe, die
zum Korridor führte, und suchte sie leise zu öffnen. Und in diesem
Augenblick erst, als er die Tür von außen verschlossen fand, erschrak
auch er, und sein Herz begann wild und schmerzhaft zu schlagen. Es
konnte ein unglücklicher Zufall sein, daß jemand, seit er hier
hereingekommen war, diese Tür verschlossen hatte. Er glaubte aber nicht
daran. Er war in eine Falle gegangen, er war verloren; irgend jemand
mußte ihn gesehen haben, als er hier hereinschlich. Es würde ihm den
Hals kosten. Zitternd stand er im Finstern, und sogleich fiel Agnesens
Abschiedswort ihm ein: „Verrate mich nicht!“ Nein, er würde sie nicht
verraten. Sein Herz hämmerte, aber der Entschluß machte ihn fest,
trotzig biß er die Zähne zusammen.
Dies war alles in wenigen Augenblicken geschehen. Jetzt ging jenseits
die Tür, und aus Agnesens Zimmer trat der Graf herein, mit einem
Leuchter in der Linken und dem gezogenen Schwert in der Rechten. Im
selben Augenblick raffte Goldmund mit hastigem Griff einige von den
rings um ihn hängenden Kleidern und Mänteln zusammen und nahm sie über
den Arm. Man sollte ihn für einen Dieb halten, vielleicht war dies ein
Ausweg.
Der Graf hatte ihn sofort gesehen. Langsam kam er heran.
„Wer ist man? Was tut man hier? Antwort, oder ich stoße zu.“
„Verzeihet“, flüsterte Goldmund, „ich bin ein armer Mann, und Ihr seid
so reich! Ich gebe alles zurück, Herr, was ich genommen habe, seht!“
Und er legte die Mäntel an den Boden.
„So, also gestohlen hast du? Es war nicht klug von dir, für einen alten
Mantel dein Leben zu wagen. Bist du ein Stadtbürger?“
„Nein, Herr, ich bin heimatlos. Ich bin ein armer Mann, Ihr werdet
Nachsicht haben –“
„Hör auf! Ich möchte wohl wissen, ob du am Ende so frech warst, die
gnädige Frau belästigen zu wollen. Aber da du ohnehin gehängt wirst,
brauchen wir das nicht zu untersuchen. Der Diebstahl genügt.“
Er klopfte heftig gegen die geschlossene Tür und rief: „Seid ihr da?
Aufmachen!“
Die Tür wurde von außen geöffnet, drei Knechte standen mit gezogenen
Klingen bereit.
„Bindet ihn gut“, rief der Graf mit einer Stimme, die vor Hohn und
Hochmut knarrte. „Es ist ein Landstreicher, der hier gestohlen hat.
Setzt ihn fest, und morgen früh hängt den Schelm an den Galgen.“
Es wurden Goldmund, ohne daß er sich wehrte, die Hände
zusammengeschnürt. So wurde er abgeführt, durch den langen Gang, die
Treppen hinab über den inneren Hof, ein Diener trug ein Windlicht
voraus. Vor einem runden eisenbeschlagenen Kellertor blieben sie stehen,
es wurde verhandelt und gescholten, es fehlte der Schlüssel zum Tor, ein
Knecht nahm das Windlicht, der Diener lief zurück, nach dem Schlüssel.
So standen sie, die drei Bewaffneten und der Gebundene, und warteten vor
dem Tor. Der mit dem Licht zündete dem Gefangenen neugierig ins Gesicht.
In diesem Augenblick kamen zwei von den Priestern vorüber, deren so
viele im Schloß zu Gast waren, sie kamen von der Schloßkapelle her und
blieben vor der Gruppe stehen, beide sahen sich die nächtliche Szene
aufmerksam an: die drei Knechte, den gebundenen Mann, wie sie dastanden
und warteten.
Goldmund bemerkte weder die Priester, noch sah er seine Wächter an. Er
konnte nichts sehen als das leise flackernde Licht, das dicht vor sein
Gesicht gehalten wurde und ihm in die Augen blendete. Und hinter dem
Licht in einer Dämmerung voll Grauen sah er noch etwas, etwas
Gestaltloses, Großes, Gespenstisches: den Abgrund, das Ende, den Tod.
Mit starren Augen stand er, nichts sehend und hörend. Einer der Priester
flüsterte angelegentlich mit den Knechten. Als er hörte, daß der Mann
sterben müsse und ein Dieb sei, fragte er, ob er einen Beichtvater
gehabt habe. Nein, hieß es, er sei auf frischer Tat festgenommen.
„So werde ich“, sagte der Priester, „am Morgen vor der Frühmesse mit den
heiligen Sakramenten zu ihm kommen und seine Beichte hören. Ihr stehet
mir dafür, daß er nicht vorher abgeführt wird. Mit dem Herrn Grafen
spreche ich noch heut. Der Mann mag ein Dieb sein, er hat doch das Recht
jedes Christen auf den Beichtvater und die Sakramente.“
Die Knechte wagten keinen Widerspruch. Sie kannten den geistlichen
Herrn, er gehörte zu den Herren von der Gesandtschaft, sie hatten ihn
mehrmals an des Grafen Tische speisen sehen. Und warum auch sollte man
dem armen Vagabunden die Beichte nicht gönnen?
Die Herren gingen davon. Goldmund stand und starrte. Endlich kam der
Diener mit dem Schlüssel und schloß auf. Der Gefangene wurde in ein
Kellergewölbe geführt, stolpernd taumelte er die paar Stufen hinab. Ein
paar dreibeinige Stühle ohne Lehne standen hier herum und ein Tisch, es
war der Vorraum eines Weinkellers. Sie rückten ihm ein Stühlchen an den
Tisch und hießen ihn sitzen.
„Es kommt morgen in der Frühe ein Pfaff, da kannst du noch beichten“,
sagte ihm einer von den Knechten. Dann gingen sie und verschlossen das
schwere Tor mit Sorgfalt.
„Laß mir das Licht da, Kamerad“, bat Goldmund.
„Nein, Brüderchen, damit könntest du Unfug anrichten. Es wird auch so
gehen. Sei gescheit und schick dich drein. Und wie lang brennt denn so
ein Licht? In einer Stunde wär’ es doch aus. Gut Nacht.“
Nun war er im Finstern allein, saß auf dem Stühlchen und legte den Kopf
auf den Tisch. Es war schlecht so zu sitzen, und die Einschnürungen an
seinen Handgelenken taten weh, doch drangen diese Empfindungen erst spät
in sein Bewußtsein. Vorerst saß er nur und legte den Kopf auf den Tisch
wie auf einen Richtblock, es trieb ihn ein Drang, auch mit Leib und
Sinnen das zu tun, was jetzt seinem Herzen auferlegt war: sich
hinzugeben in das Unentrinnbare, sich zu ergeben in das Sterbenmüssen.
Eine Ewigkeit lang blieb er so sitzen, jammervoll hingebogen, und
versuchte, das Auferlegte auf sich zu nehmen, es einzuatmen, es
einzusehen und sich mit ihm zu erfüllen. Es war jetzt Abend, es begann
die Nacht, und das Ende dieser Nacht wird auch ihm das Ende bringen. Das
mußte er versuchen zu begreifen. Er wird morgen nicht mehr leben. Er
wird hängen, er wird ein Ding sein, auf das die Vögel sich setzen und an
dem sie picken, er wird das sein, was der Meister Niklaus war, was die
Lene in der verbrannten Hütte war, was alle jene waren, die er in den
leergestorbenen Häusern und auf den vollgestopften Leichenkarren hatte
liegen sehen. Es war nicht leicht, es einzusehen und sich davon erfüllen
zu lassen. Es war geradezu unmöglich, es einzusehen. Es war allzu
vieles, wovon er sich noch nicht getrennt hatte, wovon er noch nicht
Abschied genommen hatte. Die Stunden dieser Nacht waren ihm gegeben, um
es zu tun.
Er mußte Abschied nehmen von der schönen Agnes, nie mehr würde er ihre
große Gestalt, ihr lichtes sonniges Haar, ihre kühlen blauen Augen
sehen, nie das Schwachwerden und Zittern des Hochmuts in diesen Augen,
nie mehr den süßen Goldflaum auf ihrer duftenden Haut. Lebt wohl, blaue
Augen, leb wohl, feuchter zuckender Mund! Oft noch hatte er ihn zu
küssen gehofft. Oh, noch heut auf den Hügeln, in der Spätherbstsonne,
wie hatte er ihrer gedacht, ihr angehört, sich nach ihr gesehnt! Aber
Abschied nehmen mußte er auch von den Hügeln, von der Sonne, vom blauen
weißgewölkten Himmel, Abschied von den Bäumen und Wäldern, von der
Wanderschaft, von den Tageszeiten und Jahreszeiten. Nun saß vielleicht
Marie noch auf, die arme Marie mit den guten liebenden Augen und dem
hinkenden Gang, saß und wartete, schlief in ihrer Küche ein und wachte
wieder auf, und kein Goldmund kam mehr nach Hause.
Ach, und das Papier und der Zeichenstift, und die Hoffnung auf alle die
Figuren, die er noch hatte machen wollen! Dahin, dahin! Und die Hoffnung
auf ein Wiedersehen mit Narziß, mit dem lieben Jünger Johannes, auch sie
mußte er hingeben.
Und Abschied nehmen mußte er von seinen eigenen Händen, von seinen
eigenen Augen, von Hunger und Durst, Speise und Trank, von der Liebe,
vom Lautenspielen, vom Schlafen und Erwachen, von allem. Morgen flog ein
Vogel durch die Luft, und Goldmund sah ihn nicht mehr, es sang ein
Mädchen im Fenster, und er hörte es nicht mehr singen, es lief der Strom
und schwammen stumm die dunkeln Fische, es ging ein Wind und fegte das
gelbe Laub am Boden, es schien eine Sonne und ein Sternenhimmel, es
zogen junge Leute zum Tanzplatz, es lag ein erster Schnee auf den fernen
Bergen – und alles ging weiter, alle Bäume legten ihre Schatten neben
sich, alle Menschen blickten froh oder traurig aus ihren lebendigen
Augen, die Hunde bellten, die Kühe brüllten in den Ställen der Dörfer,
und alles ohne ihn, alles gehörte ihm nicht mehr, von allem war er
weggerissen.
Er roch den Morgengeruch der Heide, er schmeckte den süßen jungen Wein
und die jungen festen Walnüsse, es flog eine Erinnerung, ein
aufleuchtender Widerschein der ganzen farbigen Welt durch sein
bedrängtes Herz, untersinkend und Abschied nehmend glänzte das ganze
schöne wirre Leben noch einmal durch alle seine Sinne, und er zog sich
in ausbrechendem Weh zusammen und fühlte Träne um Träne aus seinen Augen
rinnen. Aufschluchzend gab er sich der Woge hin, heftig flossen seine
Tränen, zusammenstürzend gab er sich dem unendlichen Weh anheim. Oh, ihr
Täler und waldigen Berge, ihr Bäche im grünen Erlengehölz, ihr Mädchen,
ihr Mondabende auf den Brücken, o du schöne strahlende Bilderwelt, wie
soll ich dich lassen! Weinend lag er über dem Tisch, ein trostloses
Kind. Aus der Not seines Herzens stieg ein Seufzer und flehender
Klageruf: „O Mutter, o Mutter!“
Und indem er den Zaubernamen sprach, antwortete ihm ein Bild aus der
Tiefe seiner Erinnerung, das Bild der Mutter. Es war nicht die
Muttergestalt seiner Gedanken und Künstlerträume, es war das Bild seiner
eigenen Mutter, schön und lebendig, wie er es seit den Klosterzeiten nie
mehr gesehen hatte. An sie richtete er seine Klage, ihr weinte er dies
unerträgliche Leid des Sterbenmüssens entgegen, ihr gab er sich anheim,
ihr gab er den Wald, die Sonne, die Augen, die Hände, ihr gab er sein
ganzes Wesen und Leben zurück, in die mütterlichen Hände.
Mitten in seinen Tränen schlief er ein; mütterlich nahm ihn Erschöpfung
und Schlaf in die Arme. Eine Stunde schlief er, oder zwei, und war dem
Elend entrückt.
Wieder erwacht, empfand er heftige Schmerzen. Peinlich brannten die
zerschnürten Handgelenke, zerrende Schmerzen zogen durch Rücken und
Nacken. Mit Mühe richtete er sich auf, kam zu sich und erkannte seine
Lage wieder. Es war vollkommene schwarze Finsternis um ihn her, er wußte
nicht, wie lang er geschlafen habe, er wußte nicht, wieviel Stunden ihm
noch zu leben blieben. Vielleicht schon im nächsten Augenblick kamen sie
und holten ihn fort, zum Sterben. Da erinnerte er sich, daß ihm ein
Priester versprochen worden war. Er glaubte nicht, daß dessen Sakramente
ihm viel würden nützen können. Er wußte nicht, ob auch die vollkommenste
Lossprechung und Sündenvergebung ihn in den Himmel bringen könne. Er
wußte nicht, ob es einen Himmel gebe, und einen Gottvater, und ein
Gericht, und eine Ewigkeit. Er hatte in diesen Dingen seit langem jede
Gewißheit verloren.
Aber ob es nun eine Ewigkeit geben mochte oder nicht: er begehrte sie
nicht, er wollte nichts als dies unsichere, vergängliche Leben, dieses
Atmen, dieses Zuhausesein in seiner Haut, er wollte nichts als leben.
Rasend richtete er sich auf, tappte schwankend im Dunkeln bis zur Mauer,
lehnte sich aufrecht an die Wand und begann nachzudenken. Es mußte doch
eine Rettung geben! Vielleicht war der Priester die Rettung, war
vielleicht von seiner Unschuld zu überzeugen, legte ein Wort für ihn ein
oder verhalf ihm zu Aufschub oder Flucht? Heftig vertiefte er sich in
diese Gedanken, immer wieder. Und wenn es damit nichts war, so wollte er
es doch nicht aufgeben, das Spiel durfte noch nicht verloren sein. Er
würde also zuerst versuchen, den Priester für sich zu gewinnen, er würde
sich die äußerste Mühe geben, ihn zu bezaubern, ihn warm zu bekommen,
ihn zu überzeugen, ihm zu schmeicheln. Der Priester war die einzige gute
Karte in seinem Spiel, alle andern Möglichkeiten waren Träume. Immerhin,
es gab Zufälle und Fügungen; der Henker konnte eine Kolik bekommen, der
Galgen konnte brechen, es konnte sich eine vorher nicht auszudenkende
Fluchtmöglichkeit einstellen. Auf alle Fälle weigerte Goldmund sich, zu
sterben; er hatte vergeblich versucht, dies Schicksal in sich
einzulassen und aufzunehmen, es war ihm nicht gelungen. Er würde sich
zur Wehr setzen und bis aufs äußerste kämpfen, er würde dem Wächter ein
Bein stellen, er würde den Henker niederrennen, er würde sich bis zum
letzten Augenblick mit jedem Blutstropfen um sein Leben wehren. – Oh,
wenn er doch den Pfaffen dazu bringen könnte, daß er ihm die Hände
losbände! Unendlich viel wäre dann gewonnen.
Inzwischen versuchte er, auf die Schmerzen nicht achtend, mit seinen
Zähnen an den Stricken zu arbeiten. Mit wütender Anstrengung brachte er
es nach grausam langer Zeit dahin, daß sie ihm ein wenig gelockert
schienen. Er stand keuchend in der Nacht seines Gefängnisses, die
verschwollenen Arme und Hände taten sehr weh. Als er wieder zu Atem
gekommen war, schlich er tastend die Mauer entlang, immer weiter,
durchforschte Schritt um Schritt die feuchte Kellerwand, ob er keine
vorspringende Kante finde. Da fielen die Stufen ihm ein, über die er in
dies Verlies gestolpert war. Er suchte und fand sie. Er kniete nieder
und versuchte, den Strick an einer der steinernen Stufenkanten zu
reiben. Es ging schwer, immer trafen statt des Stricks seine Handknöchel
auf den Stein, es schmerzte wie Feuer, er fühlte das Blut rinnen. Doch
ließ er nicht nach. Als schon zwischen Tor und Schwelle ein kläglich
dünner Streifen grauen Morgenscheines zu sehen war, hatte er es
erreicht. Der Strick war durchgerieben, er konnte ihn lösen, er hatte
die Hände frei! Nachher aber konnte er kaum einen Finger bewegen, die
Hände waren verschwollen und abgestorben, und die Arme waren bis in die
Schultern hinauf steif verkrampft. Er mußte sie üben, er zwang sie zu
Bewegungen, damit das Blut sie wieder durchströme. Denn er hatte jetzt
einen Plan, der ihm gut schien.
Sollte er es gar nicht erreichen können, daß der Pfaffe ihm half, nun
dann mußte er, falls man den Mann auch nur die kleinste Weile mit ihm
allein ließ, ihn totschlagen. Mit einem der Stühle würde es gehen.
Erwürgen konnte er ihn nicht, dazu war nicht Kraft genug in Händen und
Armen. Also ihn erschlagen, schnell sein Priesterkleid umnehmen und
darin entkommen! Bis die andern den Totgeschlagenen fanden, mußte er aus
dem Schlosse sein, und dann laufen, laufen! Marie würde ihn hereinlassen
und verbergen. Er mußte es versuchen. Es war möglich.
Noch nie in seinem Leben hatte Goldmund das Morgengrauen so beobachtet,
erharrt, ersehnt und doch gefürchtet wie in dieser Stunde. Bebend vor
Spannung und Entschlossenheit äugte er mit Jägeraugen, wie der elende
Lichtspalt unterm Tor langsam, langsam heller wurde. Er kehrte zum Tisch
zurück und übte sich darin, so mit den Händen zwischen den Knien auf der
Stabelle zu hocken, daß man das Fehlen seiner Fesseln nicht gleich
bemerken konnte. Seit seine Hände frei waren, glaubte er nicht mehr an
den Tod. Er war entschlossen, durchzukommen, und wenn die ganze Welt
dabei in Scherben ging. Er war entschlossen zu leben, um jeden Preis.
