The Project Gutenberg eBook of Kaspar Krumbholtz
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Title: Kaspar Krumbholtz
Roman
Author: Herman Anders Krüger
Release date: April 11, 2026 [eBook #78421]
Language: German
Original publication: Braunschweig, Hamburg, Leipzig: Georg Westermann, 1910
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/78421
Credits: the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK KASPAR KRUMBHOLTZ ***
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Kaspar Krumbholtz
Roman
von
Herm. Anders Krüger
Georg Westermann
Braunschweig / Hamburg / Leipzig
+Copyright 1910 by Alfred Janssen, Hamburg+
Der Kampf mit der Welt
~Motto~:
Der letzte leise Schmerz und Spott
Verschwindet aus des Herzens Grund.
Es ist, als tät der alte Gott
Mir endlich seinen Namen kund.
~Gottfried Keller~
Marie v. Ebner-Eschenbach
und der
Germanistic Society of America
zum Dank
Inhaltsverzeichnis
Seite
~Erstes Buch~: ~In der Kelter~ 11
1. Kapitel: Der Holzkollege 13
2. " Antrittsbesuche 26
3. " Der angehende Weltmann 47
4. " Der Gottsucher 70
5. " Das Londoner Magdalenchen 86
6. " Feriengäste 102
7. " Die Tänzer 130
8. " Die pädagogische Ohrfeige 138
9. " Abschiedsbriefe 168
10. " Die Synode 186
~Zweites Buch~: ~Gärender Most~ 215
1. Kapitel: Im Rock des Königs 217
2. " Sündenfälle 227
3. " Charlotte 268
4. " Auseinander 281
5. " Die Moravenrunde 309
6. " Carina 321
7. " Silvester 358
8. " Die neue Welt 370
9. " Shaky San Francisco 387
10. " Heimkehr 411
Erstes Buch
In der Kelter
Erstes Kapitel
Der Holzkollege
Samstag Abend wars. Wieder war eine Woche vorüber, und zwar eine
besonders böse, die letzte der Osterferien, in denen überdies die
Ordnung mit Frühling und Schulfreiheit in harter Fehde lag.
Die Lehrerschaft der Tramberger Knabenanstalt versammelte sich nach und
nach zum gewohnten Teeabend im Konferenzzimmer.
Schmauchend und schwatzend saßen bereits die dienstfreien Stubenlehrer
um den länglichrunden Eichentisch. An den beiden Polen, möglichst
weit voneinander entfernt, hatten sich Herr Schlegelmeyer von der
1. Stube, der sogenannte Chef der heute noch feiernden Lehrerreihe,
und Herr Schnäbele, der angehende Missionar, dem die Vierten in
Liebe untertan waren, niedergelassen; dazwischen Bruder Teuchert
und Behring, die Lehrer der 2. und 3. Stube. Auf den beiden
Ehrenplätzen des alten Ledersofas thronten mit Würde der umfangreiche
Mitdirektor, Bruder Leonhard Ludwig Lohmann, genannt L³, und der
magere Hypochonder, Religionslehrer und Pfleger, Bruder Wiesendahl.
Seitab in seinem geliebten Schmollwinkel, unter 17 Bänden von Meyers
Konversationslexikon, sog still an seiner langen Pfeife der wortkarge
Supernumerar Bruder Hinzelmann, und am Klavier endlich phantasierte
versunken und weltentrückt in leisen Akkorden Herr Vogel, der
Musiklehrer.
Die Tür flog heftig auf und zu. Herr Thilo Kratt, der trotzige
Hessenhüne und Bändiger der Ersten, trat höflich grüßend an den Tisch,
rieb sich behaglich die Hände und knurrte doch scheinbar grimmig: »Mer
hunns, mer kunns, die Bengels sind in der Falle!«
Der Mitdirektor fragte verbindlich lächelnd: »Sie meinen die lieben
Zöglinge?«
»Jawohl, Rasselbande,« erwiderte Kratt mit Laune, »ist ein wahrer
Segen, daß am Montag der Hundetrab wieder beginnt.«
»Sie meinen den angenehmen Schulunterricht --«
»Den Deubel mein ich, mit Verlaub, Herr Mitdirektor, aber wenn man
von 6 Uhr früh bis abends 9 Uhr vor der Rotte Korah da oben mühsam
Schriftdeutsch geheuchelt hat, dann ist man doch heilsfroh, hier
unten mal wieder Männerworte schmettern zu dürfen in der Urväter
Umgangssprache.«
»Sell isch gewieß, sell isch nit verloge!« schwäbelte Herr Schnäbele
bestätigend, und alles lachte. Nur Herr Schlegelmeyer wandte in
edelstem Hannoveranerdeutsch ein: »An Ihrer Stelle spräche ich eben
beständig in der Schriftsprache.«
»Na, dann tun Sies nur in Gottes Namen, will gar nicht stören,«
erwiderte Kratt schmunzelnd, »werde mich freun, wenn Sie mich würdig
bei der Satansbrut da oben vertreten, pardon, Herr Mitdirektor, ich
meine die lieben Zöglinge.«
Geschmeichelt verneigte sich L³ und fragte dann: »Wo bleiben denn die
beiden bösen Buben?«
»Pardon --« unterbrach ihn Kratt nun grinsend, »Sie meinen die lieben
Herren Kollegen Knortz und Muffke.«
Wieder lachte alles, am herzlichsten L³. Da traten die eben genannten
Lehrer der 2. und 3. Stube ein und grüßten mit einem forschen: »Nabend,
Kinnings!«
Karl Knortz, genannt Moritz, und Martin Muffke, genannt Max, waren zwei
handfeste Mecklenburger und als zwei immer vergnügte Menschenkinder
von allen Kollegen gern gesehen; nur Herrn Schlegelmeyer waren sie zu
unfeierlich, oft gar zu kurz angebunden oder zu witzig.
Auch jetzt erregte der ungenierte Moritz des Reihenchefs höchstes
Entsetzen, als er frischweg behauptete: Kollege Schlegelmeyer
(der natürlich die Mäßigkeit in Person war) habe bereits allen
Tee weggetrunken. Und Max bestätigte schleunigst zum allgemeinen
Gaudium: »Natürlich, Schlegelmeyer! Na, so ein Saufaus!«, während
der Angeschuldigte mühsam gute Miene zu dem bösen Spiele machte und
verlegen hüstelte: »Das stimmt wohl nicht ganz.«
Dann holten Max und Moritz ihre langen Pfeifen aus dem Schrank, setzten
sich qualmend an den Tisch und ausgerechnet neben Schlegelmeyer, ja sie
klopften ihm niederträchtig zutraulich auf Schultern und Knie, weil sie
wußten, daß dieser dergleichen durchaus nicht vertragen konnte. Und
wie gewöhnlich rutschte der Hannoveraner auch heute schleunigst mit
seinem Stuhle rückwärts zur schützenden Fensternische, worauf Moritz
behaglich paffend zu der gewaltigen Teekanne griff und sich und Max mit
den Worten einschenkte: »So, Schlegelmeyer ist glücklich in die Flucht
geschlagen, nun wolln wir armen Diensthengste auch man feste supen.«
Alles lachte wieder und recht von Herzen.
* * * * *
»Wer hat denn heute Schlafsaalwache?« fragte der Mitdirektor plötzlich.
»Der Doppelkollege,« sagte Moritz noch schlürfend.
»Dem wirds wohltun,« fügte Max schadenfroh hinzu, »der wird so zu fett
in dem leichten Ortskindergeschirr.«
»Sell isch recht -- ebbes muß er doch leiste für sei Schmerbäuchle.«
»Wie kann man nur so roh sein!« monierte Schlegelmeyer aus der
Fensternische und löste damit abermals eine Lachsalve aus. Trotzdem
fuhr er unbeirrt fort: »Nein, ich lache gar nicht. Ich begreife nämlich
nicht, wie man Herrn Schneese gerade an einem so kritischen Tage wie
heute die Schlafsaalwache anvertrauen kann.«
Thilo Kratt schlunzte seinen Stubenkollegen mit listigen Äuglein
schrägüber an und meinte dazu bombenruhig: »Na, ewig kann man Schneese
auch nich in Watte wickeln, er ist so schon weich genug in seinem Fett
gebettet.«
L³ erklärte lächelnd: »Ich muß dringend gegen die hier scheinbar
allgemein geteilte Ansicht protestieren, daß die Korpulenz etwa
angenehm sei. Im Gegenteil! Wir Schmerbäuche sind sogar sehr übel
dran.«
Wieder dröhnten die Wände von einem stürmischen Gelächter, so daß
auch der verträumte Herr Vogel von seinem Klavier verdutzt aufsah
und schüchtern fragte: »Was ist denn los?« Das entfachte neue
Heiterkeitsstürme, so daß man gar nicht hörte, daß draußen mehrfach an
die Tür geklopft wurde.
Man war daher einigermaßen erstaunt, als plötzlich ein altes, kleines
Frauchen, die Pförtnerin, verlegen hereinhuschte und vergeblich mit
ihrem Nastüchel gegen den Rauch ankämpfte.
Sofort sprangen Max und Moritz auf und schrien: »Hallo, Mutter
Frutschen -- Tasse Tee gefällig?«
Schämig dankte Schwester Frutsch, machte eine Art von Hofknix und sagte
dann unter allgemeinem ehrerbietigem Schweigen: »Ich wollte nur den
Herren Lehrern mitteilen, daß soeben der neue Kollege eingetroffen
ist.«
»Wat forn Kollege denn?« platzte Moritz dazwischen.
»Nun, ich glaube, Herr Holz nannte er sich,« flüsterte Schwester
Frutsch süßlich.
»Hurra -- een Holzkollege,« rief Max, »feine Nummer!«
»Nein, bitte -- keine Witze, er heißt Krumbholtz,« berichtigte der
Mitdirektor.
»Ach wat, Holz is Holz, ob et krumm oder jerade, is schnurz!« erklärte
Moritz.
»Na, da hätte er ja seinen Spitznamen weg,« jammerte Mutter Frutsch,
»und nun bin ich dumme, halbtaube Person noch daran schuld.«
»Nee -- nee -- Mutter Frutschen, heulen Se man nich gleich,« begütigte
Max, »aber wo haben Se n denn hingesteckt, den Holzkollegen?«
»Ich hab ihm gesagt, die Herren hätten hier Teeabend und würden sich
gewiß freuen; aber der neue Herr -- Herr oder Bruder, wie wars, Herr
Mitdirektor?«
»Bruder -- jawohl -- Bruder Krumbholtz,« antwortete L³.
»Ach, etwa -- vom Missionar ein Sohn?«
»Nein -- das wohl nicht -- aber aus der Familie jedenfalls!«
»So -- nein, ach -- wie mich das freut,« sagte Schwester Frutsch,
wieder holdselig lächelnd, »ich habe mal eine Missionsstunde von einem
Bruder Krumbholtz aus Labrador gehört, nein -- was war die schön -- und
so interessant, diese Seehundsgeschichten -- entzückend! Aber nun, was
ich sagen wollte --«
»Ja, wo haben Sie denn nun unsern neuen Kollegen hingetan?«
»O bitte, der Herr scheint sehr selbständig zu sein. Als er Ihren Lärm
hier, um Verzeihung, Ihre Fröhlichkeit hörte, meinte er nur: da wolle
er nicht stören, er wäre überdies müde und für den Direktor wäre es nun
auch schon zu spät. So bät er nur um Angabe seines Kleiderschrankes
auf der Waschkammer -- das wußte er gleich alles -- ließ sich den Weg
zum Schlafsaal zeigen, sein Bett Nr. 24 an der Verbindungstür rechts
angeben, dankte, packte seine Handtasche aus und ist schon soeben auf
den Schlafsaal hinauf gegangen.«
»Na, das kann ja gut werden da oben,« meinte Herr Schlegelmeyer
entrüstet. »Herr Schneese und nun noch dieser blutjunge Neuling, der
nicht mal fertig studiert hat --«
»Ach -- was Sie sagen -- hat er das nicht?« fragte neugierig Schwester
Frutsch, »warum denn nicht? Da hats wohl was gegeben?«
»Unsinn, Schwester Frutsch,« fiel der Mitdirektor, der ihren losen Mund
zur Genüge kannte, vorbeugend ein, »Bruder Krumbholtz wollte nur gern
Lehrer werden --«
»Ach -- aber warum wartete er da nicht, bis er hübsch fertig war?«
»Das können Sie ihn ja morgen selber fragen.«
»Aber was denken Sie denn von mir? Nein, Bruder Lohmann, ich werde mich
doch nicht um Dinge kümmern, die mich nichts angehen -- das tue ich
doch nie!«
»Ach wo,« ulkte Moritz dazwischen, »so wat duht Mutter Frutschen nich.«
»Nun also, sehen Sie, Herr Knortz sagt das auch! Im übrigen scheint
mir dieser Bruder Krumbholtz auch gar nicht der Mann zu sein, der
Geständnisse liebt -- im Gegenteil, er scheint sogar recht kurz
angebunden zu sein. Aber nun will ich nicht weiter die schöne
Geselligkeit der Herren stören, ich wollte Ihnen nur gemeldet haben,
was Ihnen doch gewiß interessant sein würde, und damit allerseits
schönen guten Abend und gesegnete Nachtruhe!«
Lächelnd grüßten die Lehrer wieder.
Max verneigte sich ebenso tief und förmlich wie Mutter Frutsch, und
Moritz klopfte der Abgehenden noch vertraulich auf die Schulter: »Et
jeht nischt über Mutter Frutschen un ihren Hausschlüssel.«
Dann, als er die Tür hinter ihr geschlossen hatte, knurrte er
ärgerlich: »Wat son olles Schalaster doch forn Riecher hat -- nu hat se
dat ok wedder rut --«
»Sell isch mal wieder ganz Schlegelmeyer gesi!« sagte darauf Herr
Schnäbele so laut, daß es der Hannoveraner in der Fensternische hören
mußte.
Prompt kam auch die Antwort zurück: »Ich sagte das nur im Interesse
eines ungestörten Aufsichtdienstes. Ja, ich frage nochmals allen
Ernstes: was soll denn da oben werden?«
»Dafür bin ich wohl in diesem Falle kompetent,« erklärte Herr Kratt
mit der gewohnten Ruhe, »es ist meine Reihe. Im übrigen abwarten
und erst Tee trinken, dann werde ich mir schon mal die neue
Schlafsaalkonstellation ansehen.«
Herr Schlegelmeyer verneigte sich stumm gegen seinen etwas gefürchteten
Stubenkollegen, und dann schwieg man eine geraume Weile wie verstimmt,
bis plötzlich der sonst so schweigsame Bruder Hinzelmann sagte: »Na,
jedenfalls war Ihre Bemerkung, Herr Kollege Schlegelmeyer, wenig
angebracht und kann dem neuen Kollegen nur Schwierigkeiten bereiten.«
»Wieso?« fragte der Hannoveraner sichtlich verlegen, denn Hinzelmann
achtete auch er.
»Na -- bei die olle Klatschsnut,« brummte Max, »da is et morjen abend
rum in der janzen Jemeine Jottes.«
»Aber ich bitte sehr,« verteidigte sich Schlegelmeyer, »es kann doch in
diesen kleinen Verhältnissen so wie so nicht verborgen bleiben, daß der
neue Kollege sein Studium abgebrochen hat!«
»Na, un wat is denn man dabei?« fuhr Moritz streitbar heraus, »ick
un Muffkemartin da haben doch janz datselbe jetan un werden mit die
Bengels da oben man mindestens so jut fertig wie Sie mit Ihrem zweiten
Examen und Ihrer Schriftsprache.«
Jetzt legte sich L³ begütigend ins Mittel und sagte väterlich:
»Kinder, immer hübsch friedlich. Ihre Bemerkung, lieber Schlegelmeyer,
war wirklich nicht ganz schön, zum mindesten unvorsichtig gegenüber
unserer schwatzseligen Oberhof- und Hausschlüsselbewahrerin. Im übrigen
kennen wir den neuen Herrn Kollegen ja gar nicht, und ich bedaure nur,
daß ihn niemand am Bahnhof abgeholt hat. Entweder hat er sich nicht
angemeldet --«
»Oder der Chef hats, wie üblich, versiebt,« vollendete Herr Thilo Kratt
und wollte sich eben erheben, um auf den Schlafsaal zu gehen, als sich
die Tür öffnete, und Herr Schneese mit wohlgerundeten Mienen lächelnd
hereinschaute.
* * * * *
Mit Hallo wurde der Doppelkollege allenthalben begrüßt, nur
Schlegelmeyer sagte mit großer Genugtuung und triumphierender Geste:
»Da haben wir die Bescherung!«
Als nun Kratt, mit Stentorstimme den Radau übertönend, Herrn Schneese
fragte, ob er etwa vor den Knaben geflüchtet sei, und ob er zum Rechten
sehen solle, antwortete der behäbige Ortskinderlehrer seelenruhig:
»I bewahre, es ist oben alles in schönster Ordnung. Der neue Kollege,
der sich mir vorhin vorstellte -- den Namen hab ich aber nicht
verstanden -- hat mir gleich freundlich die Schlafsaalwache abgenommen,
da er so wie so zu Bett gehen wolle.«
Ein Höllengelächter erfüllte jetzt den Raum, endlich fragte Kratt
mühsam: »Und Sie Gemütsmensch nehmen das in aller Bierruhe an, ja sind
Sie denn des Deubels, Schneese? Sie können doch Ihren Posten nicht
verlassen?«
»Aber warum denn nicht, wenn mich ein Kollege ablöst -- das ist doch
ganz in der Ordnung!« --
»Menschenskind, der Mann ist aber doch ganz neu --«
»Nun ja -- das waren wir alle einmal -- anfangen muß doch jeder;
übrigens der Neue schien doch den Rummel recht gut zu kennen, er ist
wohl aus der Gemeine, denke ich -- na also! Nun lassen Sie mich doch in
Ruhe meinen wohlverdienten Tee genehmigen. Haben Sie vielleicht eine
Zigarre übrig, Kollege Schnäbele?«
Wieder lachte die ganze Korona dröhnend, denn es war bekannt, daß der
Doppelkollege den gutmütigen Schwaben stets um Zigarren anging und
richtig, auch jetzt nicht umsonst.
Dann zog sich Schneese den breiten Lehnsessel heran, da alle anderen
Sitzgelegenheiten zu schmal für ihn waren, pflanzte sich, behaglich
paffend, hinein und lächelte zufrieden übers ganze breite Gesicht. Er
wußte ja, daß ihm niemand böse sein konnte, am wenigsten der gutmütige,
humorvolle Kollege Kratt, so grimmig er auch bisweilen tat.
Unterdessen war Bruder Teuchert rasch und neugierig zum Schlafsaal
hinaufgeeilt und brachte die beruhigende Nachricht zurück, daß in der
Tat oben alles in bester Ordnung sei; worauf Thilo Kratt schmunzelnd
wieder zu seiner langen Pfeife griff und erklärte: »Na, Kinder, dieser
Holzkollege hat scheinbar Schneid und Ruhe -- er paßt also in meine
Reihe, und ich werde ihm ein wohlaffektionierter Reihenchef sein.«
Zweites Kapitel
Antrittsbesuche
Es war noch ziemlich früh am Morgen, als Kaspar Krumbholtz in seinem
Bett Nr. 24 erwachte. Das erste Tageslicht blinzelte mit bläulichen
Strahlen wie verstohlen durch die Ladenritze, und ringsum schnarchte
noch alles in absonderlichen Tönen.
Kaspar kam langsam zur Selbstbesinnung und dachte mit seltsamer
Bewegung unwillkürlich an die noch nicht lange vergangenen Tage, da er
als Schüler in einem ähnlichen Schlafsaal gelegen hatte. Und nun sollte
er Lehrer und Vorgesetzter sein, an einem ihm völlig unbekannten Ort,
unter zum Teil fremdartigen Verhältnissen. Zwar der Anstaltbetrieb
würde hier zu Tramberg auch nicht viel anders sein als zu Bethel und
Gnadenzell -- aber die neuen Kollegen stammten großenteils nicht aus
der Brüdergemeine, die Zöglinge waren sogar meist Ausländer. Was konnte
es da für Schwierigkeiten geben, von denen er sich nichts hatte träumen
lassen?
Auch von seinem neuen Direktor hatte Kaspar nicht sonderlich viel
Ansprechendes gehört. Ein Finanzgenie sollte er sein, ein sehr
genauer Herr, der in erster Linie in jedem Schüler einen wandelnden
Tausendmarkschein zu sehen pflegte -- so spöttelte man im Osten. Aber
der Zug zum Geldverdienen lag wohl zu Tramberg überhaupt in der Luft.
Auch die Bürger dieser kleinen schwäbischen Herrnhuterkolonie galten
zu Bethel und Gotteshaag für eifrige Mammonsdiener, die ihr stilles
Friedensörtchen im Laufe der letzten Jahrzehnte in den Dienst einer
einträglichen Fremdenindustrie gestellt hatten. Doch wer wußte denn,
wie viel Tratsch und Klatsch bei diesem Urteil mitspielte, wie bei so
vielem, was man sich in den Gemeinen voneinander erzählte.
Kaspar Krumbholtz wollte selber sehen und prüfen.
Und so stand er mit derselben Eigenmächtigkeit auf, mit der er abends
zuvor schlafen gegangen war, und schritt leise der Türe zu. Aber da
erhob sich plötzlich an der Tür eine schmächtige Gestalt, warf sich
hastig einen Schlafrock über und vertrat ihm den Weg mit den barschen
Worten: »Wo wollen Sie hin?«
Kaspar maß die ein wenig komische Erscheinung mit schmunzelndem
Erstaunen und sagte ruhig: »Sie gestatten -- Krumbholtz, der neue
Lehrer.«
»Ah, so --« lispelte der Schmächtige gönnerhaft, »pardon, ich hielt Sie
für einen neuen Zögling. Sie sind wohl auch noch ein wenig jung. Ich
bin nämlich der heute diensttuende Lehrer der ersten Stube, Kandidat
Schlegelmeyer, und trage als Reihenchef eine gewisse Verantwortung.«
Kaspar Krumbholtz murmelte: »Sehr angenehm gewesen« und wollte weiter,
doch Herr Schlegelmeyer bedeutete ihm, es habe noch nicht geläutet, man
stehe am Sonntag erst um einhalb sieben Uhr auf.
Der neue Kollege bedankte sich höflichst für die ihm interessante
Nachricht, betonte jedoch, er für seine Person pflege aufzustehen, wann
es ihm beliebe.
»Ja, wenn aber die Waschkammern vielleicht noch geschlossen sind,« warf
der hartnäckige Hannoveraner ein.
»Dann suche ich mir einen dienenden Geist oder gehe zum Brunnen.«
»Sie scheinen ja sehr energisch zu sein, Herr Kollege. Übrigens, wenn
ich Ihnen behilflich sein kann -- nur einen Moment, ich will mich rasch
fertig anziehen.«
»Aber bitte!« wehrte Krumbholtz ab, »bemühen Sie sich nicht;
meinetwegen sollen Sie ja nicht vor einhalb sieben Uhr aufstehen. Guten
Morgen!«
Damit entwischte Krumbholtz eiligst zur Tür hinaus.
Herr Kandidat Schlegelmeyer legte sich mit süßsäuerlichen Mienen
wieder zu Bett und nahm sich vor, mit diesem neuen Kollegen möglichst
vorsichtig umzugehen; von der durchschnittmäßigen Herrnhuter Sorte,
die sich alles in brüderlicher Liebe gefallen läßt, schien dieser
Holzkollege nicht gerade zu sein.
* * * * *
Bald darauf schritt Kaspar Krumbholtz zum hinteren Anstalttor in den
strahlenden Frühlingsmorgen hinaus.
Die Anstalt lag einsam, wie eine mächtige Burg, auf halber Höhe über
dem Dörfchen Tramberg, das noch wie traumverloren inmitten seiner
endlosen Nadelholzwälder friedlich zu schlummern schien.
Kein Hahn krähte, kein Schornstein rauchte, nur die ersten Schwalben
strichen mit fröhlichem Kwiwitt pfeilschnell über die hohen Dächer der
wie Kinderspielzeug auf einer Waldwiese verstreuten Häuser.
Überrascht fuhr Kaspar, der am Abend zuvor nichts von dem Ort hatte
sehen können, ein »Donnerwetter, ist das schön« heraus.
Eilends flog er den Hügel hinab und mit immer steigender Befriedigung
spazierte er nun langsamer und alles ungeniert betrachtend durch die
mehrfach gewundene Hauptstraße Trambergs, zu deren beiden Seiten
allerlei städtisch frisierte Villen wie blind, mit ihren geschlossenen
Läden, zwischen alten hochgiebligen Bauernhäusern standen.
Schnell erfaßte der junge Lehrer den eigentümlichen Mischmaschcharakter
dieses Kurortes und dachte bei sich: »So könnte unser gutes Ingelbach
auch mal aussehen, wenn es sich in Oberhof oder Friedrichroda an der
Fremdenepidemie angesteckt hätte. Schade, weder Fisch noch Fleisch!«
Allzulange dauerte es nicht, da ging die Hauptstraße in vornehme,
wohlgepflegte Parkanlagen über. Ein Springbrunnen plätscherte
verschlafen zwischen schlanken Koniferen und leeren Bänken. Einige
verliebte Amselpärchen jagten zankend über eben umgegrabene Beete und
Rabatten, die noch der sommerlichen Bepflanzung harrten.
Im Geist sah Krumbholtz diese jetzt schweigenden und öden Plätze und
Alleen schon von bunten, jauchzenden Kindergruppen, von Damen in
eleganten Toiletten belebt; sein welthungriges Gemüt versöhnte sich im
stillen rasch mit der bösen Fremdenkultur.
Vergnüglich malte er sich so all die bevorstehenden Sommerfreuden aus
und schritt, an Tennisplätzen und einem stattlichen Musikkiosk vorbei,
summend dem nahen Walde zu, dessen vorderste Schutzfichten ihm mit
ihren lang herunterhängenden Riesenarmen wie bewillkommnend zuwinkten.
Es schritt sich wahrlich gut und leicht durch diesen »hohen Tann«,
so hieß die berühmte Hauptpromenade Trambergs. Die Vögel trieben
schon überall ihr vergnügliches Wesen in den Zweigen; Eichkatzen und
Spechtmeisen spielten neckisch um die dicken Stämme oder suchten
an den Zweigen ihr erstes Frühstück, da -- krachten Zweige -- eine
aufgescheuchte Auerhenne purrte ungestüm durchs Dickicht.
Kaspar Krumbholtz sah ihr ein wenig erschrocken mit offenem Munde nach,
-- dann lachte er hell auf über sich selbst. Nun wußte ers vollends,
er war in einer völlig anderen Landschaft als bisher zu Gotteshaag und
Bethel.
Da drüben auf die gradlinigen Bastionen der nahen Rauhen Alp wollte er
baldigst steigen, um in der Ferne die Höhen und Burgen des lieblichen
Hegau, den blinkenden Bodensee und darüber vielleicht auch die ersten
Schneehäupter der Alpen zu schauen. Das sollte eine Lust werden, heidi!
Und pfeifend marschierte das angehende Schulmeisterlein tiefer in den
herrlichen Wald hinein, bis er an den Gottesacker der Gemeine kam, der
stimmungsvoll in feierlicher Waldeinsamkeit sich vor seinen erstaunten
Blicken ausbreitete.
Da dachte die arme Missionswaise in stiller Andacht an seine lieben
Verstorbenen, an den aufrechten, allzu tapferen Vater, der drüben
irgendwo im zentralamerikanischen Urwald verscharrt worden war, an die
treue, stille Mutter, die auf dem Herrnhuter Hutberg nicht weit von den
Zinzendorfgräbern der Auferstehung harrte. Ja -- wenn? Und plötzlich
war der noch eben so fröhliche Kaspar mitten in seinen alten, trüben
Zweifeln.
Nachdenklich setzte er sich auf eine einsame Waldbank und sann und
sann. Seltsam -- daß er, der immer wieder so schwer an Christi
Auferstehung zweifeln mußte, an die Auferstehung seiner Eltern zu
glauben nicht lassen konnte!
In tiefe Gedanken versunken, ging er achtlos wie ein Nachtwandler
denselben Weg langsam zurück, den er soeben noch rasch und mit hellen,
scharfen Augen um sich schauend gekommen war.
Als er am Anstalttor wieder angelangt war, stand ein Entschluß bei
ihm fest: er wollte den neuen Direktor dringend bitten, ihn vom
Religionsunterricht zu dispensieren.
* * * * *
Im Hause stieß Kaspar Krumbholtz zuerst auf das allzeit fröhliche
Dioskurenpaar Knortz und Muffke, die ihren dienstfreien Sonntag schon
mit einer Morgenpfeife feierten.
Man schloß schnell Bekanntschaft und frühstückte behaglich zusammen auf
der Lehrerstube. Dabei weihten die biederen Mecklenburger den neuen
Reihenkollegen humorvoll in allerlei Sach-, Schul- und Personalfragen
ein und wollten sich ausschütten vor Lachen über Kaspars erstes
Abenteuer mit Schlegelmeyer.
Herzhaft klopfte Moritz nach seiner Art dem neuen Kollegen auf die
Schulter und meinte ermutigend: »Nur so weiter, junger Mann! Will Ihnen
wat sagen: Dem hannoverschen Unteroffizier müssen Sie immer gleich
feste auf die Hühneraugen treten, dann werden Sie ihn am ersten los.
Angst muß er haben, sonst spuckt er Gift, wie ne olle Klapperschlange.«
Bald darauf erschien Thilo Kratts ragende Hünengestalt und ward
dem »Fuchsen«, wie Moritz den Neuling frischweg nannte, als sein
nunmehriger Reihenchef vorgestellt; Krumbholtz sollte nämlich
Stubenlehrer bei den Vierten werden.
Herr Kratt gratulierte ihm scherzhaft zu seinem gestern abend bereits
bewährten kalten Blut, und riet ihm recht bald, womöglich noch vor der
Predigt, den »Chef« und den Mitdirektor aufzusuchen, denn Sonntags
wären sonst die beiden nicht leicht zu treffen.
Mit einem nicht ganz behaglichen Gefühl schritt Kaspar Krumbholtz die
Treppe hinauf zu seinem Direktor, Bruder Nitschke, der anscheinend im
ganzen Hause nur kaufmännisch als »Chef« bezeichnet wurde.
Unwillkürlich stieg vor des jungen Schulmeisters Seele das Bild seines
ehemaligen Gnadenzeller »Onkels« auf, der auch des vertraulichen Titels
Bruder nicht gewürdigt wurde. Das gab immerhin zu denken.
Um so angenehmer überrascht war Kaspar, als er auf einen freundlich
lächelnden, liebenswürdigen Mann stieß, der ihn mit weltmännisch
verbindlichen Formen herzlich willkommen hieß und sich sofort höflichst
entschuldigte, daß ihm eine plötzliche Abhaltung das Vergnügen
persönlicher Abholung vom Bahnhof versagt hätte.
Kaspar wunderte sich nur, daß er als Mitglied der Brüdergemeine mit Sie
angeredet wurde, aber er sagte nichts. Der redselige »Chef« half ihm
rasch über jede Verlegenheit fort und deutete ihm an, wie gut er es
hier im schönen Süden und in der wohlausgestatteten Anstalt haben
würde.
»Das Leben,« schloß er, »hat hier einen freieren und reichlicheren
Zuschnitt als im Norden und zumal in Oberschlesien. Wir sind
wahrscheinlich nicht so altgemeinmäßig, wie Sie das vielleicht gewohnt
sind; aber mein verehrter Kollege, warten Sie nur einige Wochen, und
es wird Ihnen bei uns schon gefallen. Bald werden Sie gar nicht mehr
anderswo leben wollen. Sie bekommen ja auch die vierte Stube und damit
einen prächtigen Kollegen, Herrn Schnäbele, der uns nur leider nicht
mehr lang erhalten bleiben wird. Lernen Sie von ihm, mit den Kleinen
recht väterlich umzugehen; das ist oft schwerer als die Großen zu
zügeln. Doch mit Ermahnungen will ich Sie nicht gleich belästigen.
Ich darf Sie überhaupt wohl darauf aufmerksam machen, daß ich im
allgemeinen mehr für die Verwaltung und den äußeren Dienst zuständig
bin. Der innere Dienst dagegen und insonderheit der Schulbetrieb ist
Bruder Lohmanns bewährter Leitung unterstellt, der Ihnen demnächst
alles Nähere mitteilen wird. Was die Reisekosten anlangt, so
liquidieren Sie wohl die üblichen 100 Mark. Darf ich sie Ihnen gleich
aushändigen?«
»Ich habe aber nur 62 Mark und 35 Pfennige gebraucht,« antwortete
Kaspar.
»Nun, da waren Sie ja sehr sparsam,« meinte der Direktor lächelnd.
»Aber Verehrter, Sie werden mir nicht böse sein, wenn ich Ihnen
doch hundert Mark gebe. Sie haben hier gewiß noch allerlei kleine
Einrichtungsausgaben; auch ist Ihr Gehalt -- Sie wissen -- die ersten
zwei Jahre nur 25 Mark monatlich -- nicht sehr reichlich -- ich kanns
leider nicht ändern, so gern ichs täte. Mangel sollen Sie jedoch
darum nicht leiden. Wenn Sie mal nicht auskommen, so wenden Sie sich
nur vertrauensvoll gleich an mich. Ich werde Ihnen da gern einige
Nebeneinnahmen zuwenden; es gibt immer so allerlei, Nachhilfestunden,
Badewachen und dergleichen. Zeichnen Sie nicht auch sehr hübsch? Ich
dächte, Bruder Bauding hätte so etwas geschrieben. Na also, und nicht
wahr -- hier hundert Mark?«
Verlegen dankend nahm Kaspar das Geld und sah seinen Vorgesetzten, der
augenscheinlich eine Verabschiedung erwartete, dann unruhig an.
»Wollten Sie vielleicht noch einen Wunsch äußern?« fragte schließlich
Bruder Nitschke verbindlich.
»Ja, Herr Direktor,« begann Kaspar gedrückt, »ich weiß nicht, ob Herr
Unitätdirektor Bauding Ihnen auch geschrieben hat, warum ich Gotteshaag
eher verlassen habe als sonst wohl üblich.«
»Aber gewiß,« sagte der Direktor lächelnd, »und darum brauchen Sie sich
auch gar keine bitteren Gedanken zu machen. Ich bin kein Ketzerrichter
und überhaupt kein großer Theologus. Ich verlange von meinen Lehrern
nur, daß sie mir meine Zöglinge gut behandeln, sie erziehen und ihnen
-- da es meist Ausländer sind, vor allem ein gutes Deutsch beibringen.
Daran wird es bei Ihnen wohl nicht fehlen, lieber Kollege, trotz der
fehlenden zwei Semester. Im übrigen nur Mut, junger Freund, ich darf
Ihnen verraten, Sie haben sonst eine glänzende Konduite -- gerade
auch als Lehrer -- ich glaube, die Fortbildungsschule haben Sie schon
geleitet. Nun -- im Vertrauen, so schwierig ist unsere Schule hier
nicht einmal. Also ich freue mich, Sie erhalten zu haben.«
»Ich danke Ihnen, Herr Direktor,« brach es freudig aus Kaspars Innerem
hervor, »und so werden Sie es mir wohl nicht verübeln, wenn ich Sie
bitte, mich nicht Religionsunterricht erteilen zu lassen.«
»Wenns weiter nichts ist,« erklärte Bruder Nitschke schmunzelnd, »das
will ich Ihnen gern zusagen, auch wenn das eigentlich Sache Bruder
Lohmanns ist. Sagen Sies ihm nur! Nein, nein, für Religion haben wir
immer Angebot, namentlich von den auswärtigen Herren. Also keine
Sorge. Und nun guten Morgen, lieber Kollege -- und alles Gute! Heute
mittag erwartet meine Frau Sie zum Essen, in meiner Wohnung bitte. Auf
Wiedersehen!«
Mit großer Erleichterung schritt Kaspar Krumbholtz die kleine Treppe am
Direktorzimmer wieder hinab.
Den Mann hatte er sich freilich anders vorgestellt. Was für ein
Zerrbild hatte der schändliche Gemeinklatsch hier wieder einmal
gezeichnet. An »Onkel Herbst« war nicht zu denken.
* * * * *
Als Kaspar nun bei Bruder Lohmann anklopfte, mußte er ziemlich lang
auf die Eintritterlaubnis warten. Erst tönte ein verlegenes »Gleich,
gleich!« von drinnen, weiter ein »Nur noch zwei Minuten«, endlich ein
sonores »Herein!«
Der Besucher trat in eine geräumige, helle Stube, in der ihn ein
zusammengerollter Dachs mit verständig diskretem Gebell von seiner
Sofaecke aus willkommen hieß; auch einige Waldvögel begrüßten aus
ihren am Fenster hoch übereinandergetürmten Käfigen den Ankömmling
mit neugierigem Gezwitscher. Aber der Herr des Zimmers steckte nur
gerade seinen noch unfrisierten Kopf aus der Türspalte von der
nebenanliegenden Kammer herein, rief lächelnd: »Bitte, einstweilen
Platz nehmen, stehe sofort zu Diensten,« und verschwand abermals für
einige Minuten.
Unterdessen sah sich Kaspar in dem ein wenig überladenen Raume um, der
sichtlich den Stempel einer eigenartigen, vielleicht etwas krausen,
jedenfalls bewußt moravischen Persönlichkeit trug.
Da hingen an den Wänden die großen Ölbilder des Grafen Nikolaus Ludwig
von Zinzendorf und seines schier überirdisch verklärten Sohnes
Christian Renatus. Auf eichenen Bücherborten standen wohlgeordnet
sämtliche Ausgaben alter Gemeingesangbücher, eine Menge wertvoller
Brüderschriften, die seltenen Büdingenschen Sammlungen, die +idea
fidei unitatis fratrum+ undsoweiter. Darüber sann das wehmütig milde
Patriarchenhaupt des Brüderbischofs Amos Comenius; daneben hing ein
mächtiges Kupferstichblatt, die Predigt des ersten Brüdermissionars
vor den Indianern darstellend; weiterhin zierten graziöse
Pastellporträts berühmter Brüder und Schwestern, in schönen Empire-
und Biedermeyerrahmen zwischen allerlei feinen Schattenrißbildchen
hängend, die Wände. Und endlich über dem verstaubten Schreibpult, auf
dem Hefte, Bücher, Zigarren, Löffel und allerlei Kästen mit Vogelfutter
in vergnüglichem Wirrwarr durcheinander lagen, grüßte den Beschauer
noch ein herrlicher, weißlockiger Kopf, unter dem stand in klarer
Antiqua: +Leonardus Ludovicus Lohmann, episcopus unitatis fratrum,
suae aetatis LXXIII.+
Leise Schauer erfaßten den Sohn der letzten Neißerin, der wohl wußte,
wer jener Bischof gewesen war, und was er mit seinem Urgroßvater
zusammen für sein Kirchlein geleistet hatte. Hier war heiliger Boden,
hier galt es im Geiste die Schuhe ausziehen und Andacht zu üben.
Da öffnete sich die Kammertür, und der Mitdirektor trat, mit einem
letzten Griff nach seiner verschobenen Krawatte tastend, noch ein
wenig keuchend und verlegen herein und begrüßte den jungen Kollegen
mit warmer Herzlichkeit; natürlich nicht ohne einige umständliche
Entschuldigungen über seine sonntägliche Langschläferei.
»Ich habe unterdessen Ihre vielen Schätze bewundert, Herr Mitdirektor,«
meinte Kaspar.
»Hör mal, wir duzen uns doch,« unterbrach ihn Bruder Lohmann rasch,
»das wäre noch schöner! Von den auswärtigen Herren muß ich mir das Sie
und den Herrn Mitdirektor zwar gefallen lassen, aber von dir nicht. Im
Gegenteil, ich hoffe sogar, lieber Bruder und Kollege, wir werden mit
der Zeit ebenso treue Freunde werden wie vor hundert und einigen Jahren
unsere Urgroßväter.«
Dabei wies Bruder Lohmann sichtlich stolz auf das Bild über seinem
Schreibtisch und reichte dem jungen Kollegen nochmals die Hand, in die
dieser gern und kräftig einschlug. Dann bot der Mitdirektor seinem
Gastfreund eine Zigarre und den Ehrenplatz auf dem Sofa neben dem schon
wieder halbentschlummerten Dachs an.
Bald schmauchte man behaglich, und das Gespräch floß munter dahin wie
unter guten Gesellen. Kaspar fühlte sich hier wirklich wie zu Hause.
Auch Bruder Lohmann orientierte den neuen Kollegen rasch über die
wichtigsten Personalfragen, riet ihm, sich mit Vertrauen an seinen
bewährten Stubenkollegen Schnäbele anzuschließen; nur sich nicht
unnötig gegen den sowieso schon unbeliebten Schlegelmeyer aufhetzen
zu lassen. Der Hannoveraner wäre im ganzen wohl kein sonderlich
angenehmer Kollege, aber ein ganz vorzüglicher Lehrer und ein sehr
ruhiger und zuverlässiger Erzieher, dem auch die ältesten Engländer
sich anstandslos fügten. Und das sei ein heikler Punkt hier im Hause.
Die Engländerkolonie bilde leider seit alters eine +ecclesiola in
ecclesia+, und damit müsse man eben rechnen und sich zu stellen
versuchen, was namentlich die auswärtigen Herren in ihrem sonst sehr
gesunden Nationalstolz nicht recht begriffen oder begreifen wollten.
Auf der vierten Stube spiele die Frage noch keine große Rolle, da
dort die oft recht schwierigen Franzosen und zum Glück auch die
Deutschschweizer, so die prächtigen Basler Büble, in großer Zahl
vertreten seien, nur der Senior Ronald Hooper sei natürlich ein
Engländer, übrigens einer der besten.
Dann kam der Mitdirektor auf den Unterricht und seine in diesem Hause
durch die besonderen Verhältnisse bedingten Methoden zu reden, fragte
schließlich schonend, ob Kaspar sich getraue gleich in den oberen
Klassen zu unterrichten und ob ihm 28 Stunden, darunter freilich
12 präparationsfreie Zeichen- und deutsche Konversationsstunden für
Anfänger, zu viel sein würden.
Kaspar verneinte ruhig und setzte dann scheu hinzu: »Wenn nur keine
Religionstunden darunter sind.«
»Nein, lieber Kollege,« sagte Bruder Lohmann einfach, »davon habe
ich bei deinen besonderen Verhältnissen gleich abgesehen. Du sollst
in dieser Beziehung bei uns ganz in Ruhe gelassen werden; auch zum
Predigen sollst du nicht herangezogen werden, ich habe schon mit Bruder
Wiesendahl darüber gesprochen. Im Vertrauen -- es ist auch keine Freude
zu predigen bei der jetzigen Spannung zwischen Laien und uns jüngeren
Geistlichen. Es steht nicht gut!«
Kaspar Krumbholtz sah sein Gegenüber mit einem warmen,
verständnisinnigen Blick an, und ein unendlich wohltuendes Gefühl der
Ruhe und des Geborgenseins überkam ihn von neuem in diesem heimlichen
Raume, bei diesem echt brüderlichen Manne, von dem er nach einer
köstlichen Stunde reichster Belehrung schied wie von einem alten
Freunde.
* * * * *
Am nächsten Vormittag bereits gab Kaspar Krumbholtz mit gutem Mut und
innerer Freude seine ersten Unterrichtstunden, und nach dem Essen trat
er auf Stube 4 seinen Aufsichtsdienst an, in dem er nun Tag um Tag mit
dem guten Schnäbele, der ihn zunächst wie ein rührend treuer Vormund
bevaterte, abzuwechseln hatte.
Mit »Papa Schnäbele«, wie der wackere Württemberger Theolog bei
seinen ihn vergötternden, freilich ihn auch gehörig plagenden
Vierten hieß, wetteiferte der Senior Ronald Hooper, eine wandelnde
kleine Hausordnung, in Gewissenhaftigkeit, den neuen Lehrer in alle
Geheimnisse und Pflichten seines Stubendienstes einzuweihen. Da
wurde gezeigt, wie die Schränke und Schubladen in richtiger Ordnung
aussehen mußten; da wurde Rechnung abgelegt über die von Ronald
verwaltete Stubenkasse, aus der die kleinen Kaffeespaziergänge, die
Geburtstagteeabende und die Fußballreparaturen bestritten wurden;
da wurden die Obliegenheiten des Wochendieners, die Machtbefugnisse
der Fußballkapitäne, die Vorrechte der Stube und ihres Seniors
genau angegeben, die Sonntagbestimmungen betreffs des Kaffee- und
Kuchenholens und der Erlaubnis, zwei Stunden in der Heimatsprache zu
sprechen, mitgeteilt; endlich das Strafbuch vorgelegt mit dem stolzen
Hinweis, daß seit zwei Monaten auf der vierten Stube überhaupt keine
größere Bestrafung stattgefunden habe im Gegensatz zu der berüchtigten
zweiten Stube, die allein im letzten Monat 38 Strafen gehabt hätte.
Kaspar Krumbholtz hielt sich klug zurück, ließ die 13jährige Weisheit
von Senior ruhig reden und prahlen und staunte doch heimlich über
das unverkennbare Herrschertalent der englischen Rasse, das mit
prachtvoller Naivität auch aus dieser kleinen Energenz strahlte.
Und nun kam die Hauptsache: Präsident Ronald kommandierte nach der
Reihe seine getreuen Stubenuntertanen zur Huldigung heran, nachdem er
kurz zuvor ein knappes, oft verblüffend scharfes, doch -- wie sich
später herausstellte -- ziemlich richtiges Urteil über die einzelnen
Kameraden abgegeben hatte. Die drei Engländer schätzte Ronald natürlich
am höchsten ein, dann kamen einige Schweizer, zwei Schweden und ein
Italiener, endlich die Franzosen und französischen Schweizer, von denen
Ronald offenbar am wenigsten hielt, obgleich er etwas verächtlich
zugab, daß sie in der Klasse die besten seien.
»Wie bist du denn da?« fragte Bruder Krumbholtz zum ersten Male
dazwischen.
»O,« antwortete Jung-Ronald lakonisch, »ziemlich schlecht wie wir
Engländer fast alle. Aber wir sind nur da, für Deutsch lernen, nicht
für studieren, das kommt später in Eaton und Oxford.«
Krumbholtz schmunzelte und dachte bei sich: Menschenkenntnis und
Charakter hilft diesen Albionssöhnen über jede fatale Situation hinweg.
Dann ging er unter Anleitung seines Premierministers Ronald mit seinen
Vierten zum Fußballspiel.
Die Kapitäne, der schlanke Rowles und der stämmige Schaffhuser, wählten
und verfügten auch kurzerhand über den neuen Lehrer.
Als aber Bruder Krumbholtz dreimal spielend den Lagerhalter überrumpelt
hatte, erklärten sie mit einem sonderbaren Gemisch von Verzweiflung und
Ehrerbietung: es müsse anders gewählt werden, Bruder Krumbholtz spiele
ja beinahe so gut wie Huntington und Venobles, die Kapitäne der Ersten.
Die Neuwahl machte Schwierigkeiten; bis Bruder Krumbholtz vorschlug,
die Kapitäne Rowles und Schaffhuser sollten doch beide gegen ihn
spielen. Das leuchtete plötzlich allen ein, die nun vereinten alten
Gegner spielten wetteifernd mit glänzender Bravour. Bruder Krumbholtz
hielt sich darauf ein wenig zurück, und richtig, ein Lager wurde gegen
ihn gewonnen. Nun war der Jubel und der Stolz der beiden siegreichen
Kapitäne groß, und äußerst befriedigt kehrte man heim zur alltäglichen
Arbeitsstunde.
Der geschlagene neue Stubenlehrer der Vierten schmunzelte nicht wenig,
als er im Vorübergehen Ronalds großgünstiges Urteil aufschnappte:
»Weißt du, Rowles, Mister Kobolz spielt ganz gut, aber mit Huntington
und Venobles kann er doch nicht spielen!«
Krumbholtz freute sich, daß er schon so schnell einen Spitznamen weg
hatte. Das ist immer ein gewisses Zeichen von Sympathie bei Buben.
Am nächsten dienstfreien Nachmittag spielte er bei den Ersten mit,
ward allerdings zweimal von dem schwarzen Harryman, dem gefürchtetsten
Hinterspieler der Ersten, zu Boden gebracht, gewann aber trotzdem
schließlich ein Lager.
Ob dieses erstaunlichen Erfolges, zu dem die oft und gern, nur ein
wenig ungeschickt mit den Ersten spielenden mecklenburgischen Dioskuren
dem jüngsten Reihenkollegen herzlich gratulierten, berief die englische
Kolonie in der nächsten Frühstückszeit ein geheimes Meeting, nahm von
dem neuen Mister Kobolz ausführlich Notiz und erklärte ihn für einen
»ganz famosen Kerl«.
Das erleichterte Kaspar Krumbholtz manches in den sechs
Geschichtstunden, die er in den zwei obersten Klassen zu geben hatte.
Drittes Kapitel
Der angehende Weltmann
Mit einem Hochgefühl sondergleichen schritt Hans Sebalt vom wenig
anmutenden Berliner Bahnhof nach der alten Buchhandelmetropole Leipzig
hinein, wo er nun sein neues Studium beginnen sollte.
Zum ersten Male kam der junge Herrnhuter in eine Großstadt, kam mit
einem leidlich gefüllten Beutel, kam mit der festen Absicht, nicht nur
zu studieren, was die Väter wünschten, sondern auch, und vor allem,
aufzunehmen, was das flutende Leben ihm bieten konnte.
Ein Duckmäuser war Hans Sebalt nie gewesen, jetzt wollte er die
Gelegenheit, ein Weltmann zu werden, beim Schopfe fassen -- auch
auf die Gefahr hin, den Ruf eines wahrhaften Gemeinbruders darüber
einzubüßen.
Ein stilles Lächeln umspielte Hans Sebalts siegesgewisse Mienen. Er
blähte übermütig die Nüstern und sog die aus Ruß und Parfümduft seltsam
gemischten Fabrikgerüche der Berliner Straße befriedigt schnobernd
ein, als gäben sie ihm vorweg die Quintessenz des Großstadtdaseins.
Am Ende der langweiligen Berliner Straße bog Hans Sebalt rechts nach
Gohlis ab, wo es -- wie man ihm gesagt hatte -- die billigsten und
behaglichsten Studentenwohnungen geben sollte, unwillkürlich dem alten
Witzwort folgend: »Wems zu wohl is, geh nach Gohlis«.
Gleich an der ersten Ecke neben einem weitläuftigen Barackenkasernement
wies ein stattliches, vierstöckiges Haus zahlreiche Vermietungsplakate,
ein anderes daneben nur ~ein~ Mietangebot auf. Der kluge Hans
Sebalt sagte sich sofort, daß in dem ersten Hause wohl wenig angenehme
Wohnungsverhältnisse herrschen müßten, sonst würden nicht so arg viele
»Buden« leerstehen.
Also trat er kurzerhand in das zweite Haus ein, und nach fünf Minuten
hatte er in dessen viertem Stock bei einer freundlichen Wirtin, Frau
Breutel, ein ganz hübsches Zimmer nebst einer kleinen Kammer für ein
Billiges ermietet.
Das war ein stolzes Bewußtsein für ein armes herrnhutisches
Missionskind: zum erstenmal in seinem Leben besaß er ein Stübchen, ganz
für sich allein, noch dazu eines mit einer weiten, herrlichen Aussicht.
Hans Sebalt setzte sich im Vollgefühl seines Glücks erst eine Weile
ans offene Fenster und sah leise ergriffen hernieder auf die nahe,
menschenwimmelnde und dumpfbrausende Riesenstadt mit ihren Hunderten
qualmender Schlote, ihren Tausenden von nach und nach im blaugrauen
Dämmerdunst aufblitzenden Lichtern, ihrer Unmenge von Straßen und
Gassen, mit ihrem Hasten, Fluten und Drängen und ihren lockenden
Geheimnissen.
Was war das für ein greller Gegensatz gegen die stillen
Herrnhutergemeinen, in deren einer fern der ehrliche »Schelm«
seinen anstrengenden Schul- und Aufsichtdienst tat wie ein braver
Karrengaul. Warum -- der Narr! Er hätte es ebenso gut haben können
wie sein getreuer »Schuft«. Und was hätte das für ein vergnügliches
Zusammenleben, Zusammenstudieren, Zusammengenießen hier werden können!
Nun -- er hatte einmal seinen Dickkopf, der brave Kaspar! Und er,
Hans Sebalt, war nicht der Mann, der ihm nachlief; aber schreiben und
erzählen von all dieser Herrlichkeit wollte er ihm schon einmal, und
zwar so, daß ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen sollte.
Mit solchen Gedanken stieg Hans Sebalt seine vier Treppen wieder hinab
und ging zum Bahnhof zurück, um seine Sachen zu holen. Stolz und
trotzig schritt er der Stadt zu, gleichgültig an hunderten vom schweren
Tagwerk eben glücklich erlösten Fabrikarbeitern vorüber, und aus seinen
strahlenden Mienen sprachen deutlich die kecken Worte: »Was kostet die
Welt?«
* * * * *
Schon am nächsten Tage erlebte der hochgemute Hans Sebalt seine ersten
Enttäuschungen.
Als er zur Universitätquästur kam, um sich immatrikulieren zu lassen,
bedeutete man ihm: er könne einstweilen weder als Student noch als
Hörer eingeschrieben werden, da die vielleicht von seiner Behörde
nachgesuchte Reifezeugnisbestätigung bis jetzt vom Kultusministerium
noch nicht eingegangen sei, und der vorgelegte Berechtigungsschein
für den Einjährig-Freiwilligen-Dienst für ihn gar keine Geltung habe,
da er ja als Kapländer englischer Untertan sei. Als der eben noch so
selbstsichere Gentleman aus Südafrika darob hilflos zusammenzuckte und
dann ganz bescheiden bat, man möchte ihn doch wenigstens vorläufig als
Gastteilnehmer zulassen, erwiderte man ihm lakonisch: er solle sich die
Bestimmungen dafür im Sekretariat geben lassen und sich dann an die
dafür zuständige Stelle wenden.
Sehr beschämt schlich Hans Sebalt hinaus.
Auf der Polizei hatte er ebenfalls Schwierigkeiten. Man verlangte
einen ordentlichen englischen Geburtausweis von Sebalt, der deutsche
Taufschein seines Vaters genüge nicht. Er müsse genau nachweisen
können, so hieß es von oben herab, daß er wirklich englischer Untertan
sei und für den deutschen Militärdienst nicht in Frage käme. Ein
Engländer, der nicht englisch spräche, sei immerhin verdächtig.
Wahrscheinlich wolle er sich nur vom Militärdienst drücken.
Hans Sebalt fehlte es zu seinem Glück an Worten, seiner Empörung
genügenden Ausdruck geben zu können. Er dachte nur im stillen: er würde
ja viel zu gern dienen, wenn es die Unität nur bezahlen wollte, und
entfernte sich tief beleidigt.
Nach einem guten Mittagessen, das ihm trotz allen Ärgers trefflich
geschmeckt hatte, ging er nach seiner neuen Wohnung, steckte sich eine
seiner letzten Herrnhuter Zigarren an und streckte sich behaglich auf
seiner schönen Chaiselongue aus, um neue Pläne zu schmieden.
Da klopfte es, und auf sein »Herein« wankte eine lange, schlottrige
Gestalt ins Zimmer, die sich als den Inhaber der Wohnung vorstellte und
um freundliche Vorausbezahlung der Monatsmiete bat.
Hans Sebalt fuhr ärgerlich empor und fragte hochfahrend:
»Na, sind Sie denn nicht der Mann von der Frau Breutel da draußen?«
»Zu dienen, Emanuel Breutel,« flötete süßlich die leis
zusammenklappende Hauswirtsgestalt, »ich bin noch der Ehemann dieser
Frau da draußen, bin auch noch der Besitzer aller dieser Sachen wie
des Buttergeschäfts im Parterre, auch Käse können Sie da haben -- sehr
guten, falls der Herr mal Bedarf haben sollte.«
»Nee, danke,« wehrte Hans Sebalt gnädig ab, »aber nun sagen Sie mal,
was ist denn los? Ich habe doch gestern, als ich mietete, Ihrer Frau
den Mietzins für einen Monat bezahlt! Hat sie Ihnen das denn nicht
gesagt?«
»So, so, Sie haben schon bezahlt,« begütigte Herr Breutel mit trauriger
Gebärde, »das tut mir recht leid, denn mir gesagt hat sie natürlich
wieder nichts, die Tücksche! Also dann verzeihen Sie nur untertänigst,
Herr Doktor, -- ja was ich nur sagen wollte -- meine Frau, ja -- ja
-- hm -- ach -- wenn Sie doch von nun an die Güte haben wollten, mir
die Miete zu geben -- ja, ich darf wohl bitten! Ich, ich möchte mich
da nicht so näher auslassen, Herr Doktor werden schon verstehen! Also
nicht wahr, zum nächsten Ersten bitte ich ganz ergebenst um den Betrag;
ich werde Ihnen darüber auch eine rechtmäßige Quittung ausstellen.
Womit ich mich Ihnen hochachtungsvoll empfehle. Nichts für ungut, Herr
Doktor, ich bitte die Störung gütigst zu entschuldigen -- angenehme
Ruhe, guten Bonjour, Herr Doktor, atjee wünsch ich, atjee!«
Kaum hatte sich der lange Käsehändler dienernd zur Tür hinausgewunden,
da klingelte es draußen heftig. Allerlei Scheltworte waren zu hören,
und wieder klopfte es bei Sebalt, der sich eben erst von neuem
hingestreckt hatte und grimmig »herein« rief.
Ein robuster, bärtiger Mann trat polternd herein, stellte sich,
breitbeinig hin- und herwuchtend, als Hauswirt und Kohlenhändler Wuppke
vor, und bat mit dem jungen Herrn betreffs der Miete Rücksprache nehmen
zu dürfen.
»Zum Donnerwetter,« fuhr nun Hans Sebalt los, »wieviel Leuten soll ich
denn hier meine Miete berappen, da hört sich doch alles auf!«
Herr Wuppke lächelte perfide und meinte dann wohlwollend: »Sie sind ja
wohl fremd und jung, und da fällt man eben leicht mal rein. Es sind
hier etwas mulmige Verhältnisse, in die Sie geraten sind. Der Kerl da,
der soeben bei Ihnen war, kommt gerade aus dem Kittchen. Er hat so
allerlei schöne Sachen auf dem Gewissen, von denen sich ein reeller
Geschäftsmann wie unsereins fern hält. Na und jetzt mit seiner Frau,
das ist ja auch nicht gerade kulant, aber schließlich -- was gehts mich
an --«
»Wenn Sies wissen,« unterbrach ihn Sebalt neugierig, »dann wäre ich
Ihnen verbunden für Aufklärung, damit ich endlich einmal genau weiß,
woran ich bin.«
»Schön, sollen Sie haben, junger Mann! Also, was der Breutel is,
sagt ich ja schon. Und seine Frau ist sonst gar nicht übel. Aber sie
paßten halt schlecht zusammen. Kommt so vor. Kinder gabs keine, aber
um so mehr Zank. Natürlich gab jeder dem andern die Schuld, bis der
blöde Emanuel dann eines Tages mal hinter den schwedischen Gardinen
verschwinden mußte. Da hat sich denn die resolute Breuteln rasch
entschlossen, den Gegenbeweis anzutreten mit nem schneidigen Vize
von drüben. Und richtig, als der Emanuel vom behördlichen Nachdenken
wiederkam, da war er der unschuldige Vater von zwei noch unschuldigeren
Göhren. Ach du lieber Gott! Der hat nicht schlecht gejammert! Fluchen
kann er ja nicht, das schleimige Schalaster; aber scheiden will er sich
auch nicht lassen, und ich glaube, die arme Frau kommt nicht los.«
»Sind ja nette Verhältnisse,« knurrte Sebalt, »in die ich da
hineingeraten bin; aber schließlich, was hat das mit Ihrer
Mietforderung zu tun?«
»Das kommt nun noch,« erklärte Wuppke höhnisch, »also der Kerl bezahlt
mir keine Miete, und da habe ich ihm gekündigt, hab ihn auch stantupeh
verklagt, und hier junger Mann (er holte einen Schein aus seiner Tasche
hervor) -- hier sehn Sie die gerichtliche Erlaubnis, daß ich auch die
Aftermieter ranziehen darf, falls ich sie den Breutels nicht überhaupt
verbiete, wozu ich nämlich auch das Recht hätte.«
Da öffnete sich plötzlich stürmisch die Tür, und die Wirtin Sebalts,
die stattliche Frau Breutel, rauschte herein, hochrot vor Zorn, wie
eine gereizte Pute.
»Um Verzeihung, Herr Doktor,« mischte sie sich sofort ein, »es tut
mir unendlich leid, daß Sie gleich solche Schererei haben. Sie haben
mir die Miete ordnungsgemäß bezahlt, und da sorgen Sie sich gar
nicht. Ich bringe schon alles in Ordnung. Das ist mein notwendiger
und selbstverdienter Unterhalt als Frau, den mir niemand abstreiten
kann, weder der erbärmliche Kerl von unten aus dem Butterladen, der
sich -- Gott seis geklagt -- noch immer als mein Mann ausgeben darf,
noch dieser Herr da, der uns zum nächsten Januar exmittieren lassen
und klagen darf, so viel er will, aber hier in meiner Wohnung vor
der Hand gar nichts zu suchen hat. Also ich bitte, Herr Wuppke, Sie
verlassen mal augenblicklich diese meine Wohnung, oder ich hole nicht
nur die Polizei, sondern ich ziehe auch mein gestriges Angebot zurück,
Ihnen wenigstens für diese meine Wohnung -- der Butterladen geht mich
ja nichts an -- die Miete zu zahlen. Also bitte, wirds nun bald, Herr
Wuppke? Sie haben hier nichts zu suchen!«
»Oho,« antwortete der Kohlenhändler brummig, »ich kann diesen Herrn
hier besuchen, das steht mir durchaus frei.«
»Ich danke aber gütigst für Ihren Besuch,« fiel nun Hans Sebalt
schlagfertig ein, »ich bin jedenfalls kraft meiner Zahlung hier in
diesem Zimmer Hausherr und bitte Sie dringend, mich nicht weiter
zu belästigen! Klagen Sie meinetwegen, gegen wen Sie wollen; aber
respektieren Sie gefälligst mein Hausrecht in meinen vier Pfählen! So
-- ich habe die Ehre, Herr Wuppke.«
Damit wandte sich Hans Sebalt mit der Grandezza eines Spaniers ab und
ließ den verblüfften Kohlenhändler stehen, der nun wirklich murrend
seiner Wege ging, während Frau Breutel ihm triumphierend nachsah.
Nachdem Sebalt, einigermaßen belustigt, sich seine ausgegangene
Herrnhuterzigarre abermals angezündet hatte, sprach ihm seine Wirtin
mit großer Beredsamkeit ihre Hochachtung, ja Bewunderung aus. Der Herr
Doktor, meinte Sie schließlich, solle sich nur nicht sorgen und etwa
darum ausziehen; sie werde ihm von nun an schon Ruhe schaffen, auch vor
dem Butterhändler da unten, der eigentlich gar nichts mehr bei ihr hier
zu suchen hätte, wenn die Gerichte ein Einsehen hätten. Über sie solle
der Herr Doktor jedenfalls nicht zu klagen haben, sie sei eine saubere
Frau.
Hans Sebalt erklärte ihr kurz: er wäre noch lange nicht Doktor; mit dem
Ausziehen, das würde er sich noch überlegen.
Nachdem Frau Breutel mit devoter Freundlichkeit und einer gewissen
Koketterie sich verabschiedet hatte, trat Hans Sebalt befriedigt
lächelnd an sein Aussichtfenster und dachte bei sich: Schade, daß ich
heute früh bei Quästur und Polizei nicht auch so habe abschneiden
können. Aber warte nur, die Polizei kriegen wir schon, und die Quästur
am Ende auch noch. Jetzt schreibe ich nach Berthelsburg, und dann
gehe ich zum englischen Konsul. Und das mit dem famosen Breutelschen
Ehepaar, das kann ganz interessant werden. Wer sich wohl solche
Verhältnisse zu Gotteshaag hätte träumen lassen! Ja -- die Großstadt --
das ist freilich eine andere Welt.
Hans Sebalt war ausgezeichneter Laune.
* * * * *
Die hohe königlich sächsische Polizeibehörde zog wirklich den Kürzeren
in der Sache Sebalt, und das noch höhere königlich sächsische
Kultusministerium hatte schließlich auch ein Einsehen. Johannes Karl
Rudolf Sebalt aus Witewater im Kapland ward +rite+ immatrikuliert
als +studiosus philosophiae+.
Als er nun glücklich am ersehnten Ziele war, kam ein frohes, stolzes
Gefühl über ihn, und er beschloß, den großen Tag mit einer kleinen
Abendunternehmung zu feiern.
Längst schon hatten allerlei Bier- und Weinlokale, zumal die mit
Kellnerinnenbedienung, den frauenunkundigen jungen Herrnhuter gereizt;
aber solange Hans mit der Polizei auf gespanntem Fuße stand, hatte er
sich nicht allzu viel aus seinem Bau getraut. Jetzt, zumal im Besitz
einer Studentenkarte, stand ihm die Welt von neuem offen, und auch
die Geheimnisse der Großstadt, die er vor allem in Kneipen vermutete,
durfte er nunmehr wohl ohne Bedenken zu ergründen suchen.
So stieg er denn gegen Abend mit keckem Mute in den ersten besten
Bierkeller der Altstadt hinab.
Der dumpfe, langgestreckte, aber blendend erleuchtete Raum war sehr
voll; die vielbeschäftigte Kellnerin stellte rasch das bestellte Glas
Bier hin und nahm sonst auch nicht die geringste Notiz von dem am
heutigen Tage richtig immatrikulierten Studiosus der Philosophie.
Das behagte Herrn Sebalt wenig, auch sonst war so gar nichts Besonderes
zu entdecken. Viel Lärm, viel Rauch und schlechte Luft; kein Mensch
kümmerte sich um ihn. Sebalt trank aus, zahlte und stieg ein wenig
enttäuscht wieder zur Straße hinauf.
Sollte er es einmal mit einem Café versuchen? Es gab da allerlei
Lokale dieser Art mit romantischen Namen. Also hinein und einen Kaffee
bestellt.
Aber o weh -- hier bedienten Kellner. Es war gar nichts los!
In einem zweiten warteten zwar wohlfrisierte Mädchen auf, aber sie
setzten Herrn Sebalt nur freundlich das Backwerk vor die Nase und
gingen eilends ihrer Wege, obwohl er ihnen einen freundlichen Blick und
schließlich im Vorübergehen einige verbindliche Worte spendete.
Ärgerlich verließ er auch dieses Café und ging erwartungsvoll in
eine Bierstube, in der eine zigeunerhaft kostümierte Damenkapelle
konzertierte. Hier wurde Hans Sebalt ein wenig mehr Geld los, da nach
jedem Stück eine recht niedliche Zigeunerin einsammeln kam; aber
anzubändeln gelang ihm auch hier nicht, und gerade dazu hatte er heute
in seiner Siegesstimmung Lust.
Wieder entfloh er der aussichtlosen Zigeunerhöhle und überlegte hin und
her, ob er es nicht nunmehr mit einer Weinstube versuchen sollte.
Das konnte freilich ein teurer Spaß werden; aber noch war er gut bei
Kasse, und der Tag wollte einmal gefeiert sein! Später konnte er ja
um so mehr sparen; ein ehemaliger Gotteshaager Student, der an 16 Mark
Taschengeld monatlich gewöhnt war, konnte trotz der Kosten für Logis
und Unterhalt mit 100 Mark ganz schön auskommen. Also vorwärts hinein
in die lockende Weinstube mit der bunten Laterne!
Und richtig -- hier war es ziemlich leer. Verlockende Lauben und
Nischen mit diskreter Beleuchtung waren vorhanden. Schon stürzte
auch eine vollbusige Hebe eilends auf den Ankömmling zu, nahm ihm
freundlichst den Hut ab und fragte mit verführerischem Lächeln: »Nun,
Blondchen, was trinken wir? Schampus gefällig?«
Hans Sebalts Herz begann ein wenig zu klopfen; auf Champagner war
er nicht vorbereitet. Rasch jedoch fand er seine wohleinstudierte
weltmännische Sicherheit wieder und sagte überlegen: »Bringen Sie mir
eine Mosel.«
»Sehr wohl, mein Herr!« antwortete die Kellnerin schon etwas kühler,
»befehlen der Herr eine Flasche Bernkastler Doktor oder Graacher
Himmelreich?«
Jetzt wurde Hans Sebalt wieder ein wenig verlegen, setzte sich aber
einstweilen zur Fassung gemächlich in eine der düstersten Nischen und
bat möglichst blasiert um die Weinkarte.
»Weinkarte führen wir keine,« erwiderte resolut das stattliche
Frauenzimmer, »unsere Gäste wissen schon, was für Weine wir haben.
Den Bernkastler Doktor kann ich dem Herrn sehr empfehlen, aber das
Himmelreich ist auch sehr schön.«
»Haben Sie keine anderen Sorten?«
Ein Weinkenner war Sebalt nicht. In diesem Augenblick fiel ihm jedoch
ein, daß er ja einmal beim Abiturientenschmaus in Bethel mit Kaspar
zusammen eine Flasche Moselblümchen getrunken hatte, und so fragte er
so großartig wie nur möglich nach dieser Marke.
Die Kellnerin erwiderte verächtlich: »Solches Planschzeug führen wir
hier nicht. Aber wenn der Herr nicht viel ausgeben will, so kann er ja
auch ein Glas Portwein haben.«
»Richtig,« fiel Hans Sebalt, wieder ganz Weltmann, ein, »jawohl,
bringen Sie mir ein Glas Portwein, mein schönes Fräulein, vielleicht
trinken Sie auch eins mit?«
»Aber gern!« flötete nun wieder gnädiger die Hebe und besorgte rasch
den Auftrag, während sich Hans Sebalt innerlich zu diesem billigen
Ausweg beglückwünschte.
Der Wein kam, man stieß an und begann zu schwatzen.
Die Kellnerin nannte sich auf seine Anfrage Kathi, und Sebalt gab
sich als Otto aus. Eben wollte er weiteres erfragen, da bat Kathi um
Erlaubnis, sich ein zweites Glas holen zu dürfen.
»Aber bitte,« sagte Sebalt galant und war nicht wenig erstaunt, als
seine Gesellschafterin gleich mit zwei Gläsern zurückkehrte in der
Annahme, der Herr Doktor werde doch unterdessen auch ausgetrunken
haben.
»Zum Wohl, Herr Doktor, aufs Spezielle +sine sine+!« rief Kathi
übermütig lachend. Man stieß abermals an.
Dann tätschelte die rundliche Hebe ihren Partner zärtlich, guckte ihm
verführerisch lachend in die Augen und fragte ihn mundspitzend, ob sie
ihrem süßen Ottchen nicht noch ein Glas mitbringen könnte, sie dürfe
sich ja gewiß auch wieder eins holen.
Hans Sebalt ward es nun doch ein wenig ungemütlich zumute; er dachte an
seinen Geldbeutel, an die Väter in Berthelsburg, und schwankte. Aber
gerade jetzt schien es doch interessant und vielleicht gar pikant zu
werden -- ach was -- er wollte die Welt sehen und auch mal das Weib
studieren -- die zwei Glas würden sich schon wieder heraussparen
lassen.
Also Hans Sebalt nickte höchst huldvoll Gewährung, und Kathi flog
davon, um bald darauf mit neugefüllten Gläsern, einem Kaviarbrötchen
und drei Zigaretten wiederzukommen.
»Gelt, du erlaubst mir, Blondchen,« entschuldigte sie ihre
Proviantzufuhr, »daß ich dazwischen eine Kleinigkeit esse, und
dann muß ich immer ein paar Züge tun. Darf ich dir nicht auch einen
Weinhappen bringen, deine Zigarre geht ja gerade zu Ende.«
Hans Sebalt schmunzelte. Die Sache ging recht rasch -- schon beim du --
also nur weiter! Der Weinhappen ward bewilligt, und eine gute Havannah
brachte Kathi dem süßen Blondchen selbstverständlich mit und rauchte
sie ihm sogar mit vollendeter Grazie an.
Dann setzte sie sich recht nahe zu ihm heran, legte wie von ungefähr
den Arm um Sebalt, so daß dieser ihres stattlichen Busens üppige Fülle
zu spüren bekam, und sagte mit dem verklärtesten Augenaufschlag: »Weißt
du, was ich jetzt möcht, Dickerchen?«
»Vielleicht einen Kuß,« erwiderte Sebalt scheinbar kühl und keck,
obwohl ihm die völlig ungewohnte Nähe eines anmutigen Frauenkörpers
anfing die Sinne aufzuregen.
»Ha -- warum nit,« meinte Kathi herausfordernd lachend, »aber an
Schampus dazu darfst mir dann schon spendieren. Weißt, Schatzerl, wir
nehmen an Halben -- für uns zwa langts schon. Gelt -- ich darf?«
Und ehe Hans Sebalt noch ein Wort entgegnen konnte, war die flinke
Kathi auf und davon und kehrte bald mit einer kleinen Flasche
Champagner zurück, aus der sie zwei hohe Spitzgläser voll eingoß.
