Sämtliche Werke 3-4: Der Idiot

By Fyodor Dostoyevsky

The Project Gutenberg EBook of Sämtliche Werke 3-4: Der Idiot, by 
Fjodor Michailowitsch Dostojewski

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Title: Sämtliche Werke 3-4: Der Idiot

Author: Fjodor Michailowitsch Dostojewski

Contributor: Dmitri Mereschkowski

Editor: Arthur Moeller van den Bruck

Translator: E. K. Rahsin

Release Date: September 22, 2019 [EBook #60340]

Language: German


*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMTLICHE WERKE 3-4: DER IDIOT ***




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                   F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke

            Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski
                herausgegeben von Moeller van den Bruck

                      Übertragen von E. K. Rahsin


               Erste Abteilung: Dritter und vierter Band


                           F. M. Dostojewski




                               Der Idiot


                                 Roman


                     R. Piper & Co. Verlag, München


                  R. Piper & Co. Verlag, München, 1918
                       Sechste bis achte Auflage
              Druck: Roßberg'sche Buchdruckerei, Leipzig.


                   Copyright 1915 by R. Piper & Co.,
                           Verlag in München.




                            Zur Einführung.
                   Bemerkungen über russische Mystik


Die russische Mystik ist ein Od, das den russischen Menschen umgibt. Die
russische Mystik ist der Atem, der dem Leib und dem Leben des russischen
Volkes entströmt. Die russische Mystik ist die Stimmung, die der
russischen Erde entsteigt, dämmernd und dampfend, mit jeder Scholle, die
umgeworfen wird, und die an der russischen Landschaft hängt wie Tau und
Nebel, zwischen langen, langen Flußufern und weiten, weiten Flächen.
Diese Sinnlichkeit kennzeichnet sie. Es ist spürbar die Mystik eines
jungen, noch schwer sich bewegenden, noch tief in sich befangenen
Volkes, das zu keinem Bewußtsein seiner Gefühle und kaum zu einer Ahnung
dieses Bewußtseins gekommen ist. Mit Mystik setzt die Geistesentwicklung
eines jeden innerlichen Menschenschlages ein. Mystik ist immer und
überall der früheste Versuch des Menschen, sich an das Wesen der Dinge
heranzutasten. Mystik ist das Auge, das sich aufschlägt und die
Erscheinungen zum ersten Male staunend zu einem Erscheinungsganzen
zusammenschaut. Mystik ist das Urdenken der Menschheit, wie Mythe ihre
Urkunst ist. Je nachdem, ob die Mystik nun im Verlauf ihrer immer
bewußteren Weiterentwicklung zur tiefen Innenethik wird wie im
Buddhismus, oder zur hellen Offenbarungsreligion wie im Christentum,
oder zu einer großen ästhetischen Philosophie oder philosophischen
Ästhetik wie bei den Hellenen, oder zu einer echten Weltanschauung,
Kampfgesinnung und Lebensweisheit wie bei den Germanen, unterscheiden
sich dann die Völker und ihre Kulturen voneinander. Immer aber ging
dieser Aufstieg zur klaren Anteilnahme des Menschen am Geiste der Welt
und zur letzten Vergeistigung der Menschen selbst, als dem Höchsten, das
wir erreichen können, von der Sinnlichkeit, von jener selben mystischen
Sinnlichkeit aus, die heute aus allen Poren des Russentums dringt und
Land und Volk wie mit einem dicken, weißen, wallenden, heiligen Nebel
umgibt, und die immer so vor dem Geiste, vor Ethik und Religion, vor
Philosophie und Metaphysik hergeht, wie eben das Gefühl dem Wissen, die
Erfahrung der Erkenntnis, die Ahnung dem Bewußtsein vorhergeht. Mit dem
Bewußtsein und seinen Geistessteigerungen sind wir an unserem Ziel
angelangt. Mit der Mystik und ihren Ahnungszuständen dagegen, die noch
wie trächtig ist von Empfindung, Glaube und Wahn, von Boden, Erde und
Menschlichkeit und die den Übergang von dem Dunkel, aus dem wir kommen,
zu der Helle, zu der wir hindrängen, noch unmittelbar mit sich schleppt,
sind wir dem Ursprünglichen und schließlich auch Ewigen unserer Bild-
und Denkvorstellungen näher. In der Mystik werden die großen Wahrheiten,
man kann gewiß nicht sagen, am klarsten ausgesprochen, wohl aber am
ursprünglichsten geoffenbart. Die Mystik ist gleichsam die große
Weltnatur selbst, die sich in uns Menschen, zwar wie von ferne noch,
aber dafür in allergewaltigsten Bewegungen, zum ersten Male denkend
bewegt und in einem weiten, mächtigen, wenn auch noch verschwommenen
Stimmungsungefähr durchbricht.

                   *       *       *       *       *

Auch die russische Mystik wird in irgendeiner Weise den Weg gehen, den
die indische und christliche, die griechische und deutsche bereits
gegangen ist. Wohin dieser Weg das Russentum führen wird, welche Taten
und Erlöser auf diesem Wege liegen werden, das können wir heute
natürlich nicht wissen, wie wir nie etwas Geschichtliches der Zukunft im
einzelnen genau vorauswissen können. Nur das Wesen einer Erscheinung, um
die es sich handelt, und damit freilich das Wichtigste, können wir
frühzeitig erkennen. Und das ist hier die Sinnlichkeit der russischen
Mystik, die dichter, körperlicher, man möchte sagen leibhaftiger ist,
als die Sinnlichkeit einer jeden anderen Mystik war. Ganz gewiß war die
Mystik namentlich der Hellenen und Germanen von Anfang an lichter,
seherischer, bereits schärfer unterscheidend, war bei allem
In-Eines-Sehen doch schon dualistisch trennend und nicht monistisch
auflösend. So viel haftende, lastende, niederziehende Schwere wie auf
den Slawen hat auf keiner anderen Rasse oder Nation geruht, und auch auf
dem völkerchaotischen Notzustand nicht, in den Christus befreiend trat.
Überall hatten schon bestimmte klare Ideen den Menschen eine Bahn aus
sich heraus gebrochen. Es war noch ein Zustand der Mystik, in dem sie
lebten, aber zugleich war in der Mystik schon der Wille wirksam, sich
selbst zu überschreiten. Sogar die Mystik der Inder, die der Mystik der
Slawen noch am nächsten steht und mit der sie gewissermaßen die
geographische Angrenzung und damit die Anteilnahme an einer ähnlichen
weltklimatischen Atmosphäre und psychischen Disposition teilt, war
bei aller sinnlichen, fast künstlichen Verinnerlichung und
Selbstbetrachtung, die sich mit ihr verband, doch eine äußerste
Geistesanspannung. Nicht grundlos heißt Veda Wissen. Was die Veden
enthalten, war die Summe des für den Inder Wissensmöglichen. Nicht durch
Gefühl, sondern ausdrücklich »durch Denken läßt sich erschauen, was
dauert und in Ewigkeit feststeht«, weiß schon der Rigveda. Bei Christus
trat dann freilich die persönliche Vermittlung »zum Vater« an die Stelle
der gedanklichen. Und es war, schon weil sie, indem sie an die Sinne
geknüpft war, an die Persönlichkeit geknüpft war, eine echt mystische
Vermittlung. Aber gerade Christus führte dann doch als das verbindende
Weltprinzip, an das er die Menschen im Himmel und auf Erden den Anschluß
finden lehrte, den Geist ein, sprach ihn als den übergeordneten Dritten
und den Binder der Dinge im Raum heilig und machte ihn zum obersten
Bewohner, Ordner, Lenker des Weltbaus. Erst recht ideologisch war von
Anfang an die Mystik der Griechen. In dem Urdenken der Orphiker lag die
platonische Idee bereits vorgebildet. Diese selbst war, mit all ihrer
Sinnenhaftigkeit und all ihrem Künstlertum, eine echt mystische Idee.
Eine Metaphysik haben die Griechen eigentlich nie besessen. Zwischen
Mystik und Dialektik schwankte ihr Denken. In ihrer bildlichen und
baugewaltigen Vorstellung aber wurde die Weltmystik früh zur
Weltarchitektur. Selbst der Vorstellung Plotins merkte man noch etwas
von dem strahlenden Götterstaate Homers an. Und gerade Plotin, der
bewußte Mystiker, der künstlich wieder das weiche Gefühl aufnahm,
nachdem das Denken in aristotelischer Begrifflichkeit verhärtet war,
sprach aus, daß die Erkenntnis der Wahrheit, »Selbstanschauung der
Vernunft im Menschen« sei. Bei den Germanen aber verkündete Meister
Eckehart: »So hat die erkennende Vernunft immer noch etwas über sich,
was sie nicht zu begründen vermag; aber immerhin erkennt sie doch, _daß_
da noch etwas Übergeordnetes ist.« Und er verkündete damit im Grunde
schon Kant und die Erkenntniskritik. Es war Mystik -- aber es war Mystik
als reinste Metaphysik. Von einer solchen erstaunlichen ideologischen
Frühreife weiß natürlich die russische Mystik in ihrer Erd- und
Sinnengebundenheit nichts. Überall schlägt bei ihr durch, daß sie ganz
eine Mystik des Leibes und der ihm entströmenden Seele, aber noch gar
nicht des Geistes ist. In gleicher Stärke ist noch keine Rasse und auch
noch keine einzelne mystische Persönlichkeit in ihrem Körper zugleich
mit Mysterium geladen und mit Fluidum behaftet gewesen. Die russische
Mystik ist die angeborene Krankheit, zugleich aber auch die höchste
Gesundheit, alles in allem die eigentliche Natur des Russentums.
Mystisch-Kataleptisches und zugleich Mystisch-Katastrophisches sind
seine stille Eigentümlichkeit. In der Ausentwicklung dieser
Eigentümlichkeit wird die Weiterentwicklung seiner Mystik und seines
Denkens liegen. Wie die Erscheinung, die ihr zugrunde liegt, wird auch
die Erscheinung, die aus ihr folgt, eine ganz neue Erscheinung sein. Wie
die unterschiedliche mystische Anlage der Rasse überall zu den anderen
Äußerungen geführt hat, zu Ethik hier, zu Religion dort, zu bald mehr
rationalistischer Philosophie in dem einen, zu bald mehr metaphysischer
in dem anderen Kulturkreise, wie das Christentum nicht buchstäblich den
Buddhismus, wie die Geistesgeschichte des Germanentums nicht die des
Hellenentums wiederholt hat, wie vielmehr alle diese Welten
grundverschiedene Welten gewesen sind, so wird auch die slawische Mystik
ihren eigenen und nur ihr gehörigen geistigen Wert schaffen und den
geistigen Kulturkreis, den die Menschheit wachsend gezogen hat, um eine
neue Innenkultur bereichern. Aber noch einmal: wir können diesen Wert
heute noch nicht kennen. Wir können nur ganz allgemein sagen, daß wir,
nachdem wir die Ethik, die Religion und die Philosophie der Mystik schon
bekommen haben, von Rußland aus, wo die sinnlich-mystischen
Dispositionen so dicht wie nirgendwo und nirgendwann über Land und Volk
verteilt liegen, so etwas wie gesteigerte Mystik, vollendete Mystik,
gewissermaßen eine Mystik der Mystik erhalten werden, für die uns Wort,
Name, Begriff noch fehlt, in der jedoch, wenn ihr Wort einmal
ausgesprochen sein wird, die Erlösung für den russischen Menschen liegen
wird, und für jeden, der einen russischen Menschen in sich birgt.

                   *       *       *       *       *

Die russische Mystik, wie sie latent im russischen Volke liegt, ist
jahrhundertelang von der Orthodoxie gleichsam abgelenkt, von der
russischen Geistlichkeit klug und vorsichtig behandelt und, soweit sie
sich bereits klarer und mit sich selbst beschäftigt, als geistiges Leben
äußern wollte, wohl auch in den Klöstern und im Sektiererleben Rußlands
aufgespeichert und befriedigt worden. Erst Tolstoi und Dostojewski haben
die russische Mystik wirklich ausgedrückt und alles das, was latent war,
endlich einmal persönlich sprechen lassen. Tolstoi tat es, indem er
einfach schilderte: wir erfahren bei ihm die russische Mystik genau so,
wie wir sie jederzeit erfahren können, wenn wir uns in das russische
Leben mischen. Dostojewski dagegen hat die russische Mystik bekannt und
hat um sie gerungen, wie man um Probleme ringt, von ihm ab wissen wir,
was wir sonst höchstens aus manchen religiösen Begleiterscheinungen des
Nihilismus wissen könnten: daß die russische Mystik bereits auf dem Wege
von einem bloßen Zustande zu einem Bewußtsein und vom Gefühl und den
Sinnen zum Geist und zu einer russischen Geistigkeit ist. Man braucht
nur die Namen Schatoffs, Kiriloffs und der Brüder Karamasoff zu nennen
-- und sofort steigen lauter einzelne Weltanschauungen auf, die alle auf
dem Grunde der russischen Mystik und Volklichkeit ruhen und bereits
Teile einer künftigen allgemeinen und umfassenden russischen
Weltanschauung sind. Doch gehören diese Gestalten erst Dostojewskis
späterer Entwicklung an. Einmal jedoch, mehr am Anfang seines großen
Lebenswerkes, das ein einziger großer Versuch ist, den russischen
Ausdruck und Helden zu finden, den er dann von Figur zu Figur, von Typ
zu Typ variierte, hat er der russischen Mystik einen zentralen Träger zu
geben versucht: in der Gestalt des Fürsten Myschkin. Es wurde freilich
-- und hier schlug die einzige geschichtliche Verwurzelung durch, die
die russische Mystik hat und deren einseitige, anthropologisch und
geographisch abgesonderte Innen- und Sonderentwicklung sie ist -- ein
wesentlich christologischer, jesushafter Träger. Nachdem sich
Dostojewski im Roman und in der Gestalt Rodion Raskolnikoffs mit dem
mehr westeuropäischen Moralproblem der Schuld und des Jenseits von Gut
und Böse auseinandergesetzt hatte, tat er im »Idioten« dasselbe mit dem
Heilandsphänomen, indem er ihm einen russischen Träger unterlegte. Es
war, wie das nicht anders möglich sein konnte, ein sinnlich-mystischer
Träger. Alle die geheimnisvollen Auswirkungen des Fürsten auf andere
Menschen gehen, wie Ausstrahlungen, unmittelbar von seiner Physis aus.
In dieser Weise ist Mystik immer an die Persönlichkeit gebunden. Wer die
Wunder Jesu verstehen will, der braucht nur die Auswirkungen Lew
Myschkins zu verstehen. Der Gegenstand und auch die Stärke der Entladung
ist verschieden, aber das elektrische Phänomen ist dasselbe. Der
Rückgriff Dostojewskis auf Christus und Christlichkeit geschah dabei
durchaus bewußt. In einem der wenigen visionär-klaren Augenblicke, die
er dem Fürsten gegeben hat, läßt er ihn sagen: »Die Gegenwehr des Ostens
gegen den Westen soll unser Christus sein, den wir in seiner wahren
Gestalt in uns bewahrt haben.« Diese Annäherung Lew Myschkins an
Christus hinderte nicht, daß von Dostojewski aus -- für den Christus
allzeit das Heiligste war, das die Erde jemals getragen hat, und ein so
Unantastbarer, daß er vielleicht nur aus innerer Scheu sein geplantes
großes Werk über Christus niemals geschrieben -- die Durchführung der
Gestalt Lew Myschkins schließlich einer Unterwertung ihrer
Christlichkeit gleichkam. Wenn wir die Summe des »Idioten« ziehen, so
bleibt von seinem armen Helden am Ende wirklich nur die Pathologie
übrig, und im besten Falle eine gewisse Samariterhaftigkeit. Von seinem
wahren Verhältnis zu Christus aber kann man sagen, daß er sich zu ihm
verhält wie eine Qualle zu Kristall: Christus und Lew Myschkin verstehen
beide alles: Lew Myschkin verzeiht sofort und leidet noch für den
Schuldigen; Christus dagegen verzeiht gleichfalls, aber hat noch die
Kraft, nicht selbst für den Schuldigen zu leiden; Christus steht also
über dem Leiden, während Lew Myschkin haltlos und in tiefstem
Lebenssinne charakterlos, ohne einen Zaun um sein Ich zu haben, zwischen
den Leuten und Leiden umhersteht. Sogar die Liebe wird ihm persönlich
abgestritten, und einmal muß er den harten Vorwurf hinnehmen: »Was Sie
sagen, das ist nichts als Wahrheit, und schon deshalb ist es ungerecht.«
Für Dostojewski war das Christliche und Heilandsmäßige eine Möglichkeit
für das Russische. Doch nicht etwa einen russischen Jesus wollte er mit
Lew Myschkin hinstellen, sondern nur eine menschliche Vorstufe zu einem
solchen wollte er finden. Dostojewski wußte, daß auch das Russentum, wie
ein jedes Volk und ein jeder Kulturkreis, sich auf eine persönliche
Weise mit dem Christentum abfinden und dann einen persönlichen Wert aus
ihm schaffen muß. Es geschah im »Idioten«, seinem christlichen Werk und
zugleich demjenigen, in dem er das Problem russisch überwand. Das
Wichtige, Überdauernde, Unvergängliche an der Gestalt Lew Myschkins ist
nicht, wie bei der großen Weltgestalt Christi, er selbst, sondern die
Beeinflussung, die von ihm ausgeht. Einen großen Mittler nicht, wie
Christus war, sondern nur einen Mittelmenschen kann man ihn nennen, der
seinen Zweck gar nicht in sich trägt, nicht darin, daß er nun etwa als
Religionsstifter weiterlebte, sondern darin, daß er ganz unvermerkt
andere Menschen mit sich befruchtet. Einmal muß in dieser Weise auch das
Christliche vom Russentum aufgenommen und einer russischen Umwertung
zugeführt werden. Es strebt selbst und von sich aus Christlichem zu, und
sicherlich wird es gar nichts Befruchtenderes für das Russentum geben,
als gerade das Christentum. Diese Umwertung nun, die Dostojewski als
erster auf sich genommen hat, bahnt in seinem Lebenswerk der »Idiot« an.
Er steht in der Entwicklung Dostojewskis an derselben Stelle, an der in
der Entwicklung Rußlands das Christliche steht: als ein Übergang und
Vorstadium zu Neuem, Kommendem, Eigenem. Freilich auch hier wird man
scheiden müssen. Es gibt zweierlei Russentum: ein leidendes und ein
tätiges. Das erstere wird sich wohl immer mit dem Christlichen, in
seiner Form des Orthodoxen und Kirchlichen und voller Geduld und
Demut, zufrieden geben. Das andere Russentum dagegen, das
Germanisch-Sibirische, wie man es genannt hat, wird dasjenige sein,
welches die eigentlich russischen Werte schafft. Diesem zweiten
Russentum hat Dostojewski die Schatoff- und selbst Raskolnikoffnaturen
zu Helden gegeben, und im »Idioten« hat er, als seinen künftigen Träger,
gegen Lew Myschkin die heiße, wilde, bebende Kraftgestalt Rogoshins
gestellt.

Für uns ist der Träger der russischen Mystik in ihrem ganzen Umfang und
in allen ihren Möglichkeiten Dostojewski selbst. Kein großer Ethiker,
kein Philosoph, kein Religionsstifter ist aus der russischen Mystik
seither hervorgegangen. Nur einen großen Leidenden, Kampfzeugen und
Märtyrer haben wir bekommen: Dostojewski. Der Name eines Dichters deckt
seine Gestalt nicht mehr. Er ist Genie schlechtweg und gehört zu den
Mystikern, die die Gesetze der Welt fühlen und ahnungsvoll schauen,
gehört zu den Metaphysikern, die sie ergründen und begreifen, zu den
Visionären und Propheten, die aufstehen und sie uns deuten, zu den
Heilanden, die geboren werden, um uns von ihnen zu erlösen, und
schließlich zu den Fanatikern und Heroen, die für ihr Volk um sie
kämpfen.




                                Vorwort


Der »Idiot« ist als das zweite der fünf großen Roman-Epen, die
Dostojewski geschrieben hat, im Jahre 1868 vollendet worden. Das Werk
steht damit in der zeitlichen Folge in Abständen von je etwa zwei Jahren
zwischen »Rodion Raskolnikoff« und den »Dämonen«.

Zu der doppelten Schreibweise der in dem Werk vorkommenden Namen Ganjä,
beziehungsweise Ganjka und Warjä, beziehungsweise Warjka sei bemerkt,
daß die erweiterte Form Ganjka und Warjka wie Alexaschka und Ssenjka
etwas burschikos Herabsetzendes hat.

                                                              E. K. R.




                              Erster Teil


                                   I.

Es war zu Ende November, bei Tauwetter, als gegen neun Uhr morgens ein
Zug der Petersburg--Warschauer Bahn sich fauchend mit vollem Dampf
Petersburg näherte. Es war so feucht und neblig, daß es kaum erst zu
tagen schien. Aus den Kupeefenstern konnte man nur mit Mühe erkennen,
was zehn Schritt vom Bahndamm rechts und links vorüberflog. Unter den
Reisenden befanden sich auch solche, die offenbar weit herkamen, aus dem
Auslande zurückkehrten, doch am stärksten waren die Abteile der dritten
Klasse besetzt, und zwar von geringerem Volk und kleinen
Geschäftsleuten, die während der Nacht in Städten, die nicht allzufern
von Petersburg lagen, eingestiegen waren. Alle waren sie müde und
abgespannt, allen waren die Augen über Nacht schwer geworden, alle
froren, und die Gesichter waren gelblich bleich, von der Farbe des
Nebels draußen.

In einem der Waggons dritter Klasse saßen am Fenster zwei Reisende sich
gegenüber: beide junge Leute, beide fast ohne Gepäck und nicht gerade
elegant gekleidet, mit ziemlich auffallenden Gesichtern. Sie schienen
schließlich beide das Bedürfnis zu empfinden, ein Gespräch anzuknüpfen.
Wenn sie von sich gewußt hätten, wodurch sie beide gerade in diesem
Augenblick auffallend waren, so würden sie sich natürlich darüber
gewundert haben, daß der Zufall sie so sonderbar in ein und denselben
Waggon dritter Klasse der Petersburg--Warschauer Bahn einander
gegenübergesetzt hatte.

Der eine von ihnen war nicht groß von Wuchs, etwa siebenundzwanzig Jahre
alt, hatte krauses, fast schwarzes Haar und kleine graue, doch feurige
Augen. Seine Nase war breit und platt, die Kiefer und Backenknochen
stark entwickelt. Seine schmalen Lippen verzogen sich beständig zu einem
halb frechen, halb spöttischen oder sogar boshaften Lächeln. Seine Stirn
aber war hoch und wohlgeformt und verschönte die unedel entwickelte
untere Hälfte seines Gesichts. Am auffallendsten war an diesem Gesicht
die Leichenblässe, die der ganzen Physiognomie des jungen Mannes trotz
seines festen Körperbaues etwas Entkräftetes, Krankhaftes verlieh und
gleichzeitig etwas bis zur Qual Leidenschaftliches, das mit dem
unverschämten, rohen Lächeln und seinem durchdringend scharfen,
selbstzufriedenen Blick eigentlich gar nicht übereinstimmen wollte. Er
war warm gekleidet, in einen weiten tuchüberzogenen Pelz von schwarzem
Lammfell, und hatte es in der Nacht nicht kalt gehabt, während sein
Reisegefährte gezwungen war, seinen Rücken von einer feuchtkalten
russischen Novembernacht, auf die er sich offenbar nicht vorbereitet
hatte, durchfrieren zu lassen. Er saß in einem weiten ärmellosen, zwar
von dickem Stoff gefertigten, aber immerhin unwattierten Mantel mit
einer sehr großen Kapuze, wie ihn Reisende im Winter dort irgendwo fern
im Auslande, in der Schweiz oder in Oberitalien, zu tragen pflegen,
natürlich ohne dabei auch mit solchen Abstechern rechnen zu müssen, wie
von Eydtkuhnen nach Petersburg. Denn was in Italien vollkommen genügte,
erwies sich natürlich in Rußland als wenig zweckmäßig. Der Besitzer
dieses Kapuzenmantels war gleichfalls ein noch junger Mann von etwa
sechs- oder siebenundzwanzig Jahren, etwas über mittelgroß, mit
auffallend hellblondem, dichtem Haar, einem schmalen Gesicht, dessen
Wangen eingefallen waren, und einem kleinen, fast weißblonden Spitzbart.
Seine Augen waren groß und blau, und wenn er einen ansah, verwandte er
nicht den Blick. Es lag eine eigentümliche Stille, gleichzeitig aber
auch Schwere in diesem Blick: er war erfüllt von jenem eigenartigen
Ausdruck, an dem manche Leute sofort den Fallsüchtigen erkennen.
Übrigens war das Gesicht des jungen Mannes sehr angenehm,
feingeschnitten und hager, nur etwas farblos, im Augenblick sogar
ziemlich blaugefroren. An seiner Hand baumelte in einem alten
verblichenen Kattunstoff ein armseliges Reisebündel, das wahrscheinlich
seine ganze Habe enthielt. Seine Füße stecken in dicksohligen Schuhen,
über die Gamaschen geknöpft waren -- alles nicht nach russischer Art.
Der Brünette im tuchüberzogenen Pelz hatte mittlerweile im dämmernden
Morgenlicht schon alle diese Einzelheiten seines Gegenübers wahrgenommen
und kritisch betrachtet, -- zum Teil auch, weil er sonst nichts zu tun
hatte -- bis er dann schließlich mit jenem unzarten, gewissermaßen
nachlässigen Spottlächeln, in dem sich mitunter so ungeniert das eigene
Wohlbehagen beim Betrachten des Unglücks anderer ausdrückt, halb fragend
bemerkte:

»Kalt. Nicht?«

Und er bewegte dabei die Schultern, als wenn ihn fröstelte.

»Sehr sogar,« antwortete der andere mit auffallender Bereitwilligkeit,
die Unterhaltung fortzusetzen. »Und dabei ist Tauwetter. Wenn wir noch
Frost hätten! Ich dachte gar nicht, daß es bei uns so kalt sein würde.
Jetzt bin ich daran nicht mehr gewöhnt.«

»Sie kommen aus dem Auslande?«

»Ja, aus der Schweiz.«

»Teufel! Seht mal an! ...«

Er lachte kurz auf und pfiff dann vor sich hin.

Die Fortsetzung des Gesprächs machte sich ganz von selbst; denn die
Bereitwilligkeit des blonden jungen Mannes im Schweizermantel, auf alle
Fragen seines schwarzhaarigen Reisegefährten zu antworten, war wirklich
erstaunlich. Er schien auch nicht den geringsten Anstoß an der
Unbekümmertheit zu nehmen, mit der der andere manch eine müßige Frage
stellte. Unter anderem erzählte er auch, als Antwort auf eine dieser
Fragen, daß er allerdings längere Zeit nicht in Rußland gewesen sei,
mehr als vier Jahre nicht, und daß man ihn krankheitshalber -- er sprach
von einer sonderbaren Nervenkrankheit, ähnlich der Epilepsie oder dem
Veitstanz, die in Krämpfen und Zitteranfällen auftrat -- ins Ausland
gebracht habe. Der Schwarzhaarige lächelte mehrmals auffallend
spöttisch, während der andere erzählte, und er lachte laut auf, als
jener auf seine Frage, ob er denn dort auch geheilt worden sei, ganz
offen antwortete: »Nein, ich bin nicht geheilt worden.«

»Haha! Das kann ich mir denken, daß Sie Ihr Geld umsonst fortgeworfen
haben! Und wir hier sind so dumm und glauben immer noch an jene Kerls!«
bemerkte er gehässig.

»Da haben Sie ein wahres Wort gesagt!« mischte sich ein schlecht
gekleideter Herr ein, der neben ihm saß. Er mochte etwas von der Art
eines im Amtsschreibertum verknöcherten Beamten sein, vierzig Jahre
zählen, war dabei stark gebaut, hatte eine rote Nase und ein finniges
Gesicht. »Ein wahres Wort! Sie ziehen nur das ganze russische Geld zu
sich hinüber, und wir haben das Nachsehen!«

»Oh, was meinen Fall betrifft, so irren Sie sich sehr!« fiel ihm der in
der Schweiz nicht geheilte Kranke mit seiner sympathischen, versöhnenden
Stimme ins Wort. »Natürlich kann ich Ihnen nicht grundsätzlich
widersprechen; denn so genau kenne ich die Verhältnisse nicht, um
positiv etwas behaupten zu können. Mein Arzt jedoch hat mir von seinem
letzten Gelde noch die Mittel zur Reise gegeben, und außerdem hat er
mich dort fast zwei Jahre lang auf seine Rechnung unterhalten.«

»Hatten Sie denn sonst keinen, der für Sie bezahlt hätte?« fragte der
Schwarzhaarige.

»Nein. Herr Pawlischtscheff, der mich anfangs dort unterhielt, starb vor
zwei Jahren. Ich schrieb darauf hierher, an die Generalin Jepantschin,
eine entfernte Verwandte von mir, erhielt aber keine Antwort. Und so bin
ich denn hergekommen.«

»Zu wem wollen Sie denn hier?«

»Sie meinen, wo ich absteigen werde? ... Ja, das weiß ich noch nicht,
wirklich ... ich ...«

»Sie haben also noch nicht die Wahl getroffen?«

Und beide Zuhörer brachen von neuem in Lachen aus.

»Und dieses Bündel enthält natürlich Ihr ganzes Hab und Gut?« fragte der
Brünette.

»Darauf könnte ich wetten!« griff sofort mit äußerst zufriedenem
Schmunzeln der rotnasige Beamte die Bemerkung auf. »Und auch darauf, daß
keine weiteren Koffer im Gepäckwagen sind, noch, daß ihm sonst was
gehört, obgleich Armut keine Schande ist, was man wiederum nicht mit
Stillschweigen übergehen darf.«

Es stellte sich heraus, daß es sich auch tatsächlich so verhielt, wie
jener annahm: der blonde junge Mann gestand es ohne weiteres mit
auffallender Offenherzigkeit ein.

»Ihr Bündel hat aber immerhin noch eine gewisse Bedeutung,« fuhr der
Beamte fort, nachdem sie sich satt gelacht hatten. (Merkwürdigerweise
stimmte auch der Besitzer des Bündels beim Anblick der beiden Lachenden
schließlich in das Gelächter ein, was die Heiterkeit jener natürlich
noch erhöhte.) »Und wenn man auch darauf wetten könnte, daß sich in
demselben keine ausländischen Goldrollen mit Napoleondors und
Friedrichsdors oder zum mindesten mit holländischen Goldgulden befinden,
was man allein schon aus Ihren Gamaschen ersehen kann, so erhält doch
Ihr Reisebündel, wenn man zu diesem Bündel eine solche angebliche
Verwandte wie zum Beispiel die Generalin Jepantschin hinzufügt, eine
ganz andere Bedeutung. Versteht sich, nur in dem Fall, wenn die
Generalin Jepantschin auch wirklich Ihre Verwandte ist und Sie sich
nicht etwa täuschen ... aus Zerstreutheit vielleicht ... was einem
Menschen sehr wohl passieren kann, und wenn auch nur -- nun, sagen wir,
infolge übermäßig entwickelter Phantasie.«

»Oh, da haben Sie wieder die Wahrheit erraten,« versetzte schnell der
blonde junge Mann; »denn ich täusche mich ja auch in der Tat: sie ist
eigentlich so gut wie gar nicht verwandt mit mir, so daß es mich damals
auch durchaus nicht wunderte, von ihr keine Antwort zu erhalten. Ich
hatte sie im Grunde nicht einmal erwartet.«

»Da haben Sie nur das Geld für das Briefporto fortgeworfen. Hm! ... Sie
sind wenigstens gutmütig und aufrichtig, das ist lobenswert! Hm! Den
General Jepantschin kennen wir, vornehmlich, weil er allbekannt ist.
Aber auch den seligen Herrn Pawlischtscheff, der für Sie in der Schweiz
bezahlt hat, haben wir einstmals gekannt, wenn es nur Nikolai
Andrejewitsch Pawlischtscheff war; denn es gab ihrer zwei Vettern. Der
eine lebt heute noch in der Krim. Nikolai Andrejewitsch aber, der
Verstorbene, war ein angesehener Mann, der gute Verbindungen hatte und
seinerzeit viertausend Leibeigene besaß, jawohl ...«

»Ganz recht, er hieß Nikolai Andrejewitsch Pawlischtscheff.«

Der junge Mann blickte, nachdem er geantwortet hatte, unbeweglich und
forschend den allwissenden Herrn an.

Solche Leute, die alle Welt kennen und alles wissen, findet man
zuweilen, oder vielmehr sehr oft sogar, in einer ganz bestimmten
Gesellschaftsschicht. Sie wissen buchstäblich alles, der ganze unruhige
Forschertrieb ihres Geistes ist unablenkbar nach dieser einen Seite
gerichtet, selbstverständlich »in Ermangelung ernsterer
Lebensinteressen«, wie sich ein zeitgenössischer Denker ausdrücken
würde. Übrigens beschränkt sich diese Allwissenheit nur auf ein ziemlich
eng begrenztes Gebiet: welche Anstellung der und der hat, mit wem er
bekannt, wie groß sein Vermögen, wo er Gouverneur gewesen, mit wem er
verheiratet ist, wieviel er blank und bar mitgeheiratet hat, wer seine
Verwandten, Tanten, Nichten, Neffen und Vettern im zweiten und im
dritten Grade sind usw., in dieser Art. Größtenteils gehen diese Leute
mit zerrissenen Ellenbogen umher und beziehen ein Monatsgehalt von etwa
siebzehn Rubeln. Die Betreffenden, von denen sie alle diese Einzelheiten
wissen, könnten es sich natürlich gar nicht erklären, aus welchen
Gründen sie sich für diese Dinge interessieren; indes kann ich
versichern, daß viele von ihnen mit diesen Kenntnissen, die einer ganzen
Wissenschaft gleichkommen, sich vollkommen zufrieden geben, in ihrer
Selbstachtung bedeutend steigen und mit der Zeit sogar eine höhere
geistige Genugtuung darin finden. Und sie ist ja auch wirklich
verführerisch, diese Wissenschaft! Ich habe Gelehrte, Literaten, Dichter
und Staatsmänner gekannt, die in dieser Wissenschaft ihre höchste
Befriedigung und ihren höchsten Lebenszweck fanden und einzig durch sie
Karriere machten.

Während dieser ganzen Unterhaltung der beiden hatte der brünette junge
Mann gegähnt, ziellos zum Fenster hinausgeschaut und voll Ungeduld das
Ende der Reise herbeigesehnt. Er war sichtlich zerstreut -- geradezu
seltsam zerstreut, fast aufgeregt. Sein ganzes Gebaren war etwas
sonderbar: er hörte zu und hörte doch nicht zu, sah und sah doch nicht,
und seinem Lachen hörte man es an, daß er selbst nicht wußte, worüber er
lachte.

»Aber erlauben Sie, mit wem habe ich die Ehre,« wandte sich plötzlich
der Herr mit dem finnigen Gesicht an den blonden jungen Mann mit dem
Bündel.

»Fürst Lew Nikolajewitsch Myschkin,« stellte sich jener sofort mit
voller Bereitwilligkeit vor.

»Fürst Myschkin? Lew Nikolajewitsch? Kenn' ich nicht. Nicht mal gehört,«
meinte der Beamte nachdenklich. »Das heißt, ich rede nicht vom Namen, --
der Name ist historisch, in Karamsins Russischer Geschichte kann und muß
man ihn finden. Ich rede vielmehr von Ihrer Person, und dann -- man hat
lange nichts mehr von irgendwelchen Fürsten dieses Namens gehört ... und
es ist einem auch keiner mehr zu Gesicht gekommen ...«

»Oh, wie sollten sie auch!« äußerte sich der Fürst zu dieser Frage.
»Außer mir gibt es jetzt überhaupt keine Fürsten Myschkin mehr; ich bin,
glaube ich, der letzte. Und was meinen Vater und Großvater anbetrifft,
so haben sie ganz zurückgezogen auf ihrem einzigen Gut gelebt. Mein
Vater war übrigens Page und hat es in der Armee bloß bis zum
Sekondeleutnant gebracht. Nur weiß ich nicht, wie die Generalin
Jepantschin von den Fürsten Myschkin abstammt; jedenfalls ist auch sie
die Letzte ihres Geschlechts ...«

»Hahaha! Die Letzte ihres Geschlechts! Haha! Nicht schlecht gesagt,«
lachte der Beamte.

Auch der Brünette lachte. Der Blonde aber wunderte sich, daß es ihm
gelungen war, einen -- übrigens recht schwachen -- Witz zu machen.

»Ach so ... Ich habe es ganz gedankenlos gesagt,« erklärte er
schließlich noch immer etwas verwundert.

»I, versteht sich, versteht sich!« beruhigte ihn der Beamte oder
richtiger der Herr mit der Physiognomie eines Beamten.

»Sagen Sie, Fürst, haben Sie dort auch Wissenschaften getrieben, dort
bei Ihrem Professor?« erkundigte sich plötzlich der Brünette.

»Ja ... ich habe manches gelernt ...«

»Ich habe nie was gelernt.«

»Auch ich habe ja nur so einiges ...« fügte der Fürst fast
entschuldigend hinzu. »Infolge meiner Krankheit war es unmöglich, mich
systematisch zu unterrichten.«

»Kennen Sie die Rogoshins?« fragte plötzlich der Brünette.

»Nein, ich kenne sie nicht; die sind mir ganz unbekannt. Ich kenne ja
nur sehr wenige Menschen in Rußland. So sind Sie ein Rogoshin?«

»Ja, ich bin ein Rogoshin. Parfen ...«

»Parfen?« Der Beamte stutzte. »Aber doch nicht etwa von jenen selben
Rogoshins ...« begann er langsam.

»Na ja, gewiß von jenen selben, jenen selben,« unterbrach ihn mit
unhöflicher Gereiztheit der Brünette, der sich, nebenbei bemerkt, kein
einziges Mal an den finnigen Beamten wandte, sondern von Anfang an nur
zum Fürsten sprach.

»Ja ... wie denn das?« wunderte sich der Beamte, dessen ganzes Gesicht
sich sofort zu einem andächtigen und unterwürfigen, ja sogar aufrichtig
erschrockenen Ausdruck zu verziehen begann. »Doch nicht etwa der Sohn
desselben Ssemjon Parfenowitsch Rogoshin, des erblichen Ehrenbürgers,
der vor einem Monat gestorben ist und ein Kapital von zwei Millionen
fünfmalhunderttausend Rubeln hinterlassen hat?«

»So, woher weißt du denn, daß er ein Kapital von zwei Millionen
fünfmalhunderttausend Rubeln hinterlassen hat?« unterbrach ihn der
Brünette, auch diesmal ohne ihn eines Blickes zu würdigen. »Da sieh
einer den Kerl!« fuhr er mit einem Kopfnicken nach dessen Seite fort,
sich an den Fürsten wendend, »was sie nur davon haben mögen, daß sie
sich einem sofort wie die Schwänze anhängen? Aber das stimmt, daß mein
Vater gestorben ist und ich erst nach einem Monat aus Pskow beinah ohne
Stiebel nach Hause fahre. Weder mein Bruder, der Schuft, noch meine
Mutter, weder Geld noch Nachricht -- nichts haben sie mir geschickt! Wie
einen Hund haben sie mich behandelt! Hab' dort in Pskow den ganzen Monat
im Fieber gelegen.«

»Und jetzt heißt es, ein Milliönchen auf einen Ruck in Empfang zu
nehmen! -- zum allermindesten! Du lieber Gott!« Der Beamte hob ganz
überwältigt die Hände empor.

»Sagen Sie doch, bitte, was geht das _ihn_ an?« fragte Rogoshin
ärgerlich mit demselben kurzen Kopfnicken nach dessen Seite hin. »Ich
werde dir ja doch keine Kopeke davon geben, und wenn du auch mit den
Beinen in der Luft auf den Händen vor mir gehen und bitten solltest.«

»Und ich werde, und ich werde gehen!«

»Da sieh einer! Aber ich werde dir ja doch nichts geben, werde dir keine
Kopeke geben, tanze meinetwegen eine ganze Woche auf den Händen vor mir
herum!«

»Und gib auch nicht! Geschieht mir recht: gib nicht! Ich aber werde
tanzen. Werde mein Weib und meine kleinen Kinderchen verlassen und vor
dir tanzen! -- jawohl! -- und vor dir tanzen!«

»Pfui Teufel!« Der Brünette spie aus. »Vor fünf Wochen fuhr ich ganz wie
Sie da,« wandte er sich an den Fürsten, »nur mit einem Bündel nach
Pskow, um mich vor meinem Vater in Sicherheit zu bringen. Fuhr zur
Tante. Dort warf mich das Fieber nieder. Er aber starb in meiner
Abwesenheit. Am Schlage. Ewiges Angedenken dem Seligen, nur hätte er
mich damals sicherlich totgeschlagen. Werden Sie es mir glauben, Fürst:
bei Gott! -- wär' ich nicht geflohen, er hätte mich ohne weiteres
erschlagen.«

»Sie haben ihn wohl irgendwie geärgert?« fragte der Fürst, der mit
eigentümlichem Interesse den Millionär im Schafpelz betrachtete.

Aber wenn auch eine Million und deren Erbschaft immer beachtenswert zu
sein pflegen, so war es doch etwas ganz anderes, das den Fürsten
wunderte und interessierte. Auch Rogoshin selbst hatte aus irgendeinem
Grunde ersichtlich gern mit dem Fürsten das Gespräch angeknüpft, obschon
er eine Unterhaltung offenbar mehr mechanisch als aus innerem Bedürfnis
suchte -- gewissermaßen mehr aus Zerstreutheit als aus Offenherzigkeit,
mehr infolge seiner Erregung und Aufregung ... vielleicht nur, um die
Zunge bewegen zu können. Auch schienen seine Reden noch halbe
Fieberphantasien zu sein, wenigstens sah man ihm an, daß er innerlich
noch immer fieberte. Der Beamte aber wandte keinen Blick von ihm und
wagte kaum, zu atmen. Er hing förmlich an seinen Lippen, von denen er
jedes Wort gierig auffing und dann wägte, ganz als hätte er einen
kostbaren Edelstein gesucht.

»Ja, geärgert -- das hat er sich schon ... und es war vielleicht auch
der Mühe wert,« brummte Rogoshin. »Mich aber hat am meisten mein Bruder
geärgert. Von meiner Mutter red' ich nicht, ist eine alte Frau, liest
die Heiligenlegenden, sitzt mit alten Weibern zusammen, und wie's mein
Bruder Ssenjka[1] bestimmt, so muß alles geschehen. Warum aber hat er
mich nicht zur rechten Zeit benachrichtigt? Na, wir verstehen schon! Es
ist ja wahr, ich lag bewußtlos im Fieber, und ein Telegramm haben sie ja
wohl auch abgesandt. Aber meine Tante ist grad die Richtige für
Telegramme! Sie verbringt schon seit dreißig Jahren ihre Witwenschaft
mit Trübsinnspinnen und hockt vom Morgen bis zum Abend mit
Kirchenbettlern und Stadtverrückten zusammen. Nonne ist sie grad nicht,
jedenfalls aber so was von der Art, nur noch schlimmer. Das Telegramm
erschreckte sie natürlich fürchterlich, und da lief sie mit ihm, ohne es
zu entsiegeln, geradeswegs aufs Polizeibureau, wo es heute noch liegt.
Nur Konjeff, Wassilij Wassiljitsch, rettete mich: schrieb mir alles ganz
genau. Von der Sargdecke des Vaters hat mein Bruder nachts heimlich die
echt goldenen Quasten abgeschnitten -- >sie kosteten doch ein
HeidengeldSieh
dort, das ist jene Nastassja Filippowna< -- das ist alles, was sie sagen
können; in betreff des Weiteren aber n--nichts! Denn es ist ja auch
nichts zu sagen.«

»Das stimmt alles ganz genau,« bestätigte Rogoshin düster und
stirnrunzelnd. »Das hat mir auch Saljosheff gesagt ... Ich lief damals,«
fuhr er, zum Fürsten gewandt, fort, »in einem Pelzüberrock meines
Vaters, den dieser schon vor drei Jahren abgelegt hatte, über den
Newskij, da tritt sie aus einem teuren Laden und setzt sich in ihre
Equipage. Ich war auf der Stelle wie -- wie in Feuer getaucht. Darauf
begegne ich Saljosheff -- der paßt nicht zu mir, kleidet sich wie ein
Friseurgehilfe, Pincenez auf der Nase, wir aber durften beim Seligen nur
Schmierstiefel tragen und aßen nichts als Fastenkohl. >Nichts für dich,<
sagt er, >die ist so gut wie eine Fürstin, Nastassja Filippowna heißt
sie. Sie lebt mit einem gewissen Tozkij, der nicht weiß, wie er sie
loswerden soll; denn da er jetzt reif zum Heiraten ist -- fünfundfünfzig
geworden -- so will er eine der ersten Schönheiten Petersburgs
ehelichen.< Gleichzeitig teilte er mir mit, daß ich sie noch am selben
Abend in der Großen Oper sehen könne, sie würde in ihrer Parterreloge
sitzen. Bei uns aber, zu Lebzeiten des Seligen, sollte jemand versuchen,
ins Theater oder gar ins Ballett zu gehen! Kurzen Prozeß hätte er
gemacht: einfach erschlagen. Ich aber machte mich dennoch einmal auf,
ganz heimlich auf und davon -- und es gelang mir auch wirklich,
Nastassja Filippowna zu sehen. Die ganze Nacht schlief ich nicht. Am
nächsten Morgen gibt mir der Selige zwei fünfprozentige Papiere, zu
fünftausend Rubel jedes. >Geh,< sagte er, >verkauf sie:
siebentausendfünfhundert bring zu Andrejeffs ins Kontor, bezahle dort,
und den Rest von den zehntausend bring mir, ohne dich irgendwo
aufzuhalten, unverzüglich zurück. Werde dich hier erwarten.< Die Papiere
verkaufte ich, nahm das Geld, zu Andrejeffs aber ins Kontor ging ich
nicht, sondern begab mich schnurstracks zum englischen Juwelier und
kaufte dort fürs ganze Geld ein Paar Ohrringe, in jedem ein Brillant so
ungefähr von der Größe einer Haselnuß, blieb noch vierhundert Rubel
schuldig -- nannte meinen Namen, da trauten sie mir. Mit den Ohrringen
ging ich zu Saljosheff: soundso, gehen wir, Freund, zu Nastassja
Filippowna. Wir gingen. Was damals unter meinen Füßen war, was vor mir,
was neben mir -- davon weiß ich nichts mehr, keine Ahnung. Wir traten
ohne weiteres in ihren Salon ein, und sie erschien selbst. Ich, das
heißt ... ich sagte damals nicht, wie ich heiße, sondern einfach: >von
Parfen Rogoshin,< sagte Saljosheff, >zum Andenken an die gestrige
Begegnung, wenn Sie es empfangen wollten.< Sie öffnete, sah den Schmuck,
lächelte. >Überbringen Sie,< sagte sie, >Ihrem Freunde, Herrn Rogoshin,
meinen Dank für seine liebenswürdige Aufmerksamkeit.< Nickte und ging.
Warum ich damals nicht auf der Stelle starb, begreife ich nicht! Aber
wenn ich auch fortging, so tat ich's doch nur, weil ich dachte: >Nun,
gleichviel, lebendig kehrst du doch nicht zurück!< Am kränkendsten aber
schien mir, daß diese Bestie Saljosheff alles gewissermaßen von sich aus
gemacht hatte. Ich bin nicht groß von Wuchs, und gekleidet war ich wie
'n Knecht. Ich stehe, schweige, starre sie nur an -- denn ich schämte
mich doch --, er aber ist nach neuester Mode gekleidet, ist pomadisiert
und frisiert, rotwangig, mit 'ner karierten Krawatte -- zerfließt nur
so, Kratzfuß hier und Bückling dort. Sicher hat sie ihn für den Parfen
Rogoshin gehalten, während ich wie 'n Esel dabeistehe! >Nun,< sagte ich,
als wir hinaustraten, >daß du mir jetzt nicht hier irgend etwas auch nur
zu denken wagst, verstanden!< Er lachte. >Wie aber wirst du denn jetzt
Ssemjon Parfenowitsch< -- also meinem Vater -- >Rechenschaft ablegen?<
Ich muß gestehen, daß ich damals einfach ins Wasser wollte, ohne nach
Hause zurückzukehren, dachte aber: >Jetzt ist doch alles gleich,< und
ging wie ein Verfluchter heim.«

Der Beamte stöhnte überwältigt »Ach!« und »Oh!«, verrenkte sein Gesicht
und schüttelte sich, als wenn ihn Frostschauer durchrieselten. »Und
dabei müssen Sie bedenken, daß der Selige imstande war, einen -- von
zehntausend ganz zu schweigen -- schon wegen gewöhnlicher zehn Rubel ins
Jenseits zu befördern!« teilte er dem Fürsten wichtig mit mehrfachem
Kopfnicken mit.

Interessiert betrachtete der Fürst Rogoshin, der in diesem Augenblick
noch bleicher erschien.

»Ins Jenseits zu befördern!« äffte ihn Rogoshin ärgerlich nach. »Was
weißt du denn davon? ... Im Augenblick hatte er alles erfahren,«
erzählte er dann dem Fürsten weiter; »denn Saljosheff hatte natürlich
nichts Besseres zu tun, als die ganze Geschichte jedem ersten besten auf
die Nase zu binden. Mein Vater führte mich ins Obergeschoß und schloß
mich dort in einem Zimmer ein, in dem er mich dann eine Stunde lang
belehrte. >Jetzt bereite ich dich nur vor,< sagte er, >am Abend aber
werde ich wiederkommen und in noch ganz anderer Weise mit dir reden.<
Was glauben Sie wohl? -- Der Alte fährt zu Nastassja Filippowna,
verneigt sich vor ihr bis zur Erde, fleht und weint, bis sie ihm den
Schmuck bringt und hinwirft: >Da hast du deine Ohrringe, Alter,< sagt
sie, >sie sind mir jetzt zehnmal teurer, wenn er sie mit solchen
Gefahren erstanden hat. Grüß mir,< sagt sie, >grüß mir Parfen
Ssemjonytsch und sag' ihm meinen Dank.< Nun, ich aber hatte inzwischen
mit meiner Mutter Segen von Sserjosha Protuschin zwanzig Rubel geborgt
und begab mich sofort per Bahn nach Pskow, kam aber schon im Fieber dort
an. Die alten Weiber begannen mich mit dem Vorlesen ihrer
Heiligengeschichten zu langweilen, während ich halb betrunken dasaß. So
ging ich denn und suchte für mein Letztes die Schenken heim und lag dann
bewußtlos die ganze Nacht auf der Straße. Da hatte ich mich bis zum
Morgen gründlich erkältet. Ein Wunder, daß ich überhaupt noch zu mir
kam.«

»Na! Na! Jetzt wird Nastassja Filippowna ein anderes Liedchen singen!«
kicherte händereibend der Beamte. »Was Ohrringe! Jetzt werden wir sie
für deine Ohrringe schon entschädigen ...«

»Hör', wenn du auch nur ein einziges Mal, gleichviel mit welchem Wort,
Nastassja Filippowna erwähnst, so werde ich dich, bei Gott, einfach zu
Brei schlagen, und wenn du auch hundertmal mit Lichatschewitsch juchheit
hast!« rief knirschend Rogoshin, der plötzlich mit eisernem Griff des
anderen Handgelenk gepackt hatte.

»Nur zu! Schlägst du mich, so wirst du mich nicht fortjagen. Schlag nur.
Gerade damit erwirbst du dir meine Freundschaft. Hast du mich erst
einmal durchgehauen, so hast du mich damit auch erworben ... Ah, da sind
wir ja schon angekommen!«

Der Zug fuhr gerade in diesem Augenblick in den Bahnhof ein. Obgleich
Rogoshin sich nach seinen Worten ganz heimlich aufgemacht hatte, wurde
er doch von einer ganzen Schar Bekannter erwartet. Sobald sie ihn
erblickt hatten, schrien sie ihm zu und schwenkten die Mützen.

»Sieh mal, auch Saljosheff ist hier!« brummte Rogoshin, indem er sie mit
triumphierendem und gleichwohl boshaftem Lächeln musterte, und plötzlich
wandte er sich an den Fürsten. »Ich weiß nicht, weshalb ich dich
liebgewonnen hab', Fürst. Vielleicht, weil ich dich in einer solchen
Stunde kennen gelernt habe, -- aber ich habe ja auch diesen da kennen
gelernt« (er wies auf Lebedeff), »ohne ihn dabei liebzugewinnen. Komm zu
mir, Fürst. Diese Stiebletten wollen wir dir schon abziehen, werde dir
einen Marderpelz kaufen, den schönsten, den es nur gibt, werde dir einen
Frack machen lassen vom teuersten Stoff, dazu eine weiße Weste oder was
du sonst willst, die Taschen stopfe ich dir voll mit Geld und -- fahren
wir dann zu Nastassja Filippowna! Kommst du?«

»So hören Sie doch, Fürst Lew Nikolajewitsch!« mischte sich Lebedeff
eifrig dazwischen. »Greifen Sie zu, oh, greifen Sie zu! ...«

Fürst Myschkin erhob sich, bot Rogoshin höflich die Hand und sagte
herzlich:

»Ich werde mit dem größten Vergnügen zu Ihnen kommen, und ich danke
Ihnen dafür, daß Sie mich liebgewonnen haben. Vielleicht werde ich sogar
heute schon kommen, wenn ich Zeit finde. Denn, ich sage es Ihnen
aufrichtig, auch Sie haben mir sehr gefallen -- namentlich, als Sie das
von den Ohrringen erzählten. Ja sogar vor den Ohrringen gefielen Sie mir
bereits, obschon Sie ein düsteres Gesicht haben. Auch danke ich Ihnen
für die Kleider und den Pelz, die Sie mir schenken wollen, ich werde
bald beides nötig haben. Geld jedoch habe ich im gegenwärtigen
Augenblick fast keine Kopeke mehr, doch ...«

»Oh, Geld wirst du von mir bekommen, soviel du nur willst, zum Abend
wird es schon da sein, komme nur zu mir!«

»Oh, Geld wird schon da sein,« griff der Beamte sofort auf, »zum Abend,
noch vor dem Abend wird es da sein!«

»Aber wie steht's mit den Frauen, Fürst? Sind Sie ein großer Liebhaber
des weiblichen Geschlechts? -- das müssen Sie mir im voraus sagen.«

»Ich? N--n--nein. Ich bin ja ... Sie wissen vielleicht nicht, daß ich
... daß ich infolge meiner Krankheit die Frauen überhaupt noch nicht
kenne.«

»Nun, wenn's so ist ...« rief Rogoshin aus, »dann bist du ja, Fürst, ein
ganz armer Heiliger! Solche, wie du, hat Gott lieb.«

»Gewiß! Gerade solche hat Gott der Herr lieb!« echote der Beamte.

»Und du, Schmarotzer, schieb mir mal nach!« wandte sich Rogoshin an
Lebedeff.

Sie verließen alle drei das Kupee.

Lebedeff hatte nun doch erreicht, was er wollte. Die lärmende Schar
entfernte sich bald in der Richtung nach dem Wosnessenskij Prospekt. Der
Fürst dagegen mußte den Weg zur Liteinaja einschlagen. Der Morgen war
feucht und naßkalt. Fürst Myschkin erkundigte sich bei Vorübergehenden
nach den Entfernungen: bis zu seinem Ziel waren noch etwa drei Werst,
und so entschloß er sich, eine Droschke zu nehmen.


                                  II.

General Jepantschin wohnte in seinem eigenen Hause, etwas abseits von
der Liteinaja, in der Richtung zur Heiligen Verklärungskirche. Außer
diesem äußerst stattlichen Hause, von dem fünf Sechstel vermietet waren,
besaß der General noch ein riesiges Haus an der Ssadowaja, das ihm
gleichfalls sehr viel eintrug. Ferner besaß er in der nächsten Nähe
Petersburgs ein überaus rentables und durchaus nicht so kleines Gut und
dann noch, gleichfalls im Petersburger Kreise, irgendeine Fabrik. In
früheren Zeiten hatte sich der General, wie alle Welt wußte, an der
Branntweinpacht beteiligt, jetzt jedoch war er Mitglied einiger solider
Aktiengesellschaften, bei denen er eine einflußreiche Stimme im
Aufsichtsrat besaß. Jedenfalls galt er als schwerreicher Mann mit
Unternehmungsgeist und guten Verbindungen. An manchen Stellen, unter
anderem auch in seinem Dienst, hatte er sich fast unentbehrlich zu
machen gewußt. Indes wußte alle Welt, daß Iwan Fedorowitsch Jepantschin
ein Mann ohne besondere Bildung war und aus einer Soldatenfamilie
stammte. Letzteres konnte ihm zweifellos nur zur Ehre gereichen. Doch
hatte der General, obgleich sonst gerade kein Dummer, auch seine
kleinen, sehr verzeihlichen Schwächen, denen es zuzuschreiben war, daß
er gewisse Anspielungen auf seine Herkunft nichts weniger als gern
hörte. Im übrigen war er ein kluger und gewandter Mensch, der wußte, was
sich gehörte, und der seine Prinzipien hatte. So zum Beispiel hatte er
es sich zum Grundsatz gemacht, sich nie dort vorzudrängen, wo
zurückzustehen ratsamer war. Im allgemeinen wurde er wegen seiner
einfachen Natürlichkeit geschätzt, weil er sich nichts anmaßte, was ihm
nicht zukam, und weil er immer seinen Platz kannte. Währenddessen aber
-- oh, wenn diese Leute nur geahnt hätten, was bisweilen in der Seele
Iwan Fedorowitschs, der so gut seinen Platz kannte, vor sich ging! Doch
wieviel Lebenserfahrung er auch besaß -- und sogar einige recht
bemerkenswerte Fähigkeiten ließen sich ihm nicht absprechen --: er zog
es im allgemeinen durchaus vor, sich mehr als Vollstrecker fremder
Ideen, denn als ein aus eigener Initiative Handelnder hinzustellen. Er
war dabei aufrichtig, schmeichelte den Menschen nicht und -- was erlebt
man nicht alles in unserem Jahrhundert! -- gab sich sogar als ganzer,
echter, herzlicher Russe. In letzterer Beziehung sollen ihm sogar ein
paar amüsante Geschichtchen passiert sein, doch der General verzagte
nie, selbst angesichts der amüsantesten Geschichtchen nicht. Zudem hatte
er Glück, selbst im Kartenspiel. Ja, er spielte sogar sehr hoch und
bemühte sich nicht nur keineswegs, diese seine scheinbare kleine
Schwäche -- die ihm mitunter nicht wenig eintrug -- zu verbergen,
sondern kehrte sie noch absichtlich hervor. Sein Bekanntenkreis war ein
etwas gemischter, doch -- versteht sich -- gehörten zu ihm immerhin nur
reiche Leute. Aber es lag ja selbst alles noch vor ihm, jedes Ding hat
seine Zeit, und so mußte einmal doch alles an die Reihe kommen. Auch was
das Alter anbelangt, war der General sozusagen noch in den besten
Jahren, nämlich genau sechsundfünfzig Jahre alt, nicht weniger und
beileibe nicht mehr, was ja doch unter solchen Verhältnissen ein
blühendes Alter zu nennen ist, ein Alter, in dem das wirkliche Leben so
recht eigentlich erst beginnt. Gesundheit, frische Gesichtsfarbe, gute,
wenn auch schon etwas schwarz angelaufene Zähne, eine breitschultrige,
feste Gestalt, morgens im Dienst der ebenso besorgte und strenge, wie
abends am Kartentisch Seiner Durchlaucht heitere Gesichtsausdruck --
alles das trug zu den schon erreichten und noch bevorstehenden Erfolgen
des Generals in nicht geringem Maße bei und streute auf den Lebenspfad
Seiner Exzellenz duftende Rosen.

Der General besaß aber auch eine entsprechend blühende Familie. Freilich
waren die Rosen, die ihm hier erblühten, nicht immer ganz ohne Dornen,
doch dafür gab es wieder manches andere, auf Grund dessen sich die
größten und liebsten Hoffnungen Seiner Exzellenz gerade auf seinen
Nachwuchs konzentrierten. Welche Hoffnungen und Pläne könnten auch
wichtiger und heiliger sein, als diejenigen liebender Eltern? An was
soll man sich schließlich anklammern, wenn nicht an die Familie? Die
Familie des Generals bestand aus seiner Gattin und drei erwachsenen
Töchtern. Geheiratet hatte er schon vor sehr langer Zeit, als er noch
Leutnant war; seine Braut war fast in gleichem Alter mit ihm, zeichnete
sich weder durch besondere Schönheit noch durch Bildung aus, und als
Mitgift bekam sie auch nur fünfzig Seelen -- die allerdings zur
Grundlage seines späteren Reichtums wurden. Der General jedoch äußerte
in der Folge nie etwas, woraus man hätte schließen können, daß er seine
frühe Heirat bereue. Er behandelte sie nie als übereilte Handlung der
unüberlegten Jugend. Und seine Gemahlin achtete er so hoch und fürchtete
sie bisweilen so sehr, daß man sogar sagen mußte: er liebte sie. Sie
nun, die Generalin Jepantschin, stammte aus dem Hause der Fürsten
Myschkin, einem nicht gerade sehr glänzenden, doch dafür sehr alten
Geschlecht, und tat sich auf diese ihre Abkunft nicht wenig zugute. Eine
zu jener Zeit einflußreiche Persönlichkeit (einer jener Protektoren,
denen das Protegieren kein Geld kostet) hatte sich bereitgefunden, der
jungen Fürstin einen Gatten zu verschaffen. Er öffnete dem jungen
Offizier das Pförtchen zur Karriere und gab ihm den ersten Stoß, der ihn
auf dieser Bahn in Gang brachte. Der junge Mann aber bedurfte nicht
einmal einer so großen Hilfeleistung, es genügte ihm zunächst, wenn er
nur mit einem Blick bemerkt und nicht ganz übersehen wurde. Die
Ehegatten lebten, abgesehen von einzelnen wenigen Ausnahmen, bis zu
ihrer Silberhochzeit in bester Eintracht. Bereits in jungen Jahren hatte
die Generalin es verstanden -- dank ihrer fürstlichen Abstammung und als
Letzte ihres Stammes, vielleicht aber auch dank persönlicher Vorzüge --
einzelne hochgestellte Gönnerinnen zu finden, und mit der Zeit war sie,
dank ihrem Reichtum und der dienstlichen Stellung ihres Gemahls, im
Kreise dieser hochgestellten Personen sogar ein wenig heimisch geworden.

In den letzten Jahren waren die drei Töchter des Generals, Alexandra,
Adelaida und Aglaja, herangewachsen und lieblich erblüht. Freilich
hießen sie alle drei nur Jepantschin, doch waren sie mütterlicherseits
immerhin fürstlicher Abstammung, hatten keine geringe Mitgift zu
erwarten und besaßen einen Vater, der für die Zukunft noch Aussicht auf
einen vielleicht sogar sehr hohen Posten hatte. Außerdem waren sie alle
drei -- was gleichfalls von nicht geringer Bedeutung ist -- auffallend
schöne Mädchen, selbst die Älteste, Alexandra, die bereits das
fünfundzwanzigste Jahr überschritten hatte, nicht ausgenommen. Die
zweite war dreiundzwanzig Jahre alt und die Jüngste, Aglaja, kaum
zwanzig. Diese Jüngste war sogar eine ausgesprochene Schönheit und
lenkte denn auch in der Gesellschaft die allgemeine Aufmerksamkeit auf
sich. Aber das war noch längst nicht alles Gute, was sich von ihnen
sagen ließ: alle drei zeichneten sich nämlich auch durch Bildung,
Verstand und Talente aus. Auch wußte man zu erzählen, daß sie einander
sehr zugetan seien und in gutem Einvernehmen zusammenhielten. Ja, man
sprach sogar von gewissen Opfern, die die beiden älteren Schwestern der
Jüngsten, dem Abgott der ganzen Familie, zu bringen beabsichtigten. In
der Gesellschaft drängten sie sich nicht vor, sondern zogen sich
vielleicht sogar allzusehr zurück. Niemand konnte ihnen Hochmut oder
Eigendünkel vorwerfen, obschon ein jeder wußte, daß sie stolz waren und
ihren eigenen Wert kannten. Die Älteste war musikalisch, die Mittlere
besaß ein auffallendes Zeichentalent, doch davon hatte viele Jahre kein
Mensch etwas geahnt: erst in der letzten Zeit hatte man es plötzlich
entdeckt, und auch da nur ganz zufällig. Mit einem Wort, es wurde sehr
viel Lobenswertes von ihnen erzählt. Nichtsdestoweniger gab es auch
solche, die ihnen nicht gerade wohlwollten. So sprach man z. B. mit
wahrem Entsetzen davon, wieviel Bücher sie schon gelesen hätten. Mit dem
Heiraten hatten sie es nicht eilig. Vornehme Gesellschaft zogen sie
natürlich vor, doch machten sie sich schließlich auch nicht viel aus
ihr, was um so bemerkenswerter war, als jedermann den Charakter, die
Wünsche und Hoffnungen ihres Vaters kannte.

Es war bereits elf Uhr, als der Fürst an der Wohnung des Generals die
Klingel zog. Jepantschins wohnten im zweiten Stock, zwar möglichst wenig
protzig, doch ihrer gesellschaftlichen Stellung durchaus entsprechend.
Der Fürst, dem ein Diener in voller Livree öffnete, mußte ziemlich lange
mit diesem Menschen reden, der ihn und sein Bündel zuerst recht kritisch
musterte. Erst nach wiederholter und bestimmter Versicherung, daß der
Besucher tatsächlich Fürst Myschkin sei und den General in einer
wichtigen Angelegenheit zu sprechen wünsche, führte ihn der ungläubige
Bediente in ein kleines Vorzimmer vor dem Empfangskabinett Seiner
Exzellenz und übergab ihn dort gewissermaßen der Obhut eines anderen
Dieners, der des Morgens in diesem Zimmer Dienst hatte und die zum
Besuch erscheinenden Herren anmelden mußte. Dieser zweite Diener trug
einen schwarzen Frack, mochte etwa vierzig Jahre zählen, zeigte eine
sorgenvolle Miene und besaß als spezieller Anmeldediener des Generals
Jepantschin ganz zweifellos höheren Wert.

»Warten Sie gefälligst im Empfangszimmer, das Bündel lassen Sie aber
hier,« sagte er jetzt, ohne sich zu beeilen, setzte sich darauf wichtig
auf seinen Stuhl und betrachtete mit strenger Verwunderung den Fürsten,
der, als wäre es ganz selbstverständlich, neben ihm auf einem anderen
Stuhl Platz genommen hatte, während er das Bündel immer noch in der Hand
trug.

»Wenn Sie erlauben,« sagte der Fürst, »werde ich lieber hier bei Ihnen
warten, was soll ich dort allein sitzen?«

»Im Vorzimmer ist nicht der richtige Platz für Sie; denn Sie sind ein
Besucher, also sozusagen ein Gast. Wollen Sie den General selbst
sprechen?«

Der Diener konnte sich offenbar nicht so schnell an den Gedanken, diesen
Menschen anmelden zu müssen, gewöhnen und entschloß sich daher,
vorsichtshalber nochmals zu fragen.

»Ja, ich habe die Absicht ...« sagte der Fürst.

»Ich frage Sie nicht nach Ihren Absichten, -- ich habe Sie nur
anzumelden. Aber ohne den Sekretär werde ich Sie doch nicht anmelden
können.«

Das Mißtrauen dieses Menschen schien noch zu wachsen: der Fürst glich
aber auch gar zu wenig den täglichen Besuchern, und wenn der General
auch recht oft zu einer festgesetzten Stunde sogar sehr
verschiedenartige Leute empfing -- vornehmlich in geschäftlichen
Angelegenheiten --, so war der Kammerdiener trotz aller Anweisungen
diesmal doch sehr im Zweifel darüber, was er tun sollte. Jedenfalls
erschien ihm die Mittlerschaft des Sekretärs mit jeder Minute
notwendiger.

»Ja, aber sind Sie auch wirklich ... aus dem Auslande gekommen?« fragte
er schließlich ganz unwillkürlich und verstummte sogleich etwas
betreten.

Er hatte wahrscheinlich fragen wollen: >Sind Sie auch wirklich Fürst
Myschkin?<

»Ja, ich komme direkt von der Bahn. Ich glaube jedoch, daß Sie mich
fragen wollten, ob ich auch wirklich Fürst Myschkin bin -- sprachen das
aber aus Höflichkeit nicht aus.«

»Hm!« brummte der verwunderte Lakai.

»Nun, ich versichere Sie, daß ich Ihnen nichts vorgelogen habe. Übrigens
werden Sie für mich nicht einzustehen brauchen. Und daß ich in diesem
Aufzuge und mit diesem Reisebündel erscheine, ist weiter nicht
verwunderlich, da meine Verhältnisse im Augenblick nicht glänzend sind.«

»Hm! Sehen Sie, das ist es eigentlich nicht, was ich befürchte. Sie
anzumelden, bin ich verpflichtet, und der Sekretär wird Sie empfangen,
außer wenn ... das ist es eben, dieses außer wenn ... Sie wollen doch
nicht, hm ... den General, wenn ich fragen darf, um eine Unterstützung
bitten? -- verzeihen Sie ...«

»O nein, in der Beziehung können Sie vollkommen ruhig sein. Ich habe ein
anderes Anliegen.«

»Sie müssen mich entschuldigen, ich fragte nur so ... aus Ihrem
Auftreten zu schließen ... Warten Sie, bis der Sekretär kommt. Der
General selbst arbeitet jetzt mit dem Obersten, dann aber kommt auch der
Sekretär.«

»Wenn ich lange warten muß, so möchte ich Sie um etwas bitten: könnte
ich hier nicht irgendwo ein wenig rauchen? Tabak und eine Pfeife habe
ich bei mir.«

»Ra--au--chen?« Der Diener blickte ihn mit verächtlicher Verwunderung
an, als traue er seinen Ohren nicht ganz. »Ra--au--chen? Nein, hier
dürfen Sie nicht rauchen. Schämen Sie sich denn gar nicht, an so etwas
auch nur zu denken? He! -- das ist mal nett!«

»Oh, ich fragte ja nicht, ob ich hier in diesem Zimmer rauchen könnte.
Ich weiß, daß das nicht geht. Ich wäre irgendwohin hinausgegangen, in
ein Vorhaus oder einen Korridor, den Sie mir gezeigt hätten; denn ich
bin sehr ans Rauchen gewöhnt, und heute habe ich seit ganzen drei
Stunden nicht geraucht. Übrigens, wie Sie meinen. Es gibt ja auch ein
Sprichwort: In ein fremdes Kloster kommt man nicht mit fremden Sitten
...«

»Wie soll ich Sie denn nun eigentlich anmelden?« brummte der
Kammerdiener fast unwillkürlich. »Erstens schon, daß dies hier doch
nicht der rechte Platz zum Warten für Sie ist! Sie müßten im
Empfangszimmer sitzen; denn Sie sind doch sozusagen ein Besucher, also
ebenso gut wie ein Gast, und mich wird man dann fragen ... oder haben
Sie ... haben Sie die Absicht, ganz bei uns zu bleiben?« fragte er
plötzlich mit einem neuen Seitenblick nach dem Bündel des Fürsten, das
ihm offenbar keine Ruhe ließ.

»Nein, die Absicht habe ich nicht. Selbst wenn man mich hier dazu
aufforderte, würde ich nicht bleiben. Ich bin einfach gekommen, um die
Familie kennen zu lernen, weiter nichts.«

»Was? Kennen zu lernen?« fragte der Kammerdiener verwundert mit
doppeltem Mißtrauen. »Aber Sie sagten doch, Sie hätten ein Anliegen?«

»Oh, eigentlich habe ich kein Anliegen. Das heißt, wenn Sie wollen, habe
ich allerdings ein Anliegen -- ich wollte um einen Rat bitten -- aber
hauptsächlich bin ich doch gekommen, um mich vorzustellen; denn ich bin
ein Fürst Myschkin, und auch die Generalin Jepantschin ist eine geborene
Fürstin Myschkin -- und außer uns beiden gibt es keine Myschkins mehr.«

»Was, so sind Sie sogar ein Verwandter?« Der Kammerdiener stutzte
erschrocken.

»Auch das eigentlich nicht. Oder wenn man durchaus will, sind wir auch
Verwandte, aber immerhin in so entferntem Grade, daß man es im Grunde
wohl kaum noch Verwandtschaft nennen kann. Ich habe bereits einmal aus
der Schweiz an die Generalin geschrieben, doch sie hat mir nicht
geantwortet. Dennoch halte ich es jetzt, nach meiner Rückkehr, für
nötig, wenigstens den Versuch zu machen, Beziehungen anzuknüpfen. Und
Ihnen erkläre ich das alles jetzt nur, damit Sie an meiner Identität
nicht zweifeln; denn, wie ich sehe, beunruhige ich Sie immer noch. Also
melden Sie getrost den Fürsten Myschkin an, der Grund meines Besuches
wird schon aus dieser Anmeldung zu ersehen sein. Empfängt man mich --
ist's gut. Empfängt man mich nicht -- ist's vielleicht ebenso gut,
vielleicht sogar besser. Nur können sie, glaube ich, keinen Grund haben,
mich nicht zu empfangen. Die Generalin wird doch sicherlich den einzigen
noch lebenden Träger ihres Namens kennen lernen wollen, um so mehr, als
sie, wie ich gehört habe, auf ihre fürstliche Herkunft etwas geben
soll.«

Die Unterhaltung des Fürsten war scheinbar die allergewöhnlichste, doch
je selbstverständlicher sie wurde, desto unverständlicher erschien sie
dem erfahrenen Kammerdiener. Jedenfalls konnte er nicht umhin,
herauszufühlen, daß doch manches, was sonst zwischen zwei Menschen sehr
wohl möglich ist, zwischen einem Gast und einem Diener dagegen ganz
unmöglich ist. Da nun die Dienstboten in der Regel viel klüger zu sein
pflegen, als ihre Herrschaft es im allgemeinen von ihnen voraussetzt, so
dachte auch der Diener Seiner Exzellenz, daß es sich hier nur um zwei
Möglichkeiten handeln könne: entweder war der Fürst irgend so ein
leichtsinniger Herumtreiber, der unfehlbar Seine Exzellenz anbetteln
wollte, oder er war einfach ein Dummkopf, der kein Standesbewußtsein
hatte, denn -- ein kluger Fürst mit Standesbewußtsein würde doch nicht
im Vorzimmer sitzen und mit einem Lakaien von seinen Privatverhältnissen
reden!? Wenn dem nun aber so war -- fiel dann nicht ihm als erfahrenen
Kammerdiener die Verantwortung zu?

»Aber Sie werden sich nun doch ins Empfangszimmer bemühen müssen,«
bemerkte er schließlich in möglichst bestimmtem Ton.

»Wenn ich dort gesessen hätte, würde ich Ihnen nichts erzählt haben,«
meinte halb lachend der Fürst, »und folglich würde Sie der Anblick
meines Mantels und Reisebündels immer noch ängstigen. So aber brauchen
Sie den Sekretär jetzt vielleicht nicht mehr zu erwarten und können mich
ohne fremde Mittlerschaft selbst anmelden?«

»Nein, einen Besuch wie Sie kann ich ohne den Sekretär nicht anmelden,
und überdies hat Seine Exzellenz vorhin noch ausdrücklich befohlen, daß
ich sie nicht stören soll, gleichviel wer da käme, solange der Oberst
bei ihr ist. Nur Gawrila Ardalionytsch kann unangemeldet eintreten.«

»Wer ist das -- ein Beamter?«

»Gawrila Ardalionytsch? Nein. Er ist ein Angestellter der
Handelsgesellschaft. Aber Ihr Bündel könnten Sie doch wenigstens dorthin
stellen.«

»Das war auch schon meine Absicht. Wenn Sie gestatten ... Übrigens --
ich werde auch den Mantel ablegen, was meinen Sie dazu?«

»Natürlich, Sie können doch nicht im Mantel eintreten.«

»Gewiß nicht.«

Der Fürst erhob sich, zog eilig seinen Mantel aus und stand nun in einem
zwar schon getragenen, jedenfalls aber noch sehr anständigen, kurzen
Rock von gut sitzendem, elegantem Schnitt vor dem ihn kritisch
musternden Diener. Über der Weste hing eine schlichte Stahlkette, an der
er eine silberne Genfer Uhr trug.

Wenn nun der Fürst auch ein Dummkopf war -- das hatte der Lakai bereits
festgestellt --, so schien es dem Kammerdiener Seiner Exzellenz doch als
unzulässig, daß er von sich aus das Gespräch mit dem Gast fortsetzte,
obschon ihm der Fürst aus irgendeinem Grunde gefiel -- in seiner Art,
versteht sich. Trotzdem aber erregte er immer noch seinen aufrichtigen
Unwillen.

»Wann empfängt die Generalin?« fragte der Fürst, nachdem er sich wieder
auf denselben Platz gesetzt hatte.

»Das ist nicht mehr meine Sache. Sehr verschieden übrigens, je nach
Wunsch. Die Modistin wird sogar schon um elf empfangen. Gawrila
Ardalionytsch gleichfalls früher als die anderen, sogar schon zum ersten
Frühstück.«

»Hier ist es in den Zimmern an kalten Wintertagen bedeutend wärmer als
im Auslande,« bemerkte der Fürst, »dafür aber ist es dort in den Straßen
wärmer als bei uns. Die Häuser sind dort im Winter dermaßen kalt, daß
ein echter Russe anfangs gar nicht in ihnen wohnen kann.«

»Heizt man denn dort nicht?«

»Das wohl, aber die Häuser sind anders gebaut, die Öfen und Fenster ...«

»Hm! Und wie lange beliebten Sie dort herumzureisen?«

»Ja so -- vier Jahre. Übrigens habe ich die ganze Zeit fast nur an einem
Ort gelebt, auf dem Lande.«

»Sind wohl unser Leben nicht mehr gewöhnt?«

»Auch das ist wahr. Glauben Sie mir, es wundert mich wirklich, daß ich
das Russische nicht verlernt habe. Da spreche ich nun mit Ihnen und
denke dabei doch die ganze Zeit: >Aber ich spreche ja wirklich gutes
Russisch!< Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb ich soviel rede.
Wirklich, seit dem gestrigen Tage würde ich am liebsten nur reden und
reden.«

»Hm! Hm! Haben Sie früher schon in Petersburg gelebt?« -- Wie sehr sich
der Diener auch beherrschen wollte, so weit konnte er sich doch nicht
überwinden, daß er ein so freundlich und fast sogar zuvorkommend mit ihm
geführtes Gespräch einfach einschlafen ließ.

»Ja Petersburg? So gut wie überhaupt nicht. Nur auf der Durchreise bin
ich hier gewesen. Ich habe die Stadt auch früher nicht gekannt, und
jetzt soll es ja hier, wie man hört, so viel Neues geben, daß selbst
diejenigen, die die Stadt früher gekannt haben, sie schwerlich
wiedererkennen könnten. Augenblicklich wird hier viel von der Reform
unserer Gerichte gesprochen.«

»Hm! ... Unsere Gerichte. Ja ... Gerichte, das ist schon wahr, das sind
eben Gerichte. Wie ist es dort: sind die Gerichte gerechter als bei
uns?«

»Das weiß ich nicht. Ich habe aber gerade von unseren Gerichten viel
Gutes gehört. Da hat man jetzt auch die Todesstrafe bei uns
abgeschafft.«

»Wird man denn dort zum Tode verurteilt?«

»Ja. Ich habe einmal in Frankreich eine Hinrichtung gesehen. In Lyon.
Mein Arzt, Professor Schneider, hatte mich dorthin mitgenommen.«

»Wird dort gehängt?«

»Nein, in Frankreich wird nur enthauptet.«

»Schreien sie sehr?«

»Wo denken Sie hin! Es geschieht ja in einem Augenblick. Der Mensch wird
hingelegt, und dann fällt plötzlich von oben ein breites Messer auf
seinen Hals, mittels einer Maschine -- die Guillotine wird sie genannt
-- schwer, scharf, in einer Sekunde ... Der Kopf springt schneller vom
Rumpf ab, als man mit dem Auge einmal zwinkern kann. Die Vorbereitungen
aber nehmen viel Zeit in Anspruch. Zuerst wird dem Verbrecher das
Todesurteil vorgelesen, dann wird er angekleidet, gebunden und aufs
Schafott geführt -- das alles muß schrecklich sein! Das Volk läuft von
allen Seiten herzu, sogar Frauen, obschon man es dort sehr ungern sieht,
daß Frauen der Hinrichtung beiwohnen.«

»Ist auch nicht ihre Sache.«

»Natürlich nicht! Diese Qual! ... Der Verbrecher war ein intelligenter,
furchtloser, starker Mann, nicht mehr jung, Legros hieß er. Nun, glauben
Sie es mir oder glauben Sie es nicht: als er das Schafott bestieg --
weinte er, und sein Gesicht war so bleich, war so weiß wie Kalk. Wie ist
so etwas nur möglich? Ist das nicht grauenvoll? Welcher Mensch weint
denn vor Angst? Ich hätte nie gedacht, daß -- nicht ein Kind, -- aber
ein erwachsener Mensch vor Angst weinen könnte, ein Mann von
fünfundvierzig Jahren, der noch nie geweint hat! Was muß mit der Seele
in diesem Augenblick geschehen, bis zu welchen Krämpfen wird sie
gemartert? Eine Beschimpfung der Seele ist es, weiter nichts! Es heißt:
>Du sollst nicht töten< -- und nun soll man dafür, daß er getötet hat,
wiederum ihn töten? Nein, das kann doch unmöglich richtig sein. Es ist
schon über einen Monat her, daß ich es gesehen habe, und immer noch
glaube ich, es lebendig vor mir zu sehen. Fünfmal hat mir davon
geträumt.«

Der Fürst hatte sich geradezu in Eifer geredet: auf seinem blassen
Gesicht erschien ein leises Rot, wenn auch seine Rede ruhig blieb, wie
vorher. Der Kammerdiener hatte ihm mit großer Teilnahme und noch
größerem Interesse zugehört und hing mit den Blicken an ihm, als könne
er sich nicht von ihm losreißen. Vielleicht war dieser Bediente als
Mensch nicht ohne Phantasie und Denkvermögen.

»Gut wenigstens, daß die Schmerzen nicht groß sind,« meinte er, »hm, so
... wenn der Kopf abgehackt wird.«

»Wissen Sie was,« griff der Fürst angeregt diesen Gedanken auf, »was Sie
da soeben bemerkt haben, wird fast von allen ganz genau so
hervorgehoben. Auch wird die Maschine, die Guillotine, heutzutage
hauptsächlich deshalb benutzt. Mir aber kam damals etwas anderes in den
Sinn: wie, wenn das sogar noch schlimmer ist? Ihnen erscheint meine
Annahme vielleicht lächerlich, unmöglich, wenn man sich jedoch ein wenig
in die Stimmung des Verurteilten zu versetzen sucht, so kommt einem ganz
unwillkürlich der Gedanke an diese Möglichkeit. Denken Sie mal nach --
nun, nehmen Sie zum Beispiel die Folter: da gibt es Schmerzen und Wunden
und körperliche Qual, die aber lenkt einen doch von den seelischen
Qualen ab, so daß einen bis zum Augenblick des Todes nur die Wunden
quälen. Den größten, den quälendsten Schmerz aber verursachen vielleicht
doch nicht die Wunden, sondern das Bewußtsein, daß, wie man _genau
weiß_, nach einer Stunde, dann nur nach zehn Minuten, dann nach einer
halben Minute, sogleich, noch in diesem Augenblick -- die Seele den
Körper verlassen wird, und daß du dann kein Mensch mehr sein wirst, und
daß es doch unfehlbar geschehen muß. Das Entsetzlichste ist ja gerade
dieses >_Unfehlbar_<. Gerade wenn man den Kopf unter das Messer beugt
und dann hört, wie es von oben klirrend herabglitscht -- gerade diese
Viertelsekunden müssen die furchtbarsten sein! Dies ist nicht nur meine
Ansicht, müssen Sie wissen, sondern sehr viele haben dieselbe geäußert.
Ich bin aber so fest von der Richtigkeit meiner Annahme überzeugt, daß
ich Ihnen offen sagen will, wie ich darüber denke: für einen Mord
getötet zu werden ist eine unvergleichlich größere Strafe, als das
begangene Verbrechen groß ist. Laut Urteil getötet zu werden ist
unvergleichlich schrecklicher, als durch Räuberhand umzukommen. Wer von
Räubern ermordet wird, nachts, im Walde, oder sonstwo, hat zweifellos
noch bis zum letzten Augenblick die Hoffnung auf Rettung. Hat man doch
Beispiele erlebt, daß dem Betreffenden schon die Kehle durchgeschnitten
ist, er aber doch noch zu flehen oder zu entlaufen sucht. Hier aber wird
auch diese letzte unwillkürliche Hoffnung, mit der zu sterben zehnmal
leichter ist, unwiderruflich genommen; hier ist es das Todesurteil, dem
man auf keine Weise entrinnen kann, hier ist es das Bewußtsein der
unfehlbaren Vollstreckung desselben, was die größte Qual verursacht --
eine größere Qual kann es in der Welt gar nicht geben. Führen Sie einen
Soldaten in der Schlacht geradeswegs vor die Kanonen und lassen Sie auf
ihn abfeuern, er wird doch immer noch hoffen, mit dem Leben
davonzukommen; aber lesen Sie demselben Soldaten sein Todesurteil vor,
das _unfehlbar_ an ihm vollstreckt werden wird, so wird er entweder
irrsinnig werden oder in Tränen ausbrechen. Wer hat es denn gesagt, daß
die menschliche Natur fähig sei, diesen Tod ohne die geringste
Geistesverwirrung zu ertragen? Und wozu diese überflüssige, unnütze, so
unglaublich überflüssige Beschimpfung des Menschen? Vielleicht gibt es
irgendwo einen Menschen, dem das Todesurteil verlesen worden ist, der
diese Qualen bis zum letzten Augenblick durchgekostet, und dem man dann
gesagt hat: >Geh hin, dir ist die Strafe erlassen.< Ja, solch einer
könnte dann vielleicht erzählen. Von diesen Qualen und diesem Entsetzen
hat auch Christus gesprochen. Nein, das darf man einem Menschen nicht
antun!«

Der Diener hätte diesen Gedanken zwar nicht so auszudrücken vermocht,
wie der Fürst, verstand aber dennoch die Hauptsache sehr wohl, was man
allein schon aus seiner gerührten Miene ersehen konnte.

»Wenn Sie nun einmal so gern rauchen,« brummte er, »so können Sie es
schließlich auch tun, bloß dann etwas schnell. Denn wenn ich plötzlich
gefragt werde und Sie nicht da sind --? Hier, sehen Sie, unter der
Treppe ist eine kleine Tür. Da gehen Sie nur durch und dann rechts in
die Kammer. Dort können Sie rauchen, nur müssen Sie das Klappfenster
aufmachen, denn es ist doch immerhin nicht in der Ordnung ...«

Doch noch bevor der Fürst sich erheben konnte, trat ein junger Mann mit
Papieren unterm Arm ganz plötzlich ins Vorzimmer. Der Diener half ihm
sofort, sich des Pelzes zu entledigen. Währenddessen musterte der
Eingetretene den Fürsten möglichst unauffällig.

»Dieser Herr, Gawrila Ardalionytsch, bittet, ihn als Fürst Myschkin und
Verwandten bei der gnädigen Frau anzumelden. Er ist soeben mit der Bahn
aus dem Auslande gekommen, auch sein Reisebündel hat er bei sich, nur
...«

Das Weitere vernahm der Fürst nicht, denn der Diener begann zu flüstern.
Der mit Gawrila Ardalionytsch angeredete junge Mann hörte ihm aufmerksam
zu und blickte dann mit unverhohlener Neugier den Fürsten an, bis er
schließlich den Diener stehen ließ und sich ihm näherte.

»Sie sind Fürst Myschkin?« fragte er äußerst höflich und liebenswürdig.

Er war ein sehr gefälliger junger Mann, gleichfalls etwa achtundzwanzig
Jahre alt, gut gewachsen, von mittlerer Größe, blond und mit einem
kleinen Napoleonsbart. Sein Gesicht war klug und sehr hübsch. Nur sein
Lächeln war bei aller Liebenswürdigkeit gewissermaßen allzu fein, die
Zähne erschienen dabei von gar zu perlenartiger Gleichmäßigkeit, und
sein Blick war trotz seiner ganzen heiteren, vielleicht etwas zur Schau
getragenen Offenherzigkeit etwas gar zu aufmerksam und forschend.

»Wenn er allein ist, wird er vielleicht ganz anders blicken und
vielleicht überhaupt nicht lachen,« sagte sich der Fürst im stillen.

Fürst Myschkin wiederholte in kurzen Worten, was er bereits dem Diener
und am Morgen im Kupee seinem Reisegefährten Rogoshin erzählt hatte.
Gawrila Ardalionytsch schien sich inzwischen einer anderen Sache zu
erinnern.

»Ach, dann waren Sie es vielleicht,« unterbrach er ihn, »dann haben Sie
vor etwa einem Jahre oder vor noch kürzerer Zeit einen Brief, -- ich
glaube, aus der Schweiz -- an Jelisaweta Prokofjewna geschrieben?«

»Allerdings.«

»Dann wird man Sie hier kennen und wird sich Ihrer entsinnen. Wollen Sie
zu Seiner Exzellenz? Ich werde Sie sofort anmelden ... Er wird im
Augenblick frei sein. Nur müßten Sie ... vielleicht halten Sie sich
solange im Empfangszimmer auf ... Weshalb haben Sie den Fürsten nicht
ins Empfangszimmer geführt?« wandte er sich in strengem Ton an den
Diener.

»Ich sagte es doch, sie wollten selbst nicht ...«

In dem Augenblick öffnete sich plötzlich die Tür zum Kabinett Seiner
Exzellenz, und ein Offizier trat mit einem Portefeuille unterm Arm, laut
sprechend und zum Abschied die Hacken zusammenschlagend, heraus.

»Bist du es, Ganjä[3]?« rief eine Stimme aus dem Kabinett. »Dann komm
mal her.«

Gawrila Ardalionytsch nickte dem Fürsten zu und trat ins Kabinett.

Nach zwei Minuten öffnete sich die Tür von neuem, und Gawrila
Ardalionytschs wohltönende Stimme klang freundlich durch das Zimmer:

»Bitte Fürst, wenn Sie sich hierher bemühen wollten!«


                                  III.

Seine Exzellenz, General Iwan Fedorowitsch Jepantschin stand inmitten
seines Kabinetts und musterte mit nicht geringer Neugier den
eintretenden Fürsten, ja -- er trat ihm sogar zwei Schritte entgegen.
Der Fürst ging auf ihn zu und nannte seinen Namen.

»Freut mich, Sie kennen zu lernen,« erwiderte der General. »Womit kann
ich Ihnen dienen?«

»Ein unaufschiebbares Anliegen an Sie habe ich im Grunde genommen nicht.
Der Zweck meines Besuches ist ausschließlich, Ihre Bekanntschaft zu
machen. Ich will Sie jedoch, wenn Ihre Zeit knapp bemessen ist, nicht
weiter aufhalten; doch da ich weder Ihren Empfangstag kenne, noch weiß,
wann Sie zu sprechen sind -- ich bin übrigens soeben erst hier in
Petersburg eingetroffen, aus der Schweiz ...«

Der General wollte schon lächeln, besann sich aber noch rechtzeitig und
blieb ernst; darauf überlegte er noch ein wenig, kniff die Augen
zusammen, betrachtete seinen Gast nochmals von Kopf bis zu den Füßen,
wies dann plötzlich auf einen Stuhl, setzte sich selbst schräg gegenüber
und wandte dem Fürsten in ungeduldiger Erwartung sein Gesicht zu. Ganjä
stand am Schreibtisch und sortierte die verschiedenen Papiere.

»Zu Bekanntschaften habe ich im allgemeinen wenig Zeit,« sagte der
General, »da Sie jedoch mit Ihrem Besuch zweifellos einen besonderen
Zweck verfolgen, so ...«

»Ich habe es, offen gestanden, nicht anders erwartet, als daß Sie in
meinem Besuch eine besondere Absicht vermuten würden. Aber -- mein
Ehrenwort -- außer dem Vergnügen, Ihre Bekanntschaft zu machen, habe ich
keinerlei besondere Nebenabsicht im Sinn.«

»Das Vergnügen liegt natürlich ganz auf meiner Seite, aber man kann doch
nicht immer nur ans Vergnügen denken. Mitunter, wissen Sie, gibt es auch
ernste Sachen zu erledigen ... Zudem kann ich zwischen uns bis jetzt
noch nichts Gemeinsames entdecken ... ich meine, gewisse Gründe,
die--i--ie ...«

»Ganz recht, solche Gründe gibt es natürlich nicht, und Gemeinsames
zwischen uns dürfte wahrscheinlich nur -- wenig vorhanden sein. Denn
wenn ich auch ein Fürst Myschkin bin und Ihre Frau Gemahlin aus
demselben Hause stammt, so ist das wohl noch kein genügender Grund zu
einem Besuch. Das sehe ich vollkommen ein. Dennoch ist es nun einmal der
einzige Grund, weshalb ich Sie aufgesucht habe. Ich bin vier Jahre nicht
in Rußland gewesen. Und als was verließ ich es: kaum war ich bei vollem
Verstande! Damals kannte ich so gut wie niemanden, und heute kenne ich
hier vielleicht noch weniger ... Mir tut Bekanntschaft mit guten
Menschen not. Außerdem muß ich noch eine wichtige Angelegenheit
erledigen, und ich weiß nicht einmal, an wen ich mich wenden soll, und
wer mir mit seinem Rat beistehen könnte. Da dachte ich schon in Berlin
an Sie: >Das sind doch fast Verwandte, ich werde mich zuerst an sie
wenden; vielleicht können wir uns gegenseitig beistehen, ich ihnen, sie
mir -- wenn es gute Menschen sind.< Und ich habe gehört, Sie seien gute
Menschen.«

»Sehr schmeichelhaft.« Der General wunderte sich. »Erlauben Sie, wenn
ich fragen darf: wo sind Sie abgestiegen?«

»Ich bin noch nirgendwo abgestiegen.«

»Also direkt aus dem Waggon zu mir? Und ... mit Ihrem ganzen Gepäck?«

»Mein Gepäck besteht nur aus einem Bündel, in dem ich meine Wäsche habe,
und sonst nichts; ich trage es gewöhnlich in der Hand bei mir. Ein
Zimmer aber -- nun, ich werde ja wohl heute noch Zeit haben, eines zu
mieten.«

»So haben Sie also die Absicht, ein Zimmer zu mieten?«

»O ja, gewiß, selbstverständlich.«

»Aus Ihren Worten glaubte ich eigentlich entnehmen zu können, daß Sie
bei mir zu wohnen gedachten.«

»Daran hätte ich doch nur denken können, wenn ich von Ihnen dazu
aufgefordert worden wäre. Ich muß aber gestehen, daß ich selbst auf eine
Einladung hin nicht bei Ihnen bleiben würde -- nicht etwa aus
irgendwelchen besonderen Gründen, sondern so ... es ist nicht meine
Art.«

»Nun, dann war es ganz richtig von mir, daß ich Sie nicht gleich dazu
aufforderte und Sie auch jetzt nicht auffordere. Nur -- wenn Sie
gestatten, Fürst -- um die Sache klarzulegen: da von einer
Verwandtschaft zwischen uns, wie wir übereingekommen sind, nicht die
Rede sein kann, obschon es mir, versteht sich, sehr schmeichelhaft wäre,
so ...«

»So kann ich aufstehen und gehen, nicht wahr?« Und der Fürst erhob sich
mit einem geradezu heiteren Lachen im Gesicht, das sich zu seiner etwas
peinlichen Lage seltsam genug ausnahm. »Werden Sie es mir glauben,
Exzellenz, bei Gott, obschon ich weder mit den hiesigen Sitten, noch mit
dem ganzen Leben hierzulande vertraut bin, war ich doch überzeugt, bevor
ich herkam, daß mein Besuch unfehlbar so und nicht anders verlaufen
würde, als wie er jetzt tatsächlich verlaufen ist. Doch wie! --
vielleicht muß es gerade so sein ... Und überdies ist ja auch schon mein
Brief unbeantwortet geblieben ... Also dann -- leben Sie wohl und
entschuldigen Sie, daß ich Sie belästigt habe.«

Doch der Blick, mit dem der Fürst bei diesen Worten den Hausherrn ansah,
war so freundlich und sein Lächeln so ohne jegliche Spur von irgendeinem
verborgenen unangenehmen Gefühl, daß der General plötzlich stutzte und
seinen Gast auf einmal gleichsam mit ganz anderen Augen betrachtete. In
einem Moment hatte er seine Meinung über den Fürsten geändert.

»Wissen Sie, Fürst,« sagte er lebhaft und mit gänzlich veränderter
Stimme, »ich habe Sie ja eigentlich noch gar nicht kennen gelernt, und
es ist doch sehr gut möglich, daß auch Jelisaweta Prokofjewna ihren
stammverwandten Namensvetter sehen will ... Vielleicht warten Sie einen
Augenblick, wenn es Ihre Zeit erlaubt.«

»Oh, meine Zeit erlaubt es mir sehr leicht, sie gehört nur mir allein.«
Und der Fürst legte seinen runden, weichen Hut sofort auf den Tisch.
»Offen gesagt, ich habe eigentlich auch daran gedacht, daß Jelisaweta
Prokofjewna sich vielleicht meines Briefes an sie erinnern wird. Vorhin,
als ich dort im Vorzimmer wartete, befürchtete Ihr Diener, daß ich Sie
vielleicht anbetteln würde -- jawohl: das war nicht schwer zu erraten --
bei Ihnen aber muß es in der Beziehung strenge Vorschriften geben. Doch
ich habe Sie wirklich nicht deshalb aufgesucht, es war mir wirklich nur
darum zu tun, mit Menschen bekannt zu werden. Nur glaube ich, daß ich
Sie aufgehalten habe, und das beunruhigt mich.«

»Nun denn, Fürst,« sagte der General mit erfreutem Lächeln, »wenn Sie
tatsächlich das sind, was Sie scheinen, so wird es wohl ein Vergnügen
sein, Sie näher kennen zu lernen. Nur, sehen Sie, ich bin ein sehr in
Anspruch genommener Mensch, ich muß mich sofort wieder an die Arbeit
machen, dies und jenes durchsehen, unterschreiben, dann muß ich zu
Seiner Durchlaucht, dann in den Dienst, kurzum -- so gern ich auch
geselligen Umgang mit Menschen pflegen würde, mit guten Menschen, das
heißt, so, wie gesagt ... Überdies bin ich fest überzeugt, daß Sie eine
so vorzügliche Erziehung genossen haben, daß ... Pardon, wie alt sind
Sie, Fürst?«

»Sechsundzwanzig.«

»Oh! Ich glaubte, Sie seien viel jünger.«

»Ja, man sagt, daß ich jünger aussehe. Und was Ihren Zeitmangel
anbetrifft, so werde ich bald lernen, Sie nicht lange aufzuhalten; denn
es ist mir selbst sehr unangenehm, zu stören ... Und schließlich sind
wir ja allem Anschein nach so verschiedenartige Leute ... aus
verschiedenen Gründen --, daß es zwischen uns auch schwerlich viele
Berührungspunkte geben wird. Das heißt, genau genommen bin ich selbst
nicht der Meinung; es scheint nur zu oft, daß es keine Berührungspunkte
gibt, und doch sind sogar sehr zahlreiche vorhanden. Das kommt nur von
der Trägheit der Menschen, weil sie sich nur so nach dem äußeren Schein
zusammenfinden, deshalb können sie auch nichts Gemeinsames entdecken ...
Doch ich langweile Sie vielleicht? Ich glaube, Sie sind ...«

»Nur zwei Worte: besitzen Sie irgendwelches Vermögen? Oder beabsichtigen
Sie, sich sonst irgendwie zu betätigen? Verzeihen Sie, daß ich so ...«

»Aber ich bitte Sie, ich verstehe Ihre Frage sehr wohl zu schätzen und
begreife sie vollkommen. Ein Vermögen besitze ich im Augenblick nicht,
und eine Beschäftigung habe ich ebensowenig, aber ich müßte mich
eigentlich nach einer solchen umsehen. Hergereist bin ich mit fremdem
Gelde, Professor Schneider, mein Arzt und Lehrer in der Schweiz, hat mir
das Reisegeld gegeben, aber auch nur so viel, wie dazu nötig war, so daß
ich im Augenblick nur noch ein paar Kopeken besitze. Allerdings habe ich
hier eine Angelegenheit, in der ich Sie eigentlich um Rat bitten wollte,
jedoch ...«

»Sagen Sie, wovon gedenken Sie dann vorläufig zu leben, und welches sind
Ihre Absichten?« unterbrach ihn der General.

»Ich beabsichtige zu arbeiten.«

»Oh, dann sind Sie ja ein ganzer Philosoph! Doch was ich sagen wollte
... glauben Sie irgendwelche Talente oder Fähigkeiten zu besitzen, das
heißt -- ich meine solche, durch die man sich sein tägliches Brot
verdienen kann? Sie müssen nochmals entschuldigen ...«

»Oh, es bedarf durchaus keiner Entschuldigung. Nein, ich glaube, daß ich
weder Talente noch besondere Fähigkeiten besitze. Hinzu kommt noch, daß
ich ein kranker Mensch bin und keinen systematischen Unterricht genossen
habe. Und in bezug auf meinen Lebensunterhalt glaube ich ...«

Wieder unterbrach ihn der General, der jetzt Verschiedenes zu fragen
begann. Der Fürst erzählte alles, was er bereits im Kupee Rogoshin
erzählt hatte. Es stellte sich heraus, daß der General den verstorbenen
Pawlischtscheff sogar persönlich gekannt hatte. Aus welchem Grunde sich
dieser Pawlischtscheff für ihn interessiert und für seine Erziehung
gesorgt hatte, vermochte der Fürst übrigens selbst nicht zu erklären;
vielleicht einfach nur aus alter Freundschaft für den verstorbenen Vater
des Fürsten. Nach dem Tode seiner Eltern war der Fürst, damals noch ein
kleines Kind, ganz allein in der Welt zurückgeblieben und hatte dann
ausschließlich auf dem Lande gelebt, da die Landluft ihm bedeutend
zuträglicher gewesen war. Pawlischtscheff hatte den kleinen Knaben zwei
alten Gutsbesitzerinnen, mit denen er weitläufig verwandt war,
anvertraut; zuerst hatte er eine Gouvernante gehabt, späterhin einen
Erzieher. Der Fürst fügte auch noch hinzu, daß er sich zwar alles dessen
entsinnen, doch vieles nicht ganz erklären könne, da er sich über manche
Dinge damals nicht Rechenschaft gegeben habe. Die häufigen
Krankheitsanfälle hätten aus ihm fast einen Idioten gemacht. (Der Fürst
drückte sich tatsächlich so aus: >einen Idioten<.) Zum Schluß erzählte
er noch, daß Pawlischtscheff einmal in Berlin den Professor Schneider,
einen Schweizer, kennen gelernt habe, der sich auch damals schon
speziell mit derartigen Krankheiten abgab und im Kanton Wallis eine
Heilanstalt besaß, in der er die Kranken nach seiner eigenen Methode
(vornehmlich mit kaltem Wasser, Gymnastik und Ähnlichem) auch von
Idiotie und Irrsinn heilte, gleichzeitig sie unterrichtete und sich
überhaupt ihrer geistigen Entwicklung mit Erfolg annahm. Pawlischtscheff
hatte darauf den jungen Fürsten vor etwa fünf Jahren zu ihm in die
Heilanstalt geschickt und war dann selbst -- vor etwa zwei Jahren --
ganz plötzlich gestorben, ohne ein Testament zu hinterlassen. In diesen
zwei Jahren hatte ihn Schneider auf eigene Kosten in der Anstalt
behalten und behandelt. Zwar habe er ihn nicht völlig geheilt, aber ihm
doch sehr geholfen, bis er ihn dann schließlich auf eigenen Wunsch und
außerdem noch aus einem »anderen besonderen Grunde« nach Rußland
geschickt habe.

Der General wunderte sich nicht wenig.

»Und hier in Rußland haben Sie keinen einzigen, der Ihnen nahesteht,
keinen einzigen Menschen?« fragte er.

»Bis jetzt keinen ... aber ich hoffe ... außerdem habe ich einen Brief
erhalten ...«

»Aber wenigstens haben Sie doch etwas gelernt,« unterbrach ihn wieder
der General, ohne die letzten Worte des Fürsten zu beachten, »und Ihre
Krankheit wird Sie doch nicht hindern, einen, nun, sagen wir -- nicht
allzu schweren Posten zu bekleiden?«

»Oh, sicherlich nicht. Und ich würde sogar sehr gern eine Stelle
annehmen; denn ich würde selbst gern wissen wollen, wozu ich fähig bin.
In diesen vier Jahren habe ich ununterbrochen gelernt, allerdings nicht
so, wie man in der Schule lernt, sondern nach Professor Schneiders
Grundsatz, nämlich gewissermaßen frei und freiwillig. Ich hatte dort
auch Gelegenheit, viele Bücher zu lesen.«

»Russische Bücher? Dann können Sie also auch schreiben und ... können
Sie auch fehlerlos schreiben?«

»Oh, selbstverständlich!«

»Vortrefflich. -- Und Ihre Handschrift?«

»Meine Handschrift ist tadellos. Hierin besitze ich, nun ja, Talent, und
wenn man will, kann man mich vielleicht sogar einen Künstler nennen, was
das Schreiben anbelangt. Geben Sie mir ein Blatt Papier, ich werde Ihnen
etwas zur Probe schreiben,« sagte der Fürst, ganz bei der Sache.

»Bitte. Das ist sogar von großer Wichtigkeit ... Und diese Ihre
Bereitwilligkeit gefällt mir sehr, Fürst, Sie sind wirklich ein sehr
lieber Mensch.«

»Was für wundervolle Schreibutensilien Sie hier haben, wieviel
Bleistifte, wieviel Federn, welch ein dickes, schönes Papier ... Und
überhaupt haben Sie ein prachtvolles Arbeitskabinett. Diese Landschaft
hier kenne ich: sie ist -- aus der Schweiz. Der Künstler hat sicher nach
der Natur gemalt. Ich glaube sogar, diesen Ort gesehen zu haben -- im
Kanton Uri ...«

»Das ist leicht möglich, obschon das Gemälde hier gekauft ist. Ganjä,
gib dem Fürsten ein Blatt Papier; hier sind Federn und Tinte, schreiben
Sie hier auf dieser Unterlage, bitte. -- Was ist das?« wandte sich der
General an Ganjä, der seinem Portefeuille eine Photographie in großem
Format entnahm und dem General überreichte. »Ah! Nastassja Filippowna!
Hat sie dir die selbst, wirklich selbst geschickt?« fragte er lebhaft
und mit großem Interesse.

»Soeben, als ich zur Gratulation bei ihr war, gab sie sie mir. Ich hatte
sie schon vor längerer Zeit darum gebeten. Nur weiß ich nicht, ob das
vielleicht nicht eine Anspielung sein soll, weil ich mit leeren Händen
kam, ohne Geschenk -- an einem solchen Tage?« fügte Ganjä mit einem
unangenehmen Lächeln hinzu.

»Nein, nein,« meinte der General überzeugt. »Wie bist du nur wieder auf
diesen Gedanken gekommen? Sie sollte solche Anspielungen machen! Sie ist
ja doch gar nicht eigennützig. Und dann: womit solltest du ihr Geschenke
machen? Dazu braucht man doch Tausende! Es sei denn, daß du ihr dein
Bild schenktest. Wie, hat sie dich denn noch nicht um deine Photographie
gebeten?«

»Nein, bis jetzt noch nicht. Vielleicht wird sie es auch nie tun. Sie
haben doch den heutigen Abend nicht vergessen, Iwan Fedorowitsch? Sie
sind ja einer der ausdrücklich Geladenen.«

»Gewiß, gewiß, weiß ich's und ich werde auch unfehlbar erscheinen.
Das fehlte noch, an ihrem Geburtstage! -- und noch dazu am
fünfundzwanzigsten! ... Hm! Aber weißt du, Ganjä, ich werde dir -- mag
es denn so sein -- etwas mitteilen. Bereite dich vor: sie hat Afanassij
Iwanowitsch und mir versprochen, daß sie heute abend ihr letztes Wort
sagen werde: Ja oder nein. So bereite dich jetzt mal darauf vor, vergiß
es nicht!«

Ganjä geriet plötzlich dermaßen in Verwirrung, daß er sogar ein wenig
erblaßte.

»Hat sie das wirklich gesagt?« fragte er, und seine Stimme war unsicher.

»Vorgestern. Sie gab uns schließlich ihr Wort. Wir bedrängten sie beide
so lange, bis sie es endlich versprach. Nur bat sie uns, es dir bis zum
letzten Augenblick nicht zu sagen.«

Der General blickte Ganjä aufmerksam an: ihm schien dessen Verwirrung
nicht zu gefallen.

»Vergessen Sie aber nicht, Iwan Fedorowitsch,« sagte Ganjä erregt und
mit unsicherer Stimme, »daß sie mir bis zu dem Augenblick, in dem sie
sich entscheidet, volle Freiheit gegeben hat, und auch dann habe ich
noch die Möglichkeit, mich nach meinem freien Willen zu entschließen.«

»Ja, willst du denn ... so willst du also ...« stotterte der General
erschrocken.