Seine Nase bebte vor Begierde nach Freiheit und Leben. Und wer weiß,
vielleicht kam man ihm von draußen zu Hilfe? Agnes war ein Weib, und
ihre Macht reichte nicht weit, vielleicht auch nicht ihr Mut; es war
möglich, daß sie ihn preisgab. Aber sie liebte ihn, vielleicht konnte
sie doch etwas tun. Vielleicht schlich draußen die Zofe Berta – und gab
es nicht auch noch einen Reitknecht, von dem sie meinte, daß Verlaß auf
ihn sei? Und wenn niemand erschien und ihm kein Zeichen gegeben wurde,
nun dann führte er seinen Plan aus. Mißglückte er, so schlug er mit dem
Stuhl die Wächter tot, zwei oder drei oder wie viele eben kamen. Eines
Vorteils war er gewiß: seine Augen hatten sich an den finsteren Raum
gewöhnt, jetzt in der Dämmerung erkannte er ahnend alle Formen und Maße,
während die anderen hier zuerst ganz blind sein würden.
Fiebernd hockte er nun am Tisch, genau überlegend, was er dem Priester
zu sagen habe, um ihn als Helfer zu gewinnen, denn damit mußte begonnen
werden. Zugleich beobachtete er gierig das bescheidene Wachsen des
Lichtes in der Spalte. Den Augenblick, den er vor Stunden so sehr
gefürchtet hatte, ersehnte er jetzt mit Inbrunst, kaum konnte er ihn
mehr erwarten; die furchtbare Spannung ließ sich nicht lange mehr
ertragen. Auch mußten ja seine Kräfte, seine Aufmerksamkeit, seine
Entschlußkraft und Wachheit allmählich wieder abnehmen. Der Wärter mit
dem Priester mußte bald kommen, solang diese gespannte Bereitschaft,
dieser entschlossene Wille zur Rettung noch in der Blüte stand.
Endlich erwachte draußen die Welt, endlich näherte sich der Feind. Es
hallten Schritte auf dem Hofpflaster, es wurde der Schlüssel ins Loch
gesteckt und gedreht, jeder dieser Laute klang nach der langen
Todesstille laut wie Donner.
Und jetzt öffnete sich langsam das schwere Tor ein Stückchen weit und
kreischte in den Angeln. Herein kam ein Geistlicher, ohne Begleitung,
ohne Wächter. Allein kam er herein, einen Leuchter mit zwei Kerzen
tragend. Nun war alles wieder anders, als der Gefangene es sich gedacht
hatte.
Und wie sonderbar und bewegend: der eingetretene Priester, hinter
welchem unsichtbare Hände die Tür wieder zudrückten, trug die
Ordenstracht des Klosters Mariabronn, die wohlbekannte, heimatliche
Tracht, wie sie einst der Abt Daniel, der Pater Anselm, der Pater Martin
getragen hatten!
Der Anblick gab ihm einen wunderlichen Stoß im Herzen, er mußte die
Augen abwenden. Das Erscheinen dieser Klostertracht mochte Freundliches
versprechen, es mochte ein gutes Zeichen sein. Aber vielleicht gab es
doch keinen anderen Ausweg als den Totschlag. Er biß die Zähne zusammen.
Es würde ihm sehr schwer fallen, diesen Ordensbruder umzubringen.
Siebzehntes Kapitel
„Gelobt sei Jesus Christus“, sagte der Pater und setzte den Leuchter auf
den Tisch. Murmelnd responsierte Goldmund, vor sich niederstarrend.
Der Geistliche schwieg. Wartend stand er da und schwieg, bis Goldmund
unruhig wurde und seine Augen forschend auf den Mann richtete, der vor
ihm stand.
Dieser Mann, so sah er jetzt zu seiner Verwirrung, trug nicht nur die
Tracht der Patres von Mariabronn, er trug auch die Abzeichen der
Abtswürde.
Und nun blickte er dem Abt ins Gesicht. Es war ein hageres Gesicht, fest
und klar geschnitten, mit sehr dünnen Lippen. Es war ein Gesicht, das er
kannte. Wie verzaubert blickte Goldmund in dies Gesicht, das ganz von
Geist und Wille geformt schien. Mit unsicherer Hand griff er nach dem
Leuchter, hob ihn auf und näherte ihn dem fremden Gesicht, um die Augen
darin sehen zu können. Er sah sie, und der Leuchter zitterte in seiner
Hand, als er ihn zurückstellte.
„Narziß!“ flüsterte er kaum hörbar. Es begann sich alles um ihn im
Kreise zu drehen.
„Ja, Goldmund, ich bin einst Narziß gewesen, aber ich habe den Namen
schon vor sehr langer Zeit abgelegt, du hast es wohl vergessen. Seit
meiner Einkleidung heiße ich Johannes.“
Goldmund war bis ins Herz erschüttert. Plötzlich hatte sich die ganze
Welt verändert, und das plötzliche Zusammenstürzen seiner
übermenschlichen Anspannung drohte ihn zu ersticken, er zitterte, und
Schwindelgefühl ließ ihn seinen Kopf wie eine leere Blase empfinden,
sein Magen zog sich zusammen. Hinter den Augen brannte es wie
andrängendes Schluchzen. Aufschluchzen und zusammensinken, in Tränen, in
Ohnmacht – das war es, wonach alles in ihm in diesem Augenblick
begehrte.
Aber es stieg aus der durch Narzissens Anblick beschworenen Tiefe der
Jugenderinnerung eine Mahnung in ihm auf: Einmal, als Knabe, hatte er
vor diesem schönen strengen Antlitz, vor diesen dunklen allwissenden
Augen geweint und sich gehen lassen. Er durfte das nicht wieder tun. Da
erschien nun, wie ein Gespenst im wunderlichsten Augenblick seines
Lebens dieser Narziß wieder, wahrscheinlich, um ihm das Leben zu retten
– und nun sollte er wieder vor ihm in Schluchzen ausbrechen oder in
Ohnmacht fallen? Nein, nein, nein. Er hielt sich. Er bändigte sein Herz,
er zwang seinen Magen, er jagte den Schwindel aus seinem Kopf. Er durfte
jetzt keine Schwäche zeigen.
Mit künstlich beherrschter Stimme gelang es ihm zu sagen: „Du mußt mir
erlauben, dich noch immer Narziß zu nennen.“
„Nenne mich so, Lieber. Und willst du mir nicht die Hand geben?“
Wieder zwang sich Goldmund. Mit einem knabentrotzigen und leicht
spöttischen Ton, ganz wie manchmal in den Schülerzeiten, brachte er
seine Antwort heraus.
„Entschuldige, Narziß“, sagte er kühl und ein wenig blasiert. „Ich sehe,
du bist Abt geworden. Ich aber bin noch immer ein Landstreicher. Und
außerdem wird unsere Unterhaltung, so erwünscht sie mir ist, leider
nicht lange dauern dürfen. Denn schau, Narziß, ich bin zum Galgen
verurteilt, und in einer Stunde, oder früher, werde ich wohl schon
gehängt sein. Ich sage es nur, um dir die Situation klarzumachen.“
Narziß verzog keine Miene. Das bißchen Knaben- und Renommistentum in des
Freundes Haltung machte ihm großen Spaß und rührte ihn zugleich. Den
Stolz aber, der dahinterstand und der es Goldmund verbot, ihm weinend an
die Brust zu sinken, den verstand und billigte er zuinnerst. Wahrlich,
auch er hatte sich das Wiedersehen anders vorgestellt, aber er war mit
dieser kleinen Komödie innig einverstanden. Mit nichts hätte Goldmund
sich rascher wieder in sein Herz schmeicheln können.
„Nun ja“, sagte er und spielte ebenfalls den Gleichmütigen. „Übrigens
kann ich dich wegen des Galgens beruhigen. Du bist begnadigt. Ich habe
Auftrag, dir das mitzuteilen und dich mitzunehmen. Denn hier in der
Stadt darfst du nicht bleiben. Wir werden also Zeit genug haben,
einander dies und jenes zu erzählen. Aber wie ist das nun: Willst du mir
jetzt die Hand geben?“
Sie gaben sich die Hände und hielten sie lange fest und drückten sie und
fühlten sich tief bewegt, in ihren Worten aber dauerte die Sprödigkeit
und Komödie noch eine ganze Weile an.
„Gut, Narziß, so werden wir also dieses wenig ehrbare Obdach verlassen,
und ich werde mich deinem Gefolge anschließen. Reisest du nach
Mariabronn zurück? Ja? Sehr schön. Und wie? Zu Pferde? Ausgezeichnet. Es
wird sich also darum handeln, auch für mich ein Pferd zu bekommen.“
„Wir werden es bekommen, _amice_, und werden schon in zwei Stunden
reisen. Oh, aber wie sehen deine Hände aus! Um Gottes willen, alles
zerschunden und verschwollen und voller Blut! O Goldmund, wie ist man
mit dir umgegangen!“
„Laß gut sein, Narziß. Ich habe mir selbst die Hände so zugerichtet. Ich
war ja gebunden und mußte mich befreien. Ich sage dir, es ging nicht
leicht. Übrigens war es recht mutig von dir, daß du so ohne Geleit zu
mir hereingekommen bist.“
„Warum mutig? Es war ja keine Gefahr.“
„Oh, es war nur die kleine Gefahr, von mir erschlagen zu werden. Nämlich
so hatte ich mir die Sache ausgedacht. Es war mir gesagt worden, daß ein
Priester komme. Den hätte ich dann umgebracht und wäre in seinen
Kleidern geflohen. Ein guter Plan.“
„Du wolltest also nicht sterben? Du wolltest dich dagegen wehren?“
„Gewiß wollte ich das. Daß gerade du der Priester sein würdest, nun, das
konnte ich ja freilich nicht ahnen.“
„Immerhin“, sagte Narziß zögernd, „es war eigentlich ein recht häßlicher
Plan. Hättest du wohl wirklich einen Priester, der als Beichtvater zu
dir kam, totschlagen können?“
„Dich nicht, Narziß, natürlich nicht, und vielleicht auch keinen von
deinen Patres, wenn er die Mariabronner Kutte trug. Aber einen
beliebigen anderen Priester, o ja, verlaß dich drauf.“
Plötzlich wurde seine Stimme traurig und dunkel.
„Es wäre nicht der erste Mensch gewesen, den ich umgebracht hätte.“
Sie schwiegen. Es war beiden peinlich zumute.
„Also über diese Sachen“, sagte Narziß mit kühler Stimme, „sprechen wir
ja später. Du kannst mir einmal beichten, wenn du magst. Oder du kannst
mir sonst von deinem Leben erzählen. Auch ich habe dir dies und das zu
erzählen. Ich freue mich darauf. – Wollen wir gehen?“
„Noch einen Augenblick, Narziß! Etwas ist mir eingefallen, nämlich, daß
ich dich doch schon einmal Johannes genannt habe.“
„Ich verstehe dich nicht.“
„Nein, natürlich nicht. Du weißt ja noch nichts. Es ist schon vor
manchen Jahren gewesen, da habe ich dir einmal den Namen Johannes
gegeben, und er wird dir für immer bleiben. Ich bin nämlich früher ein
Bildhauer und Figurenschnitzer gewesen, und ich denke es wieder zu
werden. Und die beste Figur, die ich damals gemacht habe, ein Jüngling
aus Holz in natürlicher Größe, die ist dein Bildnis, aber sie heißt
nicht Narziß, sondern Johannes. Es ist ein Jünger Johannes unter dem
Kreuz.“
Er stand auf und ging gegen die Tür.
„Du hast also noch an mich gedacht?“ fragte Narziß leise.
Ebenso leise gab Goldmund Antwort: „O ja, Narziß, ich habe an dich
gedacht. Immer, immer.“
Heftig stieß er das schwere Tor auf, der fahle Morgen blickte herein.
Sie sprachen nichts mehr. Narziß nahm ihn mit sich in sein Gastzimmer.
Ein junger Mönch, sein Begleiter, war dort damit beschäftigt, das
Reisegepäck fertigzumachen. Goldmund bekam zu essen, seine Hände wurden
gewaschen und etwas verbunden. Bald schon wurden die Pferde vorgeführt.
Als sie aufstiegen, sagte Goldmund: „Ich habe noch eine Bitte. Laß uns
den Weg über den Fischmarkt nehmen, ich habe dort noch etwas zu
besorgen.“
Sie ritten ab, und Goldmund blickte zu allen Fenstern des Schlosses
hinan, ob vielleicht Agnes in einem zu sehen sei. Er bekam sie nicht
mehr zu sehen. Sie ritten über den Fischmarkt, Marie war sehr in Sorge
um ihn gewesen. Er nahm von ihr und ihren Eltern Abschied, dankte ihnen
tausendmal, versprach einmal wiederzukommen, und ritt weg. Unter der
Haustür blieb Marie stehen, bis die Reiter verschwunden waren. Langsam
hinkte sie ins Haus zurück.
Sie ritten zu vieren: Narziß, Goldmund, der junge Mönch und ein
bewaffneter Reitknecht.
„Kannst du dich noch an mein Rößchen Bleß erinnern“, fragte Goldmund,
„das in Eurem Klosterstall stand?“
„Gewiß. Das findest du nicht mehr und hast es wohl auch nicht erwartet.
Es ist wohl sieben oder acht Jahre her, seit wir es abtun mußten.“
„Daß du dich dessen erinnerst!“
„O ja, ich erinnere mich.“
Goldmund war nicht traurig über Bleßleins Tod. Er war froh darüber, daß
Narziß so gut um Bleß Bescheid wußte, er, der sich nie um Tiere
gekümmert und sicher niemals ein anderes Klosterpferd beim Namen gekannt
hatte. Sehr froh war er darüber.
„Du wirst mich auslachen“, fing er wieder an, „daß das erste Wesen in
Eurem Kloster, nach dem ich fragte, das arme Pferdchen war. Es war nicht
hübsch von mir. Eigentlich hatte ich nach ganz anderem fragen wollen,
vor allem nach unserem Abt Daniel. Aber ich konnte mir ja denken, daß er
gestorben ist, du bist ja sein Nachfolger. Und von lauter Todesfällen zu
sprechen, das wollte ich fürs erste vermeiden. Ich bin auf den Tod zur
Zeit nicht gut zu sprechen, wegen dieser vergangenen Nacht, und auch
wegen der Pest, von der ich allzuviel gesehen habe. Aber nun sind wir
schon dabei, und einmal muß es ja doch sein. Sage mir, wann und wie Abt
Daniel gestorben ist, ich habe ihn sehr verehrt. Und sage mir auch, ob
die Patres Anselm und Martin noch am Leben sind. Ich bin auf alles
Schlimme gefaßt. Aber da wenigstens dich die Pest verschont hat, bin ich
zufrieden. Zwar habe ich nie gedacht, du könntest gestorben sein, ich
habe fest an unser Wiedersehen geglaubt. Aber der Glaube kann täuschen,
das habe ich leider erfahren. Auch meinen Meister Niklaus, den
Bildschnitzer, konnte ich mir nicht tot vorstellen, ich zählte bestimmt
darauf, ihn wiederzufinden und aufs neue bei ihm zu arbeiten. Und doch
war er tot, als ich kam.“
„Es ist rasch berichtet“, sagte Narziß. „Abt Daniel ist schon vor acht
Jahren gestorben, ohne Krankheit und Schmerzen. Ich bin nicht sein
Nachfolger, ich bin erst seit einem Jahr Abt. Sein Nachfolger wurde
Pater Martin, einst unser Schulvorsteher, er starb im vergangenen Jahr,
nicht ganz siebzig Jahre alt. Und Pater Anselm ist auch nicht mehr da.
Er hatte dich gern, er sprach noch oft von dir. In seiner letzten Zeit
konnte er gar nicht mehr gehen, und das Liegen war ihm eine große Qual;
er ist an der Wassersucht gestorben. Ja, und die Pest war auch bei uns,
es sind viele gestorben. Sprechen wir nicht davon! Hast du noch mehr zu
fragen?“
„Gewiß, sehr viel. Vor allem: wie kommst du hierher in die Bischofsstadt
und zum Statthalter?“
„Das ist eine lange Geschichte, und sie wäre dir langweilig, es handelt
sich um Politik. Der Graf ist ein Günstling des Kaisers und in manchen
Fragen sein Bevollmächtigter, und es ist zur Zeit zwischen dem Kaiser
und unserem Orden mancherlei zu schlichten. Der Orden hat mich einer
Abordnung zugewiesen, die mit dem Grafen zu verhandeln hatte. Der Erfolg
war gering.“
Er schwieg, und Goldmund fragte nicht weiter. Er brauchte ja auch nicht
zu erfahren, daß gestern abend, als Narziß beim Grafen um Goldmunds
Leben bat, dies Leben mit einigen Konzessionen an den harten Grafen
hatte bezahlt werden müssen.
Sie ritten; Goldmund fühlte sich bald müde und hielt sich mit Mühe im
Sattel.
Nach einer langen Weile fragte Narziß: „Ist es denn wahr, daß du wegen
Diebstahls festgenommen warst? Der Graf behauptete, du hättest dich ins
Schloß und in die inneren Gemächer geschlichen und hättest dort
gestohlen.“
Goldmund lachte. „Nun, es hatte wirklich den Anschein, als sei ich ein
Dieb. Ich hatte aber mit des Grafen Geliebten eine Zusammenkunft; ohne
Zweifel hat er das auch gewußt. Es wundert mich sehr, daß er mich doch
laufen ließ.“
„Nun, er ließ mit sich reden.“
Sie konnten die geplante Tagesstrecke nicht bewältigen, Goldmund war zu
sehr erschöpft, seine Hände konnten die Zügel nicht mehr halten. Sie
nahmen in einem Dorf Quartier; er wurde zu Bett gebracht und fieberte
ein wenig und blieb auch noch den nächsten Tag dort liegen. Dann aber
konnte er weiterreiten. Und als in Bälde seine Hände wieder gesund
waren, begann er das Reisen zu Pferde sehr zu genießen. Wie lange war er
nicht mehr geritten! Er lebte auf, er wurde jung und lebhaft, er ritt
manche Strecke mit dem Reitknecht um die Wette und bestürmte in Stunden
der Mitteilsamkeit seinen Freund Narziß mit hundert ungeduldigen Fragen.