Hans Sebalt machte gute Miene zum bösen Spiel.
Mit studentischer Eleganz trank Kathi Brüderschaft mit ihm und gab ihm
einen schallenden Kuß. Es war der erste, den Hans Sebalt von einem ihm
fremden jungen Weibe bekam; aber er hat sich seiner nie gern erinnert,
denn was darauf folgte, war einigermaßen schmerzlich.
Als die listige Kathi ihren Angriff auf Blondchens Herz und Geldbeutel
gar zu energisch fortsetzen wollte, erwachte Sebalts gesunder
Menschenverstand doch rasch. Er bat trotz aller Gegenvorstellungen
Kathis um die Rechnung und wollte schier in den Boden sinken vor
Schrecken, als ihm die neue Bruderliebe mit aller Grazie, die ihr zu
Gebote stand, 21 Mark und 20 Pfennige zusammen rechnete.
Hans Sebalt erbleichte. Das waren einundzwanzig Mittagessen -- für
einen Kuß! Und mit dem Bezahlen hatte das auch Schwierigkeiten. Ein
Zwanzigmarkstück hatte er zwar eingesteckt, aber das Kleingeld mußte er
noch aus allen Taschen zusammensuchen, ja schließlich gar die letzten
Briefmarken drauflegen.
In dieser etwas kläglichen Situation ging der Weltmann in Hans Sebalt
vorübergehend unter.
Als nämlich Kathi mit der grausamen Ruhe einer Königin, die einen
Tribut unterworfener Fürsten abnimmt, auch noch um ein Trinkgeld bat,
ward Sebalt grob.
Darauf meinte Kathi schnippisch: »Wenn du halt ka Gölld hast, Kloaner,
darfst net in a Weinstub sponsieren gehn,« und ließ den Grobian stehen.
Mit nicht völlig gewahrter Haltung und ohne Gruß verließ der junge
Herrnhuter die Weinstube.
Sein heißer Drang nach Weltgenuß und Weibessüße war zunächst gehörig
abgekühlt. Der Weg zu Fuß nach Gohlis tat ein übriges.
* * * * *
In den nächsten Wochen gab es kaum einen fleißigeren Studenten in
Leipzig als Hans Sebalt.
Trotz des schönsten Wetters besuchte er Kolleg um Kolleg mit der
Pünktlichkeit eines Gotteshaager Seminaristen, holte sich ganze
Stöße von Büchern aus der stattlichen Universitätbibliothek, las und
exzerpierte bis spät in die Nacht und fing wirklich nach und nach an,
festen Fuß auf dem Boden seines neuen Studiums zu fassen.
Auch an Sparsamkeit fehlte es nunmehr nicht; der Abend bei Kathi wurde
richtig dadurch wieder wettgemacht, daß Hans Sebalt eine Zeitlang nur
alle zwei Tage ordentlich zu Mittag aß. Damit es aber seine Wirtin,
die ihren Doktor übrigens mit peinlichster Sorgfalt bediente, nicht
merkte, ging er um die Mittagzeit regelmäßig ein wenig ins Rosental
spazieren, wo der Frühling gerade alle seine Minen springen ließ.
Auch hübsche Mädchen gab es im Rosental die Hülle und Fülle. Besonders
eine schlanke Brünette mit einem stolzen, elastischen Gang fiel Hans
Sebalt auf, da sie meist um die gleiche Zeit -- so etwa gegen drei Uhr
-- scheinbar ohne große Eile, der Stadt zuwanderte. Von Zeit zu Zeit
gelang es dem Studenten wohl, einen erstaunten, wenn auch nicht gerade
sehr freundlichen Blick des Mädchens bei der fast täglichen Begegnung
zu erhaschen, und bald war es Sebalt, als fehle ihm etwas, wenn er
einige Tage hindurch, wie es mitunter durch die Kollegs nötig wurde,
den Anblick der Brünetten entbehren mußte.
Schließlich wurden Neugier und Interesse in dem Studenten übermächtig,
und so beschloß er eines schönen Nachmittags zu ermitteln, wohin die
Geheimnisvolle ging.
Ganz einfach war diese Ermittelung nicht, denn das Mädchen hatte
scheinbar Sebalts Absicht gemerkt und suchte ihn durch gelegentliches
Verschwinden in irgendeinen Laden, in einen der tückischen
Durchgangshöfe, oder in ein großes Haus zu täuschen.
Je schwieriger jedoch die Nachforschung wurde, um so vergnüglichere
Aufregung bereitete sie Hans, bis er eines Tages als ziemlich sicher
annehmen konnte, daß die interessante Unbekannte in irgendwelchen,
ihm noch dunklen Beziehungen zu einem großen Tanzrestaurant namens
Monplaisir stehen mußte, in dem Sonntags und zweimal wöchentlich
öffentliche Tanzbelustigungen abgehalten wurden.
Nun war guter Rat teuer, denn tanzen konnte der sonst so vielgewandte
Hans Sebalt nicht. Er hatte es wohl einmal heimlich mit Kaspar zu
Gotteshaag versucht, aber nur der gymnastisch geübtere Freund war des
tückischen Walzerschritts einigermaßen Herr geworden.
Jetzt erwachte die Lust und der Ehrgeiz Sebalts von neuem.
Zunächst besuchte der junge Herrnhuter, dessen Finanzen
sich im nächsten und vollends im übernächsten Monat von der
Weinstubenniederlage trotz der hohen Kolleghonorarausgaben wieder
einigermaßen erholt hatten, mehrfach als Zuschauer das Tanzlokal, in
dem er aber trotz aller Mühe die stolze Brünette weder im Saal noch am
Büffet ausfindig machen konnte. Auch im Rosental traf er sie nicht mehr
zu seinem Leidwesen, konnte aber feststellen, daß sie trotzdem auch
weiterhin in Monplaisir zu tun hatte.
Das Interesse Hans Sebalts wuchs weiter mit den Schwierigkeiten, sich
der Geheimnisvollen zu nähern. Schließlich geriet der sonst so kühle
Hans in eine innere Unruhe, daß er sich immer dringender die ihm etwas
ehrenrührige Frage vorlegen mußte, ob er nicht auf dem besten Wege
wäre, sich bis über die Ohren zu verlieben.
So kam Hans Sebalt immer öfter zu den Tanzabenden nach Monplaisir,
fand immer mehr Gefallen an dem bunten, mitunter recht ausgelassenen
Treiben, bis ihn eines Tages ein Kommilitone aus dem Kolleg begrüßte
und ihn ganz harmlos fragte, warum er denn nie tanze.
Hans Sebalt ward ungewöhnlich verlegen. Er mochte weder gleich
verraten, daß er Herrnhuter wäre, noch eingestehen, daß er gar nicht
tanzen könne, also antwortete er ausweichend: er wolle sich das erst
ein bißchen ansehen, im Winter würde er schon gern einmal tanzen, jetzt
im Sommer sei es doch ein wenig warm.
Der Student sah ihn mit lustigem Blinzeln an und sagte dann lachend:
»Sie Schlauberger, ich glaube, Sie können ebensowenig tanzen wie ich?«
Nun mußte der kluge Sebalt wohl oder übel Farbe bekennen. Die
Kommilitonen stellten sich lustig als Leidensgefährten vor, und nach
einem gemütlichen Schwatz beschlossen beide, im nächsten Semester
zusammen Tanzstunden zu nehmen.
Spät trennte man sich, sah sich vor Schluß des Semesters noch öfter und
ward bald gut Freund.
Niemeyer, so hieß der neue Bekannte, besuchte Sebalt mehrfach auf
seiner Bude, die er als höchst schlemmerhaft bezeichnete, und teilte
ihm unter anderem auch das Resultat seiner Erkundigungen über die
Tanzstunde mit. Die Sache könne ungefähr sechzig bis achtzig Mark
kosten.
Hans Sebalt erschrak. So viel Geld würde er wohl schwerlich auftreiben
können; überdies standen die kostspieligen Ferien vor der Tür, und
er wußte nicht recht wohin. Sich elf Wochen zu den Eltern ins alte
Gnadenzeller Pilgerhaus zu setzen, konnte er schwerlich über sich
gewinnen.
Da fielen ihm zur rechten Zeit die Redaer Gastfreunde ein, und rasch
entschlossen schrieb er ein nettes Briefchen an seine alte Gönnerin,
die gute Mama Winkler. Wenn die ihn einlud, war die Tanzstunde möglich.
Und ein Mann von Welt mußte doch unbedingt tanzen können!
Viertes Kapitel
Der Gottsucher
Der »Chef«, Bruder Nitschke, hatte wirklich recht behalten: es ließ
sich leben in Tramberg, zumal im Sommer, als das bunte Kurtreiben
begann.
Auch in der Anstalt ging Kaspar Krumbholtz »das Leben gar lieblich
ein«, immer freudiger tat er seinen Dienst.
Die Kollegen waren kameradschaftlich und gefällig. Mit den Herren
seiner Reihe, Kratt, Muffke und Knortz, entwickelte sich sogar ein
humorig freundschaftlicher Verkehr in und außer dem Hause.
Der so gern grimmig dreinschauende Hesse war ein urbehaglicher
Kneipkumpan, der bei einem »Viertele« Markgräfler die allerlustigsten
Studentengeschichten aus Marburg und Gießen erzählen konnte, die durch
einen soliden Oberförsterzuschnitt erst recht wirkungsvoll wurden.
Die beiden Mecklenburger waren einem guten Trunke auch nicht
abgeneigt; aber beide, armer Leute Kind und noch zu keinem Abschluß
ihrer Studien gelangt, sparten sie womöglich jeden Pfennig für die
Zukunft, entschädigten sich dafür in Wald und Wiese reichlich mit
Sammeln von allerlei Insekten, Gewürm und Geziefer, auch im Angeln und
Krebsegreifen waren beide treffliche Meister.
So kam es wohl vor, daß oben auf der Lehrerstube von den kochgewandten
Obotriten noch spät abends ein feldmarschmäßiges Krebsessen zubereitet
wurde. Fehlte es einmal an Spiritus, dann wurden kurzer Hand einige
Schlangen oder Kröten aus dem Naturalienkabinett auf Ebbe gesetzt.
Max und Moritz schreckten vor keiner Schwierigkeit zurück. Ja,
sie stiegen sogar eines Abends, als die sonst stets aufmerksame
Hausschlüsselbewahrerin, Mutter Frutsch, aus Versehen doch einmal vor
Mitternacht zu Bett gegangen war, forsch und frech durch ein schnell
zertrümmertes Fenster der unteren Lehrerstube ein und ließen dann
kaltblütig auf Hausrechnung eine neue Scheibe einziehen.
Der Mitdirektor erfuhr es freilich und hielt seinen beiden »bösen
Buben« am nächsten Teeabend eine sehr humoristische Standpauke, während
der »Chef«, der von dem Unfug schließlich auch auf allerhand Umwegen
Kenntnis erhalten hatte, kein Wort darüber verlor, den Missetätern
aber zu ihrem Ärger die Rechnung zur gütigen Begleichung zugehen ließ.
Mit seinem Stubenkollegen Schnäbele stand Kaspar Krumbholtz ganz
ausgezeichnet, auch mit Schlegelmeyer kam er leidlich aus, zumal er ja
wenig mit ihm zu tun hatte.
Auf der vierten Stube ging alles im gewohnten Geleise; Kaspar war
viel zu klug und zu sehr von der bewährten Weisheit »Papa Schnäbeles«
überzeugt, als daß er irgendwelche Änderungen hervorgerufen hätte.
Ronald und seine englischen Peers lobten sogar Mister Kobolz, der
fast nie zu strafen nötig hatte, da er vom ersten Tage an den Knaben
durch Ruhe und Konsequenz imponierte, aber auch durch Vertrauen und
kameradschaftliche Anteilnahme ihr Herz gewann.
Im ganzen hielt er nach seiner Art gern zurück nach dem alten
Grundsatz: Ein Herrscher, der zu oft eingreift, schwächt seine Wirkung.
Und die etwas aristokratische Selbstverwaltung der kleinen
Stubenrepublik funktionierte unter des Menschenkenners Ronald Führung
wirklich nicht übel.
Das zeigte sich am erfreulichsten auf der üblichen dreitägigen
Frühlingswanderung in den Schwarzwald, die trotz gesteigerter
Verantwortung für die Lehrer ein herzerfrischender Genuß ward.
Kurz und gut, Kaspar Krumbholtz hätte alle Ursache gehabt, mit seiner
kleinen Welt zufrieden zu sein, wenn er mit sich und seinem Gott im
Reinen gewesen wäre.
* * * * *
Auch im angestrengtesten Schul- und Aufsichtdienst wollten die Fragen
nicht ganz verstummen: Was soll aus dir werden? Bist du nicht ein
Halber, weder ein ganzer Theologe noch ein richtiger Schulmeister? Und
was bedeutet dir Gott?
Mit seinen weltfröhlichen Reihenkollegen konnte sich Kaspar Krumbholtz
darüber nicht aussprechen.
Gerade Max und Moritz, die doch in einer ähnlichen Lage waren wie er,
schienen sich am wenigsten über ihre ungewisse Zukunft die Köpfe zu
zerbrechen.
Als Kaspar sich einmal scherzhaft erkundigte, wofür sie denn eigentlich
sparten, meinte Moritz resolut: »Op unse olen Dagen.«
Und Max fügte launig hinzu: »Dat kann der Schlemmer wohl sagen, ik
spar nich weiter als auf Leberwurst zum Kommißbrot für Seiner Majestät
allerschneidigsten Königsfreiwilligen.«
Muffke war Waise wie Krumbholtz, der nun plötzlich daran erinnert
wurde, daß er wahrscheinlich auch bald zu dienen hatte. Damit legten
sich neue Sorgen auf sein so wie so schon bedrücktes Gemüt.
Eines Abends besuchte Kaspar Bruder Lohmann, zu dem er ein unbegrenztes
Vertrauen hatte, und schüttete ihm offen sein Herz aus.
Dem seelensguten Mitdirektor ging seines jüngsten Kollegen Kummer
recht nahe. Er verstand das alles sehr gut, da ihm selber allerlei
Zukunftsorgen schwer auf der Seele lasteten.
Trotz seines lebendigen Glaubens wollte er nämlich nicht Prediger
werden, da er Ritschlianer und auch kein Redner war. Zum Rektorexamen,
das er für einen leitenden Posten im Schulfach brauchte, mochte sich
der ein wenig unentschlossene, ja ängstliche L³ ebenfalls nicht
melden, obwohl er längst und überreichlich dazu vorbereitet war. Dann
und wann kam ihm der Gedanke, auf die Mission zu gehen, aber auch zu
diesem Entschluß konnte sich Bruder Lohmann nicht aufraffen.
Wie viele gutmütige Menschen, die sich selbst nicht recht zu helfen
wissen, war der Mitdirektor jedoch leidlich energisch, sobald es sich
um andere handelte. Und so tröstete er Bruder Krumbholtz nicht nur und
riet ihm, sich nochmals theologisch gründlich zu orientieren, sondern
er tat auch Schritte bei dem jederzeit entgegenkommenden »Chef«, um
dem jungen Kollegen Orientierungsgelegenheit zu verschaffen.
Unterdessen waren die großen Ferien herangekommen, die in Tramberg den
ganzen Juli und August hindurch währten, da die meisten Schüler weit
nach der Heimat hatten und sich für kurze Zeit eine teure Reise nicht
lohnte.
Außerdem nahmen viele der Ausländer in den ersten acht Ferientagen,
während deren das Anstalthaus gründlich gereinigt und ausgebessert
ward, an einer größeren Fußreise teil, die sie mit den Schönheiten der
Schweiz oder Oberitaliens bekannt machte. An dieser Wanderung nahmen
die fünf ältesten Aufsichtlehrer unentgeltlich teil, darunter dies
Jahr zum ersten Male Max und Moritz, die sich schon wie Kinder freuten
und Vorbereitungen trafen, als hätten sie eine naturwissenschaftliche
Forschungs- und Sammelreise im Auftrage einer gelehrten Akademie
mitzumachen.
Kaspar Krumbholtz als jüngster Lehrer konnte zu der Freunde und seinem
Leidwesen nicht mit von der Partie sein, obwohl Herr Schnäbele, der die
Reisen schon mehrfach mitgemacht hatte, zu seinen Gunsten zurücktreten
wollte. Bruder Teuchert erhob jedoch Anspruch und nach der lebendigen
Haustradition, genannt L³, mit Fug und Recht.
Kaspar machte sich schweigend mit dem Gedanken vertraut, die langen
Ferien in Tramberg zuzubringen, und nahm sich vor, nun nach Goethe
auch Shakespeare von neuem vorzunehmen und überdies gründlich englisch
zu lernen; das konnte für alle Fälle gut sein. Nebenher wollte er
die herrliche Umgebung Trambergs genießen, vielleicht den Hegau
durchwandern bis zum Bodensee hinunter.
Viel kosten durfte es freilich nicht, denn trotz Badewachen und
allerlei Privatstunden war der Reiseüberschuß schon bedenklich
zusammengeschmolzen, da ein unbedingt notwendiger Anzug hatte
angeschafft werden müssen. Man konnte in dem eleganten Kurort nicht
so herumlaufen wie in Gotteshaag, das sah erstlich der »Chef« nicht
gern, und auch einige Bürger, denen ihr Geschäft und somit das äußere
Renommee der Brüdergemeine über das Reich Gottes gingen, hatten sich
kürzlich an einem der sogenannten Bierabende über dergleichen wichtige
Toilettenfragen aufgehalten. Immerhin sollte Kaspar der neue Anzug bald
sehr zu statten kommen.
Er ward nämlich eines Tages zum Chef gerufen, und dieser machte ihm
zu seiner größten Überraschung folgenden Vorschlag: Kaspar solle
zunächst einen französischen Knaben bis nach Straßburg begleiten, um
den ein wenig unsicheren Kantonisten dort in den Pariser Schnellzug zu
spedieren. Zehn Tage darauf solle Kaspar in Appenweier die englischen
Zöglinge, die zuvor noch die große Reise mitmachen wollten, in Empfang
nehmen und nach London begleiten.
»Ich habe,« schloß der »Chef« vergnügt lächelnd und sich die
Hände reibend, als freue er sich an Kaspars unverhohlener Freude
rechtschaffen mit, »von Bruder Lohmann gehört, Sie haben das Bedürfnis,
sich über allerlei Fragen der Theologie wie der inneren Mission ein
wenig zu orientieren. Wie wäre es denn, wenn Sie in Straßburg die zehn
Tage benutzten, allerlei Kollegs zu hören und sich vielleicht in London
die gewaltigen Leistungen der Stadtmission ansähen? Ich will Ihnen
gern die dazu nötigen Empfehlungsbriefe mitgeben. Nur hoffe ich, daß
es Ihnen nicht gar zu gut in Straßburg oder London gefällt, denn ich
möchte einen so tüchtigen und zuverlässigen Erzieher wie Sie nicht so
bald verlieren.«
In stummer Bewegung dankte Kaspar Krumbholtz seinem »Chef«, und fünf
Tage später trat er seine Reise an.
* * * * *
Mit ehrlich suchender Seele zog Kaspar Krumbholtz zu Straßburg von
einem Gottesgelehrten zum anderen, um zu prüfen, ob der alte schlimme
Eindruck von Gotteshaag sich nicht aus seiner Seele löschen oder sich
wenigstens mildern ließe.
Wieder saß er, wie nun öfters schon in den letzten Tagen, wartend auf
dem Klappsessel eines eleganten großen Universitäthörsaales, den er
unwillkürlich mit dem armseligen Sälchen Gotteshaags verglich. Das war
wohl ein gewaltiger Unterschied.
Aber was Kaspar bis jetzt hier gehört hatte, dünkte ihn um nichts
besser als das, was dort die Dozenten gelehrt; im Gegenteil, hier
fehlte nur zu oft bei Professoren wie bei Studenten die redliche
Andacht.
Nun wollte Kaspar noch die Letzten, die Berühmtesten hören.
Schon vor sieben Minuten hatte es geklingelt. Endlich kam eiligen
Schrittes der kleine, weißhaarige Gelehrte hereingetrippelt, der als
einer der größten Exegeten des Neuen Testamentes galt. Wie oft hatte
nicht Bruder Bartel diesen Töpelmann als höchste Autorität zitiert.
Also so sah er aus -- ein kluges, starkgerötetes Fuchsgesicht, fast wie
ein Silen -- jedenfalls ganz anders, als ihn Kaspar sich vorgestellt
hatte.
Mit zwinkernden Augen maß der Alte erst lächelnd sein Auditorium,
beugte sich dann tief über seine feingekritzelten Kollegzettel, suchte
lange und schließlich ärgerlich nach dem richtigen Blatt und begann
endlich mit stark nasalen Tönen wie vor sich hin zu reden und zwar
über das Gesetz des Geistes.
Er tiftelte viel an dem Worte Pneuma herum. »Pneumatikos, das heißt ein
im Geiste befindlicher, vom Geiste getriebener«, haftete nach langem
Hin- und Herdeuteln in Kaspars Gedächtnis.
Dann kam der Prozeß des Hagiasmos. Der wurde dem Gotteshaager
Exseminaristen trotz seiner Bartelschen Vorbildung überhaupt nicht
klar.
Weiter ward mit spitzfindiger Dialektik das Problem der menschlichen
Freiheit erörtert und schließlich nicht ohne deutliche, höchst
selbstgefällige Ironie über die Prädestination als den konsequenten
Abschluß der Paulinischen Heilslehre gehandelt, wobei einige von
Töpelmann abweichende hermeneutische Kollegen als ganz subjektive
und törichte Tröpfe hingestellt, während andere, dem Vortragenden
zustimmende Kollegen als höchst einsichtige und wertvolle Forscher
gelobt wurden.
Da klingelte es abermals, und triumphierend lächelnd stieg das kluge,
boshafte Männchen unter dem gewohnheitmäßigen Beifallgetrampel seiner
zum Teil recht gelangweilten Hörer vom Katheder herab und trabte
eiligst hinaus.
Nachdenklich, aber durchaus unbefriedigt, folgte ihm Kaspar und bog
eine Tür weiter zum Hörsaal des bekannten Alttestamentlers Schütte ein.
Als er sich nach einigen Minuten hinsetzte, las er unter den vielen
in den Tisch eingeschnittenen Zirkeln, Fratzen und Mädchennamen auch
eine Inschrift: Bestes Mittel gegen Schlaflosigkeit: alttestamentliche
Exegese. Das klang wenig verlockend.
Aber Kaspar ließ sich nicht abschrecken und hatte es nicht zu bereuen.
Der Vertreter des Fachs, ein stattlicher, noch ziemlich junger Herr,
war jedenfalls nichts weniger als langweilig; er sprach klar und
eindringlich und machte einen durchaus würdigen, ja sympathischen
Eindruck.
Es handelte sich um die Legende vom Turmbau zu Babel, die völlig der
Quelle J. angehörte. Bawel war nicht als Verwirrung zu erklären,
sondern mußte Tor Gottes heißen, ebenso wie Schem hier nicht Denkmal,
sondern wie II. Sam. 8, 13 mit Ruhm zu übersetzen sei. Und nun folgte
ein ungemein interessanter Exkurs über die Sagen vom Neid der Götter
und dem Gigantensturm, zu denen auch diese alte semitische Sage gehöre.
Mit Spannung hatte Kaspar bis zum Ende gelauscht; aber die unbequeme
Frage -- wozu das alles für einen Menschen, der Gott verkündigen soll
-- ward er auch hier nicht los. Was hatten all diese alten Sagen und
Geschichten, was die späteren vielfach so durchtriebenen Geschicht- und
Autoritätfälschungen der jüdischen Priesterautoren für einen Bildungs-,
Kultur- und Religiositätwert für unsereinen, vollends wenn der ganze
Bezug auf das neue Testament in Wegfall kam?
Noch einmal setzte sich Kaspar Krumbholtz zu Füßen eines großen
Theologen, des berühmten Reimarus, der über das wichtige, so viel
umstrittene Johannisevangelium las.
Eine ungemein zahlreiche Zuhörerschaft wartete fröhlich lärmend auf
den scheinbar beliebten Lehrer, der pünktlich unter lautem Beifall mit
selbstsicherem Lächeln das Katheder betrat.
Mit mächtiger und zugleich gezierter Stimme begrüßte der eitle Mann
verbindlich seine Zuhörer und sprach in einer merkwürdigen Mischung von
würdevoller Salbung und salopp-burschikoser Ironie von dem angeblichen
Johannes, der natürlich mit dem Lieblingsschüler des Herrn gar nichts
zu tun habe, sondern nur irgendein viel, viel späterer Schriftsteller
sei, der hier gleichsam frei über die Synoptiker phantasiert habe.
»Fabulieren kann dieser vierte Evangelist famos,« hieß es unter anderm,
»so bei der Geschichte von Malchus, dessen Name natürlich ganz beliebig
ist. Übrigens vergißt der Verfasser das Ohr wieder anheilen zu lassen.
Und doch besitzt der Mann einen ganz gehörigen Rationalismus, ja
nicht nur zwei Seelen, wie der Dichter sagt, wohnen ach in seiner
Brust, sondern ziemlich viele. Den Hohenpriester setzt er auch nur
so hin, um ihn wie die Perle im Golde leuchten zu lassen. Dann aber
unterschlägt er uns die große Schilderung vom Verhör, und -- noch übler
-- es passiert ihm sogar ein fataler Schreibfehler bei der mehrmaligen
Petrusleugnerei. Wahrscheinlich war der Schreiber -- es braucht
ja nicht unbedingt der Verfasser zu sein -- inzwischen einmal zum
Mittagessen oder sonst wohin gegangen. Darum braucht man schließlich
der Gedankenlosigkeit des Schreibers das ganze Evangelium nicht gleich
zu opfern« undsoweiter.
Nachdem der große Reimarus dann noch geistreich witzelnd die
Johanneische Schreibweise mit der des Gespensterhoffmanns im Kater Murr
verglichen hatte, schloß er mit einer zierlichen Verneigung unter dem
dröhnenden Beifall seiner augenscheinlich höchlichst ergötzten Zuhörer.
Tief verstimmt, ja im Innersten empört, verließ Kaspar das stattliche
Universitätgebäude, schritt langsam durch die engen Gassen der Altstadt
zum Münster und stieg hinauf in den Turm.
Lange stand der junge Herrnhuter hier oben und schaute still bewegt
hinaus in das weite, herrliche Land. Nach und nach löste sich der
bittere Unmut in Kaspars Seele.
Die Schönheit der teppichbunten Landschaft mit ihrem breiten, silbernen
Rheinband da unten, die Kühnheit des himmelanstrebenden Meisterbaus
neben und über ihm versagten ihre befreiende, innerlich lösende und
klärende Wirkung bei Kaspar so wenig wie vor hundertundzwanzig Jahren
bei dem jungen Goethe.
Was sollte ihm, dem Gottsucher, jener kleinliche Formelkram der
selbstgefälligen, fündleinstolzen Alexandriner da unten?
War das alles im Grunde nicht noch viel unfruchtbarer und
hoffnungsloser als die bescheidene Weisheit der zagen, vorsichtig
tastenden Gotteshaager Theologen?
Konnte diese am Buchstaben hängende und zerrende, mit ihrer im Grunde
nur negativen Methode sich spreizende Wissenschaft ihm auch nur im
geringsten vorwärts helfen in dem Kampf um jene tiefste Wahrheit,
die allein das Geheimnis, die Bedeutung seines Daseins und seiner
Bestimmung ihm enthüllen konnte?
Ob er diese Wahrheit jemals finden würde, er zweifelte ehrlich daran.
Aber hatte er darum ein inneres Recht, diesem schwersten und doch
wichtigsten Kampfe jedes denkenden Menschen feige auszuweichen? Nein!
Nur auf das mühselige und sicherlich aussichtslose Ringen im Dienst
einer ihn quälenden und jetzt genau so wie früher ihn unsagbar
verletzenden Wissenschaft wollte er von heute an endgültig verzichten.
Nicht Gott zu erwissen galt es ihm fürderhin -- nein, ihn zu erfühlen,
ihn zu erleben wollte er von nun an trachten.
Es gab sicherlich vielerlei Arten, Gott mit der Seele zu suchen und zu
erfassen. Eine würde mit der Zeit auch ihm offenbar werden.
Wie machtvoll, kühn und unvergänglich erhaben hatte der Schöpfer dieser
herrlichen Formen da vor ihm in seiner Kunst nach dem Herrn der Welten
aus dem Irdischen emporgetastet.
Wie trotzig und erschütternd zugleich hatte der titanische Faustdichter
mit der einzigartigen poetischen Verkörperung menschlicher Sehnsucht,
Leidenschaft, Verzweiflung und mannhafter Tatenfreude sich seinen Gott
erstrebt?
Was den Großen nach harter Selbstüberwindung und Selbstbehauptung in
ihrer Kunst, das war ihm, dem Kleinen, vielleicht nach ähnlichen Krisen
in seinem Beruf auch dereinst vergönnt.
Von hier oben war der seinerzeit -- wie er jetzt -- am Wissen
verzweifelnde berühmteste Straßburger Student frohen Mutes
hinabgetaucht ins Leben!
Er wollte ein gleiches tun und die theologischen Schiffe hinter sich
verbrennen.
Und Kaspar Krumbholtz grüßte den Vater Rhein mit trotzigem Jauchzen
und schritt die vielen Treppen leichteren Herzens hinab, als er sie
unlängst hinaufgestiegen war.
Tags darauf nahm er seine englischen Schüler am Bahnhof zu Appenweier
in Empfang und fuhr in rechter Ferienstimmung mit ihnen nach London.
Fünftes Kapitel
Das Londoner Magdalenchen
Die Londoner Tage verbrachte Kaspar Krumbholtz wie in einem Rausch.
Eine solche Unmenge neuer Eindrücke wirbelte im Fluge an ihm vorüber,
daß er kaum zur Selbstbesinnung, geschweige denn zu einer ruhigen,
inneren Verarbeitung des Geschauten und Erlebten kam.
Die Eltern einiger englischer Knaben ließen es sich nicht nehmen, den
Lehrer ihrer Söhne gastfreundlich in ihrem Hause willkommen zu heißen
und ihm trotz der stillen Saison die Hauptsehenswürdigkeiten der
Riesenstadt zu zeigen.
Der junge Herrnhuter, der überhaupt noch keine Weltstadt gesehen hatte,
ward vor den zahllosen Monumenten, Kirchen, Staats- und Privatpalästen,
vor den Tausenden von herrlichen Kunstschätzen in den Museen und
Galerien immer stiller, ja ängstlicher, und hatte zuletzt nur noch
den einen Gedanken: Was für eine unendliche Fülle von Schönheit und
Reichtum birgt doch die große Welt, von der du bisher keine blasse
Ahnung hattest!
Erst draußen in Gottes freier Natur, in den weiten, schattigen
Stadtparks, in den stillen, weltverlorenen Gärten alter Grandensitze,
wie in Richmond und Kews garden, kam Kaspar ein wenig zur Sammlung und
zum bewußten Nachgenießen des Geschauten.
Nach und nach lösten sich Kaspars Beziehungen zu den Tramberger
Schülern und ihren Eltern, die nun meist auf ihre zum Teil paradiesisch
gelegenen Landsitze verreisten und vergeblich den jungen deutschen
Lehrer zum Mitkommen aufgefordert hatten. Ein-, zweimal hatte sich
Kaspar einen solchen Edelsitz wenigstens angesehen; aber er spürte
bei aller Gastlichkeit doch mitunter einen leisen Hauch geheimer
Verachtung, die man in diesen Kreisen der englischen gentry einem armen
Präzeptor gegenüber ebenso hegt, wie etwa in gewissen Kreisen der
deutschen Geburts- oder Geldaristokratie. Und Kaspar, der an seinem
jetzigen Berufe mit um so größerem Stolz und um so innigerer Neigung
hing, je mehr er sich bewußt war, daß er das Beste dabei umsonst tat,
wollte sich nicht unnötig mit dem ersten besten Dienstboten auf die
gleiche Stufe gestellt wissen.
Außerdem hatte er durchaus das Bedürfnis, noch einige Tage ganz allein
und ohne Rücksicht auf loberpichte Eingeborene sich in das bunte
Treiben der an imposanten wie düsteren Bildern und insonderheit an
schonungslosen Kontrasten überreichen Riesenstadt zu versenken.
Auch in das soziale Leben der ärmeren Volksschichten wollte Kaspar gern
einige Blicke tun, um so am ehesten ein Verständnis der praktischen
Arbeit am Reiche Gottes zu gewinnen. So besuchte er zum Beispiel an
den Sonntagen in den Parks die gewaltigen öffentlichen Versammlungen
der verschiedensten Interessentengruppen, der Bäcker und Kellner,
der Sozialisten und Anarchisten, der wütendsten Gottleugner und der
übertriebensten Gottverehrer, wies eben kam.
Mit Staunen und Genugtuung nahm er die überlegene Gelassenheit wahr,
mit der die Londoner Behörden und Polizei all diese Leute gewähren
ließen, solange sie nur redeten oder demonstrierten. In dem wogenden
Tohu-Wabohu dieser ewig gärenden Menschheitmetropole sich irgendwie
zur Geltung zu bringen, hielt allerdings schwer, und da mußte man
den danach Strebenden schon allerlei sensationelle Reklamesucht und
Aufdringlichkeit zugute halten.
Am meisten stieß den religiös keuschen Herrnhuter das
marktschreierische Gebaren der Heilsarmee ab; aber mit der Zeit,
vollends nach Orientierung durch die Leiter der Londoner Stadtmission,
ward Kaspar auch bei ihrer Beurteilung anderer Meinung. Mit der
zunehmenden Einsicht in die unendlich schwierigen Verhältnisse der
Londoner Mission wuchs die Achtung vor diesen sich oft so seltsam
gebärdenden Pionieren der Rettungs- und Evangelisationsarbeit.
Immer tiefer und tiefer drang Kaspar in die furchtbaren Geheimnisse
des sozialen Elends bei den untersten Gesellschaftschichten der
Londoner Bevölkerung; immer stärker imponierte ihm die weitverzweigte
Organisation dieser verschiedenen, äußerst geschickt jedem
besonderen Arbeitgebiet angepaßten Werke, in denen Hunderte von
aufopferungsvollen, selbstlosen Männern und Frauen an vielen Tausenden
ihrer armen Mitmenschen arbeiteten.
Unwillkürlich tauchte in Kaspar die Frage auf: Könntest du nicht
vielleicht hier einen vollgültigen Ersatz finden für den aufgegebenen
Beruf der Gottesverkündigung? Hierbei brauchte er nicht, wie bei
der Lehrerlaufbahn, ein neues, ihm wahrscheinlich unerschwingliches
Studium anzustreben. Gott dienen in der Arbeit an seinen ärmsten und
unglücklichsten Geschöpfen -- das wäre schon das Leben wert, stände
vielleicht auch höher in den Augen des Höchsten als die Erziehung und
der Unterricht der Jugend.
Immer wieder sann Kaspar darüber nach, während er tagsüber von
Shalter zu Shalter, von Home zu Home, von Asyl zu Asyl zog, während
der aufregenden Nächte, in denen er vorsichtig mit einem alten, in
Whitchapel wohlvertrauten Judenmissionar, namens Moses, durch die
Höhlen des Lasters schlich, an hunderten berauschter, verrohter, ja
vertierter Mitmenschen vorüber, in denen nur noch matte Lebensinstinkte
und die niedersten Triebe flackerten.
Aber je mehr Kaspar mit den Leitern der Rettungsanstalten und dem
Missionspersonal verkehrte, um so klarer ward es ihm, daß er zu
dieser Art Menschen nicht passen würde, und daß auch in ihnen jener
eigentümlich methodistische Hochmut lebte, der nur den Bekehrten
als gleichwertig und brauchbar anerkennt. Den kannte Kaspar aus der
Brüdergemeine gerade zur Genüge und verabscheute ihn.
Man verargte es Kaspar, wenn er in seinem Hotel der Inneren Mission
nicht pünktlich zu den Morgensegen und Sonntaggottesdiensten erschien,
und wenn er kam, mutete man ihm zu, irgendwelche Stellen aus der Bibel
vorzulesen oder auszulegen; ja, öffentlich beten und Zeugnis ablegen
sollte er. Als Kaspar sich standhaft weigerte das zu tun, bekam er
nicht nur allerlei Taktloses über die scheinbar in Weltlichkeit
erstarrte Brüdergemeine zu hören, sondern er mußte es auch eines
Abends vor allen Angestellten und Dienstboten mit anhören, daß einer
dieser Apostel in einem öffentlichen Kniegebet den Herrn Jesus unter
Tränen bat: unsern lieben, noch nicht zu rechter Buße und Gnade
durchgedrungenen Bruder Krumbholtz der schnöden Gleichgültigkeit zu
entreißen, ihn aufzurütteln und zu erwecken zu seinem ewigen Heile.
Sichtlich verletzt erhob sich Kaspar und zog sich auf sein Zimmer
zurück. Mit dieser ungestümen Art, sich Gott zu erzwingen, hatte er in
Gotteshaag abgeschlossen; er wollte sich nicht von neuem in Unruhe und
Verzweiflung hineinhetzen lassen.
Er beschloß daher so bald wie möglich abzureisen.
* * * * *
Da klopfte es noch zu später Stunde leise an seine Tür, und ein
auffallend liebliches Mädchen huschte vorsichtig und etwas verlegen
herein. Kaspar hatte die junge Dame schon einige Male im Kontor unten
gesehen und nahm an, sie wolle irgendetwas Geschäftliches mit ihm
erledigen.
Auf seine englische Anfrage erwiderte sie ihm jedoch im besten Deutsch:
sie sei aus Bremen und hätte nur das Bedürfnis, sich heimlich einem
Landsmann anzuvertrauen.
Kaspar nannte seinen Namen und stellte sich der Dame, bei deren
Namensnennung er nur den Vornamen, Irmgard, verstand, zur Verfügung,
falls er ihr irgendwie dienlich sein könne.
Die hübsche Bremerin lächelte, setzte sich und begann erst scheu, dann
immer zutraulicher zu erzählen:
»Verzeihen Sie, ich habe Sie schon all die Tage über beobachtet,
Herr Krumbholtz. Ich habe mich auch ein wenig um Sie gesorgt, denn
ich merkte sehr wohl, daß man überall Netze auswarf, um auch Sie zu
bekehren und womöglich für dieses Missionswerk einzufangen.«
Kaspar schüttelte den Kopf und sagte: »Ich glaube, mein Fräulein, da
irren Sie sich doch. Ich bin auch zurzeit gar nicht mein eigner Herr,
und ich denke, heute abend --«
»Ja, sehn Sie, das hat mir ja so gut an Ihnen gefallen, daß Sie den Mut
hatten, aufzustehen und diese professionellen Seelenfischer einfach
stehen zu lassen. Nur darum habe ich es auch gewagt, hier so heimlich
zu Ihnen zu kommen.«
»Schön, und was haben Sie mir anzuvertrauen?«
»Da muß ich wohl weiter ausholen und Ihnen vor allem erst sagen, wer
ich bin und was ich war. Aber bitte, erschrecken Sie nicht, Herr
Kollege. Ja, ja, machen Sie nur große Augen. Ich bin auch eine Lehrerin
gewesen da drüben in meiner guten soliden Hansestadt Bremen. Ich habe
auch nichts pexiert, damit Sie nicht etwa zu früh erschrecken. Ich bin
Waise und mußte mich durchschlagen. Um perfekt Englisch zu lernen für
ein höheres Examen, nahm ich Urlaub und kam so hierher. Ich fand aber
wie Tausende und Abertausende von deutschen Mädchen trotz allen Suchens
keine Stellung. Mein Geld verschwand, mein Schmuck, meine Garderobe
ebenfalls; ich hungerte, verhungerte fast und sank schließlich wider
meinen Willen. Doch -- wozu Ihnen das ausführlich erzählen -- also
kurz und klar: ich ward von dem guten, alten Moses, der Ihnen jetzt
Whitchapel gezeigt hat, auch eines Tages aufgelesen und kam da drüben
in eines dieser herrlichen Magdalenenasyle.«
Die Erzählerin schwieg.
Eine schwüle Stille folgte, endlich brach Kaspar erschüttert das
peinliche Schweigen: »Warum beichten Sie mir Fremdem das alles?«
»Warum?« antwortete Irmgard dumpf, »weil ich mich einmal aussprechen
muß, und weil Sie, Herr Krumbholtz, bisher der erste sind, den ich
in meiner neuen Umgebung kennen gelernt oder richtiger nur gesehen
habe, der sich wohl aus rein menschlichen und nicht aus sogenannten
christlichen Beweggründen für unsere Verhältnisse interessiert hat.«
»Wer sagt Ihnen das? Man braucht nicht gleich mit diesen
methodistischen Wölfen zu heulen --«
»Ja, das ist der richtige Ausdruck --«
»So meine ich das gar nicht! Ich denke nur, man kann schließlich ein
Christ sein auch ohne solche Übertreibungen wie heute abend.«
»Hier kann man es nicht, lieber Herr! Das ist ja gerade der Star,
den ich Ihnen stechen möchte: Sie wissen ja gar nicht, was für eine
Heuchelei bei dieser ganzen inneren Mission -- hier wie bei anderen
Gesellschaften --, am wenigsten vielleicht noch bei der derben
Heilsarmee, im Schwange ist. Der herrliche äußere Schein ist alles!«
»Ja -- aber warum sind Sie dann hier, mein Fräulein?«
»Weil ich lieber für freie Station schreibe, rechne und heuchle, als
hungere.«
»Sie tun mir aufrichtig leid, Fräulein. Ich bin zwar auch nicht reich,
aber wenn ich Ihnen mit meinem Bißchen --«
Das Mädchen sprang heftig auf und wehrte ab: »Nein, dazu bin ich
wahrhaftig nicht hier, so gern ich in die Heimat zurück möchte. Sie
sind ein vornehmer Mensch, Herr Krumbholtz, das habe ich instinktiv
empfunden, als ich Sie beobachtete. Ich glaube beinahe, Sie täten es
umsonst --«
»Umsonst, aber natürlich -- oder wie soll ich das verstehen, Fräulein?«
»Glauben Sie wirklich daran,« unterbrach ihn Irmgard bitter, »daß auch
nur eine von diesen Hunderten von Magdalenen da drüben durch diese
Mission wieder zu einem anständigen Mädchen gemacht werden kann? Aber
das wollen diese frommen Leute auch gar nicht. Warum helfen Sie uns
nicht, solange es sich lohnt? Wie verzweifelt habe ich und andere
-- das weiß Gott -- gerade auch hier um eine Brotstelle gefleht --
vergebens! Man will eben nur Gefallene aufrichten, und das gerade ist
Sysiphusarbeit.«
Kaspar sah sein Gegenüber mit großen Augen tief erschrocken an, dann
sagte er leise: »Lassen Sie mich nicht schlecht von Ihnen denken.«
Schüchtern reichte das tief errötete Mädchen Kaspar die Hand und sagte
ebenso leise: »Haben Sie Dank für dieses gute Wort und bitten Sie Ihren
Gott, daß er Sie bewahre vor der Not, in der man nach dem schmutzigsten
Strohhalm greift, um sich retten zu können. Sie haben eben zu hoch
von mir gedacht und ich zu tief von Ihnen, Herr Krumbholtz. Ich hatte
gehofft, in Ihnen einen heimlichen Gegner dieser scheinheiligen
Christensippe gefunden zu haben, vielleicht einen trotzig kecken
Verächter, der ihnen hohnlachend ein Schnippchen schlagen würde. Ich
habe statt dessen einen Mann gefunden, dem ich früher hätte begegnen
sollen, um -- vor dem schlimmsten bewahrt zu bleiben.«
Kaspar Krumbholtz schlug vor dem heißen Blick des Mädchens verwirrt
die Augen zu Boden und erwiderte langsam: »Wer sich selbst so offen
und so schwer anklagt, der kann vielleicht einmal schwach, aber nicht
schlecht sein. Im übrigen, mein liebes Fräulein, wer von uns darf einen
Stein erheben?«
Da durchbebte ein konvulsivisches Zucken plötzlich den schlanken
Leib der jungen Bremerin, und wie hilfesuchend griff sie nach der
unwillkürlich vorgestreckten Hand des betroffenen Kaspars, beugte sich
darüber und stieß unter heftigstem Schluchzen heraus:
»Wie gut Sie sind -- lassen Sie mich ausweinen -- nur einmal -- einmal!
Ich habe seit langer Zeit, ja, wohl noch nie einen Menschen gehabt, der
so zu mir gesprochen hat. O könnt ichs Ihnen danken! Aber ein Weib wie
ich -- taugt nicht einmal dazu mehr -- vorbei -- alles vorbei!«
Tröstend fuhr Kaspar mit linder Hand über den blonden Scheitel der
Weinenden, während seine Gedanken wie erschreckte Vögel aufgeregt hin-
und herflatterten.
Der weibunkundige junge Herrnhuter fühlte sich in dieser
überraschenden, ihn völlig verwirrenden Situation hilflos. Ein tiefes
Mitleid durchbebte ihn und doch auch ein leises Gefühl des Mißtrauens,
das ihm zwar schnöde und feige vorkommen wollte, das er jedoch nicht
ganz überwinden konnte.
Hatte dieses Mädchen ihm nicht angedeutet, daß er ihr um jeden Preis
als Rettungsanker willkommen sein würde? Aber hatte er darum nicht
vollends die ritterliche Pflicht, ihr ohne jeden Hintergedanken zu
helfen, es koste, was es wolle?
Hastig überschlug Kaspar seine zu Ende gehenden Mittel. Würde es
reichen zu einem Billett nach Bremen? Er selbst hatte ja seine
Rückfahrkarte. Jedenfalls wollte er geben, was er hatte, und so sagte
er zögernd, fast schamhaft: »Liebes Fräulein, ich glaube, ich kann drei
Pfund entbehren. Würde das reichen, um Ihnen zur Rückkehr nach Bremen
zu verhelfen?«
»Nein, nein,« stöhnte Irmgard kopfschüttelnd, »das sollen Sie nicht! So
weit -- und doch --« Sie schwieg eine Weile, dann fuhr sie schüchtern
fort: »Wenn Sie mich mitnehmen wollen -- ich folge Ihnen, wohin Sie
wollen, aber so -- nein -- nein, nicht so!«
Kaspar errötete und geriet in neue Verwirrung.
Was wollte das ihm völlig unbekannte Mädchen gerade von ihm? Es
konnte doch nur ein toller Einfall des Augenblicks bei der völlig
Verzweifelten sein. Ruhig Blut -- um Gottes willen, was sollte daraus
werden. Die Anstalt Tramberg, die ganze Brüdergemeine stand Kaspar mit
einem Male vor den inneren Augen.
Seine schlummernde Energie erwachte jäh, und so hob er den Kopf
des Mädchens mit der Rechten schonend empor und sagte mit jener
Überlegenheit des älteren Kameraden, mit der er bisweilen einem seiner
störrischen Knaben den Kopf zurecht setzte: »Kindchen, nun wollen wir
doch mal ruhig miteinander reden. Sie dürfen keine Dummheiten machen
und ich, als der verantwortliche Mann, erst recht nicht. Sie sind arm
und ich auch. Wir können keine Vergnügungsreisen machen. Ich muß in
meinen Beruf zurück und Sie auch.«
»Das geht ja doch nie wieder,« unterbrach das Mädchen Kaspar traurig,
»wer stellt so eine wieder an? Und dann -- wenn doch einmal alles
zutage kommt -- nein, nie, nie! -- Lieber in Whitchapel vor die Hunde
gehen!«
»Also Sie weisen jede Hilfe ab?«
»Jede Unterstützung, ja! Mir hilft nicht Geld, mir hilft nur ein
Mensch, zu dem ich emporblicken, an dem ich einen Halt haben könnte,
ein Mann wie Sie!«
Und wieder schaute das Mädchen ihn heiß mit flehenden Augen an.
Kaspar schwieg. Das Blut stieg ihm siedend zu Haupte und pochte
hämmernd gegen seine Schläfen. Endlich sagte er mühsam:
»Wenn Sie mich vorhin unterschätzt haben, jetzt überschätzen Sie mich.
Sie kennen mich nicht. Ich bin selbst noch ein Schwankender, ein
Werdender, ein Unfertiger. Ich kann vielleicht Kinder leiten, aber
keinem Weibe einen Halt bieten. Auch bin ich ein armer, abhängiger
Mensch -- wirklich nichts weiter.«
Da trat Irmgard plötzlich dicht an Kaspar heran, flüsterte leise mit
bebender Stimme: »Sie sind der redlichste Mensch, der je in mein Leben
getreten ist. Retten Sie mich! Sie können es, aber kein anderer!«
Und dann warf sich das junge Weib mit auflodernder Leidenschaft an
Kaspars Brust, umfing das Haupt des Widerstrebenden mit beiden Armen,
preßte ihre glühenden Lippen stürmisch auf seine Wangen und suchte
seinen Mund.
Mit freundlicher, aber fester Hand löste Kaspar die zarten Arme von
seinen Schultern und sagte mit entschlossenem Ernst:
»Nicht so, liebes Fräulein! Wollen Sie denn durchaus, daß ich auch
noch den Kopf verlieren soll? Einer von uns muß wirklich den Verstand
behalten, wenn wir nicht beide ins Unglück geraten sollen. Es sieht roh
und grausam aus, wenn ich Ihre Neigung so undankbar lohne; aber ich
hoffe, Sie werden es mir doch einmal danken. Nein, bitte nicht weinen,
Fräulein. Ich meine es gut, und wenn ich Ihnen wirklich auch nur das
Geringste gelte, so zeigen Sie es mir dadurch, daß Sie meinem Rate
folgen. Kehren Sie nach Deutschland zurück, bitte, wollen Sie es tun?«
Die Schluchzende gab keine Antwort. Kaspar ging liebreich auf sie zu,
legte seinen Arm wie tröstend auf die zuckenden Schultern des Mädchens
und sagte weich:
»Wenn ich Sie herzlich bitte, liebes Fräulein Irmgard -- wollen Sie es
nicht mir zuliebe tun?«
Da hob die Bremerin schüchtern den Blick zu Kaspar empor und antwortete
leise: »Küssen Sie mich -- nur einmal -- nur ein einziges Mal! Und ich
will gehorchen.«
Und Kaspar Krumbholtz küßte das junge schöne Weib.
Es war der erste Kuß in seinem liebeleeren Dasein, und er war sich
der Heiligkeit des Augenblicks voll bewußt und hat sich dieses Kusses
auch später nur mit süßer Sehnsucht erinnert. Er glaubte einem holden
Geschöpf nur so zeigen zu können, daß er es achtete, und daß es ihm
wert genug war, alles für seine Rettung zu tun.
Wie ein Kindchen, das seinen Willen erhalten hatte, ließ sich Irmgard
nun ganz still und gefügig das Geld für die Heimreise aufdrängen,
versprach ernsthaft, diese so bald wie irgend möglich anzutreten, um
sich eine neue Stellung zu suchen.
Gleich einem treuen älteren Bruder schied Kaspar Krumbholtz von dem
noch immer still vor sich hin weinenden Mädchen und reiste am nächsten
Morgen mit dem ersten Expreßzuge nach Tramberg zurück.
Sechstes Kapitel
Feriengäste
Nachdem Kaspar seinem Direktor Bericht erstattet und Rechnung gelegt
hatte, übergab ihm dieser mit seinem vergnüglichsten Lächeln einen
Brief nebst einem Scheck und sagte, indem er sich listig die Hände
rieb: »Ich vermute, hier wird jemand seine Weltreisen fortsetzen!«
Erstaunt sah Kaspar, der noch nie einen Scheck gesehen hatte, erst das
lange Papier an, auf dem 500 Mark zweimal geschrieben stand, öffnete
sodann den Brief, in dem Herr Winkler ihn bat, so bald wie möglich über
Tyrol oder über den Fluelapaß nach Sils Maria ins Engadin zu kommen, wo
er mit Frau, Tochter und Freund Sebalt die Ferien und das schöne Wetter
genieße.
Kaspar machte das bekannte Gesicht, was der Mensch meistens macht,
wenn ihm etwas völlig unerwartet kommt. Darauf bat er um weiteren
Urlaub, den ihm Bruder Nitschke viel zu gern bewilligte, da er in den
Ferien froh war, wenn sein großes Haus möglichst leer war. Außer den
unentbehrlichen Handwerkern sah er da niemand gern.
Mit dankbarem Händedruck quittierte Kaspar über eine Summe, wie er sie
noch nie, auch nicht in den Karpathen, sein eigen genannt, ja nicht
einmal im kühnsten Traume erhofft hatte, und setzte sich eilends oben
auf der Lehrerstube vor das große Reichskursbuch des Hauses.
Nach schwierigen Überlegungen und abermaliger Rücksprache mit dem
freundlichen Direktor entschied sich Kaspar für die Schweizerroute und
gab telegraphisch Herrn Winkler Bescheid.
Der Marsch über den herrlichen Fluela lockte den jungen Lehrer
gewaltig, und die folgende Nacht tat er kaum ein Auge zu vor Aufregung.
Von Davos aus begann Kaspar am übernächsten Tage die Wanderung über den
Paß.
Wieder erschloß sich seiner Seele eine neue Welt eigenartiger strenger
Schönheit, die ihn mit gleicher Wucht und Größe gefangen nahm und still
erschauern ließ, wie vordem die wilden, trotzigen Karpathen.
Freilich, das berauschende Gefühl unermeßlicher Einsamkeit überkam
Kaspar auf der ziemlich belebten Fremdenstraße nicht so wie in dem
ungarischen Waldgebirge, das ihm auch in Fauna und Flora einen
unberührteren, reicheren Eindruck gemacht hatte.
Nur die ersten Alpenrosen versetzten den jungen Lehrer in helles
Entzücken, und wie ein Pfingstochse reichlich damit geschmückt,
überschritt er jauchzend die Paßhöhe, unbekümmert um das Gelächter
blasierter Bergfexe und ihn spöttisch lorgnettierender Dämchen.
* * * * *
Kurz vor Zernez, dem alten Ladinernest, stieß Kaspar unvermutet auf
Hans Sebalt, der ihm auf gut Glück von Sankt Moritz entgegengefahren
war und nun wie ein Wegelagerer in einer kleinen Schänke die
Fluelastraße abgespäht hatte. Mit lautem Hallo fiel er über den
alpenrosengeschmückten Freund her, und man umarmte sich stürmisch immer
wieder mit ausgelassenster Freude.
Im nahen Zernez bezog man in einem altertümlichen Gasthofe
Nachtquartier, bestellte sich ein reichliches Mahl und einen guten
Veltliner, und dann gings an ein großes Erzählen bis tief in die Nacht.
Die ersten Fragen Kaspars galten Ursemi und ihren Eltern.
Hans Sebalt berichtete ausführlich, nur ein wenig spöttisch, vom lieben
stillen Reda, wo alles so ziemlich beim alten sei.
Der weise Berthold regiere das Haus noch immer so lautlos wie ein
Geheimrat hinter seinem Minister; die runde Mine sei noch ein bißchen
runder geworden; nur die hübsche Kathrine habe kürzlich geheiratet,
aber die Nachfolgerin sei auch ein ganz appetitliches Mamsellchen.
Die Doggen seien ein bißchen klapperig geworden, besonders der Toni
würde wohl nächstens in die ewigen Jagdgründe eingehen, während die
Cleo, zäh wie ein altes Frauenzimmer, noch gut bei Appetit und Stimme
sei. Bei ihrer Herrschaft wäre es ganz ähnlich. Der stattliche Herr
Winkler habe leider weit mehr eingelegt als seine kleine Frau, der das
Sorgen -- namentlich jetzt um den künftigen Schwiegersohn -- noch immer
ausgezeichnet bekomme.
An Aspiranten scheine es übrigens nicht zu fehlen, wenigstens sei
all die Tage über in Reda beständig Besuch im Hause gewesen, und
schließlich sei man wohl darum nach Sils Maria ausgerückt.
Als Kaspar geradezu fragte, ob denn unter den Herren einer gewesen sei,
der Ursemis einigermaßen würdig wäre, da lachte Hans Sebalt schallend
heraus und meinte:
»Würdig? Köstlich! Du bist doch immer noch der Alte! Gewissenhaft wie
ein Vormund. Menschenskind, wenn ich du wäre, wüßte ich längst, was
ich täte. Du hast einen Stein im Brett bei unserer allergnädigsten
Schlotprinzeß -- doch wem sage ich das? Also die Bewerber! Allzu
ernsthaft nimmt sie wohl keinen, und der Herr Papa auch nicht. Es
ist wie in den alten Märchen. Jeder fremde Prinz zeigt sich von
seiner besten Seite; aber keiner findet Gnade beim König und seiner
Tochter. Da ist der famose Leibkürassier, der Brettwitz, tadellose
Erscheinung, vorzügliche Formen, und reiten kann er wie der Deubel.
Aber von der ersten Silbe seines erlauchten Namens trägt er mehr
draußen vorm Kopf als gut ist, und von der zweiten drin zu wenig.
Chancen so ziemlich gleich Null, um so größer natürlich sein Bemühen.
Dann war unter anderen ein junger Darich da, du weißt von den Belower
Kammgarnkönigen ein Sprößling. Auch kein übler Kerl, immer tipp topp,
spielte Tennis -- blödsinnig sagte Brettwitz. Nur im ganzen mehr Yankee
als Deutscher, und du weißt, das verträgt der Alte schon gar nicht,
während unsere gute Mama Winkler von dem tüchtigen jungen Mann, der
doch so gut ins Geschäft passe, ganz hingerissen war. Ursemi endlich
behandelte ihn mit dem ganzen Übermut einer Dollarlady, scheinbar
höchst kameradschaftlich, tatsächlich wie einen Liftboy. Du, die hat
überhaupt in England einen ganz verfluchten Tick bekommen, der kann
einem jungen Mannsbild bisweilen wirklich auf die Nerven gehn. Ich war
ja leider nie ihr Fall -- jetzt aber werde ich, wenn sie bei Laune ist,
von ihr gelegentlich in einer Weise verknackt, als nähme sie mich
überhaupt nicht mehr ernsthaft. Also im Vertrauen, alter Junge, sei
auf der Hut vor der Dogaressa, wie unsere putzige Dente sie nannte,
die übrigens auch noch im Segen zu Bethel ihres Amtes waltet und aus
dem alten wurmstichigen Schwesternhause Überschüsse auf Überschüsse
herauswirtschaften soll zur großen Freude der Finanzabteilung, die
Stipendien schaffen muß -- wie Figura zeigt -- also -- Prosit!«
»Prosit! aber nimm mirs nicht übel, Hans!« sagte Kaspar, fast ein
bißchen boshaft lächelnd, »ich glaube, du hast dich mindestens ebenso
verändert wie unsere Ursemi, auf die ich ja schon sehr gespannt bin. Im
übrigen wandeln wir uns wohl alle -- Gott sei Dank! Also freuen wir uns
lieber, daß wir uns mal wieder haben dürfen, anstatt uns über einander
zu wundern.«
»Also sprach der weise Schulmeister Seneca!« fiel Hans Sebalt mit
großer Gebärde ein, »ja, du hast so recht! Ich merke schon, du
bist schon ein ganz solider, zügelzahmer Schulfuchs da unten im
Wüschteberger Ländle geworden, und ich fange an, in dem lieben,
saufseligen Sumpfnest Leipzig ein windiger, weltfroher Sünder und
Zöllner zu werden und sitze, wo die Spötter sitzen. Aber schön ists
doch, mein Junge, sich so richtig mal den Wind der großen Welt um die
Nase wehen zu lassen, ihren tausend und abertausend Gefahren trotzig
die Stirn zu bieten und sich selber unverzagt den Weg zu suchen,
ohne von Bruder Hinz und Kunz bepapelt und geleithammelt zu werden.
Du braves Kasperle, du hast ja keine Ahnung, was für eine herrliche,
sauvergnügte Welt es noch da draußen gibt -- weit, weit hinter eurem
Gemeindezaun und der Schwäbischen Alp. Ja, mein Lieber, davon läßt du
dir in deinem großen Anstaltskäfig wohl nichts träumen? He, was meinst
du, wenn du auch mal herauskämst? Ich wollte dir das längst schon
schreiben, kam aber nicht dazu. Mußt du nicht bald dein Jahr abbrummen?
Dann komm nach Leipzig, alter Junge, komm zu mir! Wir hausen zusammen
-- das kann eine urgemütliche Kumpanei werden. Und dann -- dann will
ich dir mal die große Seestadt Leipzig zeigen -- Junge, Junge -- da
sollen dir die guten Schwabenaugen übergehn und dein Schulverstand
stille stehn.«
»Hm,« brummte Kaspar behaglich, »das wäre zu überlegen. Aber vorher
habe ich noch allerlei zu erledigen, auch muß ich mir über gewisse
Dinge erst einigermaßen klar werden.«
»Das mußt du ja immer,« neckte Hans, »ich glaube, du bist dir mit
achtzig Jahren noch nicht klar über dich selbst. Aber Schwamm drüber,
jedes Tierchen nach seinem Pläsierchen. Wie gefällt dirs sonst in
Tramberg? Ganz so gott- und weltverlassen wie die Arche Gotteshaag ists
doch wohl nicht -- oder? -- Ihr dürft wohl nicht viel raus aus eurem
Bau?«
»Manchmal doch,« meinte Kaspar seelenruhig, »so bis nach London kommt
man schon einmal.«
»Nach London? Mach keine faulen Witze. Du meinst eure Jungens -- na ja
-- die haben jetzt Ferien.«
»O nein, ich selber komme geradenwegs von London zurück,« erklärte
Kaspar lachend.
Nun war die Reihe erstaunter Fragen an Hans Sebalt, und er fuhr damit
rasch heraus: »Menschenskind -- du in London -- allein in der großen
Weltstadt -- und ohne Aufsicht, Jungchen, Jungchen, wenn das man kein
Unglück gegeben hat. Wie lange warst du denn da, und was hast du da
gemacht?«
»Na, wieder allerlei,« erwiderte Kaspar mit gutem Humor, »was du nicht
verstehen wirst. Ich habe die Werke der inneren Mission studiert.«
Hans Sebalt brach in ein Höllengelächter aus und brüllte vor Vergnügen:
»Innere Mission -- dazu fährt der Kerl nach London -- ausgerechnet
nach London, der großen Sündenbabel! Sag mal, bist du denn schon so
verrückt, daß du etwa Speckapostel werden willst?«
»Ob ich das je wollte, weiß ich nicht. Jetzt aber weiß ich ganz genau,
daß ich es nicht mehr will. Das ist auch etwas.«
»Na und mit der Theologie?«
»Mit der habe ich mich in Straßburg noch einmal auseinandergesetzt und
ihr nun endgültig Valet gesagt.«
»In Straßburg warst du auch? Na, höre mal -- wann warst du denn da
eigentlich in Tramberg?«
»Von Ostern bis Ende Juni, abgerechnet die drei Tage der
Schwarzwaldreise.«
»Schlemmer, den herrlichen Schwarzwald hast du auch noch so nebenbei
besichtigt? Höre, Kaspar, braucht ihr nicht in Tramberg nächstens
auch Oberlehrer? Ich wäre gern bereit, als Auslandreisender bei euch
einzutreten.«
»Gut, ich wills unserm Chef sagen, der ist so wie so stets in
Lehrernöten. Wie wärs, wenn du mich ablöstest, wenn ich dienen muß?«
Und wieder lachten beide, daß die Wände der kleinen Schenkstube
fröhlich widerhallten.
Dann mußte Hans Sebalt von Leipzig erzählen, und er tat es nunmehr ohne
die Ruhmredigkeit der ersten halben Stunde. Von den Kollegs, von den
Kneipen, von seiner Wirtin und Herrn Niemeyer sprach er allerlei; nur
von der stolzen Brünetten erwähnte er ebensowenig ein Wort wie Kaspar
von seinem Londoner Magdalenchen. Spät gingen die Freunde zur Ruhe,
und früh standen sie auf, um dann, fröhlich singend und schwatzend wie
ehedem zu Gotteshaag, miteinander das herrliche Inntal hinaufzuwandern
gen Sils Maria.
* * * * *
Als die beiden Freunde nach zwei Tagen staubbedeckt und braungebrannt
am Ziele anlangten, empfing sie Frau Winkler allein, aber mit einer
Herzlichkeit, als wolle sie für die Abwesenheit von Mann und Tochter
Entschädigung bieten.
Sorglich nahm sie sich ihrer zwei Pflegesöhne an, als wären es
noch die kleinen Tertianer von Bethel. Kaspars Sachen, die er klug
vorausgeschickt hatte, hingen schon, alle wohlgebügelt, im Schranke
seines herrlich gelegenen Zimmers, von dessen Balkon aus man die ganze
Riesengruppe der Piz Bernina überschauen konnte. Rasch zog sich Kaspar
um und trat dann in den herrlichen Abend hinaus.
Da sah er vom gegenüberliegenden Berghang einen stattlichen, nur
etwas vornübergebeugten Mann und ein tannenschlankes Mädchen langsam
herunterschreiten. Mit einem Blick hatte er die Redaer Freunde erkannt
und stürmte -- wie er war -- ohne Hut hinab und ihnen entgegen.
An einer Straßenbiegung lauerte er ihnen auf und überraschte Vater und
Tochter vollkommen. Am liebsten wäre er beiden um den Hals gefallen,
aber unwillkürlich dachte er an Sebalts Worte, und so dämpfte er den
Überschwang seiner Gefühle. Immerhin ging es laut genug her.
Herrn Winkler freilich leuchtete die stille Genugtuung über den
stattlichen Pflegesohn nur aus den gütigen Augen; aber Ursemi
machte kein Hehl aus ihrer hellen Freude wie aus ihrem Erstaunen,
ihren ehemaligen Rekonvaleszenten Kaspar so kraftvoll und frisch
wiederzusehen. Mit glückseligem Stolz wirbelte sie übermütig den
hochgewachsenen Freund ein paarmal im Kreise herum und sagte
befriedigt, fast stolz:
»Sieh mal einer an, was fürn Berserker aus dem Suppenkasperle vom
Luisenstift geworden ist! Jetzt kann man sich doch wieder mit dir sehen
lassen.«
»Danke für das Kompliment,« erwiderte Kaspar, lustig sich verneigend,
»ich könnte ja nun eine Retourkutsche vorfahren lassen, aber wozu! Du
weißt, ich war mit dir immer zufrieden. Ich bin nicht so anspruchsvoll
bei meinen Freunden.«
»Vater,« sagte Ursemi resolut, »was macht man nun mit dem Kerl,
verdrischt man ihn, oder gibt man ihm einen Kuß?«
»Das halte du, wie du willst,« meinte Herr Winkler trocken, »Pack
schlägt sich, Pack verträgt sich.«
»Hör mal, Vater, du untertaxierst uns nachgerade.«
»Um so besser, dann habe ich Hoffnung, euch nächstens mal in neuen
Rollen zu sehen. Einstweilen spielt ihr noch die alten von Bethel, aber
sie sind nicht so langweilig wie die mit Mister Darich und Genossen.
Also nur zu, die +repetitio delectat+ als +variatio+.«
»Liebster Papa, willst du nicht deutsch reden?«
»Warum, du redest doch auch so viel englisch. Ich muß dir doch zeigen,
daß ich noch etwas mehr kann als du -- sonst geht der Rest des
väterlichen Respekts auch noch in die Wicken.«
»Ist er nicht greulich?« wandte sich Ursemi wie hilfesuchend zu Kaspar,
»so ödet mich dieser früher so zärtliche Vater jetzt beständig an, seit
ich mir mit einem jungen +american boy+ den Ulk gemacht habe, ein
bißchen +Gibson girl+ zu spielen.«
»Ja, Hans hat mir schon davon erzählt,« sagte Kaspar harmlos.
»So,« fuhr Ursemi herrisch auf, »hat er wieder den süffisanten Schnabel
nicht halten können, der allweise Hans? Werds ihm schon anstreichen.
Was hat er denn noch über mich geklatscht?«
»Geklatscht?« sagte Kaspar ruhig, »dann müßte ich ja jetzt auch
klatschen, wenn ich dir verriete, was er mir auf meine Fragen
geantwortet hat. Nee, Ursemi, nun halt ich erst recht dicht.«
Und wieder lachte Herr Winkler behaglich vor sich hin und meinte:
»Kindsköpfe seid ihr doch! Kaum drei Minuten seid ihr beisammen, da
kriegt ihr euch am Kragen. Das kann ja gut werden.«
»Na, als ob ich schuld wäre --«
»Sage ich ja gar nicht, Kind, freue mich nur, daß du wieder einen hast,
der dir gewachsen ist.«
»So -- Schadenfreude. Übrigens -- abwarten! Mit Kaspar bin ich noch
immer famos ausgekommen.«
»Stimmt, aber fertig geworden doch wohl nicht so ganz,« meinte Herr
Winkler schmunzelnd.
»O bitte,« wandte nun Kaspar ein, »ich erkenne Ursemis völlige
Oberhoheit ohne jeden Streit an.«
»Eben darum, lieber Junge,« sagte der Fabrikherr gelassen, »sie liebt
keine Pyrrhussiege.«
»Vater, nochmals, bitte, nicht so gelehrt,« fiel nun Ursemi wieder
schmollend ein, »du weißt doch, daß ich Geschichte mit Vorliebe
geschwänzt habe -- Gott, die selige, greuliche Gouvernante. Weißt du,
Kaspar, daß die alte Schachtel -- Pardon, das liebe, lederne Geschöpf
noch geheiratet hat?«
»Nein,« antwortete Kaspar, »das ist allerdings erstaunlich.«
»Ja,« fuhr Ursemi fort, »einen Witwer mit zwei erwachsenen Kindern
-- ungefährlich, aber immerhin doch ein richtig gehender Mann. Und
unsereins kriegt keinen, beim besten Willen keinen, obwohl sich Mama
die größte Mühe gibt. Nächstens meldet mich Schwester Dente für die
Mission an, aber ich will nur nach Grönland, und da ist die Mission
gerade eingegangen.«
Kaspar lachte hellauf, während Vater Winkler ironisch meinte: »Labrador
ist ja noch im Gange, dort ist es ebenso kalt. Meinen Segen und die
nötige Ausstattung in Seehundsfellen und Lebertran bin ich anstandslos
bereit zu bewilligen.«
»So ist er nun, der Vater! Erst nennt er uns Kindsköpfe, und dann macht
er selber die faulsten Witze.«
»Ja -- mit den Wölfen muß man heulen,« erwiderte lakonisch der
Fabrikherr.
Da packte ihn seine Tochter ausgelassen um den Hals, gab ihm einen
herzhaften Kuß und rief schelmisch: »Nee, Väterchen, so bald wirst du
dein Ursekindchen nicht los, und als Ramschware lassen wir uns nicht
verkaufen.«
Glückselig wehrte Vater Winkler seinen großen Wildfang ab und sagte mit
geheuchelter Würde: »Kinder, jetzt benehmt euch! Wir kommen ins Dorf,
und unser Renommee ist so wie so nur mäßig. Jeden Tag liebkost sie
mich nämlich hier zwei- bis dreimal auf offner Straße. In Reda dagegen
spielt sie die kühle +Lady patroness+. Umgekehrt wäre es mir
eigentlich lieber.«
In der Tat schritt man nun gemessener dem Hotel zu.
Bei der Ankunft flüsterte Ursemi ihrem Freunde leise zu: »Er macht
mir Sorge, der gute Vater, er muß recht lange hierbleiben, daß er mir
wieder frisch wird.«
* * * * *
In ungetrübtem Frohsinn glitten die schönen Ferientage nur allzu rasch
dahin.
Wagenfahrten und Fußwanderungen wechselten miteinander ab; allerlei
Bekanntschaften wurden gemacht, darunter die eines näheren Landsmannes,
eines Grafen Harry Brosyn, dessen Vater dem Fabrikherrn als ein
oberschlesischer Kohlenmagnat flüchtig bekannt geworden war.
Der junge Brosyn wollte jedoch nicht nur als Sohn seines Vaters
gewertet werden, sondern erklärte vergnüglich: er habe den Ehrgeiz
als selbständige Nummer zu figurieren, denn er lebe schon längst in
Gütertrennung mit seinem alten Herrn. Zwar betrachte Brosyn senior das
einstweilen als einen der mancherlei Sparren seines +filius+, aber
mit der Zeit werde er, der +filius+, dem Herrn Papa den nötigen
Respekt vor der Firma Brosyn junior schon noch abringen.
Wie sich herausstellte, hatte der Graf Harry Brosyn trotz seiner
27 Jahre schon eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Erst
Kavallerieoffizier, dann Gesandtschaftattaché in Argentinien, hatte
er sich auch zweimal an wissenschaftlichen Expeditionen beteiligt und
dazwischen einige Semester in Freiberg und Berkeley Bergbau studiert.
Jetzt war er bei einer großen Minenunternehmung in Kalifornien
beteiligt und hielt sich nur vorübergehend, erst in Pontresina, nun in
Sils auf, um einen letzten Rest von Malaria wegzukurieren.