»Ich? -- Nichts.«

»Aber ich bitte dich, als was willst du uns denn hinstellen?«

»Ich habe ja nicht gesagt, daß ich mich weigern werde. Ich habe mich
vielleicht nicht ganz richtig ausgedrückt ...«

»Das fehlte noch, daß du dich weigerst!« rief der General ärgerlich aus,
ohne seinen Ärger verbergen zu wollen. »Hier mein Freund, handelt es
sich nicht mehr darum, daß du dich _nicht_ weigerst, sondern hier
handelt es sich um deine Bereitwilligkeit, um deine Freude, mit der du
ihr Jawort vernimmst ... Wie steht's bei dir zu Hause?«

»Wie soll es da stehn? Zu Hause geschieht alles nach meinem Willen, nur
mein Vater kann natürlich seinen Blödsinn nicht lassen. Er ist ja jetzt
schon ganz unmöglich geworden. Ich rede überhaupt nicht mehr mit ihm,
halte ihn aber noch im Zaum. Wenn die Mutter nicht wäre, würde ich ihm
einfach die Tür weisen. Meine Mutter weint natürlich, und meine
Schwester ärgert sich. Ich habe ihnen aber jetzt endlich einmal offen
gesagt, daß ich Herr meines Schicksals bin und in meinem Hause wünsche,
daß man mir ... gehorcht. Meiner Schwester wenigstens habe ich es kurz
und bündig auseinandergesetzt, und zwar in Gegenwart meiner Mutter.«

»Tja, Freund, ich begreife wahrhaftig nicht!« sagte der General, indem
er mit gehobenen Schultern die Hände ausbreitete und wieder sinken ließ.
»Mit Nina Alexandrowna ist es ganz dasselbe -- du weißt, als sie vorhin
bei mir war, stöhnte und seufzte sie. >Was haben Sie denn gegen diese
Heirat?< fragte ich. Da stellt es sich denn heraus, daß es für sie eine
_Entehrung_ sei. Aber erlaub' mal, wer kann denn hier von Entehrung
reden? Wer kann denn Nastassja Filippowna auch nur irgendeinen Vorwurf
machen oder ihr etwas Schlechtes nachsagen? Doch nicht ewig das eine,
daß sie zu Tozkij in Beziehung gestanden hat? Aber das ist doch nur
lächerlich, namentlich wenn man gewisse Verhältnisse in Betracht zieht!
>Sie werden sie doch nicht mit Ihren Töchtern verkehren lassen,< sagte
sie. Da haben wir's! Ich begreife Nina Alexandrowna einfach nicht! Wie
kann man nur so wenig ... so wenig ...«

»So wenig seine Stellung begreifen?« half Ganjä dem General. »Seien Sie
ihr nicht böse: sie begreift ihre Stellung zu gut. Ich habe ihr damals
sogleich tüchtig die Wahrheit gesagt, damit sie sich nicht mehr in
fremde Angelegenheiten einmischt. Und doch ist das einzige, was das Haus
bis jetzt zusammenhält, daß das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.
Das Gewitter aber zieht schon herauf. Wenn heute das letzte Wort gesagt
wird, so wird auch alles übrige gesagt werden.«

Der Fürst hatte, während er am anderen Tisch seine Schriftprobe
verfaßte, das ganze Gespräch der beiden mit angehört. Als er fertig war,
trat er an den ersten Tisch und überreichte dem General das Blatt.

»Das also ist Nastassja Filippowna?« murmelte er halblaut vor sich hin,
während er aufmerksam und neugierig die Photographie auf dem
Schreibtisch betrachtete: »Wie wunderbar schön!« rief er gleich darauf
ganz begeistert aus.

Die Photographie zeigte einen Frauenkopf von allerdings ungewöhnlicher
Schönheit. Sie hatte sich in einem sehr schlichten, doch um so
eindrucksvolleren schwarzen Seidenkleide photographieren lassen; ihr
offenbar dunkelblondes Haar war sehr einfach aufgesteckt; die Augen
waren dunkel, tief, die Stirn nachdenklich. Der Ausdruck des Gesichts
verriet Leidenschaft und Hochmut. An sich war das Gesicht etwas hager,
vielleicht auch bleich ...

Ganjä und der General blickten beide ganz erstaunt den Fürsten an.

»Wie, Nastassja Filippowna? Ja, kennen Sie denn Nastassja Filippowna?«
fragte der General.

»Ja. Ich bin wohl noch nicht ganze vierundzwanzig Stunden in Rußland,
diese Schönheit hier kenne ich aber schon.«

Und der Fürst berichtete von seiner Begegnung mit Rogoshin und was
dieser ihm erzählt hatte.

»Das sind mir mal Neuigkeiten!« bemerkte der General erregt, nachdem er
dem Fürsten sehr aufmerksam zugehört hatte, worauf er forschend Ganjä
anblickte.

»Wahrscheinlich hat er nichts als Unanständigkeiten im Sinn,« brummte
Ganjä, der gleichfalls etwas betroffen zu sein schien. »Kennt man ...
ein Kaufmannssohn, der durchgehen will. Ich habe bereits einiges von ihm
gehört.«

»Auch ich, mein Lieber, habe von ihm gehört,« griff der General auf.
»Gleich damals nach der Geschichte mit den Ohrringen erzählte uns
Nastassja Filippowna das ganze Erlebnis. Aber jetzt hat sich die
Sachlage doch bedeutend geändert. Da steckt vielleicht wirklich eine
Million und ... Leidenschaft. Gesetzt -- eine unanständige Leidenschaft
... vielleicht ... aber es riecht jedenfalls nach Leidenschaft, und wozu
diese Leute im Rausch fähig sind, das weiß man! ... Hm! ... Wenn nur
keine Geschichte daraus entsteht!« schloß der General nachdenklich.

»Sie fürchten wohl die Million?« fragte Ganjä mit einem Lächeln, das
seine Zähne entblößte.

»Und du natürlich nicht?«

»Was meinen Sie, Fürst?« wandte sich plötzlich Ganjä an diesen, »was für
einen Eindruck hat er auf Sie gemacht? Ist es ein ernster Mensch oder
nur so ein ... wüster Kerl? Ich möchte gern Ihre persönliche Meinung
hören.«

Es ging etwas Besonderes vor in Ganjä, als er diese Frage stellte. Es
war, als wenn plötzlich eine neue Idee in seinem Hirn aufgeblitzt wäre
und jetzt ungeduldig aus seinen Augen hervorleuchtete. Der General, der
sich außerordentlich beunruhigt fühlte, blickte von der Seite
gleichfalls auf den Fürsten, doch schien er nicht viel von seiner
Antwort zu erwarten.

»Ich weiß nicht, wie ich es Ihnen sagen soll,« antwortete der Fürst,
»ich glaube, daß in ihm viel Leidenschaft steckt, sogar eine
gewissermaßen kranke Leidenschaft. Und er scheint ja auch physisch noch
ganz krank zu sein. Es ist leicht möglich, daß er sich schon nach den
ersten Tagen in Petersburg wieder wird hinlegen müssen, namentlich, wenn
er noch wüst daraufloslebt.«

»So? Also diesen Eindruck hat er auf Sie gemacht?« Der General hielt
sich offenbar gern an diese Auffassung.

»Ja, so scheint es mir.«

»Und dennoch können Wendungen von dieser Art nicht erst nach einigen
Tagen, sondern heute noch eintreten, vielleicht werden wir noch heute
abend etwas erleben,« sagte Ganjä zum General, wiederum mit einem
Lächeln, das seine Zähne zeigte.

»Hm! ... Gewiß ... Dann kommt es eben nur darauf an, welch eine Laune
ihr in den Kopf fährt,« meinte der General.

»Und Sie wissen wohl noch nicht, wie sie mitunter sein kann?«

»Das heißt -- wie sein kann?« fuhr der General auf, der sehr verstimmt
und auch etwas verwirrt aussah. »Hör' mal, Ganjä, ich bitte dich,
widersprich ihr heute nicht und bemühe dich, so, weißt du, nun so ...
mit einem Wort: so nach ihrem Geschmack zu sein ... Hm! ... Weshalb
verziehst du denn den Mund? Hör' mal, Gawrila Ardalionytsch, es ist
Zeit, daß wir uns einmal klar werden über die Dinge, sogar höchste Zeit:
für wen mühen wir uns denn? Du begreifst doch, daß ich mir in bezug auf
meinen eigenen Vorteil keine Sorgen zu machen brauche: der ist
vollkommen sichergestellt. Ob so oder so, jedenfalls werde ich die Sache
zu meinem Vorteil zu wenden wissen. Tozkijs Entschluß ist
unerschütterlich, folglich kann ich ruhig sein. Und deshalb merk' dir,
mein Lieber, daß, wenn ich jetzt überhaupt was wünsche, dieses einzig
dein Vorteil ist. Urteile doch selbst! Oder traust du mir etwa nicht?
Aber du bist doch ein ... ein Mensch ... mit einem Wort, ein
vernünftiger Mensch, und das ist doch in diesem Fall ... das ist doch
... ist doch ...«

»Die Hauptsache,« half Ganjä wieder dem etwas in die Enge geratenen
General, worauf er seine Lippen zum beißendsten Lächeln verzog, das er
jetzt nicht einmal mehr zu verbergen suchte. Er sah mit flammendem Blick
ganz offen dem General in die Augen, als wünsche er, daß jener in seinem
Auge alle seine Gedanken lese. Der General wurde feuerrot und geriet in
Zorn.

»Nun ja, Vernunft ist die Hauptsache!« sagte er scharf, indem er Ganjä
streng anblickte. »Du bist, weiß Gott, ein komischer Mensch, Gawrila!
Wie ich sehe, freust du dich geradezu über das Auftauchen dieses
Kaufmannssohnes wie über einen Ausweg für dich. Hier hat es sich doch
von Anfang an gerade um deine Vernunft gehandelt; hier galt es doch vor
allen Dingen, zu begreifen und ... beiderseits ehrlich und offen zu
handeln oder ... sonst wenigstens beizeiten zu sprechen, um nicht andere
bloßzustellen. Zeit war dazu doch genug vorhanden, und es ist sogar auch
jetzt noch nicht zu spät,« (der General zog bedeutsam die Brauen in die
Höhe) »obschon uns nur noch ein paar Stunden geblieben sind ... Haben
wir uns verstanden? Nun? so sag' doch: willst du oder willst du nicht?
... Willst du nicht, so sprich es aus -- es steht dir vollkommen frei.
Niemand wird Sie, mein bester Gawrila Ardalionytsch, dazu bereden,
niemand zieht Sie mit Gewalt in die Falle, vorausgesetzt, daß Sie eine
Falle hierin sehen.«

»Ich will,« sagte Ganjä halblaut, doch mit fester Stimme; er blickte zu
Boden und verstummte finster.

Der General war zufriedengestellt. Er war in Hitze geraten, bereute es
aber augenscheinlich schon, daß er sich so weit hatte fortreißen lassen.
Plötzlich wandte er sich zum Fürsten, und auf seinem Gesicht drückte
sich flüchtig der unruhige Gedanke aus, daß der Fürst ja zugegen gewesen
war und folglich alles gehört hatte. Doch er beruhigte sich sofort: ein
Blick auf den Fürsten genügte, um jede Befürchtung auszuschließen.

»Oho!« rief der General erstaunt aus, als er die Schriftprobe erblickte,
die der Fürst fertiggestellt hatte. »Aber das ist ja einfach
Kalligraphie! Und sogar eine seltene! Ganz großartig! Sieh mal her,
Ganjä, was sagst du zu diesem Talent?«

Auf einem Blatt dicken Velinpapiers hatte der Fürst in
mittelalterlicher, russischer Schrift die Worte geschrieben:

   »In Demut unterzeichnet dieses

                                                     Igumen Pafnutij.«

»Dieses hier,« erklärte der Fürst bereitwilligst und mit sichtlichem
Interesse an der Sache, »ist die eigenhändige Unterschrift des Abtes
Pafnutius nach einem Faksimile aus dem vierzehnten Jahrhundert. Sie
schrieben alle prächtig, unsere alten Äbte und Metropoliten, und mit
soviel Geschmack und Sorgfalt! Haben Sie nicht die Popodinsche Ausgabe
zur Hand, Exzellenz? ... Und hier habe ich in einer anderen Art
geschrieben: das ist die runde, deutliche französische Schrift des
vorigen Jahrhunderts, manche Buchstaben wurden sogar ganz anders
geschrieben. Es ist eine offizielle Schrift, die Schrift der
öffentlichen Schreiber, nach einer ihrer Vorlagen -- ich hatte eine --
und sie ist nicht ohne Vorzüge, das werden Sie zugeben. Betrachten Sie
diese runden _o_, _e_ und _a_. Ich habe den französischen Charakter der
Schrift auf die russischen Buchstaben übertragen, was freilich durchaus
nicht leicht ist -- aber es ist mir doch gelungen. Und dann hier:
gleichfalls eine schöne originelle Schrift, hier dieser Satz: >Energie
kann alles überwinden<. Das ist eine echt russische, die Handschrift
eines russischen Schreibers, oder wenn Sie wollen, Militärschreibers. So
wird in dienstlichen Angelegenheiten an hohe Vorgesetzte geschrieben.
Der Charakter dieser Schrift ist gleichfalls rund, entzückend, eine
_schwarze_ Schrift, wie man sie nennt, viel Tinte, doch mit sehr viel
Geschmack geschrieben. Ein Kalligraph würde diese Schnörkel, oder
richtiger, diese Ansätze zu Schnörkeln, diese halben, unvollendeten
Schwänzchen -- sehen Sie, hier und hier -- nicht zulassen, aber als
Ganzes betrachtet, nicht wahr, machen sie doch gerade den Charakter aus.
Und wirklich, in ihnen verrät sich die ganze militärisch gedrillte
Schreiberseele: er würde so gern einen schwungvollen Schnörkel machen,
das Talent will sich kundtun, aber es geht nicht -- der Militärkragen
ist eng zugeknöpft -- die Disziplin erstreckt sich sogar bis auf die
Handschrift -- ganz wundervoll! Diese Probe fand ich vor nicht langer
Zeit ganz zufällig, und noch dazu wo? -- in der Schweiz! Sie frappierte
mich geradezu. Nun, und dieses hier ist die gewöhnliche, sehr einfache,
echt englische Schrift: weiter kann die Eleganz nicht gehen, hier ist
alles vollendet! Wie aufgereihte Glasperlen sind die Buchstaben.
Unübertrefflich. Doch hier eine Variation derselben, und wiederum eine
französische, ich habe sie von einem französischen _Commis
voyageur_{[1]}: es ist fast dieselbe englische Schrift, nur sind die
Grundstriche ein wenig, nur um ein Haar, schärfer und dicker -- und
sehen Sie: die ganze Proportion ist sofort aufgehoben! Und beachten Sie
auch das Oval der Buchstaben: sie sind um ein Haar runder, auch hat er
sich einen Schnörkel erlaubt, ein Schnörkel aber ist ein überaus
gefährliches Ding. Ein Schnörkel verlangt einen seltenen Geschmack. Ist
er aber wirklich gelungen, ist die richtige Proportion getroffen, so
läßt sich diese Schrift mit keiner einzigen vergleichen, dann ist sie so
schön, daß man sich einfach in sie verlieben kann.«

»Oho! In was für Feinheiten Sie sich da vertiefen!« sagte der General
lachend. »Sie scheinen ja durchaus kein gewöhnlicher Kalligraph, sondern
ein ganzer Künstler in diesem Fach zu sein -- habe ich nicht recht,
Ganjä?«

»In der Tat,« gab Ganjä mit vollem Bewußtsein seine Zustimmung, nur mit
leise spöttischem Lächeln die Worte begleitend.

»Lach' nur, lach' nur, aber damit kann man doch Karriere machen!« sagte
der General. »Wissen Sie auch, Fürst, an welche Persönlichkeit wir Sie
unsere Eingaben werden schreiben lassen? Nein, Ihnen kann man ja von
vornherein fünfunddreißig Rubel monatliches Gehalt zahlen. Oh! schon
halb eins!« unterbrach er sich nach einem Blick auf die Uhr. »Zur Sache,
Fürst, ich muß mich beeilen, und heute werden wir uns wohl nicht
wiedersehen. Setzen Sie sich noch auf einen Augenblick. Wie ich Ihnen
bereits gesagt habe, wird es mir nicht möglich sein, Sie oft zu
empfangen, doch ein wenig helfen will ich Ihnen herzlich gern, ein
wenig, wie gesagt, das heißt natürlich nur im ... im Allernotwendigsten,
dann aber, fürs Weitere sozusagen, müssen Sie schon selbst Sorge tragen.
Ich werde Ihnen eine kleine Anstellung in einer Kanzlei verschaffen,
nichts besonders Schwieriges, nur verlangt so etwas innere Akkuratesse.
Jetzt kommen wir auf das andere zu sprechen: im Hause, oder vielmehr in
der Wohnung Gawrila Ardalionytsch Iwolgins, meines jungen Freundes hier,
den ich Ihnen hiermit vorstelle, haben Mutter und Schwester desselben
zwei oder drei möblierte Zimmer eingerichtet, die sie an gutempfohlene
Mieter abgeben, versteht sich: mit Kost und Bedienung. Meine Empfehlung
wird Nina Alexandrowna, denke ich, genügen. Für Sie aber, Fürst, dürfte
das ein gefundener Schatz sein, erstens weil Sie dann nicht allein,
sondern sozusagen im Schoße einer Familie leben werden, denn meiner
Ansicht nach wäre es für Sie sehr unangenehm, in einer Großstadt wie
Petersburg -- besonders in der ersten Zeit -- ganz allein zu sein. Nina
Alexandrowna -- die Mutter -- und Warwara Ardalionowna -- sind zwei
Damen, die ich sehr hochschätze. Nina Alexandrowna ist die Gattin
Ardalion Alexandrowitschs, eines verabschiedeten Generals, meines
ehemaligen Regimentskameraden in jüngeren Jahren, mit dem ich aber aus
gewissen Gründen den Verkehr abgebrochen habe, was mich jedoch nicht
hindert, ihn in seiner Art zu achten. Alles dies erkläre ich Ihnen
jetzt, Fürst, damit Sie sehen, daß ich Sie sozusagen persönlich empfehle
und folglich für Sie gewissermaßen garantiere. Zu zahlen haben Sie für
Kost und Logis einen sehr mäßigen Preis, doch wird, wie ich hoffe, Ihr
Gehalt alsbald vollkommen dazu ausreichen. Es ist ja wahr, ein Mensch
braucht auch etwas Taschengeld, wenn auch nur sehr wenig, aber -- nehmen
Sie es mir nicht übel, Fürst, wenn ich Ihnen rate, den Besitz von
Taschengeld lieber zu vermeiden oder überhaupt zu vermeiden, Geld in der
Tasche zu haben. Ich sage es nur so nach meiner Auffassung Ihres
Charakters. Doch da Ihr Beutel im Augenblick ganz leer ist, so erlauben
Sie mir, Ihnen jetzt -- für den Anfang -- hier diese fünfundzwanzig
Rubel anzubieten. Wir können Sie ja dann später, natürlich, verrechnen:
wenn Sie in der Tat ein so herzlicher und aufrichtiger Mensch sind, wie
Sie zu sein scheinen, so wird es hierin zwischen uns niemals
Schwierigkeiten geben. Wenn ich mich für Sie interessiere, so geschieht
es, weil ich in bezug auf Sie bereits etwas im Sinne habe -- was es ist,
werden Sie später erfahren. Sie sehen, ich bin ganz offen zu Ihnen. Ich
hoffe, Ganjä, daß du gegen die Aufnahme des Fürsten in deine Familie
nichts einzuwenden hast.«

»Oh, im Gegenteil! Meine Mutter wird sich sehr freuen ...« versicherte
Ganjä höflich.

»Ihr habt doch, glaube ich, bis jetzt nur ein Zimmer vermietet? An
diesen -- na, wie heißt er doch gleich? -- Ferd... Ferd...«

»Ferdyschtschenko.«

»Nun ja. Weiß der Teufel, aber der Kerl gefällt mir nicht. Scheint mir
irgend so ein schmieriger Patron zu sein. Und ich versteh auch nicht,
warum Nastassja Filippowna ihn so protegiert? Ist er etwa wirklich mit
ihr verwandt?«

»Oh, nein, das war doch nur ein Scherz! Keine Spur von Verwandtschaft!«

»Na, dann hol' ihn der Teufel! Und Sie, Fürst, sind Sie damit zufrieden
oder nicht?«

»Ich danke Ihnen, Exzellenz, Sie sind ungemein gütig zu mir, um so mehr,
als ich Sie nicht einmal um etwas gebeten habe. Ich sage das jetzt nicht
etwa aus Stolz. Ich wußte zwar eigentlich selbst noch nicht, wohin ich
heute mein Haupt legen sollte. Allerdings hat mich Rogoshin zu sich
aufgefordert ...«

»Rogoshin? Nun nein, das geht denn doch nicht. Ich würde Ihnen
väterlich, oder wenn Sie wollen, freundschaftlich raten, diesen Rogoshin
ganz zu vergessen. Und überhaupt würde ich Ihnen raten, sich mehr der
Familie anzuschließen, in die Sie eintreten.«

»Da Sie nun einmal so gütig zu mir sind,« wollte der Fürst von seiner
besonderen Angelegenheit beginnen, »so erlauben Sie mir, bitte, Sie in
einer für mich sehr wichtigen Angelegenheit um Rat zu fragen. Ich bin
vor nicht langer Zeit durch einen Bevollmächtigten benachrichtigt worden
...«

»Nein, jetzt müssen Sie mich schon entschuldigen,« unterbrach ihn der
General, »ich habe keinen Augenblick mehr zu verlieren. Ich werde Sie
noch bei Lisaweta Prokofjewna anmelden: wünscht sie, Sie sogleich zu
empfangen -- ich werde mich bemühen, Sie dementsprechend zu empfehlen
--, so rate ich Ihnen, die Gelegenheit zu benutzen und ihr zu gefallen,
denn Lisaweta Prokofjewna kann sehr viel für Sie tun. Und dazu sind Sie
ja ihr -- Namensvetter. Wünscht sie es dagegen nicht, so nehmen Sie es
ihr nicht übel und sprechen Sie einmal zu einer anderen Stunde vor. Du,
Ganjä, sieh mal inzwischen hier diese Rechnungen durch, wir konnten
gestern, Fedossejeff und ich, nicht damit ins reine kommen. Die darf man
nicht vergessen, auch noch hinzuzufügen ...«

Der General verließ bereits das Zimmer, und so kam denn der Fürst doch
nicht dazu, mit ihm über die überaus wichtige Angelegenheit zu reden,
von der er zu sprechen begonnen hatte. Ganjä zündete sich eine Zigarette
an, worauf er auch dem Fürsten sein Etui reichte. Der Fürst nahm eine
Zigarette, knüpfte aber, da er nicht stören wollte, kein Gespräch an,
sondern begann, das Zimmer zu betrachten. Ganjä jedoch schenkte dem mit
Zahlen bedeckten Blatt Papier, auf das ihn der General aufmerksam
gemacht hatte, kaum einen Blick. Er war augenscheinlich sehr zerstreut:
sein Lächeln, seine bei aller Nachdenklichkeit auffallende Zerfahrenheit
erschienen dem Fürsten noch unangenehmer, seitdem sie beide allein
zurückgeblieben waren. Plötzlich trat Ganjä an den Fürsten heran. Dieser
stand wieder über die Photographie Nastassjas Filippownas gebeugt und
betrachtete sie.

»Also Ihnen gefällt eine solche Frau, Fürst?« fragte er ganz
unvermittelt, während er ihn durchdringend ansah, als hätte er
irgendeine außergewöhnliche Absicht gehabt.

»Ein wunderbares Gesicht!« sagte der Fürst, »und ich bin überzeugt, daß
ihr Schicksal kein gewöhnliches ist. Das Gesicht ist an sich fast
heiter, aber sie muß doch unglaublich gelitten haben, nicht? Das sieht
man den Augen an, sehen Sie diese beiden hervorstehenden Knochen bei den
Augen, hier, wo die Wangen beginnen. Es ist ein stolzes Gesicht,
unglaublich stolz, nur weiß ich nicht, ob sie auch gut ist. Ach, wenn
sie es doch wäre! Dann wäre alles gerettet!«

»Würden Sie eine solche Frau heiraten?« fragte Ganjä plötzlich ganz
unvermittelt, ohne seinen flammenden Blick von ihm abzuwenden.

»Ich kann niemals heiraten, ich bin nicht gesund,« sagte der Fürst.

»Aber würde Rogoshin sie heiraten? Was meinen Sie?«

»Oh, heiraten würde der sie, glaube ich, wenn nicht heute, dann morgen.
Er würde sie heiraten, jawohl, nach einer Woche aber -- würde er sie
ermorden.«

Kaum hatte der Fürst das gesagt, als Ganjä plötzlich so heftig
zusammenfuhr, daß der Fürst beinahe aufschrie vor Schreck.

»Was ist Ihnen?« fragte er entsetzt und ergriff seine Hand.

»Seine Exzellenz lassen Durchlaucht bitten, sich gefälligst zu Ihrer
Exzellenz bemühen zu wollen,« sagte der Diener, der in der Tür
erschienen war.

Der Fürst folgte ihm zur Generalin.


                                  IV.

Alle drei Töchter des Generals waren gesunde, blühende, gutgewachsene
junge Damen mit wundervollen Schultern, straffer Büste und großen, fast
könnte man sagen -- Männerhänden. Infolge ihrer guten Gesundheit und
frischen Jugend aßen sie sich gern tüchtig satt, wessen sie sich
übrigens durchaus nicht schämten, und was sie daher auch vor Fremden gar
nicht zu verbergen suchten. Zwar war ihre Mutter, die Generalin Lisaweta
Prokofjewna, mitunter etwas ungehalten über diesen offen bekundeten,
echten Jugendhunger; doch da gar manche ihrer Ansichten trotz aller
äußeren Ehrerbietung, mit der die Töchter sie anhörten, im Grunde schon
längst ihre anfängliche und unerschütterliche Autorität eingebüßt hatten
-- und das sogar in einem solchen Maße, daß die einstimmige Partei der
drei jungen Mädchen fast immer recht behielt, so fand es die Generalin
im Hinblick auf ihre persönliche Würde weit bequemer und ersprießlicher,
nicht zu streiten, sondern nachzugeben. Freilich wollte sie auch nicht
immer nachgeben und sich dem Willen der Töchter fügen. Lisaweta
Prokofjewna wurde mit jedem Jahre launischer, ungeduldiger und
unduldsamer, ja, sie konnte bisweilen sogar sehr sonderbar sein. Doch da
sie immer einen ihr äußerst zugetanen und von ihr gut erzogenen Gatten
bei der Hand hatte, so ergoß sich der Ärger, wenn sich ein solcher in
ihrem Herzen angesammelt hatte, gewöhnlich über sein Haupt, worauf die
Harmonie in der Familie wiederhergestellt war und alles von neuem im
alten Gleise seinen gewohnten Gang nahm.

Übrigens besaß auch die Generalin selbst keinen gerade schlechten
Appetit, und so nahm sie täglich um halb ein Uhr an einem sehr
reichhaltigen Frühstück teil, das man jedoch ebensogut ein Mittagsmahl
hätte nennen können. Eine Tasse Kaffee wurde von den jungen Damen
bereits früher getrunken, um neun Uhr, und das geschah in der Regel noch
im Bett. Daran hatten sie sich einmal gewöhnt und dabei blieb es. Um
halb eins wurde dann im kleinen Speisesalon in der nächsten Nähe der
Gemächer der Frau Mama der Frühstückstisch gedeckt. Zu diesem intimen
Dejeuner im engsten Familienkreise erschien bisweilen auch der General,
wenn seine Zeit es ihm erlaubte. Da gab es denn außer Kaffee, Tee, Käse,
Honig, Butter, gewisse Löffelkuchen, die besonders von der Generalin
sehr gern gegessen wurden, auch noch Kotteletts und sogar eine starke
heiße Bouillon. An jenem Morgen, an dem unsere Erzählung beginnt, hatten
sich Mutter und Töchter wie gewöhnlich an der Frühstückstafel versammelt
und erwarteten den General, der versprochen hatte, um halb eins sich
gleichfalls einzufinden. Hätte er nur eine Minute länger auf sich warten
lassen, so würde sofort nach ihm geschickt worden sein. Doch er erschien
pünktlich.

Als er an seine Gattin herantrat, um ihr einen »Guten Morgen« zu
wünschen und die Hand zu küssen, bemerkte er in ihrem Gesicht einen ganz
eigenartigen Ausdruck, und wenn er auch schon am Abend vorher nicht
anders erwartet hatte, als daß es infolge einer gewissen »Geschichte« --
wie er Ähnliches in Gedanken zu nennen pflegte -- genau so kommen würde,
und sich noch im Einschlafen darob Sorgen gemacht hatte, so wurde ihm
jetzt doch trotz der Vorbereitung etwas bange. Die Töchter kamen alle
drei zum Papa, um ihm den Morgenkuß zu geben; die hatten nun allerdings
keinen Grund, ihm gram zu sein, aber auch aus ihren Mienen glaubte sein
argwöhnisches Gewissen etwas Besonderes herauszulesen. Freilich war der
General aus gewissen Gründen mehr als nötig mißtrauisch geworden, und da
er bei alledem noch ein erfahrener und talentvoller Gatte und Vater war,
so traf er schleunigst seine Vorkehrungen.

Doch, wie ich sehe, muß ich hier von meiner Erzählung abschweifen und
zur Erläuterung der Situation noch einiges über die inneren Verhältnisse
der Familie Jepantschin hinzufügen.

Der General war, wie bereits erwähnt, zwar kein sehr gebildeter Mann --
er selbst nannte sich gern einen Autodidakten, doch das hinderte ihn
nicht, als Gatte und Vater ein geschickter Stratege zu sein. Unter
anderem befolgte er auch den Grundsatz, seine Töchter nicht zum Heiraten
zu drängen, d. h. »gleich einem Damoklesschwert über ihnen zu hängen«,
und sie mit einer übergroßen väterlichen Besorgnis zu ihrem Glück zu
drängen, wie es sonst fast ausnahmslos in allen Familien geschieht, in
denen es erwachsene Töchter gibt. Ja, es war sogar ausschließlich dem
Einfluß des Generals zuzuschreiben, daß auch Lisaweta Prokofjewna, seine
Gattin, diesem Verfahren beitrat, obschon es für eine Frau doch recht
schwer sein mußte -- schwer, weil unnatürlich. Aber die Argumente des
Generals waren zu überzeugend und stützten sich überdies noch auf
handgreifliche Beweise. Mädchen, die sich vollkommen allein überlassen
blieben, mußten sich doch mit der Zeit unwillkürlich selbst
entschließen, Vernunft anzunehmen -- und dann würde das Unternehmen ganz
anders in Gang gesetzt werden: das lag doch auf der Hand! Sie würden
sich dann mit ganz anderer Lust und wirklichem Eifer an die Sache machen
und alle Launen und wählerisches Mäkeln hübsch beiseite lassen; die
Eltern brauchten aber in solchem Fall nur darauf achtzugeben, daß die
Töchter keine gar zu sonderbare Wahl trafen oder sonst eine unnatürliche
Neigung an den Tag legten, um nur, wenn dann der wichtige Augenblick
gekommen war, sofort mit aller Kraft nachzuhelfen und mit Ausnutzung
jedes Einflusses die Angelegenheit ins richtige Gleis zu bringen. Hinzu
kam noch, daß ihr Vermögen und ihr gesellschaftliches Ansehen mit jedem
Jahre in geometrischem Verhältnis wuchs -- folglich gewannen auch die
Töchter, lediglich als »Partien« betrachtet, mit jedem Jahr. Und zu
dieser Tatsache war in jüngster Zeit noch eine andere wichtige Tatsache
hinzugekommen: Die älteste Tochter, Alexandra, war plötzlich und ganz
unerwartet -- wie das gewöhnlich zu geschehen pflegt -- fünfundzwanzig
Jahre alt geworden. Fast um dieselbe Zeit hatte sich Afanassij
Iwanowitsch Tozkij, ein Mann aus der besten Gesellschaft, der
Beziehungen zu den angesehensten Persönlichkeiten hatte und
außerordentlich reich war, wieder einmal zur Verwirklichung seines
längst nicht mehr neuen Wunsches, sich zu verheiraten, fest
entschlossen. Er war ein Mann von ungefähr fünfundfünfzig Jahren, von
vornehmer Gesinnung und Gesittung, was man so nennt, und von einer
seltenen Geschmacksfeinheit. Er wollte nicht »geschmacklos« heiraten,
denn er wußte Schönheit sehr zu schätzen, und da er mit dem General
Jepantschin seit einiger Zeit innige Freundschaft pflegte, die
namentlich durch gemeinsame Beteiligung an einzelnen finanziellen
Unternehmungen herbeigeführt worden war, so stellte er denn an ihn die
Frage, gewissermaßen in der Form einer Bitte um seinen freundlichen Rat
und Beistand, ob es ginge oder nicht, daß er bei einer seiner Töchter
anhielt.

Diese Frage verursachte im stillen, ruhig-schönen Lebenslauf der Familie
Jepantschin einen sichtlichen Umschwung.

Die unbestrittene Schönheit in der Familie war, wie bereits erwähnt,
Aglaja, die Jüngste. Aber selbst Tozkij, der sich sonst durch ganz
außerordentliche Eigenliebe auszeichnete, begriff, daß sie nicht für ihn
bestimmt sein konnte. Es ist möglich, daß die blinde Liebe und gar zu
glühende Freundschaft der Schwestern die Sache etwas übertrieb, doch
mußte Aglajas Leben ihrer festen Überzeugung nach nicht ein gewöhnliches
Leben, sondern womöglich das verwirklichte Ideal eines irdischen
Paradieses werden. Aglajas zukünftiger Mann sollte alle Tugenden und
Vollkommenheiten in sich vereinigen, vom Besitz irdischer Güter schon
ganz zu schweigen. Die beiden Schwestern hatten sogar beschlossen -- und
zwar ohne viel Worte zu verlieren -- falls es nötig sein sollte, nach
Möglichkeit von ihrer Mitgift zugunsten Aglajas einen Teil abzutreten,
denn Aglaja sollte, meinten sie, ein ganz kolossales Vermögen besitzen.
Die Eltern wußten um diese Absicht, und deshalb zweifelten sie kaum, als
Tozkij um ihren Rat bat, daß eine von ihren Töchtern seinen Wunsch
erfüllen und seinen Antrag annehmen würde, um so weniger, als der reiche
Freier in betreff der Mitgift nicht allzu peinlich sein würde. Der
General hatte seinerseits den Antrag Tozkijs sofort mit der ihm eigenen
Lebensweisheit sehr hoch einzuschätzen gewußt. Nun ging aber Tozkij aus
gewissen besonderen Gründen nur mit äußerster Vorsicht in dieser
Angelegenheit vor -- sondierte einstweilen noch -- und daher hatten auch
die Eltern mit ihren Töchtern von der Sache nur wie von einer fernen
Möglichkeit gesprochen. Als Antwort hatten sie von den Töchtern den
gleichfalls noch ziemlich unbestimmt ausgedrückten Bescheid erhalten,
daß Alexandra, die Älteste, ihm vielleicht keinen Korb geben würde.
Alexandra war ein herzensgutes Mädchen, wenn auch nicht ohne gewisse
Charakterfestigkeit, sehr verständig und äußerst verträglich. Einen Mann
wie Tozkij hätte sie ohne Überwindung sogar ganz gern zu heiraten
vermocht, und es war sicher, wenn sie einmal ihr Wort gegeben, dann
würde sie treu und gewissenhaft ihre Pflicht erfüllen. Glanz liebte sie
nicht, und es war von ihr keine Launenhaftigkeit samt den damit
verbundenen Scherereien zu erwarten, sondern sie konnte möglicherweise
das Leben eines Mannes sogar versüßen und ruhig und angenehm machen.
Dabei war sie hübsch, sehr hübsch, wenn sie auch nicht gerade Aufsehen
erregte. Was konnte Tozkij Besseres wünschen?

Einstweilen aber fuhr man fort, mit entschlossenerem Vorgehen immer noch
zu zögern. Gemeinsam und freundschaftlich war von Tozkij und dem General
beschlossen worden, vorderhand jeden formellen und unwiderruflichen
Schritt zu vermeiden. Und so vermieden es auch die Eltern, offen mit den
Töchtern zu reden. Und das war schließlich der Grund, weshalb sich in
die bisherige Übereinstimmung unmerklich eine Mißstimmung eingeschlichen
hatte. Die Generalin selbst war plötzlich unzufrieden, und schon das
allein war von großer Bedeutung. Es gab da nämlich einen gewissen
verwickelten und recht unangenehmen »Zwischenfall«, der vielleicht sogar
alle Heiratspläne zerschlagen und für immer unmöglich machen konnte.

Dieser verwickelte und unangenehme »Zwischenfall«, wie sich Tozkij
auszudrücken pflegte, hatte eine Vorgeschichte, die schon ziemlich weit
zurücklag. In einem der mittleren Gouvernements des europäischen
Rußlands lebte einst auf einem kleinen Gütchen, das an eines der größten
Güter Afanassij Iwanowitsch Tozkijs grenzte, in ärmlichen Verhältnissen
ein gänzlich vermögensloser Krautjunker, der wegen seines
sprichwörtlichen, überall und unermüdlich ihn verfolgenden Mißgeschicks
eine wirklich bemerkenswerte Erscheinung war. Er stammte aus einer guten
Adelsfamilie. In dieser Beziehung rangierte Filipp Alexandrowitsch
Baraschkoff -- so hieß der Betreffende -- sogar noch vor Tozkij. Nachdem
er als Offizier seinen Abschied genommen und lange Zeit bis über die
Haare in Schulden gesteckt hatte, war es ihm endlich nach unermüdlicher,
harter, geradezu sibirischer Arbeit gelungen, die Ertragsfähigkeit
seines kleinen Gutes so weit in die Höhe zu bringen, daß er wenigstens
sein Auskommen hatte. Da er bei allem Pech doch kein Pessimist geworden
war, ermutigte ihn jeder noch so geringe Erfolg ganz außerordentlich.
Als er nun nach langen Jahren wieder einmal neue Hoffnungen hegen
durfte, begab er sich auf ein paar Tage in die nächste Kreisstadt, um
daselbst mit einem seiner Hauptgläubiger zu sprechen und, wenn möglich,
einen günstigen Vertrag abzuschließen. Am dritten Tage nach seiner
Ankunft in der Stadt erschien aber plötzlich sein Dorfältester, reitend,
mit verbrannter Wange und versengtem Bart, und meldete gehorsamst, daß
am Tage vorher um die Mittagszeit sein »Erbgut« niedergebrannt sei,
»wobei auch die gnädige Frau zu verbrennen geruhten, die Kinderchen aber
heil geblieben sind,« wie er sich buchstäblich ausdrückte. Diesem
Schicksalsschlage war jedoch selbst Baraschkoff, der an die Rippenstöße
Fortunas so lange Gewöhnte, nicht gewachsen: er wurde irrsinnig und
starb nach einem Monat. Das Gut mit dem niedergebrannten Gehöft wurde
versteigert, und die Bauern waren bald ihrer Wege gegangen. Der beiden
kleinen Mädchen aber, der Töchter Baraschkoffs, die damals sechs und
sieben Jahre alt waren, nahm sich in seiner Großmut der Gutsnachbar
Tozkij an.

Sie wurden zusammen mit den Kindern eines Verwalters der Tozkijschen
Güter, eines Deutschen und ehemaligen Beamten, der eine zahlreiche
Familie besaß, erzogen. Bald jedoch starb das eine Mädchen, die Jüngere,
am Stickhusten, so daß nur noch die siebenjährige Nastjä[4] von der
ganzen Familie übrigblieb. Tozkij, der damals im Auslande lebte, hatte
sie bald alle beide vergessen. Nach fünf Jahren fiel es ihm dann eines
Tages ein, doch mal nachzusehen, wie es auf seinem Gute eigentlich
aussah, und da entdeckte er denn zu seiner Überraschung in seinem alten
Gutsgebäude unter den Kindern seines deutschen Verwalters ein
entzückendes Mädchen von zwölf Jahren, ein ausgelassenes, reizendes,
kluges Dingelchen, das einmal sehr schön zu werden versprach -- in
solchen Dingen war Tozkij ein guter Kenner. Er blieb nur ein paar Tage
auf dem Gut, doch genügten sie ihm vollkommen, um einige Anordnungen zu
treffen. Die Folge davon war, daß in der Erziehung der Kleinen eine
bedeutsame Wendung eintrat. Es erschien alsbald eine ehrwürdige, ältere,
sehr gebildete Gouvernante, eine Schweizerin, die sich im Erziehen
höherer Töchter bereits gut bewährt hatte, und die außer in der
französischen Sprache auch noch in verschiedenen wissenschaftlichen
Fächern unterrichtete. Sie zog in das Gutsgebäude ein, und von nun an
vergrößerte sich das Wissen der kleinen Nastassja mit jedem Jahre um ein
bedeutendes. Nach vier Jahren war die Erziehung abgeschlossen: die
Gouvernante fuhr wieder fort, und bald darauf erschien eine ältere Dame,
eine Gutsnachbarin Tozkijs -- doch aus einem anderen, fernen
Gouvernement --, um Nastassja, wie die Instruktion und Bevollmächtigung
Tozkijs lautete, auf ein anderes seiner zahlreichen Güter zu bringen.
Auf diesem nicht großen Landstück war ein sehr nettes, wenn auch nur
kleines Landhaus neu aufgebaut und sehr geschmackvoll eingerichtet
worden. Das Gütchen trug wie absichtlich den Namen »Otradnoje«.[5] Die
alte Dame brachte das Mädchen in dieses stille Haus, und da ihr eigenes
Gut nur eine Werst von dort entfernt lag, so richtete sie sich zusammen
mit Nastassja in Otradnoje ein. Im Hause lebten noch eine alte
Haushälterin und eine junge, geschickte Zofe. Auch gab es dort
Musikinstrumente, eine elegante Mädchenbibliothek, Bilder, Skizzen,
Zeichenstifte, Farben, kurz, alle Malutensilien, ferner ein schönes
sibirisches Windspiel. Nach zwei Wochen erschien auch Afanassij
Iwanowitsch in Otradnoje ... Und seit der Zeit zeigte er dann eine ganz
besondere Vorliebe für dieses entlegene kleine Steppengut, suchte es in
jedem Jahre einmal auf, blieb dort zwei oder sogar drei Monate, und so
vergingen etwa vier Jahre oder noch mehr, ruhige und glückliche Jahre
vornehmen und geschmackvollen Lebens.

Da sollte es aber geschehen, daß einmal, zu Anfang des Winters, ungefähr
vier Monate nach dem Sommerbesuch Tozkijs, der diesmal nur zwei Wochen
geblieben war, in Otradnoje sich das Gerücht verbreitete und auch
Nastassja Filippowna zu Ohren kam, daß Tozkij in Petersburg alsbald ein
schönes, reiches und vornehmes Mädchen heiraten -- kurz, eine solide und
glänzende Partie machen werde. Später zeigte es sich, daß dieses Gerücht
nicht in allen Punkten der Wahrheit entsprach. Die Heirat war nur erst
ein Projekt, und überhaupt war alles noch sehr unbestimmt, doch in
Nastassja Filippowna hatte sich aus diesem Anlaß bereits eine ungeheure
Veränderung vollzogen. Sie bewies plötzlich eine ungewöhnliche
Entschlossenheit und zeigte einen Charakter, den niemand in ihr vermutet
hätte. Ohne sich lange zu bedenken, verließ sie das Landhaus und
erschien plötzlich ganz allein in Petersburg, wo sie sich sofort zu
Afanassij Iwanowitsch Tozkij begab. Dieser war zunächst sprachlos,
sammelte sich aber doch so weit, daß er nach einer Weile mit ihr zu
reden begann. Und nun stellte es sich zu seiner noch größeren
Überraschung schon nach dem ersten Wort heraus, daß er in einem ganz
anderen Ton mit ihr reden mußte, daß er Stil, Stimme, die Themen ihrer
früheren so ästhetischen und so angenehmen Gespräche, die er bis jetzt
so erfolgreich zu beherrschen gewußt, ja selbst die Logik, kurz --
alles, alles, alles von Grund aus verändern mußte! Vor ihm saß ein ganz
anderes, ihm vollkommen fremdes Weib, das mit jener Nastassja
Filippowna, die er bis jetzt gekannt und erst im Juli in Otradnoje
zurückgelassen hatte, nichts, aber auch nichts Gemeinsames hatte.

Diese neue Frau da vor ihm wußte und begriff unglaublich viel -- so
viel, daß man sich nur wundern konnte, woher sie dieses Wissen erlangt,
wie sie so genaue Begriffe in sich hatte ausarbeiten können. Das stand
doch nicht in den Büchern ihrer Mädchenbibliothek? Am erstaunlichsten
jedoch war, daß sie sogar ausgesprochen juristische Kenntnisse besaß,
und wenn ihr auch die Kenntnis der »Welt« fehlte, so schien sie doch
ganz genau zu wissen, wie gewisse Dinge in der »Welt« zu verlaufen
pflegen. Das war gar nicht mehr derselbe Charakter, den sie früher
gehabt hatte -- jene Zaghaftigkeit und Undefinierbarkeit des jungen
Mädchens, das in seiner reizenden Unart und Naivität so bezaubernd sein
konnte, mit seiner Lebhaftigkeit und Trauer und ernsten
Nachdenklichkeit, seinem Staunen und Mißtrauen, mit seinen Tränen und
mit seiner Unruhe.

Nein: hier lachte vor ihm und verletzte ihn mit den beißendsten
Sarkasmen ein ganz ungewöhnliches, nie gesehenes Wesen, von dem ihm
offen ins Gesicht gesagt wurde, daß es in seinem Herzen nie etwas
anderes für ihn empfunden habe als tiefste Verachtung, eine Verachtung
bis zum Ekel, die sogleich nach dem ersten Erstaunen eingetreten sei.
Diese neue, unbekannte Frau da vor ihm erklärte ferner, daß es ihr im
vollen Sinne des Wortes vollkommen gleichgültig sei, ob er heirate oder
nicht heirate, und wen er erwählt habe, daß sie aber gekommen sei, um
ihm diese Heirat zu verbieten, und zwar einzig aus Bosheit zu verbieten,
einzig weil sie es so wollte und es genau so geschehen mußte, wie sie
wollte, -- »nun, und wenn auch nur, sagen wir, deshalb, um mich über
dich totlachen zu können; denn jetzt will auch ich endlich einmal
lachen.«

Wenigstens drückte sie sich so aus. Und dabei war mit diesen Worten
vielleicht noch lange nicht alles ausgesprochen, was sie im Sinne hatte.
Doch während die neue Nastassja Filippowna lachte und sich über ihn
lustig machte, überlegte sich Tozkij die neue Wendung der Dinge und
suchte seine etwas verwirrten Gedanken nach Möglichkeit wieder in
Ordnung zu bringen. Dieses Ordnen und Überlegen nahm nicht wenig Zeit in
Anspruch: es dauerte etwa vierzehn Tage, bis er alles begriffen und
endgültig bei sich beschlossen hatte, was wohl zu tun sei. Afanassij
Iwanowitsch Tozkij war zu jener Zeit nicht weniger als fünfzig Jahre alt
und ein im höchsten Grade gesetzt und ehrbar gewordener Mann. Seine
gesellschaftliche Stellung hatte sich auf den besten Grundlagen
aufgebaut. Sein Ich, seine Ruhe und Bequemlichkeit liebte und schätzte
er höher als alles andere auf der Welt, wie es sich ja auch für einen
ehrenwerten Menschen gar nicht anders schickt. Nicht die geringste
Verletzung oder Störung durfte in diesem Heiligtum zugelassen werden,
das jetzt als »Krone des Lebens« eine so schöne Form angenommen hatte.
Andererseits sagten ihm seine Erfahrung und seine Auffassung der
Sachlage sehr bald und ausnehmend richtig, daß er es nun mit einem ganz
anders gearteten Wesen zu tun habe, mit einem Wesen, das nicht nur
drohte, sondern unfehlbar auch handeln würde, und das überdies vor
nichts, absolut nichts zurückschreckte, weil ihm jetzt nichts mehr teuer
war, so daß man es nicht einmal mehr -- gleichviel womit -- bestechen
konnte. Nein, hier handelte es sich offenbar um etwas ganz anderes, um
irgendein inneres, seelisches Chaos -- um etwas wie eine romantische
Entrüstung über Gott weiß wen und Gott weiß was, jedenfalls war es ein
unersättliches Verachtungsbedürfnis, das jedes Maß übersteigt -- mit
einem Wort, etwas im höchsten Grade Lächerliches und in der guten
Gesellschaft Unerlaubtes, dem im Leben zu begegnen für jeden anständigen
Menschen eine wahre Strafe Gottes sein mußte. Versteht sich: wenn man
solchen Reichtum und solche Verbindungen wie Tozkij besaß, konnte man
sich ja doch mit Leichtigkeit und in kürzester Zeit durch eine kleine
und vollkommen »harmlose« Schändlichkeit frei machen. Andererseits aber
lag es doch auf der Hand, daß Nastassja Filippowna ihm, sagen wir z. B.
im juristischen Sinne so gut wie überhaupt nichts anhaben konnte; nicht
einmal einen großen Skandal vermochte sie zu machen, denn es wäre doch
ein leichtes gewesen, sie im gegebenen Fall abzufinden. Das war ja nun
alles ganz wunderschön und beruhigend, kam aber doch nur in dem Fall in
Betracht, wenn Nastassja Filippowna zu solchen Dingen entschlossen
gewesen wäre, wie sie in ähnlichen Fällen von Frauen ausgeübt werden,
nämlich ohne daß dabei gar zu exzentrisch über den Zaun geschlagen wird.
Hier aber kam Tozkij seine durch Erfahrung erworbene Menschenkenntnis
sehr zustatten: er erriet, daß Nastassja Filippowna es selbst nur zu gut
wußte, wie machtlos sie vom Standpunkt des Gesetzes aus war, und daß sie
daher etwas ganz anderes im Sinne haben mußte, etwas, das nur ihre
blitzenden Augen ahnen ließen. Da ihr nichts mehr teuer war, und am
wenigsten sie sich selbst (es gehörte kein geringer Scharfblick dazu, um
zu erraten, daß ihr eigenes Ich schon längst aufgehört hatte, ihr teuer
zu sein, und um als Skeptiker und Zyniker an den Ernst dieses Gefühls zu
glauben), so war sie imstande, sich selbst rettungslos und womöglich auf
die entsetzlichste Art ins Verderben zu stürzen -- denn was galt es ihr,
unter sibirische Sträflinge zu kommen! -- wenn sie nur einmal diesen
Menschen beschimpfen konnte, vor dem sie einen so unmenschlichen Ekel
empfand! Tozkij hatte es niemals verleugnet, daß er ein wenig feige war
oder, sagen wir, höchst -- »konservativ«. Wenn er gewußt hätte, daß er
z. B. vor dem Traualtar erschlagen werden würde, oder daß ihn etwas
Ähnliches erwartete, etwas ebenso Unästhetisches, Lächerliches und in
der Gesellschaft Unzulässiges, so wäre er natürlich erschrocken --
jedoch nicht so sehr deshalb, weil man ihm zugedacht, ihn zu verwunden
oder ihm öffentlich ins Gesicht zu speien, als vielmehr deshalb, weil
dieses in einer so unfeinen und gesellschaftlich unmöglichen Form mit
ihm geschehen würde. Nastassja Filippowna aber schien gerade so etwas im
Sinn zu haben, wenn sie vorläufig auch noch mit keinem Wort ihre Absicht
angedeutet hatte. Er wußte, daß sie ihn bis ins kleinste hinein
beobachtet hatte und dementsprechend kannte: daher mußte sie es auch
wissen, wie und wo sie ihn am stärksten verletzen konnte. Und so
beschloß denn Tozkij, da die Heirat noch nicht viel mehr als ein frommer
Wunsch war, sich seinem Schicksal zu fügen und Nastassja Filippownas
Willen zu tun.

Es gab aber noch einen anderen Grund, warum er sich dazu entschloß.

Nastassja Filippowna hatte sich auch im Gesicht stark verändert. Man
konnte es kaum glauben, daß sie wirklich dieselbe Nastassja Filippowna
war. Früher war sie ein hübsches Mädchen gewesen, jetzt aber ... Tozkij
konnte es sich lange Zeit nicht verzeihen, daß er sie vier Jahre lang so
oft betrachtet und doch eigentlich nie gesehen hatte. Allerdings mußte
man nicht vergessen, daß auf beiden Seiten eine ungeheure Veränderung
vor sich gegangen war. Übrigens entsann er sich, daß es auch früher
bisweilen Minuten gegeben hatte, in denen ihm z. B. beim Anblick dieser
Augen eigentümliche Gedanken gekommen waren: es war, als hätte sich
hinter ihnen eine tiefe, geheimnisvolle Finsternis aufgetan. Wenn dieser
Blick einen ansah, so war's, als gäbe er einem ein Rätsel auf. In den
letzten zwei Jahren wunderte er sich oft über die Veränderung ihrer
Gesichtsfarbe: Nastassja Filippowna wurde seltsam bleich, doch --
sonderbar: sie wurde dadurch noch schöner. Tozkij, der anfangs wie alle
Lebemänner nur mit Zynismus daran gedacht hatte, wie billig er diese
Seele gekauft, die so gut wie überhaupt noch nicht gelebt hatte, begann
mit der Zeit an der Richtigkeit seiner Annahme stark zu zweifeln. Doch
ganz abgesehen davon, hatte er noch im letzten Frühling in Otradnoje
beschlossen, Nastassja Filippowna bald mit irgendeinem verständigen und
anständigen Herrn, dessen Arbeitsfeld am besten in einem anderen
Gouvernement lag, zu verheiraten, natürlich nicht ohne reichliche
Mitgift. (Oh, wie unheimlich und boshaft Nastassja Filippowna jetzt über
diesen Plan lachte!) Doch nun dachte Tozkij -- verlockt durch den Reiz
der Neuheit -- sogar daran, daß er dieses Weib ja von neuem ausnutzen
konnte. Er beschloß, sie in Petersburg unterzubringen und mit dem
größten Luxus zu umgeben. Wenn er das eine nicht haben konnte, so konnte
er doch wenigstens das andere haben: mit Nastassja Filippowna Aufsehen
erregen und in einem gewissen Kreise sogar renommieren. Und Afanassij
Iwanowitsch Tozkij schätzte seinen Ruhm gerade in diesem Kreise sehr
hoch.

Inzwischen vergingen fünf Jahre nach ihrem ersten Erscheinen in
Petersburg, und während dieser Zeit hatte sich manches offenbart.
Tozkijs Lage war einfach trostlos; und das Dümmste an der Sache war, daß
er, nachdem ihm einmal bange geworden war, nicht mehr Mut fassen und
sich beruhigen konnte. Er fürchtete ... was? -- das wußte er selbst
nicht; fürchtete einfach Nastassja Filippowna. Eine Zeitlang -- das war
noch in den ersten zwei Jahren -- begann er allmählich zu vermuten, daß
sie ihn, Afanassij Tozkij, heiraten wolle, aus übertriebenem Stolz
jedoch schweige und seinen Antrag erwarte. Das Verlangen wäre sonderbar
gewesen, doch Tozkij wurde argwöhnisch: er runzelte zwar die Stirn und
wollte nicht, aber er begann doch nachzudenken, schließlich wurde er
sogar _sehr_ nachdenklich ... bis er sich eines Tages zu seiner größten
und (so ist das Menschenherz!) etwas unangenehmen Verwunderung
überzeugte, daß er, falls er anhalten würde, ganz positiv einen Korb
bekäme. Lange Zeit konnte er es gar nicht fassen. Nur eine einzige
Erklärung schien ihm schließlich möglich: daß der Stolz dieser
»beleidigten und phantastischen Frau« bereits so nahe an Verzweiflung
grenzte, daß sie es vorzog, einmal ihre Verachtung für ihn in einer
Absage ausdrücken zu können, als ihr Leben ein für allemal
sicherzustellen und hinfort auf einer für sie sonst doch unerreichbar
hohen Staffel zu stehen. Das schlimmste aber war, daß Nastassja
Filippowna in geradezu beängstigender Weise die Oberhand gewann. Mit
Geld war bei ihr gleichfalls nichts zu erreichen, gleichviel wie hohe
Summen er ihr auch angeboten hätte. Zwar lebte sie in einer teuren
Wohnung, die er für sie luxuriös eingerichtet hatte, doch führte sie
daselbst ein sehr bescheidenes Leben und versuchte nicht einmal in den
ganzen fünf Jahren, etwas beiseite zu schaffen. Da verfiel Tozkij auf
ein sehr schlaues Mittel, um seine Ketten zu zerreißen: unmerklich und
sehr geschickt versuchte er, sie mit den idealsten Mitteln zu
verlocken; doch all die verkörperten Ideale in Gestalt von
Fürsten, Husarenoffizieren, Gesandtschaftssekretären, Dichtern,
Romanschriftstellern und sogar Sozialisten, die er ihr zuführte, machten
alle nicht den geringsten Eindruck auf sie, ganz als hätte sie anstatt
des Herzens einen Stein in der Brust gehabt, als wären alle ihre Gefühle
eingetrocknet und für immer gestorben. Sie lebte eigentlich recht
einsam, las, lernte sogar, liebte Musik. Bekannte, die sie besuchten,
hatte sie nur sehr wenige, dabei durchaus keine vornehmen Leute: so
verkehrte sie mit ein paar armen und lächerlichen Beamtenfrauen, kannte
zwei sonst ganz unbekannte Schauspielerinnen, beide schon fast
Greisinnen, liebte die zahlreiche Familie eines ehrsamen Lehrers, in
dessen Hause auch sie gern gesehen war und sogar sehr geliebt wurde. Hin
und wieder fanden sich bei ihr abends fünf bis sechs Bekannte ein, nicht
mehr. Tozkij erschien sehr oft und pünktlich. In der letzten Zeit war es
auch dem General Jepantschin gelungen (nicht ohne Mühe), Nastassja
Filippownas Bekanntschaft zu machen. In derselben Zeit wurde auch ein
junger Beamter, Ferdyschtschenko mit Namen, sehr schnell und ohne Mühe
mit ihr bekannt. Es war das ein recht unanständiger und schmieriger
Possenreißer, der dem Alkohol nicht abhold war und sich für einen
geistreichen Humoristen hielt. Ferner war ein junger und recht
eigentümlicher Mensch mit ihr bekannt, ein gewisser Ptizyn, ein
bescheidener, stets pünktlicher und gesellschaftlich einigermaßen
polierter Junge, der sich aus der größten Armut heraufgearbeitet hatte
und jetzt Geld auf hohe Zinsen lieh. Schließlich wurde auch Gawrila
Ardalionytsch Iwolgin mit ihr bekannt ... Es endete damit, daß Nastassja
Filippowna eine seltsame Berühmtheit erlangte: ein jeder sprach von
ihrer Schönheit, aber das war auch alles, wovon man sprechen konnte:
niemand konnte sich mit etwas rühmen oder das Recht dazu einem anderen
nachsagen. Dieser Ruf, ihre Bildung, ihr Auftreten, ihr Scharfsinn, ihr
Geist -- alles das zusammen bewirkte, daß Tozkij sich endgültig zur
Ausführung seines erwähnten Planes entschloß. Und hier nun beginnt der
Augenblick, von dem ab der General Jepantschin selbst so regen Anteil an
dieser Angelegenheit nahm.

Als Tozkij sich liebenswürdig und freundschaftlich in betreff einer
seiner drei Töchter an den General wandte, legte er ihm in der
ausführlichsten und edelsten Weise ein volles Bekenntnis ab. Doch teilte
er ihm gleichzeitig mit, daß er vor keinem einzigen Mittel
zurückschrecken würde, um nur endlich seine Freiheit wiederzuerlangen:
daß es ihn auch nicht beruhigen würde, wenn Nastassja Filippowna ihm
versprechen sollte, ihn hinfort mit nichts zu bedrohen, weil er sich auf
Worte allein nicht verlassen könne und folglich die sichersten Garantien
wünsche und verlange. Sie berieten hin und her, bis sie dann zunächst
einmal zu der Einsicht kamen, daß gemeinschaftlich vorzugehen am besten
sei. Auch wurde ferner noch beschlossen, es zunächst mit den sanftesten
Mitteln zu versuchen, oder wie man zu sagen pflegt: nur die edlen Saiten
des Herzens zu berühren. Sie machten sich also beide auf und fuhren zu
Nastassja Filippowna, und Tozkij begann hier sofort und ohne alle
Vorreden und Umschweife damit, daß er ihr das Unerträgliche seiner Lage
schilderte; die Schuld an allem maß er sich selbst zu; sagte ganz offen,
daß er aber doch für das Unrecht, das er ihr zugefügt, nicht
nachträglich büßen wolle, denn er sei ein eingefleischter Lüstling und
seiner nicht mächtig, daß er aber jetzt zu heiraten beabsichtige und das
ganze Schicksal dieser höchst ehrenhaften und angenehmen Verbindung in
ihrer Hand liege; mit einem Wort, er erwarte alles von ihrem edlen
Herzen. Darauf ergriff der General das Wort, in seiner Eigenschaft als
Vater, sprach sehr vernünftig, vermied alles Rührende, erwähnte nur, daß
er ihr Recht, über Tozkijs Schicksal zu bestimmen, vollkommen anerkenne,
hob geschickt seine eigene Ergebung hervor, sowie daß das Schicksal
seiner ältesten Tochter, vielleicht aber auch noch dasjenige der beiden
jüngeren, im Augenblick nur von ihr abhinge. Auf Nastassja Filippownas
Frage, was sie denn eigentlich von ihr verlangten, gestand Tozkij mit
derselben nackten Offenheit, sie habe ihm vor fünf Jahren einen solchen
Schrecken eingejagt, daß er sich auch jetzt noch nicht sicher fühle, es
sei denn, daß Nastassja Filippowna selbst heirate. Er fügte übrigens
sofort eilig hinzu, daß diese Bitte natürlich unsinnig wäre, wenn er
nicht Ursache hätte, sie doch für nicht unsinnig zu halten. Er hätte
nämlich sehr wohl bemerkt und außerdem noch aus sicherer Quelle
erfahren, daß ein junger Mann aus sehr guter Familie, der hier in
Petersburg lebe, und zwar Gawrila Ardalionytsch Iwolgin, den sie auch
selbst kenne und bei sich empfange, sie mit der ganzen Glut der
Leidenschaft liebe und -- versteht sich -- die Hälfte seines Lebens
hingeben würde für die bloße Zustimmung, ihre Zuneigung erringen zu
dürfen. Dieses Geständnis hätte er, Tozkij, selbst von Gawrila
Ardalionytschs Lippen gehört, und zwar schon vor langer Zeit als Freund
des jungen Mannes, der ihm einmal sein ganzes Herz ausgeschüttet, und
daß um diese Liebe auch Seine Exzellenz Iwan Fedorowitsch Jepantschin,
der den jungen Mann protegiere, schon lange wisse. Ferner, wenn er,
Tozkij, sich nicht täusche, sei ja auch ihr selbst die Liebe des jungen
Mannes kein Geheimnis mehr, und wie ihm, Tozkij, scheine, verhielte sie
sich zu derselben nicht abweisend. Natürlich sei es ihm, Tozkij,
schwerer als jedem anderen, davon zu sprechen; doch wenn sie ihm,
Tozkij, außer Egoismus und dem Wunsch, sein eigenes Leben zu verschönen,
nur ein wenig auch den Wunsch, ihr Gutes zu erweisen, zutraue, so würde
sie begreifen, wie unangenehm und schwer es ihm falle, ihre Einsamkeit
zu sehen. Er könne hieraus nur eins schließen: daß sie an eine
Erneuerung ihres Lebens -- das doch in der Liebe und im Familienglück so
herrlich neu erstehen und somit einen Inhalt finden könnte -- nicht
glaube oder nicht einmal glauben wolle. Dieses Leben aber, das sie jetzt
führe, sei einfach ein Vergraben und Abtöten ihrer glänzenden
Fähigkeiten, und das bewußte Gefallenfinden an ihrem Unglück, ja sogar
die gewisse Romantik, die ihrem jetzigen Leben anhafte, sei sowohl ihres
gesunden Verstandes wie ihres edlen Herzens unwürdig. Nachdem er dann
noch einmal wiederholt hatte, daß es ihm schwerer falle als jedem
anderen, mit ihr darüber zu reden, kam er auf den zweiten Teil seines
Planes zu sprechen. Er sagte, er könne sich nicht die Hoffnung versagen,
daß sie ihm nicht mit Verachtung antworten werde, wenn er sie seines
aufrichtigen Wunsches, ihre Zukunft sicherzustellen, versicherte und ihr
die Summe von fünfundsiebzigtausend Rubeln anböte. Er fügte sogleich
hinzu, daß diese Summe sowieso für sie in seinem Testament bestimmt sei;
mit einem Wort, es handle sich hier nicht etwa um eine Abfindung ... und
weshalb wolle sie denn den menschlichen Wunsch, wenigstens in
irgendeiner Art sein Gewissen zu erleichtern, bei ihm nicht gelten
lassen und entschuldigen usw. usw. -- was in solchen Fällen gewöhnlich
geredet wird. Tozkij sprach lange und beredt und flocht noch --
gleichsam im Vorübergehen -- die interessante Mitteilung ein, daß er von
diesen fünfundsiebzigtausend Rubeln keinem Menschen ein Wort gesagt, daß
selbst Iwan Fedorowitsch Jepantschin, der hier neben ihm sitze, bis
jetzt nichts davon gewußt habe, kurzum -- es wisse darum kein Mensch.

Die Antwort, die ihnen hierauf von Nastassja Filippowna zuteil wurde,
setzte aber beide Freunde nicht wenig in Erstaunen: alles andere hätten
sie eher erwartet!

Es war nicht nur keine Spur von ihrer früheren Spottlust und
Feindseligkeit, ihrem früheren Haß und Lachen vorhanden, von diesem
Lachen, bei dessen bloßer Vorstellung Tozkij ein Gruseln im Rücken
fühlte, sondern es schien sie im Gegenteil sogar zu freuen, daß sie
endlich offen und freundschaftlich mit jemand reden konnte. Sie gestand
ohne weiteres, daß sie selbst schon lange um freundschaftlichen Rat habe
bitten wollen, nur habe ihr Stolz sie davon abgehalten, daß jedoch
jetzt, nachdem das Eis gebrochen, einer Aussprache nichts mehr im Wege
stehe. Sie gestand anfangs mit einem traurigen Lächeln, bald aber ganz
heiter und sogar lachend, daß vom früheren »Sturm im Wasserglase« keine
Rede mehr sein könne; daß sie Zeit genug gehabt habe, ihre Auffassung
der Dinge zu ändern, und wenn sie in ihrem Herzen auch noch ganz
dieselbe sei, so habe sie sich doch gezwungen gesehen, manches als
vollendete Tatsache gelten zu lassen: was geschehen sei, sei geschehen,
was vergangen, das sei vergangen, und es wundere sie nur, daß Afanassij
Iwanowitsch immer noch fortfahre, so ängstlich zu sein und Befürchtungen
zu hegen. Hierauf wandte sie sich an den General und versicherte ihm,
daß sie die größte Hochachtung für seine Töchter empfände, von denen sie
schon viel gehört habe, und es würde sie glücklich und stolz machen,
wenn sie ihnen irgendwie einen Dienst erweisen könne. Es sei vollkommen
wahr, daß sie sich bedrückt und einsam fühle, sehr einsam; Afanassij
Iwanowitsch habe ihre Gedanken erraten: wie gern würde sie von ihrem
jetzigen zu einem neuen Leben auferstehen wollen, wenn nicht durch die
Liebe, so doch vielleicht in der Ehe, durch einen neuen Lebensinhalt. In
bezug auf Gawrila Ardalionytsch jedoch könne sie noch nichts Bestimmtes
sagen. Sie glaube allerdings auch bemerkt zu haben, daß er sie liebe,
und glaube sogar, daß sie ihn mit der Zeit gleichfalls liebgewinnen
würde, wenn sie nur an die Treue seiner Zuneigung glauben könne; doch
wenn er auch aufrichtig wäre, so sei er doch noch sehr jung, und daher
falle es ihr nicht leicht, einen Entschluß zu fassen. Was ihr übrigens
am meisten an ihm gefiele, sei, daß er arbeite und ganz allein seine
Mutter und seine Schwester ernähre. Sie habe gehört, daß er ein
energischer, stolzer Mann sei, der sich durchkämpfen und Karriere machen
wolle. Desgleichen habe sie gehört, daß Nina Alexandrowna Iwolgina, die
Mutter Gawrila Ardalionytschs, eine vortreffliche und in jeder Beziehung
schätzenswerte Dame sei; auch von seiner Schwester Warwara Ardalionowna
habe ihr Ptizyn viel erzählt. Derselbe habe ihr auch erzählt, wie mutig
sie ihr schweres Leben ertrügen. Sie würde gern ihre Bekanntschaft
machen, nur frage es sich noch, ob sie auch umgekehrt sie gerne sehen
und in ihre Familie aufnehmen würden. Kurzum, im allgemeinen würde sie
gewiß nichts gegen die Möglichkeit dieser Verbindung sagen, doch wolle
die Sache immerhin noch überlegt sein, und daher wünsche sie, daß man
sie nicht zu einer übereilten Handlung dränge. Was jedoch die
fünfundsiebzigtausend Rubel betreffe, so habe Afanassij Iwanowitsch ganz
grundlose Befürchtungen gehegt. Sie kenne sehr wohl den Wert des Geldes
und würde es natürlich annehmen. Sie danke ihm für sein Zartgefühl, daß
er nicht nur Seiner Exzellenz, sondern auch Gawrila Ardalionytsch nichts
davon gesagt, doch schließlich -- weshalb sollte denn dieser es nicht im
voraus erfahren? Sie habe doch gar keine Ursache, sich dieses Geldes zu
schämen. Überdies werde sie sich vor keinem Menschen irgendwie schuldig
fühlen, was man, das wünsche sie, sich merken solle. Jedenfalls würde
sie den jungen Iwolgin nicht eher heiraten, als bis sie sich überzeugt
habe, daß weder er noch seine Familie im geheimen irgendwie anders über
sie dachten, als es den Anschein habe. Denn wie dem auch sei -- sie
fühle sich in keiner Beziehung schuldig, und es wäre doch besser,
Iwolgin erführe sobald als möglich, in welchen Beziehungen zu Tozkij sie
die vier Jahre in Otradnoje gestanden habe, ferner wie sie hier in
Petersburg gelebt, und ob sie viel oder nichts erspart habe. Und wenn
sie jetzt die fünfundsiebzigtausend Rubel annehme, so betrachte sie
dieses Geld durchaus nicht etwa als Zahlung für ihre geraubte
Mädchenehre, sondern einfach als Entschädigung für ihr zerbrochenes
Leben.

Diese ganze Erklärung hatte sie -- was übrigens nur natürlich war -- in
solche Erregung versetzt und so gereizt, daß der General sehr zufrieden
war, als sie endete. Er hielt, als sie gegangen war, die Sache kurzum
für erledigt. Tozkij jedoch, dem sie einmal so großen Schrecken
eingejagt hatte, glaubte auch diesmal nicht bedingungslos und fürchtete
immer noch, daß auch hier wieder die Schlange unter den Blumen liegen
könnte. Trotzdem begannen alsbald die Unterhandlungen. Der heikle Punkt,
um den herum sich die Manöver der beiden Freunde konzentrierten -- in
Nastassja Filippowna Liebe zu Iwolgin zu erwecken -- schien allmählich
erreicht zu werden, so daß selbst Tozkij bisweilen an die Möglichkeit
eines Erfolges zu glauben wagte. Inzwischen sprach sich auch Nastassja
Filippowna mit Iwolgin aus, d. h., es wurden nur sehr wenige Worte
zwischen ihnen gewechselt, ganz als hätte ihr Schamgefühl darunter
gelitten. Aber sie gestattete ihm doch, sie zu lieben, nur erklärte sie
in sehr bestimmtem Tone, daß sie sich in keiner Beziehung binden wolle,
sich vielmehr bis zur Stunde der Trauung -- falls es so weit kommen
sollte -- das Recht, jederzeit »nein« zu sagen, vorbehalte und ganz
dasselbe Recht auch ihm zuspreche. Bald darauf erfuhr Gawrila
Ardalionytsch zufällig, daß der Widerstand, den seine ganze Familie
dieser Heirat entgegensetzte, und die Antipathie, die sie für Nastassja
Filippowna empfand -- und die sich bei ihm zu Hause oft genug in
erregten Szenen kundtat -- ihr bereits zum größten Teil und mit allen
ihren Einzelheiten kein Geheimnis mehr war. Es wunderte ihn nur, daß sie
niemals ein Wort darüber fallen ließ, was er eigentlich täglich
erwartete. So ließen sich noch manche Geschichten, Zwischenfälle und
näheren Umstände erzählen, die man während dieser Verabredungen und
Unterredungen erlebte oder sich offenbaren sah; doch ich habe ohnehin
schon zuviel im voraus gesagt, um so mehr, als manche dieser verzwickten
Umstände nur in Gestalt von vagen Gerüchten auftraten. So hatte z. B.
Tozkij irgendwoher erfahren, daß Nastassja Filippowna in gewisse
unerklärliche, und vor allen anderen geheimgehaltene Beziehungen zu den
Töchtern des Generals getreten sei -- ein doch ganz unglaubliches
Gerücht! Dafür aber mußte er an ein anderes allen Ernstes glauben, an
eines, das er bis zum blassen Schrecken fürchtete: wie ihm von durchaus
glaubwürdiger Seite versichert wurde, wußte Nastassja Filippowna ganz
genau, daß Ganjä Iwolgin sie nur des Geldes wegen heiraten wolle, daß er
eine schwarze, habgierige, unduldsame und neidische Seele habe, die
unendlich, bis zur Unglaublichkeit, selbstsüchtig war; daß Ganjä einmal
allerdings leidenschaftlich in sie verliebt gewesen, doch daß er,
seitdem von den beiden Freunden beschlossen war, diese Leidenschaft zum
eigenen Vorteil auszunutzen und Ganjä für die legitime Ehe mit Nastassja
Filippowna zu kaufen, sie wie seinen Fluch zu hassen begonnen hatte. Man
sagte Tozkij, sie wisse ganz genau, daß in Ganjä Iwolgins Seele Haß und
Leidenschaft in sonderbarer Weise gepaart seien, und daß er, wenn er
auch schließlich nach qualvollem Schwanken eingewilligt, das »ehrlose
Weib« zu heiraten, sich in der Seele doch geschworen habe, sie dafür
später bitter büßen zu lassen und sie _à la canaille_{[2]} zu behandeln,
wie er sich selbst ausgedrückt hätte. Alles das wüßte Nastassja
Filippowna und bereite im stillen etwas Besonderes vor. Tozkij geriet
hierob in so große Angst, daß er sogar dem General seine Besorgnisse zu
verschweigen begann. Dennoch gab es Augenblicke, in denen er als
schwacher Mensch, der er nun einmal war, von neuem Mut schöpfte und
wieder auflebte. Dasselbe tat er auch, als Nastassja Filippowna den
beiden Freunden im Ernst versprach, am Abend ihres Geburtstages das
entscheidende Wort zu sagen. Dafür aber erwies sich ein überaus
unglaubliches Gerücht, das sogar den hochverehrten General betraf, mit
jedem Tage -- leider! -- als immer begründeter und richtiger. Auf den
ersten Blick schien das Ganze nur eine infame Lüge zu sein. Wie sollte
man es auch glauben, daß der General Jepantschin in seinen alten Tagen,
bei seinem Verstande, bei seiner Lebensklugheit usw. sich in Nastassja
Filippowna verliebt habe, und zwar dermaßen, daß diese plötzliche
Schrulle fast eine Leidenschaft genannt werden mußte! Welche Hoffnungen
er sich machte, war schwer sich vorzustellen. Vielleicht rechnete er
sogar auf den Beistand Ganjäs, ihres zukünftigen Mannes. Wenigstens
vermutete Tozkij etwas von der Art, vermutete eine vielleicht wortlose
Übereinkunft zwischen dem alten General und dem jungen Ganjä, wie sie
gegenseitiges Durchschauen sehr wohl herbeigeführt haben konnte.
Übrigens ist es ja bekannt, daß ein Mensch, der sich gar zu sehr von
einer Leidenschaft hinreißen läßt, und namentlich noch, wenn er dabei
schon ein -- wie man zu sagen pflegt -- gesetzteres Alter erreicht hat,
alsbald vollkommen mit Blindheit geschlagen und alsdann fähig ist,
Hoffnungen sogar dort zu sehen, wo gar keine sein können, ja daß er dann
sogar trotz einer Stirnhöhe von fünf Zoll wie ein dummes Kind handeln
kann. Ferner war es Tozkij bekannt, daß der General ihr zum Geburtstage
wundervolle Perlen, die eine riesige Summe gekostet hatten, zu schenken
beabsichtige und wahrscheinlich viel von diesem Geschenk erwarte,
obschon er wußte, daß Nastassja Filippowna weder habsüchtig noch
eigennützig war. Am Vorabend des Geburtstages war er wie im Fieber,
verstand sich aber verhältnismäßig gut zu beherrschen.

Die Kunde von diesen Perlen nun war auch der Generalin, Lisaweta
Prokofjewna, zu Ohren gekommen. Sie hatte zwar schon seit längerer Zeit
die Flatterhaftigkeit ihres Gemahls empfunden und zum Teil sich auch
schon an sie gewöhnt -- aber das ging denn doch nicht an, daß man eine
solche Gelegenheit ungenutzt vorübergehen ließ! Wie gesagt, die Perlen
beschäftigten sie ungemein, und -- das hatte der General natürlich
gemerkt: sie hatte am vorhergehenden Abend ein paar entsprechende
Anspielungen gemacht, weshalb er denn jetzt eine noch ihm bevorstehende,
weit umfangreichere Aussprache erwartete und fürchtete. Dies war auch
der Grund, warum er sich an jenem Tage eigentlich sehr ungern zum
Frühstück begab. Vor dem Besuch des Fürsten hatte er sogar die Absicht
gehabt, Arbeit vorzuschützen und das Wiedersehen zu umgehen (das
bedeutete für ihn gewöhnlich fortgehen); denn es war ihm eigentlich nur
darum zu tun, diesen einen Tag, und hauptsächlich diesen einen Abend,
ohne Unannehmlichkeiten verbringen zu können. Da kam ihm der Fürst denn
wie gerufen! »Wie von Gott gesandt!« dachte der General, als er sich zu
seiner Gemahlin begab.


                                   V.

Die Generalin war sehr stolz auf ihre Abstammung. Wie mußte ihr nun
zumute sein, als ihr so offen und ohne Vorbereitungen mitgeteilt wurde,
daß der letzte Träger ihres Namens nicht viel mehr als ein
bedauernswerter Idiot, fast ganz mittellos sei und sogar Almosen
annehme. Dem General war es um den denkbar größten Eindruck zu tun, um
sogleich ihr Interesse zu erwecken, sie von anderen Gedanken abzulenken
und hierdurch die Frage nach den Perlen in Vergessenheit zu bringen.

Die Generalin hatte die Angewohnheit, wenn etwas geschehen war, was ihr
nicht behagte, mit weit offenen Augen und unbestimmtem Blick, den
Oberkörper gewöhnlich etwas zurückgelegt, vor sich in die Luft zu
starren und kein Wort zu sprechen. Sie war eine stattliche Frau, in
gleichem Alter wie ihr Gatte, mit dunklem, schon stark graumeliertem,
doch noch recht dichtem Haar, einer leicht gebogenen Nase, mit
gelblichen, eingefallenen Wangen und dünnen Lippen. Ihre Stirn war hoch
und schmal; ihre grauen, ziemlich großen Augen konnten bisweilen einen
ganz unerwarteten Ausdruck annehmen. Sie hatte einmal die Schwäche
gehabt, zu glauben, daß ihr Blick sehr ausdrucksvoll sei, und diese
Überzeugung ließ sie sich auch jetzt noch nicht nehmen.

»Empfangen? Sie sagen, wir sollen ihn empfangen? Jetzt? Sogleich?«

Die Generalin sah ihren etwas unsicher geschäftigen Iwan Fedorowitsch
mit besagten großen Augen an.

»Oh, was das betrifft, so braucht man bei dem nicht alle
Etikettevorschriften und Zeremonien zu beobachten, vorausgesetzt, daß es
dir, mein Freund« (der General redete seine Gattin gewöhnlich mit »mein
Freund« an), »daß es dir nur zusagt, ihn zu empfangen,« beeilte er sich
erklärend hinzuzufügen. »Er ist ein vollständiges Kind und so ein armer
Junge: hat da gewisse Anfälle, wie er sagt, von einer Krankheit
wahrscheinlich; kommt soeben aus der Schweiz, direkt von der Bahn, ist
etwas eigenartig gekleidet, so--o ... nach deutscher Art gewissermaßen,
und hat zum Überfluß keine Kopeke in der Tasche, tatsächlich; er weinte
beinahe. Ich habe ihm fünfundzwanzig Rubel geschenkt und will ihm in
einer Kanzlei eine kleine Schreiberstelle zu verschaffen suchen. Und
euch, _mesdames_, bitte ich, ihn gefälligst zu bewirten; denn er wird,
glaube ich, auch hungrig sein ...«

»Ich verstehe Sie nicht,« fuhr die Generalin im selben Ton und mit
demselben Blick fort, »hungrig und hat Anfälle! Was für Anfälle?«

»Oh, die wiederholen sich nicht so oft, und dann -- er ist ja fast noch
ein großes Kind, übrigens nicht ungebildet. Und euch wollte ich bitten,
_mesdames_,« wandte er sich wieder an seine Töchter, »ihn ein wenig zu
examinieren; denn es ist doch immer gut, wenn man weiß, was für
Eigenschaften er hat.«

»Ex--a--mi--nie--ren?« fragte die Generalin gedehnt und begann in
größter Verwunderung bald ihre Töchter, bald wiederum ihren Gatten mit
fragendem Blick anzusehen.

»Ach, mein Freund, das war natürlich nicht so gemeint, versteh mich
nicht falsch ... übrigens, wie du willst. Ich hatte die Absicht, ihn gut
zu behandeln und in unser Haus einzuführen; denn das wäre doch ein gutes
Werk.«

»In unser Haus einzuführen? Aus der Schweiz?«

»Die Schweiz ist eine Sache für sich ... doch, übrigens, wie gesagt:
ganz wie du willst. Ich meine ja nur, weil er doch auch ein Myschkin
ist, und vielleicht sogar verwandt mit dir, und dann: er weiß nicht
einmal, wo er sein Haupt hinlegen soll. Ich glaubte, daß es dich
interessieren würde, ihn kennen zu lernen; denn er gehört doch
gewissermaßen, nun ja, zur Familie.«

»Gewiß doch, _maman_, wenn man mit ihm nicht so zeremoniell zu sein
braucht. Und nach der Reise wird er sicherlich Hunger haben, weshalb
also soll man ihm nicht zu essen geben, wenn er hier sonst keine
Menschenseele hat?« sagte Alexandra, die älteste Tochter.

»Und dann ist er ja wie ein Kind, mit ihm kann man noch Blindekuh
spielen.«

»Blindekuh spielen? Wie das?«

»Ach, _maman_, hören Sie doch auf, sich so zu verstellen, bitte!«
unterbrach Aglaja sie ärgerlich.

Die mittlere, Adelaida, konnte sich nicht bezwingen und brach in helles
Lachen aus.

»Lassen Sie ihn nur herbitten, Papa, _maman_ erlaubt es schon,«
entschied Aglaja.

Der General klingelte und ließ den Fürsten zur Generalin bitten.

»Aber nur unter der Bedingung, daß ihm eine Serviette um den Hals
gebunden wird, sobald er sich an den Tisch setzt,« sagte die Generalin.
»Ruft Fedor -- oder Mawra ... sie soll hinter seinem Stuhl stehen, wenn
er ißt. Ist er wenigstens ruhig, wenn er seine Anfälle hat? Macht er
nicht wilde Gesten?«

»Im Gegenteil, er ist sogar sehr nett erzogen, er hat vorzügliche
Manieren. Mitunter ist er vielleicht etwas gar zu treuherzig ... Ah, da
ist er ja selbst! Bitte, hier, stelle euch vor, meine Damen: Fürst Lew
Nikolajewitsch Myschkin, der Letzte dieses Namens. Ein Namensvetter von
dir, liebe Lisaweta Prokofjewna, und vielleicht sogar ein Verwandter.
Bitte, sich seiner gefälligst anzunehmen. Sogleich wird das Frühstück
aufgetragen, Sie erweisen uns doch die Ehre, Fürst ... Nun, ich aber,
Verzeihung, ich habe mich schon verspätet, ich muß eilen ...«

»Wir wissen schon, wohin Sie eilen,« sagte die Generalin bedeutsam.

»Ich eile, ich eile, mein Freund, habe mich nämlich schon verspätet!
Gebt ihm übrigens eure Albums, _mesdames_, damit er euch irgend etwas
einschreibt. Ihr ahnt gar nicht, was für ein Kalligraph er ist --
einfach ein Phänomen! Angeborenes Talent! Dort bei mir hat er mit
mittelalterlichen Buchstaben eine Unterschrift geschrieben: >In Demut
unterzeichnet dieses Igumen Pafnutij< -- großartig! ... Nun, also auf
Wiedersehen!«

»Pafnutij? Ein Abt? Warten Sie, aber so warten Sie doch, wohin gehen Sie
denn, was ist das für ein Pafnutij?« rief die Generalin mit ärgerlicher
Gereiztheit und fast aufgebracht ihrem eilig sich entfernenden Gatten
nach.

»Ja, ja, mein Freund, früher hat es einmal einen solchen Abt gegeben ...
ich muß zum Grafen, er erwartet mich, schon lange, und die Hauptsache:
er hat mich selbst bestellt ... Auf Wiedersehen, Fürst!«

Und Se. Exzellenz verschwand mit schnellen Schritten.

»Ich weiß schon, zu welchem Grafen er geht!« bemerkte die Generalin
scharf und wandte gereizt ihren Blick dem Fürsten zu. »Nun -- was war's
doch?« begann sie gereizt, indem sie sich ärgerlich des vorhergehenden
Gespräches zu erinnern suchte. »Wovon sprachen wir? Ach, richtig! --
nun, was war das für ein Abt?«

»_Maman_,« wollte Alexandra sich einmischen, und Aglaja klappte hörbar
mit der Fußspitze auf den Boden.

»Unterbrechen Sie mich nicht, Alexandra Iwanowna,« wandte sich die
Generalin eisig an ihre Älteste. »Ich will es wissen, was es mit diesem
Abt für eine Bewandtnis hat. Setzen Sie sich hierher, Fürst, hier auf
diesen Sessel mir gegenüber, nein, nein, hierher, mehr ins Licht, rücken
Sie der Sonne näher, damit ich Sie besser sehen kann. Nun, was ist das
für ein Abt?«

»Der Abt Pafnutij,« antwortete der Fürst mit aufmerksamem und ernstem
Gesicht.

»Pafnutij? Das ist interessant. Nun, und was ist's mit ihm?«

Die Generalin stellte ihre Fragen ungeduldig, schnell, schroff, ohne den
Blick vom Fürsten abzuwenden, und als dieser antwortete, nickte sie nach
jedem Satz mit dem Kopfe.

»Igumen Pafnutij lebte im vierzehnten Jahrhundert,« begann der Fürst,
»und stand einem Kloster an der Wolga in unserem jetzigen Gouvernement
Kostroma vor. Er war bekannt wegen seines gottesfürchtigen Lebens und
seiner Reise ins Reich der Goldenen Horde[6]. Ferner half er, Ordnung
und Ruhe in unseren damaligen Fürstentümern wiederherzustellen. Das
Faksimile seiner Unterschrift auf einer Urkunde kam mir zufällig in die
Hände. Seine Schrift gefiel mir, und ich versuchte sie nachzuahmen. Als
Ihr Herr Gemahl nun sehen wollte, wie ich schreibe, um mir vielleicht
eine Anstellung zu verschaffen, schrieb ich einige Sätze auf ein Blatt
Papier, unter anderem auch >In Demut unterzeichnet dieses Igumen
Pafnutij<, genau so, wie der Abt selbst geschrieben hat. Diese
Schriftprobe gefiel Seiner Exzellenz, und deshalb hat er sie auch
erwähnt.«

»Aglaja,« sagte die Generalin »merk dir: Pafnutij, oder notiere den
Namen, denn sonst vergesse ich ihn. Ich glaubte, daß es interessanter
wäre. Wo ist denn diese Schriftprobe?«

»Sie blieb, glaube ich, auf dem Tisch im Kabinett des Generals.«

»Schickt Fedor hin und laßt sie sofort herholen!« wandte sich die
Generalin an ihre Töchter.

»Aber ich kann es Ihnen ja nochmals aufschreiben, wenn Sie wollen.« --

»Gewiß, _maman_,« sagte Alexandra, »jetzt aber täten wir besser, zu
frühstücken; wir sind hungrig.«

»Ja, das können wir,« entschied die Generalin. »Gehen wir, Fürst!
Bringen Sie auch einen großen Hunger mit?«

»Ja, im Augenblick ist er sogar recht groß. Ich danke Ihnen.«

»Das gefällt mir, daß Sie höflich sind, und ich merke, Sie sind durchaus
nicht so ein ... Sonderling, als den man Sie uns zu schildern beliebt
hat. Nun, gehen wir ... Setzen Sie sich dorthin, mir gegenüber,« sagte
sie, geschäftig dem Fürsten einen Stuhl anweisend, als sie ins
Frühstückszimmer traten, »ich will Sie sehen. Alexandra, Adelaida, sorgt
dafür, daß der Fürst alles Nötige bekommt. Nicht wahr, er ist doch gar
nicht so ... krank? Vielleicht ist's auch gar nicht nötig, ihm die
Serviette ... Hat man Ihnen bei Tisch immer eine Serviette umgebunden,
Fürst?«

»Früher, als ich etwa siebenjährig war, allerdings, wie ich mich zu
erinnern glaube; jetzt jedoch lege ich die Serviette gewöhnlich auf die
Knie, wenn ich esse.«

»So macht man's auch. Aber Ihre Anfälle?«

»Anfälle?« wunderte sich der Fürst ein wenig. »Im allgemeinen habe ich
meine Anfälle jetzt ziemlich selten. Übrigens, ich weiß nicht: man sagt,
das hiesige Klima würde mir schädlich sein.«

»Er spricht sehr gut,« bemerkte die Generalin, sich an ihre Töchter
wendend, nachdem sie wieder zu jedem Satz des Fürsten genickt hatte.
»Ich hatte es gar nicht erwartet. Das ist wahrscheinlich alles nur
Erfindung, wie gewöhnlich. Essen Sie, Fürst, und erzählen Sie, wo Sie
geboren, wo Sie erzogen sind. Ich will alles wissen; Sie interessieren
mich sehr.«

Der Fürst dankte und begann, während er mit großem Appetit aß,
zwischendurch alles das zu erzählen, was er an diesem Morgen schon
zweimal über seine Person berichtet hatte. Die Generalin blickte ihn mit
wachsender Zufriedenheit an. Die jungen Mädchen hörten gleichfalls recht
aufmerksam zu. Man kam auf die Verwandtschaft zu sprechen; es zeigte
sich, daß der Fürst seinen Stammbaum kannte, aber wie sehr sie sich auch
mühten, es ließ sich doch so gut wie gar keine Verwandtschaft zwischen
ihnen herstellen. Ihre Großväter und Großmütter hätten sich vielleicht
noch als entfernte Verwandte betrachten können. Dieses verhältnismäßig
trockene Thema gefiel der Generalin ausnehmend gut, da sie sonst nie
Gelegenheit hatte, von ihrem Stammbaum zu sprechen, und so war sie sehr
guter Laune, als sie sich von der Frühstückstafel erhob.

»So, jetzt wollen wir in unser Versammlungszimmer gehen,« sagte sie,
»der Kaffee kann dort gereicht werden. Wir haben, müssen Sie wissen, ein
bestimmtes Zimmer, in dem wir uns regelmäßig zu versammeln pflegen, wenn
wir allein sind,« erzählte sie dem Fürsten, während sie sich mit ihm
dorthin begab. »Es ist im Grunde nichts anderes, als mein kleiner Salon,
in dem sich dann eine jede damit beschäftigt, wozu sie gerade Lust hat.
Alexandra, das ist diese hier, meine älteste Tochter, spielt Klavier,
oder sie liest oder näht. Adelaida malt Landschaften und Porträts --
kann aber leider nichts beenden. Und Aglaja sitzt und tut nichts. Mir
selbst fällt jede Arbeit aus den Händen: was ich auch beginne, es kommt
doch nichts dabei heraus. Nun, da sind wir. Setzen Sie sich, Fürst,
hier, an den Kamin, und erzählen Sie. Ich will wissen, wie Sie eine
Sache zu erzählen verstehen. Jetzt werde ich mich selbst überzeugen ...
Ich will Sie gut kennen lernen und wenn ich die alte Fürstin
Bjelokonskaja wiedersehe, werde ich ihr von Ihnen erzählen. Ich will,
daß Sie auch alle anderen interessieren. Nun, reden Sie jetzt.«

»Aber, _maman_, so auf Kommando zu erzählen, ist doch sehr schwer,«
bemerkte Adelaida, die inzwischen ihre Staffelei zurechtgerückt hatte,
jetzt Pinsel und Palette zur Hand nahm und sich anschickte, an der
längst begonnenen Kopie einer Landschaft zu malen.

Alexandra und Aglaja setzten sich beide auf ein kleines Sofa und
schienen mit müßig im Schoß ruhenden Händen nichts als zuhören zu
wollen. Dem Fürsten fiel es auf, daß von allen Seiten mit ganz
besonderer, aufmerksamer Erwartung die Blicke auf ihn gerichtet waren.

»Ich würde nichts erzählen, wenn man mir befehlen wollte,« sagte Aglaja.

»Warum nicht? Was ist denn dabei so verwunderlich? Warum sollte er nicht
erzählen? Er ist doch nicht stumm. Ich will wissen, wie er zu erzählen
versteht. Nun, bitte, gleichviel wovon. Erzählen Sie, wie Ihnen die
Schweiz gefallen hat, wie war der erste Eindruck? Ihr werdet sehen, er
wird sogleich beginnen und wird sogar vorzüglich beginnen.«

»Der Eindruck war groß ...,« begann der Fürst, wurde jedoch sofort von
der Generalin unterbrochen.

»Seht! Was hab' ich gesagt?« wandte sie sich äußerst befriedigt an ihre
Töchter, »da hat er doch begonnen!«

»Aber so lassen Sie ihn doch wenigstens weitererzählen, _maman_,«
versuchte Alexandra sie aufzuhalten. »Dieser Fürst ist vielleicht sogar
sehr gerieben und nichts weniger als ein Idiot,« raunte sie unbemerkt
Aglaja zu.

»Zweifellos, das habe ich schon längst bemerkt,« flüsterte Aglaja ebenso
zurück. »Wie dumm von ihm, sich zu verstellen und eine solche Rolle zu
spielen. Glaubt er etwa, dadurch zu gewinnen?«

»Der erste Eindruck war ungeheuer groß,« wiederholte der Fürst. »Als man
mich aus Rußland fortbrachte und wir durch verschiedene deutsche Städte
fuhren, sah ich nur schweigend, was an uns vorüberzog, und ich weiß
noch, ich stellte keine einzige Frage. Es war das nach einer ganzen
Reihe von sehr starken und qualvollen Anfällen meiner Krankheit. Und
nach einer solchen Zeit, wenn meine Krankheit so heftig aufgetreten war
und die Anfälle sich mehreremal wiederholt hatten, verfiel ich
regelmäßig in vollkommene geistige Stumpfheit, verlor ganz und gar mein
Gedächtnis, und wenn der Verstand auch noch arbeitete, so wurde doch die
logische Entwicklung meiner Gedanken gleichsam immer abgeschnitten. Mehr
als zwei oder drei Gedanken vermochte ich nicht nacheinander zu denken.
So scheint es mir wenigstens jetzt. Ließen dagegen die Anfälle nach, so
wurde ich wieder gesund und kräftig, ganz so wie ich jetzt bin. Ja, ich
entsinne mich noch; es war eine unerträgliche Traurigkeit in mir; ich
hätte weinen mögen. Ich wunderte mich nur und war sehr unruhig. Doch am
entsetzlichsten wirkte auf mich, daß alles um mich herum mir so _fremd_
war; das begriff ich. Diese Fremdheit vernichtete mich förmlich. Aus
diesem Zustande, aus dieser Dunkelheit, dessen entsinne ich mich noch
deutlich, erwachte ich eines Abends -- es war in Basel, als wir in der
Schweiz angelangt waren -- und was mich erweckte, war der Schrei eines
Esels auf dem Marktplatz. Dieser Esel frappierte mich ungeheuer: er
gefiel mir aus irgendeinem Grunde über alle Maßen. Und im selben
Augenblick wurde es gleichsam hell in mir und die Dunkelheit
verschwand.«

»Ein Esel? Das ist sonderbar,« meinte die Generalin. »Aber übrigens; was
soll denn Sonderbares dabei sein -- manch eine verliebt sich in einen
Esel,« bemerkte sie mit zornigem Blick auf die lachenden Töchter. »Auch
in der Mythologie gibt es etwas Ähnliches. Fahren Sie fort, Fürst.«

»Seit der Zeit habe ich die Esel sehr lieb. Ich empfinde geradezu
Sympathie für sie. Ich erkundigte mich sofort nach ihnen -- es waren
meine ersten Worte seit langer Zeit. Ich wollte Näheres über sie hören,
denn ich hatte ja noch nie welche gesehn; und so überzeugte ich mich
bald selbst, daß sie überaus nutzbare Tiere sind: arbeitsam, stark,
geduldig, billig, ausdauernd. Durch diesen Esel aber begann mir von
Stund' an die ganze Schweiz zu gefallen, und so verging meine frühere
Traurigkeit.«

»Das ist alles sehr eigentümlich, aber ich denke, vom Esel brauchen Sie
uns jetzt nichts mehr zu erzählen. Gehen wir auf ein anderes Thema über.
Worüber lachst du die ganze Zeit, Aglaja? Und du, Alexandra? Der Fürst
hat ganz vorzüglich vom Esel erzählt. Er hat ihn selbst gesehn, was aber
hast du gesehn? Du bist noch nie im Auslande gewesen.«

»Ich habe aber doch schon einen Esel gesehn,« sagte Adelaida.

»Und ich habe sogar einen gehört! Einen vierbeinigen!« übertrumpfte sie
Aglaja.

Da brachen sie alle drei in Lachen aus und der Fürst lachte mit.

»Das ist aber sehr häßlich von euch,« bemerkte die Generalin, »Sie
müssen sie schon entschuldigen, Fürst, sie sind im Grunde gute Mädchen.
Ich muß sie ewig schelten, aber ich liebe sie doch. Sie sind
flatterhaft, leichtsinnig und im Augenblick einfach unzurechnungsfähig.«

»Weshalb denn das?« fragte der Fürst lachend. »Nur weil sie jetzt
lachen? Oh, auch ich würde die Gelegenheit nicht versäumen. Doch
trotzdem: ich habe den Esel in jeder Gestalt gern. Ein Esel ist immer
ein guter und nützlicher Mensch.«

»Aber Sie selbst, Fürst, sind Sie gut? Ich frage aus Neugier,« sagte die
Generalin ganz harmlos.

Wieder brachen alle in Lachen aus.

»Ach, das war doch nicht so gemeint! Ihr habt wirklich nichts anderes
als den Esel im Sinn!« rief die Generalin unwillig aus. »Glauben Sie
mir, Fürst, ich habe es nur so gesagt, ganz gedankenlos, ohne jede ...«

»Anspielung? Oh, ich glaube es Ihnen, zweifellos!«

Und der Fürst konnte gar nicht mehr aufhören zu lachen.

»Es ist nur gut, daß Sie lachen. Das gefällt mir sehr. Ich sehe, Sie
sind ein guter Mensch,« sagte die Generalin.

»Mitunter auch kein guter,« antwortete der Fürst.

»Nun, ich bin immer gut,« bemerkte die Generalin ganz unerwartet, »ich
bin tatsächlich immer gut, und das ist mein einziger Fehler; denn man
soll nicht immer gut sein. Ich ärgere mich sehr oft über diese drei
hier, zum Beispiel, und über Iwan Fedorowitsch besonders, doch dumm ist
nur, daß ich noch besonders gut bin, wenn ich mich ärgere. Vorhin, kurz
bevor Sie kamen, ärgerte ich mich wieder und tat, als begriffe ich
nichts, und als könnte ich auch nichts begreifen. Das kommt bei mir so
vor, ganz als wäre ich ein Kind. Aglaja hat mir eine Lektion erteilt,
hab' Dank dafür, Aglaja. Übrigens, das ist ja doch alles Unsinn. Ich bin
noch nicht so dumm, wie ich scheine und wie mich meine kleinen Töchter
machen wollen. Ich habe Charakter und bin nicht zimperlich. Ich sage das
jetzt nur so, nicht etwa, weil ich ihnen böse bin. Komm her, Aglaja, gib
mir einen Kuß ... Nun, genug der Zärtlichkeit,« sagte sie, als Aglaja
ihr nach einem Kuß auf den Mund auch noch zärtlich die Hand küßte.
»Fahren Sie fort, Fürst. Vielleicht fällt Ihnen noch etwas
Interessanteres ein als das vom Esel.«

»Ich begreife nicht, wie man so auf Kommando erzählen kann,« wunderte
sich Adelaida, »ich würde es wirklich nicht können.«

»Der Fürst aber kann es, wie du siehst. Das kommt natürlich daher, weil
er intelligent ist und mindestens zehnmal klüger als du, vielleicht
sogar zwölfmal. Ich hoffe, daß du es bald selbst einsiehst. Beweisen Sie
es ihnen, Fürst. Fahren Sie fort. Den Esel kann man, denke ich, auch in
dieser Geschichte beiseite lassen. Nun was haben Sie denn außer dem Esel
im Auslande gesehn?«

»Aber auch das, was der Fürst vom Esel sagte, war interessant,« bemerkte
Alexandra. »Der Fürst hat wirklich fesselnd seinen krankhaften Zustand
geschildert und wie ihm dann alles, durch einen äußeren Stoß gleichsam,
mit völlig unerwarteter Plötzlichkeit in einem ganz anderen Lichte
erschien. Es hat mich immer zu wissen interessiert, wie es wohl sein
mag, wenn man den Verstand verliert und dann später wieder gesund wird.
Besonders wenn es ganz plötzlich geschieht.«

»Nicht wahr? Nicht wahr?« fragte die Generalin lebhaft. »Ich sehe, auch
du kannst mitunter klug sein. Nun, genug jetzt gescherzt. Sie blieben,
glaube ich, bei der Schweizer Landschaft stehen, Fürst, -- nun?«

»Wir kamen nach Luzern und man brachte mich über den See. Ich fühlte
seine Schönheit, aber es war mir dabei unsäglich schwer zumute,«
erzählte der Fürst.

»Warum?« fragte Alexandra.

»Das weiß ich nicht. Beim ersten Anblick einer solchen Natur ist mir
immer schwer zumute und eine gewisse Unruhe erfaßt mich; schön ist es
und doch -- beunruhigend. Aber das war ja alles noch während der
Krankheit.«

»Oh, ich möchte gern einmal die Schweiz sehen!« sagte Adelaida. »Wann
werden wir endlich einmal ins Ausland reisen? Da sitze ich nun hier und
kann seit zwei ganzen Jahren keinen Vorwurf zu einem Gemälde finden.

   >Was in Westen und Süden wir lieben,
   Ist schon längst und vielfach beschrieben<«

zitierte sie. »Suchen Sie mir ein Sujet, Fürst.«

»Ich verstehe davon nichts. Ich denke: man schaut und malt.«

»Ich verstehe aber nicht zu schauen ...«

»Von was für Rätseln redet ihr? -- das soll ein Mensch verstehen! Kein
Wort begreife ich!« unterbrach sie die Generalin. »Weshalb verstehst du
denn nicht zu schauen? Du hast doch Augen, mach' sie auf und sieh.
Verstehst du es hier nicht, so wirst du's auch dort im Auslande nicht
lernen. Erzählen Sie lieber, was und wie Sie selbst geschaut haben,
Fürst.«

»Ja, das wird besser sein,« meinte auch Adelaida. »Sie haben ja doch im
Auslande das Schauen gelernt.«

»Ich weiß nicht, ob ich es getan habe. Ich habe dort nur Heilung von
meiner Krankheit gesucht. Ob ich aber zu schauen gelernt habe, das weiß
ich wirklich nicht. Ich war die ganze Zeit dort sehr glücklich.«

»Glücklich! Sie verstehen es, glücklich zu sein?« rief Aglaja aus. »Wie
können Sie dann sagen, daß Sie nicht zu schauen gelernt hätten! Sie
werden auch uns noch das Schauen lehren.«

»Ach, bitte, lehren Sie's uns!« bat Adelaida lachend.

»Ich kann nichts lehren,« gab auch der Fürst lachend zurück. »Fast die
ganze Zeit, die ich im Auslande gewesen bin, habe ich dort in jenem
Schweizerdorf verbracht; nur selten unternahm ich eine kurze Reise. Was
vermag ich da zu lehren? Anfangs konnte ich nur sagen, daß ich mich
nicht langweilte, dann aber -- meine Gesundheit besserte sich schnell --
dann wurde mir jeder Tag teuer, und je länger ich da war, desto teurer,
so daß es mir selbst auffiel. Ich war so zufrieden, wenn ich zu Bett
ging, und wenn ich aufstand, war ich geradezu glücklich. Weshalb aber
das alles so war, ist ziemlich schwer zu erklären.«

»So daß Sie sich nirgendwohin mehr fortsehnten, sich nirgendwohin mehr
fortgerufen fühlten?« fragte Alexandra.

»Anfangs, ja, ganz zu Anfang -- da rief es mich fort und mich überkam
dann eine große Unruhe. Ich dachte immerwährend daran, wie ich einst
leben würde. Ich wollte mein Schicksal erforschen und in manchen
Augenblicken wurde die Unruhe fast unerträglich. Wissen Sie, es gibt
solche Augenblicke, namentlich in der Einsamkeit. Wir hatten dort einen
Wasserfall, keinen sehr großen; der fiel von einem hohen Berge. Wie ein
schmales, dünnes Band sah er aus, und er fiel fast senkrecht, -- weiß,
rauschend, mit spritzendem, zerstäubendem Gischt. Er stürzte von hoch
oben herab und schien dabei doch gar nicht so hoch zu sein, er war
vielleicht eine halbe Werst entfernt, und es schien, als seien nur
fünfzig Schritt bis zu ihm. Wenn ich nachts nicht schlafen konnte,
lauschte ich seinem Rauschen; in solchen Minuten wuchs dann meine Unruhe
und wurde beklemmend. Auch mitten am Tage, wenn man so zuweilen
irgendwohin in die Berge ging -- da blieb man plötzlich stehen: ringsum
nichts als Fichten, alte, große, harzige Stämme; über einem auf dem
Felsen die Ruinen eines mittelalterlichen Schlosses; unser Dorf weit
unten, kaum noch sichtbar; die Sonne so grell, der Himmel blau,
unheimlich wurde die Stille. Da scheint es einem denn, daß man
irgendwohin gerufen wird, und ich dachte oft, wenn man immer geradeaus
und lange, lange ginge, bis dorthin zu jenem Strich, wo sich Himmel und
Erde vereinen -- daß dort des Rätsels Lösung sei und man dort sogleich
ein neues Leben sehen würde, ein tausendmal stärkeres und
geräuschvolleres als bei uns. So dachte ich mir immer eine große Stadt,
wie etwa Neapel, in der nur Paläste sind und Geräusch, und Lärm, und
Leben ... Doch wer kann das alles erzählen, was man so zusammengedacht
hat! Und dann schien mir wiederum, daß man auch im Gefängnis ein
unermeßlich großes Leben finden kann.«

»Diesen löblichen Gedanken habe ich schon in meiner Chrestomathie
gelesen, als ich noch zwölf Jahre alt war,« sagte Aglaja.