Gelassen und doch freudig ging Narziß darauf ein; er war wieder von
Goldmund bezaubert, er liebte seine so heftigen, so kindlichen Fragen,
die so voll unbegrenzten Vertrauens zu des Freundes Geist und Klugheit
waren.
„Eine Frage, Narziß: Habt ihr auch einmal Juden verbrannt?“
„Juden verbrannt? Wie sollten wir? Es gibt ja bei uns keine Juden.“
„Richtig. Aber sage: wärest du imstande, Juden zu verbrennen? Kannst du
dir den Fall als möglich denken?“
„Nein, warum sollte ich es tun? Hältst du mich für einen Fanatiker?“
„Versteh mich, Narziß! Ich meine: Kannst du dir denken, daß du in
irgendeinem Fall den Befehl zum Umbringen von Juden geben würdest oder
doch deine Einwilligung dazu? Es haben ja so viele Herzöge,
Bürgermeister, Bischöfe und andere Obrigkeiten solche Befehle gegeben.“
„Ich würde einen Befehl dieser Art nicht geben. Dagegen ist der Fall
wohl denkbar, daß ich eine solche Grausamkeit mit ansehen und dulden
müßte.“
„Du würdest es also dulden?“
„Gewiß, wenn mir nicht die Macht gegeben wäre, es zu verhindern. – Du
hast wohl einmal eine Judenverbrennung gesehen, Goldmund?“
„Ach ja.“
„Nun, und hast du sie verhindert? – Nein? – Siehst du.“
Goldmund erzählte ausführlich die Geschichte Rebekkas, er wurde dabei
warm und leidenschaftlich.
„Und nun“, schloß er heftig, „was ist das für eine Welt, in der wir da
leben müssen? Ist es nicht eine Hölle? Ist es nicht empörend und
scheußlich?“
„Gewiß. Die Welt ist nicht anders.“
„So!“ rief Goldmund böse. „Und wie oft hast du mir früher behauptet, die
Welt sei göttlich, sie sei eine große Harmonie von Kreisen, in deren
Mitte der Schöpfer thront, und das Existierende sei gut, und so weiter.
Du sagtest, es stehe im Aristoteles, oder beim heiligen Thomas. Ich bin
begierig, deine Erklärung des Widerspruchs zu hören.“
Narziß lachte.
„Dein Gedächtnis ist erstaunlich, und doch hat es dich ein wenig
getäuscht. Ich habe den Schöpfer stets als vollkommen verehrt, aber
niemals die Schöpfung. Ich habe das Übel in der Welt nie geleugnet. Daß
das Leben auf Erden harmonisch und gerecht und daß der Mensch gut sei,
dies, mein Lieber, hat noch nie ein echter Denker behauptet. Daß
vielmehr das Dichten und Trachten des Menschenherzens übel sei, steht
ausdrücklich in der heiligen Schrift, und wir sehen es jeden Tag
bestätigt.“
„Sehr gut. Ich sehe nun endlich, wie ihr Gelehrte das meint. Also der
Mensch ist böse, und das Leben auf Erden ist voll Gemeinheit und
Schweinerei, das gebet ihr zu. Aber dahinter irgendwo, in euren Gedanken
und Lehrbüchern, gibt es Gerechtigkeit und Vollkommenheit. Sie sind
vorhanden, man kann sie beweisen, nur aber macht man keinen Gebrauch
davon.“
„Du hast viel Groll gegen uns Theologen angesammelt, lieber Freund! Aber
du bist noch immer kein Denker geworden, du wirfst alles durcheinander.
Du wirst einiges hinzulernen müssen. Aber warum denn sagst du, wir
machten von der Idee der Gerechtigkeit keinen Gebrauch? Jeden Tag und
jede Stunde tun wir es. Ich zum Beispiel bin Abt und habe ein Kloster zu
leiten, und in diesem Kloster geht es ebensowenig vollkommen und sündlos
zu wie in der Welt draußen. Dennoch setzen wir der Erbsünde beständig
und immer wieder die Idee der Gerechtigkeit entgegen und suchen unser
unvollkommenes Leben an ihr zu messen und suchen das Böse zu korrigieren
und unser Leben in beständige Beziehung zu Gott zu setzen.“
„Ach ja, Narziß. Ich meine ja nicht dich und daß du etwa kein guter Abt
seiest. Aber ich denke an Rebekka, an die verbrannten Juden, an die
Massengräber, an das große Sterben, an die Gassen und Stuben, in denen
die Pestleichen lagen und stanken, an diese ganze grauenhafte Wüstenei,
an die verwahrlosten, allein zurückgebliebenen Kinder, an die in ihren
Ketten verhungerten Hofhunde – und wenn ich an das alles denke und diese
Bilder vor mir sehe, dann tut das Herz mir weh, und es will mir
scheinen, unsere Mütter hätten uns in eine hoffnungslos grausame und
teuflische Welt hinein geboren, und es wäre besser, sie hätten es nicht
getan und Gott hätte diese schreckliche Welt nicht erschaffen und der
Heiland hätte sich nicht unnütz für sie ans Kreuz schlagen lassen.“
Freundlich nickte Narziß dem Freunde zu.
„Du hast ganz recht“, sagte er warm, „sprich es nur aus, sage mir alles.
Aber in einem täuschest du dich sehr: du hältst das, was du da sprichst,
für Gedanken. Es sind aber Gefühle! Es sind die Gefühle eines Menschen,
dem das Grauen des Daseins zu schaffen macht. Nun vergiß aber nicht, daß
diesen traurigen und verzweifelten Gefühlen ganz andere gegenüberstehen!
Wenn du dich auf deinem Roß wohlfühlst und durch eine schöne Gegend
reitest oder wenn du, leichtsinnig genug, dich am Abend ins Schloß
einschleichst, um der Geliebten des Grafen den Hof zu machen, dann sieht
die Welt für dich ganz anders aus, und alle Pesthäuser und alle
verbrannten Juden können dich durchaus nicht hindern, deine Lust zu
suchen. Ist es nicht so?“
„Gewiß, es ist so. Weil die Welt so voll von Tod und Grauen ist, darum
suche ich immer wieder mein Herz zu trösten und die schönen Blumen zu
pflücken, die es inmitten dieser Hölle gibt. Ich finde Lust, und ich
vergesse für eine Stunde das Grauen. Darum ist es nicht minder da.“
„Du hast es sehr gut formuliert. Also du findest dich in der Welt von
Tod und Grauen umgeben, und daraus entfliehst du in die Lust. Aber die
Lust ist ohne Dauer, sie entläßt dich wieder in die Wüste.“
„Ja, so ist es.“
„Es geht den meisten Menschen so, nur empfinden es wenige mit solcher
Stärke und Heftigkeit wie du, und wenige haben das Bedürfnis, dieser
Empfindungen bewußt zu werden. Aber sage doch: Außer diesem
verzweifelten Hin und Her zwischen Lust und Grauen, außer dieser
Schaukel zwischen Lebenslust und Todesgefühl – hast du nicht außerdem
noch irgendeinen Weg probiert?“
„O ja, natürlich. Ich habe es mit der Kunst probiert. Ich sagte dir ja
schon, daß ich unter anderem auch Künstler geworden bin. Eines Tages,
ich war vielleicht drei Jahre in der Welt draußen und beinahe die ganze
Zeit auf Wanderschaft gewesen, fand ich in einer Klosterkirche eine
hölzerne Mutter Gottes stehen, die war so schön, und ihr Anblick ergriff
mich so sehr, daß ich nach dem Meister fragte und suchte, der sie
gemacht hatte. Ich fand ihn, es war ein berühmter Meister; ich wurde
sein Schüler und habe einige Jahre bei ihm gearbeitet.“
„Du wirst mir davon später noch mehr erzählen. Aber was war es denn, was
die Kunst dir gebracht und bedeutet hat?“
„Es war die Überwindung der Vergänglichkeit. Ich sah, daß aus dem
Narrenspiel und Totentanz des Menschenlebens etwas übrigblieb und
überdauerte: die Kunstwerke. Auch sie vergehen ja wohl irgendeinmal, sie
verbrennen oder verderben oder werden wieder zerschlagen. Aber immerhin
überdauern sie manches Menschenleben und bilden jenseits des Augenblicks
ein stilles Reich der Bilder und Heiligtümer. Daran mitzuarbeiten
scheint mir gut und tröstlich, denn es ist beinahe ein Verewigen des
Vergänglichen.“
„Das gefällt mir sehr, Goldmund. Ich hoffe, du werdest noch viele schöne
Werke machen, mein Vertrauen auf deine Kraft ist groß, und ich hoffe, du
werdest in Mariabronn lange Zeit mein Gast sein und mir erlauben, dir
eine Werkstatt einzurichten; unser Kloster hat seit langem keinen
Künstler mehr gehabt. Aber ich glaube, du hast das Wunderbare der Kunst
mit deiner Definition noch nicht erschöpft. Ich glaube, die Kunst
besteht nicht bloß darin, daß durch Stein, Holz und Farben etwas
Vorhandenes, aber Sterbliches dem Tod entrissen und zu längerer Dauer
gebracht wird. Ich habe manches Kunstwerk gesehen, manchen Heiligen und
manche Madonna, von denen ich nicht glaube, daß sie bloß treue Abbilder
irgendeines einzelnen Menschen sind, der einmal gelebt hat und dessen
Formen oder Farben der Künstler aufbewahrt hat.“
„Da hast du recht“, rief Goldmund eifrig, „ich hätte gar nicht geglaubt,
daß du über die Kunst so gut Bescheid wüßtest! Das Urbild eines guten
Kunstwerks ist nicht eine wirkliche, lebende Gestalt, obwohl sie der
Anlaß dazu sein kann. Das Urbild ist nicht Fleisch und Blut, es ist
geistig. Es ist ein Bild, das in der Seele des Künstlers seine Heimat
hat. Auch in mir, Narziß, sind solche Bilder lebendig, die ich einmal
darzustellen und dir zu zeigen hoffe.“
„Wie schön! Und jetzt, mein Lieber, hast du dich, ohne es zu wissen,
mitten in die Philosophie begeben und hast eines ihrer Geheimnisse
ausgesprochen.“
„Du machst dich über mich lustig.“
„O nein. Du hast von den ‚Urbildern‘ gesprochen, von Bildern also, die
nirgends vorhanden sind als im schöpferischen Geist, die aber in der
Materie verwirklicht und sichtbar gemacht werden können. Lang ehe eine
Kunstgestalt sichtbar wird und Wirklichkeit gewinnt, ist sie schon
vorhanden, als Bild in der Seele des Künstlers! Dieses Bild nun, dies
‚Urbild‘ ist aufs Haar genau das, was die alten Philosophen eine ‚Idee‘
nennen.“
„Ja, das klingt ganz glaubhaft.“
„Nun, und indem du dich zu Ideen bekennst und zu Urbildern, begibst du
dich in die geistige Welt, in unsere Philosophen- und Theologenwelt, und
gibst zu, daß mitten in dem verwirrten und schmerzlichen Schlachtfeld
des Lebens, mitten in diesem endlosen und sinnlosen Totentanz des
leiblichen Daseins der schöpferische Geist vorhanden ist. Schau, an
diesen Geist in dir habe ich mich stets gewendet, seit du als Knabe zu
mir kamst. Dieser Geist ist bei dir nicht der eines Denkers, er ist der
eines Künstlers. Aber er ist Geist, und er ist es, der dir den Weg
zeigen wird aus dem trüben Wirrwarr der Sinnenwelt, aus dem ewigen
Schaukeln zwischen Lust und Verzweiflung. Ach Lieber, ich bin glücklich,
dies Bekenntnis von dir gehört zu haben. Ich habe darauf gewartet – seit
damals, seit du deinen Lehrer Narziß verlassen hast und den Mut fandest,
du selbst zu sein. Jetzt können wir aufs neue Freunde sein.“
In dieser Stunde schien es Goldmund, als habe sein Leben einen Sinn
gewonnen, als übersähe er es wie von oben, sähe deutlich seine drei
großen Stufen: die Abhängigkeit von Narziß und ihre Lösung – die Zeit
der Freiheit und des Wanderns – und die Rückkehr, die Einkehr, den
Beginn der Reife und Ernte.
Die Vision verlor sich wieder. Aber zu Narziß hatte er nun das
Verhältnis gefunden, das ihm zukam, kein Verhältnis der Abhängigkeit
mehr, sondern eines der Freiheit und Gegenseitigkeit. Nun konnte er ohne
Demütigung bei seinem überlegenen Geist zu Gaste sein, da der andere in
ihm den Ebenbürtigen, den Schöpfer erkannt hatte. Sich ihm zu zeigen,
ihm in Bildwerken seine innere Welt sichtbar zu machen, darauf freute er
sich mit wachsender Sehnsucht während dieser Reise. Manchmal aber kamen
ihm auch Bedenken.
„Narziß“, warnte er, „ich fürchte, du weißt nicht, wen du da eigentlich
mit in dein Kloster bringst. Ich bin kein Mönch und will auch keiner
werden. Ich kenne ja die drei großen Gelübde, und mit der Armut bin ich
gern einverstanden, aber ich liebe weder die Keuschheit noch den
Gehorsam; diese Tugenden scheinen mir auch nicht so recht männlich zu
sein. Und von Frömmigkeit ist bei mir gar nichts mehr übriggeblieben,
ich habe seit Jahren nicht gebeichtet noch gebetet noch kommuniziert.“
Narziß blieb gelassen. „Du scheinst ein Heide geworden zu sein. Aber
davor haben wir keine Angst. Auf deine vielen Sünden brauchst du nicht
weiter stolz zu sein. Du hast das übliche Weltleben geführt, du hast wie
der verlorene Sohn die Säue gehütet, du weißt nicht mehr, was Gesetz und
Ordnung ist. Gewiß würde ein sehr schlechter Mönch aus dir werden. Aber
ich lade dich ja gar nicht dazu ein, in den Orden zu treten; ich lade
dich bloß ein, unser Gast zu sein und dir bei uns eine Werkstatt
einzurichten. Und noch eines: Vergiß nicht, daß damals in unsern
Jünglingsjahren ich es gewesen bin, der dich aufgeweckt hat und ins
Weltleben hinaus hat ziehen lassen. Es mag aus dir Gutes oder Schlechtes
geworden sein, nächst dir selbst trage dafür ich die Verantwortung. Ich
will sehen, was aus dir geworden ist; du wirst es mir zeigen, in Worten,
im Leben, in deinen Werken. Wenn du es gezeigt haben wirst und wenn ich
dann etwa finden sollte, daß unser Haus keine Stätte für dich ist, so
werde ich der erste sein, der dich bitten wird, es wieder zu verlassen.“
Goldmund war jedesmal voll Bewunderung, wenn sein Freund so sprach, wenn
er als Abt auftrat, mit der stillen Sicherheit und diesem Anflug von
Spott für Weltleute und Weltleben, denn dann wurde ihm sichtbar, was aus
Narziß geworden war: ein Mann. Ein Mann des Geistes zwar und der Kirche,
mit zarten Händen und einem Gelehrtengesicht, aber ein Mann voll
Sicherheit und Mut, ein Führer, einer, der Verantwortung trug. Dieser
Mann Narziß war nicht mehr der Jüngling von damals und nicht mehr der
sanfte innige Jünger Johannes, und diesen neuen Narziß, diesen
männlichen und ritterlichen, wollte er mit seinen Händen abbilden. Viele
Figuren warteten auf ihn: Narziß, der Abt Daniel, der Pater Anselm, der
Meister Niklaus, die schöne Rebekka, die schöne Agnes und noch so manche
andere, Freunde und Feinde, Lebende und Tote. Nein, er wollte kein
Ordensbruder werden, weder ein frommer noch ein gelehrter, er wollte
Werke schaffen; und daß seine einstige Jugendheimat die Heimat dieser
Werke sein würde, machte ihn glücklich.
Sie ritten durch den kühlen Spätherbst, und eines Tages, an dem morgens
die kahlen Bäume dick voll Rauhreif hingen, ritten sie über ein welliges
weites Land mit leeren rötlichen Moorgebieten, und die Linien der langen
Hügelzüge blickten merkwürdig mahnend und altbekannt, und es kam ein
hoher Eschenwald und ein Bachlauf und eine alte Scheuer, bei deren
Anblick fing Goldmunds Herz in froher Bangigkeit zu schmerzen an; er
erkannte die Hügel, über die er einstmals mit der Ritterstochter Lydia
geritten war, und die Heide, über die er einst, vertrieben und tief
betrübt, durch den dünnen Schneefall davongewandert war. Es tauchten die
Erlengruppen auf, und die Mühle, und die Burg, mit wunderlichem Schmerz
erkannte er das Fenster der Schreibstube, in der er damals, in der
sagenhaften Jugendzeit, den Ritter von seiner Pilgerfahrt hatte erzählen
hören und sein Latein hatte korrigieren müssen. Sie ritten in den Hof,
er gehörte zu den vorbestimmten Stationen ihrer Reise. Goldmund bat den
Abt, hier seinen Namen nicht zu nennen und ihn mit dem Reitknecht beim
Gesinde speisen zu lassen. So geschah es. Es war kein alter Ritter mehr
da und keine Lydia, wohl aber noch einige von den Jägern und Knechten,
und im Hause lebte und regierte eine sehr schöne, stolze und herrische
Edelfrau, Julie, an der Seite eines Ehegatten. Wunderbar schön sah sie
noch immer aus, sehr schön und etwas böse; weder von ihr noch vom
Gesinde wurde Goldmund erkannt. Nach dem Imbiß in der Abenddämmerung
schlich er zum Garten hinüber, sah über den Zaun auf die schon
winterlichen Beete, schlich zur Stalltür und schielte zu den Pferden
hinein. Mit dem Reitknecht schlief er auf dem Stroh, und die Last der
Erinnerungen lag ihm auf der Brust, er erwachte viele Male. O wie
zerstückt und unfruchtbar lag hinter ihm sein Leben, an herrlichen
Bildern reich, aber in so viele Scherben zerschmissen, so arm an Wert,
so arm an Liebe! Morgens beim Wegreiten blickte er bang zu den Fenstern
empor, ob er vielleicht Julie noch einmal zu Gesicht bekäme. So hatte er
vor kurzem im Hof der Bischofsresidenz umhergeblickt, ob Agnes sich noch
einmal zeige. Sie war nicht gekommen, und auch Julie zeigte sich nicht
mehr. So war sein ganzes Leben gewesen, schien ihm: Abschiednehmen,
Davonfliehen, Vergessenwerden, Dastehen mit leeren Händen und frierendem
Herzen. Den ganzen Tag ging es ihm nach, er sprach kein Wort, finster
hing er im Sattel. Narziß ließ ihn gewähren.