Harry war ein unterhaltsamer, witziger Gesell, ein immer fröhlicher,
guter Kamerad ohne jede Feierlichkeit und frei von Adelstolz. An der
schlichten Redaer Gesellschaft schien er jedenfalls weit mehr Gefallen
zu finden als an den feudalen Kurgästen Pontresinas, die ihm zu
seinem Ärger gelegentlich nach Sils Maria »nachstiegen«, wie er sich
burschikos auszudrücken beliebte.
Mit Ursemi stand Graf Harry ähnlich wie Kaspar auf einem keck
kameradschaftlichen Neckfuß und ließ sich von den gelegentlichen
Launen der jungen Gnädigen, wie er sie gern nannte, wenig imponieren.
Trotzdem trug er seine Zuneigung mit der Zeit immer offner zur Schau.
Mama Winkler hatte nichts gegen den Grafen einzuwenden, nur daß er so
weit weg wohnte, war ihr ungemütlich. Herr Winkler hatte sogar seine
stille Freude an der ungebrochenen Kraft und dem Lebenstrotz dieser
willensstarken Persönlichkeit, wenngleich ihm die kaufmännischen
und bergbaulichen Riesenpläne des jungen Selfmademan ein wenig
abenteuerlich vorkommen wollten. Aber er dachte bei sich: dergleichen
Burschen müssen reichliche Ellbogenfreiheit haben.
Mit Sebalt vermochte der junge Graf am wenigsten Seide zu
spinnen, obwohl ihm der Leipziger Studiosus unverkennbare Achtung
entgegenbrachte.
Dagegen schien Harry für Kaspar nach und nach eine redliche Neigung zu
empfinden; nur der Lehrerberuf imponierte ihm durchaus nicht, und immer
wieder redete er Kaspar zu: er solle seinen Bakel an die Wand hängen
und mit ihm hinüber nach Kalifornien kommen als sein Privatsekretär,
er wolle ihn schon managen. Umsatteln müsse Kaspar doch einmal, so gut
wie er selber -- er kenne die Sorte Menschen, die das nötig hätten, zu
genau. Und je eher, um so besser.
Kaspar lachte, aber gestand sich heimlich, daß der lustige Minengraf
vielleicht nicht so ganz unrecht hatte mit dem Umsatteln; nur war es
für ihn noch nicht an der Zeit. Erst mußte er wissen, woran er mit der
Brüdergemeine war.
* * * * *
Auch Herr Winkler sprach einmal mit Kaspar darüber, als dieser
ihn fragte, ob er ihm nicht den größten Teil des gesandten Geldes
zurückerstatten dürfe. Die Kosten der Reise hin und zurück würden kaum
120 Mark betragen.
Der Fabrikherr lächelte mild und sagte: »Drückt dich das Geschenk schon
wieder, stolzer Kaspar? Behalte die paar Moneten nur ruhig! Du wirst
sie schon brauchen, eher vielleicht, als du denkst. Mich anzuborgen
würdest du ja auch in der größten Not nicht über dich gewinnen, und
noch hast du einen weiten Weg vor dir, lieber Junge. Wie wirds denn mit
deinem Dienstjahr?«
»Ich weiß es noch nicht. Bleibe ich im Gemeindienst, so bekomme
ich die uns dafür ausgesetzte Unterstützung; sonst gedenke ich
Königsfreiwilliger zu werden. Zur Not diene ich zwei Jahre, ich habe
nichts zu versäumen.«
»Weißt du das so genau, Kaspar? Wer weiß, was deines Lebens Ziel
und eigentlicher Inhalt sein soll? Jetzt bist du erst bei den
Vorbereitungen, also verliere nicht unnötig Zeit. Später könnte es
dich bitter gereuen. Im übrigen freue ich mich, daß du so gern deine
Arbeit in Tramberg tust, und daß du den Straßburger und Londoner
Ausflug machen durftest. Paß auf, er wird dir mehr austragen, als du
ahnst. Du siehst mich verwundert an. Ja, Lieber, man muß alt sein, um
die volle Wirkung starker Jugendeindrücke ganz ermessen zu können.
Es wäre darum wirklich nicht das Dümmste, wenn du den Vorschlag des
jungen Grafen mal in ruhige Erwägung zögest. Nein, bitte, lache nicht!
Ich meine es ganz im Ernst und habe selbst schon mit Brosyn darüber
gesprochen. Und du weißt, du kannst jederzeit, wenn dir daran liegt,
durch mich deine Verpflichtungen der Unität gegenüber lösen. Tramberg
ist ganz gut für dich, das zeigt dein frischeres, gefestigteres Wesen,
Kaspar. Aber es kann für Menschen -- oder ich will nun richtiger sagen,
für Männer deiner Art -- nur eine Durchgangsstation sein.«
Kaspar schwieg eine Weile nach seiner Gewohnheit. Hatte er über Brosyns
Worte seinerzeit gelacht, so gaben ihm nun Herrn Winklers Anregungen um
so mehr zu denken.
Der Fabrikherr merkte es und setzte schonend hinzu: »Na -- nur ruhig
Blut, es soll weiter nichts als ein kleiner, väterlicher Wink sein,
damit du nicht Gefahr läufst, dich einzuspinnen, wie das die Herrnhuter
lieben. Ein rechter Kerl muß sich auch mal den Sturm des großen
Weltozeans um die Nase wehen lassen, sonst erfriert sie ihm schließlich
beim ersten scharfen Mailüfterl des Lebens. Nach Paris zu reisen nützt
einem Deutschen von heute nichts mehr, und London nur wenig! Die Welt
ist kleiner und enger geworden. Sieh dir diesen Harry an, der treibts
freilich gleich ein bißchen toll -- aber es schadet nichts. Wenn er
nicht von der Rahe stürzt, fährt er einmal mit eigner Jacht stolz zu
den Gruben seines Vaters zurück. Denn zurückkommen wird auch er einmal,
wenn er in die Jahre des tiefen Heimwehs gerät. Ich dachte mit 25
Jahren in Baltimore auch ernstlich daran nie wiederzukehren und träume
noch jetzt manchmal heimlich unter meinen Redaer Blaufichten von den
Redwoods der Rocky Mountains. Sehnsucht oder Heimweh fehlt hüben und
drüben nicht, sie wechseln nur die Richtung, je nach den Jahren.«
* * * * *
Die richtige Antwort auf die ihn tief aufregenden Fragen des
Fabrikherrn konnte Kaspar nicht so rasch finden, aber nach einigen
Tagen sagte er Herrn Winkler in aller Entschiedenheit: Er wolle
vorerst den ihm liebgewordenen Beruf zu Tramberg ruhig weiter ausüben.
Noch fehle ihm innerlich jedes Recht, der Brüdergemeine und der ihm
liebgewordenen Anstalt den Rücken zu kehren.
Herr Winkler nickte nur gleichmütig zu diesem Bescheid, im geheimen
aber triumphierte er doch: »Er ist ein Charakter, der Junge! Ich
brauche mich nicht zu sorgen, den wirft nichts so leicht aus seiner
Bahn. Für den ist Tiefe mehr als Weite.«
Unterdessen bereitete sich ein neuer Sturm vor, der Kaspars Seele
schwerer erschüttern sollte als die Anregungen Brosyns und Vater
Winklers.
Unbefangen wie in alter Zeit hatte Kaspar mit Ursemi all die Tage
über verkehrt, obwohl die taufrische Anmut der nun vollerblühten
Jugendgespielin stärker als je zuvor auf seine durch das Londoner
Abenteuer plötzlich geweckten Sinne wirkte.
Die leichtsinnige Andeutung Hans Sebalts in Zernez hatte Kaspar nicht
weiter ernsthaft genommen; aber die Folgezeit bestätigte ihm rasch,
daß Ursemi ihm redlich zugetan war, wenn auch wohl -- wie Kaspar sich
einredete -- mit schwesterlicher Zuneigung.
Als er jedoch mit dem seit Leipzig wirklich oft unleidlichen Hans
Sebalt noch einmal auf dies heikle Kapitel zu sprechen kam, erklärte
ihm dieser am Ende eines für Kaspar wenig glücklichen Disputs:
Geschwisterliche Zuneigung zwischen jungen Menschenkindern, die nicht
leibhaftige Geschwister sind, wäre ebensolcher Unsinn wie jede
Freundschaft zwischen etwa gleichaltrigen Menschen verschiedenen
Geschlechts.
Kaspar ließ sich nicht irre machen bis zu dem Tage, an dem er zum
ersten Male wahrzunehmen glaubte, daß Ursemi dem jungen Grafen Harry
ebensowenig gleichgültig war wie ihm selber.
Von da an belauerte Kaspar argwöhnisch jede Regung seiner Seele, und
von Tag zu Tage ward es ihm klarer, daß in ihrem Grunde ein dumpfes
Angstgefühl um Ursemi, ja -- es war eine Schmach -- auch etwas wie
Eifersucht gegen den Grafen sich leise zu regen begann.
Nunmehr war es um Kaspars Unbefangenheit geschehen. Er wurde stiller
und einsamkeitsbedürftiger. Er begann nach seiner alten Weise zu
grübeln, mit sich abzurechnen und schließlich ernstlich mit sich zu
ringen.
Er sollte sich rechtschaffen freuen -- so suchte er sich immer wieder
mühsam einzureden -- daß ein so gescheiter, willenskräftiger und
vornehmer Mensch wie Harry Brosyn auf dem besten Wege war, die Liebe
und die Hand Ursemis zu erringen. Dieser Graf war doch wahrhaftig eine
ganz andere geistige wie charakterliche Potenz als die Sorte Brettwitz
oder Darich. Und ein Mann wie Harry war nicht nur Ursemis unbändiger
Art gewachsen, sondern auch am ehesten imstande, mit Tatkraft und
Weitblick dermaleinst die gewaltigen Winklerschen Werke fortzuführen
und den mächtigen Grundbesitz zu verwalten und zu erhalten. Das war ein
doppeltes, ein seltenes Glück für die Eltern Winkler.
Und all demgegenüber war es doch rein lächerlich, wie er, der armselige
Stipendiat, der kleine Privatlehrer mit 25 Mark Monatsgehalt und freier
Station, überhaupt nur auf den schier wahnsinnigen Gedanken kommen
könnte, seine Augen begehrend zu dieser Millionärstochter zu erheben.
Unrecht, ja Frevel wars!
Mit Vernunftgründen ließen sich jedoch auf Kaspars Gedankenwalstatt
noch so viele siegreiche Gefechte führen; dennoch erhob das
aufrührerische Gesindel seiner elementaren Empfindungen immer wieder
tückisch und erfolgreich die Fahne des Aufruhrs gegen den gebietenden
Verstand.
Die Tatsache ließ sich nicht leugnen, daß in Kaspar eine
leidenschaftliche Neigung für Ursemi immer stärker emporflammte, so
daß er selber sich zuletzt gestehen mußte, dergleichen Gefühle für
brüderliche Liebe zu erklären, wäre nichts anderes mehr als eine
gemeine und lächerliche Notlüge.
Da faßte Kaspar den Entschluß abzureisen, noch ehe er sich verraten.
Das war nur leichter gedacht als getan.
* * * * *
Man wußte im Redaer Freundeskreise sehr genau, wann Kaspars Ferien
zu Ende gingen, und seine Ausflüchte -- er habe noch in Tramberg zu
arbeiten -- glaubte ihm keiner.
Kaspar hatte wirklich kein Talent zum Lügen. Man sah ihm, wie Hans
Sebalt spöttelte, jede Schwindelei gleich an der erbleichenden
Nasenspitze an.
Kaspar war rechtschaffen in Verlegenheit um eine Ausflucht. Da fiel
ihm zum Glück ein, daß es ja in Tramberg eine Ferienaufsicht gäbe.
In erster Reihe kamen da freilich die Herren in Frage, die auf
Generalunkosten die große Schweizerreise mitgemacht hatten; aber Kaspar
brauchte sich ja nur um eine Vertretung bitten zu lassen.
Und so schrieb er schleunigst an Martin Muffke. Umgehend kam folgende
lapidare Antwort zurück:
»Lieber Holzkollege! Sie sind zwar ein Pflichtprotz und ein total
verrücktes Huhn, aber meine Ferienaufsicht möge Ihnen wohltun.
+Habeatis+ vom 19. bis 22. September, Max. Postskriptum: Meine
können Sie auch kriegen! Moritz.«
Nun hatte Kaspar seinen triftigen Grund und traf auch sobald wie
möglich Anstalten zur Abreise.
Die alten Winklers bedauerten seinen Entschluß; Sebalt witzelte
niederträchtig etwas von ministeriellen Gesundheitsrücksichten;
Graf Harry schlug Kaspar kurzer Hand vor, wegen dieser verdammten
Ferienaufsicht seinen Abschied einzureichen. Nur Ursemi sprach kein
Wort.
Als sie aber bald darauf einmal mit Kaspar allein im stillen Garten des
Hotels saß, sagte sie ihm plötzlich auf den Kopf zu: Er sei ein feiger
Ausreißer.
Kaspar erschrak. Sollte er sich doch verraten haben?
Mit mühsamer Fassung erwiderte er: »Laß es gut sein, Ursemi. Ich muß
wirklich heim.«
»Ich kenne ja deinen Dickkopf zur Genüge,« meinte Ursemi herb, ja ein
wenig scharf, »aber wenn du glaubst, mich täuschen zu können, dann
irrst du dich.«
»Täuschen, wieso?« fragte Kaspar unsicher.
»Daß deine Arbeiten und Ferienaufsicht Flausen sind, wissen wir alle.
Und wenn du es nicht zugeben willst, dann will ich dir nur sagen, daß
mir Hans -- was freilich perfide war -- den famosen Uriasbrief auf
deinem Schreibtisch gezeigt hat, den du dir da von deinen Spießgesellen
Max und Moritz hast schreiben lassen.«
Nun lachte Kaspar, allein so ganz geheuer war ihm nicht; denn Ursemi,
die sonst viel zu gern mitlachte, blieb völlig ernst und fuhr leise
fort: »Weißt du noch, Kaspar, was du mir voriges Jahr in Reda gesagt
hast, als ich Chancy erwähnte?«
Kaspar erbleichte ein wenig, antwortete jedoch ruhig: »Gewiß, und ich
dächte, ich hätte dir doch in diesen Tagen zur Genüge gezeigt, daß ich
dich einem ehrenhaften Manne gönne.«
»Sehr gütig -- lieber Junge,« unterbrach ihn Ursemi spöttisch, »aber
das meine ich nicht. Sondern ein gewisser jemand vermaß sich voriges
Jahr hoch und heilig: nie eifersüchtig sein zu wollen. Und jetzt reißt
er aus, weil ers doch geworden ist und sich dessen schämt.«
»Liebe Ursemi,« sagte Kaspar nach einer peinlichen Pause langsam, »was
hast du wohl davon, wenn du mich hier demütigst und quälst? Ich darf
dir über das, was mich im Tiefsten bewegt, doch keine Auskunft geben.
Du weißt so gut wie ich, daß auch der willenskräftigste Mensch nicht
immer seiner letzten Gefühle völlig Herr zu werden vermag. Jeder von
uns hat ein verschleiertes Tempelbild im Herzen, das er vielleicht
selbst nicht zu enthüllen wagt.«
»Wenn du orakeln willst, lieber Kaspar, dann bitte suche dir jemand
anderen aus. Warum hast du denn nicht den Mut, mir klipp und klar zu
gestehen, daß du auf Harry eifersüchtig bist?«
»Weil das Unsinn wäre,« fuhr es nun Kaspar heftig heraus, »weil ich
nicht eine Spur von Recht dazu hätte. Ich hätte höchstens allen Anlaß,
mich zu freuen, daß ein so tüchtiger, prächtiger und dir ebenbürtiger
Bursche wie Harry sich für dich interessiert.«
»So? Woher weißt du denn das?«
»Ich glaube, das sieht ein Blinder.«
»Im Gegenteil, nur ein überscharf Sehender, ich weiß nichts davon.«
»Dann bitte ich um Verzeihung, Ursemi. Ich bin ein Narr, so oder so.«
Nun wurde die scharfe Ursemi plötzlich wieder die alte.
Mit siegesfrohem Lachen trat sie auf Kaspar zu, klopfte ihm vertraulich
auf die Schulter und sagte launig: »Na, siehst du wohl, nun bekommst
du als armer Narr und Sünder auch Absolution dafür, daß du dir in
Gedanken schon ausklamüsert hast, ich ginge nächstens mit Graf Harry
Gold graben. Habe durchaus keine Lust dazu. Und noch eins, mein
Lieber! Das Recht, auf jeden, der dir deine Pflegeschwester fortholen
will, greulich eifersüchtig zu sein, das Recht räume ich dir hiermit
ausdrücklich ein, da du es dir nicht zu nehmen wagst, und es am
Ende doch nicht lassen kannst. Aber dafür wahre ich mir auch mein
Recht, es dir ganz gewaltig übel zu nehmen, wenn du bei jedem bißchen
Herzbeklemmung gleich ausrücken willst. Wurscht wider Wurscht --
wie es unter guten Kameraden üblich ist. Und nun brav nebeneinander
ausgehalten -- wies auch kommt. Hier Hand drauf und nicht gemuckst!«
Aufatmend schlug Kaspar ein. Es war ihm, als fiele ihm ein Stein vom
Herzen. Dann ging er eilends auf sein Zimmer hinauf und schrieb Max und
Moritz einen sehr verklausulierten Absagebrief.
In ungetrübter Stimmung gingen die Ferien zu Ende. Kaspar genoß die
letzten Tage mit einem so bewußten Glücksgefühl wie nicht einmal die
ersten Tage. Ursemi goß gleichsam Öl in seine Herzenswunden.
Dann fuhr er mit froher Arbeitsehnsucht nach Tramberg. Bis Innsbruck
begleitete ihn Hans Sebalt.
Kurz zuvor hatte sich Harry Brosyn verabschiedet. Hans behauptete steif
und fest: der junge Graf habe sich einen Korb geholt.
Kaspar zuckte mit den Achseln und meinte nur: »Schade, wenns wahr ist.«
Da lachte Hans Sebalt wieder spöttisch in sich hinein und dachte
überlegen bei sich: Ich sollte an seiner Stelle stehn, ich wäre nicht
so dumm.
Der Abschied der beiden Missionskinder war nicht ganz so herzlich wie
ihre erste Begrüßung.
Siebentes Kapitel
Die Tänzer
Dank der Freigebigkeit Herrn Winklers war es Hans Sebalt möglich,
den kostspieligen Tanzunterricht zu bezahlen, und so war sein Erstes
in Leipzig, Herrn Niemeyer aufzusuchen und mit ihm das Nähere zu
verabreden.
Besonderes Vergnügen konnten die beiden Studenten der Sache freilich
nicht abgewinnen. Anfangs sahen die mit Spannung erwarteten Lektionen
Freiübungsturnstunden verzweifelt ähnlich, und auch, als die Dämchen
erschienen, ward es nicht weiter aufregend, zumal die betreffenden
Mamas den Abenden beiwohnten und die Töchter zumeist nur gut dressierte
Gänschen waren, mit denen eine Unterhaltung sich kaum lohnte.
Der Schlußball kostete einen Frack, zwei Paar Handschuhe, ein Bukett
und einiges Geld; von wirklichem Vergnügen war nicht die Rede, um so
mehr als Niemeyer und Sebalt sich gestehen mußten, daß sie noch immer
nicht richtig und flott tanzen konnten.
Ein alter Restaurantpächter, der an ihrem Tische saß, bemerkte das
auch, meinte aber lachend: tanzen lernten die Wenigsten in einer
solchen Tanzstunde. Die Mädels könntens vorher, und die Herren lerntens
meist erst nachher auf den Vorstadtbällen. Er schlüge ihnen darum vor,
demnächst einmal zu ihm nach Lindenau herauszukommen, da würden sies im
Fluge lernen.
Niemeyer und Sebalt ließen sich das nicht zweimal sagen und wurden bald
Stammgäste im fröhlichen Lindenau.
In der Tat lernten sie, dank einiger energischer und
unternehmungslustiger Dämchen, das Tanzen nun rasch und ärgerten sich
nachträglich noch über das viele Geld, das sie im Tanzkursus ausgegeben
hatten.
* * * * *
In Lindenau sah Hans Sebalt eines Sonntagnachmittags zu seiner
freudigsten Überraschung in einer Ecke des Saales endlich die stolze
Brünette aus dem Rosental wieder, deren Spur er -- trotz aller
Nachforschungen in Monplaisir und anderswo -- völlig verloren hatte.
Schnell entschlossen ging Hans auf die so lange schon heimlich Verehrte
zu und bat sie um einen Tanz.
Trotz seiner tadellosen Verbeugung sagte die große Unbekannte nur sehr
stolz und wie gelangweilt: »Ich danke, ich tanze nicht.«
Und Hans machte eine zweite, weniger tadellose Verbeugung und ging mit
pumpelrotem Kopf an seinen Platz zurück.
Er war außer sich vor Aufregung und verletzter Eitelkeit. Er schämte
sich vor all den Hunderten von Menschen, als habe jeder einzelne seiner
Abweisung persönlich beigewohnt.
Am liebsten wäre er spornstreichs davongelaufen, aber er wollte sich
vor Niemeyer nichts vergeben. Im Gegenteil dachte er rasch: nur nichts
merken lassen, nur ihr zeigen, daß du dir nicht imponieren läßt.
So tanzte er drauf los, so flott und sicher wie noch nie vorher, und
jedesmal, wenn er an der heiklen Ecke vorüberwirbelte, sah er so
triumphierend wie nur irgend möglich nach der schönen Brünetten, auf
deren stolzen Mienen er jedoch zu seinem geheimen Ärger nicht den
geringsten Eindruck wahrnehmen konnte.
Wie eine Sphinx saß sie unbeweglich da und sah gleichgültig, ja fast
melancholisch dem rauschenden Treiben zu.
Hans Sebalt tanzte mit einigen hübschen und liebenswürdigen Mädchen,
aber seine Gedanken waren unwiderruflich bei der Brünetten.
Er sann unaufhörlich darüber nach, wie er ihr beikommen konnte;
scheinbar hatte sie keine Bekannten im Saale.
Hans Sebalt gab seinem Herzen einen Stoß und zog Niemeyer teilweise
in sein Geheimnis, das heißt, er schimpfte ganz gehörig über die
eingebildete Person, die sich da vorn hinsetze und nicht tanzen wolle
und doch wahrscheinlich auch nichts besseres sei als die anderen Mädels
alle.
Schließlich setzte Sebalt dem Kommilitonen zu, ~er~ solle doch
einmal sein Heil versuchen.
Niemeyer war ein forscher Kerl, lachte, ging hin, stellte sich höflich
vor und -- zu Sebalts maßlosem Erstaunen und Ärger -- tanzte die stolze
Brünette sofort mit ihm.
Und wie tanzte sie! Wie eine Göttin schien sie Hans Sebalt, dem Neid
und Eifersucht an der Seele nagten, dahinzuschweben.
Ruhig und sicher führte sie den noch ein wenig unsicheren Niemeyer
durch das Gewühl wie eine geborene Ballkönigin. Und als sie an Hans
Sebalts Platz vorüberglitt, da schien ihm, als husche ein spöttisches
Lächeln über ihre edel gleichmäßigen Züge. Kurz darauf hielt sie
an ihrem Platze vor der Zeit inne, verneigte sich huldvoll gegen
den dankend dienernden und vor Stolz glühenden Niemeyer, nahm ihre
Handschuhe und ging langsam und hoheitsvoll hinaus -- an Hans vorbei,
würdigte ihn aber keines Blickes.
Strahlend kam Niemeyer zu dem bestürzten Sebalt zurück.
»Donnerwetter, die kann tanzen,« prahlte er, »so was Graziöses ist mir
noch gar nicht vorgekommen! Du, das ist was Feines! Die hat sich bloß
hierher mal verlaufen. Aber nobel wars -- danke dir tüchtig, daß du mir
zu dem Genuß verholfen hast.«
Hans Sebalt schäumte innerlich vor Wut; aber er sagte großspurig: »Pah
-- das dumme Frauenzimmer will mich ja nur ärgern. Darum allein hat sie
mit dir getanzt.«
»Sebalt -- mein Sohn --« fuhr nun Niemeyer beleidigt auf, »willst du
das dumme Frauenzimmer sofort revozieren oder --«
»Meinetwegen,« lenkte Sebalt klug ein, »also sag mir mal lieber, wie
heißt der Besen?«
»Besen -- neue Beleidigung -- revoziere oder --«
»Alles, was du willst,« sagte Sebalt nun gemütlich, »aber an dir
scheint die junge Dame -- ist dirs so recht?«
»Jawohl -- junge Dame -- sage lieber entzückende, reizende Dame --«
»Na, Niemeyerchen, du scheinst ja ordentlich Feuer gefangen zu haben.«
»Habe ich auch -- genau so wie du, mein Sohn Sebalt! Nur -- daß ich dir
einstweilen einige Nasenlängen zuvor gekommen bin. Trage es mit Würde,
mein Sohn!«
»Werde mich bemühen. Übrigens ihren Namen kannst du mir wohl verraten.«
»Könnte ich, da hast du recht. Werde aber den Deubel tun. Damit du
morgen im Adreßbuch nachsuchst, hinstürzt und mir wieder den Rang
abläufst. Nee, min Jung, so helle bin ich auch.«
Jetzt konnte Sebalt seinen Ingrimm doch nicht mehr verhehlen und brach
offen los: »Na, weißt du, sehr anständig finde ich das nicht. Du weißt,
ich interessiere mich für die Dame und -- eins, zwei, drei -- schnappst
du sie mir vor der Nase weg.«
Niemeyer lachte gemütlich und erwiderte: »Sebalt, mein Sohn, höre die
Weisheit des Brahmanen Niemeyer: Erstens, in Geld- und Weibersachen
hört unter den besten Freunden jeder Anstand auf. Zweitens, wenn du
dich für die nette Schwarze da wirklich interessierst, dann hast du das
so famos angedreht, daß mir zwar das Herz im Leibe lacht, aber deine
Dummheit eigentlich jeder Beschreibung spottet. Drittens frage die
Pythia, was ich dafür kann, daß dies entzückende Persönchen mich lieber
mag als dich? Und viertens bist du ein braver Sohn der Herrnhuterei und
weißt mit hübschen Mädchen, wie ich aus Erfahrung weiß, doch nichts
anzufangen. Darum danke deinem Schöpfer, Sebalde Nothanker, daß du
durch mich davor bewahrt bleibst, an diesem höchst gefährlichen Felsen
zu scheitern. Prosit!«
Hans Sebalt machte gute Miene zum bösen Spiel und trank seinem Partner
zu, tatsächlich war ihm übel zumute.
Er brannte innerlich vor wilder Eifersucht gegen den humorigen Spötter
und war zugleich gewaltig ergrimmt über seine Dummheit.
Hatte er das schöne Mädchen nicht heute abend doppelt verloren?
Weinen hätte er mögen über dieses Mißgeschick, denn seit dieser Stunde
wußte er ganz genau, daß er die stolze Brünette liebte, liebte mit
aller Leidenschaft seiner erregten Sinne -- liebte bis zur Raserei!
Sollte er Niemeyer, der im Grunde ein guter Kerl war, nicht alles
ehrlich enthüllen? Sollte er nicht lieber klein beigeben und den Freund
bitten, nur diesmal zurückzustehen?
Nein -- betteln wollte er nicht -- dazu war er denn doch zu stolz.
Erobern wollte er sich das stolze Weib schon noch -- es koste, was es
wolle.
Wenn sie nur wieder herein käme! Dann war doch die Aussicht vorhanden,
daß er sie wenigstens durch Niemeyer noch kennen lernte.
Vielleicht grollte sie ihm nur, weil er sich nicht vorgestellt hatte --
vielleicht war sie zu besänftigen, vielleicht hatte sie es wirklich
nur darauf angelegt, ihm einen kleinen Denkzettel zu geben für seine
frühere Neugier -- vielleicht, vielleicht -- wenn sie nur käme!
Aber sie kam nicht wieder, und die köstliche Spur war wieder verloren,
anscheinend für immer.
Auch Niemeyer fand sie nicht im Adreßbuch. Wahrscheinlich hatte er den
Namen gar nicht richtig verstanden.
Der weise Brahmane wußte sich jedoch rasch zu trösten.
Achtes Kapitel
Die pädagogische Ohrfeige
Mit dem neuen Schuljahr, das nach den großen Ferien begann, hatten in
der Tramberger Anstalt allerlei Veränderungen stattgefunden.
Der behäbige und ein wenig schwerfällige »Papa Schnäbele« hatte in
den Ferien plötzlich den Mut gefunden, sich mit einer »arg luschtigen
Wüschtebergerin« zu verloben und machte nun ebenso plötzlich ernst mit
seinem alten Plan, auf die Mission zu gehen.
Die Kollegen und der »Chef« verloren den immer behaglichen und doch
zuverlässigen, überdies stets gefälligen Schwaben sehr ungern; nur Herr
Schlegelmeyer atmete erleichtert auf.
Besonders trauerte der Doppelkollege um seinen großmütigen
Zigarrenlieferanten, zu dem ihn ein gleichgeartetes Temperament
gezogen hatte, das wohl nicht ganz unabhängig war von der ähnlichen
Körperveranlagung.
Am meisten vermißte Kaspar den wackeren Schwaben; denn nun erst merkte
er deutlich, wie viel Mühe ihm die scheinbar so mühelose Autorität
Schnäbeles auf der 4. Stube erspart hatte.
Es waren eine ganze Anzahl neuer Knaben eingetreten, die besten wie
Ronald Hooper und zwei seiner Peers, Schaffhuser und der größte Teil
seiner Baseler Sippe rückten auf die 3. Stube vor, und ein neuer
Kollege trat ein.
Bruder Abraham war ein älterer Theologe, der mit seinem breiten,
blonden Vollbart sehr väterlich anmutete, fast noch mehr als der gute
»Papa Schnäbele«, aber er war es gar nicht. Im Gegenteil, Abraham war
ein leicht aufgeregter, schwieriger und empfindlicher Herr, der schon
an zwei anderen Anstalten sich nicht recht eingepaßt hatte.
Mit Rücksicht auf seine angegriffenen Nerven hatte sich die Behörde
schließlich bereit finden lassen, ihn nach dem gesunden Tramberg
zu berufen, obwohl der »Chef« wenig Lust zeigte, den als unbequem
verrufenen Lehrer einzustellen. Am liebsten hätte er Bruder Abraham
wenigstens ohne Aufsichtdienst gelassen, aber es ging durchaus nicht
an.
Es waren schon drei Supernumerare vorhanden: der Musiklehrer Herr
Vogel, der »als echter Piepmatz immer in den Wolken schwebte,« wie
Moritz ulkte; der Doppelkollege, der trotz des besten Willens ohne jede
Autorität blieb, und endlich der älteste Lehrer, Herr Hinzelmann,
der bereits Diakonus war, Pflegergehalt bezog und trotzdem noch oft
genug mit Aufsicht aushalf, da er bei allen Knaben, besonders bei den
Engländern, sehr beliebt war.
Also kam Bruder Abraham auf die 4. Stube, aber das Unglück kam mit ihm.
Schon am ersten Nachmittag hatte der neue Herr so viel zu monieren,
daß darüber das kleine Völkchen der Vierten ganz kopfscheu wurde. Die
ruhige Art des Honorable Sir Ronald Hooper war dem neuen Stubensenior,
einem Franzosen namens Henri Buriet, versagt. Vergeblich suchte er dem
Mann mit dem großen Teutonenbart mit vielen Worten und aufgeregten
Gesten klarzumachen, daß dies und das bei Herrn Schnäbele und Bruder
Krumbholtz immer so gewesen wäre und nicht anders.
Bruder Abraham erklärte mit Stentorstimme, das sei ihm ganz
gleichgültig. Er sei ein alter Lehrer und wisse allein, was sich
gehöre, und dies und das würde eben bei ihm so gemacht, und damit
basta!
Henri Buriet fügte sich schließlich, aber ein aristokratisches Baseler
Büble und ein kleiner, englischer Tory, die das goldene Zeitalter
Hooper-Schaffhuser nicht vergessen konnten, revoltierten mit passiver
Resistenz und wurden darob von Bruder Abraham, der sofort ein Exempel
statuieren wollte, schwer bestraft. Das half scheinbar für eine Stunde,
während die heimliche Mißstimmung wuchs.
Als der neue Herr einmal kurz hinausging, um seinen Hut für den
Spaziergang zu holen, entrollten Henri Buriet und die anderen Gallier
sofort das Banner der Revolution. Zwei Platzstrafen an einem Tage auf
ihrer Stube, wo sonst im ganzen Monat kaum zwei vorkamen, das sei
unerhört! Ob man nicht zum Direktor gehen solle?
Es ward schnell beschlossen und noch schneller ausgeführt, nur war der
»Chef« gerade nicht da.
Zum Bruder Lohmann wollte man nicht gehen, der war als ein sehr
gründlicher Herr bekannt und hielt es auch stets mit den Lehrern. So
ging man also zähneknirschend mit Bruder Abraham zum Fußballspiel.
Nach der Sitte seiner vorigen Anstalt bestimmte der neue Autokrat
kurzerhand selbst die Parteien, anstatt die Knaben wählen zu lassen.
Buriet und einige andere protestierten abermals lebhaft, es half ihnen
nichts; aber sie rächten sich beim Spiel.
Sobald die findigen Bürschlein heraus hatten, daß der neue Lehrer
schlecht spiele und kurzsichtig sei, tat man auf beiden Parteien ihm
einen Schabernack nach dem anderen an, bis die tückischen Pygmäen den
blondbärtigen Riesen glücklich zu Falle brachten, und nun lachten sie
ihn noch schallend aus.
Bruder Abraham ärgerte sich auch richtig darüber und verwies seinen
Untertanen mit entrüsteten Worten das ungezogene Gelächter. Als man
ihm daraufhin so sorgfältig aus dem Wege ging, daß er dreimal mühelos
gewinnen konnte, erklärte er die ganze Stube in »Stille« und ging
erbost mit seiner schweigenden Verschwörerbande im Walde spazieren.
Natürlich hatte Abraham keine Ahnung von den vielgewundenen Forstwegen,
und, den absichtlich falschen Auskünften Buriets trauend, verlief er
sich mit seiner Schar so gründlich, daß diese heimlich triumphierte.
Infolgedessen kam man zum Vesper um eine gute halbe Stunde zu spät,
so daß das aufwartende Schwabenmädle ganz gehörig schimpfte und Herr
Schlegelmeyer, der Reihenchef, mit Vergnügen seinen ersten Anlaß nahm,
dem neuen Kollegen großgünstig den Text zu lesen.
In der folgenden Arbeitzeit ging der Kleinkrieg zwischen Bruder Abraham
und seiner Stube lustig weiter.
Obwohl von den Brüdern Lohmann wie Krumbholtz eingehend über die
Besonderheiten der 4. Stube orientiert, setzte sich Bruder Abraham
dennoch über einige Gewohnheiten weg, verbot andere, -- kurz
und gut, Buriet zieh ihn schließlich des größten Vergehens, des
Majestätsverbrechens: nämlich gegen die geheiligten Hausregeln zu
verstoßen. Nun war der Verfassungskonflikt da.
Buriet drohte mit einer offiziellen Beschwerde und wagte, auf seinem
guten Rechte fußend, jetzt sogar, Bruder Lohmann als entscheidende
Instanz in Vorschlag zu bringen. Vergebens war jedoch alles, der neue
Selbstherrscher aller Vierten ließ sich nicht aus dem autokratischen
Konzept bringen, er verbot kurzerhand alles, auch den Weg zum »Chef«
oder zum Mitdirektor.
Da zischte Buriet, giftig wie eine getretene Viper, heraus: »+caporal
prussien!+« und erhielt erstens eine Ohrfeige und zweitens ebenfalls
die entehrende Platzstrafe. Heulend vor Wut gehorchte der gemaßregelte
Senior zwar, aber er schwur Rache.
Während des Abendessens holte er von der leeren Stube eine absichtlich
vergessene Serviette und schnitt heimlich das Rohrgeflecht des
Lehrerstuhles an.
Die Katastrophe trat auch ganz nach Wunsch ein. Bruder Abraham
hielt nach dem Essen eine ausführliche Ansprache, in der er nach 14
wohlgeordneten Punkten die 4. Stube einer gründlichen Reform an Haupt
und Gliedern unterziehen wollte.
Aber bei Punkt 7 -- als er sich gerade recht gebieterisch zurücklegte
-- brach das Rohrgeflecht knisternd durch, und ein jubelndes Hallo
begrub die stolze Reformrede.
Nun kam natürlich erst eine neue furchtbare Standpauke, dann eine
völlig ergebnislose Untersuchung; denn Buriet log, daß sich die Balken
bogen, und endlich erfolgte eine große Strafarbeitzeit, in der Bruder
Abraham diktierte, grimmig umherschreitend wie ein gereizter Tiger.
Um 8 Uhr hatten die Vierten ins Bett zu gehen; aber um 9 Uhr, als
schon die Ersten auf dem Schlafsaal erschienen, schrieben sie noch
unverdrossen, wenn auch meistens Unsinn, da die kleinen zum Teil neuen
Ausländer dem schwierigen und raschen Diktat weder mit dem Verstande
noch mit der Feder folgen konnten.
Da erschien wie ein zürnender Engel des Gerichts Herr Schlegelmeyer auf
dem Plan und erklärte lakonisch mit der Uhr in der Hand: die Vierten
hätten spätestens um einhalb neun Uhr auf dem Schlafsaal zu sein laut
Hausordnung.
Bruder Abraham erwiderte überlegen: das wisse er recht gut, es lägen
jedoch gerade heute besondere Verhältnisse vor, die auch eine besondere
Bestrafung nötig gemacht hätten.
Herr Schlegelmeyer sagte gelassen: »Strafen, die gegen die Hausordnung
verstoßen, darf es bei uns nicht geben. Ich bitte Schluß zu machen.«
Ärgerlich fuhr der neue Kollege los: »Das ist wohl meine Sache!« Aber
mit unnachahmlicher Würde entgegnete ihm der Hannoveraner: »Sie irren,
Herr Kollege. Die Wahrung der Hausordnung ist meine Sache, und ich
bitte nochmals ihr nachzukommen, oder ich muß mich sofort zum Herrn
Direktor bemühen.«
Nun lenkte Bruder Abraham ein. Mit Direktoren schien er schlechte
Erfahrungen gemacht zu haben, er war sich lieber selbst genug.
Mit Haltung erklärte er also knurrend: es wäre gut, er würde jetzt
schließen.
Mit einer stummen, aber tadellosen Verneigung, die jedem
Zeremonienmeister Ehre gemacht hätte, verabschiedete sich Schlegelmeyer
und schritt steif und langsam hinaus wie die personifizierte
Hausordnung selbst.
Es wurde jedoch beinahe zehn Uhr, bis Bruder Abraham mit seiner
renitenten Bubenschar auf dem Schlafsaal erscheinen konnte.
Denn während des Riesendiktats war von dem allzu eifrigen Pädagogen
allerlei menschlichen Bedürfnissen, die namentlich bei kleinen Kindern
eine wichtige Rolle spielen, nicht Rechnung getragen worden. Und
die jungen Revolutionäre benutzten auch diese günstige Gelegenheit
ausgiebig zu einer nunmehr recht aktiven Resistenz.
* * * * *
Mit Bruder Abraham hatten in der Folgezeit nicht nur Herr
Schlegelmeyer, sondern auch sein Spezialkollege Krumbholtz, der
Mitdirektor, Bruder Lohmann, und der »Chef« ihren weidlichen Ärger.
Die Vierten, die ihren neuen Herrn seit seiner mißglückten Programmrede
nur »Punkt Sieben« nannten, setzten ihren Kleinkrieg mit einigem Erfolg
und auch mit sichtlichem Vergnügen fort, im Geheimen unterstützt von
den anderen Stuben und vor allem von der französischen und englischen
Kolonie, die sich in diesem Falle sofort fanden wie Herodes und
Pilatus.
Schließlich wurde das ganze Haus ein bißchen rebellisch, besonders
die von jeher dazu neigende zweite Stube, auf der nach Herkommen alle
jene bedenklichen Elemente hausten, die, aus triftigen Gründen, der
Vertrauensvorrechte der ersten Stube, die stets vorbildlich wirken
sollte, nicht teilhaftig werden konnten.
Der Strafstand der zweiten und vierten Stube stieg zusehends, so daß
die Angelegenheit dem Direktor wichtig genug erschien, um auf einem der
halbmonatlichen Konferenzteeabende besprochen zu werden. Ehe es aber
dazu kam, passierte ein neuer Unglücksfall.
Seit einiger Zeit bestand eine gewisse Spannung zwischen dem in Schul-
und Aufsichtsachen nicht immer ganz korrekten »Chef« und dem überaus
vorschriftmäßigen Lehrer der ersten Stube, Herrn Kratt, der sich bei
aller Ruhe doch nur wenig bieten ließ.
Zweimal hatte der Direktor, auf irgendwelche Bitten besuchender
Verwandten hin, bestraften Knaben Urlaub erteilt, ohne -- wie es
üblich war -- sich vorher mit dem betreffenden Stubenlehrer, in diesem
Falle eben Herrn Kratt, ins Einvernehmen gesetzt zu haben. Jedesmal
entschuldigte sich der »Chef« nachträglich mit großer Eile, und Bruder
Lohmann, der sich mit Kratt besonders gut verstand, brachte die Sache
wieder ins Geleise.
Kratt erklärte jedoch kurz und bündig: noch einmal würde er sich eine
solche Schädigung seiner Autorität nicht gefallen lassen.
Und in der Tat, als Bruder Nitschke abermals über den Kopf Herrn
Kratts hin einem Knaben Urlaub bewilligte, kündigte Herr Kratt wegen
Verletzung seiner Standesehre, verzichtete kühl auf seinen Gehalt und
fuhr noch am selben Abend nach Hause, zum tiefsten Leidwesen Bruder
Lohmanns und der meisten Kollegen. Einige, wie Max und Moritz, waren
sogar so aufgebracht, daß sie ebenfalls kündigen wollten, freilich
+rite+ zum nächsten Quartal.
Bruder Lohmann, der gerade auf ein ruhiges Semester für seine
Rektorarbeiten gehofft hatte, geriet in die höchste Aufregung; denn
auch die Knaben wurden aufsässig, da der schneidige und doch stets
humorige Herr Kratt ungemein beliebt war. Vorerst sprang der brave
Hinzelmann wieder ein, nachdem Max und Moritz sich energisch geweigert
hatten, Kratts Stelle einzunehmen.
Dem nächsten Konferenzteeabend, auf dem die ganzen Aufsichtverhältnisse
neu geregelt werden sollten, sahen die Lehrer infolgedessen mit größter
Spannung, die beiden Direktoren mit einigem Bangen entgegen. Da auch
die Affäre Abraham behandelt werden mußte, wurde diesem taktvoll
die Schlafsaalwache übertragen, was freilich -- wie sich später
herausstellte, Anlaß zu einem solennen Schlafsaalulk gab, den nur die
Energie der Mutter Frutsch zu dämpfen vermochte. Daraufhin schlug der
ausgelassene Moritz später vor, sie zur Ehrenkollegin zu ernennen.
* * * * *
Unterdessen tagte die große Sitzung der Kollegenschaft im Zimmer
des »Chefs«, der an diesem Abend eine besonders gute Torte und
ganz ausgezeichnete Zigarren hingestellt hatte, was das grollende
Dioskurenpaar Max und Moritz von vornherein einigermaßen besänftigte.
Auch eine kluge, vornehme Rede des Direktors, der ruhig und offen
seine Ungeschicklichkeit im Falle Kratt zugab und sie sehr überzeugend
bedauerte, wirkte versöhnend.
Dann sprach L³ und beseitigte mit seiner milden, menschlichen
Auffassung der ganzen Vorkommnisse auch den letzten Groll, und so
konnte ruhig an die Beratung der Neubesetzung der Stuben herangetreten
werden.
Herr Schlegelmeyer beklagte sich zunächst bitter über den widerhaarigen
Bruder Abraham und bat, ihn womöglich aus seiner Reihe zu entfernen.
Bruder Lohmann meinte, es wäre jedenfalls angebracht, den neuen
Kollegen Abraham von der vierten Stube, wo er sich nahezu unmöglich
gemacht habe, fortzunehmen, und ihn am besten auf die dritte Stube,
die zurzeit leichteste und ruhigste, zu versetzen, etwa im Tausch mit
Bruder Behring. Dort wären ja die alten Triarier Schnäbeles mit Ronald
Hooper an der Spitze; die seien ungefährlich, wenn man ihnen nicht zu
viel dreinrede, und das werde er dem Kollegen nun mit aller Energie
nahelegen.
Als bei dem Worte »Energie« die bösen Buben anzüglich lächelten, da
sie dem gutmütigen L³ darin nicht allzuviel zutrauten, erklärte der
»Chef« plötzlich mit verblüffender Schärfe: »Nun, meine Herren, zur
Not bin ich auch noch da. Ich werde den schweren Schaden, den Bruder
Abraham auch hier anrichtet, sofort an die Behörde melden, wenn er
nicht einlenkt.«
Der boshafte Moritz schmunzelte abermals heimlich und dachte bei sich:
Ob der Direx den Fall Kratt wohl auch meldet?
Mitten aus diesen respektlosen Erwägungen riß Herrn Knortz jedoch
die äußerst verbindliche Anfrage des »Chefs«: ob er nicht die
gewiß verantwortungsreiche, aber auch ehrenvolle Stelle des ersten
Stubenlehrers einnehmen wolle, mit der überdies eine kleine
Gehaltzulage verbunden sein sollte.
Der böse Moritz, der jedoch ein sehr guter Rechner war, konnte nun
nicht nein sagen. Und damit war eine weitere Schwierigkeit beseitigt.
Alsbald kam die heikelste Frage zur Verhandlung, nämlich die der
Neubesetzung von 2 und 4, den beiden kritischen Stubengesellschaften.
Auf Nummer zwei ging von jeher kein Lehrer gern. Ehre war da nicht
zu holen. Auch Moritz, ein gewiß ruhiger und sicherlich energischer
Lehrer, hatte seine Mühe gehabt, zumal der Kollege Teuchert es an
konsequenter Unterstützung oft fehlen ließ. Der letztere schien selbst
das Gefühl zu haben, der Situation nicht ganz gewachsen zu sein,
vollends jetzt nach Abgang des von den Zweiten immerhin gefürchteten
Herrn Knortz, und so regte er schüchtern an, ob er nicht die 4. Stube
erhalten könne.
Ein freundliches Gelächter bedeutete ihm, daß man den Vorsichtigen
durchschaut habe, und so meinte er denn klug: er wolle schon bleiben,
wenn er nur wieder einen energischen Kollegen bekäme.
Da fragte der Chef Herrn Knortz abermals auffallend freundlich (er
schien doch wohl von dessen Kündigungsabsichten Wind bekommen zu
haben), wen er, als erster Sachverständiger, für den schwierigen Posten
seines Nachfolgers vorschlagen könne.
Mit größter Seelenruhe erwiderte Karl Knortz: seiner Meinung nach
könnten im Hause jetzt nur zwei Lehrer mit den Zweiten fertig werden,
und das wären Bruder Hinzelmann, der leider nicht mehr in Frage käme,
und Bruder Krumbholtz.
Kaspar lachte erschrocken auf, und ein leises: »Nee bitte« fuhr ihm
unwillkürlich heraus; dann fügte er lauter hinzu: »Ich wünschte sehr,
bei meinen Vierten bleiben zu dürfen. Es ist mir Ehrensache, nun nach
Bruder Abrahams Fortgang den alten soliden Status Schnäbele wieder
herzustellen. Ich denke mit Bruder Behring trefflich zu fahren.«
Dieser verneigte sich geschmeichelt, und alles lachte abermals.
Die Heiterkeit stieg noch, als weiterhin Herr Muffke wie Bruder
Behring die Übernahme der zweiten Stube mit Dank ablehnten, so daß L³
mit Humor Einspruch erhob und erklärte: »Na, so schlimm ist die Stube
doch auch nicht, daß wir sie hier ausbieten müssen wie sauer Bier!«
Der böse Moritz blies jedoch gewaltige Rauchwolken vor sich hin und
brummte grimmig: »Na, regiert will sie schon sein, die Rasselbande.«
Darauf erhob sich der »Chef« zu seiner ganzen Länge und fragte noch
einmal launig an: »Aber meine verehrten Herren, soll ich denn wie der
König im Taucher stöhnen: Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp? Lieber
Kollege Krumbholtz, Sie sind ja ein Mann, den schwere Aufgaben locken!
Sie sind -- was doch hier auch etwas, ja viel zu bedeuten hat --
zurzeit unser bester Turner und Fußballspieler! Also wollen Sie nicht
dem ehrenvollen Rufe unserer sachkundigen Stelle, des Herrn Knortz,
folgen und Nummer zwei übernehmen?«
Kaspar beugte sich ein wenig vor und sagte ruhig: »Wenn Not am Mann
ist, Herr Direktor, brauchen Sie mich nicht zu bitten. Ich gehe auf die
zweite Stube, bitte nur meinerseits für die erste Zeit um etwas längere
Zügel.«
»Hoho -- pardon,« fiel Moritz ein, »kürzere -- oder Kandare, wollen Sie
sagen.«
»Möglich -- später vielleicht -- doch, wer weiß?« erwiderte Kaspar
nachdenklich, wie ein Mann, der seinen Plan faßt, »erst will ichs
anders probieren.«
»Ich meine auch,« bestätigte L³ wohlwollend, »Bruder Krumbholtz
versucht es zuerst mal wie auf 4 mit Ruhe und Güte.«
»Ruhe und ob!« versetzte Moritz nochmals schroff, »aber Güte, nee!
Damit is bei die Jesellschaft nischt zu wollen. Lieber man feste eene
rinjepfeffert.«
Einige lachten, nur Herr Schlegelmeyer machte ein höchst indigniertes
Gesicht, ob über des neuen Stubenkollegen Sprache oder über seine
Erziehungsgrundsätze, war nicht zu ersehen.
Auch der »Chef« sagte, wesentlich kühler als vorher, zu dem allzu
temperamentvollen Mecklenburger: »Sie wissen, lieber Herr Kollege
Knortz, daß jedes Schlagen in unserem Hause strengstens zu vermeiden
ist. Erst jetzt habe ich wieder durch die Ohrfeige Bruder Abrahams die
allergrößten Unannehmlichkeiten gehabt. Um ein Haar hätte Monsieur
Buriet seinen Sohn deswegen fortgenommen. Also bitte, meine Herren,
vermeiden Sie alle doch dergleichen unpädagogische Gewaltmaßregeln.«
Mit der Übernahme der vierten Stube durch Bruder Behring und Herrn
Vogel, der plötzlich Lust und Mut zum Aufsichtdienst bekommen hatte,
endete die Konferenz zu allgemeiner Zufriedenheit.
Nur Herr Schlegelmeyer knurrte noch einige Tage, weil der »widerhaarige
Kollege Abraham« doch in seiner Reihe verblieben sei.
Der niederträchtige Moritz meinte gerade heraus: »Sein Sie doch
man lieber froh, Schlegelmeyer, daß Sie jemand zum Zwiebeln haben.
Schnäbele ist fort, und ohne ein bißchen gesunden Ärger ist Ihnen ja
doch nicht wohl.«
Schlegelmeyer schnitt daraufhin den Stubenkollegen für einige Tage, was
jedoch auf Karl Knortz nicht den geringsten Eindruck machte.
* * * * *
Mit großer Vorsicht ging Kaspar Krumbholtz daran, den allerdings
ziemlich unbotmäßigen Geist seiner neuen Stubengesellschaft zu bändigen
und zu wandeln.
Einige Knaben, so den recht tüchtigen englischen Senior Hopkins, den
verständigen Nordfranzosen Lagrange, die beiden treuherzigen Schweden
Olafsen und Astrupp, kannte er vom Geschichtsunterricht her als gute
Schüler und anständige Charaktere. An sie suchte er sich zu halten
und sich aus ihnen gleichsam die Kerntruppe für seine Heeresreform zu
bilden. Rasch gewann er sie auch, indem er ihrem Ehrgeiz neue Ziele
setzte.
Sodann studierte Kaspar Krumbholtz sehr eingehend das Strafbuch, das
allerdings beängstigend aussah, ja kaum noch vier oder fünf Knaben als
unbestraft erkennen ließ. Immerhin ergab sich, daß auf zwei Zöglinge
nahezu die Hälfte aller Strafen gekommen war.
Es waren Burton, ein durchtriebener Londoner Gamin, der aus sehr
guter Familie war und daher leider bei den Engländern etwas galt, und
Palmier, der im ganzen Hause längst berüchtigte und auch von seinen
Landsleuten gemiedene Sohn eines Genfer Weltreisenden und Millionärs,
der sich wohl niemals um seinen Sohn recht gekümmert hatte.
An diesen beiden Burschen schien allerdings Hopfen und Malz verloren zu
sein; aber gerade darum lockte es Kaspar ungemein, Einfluß auf sie zu
gewinnen. Zunächst gab er sich einmal fast jeden Tag, an dem er Dienst
hatte, mit ihnen persönlich ab.
Das schmeichelte dem Genfer, der bisher bei seinen Kameraden und
Lehrern so ziemlich für »unten durch« galt, und so gewährte er dem
neuen Lehrer, wie er sich prahlerisch einmal ausdrückte, »vorläufig
Schonzeit«. Bald hatte auch Bruder Krumbholtz ermittelt, daß Palmier
recht gut zeichnen konnte, und zwar durch eine nicht üble Karikatur auf
sich selbst, wie er als Mister Kobolz durch einen Fußtritt von Hopkins
zur zweiten Stube herausflog.
Kaspar sagte mit ruhiger Würde, wenn die Karikatur nicht ihn selbst,
sondern etwa einen seiner Kollegen betroffen hätte, so hätte er Palmier
strafen müssen; so könne er nur gestehen, daß sie ihm Spaß mache, so
daß er sie sich zum Andenken aufheben würde. Nur müsse er bemerken, daß
der Fuß von Hopkins völlig verzeichnet sei.
»Wieso?« fragte Palmier völlig verblüfft.
Bruder Krumbholtz skizzierte ihm sofort die richtige Haltung des Beins
und demonstrierte ihm an sich als Modell die beabsichtigte Haltung.
Palmier gab es schließlich zu und zeichnete einstweilen allerhand
andere Dinge, dann aber wieder eine Karikatur, diesmal von Bruder
Abraham, wie er bei Punkt sieben durch das Rohrgeflecht brach.
Kaspar Krumbholtz fand die neue Arbeit sehr viel besser als die
erste, steckte sie sich auch lächelnd ein, und verhängte zugleich mit
Seelenruhe die erste Platzstrafe über den Zeichner.
Alles lachte, und Palmier fühlte sich durchaus nicht so als Herr der
Situation, wie er es wohl erhofft hatte.
Nach ungewöhnlich kurzer Zeit hob Bruder Krumbholtz die Strafe auf und
fragte den Sträfling ruhig: Was er eigentlich daran für ein Vergnügen
fände, Bestrafungen zu erzwingen.
Kaltblütig antwortete Palmier: »Ich wollte nur sehen, ob Sie Wort
halten.«
»Das glaube ich dir nicht,« meinte Krumbholtz ebenso kühl, »sondern du
wolltest mich aus Laune mal wieder ärgern. Es ist dir nicht gelungen,
bist du nun befriedigt?«
»Es wird mir schon noch gelingen,« versetzte Palmier tückisch.
»Schwerlich,« gab Krumbholtz ruhig zurück, »denn sieh mal, wenn du
deine Streiche fortsetzt, dann strafe ich dich überhaupt nicht mehr,
lasse dich links liegen, bis du reif bist, um aus der Anstalt entfernt
zu werden.«
»Darauf werde ich es aber nicht ankommen lassen.«
»Schön, freut mich, Palmier. Wozu dann die viele Mühe? Willst du
deines Witzes Kräfte mit mir messen, bitte, so bin ich gern bereit,
und du weißt, daß ich Spaß verstehe. Willst du indes nur dein Mütchen
an mir kühlen, um vor den Kameraden wenigstens den letzten traurigen
Ruhm zu ernten, ein Hauptkerl in Bosheiten zu sein -- nun dann hast du
eben in mir auch den letzten Menschen im Hause verloren, der dir ganz
unbefangen ein starkes Interesse entgegenbringt.«
»Warum tun Sie das? Doch nur aus Ehrgeiz, um mich zu bändigen.«
»Durchaus nicht, sondern teils aus psychologischen, teils aus rein
menschlichen Gründen. Ich weiß, Palmier, daß du nur aus einer gewissen
Verzweiflung, aus einem ängstlichen Vereinsamungsgefühl heraus dein
Dasein mit dergleichen leeren, bisweilen schlechten Vergnügungen
erfüllst, um irgendwie Aufsehen zu erregen.«
»Woher wissen Sie das?«
»Ich kann es nicht mathematisch beweisen, aber ich lese es aus den
letzten Beweggründen der meisten deiner sogenannten Streiche, lese es
aus deinem ganzen fahrigen, unsteten Wesen, deinem unsicheren Blick und
allerlei anderen Anzeichen, die ich dir nicht unnötig verraten möchte,
da ich dich weiter aufmerksam zu beobachten gedenke.«
»Das wünsche ich nicht,« fuhr nun Palmier unruhig auf, »lassen Sie mich
in Ruhe.«
»Gern, mein Lieber, also schließen wir gegenseitig Frieden, und suchen
wir gute Kameraden zu werden. Ich glaube, wir könnten uns mit der Zeit
doch noch einiges austragen.«
»Was soll ich Ihnen austragen? Sie verabscheuen mich ebenso im geheimen
wie alle die anderen.«
»Das bildest du dir eben ein, Palmier. Ich halte dich allerdings hier
auf der zweiten Stube nicht gerade für ein bequemes Element; immerhin
-- ich halte dich zugleich für einen klugen, scharf beobachtenden und
künstlerisch begabten Burschen, der mir an anderer Stelle freilich
lieber wäre, das sage ich ganz offen. Aber, mein Lieber, wenn du
Lehrer wärst, würdest du dich wahrscheinlich auch nicht nur für die
sogenannten Goldjungen interessieren, sondern vielleicht ebenfalls
finden, daß die sogenannten Lausbuben meist sehr viel interessanter
sind; man muß sie nur nicht tragisch nehmen. Also, +mon cher+ --
wollen wir uns vertragen? Zunächst mal auf vierzehn Tage zur Probe!
Ists dir dann zu langweilig, kannst du mir den Waffenstillstand ja
kündigen.«
Palmier ergriff die dargebotene Hand, und nach und nach bildete sich
aus der bisherigen Gegnerschaft wirklich eine Art von Freundschaft
heraus.
Sie war nicht ohne gelegentliche Störungen und mutete oft seltsam
grotesk an -- zum Beispiel in den scharfgeschliffenen Disputen -- aber
sie hielt nicht nur für Tramberg, sondern schließlich fürs Leben.
Kaspar Krumbholtz wurde mit der Zeit das für Palmier, was dessen Vater
ihm -- wohl aus Bequemlichkeit -- nicht hatte sein wollen.
* * * * *
Auch dem anderen schwarzen Schaf, Burton, suchte der neue Lehrer der
zweiten Stube beizukommen; aber bei dem Engländer galt es völlig anders
vorzugehen.
Burton war weder eine Intelligenz, noch eine im Grunde überfeine und
nur durch falsche Behandlung arg verhärtete Natur wie der Genfer
Bankierssohn; nein, er war ein derber Großstadtlümmel mit einem
ungeschlachten Witz und großer Frechheit.
Sein Erstes war es, danach zu trachten, mit einigen Helfern »Mr.
Kobolz« beim Fußball über den Haufen zu rennen, aber das glückte
nicht. Im Gegenteil, Kaspar Krumbholtz, der sich ebenso rasch die zwei
getreuen Schweden zu Hilfe gerufen hatte, brachte Burton und seine
Spießgesellen zu Fall; ja, Burton bekam von Olafsen einen Tritt ans
Schienbein, an den er lange mit wenig Vergnügen dachte.
Nun schwor er Rache und tat alles, um womöglich die ganze englische
Kolonie gegen »Mr. Kobolz« aufzuhetzen. Er streute aus, Kobolz hasse
die Engländer noch mehr als Herr Muffke; er freunde sich mit Franzosen
und Genfern, sogar mit dem verrufenen Palmier an; ja, er bilde sich
eine geheime Schutztruppe aus den Schweden, mit denen der sportfrohe
Kaspar allerdings gern Schneeschuh lief.
Zunächst fiel Burton mit seinen Verleumdungen bei den vornehmeren
Engländern ab, indessen -- +semper aliquid haeret+!
Man beobachtete »Mr. Kobolz« nun daraufhin, und man fand, daß er sich
allerdings mit Lagrange, Olafsen, Astrupp und leider auch Palmier
besonders viel abgebe. Dazu kam ein viel schlimmeres Vergehen gegen die
britische Hegemonie und das heilige Nationalgefühl der Söhne Albions.
Im Geschichtsunterricht der obersten Klasse hatte Bruder Krumbholtz
die Freiheitskriege zu behandeln und schließlich auch die Schlacht bei
Belle Alliance. Schon daß er sie nicht nach Waterloo benannte, war
reichlich verdächtig. Als er dann noch von Wellingtons Fehlern, von
seinem Entschluß und Befehl zum Rückzug sprach und schließlich gar
nachwies, daß nur ein verschwindend kleiner Teil richtiger Engländer in
der Schlacht mitgefochten habe, und daß jedenfalls die Palme des Sieges
nicht in erster Linie Wellingtons bekannter Hartnäckigkeit, sondern
Gneisenaus Feldherrntalent und Blüchers Energie und Charaktergröße
gebühre, da beschloß das englische Sonntagnachmittags-Meeting
einstimmig, »Mr. Kobolz« zu schneiden.
Nun begann Burtons Weizen zu blühen. Er inszenierte sofort einen rohen
Streich, band während des Abendsegens heimlich die Schlafrockschnüre
von Palmier und Olafsen zusammen, so daß beim Gutenachtsagen der
vom forteilenden Palmier plötzlich nach hinten gerissene Schwede
hinstürzte.
Bruder Krumbholtz rief die ganze Gesellschaft zusammen und sagte:
Er wolle keine große Untersuchung anstellen, er wolle nur darauf
aufmerksam machen, daß es taktlos sei, gerade eine religiöse Andacht zu
dummen Gassenbubenstreichen zu benutzen.
Burton ärgerte sich; er hatte natürlich auf ein ausführliches
Gesamtverhör gerechnet und sich schon auf ein handfestes Ausreden mit
der beliebten jesuitischen Wortklauberei, einem Sport vieler englischer
Knaben, gefreut.
Am übernächsten Abend ward der plumpe Streich an zwei anderen
unschuldigen Opfern wiederholt.
Diesmal fragte Bruder Krumbholtz nach dem Täter, freilich vergeblich.
Kurzerhand erklärte er nun den Betreffenden für einen Feigling, der
ihn eigentlich nichts anginge, da er es mit vielleicht übermütigen,
aber nur ehrenhaften und mutigen Jungen zu tun haben wolle. Im übrigen
habe er sehr begründeten Verdacht, daß der Täter einer Nation angehöre,
die sonst gerade ungemein empfindlich sei, wenn man ihren religiösen
Bräuchen, zum Beispiel in der Sonntagheiligung, irgendwie zu nahe
trete.
»Ich bitte mir,« schloß Bruder Krumbholtz, »dieselbe Rücksicht aus für
unsere religiösen Gewohnheiten und mache kein Hehl daraus, daß ich
bei einer abermaligen Störung des Abendsegens dem taktlosen Burschen,
wenn ich ihn ermittle, das geben werde, was ihm gebührt, nämlich eine
Ohrfeige.«
Nun war allerdings der Stolz Old Englands tief verletzt. Eine Ohrfeige
auf den oberen Stuben auch nur anzudrohen, war etwas Unerhörtes, und
vollends für einen Englishman! Empörend!
Ein Stubenmeeting tagte sofort heimlich und beschloß folgendes:
Hopkins, der Senior, also ein nahezu Unverletzlicher, solle beim
nächsten Abendsegen des Mr. Kobolz brummen oder grunzen. Dann wolle man
doch sehen, ob er zuschlagen würde.
Hopkins weigerte sich lange, fügte sich aber schließlich aus
Nationalgefühl und spielte auch wirklich die ihm aufgedrungene Rolle am
übernächsten Abend.
Bruder Krumbholtz rief ihn vor und sagte sehr ernst: »Hopkins, du
bist sonst ein anständiger Kerl, du hast dich wahrscheinlich nur als
Opfer mißbrauchen lassen. Ich werde dich weder strafen noch züchtigen.
Aber ich fordere nochmals den feigen Gesellen, der dahinter steckt,
auf, sich zu melden. Ich bin sogar bereit, dem mutlosen Burschen die
angedrohte Strafe zu schenken, er kann sich, nur mit meiner Verachtung
beladen, davonschleichen.«
Keiner meldete sich, und ohne den Knaben Gute Nacht zu sagen, schickte
Bruder Krumbholtz seine Zweiten zu Bett.
Er war selber verstimmt und auch erregt, denn er merkte gar wohl: es
handle sich nunmehr um die Behauptung seiner Autorität.
Wieder tagte das Stubenmeeting, und Burton meinte stolz: Nun sähe man
doch klar und deutlich, daß der »Prahlhans Kobolz« Angst habe. Jetzt
könne man ihn endlich schmählich blamieren und vielleicht ganz los
werden, den unbequemen Tugendbeutel.
Hopkins war anderer Meinung und riet dringend von weiteren Schritten
ab, er mache jedenfalls nicht mehr mit. Man wurde diesmal nicht einig
und brachte, da gerade Samstag war, die ganze Angelegenheit vor das
große Sonntagnachmittagmeeting der gesamten englischen Kolonie.
Auch hier war man geteilter Meinung. Die Häupter der Ersten fanden es
höchst unpassend von Burton, den Abendsegen für seine Streiche gewählt
zu haben; anderseits konnte man die angedrohte Ohrfeige auch nicht auf
sich sitzen lassen; endlich mußte Rache für Waterloo genommen werden.
Und so ward Burton beauftragt, selber die Sache siegreich auszutragen.
Er würde vielleicht ausgeschlossen werden auf Nr. 13 -- mehr könne ihm
nicht passieren. Zuschlagen werde Mr. Kobolz doch nicht.
Burton fügte sich knirschend, so ganz gemütlich war ihm der Handel
nicht. Dieser Kobolz war ein merkwürdiger Kerl, und ganz zu verachten
waren seine Kräfte auch nicht. Auf der Stube war wohl keiner ihm
gewachsen, höchstens Hurlington, ein riesiger, etwas plumper Waliser
mit wahren Bärentatzen, der beste Gawlkeeper der Anstalt. Wegen seiner
Dummheit konnte er nicht auf die erste Stube kommen, denn er saß noch
in der untersten Klasse und erfreute sich keiner großen Achtung, galt
aber für einen guten Kerl.
An ihn machte sich nun Burton heran und brachte ihn schließlich dazu,
beim übernächsten Abendsegen den Kampf zu wagen. Schlüge Kobolz -- so
orientierte Burton seinen Ersatzmann -- so solle er nur ruhig wieder
schlagen, denn mit Kobolz würde er, der baumstarke Hurlington, schon
fertig.
Der Waliser fühlte sich sehr geschmeichelt und brummte richtig während
des Abendsegens wie ein Bär.
Ruhig las Kaspar Krumbholtz seinen kurzen Psalm zu Ende, und schon
triumphierten Burton und seine Kumpane. Dann aber trat Kaspar im Nu vor
den überraschten Hurlington und schlug ihn zu Boden. Unbeholfen, nicht
unähnlich dem Tier, das er nachgeahmt hatte, erhob sich der Waliser vom
Boden und hielt die Fäuste geballt, wie zum Boxkampf entschlossen, vor
sich. Scharf und ebenso entschlossen sah ihm Kaspar Krumbholtz in die
Augen.
Zwei Sekunden standen sich beide unter atemraubender Spannung
gegenüber, dann neigte sich der Sohn der Waliser Berge achtungsvoll vor
seinem Erzieher und sagte kurz: »Oh, Mister Kromboltz, Sie haben Mut,
+I beg your pardon+.«
Dann schlich die zweite Stube die Treppe hinauf zum Schlafsaal und
legte sich mäuschenstill schlafen, während Kaspar Krumbholtz zu Bruder
Lohmann ging und ihm von der notwendig gewordenen Ohrfeige Meldung
erstattete, wie es die Hausordnung vorschrieb.
L³ lächelte, gratulierte dem mutigen Kollegen und sagte: »Bravo, diese
Ausnahme lasse ich gelten, ich denke, jetzt sind Sie dicke durch auf
2. Wie ich die Engländer kenne, ist die Sache nun erledigt. Ich will
daher den lieben Chef nicht erst unnötig durch Weitergabe der Meldung
aufregen. Er versteht dergleichen nicht richtig.«
Für die Engländer war die Sache freilich noch nicht ganz erledigt.
Auf dem nächsten Sonntagmeeting wurde Burton öffentlich für einen
Feigling erklärt und ließ sich daraufhin baldigst von seinem Vormund
abmelden.
Kaspar Krumbholtz hatte von nun an keine größeren Schwierigkeiten mehr
auf seiner 2. Stube -- dank der pädagogischen Ohrfeige.
Neuntes Kapitel
Abschiedsbriefe
Über Jahr und Tag war Kaspar Krumbholtz nun schon in der Tramberger
Anstalt, aber noch immer war er sich darüber nicht klar, ob er Lehrer
im Dienste der Brüder-Unität bleiben wolle oder nicht.
Erzieher war er nachgerade mit ehrlicher Begeisterung, aber als Lehrer
fühlte er sich nicht so ganz am richtigen Platze.
Die Tramberger Anstalt war in erster Linie Ausländer- und
Privatinstitut und nahm als solches in bezug auf staatliche Anerkennung
wie auf Lehrplan eine Ausnahmestellung ein. Erziehen konnte man dort
vorzüglich lernen, denn das Erziehungsmaterial war interessant und oft
schwierig. Aber ein angehender Berufslehrer, der an die Sicherstellung
seiner Zukunft zu denken hatte, kam in Tramberg nicht ganz auf seine
Kosten.
Das empfand Kaspar nach und nach immer deutlicher. Mit der Theologie
hatte er abgeschlossen, mit seiner unfertigen Vorbildung konnte
er wohl im schwäbischen Tramberg, nicht aber an den brüderischen
Hauptschulen, die unter preußischer Staatskontrolle standen, Dienste
tun.
Er sprach die Angelegenheit mit dem einsichtigen Bruder Lohmann
gründlich durch und schrieb dann auf dessen Rat an die Unitätbehörde.
Bruder Bauding schrieb umgehend zurück: die Sache wolle ausführlich
erörtert sein; augenblicklich nähme jedoch die Vorbereitung der Synode
seine Zeit völlig in Anspruch, auch stünden die großen Ferien vor der
Tür. Vielleicht ließe es sich ermöglichen, daß Kaspar dann persönlich
nach Herrnhut käme. Bis dahin solle er sich ernstlich prüfen, ob er
dauernd der Gemeine dienen wolle oder nicht; er wisse ja nunmehr, was
zu diesem Entschluß nötig sei.
Kaspar schüttelte ärgerlich den Kopf, denn das wußte er eben nicht, und
in wenigen Wochen würde er das ebensowenig wissen.
Er zeigte den Brief L³, und dieser meinte lächelnd: »Keine Angst,
lieber Kollege; Bauding ist kein Balzar, aber vor der Synode sind die
Herren da oben etwas vorsichtig. Die Lehr- und Bekenntnisfrage steht
wieder mal auf der Tagesordnung, und gegen uns jüngere Theologen ist
man nachgerade ziemlich aufgebracht in den Laienkreisen.«
»Ach was -- Theologie hin, Theologie her,« entgegnete Kaspar rasch,
»für mich ist das Entscheidende: Wollen die Unitäter mich glauben
lassen, was ich glauben ~muß~, oder verlangen sie von mir, daß
ich glauben soll, was sie glauben. Dann sind wir sofort geschiedene
Leute. Ich stehe freilich schon jetzt nicht mehr auf dem Standpunkt,
auf dem ich vor etwa zwei Jahren in Gotteshaag stand, und bin mir einer
leisen Fortentwickelung froh bewußt. Ich bin ruhiger geworden durch
befriedigende Arbeit und eine fast unmerkliche Spur von Gottes geheimem
Walten in meinem Leben. Ich will auch gern weiter warten und lauschen,
was er mich hier und da hören läßt. Aber den Vätern etwa vorlügen,
ich hätte ein gemeinmäßiges, persönliches Christentum pietistischer
Observanz -- dazu bin ich nicht der Mann, weder heute, noch in vierzehn
Tagen, noch in zehn Jahren.«
»Nur nicht so hitzig, junger Freund,« begütigte der Mitdirektor,
»wie ich die Leute kenne, wird dich keiner +verbotenus+ auf die
Augustana festlegen oder dergleichen Exerzitien üben. Aber für viel
schwieriger halte ich, die andere Frage zu beantworten betreffs deiner
Verwendbarkeit. Du müßtest entweder nach Gotteshaag zurück --«
»Niemals --«
»Oder sie müssen dir ein neues Stipendium bewilligen.«
»Danke, das will ich auch nicht mehr -- nur keine Fesseln mehr!«
»Dann mußt du eben den Mittelschullehrer bauen wie ich -- Gott seis
geklagt -- den Rektor.«
Kaspar lachte, denn der umfängliche L³ stöhnte bei diesen Worten
schwer auf.