»Das ist alles Philosophie,« meinte Adelaida, »Sie sind ein Philosoph,
Fürst, und sind hergekommen, um uns zu belehren.«

»Sie haben vielleicht recht,« sagte der Fürst lächelnd, »ich bin ... ja,
ich bin tatsächlich ein Philosoph und habe vielleicht auch wirklich die
Absicht, zu lehren ... Das ist schon möglich ... sogar sehr möglich.«

»Und Ihre Philosophie ist von genau derselben Art, wie die Jewlampia
Nikolajewnas,« griff wieder Aglaja auf. »Das ist eine Beamtenfrau --
übrigens ist sie Witwe -- sie besucht uns oft und sitzt dann
stundenlang. Bei ihr liegt das ganze Lebensrätsel in der -- Billigkeit.
Nur wie man billiger leben könnte, nur von Kopeken spricht sie, und
dabei nicht zu vergessen -- sie _hat_ Geld. Genau so ist auch Ihr großes
Leben im Gefängnis, und vielleicht auch Ihr vierjähriges Glück im Dorf,
für das Sie Ihre große Stadt Neapel verkauften und, wie mir scheint,
noch mit Profit, wenn auch nur von Kopeken.«

»Was das Leben im Gefängnis betrifft, so kann man auch anderer Meinung
sein,« sagte der Fürst. »Ich habe einmal gehört, wie ein Mensch, der
zwölf Jahre im Gefängnis verbracht hatte, von diesem Leben erzählte. Es
war das einer von den Patienten meines Professors. Er hatte Anfälle, war
bisweilen sehr unruhig, weinte und wollte sich einmal sogar das Leben
nehmen. Sein Leben im Gefängnis war ein sehr trauriges gewesen, dessen
kann ich Sie versichern, doch sicherlich nicht nur von Kopekenwert.
Seine ganzen Erlebnisse beschränkten sich auf eine Spinne und einen
kleinen Baum, der unter dem Fenster herangewachsen war ... Doch ich
werde Ihnen lieber von einem anderen Menschen erzählen, den ich im
vorigen Jahre kennen lernte. Hier ist ein Umstand von besonderer
Merkwürdigkeit -- eben weil man einen solchen Menschen nur äußerst
selten trifft: dieser Mensch war einmal zusammen mit anderen aufs
Schafott geführt worden und hatte sein Todesurteil gehört: sie alle
sollten wegen eines politischen Verbrechens erschossen werden. Nach etwa
zwanzig Minuten wurde ihre Begnadigung verlesen, und sie wurden zu einer
milderen Strafe verurteilt. Einstweilen aber, die Zeit zwischen den
beiden Verlesungen, also etwa ganze zwanzig Minuten, hatte er natürlich
in der festen Überzeugung verbracht, daß er nach wenigen Minuten
jählings sterben würde. Ich wollte furchtbar gern einmal hören, wie er
seine damaligen Eindrücke jetzt wohl wiedergeben mochte, und versuchte
mehrmals, das Gespräch auf jenes Erlebnis zu bringen. Er entsann sich
noch jeder Einzelheit ungewöhnlich deutlich und versicherte, daß er
niemals auch nur das Geringste vergessen würde, was er in diesen Minuten
gesehen oder gedacht. Zwanzig Schritte vom Schafott, das viel Volk und
Soldaten umstanden, waren drei Pfähle eingerammt; denn der Verurteilten
waren mehrere. Die ersten drei wurden zu den Pfählen geführt und
angebunden; man zog ihnen das >Sterbekleid< an -- lange weiße Kittel --
und über die Augen wurden ihnen weiße Kapuzen gezogen, damit sie nicht
sähen, wie auf sie gezielt wurde. Vor jedem Pfahl wurde ein Kommando
Soldaten, bestehend aus einigen Mann, aufgestellt. Mein Bekannter war
der Achte in der Reihe, folglich mußte er als einer der Letzten zu den
Pfählen gehen. Der Geistliche trat an jeden heran und segnete ihn mit
dem Kreuz. Es blieben ihm noch fünf Minuten auf Erden, nicht mehr. Doch
diese fünf Minuten schienen ihm eine unendlich lange Frist, ein
unschätzbarer Reichtum; es schien ihm, daß er in diesen fünf Minuten
noch so viel Leben zu durchleben habe, daß er an den letzten Augenblick
vorläufig noch gar nicht zu denken brauche, und er entwarf noch einen
ganzen Plan für die Ausnutzung dieser kurzen Zeit: für den Abschied von
den Kameraden bestimmte er zwei Minuten; weitere zwei Minuten bestimmte
er dazu, um zum letztenmal noch einmal still für sich zu denken, und die
letzte Minute, um noch einmal, zum letztenmal, rings um sich zu schauen.
Er entsann sich dieser Zeiteinteilung noch bis auf jede Einzelheit, er
wußte genau, welche Gedanken er gehabt, und daß er sich gerade diese
Reihenfolge vorgenommen. Er war damals siebenundzwanzig Jahre alt, als
er sterben sollte, gesund und kräftig. Als er von seinen Freunden
Abschied nahm, stellte er, dessen entsann er sich noch deutlich, an
einen von ihnen irgendeine nebensächliche Frage und vernahm sogar sehr
interessiert dessen Antwort. Darauf, als er von ihnen Abschied genommen,
begannen die zwei Minuten, die er dazu bestimmt hatte, um _still für
sich zu denken_. Er wußte, worüber er nachdenken würde: er wollte es
sich immer einmal vorstellen, möglichst schnell und klar und grell, wie
denn das eigentlich sei: soeben lebt er noch, er _ist_, nach drei
Minuten aber _ist_ er _nicht_, nach drei Minuten wird er ein
_Irgend-etwas_ sein -- aber was denn, wo denn? Und alles das glaubte er
in diesen zwei Minuten entscheiden zu können. Nicht weit von jenem
Platz, auf dem sie erschossen werden sollten, war eine Kirche, und das
vergoldete Dach des Turmes glänzte im hellen Sonnenschein. Er wußte
noch, daß er unverwandt, daß er fast starr auf diesen goldenen Turm und
die Strahlen, die von ihm ausgingen, gesehen hatte; er vermochte sich
nicht loszureißen von diesen Strahlen: es schien ihm, daß sie seine neue
Natur seien, daß er nach drei Minuten irgendwie mit ihnen
ineinanderfluten würde ... Die Ungewißheit und der Ekel vor diesem
Neuen, das unfehlbar sogleich eintreten mußte und dann ewig sein würde,
waren für ihn auch in der Erinnerung noch grauenvoll. Doch trotzdem sei
ihm in diesen Augenblicken nichts schwerer gewesen, erzählte er, als der
unausgesetzte Gedanke: >Wie aber, wenn du nicht zu sterben brauchtest?
Wenn man dir das Leben wiedergeben würde -- welch eine Ewigkeit! Und all
das gehörte dann mir! Oh, jede Minute würde ich in ein ganzes
Jahrhundert verwandeln, nichts würde ich verlieren, jede Minute würde
ich zählen, nichts, nichts würde ich verlieren, keinen Augenblick würde
ich ungenützt vergeuden!< Er sagte, daß dieser Gedanke in ihm
schließlich zu einem so brennenden Ingrimm geworden sei, daß er nur noch
gewünscht habe, schneller erschossen zu werden.«

Der Fürst verstummte plötzlich. Alle erwarteten, daß er noch fortfahren
und etwas Besonderes daraus folgern würde.

»Haben Sie beendet, was Sie erzählen wollten?« fragte Aglaja.

»Was? Ach so -- ja,« sagte der Fürst, aus seiner Gedankenverlorenheit
auffahrend.

»Wozu haben Sie uns denn das erzählt?«

»So ... es fiel mir gerade ein ... weil wir darauf zu sprechen kamen
...«

»Sie scheinen gern so plötzlich abzubrechen,« bemerkte Alexandra, »Sie
wollten damit gewiß sagen, daß mitunter fünf Minuten wertvoller als ein
Schatz sein können. Das ist ja alles recht schön und gut, aber, erlauben
Sie mal, -- was tat denn dieser Ihr Bekannter, der Ihnen diese Marter
geschildert hat: er wurde doch begnadigt, folglich erhielt er diese
>Ewigkeit< geschenkt. Nun, und was tat er denn später mit diesem
Reichtum? Lebte er wirklich so, daß er keinen Augenblick mehr >ungenützt
vergeudeteWas ist?< -- >Um zehn
Uhr findet die Hinrichtung statt.< Zuerst soll er es gar nicht geglaubt
haben, es hieß, er habe sogar gestritten und behauptet, die Papiere
könnten nicht vor einer Woche zurückkommen. Doch als er nach dem jähen
Erwachen vollends zu sich kam, da hörte er auf zu widersprechen und
verstummte -- so wurde später erzählt. Darauf soll er noch gesagt haben:
>Es ist doch schwer, so plötzlich ...< worauf er wieder verstummte. Die
ersten drei oder vier Stunden vergehen über den Vorbereitungen: da kommt
der Geistliche, dann das Frühstück, zu dem er Wein, Kaffee und
Rindfleisch erhält -- ist das nicht ein wahrer Spott und Hohn? Wenn man
nur bedenkt, wie grausam das alles ist! Und doch, bei Gott, diese
unschuldigen Leute sind in ihrer Herzenseinfalt vollkommen überzeugt,
daß es ein Werk der Nächstenliebe sei! Darauf folgt das Ankleiden des
Verurteilten -- Sie wissen doch, worin das besteht? -- nun, und dann
wird er durch die Stadt zum Schafott geführt ... Ich glaube, auch hier
muß es dem Betreffenden scheinen, daß noch ein unendlich langes Leben
vor ihm liegt, während er hingeführt wird. Sicherlich denkt er
unterwegs: >Oh, es ist ja noch weit, noch drei ganze Straßen weit habe
ich zu leben; jetzt habe ich noch die erste vor mir, dann kommt erst die
zweite und dann erst die dritte, wo rechts der Bäckerladen ist ... oh,
bis wir erst zum Bäckerladen kommen!< Ringsum drängt sich das Volk,
ringsum Geschrei und Lärm, zehntausend Gesichter, zehntausend Augenpaare
-- alles das muß er ertragen, doch das Schrecklichste ist der Gedanke:
>Da sind ihrer zehntausend, und von ihnen wird keiner hingerichtet, nur
ich allein werde hingerichtet!< Und das ist alles erst der Anfang! Eine
kleine Treppe führt zum Schafott hinauf; vor dieser Treppe brach er
plötzlich in Tränen aus und war doch dabei ein starker Mensch mit
männlichem Charakter und ein großer Missetäter, wie man erzählte. Der
Geistliche wich keinen Augenblick von seiner Seite, er fuhr auch im
Verbrecherkarren mit ihm zum Richtplatz und sprach die ganze Zeit auf
ihn ein, doch wird dieser ihm wohl kaum zugehört haben, -- und wenn er
auch hingehört haben sollte, so wird er ihn nach dem dritten Wort doch
nicht mehr verstanden haben. So hat es unbedingt sein müssen. Endlich
begann er die Treppe emporzusteigen. Die Füße waren ihm ja gefesselt,
und so bewegte er sich nur mit kleinen Schritten vorwärts. Der
Geistliche muß ein verständiger Mann gewesen sein: er hörte auf zu reden
und hielt ihm immer nur das Kreuz zum Küssen hin. Vor der Treppe war er
sehr bleich, als er aber oben anlangte und auf dem Schafott stand, da
wurde er plötzlich weiß, buchstäblich so weiß wie Papier, vollkommen wie
ein Blatt weißes Schreibpapier. Zweifellos wurden seine Füße schwach und
steif, und es quälte ihn eine gewisse Übelkeit -- als wenn ihn etwas auf
die Kehle drücke und dort gewissermaßen ein Kitzeln erzeuge --, haben
Sie noch nie diese Empfindung gehabt, nach einem großen Schreck
vielleicht oder im Augenblick entsetzlicher Angst, wenn die Vernunft
zwar noch in Ordnung bleibt, jedoch gar keine Macht mehr besitzt? Ich
glaube, daß, wenn man zum Beispiel unabwendbarem Untergang preisgegeben
ist, wenn etwa ein Haus auf einen niederstürzt oder etwas Ähnliches
geschieht, daß man dann am liebsten sich hinsetzen und die Augen
schließen möchte: laß kommen, was da kommen mag! ... Hier nun, als diese
Schwäche bei ihm eintrat, hielt ihm der Geistliche mit einer schnellen
Geste und ohne ein Wort zu sagen, das Kreuz zum Kuß hin, fast so nah,
daß es die Lippen berührte -- es war ein kleines silbernes Kreuz -- und
immer wieder hielt er es ihm hin, in jeder Minute. Und sobald nur das
Kreuz seine Lippen berührte, öffnete der Verurteilte die Augen und
belebte sich wieder für ein paar Sekunden ... und die Füße gingen
wieder. Gierig küßte er das Kreuz, ja, er beeilte sich geradezu, es zu
küssen, ganz wie man sich beeilt, irgend etwas als Vorrat für alle Fälle
mitzunehmen; doch ist es nicht anzunehmen, daß er dabei irgendeinen
religiösen Gedanken hatte oder sich einer religiösen Handlung bewußt
war. Und so ging er bis zum Block ... Ist es nicht merkwürdig, daß in
diesen letzten Sekunden so selten ein Verurteilter in Ohnmacht fällt? Im
Gegenteil, das Gehirn scheint ungemein tätig zu sein, es arbeitet
rastlos, unermüdlich, ohne Unterlaß, wie eine Maschine in vollem Gang.
Ich denke mir, daß es sehr verschiedene Gedanken sind, die einem dann
durch den Sinn jagen, die man alle nicht zu Ende denkt, und vielleicht
sind es sogar sehr lächerliche und ganz nebensächliche Gedanken, wie zum
Beispiel: >Dieser lange Mensch dort hat eine Warze auf der Stirn -- hier
der untere Knopf am Kittel des Scharfrichters ist verrostet ...<
Gleichzeitig aber kann er doch nichts vergessen, kann er nicht einmal in
Ohnmacht fallen. Und um dieses eine Unvergeßliche dreht sich alles in
seinem Hirn. Und das dauert bis zur letzten Viertelsekunde, wenn der
Kopf bereits auf dem Block liegt und wartet und -- _weiß_ und dann
plötzlich hört, wie das Eisen über ihm rutscht! Das muß man ja doch
unbedingt noch hören! Ich würde, wenn mein Kopf auf dem Block läge,
absichtlich hinhorchen und unfehlbar das Geräusch des Niederfallens
hören. Es dauert das vielleicht nur ein Zehntel eines Augenblicks, aber
man muß es doch unbedingt hören! Und denken Sie, bis jetzt noch streitet
man darüber, ob nicht der Kopf, wenn er schon abgeschlagen ist, noch
eine Sekunde lang weiß, daß er jetzt abgeschlagen ist und herunterfliegt
-- können Sie sich das vorstellen? Und wenn er es nun nicht nur eine
Sekunde, sondern ganze fünf Sekunden lang weiß? ... Zeichnen Sie das
Schafott so, daß man nur die oberste Stufe ganz deutlich und möglichst
nah sieht. In der Mitte steht der Verurteilte, sein Gesicht ist weiß,
vollkommen weiß, der Priester hält ihm das Kreuz hin, das jener gierig
mit seinen blauen Lippen küssen will -- er streckt schon die Lippen vor
und sieht und sieht und -- _weiß alles_. Das Kreuz und der Kopf -- das
ist die Hauptsache, das Gesicht des Priesters, der Henker, dessen zwei
Gehilfen, und dann noch unten ein paar Köpfe und Augen, -- das kommt
alles erst in dritter Linie, als Beiwerk ... Das wäre das ganze
Gemälde.«

Der Fürst verstummte und sah seine Zuhörerinnen an.

»Das sieht jedenfalls nicht nach Quietismus aus,« sagte Alexandra
halblaut vor sich hin.

»Nun, und jetzt erzählen Sie mal, wie Sie verliebt waren,« bat Adelaida.

Der Fürst blickte sie verwundert an.

»Hören Sie,« fuhr Adelaida schnell fort, als wolle sie sich mit der
Begründung ihrer Bitte beeilen, »Sie sind mir noch die Beschreibung des
Baseler Bildes schuldig, ich weiß, aber zuerst will ich hören, wie und
wo und wann Sie verliebt gewesen sind. Leugnen Sie es nicht, Sie sind
verliebt gewesen. Zudem hören Sie sogleich auf Philosoph zu sein, sobald
Sie zu erzählen beginnen.«

»Wenn Sie etwas erzählt haben, scheinen Sie sich sogleich dessen zu
schämen, was Sie erzählt haben. Weshalb das?« fragte Aglaja.

»Pfui, das ist mir denn doch zu dumm!« schnitt ihr die Generalin
ungehalten das Wort ab.

»Ja, es ist nicht gerade klug,« pflichtete ihr Alexandra bei.

»Achten Sie nicht auf sie, Fürst,« wandte sich die Generalin an ihren
Gast, »sie sagt es nur, um sich über Sie lustig zu machen. Sie ist gar
nicht so schlecht erzogen. Denken Sie, bitte, nichts Schlechtes von
ihnen, weil sie Ihnen so zusetzen; sie haben sich wohl wieder etwas in
den Kopf gesetzt, aber ich sehe schon, daß sie Sie trotzdem liebhaben.
Ich kenne ihre Gesichter.«

»Auch ich kenne ihre Gesichter,« sagte der Fürst mit besonderem
Nachdruck.

»Wie das?« fragte Adelaida neugierig.

»Was wissen Sie von unseren Gesichtern?« fragten wißbegierig auch die
anderen.

Doch der Fürst schwieg und blieb ernst; alle warteten, was er wohl
antworten würde.

»Ich werde es Ihnen später sagen,« sagte er schließlich halblaut und mit
ernstem Gesicht.

»Sie wollen ja durchaus unser Interesse erwecken,« neckte Aglaja, »und
dazu welche Feierlichkeit!«

»Nun gut,« fiel wieder Adelaida in ihrer schnellen Redeweise lustig ein,
»aber wenn Sie ein solcher Kenner der Menschengesichter sind, so sind
Sie gewiß auch verliebt gewesen, folglich habe ich ganz richtig geraten.
Erzählen Sie also!«

»Ich bin nicht verliebt gewesen,« antwortete der Fürst ebenso leise und
ernst, »ich bin anders glücklich gewesen.«

»Wie das? Auf welche Weise?«

»... Gut, ich werde es Ihnen erzählen,« sagte der Fürst nach einer
Weile, wie in Gedanken verloren.


                                  VI.

»Da sehen Sie mich nun alle mit solcher Neugier an,« begann der Fürst,
»daß Sie mir womöglich böse sein werden, wenn ich Sie nicht ganz
zufriedenstelle. Doch -- das sagte ich ja nur zum Scherz,« fügte er
schnell mit einem Lächeln hinzu.

»Dort ... dort gab es viele Kinder, und ich habe meine ganze Zeit mit
Kindern zugebracht, nur mit Kindern. Das waren die Dorfkinder, die die
Schule besuchten, eine ganze Schar. Ich kann nicht sagen, daß ich sie
gerade unterrichtet hätte, o nein; denn sie hatten ja einen
Schulmeister, Jules Thibaut; ich aber, nun ja -- wenn ich sie auch
unterwies, so war ich eigentlich doch nur so mit ihnen zusammen, und in
dieser Weise vergingen die ganzen vier Jahre. Ich wollte auch nichts
anderes. Ich habe ihnen alles erzählt, nichts habe ich ihnen
verheimlicht. Ihre Eltern und Verwandten waren nicht wenig ungehalten
über mich, denn die Kinder konnten zu guter Letzt gar nicht mehr ohne
mich auskommen und saßen den ganzen Tag bei mir. Der Schulmeister war
bald mein erbittertster Feind. Überhaupt machte ich mir dort viele
Feinde, und immer nur wegen der Kinder. Sogar Schneider machte mir
Vorwürfe. Und weshalb nur, was befürchteten sie denn? Einem Kinde kann
man doch alles sagen, alles! Es hat mich oft stutzig gemacht, wie
schlecht Erwachsene Kinder verstehen, selbst Väter und Mütter ihre
eigenen Kinder. Kindern sollte man nichts verheimlichen, wie man es
gewöhnlich unter dem Vorwande tut, daß sie zu jung seien, und es für sie
noch zu früh sei, etwas zu wissen. Was das doch für eine traurige und
klägliche Auffassung ist! Und wie gut es die Kinder begreifen, daß die
Eltern sie für zu klein und zu dumm zum Verstehen halten, während sie
doch tatsächlich alles verstehen! Die Erwachsenen wissen nicht, daß ein
Kind sogar in der schwierigsten Angelegenheit einen äußerst guten Rat zu
geben vermag. Mein Gott! wenn so ein Kind mit seinen hellen Augen wie
ein kleiner Vogel einen treuherzig und glücklich ansieht -- da muß man
sich doch schämen, es zu belügen! Ich nenne sie deshalb kleine Vögel,
weil es etwas Reizenderes als kleine Vögel nicht gibt. Übrigens hatte
mir ein ganz besonderer Fall die Feindschaft des Dorfes eingetragen ...
Thibaut übrigens war einfach neidisch. Anfangs schüttelte er nur den
Kopf und wunderte sich, wie es zugehen mochte, daß die Kinder bei mir
alles begriffen, bei ihm aber so gut wie überhaupt nichts. Und dann
machte er sich über mich lustig, als ich ihm sagte, daß wir beide sie in
nichts unterrichten könnten, daß im Gegenteil sie uns unterrichteten.
Wie konnte er mich nur beneiden und verleumden, wenn er doch selbst
unter Kindern lebte! Durch Umgang mit Kindern gesundet die Seele ...
Dort in der Anstalt war ein Kranker, den Professor Schneider behandelte,
ein armer Unglücklicher. Sein Unglück war so groß, daß man es kaum für
möglich zu halten vermag, wie ein Mensch so etwas ertragen kann. Er
sollte dort vom Irrsinn geheilt werden, doch meiner Ansicht nach war er
nicht irrsinnig, sondern litt nur unsäglich -- Leiden war seine ganze
Krankheit. Wenn Sie wüßten, was diesem Menschen schließlich unsere
Kinder wurden! ... Doch ich werde Ihnen lieber ein anderes Mal von
diesem Kranken erzählen. Jetzt aber werde ich erzählen, wie das alles
damals begann. Zu Anfang liebten mich die Kinder gar nicht. Ich war so
lang und immer so unbeholfen; ich weiß, daß ich auch sonst häßlich bin
... und dann war ich auch noch ein Ausländer. Zuerst lachten sie nur
über mich und begannen sogar, mit Steinen nach mir zu werfen, nachdem
sie gesehen hatten, wie ich Marie küßte. Ich habe sie aber im ganzen nur
ein einziges Mal geküßt ... Nein, lachen Sie nicht,« unterbrach sich der
Fürst, als er das Lächeln seiner Zuhörerinnen bemerkte, »ich küßte sie
nicht, weil ich in sie etwa verliebt war. Wenn Sie wüßten, was für ein
unglückliches Geschöpf sie war, Sie würden sie ebenso bemitleiden, wie
ich es getan habe. Sie war ein Mädchen aus unserem Dorf. Ihre Mutter war
eine alte, kranke Frau, die in ihrem kleinen, baufälligen Häuschen
hinter dem einen der beiden kleinen Fenster mit Erlaubnis der
Dorfobrigkeit einen Krämerladen eingerichtet hatte. Aus diesem Fenster
verkaufte sie Stiefelschmiere, Garn, Tabak, Seife; lauter Kleinigkeiten,
die wenig einbrachten, und von diesem kleinen Verdienst lebte sie. Sie
war schon lange krank, ihre Füße waren geschwollen, so daß sie immer auf
ein und demselben Fleck saß und sich nicht rühren konnte. Marie war ihre
einzige Tochter, zwanzig Jahre alt, schwächlich und mager; sie war schon
seit längerer Zeit schwindsüchtig, verrichtete aber trotzdem die
schwerste Arbeit als Tagelöhnerin bei fremden Leuten: sie scheuerte die
Fußböden, wusch Wäsche, fegte die Höfe rein, besorgte das Vieh. Nun
geschah es, daß ein französischer Kommis auf der Durchreise ins Dorf
kam, sie verführte und sie mit sich nahm. Er verließ sie jedoch schon
nach einer Woche und fuhr heimlich davon. Sie machte sich zu Fuß auf den
Heimweg, bettelte sich unterwegs das Notwendigste zusammen, bis sie dann
endlich schmutzig und zerlumpt und mit zerrissenen Stiefeln wieder im
Dorf ankam. Eine ganze Woche war sie gewandert; genächtigt hatte sie
unter freiem Himmel und sich dabei natürlich erkältet. Ihre Füße und
Hände waren wund und geschwollen. Sie war auch früher nicht hübsch
gewesen, nur ihre Augen waren so still und gut und unschuldig.
Auffallend an ihr war ihre Schweigsamkeit. Früher hatte sie einmal bei
der Arbeit zu singen begonnen, und da hatten alle sie ganz erstaunt
angesehen, bis sie in Lachen ausgebrochen waren: >Marie singt! Denkt
doch, Marie singt!< Marie aber soll sehr verlegen gewesen sein, und seit
dem Tage hat sie niemand mehr singen hören. Damals war man noch
freundlich zu ihr gewesen; als sie nun aber krank und erschöpft
zurückkehrte, da hatte kein einziger auch nur das geringste Mitleid für
sie übrig! Wie grausam die Menschen doch sind! Was für enge Begriffe sie
haben! Ihre Mutter war die erste, die sie mit bösen Worten und offener
Verachtung empfing. >Du hast mich jetzt entehrt,< sagte sie. Und die
Mutter gab sie auch als erste der Schande und den Schmähungen der
anderen preis. Als man im Dorf erfuhr, daß Marie zurückgekehrt war, lief
alles hin, um sie zu sehen: fast das ganze Dorf versammelte sich in der
Hütte der Alten -- Greise, Kinder, Weiber, Mädchen, alle eilten
neugierig herbei. Marie kniete zu Füßen der Mutter, hungrig und
zerlumpt, und schluchzte. Als nun die Menschen sich so in die Stube
drängten, um die Sünderin zu betrachten, verbarg Marie ihr Gesicht im
aufgelösten Haar und warf sich in ihrer Verzweiflung auf den Fußboden,
wo sie schluchzend liegen blieb. Alle, die sie rings umstanden, blickten
auf sie herab, als wäre sie irgendein Geschmeiß gewesen. Die Männer
verurteilten sie schonungslos, die jüngeren lachten und machten sich
über sie lustig, am meisten aber schalten die Weiber, die sie wie eine
scheußliche Spinne oder etwas noch Ekelhafteres behandelten. Und die
Mutter ließ das zu, saß dabei, nickte mit dem Kopf und fand es ganz in
der Ordnung. Die Alte war damals von den Ärzten bereits aufgegeben. Nach
zwei Monaten starb sie denn auch. Sie wußte, daß ihre Tage gezählt
waren, aber sie söhnte sich nicht mit der Tochter aus, ließ sie im
kalten Vorhaus schlafen und gab ihr kaum etwas zu essen. Die kranken
Füße der Alten mußten alle paar Stunden in warmes Wasser gesetzt werden,
was Marie denn auch pünktlich und sorgsam tat. Sie wusch ihr die Füße
und pflegte sie überhaupt aufopfernd. Die Alte aber nahm alle Dienste
der Tochter als etwas Selbstverständliches hin und sagte ihr nicht
einmal ein freundliches Wort. Marie ertrug alles, und wie ich später bei
näherer Bekanntschaft sah, empfand sie diese Behandlung von seiten der
Mutter als vollkommen gerecht und hielt sich selbst für die Verworfenste
aller Verworfenen. Als man dann die Alte in ihren letzten Wochen zu Bett
hatte legen müssen, kamen die Dorfweiber abwechselnd zu ihr, um sie zu
pflegen, wie es dort Sitte ist. Nun bekam Marie überhaupt nichts mehr zu
essen; im ganzen Dorf wurde sie verfolgt, und man wollte ihr nicht
einmal Arbeit geben wie früher. Alle spien hinter ihr her, und die
Männer betrachteten sie wohl überhaupt nicht mehr als ein Weib -- solche
Schändlichkeiten sagten sie ihr. Nur sehr selten, wenn sie sich
betranken, Sonntags gewöhnlich, warfen sie ihr in der Trunkenheit zum
Spott ein Kupferstück hin, so -- einfach auf die Erde, und Marie hob es
schweigend auf. Sie hustete damals bereits sehr stark und begann Blut zu
speien. Schließlich hingen ihre Kleider nur noch wie Lumpen an ihrem
Körper, so daß sie sich schämte, sich im Dorf zu zeigen. War sie doch
seit ihrer Rückkehr immer nur barfuß gegangen! Da begannen denn
besonders die Kinder -- es waren ihrer dort eine ganze Schar, mindestens
vierzig Schulrangen -- ja, besonders die Kinder begannen, sie zu necken
und ihr mit Straßenschmutz nachzuwerfen. Sie bat den Hirten, daß er ihr
erlauben möge, seine Kühe zu hüten, aber der Hirt jagte sie davon. Sie
jedoch nahm eine Gelegenheit wahr und zog ohne seine Erlaubnis mit der
Herde hinaus und blieb den ganzen Tag fort, worauf der Hirt einsah, daß
sie ihm großen Nutzen bringen konnte, und sie nicht mehr fortjagte und
ihr bisweilen sogar die Überreste seiner Mahlzeit gab, etwas Käse und
Brot. Das hielt er natürlich für eine große Gnade. Als ihre Mutter
endlich gestorben war und beerdigt wurde, schämte sich der Pastor nicht,
sie öffentlich zu schmähen, und er tat das noch dazu in der Kirche.
Marie stand in ihren Lumpen hinter dem Sarge und weinte. Viel Volks
hatte sich versammelt, um zu sehen, wie sie weinen und hinter dem Sarge
hergehen würde. Da hub der Pastor an -- er war ein noch junger Mensch,
der den Ehrgeiz hatte, ein großer Redner zu werden -- wandte sich an
alle Anwesenden und wies auf Marie. >Seht, dort steht sie, die die
Schuld am Tode dieser alten Frau trägt,< begann er -- es war gar nicht
wahr, denn die Alte war doch ganze zwei Jahre lang krank gewesen --
>seht, da steht sie nun vor euch und wagt nicht, den Blick zu erheben;
denn der Zorn des Herrn ruht auf ihr! Da steht sie barfuß und in Lumpen
-- ein Beispiel aus der Schar jener, die den Pfad der Tugend verlassen!
Und wer ist sie? Wer ist sie, die diese fromme Frau ins Grab gebracht?
Sie ist ihre -- Tochter!< -- und so weiter, immer in demselben Ton. Und
können Sie sich so etwas denken: diese Gemeinheit gefiel allen! Doch ...
da kam etwas anderes dazwischen: die Kinder traten für sie ein; denn
damals waren sie bereits alle auf meiner Seite und hatten Marie gern.
Das war folgendermaßen geschehen: Ich wollte etwas für Marie tun, man
mußte ihr Geld verschaffen, denn sie hatte es sehr nötig. Ich besaß aber
-- dort, bei Schneider -- nie Geld. Dafür hatte ich eine kleine
Krawattennadel mit einem Brillanten, die verkaufte ich an einen
Aufkäufer alter Sachen; es war dort gerade einer, der von Dorf zu Dorf
fuhr und mit alten Kleidern handelte. Er gab mir acht Franken, während
die Nadel wenigstens vierzig wert war. Darauf bemühte ich mich lange
Zeit vergeblich, Marie einmal allein zu treffen. Endlich gelang es mir:
wir begegneten uns hinter dem Dorf auf einem einsamen Fußsteig, der auf
die Berge hinaufführte, gerade hinter einem Baum. Ich gab ihr die acht
Franken und sagte ihr, daß sie sparsam mit ihnen umgehen müsse; denn
mehr Geld hätte ich nicht, und dann küßte ich sie und sagte, sie solle
nicht denken, daß ich irgendeine schlechte Absicht hätte, daß ich sie
nicht deshalb geküßt, weil ich etwa in sie verliebt sei, sondern nur,
weil sie mir sehr leid täte und ich sie niemals für schuldig, sondern
nur für sehr unglücklich halten würde. Ich wollte sie gern noch etwas
trösten und ihr klarmachen, daß sie sich doch nicht für so tief unter
den anderen stehend zu halten brauche; aber ich sah es ihr an, daß sie
mich nicht verstand, obschon sie kein Wort sagte, mit gesenktem Blick
vor mir stand und sich entsetzlich schämte. Als ich geendet hatte,
beugte sie sich plötzlich nieder und küßte mir die Hand, worauf ich
sofort ihre Hand nahm, um sie gleichfalls zu küssen, doch sie zog sie
erschrocken zurück. Da tauchten plötzlich die Kinder auf, eine ganze
Schar. Wie ich später erfuhr, hatten sie mich beobachtet und waren mir
sogar heimlich gefolgt. Kaum hatten sie uns erblickt, als sie auch schon
in ein Hohngelächter ausbrachen, pfiffen, schrien und in die Hände
klatschten. Marie lief natürlich fort, so schnell sie nur konnte. Ich
wollte zu den Kindern reden, aber sie warfen mit Steinen nach mir. Noch
am selben Abend wußte es das ganze Dorf, und Marie mußte dafür büßen:
sie wurde noch mehr verfolgt und gehaßt. Wie ich hörte, wollte man sie
sogar gerichtlich zu einer Strafe verurteilen lassen, doch zum Glück kam
es nicht so weit. Dafür aber ließen die Kinder sie keinen Augenblick
mehr in Ruhe: sie schalten sie mit häßlichen Worten, warfen ihr Schmutz
nach, trieben sie fort, und sie mußte mit ihrer schwachen Brust laufen,
keuchend, atemlos, die Kinder mit Geschrei hinter ihr her. Einmal trat
ich der Schar entgegen und prügelte mich sogar mit den Jungen. Dann
begann ich mit ihnen zu reden. Und so redete ich jeden Tag, wenn sich
nur Gelegenheit dazu bot. Bisweilen blieben sie dann stehen und hörten
zu, wenn sie auch das Schelten noch nicht ließen. Ich erzählte ihnen,
wie unglücklich Marie sei, und bald hörten sie auf, sie zu verfolgen und
gingen nur schweigend fort, wenn sie kam. Mit der Zeit begannen sie auch
mit mir zu sprechen, und wir unterhielten uns; ich verheimlichte ihnen
nichts, ich erzählte ihnen alles. Sie hörten mir sehr neugierig zu und
bald empfanden auch sie Mitleid mit Marie. Einzelne von ihnen gingen
sogar so weit, daß sie sie jetzt freundlich grüßten, wenn sie ihr
begegneten. Es ist dort Sitte, daß einander Begegnende, gleichviel ob
sie sich kennen oder nicht, >Grüß Gott< sagen. Ich kann mir denken, wie
erstaunt Marie anfangs gewesen sein muß. Einmal hatten zwei kleine
Mädchen sich irgendwoher Essen verschafft, und kamen dann zu mir, um es
mir zu erzählen. Sie sagten, Marie habe angefangen zu weinen, und sie
hätten sie jetzt sehr lieb. Es dauerte nicht lange, und sie wurde von
allen geliebt, und durch sie gewannen die Kinder auch mich plötzlich
lieb. Von der Zeit an kamen sie oft zu mir und baten mich, ihnen zu
erzählen. Ich glaube, ich habe nicht schlecht erzählt, denn sie hörten
mir sehr gern zu. Späterhin lernte und las ich nur zu dem Zweck, um
ihnen dann das Gelesene erzählen zu können, und so habe ich ihnen ganze
drei Jahre lang erzählt. Als mich dann später alle, selbst Schneider
nicht ausgenommen, verurteilten, weil ich mit ihnen wie mit Erwachsenen
redete und ihnen nichts verheimlichte, sagte ich, daß man sich schämen
müßte, Kinder zu belügen, daß sie ja sowieso alles wüßten, wie sehr man
es auch vor ihnen geheimhalten wollte. Wenn sie all das dann aber im
Leben erfahren würden, dann würden sie es als etwas Schmutziges
erfahren, von mir aber erführen sie es als etwas Reines. Es sollte,
meinte ich, doch ein jeder nur daran denken, wie es gewesen war, als er
selbst noch ein Kind war. Die Menschen waren aber anderer Meinung ...
Daß ich Marie geküßt hatte, war ungefähr zwei Wochen vor dem Tode ihrer
Mutter gewesen, so daß die Kinder, als der Pastor die Beerdigungsrede
hielt, schon alle auf meiner Seite waren. Ich erklärte ihnen
unverzüglich die ganze Schändlichkeit dieser Rede, und sie wurden alle
böse auf ihn, einige sogar in dem Maße, daß sie mit Steinen seine
Fensterscheiben einwarfen. Ich verbot es ihnen natürlich, denn das ging
doch nicht an; aber im Dorf hatte man schon den ganzen Zusammenhang
erfahren, und alle beschuldigten mich, daß ich die Kinder verderbe.
Gleichzeitig erfuhren sie auch den Grund: daß die Kinder Marie liebten
-- und sie erschraken unsäglich. Marie aber war glücklich. Den Kindern
wurde strengstens verboten, mit ihr zusammenzukommen. Da liefen sie denn
heimlich fort und stahlen sich auf Umwegen zur Herde, die sie hütete. Es
war ziemlich weit -- eine gute halbe Werst vom Dorf. Und sie brachten
ihr Leckerbissen, die sie sich selbst abgespart, oder sie liefen auch
nur so hin, um sie zu grüßen und zu streicheln und ihr zu sagen: >Ich
hab dich lieb, Marie<. Und dann liefen sie blitzschnell wieder nach
Hause. Marie war wie von Sinnen vor Glück: es kam so plötzlich, daß sie
gar nicht wußte, wohin damit! So etwas hatte sie ja nie im Traume für
möglich gehalten. Sie schämte sich und war doch selig. Die Kinder aber,
namentlich die Mädchen, liefen gern zu ihr hin, um ihr zu sagen, daß ich
sie liebe und ihnen sehr viel von ihr erzähle. Sie erzählten ihr sogar,
daß ich ihnen alles gesagt hätte, und daß sie sie jetzt liebten und
bemitleideten, und daß es immer so bleiben würde. Und von ihr kamen sie
dann eilig zu mir gelaufen, um mir mit freudigen Gesichtchen und
geschäftigen Mienen höchst wichtig mitzuteilen, daß sie soeben Marie
gesehen und gesprochen hätten, und daß sie mich grüßen lasse. Am Abend
ging ich dann zum Wasserfall: dort war eine rings von Pappeln
umstandene, einsame Stelle, die man vom Dorfe aus nicht sehen konnte,
und dorthin kamen sie dann zu mir gelaufen, viele nur ganz heimlich. Das
war unser Versammlungsort. Ich glaube, meine Zuneigung zu Marie war für
sie von ungeheurem Reiz, und so habe ich ihnen denn nur in dieser einen
Beziehung nicht die Wahrheit gesagt: ich ließ sie in dem Glauben, daß
ich Marie tatsächlich liebe, das heißt, daß ich in sie verliebt sei,
während sie mir doch nur leid tat; ich ersah aus allem, daß es ihnen so
besser gefiel, wie sie es sich selbst zurechtgelegt hatten; und deshalb
schwieg ich und tat, als hätten sie das Geheimnis erraten. Und wie
zartfühlend und zärtlich diese kleinen Herzen waren! Unter anderem
schien es ihnen ganz ungehörig, daß Marie, die von ihrem guten Lew
geliebt wurde, so schlecht gekleidet war und sogar barfuß ging. Und
können Sie sich denken: sie verschafften ihr Schuhe und Strümpfe und
Wäsche und sogar ein Kleid -- wie sie das fertigbrachten, begreife ich
heute noch nicht! Jedenfalls wird sich die ganze Schar zusammengetan und
mit vereinten Kräften am großen Werk gearbeitet haben. Als ich sie
fragte, wie sie das angestellt hätten, lachten sie nur fröhlich, und die
kleinen Mädchen klatschten in die Hände und kamen zu mir gelaufen und
küßten mich. Auch ich ging bisweilen zu Marie, aber gleichfalls nur
heimlich. Sie wurde immer schwächer und konnte bald kaum noch gehen.
Aber trotzdem schleppte sie sich an jedem Morgen hinaus und ging mit der
Herde mit und saß dort im Freien, den ganzen Tag: sie setzte sich etwas
abseits an einen steilen, fast senkrechten Abhang auf einen kleinen
Vorsprung, dort lag am äußersten Rande ein großer Stein, ganz verborgen
hinter Felsvorsprüngen. Und dort saß sie fast regungslos, vom Morgen bis
zum Abend, bis zu dem Augenblick, wenn die Herde heimkehren mußte. Sie
war von der Schwindsucht so entkräftet, daß sie gewöhnlich mit
geschlossenen Augen saß, den Kopf an den Fels gelehnt, schwer atmend,
und so verträumte sie halb schlummernd den ganzen Tag. Ihr Gesicht war
so mager geworden, daß man glauben konnte, ein Skelett vor sich zu
haben, und auf der Stirn und an den Schläfen trat immer Schweiß hervor.
So traf ich sie regelmäßig an, wenn ich sie aufsuchte. Ich blieb nicht
lange bei ihr, denn ich wollte nicht, daß man mich mit ihr zusammen
sehen sollte. Kaum näherte ich mich ihr, so zuckte sie auch schon
zusammen, schlug die Augen auf, und dann stürzte sie mir entgegen, um
meine Hände zu küssen. Das verbot ich ihr nicht, denn sie war glücklich,
wenn sie es tun konnte. Die ganze Zeit, solange ich bei ihr saß,
zitterte und weinte sie. Sie begann allerdings ein paarmal zu sprechen,
aber es war schwer, sie zu verstehen. Sie war dann wie von Sinnen, doch
weiß ich nicht, ob es nur krankhafte Erregung war oder inneres
Entzücken. Bisweilen kamen auch die Kinder mit mir zu ihr. Dann stellten
sie sich gewöhnlich nicht weit von uns auf und bewachten und beschützten
uns vor weiß Gott was oder wem, und dann waren sie sehr froh. Wenn wir
fortgingen, blieb Marie wieder allein zurück, und saß wieder regungslos
mit geschlossenen Augen, den Kopf an die Felswand gelehnt; vielleicht
träumte sie von irgend etwas. Eines Morgens aber konnte sie nicht mehr
mit der Herde mitgehen und blieb in ihrem alten, leeren Häuschen. Das
hatten die Kinder bald erfahren, und sie besuchten sie fast alle an
diesem Tage. Sie lag mutterseelenallein in ihrem armseligen Bett. Die
ersten zwei Tage wurde sie nur von den Kindern gepflegt, die abwechselnd
zu ihr liefen, so daß die einen die anderen ablösten, dann jedoch, als
man im Dorfe erfuhr, daß Marie im Sterben liege, gingen auch die alten
Dorfweiber zu ihr, um sie nicht ganz allein zu lassen und um sie zu
pflegen. Wahrscheinlich begann man jetzt im Dorf, sie zu bemitleiden
wenigstens hielt man die Kinder nicht mehr zurück, wenn sie zu ihr
laufen wollten. Marie lag die ganze Zeit über wie im Halbschlummer, doch
hatte sie keinen ruhigen Schlaf: sie hustete entsetzlich. Die alten
Weiber ließen aber die Kinder nicht mehr in ihre Stube, und so liefen
die Kleinen immer unter ihr Fenster, um ihr von draußen >Guten Tag,
liebe, gute Marie< zuzurufen. Marie aber war, sobald sie wieder ein
Kleines hinter dem Fenster erblickte oder nur hörte, sogleich wie neu
belebt und mühte sich mit Aufbietung ihrer letzten Kräfte, ohne auf die
alten Weiber zu hören, sich im Bett etwas aufzurichten, sich auf den
Ellbogen zu stützen, und dann nickte sie ihnen mit dem Kopf zu und
dankte. Die Kinder brachten ihr nach wie vor ihre kleinen Leckerbissen,
aber sie aß fast nichts mehr. Sie können mir glauben, daß sie durch die
Liebe der Kinder mit Glück im Herzen starb. Die Liebe der Kinder ließ
sie ihr trostloses Elend vergessen, sie empfing von ihnen gleichsam die
Vergebung ihrer Sünden; denn sie hielt sich bis zum Tode für eine große
Verbrecherin. Sie kamen wie kleine Vögel an ihr Fenster geflogen und
riefen ihr an jedem Morgen einen Gruß zu und sagten: >Wir haben dich
lieb, Marie!< Sie starb sehr bald. Ich dachte bis zuletzt, daß sie noch
länger leben würde. Am Abend vor ihrem Tode, kurz vor Sonnenuntergang,
besuchte ich sie. Ich glaube, sie erkannte mich, und ich drückte ihr zum
letztenmal die Hand. Wie abgezehrt diese Hand war! Und plötzlich am
nächsten Morgen kamen sie und sagten, daß Marie gestorben sei. Da konnte
man die Kinder nicht mehr zurückhalten: sie schmückten den ganzen Sarg
mit Blumen und setzten ihr einen Kranz aufs Haar. Der Pastor sagte kein
schlechtes Wort über die Tote in seiner Leichenrede. Es waren nur sehr
wenige zugegen, nur so -- aus Neugier waren einige gekommen; doch als
man den Sarg hinaustragen wollte, stürzten alle Kinder herbei, um ihn
selbst zu tragen. Natürlich waren sie zu schwach dazu, sie konnten beim
Tragen höchstens etwas helfen, aber dennoch liefen sie alle mit und alle
weinten herzbrechend. Maries Grab wurde von ihnen unermüdlich mit Blumen
geschmückt, und ringsum wurden von ihnen kleine Rosenstöcke gepflanzt
... Seit dieser Beerdigung wurde ich vom ganzen Dorf der Kinder wegen
verfolgt. Meine größten Feinde und die Hauptanstifter dieser Verfolgung
waren der Pastor und der Schulmeister. Den Kindern wurde strengstens
verboten, mit mir Umgang zu pflegen, und Schneider verpflichtete sich
sogar, mich besser zu beaufsichtigen und Annäherungen zu verhindern.
Aber wir kamen dennoch zusammen oder verständigten uns, wenn es nicht
anders ging, von ferne durch verschiedene Zeichen, oder sie schickten
mir heimlich ihre kleinen Briefe. Späterhin hörte das übrigens wieder
auf, und wir brauchten nicht mehr heimlich zu verkehren. Aber es war
doch hübsch so: ich trat ihnen gleichsam noch näher dadurch, daß ich
verfolgt wurde. Im letzten Jahre kam es zwischen mir und meinen beiden
Feinden, Thibaut und dem Pastor, sogar zu einer halben Aussöhnung.
Schneider stritt oft mit mir über mein schädliches >System< zur
Kindererziehung und redete viel darüber. Aber was hatte ich denn für ein
System! Schließlich sagte er mir noch etwas sehr Sonderbares -- einen
Gedanken, den er über mich hatte ... und das war kurz vor meiner
Abreise. Er sagte mir, er habe sich überzeugt, daß ich selbst ein
vollständiges Kind sei, ein wirkliches Kind, daß ich nur dem Alter und
dem Äußern nach einem Erwachsenen ähnlich sähe, in jeder geistigen
Beziehung dagegen, in der ganzen psychischen Entwicklung, als Charakter,
als Seele -- und vielleicht sogar meinen Verstand nicht ausgenommen --
sei ich kein Erwachsener, und so würde ich bleiben, wenn ich auch
sechzig Jahre alt würde. Ich lachte nicht wenig, als er mir das gesagt
hatte, natürlich hat er nicht recht, denn -- nicht wahr -- was bin ich
denn für ein Kind? Nur eines ist wahr: ich bin tatsächlich nicht gern
mit Erwachsenen zusammen, mit großen Menschen, daß habe ich selbst
bemerkt, -- nicht gern, weil ich es nicht verstehe, mit ihnen zusammen
zu sein. Was sie auch reden, und wie gut sie auch zu mir sein mögen, ich
fühle mich doch nicht wohl in ihrer Gesellschaft, es ist mir aus
irgendeinem Grunde schwer zumute, und ich bin sehr froh, wenn ich zu
meinen kleinen Freunden gehen kann, und das sind von jeher Kinder
gewesen -- nicht, weil ich selbst ein Kind bin, sondern ich fühle mich
eben immer zu ihnen hingezogen. Als ich noch zu Anfang meines
Aufenthaltes dort im Dorf umherstrich und die einsamen Berge aufsuchte,
um allein zu sein, begegnete mir bisweilen um die Mittagszeit die ganze
Schar der Dorfkinder, die aus der Schule mit Täschchen und
Schiefertafeln schreiend, lachend, spielend und streitend nach Hause
eilte, und meine ganze Seele strebte dann zu ihnen hin. Ganz plötzlich
kam es. Ich weiß nicht, was es war, aber mich ergriff jedesmal ein
großes Glücksempfinden, wenn ich ihnen begegnete. Ich blieb stehen und
lachte vor Glück, wenn ich diese kleinen Beinchen sah, die so flink und
unermüdlich durcheinanderliefen, diese kleinen Buben und Mädel, die in
bunter Schar nach Hause eilten, dazu ihr Lachen und ihre Tränen -- denn
viele hatten unterwegs Zeit genug, sich zu balgen und zu weinen, sich zu
versöhnen und von neuem zu spielen -- und vergaß dann mein Leid. Und die
ganzen drei folgenden Jahre konnte ich deshalb auch nicht begreifen,
warum die Menschen sich grämen. Ich wollte den Kindern mein ganzes Leben
widmen. Ich hatte es mir ja nicht träumen lassen, daß ich jemals das
Dorf verlassen und gar nach Rußland zurückkehren würde. Es schien mir,
daß ich ewig dort bleiben sollte, aber dann sah ich selbst ein, daß
Schneider mich doch nicht ewig unterhalten konnte, und hinzu kam gerade
noch eine Angelegenheit von so großer Wichtigkeit, daß Schneider selbst
mir zur unverzüglichen Abreise riet und mir auch das nötige Reisegeld
vorstreckte. Ich will nun sehen, was es damit eigentlich für eine
Bewandtnis hat. Ich werde mich wohl zuerst an einen Rechtsanwalt wenden
müssen, damit er mir wenigstens einen Rat erteilt; denn ich selbst habe
keine Ahnung, wie man solche Sachen anfassen muß. Es ist möglich, daß
meine Verhältnisse sich sehr bald ändern werden ... aber das ist ja
nicht die Hauptsache! Wichtig ist vielmehr, daß sich mein ganzes Leben
geändert hat. Ich habe viel dort zurückgelassen, gar zuviel. Alles
Bekannte liegt jetzt weit zurück. Als ich im Waggon saß, dachte ich:
>Jetzt gehe ich zu den erwachsenen Menschen; vielleicht weiß ich noch
nichts von ihnen, vielleicht -- jedenfalls beginnt jetzt ein neues
Leben.< Ich beschloß, meine Aufgabe ehrlich und in Treue zu erfüllen.
Ich werde es vielleicht schwer haben unter den Menschen und werde mich
einsam fühlen. Ich will aber, so beschloß ich, gegen alle ehrlich und
offen sein -- mehr wird doch niemand von mir verlangen. Vielleicht wird
man mich auch hier für ein Kind halten, -- nun gut! Mich halten jetzt
alle aus irgendeinem Grunde für einen Idioten ... ich war allerdings
einmal so krank, daß ich fast einem Idioten glich. Aber wie kann ich
denn jetzt ein Idiot sein, wenn ich doch selbst sehr wohl begreife, daß
man mich für einen Idioten hält? Wenn ich irgendwo eintrete, denke ich:
>Da hält man mich nun für einen Idioten, aber ich bin ja doch bei vollem
Verstande, und das errät man hier nicht einmal.< Diesen Gedanken habe
ich sogar sehr oft. Als ich in Berlin die ersten kleinen Briefe meiner
kleinen Freunde erhielt, begriff ich erst, wie sehr ich sie liebte. Es
tut weh, wenn man einen ersten Brief erhält. Wie traurig sie waren, als
wir Abschied nahmen! Schon einen ganzen Monat vor meiner Abreise fingen
wir an, Abschied voneinander zu nehmen. >Léon geht fort, Léon geht für
immer fort!< sagten sie tieftraurig. Wir versammelten uns jeden Abend am
Wasserfall, wie wir es auch früher getan hatten, und sprachen nur davon,
wie wir uns trennen würden. Mitunter ging es ebenso heiter her wie
früher; nur wenn wir bei Anbruch der Nacht auseinandergingen, umarmten
sie mich geradezu krampfhaft, was sie früher nicht getan hatten. Einige
von ihnen kamen ganz allein und heimlich, so daß niemand sie sah, zu mir
gelaufen, nur um mich unter vier Augen umarmen und küssen zu können. Sie
waren zu verschämt, um es in Gegenwart anderer zu tun. Und als ich dann
endlich fortfuhr, begleitete mich die ganze Schar bis zur Station. Die
war etwa eine Werst weit von unserem Dorf. Sie bezwangen sich, um nicht
zu weinen, doch viele konnten die Tränen nicht unterdrücken und weinten
laut, besonders die kleinen Mädchen. Wir mußten schnell gehen, um uns
nicht zu verspäten; doch plötzlich warf sich bald dieses, bald jenes
mitten auf dem Wege mir entgegen, umklammerte mich mit seinen kleinen
Ärmchen und küßte mich -- und hielt uns alle dadurch auf -- die anderen
Kinder aber blieben, obschon wir eilen mußten, jedesmal gleichfalls
stehen und warteten so lange, als unsere Umarmung dauerte. Und als ich
schon im Waggon saß und der Zug sich in Bewegung setzte, riefen sie alle
>Hurra!< und standen noch lange und sahen dem Zuge nach. Auch ich sah
noch lange aus dem Fenster ... Wissen Sie, als ich vorhin hier eintrat
und Ihre lieben Gesichter erblickte, -- ich betrachte jetzt immer sehr
aufmerksam die Gesichter der Menschen -- und als ich Ihre Worte hörte,
da wurde mir zum erstenmal wieder leicht ums Herz. Ich war auch sogleich
bereit, mich für ein Glückskind zu halten: ich weiß ja, daß man
Menschen, die man auf den ersten Blick liebgewinnt, nicht so leicht
findet, Sie aber sind die ersten, die ich hier, kaum daß ich angekommen
bin, kennen gelernt habe. Ich weiß sehr wohl, daß die Menschen im
allgemeinen sich schämen, von ihren Gefühlen zu reden, Ihnen aber
erzähle ich von meinen Gefühlen und schäme mich nicht. Ich bin
menschenscheu und werde vielleicht lange Zeit nicht zu Ihnen kommen. Nur
fassen Sie das, bitte, nicht falsch auf: ich sage es nicht, weil ich Sie
nicht schätze, und denken Sie auch nicht, daß ich Ihnen irgend etwas
übelgenommen habe. Sie fragten mich, inwiefern ich Sie durch Ihre
Gesichter kenne, was ich aus ihnen herauszulesen weiß, -- jetzt werde
ich es Ihnen gern sagen. Sie, Adelaida Iwanowna, Sie haben ein
glückliches Gesicht, das sympathischste von allen dreien. Ganz abgesehen
davon, daß Sie sehr hübsch sind, denkt man, wenn man Sie ansieht: >Sie
hat das Gesicht einer guten Schwester.< Sie kommen einem einfach und
heiter entgegen, doch verstehen Sie auch, das Innere der Menschen zu
erraten. Das wäre es, was mir aus Ihrem Gesicht zu sprechen scheint.
Sie, Alexandra Iwanowna, haben gleichfalls ein schönes und ein sehr
liebes Gesicht, aber Sie haben vielleicht irgendeinen geheimen Kummer;
Sie sind zweifellos ein herzensguter Mensch, aber Sie sind nicht
eigentlich fröhlich. Sie haben einen gewissen ... einen ganz besonderen
Zug im Gesicht, ähnlich der Holbeinschen Madonna in Dresden. Nun, das
wäre Ihr Gesicht. Habe ich das Richtige erraten? Sie sind ja doch der
Meinung, daß ich es erraten könne. Und was nun Ihr Gesicht betrifft,
Lisaweta Prokofjewna,« wandte er sich plötzlich an die Generalin, »so
scheint es mir nicht nur, sondern ich bin sogar fest überzeugt, daß Sie
ein vollständiges Kind sind, in jedem, in jedem guten wie jedem
schlechten Sinne, obschon Sie eine bejahrte Frau sind. Sie nehmen es mir
doch nicht übel, daß ich so offen rede? Sie wissen doch, was ich für
Kinder übrig habe, und wieviel ich von ihnen halte. Glauben Sie nicht,
daß ich Ihnen alles das über Ihre Gesichter aus bloßer Einfalt so offen
gesagt habe -- o nein, durchaus nicht! Vielleicht habe auch ich meine
Gedanken dabei gehabt.«


                                  VII.

Als der Fürst geendet hatte, blickten ihn alle mit heiteren Gesichtern
an, selbst Aglaja nicht ausgenommen, doch vor allen Lisaweta
Prokofjewna.

»Da habt ihr ihn jetzt examiniert!« rief sie aus. »Nun, was, meine
verehrten Damen, ihr dachtet wohl, daß ihr ihn noch protegieren würdet,
so als armen Jungen -- und dabei würdigt er euch nur gerade noch seiner
Bekanntschaft, und auch das noch mit der Randbemerkung, daß er nur
selten kommen werde. Wer sind jetzt die Dummen? Natürlich wir. Das freut
mich. Aber am meisten ist's doch Iwan Fedorowitsch. Bravo, Fürst, wir
wurden vorhin beauftragt, Sie zu examinieren. Und was Sie da von meinem
Gesicht sagten, ist vollkommen richtig: ich bin ein Kind, das weiß ich
selbst. Das wußte ich schon vor Ihnen. Sie haben nur meinen Gedanken in
einem einzigen Wort ausgedrückt. Ihren Charakter halte ich dem meinen
für vollkommen ähnlich, und das freut mich sehr. Wie zwei Tropfen
Wasser. Nur sind Sie ein Mann und ich bin eine Frau und bin nicht in der
Schweiz gewesen; das ist der ganze Unterschied.«

»Warten Sie noch ein wenig, Mama,« rief Aglaja, »der Fürst sagt ja doch,
daß er bei jedem seiner Bekenntnisse einen besonderen Gedanken gehabt
und nicht nur aus Einfalt so gesprochen habe.«

»Ja, ja!« lachten die anderen.

»Bitte, sich über andere nicht lustig zu machen; er ist vielleicht noch
viel schlauer, als ihr alle drei zusammen genommen. Das werdet ihr
sehen. Aber warum haben Sie nichts von Aglaja gesagt, Fürst. Sie wartet
und ich warte.«

»Augenblicklich kann ich nichts sagen; erst später.«

»Warum später? Ich dächte, sie sieht nicht danach aus, daß man sie
übersehen könnte.«

»O nein, ganz im Gegenteil Sie sind eine außerordentliche Schönheit,
Aglaja Iwanowna. Sie sind so schön, daß man fast Angst hat, Sie
anzusehen.«

»Und das ist alles? Aber ihre Eigenschaften?« wollte die Generalin
wissen.

»Eine Schönheit ist schwer zu beurteilen. Ich habe mich nicht darauf
vorbereitet. Schönheit ist ein Rätsel.«

»Das heißt also, daß Sie das Rätsel von Aglaja selbst lösen lassen
wollen,« sagte Adelaida. »Dann versuch' es mal zu lösen, Aglaja. Aber
ist sie nicht schön, Fürst, ist sie nicht schön?«

»Außerordentlich!« antwortete der Fürst, der Aglaja begeistert
betrachtete. »Fast so schön, wie Nastassja Filippowna, obschon das
Gesicht ein ganz anderes ist! ...«

Erstaunt blickten sich die Damen untereinander an.

»Wie we--e--er?« fragte die Generalin, als traue sie ihren Ohren nicht.
»Wie Nastassja Filippowna? Wo haben Sie denn Nastassja Filippowna
gesehen? Welch eine Nastassja Filippowna?«

»Vorhin zeigte Herr Iwolgin Ihrem Herrn Gemahl die Photographie ...«

»Was, er hat Iwan Fedorowitsch ihre Photographie gebracht?«

»Nein, nur gezeigt. Nastassja Filippowna hat heute Herrn Iwolgin ihr
Bild geschenkt und Herr Iwolgin zeigte es vorhin Iwan Fedorowitsch.«

»Ich will es sehen!« fuhr die Generalin auf. »Wo ist diese Photographie?
Wenn sie sie ihm geschenkt hat, dann muß er sie noch bei sich haben und
er ist gewiß noch im Arbeitszimmer. Mittwochs arbeitet er immer hier und
geht dann niemals vor vier Uhr fort. Man muß ihn sofort herbitten
lassen! Doch nein, ich brenne durchaus nicht so darauf, ihn selbst zu
sehen. Ach, Fürst, seien Sie so gut, mein Lieber, gehen Sie ins
Arbeitszimmer, erbitten Sie die Photographie von ihm und bringen Sie sie
her! Sagen Sie ihm, ich wolle sie sehen! Bitte!«

»Nicht übel, aber doch ein wenig gar zu offen,« sagte Adelaida, als der
Fürst das Zimmer verlassen hatte.

»Ja, ein wenig gar zu sehr,« pflichtete ihr Alexandra bei, »so daß es
mitunter sogar ein wenig lächerlich wirkt.«

Es war aber, als hätten beide nicht alles ausgesprochen, was sie bei
sich dachten.

»Er hat sich übrigens mit unseren Gesichtern gut aus der Affäre
gezogen,« sagte Aglaja, »er hat allen geschmeichelt, selbst Mama nicht
ausgenommen.«

»Sei nicht so spitz, wenn ich bitten darf!« verwies die Generalin ihre
Jüngste. »Nicht er hat geschmeichelt, sondern ich fühle mich
geschmeichelt.«

»Du glaubst, er habe sich auf diese Weise aus der Affäre ziehen wollen?«
fragte Adelaida.

»Ich glaube, daß er durchaus nicht so -- einfach ist.«

»Ach geh!« ärgerte sich die Generalin. »Ich aber finde, daß ihr drei
noch viel lächerlicher seid als er. Meinetwegen, mag er einfältig sein,
dafür hat er aber auch besondere Einfälle -- im besten Sinn >besondere<.
Ganz wie ich.«

»Das ist natürlich dumm, daß ich von der Photographie etwas habe
verlauten lassen,« dachte der Fürst bei sich, während er sich ins
Arbeitszimmer des Generals begab und so etwas wie leichte Gewissensbisse
empfand. »Aber vielleicht ist es auch sehr gut, daß es nun so gekommen
ist ...«

Ihm war plötzlich ein sonderbarer Gedanke gekommen, doch war er ihm
selbst noch nicht so ganz klar.

Gawrila Ardalionytsch Iwolgin saß noch im Arbeitszimmer und hatte
sich ganz in den Inhalt der verschiedenen Papiere vertieft.
Selbstverständlich wurde er nicht umsonst von der Aktiengesellschaft
honoriert!

Er schien sehr verlegen zu werden, als der Fürst ihn um das Bild bat und
zur Erklärung noch ehrlich mitteilte, auf welche Weise die Damen von der
Existenz desselben erfahren hatten.

»Verdammt! Was plagte Sie denn, davon zu schwatzen!« fuhr er geärgert
auf. »Was wissen Sie überhaupt davon ... Idiot!« brummte er unwirsch vor
sich hin.

»Verzeihen Sie mir. Ich habe es gesagt, ohne mir dabei etwas Schlimmes
zu denken. Wir kamen zufällig auf die Schönheit zu sprechen. Ich sagte,
daß Aglaja fast ebenso schön sei wie Nastassja Filippowna.«

Ganjä bat ihn, ausführlicher zu erzählen, worauf der Fürst das
vorhergegangene Gespräch in kurzen Worten wiedergab, während Ganjä ihn
wiederum spöttisch von der Seite betrachtete.

»Diese ewige Nastassja Filippowna! Von anderem hört man hier überhaupt
nichts ...,« brummte er ärgerlich, brach jedoch plötzlich ab und wurde
nachdenklich.

Er war sichtlich erregt. Der Fürst erinnerte ihn an das Bild.

»Hören Sie, Fürst,« begann Ganjä plötzlich, als wäre ihm mit einemmal
ein wichtiger Gedanke gekommen, »ich habe eine große Bitte an Sie ...
Nur weiß ich nicht, in der Tat ...«

Er wurde wieder etwas verlegen und sprach seine Bitte nicht aus. Er
schien innerlich zu kämpfen und sich nicht entschließen zu können. Der
Fürst wartete schweigend. Ganjä sah ihn noch einmal mit forschendem,
prüfendem Blick an.

»Fürst,« begann er dann wieder, »dort ist man jetzt auf mich ... infolge
eines besonderen Umstandes ... eines sehr lächerlichen Umstandes ... und
an dem ich nicht schuld bin ... nun, mit einem Wort -- doch das gehört
nicht zur Sache ... Ich glaube, man ist dort ein wenig ungehalten über
mich, so daß ich eine Zeitlang nicht ungerufen hingehen will. Nur, sehen
Sie, muß ich jetzt unbedingt mit Aglaja Iwanowna sprechen. Ich habe hier
... ich habe hier für jeden Fall ein paar Worte geschrieben« (in seiner
Hand befand sich plötzlich ein kleiner Brief), »nur weiß ich nicht, wie
ich ihr diesen Zettel zustellen soll. Würden nicht Sie, Fürst, so
freundlich sein, ihn Aglaja Iwanowna gleich zu übergeben, aber nur
Aglaja Iwanowna allein, das heißt so, daß niemand es sieht, Sie
verstehen doch? Es ist nicht Gott weiß was für ein Geheimnis, es steht
hierin nichts von der Art ... aber ... würden Sie ihn ihr übergeben?«

»Ihre Bitte ist mir nicht ganz angenehm,« antwortete der Fürst.

»Ach, ich bitte Sie, Fürst, es ist wirklich von großer Wichtigkeit für
mich,« begann Ganjä beschwörend, »Sie wird mir vielleicht auch antworten
... Sie können mir glauben, daß ich mich an Sie wende, nur weil es
wirklich das Äußerste ist ... Durch wen könnte ich ihr denn sonst den
Brief schicken? Es ist unendlich wichtig für mich, von unendlicher
Wichtigkeit ...«

Ganjä hatte große Angst, daß der Fürst sich nicht dazu herablassen
würde, und blickte ihm mit ängstlicher Bitte in die Augen.

»Nun gut, ich werde ihn übergeben.«

»Aber nur so, daß es niemand bemerkt,« bat Ganjä erfreut, »und dann,
Fürst -- nicht wahr -- ich kann mich doch auf Ihre Diskretion verlassen,
nicht?«

»Ich werde ihn keinem zeigen,« sagte der Fürst.

»Der Brief ist nicht geschlossen, aber ...« fuhr der erfreute Ganjä im
Eifer fort, brach aber wieder plötzlich verwirrt ab.

»Oh, ich werde ihn nicht lesen,« antwortete der Fürst ganz ruhig, nahm
die Photographie und verließ das Kabinett.

Als Ganjä allein zurückblieb, griff er sich an den Kopf.

»Nur ein Wort von ihr und ich ... und ich, wirklich, ich breche
vielleicht mit allem!«

Er war zu erregt, um sich wieder an die Arbeit zu machen, und so begann
er, in gespannter Erwartung ruhelos im Zimmer hin und her zu gehen.

Der Fürst kehrte nachdenklich zu den Damen zurück: der übernommene
Auftrag war ihm peinlich, und der Gedanke an irgendwelche Beziehungen
zwischen Aglaja und Ganjä war ihm direkt unangenehm. Plötzlich blieb er
stehen, als wenn ihm etwas einfiele; er blickte sich im Zimmer um:
zwischen ihm und dem kleinen Salon lagen noch zwei Zimmer. Da trat er
schnell ans Fenster und begann Nastassja Filippownas Bild zu betrachten.

Es war, als hätte er ein gewisses Etwas erraten wollen, das sich in
diesem Gesicht verbarg und ihn vorhin ganz betroffen gemacht hatte. Fast
die ganze Zeit hatte er die Wirkung dieses Eindrucks empfunden, und so
beeilte er sich jetzt, sich gewissermaßen nochmals von der Richtigkeit
des ersten Eindrucks zu überzeugen. Da war es ihm plötzlich, als mache
dieses in seiner Schönheit und noch aus einem anderen unbestimmbaren
Grunde außergewöhnliche Gesicht einen noch weit fesselnderen Eindruck
auf ihn. Grenzenloser Stolz, Verachtung und Haß sprachen aus diesem
Gesicht, und doch lag in ihm gleichzeitig etwas Vertrauendes, etwas
erstaunlich Gutherziges; und diese Kontraste erweckten sogar so etwas
wie Mitleid, wenn man diese Züge betrachtete. Seine blendende Schönheit
war unerträglich, diese Schönheit des bleichen Gesichts mit den fast
eingefallenen Wangen und den brennenden Augen. Eine eigenartige
Schönheit war es! Der Fürst konnte den Blick nicht losreißen vom Bilde.
Plötzlich jedoch zuckte er zusammen, sah sich um, führte dann schnell
das Bild an die Lippen und küßte es. Als er nach einer Minute in den
großen Salon trat, war sein Gesicht vollkommen ruhig.

Gerade im Begriff, ins Eßzimmer zu treten, prallte er in der Tür beinahe
mit Aglaja zusammen. Sie war allein. Im Salon der Mutter konnte man
nichts hören -- es lag noch ein Zimmer dazwischen -- und so entschloß
sich der Fürst schnell.

»Gawrila Ardalionytsch hat mich gebeten, Ihnen dieses zu übergeben,«
sagte er und überreichte ihr den Brief.

Aglaja blieb stehen, nahm den Brief entgegen und blickte den Fürsten
etwas sonderbar an. Nicht die geringste Verwirrung lag in ihrem Blick,
höchstens Verwunderung hätte man aus ihm herauslesen können, doch auch
diese schien sich nur auf den Fürsten zu beziehen. Ihr Blick verlangte
gleichsam Rechenschaft von ihm darüber, wie er dazu kam, in dieser
Angelegenheit Helfershelfer zu sein: und er verlangte sie ruhig und
hochmütig. Sie standen sich ein paar Augenblicke lang stumm gegenüber.
Endlich zuckte es kaum merklich wie leiser Spott in ihrem Gesicht, und
mit einem flüchtigen Lächeln ging sie an ihm vorüber.

Die Generalin betrachtete eine Zeitlang schweigend und mit einer
gewissen Nuance von Geringschätzung das Bild Nastassja Filippownas, das
sie effektvoll auf Armeslänge von den Augen entfernt hielt.

»Ja, sie ist schön,« sagte sie endlich, »sogar sehr. Ich habe sie
zweimal gesehen, aber nur von weitem. Also eine solche Schönheit
schätzen Sie?« wandte sie sich an den Fürsten.

»Ja ... eine solche ...« antwortete der Fürst mit einiger Gezwungenheit.

»Das heißt also, gerade eine solche Schönheit?«

»Ja, gerade eine solche.«

»Weshalb?«

»In diesem Gesicht ... ist viel Qual ...,« sagte der Fürst
unwillkürlich, doch gleichsam als spräche er nur zu sich selbst, und als
antworte er gar nicht auf eine Frage.

»Sie phantasieren vielleicht nur,« meinte die Generalin anmaßend und
warf das Bild mit einer schroffen Bewegung auf den Tisch.

Alexandra nahm es auf, Adelaida trat hinter ihren Stuhl, und beide
betrachteten es schweigend. Im selben Augenblick kehrte Aglaja in den
Salon zurück.

»Welch eine Macht!« rief plötzlich Adelaida aus, die über die Schulter
der Schwester ganz entzückt das Bild betrachtete.

»Wo? Was für eine Macht?« fragte die Generalin scharf.

»Eine solche Schönheit ist eine große Macht,« sagte Adelaida begeistert,
»mit einer solchen Schönheit könnte man die ganze Welt umdrehen!«

Nachdenklich ging sie zu ihrer Staffelei zurück. Aglaja blickte nur
flüchtig auf die Photographie, kniff die Augen zusammen, schob die
Unterlippe etwas vor und setzte sich dann abseits nieder, die Hände
müßig im Schoße faltend.

Die Generalin klingelte.

»Ich lasse Gawrila Ardalionytsch herbitten, er ist im Kabinett,« sagte
sie zu dem eingetretenen Diener.

»Mama!« warf Alexandra in bedeutsamem Tone ein.

»Ich will nur zwei Worte mit ihm reden, beruhige dich,« schnitt ihr die
Mutter schnell das Wort ab, um jedem weiteren Einwand zuvorzukommen.

Sie war ersichtlich gereizt.

»Bei uns, müssen Sie wissen, Fürst, bei uns gibt es jetzt nur
Geheimnisse. Nichts als Geheimnisse! Heimlichkeiten scheinen jetzt hier
ganz allgemein zu sein -- etwas Dümmeres kann man sich nicht leicht
denken. Und das noch in einer Angelegenheit, in der Offenheit, Klarheit
und Ehrlichkeit die ersten Bedingungen sein sollten. Es soll jetzt mit
Gewalt geheiratet werden -- nein, diese Heiraten gefallen mir nicht ...«

»Mama, was soll das nur?« beeilte sich wieder Alexandra, sie
aufzuhalten.

»Was wünschst du, liebes Töchterchen? Gefallen sie denn dir? Und daß der
Fürst es hört, das hat nichts zu sagen -- wir sind Freunde. Wenigstens
er und ich. Gott sucht Menschen, gute, versteht sich, böse und launische
dagegen braucht er nicht, namentlich launische nicht, die heute so und
morgen anders reden. Haben wir uns verstanden, Alexandra Iwanowna? Hier
glauben sie alle, ich hätte nichts als Schrullen im Kopf; aber glauben
Sie mir, Fürst, ich verstehe so manches sehr gut zu unterscheiden. Denn
die Hauptsache ist und bleibt doch immer das Herz, das andere ist alles
Unsinn. Verstand ist natürlich auch nötig ... vielleicht ist sogar der
Verstand gerade die Hauptsache. Bitte, nicht zu lächeln, Aglaja, ich
widerspreche mir durchaus nicht. Ein Weib mit Herz und ohne Verstand ist
eine ebenso unglückliche Törin, wie ein Weib mit Verstand und ohne Herz.
Das ist eine alte Wahrheit. Ich bin eine Törin mit Herz und ohne
Verstand, und du bist eine Törin mit Verstand und ohne Herz. Und so sind
wir beide unglücklich und müssen beide leiden.«

»Inwiefern sind Sie denn so unglücklich, Mama?« Adelaida konnte sich die
etwas ungezogene Frage nicht verbeißen. Sie war die einzige, die von
allen vier ihre gute Laune stets beibehielt.

»Erstens durch meine gelehrten Töchter,« antwortete die Generalin
schlagfertig, »und da das allein schon vollkommen genügt, so brauche ich
mich wohl über das andere nicht erst weitläufig zu verbreiten. Doch es
ist genug geredet worden. Wollen wir abwarten, wie ihr beide, von Aglaja
rede ich vorläufig nicht, wie ihr beide mit eurem Verstande und eurer
Redekunst euch herausziehen werdet, ob unsere verehrte Alexandra
Iwanowna sehr glücklich sein wird mit ihrem verehrten Gemahl ... Ah!«
rief sie plötzlich aus, als sie den eintretenden Ganjä erblickte. »Da
kommt ja noch ein Heiratskandidat. Guten Tag,« sagte sie auf Ganjäs
Verbeugung und forderte ihn auf, Platz zu nehmen, »Sie werden heiraten?«

»Heiraten? ... Wie? ... Wieso heiraten?« stotterte Ganjä, der aus den
Wolken zu fallen schien.

Man sah es ihm deutlich an, wie verlegen und verwirrt er war.

»Werden Sie eine Ehe schließen, frage ich, wenn Ihnen diese Redewendung
mehr zusagt?«

»N--ein ... ich ... n--ein,« log Ganjä und heiße Schamröte stieg ihm ins
Gesicht.

Er wagte es, flüchtig zu Aglaja hinüberzublicken, wandte jedoch den
Blick sehr schnell von ihr ab. Aglaja betrachtete ihn kühl, ruhig,
aufmerksam, ohne auch nur einen Blick von ihm abzuwenden, und
beobachtete seine Verwirrung.

»Nein? Also nicht? Sie haben >Nein< gesagt?« forschte Lisaweta
Prokofjewna geradezu unerbittlich. »Nun gut, das werde ich mir merken.
Denken Sie daran, daß Sie heute, am Mittwochvormittag, auf meine
diesbezügliche Frage mit einem Nein geantwortet haben. Was haben wir
heute? Mittwoch?«

»Ja, ich glaube, Mittwoch, Mama,« antwortete Adelaida.

»Niemals wissen sie die Tage! -- Welches Datum?«

»Den siebenundzwanzigsten,« sagte Ganjä.

»Den siebenundzwanzigsten? Das ist nach einer gewissen Berechnung leicht
zu behalten. Nun, auf Wiedersehen; Sie sind, glaube ich, sehr
beschäftigt, und auch für mich ist es Zeit, mich anzuziehen und
fortzufahren. Nehmen Sie Ihre Photographie. Grüßen Sie Ihre arme Mutter,
Nina Alexandrowna, von mir. Auf Wiedersehen, Fürst. Sie können öfter
herkommen. Ich fahre jetzt zur alten Fürstin Bjelokonskaja. Ich fahre
absichtlich zu ihr, um ihr von Ihnen zu erzählen, mein Lieber. Und hören
Sie, Fürst: ich glaube, daß Gott Sie direkt um meinetwillen aus der
Schweiz hergeschickt hat. Vielleicht haben Sie auch noch andere Gründe
vorzubringen, aber der Hauptgrund bin doch ich allein. Der liebe Gott
hat es sicherlich mit Absicht so eingerichtet. Auf Wiedersehen, meine
Lieben. Alexandra, mein Freund, komm mit mir in mein Zimmer.«

Die Generalin verließ den Salon.

Ganjä, der zuerst ganz sprachlos dagestanden, nahm plötzlich die
Photographie vom Tisch und wandte sich mit einem verzerrten Lächeln, dem
man sehr wohl seine Wut ansah, an den Fürsten.

»Fürst, ich gehe sogleich nach Hause. Wenn Sie Ihre Absicht, bei uns zu
wohnen, nicht aufgegeben haben, so würde ich Sie heimbegleiten, Sie
wissen ja noch nicht einmal die Adresse.«

»Noch einen Augenblick, Fürst,« hielt ihn Aglaja auf und erhob sich
schnell von ihrem Platz. »Sie müssen mir noch etwas ins Album schreiben.
Papa sagte, Sie hätten eine schöne Handschrift. Ich werde es Ihnen
sofort bringen.«

Sie verließ das Zimmer.

»Nun, auf Wiedersehen, Fürst, auch ich muß gehen,« verabschiedete
Adelaida sich von ihm.

Sie drückte dem Fürsten fest die Hand, lächelte ihm froh und freundlich
zu und ging hinaus, ohne Ganjä zu beachten.

»Das haben Sie, natürlich Sie ausgeplaudert, daß ich heirate!« fiel
Ganjä, kaum daß sie allein zurückgeblieben waren, in wutbebendem
Flüsterton über den Fürsten her. Sein Gesicht war bleich, und aus seinen
Augen blickte Haß. »Ein schamloser Schwätzer sind Sie!«

»Ich versichere Sie, daß Sie sich irren,« antwortete der Fürst ruhig und
höflich. »Ich habe nicht einmal gewußt, daß Sie heiraten.«

»Wie denn nicht? Sie hörten doch vorhin, wie Iwan Fedorowitsch sagte,
daß sich heute abend alles bei Nastassja Filippowna entscheiden würde,
und das haben Sie hier erzählt! Sie lügen einfach! Woher hätte man es
denn sonst erfahren? Wer, zum Teufel, hätte es ihnen denn erzählen
können? Nur Sie! Haben Sie denn die Anspielungen der Alten nicht
verstanden?«

»Das müssen Sie besser wissen als ich, wer es den Damen erzählt haben
kann ... wenn Sie glauben, daß es eine Anspielung war. Ich jedenfalls
habe kein Wort davon gesagt.«

»Haben Sie den Brief übergeben? ... Die Antwort? ...« unterbrach ihn
Ganjä, zitternd vor Ungeduld.

Doch in dem Augenblick kehrte Aglaja zurück und der Fürst konnte nichts
mehr antworten.

»Hier, Fürst,« sagte Aglaja, indem sie ihr Album auf einem Tisch
aufschlug. »Suchen Sie sich eine Seite aus, und schreiben Sie mir etwas
hinein. Hier ist eine Feder und noch dazu eine neue. Tut es nichts, daß
es eine Stahlfeder ist? Kalligraphen, hab' ich gehört, sollen nie mit
Stahlfedern schreiben.«

Sie sprach und tat, als bemerke sie überhaupt nicht, daß Ganjä noch
anwesend war. Während nun der Fürst die Feder nahm, eine Seite aussuchte
und sich zu schreiben anschickte, trat Ganjä an den Kamin, wo Aglaja
rechts vom Fenster in dessen nächster Nähe stand, und flüsterte ihr mit
bebender, vor Erregung stockender Stimme ins Ohr:

»Nur ein Wort, nur ein einziges Wort von Ihnen -- und ich bin gerettet!«

Der Fürst wandte sich hastig um und sah beide an. Aus Ganjäs Gesicht
sprach fast Verzweiflung. Allem Anschein nach hatte er diese Worte
völlig unüberlegt, vielleicht sogar halb besinnungslos gesprochen.
Aglaja dagegen maß ihn ein paar Sekunden lang mit demselben ruhigen
Erstaunen, mit dem sie kurz vorher den Fürsten angeblickt hatte, und
dieses ihr ruhiges Erstaunen, dieses vollkommene Nichtverstehenkönnen
dessen, was zu ihr gesprochen wurde, war für Ganjä in jenem Augenblick
noch schrecklicher, als es die größte Verachtung gewesen wäre.

»Was soll ich schreiben?« fragte der Fürst.

»Das werde ich Ihnen sogleich diktieren,« sagte Aglaja, sich zu ihm
wendend. »Sind Sie bereit? Dann schreiben Sie: >Ich lasse mich in keinen
Handel ein.< Jetzt schreiben Sie noch das Datum und den Monat. Zeigen
Sie.«

Der Fürst reichte ihr das Album.

»Vorzüglich! Sie haben es ausgezeichnet geschrieben! Sie haben die
schönste Handschrift, die ich je gesehen! Ich danke Ihnen. Auf
Wiedersehen, Fürst ... Warten Sie« -- ihr schien noch etwas einzufallen
-- »kommen Sie, ich will Ihnen etwas zum Andenken schenken.«

Der Fürst folgte ihr; im Speisezimmer blieb Aglaja plötzlich stehen.

»Lesen Sie dies,« sagte sie, indem sie ihm Ganjäs Brief hinhielt.

Der Fürst nahm den Brief, blickte jedoch Aglaja verständnislos fragend
an.

»Ich weiß es, daß Sie ihn nicht gelesen haben und auch nicht der
Vertraute dieses Menschen sein können,« sagte Aglaja. »Lesen Sie den
Brief, ich will es, daß Sie ihn lesen.«

Der Brief war offenbar in aller Eile geschrieben:

   »Heute wird sich mein Schicksal entscheiden. Sie wissen, auf welche
   Weise. Heute werde ich mein Wort geben müssen, und das soll
   unwiderruflich sein. Auf Ihr Mitleid habe ich kein Anrecht, und mir
   Hoffnungen zu machen, das wage ich nicht. Doch einmal haben Sie ein
   Wort fallen lassen, nur ein einziges Wort, und dieses Wort hat die
   ganze finstere Nacht meines Lebens erhellt und ist mir zur Leuchte
   geworden, die mir den richtigen Weg weist. Sagen Sie jetzt noch
   einmal ein solches Wort -- und Sie werden mich erretten, mich vor
   dem Untergang bewahren. Sagen Sie mir nur: >_Brich!_< -- und ich
   werde es heute noch tun, werde heute noch alles von mir werfen! Oh,
   was macht es Ihnen denn aus, dieses eine Wort zu sagen! Mit der
   Bitte um dieses eine Wort flehe ich Sie nur um ein Zeichen Ihrer
   Teilnahme, Ihres Mitleids an -- nur, _nur_ um Ihre Teilnahme! Und
   weiter nichts, _nichts_! Ich wage mich keinerlei Hoffnungen
   hinzugeben, denn ihrer Erfüllung wäre ich nicht wert. Doch sagen Sie
   nur das eine Wort, und ich werde von neuem meine Armut auf mich
   nehmen und freudig meine verzweifelte Lage ertragen. Ich werde den
   Kampf aufnehmen, werde mich freuen auf ihn und im Kampf mit neuen
   Kräften wiedergeboren werden! Senden Sie mir dieses eine Wort des
   Mitgefühls (_nur_ des Mitgefühls, ich schwöre es Ihnen!) und tragen
   Sie diese Kühnheit dem Verzweifelten, dem Ertrinkenden nicht nach,
   der es wagt, eine letzte Anstrengung zu machen, um sich vor dem
   Untergang zu bewahren!

                                                                G. I.«

»Dieser Mensch versichert,« sagte Aglaja scharf, als der Fürst den Brief
zu Ende gelesen hatte, »daß das verlangte Wort, er solle mit allem
brechen, mich nicht kompromittieren und auch zu nichts verpflichten
würde, wofür er mir noch, wie Sie sehen, in diesem Brief eine
schriftliche Garantie gibt. Bitte, beachten Sie doch nur, wie naiv er
sich beeilt hat, einzelne Wörtchen zu unterstreichen, und wie plump
dabei doch sein geheimer Gedanke überall hervorschaut. Im übrigen weiß
er sehr gut, daß ich, wenn er mit allem brechen würde -- aber aus
eigenem Antriebe, von sich aus, ohne mein Wort zu erwarten oder
überhaupt mir etwas davon zu sagen, ohne jede Hoffnung auf mich -- daß
ich dann anders über ihn denken und vielleicht sogar sein Freund werden
würde. Das weiß er selbst ganz genau! Aber er hat eine schmutzige Seele:
er weiß es, und dennoch entschließt er sich nicht, sondern bittet um
Garantien. Er ist unfähig, auf sein eigenes Risiko hin sich zu
entscheiden; er will, daß ich ihm, als Ersatz für die dort aushängenden
Hunderttausend, auf mich zu hoffen erlaube. Und was das früher einmal
von mir ausgesprochene Wort betrifft, von dem er im Brief spricht, und
das sein ganzes Leben erhellt haben soll, so lügt er einfach
unverschämt. Ich habe ihn nur einmal flüchtig bedauert, und das ist
alles. Ihm aber ist in seiner Frechheit sogleich der Gedanke an die
Möglichkeit einer Hoffnung gekommen. Das merkte ich sehr bald. Seit der
Zeit sucht er mich nun in die Falle zu locken. Und das tut er auch
jetzt. Doch genug davon. Behalten Sie diesen Brief und geben Sie ihn ihm
zurück, sogleich, das heißt natürlich, sobald Sie unser Haus verlassen
haben, nicht früher.«

»Und was soll ich ihm als Antwort sagen?«

»Nichts, versteht sich. Das ist die beste Antwort. Ach so, Sie wollen,
glaube ich, bei ihm wohnen?«

»Iwan Fedorowitsch hat mir vorhin selbst diesen Rat gegeben,« antwortete
der Fürst.

»Dann seien Sie auf der Hut vor diesem Menschen, ich warne Sie, er wird
es Ihnen nie verzeihen, daß Sie ihm diesen Brief zurückgeben.«

Aglaja drückte dem Fürsten leicht die Hand und ging hinaus. Ihr Gesicht
war ernst und verriet ihren Unmut; sie lächelte nicht einmal, als sie
dem Fürsten zum Abschied zunickte.

»Sofort, ich hole nur noch mein Bündel,« sagte der Fürst zu Ganjä, »dann
gehen wir.«

Ganjä stampfte vor Ungeduld mit dem Fuß auf. Sein Gesicht wurde ganz
dunkel vor Wut. Endlich traten sie beide auf die Straße, der Fürst mit
seinem Bündel in der Hand.

»Die Antwort, die Antwort?« drängte Ganjä wieder in größter Spannung.
»Was hat sie Ihnen gesagt? Haben Sie ihr den Brief gegeben?«

Der Fürst reichte ihm schweigend den Brief. Ganjä erstarrte.

»Wie! Mein Brief!« schrie er. »Er hat ihn ihr überhaupt nicht gegeben!
Haha, das hätte ich mir doch denken können! Oh, ver--r--rfl ...
Natürlich konnte sie dann nichts verstehen vorhin! Aber wie denn, wie
konnten Sie ihr denn meinen Brief nicht übergeben, o ver--r--rrfluch
...«

»Entschuldigen Sie, im Gegenteil: zufällig konnte ich ihr den Brief
sogleich, nachdem ich ihn erhalten hatte, einhändigen, und zwar ganz so,
wie Sie es wünschten. Ich bin nur jetzt wieder in seinen Besitz
gekommen, weil Aglaja Iwanowna ihn mir zurückgegeben hat.«

»Wann? Wann?«

»Nachdem ich in ihr Album eingeschrieben hatte und auf ihre Bitte ihr
ins andere Zimmer folgte -- Sie waren doch zugegen? Wir kamen ins
Speisezimmer, sie reichte mir den Brief, wünschte ausdrücklich, daß ich
ihn lese und dann -- Ihnen zurückgebe.«

»Daß Sie ihn l--e--esen?« schrie Ganjä fast aus vollem Halse,
»l--e--esen? Und Sie lasen ihn?«

Ganjä blieb wie zu Stein erstarrt mitten auf dem Trottoir stehen und war
dermaßen erstaunt, daß er sogar den Mund zu schließen vergaß.

»Ja, ich las ihn.«

»Und sie selbst, sie selbst gab Ihnen den Brief zum Durchlesen? Sie
selbst?«

»Ja, sie selbst, und Sie können mir glauben, daß ich ihn ohne ihre
Aufforderung gewiß nicht gelesen hätte.«

Ganjä schwieg eine Weile in qualvoll angestrengtem Nachdenken, doch
plötzlich packte ihn wieder die Wut:

»Das kann nicht sein! Sie hat Ihnen den Brief unmöglich zum Durchlesen
geben können! Sie lügen! Sie haben ihn eigenmächtig gelesen!«

»Ich habe Ihnen die Wahrheit gesagt,« sagte der Fürst in demselben
ruhigen Ton, »und ich versichere Sie, es tut mir sehr leid, daß diese
Nachricht einen so unangenehmen Eindruck auf Sie macht.«

»Aber, Sie Unglücksmensch, sie hat Ihnen bei der Gelegenheit doch
wenigstens etwas gesagt! Irgend etwas muß sie doch geantwortet haben!«

»Ja gewiß ...«

»Aber dann tun Sie doch den Mund auf, reden Sie doch, sprechen Sie, zum
Teufel! ...«

Und Ganjä stampfte vor Ungeduld und Wut mit dem rechten Fuß, der in der
Galosche stak, zweimal aufs Trottoir.

»Als ich den Brief zu Ende gelesen hatte, sagte sie mir, daß Sie sie in
eine Falle zu locken suchten; Sie möchten sie gern kompromittieren, um
sich dann Hoffnungen, von denen sie nichts wissen wolle, hingeben zu
können. Und auf Grund dieser Hoffnungen würden Sie dann ohne Verlust
eine andere Hoffnung auf hunderttausend Rubel aufgeben. Ferner sagte
sie, daß, wenn Sie dieses getan hätten, ohne mit ihr zu handeln -- wenn
Sie von sich aus mit dem Früheren gebrochen hätten, ohne von ihr im
voraus Garantien für einen Ersatz zu erbitten -- sie vielleicht Ihr
Freund geworden wäre. Und das war alles, glaube ich. Richtig, noch eins:
als ich sie dann fragte, welche Antwort ich Ihnen bringen solle, sagte
sie, daß gar keine Antwort die beste Antwort sei -- ich glaube, so
war's. Verzeihen Sie, daß ich den genauen Wortlaut vergessen habe und
Ihnen nur den Sinn mit meinen Worten so wiedergebe, wie ich ihn
verstanden habe.«

Ganjä erbleichte und seine ganze grenzenlose Wut schaffte sich in Worten
Ausdruck.

»Ah! Also so!« knirschte er. »Also meine Briefe werden einfach
fortgeworfen! Ah! Sie läßt sich in keinen Handel ein! Schön, dann werde
ich mich in einen Handel einlassen! Wollen wir doch sehen! Mir steht
noch vieles ... Wir werden schon sehen! Ich werde sie schon ins
Bockshorn jagen!«

Er zitterte, erbleichte, schäumte vor Wut; er drohte sogar mit der Faust
und machte wilde Bewegungen mit den Händen. So gingen sie ein paar
Schritte. Der Fürst genierte ihn nicht im geringsten -- >dieser IdiotNimm du sie!< Mit einem Wort ... mit
einem Wort ... Sie wollen bei uns wohnen ... wirklich wohnen?«

»Ja, eine Zeitlang ... vielleicht,« sagte der Fürst, gleichsam etwas
stockend.

»Fürst, Mama läßt Sie zu sich bitten,« rief plötzlich Koljä, der in der
Tür erschien.

Der Fürst erhob sich, doch der General legte ihm seine Rechte auf die
Schulter und drückte ihn wieder aufs Sofa.

»Als aufrichtiger und treuer Freund Ihres Vaters will ich Sie warnen,«
sagte der General. »Ich selbst bin, wie Sie sehen, durch eine tragische
Katastrophe ins Unglück geraten. Doch ohne vor die Schranken, ohne vor
die Schranken gekommen zu sein! Nina Alexandrowna ist eine seltene Frau!
Warwara Ardalionowna, meine Tochter, ist ein seltenes Mädchen! Die
Verhältnisse zwingen uns, Zimmer zu vermieten -- eine unerhörte
Erniedrigung! ... Und das mir, dem es bevorstand, Generalgouverneur zu
werden! ... Doch Sie sind uns zu jeder Zeit willkommen. Aber jetzt,
gerade jetzt spielt sich in meinem Hause eine Tragödie ab!«

Der Fürst blickte ihn fragend und interessiert an.

»Ein Ehe soll geschlossen werden, eine seltsame Ehe! Ein zweideutiges
Frauenzimmer soll einen jungen Mann heiraten, der, wenn er wollte,
Kammerjunker sein könnte. Und dieses Frauenzimmer soll in mein Haus
eingeführt werden, in dem meine Frau und meine Tochter leben! Doch so
lange, wie ich noch lebe, wird ihr Fuß nicht mein Haus betreten! Ich
werde mich auf die Schwelle hinwerfen, mag sie dann über mich
hinwegtreten! ... Mit Ganjä spreche ich jetzt fast überhaupt nicht mehr,
vermeide es sogar, ihm zu begegnen. Ich warne Sie absichtlich. Wenn Sie
bei uns leben werden, werden Sie ja ohnehin Zeuge sein ... Aber Sie sind
der Sohn meines Freundes, und ich kann doch wohl hoffen ...«

»Verzeihung, Fürst. Bitte, seien Sie so freundlich und kommen Sie auf
einen Augenblick zu mir ins Empfangszimmer,« unterbrach ihn Nina
Alexandrowna, die diesmal selbst gekommen war, um den Fürsten zu sich zu
rufen.

»Denke dir nur, mein Schatz,« rief ihr der General sofort zu, »es stellt
sich heraus, daß ich den Fürsten als kleines Kind auf meinen Armen
gewiegt habe!«

Nina Alexandrowna warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu und sah dann
forschend den Fürsten an, sagte aber kein Wort. Der Fürst folgte ihr.
Doch kaum waren sie im anderen Zimmer angelangt, kaum hatte Nina
Alexandrowna halblaut etwas offenbar Peinliches mitzuteilen begonnen,
als auch der General plötzlich wieder in der Tür erschien. Seine Frau
verstummte sofort und beugte sich ersichtlich ärgerlich über ihre
Strickarbeit. Der General bemerkte ihren Ärger sehr wohl, ließ sich aber
dadurch nicht im geringsten seine gute Laune nehmen.

»Der Sohn meines Freundes!« rief er begeistert aus, sich an Nina
Alexandrowna wendend. »Und so unerwartet! Wie hätte ich das noch gestern
erhoffen können! Aber, mein Schatz, entsinnst du dich denn wirklich
nicht mehr des seligen Nikolai Lwowitsch? Du trafst ihn doch noch ... in
Twerj?«

»Nein, ich entsinne mich Nikolai Lwowitschs nicht. Ist das Ihr Vater?«
fragte sie den Fürsten.

»Ja, aber er starb, glaube ich, nicht in Twerj, sondern in
Jelissawetgrad,« bemerkte der Fürst etwas verlegen. »Ich habe es von
Pawlischtscheff gehört ...«

»In Twerj starb er,« behauptete der General. »Kurz vor seinem Tode wurde
er nach Twerj versetzt, vor dem Ausbruch der Krankheit. Sie waren damals
viel zu klein, um sich jetzt noch der Versetzung oder der Reise
entsinnen zu können, und Pawlischtscheff kann sich geirrt haben -- er
war ja doch auch nicht mehr als ein Mensch, wenn er auch sonst ein
seltener Mensch war.«

»Sie kannten auch Pawlischtscheff?«

»Ein seltener Mensch war er, aber ich war ja doch Augenzeuge, ich habe
ihm die Augen zugedrückt ...«

»Aber mein Vater starb doch, soviel ich weiß, als
Untersuchungsgefangener,« bemerkte wieder der Fürst, »obwohl ich niemals
habe erfahren können, welches Vergehens er eigentlich beschuldigt worden
ist. Er starb im Hospital.«

»Oh, das war doch die Geschichte mit dem Soldaten Kolpakoff -- der Fürst
wäre ganz zweifellos freigesprochen worden!«

»Ja? Sie wissen es genau?« fragte der Fürst lebhaft interessiert.

»Das fehlte noch, daß ich's nicht wüßte!« rief der General fast
entrüstet aus. »Das Kriegsgericht löste sich auf, ohne auch nur das
geringste Urteil zu fällen. Ein ganz unmöglicher Fall! Man kann sogar
sagen -- geradezu mysteriös! Eines Tages stirbt der Hauptmann Larionoff,
unser Kompagniechef; dem Fürsten werden zeitweilig die Pflichten
desselben übertragen; schön. Der gemeine Soldat Kolpakoff begeht darauf
einen Diebstahl -- er stiehlt einem Kameraden die Stiefel und vertrinkt
sie; schön. Der Fürst -- und vergessen Sie nicht, es geschah in
Gegenwart des Feldwebels und Korporals -- wäscht dem Kolpakoff tüchtig
den Kopf und droht ihm mit Prügelstrafe. Sehr schön. Kolpakoff geht in
die Kaserne, legt sich auf die Pritsche und nach einer Viertelstunde ist
er tot. Vortrefflich. Aber wie dem auch sein mag, jedenfalls bleibt die
Sache unerklärlich, geradezu unmöglich. Nun gut, Kolpakoff wird
beerdigt; der Fürst rapportiert und Kolpakoff wird aus den Listen
gestrichen. Die Sache ist erledigt, nicht wahr? Was kann man noch
verlangen? Doch siehe da, genau nach einem halben Jahre steht bei einer
Brigadebesichtigung der Soldat Kolpakoff, als wäre er nie gestorben, in
der dritten Rotte des zweiten Bataillons des Nowosemljanskischen
Infanterie-Regiments, in derselben Brigade und derselben Division!«

»Was!« Der Fürst fiel natürlich aus den Wolken.

»Es verhält sich nicht so, das ist ein Irrtum!« wandte sich plötzlich
Nina Alexandrowna an den Fürsten, und ihr Blick bat ihn um Verzeihung.
»_Mon mari se trompe_,«{[4]} fügte sie leise hinzu.

»Aber, mein Schatz, _se trompe_,{[5]} das ist leicht gesagt, aber
urteile du über diesen Fall! Alles war natürlich baff! Ich hätte ja gern
als erster gesagt, _qu'oun se trompe_!{[6]} Zum Unglück aber war ich
Augenzeuge und selbst ein Mitglied der Untersuchungskommission.
Sämtliche Konfrontationen ergaben immer nur das eine: daß es derselbe,
vollkommen derselbe Kolpakoff war, den man vor einem halben Jahr unter
Trommelwirbel begraben hatte. Der Fall war wirklich eine Seltenheit,
etwas fast Unmögliches, das gebe ich vollkommen zu, aber ...«

»Papa, das Essen für Sie ist schon aufgetragen,« meldete Warwara
Ardalionowna, ins Zimmer tretend.

»Ah, schön, schön! Ich habe auch schon Hunger ... Aber der Fall war, man
kann wohl sagen, sogar psy--cho--logisch ...«

»Die Suppe wird wieder kalt werden!« sagte Warjä ungeduldig.

»Ich geh' ja schon,« murmelte der General, der sich bereits gehorsam auf
den Weg zu seiner Suppe machte, -- »... doch trotz aller
Untersuchungen,« hörte man noch vom Korridor her.

»Sie werden Ardalion Alexandrowitsch vieles nachsehen müssen, wenn Sie
bei uns bleiben,« sagte Nina Alexandrowna zum Fürsten. »Übrigens wird er
Sie nicht gar zu oft belästigen. Er speist auch allein. Sie werden
zugeben, daß ein jeder seine Mängel hat und seine ... besonderen
Eigenschaften, der kleinen vielleicht noch mehr als der großen, auf die
man gewöhnlich mit Fingern zeigt. Nur um eines wollte ich Sie sehr
bitten: falls mein Mann sich einmal wegen des Kostgeldes an Sie wenden
sollte, so sagen Sie, daß Sie es mir bereits bezahlt hätten.
Selbstverständlich wird Ihnen auch das, was Sie eventuell Ardalion
Alexandrowitsch geben, als Bezahlung der Pension angerechnet werden, ich
bitte Sie aber nur um der Ordnung willen ... Was ist das, Warjä?«

Warwara Ardalionowna, die den Vater hinausgeleitet hatte, war wieder
zurückgekehrt und reichte der Mutter Nastassja Filippownas Photographie.
Nina Alexandrowna zuckte zusammen und starrte, anfangs erschrocken, dann
jedoch mit einem erdrückend bitteren Ausdruck auf das Bild der schönen
Frau. Endlich blickte sie auf und sah fragend ihre Tochter an.

»Sie hat es ihm heute selbst geschenkt,« sagte Warjä, »und am Abend wird
sich alles entscheiden.«

»Heute abend!?« stieß Nina Alexandrowna wie in hoffnungsloser
Verzweiflung leise hervor. »Nun, dann kann hierüber kein Zweifel mehr
bestehen, dann lohnt es sich auch gar nicht mehr, noch zu hoffen: mit
dem Geschenk des Bildes hat sie alles gesagt ... Hat er es dir selbst
gezeigt?« fragte sie gleich darauf ganz verwundert.

»Sie wissen doch, daß wir schon über einen Monat kein Wort miteinander
sprechen. Ptizyn hat mir alles erzählt, das Bild aber lag dort neben dem
Tisch auf dem Fußboden. Ich hob es auf.«

»Ich wollte Sie fragen, Fürst,« wandte sich Nina Alexandrowna an ihn,
»deshalb bat ich Sie auch her -- ob Sie meinen Sohn schon lange kennen?
Er sagte, wenn ich mich nicht irre, daß Sie heute erst irgendwoher
angekommen seien.«

Der Fürst gab ihr in kurzen Worten die nötigen Erklärungen. Mutter und
Tochter hörten ihn ruhig an.

»Glauben Sie nicht, daß ich Sie über Gawrila Ardalionytsch ausforschen
will, wenn ich Sie einiges frage,« sagte Nina Alexandrowna. »O nein, das
müssen Sie nicht von mir denken. Wenn es etwas gibt, was er mir nicht
selbst sagen kann, so will ich sicher nicht hinter seinem Rücken danach
forschen. Ich meine nur ... Ganjä sagte vorhin auf meine Frage, als Sie
hinausgegangen waren: >Er weiß alles, vor ihm braucht man sich nicht zu
genieren!< Was hat das nun zu bedeuten? Ich meine nur ... ich möchte
gern wissen, inwiefern ...«

Ganjä und Ptizyn traten ins Zimmer. Nina Alexandrowna verstummte. Der
Fürst blieb ruhig auf seinem Platz neben ihr sitzen, Warjä jedoch trat
zur Seite. Nastassja Filippownas Bild lag, allen sichtbar, auf ihrem
Nähtischchen. Ganjä bemerkte es sogleich, runzelte die Stirn, nahm es,
ohne zu fragen, fort und warf es ärgerlich auf seinen Schreibtisch, der
am anderen Ende des Zimmers stand.

»Was heute, Ganjä?« fragte plötzlich Nina Alexandrowna.

»Was heute?« fuhr Ganjä auf und zornig wandte er sich an den Fürsten.
»Ah, ich verstehe, auch hier haben Sie! ... Ja, zum Teufel, ist das bei
Ihnen eine _Krank--heit_ oder was sonst für eine Manie? Können Sie denn
wirklich nicht den Mund halten? So begreifen Sie doch wenigstens
endlich, Fürst ...«

»Hier bin diesmal ich der Schuldige, Ganjä, und kein anderer,«
unterbrach ihn Ptizyn.

Ganjä sah ihn fragend an.

»Es ist schon besser so, Ganjä,« fuhr Ptizyn fort, »um so mehr als es
doch schon beschlossene Sache ist,« brummte er halblaut, trat zur Seite,
setzte sich am Tisch nieder und zog aus seiner Tasche ein mit Bleistift
beschriebenes Blatt Papier hervor, das er aufmerksam zu studieren
begann.

Ganjä blieb finster stehen und erwartete unruhig eine Familienszene.
Sich beim Fürsten zu entschuldigen, fiel ihm gar nicht ein.

»Wenn alles beschlossen ist, so hat Iwan Petrowitsch natürlich recht,«
pflichtete Nina Alexandrowna Ptizyn bei. »Sei, bitte, nicht so böse und
rege dich nicht auf, Ganjä, ich werde dich nicht danach fragen, wenn du
es nicht selbst erzählen willst, und ich versichere dir, daß ich mich
vollkommen ergeben habe. Also sei so gut und rege dich nicht mehr auf.«

Sie sagte es, ohne von der Arbeit aufzublicken, und war auch allem
Anschein nach tatsächlich ruhig. Ganjä war etwas erstaunt, schwieg
jedoch vorsichtshalber und wartete, was sie weiter sagen würde. Diese
Familienszenen kamen seinen Nerven etwas teuer zu stehen. Nina
Alexandrowna bemerkte diese Vorsicht, und so fügte sie mit bitterem
Lächeln hinzu:

»Du zweifelst wohl immer noch und glaubst mir nicht. Ich versichere dir,
es wird weder Tränen noch Bitten geben wie früher, wenigstens nicht
meinerseits. Alles, was ich wünsche, ist ja nur, dich glücklich zu
sehen; das weißt du doch. Ich habe mich dem Schicksal ergeben. Mein Herz
wird immer bei dir sein, gleichviel ob wir beisammenbleiben oder
auseinandergehn. Selbstverständlich rede ich nur von mir, und du kannst
nicht verlangen, daß auch deine Schwester ...«

»Ah, versteht sich! Wieder die Schwester!« rief Ganjä spöttisch aus, mit
haßerfülltem Blick auf Warjä. »Mama! Ich schwöre Ihnen nochmals, worauf
ich Ihnen schon mein Wort gegeben habe: solange ich hier bin, solange
ich lebe, wird niemand Ihnen seine Achtung versagen dürfen. Gleichviel,
wer es sei: wer über unsere Schwelle hereintritt, ist Ihnen die größte
Ehrerbietung schuldig ...«

Ganjä war so erfreut, daß er fast zärtlich auf seine Mutter blickte.

»Für mich habe ich auch niemals etwas gefürchtet, Ganjä, ich habe mich
nicht meinetwegen beunruhigt und gequält, das weißt du. Heute, sagt man,
werde sich alles entscheiden -- was wird sich denn entscheiden?«

»Sie hat versprochen, heute abend zu erklären, ob sie einverstanden ist
oder nicht,« antwortete Ganjä.

»Wir haben beinahe drei Wochen jedes Wort über diese Angelegenheit
vermieden, und das war auch das Beste, was wir tun konnten. Jetzt, wo
nichts mehr zu ändern ist, erlaube ich mir nur eines -- dich zu fragen:
wie hat sie denn deinen Antrag annehmen und dir sogar ihr Bild schenken
können, wenn du sie doch nicht liebst? Hast du denn wirklich eine so ...
eine so ...«

»Nun, eine so erfahrene, wie?«

»Ich wollte mich nicht so ausdrücken. Hast du ihr denn wirklich in
solchem Maße ... Sand in die Augen zu streuen vermocht?«

Eine ungewöhnliche Gereiztheit klang plötzlich aus dieser Frage. Ganjä
stand, dachte eine Weile nach und sagte dann mit unverhohlenem Spott:

»Sie haben sich hinreißen lassen, Mama, haben sich doch nicht bemeistern
können. So haben ja alle diese Gespräche bei uns begonnen. Sie sagten,
es würde weder Fragen noch Vorwürfe geben, und da haben wir nun beides!
Wozu von neuem anfangen? Lassen wir es doch lieber, es ist wirklich
besser. Wenigstens haben Sie die Absicht gehabt ... Ich werde meine
Eltern und Geschwister niemals verlassen, unter keinen Umständen; ein
anderer würde von einer solchen Schwester zum mindesten fortlaufen, --
seht doch, wie sie mich fixiert! Doch beenden wir dieses Gespräch! Ich
hatte mich schon so gefreut ... Woher wissen Sie denn, daß ich Nastassja
Filippowna betrüge? Und was Warjä betrifft, so -- nun, wie sie selbst
will. Doch genug! ... Aber jetzt wirklich einmal Schluß damit!«

Ganjä wurde mit jedem Wort erregter und wanderte ziellos im Zimmer
umher. Diese Gespräche waren der wunde Punkt der Familie.

»Ich habe gesagt, sobald sie hier eintritt, gehe ich von hier fort, und
ich werde mein Wort halten,« sagte Warjä.

»Aus Eigensinn! Natürlich!« rief Ganjä wütend aus. »Aus Eigensinn will
sie ja auch nicht heiraten! Was zuckst du mit der Schulter? Mir ist es
wahrhaftig ganz egal, was Sie zu tun gedenken, gnädigste Warwara
Ardalionowna! Ist es gefällig, dann -- bitte: führen Sie Ihre Absicht
ohne Aufschub aus. Weiß Gott, ich hab' Sie mehr als satt. Wie! Sie
entschließen sich also endlich doch, uns allein zu lassen, Fürst?«
wandte er sich an diesen, als er bemerkte, daß der Fürst sich erhob.

Ganjäs Stimme verriet bereits jenen Grad von Gereiztheit, in dem der
Mensch sich fast über dieselbe freut und sich rückhaltlos und womöglich
mit wachsender Freude von ihr hinreißen läßt, gleichviel wohin sie ihn
führen kann. Der Fürst wandte sich in der Tür zurück, um etwas zu
entgegnen, doch als er an dem krankhaft verzerrten Gesicht seines
Beleidigers sah, daß nur noch ein Tropfen zum Überfließen fehlte, trat
er schweigend aus dem Zimmer und zog die Tür hinter sich zu. Kaum war er
ein paar Schritte gegangen, als die Stimmen im Empfangszimmer noch
bedeutend lauter und heftiger wurden.

Er ging durch den sogenannten »Salon« -- richtiger die »gute Stube« --
ins Vorzimmer, um von dort durch den Korridor in sein Zimmer zu
gelangen, doch im Vorübergehen an der Eingangstür bemerkte er, daß
draußen auf dem Treppenflur sich jemand vergeblich bemühte, die Klingel
zu ziehen. Am Klingelzuge mußte aber irgend etwas nicht ganz in Ordnung
sein, denn die Glocke zitterte nur, doch ein Ton war nicht zu hören. Der
Fürst trat näher, schloß auf, öffnete die Tür und -- trat
zusammenzuckend erschrocken einen Schritt zurück: vor ihm stand
Nastassja Filippowna. Er erkannte sie sofort. Ihre Augen blitzten vor
Unwillen. Sie trat schnell ins Vorzimmer, wobei sie ihn mit der Schulter
berührte, da er ihr im Wege stand und sagte zornig, indem sie den Pelz
abwarf:

»Wenn ein Diener zu faul ist, den Klingelzug in Ordnung zu bringen, so
sollte er doch wenigstens im Flur sitzen, damit man nicht stundenlang
vergeblich zu klopfen braucht. Da hat er noch den Pelz fallen lassen,
Tölpel!«

Der Pelz lag tatsächlich auf dem Fußboden. Nastassja Filippowna hatte,
an Bedienung gewöhnt, den Pelz einfach abgeworfen, ohne sich umzusehen
oder zu warten, bis der Fürst ihn ihr abgenommen hätte. Dieser aber
versäumte es, ihn aufzufangen.

»Dich müßte man wahrlich entlassen. Geh, melde mich.«

Der Fürst wollte zwar etwas sagen, war jedoch so verwirrt, daß er nichts
hervorbrachte und mit dem Pelz, den er aufgehoben hatte, in das
Empfangszimmer gehn wollte.