Nun aber näherten sie sich dem Ziel, und nach einigen Tagen war es
erreicht. Kurz ehe Turm und Dächer des Klosters sichtbar wurden, ritten
sie über jene steinigen Brachfelder hin, auf denen er, o vor wie langer
Zeit, einst Johanniskraut für den Pater Anselm gesucht hatte und von der
Zigeunerin Lise zum Mann gemacht worden war. Und nun ritten sie durchs
Tor von Mariabronn und stiegen unter dem welschen Kastanienbaum von den
Pferden. Zärtlich berührte Goldmund den Stamm und bückte sich nach einer
der zersprungenen stachligen Fruchtschalen, die braun und verwelkt am
Boden lagen.
Achtzehntes Kapitel
Goldmund wohnte die ersten Tage im Kloster selbst, in einer der
Gastzellen. Dann wurde ihm auf seine Bitte in einem der
Wirtschaftsgebäude, die den großen Hof wie einen Marktplatz umstanden,
Quartier gemacht, der Schmiede gegenüber.
Mit einem so heftigen Zauber, daß er selbst sich manchmal darüber
verwunderte, ergriff ihn das Wiedersehen. Niemand hier kannte ihn außer
dem Abt, niemand wußte, wer er sei; die Menschen hier, Brüder sowohl wie
Laien, lebten in einer festen Ordnung und waren beschäftigt, sie ließen
ihn in Ruhe. Aber es kannten ihn die Bäume des Hofes, es kannten ihn die
Portale und Fenster, die Mühle und das Wasserrad, die Fliesen der Gänge,
die welken Rosenbüsche im Kreuzgang, die Storchennester auf Kornhaus und
Refektorium. Es duftete aus jeder Ecke seine Vergangenheit, seine erste
Jugendzeit ihm süß und rührend entgegen, Liebe trieb ihn, alles
wiederzuschauen, alle Klänge wiederzuhören, die Vesperglocke und das
Sonntagsgeläut, das Rauschen des dunklen Mühlbachs in seinen engen
moosigen Mauern, das Schreiten der Sandalen auf den Steinplatten, den
abendlichen Klang des Schlüsselbundes, wenn der Bruder Pförtner
schließen ging. Neben den steinernen Abflußrinnen, in die vom Dach des
Laienrefektoriums das Regenwasser fiel, wucherten noch immer dieselben
kleinen Kräuter, Storchschnabel und Wegerich, und der alte Apfelbaum im
Garten der Schmiede hielt noch immer seine weitgreifenden Äste gleich
gewunden. Stärker aber als alles andere bewegte es ihn jedesmal, wenn
die kleine Schulglocke zu hören war und wenn in der Erholungsstunde alle
die Klosterschüler die Treppen herab und auf den Hof gepoltert kamen.
Wie jung und dumm und hübsch waren ihre Knabengesichter – war wirklich
auch er einmal so jung, so täppisch, so hübsch und kindisch gewesen?
Aber außer diesem wohlbekannten Kloster fand er auch ein beinahe
unbekanntes wieder, schon in den ersten Tagen stach es ihm in die Augen,
wurde ihm immer wichtiger und verband sich mit dem Wohlbekannten nur
langsam. Denn war auch hier nichts Neues hinzugekommen, stand auch alles
gleich, wie es in seiner Schülerzeit und vorher hundert und mehr Jahre
gestanden war, so sah er es doch nicht mit den Augen des Schülers. Er
sah und fühlte die Maße dieser Bauten, die Gewölbe der Kirche, die alten
Malereien, die steinernen und hölzernen Figuren auf den Altären, in den
Portalen, und obwohl er nichts sah, was nicht auch damals schon an
seinem Ort gewesen wäre, sah er doch jetzt erst die Schönheit dieser
Dinge und den Geist, der sie geschaffen hatte. Er sah die alte steinerne
Mutter Gottes in der obern Kapelle, auch als Knabe schon hatte er sie
gern gehabt und hatte sie abgezeichnet, aber erst jetzt sah er sie mit
wachen Augen, und sah, daß sie ein Wunderwerk war, das er auch mit der
besten und geglücktesten Arbeit niemals übertreffen konnte. Und solche
wunderbare Dinge gab es viele, und jedes stand nicht für sich und war
ein Zufall, sondern jedes stammte aus demselben Geist und stand zwischen
den alten Mauern, Säulen und Gewölben als in seiner natürlichen Heimat.
Was hier in ein paar hundert Jahren gebaut, gemeißelt, gemalt, gelebt,
gedacht und gelehrt worden war, das war eines Stammes, eines Geistes,
und paßte zusammen wie die Äste eines Baumes zusammenpassen.
Inmitten dieser Welt nun, dieser stillen mächtigen Einheit, fühlte
Goldmund sich sehr klein, und nie fühlte er sich kleiner, als wenn er
den Abt Johannes, seinen Freund Narziß, in dieser gewaltigen und doch
still-freundlichen Ordnung walten und regieren sah. Mochte zwischen dem
gelehrten, schmallippigen Abt Johannes und dem einfachen, gütig
schlichten Abt Daniel ein noch so großer Unterschied der Personen
bestehen, jeder von ihnen diente doch der gleichen Einheit, demselben
Gedanken, derselben Ordnung, erhielt durch sie seine Würde, brachte ihr
seine Person zum Opfer. Das machte sie einander ebenso ähnlich, wie die
Klostertracht es tat.
Inmitten dieses seines Klosters wurde Narziß in Goldmunds Augen
unheimlich groß, ohne daß er doch sich gegen ihn anders denn als
freundlicher Kamerad und Wirt betragen hätte. Bald wagte er kaum mehr,
ihn du und „Narziß“ zu nennen.
„Höre, Abt Johannes“, sagte er einmal zu ihm, „allmählich werde ich mich
doch wohl an deinen neuen Namen gewöhnen müssen. Ich muß dir sagen, daß
es mir bei euch sehr wohlgefällt. Beinah hätte ich Lust, dir eine
Generalbeichte abzulegen und nach getaner Buße um die Aufnahme als
Laienbruder zu bitten. Aber sieh, dann würde unsere Freundschaft zu Ende
sein; du wärest der Abt und ich der Laienbruder. Aber so neben dir
hinzuleben, und deine Arbeit zu sehen und selber nichts zu sein und zu
leisten, das ertrage ich nicht länger. Auch ich möchte gern arbeiten und
dir zeigen, was ich bin und kann, damit du sehen kannst, ob es sich
gelohnt hat, mich vom Galgen loszubitten.“
„Ich freue mich darüber“, sagte Narziß und sprach seine Worte noch
präziser und formulierter als sonst. „Du kannst zu jeder Stunde
beginnen, dir deine Werkstatt einzurichten, sofort werde ich den Schmied
und den Zimmermann anweisen, zu deiner Verfügung zu sein. Was an
Arbeitsmaterial hier am Ort aufzutreiben ist, darüber verfüge! Was von
auswärts bestellt werden muß, durch Fuhrleute, darüber fertige eine
Liste an. Und nun höre, wie ich über dich denke und über deine
Absichten! Du mußt mir etwas Zeit lassen mich auszudrücken: ich bin
Gelehrter und möchte versuchen, dir die Sache aus meiner Denkwelt heraus
darzustellen, ich habe keine andere Sprache als diese. Also folge mir
noch einmal, wie du es in früheren Jahren oft so geduldig getan hast.“
„Ich versuche dir zu folgen. Sprich nur.“
„Erinnere dich daran, wie ich dir schon in unsern Schülerzeiten manchmal
sagte, daß ich dich für einen Künstler halte. Damals schien mir, es
könnte ein Dichter aus dir werden; du hattest beim Lesen und Schreiben
eine gewisse Abneigung gegen das Begriffliche und Abstrakte und
liebtest in der Sprache die Worte und Klänge besonders, denen
sinnlich-dichterische Qualitäten eigen waren, also die Worte, bei
welchen man sich etwas vorstellen kann.“
Goldmund unterbrach. „Verzeih, aber sind Begriffe und Abstraktionen, die
du bevorzugst, nicht doch auch Vorstellungen, Bilder? Oder brauchst und
liebst du wirklich zum Denken die Worte, bei welchen man sich nichts
vorstellen kann? Kann man denn denken, ohne sich etwas dabei
vorzustellen?“
„Gut, daß du fragst! Aber gewiß kann man ohne Vorstellungen denken! Das
Denken hat mit Vorstellungen nicht das mindeste zu tun. Es vollzieht
sich nicht in Bildern, sondern in Begriffen und Formeln. Genau dort, wo
die Bilder aufhören, fängt die Philosophie an. Dies war es ja, worüber
wir einst als Jünglinge so oft gestritten haben: für dich bestand die
Welt aus Bildern, für mich aus Begriffen. Ich sagte dir stets, du seiest
zum Denker untauglich, und sagte dir auch, daß dies kein Mangel sei, da
du dafür ein Herrscher im Gebiet der Bilder bist. Paß auf, ich werde es
dir klarmachen. Wärest du, statt damals in die Welt zu laufen, ein
Denker geworden, so hättest du Unheil anrichten können. Du wärest
nämlich ein Mystiker geworden. Die Mystiker sind, kurz und etwas grob
gesagt, jene Denker, welche nicht von den Vorstellungen loskommen
können, also überhaupt keine Denker sind. Sie sind heimliche Künstler:
Poeten ohne Verse, Maler ohne Pinsel, Musiker ohne Töne. Es sind höchst
begabte und edle Geister unter ihnen, aber sie sind alle ohne Ausnahme
unglückliche Menschen. So einer hättest auch du werden können. Statt
dessen bist du, Gott sei Dank, ein Künstler geworden und hast dich der
Bilderwelt bemächtigt, wo du ein Schöpfer und Herr sein kannst, statt
als Denker im Unzulänglichen steckenzubleiben.“
„Ich fürchte“, sagte Goldmund, „es wird mir nie gelingen, mir von deiner
Denkwelt, wo man ohne Vorstellungen denkt, einen Begriff zu machen.“
„O doch, sofort wird dir das gelingen. Höre zu: Der Denker versucht das
Wesen der Welt durch die Logik zu erkennen und darzustellen. Er weiß,
daß unser Verstand und sein Werkzeug, die Logik, unvollkommene
Instrumente sind – ebenso wie ein kluger Künstler recht wohl weiß, daß
sein Pinsel oder Meißel niemals vollkommen das strahlende Wesen eines
Engels oder Heiligen wird ausdrücken können. Dennoch versuchen es beide,
der Denker wie der Künstler, auf ihre Weise. Sie können und dürfen nicht
anders. Denn indem ein Mensch mit den ihm von Natur gegebenen Gaben sich
zu verwirklichen sucht, tut er das Höchste und einzig Sinnvolle, was er
kann. Darum sagte ich früher so oft zu dir: Versuche nicht den Denker
oder den Asketen nachzuahmen, sondern sei du selbst, suche dich selbst
zu verwirklichen!“
„Ich verstehe dich so halb und halb. Aber was heißt das eigentlich: sich
verwirklichen?“
„Es ist ein philosophischer Begriff, ich kann es nicht anders
ausdrücken. Für uns Schüler des Aristoteles und des heiligen Thomas ist
der höchste aller Begriffe: das vollkommene Sein. Das vollkommene Sein
ist Gott. Alles andere, was ist, ist nur halb, ist teilweise, es ist
werdend, ist gemischt, besteht aus Möglichkeiten. Gott aber ist nicht
gemischt, er ist eins, er hat keine Möglichkeiten, sondern ist ganz und
gar Wirklichkeit. Wir aber sind vergänglich, wir sind werdend, wir sind
Möglichkeiten, es gibt für uns keine Vollkommenheit, kein völliges Sein.
Dort aber, wo wir von der Potenz zur Tat, von der Möglichkeit zur
Verwirklichung schreiten, haben wir teil am wahren Sein, werden dem
Vollkommenen und Göttlichen um einen Grad ähnlicher. Das heißt: sich
verwirklichen. Du mußt ja diesen Vorgang aus eigener Erfahrung kennen.
Du bist ja Künstler und hast manche Figuren gemacht. Wenn dir nun eine
solche Figur wirklich geglückt ist, wenn du das Bildnis eines Menschen
von Zufälligkeiten befreit und auf eine reine Form gebracht hast – dann
hast du, als Künstler, dies Menschenbild verwirklicht.“
„Ich habe verstanden.“
„Du siehst mich, Freund Goldmund, an einem Ort und in einem Amte, wo es
meiner Natur einigermaßen leicht gemacht wird, sich zu verwirklichen. Du
siehst mich in einer Gemeinschaft und Überlieferung leben, die mir
entspricht und mir hilft. Ein Kloster ist kein Himmel, es ist voll von
Unvollkommenheit, aber dennoch ist ein anständig geführtes Klosterleben
für Menschen von meiner Art unendlich viel fördernder als das Weltleben.
Ich will nicht vom Sittlichen reden, aber schon rein praktisch verlangt
das reine Denken, das zu üben und zu lehren meine Aufgabe ist, einen
gewissen Schutz vor der Welt. Ich habe also hier in unserem Hause es
viel leichter gehabt, mich zu verwirklichen, als du es gehabt hast. Daß
du trotzdem einen Weg gefunden hast und ein Künstler geworden bist, das
bewundere ich sehr. Denn du hast es ja so viel schwerer gehabt.“
Goldmund errötete vor Verlegenheit über das Lob, und auch vor Freude. Um
abzulenken, unterbrach er den Freund: „Das meiste von dem, was du mir
sagen wolltest, habe ich verstehen können. Eines aber will mir noch
immer nicht in den Kopf: das, was du ‚das reine Denken‘ nennst, also
dein sogenanntes Denken ohne Bilder und das Operieren mit Worten, bei
denen man sich nichts vorstellen kann.“
„Nun, an einem Beispiel kannst du es dir klarmachen. Denke doch an die
Mathematik! Was für Vorstellungen enthalten die Zahlen? Oder die Zeichen
Plus und Minus? Was für Bilder enthält eine Gleichung? Gar keine! Wenn
du eine arithmetische oder algebraische Aufgabe lösest, so hilft dir
keine Vorstellung dabei, sondern du vollziehst innerhalb gelernter
Denkformen eine formale Aufgabe.“
„So ist es, Narziß. Wenn du mir eine Reihe von Zahlen und Zeichen
hinschreibst, so kann ich mich ohne alle Vorstellungen durch sie
hindurcharbeiten, kann mich von dem Plus und Minus, den Quadraten, den
Einklammerungen und so weiter leiten lassen, und kann die Aufgabe lösen.
Das heißt – ich konnte es einst, heut könnte ich es längst nicht mehr.
Aber ich kann mir nicht denken, daß das Vollziehen solcher formaler
Aufgaben einen anderen Wert habe als den einer Verstandesübung für
Schüler. Rechnen lernen ist ja ganz gut. Aber ich fände es sinnlos und
kindisch, wenn ein Mensch sein Leben lang über solchen Rechenaufgaben
sitzen und ewig sein Papier mit Zahlenreihen bedecken würde.“
„Du täuschest dich, Goldmund. Du nimmst eben an, daß dieser fleißige
Rechner immer neue Schulaufgaben löse, die ein Lehrer ihm stellt. Er
kann sich die Fragen aber auch selbst stellen, sie können als zwingende
Gewalten in ihm entstehen. Man muß manchen wirklichen und manchen
fiktiven Raum mathematisch berechnet und gemessen haben, ehe man als
Denker an das Problem des Raumes sich wagen kann.“
„Nun ja. Aber das Problem des Raumes, als reines Denkproblem, scheint
mir auch in der Tat nicht der Gegenstand zu sein, an den ein Mann seine
Arbeit und seine Jahre verschwenden sollte. Das Wort ‚Raum‘ ist für mich
nichts und keines Gedankens wert, solange ich mir nicht einen wirklichen
Raum dabei vorstelle, etwa den Sternenraum; den zu betrachten und
auszumessen scheint mir allerdings keine unwürdige Aufgabe.“
Lächelnd fiel Narziß ein: „Du willst eigentlich sagen, daß du vom Denken
nichts hältst, wohl aber von der Anwendung des Denkens auf die
praktische und sichtbare Welt. Ich kann dir antworten: an Gelegenheiten
zur Anwendung unseres Denkens und am Willen dazu fehlt es uns
keineswegs. Der Denker Narziß zum Beispiel hat die Ergebnisse seines
Denkens sowohl auf seinen Freund Goldmund wie auf jeden seiner Mönche
hundertmal zur Anwendung gebracht und tut es zu jeder Stunde. Wie aber
sollte er etwas ‚anwenden‘, wenn er es nicht zuvor gelernt und geübt
hätte. Auch der Künstler übt ja sein Auge und seine Phantasie immerzu,
und wir anerkennen seine Übung, wenn sie auch nur in wenigen wirklichen
Werken zur Auswirkung kommt. Du kannst nicht das Denken als solches
verwerfen, seine ‚Anwendung‘ aber billigen! Der Widerspruch ist klar.