Darauf fragte er, um von dem Bruder Lohmann vielleicht peinlichen
Gesprächsthema abzulenken: »Und wie wirds mit dem Dienen?«
»Zeit wirds!« antwortete L³ prompt, »das würde ich auf alle
Fälle schleunigst erledigen. Und dazu würde ich die übliche
Unterstützungssumme unbedenklich annehmen, vollends als Missionskind
und Waise.«
»Meinst du?« erwiderte Kaspar nachdenklich, »wenn es sich irgendwie
vermeiden läßt, vermeide ich weiter, abhängig zu werden.«
»Wird sich wohl nicht anders machen lassen, Lieber,« erklärte der
Mitdirektor ruhig, »na -- und wenn alle Stricke reißen --«
»Melde dich auf die Mission, wolltest du wohl sagen,« unterbrach ihn
Kaspar. »Nee, mein Lieber, auf diese +ultima ratio+ so vieler
ratloser Gemeinexistenzen verzichte ich. Ich will mir meinen Weg
schon bahnen, so oder so! Königseinjähriger oder zwei Jahre dienen,
meinetwegen -- ich halts aus. Dann vielleicht als Lehrer ins Ausland
und nachher mit eigenen Mitteln ein neues Studium beginnen! So sehe
ich den Weg, wenn ich der Unität nicht positiv genug bin. Und damit
+addio, caro mio+!«
Rasch ging Kaspar davon, und bewundernd, fast neidisch sah der gute L³
dem jungen Kollegen nach.
»Ja, ja --« brummte er lächelnd, »der hätte seinen Rektor wohl
schneller gebaut als ich alter Esel, +docendo discimus+.«
Tags darauf fuhr Kaspar Krumbholtz nach Stuttgart zur Untersuchung
durch einen Stabsarzt. Er wurde ohne weiteres für tauglich zum
Militärdienst befunden und teilte seine feste Absicht, demnächst die
Anstalt zu verlassen, dem davon wenig erbauten »Chef« mit.
Lehrerwechsel ist keinem Schuldirektor angenehm, dem Chef der
Tramberger Anstalt kostete jedoch ein solcher Vorgang stets viele
schlaflose Nächte; denn nur wenige Lehrer paßten in die komplizierten
Verhältnisse seines Instituts.
* * * * *
Zufälle spielen oft eine seltsame Rolle im Leben.
Kaum hatte Kaspar Krumbholtz seinem alten Jugendfreunde Hans Sebalt
mitgeteilt, er würde wahrscheinlich in Leipzig sein Jahr abdienen,
als der Postbote ihm einen Brief aus Magdeburg brachte, in dem ihm
Irmgard von Zweydorff mitteilte, sie habe es in Bremen nicht aushalten
können, habe auch in Hannover und Magdeburg nur vorübergehend Stellung
finden können und wolle es nun in Leipzig versuchen. Sie habe immer
darauf gewartet, ihrem Retter etwas Gutes melden zu können, aber bei
aller Energie war das bisher nicht erreichbar. Auch die geliehene Summe
zurückzuzahlen wäre ihr noch nicht möglich gewesen.
Anfangs wußte Kaspar gar nicht, wer diese Dame war. Endlich fiel ihm
das arme, schöne Londoner Magdalenchen ein -- ihren Namen hatte er
damals nicht ganz verstanden. Adlig war sie also auch noch, die Ärmste;
da drückt des Lebens Not doppelt schwer, wenn man von Privilegierten
abstammt und den Gedanken an verschwundene Herrlichkeit nicht zu bannen
vermag.
Kaspar hätte Irmgard von Zweydorff gern einige gute Worte geschrieben
und gemeldet: das mit dem Gelde -- das wäre ja erledigt; aber eine
Adresse war nicht angegeben. Wer weiß, vielleicht besser so!
Kaspar würde sicherlich sobald nicht in der Lage sein, ihr weiterhelfen
zu können, und dann -- ja dann -- sein Herz war einmal bei Ursemi,
ob mit Recht oder Unrecht war gleichgültig; ändern ließ sich an der
unumstößlichen Tatsache darum nicht das geringste.
An Reda dachte Kaspar fast täglich ein paarmal; namentlich in den
letzten Tagen, in denen es nach einem Briefe Frau Winklers mit ihrem
Gatten gar nicht gut ging.
Mehrfach bat Kaspar um weitere Nachricht über den lieben Kranken, aber
vergebens.
Da mußte es doch wohl besser gehen, sonst hätte man seinen Sorgen gewiß
Rechnung getragen, wenigstens Ursemi hätte es getan.
Unterdessen ging das kurze Sommerhalbjahr zu Ende, die Ferien kamen.
Diesmal sollte eigentlich auch Kaspar die große Reise mitmachen, aber
er bat zurücktreten zu dürfen, da er nach Herrnhut wolle, teils um
sich auf der Synode noch einmal selbst über den jetzigen Geist der
Brüdergemeine zu orientieren, teils um Rücksprache mit der Unität zu
nehmen.
Da kam plötzlich ein Telegramm: Vater Schlaganfall, bitte komme sofort.
Ursula Maria.
* * * * *
Mit schwerem Herzen ordnete Kaspar rasch seine wenigen Sachen,
telegraphierte zurück und reiste noch am selben Nachmittage ab.
Die Verbindung nach Schlesien war umständlich. Erst am übernächsten
Abend kam Kaspar in Reda an.
Am Bahnhof stand Philipp, der Kutscher, mit wankenden Knien. Unter
krampfartigem Schluchzen brachte er mühsam heraus: »Unsa gutta Harr is
ok nimmär!« Dann fuhr er schweigend und langsam den leise weinenden
Kaspar zur Winklerschen Villa.
Berthold empfing den »Herrn Kandidaten« mit Fassung und teilte ihm
auf seinem Zimmer das Schreckliche in guter Haltung und genauen
Einzelheiten mit. Abends zuvor hatte ein neuer Schlaganfall das Ende
plötzlich herbeigeführt, die Damen wären dabei gewesen und seien sehr
mitgenommen, aber sie würden den Herrn Kandidaten noch heute abend
empfangen.
Kaum war Berthold zur Tür hinaus, da stürzte Ursemi herein, umarmte
fassungslos ihren Jugendfreund und weinte still an seiner Schulter, und
Kaspar ließ ebenfalls seinen Tränen freien Lauf.
Trösten konnte er so wenig wie ein anderer Mensch, nur mitfühlen -- das
ist alles, was einer vom anderen erhoffen darf.
Und so weinten die beiden Freunde sich ruhig miteinander aus; dann ward
ihnen leichter, und nach und nach fanden sie auch Worte, stammelnd --
abgerissen, aber voll unendlichen Schmerzes und reiner Liebe.
Zusammen gingen sie nachher zu Ursemis Mutter, die weit gefaßter war
als die Tochter und in allerlei Sorgen für das Begräbnis, für die zu
erwartenden Leidtragenden, für die Fabrik undsoweiter sichtlich eine
Art von Trost oder wenigstens von Schmerzablenkung gefunden hatte.
Noch für den selben Abend ward der beste Freund des Dahingeschiedenen,
der Geheimrat Volpelius, der auch Testamentvollstrecker war, erwartet.
Kaspar erbot sich, ihn abzuholen. Ursemi wollte es sich jedoch nicht
nehmen lassen, ihren nunmehrigen Hauptberater selbst am Bahnhof zu
empfangen, und so fuhren die beiden hinaus.
Während man durch den herrlichen, mondscheinschummrigen Park fuhr,
erzählte Ursemi von den letzten Tagen und Stunden des Vaters.
Immer wieder habe er von Kaspar gesprochen, noch zuletzt auf seine
Ankunft gehofft, und eines der letzten Worte an sie wäre gewesen:
»Brauchst du nen Alten, Kind, geh zu Volpelius; brauchst du nen Jungen,
rufe Kaspar! Das sind die treusten, auf die kannst du immer bauen.«
Leise drückte Kaspar Ursemi die Hand, als wollte er ihr danken anstelle
des Mannes, dem er nicht mehr danken konnte.
Dann sagte er fest: »Das soll er nicht umsonst gesagt haben. Wo ich
auch bin, Ursemi -- ich komme, wenn du mich rufst, und will dir
treulich zur Seite stehn wie ein guter Bruder.«
Kaspar wußte, was er sagte, und es durchschauerte ihn leise bei diesem
ehrlich gemeinten, völligen Verzicht auf jedes Begehren; aber er
glaubte nur so das Vertrauen jenes Toten sich verdienen zu können, des
Mannes, der an ihm allzeit gehandelt hatte wie der beste und treuste
Vater.
* * * * *
Das Begräbnis mit seinen vielen drückenden Äußerlichkeiten, mit den
üblichen quälenden, verletzenden Unwahrheiten und seinen hergebrachten
Roheiten gegen die Hinterbliebenen war vorüber.
Zahllose Leidtragende waren erschienen, darunter auch die beiden Grafen
Brosyn, die beiden Brettwitze und von Darichs die ganze Familie.
Hans Sebalt war ebenfalls eingetroffen. Er war Mama Winkler ein rechter
Trost und bei den vielen Anordnungen, die ein so gewaltiges Begräbnis
verlangte, in der Tat eine brauchbare Hilfe.
Was Hans der Mutter, war die treue Dente der Tochter. Die tapfere,
tatfreudige Vorsteherin half der gebrochenen Ursemi rasch wieder ins
Leben hinein.
Die Leiche war vorläufig in der verlassenen Herrschaftsgruft der
Dorfkirche beigesetzt worden, später sollte laut Testament ein
schlichtes Grabhaus inmitten der schönsten Parkbäume für die
Winklersche Familie gebaut werden. Es war dem Verblichenen ein lieber
Gedanke, in seinem Walde der Auferstehung entgegen zu schlummern.
Am Tage nach der Beisetzung fand man den alten Toni verendet mit
blutiggekratzten Pfoten vor der Kirchtür, neben ihm laut heulend die
unglückliche Cleo, die zwei Tote beklagte, sich aber schließlich
trösten ließ und noch etliche Jahre ihr Dasein fristete.
Einige Tage nach der feierlichen Testamenteröffnung bat Geheimrat
Volpelius Kaspar und Hans zu sich und teilte ihnen mit, daß der
Verewigte ihnen eine Summe von 10000 Talern in 4 prozentigen Papieren
vermacht habe und außerdem ihre Stipendienverpflichtungen gegenüber
der Unität von ihm als Testamentvollstrecker abzulösen seien. Außerdem
läge je ein Brief an die Herren beim Testament, den er ihnen hiermit
aushändige. Nach mündlichen Verabredungen mit ihm sei es der Wunsch
des Toten gewesen, die Herren sollten ihr kleines Kapital nicht
vor der Zeit anreißen, sondern zusehen, daß sie, wie im Falle des
Stipendiums, mit 100 Mark im Monat auskämen und so einstweilen ihre
Studien beendeten. Er wäre gern bereit, die Verwaltung des Kapitals
ihnen zu besorgen. Für später, nach Vollendung des Studiums, hätte
Herr Winkler gewünscht, daß die Herren eine größere Bildungsreise
unternähmen, dazu würde ihnen seinerzeit die von ihm und sechs
Kuratoren nunmehr zu organisierende Winklerstiftung, der die Fabriken
und ihr Ertrag testamentarisch überwiesen seien, etwaige besondere
Mittel gern gewähren. Alles Nähere über diese Stiftung, die hoffentlich
dereinst auch ihre Dienste in Anspruch nehmen dürfe, würde ihnen nach
Absolvierung ihrer Studien mitgeteilt werden.
Mit Staunen und tiefer Bewegung hatten Kaspar und Hans den Ausführungen
des ehrwürdigen Volpelius zugehört, dann ergriffen sie dankerfüllt
seine Hand und gelobten, das Vermächtnis des geliebten väterlichen
Freundes nach seinen Wünschen zu gebrauchen und baten den alten Herrn
sofort, ihnen nur monatlich die 100 Mark Zinsen zugehen zu lassen. Dann
schritten die Freunde in den sonnenhellen Park hinaus.
Kaspar fand keine Worte vor Bewegung und Trauer. Hätte er dem lieben,
herrlichen Manne doch noch einmal in die grauen, treuen Augen blicken
können.
Was hatte er ihm zu danken -- alles -- alles, was lieb und licht in
seinem Leben gewesen war und sein würde. Was wäre ohne ihn aus dem
schwerblütigen, verbitterten Zögling von Gnadenzell geworden? Kaspar
wagte es nicht auszudenken und schritt allein dem Walde zu.
Hinauf, hinauf in die Berge mußte er jetzt -- in den blauen Wald des
lieben Dahingegangenen, der so viel in seinem fruchtbringenden Leben
geschaffen und nun auch noch dafür gesorgt hatte, daß seine Schöpfungen
weiterschufen.
Das war ein Wirken, war ein Dasein, das sich lohnte, das segenspendend
war und blieb, vielleicht für Generationen hinaus.
* * * * *
Hans Sebalt hatte sich rasch von Kaspar getrennt und neugierig nach dem
Briefe gegriffen, den er vorhin sorglich in die Brusttasche gesteckt
hatte. Im Gehen durchflog er ihn.
Plötzlich stand er still, und sein Gesicht verfinsterte sich.
Was stand da? Herr Winkler traue ihm leider nicht recht zu, daß er, auf
eigene Füße gestellt, sein Kapital auch erhalten könne. Was, er, der
sparsame Hans Sebalt? Darum bitte er ihn noch einmal dringend, nie ein
Papier zu verkaufen, ohne vorher Herrn Volpelius darum zu fragen. Das
Geld festzulegen, wäre vielleicht klüger, aber nicht erzieherischer
gewesen. Jeder solle für sich selber im Leben stehen, nur die Hilfe
anderer nicht ganz verschmähen, am wenigsten den Rat erfahrener
Freunde.
Hans Sebalt lächelte ein wenig überlegen. Er würde die Befürchtungen
des redlichen Toten schon glänzend widerlegen. Gerade jetzt, in voller
Freiheit, würde er der Welt zeigen, was er leisten und wie er sich
selbst regieren könne.
Aber keinem wollte er es sagen, daß er ein Krösus geworden. Auch die
Familie durfte es nicht erfahren, höchstens die Eltern. Vor allem --
die Unitäter müßten schweigen, ha -- die würden Augen machen, er ein
freier Mann -- nun hatte Bethel freilich das Nachsehen -- jetzt stand
ihm die Welt offen, ihm, dem Besitzer von 30000 Mark.
Beinahe hätte Hans Sebalt Hurra gerufen, aber noch zu rechter Zeit fiel
ihm ein, daß da drüben ein Trauerhaus stand, und daß man ihn hätte
hören können.
So ging er leise trällernd ins Dorf hinab und grüßte die ihn grüßenden
Arbeiter und Häuslerkinder gönnerhaft verbindlich wieder -- ganz wie es
sich für einen Mann von zehntausend Talern gebührte.
* * * * *
Währenddessen schritt Kaspar langsam bergan und dachte über seine
Zukunft nach. An seinem Vorhaben mit Herrnhut sollte das Vermächtnis
nicht das geringste ändern. Ja, wenn die Brüdergemeine ihn wollte, wie
er nun einmal war und dachte -- dann sollte sie ihn jetzt erst recht
haben.
Jetzt, als ein wahrhaft Freier, jetzt konnte er ihr mit seinen Diensten
etwas von dem zurückzahlen, was er doch schließlich der Gemeine,
wenigstens ihren besten Vertretern, wie einem Hansen, Bartel und
Bauding, schuldete. Hatte man ihn nicht treu und redlich erzogen, ihn
nicht leidlich gut, jedenfalls gerecht behandelt und sich seiner stets,
wenn auch nicht immer warm, aber vornehm, angenommen, ihn nie etwas
unbedingt Notwendiges entbehren lassen, höchstens ein wenig Liebe?
Nein, jetzt wollte Kaspar auch zeigen, daß er sich nicht lumpen ließe,
wenn anders man ihn brauchen konnte.
Und 100 Mark monatlich! Du lieber Gott, er und 100 Mark! Davon konnte
er gewiß noch sparen, auch in einer großen, teuren Stadt wie etwa
Leipzig. Vielleicht konnte er nun dem armen Magdalenchen ein wenig
helfen -- er wollte doch nach ihr forschen.
Herrlich, daß er jetzt einmal auch andern etwas schenken konnte. O
wie süß war doch das Geben, wie bitter das ewige Nehmen! Er wußte es
zur Genüge, und er wollte nun ein fröhlicher Geber werden, den Gott
liebhaben sollte, wie er ihn.
»Ja -- Gott -- Ewiger -- Gütiger, der Du irgendwo über mir waltest!
Liebe -- unendliche, die Du Dich meiner angenommen und mich so tief
beschämt hast! Gott, großer Gewaltiger, laß Dir mein wirres Stammeln,
mein dankbar überquellendes Herz gefallen, führe mich weiter,
Unergründlicher über den Welten! Laß auch mich Frucht bringen im Leben
wie er -- Dein Diener. Laß mirs gelingen -- ich vertraue Dir blind --
und will Dein unwürdiger Knecht bleiben -- solange ich atme. Amen!«
Das war das erste Gebet, das Kaspar Krumbholtz von den Lippen flutete,
seit jener furchtbaren Kampfesnacht auf dem »Berge« zu Gotteshaag.
In lang nachzitternder Bewegung schritt der junge Lehrer immer
weiter und weiter, bis er endlich mit leisem Schauer in den blauen
Lieblingswald des toten Freundes trat.
Andächtig setzte er sich auf die Bank, auf der Herr Winkler so oft
und gern gesessen und hinabgeschaut hatte auf seiner Väter Werk, die
Fabriken, und auf seiner Hände Werk, den Park.
Die Sonne neigte sich mählich da draußen in der weiten, städte- und
dörferreichen Ebene zu Tal; ihre schrägen Strahlen spielten noch
liebevoll mit einigen hohen Fabrikschloten und dem höchsten Hause von
Reda, der Winklerschen Villa.
Nun lag der Mann, der so oft hier neben ihm gesessen und stets wie ein
liebreicher Vater zu ihm gesprochen hatte -- starr und kalt da unten
in der dumpfen Gruft. Aber nur sein Leib war dahin, sein Geist lebte
und waltete weiter und unsichtbar über dem Dorfe, über der Fabrik, über
Park und Wald, auch über ihm.
Kaspar glaubte es zu fühlen, und unwillkürlich griff er jetzt
erschrocken nach der Seitentasche, in die er vorhin wie geistesabwesend
den kostbaren Brief hatte gleiten lassen.
Gott sei Dank, er war noch da, und mit stiller Wehmut entfaltete ihn
Kaspar und las unter heißen Tränen die vertrauten gleichmäßigen Züge
der von ihm so heiß verehrten Hand:
Mein lieber Junge!
Du weißt nicht, welche Herzensfreude Du mir allzeit warst, und wie ich
an Dir gehangen habe. Das sollst Du ganz erst erfahren, wenn ich nicht
mehr bin. Ich habe mir zeitlebens heiß einen Sohn gewünscht, er war
mir versagt. Da sandte Gott Dich mir zur Zeit meines tiefsten Wehs,
Dich, den Sohn meines liebsten Lehrers. Ich durfte für Dich sorgen
wie ein rechter Vater, und Du hast mirs mit treuer Liebe vergolten,
Dank Dir, mein Junge! Nun halte die Treue auch weiter meinem Kinde,
es komme, was wolle. Ich habe in Deinem Leben nie Vorsehung spielen
wollen, das tut nie gut, und ich bitte Dich: handle ebenso an meiner
Ursemi. Aber bleibe ihr der ruhige, zurückhaltende Freund, der ich
Dir sein wollte. Freilich -- nun habe ich doch ein wenig in Dein Leben
eingegriffen durch mein Vermächtnis. Verzeih es mir, lieber Junge,
aber ich mußte Dir die Sicherheit zu Deiner ruhigen Entwickelung
aufzwingen um Deiner selbst willen und um meines Kindes wie meiner
Stiftung willen, die für die Zukunft vielleicht beide einen freien,
wissenschaftlich durchgebildeten und welterfahrenen Freund brauchen.
Deiner Entscheidung betreffs des Unitätdienstes vorgreifen zu wollen
liegt mir fern. Tu wie bisher, was Du vor Deinem Gewissen verantworten
kannst und wozu es Dich innerlich treibt. Das, mein lieber Junge, ist
die Hauptsache im Leben, dann bleibt man sich selbst getreu. Und nun
küsse ich Dich noch einmal im Geiste mit väterlicher Liebe und bitte
Dich, bleib wie bisher aufrecht und redlich gegen Dich und andere,
dann wird in Ruh und Ehren schlafen
Dein lieber Vater
Wilhelm Winkler.
Nur mit äußerster Mühe hatte Kaspar zu Ende lesen können, denn die
Buchstaben tanzten gleichsam vor seinen von Tränen überströmenden
Augen.
Dann brach er, in namenlosem Schmerz zuckend, zusammen -- und die Sonne
sank.
Zehntes Kapitel
Die Synode
Kaspar Krumbholtz war gerade zur rechten Zeit nach Herrnhut gekommen.
Die liebliche lausitzische Landstadt prangte nicht nur im üppigsten
Blütenschmuck ihrer altmodisch anmutigen Gärten und ihrer seit
über hundert Jahren steifgestutzten Lindenalleen, sondern auch als
Brüdermetropole erstrahlte die alte Stadt Christian Davids, des
tapferen mährischen Ansiedlers, im Glanze großer Tage und wichtiger
Beratungen.
Im stattlichen, doch stimmungsvoll intimen Chorsaal des alten
Witwenhauses tagte die Provinzialsynode der Deutschen Brüder-Unität,
und in hartem, heißem Strauß stießen diesmal die Geister aufeinander;
denn es handelte sich um die Lehrfrage, die seit Jahren die Gemüter von
jung und alt in fast allen Gemeinen bewegte und tief beunruhigte.
Im Mittelpunkt der aufregenden Verhandlungen standen: ein drohender
Antrag der Gemeine Altenworth und ihres Gemeinhelfers Lengwitz auf
Aufhebung des theologischen Seminars zu Gotteshaag; ein anderer kaum
minder gewichtiger Antrag von 27 hochangesehenen Brüdern, Theologen wie
Laien, auf ein Mißtrauensvotum gegen die Dozenten; und schließlich lag
ein dritter vermittelnder Vorschlag vor: die brüderischen Studenten
von nun an wenigstens für 3 oder 4 Semester an eine Landesuniversität,
womöglich zu positiven Theologieprofessoren, zu senden.
Schnell hatte sich Kaspar, der im Brüderhaus Unterkunft gefunden hatte,
orientiert und ging mit einigen Betheler Bekannten möglichst frühzeitig
zum Sitzungssaal, denn der Andrang war gewaltig. Einen Sitzplatz zu
finden hielt schon jetzt schwer.
Dicht gedrängt saß bereits um die Stühle der Synodalen eine vor
Spannung ungeduldig wispernde Menge; namentlich viele ältere Schwestern
mit allerlei Handarbeiten und einem Überdrang landläufiger Weisheit.
Allgemein erwartete man für heute die Entscheidung, und es war gar
nicht unmöglich, daß der Guillotinenantrag Lengwitz auf das Seminar
herabsausen würde.
Die Stimmung gegen das Seminar und seine Lehrer war jedenfalls
mächtig erregt, zumal einer dieser Brüder kurz zuvor eine Broschüre
veröffentlicht hatte, die völlig auf dem Boden der philologisch
historischen Bibelkritik stand und nicht nur Gemeinmitglieder, sondern
auch sehr viele Freunde der Herrnhuter verwirrt und verletzt hatte.
Kaspar wußte von alledem nicht viel. Er hatte in letzter Zeit andere
Dinge im Kopf; immerhin fühlte er instinktiv, daß auch über sein
inneres Verhältnis zur Gemeine, über die Möglichkeit seines Verbleibens
im Unitätdienst heute eine Entscheidung herannahte.
Es drängte ihn auch danach, da er endlich klar wissen wollte, woran er
mit seiner Zukunft sei.
Und doch bebte der Herrnhuter in ihm.
* * * * *
Die Synodalen erschienen, meist schweigend und ernst, voran der
ehrwürdige Vorsitzende, Bischof Kröger.
Mit dem üblichen kurzen Gottesdienst begann die Sitzung, und nicht
ohne Ergriffenheit nahmen viele von der nachdenksamen Losung des Tages
Notiz, die Paulus den Korinthern schrieb: »Ich wollte, ihr möchtet
ein wenig Torheit von mir ertragen, doch ertraget mich auch, denn ich
eifere um euch mit Gottes Eifer.«
Einige der Schwestern stießen sich heimlich an und zischelten sich
leise zu: da sei doch deutlich Gottes Finger zu spüren. Aber die einen
betonten die Torheit, die anderen das Ertragen und wieder andere das
Eifern.
Es folgte die Verlesung zweier brüderlicher Schreiben aus der
englischen und amerikanischen Provinz, beide des Wunsches voll -- man
möge mit Vorsicht und brüderlicher Liebe zu Rate gehen -- und mit der
Versicherung treulichster Fürbitte vor Gott.
Zur Eröffnung der Verhandlungen wurden die drei schon gedruckten
Anträge nochmals vom Schriftführer, Bruder Röder, verlesen und die
Brüder gebeten, sich der Liebe zu befleißigen auch bei etwaiger
tiefgehender Verschiedenheit der Anschauungen. Darauf erhielt der
Gemeinhelfer der Altenworther das Wort.
»Liebe Brüder,« begann Bruder Lengwitz mit sichtlicher Befangenheit,
»ich bin mir der historischen Bedeutung dieses für unser Kirchlein
vielleicht entscheidenden Augenblicks ebenso bewußt, wie meiner
Verantwortung. Die allgemeinen Gesichtspunkte für diesen ganzen, uns
so tief erschütternden Lehrstreit haben wir in zahllosen Debatten
längst gewonnen und allerseits zur Genüge vertreten. Heute gilt es, die
verschiedenen Ergebnisse gegeneinander abzuwägen und zu handeln! Die
Kluft, die zwischen dem Gros unserer Gemeingeschwister und den Brüdern
aus den letzten Jahrgängen unseres theologischen Seminars klafft, ist
nicht von heute. Schon auf den beiden vorhergehenden Synoden hat sie
uns schwere Sorgen gemacht und uns eingehend beschäftigt. Wir haben,
namentlich solange Bruder Hansens Autorität uns eine gewisse Gewähr
bot, zu besonderen Schritten gegen das Seminar uns nicht entschließen
können, sondern uns der leider trügerischen Hoffnung hingegeben,
die Entwickelung des Seminars werde von selber in positivere Bahnen
einlenken. Statt dessen ist es schlimmer geworden, viel schlimmer
sogar, als es auch die Pessimisten unter uns befürchtet haben. Von
einem dozierenden Bruder, der mit Titel und Amtsbezeichnung, also
mit voller Verantwortung zeichnete, ist eine Schrift veröffentlicht
worden, die auch dem unverbesserlichsten Optimisten die Augen darüber
öffnen muß, wohin wir eigentlich treiben: nämlich auf die Ausschaltung
der Grundbegriffe unserer Heilslehre durch unsere jungen Diener am
Wort. Man zweifelt nicht nur an diesem oder jenem im Worte Gottes, wie
früher, ja wohl zu allen Zeiten einzelne Lehrer, sondern man schaltet
keck die Hauptsachen aus. Man leugnet die Zuverlässigkeit ganzer
Evangelien und Apostelbriefe, man bezweifelt die Gottessohnschaft
Christi, seine Auferstehung und Himmelfahrt und rüttelt damit an den
Grundfesten unseres Glaubens. Wir wollen keine Ketzerrichter sein,
Geliebte im Herrn, und wollen auch diesen Forschern ihre Redlichkeit
gern zubilligen; aber wir wollen uns ebenso ehrlich fragen: Hat es für
unsere kleine Kirche noch Zweck, ein solches Institut zu unterhalten,
dessen Dozenten und Zöglinge für die heiligsten Überzeugungen der
Gesamtgemeine kein Verständnis mehr haben, vielmehr in schroffsten
Gegensatz zu ihrem Glauben treten, ihren Mitgliedern im besten Falle
mit gewundenen Erklärungen, oft genug gar mit unverhüllten Zweifeln die
frohe Gewißheit ihrer Heilswahrheiten und damit den inneren Frieden,
ja die beste Hoffnung im Leben wie im Sterben rauben? Auf Grund langer
gründlicher Selbstprüfung, auf Grund eingehender Rücksprache mit meiner
Gemeine, mit vielen andern Geschwistern, Laien wie Klerikern, antworte
ich fest und ruhig: Nein! Reißen wir das Glied, das uns ärgert, aus,
ehe denn der ganze Leib verderbe, setzen wir nicht aus brüderlicher
Langmut und Schwachheit gegen diese wenigen, sicherlich ehrlich
ringenden, aber irrenden Brüder die Zukunft von Tausenden, die Zukunft
unserer Gesamtgemeine aufs Spiel! Wir sind langmütig und nachsichtig
genug gewesen, wir haben mehrfach gebeten und gewarnt. Nun ~gilt es
zu handeln~, ehe es zu spät ist, und darum bitte ich die Brüder, für
die ~Aufhebung des Seminars~ in Gotteshaag zu stimmen und bis auf
weiteres unsere jungen Theologen auf die Universitäten zu schicken zu
möglichst positiv gerichteten Professoren.«
Die meisten Synodalen saßen unbeweglich da. Einige schüttelten die
Köpfe. Nur in der Menge der zuhörenden Geschwister, zumal auf der
Schwesterseite, merkte man vielfach, freilich vornehm verhaltene
Zustimmung.
Dann erteilte Bruder Kröger dem derzeitigen Direktor des Seminars,
Bruder Krageneck, das Wort.
Bleich vor innerer Erregung, aber völlig beherrscht in Form und
Gebärde, sprach der hagere, von der schweren Last unendlicher Arbeit
und unaufhörlicher Sorgen schier erdrückte Mann: »Liebe Brüder, wenn
es euer Wille ist, unser Seminar aufzuheben, dann würde ich -- ihr
werdet es mir ohne besondere Versicherung glauben -- nicht gerade der
leidende Teil sein. Aber ich stehe auf meinem Posten, solange es die
Pflicht gebietet. Nur ist es eine unsagbare Qual, in solcher Zeit,
unter solchen Umständen, ein so verantwortungsvolles Werk zu leiten,
wenn das Vertrauen fehlt! Das kann nicht so weitergehen. Und darum rede
ich nicht gegen den Antrag Lengwitz, denn lieber ein Ende mit Schrecken
als ein Schrecken ohne Ende. Auch zu dem Antrag 2 werde ich nicht
mehr sprechen, nur nach seiner eventuellen Annahme handeln, das heißt
sofort zurücktreten. Dafür wende ich mich nun um so schärfer gegen den
3. Antrag, der darauf hinausläuft, die Studienzeit in Gotteshaag zu
verkürzen zugunsten einiger Universitätsemester unserer studierenden
Brüder. Liebe Freunde, sollen wir etwas Ganzes und leidlich Rundes
in Gotteshaag erzielen, brauchen wir mindestens die bisherige Zeit.
Schickt unsere Seminaristen später auf die Universität, aber nicht
zwischenhinein. Im übrigen werden die positiven Professoren wenig
helfen. Das ist eine Laienansicht. Der Student, der ohne ernstliche
Nachprüfung auf die +verba magistri+ schwört, ist nicht der
rechte. Ein jeder muß sich selbst mit den Dingen auseinandersetzen.
Und dazu die Hörer anzuregen -- danach strebt jeder gewissenhafte
Lehrer, und das sind wir -- hoffe ich -- alle, auch der Bruder, den
man um seiner Schrift, die ich nicht für glücklich, aber auch nicht
für unwissenschaftlich halte, angegriffen und versetzt hat. Wir sind
Männer der Wissenschaft, so gut wie jeder auswärtige Dozent, das
heißt wir geben, was wir auf Grunde redlichster Forschung zurzeit
für das Wahrscheinlichste halten müssen. Auch wir stehen, wie jeder
Erdgeborene, im Bann der historischen Entwickelung. Wir sind irrende
Menschen, so gut wie ihr; aber wir ringen auch nach der Wahrheit,
rücksichtslos, wie es unsere Pflicht ist. Denn eine Wissenschaft
mit einem von vornherein festgelegten Endzweck -- und wäre es der
erhabenste -- wäre keine Wissenschaft. Und ich meine, wir haben nach
bestem Vermögen Wissenschaft zu treiben, Forschungsmethode, aber
~nicht einen Glauben zu lehren~! Den muß sich jeder selbst
erkämpfen, für den hat auch jeder selbst einzustehen, und keiner
hat ihm dreinzureden. Die innersten Überzeugungen und Anschauungen
wechseln jedoch bei jedem lebendigen Menschen mit den Phasen seiner
Entwickelung, genau so wie die Anschauungen der Generationen eines
Volkes. Nicht jeder, der als junger Student zweifelt, wird beim Zweifel
verbleiben, oder gar zum bequemen Skeptiker werden. Im Gegenteil, wer
beizeiten kämpfen gelernt hat, wird weiterringen, solang er atmet,
und wird auch ~erringen~. Und nur dazu wie zum unablässigen und
furchtlosen Prüfen haben wir unsere studierenden Brüder zu erziehen.
Könnt ihr, liebe Brüder, solche suchende Diener am Wort nicht mehr
vertragen und fordert statt dessen zuverlässige, genau geaichte
Dogmatisten -- dann ist es allerdings an der Zeit, euch zu fragen, ob
es sich lohnt, für eine innerlich schon erstarrende Gemeine noch weiter
innerlich lebendige Führer heranzubilden.«
Die Wogen der Erregung gingen hoch im Kreise der Synodalen wie der
zuhörenden Geschwister, die schier atemlos den scharfbetonten Worten
des Redners gelauscht hatten.
Außer Kaspar Krumbholtz war jedoch kaum einer im ganzen Saale, dem
der eindringliche Warner voll aus der Seele gesprochen hatte; aber
wohl jeder fühlte nach dieser leidenschaftlosen und gerade darum
leidenschafterregenden Rede den ganzen furchtbaren Ernst der Lage.
Nach einigen bangen Minuten des Zischelns und Tuschelns erhob sich ein
graubärtiger Laienbruder, namens Wechler, seines Zeichens Kaufmann, und
sprach mit einer von verhaltener Rührung zitternden Stimme:
»Geliebte im Herrn! Es zerreißt mir das Herz, wenn ich solche Worte
hören muß wie die letzten von Bruder Krageneck. Sind wir denn darum
als erstarrt oder wenigstens als nach und nach erstarrende Christen
zu bezeichnen, weil wir um unsere Glaubenszuversicht bangen und für
die unserer Kinder fürchten? Ich bin ein alter Mann, und weiß, daß in
meiner Jugend kein solches Suchen in der Schrift unter uns war, wie
jetzt, seit wir fürchten, daß man uns verwirren will. Vielleicht sind
wir lebendiger als damals. Ich bin ferner ein ungelehrter Mann, wie es
eben über 99 Prozent unserer Gemeine sind; aber ich empfinde es als
eine furchtbare Gefahr für unsere Kirche, wenn Männer, die Christi
Gottheit und Auferstehung öffentlich leugnen, unsere jungen Prediger
lehren und auf ihr Amt vorbereiten. Ich frage mit Beben: Sind unsere
Theologen um Gottes und unsertwillen da, oder Gott, Christus und wir,
seine Gemeine, um ihretwillen! Alle Achtung vor der Wissenschaft,
aber ich lasse mir auch von ihr und ihren besten Vertretern nicht
wegdisputieren oder meinetwegen beweisen, daß Christus nicht für mich
gelitten hat und auferstanden ist. Nein, darauf will ich leben und
sterben und hoffentlich auch meine Kinder. Man kann ein grundgelehrter
Mann und doch nicht geschickt zum Reiche Gottes sein. Ich hege gewiß
auch Achtung vor den jungen ringenden Gottesstreitern und ihren
pflichtgetreuen Lehrern; aber sie mögen in die Stille gehen, wenns
ihnen zweiflerisch zumute ist. Doch an der Spitze unserer Gemeinen,
unserer Schulen und Behörden wollen wir Leute sehen, die mit uns eins
sind im felsenfesten Glauben, nicht gerade an jedes Wort der Schrift
-- das hat schon ein Luther und Zinzendorf nicht verlangt -- aber an
die Hauptsachen, den persönlichen Gott, seinen eingebornen Sohn und
seinen uns allein erlösenden Opfertod und seine Auferstehung. Ich bitte
daher die Brüder, den ~Geist des Seminars zu erneuern~, vielleicht
einige positivere Lehrer zu suchen, zum mindesten aber den studierenden
Brüdern Gelegenheit zu geben, anderwärts Professoren zu hören, die
weniger radikal sind als einige Gotteshaager Dozenten. Sollte es an den
nötigen Mitteln dafür fehlen, so sind meine Freunde und ich bereit,
dazu größere Summen nicht nur im Etat zu bewilligen, sondern auch
persönlich zu spenden.«
Unsicher tastend setzte sich der alte Mann.
Hätte er um sich geschaut, hätte er viel warme Anerkennung in den
Mienen seiner Zuhörer lesen können; Beifall zu äußern war nicht Brauch
an dieser gottgeweihten Stätte und vollends nicht bei so ernsten
Beratungen.
Nun stand der gefürchtete Unitätdirektor Balzar auf, von ihm erwartete
man das entscheidende Wort, und mit äußerster Spannung hingen aller
Augen an seinen Lippen, als er sprach:
»Liebe Brüder! Was mein lieber Vorredner im Namen Tausender gesagt
hat, war mir und den Brüdern der Behörde, in deren Namen ich rede, aus
der Seele gesprochen! Eine weitgehende Beunruhigung der Gemüter ist
nicht zu leugnen. Wo die Schuld liegt, ist im einzelnen hier nicht zu
untersuchen, es ist an anderer Stelle geschehen. Nur so viel sei offen
bekannt: Es sind Fehler begangen worden, schwere Fehler sogar, von
seiten der Dozenten und ihrer Schüler, wie von seiten der vorgesetzten
Behörde, insonderheit auch von mir. Ich hätte früher und energischer
ein- und durchgreifen sollen. Aber so sehr ich bereit bin, für meine
Unterlassungssünden zu büßen, so wenig glaube ich, daß damit zurzeit
etwas gebessert wird. Ich glaube ferner nicht, daß es schon an der
Zeit ist, das Kind mit dem Bade auszuschütten, und das Seminar, das
uns über ein Jahrhundert zum Segen war, kurzerhand aufzuheben. Noch
sind nicht alle Mittel erschöpft, es zu bessern, und wenn mich die
Synode an der verantwortungsvollen Stelle belassen will, an die sie
mich vor 10 Jahren gesetzt hat, dann will ichs in aller Schwachheit
noch einmal versuchen, ~den Geist des Seminars zu reformieren~,
vorausgesetzt, daß man mir das Wort unserer heutigen Losung vom Eifer
Gottes zubilligt wie Paulus. Ich habe schon jetzt den Bruder, der mir
menschlich und verwandtschaftlich so nahe und leider im Glauben so
fern steht, an eine andere Stelle gesetzt. Und ich werde weiter dafür
sorgen, daß geeignetere, das heißt ihrer gewaltigen Verantwortung für
ihre Schüler sich klarer bewußte Lehrer in das theologische Seminar
eintreten. Umgraben wir also den lieben, alten Baum noch einmal,
begießen und pflegen wir ihn noch einige Jahre mit Gebet und Flehen,
und warten wir vorerst in Geduld, ob er nicht doch noch bessere Früchte
trägt als bisher. Wir wollen gern dafür Sorge tragen, daß einige der
fähigeren Studenten und Kandidaten auswärtige Universitäten besuchen,
und danken Bruder Wechler und seinen Freunden aufs herzlichste, wenn
sie durch persönliche Geldopfer den knappen Mitteln unseres Etats
nachhelfen wollen. Gott lohne ihnen ihre hilfsbereite Bruderliebe. Und
so bitte ich noch einmal um Zutrauen zu uns, der Behörde, und somit um
Ablehnung aller dreier Anträge, die ja mehr oder weniger den Bestand
des Seminars in Frage stellen.«
Der Redner hatte durch eine ihm sonst nicht eigene Milde seine
Zuhörer sichtlich überrascht und schon damit halb gewonnen; indessen
manchem behagte weder die Halbheit der Entscheidung noch die stark
autokratische Form der weiteren Regelung.
Das sprach sofort aus den wenigen Worten, die der Fabrikdirektor
Leifert, wieder ein sehr angesehener Laienbruder, sprach:
»Gegen Bruder Balzars Vorschlag habe ich zweierlei Bedenken: erstens
fürchte ich, daß er, wie die Dinge liegen, zurzeit nicht drei Brüder
finden wird, die nach seiner und unserer Meinung positiv und zugleich
wissenschaftlich bedeutend genug sein dürften, um würdig an der Stelle
solcher Gelehrten zu stehen, wie es Hansen war, wie es Krageneck und
sein eigener Schwager sind. Die Dozenten sind doch nicht für uns da,
sondern für die Studenten und müssen vor allem diesen imponieren
können, und dazu gehört heutzutage -- auch in der theologischen
Wissenschaft -- nicht wenig. Zweitens muß ich ganz offen gestehen, daß
ich glaube, Bruder Balzar überschätzt seinen gewiß wohltätigen Einfluß
auf das Seminar denn doch ein wenig. Ich, als langjähriger Vorgesetzter
von so vielen Beamten und Arbeitern, weiß zur Not auch, wie weit
persönlicher Einfluß geht. Es ist nicht bedeutend. Darum nein! ~Kein
Fortwursteln~, man verzeihe den harten, aber klaren Ausdruck. Ich
bitte die Synode, die ja über der Behörde steht, sie wolle beschließen:
~das Seminar einstweilen zu suspendieren~ und unsere Studenten
zunächst mal ruhig, am besten gleich mit einem oder zwei jungen
Dozenten, nach Halle oder Greifswald zu schicken. Das heißt reiner
Tisch gemacht, und wir sehen in wenigen Jahren, ob die Schuld an unserm
Seminar und seinen Leitern, oder was doch auch sehr wohl möglich ist,
am Zug unserer Zeit lag.«
Eine lange Pause folgte den energisch hervorgestoßenen Worten des
Fabrikdirektors, und fast schien es, als sollte zur Abstimmung
geschritten werden.
Da erhob sich die ragende Gestalt des ehemaligen Unitätdirektors
Kämpfer, der sich seit dem ihn schwer betrübenden Austritt seiner
beiden Söhne und dem Tode seiner Brüder ganz ins Privatleben
zurückgezogen hatte, nur auf das Drängen seiner alten Gemeine
Herrenfeld, die noch immer an ihm hing, die Wahl zur Synode schließlich
angenommen hatte.
Früher einer der bekanntesten und schlagfertigsten Synodenredner, der
glänzende Führer der Konservativen, hatte der rüstige Greis mit dem
schönen wallenden Patriarchenbart auf der jetzigen Synode noch nicht
ein Wort geredet.
Um so größer war darum das Erstaunen, das selbst bei diesem würdigen
Publikum nun nicht mehr ganz geräuschlos war.
Mit leiser Stimme begann Ehrentraut Kämpfer, fast zag und unsicher,
doch nach und nach kam die alte Wucht über ihn, als er merkte, daß man
ihm rings mit wahrhaft totenstiller Andacht lauschte:
»Liebe Brüder und Schwestern! Ich habe eigentlich nur zu der Synode zu
reden. Ich weiß das, aber ich muß -- ehe ich für immer schweige -- doch
noch einmal zu der ~ganzen~ lieben Gemeine reden, zu der ich vor
fünf Jahrzehnten unter schweren Opfern gekommen bin und der mein Herz
gehört und gehören wird bis zu seinem letzten Schlag, auch wenn ich es
erleben müßte, was Gott der Herr verhüte, daß es mit ihr zu Ende geht.
An der Schwierigkeit des Dienernachwuchses ist die alte Brüderkirche
zugrunde gegangen trotz Comenius! An derselben Schwierigkeit scheint
-- es besteht die Gefahr jedenfalls -- auch die erneuerte Brüderkirche
scheitern zu sollen, trotz eines Hansen und anderer hervorragender
Persönlichkeiten. Woran liegt das? Das ist die ernste schwere Frage,
die wir uns einmal vorlegen wollen, ehe wir an die zweite der etwaigen
Aufhebung des Seminars entscheidend herantreten.
Meine lieben Geschwister! Ich bin noch einer der wenigen Alten, die
von draußen hereinkamen, bin vielleicht darum nicht so gemeinmäßig
vorsichtig, aber auch nicht ganz so befangen in traditionellen
Anschauungen. Weil ich das, was ich mir schwer errungen habe, schätze,
brauche ich es nicht zu überschätzen; denn ich weiß noch sehr wohl,
wie es ist, wenn man es ~nicht~ hat. Und so muß ich sagen:
~Wenn die Brüdergemeine nicht bleiben kann, was sie war~, das
heißt ein kleines aber selbständiges und besonders lebendiges Organ
im großen Organismus der evangelischen Kirche, dann ~möchte ich
lieber, daß sie nicht mehr sei, als daß sie ein Scheinwesen führe~.
Eine orthodoxe Theologie ist wahrlich nichts Besonderes, so wenig wie
heutzutage eine liberale. Aber meine Lieben, ~eine kleine, eng und
brüderlich miteinander verbundene Gemeinschaft mit ihren ehrwürdigen
Kultuseigenheiten und ihren bewährten Erziehungsweisen, fest gegründet
auf ihre besonderen sozialen Fundamente, die durch ihre historische
Entwickelung nach und nach bedingt wurden, vor allem verankert in dem
Felsengrunde eines durch und durch persönlich-religiösen Lebens gerade
ohne starke Betonung des Dogmas und des einzelnen Bekenntnisses --
das ist etwas Großes, etwas Seltenes~! Und das -- meine Lieben --
war die Brüdergemeine zu der Zeit, als ich sie suchte, das blieb sie
noch Jahrzehnte hindurch, nachdem ich sie gefunden. Ich will gewiß
nicht die alte gute Zeit loben, wie das ja alte Leute gern tun, um
sich ein wenig herauszustreichen oder den üblichen Pessimismus des
Alters zu bemänteln. Im Gegenteil, ich will hier wie Bruder Wechler
ohne Scheu bekennen: der Durchschnitt war früher weit weniger religiös
interessiert als jetzt, denn Kampf zeitigt Interesse und schafft
neues Leben. Aber Träger des neuen Lebens ist allzeit die Jugend, und
sie stellt darum auch naturgemäß in erster Linie Kämpfer. Auch der
Brüdergemeine wurden solche Streiter zuteil und damit die Möglichkeit
zur Verjüngung. Was aber tut sie oder will sie jetzt wenigstens tun?
Sie will sie hinausjagen vor ihre Tore, sie will Ruhe und Frieden haben
wie ein altes, kinderscheues Ehepaar, das gemächlich seine Pension
verzehrt und mit dem Leben eigentlich abgeschlossen hat.
Liebe Geschwister! Es ist eine bitter ernste Stunde, in der wir hier
stehen. Die Brüdergemeine hat in den letzten Jahren Stück für Stück von
ihrem besten, zum Teil schon unentbehrlichen Inventar veräußert; sie
lebt längst schon von ihrem Kapital und nicht mehr wie ein geordneter
Pensionär von ihren Zinsen. Sie will jetzt ihr Bestes von sich stoßen,
ihre paar Kinder, und warum? Weil sie ihr auf die Nerven gehn oder
weil sie mit ihnen nicht fertig wird. Viel Kinder hat unsere alternde
Gemeine nicht mehr. Seht die leeren Brüderhäuser und dagegen die mit
Fremden überfüllten Schulen aller Art, von der Fortbildungsschule bis
zur Missionsschule. Da bedarf es zum mindesten reicher, bedeutender
Lehrkräfte -- und daran gebricht es schon allerorten. Und die noch da
sind, dünken euch nicht gut -- warum? Weil sie ~vollblütige Kinder
ihrer Zeit~ sind und nichts anderes. Das ist ihr ganzes Verbrechen.
Liebste Geschwister! Denkt doch an das Wort des Herrn: An ihren
Früchten sollt ihr sie erkennen -- und nun Hand aufs Herz! Ist auch
nur einer von denen, die euch so bedenklich in der Lehre erscheinen,
schlechter als ihr in eurer Jugend wart? Sind diese Zweifler und
Grübler nicht tapfere, überzeugungstreue Helden, gehalten gegen die
meisten von euch bequemen Gewohnheitchristen? Glüht in dieser so viel
bekritelten Jugend nicht ein religiöses Feuer, mit dem unser bißchen
Leuchten von vor fünfzig Jahren gar nicht zu vergleichen ist? Warum
nicht -- weil damals weder Sturm noch Regen niederging, weil seine
Überzeugung zu behaupten damals gar kein besonderes Kunststück war.
Meine heißgeliebten Geschwister! Ich komme zum Schluß. In unseres
Vaters Hause sind viele Wohnungen. Sorgt ihr dafür, daß ihr in
sie eingehen könnt, aber wundert euch auch nicht, wenn sie euch
dereinst verschlossen bleiben trotz aller Rechtgläubigkeit, weil
ihr unbrüderlich wart gegen eure Brüder, weil ihr die Pflichten der
Eltern vergessen habt gegenüber den besten Kindern, die Gott euch gab,
Kindern, in denen der Geist einer neuen Zeit rücksichtlos zum Lichte
ringt. Fürchtet ihr euch, weil ihr bequem oder gar feige geworden
seid und nicht mitkämpfen wollt in diesen Zeiten religiösen Kampfes?
Ich hoffe -- noch wißt ihr, was es heißt: kämpfe den guten Kampf des
Glaubens! Sonst laßt es euch sagen, tagtäglich aufs neue sagen von
diesen jungen Streitern, die fast darüber zugrunde gehen und doch nicht
verzweifeln! ~Solche Persönlichkeiten, solche Charaktere sind uns
not, notwendiger als alles Eifern um die Lehre!~ Wollt ihrs nicht
hören von ihnen, gut -- dann schließt nicht nur das Seminar, dann löst
auch die Brüdergemeine auf und tretet zurück in die Landeskirche. Dann
ist eure Zeit erfüllt! Aber den neuen Geist in alte Schläuche füllen,
das dürft ihr nicht, das gibt ein Unglück. Wenn die Jungen nach ihrer
ehrlichen Überzeugung links gehen ~müssen~, werdet ihr sie nicht
nach rechts hinüberzwingen können, keiner vermag es, auch der starke
Bruder Balzar nicht, zu dem ich -- so leid es mir tut -- weniger
Vertrauen habe als zu den Seminarlehrern. Und darum bitte ich euch
inständig, liebe Synodalen: lehnt jede innere wie äußere Beeinflussung
des Seminars rundweg ab, sondern überlaßt die jungen Theologen ruhig
ihrem Gewissen, die Entwickelung unserer Gemeine Gott und das Urteil
der Geschichte.«
Langsam setzte sich Ehrentraut Kämpfer, beugte sein Haupt und schloß es
in beide Hände wie zum stillen Gebet.
Lautloses Schweigen füllte den weiten Raum, keiner wagte zu zischeln
oder sich nach anderen umzudrehen; nur hier und da schien es, als ob
ein Schluchzen niedergekämpft werden müsse.
Kaspar Krumbholtz wäre am liebsten aufgesprungen und hätte dem alten
herrlichen Manne die Hände geküßt vor unnennbarem Dankesgefühl.
Nie seit Bruder Hansens Tode hatte ein Mann der Brüdergemeine ihm
so das Herz genommen, ihm so aus der Seele gesprochen wie dieser
ehrwürdige Patriarch.
Mit diesem Manne wollte auch er stehen oder fallen. Stimmte man seinem
Wunsche nicht rückhaltlos zu, dann war auch sein eignes Schicksal
entschieden. Dann ging auch er den Weg, den die Söhne Kämpfers gegangen
waren, hinaus aus der Brüdergemeine, die ihren höchsten und vornehmsten
Zweck, ein Sauerteigtropfen der evangelischen Kirche zu sein, nicht
mehr erfüllen wollte oder konnte.
Und so erwartete keiner gespannter den Ausgang der nunmehr folgenden
Abstimmung als Kaspar Krumbholtz.
Der Antrag Lengwitz wurde mit großer, die beiden anderen Anträge mit
knapper Majorität abgelehnt.
Dann sprang aber Bruder Balzar hastig auf und erklärte knapp und
hart: er empfinde mit der Mehrzahl seiner Kollegen die unbedingte
Notwendigkeit, in dem von ihm vorher angedeuteten Sinne reformierend
an das Seminar heranzutreten, schon um den 99 Prozent der
beunruhigten Gemeingeschwister eine Genugtuung und eine Hoffnung auf
Änderung zu gewähren. Er stelle daher, nachdem die drei schärferen
Anträge gefallen, diesen milderen Antrag und mit ihm zugleich die
Kabinettsfrage.
Eine kurze Besprechungspause wurde vom Vorsitzenden angeordnet, dann
ging die Abstimmung vor sich. Mit überwältigender Mehrheit ward der
Antrag Balzar angenommen.
Da ging Bruder Kämpfer hinaus, und Kaspar Krumbholtz folgte ihm.
* * * * *
Am nächsten Tage suchte Kaspar Krumbholtz seinen höchsten Vorgesetzten,
Bruder Bauding, auf.
Herzlich wie immer begrüßte ihn der Unitätdirektor, aber aus seinen
Mienen sprach nicht mehr der gewohnte Frohsinn, die ruhige Sicherheit
und Zuversicht des bewährten Steuermanns. Eine müde Resignation lag
über seinen ein wenig abgespannten Zügen.
Mit milder, warmer Freundlichkeit sprach er Kaspar sein Beileid aus
zu dem Heimgang seines väterlichen Freundes Winkler und erwähnte, daß
Herr Geheimrat Volpelius der Unität kürzlich die Stipendienregelung
angekündigt hätte.
Dann schloß er lächelnd: »Dein Freund Sebalt hat uns bereits vorher
den Stuhl vor die Türe gesetzt, und ich fürchte, du hast ähnliche
Absichten, lieber Bruder.«
Um Kaspars Mundwinkel zuckte es wehmütig. Leicht ward es ihm wahrlich
nicht, seinen allerdings schon gestern gefaßten Entschluß dem verehrten
Manne mitzuteilen.
Daß seine Beweggründe vermutlich anderer Art waren als die Hans
Sebalts, das brauchte er Bruder Bauding nicht auseinanderzusetzen,
Sebalt hatte für sich selbst einzustehen.
Aber warum er, Kaspar, gehen wollte, ja gehen mußte, das sollte Bruder
Bauding, der es stets gut und treu mit ihm gemeint hatte, doch wissen,
und so sagte Kaspar langsam, fast feierlich:
»Herr Unitätdirektor, ich möchte nicht, daß Sie mich mißverstehen
oder ungerecht beurteilen. Ich kam vorgestern hierher mit der leisen
Hoffnung und dem geheimen Wunsche, in der Gemeine wie im Unitätdienst
verbleiben zu können, weil ich an die Zukunft der Brüdergemeine
glaubte und auf weitere Nachsicht mit meiner religiösen Schwachheit
rechnete. Seit gestern, seit ich weiß, daß der Geist Bruder Balzars
auch weiter hier herrschen soll, ist das anders geworden, und ich habe
den Entschluß gefaßt, von nun an mir mein Leben selber zu zimmern und
in völliger Freiheit um meine Weltanschauung zu ringen. Gott suchen und
ihm dienen kann ich wohl auch da draußen, vielleicht sogar ungestörter.
Ich habe sein Walten in mir schon wieder leise verspürt, aber ich weiß
auch, daß ich schwerlich je wieder die gemeinmäßige Gottesauffassung
teilen werde, jedenfalls nicht die im Unitätdienst erwünschte der
Person Christi. Darum will ich lieber beizeiten hinausgehen, und es
ist eine Stimme in mir, die mir sagt, daß ich recht daran tue. Daran
lasse ich mir genügen und bitte Sie, mir nicht zu zürnen. Was ich
meinen Erziehern aus der Brüdergemeine schulde, dessen werde ich mir
immer bewußt bleiben, und auch Ihnen danke ich herzlichst für all Ihr
redliches Interesse für mich armes Missionskind.«
Lang und väterlich sah Bruder Bauding den jungen Lehrer an, der fest
und ruhig gesprochen hatte und doch voll verhaltener Bewegung.
Dann legte er ihm liebevoll die Hand auf die Schulter und sagte leise:
»Ich habe dich verstanden, mein lieber Bruder, und ich muß dir mit
bitterstem Schmerze gestehen: ich billige deinen mir so wehtuenden
Entschluß seit gestern auch. Wer weiß, ich ginge am Ende auch, wenn
ichs noch könnte. Aber was ein junger Leichtmatrose darf, das darf
ein Kapitän nicht, er hat auf seinem Schiff zu bleiben, auch wenn er
weiß, daß der Untergang schwerlich zu vermeiden ist. Noch kann Gott
Wunder tun! Hoffen wirs, aber rechnen wir nicht darauf, sondern tun
wir unsere Pflicht, ohne mit der Wimper zu zucken. Und darf ich dir,
lieber junger Freund, noch ein Wort mit hinausgeben in dein ferneres
Leben? Ich denke ja. Du hast dich eben noch einmal Missionskind
genannt, tu es gelegentlich auch fernerhin vor deinem Gewissen, wenn
auch vielleicht von nun an in anderer tieferer Bedeutung. Du bist und
bleibst ein Missionskind auch außerhalb unserer Gemeine, die dich
erzogen hat. Bleib ihrem Geist, ihrem Besten, das doch unvergänglich
ist wie alles Göttliche, getreu und vergiß nie, daß auch du, ja gerade
du eine Mission hast. Was Gott der Allmächtige über das Geschick
unserer kleinen Kirche beschlossen hat, wissen wir nicht; aber wir
wissen, daß nichts umsonst ist in der Welt, auch das Niedergehen und
Vergehen nicht. Wer weiß, ob nicht gerade in all den vielen, die wir
erzogen haben und hoffentlich noch lange erziehen werden, unsere beste
Hoffnung, unser eigentlicher Daseinszweck beschlossen liegt? Es ist
vielleicht an der Zeit, daß wir die Waffen, die wir bisher tapfer, doch
nach und nach mit ermattenden Armen geführt haben, weitergeben sollen
an die, die von uns hinausgehen, um dort in unserm alten Sinn, doch mit
andern Formen und neuem Geiste zu kämpfen. Die Schüler sind die Flügel
des Lehrers, sagte der alte Neander. Fliegen wir mit diesen Fittichen
auf zu neuen Zielen. Das walte der Allmächtige auch durch dich, mein
junger Freund, das könnte deine Mission sein! Und damit Gottes Segen
über dich und deine weitere Arbeit, zieh hin in Frieden!«
Stumm und beide tief ergriffen reichten sich die Brüder die Hand zum
Abschied.
* * * * *
Dann schritt Kaspar Krumbholtz langsam und nachdenklich hinauf zum
stillen Hutberg, um Abschied zu nehmen von seinem letzten Schatz in
der Gemeine, dem Grab seiner Mutter.
Was er da empfunden, vermag keines Menschen Feder niederzuschreiben;
es gibt Dinge, die unaussprechlich sind oder wenigstens durch jeden
Niederschlag in Worte ihr Bestes, ihren keuschen Duft, verlieren.
Daß Kaspar an seiner Mutter Grab weinen und beten durfte, war ihm eine
Erleichterung und ein Trost ohnegleichen.
Er schied mit unnennbarem Schmerz, doch mit reinem Gewissen von
dem schlichten, flachen Hügel, unter dem die letzte Neißerin ihren
Ewigkeitsschlaf schlief.
Nachdem sich Kaspar Krumbholtz endlich losgerissen hatte, stieg er noch
einmal mit wundem Herzen auf den kleinen Altan, der den runden Gipfel
des Hutberges krönte.
Es war eine stolze Aussicht, die sich ihm da bot.
Ringsum reckten blaue Waldberge, drohend in keckem Trotz, die mächtigen
Häupter wie eine Postenkette unüberwindlicher Hüter dieses stillen,
gesegneten Paradieses, in dem üppig wogende Felder und stattliche
rotdachige Dörfer sich wohlig, ja behäbig streckten.
Dicht vor ihm zu Füßen des Hutbergs lag das liebliche Herrnhut.
Die grauen, sonnenbeschienenen Schieferdächer glitzerten aus dem
Lindengrün empor wie funkelnde Diamanten aus einem herrlichen
Smaragdschmuck. Gleich einer braven Henne über ihren Küchlein wachte
die gewaltig ragende Kirche mit ihrem schweren braunroten Dach, das
ein kupfergrünes Türmchen knopfartig zierte, über den kleinen, alten
Barockhäusern.
Noch konnte man denken, es sei das alte Herrnhut Zinzendorfs und
Spangenbergs. Nur vom Nachbardorf und vom Bahnhof her rückten allerlei
viereckig grobschlächtige Mietskasernen respektlos und aufdringlich wie
Parvenüs an die ehrwürdige Aristokratenmatrone Herrnhut heran.
Wie lange würde es wohl noch dauern, fragte sich Kaspar unwillkürlich,
bis auch im Äußeren der letzte Rest der vornehm bescheidenen Eigenart
untergegangen war im Meer der barbarischen Alltäglichkeit?
Absetzen -- ehe die letzte Neige schal auf der Zunge nachschmeckt --
aufhören, ehe der letzte Eindruck häßlich sein muß -- scheiden in
Schönheit und nicht mit dem Anblick der verzerrten Züge des furchtbaren
Todeskampfes.
So dachte Kaspar wehmütig ernst, und so maß er noch einmal
liebevoll mit verzehrenden Blicken das harmonische Bild der trauten
Friedensstätte, die einer seiner Vorfahren mit dem schlichten
Zimmermann Christian David gegründet hatte, prägte dies Bild tief
und unauslöschlich in seine Seele und schritt traumverloren den Berg
seitwärts hinunter zum Bahnhof.
Da kam ihm ein hochgewachsener und doch gramgebeugter Greis entgegen.
Es war der Mann, der Kaspar gestern noch einmal die ganze Schönheit,
Redlichkeit und Größe moravischen Wesens offenbart hatte, Ehrentraut
Kämpfer.
Sollte er diesem Mann, der ihm so viel gegeben, der ihm über das
Schwerste hinweggeholfen, nicht dankbar die Hände drücken?
Er wagte es und sprach zu dem überraschten Greise, wies ihm ums Herz
war.
Wie verwirrt starrte ihn anfangs der alte Mann an, dann drückte er ihm
innig die Hand und sagte leise:
»Wieder einer von den Jungen! Es wird Zeit, daß wir Alten uns schlafen
legen. Nach Leipzig gehst du? Viel Glück, und grüß mir meinen Sohn, den
Gottfried. Ich laß ihm sagen, er habe recht gehandelt wie du. Baut da
draußen neu, was hier in Trümmer fällt. Leb wohl!«
Zweites Buch
Gärender Most
Erstes Kapitel
Im Rock des Königs
Mit behaglichem, ein wenig schadenfrohem Schmunzeln schaute die
helle Oktobersonne schräg über den weiten Exerzierplatz des 13.
Infanterieregiments zu Leipzig und schien gar keine Lust zu haben,
durch einen beschleunigten Niedergang den Rekruten ihre gesunden Qualen
zu verkürzen.
»Was glotzen Sie denn so da rüber,« schnaubte der scheinbar
ewig zürnende und doch urgemütliche Sergeant Schnedermann den
Einjährig-Freiwilligen Krumbholtz an, »Sie sind wohl Sonnenanbeter?«
»Ich bin Theologe, Herr Sergeant,« erwiderte launig, aber in strammer
Haltung Kaspar Krumbholtz.
»Ach was, Deologe,« schalt Schnedermann, »jetzt sind Sie Rekrut und ham
Gottverdammich zu sagen, oder wenn Sie lieber wollen Gottverdanzig,
ooch Gottverdanneboom, aber sonst jeht Sie hier der +deus ex
magica+ ebenso wenig an wie da drüben die Sonne. Verstanden!
Übrigens weeß ich gar nich, wie son forscher Kerl wie Sie dazu kommt,
Paschter wern zu wollen.«
»Ich werds auch nicht, Herr Sergeant. Morgen sattle ich um; der Herr
Hauptmann hat mir schon Urlaub gegeben für die Universität.«
»So, gehört das hierher? -- Urlaub -- son krummer Rekrut von kaum vier
Wochen. Sein Se froh, daß ich nich der Hauptmann bin.«
»Bin ich auch, Herr Sergeant.«
»Hab ich Sie was jefragt?«
»Zu Befehl, nein, Herr Sergeant.«
»Also -- ich wer Sie aber nu was fragen: Was wolln Se denn morjen wern
bei Ihrn Urlaub?«
»+Stud. phil. et hist.+, Herr Sergeant.«
»Was forn Mist?«
»+Studiosus philosophiae et historiae+, das heißt, Student der
Weltweisheit und der Geschichte.«
»Na hörn Se, viel schlauer scheint mir das auch nich zu sein, als die
Gott- und Sonnenanbeterei. Warum wern Se nich Offizier?«
»Weil ich zu arm, auch schon zu alt bin und noch zu wenig gelernt habe,
Herr Sergeant.«
»Hm -- das läßt sich hören! En ehrlicher Kerl sind Sie, das hab ich
schon gemerkt, und ein leidlich strammer auch, drum zeichne ich Sie
auch gelegentlich durch ne kleene Ansprache aus. Aber nu tun Se auch
mal wieder was, der Herr Leitnant kommt ruff. Rechtes Ohr tiefer,
Einjähriger Krumbholtz, zum Donnerwetter, wie oft soll ich Sie das
sagen!«
Und Kaspar Krumbholtz machte seine Gewehrgriffe, als mache es ihm
Freude.
Vergnügt war er als Soldat jedenfalls, obwohl der Anfang des neuen
Berufs nicht sonderlich unterhaltsam war. Aber sich sorgenfrei
in gesunder Luft zu tummeln, die Muskeln zu stählen im Training
wohlausgedachter Einzelübungen, die doch untrüglich auf eine
Gesamtausbildung des Leibes hinausliefen, -- das war zum mindesten
nicht schwerer zu ertragen als Schul- und Stubendienst, als Hefte
korrigieren und Schlafsaalwache.
Ein bißchen derb gings freilich zu und nicht immer geistreich. Aber
eine Fülle von Leben und Humor steckte doch unter der ledernen
Oberfläche, gerade wie bei dem scheinbar so grimmigen Schnauzbart
Schnedermann.
* * * * *
Kaspar Krumbholtz wohnte vor der Stadt in Eutritzsch, nicht allzu weit
von Hans Sebalt.
Dieser hauste noch immer bei der stattlichen Frau Breutel, die ihn mit
großer Aufmerksamkeit besorgte; vollends seit sie ihren blöden Emanuel
glücklich los war. Von dem Plan, mit Kaspar zusammen zu ziehen, war
Sebalt sofort zurückgekommen, als der harmlose Freund damit Ernst zu
machen drohte.
So war Kaspar, unfern der Kaserne, zu einer kinderreichen
Arbeiterfamilie gezogen, die ihn bald innerlich lebhaft beschäftigte,
obwohl er nicht viel zu Hause sein konnte.
Die Frau war sehr zart, aber scheu und sichtlich vergrämt, als laste
ein Verhängnis über ihr.
Der Hausherr, Lüders mit Namen, war Vorarbeiter in einer
Orchestrionfabrik und nebenbei Agitator der sozialdemokratischen
Partei, wie er seinem Mieter bald darauf und nicht eben vertraulich
mitteilte. Im Gegenteil, er machte ziemlich viel Wesens davon und kam
sich als ein recht wichtiger Mann vor.
Auch Kaspar suchte er nach und nach in parteipolitische Behandlung zu
nehmen, und dieser ließ es sich ausnehmend gern gefallen; denn diese
sozialen Probleme, die ihm vor der Hand freilich nur in einer Fülle von
Schlagworten zu Gemüte geführt wurden, hatten den Reiz der Neuheit für
den jungen Exherrnhuter und weckten sein lebhaftestes Interesse.
Kaspar hoffte unwillkürlich, daß hier ein wichtiges Stück modernen
Lebens sich ihm enthüllen könne, und er ahnte zugleich, daß auf diesem
schwierigen Gebiete noch vielerlei Aufgaben einer Lösung harrten --
anders wahrscheinlich, als der schnellfertige Agitator sie zu lösen
vorschlug.
Daß die Arbeiter im allgemeinen nicht den gebührenden Anteil an dem
Gewinn ihrer Arbeit erhielten, daß sie im eignen wie im Interesse ihrer
Kinder vorwärts streben, sich dazu zusammenschließen und ihre damit
errungene Machtstellung kämpfend ausnutzen mußten, das leuchtete Kaspar
allerdings ohne weiteres ein. Aber daß die Unternehmer durch die Bank
eine beutegierige, ihre Machtstellung schonungslos und ungerecht gegen
die Arbeiter ausnutzende Gesellschaft von Egoisten sein sollten, das zu
glauben war dem Pflegesohn des edlen Wilhelm Winkler schlechterdings
unmöglich.
Ob ferner das moderne Wirtschaftsleben ohne den persönlichen
Unternehmer möglich oder mit Staats- oder Genossenschaftsbetrieb besser
beraten wäre, dünkte dem gern vorsichtig prüfenden Kaspar zum mindesten
zweifelhaft. Jedenfalls erschien es ihm dringend notwendig, sich über
all diese und ähnliche Probleme erst einmal gründlich zu unterrichten,
ehe er sich schroffe Meinungen oder vielleicht schiefe Urteile
nahebringen ließ. Und so war eines der ersten Kollegs, das Kaspar als
+Stud. phil. et hist.+ belegte, Nationalökonomie.
Überhaupt war es Kaspar Krumbholtz bei seinem neuen, nun endlich völlig
freien Studium vorab darum zu tun, die Fundamente seiner allgemeinen
Bildung zu erweitern oder gar neu zu legen.
Er hatte zur Genüge kennen gelernt, was es heißt, auf Kommando dies
oder jenes zu studieren. Jetzt wollte er nach eigenem Bedürfnis sich
erst einmal orientieren über die Welt des modernen Wissens, wollte weit
nach allen Seiten ausgreifen und sich dann, so hoffte er, nach und nach
auf das konzentrieren, was seiner Begabung und seinen Neigungen am
meisten lag.
Zu einem anhaltenden Fachstudium bot die Militärzeit so wie so keine
Möglichkeit, obwohl der Hauptmann in äußerst entgegenkommender Weise
ihm nach Beendigung der Rekrutenausbildung in Aussicht gestellt hatte,
den Besuch von Nachmittag- und Abendkollegs nicht nur zu gestatten,
sondern auch zu erleichtern, falls der Einjährig-Freiwillige Soldat
Krumbholtz gut schießen und sonst anstellig im Dienst sein würde. Und
dem ehemaligen Turner und Fußballspieler fiel das eine dank seiner
guten Augen und seiner angeborenen Ruhe leicht und das andere nicht
schwer.
So ward ihm denn in der Tat mancher Nachmittag freigegeben und fast
jeder Abend.
Überhaupt durfte sich Kaspar über seine Vorgesetzten nicht beklagen.
Der Hauptmann von Kruse war im Dienst ein wortkarger, auch oft derber
Herr, der namentlich Montags gar keinen Spaß verstand; aber er pflegte
seinen Leuten mit Vorliebe zu sagen: »Kinder, macht ihr eure Sache, wie
sichs gehört, seid ihr in zwei Stunden wieder im Quartier, wenn nicht,
dann tanzt ihr noch heute abend bei Mondschein nach meiner und des
Herrn Feldwebels Pfeife. Also wie ihrs haben wollt. Nu los!«
Es kam äußerst selten vor, daß es die Leute anders haben wollten
als der Herr Hauptmann, der auch gern beizeiten in seine behagliche
Junggesellenwohnung zurückkehrte.
Um seine Mannschaften kümmerte sich der Hauptmann nicht allzu viel,
das überließ er dem Feldwebel Knabe, einem wirklich prächtigen alten
Knaben, dem ältesten Unteroffizier des Regiments, und doch noch dem
jüngsten ein Vorbild an Pflichttreue, an Schießfertigkeit und vor allem
-- darin fast ein weißer Rabe -- an Unbestechlichkeit. Der alte Knabe
hatte nur ~einmal~ im Jahre »Geburtstag«, nämlich zu Weihnachten,
und dann auch gleich für seine Frau mit. Zu diesem Festtage war es
üblich, daß die Einjährigen ihm eine Kiste Zigarren und zwei Flaschen
Kognak verehrten, von dem er mit Vorliebe bei Felddienstübungen den
Einjährigen eine Probe aus seiner Feldflasche anbot, aber schalkhaft
hinzusetzte: Ȇbrigens ist es streng verboten, Alkohol in den
Feldflaschen zu haben.« »Schmieren« ließ sich der alte Knabe nie,
seine Kompagnie-Unteroffiziere ebenfalls nicht, denn er hielt streng
auf Anstand; aber bei anderen Kompagnien war dieses Hauptübel des
Unteroffizierstandes recht verbreitet.