»Da! -- er geht mitsamt dem Pelz! Wozu nimmst du denn den Pelz mit!
Hahaha! Oder bist du total verrückt?«

Der Fürst kehrte zurück und starrte sie wie ein Götzenbild an. Erst nach
ihrem Lachen kam etwas Leben in sein Gesicht: er lächelte, doch die
Zunge konnte er immer noch nicht bewegen. Im ersten Augenblick, als er
ihr die Tür geöffnet hatte, war er erbleicht, jetzt stieg plötzlich eine
heiße Blutwelle in sein Gesicht.

»Ach, das ist ja ein Idiot!« rief Nastassja Filippowna aus. »Nun, wohin
gehst du denn? So wart' doch! Nun, wen wirst du denn melden?«

»Nastassja Filippowna,« murmelte der Fürst.

»Woher kennst du mich?« fragte sie erstaunt. »Ich habe dich nie gesehen!
Geh jetzt, melde mich! Was ist das für ein Geschrei?«

»Sie streiten dort,« antwortete der Fürst und begab sich ins
Empfangszimmer.

Er erschien dort in einem recht gefährlichen Augenblick: Nina
Alexandrowna war bereits im Begriff, gänzlich zu vergessen, daß sie sich
»vollkommen ergeben« hatte. Ihre Tochter verteidigte sie. Ptizyn hatte
sein mit Bleifeder beschriebenes Blatt Papier weggelegt und stand jetzt
neben Warjä, die zwar selbst keine Angst hatte -- doch wurden die
Grobheiten ihres Bruders mit jedem Wort unerträglicher, und in solchen
Fällen pflegte sie gewöhnlich zu verstummen und dann nur mit unsäglich
spöttischem Blick den Bruder zu betrachten, ohne auch nur auf eine
Sekunde die Augen von ihm abzuwenden. Dieses Verhalten aber konnte
Ganjä, wie sie sehr wohl wußte, bis zum Äußersten bringen. In diesem
Augenblick trat der Fürst ins Zimmer und meldete:

»Nastassja Filippowna.«


                                  IX.

Alles verstummte. Alle blickten den Fürsten an, als könnten oder wollten
sie ihn nicht verstehen. Ganjä war vor Schreck wie zu Stein erstarrt.

Nastassja Filippownas Besuch war für alle -- und namentlich noch in
diesem Augenblick -- eine wahrhaft erschreckende Überraschung. Es war
ihr erster Besuch in diesem Hause! Bis dahin hatte sie sich dermaßen
hochmütig zu ihnen verhalten, daß in den Gesprächen mit Ganjä nicht
einmal der Wunsch, seine Familie kennen zu lernen, von ihr geäußert
worden war. In der letzten Zeit hatte sie seine Verwandten überhaupt
nicht mehr erwähnt, ganz als gäbe es gar keine. Zwar war es Ganjä
einesteils auch ganz angenehm gewesen, daß dieses für ihn so unangenehme
Gespräch hinausgeschoben wurde, doch im Herzen trug er diesen Hochmut
sofort in ihr Schuldbuch ein. Jedenfalls aber hatte er von ihr eher
spitze Bemerkungen über seine Familie erwartet als einen Besuch. Er
wußte ganz genau, daß ihr alles bekannt war, was bei ihm zu Hause
infolge seiner Werbung um ihre Hand vorging, und welcher Meinung seine
Familie über sie war. Ihr Besuch jedoch gerade an _diesem_ Tage und in
_diesem_ Augenblick, nachdem sie ihm ihr Bild geschenkt und am Abend
desselben Tages das letzte entscheidende Wort zu sagen versprochen hatte
-- war das nicht ebensogut wie dieses Wort selbst?

Die starre Verständnislosigkeit, mit der alle den Fürsten ansahen,
dauerte nicht lange: Nastassja Filippowna erschien selbst in der Tür und
stieß beim Eintritt wiederum den Fürsten leicht zur Seite.

»Endlich ist es mir gelungen, einzutreten ... Warum binden Sie denn die
Glocke fest?« sagte sie fröhlich, indem sie Ganjä, der ihr sofort
entgegenstürzte, die Hand reichte. »Warum machen Sie ein so verdutztes
Gesicht? Stellen Sie mich doch vor, bitte ...«

Ganjä, der gänzlich den Kopf verloren hatte, stellte sie zuerst seiner
Schwester vor, und beide Frauen maßen einander, bevor sie sich die Hand
reichten, mit seltsamem Blick. Nastassja Filippowna lachte übrigens und
markierte Fröhlichkeit, doch Warjä wollte sich nicht verstellen und sah
sie finster und unverwandt an; nicht einmal der Schatten eines Lächelns
erschien auf ihrem Gesicht. Ganjä erbleichte; sie bitten oder bereden
war unmöglich, und so blickte er sie nur so drohend an, daß sie aus
seinem Blick wohl begreifen mußte, was die Minute für sie bedeutete. Da
entschloß sie sich denn, nachzugeben, und sie lächelte Nastassja
Filippowna kaum merklich zu. Der schlechte Eindruck wurde etwas wieder
gutgemacht durch Nina Alexandrowna, welcher Ganjä in seiner Verwirrung
Nastassja Filippowna nach der Schwester vorstellte. Doch kaum begann
Nina Alexandrowna etwas von ihrem »besonderen Vergnügen« zu sprechen,
als Nastassja Filippowna, ohne sie bis zu Ende anzuhören, sich schon an
Ganjä wandte, den sie, sich unaufgefordert auf ein kleines Sofa in der
Ecke am Fenster setzend, lachend fragte:

»Wo ist denn Ihr Bureau? Und ... und wo sind denn die Pensionäre? Sie
vermieten doch möblierte Zimmer mit Kost und Bedienung?«

Ganjä wurde feuerrot und wollte etwas erwidern, doch Nastassja
Filippowna ließ ihn nicht zu Worte kommen:

»Aber wie können Sie denn hier Pensionäre halten? Sie haben ja nicht
einmal ein Arbeitszimmer für sich! Bringt denn das auch viel ein?«
wandte sie sich an Nina Alexandrowna.

»Es macht ein wenig Mühe,« antwortete diese, »aber selbstverständlich
muß es doch etwas einbringen. Wir haben übrigens erst ...«

Doch Nastassja Filippowna hörte ihr schon wieder nicht mehr zu: sie
betrachtete Ganjä, lachte und fragte:

»Was machen Sie denn für ein Gesicht? Oh, mein Gott, sehen Sie doch nur,
was für ein Gesicht er macht!«

Während sie noch lachte, ging in Ganjäs Gesicht eine große Veränderung
vor sich: die Starrheit, die lächerliche, feige Fassungslosigkeit
verließen ihn ganz plötzlich; er erbleichte unheimlich, seine Lippen
verzogen sich wie in einem krampfartigen Zucken, und schweigend,
unverwandt und ruhig sah er mit Böses verheißendem Blick seinem
lachenden Gast in die Augen.

Es war aber noch ein Beobachter anwesend, dem, wenn er auch immer noch
auf demselben Fleck an der Tür des Empfangszimmers stand, doch plötzlich
die Blässe und die unheilverkündende Veränderung in Ganjäs Gesicht
auffiel, und den sie erschrecken machte. Dieser Beobachter war der
Fürst. Fast mechanisch trat er vor und näherte sich Ganjä:

»Trinken Sie Wasser ... und sehen Sie nicht so ...« stieß er leise
hervor.

Man sah es ihm an, daß er es ohne jede Überlegung oder gar Berechnung
sagte, sondern daß einfach sein Instinkt aus ihm sprach. Doch seine
Worte machten einen entsetzlichen Eindruck. Wie es schien, wandte sich
Ganjäs ganze Wut plötzlich gegen den Fürsten: er packte ihn an der
Schulter und blickte ihn mit unsäglichem Haß an, mit einem Haß, der ihn
kein Wort hervorbringen ließ. Alle fuhren zusammen. Nina Alexandrowna
schrie sogar leise auf. Ptizyn näherte sich schnell. Koljä und
Ferdyschtschenko, die in der offenen Tür erschienen, blieben verwundert
stehen. Nur Warjä blickte unverändert unter der Stirn hervor und
beobachtete aufmerksam. Sie setzte sich absichtlich nicht, sondern
stand, die Arme über der Brust gekreuzt, etwas abseits neben dem Stuhl
der Mutter.

Im übrigen besann sich Ganjä sofort, fast schon im nächsten Augenblick.
Dann lachte er nervös auf. Da war er bereits ganz zur Besinnung
gekommen!

»Ja, sind Sie denn ein Arzt, Fürst?« rief er aus, bemüht, möglichst
heiter zu erscheinen. »Sie können einen ja wahrhaftig erschrecken!
Nastassja Filippowna, gestatten Sie, Ihnen vorzustellen -- ein kostbares
Subjekt! Zwar kenne ich ihn selbst erst seit dem Morgen ...«

Nastassja Filippowna blickte erstaunt den Fürsten an.

»Fürst? Er ist ein Fürst? Denken Sie sich, ich hielt ihn, als ich
eintrat, dort im Vorzimmer für den Diener und schickte ihn her, um mich
anzumelden! Hahaha!«

»Kein Malheur, kein Malheur!« fiel Ferdyschtschenko sofort nähertretend
ein, sichtlich erfreut darüber, daß man zu lachen begann: »Das hat
nichts zu sagen: _se non è vero_ ...«

»Und ich habe Sie ja fast gescholten, Fürst. Verzeihen Sie, bitte. Aber
wie kommen Sie denn, Ferdyschtschenko, zu dieser Tageszeit hierher?
Haben Sie heute Feiertag? Ich glaubte, daß ich zum mindesten Sie hier
nicht antreffen würde. Was? Wer? Was für ein Fürst? Myschkin?« fragte
sie Ganjä, der ihr inzwischen den Fürsten, den er immer noch an der
Schulter hielt, vorgestellt hatte.

»Er wohnt bei uns,« erläuterte Ganjä.

Augenscheinlich wurde der Fürst, (der als Retter aus der peinlichen
Situation allen sehr gelegen kam) wie etwas Seltenes vorgestellt, ja, er
wurde ihrer Aufmerksamkeit nahezu aufgedrängt. Der Fürst hörte sogar das
Wort »Idiot« hinter seinem Rücken flüstern, das wahrscheinlich
Ferdyschtschenko Nastassja Filippowna zur Erklärung zuraunte.

»Sagen Sie doch, warum klärten Sie mich vorhin nicht auf, als ich mich
so unverzeihlich ... in Ihnen täuschte?« fragte Nastassja Filippowna,
die den Fürsten in der ungeniertesten Weise vom Kopf bis zu den Füßen
betrachtete.

Sie erwartete ungeduldig, was er sagen würde, ganz, als wäre sie von
vornherein überzeugt gewesen, eine so dumme Antwort zu erhalten, daß
alle in schallendes Gelächter ausbrechen müßten.

»Ich war zu überrascht, als ich Sie so plötzlich vor mir sah ...« begann
der Fürst.

»Aber woher wußten Sie denn, wer ich bin? Wo haben Sie mich früher
gesehen? Aber was ist das, wirklich, es scheint mir, daß ich Sie
irgendwo gesehen habe ... Und erlauben Sie, -- warum erstarrten Sie denn
plötzlich, nachdem Sie mir die Tür aufgemacht hatten? Was ist denn an
mir, das so erstarren machen kann?«

»Nun! na! los doch!« rief ihm Ferdyschtschenko Grimassen schneidend in
aufmunternd sein sollendem Tone zu. »Na, schießen Sie doch los!
Herrgott! was ich auf eine solche Frage reden würde! Aber so ... na!
Ach, bist du aber ein Tölpel, Fürst!«

»Oh, an Ihrer Stelle würde auch ich zu reden verstehen,« wandte sich der
Fürst lächelnd an Ferdyschtschenko. »Mich hat heute Ihre Photographie
frappiert,« fuhr er zu Nastassja Filippowna fort, »dann habe ich mit
Jepantschins von Ihnen gesprochen ... und früh am Morgen, noch bevor ich
in Petersburg angekommen war, hat mir im Eisenbahnzuge Parfen Rogoshin
viel von Ihnen erzählt. Und in jenem Augenblick, als ich Ihnen die Tür
aufmachte, dachte ich auch wieder an Sie -- und da standen Sie plötzlich
vor mir.«

»Aber wie haben Sie mich denn erkannt?«

»Nach der Photographie und ...«

»Und?«

»Und ... weil ich Sie mir gerade so vorstellte ... Ich glaube, Sie
gleichfalls irgendwo gesehen zu haben.«

»Wo? Wo?«

»Ich glaube Ihre Augen irgendwo gesehen zu haben ... aber das kann ja
nicht sein! Das ist nur so ... Ich bin nie hier gewesen. Vielleicht im
Traum.«

»Eh--hee! Seht doch mal an!« rief Ferdyschtschenko laut dazwischen.
»Nein, ich nehme mein >_se non è vero_< zurück! Doch ... doch übrigens
-- das hat er ja alles nur aus Unschuld gesagt!« fügte er mitleidig
bedauernd hinzu.

Der Fürst hatte die wenigen Sätze mit einer unruhigen Stimme gesprochen,
dazwischen in der Erregung oft Atem geschöpft oder kurz abgebrochen,
weshalb seine Rede denn auch geradezu abgehackt klang. Nastassja
Filippowna sah ihn interessiert an, doch hatte sie aufgehört zu lachen.
Da ertönte plötzlich eine neue laute Stimme hinter der Gruppe, die
Nastassja Filippowna umstand. Der Neueingetretene brach sich
majestätisch Bahn und -- vor Nastassja Filippowna verneigte sich das
Oberhaupt der Familie in eigener Person. General Iwolgin war im Frack
und in sauberem Vorhemd. Sein Schnurrbart war starr aufgewichst.

Doch das war zuviel für Ganjä:

Dieser selbstgefällige, bis zur Hypochondrie ehrgeizige Mensch, der in
den ganzen zwei Monaten vergeblich nach einem Piedestal gesucht, auf dem
er höher dastehen und sich edler ausnehmen könnte, mußte nun fühlen, daß
er noch ein Neuling auf dem erwählten Wege war und vielleicht nicht
einmal bis zum Ende aushalten würde; dieser Mensch, der sich dann in der
Verzweiflung zur größten Gemeinheit entschlossen hatte, was er bei sich
zu Hause, wo er als richtiger Despot herrschte, auch vollkommen
eingestand, Nastassja Filippowna gegenüber jedoch -- die geradezu
unbarmherzig das Übergewicht behielt, was sie ihn auch fühlen ließ --
nie und nimmer einzugestehen gewagt hätte; dieser »ungeduldige Bettler«,
wie sie ihn einmal genannt, was ihm bald darauf hinterbracht worden war,
hatte sich mit allen Schwüren geschworen, sie in der Folge bitter dafür
büßen zu lassen, während er gleichzeitig wie ein Kind davon träumen
konnte, wie er alles gutmachen, alle Widersprüche vereinen und nichts
als Glück schaffen würde; -- dieser Mensch mußte jetzt den furchtbarsten
Kelch leeren! Ihm war auch noch diese schreckliche, für einen
ehrgeizigen Menschen allerschrecklichste Folter zugedacht: die Qual, für
seine Angehörigen erröten zu müssen, und das dazu noch in seinem eigenen
Hause!

»Aber ist denn schließlich der verheißene Lohn auch all dieser Qualen
wert?« fuhr es ihm jetzt plötzlich durch den Kopf.

Und in eben diesem Augenblick geschah das, was in den letzten zwei
Monaten wie ein Alpdruck auf ihm gelastet, ihn vor Entsetzen frösteln
und vor Scham erglühen gemacht hatte: Nastassja Filippowna lernte seinen
Vater kennen. Wenn er sich bisweilen selbst gereizt und gequält hatte,
dann hatte er sich wohl den Vater während der Zeremonie der kirchlichen
Trauung vorzustellen versucht, doch nie war er fähig gewesen, das
peinigende Bild sich bis zu Ende vorzustellen, sondern hatte es immer
schnell wieder verscheucht. Vielleicht sah er das Unglück viel zu
schwarz -- aber das pflegt ja bei ehrgeizigen Menschen immer der Fall zu
sein! In diesen zwei Monaten hatte er sich die Sache mehrfach überlegt
und dann doch beschlossen und sich das Wort gegeben, seinen Vater
irgendwie »unschädlich« zu machen, ihn wenigstens für eine kurze Zeit,
falls das möglich war, ganz aus Petersburg fortzuschaffen, gleichviel,
ob seine Mutter es billigte oder nicht. Vor zehn Minuten, nach Nastassja
Filippownas unerwartetem Erscheinen, war er so bestürzt, so betäubt
gewesen, daß er an die Möglichkeit, sein Vater könne gleichfalls
erscheinen, gar nicht gedacht hatte. Und nun stand der General hier vor
allen feierlich und lächerlich in Frack und weißer Binde, und das in
einem Augenblick, in dem Nastassja Filippowna »offenbar nur eine
Gelegenheit suchte, ihn und seine Familie zu verspotten« -- davon war
Ganjä überzeugt. Denn in der Tat: was konnte dieser ihr Besuch anders
bedeuten? War sie gekommen, um die Freundschaft seiner Mutter und
Schwester zu suchen, oder um sie in ihren vier Wänden zu beleidigen? Ein
Blick genügte, um zu erkennen, wie sich die beiden Parteien zueinander
stellten, und dieser Blick schloß jeden Zweifel aus: seine Mutter und
Schwester saßen abseits, wie erniedrigt und verhöhnt, während Nastassja
Filippowna ganz vergessen zu haben schien, daß sie mit ihnen in ein und
demselben Zimmer saß ... Wenn sie sich aber in dieser Weise aufführte,
so mußte sie natürlich etwas Besonderes im Sinn haben.

Ferdyschtschenko sprang sofort herbei, um den General vorzustellen, doch
dieser kam ihm zuvor.

»Ardalion Alexandrowitsch Iwolgin,« sagte er pathetisch, sich verbeugend
und lächelnd, »ein alter, unglücklicher Soldat und Vater einer Familie,
die glücklich ist in der Hoffnung, in ihrem Schoß eine so bezaubernde
...«

Er sprach nicht zu Ende: Ferdyschtschenko schob ihm von hinten ganz
unverhofft einen Stuhl unter, und zwar tat er das so schwungvoll, daß
der General, der nach dem Essen gewöhnlich etwas schwach auf den Füßen
war, bei diesem plötzlichen Stoß in die Kniekehlen wie ein Sack auf den
Sitz plumpste, was ihn im übrigen durchaus nicht aus dem Konzept
brachte. So saß er denn jetzt Nastassja Filippowna gegenüber, zog mit
süßem Lächeln ihre Hand an die Lippen und küßte sie langsam und
effektvoll. Überhaupt war es ziemlich schwer, den General aus der
Fassung zu bringen. Sein Äußeres war, abgesehen von einer gewissen
Nachlässigkeit in der Kleidung, immer noch ganz anständig, was er selbst
wohl wußte. Er hatte früher nur in guter Gesellschaft verkehrt, von der
er erst seit zwei oder drei Jahren endgültig ausgeschlossen war. Seit
dieser Zeit hatte er sich auch erst angewöhnt, etwas gar zu zügellos
gewissen Schwächen nachzugeben, doch die einmal erworbenen Manieren
hatte er deshalb nicht eingebüßt. Nastassja Filippowna schien höchst
erfreut über das Erscheinen Ardalion Alexandrowitschs zu sein, von dem
sie natürlich schon viel gehört hatte.

»Ich habe gehört, daß mein Sohn ...« begann Ardalion Alexandrowitsch.

»Ja, Ihr Sohn! Aber auch Sie sind mir mal einer! Warum sieht man Sie
denn nie bei mir? Sie sind doch sein Vater? Verstecken Sie sich selbst
oder werden Sie von Ihrem Sohn versteckt? Sie können doch wirklich zu
mir kommen, ohne daß sich deshalb jemand kompromittiert zu glauben
braucht.«

»Die Kinder des neunzehnten Jahrhunderts und deren Eltern ...« wollte
wieder der General beginnen.

»Nastassja Filippowna! Entschuldigen Sie, bitte, Ardalion
Alexandrowitsch auf einen Augenblick, es wird nach ihm verlangt,«
unterbrach ihn plötzlich Nina Alexandrowna laut.

»Verlangt? Aber ich bitte Sie, ich habe soviel von ihm gehört und ihn
schon lange einmal sehen wollen! Und was hat er denn so Unaufschiebbares
vor? Er ist doch verabschiedet? Nicht wahr, Sie werden mich nicht
verlassen, Ardalion Alexandrowitsch, Sie werden doch nicht fortgehen?«

»Ich verspreche Ihnen, daß er Sie selbst aufsuchen wird, doch jetzt
bedarf er dringend der Ruhe.«

»Ardalion Alexandrowitsch, Sie sollen der Ruhe bedürfen!« rief Nastassja
Filippowna mit einer pikierten kleinen Grimasse aus, ganz wie ein
leichtfertiges, dummes Gänschen, dem man ein Spielzeug fortnimmt.

Der General aber war im besten Zuge, sich wieder lächerlich zu machen.

»Aber mein Schatz! Du siehst doch!« sagte er, sich feierlich an seine
Gattin wendend, in vorwurfsvollem Tone und die Hand aufs Herz gepreßt.

»Werden Sie nicht von hier fortgehen, Mama?« fragte Warjä laut.

»Nein, Warjä, ich bleibe bis zu Ende.«

Nastassja Filippowna konnte unmöglich diese Frage und Antwort nicht
hören, doch ihre Fröhlichkeit schien nur noch zuzunehmen. Sie
überschüttete den General mit Fragen, und binnen fünf Minuten war dieser
in der siegesbewußtesten Stimmung und redete äußerst schwungvoll.

Koljä zupfte den Fürsten am Rockschoß.

»So bringen Sie ihn doch irgendwohin fort! Das geht doch nicht! Bitte!«
Dem armen Jungen standen vor Unwillen Tränen in den Augen. »Oh, dieser
verwünschte Ganjä!« fügte er bei sich noch hinzu.

»Mit Iwan Fedorowitsch Jepantschin war ich einstmals allerdings eng
befreundet,« erzählte der General in bester Laune auf eine Frage
Nastassja Filippownas. »Ich, er und der verstorbene Fürst Lew
Nikolajewitsch Myschkin, dessen Sohn ich heute nach zwanzigjähriger
Trennung in meine Arme geschlossen habe, -- wir drei waren eine
sozusagen unzertrennliche Kavalkade: Athos, Portos und Aramis. Aber ach,
der eine liegt im Grabe, gefällt von Kugeln und Verleumdungen, der
andere sitzt vor Ihnen und kämpft noch mit Verleumdungen und Kugeln ...«

»Kugeln?« fragte Nastassja Filippowna, scheinbar sehr erstaunt.

»Hier in meiner Brust, beim Sturm auf Kars erhalten, und wenn das Wetter
umschlägt, fühle ich jede einzeln. In allen anderen Beziehungen lebe ich
als Philosoph, gehe spazieren, mache in meinem Café ein Spielchen, wie
ein vom Geschäft zurückgezogener Bourgeois, und lese die Zeitung. Doch
mit unserem Portos Jepantschin habe ich nach jener vor drei Jahren im
Eisenbahncoupé passierten Geschichte mit dem Bologneserhündchen ein für
allemal die Freundschaft gebrochen.«

»Einem Bologneserhündchen? Was war denn das für eine Geschichte?« fragte
Nastassja Filippowna mit ganz besonderem Interesse. »Mit einem
Bologneserhündchen sagen Sie? Erlauben Sie, und im Eisenbahncoupé ...«
sie schien in ihrem Gedächtnisse irgend etwas zu suchen.

»Oh, nichts Besonderes, eine dumme Geschichte, die zu wiederholen sich
gar nicht lohnt: die Schuld an allem trug die Gouvernante der Fürstin
Bjelokonskaja, eine Mrs. Smith, doch ... es lohnt sich nicht, sie zu
erzählen.«

»Aber unbedingt müssen Sie sie uns erzählen!« bestand Nastassja
Filippowna fröhlich auf ihrem Wunsch. »Auch ich habe sie noch nie
vernommen!« bemerkte Ferdyschtschenko. »_C'est du nouveau!_«{[7]}

»Ardalion Alexandrowitsch!« ertönte wieder beschwörend Nina
Alexandrownas Stimme.

»Papa, jemand will Sie sprechen!« rief Koljä.

»Eine ganz dumme Geschichte, nur zwei Worte,« begann der General mit
großer Selbstzufriedenheit. »Vor zwei Jahren, ja fast vor zwei Jahren --
auf der neuen Eisenbahnlinie Petersburg--Warschau mußte ich in einer für
mich äußerst wichtigen Angelegenheit, die mit meinem Austritt aus dem
Dienst in Zusammenhang stand -- ich trug bereits Zivil -- eine Reise
unternehmen. Ich löse also ein Billett erster Klasse, steige ein, setze
mich, rauche. Oder vielmehr, fahre fort zu rauchen; denn ich hatte mir
die Zigarre schon früher angesteckt. Bin ganz allein im Coupé. Das
Rauchen ist nicht verboten, ist aber auch nicht gerade gestattet,
sondern so--o ... halb und halb, wie gewöhnlich, und natürlich -- je
nachdem. Das Fenster ist heruntergelassen. Plötzlich, kurz vor dem
letzten Pfiff, steigen zwei Damen mit einem kleinen Bologneser ein und
setzen sich mir _vis-à-vis_. Hatten sich etwas verspätet. Die eine
pompös gekleidet, ganz in Hellblau; die andere etwas bescheidener in
schwarzer Seide mit einer kleinen Pelerine. Beide, nicht gerade häßliche
Frauenzimmer, scheinen nur im allgemeinen etwas sehr >von oben herab< zu
sein, sprechen englisch. Ich natürlich verhalte mich ganz ruhig; rauche
meine Zigarre. Das heißt, im ersten Augenblick dachte ich wohl so bei
mir, aber schließlich -- das Fenster war heruntergelassen, weshalb soll
ich nicht zum Fenster hinausrauchen? Der kleine Bologneser ruht auf dem
Schoß der Hellblauen so 'n kleines Tierchen, nicht größer als meine
Faust, pechschwarz, weiße Pfötchen -- eine Seltenheit zweifellos. Das
Halsbändchen war aus Silber und mit einer Inschrift versehen. Nun, ich
-- merke nichts. Bemerke nur, daß die Damen sich über mich zu ärgern
scheinen, natürlich wegen der Zigarre. Die eine betrachtet mich durchs
Lorgnon -- aus echtem Schildpatt, versteht sich. Ich jedoch -- merke
nichts. Weshalb sagen sie denn nichts? So sollen sie doch den Mund
auftun! Hätten sie mich darauf aufmerksam gemacht, etwas gesagt, mich
gebeten, sie waren doch nicht stumm! Aber so -- wie soll ich's denn
wissen? ... Plötzlich -- und zwar ohne die geringste Vorbereitung, ich
sage Ihnen, ohne die allergeringste, als wäre sie übergeschnappt --
reißt mir die Hellblaue, schwaps! die Zigarre aus der Hand und wirft sie
zum Fenster hinaus. Na, die war gewesen, den Zug hält man nicht auf. Ich
mache ein dummes Gesicht, staune sie an: ein wildes Weib, ich sage
Ihnen, ein vollkommen wildes Weib! Stattlich, groß, üppig, blond, rosig
-- vielleicht etwas zu rosig -- und die Augen blitzen mich nur so an.
Ich -- ohne ein Wort zu verlieren, strecke mit der größten Höflichkeit,
mit der feinsten Höflichkeit langsam meine Hand nach dem Bologneser aus,
fasse ihn delikat mit zwei Fingern am Schopf und -- wups! werfe ihn
gleichfalls zum Fenster hinaus, dorthin, wo die Zigarre lag! Er quiekte
nur einmal, zum Kläffen kam er gar nicht. Na, der Bologneser war auch
gewesen! Den Zug hält man nicht auf, der geht.«

»Sie Ungeheuer!« rief Nastassja Filippowna köstlich amüsiert aus,
klatschte Beifall und lachte wie ein kleines Mädchen über den gelungenen
Streich.

»Bravo, bravo!« rief Ferdyschtschenko.

Auch Ptizyn lachte, obgleich ihm das Erscheinen des Generals nicht
minder unangenehm war, und sogar Koljä lachte und rief seinem Vater ein
Bravo zu.

»Und ich war doch im Recht, im Recht, doppelt und dreifach im Recht!«
fuhr der triumphierende General fort; »denn wenn im Coupé das Rauchen
verboten ist, so sind es Hunde erst recht!«

»Bravo, Papa!« rief Koljä begeistert aus, »das war großartig! Ich hätte
es unbedingt ebenso gemacht!«

»Aber was tat denn die Dame?« fragte in ungeduldiger Neugier Nastassja
Filippowna.

»Sie? Ja, hier erst beginnt das Unangenehme an der ganzen Geschichte,«
fuhr der General stirnrunzelnd fort. »Ohne ein Wort zu sagen und ohne
die geringste Vorbereitung, gab sie mir eine schallende Ohrfeige! Ein
wildes Weib, ein vollkommen, ein selten wildes Weib, sage ich Ihnen.«

»Und Sie?«

Der General schlug die Augen nieder, zog die Brauen in die Höhe, preßte
die Lippen zusammen, hob die Schultern, während er die Hände gleichsam
entschuldigend auseinanderführte -- es war eine Kunstpause -- und sagte
dann plötzlich nur kurz:

»Ließ mich hinreißen!«

»Oh! Und stark? Wirklich stark?«

»Bei Gott, durchaus nicht stark! Es kam zwar zu einem großen Skandal,
aber ich hatte ja nur ein einziges Mal den Schlag zurückgegeben, eben
nur -- nun, um ihn zurückzugeben. Da kam aber der Teufel dazwischen und
steckte seine Hand ins Spiel: die Hellblaue war, wie es sich
herausstellte, die Gouvernante oder Engländerin oder gar Freundin der
Fürstin Bjelokonskaja, die Dame in Schwarz aber war die älteste Tochter
der Fürstin, ein älteres Mädchen von fünfunddreißig Jahren. Und wie die
Generalin Jepantschin zum Hause Bjelokonskij steht, ist ja bekannt. Alle
Damen fielen in Ohnmacht, Tränen, Trauer um den geliebten Schoßhund,
Jammer und Geschrei aller sechs Töchter, und als siebente die
Engländerin noch dazu -- kurz, das Ende der Welt war nahe. Nun, versteht
sich: ich wollte meine Entschuldigung machen, machte einen Besuch, um
Verzeihung zu erbitten, schrieb sogar einen Brief, doch wurde weder
ich, noch der Brief angenommen, und mit Jepantschin gab es
Auseinandersetzungen, Kündigung der Freundschaft und darauf ewige
Feindschaft!«

»Aber erlauben Sie, wie ist denn das?« begann plötzlich Nastassja
Filippowna, »vor fünf oder sechs Tagen habe ich in der Zeitung genau
dieselbe Geschichte gelesen! Es war auf ein Haar dieselbe! Sie hatte
sich am Rhein in einem Eisenbahncoupé zwischen einem Franzosen und einer
Engländerin zugetragen: genau so hatte sie ihm die Zigarre aus der Hand
gerissen, genau so hatte er ihr Hündchen aus dem Fenster geworfen, und
genau so hatte es auch zwischen ihnen geendet. Sogar das hellblaue Kleid
stimmt mit dem Bericht der Zeitung überein!«

Der General wurde über und über rot, und auch Koljä errötete und
bedeckte vor Scham das Gesicht mit den Händen. Ptizyn wandte sich
schnell ab. Nur Ferdyschtschenko lachte. Ganjä aber stand und ertrug
stumm seine unerträgliche Qual.

»Ich ... ich kann Sie versichern,« stotterte der General, »daß auch mir
genau dasselbe passiert ist ...«

»Papa hatte wirklich einmal eine Unannehmlichkeit mit Mrs. Smith, der
Gouvernante von Bjelokonskijs,« rief Koljä dazwischen, »ich entsinne
mich dessen noch sehr gut.«

»Wie! Ein und dieselbe Geschichte sollte an zwei verschiedenen Punkten
Europas sich mit einer solchen Übereinstimmung aller Einzelheiten
zutragen? Auch die Dame am Rhein hatte ein hellblaues Kleid!« fuhr
Nastassja Filippowna erbarmungslos fort. »Aber ich werde Ihnen doch die
Zeitung -- zuschicken!«

»Vergessen Sie nur nicht,« bemerkte der General, »daß die Geschichte mir
zwei Jahre früher passiert ist!«

»Ah, so, richtig, das wäre dann doch wenigstens ein Unterschied!« Und
Nastassja Filippowna lachte hellauf.

»Papa, ich bitte Sie, auf zwei Worte mit mir hinauszukommen,« sagte
jetzt mit zitternder, gequälter Stimme Ganjä, der den Vater mechanisch
an der Schulter faßte.

In seinen Augen lag grenzenloser Haß.

Da ertönte plötzlich und jetzt erschreckend laut die Glocke im
Vorzimmer. Ein Wunder, daß der Klingelzug nicht abgerissen wurde! Es
mußte ein besonderer Besuch sein. Koljä eilte hinaus, um zu öffnen.


                                   X.

Im Vorzimmer wurde es sofort sehr geräuschvoll und lebendig; wie es den
im Empfangszimmer Zurückgebliebenen schien, traten dort mehrere Menschen
ein, denen noch andere auf der Treppe folgten. Mehrere Stimmen sprachen
durcheinander, Ausrufe und Stimmen wurden auch im Treppenhaus laut, zu
dem die Tür offenbar noch nicht wieder geschlossen worden war. Der
Besuch mußte allerdings kein gewöhnlicher sein. Alle blicken einander
fragend an. Ganjä besann sich als erster und eilte in den »Salon«, doch
trat ihm dort schon eine ganze Schar Menschen entgegen.

»Ah, da ist ja der Judas!« rief eine dem Fürsten bekannte Stimme aus.
»Guten Tag, Ganjä, du Schuft!«

»Da, da ist er ja!« ertönte eine andere Stimme.

Jetzt konnte der Fürst nicht mehr zweifeln: das waren Rogoshin und
Lebedeff.

Ganjä stand wie betäubt in der Tür zum Salon und sah stumm, ohne zu
protestieren zu, wie etwa zehn bis zwölf Menschen Parfen
Rogoshin ins Zimmer folgten. Die ganze Rotte bestand aus recht
verschiedenartigen Leuten, doch zeichneten sie sich nicht nur durch ihre
Verschiedenartigkeit, sondern noch viel mehr durch ihre Unanständigkeit
aus. Einige traten im Mantel oder im Pelz ins Zimmer. Wirklich
Betrunkene freilich gab es unter ihnen nicht, doch waren sie alle zum
mindesten in »stark gehobener« Stimmung. Wie es schien, bedurfte ein
jeder aller anderen, um einzutreten; denn als einzelner hatte niemand
den Mut dazu, alle zusammen aber ermutigten sich gegenseitig und stießen
und schoben sich durch die Tür. Selbst Rogoshin, der an der Spitze der
Schar stand, trat nicht ganz sicher vor, doch sah man ihm an, daß er
eine bestimmte Absicht hatte. Sein Gesicht war finster, gereizt und
unruhig. Die anderen jedoch bildeten gewissermaßen nur den Chor, oder
richtiger, eine Bande zu seiner Unterstützung. Außer Lebedeff befand
sich unter ihnen noch der wie ein »Friseurgehilfe« geschniegelte und
gekräuselte Saljosheff, der seinen Pelz im Vorzimmer abgeworfen hatte
und als Stutzer selbstbewußt und mit übertriebener Liebenswürdigkeit
eintrat; ferner zwei, drei andere Herren von derselben Art,
augenscheinlich junge Kaufleute, Kommis; irgendeiner steckte in einem
Uniformmantel; ferner war ein kleiner und auffallend dicker Mann
darunter, der beständig lachte; und dann ein Riese, der gleichfalls sehr
dick war, dafür aber sehr finster und durchaus stumm schien, und der
sich offenbar sehr auf seine Fäuste verließ. Außer diesen erschienen
noch ein Student der Medizin und ein windiges, scharwenzelndes
Polenkerlchen. Aus dem Treppenflur blickten noch zwei Damen ins
Vorzimmer, doch wagten sie nicht recht, einzutreten. Koljä besann sich
plötzlich, schlug ihnen die Tür vor der Nase zu und schob den Riegel
vor.

»Guten Tag, Ganjä, du Schuft! Was, hast wohl Parfen Rogoshin nicht
erwartet?« fragte Rogoshin, der in der Tür des Empfangszimmers vor Ganjä
stehen geblieben war.

Da erblickte er plötzlich sich gegenüber auf dem Sofa in der anderen
Zimmerecke -- Nastassja Filippowna. Sicherlich hatte er alles andere
eher erwartet, als _sie_ hier anzutreffen; denn der Schreck lähmte ihn
geradezu: er erbleichte dermaßen, daß selbst seine Lippen weiß wurden.

»Dann ... dann ist es also wahr!« brachte er leise, halb wie zu sich
selbst hervor, und der Blick seiner Augen war wie verloren. »Alles aus!
... Nun ... Wart', das sollst du mir jetzt büßen!« knirschte er
plötzlich in unbändiger Wut, zu Ganjä gewandt. »Nun ...« stieß er wieder
kurz und rauh hervor. »Oh,« und seine Nägel preßten sich in die
Handflächen.

Er schien nach Atem zu ringen, nur mit Mühe stieß er die Worte hervor.
Mechanisch trat er näher, doch kaum hatte er einen Schritt getan, als er
plötzlich Nina Alexandrowna und Warjä erblickte, und verwirrt blieb er
stehen, trotz seiner ganzen, ungeheuren Erregung. Nach ihm trat sofort
Lebedeff ins Zimmer; er folgte ihm wie sein Schatten und war wohl der am
stärksten berauschte. Dann folgten der Student, der Riese mit den
Fäusten, Saljosheff, der nach links und rechts seine Bücklinge machte,
und schließlich preßte sich auch noch der kleine Dicke durch das
Gedränge an der Tür und trat etwas vor. Die Anwesenheit von Damen hielt
sie alle noch zurück, war ihnen sichtlich unangenehm, störte sie in
ihrem Vorhaben. Doch selbstverständlich konnte das nur anfangs
vorhalten, nur bis zur ersten Veranlassung, loszuschreien und zu --
_beginnen_ ... Dann hätten sie wohl alle Damen der Welt nicht mehr
aufzuhalten vermocht.

»Wie? Auch du bist hier, Fürst?« sagte Rogoshin zerstreut, wenn auch
offenbar verwundert über dieses Wiedersehen. »Und immer noch in diesen
Gamaschen ... a--ach!« seufzte er gequält, indem er den Blick wieder
Nastassja Filippowna zuwandte und sich immer näher zu ihr, die ihn wie
ein Magnet anzog, vorbeugte.

Nastassja Filippowna betrachtete die Eingetretenen gleichfalls mit
unruhiger Neugier.

Endlich kam Ganjä zur Besinnung.

»Aber erlauben Sie, was hat denn das zu bedeuten?« begann er laut, sich
vornehmlich an Rogoshin wendend, während er mit strengem Blick die
Eingetretenen maß. »Ich dächte, Sie sind nicht in einen Stall
eingetreten, hier sind meine Mutter und Schwester!«

»Das sehen wir, daß hier Mutter und Schwester sind,« preßte Rogoshin
durch die Zähne hervor.

»Das sehen wir doch, daß hier Mutter und Schwester sind!« wiederholte
wie ein Echo Lebedeff, um den Worten Rogoshins mehr Nachdruck zu
verleihen.

Der Mann mit den Fäusten glaubte wahrscheinlich, daß der Augenblick
gekommen sei, und brummte irgend etwas.

»Aber, was soll denn das?« Ganz plötzlich erhob Ganjä die Stimme, wie
aus der Pistole geschossen, und diese Plötzlichkeit machte einen
unangenehmen Eindruck, wie etwas, das nicht am Platz ist. »Erstens bitte
ich Sie, von hier fortzugehen und in den Salon einzutreten ... Und dann
bitte ich Sie, mich wissen zu lassen, mit wem ...«

»Seht doch, er erkennt uns nicht!« sagte Rogoshin mit boshaftem
Spottlächeln, ohne sich von der Stelle zu rühren. »Hast du denn Rogoshin
nicht erkannt?«

»Ich--ch, allerdings, ich glaube mit Ihnen irgendwo einmal
zusammengekommen zu sein, aber ...«

»Seht doch, irgendwo zusammengekommen zu sein! Ich habe an dich ja doch
noch vor drei Monaten zweihundert Rubel von meines Vaters Geld
verspielt, der Alte ist darüber gestorben, ohne was davon zu erfahren.
Du hattest mich doch selbst hingeschleppt! Fix zog er mir dann das Fell
über die Ohren mit seiner Falschspielerei! Erkennst mich nicht? Ptizyn
war Zeuge! Ich brauch' dir ja nur drei Rubel zu zeigen, hier aus der
Tasche zu nehmen und dir zu zeigen, und du wirst auf allen vieren bis
zum Wassiljewskij Prospekt ihnen nachkriechen, -- sieh, so einer bist
du! Wer deine Seele nicht kennt! Ich bin jetzt auch gekommen, um dich
für Geld zu kaufen, Leib und Seele kaufe ich dir ab; du sieh nicht
darauf, daß ich mit solchen Stiefeln hereingekommen bin, ich hab' jetzt
viel Geld, Bruder, kaufe dich mitsamt deinem ganzen Leben ... wenn ich
will, kauf' ich euch alle! Kaufe alles!« phantasierte Rogoshin, der
plötzlich wie trunken erschien. »A--ach!« seufzte er dann laut,
»Nastassja Filippowna! Jagen Sie mich nicht fort, sagen Sie nur ein
einziges Wort: lassen Sie sich mit ihm trauen oder nicht?«

Rogoshin stellte seine Frage wie in Verzweiflung, wie an eine Gottheit,
gleichzeitig jedoch mit dem Stolz eines zum Tode Verurteilten, der
nichts mehr zu verlieren hat. Und mit diesem Todesgefühl erwartete er
die Antwort.

Nastassja Filippowna maß ihn mit einem spöttischen und hochmütigen
Blick, doch dann blickte sie auf Warjä und Nina Alexandrowna, blickte
auf Ganjä -- und plötzlich veränderte sie ihren Ton.

»Durchaus nicht, wie kommen Sie darauf? Und wie kommen Sie dazu, diese
Frage an mich zu stellen?« fragte sie leise und ernst und scheinbar mit
einer gewissen Verwunderung.

»Nein? Nein!!« schrie Rogoshin fast rasend vor Freude. »Also doch
nicht?! Und mir sagte man ... Ach! Nu! ... Nastassja Filippowna! Alle
sagten, Sie hätten sich mit Ganjka verlobt! Mit dem da? Ist denn das
überhaupt möglich? -- Ich hab's denen doch gleich gesagt! -- Ich kaufe
ihn ja doch mit Leib und Seele, so wie er da ist, für hundert Rubel!
Gebe ihm tausend, nun, er wird noch am Tage vor der Hochzeit fortlaufen
und die Braut mir überlassen. Was, hab' ich nicht recht, Ganjka, Schuft?
Würdest doch dreitausend mit Freuden nehmen! Hier sind sie, hier, sieh!
Darum bin ich ja gekommen, um's von dir schriftlich zu haben! Hab'
gesagt: ich kauf' ihn, -- ich kauf' ihn mir!«

»Mach', daß du fortkommst, hinaus! Besoffen bist du!« schrie ihn Ganjä
an, der abwechselnd bleich und rot wurde. Doch kaum war seine Stimme
verhallt, als plötzlich durch die ganze Rotte Rogoshins eine Bewegung
ging und mehrere Stimmen laut wurden. Lebedeff flüsterte eilig und
eifrig Rogoshin etwas ins Ohr.

»Du hast recht, Alter!« sagte Rogoshin auf sein Geflüster, »hast recht,
betrunkene Seele! Ach, wer wagt, gewinnt! Nastassja Filippowna!« rief er
wie ein Halbwahnsinniger aus, offenbar mit Furcht im Herzen, doch
plötzlich sich bis zur Frechheit erkühnend, »-- hier sind achtzehn
Tausend!« Und er warf gleichzeitig ein in weißes Papier eingewickeltes
und kreuzweise mit einer Schnur umbundenes Päckchen vor sie hin auf den
Tisch. »Da! Und ... und es wird noch mehr geben!«

Doch wagte er nicht auszusprechen, was er von ihr wollte ...

»Nich-nich-nicht!« flüsterte ihm erschrocken Lebedeff zu, mit wahrhaft
entsetztem Gesicht.

Es war leicht zu erraten, daß ihn die Höhe der gebotenen Summe
erschreckte und er zureden wollte, zu Anfang viel weniger zu bieten.

»Nein, davon verstehst du nichts, Bruder, darin bist du dumm, weißt
nicht, mit wem du es zu tun hast ... aber auch ich bin ebenso dumm wie
du!« besann sich Rogoshin plötzlich, unter Nastassja Filippownas
aufblitzendem Blick zusammenzuckend. »Ach! Nein, ich hab' nur gefaselt!
-- daß ich auf dich auch hören mußte! ...« fügte er in heißer Scham
hinzu.

Als Nastassja Filippowna Rogoshins betretene Miene sah, lachte sie
plötzlich auf.

»Achtzehntausend mir? Da zeigt sich doch gleich der Bauer!« sagte sie
plötzlich mit frecher Familiarität und erhob sich vom Sofa, als wollte
sie fortgehen.

Ganjä verfolgte klopfenden Herzens die ganze Szene.

»Vierzigtausend, vierzig, vierzig, nicht achtzehn!« rief Rogoshin
zitternd. »Wanjkä Ptizyn und Biskup haben mir versprochen, bis sieben
Uhr abends vierzigtausend zur Stelle zu schaffen. Vierzigtausend Rubel!
Alle blank und bar auf den Tisch!«

Die Szene wurde immer gemeiner. Doch Nastassja Filippowna fuhr fort zu
lachen und ging auch nicht weg, als hätte sie sie mit Absicht in die
Länge ziehen wollen. Nina Alexandrowna und Warjä erhoben sich
gleichfalls von ihren Plätzen und warteten erschrocken und
stillschweigend in qualvoller Spannung, womit das endlich enden würde.
Warjäs Augen glühten, doch Nina Alexandrowna zitterte und sah aus, als
würde sie im nächsten Augenblick in Ohnmacht fallen.

»Ah, nu ... wenn's so ist, dann -- hundert! Heute noch bringe ich
hunderttausend Rubel! Ptizyn, hilf mir, kannst dir die Hände dabei
wärmen!«

»Du bist wohl wahnsinnig!« raunte ihm Ptizyn, der plötzlich neben ihm
stand und ihn am Handgelenk packte, ungehalten zu. »Du bist betrunken,
man wird nach der Polizei schicken. Besinn dich, weißt du auch, wo du
bist!«

»Er phantasiert ja nur so in der Trunkenheit,« sagte Nastassja
Filippowna verächtlich. Wie es schien, wollte sie ihn damit nur
aufstacheln.

»Aber nein doch! ich lüge nicht, ich bringe sie, bringe sie noch vor dem
Abend! ... Ptizyn, hilf, Prozentmensch, nimm, was du willst, mach
Hunderttausend flüssig bis zum Abend! -- Ich werde beweisen, daß ich
Wort halte!« rief bis zur Begeisterung hingerissen Rogoshin aus.

»Aber! Einstweilen! Was hat das zu bedeuten?« mischte sich da ganz
unerwartet Ardalion Alexandrowitsch in drohendem Tone ein und näherte
sich Rogoshin.

Die Plötzlichkeit, mit der sich der bis dahin vollkommen vergessene,
zurückgedrängte Alte einmischte, hatte etwas überaus Komisches. Aus der
Rotte ertönte Gelächter.

»Was ist denn das noch für einer?« fragte Rogoshin lachend. »Komm mit,
Alter, wirst betrunken sein!«

»Das ist aber doch eine Gemeinheit!« rief Koljä empört aus, fast weinend
vor Ärger und Schande.

»Findet sich denn wirklich kein einziger unter euch, der diese
Unverschämte hinausweist?« rief plötzlich, zitternd vor Zorn, Warwara
Ardalionowna.

»Wie, ich werde hier eine Unverschämte genannt!« wehrte sich Nastassja
Filippowna mit nachlässiger Heiterkeit gegen die Beleidigung. »Und ich
bin wie ein Gänschen hergekommen, um sie zu heute abend zu mir
einzuladen! Sehen Sie doch, wie Ihre liebe Schwester mich behandelt,
Gawrila Ardalionytsch!«

Ganjä stand ein paar Sekunden nach dem Ausfall der Schwester wie vom
Blitz getroffen. Als er aber dann plötzlich sah, daß Nastassja
Filippowna tatsächlich fortgehen wollte, stürzte er wie ein Irrsinniger
auf Warjä, deren Hand er in der Wut wie mit Klammern erfaßte.

»Was hast du getan?« schrie er mit einem Blick, der sie auf der Stelle
vernichten zu wollen schien.

Er hatte entschieden die Besinnung verloren.

»Was ich getan habe? Wohin zerrst du mich? Doch nicht zu jener, damit
ich sie um Verzeihung bitte, weil sie deine Mutter beleidigt, und weil
sie hergekommen ist, um dein Haus zu beschimpfen, du gemeiner Mensch!«
schrie Warjä, die den Bruder empört und herausfordernd ansah.

Eine Weile standen sie sich gegenüber. Ganjä hielt noch immer ihr
Handgelenk umklammert. Warjä wollte sich losreißen, einmal, noch einmal
aus aller Kraft, doch es gelang ihr nicht, und plötzlich, außer sich,
spie sie den Bruder an.

»Das ist mir mal ein Mädchen!« rief Nastassja Filippowna aus. »Bravo,
Ptizyn, ich gratuliere!«

Ganjä wurde es schwarz vor den Augen, und er holte besinnungslos zu
einem Schlage aus, der die Schwester mitten ins Gesicht getroffen hätte.
Doch da wurde seine Hand von einer anderen Hand aufgehalten: zwischen
ihm und der Schwester stand der Fürst.

»Lassen Sie, lassen Sie es gut sein!« stieß er mit fester Stimme hervor,
doch zitterte er am ganzen Körper.

»Wirst du mir denn ewig in den Weg treten?« brüllte ihn Ganjä an, und
Warjäs Hand fahren lassend, holte er in rasender Wut aus und schlug dem
Fürsten ins Gesicht.

»Ach!« schrie Koljä entsetzt auf. »Ach Gott!«

Von allen Seiten wurden Ausrufe laut.

Der Fürst erbleichte. Mit seltsamem, vorwurfsvollem Blick sah er Ganjä
unverwandt in die Augen: seine Lippen zitterten und schienen sich
vergeblich zu bemühen, etwas hervorzubringen -- ein seltsames Lächeln,
das gar nicht zur Situation paßte, zitterte auf ihnen.

»Nun, mag das ... mir zufallen ... aber sie ... das lasse ich nicht zu!
...« sagte er endlich leise.

Doch plötzlich hielt er es doch nicht aus, wandte sich von ihm ab,
bedeckte das Gesicht mit den Händen, ging in die nächste Ecke, stützte
die Stirn an die Wand und brachte mit stockender Stimme hervor:

»Oh, wie werden Sie das bereuen!«

Ganjä stand allerdings wie vernichtet da. Koljä stürzte zum Fürsten, den
er heiß umarmte und küßte; nach ihm drängten sich Rogoshin, Warjä,
Ptizyn, Nina Alexandrowna, kurz -- alle, sogar der alte Ardalion
Alexandrowitsch, zum Fürsten, der sich ihnen nun wieder zuwandte und sie
mit demselben rätselhaften Lächeln beruhigte:

»Nichts, nichts, es ist wirklich nichts!«

»Und er wird's auch bereuen!« rief Rogoshin ärgerlich. »Wirst dich
schämen, Ganjka, daß du ein solches ... Lamm (er konnte kein anderes
Wort finden) beleidigt hast! Fürst, du meine Seele, laß sie laufen!
Speie sie an -- und gehen wir! Komm, sollst erfahren, wie Rogoshin
liebt!«

Nastassja Filippowna war gleichfalls durch Ganjäs Tat und die Antwort
des Fürsten erschüttert. Ihr stets bleiches Gesicht, das so wenig mit
ihrem gezwungen heiteren Lachen übereinstimmte, war jetzt
augenscheinlich durch ein neues Gefühl erregt; dennoch schien sie es
nicht zeigen und sich zwingen zu wollen, das spöttische Lächeln
beizubehalten.

»Nein, wirklich, irgendwo habe ich dieses Gesicht doch schon gesehen?«
wiederholte sie mit einemmal ganz ernst, sich wieder ihrer Frage
entsinnend.

»Und Sie schämen sich nicht! Sind Sie denn so, wie Sie sich hier gezeigt
haben? Ist denn das möglich!« rief ihr plötzlich der Fürst mit
erschütterndem Vorwurf zu.

Nastassja Filippowna stutzte, lächelte spöttisch -- doch schien sie
hinter diesem Lächeln etwas verbergen zu wollen, wenigstens sah man ihm
ihre Verwirrung an -- blickte sich dann nach Ganjä um und verließ das
Zimmer. Doch noch war sie nicht bis ins Vorzimmer gekommen, als sie
plötzlich zurückkehrte, eilig auf Nina Alexandrowna zutrat, ihre Hand
ergriff und an die Lippen führte.

»Ich bin ja wirklich nicht so, er hat es erraten,« flüsterte sie schnell
und erregt, während ihr das Blut heiß ins Gesicht stieg, doch schon
hatte sie sich abgewandt und verließ diesmal so schnell das Zimmer, daß
niemand begriff, weshalb sie zurückgekommen war. Man hatte nur gesehen,
daß sie Nina Alexandrowna etwas zugeflüstert und ihr die Hand geküßt
hatte. Deren Blick folgte erstaunt Nastassja Filippowna.

Ganjä besann sich und eilte ihr nach, doch sie war bereits auf der
Treppe.

»Begleiten Sie mich nicht!« rief sie ihm zu. »Auf Wiedersehen am Abend!
Kommen Sie unbedingt, hören Sie!«

Er kehrte verwirrt und nachdenklich zurück; ein schweres Rätsel lag ihm
auf der Seele, ein noch schwereres als das frühere. Auch an den Fürsten
dachte er flüchtig ... Über seinen Gedanken vergaß er alles andere, so
daß er es kaum bemerkte, wie die ganze Rogoshinsche Rotte sich an ihm
vorüberwälzte und ihn in der Tür beiseite schob, um nur schneller die
Wohnung zu verlassen. Alle sprachen laut und schienen über etwas zu
streiten. Rogoshin selbst ging mit Ptizyn hinaus, auf den er in sehr
bestimmtem Tone einredete. Offenbar handelte es sich für ihn um etwas
äußerst Wichtiges und Unaufschiebbares.

»Hast verspielt, Ganjka!« rief er diesem im Vorübergehen zu.

Erregt blickte ihm Ganjä nach.


                                  XI.

Der Fürst zog sich gleichfalls zurück und schloß sich in seinem Zimmer
ein. Doch es dauerte nicht lange und Koljä klopfte an die Tür. Der arme
Knabe konnte sich gar nicht mehr von ihm trennen und wollte ihn jetzt
wenigstens trösten.

»Das war gut von Ihnen, daß Sie fortgingen,« sagte er, »dort wird jetzt
der Skandal noch heftiger losgehen als vorher. So geht es jetzt bei uns
tagaus, tagein, und alles das hat uns nur diese Nastassja Filippowna
eingebrockt!«

»Hier gibt es viel Krankes, das sich mit der Zeit aufgespeichert hat,
Koljä,« bemerkte der Fürst.

»Ja, viel Krankes. Aber von uns lohnt es sich gar nicht zu reden. Es ist
unsere eigene Schuld. Ich habe einen kranken Freund, der ist noch viel
unglücklicher. Wollen Sie, so werde ich Sie mit ihm bekannt machen?«

»Sehr gern. Es ist Ihr Schulkamerad?«

»Ja, so gut wie mein Schulkamerad. Ich werde Ihnen das später erzählen
... Aber ist Nastassja Filippowna nicht schön, was meinen Sie? Ich hatte
sie ja bis jetzt noch nie gesehen, obschon ich mich sehr darum bemühte.
Sie war wie ein Glanz! Ich würde Ganjka alles verzeihen, wenn er es aus
Liebe täte; aber weshalb nimmt er Geld, das ist das Unglück!«

»Ja, Ihr Bruder gefällt mir nicht sehr.«

»Nun, das fehlte noch, daß er Ihnen gefiele! Ihnen, nachdem er ... Aber
wissen Sie, ich kann alle diese verschiedenen Ansichten nicht ausstehen!
Irgendein Verrückter oder Esel oder Räuber in verrücktem Zustande gibt
eine Ohrfeige, und der Mensch ist dann für sein Leben lang entehrt und
kann die Schmach nicht anders abwaschen als mit Blut, oder es sei denn,
daß er kniend um Verzeihung gebeten wird. Meiner Meinung nach ist das
einfach Unsinn! Darauf ist auch Lermontoffs Drama >Die Maskerade<
aufgebaut, und deshalb ist es auch -- dumm, meiner Meinung nach,
vielmehr ... ich will damit nur sagen -- es ist nicht natürlich. Aber er
hat es ja fast noch in seiner Kindheit geschrieben.«

»Ihre Schwester gefällt mir sehr.«

»Wie sie Ganjka anspie, was? Bravo, Warjka! Sie hätten nicht gespien,
aber nicht etwa aus Mangel an Mut, davon bin ich überzeugt. Ah, da ist
sie ja selbst, hat es nicht vergessen. Ich wußte, daß sie kommen würde:
sie ist edelmütig, wenn sie auch sonst ihre Mängel hat.«

»Du hast hier nichts zu suchen, Koljä,« wandte sich Warjä zuerst an ihn.
»Geh zum Vater. Langweilt er Sie nicht, Fürst?«

»Durchaus nicht, im Gegenteil.«

»Da hörst du es, Warjä! Sehen Sie, das ist das Schändlichstes an ihr:
daß sie mich behandelt, als ob ich ein Baby wäre! Übrigens -- ich
dachte, daß der Vater bestimmt mit Rogoshin weggehen würde. Bereut jetzt
wahrscheinlich. Nein, wirklich, man muß doch sehen, was er jetzt tut,«
meinte Koljä und ging hinaus.

»Gott sei Dank, Mama hat sich hingelegt und es ist zu keiner neuen Szene
gekommen. Ganjä ist verwirrt und scheint ganz nachdenklich geworden zu
sein. Hat auch allen Grund dazu. Die Lehre war nicht schlecht! ... Ich
bin gekommen, um Ihnen zu danken, Fürst. Und dann wollte ich Sie noch
eines fragen: Haben Sie Nastassja Filippowna bisher wirklich nicht
gekannt?«

»Nein, ich habe sie nicht gekannt.«

»Wie kamen Sie dann darauf, ihr ins Gesicht zu sagen, daß sie nicht >so<
sei? Und Sie haben auch, glaube ich, die Wahrheit erraten. Es zeigte
sich, daß sie vielleicht wirklich nicht >so< ist. Übrigens werde ich aus
ihr nicht klug. Natürlich hatte sie die Absicht, uns zu beleidigen, das
ist klar! Ich habe auch früher schon viel Sonderbares von ihr gehört.
Aber wenn sie wirklich gekommen war, uns einzuladen, wie konnte sie dann
Mama so beleidigend behandeln? Ptizyn kennt sie sehr gut, auch er sagt,
er habe vorhin nicht aus ihr klug werden können. Aber das mit Rogoshin?
Wenn man sich selbst achtet, kann man so nicht reden im Hause seines ...
Mama beunruhigt sich Ihretwegen sehr.«

»Ach, nichts!« Der Fürst winkte abwehrend mit der Hand.

»Aber wie sie Ihnen gehorchte ...«

»Inwiefern gehorchte?«

»Sie sagten, sie solle sich schämen, und da war sie plötzlich ganz
verändert. Sie haben einen Einfluß auf sie, Fürst,« fügte Warjä mit kaum
merklichem Lächeln hinzu.

Die Tür öffnete sich und ganz unerwartet erschien Ganjä.

Er trat nicht zurück, als er Warjä erblickte, stand eine Weile auf der
Schwelle, und plötzlich näherte er sich entschlossen dem Fürsten.

»Fürst, ich habe schlecht gehandelt, verzeihen Sie es mir, lieber
Mensch,« sagte er mit tiefem Gefühl. Seine Züge drückten Schmerz aus.
Der Fürst blickte ihn verwundert an und antwortete nicht sogleich.

»Nun, verzeihen Sie, nun, verzeihen Sie mir doch!« drängte Ganjä
ungeduldig. »Wenn Sie wollen, küsse ich Ihnen sofort die Hand!«

Der Fürst war ganz betroffen und traute seinen Ohren nicht. Doch besann
er sich, und schweigend umarmte er ihn. Sie küßten sich herzlich.

»Ich hätte nie, nie gedacht, daß Sie dazu imstande wären,« sagte endlich
der Fürst erregt. »Ich glaubte, Sie wären unfähig ...«

»Um Verzeihung zu bitten? ... Wie ich vorhin nur darauf gekommen bin,
Sie für einen Idioten zu halten! Sie bemerken Dinge, die andere nie
bemerken. Mit Ihnen könnte man reden ... doch lieber nicht!«

»Hier ist noch jemand, den Sie um Verzeihung bitten müssen,« sagte der
Fürst, auf Warjä weisend.

»Nein, die gehört zu meinen Feinden. Glauben Sie mir, Fürst, es hat der
Versuche nachgerade genug gegeben. Hier wird nicht aufrichtig
verziehen!« stieß Ganjä heftig hervor und wandte sich von seiner
Schwester ab.

»Doch! ich werde verzeihen!« sagte Warjä plötzlich ganz unerwartet.

»Und wirst heute auch zu Nastassja Filippowna kommen?«

»Ich werde kommen, wenn du es befiehlst, nur -- sage selbst: besteht
denn jetzt auch nur noch irgendeine Möglichkeit, daß ich zu ihr gehe?«

»Sie ist ja doch nicht so! Du siehst doch, was für Rätsel sie aufgibt!
Launen, weiter nichts!«

Und Ganjä lachte böse.

»Das weiß ich selbst, daß sie nicht >so< ist und Launen hat, aber was
für Launen?! Und dann noch eins, Ganjä, sieh: wofür hält sie dich
selbst? Gut, sie hat Mama die Hand geküßt, mag das auch wiederum eine
Laune sein, aber sie hat sich doch über dich lustig gemacht! Das aber,
bei Gott, wiegen die Fünfundsiebzigtausend nicht auf, Bruder! Du bist
noch edler Gefühle fähig, das weiß ich, deshalb rede ich auch noch. Hör'
auf mich, fahr' auch selbst nicht zu ihr! Sei vorsichtig, nimm dich in
acht, Bruder! Das kann kein gutes Ende nehmen.«

Erregt wandte sich Warjä schnell von ihm ab und verließ das Zimmer.

»So sind sie alle!« sagte Ganjä mit ironischem Lächeln. »Ich möchte bloß
wissen, ob sie wirklich glauben, daß ich es nicht selbst weiß? Ich weiß
es ja noch hundertmal besser als sie.«

Ganjä setzte sich auf das Sofa, augenscheinlich in der Absicht, seinen
Besuch noch länger auszudehnen.

»Wenn Sie es selbst wissen,« begann der Fürst etwas unsicher, »wie haben
Sie dann eine solche Qual auf sich nehmen können? Dann müssen Sie doch
auch wissen, daß die Fünfundsiebzigtausend diese Qual nicht aufwiegen?«

Ganjä wandte sich mit einer hastigen Bewegung zum Fürsten.

»Ich rede nicht davon,« brummte Ganjä. »Doch übrigens, sagen Sie mir
Ihre Meinung, ich will gerade Ihre Meinung wissen: wiegen
fünfundsiebzigtausend Rubel diese Qual auf oder nicht?«

»Meiner Meinung nach -- nicht.«

»Nun, das konnt' ich mir denken. Und so zu heiraten, ist beschämend?«

»Sehr beschämend.«

»Nun, so hören Sie denn, daß ich sie heiraten werde, und zwar jetzt
unbedingt. Vorhin war ich noch unschlüssig, jetzt aber bin ich's nicht
mehr! Sagen Sie nichts! Ich weiß, was Sie sagen wollen ...«

»Ich werde nicht von dem sprechen, was Sie meinen, mich wundert nur Ihre
feste Überzeugung ...«

»Überzeugung? Was für eine Überzeugung?«

»Ihre Überzeugung, daß Nastassja Filippowna Ihren Antrag so unfehlbar
annehmen wird, was Sie ja geradezu für bereits entschieden und
unterschrieben zu halten scheinen. Und zweitens, daß Sie glauben, die
fünfundsiebzigtausend Rubel, selbst wenn sie Sie heiraten sollte, würden
dann in Ihren alleinigen Besitz gelangen, und Sie würden sich das Geld
sofort in die Tasche stecken können ... Im übrigen kenne ich die
Verhältnisse nicht so genau ...«

»Natürlich wissen Sie nicht alles,« sagte er, »weshalb sollte ich mir
denn wohl diese ganze Bürde aufladen?«

»Ich glaube, daß es bei solchen Heiraten immer auf eins hinauskommt: das
Geld wird geheiratet, doch die Besitzerin des Geldes bleibt die Frau.«

»N--nein, bei uns wird es nicht so sein ... Hier ... hier gibt es
besondere Umstände ...« brummte Ganjä, erregt seinen Gedanken
nachhängend. »Und was ihre Antwort betrifft, so kann doch wohl darüber
kein Zweifel mehr bestehen,« fügte er schnell hinzu. »Oder woraus
schließen Sie, daß Nastassja Filippowna mir einen Korb geben wird?«

»Oh, ich weiß nichts außer dem, was ich gesehen habe; aber auch Warwara
Ardalionowna sagte ja ...«

»Ach! Das sagen sie alle nur so, wissen selbst nicht, was sie reden. Und
über Rogoshin hat sie sich einfach nur lustig gemacht, das können Sie
mir glauben, ich habe sie durchschaut. Das war ja ganz klar! Vorhin
bekam ich allerdings einen Schrecken, aber jetzt weiß ich, woran ich
bin. Oder schließen Sie es etwa daraus, wie sie meine Mutter und meinen
Vater und Warjä behandelt hat?«

»Und Sie?«

»Nun, auch mich. Doch das ist ja nur Weiberart. Sie ist ein entsetzlich
reizbares, argwöhnisches und selbstgefälliges Weib. Wie ein bei der
Beförderung übergangener Beamter. Sie wollte sich selbst zeigen und die
ganze Geringschätzung äußern, die sie für meine Familie empfindet ...
nun, und, versteht sich auch für mich! Das ist wahr, ich will es nicht
leugnen ... Doch ganz abgesehen davon, -- heiraten wird sie mich! Sie
ahnen gar nicht, zu welchen Stückchen die menschliche Eigenliebe fähig
ist: da hält sie mich nun für einen Schuft, weil ich sie, die Geliebte
eines anderen, so offenkundig um des Geldes willen nehme, und sagt sich
nicht einmal, daß ein anderer sie noch viel gemeiner betrügen würde, --
ihr den Hof machen und verschiedenes, liberal-fortschrittliches Zeug
vorschwatzen würde, sämtliche Frauenfragen aufrollen und in diesem
gewissen Sinne beleuchten, bis er sie schließlich wie einen Faden durchs
Nadelöhr zieht. Er würde der selbstgefälligen Närrin versichern --
nichts leichter als das! -- daß er sie einzig wegen ihres >edlen
Herzens< und >Unglücks< nehme. In Wirklichkeit aber will er nur ihr Geld
haben. Ich gefalle ihr nicht, weil ich nicht schmeicheln will -- das
wäre aber nötig. Und aus welchem Grunde heiratet sie mich? Ist das bei
ihr nicht ganz dieselbe Sache? Also mit welchem Recht darf sie mich dann
verachten? Und weshalb spielt sie alle diese Stückchen? Doch nur, weil
ich mich nicht unterwerfe und meinen Stolz zeige. Nun, wir werden ja
sehen!«

»Haben Sie sie wirklich einmal geliebt?«

»Anfangs, ja, da habe ich sie geliebt. Doch genug davon ... Es gibt
Weiber, die nur zu Geliebten taugen und zu nichts weiter. Ich will damit
nicht sagen, daß sie meine Geliebte gewesen sei. Wenn sie vernünftig
leben will, werde auch ich vernünftig leben. Fällt es ihr aber ein,
rebellisch zu werden, so verlasse ich sie sofort und ziehe mit dem Gelde
los. Ich will mich nicht lächerlich machen lassen -- das vor allen
Dingen nicht.«

»Es will mir immerhin scheinen,« begann der Fürst vorsichtig, »daß
Nastassja Filippowna klug ist. Weshalb sollte sie dann, wenn sie doch
diese Qualen voraussieht, in die Falle gehen? Sie könnte ja ebensogut
einen anderen heiraten. Das ist es, was mich wundert.«

»Aber da liegt doch gerade die Berechnung! Sie wissen nicht alles, Fürst
... hier ... und außerdem ist sie überzeugt, daß ich sie bis zum
Wahnsinn liebe, das schwöre ich Ihnen, und wissen Sie, ich vermute
stark, daß auch sie mich liebt, auf ihre Art, versteht sich, etwa nach
dem Sprichwort: >Wen ich liebe, den schlage ich.< Sie wird mich ihr
Leben lang für einen dummen Jungen halten -- das ist ja aber vielleicht
gerade das, was sie haben will! -- und mich dabei doch auf ihre Art
lieben; wenigstens bereitet sie sich dazu vor, das ist nun einmal ihr
Charakter. Sie ist eine echt russische Frau, das können Sie mir glauben.
Nun, ich aber habe auch schon meine Überraschung für sie in
Bereitschaft. Diese Szene vorhin mit Warjä kam ganz unerwartet, doch
kann sie für mich nur vorteilhaft sein: jetzt hat sie selbst gesehen und
sich überzeugt, daß ich zu ihr halte und um ihretwillen mit allem zu
brechen bereit bin. Ja, ja, auch wir sind nicht ganz so dumm, wie es
vielleicht den Anschein hat, ich versichere Sie. Oder glauben Sie am
Ende gar, daß ich nichts als ein leerer Schwätzer bin? Lieber Fürst, es
ist vielleicht tatsächlich dumm von mir, daß ich mich Ihnen anvertraue.
Ich tue es ja nur, weil Sie der erste edle Mensch sind, der mir begegnet
ist, deshalb habe ich mich nun sofort auf Sie gestürzt ... das heißt,
das sollte keine Anspielung sein. Sie sind mir doch wegen des
Vorgefallenen nicht mehr böse, wie? Ich spreche vielleicht jetzt nach
zwei Jahren wieder zum erstenmal frei vom Herzen. Hier gibt es furchtbar
wenig ehrliche Menschen; Ptizyn ist noch der ehrlichste unter ihnen.
Wie, Sie lachen, scheint es, oder nicht? Schufte haben immer ehrliche
Menschen gern -- wußten Sie das noch nicht? Ich aber bin doch ...
Übrigens, inwiefern bin ich denn ein Schuft, sagen Sie mir das doch auf
Ehre und Gewissen? Weshalb nennen mich alle, nachdem _sie's_ einmal
getan hat, einen Schuft? Und wissen Sie, weil sie es gesagt hat und die
anderen es nachschwätzen, nenne auch ich mich so! Sehen Sie, das ist
gemein von mir, -- das ist so scheußlich gemein!«

»Ich werde Sie jetzt nie mehr so beurteilen,« sagte der Fürst. »Vorhin
hielt ich Sie bereits für einen ausgesprochenen Verbrecher ... Doch da
kamen Sie und bereiteten mir diese Freude. Das war eine gute Lehre:
Nicht urteilen, ohne geprüft zu haben. Jetzt sehe ich, daß man Sie nicht
nur nicht für einen Verbrecher, sondern nicht einmal für einen allzu
verdorbenen Menschen halten kann. Sie sind meiner Ansicht nach einfach
der gewöhnlichste Mensch, den es nur geben kann, abgesehen höchstens von
dem einen, daß Sie so ungemein schwach sind und so gar nicht originell.«

Ganjä lächelte spöttisch in sich hinein, schwieg aber. Als der Fürst
sah, daß seine Äußerung ihre Wirkung verfehlt hatte, blickte er verwirrt
zu Boden und schwieg gleichfalls.

»Hat mein Vater Sie schon um Geld gebeten?« fragte plötzlich Ganjä.

»Nein.«

»Dann wird er Sie noch bitten, geben Sie ihm aber nichts. Und doch war
er einmal ein anständiger Mensch, ich weiß, ich entsinne mich. Er
verkehrte mit angesehenen Leuten. Wie schnell doch diese Leute alle
verschwinden! Kaum hatten sich die Verhältnisse geändert, und aus war es
mit ihnen, wie wenn Pulver verbrennt! Früher log er nicht so wie jetzt,
ich versichere Sie. Früher war er nur ein begeisterungsfähiger Mensch,
jetzt aber -- Sie sehen, was aus ihm geworden ist. Natürlich hat auch
der Wein seine Schuld daran. Wissen Sie schon, daß er eine Geliebte hier
unterhält? O ja, er ist nicht nur so ein unschuldiger kleiner Lügner.
Ich kann bloß die Langmut meiner Mutter nicht begreifen. Hat er Ihnen
von der Belagerung der Festung Kars erzählt?« Ganjä lachte. »Oder wie
sein Schimmel das Maul auftat und sprach? Bisweilen kommt es sogar so
weit!« Und Ganjä hielt sich beinahe die Seiten vor Lachen.

»Weshalb sehen Sie mich so an?« fragte er den Fürsten nach einer Weile
verwundert.

»Ich wundere mich nur, daß Sie so aufrichtig lachen können. Sie haben ja
noch ein ganz harmloses Kinderlachen. Als Sie mich um Verzeihung baten,
sagten Sie: >Wenn Sie wollen, werde ich Ihnen die Hand küssen< -- ganz
wie kleine Kinder sagen, wenn sie um Verzeihung bitten. So sind Sie also
doch noch fähig zu solchen Worten und Regungen! Und dann plötzlich
beginnen Sie einen ganzen Vortrag über die Finsternis in Ihrer Seele und
jene fünfundsiebzigtausend Rubel -- wirklich, alles das hat etwas so
Ungereimtes an sich und Unmögliches, das kann ja gar nicht sein!«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Ob Sie nicht doch gar zu leichtsinnig handeln, und es nicht besser
wäre, wenn Sie sich die Sache vorher noch etwas überlegen würden?
Warwara Ardalionowna hat vielleicht so unrecht nicht.«

»Ah, die Moral! Daß ich noch ein ganzer Knabe bin, weiß ich selbst,«
fiel Ganjä lebhaft ein, »und wenn auch nur deshalb, weil ich mit Ihnen
ein solches Gespräch angeknüpft habe. Ich, sehen Sie, Fürst, ich trete
nicht aus Berechnung in die Ehe,« fuhr er fort, wie ein in seiner
Eigenliebe verletzter junger Mann. »Wenn ich es aus Berechnung täte,
würde ich mich unfehlbar verrechnet haben, denn ich bin vorläufig weder
als Charakter noch als Mensch im allgemeinen genügend gefestigt. Ich tue
es jedoch aus Leidenschaft, aus innerem Triebe, denn ich habe ein großes
Ziel im Auge. Sie denken, daß ich, wenn ich die fünfundsiebzigtausend
erhalte, mir dann sofort eine eigene Kutsche zulegen werde? Nein, lieber
Fürst, dann werde ich meinen ältesten, vor drei Jahren getragenen Rock
hervorholen und ihn so lange tragen, wie er nur noch hält, und mit
meinen Klubbekanntschaften ist es dann aus. Bei uns gibt es nur wenige
Leute, die durchzuhalten verstehen, wenn sie auch alle Wucherer sind,
ich aber will durchhalten. Hier ist die Hauptsache, daß man durchführt,
was man beginnt -- das ist das ganze Problem! Ptizyn hat mit siebzehn
Jahren auf der Straße geschlafen und mit Federmessern gehandelt: er hat
mit Kopeken angefangen. Jetzt besitzt er sechzigtausend Rubel, aber
bedenken Sie, nach welch einer ... sagen wir Gymnastik! Nun, und
ebendiese Gymnastik werde ich dann überspringen und gleich mit dem
Kapital beginnen. Nach fünfzehn Jahren wird man sagen: >Sieh da, das ist
Iwolgin, der Krösus!< Sie sagen mir, ich sei kein origineller Mensch.
Merken Sie sich, lieber Fürst, daß es für einen Menschen unserer Zeit
und unseres Volkes nichts Beleidigenderes gibt, als wenn man zu ihm
sagt, daß er nicht originell, nicht talentvoll, kurzum ein Dutzendmensch
sei. Sie haben mich nicht einmal für einen gutmütigen Schuft zu halten
geruht und wissen Sie, dafür hätte ich Sie vorhin töten mögen! Sie haben
mich noch mehr beleidigt als Jepantschin, der mich für fähig hält -- und
zwar ohne viel Gerede, ohne Versuche, einfach in seiner Herzenseinfalt,
merken Sie sich das -- ja, für fähig hält, ihm für Geld meine Frau zu
verkaufen! Das bringt mich schon lange aus der Haut. Geld will ich
haben, Geld! Wenn ich erst Geld habe, wissen Sie, werde ich sofort im
höchsten Grade originell sein. Das ist ja das Gemeinste und
Verächtlichste am Gelde, daß es sogar Talente schafft! Und es wird sie
schaffen, wird Talente schaffen, solange die Welt steht! Sie
werden vielleicht sagen, daß alles das kindisch von mir sei,
poetisch-sentimental womöglich, -- nun gut, was ficht's mich an, mir
soll's um so amüsanter sein; denn die Sache wird gemacht, da seien Sie
unbesorgt! Ich werde sie durchführen! Wer zuletzt lacht, lacht am
besten! Weshalb beleidigt mich denn Jepantschin so in aller
Harmlosigkeit? Aus Bosheit etwa? Nicht die Spur! Einfach, weil ich
gesellschaftlich gar zu unbedeutend bin. Nun, dann aber ... Doch genug
davon, und es ist auch Zeit. Koljä hat schon zweimal seine Nase
hereingesteckt. Das bedeutet, daß er Sie zum Essen rufen will. Ich gehe
fort. Ich werde hin und wieder bei Ihnen vorsprechen. Sie werden es bei
uns nicht schlecht haben -- man wird Sie jetzt mit offenen Armen in die
Familie aufnehmen. Nur sehen Sie sich vor, daß Sie nichts ausplaudern.
Ich glaube, wir zwei werden entweder sehr gute Freunde oder -- bittere
Feinde werden. Aber was meinen Sie, Fürst, wenn ich Ihnen vorhin die
Hand geküßt hätte -- wäre ich deshalb nachher Ihr Feind geworden?«

»Zweifellos, nur nicht für immer, lange würden Sie es doch nicht
ausgehalten haben, und dann hätten Sie verziehen,« entschied der Fürst
nach einer Weile und er lachte.

»Oho! Mit Ihnen muß man ja wahrhaftig vorsichtig sein. Weiß der Teufel,
Sie haben auch hier Gift hineingeträufelt. Wer weiß, vielleicht sind Sie
auch mein Feind? Übrigens, haha! -- ich vergaß ganz zu fragen: habe ich
recht gesehen, wenn mir scheint, daß Nastassja Filippowna auch Ihnen --
gefällt, wie?«

»Ja ... sie gefällt mir.«

»Verliebt?«

»N--nein.«

»Und dabei ist er feuerrot geworden und leidet! Nun tut nichts, tut
nichts, ich werde nicht lachen, -- auf Wiedersehen. Aber wissen Sie, sie
ist ja doch ein tugendhaftes Weib -- können Sie das glauben? Sie denken
vielleicht, daß sie mit Tozkij lebt? Denkt nicht daran! Schon lange
nicht mehr! Aber haben Sie bemerkt, daß sie selbst sehr leicht verlegen
wird? Vorhin war sie in manchen Augenblicken ganz betreten! Nein
wirklich. Gerade solche lieben dann das Herrschen. Nun, leben Sie wohl.«

Ganetschka verließ das Zimmer weit aufgeräumter, als er es betreten
hatte. Er war sogar sehr guter Laune. Der Fürst blieb lange Zeit
regungslos und in Gedanken versunken sitzen.

Koljä steckte wieder den Kopf durch die Türspalte.

»Ich will nicht essen, Koljä, ich habe bei Jepantschins gut
gefrühstückt.«

Da trat Koljä ins Zimmer und reichte dem Fürsten einen
zusammengefalteten versiegelten Zettel. Man sah es dem Gesicht des
Knaben an, wie peinlich es ihm war, den Brief zu übergeben. Der Fürst
las ihn, erhob sich und nahm seinen Hut.

»Es ist nur zwei Schritte von hier,« sagte Koljä verwirrt. »Er sitzt
jetzt bei der Flasche. Ich kann nur nicht begreifen, wie er sich dort
Kredit verschafft hat! Aber lieber, guter Fürst, sagen Sie es dann nur
nicht hier den anderen, daß ich Ihnen den Brief überbracht habe! Ich
habe tausendmal geschworen, daß ich seine Briefe nicht mehr überbringen
würde, aber er tut mir leid! Nur, wissen Sie, machen Sie keine Umstände
mit ihm, geben Sie ihm irgendeine Kleinigkeit und damit abgemacht.«

»Ich hatte selbst die Absicht, ihn aufzusuchen, Koljä. Ich muß Ihren
Vater sprechen ... in einer gewissen Angelegenheit ... also gehen wir.«


                                  XII.

Koljä führte den Fürsten nicht weit: nur bis zur Liteinaja, in ein
Café-Billard, das zu ebener Erde lag und seinen besonderen Eingang von
der Straße hatte. Hier hatte sich Ardalion Alexandrowitsch in der Ecke
eines kleinen Raumes als alter Stammgast niedergelassen, vor sich auf
dem Tisch eine Flasche und in der Hand seine Zeitung. Er erwartete den
Fürsten. Kaum hatte er ihn erblickt, als er die Zeitung auch schon
beiseite legte und eine wortreiche Erklärung begann, von der der Fürst
so gut wie nichts begriff; denn der General befand sich bereits in
»vorgerücktem Stadium«.

»Zehn Rubel habe ich nicht,« unterbrach ihn der Fürst, »doch hier sind
fünfundzwanzig. Wechseln Sie das Geld und geben Sie mir fünfzehn zurück;
denn sonst bleibe ich selbst ohne eine Kopeke.«

»Oh, sofort, sofort, sofort! Seien Sie überzeugt, daß ich sogleich ...«

»Ich bin mit einer Bitte zu Ihnen gekommen, General. Sind Sie niemals
bei Nastassja Filippowna gewesen?«

»Ich? Ich nicht bei ihr gewesen? Fragen Sie das mich? Unzähligemal,
unzähligemal, mein Lieber!« rief der General wie in einem Anfall mit
selbstzufriedener und stolzer Miene aus. »Doch habe ich schließlich
selbst diese Beziehungen abgebrochen; denn ich will diese unanständige
Verbindung nun einmal nicht zulassen. Sie haben doch selbst gesehen, Sie
waren doch Zeuge heute: ich tat alles, was ein Vater tun konnte, und
nicht wahr, ein guter und nachsichtiger Vater! Jetzt jedoch wird ein
ganz anderer Vater auf die Szene treten, und dann -- wollen wir sehen,
ob dann der verdienstvolle alte Soldat die Intrige zerstören oder ob
eine schamlose Kamelie in die vornehmste Familie eindringen wird!«

»Ich wollte Sie gerade bitten, ob Sie mich nicht, als Bekannter, bei
Nastassja Filippowna heute abend einführen könnten? Es muß unbedingt
noch heute geschehen, und ich weiß keine andere Möglichkeit,
hinzugelangen. Ich wurde ihr heute zwar vorgestellt, doch hat sie mich
nicht aufgefordert, und heute abend empfängt sie nur geladene Gäste. Ich
würde sogar bereit sein, mich über gewisse gesellschaftliche Formen
hinwegzusetzen, selbst wenn man sich auch über mich lustig machen
sollte. Wenn ich nur nicht abgewiesen werde!«

»Ich habe genau, genau denselben Gedanken gehabt, mein junger Freund!«
rief der General begeistert aus. »Ich habe Sie nicht etwa dieses
lumpigen Geldes wegen gerufen,« fuhr er fort, indem er das Geld in die
Tasche steckte, »sondern ich wollte Sie gerade zu diesem Gang zu
Nastassja Filippowna auffordern, oder besser gesagt, zu diesem Feldzuge.
General Iwolgin und Fürst Myschkin! Wie das klingt! Wird es ihr nicht
imponieren? Und ich werde dann in aller Liebenswürdigkeit an ihrem
Geburtsfest endlich meinen Willen aussprechen, -- durch die Blume,
versteht sich, nicht geradeaus ... aber es wird doch ebensogut wie
geradeaus sein. Mag dann Ganjä selbst entscheiden, zu wem er halten
will: zum alten verdienstvollen Vater und ... sozusagen ... und so
weiter, oder ... Doch wir werden ja sehen. Ihr Einfall ist im höchsten
Grade fruchtbar. Um neun Uhr brechen wir auf; bis dahin haben wir noch
Zeit.«

»Wo wohnt sie?«

»Ziemlich weit von hier: neben dem Großen Theater, im Hause der
Mytowzowa in der Beletage, gleich am Platz ... Es werden nicht viele
Gäste bei ihr sein, -- obschon sie heute ihren Geburtstag feiert, -- und
auch die werden früh aufbrechen.«

Inzwischen wurde es Abend. Der Fürst saß immer noch, hörte zu und
wartete, daß der General sich endlich erheben würde. Dieser jedoch war
ins Erzählen hineingekommen und gab alle seine Geschichten zum besten,
von denen er immer wieder eine neue begann, ohne die vorhergehende
beendet zu haben. Als der Fürst gekommen war, hatte der General eine
neue Flasche bestellt und im Verlauf einer Stunde ausgetrunken; dann
bestellte er noch eine, die er gleichfalls allein leerte. Man hätte
denken können, daß der General in dieser Zeit so ungefähr sein ganzes
Leben erzählte. Endlich riß dem Fürsten die Geduld: er erhob sich und
erklärte, daß er nicht länger warten könne. Der General trank noch den
letzten Rest aus, erhob sich dann gleichfalls und schritt äußerst
unsicher aus dem Zimmer. Der Fürst war der Verzweiflung nahe, als er ihn
gehen sah. Er konnte es sich nicht verzeihen, daß er sich auf den alten
Trinker verlassen und sich ihm anvertraut hatte. (Im Grunde vertraute er
sich nie einem Menschen an.) Er bedurfte des Generals ja nur, um an
diesem Abend zu Nastassja Filippowna gelangen zu können, wenn es auch
einen kleinen Skandal kostete! Immerhin hatte er nicht mit einem so
unvermeidlichen und so großen Skandal gerechnet. Was sollte er tun? Der
General war vollkommen betrunken und von einer Redseligkeit, die ihn
ohne Unterbrechung mit Gefühl und »Tränen in der Seele« sprechen ließ.
Es drehte sich zumeist darum, daß durch die schlechte Aufführung seiner
Familie -- er selbst war natürlich nicht darunter gemeint -- alles
zugrunde gehe, und daß er nun endlich eingreifen müsse.

Sie traten auf die Liteinaja hinaus. Das Tauwetter hielt noch immer an;
ein wehmütiger, warmer, modriger Wind pfiff durch die Straßen, die
Gummireifen der Equipagen klatschten im Straßenschmutz, und die Hufe der
Traber und Droschkengäule klangen hier und da hell auf einem
Pflasterstein auf. Die Fußgänger schoben sich in freudloser, durchnäßter
Masse auf den Trottoirs durcheinander. Hin und wieder sah man einen
Betrunkenen.

»Sehen Sie dort diese erleuchteten Beletagen,« fuhr der General
unermüdlich fort, »hier leben alle meine Freunde, ich aber, der ich dem
Vaterlande am meisten gedient und für dasselbe gelitten habe, ich irre
zu Fuß zum Großen Theater und begebe mich in die Wohnung eines
zweideutigen Weibes! Ein Mensch, der dreizehn Kugeln in der Brust hat
... Sie glauben mir nicht? Mein Herr, einzig meinetwegen hat Pirogoff[8]
nach Paris telegraphiert und das belagerte Sebastopol zeitweilig im
Stich gelassen. Nélaton, dem Pariser Hofarzt, wirkte er im Namen der
Wissenschaft freie Durchfahrt aus, worauf dieser persönlich im
belagerten Sebastopol erschien, um mich zu untersuchen. Oh, selbst den
höchsten Vorgesetzten war es bekannt. >Ah, das ist der Iwolgin mit den
dreizehn Kugeln in der Brust! ...< hieß es allgemein. Sehen Sie, Fürst,
dort jenes Haus? Dort wohnt in der Beletage mein alter Freund General
Ssokolowitsch, mit seiner edlen und zahlreichen Familie. Diese Familie
hier, drei, die am Newskij wohnen, und zwei in der Großen Morskaja --
das ist mein ganzer Verkehr; denn Nina Alexandrowna hat sich schon
längst den Verhältnissen gefügt, während ich noch fortfahre, mich ...
sozusagen zu erholen im Kreise meiner früheren Bekannten, Freunde und
Untergebenen, die auch jetzt noch nicht aufgehört haben, mich zu
vergöttern. Dieser General Ssokolowitsch -- eigentlich habe ich ihn
lange nicht mehr besucht und auch Anna Fedorowna nicht gesehen ...
Wissen Sie, lieber Fürst, wenn man selbst nicht empfängt, so gibt man es
ganz unwillkürlich auf, andere zu besuchen. Indes ... hm! ... Sie,
scheint es, glauben mir nicht ... Doch -- da fällt mir eben ein! --
weshalb soll ich nicht den Sohn meines besten Freundes und
Jugendgespielen in diese bezaubernd liebenswürdige Familie einführen?
General Iwolgin und Fürst Myschkin! Sie werden ein entzückendes, junges
Mädchen kennen lernen, nein, nicht nur eines, sondern zwei, sogar drei!
Eine schöner als die andere! Sie sind die Zierde der Residenz und der
Gesellschaft. Schönheit, Bildung, Erziehung ... Frauenfrage, Poesie --
alles das hat sich in ihnen zu einem tadellosen Ganzen glücklich
vereinigt, ganz abgesehen von den achtzigtausend Rubeln Mitgift, die
eine jede erhält -- was ja doch kein Fehler und niemals überflüssig ist,
weder bei sozialen noch bei Frauenfragen ... Mit einem Wort, ich muß Sie
unbedingt, unbedingt dort einführen; es ist sogar meine Pflicht, Sie mit
ihnen bekannt zu machen! General Iwolgin und Fürst Myschkin! Mit einem
Wort ... Tableau!«

»Wie, doch nicht jetzt? Heute? Sie vergessen ...« begann der Fürst.

»Nichts, nichts vergesse ich, gehen wir! Hier, diese prachtvolle Treppe
geht's hinauf. Ich wundere mich nur, daß der Schweizer[9] nicht zu sehen
ist ... Richtig, es ist ja heut Feiertag, da kann auch er sich einmal
fortbegeben haben. Er ist übrigens ein alter Trinker, den man eigentlich
schon längst hätte vor die Tür setzen müssen. Dieser Ssokolowitsch
verdankt sein ganzes Lebensglück und seine ganze Karriere einzig mir,
mir allein und keinem anderen, aber ... doch da sind wir ja schon.«

Der Fürst versuchte nichts mehr dagegen einzuwenden und folgte ergeben
dem General, um ihn nicht zu reizen. Er war fest überzeugt, daß der
General Ssokolowitsch mit seiner ganzen Familie alsbald wie eine Fata
morgana verschwinden und sich als nie dagewesen erweisen werde, und daß
ihnen somit nichts Schlimmes begegnen könne; und dann würden sie die
Treppe wieder hinuntersteigen. Doch zu seinem Entsetzen mußte er diese
Überzeugung bald aufgeben; denn der General stieg die Treppen mit einer
Sicherheit hinauf, als habe er tatsächlich alte Bekannte in diesem
Hause, und zwischendurch erzählte er noch die verschiedensten
biographischen und topographischen Einzelheiten mit wahrhaft
erdrückender, nahezu mathematischer Genauigkeit. Als sie dann
schließlich im ersten Stock anlangten und der General bereits an der Tür
einer hochvornehmen Wohnung die Hand nach dem Klingelzuge ausstreckte,
beschloß der Fürst, sogleich zurückzugehen ... doch da fiel ihm
plötzlich etwas auf:

»Sie haben sich geirrt, General,« sagte er schnell, »hier an der Tür
steht Kulakoff, und Sie wollen doch zu Ssokolowitsch!«

»Kulakoff ... Kulakoff beweist noch nichts. Die Wohnung hat
Ssokolowitsch inne, und ich klingle bei Ssokolowitsch, zum Teufel mit
Kulakoff ... Da kommt man schon!«

Die Tür wurde von einem Diener geöffnet, der sie fragend ansah und dann
meldete, daß die Herrschaft nicht zu Hause sei.

»Wie schade, oh, wie schade, das ist ja wie vorherbestimmt!« wiederholte
Ardalion Alexandrowitsch mehrmals mit tiefstem Bedauern. »Dann melden
Sie, daß General Iwolgin und Fürst Myschkin ihre Aufwartung zu machen
wünschten und unendlich, unendlich bedauerten ...«

Durch die offene Zimmertür blickte plötzlich das Gesicht einer
Haushälterin oder Gouvernante, eines etwa vierzigjährigen Frauenzimmers
in einem dunklen Kleide. Neugierig und doch mißtrauisch näherte sie
sich, als sie die Namen General Iwolgin und Fürst Myschkin hörte.

»Marja Alexandrowna ist nicht zu Hause,« sagte sie mit kritischem Blick
auf den General, »sie ist mit dem Fräulein, mit Alexandra Michailowna,
zur Großmutter gefahren.«

»So ist auch Alexandra Michailowna nicht zu sprechen? O Gott, welches
Pech! Und das passiert mir wirklich jedesmal! Haben Sie die Güte, meinen
ergebensten Gruß zu bestellen, und Alexandra Michailowna sagen Sie, daß
sie nicht vergessen soll ... mit einem Wort, sagen Sie ihr, daß ich ihr
von Herzen die Erfüllung dessen wünsche, was sie sich Donnerstag abend
bei den Klängen der Chopinschen Ballade gewünscht hat. Sie wird es schon
selbst wissen ... Also meinen herzlichsten Gruß! General Iwolgin und
Fürst Myschkin!«

»Schön, ich werde es ausrichten,« sagte die Person, die etwas Zutrauen
gefaßt hatte, mit einer leichten Verbeugung.

Als sie die Treppe hinunterstiegen, bedauerte der General noch aufs
lebhafteste, daß sie die Familie nicht angetroffen und der Fürst nun die
Bekanntschaft so entzückender Menschen nicht hatte machen können.

»Wissen Sie, mein Lieber, ich bin im Grunde dichterisch veranlagt, ist
Ihnen das noch nicht aufgefallen? Doch übrigens ... übrigens ...
übrigens sind wir, wie mir scheint, nicht ganz richtig gegangen,« schloß
er plötzlich selbst völlig überrascht. »Ssokolowitschs wohnen -- jetzt
fällt's mir ein! -- in einem ganz anderen Hause, ich glaube sogar in ...
Moskau. Ja, ich habe mich ein wenig versehen, doch ... doch das hat
nichts zu sagen.«

»Ich würde jetzt nur eines wissen wollen,« bemerkte der Fürst
resigniert, »ob ich mich überhaupt noch auf Sie verlassen kann, oder ob
ich besser tue, wenn ich allein zu ihr gehe?«

»Allein? Zu ihr? Ohne mich? Aber weshalb denn das, wenn es doch für mich
ein großes Unternehmen ist, von dem soviel für mich und meine ganze
Familie abhängt? Nein, mein junger Freund, dann kennen Sie Iwolgin
schlecht! Wer >Iwolgin< sagt, der sagt so viel wie >Mauer<. >Verlaß dich
auf Iwolgin wie auf eine Mauer!< -- sehen Sie, so sagte man schon in der
Schwadron, bei der ich einst meinen Dienst begann. Ich muß jetzt nur
hier auf einen Augenblick in ein Haus eintreten, wo meine Seele von den
Aufregungen und Schicksalsschlägen nun schon seit mehreren Jahren
Erholung findet ...«

»Wie, Sie wollen nach Hause gehen?«

»Nein! Ich will ... zu Frau Terentjewa, der Witwe des Hauptmanns
Terentjeff, meines ehemaligen Untergebenen ... und sogar Freundes ...
Hier bei dieser Kapitanscha[10] lebt meine Seele wieder auf, und hierher
trage ich mein Lebens- und Familienunglück und lasse mich von meinem
Kummer erlösen ... Und da ich heute gerade soviel auf dem Herzen habe,
will ich die große Last ...«

»Ich sehe, daß ich eine ungeheure Dummheit begangen habe,« brummte der
Fürst, »als ich Sie vorhin mit meiner Bitte belästigte. Zudem sind Sie
ja jetzt ... Leben Sie wohl.«

»Aber ich kann, ich kann Sie nicht von mir fortlassen, mein junger
Freund!« rief der General beschwörend aus und hielt ihn krampfhaft fest.
»Sie ist Witwe, Mutter einer Familie! Nur sie allein versteht, in ihrem
Herzen jene Saiten anzuschlagen, die in dem meinen einen Widerhall
finden. Der Besuch bei ihr wird nur fünf Minuten dauern. In diesem Hause
kann ich ganz ohne Formalitäten ein- und ausgehen, ich lebe ja hier so
gut wie ganz, wasche mich, kleide mich an ... und dann fahren wir sofort
zum Großen Theater. Glauben Sie mir, ich kann Sie den ganzen Abend nicht
entbehren ... Hier in diesem Hause ... wir sind schon da ... Ah, Koljä,
du bist auch schon hier? Ist Marfa Borissowna zu Hause? Oder bist du
selbst erst im Augenblick gekommen?«

»Oh, nein,« sagte Koljä, der gleichzeitig mit ihnen an der Tür angelangt
war. »Ich bin schon lange hier bei Hippolyt. Er fühlt sich schlecht,
liegt seit dem Morgen zu Bett. Ich war soeben nur in den Krämerladen
gegangen und habe ein Spiel Karten gekauft. Marfa Borissowna erwartet
Sie, Papa. Nur ... ach Gott, Papa, wie haben Sie sich ...« rief Koljä
vorwurfsvoll und erschrocken aus, indem er prüfend die Haltung des
Generals betrachtete. »Ach nun, gehen wir, gleichviel!«

Die Begegnung mit Koljä bewog den Fürsten, den General zu Marfa
Borissowna zu begleiten, doch wollte er dort nur eine Minute bleiben. Er
mußte mit Koljä sprechen. Den General beschloß er unbedingt zu
verlassen. Er konnte es sich nicht verzeihen, daß er sich ihm überhaupt
anvertraut hatte. Langsam stiegen sie auf der Hintertreppe bis zum
vierten Stockwerk empor.

»Wollen Sie den Fürsten mit ihr bekannt machen?« fragte Koljä.

»Jawohl, mein Freund, gewiß bekannt machen. General Iwolgin und Fürst
Myschkin! Aber wie ... was sagt ... Marfa Borissowna?«

»Wissen Sie, Papa, es wäre besser, Sie gingen jetzt nicht zu ihr! Sie
wird Sie zerreißen vor Wut! Sie haben sich drei Tage lang nicht gezeigt,
sie aber wartet auf Geld. Weshalb haben Sie ihr denn wieder Geld
versprochen? Das tun Sie immer wieder. Sehen Sie jetzt zu, wie Sie sich
herausreden.«

Im vierten Stockwerk angelangt, machten sie vor einer niedrigen Tür
halt. Dem General wurde ersichtlich bange, und er schob den Fürsten vor.

»Ich werde mich hier verstecken,« flüsterte er, »um sie dann zu
überraschen ...«

Koljä trat als erster ins Vorzimmer. Eine stark geschminkte und
gepuderte Dame von etwa vierzig Jahren, in Pantoffeln und einer alten
Hausjacke, die Haare in dünne Zöpfchen geflochten, blickte aus dem
Zimmer durch die Türspalte und -- die Überraschung des Generals fiel ins
Wasser. Kaum hatte sie ihn erblickt, als sie auch schon ein großes
Geschrei erhob.

»Da ist er, da ist er, dieser niedrige, dieser gemeine Mensch, das ahnte
mein Herz!«

»Treten wir ein, das ist nur so,« flüsterte der General noch harmlos
lächelnd dem Fürsten zu.

Doch er täuschte sich sehr. Die Hausfrau ließ ihnen kaum Zeit, durch das
dunkle, niedrige Vorzimmer in die »bessere Stube« einzutreten -- ein
schmales Zimmer, in dem ein halbes Dutzend Rohrstühle und zwei einfache
Tische standen --, als sie auch schon von neuem mit ihrer gleichsam
eingeübt weinerlichen und ordinär klingenden Stimme fortfuhr:

»Und du schämst dich nicht, du schämst dich gar nicht, du Barbar und
Tyrann meiner Familie, du Barbar und Heide! Bestohlen hast du mich bis
aufs Letzte, all meine Säfte hast du mir ausgesogen, und immer hast du
noch nicht genug! Wie lange werde ich dich noch ertragen, du schamloser,
du ehrloser Mensch?«

»Marfa Borissowna, Marfa Borissowna! Das ... hier ist Fürst Myschkin.
General Iwolgin und Fürst Myschkin ...« stotterte der zitternde und ganz
kleinlaut gewordene General.

»Werden Sie es mir glauben,« wandte sich die Kapitanscha sogleich an den
Fürsten, »werden Sie es mir glauben, daß dieser schamlose Mensch nicht
einmal meine verwaisten Kinderchen verschont hat? Alles hat er uns
geraubt, alles hat er fortgeschleppt, alles hat er verkauft und
verpfändet, nichts hat er uns gelassen! Was soll ich denn mit deinen
Schuldverschreibungen anfangen, du schlauer, du gerissener Mensch? So
antworte doch wenigstens, du Betrüger, antworte mir doch, du
nimmersatter, gemeiner Mensch! Sag' mir doch, womit soll ich, womit soll
ich jetzt meine verwaisten Kinderchen ernähren? Da kommt er nun
betrunken angetorkelt, kann kaum auf den Beinen stehen ... Womit ich
wohl den Zorn Gottes erregt haben mag, daß er mich so bitter straft! --
So antworte, du schändlicher, du schamloser Mensch, so antworte doch
wenigstens!«

Der General jedoch war nicht gerade aufgelegt zum Antworten, er hatte
anderes im Sinn.

»Hier, Marfa Borissowna, hier sind fünfundzwanzig Rubel ... alles, was
ich dank der Großmut meines Freundes Ihnen geben kann. Fürst! Ich habe
mich grausam geirrt! So ... ist das Leben ... Jetzt aber ... Verzeihung,
ich bin schwach,« fuhr der General, der mitten im Zimmer stand, sich
nach allen Seiten verbeugend, mit schwacher Stimme fort. »Ich ... bin
schwach, verzeiht! Lenotschka! ein Kissen ... Kleine!«

Lenotschka, das achtjährige Töchterchen der Witwe, lief flink nach einem
Kissen, das sie dann auf das harte, zerrissene Wachstuchsofa legte. Der
General setzte sich darauf nieder, mit der Absicht, noch vieles zu
sagen, doch kaum saß er, als sein Haupt auch schon aufs Kissen sank und
er -- einschlief.

Marfa Borissowna sah kummervoll den Fürsten an, deutete zeremoniell auf
einen Stuhl am Tisch, setzte sich selbst ihm gegenüber, stützte das Kinn
in die rechte Hand und begann den Gast, nur ab und zu aufseufzend, stumm
zu betrachten. Ihre drei kleinen Kinder (zwei Mädchen und ein Knabe),
von denen Lenotschka das ältere war, traten auch an den Tisch heran,
legten alle drei die Händchen auf die Tischkante und begannen
gleichfalls alle drei stumm und aufmerksam den Fürsten anzusehen. Da
erschien Koljä in der Tür.

»Koljä! Es freut mich sehr, daß ich Sie hier angetroffen habe,« wandte
sich der Fürst an ihn, »vielleicht können Sie mir helfen. Ich muß
unbedingt heute noch zu Nastassja Filippowna. Ich hatte Ardalion
Alexandrowitsch gebeten, mich hinzuführen, und er wollte mir auch den
Dienst erweisen, aber nun ist er mir, wie Sie sehen, eingeschlafen.
Würden Sie mich hinbegleiten; denn ich kenne hier weder die Straßen,
noch den Weg zu ihr. Zum Glück habe ich durch ihn wenigstens ihre
Adresse erfahren: am Großen Theater, im Hause der Mytowzowa.«

»Nastassja Filippowna? Aber die hat doch nie im Leben dort gewohnt, und
mein Vater ist niemals bei ihr gewesen, wenn Sie's wissen wollen. Mich
wundert nur, daß Sie ihm überhaupt ein Wort geglaubt haben. Nastassja
Filippowna wohnt nicht weit von den >Fünf Ecken<, in der Gegend der
Wladimirskaja, das ist viel näher von hier. Wollen Sie jetzt gleich hin?
Es ist halb zehn. Schön, ich werde Sie hinbegleiten.«

Der Fürst und Koljä machten sich sofort auf den Weg. Der Fürst hatte
kein Geld mehr, um eine Droschke zu bezahlen. So mußten sie zu Fuß
gehen.

»Ich wollte Sie gerade mit Hippolyt bekannt machen,« sagte Koljä, als
sie auf die Straße traten, »das ist der älteste Sohn dieser Kapitanscha
mit den Rattenschwänzen auf dem Kopf. Er wohnt hinten, im anderen
Zimmer. Heute hat er den ganzen Tag gelegen, er fühlte sich bedeutend
schlechter. Er ist aber so sonderbar, ist entsetzlich empfindlich. Ich
glaube, er würde sich vor Ihnen schämen, weil Sie in einem solchen
Augenblick gekommen sind ... Mir ist es doch immerhin weniger peinlich
als ihm; denn bei mir ist es ja nur der Vater, bei ihm aber die Mutter,
das ist doch noch ein Unterschied! Männern geht so etwas nicht gleich an
die Ehre. Doch ist das vielleicht nur ein Vorurteil, das sich aus dem
Vorrecht des männlichen Geschlechts entwickelt haben mag. Hippolyt ist
ein famoser Junge, bloß in manchen Dingen ist er einfach Sklave seiner
Vorurteile.«

»Sie sagten, er sei schwindsüchtig?«

»Ja, wahrscheinlich. Es wäre besser, er stürbe bald. Ich würde an seiner
Stelle unbedingt sterben wollen. Ihm tun aber die kleinen Geschwister
leid, die drei Gören, -- Sie haben sie ja gesehen. Wenn es nur ginge,
wenn wir nur das Geld dazu hätten, würden wir uns eine eigene Wohnung
mieten und uns von unseren Verwandten einfach lossagen. Das ist unser
Ideal! Aber wissen Sie, als ich ihm vorhin von Ihrer Szene erzählte,
wurde er in seiner Reizbarkeit ganz wild und behauptete, daß jeder, der
eine Ohrfeige erhält und seinen Beleidiger nicht fordert, einfach ein
Lump sei. Er war aber in sehr gereizter Stimmung, daher wollte ich auch
weiter nicht mit ihm streiten. Also Nastassja Filippowna hat Sie denn
auch richtig gleich eingeladen zu sich?«

»Das ist es ja, daß sie mich nicht eingeladen hat.«

»Wie? Aber wie können Sie dann zu ihr gehen?« fragte Koljä fast
erschrocken und blieb vor Verwunderung mitten auf dem Trottoir stehen.
»Und ... und in diesem Anzuge? Dort ist doch geladener Besuch!«

»Bei Gott, ich weiß es selbst nicht, wie ich eintreten werde. Werde ich
empfangen -- gut, wenn nicht -- dann nicht: dann ist eben nichts daraus
geworden. Und was den Anzug betrifft -- ja, was ist da zu machen?«

»Ah so, Sie haben wohl einen ernsten Grund, hinzugehen? Oder gehen Sie
nur, _pour passer le temps_{[8]} in >gute Gesellschaftalles entlarvenalten< Moral schämen. In Moskau zum Beispiel hat ein Vater
seinen Sohn gelehrt, vor _nichts_ zurückzuschrecken, wenn es sich um
Gelderwerb handelt -- tatsächlich! Es stand in der Zeitung. Und nehmen
Sie doch zum Beispiel meinen General. Was ist aus ihm geworden? Aber
wissen Sie was, ich glaube, daß mein General ein ehrlicher Mensch ist.
Bei Gott, er ist es. Das ist ja alles nur die Unordnung und der Alkohol.
Bei Gott! Er kann einem sogar leid tun. Ich will es nur nicht jedem
sagen; denn sie würden mich ja alle auslachen. Aber er tut mir wirklich
leid, glauben Sie mir. Und was ist denn schließlich an den anderen dran?
-- an diesen sogenannten Klugen? Alle sind sie Wucherer, alle, vom
ersten bis zum letzten. Hippolyt verteidigt die Wucherer, er sagt, so
müsse es sein, es wäre ökonomische Umwälzung, Ebbe und Flut, oder so
etwas Gutes, hol's der Teufel. Mich ärgert es scheußlich, daß _er_ so
etwas sagt. Aber was, er ist ja doch krank und verbittert. Stellen Sie
sich vor, seine Mutter, die Kapitanscha, erhält von meinem Vater Geld,
und dieses Geld borgt sie ihm dann gegen Wucherzinsen! Ist das nicht
eine Gemeinheit? Aber wissen Sie, Mama, das heißt, meine Mama, Nina
Alexandrowna, hilft Hippolyt mit Geld, Kleidern, Wäsche und was sonst
noch nötig ist, und sogar den drei Kleinen hilft sie, durch Hippolyt;
denn die Kapitanscha vernachlässigt sie ganz und gar. Auch Warjä hilft
ihnen.«

»Nun sehen Sie, Sie sagen, es gäbe keine ehrenwerten und starken
Menschen, alle seien Wucherer. Da haben Sie doch Ihre Mutter und Warjä.
Ist denn das kein Beweis sittlicher Kraft, wenn sie hier unter solchen
Umständen helfen?«

»Warjä tut es nur aus Eigenliebe, bei ihr ist es Prahlerei, sie will der
Mutter nicht nachstehen. Aber Mama allerdings ... ich muß sagen, da hat
man alle Hochachtung. Jawohl, das achte ich an ihr und diese Achtung ist
gerechtfertigt. Selbst Hippolyt fühlt es, aber er ist ja schon ganz
verbittert. Anfangs lachte er darüber und nannte es von seiten meiner
Mutter eine Gemeinheit. Aber jetzt fängt er schon an, zu fühlen, daß ...
Also Sie nennen so etwas Kraft? Das werde ich mir merken. Ganjä weiß
nichts davon, sonst würde er es unnütze Verwöhnung nennen.«

»Ganjä weiß es nicht? Ich glaube, Ganjä weiß noch sehr vieles nicht,«
kam es dem nachdenklichen Fürsten unwillkürlich über die Lippen.