Also laß mich ruhig denken, und beurteile mein Denken nach seinen
Auswirkungen, ebenso wie ich deine Künstlerschaft nach deinen Werken
beurteilen werde. Du bist jetzt unruhig und gereizt, weil zwischen dir
und deinen Werken noch Hindernisse liegen. Räume sie weg, suche oder
baue dir eine Werkstatt und gehe auf deine Werke los! Viele Fragen
werden sich dabei von selber lösen.“
Goldmund wünschte sich nichts Besseres.
Er fand einen Raum neben dem Hoftor, der zur Zeit leer stand und sich
zur Werkstatt eignete. Er gab dem Zimmermann einen Zeichentisch und
anderes Gerät in Auftrag, das er ihm genau aufzeichnete. Er stellte eine
Liste der Gegenstände auf, die ihm von den Klosterfuhrleuten nach und
nach aus den nächsten Städten mitgebracht werden sollten, eine lange
Liste. Er schaute sich beim Zimmermann und im Walde alle Vorräte von
geschlagenem Holze an, wählte viele Stücke für sich aus und ließ sie
eins ums andere in den Grasgarten hinter seiner Werkstatt schaffen, wo
er sie trocken lagerte und mit eigenen Händen ein Schutzdach darüber
zimmerte. Auch hatte er viel beim Schmied zu tun, dessen Sohn, einen
jungen träumerischen Menschen, er ganz bezauberte und für sich gewann.
Mit ihm stand er nun halbe Tage an der Esse, am Amboß, am Kühltrog und
am Schleifstein, da stellten sie alle die krummen und geraden
Schnitzmesser, Meißel, Bohrer und Schabeisen her, die er zur Bearbeitung
der Hölzer brauchte. Der Schmiedssohn Erich, ein Jüngling von etwa
zwanzig Jahren, wurde Goldmunds Freund, er half überall mit und war voll
glühender Teilnahme und Neugierde. Goldmund versprach ihm, ihn im
Lautenspiel zu unterrichten, was er sich sehnlich wünschte, und auch das
Schnitzen sollte er bei ihm probieren dürfen. Wenn Goldmund zu Zeiten
sich im Kloster und bei Narziß recht unnütz und bedrückt fühlte, konnte
er sich bei Erich erholen, der ihn schüchtern liebte und ohne Maß
verehrte. Oft bat er ihn, ihm vom Meister Niklaus und von der
Bischofsstadt zu erzählen; manchmal tat Goldmund es gerne und war dann
plötzlich verwundert darüber, daß er nun hier sitze und wie ein alter
Mann von Reisen und Taten der Vergangenheit berichte, da doch sein Leben
erst richtig beginnen sollte.
Daß er sich in den letzten Zeiten stark verändert hatte und weit über
seine Jahre gealtert war, konnte niemand sehen, sie hatten ihn ja vorher
nicht gekannt. Die Nöte der Wanderschaft und des unsteten Lebens mochten
schon früher an ihm gezehrt haben; dann aber hatte die Pestzeit mit
ihren vielen Schrecken und zuletzt seine Gefangenschaft beim Grafen und
jene grausige Nacht im Schloßkeller ihn bis ins tiefste erschüttert, und
es blieb davon dies und jenes zurück: graue Haare im blonden Bart, dünne
Falten im Gesicht, Zeiten mit schlechtem Schlaf und zuweilen innen im
Herzen eine gewisse Ermüdung, ein Erschlaffen der Lust und Neugierde,
ein graues laues Gefühl von Genughaben und Sattsein. Beim Vorbereiten
seiner Arbeit, in den Gesprächen mit Erich, in den Hantierungen beim
Schmied und Zimmermann taute er auf, wurde lebhaft und jung, alle
bewunderten ihn und hatten ihn gern, aber dazwischen saß er nicht selten
halbe und ganze Stunden müde, lächelnd und träumerisch, einer Apathie
und Gleichgültigkeit hingegeben.
Sehr wichtig war ihm die Frage, wo er denn mit seiner Arbeit beginnen
solle. Das erste Werk, das er hier machen und mit dem er die
Gastfreundschaft des Klosters heimzahlen wollte, sollte kein zufälliges
sein, das man irgendwo zur Neugierde aufstellt, sondern es sollte gleich
den alten Werken des Hauses ganz zum Bau und zum Leben des Klosters
gehören und ein Teil von ihm werden. Am liebsten hätte er einen Altar
gemacht oder auch eine Kanzel, für beides aber war kein Bedürfnis und
Raum. Dafür fand er etwas anderes. Im Refektorium der Patres gab es eine
erhöhte Nische, in der während der Mahlzeiten stets ein junger Bruder
die Legende vorlas. Diese Nische war ohne Schmuck. Goldmund beschloß,
den Aufgang zum Lesepult und dieses selbst mit einer hölzernen
Schmuckverkleidung zu versehen, der einer Kanzel ähnlich, mit halb
erhabenen und einigen beinah freistehenden Figuren. Er teilte den Plan
dem Abte mit, der ihn lobte und willkommen hieß.
Als nun endlich die Arbeit beginnen konnte – es lag Schnee, und
Weihnachten war schon vorüber –, nahm Goldmunds Leben eine neue Gestalt
an. Fürs Kloster war er wie verschwunden, niemand sah ihn mehr, er
wartete nicht mehr am Ende der Schulstunden auf die Schülerschar, strich
nicht mehr im Walde herum, wandelte nicht mehr im Kreuzgang. Die
Mahlzeiten nahm er jetzt beim Müller – es war nicht mehr der, den er als
Schüler einst viel besucht hatte. Und in seine Werkstatt ließ er keinen
Menschen eintreten als seinen Gehilfen Erich; auch dieser bekam an
manchen Tagen kein Wort von ihm zu hören.
Für sein erstes Werk, die Vorleserempore, hatte er in langem Sinnen
diesen Plan aufgestellt: von den beiden Teilen, aus denen das Werk
bestand, sollte der eine die Welt, der andere das göttliche Wort
darstellen. Der untere Teil, die Treppe, aus einem starken Eichenstamm
hervorwachsend und sich um ihn drehend, sollte die Schöpfung darstellen,
Bilder der Natur und des einfachen Lebens der Patriarchen. Der obere
Teil, die Brüstung, würde die Bilder der vier Evangelisten tragen. Einem
der Evangelisten wollte er die Gestalt des seligen Abtes Daniel geben,
einem anderen die des seligen Pater Martin, seines Nachfolgers, und in
der Figur des Lukas wollte er seinen Meister Niklaus verewigen.
Er stieß auf große Schwierigkeiten, auf größere, als er gedacht hatte.
Sie machten ihm Sorgen, aber es waren süße Sorgen, er warb um das Werk
entzückt und verzweifelt wie um eine spröde Frau, er kämpfte mit ihm
erbittert und zart, wie ein Angler mit einem großen Hecht kämpft, jeder
Widerstand belehrte ihn und machte ihn feinfühliger. Er vergaß alles
andere, er vergaß das Kloster, vergaß beinahe Narziß. Dieser fand sich
einige Male ein, bekam aber nichts zu sehen als Zeichnungen.
Dafür überraschte ihn eines Tages Goldmund mit der Bitte, ihm Beichte zu
hören.
„Ich konnte mich bisher nicht dazu bringen“, gestand er, „ich kam mir zu
gering vor, ich fühlte mich vor dir schon gerade genug gedemütigt. Jetzt
ist mir wohler, ich habe jetzt meine Arbeit und bin kein Nichts mehr.
Und da ich nun schon einmal in einem Kloster mitlebe, möchte ich mich
der Ordnung fügen.“
Er fühlte sich der Stunde jetzt gewachsen und wollte nicht länger damit
warten. Und in dem beschaulichen Leben der ersten Wochen, in der Hingabe
an all das Wiedersehen und Jugendgedenken und auch in den Erzählungen,
um die ihn Erich bat, war der Rückblick auf sein Leben in eine gewisse
Ordnung und Klarheit gerückt.
Narziß empfing ihn ohne Feierlichkeit zur Beichte. Sie dauerte gegen
zwei Stunden. Mit unbewegtem Gesicht hörte der Abt die Abenteuer, Leiden
und Sünden seines Freundes an, stellte manche Fragen, unterbrach nie und
hörte auch jenen Teil der Beichte gleichmütig an, in dem Goldmund das
Hinschwinden seines Glaubens an Gottes Gerechtigkeit und Güte bekannte.
Er war ergriffen von manchen Bekenntnissen des Beichtenden, er sah, wie
viel er geschüttelt und erschreckt worden war und wie nah er zuweilen am
Untergang gewesen war. Dann wieder mußte er lächeln und war gerührt von
des Freundes unschuldig gebliebener Kindlichkeit, denn er fand ihn
besorgt und reuig wegen unfrommer Gedanken, die im Vergleich mit seinen
eigenen Zweifeln und Denkabgründen harmlos waren.
Zu Goldmunds Verwunderung, ja Enttäuschung, nahm der Beichtvater seine
eigentlichen Sünden nicht allzu schwer, mahnte und strafte ihn aber ohne
Schonung wegen seiner Vernachlässigung des Betens, Beichtens und
Kommunizierens. Er legte ihm die Buße auf, vor dem Empfang der Kommunion
vier Wochen mäßig und keusch zu leben, jeden Morgen die erste Frühmesse
zu hören und jeden Abend drei Vaterunser und einen Marienhymnus zu
sprechen.
Nachher sagte er zu ihm: „Ich ermahne und bitte dich, diese Buße nicht
leicht zu nehmen. Ich weiß nicht, ob du den Text der Messe noch genau
kennst. Du sollst ihn Wort für Wort verfolgen und dich seinem Sinn
hingeben. Das Vaterunser und einige Hymnen werde ich noch heute selbst
mit dir sprechen und dir Anweisungen geben, auf welche Worte und
Bedeutsamkeiten du ganz besonders deine Aufmerksamkeit zu richten hast.
Du sollst die heiligen Worte nicht sprechen und anhören, wie man
Menschenworte spricht und anhört. So oft du dich darauf ertappst, daß du
die Worte nur herunterleierst, und das wird öfter geschehen, als du
glaubst, dann sollst du dich an diese Stunde und an meine Ermahnung
erinnern, sollst von vorn beginnen und die Worte so sprechen und so in
dein Herz einlassen, wie ich es dir zeigen werde.“
Ob es nun ein schöner Zufall war oder ob des Abtes Seelenkunde so weit
reichte, es ergab sich aus dieser Beichte und Buße für Goldmund eine
Zeit der Erfülltheit und des Friedens, die ihn tief beglückte. Inmitten
seiner an Spannungen, Sorgen und Befriedigungen reichen Arbeit fand er
sich jeden Morgen und Abend durch die leichten, aber mit
Gewissenhaftigkeit begangenen geistlichen Übungen von den Erregungen des
Tages erlöst und mit seinem ganzen Wesen zurückbezogen auf eine höhere
Ordnung, die ihn der gefährlichen Einsamkeit des Schöpfers entriß und
ihn als Kind in ein Reich Gottes einbezog. Mußte er den Kampf um sein
Werk durchaus als Einsamer bestehen und ihm alle Leidenschaft seiner
Sinne und Seele geben, so führte ihn doch die Andachtsstunde immer
wieder zur Unschuld zurück. Während der Arbeit oft vor Wut und Ungeduld
rauchend oder bis zur Wollust verzückt, tauchte er in den frommen
Übungen wie in einem tiefen kühlen Wasser unter, das den Hochmut der
Begeisterung ebenso wie den Hochmut der Verzweiflung von ihm abwusch.
Es gelang nicht immer. Manchmal fand er am Abend nach glühenden
Arbeitsstunden die Ruhe und Sammlung nicht, einige Male vergaß er die
Übungen, und mehrmals, wenn er sich um die Versenkung mühte, hinderte
und quälte ihn der Gedanke, daß das Gebetsprechen am Ende eine kindische
Bemühung um einen Gott sei, den es gar nicht gebe oder der ihm doch
nicht helfen könne. Er klagte es dem Freunde.
„Fahre fort“, sagte Narziß, „du hast es versprochen und mußt es halten.
Du hast nicht darüber nachzudenken, ob Gott dein Gebet hört oder ob es
den Gott, den du dir vorstellen magst, überhaupt gebe. Du hast auch
nicht darüber nachzudenken, ob deine Bemühungen kindisch seien. Im
Vergleich mit dem, an den unsere Gebete sich wenden, ist all unser Tun
kindisch. Du sollst dir diese törichten Kleinkindergedanken während der
Übung ganz und gar verbieten. Du sollst dein Paternoster und dein
Marienlied sprechen und sollst dich ihren Worten hingeben und dich mit
ihnen erfüllen, so, wie du etwa beim Singen oder Lautespielen auch nicht
irgendwelchen klugen Gedanken und Spekulationen nachjagst, sondern einen
Ton und einen Fingergriff um den andern so rein und vollkommen wie
möglich ausführst. Während man singt, denkt man nicht darüber nach, ob
das Singen etwa nützlich sei oder nicht, sondern man singt. Ebenso
sollst du beten.“
Und wieder gelang es. Wieder erlosch sein gespanntes und begieriges Ich
in der weitgewölbten Ordnung, wieder zogen die ehrwürdigen Worte über
ihn hinweg und durch ihn hindurch wie Sterne.
Mit großer Befriedigung sah der Abt, daß Goldmund nach dem Ablauf seiner
Bußzeit und dem Empfang des Sakraments die täglichen Übungen weiter
vollzog, wochen- und monatelang.
Währenddessen rückte sein Werk voran. Aus der dicken Treppenspindel
wuchs eine kleine quellende Welt von Gestaltungen, von Pflanzen, Tieren
und Menschen empor, in ihrer Mitte ein Vater Noah zwischen Weinlaub und
Trauben, ein Bilderbuch und Lobpreis der Schöpfung und ihrer Schönheit,
frei spielend, aber von einer geheimen Ordnung und Zucht geleitet.
Während all der Monate sah niemand das Werk außer Erich, der dabei
Handreichung tun durfte und keinen andern Gedanken mehr hatte, als ein
Künstler werden zu dürfen. An manchen Tagen durfte auch er die Werkstatt
nicht betreten. An andern Tagen nahm Goldmund sich seiner an, unterwies
ihn und ließ ihn probieren, froh daran, einen Gläubigen und Schüler zu
haben. War das Werk fertig und geglückt, so dachte er ihn von seinem
Vater loszubitten und zum ständigen Gehilfen zu erziehen.
An den Figuren der Evangelisten arbeitete er an seinen besten Tagen,
wenn alles im Einklang war und keine Zweifel ihn beschatteten. Am
besten, so schien ihm, gelang ihm die Figur, der er die Züge des Abtes
Daniel gab, er liebte sie sehr, von ihrem Gesicht strahlte Unschuld und
Güte aus. Mit der Figur des Meisters Niklaus war er weniger zufrieden,
obwohl Erich diese am meisten bewunderte. Diese Gestalt zeigte Zwiespalt
und Trauer, sie schien voll hoher Schöpferpläne und zugleich voll
verzweifelten Wissens um die Nichtigkeit des Schöpfertums, voll Trauer
um eine verlorene Einheit und Unschuld.
Als der Abt Daniel fertig war, hieß er Erich die Werkstatt säubern. Er
verhängte das übrige Werk mit Tüchern und stellte nur diese eine Figur
ans Licht. Dann ging er zu Narziß und wartete, da dieser beschäftigt
war, geduldig bis zum nächsten Tag. Dann führte er zur Mittagsstunde den
Freund in seine Werkstatt und vor die Figur.
Narziß stand und schaute. Er stand und ließ sich Zeit, mit der
Aufmerksamkeit und Sorgfalt des Gelehrten betrachtete er die Gestalt.
Goldmund stand hinter ihm, schweigend, und suchte den Sturm in seinem
Herzen zu bändigen. „Oh“, dachte er, „wenn jetzt einer von uns beiden
nicht besteht, dann ist es böse. Wenn mein Werk nicht gut genug ist oder
wenn er es nicht verstehen kann, dann hat alle meine Arbeit hier ihren
Wert verloren. Ich hätte doch noch warten sollen.“
Die Minuten schienen ihm Stunden, er dachte an die Stunde, da Meister
Niklaus seine erste Zeichnung in den Händen gehalten hatte, er preßte
die heiß-feuchten Hände ineinander vor Spannung.
Narziß wendete sich zu ihm um, und alsbald fühlte er sich erlöst. Er sah
in des Freundes schmalem Gesicht etwas blühen, das ihm seit den
Knabenjahren nicht mehr geblüht hatte: ein Lächeln, ein beinah
schüchternes Lächeln in diesem Gesicht voll Geist und Willen, ein
Lächeln der Liebe und Hingabe, einen Schimmer, als sei die Einsamkeit
und der Stolz dieses Gesichts für einen Augenblick durchbrochen und es
schiene nichts daraus hervor als ein Herz voll Liebe.
„Goldmund“, sagte Narziß ganz leise, auch jetzt die Worte wägend, „du
erwartest nicht von mir, daß ich plötzlich ein Kunstkenner sein soll.
Ich bin es nicht, du weißt es. Ich kann dir über deine Kunst nichts
sagen, was dir nicht lächerlich wäre. Aber laß mich dir das eine sagen:
Beim ersten Blick habe ich in diesem Apostel unsern Abt Daniel erkannt,
und nicht nur ihn, sondern auch alles, was er uns damals bedeutet hat:
die Würde, die Güte, die Einfalt. So, wie der selige Vater Daniel vor
unserer jugendlichen Ehrfurcht stand, so steht er hier wieder vor mir,
und mit ihm alles, was damals uns heilig war und was uns jene Zeit
unvergeßlich macht. Du hast mich mit diesem Anblick reich beschenkt,
mein Freund, du hast mir nicht nur unsern Abt Daniel wiedergegeben, du
hast mir, zum erstenmal, dich selbst ganz erschlossen. Ich weiß jetzt,
wer du bist. Laß uns nicht mehr darüber reden, ich darf es nicht. O
Goldmund, daß uns diese Stunde gekommen ist!“
Es war still in dem großen Raum. Goldmund sah, daß sein Freund im Herzen
bewegt war. Eine Verlegenheit engte ihm den Atem.