Im allgemeinen kam Kaspar mit den Unteroffizieren gut aus, besonders
seit er auf Bitten seines Oberleutnants Buff, eines seltenen Offiziers,
der sich um seine Untergebenen mit hingebender Liebe und fast heiligem
Eifer kümmerte, einige zukünftige Zivilanwärter in Französisch und
deutschem Aufsatz unterrichtete. Diese Unteroffiziere waren für die
kleine Hilfe dankbarer als andere für Freßkörbe und silberne Uhren.
Am klarsten zeigte sich das, als Kaspar von dem ihm nicht gerade
wohlwollenden Kammerunteroffizier wegen falschen Urlaubs und Tragen
von Zivilkleidung zur Meldung gebracht werden sollte. Da half man ihm
treulich.
Ganz ungerupft kam Kaspar jedoch nicht durch. Er war Gefreiter
geworden, hatte auch bereits eine Korporalschaft erhalten und leitete
das übliche Reinigen der Gewehre. Der aufsichtführende Vizefeldwebel
Knauer, dessen Laune mitunter an den Folgen eines kleinen Rausches
litt, stellte plötzlich fest, daß es abermals bei der Mannschaft
an Schaftöl fehle und die Leute nur trocken »herumfummelten«. Der
Einjährig-Gefreite Krumbholtz erhielt also eine gehörige Nase, zumal
ihm das Lügen wie immer schwer fiel, und er ruhig eingestand, er
habe sich trotz der früheren Ermahnung Knauers nicht darum gekümmert.
Ärgerlich befahl ihm der Vize, er solle sich sofort selber in die Stadt
scheren und Schaftöl holen.
Kaspar machte erst große Augen, dann eine stramme Kehrtwendung und
ging nachdenklich an seinen Kleiderschrank. Was sollte er tun? Eine
schmutzige Kanne mitten durch die belebte Stadt zu tragen, erschien ihm
für einen Einjährigen ehrenrührig. Wiederum einen andern, etwa seinen
Putzer, zu schicken ging nicht an; denn erstens war der »auf Kammer«,
sodann wäre damit der ihm persönlich aufgetragene Befehl umgangen.
Endlich fiel ihm ein Ausweg ein. Er zog seines Putzkameraden Ausgehrock
an. So war die Ehre der Schnüre gerettet, und der Feldwebel hatte auch
seinen Willen.
Alles ging soweit nach Wunsch; mit Humor und Würde nahm Kaspar sogar
eine von dem Ölhändler spendierte Dreipfennig-Zigarre entgegen und
kehrte in die Kaserne zurück. Da aber stieß der unermüdlich im Revier
tätige Oberleutnant Buff auf Kaspar, musterte ihn halb erstaunt, halb
ärgerlich, und fragte ihn schließlich sehr ernsthaft, warum er sich
seine Schnüre und Knöpfe abgeschnitten habe. Verlegen beichtete der
Einjährig-Gemeine seinen salomonischen Ausweg, jedoch ohne dem stets
sachlichen Vorgesetzten ein Lächeln abzulocken, vielmehr nur den
kurzen, bangen Bescheid: »Ich werde die Sache dem Herrn Hauptmann zur
Meldung bringen.« Und es geschah.
Zum Glück nahm Herr von Kruse die Sache mit mehr Humor auf, aber Knauer
wie Krumbholtz bekamen einen öffentlichen Verweis.
Von da an hatte Kaspar schlimme Tage, wenn Vizefeldwebel Knauer den
Dienst leitete. Auch als er am 1. Juli Unteroffizier wurde, besserte
sich das Verhältnis zu dem grimmigen Knauer nicht.
Dennoch war Kaspar mit Leib und Seele Soldat. Ja, er fragte sich
bisweilen ganz ernsthaft, wie ihn schon seinerzeit der Sergeant und
dann einmal der Oberleutnant: ob es sich nicht verlohne, dauernd zu dem
militärischen Erziehungsberufe überzugehen; doch die freie Wissenschaft
lockte ihn von Tag zu Tag mehr, und schon freute er sich darauf, ihr
ganz sich hingeben zu können.
Zweites Kapitel
Sündenfälle
Vergebens hatte Hans Sebalt gehofft, das Interesse für die schöne
Tänzerin von Lindenau werde bei ihm ebenso rasch verfliegen wie bei
seinem Freunde Niemeyer, der ihrer kaum je wieder gedachte und auch
dann nur mit der angenehmen Erinnerung an eine seiner Eitelkeit
schmeichelnde Episode, nicht mit der Sehnsucht nach Wiederholung.
Den scheinbar so kühlen, jetzt sogar gern ein wenig blasierten Hans
Sebalt ließ diese Sehnsucht nach einem Wiedersehen nicht los; auch
Ärger, Trotz und Neugier gesellten sich in seinem Innern bohrend hinzu,
und gar mancher Kneipen- und Tanzlokalbesuch Sebalts hatte keinen
anderen Grund als den, nach der geheimnisvollen, stolzen Brünetten zu
spähen, der er den Korb von Lindenau noch immer nicht verziehen hatte.
Je weniger Erfolg der eigensinnige Hans Sebalt hatte, um so mehr
steigerte sich seine Begierde; ja schließlich loderte eine Leidenschaft
in ihm empor, daß er selbst bisweilen darob erschrak und sich wohl
im geheimen fragte: ob man ein Phantom überhaupt so lieben könne oder
ob es nicht ganz einfach die lang in ihm zurückgedrängten Triebe
des reifenden Mannes wären, die nach Befriedigung durch das andere
Geschlecht lechzten.
Hans Sebalt erschauerte oft vor Sehnsucht nach dem Weibe und war
ehrlich genug, es sich zu gestehen. Solange er die Notwendigkeit
vor sich gesehen hatte, Herrnhuter zu bleiben und mit dem späteren
Unitätdienst zu rechnen, hielt er sich für verpflichtet, einen sittlich
einwandfreien Lebenswandel zu führen. Jetzt, nachdem er durch das
Winklersche Legat von den ihm längst lästigen Fesseln befreit worden
war, änderte sich diese asketische Anschauung merkwürdig rasch;
ja, es brach sich sogar die Überzeugung in ihm Bahn: ein Mann von
Welt, vielleicht überhaupt jeder richtige Mann müsse, um das Weib zu
verstehen, auch Weiber kennen lernen, und das sei nur möglich im nahen
und nächsten Umgang, im Liebesverkehr.
Aber sooft sich Hans Sebalt dies Ergebnis seiner kecken Überlegungen
auch zu Gemüte führte, so sehr hütete er sich doch, es in Taten
umzusetzen. Seine gute Erziehung, seine angeborne Keuschheit, wie
endlich seine innere Unsicherheit gegenüber allem weiblichen Wesen
hielten ihn immer wieder vor dem Äußersten zurück, obwohl es in
Leipzig an Gelegenheiten dazu nicht fehlte.
Immer wieder lachte sich der ehemalige Herrnhuter innerlich aus, wenn
er sich aussprach, daß er mit seinen 23 Jahren noch nie ein hüllenloses
Weib gesehen hatte, daß ihm auch mancherlei Geheimnisse, die ein
ländlicher Gesindejunge oft schon mit zehn Jahren kennt, noch halb
verschlossen waren, so daß er oft bei den gepfefferten Witzen und Zoten
einiger Kommilitonen nur verlegen mitlächeln konnte.
Es kam wohl vor, daß Hans Sebalt nachts nach einer wüsten Kneiperei
mit heißem Verlangen einem Straßenmädchen nachging, sich ansprechen
und mit prickelndem Behagen ein Stück mitnehmen ließ und schließlich
doch scheue Ausflüchte suchte, wenn eine Entscheidung von ihm gefordert
wurde. Dann dachte er unwillkürlich -- wie zum Schutz gegen die Macht
der Verführung -- an die stolze Schöne von Monplaisir, die er liebte,
dankte rasch und kehrte um.
Enttäuscht und doch stolz schlich er heim, wälzte sich unruhig und
ärgerlich auf seinem Lager und schalt sich immer aufs neue einen Narren
oder Phantasten, einen Heuchler oder Unmann.
Aber von den Weibern ganz zu lassen, vermochte Hans Sebalt auch
nicht, obwohl er mit der Zeit ein sehr fleißiger Student der
Naturwissenschaft geworden war, der bei seinen Professoren bereits
Hoffnungen zu selbständigem Forschen erweckte. So nüchtern Hans Sebalt
tagsüber arbeitete und forschte, in den Nächten bekam die Leidenschaft
immer von neuem Gewalt über ihn, und der Kampf um seine Keuschheit ward
immer härter und heißer.
Da stieß Hans Sebalt eines Abends an einer Straßenecke zu seiner
größten Bestürzung auf die stolze Brünette. Sie stand vor einem
Juwelierladen und musterte wie versonnen die Auslage.
Hans Sebalt fühlte, wie ihm das Blut gleichsam in den Adern stockte,
wie sein Herz lauter schlug; es war ihm plötzlich, als stünde das
Schicksal selber in dieser verführerisch lieblichen und doch so
unsagbar kühlen Mädchengestalt vor ihm.
Rasch faßte sich der Student und überlegte, was er tun sollte. Eine
Begegnung, eine Anrede mußte er irgendwie herbeiführen; aber diesmal
galt es auf der Hut zu sein, sonst war alles verloren.
Noch hatte die Geheimnisvolle ihn nicht gesehen, schnell tauchte er
darum in das schützende Gewühl der Menge zurück; dann ging er wie von
ungefähr an dem Schaufenster vorüber, stieß wie aus Versehen gegen des
Mädchens Arm, rief irgendjemand ein barsches: Passen Sie doch auf! zu
und wandte sich dann mit einem höflichen »Pardon, Fräulein!« geschickt
der Brünetten zu und sagte schließlich mit gutgespieltem Erstaunen:
»Ah -- meine gnädigste Ungnädige von Lindenau, sieh da -- Sie leben
auch noch. Ich bitte noch nachträglich für damals um Entschuldigung,
daß ich mich nicht vorstellte, mein Name ist Sebalt.«
Spöttisch lächelnd wandte sich das schöne Mädchen ihm zu und sagte mit
unnachahmlicher Hoheit: »So -- Sie sind mir mal wieder auf der Spur --
der Rosentaljäger auf der Pirsch! Na -- Weidmannsheil -- aber merken
Sie sichs endlich: ich bin kein Freiwild!«
Hans Sebalt erbebte vor Ärger und Leidenschaft; doch die Furcht, die
heimlich Geliebte endgültig zu verlieren, gab ihm Selbstbeherrschung,
und so sagte er vornehm:
»Ich weiß nicht, warum Sie mich so +en canaille+ behandeln?
Schon in Lindenau haben Sie mich durch die Verweigerung eines Tanzes
verletzt, und jetzt tun Sie geradezu, als wäre ich der abgefeimteste
Schürzenjäger. Ich habe Sie wirklich ganz zufällig hier getroffen und
Ihnen nicht im mindesten nachgespürt.«
»So,« erwiderte die Brünette eisig, »und im Rosental und in
Monplaisir?«
»Mein Gott ja, ist es ein Verbrechen, wenn man sich für eine Dame
interessiert?«
»Ich danke gehorsamst für dieses Interesse und habe Ihnen das wohl zur
Genüge zu verstehen gegeben. Also bitte, lassen Sie mich gefälligst in
Ruhe.«
Scharf und ziemlich laut hatte das dunkellockige Mädchen gesprochen,
und einige Vorübergehende horchten auf.
Hans Sebalt begann seine Fassung zu verlieren, trat erregt vor und
flüsterte: »Fräulein, bitte nicht so -- Sie wissen nicht, was Sie mir
sind.«
»Ich Ihnen?« spottete die Brünette, »eine flüchtige Unterhaltung wie
jede andere auch! Also bitte, wollen Sie sich jetzt entfernen?«
Da hielt Hans Sebalt nicht länger an sich, und mit echter Leidenschaft
brach es aus seiner Seele: »Machen Sie mich nicht wieder so namenlos
unglücklich, Fräulein, wie damals in Lindenau! Ich habe nie an eine
andere gedacht als an Sie; ich liebe Sie und muß Sie lieben -- ich
weiß nicht, wie es kommt, -- Sie haben mein ganzes Denken und Fühlen
eingenommen, und darum bitte ich, rauben Sie mir nicht jede Hoffnung!
Ich will tun, was Sie wollen, nur stoßen Sie mich nicht wieder herzlos
von sich.«
Mit seltsam irrenden Blicken und sichtlichem Unbehagen hatte die
Brünette den leisen, aber wehdurchzitterten Worten Sebalts zugehört,
dann sagte sie herb, fast bitter: »Ich meine, solche Phrasen schon
gelegentlich in Liebesromanen und schlechten Stücken gelesen zu haben;
aber Sie verzeihen, ich glaube dergleichen Firlefanzereien schon
längst nicht mehr. Geben Sie mir doch Beweise Ihrer Verehrung, dann
wollen wir weiter reden.«
»Ich bitte darum,« sagte Hans mit leisem Aufatmen.
»Meinetwegen!« antwortete das Mädchen gleichgültig lächelnd und
wiederum in Gedanken verloren. »Hier, sehn Sie die Brosche, das goldne
Steuerrad mit den Perlen -- gehen Sie hinein und kaufen Sie es.«
Hans Sebalt erschrak, seine Gedanken jagten sich: War sie so eine?
Hatte er sich also doch getäuscht! Zugleich fiel ihm schwer aufs Herz,
daß er das Schmuckstück wohl kaum würde bezahlen können. Aber die
Blamage! Und dann die Heißersehnte wieder verlieren -- für immer --
nein -- koste es, was es wolle, er hatte zur Not sein Vermögen, und
stolz schritt er in den Laden.
Die Brosche war echt und mit 65 Mark ausgezeichnet. Hans Sebalt wußte,
er hatte nur einige 40 Mark bei sich. Mit vornehmer Gelassenheit
erklärte er jedoch dem Juwelier kühl:
»Ich werde nicht so viel bei mir haben, möchte aber das Geschenk gleich
mitnehmen. Sie gestatten wohl, daß ich Ihnen die größere Hälfte, 35
Mark gleich anzahle, das andere morgen oder übermorgen, wenn Sie
wünschen, hinterlege ich meine Studentenkarte. Gefahr laufen Sie
nicht.«
Der Juwelier lächelte verbindlich und machte eine Verbeugung: »Bitte,
keine Gefahr -- gar nicht nötig, Ihre Adresse genügt. Wollen Sie ein
Etui, vielleicht weißer Samt?«
»Bitte ja,« erwiderte Sebalt ruhig, zählte die 35 Mark auf den
Ladentisch und ging mit der Brosche siegesgewiß hinaus.
Als sich Hans Sebalt auf der Straße nach der Brünetten umsah, konnte er
sie nirgends entdecken. Irgendein Fremder, den er fragte, gab an, sie
habe plötzlich wild aufgelacht und sei dann wie närrisch davongestürzt.
Genug -- sie war verschwunden, und er war abermals schnöde verspottet
und verschmäht.
Eine grenzenlose Wut kochte in Sebalt empor. Aufschreien hätte er
mögen, davonrasen, seinen kostbaren Schmuck an der nächsten Hauswand
zerschmettern!
Diese Elende -- diese eingebildete Person! Nur zum Narren hatte sie ihn
halten wollen. Und überdies ihn in Schulden gestürzt. Sollte er sich
nun auch noch vor dem Juwelier lächerlich machen und ihn bitten, das
Stück zurückzunehmen? Nein!
Ein wilder Trotz durchflammte Sebalt -- er würde einfach Volpelius um
Geld bitten.
Und dann -- diese schwarze, tückische Hexe -- mußte sie es denn
durchaus sein? Es gab andere genug, die vielleicht nicht weniger schön
waren und sicherlich entgegenkommender.
Was war denn die Liebe? Leidenschaft -- Sinnlichkeit! Ein
Naturwissenschaftler wie er brauchte sich wahrlich kein moralisches X
für ein naturgegebenes U zu machen. Dummheit!
Und mit trotzigen, zynischen Gedanken ging Hans in eine Weinstube,
trank sich Mut, brachte seine schon erregten Sinne zu immer
gefährlicherer Erhitzung und suchte sich schließlich auf der Straße ein
schlankes, brünettes Frauenzimmer. Lachend opferte er ihr die kostbare
Brosche und seine Keuschheit.
Aber jenes eine stolze Mädchen, das ihm wieder entflohen, und in dessen
Armen er sich bei der andern doch trunken gewähnt hatte, konnte er
trotzalledem nicht vergessen. Er mußte es weiterlieben und suchte es
von neuem rastlos in den engen Gassen Leipzigs, auf den Tanzböden der
Vorstädte und allnächtlich in seinen Träumen.
Nur in diesen fand er es bisweilen und genoß seine Reize in wilder Lust
und unstillbarer Sehnsucht.
* * * * *
Der Verkehr zwischen Hans Sebalt und seinem Jugendfreunde war weniger
häufig und auch nicht so herzlich, als es beide zuvor im Engadin
erträumt hatten.
Teils lag das an Kaspars Dienst und seinem Kollegienhunger; teils an
Sebalts Hang zur Einspännerei und seiner eigentümlichen Seelenstimmung,
die mehr und mehr zwischen einem galligen Spott, einem hochfahrenden
Trotz und einer dumpfen Melancholie wechselte.
Mit redlicher Betrübnis sah Kaspar, daß der Freund sich völlig
verändert hatte, und er ahnte, daß irgendein geheimer Kummer ihn
bedrücke. Aber wenn er dergleichen schonend andeutete, um Hans
vielleicht zu einer tröstenden Aussprache zu bringen, dann lachte
Sebalt oft häßlich und höhnte mit seiner alten, aber nicht mehr so
harmlosen Großspurigkeit:
»Nee, mein lieber Musketier und Beichtvater. Das mußt du schon schlauer
andrehn, wenn du mich ausholen willst. Was soll ich dir auch Rede
stehn, mein Guter? Das sind Dinge, von denen sich deine fromme Seele
nichts träumen läßt. Danke du deinem Schöpfer, daß er dich braven
Musterknaben nicht in Versuchung führt, auf daß deine redliche Seele
nicht Schaden nehme. Verachte mich, wenn du magst, aber laß mich nach
meiner Façon unselig werden.«
Kaspar horchte auf. Wo hatte er schon einmal einen ähnlichen Ton
vernommen? Richtig -- bei Chancy, der sprach auch so bitter und
überlegen -- damals!
Hans Sebalt rang wahrscheinlich mit einer schweren Leidenschaft, da
konnte ihm wohl keiner helfen, also schwieg Kaspar. Doch Hans Sebalt
höhnte gelegentlich weiter; und Kaspar trug es weiter geduldig.
Nur einmal, als Sebalt plötzlich Ursemis Namen neckend mit dem des
Freundes in Verbindung brachte, da verwies ihm das Kaspar rauh und
hart, und Sebalt dachte sich ebenfalls das Seine und schwieg nun auch.
Verstimmt schieden die Freunde voneinander und sahen sich viele Wochen
nicht wieder.
* * * * *
Auch mit seinem Hauswirt geriet Kaspar nach und nach in ein
unerquickliches Verhältnis.
Erst kam es bei den politischen Disputen, die Herr Lüders immer und
immer wieder herbeiführte, zu einigen Offenheiten. Der Agitator schalt
mit Vorliebe auf seine beiden Fabrikherrn und nannte sie schamlose
Ausbeuter. Als Kaspar darauf nicht reagierte, da er die Herren
nicht kannte, ging Lüders rasch vom Besonderen zum Allgemeinen, zur
Verelendung der Massen, über und zieh seinen Mieter, der ihm jetzt
öfters auswich, schließlich der Feigheit. Nun diente ihm Kaspar, der
sich unterdessen mit dem Marxismus und seinen teilweise schon durch die
Entwickelung +ad absurdum+ geführten Theorien genügend vertraut
gemacht hatte, in aller Sachlichkeit.
Der Arbeiter fühlte wohl auch die Überlegenheit des nun gründlicher
orientierten Studenten und nahm sich klug die Auswüchse des
Militarismus vor. Kaspar leugnete diese durchaus nicht, aber meinte:
Auswüchse zeitige jedes System mit der Zeit; darum gelte es eben
stets, sie beizeiten zu beseitigen, und daran fehle es auch im
Falle des Militärwesens keineswegs. Er habe sich früher als Laie
die Durchstechereien und Mißhandlungen nach dem Zeitungslärm weit
verbreiteter gedacht; in Wahrheit stehe es nicht allzu schlimm damit,
und Lumpen kämen überall vor.
»Stimmt,« erklärte Herr Lüders diktatorisch, »aber unter den niederen
Klassen weit weniger als unter den höheren -- natürlich prozentual
berechnet.«
»Mag sein,« erwiderte Kaspar ruhig, »gegen solche allgemeine
Behauptungen läßt sich ja gar nichts einwenden und auch nichts
beweisen. Aber werden wir doch einmal konkret, Herr Lüders. Ich habe
da kürzlich eine kleine Erfahrung gemacht, die mir beinahe einige Tage
Kasten eingetragen hätte. Ich habe nämlich, um mir mal ein eignes
Urteil über Ihre politischen Ziele und ihre Art zu bilden, zwei
Ihrer Versammlungen besucht, natürlich in Zivil. Das erstemal kam es
zu keiner Resolution, da wegen allzu wüster Schimpfereien -- nein
wirklich -- es war geistlos und wüst -- die Versammlung polizeilich
aufgelöst wurde. Das zweitemal bekam ich Prügel, weil ich bei der
Resolution, der ich beim besten Willen nicht zustimmen konnte, sitzen
zu bleiben wagte. Dafür wurde ich von der Polizei aufgeschrieben und
wäre ohne meine Studentenkarte wohl auch zur Meldung gebracht worden.
Ist das Ihre vielgerühmte Freiheit der Meinung, Herr Lüders?«
»Ach was,« erwiderte der Agitator unverlegen, »im Kampf ist jedes
Mittel recht. Wenn erst der Sieg erfochten, der Zukunftstaat
-- dann --«
»Pardon! Daß der Zukunftstaat eine Utopie und nur ein agitatorisches
Lockmittel ist wie die famose Internationale, das haben Sie mir neulich
ja schon halb und halb zugegeben.«
»Meinetwegen, Herr Studente, aber unsere Weltanschauung wird doch
siegen ebenso wie unsere neue Wirtschaftsordnung.«
»Ihre Weltanschauung, Verehrter, ist ein abgestandner Materialismus,
dem die Welt und sicherlich Deutschland nie gehören wird. Und die
Wirtschaftsordnung entwickelt sich wie alles historisch Bedeutsame
nach gewissen Gesetzen, die trotz einzelner Schwankungen die Wucht und
Sicherheit der ewigen Naturgesetze haben. Also bange machen gilt nicht.
Wenn der deutsche Bourgeois sich erst seine Hasenangst vor ihrem
sogenannten großen Kladderadatsch abgewöhnt hat, dann werden auch Sie
nach und nach von der Ihnen parteitaktisch so bequemen Negative zur
Positive übergehen müssen, oder Sie werden das Vertrauen der Arbeiter
verlieren. Auch unsere Proletarier sind Deutsche und streben nicht
nur nach der Höhe, sondern dringen auch nach und nach prüfend in die
Tiefe. Gold suchen sie, nicht Talmi. Schon jetzt glaubt keiner mehr an
Ihren Zukunftstaat, auch der Dümmste nicht. Also nur ruhig Blut, Herr
Lüders! Ihrer Oberflächlichkeit und Unfruchtbarkeit werden Sie und Ihre
Kollegen erliegen, nicht den Bajonetten.«
Solche und ähnliche Dispute führten nicht zu gegenseitiger Überzeugung,
im Gegenteil; jedesmal stießen Meinung und Gegenmeinung heftiger
aufeinander. Aber Kaspar dienten auch sie zur Entwickelung und
Schärfung seines Verstandes, zur Vertiefung seines bis vor kurzem
noch schlummernden politischen Interesses, regten ihn unmittelbar zur
Lebensbeobachtung an und verfeinerten nach und nach sein soziales
Empfinden.
Zum Bruch mit Herrn Lüders führte jedoch ein völlig anderes Moment.
Mit tiefem Mitleid hatte Kaspar Krumbholtz die Leidensgeschichte der
kleinen, stillen Frau Lüders in all diesen Monaten verfolgt. Kaum
zwanzigjährig hatte das hübsche, doch sehr zarte Frauchen schon vier
Kinder, darunter zwei recht kränkliche, die deutlich die Spuren der
erschütterten mütterlichen Konstitution verrieten.
Am Krankenbett des einen Knaben schüttete das vielgeplagte Weib eines
Abends dem von ihr geschätzten Mieter unter bitterlichem Schluchzen
vertrauensvoll ihr Herz und ihre Sorgen aus, daß ihr Mann sie zugrunde
richten würde. Die Partei sei ihm ja ein und alles und die Familie
nichts mehr. Fast jeden Abend müsse er in der Kneipe sitzen, und käme
er bisweilen betrunken nach Hause, so müsse sie ihm zu Willen sein,
obwohl sie kein Kind mehr haben wolle und auch schwerlich könne, denn
sie sei von der letzten Niederkunft her noch nicht wieder gesund.
Kaspar Krumbholtz war eigen zumute. Die ungeschminkte und doch in
gewisser Weise rührende Aufrichtigkeit des armen Weibes verblüffte, ja
überwältigte ihn, und zugleich war sie ihm peinlich, ja widerwärtig.
Was gingen ihn, den Fremden, dergleichen Intimitäten des Ehelebens an.
Und doch, je mehr Kaspar darüber nachdachte, um so mehr wuchs die
Teilnahme für den leidenden, die Empörung gegen den schuldigen Teil.
Auch das war ein Stück typischen sozialen Elends, von dem er sich trotz
London nichts hatte träumen lassen.
Kaspar konnte jedoch nichts anderes tun als schweigen. Dem ihm von Tag
zu Tage widerwärtigeren Herrn Lüders auch nur ein Wort zu sagen, stand
ihm nicht zu, wäre ihm vielmehr höchst taktlos erschienen. Er sann nur
manchmal darüber nach, ob gerade dieser Mann etwa als Unternehmer seine
Arbeiter rücksichtsvoller behandelt haben würde als jetzt seine kleine,
leidende Frau. Es kam doch wohl nicht darauf an, was man war, sondern
wer und wie man es war.
Die arme Frau Lüders kam wirklich bald wieder in andere Umstände, wie
sie Kaspar eines Tages verzweifelt gestand, und unheimlich drohend
fügte sie hinzu: »Nun gibts ein Unglück.« Mit steigender Sorge
beobachtete Kaspar seitdem das arme Wesen, das sichtlich mit einem
schweren Entschluß kämpfte und doch wohl immer wieder zauderte ihrer
Kinder wegen, um die sie jetzt oft klagte. Kaspar kämpfte lange Zeit
mit sich; eines Abends endlich gewann er es über sich, Herrn Lüders
wenigstens zu sagen: Er möge auf seine Frau acht geben, sie sei so
aufgeregt, sie könne sich am Ende gar ein Leids antun.
Herr Lüders lachte nur überlegen und meinte jovial: »Hat nischt zu
sagen; s ist nur wieder was unterwegs, und da sind die Weibsleut
oftmals etwas meschugge. Das gibt sich aber bald.«
Und es gab sich auch, aber anders, als der weise Lüders dachte: Nach
einem vergeblichen Versuch, sich von dem Kinde zu befreien, ging die
zarte, stille Frau ins Wasser.
Hart war das Urteil der Welt über sie, am härtesten das ihres
Mannes. Nur Kaspar Krumbholtz trauerte dem armen, ratlos aus einem
unerträglichen Dasein davongestürzten Weibe mit einer Ergriffenheit
nach, die lange in seiner empfindlichen Seele nachzitterte.
Am Tage nach dem Begräbnis verließ er das Haus des Herrn Lüders,
der schon nach wenigen Wochen ein anderes Weib nahm -- um seiner
mutterlosen Kinder willen.
* * * * *
Die Schießübungen waren beendet. Die Felddienstübungen wurden von Tag
zu Tag länger, anstrengender und interessanter; das Manöver stand vor
der Tür.
An einem heißen Nachmittag kehrten die Einjährigen der Kompagnie von
einer Krokierübung heim, und einer der Herren schlug vor, in ein der
Kaserne benachbartes Kellnerinnen-Café zu gehen.
Kaspar ging mit; er war nie ein Spaßverderber, auch wenn er sich aus
der »Damenbedienung« wenig machte. Er trat als letzter in das Lokal ein
und bemerkte nur flüchtig, daß mit der einen Kellnerin im Hintergrunde
irgend etwas Aufregendes vor sich ging, dann verschwand die Wirtin mit
ihr.
Man scherzte mit den andern Kellnerinnen und spielte ein wenig Klavier;
plötzlich kam die Wirtin wieder herein und fragte Kaspar vertraulich:
»Sagen Sie mal, Herr Unteroffizier, haben Sie denn hier eine
Verwandte?«
»Ich -- nein,« antwortete der Gefragte lachend, »das wäre mir neu.«
»Nun ja,« meinte die Wirtin verlegen, »ich konnte mir das auch nicht
recht denken; aber vielleicht kennen Sie die Dame sonst irgendwoher?
Es ist nämlich meine Kellnerin, sie heißt Fränze -- ist noch nicht
lange hier -- ein hübsches Mädchen. Als Sie vorhin eintraten, sah sie
erst wie auf eine Geistererscheinung, bekam dann so eine Art Ohnmacht
-- so wie vor Schrecken -- na und nu sitzt sie da drin und heult wien
Schloßhund und erklärt: sie müsse spornstreichs weg. Sie wären ein
Verwandter -- na Gott, ich glaubs ja auch nicht -- also bitt schön,
wollen Sie nicht wenigstens mal mit ihr reden. Vielleicht beruhigt sie
sich dann.«
Kaspar ging kopfschüttelnd hinein mit den Worten: »Es ist am Ende nur
eine Verwechslung, wahrscheinlich sehe ich einem ihrer Lieben ähnlich.«
Noch immer heftig schluchzend saß das Mädchen, den Kopf auf den einen
Ellbogen niedergebeugt, an einem kleinen Tisch am Fenster des schmalen,
etwas düstren Gemachs.
Als Kaspar zu ihr trat, hob sie das liebliche Haupt schüchtern empor,
und er sah zu seiner höchsten Überraschung, daß es Irmgard von
Zweydorff war.
»O wie schäme ich mich vor Ihnen, Herr Krumbholtz,« klagte das
ehemalige Londoner Magdalenchen, »aber ich war so lange stellenlos,
war am Ende mit meinen Mitteln -- zürnen Sie nicht, ich war anständig,
glauben Sies mir.«
Kaspar drückte dem Mädchen freundlich die Hand, strich ihm beruhigend
mit der Linken über den runden vollen Arm und sagte launig und warm:
»Aber warum denn so erschrecken, liebes Fräulein? Ich bin doch kein
Inspektor der Inneren Mission. Warum sollen Sie sich als Kellnerin
nicht ebenso ehrlich und anständig Ihr Brot verdienen wie als
Verkäuferin oder als Lehrerin? Der Stand machts doch wirklich nicht.
Im übrigen freue ich mich rechtschaffen, Sie einmal wiederzusehen. Nun
können Sie mir doch gelegentlich erzählen, wies Ihnen ergangen ist.
Aber nun bitte nicht mehr weinen! Warum sich aufregen? Freun Sie sich
doch wie ich!«
Irmgard schüttelte trostlos das Haupt und sagte dumpf: »Ich habe nicht
gewußt, daß Sie hier sind; sonst wäre ich sicherlich nicht hierher
gegangen.«
Dann sprang sie auf, drängte sich wie hilfesuchend an Kaspar heran
und flehte: »Liebster, bester Herr Krumbholtz -- ich weiß ja, was für
ein vornehmer Mensch Sie sind -- helfen Sie mir hier fort, ich bitte
Sie flehentlich darum, und ich weiß auch, warum ich das tun muß.
Keine Stunde mag ich hier länger bleiben; oh, es ist so gemein hier,
und die andern Mädchen sind alle so schlecht zu mir, auch die Wirtin
ist ordinär, ich kann gar nicht alles so sagen. Bitte, bitte, lösen
Sie mich aus! Ich hab ja tägliche Kündigung, aber ich habe natürlich
Schulden bei der Wirtin, für Essen und Garderobe, ich bin nicht flott
genug beim Animieren, habe noch zuviel Anstands- und Ehrgefühl. Oh --
es ist schrecklich! Nur fort, fort von hier -- gehen Sie, bitte, suchen
Sie mir rasch eine Wohnung, wenigstens für ein paar Tage, bis ich eine
neue Stellung habe. Ich will ja so gern wieder arbeiten, anständig und
ehrlich arbeiten.«
Kaspar wußte nicht recht, was er von alledem denken sollte. Er war
fremd im Lokal, fremd in solchen Verhältnissen.
Für das Mädchen glaubte er, seit sie seinem Rate einmal gefolgt war,
eine gewisse Verantwortung tragen zu müssen, also versetzte er nach
kurzem Überlegen: »Auslösen will ich Sie gern, damit Sie nicht etwa
gegen Ihren Willen gehalten werden. Hier ist mein Portemonnaie, nehmen
Sie, was Sie brauchen. Auch eine Wohnung will ich suchen, packen Sie
unterdessen Ihre Sachen. Ich komme morgen vor und sage Ihnen Bescheid.«
»Morgen -- nein, nein,« wehrte Irmgard ab, »nicht zehn Minuten bleibe
ich hier, nachdem ich Sie gesehen. Ich habe nur meine paar Nachtsachen.
Ich mag auch die Schande vor den andern Mädchen nicht mehr erleben.
Und verzeihen Sie mir, daß ich Sie in der Not vor der Wirtin zu meinem
Verwandten gemacht habe. Es ist das gewiß keine Ehre --«
»O bitte,« scherzte Kaspar, obwohl ihm nichts weniger als behaglich
war. »Ihr Geschlecht ist sicher erlauchter als das meine. Aber was nun
werden soll, wenn Sie so stehenden Fußes hier mit mir davonlaufen, das
weiß ich wirklich nicht. Lassen Sie uns keine Torheiten begehen.«
»Sie schämen sich doch meiner,« klagte Irmgard, »ich merke es wohl --
nun ja, der angehende Offizier --«
»Pardon, der würde mich erst recht verpflichten, einer in Not geratenen
Dame zu helfen; aber die Hilfe muß Hand und Fuß haben, sonst ists
keine.«
»Nun gut, wenn Sie nur helfen wollen! Das ist die Hauptsache. Hier Ihr
Portemonnaie zurück -- ich nahm, was ich brauchte --, es ist noch viel
darin. Und nun bitte, setzen Sie sich ruhig wieder zu Ihren Herren
Kameraden hinein. Ich mache Toilette und Rechnung. Wo wohnen Sie?«
Kaspar nannte seine Wohnung.
»Gut,« erklärte Irmgard wieder zuversichtlicher, »jetzt ists sechs
durch, um sieben Uhr spätestens bin ich bei Ihnen. Dann beschließen
wir in aller Ruhe, was wir tun werden. Wenn Sie bis dahin sich noch
nach einer Wohnung umsehen können, wäre es mir lieb. Anspruchsvoll bin
ich natürlich nicht. Ich schlief bisher mit den drei andern Mädchen in
einer kleinen Dachkammer. Also -- tausend Dank, liebster, bester Herr
Krumbholtz, und auf Wiedersehen um sieben Uhr. Das vergeß ich Ihnen
nie. Dank, Dank!«
* * * * *
Kaspar litt es nicht lange bei seinen Kameraden, deren neugierigen
Fragen er ausweichen wollte. So ging er rasch auf die Wohnungssuche
in der ihm ja genügend vertrauten Umgegend. Aber er machte schlimme
Erfahrungen.
Die Wirtinnen, die gewiß alle gern an den schmucken Einjährigen selbst
oder an sonst einen Herrn vermietet hätten, wollten von einer Dame
nichts wissen, vollends wenn ein junger Mann in Uniform für sie Wohnung
begehrte.
Die einen erklärten mehr oder weniger verlegen: sie bedauerten
unendlich; die andern lächelten allzu verständnisvoll oder spöttelten
anzüglich; die dritten schlugen gar dem Anfragenden grob die Türe vor
der Nase zu oder riefen ihm entrüstet zu: sie seien anständige Frauen
und vermieteten nicht an liederliche Frauenzimmer.
Nun war guter Rat teuer; überdies war es fast sieben Uhr geworden, und
so eilte Kaspar nach Hause.
Seine eigne Wirtin war eine gutmütige ältere Witwe, die still und
aufmerksam ihre drei Mietherren, außer Kaspar noch einen Einjährigen
und einen Volksschullehrer, bediente. Kaspar hatte zu der Frau rasch
ein gewisses Vertrauen gefaßt, und so teilte er ihr seine Verlegenheit
und seine fruchtlosen Versuche, das Mädchen vorläufig unterzubringen,
mit.
Auch die Witwe schmunzelte ein wenig und meinte: Allzu sehr dürfe der
Herr sich darüber nicht wundern. Mietsviertel und Mietsviertel seien
eben verschieden. Aber, wenn die Dame sonst anständig sei, wie der Herr
meine, so könne sie ja einstweilen in dem gerade freistehenden Zimmer
des Herrn Lehrers, der zu den Ferien verreist sei, logieren.
Kaspar nahm das Anerbieten dankend an und atmete erleichtert auf.
Bald hernach stand Irmgard von Zweydorff mit einem bescheidenen
Handköfferchen errötend vor ihm und war außer sich vor Glück und
Dankbarkeit, daß sie das schöne Zimmer des abwesenden Lehrers haben
dürfe.
Die Wirtin sorgte rasch für ein bißchen Abendbrot, und mit gutem Humor
aßen und plauderten die beiden jungen, verwaisten Menschenkinder, die
das Leben so närrisch wieder zusammen geführt hatte. Dann erklärte
Kaspar, er habe noch Dienst und wünschte seiner neuen Nachbarin mit
galanter Verbeugung eine sorgenfreie und geruhsame Nacht.
In der Tat ging der Einjährige Unteroffizier auch in die Kaserne; aber
die dienstliche Begründung war eine Notlüge.
Einmal hatte Kaspar trotz aller frohen Laune doch deutlich gemerkt,
daß ihm das ungewohnte Beisammensein mit einem jungen Weibe, vollends
der holde Liebreiz und die hingebende Dankbarkeit seines Schützlings,
gewaltig das Blut erregten.
Anderseits kam fast jeden Abend sein Putzkamerad Pfister zu ihm, um ihm
den Dienst für den nächsten Tag zu melden, und ab und zu auch bei einer
Zigarre oder einem Glase Tee ein bißchen zu schwatzen.
Kaspar liebte den redlichen Pfister, der übrigens auch ein »Roter« war
und darum leider die Knöpfe nicht erhielt, obwohl er der ordentlichste
Soldat und der beste Schütze der Kompagnie war. Das wurmte Kaspar
oft, denn er fühlte es unwillkürlich heraus: solche Burschen wie
Pfister würden ihr Vaterland sicherlich nie verraten, wenn es in Not
geraten sollte. Pfister war wie Hunderttausende nur »rot« aus dem
elementaren Drang nach Verbesserung seiner Lage, aus einer gewissen
Hilflosigkeit oder Torheit und aus einem im Grunde höchst achtbaren
Solidaritätsgefühl.
Der gemütliche Vogtländer war übrigens keine Klatschbase, war auch
nichts weniger als prüde. Hatte er doch selbst einen Schatz daheim mit
zwei Kindern, für die er treulich sorgte.
Trotz alledem wäre es Kaspar peinlich gewesen, wenn der Putzer den
Damenbesuch bei ihm getroffen oder auch nur vermutet hätte.
So sagte Kaspar ihm im Revier; er werde die paar Tage bis zum
Manöverabmarsch sich selbst nach dem Dienst erkundigen, er müsse so wie
so jetzt öfter in die Kaserne kommen.
Dann meldete sich Unteroffizier Krumbholtz freiwillig für den nächsten
Abend zum Wachthabenden.
Kopfschüttelnd gab ihm der alte Knabe die Wache, meinte jedoch lachend:
»Streben Sie nicht so unheimlich, Krumbholtz. Die Qualifikation kriegen
Sie auch so, da lassen Sie den Hauptmann und mich nur sorgen.«
* * * * *
Irmgard von Zweydorff merkte sehr wohl, daß Kaspar Krumbholtz einem
längeren Beisammensein mit ihr absichtlich auswich.
Das erfüllte sie teils mit geheimer Genugtuung, denn sie sah, daß sie
dem noch immer Geliebten nicht gleichgültig war; teils fürchtete sie
jedoch, ihm zum Dank für seine Hilfe Verlegenheit zu bereiten. Und
so gab sie sich die ersten zwei Tage redlich Mühe, eine Stellung zu
finden; aber es war schlechte Zeit, und ihre Kellnerinnenstellung hatte
sie um jedes Zutraun gebracht.
Nach und nach sank Irmgards Mut; sie gestand Kaspar ihre
Niedergeschlagenheit und erklärte, sie wolle es lieber in einer andern
Stadt versuchen.
Kaspar redete ihr gut zu und meinte, wenn er jetzt ins Manöver ziehe,
solle sie nur ruhig in seiner Wohnung bleiben und weiter in aller Ruhe
suchen; mit der Zeit würde sie schon etwas finden.
»Sie sind so lieb,« erwiderte Irmgard, »und ich bin Ihnen doch nur eine
Last.«
Kaspar schüttelte schweigend den Kopf.
Dann fuhr Irmgard plötzlich mit erwachender Leidenschaftlichkeit fort:
»So reden Sie doch wenigstens! Gehen Sie mir doch nicht so scheu aus
dem Wege, als sei ich die Pest. Sagen Sie mir doch lieber gerade
heraus, wofür Sie mich halten, und es ist ja wahr, etwas Besseres bin
ich ja auch nicht. Wer einmal am Boden gelegen hat, geht nie wieder
ganz aufrecht.«
»Das wäre schlimm,« sagte nun Kaspar trotzig, »im Gegenteil! Wer
nicht einmal aus allen Himmeln gestürzt ist, wer nicht einmal völlig
verzweifelnd dem Nichts gegenübergestanden hat, der wird nie ein ganzer
Mensch.«
»Das klingt ja beinahe so, Herr Krumbholtz, als sprächen Sie aus
Erfahrung?«
»Gewiß, warum nicht, warum soll ichs verschweigen? Ich habe mich im
Staube gewälzt vor einem unbarmherzigen Schicksal und bin doch genesen
von jenem Verzweiflungsschmerz dank lieber Menschen und Gottes Führung.
Also verzweifeln auch Sie nicht, Fräulein! Denken Sie mal in zehn
Jahren an diesen Tag, und Sie werden lächeln und sich ruhig gestehen:
Es hat sich doch gelohnt, weiter zu leben! Das größte Geschenk, das uns
Gott gegeben hat, ist das Versagen dessen, was wir am meisten begehren
-- nämlich in die Zukunft zu schauen.«
»Sie sind ein seltsamer Mensch, Herr Krumbholtz, so ein Mittelding
zwischen Kavalier und Seelsorger! Eigentlich ist es doch schade, daß
ich Sie der Londoner Stadtmission aus den Klauen gerissen habe. Dafür
müßten Sie mir übrigens ein ganz klein wenig dankbar sein. Nicht?
Und Sie dürfen überzeugt sein, wenn ich Ihnen was Liebes antun könnte
-- o mein Gott, wie gern tät ichs! -- Wissen Sie, oft hab ich schon
geträumt, irgendein reicher Onkel, den ich nur leider nicht habe,
hätte mich zur Erbin eingesetzt; oder ein reicher Nabob hätte mich als
seine Frau gekauft und mich dann -- noch hübsch jung -- als trostlose
Witwe zurückgelassen. Hui -- dann wär ich mit all meinen Schätzen
spornstreichs nach Tramberg gefahren -- statt Ihnen brieflich zu
versichern, daß ich meine Schulden nicht bezahlen kann. Und nun mache
ich gar noch neue. Scheußlich -- nein wirklich, Sie sind wirklich mit
mir geschlagen, wie eine Klette hänge ich --«
Da legte Kaspar sanft die Hand auf den beweglichen kleinen Mund, um ihn
zu schließen. Aber glückselig küßte Irmgard die ihr liebe Hand, so daß
sie Kaspar eilend zurückzog.
»Schon wieder nicht recht? Sein Sie doch mal ein bißchen nett zu mir,«
schmollte nun das Londoner Magdalenchen mit unwiderstehlicher Grazie.
»Sie tun gerade, als wären Sie heimlich mit der reichsten Erbin von
Großbritannien und Irland verlobt. Na endlich lachen Sie wieder und
schütteln -- Gott sei Lob und Dank -- den Kopf. Also wozu dann so
traurig sein? Ich verdrehe Ihnen den Kopf schon nicht, das haben wir ja
in London gesehen. Und nun hören Sie mal, heute ist doch unser letzter
Abend. Um sieben Uhr haben Sie wieder solchen greulichen Appell; aber
dann flausen Sie nicht noch was dazu oder verkriechen sich wieder auf
Wache, sondern kommen Sie hübsch pünktlich zum Abendessen hierher
zu Ihrer kleinen Hausdame, die Ihnen einen appetitlichen Abendtisch
servieren wird und noch einmal mit Ihnen lustig sein will. Wer weiß,
wann und ob wir uns wiedersehen. Also nur einmal noch -- ja -- wollen
Sie?«
Kaspar machte sein gutmütigstes Gesicht, schlug fest in das dargebotene
Händchen ein und ging dann doch nachdenklich davon.
Er war ein Allzugewissenhafter, ein Narr. Warum sollte er dem armen
Hascherl, dem die redlichste Güte vom Gesicht strahlte, nicht
wenigstens etwas Liebes antun?
Um Ursemis willen? Hatte er sich nicht unter bitteren Qualen zu dem
inneren Verzicht auf die heißgeliebte Jugendfreundin durchgerungen? War
es da noch ein Unrecht gegen sie, wenn er mit einem andern weiblichen
Wesen, das ihm vielleicht nicht weniger gut war als er Ursemi,
wenigstens ein paar köstliche, stimmungsfrohe Stunden verlebte?
Aber allerlei anderes kam hinzu. War er sich und seiner Vergangenheit,
seiner Erziehung nicht auch etwas schuldig? Gewiß, doch -- ob gerade
diesen Verzicht?
Es war allerdings ein recht seltsamer Gegensatz: vor einem Jahre erst
hatte er von Herrnhut Abschied genommen und nun soupierte er mit einem
verführerisch schönen Weibe +tête-à-tête+! -- Toll war es --
grotesk! Und doch ein lockendes, vielleicht einzigartiges Stück Leben,
dem er nicht feige ausweichen wollte, auch wenn er sich nicht daran
verlieren wollte.
Und plötzlich lachte er trotzig, ja ausgelassen vor sich hin, als koste
er schon im voraus die lustigen, stimmungsreichen Stunden aus, und dann
überlief es ihn doch wieder kalt, als laure hinter diesem Genuß ein
tückisches Verhängnis.
In Gedanken versunken machte der sonst so taktfeste Unteroffizier
Krumbholtz heute abend sogar eine falsche Meldung, und sein besonderer
Gönner, Herr Vizefeldwebel Knauer, gab ihm mit Genugtuung einen Verweis
wegen seiner Zerstreutheit.
Was tats? dachte Kaspar leichtsinnig bei sich: Parole 49 -- »bloß die
paar Tage noch -- die halt mers aus!«
Abermals stieg das liebe, ernste Bild Ursemis vor ihm auf. Er las
in Gedanken noch einmal ihren letzten guten, treuen und so herzlich
vertrauenden Brief. War er nicht doch ein Verräter?
Im Bann dieser nagenden Gedanken überhörte er den Gestellungsbefehl für
den nächsten Morgen.
* * * * *
Ein einladendes Bild häuslicher Behaglichkeit bot sich Kaspar, als er
von der Kaserne nach Hause kam.
Ein appetitlich gedeckter Tisch, die Servietten zierlich gefaltet, ein
paar Rosen in einer Vase mitten auf der Tafel, an jedem der beiden
Plätze ein Feldblumensträußchen! Und zur Seite stand Irmgard mit
einer schmucken, funkelnagelneuen Tändelschürze neben der dampfenden
Teemaschine und strahlte glückselig wie ein Kindchen am Weihnachtabend.
Kaspar nahm feierlich den Helm in die Hand, machte ein
vorschriftsmäßiges Kompliment, küßte der gnädigen Frau vom Hause
verbindlichst die Hand und sagte lustig näselnd: »Danke tausendmal,
meine Gnädigste, für die köstliche Einladung!«
Nicht minder lustig erwiderte Irmgard: »Nichts zu danken, lieber Herr
Leutnant, bitte, legen Sie das spitze Ding zur Seite und machen Sie
sichs bequem.«
Kaspar legte in der Tat rasch Helm, Handschuhe und das abgeschnallte
Koppel beiseite und bat lachend mit einem abermaligen Kompliment um
die Ehre, die Allergnädigste zu Tisch führen zu dürfen.
Nach einem tadellosen Hofknix nahm Irmgard huldvollst den dargebotnen
Arm, hob ihr armseliges Fähnchen ein wenig in die Höhe, als wäre es ein
schweres Brokatkleid, und trippelte, vergnüglich kichernd, neben Kaspar
zu Tisch.
Als ersten Gang gab es Hering in Gelee, eines der köstlichsten Gerichte
des Abendlandes, wenn -- es so teuer wäre wie Kaviar.
Dann folgten echte Leipziger Würstchen, die um kein Haar den berühmten
Wiener nachstehn, dazu ein wenig Salat.
Als dritter Gang folgte rosenzarter Eutritzscher Schinken, gekocht und
saftig wie der leckerste Prager Schinken Karlsbader Observanz.
Endlich Fromage de Gohlis und zu endlosem Knackvergnügen Rosinen und
Krachmandeln, in denen ein halb Dutzend Vielliebchen tückisch lauerten.
Kaspar und Irmgard schmausten behaglich und beinahe angetan wie zwei
Kinderchen bei ihrer ersten Tanteneinladung.
Jeder las dem andern aus den leuchtenden Augen: ich will lustig
und lieb zu dir sein heute abend; du sollst stets gern an diese
Henkersmahlzeit unserer Neigung denken. Und so ward nicht allzu viel
gesprochen an dem kleinen Tisch; aber eine wonnige, die ein wenig
aufgeregten Sinne süß umschmeichelnde und beruhigende Stimmung
schwebte durch den kleinen Raum.
Lange tafelte man -- scheinbar, als fürchte man sich vor dem Nachher.
Endlich hob die Frau vom Hause doch entschlossen die Tafel auf, räumte
als Hausmädchen den Tisch sorglich ab; der Lohndiener Kaspar bot dem
gleichnamigen Hausherrn mit Erlaubnis der Dame eine Zigarre an, und
nun setzten sich zwei plauderlustige Gäste in die zwei Sofaecken
und räsonnierten launig über das Essen -- ganz wie bei den oberen
Zehntausend!
Immer witziger und ausgelassener wurde die Stimmung, je näher die Angst
voreinander den beiden ans Herz schlich. Und doch schossen von Zeit zu
Zeit verräterische Blicke wie elektrische Funken warnend von Auge zu
Auge, so daß plötzlich die Stimmung umschlug.
Ein schwüles Schweigen trat ein; dann brach bei Irmgard der
Abschiedsschmerz leise klagend heraus.
Kaspar tröstete sie und meinte: »Warum sollen wir uns nach dem Manöver
nicht ebenso harmlos vergnügt wiedersehen?«
»Glauben Sie denn, daß wir harmlos sind,« fragte Irmgard dumpf, »ich
wenigstens bin es nicht; ich gestehe ehrlich, ich habe mein Weh bisher
nur übertäuben wollen.«
»Tun wirs beide weiter,« gab Kaspar rasch zurück, »Kopf hoch und
lachend Abschied genommen! Das ist Soldatenart.«
»Wers könnte! Sie könnens ja auch nicht. Sehn Sie, wenn ich jetzt so
mein Ohr lauschend an Ihr Herz lege, da höre ich ja ganz deutlich --
tiktik, tiktak -- wie es genau so rasch schlägt wie das meine.«
Kaspar zuckte unwillkürlich zusammen. Die gefährliche Brücke zwischen
hüben und drüben war geschlagen, und die gegnerischen Stürmer drangen
siegreich vor an die ersten Umfassungsmauern der Festung.
Bald schmiegte Irmgard ihr Köpfchen wie schutzsuchend an Kaspars
breite, schon rascher atmende Brust, und sie begann zu erzählen, so
lieblich vertraulich, als sei alles um sie her versunken, als säße sie
mit einem heißgeliebten Prinzen in einem verzauberten Märchenschloß.
Wie von ungefähr, als könne es gar nicht anders sein, fand sich auch
das trauliche Du.
»Liebster, Bester,« gestand Irmgard schließlich, »weißt du, daß ich
dich eigentlich ein wenig belogen habe? Erschrick nicht -- wozu -- ich
tat es damals -- vielleicht aus Scham, aus Furcht, was weiß ich? Wir
Frauenzimmer nehmens mit unsern Notlügen alle nicht so genau. Denk nur
-- ich bin kein Fräulein mehr, ich bin eine geschiedene Frau, aber
still -- eine armselige, glücklose -- mein Mann sitzt im Irrenhause.
Ich danke dir für diesen Händedruck, Lieber! Du weißt ja nicht, wie
schwer mein noch nicht langer Lebensweg schon war. Eine Waise bin
ich wirklich; aber keine Lehrerin, wenigstens keine richtige. So ein
bißchen Gouvernante war ich einmal, als mich mein Onkel und Vormund
aus seinem Hause vertrieb, weil ich ihm seine jungen Eleven rebellisch
machte. Ich war damals recht froh, daß ich fortkam; er hielt mich
wie ein Klosterfräulein, obwohl ich zuvor wie ein wilder Bub bei ihm
aufgewachsen war. Schade, daß ich keiner war, ich wär vielleicht
was Besseres geworden, als ich jetzt bin. Ich konnte gut reiten und
schwimmen. Hab drüben unter meinen Sächelchen noch ein zerknittertes
Diplom von der Behörde zur Belobigung, weil ich einen kleinen
Müllerbuben aus dem Fluß gerettet habe. Wär ich ein Mann gewesen,
hätte ich wohl die stolze Medaille am weißen Bande bekommen, denk mal,
was ich da als Einjähriger hätte für Staat machen können! Ists nicht
schade?«
Kaspar lachte still in sich hinein. Was war das für ein herziges
Geschöpf -- und seine Neigung wuchs in dem Maße, als seine Scheu wich.
Irmgard plauderte fort wie ein vor sich hin zwitscherndes Vögelchen:
»Onkel war ein Griesgram, ein Angstmeier und Tugendnarr; er traute
keinem hübschen Weibe über den Weg, und da ich nicht häßlicher wurde
mit der Zeit, tat er mich aus dem Hause, als wäre ich ihm gefährlich.
Mit der Gouvernante wars nicht weit her. Schuldumm war ich immer, und
Englisch habe ich dann wohl auch nur aus Not gelernt, eine Lehrerin
hätte es mir nie beigebracht. So wurde es wieder mit dem Praktischen
versucht, ich lernte Kochen in einem Restaurant. Da nahm mich das
Schicksal das erste Mal am Kragen und warf mich in die Ehe mit einem
armen Leutnant, der meinethalben den Abschied nahm und Gefängnisbeamter
wurde. Mir imponierte das gewaltig; aber schließlich hatte es mir doch
nur der Offizier und nicht der Subalternbeamte angetan. Wir waren
in Waldheim bei den geisteskranken Verbrechern. Es war ein schwerer
Dienst, mein armer Mann konnte den so schnell ausgezogenen Rock nicht
vergessen, die neue Uniform nicht vertragen; die Gefangenen waren ihm
entsetzlich. Mein Gott, wer weiß, was alles in der Seele des immer
Verschlossenen vor sich ging? Er ward plötzlich bitter und hart zu mir,
er schlug mich, mißhandelte mich schließlich, eines Tages schoß er nach
mir. Hier über der linken Brust -- du darfst schon fühlen, wenn ichs
dir zeigen will -- da, da saß die Kugel! man hat mir bei der Operation
den Busen zerfleischt -- mit dem +decolleté+ ists nichts mehr.
Meinen Mann brachte man in eine ähnliche Anstalt wie Waldheim. Er war
unheilbar -- ich erhielt meine Freiheit zurück -- leider, leider. Dem
Onkel war ich nun noch viel mehr zuwider geworden, er verschloß mir
sein Haus, enterbte mich später -- schade, gelt? -- sonst! O du Narr --
wär das so schlimm? Also gut -- ich verzehrte mein bißchen Geld, ward
noch einmal Gouvernante und ging nach London. Was dann folgte, kommt
nie über meine Lippen -- es war zu grauenhaft.«
Kaspar erbebte. Da plötzlich hob sich Irmgard leise empor, schlang ihre
Arme voll Sehnsucht um seinen Nacken, sah ihm flehenden Blicks tief in
die mit glitzernden Tränen gefüllten Augen und sagte leise: »Lieber,
willst du mich nun verachten?«
Stumm schüttelte Kaspar das Haupt und küßte das arme, vom Leben
gehetzte Weib mit heißem Mitleid und unwiderstehlicher Zuneigung,
während zwei schwere Tränen auf ihre glühenden Wangen niederrollten.
Lang hielten sie sich umfangen. Endlich löste Kaspar seine und ihre
Arme mit schonender Güte und sagte tonlos: »So laß uns scheiden und
habe Dank -- für alles, ich werde diese Stunden nie vergessen.«
Da flog ein leises, wehes Zucken über Irmgards schönes Gesicht; mit
aufflammender Empörung riß sie sich los und stürzte wortlos davon.
Kaspar schritt ihr hastig ein paar Schritte nach, griff sich an die
Stirn und rief betroffen: »Nicht so, Irmgard. Nicht böse sein, ich
wollte dir nicht weh tun!«
Aber schon war sie hinaus und in ihr Zimmer hinüber.
Kaspar war maßlos bestürzt. Was hatte er getan, was konnte sie so
erregt haben? -- Nein -- so konnte er sich nicht von dem lieben Mädchen
trennen -- das wäre eine Roheit, die er sich niemals verzeihen könnte!
Wollte er diese herrlichen Stunden, vielleicht die süßesten seines
bisherigen Lebens, in einen so schrillen Mißklang ausgellen lassen?
Nein -- also, er mußte noch einmal und anders Abschied nehmen von ihr
-- denn morgen in aller Frühe -- übrigens wann wurde denn gestellt?
Bah -- das ergab sich schon, nur zeitig aufstehn! -- Aber nun mußte er
Irmgard um Verzeihung bitten -- unbedingt -- sofort natürlich, ehe es
etwa schon zu spät ist.
Und so ging Kaspar hinüber und klopfte leise an.
Keine Antwort folgte, noch einmal -- wieder war nichts zu hören!
Endlich sagte Kaspar mit redlicher Betrübnis und vernehmlich:
»Irmgard, ich will nur um Verzeihung bitten, es war schlecht von mir.«
Da rief es leise, aber jubilierend wie Lerchengeschmetter: »Herein!«
Kaspar trat in das dunkle Zimmer. Eine weiße Gestalt umfing ihn mit
ungestümer Wonne, und dem reuigen Sünder ward vergeben in wortloser,
sich selbst vergessender Liebe.
* * * * *
Am andern Morgen kam Kaspar Krumbholtz zum erstenmal in seiner
Militärzeit zu spät zum Dienst.
Als er nach der Kaserne kam, waren sämtliche Kompagnien bereits
ausgerückt, und das Revier geschlossen. Kaspar stand ratlos in seiner
Ausgehuniform da und wußte nicht aus noch ein. Endlich erreichte ihn
eine von Knabe heimlich zugesandte Ordonnanz mit dem Befehl, er solle
mit der Bahn nach Leutzsch fahren, dort sei der Bagagewagen mit seinem
Dienstanzug.
Der Uniformwechsel war einigermaßen schwierig, aber er gelang, und
Kaspar kam auch nach allerhand Fährlichkeiten, darunter ein höchst
fatales Rencontre mit dem Major, glücklich zu seiner Kompagnie.
Was der alte Knabe an diesem Tage für ihn getan hatte, vergaß Kaspar
ihm nie, obwohl der Feldwebel es an handfestem Landserspott anfangs
nicht fehlen ließ und die vorgestern noch so totsichere Qualifikation
für rettungslos in den Rauchfang geschrieben erklärte.
Derbe Neckereien hagelte es von allen Seiten den ganzen Tag über, und
Kaspar trug sie stumm. War ihm doch, als müsse ihm jeder ansehen, daß
er nicht mehr derselbe sei wie gestern. Das Lügen hatte ihm auch sein
Sündenfall nicht gelehrt, und ein unendlich quälendes Schuldgefühl wich
lange nicht von ihm.
So ward das Manöver für den einjährig-freiwilligen Unteroffizier nicht
allzu fröhlich; aber seine Obliegenheiten erfüllte er mit solcher
Pflichttreue, daß ihm der Oberleutnant Buff mehrfach seine Freude
aussprach und bedauerte, daß er nicht Offizier bleiben wolle; das wäre
doch ein Erzieherberuf, wie ihn Kaspar sich nicht verantwortungsvoller
denken könne.
Kaspar schwieg auch dazu; er dankte nur innerlich dem Oberleutnant,
der oft wie ein älterer Kamerad zu ihm gesprochen hatte, für seine
Anteilnahme, aber schließlich sprach er sich aus: Schön ist dieser
Beruf, nur zu sehr vom Zufall abhängig. Seiner gewaltigen Verantwortung
entspricht höchst selten die nötige Freiheit der Persönlichkeit.
Dennoch zog Kaspar mit ehrlichem Bedauern nach seiner Rückkehr in die
Garnison den ihm liebgewordenen bunten Rock mit den blitzenden Tressen
aus und stürzte sich mit einem Eifer in seine Studien, als suche er
Vergessenheit.
Das Londoner Magdalenchen fand er nicht mehr vor; es war im Strudel des
Lebens spurlos untergetaucht.
Das letzte Zeichen war ein kleiner Zettel in seiner Kassette. Auf dem
stand: »Ich weiß, ich habe Dir geraubt, was ich selbst nicht mehr
besaß. Aber sei überzeugt, Du mein einzig und wahrhaft Geliebter, ich
hätte es Dir tausendfach geopfert, wenn ichs besessen hätte. Vergiß
mich, ich war Deiner nicht wert, Du sollst mich nie wiedersehn.
Irmgard.«
In trostlosem Weh schüttelte Kaspar das Haupt. Er hatte in einer
einsamen Manövernacht sich zu dem Entschluß durchgerungen, sein Unrecht
an Irmgard wieder gut zu machen -- es koste, was es wolle, und nun
hatte sie ihm jede Möglichkeit dazu absichtlich genommen. Mehr und mehr
schärfte sich in Kaspar das Scham- und Verantwortungsgefühl gegenüber
dem Weibe, und so bewahrte ihn diese erste Torheit vor weiterem
Leichtsinn.
Drittes Kapitel
Charlotte
Hans Sebalt hatte das Kneipenleben gründlich satt und saß jetzt fast
Abend für Abend über seiner Doktorarbeit. Um sich irgendeine Anregung
oder Zerstreuung zu gönnen, ging er gelegentlich ins Theater.
Das war kostspielig, aber Herr Geheimrat Volpelius hatte ihm längst
schon vom Kapital senden müssen und hatte es anstandslos mit wenigen
höflichen Worten getan.
Überdies stand für Sebalt die Promotion in Sicht, und bei den teuren
Experimenten war mit 100 Mark im Monat vollends nicht auszukommen, wenn
Sebalt nicht leben wollte wie der sparsame Musterknabe Kaspar, der
spazieren lief oder turnte anstatt zu kneipen, und öffentliche Vorträge
oder politische Versammlungen besuchte anstatt Konzerte und Theater.
Von seinem Jugendfreunde hörte Hans Sebalt immer wunderlichere Dinge:
jetzt war der selbstlose Biedermann gar mit seinen zwei armen
Zwillingsvettern aus Ingelbach zusammengezogen und hielt mit dem einen
Zwilling, der ein leidliches Gehalt als Buchhalter bezog, den andern,
der auf der Akademie studierte, mühsam über Wasser.
Das fidele Hungertriumvirat, das, ausgerechnet gegenüber dem
Hauptpolizeigebäude, seine Behausung gewählt hatte, nannte sich seitdem
übermütigerweise »+Collegium Mugonianum+« wohl nach der +Pinus
Mugo+, dem Knieholz.
Höchst töricht und unwissenschaftlich, dachte Sebalt, denn Mugo war,
-- aller Wahrscheinlichkeit nach -- ein italienischer Zuname; aber
die drei Krumbhöltzer hielten es sicher mit Goethes Proteus: »je
wunderlicher, desto respektabler«. Bei einem zufälligen, übrigens
vergeblichen Besuch fand Hans Sebalt sogar ein großes Schild an die Tür
gezweckt mit dem Biertitel »+Collegium Mugonianum+«. »Eigenartiges
Vergnügen!« brummte der Doctorandus und zog kopfschüttelnd wieder von
dannen.
* * * * *
Eines Sonntag nachmittags saß Hans Sebalt in der billigen
Theatervorstellung einer kleineren Vorstadtbühne. Er war lediglich des
Stücks wegen hingegangen, die Truppe war nicht berühmt.
Das Drama hieß »Frühlingssturm« und hatte einen Schulkameraden aus
Bethel zum Verfasser, der unlängst auch in Leipzig seinen Doktor
gemacht hatte. Sebalt hatte ihn nur einmal flüchtig gesehen; fand
den Dichter aber wenig interessant im Gegensatz zu seinem Stück, das
einigermaßen pikant zu werden schien.
Die ersten Akte hatten nicht viel davon ahnen lassen, waren auch nicht
gerade spannend, wennschon der Theologenkonflikt mit seinem Gegensatz
zwischen Alt und Jung Sebalt interessierte; nur die Hauptperson, ein
unleidlicher Backfisch, war zu dumm und sentimental geraten. Endlich
kam die heimliche Geliebte des jungen Zweiflers auf die Bühne -- da war
schon eher Mumm drin!
Und bitte! Wer spielte denn? Diese Stimme kannte er doch!
Hans Sebalt faßte sich an die Stirn und starrte nach der Bühne.
Teufel, dachte er -- narrte ihn was? War das nicht sie -- das infame
Frauenzimmer -- die schlanke Brünette, die ihn damals in Lindenau so
beleidigt, beim Juwelier so schnöde versetzt hatte?
Zettel her: Charlotte Schubert -- hm -- jedenfalls kein Bühnenname --
zu simpel -- eigentlich zu dumm für diese -- na -- aber sie kann etwas!
Donnerwetter, wie sie sich den schlappen Kerl von Liebhaber vornimmt
und nun den Alten, heidi -- das sitzt! Menschenskind -- das Abtrumpfen
hat sie los -- das ist ihre Natur -- so ähnlich gings ihm damals an
der Straßenecke. Und jetzt wieder diese wilde Verzweiflung -- Töne --
so echt -- prachtvoll!
Hans Sebalt erbat sich von einem Nachbarn das Glas -- und richtig, das
war das verteufelt schöne, fast eherne Sphinxgesicht mit der schwarzen
Haarkrone. Nun wollte er sie erobern, es mochte biegen oder brechen!
Von da an hatte Sebalt keine ruhige Minute mehr, auch die Doktorarbeit
trat zeitweise ganz in den Hintergrund. Vor allem wollte er diesmal so
klug zu Werke gehn, daß ihm eine abermalige Zurückweisung unmöglich
gemacht wurde.
Bald hatte Sebalt alles Nötige ausbaldowert: Sie wohnte allein,
ärmlich; Gage sehr mäßig; Rollen zweite Garnitur; trotz Talent und
guter Kritik Aussichten gleich Null. Es fehlte ein kluger Manager.
Aha, rechnete Hans, jetzt werden meine Chancen schon steigen; ich
werde den Theaterhabitué spielen -- schnobrig -- nobel -- kann mirs
ja schließlich leisten. Ich könnte ihr vielleicht helfen -- aber erst
warte, mein Püppchen! Erst wollen wir dich mal zahm kriegen! Du sollst
Hans Sebalt nicht umsonst bis zum äußersten gebracht haben.
* * * * *
Bei einer der nächsten Sonntagnachmittagaufführungen erhielt Charlotte
Schubert ein schönes Bukett mit einer Karte, auf der die rätselvollen
Worte standen: »Dank für den Tort in Lindenau! S.«
Acht Tage darauf kam ein prächtiger Lorbeerkranz, der ihr beim Publikum
sehr zustatten kam, mit den Worten: »Dank für die Schmach vorm
Juwelier! S.«
Unterdessen hatte Sebalt, der beobachtet hatte, daß die Schauspieler
nachher noch im Keller des Restaurants zusammensaßen, sich bereits dem
Direktor und einigen Acteurs vorstellen lassen und sich mit ein bißchen
dickaufgetragenem Lob lieb Kind gemacht.
An jenem Abend lobte er namentlich das Fräulein Schubert und ließ sich
ihr nach dem Lorbeerkranz im Kreise ihrer Kollegen vorstellen.
Fräulein Charlotte war sehr zuvorkommend und Sebalt ganz Grand
Seigneur.
Er hatte sich extra eine neue Weste und eine modische, dünne Goldkette
für seinen Triumphabend gekauft, hatte diese höchst schick von einer
Westentasche zur andern durch das zweitoberste Knopfloch gezogen und
merkte mit einiger Genugtuung, daß er von den armen Histrionen für
einen Mann mit respektablem Einkommen und noblen Passionen gehalten
wurde.
Gegen Mitternacht erfüllte sich sein sehnlichster Wunsch, Fräulein
Charlotte nach Hause begleiten zu dürfen. Sie hatte einen weiten Weg,
wenn sie nicht durchs düstere Rosental gehen wollte.
Mit neckischer Schalkhaftigkeit, die allerdings etwas Gemachtes und
auch etwas Gedemütigtes an sich hatte, meinte sie beim Fortgehen:
»Schade, daß ich Ihren schönen Lorbeerkranz nicht gleich mitnehmen
kann, aber ich lasse das kostbare Geschenk mir morgen früh holen.«
»Also wird es dem Lorbeerkranz besser ergehen,« spöttelte Sebalt, »wie
seinerzeit der Perlenbrosche.«
Die stolze Charlotte zuckte leise zusammen unter diesem Hieb. Wie
geduckt ging sie neben dem eleganten Kavalier und stammelte nur ein
wenig verwirrt:
»Verzeihen Sie, das war damals nicht recht von mir. Aber wenn Sie alles
wüßten -- ach wozu -- reden wir von was anderm. Wie hat Ihnen das Stück
gefallen?«
Mit wirklicher Sachkenntnis und ätzendem Sarkasmus äußerte sich der in
der neueren Literatur recht gut versierte Sebalt über das Stück, über
den Autor, sprach auch gescheit über die Rollen und ihre verschiedenen
Chancen; insonderheit unterzog er die Auffassungsmöglichkeiten der
Rolle Charlottens einer ganz geistreichen Untersuchung.
Charlotte sah ein paarmal ihren Begleiter, der beide Hände straff
in die Überziehertaschen geschoben hatte und etwas blasiert, doch
überzeugt vor sich hinsprach, verwundert von der Seite an.
Dann sagte sie lächelnd: »Wenn ich jetzt nicht solchen Respekt vor
Ihrer Weisheit hätte, möchte ich übermütig zitieren: ›Wie hast du dir
verändert‹ -- so aber will ich nur hübsch gesetzt bemerken: Wenn Sie
früher so gesprochen hätten und nicht so völlig anders, Herr Sebalt,
dann wären wir wohl eher und besser bekannt miteinander geworden.«
Sebalt sagte eisig: »Nur immer hübsch langsam mit die jungen Pferde,
meine Gnädigste! Wer langsam fährt, kommt auch nach Halle.«
Charlotte ärgerte sich sichtlich und schwieg.
Als Sebalt wie selbstverständlich ins Rosental einbog, zuckte sie einen
Moment zurück, folgte dann aber gehorsam wie eine gebändigte Löwin
ihrem Dompteur.
»Fürchten sich wohl, meine Gnädigste,« spottete der Begleiter, »der Weg
ist kürzer -- übrigens Ihnen ja auch einigermaßen bekannt, und unter
meiner Bedeckung passiert Ihnen nichts.«
»Jawohl,« gab Charlotte bitter zurück, »wer den Henker zum Gesellen
hat, braucht für den Strick nicht zu sorgen.«
»Soll das etwa heißen, daß Sie erwarten, von mir attakiert zu werden?
Nee, Verehrteste, da seien Sie totenruhig! Vor mir sind Sie seit der
Broschenaffäre sicher; nicht ein Haar von ihrem übrigens prächtigen
Schopf soll Ihnen gekrümmt werden.«
Charlotte ging schweigend neben dem jetzt ebenfalls hartnäckig
schweigenden Weggesellen durch das Dunkel des im Novembersturm
heulenden Waldes, das nur wenige flackernde Laternen hie und da mühsam
erhellten.