»Wissen Sie Fürst, Sie gefallen mir sehr. Ich kann es noch immer nicht
vergessen, wie Sie sich da vorhin verhielten.«

»Auch Sie gefallen mir sehr, Koljä.«

»Hören Sie, wie beabsichtigen Sie hier zu leben? Ich werde mir
irgendeine Beschäftigung suchen und Geld verdienen -- wollen wir dann
alle drei zusammen, Sie, Hippolyt und ich, eine Wohnung mieten?! -- und
der General kann uns dann besuchen!«

»Mit dem größten Vergnügen. Doch wir werden ja übrigens noch sehen ...
Ich bin sehr ... sehr zerstreut. Was? Wir sind schon da? In diesem
Hause? ... Was für eine prächtige Vorfahrt! Der Schweizer öffnet schon
... Nun, Koljä, ich weiß nicht, was daraus werden wird ...«

Der Fürst stand wie verloren vor der Tür.

»Nun, morgen werden Sie mir alles erzählen! Lassen Sie den Mut nicht
sinken. Gott gebe Ihnen guten Erfolg. Ich bin in allem ganz Ihrer
Meinung. Leben Sie wohl. Ich kehre wieder dorthin zurück und werde
Hippolyt alles erzählen. Daß Sie empfangen werden, ist bombensicher,
eine Abweisung brauchen Sie bestimmt nicht zu fürchten! Sie ist
unglaublich originell. Hier, diese Treppe geht's hinauf, im ersten
Stock, der Schweizer wird Ihnen schon Bescheid sagen.«


                                 XIII.

Der Fürst suchte, als er die Treppe hinaufstieg, mit aller Gewalt seiner
Aufregung Herr zu werden. »Das Schlimmste, was mir begegnen kann,«
dachte er, »ist, daß man mich empfängt und etwas Schlechtes von mir
denkt ... oder schließlich empfängt man mich auch, um dann über mich zu
lachen? ... Ach, mögen sie doch!« Was ihn aber am meisten schreckte, war
der Gedanke oder die Frage, was er denn dort eigentlich zu tun
beabsichtige, und weshalb er überhaupt hinging, -- eine Frage, auf die
er entschieden keine zufriedenstellende und beruhigende Antwort zu
finden vermochte. Selbst wenn sich ihm dort die Gelegenheit böte,
Nastassja Filippowna unbemerkt zu sagen: Heiraten Sie diesen Menschen
_nicht_, stürzen Sie sich nicht ins Verderben, er liebt nicht Sie,
sondern Ihr Geld, das hat er mir selbst gesagt, und auch Aglaja
Jepantschina hat es mir gesagt, ich aber bin gekommen, um es Ihnen zu
hinterbringen, -- so war damit wohl kaum in jeder Beziehung das Richtige
getan. Ferner gab es da noch eine andere schwierige Frage, und zwar eine
von solcher Wichtigkeit, daß der Fürst nicht einmal an sie zu denken
wagte, geschweige denn, sie bewußt als vorhandene Tatsache anerkannte;
ja, er hätte sie kaum zu formulieren verstanden, und er errötete und
zitterte, sobald seine Gedanken nur in diese Richtung kamen. Doch wie
dem auch war, jedenfalls endete es damit, daß er trotz aller Zweifel und
Befürchtungen die Glocke zog, eintrat und sich bei der Dame des Hauses
anmelden ließ.

Nastassja Filippowna hatte eine nicht sehr große, doch luxuriös
eingerichtete Wohnung inne. Zu Anfang dieser fünf Jahre, die sie nun
schon in Petersburg lebte, hatte Afanassij Iwanowitsch Tozkij ganz
besonders viel Geld für sie verschwendet. Damals hatte er noch auf ihre
Liebe gerechnet und geglaubt, sie mit Luxus und Geld betören zu können,
mit Dingen, die, wie er wußte, bald unentbehrlich werden, wenn man sich
einmal an sie gewöhnt hat. Tozkij blieb eben seinen guten alten
Anschauungen treu, ohne von ihnen auch nur das Geringste aufzugeben. So
hoch schätzte er die »unbezwingliche Macht« seiner sinnlichen
Einwirkungen ein! Nastassja Filippowna wies die prunkvolle Ausstattung
nicht zurück, ja, sie gefiel ihr sogar. Nichtsdestoweniger aber -- und
das war doch sehr sonderbar -- ließ sie sich durch dieselbe nicht im
geringsten bestechen. Es war, als hätte sie jeglichen Komfort mit
Leichtigkeit entbehren können. Ja, sie äußerte sich sogar hin und wieder
in diesem Sinne -- was Afanassij Iwanowitsch Tozkij recht unangenehm
überraschte. Übrigens gab es da noch so manches an ihr, das ihm im Laufe
der Zeit peinliche Überraschungen bereitete. Ganz abgesehen von der
(gelinde gesagt) Unvornehmheit der Menschensorte, mit der sie verkehrte
-- und das hieß doch so viel, daß sie sich zu den Betreffenden
hingezogen fühlte -- legte sie noch andere äußerst seltsame Neigungen an
den Tag. Es war eine geradezu barbarische Mischung zweier
Geschmacksrichtungen in ihr: sie war fähig, sich mit Dingen abzugeben
und an Dingen Gefallen zu finden, deren bloßes Dasein ein
feingebildeter, ästhetisch empfindender Mensch, wie man meinen sollte,
überhaupt nicht für möglich halten konnte. Dagegen: hätte Nastassja
Filippowna z. B. eine liebe kleine Unwissenheit verraten, wie etwa die,
daß Bauernmädchen ebensolche Batistwäsche tragen wie sie, so hätte das
Afanassij Iwanowitsch aus unbestimmten Gründen sehr angenehm berührt.
Hätte doch nach Tozkijs Erziehungsprogramm Nastassja Filippownas
wissenschaftlich-literarisch-ästhetische Bildung unfehlbar zu diesen
Resultaten führen müssen -- und er hielt sich für durchaus kompetent in
solchen Fragen. Doch leider waren die Resultate, wie es sich in der
Praxis erwies, ganz anderer und zum mindesten sehr seltsamer Art.
Trotzdem aber war und blieb in Nastassja Filippowna ein »Etwas«, das
sogar Tozkij durch seine ungewöhnliche und anziehende Originalität,
durch seine gewisse Kraft stutzig machte und ihn auch jetzt noch
mitunter bestrickte, obschon doch alle seine Hoffnungen auf
Luftschlösser schon längst, längst eingestürzt waren.

Dem Fürsten öffnete eine Zofe die Tür (Nastassja Filippowna hatte
grundsätzlich nur weibliche Bedienung), und diese vernahm zu seiner
Verwunderung ohne das geringste Erstaunen die Bitte, ihn anzumelden.
Weder seine schmutzigen Stiefel, noch sein breitrandiger Filzhut, weder
sein ärmelloser Kapuzenmantel noch seine verwirrte Miene erregten
Bedenken in ihr. Sie half ihm, sich des Mantels zu entledigen, bat ihn
höflich, im Empfangssalon zu warten, und ging dann ohne weiteres, um
ihrer Herrin den Besuch zu melden.

Die Gesellschaft, die Nastassja Filippowna eingeladen hatte, bestand nur
aus ihren alten Bekannten. Es waren diesmal bedeutend weniger Gäste
versammelt als an ihren früheren Geburtstagsfesten. In erster Reihe
waren Afanassij Iwanowitsch Tozkij und Exzellenz Iwan Fedorowitsch
Jepantschin anwesend; beide bemühten sich, liebenswürdig zu sein; doch
sah man beiden an, daß die bevorstehende Entscheidung Nastassja
Filippownas sie nicht wenig beunruhigte. Außer ihnen war natürlich auch
Ganjä anwesend -- finster, nachdenklich und, fast kann man sagen, das
Gegenteil von liebenswürdig. Er stand etwas abseits und schwieg. Warjä
mitzubringen, hatte er doch nicht für ratsam gehalten, aber Nastassja
Filippowna fragte auch mit keinem Wort nach ihr. Dafür jedoch hatte sie
ihn sogleich nach seiner Begrüßung an jenen Zwischenfall mit dem Fürsten
erinnert. Der General, der noch nichts davon gehört, erkundigte sich
interessiert, was denn vorgefallen sei, worauf Ganjä in knappen Worten
sehr sachlich, doch vollkommen wahrheitsgetreu alles erzählte und auch
ausdrücklich erwähnte, daß er den Fürsten bereits um Verzeihung gebeten
habe. Zum Schluß äußerte er noch in etwas lebhafterem Tone seine
Meinung: daß der Fürst seltsamerweise -- Gott weiß weshalb -- ein
»Idiot« genannt werde, daß er, Ganjä, sich aber vom vollkommenen
Gegenteil überzeugt habe; denn »dieser Mensch hat sicher seinen Kopf für
sich,« wie er hinzufügte. Nastassja Filippowna hörte dieser
Meinungsäußerung sehr aufmerksam zu und blickte Ganjä neugierig an; doch
das Gespräch ging sogleich auf Rogoshin über, der ja bei Iwolgins eine
so große Rolle gespielt hatte, und diesem Gespräch folgten Tozkij und
Jepantschin mit größter Aufmerksamkeit. Ptizyn, der sich bis neun Uhr
abends für Rogoshin in geschäftlichen Angelegenheiten gemüht hatte,
wußte noch einzelne Neuigkeiten über ihn zu berichten. Wie er erzählte,
setzte Rogoshin alle Hebel in Bewegung, um noch vor der Nacht
hunderttausend Rubel in barem Gelde zusammenzubringen. »Allerdings
scheint er betrunken zu sein,« fügte Ptizyn hinzu, »doch wird er
wahrscheinlich sein Wort halten; denn wenn es auch schwer ist,
hunderttausend an einem Tag flüssig zu machen, so helfen ihm doch viele:
Trepaloff, Kinder und Biskup ... Nur weiß ich nicht, ob es ihnen gerade
heute noch gelingen wird ... Auf die Höhe der Prozente kommt es ihm gar
nicht an, er zahlt alles -- natürlich in der Trunkenheit, im ersten
Rausch ...« schloß Ptizyn. Alle diese Mitteilungen wurden von den
Anwesenden mit zum Teil finsterem Interesse vernommen. Nastassja
Filippowna schwieg, wahrscheinlich mit einer besonderen Absicht. Ganjä
schwieg gleichfalls. General Jepantschin beunruhigte sich innerlich
vielleicht am meisten von allen: sein kostbares Geschenk war von ihr mit
etwas gar zu kühler Freundlichkeit empfangen worden; ja, vielleicht
täuschte er sich nicht einmal, wenn er sogar so etwas wie leisen Spott
in ihrem Blick und Lächeln bemerkt zu haben glaubte. Nur
Ferdyschtschenko befand sich als einziger von allen Gästen in gehobener,
feiertäglicher Stimmung und lachte laut, ohne selbst zu wissen weshalb
-- vielleicht nur, weil er sich selbst die Rolle des Narren auferlegt
hatte. Tozkij, den die Fama als eleganten und geistreichen Erzähler
pries, und der an solchen Abenden gewöhnlich die ganze Unterhaltung
beherrscht hatte, war diesmal offenbar nicht dazu aufgelegt. Man merkte
ihm sogar eine gewisse, an ihm ganz fremde Betretenheit an. Die übrigen
Gäste -- ein armer, alter Lehrer, der Gott weiß weshalb eingeladen
worden war, irgendein unbekannter und sehr junger Mann, der entsetzlich
schüchtern zu sein schien und den Mund überhaupt nicht auftat, eine
lebhafte ältere Dame von etwa vierzig Jahren, die einstmals
Schauspielerin gewesen war, und dann noch eine auffallend hübsche, reich
gekleidete junge Dame, die gleichfalls so gut wie gar nichts sprach --
sie alle konnten das Gespräch nicht nur nicht beleben, sondern wußten
mitunter nicht einmal, was sie antworten oder wovon sie überhaupt
sprechen sollten.

So war es denn begreiflich, daß das Erscheinen des Fürsten allen
Anwesenden sehr gelegen kam. Übrigens rief seine Anmeldung doch gewisses
Erstaunen und auf manchen Gesichtern sogar ein gewisses Lächeln hervor,
namentlich als man aus Nastassja Filippownas überraschter Miene erriet,
daß sie gar nicht daran gedacht hatte, ihn einzuladen. Doch schon im
nächsten Augenblick verriet ihr Gesicht so viel aufrichtige Freude über
seinen Besuch, daß die Mehrzahl der Gäste sich sofort gleichfalls
anschickte, den ungebetenen Gast mit Vergnügen zu empfangen.

»Nun ja, wenn das auch wieder nur ein Ausdruck seiner Unschuld ist,«
meinte General Jepantschin, »und solche -- hm! -- Neigungen zu
begünstigen ziemlich gefährlich sein kann, so ist es doch im Augenblick
nicht übel, daß er das Geburtstagskind mit seinem Besuch bedacht hat,
zumal er es noch in einer so originellen Weise tut. Aller Voraussicht
nach wird er uns sogar erheitern, wenigstens ... soviel ich über ihn --
urteilen kann.«

»Oh, das steht um so mehr zu erwarten, als er uneingeladen kommt!« rief
sofort Ferdyschtschenko aus.

»Sie meinen?« fragte ihn der General trocken. Er konnte diesen Menschen
nicht ertragen.

»Nun, ich meine, daß er für den Eintritt zahlen muß,« erklärte jener.

»Mir scheint, daß ein Fürst Myschkin nicht gerade ein Ferdyschtschenko
ist,« konnte der General sich nicht enthalten zu bemerken. Es fiel ihm
ehrlich schwer, sich an den Gedanken zu gewöhnen, daß er, General
Jepantschin, sich mit einem Ferdyschtschenko in ein und derselben
Gesellschaft befand, ganz als wären sie gleichstehende Persönlichkeiten.

»Ei, Exzellenz, mit Ferdyschtschenko müssen Sie Nachsicht haben,«
antwortete jener lachend, »ich bin doch hier mit ganz besonderen Rechten
ausgestattet!«

»Was sind denn das für Rechte, wenn man fragen darf?«

»Das auseinanderzusetzen hatte ich bereits das vorigemal die Ehre, doch
für Eure Exzellenz will ich es nochmals wiederholen. Also, ich bitte um
Ihre Aufmerksamkeit, Exzellenz: alle Menschen sind geistreich, nur ich
allein bin es nicht. Als Schadenersatz habe ich dafür die Erlaubnis
erhalten, die Wahrheit zu sagen, da doch bekanntlich nur jene die
Wahrheit sagen, die nicht gerade -- nun, wie gesagt, geistreich sind.
Zudem bin ich ein äußerst rachsüchtiger Mensch, und das natürlich
gleichfalls nur aus Mangel an Geist. Ich nehme jede Beleidigung ruhig
hin, doch -- wohlgemerkt! -- nur bis zum ersten Mißerfolge des
Beleidigers. Bei seiner ersten Niederlage entsinne ich mich unverzüglich
alles dessen, was er auf dem Kerbholz hat, und zahle es ihm prompt auf
irgendeine Weise heim -- schlage mit den Hinterbeinen aus, wie Iwan
Petrowitsch Ptizyn es nennt, der, versteht sich, selbst niemals hinten
ausschlägt. Kennen Eure Exzellenz vielleicht Kryloffs Fabel vom Löwen
und vom Esel? Nun, sehen Sie, die ist wie auf uns gedichtet,
tatsächlich, das sind Sie und ich.«

»Sie scheinen ja wieder mal in Ihr unleidliches Faseln hineingekommen zu
sein, Ferdyschtschenko,« entgegnete der General gereizt und grob.

»Aber was haben Sie denn dagegen einzuwenden, Exzellenz?« griff
Ferdyschtschenko schnell auf, ganz als hätte er nur auf diesen Einwand
gewartet. »Beunruhigen Sie sich nicht, Exzellenz, ich kenne sehr wohl
den Platz, der mir zukommt: der Löwe sind natürlich Sie, Exzellenz:

   -- Der grimme Leu, des Waldes Schrecken,
   Ward mit den Jahren altersschwach --

Und ich, Exzellenz, bin selbstverständlich der Esel ...«

»Mit letzterem bin ich vollkommen einverstanden,« platzte der General
unvorsichtig genug heraus.

Diese ganze Plänkelei wurde natürlich mit Absicht von Ferdyschtschenko
in die Länge gezogen: obwohl er nicht geistreich zu sein verstand, wurde
ihm doch vieles erlaubt, da er nun einmal offiziell den Narren spielte.

»Aber ich werde ja doch nur deshalb hier empfangen, damit ich gerade in
diesem Genre zur allgemeinen Heiterkeit beitrage!« hatte
Ferdyschtschenko einmal lachend erklärt. »Wie wäre es denn sonst
möglich, mich zu empfangen? -- Das begreife ich doch selbst! Aber ja
doch! Wie könnte man mich denn im Ernst, mich, Ferdyschtschenko, neben
einen so ästhetisch-delikaten Gentleman wie Afanassij Iwanowitsch Tozkij
setzen? Da bleibt einem doch nur die eine Erklärung übrig: eben weil es
unmöglich ist, wird es getan!«

Ferdyschtschenko konnte in seinen Späßen sehr plump, bisweilen aber auch
sehr bissig sein, und bisweilen sogar noch mehr als bissig. Das aber war
es gerade, was Nastassja Filippowna zu gefallen schien. Daher mußte auch
ein jeder, der mit ihr verkehren wollte, Ferdyschtschenkos Anwesenheit
in den Kauf nehmen. Er traf vielleicht den Nagel auf den Kopf, wenn er
sich sagte, daß er nur deshalb empfangen wurde, weil er gleich bei
seinem ersten Besuch für Tozkij »unmöglich« geworden war. Auch Ganjä
mußte unendliche Qualen von ihm erdulden; und in der Beziehung kam
Ferdyschtschenko Nastassja Filippowna sogar sehr zustatten.

»Der Fürst aber wird bei uns damit beginnen müssen, daß er eine moderne
Arie zum besten gibt,« schloß Ferdyschtschenko mit einem Seitenblick auf
Nastassja Filippowna.

»Das glaube ich nicht, Ferdyschtschenko, und bitte, geben Sie sich keine
Mühe, es wäre überflüssig,« sagte diese kurz.

»A--ah! Nun, wenn er unter so besonderer Protektion steht, so werde
natürlich auch ich mich danach richten.«

Doch Nastassja Filippowna hatte sich schon erhoben und ging, ohne ihn
anzuhören, dem Fürsten entgegen.

»Es tut mir leid,« sagte sie, als sie plötzlich vor ihm stand, »daß ich
Sie vorhin in der Eile zu mir einzuladen vergaß. Um so mehr freut es
mich, daß Sie mir jetzt selbst Gelegenheit geben, Ihnen zu danken und
Sie zu versichern, daß ich Ihre Entschlossenheit und die Art, wie Sie
eingriffen, bewundert habe.«

Bei diesen Worten blickte sie ihn forschend an, bemüht, wenn auch nur
halbwegs eine Erklärung für sein seltsames Erscheinen zu finden.

Der Fürst war durch ihre Erscheinung so geblendet und erregt, daß er
kein Wort hervorzubringen vermochte. Nastassja Filippowna bemerkte es
und lächelte: es war ihr angenehm. Wie sie so in der kostbaren
Abendtoilette vor ihm stand, war sie allerdings berückend schön. Und das
sah sie auch an dem Eindruck, den sie auf ihn machte. Sie reichte ihm
die Hand und führte ihn dann zu ihren Gästen. Doch dicht vor der Tür zum
Salon blieb der Fürst plötzlich stehen und flüsterte ihr in
ungewöhnlicher Erregung schnell, fast atemlos zu:

»An Ihnen ist alles vollendet ... selbst das, daß Sie mager und bleich
sind, ist schön ... Man will Sie sich gar nicht anders denken ... Ich
wollte um jeden Preis zu Ihnen kommen ... ich ... verzeihen Sie ...«

»Bitten Sie nicht um Verzeihung,« unterbrach ihn Nastassja Filippowna
lächelnd, »damit würden Sie die ganze Seltsamkeit und Originalität Ihres
Erscheinens zerstören. Man hat wohl ganz recht, wenn man Sie einen
sonderbaren Menschen nennt. Halten Sie mich also wirklich für vollendet,
ja?«

»Ja.«

»Wenn Sie auch sonst ein Meister im Erraten sind, so täuschen Sie sich
diesmal doch arg. Ich werde Sie heute noch daran erinnern ...«

Sie stellte ihn darauf ihren Gästen vor, von denen jedoch die meisten
ihn bereits kannten. Tozkij sagte ihm sogleich eine Liebenswürdigkeit.
Alle schienen sich zu beleben, alle begannen plötzlich zu sprechen und
zu lachen. Nastassja Filippowna ließ den Fürsten neben sich Platz
nehmen.

»Aber was ist denn am Erscheinen des Fürsten so Erstaunliches?«
übertönte Ferdyschtschenkos Kraftorgan alle anderen Stimmen. »Die Sache
liegt doch auf der Hand, sie spricht ja für sich selbst!«

»Ja, sie spricht nur zu deutlich für sich selbst,« brach plötzlich Ganjä
sein Schweigen. »Ich habe den Fürsten heute fast ununterbrochen
beobachtet, von dem Augenblick an, als er am Vormittage zum erstenmal
Nastassja Filippownas Bild erblickte auf dem Schreibtisch Iwan
Fedorowitschs. Ich entsinne mich noch sehr gut, daß ich mir schon damals
dasselbe dachte, wovon ich jetzt vollkommen überzeugt bin, und was mir
der Fürst, nebenbei bemerkt, auch selbst gestanden hat.«

Ganjä hatte mit sehr ernster, fast sogar finsterer Miene ohne den
geringsten Scherzton gesprochen, was eigentlich etwas sonderbar war.

»Ich habe Ihnen keine Geständnisse gemacht,« entgegnete der Fürst, der
bei Ganjäs Worten rot geworden war, »ich habe nur auf Ihre Frage
geantwortet.«

»Bravo, bravo!« schrie Ferdyschtschenko laut. »Das nenne ich wenigstens
aufrichtig! Und zwar ist es ebenso aufrichtig wie schlau!«

Alles lachte.

»Schreien Sie doch nicht so, Ferdyschtschenko,« sagte Ptizyn halblaut
mit angewiderter Miene.

»Ich hätte solche Heldentaten gar nicht von Ihnen erwartet, Fürst,«
bemerkte Iwan Fedorowitsch Jepantschin. »Aber wissen Sie auch, wem das
sehr zustatten kommt? ... Und ich habe Sie für einen Philosophen
gehalten! Ja, ja, die Bescheidenen!«

»Und danach zu urteilen, daß der Fürst bei diesem harmlosen Scherz wie
ein unschuldiges, junges Mädchen errötet, muß er ja -- wenigstens glaube
ich, das annehmen zu dürfen -- als edler Jüngling nur die edelsten
Absichten in seinem Herzen hegen,« sagte, oder richtiger, kaute mit
seinem zahnlosen Munde der bis dahin stumme siebzigjährige kleine
Lehrer, von dem ein jeder alles andere eher erwartet hätte, als daß er
an diesem Abend überhaupt ein Wort hervorbringen würde.

Die Bemerkung des Greises rief noch größere Heiterkeit hervor, und er
selbst begann in dem Glauben, daß sein Witz die Ursache des Gelächters
sei, noch lauter als die anderen zu lachen -- bis er einen so heftigen
Hustenanfall bekam, daß Nastassja Filippowna, die für alte Originale,
Greise und sogar Schwachsinnige eine besondere Vorliebe besaß, den Alten
zu streicheln begann, ihn küßte und ihm Tee bringen ließ. Von der
eintretenden Zofe ließ sie sich einen Schal bringen, in den sie sich
dann fröstelnd einhüllte. Darauf mußte das Mädchen noch Holzscheite in
den Kamin legen. Auf ihre Frage, wieviel Uhr es sei, antwortete das
Mädchen, daß es schon halb elf geschlagen habe.

»Meine Herren, wollen Sie nicht Champagner trinken?« fragte plötzlich
Nastassja Filippowna. »Er ist bereits kalt gestellt. Vielleicht wird es
dann lustiger werden. Also ganz ohne Zeremonien, wenn ich bitten darf.«

Diese Aufforderung, zu trinken, die noch dazu so naiv ausgesprochen
wurde, erschien den Anwesenden sehr sonderbar von Nastassja Filippowna.
Und überhaupt wurde der Abend diesmal noch ungezwungener, als es die
Gäste sonst bei ihr gewöhnt waren. Doch gegen den Champagner hatte
niemand etwas einzuwenden, wenigstens was den General, die lebhafte
Dame, den alten Lehrer und Ferdyschtschenko betraf. Und ihrem Beispiel
folgten auch die anderen. Tozkij nahm gleichfalls einen der Kelche und
bemühte sich, dem neueingeführten Ton nach Möglichkeit den Charakter
eines unbefangenen Scherzens zu geben. Nur Ganjä trank nicht. Nastassja
Filippowna dagegen erklärte, daß sie mindestens drei Glas trinken würde.
Es war sehr schwer, aus ihrem oft grundlosen, verlorenen Lachen, das
bald ernster Nachdenklichkeit und finsterem Schweigen wich, um dann von
neuem in nervöser Heiterkeit hervorzubrechen, klug zu werden oder gar
aus ihm zu erraten, was sie für Absichten hegte. Es fiel mit der Zeit
auf, daß sie gleichsam etwas erwartete, häufig nach der Uhr sah, immer
ungeduldiger wurde und sehr zerstreut war.

»Bei Ihnen scheint ja eine richtige kleine Influenza im Anzuge zu sein,
meine Liebe?« fragte die lebhafte Dame.

»Oh, eine sehr große sogar, nicht nur eine kleine,« entgegnete, den
Schal fester um die Schultern ziehend, Nastassja Filippowna, die
merklich bleicher wurde und zuweilen sich krampfhaft zusammenzunehmen
schien, damit die anderen nicht merkten, wie der Schüttelfrost sie
zittern machte.

Alle wurden unruhig und sahen einander fragend an; es ging eine Bewegung
durch die ganze Versammlung.

»Oder sollten wir Nastassja Filippowna nicht Ruhe gönnen?« fragte Tozkij
mit einem Blick auf Jepantschin.

»Oh, nein, nein! auf keinen Fall! Ich bitte Sie alle, bei mir zu
bleiben,« rief sie lebhaft. »Ihre Anwesenheit ist mir heute
unentbehrlich,« fügte sie plötzlich noch eigensinniger und recht
vielsagend hinzu.

Da nun fast alle Gäste wußten, daß an diesem Abend eine wichtige
Entscheidung bevorstand, so fielen diese ihre Worte schwer ins Gewicht.
Der General und Tozkij tauschten nochmals einen bedeutsamen Blick aus.
Ganjä machte eine hastige Bewegung.

»Wie wär's, wenn wir ein _Petit-jeu_{[9]} spielten?« schlug die lebhafte
Dame vor.

»Ach, ich weiß ein famoses _Petit-jeu_!« rief Ferdyschtschenko lebhaft
aus. »Wenigstens ist es eines, das nur ein einziges Mal in der Welt
gespielt worden ist, und selbst da gelang es nicht!«

»Was ist denn das für ein Spiel?« fragte die lebhafte Dame.

»Na, es hatte sich mal von uns 'ne ganze Gesellschaft zusammengefunden,
nun, es war getrunken worden, das läßt sich nicht leugnen, und da machte
plötzlich jemand den Vorschlag, daß jeder von uns etwas aus seinem Leben
erzählen solle, ganz einfach, so wie wir da alle um den Tisch
herumsaßen, doch dieses Etwas -- jetzt kommt der Haken! -- mußte
unbedingt gerade das sein, was der Erzähler auf Ehr' und Gewissen für
die schlechteste Tat hielt, die er je im Laufe seines ganzen Lebens
begangen, und zwar nur unter dieser einen Bedingung, daß er nicht log,
sondern aufrichtig, ganz aufrichtig, nur der Wahrheit gemäß die Sache --
wiedergab.«

»Hm, ein etwas sonderbarer Einfall,« meinte der General.

»Aber erlauben Sie, Exzellenz, Sonderbarkeit ist doch nur ein Vorzug!«

»Ich finde den Einfall lächerlich,« äußerte Tozkij, »doch ist er im
Grunde verständlich: Prahlerei besonderer Art.«

»Aber das war's ja vielleicht gerade, was man wollte, Afanassij
Iwanowitsch.«

»Ach, gehen Sie! Ein solches _Petit-jeu_ bringt einen eher zum Weinen
als zum Lachen!« sagte die lebhafte Dame geringschätzig.

»Ich halte solche Spiele für reinen Unsinn. Und sie sind ja auch ganz
unmöglich,« meinte Ptizyn.

»Aber gelang es denn auch, Ferdyschtschenko?« erkundigte sich Nastassja
Filippowna.

»Das ist es ja eben, daß es nicht gelang, oder wenn Sie wollen, gelang
es, aber es wurde gemein. Allerdings weigerte sich niemand, zu erzählen,
viele erzählten auch wahrheitsgetreu -- und denken Sie sich nur: es
erzählte gar manch einer mit aufrichtigem Vergnügen und Wohlgefallen!
Dann aber schämte sich doch ein jeder. Hielten's nicht aus. Im
allgemeinen aber war es übrigens durchaus erheiternd, -- in seiner Art,
versteht sich ...«

»Vorzüglich! Das ist ja wie geschaffen für uns!« fiel ihm Nastassja
Filippowna ins Wort; sie war wie neu belebt. »Nein wirklich, das müssen
wir doch versuchen, meine Herren! Es ist heute gar nicht lustig bei mir.
Wenn nun ein jeder von uns bereit wäre, etwas zu erzählen ... irgend
etwas in dieser Art -- nicht? ... Natürlich nur, wenn er aus freien
Stücken einwilligt -- was meinen Sie? Vielleicht werden wir es
aushalten? Wenigstens ist es furchtbar originell!«

»Oh, gewiß, es ist eine geniale Idee!« begeisterte sich
Ferdyschtschenko. »Die Damen brauchen übrigens nicht mitzuwirken, die
Herren fangen an. Die Reihenfolge wird durch das Los bestimmt -- so
machten wir es auch damals. Unbedingt, unbedingt! Wer nun aber _gar
nicht_ will, der kann dann natürlich den Mund halten, nur ist es gerade
keine Liebenswürdigkeit. Also, meine Herren, ein jeder gebe ein Pfand,
irgendeinen x-beliebigen Gegenstand -- hier ... hier ist ein Hut -- also
hier hinein, meine Herren, der Fürst wird dann die Pfänder herausnehmen.
Die ganze Aufgabe ist ja so einfach, wie man sie sich einfacher gar
nicht denken kann: die häßlichste Tat von allen im Laufe des Lebens
begangenen ... wie gesagt: die Einfachheit selbst. Sie werden ja sehen,
meine Herren. Und falls jemand sein schlechtes Gedächtnis vorschützen
sollte, so werde ich dem schon nachzuhelfen wissen!«

Der Einfall war allerdings sehr eigenartig. Doch gefiel er keinem der
Gäste. Einige waren verstimmt, andere lächelten verschmitzt, und wieder
andere versuchten dies und jenes einzuwenden, doch taten sie es nur mit
Vorsicht, so z. B. der General, der Nastassja Filippowna nie recht zu
widersprechen wagte. Er hatte sogleich bemerkt, daß ihr dieser Einfall
sehr zusagte -- vielleicht nur weil er nichts weniger als alltäglich und
eigentlich doch unerhört war. Nastassja Filippowna war aber in ihren
Wünschen unberechenbar und rücksichtslos, wenn sie sie einmal offen
zeigte, gleichviel, ob es auch die kindischsten und für sie selbst
nutzlosesten Wünsche waren. Sie war jetzt wie im Fieber, konnte kaum
ruhig sitzen. Das Lachen überkam sie wie ein Anfall, um dann ebenso
plötzlich abzubrechen. Sie amüsierte sich köstlich über Tozkijs
beleidigte und besorgte Miene. Ihre dunklen Augen glänzten. Auf ihren
bleichen Wangen erschienen zwei rote Flecke. Der Schatten unbehaglichen
Mißvergnügens in den Gesichtern einiger ihrer Gäste reizte noch mehr
ihren Spott und ihre Heiterkeit. Vielleicht gefiel ihr am meisten an dem
ganzen Einfall gerade der Zynismus und die Grausamkeit. Einzelne waren
überzeugt, daß sie damit etwas ganz Besonderes bezweckte. Jedenfalls war
man neugierig, wie es werden würde, und diese Neugier zog sogar sehr.
Ferdyschtschenko war ganz Feuer und Flamme.

»Aber wenn es irgend etwas ist, das man nicht erzählen kann ... in
Gegenwart von Damen?« fragte schüchtern der schweigsame Jüngling.

»Dann erzählt man es eben nicht,« versetzte Ferdyschtschenko. »Als ob
Sie nur eine einzige Schändlichkeit begangen hätten! Ach, Sie --
Jüngling!«

»Und ich weiß nicht einmal, welches gerade die schlechteste Tat ist, die
ich begangen habe,« seufzte die lebhafte Dame.

»Die Damen sind nicht verpflichtet, zu erzählen,« wiederholte
Ferdyschtschenko, »aber auch nur das: nicht verpflichtet! Inspiration
aus eigener Initiative wird mit Anerkennung zugelassen. Die Herren
dagegen werden nur dann der Pflicht enthoben, wenn sie nun mal ganz und
_gar_ nicht wollen.«

»Aber, wie wird man denn wissen, ob ich nicht lüge?« fragte Ganjä. »Wenn
ich aber lüge, ist doch der ganze Sinn des Spieles verdorben. Und wer
wird nicht lügen? Das ist doch selbstverständlich, daß bei einer solchen
Gelegenheit ein jeder lügt.«

»Aber so ist doch schon allein das interessant, _wie_ ein jeder lügt,«
versetzte Ferdyschtschenko. »Du aber Ganetschka, brauchst dir darob, daß
du lügen könntest, keine besonderen Sorgen zu machen, da doch deine
schmählichste Tat ohnehin schon allen bekannt ist. Bedenken Sie doch
nur, meine Herrschaften,« rief er plötzlich geradezu begeistert aus,
»mit welchen Augen wir dann einander ansehen werden, morgen zum
Beispiel, nach den Erzählungen, was?!«

»Wie, soll es denn wirklich? ... Ist es denn wirklich Ihr Ernst,
Nastassja Filippowna?« fragte Tozkij würdevoll.

»Wer den Wolf fürchtet, soll nicht in den Wald gehen!« war ihre
spöttisch lächelnde Antwort.

»Aber erlauben Sie, Herr Ferdyschtschenko, ist denn das ein
Gesellschaftsspiel?« fuhr Tozkij, immer erregter, fort. »Ich versichere
Sie, solche Späße gelingen nie. Sie sagten ja auch selbst, daß es
bereits einmal nicht gelungen sei.«

»Wieso, wieso nicht gelungen? Habe ich nicht das vorigemal erzählt, wie
ich einmal drei Rubel gestohlen habe? Da tat ich's doch einfach und
erzählte!«

»Nun ja. Aber es war doch von vornherein jede Möglichkeit
ausgeschlossen, die Sache so zu erzählen, daß sie glaubhaft erschien.
Und Gawrila Ardalionytsch hat ganz richtig bemerkt, daß das ganze Spiel
sofort seine Pointe verliert, sobald man auch nur im geringsten von der
Wahrheit abweicht. Die strikte Beobachtung der Wahrheit wäre in diesem
Fall doch nur bei einer gewissen Prahlsucht schlechten Tones möglich,
und dieser Ton ist hier doch ganz undenkbar, denke ich.«

»Herrgott, sind Sie mir mal ein delikater Mensch, Afanassij Iwanowitsch,
Sie vernichten mich ja geradezu!« lachte Ferdyschtschenko. »Mit dieser
Bemerkung, meine Damen und Herren, hat ja Afanassij Iwanowitsch in der
delikatesten Weise angedeutet, daß ich ganz unmöglich hätte stehlen
können -- was direkt zu sagen, wohl direkt unvornehm wäre -- wenn er
auch bei sich, versteht sich, vollkommen überzeugt ist, daß
Ferdyschtschenko sehr wohl stehlen könnte! Doch zur Sache, meine Herren,
die Lose sind vollzählig -- und auch Sie, Afanassij Iwanowitsch, haben
ja von sich einen Gegenstand in den Hut gelegt; folglich willigen Sie
also ein, etwas zum besten zu geben. Bitte, Fürst, greifen Sie hinein.«

Der Fürst senkte schweigend die Hand in den Hut: der erste Gegenstand,
den er hervorholte, war von Ferdyschtschenko hineingelegt worden, der
zweite von Ptizyn, der dritte vom General, der vierte von Tozkij, der
fünfte von ihm selbst, der sechste von Ganjä usw. Die Damen hatten es
vorgezogen, sich nicht zu beteiligen.

»O Gott, welches Pech!« jammerte Ferdyschtschenko. »Und ich glaubte, als
erster würde der Fürst daran glauben müssen und als zweiter Seine
Exzellenz! Doch zum Glück folgt Iwan Petrowitsch Ptizyn sogleich hinter
mir, und das soll meine Entschädigung sein! Nun, dann -- los, meine
Herrschaften, ich muß mit gutem Beispiel vorangehen! Doch da tut es mir
im Augenblick unsäglich leid, daß ich so gering bin und mich durch
nichts auszeichne, nicht einmal durch einen Titel. Wie kann es da von
Interesse sein, wie und wann und ob überhaupt ein Ferdyschtschenko mal
was Gemeines begangen hat? Und schließlich: welches ist nun meine größte
Schandtat? Hier gerät man ja förmlich in einen _embarras de
richesse_!{[10]} Es sei denn, daß ich wieder den Diebstahl der drei
Rubel erzähle, um unseren verehrten Afanassij Iwanowitsch zu überzeugen,
daß man sehr wohl stehlen kann, ohne dabei ein Dieb zu sein.«

»Sie überzeugen mich sogar davon, daß gewisse Leute tatsächlich ein
Vergnügen bis zum Hochgenuß daran finden können, von ihren schmutzigen
Taten zu erzählen, selbst dann, wenn niemand sie darum bittet. ... Doch
übrigens ... Verzeihen Sie, Herr Ferdyschtschenko.«

»Fangen Sie an, Ferdyschtschenko, Sie schwatzen viel zu viel
Überflüssiges und können nie zu einem Schluß kommen,« sagte Nastassja
Filippowna gereizt und ungeduldig in zurechtweisendem Tone.

Es fiel allen auf, daß sie nach ihren Lachanfällen plötzlich fast
finster geworden war. Nichtsdestoweniger bestand sie eigensinnig und
herrisch auf der Durchführung ihrer Laune. Tozkijs ästhetisches
Empfinden litt unsäglich. Auch der General ärgerte ihn nicht wenig: der
saß vor seinem Champagner, »als wäre nichts passiert«, und schien sogar
die Absicht zu haben, gleichfalls etwas zum besten zu geben, wenn die
Reihe an ihn kommen würde.


                                  XIV.

»Ich habe ja doch gesagt, Nastassja Filippowna: da mir jeder Geist
fehlt, schwatze ich dummes Zeug!« begann Ferdyschtschenko, der als
erster erzählen mußte. »Hätte ich dagegen _tant d'esprit_{[11]} wie zum
Beispiel Afanassij Iwanowitsch oder so viel Scharfsinn wie Iwan
Petrowitsch Ptizyn, so würde ich heute ganz wie Afanassij Iwanowitsch
und Iwan Petrowitsch dasitzen und den Mund halten. Fürst, erlauben Sie,
daß ich Sie eines frage: Was meinen Sie -- es will mir immer scheinen,
daß es in der Welt mehr Diebe gibt als Nichtdiebe, und daß es selbst
unter den ehrlichsten Menschen keinen gibt, der nicht wenigstens einmal
in seinem Leben gestohlen hat. Das ist so eine Privatanschauung von mir,
aus der ich jedoch noch längst nicht schließe, daß alle ohne Ausnahme
Diebe seien, obschon man, weiß Gott, mitunter verteufelt gern auch
dieses daraus folgern möchte. Nun, was meinen Sie dazu, Fürst?«

»Pfui, wie dumm Sie erzählen,« ärgerte sich die lebhafte Dame. »Und
welch ein Unsinn: jeder Mensch soll etwas gestohlen haben! Ich habe noch
nie etwas gestohlen.«

»Ich glaub's Ihnen gern, Darja Alexejewna, daß Sie noch nie etwas
gestohlen haben, aber hören wir doch zu, was der Fürst, der plötzlich
sogar errötet ist, wie ich sehe, dazu sagen wird.«

»Ich glaube, daß Sie recht haben, nur übertreiben Sie sehr,« sagte der
Fürst, der tatsächlich errötet war.

»Und Sie selbst, Fürst, haben Sie nie etwas gestohlen?«

»Pfui, Sie machen sich ja lächerlich, kommen Sie doch zur Besinnung,
Herr Ferdyschtschenko,« unterbrach ihn der General.

»Ach, jetzt, wo es erzählen heißt, schämen Sie sich der Geschichte,«
warf Darja Alexejewna ein, »und deshalb wollen Sie die Aufmerksamkeit
auf den Fürsten ablenken.«

»Ferdyschtschenko: entweder Sie erzählen oder Sie schweigen! Sie bringen
einen ja um den letzten Rest Geduld!« sagte Nastassja Filippowna
ärgerlich.

»Im Augenblick, Nastassja Filippowna! Aber wenn schon der Fürst es
gestanden hat -- denn ich behaupte, daß er es so gut wie tatsächlich
gestanden hat --: was würde dann noch irgendein anderer gestehen müssen
-- ich rede ganz objektiv, ohne dabei an einen der Anwesenden speziell
zu denken --, wenn er es sich einmal einfallen ließe, die Wahrheit zu
sagen? Was nun mich betrifft, meine Damen und Herren, so lohnt es sich
weiter gar nicht, zu erzählen: 's ist sehr einfach, sehr dumm und sehr
häßlich. Aber ich versichere Ihnen, ich bin kein Dieb. Gestohlen habe
ich, ohne selbst zu wissen, wie. Es war das vor etwa drei Jahren, auf
der Datsche[11] Ssemjon Iwanowitsch Ischtschenkos, an einem Sonntage. Es
waren mehrere Gäste zu Tisch. Nach dem Essen blieben die Herren noch
beim Wein sitzen. Da fiel es mir ein, Marja Ssemjonowna, die Tochter des
Hausherrn, um einen musikalischen Genuß zu bitten, d. h. ich wollte sie
bitten, uns etwas auf dem Flügel vorzuspielen. Wie ich nun gehe, um sie
zu suchen, komme ich auch ins Eckzimmer, und da sehe ich: -- auf dem
Nähtischchen Marja Iwanownas liegt ein grünes Papier: ein
Dreirubelschein. Sie hatte ihn kurz vorher herausgenommen, da sie das
Geld in der Wirtschaft brauchte. Kein Mensch im Zimmer. Ich nahm den
Schein und schob ihn in die Westentasche. Weshalb? -- Das weiß ich
selbst nicht. Ich begreife wirklich nicht, was mir in dem Augenblick
einfiel. Nur drückte ich mich schleunigst und setzte mich wieder an den
Tisch zu den Gästen. Ich saß und wartete die ganze Zeit in nicht
geringer Erregung, schwatzte aber ohne Unterlaß, erzählte Anekdoten,
lachte, ging dann zu den Damen hinüber, setzte mich zu ihnen. Nach einer
halben Stunde ungefähr -- bemerkte man den Diebstahl und begann die
Dienstboten auszufragen. Der Verdacht fiel auf das Stubenmädchen Darja.
Ich zeigte eine ungeheure Neugier und Teilnahme, und als Darja ganz
konfus wurde, redete ich ihr zu, ihre Schuld doch einzugestehen, und
bürgte mit meinem Kopf dafür, daß die gnädige Frau ihr verzeihen würde,
und zwar redete ich laut, so daß alle es hörten! Alle sahen sie an, ich
aber empfand ein ganz besonderes Vergnügen bei dem Gedanken, daß ich
großartig Moral predigte, während der Schein in meiner Tasche steckte.
Ich vertrank diese drei Rubel noch am selben Tag im Restaurant. Ich ging
hinein und verlangte eine Flasche Lafitte. Niemals hatte ich so ohne
Imbiß Wein verlangt und eine Flasche solo ausgetrunken, und noch dazu
Lafitte. Ich wollte nur schnell das Geld loswerden. Besondere
Gewissensbisse habe ich weder damals noch später empfunden. Ein zweites
Mal würde ich's bestimmt nicht tun. Das können Sie mir nun glauben oder
nicht glauben, ganz wie es Ihnen beliebt, das interessiert mich nicht.
Nun, das wäre also meine Geschichte.«

»Nur ist das selbstverständlich nicht Ihre schlechteste Tat,« sagte
Darja Alexejewna angewidert.

»Das ist ein psychologischer Fall, aber keine Tat,« bemerkte Tozkij.

»Und das Mädchen?« fragte Nastassja Filippowna, ohne ihren Ekel zu
verbergen.

»Das Mädchen wurde am nächsten Tage fortgejagt. Es war ein strenges
Haus.«

»Und Sie ließen das zu?«

»Na, hören Sie mal! Das wäre doch schön, wenn ich dann noch hingegangen
wäre, um mich als Dieb vorzustellen?« Und Ferdyschtschenko lachte,
jedoch nicht allzu laut; denn er war doch etwas verdutzt über den so
auffallend unangenehmen Eindruck, den seine Erzählung auf alle
Anwesenden gemacht hatte.

»Wie schmutzig das ist!« rief Nastassja Filippowna aus.

»Bah! Sie wollen von einem Menschen seine gemeinste Handlung hören und
verlangen dabei eine glänzende Heldentat! Gemeine Handlungen sind immer
schmutzig, Nastassja Filippowna, das werden wir ja auch sogleich von
Iwan Petrowitsch Ptizyn hören. Und was erscheint nicht alles von außen
glänzend und tugendhaft, bloß weil es in eigener Equipage fährt! Als ob
wenige in eigenen Equipagen fahren! Wie aber diese ...«

Kurzum, Ferdyschtschenko hielt es doch nicht aus und wurde plötzlich so
wütend, daß er sich gänzlich vergaß. Selbst sein Gesicht verzerrte sich.
Wie sonderbar es auch klingen mag, aber es war doch sehr möglich, daß er
eine ganz andere Wirkung erwartet hatte. Solche »Fauxpas besonderer Art«
und diese »Prahlsucht schlechten Tones«, wie Tozkij es nannte, lagen
ganz in seinem Charakter.

Nastassja Filippowna war bei seinem geschmacklosen Ausfall
zusammengezuckt und sah ihn zornig mit durchbohrendem Blick an.
Ferdyschtschenko erschrak und verstummte sofort. Es überlief ihn kalt.
Er sah ein, daß er doch zu weit gegangen war.

»Sollte man das Spiel nicht lieber aufgeben?« fragte Tozkij scheinbar
harmlos.

»Die Reihe ist jetzt an mir, doch ich habe ja das Recht, nicht zu
erzählen, wenn ich nicht will, und so werde ich von diesem Recht
Gebrauch machen,« sagte Ptizyn entschlossen.

»Sie wollen nicht erzählen?«

»Ich kann nicht, Nastassja Filippowna. Und überdies halte ich ein
solches Gesellschaftsspiel für ganz unmöglich.«

»Exzellenz, dann ist jetzt die Reihe an Ihnen, glaube ich,« wandte sich
Nastassja Filippowna an diesen. »Wenn auch Sie nicht wollen, so wird
nichts daraus, dann werden auch die anderen nicht wollen. Das würde mir
aber leid tun; denn ich beabsichtigte, auch etwas aus meinem eigenen
Leben zu erzählen. Doch nur nach Ihnen und Afanassij Iwanowitsch. Sie
müssen mich erst noch dazu ermutigen,« schloß sie lächelnd.

»Oh, wenn auch Sie etwas zu erzählen versprechen, so bin ich bereit,
Ihnen mein ganzes Leben zu erzählen,« beteuerte der General mit galantem
Eifer. »Ich will aber gleich gestehen, daß ich mir meine Geschichte
bereits zurechtgelegt habe ...«

»Und schon aus der Miene Seiner Exzellenz kann man erraten, mit welch
hohem literarischem Verständnis diese Geschichte bearbeitet sein wird,«
wagte Ferdyschtschenko ironisch lächelnd zu bemerken.

Nastassja Filippowna blickte flüchtig auf den General, und auch sie
konnte nur mit Mühe ein Lächeln verbergen. Trotzdem sah man es ihr an,
daß ihre Stimmung sich bedeutend verschlechtert hatte. Tozkij wurde
bleich vor Schreck, als er von ihrer Absicht, gleichfalls etwas zu
erzählen, hörte.

»Es ist mir, meine Damen und Herren, im Laufe meines Lebens, wie jedem
Menschen, bisweilen passiert, daß ich etwas getan habe, was man nicht
gerade schön nennen kann,« hub der General seine Rede an. »Doch am
seltsamsten ist bei alledem, daß ich eine ganz gewöhnliche und ganz
kurze kleine Geschichte, die ich Ihnen sogleich erzählen werde, für die
häßlichste, für die schändlichste je von mir verübte Tat halte. Es sind
jetzt inzwischen fünfunddreißig Jahre darüber vergangen; doch
dessenungeachtet empfinde ich noch jedesmal, wenn ich daran denke, so
etwas wie ein nagendes Gefühl im Herzen. Die ganze Episode ist übrigens
nichtssagend. Ich war damals erst Fähnrich und hatte schweren Dienst.
Nun, man weiß ja, wie das ist: Fähnrich, heißes Blut, und der Beutel
namentlich für den Haushalt klein. Mein Bursche, Nikifor mit Namen, war
der treueste und ehrlichste Mensch: er sparte für mich, nähte, wusch,
säuberte, ja, er stibitzte sogar, wo er etwas erwischen konnte, nur um
unseren Besitz zu vermehren. Ich war natürlich streng, doch gerecht.
Einmal lagen wir in einer kleinen Stadt in Quartier. Mir wurde in der
Vorstadt bei einer alten Unteroffizierswitwe eine kleine Wohnung
angewiesen. Sie war ein altes Mütterchen von achtzig Jahren oder so um
die Achtzig herum. Ihr kleines Haus, natürlich nur ein Holzgebäude, war
alt und nichts mehr wert, und dort lebte sie in ihrer Armut ganz allein,
ohne Magd oder Aufwärterin. Sie hatte einst eine überaus zahlreiche
Familie gehabt und eine ganze Schar von Verwandten; doch mit der Zeit
waren die einen gestorben, die anderen in die Welt hinausgezogen, und
die übrigen hatten sie vergessen. Ihren Mann hatte sie aber schon vor
fünfundvierzig Jahren beerdigt. Ein paar Jahre lang hatte eine Nichte
bei ihr gelebt, eine verwachsene alte Jungfer; die soll aber, wie man
dort erzählte, eine richtige Hexe gewesen sein, ja einmal soll sie im
Streit die Alte sogar in den Finger gebissen haben. Aber auch die war
gestorben, und nun lebte die Alte schon seit drei Jahren wieder
mutterseelenallein in ihrem Häuschen. Gott, ich hatte es langweilig bei
ihr, und sie war auch solch ein leeres Frauenzimmer, nichts konnte man
aus ihr herausbringen. Schließlich stahl sie mir einen Hahn. Die Sache
hat sich bis heute noch nicht aufgeklärt, doch außer ihr hätte ihn
niemand stehlen können. Wegen dieses Hahnes gerieten wir in Streit, und
sogar in sehr heftigen. Und da wurde mir auch gerade -- ich hatte schon
früher darum gebeten -- ein anderes Quartier angewiesen, am
entgegengesetzten Ende des Städtchens, im Hause eines Kaufmanns. Dieser
hatte eine zahlreiche Familie und einen riesengroßen Bart -- ich sehe
ihn noch wie leibhaftig vor mir. Ich zog also ohne weiteres mit meinem
Nikifor hinüber -- beide waren wir guter Laune --, meine Alte aber
ließen wir höchst geärgert zurück. Es vergingen drei Tage, am dritten
kehre ich mittags aus dem Dienst zurück, da sagt mir mein Nikifor, er
wisse nicht, wie er mir eigentlich die Suppe auf den Tisch bringen
solle, und es wäre doch gar nicht nötig gewesen, unsere Terrine bei der
Alten zu lassen. Ich war natürlich ganz betroffen. >Wieso, weshalb ist
denn unsere Terrine bei der Alten geblieben?< Nikifor wundert sich über
mich und meldet gehorsamst, daß die Alte, als er meine Siebensachen
einpackte, die Terrine nicht herausgegeben habe, und zwar aus dem Grunde
nicht, weil ich ihren irdenen Topf zerschlagen und zum Ersatz für diesen
meine Suppenterrine angeboten hätte. Eine solche Niedertracht ihrerseits
brachte mich ganz aus dem Häuschen. Mein Fähnrichsblut brauste auf, ich
nahm meine Mütze und fort ging's. Bis ich bei ihr anlangte, hatte ich
mich glücklich in die größte Wut hineingeredet. Wie ich eintrete, sehe
ich, sie sitzt im Flur, in einer Ecke, wie vor der Sonne verkrochen und
stützt den Kopf in die Hand. Ich, wissen Sie, fange ohne weiteres mit
meinem Donnerwetter an und sage ihr so auf echt russisch die Wahrheit,
aber gründlich! Nur fällt mir plötzlich etwas auf: sonderbar, sie sitzt,
hat das Gesicht mir zugewandt, die Augen quellen hervor, sie spricht
aber kein Wort, sie sieht mich nur eigentümlich an, so, wissen Sie, ich
weiß selbst nicht wie, und der Oberkörper scheint zu schwanken. Ich --
was sollt' ich tun? -- ich verstumme schließlich, rufe sie beim Namen --
keine Antwort! Ich stand, stand: ich konnte mich zu nichts entschließen.
Die Fliegen summten, die Sonne ging unter, es war so still. Ganz
verwirrt ging ich schließlich fort. Noch bevor ich zu Hause ankam, holte
mich eine Ordonnanz ein, die mich zum Major rief, von dort mußte ich
mich noch zur Kompagnie begeben, so daß ich erst am Abend wieder
zurückkehrte. Das erste, was ich von Nikifor höre, ist: >Wissen Euer
Gnaden schon, daß unsere Alte gestorben ist?< -- >Wann das?< -- >Heute,
vor etwa anderthalb Stunden.< Das hieß aber, daß sie dann gestorben war,
als ich auf sie loswetterte. Glauben Sie mir, ich war so betroffen, daß
ich anfangs gar nicht recht zur Besinnung kommen konnte. Und wissen Sie,
der Gedanke an den Tod der Alten verfolgte mich geradezu, selbst in der
Nacht hat mir von ihr geträumt. Ich bin natürlich ganz vorurteilsfrei,
aber am dritten Tage ging ich doch in die Kirche zum Totenamt. Mit einem
Wort: je mehr Zeit drüber verging, um so öfter mußte ich daran
zurückdenken. Ich will nicht sagen, daß ... aber wenn man es sich
mitunter so vergegenwärtigt, kann einem wirklich unbehaglich zumute
werden. Die Hauptsache ist natürlich, wie ich mir die Sache nachher
selbst zurechtgelegt habe. Erstens, nun ja, es war eine alte Frau,
sozusagen eben ein menschliches Wesen. Sie hatte gelebt, lange gelebt,
bis sie dann endlich -- starb. Sie hatte einst einen Mann, Kinder, eine
Familie, Verwandte gehabt, um sie herum war, wie man sagt, volles Leben
gewesen, hier ein Kind, dort ein Kind, lachende Gesichter. Und plötzlich
-- ist alles weg, wie vom Winde fortgeblasen, sie ist allein wie ...
irgendeine Fliege, die den Fluch der Zeit trägt. Und schließlich, eines
schönen Tages ruft Gott der Herr sie zu sich. Bei Sonnenuntergang, an
einem schönen stillen Sommerabend schwebt meine Alte zu ihm empor. Doch
hier beginnt nun das erzieherische Prinzip: in dem Augenblick, in dem
sie ihren Geist aufgibt, steht anstatt eines mitleidigen Menschen, der
ihr eine Träne nachweint, ein junger grüner Fähnrich mit in die Seite
gestemmten Armen vor ihr und begleitet ihr Hinscheiden mit den
charakteristischsten russischen Schimpfwörtern, weil -- weil sie seine
Suppenterrine behalten hat! Natürlich bin ich als der Schuldige zu
verurteilen! Aber wenn ich auch jetzt nach so langen Jahren und infolge
der Veränderung, die seitdem mit mir vorgegangen ist, diese ganze Tat
gewissermaßen als von einem fremden Menschen begangen betrachte, so reut
sie mich doch nichtsdestoweniger tief ... So tief, daß es mir sogar, ich
wiederhole es, selbst seltsam erscheint, um so mehr als die Schuld doch
schließlich nicht mich allein trifft: weshalb mußte sie denn
ausgerechnet diesen Augenblick zum Sterben wählen? Selbstverständlich
ist hier eine Rechtfertigung möglich: die Tat ist doch in ihrer Art
psychologisch zu verstehen! Doch trotzdem konnte ich mich nicht eher
darüber beruhigen, als bis ich -- vor etwa fünfzehn Jahren -- auf den
Gedanken kam, in einem Armenhause zeit meines Lebens für zwei alte
kranke Frauen den Unterhalt zu zahlen, um ihnen auf diese Weise ihre
letzten Tage hier auf Erden etwas zu erleichtern. Jetzt beabsichtige
ich, diesem Armenhause ein Kapital zu vermachen, dessen jährliche Zinsen
auch weiterhin zum Unterhalt zweier Frauen ausreichen. Nun, und das wäre
alles. Wie gesagt, vielleicht habe ich in meinem Leben noch sehr viel
Schlechtes getan, doch halte ich -- auf Ehrenwort! -- diese Handlung für
die schlechteste von allen, die ich auf dem Gewissen habe.«

»Und doch haben Euer Exzellenz statt der schlechtesten wahrscheinlich
die beste erzählt und somit Ferdyschtschenko betrogen!« sagte
Ferdyschtschenko scheinbar ärgerlich.

»In der Tat, ich hätte nicht gedacht, daß Sie ein so gutes Herz haben;
wirklich schade,« sagte Nastassja Filippowna.

»Schade? Weshalb denn das?« fragte der General mit liebenswürdigem
Lachen im Gesicht und trank darauf nicht ohne Selbstzufriedenheit einen
Schluck Champagner. Doch Nastassja Filippowna hatte sich schon von ihm
abgewandt.

Jetzt kam die Reihe an Tozkij, der sich inzwischen gleichfalls seine
Erzählung zurechtgelegt hatte. Alle fühlten bereits, daß er nicht wie
Ptizyn Schweigen vorziehen würde, und aus gewissen Gründen sah man
seiner Erzählung nicht ohne Spannung entgegen, während man gleichzeitig
auch zu Nastassja Filippowna hinüberblickte. Und so begann denn Tozkij
mit der gewohnten Selbstachtung, die seinem gepflegten Äußern vollkommen
entsprach, und mit seiner nicht lauten, liebenswürdigen Stimme eine
seiner beliebten Geschichten. Bei der Gelegenheit sei hier noch etwas
über seine äußere Erscheinung gesagt: er war groß von Wuchs, ganz
stattlich, kann man sagen, war ein wenig kahlköpfig, auch ein wenig grau
schon -- aber nur ein wenig --, ziemlich wohlgenährt, mit frischer
Gesichtsfarbe, weichen, etwas hängenden Wangen und mit falschen Zähnen.
Gekleidet war er stets sehr elegant, und namentlich seine Wäsche war von
wunderbarer Feinheit. Seine Hände waren weiß und wohlgepflegt. Auf dem
Zeigefinger der rechten Hand trug er einen kostbaren Brillantring.

Nastassja Filippowna betrachtete während der ganzen Zeit seiner
Erzählung unverwandt das Spitzenmuster an ihrem rechten Ärmel, indem sie
mit den Fingern der linken Hand die Spitze glatt strich und kein
einziges Mal zu dem Erzähler aufschaute.

»Was mir meine Aufgabe vor allem sehr erleichtert,« begann er langsam,
»ist die strikte Vorschrift, unbedingt die häßlichste Tat meines ganzen
Lebens wiederzugeben. In solchem Fall kann es, versteht sich, kein
Schwanken geben: das Gewissen, das Gedächtnis und das Herz sagen einem
von selbst das einzig Richtige. Ich muß zu meinen Kummer gestehen, daß
es unter den vielleicht zahllosen leichtsinnigen und ... leichtfertigen
Handlungen meines Lebens eine gibt, deren Eindruck sich vielleicht sogar
etwas allzu tief meinem Gedächtnisse eingeprägt hat. Es wird nun wohl so
an die zwanzig Jahre her sein, als ich einmal zu Platon Ordynzeff fuhr,
um ihn auf seinem Gut zu besuchen. Er war kurz zuvor einstimmig zum
Adelsmarschall erwählt worden, worauf er sich mit seiner jungen Frau für
einige Zeit auf sein Gut zurückzog, um daselbst die Weihnachtsfeiertage
zu verbringen. In diese Zeit fiel nun auch das Geburtstagsfest Anfissa
Alexejewnas -- so hieß seine Frau -- und es sollten zwei Bälle gegeben
werden. Damals war gerade >_La dame aux camélias_<{[12]} in der höheren
Gesellschaft sehr _en vogue_,{[13]} dieses wundervolle Werk des
ausgezeichneten Dumas _fils_,{[14]} sein _chef-d'oeuvre_,{[15]} das
meiner Ansicht nach nie unmodern werden wird. In der Provinz waren alle
Damen ganz begeistert für die _Dame aux camélias_, oder wenn auch,
versteht sich, nicht alle, so doch wenigstens diejenigen, die das Drama
gelesen hatten. Der abgerundete Stil der Sprache, die originelle
Darstellung der Hauptperson, dieses ganze interessante Milieu, das mit
unsäglicher Feinheit wiedergegeben ist, alle diese berückenden
Einzelheiten, die man auf jeder Seite findet -- wie zum Beispiel die
Begründung, weshalb sie abwechselnd weiße und rosa Kamelien wählt --
kurz, alle diese glänzenden Details und der Zusammenhang des Ganzen
hatten einen nahezu erschütternden Eindruck auf die Damenwelt gemacht,
und Kamelien waren die beliebtesten und gesuchtesten Blumen. Es war
modern, nur Kamelien zu tragen. Nun frage ich Sie: wieviel Kamelien
lassen sich wohl in der Provinz auftreiben, wenn alle Damen zu Bällen
nichts anderes wünschen, als Kamelien und Kamelien, selbst wenn es auch
nur wenige Bälle gibt? Petjä Worchowskoj, der Arme, hatte sich gerade
sterblich in Anfissa Alexejewna verliebt. Wirklich, ich weiß es nicht,
ob zwischen ihnen irgend etwas ... das heißt, ich will nur sagen, daß
ich nicht weiß, ob Petjä sich auch nur die geringsten ernsteren
Hoffnungen machen durfte. Doch wie dem auch war, jedenfalls wollte sich
der Arme schier zerreißen, um seiner Angebeteten zum Ball Kamelien zu
verschaffen. Die Gräfin Ssozkaja, die aus Petersburg eingetroffen war
und als Gast bei der Gouverneurin weilte, sowie Ssofja Bespalowa würden,
wie verlautete, unfehlbar mit weißen Kamelien erscheinen. Deshalb
wünschte nun Anfissa Alexejewna, um abzustechen, dunkelrote Kamelien.
Der arme Platon wurde fast zu Tode gehetzt; versteht sich -- er war
Gatte. Er schwört unter allen Eiden, er werde ihr den gewünschten Strauß
bestimmt verschaffen, doch was geschieht? Katherina Alexandrowna
Mytischtschewa, die größte Konkurrentin und Feindin Anfissa Alexejewnas,
kauft kurz vorher alle Blumen auf! Die Folge waren Weinkrämpfe und
Ohnmachtsanfälle im Hause meines Platon. Er ist an allem schuld, ist
verhaßt und verfemt! Versteht sich: hätte mein Petjä irgendwo einen
Strauß auftreiben können, so wären seine Aussichten bedeutend gestiegen.
Die Dankbarkeit einer Frau ist ja in solchen Fällen grenzenlos. Er jagt
wie gehetzt von einem zum anderen, aber es war nichts zu wollen:
Kamelien gab es nicht mehr. Da begegne ich ihm zufällig noch um elf Uhr
abends -- der Ball bei Maria Petrowna Subkowa, einer Gutsnachbarin
Ordynzeffs, sollte am nächsten Tage stattfinden -- und was sehe ich:
mein Petjä strahlt! -- >Was ist denn los?< frage ich. -- >Heureka! Ich
habe Kamelien gefunden!< -- >Was du sagst! Wo?< -- >In Jekschaisk (es
war dort solch ein Städtchen, kaum zwanzig Werst entfernt, doch gehörte
es nicht zu unserem Kreise) lebt ein gewisser Kaufmann Trepaloff, ein
alter bärtiger, schwerreicher Mann, lebt ganz einsam mit seiner alten
Frau, und da sie keine Kinder haben, haben sie sich Kanarienvögel und
Blumen angelegt: der hat rote Kamelien.< -- >Aber deshalb hast du sie
doch noch nicht! Wenn er sie dir nun nicht geben will?< -- >Dann werde
ich vor ihm niederknien,< sagt Petjä, >und so lange knien, bis er sie
mir gibt. Fahre einfach nicht früher fort.< -- >Wann fährst du hin?< --
>Morgen in aller Frühe um fünf Uhr.< -- >Nun, dann glückliche Reise.<
Und ich freute mich noch für ihn. Darauf kehre ich zu Ordynzeffs zurück;
es ist mittlerweile schon zwei Uhr geworden, ich bin gerade im Begriff,
zu Bett zu gehen, da plötzlich -- ein großartiger Gedanke! Ich begebe
mich unverzüglich nach der Küche, von dort in die Kutscherstube, wecke
den Ssawelj -- >Hier sind fünfzehn Rubel, in einer halben Stunde mußt du
die Pferde angeschirrt haben!< Nach einer halben Stunde fährt also der
Schlitten vor. Anfissa Alexejewna, höre ich, hat Migräne, Fieber,
Schmerzen, deliriert! Ich fahre wie der Wind. Um fünf Uhr bin ich in
Jekschaisk, warte im Gasthof, bis es tagt, aber auch nur so lange: um
sieben bin ich bei Trepaloff. >So und so -- haben Sie Kamelien?< frage
ich, >Väterchen, dann helfen Sie, retten Sie, werde Ihnen die Hände
küssen!< Der Alte, sehe ich, ist groß, grau, strenges Gesicht --
unerbittlich! >Nein, auf keinen Fall,< sagt er, >ich tue es nicht.< Ich,
plumps, falle vor ihm auf die Knie nieder. So wie ich stand, ohne
weiteres. >Was tun Sie, was tun Sie?< rief er ganz erschrocken aus, >das
geht doch nicht!< -- >Aber es handelt sich doch um ein Menschenleben!<
rufe ich. -- >Aber so nehmen Sie sie, nehmen Sie sie in Gottes Namen!<
Er war tatsächlich ganz erschrocken. Ich ließ es mir nicht zweimal sagen
und schnitt mir alle Blüten ab. Wundervoll waren sie, eine ganze kleine
Orangerie besaß er. Der Alte seufzte nur so. Da zog ich mein
Portefeuille hervor und überreichte ihm einen Hundertrubelschein. >Nein,
mein Bester, das geht nicht, Sie wollen mich doch damit nicht kränken,<
sagte er. >Nun, dann bitte ich Sie, diese hundert Rubel dem hiesigen
Hospital zur Verbesserung der Kost zu übergeben.< -- >Ja das, Väterchen,
ist eine andere Sache,< sagte er, >das ist eine gute und edle und Gott
wohlgefällige Tat. Ich werde das Geld in Ihrem Namen übergeben.< Er
gefiel mir sehr, dieser russische alte Mann, dieser autochthone Russe,
_de la vraie souche_,{[16]} wie man zu sagen pflegt. In der Freude über
den gelungenen Streich machte ich mich unverzüglich auf den Rückweg,
doch fuhren wir diesmal auf Umwegen, um Petjä nicht zu begegnen. Kaum
war ich angelangt, da übersandte ich das Bukett auch schon Anfissa
Alexejewna, damit sie es beim Erwachen vorfände. Nun, Sie können sich
diese Überraschung, diese Freude, diese Dankbarkeit vorstellen! Platon,
der tags zuvor noch ganz zerschlagene, verzweifelte, vernichtete Platon
schluchzt an meiner Brust: Tja! So sind nun einmal alle Männer seit der
Schöpfung ... der Ehe. Ich wage nichts mehr hinzuzufügen ... Der arme
Petjä aber verlor nach dieser Episode seine letzten Aussichten. Ich
befürchtete anfangs, daß er sich mit einem Messer auf mich stürzen
würde, und ich traf bereits einige Maßregeln für den Fall, daß ich ihm
begegnen sollte. Doch nein, es kam ganz anders -- und diese Wendung der
Dinge hatte ich nicht vorausgesehen und ich wollte es kaum glauben: er
fiel in Ohnmacht! Am Abend phantasierte er bereits, am nächsten Morgen
hatte er hohes Fieber, weinte wie ein kleines Kind, wand sich fast in
Krämpfen. Nach einem Monat, kaum aus dem Bett, bat er um seine
Versetzung nach dem Kaukasus -- und die Sache endete damit, daß er
schließlich in der Krim fiel. Sein Bruder, Stepan Worchowskoj, zeichnete
sich damals im Krimkriege als Oberst ganz besonders aus. Offen
gestanden, mich haben nachher oft genug Gewissensbisse gemartert:
weshalb hatte ich ihm das angetan? Ich will nicht sagen, wenn ich selbst
in sie verliebt gewesen wäre, aber so! Es sollte nur ein Scherz sein,
_pour faire la cour_,{[17]} und weiter nichts. Hätte ich dagegen nicht
vor ihm die Kamelien dem Alten fortgenommen, so würde der Mensch noch
heute leben, wäre glücklich, hätte es weit gebracht, und es wäre ihm nie
in den Sinn gekommen, sich türkischen Kugeln auszusetzen.«

Tozkij verstummte mit derselben soliden Würde, mit der er seine
Erzählung begonnen hatte. Die Gäste bemerkten nur, daß Nastassja
Filippownas Augen ganz besonders dunkel wurden und blitzten, und ihre
Lippen sogar ein wenig zuckten, als Tozkij geendet hatte. Neugierig
blickte man sie beide an.

»Nein, das ist wiederum Betrug! Sie haben gleichfalls Ferdyschtschenko
betrogen! Ganz mordsmäßig haben Sie mich betrogen!« beteuerte
Ferdyschtschenko und spielte den Gekränkten; denn er fühlte, daß man
doch etwas sagen mußte.

»Wer hat Sie geplagt, sich dem auszusetzen? Behalten Sie jetzt die
Lehre, die Ihnen Klügere erteilt haben, und seien Sie ein anderes Mal
selbst klüger,« schnitt ihm fast triumphierend Darja Alexejewna das Wort
ab. Sie hielt von jeher treu zu Tozkij, dem sie sehr zugetan war.

»Sie hatten recht, Afanassij Iwanowitsch, das Spiel ist sehr langweilig,
wir wollen es abbrechen,« sagte Nastassja Filippowna in wegwerfendem
Tone. »Ich werde nur noch erzählen, was ich versprochen habe, und dann
können wir gehen und Karten spielen ...«

»Aber zuerst unbedingt das Versprochene!« sagte der General galant.

»Fürst,« wandte sich plötzlich und ganz unerwartet Nastassja Filippowna
schroff an Myschkin, »meine beiden alten Freunde da, der General und
Afanassij Iwanowitsch, wollen mich durchaus verheiraten. Sagen Sie mir
nun, was Sie für richtiger halten: soll ich heiraten oder soll ich nicht
heiraten? Was Sie sagen, das werde ich tun.«

Tozkij erbleichte und die Miene des Generals erstarrte. Alle rissen die
Augen auf und hoben die Köpfe. Ganjä wurde es eiskalt.

»Wen ... wen heiraten?« fragte der Fürst mit stockender Stimme.

»Gawrila Ardalionytsch Iwolgin,« antwortete Nastassja Filippowna schroff
und fest -- jede Silbe war deutlich zu vernehmen.

Alles schwieg. Der Fürst schien wie unter einer erdrückenden Last nach
Worten zu ringen.

»N--nein! ... heiraten Sie nicht!« stieß er endlich mit Mühe leise
hervor, und er atmete tief.

»Schön, dabei bleibt es jetzt! Gawrila Ardalionytsch!« wandte sie sich
herrisch und gleichsam erhaben an Ganjä. »Sie haben die Entscheidung des
Fürsten gehört? Nun, damit haben Sie auch meine Antwort. Und, bitte,
jetzt die Angelegenheit ein für allemal als abgetan zu betrachten!«

»Nastassja Filippowna!« stieß Tozkij mit zitternder Stimme hervor.

»Nastassja Filippowna!« sagte in beschwörendem, doch erregtem Tone der
General.

Alles geriet in Aufregung und eine unruhige Bewegung ging durch die
ganze Gesellschaft.

»Aber was wollen Sie denn, meine Herrschaften?« wunderte sie sich
gleichsam, mit fragendem Blick die Anwesenden messend. »Weshalb regen
Sie sich denn so auf? Und was für Gesichter Sie machen!«

»Aber ... bedenken Sie doch, Nastassja Filippowna,« stotterte Tozkij,
»Sie vergessen, daß Sie uns versprochen haben ... und zwar ganz
freiwillig, und ... Sie müssen doch auch etwas Rücksicht nehmen ... Ich
... ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll ... ich bin ganz
verwirrt, aber ... Kurzum, heute abend, in einem solchen Augenblick und
... und in Gegenwart fremder Menschen ... und mit einem solchen
_Petit-jeu_ eine so ernste Sache zu erledigen, eine Ehren- und
Herzenssache ... von der so viel abhängt ...«

»Ich verstehe Sie nicht, Afanassij Iwanowitsch, Sie scheinen allerdings
ganz verwirrt zu sein. Was wollen Sie damit sagen >in Gegenwart fremder
Menschen_Petit-jeu_< auszusetzen? Ich wollte doch
gleichfalls etwas zum besten geben -- ist es mir denn nicht erlaubt? Und
warum sagen Sie, daß es nicht ernst sei? Ist denn das kein Ernst? Sie
haben doch gehört, wie ich zum Fürsten sagte: >Was Sie sagen, das werde
ich tun<. Hätte er ja gesagt, so würde ich sofort dieselbe Antwort auch
Gawrila Ardalionytsch gegeben haben; er aber sagte nein, und folglich
sagte ich ab. Ist denn das kein Ernst? Hier hing doch mein ganzes Leben
an einem Haar, was kann es denn noch Ernsteres geben?«

»Aber der Fürst! -- was hat denn der Fürst damit zu tun? Und was ist
denn schließlich dieser Fürst?« fiel der General ärgerlich ein, fast
schon außerstande, seinen Unwillen über diese ihn kränkende plötzliche
Autorität des Fürsten zu verbergen.

»Der Fürst? Er ist der erste mir wirklich zugetane Mensch, dem ich in
meinem Leben begegnet bin. Er hat auf den ersten Blick an mich geglaubt,
und so glaube ich auch an ihn.«

»Ich habe dann nur noch Nastassja Filippowna meinen Dank auszusprechen,
für das außerordentliche Zartgefühl, mit dem sie ... mich behandelt
hat,« sagte endlich mit unsicherer Stimme und verzerrt lächelnden Lippen
Ganjä, der wächsern bleich war. »Das hat selbstverständlich alles so
kommen müssen, es ist ja nicht mehr wie recht und billig ... Doch ...
der Fürst ... ist in dieser Angelegenheit ...«

»Nicht ganz unparteiisch und hat es wohl auf die Fünfundsiebzigtausend
abgesehen, wie?« unterbrach ihn Nastassja Filippowna. »Das war's doch
wohl, was Sie sagen wollten? Leugnen Sie es nicht, ich weiß, daß Sie
gerade das anzudeuten beabsichtigen, Afanassij Iwanowitsch! Ich habe
ganz vergessen, Ihnen noch eines zu sagen: diese fünfundsiebzigtausend
Rubel behalten Sie in aller Ruhe und vernehmen Sie, daß ich Sie
unentgeltlich freigebe. So, und jetzt Schluß damit! Auch Sie muß man
doch einmal aufatmen lassen! Neun Jahre und drei Monate! Morgen --
beginnt mein neues Leben, heute aber bin ich noch das Geburtstagskind
und gehöre mir selbst -- zum erstenmal in meinem Leben! Iwan
Fedorowitsch!« wandte sie sich an den General, »auch Sie, nehmen Sie
Ihre Perlen zurück, schenken Sie sie Ihrer Frau Gemahlin. Und morgen
ziehe ich aus, ich verlasse diese Wohnung. Abendversammlungen wird es
nicht mehr bei mir geben, meine Herren!«

Und sie erhob sich plötzlich, als wollte sie fortgehen.

»Nastassja Filippowna! Nastassja Filippowna!« ertönte es von allen
Seiten.

Alle erhoben sich von ihren Plätzen und umdrängten sie erschrocken durch
ihre erregten, nervösen, wie im Fieber wirr phantasierten Worte. Ein
jeder empfand, daß etwas nicht ganz in Ordnung war, und doch vermochte
niemand zu verstehen, was diese ihre Stimmung zu bedeuten hatte.

Da ertönte plötzlich schrill und laut die Glocke im Vorzimmer. Es mußte
mit aller Kraft am Klingelzuge gezogen worden sein.

»A--a--ah! Da ist die Lösung! Endlich! Halb zwölf!« rief Nastassja
Filippowna. »Ich bitte Sie, Platz zu nehmen, meine Herren, jetzt kommt
die Lösung!«

Sie kehrte zu ihrem Platz zurück und setzte sich selbst als erste. Ein
eigentümliches Lächeln zitterte auf ihren Lippen. In fieberhafter
Erregung saß sie regungslos und sah auf den zugezogenen Vorhang der Tür.

»Rogoshin mit den Hunderttausend, zweifellos,« brummte Ptizyn.


                                  XV.

Ganz erschrocken trat die Zofe ins Zimmer.

»Dort sind weiß Gott wer, Nastassja Filippowna, eine ganze Bande ist
eingedrungen, und alle sind betrunken, und sie wollen hierher kommen!
Sie sagen, es sei Rogoshin, und Sie wüßten schon selbst ...«

»Ich weiß, Katjä, laß sie sogleich alle herein.«

»Aber ... wie, alle, Nastassja Filippowna? Sie sind doch so unanständig!
Ganz schrecklich!«

»Ja, laß alle herein, Katjä, du brauchst dich nicht zu fürchten, alle
ohne Ausnahme, sonst werden sie auch ohne dich eintreten. Da, wie sie
schon lärmen, ganz wie vorhin! Meine Herren, wird es Sie nicht kränken,
daß ich diese ganze Schar in Ihrer Gegenwart empfange? Das täte mir sehr
leid. Ich bitte Sie um Entschuldigung, aber es muß sein, und ich würde
es sehr gern sehen, wenn Sie einwilligten, Zeugen dieses entscheidenden
Augenblicks zu sein ... Doch übrigens, ganz wie Sie wollen ...«

Die Gäste wußten vor Überraschung nicht, was sie tun sollten: sie sahen
sich gegenseitig fragend an, wunderten sich, hier und da wurden wohl
auch schnell und besorgt ein paar Worte geflüstert, -- doch klar war nur
eines: daß Nastassja Filippowna diesen Besuch vorausgesehen hatte, und
daß, von Sinnen wie sie war, niemand sie mehr von der Ausführung ihres
Vorhabens ablenken konnte. Hinzu kam, daß alle von unsäglicher Neugier
erfaßt wurden. Und schließlich war ja nicht viel zu befürchten. Von
Damen befanden sich nur zwei unter den Gästen: die lebhafte Darja
Alexejewna, die als Schauspielerin schon so manches erlebt hatte und
deshalb auch schwer einzuschüchtern war; und dann die schöne, doch
schweigsame Unbekannte -- diese begriff jedoch kaum etwas von dem, was
um sie herum vorging: sie war eine zugereiste Deutsche und verstand kein
Wort Russisch. Außerdem war sie allem Anscheine nach ebenso dumm wie
hübsch. Es war nun einmal zur Gewohnheit geworden, sie als
Dekorationsstück einzuladen. Was aber die Herren betraf, so war Ptizyn
z. B. ein guter Bekannter von Rogoshin, und Ferdyschtschenko gar, der
fühlte sich in dieser Gesellschaft wie ein Fisch im Wasser. Ganetschka
war immer noch wie betäubt, empfand aber, wenn auch halb unbewußt, so
doch um so unbezwingbarer das heiße Verlangen, bis zum Ende an seinem
Pranger stehen zu bleiben. Der alte Lehrer, der ebenfalls begriff, um
was es sich handelte, war dem Weinen nahe und zitterte buchstäblich vor
Angst, da ihn die allgemeine Erregung und der ungewohnte Zustand
Nastassja Filippownas, die er wie seine Enkeltochter vergötterte,
aufrichtig erschreckte. Nein, der wäre eher gestorben, als daß er sie in
einem solchen Augenblick verlassen hätte. Tozkij dagegen hätte sich
sonst nie und nimmer so kompromittiert, daß er mit dieser »Kohorte«
unter einem Dach verweilte, nur war er leider gar zu sehr bei der Sache
interessiert: Nastassja Filippowna hatte da einige Worte fallen lassen,
nach denen er unmöglich so einfach wegfahren konnte, ohne sich vorher in
der ganzen Sache Klarheit verschafft zu haben. Er beschloß also,
gleichfalls bis zum Ende auszuharren, wenn auch, wie er sich vornahm,
nur als völlig stummer Beobachter, was er der Wahrung seiner Würde
durchaus schuldig zu sein glaubte. Nur Jepantschin, den Nastassja
Filippowna noch vor einem Augenblick durch die so unzeremonielle und
lächerliche Rückgabe seines Geschenks beleidigt hatte, fühlte sich durch
diese neue Exzentrizität, den Empfang Rogoshins, gar zu sehr gekränkt.
Überdies hatte er sich für sein Empfinden ja ohnehin schon dadurch
unglaublich erniedrigt, daß er neben einem Ptizyn und einem
Ferdyschtschenko gesessen. Doch was die Macht der Leidenschaft
verschuldet hatte, das mußte jetzt schleunigst das Pflichtgefühl, wollte
er sich seines Ranges und seiner gesellschaftlichen Stellung nicht
unwürdig zeigen, gutmachen; denn sonst hätte er seine ganze
Selbstachtung eingebüßt. Nein, Rogoshin und dessen Kohorte waren mit der
Anwesenheit Seiner Exzellenz unvereinbar!

»Ach, Exzellenz,« besann sich auch sogleich Nastassja Filippowna, kaum
daß er einen Schritt auf sie zugetreten war, »verzeihen Sie meine
Vergeßlichkeit! Sie können mir glauben, daß ich es nicht anders erwartet
habe. Wenn es Ihnen so entwürdigend erscheint, so werde ich Sie nicht
zurückhalten, obschon ich gerade Sie jetzt sehr gern bei mir sehen
würde. Nun, jedenfalls danke ich Ihnen sehr für Ihre freundlichen
Besuche und die schmeichelhafte Aufmerksamkeit ... doch wenn Sie
fürchten ...«

»Erlauben Sie, Nastassja Filippowna,« unterbrach sie der General mit
galanten Eifer in einem Anfall ritterlicher Großmut, »zu wem sagen Sie
das? Ich werde jetzt unbedingt bei Ihnen bleiben, schon allein zum
Beweis meiner Ergebenheit, und zudem, falls Ihnen eine Gefahr drohen
sollte ... Ich bin sogar außerordentlich gespannt ... Im Gegenteil, ich
meinte nur, ich wollte Sie nur darauf aufmerksam machen, daß diese Leute
doch nur die Teppiche ruinieren und dies oder jenes zerschlagen könnten
... Wirklich, Nastassja Filippowna, tun Sie es lieber nicht, empfangen
Sie sie lieber nicht -- ich rate Ihnen gut! Wozu auch?«

»Da! Rogoshin selbst!« rief Ferdyschtschenko.

»Was meinen Sie, Afanassij Iwanowitsch,« flüsterte der General noch
schnell seinem Freunde Tozkij zu, »sollte sie nicht irrsinnig geworden
sein? ich meine es ohne jede Symbolik -- ganz realiter irrsinnig? was
meinen Sie?«

»Ich habe Ihnen doch gesagt, daß sie von jeher dazu disponiert gewesen
ist,« flüsterte Tozkij ironisch zurück.

»Und jetzt noch die Influenza ...«

Rogoshins Rotte bestand fast aus denselben zweifelhaften Individuen, mit
denen er schon bei Ganjä eingedrungen war. Hinzugekommen waren nur noch
zwei: ein heruntergekommener Alter, der seinerzeit Redakteur gewesen war
-- Herausgeber irgendeines kleinen skandalösen Lokalblattes, das
ausschließlich polemische Artikel brachte -- und von dem man sich
erzählte, daß er seine ganze Habe und sogar sein falsches Gebiß
vertrunken habe; und dann noch irgendein verabschiedeter Unterleutnant,
der in jeder Beziehung, sowohl dem Gewerbe, wie der Bestimmung nach, ein
Gegner und Konkurrent des Riesen mit den Fäusten zu sein schien, und den
kein einziger der Rogoshinschen Rotte kannte. Er hatte sich ihnen auf
dem Newskij angeschlossen, wo er täglich auf der Sonnenseite die
Vorübergehenden in hochtrabenden Reden um eine »Unterstützung« anging,
und zwar gewöhnlich mit der Begründung, daß er einst selbst Bettlern »an
die fünfzehn Rubel« gegeben habe. Beide Konkurrenten verhielten sich
sofort feindlich zueinander, ja, der Herr mit den Fäusten fühlte sich
durch die Aufnahme des »Bettlers« in die »Kompagnie« direkt beleidigt,
und da er von Geburt schweigsam war, brummte er nur wie ein Bär und
blickte mit tiefster Verachtung auf die Einschmeichelungsversuche des
andern herab, der ziemlich weltgewandt und diplomatisch veranlagt zu
sein schien. Dem Äußern nach zu urteilen, hätte der Unterleutnant, wenn
es zu einem Kampf zwischen ihnen gekommen wäre, es mehr mit Gewandtheit
und Geschick als mit Kraft versuchen müssen, so viel kleiner als der
Faustmensch war er von Wuchs. Vorsichtig, ohne sich in offenen Streit
einzulassen, und dabei doch unendlich selbstbewußt, hatte er schon ein
paarmal die Vorzüge des englischen Faustkampfes angedeutet, und daß er
selbst ein Meister in der »Boxkunst« sei. Kurzum, er schien sich als
waschechten Westeuropäer aufspielen zu wollen. Der Faustmensch dagegen
hatte bei dem Worte »Boxkunst« nur ein verächtliches Lächeln für den
Gegner übrig gehabt und seinerseits, gleichfalls offenen Widerspruch
vermeidend, schweigend und halb wie aus Versehen ein äußerst nationales
Attribut -- eine riesige, sehnige, förmlich verknotete und mit rötlichem
Flaum bedeckte Faust -- hin und wieder vorgeschoben. Allen ward es denn
auch ohne weiteres klar, daß, wenn diese ultranationale Keule gutgezielt
auf einen Gegenstand herabsauste, nur noch ein nasser Fleck von diesem
übrigbleiben würde.

»Fertige«, in des Wortes buchstäblicher Bedeutung, gab es wiederum
keinen einzigen unter ihnen; denn Rogoshin hatte selbst die ganze Zeit
über streng darauf achtgegeben, daß sie sich nicht betranken. Mußte er
doch, was es auch kosten mochte, noch vor Mitternacht mit hunderttausend
Rubeln bei Nastassja Filippowna erscheinen! Er selbst war inzwischen
vollkommen nüchtern geworden, doch dafür war er jetzt wie betäubt von
all den Aufregungen dieses Tages, dem an Wildheit kein einziger seines
früheren Lebens gleichkam. Nur ein einziger Gedanke lebte in seinem
glühenden Hirn, seinem klopfenden Herzen, seinem ganzen rasenden Wesen,
und der verließ ihn keine Minute, keinen Augenblick. Nur für dieses
_eine_ quälte er sich, sprach, dachte, arbeitete er rastlos von fünf Uhr
nachmittags bis elf Uhr nachts in verzehrendem Verlangen und zitternder
Aufregung, während er mit Biskup und Konsorten, die sich im Eifer für
ihn fast zerrissen, das Geld zusammenscharrte. Und er hatte seinen
Willen durchgesetzt: noch vor elf Uhr nachts hatte er hunderttausend
Rubel in barem Gelde aufgetrieben -- für Prozente, von deren Höhe selbst
Biskup aus Schamgefühl nur flüsternd mit seinen Genossen sprach.

Wieder war es Rogoshin, der als erster eintrat, und dem sich dann die
anderen nachschoben, was sie trotz des vollen Bewußtseins ihrer Macht
doch etwas schüchtern taten. Am meisten fürchteten sie sich vor
Nastassja Filippowna. Viele waren sogar fest überzeugt, daß sie allesamt
die Treppe hinunterbefördert werden würden. Dieser Meinung war unter
anderen auch der Stutzer und Herzensbesieger Saljosheff. Die anderen
jedoch, und zu denen gehörte vor allen der Faustmensch, empfanden, wenn
sie es auch nicht in ihren Worten äußerten, in ihrem Herzen nur tiefste
Verachtung und sogar Haß für Nastassja Filippowna und gingen zu ihr, wie
man zu einem Werk der Zerstörung zieht. Doch siehe, die kostbare
Ausstattung der ersten zwei Zimmer, die vielen nie gesehenen, ihnen ganz
märchenhaft erscheinenden Dinge, die Gemälde an den Wänden, die
Portieren, die weiße Mamorstatue der Venus von Milo -- alles das machte
einen niederdrückenden Eindruck auf die Schar und flößte ihnen beinahe
Furcht ein. Aber das hinderte sie natürlich nicht, sich allmählich immer
weiterzuschieben und trotz aller Furchtsamkeit mit frecher Neugier sich
hinter Rogoshin auch in den Salon hineinzudrängen. Als sie jedoch
plötzlich unter den Gästen den General erblickten, durchfuhr sie
wiederum ein unbehagliches Gefühl, und einige von ihnen, voran der
Faustmensch und der Boxkünstler, begannen eingeschüchtert ins andere
Zimmer zurückzudrängen. Nur Lebedeff, der am meisten seiner Stimmung
»nachgeholfen« hatte, hielt sich dicht neben Rogoshin; denn er wußte,
was es heißt, ein Kapital von einer Million vierhunderttausend Rubeln zu
besitzen und hunderttausend bar in der Hand zu halten. Übrigens waren
sie alle -- selbst der Kenner Lebedeff nicht ausgeschlossen -- etwas
unsicher in der Beurteilung ihrer Macht: und ob ihnen denn jetzt auch
wirklich alles oder nur manches erlaubt war? Lebedeff war in manchem
Augenblick zum heiligsten Schwur bereit, daß ihnen alles, entschieden
alles erlaubt sei; doch empfand er in anderen Augenblicken wiederum das
beunruhigende Bedürfnis, sich auf alle Fälle einzelne vornehmlich
beruhigende Paragraphen des Zivilgesetzes zu vergegenwärtigen.

Auf Rogoshin selbst machte die kostbare Einrichtung der Wohnung
Nastassja Filippownas einen ganz anderen Eindruck als auf seine
Begleiter: sie bewirkte bei ihm gerade das Gegenteil. Kaum hatte er die
Portieren zurückgeschlagen und Nastassja Filippowna erblickt, als alles
andere für ihn zu existieren aufhörte, ganz wie auch schon vorher in der
Wohnung Ganjäs, nur daß es diesmal noch erschütternder geschah. Er
erbleichte und blieb stehen, und man erriet, daß sein Herz unerträglich
schlug. Scheu und wie geistesabwesend sah er Nastassja Filippowna ein
paar Sekunden lang an, ohne den Blick von ihr loszureißen. Plötzlich --
es war, als hätte er die Besinnung verloren -- schritt er fast wankend
näher zum Tisch ... unterwegs stieß er an Ptizyns Stuhl und trat der
hübschen Deutschen mit seinen schmutzigen, derben Stiefeln auf die
spitzenbesetzte Schleppe ihrer kostbaren, hellblauen Abendtoilette ...
weder entschuldigte er sich, noch schien er es bemerkt zu haben. Vor dem
Tisch blieb er stehen und legte einen Gegenstand auf ihn hin, den er
schon beim Eintritt in den Händen gehalten hatte -- vor sich in beiden
Händen. Es war ein Paket von etwa drei Zoll Höhe und vier Zoll Länge, in
ein Blatt der Börsenzeitung fest eingewickelt und mehrmals kreuzweise
mit einer Schnur fest umbunden, einer Schnur, von der Art, wie sie um
Zuckerhüte gebunden zu sein pflegt. Und nachdem er das Paket hingelegt
hatte, trat er mechanisch wieder einen Schritt zurück, seine Hände
sanken herab und stumm blieb er stehen, als erwarte er sein Urteil. Er
war in denselben Kleidern wie vorhin, nur um den Hals hatte er ein ganz
neues seidenes Halstuch -- grün mit Rot -- das vorn mit einer großen
Brillantnadel, die einen Käfer darstellte, festgesteckt war; und an dem
schmutzigen Finger seiner rechten Hand trug er einen massiv goldenen
Ring, gleichfalls mit einem großen Brillanten. Lebedeff war drei
Schritte vom Tisch stehen geblieben. Von den übrigen hatten sich nur
wenige in den Salon gewagt. Katjä und Pascha, Nastassja Filippownas
Zofen, sahen erschrocken und erstaunt hinter der Portiere einer anderen
Tür hervor.

»Was ist das?« fragte Nastassja Filippowna, nachdem sie aufmerksam und
lebhaft Rogoshin betrachtet hatte, mit dem Blick auf das Paket in
Zeitungspapier weisend.

»Hunderttausend!« antwortete jener fast flüsternd.

»Ah, er hat sein Wort gehalten, nicht übel! Bitte, -- nehmen Sie Platz,
dort auf jenem Stuhl. Ich werde Ihnen später etwas sagen. Wer ist dort
noch? Die ganze Gesellschaft vom Nachmittag? Nun, mögen sie hereinkommen
und sich setzen. Dort auf dem Sofa ist noch Platz, und auch dort auf
jener Chaiselongue. Dort sind noch zwei Sessel ... wie, Sie wollen
nicht?«

In der Tat waren einige der Menschen verlegen geworden und zogen sich
immer mehr ins andere Zimmer zurück, um dort den Verlauf der Dinge
abzuwarten. Andere jedoch blieben im Salon und nahmen nach der
Aufforderung auch wirklich Platz, nur taten sie es möglichst fern vom
Tisch und bevorzugten namentlich die dunkleren Ecken. Einige hätten sich
immer noch lieber gedrückt. Einzelne wiederum gewannen erstaunlich
schnell ihren Mut zurück, der dann zusehends wuchs. Rogoshin hatte sich
gleichfalls auf dem ihm angewiesenen Stuhle niedergelassen; doch erhob
er sich bald wieder, um sich dann nicht mehr zu setzen. Allmählich
begann er auch die Gäste, gleichsam jetzt erst, zu bemerken. Als er
Ganjä erblickte, lächelte er höhnisch und sagte nur halblaut ein
spöttisches »Seht doch!« Den General und Tozkij sah er ohne jede
Verwirrung und sogar ohne jedes besondere Interesse an. Als er jedoch
neben Nastassja Filippowna den Fürsten erblickte, konnte er vor
Erstaunen lange den Blick nicht von ihm abwenden, ganz als wäre er nicht
imstande gewesen, sich über diese Begegnung Rechenschaft abzulegen. Man
konnte glauben, daß er, wenigstens in manchen Augenblicken, ganz
benommen war, wie ein wachend Träumender; denn abgesehen von allen
Erschütterungen dieses Tages, hatte er die letzte Nacht auf der Reise
zugebracht und nun wohl schon zwei Nächte nicht geschlafen.

»Das hier, meine Herren, sind hunderttausend Rubel,« sagte Nastassja
Filippowna, sich mit einer geradezu fieberhaft ungeduldigen
Herausforderung an die Anwesenden wendend, »hier in diesem schmutzigen
Zeitungspapier. Vorhin bei Ganetschka rief er plötzlich wie ein
Irrsinniger aus, daß er mir noch heute abend hunderttausend Rubel
bringen werde, und ich habe ihn hier die ganze Zeit erwartet. Er wollte
mich nämlich kaufen: zuerst bot er mir achtzehntausend, dann sprang er
plötzlich auf vierzig, und dann -- auf die hundert hier. Er hat also
sein Wort gehalten! Pfui, wie bleich er geworden ist! ... Das geschah
vorhin bei Ganetschka: ich war zu ihm hingefahren, um seiner Mutter
einen Besuch zu machen und meine zukünftigen Verwandten kennen zu
lernen; doch seine Schwester schrie mir ins Gesicht: >Ist denn niemand
hier, der diese Unverschämte hinausweist!< worauf sie ihrem Brüderchen
Ganetschka ins Gesicht spie. Ja, ein charaktervolles Mädchen ist sie,
das muß man ihr lassen!«

»Nastassja Filippowna!« sagte der General vorwurfsvoll. Er begann zu
begreifen, was hier vor sich ging -- allerdings nur auf seine Art.

»Wie beliebt? Unanständig, was? Ach, Exzellenz, lassen wir doch die
Maske fallen! Daß ich im französischen Theater wie eine unnahbare
Beletagentugend saß und alle, die sich fünf Jahre lang um mich bewarben,
wie eine Wilde floh und dabei die Miene einer stolzen Unschuld
aufsetzte, -- das waren ja doch alles nur Albernheiten! Da, da steht
jetzt vor Ihnen einer, der hunderttausend auf den Tisch geworfen hat,
nach fünf Jahren Unschuld! -- und sicher hat er schon seine Troiken
bereit, die nur auf mich warten. Auf hunderttausend hat er mich
geschätzt! Ganetschka, ich sehe, du bist mir immer noch böse? Ja,
wolltest du mich denn wirklich in deine Familie einführen? Mich, die so
eine für einen Rogoshin ist!? Was sagte doch der Fürst vorhin?«

»Ich habe nicht gesagt, daß Sie ... so eine seien, denn Sie sind es
nicht!« sagte der Fürst mit bebender Stimme.

»Nastassja Filippowna, laß gut sein, Täubchen, hör', was ich sage,
Täubchen,« mischte sich plötzlich Darja Alexejewna ein, die sich nicht
mehr bezwingen konnte, »wenn sie dich so ärgern, wozu läßt du sie dann
hier sitzen? Willst du denn wirklich mit solch einem gehen, und wenn
auch für hunderttausend! Nun ja, hunderttausend -- sieh mal an! Ach was!
-- nimm die hunderttausend und ihn setz' vor die Tür! Siehst du, so
springt man mit solchen Leuten um! Weiß Gott, ich an deiner Stelle würde
sie alle ... nein wirklich, was soll denn das!«

Darja Alexejewna ärgerte sich aufrichtig. Sie war eine gute und
eindrucksfähige Seele.

»Aber so ärgere dich doch nicht, Darja Alexejewna,« beruhigte Nastassja
Filippowna sie lächelnd. »Ich habe ihm damit doch nichts Böses sagen
wollen. Habe ich ihm denn Vorwürfe gemacht? Ich kann wirklich nicht
verstehen, wie ich auf diesen albernen Einfall gekommen bin, in eine
anständige Familie einzudringen. Ich habe auch seine Mutter gesehen und
ihr die Hand geküßt. Daß ich mich aber so bei dir aufführte, Ganetschka,
das tat ich ja nur, um einmal zu sehen, wozu du fähig bist. Nun, du hast
mich in Erstaunen gesetzt, das muß ich sagen! Auf vieles war ich gefaßt,
auf das aber doch nicht! Hättest du mich denn wirklich genommen, nachdem
du gesehen, daß der General mir ein so kostbares Geschenk macht und ich
es fast am Tage vor der Trauung mit dir annehme? Und dann noch Rogoshin!
Der hat doch in deinem Hause in Gegenwart deiner Mutter und Schwester
mich zu kaufen versucht, du aber bist trotzdem als Bewerber gekommen und
hast beinahe noch deine Schwester mitgebracht! Ist es denn wirklich
wahr, was Rogoshin von dir sagt, daß du für drei Rubel auf allen vieren
bis zum Wassiljewskij Prospekt kriechst?«

»Sicher!« sagte plötzlich Rogoshin halblaut vor sich hin, doch in einem
Tone, aus dem felsenfeste Überzeugung sprach.

»Ich würde nichts sagen, wenn du dem Hungertode nahe wärst, aber du
bekommst doch, soviel ich weiß, ein gutes Gehalt! Und obendrein, außer
der Schande, hättest du ja dann eine verhaßte Frau in dein Haus
einführen müssen! -- denn du haßt mich doch, das weiß ich. Nein, jetzt
glaube ich es, daß so einer wie du für Geld Menschen erdrosselt! Hat sie
doch heutzutage alle eine solche Geldgier ergriffen, daß sie förmlich
von Sinnen zu sein scheinen -- so werden sie von der Habsucht
beherrscht. Unreife Jungen wollen Wucherer sein! Oder sie umwickeln die
Rasiermesserachse mit einem dicken Seidenfaden, damit das Messer
feststeht, und schleichen dann hinterrücks an den Freund heran und
schlachten ihn wie einen Hammel, wie ich vor kurzem noch gelesen habe.
Ein Schamloser bist du, Ganjä! Auch ich bin eine Schamlose, du aber bist
es noch hundertmal mehr. Von diesem Blumenbesorger da will ich schon gar
nicht reden ...«

»Sind Sie das, Nastassja Filippowna, sind denn Sie das!« rief der
General aus, in aufrichtigem Staunen die Hände erhebend. »Sie, die Sie
so zartfühlend sind, so vornehm denken, -- und nun! Welch eine Sprache!
Was für Worte!«

»Ich bin jetzt im Rausch, Exzellenz!« lachte plötzlich Nastassja
Filippowna auf, »ich will durchgehen! Heute ist mein Tag, mein
Jahrestag, mein Schaltjahr! Ich habe lange genug darauf gewartet! Darja
Alexejewna, siehst du den Bukettherrn dort, jenen _Monsieur aux
camélias_,{[18]} da sitzt er und lacht über uns ...«

»Ich lache nicht, Nastassja Filippowna, ich höre nur mit größter
Aufmerksamkeit zu,« versetzte Tozkij würdevoll.

»Nun, sag' doch, wozu habe ich ihn wohl ganze fünf Jahre lang gequält
und nicht von mir fortgelassen? War er denn das wert? Er ist doch nur
so, wie er sein muß ... Er kann ja schließlich noch schuldige
Dankbarkeit von mir verlangen: er hat mich doch erziehen lassen, hat
mich wie eine Gräfin ausgestattet und Geld, -- Gott! -- wieviel Geld er
für mich ausgegeben hat! Schon dort hat er für mich einen ehrenwerten
Mann gesucht und hier schließlich Ganetschka gefunden. Und was glaubst
du wohl: ich habe in diesen fünf Jahren nicht mit ihm gelebt und dabei
doch Geld von ihm angenommen und noch obendrein geglaubt, ich hätte ein
Recht dazu! Ich hatte mich ja selbst ganz irre gemacht. Du sagst, nimm
die hunderttausend und jage ihn fort, wenn es dich anekelt. Es ist wahr,
es ekelt mich an ... Ich hätte ja schon längst heiraten können, und noch
ganz andere als Ganetschka, aber es war doch zu ekelhaft. Und wozu habe
ich nun meine fünf Jahre verloren! Aber wirst du's mir glauben, vor etwa
vier Jahren dachte ich eine Zeitlang daran, ob ich nicht schließlich
wirklich noch meinen Afanassij Iwanowitsch heiraten sollte! Aus Haß
dachte ich daran -- als ob ich wenig Einfälle gehabt hätte! Und glaub'
mir, ich hätte es auch durchgesetzt! Er hat sich mir ja selbst
angetragen, kannst du dir das vorstellen? Freilich tat er es nicht aus
Liebe, aber er war doch gar zu erpicht, konnte es nicht aushalten. Da
überlegte ich es mir aber noch zum Glück und dachte: Ist er denn solcher
Bosheit überhaupt wert, lohnt es sich denn? Und da wurde er mir
plötzlich so ekelhaft, daß ich ihn, selbst wenn er allen Ernstes um mich
angehalten hätte, für keinen Preis genommen haben würde. Und so habe ich
es die ganzen fünf Jahre getrieben! Nein, lieber auf die Straße, wohin
ich ja doch sowieso gehöre! Entweder mit Rogoshin in Saus und Braus,
oder ich werde morgen noch Wäscherin! Denn ich habe ja doch nichts, mir
gehört ja nichts! Wenn ich fortgehe, werfe ich ihm alles hin, alles,
alles, auch den letzten Lappen; ohne alles aber wird mich ja doch
niemand nehmen, frag mal Ganjä! Nicht einmal Ferdyschtschenko würde mich
nehmen!«

»Ferdyschtschenko würde Sie vielleicht auch nicht nehmen, Nastassja
Filippowna, ich bin ein aufrichtiger Mensch,« unterbrach sie
Ferdyschtschenko, »dafür aber würde der Fürst Sie nehmen! Da sitzen Sie
und klagen, aber schauen Sie doch nur auf den Fürsten! Ich beobachte ihn
schon lange ...«

Nastassja Filippowna wandte sich neugierig brüsk zum Fürsten und sah ihn
an.

»Ist das wahr?« fragte sie.

»Ja,« sagte der Fürst.

»Sie würden mich so nehmen, wie ich bin, ohne alles?«

»Ich würde Sie so nehmen, Nastassja Filippowna ...«

»Da haben wir die Geschichte!« stieß der General hervor. »Doch ... das
war vorauszusehen!«

Der Fürst, den Nastassja Filippowna immer noch betrachtete, sah sie mit
strengem und durchdringendem Blick an, in dem aber unsäglich viel Leid
lag.

»Da hat sich noch einer gefunden!« sagte Nastassja Filippowna, sich
wieder Darja Alexejewna zuwendend. »Und doch wirklich nur aus gutem
Herzen, ich kenne ihn. Da habe ich jetzt einen Wohltäter! Übrigens --
vielleicht ist es wahr, was man von ihm sagt, daß er ... nun, _jenes_
... Wovon wirst du denn leben, wenn du schon so verliebt bist, daß du
eine Rogoshinsche nimmst, du, Fürst Myschkin? ...«

»Ich nehme Sie als ehrbares Weib, Nastassja Filippowna, und nicht als
was Sie sich da bezeichnen,« sagte der Fürst.

»Was, ich soll ein ehrbares Weib sein?«

»Ja, Sie.«

»Nun, das ist ... Romanphantasie. Das sind alte Ammenmärchen, lieber
Fürst, heutzutage ist man klüger und beurteilt so etwas auch ganz
richtig als Faselei. Und wie kannst du denn heiraten, du brauchst ja
selbst noch eine Wärterin!«

Da erhob sich der Fürst und begann mit scheuer, unsicherer Stimme, doch
mit der Miene eines tief überzeugten Menschen:

»Ich weiß nichts, Nastassja Filippowna, ich habe nichts gesehen, Sie
haben recht, aber ich ... ich fasse es so auf, daß Sie mir eine Ehre
erweisen würden, nicht ich Ihnen. Ich bin nichts, Sie aber haben
gelitten und sind aus dieser Hölle rein hervorgegangen, das aber ist
viel. Weshalb schämen Sie sich und weshalb wollen Sie zu Rogoshin gehen?
Das ist ja alles nur Fieber ... Sie haben Herrn Tozkij die
Fünfundsiebzigtausend zurückgegeben und sagen, daß Sie alles, was hier
ist, ihm gleichfalls zurückgeben; das aber würde keiner tun, keiner von
allen, die hier sind. Ich habe Sie ... Nastassja Filippowna ... lieb.
Ich liebe Sie, ich werde für Sie sterben, Nastassja Filippowna. Ich
werde niemandem erlauben, ein schlechtes Wort über Sie zu sagen,
Nastassja Filippowna. Wenn wir arm sind, werde ich arbeiten, Nastassja
Filippowna ...«

Bei diesen Worten hörte man ein leises Kichern von Ferdyschtschenko und
Lebedeff, und selbst der General krächzte einmal ganz absonderlich, was
er sogleich mit einem ernsten Räuspern zu verdecken suchte. Ptizyn und
Tozkij konnten nur mit Mühe ein Lächeln verbergen. Die übrigen begriffen
vor Erstaunen vorläufig überhaupt noch nichts.

»... Doch vielleicht werden wir nicht arm sein, sondern sogar sehr
reich, Nastassja Filippowna,« fuhr der Fürst mit derselben scheuen
Stimme fort. »Ich weiß es nicht genau und ich bedauere es, daß ich heute
den ganzen Tag noch nichts Bestimmtes darüber habe erfahren können: ich
habe, als ich noch in der Schweiz war, von einem gewissen Herrn
Ssalaskin aus Moskau einen Brief erhalten, in dem er mir mitteilt, daß
mir eine sehr große Erbschaft zufallen solle. Ich habe ihn bei mir, den
Brief, hier ist er ...«

Und der Fürst zog tatsächlich aus der Brusttasche seines Rockes einen
Brief hervor.