„Ja“, sagte er kurz, „ich bin froh darüber. Aber es ist nun wohl Zeit,
daß du zu Tische gehst.“
Neunzehntes Kapitel
Zwei Jahre arbeitete Goldmund an diesem Werk, und vom zweiten Jahr an
bekam er Erich ganz als Schüler zugewiesen. Im Schnitzwerk der Treppe
dichtete er ein kleines Paradies, mit Wollust gestaltete er eine holde
Wildnis von Bäumen, Laubwerk und Gekräute, mit Vögeln im Geäste, und die
Leiber und Köpfe von Tieren tauchten überall dazwischen auf. Inmitten
dieses friedlich sprossenden Urgartens stellte er einige Szenen aus dem
Leben der Patriarchen dar. Selten erlitt dies fleißige Leben eine
Unterbrechung. Selten kam ein Tag, an dem die Arbeit ihm unmöglich war,
an dem Unrast oder Überdruß ihm sein Werk entleideten. Dann gab er dem
Schüler eine Arbeit, lief oder ritt ins Land hinein, atmete im Wald den
mahnenden Duft der Freiheit und des Vagantenlebens, suchte da oder dort
eine Bauerntochter auf, ging auch auf die Jagd und lag Stunden im
Grünen, in die Gewölbehallen der Waldwipfel starrend und in die
wuchernden Wildnisse von Farnkraut und Ginster. Nie blieb er länger weg
als einen Tag oder zwei. Dann ging er mit neuer Leidenschaft ans Werk,
schnitzte mit Wollust die krautig wuchernden Pflanzen, holte sacht und
zärtlich die Menschenköpfe aus dem Holz, schnitt einen Mund mit
kräftigem Schnitt, ein Auge, einen faltigen Bart. Außer Erich kannte nur
Narziß das Werk, oft kam er herüber, die Werkstatt wurde ihm zu Zeiten
der liebste Raum im Kloster. Mit Freude und Erstaunen sah er zu. Da kam
nun zur Blüte, was sein Freund in seinem unruhigen, trotzigen und
kindlichen Herzen getragen hatte, da wuchs und blühte es herauf, eine
Schöpfung, eine kleine quellende Welt: ein Spiel vielleicht, aber gewiß
kein schlechteres als das Spiel mit Logik, Grammatik und Theologie.
Nachdenklich sagte er einmal: „Ich lerne viel von dir, Goldmund. Ich
beginne zu verstehen, was Kunst ist. Früher schien sie mir, mit dem
Denken und der Wissenschaft verglichen, nicht ganz ernst zu nehmen. Ich
dachte etwa so: Da nun einmal der Mensch eine zweifelhafte Mischung aus
Geist und Materie ist, da ihm der Geist die Erkenntnis des Ewigen
öffnet, die Materie aber ihn hinabzieht und ans Vergängliche fesselt,
sollte er von den Sinnen weg ins Geistige streben, um sein Leben zu
erhöhen und ihm Sinn zu geben. Ich gab zwar vor, die Kunst hochzuachten,
aus Gewohnheit, aber eigentlich war ich hochmütig und sah auf sie herab.
Jetzt erst sehe ich, wie viele Wege zur Erkenntnis es gibt und daß der
Weg des Geistes nicht der einzige und vielleicht nicht der beste ist. Es
ist mein Weg, gewiß; ich werde auf ihm bleiben. Aber ich sehe dich auf
dem entgegengesetzten Weg, auf dem Weg durch die Sinne, das Geheimnis
des Seins ebenso tief erfassen und viel lebendiger ausdrücken, als die
meisten Denker es können.“
„Du begreifst nun“, sagte Goldmund, „daß ich nicht verstehen kann, was
Denken ohne Vorstellungen sein soll?“
„Ich habe es längst begriffen. Unser Denken ist ein beständiges
Abstrahieren, ein Wegsehen vom Sinnlichen, ein Versuch am Bau einer rein
geistigen Welt. Du aber nimmst gerade das Unbeständigste und
Sterblichste ans Herz und verkündest den Sinn der Welt gerade im
Vergänglichen. Du siehst nicht davon weg, du gibst dich ihm hin, und
durch deine Hingabe wird es zum Höchsten, zum Gleichnis des Ewigen. Wir
Denker suchen uns Gott zu nähern, indem wir die Welt von ihm abziehen.
Du näherst dich ihm, indem du seine Schöpfung liebst und nochmals
erschaffst. Beides ist Menschenwerk und unzulänglich, aber die Kunst ist
unschuldiger.“
„Ich weiß nicht, Narziß. Aber mit dem Leben fertigzuwerden, die
Verzweiflung abzuwehren, das scheint euch Denkern und Theologen doch
besser zu gelingen. Ich beneide dich längst nicht mehr um deine
Wissenschaft, mein Freund, aber ich beneide dich um deine Ruhe, um
deinen Gleichmut, um deinen Frieden.“
„Du solltest mich nicht beneiden, Goldmund. Es gibt keinen Frieden, so,
wie du es meinst. Es gibt den Frieden, gewiß, aber nicht einen, der
dauernd in uns wohnt und uns nicht mehr verläßt. Es gibt nur einen
Frieden, der immer und immer wieder mit unablässigem Kämpfen erstritten
wird und von Tag zu Tag neu erstritten werden muß. Du siehst mich nicht
streiten, du kennst weder meine Kämpfe beim Studium, noch kennst du
meine Kämpfe in der Betzelle. Es ist gut, daß du sie nicht kennst. Du
siehst nur, daß ich weniger als du Launen unterworfen bin, das hältst du
für Frieden. Es ist aber Kampf, es ist Kampf und Opfer wie jedes rechte
Leben, wie das deine auch.“
„Wir wollen darüber nicht streiten. Auch du siehst meine Kämpfe nicht
alle. Und ich weiß nicht, ob du verstehen kannst, wie mir ums Herz ist,
wenn ich daran denke, daß nun bald dieses Werk hier fertig sein wird. Es
wird dann fortgebracht und aufgestellt, und man sagt mir einige
Lobsprüche, und dann kehre ich in eine nackte leere Werkstatt zurück,
betrübt über alles das, was in meinem Werk mir nicht gelungen ist und
was ihr andern gar nicht sehen könnt, und bin im Innern so leer und
beraubt, wie die Werkstatt es ist.“
„Das mag so sein“, sagte Narziß, „und keiner von uns kann den andern
darin ganz verstehen. Gemeinsam aber ist allen Menschen, die des guten
Willens sind, dieses: daß unsere Werke uns am Ende beschämen, daß wir
immer wieder von vorn beginnen müssen, daß das Opfer immer neu gebracht
werden muß.“
Einige Wochen später war Goldmunds große Arbeit fertig und aufgestellt.
Es wiederholte sich, was er schon längst erlebt hatte: Sein Werk ging in
den Besitz der andern über, ward betrachtet, beurteilt, gelobt, man
rühmte ihn und erwies ihm Ehre; sein Herz aber und seine Werkstatt
standen leer, und er wußte nicht mehr, ob das Werk des Opfers wert
gewesen sei. Am Tag der Enthüllung war er bei den Patres zur Tafel
geladen, es gab ein Festmahl und den ältesten Wein des Hauses; Goldmund
schluckte den guten Fisch und das Wildbret, und mehr als der alte Wein
erwärmte ihn die Teilnahme und Freude, mit welcher Narziß sein Werk und
seine Ehrung begrüßte.
Eine neue Arbeit, vom Abt gewünscht und bestellt, war schon entworfen,
ein Altar für die Marienkapelle in Neuzell, die dem Kloster gehörte und
in der ein Mariabronner Pater als Priester amtete. Für diesen Altar
wollte Goldmund eine Marienfigur machen und wollte in ihr eine der
unvergeßlichen Gestalten seiner Jugend verewigen, die schöne ängstliche
Ritterstochter Lydia. Im übrigen war dieser Auftrag ihm wenig wichtig,
er schien ihm aber dazu geeignet, daß Erich sein Gesellenstück an ihm
mache. Bewährte sich Erich, so würde er an ihm für immer einen guten
Mitarbeiter haben, der ihn ersetzen konnte und ihn für jene Arbeiten
freimachte, die allein ihm noch am Herzen lagen. Jetzt suchte er mit
Erich die Hölzer für den Altar aus und ließ ihn sie herrichten. Oft ließ
Goldmund ihn allein, er hatte das Streifen und die weiten Waldgänge
wieder angefangen; als er einmal mehrere Tage ausblieb, meldete Erich es
dem Abt, und auch der Abt fürchtete ein wenig, er möchte sich für immer
davongemacht haben. Er kam indessen zurück, arbeitete eine Woche lang an
der Lydiafigur, dann fing er wieder an zu schweifen.
Er hatte Sorgen; seit dem Fertigwerden der großen Arbeit war sein Leben
in Unordnung, er versäumte die Frühmesse, er war tief unruhig und
unzufrieden. Viel dachte er jetzt an den Meister Niklaus und ob nicht
bald auch er selbst so werden würde, wie Niklaus war, fleißig und bieder
und kunstfertig, aber unfrei und unjung. Kürzlich hatte ein kleines
Erlebnis ihn nachdenklich gemacht. Auf seinen Streifen hatte er ein
junges Bauernmädchen namens Franziska gefunden, die ihm sehr gefiel, so
daß er sich Mühe gab, sie zu bezaubern, und alle seine einstigen
Werbekünste anwandte. Das Mädchen hörte sein Geplauder gern, sie lachte
beglückt zu seinen Witzen, aber seine Werbungen lehnte sie ab, und zum
erstenmal spürte er, daß er einem jungen Weibe alt erscheine. Er war
nicht mehr hingegangen, aber er hatte es nicht vergessen. Franziska
hatte recht, er war anders geworden, er fühlte es selbst, und zwar waren
es nicht die paar verfrühten grauen Haare und die paar Falten um die
Augen, es war mehr etwas im Wesen, im Gemüt; er fand sich alt, er fand
sich dem Meister Niklaus unheimlich ähnlich geworden. Mit Unwillen
beobachtete er sich selber und zuckte die Achseln über sich; er war
unfrei und seßhaft geworden, er war kein Adler und kein Hase mehr, er
war ein Haustier geworden. Trieb er sich draußen herum, so suchte er den
Duft der Vergangenheit, das Gedächtnis seiner einstigen Wanderschaft
mehr als neue Wanderung und neue Freiheit, er suchte sehnlich und
mißtrauisch danach wie ein Hund nach einer verlorengegangenen Witterung.
Und war er einen Tag oder zwei draußen gewesen, hatte er ein wenig
gebummelt und gefeiert, so zog es ihn unweigerlich wieder zurück, er
hatte ein schlechtes Gewissen, er fühlte die Werkstatt warten, er fühlte
sich für den begonnenen Altar, für das vorbereitete Holz, für den
Gehilfen Erich verantwortlich. Er war nicht mehr frei, er war nicht mehr
jung. Fest nahm er sich vor: wenn die Lydia-Maria fertig wäre, wollte er
eine Reise antreten und es noch einmal mit dem Wanderleben probieren. Es
war nicht gut, so lange in einem Kloster und bei lauter Männern zu
leben. Für Mönche mochte es gut sein, für ihn aber nicht. Mit Männern
konnte man schön und klug sprechen, und sie hatten Verstand für die
Arbeit eines Künstlers, aber alles andere, das Schwatzen, das
Zärtlichsein, das Spiel, die Liebe, das Behagen ohne Gedanken – das
gedieh unter Männern nicht, dazu brauchte es Frauen und Wanderung und
Schweifen und immer neue Bilder. Es war alles hier um ihn her ein wenig
grau und ernsthaft, ein wenig schwer und männlich, und er war davon
angesteckt, es war ihm ins Blut gekrochen.
Der Gedanke an die Reise tröstete ihn; er hielt sich brav zur Arbeit, um
desto eher frei zu werden. Und wie ihm aus dem Holz die Gestalt Lydias
allmählich entgegenkam, wie er von ihren edlen Knien die strengen
Kleidfalten niederstreben ließ, entzückte ihn eine innige und
schmerzliche Freude, eine wehmütige Verliebtheit in das Bild, in die
schöne scheue Mädchenfigur, in die Erinnerung an damals, an seine erste
Liebe, an seine ersten Reisen, an seine Jugend. Andächtig arbeitete er
an dem zarten Bilde, fühlte es eins mit dem Besten in sich, mit seiner
Jugend, mit seinen zärtlichsten Erinnerungen. Es war ein Glück, ihren
geneigten Hals zu bilden, ihren freundlich-traurigen Mund, ihre
vornehmen Hände, die langen Finger, die schön gewölbten Kuppen der
Fingernägel. Mit Bewunderung und ehrfürchtiger Verliebtheit betrachtete
auch Erich die Figur, so oft er konnte.
Als sie nahezu fertig war, zeigte er sie dem Abt. Narziß sagte: „Das ist
dein schönstes Werk, Lieber, wir haben nichts im ganzen Kloster, was ihm
gleichkommt. Ich muß dir gestehen, daß ich in diesen letzten Monaten
einige Male um dich in Sorgen gewesen bin. Ich sah dich unruhig und
leidend, und wenn du verschwandest und länger als einen Tag ausbliebest,
dachte ich manchmal mit Sorge: Vielleicht kommt er nicht wieder. Und nun
hast du diese wundervolle Figur gemacht! Ich bin froh über dich und bin
stolz auf dich!“
„Ja“, sagte Goldmund, „die Figur ist ganz gut geworden. Aber nun höre
mich, Narziß! Daß diese Figur gut geworden ist, dazu war meine ganze
Jugend nötig, meine Wanderschaft, meine Verliebtheit, mein Werben um
viele Frauen. Das ist der Brunnen, aus dem ich geschöpft habe. Der
Brunnen wird bald leer sein, es wird mir dürr im Herzen. Ich werde diese
Maria fertigmachen, dann aber werde ich für eine gute Weile Urlaub
nehmen, ich weiß nicht, für wie lange, und werde meine Jugend und alles
dies wieder aufsuchen, was mir einst so lieb gewesen ist. Kannst du es
verstehen? – Nun ja. Du weißt, ich war dein Gast, und ich habe für meine
Arbeit hier nie eine Bezahlung genommen ...“
„Ich habe sie dir oft angeboten“, warf Narziß ein.
„Ja, und jetzt nehme ich sie an. Ich werde mir neue Kleider machen
lassen, und wenn sie fertig sind, bitte ich dich um ein Pferd und um ein
paar Taler Geld, dann reite ich in die Welt. Sage nichts, Narziß, und
sei nicht betrübt. Es ist nicht, daß es mir hier nicht mehr gefallen
würde, ich könnte es nirgends besser haben. Es geht um anderes. Wirst du
mir meinen Wunsch erfüllen?“
Es wurde wenig mehr darüber gesprochen. Goldmund ließ sich ein einfaches
Reiterkleid und Stiefel machen, und während der Sommer näher kam, machte
er die Maria fertig, als sei es sein letztes Werk, mit liebender
Behutsamkeit gab er den Händen, dem Gesicht, dem Haar die letzte
Vollendung. Es konnte sogar so scheinen, als zögere er die Abreise
hinaus, als lasse er sich recht gerne von diesen letzten zarten Arbeiten
an der Figur immer wieder ein wenig aufhalten. Tag um Tag verging, und
er hatte noch immer dies und jenes anzuordnen. Narziß, obwohl er den
bevorstehenden Abschied schwer empfand, lächelte manchmal ein wenig über
die Verliebtheit Goldmunds und sein Nichtloskommenkönnen von der
Marienfigur.
Dann aber überraschte ihn Goldmund doch eines Tages, indem er plötzlich
kam, um sich zu verabschieden. Über Nacht hatte er seinen Entschluß
gefaßt. Im neuen Kleide, in einem neuen Barett, kam er zu Narziß, um
Abschied zu nehmen. Er hatte schon vor einer Weile gebeichtet und
kommuniziert. Jetzt kam er, um Lebewohl zu sagen und sich den Reisesegen
zu holen. Beiden fiel der Abschied schwer, und Goldmund tat forscher und
gleichmütiger, als ihm ums Herz war.
„Werde ich dich denn wiedersehen?“ fragte Narziß.
„O ja, wenn dein hübscher Gaul mir den Hals nicht bricht, wirst du mich
gewiß wiedersehen. Es wäre ja sonst niemand da, der dich noch Narziß
nennt und dir Sorgen macht. Verlaß dich drauf. Vergiß nicht, ein Auge
auf Erich zu haben. Und daß niemand mir meine Figur anrührt! Sie bleibt
in meiner Kammer stehen, wie ich gesagt habe, und du darfst mir den
Schlüssel nicht aus der Hand geben.“
„Freust du dich auf die Reise?“
Goldmund zwinkerte mit den Augen.
„Na, ich habe mich darauf gefreut, das ist schon so. Aber jetzt, wo ich
losreiten soll, kommt es mir doch weniger lustig vor, als man meinen
sollte. Du wirst mich auslachen, aber ich trenne mich gar nicht leicht,
und diese Anhänglichkeit gefällt mir nicht. Es ist wie eine Krankheit,
junge und gesunde Leute haben das nicht. Der Meister Niklaus war auch
so. Ach, schwatzen wir nicht unnützes Zeug! Segne mich, Lieber, ich will
abreisen.“
Er ritt davon.
Narziß war in seinen Gedanken viel mit dem Freunde beschäftigt, er
sorgte um ihn und hatte Sehnsucht nach ihm. Würde er ihm denn
zurückkommen, der entflohene Vogel, der liebe Leichtfuß? Nun zog dieser
wunderliche und geliebte Mensch wieder seine krause, willenlose Bahn,
nun strich er wieder lüstern und neugierig durch die Welt, seinen
starken dunklen Trieben nach, stürmisch und unersättlich, ein großes
Kind. Möge Gott mit ihm sein, möge er heil zurückkommen. Nun flog er
wieder kreuz und quer, der Schmetterling, nun sündigte er wieder,
verführte Frauen, ging seinen Gelüsten nach, geriet vielleicht wieder in
Totschlag, in Gefahr und Gefangenschaft und kam darin um. Wieviel Sorgen
machte einem dieser blonde Knabe, der über sein Altwerden klagte und aus
solchen Kinderaugen blickte! Wie mußte man um ihn in Angst sein. Und
doch freute sich Narziß von Herzen über ihn. Es gefiel ihm im Grunde
sehr, daß dieses trotzige Kind so schwer zu bändigen war, daß er solche
Launen hatte, daß er nun wieder ausgebrochen war und sich die Hörner
ablief.