Sebalt reichte der unsicher Schreitenden nicht den Arm, sagte nur
einmal, als sie ein wenig strauchelte, ironisch: »Wollen doch nicht
Traviata spielen?«
Da blieb Charlotte empört stehen und rief Sebalt zu: »Was wollen Sie
eigentlich von mir, Sie werden mir nachgerade unheimlich!«
»Wie Sie mir vor Jahr und Tag! -- Was ich will -- nur meine Rache kalt
genießen, Sie ein wenig verachten, meine Gnädigste, weil ich Sie früher
zu viel verehrt habe.«
»Wenn Sie das wirklich getan hätten --«
»Bitte, habe ich Ihnen den zahlenmäßigen Beweis, den Sie so
geschmackvoll forderten, nicht +stante pede+ damals angetreten?
65 Mark die kleine Dummheit, eigentlich für nen Studenten ein bißchen
teures Angebinde, meinen Sie nicht, Gnädigste? Und dann noch für die
Katz! Schade!«
»Mein Gott ja, es war wirklich sehr unrecht von mir. Ich habe Sie ja
schon um Verzeihung gebeten, Herr Sebalt. Und glauben Sie mir, es
war auch nur ein verrückter Einfall, der mir plötzlich meiner gar zu
unwürdig vorkam, und da bin ich eben voll Schrecken davongelaufen. Also
kommen Sie, seien Sie gut, geben Sie mir jetzt Ihren Arm, und ich will
Ihnen alles offen gestehen.«
»Welche Ehre, meine Gnädigste,« hüstelte Sebalt preziös und reichte den
rechten Arm.
»Lassen Sie doch endlich das fade Getue und das ewige Gnädigste. Es
glaubt Ihnen ja doch keiner, daß Sie son Laff sind, wie Sie vorgeben.
Also nun hören Sie. Ich war schon in Monplaisir Schauspielelevin;
wir probten da im Saal immer nachmittags. Ich hatte seinerzeit große
Rosinen im Kopf, wie die meisten von uns am Anfang. Unter ner Duse tun
wirs nicht in unsern Erstlingsträumen. Ein wenig Erbteil hatte ich
damals noch, ein leidliches Äußere doch auch, sogar nach dem Urteil
eines gewissen Herrn, der mir immer nachmittags nachstieg. Na kurz
und gut, als ich in Lindenau das erste Mal öffentlich auftrat -- an
jenem Abend wollte ich nur die Akustik im gefüllten Saal prüfen -- da
hing mein Himmel voller Geigen. Dann aber kams anders. Ich spielte
und spielte, kein Hahn und kein Agent krähten nach mir, obwohl das
Publikum immer Beifall spendete und die Kritik stets wohlwollend war.
Ich ging in die Vollen, ich ließ mir Toiletten machen, ließ mir Buketts
spenden, lachen Sie nicht -- es ist mir bitter genug gewesen. Alles
war verlorne Liebesmüh; nur Verehrer, die waren hinter mir her wie
die Teufel hinter ner armen Seele. Damals ging mein Restchen Vermögen
zu Ende, und ich rang bitterlich mit mir, ob ich kapitulieren sollte,
wie so viele Größere vor mir auch in blutiger Not, nur um sich der
geliebten Kunst zu erhalten. In jener Seelennot, Herr Sebalt, stießen
Sie auf mich. Das war an dem bösen Abend vor dem Juwelierladen. Erst
flog mir durch den Kopf -- kapituliere! Dann kam plötzlich die Scham
vor mir selbst, und in bittrem Hohn -- ja mit Undank und Niedertracht
zahlte ich Ihnen für Ihre Neigung, für Ihr vielleicht ehrliches Opfer.
-- -- So, da haben Sie meine Beichte, ohne Schminke und ohne Scham!
Wollen Sie nun aufhören, mich zu peinigen und mir endlich Absolution
erteilen, ein- für allemal!«
Hans Sebalt war es eigen zumut. Er fühlte, er war mehr ergriffen von
dem schlichten Leidensbericht, als er sich gestehen mochte.
Und doch schwankte er, ob er nicht zu viel Trümpfe aus der Hand gäbe,
wenn er jetzt schon den ganz Versöhnten spielen würde.
So sagte er nur unwirsch und doch fast tonlos vor verhaltener Bewegung:
»Narrenhaus -- diese Welt -- man tanzt aneinander vorbei, wenn man sich
am nötigsten braucht.«
»Was meinen Sie damit,« fragte Charlotte beunruhigt.
»Bitte, beantworten Sie mir erst eine Frage, die ich mir sicher nicht
erlauben würde, wenn -- nun ja, ich will auch ehrlich sein -- wenn ich
Sie nicht ehedem so wahnsinnig geliebt hätte.«
»Ich weiß schon, was Sie fragen wollen. Erst eine Gegenfrage: Haben Sie
mal meine Mila im Frühlingssturm gesehen?«
»Ja, sie war das Erste und -- gestatten Sie -- das Beste von Ihnen!«
»Nun also! Und glauben Sie, daß eine Non Traviata, oder sagen wir doch
lieber richtiger eine, die ihrem Götzen von Beruf nicht alles -- auch
das letzte -- hingeopfert hätte, so spielen könnte?«
»Nein, ich dachte mirs,« antwortete Sebalt tief ergriffen.
»Und sehen Sie,« rief er dann schmerzlich, »hätten Sie mich damals
nicht brauchen können? Ich hätte keinen so hohen Preis gefordert, wie
vielleicht ein anderer -- ich -- ich liebte Sie redlich.«
»Und heute fordern Sie ihn auch, weil Sie mich nicht mehr lieben,
sondern nur, weil Sie sich noch in Ihrer Rache sonnen wollen.«
»Ich fordere nichts, aber auch gar nichts mehr!«
»So -- und warum nicht? Bin ich Ihnen selbst zur Rache zu schlecht?«
»Nein, Charlotte, dazu sind Sie mir nach Ihrem Geständnis noch immer
viel zu gut! Nur -- ich verlange heute nach beiden nicht mehr -- wie
damals! Ja -- damals schrie ich wohl nach Ihrer Liebe und dann -- dann
glühte ich vor Haß.«
»Und vergaßen mich am Ende -- trotz oder vielleicht wegen der teuren
Brosche?«
»Nein,« sagte Hans mit plötzlich erwachter Leidenschaft, »nun sollen
auch Sie alles wissen! Die Brosche -- die warf ich einer andern zu,
der ich mein Bestes verschenkt hatte -- warum -- weil sie Ihnen
ähnlich sah! -- So, nun habe ich gebeichtet und bitte um die gleiche
Sündenvergebung, liebe Beichtigerin.«
Charlotte sagte kein Wort. In tiefer Bewegung gingen die beiden bis zu
der unfernen kleinen Parterrewohnung der Schauspielerin.
Als diese ihre Haustür aufgeschlossen hatte und Hans sich verabschieden
wollte, sagte Charlotte leise: »Kommen Sie herein, Herr Sebalt, ich bin
Ihnen viel schuldig geworden und will meine Schulden bezahlen.«
Da umfaßte Hans Sebalt das schöne, ehedem so bitter gehaßte Weib in
wilder, glückseliger Liebe, und mit verzehrender Glut wurden seine
stürmischen Küsse erwidert.
Viertes Kapitel
Auseinander
Kaspar Krumbholtz drang tiefer und tiefer in den Geist der modernen
wissenschaftlichen Forschung ein und söhnte sich auch mit der ihm
ehemals so unsympathischen historisch-kritischen Methode aus.
Nach und nach merkte er eben, daß seine Abneigung nicht eigentlich in
der freilich oft alexandrinisch übertriebenen Buchstabentiftelei der
Philologen, auch nicht in der spezialistischen Kleinkram bisweilen
überschätzenden Einseitigkeit der Historiker ihren letzten Grund hatte,
sondern in dem Unwillen seines autoritätfrommen Gemüts, das gegen das
Experiment am ungeeigneten Objekt Verwahrung einlegte.
Dieselbe Methode, die ihn bei der Bibelforschung so oft innerlich
verletzt hatte, erschien ihm beim Nibelungenlied oder bei den Quellen
der Reformationsgeschichte durchaus anziehend, notwendig und fast
selbstverständlich.
Noch immer zog es jedoch Kaspar in die Weite; immer noch wuchs die
Zahl der Fächer, in denen, wenigstens einigermaßen orientiert zu sein,
ihm notwendig erschien.
Von der Philosophie kam er zu der Ästhetik und Pädagogik, die ihm,
dem Mann der Praxis, allerdings wenig Neues sagen konnte. Die
Nationalökonomie, seine erste Liebe, ließ ihn so wenig wieder los
wie das Interesse für Politik, und beide führten ihn eines Tages zur
Soziologie und zur Geographie. Von der Geschichte und deren wenig
interessanten Hilfswissenschaften drängte es ihn rasch weiter zur
Archäologie und zur Kunstgeschichte.
Er ging in die Museen und lernte in peripathetischen Übungen ganz neu
sehen und vergleichen.
Von der Germanistik trieb es ihn nach und nach zur modernen
Literaturgeschichte und aus den Kollegs unwillkürlich in die Theater
und die Leihbibliotheken.
Vieles in der neusten Literatur verstand er zunächst gar nicht, da
er von Haus aus kaum die Klassiker einigermaßen beherrschte; nur
Liliencron berauschte ihn wie junger Most. Erst über Hebbel, Keller,
Anzengruber, Raabe und die Ebner-Eschenbach fand er langsam den Weg zu
Tolstoi, Ibsen und Hauptmann, während Zola ihm nicht viel zu bieten
vermochte.
Der Dichterphilosoph Nietzsche verwirrte Kaspar anfangs gewaltig, um
ihn dann um so klarer zu machen. Aus seinem niedergeschlagenen Schüler
ward er nach und nach sein fröhlicher Gegner; aber er dankte ihm ein
Stahlbad.
Aus Zufall geriet Kaspar in eine sehr besuchte Vorlesung über
Psychiatrie, und sie fesselte ihn bald so sehr, daß er zwei Semester
hindurch in keiner Vorlesung dieses Fachs fehlte. Das trug ihm
für das Verständnis der modernen, teilweise recht pathologisch
durchsetzten Literatur viel aus, und auch für seine tiefgehenden
Erziehungsinteressen fand er hier wie in den lebensvollen,
anschauungsreichen Vorlesungen eines fast sokratischen Psychologen weit
mehr Nahrung und Anregungen als in denen der eigentlichen Pädagogik.
Je weiter jedoch die Kreise Kaspars wurden, um so schwieriger wollte
es ihm dünken, sich nach und nach zurückzukonzentrieren auf irgendein
praktisches Brotfachstudium. Was die Mehrzahl seiner Kommilitonen zu
früh und zu sehr tat, tat Kaspar zu spät. Manchmal wollte es ihm schier
unmöglich erscheinen, auf das herrliche Ausgreifen nach allen Seiten zu
verzichten.
Hans Sebalt war längst mit höchstem Lobe zum Doktor promoviert und
traf bereits neue Vorbereitungen für ein Werk, das ihm vielleicht als
Habilitationsschrift dienen konnte.
Der langsame Kaspar dagegen suchte und suchte und fand und fand so
vieles und so gewaltiges, daß ihm alles eigne Schaffen demgegenüber als
ein von vornherein aussichtsloses, mindestens wertloses Unterfangen
erscheinen wollte.
Wenn ihm jemals etwas gelingen könnte, so dachte und hoffte Kaspar
mitunter, dann wäre es nur die Reproduktion, die Projektion dieser
reichen Welt von neuen Anschauungen, Ergebnissen und Zielen auf die
Seelen anderer, am liebsten der heranwachsenden Generation, der ein
kundiger Führer in einer so überallhin vorwärtsdrängenden, wirbelnden
Zeit vielleicht fruchtlose Kämpfe und endlose Umwege ersparen könnte.
Aber einer der Professoren setzte Kaspar auseinander, daß nur die
Erfahrung an einigen eigenen Schöpfungen den vollen Respekt vor
den Leistungen anderer und Größerer zeitigen könne, und daß die
notgedrungene Konzentration, vielleicht auch unter dem bittersten
Verzicht, vom berauschenden Genuß des Empfangens zur schmerzvollen
Geburt der Tat führen müsse, wenn anders der Genuß -- auch in der
Wissenschaft -- seine sittliche Berechtigung haben solle.
Und so ließ sich Kaspar nach etlichen Semestern seine Examenarbeiten
geben, obwohl Ursemi ihm in ihren Briefen zusetzte, er solle erst
einmal wie Hans Sebalt den Doktortitel erwerben.
Kaspar lächelte wehmütig über diesen Wunsch.
Verriet er ihm doch leise, daß Ursemi noch immer nicht ganz begriffen
hatte, daß er ihr nie mehr, aber auch nie weniger sein wollte -- und
jetzt gar nicht mehr sein durfte -- als ein treuer Bruder.
* * * * *
In Reda hatte sich äußerlich nicht viel verändert seit dem Tode Wilhelm
Winklers.
Die Werke wurden von den erprobten Direktoren, Beamten und Arbeitern
im Sinne des Mannes weitergeführt, der ihnen durch eine hochherzige
Testamentbestimmung einen je nach dem Dienstalter steigenden,
schließlich sehr hohen Gewinnanteil gesichert hatte.
Der Hauptertrag stand der Winklerstiftung zu, die von einem erlauchten
Sechserkonsortium verwaltet, das halb aus bekannten Gelehrten und halb
aus unabhängigen Laien bestand, und vom Geheimrat Volpelius, einem
früheren Verwaltungsbeamten, geleitet wurde.
Ein kleiner Teil der Gelder wurde zu Stipendien für junge unbemittelte
Forscher oder zur Unterstützung für begabte Schriftsteller und sonstige
geistig oder künstlerisch aufstrebende Männer verwandt, die ihrem Volke
mit der Zeit zu Führern zu reifen versprachen.
Das Hauptziel der Winkler-Stiftung sollte jedoch die Gründung
einer großen nationalen Erziehungsanstalt sein, in der eine von
Staatsvorschriften und Traditionsdruck freie Jugend heranwachsen
konnte, für die charakterliche Erziehung zur Selbständigkeit und eine
individuelle, zeitgemäße und doch harmonische Bildung das oberste Ziel
sein sollten. Einzelbestimmungen fehlten vor der Hand, nur sollte
jegliches Examen völlig ausgeschlossen sein. Das zur Zeit leider noch
notwendige Übel der Einjährig-Freiwilligen Prüfung sollte darum -- wenn
irgend möglich -- hinter den Knaben liegen.
Im übrigen standen naturgemäß die Vorbereitungen für das große, ebenso
schwierige wie kostspielige Hauptwerk, für das einstweilen jedes
Jahr die Hälfte des Reingewinns zurückgelegt werden mußte, noch im
weiten Felde. Volpelius und seine sechs Berater arbeiteten jedoch mit
rastlosem Eifer.
* * * * *
Frau Winkler wohnte mit ihrer Tochter wie bisher den größten Teil des
Jahres in der behaglichen Redaer Villa inmitten ihres lieblichen Parks,
an den die ausgedehnten Waldbesitzungen der Damen sich anschlossen.
Ihre Güter wie die Forstverwaltung unterstanden einem bewährten
Generaldirektor, der mit der gern auch fürs Kleinste selbst sorgenden
Frau Winkler freilich weniger gut fuhr als ehedem mit ihrem
großzügigen Manne.
Es kam mitunter zu allerlei Mißverständnissen und heftigen
Auseinandersetzungen, bei denen Ursemi ihre früher so stille,
gutmütige, sonst so leicht befriedigte Mutter kaum wiederzuerkennen
vermochte. Dann griff sie als mündige Mit-, ja Hauptbesitzerin doch
gelegentlich ein und tat es mit der ganzen Ruhe und Überlegenheit ihres
verstorbenen Vaters.
Das lockere Verhältnis zur Mutter ward jedoch darüber nicht fester
und inniger; denn was sich die kleine runde Frau von ihrem Gemahl
anstandslos, ja dankbar hatte gefallen lassen, das wollte sie der
Tochter durchaus nicht zugestehen. So bildeten sich nach und nach
Verstimmungen, die Ursemi bedrückten und ihr gewisse Fragen, vor allem
die nach einer selbständigen Zukunft, nahelegten.
Daß es der reichen Erbin an Bewerbern aller Art nicht fehlte, war
selbstverständlich; aber unter all diesen Männern war eigentlich nur
einer, der Ursemi ein gewisses Interesse abnötigte und nicht zum
wenigsten durch seine vornehm kluge Zurückhaltung, und das war Harry
Brosyn.
Der junge Graf war noch immer und scheinbar mit großem Erfolg in
Westamerika tätig. Er kam dann und wann auf kürzeren Besuch zu seinem
Vater, den er jedoch noch immer reichlich kühl als »Firma Brosyn
senior« betrachtete. Zweimal sprach er flüchtig in Reda vor, schien
jedoch keine Lust zu haben, sich einen zweiten Korb zu holen.
Ursemis Herz hing in alter Anhänglichkeit, in einer vielleicht mehr
kameradschaftlich herkömmlichen als bewußt leidenschaftlichen Liebe
unverändert an ihrem getreuen Kaspar. Aber er machte ihr Sorge.
In seinen oft allzu peinlich gewissenhaften und darum etwas nüchternen
Berichtbriefen verriet er mehr und mehr, daß er in dem berauschend
gewaltigen Meer der Wissenschaft unterzutauchen Gefahr lief, freilich
nicht als zielbewußter Taucher, sondern als ermatteter, ins Treiben
geratener Schwimmer.
Ursemi las ihm gelegentlich die Leviten, hielt ihm -- zwar gegen ihre
innerste Überzeugung -- den erfolgreicheren Streber Sebalt vor, verriet
schließlich deutlich, daß sie stolz auf ihren Kaspar zu bleiben und
noch mehr zu werden wünsche -- es half wenig!
Kaspar wich erst aus, führte dann -- ganz gegen seine Gewohnheit --
seine Vorarbeiten zum Staatsexamen beruhigend ins Treffen; aber von
jeder tieferen Ahnung der geheimsten Sorgen und Wünsche Ursemis war
er weiter entfernt denn je. Nicht eine letzte, noch so leise Spur der
Engadiner Gefühlsaufwallung schien in seinem Innern vorhanden zu sein.
Sollte ein anderes Mädchen in den Kreis seiner Seele getreten sein?
Oder ging Kaspar vielleicht gar zu sehr in seiner behaglichen
Zwillingsvetterei auf? Freundschaft ging ihm von jeher über Liebe.
Hatte er sich irgendwie verloren?
Ursemi machte sich in ihrer völligen Einsamkeit immer unruhigere
Gedanken. Mit der Mutter konnte sie über dergleichen nicht reden.
Vollends seit Sebalt seinen Doktor gemacht, spöttelte, neckte und
stichelte Frau Winkler ihre Tochter öfter wegen ihres Verzugs, des
langsamen und faulen Kaspars.
Ursemi schwieg dazu; sie war unsicher, sie sah nicht mehr klar; sie
fühlte nur dumpf aus Kaspars oft recht unpersönlichen Briefen, daß doch
irgend etwas zwischen sie und den ihr unentbehrlichen Freund getreten
sein müsse. Und so beschloß sie, sobald wie möglich sich selbst zu
überzeugen, was aus Kaspar geworden sei.
Ein unauffälliger Anlaß zur Reise nach Leipzig fand sich zum Glück
bald, da Frau Winkler, die in letzter Zeit auch recht um sich selbst
und nicht mehr nur für andere zu sorgen pflegte und ein wenig
hypochondrisch geworden war, einen berühmten Spezialarzt in Leipzig zu
konsultieren wünschte.
So trafen denn die Winklerschen Damen eines Tages auf dem Dresdner
Bahnhof zu Leipzig ein, empfangen von +Dr.+ Sebalt und Kaspar
Krumbholtz.
* * * * *
Um Kaspar eine Freude zu machen, hatte Ursemi bei Geheimrat Volpelius
kurz zuvor ein Reisestipendium der Winkler-Stiftung für Kaspars armen
Vetter, der die Leipziger Akademie besuchte, ausgewirkt und teilte ihm
nun diese Nachricht mit.
Kaspar war glückselig und stürzte sofort davon und holte den
Zwillingsvetter herbei, den Ursemi nach seinem verlegen gestammelten
Dank sofort für einen echten Krumbholtz erklärte.
+Dr.+ Sebalt, jetzt wirklich eine weltmännisch elegante
Erscheinung, machte in erster Linie seiner Gönnerin, Frau Winkler, in
galantester Weise die Honneurs; während sich Ursemi von den weniger
eleganten Vettern Krumbholtz mit froher Laune die Sehenswürdigkeiten
Leipzigs zeigen ließ.
Auch Kollegs mußte sie bei Kaspars Lieblingsprofessoren hören und das
dafür besonders aufgeräumte und bescheiden geschmückte +Collegium
Mugonianum+ mit ihrem Besuche beehren. Hier überreichte ihr der
Vetter Akademiker sogar ein künstlerisch entworfenes Patent, das Ursemi
zum Ehrenmitgliede des »hochwohllöblichen +Collegium Mugonianum
vis-à-vis+ der königlichen Polizei« ernannte.
Dann mußte Ursemi auf dem kleinen, schäbigen, jetzt freilich mit einer
weißen Häkelarbeit der Wirtin schämig verzierten Sofa Platz nehmen
und ein Frühstück genehmigen, zu dem auch der andere Zwilling unter
dem Vorwand eines wichtigen Geschäftsganges sich einstellte, um dem
fürstlichen Besuch des hohen Kollegs seine Aufwartung zu machen.
In harmlos ausgelassener Fröhlichkeit feierte man das Ehrenmitglied und
den glücklichen Besitzer des Reisestipendiums, der nun -- als sei mit
einem Male der Knoten geplatzt -- von launiger Beredsamkeit überfloß
und drollig den kecksten Streich des Kollegs erzählte: wie einmal
die freundnachbarliche Polizei wegen ruhestörenden Lärms ihnen drei
Schutzleute herüber geschickt habe, die dann fröhlich mit pokuliert und
spektakelt hätten, und wie sie -- die drei Vettern -- tags darauf wegen
Lärms auf der Polizei sich bei der Polizei selber beschwert und dann
dort ebenfalls fidel einen guten Tropfen auf dem Wachlokal getrunken
hätten.
Auch die lustigen kleinen Mädelgeschichten des vergnüglichen Kollegs,
auf die Ursemi diplomatisch anspielte, wurden ohne Zaudern aufgetischt.
Mit köstlicher Laune berichtete der junge Kaufmann: wie das hohe
Kollegium mit seinen Damen, drei niedlichen Vorstadtkinderchen, zwei
blonden Schwestern und ihrer brünetten Cousine, Miß, Fröle und
Signorina genannt, des Sonntags gelegentlich einen Spaziergang oder
ein Tänzchen gemacht, wie man sich allerlei kleine, frugale Soupers
ausgerichtet, wie man den Mädchen zu Weihnachten neue Hütchen beschert,
wie ihnen der Akademiker kunstgerecht einige Kostüme entworfen hatte --
und was dergleichen kameradschaftliche Gefälligkeiten mehr waren.
Ursemi fühlte bald heraus: da handelte es sich keinesfalls um
tiefgehende Liebesaffären! Von Miß, Fröle oder Signorina war nichts zu
befürchten.
Bei Kaspar mußte jedenfalls etwas ganz anderes vorliegen, was tiefer
saß.
Und so forschte die kluge Tochter Wilhelm Winklers weiter in redlicher
Sorge um Kaspar, bis sie ihn eines Abends im Hotel Hauffe zu einer
Unterredung nötigte, während Sebalt mit seiner verehrten Gönnerin
im Stadttheater saß und ihr die vielen Feinheiten im Spiel seiner
Freundin, der jetzt dank seiner Bemühungen und ihres entfalteten
Talents so berühmten Charlotte Frémont, geistreich auseinandersetzte.
* * * * *
Ursemi hatte Kaspar das Kistchen Zigarren und den Aschenbecher
hingeschoben, dann setzte sie sich wie zum behaglichen Schwatz in
den geräumigen Ledersessel ihm gegenüber und begann im harmlosen
Plauderton, während sie mit dem übergeschlagenen Fuße leise wippte und
Kaspars blauen Rauchwolken nachschaute:
»Ich finde, es lebt sich wirklich famos in diesem grauen,
hochgiebeligen Buchhändlernest. Unternehmende Kaufleute, gescheite
Professoren, Musiker und Bildhauer, die was können, und kleine, nette
Mädels die Hülle und Fülle! Ich wäre hier auch ganz gern Student und
verstehe, daß du es möglichst lange bleiben willst.«
Aha, dachte Kaspar, dort willst du hinaus, und lächelte still in sich
hinein, als Ursemi möglichst unbefangen fortfuhr:
»Ich glaube, du erwartest nun von mir eine Wiederholung allerlei
redlicher Vorhaltungen aus meinen Briefen? Nee, mein alter Junge, da
schneidest du dich. Um dich ist mir jetzt weit weniger bange als --
um mich. Das wundert dich -- nun ja, es will auch recht verstanden
und vielleicht erklärt sein, und darum ist es mir lieb, mal so in
ungestörter Ruhe mit dir von Mund zu Mund etwas zu erörtern, was sich
schwer oder nur sehr gewunden schreiben läßt. Du weißt, daß ich leider
zu Mama nie in ein so inniges Verhältnis kommen konnte wie zu Vater.
Jetzt bin ich auf Mama weit mehr angewiesen als früher, und doch ist
unser Verhältnis kühler geworden als früher. Vater fehlt mir unendlich.
Und auch der liebe, vornehme Volpelius kann ihn mir nicht ersetzen.
Um so eher erwartete ich das mit der Zeit von dem andern Freunde, den
mir Vater vermacht hat. Aber -- ich kann mir nicht helfen -- auch der
beginnt zu versagen. Seine Briefe werden nüchterner, geschäftsmäßiger;
sie duften mitunter nach Pflicht, und dieser Duft ist mir peinlich, ja
oft beängstigend; er versetzt mir bisweilen den Atem wie der Moderduft
alter Scharteken oder vergilbter Friedhofskränze. Ja, schüttle nur
überlegen das trotzige Haupt, mir machst du nichts vor, und ich will
keine Unklarheiten, keine Halbheiten zwischen uns. Also schenk mir mal
ruhig reinen Wein ein, warum du nicht mehr der Alte bist. Du weißt, ich
bin kein zimperliches Frauenzimmer. Du brauchst weder mich noch, falls
es notwendig sein sollte, dich zu schonen.«
Kaspar rückte unruhig hin und her, als suche er nach einem passenden
Anfang, endlich sagte er stockend: »Ich weiß, Ursemi, ich bin nicht
viel wert und entspreche jedenfalls den Anforderungen, die du an einen
brüderlichen Freund stellen kannst, zurzeit gar nicht. Aber das hängt
mit meiner Entwickelung zusammen, die in diesen Jahren so gewaltsam
in neue Bahnen drängte, daß ich alle Kraft daran setzen mußte, mich
nicht ganz zu verlieren. In solchen kritischen Zeiten, Ursemi, ist
man nicht in der Lage, anderen etwas sein zu können, am wenigsten
einer Persönlichkeit wie dir, die viel sicherer in ihren Schuhen steht
als ich. Jetzt schüttelst du den Kopf und lächelst. Tus auch nicht,
Ursemi. Wir bleiben schon die Alten, hoffe ich, nur die Rollen des
Gebers und Nehmers wechseln manchmal. Wenn dir auch meine Briefe nichts
sein konnten, die deinen waren mir um so mehr. Das soll bei echter
Freundschaft keine Rolle spielen, wer dem andern mehr austrägt. Mein
Debet bei dir ist so wie so hoffnungslos. Vielleicht kann ich dir
später etwas mehr sein, doch erst laß mich wachsen, und das braucht
Zeit bei dieser Sorte Krumbholtz.«
»Lieber,« erwiderte Ursemi ernsthaft, »versteh mich nicht falsch! Ich
kenne meinen langsamen Kaspar und will ihm gern Zeit lassen, will
auch schweigend warten, bis das Beste in ihm reif geworden -- aber
ich muß genau wissen, woran ich mit ihm bin. Dieser Kaspar hatte von
jeher eine ganz vertrakte Neigung, sich für geringer zu halten, als
er ist, und jedenfalls für weniger, als er mir ist. Er liebte es, zu
Reda und Sils sich wohlerworbene Ansprüche, ja Rechte wegzugrübeln
und wegzudisputieren, die ich ihm mit Stolz und Freude einräumte als
dem Menschen, der mir innerlich näher steht als alle andern, selbst
meine Mutter. Auch jetzt scheint es mir -- wie schon die Briefe es
verrieten -- daß dieser Kaspar wähnt, er könne nur einmal für die
dritte oder vierte Stelle in meinem Herzen in Frage kommen, aber
niemals für die erste. Ruhig sitzengeblieben, alter Freund, und mich
nicht so erschrocken angeschaut! Jawohl, ich habe den Mut, die Dinge
beim rechten Namen zu nennen. Ich bin kein prüdes, kleines Mädel mehr,
sondern ein aufrechter, ausgewachsener Mensch, der auch sogenannte
heikle Dinge mit seinem besten Freund, seinem liebsten Wandergenossen
offen und tapfer besprechen will. Also klipp und klar: Warum schreibst
du nachgerade an mich, als sei ich deine Gouvernante und nicht mehr
deine beste Vertraute? Ist irgend jemand zwischen uns getreten? Ist
dir jemand lieber geworden als ich? Sage es mir ganz ehrlich, Kaspar.
Ich werde es dir nicht verargen und mich darein zu finden suchen. Nur
verbergen darfst du es mir nicht, das bist du mir schuldig.«
»Das weiß ich, Ursemi,« erwiderte Kaspar schlicht, »und wenn es an dem
wäre, was du vermutest, dann sagte ich es dir sicherlich am ersten. Es
gibt aber wirklich niemand, der mir näher stünde als du. Auf die kleine
Miß brauchst du nicht eifersüchtig zu sein. Und dennoch muß ich an dem
festhalten, was ich früher schon instinktiv empfunden und mir gar nicht
ergrübelt habe, nämlich an der Überzeugung, daß ich dir nie etwas
anderes sein will und darf als dein Freund und Bruder.«
»Warum nicht?« fragte Ursemi betroffen, »nur gerade heraus, wenns auch
weh tut.«
»Schon weil das dein Vater nie gewünscht hätte,« antwortete Kaspar ein
wenig unsicher.
»Woraus schließt du das, Kaspar? Kennst du Vater so schlecht, um nicht
zu wissen, daß er jedem Menschen seine Freiheit ließ, vorab doch wohl
seiner Tochter. Er ist niemals meiner Selbständigkeit zunahe getreten,
dazu war er viel zu klug und viel zu gut. Er wünschte nur, daß ich frei
meiner Neigung folgen solle, wenn dereinst eine Entscheidung an mich
herantritt. Ich fürchte jetzt, diese Entscheidung wird nicht an mich
herantreten, wenigstens nicht von der Seite, von der ich es im stillen
ersehnt und erhofft hätte.«
Ein dumpfes Schweigen folgte diesen leidenschaftlichen Worten.
Kaspar fühlte, er mußte darauf antworten, aber ihm graute, weil er dann
schließlich das Schlimmste enthüllen mußte, und das wollte er sich und
Ursemi ersparen.
Da flog ihm Ursemis schroffe Frage wie ein scharfer Pfeil entgegen:
»Was steht zwischen dir und mir, Kaspar?«
»Nichts!« antwortete Kaspar verlegen und zuckte hilflos mit den
Achseln.
Aber Ursemi ließ nicht nach. Von neuem begann sie: »Du bist seit
dem Engadin ein anderer geworden. Ich nicht. Im Gegenteil! Was
damals zart in mir emporkeimte, hat feste Wurzeln geschlagen und ist
stetig gewachsen. Warum ist es bei dir anders, Kaspar? Hast du die
Pflanze etwa absichtlich mit Stumpf und Stil ausgerissen, ehe sie
dir allzu kräftig gedieh? Kaspar, ich bitte dich bei unsrer alten
Jugendfreundschaft, gib mir endlich volle Klarheit. Ich glaube, ich
habe ein Recht dazu.«
Zaudernd entgegnete Kaspar: »Du hast ein Recht, gewiß, Ursemi; aber
ich bitte dich dringend, verzichte darauf. Ich hänge noch heute mit
derselben Neigung an dir wie zu Sils Maria, Reda und Bethel. Das darfst
du mir schon glauben ohne große Beteuerungen. Nur das eine muß ich
betonen: Es ist mir bis auf diese Stunde niemals der verwegene Gedanke
gekommen, daß du mich jemals würdigen könntest, dir nicht nur der
treuste Freund zu sein, sondern vielleicht auch der liebste und einzige
Lebenskamerad. Ich habe dich wohl trotzdem geliebt, aber zu Unrecht,
nur weil ich meiner Empfindungen nicht Herr wurde.«
»Kaspar,« frohlockte Ursemi plötzlich dazwischen, »warum willst du
dir und mir nehmen, was uns zukommt? Bist du noch immer derselbe
Bescheidenheitsnarr? Fühlst du denn nicht, daß mich genau dasselbe zu
dir treibt, was dich zu mir riß?«
Kaspar sprang erregt auf. In seiner Seele raste ein Sturm wildesten
Wehs. Seine breite Brust atmete rascher, seine Züge wurden so finster
und trotzig, daß Ursemi erschrak.
Auch sie erhob sich jetzt und wollte auf den Geliebten zugehen, doch
wie abwehrend streckte dieser die Arme vor und sagte: »Laß mich erst
ausreden. Nun muß es eben heraus! Und doch, es wird mir so furchtbar
schwer, denn ich weiß, ich muß dir bitter weh tun, und gerade jetzt, wo
ich dir tausendmal lieber alles andere sagte als so Schmerzliches. Ich
will mich nicht entschuldigen, aber vielleicht hätte ich dich und mich
nicht so schmählich vergessen, wenn ich gewußt hätte, daß du mich doch
-- nein, es war auch so schlecht genug, denn ich liebte dich -- kurz
und gut -- ich bin deiner nicht wert! Du darfst mich nicht mehr lieben,
du mußt mich verachten als einen Unwürdigen.«
Jäh und wie scheu wandte er sich ab.
Mit einem verwirrten Kopfschütteln sank Ursemi leise in den Sessel
zurück und starrte zu Boden, während Kaspars harte Tritte, ruckweise
den Boden erschütternd, dumpf in dem dichten Wollhaar des großen
Smyrnateppichs verhallten.
Endlich fand Ursemi die Sprache wieder und sagte versonnen: »Noch sehe
ich nicht klar. Vorhin sagtest du, du hättest niemand lieber als mich,
und jetzt redest du so, daß ich annehmen muß, du hast mich über einer
anderen vergessen. Verzeih, Kaspar, daß ich mich damit nicht zufrieden
gebe. Es geht doch um meine ganze Zukunft, um mein Lebensglück!«
»Ursemi, Ursemi!« stieß Kaspar jetzt wie verzweifelt heraus, »was
schaff ich dir für Herzeleid! Mein Gott, mein Gott, wie soll ich das
verantworten vor mir und deinem heimgegangenen Vater.«
»Kaspar,« erwiderte Ursemi sanfter, als es sonst wohl ihre Art war, »er
war ein Mensch, er war mild im Verstehen und nachsichtig im Urteilen.
Ich will seine Tochter sein. Also sage mir vertrauensvoll, wie alles
steht. Vielleicht komme ich darüber hinweg.«
Schmerzlich schüttelte Kaspar das Haupt und sagte leise: »Nein --
darüber kann ein Weib so wenig weg wie ein Mann. Und wenn es anginge
-- und es geht ja im Leben oft genug an -- von meiner Ursemi wünschte
ichs nicht einmal. Was ich ihr nicht verzeihen würde, soll sie mir erst
recht nicht verzeihen. Du sollst nicht heruntersteigen zu einem Mann,
der -- kurz gesagt -- nicht mehr ist, wie Mann und Weib sein sollen,
wenn sie einen Bund fürs Leben schließen. Genügt dir das -- verlange
nicht mehr, Ursemi -- es wäre grausam.«
»Lieber,« sagte Ursemi nach einer langen Pause leise und mit
sichtlicher Bewegung, »ich glaube, ich könnte dir einen jugendlichen
Fehltritt so gut verzeihen wie Millionen andrer Frauen.«
»Aber ich verzeih ihn mir nicht,« antwortete Kaspar schroff, »denn er
war schwerer, als du ahnst, und ich könnte nicht mit dem steten Gefühl
einer schweren Schuld neben dir leben. Nein, nein!«
»Kaspar,« warf Ursemi ernst ein, »wir müssen uns alle viel verzeihn.
Wer weiß --«
»Nein, nein,« beteuerte Kaspar heftig, »es war unverzeihlich! Du weißt
ja nicht alles.«
»Hast du denn das Mädchen in Schande gebracht? Hast dus verraten?«
»Nein, das nicht.«
»Hast du es sehr geliebt, Kaspar?«
»Eben nicht! Und schon das ist schlimm. Das wäre sogar gemein, wenn
sie mich nicht geliebt hätte. Was sie tat, ist ihre Sache, und die
Frau war nicht schlecht. Aber ich, ich war schlecht, ich habe wirklich
unverzeihlich gehandelt, denn ich -- das ist das Schlimmste -- ich habe
mich vergangen gegen den heiligen Geist der Liebe: Ich habe mich von
meinen erregten Sinnen hinreißen lassen, obwohl mein Herz einer andern
gehörte, denn ich liebte dich -- dich allein und vergaß mich doch! Das
ist ein unauslöschlicher Frevel. Und solch ein Mann ist deiner nicht
würdig. Niemals! Und nun -- laß mich gehn, Ursemi, ich könnte den
Blick deiner Augen nicht länger ertragen. Ich bin ein Schwächling, ein
Elender, ein Undankbarer, und ein solcher darf nie an deiner Seite
stehn!«
»Das bist du alles nicht,« sagte Ursemi stark, »dazu kenne ich dich
viel zu gut, Kaspar. Du bist nur wieder der Übergewissenhafte, der ein
ganzes Leben lang es büßen will, daß er sich einen Augenblick vergessen
hat, wie das wohl bei jedem Menschen einmal vorkommen kann.«
»Was bist du gut, Ursemi,« stöhnte Kaspar zu Boden blickend, »ich
ertrage das nicht! Aber das darf mich nicht hindern, zu tun, was ich
tun muß. Ich muß die Folgen meines Frevels wenigstens auf mich nehmen.
Ich darf das liebste Wesen, das ich schnöde verraten habe, nie in meine
Arme schließen, ich könnte es niemals mit reinem Gewissen tun.«
»Und an mich denkst du wohl gar nicht?« fragte Ursemi in alter
Herbheit.
»Wie kannst du so fragen?« antwortete Kaspar in dumpfer Verzweiflung,
»ich denke ja nur an dich, ich denke an deinen Vater, und was ich ihm
schulde. Ich denke daran, daß ich dir ein treuer Freund und Berater
sein soll, und der, der möchte ich dir doch bleiben dürfen. Und soll
ich das, dann darf ich an mich und mein Wohl hierbei gar nicht denken,
ich darf um deinetwillen nie und nimmer dulden, daß du einen Mann
wählst wie mich, der sittlich und charakterlich tief unter dir steht,
den du wohl bemitleiden, aber nie achten könntest, wie ein gutes Weib
es soll. Ursemi, ich kenne dich doch auch, ich weiß, daß du ein stolzes
Mädchen bist und mit Fug und Recht! Du, gerade du brauchst einen nicht
minder Stolzen, einen Eroberer, dem du dich in Liebe und Bewunderung
fügen könntest, aber nie einen so armseligen Gesellen, den du dir aus
Barmherzigkeit aus dem Staube auflesen müßtest. Du brauchst einen
Herrn, nicht einen Sklaven, wenn du glücklich sein sollst.«
»Lieber Kaspar,« unterbrach ihn Ursemi scharf, »was ich brauche, weiß
ich wohl besser als du. Ich wünsche weder einen Herrn noch einen
Sklaven -- sondern einen guten Kameraden, selbstlos und treu -- seiner
Menschlichkeit sich bewußt wie du! Darum noch einmal -- und nun zum
letztenmal: willst du dereinst dieser Kamerad mir werden -- oder nicht!
Ich will mit Freuden warten, ich will dich achten und lieben, will
gern vergessen, was du glaubst gefehlt zu haben, ehe du mir gehörtest,
Kaspar -- willst du?«
Eine bange Pause trat ein.
In Kaspar arbeitete und kämpfte es schwer, endlich sagte er langsam
mit gebrochener Stimme: »Ursemi, liebste Schwester, ich darf nicht
tun, was du wünschest, wenn anders ich die Achtung vor mir selber
nicht verlieren soll. Ich bin in meinem Leben stets der inneren Stimme
gefolgt, die mich nie betrogen hat. Und diese Stimme sagte mir schon
früher: du wirst nie der rechte Mann sein können für eine Ursemi -- und
diese unbestechliche Stimme sagt mir vollends jetzt klar und deutlich:
Nein, Kaspar, du darfst es nicht tun, du tätest ein zweites Unrecht,
schlimmer denn das erste. Und ich will dieser Stimme folgen wie bisher,
will auch gedenken der letzten Worte, die dein Vater mir schrieb: sei
treu gegen dich und andere!«
»Aus Treue willst du untreu werden,« schrie Ursemi auf, »ich verstehe
dich nicht mehr, Kaspar.«
»Das ist das Bitterste!« antwortete Kaspar dumpf, »nun wirst du irre
werden an mir. Ursemi -- nur das nicht! Glaub meiner Redlichkeit!«
»Ich fluche ihr, Kaspar!« In wilder Verzweiflung stieß Ursemi die Worte
heraus und wandte sich heftig ab, ihrer Kammer zu.
Wie verstört schaute Kaspar ihr nach und wankte dann mühsam zum Zimmer
hinaus.
* * * * *
Für Kaspar Krumbholtz folgten Wochen und Monate tiefster Qual.
Seine oft erschütternden Briefe an Ursemi blieben ohne jede Antwort,
aber er trug diese Nichtachtung geduldig wie eine wohlverdiente
Strafe; ja nach und nach kam das Wohlgefühl des sühnenden Büßers über
ihn.
Daß er richtig gehandelt hatte, ward ihm von Tag zu Tage klarer, und
schließlich mußte es auch wohl Ursemi eingesehen haben. Denn nach Jahr
und Tag kam doch wieder ein langer, guter Brief von ihr, in dem sie
Kaspar um Verzeihung bat, daß sie ihm so gegrollt habe, aber sie habe
eben zu lange nicht darüber hinweg gekonnt. Vielleicht habe Kaspar
damals recht gehabt, denn sie wolle ihm als ihrem treuen Bruder zuerst
verraten, daß eine andere und leidenschaftlichere Liebe nun über sie
gekommen sei. Harry Brosyn habe ihrs angetan mit seiner unermüdlichen
Ausdauer und auch gerade mit seiner gebieterisch stolzen Art. Er wolle
ihren Bitten, dauernd zurückzukehren, nicht nachgeben, sondern bestünde
unerbittlich darauf, daß ihm seine zukünftige Frau auch in den wilden
Westen, den er übrigens sehr paradiesisch schildere, folge. Das habe
schwere Kämpfe gesetzt, vor allem mit Mutter. Doch gestern habe der
unbeugsame Harry endlich das Jawort erhalten.
In ehrlicher Freude und mit dem Gefühl einer inneren Erleichterung
schrieb Kaspar seine Antwort, dann suchte er Sebalt auf, der sich
unterdessen habilitiert hatte und Assistent bei seinem verehrten
Ordinarius geworden war.
Sebalt war, wie jetzt wieder oft, grimmiger Stimmung. Seine Mittel
gingen zu Ende, und mit seiner Geliebten harmonierte er auch nicht
mehr, seit sie eine große Dame und eine berühmte Künstlerin geworden
war.
Zu Kaspars froher Nachricht sagte Sebalt mit sarkastischem Lächeln:
»Bist ein glücklicher Kauz, Kaspar. Wo ein andrer die Miene des
betrübten Lohgerbers aufstecken würde, da kannst du noch strahlen
wie ein Schneekönig. Ich wünschte manchmal auch, ich könnte wie
du in Selbstlosigkeit schwelgen; aber ich habe das noch immer
nicht raus. Ich müßte der Frémont eigentlich gönnen, daß sie von
mir erlöst wird und die famose Stellung am Wiener Volkstheater
bekommen hat, trotzdem ärgere ich mich grün und blau darüber und bin
fuchsteufelswild. Übrigens -- weißt du, was mir eben einfällt? Ich
werde die Winkler-Stiftung zur Feier der gloriosen Verlobung anzapfen.
Wir haben doch noch so was wie ne Bildungsreise gut, nicht wahr? Na
-- meine Bildung genügt zwar für den Hausgebrauch; aber in der Laune
wäre ich gerade, um mich mit den Südseeinsulanern und ihren Viechern
anzubiedern. Mein Direx hat da unten ganz nette Studien angefangen, bis
ihm die Malaria übern Kopf kam. Ich werde mal sehen, ob ich mit meinem
am Kap der guten Hoffnung imprägnierten dicken Fell und einer soliden
Büchse Chinin nicht weiter komme als der Alte. Noch heute schreibe ich
dem guten Papa Volpelius und der noch besseren Mutter Winkler.«
»Hoffentlich vergißt du Ursemi und Harry nicht,« fügte Kaspar lachend
hinzu.
»Fällt mir nicht ein, alle sollen sie eine niedliche Epistel haben, und
zur Hochzeit fahre ich obendrein noch, wenn ich den Mammon kriege,«
schloß Sebalt launig und verabschiedete sich rasch von Kaspar.
Wenige Wochen darauf konnte +Dr.+ Sebalt in der Tat seine
Südseereise vorbereiten. Das Kuratorium hatte ihm zunächst für drei
Jahre ein ansehnliches Stipendium ausgesetzt. So wohnte er in höchst
aufgeräumter Stimmung der Brosyn-Winklerschen Hochzeit bei und
vertrat Kaspar, der gerade ins Examen mußte, mit »aller Würde und
Gewissenhaftigkeit seines alten Schelmen«, wie er ihm übermütig
schrieb.
Kaspars Examen glückte besser, als er es erwartet hatte.
Mit frohem Herzen gab er erst dem jüngsten Südseeforscher das Geleit
bis Hamburg und nahm dann einen ihn tief bewegenden Abschied in
Bremen von Ursemi und Harry, die ihn dringend einluden, sie bald in
Kalifornien zu besuchen.
Kaspar schüttelte wehmütig das Haupt und sagte: »Daraus wird
wohl nichts werden, ich trete im nächsten Monat an der Leipziger
Reformschule ein. Nun ists mit der Freiheit wohl endgültig vorbei,
aber ich hoffe, ihr kommt bald einmal wieder! Hoffentlich dann für
immer. Reda darf nicht verwaisen.«
Harry drohte lachend mit dem Finger und meinte: »Also du auch, Kaspar?
Ganz wie Vater und Mama Winkler! Na -- bis ich zur Retraite blase,
kommst du längst mal nach Frisco!«
Kaspar schwieg erst; als jedoch Ursemi beim letzten Händedruck leise
fragte: »Wenn ich dich riefe?« antwortete er fest: »Dann käme ich.«
Fünftes Kapitel
Die Moravenrunde
Kaspars Leben lief nun wieder in streng geregelten Bahnen. Der
Schuldienst machte seine Rechte unerbittlich geltend, und es galt, sich
in zwar nicht völlig neue, aber eigenartige Verhältnisse einzugewöhnen,
die auch einen besonderen Verkehr mit sich brachten.
Allzu anregend war der neue, ziemlich große Kollegenkreis nicht, auch
seine oft philiströs steifen Formen behagten Kaspar wenig, und mit
einer sehnsuchtsvollen Wehmut gedachte er jetzt öfter des kleinen
intimen Institutkreises von Tramberg und seiner fröhlichen, formloseren
Gesellen. Wenig genug hatte er von ihnen gehört.
L³, mit dem sich Kaspar bisweilen schrieb, hatte schließlich den
Rektor vortrefflich gebaut und leitete eine Gemeinschule im Westen
mit Liebe und gutem Bedacht; kam aber mit Bruder Balzar, seinem
Vorgesetzten, nicht recht zu Rande. Der trutzige Kratt und die wackeren
Mecklenburger waren ebenfalls Schulleiter geworden; der »Chef« war
noch rüstig im Amt, Hinzelmann und Wiesendahl wirkten irgendwo als
Gemeinhelfer, Schlegelmeyer war Divisionspfarrer, der Doppelkollege
vegetierte noch immer kümmerlich als Hilfslehrer an einem kleinen
Privatinstitut, und der gute Vater Schnäbele war den Heldentod des
Missionars gestorben.
Von dem Schicksal der übrigen hatte Kaspar nichts erfahren; seine
Fühlung mit der Brüdergemeine war gering. Sein alter, nun pensionierter
Onkel Andreas in Ingelbach, der sich mit Tante Renate an den Erfolgen
der braven Zwillinge freuen durfte, schrieb ihm nur dann und wann. Auch
besuchte Kaspar die beiden redlichen Alten nur selten, da sie ihm den
Austritt aus der Gemeine noch immer nicht ganz verziehen hatten.
Daß es in Leipzig auch eine ganze Reihe ehemaliger Moraven gab, wußte
Kaspar sehr wohl, aber sie aufzusuchen hatte er früher keine Lust und
dann keinen Mut gehabt.
Nicht einmal den Gruß des ehrwürdigen, unterdessen auch heimgegangenen
Ehrentraut Kämpfer an seinen Sohn Gottfried, der als angesehener
Journalist in Leipzig lebte und nächst Sebalt als der Entdecker des
großen Talents der jungen Frémont galt, hatte er seiner Zeit bestellt.
Kaspar hatte gar keine literarischen Neigungen, und eine gewisse Scheu
vor Leuten, die im öffentlichen Leben hervortreten wollten oder
mußten, wich auch nicht von ihm.
Er dachte sich diesen jungen Kämpfer als die in das äußerlich
Streitbare verzerrte Karikatur seines furchtlosen, großen Vaters,
und er wollte nicht eine Enttäuschung erleben, dazu war ihm der Name
Kämpfer zu lieb geworden.
Da lernte Kaspar eines Tages einen Buchhändler, namens Burkart kennen,
der auch aus der Brüdergemeine stammte und sich nun mit dem Verlegen
pädagogischer Bücher schlecht und recht durchs Leben schlug.
Burkart hatte kein leichtes Dasein. Das Geschäft ging flau, viel Kredit
hatte er nicht, Krankheit und Familiensorgen hörten nicht auf, und doch
glänzte auf dem Gesicht des stillen Mannes immer eine so sonnige und
milde Heiterkeit, als wäre er ein besonderer Liebling Gottes, der über
nichts zu klagen hätte.
Er klagte auch in der Tat nie, im Gegenteil, er suchte anderen
noch stets durch seinen unverwüstlichen Frohmut und herzlich
tröstenden Zuspruch zur Lebensfreude zu verhelfen und fand bei aller
Arbeitsüberlastung immer noch Zeit, sich für allerlei gemeinnützige
Zwecke, Sonntagsschule, Jünglingsvereine, Arbeitslosenfürsorge und
dergleichen herzugeben, ja auch finanziell Opfer zu bringen.
Dieser kleine, grundgütige, apostelhafte Mann, der Leute, die er
mochte, nie so leicht wieder seinem Wirkungskreis entschlüpfen ließ,
hielt auch Kaspar fest und setzte ihm so lange mit herzlichen Bitten
zu, bis dieser ihm versprach, eines Abends mit ihm die Tafelrunde der
alten Moraven aufzusuchen.
Nur ungern ging Kaspar mit Burkart, denn er fürchtete im geheimen eine
Enttäuschung. Aber das Gegenteil trat ein.
Die Moravenrunde war eine feine Sammlung seltener Charakterköpfe --
alles Männer, denen man es nach wenigen Minuten anmerkte, daß sie einen
besonderen Lebensweg hinter sich hatten, reich an verschwiegenem Leid
und schonungslosen Seelenkämpfen.
Da war vorerst Gottfried Kämpfer, der Journalist, der Vielverfehmte
und auch von Kaspar völlig Verkannte. Kein sogenannter witziger Kopf,
auch keine eigentlich scharfe Zunge, wie seine Feder es wohl vermuten
ließ; sondern ein Mann des stillen Humors, jenes echten, einzigen und
weltüberwindenden Humors, der auf des Lebens tiefster Tragik basiert
und seinem Träger die wahrhaft hellseherische Gabe verleiht, hinter die
wechselnden, gern täuschenden Erscheinungen des Lebens zu lugen und die
wahren Werte des Daseins rasch zu erkennen und an ihnen gerade da --
wo der klügste Kopf sie nicht vermutet -- seine behagliche Freude zu
finden.
Mit befriedigtem Lächeln reichte Gottfried Kämpfer Kaspar die Hand und
sagte scheinbar krautzig: »Na, Sie konnten auch mal eher kommen, Sie
waren doch längst reif für unsere Runde der Enterbten.«
»Warum enterbt?« fragte Kaspar erstaunt nach der Vorstellung.
»Weil man uns den Boden,« sagte der eine Nachbar Kämpfers, ein
Waisenhausvater, ernst, »den unsere Väter mit ihrem Herzblut gedüngt
haben, vorenthalten und uns in die Fremde gestoßen hat.«
»Tut nichts,« rief Kämpfers anderer Nachbar, ein stämmiger Jurist und
Parteisekretär der Nationalsozialen, »wir haben Neuland genug und zu
Pionieren sind die Besten gerade gut genug.«
»Ich meine auch,« fügte Gottfried Kämpfer listig mit den Augen
zwinkernd hinzu, »wir sind reich, uns gabs der Herr im Traum, jedem
ein schönes neues Lehen, dir deine Partei mit dem unerreichbaren
Ziel, den Arbeitern auch das solide schwarz und weiß in die roten
Seelen zu malen; dem Musikokatos und Organiste da drüben seine
Verehrergemeinde, der er, zwischen seine Gavotten hinein, vergeblich
klar zu komponieren sucht, daß die geistliche Musik doch die höchste
aller Kunstoffenbarungen ist; dann hier der grämliche Waisenpapa --
halt, ruhig geblieben, ich habe mal das Wort --, du Mann der neuen
Ethik, der du mit dem Mitleid allein die böse Welt kurieren willst;
dann der Buchhändler da mit den wegen ihres tiefen Gehalts so gänzlich
unabsetzbaren Büchern; weiter meine Wenigkeit, die tagtäglich gute
Saat auf Hoffnung auswirft und keine blasse Ahnung hat, wo und wann
das Zeug aufgehen wird. Denn die Esel, die an die Redaktion schreiben,
sind allemal die Gottbegnadeten, die da geistlich arm sind und doch
das Himmelreich schon auf Erden in Pacht haben. Und das dicke Ende
kommt nun endlich! Um das halbe Dutzend voll zu machen, tritt heute
abend auch das vielgesuchte Krumbholtzkasperl wie ein Maultier, das
lang im Nebel seinen Pfad gesucht, vorsichtig schnobernd, in unsern
ihm noch stark verdächtigen Kreis. Fahren wir also säuberlich mit dem
Knaben Absalom, liebe Brüder! Die Jugend hat ja die Zukunft, und dieser
geheimnisvolle Nachfahre des obersten der heiligen drei Könige hat
sicher das beste Stück von unsern erträumten Königreichen erwischt,
den steinigen Boden der Jugenderziehung mit den schönen Disteln, die
gewisse Tiere, die mit Unrecht für dumm gehalten werden, besonders
lieben. Heil dir also, mein wackerer Hans der Träumer, du sollst der
Kronprinz der Enterbten sein! Und wenn du das Geheimnis der neuen
nationalen Erziehung ganz erträumt haben wirst, dann setzen wir dir
dereinst die Krone auf dein dann wohl schlohweißes Haupt. Bis dahin
willkommen, du letzter der Enterbten, der du sollst der erste sein! Ich
trink dir zu.«
Die übrigen vier riefen laut »Bravo« zu der trefflichen Rede ihres
Wortführers und tranken Kaspar ebenfalls zu. Dieser dankte verlegen und
sagte versonnen:
»Wer weiß, ob wir nicht wirklich die geretteten Kleinode des
moravischen Königsschatzes unterm Mantel tragen?«
Dann ging es an ein langsam, doch sicher tropfendes Plaudern, das
Kaspar innerlich mehr austrug als manches Kolleg.
Von nun an fehlte er fast nie mehr in dem traulichen Kreise der
enterbten Moraven und suchte und fand hier stets Ersatz für die oft
trostlosen Stunden, in denen er mit seinen eigentlichen Kollegen
zusammensitzen, ihre auffallend gleichmäßigen Studentenerinnerungen,
Fachsimpeleien und allerlei trüben Schulklatsch anhören mußte. Er tat
es meist schweigend nach seiner Gewohnheit.
Mit der Zeit galt Kaspar Krumbholtz in der Kollegenschaft für einen
ausgemachten »Stumpfbold«; auch von seiner Lehrbefähigung wußte niemand
unter den Vorgesetzten oder Kollegen viel Rühmliches zu melden. Nur
seine Schüler hingen an ihm.
»Wohl ein Zufall,« sagten einige Kollegen -- »Er ist halt ein guter
Kerl« die anderen.
* * * * *
Still, aber im Innersten nicht recht befriedigt von seiner Lehrarbeit,
lebte Kaspar Krumbholtz seine Tage dahin.
Er fühlte immer klarer, daß er nicht in erster Linie Lehrer, sondern
Erzieher war. So sehr sich beides bei Leuten, die berufsmäßig an der
Jugend für die Zukunft des Volkes bauen wollen, vereinigen und ergänzen
soll, so wenig schien es Kaspar tatsächlich bei seiner Umgebung der
Fall zu sein.
Die gescheitesten Lehrer waren oft die talentlosesten Erzieher, und
wer hingegen Erziehungstalent besaß, war nicht immer -- wie er selber
zum Beispiel nicht -- ein kluger Lehrer, ein souveräner Meister
der verschiedenen Methoden, die je nach dem Stoff, je nach der
Individualität der Schüler gewechselt oder vermischt, nicht aber nach
dem allgemein herrschenden Schematismus anzuwenden waren.
Kaspar sah das alles mit scharfem Blick, dachte auch unaufhörlich über
all diese wichtigen Probleme nach, von deren Lösung -- seiner Meinung
nach -- ein gut Teil der zukünftigen nationalen Leistungen abhängen
würden; aber er fühlte sich nicht berufen, darüber zu sprechen oder
gar zu schreiben.
Er kannte nur die Sehnsucht nach der ihn und sein Gewissen
beruhigenden, befreienden Tat!
Aber wie sollte er wohl zu Taten kommen unter den obwaltenden
Verhältnissen?
Er glaubte sich auf Grunde ehrlichster Selbstprüfung vielleicht für
fähig halten zu dürfen, mitunter den richtigen Mann für die richtige
Stelle zu erkennen. Er hielt sich auch wohl für mutig genug, bei
völliger Freiheit und bei völlig unbeschränkten Mitteln, den stillen,
tastenden Versuch zu einer Neuorganisation zu wagen, freilich nicht
ohne die Ergebnisse und Geheimnisse alter moravischer Erziehungskunst
fruchtbar zu verwerten.
Doch woher sollte ihm, dem kleinen, nicht einmal an seiner Schule eine
Rolle spielenden Lehrer die Gelegenheit kommen, seine geheimsten Pläne
irgendwo in die Tat umzusetzen?
In das Kultusministerium würde man ihn nicht gerade berufen, und die
dort nach althergebrachtem Schema waltenden und schaltenden Juristen
würden einen ideenreichen und tatenfrohen Schulmeister wohl auch mit
größerem Mißtrauen und tieferer Verachtung behandeln als eines der
sagenhaften Tiere des Mondes. Also darauf zu warten hieß der Quadratur
des Zirkels nachjagen.
Dennoch konnte und mochte sich Kaspar mit dem Verzicht auf seine
geheimen Pläne und Wünsche nicht recht zufrieden geben, trotz aller
offenbaren Aussichtslosigkeit.
Ein Wort Goethes, auf das er irgendwo gestoßen war, ließ ihn nicht
los: »Daß wir uns bilden ist die Hauptforderung; woher wir uns
bilden wäre gleichgültig, wenn wir uns nicht an falschen Mustern zu
~verbilden~ fürchten müßten.«
Galt das nicht auch jetzt wieder? Ja -- es war Gefahr im Verzuge --
trotz aller Reformschulen!
Aber wer sollte helfen? Er gewiß nicht. Und doch, warum nicht auch er?
Alles Neue und Große in der Welt war von stillen Einzelgängern
ersonnen, von rastlosen Schaffern gefördert, von rücksichtslosen
Herrschernaturen durchgesetzt worden. Er gehörte vielleicht
zu den ersten unscheinbarsten Gliedern einer solchen großen
Entwickelungskette, doch irgendwie handeln mußte auch er!
So zwang sich Kaspar Krumbholtz in heißen, unaufhörlichen Kämpfen einen
Niederschlag seines inneren Ringens ab, ward sich darüber nach und
nach selber zu seiner Freude klarer, ward sicherer und arbeitete immer
von neuem das ganze Organisationsstatut seiner neuen Erziehungs- und
Bildungsanstalt durch.
Sie sollte gewiß nicht die bestehende Schule ersetzen oder umwandeln,
sondern sie nur vorsichtig zu ergänzen suchen, sollte die schematisch
uniformierte heutige deutsche Schule wie vor alters um eine neue
Individualität bereichern, denn daran gebrach es.
Zunächst galt es einmal, ähnlich wie Wilhelm Winkler es geplant,
etwa für die drei obersten Gymnasialklassen, die den so wichtigen
Reifejahren der geistigen und körperlichen Pubertät gerecht zu
werden strebten, etwas zu schaffen, das als eine Art allgemeiner
Bildungsschule dienen konnte, wie es vor alten Zeiten etwa die
Artisten-, später die philosophischen Fakultäten gewesen waren.
Der Freiheit des erwachenden Individuums müßte sorgfältiger
Rechnung getragen werden als auf den Staatsgymnasien, den Reform-
und Oberrealschulen. Zugleich aber sollte eine gründliche
Orientierungsgelegenheit für alle ernsthaft Suchenden geboten werden,
ehe sie in den oft unbarmherzigen Zwang modernen, spezialistischen
Wissenschaftsbetriebes, der für viele Bildungshungrige eine Gefahr
bedeutete, gerieten.
Auch für die künftigen Diener und Leiter des praktischen Lebens, die
nicht eigentliche Hochschulen besuchen konnten oder mochten, könnte
eine solche Schule einen Teil der Universität ersetzen und doch mehr
geben, als die höchsten Klassen der Mittelschulen zu geben pflegten.
Freilich -- solch ein Werk zu gestalten war unendlich schwierig und
ohne praktische Experimente kaum möglich.
Kaspar konnte nur denken und tat es redlich. Mit Bangen und beinahe mit
schwachmütigen Tränen der Verzweiflung hatte Kaspar vor Jahr und Tag
sein stilles Werk begonnen, und mit immer steigender Schaffensfreude
war er unermüdlich daran tätig, bis ein neues, ihn bis auf den Grund
seiner Seele erschütterndes Erlebnis ihn unvermutet aus seiner Bahn
warf.
Sechstes Kapitel
Carina
Aus der Ferne kamen Kaspar allerlei gute Nachrichten.
Hans Sebalt schrieb befriedigt von seinen erfolgreichen Forschungen,
die ihn so ausfüllten, daß er mit der Absicht umging, sich aus den
Listen des Lehrkörpers der Leipziger Universität streichen zu lassen
und ganz in den Dienst der amerikanischen Union überzutreten, die
schon jetzt seine Forschungen mit Aufmerksamkeit verfolgte und generös
unterstützte.
Nur Volpelius wollte davon nichts wissen und bat +Dr.+ Sebalt,
zu bedenken, daß es Wilhelm Winklers Absicht gewesen wäre, mit seinen
Mitteln in erster Linie für deutschnationale Zwecke arbeiten zu lassen.
Sebalt schrieb trotzig zurück, die Wissenschaft sei international, und
er könne in Amerika der Kultur ebenso gut dienen wie in Deutschland.
Noch einmal legte Volpelius nach Rücksprache mit den sechs Kuratoren
Hans Sebalt nahe: er möge doch wenigstens in Aussicht nehmen, mit
seiner Forschungsarbeit und ihren Ergebnissen späterhin den Nachwuchs
deutscher Forscher erzieherisch oder belehrend zu fördern; man sei
auch gern bereit, dereinst nach Möglichkeit für eine ehrenvolle
Zurückberufung Sebalts Sorge zu tragen.
Sebalt antwortete ausweichend und verzichtete einstweilen dankend auf
weitere Zuschüsse von seiten der Stiftung, er bedürfe deren nicht mehr.
An Kaspar Krumbholtz kam bald darauf eine kleine Karte, auf der stand
lakonisch:
+Dr.+ John Sebalt, Mary Sherman. Married.
Viel konnte sich Kaspar dabei nicht denken, aber er gratulierte
herzlich, obwohl ihn die Art der Anzeige und der Untergang des
redlichen deutschen Vornamens Hans ärgerte.
Durch Frau Winkler, die mehr und mehr kränkelte, erfuhr Kaspar dann
nach Monaten, daß Sebalt die bildschöne Tochter eines amerikanischen
Zuckerkönigs auf Hawai geheiratet habe.
Öfter als Sebalt schrieb Ursemi, nicht ganz so befriedigt und gar nicht
mehr überlegen, doch treu und offen wie immer.
Es war deutlich in und zwischen den Zeilen zu lesen, daß Heimweh
nach den schlichten, schlesischen Waldbergen trotz all der
grandiosen Schönheiten des Yosemite-Tales und der vorsündflutlichen
Redwoodurwälder die Tochter Wilhelm Winklers verzehre.
Auch zwischen den Ehegatten Brosyn war wohl nicht alles so, wie Ursemi
es erhofft hatte.
Graf Harry war ein lieber, frischer und tapferer Gesell, auch
ritterlich und treu; doch ging er in seinen Geschäften und
Spekulationen so mit ganzer Seele auf, daß Ursemi mit ihren starken
Gemütsbedürfnissen nicht ganz auf ihre Rechnung kam.
Überdies fragte sie sich und auch Kaspar bisweilen, ob es eigentlich
großen Zweck habe im Leben, solche Riesenreichtümer aufeinander häufen
zu wollen, wie es der tollkühne Harry rücksichtslos anstrebte. Ursemi
war reich, der alte Brosyn einer der begütertsten oberschlesischen
Magnaten, Harry sein einziger Sohn, galt dabei schon jetzt, als einer
der Direktoren der kalifornischen Minenbank-Trust-Kompanie, nicht nur
in San Franzisko, sondern auch in Wallstreet als ein Mann von Gewicht.
Wozu das alles? Wem nutzte er damit? Immer wieder kehrte diese, Kaspar
schon unheimliche Frage in Ursemis Briefen wieder, auch nachdem sie
ihm glückselig mitgeteilt hatte, daß sie einem lieblichen Töchterchen,
Edith benannt, das Leben geschenkt habe.
Von nun an begannen übrigens öfters Erziehungsfragen in der
Korrespondenz der alten Jugendfreunde eine Rolle zu spielen.
Kaspar verriet schließlich seine Entwürfe für seine ideale
Bildungsschule, die er einmal ~sein~ Töchterchen »Utopia« nannte.
Darauf meinte Ursemi plötzlich wieder mit alter Laune: er solle die
»Utopia« mal hübsch dem Kuratorium der Winklerstiftung ausliefern
-- der Harry übrigens neulich eine halbe Million für Mädchenbildung
überwiesen habe -- und solle lieber erst mal zusehen, daß er zu einer
ordentlichen Frau und dann auch zu andern Töchtern käme. Es würde nun
Zeit.
Kaspar lachte still in sich hinein und dachte: Frauen mögen noch so
unglücklich sein, sie wollen immer neues Unglück anstiften.
Im übrigen folgte er wenigstens dem ersten Rat und schickte eines
Tages wirklich seine geliebte »Utopia« an den Geheimrat Volpelius,
der ihm freudig dankte und schrieb: er habe die wertvollen Anregungen
sofort dem Kuratorium zur Prüfung und zur Erwägung praktischer
Versuche überwiesen. Kaspar möge jedoch nicht vergessen, daß für einen
zeitgemäßen Organisator eine gründliche Orientierung über ähnliche
Versuche wünschenswert, ja unerläßlich sei.
Außerdem möge er Wilhelm Winklers Wunsch nicht vergessen. Das
Kuratorium würde es außerordentlich gern sehen, wenn Kaspar in
absehbarer Zeit eine Studienreise ins Ausland unternähme, etwa zum
Besuch ähnlicher Erziehungsanstalten in den auch darin mächtig
aufstrebenden Vereinigten Staaten von Nordamerika.
Als dieser lockende Antrag kam, war jedoch Kaspar nicht in der Lage,
ihn anzunehmen.
Die Liebe war von neuem in sein Leben getreten und hielt ihn fester in
Leipzig denn je.
* * * * *
Auf freundliches Zureden von Volpelius hatte Kaspar gelegentlich dessen
Freunde, ein liebes, altes Geheimratehepaar, namens Ewald, aufgesucht
und hatte in ihrem gastlichen Hause mit der Zeit einen ihm menschlich
wohltuenden und auch geistig überaus anregenden Verkehr gefunden.
Eigene Kinder hatten die alten Ewalds nicht, auch nie besessen; aber
vielleicht gerade darum liebten sie die Jugend zärtlich. Sie hatten
bald diesen Neffen, bald jene Nichte zu Gaste und gaben hie und da
kleine, intime Festlichkeiten, bei denen die jungen Leute zwanglos
verkehren konnten und auch mit ihren Fröhlichkeitsbedürfnissen auf ihre
Kosten kamen.
Bei Ewalds sah Kaspar öfters eine junge Dame, namens Carina Mutzer, von
Geheimrats kurz die kleine Mutzerin genannt, die in mannigfacher Weise
seine Aufmerksamkeit fesselte und seine Gedankenwelt beschäftigte, da
sie eine seltene Mischung von Vornehmheit und Einfachheit, von Frohsinn
und Ernst, von Klugheit und Bescheidenheit zu sein schien.
Der ehedem so begeisterte Turner und Fußballspieler Krumbholtz
konnte gelegentlich ein leidlich guter und ausdauernder Tänzer
sein, aber sonst war er noch immer nichts weniger als ein gewandter
Gesellschaftsmensch.
Dennoch gab sich die kleine Mutzerin gern mit ihm ab und unterhielt
sich lieber still mit ihm in einem lauschigen Winkel, anstatt sich von
anderen feiern zu lassen.
Kaspar wollte jedoch nicht, daß die tanzfröhliche junge Dame
seinetwegen um ihr Vergnügen käme, und so tanzte er mit ihr öfter, als
es sonst wohl seiner zurückhaltenden Art entsprach.
Da fügte es ein tückischer Zufall, daß er eines Abends mit der kleinen
Mutzerin im Tanzgedränge zu Falle kam und ihr zwar nicht wehtat, aber
ein kostbares Kleid zerriß.
Das Unglück kommt bekanntlich selten allein. Wenige Minuten hernach
hatte Kaspar noch das Mißgeschick, daß er, vielleicht im Eifer, das
Vergangene durch besondere Aufmerksamkeit wieder gut zu machen, seiner
Dame beim Anbieten eine Tasse Mokka über das eben mit Stecknadeln
notdürftig reparierte Kleid goß.
Kaspar war außer sich vor Zerknirschung und Empörung über seine
Ungeschicklichkeit, doch die kleine Mutzerin war durchaus nicht
ungehalten, im Gegenteil, sie schien so voller Vergnügen über die
niederträchtige Laune des Zufalls zu sein, daß Kaspar sich und ihr
gestehen mußte: das gehe sogar noch über des trefflichen Horatius
Weisheit »+aequam memento rebus in arduis servare mentem+«.
»Lassen Sie doch,« schalt Carina drollig, »den greulichen Horaz
mit seinem abgedroschenen Philistergleichmut aus dem Spiel. Der
Griechenepigone hatte nicht einen Funken Humor, und der ist besser als
alle +aequa mens+. Ja, staunen Sie nur, ich habe Horaz auch einmal
mit heißem Bemühn studiert, als ich mein Abiturium machen wollte.
Gemacht hab ichs nämlich nicht, damit Sie nicht noch einen Schrecken
bekommen und mich vollends für einen Blaustrumpf halten. Schlecht genug
tanze ich ja, denn ich war das Karnikel, das vorhin mit dem Plumpsen
angefangen hat.«
Kaspar bestritt das heftig.
Ein gutes und lustiges Wort gab das andere, und als der junge
Oberlehrer abends nach Hause ging, da konnte er sich nicht mehr
verhehlen, was ihm lang schon dämmerte, daß ihm Carina einen tiefen
Eindruck gemacht habe; zumal heute abend hatte sie es ihm angetan mit
ihrer Nachsicht und Güte, ihrem unverwüstlichen Frohsinn.
Und plötzlich brannte es lichterloh in seinem Herzen. Er konnte gar
nicht einschlafen, weil er sich immer wieder aufs neue aussprach:
Was ist diese kleine Mutzerin für ein natürliches, frisches und
seelensgutes Ding, und was hat sie für einen prächtigen Mutterwitz!