»Sollte er nicht schon verrückt sein?« fragte sich der General. »Das ist
ja hier die reine Irrenanstalt!«

Für einen Augenblick trat allgemeines Schweigen ein.

»Sie sagten, Fürst, wenn ich mich nicht täusche, daß Sie den Brief von
einem gewissen Ssalaskin erhalten hätten?« fragte Ptizyn. »Ssalaskin ist
in seiner Sphäre eine sehr bekannte Persönlichkeit, und wenn er Sie von
einer Ihnen zugefallenen Erbschaft benachrichtigt, so können Sie ihm
aufs Wort glauben. Ich kenne zufällig seine Handschrift, ich habe vor
einiger Zeit geschäftlich mit ihm zu tun gehabt -- wenn Sie mir den
Brief zeigen wollten, könnte ich Ihnen wenigstens sagen, ob es derselbe
Ssalaskin ist.«

»Wa--as? Was soll denn das bedeuten?« fuhr nun der General auf, indem er
verständnislos von einem zum andern sah. »Doch nicht tatsächlich eine
Erbschaft?«

Alles blickte auf Ptizyn, der den Brief las. Die allgemeine Neugier
hatte auf einmal eine neue Richtung bekommen. Ferdyschtschenko konnte
nicht mehr stillsitzen: er sprang auf. Rogoshin schaute maßlos bestürzt
bald auf den Fürsten, bald auf Ptizyn. Darja Alexejewna saß in der
Erwartung wie auf Nadeln. Auch Lebedeff hielt es nicht aus und
schlüpfte, gleichsam krumm und lahm geschlagen, herbei, um über Ptizyns
Schulter wenigstens einen Blick auf den Brief werfen zu können, sah aber
dabei ganz so aus, wie ein Mensch, der in jedem Augenblick einen
Rippenstoß oder einen Schlag auf den Kopf erwartet.


                                  XVI.

»Die Sache hat ihre Richtigkeit,« erklärte endlich Ptizyn, indem er den
Brief zusammenfaltete und dem Fürsten zurückgab. »Sie bekommen ohne alle
Scherereien nach dem unantastbaren Testament Ihrer Tante ein sehr großes
Vermögen.«

»Nicht möglich!« rief der General wie aus der Pistole geschossen aus.

Die meisten vergaßen den Mund zu schließen.

Hierauf erzählte Ptizyn, sich vornehmlich an den General wendend, was
Ssalaskin dem Fürsten im Brief mitgeteilt hatte. Der Inhalt war kurz
folgender:

»Vor fünf Monaten war die Tante des Fürsten Lew Nikolajewitsch Myschkin,
die ältere Schwester seiner Mutter gestorben. Sie war die Tochter des
Moskauer Kaufmanns dritter Gilde, Papuschin, der nach einem Bankerott,
wie es hieß, in Armut gestorben war. (Der Fürst hatte beide nie
gekannt.) Doch der ältere leibliche Bruder dieses Papuschin war ein
bekannter, sehr reicher Kaufmann. Vor etwa einem Jahre hatte er ganz
plötzlich -- in ein und demselben Monat -- seine beiden Söhne verloren,
worauf der Alte aus Gram ebenfalls erkrankt und gestorben war. Seine
einzige noch lebende Verwandte und Erbin, jene Tochter seines armen
Bruders, die zu der Zeit auch schon von den Ärzten aufgegeben war (sie
starb bald darauf an der Wassersucht), hatte sogleich nach dem Fürsten
zu forschen begonnen, hatte ihr Testament gemacht und Ssalaskin die
Erledigung der Angelegenheit übertragen. Nach dem Empfang dieses Briefes
von Ssalaskin hatte sich der Fürst dann entschlossen, selbst nach
Rußland zurückzukehren ...«

»Ich kann Ihnen einstweilen nur sagen,« schloß Ptizyn, sich an den
Fürsten wendend, »daß Sie alles, was Ssalaskin Ihnen von der
Unantastbarkeit Ihrer Erbschaft schreibt, ohne weiteres als bare Münze
annehmen können. Dieser Brief ist ebensogut wie bares Geld in der
Tasche. Ich gratuliere, Fürst! Vielleicht erben Sie auch so an
anderthalb Millionen, vielleicht aber auch noch mehr. Papuschin war ein
sehr reicher Kaufmann.«

»Teufel noch eins! Na, er lebe hoch, der letzte Fürst aus dem Geschlecht
der Myschkin!« gröhlte Ferdyschtschenko, der als erster die Fassung
wiedergewann.

»Hurra!« brüllte mit lauter Stimme Lebedeff -- er hatte am meisten
getrunken.

»Und ich habe dem armen Jungen noch mit fünfundzwanzig Rubel unter die
Arme gegriffen, hahaha! Wie nennt man das! Umgekehrte Welt!« rief der
noch ganz erstarrte General lachend aus. »Nun, mein Lieber, ich
gratuliere, ich gratuliere!«

Und sich vom Platz erhebend, ging er auf den Fürsten zu und umarmte ihn.
Nach ihm erhoben sich auch die anderen, um dem Erben Glück zu wünschen.
Selbst die Zaghafteren, die sich zuvor in das andere Zimmer
zurückgezogen hatten, begannen im Salon zu erscheinen. Alles sprach
durcheinander, es war kein Wort zu verstehen, Ausrufe wurden laut, man
verlangte Champagner -- alles geriet in Bewegung. Ja, im ersten
Augenblick vergaß man sogar Nastassja Filippowna und daß sie doch
immerhin die Dame des Hauses war. Allmählich aber erinnerte man sich
ihrer wieder, erinnerte sich ebenfalls, daß der Fürst ihr doch kurz
zuvor einen Heiratsantrag gemacht hatte, was die ganze Situation jetzt
noch dreimal unerhörter machte. Tozkij konnte vor Verwunderung nur noch
die Schultern hochziehen. Von den Herren war er der einzige, der noch
saß, während die anderen alle sich in einem dichten Haufen um den Tisch
drängten. Später wurde von den meisten behauptet, daß erst in diesem
Augenblick Nastassja Filippowna den Verstand verloren hätte. Sie saß
immer noch auf ihrem Platz und betrachtete eine Weile alle mit einem
seltsamen, gewissermaßen erstaunten Blick, als begriffe sie gar nicht,
was hier vorging, und als strenge sie sich an, etwas Unverständliches zu
erfassen. Dann wandte sie sich plötzlich dem Fürsten zu und sah ihn, die
Brauen drohend zusammengezogen, scharf und feindselig an -- doch das
dauerte nur einen Augenblick. Vielleicht schien es ihr, daß es nur ein
Scherz sein könne, daß er sich über sie lustig mache. Doch der Blick des
Fürsten schloß jeden Zweifel aus. Sie sann einen Augenblick nach und
dann lächelte sie -- es war ein Lächeln, das sie selbst nicht zu
bemerken schien ...

»Also wirklich Fürstin!« murmelte sie gleichsam etwas spöttisch vor sich
hin, und als ihr Blick zufällig auf Darja Alexejewna fiel, lachte sie
hellauf. »Eine etwas unverhoffte Lösung ... ich ... ich ... hatte das
nicht erwartet ... Aber, meine Herren, was stehen Sie denn, bitte,
setzen Sie sich doch und gratulieren Sie uns! Jemand hat, glaube ich,
Champagner verlangt -- Ferdyschtschenko, gehen Sie, bitte, bestellen
Sie. Katjä, Pascha!« -- sie erblickte plötzlich ihre Mädchen in der Tür
-- »kommt her, ich heirate, habt ihr es schon gehört? Den Fürsten dort,
er hat anderthalb Millionen, ist ein Fürst Myschkin und nimmt mich!«

»Mit Gott, Mütterchen, es ist auch Zeit! Sonst verscherzt du sie ja
alle!« warf Darja Alexejewna ein, die durch das Erlebte geradezu
erschüttert war.

»Aber so setzen Sie sich doch her zu mir, Fürst,« fuhr Nastassja
Filippowna lebhaft fort, »so, und dort kommt ja auch schon der
Champagner, also, bitte, zu gratulieren, meine Herren!«

»Hurra!« ertönte es von mehreren Seiten.

»Hoch! Hurra! Wir gratulieren!«

Viele drängten zum Champagnerkübel, darunter fast alle Begleiter
Rogoshins. Aber wenn auch vornehmlich sie es gewesen waren, die das Hoch
ausbrachten, so waren doch viele von ihnen noch immer schüchtern und
erwarteten mißtrauisch die weitere Entwicklung der Dinge. Sie fühlten,
daß die Sache eine andere Wendung genommen hatte. Viele wieder
flüsterten miteinander, daß es ja doch nichts Außergewöhnliches sei, daß
doch so manche Fürsten noch ganz andere Weiber geheiratet hätten, sogar
Zigeunerinnen aus dem Steppenlager!

Rogoshin selbst stand und blickte mit einem starren, verständnislosen
Lächeln drein.

»Fürst, lieber Junge, besinn' dich!« flüsterte der General ganz entsetzt
dem Fürsten zu, indem er ihn, leise an ihn herantretend, am Ärmel
zupfte.

Nastassja Filippowna hörte es und lachte hellauf.

»Nein, Exzellenz! Jetzt bin auch ich Fürstin, und Sie haben doch gehört,
daß der Fürst mich nicht beleidigen lassen wird! Afanassij Iwanowitsch,
so wünschen Sie mir doch Glück! Ich werde ja jetzt neben Ihrer Frau
Gemahlin sitzen. Was meinen Sie, ist es nicht vorteilhaft, einen solchen
Mann zu haben? Anderthalb Millionen und dazu noch Fürst, und dann noch,
wie man sagt, ein Idiot, was will man mehr? Jetzt erst beginnt das
wirkliche Leben! Rogoshin, du bist zu spät gekommen! Nimm dein
schmutziges Geldpaket, ich heirate einen Fürsten und bin jetzt selbst
reicher als du!«

Da begriff Rogoshin endlich, was geschehen war. Sein Gesicht verzerrte
sich in unsäglichem Schmerz. Er hob die Arme und ein Stöhnen entrang
sich seiner Brust.

»Tritt zurück!« schrie er dem Fürsten zu.

Ringsum erscholl Gelächter.

»Damit du an seine Stelle treten kannst?« fiel Darja Alexejewna
siegesstolz ein. »Pfui so einer! Wie er das Geld auf den Tisch wirft, da
sieht man gleich den Bauer. Der Fürst heiratet sie, du aber willst sie
nur zur Schande haben!«

»Auch ich heirate sie! Auf der Stelle heirate ich sie, sogleich! Alles
gebe ich hin! ...«

»Hört doch! Du bist ja wie ein Betrunkener in der Schenke. Vor die Tür
setzen sollte man dich!« sagte Darja Alexejewna unwillig.

Das Gelächter wurde noch lauter.

»Hörst du es, Fürst,« wandte sich Nastassja Filippowna an ihn, »wie ein
Bauer deine Braut kaufen will?«

»Er ist betrunken,« sagte der Fürst, »er liebt Sie sehr.«

»Aber wirst du dich später nicht dessen schämen, daß deine Braut beinahe
mit einem Rogoshin davongefahren wäre?«

»Das wollten Sie nur im Fieber, Sie sind auch jetzt noch im Fieber.«

»Und du wirst dich auch nicht schämen, wenn man dir später sagt, daß
deine Frau Tozkijs Mätresse gewesen ist?«

»Nein, ich werde mich nicht schämen. Sie waren nicht aus freiem Willen
bei Tozkij.«

»Und wirst es mir nie vorwerfen?«

»Nein, niemals.«

»Nun, sieh dich vor, versprich nicht fürs ganze Leben!«

»Nastassja Filippowna,« sagte der Fürst leise und wie voll tiefen
Mitleids, »ich sagte Ihnen vorhin, daß ich Ihre Einwilligung als Ehre
auffassen werde, daß Sie mir eine Ehre erweisen, und nicht ich Ihnen.
Sie lächelten über diese Worte und ringsum, das sah ich, wurde
gleichfalls gelächelt. Ich habe mich vielleicht sehr lächerlich
ausgedrückt und bin vielleicht auch selbst lächerlich gewesen, aber es
will mir immer scheinen, daß ich ... sehr wohl begreife, was Ehre ist --
und ich bin überzeugt, daß ich die Wahrheit gesagt habe. Sie wollten
sich soeben ins Verderben stürzen, unwiderruflich, für immer, denn Sie
hätten sich das nie verziehen. Aber Sie sind ja doch völlig unschuldig.
Es kann doch nicht sein, daß Ihr Leben schon zugrunde gerichtet sei! Was
will denn das sagen, daß Rogoshin zu Ihnen gekommen ist und Gawrila
Ardalionytsch Sie betrügen wollte? Weshalb kommen Sie immer wieder
gerade darauf zurück? Das, was Sie getan haben -- dazu wären nur wenige
fähig, das sage ich Ihnen. Daß Sie aber mit Rogoshin fortfahren wollten,
das wollten Sie ja nur im Augenblick eines krankhaften Anfalls. Sie sind
auch jetzt noch krank, solche Anfälle gehen nicht so schnell vorüber. Es
wäre besser, Sie gingen zu Bett. Sie würden morgen Wäscherin geworden
sein, denn bei Rogoshin wären Sie ja doch nicht geblieben. Sie sind
stolz, Nastassja Filippowna; vielleicht aber sind Sie schon dermaßen
unglücklich, daß Sie sich selbst tatsächlich für schuldig halten. Sie
müssen behutsam gepflegt werden, Nastassja Filippowna. Ich werde Sie
pflegen. Als ich heute Ihr Bild erblickte, war es mir, als hätte ich ein
bekanntes Gesicht wiedererkannt. Und es schien mir sogleich, als riefen
Sie mich! ... Ich ... ich werde Sie mein ganzes Leben lang hochachten,
Nastassja Filippowna ...« brach plötzlich der Fürst kurz ab und er
errötete. Es war ihm mit einemmal zum Bewußtsein gekommen, vor welchen
Menschen er redete.

Ptizyn senkte vor lauter Schamgefühl den Kopf und blickte zu Boden.
Tozkij dachte bei sich: »Zwar ein Idiot, weiß aber doch, daß man mit
Schmeichelei am besten fängt. Instinkt.« Der Fürst fühlte und sah auch
Ganjäs brennenden Blick auf sich ruhen, mit dem jener ihn gleichsam
versengen zu wollen schien. Ganjä stand in der entferntesten Ecke.

»Endlich sieht man einmal einen guten Menschen!« sagte Darja Alexejewna
ganz gerührt.

»Ein gebildeter Mensch, doch ein verlorener!« brummte der General für
sich.

Tozkij schickte sich an, aufzustehen. Er sah sich nur noch nach dem
General um und verständigte sich mit ihm durch einen Blick: sie wollten
sich beide entfernen.

»Ich danke Ihnen, Fürst. Bis jetzt hat noch niemand so zu mir
gesprochen,« sagte Nastassja Filippowna. »Man hat mich immer nur kaufen
wollen, doch heiraten wollte mich noch kein einziger Ehrenmann. Haben
Sie gehört, Afanassij Iwanowitsch? Wie gefiel Ihnen das, was der Fürst
sagte? Es war ja doch beinahe unschicklich ... Rogoshin!« unterbrach sie
sich, »du, wart' mal noch mit dem Fortgehen. Aber du gehst ja auch noch
gar nicht fort, wie ich sehe. Vielleicht werde ich noch mit dir gehen.
Wohin wolltest du mich bringen?«

»Nach Jekateringoff!« berichtete sofort Lebedeff, Rogoshin aber zuckte
nur zusammen und starrte sie an, als könnte er nicht glauben, was er
gehört hatte. Er schien völlig stumpf geworden zu sein, wie von einem
entsetzlichen Schlage auf den Kopf.

»Was, was redest du, was fällt dir ein, Täubchen? Laß das doch jetzt,
diese Albernheiten! Bist du denn ganz von Sinnen?« fuhr die erschrockene
Darja Alexejewna auf.

»Ja, hast du denn im Ernst daran geglaubt?« Nastassja Filippowna sprang
lachend auf. »Diesen jungen Knaben da sollte ich zugrunde richten? Das
wäre ja ganz nach Afanassij Iwanowitschs Geschmack, der liebt ja
namentlich halbwüchsige Kinder! Fahren wir, Rogoshin! Halte dein
Geldpaket bereit! Das hat nichts zu sagen, daß du mich heiraten willst,
das Geld mußt du mir trotzdem geben. Ich nehme dich vielleicht noch gar
nicht. Du glaubst wohl, wenn du mich heiratest, behältst du das Geld?
Unsinn! Ich bin selbst eine Schamlose! Ich bin doch Tozkijs Geliebte
gewesen ... Fürst! Du brauchst jetzt Aglaja Jepantschina, aber nicht
mich, denn sonst -- Ferdyschtschenko würde doch mit dem Finger auf mich
zeigen. Du fürchtest dich nicht, ich aber würde mich fürchten, daß ich
dich zugrunde gerichtet habe und du es mir später vorwerfen wirst! Und
was du da redest, daß ich dir eine Ehre erweise, nun, so weiß doch
Tozkij, wie es sich damit verhält. Du aber, Ganetschka, hast Aglaja
Jepantschina schon verspielt -- weißt du das auch? Hättest du nicht mit
ihr geschachert, so würde sie dich ja unbedingt genommen haben! Aber so
seid ihr ja alle: entweder mit entehrten oder mit ehrbaren Frauen leben
-- das ist die Wahl! Denn sonst verwirrt man sich unfehlbar ... Da sieht
mich der General an und kann den Mund nicht mehr schließen ...«

»D--D--Das ist ja Sodom! Sodom!!« stieß der General hervor, die
Schultern vor Entrüstung in die Höhe ziehend, und erhob sich
schleunigst. Alles war wieder auf den Beinen. Nastassja Filippowna
gebärdete sich wie eine Rasende.

»Ist es denn möglich!« stöhnte der Fürst, und seine Hände krampften sich
zusammen.

»Du glaubst wohl -- nicht? Ich bin vielleicht noch stolzer, als ihr
glaubt, und wenn ich auch tausendmal eine Verworfene bin! Du sagtest
vorhin, an mir sei alles vollendet -- eine schöne Vollendung das, wenn
sie einzig dazu dient, um nachher damit prahlen zu können, daß ich eine
Million und die Fürstenkrone unter die Füße getreten und in die Spelunke
gehe! Was bin ich denn für eine Frau für dich? Afanassij Iwanowitsch,
hören Sie! Ich habe doch tatsächlich eine Million zum Fenster
hinausgeworfen! Und Sie glaubten wohl, ich würde es für ein Glück
ansehen, wenn ich mit Ihren Fünfundsiebzigtausend Ihren Ganetschka
bekäme? Die Fünfundsiebzigtausend kannst du behalten, Afanassij
Iwanowitsch -- nicht einmal bis zu Hundert hat er sich emporgeschwungen,
da ist doch Rogoshin nobler als er! -- Ganetschka aber werde ich selbst
trösten, ich habe schon einen Gedanken. Jetzt aber will ich leben!
leben! leben! wild und wüst! ich bin ja doch eine Straßendirne! Zehn
Jahre lang hab' ich im Gefängnis gesessen, jetzt kommt mein Glück! Was
stehst du, Rogoshin? Komm, fahren wir!«

»Fahren wir!« jubelte Rogoshin, ganz außer sich vor Entzücken. »He, ihr
alle! ... kommt! Wein her! Wein!«

»Sorge nur für Wein, ich werde trinken. Wird dort auch Musik sein?«

»Alles, alles wird sein! -- Komm nicht zu nah!« schrie Rogoshin in
seiner Raserei, als er sah, daß Darja Alexejewna sich Nastassja
Filippowna nähern wollte. »Sie gehört mir! Alles gehört mir! Königin!
Nun komme, was will!«

Der Atem stockte ihm vor Herzklopfen; er ging immer nur um Nastassja
Filippowna herum und schrie jedem zu: »Komm nicht zu nah!« Inzwischen
hatten sich schon alle seine Begleiter im Salon versammelt, selbst die
schüchternsten hatten sich hervorgewagt. Die einen tranken, die anderen
schrien und lachten, alle waren sie in der lebhaftesten und
ungezwungensten Stimmung. Ferdyschtschenko versuchte bereits, sich
freundschaftlich ihnen anzuschließen, um dann gleichfalls mit nach
Jekateringoff fahren zu können. Der General und Tozkij machten wieder
eine Bewegung zur Tür hin, um schnell zu verschwinden. Ganjä hatte
gleichfalls schon seinen Hut in der Hand; doch schien er sich von dem
Bilde, das sich hier vor seinen Augen aufrollte, noch nicht losreißen zu
können.

»Komm nicht zu nah!« schrie wieder Rogoshin.

»Was gröhlst du denn so!« lachte ihn Nastassja Filippowna aus. »Ich bin
doch hier noch die Herrin im Hause, wenn ich will, lasse ich dich
hinauswerfen. Ich habe von dir noch kein Geld genommen, da liegt es ja
noch auf dem Tisch! Gib es her, das ganze Paket! Und hier in diesem
Paket sind hunderttausend Rubel? Pfui, welch eine Abscheulichkeit! Was
hast du nur, Darja Alexejewna? Soll ich ihn denn wirklich zugrunde
richten?« (Sie wies auf den Fürsten.) »Wo kann er denn ans Heiraten
denken, er braucht ja selbst noch eine Wärterin! Da, der General, der
wird seine Wärterin sein -- seht doch, wie er um ihn scharwenzelt. Sieh,
Fürst, deine Braut hat das Geld hier genommen, denn sie ist ja doch eine
Dirne -- und du wolltest sie heiraten! Aber warum weinst du denn? Bitter
ist das, was? Du lach' doch, ich finde, du hast Grund, froh zu sein,«
fuhr Nastassja Filippowna fort, in deren eigenen Augen große Tränen
standen. »Vertraue der Zeit -- alles wird vergehen! Es ist besser, sich
jetzt zu besinnen, als nachher, wenn's zu spät ist ... Aber warum weint
ihr denn alle -- da, auch Katjä weint! Katjä, was hast du, mein liebes
Ding? Ich hinterlasse dir und Pascha viele Sachen, es ist schon alles
vorgesehen ... Jetzt aber lebt wohl! Ich habe dich, ein ehrsames
Mädchen, mich Dirne bedienen lassen ... Es ist besser so, Fürst,
wirklich besser, du würdest mich später doch verachten und wir wären
beide unglücklich. Schwöre nicht, ich glaube ja doch nicht! Und es wäre
ja auch so dumm! ... Nein, glaub' mir, es ist besser so, wir scheiden
als Freunde. Auch ich bin ja eine Schwärmerin, was käme dabei heraus?
Habe ich denn nicht selbst schon von dir geträumt? Du hast recht, schon
lange habe ich von dir geträumt, schon dort in Otradnoje, wo er mich
fünf Jahre in der Einsamkeit sitzen ließ! Da denkt man denn bisweilen
und denkt und spinnt Träume und Träume -- da habe ich mir denn immer
solch einen wie du vorgestellt, einen wahren und ehrlichen und guten und
mutigen Menschen, und der auch ebenso dumm ist wie du, so dumm, daß er
plötzlich zu mir kommt und sagt: >Sie sind unschuldig, Nastassja
Filippowna, und ich vergöttere Sie!< Und so spinnt man die Träume weiter
und weiter, bis man wahnsinnig zu werden meint ... Und dann kommt wieder
jener da angefahren: weilt zwei Monate im Jahr, entehrt, beschmutzt,
entfacht, verdirbt und fährt fort, -- oh, tausendmal schon wollte ich
mich im Teich ertränken, war aber zu feig dazu, der Mut langte nicht! --
nun, und jetzt ... Rogoshin, bist du bereit?«

»Fahren wir! Komm nicht zu nah!«

»Fahren wir!« ertönten mehrere Stimmen.

»Die Troiken warten! Mit Schellen am Kummetholz!«

Nastassja Filippowna ergriff das Geldpaket.

»Ganjä, ich habe einen guten Einfall: ich will dich entschädigen, denn
warum sollst du alles verlieren? Rogoshin, wird er für drei Rubel bis
auf den Wassiljewskij kriechen?«

»Sicher!«

»Nun, dann höre mich, Ganjä, ich will deine Seele zum letztenmal
bewundern: du hast mich selbst drei Monate lang gequält, jetzt ist die
Reihe an mir. Siehst du hier dieses Paket in Zeitungspapier: das sind
hunderttausend Rubel. Nun sieh, ich werde es sogleich in den Kamin
werfen, ins Feuer, hier in Gegenwart aller Anwesenden, alle sind Zeugen!
Sobald dann das Feuer das Papier erfaßt hat -- kriech' in den Kamin,
aber ohne Handschuhe, mit bloßen Händen, nur die Ärmel kannst du
aufkrempeln, -- und hol' das Paket aus dem Feuer! Holst du es heraus --
so gehört es dir, die ganzen Hunderttausend gehören dir! Wirst dir
höchstens die zarten Fingerchen ein bißchen verbrennen, aber dafür sind
es doch Hunderttausend, bedenk bloß! Wie lange zieht man sie denn aus
dem Feuer! Es ist ja nur ein Augenblick! Ich aber will mich an deiner
Seele ergötzen, ich habe meine Freude dran, daß du nach meinem Gelde ins
Feuer kriechst! Hier sind alle Zeugen: das ganze Paket gehört dir!
Ziehst du es nicht heraus, so verbrennt es, ich werde es keinen anderen
herausnehmen lassen. Fort da vom Kamin! Alle fort! Das Geld gehört mir!
Ich hab's für eine Nacht von Rogoshin bekommen. Ist's mein Geld,
Rogoshin?«

»Deines, meine Freude! Deines, Königin!«

»Nun, dann alle fort von dort! was ich will, das tue ich! Seht! Ruhe!
Mischt euch nicht ein! Ferdyschtschenko, schüren Sie das Feuer!«

»Nastassja Filippowna, die Hände gehorchen mir nicht!« stammelte
Ferdyschtschenko wie betäubt.

»A--ach!« rief Nastassja Filippowna unwillig, ergriff selbst die
Feuerzange, schob die zwei glimmenden Holzscheite zurecht, und wie das
Feuer aufschlug, warf sie das Geldpaket darauf.

Ein Schrei entfuhr den Anwesenden. Viele bekreuzigten sich
unwillkürlich.

»Sie ist verrückt geworden! Sie ist wahnsinnig!«

»Soll ... soll ... soll man sie nicht binden?« flüsterte der General
Ptizyn zu; »oder ... oder nach dem Arzt schicken ... Sie ist ja doch
wahnsinnig, wahnsinnig, das ist sie doch!«

»N--nein, das ist vielleicht doch nicht gerade Wahnsinn,« murmelte
Ptizyn. Er war erbleicht und zitterte und vermochte seinen Blick von dem
bereits glimmenden Zeitungspapier nicht abzuwenden.

»Sie ist doch wahnsinnig, absolut wahnsinnig, sehen Sie denn das nicht?«
wandte sich der General an Tozkij.

»Ich habe Ihnen ja gesagt, daß sie ein Weib mit Kolorit ist,« flüsterte
der gleichfalls etwas erbleichte Tozkij zurück.

»Aber, ich bitte Sie! -- es sind doch Hun--dert--tau--send!« ...

»Großer Gott, großer Gott, heiliger Vater im Himmel!« ertönte es
ringsum. Alles drängte zum Kamin, alle wollten sehen, wie das Geld
brannte, alles rief und schrie durcheinander ... Einige sprangen sogar
auf die Stühle, um über die Köpfe der anderen hinweg zu sehen. Darja
Alexejewna eilte in höchster Angst zur Tür und tuschelte dort entsetzt
mit Katjä und Pascha. Die schöne Deutsche lief fort.

»Mütterchen! Königin! Allmächtige!« schrie Lebedeff, der vor Nastassja
Filippowna auf den Knien umherrutschte und immer wieder verzweifelt mit
beiden Armen auf den Kamin wies. »Hunderttausend! Hunderttausend! Habe
ich selbst gesehen, vor meinen Augen wurden sie eingepackt! Mütterchen!
Barmherzige! Laß mich in den Kamin kriechen! Ich krieche dir mit allen
vieren hinein, den ganzen grauen Kopf steck' ich ins Feuer! ... Eine
kranke Frau ohne Beine, dreizehn Stück Kinder -- alles Waisen, der Vater
vor einer Woche beerdigt, sie haben nichts zu beißen und zu nagen!
Erbarmen, Erbarmen, Nastassja Filippowna!«

Und noch mit dem letzten Schrei auf den Lippen, kroch er schon zum
Kamin.

»Fort! Nicht! Weg da!« schrie ihn Nastassja Filippowna an und stieß ihn
fort. »Tretet zur Seite, alle, alle! Ganjä, was stehst du denn da?
Schäm' dich doch nicht! Kriech los! Dein Glück ist's!«

Doch Ganjä hatte an diesem Tage und Abend schon gar zuviel ausgehalten.
Auf diese letzte, unerwartete Folter war er nicht vorbereitet. Das
Gedränge teilte sich vor ihm in zwei Hälften, es bildete sich eine Gasse
zwischen ihnen, und Ganjä stand drei Schritte von Nastassja Filippowna,
Auge in Auge ihr gegenüber. Sie stand am Kamin und wartete und sah ihn
mit flammendem, unverwandtem Blick an. Ganjä stand schweigend mit
gekreuzten Armen, im Frack, den Hut und die Handschuhe in der Hand, vor
ihr, ohne sich zu rühren, und sah starr ins Feuer. Ein sinnloses, irres
Lächeln huschte über sein Gesicht, das so bleich war wie eine
weißgetünchte Wand. Zwar konnte er den Blick nicht losreißen von dem
glimmenden Päckchen, doch schien sich plötzlich etwas Neues in seiner
Seele erhoben zu haben: es war, als hätte er sich geschworen, die Folter
auszuhalten. Er rührte sich nicht: nach ein paar Augenblicken wurde es
allen klar, daß er nicht nach dem Geldpaket greifen würde, daß er es
_nicht wollte_!!!

»Ei, sie verbrennen, die Hunderttausend!« schrie ihm Nastassja
Filippowna zu. »Du wirst dich ja später erhängen, wenn du sie nicht
nimmst! Ich scherze nicht!«

Das Feuer war zuerst zwischen den zwei glimmenden Holzscheiten fast
erloschen, als das Geldpaket darauf niedergefallen war. Nur ein kleines
blaues Flämmchen züngelte noch am unteren Rande des einen Holzscheits.
Allmählich kroch es weiter, bis es die eine Ecke des Päckchens zu
belecken begann; das Feuer blieb haften und schlängelte sich dann als
schmale, dünne Zunge von der Ecke hinauf, lief von der oberen Ecke
wieder am Rande weiter und plötzlich umschlang es das ganze Paket, und
eine helle Flamme schlug flackernd nach oben, zugleich einen Feuerschein
ins Zimmer werfend.

»Mütterchen!« schrie Lebedeff und wieder wollte er auf den Knien zum
Kamin kriechen, doch da zog ihn Rogoshin fort und stieß ihn zur Seite.
Rogoshin selbst war nichts als ein einziges glühendes Augenpaar, sein
ganzes Ich lag in seinem Blick, der wie gebannt immer wieder zu
Nastassja Filippowna zurückkehrte, -- er war berauscht, war trunken, war
über der Erde!

»Das, ja, das ist eine Königin!« rief er begeistert aus, sich an alle
und an jeden wendend, gleichviel an wen. »Das, das ist nach unserer
Art!« stieß er wie besinnungslos hervor. »Nun, wer von euch, ihr Gauner
allesamt, brächte so was fertig! was?!«

Der Fürst war der einzige, der schweigend beobachtete. Sein Gesicht war
ernst und in seinen Augen lag Trauer.

»Ich zieh' es mit den Zähnen heraus, auch nur für einen einzigen grauen
Lappen!« erbot sich Ferdyschtschenko.

»Ich auch!« knirschte im Hintergrunde der Faustmensch, wahrscheinlich in
einem Anfall entschiedener Verzweiflung. »T--teufel noch eins! Es
brennt, alles brennt!« schrie er laut auf, als er die Flamme
emporschlagen sah.

»Es brennt, es brennt!« schrien alle wie aus einem Munde, und ein wildes
Drängen zum Kamin hub an.

»Ganjä, zier' dich nicht, ich sage es zum letztenmal!«

»So geh doch, geh!« brüllte Ferdyschtschenko außer sich und er stürzte
sich auf Ganjä, um ihn am Ärmel mit Gewalt zum Kamin zu zerren. »So
kriech doch in den Kamin, du Prahlhans! Es verbrennt! Oh,
verrr--dammter!«

Doch Ganjä stieß plötzlich mit aller Kraft Ferdyschtschenko zurück,
wandte sich um und ging zur Tür. Er hatte aber noch keine zwei Schritte
gemacht, als er plötzlich wankte und krachend zu Boden schlug.

»Ohnmacht! Eine Ohnmacht!« schrien mehrere Stimmen.

»Mütterchen! Allbarmherzige! Sie verbrennen!« schrie Lebedeff.

»Sie verbrennen umsonst!« brüllte es von allen Seiten.

»Katjä, Pascha, bringt ihm Wasser, Essig, Essenz!« rief Nastassja
Filippowna erregt ihren Mägden zu, ergriff dann selbst die Feuerzange
und zog das Paket aus den Flammen hervor.

Die ganze Umhüllung war schon verbrannt und fiel in verkohlenden
Blätterschichten ab, doch sah man sofort, daß der Inhalt unversehrt war.
Rogoshin hatte das Geld in dreifaches Zeitungspapier eingepackt. Alles
atmete erleichtert auf.

»Nur ein einziges kleines Tausendchen ist angebrannt, die anderen sind
alle ganz!« berichtete Lebedeff mit noch zitternder Stimme. Er weinte
fast vor Rührung.

»Alle gehören ihm! Das ganze Paket gehört ihm! Sie hören es, meine
Herren!« rief Nastassja Filippowna laut und sie legte das Geldpaket
neben den ohnmächtigen Ganjä hin. »Er ist doch nicht gegangen, hat es
doch ausgehalten! Seine Eigenliebe ist doch noch größer als seine
Geldgier! Tut nichts, er wird zu sich kommen! Er hätte womöglich
ermordet ... Da, er kommt schon zu sich! General, Ptizyn, Darja
Alexejewna, Katjä, Pascha, Rogoshin, habt ihr's gehört? Das ganze Geld
gehört Ganjä! Ich gebe es ihm als sein Eigentum, als Entschädigung, als
Belohnung ... nun, da, gleichviel wofür! Sagt es ihm. Mag es hier neben
ihm liegen. Rogoshin, marsch! Leb' wohl, Fürst, ich habe zum erstenmal
einen Menschen gesehen! Leben Sie wohl, Afanassij Iwanowitsch, _merci_!«

Die ganze Rotte Rogoshins drängte mit Geräusch und Geschrei dem Ausgang
zu, wohin Nastassja Filippowna und Rogoshin bereits vorausgegangen
waren. Im Saal brachten ihr die Mädchen den Pelz. Auch die Köchin Marfa
kam aus der Küche herbeigelaufen. Nastassja Filippowna küßte sie alle
zum Abschied.

»Mütterchen, ist es denn wirklich wahr, daß Sie uns für immer verlassen?
Wohin wollen Sie denn gehen? Und noch dazu am Geburtstage, an einem
solchen Fest!« jammerten die weinenden Mädchen, die ihr die Hände
küßten.

»Auf die Straße gehe ich jetzt, Katjä, du hast es doch schon gehört,
dort ist mein Platz, oder am Waschtroge! Genug von Afanassij
Iwanowitsch! Grüßt ihn mir und gedenkt meiner nicht im Bösen ...«

Der Fürst eilte, so schnell er konnte, zur Auffahrt, wo sich die ganze
Gesellschaft bereits in die vier Troiken gesetzt hatte. Der General
holte ihn nur noch mit Mühe auf der Treppe ein.

»Fürst Lew Nikolajewitsch, komm zur Besinnung!« rief er, ihn am Arm
packend, um ihn zurückzuhalten. »Laß sie doch! Du siehst doch, was für
eine sie ist! Wie ein Vater rate ich dir ...«

Der Fürst sah ihn an, doch ohne ein Wort zu sagen, riß er sich los und
eilte hinaus.

Als der General auf die Straße trat, waren die Troiken schon fort und er
sah nur noch, wie der Fürst dem nächsten Droschkenkutscher zurief: »Nach
Jekateringoff, hinter den Troiken her!«

Der Schweißfuchs des Generals fuhr vor und brachte seinen Herrn in
schlankem Trabe heim, mit neuen Hoffnungen und Berechnungen und auch mit
den kostbaren Perlen, die Seine Exzellenz schließlich doch nicht
vergessen hatte, mitzunehmen. Und zwischen den Gedanken und Hoffnungen
des Generals tauchte auch wieder Nastassja Filippownas Bild vor ihm auf
in seiner ganzen verführerischen Schönheit. Der General seufzte:

»Schade! Wirklich schade! Ein verlorenes Weib! Ein verrücktes Weib! ...
Nun, aber der Fürst braucht jetzt etwas anderes als eine Nastassja
Filippowna. Schließlich ist es noch ganz gut, daß es so gekommen ist
...«

Fast in derselben Art wurden auch noch von zwei anderen Gästen Nastassja
Filippownas, die ein Stück Weges zu Fuß zu gehen beschlossen hatten,
einige lehrreiche Ansichten ausgetauscht.

»Wissen Sie, Afanassij Iwanowitsch, das ist ungefähr ebenso wie bei den
Japanern,« sagte Iwan Petrowitsch Ptizyn zu Tozkij. »Der Beleidigte geht
dort zu seinem Beleidiger und sagt: >Du hast mich beleidigt, und dafür
schlitze ich mir vor deinen Augen den Bauch auf<, und bei diesen Worten
schlitzt er sich auch in der Tat den Bauch auf und fühlt dabei
wahrscheinlich eine außerordentliche Genugtuung, ganz als hätte er sich
nun wirklich an jenem gerächt. Es gibt sehr seltsame Charaktere in der
Welt, Afanassij Iwanowitsch!«

»Sie meinen, daß auch hier etwas Ähnliches getan worden sei?« fragte
Tozkij mit einem Lächeln. »Hm! Nicht übel ... Sie haben einen sehr
scharfsinnigen Vergleich angeführt. Aber Sie haben doch selbst gesehen,
mein bester Iwan Petrowitsch, daß ich alles getan habe, was ich nur tun
konnte: mehr als das kann ein Mensch nicht, das müssen Sie mir doch
selbst zugeben? Und andererseits, wenn man bedenkt -- es läßt sich doch
nicht leugnen, daß diese Frau kolossale Vorzüge hat ... wirklich
glänzende Gaben! Ich wollte ihr vorhin schon zurufen -- wenn ich mir das
in diesem Sodom hätte gestatten können -- daß sie selbst meine beste
Rechtfertigung gegen alle ihre Beschuldigungen ist. Nun, sagen Sie doch
selbst, wer hätte sich nicht an diesem Weibe berauscht, bis zum
Vergessen alles ... anderen? Sie sehen, dieser Bauer, dieser Rogoshin --
er hat doch hunderttausend Rubel für sie herangeschleppt! Mag auch
alles, was dort geschehen ist, sagen wir grotesk, romantisch,
unschicklich sein, so hat es dafür doch Kolorit, es ist originell! --
das müssen Sie mir zugeben! Gott, was könnte sie nicht sein: bei diesem
Charakter und dieser Schönheit! Aber trotz aller Bemühungen, trotz aller
Mittel, selbst ungeachtet ihrer Erziehung und Ausbildung -- ist doch
alles verloren! Ein ungeschliffener Diamant -- das habe ich schon mehr
als einmal gesagt ...«

Und Afanassij Iwanowitsch seufzte tief.




                              Zweiter Teil


                                   I.

Am zweiten Tage nach den sonderbaren Vorgängen in der Wohnung Nastassja
Filippownas reiste Fürst Myschkin nach Moskau, um dort alles Nötige in
seiner Erbschaftsangelegenheit persönlich zu erledigen. Es wurde damals
davon gesprochen, daß er auch noch aus anderen Gründen seine Abreise so
beschleunigt hätte; doch können wir sowohl darüber, wie auch über alle
weiteren Erlebnisse des Fürsten in Moskau oder überhaupt während seiner
Abwesenheit aus Petersburg nicht sehr viel Näheres berichten. Der Fürst
war ganze sechs Monate von Petersburg abwesend, und in dieser Zeit
konnten selbst diejenigen, die Ursache hatten, sich für sein Schicksal
zu interessieren, fast nichts über seinen Verbleib oder sein Tun und
Treiben erfahren. Freilich drangen diesem und jenem bisweilen Gerüchte
zu Ohren, doch waren dieselben größtenteils recht seltsamer Art und
widersprachen sich außerdem in der Regel sehr. Das größte Interesse
hatte man für den Fürsten im Hause des Generals Jepantschin, wo der
Fürst, nebenbei bemerkt, nicht einmal seinen Abschiedsbesuch gemacht
hatte. Der General war mit ihm allerdings noch zwei- oder dreimal
zusammengekommen, und sie hatten beide sogar sehr ernst miteinander
gesprochen, doch hatte der General in der Familie kein Wort davon
verlauten lassen. Und überhaupt wurde bei Jepantschins in der ersten
Zeit, d. h. fast einen ganzen Monat nach der Abreise des Fürsten, nicht
von diesem gesprochen. Nur die Generalin Lisaweta Prokofjewna äußerte
ganz zu Anfang, daß sie sich im Fürsten »grausam getäuscht« habe. Einige
Tage später bemerkte sie, doch jetzt ohne den Fürsten zu nennen, sondern
nur so im allgemeinen, ihr »auffallendster Charakterzug« sei, daß sie
sich beständig in den Menschen täusche. Und schließlich, nach Verlauf
weiterer zehn Tage, schloß sie, durch die Töchter aus irgendeinem Anlaß
in gereizte Stimmung versetzt, bereits in Form einer Sentenz: »Genug der
Täuschungen! Jetzt werden keine mehr vorkommen.« Das war ihr letztes
Wort. Doch auch ganz abgesehen davon, herrschte in ihrem Hause, was hier
nicht verschwiegen werden darf, ziemlich lange eine recht unangenehme
Stimmung: es lag eine gewisse Spannung, eine Unzufriedenheit in der
Luft, alle waren mißvergnügt und gereizt. Der General hatte namentlich
im Dienst viel zu tun; er war vom Morgen bis zum Abend beschäftigt, so
daß ihn seine Angehörigen kaum zu Gesicht bekamen. Was aber die drei
Mädchen betrifft, so ließ keine von ihnen in Gegenwart der Eltern ein
Wort über den Fürsten fallen, und vielleicht hatten sie auch unter sich
nur wenig über ihn gesprochen -- vielleicht aber auch nicht einmal das.
Sie waren stolze, hochmütige Mädchen, die auch dann, wenn sie unter sich
waren, nicht ihre innersten Gefühle aussprachen.

Jedenfalls hätte aus oben Erwähntem ein Beobachter, falls ein solcher
vorhanden gewesen wäre, mit ziemlicher Sicherheit das Richtige erraten
können: daß der Fürst doch einen gewissen Eindruck im Hause des Generals
hinterlassen hatte, obschon er nur ein einziges Mal und auch dann nur
kurze Zeit dort gewesen war. Möglicherweise war dieser Eindruck nur
durch die etwas seltsamen Erlebnisse des Fürsten zu erklären ... Doch
wie dem auch sein mochte, jedenfalls hatte er Eindruck gemacht.

Die Gerüchte, die sich anfänglich über ihn in der Stadt verbreitet
hatten, gerieten alsbald in Vergessenheit. Es war eine Zeitlang in
gewissen Kreisen von irgendeinem recht beschränkten jungen Fürsten --
den Namen wußte niemand genau -- gesprochen worden, von einem, man kann
wohl sagen, halben Idioten, der ein großes Vermögen geerbt und eine
zugereiste Französin, eine bekannte Kankantänzerin aus dem Château des
Fleurs zu Paris, geheiratet habe. Dann hatte es eine Zeitlang geheißen,
das Vermögen hätte ein gewisser General geerbt, und die Französin habe
ein ungeheuer reicher russischer Kaufmann geheiratet, der auf seiner
Hochzeit einzig aus Prahlsucht für runde siebenhunderttausend Rubel
Lotterielose an einer Stearinkerze verbrannt hätte, natürlich in der
Trunkenheit. Doch alle diese Gerüchte verstummten sehr bald infolge der
Veränderung der Verhältnisse selbst. So war zum Beispiel die ganze Rotte
Rogoshins mit diesem selbst an der Spitze nach Moskau gereist -- eine
Woche nach der Orgie in Jekateringoff, an der auch Nastassja Filippowna
teilgenommen hatte --, und somit waren gerade diejenigen, die am ehesten
etwas hätten erzählen können, nicht mehr in Petersburg. Nur einige
wenige, die wirklich Grund hatten, sich für die Angelegenheit zu
interessieren, erfuhren dann später, daß Nastassja Filippowna schon am
nächsten Tage nach jener Orgie geflüchtet und verschwunden und daß man
ihr jetzt endlich auf die Spur gekommen sei: wie verlautet, hatte sie
sich nach Moskau begeben, und als nun Rogoshin gleichfalls nach Moskau
fuhr, brachte man den Zweck seiner Reise unwillkürlich mit Nastassja
Filippowna in Zusammenhang.

Desgleichen wurde auch über Gawrila Ardalionytsch Iwolgin, der in seinem
Kreise durchaus nicht so unbekannt war, gar mancherlei gesprochen; doch
auch hier trat bald ein Umstand ein, der alle für ihn nachteiligen
Gerüchte vergessen ließ: er erkrankte und konnte daher nicht nur nicht
in der Gesellschaft erscheinen, sondern auch nicht einmal die Arbeit,
die er als Angestellter der Aktiengesellschaft zu verrichten hatte,
fortsetzen. Nachdem er einen Monat das Bett gehütet, setzte er seine
Bekannten dadurch in Erstaunen, daß er diese Anstellung aufgab, worauf
seinen Posten ein anderer erhielt. Auch beim General Jepantschin
erschien er nicht mehr, so daß ihn auch dort ein anderer ersetzen mußte.
Seine Feinde hätten nun annehmen können, daß er sich schäme, sich auch
nur auf der Straße zu zeigen, doch das war nicht der Fall. Er fühlte
sich in der Tat nicht wohl, war fast zum Hypochonder geworden, war
nachdenklich und sehr reizbar. Warwara Ardalionowna verheiratete sich
noch im Laufe des Winters mit Iwan Petrowitsch Ptizyn. Alle Bekannten
der Familie behaupteten, daß sie ihn einzig deshalb genommen habe, weil
Ganjä seine frühere Arbeit nicht wieder aufnehmen wollte und daher auch
die Familie nicht mehr unterstützen konnte; ja, er bedurfte sogar selbst
der Unterstützung und wollte gepflegt sein.

Bei der Gelegenheit sei noch nebenbei bemerkt, daß im Hause des Generals
Jepantschin auch Gawrila Ardalionytschs mit keinem Wort Erwähnung getan
wurde, ganz als hätte es nie einen solchen Menschen in der Welt gegeben.
Und doch hatten dort alle Damen bald etwas sehr Bedeutsames über ihn
erfahren. Es war das folgendes: Als er in jener Nacht von Nastassja
Filippowna zurückgekehrt war, hatte er sich nicht schlafen gelegt,
sondern in fieberhafter Ungeduld die Rückkehr des Fürsten erwartet. Der
Fürst nun war aus Jekateringoff erst um sechs Uhr morgens zurückgekehrt.
Da war Ganjä zu ihm ins Zimmer gegangen und hatte das Geldpaket -- die
ihm, als er ohnmächtig auf dem Boden lag, von Nastassja Filippowna
geschenkten hunderttausend Rubel -- vor dem Fürsten auf den Tisch gelegt
und ihn mit allem Nachdruck gebeten, bei nächster Gelegenheit dieses
Geschenk Nastassja Filippowna zurückzugeben. Als Ganjä beim Fürsten
eintrat, war er in feindseliger und verzweifelter Stimmung gewesen,
doch, hieß es, waren dann zwischen ihm und dem Fürsten einige Worte
gefallen, woran Ganjä noch ganze zwei Stunden bei jenem geblieben war
und die ganze Zeit bitterlich geschluchzt hatte. Geschieden waren sie
freundlich voneinander.

Und diese Nachricht beruhte auch vollkommen auf Wahrheit. Unverständlich
war nur, daß Nachrichten dieser Art sich so schnell verbreiten konnten;
so war zum Beispiel der Verlauf der ganzen Abendgesellschaft bei
Nastassja Filippowna fast schon am nächsten Tage im Hause des Generals
bekannt geworden, und sogar noch mit ziemlich genauen Einzelheiten. Man
hätte annehmen können, daß Warwara Ardalionowna, die zum größten
Erstaunen Lisaweta Prokofjewnas ganz plötzlich mit den drei jungen
Mädchen enge Freundschaft pflegte, diesen alles Nähere erzählt habe.
Doch wenn es Warwara Ardalionowna aus irgendeinem Grunde auch nötig
erschienen war, mit Jepantschins Freundschaft zu schließen, so würde sie
doch niemals ungebeten von ihrem Bruder erzählt haben. Sie war
gleichfalls stolz, allerdings in ihrer Art -- und obwohl sie jetzt
Freundschaft dort anknüpfte, wo ihrem Bruder der Verkehr so gut wie
abgesagt worden war. Sie war freilich schon früher mit den Schwestern
bekannt gewesen, doch hatte sie dieselben nur wenige Male besucht.
Übrigens zeigte sie sich auch jetzt nur selten in ihrem Empfangssalon,
und gewöhnlich kam sie über die Hintertreppe, um dann nur eine kurze
Zeit bei den jungen Mädchen zu verweilen. Die Generalin war ihr niemals
besonders gewogen gewesen, obschon sie Warjäs Mutter sehr achtete. Über
Warjäs Besuche ärgerte sie sich und schrieb diese neue Freundschaft
ihrer Töchter den Launen »dieser Mädchen« zu, die »selbst nicht mehr
wüßten, was sie ihr noch zum Trotz antun sollten«. Doch ungeachtet ihres
Ärgers setzte Warwara Ardalionowna auch nach ihrer Verheiratung mit
Ptizyn die Besuche bei den Generalstöchtern fort.

Da erhielt die Generalin eines Tages -- es war ungefähr ein Monat nach
der Abreise des Fürsten vergangen -- von der alten Fürstin
Bjelokonskaja, die vor etwa zwei Wochen nach Moskau zu ihrer ältesten,
verheirateten Tochter gefahren war, einen Brief, und dieser Brief machte
auf die Generalin Jepantschin offenbar einen nicht geringen Eindruck.
Zwar teilte sie von seinem Inhalt weder ihren Töchtern, noch ihrem
Gemahl Iwan Fedorowitsch etwas mit; doch konnte man aus untrüglichen
Anzeichen schließen, daß sie sich durch ihn in merkwürdig gehobener
Stimmung befand. Sie knüpfte mit den Töchtern Gespräche über die
seltsamsten Dinge an, über Dinge, die, wie man meinen sollte, ganz fern
lagen. Allem Anscheine nach hatte sie etwas auf dem Herzen, das sie
jedoch vorläufig noch für sich behalten wollte. Am ersten Tage nach dem
Empfang des Briefes war sie sogar sehr lieb zu ihren Töchtern, küßte
Aglaja und Adelaida und erklärte sich in irgend etwas für schuldig vor
ihnen -- doch worin gerade, das konnten beide nicht verstehen. Selbst
gegen Iwan Fedorowitsch, der jetzt einen Monat in Acht und Bann war,
ward sie plötzlich gnädig gestimmt. Versteht sich: schon am nächsten
Tage ärgerte sie sich wieder unsäglich über ihre »Sentimentalität« und
fand bereits vor Tisch Zeit und Gelegenheit, sich mit allen von neuem zu
überwerfen, doch zum Abend klärte sich der Horizont wieder auf. Diese
freundlichere Stimmung hielt sogar eine ganze Woche an, was man
eigentlich lange nicht mehr erlebt hatte.

Es vergingen acht Tage, und die Generalin erhielt einen zweiten Brief
von der Bjelokonskaja, worauf sie sich dann doch entschloß, ihr
Schweigen zu brechen. Nicht ohne eine gewisse Feierlichkeit hub sie ihre
Mitteilung an: daß die »alte Bjelokonskaja« -- sie nannte sie nie
Fürstin, wenn sie mit anderen von ihr sprach -- ihr äußerst beruhigende
Dinge über diesen ... »nun, diesen da, diesen Sonderling, den Fürsten«
mitgeteilt habe. Die alte Dame hatte in Moskau Erkundigungen über ihn
eingezogen und, wie sie schrieb, etwas sehr Gutes über ihn erfahren.
Schließlich sei auch der Fürst selbst bei ihr erschienen und habe einen
fast ungeheuren Eindruck auf sie gemacht. Ferner habe sie ihn
eingeladen, sie täglich zwischen eins und zwei zu besuchen, »und jener
schleppt sich auch täglich zu ihr hin und ist ihr bis jetzt noch nicht
langweilig geworden,« schloß die Generalin, worauf sie noch kurz
hinzufügte, daß der Fürst dank der »alten Bjelokonskaja« auch in zwei
oder drei anderen sehr angesehenen Familien empfangen worden sei. --
»Gut wenigstens, daß er nicht nur in seinen vier Wänden hockt und sich
nicht wie ein Tölpel vor den Menschen fürchtet.«

Den jungen Mädchen fiel es nach diesen Mitteilungen sogleich auf, daß
die Mutter ihnen lange nicht alles gesagt hatte, was die Briefe
enthielten. Vielleicht hatten sie bereits viel mehr von anderer Seite
erfahren, etwa von Warwara Ardalionowna, die ja doch alles wissen
konnte, was Ptizyn wußte. Ptizyn aber wußte höchstwahrscheinlich mehr
als alle anderen, und wenn er auch als Geschäftsmann einem jeden
gegenüber sehr verschwiegen war, so machte er doch in der Beziehung mit
Warjä eine Ausnahme, weshalb sich denn auch die Generalin nicht wenig
über deren Besuche ärgerte.

Doch wie dem nun auch sein mochte, jedenfalls war das Eis gebrochen, und
in der Familie konnte man wieder von dem Fürsten sprechen: und da zeigte
es sich denn nur zu deutlich, einen wie großen Eindruck der Fürst im
Hause des Generals hinterlassen hatte. Die Generalin wunderte sich auch
nicht wenig über den Eindruck, den ihre Moskauer Nachrichten auf die
drei Mädchen machten, und diese wiederum wunderten sich ebenfalls nicht
wenig über ihre Mutter, die doch so feierlich erklärt hatte, daß ihr
»auffallendster Charakterzug« das ewige Sichtäuschen in Menschen sei,
und die dabei gleichzeitig den Fürsten der Aufmerksamkeit der
»allmächtigen« Fürstin empfahl -- wobei nicht zu vergessen war, daß man
deren Aufmerksamkeit mit endlosen Reden erkaufen mußte, denn die alte
Dame war etwas schwer von Begriff. Doch da nun, wie gesagt, das Eis
gebrochen war und ein neuer Wind in der Familie wehte, entschloß sich
auch der General, seine Meinung zu äußern, und so zeigte es sich, daß
auch er sich in ganz erstaunlicher Weise für den Fürsten interessierte.
Was er mitteilte, bezog sich übrigens nur auf die »geschäftliche Seite«
der Angelegenheit. Zur nicht geringen Verwunderung der Gattin und
Töchter hatte der General zwei zuverlässige und in ihrer Art
einflußreiche Herren in Moskau beauftragt, über den Fürsten und
namentlich über Ssalaskin, seinen Rechtsbeistand, Erkundigungen
einzuziehen und ihn auch gewissenhaft zu überwachen. Die Erbschaft, »das
heißt die Tatsache der Erbschaft«, habe ihre Richtigkeit, doch das
Vermögen sei schließlich gar nicht so groß, wie man zuerst angenommen
hatte; die Hälfte desselben liege fest; da seien Schulden; da seien weiß
Gott was für Prätendenten; und der Fürst selbst verführe trotz aller
Ratgeber und Beiräte in einer Weise mit dem Kapital, die bei jedem
Geschäftsmann nur ein Kopfschütteln hervorrufen könne. »Ich wünsche ihm
selbstverständlich nur das Beste,« sagte der General, und da jetzt der
Bann aufgehoben war, konnte er es sogar »von ganzem Herzen wünschen«;
denn »wenn der Junge auch so ... nun ja ... etwas _so_ ist, so ist er es
doch wert, daß man ihm Gutes wünscht«. Kurz und gut, der Junge habe aber
bei dieser Gelegenheit doch eine große Dummheit begangen: es seien da
verschiedene Gläubiger des alten Kaufmanns gekommen, mit ganz
ungenügenden Dokumenten, mit Dokumenten, deren Ungültigkeit auf der Hand
lag, und manche, die von dem fürstlichen Erben Wind bekommen hatten,
seien sogar ohne Dokumente gekommen, und was war geschehen? -- der Fürst
hatte ihre Forderungen beglichen, trotz aller Vorhaltungen seiner
Freunde, die ihm vergeblich versicherten, daß alle diese Leutchen ganz
rechtlos wären. Und zwar hätte er ihnen nur deshalb gezahlt, weil einige
von ihnen andernfalls ihr tatsächlich geliehnes Geld verloren oder
sonstwie »durch Papuschin« gelitten hätten.

Die Generalin bemerkte hierauf, daß auch die Bjelokonskaja ihr in diesem
Sinne schriebe, und das sei natürlich »sehr dumm von ihm, sehr dumm,
aber einen Dummen kann man nicht klug machen,« fügte sie schroff hinzu;
doch ihrem Gesicht sah man es an, wie sehr ihr die Handlungsweise dieses
»Dummen« innerlich gefiel. Jedenfalls fiel es dem General plötzlich auf,
daß seine Lisaweta Prokofjewna »für diesen Fürsten eine Teilnahme
übrighabe, als wäre er ihr leiblicher Sohn«, und daß sie zu Aglaja doch
etwas auffallend zärtlich war. Nach Beendigung dieses Gedankenganges und
einem nochmaligen prüfenden Blick auf seine Gattin beschloß der General,
zeitweilig die Haltung eines vielbeschäftigten Mannes anzunehmen.

Doch diese gute Stimmung sollte wiederum nicht lange dauern. Es
vergingen nur kurze zwei Wochen, und plötzlich »schlug das Wetter wieder
um«, wie der General bei sich sagte: die Generalin war wieder schlechter
Laune und er selbst mußte sich, nachdem er ein paarmal die Schultern in
die Höhe gezogen, schließlich doch drein fügen, daß über gewisse
Vorgänge und Personen fortan eisiges Schweigen herrschte. Vor zwei
Wochen hatte er die kurze und deshalb etwas unklare, doch
nichtsdestoweniger glaubwürdige Nachricht erhalten, daß Nastassja
Filippowna, die anfangs in Moskau gelebt, und die Rogoshin nach langem
Suchen endlich dort gefunden, wieder geflohen und wieder von Rogoshin
aufgesucht worden war, zu guter Letzt doch eingewilligt habe, diesen zu
heiraten. Das war die erste Nachricht. Und nun, nach kaum vierzehn
Tagen, hatte Seine Exzellenz wieder eine Nachricht erhalten, die ihn
nicht weniger erregte: Nastassja Filippowna war zum drittenmal geflohen,
fast vom Altare fort, und diesmal sollte sie irgendwo in einer Provinz
verschwunden sein. Nun aber war plötzlich auch Fürst Myschkin aus Moskau
verschwunden, nachdem er alle seine Erbschaftsangelegenheiten Ssalaskin
übertragen hatte; »ob nun mit ihr zusammen oder hinter ihr her, das weiß
man nicht, doch steht seine Abreise zweifellos mit ihrer Flucht in
Zusammenhang,« schloß der General. Auch die Generalin hatte unangenehme
Nachrichten erhalten. So kam es, daß man nach zwei Monaten in Petersburg
nichts mehr vom Fürsten wußte, und im Hause des Generals Jepantschin
wurde »das Eis des Schweigens« hinfort nicht mehr gebrochen. Doch
Warwara Ardalionowna besuchte immer noch ab und zu die drei jungen
Mädchen ...

Um nun mit all diesen Gerüchten, Nachrichten und Stimmungen
abzuschließen, sei hier noch erwähnt, daß sich bei Jepantschins zum
Frühling hin sehr vieles veränderte, so daß es schließlich nur natürlich
war, wenn man den Fürsten, der nichts von sich hören ließ und vielleicht
auch sogar selbst vergessen sein wollte, mit der Zeit tatsächlich ganz
vergaß. Im Laufe des Winters hatte man sich allmählich entschlossen, im
Sommer eine Reise ins Ausland zu machen, das heißt, nur Lisaweta
Prokofjewna und die drei Töchter. Der General dagegen hatte keine Zeit
für »nutzlose Zerstreuungen«. Der Beschluß war gefaßt worden, weil die
drei jungen Mädchen sich eingeredet hatten, daß die Eltern sie nur
deshalb nicht ins Ausland bringen wollten, weil sie sie sobald als
möglich an den Mann zu bringen wünschten. Vielleicht waren nun die
Eltern zur Überzeugung gekommen, daß es ja auch im Auslande Männer gab,
und die Reise ins Ausland nicht nur nichts »verderben«, sondern sogar
sehr »zustatten« kommen könnte. Hier muß noch erwähnt werden, daß die
einstmals projektierte Heirat zwischen Afanassij Iwanowitsch Tozkij und
Alexandra Jepantschin ganz ins Wasser gefallen und es zu einem formellen
Antrag seinerseits gar nicht gekommen war. Es hatte sich das ganz von
selbst gemacht, ohne viele Worte oder gar Familienszenen. Seit der
Abreise des Fürsten war von beiden Seiten nicht mehr davon gesprochen
worden, aber wenn die Generalin auch damals schon gesagt hatte, daß es
sie nur freue und sie mit beiden Händen ein Kreuz schlage, so war das
doch den Winter über mit ein Grund der schlechten Stimmung gewesen, in
der sich die Familie befunden. Der General fühlte zwar, daß er selbst
daran schuld war, spielte aber trotzdem oder vielmehr gerade deshalb den
Stolzen. Ihm tat nur Freund Tozkij leid -- »wenn man bedenkt: ein
solches Vermögen und dazu ein so gewandter Mensch!« Doch es dauerte
nicht lange, und der General erfuhr, daß »Freund Tozkij« sich von den
Reizen einer vor kurzem in Petersburg eingetroffenen Französin hatte
bestricken lassen, einer Marquise und Legitimistin, und daß Freund
Tozkij sie baldigst heiraten würde, worauf sie mit ihm nach Paris und
von dort nach der Bretagne zu fahren gedächte. »Nun, wenn du dich schon
mit Französinnen einläßt, ist es aus mit dir, Freund!« dachte der
General bei sich.

Und so stand es denn fest, daß Jepantschins im Sommer verreisen würden.
Doch siehe, plötzlich kam wieder etwas dazwischen, das abermals alle
Pläne umwarf und die Reise zur größten Freude des Generals und der
Generalin hinausschob.

Vor nicht langer Zeit war in Petersburg ein gewisser Fürst Sch.
eingetroffen, ein Moskauer Aristokrat, der sich eines sehr, sehr guten
Rufes erfreute. Er war einer jener Leute oder man kann sogar sagen
Tatmenschen der »neuen Zeit«, die ehrlich und bescheiden sind, die sich
niemals vordrängen, die aufrichtig und bewußt das Nützliche wollen und
durchführen, immer arbeiten und sich auch noch durch die seltene und
glückliche Eigenschaft auszeichnen, daß sie immer Arbeit finden. Ohne
sich um die Zwietracht und die Händel der großredenden Parteien zu
kümmern, ohne sich zu überheben oder zu den Ersten zählen zu wollen,
faßte der Fürst doch vieles von dem jüngst Geschehenen oder sich noch
Vollziehenden in höchst verständiger Weise auf. Er hatte zuerst im
Staatsdienst gestanden und sich dann mit den Agrarfragen zu beschäftigen
begonnen. Außerdem war er ein geschätzter Mitarbeiter mehrerer gelehrter
Verbände. In Gemeinschaft mit einem bekannten Techniker hatte er auf
Grund eingehender Untersuchungen einer gerade projektierten, sehr
wichtigen Eisenbahnlinie die Baukommission derselben auf verschiedene
Fehler im Projekt aufmerksam gemacht und gleichzeitig das Projekt einer
mit Rücksicht auf die Ortsverhältnisse weit zweckmäßigeren Linie
eingereicht. Er war fünfunddreißig Jahre alt, gehörte zur vornehmsten
Gesellschaft und besaß ein »gutes, sicheres Vermögen«, wie der General
verlauten ließ, der den Fürsten in einer ziemlich schwierigen Sache beim
Grafen, seinem Vorgesetzten, kennen gelernt hatte. Der Fürst machte
seinerseits wiederum sehr gern die Bekanntschaft von russischen
»Tatmenschen«. Kurzum, der Fürst wurde mit der Familie des Generals
bekannt und Adelaida Iwanowna, die mittlere der drei Schwestern, machte
einen so großen Eindruck auf ihn, daß er zu Ende des Winters bei den
Eltern um ihre Hand anhielt. Und da er sowohl Adelaida Iwanowna wie auch
der Generalin sehr gefiel, wurde die Hochzeit auf das Frühjahr
festgesetzt. Der General freute sich von Herzen und war in sehr
gehobener Stimmung. Selbstverständlich mußte nun die Reise ins Ausland
vorläufig aufgeschoben werden.

Freilich hätte die Generalin deshalb immer noch im Sommer oder zu Ende
des Sommers auf ein bis zwei Monate mit Alexandra und Aglaja reisen
können, allein schon um der Zerstreuung willen: nach der Trauer um den
Verlust Adelaidas! Doch da kam wieder etwas dazwischen: gegen Ende des
Frühlings führte Fürst Sch. -- die Hochzeit war auf die Mitte des
Sommers verschoben worden -- seinen entfernten Verwandten Jewgenij
Pawlowitsch Radomskij bei Jepantschins ein. Es war das ein noch junger
Offizier, Flügeladjutant des Zaren, eine auffallend schöne Erscheinung,
vornehmer Herkunft, geistreich, glänzend, »modern in jeder Beziehung und
unerhört gebildet«, wie es hieß, und zum Überfluß noch enorm reich. In
betreff dieses letzten Punktes pflegte der General stets etwas skeptisch
zu sein. Er zog Erkundigungen ein, aber das Ergebnis derselben war
zufriedenstellend: »Es scheint tatsächlich etwas Wahres daran zu sein,
doch, wie gesagt, man muß sich noch vergewissern«, äußerte sich der
General. Dieser junge Offizier, dem eine »glänzende Zukunft« bevorstand,
war von der alten Bjelokonskaja in einem Brief aus Moskau in den
siebenten Himmel gehoben worden. Nur ein einziger Punkt war dabei etwas
kitzliger Art: man sprach von gewissen Verbindungen, von gewissen Siegen
und Eroberungen und von unglücklichen Herzen. Nachdem er aber Aglaja
erblickt und kennen gelernt hatte, wurde er auffallend seßhaft im Hause
Jepantschin. Es war allerdings noch von nichts gesprochen worden, selbst
Andeutungen hatte noch niemand gehört, doch den Eltern wurde es trotzdem
klar, daß man in diesem Sommer an eine Reise ins Ausland wirklich nicht
denken konnte. Aglaja selbst war vielleicht die einzige, die anders
dachte.

Alles das geschah kurz vor der abermaligen Ankunft unseres Helden in
Petersburg, zu einer Zeit, als dem Anscheine nach bereits alle den armen
Fürsten Myschkin vergessen hatten. Wäre er jetzt plötzlich unter seinen
Bekannten aufgetaucht, so hätten sie ihn wie einen vom Himmel
Herabgefallenen überrascht und verwundert angestarrt. Indes -- es muß
doch noch eines Faktums Erwähnung getan werden, bevor wir die Einleitung
abschließen.

Koljä Iwolgin setzte nach der Abreise des Fürsten sein früheres Leben
unverändert fort, d. h. er besuchte das Gymnasium, besuchte seinen
Freund Hippolyt, beaufsichtigte den General und half Warjä in der
Wirtschaft, indem er gewissermaßen als Laufbursche in ihren Diensten
stand. Mit den Mietern war es übrigens bald zu Ende. Ferdyschtschenko
verschwand am dritten Tage nach der Orgie in Jekateringoff, und bald war
er ganz verschollen; anfangs hatte es noch geheißen, er »trinke dort
irgendwo«, aber Genaueres wußte niemand von ihm. Fürst Myschkin fuhr,
wie gesagt, nach Moskau, und weitere Pensionäre hatten sie nicht gehabt.
Späterhin, als Warjä heiratete, zogen mit ihr auch Nina Alexandrowna und
Ganjä zu Ptizyn, der in dem Stadtteil Ismailowskij Polk lebte. Was
jedoch den alten verabschiedeten General Iwolgin betrifft, so war ihm
etwas sehr Seltsames zugestoßen: er kam nämlich in das Schuldgefängnis.
Hineingebracht hatte ihn seine ehemalige »Seelenfreundin«, die
Kapitanscha, auf Grund seiner ihr zu verschiedenen Zeiten ausgestellten
Schuldverschreibungen, alle zusammen in der Höhe von zirka zweitausend
Rubeln. Diese Einforderung der Schuld kam für den armen General
vollkommen unerwartet, er war »entschieden das Opfer seines
unbeschränkten Glaubens an den Edelmut des Menschenherzens, im
allgemeinen gesprochen«, wie er sich ausdrückte. Es war ihm zur
beruhigenden Gewohnheit geworden, Pfandbriefe und Wechsel zu
unterzeichnen, da er nicht einmal an die Möglichkeit, daß die
verschriebenen Summen eingefordert werden könnten, dachte, sondern
vielmehr überzeugt war, daß das alles »_nur so_« sei. »Traue jetzt noch
den Menschen, bekunde jetzt noch Zutrauen!« rief er pathetisch im Kreise
seiner neuen Freunde im Gefängnis aus und erzählte ihnen dann bei einer
Flasche Rotspon die Belagerung von Kars und die Geschichte vom
auferstandenen Soldaten. Übrigens hatte er sich dort sehr schnell und
vorzüglich eingelebt. Ptizyn und Warjä sagten, daß diese Unterkunft für
ihn wie geschaffen sei, und Ganjä war ungefähr derselben Ansicht. Nur
die arme Nina Alexandrowna weinte im stillen bitterlich -- was ihre
Angehörigen eigentlich recht wunderte --, und obschon sie kränkelte,
machte sie sich doch immer wieder auf und ging zu ihrem Mann ins
Schuldgefängnis.

Seit dieser »Generalüberraschung«, wie Ganjä sie nannte, und der
Verheiratung Warjäs hatte sich Koljä immer mehr von der Familie
losgemacht und in der letzten Zeit brachte er es sogar so weit, daß er
selbst zur Nacht nicht nach Hause kam, sondern es vorzog, bei seinen
Freunden zu schlafen. Wie man hörte, hatte er viele neue Freundschaften
angeknüpft und war auch im Schuldgefängnis ein fast täglicher Besucher
geworden. Nina Alexandrowna konnte dort gar nicht ohne ihn auskommen, zu
Hause aber wurde er nicht einmal mit Neugier belästigt, obschon eine
solche bei seinem Treiben doch ganz verständlich gewesen wäre. Selbst
Warjä, die früher so strenge Warjä, nahm ihn jetzt nie ob seiner
Lebensweise ins Verhör. Und auch Ganjä begann, zur größten Verwunderung
der Familie, ganz freundschaftlich mit ihm zu reden und umzugehen --
trotz seiner Hypochondrie --, was gegen sein früheres Verhältnis zum
Bruder sehr abstach. Hatte doch der siebenundzwanzigjährige Ganjä den
fünfzehnjährigen Koljä nicht der geringsten freundschaftlichen Beachtung
gewürdigt, ihn »einfach grob« behandelt, von allen anderen wie auch von
sich selbst nur Strenge ihm gegenüber verlangt und ewig gedroht, »einmal
noch mit seinen Ohren in nähere Berührung zu kommen,« was dann Koljä
»aus den letzten Grenzen menschlicher Geduld« brachte. Man konnte sogar
glauben, daß der jüngere Bruder Ganjä gewisse Dienste leistete und
diesem daher unentbehrlich wurde. Koljä war sehr erstaunt darüber
gewesen, daß Ganjä das Geld zurückgegeben hatte, und war deshalb bereit,
ihm vieles zu verzeihen.

Etwa im dritten Monat nach der Abreise des Fürsten erfuhr man in der
Familie Iwolgin, daß Koljä inzwischen auch mit Jepantschins bekannt
geworden war und von den jungen Mädchen sehr nett behandelt wurde. Das
hatte Warjä bald in Erfahrung gebracht. Übrigens war Koljä nicht durch
Warjä bekannt geworden, sondern »von sich aus«, wie er sagte. Allmählich
gewannen ihn Jepantschins sehr gern. Die Generalin war ihm anfänglich
nicht sehr geneigt gewesen. Doch bald wurde er fast ihr Liebling, »weil
er aufrichtig ist und nicht schmeichelt,« wie sie behauptete. Daß Koljä
nicht schmeichelte, war richtig: er hatte es verstanden, als
gesellschaftlich vollkommen gleichstehender, unabhängiger junger Mann
aufzutreten, und dabei blieb es auch, selbst wenn er der Generalin
Zeitungen oder Bücher vorlas -- er war eben gern gefällig. Zweimal hatte
er sich aufs heftigste mit Lisaweta Prokofjewna überworfen, hatte ihr
erklärt, daß sie eine Despotin sei und er seinen Fuß nicht mehr in ihr
Haus setzen werde. Das erstemal war der Grund des Streites die
Frauenfrage gewesen und das zweitemal die Frage, welche Jahreszeit zum
Zeisigfang die beste sei. Wie unwahrscheinlich es nun auch scheinen mag,
so ist es doch Tatsache, daß Lisaweta Prokofjewna ihm am dritten Tage
nach dem Zerwürfnis mit dem Diener einen Brief sandte, in dem sie ihn
bat, unbedingt zu ihr zu kommen, worauf Koljä sich nicht lange zierte
und ohne Aufschub hinging. Nur Aglaja allein schien ihm nicht ganz
wohlgeneigt zu sein und behandelte ihn von oben herab. Gerade sie aber
sollte er einmal in Erstaunen setzen.

Eines Tages, es war in der Osterwoche, benutzte Koljä, als sie einmal
allein im Zimmer waren, die Gelegenheit, um ihr einen Brief zu
überreichen. Er sagte nur, es sei ihm aufgetragen, den Brief zu
übergeben. Aglaja maß den »eingebildeten Bengel« mit zornigem Blick vom
Kopf bis zu den Füßen, doch Koljä kümmerte sich weiter nicht um sie und
ging hinaus. Aglaja entfaltete den Brief und las:

   »Eines Tages würdigten Sie mich Ihres Vertrauens. Doch vielleicht
   haben Sie mich jetzt schon ganz vergessen? Wie komme ich nun darauf,
   an Sie zu schreiben? Ich weiß es nicht; aber ich habe plötzlich ein
   unbezwingbares Verlangen, Sie, gerade Sie an mich zu erinnern. Wie
   oft habe ich mich nach Ihrer aller Gegenwart gesehnt, doch von allen
   dreien sah ich immer nur Sie vor mir stehen. Ich bedarf Ihrer, ich
   bedarf Ihrer unsäglich. Von mir habe ich Ihnen nichts zu schreiben,
   nichts zu erzählen. Nicht deshalb schreibe ich an Sie; ich würde nur
   unendlich gern Sie glücklich wissen. Sind Sie glücklich? Das ist
   alles, was ich Sie fragen wollte.

                                       Ihr Bruder Fürst Lew Myschkin.«

Als Aglaja diesen kurzen und eigentlich recht sinnlosen Brief zu Ende
gelesen hatte, wurde sie plötzlich dunkelrot, biß sich dann auf die
Lippe und wurde nachdenklich. Ihren Gedankengang wiederzugeben, würde
nicht leicht fallen. Unter anderem fragte sie sich auch, ob sie den
Brief jemandem zeigen solle. Es war ihr doch ein wenig so zumute, als
schämte sie sich. Schließlich warf sie den Brief mit einem spöttischen
und seltsamen Lächeln in das Schubfach ihres Tischchens. Am nächsten
Tage jedoch nahm sie ihn von dort heraus und legte ihn in ein dickes, in
Leder eingebundenes Buch, wie sie es mit allen ihren Papieren tat, um
sie »schneller zu finden«, wenn sie sie suchte. Erst nach einer Woche
sah sie zufällig auf das Titelblatt des Buches: es stand darauf in
dicken Lettern: »_Don Quijote de la Mancha_«. Aglaja lachte hellauf --
der Grund ihres Lachens blieb aber unaufgeklärt. Auch wäre es schwer,
festzustellen, ob sie den Brief jemals den Schwestern gezeigt hat.
Während sie ihn aber noch las, kam ihr plötzlich ein Gedanke: sollte
dieser eingebildete Bengel vom Fürsten zum Vertrauensmann erkoren sein,
und war er vielleicht gar sein einziger Korrespondenzvermittler? Sie
beschloß, Koljä auf den Zahn zu fühlen. Sie setzte eine möglichst
geringschätzige Miene auf und fragte ihn wie von ungefähr, wie er denn
zu diesem Brief gekommen sei. Doch der sonst stets empfindliche »Bengel«
übersah diesmal ihre Geringschätzung und erklärte, allerdings ziemlich
kurz und trocken, daß er dem Fürsten vor dessen Abreise zwar seine
ständige Adresse mitgeteilt und seine Dienste angeboten habe, doch sei
dies der erste Auftrag, der ihm vom Fürsten zuteil geworden, worauf er
als Beweis den Brief hervorzog, den der Fürst an ihn persönlich
gerichtet hatte. Aglaja wollte den Brief zuerst nicht lesen, nahm ihn
dann aber doch und las folgendes:

   »Lieber Koljä, seien Sie so freundlich und übergeben Sie das
   beigefügte Schreiben Aglaja Iwanowna. Ich wünsche Ihnen das Beste.

                                 Ihr Sie liebender Fürst L. Myschkin.«

»Es ist aber doch lächerlich, sich einem so kleinen Bengel
anzuvertrauen,« sagte Aglaja, indem sie Koljä den Brief zurückgab, in
beleidigendem Tone und ging mit verächtlicher Miene an ihm vorüber.

Das aber war denn doch zu empörend für Koljä! Er hatte sich noch
absichtlich zu diesem Nachmittage von Ganjä dessen neue Krawatte
ausgebeten, ohne einen Grund anzugeben, und nun wurde er so behandelt!
Er fühlte sich tief und grausam beleidigt.


                                  II.

Es war in den ersten Tagen des Juni und das Wetter war in Petersburg
schon seit einer ganzen Woche selten schön. Jepantschins besaßen eine
prächtige eigene Villa in Pawlowsk[12]. Eines schönen Tages bekam die
Generalin Sehnsucht nach dem frischen Grün des Parks dort draußen, und
in zwei Tagen war die Familie übergesiedelt.

Zwei oder drei Tage darauf traf mit dem Frühzug aus Moskau Fürst Lew
Nikolajewitsch Myschkin in Petersburg ein. Ihn erwartete niemand; doch
als er das Kupee verließ, schien es ihm plötzlich, daß ein seltsamer,
glühender Blick zweier Augen aus der Menge, die sich auf dem Bahnsteig
drängte, starr auf ihn gerichtet wäre. Er sah genauer hin, doch es war
nichts mehr zu sehen. Natürlich war es ihm nur so vorgekommen, wie man
zuweilen etwas vor den Augen flimmern sieht; doch nichtsdestoweniger
blieb in ihm eine unangenehme Empfindung zurück, die ihn in seiner
traurigen, nachdenklichen Stimmung noch mehr bedrückte. Der Fürst sah
unruhig und besorgt aus.

Er nahm eine Droschke und sagte dem Kutscher, er solle ihn zu einem
Hotel fahren. In der Nähe der Liteinaja hielt der Kutscher vor einem
mittelmäßigen Gasthof. Der Fürst ließ sich zwei Zimmer anweisen, schien
es kaum zu bemerken, daß sie klein, dunkel und schlecht möbliert waren,
wusch sich, kleidete sich um, verlangte sonst nichts und ging eilig
wieder fort, als hätte er gefürchtet, unnütz seine kostbare Zeit zu
verlieren oder irgend jemand nicht zu Hause anzutreffen.

Hätte ihn jetzt jemand von seinen früheren Bekannten gesehen, die ihn
vor sechs Monaten in Petersburg kennen gelernt, so würden sie ihn auf
den ersten Blick sehr verändert gefunden haben, und zwar zum Besseren
verändert. Doch im Grunde genommen war es wohl kaum der Fall. Nur die
Kleidung war allerdings ganz anderer Art: sie war in Moskau gearbeitet,
und man sah ihr sofort den guten Schneider an; aber schließlich wäre
auch an ihr etwas auszusetzen gewesen: es war alles zu sehr nach der
Mode gefertigt, wie es eben alle guten Schneider machen, und das paßte
nicht zu einem Menschen, der sich dafür nicht im geringsten
interessierte, so daß Lachlustige bei näherem Betrachten des Fürsten
vielleicht Grund zu einem Lächeln gefunden hätten ... Doch worüber
lächeln diese Leute schließlich nicht?

Der Fürst nahm wieder eine Droschke und fuhr nach Peski. In der
Roshdestwenskijstraße fand er alsbald ohne Mühe die Hausnummer, die er
suchte. Zu seiner Verwunderung war es ein sehr hübsches, wenn auch nicht
großes hölzernes Häuschen, das offenbar sauber und in guter Ordnung
gehalten wurde, und an der Straße davor lag sogar ein kleines Gärtchen,
in dem Sonnenblumen blühten. Die Fenster zur Straße waren geöffnet, und
man hörte eine laute Stimme fast schreiend reden, und zwar redete sie so
ununterbrochen, daß man glauben konnte, es werde etwas laut vorgelesen
oder eine Rede gehalten, die nur hin und wieder von schallendem
Gelächter heller, jugendlicher Stimmen übertönt wurde. Der Fürst trat
auf den Hof, stieg eine kleine Treppe zum Flur hinauf und fragte nach
Herrn Lebedeff.

»Da ist er ja, hören Sie ihn denn nicht!« sagte die Küchenmagd, die mit
aufgekrempelten Ärmeln erschienen war, um ihm die Tür zu öffnen -- und
ärgerlich wies sie mit dem Finger auf die Zimmertür.

Dem Fürsten blieb nichts anderes übrig, als durch die bezeichnete Tür
einzutreten. Das Besuchszimmer Lebedeffs war sehr sauber und sogar mit
einer gewissen Prätention auf Komfort eingerichtet, d. h. in dem nicht
hell-, aber auch nicht gerade dunkelblau tapezierten Zimmer befanden
sich ein Sofa, ein runder Tisch, eine Stutzuhr unter einer Glasglocke,
zwischen den Fenstern ein Stehspiegel, und an dem Ampelhaken in der
Mitte der Decke hing an einer Bronzekette ein alter, kleiner
Kronleuchter mit Glasprismen. Herr Lebedeff, der mit dem Rücken zur Tür
stand, durch die der Fürst eingetreten war, befand sich wegen der
Sommerhitze nur in Hemdsärmeln und Weste -- der Rock war im Zimmer nicht
zu sehen -- und redete unter überzeugungsvollen Faustschlägen gegen die
eigene Brust ohne Punkt und Komma in hinreißender Begeisterung. Seine
Zuhörer waren: ein etwa fünfzehnjähriger Knabe mit einem lustigen und
nicht dummen Gesicht und einem Buch in der Hand, ein zwanzigjähriges
Mädchen in Trauerkleidern mit einem kleinen Kinde im Steckkissen auf den
Armen, ein dreizehnjähriges Mädchen, gleichfalls in Trauer, das beim
Lachen den Mund erschreckend weit aufriß, und ferner noch ein äußerst
seltsamer Zuhörer, der sich auf dem Sofa ausgestreckt hatte, ein junger
Mann von etwa zwanzig Jahren, mit einem recht hübschen Gesicht, mit
dichtem, dunklem, ziemlich langem Haar, großen dunklen Augen und einem
kleinen Ansatz zu jenem kurz geschnittenen Backenbart, der kaum bis zur
halben Wange reichte, wie man ihn zu Anfang des Jahrhunderts trug. Allem
Anscheine nach unterbrach dieser Zuhörer mitunter den unaufhaltsam
redenden Lebedeff, und wahrscheinlich waren es seine Fragen, die das
übrige Publikum zu schallendem Gelächter reizten.

»Lukjan Timofejewitsch, he, Lukjan Timofejewitsch! Ob der hört, wenn man
ihn ruft! So seht doch her! ...«

Und die Küchenmagd entfernte sich wütend, indem sie nur -- zum Ausdruck,
daß Reden doch vergeblich sei -- mit der Hand abwinkte und vor Ärger
ganz rot wurde.

Lebedeff sah sich aber doch um und -- erstarrte. Der Anblick des Fürsten
überraschte ihn wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel. Dann fuhr er
sich an den Kopf und stürzte dem Fürsten entgegen, doch auf halbem Wege
blieb er wie angewurzelt stehen, bis er sich so weit faßte, daß er mit
untertänigem Lächeln stottern konnte:

»Du--Du--Du--Durchlauchtigster Fürst!«

Doch plötzlich, immer noch ohne Fassungskraft, besann er sich eines
anderen, wandte sich zurück und stürzte sich auf das junge Mädchen in
Trauer mit dem Säugling auf den Armen, so daß diese ob der Plötzlichkeit
zurückschreckte. Aber Lebedeff ließ sie bereits im Stich und stürzte
sich auf das dreizehnjährige Mädchen, das in der Tür zum nächsten Zimmer
sich noch die Seiten von der Anstrengung der letzten Lachsalve hielt,
und dessen Gesicht die Lachfalten noch nicht aufgegeben hatte. Sie
zuckte erschrocken zusammen, als der Vater sie so anfuhr, und stürzte
davon, in die Küche, während Lebedeff hinterdrein wie in Berserkerwut
mit den Beinen trampelte und drohend die Faust hob. Doch da begegnete er
zufällig dem Blick des Fürsten, der ihn ganz verlegen ansah, und er
beeilte sich, seine Handlungsweise zu rechtfertigen:

»Um--um--um Ehrerbietung beizubringen, he--he--he ...«

»Aber wozu ...« wollte der Fürst beginnen, doch schon unterbrach ihn
Lebedeff.

»Sofort, sofort, sofort ... wie 'n Wirbelwind bin ich wieder da!«

Und er verschwand im Handumdrehen aus dem Zimmer. Der Fürst blickte
verwundert das junge Mädchen, den Knaben und den jungen Mann auf dem
Sofa an: alle lachten. Da mußte auch der Fürst lächeln.

»Er will sich nur den Rock anziehen,« sagte der Knabe.

»Wie fatal, daß er ...« sagte der Fürst, »ich wollte mich ihm ... Sagen
Sie, ist er ...«

»Betrunken, meinen Sie?« rief der junge Mann vom Sofa. »Keine Spur! Nur
so seine drei, vier Gläschen wird er gekippt haben, nun, sagen wir fünf,
höchstens, aber das ist doch nur der Disziplin halber, um in der Übung
zu bleiben.«

Der Fürst wollte sich der Stimme auf dem Sofa zuwenden, doch da begann
das junge Mädchen mit dem aufrichtigsten Ausdruck in ihrem lieblichen,
sympathischen Gesicht zu sprechen.

»Morgens trinkt er niemals viel; wenn Sie mit ihm etwas Geschäftliches
zu besprechen haben, so reden Sie nur; jetzt ist die beste Zeit dazu.
Nur des Abends, wenn er nach Hause kommt, ist er etwas ... aber dann
weint er gewöhnlich und liest uns bis in die Nacht hinein aus der Bibel
vor. Unsere Mutter ist vor fünf Wochen gestorben.«

»Hören Sie, er ist ja nur fortgelaufen, weil er noch nicht genau weiß,
was er Ihnen antworten soll!« lachte der junge Mann auf dem Sofa. »Ich
könnte wetten, daß er Ihnen ein X für ein U vormachen will und sich
gerade jetzt den Verfahrungsmodus überlegt.«

»Fünf Wochen! Vor genau fünf Wochen!« griff Lebedeff, der schon wieder
zurückkehrte, die letzten Worte seiner Tochter auf und blinzelte betrübt
mit den Augen, während er aus der Rocktasche das Schnupftuch hervorzog,
um seine Tränen abzuwischen. »Waisen sind wir! Ganz verwaist!«

»Aber, Papa, weshalb haben Sie denn diesen alten Rock angezogen? Der hat
ja Löcher!« sagte das junge Mädchen, »hier hinter der Tür hängt doch Ihr
neuer Rock, haben Sie ihn denn nicht gesehen?«

»Schweig, Heuschrecke!« schrie Lebedeff sie an. »Uh, du!« und wieder
stampfte er mit den Beinen.

Doch diesmal lachten alle schallend auf.

»Was erschrecken Sie mich, ich bin doch nicht Tanjä, daß ich fortlaufe!
So können Sie noch Ljubotschka aufwecken und die kann noch Krämpfe
bekommen ... was schreien Sie denn!«

»Pst-pst-pst! Pfeffer auf deine Zunge!« flüsterte Lebedeff ganz
entsetzt, schlich auf den Fußspitzen zum jungen Mädchen, das das Kind
hielt, und bekreuzte das kleine Ding mehrmals mit ängstlicher Miene.
»Gott behüte uns davor! Gott behüte! Das ist ja doch mein eigener
Säugling, müssen Sie wissen, meine Tochter Ljubow,« wandte er sich an
den Fürsten, »geboren in der gesetzmäßigsten Ehe von meiner jüngst
verschiedenen Gattin Helena, die bei der Geburt das Leben ließ. Und
diese Kiebitzin hier ist meine Tochter Wjera, in Trauer, wie Sie sehen
... dieser aber, dieser dort, oh, dieser ...«

»Na was, kommst mit Worten zu kurz?« rief der junge Mann lachend
dazwischen. »Fahr nur fort, genier' dich nicht.«

»Euer Durchlaucht!« rief Lebedeff plötzlich wie aus der Pistole
geschossen aus und mit einer Stimme, die fast überklappte. »Haben Sie
von der Ermordung der Familie Shemarin in den Zeitungen zu lesen
geruht?«

»J...ja,« sagte der Fürst etwas verwundert.

»Nun, dann sehen Sie hier: das ist der leibhaftige Mörder der Familie
Shemarin, er selbst, er selbst!«

»Was! Was reden Sie!« Der Fürst war ganz verdutzt.

»Das heißt, allegorisch gesprochen, ein zukünftiger zweiter Mörder einer
zukünftigen zweiten Familie Shemarin, wenn sich eine solche nochmals
irgendwo finden sollte. Dazu bereitet er sich vor ...«

Alle lachten. Dem Fürsten kam es in den Sinn, daß Lebedeff vielleicht
tatsächlich nur deshalb so viel sprach und schrie, weil er seine Fragen
voraussah und nun Zeit gewinnen wollte, um sich seine Antworten zu
überlegen.

»Er revoltiert! Ein Empörer! -- ein Verschwörer ist er!« schrie
Lebedeff, als befände er sich in einer Wut, die jede Selbstbeherrschung
ausschloß. »Nun, wie kann ich denn, nun, habe ich denn überhaupt das
Recht, ein solches Lästermaul, einen solchen, man kann schon sagen --
Wüstling und Auswurf des Menschengeschlechts, eine solche _Kreatur_ als
meinen leiblichen Neffen, als den einzigen Sohn meiner Schwester
Anissja, der Seligen, anzuerkennen?«

»Na, weißt du, jetzt kannst aber auch aufhören, Alter! Werden Sie es
glauben, Fürst, jetzt ist es ihm eingefallen, sich mit der Advokatur zu
befassen: er spielt den Verteidiger vor Gericht, und so redet er auch zu
Hause mit seinen Kindern nur noch im Deklamatorenstil. Vor fünf Tagen
hat er vor dem Friedensrichter plädiert, und was glauben Sie wohl,
wessen Verteidigung er übernommen hatte? Nicht die des alten Weibes, das
ihn hier angefleht und das ein alter Wucherer kahl gestohlen hat --
fünfhundert Rubel, ihr ganzes Vermögen, hat sich der Kerl eingesackt --
o nein, sondern die des Wucherers, Saidler mit Namen, irgend so ein
Judenvieh, weil der Kerl ihm fünfzig Rubel zu geben versprochen hat ...«

»Fünfzig Rubel, wenn ich gewinne, und nur fünf, wenn ich verliere,«
erklärte Lebedeff plötzlich mit einer ganz anderen Stimme, als er bisher
gesprochen, mit einer so zahmen, als hätte er nie geschrien.

»Na, natürlich ist er durchgefallen, es ist ja doch nicht mehr die gute
alte Zeit, man hat sich nur krank gelacht über ihn. Aber er ist doch
ungeheuer zufrieden mit sich selbst und seiner Leistung. >Bedenken Sie,<
hat er gesagt, >bedenken Sie, meine hochverehrten Herren Richter, ohne
Ansehen der Person, wollte sagen, ganz unparteiisch, daß dieser
armselige Greis, dem die Füße schon den Dienst versagen, und der von
ehrlicher Arbeit lebt, daß er somit sein letztes Stück Brot verlieren
würde! Gedenket der weisen Worte des Gebers aller Gesetze: Es walte die
Milde im Gericht!< -- Und was glauben Sie, diese Rede hält er an jedem
Morgen, den Gott werden läßt, vor der versammelten Familie, Wort für
Wort, wie er sie dort gehalten hat. Heute war's schon das fünftemal;
kurz bevor Sie kamen, redete er wieder, dermaßen hat er sich in sie
verliebt. Leckt sich die Lippen ab vor lauter Gefallen an sich selbst.
Und nun bereitet er sich vor, wieder irgend jemand zu verteidigen ...
Sie sind, glaube ich, Fürst Myschkin? Koljä hat mir schon von Ihnen
erzählt; einen klügeren Menschen als Sie habe er noch nie angetroffen,
und es gäbe einen solchen auch wohl in der ganzen Welt nicht ...«

»Stimmt! Stimmt! gibt 's auch nicht!« mußte Lebedeff sofort bestätigen
...

»Na, was dieser sagt, das brauchen Sie nicht zu glauben, der lügt jedes
Wort. Der eine liebt Sie und dieser will Ihnen bloß schmeicheln. Was nun
mich betrifft, so habe ich durchaus nicht die Absicht, Ihnen
Schmeicheleien zu sagen, das sei vorausgeschickt. Aber Sie sind doch
immerhin ein vernünftig denkender Mensch, -- seien Sie jetzt mal unser
Richter und schlichten Sie unseren Streit. Na, du, willst du, der Fürst
soll unser Richter sein?« wandte er sich an den Onkel. »Ich bin sogar
sehr froh darüber, daß Sie uns in den Weg gelaufen sind, Fürst.«

»Abgemacht! Ich will's auch!« rief Lebedeff entschlossen aus und sah
sich unwillkürlich nach dem Publikum um, das wieder heranzurücken
begann.

»Was haben Sie denn hier zu schlichten?« fragte der Fürst stirnrunzelnd.

Sein Kopf tat ihm weh, und zudem fühlte er mit jedem Augenblick
deutlicher, daß Lebedeff ihn betrog und sehr froh darüber war, daß er
die Aussprache hinausschieben konnte.

»Also, die Sache verhält sich so: Ich bin sein Neffe, das hat er
seltsamerweise nicht gelogen, wenn er auch sonst alles lügt. Ich bin
Student, habe aber das Studium nicht beendet, doch will und werde ich es
unfehlbar beenden, denn ich habe Charakter. Vorläufig aber nehme ich, um
meine Existenz fortzusetzen, eine Anstellung an der Eisenbahn für
fünfundzwanzig Rubel monatlich an. Ich gestehe freiwillig und gebe zu,
daß er mir zwei- oder dreimal bereits geholfen hat. Nun besaß ich
zwanzig Rubel und die habe ich jetzt verspielt. Werden Sie es glauben,
Fürst, ich war tatsächlich so gemein, so unendlich dumm, daß ich sie
verspielte? ...«

»Und noch an einen Schurken, an einen Schurken, den er gar nicht hätte
bezahlen dürfen!« schrie Lebedeff.

»Ja, an einen Schurken, den man jedoch nichtsdestoweniger bezahlen muß,«
fuhr der junge Mann fort. »Daß er aber ein Schurke ist, kann auch ich
bezeugen, und zwar nicht etwa deshalb, weil er dich mal gerupft hat. Das
ist nämlich, müssen Sie wissen, ein heruntergekommener ehemaliger
Offizier, ein verabschiedeter Unterleutnant aus Rogoshins Bande, der
jetzt Unterricht im Faustkampf erteilt und sich einen meisterhaften
Boxer nennt. Jetzt, nachdem Rogoshin die Kerle zum Deubel gejagt hat,
treiben sie sich brotlos in der Stadt umher. Doch was das dümmste dabei
ist: das ist, daß ich schon ohnehin wußte, wer er war, -- nämlich ein
Schurke und Spitzbube und Taschendieb -- und mich dennoch hinsetzte und
mit ihm zu spielen begann, und daß ich, als ich den letzten Rubel
verspielte -- wir spielten ein Hasardspiel -- bei mir dachte: Verliere
ich ihn, so gehe ich zu Onkel Lukjan, mache ihm meinen Bückling -- er
wird schon geben. Sehen Sie, das war eben die Gemeinheit, ja, das war
wirklich eine Gemeinheit, das gebe ich zu. Das war schon ganz bewußte
Niedertracht!«

»Jawohl, das war schon ganz bewußte Niedertracht!« bestätigte Lebedeff.

»Na, triumphier' nur nicht, wart' noch ein bißchen damit!« rief der
Neffe gekränkt dem Onkel zu. »Er freut sich noch! Ich kam also zu ihm,
Fürst, hierher in dieses Haus und gestand ihm alles: Sie sehen, ich
handelte edel, denn ich habe mich selbst nicht geschont; ich beschimpfte
mich vor ihm, wie ich nur konnte -- hier sind die Zeugen. Um nun die
Stelle bei der Eisenbahn antreten zu können, muß ich mich vorher doch
einigermaßen equipieren, ich bin ja doch ganz zerlumpt. Da, sehen Sie
nur die Stiebel! So kann ich mich doch nicht dort einfinden, das geht
doch nicht -- finde ich mich aber nicht ein, nun, so erhält die Stelle
eben ein anderer, und ich sitze dann wieder auf dem Äquator und kann
warten, bis ich eine neue Stelle finde. Jetzt bitte ich ihn im ganzen
nur um fünfzehn Rubel und verspreche ihm hoch und heilig, daß ich
fernerhin niemals mehr einen Pumpversuch bei ihm machen und zweitens
innerhalb der drei ersten Monate ihm die ganze Schuld bezahlen werde --,
ich aber pflege mein Wort zu halten! Was verlangt also der Mensch
eigentlich? Ich kriege es schon fertig, ganze Monate nur von Brot und
Kwaß zu leben, denn, wie gesagt, ich habe Charakter. Für drei Monate
Dienst erhalte ich fünfundsiebzig Rubel. Mit dem Früheren zusammen
schulde ich ihm summa summarum nur fünfunddreißig Rubel, folglich kann
ich ihm die Schuld bezahlen, ich habe dann was, womit! Na, und wenn er
Prozente haben will, so zahle ich sie ihm auch, hol's der Deubel! Kennt
er mich denn etwa noch nicht? Bin ich ihm denn ein Fremder? Fragen Sie
ihn doch, Fürst, ob ich nicht alles ehrlich bezahlt habe, was er mir
früher gepumpt hat? Weshalb will er mir denn jetzt nichts mehr pumpen?
Es ärgert ihn, daß ich dem Leutnant die Spielschuld bezahlt habe, das
ist der ganze Grund, einen anderen gibt es nicht! Sehen Sie, so ist
dieser Mensch, -- weder sich noch anderen!«

»Und er geht nicht fort!« rief Lebedeff aus, klagend und empört
zugleich. »Hat sich hier festgesetzt und geht nicht fort!«

»Ich habe dir doch gleich gesagt: ich gehe nicht eher fort, als bis du
gibst. Sie scheinen zu lächeln, Fürst? Sie finden wohl, daß ich im
Unrecht bin?«

»Ich lächle nicht, doch meiner Meinung nach sind Sie allerdings ein
wenig im Unrecht,« sagte der Fürst zögernd. Dieses ganze Gespräch
behagte ihm sehr wenig.

»Na, sprechen Sie es doch ruhig aus, daß ich ganz und gar im Unrecht
bin, Winkelzüge sind hier nicht angebracht: was heißt das -- >ein
wenig_ma
cousine_{[19]}< anredete. Jawohl, ja! Und der Kardinal, der päpstliche
Nuntius erbot sich beim _lever-du-roi_{[20]} (weißt du auch, was das ist
>_lever-du-roi__Encore un moment, monsieur le
bourreau, encore un moment!_< das heißt soviel, wenn du's wissen willst,
wie: >Noch einen Augenblick, Herr Henker, noch einen Augenblick!< Und
für diesen einen Augenblick wird ihr Gott der Herr vielleicht auch noch
alles vergeben, denn eine größere _misère_{[21]} der Menschenseele kann
man sich kaum vorstellen. Weißt du überhaupt, was dieses Wort >_misère_<
bedeutet? Nun sieh, jetzt habe ich dir erläutert, was es bedeutet? Ich
sage dir, als ich von diesem einen _moment_{[22]} las, war mir's, als
hätte man mir das Herz mit einer Kneifzange festgeklemmt. Und was
kümmert das dich, du Wurm, daß ich auch sie, die große Sünderin, in mein
Gebet eingeschlossen habe? Vielleicht habe ich es nur deshalb getan,
weil seit ihrem Hinscheiden noch niemand auf dem ganzen Erdenrund für
sie gebetet hat oder auch nur daran gedacht hat, für sie zu beten. Wird
es ihr doch in jener Welt sicher angenehm sein, zu hören, daß sich ein
ebenso großer Sünder wie sie gefunden, der wenigstens einmal auf Erden
für sie betet. Was lachst du? Du glaubst mir nicht, Atheist! Was kannst
du wissen? Und dabei hast du mich noch falsch verstanden, obschon du
gewissenlos genug gewesen bist, mich zu belauschen: ich habe nicht nur
für die Gräfin Dubarry gebetet, sondern wortwörtlich so, wie folgt:
>Erbarme dich, Vater, der Seele der Gräfin Dubarry, der großen Sünderin,
wie der Seelen aller ihresgleichen!< -- das aber ist etwas ganz anderes!
Denn solcher Sünderinnen und Beispiele der Veränderungssucht Fortunas,
solcher Menschen, die viel gelitten haben, hat es in der Welt allerorten
unzählige gegeben, und sie alle winden sich jetzt in der Höllenpein und
stöhnen und warten! Aber damit habe ich ja doch auch für dich und
deinesgleichen Gott den Herrn um Gnade angefleht, für ganz genau solche
unverschämte Lästermäuler und unverfrorene Frechlinge, wie du einer
bist, das schreib dir hinter die Ohren, wenn du dich schon mal so weit
verirrt hast, daß du mich belauschen willst, wenn ich bete ...«

»Na, aber jetzt hör' auf, Schluß! Bet' für wen du willst, hol' dich der
Deubel!« unterbrach ihn der Neffe ärgerlich. »Er ist ja doch ein
belesener Mann, wußten Sie das schon, Fürst?« sagte er dann plötzlich
mit einem gewissermaßen betretenen Lächeln. »Er ist ja jetzt ohne irgend
so ein Memoirenbüchelchen gar nicht mehr denkbar.«

»Ihr Onkel ist jedenfalls ... kein herzloser Mensch,« bemerkte halb
wider Willen der Fürst, dem der junge Mann auf dem Sofa durchaus nicht
gefiel.

»Oh, ihn zu loben ist gefährlich! Mit solchen Bemerkungen können Sie ihn
ja noch ganz verrückt machen! Sehen Sie, da hat er schon wieder die Hand
aufs Herz gepreßt und den Mund zum >O< geformt. Ist in Geschmack
gekommen. Herzlos ist er gerade nicht, dafür aber gerieben, das ist der
Jammer. Zudem ist er jetzt noch dem Alkohol ergeben, da hat er denn so
ein paar Schrauben verloren, wie es schließlich jedem passiert, der
jahrelang keinen nüchternen Tag sieht. Seine Kinder liebt er, das muß
man ihm lassen, seine Frau hat er sehr geachtet ... Sogar mich hat er
gern, und was glauben Sie, er hat mich sogar im Testament bedacht, bei
Gott, er will auch mir etwas hinterlassen!«

»N--nichts hinterlasse ich dir!« schrie Lebedeff in ingrimmiger
Erbitterung.

»Hören Sie, Lebedeff,« wandte sich der Fürst fest und entschlossen an
ihn, indem er dem jungen Mann den Rücken zukehrte, »ich weiß aus eigener
Erfahrung, daß Sie ein guter Geschäftsmann sind, wenn Sie es sein wollen
... Ich habe sehr wenig Zeit, und wenn Sie jetzt ... Verzeihung, wie ist
Ihr Vorname und Ihr Vatername? Ich habe es im Augenblick ...«

»Ti--ti--Timofej.«

»Und?«

»Lukjanowitsch.«

Alle Anwesenden brachen in schallendes Gelächter aus.

»Er lügt ja!« schrie der Neffe. »Auch das muß er lügen! Er heißt ja gar
nicht Timofej Lukjanowitsch, Fürst, sondern Lukjan Timofejewitsch! Na,
sag' doch, weshalb hast du denn wieder gelogen? Kann es dir denn nicht
ganz egal sein, ob du Lukjan oder ob du Timofej heißt, und was macht
sich schließlich der Fürst daraus? Glauben Sie mir, Fürst, ihm ist das
Lügen so zur Gewohnheit geworden, daß er überhaupt kein wahres Wort mehr
reden kann, ich versichere Sie!«

»Ist es wahr?« fragte der Fürst ungeduldig.

»Lukjan Timofejewitsch, allerdings,« bestätigte der verlegen gewordene
Lebedeff, indem er schuldbewußt die Augen niederschlug und die Hand auf
das Herz preßte.

»Ja, warum tun Sie denn das, ach Gott!«

»Aus ... zur Selbsterniedrigung,« flüsterte Lebedeff, der immer
schuldbewußter den Kopf hängen ließ.

»Wo ist denn hier Selbsterniedrigung! Wenn ich nur wüßte, wo ich jetzt
Koljä finden könnte!« sagte der Fürst stirnrunzelnd und wandte sich zur
Tür, um fortzugehen.

»Ich werde es Ihnen sagen, wo Koljä ist,« rief der junge Mann.

»Ni--ni--nicht doch!« fuhr Lebedeff entsetzt dazwischen.

»Koljä hat hier übernachtet, und am Morgen begab er sich auf die Suche
nach seinem General, den Sie, Fürst, aus dem Schuldgefängnis ausgekauft
haben, wozu und weshalb, mag Gott wissen. Der General aber versprach
gestern noch, zur Nacht herzukommen, ist aber bis jetzt noch nicht
erschienen. Es ist anzunehmen, daß er im Gasthaus >Zur Wage< die Nacht
verbracht hat. Koljä wird also entweder dort sein -- das ist hier in
nächster Nähe -- oder in Pawlowsk bei Jepantschins. Geld hatte er und
hinfahren wollte er schon gestern. Also entweder in der >Wage< oder in
Pawlowsk.«

»In Pawlowsk, in Pawlowsk, versteht sich! ... Wir aber, wir aber wollen
ins Gärtchen gehen, hier, hier, wenn ich bitten darf, und ... ein
Täßchen Kaffee zu uns nehmen ...«

Lebedeff hatte den Fürsten schon am Ärmel gefaßt und zog ihn fort. Sie
traten aus dem Hause, gingen über den kleinen Hof und gelangten zu einem
Gartenpförtchen, das Lebedeff aufschloß. Vor ihnen lag ein sehr netter,
wenn auch nur sehr kleiner Garten, dessen Bäume dank dem warmen Wetter
schon hellgrüne Blätter hatten. Lebedeff führte den Fürsten zu einer
grünen Bank, vor der auf einem eingerammten Pfosten ein gleichfalls grün
angestrichener Tisch stand. Er bat den Fürsten, Platz zu nehmen, und
setzte sich selbst ihm gegenüber. Eine Minute später wurde auch schon
der Kaffee gebracht. Der Fürst lehnte nicht ab. Lebedeff fuhr fort, ihn
mit ergebenen, doch gierig-neugierigen Blicken zu betrachten.

»Ich wußte es gar nicht, daß Sie ein hübsches Grundstück besitzen,«
sagte der Fürst in dem Tone eines Menschen, der an etwas ganz anderes
denkt, nicht aber an das, was er spricht.

»W--waisen ...« stotterte Lebedeff erschrocken, brachte aber nichts mehr
hervor, als das eine Wort, da ihm Schweigen ratsamer erschien.

Der Fürst blickte zerstreut vor sich hin und hatte seine Frage natürlich
schon längst vergessen. Das Schweigen dauerte eine ganze Weile. Lebedeff
beobachtete ihn und wartete.

»Nun, was?« sagte der Fürst, gleichsam erwachend. »Ach so! Ja, Sie
wissen es doch selbst, Lebedeff, um was es sich handelt. Ich bin auf
Ihren Brief hin gekommen. Also reden Sie.«

Lebedeff senkte ganz verwirrt den Blick, wollte etwas sagen, schloß aber
wieder den Mund, ohne eine Silbe hervorgebracht zu haben. Der Fürst
wartete und ein trauriges Lächeln glitt über sein Gesicht.