Jeden Tag kehrten die Gedanken des Abts zu irgendeiner Stunde zu seinem
Freunde zurück, in Liebe und Sehnsucht, in Dankbarkeit, in Sorge,
zuweilen auch mit Bedenken und Selbstvorwürfen. Hätte er dem Freunde
nicht vielleicht mehr davon verraten sollen, wie sehr er ihn liebte, wie
wenig er ihn anders wünschte, wie reich er durch ihn und durch seine
Kunst geworden war? Er hatte ihm wenig davon gesagt, viel zuwenig
vielleicht – wer weiß, ob er ihn nicht hätte halten können?
Er war durch Goldmund aber nicht nur reicher geworden. Er war durch ihn
auch ärmer geworden, ärmer und schwächer, und es war gewiß gut, daß er
das dem Freunde nicht gezeigt hatte. Die Welt, in der er lebte und
Heimat hatte, seine Welt, sein Klosterleben, sein Amt, seine
Gelehrsamkeit, sein schön gegliedertes Gedankengebäude waren ihm durch
den Freund oft stark erschüttert und zweifelhaft geworden. Kein Zweifel:
vom Kloster aus, von der Vernunft und Moral aus gesehen war sein eigenes
Leben besser, es war richtiger, steter, geordneter und vorbildlicher, es
war ein Leben der Ordnung und des strengen Dienstes, ein dauerndes
Opfer, ein immer neues Streben nach Klarheit und Gerechtigkeit, es war
sehr viel reiner und besser als das Leben eines Künstlers, Vagabunden
und Weiberverführers. Aber von oben gesehen, von Gott aus gesehen – war
da wirklich die Ordnung und Zucht eines exemplarischen Lebens, der
Verzicht auf Welt und Sinnenglück, das Fernbleiben von Schmutz und Blut,
die Zurückgezogenheit in Philosophie und Andacht besser als das Leben
Goldmunds? War der Mensch wirklich dazu geschaffen, ein geregeltes Leben
zu führen, dessen Stunden und Verrichtungen die Betglocken anzeigten?
War der Mensch wirklich dazu geschaffen, den Aristoteles und Thomas von
Aquin zu studieren, Griechisch zu können, seine Sinne abzutöten und der
Welt zu entfliehen? War er nicht von Gott geschaffen mit Sinnen und
Trieben, mit blutigen Dunkelheiten, mit der Fähigkeit zur Sünde, zur
Lust, zur Verzweiflung? Um diese Fragen kreisten des Abts Gedanken, wenn
sie bei seinem Freunde weilten.
Ja, und es war vielleicht nicht bloß kindlicher und menschlicher, ein
Goldmundleben zu führen, es war am Ende wohl auch mutiger und größer,
sich dem grausamen Strom und Wirrwarr zu überlassen, Sünden zu begehen
und ihre bitteren Folgen auf sich zu nehmen, statt abseits der Welt mit
gewaschenen Händen ein sauberes Leben zu führen, sich einen schönen
Gedankengarten voll Harmonie anzulegen und zwischen seinen behüteten
Beeten sündelos zu wandeln. Es war vielleicht schwerer, tapferer und
edler, mit zerrissenen Schuhen durch die Wälder und auf den Landstraßen
zu wandern, Sonne und Regen, Hunger und Not zu leiden, mit den Freuden
der Sinne zu spielen und sie mit Leiden zu bezahlen.
Jedenfalls hatte Goldmund ihm gezeigt, daß ein zu Hohem bestimmter
Mensch sehr weit in die blutige, trunkene Wirrsal des Lebens
hinabtauchen und sich mit vielem Staub und Blut beschmutzen könne, ohne
doch klein und gemein zu werden, ohne das Göttliche in sich zu töten,
daß er durch tiefe Verdunkelungen irren könne, ohne daß im Heiligtum
seiner Seele das göttliche Licht und die Schöpferkraft erlosch. Tief
hatte Narziß in seines Freundes verworrenes Leben geblickt, und weder
seine Liebe zu ihm noch seine Achtung für ihn war kleiner geworden. O
nein, und seit er aus Goldmunds befleckten Händen diese wunderbar
still-lebendigen, von innerer Form und Ordnung verklärten Gebilde hatte
hervorgehen sehen, diese innigen, von Seele leuchtenden Gesichter, diese
unschuldigen Pflanzen und Blumen, diese flehenden oder begnadeten Hände,
all diese kühnen und sanften, stolzen oder heiligen Gebärden, seitdem
wußte er wohl, daß in diesem unsteten Künstler- und Verführerherzen eine
Fülle von Licht und Gottesgnade wohne.
Leicht hatte er es gehabt, in ihren Gesprächen dem Freund überlegen zu
scheinen, dessen Leidenschaft seine Zucht und Gedankenordnung
entgegenzusetzen. Aber war nicht jede kleine Gebärde einer
Goldmundfigur, jedes Auge, jeder Mund, jede Ranke und Kleidfalte mehr,
war wirklicher, lebendiger und unersetzlicher als alles, was ein Denker
leisten konnte? Hatte dieser Künstler, dessen Herz so voll Widerstreit
und Not war, nicht für unzählige Menschen, heutige und kommende,
Sinnbilder ihrer Not und ihres Strebens aufgestellt, Gestalten, zu
welchen Andacht und Ehrfurcht, Herzensangst und Sehnsucht Unzähliger
sich wenden und in ihnen Trost, Bestätigung und Stärkung finden konnte?
Lächelnd und traurig erinnerte Narziß sich all der Szenen seit früher
Jugend, in denen er seinen Freund geführt und belehrt hatte. Dankbar
hatte der Freund es angenommen, hatte immer wieder seine Überlegenheit
und Führerschaft gelten lassen. Und dann hatte er in aller Stille die
aus dem Sturm und Leid seines gepeitschten Lebens geborenen Werke
hingestellt: keine Worte, keine Lehren, keine Aufklärungen, keine
Ermahnungen, sondern echtes, erhöhtes Leben. Wie arm war er selbst
dagegen mit seinem Wissen, seiner Klosterzucht, seiner Dialektik!
Dies waren die Fragen, um welche seine Gedanken kreisten. So wie er vor
vielen Jahren einst erschütternd und mahnend in Goldmunds Jugend
eingegriffen und sein Leben in einen neuen Raum gestellt hatte, so hatte
seit seiner Rückkehr der Freund ihm zu schaffen gemacht, ihn
erschüttert, ihn zu Zweifel und Selbstprüfung gezwungen. Er war ihm
ebenbürtig; nichts hatte Narziß ihm gegeben, das er nicht vielfach
wiederbekommen hätte.
Der davongerittene Freund ließ ihm Zeit zu seinen Gedanken. Die Wochen
vergingen, längst hatte der Kastanienbaum geblüht, längst war das
milchig hellgrüne Buchenlaub dunkel, fest und hart geworden, längst
hatten die Störche auf dem Torturm gebrütet, hatten Junge und hatten sie
fliegen gelehrt. Je länger Goldmund ausblieb, desto mehr sah Narziß, was
er an ihm gehabt hatte. Er hatte einige gelehrte Patres im Hause, einen
Kenner des Plato, einen vorzüglichen Grammatiker, einen oder zwei
subtile Theologen. Er hatte unter den Mönchen einige treue, redliche
Seelen, denen es ernst war. Aber er hatte keinen seinesgleichen, keinen,
an dem er sich ernstlich messen konnte. Dies Unersetzliche hatte nur
Goldmund ihm gegeben. Es nun wieder entbehren zu müssen, fiel ihm
schwer. Mit Sehnsucht dachte er an den Entfernten.
Oft ging er in die Werkstatt hinüber, ermunterte den Gehilfen Erich, der
am Altar weiterarbeitete und sehr nach der Rückkehr seines Meisters
bangte. Manchmal schloß der Abt Goldmunds Kammer auf, wo die Maria
stand, hob vorsichtig das Tuch von der Figur und verweilte bei ihr. Er
wußte nichts von ihrer Herkunft, Goldmund hatte ihm die Geschichte
Lydias nie erzählt. Aber er fühlte alles, er sah, daß diese
Mädchengestalt lange in seines Freundes Herzen gelebt habe. Vielleicht
hatte er sie verführt, vielleicht sie betrogen und verlassen. In seiner
Seele aber hatte er sie mitgenommen und bewahrt, treuer als der beste
Gatte, und schließlich hatte er, vielleicht nach vielen Jahren, in denen
er sie nie mehr gesehen, diese schöne rührende Mädchenfigur gemacht und
in ihr Gesicht, ihre Haltung, ihre Hände alle Zärtlichkeit, Bewunderung
und Sehnsucht eines Liebenden beschlossen. Auch in den Figuren der
Lesekanzel im Refektorium las er dies und jenes von der Geschichte
seines Freundes. Es war die Geschichte eines Landfahrers und
Triebmenschen, eines Heimatlosen und Treulosen, aber was hier davon
übriggeblieben, war alles gut und treu, war voll lebendiger Liebe. Wie
geheimnisvoll war dieses Leben, wie trüb und reißend flossen seine
Ströme, und wie edel und klar standen die Ergebnisse da!
Narziß kämpfte. Er wurde Herr darüber, er wurde seiner Bahn nicht
untreu, er versäumte nichts an seinem strengen Dienst. Aber er litt
unter dem Verlust und litt unter der Erkenntnis, wie sehr sein Herz, das
doch nur Gott und seinem Amt gehören sollte, an diesem Freunde hing.
Zwanzigstes Kapitel
Der Sommer ging hin, Mohn und Kornblume, Rade und Sternblume welkte und
schwand, still wurden die Frösche im Weiher, und die Störche flogen hoch
und bereiteten sich zum Abschied. Da kam Goldmund wieder!
Er kam an einem Nachmittag, bei leisem Regen, und trat nicht ins
Kloster, er ging vom Tore sofort nach seiner Werkstatt. Er war zu Fuß
angekommen, ohne Pferd.
Erich erschrak, als er ihn eintreten sah. Zwar erkannte er ihn auf den
ersten Blick, und sein Herz schlug ihm entgegen, und doch schien es ein
ganz anderer Mensch zu sein, der da zurückgekommen war: ein falscher
Goldmund, um viele Jahre älter, mit einem halb erloschenen, staubigen,
grauen Gesicht, mit eingefallenen Zügen, kranken, leidenden Zügen, in
denen aber doch kein Schmerz geschrieben stand, sondern eher ein
Lächeln, ein gutmütiges, altes, geduldiges Lächeln. Er ging mühsam, er
schleppte sich, und er schien krank und sehr müde zu sein.
Wunderlich blickte dieser veränderte, fremde Goldmund seinem jungen
Gehilfen in die Augen. Er machte kein Aufhebens von seiner Rückkehr, er
tat, als käme er nur aus dem Nebenzimmer und sei eben noch dagewesen. Er
gab die Hand und sagte nichts, keinen Gruß, keine Frage, keine
Erzählung. Er sagte nur: „Ich muß schlafen“, furchtbar müde schien er zu
sein. Er schickte Erich fort und ging in seine Kammer neben der
Werkstatt. Da zog er die Mütze ab und ließ sie fallen, zog die Schuhe
aus und trat gegen die Bettstatt. Hinten im Raume sah er unter Tüchern
seine Madonna stehen; er nickte ihr zu, aber er ging nicht, die Tücher
abzunehmen und sie zu begrüßen. Statt dessen schlich er ans Fensterchen,
sah draußen den betretenen Erich warten und rief ihm zu: „Erich, du
brauchst niemand zu sagen, daß ich gekommen bin. Ich bin sehr müde. Es
hat Zeit bis morgen.“
Dann legte er sich in den Kleidern aufs Bett. Nach einiger Zeit, da er
noch keinen Schlaf gefunden hatte, stand er auf, ging schwerfällig zur
Wand, wo ein kleiner Spiegel hing, und schaute hinein. Aufmerksam
blickte er den Goldmund an, der ihm aus dem Spiegel entgegensah: einen
müden Goldmund, einen müd und alt und welk gewordenen Mann, mit stark
grau gewordenem Bart. Es war ein alter, etwas verwahrloster Mann, der
ihm aus der kleinen trüben Spiegelfläche entgegenblickte, ein
wohlbekanntes Gesicht, aber ein fremd gewordenes, es schien nicht recht
gegenwärtig zu sein, es schien ihn wenig anzugehen. Es erinnerte ihn an
dies und jenes Gesicht, das er gekannt hatte, ein wenig an den Meister
Niklaus, ein wenig an den alten Ritter, der ihm einst ein Pagenkleid
hatte machen lassen, ein wenig auch an den heiligen Jakob in der Kirche,
an den alten bärtigen Sankt Jakob, der unter seinem Pilgerhut so uralt
und grau und doch eigentlich heiter und gut aussah.
Mit Sorgfalt las er in dem Spiegelgesicht, als sei ihm daran gelegen,
über diesen fremden Menschen Auskunft zu bekommen. Er nickte ihm zu und
kannte es wieder: ja, es war er selber, es entsprach dem Gefühl, das er
von sich selber hatte. Ein sehr müder und etwas stumpf gewordener alter
Mann war da von der Reise zurückgekommen, ein unscheinbarer Mann, es war
mit ihm kein Staat zu machen, und doch hatte er nichts gegen ihn, und
doch gefiel er ihm: er hatte etwas im Gesicht, was der frühere hübsche
Goldmund nicht gehabt hatte, in aller Müdigkeit und Zerfallenheit einen
Zug von Zufriedenheit oder doch von Gleichmut. Er lachte leise vor sich
hin und sah das Spiegelbild mitlachen: einen schönen Kerl hatte er da
von der Reise mit nach Hause gebracht! Schön zerschlissen und abgebrannt
kam er da von seinem kleinen Ausritt wieder heim, und nicht nur sein Roß
und seine Reisetasche und seine Taler hatte er eingebüßt, es war ihm
auch anderes abhanden gekommen und hatte ihn verlassen: die Jugend, die
Gesundheit, das Selbstvertrauen, das Rot im Gesicht und die Kraft im
Blick. Dennoch gefiel ihm das Bild: dieser alte schwache Kerl im Spiegel
war ihm lieber als der Goldmund, der er so lang gewesen war. Er war
älter, schwächer, kläglicher, aber er war harmloser, er war zufriedener,
es war besser mit ihm auszukommen. Er lachte und zog eins der faltig
gewordenen Augenlider herunter. Dann legte er sich wieder aufs Bett und
schlief nun ein.
Anderntags saß er in seiner Kammer über den Tisch gebückt und versuchte
ein wenig zu zeichnen, da kam Narziß, ihn zu besuchen. In der Tür blieb
er stehen und sagte: „Man hat mir erzählt, du seiest zurückgekommen.
Gott sei Dank, meine Freude ist groß. Da du mich nicht aufgesucht hast,
komme ich zu dir. Störe ich dich in der Arbeit?“
Er kam näher, Goldmund richtete sich von seinem Papier auf und streckte
ihm die Hand entgegen. Obwohl Erich ihn vorbereitet hatte, erschrak er
bis ins Herz über den Anblick seines Freundes. Der lächelte ihm
freundlich entgegen.
„Ja, ich bin wieder da. Sei gegrüßt, Narziß, wir haben uns eine Weile
nicht gesehen. Entschuldige, daß ich dich noch nicht besucht habe.“
Narziß sah ihm in die Augen. Auch er sah nicht nur die Erloschenheit und
jämmerliche Welke dieses Gesichts, er sah auch das andere, diesen
wunderlich angenehmen Zug von Gleichmut, ja Gleichgültigkeit, von
Ergebung und guter Greisenlaune. Im Lesen von Menschengesichtern
erfahren, sah er auch, daß dieser so fremd gewordene und veränderte
Goldmund nicht mehr ganz gegenwärtig sei, daß entweder seine Seele sich
weit von der Wirklichkeit entfernt habe und auf Traumwegen gehe oder daß
sie schon bei der Pforte stehe, die ins Jenseits führt.
„Bist du krank?“ fragte er behutsam.
„Ja, krank bin ich auch. Ich wurde schon im Anfang meiner Reise krank,
schon in den ersten Tagen. Aber du begreifst, daß ich nicht gleich
wieder heimkehren mochte. Ihr hättet mich schön ausgelacht, wenn ich so
schnell wieder angerückt wäre und meine Reitstiefel wieder ausgezogen
hätte. Nein, das mochte ich also nicht. Ich bin weitergegangen und habe
mich noch ein bißchen herumgetrieben, ich schämte mich, weil die Reise
mir mißglückt war. Ich hatte das Maul zu voll genommen. Gut, also ich
schämte mich. Nun ja, du begreifst es schon, du bist ein so kluger
Mensch. Verzeih, hast du etwas gefragt? Es ist wie verhext, ich vergesse
immer wieder, um was es sich eigentlich handelt. Aber das mit meiner
Mutter, das hast du gut gemacht. Es hat recht weh getan, aber ...“
Sein Gemurmel erlosch in einem Lächeln.
„Wir werden dich wieder gesund machen, Goldmund, es soll dir an nichts
fehlen. Aber daß du nicht gleich wieder umgekehrt bist, als es dir
anfing schlecht zu gehen! Du brauchst dich doch wahrlich vor uns nicht
zu schämen. Du hättest sofort umkehren sollen.“
Goldmund lachte.