Und dann kam die zweite Kette von Gedanken, die darin auslief: Was
müßte es doch für ein unendliches Glück sein, ein solches Wesen sein
eigen nennen und mit ihm zusammen durchs Leben wandern zu dürfen!
Aber was für riesige Wolkenwände stiegen da sogleich am
Zukunftshorizont auf, was für bergehohe Widerstände türmten sich da
empor?
Er ein armer Lehrer mit 2800 Mark Gehalt und 1200 Mark Zinsen, nun --
das ging noch zur Not, wenn man sich einrichtete. Freilich verwöhnt war
das liebe Prinzeßchen sicherlich und sollte doch nicht Not leiden bei
ihm. Nein -- um Gottes willen -- unter keinen Umständen! Mit der Zeit
würde er schon im Gehalt steigen, aber -- all das andere!
So ein Schulmeisterlein, nicht einmal Doktor oder Reserveoffizier, und
sie, die Tochter eines richtigen preußischen Regierungspräsidenten --
gar nicht auszudenken, auch wenn die kluge Mama Ewald vielleicht ein
gutes Wort für ihn eingelegt hätte.
Und schließlich der bitterböse, der häßliche Punkt in seiner
Vergangenheit! So schlimm wie bei Ursemi, die er geliebt und verraten
hatte, stand es ja hier nicht; immerhin -- übel stand es doch auch;
denn bekennen mußte er das Carina unter allen Umständen. Sie mußte
wissen, woran sie war mit ihm; wenn es ums Glück der Ehe, um eine
Lebenskameradschaft ging, durften keine Geheimnisse mehr zwischen ihnen
bestehen.
Aber wozu jetzt schon sorgen -- noch lag ja alles im weitesten Felde.
Wer sagte ihm denn, daß sich das Mädchen überhaupt für ihn
interessiere.
Drei, vier Mal hatten sie sich gesehen, heute abend ein bißchen lang
und schließlich auch wohl ein bißchen vertraut miteinander geredet,
sich sehr fest die Hände gedrückt beim Abschied -- das war alles!
Indessen -- es konnte ein Anfang sein, und seine Pflicht als Mann war
es sicherlich, beizeiten zu überlegen, ob er ein so kühnes Unternehmen
wirklich ernsthaft beginnen wolle, und ob er es innerlich und äußerlich
dazu habe, um es hinauszuführen. Sonst machte er sich und das liebe
Mädchen nur unglücklich.
Kaspar schwankte und schwankte, prüfte und prüfte.
Immer neue Bedenken stiegen auf. Würden sie denn überhaupt zusammen
passen, er, der schwerfällige, oft ein wenig plumpe Gesell, und sie,
das leichte, grazile Persönchen? Er, der stille, noch immer weltfremde
Pfadsucher, sie, die sieggewohnte Tochter des Salons, der doch wahrlich
ganz andere Partien offen standen als ein mäßig begabter Oberlehrer
ohne Chancen!
Und doch, das liebe Mädchen schien einen scharfen Sinn für das Echte
und Schlichte zu haben; es hatte ferner Geschmack, das war sicherlich
viel wert, denn ihm fehlte er bisweilen -- leider -- leider! Die kleine
Mutzerin hatte eine entzückende Leichtigkeit und einen feinen Sinn für
Humor -- wieder eine passende Ergänzung zu seinem schwerflüssigen
Wesen.
Ob sie wohl fromm war? Männer mögen so aufgeklärt sein, wie sie
wollen, aber skeptische Frauen -- warum schließlich nicht -- nur -- --
da kam er nicht drum herum mit seinen Bedenken -- zur Mutter seiner
zukünftigen Kinder mochte er eine solche nicht wählen. Zarte Kinder
müssen im linden Schatten mütterlich keuscher Vorsehung und Frömmigkeit
aufwachsen, nicht in der grellen Sonne unbarmherziger Aufklärung und
quälender Zweifel. Die bringt das Leben von selber früh genug an sie
heran; lang dauert das heilige Mysterium der Jugendtorheit so wie so
nicht mehr in unserer brutaleren Zeit.
Doch wohin schweiften seine Gedanken! Nächstens erzog er wohl schon
seine Enkel in Gedanken! Erziehungsnarr!
Und Kaspar legte sich auf die andere Seite und versuchte nun ernstlich
zu schlafen, obwohl draußen der Morgen schon graute.
Aber wieder begann der Tanz der Fragen.
Wie machte man das wohl alles, das Äußere?
Mußte man nicht den gestrengen Herrn Papa zuerst fragen? Der war fern
im Norden. Und der Herr Präsident würde ihm schön dienen, wenn er etwa
angezogen käme mit seinem bißchen Schulmeisterherrlichkeit.
Kaspar, sei nicht verrückt! Warum so hoch hinaus? Such dir eine kleine
Kollegin oder sonst ein Mädchen deiner kleinbürgerlichen Sphäre; aber
nicht die verwöhnte, elegante Tochter eines hohen Regierungsbeamten.
Wenn sie dich aber doch lieb haben könnte? Ja wenn -- dann Carina,
holdseliges Kind, dann holt dich mein tölpischer Arm, der dich gestern
fallen ließ, doch am Ende noch heraus aus all dem feudalen Flitter
und dem schnobrigen Plunder und trägt dich empor -- ja wohin? Kaspar,
sei ehrlich -- vielleicht in die dritte oder vierte Etage eines öden
Vorstadthauses.
So tanzte es auf und nieder in Kaspars Gehirn; aber er war zäh, er ging
einmal nicht ungebrannt vom Feuer, das war eben seine Art, und sich
selbst getreu zu bleiben war sein stolzestes Lebensziel, und -- er
liebte Carina, das blieb doch das Entscheidende.
Also -- er wollte es ruhig versuchen, sie zu erringen -- und damit
genug!
Nun schlief er beruhigt ein und so fest, daß er seine erste
Unterrichtsstunde verschlief und eine Nase vom Herrn Direktor bekam --
und das von Rechts wegen!
* * * * *
Schon am nächsten Abend ging Kaspar wieder zu Ewalds und immer öfter
und öfter, denn es galt eilen, da Carina bald wieder zu ihrem Vater --
eine Mutter hatte sie nicht mehr -- zurückkehren wollte.
Bald merkte Kaspar, daß auch in der kleinen Mutzerin ein Funke glimmte,
und nach und nach spürte er sogar die Wärme ihres Innern hie und da an
einem langen, festen Händedruck, an einem verstohlenen, tiefbohrenden,
ja verzehrenden Blick und an der stimmungsvollen Einsilbigkeit, die
immer öfter an die Stelle des erst so neckischen Geplauders oder
interessierten Gedankenaustausches trat.
Und eines stillen, einsamen Abends, als es den Abschied galt, waltete
jenes tiefe erwartungsbange Schweigen, das bei ernsten Menschen
gewichtigen inneren Entscheidungen voranzugehen pflegt.
Die Hände zitterten, als sie sich berührten, zwei Augenpaare schwammen
in Tränen verhaltenen Wehs, und statt des entschlossenen Losreißens
kam ein scheues, schmerzvoll zuckendes Festschmiegen, ein seliges sich
Haben und Halten, ein glücktrunkenes Tasten und Finden von Mund zu
Mund.
* * * * *
Kaum hatte das Glück gegrüßt mit zartem Kuß, da krochen auch die
Schwierigkeiten heran -- leise, gierig, tückisch wie die Vorboten einer
unbarmherzig steigenden Flut.
Kaspar flehte sofort: Carina möge noch einige Zeit schweigen, bis sie
alles miteinander durchdacht oder brieflich erörtert hätten; aber die
kleine Mutzerin wußte auch, was sie wollte, und fühlte sich in der
neuen Macht ihrer Liebe gewaltigen Mutes voll.
In ihrer jungen, übervollen Seele rauschte und stürmte jene
geheimnisvolle Macht des großen Glücksgefühls, jenes optimistischen
Größenwahns, der sich trotzig vermißt, Berge versetzen zu können, weil
ihm der erste kleine Zauber gelungen ist. Und so erfuhr noch selbigen
Abends die Tante Geheimrat, zu der Carina ein großes Vertrauen hatte,
das ihre kleine Welt so elementar erschütternde Ereignis.
Frau Elsbet Ewald war eine sehr kluge, taktvolle alte Frau, die das
unsagbare Glück der kleinen Mutzerin nicht stören mochte, schon weil
sie selbst ihre helle Freude daran hatte. Aber auch sie sah nicht
ohne düstere Sorgen in die Zukunft der beiden Liebenden, denen sie
von Herzen wohl wollte, und für deren Schicksal sie sich doch mit
verantwortlich fühlte, da sie ein ganz klein wenig Parze dabei gespielt
hatte.
Vor allem galt es nun, die Schwester des Präsidenten, ihre intime
Freundin, zu gewinnen, um dann vielleicht den Herrn Papa vor das fait
accompli stellen zu können.
Zunächst vermeldete die kluge Frau Elsbet die kleine Braut als
unbedenklich erkrankt, um wenigstens die Reise aufzuschieben. Dann
schrieb sie einen äußerst diplomatischen Brief an ihre Freundin, über
den Kaspar, wenn er ihn gelesen, tief errötet wäre, wahrscheinlich
sogar heftig protestiert hätte.
Unterdessen sonnte sich das liebe Pärchen in der Gnadensonne des
ersten Glückstraums, beichtete sich gegenseitig um die Wette all
seine Schlechtigkeiten und seine redlichsten Vorsätze, baute sich
sein trautes Zukunftsheim bis auf die letzten Möbelstücke und
Lieblingsbilder und begann mit einem funkelnagelneuen Idealismus und
viel gutem Willen die gegenseitige Erziehung.
Da fuhr wie aus blauem Himmel ein Blitz hernieder: Carina ward umgehend
von ihrem Vater nach Hause beordert, und »Herr Kaspar Krumbholtz,
Lehrer an der städtischen Reformschule zu Leipzig«, erhielt von einem
Präsidialschreiber einen kurzen, aber groben Verweis wegen »seines
ungehörigen Benehmens gegen ein unerfahrenes junges Mädchen von
vornehmer Familie«, gezeichnet Mutzer.
Kaspar stand, starr über diese Roheit, zitternd da; in hilfloser
Empörung schossen ihm Tränen in die brennenden Augen. Scham, Wut,
Stolz, beleidigtes Menschengefühl revoltierten in seinem Innern.
Erst gab ihm der Trotz ein, das Schreiben zurückzuschicken mit einem
»gelesen und genehmigt! Krumbholtz.«
Dann siegte die Vornehmheit in ihm, und so setzte er sich mit bebenden
Gliedern hin und schrieb, totenbleich vor krampfhaft erzwungener
Selbstbeherrschung, einen kurzen Brief an Carina, in dem er ihr das
Jawort zurückgab und sie bat, ihm das Weh, das er ihr angetan, und die
Beleidigung, die er ihrem Herrn Vater unbeabsichtigt zugefügt habe, zu
verzeihen. Das Schreiben des Herrn Präsidenten legte er als Begründung
für sein Zurückweichen bei.
Umgehend kam ein mit Tränenspuren übersäter, langer Brief Carinas des
Inhalts: sie könne und wolle nie und nimmer auf Kaspar verzichten und
wäre sogar bereit, nicht mehr nach Hause zurückzukehren, ja, wenn es
nötig wäre, so würde sie mit ihm in die kleinste Dachwohnung ziehen
selbst auf die Gefahr der Enterbung hin; ihr Mütterliches könne sie
übrigens verlangen, da sie mündig sei. Vor allem aber solle Kaspar sie
nicht entgelten lassen, was ihr manchmal vom Dienst verärgerter, im
Grunde so grundguter Papa gesündigt habe, und er solle doch wenigstens
zu Geheimrats kommen, die ihn erwarteten. Vater Ewald sei nun auch
eingeweiht und wolle persönlich an Papa schreiben und ebenso an
Volpelius, der, bei der Regierung wohlbekannt, früher auch einmal der
Vorgesetzte Papas gewesen sei.
Kaspar atmete ein wenig auf, als er den Brief gelesen hatte, aber er
gab dem wartenden Dienstmann nur wenige Zeilen mit:
»Liebling!
Ich muß nun warten, bis Dein Herr Vater mir gestattet, Dich bei
Geheimrats aufzusuchen; auch Dir gegen seinen Willen zu schreiben
erlaubt mir mein Stolz nicht mehr. Stehlen will ich nicht.
Kaspar.«
Carina gab sich damit nicht zufrieden. Sie setzte die Dienstmänner der
Karl Tauchnitzbrücke gar weidlich in Bewegung; aber Kaspar war hart und
erklärte einem nach dem andern, wenn auch mit wundem Herzen: »Keine
Antwort!«
Qualvolle Tage vergingen. Noch hoffte Kaspar leise; doch es kam nur die
Nachricht: Carina sei nun entschlossen, selber ihre Sache bei Papa zu
führen, und bäte Kaspar bei der Treue, die sie sich doch gelobt und die
sie unter allen, auch den schwersten Umständen einander halten wollten,
ihr wenigstens auf dem Bahnhof, in Gegenwart der Tante Geheimrat,
Lebewohl zu sagen. Das sei nichts Unehrliches, das sei er ihr vielmehr
schuldig.
Kaspar ließ zurück melden: Er werde da sein.
Und so nahmen sie Abschied. Noch einmal beschwor Carina den Verlobten:
er möge ihr nur treu bleiben; sie werde nie, nie von ihm lassen.
»Und wenn Papa mich ins Gefängnis würfe, ich bräche aus oder wartete
auf dich, bis er nicht mehr lebte!« Das waren die letzten Worte,
die Kaspar von Carina hörte, sie hallten fast schaurig in seiner
pietätvollen Seele wieder.
Was mußte das für eine gewaltige Leidenschaft sein, die in diesem
kleinen tapferen Mädchen loderte, wenn sie selbst dem Tode des Vaters
so trotzig entgegen sah.
Und neues Vertrauen auf die Kraft solcher Liebe senkte sich in Kaspars
zerrissenes Gemüt; er faßte wieder Hoffnung.
Warten wollte er ja gern, so gern -- nur nicht verzichten müssen für
immer!
Kaspars Liebe ward stark in Geduld. Briefe über Briefe kamen von
Carina, nicht mehr ganz so zuversichtlich betreffs der väterlichen
Einwilligung, auch nicht mehr ganz so trotzig in bezug auf deren
Verzicht; aber noch immer voll der heißesten Leidenschaft, überströmend
von zärtlicher Neigung zu dem »einzig geliebten Herzensschatz«, der auf
ihre Treue »bauen könne wie auf Granitgrund«.
Dann flossen die Briefe spärlicher und wurden auch kürzer.
Entschuldigungen traten an Stelle der Beteuerungen; kühle Vernunft trat
an die Stelle des warmen Gefühls, statt Trost spendete die Schreiberin
Gründe und schließlich Ausflüchte.
Da merkte Kaspar, daß es zu Ende ging mit der Kraft der kleinen Carina;
auch sie erlag wohl der Übermacht der Gewohnheit, der nur Helden
gewachsen sind.
Nun packte Kaspar die Angst wie mit Eisenfäusten, schüttelte ihn und
jagte ihn empor.
War es nicht feige, das arme, schwache Mädchen allein den schweren
Kampf um die Zukunft ihrer Liebe führen zu lassen? Aber waren ihm
denn nicht die Hände gebunden? Erlaubte es denn sein Stolz, um etwas
zu betteln, dessen man ihn nicht für würdig hielt? Konnte er mit
ungeschickten, wenn auch gut gemeinten Schritten nicht Carina nur
Unannehmlichkeiten bereiten und alles verderben?
Gewiß, es sprachen mancherlei schwerwiegende Gründe gegen eine
persönliche Einmischung. Aber wenn er sich nicht selbst einsetzte,
ging auch alles fehl, das fühlte er unwillkürlich. Nein, jetzt mußte
er handeln, er mußte der ermatteten Braut zu Hilfe kommen, falls Hilfe
noch möglich war. Und so ging er schweren Herzens doch wieder zu
Ewalds, ließ sich raten, schrieb einen dringenden Brief an Volpelius
und reiste schließlich selbst in die nordische Provinzialhauptstadt.
* * * * *
Auf Grund der Empfehlungsbriefe empfing Herr Regierungspräsident
Mutzer, ein strengblickender, scheinbar wortkarger Mann, Kaspar, maß
ihn fast drohend von Kopf bis zu Fuße mit den Augen, ehe er ihn mit
einer gebieterischen Geste zum Sofaplatze wies, und dann verging noch
eine geraume Weile, bis er zu reden begann:
»Wenn ich Sie heute hier empfange, Herr Krumbholtz, so geschieht das
einmal, weil Sie sich in der leidigen Angelegenheit bisher taktvoll
benommen haben, und zweitens, weil ich hoffe, durch eine persönliche
Aussprache mit Ihnen das endlich zu erreichen, was ich bei meiner
Tochter noch nicht ganz erreichen konnte, nämlich eine Aufhebung des
Verhältnisses, ein Verlöbnis kann ich es nicht nennen.«
»Um von vornherein keine Unklarheit walten zu lassen,« erwiderte
Kaspar gemessen, »so gestehe ich schon jetzt, daß ich gerade mit der
Bitte an Sie herantreten möchte, daß Sie uns endlich Ihre Einwilligung
geben möchten. Ich habe auf Ihren Wunsch seinerzeit Carina mein
Wort zurückgeben wollen, sie hat es nicht gewünscht, und so halte
ich mich für gebunden, halte mich auch für verpflichtet, alles zu
tun, was unserer Verbindung förderlich sein kann. Der Weg zu Ihnen,
Herr Präsident, der Sie für gut befanden, mich durch die Form Ihres
Schreibens so tief zu verletzen, ist mir schwer genug geworden. Ich
habe meinen Stolz so gut wie Sie, aber ich habe nicht in erster Linie
an mich zu denken, sondern an das Glück Ihrer Tochter, dem ich meinen
Stolz opfern muß.«
»Ich stehe nicht an zu bemerken, Herr Krumbholtz, daß ich mich in der
ersten Empörung und in der völligen Unkenntnis Ihrer Persönlichkeit
vergriffen habe, und ich bedaure das. Das ändert aber nichts an meiner
Meinung, daß ich eine Verbindung zwischen meiner Tochter und Ihnen,
der Sie doch einem völlig andern Gesellschaftskreise angehören, nicht
wünsche. Überdies -- wie wollen Sie die Kosten für einen standesgemäßen
Haushalt aufbringen?«
»Sie vergessen, Herr Präsident, daß Carina, sobald sie meine Frau
wird, in meinen Stand übertritt, und daß in meinen Kreisen gar manch
eine Familie mit den bescheidenen Mitteln, die mir zu Gebote stehn,
glücklich und gesund lebt. Mehr wünsche ich nicht, mehr wird Carina,
wenn sie mich wirklich lieb hat, auch nicht wünschen.«
»Sie scheinen das sehr genau zu wissen, Herr Krumbholtz. Sie gestatten,
daß ich daran zweifle bei aller Hochachtung vor Ihrer Lebenskenntnis
und Ihrer Energie. Eine Frau, die durch ihre Ehe ökonomisch wie sozial
herabsteigen muß, fühlt sich auf die Dauer nie glücklich, glauben Sie
mir das!«
»Es mag sein, daß dies für den Durchschnitt gilt, Herr Präsident.
Ihr Fräulein Tochter ist aber keine Durchschnittsnatur, und sie wird
sich in das Äußere sicherlich leicht finden. Außerdem ist es ja nicht
gesagt, daß ich mein Lebenlang städtischer Oberlehrer bleiben werde.«
»Ah, ich verstehe, Sie spielen auf das an, was auch Herr Geheimrat
Volpelius mir schon schrieb. Das steht aber wohl noch in weitem Felde.
Wenn Sie daran denken, sich zu verändern, dann -- wüßte ich auch einen
andern Ausweg, der uns schließlich wohl alle drei befriedigen könnte.«
»Und der wäre, Herr Präsident?«
»Sie sollen schon einmal umgesattelt sein, wie ich hörte. Wie wäre
es, Herr Krumbholtz, wenn Sies noch einmal riskierten? Sie haben viel
studiert, auch auf allerlei Nachbargebieten der Jurisprudenz, die
Semester würden Ihnen ja angerechnet, und all das kann Ihnen später
noch gute Dienste leisten. Werden Sie Jurist, in zwei, drei Semestern
können Sie mit Hilfe eines guten Repetitors Referendar sein, und ich
verspreche Ihnen, an dem Tage nach Ihrem glücklich bestandenen Examen
gebe ich meine Einwilligung zu Ihrer öffentlichen Verlobung mit meiner
Tochter. Für das weitere lassen Sie mich sorgen. Wenn Sie einigermaßen
fleißig und brauchbar sind, und ich darf das nach Ihrem bisherigen
Lebenslauf annehmen, sollen Sie in dem neuen Beruf mehr erreichen
als in dem alten. -- Nun bitte -- wie denken Sie darüber? Vielleicht
brauchen Sie Zeit, sich die Sache in Ruhe zu überlegen?«
»Nein, Herr Präsident. Es steht mir völlig klar vor der Seele, daß ich
diesen Weg nicht gehen kann, so sehr ich Ihnen für Ihr Entgegenkommen
danken möchte. Damit Sie mich nicht falsch verstehen, muß ich das näher
begründen. Ich bin zu meinem Beruf, den ich liebe, an dem ich mit allen
Fasern meiner Seele hänge, und mit dem ich innerlich verwachsen bin,
nicht durch Not oder Klugheitsrücksichten gekommen, sondern durch den
Drang meines Herzens, durch meine ganze Lebensentwickelung. Ich bin
gleichsam hineingeboren in den Erzieherberuf und gehöre ihm mit Leib
und Seele, auch wenn ich mir oft genug ausspreche, daß ich ihn, so wie
ich ihn auszuüben wünschte, an der Stelle, wo ich jetzt stehe, nicht
ausüben darf. Doch das kann sich mit der Zeit schon ändern.«
»Also gut, Herr Krumbholtz, dann schlagen Sie doch wenigstens die
akademische Karriere ein, etwa als Pädagoge, oder lassen Sie mich
dafür sorgen, daß Sie später als Jurist mit Erziehungsangelegenheiten
beschäftigt werden.«
»Nein, Herr Präsident, keines von beiden. Ich will bleiben, was
ich bin, weil ich es werden ~mußte~. Aus Ihren sicherlich
gutgemeinten Vorschlägen sehe ich nur allzu klar, daß Ihnen mein Stand
gesellschaftlich nicht genügt für den Mann Ihrer Tochter. Und gerade
das verletzt mich bis ins Innerste; denn ich liebe diesen Stand und
halte ihn für den wichtigsten für die Entwickelung unseres Volkes.
Als akademischer Lehrer wäre ich nach meiner ganzen Veranlagung und
Begabung nicht am Platze und wäre in meinen Augen um kein Haar mehr,
so wenig wie als Jurist, zu dem ich erst recht nicht passe. Ein
Kaufmann mag wohl einmal seine Branche wechseln, um in ein Geschäft
einzuheiraten und so zur Selbständigkeit zu gelangen, obwohl mir auch
das nicht gefällt. Aber ein überzeugter Erzieher, der sich um äußerer
Vorteile willen oder selbst aus Liebe zu einem Weibe verleiten ließe,
seinen Beruf aufzugeben und einem aussichtsreicheren sich zuzuwenden,
würde mir als ein ehrloser Deserteur erscheinen, im besten Falle als
ein Schwächling, doch nie als ein Mann, zu dem ein Weib in Achtung und
Liebe emporsehen könnte. Ihr Fräulein Tochter wußte, wer ich war, als
sie mich kennen lernte, sie hat dem armen Schulmeister ihre Neigung
geschenkt und sich damals nicht an seinem Berufe gestoßen. Ich würde
ihr nie wieder offen und stolz ins Antlitz schauen können, wenn ich
mich plötzlich meines Standes schämen würde, nur weil er Ihnen nicht
vornehm genug erscheint. Verlangen Sie von mir, was Sie verlangen
dürfen, aber nicht das Verzichten auf meine Überzeugung, auf meine
Selbstachtung und mein ganzes inneres Sein.«
Mit kaum verhaltener Erregung hatte Kaspar Krumbholtz gesprochen, und
mit gespanntester Aufmerksamkeit hatte der Präsident ihm zugehört; aber
mit jedem Worte, das dieser hörte, ward ihm klarer, daß er mit dem
Manne da vor ihm schwerlich je zusammenkommen würde. Er hielt das alles
für Schulmeisterhochmut, und sein Gegenüber sah ihm ganz so aus, als ob
er ihn ebenso des Juristenhochmuts zeihen würde, wenn er ihm weiter
zuredete. Eine Brücke ließ sich nicht schlagen, also lieber ein Ende!
Mit eisiger Kälte erklärte Herr Mutzer:
»Da ich annehmen muß, daß Sie nicht in der Lage sind, meiner Tochter
zuliebe das Opfer zu bringen, das ich als Vater für ihre Zukunft und
ihre gesellschaftliche Stellung verlangen muß, darf ich Sie wohl
bitten, nunmehr jede Beziehung zu Carina abzubrechen.«
»Ich bedaure,« antwortete Kaspar festen Tones, »diesem Ihrem Wunsche
vor der Hand nicht Folge leisten zu können. So lange Ihr Fräulein
Tochter mich nicht meines gegebenen Wortes entbindet, werde ich tun,
was mir meine Liebe und mein Gewissen gebietet, das heißt, alles daran
setzen, um sie zu erringen, vor allem meine Existenz so zu festigen
oder zu verbessern, daß Ihr Fräulein Tochter ohne Sorgen an meiner
Seite leben kann. Ist das erreicht, werde ich Carina bitten, die Meine
zu werden.«
»Mein Herr, tun Sie, was Sie verantworten können, ich werde das Meine
tun, und zwar rasch. Noch heute werde ich meine Tochter vor die
entscheidende Frage stellen. Sie hat zwischen Ihnen und mir zu wählen.«
»Dann bitte ich nur um die Erlaubnis, vorher noch einmal mit Carina
reden zu dürfen. Ich habe, wie Sie wissen, Herr Präsident, mich bisher
zurückgehalten, ihr auch nicht geschrieben, gestatten Sie mir nun
wenigstens eine kurze offene Aussprache in Ihrem Hause.«
»Es tut mir leid,« erwiderte der Präsident hart, »Ihnen diesen Wunsch
nicht gewähren zu können, da ich meinem überdies schon abgehärmten
Kinde diese Aufregung ersparen möchte. Wollen Sie ihr schriftlich noch
einmal alles klar auseinandersetzen, so bitte tun Sie das in aller Ruhe
hier nebenan in meinem Schreibzimmer. Geben Sie mir nachher den Brief,
und ich verspreche, ihn meiner Tochter sofort zu übergeben. Sie mag
dann alles ruhig durchdenken, ehe sie ihre schwere Entscheidung trifft.
Erlassen kann ich sie ihr nach alledem nicht mehr. Lieber ein Ende mit
Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Ich bitte -- hier herein. Tinte,
Feder und Papier finden Sie.«
Mit totwundem Herzen begann Kaspar Krumbholtz seinen Brief an Carina.
Er schrieb ihn klar und freundlich, aber ohne rechte Hoffnung, denn
nur von Angesicht zu Angesicht hätte er noch einen Sieg für möglich
gehalten.
So stand er schließlich wieder auf und ging noch einmal zu dem
Präsidenten und bat ihn abermals, ihm doch wenigstens vielleicht im
Beisein der Tante eine Unterredung mit Carina zu gewähren.
»Wir kämpfen mit zu ungleichen Waffen,« schloß Kaspar mit bebender
Stimme, »wie jetzt die Verhältnisse liegen, wird mein Einfluß, vollends
durch das geschriebene Wort gegen das gesprochene des geliebten und
gebietenden Vaters, nicht aufkommen können! Lassen Sie mich zu ihr
reden, Herr Präsident, nur das eine Mal; es handelt sich um das Glück
meines Lebens!«
»Um das meine wohl nicht minder, Herr Krumbholtz! Und wenn Sie von
einem Kampfe reden, so wäre ich doch ein Tor, Ihnen die Chancen, mich
zu überwinden, zu erleichtern. Ich habe soeben Gelegenheit gehabt, Ihre
zähe Energie zu prüfen, und ich fürchte den erneuten Einfluß Ihrer wohl
nicht ungefährlichen Persönlichkeit auf meine Tochter. Also ich bedaure
nochmals --«
»Herr Präsident,« flammte nun Kaspar empor, »zwingen Sie mich, bitte,
nicht, Wege einzuschlagen, die mir unsympathisch und nur durch die
äußerste Not zu rechtfertigen wären.«
Ärgerlich griff der Präsident nach der Glocke, läutete dem Diener und
ließ Fräulein Carina zu sich bitten.
Dann ging er stampfend wie ein gereizter Stier auf und ab und polterte
heraus: »Sie sind wirklich ein Eisenkopf, Herr Krumbholtz.«
Ruhig erwiderte Kaspar: »Wenn ich nicht alles daran setzte, das
Mädchen, das ich liebe, zu gewinnen, wäre ich kein Mann, und Sie wären
sicher der erste, der mich verachten dürfte. Würden Sie in meiner Lage
anders handeln, Herr Präsident?«
»Sie wollen aber mit dem Kopf durch die Wand, junger Mann. Doch
meinetwegen, ich bin meines Kindes sicher. Also sagen Sie Carina
nebenan, was Sie für gut halten. Dann werde ich die Kabinettsfrage
stellen. Vorher gebe ich Ihnen jedoch nochmals anheim, meinen Vorschlag
von vorhin in Erwägung zu ziehen. Auch mir liegt daran, ohne Tragik
auszukommen. Sie scheinen ein Mann von Mut und Ausdauer zu sein, ich
würde mich freuen, Ihnen nach Erfüllung der gestellten Bedingung die
Wege zu ebnen.«
Stumm und traurig schüttelte Kaspar den Kopf und ging langsam in das
Nebengemach.
Bald darauf erschien Carina. Mit ruhigem Ernst empfing sie der
Präsident und sagte:
»Liebes Kind, ich sehe mich leider genötigt, dir schon heute die
Entscheidung nahezulegen, von der wir gelegentlich sprachen. Herr
Krumbholtz wünscht noch einmal mit dir zu reden, ehe ich dich
bitte, zwischen ihm und mir zu wählen. Die Gegensätze haben sich so
zugespitzt, daß eine Vermittlung, wie ich sie noch eben anzubahnen
versuchte, ausgeschlossen ist.«
Erschrocken und zögernden Schrittes trat Carina vor den Geliebten.
Matt war ihr Händedruck, dann sagte sie leise: »Ich danke dir, Kaspar,
daß du gekommen bist, aber folgen kann ich dir nicht, ich kann nicht
von Papa fort. Er hat niemand außer mir, und ich hänge viel, viel mehr
an ihm, als ich dachte. Dergleichen merkt man immer erst, wenn man mit
dem Gedanken umgeht, sich zu trennen.«
»Carina,« entgegnete Kaspar weich, »hast du vergessen, was du mir zum
Abschied in Leipzig auf dem Bahnhof zuriefst? Soll ich weiter auf dich
warten, ich will es tun. Viel zu gern! Nur laß mich hoffen. Vielleicht
wird dein Vater doch mit der Zeit anderer Meinung. Ich will unterdes
redlich versuchen vorwärts zu kommen.«
»Laß es gut sein, Kaspar, es hilft doch nichts. Ich habe mir damals
in Leipzig alles anders und leichter gedacht. Ich habe dich wohl noch
immer so lieb wie ehmals, aber der Mut ist mir gebrochen. Man grübelt
und ringt nicht umsonst wochenlang mit seiner Umgebung, mit seinen
liebsten Angehörigen. Ich müßte an deiner Seite nicht nur in eine neue,
mir fremde und nicht sonderlich verlockende Welt, ich müßte -- ich weiß
es jetzt -- in die völlige Einsamkeit, beladen mit dem väterlichen
Fluch -- und das geht über meine Kräfte. Ich würde bald zusammenbrechen
und dir kein Glück bereiten, nur eine Last sein.«
»Zwei Menschen, die sich selbst genug sind, können nie einsam sein.«
»Doch -- ich wäre es -- ich bin anders als du, bin nicht so trotzig,
unabhängig und genügsam wie du.«
»Du wirst es an meiner Seite bald werden, Carina. Und ich hoffe, mit
der Zeit wird auch dein Vater ein Einsehn haben.«
»Vater -- nie. Da kenn ich ihn besser. Er ist seelensgut, aber er geht,
wie viele seines Standes, allzu sehr im Äußern, im Formalen auf. Und
ich bin vielleicht auch darin ein wenig seine Tochter. Ich würde mich
wohl in dein Wesen, aber schwerlich in deine Ziele, niemals in deine
Gesellschaftskreise finden können.«
»Die brauchen wir nicht, Carina, --«
»Doch -- du vielleicht nicht, aber eine Frau braucht dergleichen.«
»Aber nicht eine Frau wie du, Carina.«
Müde lächelte die kleine Mutzerin, dann sagte sie resigniert: »Du hast
eine zu hohe Meinung von mir, Kaspar, wie ich sie selber auch von mir
hatte; aber ich bin leider keine Heldin, ich bin doch nur ein armselig
schwaches Weib, das zu einem Kämpfer, wie du es wohl bist, gar nicht
passen würde.«
»Carina, sage das nicht. Gerade du bist die beste Ergänzung für mein
Wesen, Carina, laß mich nicht im Stich, du weißt nicht, was du mir
bedeutest!«
»Ich weiß es vielleicht -- und dennoch, Kaspar -- wenn ich heute eine
Entscheidung treffen muß, und mein Vater fordert sie -- dann muß ich
mein Wort zurücknehmen und dir Lebewohl sagen. Denke nicht zu hart von
mir, Kaspar, verlier nicht den Glauben an unser Geschlecht, weil eine
davon deiner nicht wert war. Vergiß mich, aber verachte mich nicht!
Küsse mich noch einmal zum Abschied -- es lindert meine Qual -- Komm,
hab Mitleid mit mir --«
»Carina!« schrie Kaspar leise auf, »das soll das Ende sein -- also leb
wohl!«
Hart stieß Kaspar Krumbholtz die dargebotene Hand zurück, verbeugte
sich kaum merklich und verließ eilends das Zimmer, in dem Carina
schluchzend auf ihres Vaters Schreibstuhl niedersank.
Mit einem tonlosen »Sie haben gesiegt, Herr Präsident!« grüßte Kaspar
den stumm sich verneigenden Herrn Mutzer und ging trotzig davon.
* * * * *
Je wilder der Sturm gewesen war, der zunächst in Kaspars Seele gewütet
hatte, um so tiefer war nun die Niedergeschlagenheit, die sich seiner
bemächtigte.
Verbitterung, Pessimismus, Menschenverachtung, Mutlosigkeit, ja
Verzweiflung an sich und seiner Zukunft -- alles kam mit einem Male
über ihn und nagte an seiner Seele, deren Widerstandskraft eine
Zeitlang wie gebrochen erschien. Nicht einmal zu hassen vermochte er
mehr, nur Mitleid regte sich bisweilen. Was hatte Carina viel anders
getan als er bei Ursemi? Sie hatte dem inneren Muß gehorcht wie er.
Gleichgültigkeit kam über Kaspar. Die Arbeit an seinen Schülern, die
ihm sonst über alles ging, wollte ihm nicht mehr viel bedeuten, wollte
ihm auch nicht mehr recht glücken, da Lust und Liebe fehlten.
Tagtäglich nannte sich Kaspar einen haltlosen, erbärmlichen
Schwächling, verhöhnte sich und lachte sich aus, rief den lieben, alten
Trotz zu seiner Unterstützung herbei und sprach sich immer wieder aus:
Warum sich so werfen lassen? Ist sies denn wert? Zeige wenigstens dem
hochmütigen Präsidenten erst recht, was du kannst! Doch immer wieder
kam die Antwort aus seinem Innern: Wozu das alles? Für wen mühst du
dich ab? Laß alles gehen, wie es geht!
Die alte Spannkraft der Seele schien völlig geschwunden zu sein.
Sogar der stille, zuversichtliche Glaube an die allwaltende Liebe
Gottes und das nach und nach wieder sicher gewordene Vertrauen in seine
unergründlich weise Führung wankten von neuem bedenklich in Kaspar
Krumbholtz. Er wußte, daß es unendlich kleinlich und töricht war, seine
Anschauung über Gott, Welt und Menschenbestimmung abhängig zu machen
von trüben persönlichen Erfahrungen und sicherlich vorübergehenden
Eindrücken, und dennoch konnte er sich zurzeit auf einen höheren
Standpunkt nicht erheben.
Es gab einmal keine absolute Gotteserkenntnis für uns jammervoll
beschränkte Menschen; es gab wohl nur ein Spiegelbild des Höchsten in
unseren Seelen, und dessen Deutlichkeit und Färbung mußten mit unsern
Stimmungen wechseln.
Und doch -- wozu gab es das Leid, wenn es nicht den Boden des Herzens
pflügend aufreißen sollte, um ihn von neuem und immer fruchtbarer
zu machen für den Samen des Unvergänglichen? Wozu gab es den doch
unausrottbaren Drang zum Erkennen, zum Schaffen und Wagen, zum
Fortschreiten und zur Freude an jedem Gelingen in unserer Brust, wenn
er nach bitteren Enttäuschungen nicht um so kräftiger hervorbrach wie
die Triebkraft eines gekappten Strauchs, der nach Überwindung der
schweren Saftstockung aus vermehrtem Wurzelvermögen zu wirtschaften
vermag.
Sollte nicht gerade diese letzte, schwerste Erfahrung ihn loslösen
von dem zu billigen Genuß eines Durchschnittlebens, um ihn für
seinen eigentlichen, vielleicht ungewöhnlichen Daseinszweck um so
unabhängiger, um so geschickter zu machen?
Und Kaspar sann und sann unaufhörlich und konnte sich lang nicht
zurechtsinnen.
Erst nach einem stillen unablässigen Versenken in die ruhige
Selbstverständlichkeit und zugleich Unergründlichkeit der großen Natur
und ihrer Gesetze, erst im wohltuenden Frieden einer fast ungetrübten
Einsamkeit begannen Kaspars tiefe Wunden nach und nach sich zu
schließen und zu vernarben.
Die Lust zum Gestalten erwachte plötzlich wieder, bald auch die
Freude an der Entwicklung der ihm anvertrauten Jugend. Und ein neues
Verantwortungsgefühl war dann die erste Spur eines verfeinerten Selbst-
und Pflichtbewußtseins, das in seinem scheinbar so verödeten Innern
langsam erstand.
Und nun merkte Kaspar deutlich und immer deutlicher, daß die schwere
Niederlage ihn seltsam verwandelt hatte.
Er blickte tiefer und verständnisvoller in Seelen und Zusammenhänge.
Vor allem betrachtete er seine Kollegen mit anderen Augen, er sah sie
und ihre Menschlichkeiten in milderem Lichte, und doch sehnte er sich
aus ihrem Kreise fort.
Er dürstete nach neuen Anregungen, aber er fand sie nicht. Sein
bisheriges Leben dünkte ihm schal und oberflächlich, er glaubte
geträumt, aber nicht mit vollem Bewußtsein gelebt zu haben.
Neue, tiefere Bedürfnisse waren in ihm wachgeworden und verlangten nach
Befriedigung.
Nur an der Tafelrunde der Moraven fand er noch immer jenes stille
Behagen, das eine harmonische Gesellschaft gleichgestimmter Seelen
erzeugt. Gottfried Kämpfer fiel Kaspars Veränderung freilich auf; er
neckte ihn wohl erst, nannte ihn »einen Peter Schlemihl, der keinen
Schatten werfen könne, da er selbst nur Schatten sei«. Dann aber
schaute er tiefer und wußte nicht nur scharf zu sehen und zu treffen,
er wußte auch wacker zu trösten.
Kämpfer nahm den Freund nach einer guten Sitzung nachts mit auf einen
schönen Mondscheinspaziergang, ließ sich Kaspars Herzeleid beichten
und erzählte ihm von seinem großen Weh: Wie er vor Jahren sein schönes
junges Weib und ein zartes Kindchen bald nacheinander hergeben mußte;
wie er darüber seinen Gott abermals verlor in dem rasenden Sturm seiner
bittersten Verzweiflung und dann vergeblich Betäubung suchte auf weiten
Reisen, ja zuletzt eine mitleidige Kugel auf dem Kriegsschauplatz
Südafrikas.
»Aber sie schossen in Wahrheit längst nicht so gut,« schloß Gottfried
Kämpfer seinen düsteren Bericht, »wie in den Zeitungen, diese dreimal
vermaledeiten Buren! Sie haben mich nur um meinen letzten Funken
idealer Selbsttäuschung gebracht, diese Hallunken! Sie hatten mich
angelogen wie das Leben. Und so dachte ich schließlich: lüge du auch,
die Wahrheit macht sich nun einmal so sehr schlecht bezahlt auf dieser
Welt; es gibt niemand freiwillig einen Dreier dafür. Und so ließ
ich den bösen Buren ihren großen Heldenruhm ungeschmälert, gab aber
gerechterweise den lieben englischen Tommies auch ihr Teil und dem
guten deutschen Publikum erst recht! So log ich mich langsam ins Leben
zurück und kam schließlich wieder glücklich bei meiner Zeitung und
in meinem alten Traumparadies an und pflegte den wunden Helden, mein
törichtes Herz, mit Ach und Krach wieder leidlich gesund. Auch den so
schnöde von mir zertrümmerten Herrgott log und leimte ich mir nach und
nach wieder zusammen; er sieht ja noch ein bißchen geflickt aus, aber
er hält doch und sitzt ganz stattlich wieder auf seinem Throne, als
habe sich nichts verändert. Es hatte sich auch gar nichts verändert,
weder die Welt, noch der Herrgott -- nur mir war die Brille ein bißchen
blind geworden. Das gab sich aber, als es nicht mehr so kalt war um
mich her. So, mein lieber Prinz mit der heimlichen Krone und dem allzu
heißen Herzen unterm Mantel, hm, die Moral von der Geschicht -- ein
bißchen Kälte schadet nicht.«
Kaspar lächelte gerührt und sagte bewundernd: »Ja, wer deinen Humor
hätte, Kämpfer!«
Gottfried Kämpfer erwiderte schmunzelnd: »Warts nur ab, lieber
Junge, vielleicht wächst dir diese seltne Rebe auch noch. Sie liebt,
damit dus weißt, vulkanischen Boden wie die Lacrima Christi, je mehr
Herrlichkeiten unter der dunklen Lava liegen, um so üppiger sprießt
sie, um so feiner wird ihre Blume!«
Siebentes Kapitel
Silvester
Nach reiflicher Überlegung hatte sich Kaspar Krumbholtz entschlossen,
den Antrag des Kuratoriums nunmehr doch anzunehmen, zumal auch Ursemi
ihm keine Ruhe ließ und ihn immer dringender bat, sie doch einmal zu
besuchen.
Harry habe ihr soeben, schrieb sie, ein geräumiges Palais gebaut,
New-Reda genannt, hoch über San Franzisko, auf dessen wundervolle
Bai vom goldenen Tor sie nun tagtäglich herabschauen könne. Selten
sei auf der lieben Gotteserde so viel Schönheit verschwenderisch
zusammengehäuft worden wie in diesem sonnenheiteren, freilich ein
wenig wackligen Kalifornien, und doch könne sie die ernsten, nebligen
Waldberge Schlesiens darüber niemals vergessen. Kaspar müsse zu ihr
kommen und sie vom Heimweh kurieren, dafür wolle sie ihm auch klar
machen, daß ein alter Junggeselle gar nichts von Kindern verstehen
könne.
Kaspar lachte -- nach langer, banger Zeit -- endlich einmal wieder
aus vollem Halse und fröhlichem Herzen. Dann ging er voll innerer
Gewißheit und Klarheit zu seinem Direktor, um ihm zu kündigen.
Der sprach einige schöne bedauernde Worte, die auf Kaspar jedoch
weniger Eindruck machten, als vor Jahren der ehrliche Ärger des
Tramberger »Chefs«.
Die Kollegen machten große Augen, als sie von Kaspars Austritt und
seiner Begründung hörten, und fragten einander erstaunt, was dieser
gewiß biedere, doch in seinen Fähigkeiten ziemlich begrenzte Kollege da
drüben im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten wolle.
Kaspar verriet es ihnen nicht, er wußte es ja selbst noch nicht so
recht. Er kam sich selber zur Genüge klein und unwert einer solchen
unverdienten Auszeichnung vor; aber das Kuratorium war seinen
utopischen Entwürfen so nahe getreten, daß es ihm schon eine ganze
Reihe ergänzender Beobachtungen auferlegt und auch eine ziemlich exakte
Marschroute für die bedeutendsten Erziehungsanstalten Nordamerikas
vorgeschrieben hatte.
Kaspar ging mit gewohnter, zäher Gründlichkeit an die neue schwierige
Aufgabe, in der er doch wieder einen höheren Wink zu erkennen glaubte.
Er studierte die nicht kleine, aber merkwürdig oberflächliche,
meist nur nach dem äußeren Eindruck urteilende Literatur über
Amerika, aus der jedoch drei bedeutsame und völlig verschiedene
Urteilsindividualitäten hervorragten: ein künstlerisch empfindender
Geograph, sein geliebter verstorbener Lehrer, ein still von ihm
verehrter und auch schon betrauerter Lausitzer Poet und ein ihm noch
unbekannter deutsch-jüdischer Philosoph, der allerdings nicht ganz die
Objektivität der beiden andern aufwies, vielleicht weil er, wie so
viele Deutsche, Amerika zu lieb gewonnen hatte.
Aus diesen drei deutschen und zwei sehr ergiebigen englischen Quellen
schöpfte Kaspar seine beste Vorbereitung für die bevorstehende eigene
Anschauung.
* * * * *
Nun galt es Abschied zu nehmen. Viel Liebes besaß Kaspar nicht im
Vaterlande.
Die Enterbten der Moravenrunde gaben ihrem »heimlichen Prinzen« launig
ihren Segen, und Gottfried Kämpfer hielt zu seinem Abschied eine
warme, sinnige Scherzrede über den heilkräftigen Wert sogenannter
Kolonialböden.
Er habe manche Nacht darauf gelegen und nach und nach herausbekommen,
daß sie einen zauberisch würzigen Duft ausströmten, der besonders für
alternde Gehirne, senile Willenspotenzen und verkalkende Arterien
ausgezeichnete Dienste tue. Kaspar solle sich also öfters, namentlich
im jungfräulichen wilden Westen, auf den Boden legen, aber ja nicht auf
den Bauch, sondern hübsch mit der Nase gen Himmel, sonst verlöre der
beste Pionier die Orientierung.
Mit drei Hurras für »Seine Königliche Hoheit, den Prinzen Schlemihl
von Utopien, zurzeit Ehrenritter des goldenen Kalbes«, schloß der
Journalist und überreichte Kaspar feierlich seinen kleinen Kompaß aus
dem Burenkriege, damit er jederzeit wie der andächtig betende Moslem
wisse, wo sein Mekka, wo »das liebe, närrische Land der solidesten
Träumer« liege.
Dann fuhr Kaspar nach Reda zu der recht hinfälligen Mutter Winkler, die
ihm, noch immer sorgend, allerlei Päckchen für die große Ursemi und die
kleine Edith mit vielen Grüßen auf die Seele band.
Auch den +Dr.+ John Sebalt und seine Zwillingsbübchen sollte
Kaspar von ihr grüßen, wenn er ihn irgendwo zu sehen bekäme.
Volpelius hatte eingehende Besprechungen mit Kaspar und weihte ihn
völlig in die nun schon zu wichtigen Einzelheiten gediehenen Pläne des
Kuratoriums ein.
Von Kaspars Berichten erwarte man vor allem Klärung in allerlei
schwierigen Fragen für praktische Aufgaben, die eben in Amerika
vielfach mit dem ganzen Mut traditionsloser Pioniere und dem Geschick
lebenskluger Geschäftsleute gelöst seien.
Kaspar möge als unbefangener Erziehungssachverständiger nachprüfen, ob
und wie weit dabei »der Geist, der sich die Formen schaffe«, zu seinem
Rechte gekommen sei und was, ohne deutscher Eigenart zu schaden, als
fruchtbare Anregung oder gar als Vorbild zu verwerten sei.
Die Mittel seien so weit beisammen, daß man demnächst mit den ersten
Bauten der Winklerstiftung beginnen könne.
Dann händigte Volpelius seinem Schützling einen großen Stoß wichtiger
Empfehlungsbriefe und einige Reisescheckbücher ein.
* * * * *
Von Reda reiste Kaspar nach Ingelbach zu seinem hoffnungslos
dahinsiechenden Onkel Andreas, den Tante Renate mit selbstloser Hingabe
pflegte.
Es war ein bewegtes Wiedersehen und -- wie Kaspar deutlich fühlte --
ein Abschied für immer.
Zum Skelett abgemagert, lag der ehrwürdige Onkel nun schon seit Monaten
völlig hilflos auf seinem Schmerzenslager. Und doch kam keine Klage
über die schmalen, blutleeren Lippen, im Gegenteil, er dankte seinem
Herrn Jesus, der ihm Gelegenheit gebe, seinen Glauben an ihn auch im
Leiden zu bewähren, und ihn damit zu preisen vor den Menschen.
Es war ein stiller, rührender Held, der so, leise und eindringlich,
zu seinem Neffen sprach. Es war kein verzückter Märtyrer, kein
überspannter Fanatiker, aus dem etwa unheimlich die Selbstqualfreude
hervorloderte.
Kaspar fand zwar keinen Trost für das furchtbare Leiden des sterbenden
Mannes, er blieb stumm vor Ergriffenheit; aber er nahm aus den
abgezehrten Knochenhänden des Greises reichen Trost und Segen mit sich.
Das Bild Christi war in Kaspars Seele lang verschwunden; nun tauchte
es, wie aus Morgennebel, schüchtern wieder empor, lieblich und rührend,
väterlich milde und menschlich gütig wie in den Tagen seiner ersten
Liebe zu ihm.
Um Dogmen und Forschungsergebnisse war es Kaspar schon längst
nicht mehr zu tun; auch die theologische Auffassung der Person des
Menschenerlösers war ihm, wenn nicht gleichgültig, so doch
unwesentlich.
Nur eines stand ihm plötzlich wieder fest: Wenn Christi Leben und
Sterben noch immer befreiend, verklärend, ja wunderkräftig auf so
schlichte, reine und ernste Menschen wie Onkel Andreas wirken konnte,
dann konnte seine göttliche Wirkung und Bestimmung, deren letzter
Urgrund für uns Menschen vielleicht absichtlich Geheimnis bleiben
sollte, noch längst nicht nachgelassen haben oder gar erschöpft sein.
Auch Kaspar wollte ruhig warten, was in seiner Seele nach und nach
offenbar, oder vielleicht nur ~wieder offenbar~ werden wollte.
Erzwingen ließ sich nichts, das hatte er zur Genüge erfahren.
Eines wußte er nun: Das innere wie äußere Erleben spiegelt uns
unsern Gott. Und wie das Leben millionenfach verschieden ist, gleich
der großen Natur und ihren Offenbarungen, so auch der Spiegel des
göttlichen Wesens in den Seelen der Menschen. Je bewegter die Seelen
sind, um so unklarer wird dieses Bild; darum gilt es ruhig zu werden,
um seine erhebende Schönheit rein und andächtig zu genießen, ruhig wie
die Kinder, die redlichsten Diener Gottes.
* * * * *
Es war Silvester, und wie in seinen Jugendjahren ging Kaspar Krumbholtz
mit ernster Fassung in den weihevollen Mitternachtsgottesdienst der
Neujahrsnacht, nachdem er Onkel und Tante nach alter Brüdergemeinsitte
einen gesegneten Übertritt in das neue Jahr gewünscht hatte.
Rundum warmes, schweigendes Düster, nur hie und da spärlich erhellt
von weichem, bläulich verschleiertem Laternenschimmer. Feuchter
Nebeldunst war beim Atmen zu spüren, unsicher tastete der Fuß über das
schmutzig-schlüpfrige Pflaster.
Etwas Erwartungsvolles, unheimlich Kreißendes lag über der im Dunkel
versunkenen Landschaft wie vom Brauen und Weben einer fruchtbaren
Vorfrühlingsnacht.
Das alte, brave Glöcklein rief mit seinem heiseren, dünnen Stimmchen
vom gespenstischen Dachreitertürmchen herab die Andächtigen aus
Ingelbach und Umgegend zum großen Kirchensaal, vor dessen Türen die
Bläser mit vollen Backen und unter einigen redlichen Schweißtropfen
einen schwierigen, nur für diese Gelegenheit üblichen Choral bliesen.
Im schlichten, weißen Saal standen noch die hohen, duftenden
Christtannen im Schmuck ihrer letzten Lichter, und rings von den Wänden
und den Brüstungen der Emporen herab grüßten feierlich Lichtlein um
Lichtlein.
Der feinfühlige Organist intonierte stimmungsvoll ein zartes,
wehmütiges Vorspiel, das wie ein müdes Scheidelied an das alte Jahr
klang, während sich Kaspar hinten unters Chor in einen stillen Winkel
schlich, wo er mit sich und seinen Stimmungen und Gedanken allein war.
Der Liturg schritt gemessen hinter den dunkelgrünen Tuchaltar, auf dem
eine mächtige Bibel lag, und blickte gebietend zur Orgel hinauf.
Der Chor sang mit wundervoller Harmonie sein »Heilig, heilig, heilig
ist Gott der Herr,« und dann brauste mächtig und doch getragen das Lied
der ergriffenen, dichtgedrängten Gemeine durch das festliche Haus: »O
Ewigkeit, du Donnerwort!«
In ernster Rede sprach der Geistliche über die schönsten Worte des 90.
Psalms, und alles lauschte mit Aufmerksamkeit.
Nur Kaspar saß wie träumend und ließ noch einmal an seiner Seele seine
ganze bisherige Entwickelung vorüber ziehen.
Als Kind hatte er in der ersten Neujahrsnachtfeier, die ihn schon
damals innig bewegte, gelobt: ein redlicher Diener Gottes zu werden wie
sein Vater, der den Heldentod auf dem Felde von Gottes Ehre gefunden
hatte.
Als junger Student hatte er wieder in einer solchen Nacht davon
geschwärmt: was müsse es doch für ein unsagbares Glück und stolzer
Auftrag sein, in so weihevoller Stunde als gottverordneter Diener am
Wort einer sündigen Menschheit ein drohend donnerndes »Besinne dich«
zuzurufen und damit auch die schlaffsten, gleichgültigsten Seelen
wachzurufen und aufzurütteln. Und dann?
Dann gingen die paar Menschlein unter den Milliarden hinaus mit jenen
guten Vorsätzen, mit denen die Macht der Finsternis die schönen,
bequemen Wege zu ihrer Hochburg gepflastert hatte.
War dieser Beruf der Festtagerschütterer und Sonntagtröster wirklich
der höchste der menschlichen?
Nein, auch er war nur einer unter vielen, nicht besser und nicht
schlechter als andere -- nur gefährlicher! Denn jeder Diener der
Majestät neigt dazu, sich selber ein Stück derselben zuzuschreiben. Die
Geschichte der Kirche lehrte es zur Genüge durch die Jahrhunderte.
Der Weltenschöpfer hatte sicherlich an jedem redlichen Schaffen seine
Freude, ob es für Ihn, für den Schaffenden selbst oder für andere war,
ob produktiv oder reproduktiv, ob fürs Ideale oder ums liebe Brot --
galt Ihm, dem über all das Erhabenen, wohl gleich.
Er stand ja auch nicht still; Er hatte gar viele Mühlen im Gange,
die für Ihn mahlten; und die leisesten und verborgensten waren Ihm
vielleicht die liebsten, sicherlich die wichtigsten.
Kaspar wollte sorgen, daß seine Mühle nicht stille stand.
Da brach mit jubelnden Fanfaren das neue Jahr herein -- schnitt
rücksichtslos dem Geistlichen die letzten Worte ab, obwohl er sie nach
der Uhr genau abzuzirkeln versucht hatte. Da läutete das Glöcklein
droben Sturm, denn der Küsterbruder zerrte es gar wild und grimmig.
Da sangen die Männer, Weiber und Kinder ringsum frohlockend: »Nun laßt
uns gehn und treten mit Singen und mit Beten«, und dann beugten sie die
Knie und beteten wirklich und tief erschüttert von der Wucht und den
Schauern des großen Augenblicks: »Du ewiger Gott, heiliger, starker
Gott!«
Auch Kaspar betete, aber er dankte nur still, daß ihn der
Unerforschliche trotz aller Trübsal seines Lebens, trotz der
niederschmetternden Enttäuschung auch dieses herben Jahres doch den
richtigen Weg geführt habe, und daß er es endlich wieder verstehen
gelernt habe.
Während die eben noch so Andächtigen sich mit jovialen, breiten
Philistermienen die derben Alltagshände wacker schüttelten, die runden
Handwerksschultern vertraulich klopften und sich laut »Prost Neujahr«
zuschrien oder sich leise »ein gesegnetes neues Jahr« in die Ohren,
Hauben und Kapuzen raunten, schritt Kaspar an dem kleinen, stillen
Friedhof, auf dem gar manch ein Krumbholtz schlummerte, vorbei --
hinaus in die zukunftgebärende Nacht.
Von rückwärts verhallte der weiche Orgelklang und der grelle, harte
Klang der Posaunen; vor ihm knallten einige frohe Schüsse übermütiger
Dorflümmel; fern von unsichtbaren Dorftürmen bimmelten dumpfe und helle
Glöcklein.
Wieder ein Jahr vorüber -- und das Leben schritt unaufhaltsam weiter
von Generation zu Generation.
* * * * *
Als Kaspar nach einiger Zeit erfrischt und innerlich geklärt zu dem
kleinen Hause seiner Verwandten zurückkehrte, fand er eine schluchzende
alte Frau über einer noch warmen Leiche hilflos zusammengebrochen.
Onkel Andreas hatte unter den Klängen der Glocken und Posaunen sein
Lebenswerk zu Ende gebracht. Lächelnd und friedlich lag er da wie ein
glücklicher Sieger.
Kaspar richtete mit schonender Zärtlichkeit die arme Tante Renate auf,
strich ihr über die verwirrten Strähnen ihres dünnen, silberweißen
Haares und sagte liebreich tröstend:
»Weine, Tantchen, es erleichtert, aber klage nicht! Es kommt nichts um
in Gottes Reich; auch dieser Mann hat nicht umsonst gelebt. Er hat mit
seinem Leiden und Sterben die schönste Predigt seines Lebens gehalten.
Halten wir uns an das Wort, das ihm so starken Trost gab: Wo ich bin,
da soll mein Diener auch sein!«
Da umarmte die wankende Greisin ihren aufrechten Neffen und stammelte:
»Wenn du das wieder glauben kannst, mein Junge, dann ist auch er nicht
umsonst gestorben.«
Achtes Kapitel
Die neue Welt
Wie die stumpfen Riesenzähne eines gierig weitgeöffneten Rachens
bläkten die zahllosen Piers zu beiden Seiten des Hudson aus dem langsam
verebbenden Nebelmeer.
In tausend Signalen tutete und schrillte, stöhnte und frohlockte
ein scheinbar völlig wirrer Verkehr auf dem tagsüber schmählich
geknechteten Fluß, der nur in schweigender Nacht, im Spiel der
ruhigen Himmelslichter, seine stille Majestät und ursprüngliche Größe
wiederfand.
Ein dumpfes Brausen, in dem Millionen Stimmen mitklangen, schwoll von
all den Ufern ringsum, vor allem von der langen, schmalen Landzunge,
auf der sich das schier endlose Neuyork dehnte und streckte.
Mit gefaßter Seele und bohrenden Blicken maß Kaspar Krumbholtz das
seltsame Völkertor Nordamerikas, durch das schon so viele Millionen des
sich immer noch überreichlich verjüngenden deutschen Volkes zu neuem
Leben, zu Freiheit und rastlosem Schaffen gezogen waren.
Unheimlich drohend standen die Ungetüme von Wolkenkratzern da drüben
in Reih und Glied, gleich einer Schar trotziger Garden. Auf ihren
vergitterten Masken stand ein herrisches »Herein -- doch nicht zurück!«
Kaspar zuckte zusammen. Auch sein Geschlecht hatte diesem Moloch unter
den Kontinenten wertvolle Opfer bringen müssen. Würde auch er dem
verführerischen Zauber dieses lockenden jungfräulichen Bodens erliegen,
der selbst einen so heimatstolzen und unabhängigen Mann wie den Grafen
Harry Brosyn nach und nach überwältigt hatte und ihn nicht wieder los
ließ? Vielleicht konnte ihm, dem Missionskind, dieser Zauber weniger
anhaben, da er ja schon ein Kind dieses Erdteils war.
Zu langem Nachsinnen war Hoboken nicht der Ort und das Anlegen eines
Hapagdampfers nicht die Gelegenheit. Der heiße Sturmatem des neuen
Landes wehte dem Ankömmling bereits entgegen, ehe er es betrat.
In wenigen Minuten war man fest, war man an Land, war man in den
tückischen Klauen schonungsloser Zollinquisitoren, der ersten großen
Schande der stolzen Republik.
Noch manche andere und schlimmere sollte Kaspar offenbar werden
bei seinem langsamen und zähen Prüfen, das sich von schimmernden
Oberflächen und blendenden Äußerlichkeiten nicht bestechen ließ.
Aber was bedeuteten allerlei kleine Schönheitsfehler wohl für das große
Ganze? Kinderkrankheiten für einen später vielleicht um so gesünderen
Organismus!
Stieß Kaspar doch allüberall auf einen mutigen, lebensfrohen und
zukunftsicheren Menschenschlag, der all diese herben Schäden
wie Bestechlichkeit, Spekulationswut, Mammonsgeist, Prahlsucht,
rücksichtslosen Egoismus, Roheit, sittliche wie religiöse Heuchelei,
mehr oder weniger offen zugestand und des festen Glaubens lebte,
mit der Zeit auch darüber ebenso hinweg zu kommen wie über seine
künstlerische Unreife und Unselbständigkeit.
»Das ist alles nur provisorisch, das Eigentliche muß erst noch kommen«,
so stand es überall auf den Gesichtern dieser nationalstolzen Bürger,
dieser selbstbewußten Bürgerinnen zu lesen.
Ein starker, unbesieglicher Optimismus waltete wie ein unsichtbar
schützender Genius über dem jungen, zuversichtlichen Volke.
* * * * *
Schon am nächsten Morgen begann Kaspar Krumbholtz die ihm aufgetragenen
Studien, indem er der großzügigsten und wissenschaftlich am
selbständigsten und kühnsten aufstrebenden Bildungsstätte Amerikas, der
Columbia-Universität, einen Besuch abstattete.
Schon hier hatte Kaspar nach wenigen Stunden das Gefühl, daß er vor
einer den deutschen staatlichen Hochschulen ebenbürtigen und doch
privaten Schöpfung stehe; woraus er freudig, doch vorschnell schloß,
seine gründlichen Landsleute würden daheim etwas Ähnliches schaffen
können, sobald nur einmal genügende private Mittel zur Verfügung
ständen. Er vergaß die Wucht der Tradition, den Zwang der historischen
Entwickelung, die Schlaffheit seines Jahrhunderte lang übermäßig
bevormundeten, bürokratisierten Volkes.
In den Geist und die Eigenart Columbias, dieser monumentalen
amerikanischen Wissenschaftshochburg, einzudringen, dazu bedurfte es
allerdings längeren Ein- und Mitlebens, und Kaspar, der sich für seine
Reise das »+multum, non multa+« als Motto gewählt hatte, scheute
diese Mühe auch nicht und sollte es nicht bereuen.
In einzigartiger gastlicher und kameradschaftlicher Weise kamen ihm
Dozenten und Studenten entgegen, insonderheit die Herren vom deutschen
Departement, mit denen Kaspar schließlich in freundschaftliche
Beziehungen treten durfte.
Von Columbia führte ihn die Arbeit zum City College, das in
märchenhafter Schloßherrlichkeit, frei und stolz, hoch über die
Nordstadtteile Neuyorks emporragt.
Auch hier galt es länger zu verweilen und sich schließlich nur schweren
Herzens loszureißen; denn noch harrten der Besichtigung allein in
Neuyork eine ganze Reihe ähnlicher, freilich nicht mustergültigerer
Bildungsanstalten, in denen eine merkwürdig gleichmäßige Jugend in
kecker, ein wenig geräuschvoller Selbständigkeit, in ritterlicher
Frauenverehrung, gesund an Leib und Seele, heranwuchs.
Dann ging es in die nähere und weitere Umgegend, in das vornehme Yale
und Princeton, das altehrwürdige, ein bißchen sybaritisch erschlaffte
und verzopfte Harward, das zurzeit auf seinen Lorbeeren eingeschlummert
schien, in das gediegene Johns Hopkins, das solide Pennsylvania und das
jugendfrische Cornell.
Auch die idyllisch angelegten, zum Teil schon von Natur paradiesisch
ausgestatteten Mädchen-Colleges Vassar, Wellesley und Smith-College
suchte Kaspar auf, nahm neue, reiche und tiefe Eindrücke und Anregungen
in sich auf und verbrachte unvergeßliche Stunden mit edlen, freien,
zielbewußten Frauen, um deren Gestalten bisweilen ein Hauch königlicher
Würde schwebte.
Es war in der Tat eine neue Welt, die dem ehemaligen Lehrer der
Tramberger Anstalt und der Leipziger Reformschule nach und nach
aufging. Und doch ward er gerade hier oft an alte moravische
Institutionen, zum Beispiel das Jahrgangssystem, die mehr oder
weniger begrenzte Selbstverwaltung der Zöglinge und die intensive
Körperausbildung, erinnert.
Unabsehbare Perspektiven eröffneten sich jedenfalls, frohe
Zukunftshoffnungen regten sich; klarer und klarer wurde Kaspar, wo
deutsche Nacheiferung mit Erfolg einsetzen konnte, wo nationale
Selbständigkeit und deutsche Stammesart gewichtige Unterschiede
bedingen und behaupten mußten.
Im großen und ganzen waren es mehr äußere Vorzüge, die den Neid
deutscher Erzieher erregen konnten, so die großlinige Anlage der
behaglichen Wohnheime, der fürstlich ausgestatteten Institute, der
vornehm moderne Zuschnitt des kraftvoll gesunden Lebens, die üppige
Gelegenheit zu Spiel, Sport und Kunstpflege aller Art, die reichen
Bibliotheken, die freie Geselligkeit und anderes mehr.
Aber auch innere Momente waren sehr beachtenswert, vor allem die
Einheitlichkeit der nationalen Grundstimmung, die frauenstolze
Sittenstrenge, die zielbewußte Erziehung zum unabhängigen
Willensmenschen, der nüchtern, keck, froh und nicht mit allzu viel
gelehrtem Ballast beladen, seinen Mann im praktischen Leben stehen
kann.
Nur ein wichtiges Moment, das den alten Griechen wie ihren modernen
Nachfahren, den Deutschen, stets als Ideal im Zenith ihrer Erziehung
stand, das der künstlerischen Harmonie, vermißte Kaspar gar zu sehr
in den amerikanischen Bildungsanstalten. Dafür herrschte zu viel
Oberfläche, zu viel Prunk, gab es zu viel Hast, zu wenig Tiefe und
still langsames Reifenlassen.
Man pflegte anscheinend einen guten und lebenstüchtigen Durchschnitt zu
erzielen, aber keine besonderen Individualitäten, keine Führernaturen,
keine Bahnbrecher, die übrigens wohl nicht zufällig auch dem
amerikanischen Kunst-, Wissenschafts- wie Staatsleben in der Tat
fehlten. Selbst an geistig wie wirtschaftlich wirklich unabhängigen
Forschern gebrach es allenthalben, vielleicht darum, weil die Erzieher
und Lehrer Amerikas nicht ähnlich fürstlich unterhalten und geschätzt
wurden wie die prunkvollen Gebäude, in denen sie wirkten.
Nur im Geschäftsleben waren geniale Schöpfer zu finden, da hier
einstweilen noch durchaus der Schwerpunkt des amerikanischen Ehrgeizes
und seiner Leistungen lag.
Weit schärfer traten Kaspar diese Mängel der amerikanischen
Jugenderziehung entgegen, als er nach einigen Monaten in den Middle
West und Westen kam.
Freilich galt es auch hier, nicht in Bausch und Bogen zu urteilen oder
gar zu verurteilen, es galt vorsichtig und gerecht zu prüfen und zu
werten; es galt vor allem, nicht Früchte von Bäumen zu verlangen, die
erst vor kurzem gepflanzt und noch nicht einmal fest eingewurzelt
waren.
Überdies gab es Ausnahmen genug, namentlich da, wo sich in älteren
deutschen Ansiedlungen, nach Befriedigung des gierigen Geldhungers,
der alte germanische Bildungstrieb schon wieder geregt und
Eignes geschaffen hatte, wie etwa in der stolzen Metropole der
deutschen Middlewest-Kultur, in Cincinnati, oder im lieblichen,
rührigen Indianapolis, in Milwaukee, Chicago und den selbstbewußt
emporstrebenden Zwillingsstädten St. Paul-Minneapolis.
* * * * *
Und weiter gen Westen eilte Kaspar, und nach und nach ging dem bisher
allzu eifrig aufs geistige Amerika Bedachten auch die Eigenart und die
in scharfem Kontrast zwischen arm und üppig schwankende Beschaffenheit
des Landes auf. Mit seinem sprunghaften Klima und seinem tückischen
Wechsel zwischen gar keinen oder zu vielen Bodenschätzen, Naturkräften,
Fauna- und Florabeständen mußte dieses seltsame Land auf den Charakter
der zu Extremen jeder Art neigenden Bevölkerung gewirkt haben und wohl
stets weiter wirken.
Im Osten hatte sich Kaspar nur wenig um die Landschaft der Gebiete
gekümmert, die er mit den oft rasenden Expreßzügen durcheilte. Dafür
genoß er die Einzelschönheiten seiner Hauptstationen mit um so größerer
Muße und Liebe, wie zum Beispiel die wunderreichen Ufer des Hudson,
die gern versteckten Parkherrlichkeiten des idyllisch lieblichen
Massachusetts oder die ihn an Schlesiens und Thüringens Waldberge
unwillkürlich erinnernden Catskill-Mountains.
Überhaupt hatte er in den Altenglandstaaten nicht oft das Bewußtsein,
in einem fremden Weltteil zu sein. Nur die traurigen Waldverwüstungen,
fern von den Kulturzentren, erinnerten wie ein schauerliches Menetekel
an die grausame Pranke des niemals schlafenden, gigantischen Raubtiers
Yankee.
Je mehr sich Kaspar jedoch von der atlantischen Küste entfernte, um so
wuchtiger und großzügiger offenbarte sich ihm die Eigenart der neuen
Welt, in der elementaren Urkraft ihrer Riesenströme und Katarakte (wie
zum Beispiel des im starren Eise doppelt majestätischen Niagara) in
den meergleichen Seen, den noch jungfräulichen Wäldern des Nordens
und den endlosen, eintönigen, aber unermeßlich fruchtbaren Ebenen des
Middlewest.
Hinter Omaha kam Kaspar kaum noch von der geräumigen Plattform des
letzten, sogenannten Observationscars fort, obwohl es hier jetzt
einsam war, denn für einen Amerikaner gab es nichts zu sehen. Es war
ja nur amerikanische Durchschnittslandschaft; doch gerade sie packte
Kaspar als das wirklich Neue und Große.
Da lagen die romantischen Prärien seiner jugendlichen Indianerträume,
jetzt voller Zeugnisse von Yankeetatkraft und zähem deutschen
Kolonialfleiß.
Wie vor Omaha die Gas-Bohrtürme und Petroleumtanks, so reckten hier an
jeder Station hohe Getreideelevatoren ihre ewig hungrigen Hälse empor.
Daneben kauerten praktische Hürden und Viehställe, Saloons und Stores,
und dahinter Farm an Farm, umgeben von reichen, oft noch halbwilden
Herden.
Eines Abends tanzten viele Tausend lodernde Feuer über die
schwarzbraunen Felder, um mit der Asche der dürren Maisstengel den
langsam schon ermattenden Boden zu erneuter Fruchtbarkeit anzuregen.
Plötzlich zog ein gewaltiges Frühjahrsgewitter dumpf grollend herauf,
prasselte und knatterte mit Blitzen und Platzregen zwischen die
Farmerfeuerchen.
Kaspar glaubte brausende Büffelherden stampfen und jauchzende Indianer
hetzen zu hören, und es war ihm, als sähe er das grause Gespensterheer
des ermordeten Uramerikas im nächtlichen Sturm der Elemente heulend
und fluchend dahinrasen wie daheim die Rotte des wilden Jägers.
Gedankenvoll schritt Kaspar durch das Rauchzimmer, durch Lese- und
Speisewagen zurück nach seinem bequemen Wohnabteil, das ihm der
bedienende Neger bereits in ein sauber überzogenes Bett verwandelt
hatte und nun grinsend präsentierte.
Es wohnte sich wirklich behaglich auf so einem modernen Schiff der
Wüste. Denn die amerikanische Wüste kam nun, öde, schauerlich schön wie
die große Gobi oder die majestätische Sahara.