»Ich glaube Sie sehr gut zu verstehen, Lukjan Timofejewitsch: Sie haben
mich ganz einfach nicht erwartet. Sie dachten wohl nicht, daß ich mich
auf Ihre erste Benachrichtigung hin aufmachen und meine Einöde verlassen
würde, und so schrieben Sie nur zur Beruhigung Ihres Gewissens. Und da
bin ich nun plötzlich hier eingetroffen. Doch nun genug, hören Sie jetzt
auf mit dem Betrügen. Zweien Herren kann man nicht zu gleicher Zeit
dienen. Rogoshin ist schon seit drei Wochen hier, ich weiß alles. Haben
Sie inzwischen Zeit gehabt, sie ihm wieder zu verkaufen, wie damals?
Sagen Sie die Wahrheit.«

»Das Ungeheuer hat ja doch von selbst alles erfahren, ganz von selbst!«

»Schelten Sie ihn nicht. Er hat Sie freilich nicht gut behandelt ...«

»Verprügelt hat er mich, verprügelt hat er mich!« fiel Lebedeff
aufgeregt dazwischen. »Und in Moskau hat er mir noch einen Hund auf den
Hals gehetzt, mitten auf der Straße, einen tollen Hund, eine wütende
Bestie!«

»Sie scheinen mich für ein kleines Kind zu halten, Lebedeff. Sagen Sie
im Ernst: Hat sie ihn wirklich verlassen, jetzt, in Moskau?«

»Im Ernst, im Ernst, und wieder fast vom Altar fort. Jener zählte schon
die Minuten, sie aber entfloh hierher, direkt zu mir. >Rette mich,
beschütze mich, Lukjan, und auch dem Fürsten sag' kein Wort< ... Sie
fürchtet Sie jetzt noch mehr als ihn, Fürst, und darin liegt -- hohe
Weisheit!«

Und Lebedeff tippte sich bedeutsam mit dem Finger vor die Stirn.

»Und jetzt haben Sie sie wieder zusammengeführt?«

»Durchlauchtigster Fürst, wie hätte ich ... wie hätte ich das nicht
zulassen können!«

»Nun, genug, ich werde schon selbst alles erfahren. Sagen Sie nur -- wo
ist sie jetzt? Bei ihm?«

»O nein! Denkt nicht dran! Gehört sich noch ganz allein, sich selbst!
>Ich bin vollkommen frei<, sagt sie, und wissen Sie, Fürst, darauf
besteht sie! >Ich bin<, sagt sie, >noch vollkommen frei!< Sie wohnt
jetzt immer noch auf der Petersburger Seite im Hause meiner Schwägerin,
wie ich Ihnen schrieb.«

»Und ist sie auch jetzt dort?«

»Auch jetzt, wenn sie bei dem schönen Wetter nicht nach Pawlowsk
gefahren ist, zu Darja Alexejewna, die dort eine Villa besitzt! >Ich bin
noch vollkommen frei, noch vollkommen frei<, sagt sie. Noch gestern hat
sie Nikolai Ardalionytsch, dem Koljä, viel von ihrer Freiheit erzählt.
Brüstet sich sogar. 'n schlechtes Zeichen!«

Und Lebedeff lächelte.

»Ist Koljä oft bei ihr?«

»Oh, der ist leichtsinnig und unvernünftig und obendrein noch nicht
einmal verschwiegen!« lenkte Lebedeff ab.

»Sind Sie oft bei ihr gewesen?«

»Jeden Tag, jeden Tag.«

»Also auch gestern.«

»N--nein, vor vier Tagen zum letztenmal.«

»Wie schade, daß Sie heute etwas zuviel getrunken haben, Lebedeff! Ich
hätte Sie sonst etwas gefragt ...«

»Ni--ni--nicht die Spur, nicht die Spur!«

Lebedeff war ganz Ohr.

»Sagen Sie, wie haben Sie sie verlassen?«

»S--su--suchend ...«

»Suchend?«

»Ja, so als würde sie immer etwas suchen, als hätte sie etwas verloren.
Von der Heirat darf man überhaupt nicht reden, sie faßt es als
Beleidigung auf. Selbst der Gedanke daran ist ihr ekelhaft geworden. An
_ihn_ denkt sie nicht mehr -- und nicht _mehr_ jedenfalls als etwa an
ein Apfelsinenschalenstückchen, das heißt selbstverständlich --
bedeutend mehr, sogar mit Furcht und Entsetzen, verbietet strengstens,
von ihm auch nur zu sprechen, und sie sehen sich auch nur dann, wenn es
durchaus nötig ist ... und er empfindet das sogar sehr! Doch was! -- was
geschehen soll, wird geschehen! ... Unruhig ist sie, spöttisch,
doppelzüngig, zänkisch ...«

»Doppelzüngig, zänkisch??«

»Jawohl. Viel fehlte nicht, und sie wäre mir das letztemal, als ich dort
war, in die Haare gefahren, wegen eines Gespräches. Das zog ich mir
durch die Apokalypse zu.«

»Was? Wie?« fragte der Fürst, der sich verhört zu haben glaubte.

»Sie ist nun einmal eine Dame mit unruhigem Geist. Jawohl, ja! Und wie
ich beobachtet habe, gar zu geneigt zu ernsten, wenn auch
nebensächlichen Gesprächen. Ja, das hat sie gern, nein wirklich! Ohne
Spaß. Ich aber bin nun in der Auslegung der Apokalypse eine Kompetenz
und befasse mich damit schon seit fünfzehn Jahren. Sie war sogar ganz
meiner Meinung, daß wir jetzt beim dritten Rosse stehen, bei dem
braunen, und bei dem Reiter mit dem Maß in der Hand, da doch heutzutage
alles nach Maß und Vertrag geht und jeder Mensch nur sein eigenes Recht
sucht: >ein Maß Weizen für einen Denar und drei Maß Gerste für einen
Denar<, wie es in der Heiligen Schrift geschrieben steht ... und dabei
wollen sie noch freien Geist und reines Herz und gesunden Körper und
alle guten Gaben Gottes behalten und bewahren. Das aber können und
werden sie nicht, wenn sie das Recht so auffassen, und hierauf folgt das
>bleiche Roß< und der, dessen Name ist Tod, und dann folgt schon die
Hölle ... Darüber disputieren wir nun, wenn wir zusammenkommen und -- es
hat stark gewirkt.«

»Ist das Ihr eigener Glaube?« fragte der Fürst und betrachtete Lebedeff
mit seltsamem Blick.

»Jawohl. Also glaube ich und also lege ich es aus; denn ich bin arm und
nackend und nur ein Atom im Kreislauf der Menschen. Wer wird einen
Lebedeff achten? Ein jeder hat ihm etwas am Zeuge zu flicken und
versetzt ihm wenn nichts anderes, dann wenigstens einen Rippenstoß. Hier
aber, in der Auslegung der Apokalypse, bin ich jedem Würdenträger
ebenbürtig. Das macht der Verstand! Und hat doch schon einmal ein
Würdenträger vor mir gezittert ... auf seinem Fauteuil, als ihm das
Licht aufging. Seine erhabene Exzellenz Nil Alexejewitsch ließen mich
vor drei Jahren -- es war kurz vor dem Osterfest und ich hatte damals
noch in ihrem Departement eine Anstellung -- durch Pjotr Sacharytsch in
ihr Kabinett rufen und fragten mich also unter vier Augen: >Ist es wahr,
daß du ein Professor des Antichrist bist?< Und ich verschwieg's auch
nicht: >Ich bin's<, sprach ich, und ich begann meine Auslegung und
stellte es dar und verminderte auch den Schrecken nicht im geringsten,
sondern vergrößerte ihn noch, indem ich die ganze Allegorie aufrollte
und mathematische Zahlen anführte. Anfangs hatten sie noch gelächelt,
bei den Zahlen aber und den Gleichnissen begannen sie zu zittern und
baten, das Buch zu schließen und fortzugehen, und zu Ostern versprachen
sie mir noch eine Gratifikation, doch zu St. Thomas gaben Seine
Exzellenz bereits den Geist auf.«

»Was reden Sie, was ist in Sie gefahren, Lebedeff?«

»Tatsache! Nach dem Mittagessen geruhten Seine Exzellenz aus dem Wagen
zu fallen ... an einer Straßenecke mit dem Oberschädel senkrecht auf
einen Prellstein, und wie ein Kindchen, wie ein kleines Kindchen
geruhten sie sogleich die Seele auszuhauchen. Dreiundsiebzig Jahre alt,
nach dem Taufschein gerechnet. Ein rosa-graues Herrchen in einer Wolke
von Parfüm und ewig mit einem Lächeln im Gesicht, ewig lächelnd, auf ein
Haar wie ein kleines Kindlein. Da sagte noch Pjotr Sacharytsch zu mir:
>Das hast du ihm vorausgesagt!< sagte er.«

Der Fürst erhob sich. Lebedeff wunderte sich darüber und sah ihn ganz
verblüfft an.

»Sie sind mir aber doch mal etwas zu gleichmütig geworden, he--he ...«
wagte er mit unterwürfigem Blick zu bemerken.

»Ich ... ich fühle mich nicht ganz wohl, der Kopf ist mir schwer, von
der Reise natürlich,« antwortete der Fürst stirnrunzelnd.

»Sie müßten aufs Land, müßten sich eine Datsche mieten,« bemerkte
Lebedeff vorsichtig.

Der Fürst stand in Gedanken versunken vor ihm.

»Auch ich werde so in drei Tagen mit Kind und Kegel auf die Datsche
ziehen, um das neugeborene Würmchen zu erhalten und inzwischen hier das
Haus renovieren zu lassen. Ich gehe gleichfalls nach Pawlowsk.«

»Und auch Sie gehen nach Pawlowsk?« fragte der Fürst überrascht. »Was
ist denn das, hier zieht ja wirklich alle Welt nach Pawlowsk? Und Sie
haben, sagen Sie, eine eigene Datsche?«

»Oh, nach Pawlowsk zieht durchaus nicht alle Welt. Mir aber hat Iwan
Petrowitsch Ptizyn eine der Datschen, die ihm sehr billig zugefallen
sind, ebenso billig abgetreten. Es ist dort sehr schön und vornehm und
grün und billig und musikalisch, und deshalb zieht auch alle Welt für
den Sommer nach Pawlowsk. Ich, das heißt, ich wohne selbst nur im
Nebengebäude, die eigentliche Villa aber ...«

»Haben Sie vermietet?«

»N--n--nein. N--n--noch nicht ganz.«

»Überlassen Sie sie mir, ich will sie mieten!« schlug der Fürst
plötzlich vor.

Lebedeff schien nur darauf gewartet zu haben. Erst vor einem Augenblick
war der Gedanke in ihm aufgetaucht, und sofort übersah er die ganze
»neue Wendung der Dinge«, die ihm sehr fruchtbar erschien. Zwar hatte
sich ein Villenmieter bereits bei ihm gemeldet, der, wie Lebedeff wußte,
die Villa bestimmt nehmen würde; doch da jener beim Fortgehen sich mit
»Vielleicht« und »Wahrscheinlich« verabschiedet hatte, so fühlte sich
Lebedeff nicht gebunden. Auf den Vorschlag des Fürsten ging er dagegen
mit Begeisterung ein, so daß er selbst auf die Frage nach dem Preise nur
mit der Hand abwinkte.

»Nun, gleichviel, Sie sollen das Ihrige nicht verlieren,« sagte der
Fürst.

Sie gingen bereits zum Pförtchen.

»Ich würde Ihnen ... ich würde Ihnen ... wenn Sie nur wollten, könnte
ich Ihnen etwas Hochinteressantes mitteilen, sehr geehrter Fürst, könnte
Ihnen etwas mitteilen, das sich gleichfalls darauf bezieht,« flüsterte
Lebedeff, der vor Freude fast zappelnd neben dem Fürsten einherlief.

Der Fürst blieb stehen und sah ihn fragend an.

»Darja Alexejewna hat in Pawlowsk gleichfalls ein Datschchen.«

»Nun, und?«

»Und die gewisse Dame ist mit ihr befreundet und beabsichtigt allem
Anschein nach, sie oft in Pawlowsk zu besuchen. Und -- zu einem gewissen
Zweck!«

»Und?«

»Und Aglaja Iwanowna ...«

»Ach, genug, hören Sie auf, Lebedeff!« unterbrach ihn der Fürst mit
einem unangenehmen Gefühl, ganz als sei eine wunde Stelle in seinem
Innern berührt worden. »Alles das ... ist doch nicht so. Sagen Sie mir
lieber, wann Sie übersiedeln, mir wäre es -- je früher -- desto
angenehmer; denn ich bin in einem Hotel abgestiegen, das ...«

Sie traten durch das Pförtchen und gingen über den Hof zur Straße.

»Aber da ist es doch das beste,« fiel Lebedeff ein, »Sie ziehen sogleich
zu mir herüber und leben so lange hier, bis wir dann übermorgen alle
zusammen nach Pawlowsk auswandern!«

»Ich werde sehen,« sagte der Fürst nachdenklich und trat aus dem Hof auf
die Straße.

Lebedeff sah ihm verwundert nach. Ihn machte diese plötzliche
Zerstreutheit des Fürsten stutzig: beim Fortgehen hatte er nicht einmal
Adieu gesagt, nicht einmal mit dem Kopf genickt, das aber schien ihm mit
der ihm bekannten Höflichkeit und Korrektheit des Fürsten ganz
unvereinbar.


                                  III.

Es war bereits zwölf Uhr. Der Fürst wußte, daß er bei Jepantschins in
ihrer Stadtwohnung jetzt nur den General antreffen würde, und vielleicht
nicht einmal diesen. Außerdem stand zu befürchten, daß der General ihn
sogleich nach Pawlowsk würde mitnehmen wollen, er aber wollte vorher
noch unbedingt einen bestimmten Menschen aufsuchen. Und so entschloß er
sich, selbst auf die Gefahr hin, den General nicht mehr anzutreffen und
die Fahrt nach Pawlowsk auf den nächsten Tag hinausschieben zu müssen,
zuerst jenes Haus aufzusuchen, zu dem es ihn geradezu gewaltsam hinzog.

Dieser Besuch hatte indessen etwas Gewagtes für ihn. Er wußte eigentlich
noch nicht, ob er gehen oder nicht gehen sollte. Die Adresse kannte er
nicht genau; er wußte nur, daß das Haus in der Gorochowaja, nicht weit
von der Ssadowaja lag, und so ging er in dieser Richtung weiter, während
er sich innerlich beruhigte, daß er ja bis dahin noch Zeit genug haben
würde, sich endgültig zu entscheiden.

Als er an die Kreuzung der beiden Straßen kam, wunderte er sich selbst
über seine ungewöhnliche Aufregung: er hatte nicht gedacht, daß sein
Herz so heftig schlagen würde. Ein Haus in der Gorochowaja zog,
wahrscheinlich durch seine besondere Bauart, schon von weitem die
Aufmerksamkeit des Fürsten auf sich, und er sagte sich: >Bestimmt ist es
dieses Haus!< Mit fast schmerzhafter Neugier näherte er sich ihm, um
sich zu überzeugen, ob seine Ahnung ihn nicht betrog; er fühlte, daß es
ihm aus irgendeinem Grunde ganz besonders unangenehm sein würde, wenn er
es erraten hätte. Es war ein großes, düsteres Haus von drei Stockwerken,
ohne jeden architektonischen Schmuck, von dunkler, schmutziggrüner
Farbe. Einige, übrigens nur sehr wenige Häuser dieser Art, die aus dem
Ende des vorigen Jahrhunderts stammen, haben sich noch hier und da
unverändert erhalten, selbst hier in diesen Straßen Petersburgs, wo sich
sonst doch alles so schnell verändert. Sie sind sehr dauerhaft gebaut,
mit dicken Mauern und verhältnismäßig nur wenigen Fenstern, die in der
unteren Etage bisweilen noch mit einem starken Eisengitter versehen
sind. Im Erdgeschoß befindet sich gewöhnlich eine Wechselbank, und der
Besitzer, ein Sektierer (in der Regel ist es einer von der
Skopzensekte), hat seine Wohnung in einem der oberen Stockwerke. Von
außen wie von innen scheinen diese Häuser in gewisser Weise ungastlich
zu sein, dunkel und ernst, alles scheint sich gleichsam zurückziehen und
verbergen zu wollen, hinter allem scheint ein Geheimnis zu stecken,
weshalb das aber so scheint, nur aus der Physiognomie des Hauses heraus
so scheint -- das wäre schwer zu erklären. Die architektonischen Linien
und Umrisse haben natürlich ihr eigenes Geheimnis. In solchen Häusern
leben, wie gesagt, fast ausschließlich Kaufleute. Als der Fürst an den
Eingang des Hauses kam, blickte er auf das Schild über der großen Tür
und las: »Haus des erblichen Ehrenbürgers Rogoshin.«

Der Fürst hatte sich entschlossen. Er öffnete die Glastür, die
geräuschvoll hinter ihm zuschlug, als er eingetreten war und auf der
steinernen Treppe zum zweiten Stockwerk emporzusteigen begann. Das ganze
Treppenhaus war dunkel, massiv aus Stein gebaut, ohne jeden Schmuck, und
die Wände waren dunkelrot angestrichen. Er wußte, daß Parfen Rogoshin
mit seiner Mutter und seinem Bruder Ssemjon das ganze zweite Stockwerk
dieses düsteren Hauses bewohnte. Der Bediente, der dem Fürsten öffnete,
führte ihn sogleich, ohne ihn vorher anzumelden, durch mehrere große und
kleine Räume: zuerst gingen sie durch einen großen Saal, dessen Wände
nach altem Stil marmorartig bemalt waren, mit kostbarem Eichenparkett
und den schweren geradlinigen Möbeln aus den zwanziger Jahren; dann
folgten kleinere Räume, einzelne fast wie Käfige so klein, doch der
Diener führte ihn immer noch weiter, im Zickzack bald nach rechts, bald
nach links; zu manchen Zimmern stiegen sie zwei oder drei Stufen hinauf,
um dann bald wieder ebensoviel Stufen hinabzusteigen, bis der Bediente
endlich vor einer Tür stehen blieb und anklopfte.

Man hörte Schritte und die Tür wurde geöffnet -- von Parfen Rogoshin.
Als er den Fürsten erblickte, wich alles Blut aus seinem Gesicht, und er
blieb wie zu Stein erstarrt stehen und sah ihn mit seinem unbeweglichen,
fragend erschrockenen Blick an, während sein Mund plötzlich zuckte, als
wolle er sich zu einem Lächeln verziehen, und dann lächelte er auch
wirklich, wie in höchster Verwunderung. Es war, als hätte Rogoshin den
Besuch des Fürsten für etwas ganz Unmögliches, für ein tatsächliches
Wunder gehalten. Der Fürst hatte zwar etwas Derartiges erwartet, mußte
sich nun aber doch selber darüber wundern.

»Parfen ... vielleicht komme ich dir nicht gelegen -- dann will ich dich
nicht stören,« sagte er schließlich verwirrt.

»Doch! Doch!« besann sich plötzlich Rogoshin, »bitte, tritt nur ein!«

Sie standen beide auf du und du. In Moskau waren sie oft und stundenlang
zusammen gewesen, und es hatte in ihrem Zusammensein Augenblicke
gegeben, die sich leider zu tief ins Herz geprägt hatten, um jemals von
ihnen vergessen werden zu können. Jetzt hatten sie sich seit mehr als
drei Monaten nicht gesehen.

Rogoshin war immer noch bleich, und von Zeit zu Zeit lief es wie ein
plötzliches, kaum merkliches Zucken über sein Gesicht. Er hatte den
Fürsten wohl aufgefordert, näher zu treten, doch seine ungewöhnliche
Erregung und Verwirrung waren noch nicht vergangen. Während er den
Fürsten zu einem der großen Lehnstühle am Tisch führte, blickte sich
jener wie zufällig nach ihm um und blieb regungslos unter dem seltsamen
Eindruck seines unbestimmbaren, schweren Blickes stehen. Es war dem
Fürsten, als hätte ihn etwas durchbohrt, und gleichzeitig fühlte er sich
an etwas erinnert -- etwas Schweres, Finsteres, Düsteres ... vor ein
paar Stunden Geschehenes. Regungslos, ohne sich zu setzen, blickte er
Rogoshin unverwandt in die Augen; die waren im ersten Augenblick
gleichsam noch mehr erglüht. Endlich lachte Rogoshin kurz und leise auf;
doch aus diesem kurzen, fast lautlosen Lachen tönte eine gewisse
Verwirrung hervor, lag etwas wie Verlorenes.

»Was siehst du mich so aufmerksam an?« brummte er dann mit halblauter
Stimme. »Setz dich!«

Der Fürst setzte sich.

»Parfen,« sagte er, »sage mir aufrichtig: Wußtest du, daß ich heute in
Petersburg eintreffen würde?«

»Daß du kommen würdest, das hab' ich mir gedacht, und da hab' ich mich,
wie du siehst, auch nicht geirrt,« sagte jener mit ironischem Lächeln.
»Aber wie sollte ich wissen, daß du gerade heute kommen würdest!«

Die gewisse schroffe Heftigkeit und seltsame Gereiztheit der Frage, die
seine Antwort in sich schloß, machten den Fürsten noch stutziger.

»Und wenn du auch gewußt hast, daß ich _heute_ kommen würde, weshalb
braucht man sich denn da zu ärgern?« fragte der Fürst leise und
augenscheinlich verwirrt.

»Wozu stellst du denn diese Frage?«

»Als ich heute morgen aus dem Kupee stieg, sah ich ein Augenpaar, das
genau so aussah und so blickte wie deine Augen, als du soeben hinter
meinem Rücken auf mich sahst.«

»Sieh mal an! Wessen Augen waren denn das?« fragte Rogoshin mißtrauisch.

Dem Fürsten schien es, als sei er zusammengezuckt.

»Ich weiß nicht, in der Menge irgendwo ... Es will mir sogar scheinen,
daß es mir nur so vorgekommen ist -- ich fange jetzt wieder an, alles
mögliche zu sehen. Und überhaupt, weißt du, fühle ich mich fast ebenso
wie damals vor fünf Jahren, als ich noch meine epileptischen Anfälle
hatte.«

»Nu was, vielleicht hat es dir auch nur so geschienen; ich weiß nicht
...« brummte Parfen, und er versuchte, freundlich zu lächeln, doch
dieses Lächeln paßte in diesem Augenblick nicht zu ihm, es war, als
hätte er gewaltsam etwas unterdrücken wollen, und das gelang ihm nicht,
wie sehr er sich auch dazu zwang.

»Was, nun geht's wieder ins Ausland?« fragte er, und plötzlich lachte
er: »Aber weißt du noch, wie wir im Waggon dritter Klasse damals im
Herbst aus Pskow kamen, ich hierher, und du ... in dem Kapuzenmantel,
weißt du noch, und den Gamaschen?«

Und Rogoshin lachte, doch tat er es diesmal mit unverhohlenem Ingrimm,
und ganz als hätte es ihn gefreut, daß er diesen Ingrimm wenigstens in
irgendeiner Weise ausdrücken konnte.

»Lebst du jetzt ganz hier?« fragte der Fürst, indem er sich im Kabinett
umsah.

»Ja, ich bin hier zu Hause. Wo sollte ich denn sonst sein?«

»Wir haben uns lange nicht gesehen. Ich habe von dir Dinge gehört, die
ich dir gar nicht zugetraut hätte.«

»Als ob wenig erzählt werden kann,« bemerkte Rogoshin trocken.

»Aber du hast doch die ganze Bande fortgejagt; selbst sitzt du zu Hause
und machst keine Geniestreiche mehr. Ich dachte -- das ist gut. Gehört
das Haus dir oder euch gemeinsam?«

»Das Haus gehört der Mutter. Zu ihr geht man hier durch den Korridor.«

»Und wo wohnt dein Bruder?«

»Mein Bruder Ssemjon Ssemjonytsch wohnt im Seitenflügel.«

»Ist er verheiratet?«

»Witwer. Wozu fragst du das?«

Der Fürst sah ihn an, ohne zu antworten. Er war plötzlich wie in
Gedanken versunken und hörte die Frage nicht. Rogoshin bestand nicht auf
der Antwort, er wartete. Beide schwiegen.

»Ich habe dieses Haus, als ich herkam, schon auf hundert Schritt als das
deinige erkannt,« sagte der Fürst.

»Woran denn das?«

»Das weiß ich selbst nicht. Dein Haus hat die Physiognomie eurer ganzen
Familie und eures ganzen Rogoshinschen Lebens; wenn du aber fragen
wolltest, woraus ich das schließe, so könnte ich es dir mit nichts
erklären. Wahn, natürlich. Es ängstigt mich sogar, daß mich das so
beunruhigt. Ich hätte früher nie gedacht, daß du in solch einem Hause
wohnst; als ich es jedoch erblickte, kam mir sogleich der Gedanke: >Aber
genau so muß ja doch sein Haus sein, es kann ja gar nicht anders sein!<«

»Sieh mal!« sagte Rogoshin unbestimmt, das Gesicht kurz zu einem Lächeln
verziehend. Er hatte den unklaren Gedanken des Fürsten nicht ganz
verstanden. »Dieses Haus hat noch mein Großvater gebaut,« bemerkte er.
»Hier haben beständig Sektierer gewohnt, Skopzen, eine Familie
Chludjäkoff. Und auch jetzt noch leben sie hier zur Miete.«

»Wie düster es hier ist! Im Düstern sitzt du,« sagte der Fürst, sich im
Kabinett umschauend.

Es war das ein großes Zimmer mit hoher, dunkler Decke, und auch alles
übrige war ziemlich dunkel gehalten. Das ganze Zimmer war voll von
allerhand Möbelstücken: da waren große Arbeitstische, ein Pult und an
den Wänden große Schränke, in denen verschiedene Geschäftspapiere und
noch andere Papiere aufgestapelt lagen. Ein großes, breites Kanapee, das
mit rotem Saffianleder überzogen war, diente Rogoshin augenscheinlich
als Schlafstelle. Der Fürst bemerkte auf dem Tisch, an dem sie beide
saßen, ein paar Bücher. Eines von denen, die Russische Geschichte
Ssolowjoffs, war aufgeschlagen und mit einem Lesezeichen versehen. An
den Wänden hingen in einstmals vergoldeten, doch nun matt und braun
gewordenen Rahmen einige stark nachgedunkelte Ölgemälde, auf denen man
nur schwer noch etwas unterscheiden konnte. Dagegen zog ein lebensgroßes
Männerporträt sofort die Aufmerksamkeit des Fürsten auf sich: es stellte
einen etwa fünfzigjährigen Mann dar in einem langschößigen Rock, der
jedoch deutschen Schnitt verriet, mit zwei Medaillen auf der Brust,
einem sehr spärlichen, kurzen, grauen Bart, runzligem und gelbem Gesicht
und einem argwöhnischen, verschlossenen und leidenden Blick.

»Ist das nicht gar dein Vater?« fragte der Fürst.

»Er selbst,« antwortete Rogoshin mit einem unangenehmen einmaligen
Auflachen, ganz, als hätte er sich im nächsten Augenblick irgendeinen
unzeremoniellen Scherz über seinen verstorbenen Vater erlauben wollen.

»Er war doch kein Altgläubiger?«

»Nein, er ging in die Kirche; aber es ist schon wahr, er sagte, daß der
alte Glaube richtiger sei. Die Skopzen hat er auch immer sehr geachtet.
Das hier war ja sein Kabinett. Wozu hast du das gefragt, das von der
Altgläubigkeit?«

»Wirst du die Hochzeit hier feiern?«

»Hi--ier,« antwortete Rogoshin langsam, doch war er bei der unerwarteten
Frage kaum merklich zusammengezuckt.

»Bald?«

»Du weißt doch selbst: hängt es denn von mir ab?«

»Parfen, ich bin nicht dein Feind und will dich an nichts verhindern.
Ich sage es dir jetzt nochmals, wie ich es dir schon früher einmal
gesagt habe, in einer ähnlichen Stunde. Als in Moskau deine Trauung
vollzogen werden sollte, bin ich nicht dazwischengetreten, das weißt du.
Das erstemal kam _sie_ von selbst zu mir gestürzt, fast vom Altare fort,
und flehte mich an, sie vor dir zu >retten<. Ich wiederhole nur ihre
eigenen Worte. Dann lief sie auch von mir fort. Du suchtest sie wieder
auf und brachtest sie wieder zum Altar, und da, sagt man mir, sei sie
wieder von dir fortgelaufen und habe sich hierher geflüchtet. Ist das
wahr? So hat es mir Lebedeff geschrieben, und deshalb bin ich auch
hergekommen. Daß ihr euch aber hier wieder halbwegs ausgesöhnt habt,
habe ich erst gestern im Eisenbahnkupee von einem deiner früheren
Freunde erfahren, von Saljosheff, wenn es dich interessiert. Hergereist
aber bin ich mit einer ganz bestimmten Absicht: ich will _sie_ bereden,
ins Ausland zu fahren, um dort für ihre Gesundheit etwas zu tun; denn
sie ist sowohl geistig wie körperlich sehr der Pflege bedürftig ...
namentlich macht mir ihr seelischer Zustand Sorge. Ich selbst wollte sie
nicht ins Ausland begleiten, sondern beabsichtigte, es irgendwie ohne
mich zu arrangieren, mich selbst dabei ganz aus dem Spiel zu lassen. Ich
sage dir die volle Wahrheit. Wenn es aber wahr ist, daß ihr wieder einig
seid, so werde ich mich überhaupt nicht mehr zeigen und auch zu dir
werde ich dann nie mehr kommen. Du weißt, daß ich dich nicht betrügen
werde; denn ich bin ja auch früher immer offen und ehrlich gegen dich
gewesen. Ich habe dir auch meine Überzeugung nicht verschwiegen, daß die
Heirat mit dir -- _ihr_ unbedingtes Verderben sein würde. Auch dein
Verderben ... vielleicht sogar noch mehr als ihres. Wenn ihr wieder
auseinandergehen solltet, wird es mich sehr beruhigen; doch habe ich
deshalb noch nicht die Absicht, euch zu entzweien oder zwischen euch zu
treten. Sei also in der Beziehung ganz ruhig und verdächtige mich nicht.
Doch du weißt es ja selbst -- bin ich denn jemals im Ernst dein
Nebenbuhler gewesen, selbst damals, als sie von dir zu mir flüchtete? Da
lachst du nun wieder dein kurzes Lachen! Ich weiß, weshalb du so kurz
aufgelacht hast. Wir haben dort ganz getrennt gelebt, sogar in
verschiedenen Städten, und das weißt du ja selbst ganz genau. Ich habe
dir ja schon früher einmal erklärt, daß ich sie nicht >aus Liebe<,
sondern >aus Mitleid< liebe. Ich glaube es so ganz richtig zu
bezeichnen. Du sagtest damals, daß du diese meine Worte begriffen
hättest. Ist das nun wahr? Hast du sie wirklich begriffen? Du, weshalb
siehst du mich jetzt so haßerfüllt an? Ich bin doch nur gekommen, weil
auch du mir teuer bist. Ich liebe dich, Parfen. Ich werde jetzt
fortgehen und niemals wiederkommen. Leb' wohl.«

Der Fürst erhob sich.

»Bleib noch ein wenig bei mir,« sagte Parfen leise, den Kopf in die
rechte Hand gestützt, ohne sich zu erheben. »Ich habe dich lange nicht
gesehen.«

Der Fürst setzte sich wieder. Beide schwiegen sie.

»Ich ... wenn ich dich nicht vor mir sehe, fühle ich gleich Haß gegen
dich, Lew Nikolajewitsch. In diesen drei Monaten, da ich dich nicht
gesehen habe, bin ich dir immerwährend, in jeder Minute böse gewesen,
bei Gott. Ich hätte dich so genommen und erwürgt vor lauter Wut, sieh
so! Und jetzt sitzt du noch keine Viertelstunde bei mir, und schon ist
meine ganze Wut vergangen, und ich hab' dich wieder so lieb wie früher.
Bleib noch ein wenig bei mir ...«

»Wenn ich bei dir bin, dann glaubst du mir, und wenn ich nicht mehr da
bin, dann hörst du sogleich auf mir zu glauben und verdächtigst mich
wieder. Du bist wie dein Vater!« sagte der Fürst mit freundschaftlichem
Lächeln, bemüht, das Gefühl, das aus seinen Worten sprach, zu verbergen.

»Ich glaube deiner Stimme, wenn du bei mir bist. Ich begreife doch, daß
man uns beide nicht vergleichen kann, dich und mich ...«

»Weshalb sagst du gerade das? Da bist du nun wieder gereizt,« sagte der
Fürst.

»Ach, hier, Freund, wird nicht nach unserer Meinung gefragt,« entgegnete
jener, »das ist schon ohne uns so bestimmt worden. Auch lieben tun wir
ja beide ganz verschieden ... Ich will damit sagen, in allem ist eben
ein Unterschied,« fuhr er nach kurzem Schweigen leise fort. »Du liebst
sie, sagst du, nur aus Mitleid. Ich aber empfinde nichts von Mitleid in
mir, so was fühle ich gar nicht für sie. Und sie haßt mich ja auch nur,
haßt mich mehr als alles andere. Jede Nacht träumt mir jetzt, daß sie
mit einem anderen über mich lacht. Und so ist es auch, Freund. Sie wird
mit mir zum Altar gehen; aber an mich auch nur dabei denken, das tut sie
nicht, selbst das wird sie vergessen -- es ist einfach so, wie wenn sie
Schuhe wechselte. Glaubst du mir, ich habe sie schon seit fünf Tagen
nicht gesehen; denn ich wage nicht hinzugehen: wenn sie nun fragt: >Wozu
hast du dich herbemüht?< Hat sie mir denn wenig Schimpf angetan ...«

»Was -- wieso Schimpf angetan? Was sagst du?«

»Als ob du's selbst nicht weißt! Hast doch noch selbst vorhin
ausgesprochen, daß sie >vom Altar< weg zu dir gelaufen ist.«

»Aber, du glaubst doch selbst nicht, daß ...«

»Und das mit dem Offizier, dem Semtjushnikoff in Moskau -- war denn das
kein Schimpf? Ich weiß es ganz genau, daß sie mir die Schande, die
Schmach angetan hat, und das noch, nachdem sie schon selbst den Tag der
Trauung bestimmt hatte.«

»Nicht möglich!« rief der Fürst aus.

»Ich weiß es ganz genau,« wiederholte Rogoshin in fester Überzeugung.
»Was >keine solche<, meinst du? Darüber, Bruder, darüber lohnt es sich
gar nicht zu reden, daß sie keine solche ist. Mit dir wird sie keine
solche sein und vielleicht wird sie vor diesen Sachen sogar Entsetzen
empfinden, mit mir aber ist sie, siehst du, gerade eine solche. Das ist
schon so. Sie hält mich für den letzten Pöbelkerl: als gehörte ich zum
Gesindel. Mit Keller, mit diesem Leutnant, dem Boxer -- hat sie, das
weiß ich ganz genau, nur um über mich zu spotten angefangen ... Du weißt
noch gar nicht alles, was sie in Moskau angestellt hat! Und wieviel Geld
habe ich fortgeworfen ...«

»Ja, aber ... wie wirst du sie denn jetzt heiraten! ... Wie wird denn
das später werden?« fragte der Fürst ganz entsetzt.

Rogoshin sah ihm mit schwerem, furchtbarem Blick in die Augen und
antwortete nichts.

»Jetzt bin ich schon fünf Tage nicht bei ihr gewesen,« fuhr er nach
einer Weile fort, als hätte er sein Schweigen vergessen. »Ich fürchte
immer, daß sie mich hinausjagt. Ich bin immer noch meine eigene Herrin,
sagt sie; wenn ich will, jage ich dich ganz von mir fort und fahre ins
Ausland. -- Das hat auch sie mir schon gesagt, daß sie ins Ausland
fahren würde,« fügte er plötzlich, wie zur Ergänzung noch hinzu, während
er dabei dem Fürsten mit einem ganz besonderen Blick in die Augen sah.

»Manches Mal wiederum will sie mich nur erschrecken, immer bin ich ihr
lächerlich. Ein anderes Mal aber verdüstert sich ihr Gesicht, sie
runzelt die Stirn und spricht kein Wort mit mir. Das aber fürchte ich am
meisten. Neuerdings dachte ich: ich werde von jetzt ab nicht mehr mit
leeren Händen hinfahren, -- da machte sie sich wieder nur lustig über
mich und schließlich wurde sie sogar böse. Ihrer Kammerzofe, der Katjka,
schenkte sie meinen Schal, den ich ihr als Geschenk mitgebracht hatte;
aber wenn sie früher auch üppig gelebt und teure Sachen getragen hat,
einen solchen Schal hatte sie vielleicht doch noch nie gesehen! Und
davon, wann denn die Trauung sein soll, davon darf man überhaupt nicht
zu sprechen anfangen. Was ist denn das für ein Bräutigam, der sich
fürchtet, sie auch nur zu besuchen? So sitze ich denn hier, und wenn es
unerträglich wird, dann gehe ich heimlich, schleichend an ihrem Hause
vorüber, auf der Straße, oder ich verberge mich hinter einer Hausecke.
Vor kurzem noch habe ich so eine ganze Nacht bis zum Morgen an ihrer
Hofpforte Wache gestanden, -- mir hatte damals so etwas geschienen ...
Sie aber muß mich wohl aus dem Fenster beobachtet haben. >Was hättest du
denn,< fragte sie später, >was hättest du denn mit mir getan, wenn du
einem Betrug auf die Spur gekommen wärst?< Da hielt ich's nicht aus und
sagte: >Das weißt du selbst.<«

»Was weiß sie denn?«

»Ja, wie soll ich's denn wissen!« lachte Rogoshin boshaft. »In Moskau
hab' ich sie damals mit keinem überraschen können, obschon ich ihr lange
genug auflauerte. Da ging ich einmal zu ihr hin und sagte: >Du hast dein
Wort gegeben, daß du dich mit mir trauen lassen wirst, du kommst in eine
ehrenwerte Familie; weißt du aber auch, was für eine du jetzt bist?
Sieh, solch eine bist du!< sagte ich.«

»Das sagtest du ihr ins Gesicht?«

»Ja.«

»Und?«

»>Ich werde dich,< antwortete sie, >ich werde dich jetzt vielleicht noch
nicht einmal als Diener zu mir nehmen, geschweige denn dich heiraten!<
-- >Und du glaubst, daß ich fortgehe?< fragte ich. -- >Dann werde ich
sofort Keller rufen,< sagte sie, >und ihm befehlen, dich
hinauszuwerfen.< Da packte ich sie und schlug sie, bis sie blaue Flecken
hatte.«

»Nicht möglich! Das kann nicht sein!« stieß der Fürst atemlos hervor.

»Ich sage: es war so,« sagte leise, doch mit blitzenden Augen Rogoshin.
»Zwei Tage aß ich nicht, trank nicht, schlief nicht, ging nicht aus dem
Zimmer hinaus, kniete vor ihr nieder. >Ich sterbe, aber ich gehe nicht
eher fort,< sagte ich, >ich gehe nicht eher fort, als bis du mir
verziehen hast; läßt du mich aber hinauswerfen, so ertränke ich mich,
denn -- was bin ich jetzt noch ohne dich?< Wie eine Wahnsinnige war sie
den ganzen Tag: bald weinte sie, bald wollte sie mich mit dem Messer
erstechen, bald drohte sie mit der Faust und begann mich wie eine
Rasende zu beschimpfen, -- jawohl, zu beschimpfen. Saljosheff, Keller,
Semtjushnikoff, alle, alle rief sie zusammen, zeigte dann auf mich und
begann mich wieder zu schmähen. >Gehen wir, meine Herren,< sagte sie
dann, >gehen wir jetzt alle ins Theater, mag er hier allein sitzen, wenn
er nicht fortgehen will, ich bin für ihn nicht angebunden. Ihnen aber,
Parfen Ssemjonytsch, wird man hier in meiner Abwesenheit Tee bringen,
Sie müssen ja ganz hungrig sein.< Aus dem Theater kehrte sie allein
zurück. >Alle sind sie Feiglinge und Lumpen,< sagte sie, >alle haben sie
Angst vor dir und da wollen sie natürlich auch mir Angst einflößen: sie
behaupten, du würdest so nicht fortgehen, sondern mich vorher noch
unbedingt ermorden. Ich aber werde, sieh, wenn ich dorthin in mein
Schlafzimmer gegangen bin, die Tür nicht hinter mir zuschließen, sieh,
so wenig fürchte ich dich! Damit du das ein für allemal weißt und
siehst! Hast du Tee getrunken?< -- >Nein,< sagte ich, >und ich werde es
auch nicht.< -- >Wenn das dir Ehre einlegen würde, wäre es etwas
anderes, aber so -- wenn du wüßtest, wie wenig das zu dir paßt.< Und wie
sie gesagt hatte, so tat sie's auch: die Tür zu ihrem Schlafzimmer blieb
offen. Am nächsten Morgen kam sie -- lachte. >Bist du denn ganz von
Sinnen, sag' doch? So wirst du ja noch vor Hunger sterben.< -- >Vergib,<
sagte ich. >Ich will nicht, und heiraten will ich dich erst recht nicht;
es bleibt dabei, was ich gesagt habe. Hast du denn die ganze Nacht in
diesem Lehnstuhl gesessen und nicht geschlafen?< -- >Nein, ich habe
nicht geschlafen,< sagte ich. -- >Ach, wie klug! Und Tee trinken und
essen wirst du wieder nicht?< -- >Ich habe doch gesagt: Vergib!< --
>Wenn du wüßtest, wie schlecht das zu dir paßt, wie ein Sattel zu einer
Kuh! Oder ist es dir etwa in den Sinn gekommen, mich schrecken zu
wollen? Daraus mache ich mir gerade viel, und daß du hier hungrig sitzt,
ach, wie entsetzlich du mich damit einschüchterst!< Dann wurde sie böse,
aber nicht auf lange, und dann begann sie wieder zu spotten und zu
sticheln. Da wunderte ich mich über sie, daß doch eigentlich keine
Bosheit in ihr war. Sonst vergißt sie doch Böses nicht so leicht,
vergißt es lange nicht! Und da kam es mir in den Sinn, daß sie mich wohl
für so niedrig hält, daß sie nicht einmal große Wut über mich empfinden
kann. Und das ist wahr. >Weißt du auch, wer das ist: der römische
Papst?< fragte sie. -- >Ja, ich habe gehört, wer das ist,< sage ich.
>Du, Parfen Ssemjonytsch, hast ja von der allgemeinen Geschichte nicht
viel gelernt!< sagt sie. -- >Ich habe überhaupt nichts gelernt,< sage
ich. -- >Dann werde ich dir etwas zu lesen geben, oder hör' zu: Es war
einmal ein Papst, und der wurde auf einen Kaiser böse, und dieser Kaiser
lag drei Tage ohne Essen und Trinken barfuß auf den Knien vor dem Schloß
des Papstes, bis dieser ihm verzieh. Was meinst du -- was hat wohl der
Kaiser in diesen drei Tagen, als er so barfuß dort kniete, bei sich
gedacht und welche Rache dem Papst geschworen? ... Doch warte, ich werde
es dir selbst vorlesen!< sagte sie und stand auf und brachte das Buch.
>Es sind Verse,< sagte sie, und dann las sie mir vor, wie dieser Kaiser
in diesen drei Tagen geschworen, sich an dem Papst zu rächen. >Gefällt
dir das nicht, Parfen Ssemjonytsch?< fragte sie. -- >Das stimmt alles,
was du da gelesen hast,< sage ich. -- >Aha,< rief sie aus, >du gibst
also selbst zu, daß es stimmt, dann schwörst auch du jetzt Rache und
sagst dir: Wenn sie mich erst geheiratet hat, dann werde ich ihr schon
alles heimzahlen, dann werde ich mich dafür entschädigen!< -- >Ich weiß
nicht,< sag' ich, >vielleicht denk' auch ich so!< -- >Wie, weißt du das
denn nicht?< -- >Ach,< sag' ich >ich weiß es nicht, nicht daran denke
ich jetzt.< -- >Woran denkst du denn jetzt?< -- >Wenn du aufstehst vom
Stuhl, gehst du an mir vorüber, und ich sehe auf dich und folge dir mit
dem Blick; dein Kleid wird rauschen und mir wird das Herz stillstehen,
und wenn du hinausgegangen bist aus dem Zimmer, denke ich an jedes
einzelne deiner Worte, was und wie und mit welch einer Stimme du es
gesagt hast; diese ganze Nacht habe ich an nichts anderes gedacht, ich
habe nur gehorcht, wie du im Schlafe atmetest und dich zweimal bewegtest
...< -- >Ja, dann denkst du ja vielleicht,< lachte sie, >dann denkst du
ja vielleicht auch daran gar nicht mehr, daß du mich geschlagen hast?<
-- >Vielleicht,< sag' ich, >vielleicht denke ich auch daran nicht mehr,
ich weiß nicht.< -- >Wenn ich dir aber nicht verzeihe und dich nicht
heirate?< -- >Ich habe gesagt, ich ertränke mich.< -- >Schlägst mich
aber vorher wahrscheinlich noch tot ...< Sagte es und wurde
nachdenklich. Dann wurde sie böse und ging aus dem Zimmer. Nach einer
Stunde kommt sie wieder zu mir zurück, ernst, düster. >Ich werde dich
heiraten, Parfen Ssemjonytsch,< sagt sie, >doch nicht deshalb, weil ich
dich etwa fürchte, sondern weil es doch auf eins herauskommt, wo man
umkommt. Wo ist's denn besser? Setz' dich,< sagt sie, >man wird dir
gleich zu essen bringen. Wenn ich dich aber heirate,< fügte sie hinzu,
>werde ich dir ein treues Weib sein, daran brauchst du nicht zu
zweifeln, kannst ruhig sein.< Dann schwieg sie eine Weile und dann sagte
sie noch: >Du bist doch kein Lakai -- ich dachte früher, du seist ein
echter, ein ganzer Lakai.< Und nun bestimmte sie selbst den Tag, an dem
die Trauung stattfinden sollte; nach einer Woche aber lief sie von mir
fort und flüchtete sich hierher zu Lebedeff. Als ich dann herkam, sagte
sie: >Ich habe mich durchaus nicht von dir losgesagt, ich will es nur
noch aufschieben, solange es mir paßt; denn ich bin ja doch noch ganz
Herrin meiner selbst. Warte auch du, wenn du willst.< Siehst du, so
stehen wir jetzt miteinander ... Was meinst du zu alledem, Lew
Nikolajewitsch?«

»Wie denkst du selbst darüber?« fragte der Fürst mit traurigem Blick auf
Rogoshin.

»Denk' ich denn überhaupt!« entfuhr es diesem ganz unwillkürlich.

Er wollte noch etwas hinzufügen, doch dann senkte er den Blick und
schwieg.

Der Fürst erhob sich von neuem, um fortzugehen.

»Trotzdem werde ich dir nicht in den Weg treten,« sagte er leise, fast
wie in Gedanken versunken, und es war, als hätte er auf einen eigenen
inneren Gedanken geantwortet.

»Weißt du, was ich dir sagen werde?« wandte sich plötzlich Rogoshin
erregt an ihn, und seine Augen blitzten auf. »Wie kannst du sie mir nur
so abtreten, das verstehe ich nicht! Oder hast du schon ganz aufgehört,
sie zu lieben? Früher warst du doch immerhin noch traurig, ich weiß es,
ich habe es doch gesehen. Wozu bist du denn jetzt so Hals über Kopf
hergereist? Aus Mitleid?« (Sein Gesicht verzog sich in boshaftem Spott)
»He--he!«

»Du glaubst, daß ich dich betrüge?« fragte der Fürst.

»Nein, ich glaube dir, nur verstehe ich davon nichts. Am
wahrscheinlichsten ist wohl, daß dein Mitleid noch größer ist als meine
Liebe!«

Etwas Böses, das gleichsam herausdrängte, das sich unbedingt sogleich
äußern wollte, war in seinem Gesicht aufgeflammt.

»Deine Liebe kann man vom Haß kaum unterscheiden,« lächelte der Fürst,
»und wenn sie vergeht, Bruder, wird das Unglück vielleicht noch größer
sein. Ich sage dir nur das eine, Parfen ...«

»Daß ich sie ermorden werde?«

Der Fürst zuckte zusammen.

»Du wirst sie um dieser Liebe, dieser Qual willen, mit der du dich jetzt
quälst, gar zu sehr hassen. Am meisten wundert mich aber, wie sie
überhaupt wieder zu dir zurückkehren kann. Als ich es gestern hörte,
wollte ich es kaum glauben, so schwer wurde es mir ... Zweimal ist sie
schon von dir fortgelaufen, fast vom Altar weg, also muß sie doch eine
Vorahnung haben! ... Weshalb will sie dich denn jetzt noch nehmen? Doch
nicht deines Geldes wegen? Das ist ja doch Unsinn! Und von deinem Gelde
hast du ja auch schon so viel vergeudet. Und doch auch nicht, um nur
einen Mann zu bekommen? Denn du bist doch nicht der einzige, den sie
heiraten könnte! Da wäre doch jeder andere besser als du, denn du wirst
sie ja vielleicht wirklich ermorden, und das begreift sie doch selbst
nur zu gut! Oder weil du sie so leidenschaftlich liebst? Ja, es sei denn
dieses eine ... Ich habe gehört, daß es welche geben soll, die gerade
eine solche Liebe suchen ... nur ...«

Der Fürst hielt nachdenklich inne.

»Was lächelst du wieder über meines Vaters Bild?« fragte Rogoshin, der
seinen Blick nicht vom Gesicht des Fürsten abwandte und aufmerksam jede
Veränderung im Gesicht, jeden Blick des Fürsten verfolgte.

»Weshalb ich soeben lächelte? Es kam mir in den Sinn, daß du, wenn dir
nicht dieses Unglück zugestoßen, wenn nicht diese Liebe über dich
gekommen wäre, daß du dann auf ein Haar wie dein Vater geworden wärst,
und das sogar in sehr kurzer Zeit. Du würdest dich schweigend hier in
diesem Hause niederlassen mit deiner Frau, einem gehorsamen,
verschüchterten Wesen, würdest nur wenig und jedes Wort in strengem Tone
sprechen, würdest keinem Menschen trauen, keines Menschen Vertrauen
brauchen und nur schweigend und finster dein Geld aufhäufen. Viel wäre
es, wenn du einmal die alten Bücher loben und dich für das Bekreuzen mit
zwei Fingern aussprechen würdest,[13] aber auch das höchstens im Alter
...«

»Spotte nur. Genau dasselbe hat auch sie mir vor nicht langer Zeit
gesagt, gleichfalls als sie dieses Porträt betrachtete. Das ist doch
wunderlich, wie jetzt bei euch alles übereinstimmt ...«

»Ja, ist sie denn schon einmal bei dir gewesen?« fragte der Fürst
überrascht.

»Einmal. Das Porträt betrachtete sie lange, fragte mich über den
Verstorbenen aus. >Du würdest genau so sein,< sagte sie dann lachend,
>du hast mächtige Leidenschaften, Parfen Ssemjonytsch,< sagte sie,
>solche Leidenschaften, daß du unentgeltlich nach Sibirien mit ihnen
kämst, wenn du nicht -- wenn du nicht deinen Verstand hättest, und du
hast einen großen Verstand,< sagte sie -- geradeso sagte sie's, wirst
du's mir glauben! Zum erstenmal hörte ich von ihr ein solches Wort! --
>Du würdest diesen ganzen Unsinn bald lassen. Und da du ein ganz
ungebildeter Mensch bist, so würdest du dich einfach aufs Geldverdienen
verlegen und würdest dich ganz wie dein Vater in diesem Hause hier
festsetzen, mit deinen Skopzen natürlich. Vielleicht würdest du zum
Schluß auch noch zu ihrem Glauben übertreten. Das Geld aber, das würdest
du so liebgewinnen, daß du nicht nur zwei Millionen, sondern vielleicht
ganze zehn Millionen zusammenscharrtest, um dann auf deinen Goldsäcken
am Ende Hungers zu sterben; denn du bist in allem leidenschaftlich, ja,
bei dir wird alles, was du beginnst, zur Leidenschaft.< Genau so sagte
sie, mit denselben Worten. Niemals noch hatte sie so zu mir gesprochen!
Denn sonst hat sie nur Albernheiten mit mir geredet oder über mich
gespottet. Auch hier hatte sie lachend begonnen, dann aber wurde sie
plötzlich sehr ernst. Durch das ganze Haus ging sie, alles besah sie,
ganz als fürchte sie sich immer vor etwas. >Ich werde das alles hier
verändern,< sage ich, >alles verschönern oder auch zur Hochzeit ein
neues Haus kaufen.< Da war sie ganz erschrocken: >Nein, nein, um Gottes
willen nicht!< sagte sie; >alles muß so bleiben, wie es ist, gerade so
wollen wir hier leben. Ich will neben deiner Mutter leben,< sagte sie,
>wenn ich deine Frau sein werde.<

Dann führte ich sie zu meiner Mutter -- sie war ehrerbietig gegen sie
wie eine leibliche Tochter. Meine Mutter ist nun schon seit zwei Jahren
nicht ganz bei vollem Verstande -- krank ist sie -- und nun seit dem
Tode des Vaters ist sie ganz wie ein Kind geworden, spricht gar nicht
mehr, kann nicht mehr gehen, die Füße tragen sie nicht, und so sitzt sie
und grüßt nur vom Platz aus einen jeden, den sie sieht. Wenn man ihr
nicht zu essen geben wollte, würde sie es drei Tage lang nicht merken,
so steht's mit ihr. Ich nahm die rechte Hand meiner Mutter, legte die
drei Finger zum Segen zusammen und sagte: >Mütterchen, segnet sie, sie
geht mit mir zum Altar,< und da küßte sie meiner Mutter die Hand, aber
nicht nur so, sondern wirklich innig. >Viel Leid,< sagte sie, >muß deine
Mutter erduldet haben.< Dieses Buch hier sah sie: >Was ist das,< fragte
sie, >fängst du an, russische Geschichte zu lesen?< Sie selbst hatte mir
einmal in Moskau gesagt: >Wenn du dich doch wenigstens etwas bilden
würdest, lies doch wenigstens Ssolowjoffs Russische Geschichte, du weißt
ja doch gar nichts;< ja, das hatte sie mir schon in Moskau gesagt. >Das
ist gut,< sagte sie jetzt, >lies nur weiter. Ich werde dir ein kleines
Verzeichnis aufschreiben von Büchern, die du ganz zuerst lesen mußt.
Willst du, soll ich?< Nie, nie hatte sie vorher so mit mir gesprochen,
ich war ganz erstaunt; zum erstenmal atmete ich auf, wie ein lebendiger
Mensch.«

»Das freut mich, das freut mich sehr, Parfen,« sagte der Fürst warm,
»ich bin sehr froh darüber. Wer weiß, vielleicht hat Gott euch doch noch
zu einem gemeinsamen Leben bestimmt.«

»Nein, das ist unmöglich!« rief Rogoshin heftig aus.

»Höre, Parfen, wenn du sie so liebst -- willst du dann nicht ihre
Achtung erwerben? Und wenn du es willst -- weshalb willst du dann nicht
auch hoffen? Ich sagte vorhin, daß es für mich unbegreiflich sei:
weshalb sie dich überhaupt noch heiraten will? Doch wenn ich es mir auch
jetzt noch nicht ganz erklären kann, so sehe ich doch eines ein: daß sie
dazu einen genügenden Grund, einen vernünftigen Grund haben muß. Von
deiner Liebe ist sie überzeugt, doch ganz gewiß ist sie es auch von
deinen Vorzügen, wenigstens von einigen. Anders kann es ja gar nicht
sein! Und was du soeben erzähltest, bestätigt meine Annahme vollkommen.
Du sagst doch selbst, daß es ihr möglich gewesen ist, in einer ganz
anderen Weise mit dir zu reden, als sie früher getan. Du bist
argwöhnisch und eifersüchtig, deshalb vergrößerst du auch alles, was du
Schlechtes von ihr erfahren hast. Es liegt doch auf der Hand, daß sie
lange nicht so schlecht von dir denkt, wie du erzählst; denn sonst müßte
man ja doch von ihr sagen, daß sie mit vollem Bewußtsein ins Wasser geht
oder unter das Messer, wenn sie dich heiratet. Ist denn das möglich? Wer
geht denn bewußt aufs Messer los?«

Mit bitterem Spottlächeln hörte Rogoshin den Fürsten an. Seine
Überzeugung schien schon unerschütterlich festzustehen.

»Wie schwer dein Blick ist, mit dem du mich ansiehst, Parfen!« stieß
plötzlich der Fürst unter einem erdrückenden Gefühl hervor.

»Ins Wasser oder unter das Messer!« sprach Rogoshin endlich langsam
nach. »He--he! Ja, einzig deshalb nimmt sie mich doch, weil sie
überzeugt ist, daß sie bei mir der Dolch erwartet! Solltest du denn bis
jetzt wahrhaftig noch nicht erraten haben, Fürst, um was es sich hier
handelt?«

»Ich verstehe dich nicht.«

»Was, vielleicht begreift er's auch wahrhaftig nicht, he--he! Sagt man
doch von dir, daß du ... nun, _jenes_! ... Einen anderen liebt sie! --
begreifst du's jetzt? Ganz so, wie ich sie jetzt liebe, genau so liebt
sie jetzt einen anderen. Und dieser andere ist -- weißt du, wer? Das
bist _du_! Was, wußtest du das noch nicht?«

»Ich?«

»Ja, _du_. Sie hat sich gleich damals, damals an ihrem Geburtstage in
dich verliebt -- und seit der Stunde liebt sie dich. Nur glaubt sie
jetzt, daß sie dich nicht heiraten darf, weil sie dir damit eine Schande
antun und dein Leben verderben würde. >Man weiß ja doch, was für eine
ich bin,< sagte sie. Und davon ist sie nicht abzubringen. Alles das hat
sie mir selbst ins Gesicht gesagt. Dich zu verderben und dir Schande
anzutun -- das fürchtet sie, mich aber, siehst du, mich kann man
heiraten, bei mir macht's nichts aus -- sieh, so hoch schätzt sie mich
ein! -- das kannst du dir gleichfalls merken!«

»Aber wie ist sie denn ... wie ist sie denn von dir zu mir und ... von
mir wieder ...«

»Von dir wieder zu mir zurückgekehrt! Haha! Als ob ihr wenig in den Kopf
kommt! Sie ist ja doch jetzt ganz wie im Fieber, wie im Delirium. Bald
schreit sie mir zu: >Dich heiraten oder ins Wasser -- ist eins! Die
Hochzeit so schnell wie möglich!< sie drängt selbst, bestimmt den Tag,
rückt aber die Zeit heran, dann -- erschrickt sie, oder es kommen ihr
andere Gedanken. Gott weiß -- du hast sie doch gesehen: weint, lacht,
gebärdet sich wie in Raserei. Was Wunder, wenn sie da auch von dir
wieder fortgelaufen ist? Sie ist ja doch nur deshalb von dir
fortgelaufen, weil es ihr plötzlich zum Bewußtsein kam, wie sehr sie
dich liebt. Sie hielt bei dir ihre eigene Liebe zu dir nicht mehr aus.
Du sagtest, ich hätte sie damals in Moskau aufgesucht. Das ist ja gar
nicht wahr -- sie selbst kam von dir zu mir gelaufen. >Bestimme den
Tag,< sagte sie, >ich bin bereit! Gib Champagner her! Fahren wir zu den
Zigeunerinnen!< schrie sie ... Wäre ich nicht gewesen, so hätte sie sich
schon längst ertränkt. Glaube mir! Nur deshalb tut sie es nicht, weil
ich vielleicht noch furchtbarer bin als der Tod im Wasser. Nur aus
Bosheit will sie mich heiraten ... Wenn sie mich heiratet, so kannst du
sicher sein, daß sie es nur aus Bosheit tut.«

»Ja, aber wie kannst du dann ... wie kannst du dann! ...« rief der Fürst
ganz bestürzt aus, doch sprach er nicht zu Ende, was er sagen wollte.

Ganz entsetzt sah er Rogoshin an.

»Warum sprichst du's denn nicht aus?« fragte jener spöttisch, und man
sah seine Zähne zwischen den Lippen. »Willst du, so werde ich dir sagen,
was du in diesem Augenblick bei dir denkst? -- >Nun, wie kann sie dann
jetzt noch zu ihm gehen? Wie kann man das zulassen?< Ich weiß schon, was
du denkst.«

»Ich bin nicht deshalb hergekommen, Parfen, ich schwöre es dir, glaub'
mir, ich hatte nicht das im Sinn ...«

»Schon möglich, daß du nicht deshalb gekommen bist, und daß du nicht das
im Sinn hattest; nur ist es jetzt schon ganz sicher geworden, daß du
doch deshalb gekommen bist, he--he! ... Nun, genug! Was bist du so
bestürzt? Wußtest du es denn wahrhaftig nicht? Du wunderst mich!«

»Das ist alles nur deine Eifersucht, Parfen, deine Krankheit, du
vergrößerst alles unendlich, du übertreibst ...« stotterte der Fürst in
unbeschreiblicher Erregung. »Was willst du?«

»Laß!« sagte Rogoshin herrisch, indem er dem Fürsten das Messer aus der
Hand riß, das jener vom Tisch genommen hatte. Rogoshin legte es neben
das Buch auf dieselbe Stelle zurück, wo es gelegen.

»Es ist mir, als hätte ich es bei der Einfahrt in Petersburg schon
gewußt, als hätte ich es vorausgefühlt ...« fuhr der Fürst fort. »Ich
wollte nicht herfahren! Ich wollte alles das hier vergessen, aus dem
Herzen herausreißen! Nun, aber jetzt leb' wohl ... Was hast du?«

In seiner Zerstreutheit hatte der Fürst beim Sprechen wieder das Messer
in die Hand genommen, und wieder riß es ihm Rogoshin aus der Hand, um es
auf den Tisch zurückzuwerfen. Es war das ein ganz einfaches Messer,
nicht zusammenlegbar, mit einem Griff aus Hirschhorn und einer etwa
dreieinhalb Zoll langen und dementsprechend breiten Klinge.

Als Rogoshin sah, daß der Fürst stutzig wurde -- denn das Messer mußte
ihm doch auffallen, wenn es ihm zweimal in dieser Weise aus der Hand
gerissen wurde --, nahm er es sichtlich ärgerlich und legte es ins Buch,
das er mit einer kurzen Bewegung auf den anderen Tisch schleuderte.

»Schneidest du damit die Blätter auf?« fragte der Fürst, doch war seine
Frage immer noch wie in Zerstreutheit gestellt, als wäre er nach wie vor
noch in seine Gedanken versunken.

»Ja, die Blätter ...«

»Das ist doch ein Gartenmesser?«

»Ja, ein Gartenmesser. Darf man denn mit einem Gartenmesser keine
Blätter aufschneiden?«

»Ja, aber ... es ist ganz neu.«

»Was ist denn dabei, daß es neu ist? Darf ich mir denn nicht, wenn ich
will, ein neues Messer kaufen?« schrie Rogoshin schließlich wütend
heraus, jedes Wort hatte ihn immer mehr gereizt und aufgebracht.

Der Fürst fuhr zusammen und blickte ihm aufmerksam ins Gesicht.

»Ach, wir sind aber auch!« lachte er dann auf, plötzlich zur Besinnung
gekommen. »Verzeih mir, Bruder, mein Kopf ist mir jetzt so schwer, und
diese Krankheit ... ich bin jetzt immer so zerstreut und lächerlich. Ich
wollte das ja gar nicht fragen ... ich weiß nicht mehr, was es war. Leb'
wohl!«

»Nicht durch diese Tür,« sagte Rogoshin.

»Ich -- ...«

»Hier, hier, komm, ich werde dir den Weg zeigen.«


                                  IV.

Sie gingen durch dieselben Zimmer, durch die der Fürst bereits gekommen
war. Rogoshin ging voran und der Fürst folgte ihm. Sie kamen in den
großen Saal. Hier hingen an den Wänden mehrere Gemälde, meistens waren
es Porträts von Bischöfen und stark nachgedunkelte Landschaften, deren
Einzelheiten kaum noch zu erkennen waren. Über der Tür zum folgenden
Zimmer hing ein Bild von sehr sonderbarem Format: es war ungefähr zwei
Meter lang und nicht mehr als sechs Zoll hoch. Es war die Darstellung
einer Kreuzabnahme. Der Fürst blickte flüchtig darauf hin, und es war
ihm, als entsänne er sich eines ähnlichen oder auch desselben Bildes,
blieb aber weiter nicht davor stehen, sondern wollte durch die Tür
hinaustreten. Es war ihm sehr schwer zumute, und er wollte schnell aus
diesem Hause hinaus. Da blieb plötzlich Rogoshin in der Tür stehen und
trat wieder einen Schritt zurück.

»Alle diese Bilder hier,« sagte er, »alle sind sie für einen oder für
zwei Rubel von meinem Vater auf Auktionen erstanden, er liebte Bilder
sehr. Ein Kenner hat sie sich hier einmal alle angesehen; taugen nichts,
sagte er, dieses aber, sagte er, dieses hier über der Tür, das
gleichfalls für zwei Rubel erstanden ist -- dieses, sagte er, sei von
großem Wert. Schon damals fand sich einer, der für das Bild
dreihundertfünfzig Rubel bot, Ssaweljeff aber, Iwan Dmitritsch -- das
ist ein Kaufmann, ein großer Bilderliebhaber -- der bot dem Verstorbenen
vierhundert, und in der vorigen Woche hat er meinem Bruder Ssemjon
Ssemjonytsch sogar fünfhundert geboten. Ich hab's für mich behalten.«

»Das ist ... das ist die Kopie einer Kreuzabnahme von Hans Holbein,«
sagte der Fürst, das Bild jetzt aufmerksamer betrachtend. »Ich bin zwar
kein großer Kenner, aber wie mir scheint, ist es eine vorzügliche Kopie.
Ich habe das Original im Auslande gesehen, und seitdem kann ich dieses
Bild nicht mehr vergessen. Aber ... was hast du ...«

Rogoshin hatte sich plötzlich wieder abgewandt und ging bereits durch
die Tür, um den Fürsten dem Ausgang zuzuführen. Freilich konnten seine
Zerstreutheit und seine seltsam gereizte Stimmung diese Plötzlichkeit
sehr wohl erklären; doch trotzdem wunderte es den Fürsten, daß Rogoshin
so schnell das Gespräch abgebrochen, das er doch selbst begonnen hatte,
und seine Bemerkung nicht zu beachten schien.

»Aber wie nun, Lew Nikolajewitsch, ich wollte dich schon lange fragen,
glaubst du an Gott?« fragte plötzlich Rogoshin, nachdem sie ein paar
Schritte gegangen waren.

»Wie sonderbar du fragst und ... mich ansiehst!« sagte der Fürst
unwillkürlich.

»Auf dieses Bild da liebe ich zu sehen,« sagte Rogoshin nach kurzem
Schweigen, als hätte er seine Frage vergessen.

»Auf dieses Bild!« rief der Fürst unter dem Eindruck eines plötzlichen
Gedankens ganz erschrocken aus, »auf dieses Bild! Aber vor diesem Bilde
kann einem ja doch nur noch jeder Glaube vergehen!«

»Der vergeht auch ohnedem,« sagte Rogoshin ganz unerwartet.

Sie waren an der Tür zum Treppenhaus angelangt.

»Was?« Der Fürst blieb vor Überraschung stehen. »Was sagst du! Ich habe
ja doch nur gescherzt, du aber sagst es so ernst! Weshalb fragtest du
mich, ob ich an Gott glaube oder nicht?«

»Nichts, nur so. Ich wollte es dich eigentlich schon immer fragen. Aber
wie nun, ist es wahr -- du hast doch im Auslande gelebt --, mir sagte
einmal einer in der Betrunkenheit, daß es bei uns in Rußland mehr als in
allen anderen Ländern solche geben soll, die an Gott nicht glauben. Uns,
sagte er, falle das leichter als ihnen, denn wir seien darin
fortgeschrittener ...«

Rogoshin lachte kurz und leise auf. Es lag etwas Beißendes in seinem
Lachen. Er öffnete die Tür und wartete, den Türgriff in der Hand, bis
der Fürst hinaustrat.

Der Fürst wunderte sich darüber, trat aber doch hinaus. Rogoshin folgte
ihm auf den Treppenflur und zog die Tür hinter sich zu. Beide standen
sie sich gegenüber, und wie es schien, hatten sie beide vergessen, wohin
sie gekommen waren, und was sie hier tun wollten.

»Nun, so leb' denn wohl,« sagte der Fürst sich besinnend und reichte
Rogoshin die Hand.

»Leb' wohl,« sagte Rogoshin, indem er fest, doch ganz mechanisch die ihm
entgegengestreckte Hand drückte.

Der Fürst trat eine Stufe hinunter, wandte sich dann aber nochmals
zurück.

»Und was den Glauben anbetrifft,« sagte er lächelnd -- offenbar wollte
er den anderen nicht so verlassen, und wahrscheinlich war ihm plötzlich
etwas in den Sinn gekommen -- »so hatte ich an zwei Tagen der letzten
Woche vier verschiedene Begegnungen. Am Morgen des einen Tages fuhr ich
auf einer neuen Eisenbahnstrecke und unterhielt mich vier Stunden lang
mit einem gewissen S., mit dem ich im Kupee zusammensaß. Ich hatte schon
früher von ihm gehört, unter anderem auch, daß er ein Atheist sei. Er
war ein allerdings sehr gelehrter Mann, und es freute mich, daß ich mit
einem solchen über dieses Thema sprechen konnte. Außerdem war er
vorzüglich erzogen, so daß er mit mir sprach, als wäre ich ihm an
Gelehrsamkeit vollkommen gleich. An Gott glaubt er nicht. Nur machte
mich eines stutzig: daß er die ganze Zeit gar nicht _davon_ sprach, und
zwar machte mich das gerade deshalb stutzig, weil es mir auch früher
aufgefallen ist, so oft ich mit Atheisten zusammengekommen bin oder
Schriften von ihnen gelesen habe, daß sie gar nicht _davon_ gesprochen
oder geschrieben haben, wenn es auch hundertmal diesen Anschein hat. Ich
sagte ihm, daß ich diese Beobachtung gemacht hätte, doch muß ich mich
wohl nicht ganz verständlich ausgedrückt haben, denn er begriff nicht,
was ich damit sagen wollte ... Am Abend desselben Tages mußte ich im
Gasthof einer kleinen Kreisstadt absteigen, um zu übernachten. Dort
hatte sich in der vorhergehenden Nacht ein Mord zugetragen, und so wurde
natürlich, als ich eintraf, nur davon gesprochen. Zwei vollkommen
nüchterne und bejahrte Bauern, zwei alte Bekannte, oder man kann sogar
sagen, zwei gute Freunde, hatten am Abend Tee getrunken und wollten in
einem kleinen Stübchen die Nacht verbringen. Der eine aber hatte in den
zwei Tagen, die sie schon in der Stadt waren, bemerkt, daß der andere
eine silberne Uhr an einer Glasperlenkette trug, die er früher nicht an
ihm gesehen hatte. Dieser Mann war durchaus kein Dieb, er war sogar ein
ehrlicher Kerl und als einfacher Bauer durchaus nicht arm. Die
Taschenuhr gefiel ihm aber in solchem Maße, und ihr Besitz erschien ihm
so verlockend, daß er sein Messer nahm und, als der Freund sich
abwandte, leise hinterrücks an ihn heranschlich, die Augen zum Himmel
aufschlug, sich fromm bekreuzte und inbrünstig betete: >Gott, verzeihe
mir um Christi willen!< -- um darauf den Freund mit einem einzigen Stoß
niederzustechen wie einen Hammel und ihm die Uhr aus der Tasche zu
nehmen.«

Rogoshin brach in ein schallendes Gelächter aus. Er lachte ungläubig,
lachte, als hätte er einen Lachkrampf. Und dieses plötzliche konvulsive
Lachen erschien um so sonderbarer, als er noch vor einem Augenblick
ernst, ja sogar finster gewesen war.

»Das gefällt mir! Nein, das ist aber doch unübertrefflich!« stieß er
zwischendurch hervor. »Der eine glaubt überhaupt nicht an Gott, der
andere aber glaubt schon so sehr, daß er, zu ihm betend, sogar Menschen
ermordet! Nein, das, Bruder, das ist zu wundervoll, so etwas kann man
nur erleben, das kann man sich nicht ausdenken, Fürst, Freund!
Ha--ha--ha--ha--ha! Nein, das ist unübertrefflich! ...«

»Am folgenden Morgen machte ich einen Spaziergang durch die Stadt,« fuhr
der Fürst fort, sobald Rogoshin sich ein wenig beruhigt hatte, wenn auch
sein Mund immer noch krampfhaft zuckte und das Lachen aus seinem Gesicht
nicht verschwinden wollte. »Da sehe ich, vor mir auf dem Trottoir kommt
mir im Zickzack ein betrunkener Soldat entgegen, zerzaust, unordentlich
und schmutzig. Wie er sich mir nähert, sagt er plötzlich: >Kauf', Herr,
ein silbernes Kreuz, gebe es dir für zwanzig Kopeken; ein echt
silbernes!< Ich sehe, er hat in der Hand ein Kreuz, das er offenbar
soeben erst vom Halse genommen, an einem hellblauen, nur schon sehr
abgetragenen Bande, doch ist es ein schweres Bleikreuz, das sieht man
auf den ersten Blick, ziemlich groß, achtendig, mit echt byzantinischem
Muster. Ich gab ihm ein Zwanzigkopekenstück und legte mir sogleich das
Kreuz um den Hals. Man sah seinem Gesicht an, wie zufrieden er darüber
war und wie es ihn freute, daß er den dummen Herrn so geschickt hatte
betrügen können, worauf er sich zweifellos in die nächste Schenke begab,
um das Geld für sein Kreuz zu vertrinken. Weißt du, Freund, ich war
damals noch so unter dem Einfluß all der Eindrücke, die hier in Rußland
auf mich eingestürmt waren, daß ich mitunter glaubte, sie würden mich
erdrücken. Hatte ich doch früher nichts von unserem Vaterlande
begriffen, war ich doch wie ein Taubstummer aufgewachsen, und nur
phantastisch entsann ich mich in diesen fünf Jahren im Auslande des
einen oder des anderen. Ich ging weiter und dachte bei mir: Nein, ich
werde doch damit warten, diesen Christusverkäufer zu verurteilen. Kann
doch nur Gott allein wissen, was diese trunkenen, schwachen Herzen in
sich bergen. Nach einer Stunde, als ich zum Gasthof zurückkehrte,
begegnete ich einem jungen Weibe, das ein kleines Kindchen auf den Armen
trug. Es war ein noch junges Weib, und das Kleine wird so sechs Wochen
alt gewesen sein. Da sehe ich, wie sie sich plötzlich so fromm bekreuzt,
so inbrünstig geradezu. >Weshalb bekreuzt du dich, junge Mutter?< fragte
ich sie -- ich frage doch nach allem auf Schritt und Tritt. Da sagte
sie: >Ebenso groß, wie die Freude der Mutter ist, wenn sie das erste
Lächeln ihres Kindes erblickt, ist auch die Freude Gottes jedesmal, wenn
er sieht, wie ein Sünder vor ihm zum Gebet niederkniet.< Fast mit
denselben Worten sagte es mir das Weib, und damit sprach sie einen so
tiefen, so feinen und wahrhaft religiösen Gedanken aus, einen Gedanken,
in dem sich das ganze Wesen des Christentums ausdrückt, das heißt, der
ganze Begriff von Gott, als von unserem leiblichen Vater, und von der
Freude Gottes am Menschen, als von der Freude eines Vater an seinem
leiblichen Kinde -- das aber ist ja doch der Grundgedanke Christi! Es
war ein ganz einfaches junges Bauernweib! Freilich, sie war Mutter ...
Und wer weiß, vielleicht war sie das Weib jenes Soldaten. Höre, Parfen,
ich will dir noch auf deine Frage antworten: Das Wesen des religiösen
Gefühls steht außerhalb aller Verbrechen und atheistischen Lehrsätze;
wenn man von ihm sprechen will, wird man immer irgendwie _nicht davon_
sprechen, und so wird es ewig sein; es ist hierin etwas, von dem alle
Atheismen abgleiten, und ich sage dir, man kann gar nicht _davon_,
sondern nur von etwas ganz anderem sprechen. Doch die Hauptsache ist,
daß man dies am klarsten und schnellsten am russischen Herzen bemerkt,
-- davon bin ich überzeugt! Es ist das eine meiner ersten Überzeugungen,
die ich hier in unserem Rußland gewonnen habe. Es gibt hier etwas zu
tun, Parfen! Es gibt vieles zu tun, hier in unserer russischen Welt,
glaub' es mir! Denk' daran, wie wir in Moskau zusammenkamen und sprachen
... Nein, ich wollte gar nicht mehr hierher zurückkehren! ... Und daß
wir so, daß wir in dieser Weise uns wiedersehen würden, hätte ich
niemals, niemals erwartet! Doch was! ... Leb' wohl, auf Wiedersehen! ...
Möge Gott dich behüten!«

Er wandte sich um und stieg die Treppe hinab.

»Lew Nikolajewitsch!« rief plötzlich Parfen von oben, als der Fürst beim
ersten Treppenabsatz angelangt war, »das Kreuz, das du dem Soldaten
abgekauft hast -- hast du das bei dir?«

»Ja, bei mir.«

Und der Fürst blieb stehen.

»Zeig' mal her.«

Wieder eine neue Seltsamkeit. Der Fürst dachte einen Augenblick nach,
dann entschloß er sich und stieg die Treppe wieder hinauf, zog das Kreuz
hervor und zeigte es Rogoshin, ohne es jedoch abzunehmen.

»Gib's mir,« sagte Rogoshin.

»Weshalb? Willst du denn ...«

Der Fürst wollte sich nicht gern von diesem Kreuz trennen.

»Ich werde es tragen und mein Kreuz dir geben, trag du es.«

»Du willst mit mir die Kreuze tauschen?[14] Wenn du das willst, Parfen,
wird es mich freuen -- seien wir Brüder!«

Der Fürst nahm sein bleiernes Kreuz ab und Parfen sein goldenes, und sie
tauschten die Kreuze. Parfen schwieg. Es fiel dem Fürsten auf und
berührte ihn unangenehm, daß das frühere Mißtrauen, das frühere bittere
und fast spöttische Lächeln immer noch im Gesicht seines »Bruders« zu
zucken schien, wenigstens trat es für Augenblicke sichtbar hervor.
Schweigend nahm schließlich Rogoshin die Hand des Fürsten und behielt
sie eine Weile gleichsam unentschlossen in der seinen; plötzlich zog er
ihn dann nach sich, indem er kaum hörbar ein »Komm!« brummte. Sie gingen
über den Treppenflur, und Rogoshin klingelte an der zweiten Tür, die
jener, aus der sie herausgetreten waren, gegenüberlag. Es wurde ihnen
bald geöffnet. Ein altes, kleines Frauchen in einem schwarzen Kleide,
mit gekrümmtem Rücken und einem kleinen, um die Haare gebundenen Tuch
verbeugte sich schweigend und tief vor Rogoshin. Dieser stellte flüchtig
irgendeine Frage an sie, zog jedoch, ohne stehen zu bleiben oder ihre
Antwort abzuwarten, den Fürsten weiter durch die folgenden Zimmer. Auch
hier waren es dunkle, hohe Räume, in denen eine ganz besondere
Sauberkeit herrschte, und kalt und streng wirkten auch die
altertümlichen Möbel in den weißen, sauberen Überzügen. Ohne Anmeldung
führte Rogoshin den Fürsten in ein nicht großes Zimmer, das etwa als
Gastzimmer eingerichtet zu sein schien, doch wurde ein Teil vom Raume
durch eine glänzend polierte Mahagoniholzwand, in der rechts und links
eine Tür war, abgeteilt, und dieser Teil diente wahrscheinlich als
Schlafzimmer.

In der einen Ecke des Gastzimmers saß dicht am Ofen in einem großen
Lehnstuhl eine kleine, alte Frau. Übrigens war sie vielleicht noch gar
nicht so sehr alt; ihr angenehmes, rundes Gesicht hatte noch eine
ziemlich gesunde Farbe, doch ihr Haar war schon ganz silbergrau, und auf
den ersten Blick konnte man erkennen, daß sie bereits vollkommen
kindisch geworden war. Sie trug ein schwarzes Wollenkleid, um die
Schultern ein weiches, schwarzes Tuch und auf dem Kopf eine saubere,
weiße Haube, die unter dem Kinn nach alter Art festgebunden war. Die
Füße stützte sie auf ein kleines Fußbänkchen. Neben ihr saß ein anderes,
ebenso sauberes Frauchen, vielleicht etwas älter an Jahren, gleichfalls
in einem Trauerkleide und einer weißen Haube -- offenbar eine arme, alte
Bekannte, die im Hause lebte und von Rogoshins ernährt wurde. Sie
strickte schweigend an einem Strumpf. Augenscheinlich hatten sie beide
die ganze Zeit geschwiegen. Als die ältere, fremde Frau Rogoshin und den
Fürsten erblickte, lächelte sie freundlich und nickte mehrmals zum
Zeichen ihrer Freude mit dem Kopf.

»Mütterchen,« sagte Rogoshin, nachdem er seiner alten Mutter die Hand
geküßt hatte, »hier ist mein Freund, Fürst Lew Nikolajewitsch Myschkin;
wir haben beide die Kreuze getauscht; er war eine Zeitlang in Moskau wie
ein leiblicher Bruder zu mir, er hat viel für mich getan. Segne du ihn,
Mütterchen, wie du deinen leiblichen Sohn segnen würdest. Wart,
Mütterchen, gib her, ich werde dir die Hand zum Segnen zurechtlegen ...«

Doch noch bevor Parfen ihre Hand ergreifen konnte, hatte sein Mütterchen
schon ihre rechte Hand erhoben, die drei Finger zusammengelegt und
andächtig dreimal das Kreuz über den Fürsten geschlagen. Es war ein fast
zärtlicher Ausdruck in ihrem Gesicht, als sie ihm darauf freundlich mit
dem Kopfe zunickte.

»Nun, gehen wir, Lew Nikolajewitsch,« sagte Parfen, »ich habe dich nur
deshalb hierhergeführt ...«

Als sie wieder auf den Treppenflur hinaustraten, fügte er noch hinzu:

»Sie versteht doch sonst nichts, was man zu ihr sagt, und auch meine
Worte hat sie nicht verstanden, und doch segnete sie dich; sie muß es
selbst gewollt haben ... Nun leb' wohl, es ist Zeit für uns beide, für
dich wie für mich.«

Und er öffnete die Tür, die zu seiner Wohnung führte.

»Aber so laß mich dich doch zum Abschied wenigstens umarmen, du
sonderbarer Mensch!« rief der Fürst aus, indem er ihn mit liebevollem
Vorwurf anblickte, und er näherte sich ihm.

Doch Parfen hatte kaum die Hände erhoben, als er sie auch schon wieder
sinken ließ. Er konnte sich nicht entschließen, er wandte sich von ihm
ab, um ihn nicht ansehen zu müssen. Er wollte ihn nicht umarmen.

»Hab' keine Angst! Ich habe wohl von dir dein Kreuz genommen, aber wegen
einer Taschenuhr werde ich dich doch nicht ermorden!« brummte er
undeutlich und lachte dann ganz eigentümlich auf.

Doch plötzlich veränderte sich sein ganzes Gesicht: er erbleichte
unheimlich, seine Lippen erzitterten und seine Augen wurden dunkel und
flammten auf. Er erhob die Arme, umarmte den Fürsten krampfhaft und
stieß, vor Erregung ganz atemlos, hervor:

»So _nimm_ sie denn, wenn's das Schicksal so will! Sie sei dein! Ich
lasse sie dir! ... Gedenke Rogoshins!«

Und hastig verließ er den Fürsten, ohne ihn anzusehen, und trat durch
die Tür, die er krachend hinter sich zuschlug.


                                   V.

Es war schon ziemlich spät, fast halb drei Uhr nachmittags, und so traf
der Fürst den General nicht mehr in seiner Stadtwohnung an. Er
hinterließ seine Visitenkarte und begab sich hierauf in den Gasthof »Zur
Wage«, um dort mit Koljä zu sprechen oder, falls er auch ihn nicht
antreffen sollte, ein paar Worte an ihn zu schreiben, die er dann bei
seiner Rückkunft vorfinden würde. Im Gasthof wurde ihm aber auf seine
Frage mitgeteilt, daß Nikolai Ardalionytsch Iwolgin bereits am Morgen
ausgegangen sei; doch habe er vor dem Fortgehen hinterlassen, für den
Fall, daß jemand nach ihm fragen sollte, daß er um drei Uhr vielleicht
zurückkehren werde; wenn er aber bis halb vier noch nicht erschienen
sein sollte, so bedeute das, daß er mit der Bahn nach Pawlowsk gefahren
sei, und dann würde er auch wohl bis zum Abend dort bleiben. Der Fürst
beschloß, bis halb vier zu warten, und ließ sich die Speisekarte geben,
um inzwischen zu Mittag zu speisen.

Die Uhr schlug halb vier und schlug vier, doch Koljä kam nicht. Der
Fürst trat auf die Straße hinaus und ging mechanisch weiter. Es gibt
bisweilen zu Anfang des Sommers wundervolle Tage in Petersburg, die Luft
ist dann so hell, warm und still. Ein solcher Tag war es gerade jetzt.
Der Fürst schlenderte eine gute Weile ziellos umher. Die Stadt war ihm
wenig bekannt. An den Straßenkreuzungen, vor einzelnen Häusern, auf
Plätzen und Brücken blieb er stehen; einmal setzte er sich in eine
Konditorei, um etwas auszuruhen. Hin und wieder begann er auch mit
großem Interesse die Vorübergehenden zu betrachten; doch am häufigsten
sah er weder diese, noch bemerkte er überhaupt, wo er sich befand. Er
fühlte sich in qualvoll gespannter und unruhiger Stimmung, und
gleichzeitig empfand er ein unbezwingbares Bedürfnis nach Einsamkeit. Er
wollte allein sein, um sich dieser ganzen, quälenden Stimmung völlig
passiv hingeben zu können, ohne auch nur den geringsten Ausweg aus ihr
zu suchen. Ihn ekelte vor all diesen Fragen, die plötzlich seine Seele
und sein Herz bestürmten. »Wie denn, bin ich denn schuld an alledem?«
murmelte er halb unbewußt vor sich hin.

Es war bereits gegen sechs, als er plötzlich gleichsam erwachte und sich
auf dem Bahnhof der Zarskoje-Sselo-Bahn sah. Die Einsamkeit auf dem
Bahnsteig wurde ihm bald unerträglich; ein neues Gefühl erfaßte ihn heiß
und erhellte für einen Augenblick grell das Dunkel, in dem seine Seele
rang. Er löste ein Billett nach Pawlowsk, und es drängte ihn, so schnell
wie nur möglich fortzufahren. Doch offenbar verfolgte ihn etwas, und was
ihn verfolgte, war nicht irgendein Wahn seiner Phantasie, wie er
vielleicht zu glauben geneigt war, sondern Wirklichkeit. Kaum hatte er
sich ins Kupee gesetzt, als er mit einemmal das soeben gelöste Billett
hinwarf, auf den Bahnsteig hinabsprang und zerstreut und wie in Gedanken
versunken den Bahnhof verließ. Nach einer Weile, bereits auf der Straße,
kam ihm dann plötzlich eine Vorstellung ganz besonderer Art, die ihm zum
Bewußtsein brachte, was ihn schon lange beunruhigt hatte. Er ertappte
sich nun mit einem Male bei einer sehr sonderbaren Empfindungsäußerung,
die schon ziemlich lange andauerte, die er jedoch erst jetzt bemerkte:
schon seit mehreren Stunden, sogar schon in der »Wage«, vielleicht aber
auch schon vorher, kamen ihm immer wieder Augenblicke, in denen er
plötzlich mit den Blicken ringsum irgend etwas zu suchen begann, bis er
es dann plötzlich wieder vergaß -- und sogar auf lange Zeit, auf ganze
halbe Stunden --, um sich dann ebenso plötzlich wieder umzusehen und
wieder unruhig mit den Augen zu suchen und zu suchen.

Doch kaum waren ein paar Minuten vergangen, nachdem er diesen
krankhaften und bisher vollkommen unbewußten Vorgang bemerkt hatte, als
plötzlich auch noch eine andere Erinnerung in ihm auftauchte, die
sogleich ein ganz besonderes Interesse in ihm erweckte: er entsann sich,
daß er in dem Augenblick, als er sich seines immer wiederkehrenden
Suchens bewußt wurde, gerade auf dem Trottoir vor einem Schaufenster
gestanden und mit großem Interesse die ausgestellte Ware betrachtet
hatte. Nun wollte er sich unbedingt überzeugen, ob er tatsächlich vor
vielleicht fünf Minuten auf seinem Wege an einem solchen Fenster
vorbeigekommen war, oder ob er es sich nur einbildete, vor einem solchen
Fenster gestanden zu haben. Hatte er nicht irgend etwas verwechselt? Gab
es wirklich ein solches Schaufenster mit dieser Ware? Fühlte er sich
doch heute eigentümlich krank, unruhig, unbehaglich, fast in derselben
Stimmung, die früher seinen epileptischen Anfällen vorausgegangen zwar.
Er wußte, daß er in den Stunden vor einem Anfall stets ungewöhnlich
zerstreut gewesen war und häufig sogar Gegenstände und Personen
verwechselt hatte, wenn er sie nicht gerade mit angespannter
Aufmerksamkeit ansah. Doch es gab da noch einen besonderen Grund,
weshalb er sich unbedingt vergewissern wollte, ob er in dem Augenblick
tatsächlich vor einem Schaufenster gestanden: unter den zur Schau
gestellten Gegenständen war ein Gegenstand gewesen, den er unverwandt
angesehen, und den er sogar auf sechzig Silberkopeken geschätzt hatte,
-- dessen entsann er sich noch genau, trotz seiner ganzen Zerstreutheit
und Erregung. Wenn nun dieses Schaufenster existierte und dieser
Gegenstand sich wirklich unter den übrigen fand, so war er nur wegen
dieses Gegenstandes stehen geblieben; folglich aber mußte dieser doch
von so großem Interesse für ihn sein, daß er seine Aufmerksamkeit auf
sich gelenkt hatte, und das noch dazu in einem Augenblick so
bedrückender Zerstreutheit, nachdem er kaum aus dem Bahnhof
herausgetreten war! Der Fürst ging denselben Weg zurück, den er
gekommen, und blickte fast angstvoll auf die Schaufensterreihe, während
sein Herz in ungeduldiger Erwartung laut schlug. Endlich, da war das
Fenster! Er war also schon an fünfhundert Schritt an ihm
vorübergegangen. Und da war auch jener Gegenstand, den er auf sechzig
Kopeken geschätzt hatte. »Natürlich, sechzig Kopeken, nicht mehr und
nicht weniger!« dachte er bei sich und lachte. Doch dieses Lachen war
nervös, es wurde ihm unsäglich schwer zumute. Und auf einmal entsann er
sich, daß er gerade hier, als er vor diesem Fenster gestanden, sich
plötzlich umgewandt hatte, ganz wie vorhin bei Rogoshin, als er dessen
Blick auf sich ruhen gefühlt. Nachdem er sich überzeugt, daß er sich im
Schaufenster nicht getäuscht hatte -- wovon er übrigens auch schon vor
der Rückkehr zum Fenster eigentlich überzeugt gewesen war -- wandte er
sich wieder um und ging schnell fort. Über alles das hieß es jetzt
nachdenken, um möglichst bald mit sich selbst ins reine zu kommen. Jetzt
war es ja klar, daß auch am Morgen bei seiner Ankunft etwas unbedingt
Wirkliches auf ihm gelastet hatte, das zweifellos mit dieser seiner
früheren Unruhe zusammenhing. Er wollte über alles nachdenken ... doch
da stieg in ihm ein gewisser, unbezwinglicher Ekel auf und erstickte
alles übrige; er mochte nicht nachdenken, er wollte nicht daran denken,
... seine Gedanken hingen an etwas ganz anderem.

Er dachte unter anderem auch daran, daß in seinem früheren epileptischen
Zustande kurz vor jedem Anfall -- wenn der Anfall nicht in der Nacht,
nicht gerade im Schlafe kam -- ganz plötzlich mitten in der Trauer, in
der inneren Dunkelheit -- wie er es nannte -- des Bedrücktseins und der
Qual, sein Gehirn sich für Augenblicke gleichsam blitzartig erhellte und
alle seine Lebenskräfte sich mit einem Schlage krampfhaft anspannten.
Die Empfindungen des Lebens, des Seins verzehnfachten sich in diesen
Augenblicken, und wenn sie vergangen waren, war alles nur wie ein Blitz
gewesen. Der Verstand und das Herz waren plötzlich von ungewöhnlichem
Licht erfüllt; alle Aufregung, alle Zweifel, alle Unruhe löste sich
gleichsam in eine höhere Ruhe auf, in eine Ruhe voll klarer,
harmonischer Freude und Hoffnung. Doch diese Augenblicke, diese
Lichtblicke waren erst nur eine Vorahnung jener einen Sekunde, in der
dann der Anfall eintrat -- länger als eine Sekunde währte es nie. Diese
Sekunde aber war unerträglich. Wenn er später in bereits gesundem
Zustande über diese Sekunde nachgedacht, hatte er sich sagen müssen, daß
doch all diese Lichterscheinungen und Augenblicke eines höheren
Bewußtseins und einer höheren Empfindung seines Ich, und folglich auch
eines »höheren Seins«, schließlich nichts anderes waren als eine
Unterbrechung des normalen Zustandes, als eben seine Krankheit; war aber
das der Fall, so konnte man es doch durchaus nicht als »höheres« Sein,
sondern im Gegenteil nur als ein sehr niedriges betrachten. Doch
dessenungeachtet kam er zu guter Letzt zu einer überaus paradoxen
Schlußfolgerung: »Nun, was tut denn das, daß es Krankheit und unnormal
ist?« entschied er schließlich, »Was geht das mich an, ob es normal oder
nicht normal ist, wenn das Resultat, wenn die Empfindung des Augenblicks
in der Erinnerung an sie in gesundem Zustande mir als höchste Harmonie
und Schönheit erscheint, in mir bis dahin ungeahnte Gefühle erweckt,
Größe, Fülle und Ewigkeit mich fühlen läßt und mich mit allem aussöhnt,
wie in einem begeisterten, gottschauenden Zusammenfließen mit der
höchsten Synthese des Lebens?« Diese nebelhaften Ausdrücke für seine
Gefühle erschienen ihm selbst sehr verständlich, nur fand er sie noch
viel zu schwach. Daß es aber tatsächlich »Schönheit und Gottschauen« und
»die höchste Synthese des Lebens« war -- daran zweifelte er nicht, er
hätte es überhaupt nicht vermocht, einen Zweifel auch nur zuzulassen.
Waren es doch keine Visionen von der Art, wie man sie nach dem Genuß von
Haschisch, Opium oder Wein träumt, die die Vernunft vernichten und die
Seele verzerren, die unnormal und künstlich sind. Darüber konnte er in
gesundem Zustande ganz objektiv urteilen. Diese Augenblicke waren
schließlich nichts anderes als eine unendliche Ausspannung des
Sichselbstempfindens -- wenn man diesen Zustand in einem Wort ausdrücken
soll -- oder der Erkenntnis, des Bewußtseins eines im höchsten Grade
unmittelbaren Selbstgefühls. Wenn er in dem Augenblick, d. h. in jener
letzten bewußten Sekunde vor dem Anfall, sich noch deutlich und bewußt
sagen konnte: »Ja, für diese Sekunde kann man das ganze Leben hingeben!«
so mußte diese Sekunde selbstverständlich auch das ganze Leben wert
sein. Übrigens -- für die Richtigkeit der Dialektik seiner
Schlußfolgerung stand er nicht ein: die geistige Stumpfheit, die
seelische Dunkelheit, der Idiotismus standen als Folgen dieser
»höchsten« Sekunde nur zu deutlich in seiner Erinnerung, und so hätte er
natürlich nicht versucht, seine Auffassung im Ernst zu verteidigen. Es
mußte also in seiner Folgerung, in seiner Einschätzung dieses
Augenblicks doch irgendwo ein Fehler sein, ein Versehen vielleicht, aber
die Wirklichkeit der Empfindung war nun einmal Tatsache, und ihren
Eindruck konnte und wollte er nicht herabsetzen. »In diesem Augenblick
glaube ich jenes ungeheuere Wort zu verstehen, daß >die Zeit nicht mehr
sein wird<,« hatte er einmal in Moskau zu Rogoshin gesagt. Und lächelnd
hatte er noch hinzugefügt: »Wahrscheinlich ist es dieselbe Sekunde, in
der der bis zum Rande mit Wasser gefüllte Krug des Epileptikers Mohammed
umstürzte und doch nicht Zeit hatte, überzufließen, während Mohammed in
derselben Sekunde alle Gärten Allahs überschaute.« Ja, in Moskau war er
oft mit Rogoshin zusammengekommen, und dann hatten sie fast nur davon
gesprochen.

»Rogoshin sagte vorhin, daß ich damals sein Bruder gewesen sei ... Das
hat er heute zum erstenmal gesagt,« dachte der Fürst bei sich.

Als er daran dachte, saß er auf einer Bank, unter einem Baume im
»Sommergarten«[15]. Es war gegen sieben Uhr und der Garten schon ganz
menschenleer; etwas Dunkles schob sich für einen Augenblick vor die
untergehende Sonne. Es war schwül; ... in der Ferne zog ein Gewitter
herauf. Der Fürst befand sich in einer Stimmung, die seine Gedanken
immer wieder auf einen gewissen Weg zu locken schien, und deshalb
heftete er instinktmäßig sein Denken an jeden äußeren Gegenstand, der
ihm auffiel oder im Laufe des Tages aufgefallen war, und dieses Spiel
gefiel ihm. Es war ihm, als wollte er etwas vergessen, etwas
Gegenwärtiges, Drohendes, -- doch schon beim ersten Blick ringsum
erkannte er in sich wieder seinen dunklen Gedanken, diesen Gedanken, den
er doch um jeden Preis loswerden wollte. Er zwang sich, daran zu denken,
was er in der »Wage« mit dem Oberkellner über einen sehr seltsamen Mord,
der in letzter Zeit viel von sich reden gemacht, eigentlich gesprochen
hatte. Doch kaum begann er daran zu denken, als plötzlich schon wieder
etwas Sonderbares mit ihm geschah: ein allmächtiger, unbezwingbarer
Wunsch, der fast wie eine teuflische Versuchung war, umkrallte plötzlich
seinen ganzen Willen. Er erhob sich von der Bank und ging aus dem Garten
geradeswegs zur »Petersburger Seite«[16]. Als er vorhin am Newakai
gestanden, hatte er sich von einem Vorübergehenden den Weg dorthin
zeigen lassen, doch war er damals nicht hingegangen. Es wäre ja auch
ganz zwecklos gewesen, hinzugehen, das wußte er. Die Adresse war ihm
bekannt, und das Haus der Verwandten Lebedeffs hätte er bald gefunden;
doch was half das, wenn er fast genau wußte, daß er sie nicht zu Hause
antreffen würde?

»Bestimmt ist sie nach Pawlowsk gefahren, sonst hätte Koljä nach der
Verabredung eine Nachricht in der >Wage< hinterlassen.« Wenn er aber
jetzt dennoch hinging, so tat er es natürlich nicht, um sie zu sehen.
Eine andere dunkle und quälende Neugier lockte ihn dahin. Es war ihm
plötzlich ein neuer Gedanke gekommen ...

Vorläufig genügte es ihm vollkommen, daß er ging und daß er wußte, wohin
er ging. Doch kaum war eine Minute verstrichen, und er wußte nicht mehr,
wohin er ging; er empfand es überhaupt nicht, daß er sich weiterbewegte.
An seinen neuen Gedanken zu denken, ekelte ihn und wurde ihm ganz
unmöglich. Mit qualvoll angespannter Aufmerksamkeit begann er alles zu
betrachten, was ihm in den Weg kam, oder er betrachtete den Himmel, die
Newa. Ein kleines Kind, das ihm begegnete, redete er an. Vielleicht war
es nur die epileptische Spannung, die immer größer in ihm wurde.

Das Gewitter schien in der Tat, wenn auch nur langsam, heraufzuziehen.
In der Ferne hörte man bisweilen ein dumpfes Grollen. Es war
unerträglich schwül ...

Aus irgendeinem Grunde mußte er jetzt fortwährend an den Neffen
Lebedeffs denken, den er am Vormittage gesehen hatte -- wie einen
bisweilen ein dummes, musikalisches Motiv verfolgt, das man auf keine
Weise loswerden kann, auch wenn es einem schon bis zur Übelkeit
langweilig geworden ist. Das Sonderbarste daran war aber, daß dieser
Neffe ihm immer als jener Mörder erschien, als den Lebedeff ihn
vorgestellt hatte. Von diesem Mörder hatte er noch vor ein paar Tagen
gelesen. Überhaupt hatte er viel von derartigen Geschehnissen gelesen,
seitdem er wieder in Rußland war; er verfolgte alle diese Dinge sehr
gespannt. Und in der »Wage« hatte er mit dem Oberkellner sehr
interessiert über die Ermordung der Familie Shemarin gesprochen. Der
Oberkellner war ganz seiner Meinung gewesen, dessen entsann er sich. Er
dachte an den Eindruck, den dieser Oberkellner auf ihn gemacht hatte: es
war das ein nicht dummer Bursche, solide und vorsichtig, -- ȟbrigens
... Gott weiß, was er sein kann ... es ist schwer in einem neuen Lande
neue Menschen zu durchschauen.« An die russische Seele begann er
übrigens leidenschaftlich zu glauben. Oh, viel, viel für ihn ganz Neues,
Ungeahntes, Unerhörtes, Unerwartetes hatte er in diesen sechs Monaten
ertragen! Doch eine fremde Seele bleibt stets ein Rätsel, und auch die
russische Seele ist ein Rätsel, für viele ein Rätsel. Da war er nun
lange Zeit so oft mit Rogoshin zusammengekommen, wie »Brüder« waren sie
zueinander gewesen, und dennoch -- kannte er Rogoshin? -- »Was ist das
hier alles für ein Chaos, welch ein Durcheinander, welch eine Unordnung!
Was doch dieser Neffe Lebedeffs für ein unsympathischer und
selbstzufriedener Bengel ist! Übrigens, was fällt mir ein!« fuhr der
Fürst in seinem Gedankengang fort, »er hat doch nicht diese Familie
ermordet, die sechs Menschen? Ich glaube, ich verwechsele alles ... wie
sonderbar das ist! Ich glaube, mein Kopf ist ganz wirr, es dreht sich
alles in ihm ... Was für ein reizendes, sympathisches Gesicht doch die
älteste Tochter Lebedeffs hat, die dort mit dem Kinde stand, welch ein
unschuldiger, fast kindlicher Ausdruck in ihren Augen lag und dazu
dieses kindlich-heitere Lachen!« Seltsam, daß er dieses Gesicht fast
ganz vergessen hatte und es erst jetzt in seiner Erinnerung auftauchte.
Und Lebedeff, der sie mit den Füßen trampelnd anschreit, vergöttert
höchstwahrscheinlich alle seine Kinder. Und was sogar noch
wahrscheinlicher, was sogar ganz zweifellos Tatsache ist, das ist -- daß
Lebedeff auch seinen Neffen vergöttert!

»Übrigens, wie kommt er darauf, über sie alle ein endgültiges Urteil
fällen zu wollen, er, der erst heute hier eingetroffen ist? Nehmen wir
selbst diesen Lebedeff -- der hat ihm doch vorhin einfach ein Rätsel
aufgegeben: hätte er denn früher jemals einen solchen Lebedeff für
möglich gehalten? Lebedeff und die Dubarry -- Heiliger Vater! Wenn
Rogoshin mordet, so wird er wenigstens nicht so unanständig morden. Es
wird nicht dieses Chaos sein. Eine nach eigener Zeichnung bestellte
Mordwaffe und sechs Menschen, alle sechs vorher in bewußtlosem Zustande!
Hat denn Rogoshin eine nach eigener Zeichnung bestellte Mordwaffe ... er
hat ... aber ... steht es denn fest, daß Rogoshin morden wird?!« fragte
sich der Fürst, plötzlich zusammenzuckend. »Ist es nicht ein Verbrechen,
eine Schändlichkeit, eine Niedertracht meinerseits, so zynisch offen
eine solche Annahme auch nur in Gedanken zuzulassen?« rief er innerlich,
und die Röte der Scham stieg ihm jäh ins Gesicht. Wie von einem Schlage
getroffen blieb er stehen, und mit einem Schlage stand auch deutlich vor
seinem geistigen Auge der Bahnhof der Zarskoje-Sselo-Bahn, von wo aus er
nach Pawlowsk hatte fahren wollen, dann der Nikolaibahnhof am Morgen bei
der Ankunft und die direkte Frage an Rogoshin in betreff der »Augen« und
dann das Kreuz Rogoshins, das er jetzt auf seiner Brust trug und der
Segen der alten Mutter Rogoshins, zu der ihn jener selbst geführt hatte,
und dann die letzte krampfhafte Umarmung und plötzlich der Verzicht
Rogoshins, vorhin, auf der Treppe -- und nach alledem mußte er sich nun
immerwährend darauf ertappen, daß er irgend etwas in seiner Umgebung
gleichsam suchte, -- und dann jenes Schaufenster und jener eine
Gegenstand ... welch eine Gemeinheit von ihm! Und nach alledem geht er
jetzt mit einer »besonderen Absicht« und einem besonderen »plötzlichen
Gedanken« dorthin. Verzweiflung und Qual erfaßte seine ganze Seele. Er
wollte sofort umkehren und in sein Hotel zurückgehen; er wandte sich
auch schon um und ging, doch nach einer Minute blieb er stehen, dachte
nach, wandte sich wieder um und setzte seinen früheren Weg fort.

Da sah er, daß er bereits auf der »Petersburger Seite« war, und daß es
zu dem Hause der Verwandten Lebedeffs nicht mehr weit sein konnte. Ging
er doch jetzt nicht mehr mit der früheren Absicht hin, nicht mehr mit
seinem »besonderen Gedanken«! Wie ging das zu? Ja, seine Krankheit kehrt
wieder, daran kann er nicht mehr zweifeln; vielleicht wird er heute noch
einen Anfall haben? Deshalb auch diese ganze Dunkelheit innerlich,
deshalb auch dieser plötzliche Gedanke, diese neue Idee! Jetzt ist das
Dunkel zerstreut, der Dämon vertrieben, alle Zweifel sind aufgehoben, in
seinem Herzen ist Freude! Und -- er hat _sie_ so lange nicht gesehen, er
muß sie schnell sehen und ... ja, er möchte jetzt Rogoshin treffen, er
würde ihn bei der Hand nehmen, und sie würden beide zusammen gehen ...
Sein Herz ist rein. Ist er denn Rogoshins Nebenbuhler? Morgen wird er zu
Rogoshin gehen und ihm sagen, daß er bei ihr gewesen; war er doch
herbeigeeilt, wie Rogoshin vorhin sagte, nur um sie zu sehen! Vielleicht
wird er sie doch antreffen; es steht ja noch gar nicht fest, daß sie
nach Pawlowsk gefahren ist!

Ja, es muß jetzt vor allen Dingen Klarheit geschaffen werden, damit sich
alle über alle klar seien, damit es in der Leidenschaft nicht wieder zu
solchen erschreckenden Verzichten kommt, wie heute, als Rogoshin auf sie
verzichtete und sie ihm abtrat ... Ja, es muß das alles frei geschehen,
frei und ... licht. Ist denn Rogoshin unfähig zu einem Leben im Lichten?
Er sagt, er liebe sie nicht so, empfinde kein Mitleid wie ich.
Allerdings fügte er dann noch hinzu: »Dein Mitleid ist vielleicht noch
größer als meine Liebe,« -- aber er verleumdet sich ja doch nur. Hm! ...
Rogoshin liest Bücher, -- ist denn das nicht »Mitleid«, nicht der Anfang
des »Mitleids«? Beweist denn nicht schon dieses eine Buch auf seinem
Tisch, daß er sein Verhältnis zu _ihr_ vollkommen begreift? Und was er
vorhin erzählte? Nein, das ist tiefer als bloße Leidenschaft. Und kann
denn ihr Gesicht nur Leidenschaft allein erwecken? Und noch dazu jetzt,
so wie es jetzt ist? Mitleid erweckt es, die ganze Seele nimmt es
gefangen, es ... Brennende, quälende Erinnerung durchzuckte plötzlich
das Herz des Fürsten.

Ja, quälend war die Erinnerung. Er mußte daran denken, wie er sich
überzeugt hatte, daß sie ja doch ganz von Sinnen war. Er war damals der
Verzweiflung nahe gewesen. Und wie hatte er sie damals verlassen können,
als sie von ihm zu Rogoshin gelaufen war? Seine Pflicht wäre es gewesen,
ihr nachzueilen, nicht aber, auf Nachrichten zu warten. Aber ... sollte
Rogoshin noch immer nicht bemerkt haben, daß sie von Sinnen ist? Hm! ...
Rogoshin vermutet in allem andere Ursachen, in allem vermutet er
Leidenschaft. Und was das doch für eine sinnlose Eifersucht ist! Was
wollte er vorhin mit seiner Annahme sagen? (Der Fürst errötete
plötzlich, und es war ihm, als ob etwas in seinem Herzen erzitterte.)

Doch wozu daran denken? Sowohl Rogoshin wie sie -- beide waren sie
wahnsinnig. Daß aber er, der Fürst, diese Frau leidenschaftlich lieben
sollte -- das war ja ganz undenkbar, das wäre ja fast eine Grausamkeit,
eine Unmenschlichkeit gewesen. Ja, ja! Nein, Rogoshin verleumdet sich
selbst: er hat ein großes, ein so großes Herz, ein Herz, das leiden und
auch Mitleid zu empfinden vermag. Wenn er erst die ganze Wahrheit
erfahren wird, wenn er erst sehen wird, was für ein armes Geschöpf
dieses beschimpfte und erniedrigte, halb wahnsinnige Weib ist, -- wird
er ihr dann nicht alles verzeihen, alle Qualen, die er durch sie
gelitten? Wird er dann nicht ihr Diener, ihr Bruder, ihr Freund, ihre
Vorsehung werden? Das Mitleid wird ihn lehren und lenken. Das Mitleid
ist ja doch das erste und vielleicht auch einzige Daseinsgesetz der
ganzen Menschheit. Oh, wie unverzeihlich und unehrenhaft seine Schuld
Rogoshin gegenüber war! Nein, nicht die russische Seele ist ein Rätsel,
sondern seine eigene Seele mußte ein Rätsel sein, wenn er einen so
schändlichen, so entsetzlichen Verdacht hegen konnte. Für ein paar warme
herzliche Worte, die er in Moskau zu ihm gesprochen, nennt ihn Rogoshin
bereits seinen Bruder, er aber ... Doch das ist ja alles nur Krankheit,
nur Fieber! Es wird sich ja alles bald entscheiden! ... Wie finster doch
Rogoshin vorhin gesagt hatte, daß sein Glaube »vergehe«! Nein, dieser
Mensch muß sich unsäglich quälen. Er sagt, er »liebe es, dieses Bild zu
betrachten«; das heißt, er liebt es nicht, aber er empfindet das
Bedürfnis, es zu betrachten. Rogoshin ist nicht nur ein
Leidenschaftsmensch, er ist -- ein Kämpfer! Ja, ein Kämpfer ist er: wenn
nicht anders, dann mit Gewalt den verlorenen Glauben wiedergewinnen, das
will er. Und den Glauben, nach dem verlangt es ihn jetzt bis zur Pein
... Ja, an etwas glauben! An jemand glauben! Aber wie sonderbar doch
diese Holbeinsche Kreuzabnahme ist ... Ah, da ist die Straße! Da ist
auch wahrscheinlich schon das Haus ... Richtig: Nr. 16. »Haus der
Kollegien-Sekretärin Filissoff«. Das ist es!