„Ja, jetzt weiß ich wieder. Ich traute mich nicht, so einfach wieder
umzukehren. Es wäre ja eine Schande gewesen. Aber jetzt bin ich
gekommen. Es geht mir jetzt wieder gut.“
„Hast du viel Schmerzen gehabt?“
„Schmerzen? Ja, Schmerzen habe ich genug. Aber schau, die Schmerzen sind
ganz gut, sie haben mich zur Vernunft gebracht. Ich schäme mich jetzt
nicht mehr, auch vor dir nicht. Damals, als du mich im Gefängnis besucht
hast, um mir das Leben zu retten, da mußte ich sehr auf die Zähne
beißen, weil ich mich vor dir schämte. Das ist jetzt ganz vergangen.“
Narziß legte ihm die Hand auf den Arm, sofort schwieg er und schloß
lächelnd die Augen. Er schlief friedlich ein. Verstört lief der Abt und
holte den Arzt des Hauses, Pater Anton, daß er nach dem Kranken sehe.
Als sie zurückkamen, saß Goldmund schlafend an seinem Zeichentisch. Sie
brachten ihn zu Bette, der Arzt blieb bei ihm.
Er fand ihn hoffnungslos krank. Man brachte ihn in eines der
Krankenzimmer, Erich wurde ihm zur ständigen Wache gegeben.
Die ganze Geschichte seiner letzten Reise kam nie zutage. Einzelnes
erzählte er, manches ließ sich erraten. Oft lag er teilnahmlos, manchmal
fieberte er und redete verwirrt, manchmal war er klar, und dann wurde
jedesmal Narziß gerufen, dem diese letzten Gespräche mit Goldmund sehr
wichtig wurden.
Einige Bruchstücke aus Goldmunds Berichten und Bekenntnissen hat Narziß
überliefert, andere der Gehilfe.
„Wann die Schmerzen begonnen haben? Es war noch am Anfang meiner Reise.
Ich ritt im Wald, und ich bin samt dem Gaul gestürzt und bin in einen
Bach gefallen und bin eine ganze Nacht im kalten Wasser gelegen. Da
drinnen, wo ich mir die Rippen gebrochen habe, da sind seither die
Schmerzen. Damals war ich noch nicht sehr weit von hier, aber ich mochte
nicht umkehren, es war kindisch, aber ich dachte, es würde komisch
aussehen. Ich ritt also weiter, und als ich nicht mehr reiten konnte,
weil es so weh tat, habe ich das Pferdchen verkauft, und dann bin ich
lange Zeit in einem Hospital gelegen.
Ich bleibe jetzt hier, Narziß, es ist nichts mehr mit dem Reiten. Es ist
nichts mehr mit dem Wandern. Es ist nichts mehr mit dem Tanzen und mit
den Weibern. Ach, sonst wäre ich noch lang ausgeblieben, noch jahrelang.
Aber wie ich denn sah, daß es da draußen keine Freude mehr für mich
gibt, da dachte ich mir: Ehe ich hinunter muß, will ich noch ein wenig
zeichnen und ein paar Figuren machen, irgendeine Freude will man doch
haben.“
Narziß sagte ihm: „Ich bin so froh, daß du wiedergekommen bist. Du hast
mir so sehr gefehlt, ich habe jeden Tag an dich gedacht, und oft hatte
ich Angst, du würdest nie mehr wiederkommen wollen.“
Goldmund schüttelte den Kopf: „Nun, der Verlust wäre nicht groß
gewesen.“
Narziß, das Herz vor Weh und Liebe brennend, bückte sich langsam zu ihm
herab, und nun tat er, was er in den vielen Jahren ihrer Freundschaft
niemals getan hatte, er berührte Goldmunds Haar und Stirn mit seinen
Lippen. Verwundert zuerst, dann ergriffen, merkte Goldmund, was
geschehen sei.
„Goldmund“, flüsterte ihm der Freund ins Ohr, „verzeih, daß ich es dir
nicht früher habe sagen können. Ich hätte es dir sagen sollen, als ich
dich damals in deinem Gefängnis aufsuchte, in der Bischofsresidenz, oder
als ich deine ersten Figuren zu sehen bekam, oder irgendeinmal. Laß es
mich dir heute sagen, wie sehr ich dich liebe, wieviel du mir immer
gewesen bist, wie reich du mein Leben gemacht hast. Es wird dir nicht
sehr viel bedeuten. Du bist an Liebe gewöhnt, sie ist für dich nichts
Seltenes, du bist von so vielen Frauen geliebt und verwöhnt worden. Für
mich ist es anders. Mein Leben ist arm an Liebe gewesen, es hat mir am
Besten gefehlt. Unser Abt Daniel sagte mir einst, daß er mich für
hochmütig halte, wahrscheinlich hat er recht gehabt. Ich bin nicht
ungerecht gegen die Menschen, ich gebe mir Mühe, gerecht und geduldig
mit ihnen zu sein, aber geliebt habe ich sie nie. Von zwei Gelehrten im
Kloster ist der Gelehrtere mir lieber; nie habe ich etwa einen schwachen
Gelehrten trotz seiner Schwäche liebgehabt. Wenn ich trotzdem weiß, was
Liebe ist, so ist es deinetwegen. Dich habe ich lieben können, dich
allein unter den Menschen. Du kannst nicht ermessen, was das bedeutet.
Es bedeutet den Quell in einer Wüste, den blühenden Baum in einer
Wildnis. Dir allein danke ich es, daß mein Herz nicht verdorrt ist, daß
eine Stelle in mir blieb, die von der Gnade erreicht werden kann.“
Goldmund lächelte froh und etwas verlegen. Mit der leisen ruhigen
Stimme, die er in seinen klaren Stunden hatte, sagte er: „Als du mich
damals vom Galgen befreit hattest und wir heimritten, fragte ich dich
nach meinem Pferde Bleß, und du gabst mir Auskunft. Damals sah ich, daß
du, der du sonst Pferde kaum auseinanderkennst, dich um das Rößchen Bleß
bekümmert hattest. Ich verstand, daß du es meinetwegen getan hattest,
und war sehr froh darüber. Jetzt sehe ich, daß es wirklich so war und
daß du mich wirklich lieb hast. Auch ich habe dich immer liebgehabt,
Narziß, die Hälfte meines Lebens ist ein Werben um dich gewesen. Ich
wußte, daß auch du mich gern hattest, aber nie hätte ich gehofft, daß du
es mir einmal sagen würdest, du stolzer Mensch. Jetzt hast du es mir
gesagt, in diesem Augenblick, wo ich nichts anderes mehr habe, wo
Wanderschaft und Freiheit, Welt und Weiber mich im Stich gelassen haben.
Ich nehme es an, ich danke dir dafür.“
Die Lydia-Madonna stand in der Kammer und sah zu.
„Du denkst immer ans Sterben?“ fragte Narziß.
„Ja, ich denke daran und an das, was aus meinem Leben geworden ist. Als
Jüngling, als ich noch dein Schüler war, hatte ich den Wunsch, ein so
geistiger Mensch zu werden wie du. Du hast mir gezeigt, daß ich nicht
dazu berufen war. Dann warf ich mich auf die andere Seite des Lebens,
auf die Sinne, und die Frauen haben es mir leicht gemacht, dort meine
Lust zu finden, sie sind so willig und gierig. Doch möchte ich ja nicht
verächtlich von ihnen sprechen und auch nicht von der Sinnenlust, ich
bin oft sehr glücklich gewesen. Und ich habe auch das Glück gehabt, zu
erleben, daß die Sinnlichkeit beseelt werden kann. Daraus entsteht die
Kunst. Jetzt aber sind beide Flammen erloschen. Ich habe das tierische
Glück der Wollust nicht mehr – und ich hätte es auch nicht, wenn die
Frauen mir noch heute nachliefen. Und Kunstwerke zu schaffen, ist auch
nicht mehr mein Wunsch, ich habe genug Figuren gemacht, es kommt auf die
Zahl nicht an. Darum ist es für mich Zeit, zu sterben. Ich bin willig
dazu und bin neugierig darauf.“
„Warum neugierig?“ fragte Narziß.
„Nun, es ist wohl etwas dumm von mir. Aber ich bin wirklich neugierig
darauf. Nicht auf das Jenseits, Narziß, darüber mache ich mir wenig
Gedanken, und wenn ich es offen sagen darf, ich glaube nicht mehr daran.
Es gibt kein Jenseits. Der verdorrte Baum ist tot für immer, der
erfrorene Vogel kommt nie wieder zum Leben und ebensowenig der Mensch,
wenn er gestorben ist. Man mag noch eine Weile an ihn denken, wenn er
fort ist, aber auch das dauert ja nicht lange. Nein, neugierig auf das
Sterben bin ich nur darum, weil es noch immer mein Glaube oder mein
Traum ist, daß ich unterwegs zu meiner Mutter bin. Ich hoffe, der Tod
werde ein großes Glück sein, ein Glück, so groß wie das der ersten
Liebeserfüllung. Ich kann mich von dem Gedanken nicht trennen, daß statt
des Todes mit der Sense es meine Mutter sein wird, die mich wieder zu
sich nimmt und in das Nichtsein und in die Unschuld zurückführt.“
Bei einem seiner letzten Besuche, nachdem Goldmund mehrere Tage nichts
mehr gesprochen hatte, fand Narziß ihn wieder wach und gesprächig.
„Der Pater Anton meint, du müssest oft große Schmerzen haben. Wie machst
du es, Goldmund, daß du sie so ruhig erträgst? Mir scheint, du habest
jetzt den Frieden gefunden.“
„Meinst du den Frieden mit Gott? Nein, den habe ich nicht gefunden. Ich
will keinen Frieden mit ihm. Er hat die Welt schlecht gemacht, wir
brauchen sie nicht zu preisen, und ihm wird ja auch wenig daran gelegen
sein, ob ich ihn lobpreise oder nicht. Schlecht hat er die Welt gemacht.
Aber mit den Schmerzen in meiner Brust habe ich Frieden geschlossen, das
ist richtig. Früher konnte ich Schmerzen nicht gut ertragen, und obwohl
ich manchmal der Meinung war, das Sterben würde mir leicht fallen, so
war das doch ein Irrtum. Als es damit Ernst werden sollte, in jener
Nacht im Gefängnis des Grafen Heinrich, hat es sich ja gezeigt: ich
konnte einfach nicht sterben, ich war noch viel zu stark und zu wild,
sie hätten jedes Glied von mir zweimal totschlagen müssen. Jetzt aber
ist es anders.“
Das Sprechen ermüdete ihn, seine Stimme wurde schwächer. Narziß bat ihn,
sich zu schonen.
„Nein“, sagte er, „ich will es dir erzählen. Früher hätte ich mich
geschämt, es dir zu sagen. Du wirst lachen müssen. Nämlich als ich
damals meinen Gaul bestieg und von hier weggeritten bin, geschah es
nicht ganz ins Blaue hinein. Ich hatte ein Gerücht gehört, der Graf
Heinrich sei wieder im Lande und seine Geliebte sei bei ihm, die Agnes.
Nun gut, dir scheint das nicht wichtig, und auch mir scheint es heut
nicht wichtig. Aber damals brannte mich die Nachricht gewaltig, ich
dachte an nichts mehr als an Agnes; sie war die schönste Frau, die ich
gekannt und geliebt habe, ich wollte sie wiedersehen, ich wollte noch
einmal mit ihr glücklich sein. Ich ritt, und nach einer Woche fand ich
sie. Dort, in jener Stunde, ist die Veränderung mit mir geschehen. Ich
fand also die Agnes, sie war nicht weniger schön geworden, ich fand sie
und fand Gelegenheit, mich ihr zu zeigen und mit ihr zu sprechen. Und
denke, Narziß: sie wollte nichts mehr von mir wissen! Ich war ihr zu
alt, ich war ihr nicht mehr hübsch und vergnügt genug, sie versprach
sich nichts mehr von mir. Damit war meine Reise eigentlich zu Ende. Ich
ritt aber weiter, ich mochte nicht so enttäuscht und lächerlich zu Euch
zurückkommen, und wie ich so ritt, hatte mich die Kraft und die Jugend
und die Klugheit schon ganz verlassen, denn ich fiel mit meinem Pferd
eine Schlucht hinab und in einen Bach und brach mir die Rippen und blieb
im Wasser liegen. Damals habe ich zuerst richtige Schmerzen
kennengelernt. Ich spürte gleich beim Fall in meiner Brust innen etwas
brechen, und das Brechen machte mir Freude, ich hörte es gern, ich war
damit zufrieden. Ich lag da im Wasser und sah, daß ich sterben müsse,
aber es war alles ganz anders als damals im Gefängnis. Ich hatte nichts
dagegen, das Sterben schien mir nicht mehr schlimm. Ich spürte diese
heftigen Schmerzen, die ich seither oft gehabt habe, und ich hatte dazu
einen Traum oder ein Gesicht, wie du es nennen willst. Ich lag, und in
meiner Brust tat es brennend weh, und ich wehrte mich und schrie, aber
da hörte ich eine Stimme lachen – eine Stimme, die ich seit meiner
Kindheit nicht mehr gehört hatte. Es war die Stimme meiner Mutter, eine
tiefe Frauenstimme, voll von Wollust und Liebe. Und da sah ich denn, daß
sie es war, daß die Mutter bei mir war und mich auf dem Schoß hatte und
daß sie mir die Brust geöffnet und ihre Finger tief in der Brust
zwischen meinen Rippen hatte, um mir das Herz herauszulösen. Als ich das
gesehen und verstanden hatte, tat es nicht mehr weh. Auch jetzt, wenn
diese Schmerzen wiederkommen, sind es nicht Schmerzen, es sind nicht
Feinde; es sind die Finger der Mutter, die mir das Herz herausnehmen.
Fleißig ist sie daran. Manchmal drückt sie zu und stöhnt wie in Wollust.
Manchmal lacht sie und brummt zärtliche Töne. Manchmal ist sie nicht bei
mir, sondern am Himmel oben, zwischen den Wolken seh’ ich ihr Gesicht,
groß wie eine Wolke, da schwebt sie und lächelt traurig, und ihr
trauriges Lächeln saugt an mir und zieht mir das Herz aus der Brust.“
Immer wieder sprach er von ihr, von der Mutter.
„Weißt du noch?“ fragte er an einem der letzten Tage. „Einmal hatte ich
meine Mutter vergessen, aber du hast sie wieder beschworen. Auch damals
hat es sehr weh getan, wie wenn Tiermäuler in meinen Eingeweiden fräßen.
Da waren wir noch Jünglinge, hübsche junge Knaben waren wir. Aber schon
damals hat die Mutter mir gerufen, und ich mußte folgen. Sie ist
überall. Sie war die Zigeunerin Lise, sie war die schöne Madonna des
Meisters Niklaus, sie war das Leben, die Liebe, die Wollust, sie war
auch die Angst, der Hunger, der Trieb. Jetzt ist sie der Tod, sie hat
ihre Finger in meiner Brust.“
„Sprich nicht zu viel, Lieber“, bat Narziß, „warte bis morgen.“
Goldmund blickte ihm mit seinem Lächeln in die Augen, mit diesem neuen
Lächeln, das er von seiner Reise mitgebracht hatte, das so alt und so
gebrechlich aussah und das manchmal ein wenig schwachsinnig zu sein
schien, manchmal wie lauter Güte und Weisheit blickte.
„Mein Lieber“, flüsterte er, „ich kann nicht bis morgen warten. Ich muß
Abschied von dir nehmen, und zum Abschied muß ich dir noch alles sagen.
Höre mir noch einen Augenblick zu. Ich wollte dir von der Mutter
erzählen, und daß sie ihre Finger um mein Herz geschlossen hält. Es ist
seit manchen Jahren mein liebster und geheimnisvollster Traum gewesen,
eine Figur der Mutter zu machen, sie war mir das heiligste von allen
Bildern, immer trug ich es in mir herum, eine Gestalt voll Liebe und
voll Geheimnis. Vor kurzem noch wäre es mir ganz unerträglich gewesen zu
denken, daß ich sterben könnte, ohne ihre Figur gemacht zu haben; mein
ganzes Leben wäre mir unnütz erschienen. Und nun sieh, wie wunderlich es
mir mit ihr gegangen ist: statt daß meine Hände sie formen und
gestalten, ist sie es, die mich formt und gestaltet. Sie hat ihre Hände
um mein Herz und löst es los und macht mich leer, sie hat mich zum
Sterben verführt, und mit mir stirbt auch mein Traum, die schöne Figur,
das Bild der großen Eva-Mutter. Noch sehe ich es, und wenn ich Kraft in
den Händen hätte, könnte ich es gestalten. Aber sie will das nicht, sie
will nicht, daß ich ihr Geheimnis sichtbar mache. Lieber will sie, daß
ich sterbe. Ich sterbe gern, sie macht es mir leicht.“
Bestürzt hörte Narziß den Worten zu, er mußte sich tief über seines
Freundes Gesicht hinabbücken, um sie noch verstehen zu können. Manche
hörte er nur undeutlich, manche hörte er wohl, doch blieb ihr Sinn ihm
verborgen.
Und nun schlug der Kranke nochmals die Augen auf und blickte lang in
seines Freundes Gesicht. Mit den Augen nahm er Abschied von ihm. Und mit
einer Bewegung, als versuche er den Kopf zu schütteln, flüsterte er:
„Aber wie willst denn du einmal sterben, Narziß, wenn du doch keine
Mutter hast? Ohne Mutter kann man nicht lieben. Ohne Mutter kann man
nicht sterben.“
Was er später noch murmelte, war nicht mehr verständlich. Die beiden
letzten Tage saß Narziß an seinem Bett, Tag und Nacht, und sah zu, wie
er erlosch. Goldmunds letzte Worte brannten in seinem Herzen wie Feuer.
Ende
*
Druck
Bibliographisches Institut AG.
in Leipzig
*
Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
Änderungen, zum Teil basiert auf anderen Ausgaben, sind hier aufgeführt
(vorher/nachher):
[S. 34]:
... die Jünglinge durch den Wald, über ihnen rauschte ...
... die Jünglinge durch den Wald, über ihnen rauschten ...
[S. 291]:
... geröstet, bis auch das ganze Dach in Flammen stand ...
... gerötet, bis auch das ganze Dach in Flammen stand ...
[S. 352]:
... blieb Maria stehen, bis die Reiter verschwunden waren. ...
... blieb Marie stehen, bis die Reiter verschwunden waren. ...
*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NARZISS UND GOLDMUND ***
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