Über Nacht war der brave Overland Limited ein paar tausend Meter
hinaufgestampft, nicht ganz so rasch, wie die Yankees prahlten, aber
doch unaufhaltsam. Schon früh um sechs Uhr stand Kaspar wieder, frisch
und schaugierig, auf seinem Ausguck.
Alles still, trostlos und einsam ringsum, kein Mensch, kein Tier, kein
Wasser. Groteske gelbe Felsgruppen kränzen den Horizont schanzenförmig,
oft eckig und fast schnurgerade wie Zigarrenkisten über- und
nebeneinander gestellt, ganz fern darüber zarte weiße Spitzen mit
graugrünen Schatten.
Langsam keucht die Riesenmaschine, es gilt haushalten mit Wasser und
Kohlen. Erst nach langen, bangen Stunden winkt eine kleine Tankstation,
um die ein paar schwarze Minenzechen und zwei armselige schmutzige
Saloons sich reihen. Aus halbzertrümmerten, längst pensionierten Cars
blöden und grinsen zerlumpte Negerweiber und Mischlingskinder. Auch
einige kleine, aber soldatisch straffe Japaner mustern scharf und
tückisch die Reisenden, die sich hastig im Sande die eingeschlafenen
Füße vertreten.
Die Maschine zieht lautlos wieder an, und alles stürzt zu den Türen
oder klettert unverfroren hinten über die Puffer des Aussichtwagens auf
dessen Plattform, wo Kaspar lachend steht.
Und weiter gehts durch die gelbbraune Steppe, über der die Sonne
tagaus, tagein erbarmungslos und unfruchtbar brütet.
Endlich gegen Abend ändert sich das Bild. Ein grüner Fluß schafft
Wandel, zunächst an seinen Ufern, dann ringsum. Herden kurzgeschwänzter
Schafe, auch einzelne Rinder tauchen zwischen niedrigen Büschen auf.
Wachholder und vereinzelte Gruppen trotziger, kleiner Zwergkiefern
klammern sich zäh an steile rote Felswände.
Kaspar lacht wieder und denkt fröhlich an Leipzig: +Collegia
mugoniana+!
Ein Tunnel heißt dröhnend den Zug willkommen, und in seinem rauchenden
Tor versinkt schnell das lockende Bild der bizarren Felslandschaft mit
der Devils Slide.
Dann braust der wildgewordene Dampfrenner plötzlich wie rasend bergab,
zischend bricht er gleich einem grimmen Drachenwurm in die gesegneten
Gefilde des Mormonenstaats Utah.
Tiefblauer Sommerhimmel, lachende Gärten mit Tausenden rotblühender
Obstbäume zwischen weißen, lieblichen Cottages.
Bei Ogden, dessen holden Paradiesesfrieden ernste Schneehäupter
bewachen, denkt Kaspar an Innsbruck und Hans Sebalt. Wo mochte der
traute Genosse ferner Jugendtage jetzt weilen? Ursemi hoffte in ihrem
letzten sehnsuchtsvollen Brief auch ihn, den großen Südseefahrer, in
New-Reda begrüßen zu können.
Und weiter rollt der wackere Überlandzug mitten hinein in ein weites,
seltsames Tal, auf dessen breiter Sohle der tiefblaue, schier
unendliche Salzsee totenstill und ölglatt wie ein Weiher liegt.
Die Sonne sinkt mählich. Auf einem über hundert englische Meilen
messenden Riesenpfahldamm poltert der Zug mitten durch die klare, nun
grün schimmernde Flut.
In allen Farben, vom tiefsten Violett bis zum fahlen Gelb, beginnen die
schneeigen Berghäupter zu spielen und wirre, grelle Reflexe sprühen
ringsum aus dem stahlblanken Spiegel des Sees, der nach und nach
immer flacher wird und zuletzt in hundert Lachen zu einer grauweißen
Salzwüste verebbt.
Glutrot taucht der Sonnenball in die bläulichen Dunstschichten des
Horizonts. Dämmerung breitet sich gespenstisch über die Landschaft, die
Kaspar dünken will wie ein Stück fremder Welten.
Immer tiefer wird der dunkelblaue Streifen des versinkenden Sees, immer
duftiger die Orangetöne der im Alpenglühen verhauchenden Felsspitzen;
nun sterben sie rasch, und ein hartes Dunkelviolett verkündet ihren
Tod.
Auch sonst ist alles Leben erstorben. Kein Vogel singt, kein Raubtier
schreit mehr, kein Blatt, kein Hälmchen mehr wagt sich zu rühren. Die
Wüste schläft. Starr wie die Gletscher des ewigen Eises liegen die
Leichen der Bergriesen um sie herum.
Grün und rot blitzen an der Strecke die Signallaternchen der
Blockstationen auf gleich lustigen Glühwürmchen. Und über schwarzen
Zacken steigt in majestätischer Ruhe die schmale Sichel der silbernen
Luna empor.
* * * * *
Und abermals zaubert die Lebenspenderin Sonne in taufrischer Schönheit
den Tag, und noch immer schnauft und prustet der unermüdliche Overland
Limited nunmehr munter 6000 Fuß hinauf zu den gefährlichen Firnen und
Schneejochen der Sierra Nevada.
Kecke, verwegene Goldgräber in abgeschabten Velvetkostümen, an
den Füßen Ledergamaschen und auf den trotzigen Häuptern breite
Filzhüte, steigen zum Schrecken einiger Fifth-Avenue-Ladies in den
Observationscar, lümmeln sich frech in die ledernen Parlorsessel;
rauchen, spucken, drehen ihre blitzenden Brillantringe und spielen
protzig mit ihren dicken Goldketten.
Empört fliehen die Dämchen in ihre verschwiegenen Compartements zurück,
drücken ihre Näschen indigniert an die Wagenfenster und mustern
neugierig hochmütig die vertierten, angetrunkenen Indianer, die ihnen
von draußen in malerischen Kostümen allerlei zierliche Knüpf- und
Flechtarbeiten ihrer fleißigeren Squaws feilbieten.
Die Vergangenheit grüßt die Zukunft Amerikas demütig; die Gegenwart
aber gehört den Pionieren des Glücks und der Kraft.
Die Strecke steigt immer noch. Dann donnert der Zug 55 Meilen lang
durch einen hölzernen Schneeschutztunnel, ein Kyklopenwerk, das ganzen
Wäldern der schönsten Baumriesen das Leben gekostet hat.
Da -- ein paar blitzartige Ausblicke auf starre, leichengrüne, von
schneebedeckten Zirbelkiefern umtrauerte Bergseen, die wie gefrorene
Meeraugen aus der Tiefe emporglotzen; und nun endlich gehts in
sausender Fahrt durch das duftende Blue Canyon hinab in das gelobte
Land Kalifornien, das mit herrlich blauen Koniferen, mit blühenden
Pfirsichen, Aprikosen, Birnen und Mandelbäumchen frohlockend den
Welttrotter grüßt.
Ein ewiger Frühling lacht aus den üppigen Tälern.
Weinberge, Orangen, Limonen, Feigen, Palmen, Live-Oaks, Eukalypten und
Rosen tanzen um die Wette an dem staunenden Kaspar vorbei. Das ganze
Land ist ein einziger blühender Garten, das Eden Amerikas!
Die weite Ebene öffnet sich ganz. Auf saftigen Wiesen weidet ein
schwerer Rinderschlag, eine feurige Rasse von Pferden. Hier fährt man
die Heuernte ein, dort ziehen Orangenhändler lachend zu Markt.
Alles atmet Fröhlichkeit, Üppigkeit, weltvergeßnen Genuß.
Auch dem soliden Überlandzug scheint kalifornischer Leichtsinn in die
eisernen Knochen gefahren zu sein. Er stiebt wie besessen dahin, so
daß eine wirbelnde Staubsäule ärgerlich hinter ihm herfegt und den
Observern der Plattform so viel Schmutz auf die Kleider und Sand in die
Augen wirft, daß sie die Position räumen.
Nur Kaspar weicht nicht, er schließt die Augen und träumt.
»Welt«, klingt es leise durch seine Seele, »wie groß bist du und wie
herrlich! Dank dir, toter Freund und Vater, daß du mich in solche
Weiten gesandt! Dank dir, Allmächtiger, daß du mir die Schönheit deiner
Wunderwerke geoffenbaret hast!«
Neuntes Kapitel
Shaky San Francisco
Schon in Oakland an der Fähre erwartete Ursemi ihren Kaspar und fuhr
mit ihm in glückseligem Geplauder über die tiefblaue Bai, an zwei
malerischen Inseln vorüber.
Kaspar sah die schmucken Eilande nicht; er sah nur in das liebe,
seltsam veränderte Gesicht der Jugendfreundin und glaubte allerlei zu
lesen, was ihm nicht gefallen wollte.
Harry war wie fast immer in Geschäften unterwegs, die kleine Edith ein
wenig erkältet; aber sonst war viel Gutes und Ergötzliches von dem
lieben Putz zu melden; tappeln konnte er schon ganz flott und auch von
Wau-Wau und Mies-Mies, von Brauni und Peter die größten Wunderdinge
zusammenflausen.
An der Ferry-Station stieg man aus. Ein elegantes Automobil mit
Chauffeur und Diener hielt vor dem mächtigen Portal, und mit
Staunen fuhr Kaspar die imposante Market Street mit ihren riesigen
Geschäftspalästen, ihren monumentalen Banken und Warenhäusern entlang,
an dem ragenden Kuppelbau der mit einer Liberty-Statue gekrönten
City-Hall vorüber, hinauf nach dem stillen Alamo Square, wo weiß
und schlank aus dem Gewühl der Holz- und Konkrethäuser das stolze
Marmorpalais New-Reda emporstrahlte.
Als Kaspar, vom japanischen Portier Charly gemessen begrüßt, von dem
Hausnigger Samy devot grinsend gefolgt, die mit dicken Smyrnateppichen
belegten kostbaren Mahagonistufen zwischen Bronzegeländern hinaufstieg,
während der Diener mit dem Koffer in der Lift hinauffuhr, da kam
über den gereiften Mann dasselbe Gefühl -- als erlebe er Märchen --
wie vor achtzehn Jahren in Reda. Wie die Winklersche Villa gegen die
Gnadenzeller und Betheler Bubenzimmer, so verhielt sich Neu-Reda zu
Alt-Reda.
Und als er gar von seinem hochgelegenen Balkonzimmer die schönere
und nicht minder kühn-aufstrebende Rivalin Neuyorks, die Königin
der Südsee und ihr »goldenes Tor« mit seinen blauen Buchten und
Inseln überschaute, da hätte er in die Knie sinken mögen vor solcher
majestätischen Schönheit.
Und doch war es Kaspar, als drohe Unheil, als laure in dem bläulichen
Dunst überm fern leuchtenden Ozean, etwa ein tückisches Untier, das
träge auf seine Stunde warte, um seine Riesenarme wie ein gieriger
Polyp um die vulkanische Halbinsel zu klammern und sie zu schütteln und
zu rütteln, daß ihre Grundvesten erbebten.
Als Kaspar bald darauf den strahlenden Harry Brosyn begrüßte und ihn
schüchtern fragte, ob es nicht ein wenig gewagt sei, gerade auf so
gefährlichem Boden wie hier so gewaltige Bauten aufzuführen, lachte
ihn der Graf weidlich aus, klopfte ihm beruhigend auf die Schulter und
meinte überlegen: »+Well, my good fellow, our old shaky+ Frisco
hat seine Launen wie jedes schöne Frauenzimmer. Es neckt und shakt und
earthquakt auch manchmal ein bißchen; aber nur keine Angst! Man wird
das hier bald gewohnt und schert sich schließlich den Deubel drum. Wir
Amerikaner sind keine Angstmeier!«
»Oho --,« fiel Ursemi schalkhaft ein, »ich bin und bleibe eine
Deutsche, verstehst du, lieber Harry. Angst habe ich darum so wenig wie
du, du Bramarbas!«
Dann kam klein Edith und hinter ihm Brauni, das treue Hündchen.
Onkel Kaspar mußte Brauni streicheln, sein Pfötchen schütteln und alle
Kunststücke des struppigen Köters bewundern, mußte alle Spielsachen,
die Edith anschleppte, feierlich in Empfang nehmen und ward gründlich
beschäftigt.
Bald waren Kaspar, Edith und Brauni ein Herz und eine Seele und wurden
immer unzertrennlicher.
* * * * *
Die Tage wurden schwüler, die Hitze lastete immer schwerer über der
Riesenstadt und auch an dem sonst so bewegten Strande und auf der Bai
war kein kühles Lüftchen zu spüren, obwohl es noch nicht Mitte April
war.
Tag und Nacht standen die Fenster offen, doch es half nichts. Schon am
Morgen begann der Schweiß aus den Poren zu brechen.
Unter diesen Umständen verschob man die Ausflüge in die herrliche
Umgegend, vor allem ins paradiesische Yosemite Valley, auf frischere
Tage; denn von einem Ritt auf den Mount Tamalpais und ins Mill Valley
mit seiner einzigartigen Baumpracht vorsintflutlicher Redwoodriesen
waren Harry und Kaspar wie gebadet zurückgekommen.
Überdies hatte Harry gerade besonders viel auf seiner Bank zu tun, da
neue gewaltige Unternehmungen vorbereitet wurden und dazu große Summen
flüssig gemacht werden mußten.
Doch auch in der nächsten Umgebung San Franciscos gab es genug Schönes
zu sehen, insonderheit den wunderbaren Golden Gate Park, dessen
weiträumige Anlagen, Haine, Seen und Tierparks die Energie der Bewohner
erst vor kurzem gleichsam aus dem Boden gestampft hatten.
Mit Vorliebe stand Kaspar ganz früh auf -- da war es noch leidlich
kühl -- und erging sich auf den jetzt so fruchtbar bewaldeten Hängen
und üppigen Tälern des Parks, der noch vor wenig Jahren unfruchtbare
Sanddüne gewesen war.
Auch am Morgen des 18. April 1906 stand Kaspar um fünf Uhr auf und zog
sich ruhig an, obwohl es draußen gerade heute besonders dunstig und
schwül zu sein schien.
Plötzlich hörte Kaspar den treuen Brauni, der jetzt meist schon früh
vor seiner Tür lag und auf den Spaziergang wartete, laut aufheulen.
Mitleidig sprang Kaspar zur Tür -- da wars ihm, als stürze ihm diese
entgegen. Ein dumpf dröhnendes Rollen quoll aus der Tiefe, ein
furchtbarer Schlag, und mitten in das Zimmer, wo Kaspar noch eben
gestanden, fiel krachend durchs Dach ein mächtiges Stück Schornstein
herein.
Kaspar stürzte auf dem Gang, den er mit einem Sprung erreicht hatte,
lang hin, dann gellte sein Schrei in wilder Angst durchs Haus.
Im Nu sprang er auf. Edith! war sein einziger Gedanke -- hinab zu ihrem
Zimmer! Er riß das sanft schlummernde Kind aus seinem Bettchen, während
die Bonne schreiend erwachte und der getreue Brauni winselnd an ihm
hochsprang, als wolle er zur Eile mahnen.
Dann lief Kaspar an die Tür, hinter der die Eltern schliefen. Wie
wahnsinnig schlug er mit der Faust dagegen und schrie: »Raus, raus,
retten! Ich habe Edith!«
Und davon stürzte er, einige schon geborstene und verbogene Treppen
vorsichtiger nehmend, glücklich hinaus auf den Alamo Square, gefolgt
von Brauni.
Zitternd am ganzen Körper, setzte er das weinende Kind sanft auf den
grünen Rasen, rief ihm zu: »Nicht weinen, Onkel kommt gleich wieder,
hier Brauni kusch!«
Und zurück hetzte er, auf das Palais zu, während von allen Seiten
aus den wankenden, reißenden, hie und da schon aufflammenden Häusern
halb wahnsinnige, schreiende Menschen, kaum mit dem Notdürftigsten
bekleidet, herausstürzten.
Der kleine Japaner Charly und der Nigger Samy waren die ersten, die ihm
aus New-Reda entgegeneilten. Rasch wies Kaspar ihnen den Platz, wo das
spielende Kind neben dem gerade schönmachenden Brauni schon wieder vor
Vergnügen jauchzte; aber die beiden Farbigen grinsten nur spöttisch,
winkten verächtlich ab und schossen mit allerlei verdächtigen Bündeln
fröhlich davon, als begänne für sie ein großes Fest.
Den Japaner Charly hat nie wieder jemand gesehen. Samy lag später
mit bestialisch verzerrter Fratze in der schmachvollen Reihe der
erschossenen Plünderer.
Auf den ersten Stufen der Treppe rannte Kaspar gegen die schreiende
Zofe an. Die Bonne lag weiter oben ohnmächtig und blutend zwischen zwei
Geländer gepreßt.
Kaspar wollte sie emporziehen, losreißen, sie befreien, vergebens!
Immer dichter und dichter schoben sich Holz, Bronze, Eisen und Teppiche
um die Bewußtlose zusammen.
»Ein Beil!« brüllte Kaspar; aber niemand hörte. Dann scheuchte ihn
plötzlich die wilde Angst um Ursemi weiter hinauf.
»Gott sei Dank!« da stieg Harry mit der Ohnmächtigen eilends die leise
knirschenden Treppen hinab.
»Paß auf,« schrie Kaspar, »hier ist ein tiefer Spalt, spring oder wirf
sie mir zu!«
Aber das war leichter gesagt als getan. Mit dem Fuß stieß Kaspar ein
schon halb abgerissenes Bronzegeländer vollends los, warf es wie eine
Brücke über den Spalt, und Harry glitt noch eben hinüber, kam freilich
mit seiner Last zu Fall vor Kaspar, der Ursemi auffing und weitertrug.
»Komm, das Kind ist draußen,« drängte Kaspar den Grafen, der sich
leicht verletzt hatte und nachhumpelte.
»Aber die Bonne hier, die laß ich nicht liegen!« meinte Harry
mitleidig, obwohl es über ihm immer unheimlicher krachte und schob.
»Komm,« gellte Kaspars Schrei noch einmal flehend zurück, »nichts zu
machen ohne Beil!«
»Werden wir gleich haben,« sagte Harry mit kühlem Blut, während Kaspar
mit Ursemi über der Schulter zur Tür hinauskeuchte.
Neben das mit Brauni spielende Kind bettete er die bleiche Mutter, und
klein Edith legte geheimnisvoll die Rechte an ihr Schnutchen, hob ein
Fingerchen der Linken und sagte mit wichtigem Mienchen: »Mama slafe,
slafe. Didith danz tille sein, Papa atta. Bauni tusch, tusch!«
Und gehorsam legte sich die treue Hundeseele neben seine gestrenge
Herrin und ließ das Zünglein behaglich hängen.
Bald darauf neigte sich Palais New-Reda ein wenig vornüber und stürzte
krachend zusammen.
Unter seinen Trümmern fanden die tapferen Sappeure der Marine
später die völlig zerquetschten Leichen der Bonne und des Grafen
übereinandergepreßt.
Krampfhaft umklammerte des tapferen Harrys Hand noch das Beil, mit dem
er das arme Mädchen hatte befreien wollen.
* * * * *
Furchtbare Stunden und Tage hatte Kaspar durchzumachen.
Kaum war Ursemi von ihrer schweren Ohnmacht erwacht, so wollte sie auch
in das Haus zurück. Als sie es schon gestürzt sah, brach sie mit einem
entsetzlichen Aufschrei aufs neue zusammen, während das erschreckte
Kind weinend davonzulaufen suchte.
Die Zofe war erst wie blind davon gestürzt und hatte sich, selbst
völlig verwirrt unter den vielen verwirrten Menschen, die sich bald wie
eine führerlose Schafherde benahmen, scheinbar verloren. Später traf
Kaspar sie dann wieder und konnte ihr wenigstens das Kind anvertrauen.
Als jedoch gegen zehn Uhr der zweite, noch heftigere Stoß einen großen
Teil der schon erschütterten Häuser vollends umkippte wie dünne
Kartenhäuser, als die Erde sich spaltete, Pflaster und Schienen, Kabel
und Röhren zerrissen, so daß Wasser und Gas allenthalben hervorstoben,
als die Flammen von allen Seiten wie ein glühendes Meer heranwogten
und rasten, da kostete es Kaspar unsägliche Mühe, die völlig ratlose
Zofe bei sich zu behalten und mit ihr die in wilden Phantasien rasende
Gräfin abzuhalten, ihr Kind zu ergreifen und irgendwohin in eines der
brennenden Häuser zu stürzen.
Und die langen, bangen Stunden schlichen dahin, Hunger und Durst
meldeten sich. Kaspar fing irgendwo von einer noch rinnenden Leitung
Wasser in sein Portemonnaie auf und gab dem weinenden Kinde, gab der
Zofe und dem Hunde zu trinken, wusch Edith und sich ein wenig, füllte
wieder und wieder, netzte von Zeit zu Zeit die lechzenden Lippen der
fiebernden, bewußtlosen Mutter, legte ihr sein feuchtes Taschentuch
auf die glühende Stirn, bettete ihr Haupt sanft auf seine Weste und
deckte mit seiner Jacke notdürftig ihre zitternden Glieder. Denn sobald
der Tag sich neigte, sobald an die Stelle der furchtbaren Schwüle eine
merkliche Kühle trat, gebrach es an Kleidung. Auch die Zofe mußte ihre
dünne Nachtjacke hergeben und klein Edith darin einhüllen.
Als die Zofe jedoch weinend und stotternd erklärte: sie erfriere
und müsse die Jacke anziehen, stand Kaspar ratlos auf und stahl im
schützenden Dunkel der Nacht einem gutbekleideten Schlafenden eine
Decke, hüllte das weinende Kind darein, nahm es liebkosend in seine
Arme und buschte es ein.
Eine furchtbare Nacht schlich dahin, bitter kalt und feucht.
Böige Winde brausten daher, auch Regenschauer, die freilich dem
Feuer nicht Einhalt tun konnten, im Gegenteil, es scheinbar heftiger
anfachten.
Tausende von Holzhäusern brannten in wenigen Stunden bis auf den
letzten Rest nieder. Steinbauten stürzten laut krachend zusammen, und
bei den riesigen Zementgebäuden lösten sich, nach und nach springend,
die angepatzten Konkretmassen von den glühenden Eisenträgern und
torkelten mit dumpfem Gepolter in die Tiefen oder über die zerrissenen
Straßen.
Es war ein schauerlich imposanter Anblick, die gewaltige, brennende
Stadt ringsum, vor allem unten in der Tiefe.
Aus dem noch immer wogenden Flammenmeer ragten die weiß, gelb und
rot glühenden Eisengerüste, wie greuliche Skelette bläkend und
zähnefletschend, in die Höhe; und wenn die Windsbraut ihnen heulend
aufspielte, schien es Kaspar, als wären sie lebendig und tanzten einen
wilden Cancan zwischen den lodernden Flammen, als würfen sie sich mit
hohnlachendem Knattern und Knistern die Riesentrümmer wie Spielbälle
zu. Ja, das höchste Gerippe hielt die kupferne glühende Kuppel der City
Hall mit der Libertypuppe jauchzend empor wie eine glücklich erbeutete
Krone.
Und dazu das tückische Johlen und Beifallpfeifen des Sturmes, das
wüste Toben der verzweifelten Menschheit, die gellenden Schreie der
zahllosen Verwundeten, der hilflos Verschütteten, der Wahnsinnigen
und Fiebernden, das blöde Wimmern oder wütende Fluchen derer, die
in Minuten verloren, was sie in langen Jahren mühsam verdient und
erschafft, die scharfen Schüsse zwischen Soldaten und Plünderern,
und fern vom Strande dumpf donnernde Brandung wie das befriedigte
Brummen eines gesättigten Raubtiers -- wahrlich -- das klang wie das
schauerliche Mißkonzert einer infernalischen Nacht!
Und dann graute der Tag. Die Sonne stieg empor -- erst blutig rot
vom Dunst und Qualm -- dann hell strahlend und hart. Mit grausamer
Genugtuung schien sie den furchtbaren Greuel der Verwüstung zu mustern,
spöttisch das wirre bunte Lager der Hunderttausende auf den Squares und
im Golden Gate-Park zu belachen.
Mit Decken, Plaids und Laken, auf abgebrochene Stakete und Äste
gespannt, hatten sich manche schon notdürftige Zelte errichtet; aber
nur Dutzende unter Tausenden waren so glücklich, mehr gerettet zu haben
als das nackte Leben und zwei oder drei Kleidungsstücke.
Menschenliebe und Mitleid schafft das wirklich große Unglück nie, nur
Roheit und Verbrechen! Man gab sich nicht nur nichts; man stahl sich
noch das Wenige im Dunkel der Nacht; man stieg heimlich in die Trümmer
zurück, um zu plündern, was man brauchte oder den Toten nicht gönnte.
Auch der Hunger trieb die Menschen wie gierig lechzende Hyänen schon
durch die Nacht, wie spürende Hunde nun am Tage. Anfangs hatte man
über den aufregenden Ereignissen des Magens Knurren überhört, ihn dann
mit dem ersten Besten, mit Früchten, Straßenabfall, Gras und Blättern,
ein wenig hingehalten. Jetzt in der kalten Morgenluft meldete er sich
wie ein reißendes Tier! Man stürmte die wenigen Läden, man raubte sich
das Gestohlene und fiel sich mit Messern und Revolvern darum an, wie
vor Hunger meuternde Matrosen eines verschlagenen Wracks.
Jede Ordnung war dahin; keine Autorität galt mehr, und die stolze,
selbstbewußte Freiheit der Republikaner schlug rasch in die Willkür
rücksichtsloser Piraten um. Auch die Achtung vorm Weibe, eine der
tiefsten und edelsten Tugenden der Amerikaner, ging zeitweise im
Strudel des bestialischen Selbsterhaltungstriebes unter.
Erst am Tage darauf ließ die Wildheit und Roheit nach, und die besseren
altruistischen Gefühle siegten hier und da über den eingebornen
Egoismus.
Der Hunger und der Durst machte nach und nach auch die zügellosesten
Burschen zahm, und gerade von unten herauf begann die Ordnung zu siegen
vermöge der drängenden Sehnsucht nach dem Leben.
Allgemach begann man systematisch ans Werk der Rettung zu gehen. Führer
fanden sich und wurden anstandslos anerkannt, wenn sie sich in den
Dienst des allgemeinen Wohls stellten.
Die erste Sorge galt dem Eindämmen des Feuers. Rasch angerückte
Soldaten unter entschlossenen Offizieren kämpften wie Helden gegen das
anfangs nur in sechzehn, dann in Hunderten verschiedener Quartiere
rasende Feuer, das rasch sich vereinigte und unaufhaltsam weiterfraß.
Wasser war nicht zur Stelle, die Leitungen waren geplatzt und
zerrissen, das Meer zu weit.
Man begann mit Dynamit zu sprengen und ganze Straßen niederzulegen, und
so mischte sich ein neues derbes Instrument in das wilde Höllenkonzert
des untergehenden San Francisco.
Auch die Ernährungsfrage ward einigermaßen geregelt. Etwaige Vorräte
wurden gesperrt und gestapelt, Diebe überwältigt, Eßwarengeschäfte
und Bäckereien mit Wachen besetzt und dann ordnungsgemäße Brotreihen
gebildet, in die auch Kaspar als Bettler für seine kranke Freundin, für
das Kind und für sich mehrfach eintreten mußte, da die Rationen nur
klein waren.
An der endlosen Reihe der Hungrigen zogen oft ganze Wagen voll
schreiender, wimmernder Schwerverletzter vorüber. Schrecklich
verstümmelte und blutig zerquetschte Glieder hingen kraftlos herab und
heraus oder zuckten wie im letzten Todeskampf.
Man rettete und flüchtete die Verwundeten aus den bedrohten Lazaretten
vor den unwiderstehlich heranwogenden Flammen, die freilich oft
schneller waren als Menschenhilfe.
Zu Dutzenden mußten beherzte Ärzte allzu schwer Verwundete und nicht
mehr zu Rettende, darunter manche Kinder, mit Chloroform betäuben, um
die Wehrlosen so vor den Qualen des gräßlichen Feuertodes zu bewahren.
Bei vielen jedoch war die Narkose umsonst, und gellend hallten die
fürchterlichen Entsetzensschreie der hilflos Verlassenen aus den
unbarmherzig fressenden Flammen.
* * * * *
Kaspar war es ein Trost, daß die schwerkranke Ursemi all den grausen
Jammer nicht mit anhören und ansehen mußte. Schon um den Verstand der
noch immer stotternden Zofe sorgte er bisweilen, denn es wurden immer
wieder neue Unglückliche wahnsinnig, und Wahnsinn steckt an.
Klein Edith dagegen spielte mit andern Kindern fröhlich, ja ausgelassen
und fragte nur öfters: warum die Mama so lange schliefe und Papa gar
nicht wiederkäme.
Nachdem Ursemi, die zeitweise wieder zu sich kam, mehrfach vergeblich
Auskunft über das Ende ihres Mannes erfleht hatte, verfiel sie gänzlich
in Apathie und Delirien, und am fünften Tage überließ sie Kaspar der
Zofe und einigen mitleidigen Nachbarn und ging aus, um Hilfe zu holen.
In dem fliegenden Lazarett wollte man die Kranke nicht aufnehmen, da
die Verwundeten vorgingen.
Zum Glück wußte die Zofe die Adresse eines jungen deutschen
Bankbeamten, eines Herrn Borchardt, der mit seiner Frau draußen im
Sunset District an der Ocean Beach wohnen sollte. Vielleicht hatte
dort draußen in den kleinen Holzhäusern auf dem weichen Dünensande das
Erdbeben nicht so gewütet. Und richtig, als Kaspar, durch das wüste
Feldlager des Golden Gate Parks eilend, hinabgelangte, sah er die
lieblichen Häuschen unversehrt in ihren bescheidenen Gärtchen stehen.
Nach allerlei Fragen fand er die junge Frau Borchardt, die Kaspar
mitteilte: ihr Mann sei jetzt Tag und Nacht auf der Bank, sie sei aber
gern bereit, die Kranke aufzunehmen. Hinten im Garten stände ihre erste
Wohnung leer, freilich nur ein zweiräumiges kleines Holzhüttchen -- sie
nannte es Puppenheim -- da wolle sie zurechtmachen.
Kaspar dankte mit Tränen in den Augen und jagte zurück zum Alamo
Square.
Aber wie die Kranke über den hohen Hügel und durch den weiten Park nach
den Dünen transportieren?
Herr Borchardt mußte eben helfen, ein anderer tats jetzt schwerlich
oder nur für vieles Geld, und Kaspars Scheckbücher lagen unter den
Trümmern.
Nicht einmal die Uhr, nur das fast leere Portemonnaie und den kleinen
Kompaß Gottfried Kämpfers hatte er gerettet von seinen wenigen
Schätzen.
Durch die brennende, mit Trümmern übersäte Stadt nach der Bank zu
kommen hielt sehr schwer.
Überall sperrten Schuttmassen, heißes Eisengestänge oder glimmende
Holzbarrikaden die Straßen.
In den wichtigeren Straßen mußte alles aufräumen helfen. Mit
Gewehrkolben, Gummiknüppeln und oft auch mit vorgehaltenen Revolvern
zwangen Soldaten und Policemen alle Männer zur Mitarbeit. Auch Kaspar
mußte heran, arbeitete in Verzweiflung mit, stahl sich aber dann
heimlich davon.
An der Van Neß-Street tobte der Kampf gegen das Feuer am wildesten.
Hier, an dieser breiten Verkehrsader, hoffte man endlich die noch immer
unbesiegten Flammen zum Stehen zu bringen.
Streng waren überall die Verbote, auf offener Straße zur Bereitung von
Lebensmitteln Feuer zu machen; am strengsten und rücksichtslosesten
wurden sie hier, an dieser gefährlichen Stelle, von den fast zu Tode
erschöpften, vielfach nervös überreizten Soldaten gehandhabt.
Da sah Kaspar, wie ein roher Söldner nach dreimaligem Verbot eine
arme, tapfere Mutter erschoß, die ein Töpfchen Milch für ihr fast
verdurstetes Baby doch auf einem schnell gestohlenen Feuerchen warm
machen wollte und sich nicht warnen ließ. Als die Ärmste, über
Feuer und Kindchen stürzend, lang hinschlug, sprang Kaspar, seiner
Sinne nicht mehr mächtig, wie rasend auf den Soldaten zu; aber ein
Gummiknüttel schlug ihn von hinten zu Boden. Man ließ ihn liegen wie
ein verendetes Stück Vieh.
Nach Stunden erwachte er. Der Abend sank zum fünften Male herab seit
dem furchtbaren Morgen des 18. April.
Mit hämmernden Schläfen richtete sich Kaspar mühsam auf und schlich
sich davon, hinten herum, durch Quartiere kleiner Leute, nach der Bank.
Ihr Prachtbau stand noch zum größten Teile wie auch die Staatsgebäude,
zum Beispiel die nahe Post und die Münze, da sie aus soliden
Steinquadern gefügt und nicht wie die Graftgebäude der Stadtbetrüger
und Spekulanten aus billigen Konkretmassen und Eisen zusammengepappt
waren.
Das mächtige Prunkportal der Bank, ein wenig verschoben, stand offen;
die vornehmen Offices leer, kein Mensch war zu sehen, auch nicht der
sonst übliche Patrolmann.
Kaspar stieg vorsichtig lugend in den Keller hinab, aus dem etwas
schimmerte wie Fackel- oder Laternenlicht. Kaum war er einige Stufen
hinab, da rief eine scharfe, militärisch klingende Stimme auf englisch:
»Hände hoch oder ich schieße!«
Kaspar stand wie vom Blitze gerührt, dann rief er zurück: »Gut Freund,
suche Mr. Borchardt.«
Lachend kam nun aus dem Kellerdunkel eine deutsche Stimme: »Hallo,
Landsmann, was wollen Sie?«
Und aus respektvoller Entfernung stand Kaspar Rede und Antwort, denn
jetzt sah er vor sich im Dunkel einige Leichen liegen.
Es waren weiße und farbige Plünderer, die von den drei tapferen
deutschen Beamten, die hier die Millionen ihrer amerikanischen Herren
treulich bewachten, erschossen waren.
* * * * *
Am sechsten Tage endlich gelang es Kaspar mit Hilfe des redlichen
Borchardt, irgendwo eine gebrechliche Karre aufzutreiben und auf ihr
die arme, totkranke Gräfin nach Puppenheim zu schaffen.
Es war ein seltsamer Zug -- anders als kurz zuvor im stolzen Automobil.
Mitten durch das endlose Zeltlager des Golden Gate Park, aus dem schon
wieder Gesang und lustiges Geschrei ertönte, ging die stille, langsame
Fahrt.
Malerische Gruppen lagen rauchend und kartenspielend ringsum.
Dort schacherte schon wieder ein jüdischer Handelsmann, hier ein
Italiener mit allerlei Dingen, zu denen sie vielleicht kein großes oder
gar kein Anlagekapital gebraucht hatten.
Ausgelassene Kinder tobten, sich fangend und zankend, wild umher.
Alte Frauen schimpften laut aufeinander; kichernde Gruppen junger
Mädchen, die sich untergefaßt hatten, erzählten sich die drolligsten
und pikantesten Kostümgeschichten von der großen Flucht.
Am Ausgang auf der breiten Sportwiese spielten sogar einige junge
Gentlemen ein regelrechtes Baseballgame, und sie spielten wie immer mit
großer Präzision, als hätte die Erde nie gebebt.
Mitten durch all das bunte Leben und Treiben fuhr Herr Borchardt
langsam und vorsichtig die auf dem kurzen Wagen schlecht gebettete
Kranke, deren Füße herabhängen mußten.
Kaspar bewahrte die halbtote Jugendfreundin liebevoll vor dem
Herabgleiten und sah mit Bangen der Stunde entgegen, in der auch das
letzte Leben aus diesem abgezehrten, vom Fieber verwüsteten Körper
entfliehen würde.
Hinter dem Wagen schritt die bleiche Zofe, noch immer nur dürftig
bekleidet, und trug oder führte die kleine Edith, die nur Augen für den
lustig bellenden Brauni hatte, dem einzelne Buben und Männer Schalen
und Kiefernzapfen nachwarfen oder ihm neckend nachblafften.
Endlich war der lange Weg überwunden, und mit rührender Sorgfalt
nahm sich Frau Borchardt der Kranken an, der sie ihr eigenes Bett
aufgeschlagen hatte.
Mit stummem Kopfschütteln verabschiedete sich der junge deutsche
Buchhalter von der Frau seines toten Chefs und eilte zu seinem harten
Dienst ins Bankgewölbe zurück.
Millionen ruhten dort, hinter der Riesentrommel der vielfach
gepanzerten Hauptdepositenkasse; aber keiner vermochte sie zu öffnen.
Denn die das Geheimnis kannten, waren tot, und so mußten schließlich
nach etlichen Wochen die treuen Wächter selbst zu Einbrechern werden.
* * * * *
Kaum war Ursemi leidlich geborgen, so brachen Kaspars Kräfte plötzlich
und völlig zusammen.
Ein tiefer Schlaf schuf ihm jedoch neue Energie, und so wechselte er
mit Frau Borchardt in Pflege und Wache am Bette Ursemis ab.
Ein rasch herbeigeholter deutscher Arzt gab wenig Hoffnung. Das
Bewußtsein kehrte nur selten und dann nur auf wenige Augenblicke
zurück; das Fieber ließ nicht nach, und das letzte Flämmchen des arg
bedrängten Lebens drohte zu verlöschen.
Der Arzt machte schließlich ein ernstes Gesicht, schüttelte den Kopf
und zuckte stumm mit den Achseln.
Da stürzte Kaspar verzweifelt hinaus in das nahe Zederngestrüpp des
Parks, warf sich in den gelben Dünensand, nahm sein Antlitz in beide
Hände und bat Gott unter heißen Tränen: er möge ihm nicht das Letzte
und Liebste nehmen, was ihm die Erde noch trug.
Dann aber schoß ihm der Gedanke durch die Seele: Hast du nicht oft
genug dir gesagt: Gott ist viel zu groß für menschliche Bitten?
Selbstlos gilt es ihm dienen, an ihn glauben, ihn lieben, auf ihn
hoffen -- trotz allem -- aber nichts von ihm erwarten!
Und Kaspar schwieg und gab sich -- in unsagbarem Weh verzichtend auf
alles -- in Gottes Hand.
Eine bange Stunde und länger schritt er dann, in trübe Gedanken
verloren, am Strande des lieblichen, stillen Ozeans entlang. Eine
leichte Brise fächelte, ihm Kühlung spendend, die heiße Stirn.
Vor ihm lagen die noch qualmenden Trümmer des ehedem so herrlich
stolzen Cliffhauses, ein jammervoller Anblick.
Links seitwärts in der See ragten einsam und leer die Felsen der
Seelöwen, die von den San Franciscanern früher gern gefüttert worden
waren. Laut aufheulend hatten sich die klugen Tiere ins Meer gestürzt,
als sie das geliebte Cliffhouse in Flammen aufgehen sahen, und waren
seitdem verschwunden.
Nachdenklich stand Kaspar auf einer Düne und schaute über die
spiegelglatte, blaue Flut.
Die Sonne stand funkelnd im Zenith, klar lag der Horizont. Totenstille
oder Frieden?
Und Kaspar dünkte, als habe das greuliche Untier da draußen seine
Krallen und seine Polypenarme eingezogen und schlummere wieder
behaglich in der Tiefe wie ein gesättigter Drache.
* * * * *
Als Kaspar in die armselige Bretterbude trat, die nun der Erbin so
vieler Millionen wie ihm, dem armen Missionskinde, als einzige Zuflucht
geblieben war, fand er Ursemi, still und matt, mit offenen Augen
daliegen.
Es schien zu Ende zu gehen. Doch war die Kranke jetzt klar bei
Bewußtsein, denn sie sprach leise und innig zu Kaspar: »Also du bist
doch bei mir, Lieber -- komm her, daß ich dir noch einmal vorm
Scheiden danke für all das, was du mir gewesen in diesem Leben. Kaspar,
sei, was du mir warst, auch dem Kinde; verlaß es nie, erzieh es zu
deiner Redlichkeit und Wahrheit.«
Kaspar beugte seine Knie, neigte schluchzend sein Haupt, und Ursemi
tastete selig danach, küßte es mit den bleichen Lippen und hauchte:
»Ich hab dich lieb gehabt, so lieb!«
Dann schloß sie die Augen von neuem, und ein glückseliges Lächeln
spielte auf ihren friedlichen Mienen. Sie schlief ruhig wie nie zuvor.
Vorsichtig erhob sich Kaspar und schlich sich auf den Zehen leise
hinaus, um sich draußen laut auszuweinen.
Dann suchte er Edith, die im Dünensande mit Nachbarskindern spielte,
und führte das Kind an das Bett der Mutter. Es war vergebens. Die
Gräfin erwachte nicht wieder.
Als der rote Sonnenball in die Fluten des Stillen Ozeans tauchte, tat
Ursemi ihren letzten, leichten Atemzug.
Zehntes Kapitel
Heimkehr
Tag für Tag fürchtete Kaspar Krumbholtz, er würde über all dem
Entsetzlichen, was ihm diese und die folgenden Wochen brachten,
zusammenbrechen; aber der einzige Gedanke, daß er für Edith zu sorgen
und einzustehen habe, hielt ihn immer wieder aufrecht.
Die entseelten Hüllen der Eltern zu bergen und schließlich in die
Heimat zu senden, machte unter den obwaltenden Umständen große
Schwierigkeiten, zumal es Kaspar erst völlig an Mitteln fehlte. Die
Bank konnte nichts spenden, bis der Tresor nach Erlaubnis einiger
versprengter Direktoren und der Behörden erbrochen werden durfte. Herr
Borchardt konnte selbst kaum etwas entbehren, denn er mußte schon für
den gesamten Unterhalt der fünf Personen aufzukommen suchen, und das
war bei der Teuerung und dem Mangel an den einfachsten Lebensmitteln
durchaus nicht leicht.
In der äußersten Not traf +Dr.+ Sebalt mit einem Dampfer von
Hawai ein und fand nach einiger Mühe den alten Jugendgefährten in dem
kleinen Bretterhäuschen.
Es war ein trübes, bewegtes Wiedersehen. Auch der lebensfrohe Sebalt
konnte sich der Tränen nicht erwehren, als er alles vernommen; doch mit
gewohnter Entschlossenheit und mit reichen Mitteln sprang er sofort dem
Freunde bei, besorgte die schwierigen Verhandlungen mit den Behörden
und ermöglichte die Heimreise.
Am liebsten hätte er Kaspar und klein Edith begleitet, aber er mußte
auf Frau und Kinder warten, die noch in Hawai zurückgeblieben waren, da
es dort einen großen Haushalt aufzulösen galt.
Sebalt hatte einen Ruf an die Leipziger Universität als Nachfolger
seines nach Berlin übersiedelnden Ordinarius erhalten und schließlich
angenommen -- »der Kinder wegen«, wie er betonte.
»Die Erziehung im lieben Deutschland kann mir keine noch so gute
amerikanische Schule ersetzen«, meinte Sebalt nachdenklicher, als es
wohl früher seine Art war, und Kaspar stimmte ihm freudig bei, indem er
hinzufügte: »Wenigstens, wenn deine Buben Deutsche werden sollen und
keine Amerikaner!«
»Das sollen sie auch,« erwiderte Sebalt sehr bestimmt, »denn sie
könnten sonst nur Halbamerikaner werden, und das wäre schlimm, wie
alles Halbe! Nein, mein alter Junge, seit ich Vater geworden, denke ich
ein wenig anders über das alles. Ich habe mir nun endlich den nötigen
Witz gekauft! Es hat ja lang gedauert und manche Torheit gekostet;
aber ich wünsche doch, daß meine Bengels denselben oder wenigstens
einen ähnlichen Weg spazieren, also etwa von Bethel nach Hawai! Darum
will ich sie in einigen Jahren eben nach Bethel oder sonstwohin in ein
solides deutsches Pennal bringen, wo man auch noch zu erziehen und
nicht nur zu pauken versteht.«
»Später gibst du sie mir,« sagte Kaspar zuversichtlich, »denn die
Winkler-Stiftung wird nun wirklich ans Werk gehen. Ja, staune nur,
Alterchen, ich selber will in ihren Dienst treten, wenn sie mich
brauchen kann. Auch ich weiß endlich wie du, woran ich mit mir bin.
Gott hat mein Leben hart geführt, er hat mich nach und nach von so
vielem losgelöst, daß ich denken muß, er hat mir Aufgaben vorbehalten,
die einen Mann so völlig ausfüllen sollen, daß er darüber seine
Einsamkeit und das gemeine Glück des Alltagslebens vergißt.«
Sebalt maß den Freund mit besorgten Blicken, dann sagte er ernst: »Du
solltest Kinder haben, Kaspar -- das bewahrt vor Schrullen und vorm
Altern.«
»Ich werde Kinder haben -- zu Hunderten und Tausenden -- mit ihnen
will ich jung bleiben, ihnen will ich zahlen, was ich andern schuldig
wurde. Mit klein Edith fang ich an. Ich freue mich auf den Tag, an
dem sie den Grundstein legt zum ersten Bau der Winkler-Stiftung. Dann
darfst du nicht fehlen, Hans. Und paß auf, wenn das Kind fröhlich und
zuversichtlich auf guten Redaer Granit klopft, dann wird auch der Segen
nicht ausbleiben. Das Kind wird ernten, was seine Eltern, was sein
Großvater Wilhelm Winkler gesät haben.«
»Wilhelm Winkler!« feierlich wiederholte Sebalt den Namen und fuhr
dann wie in Gedanken versunken fort, »ein kluger Menschenkenner und
ein kühner Rechner! Sein Mut hat mich gerettet, Kaspar. Er wußte ganz
genau, daß er mich mit dem freien Kapital an den Abgrund stellte, aber
nur dadurch machte er mich mit der Zeit auch schwindelfrei. An der
Leine des Lehrers lernt die Sorte Sebalt nicht schwimmen, nur im freien
Meer, im Angesicht der steten Gefahr zu ertrinken.«
»Eines ziemt sich nicht für alle,« erwiderte Kaspar. »Mir schrieb Vater
Winkler ein anderes Rezept, aber es hat auch geholfen. Ehre seinem
Andenken. In seinem Geiste wollen wir andere erziehen, das wird ihm
sicher der liebste Dank sein.«
* * * * *
Mit stiller Wehmut fuhr Kaspar durch das weiträumige Amerika mit Edith
und Brauni zurück nach Neuyork.
Das treue Hundchen, in dem Kaspar seinen Lebensretter sah, war
eigentlich eine bessere Kinderwärterin als die noch immer ein wenig
verstörte Zofe, die das Stottern nie wieder ganz verlor und trotzdem an
San Francisco hing wie eine Katze an ihrem Haus. Sebalt entschädigte
das arme Mädchen reichlich und verschaffte ihr eine neue Stellung.
In Neuyork holte der alte, tiefgebeugte Graf Brosyn seine Enkelin und
ihren Pflegevater ab und reiste mit ihnen über den Ozean nach Hamburg,
wo sie Frau Winkler mit der treuen Dente erwartete.
Auf Bitten des Großvaters siedelten alle nach Schloß Schlockendorff
über, wo es freilich klein Edith zunächst gar nicht gefallen wollte.
Sie sehnte sich nach dem Bretterhäuschen und den Dünen am Strande des
Stillen Ozeans oft zurück, bis Großmama, die nun über neuen Sorgen
wieder auch neue Lebenskraft fand, mit ihr, Tante Dente und dem
unentbehrlichen Brauni für einige Wochen an die Nordsee ging.
Da söhnte sich Edith mit Deutschland aus und vergaß nach und nach das
Land ihrer Sehnsucht und ihrer Jugendheimat. Nur im Grunde ihrer Seele
spiegelte sich dann und wann ein still leuchtendes Idealbild von
beidem.
Kaspar fand überreichliche Arbeit nach seiner Rückkehr, doch eine
Arbeit, die ihn innerlich völlig ausfüllte, ihn so zufrieden, ja stolz
machte, wie nie zuvor irgendeine Arbeit seines Lebens.
Er reifte nach und nach zum Vertrauensmann des Kuratoriums, dessen
Ehrenpräsident nun der alte Graf Brosyn ward.
Seit Harrys furchtbarem Ende hatte der Greis keine Freude mehr an
seinem gewaltigen Bergwerksbesitz. Er verwandelte die Gruben in
Aktiengesellschaften und vergrößerte dafür den Landbesitz fast um das
Doppelte. Trotzdem konnte er der Stiftung zu Ehren seines Sohnes noch
einige Millionen und ein herrlich gelegenes Gut mit stillen Seen und
Forsten schenken, in denen nun nach dem Muster amerikanischer Colleges
die Anstalten der Stiftung nach und nach erbaut werden sollten.
Der Geist freilich sollte der deutsche sein, deutsch in seinem
langsamen Werden und endlosen Streben, in seinem unermüdlichen Suchen
und redlichen Prüfen, deutsch in seiner gerechten Würdigung fremder
Vorzüge, aber frei von würdeloser und gefährlicher Überschätzung
derselben, deutsch vor allem in seinem zuversichtlichen Glauben an
die verklärende Schönheit und unverlöschliche Kraft des göttlichen
Funkens, der in jeder Menschenseele glimmt, der zu wilden verzehrenden
Flammen auflodern, aber auch zu stillen, wärmenden Herdfeuern angefacht
werden kann.
In Kaspar brannte ein solches Feuer seit den düstren kalifornischen
Erlebnissen mit gleichmäßiger Glut.
Er grübelte diesmal nicht wieder, wie das letzte Mal bei Carinas
Verlust, darüber nach, warum ihn Gott bis in die tiefsten Tiefen des
Leids hinabgestoßen hatte. Er hatte sein Geschick nun vertrauensvoll in
Gottes Hand gelegt, ihm überließ er die Verantwortung für Ursachen und
Wirkungen, die er im voraus doch nicht ergründen konnte.
Mit der Zeit war ihm allerlei davon doch klar geworden, und so wartete
er der weiteren inneren und äußeren Lösungen mit Geduld und ruhiger
Zuversicht. Das gab seiner Arbeit neue Kraft, das tröstete ihn über so
mancherlei Unzulänglichkeit, das verhalf ihm schließlich dazu, sich
seiner eigentlichen Mission immer klarer und fester bewußt zu werden.
Zunächst konnte er sie nicht erfüllen, wie er wohl mochte. Vorerst
hatte er mit den Vorbereitungen über und über zu tun, nicht nur mit den
Plänen der ersten Heime und des Lehrinstituts; sondern es galt auch
den zukünftigen Schülern im Verein mit Volpelius und den Kuratoren,
tüchtige Erzieher und Lehrer zu suchen. Gut Ding will Weile haben, und
Kaspar hatte gelernt, auf das Reifen zu warten.
* * * * *
Doch endlich kam der Tag, an dem klein Edith zum silbernen Hämmerchen
greifen durfte, ein Tag froher Hoffnungen und wehmütigen Gedenkens, ein
Tag, der viel gute und redliche Menschen in Sehnsucht und Zuversicht
verband und alte Freunde zu neuer Arbeit zusammenführte.
Da standen der alte Graf Brosyn, der väterliche Volpelius und seine
Kuratoren in einem erlauchten Kreise von Gästen und Gönnern, von
Männern der Theorien und Gedanken wie des praktischen Lebens.
Um sie scharte sich eine stattliche Reihe junger Dozenten, die es wagen
wollen, den Unterricht an der aufstrebenden Generation auch in Fächern
zu übernehmen, die bisher im üblichen Lehrplan zu kurz kamen oder ganz
fehlten.
So wird zum Beispiel einer der Leipziger »Enterbten«, der ehemalige
Generalsekretär der unterdessen aufgelösten nationalsozialen Partei,
den jungen Bürgern und vielleicht späteren Führern beizeiten zu
einer politischen Bildung verhelfen, die ihnen ein Verständnis und
eine Orientierung über die wichtigsten Zeitfragen, Staats- und
Wirtschaftsprobleme wie über die Parteiverhältnisse ermöglicht, ehe
sie sich selbst entscheiden und betätigen. Und ein andrer aus der
»Moravenrunde«, der vielgetreue Waisenvater, will Wirtschafts- und
Haushaltstechnik, Buchführung und Bankverkehr, Gesetzeskunde und
allerlei praktische Dinge den Zöglingen der Winklerstiftung lehren; ein
dritter sie in die Literatur der jüngsten Vergangenheit einführen. Der
Stiftsgärtner wird ihnen Anleitung zu Obst- und Gartenbau geben, und
der Hausarzt ihnen Aufklärung über allerlei Geheimnisse und Gefahren
erteilen, denen tagtäglich Tausende und Abertausende aus Neugier und
Unwissenheit zum Opfer fallen. Für das alte Ziel jeder Schule, für
das Leben, will diese neue Privatschule bewußter als die Staatsschule
vorbereiten.
Mit den Lehrern Hand in Hand sollen Erzieher an den jungen Leuten
arbeiten, die sich ihrer gewaltigen Verantwortung voll bewußt sind und
wissen, was es mit der so schwierigen Heranbildung selbständiger und
harmonischer Persönlichkeiten auf sich hat. Jugendfrische Idealisten
haben sich genug gemeldet, doch fehlt es zum Glück auch nicht an
solchen, die ihr Lehrgeld längst und reichlich bezahlt haben in
schweren Lebens- und Schulerfahrungen und doch den goldnen Mut und das
Hoffen aufs Morgen nicht einbüßten.
Mit Kaspar Krumbholtz, dem zukünftigen Verwalter des Wilhelminum,
disputierten eifrigst L³, der über dem vielen Ärger mit Bruder
Balzer ein wenig schlanker geworden ist, und Bruder Bartel, der den
Unitätdienst nach heißen inneren Kämpfen auch verlassen hat.
Neben der tapferen, unternehmungslustigen Dente, die auf ihre alten
Tage noch beabsichtigt, Harrys Stiftung, das Ursulanum, einzurichten,
ragte ein stattlicher Kavalier, der sich seinen mächtigen Schnurrbart
gar grimmig strich, und dem doch eine unbezwingliche Güte verräterisch
aus den Augen strahlte, es war der Hessenhüne Thilo Kratt, der unlängst
mit seinem Landschulheim Spekulanten zum Opfer fiel und nun wieder
der Kollege von »Mister Kobolz« werden will. Er ist zum Hausvater des
Henricum ausersehen.
Auch Gottfried Kämpfer ist erschienen; aber zu Kaspars Leidwesen nur
als flüchtiger Gast. Er wolle seinem lieben Kronprinzen in den Sattel
helfen, wie er launig meint, und hoffe bald den ersten Feldzugsbericht
über die Eroberung des neuen Königreichs zu schreiben. Werber Kaspar
hat ihm hart zugesetzt, aber vergeblich. Mit allerlei lustigen Scherzen
suchte Gottfried Kämpfer seine Weigerung freundlich zu bemänteln; erst
als Kaspar ihn aufs Gewissen fragte, sagte der Freund ernst: »Ich
möchte mir ebenso getreu bleiben wie du, Kaspar. Jeder nach seinen
Gaben und an der für ihn richtigen Stelle. Ich bin dort unter dem
›Federvieh‹ trotz meiner lahmen Flügel noch ganz gut am Platz, hier bei
euch Männern der Tat wäre ich ein Stümper. Also laß mich, mein Junge.
Wir können nicht alle gleich handeln. Es muß sicherlich einige geben,
die denken und schreiben, wie man handeln soll. Übrigens -- auch mit
der Feder kann man Taten tun und Schlachten schlagen.«
Aus einer andern Gruppe hörte man Professor Sebalts helle Stimme. Er
erzählte Frau Winkler von den Streichen seiner Zwillinge und neckte
sich mit der ungeduldigen Edith, die der Großmama zusetzte und meinte:
Großpapa solle nun endlich anfangen, sonst vergäße sie Tante Dentes
Sprüchel.
Großpapa Brosyn hatte in der Tat bald ein Einsehen und schritt mit der
wehmütig bewegten Frau Winkler am Arm den drei Grundsteinen zu.
Onkel Kaspar führte sein Pflegekind, das sein Hämmerchen wichtig hin
und her schwenkte.
Zuerst ging es zum Platz des ersten Neubaus, der am Waldrand im Schutze
mächtiger Fichten erstehen sollte.
Ehrfurchtsvolle Stille herrschte ringsum, als der ehrwürdige Graf
mit tiefem Ernst und leisem Beben der Stimme die Worte sprach: »Dem
Andenken meines Sohnes seist du geweiht, Haus und Heim kräftiger
Mannesjugend: Henricum seist du genannt -- trage diesen Namen als das
letzte Vermächtnis eines edlen, nun zur Rüste gehenden Geschlechts,
das deutschem Wesen an gefährdeter Grenzmark Jahrhunderte hindurch
treulich zugetan war. Halte du mit deinen Schützlingen Wacht an Stelle
der tapferen Heinriche von Brosyn, streitbar wie sie mit Waffen und
Wehr, aber auch arbeitsam mit Pflugschar und Axt, mit Feder und Zirkel
und rastlosem Drang zu leiten wie zu dienen! Im Namen Gottes tue ich
den ersten Schlag, im Namen meines kaiserlichen Herrn den zweiten, im
Namen meines alten Hauses den dritten.«
Schweigend zog man dann hinab zum See, an dessen lieblichem Ufer das
zweite Heim erbaut werden sollte.
Kaum hatte sich der Kreis gebildet, da hüpfte klein Edith im weißen
Kleidchen eiligst zum Redaer Granitblock heran, reckte den Silberhammer
stolz empor und sagte keck und ohne zu stocken:
»Meinem Mütterlein zur Ehr,
Ursulanum sei dein Name!
Mägdlein zieh uns, klug, fromm, hehr,
Die auch Weib sind, nicht nur Dame.
Mütter zieh, wie meine war,
Die sich selbst zum Opfer bringen.
Darauf kling es froh und klar:
Eins, zwei, drei! Und gut Gelingen!«
Lauter, lachender Beifall, in den doch hie und da ein wehmutvoller Ton
sich mischte, scholl ringsum.
Die Großeltern und Tante Dente zogen nach einander klein Edith in ihre
Arme und küßten das stolz und glücklich lächelnde Kind mit tiefer
Bewegung.
Hans Sebalt sagte schmunzelnd zu Kaspar: »Das ist Ursemis Tochter, die
wird mal mit Grazie regieren.«
»Um sich dann doch in Liebe unterzuordnen!« erwiderte Kaspar in ernsten
Gedanken.
Gottfried Kämpfer stieß ihn an und sagte ermunternd: »Hans der Träumer,
wach auch, freu dich der Erbin! Steht sie nicht da wie das Leben
selbst, das echteste und unvergänglichste Leben, das immer wieder
hoffnungsfroh und unbekümmert aus dem fruchtbaren Humus vergangner
Herrlichkeit emporblüht?«
Da lächelte Kaspar Krumbholtz still selig in sich hinein, drückte
dem Freunde dankbar die Hand und sagte stark: »Hast recht, Kämpfer.
Schützen wir herangewachsenen Bäume das junge Reis mit unsern dichten
Kronen vor Sonne und Sturm, und streuen wir neue Samen ins Land, bis
auch uns Allmutter Erde zu ihrem Humus braucht.«
In guter Stimmung schritt nun die Gesellschaft bergan auf die kleine
Anhöhe neben dem Schloß, auf der das mächtige Unterrichtsgebäude seinen
beherrschenden Platz finden sollte.
Als alle beisammen waren, trat Kaspar Krumbholtz vor, nahm einem
Arbeiter den schweren Werkhammer aus der harten Faust, wog ihn
bedächtig prüfend in seiner Hand und sprach mit innerer Freudigkeit:
»Liebe Gäste und Freunde! Herr Geheimrat Volpelius hat mich beauftragt,
an seiner Stelle den Weihespruch zu sprechen zu Ehren seines verewigten
Freundes, der auch mir ein Freund und Vater war, des Anregers und
Gründers dieses großen Werkes, in dessen Dienst -- mittelbar oder
unmittelbar -- wir uns alle stellen wollen. Es wäre nicht im Sinne
des schlichten Mannes Wilhelm Winkler, wenn wir ihn rühmten; er und
wir bedürfen dessen wahrlich nicht! Wir wollen mit Taten zeigen, daß
sein Geist auf uns ruht, wir wollen dafür sorgen, daß dieser redliche,
ans Ganze denkende und vorsorgende Geist weiter wirkt und lebendig
bleibt in der Jugend unseres Volks und aus ihr neue, opferwillige
Pioniere, fruchtbare Anreger, kühne Bahnbrecher, unverzagte Streiter,
zielbewußte Führer und besonnene Organisatoren hervorgehen. Jede Zeit
hat ihre besonderen Vorzüge und Nachteile, je nach dem wechselnden
Leben, das durch sie flutet, je nach der Sehnsucht, die in den besten
Kindern dieser Zeit waltet. Seine Zeit richtig zu erkennen hält schwer;
nur wenigen, die geistig oder sozial emporragen, gelingt es. Noch
schwerer ist es, die Linien der notwendigen Fortentwickelung auch
nur einigermaßen klar zu erkennen und für die Bedürfnisse der Zukunft
vorzuarbeiten. Das, liebe Freunde, war das seltene Vermögen, das
Charisma Wilhelm Winklers. Er kannte die Sehnsucht unserer Zeit nach
Gleichheit, aber er erkannte auch früh die Gefahr der Nivellierung und
sann darüber nach, wie er seinem Volke neue Persönlichkeiten erwecken
könne. Aus dieser Sorge heraus ward dieses Werk geplant, in dessen
Dienst wir uns stellen, an dem die einen von uns arbeitend und werbend,
die andern sorgend und hoffend Anteil nehmen wollen. Ganze Menschen,
innerlich freie, in Gott und in sich selber sicher ruhende und doch
von Tag zu Tage rastlos mit beiden ringende Persönlichkeiten soll
dieses Haus durch seine Diener heranbilden und so den Namen Wilhelm
Winklers zu Ehren bringen. Wilhelminum -- so taufe ich dich und tue
den ersten Schlag hart, fest und hell zu deinem Fundament im Namen der
schlichten, fleißigen Weberfamilie Winkler, deren letzter Sohn ihr
bester war, deren letztes Gewebe ihr feinstes und dauerhaftestes sein
wird, den zweiten Schlag im Namen des Volkes, für dessen Zukunft wir
alle arbeiten, und den dritten und letzten wieder im Namen des Ewigen,
von dem wir wie unser Werk Anfang und Ende nehmen müssen.«
Ende
Spamersche Buchdruckerei, Leipzig.
Werke von Herm. Anders Krüger
Romane
Gottfried Kämpfer. Ein herrnhutischer Bubenroman in zwei Büchern. Mit
Buchschmuck von ~Ernst Liebermann~. 1908. 19. bis 22. Tausend.
Gebunden 6 Mark.
Alle Seligkeiten und alle Sorgen einer heranreifenden Knabenseele,
all ihr Leid und alle ihre Kämpfe, ihren ganzen Haß und der
ersten Liebe goldne Zeit erleben wir mit, da die Charakteristik
meisterhaft nachempfindet und restlos alle Gedanken und Empfindungen
bloßgelegt. Und mit dem jungen Helden treten wir auch ein in ein
echtes Gemeinschaftsleben der Jugend, in ihre Freundschaften, ihre
Feindschaften, ihre Jugendstreiche und ihre Jugendspiele, die ohne
offiziellen und offiziös gezwungenen Spielnachmittag so zwanglos und
so vollsaftig verlaufen, daß man in seinen alten Tagen nicht übel Lust
bekommt, Räuber und Gendarmen mitzuspielen. Neben der Jugend erscheinen
auch die Lehrer in vorzüglicher Charakteristik. In ihrer Zeichnung
haben wir Musterstücke wahrer und schlichter Charakteristik.
(+Dr.+ A. Matthias in Monatsschrift für höhere Schulen)
Sirenenliebe. Ein Rivieraroman. 1897. Gebunden 3 Mark.
Krüger läßt eine einfache Herzensgeschichte, die aber in gewaltigen
Akkorden ausklingt, sich in einem engbegrenzten Kreise abspielen, ohne
die Hilfsmittel großer Ereignisse, nur mit der einzigen Staffage der
herrlichen italienischen Natur ... Er nimmt die Menschen wie sie sind,
und darum weht auch um seine Gestalten der Atem frischer Morgenluft und
einer derben gesunden Natur.
(Hamburgischer Korrespondent)
Der Weg im Tal. Roman in drei Büchern. Buchschmuck von ~Gustav
Petzold~. 1905. Zweite Auflage. Gebunden 5 Mark.
Ein ehrliches deutsches Buch. Der Dichter zeichnet scharf umrissene
Charaktere, er offenbart sich als ein feinsinniger Psychologe, dessen
zarte Tönungen in der Darstellung des Innenlebens überraschen. Wir
finden bei Krüger den höchsten sittlichen Ernst in der Auffassung
unserer heutigen Probleme, einen glühenden Idealismus für alles Echte,
eine lebenswarme Liebe zum Menschen und Natur. Und dann noch Humor,
goldigen Humor, die echte Heiterkeit eines Menschen, dessen ganze
Person von harmonischem Lebensrhythmus getragen ist.
(Tägliche Rundschau)
Preise ungültig
Dramen
Ritter Hans. Schauspiel in vier Aufzügen. 1897. Broschiert 2 Mark.
Eins der besten modernen Stücke, voll dramatischer Kraft, lebenswahrer
Darstellung und sittlichen Ernstes.
(Leipziger Zeitung)
Der Kronprinz. Eine dramatische Historie in fünf Aufzügen. 1907.
Broschiert 2 Mark.
Es ist das Jugenddrama Friedrichs des Großen, das in Krügers Schauspiel
vor uns aufersteht, geschaut und nacherlebt von einem, der ebenso
moderner Dichter wie geschulter Historiker, in diesem Stoffe noch mehr
fand als nur ein Stück Geschichte, nämlich ein tief erschütterndes
Stück eigenes Leben. Vortrefflich und zündend ist der Dialog. Die
Sprache ist bewußt modern, nirgends altertümelnd. Indessen bleibt der
Ausdruck trotz aller Natürlichkeit kraftvoll und edel, getragen von
einem heimlichen Rhythmus.
(Eckart)
Der Graf von Gleichen. Eine deutsche Tragödie in fünf Aufzügen. 1908.
Broschiert 2 Mark.
Krüger hat die Sage vom Grafen von Gleichen in ganz eigenartiger,
aber höchst fesselnder Weise behandelt. Trefflich im Aufbau,
charakteristisch in der knappen Sprache der Blankverse, voll wahrer
Empfindung sind die lebensvoll gezeichneten Charaktere in Handlung
gesetzt.
(Literarisches Zentralblatt f. Deutschland)
Von demselben Verfasser erschien bei
H. Haessel Verlag in Leipzig
Der junge Eichendorff. Ein Beitrag zur Geschichte der Romantik. 2.
Auflage. 3 Mark.
Pseudoromantik: Friedrich Kind und der Dresdner Liederkreis. Ein
Beitrag zur Geschichte der Romantik. 4 Mark.
Kritische Studien über das Dresdner Hoftheater. 50 Pf.
Friedrich Jansa, Verlag in Leipzig
Waldhüters Weihnacht. Ein dramatisches Festspiel für Kinder in fünf
Auftritten. 4. bis 6. Tausend. Broschiert 75 Pfennig.
Verlag von Alfred Janssen in Hamburg
Romane
Die Kinder aus Ohlsens Gang. Roman von ~Gustav Falke~. 1908.
4.-5. Taus. Geb. 4 M. 50 Pf.
Ein überaus schlichtes und reines Buch. Der es schrieb, hat jede
Zeile in seinem Herzen getragen. Darum lebt man dieses kleine, frohe,
trauernde, verärgerte, höhnische, manchmal sogar ein wenig tragisch
drohende Leben in einer stillbewegten Teilnahme mit.
(Literarisches Echo)
Chaos. Roman von ~Albert Helms~. 1909. Umschlagzeichnung von
Professor C. O. Czeschka. Gebunden 3 Mark.
Die grenzenlose Öde der russischen Steppe ist der Hintergrund, auf
dem diese grell beleuchteten, zuckend lebendigen, stimmungsschweren
Bilder entstehen ... in der ein merkwürdiger, grimmig brutaler, ganz
eigenpersönlicher Humor sein Wesen treibt ... Da ist z. B. eine
Vision wilder Hungerhalluzinationen, wie sie seit Hamsum kein Dichter
plastischer gesehen hat.
(Hamburgischer Correspondent)
Peter Michel. Roman von ~Friedrich Huch~. 3. Auflage. Gebunden 5
Mark.
Geschrieben ist diese Alltagsgeschichte ... und gesehen ist dieses
stille deutsche Leben ... mit einer Tiefe der Beobachtung, einem Humor
der Anschauung, kurz mit dichterischen Gaben, die vereint dem Buche
einen seltenen und kostbaren Zauber verleihen.
(Gabriele Reuter im »Tag«)
Blut. Roman von ~Waldemar Bonsels~. Umschlagzeichnung von Willy
Geiger. 1909. Gebunden 4 M.
Hier wird einmal wieder die Tragik eines zerpflückten Mädchenlebens
in ihrer ganzen Reinheit, ihrer herzzerbrechenden Not hingestellt von
einer jungen Meisterhand.
(Deutsche Romanztg.)
Novellen von Timm Kröger
Des Reiches Kommen. 1909. Gebunden 2 Mark 50 Pfennig.
Die Timm Krögerschen Novellen gehören immer zu dem Feinsten und
Köstlichsten, was uns unsere Literatur von heute zu bescheren hat,
und die ganze Geistesfrische, die unverzehrte Kraft des Dichters lebt
in diesem seinem letzten Werk. Aus dem alten Geist niederländischer
Genrekunst, nordwestdeutscher Naturalistik heraus geboren, strömt
auch diese Novelle allen feinen Stimmungszauber aus. Licht, Farben
und Töne rinnen, aufs feinste zueinander abgestimmt, in ein
köstliches Helldunkel zusammen, Natur und Mensch erscheinen unlösbar
miteinander verknüpft, völlig miteinander verwoben, alles ist reine
Gegenständlichkeit, und die einzig wahre, einzig echte Kunst, deren
ganzes Geheimnis allein darin besteht, daß sie das Wort zu Fleisch
werden läßt, ist sicher ein Timm Kröger-Besitz.
(Aus einem Feuilleton von Julius Hart in »Der Tag«, Berlin.)
Um den Wegzoll. 2. Auflage. Gebunden 2 Mark.
Heimkehr. Skizzen aus einem Leben. Geb. 3 Mk.
Leute eigner Art. Novellen eines Optimisten. 3. Auflage. Gebunden 3
Mark.
Aus alter Truhe. Novellen und Erzählungen. 1908. Gebunden 3 Mark.
Fröhliche Kinder. Ratschläge für die geistige Gesundheit unserer
Kinder. Von ~Heinrich Scharrelmann~. 1906. 3. bis 5. Tausend.
Gebunden 3 Mark.
Aus dem Vorwort: An die Eltern und Mütter wendet sich dieses Buch.
Es möchte ihnen praktische Ratschläge und Fingerzeige geben für die
häusliche Erziehung ihrer Kinder. Es will die Eltern aufmerksam machen
auf wenig gekannte und gewürdigte Anlagen und Fähigkeiten im Kinde
und möchte zugleich zeigen, wie ein gesundes Wachstum aller geistigen
Kräfte von der Kinderstube aus angebahnt werden kann. So denke ich,
wird es die innigen Bande zwischen Eltern und Kindern noch um ein
weniges fester zu knüpfen versuchen, indem es das Kind auffaßt -- als
unseresgleichen.
Erziehern und Eltern, die ihre Kinder lieb haben, sei das Buch warm
empfohlen.
(Basler Nationalzeitung)
Billige Ausgabe der
Hamburger Hafenbilder. Von ~Wilhelm Dittmer~. 12 doppelseitige,
24 ganzseitige Bilder. 48 Seiten Text. Kartoniert 2 Mark.
Der Hamburger Hafen ist geistig und wirtschaftlich nicht mehr das
ausschließliche Eigentum der mächtigsten der Hansastädte, sondern ein
Gemeingut der Nation. Hier ist eine ganz neue Schönheit entstanden,
die nichts mehr gemein hat mit lyrischer und phantastischer Romantik.
... Wer Dittmers Buch in der Hand hält, fühlt mit Stolz: da bekennt
sich ein Starker zu unsrer Zeit. Er sah Schönheiten überall ...
Sein technisches Vermögen war sehr groß. Seine zeichnerischen und
malerischen Qualitäten ordnen ihn in die erste Reihe unsrer Künstler
ein. Daß er aber auch ein Meister der Sprache war, ein wundervoller
Erzähler, darf nicht vergessen werden, weil er zu seinem Hafenbuche
selbst einen schlichten, kraftvollen, anschaulichen Text schrieb --
Dieses Buch hat alle Berechtigung ein Volksbuch zu werden. Es gehört in
die Hand eines jeden Deutschen.
(General-Anzeiger für Hamburg-Altona)
Verlag von Alfred Janssen in Hamburg
*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK KASPAR KRUMBHOLTZ ***
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