Der Fürst zog die Klingel und fragte nach Nastassja Filippowna.

Die Hausbesitzerin, die ihm selbst geöffnet hatte, teilte ihm mit, daß
Nastassja Filippowna bereits am Morgen nach Pawlowsk zu Darja Alexejewna
gefahren sei -- »und es ist möglich, daß sie etliche Tage daselbst
verbleibt,« fügte sie mitteilsam hinzu.

Die Filissowa war ein mageres, spitzes Dämchen von etwa vierzig Jahren,
mit spitzem Gesicht und scharfen Augen, die den Fürsten listig und
aufmerksam musterten. Auf ihre Frage, »mit wem sie denn die Ehre habe«
-- sie hatte gleichsam mit Absicht so gefragt, als handle es sich um ein
großes Geheimnis -- wollte der Fürst eigentlich nicht gern antworten,
und er wandte sich bereits zum Fortgehen; doch besann er sich sogleich,
nannte seinen Namen und bat sie, Nastassja Filippowna von seinem Besuch
in Kenntnis zu setzen. Die Filissowa horchte auf und machte ein höchst
geheimnisvolles Gesicht, als hätte sie damit sagen wollen: »I, ich
verstehe schon, seien Sie unbesorgt!« Der Name des Fürsten hatte
offenbar großen Eindruck auf sie gemacht. Der Fürst blickte sie nur
zerstreut an, wandte sich dann um und kehrte auf die Straße zurück. Doch
als er das Haus verließ, sah er anders aus als beim Eintritt in
dasselbe. Es war in ihm wieder eine Veränderung vor sich gegangen, und
wieder war es in einer einzigen Sekunde geschehen: wieder war er bleich,
müde, gequält und erregt; seine Knie zitterten und ein unstetes, trübes
Lächeln ließ seine blau gewordenen Lippen hin und wieder zucken: sein
»plötzlicher Gedanke« hatte sich plötzlich bestätigt, es hatte also
seine Richtigkeit damit, und -- wieder glaubte er an seinen Dämon!

Aber hatte er sich auch wirklich bestätigt? Hatte es wirklich seine
Richtigkeit damit? Weshalb zitterte er denn jetzt wieder? Woher kam
dieser kalte Schweiß auf der Stirn, diese Dunkelheit und Kälte in der
Seele? Weil er soeben wieder jene _Augen_ gesehen? Aber er war ja doch
nur deshalb aus dem Sommergarten hergekommen, um sie zu sehen! Das war
ja doch sein ganzer »plötzlicher Gedanke« gewesen. Er hatte unbedingt,
unbedingt »jene Augen« sehen wollen, um sich endgültig zu überzeugen,
daß er sie unfehlbar »_dort_, bei jenem Hause« sehen würde. Dieser
krampfhafte Wunsch hatte ihn hergeführt, -- weshalb ist er denn jetzt so
zermalmt, nachdem er sie nun auch wirklich gesehen? Ganz als hätte er es
nicht erwartet! Ja, es waren _dieselben_ Augen -- daß es tatsächlich
_dieselben_ waren, darüber konnte kein Zweifel bestehen! -- _dieselben_,
die in der drängenden Volksmenge plötzlich aufblitzend starr ihn
angesehen hatten, als er aus dem Kupee gestiegen war; _dieselben_
(genau, genau dieselben!), deren Blick er vorhin auf sich ruhen gefühlt,
die Augen dicht hinter seinen Schultern, als er bei Rogoshin im Begriff
gewesen war, sich zu setzen. Rogoshin hatte geleugnet, hatte nur mit
ironischem, eisigem Lächeln gefragt: »Wessen Augen waren's denn?« Und
der Fürst hatte noch vor kurzem -- als er sich auf dem Bahnhof der
Zarskoje-Sselo-Bahn ins Kupee gesetzt, um zu Aglaja zu fahren, und
plötzlich wieder diese Augen sah, bereits zum drittenmal an diesem Tage
-- auf Rogoshin zugehen und _ihm_ sagen wollen, »wessen Augen es waren«!
Statt dessen war er aus dem Bahnhof hinausgeeilt und erst vor dem
Schaufenster jener Messerhandlung halbwegs zur Besinnung gekommen, als
er dort stehen geblieben war und halb unbewußt einen Gegenstand mit
einem Hirschhorngriff auf sechzig Kopeken geschätzt hatte. Der seltsame,
grauenvolle Dämon heftete sich endgültig an ihn und wollte ihn nicht
mehr verlassen. Dieser Dämon hatte ihm im Sommergarten, als er
gedankenverloren unter der Linde gesessen, plötzlich zugeflüstert, daß
Rogoshin, wenn er es für nötig fand, ihn seit dem Morgen zu verfolgen,
sich gleichsam an seine Fersen zu heften, dann doch sicherlich nach der
Feststellung, daß der Fürst nicht nach Pawlowsk fuhr (was für Rogoshin
natürlich von verhängnisvoller Bedeutung war), ganz zweifellos _dorthin_
gehen würde, zu jenem Hause auf der Petersburger Seite, um dort den
Fürsten zu erwarten, der ihm doch noch am Vormittage sein Ehrenwort
gegeben, daß er sie »nicht sehen« werde und »nicht deshalb nach
Petersburg gekommen sei«. Und dennoch -- wie im Krampf war er zu jenem
Hause gestrebt. Und was ist denn dabei, daß er dort tatsächlich Rogoshin
antraf? Er hatte doch nur einen unglücklichen Menschen gesehen, dessen
Seelenzustand dunkel und düster, doch nichtsdestoweniger nur zu
verständlich war. Dieser unglückliche Mensch hatte sich jetzt nicht
einmal mehr versteckt. Ja, Rogoshin hatte, als er ihn nach jenen Augen
gefragt, geschwiegen und nicht die Wahrheit gesagt, doch auf dem
Bahnsteig der Zarskoje-Sselo-Bahn hatte er, fast ohne sich verbergen zu
wollen, dagestanden; eher war sogar er es gewesen, der Fürst, der sich
verborgen hatte, nicht aber Rogoshin. Jetzt aber, bei jenem Hause, hatte
er auf der anderen Seite der Straße gestanden, vielleicht fünfzig
Schritt entfernt, schräg gegenüber dem Hause; auf dem Trottoir hatte er
gestanden, die Arme über der Brust verschränkt, und gewartet. Hier hatte
er frei gestanden, allen sichtbar, und offenbar hatte er mit Absicht
gewollt, daß der Fürst ihn sähe. Wie ein Ankläger und Richter hatte er
dort gestanden und nicht wie ... Nicht wie wer?

Aber weshalb war er, der Fürst, denn nicht auf ihn zugegangen? Weshalb
hatte er sich von ihm abgewandt, als hätte er ihn nicht bemerkt, obschon
ihre Blicke sich begegnet waren? (Ja, ihre Blicke waren sich begegnet,
und sie hatten einander in die Augen gesehen.) Hatte er doch noch vor
kurzem selbst den Wunsch gehabt, Rogoshin bei der Hand zu nehmen und mit
ihm zusammen _dorthin_ zu gehen? Hatte er doch selbst morgen zu ihm
gehen und ihm sagen wollen, daß er bei ihr gewesen war? Hatte er sich
doch selbst von seinem Dämon losgesagt, noch auf dem halben Wege
dorthin, als plötzlich Freude seine ganze Seele erfüllt hatte. Oder war
in Rogoshin tatsächlich irgend etwas gewesen, in der ganzen _heutigen_
Erscheinung dieses Menschen, in der Gesamtheit seiner Worte, Bewegungen,
Handlungen, Blicke, das die entsetzlichen Vorahnungen des Fürsten und
die furchtbaren Einflüsterungen seines Dämons rechtfertigen konnte?
Irgend etwas, das man vielleicht ganz unbewußt, ganz von selbst sieht,
das sich aber schwer analysieren oder in Worten ausdrücken läßt, und
das, wenn man es auch tausendmal nicht begründen kann, dennoch einen
vollkommen in sich abgeschlossenen und unwiderstehlichen Eindruck macht,
der ganz unwillkürlich zur vollen Überzeugung auswächst? ...

Überzeugung? -- Zu was für einer Überzeugung? (Oh, wie die
Ungeheuerlichkeit dieser »erniedrigenden« Überzeugung, »dieser niedrigen
Vorahnung« den Fürsten quälte, und wie bittere Vorwürfe er sich
ihretwegen machte!) »So sag' es doch, wenn du es wagst, was das für eine
Überzeugung ist?« sagte er immer wieder herausfordernd zu sich selbst,
»formuliere, wage es doch, deinen ganzen Gedanken klar, treffend, ohne
zu zögern, auszusprechen! Oh, ein Ehrloser bin ich!« rief er verzweifelt
aus, und die Röte der Scham stieg ihm ins Gesicht. »Mit welchen Augen
werde ich jetzt mein Leben lang auf diesen Menschen sehen! Was ist das
heute für ein Tag! Gott, welch ein Alpdruck!«

Während der Fürst den langen Weg von der Petersburger Seite bis zu
seinem Gasthof zurücklegte, überkam ihn in einem Augenblick plötzlich
der unbezwingbare Wunsch, sogleich zu Rogoshin zu gehen, ihn zu
erwarten, beschämt und unter Tränen zu umarmen und ihm alles zu sagen,
alles, alles. Doch da war er bereits bei seinem Gasthof angelangt. Das
ganze Haus, die Korridore, seine Nummer hatten ihm schon auf den ersten
Blick unsäglich mißfallen, und im Laufe des Tages hatte er mehr als
einmal mit ganz besonderem Widerwillen daran gedacht, daß er ja doch
noch hierher würde zurückkehren müssen ... »Aber was ist heute mit mir,
ich fange ja wahrhaftig an, wie eine kranke Frau an jedes Vorgefühl zu
glauben!« dachte er mit gereiztem Spott und blieb vor dem Haustor
stehen: ihm fiel plötzlich ein heute gesehener Gegenstand ein, doch
dachte er »kalt«, mit vollem Bewußtsein an ihn, nicht wie unter einem
Alpdruck: er entsann sich plötzlich des Messers auf Rogoshins Tisch.
»Nein, aber weshalb darf denn Rogoshin nicht so viele Messer auf dem
Tisch haben, wie er will?« dachte er verwundert über sich selbst, und im
selben Augenblick fühlte er, wie er erstarrte: ihm war sein
Stehenbleiben vor dem Schaufenster der Messerhandlung eingefallen. »Aber
was hat denn das damit zu tun ...« rief er aus, doch plötzlich brach er
ab. Wie eine jeden Widerstand verschlingende Welle überkam ihn von neuem
das Schamgefühl, das diesmal fast an Verzweiflung grenzte, und bannte
ihn an den Fleck, wo er stand -- als er gerade im Begriff war, durch das
Haustor einzutreten. Er stand eine Weile wie erstarrt. So pflegt es
bisweilen Leuten zu ergehen: plötzliche, überwältigende Erinnerungen,
namentlich wenn diese noch ein heißes Schamgefühl in ihnen erwecken,
machen sie für einen Augenblick gleichsam erstarren. »Ja, ich bin ein
herzloser Mensch und ein Feigling!« sagte der Fürst düster zu sich
selbst und machte eine hastige Bewegung, wie um weiterzugehen, doch ...
Da blieb er plötzlich wieder wie gebannt stehen.

In dem Torweg, wo es sonst ohnehin schon dunkel war, wurde es in diesem
Augenblick ganz finster: die mittlerweile heraufgezogene Gewitterwolke
hatte den letzten Abendschein verdunkelt, und, als der Fürst in den
Torweg trat, fielen die ersten großen Tropfen, denen sofort ein
strömender Gewitterregen folgte. Doch in derselben Sekunde, in der er
nach seinem momentanen Stehenbleiben hastig einen Schritt vortrat -- er
befand sich noch am Eingang auf der Straße und trat erst durchs Tor --,
sah er plötzlich im dunklen Hintergrunde des Torwegs, dort wo die Treppe
begann, einen Menschen. Dieser Mensch schien auf irgend etwas gewartet
zu haben, doch als der Fürst im Tor erschien, bewegte er sich schnell
zur Seite und verschwand. Der Fürst hatte ihn kaum gesehen und hätte
natürlich nicht sagen können, wer es gewesen war -- zudem war das hier
ein Gasthof, und es gingen doch fortwährend Menschen ein und aus --,
aber nichtsdestoweniger war er plötzlich fest überzeugt, daß er diesen
Menschen erkannt habe, und daß dieser Mensch kein anderer als Rogoshin
war. In demselben Augenblick stürzte der Fürst ihm nach auf die Treppe.
Das Herz stand ihm still. »Sogleich wird sich alles entscheiden!« dachte
er bei sich in seltsamer Überzeugung.

Die Treppe, die der Fürst hinaufeilte, und die zu den Korridoren des
ersten und zweiten Stockwerkes führte, war wie in fast allen alten
Petersburger Häusern eine schmale, dunkle, steinerne Wendeltreppe, die
sich um einen dicken, steinernen Pfeiler wand. Auf dem ersten
Treppenabsatz befand sich in diesem breiten, steinernen Pfeiler eine Art
Nische; sie war etwa einen Schritt breit und einen halben Schritt tief
-- jedenfalls hätte ein Mensch sich hier verbergen können. Wie dunkel es
auch war, so konnte der Fürst doch sofort, als er den Treppenabsatz
erreicht hatte, erkennen, daß der Mensch sich hier in der Nische aus
irgendeinem Grunde verbarg. Der Fürst wollte zuerst vorübergehen, ohne
nach rechts zu sehen, er machte bereits einen Schritt weiter -- doch da
hielt er es plötzlich nicht aus und wandte sich zurück zur Nische.

Zwei Augen, _dieselben_ Augen, die ihn den ganzen Tag verfolgt hatten,
begegneten seinem Blick. Der Mensch, der sich in der Nische verborgen
hatte, war gleichfalls schon einen Schritt vorgetreten. Eine Sekunde
lang standen sie sich dicht gegenüber. Plötzlich packte der Fürst ihn an
den Schultern und kehrte ihn zurück zur Treppe, zum Licht: er wollte das
Gesicht sehen.

Rogoshins Augen funkelten ihn an, und ein irrsinniges Lächeln verzerrte
seine Lippen. Seine rechte Hand erhob sich, und es blitzte etwas in ihr;
der Fürst dachte nicht daran, die Hand aufzuhalten. In der Erinnerung
schien es ihm später, daß er ausgerufen habe:

»Parfen, ich glaub's nicht! ...«

Dann war es ihm plötzlich, als täte sich etwas vor ihm auf:
unbeschreibliches, nie dagewesenes Licht erstrahlte in seinem Innern und
erhellte seine Seele. Das dauerte im ganzen vielleicht nur eine halbe
Sekunde, doch entsann er sich später noch deutlich und bewußt des
Anfangs, des ersten Tones jenes entsetzlichen Schreis, der sich
plötzlich ganz von selbst seiner Brust entrungen hatte, und den er mit
keiner Gewalt hätte aufzuhalten, zu unterdrücken oder abzubrechen
vermocht. Dann schwand ihm momentan das Bewußtsein und tiefe Finsternis
trat ein.

Es war ein epileptischer Anfall, wie er ihn lange nicht mehr gehabt.
Bekanntlich kommen solche Anfälle ganz plötzlich, das Gesicht verzerrt
sich, namentlich der Blick ist entstellt, Krämpfe und Zuckungen erfassen
den ganzen Körper und alle Gesichtszüge zucken. Ein entsetzlicher, mit
nichts vergleichbarer Schrei, der vielleicht entfernt an das Brüllen
eines Tieres gemahnt, entringt sich der Brust; in diesem Schrei
verschwindet gleichsam alles Menschliche, und einem Beobachter ist es
ganz unmöglich, sich vorzustellen, daß es wirklich ein Mensch ist, der
da schreit. Es scheint vielmehr, daß jemand anderes es tut, einer, der
sich im Innern dieses Menschen befindet. Wenigstens haben viele mit
diesen Worten ihren Eindruck geschildert; in vielen ruft der Anblick
eines Menschen im epileptischen Anfall entschieden unerträgliches
Entsetzen hervor, ein Entsetzen, dem sogar etwas Mystisches anhaftet. Es
ist anzunehmen, daß der unheimliche Schrei des Fürsten und das durch ihn
hervorgerufene plötzliche Entsetzen Rogoshin im Augenblick erstarren
machte, und das war's, was den Fürsten vor dem Messer bewahrte, das der
andere bereits über ihm erhoben hatte. Dann aber, als Rogoshin sah, daß
der Fürst plötzlich zurücktaumelte, rücklings die Treppe hinunterfiel
und sein Kopf krachend auf die steinernen Stufen schlug, da zuckte er
zusammen und stürzte, ohne zu erraten, daß es ein Anfall war, fast
besinnungslos die Treppe hinab, am Gefallenen vorüber, hinaus auf die
Straße.

Von den krampfartigen Zuckungen und dem Umsichschlagen rutschte der
Körper des Kranken immer weiter die Treppe hinab, von Stufe zu Stufe,
von denen es bis zum Flur noch ganze fünfzehn waren. Sehr bald, schon
nach wenigen Minuten, bemerkte man den Liegenden, und in kürzester Zeit
umstand ihn eine Menge Menschen. Die Blutlache, in der der Kopf lag,
flößte Schrecken ein: »Hat sich der Mensch selbst beschädigt, oder ist
ein Verbrechen geschehen?« fragte man sich. Alsbald jedoch erkannten
einige an gewissen Anzeichen den epileptischen Anfall. Einer von den
Hotelgästen erinnerte sich, den Liegenden am Morgen im Korridor gesehen
zu haben. Der Unbekannte mußte also hier abgestiegen sein. Durch einen
Zufall klärte sich die Ungewißheit sehr schnell auf.

Koljä Iwolgin, der versprochen hatte, bis halb vier Uhr in der »Wage« zu
sein, statt dessen aber nach Pawlowsk gefahren war, hatte aus
irgendeinem Grunde dort abgelehnt, zu Tisch zu bleiben, und war nach
Petersburg zurückgekehrt, wo er um sieben Uhr in der »Wage« eintraf. Der
Fürst hatte an ihn einen Zettel mit seiner Adresse hinterlassen, und so
war Koljä sogleich in jenen Gasthof geeilt, wo ihm gesagt worden war,
daß der Fürst noch nicht zurückgekehrt sei. Darauf hatte sich Koljä in
das Büfettzimmer begeben, um dort bei einer Tasse Tee und den Klängen
eines Polyphons auf den Fürsten zu warten. Als er dann zufällig von
einem »epileptischen Anfall« reden hörte, den soeben jemand von den im
Gasthof Abgestiegenen gehabt habe, eilte er, von einer gewissen
Vorahnung getrieben, schnell hinaus und erkannte in dem Liegenden den
Fürsten. Nun wurden sogleich Vorkehrungen getroffen, und vorsichtig trug
man den Fürsten hinauf in sein Zimmer. Er erwachte schon recht bald;
doch dauerte es noch ziemlich lange, bis er das volle Bewußtsein
wiedererlangte. Der Arzt, der den verletzten Kopf untersuchte, hatte
bereits Wundwatte mitgebracht und empfahl kalte Kompressen, erklärte
aber die Verletzung für durchaus ungefährlich. Als der Fürst ungefähr
nach einer Stunde seine Umgebung langsam zu erkennen begann, brachte ihn
Koljä in einem Wagen zu Lebedeff. Dieser empfing den Kranken mit seinem
ganzen Diensteifer, gerührt und freudig zugleich. Seinetwegen
beschleunigte er auch die Übersiedelung nach Pawlowsk: schon am dritten
Tage waren sie alle auf der Datsche.


                                  VI.

Lebedeffs Landhaus war nicht groß, dafür aber hübsch, und sogar sehr
bequem gebaut. Namentlich jener Teil des Hauses, der zum Vermieten
bestimmt war, zeichnete sich durch besonderen Schmuck aus. Auf der recht
geräumigen Terrasse, über die man von den nicht weit vorüberführenden
Parkwegen in die Wohnräume gelangte, standen in großen grünen Kübeln
mehrere Pomeranzen-, Zitronen- und Jasminbäume, die nach Lebedeffs
Meinung den Gesamteindruck der Villa zu einem geradezu verführerischen
machten. Diese Bäume hatte er zum Teil mit dem Landhaus zusammen
erstanden, und da sie ihm so ungemein gefielen, hatte er sich
entschlossen, auf einer Auktion noch etliche solcher Bäumchen zur
Erhöhung des wundervollen Effektes in gleichfalls grünen Kübeln zu
billigem Preise hinzuzukaufen. Als dann endlich alle Bäumchen auf der
Datsche angelangt und symmetrisch auf der Terrasse aufgestellt waren,
lief Lebedeff an jenem Tage alle fünf Minuten die paar Stufen der
Terrasse hinunter, um sich von der Straße aus am Anblick seines Besitzes
zu erfreuen, wobei er jedesmal in Gedanken die Summe erhöhte, die er von
seinem künftigen Datschenmieter verlangen würde. Dem Fürsten, der sich
nach dem Anfall müde, geschwächt, bedrückt und körperlich wie
zerschlagen fühlte, gefiel die Villa sehr. Übrigens hatte der Fürst am
Tage der Übersiedelung nach Pawlowsk äußerlich bereits das Aussehen
eines fast völlig Gesunden, wenn er sich auch innerlich immer noch sehr
angegriffen fühlte. Es war ihm in diesen drei Tagen besonders angenehm
gewesen, Menschen um sich zu haben: er freute sich über Koljäs
Anwesenheit, der fast ununterbrochen bei ihm saß, freute sich über die
ganze Familie Lebedeff -- ohne den Neffen, der irgendwohin verschwunden
war -- und empfing sogar mit Vergnügen den alten General Iwolgin, der
ihm schon am zweiten Tage seine Aufwartung machte. Am Tage der
Übersiedelung versammelte sich um ihn auf der Terrasse eine ganze Schar
von Bekannten, die sich alle nach seinem Befinden erkundigen wollten!
Zuerst kam Ganjä, der sich so verändert hatte und so abgemagert war, daß
der Fürst ihn kaum wiedererkannte. Darauf erschienen Warjä und Ptizyn,
die gleichfalls in Pawlowsk ihr eigenes Landhaus besaßen. General
Iwolgin dagegen schien sich bei Lebedeff ganz und gar einquartiert zu
haben, ja, er hatte sogar allem Anschein nach nur zu dem Zweck
Petersburg verlassen. Lebedeff bemühte sich freilich aus allen Kräften,
ihn vom Fürsten fernzuhalten, ging aber sonst ganz freundschaftlich mit
ihm um, offenbar waren sie schon lange mit einander bekannt. In den
letzten drei Tagen hatte der Fürst bemerkt, daß sie mitunter lange
Gespräche führten, nicht selten im Eifer des Disputs sogar schrien und
zeterten, und zwar schien es sich dann gewöhnlich um wissenschaftliche
Probleme zu handeln, die Lebedeff offenbar mit besonderem Vergnügen
erörterte. Ja, man konnte sogar glauben, daß ihm der General zu dieser
dialektischen Gymnastik einfach unentbehrlich war.

Leider erstreckte Lebedeff seine Vorsichtsmaßregeln auf Grund der
Schonungsbedürftigkeit des Fürsten auch auf alle anderen Hausbewohner,
auf seine Kinder sowohl, wie auf jeden Gast. Sobald sich erstere in der
Nähe der Terrasse zeigten, stürzte Lebedeff sofort wutschnaubend auf sie
los -- selbst mit Wjera, die stets das kleine Schwesterchen trug, machte
er keine Ausnahme -- und schrie sie trampelnd an, daß sie auf der
Terrasse, wo sich der Fürst gewöhnlich aufhielt, nichts zu suchen
hätten, obschon ihn dieser immer wieder bat, keinen Menschen von ihm
fernhalten zu wollen.

»Erstens tu' ich es deshalb, weil sonst jede Ehrerbietung aufhörte, wenn
man sie so 'rumlaufen ließe; und zweitens schickt es sich für sie auch
gar nicht ...« erklärte er schließlich auf die direkte Frage des
Fürsten, weshalb er sie nicht zu ihm ließ.

»Aber warum denn nicht?« wunderte sich der Fürst. »Ich versichere Sie,
daß Sie mich mit diesem Aufpassen und Bewachen nur quälen. Ich habe
Ihnen doch gesagt, daß ich mich oft langweile, wenn ich hier allein im
Freien sitze, Sie selbst aber fallen mir mit Ihren ewigen lebhaften
Gesten und dem Umherschleichen auf den Fußspitzen weit mehr auf die
Nerven.«

Der Fürst wollte ihm zu verstehen geben, daß er ihn nur quäle: er, der
alle anderen unter dem Vorwande der Ruhebedürftigkeit des Kranken
davonjagte, selbst dagegen fast alle Viertelstunden einmal zum Fürsten
kam, wobei er jedesmal dasselbe Manöver wiederholte, das er von
Ferdyschtschenko gelernt haben mußte: hatte er die Tür aufgemacht, so
steckte er zuerst nur den Kopf durch die Spalte, betrachtete das Zimmer
und den Fürsten -- ganz als hätte er Angst gehabt, der Kranke könne am
Ende gar fortgelaufen sein, und als wolle er sich daher nur von seiner
Anwesenheit überzeugen -- und dann erst trat er vorsichtig auf den
Fußspitzen herein, um sich geradezu schleichend dem Fürsten zu nähern,
so daß er diesen oftmals wirklich erschreckte. Ewig erkundigte er sich
nach seinen Wünschen, und als der Fürst ihn endlich bat, ihn doch nicht
immer zu belästigen, da machte er sofort gehorsam kehrt, schlich wieder
auf den Fußspitzen zur Tür, wobei er die ganze Zeit ängstlich abwehrend
die Hände bewegte (was etwas an das Flügelschlagen einer Krähe
erinnerte), als hätte er damit sagen wollen, daß er ja kein Wort mehr
rede, er gehe ja schon und werde nicht mehr stören, um Gottes willen nie
mehr stören. Nach zehn Minuten aber -- oder spätestens einer
Viertelstunde -- öffnete sich wieder die Tür und Lebedeff steckte von
neuem den Kopf ins Zimmer. Daß Koljä zu jeder Zeit beim Fürsten
eintreten durfte, rief in Lebedeff tiefen Kummer und sogar gekränkten
Unwillen hervor. Alsbald jedoch bemerkte Koljä, daß Lebedeff bisweilen
eine halbe Stunde lang hinter der Tür stand und horchte, was im Zimmer
gesprochen wurde. Natürlich teilte er seine Entdeckung sofort dem
Fürsten mit.

»Sie scheinen mich ja förmlich als Ihren Privatbesitz zu betrachten und
hinter Schloß und Riegel halten zu wollen,« protestierte der Fürst. »Ich
bitte Sie, doch wenigstens hier in der Sommerfrische Ihr Verhalten zu
ändern, und im übrigen versichere ich Sie, daß ich hier jeden Menschen,
wenn es mir paßt, empfangen und zu jeder Zeit ganz nach meinem Gutdünken
ausgehen werde.«

»Aber ohne den allermindesten, den allerleisesten Zweifel!« pflichtete
Lebedeff sogleich mit beschwichtigendem Handwinken bei.

Der Fürst musterte ihn aufmerksam vom Kopf bis zu den Füßen.

»Sagen Sie mal, Lukjan Timofejewitsch, haben Sie Ihr Schränkchen, das
Sie in Ihrer Petersburger Wohnung über dem Bett hatten, bereits
hergeschafft?«

»Nein, das ist dort geblieben.«

»Was Sie sagen? Ist's möglich?«

»'s geht nicht: man müßte es aus der Wand herausbrechen ... zu fest, zu
fest.«

»Aber vielleicht haben Sie hier auch so ein Schränkchen?«

»Sogar noch ein besseres, ein noch viel besseres, hab's mitsamt der
Datsche gekauft.«

»A--h! ... Wer war's, den Sie vorhin nicht zu mir hereinlassen wollten?
Vor etwa einer Stunde.«

»Das ... das war sozusagen der General. Allerdings: ich ließ ihn nicht
zu Ihnen, das stimmt, und es ist auch besser so -- es schickt sich
nicht. Wissen Sie, Fürst, ich achte diesen Menschen sehr hoch, jawohl,
er ist ... ist sozusagen ein durch und durch großartiger Mensch. Sie
glauben mir nicht? Nun, Sie werden selbst sehen, aber wie gesagt,
trotzdem -- besser ist besser, und ich sage Ihnen: es ist besser,
durchlauchtigster Fürst, Sie empfangen ihn nicht bei sich.«

»So, und weshalb denn das, wenn man fragen darf? Und weshalb stehen Sie
jetzt wieder die ganze Zeit auf den Fußspitzen, Lebedeff, und weshalb
nähern Sie sich mir jedesmal, als wollten Sie mir ein ungeheures
Geheimnis mitteilen?«

»Gemein, gemein bin ich, ich fühl's ja selbst,« war Lebedeffs
unerwartete Antwort, und reuig schlug er sich vor die Brust. »Wird aber
der General nicht allzu gastfreundlich für Sie sein?«

»Allzu gastfreundlich?«

»Jawohl ja. Erstens: wie ich merke, schickt er sich bereits an, sich bei
mir häuslich niederzulassen. Na, das mag noch hingehen. Zweitens ist er
seinen Mitmenschen überaus zugetan, und das sogar in solchem Übermaße,
daß er sich sofort jedem als Verwandten vorstellt. Wir beide haben uns
schon mehrmals klipp und klar bewiesen, daß wir unbedingt verwandt sein
müssen, und wie er nun herausgetüftelt hat, sind wir auch über diese und
jene und noch eine dritte hinweg verschwägert. Also bon, mir soll's
recht sein. Aber auch Sie, Durchlauchtigster Fürst, sind, wie er mir
ausführlich erklärt hat, mütterlicherseits der Neffe seiner Nichte --
hat's mir noch gestern mathematisch bewiesen. Sind Sie aber mit ihm
verwandt, so sind Sie es ja durch ihn auch mit mir, nach der neuen
Verfassung sozusagen. Aber was, das mag noch hingehen -- 'ne kleine
Schwäche, wie gesagt, und weiter nichts. Aber soeben hat er mir
versichert, daß er während seines ganzen Lebens, angefangen von seiner
Fähnrichszeit bis zum elften Juni vorigen Jahres, täglich niemals
weniger als zweihundert Personen zu Tisch gehabt habe. Schließlich
ging's sogar so weit, daß sie überhaupt nicht mehr von den Stühlen
aufstanden, so daß sie zirka dreißig Jahre lang täglich mindestens
fünfzehn Stunden zum Frühstück, zu Mittag und zu Abend bei ihm speisten
und zwischendurch noch Tee tranken! Und das wohlgemerkt! ohne die
geringste Unterbrechung, kaum daß sie Zeit ließen, die Tischtücher zu
wechseln: der eine steht auf, geht fort, der andere kommt, setzt sich --
und an Fest- und Feiertagen gab es sogar _drei_hundert Menschen, und am
Tage der Feier des tausendjährigen Bestehens des Russischen Reiches
zählte er mir sogar _sieben_hundert vor! Das ist doch schauderhaft! So
etwas, bei Licht betrachtet, ist doch 'n schlimmes Zeichen! Und solche
Menschen bei sich zu empfangen, deren Gastfreundschaft mit einem so
endlosen Maßstabe gemessen werden muß -- da--da--das ist doch mehr als
riskant! Nun, sehen Sie wohl, und deshalb dachte ich denn auch so bei
mir, ob er für Sie vielleicht nicht gar zu gastfreundlich sein würde?«

»Aber Sie selbst stehen sich doch mit ihm, wir mir scheint, sehr gut?«

»Wie Brüder! Aber ich faß's ja auch nur als Scherz auf. Nun gut, wir
sind also verschwägert -- bon, mir soll's recht sein. Gereicht mir ja
nur zur Ehre. Und im übrigen erkenne ich auch trotz der zweihundert
Personen und der Jahrtausendfeier unseres Vaterlandes einen
außergewöhnlichen Menschen in ihm. Jawohl ja -- ich bin die
Aufrichtigkeit selbst. Sie, Fürst, beliebten vorhin ein Wort über
Geheimnisse fallen zu lassen, und zwar in dem Sinne, daß ich mich Ihnen
jedesmal so nähere, als hätte ich ein ungeheures Geheimnis mitzuteilen.
Damit haben Sie diesmal den Nagel auf den Kopf getroffen: ich bin
nämlich soeben tatsächlich mit einem Geheimnis hergekommen. Die gewisse
Dame hat mich soeben wissen lassen, daß sie mit Ihnen unbedingt ein
heimliches Zusammentreffen wünscht.«

»Weshalb denn ein heimliches? Das ist durchaus nicht nötig. Ich werde
selbst zu ihr hingehen, meinetwegen heute noch.«

»Um--um--um Gottes willen!« winkte Lebedeff mit beiden Händen ab. »Und
sie fürchtet ja gar nicht das, was Sie vielleicht denken! Übrigens: das
Ungeheuer kommt jeden Tag, um sich nach Ihrer Gesundheit zu erkundigen
-- wußten Sie das schon?«

»Sie nennen ihn etwas gar zu oft ein Ungeheuer, das kommt mir sehr
verdächtig vor.«

»Aber ich bitte Sie, hier kann doch von Verdacht gar nicht die Rede sein
... und im übrigen wollte ich ja nur erklären,« lenkte Lebedeff schnell
ab, »daß die betreffende Dame nicht ihn, sondern einen ganz anderen
Menschen fürchtet, jawohl ...«

»Nun, wen denn? So sagen Sie doch endlich alles, was Sie zu sagen
haben,« drängte der Fürst ungeduldig, da ihn die Geheimnistuerei
Lebedeffs aufrichtig ärgerte.

»... Das ist aber eben das Geheimnis.«

Und Lebedeff lächelte vielsagend.

»Wessen Geheimnis?«

»Ihres, natürlich doch! Durchlauchtigster Fürst, Sie werden sich doch
wohl dessen entsinnen, daß Sie selbst mir verboten haben, auch nur mit
einem Wort davon zu sprechen,« sagte Lebedeff wichtigtuend, und nachdem
er sich an der krankhaften Ungeduld des anderen genugsam geweidet hatte,
schloß er plötzlich ganz unerwartet: »Sie fürchtet Aglaja Iwanowna.«

Der Fürst runzelte die Stirn und schwieg eine Weile.

»Bei Gott, Lebedeff, ich verlasse Ihre Villa,« stieß er mit einemmal
hervor. »Wo sind Gawrila Ardalionytsch und Ptizyns? Bei Ihnen? Die
wollen Sie wohl gleichfalls von mir fernhalten?«

»Sie kommen ja, sie kommen schon! Und sogar der General kommt mit ihnen.
Ich werde alle Türen aufreißen, alle meine Töchter herrufen, alle, alle,
sofort, sofort!« flüsterte Lebedeff erschrocken, wieder mit den Händen
beschwichtigend, und geschäftig stürzte er zur Tür, besann sich aber,
lief zur anderen Tür, zögerte jedoch auch dort und kehrte dann wieder
zur ersten zurück.

In dem Augenblick erschien Koljä auf dem Parkwege, sprang eilig die
Stufen zur Terrasse empor und meldete, daß ihm auf dem Fuße Gäste
folgten -- Lisaweta Prokofjewna mit ihren drei Töchtern.

»Soll ich Ptizyns und Gawrila Ardalionytsch hereinlassen? Ja oder nein?
Und den General?« fragte geschwind Lebedeff, den diese Nachricht in
höchste Aufregung versetzt hatte.

»Aber natürlich, weshalb denn nicht? Alle, wer nur zu mir kommen will.
Ich versichere Sie nochmals, Lebedeff, daß Sie sich in Ihrer Auffassung
meiner Beziehungen zu meinen Bekannten arg täuschen; Sie fassen alles
immer ganz anders auf. Ich habe nicht die geringste Ursache, mich vor
irgend jemand, sei es, wer es wolle, zu verbergen,« sagte der Fürst
lachend, und im Augenblick verzog auch Lebedeff sein Gesicht zu einem
Schmunzeln; denn trotz seiner ganzen Aufregung war er doch ersichtlich
äußerst zufrieden mit der Entwickelung der Dinge.

Koljäs Meldung erwies sich als richtig: er war den Damen nur ein paar
Schritte vorausgeeilt, so daß nun plötzlich von beiden Seiten Gäste
erschienen: aus dem Park näherten sich der Terrasse Jepantschins, und
durch die Zimmertür traten Ptizyns, Ganjä und General Iwolgin.

Jepantschins hatten von der Erkrankung des Fürsten und seiner
Anwesenheit in Pawlowsk soeben erst durch Koljä erfahren. Der General
hatte ihnen zwar schon vor drei Tagen von der in ihrer Stadtwohnung
vorgefundenen Visitenkarte des Fürsten erzählt und damit in seiner
Gemahlin die feste Überzeugung erweckt, daß der Fürst sogleich in
eigener Person auch in ihrer Villa erscheinen würde. Vergeblich wandten
die Töchter ein, daß ein Mensch, der ein halbes Jahr nicht geschrieben,
es wohl auch mit dem Besuch nicht so eilig haben werde, und außerdem
könne ihn ja noch viel Wichtigeres in Petersburg zurückhalten. Die
Generalin ärgerten diese Bemerkungen nicht wenig; sie hätte wetten
mögen, daß der Fürst unfehlbar am nächsten Tage erscheinen würde,
»obschon auch das noch unverzeihlich spät wäre«. Und so erwartete sie
ihn am nächsten Tage den ganzen Vormittag, doch leider vergeblich;
nachdem sie um eins ihr Frühstück ohne den Fürsten eingenommen hatten,
begann sie ihn zum Diner zu erwarten; da er jedoch auch zum Diner nicht
erschien, erwartete sie ihn zum Abend; doch als es gar zu dunkeln
begann, ohne daß der Fürst erschienen wäre, da ärgerte sie sich
dermaßen, daß sie in kürzester Zeit mit allen in Streit geriet und sich
aufs ärgste mit ihren Töchtern und ihrem Gatten verfeindete.
Selbstverständlich ward dabei ihrerseits mit keinem Wort des Fürsten
Erwähnung getan. Als aber Aglaja am dritten Tage bei Tisch plötzlich die
Bemerkung fallen ließ, daß _maman_ sich ja nur deshalb so ärgere, weil
der Fürst noch immer nicht käme (worauf der General sogleich vorbeugend
feststellte, daß er, der General, doch nichts dafür könne, das sei doch
nicht seine Schuld) -- da erhob sich Lisaweta Prokofjewna in hellem Zorn
und verließ, ohne ein Wort zu sagen, das Zimmer. Endlich bereits am
Abend, erschien Koljä und erzählte, daß der Fürst einen epileptischen
Anfall gehabt. Das Ergebnis dieser Mitteilung war, daß Lisaweta
Prokofjewna triumphierte, doch vorher bekam noch Koljä seinen Teil.

»Sonst sitzt er hier tagelang und ist nicht loszuwerden, diesmal aber
ist er nicht einmal auf den Gedanken gekommen, uns wenigstens zu
benachrichtigen, wenn er nicht selbst kommen konnte!«

Koljä wollte sich zwar sogleich wegen des »Nichtloszuwerden« gekränkt
fühlen, schob es aber noch auf; wenn nicht das Wort an sich gar so
beleidigend gewesen wäre, hätte er die Bemerkung sogar ganz verziehen,
dermaßen freuten ihn die Aufregung und Unruhe Lisaweta Prokofjewnas nach
der Mitteilung von der Krankheit des Fürsten. Sie bestand sofort mit
allem Nachdruck auf der Notwendigkeit, einen Diener nach Petersburg zu
senden, um eine der größten medizinischen Berühmtheiten zur Konsultation
zu bitten; doch die Töchter rieten davon ab. Doch wollten sie ihrer
Mutter nicht nachstehen, als diese sich sogleich aufmachte, um den
Kranken zu besuchen.

»Er liegt im Sterben, und da sollen wir nun Zeremonien beobachten!« rief
sie erregt. »Ist er ein Freund unseres Hauses oder nicht?«

»Nur finde ich es nicht ratsam, sich anderen Menschen aufzudrängen,«
wagte zwar Aglaja einzuwenden, doch die Mutter bemerkte hierauf nur
scharf:

»Dann geh nicht mit. Und du tust sogar sehr gut daran: Jewgenij
Pawlowitsch wird kommen, und da wäre sonst niemand hier, der ihn
empfangen könnte.«

Nach diesen Worten folgte Aglaja natürlich sofort den anderen, was sie
übrigens sowieso zu tun beabsichtigt hatte. Fürst Sch., der sich mit
Adelaida unterhielt, war auf deren Bitte sogleich bereit, die Damen zu
begleiten. Er interessierte sich sehr für den Fürsten, nachdem ihm so
manches von diesem erzählt worden war. Übrigens war er mit ihm auch
persönlich bekannt: sie hatten beide vor etwa drei Monaten in einem
Provinzstädtchen fast ganze zwei Wochen in ein und demselben Gasthof
gelebt. Er hatte auch seinerseits Jepantschins vom Fürsten erzählt, und
zwar äußerte er sich sehr sympathisch über ihn, weshalb er denn jetzt
gern seinen alten Bekannten besuchen wollte. Der General war nicht zu
Hause, und auch Jewgenij Pawlowitsch war noch nicht aus Petersburg
eingetroffen.

Lebedeffs Landhaus war von der Villa Jepantschin nicht mehr als
dreihundert Schritte entfernt. Die erste unangenehme Überraschung war
dort für Lisaweta Prokofjewna -- so viele Gäste anzutreffen (ganz
abgesehen davon, daß zwei oder drei von diesen ihr entschieden verhaßt
waren), und die zweite -- statt des auf dem Sterbebett geglaubten, einen
anscheinend vollkommen gesunden, elegant gekleideten, lachenden jungen
Mann zu erblicken, der sofort die Stufen der Terrasse hinunterstieg und
sie sichtlich erfreut begrüßte. Sie blieb sogar stehen vor Verwunderung
-- zum größten Gaudium Koljäs, der sie natürlich sehr gut über das
augenblickliche Befinden des Fürsten hätte aufklären können, als sie
noch nicht zum Besuch aufgebrochen war. Er hatte es jedoch absichtlich
unterlassen, um sich an ihrem Zorn ergötzen zu können, wenn sie, die dem
Fürsten von Herzen das Beste wünschte, diesen bei guter Gesundheit
antraf. Ja, Koljä war sogar so taktlos, daß er seinen Gedanken laut
aussprach, was er wiederum nur deshalb tat, um Lisaweta Prokofjewna zu
necken. Solche Neckereien waren trotz der sie verbindenden Freundschaft
gang und gäbe zwischen ihnen.

»Wart' noch ein wenig, mein Lieber, beeile dich nicht allzusehr, verdirb
nicht deinen Triumph!« versetzte Lisaweta Prokofjewna, indem sie sich
auf den vom Fürsten ihr hingeschobenen Sessel niederließ.

Lebedeff, Ptizyn und der alte General Iwolgin beeilten sich, sogleich
den jungen Damen Stühle zu bringen. Der General brachte seinen Stuhl
Aglaja. Lebedeff eilte auch zum Fürsten Sch. mit einem Stuhl und bot ihn
mit einer so tiefen Verbeugung an, als hätte er durch die Krümmung
seines Rückgrates die Tiefe seiner Ergebenheit ausdrücken wollen. Warjä
begrüßte die jungen Mädchen wie gewöhnlich, mit ihnen flüsternd und ganz
begeistert.

»Es ist wahr, Fürst, ich glaubte wirklich, dich womöglich im Bett
vorzufinden; denn als ich von deiner Erkrankung hörte, mußte ich in der
Angst natürlich gleich übertreiben. Aber lügen werde ich deshalb um
keinen Preis, und so hör' du es nur ruhig, daß ich mich über dein
glückliches Gesicht furchtbar ärgerte; aber, ich schwöre dir, das tat
ich nur einen Augenblick, bis ich den richtigen Gedanken erfaßt hatte.
Wenn ich eine Sache erst erfaßt habe, handle und rede ich immer viel
klüger; ich glaube, du auch. Jetzt aber kann ich dir sagen, daß ich mich
über die Genesung meines leiblichen Sohnes, wenn ich einen hätte,
vielleicht weniger freuen würde, als über die deine; wenn du mir das
nicht glaubst, so hast du dich zu schämen und nicht ich. Dieser boshafte
Bengel aber erlaubt sich mir gegenüber doch etwas zu weitgehende
Scherze. Du protegierst ihn, glaube ich? Nun, dann sage ich dir im
voraus, daß ich eines schönen Tages auf das Vergnügen seiner weiteren
Bekanntschaft verzichten werde.«

»Ja, aber was habe ich denn verbrochen?« fragte Koljä lachend. »Selbst
wenn ich Ihnen auch noch so überzeugend versichert hätte, daß der Fürst
fast schon gesund sei, Sie hätten es mir doch nicht glauben wollen; denn
ihn sich als Sterbenden vorzustellen, war doch unvergleichlich
interessanter.«

»Wirst du lange hierbleiben?« wandte sich Lisaweta Prokofjewna brüsk an
den Fürsten.

»Den ganzen Sommer und vielleicht noch länger.«

»Du bist doch allein? Nicht verheiratet?«

»Nein, nicht verheiratet,« antwortete der Fürst, lächelnd über die
Naivität dieses Stiches.

»Da ist nichts zu lächeln; das kommt vor. Ich rede von der Datsche, --
weshalb bist du nicht zu uns gekommen? Bei uns steht ein ganzer
Seitenflügel leer. Übrigens, wie du willst. Wohnst du bei diesem? Bei
dem da?« fragte sie halblaut, mit einem Kopfnicken auf Lebedeff weisend.
»Was fehlt ihm, weshalb kann er nicht ruhig stehen?«

In dem Augenblick trat Wjera aus dem Zimmer auf die Terrasse; wie
gewöhnlich trug sie das Kindchen auf den Armen. Lebedeff, der sich
zwischen den Stühlen der Gäste hin und her wand und entschieden nicht
wußte, wo er sich lassen sollte -- jedenfalls aber um alles in der Welt
nicht die Terrasse verlassen wollte -- stürzte sich plötzlich, wie
besessen mit den Armen fuchtelnd, seiner Tochter entgegen, um sie nur ja
fortzutreiben, und in der Hitze vergaß er sich sogar so weit, daß er mit
den Füßen trampelte.

»Was fehlt ihm, ist er wahnsinnig?« fragte die Generalin erschrocken.

»Nein, er ist ...«

»Betrunken vielleicht? Nein, dein Umgangskreis ist nicht nach meinem
Geschmack, offen gesagt, mein Lieber,« meinte sie schroff, während ihr
Blick auch die anderen Gäste streifte. »Aber wer war dieses reizende
Mädchen?«

»Das war Wjera Lukjanowna, die Tochter dieses Lebedeff.«

»Ah! ... Wirklich reizend. Ich möchte sie kennen lernen.«

Kaum hatte Lebedeff die lobenden Worte der Generalin aufgefangen, als er
seine Tochter auch schon mit Gewalt herbeizog, um sie untertänigst
vorzustellen.

»Waisen, Waisenkinder!« erläuterte er zerschmelzend. »Und dieses
Kindchen im Steckkissen -- ist gleichfalls eine Waise, ihr Schwesterchen
und meine Tochter, Ljubow mit Namen, und geboren in gesetzmäßigst
geschlossener Ehe, von meiner jüngst verstorbenen Gattin Helena, die vor
sechs Wochen im Kindbett, wie gesagt, gestorben ist, nach Gottes
Ratschluß ... jawohl. Und sie vertritt jetzt Mutterstelle an der
Kleinen, obwohl sie nur ihre Schwester ist, nicht mehr und nicht
weniger, als ihre Schwester, glauben Sie mir ...«

»Und du, Väterchen, bist nicht mehr und nicht weniger als ein Dummkopf,
verzeih mir, aber das kannst du mir gleichfalls glauben. Nun, genug, du
wirst mich schon richtig verstehen, denke ich,« schnitt ihm Lisaweta
Prokofjewna ungehalten das Wort ab.

»Stimmt! Mir aus der Seele gesprochen!« sagte Lebedeff, sich
ehrfurchtsvoll und tief vor ihr verneigend.

»Hören Sie, Herr Lebedeff, ist es wahr, daß Sie die Apokalypse
auslegen?« fragte Aglaja.

»Jawohl! Die reinste Wahrheit ... seit fünfzehn Jahren.«

»Ich habe davon gehört. Es ist von Ihnen auch in den Zeitungen
geschrieben worden, glaube ich, nicht?«

»Nein, nicht von mir, aber von einem anderen, jawohl, einem anderen,
aber der ist jetzt tot, und nun bin ich an seiner Stelle,« berichtete
Lebedeff ganz außer sich vor Freude.

»Oh, dann seien Sie so gut und erklären Sie sie mir einmal gelegentlich,
als unser nunmehriger Nachbar! Ich verstehe so gut wie nichts von der
ganzen Apokalypse.«

»Ich kann leider nicht umhin, Aglaja Iwanowna, Sie darauf aufmerksam zu
machen, daß diese ganze Auslegung seinerseits nichts als Scharlatanerie
ist, ich versichere Sie,« mischte sich plötzlich General Iwolgin ein,
der neben Aglaja wie auf Nadeln saß und in größter Ungeduld eine
Gelegenheit erwartete, gleichfalls etwas sagen zu können. »Ich verstehe
ja, Nachbarschaft zieht gewisse Privilegien nach sich,« fuhr er in
demselben Tone fort, »verknüpft mit Pflichten und Vorrechten, und der
Empfang eines solchen Scharlatans um der Auslegung der Apokalypse willen
ist zwar ein Einfall wie jeder andere oder vielmehr ein Einfall, der
durch das Niveau seiner geistigen Höhe sogar bemerkenswert ist, doch ich
... Sie sehen mich, wie ich bemerke, etwas erstaunt an? General Iwolgin
-- habe die Ehre, mich vorzustellen. Ich habe Sie auf den Armen
getragen, Aglaja Iwanowna.«

»Freut mich sehr. Ich bin mit Warwara Ardalionowna und Nina Alexandrowna
bekannt,« murmelte Aglaja, sich auf die Lippen beißend, um nicht
aufzulachen. Doch Lisaweta Prokofjewna wurde rot vor Unwillen. Es hatte
sich in ihrem Herzen so manches angesammelt, das nun mit Gewalt zum
Ausbruch drängte. Sie konnte den General Iwolgin, mit dem sie einmal vor
langen, langen Jahren bekannt gewesen war, nicht ausstehen.

»Das lügst du natürlich wieder, wie gewöhnlich, niemals hast du sie auf
den Armen getragen!« fuhr sie ihn zornig an.

»Doch, _maman_, er hat mich tatsächlich auf den Armen getragen, in Twerj
war's,« bestätigte plötzlich Aglaja.

»Wir lebten damals in Twerj. Ich war vielleicht sechs Jahre alt, oh, ich
entsinne mich dessen noch ganz genau! Er machte mir auch einen Bogen und
Pfeile und lehrte mich, damit zu schießen, und ich traf auch eine Taube.
Erinnern Sie sich dessen, wie wir beide auf die Taube schossen?«

»Und mir schenkten Sie einen Helm aus Goldpappe und einen hölzernen
Säbel!« rief lustig Adelaida dazwischen.

»Ja, auch ich entsinne mich dessen,« bestätigte nun auch Alexandra. »Du
und Adelaida, ihr gerietet beide wegen der verwundeten Taube in Streit
und wurdet jede in einen Winkel gestellt; und Adelaida stand noch mit
ihrem Helm und Säbel im Winkel -- ein guter Soldat das!«

Der General hatte Aglaja wie gewöhnlich »_nur so_« erzählt, daß er sie
auf den Händen getragen habe, -- zum Teil, um ein Gespräch anzuknüpfen,
und zum Teil, weil er mit jedem jüngeren Menschen auf diese Weise das
Gespräch begann, wenn er einmal die Bekanntschaft eines solchen machte.
Diesmal aber hatte er ganz zufällig die Wahrheit gesagt, und gerade die
Wahrheit hatte er natürlich vergessen. Als ihn nun aber Aglaja so
unerwartet daran erinnerte, wie sie beide die Taube geschossen hatten,
entsann er sich plötzlich des ganzen Vorfalls, entsann sich seiner mit
allen Einzelheiten! So pflegt es nicht selten alten Leuten mit alten
Erinnerungen zu ergehen. Freilich ist es schwer, festzustellen, was
gerade an dieser Erinnerung so erschütternd auf den armen alten, auch
jetzt längst nicht nüchternen General wirken konnte: er war aber
tatsächlich ganz ergriffen.

»O ja, jetzt fällt es mir ein, ja! ich entsinne mich!« rief er vor
Freude ganz begeistert aus. »Ich war damals noch Hauptmann! Und Sie
waren so ein kleines, reizendes Ding! Nina Alexandrowna ... Ganjä ...
Ich wurde bei Ihnen empfangen ... Iwan Fedorowitsch ...«

»Und nun sieh, wie weit du es jetzt gebracht hast!« fiel ihm plötzlich
die Generalin ins Wort. »Aber es scheint, daß du deine edleren Gefühle
doch noch nicht gänzlich vertrunken hast, wenn alte Erinnerungen noch
einen so starken Eindruck auf dich machen können! Deine Frau aber hast
du doch zu Tode gequält. Anstatt deine Kinder zu erziehen, sitzt du im
Schuldgefängnis. Geh mal, Väterchen, geh mal fort von hier, geh in einen
Winkel und wein' ein bißchen, denk' an das Vergangene, und wie schön es
war, vielleicht wird dir Gott dann verzeihen. Geh mal, geh, ich rate dir
gut. Wenn man sich bessern will, ist das Beste, was man tun kann --
reuig an Vergangenes zu denken. Ich sage es dir im Ernst.«

Doch die Versicherung, daß sie es im Ernst sagte, war eigentlich
überflüssig: der General war, wie alle Trinker, im Grunde genommen
ungeheuer zartfühlend und verwand es nur schwer, wenn man ihn an seine
bessere Vergangenheit erinnerte. Er erhob sich und schritt gehorsam zur
Tür, so daß er Lisaweta Prokofjewna sofort leid tat.

»Ardalion Alexandrowitsch! Väterchen!« rief sie ihm schnell nach. »Wart'
noch einen Augenblick -- wir sind ja allesamt Sünder! Wenn du fühlst,
daß das Gewissen dich weniger drückt, dann komm zu mir auf ein
Stündchen, laß uns von den alten Zeiten plaudern. Ich habe ja vielleicht
noch fünfzigmal mehr gesündigt als du -- aber jetzt geh nur, adieu,
adieu, geh nur jetzt, was sollst du hier ...« drängte sie ihn
erschrocken fort, als er Miene machte, zurückzukehren.

»Gehen Sie ihm vorläufig noch nicht nach!« hielt der Fürst Koljä auf,
der dem Vater folgen wollte. »Er würde sich nach einer Minute ärgern,
und damit wäre die ganze Stimmung verdorben.«

»Das ist wahr, laß ihn jetzt in Ruh'; nach einer halben Stunde kannst du
gehen,« entschied Lisaweta Prokofjewna.

»Da sieht man, was das heißt, einmal im Leben die Wahrheit zu hören --
hat doch bis zu Tränen auf ihn gewirkt!« wagte Lebedeff zu bemerken.

»Nun, Väterchen, auch du mußt gut sein, wenn es wahr ist, was ich von
dir gehört habe!« setzte ihm die Generalin sofort einen Dämpfer auf.

Die Stellungnahme der Gäste zueinander sprach sich allmählich deutlicher
aus. Der Fürst, der die ganze Größe der Anteilnahme Lisaweta
Prokofjewnas und ihrer Töchter durchaus zu schätzen wußte, fühlte sich
verpflichtet, der Generalin zu sagen, daß es seine feste Absicht
gewesen, sie spätestens morgen, wenn nicht noch an diesem Abend trotz
der späten Stunde und seiner angegriffenen Gesundheit zu besuchen.

Lisaweta Prokofjewna meinte hierauf -- nach einem Blick auf seine Gäste
--, daß er es ja doch sogleich tun könne, worauf Ptizyn, als höflicher
und stets verträglicher Mensch, sich sogleich erhob und sich zu
Lebedeffs zurückzog. Beim Hinausgehen machte er noch den Versuch, auch
Lebedeff mitzuziehen; doch dieser machte sich mit einem »Sofort, sofort,
werde mich sofort hier losmachen« von -- Ptizyn los und blieb natürlich.
Warjä hatte inzwischen mit den jungen Mädchen ein Gespräch angeknüpft.
Sie und Ganjä atmeten erleichtert auf, als ihr Vater hinausgegangen war.
Ganjä folgte jedoch bald Ptizyns Beispiel. In der kurzen Zeit, die er
auf der Terrasse verbracht, hatte er sich bescheiden und doch würdig
gehalten und sich durch die strengen Blicke Lisaweta Prokofjewnas nicht
im geringsten einschüchtern lassen. Er hatte sich im Vergleich zu früher
allerdings sehr verändert, was Aglaja überaus gefiel.

»Das war doch Gawrila Ardalionytsch, der soeben hinausging?« fragte sie
plötzlich, wie sie es gewöhnlich zu tun pflegte, laut, schroff, ohne
sich an jemand persönlich zu wenden oder sich darum zu kümmern, daß sie
mit ihrer Frage das Gespräch der anderen unterbrach.

»Allerdings,« antwortete der Fürst.

»Ich habe ihn kaum wiedererkannt. Er hat sich auffallend verändert, und
zwar ... bedeutend zu seinem Vorteil.«

»Das freut mich sehr für ihn,« sagte der Fürst.

»Er war sehr krank,« bemerkte Warjä mit erfreutem Mitleid.

»Inwiefern zu seinem Vorteil verändert?« fragte fast zornig und
erschrocken die Generalin. »Wie kommst du darauf? Ich finde nichts
Besseres. Was scheint dir denn jetzt an ihm besser?«

»Etwas Besseres als den >armen Ritter< gibt es überhaupt nicht!« rief
plötzlich Koljä, der die ganze Zeit hinter dem Stuhl Lisaweta
Prokofjewnas gestanden hatte, pathetisch aus.

»Der Meinung bin auch ich,« sagte Fürst Sch. lachend.

»Und ich gleichfalls,« erklärte Adelaida.

»Was ist das für ein >armer Ritterarmer RitterDon
Quijote< und plötzlich riefen Sie buchstäblich aus, etwas Besseres als
den >armen Ritter< gäbe es überhaupt nicht. Leider weiß ich nicht, von
wem die Rede war: von Don Quijote oder Jewgenij Pawlowitsch oder
vielleicht von irgendeinem Dritten; nur konnte ich konstatieren, daß
jedenfalls von einer bestimmten Persönlichkeit gesprochen worden war,
und zwar offenbar schon recht lange ...«

»Mein lieber Junge, ich sehe, du erlaubst dir mitunter doch etwas zuviel
mit deinen Voraussetzungen,« unterbrach ihn die Generalin ärgerlich.

»Aber was habe ich denn getan?« wunderte sich der nicht zum Schweigen zu
bringende Koljä. »Ich habe doch meines Wissens durchaus keine
Indiskretion begangen: alle sprachen damals davon, und das tun sie ja
auch jetzt: soeben sprachen doch noch Fürst Sch. und Adelaida von ihm,
und alle sagten damals, daß sie für den >armen Ritter< ständen! Folglich
muß es doch diesen >armen Ritter< nicht nur in der Literatur, sondern
wirklich und leibhaftig geben, und meiner Meinung nach ist es nur die
Schuld Adelaida Iwanownas, daß wir ihn noch nicht näher kennen.«

»Meine Schuld? Um Gottes willen, was habe ich denn verbrochen?« fragte
Adelaida lachend.

»Ganz einfach das, daß Sie nicht sein Porträt gemalt haben! Aglaja
Iwanowna bat Sie damals, den >armen Ritter< zu malen, und wird Ihnen
wohl auch ganz genau beschrieben haben, wie sie sich das Bild dachte,
Sie aber ...«

»Aber was hätte ich denn malen sollen? Von dem Sujet heißt es doch:

   >Und niemals sah man ihn schlagen
   Zurück das feste Visier.<

Also was? -- einen Harnisch? -- ein Visier?«

»Ich verstehe kein Wort! Harnisch! Visier! -- Was soll das heißen, wovon
redet ihr?« fragte die Generalin aufrichtig geärgert; denn sie begann
bereits zu erraten, wer mit dem »armen Ritter« gemeint war und offenbar
schon seit langer Zeit nach gemeinsamer, stillschweigender Verabredung
so genannt wurde.

Da bemerkte sie, daß auch Fürst Lew Nikolajewitsch ganz verwirrt aussah
und schließlich wie ein zehnjähriger Knabe verlegen wurde -- und da war
sie empört.

»Aber so sagt mir doch endlich, was diese ganze Dummheit zu bedeuten
hat! Nun ... wird's bald? Was hat es für eine Bewandtnis mit dem >armen
Ritterarmen Ritter<,
das weder einen richtigen Anfang noch ein richtiges Ende hat. Vor etwa
einem Monat scherzten wir einmal alle nach Tisch und schlugen wie
gewöhnlich Sujets zu dem zukünftigen großen Gemälde Adelaida Iwanownas
vor. Sie wissen doch, daß es die wichtigste Aufgabe der ganzen Familie
ist, für Adelaida Iwanowna ein passendes Sujet zu ersinnen! Und da
schlug dann jemand den >armen Ritter< vor, -- wer es zuerst getan,
dessen entsinne ich mich nicht mehr ...«

»Aglaja Iwanowna!« verriet Koljä lachend.

»Vielleicht, es ist möglich, nur entsinne ich mich dessen nicht mehr,«
fuhr Fürst Sch. fort. »Die einen lachten über diesen Vorschlag, die
anderen wiederum meinten, es gäbe sicher nichts Edleres, Erhabeneres;
doch, um den >armen Ritter< zu malen, müsse man vor allen Dingen ein
Gesicht malen, und dazu brauche man ein Modell. Da begannen wir denn,
alle Bekannten der Reihe nach durchzunehmen; doch das Resultat der
Prüfung war, daß uns kein einziges Gesicht als dazu passend erschien,
und dabei blieb es. Tja, und das war alles. Ich verstehe nur nicht,
weshalb Nikolai Ardalionytsch jetzt darauf zu sprechen gekommen ist? Was
damals scherzhaft und _bien à propos_{[23]} war, ist doch jetzt von
durchaus keinem Interesse.«

»Wahrscheinlich weil wieder eine Dummheit damit beabsichtigt wird,
irgendeine neue verletzende Taktlosigkeit,« versetzte die Generalin
scharf.

»Durchaus keine Taktlosigkeit oder Dummheit, sondern nur der Ausdruck
der größten Hochachtung, wenigstens meinerseits,« sagte plötzlich ganz
unerwartet Aglaja, die sich inzwischen gefaßt und ihre Verlegenheit
vollkommen überwunden hatte. Ja, man konnte sogar glauben, es freue sie
jetzt, daß sie den Scherz so weit getrieben hatte und die Erklärung nun
notwendigerweise folgen mußte. Und diese ganze Veränderung war in dem
einen Augenblick vor sich gegangen, als sie plötzlich die ganz
erstaunliche Verlegenheit und Verwirrung des Fürsten Lew Nikolajewitsch
bemerkt hatte.

»Da werd' einer klug draus! Zuerst lachen sie wie die Wahnsinnigen und
dann empfinden sie plötzlich die größte Hochachtung! Sag' sofort,
weshalb du jetzt mir nichts dir nichts die größte Hochachtung
empfindest?«

»Ganz einfach deshalb,« antwortete Aglaja ebenso ernst und -- man kann
sagen -- feierlich auf die fast zornige Frage der Mutter, »weil uns in
diesem Gedicht ein Mensch geschildert wird, der, nachdem er sich einmal
ein Ideal auserkoren und an dasselbe zu glauben begonnen -- ganz
abgesehen davon, daß er überhaupt dazu fähig ist --, diesem Ideal sein
ganzes Leben weiht. So etwas hört man jetzt nicht alle Tage. Leider ist
in dem Gedicht nicht direkt gesagt, worin denn eigentlich dieses Ideal
des >armen Ritters< bestand; aber es geht doch wenigstens aus ihm
hervor, daß es etwas so >Lichtes< gewesen, daß der verliebte Ritter
sogar auf den Schmuck der seidenen Schärpe verzichtet und statt dessen
stets den Rosenkranz zum Gebet bei sich trug. Allerdings gibt es dann
noch eine leise Anspielung im Gedicht, eine etwas unverständliche
Devise, die Buchstaben N. F. B., die er auf seinen Schild gemalt ...«

»A. M. D.!« korrigierte Koljä.

»Ich aber sage N. F. B.!« unterbrach ihn Aglaja ärgerlich. »Doch
gleichviel -- jedenfalls ist es klar, daß dem >armen Ritter< der wahre
Wert seiner Dame oder ihr Tun und Treiben mit der Zeit ganz gleichgültig
wird: er hat sie einmal zu seinem Ideal erwählt und ihrer >Erscheinung
so licht< Glauben geschenkt, das Weitere geht ihn nichts mehr an. Doch
das ist eben das Große, daß er auch dann, wenn sie zur Diebin würde,
dennoch an sie glauben und für ihre reine Schönheit Lanzen brechen
müßte. Der Dichter hat in der Gestalt des >armen Ritters< offenbar die
ganze Größe der mittelalterlichen platonischen Liebe irgendeines reinen
und hochstehenden Edelmannes darstellen wollen. Natürlich war das alles
nichts als Idealismus. Und im >armen Ritter< geht dieser Idealismus bis
zur letzten Grenze, so daß er schon Asketismus wird. Man muß aber doch
zugeben, daß die Fähigkeit zu einem solchen Idealismus eine große und
tiefe Bedeutung hat und an sich sogar sehr lobenswert ist. Der >arme
Ritter< ist auch ein Don Quijote, nur ein ernster und kein lächerlicher.
Zu Anfang begriff ich diesen armen Ritter nicht und lachte über ihn,
doch jetzt liebe ich ihn sehr und habe Hochachtung vor ihm.«

Als Aglaja geendet hatte, wußte keiner von den Anwesenden, ob sie im
Ernst oder nur im Scherz gesprochen.

»Nun, das muß wohl irgendein Dummkopf gewesen sein, ebenso dumm wie sein
ganzes großes Ideal!« entschied die Generalin. »Aber auch du, meine
Liebe, hast viel dummes Zeug zusammengeredet. Das war wirklich ganz
unpassend von dir. Was ist das für ein Gedicht? Sage es auf, du kannst
es doch gewiß auswendig. Ich will es unbedingt hören. Mein Lebtag habe
ich keine Gedichte ausstehen können, als hätte ich's vorausgeahnt! Und
da haben wir's nun! Um Gottes willen, lieber Fürst, dulde noch ein
wenig, wir sind beide, scheint es, zu gemeinsamem Dulden verurteilt,«
wandte sie sich an den Fürsten Lew Nikolajewitsch.

Sie ärgerte sich aufrichtig über Aglaja.

Fürst Lew Nikolajewitsch wollte zwar etwas sagen, brachte aber in seiner
Verwirrung kein Wort hervor. Nur Aglaja, die sich soviel herausgenommen
hatte, war die einzige von allen Anwesenden, die sich nicht im
geringsten geniert fühlte; ja, sie schien sich sogar darüber zu freuen,
daß es so weit gekommen war. Sie erhob sich sogleich, und es hatte fast
den Anschein, als hätte sie sich darauf vorbereitet und jetzt nur auf
die erste Aufforderung gewartet: sie trat vor und blieb mitten auf der
Terrasse, gegenüber dem im Lehnstuhl sitzenden Fürsten stehen. Alle
sahen sie im ersten Augenblick erstaunt an, und fast alle, wenigstens
die Mutter, die Schwestern und Fürst Sch. erschraken ein wenig; denn sie
fürchteten, daß diese neue Unart vielleicht doch gar zu weit gehen
könnte. Aus der Art und Weise, wie Aglaja vortrat und sich aufstellte,
ersah man, daß sie an diesem ganzen affektierten Vortrag des Gedichts
Gefallen fand. Es fehlte nicht viel, und Lisaweta Prokofjewna hätte sie
mit einem strengen Verweis auf ihren Platz zurückgeschickt. Doch kaum
hatte Aglaja die bekannte Ballade begonnen, als sich plötzlich zwei neue
Gäste laut sprechend auf dem Parkwege der Terrasse näherten. Es waren
das General Iwan Fedorowitsch Jepantschin und ein unbekannter junger
Mann. Auf der Terrasse ging eine kleine Bewegung durch die Anwesenden.


                                  VII.

Der junge Mann, in dessen Begleitung der General erschien, war eine
große und schlanke Erscheinung mit einem klugen Gesicht und dunklen
Augen, deren Blick sofort Scharfsinn und Spottlust verriet. Er zählte
etwa achtundzwanzig Jahre. Aglaja blickte sich nicht einmal nach ihm um,
sondern fuhr unbehelligt in ihrem Vortrag fort, und zwar wandte sie sich
ausschließlich an den Fürsten Myschkin, der nun seinerseits begriff, daß
sie mit diesem scheinbaren Scherz eine ganz bestimmte Absicht verfolgte.
Zum Glück half ihm das Erscheinen der neuen Gäste ein wenig aus seiner
unangenehmen Lage: er erhob sich sogleich, als er sie erblickte, nickte
dem General von weitem zu und bat ihn durch einen Wink, den Vortrag
nicht zu stören, worauf er hinter seinen Stuhl trat und, den linken
Ellenbogen auf die Lehne stützend, die Ballade in gewissermaßen freierer
Haltung zu Ende hören konnte. Lisaweta Prokofjewna hatte ihrerseits
sogleich durch eine befehlende Handbewegung ihrem Gatten und dem fremden
Herrn zu verstehen gegeben, daß sie dort stehen bleiben sollten, wo sie
waren. Fürst Lew Nikolajewitsch interessierte sich übrigens ungeheuer
für den neuen Gast, den ihm der General da zuführte: er erriet sofort,
daß der junge Mann kein anderer sein konnte als Jewgenij Pawlowitsch
Radomskij, von dem er so viel gehört, und an den er oft gedacht hatte.
Nur eines machte ihn stutzig: der junge Mann trug Zivilkleider, während
doch Jewgenij Pawlowitsch, soviel er wußte, Offizier war und eine
glänzende Uniform trug. Während des ganzen Vortrages der Ballade zuckte
ein spöttisches Lächeln um den Mund des jungen Mannes, als wäre in
seiner Gegenwart schon des öfteren vom >armen Ritter< die Rede gewesen.

»Vielleicht stammt sogar der ganze Einfall nur von ihm,« dachte der
Fürst bei sich.

Doch währenddem war mit Aglaja eine vollkommene Veränderung vor sich
gegangen. Die affektierte Feierlichkeit, mit der sie begonnen hatte, war
alsbald einem tiefen Ernst gewichen, und sie sprach jedes Wort so
einfach und doch mit so innigem Verständnis aus, daß sie zum Schluß
nicht nur die allgemeine Aufmerksamkeit gefesselt, sondern auch die
anfangs affektiert erschienene Feierlichkeit, mit der sie vorgetreten
war, gleichsam gerechtfertigt hatte. Wenigstens konnte man jene
Feierlichkeit nur noch als Ausdruck der Größe und, nun ja, auch Naivität
ihrer Hochachtung auffassen, die sie für den >armen Ritter< hegte. Ihre
Augen glänzten, und zweimal glitt kaum merklich ein leises Beben der
Begeisterung über ihr entzückendes Gesicht, als sie die Ballade vortrug.

Wenn der Fürst später an Aglajas Vortrag dieser Ballade zurückdachte,
peinigte ihn stets etwas für ihn ganz Unbegreifliches, und das war: wie
sie einen so innigen, schönen Vortrag, der doch von ihrer Begeisterung
für den Sinn der Ballade sprach, mit einer so boshaften Absicht, deren
Spott doch auf der Hand lag, hatte vereinigen können? Daß sie ihn aber
hatte verspotten wollen, daran zweifelte er keinen Augenblick. Den Spott
hatte er sogleich herausgemerkt, und zwar aus folgendem: Aglaja hatte
statt der drei Buchstaben A. M. D. drei andere Buchstaben, N. F. B.,
genannt. Daß sie es nicht aus Zerstreutheit oder sonstwie unbeabsichtigt
getan, davon war er fest überzeugt -- und mit Recht, wie sich später
herausstellte. Jedenfalls war aber dann Aglajas, sagen wir, Scherz ein
beabsichtigter. Und doch mußte er sich sagen, daß sie diese Buchstaben
nicht nur ohne jeden Hohn oder Spott oder auch nur die leiseste
Scherzhaftigkeit ausgesprochen hatte, sondern im Gegenteil mit so
unverändertem Ernst, mit so unschuldiger und naiver Einfachheit, daß man
sehr wohl hätte glauben können, vom Dichter seien in der Ballade gerade
diese Buchstaben und keine anderen angegeben. Es war dem Fürsten bei
diesen Gedanken zumute, als bohre sich etwas Schweres und Unangenehmes
in ihn hinein. Lisaweta Prokofjewna war die Veränderung überhaupt nicht
aufgefallen, und ihr Gatte, der General, begriff nur, daß »Verse«
deklamiert wurden -- das genügte ihm. Allen übrigen dagegen war Aglajas
Ausfall sogleich aufgefallen, und sie wunderten sich nicht wenig über
sie; doch bemühte man sich, so zu tun, als wäre nichts vorgefallen, um
so über die Sache hinwegzukommen. Nur Jewgenij Pawlowitsch hatte nicht
bloß begriffen, sondern -- darauf hätte der Fürst wetten mögen -- schien
auch zeigen zu wollen, wie gut er es begriffen hatte: so spöttisch
lächelte er.

»Wundervoll! Ein prächtiges Gedicht!« rief die Generalin aufrichtig
entzückt aus, als Aglaja geendet hatte. »Von wem ist es?«

»Von Puschkin, _maman_, beschämen Sie uns nicht, das muß man doch
wissen!« sagte Adelaida lachend.

»Ach, wenn man mit euch zusammenlebt, kann man noch viel dümmer werden!«
meinte Lisaweta Prokofjewna nicht ohne Bitterkeit. »Freilich ist es eine
Schande, Puschkin nicht zu kennen! Wenn wir nach Hause kommen, müßt ihr
mir sofort den Puschkin geben.«

»Ich glaube, wir besitzen gar keinen Puschkin.«

»Doch, zwei alte, halb zerrissene Bände liegen dort irgendwo seit
undenklichen Zeiten herum,« sagte Alexandra.

»Dann müssen wir sogleich in die Stadt schicken, Fedor oder Alexei, mit
dem nächsten Zug -- besser Alexei, damit er die Gesamtausgabe kauft.
Aglaja, komm her! Gib mir einen Kuß, du hast es vorzüglich vorgetragen,
aber -- wenn du es aufrichtig getan hast,« fuhr sie fast flüsternd fort,
»so tust du mir leid; hast du's aber getan, um ihn zu verspotten, so
heiß' ich deine Gefühle nicht gut, so daß es dann jedenfalls besser
gewesen wäre, du hättest geschwiegen. Verstehst du? So, und jetzt gehen
Sie, mein Fräulein, ich werde noch später mit dir reden, wir aber sind
hier doch etwas zu lange sitzen geblieben.«

Inzwischen hatte der Fürst den General begrüßt, worauf ihm dieser den
mitgebrachten Gast als Jewgenij Pawlowitsch Radomskij vorstellte.

»Unterwegs griff ich ihn auf, er war gerade mit dem letzten Zuge aus
Petersburg gekommen. Als er erfuhr, daß ich mich hierherbegebe und auch
die Meinigen alle hier sind ...«

»Als ich erfuhr, daß auch Sie hier sind,« unterbrach ihn Jewgenij
Pawlowitsch, »beschloß ich, da ich mir fest vorgenommen hatte, nicht nur
Ihre Bekanntschaft zu machen, sondern mich auch um Ihre Freundschaft zu
bewerben, weiter keine Zeit zu verlieren und die Gelegenheit zu
benutzen. Sie sind krank gewesen, wie ich höre ...«

»Gewesen, jetzt jedoch bin ich wieder ganz gesund, und es freut mich
sehr, Sie kennen zu lernen. Ich habe durch Fürst Sch. viel von Ihnen
gehört und sogar viel mit ihm über Sie gesprochen,« sagte Fürst Lew
Nikolajewitsch, indem er ihm die Hand reichte.

Die Begrüßungsworte waren ausgetauscht, sie drückten einander die Hand
und blickten sich eine Sekunde lang prüfend in die Augen. Die
Unterhaltung wurde im Handumdrehen allgemein. Der Fürst bemerkte
übrigens (er bemerkte jetzt sehr vieles und sehr schnell, vielleicht
aber auch manches, was gar nicht der Fall war), daß die Zivilkleidung
Jewgenij Pawlowitschs ganz ungewöhnliches Aufsehen erregte und die
Anwesenden so in Erstaunen setzte, daß im Augenblick alle übrigen
Eindrücke vergessen wurden. Daher war es auch nur natürlich, wenn der
Fürst in dieser Veränderung einen Umstand von besonderer Bedeutung und
großer Wichtigkeit vermutete. Adelaida und Alexandra begannen Jewgenij
Pawlowitsch erstaunt auszufragen, und Fürst Sch., der mit ihm verwandt
war, schien sogar sehr beunruhigt zu sein. Der General war geradezu
aufgeregt. Nur Aglaja betrachtete den jungen Mann mit vollkommener Ruhe,
ganz als hätte sie nur feststellen wollen, was ihm wohl besser stand,
die Uniform oder der Zivilanzug; doch kaum hatte sie ihn einmal von oben
bis unten betrachtet, als sie sich auch schon abwandte, um ihn dann
überhaupt nicht mehr zu beachten. Auch die Generalin stellte keine
einzige Frage an ihn, obschon auch sie sich vielleicht beunruhigt
fühlte. Dem Fürsten wollte es scheinen, daß Jewgenij Pawlowitsch bei ihr
zurzeit in Ungnade stand.

»Ich fiel aus den Wolken! Ich traute meinen Augen nicht!« war des
Generals Antwort auf die Fragen der Damen. »Ich wollte es einfach nicht
glauben, als ich ihm vorhin in Petersburg begegnete! Und weshalb so
plötzlich, das ist das Problem! Sonst ist er doch der erste, der anderen
den Rat gibt, nicht übereilt zu handeln.«

Wie aber aus dem folgenden Gespräch hervorging, hatte Jewgenij
Pawlowitsch schon vor langer Zeit mitgeteilt, daß er den Abschied nehmen
würde; doch hatte er es stets in einem so unernsten Tone gesagt, daß es
ihm von niemand geglaubt worden war. Übrigens war es seine Eigenart, von
allen ernsten Sachen unernst oder fast scherzend zu sprechen, so daß es
wirklich schwer war, herauszufühlen, wie er es nun in Wirklichkeit
meinte, namentlich, wenn er selbst wollte, daß die anderen es nicht
herausbekämen.

»Aber ich werde ja doch nur kurze Zeit, nur ein paar Monate, höchstens
ein Jahr in der Reserve bleiben,« sagte er lachend.

»Aber wozu das, das ist doch ganz überflüssig, wenigstens soweit ich
Ihre Verhältnisse kenne!« konnte sich der General noch immer nicht
beruhigen.

»Um meine Güter zu inspizieren. Dazu haben Sie mir doch selbst geraten;
und zudem will ich auch mal ins Ausland ...«

Das Gespräch ging auf einen anderen Gegenstand über, doch die
eigentümliche andauernde Unruhe bestärkte den Fürsten Lew Nikolajewitsch
unwillkürlich in der Vermutung, daß es sich hier um etwas Besonderes
handelte.

»Also der >arme Ritter< ist wieder in Szene gegangen?« fragte Jewgenij
Pawlowitsch, an Aglaja herantretend.

Doch diese maß ihn zur größten Verwunderung des Fürsten nur mit erstaunt
fragendem Blick, als wolle sie sagen, daß zwischen ihnen doch wohl nie
vom >armen Ritter< die Rede gewesen sein könne und sie seine Frage
überhaupt nicht verstehe.

»Aber es ist doch zu spät, jetzt ist es doch viel zu spät, noch in die
Stadt zu schicken, um den Puschkin zu kaufen!« bemühte sich Koljä, die
Generalin, mit der er sich wieder stritt, von ihrem Vorhaben
abzubringen. »Glauben Sie mir doch endlich, ich sage es Ihnen zum
dreitausendstenmal: es ist heute viel zu spät dazu!«

»Ja, heute ist es allerdings zu spät, noch in die Stadt zu schicken,«
pflichtete ihm Jewgenij Pawlowitsch, der sich von Aglaja möglichst
schnell abwandte, bei. »Auch, glaube ich, dürften die Läden in
Petersburg schon geschlossen sein, die Uhr geht bereits auf neun,« sagte
er nach einem Blick auf seine Taschenuhr.

»Und in der vornehmen Welt ist's ja auch gar nicht Sitte, sich so
lebhaft für Literatur zu interessieren! Fragen Sie mal Jewgenij
Pawlowitsch. Das fashionabelste ist heutzutage, in einem gelben
Char-à-bancs mit roten Rädern spazieren zu fahren.«

»Schon wieder ein Zitat, Koljä!« seufzte Adelaida in komischer
Verzweiflung.

»Aber ich bitt' Sie, er spricht ja doch nie anders als in Zitaten,«
versetzte Jewgenij Pawlowitsch. »Mitunter kann man ganze Phrasen der
>Kritischen Rundschau< von ihm wiederhören. Ich habe schon lange das
Vergnügen, Nikolai Ardalionytschs Redeweise zu kennen; doch diesmal war
es kein Zitat, sondern eine nicht mißzuverstehende Anspielung auf meinen
gelben Char-à-bancs mit roten Rädern. Nur haben Sie sich damit leider
ein wenig verspätet, denn ich habe meinen Wagen bereits umgetauscht.«

Der Fürst hörte Radomskij mit großem Interesse zu. Er fand, daß Jewgenij
Pawlowitsch sich ganz vorzüglich hielt, und namentlich gefiel ihm außer
seiner Bescheidenheit und Scherzhaftigkeit, daß er so freundschaftlich
mit Koljä sprach, wie mit einem völlig Gleichstehenden, und obgleich
dieser ihn doch offenbar hatte foppen wollen.

»Was ist das?« fragte Lisaweta Prokofjewna erstaunt, als plötzlich Wjera
Lebedewa mit mehreren ganz neuen, prächtig eingebundenen Büchern großen
Formats vor ihr erschien und ihr eines derselben reichte.

»Puschkin,« sagte Wjera. »Unser Puschkin. Papa befahl mir, Ihnen unseren
Puschkin zu bringen.«

»Wie das? Wie ist das möglich?« wunderte sich die Generalin.

»Nicht als Geschenk, nicht als Geschenk! Wie dürfte ich das wagen!«
beteuerte sofort Lebedeff, der im Augenblick neben seiner Tochter
auftauchte. »Zum selben Preise, für den ich ihn gekauft! Das ist mein
eigener, sozusagen unser Familien-Puschkin, die Gesamtausgabe
Annenkoffs, die jetzt nirgends mehr zu haben ist -- zu demselben Preise,
wie gesagt. Ich biete Ihnen die ganze Ausgabe untertänigst zum Kaufe an,
um die edle Ungeduld des literarischen Wissensdranges Eurer Exzellenz zu
befriedigen.«

»Ach so, du willst deinen Puschkin verkaufen, -- besten Dank. Sollst
nichts verlieren, hab' keine Angst; nur krümme dich, bitte, nicht so
viel, Väterchen. Ich habe von dir gehört: du sollst ja ungeheuer belesen
sein, sagt man. Dann können wir einmal diskutieren. Wirst du selbst
deinen Puschkin zu mir bringen?«

»Gewiß mit der größten Ehrfurcht und ... Ehrerbietung!« -- Lebedeff, der
die Bücher seiner Tochter bereits aus den Händen gerissen, zerschmolz
förmlich vor Seligkeit.

»Verlier' sie nur nicht bis dahin, bring sie meinetwegen auch ohne
Ehrerbietung, doch mit der einen Bedingung,« fügte sie langsam, ihn
kritisch betrachtend, hinzu, »nur bis zur Schwelle; denn heute werde ich
dich nicht empfangen. Deine Tochter Wjera dagegen laß mal ruhig sogleich
zu uns kommen, die gefällt mir sehr.«

»Warum sagen Sie denn nichts von jenen, Papa?« wandte sich Wjera
ungeduldig an ihren Vater. »So werden sie ja schließlich noch
unaufgefordert eintreten, sie sind ja doch nicht mehr zu halten. Lew
Nikolajewitsch,« wandte sie sich an den Fürsten, der nach seinem Hut
gegriffen hatte, um Jepantschins, die bereits aufbrechen wollten, zu
begleiten; »es sind dort welche, die mit Ihnen sprechen wollen, vier
junge Leute, sie warten bei uns und sind wütend, weil Papa sie nicht zu
Ihnen lassen will.«

»Was wollen sie von mir?« fragte der Fürst.

»Es sei eine geschäftliche Angelegenheit, sagen sie; aber sie sind jetzt
so weit, daß sie, wenn man sie nicht empfängt, schließlich noch einen
großen Skandal machen werden. Sie können Sie im Park aufhalten. Ich
denke, es ist besser, Lew Nikolajewitsch, Sie empfangen sie jetzt
schnell und schicken sie dann fort -- dann sind Sie sie los. Gawrila
Ardalionytsch und Ptizyn reden dort mit ihnen und wollen sie beruhigen,
aber sie wollen sich nicht fortschicken lassen.«

»Pawlischtscheffs Sohn, Pawlischtscheffs Sohn ist's! Lohnt sich nicht,
nicht der Mühe wert!« beteuerte Lebedeff, mit beiden Händen abwinkend.
»Es lohnt sich wahrhaftig nicht, sie überhaupt anzuhören! Und sich von
solchen Leutchen auch nur aufhalten zu lassen, wäre ganz unter Ihrer
Würde, durchlauchtigster Fürst. Jawohl, das ist meine Meinung. Es lohnt
sich wahrhaftig nicht ...«

»Pawlischtscheffs Sohn! Großer Gott!« entfuhr es dem Fürsten in der
ersten Bestürzung. »Ich weiß ... aber ich habe doch ... ich habe doch
diese ganze Angelegenheit Gawrila Ardalionytsch übergeben! Und Gawrila
Ardalionytsch sagte mir vor einer Stunde ...«

In dem Augenblick trat Gawrila Ardalionytsch aus dem Zimmer auf die
Terrasse und ihm folgte Ptizyn. Im nächsten Zimmer hörte man Lärm und
wüstes Stimmengewirr, aus dem nur die laute Stimme des alten Iwolgin zu
unterscheiden war, da dieser offenbar die anderen überschreien wollte.
Koljä eilte sofort hin.

»Das ist ja sehr interessant,« bemerkte plötzlich Jewgenij Pawlowitsch
laut, so daß es alle hörten.

»Ah, also er weiß etwas davon!« dachte der Fürst bei sich.

»Was? Ein Sohn von Pawlischtscheff? Aber ... was kann denn das für ein
Sohn von Pawlischtscheff sein?« wunderte sich General Jepantschin und
blickte fragend vom einen zum anderen. Zu seinem Erstaunen bemerkte er,
daß alle etwas zu wissen schienen, wovon nur er allein keine Ahnung
hatte.

Allerdings wäre die allgemeine Erwartung und das offenkundige Interesse
der Anwesenden selbst einem Unbefangenen aufgefallen; den Fürsten aber
wunderte es unsäglich, daß eine Angelegenheit, die nur ihn persönlich
etwas anging, so vielen bereits bekannt war, und daß so viele auch nur
das geringste Interesse daran haben konnten.

»Das ist sehr gut, daß Sie diese ganze Angelegenheit hier sogleich
_selbst_ erledigen werden,« sagte Aglaja, die plötzlich an den Fürsten
herangetreten war, mit auffallendem Ernst, »und ich hoffe, daß Sie uns
allen erlauben, Ihre Zeugen zu sein. Man will Sie herabziehen, Fürst,
deshalb müssen Sie sich stolz verteidigen. Ich freue mich schon im
voraus für Sie.«

»Ja, auch ich wünsche es, daß diese empörende Prätention endlich einmal
energisch zurückgewiesen wird!« sagte die Generalin laut. »Lieber Fürst,
schone sie nicht, gib's ihnen ordentlich! Mir gellen schon die Ohren von
dieser Skandalgeschichte, weiß Gott, sie hat viel böses Blut in mir
gemacht. Deinetwegen, Fürst. Und es wird auch nicht uninteressant sein,
diese Menschensorte einmal kennen zu lernen. Ruf' sie nur herein, wir
setzen uns inzwischen. Das war sehr richtig von dir, Aglaja, was du da
sagtest. Haben Sie schon davon gehört, Fürst?« wandte sie sich an den
Fürsten Sch.

»Oh, gewiß; in Ihrem Hause. Doch was mich besonders interessiert, ist --
jene jungen Leute mit eigenen Augen zu sehen,« antwortete Fürst Sch.

»Das sind jetzt also Nihilisten, nicht wahr?«

»Nein, nicht gerade Nihilisten,« griff sofort Lebedeff, der vor
Aufregung nicht wußte, wo er sich lassen sollte, einen Schritt
nähertretend, das Wort auf; »sie gehören zu einer anderen, einer ganz
besonderen Kategorie. Mein Neffe sagt, sie gingen viel weiter als die
Nihilisten. Eure Exzellenz glauben vielleicht, sie durch Eurer Exzellenz
Anwesenheit einzuschüchtern; das wäre aber ein großer Irrtum Eurer
Exzellenz: die pfeifen drauf! Nihilisten sind mitunter auch verständige
Leute, sogar gelehrte Leute, diese aber sind weitergegangen, sie sind
vor allem Geschäftsleute und beginnen sogleich mit der Tat. Diese Sorte
Menschen ist eigentlich nur eine gewisse Folge des Nihilismus, doch
wiederum auch keine direkte Folge, sondern sozusagen eine indirekte,
halb nur nach dem Hörensagen, und ihre Meinung äußern sie nicht etwa wie
jene in Zeitungsartikelchen, sondern direkt in Taten, sehen Sie! Und
nicht nur um die, nun, zum Beispiel, Sinnlosigkeit Puschkins, oder, zum
Beispiel, um die Notwendigkeit des Zerfalls des Russischen Reiches
handelt es sich bei ihnen! -- nein, sie erklären einfach, ein jeder habe
das Recht, wenn er nach irgend etwas Verlangen trägt, vor keinem
Hindernis mehr zurückzuschrecken oder sich von moralischen Bedenken
abhalten zu lassen, und wenn es auch heißt, bei der Gelegenheit acht
lebendige Menschen um einen Kopf kürzer zu machen. Deshalb würde ich
Ihnen, durchlauchtigster Fürst, aufrichtig abraten ...«

Doch der Fürst schritt bereits zur Tür, um sie den ungebetenen Gästen zu
öffnen.

»Sie verleumden sie, Lebedeff,« sagte er lächelnd, »Ihr Neffe hat Sie
gar zu sehr betrübt. Glauben Sie ihm nicht, Lisaweta Prokofjewna. Ich
versichere Sie, die Gorskys und Daniloffs[17] sind nur einzelne Fälle,
diese hier aber ... irren sich nur ... Nur würde ich nicht gern hier in
Gegenwart aller ... Verzeihen Sie, Lisaweta Prokofjewna, wenn ich die
jungen Leute nur auf einen Augenblick hierherbitte, damit Sie sie sehen
können, und sie dann wieder fortführe. -- Bitte, meine Herren!«

Ihn beunruhigte weniger die bevorstehende Aussprache, als ein gerader
qualvoller Gedanke: wie nun, wenn dieses Zusammentreffen, gerade an
diesem Tage und zu dieser Stunde, von irgend jemand absichtlich
herbeigeführt worden war, um gerade diesen Zeugen nicht etwa seinen
Sieg, sondern seine Niederlage zu zeigen? Doch das Quälendste waren die
Vorwürfe, die er sich selbst wegen seines »schändlichen, schamlosen
Argwohns« machte. Er wäre gestorben vor Scham, wenn jemand um seine
geheimen Gedanken gewußt hätte, und als die neuen Gäste auf die Terrasse
hinaustraten, war er aufrichtig bereit, sich unter allen Anwesenden in
sittlicher Beziehung für den Letzten der Letzten zu halten.

Auf die Terrasse traten im ganzen fünf Mann, vier neue Gäste und hinter
diesen der alte General Iwolgin -- höchst ereifert und aufgebracht und,
wie gewöhnlich in solchen Fällen, von überströmender Redelust. »Der
wenigstens wird zu mir halten!« dachte der Fürst lächelnd. Mit Hippolyt
war gleichzeitig auch Koljä wieder auf die Terrasse zurückgekehrt --
Hippolyt war einer von den vieren. Koljä redete eifrig auf ihn ein, doch
jener lächelte nur boshaft.

Der Fürst bat die Neueingetretenen, Platz zu nehmen. Sie waren aber alle
noch so unausgewachsene Jungen, daß man sich über sie, ihr Vorhaben und
die Umstände, die man mit ihnen machen mußte, nur wundern konnte. Iwan
Fedorowitsch Jepantschin zum Beispiel, der von dieser ganzen »neuen
Geschichte« nichts wußte und nichts begriff, ärgerte sich sogleich über
ihre Jugend und hätte sicherlich irgendwie gegen eine weitere
Verhandlung protestiert, wenn ihn nicht dies unerklärliche Interesse
seiner Gemahlin für die Privatangelegenheit des Fürsten stutzig gemacht
hätte. Übrigens blieb er zum Teil auch aus Neugier und zum Teil aus
Gutmütigkeit, in der Hoffnung, vielleicht auch helfen, doch jedenfalls
durch seine Autorität von Nutzen sein zu können. Da aber wagte es der
alte General Iwolgin, ihn von weitem zu grüßen, was Seine Exzellenz
sogleich wieder so empörte, daß er beschloß, »finster und schweigend
auszuharren«.

Übrigens war einer von den vier doch nicht mehr so ganz jung -- so an
die Dreißig; das war jener Unterleutnant aus der Rogoshinschen Rotte,
»der Boxer« genannt, der »einst selbst an die fünfzehn Rubel den
Bettlern gegeben«. Er begleitete die übrigen drei als aufrichtiger
Freund zur Unterstützung ihres Mutes und, falls erforderlich, auch ihrer
Muskeln. Unter den übrigen drei spielte die erste Rolle natürlich
derjenige, der von sich behauptete, Pawlischtscheffs Sohn zu sein; doch
stellte er sich dessenungeachtet als Antip Burdowskij vor. Er war ein
langer, magerer, blonder, junger Mann von etwa zweiundzwanzig Jahren, in
ärmlicher Kleidung, die sich noch durch Unordentlichkeit, Schmierigkeit
und fast spiegelblanke Ellenbogen auszeichnete; die Weste hatte er bis
zum Halse zugeknöpft, die Wäsche war Gott weiß wo geblieben, die
Krawatte war bis zur Unglaublichkeit fettig und fast zur Schnur
zusammengerollt; die Hände waren ungewaschen, das Gesicht sehr finnig,
und der Blick war, wenn man sich so ausdrücken kann, unschuldig-frech.
Dennoch lag in seinem Gesicht keine Spur von Ironie oder Berechnung,
sondern nur ein stumpfes Berauschtsein von seinem »Recht« und
gleichzeitig ein seltsames Etwas, das sein unersättliches Bedürfnis,
beständig beleidigt zu sein oder sich beleidigt zu fühlen, mit
ziemlicher Deutlichkeit verriet. Er sprach aufgeregt und schnell, blieb
jedoch nach jeden drei Worten im Satz stecken, als wäre ihm das Stottern
angeboren oder als wäre er ein Ausländer.

Ihn begleiteten der Neffe Lebedeffs, der den Lesern bereits bekannt ist,
und Hippolyt. Diesen sah der Fürst zum erstenmal. Er war noch sehr jung,
-- siebzehn, höchstens achtzehn Jahre mochte er zählen; sein Gesicht
hatte einen klugen, doch stets gereizten Ausdruck und zeigte deutlich
die furchtbaren Anzeichen seiner Krankheit. Mager war er wie ein
Skelett, seine Augen glänzten, und auf den eingefallenen Wangen von
gelblich-bleicher Farbe zeichneten sich zwei rote Flecke ab. Er hustete
sehr stark und sein Atmen hatte etwas Pfeifendes. Man sah es ihm sofort
an, daß er im höchsten Grade schwindsüchtig war -- zwei bis drei Wochen
konnte er vielleicht noch leben. Er war erschöpft und ließ sich als
erster auf einen Stuhl nieder. Die anderen waren im ersten Augenblick
etwas zeremoniell und fast sogar schüchtern geworden, blickten indes
doch noch möglichst wichtig drein und waren offenbar sehr darauf
bedacht, sich nicht irgendwie eine gesellschaftliche Blöße zu geben, was
mit ihrer Reputation, grundsätzliche Gegner aller unnützen
gesellschaftlichen Formen, aller Vorurteile und fast alles übrigen außer
der Wahrnehmung ihrer eigenen Interessen zu sein, sehr sonderbar
harmonierte.

»Antip Burdowskij,« stellte sich eilig und doch stotternd der sogenannte
»Sohn Pawlischtscheffs« vor.

»Wladimir Doktorenko,« sagte klar und deutlich und als wolle er sich
damit brüsten, daß er ein Doktorenko war, der Neffe Lebedeffs.

»Keller!« brummte kurz und nicht sehr laut der verabschiedete
Unterleutnant.

»Hippolyt Terentjeff,« meldete sich als letzter mit ganz unerwartet
kreischender Stimme der Schwindsüchtige. Alle setzten sich in einer
Reihe auf die Stühle, gegenüber dem Fürsten; alle machten sie, nachdem
sie ihre Namen genannt, finstere Gesichter und nahmen, gleichsam um sich
zu ermutigen, die Mützen aus der einen Hand in die andere; alle
bereiteten sich vor, zu sprechen, doch keiner machte den Anfang, und so
schwiegen sie und erwarteten mit herausfordernden Mienen, was nun kommen
werde, während ihre Blicke selbstbewußt zu sagen schienen: »Nein,
Verehrtester, uns führt man nicht hinters Licht!« Man fühlte gleichsam,
daß sie, falls nur einer von ihnen den Mund auftun und mit einem Wort
beginnen würde, sogleich alle Mann ihm in die Rede fallen und dann kreuz
und quer durcheinander reden würden.


                                 VIII.

»Ich habe keinen von Ihnen erwartet, meine Herren,« begann der Fürst,
»denn ich war bis heute krank. Doch Ihre Angelegenheit,« wandte er sich
an Burdowskij, »habe ich bereits vor einem Monat Herrn Gawrila
Ardalionytsch Iwolgin anvertraut, wovon Sie durch mich noch an demselben
Tage in Kenntnis gesetzt worden sind. Übrigens habe ich auch gegen eine
persönliche Aussprache nichts einzuwenden, nur werden Sie doch wohl
selbst einsehen, daß ... zu einer so späten Stunde ... Ich mache Ihnen
den Vorschlag, wir ziehen uns in eines meiner Zimmer zurück, wenn es
voraussichtlich nicht allzulange dauern wird ... Ich habe hier
augenblicklich Besuch ...«

»Besuch ... das geht uns nichts an, aber Sie werden mir doch die
Bemerkung gestatten,« unterbrach ihn der Neffe Lebedeffs in äußerst
belehrendem Ton, wenn auch nicht mit allzu erhobener Stimme, »die
Bemerkung gestatten, daß Sie uns auch etwas höflicher behandeln könnten
und uns nicht zwei Stunden lang in Ihrer Dienerstube warten lassen ...«

»Und natürlich ... auch ich ... das ist natürlich nach Fürstenart! Und
das ... Sie sind also ein General! Ich bin aber nicht Ihr Diener! Auch
ich ... ich ...« begann plötzlich in unbeschreiblicher Erregung Antip
Burdowskij zu stottern; seine Lippen und seine Stimme bebten, und bei
jedem Wort spritzte Speichel aus seinem Munde, als wäre er im Begriff
vor Wut zu bersten; doch ebenso plötzlich, wie er begonnen, hörte er
auch wieder auf; was er aber hatte sagen wollen, das begriff kein
einziger.

»Das war echt fürstlich!« lachte höhnisch mit heiserer, gleichsam
kreischender Stimme Hippolyt.

»Wenn man sich das mir gegenüber erlaubt hätte,« brummte der Boxer, »ich
meine, direkt mir gegenüber, so hätte ich als Mann von Ehre an
Burdowskijs Stelle ... ich ... khm« -- er räusperte sich.

»Aber, auf Ehrenwort, meine Herren, ich habe es erst vor zwei Minuten
erfahren, daß Sie da sind,« versicherte der Fürst.

»Wir haben keine Furcht vor Ihren Freunden, Fürst, wer diese Freunde
auch immer sein mögen, denn wir sind in unserem Recht,« erklärte
Lebedeffs Neffe.

»Was für ein Recht aber haben Sie? Erlauben Sie, daß ich Sie das frage,«
schrie wieder Hippolyt mit seiner heiseren Stimme, »was für ein Recht
haben Sie, Burdowskijs Privatangelegenheit dem Urteil Ihrer Freunde zu
unterbreiten? Woher wissen Sie, ob wir das Urteil Ihrer Freunde
überhaupt hören wollen? Man kann sich ja denken, was das für ein Urteil
sein wird!«

»Aber wenn Sie, Herr Burdowskij, die Sache nicht in Gegenwart
Unbeteiligter erörtern wollen,« gelang es dem Fürsten, den dieser Anfang
ganz betroffen gemacht hatte, einzuwenden, »so bin ich ja doch, wie
gesagt, sogleich bereit, mich mit Ihnen allen in ein Zimmer
zurückzuziehen, und ich bitte Sie, mir nur glauben zu wollen, daß ich
erst vor zwei Minuten ...«

»Aber Sie haben kein Recht, Sie haben kein Recht, Sie haben nicht das
Recht dazu! ... Ihre Freunde ... besagen gar nichts!« ... ereiferte sich
wieder der stotternde Burdowskij mit wildem und doch scheuem Blick auf
all die fremden Menschen ringsum. Je mehr er seiner Umgebung mißtraute
und je unsicherer er sich in ihr fühlte, um so aufgebrachter wurde er.
»Und Sie haben kein Recht! Ganz einfach!«

Und nachdem er das hervorgestoßen, verstummte er wieder so plötzlich wie
vorher und starrte, indem er seine kurzsichtigen, auffallend gewölbten
Augen, deren Äderchen sehr dick und sehr rot waren, unheimlich aufriß,
mit fragendem Blick den Fürsten an, wobei er seinen ganzen Oberkörper
weit vorbeugte. Diesmal aber war der Fürst so verblüfft, daß auch er
verstummte und ihn gleichfalls wortlos fragend ansah.

»Lew Nikolajewitsch!« rief ihn plötzlich Lisaweta Prokofjewna zu sich,
»hier, lies das, dieses hier, und bitte laut; lies es sofort, es bezieht
sich direkt auf diese Angelegenheit.«

Sie hielt ihm mit einer befehlenden Handbewegung eines unserer
humoristischen Wochenblätter hin und deutete mit dem Finger auf den
Titel des Leitartikels. Lebedeff, der sich eifrig um die Gunst Lisaweta
Prokofjewnas bewarb, war beim Eintritt der Gäste sogleich hinter ihren
Stuhl geschlüpft, hatte aus der Seitentasche seines Rockes das Blatt
hervorgezogen und es ihr vor die Augen gehalten, mit dem Zeigefinger
eifrig auf die erste angestrichene Spalte weisend. Sie überflog den
Anfang des Artikels, und was sie da las, empörte sie sichtlich tief.

»Wäre es nicht besser, wenn man es nicht laut lesen würde,« wagte der
Fürst, nicht wenig verwirrt, einzuwenden, »ich kann es ja auch später
lesen, wenn ich allein bin ...«

»Ach, dann lies lieber du es, sofort, laut! So daß es alle hören!«
wandte sich Lisaweta Prokofjewna an Koljä in einem Tone, der keinen
Widerspruch duldete, und gereizt nahm sie dem Fürsten das Blatt, das er
kaum genommen hatte, wieder aus der Hand, um es Koljä zu geben. »Lies es
laut vor, laut, hörst du, so daß alle es hören, hier, dies hier!«

Lisaweta Prokofjewna war eine heißblütige Dame, die sich leicht
hinreißen ließ. Es kam oft vor, daß sie plötzlich ganz unbedacht alle
Anker lichtete und ins offene Meer hinausfuhr, ohne dabei vorher nach
dem Wetter zu fragen. Iwan Fedorowitsch bewegte sich unruhig. Doch alle
waren noch so überrascht und verwundert, daß niemand daran dachte, gegen
das laute Vorlesen Einspruch zu erheben, und so begann denn Koljä, dem
Lebedeff sogleich eifrig zeigte, von wo er anfangen sollte, mit lauter
Stimme den Artikel vorzulesen, der folgendermaßen lautete:

»_Proletarier und Aristokraten!_ Ein Beispiel unserer alltäglichen
Diebstähle! _Fortschritt! Reform! Gerechtigkeit!_«

»Seltsame Dinge ereignen sich in unserem sogenannten heiligen Rußland,
in unserem Jahrhundert der Reformen und handelspolitischen Initiativen,
des erwachenden Nationalbewußtseins und der jährlichen Ausfuhr von
mehreren Hundertmillionen ins Ausland, im Jahrhundert der Handels- und
Industriebegünstigung und der Ohnmacht des Arbeiters usw. usw., -- alles
läßt sich gar nicht aufzählen, meine Herrschaften, und deshalb zur
Sache.

»Er war ein Sproß unsrer einst so allmächtig _gewesenen_ (_de
profundis!_) Aristokratie, einer von jenen, deren Großväter bereits ihr
ganzes Vermögen im Auslande auf grünen Tischen verzettelt, deren Väter
dann ihr Leben als Junker und Leutnants fristen mußten und in der Regel
wegen eines harmlosen Kassendefizits im Untersuchungsgefängnis starben,
und deren Kinder jetzt entweder als Idioten vegetieren, gleich dem
Helden unserer Erzählung, oder sich in Kriminalprozesse verwickeln,
wofür sie übrigens -- wohl infolge der neuen Erziehungs- und
Besserungsprinzipien -- von den Geschworenen freigesprochen werden; oder
die schließlich für Unterhaltungsstoff sorgen, indem sie Stückchen
losschießen, die das Publikum in Erstaunen setzen und unseren ohnehin
schon beschämenden Zeitgeist zu einem noch beschämenderen machen.

»Vor etwa einem halben Jahre kehrte unser Adelssproß in ausländischen
Stiefeletten und zitternd vor Kälte in einem ungefütterten Kapuzenmantel
mitten im Winter nach Rußland zurück, und zwar kam er damals direkt aus
der Schweiz, wo er sich längere Zeit aufhielt, um sich zu heilen; denn
er war krank, und seine Krankheit war -- die Idiotie. (_Sic!_) Man muß
gestehen, daß ihm das Glück nicht abhold gewesen ist; denn von Idiotie
geheilt zu werden, dürfte mehr Glück sein, als Fortuna je einem
Sterblichen vergönnt hat. Man bedenke: von Idiotie! Und diese Gunst
Fortunas läßt sich in seinem ganzen Leben nachweisen: als Säugling
allein auf Erden zurückgeblieben -- nach dem Tode eines Vaters, der
infolge des Verlustes der Regimentskasse -- im Kartenspiel, versteht
sich -- in Untersuchungshaft gestorben, vielleicht aber auch infolge
einer für Untergebene in Menschengestalt zu reichlich bemessenen
Prügelstrafe (Sie entsinnen sich wohl noch der alten Zeiten, meine
Herrschaften?), war unser Adelssproß von einem äußerst reichen
Gutsbesitzers aus Gnade und Mitleid erzogen worden. Dieser russische
Gutsbesitzer -- nennen wir ihn der Kürze halber Herrn P. -- besaß in der
alten goldenen Zeit seine viertausend Leibeigene (Leibeigene! Begreifen
Sie diesen Ausdruck, meine Herrschaften? Ich nicht. Ich werde im
Konversationslexikon nachschlagen: -- >Jung ist die Sage, und doch kaum
glaublich<[18] kann man mit Gribojedoff sagen) und gehörte offenbar zu
jenen Russen, die ewig auf der Bärenhaut liegen und ihre müßige Zeit im
Auslande verbringen, im Sommer in Kurorten und im Winter in Paris, und
dort gewöhnlich in einem Château des Fleurs, wo sie seinerzeit
unermeßliche Summen zurückgelassen haben. Man kann ja doch fast positiv
behaupten, daß wenigstens ein Drittel des ganzen zur Zeit der
Leibeigenschaft in Rußland gezahlten Pachtzinses in die Hände der
Besitzer des Pariser Château des Fleurs geflossen ist. (Muß das ein
glücklicher Mensch gewesen sein!). Doch wie dem auch sei, jedenfalls
ließ der sorglose Herr P. seinen Pflegling fürstlich erziehen,
engagierte für ihn Erzieher und Gouvernanten (zweifellos recht hübsche),
die er natürlich nicht vergaß, aus Paris selbst mitzubringen. Doch
leider erwies sich der Sproß, der Letzte seines Stammes, als Idiot. Da
half auch die ganze Kunst der Pariser Gouvernanten nichts, und bis zum
zwanzigsten Lebensjahre erlernte ihr Zögling überhaupt keine Sprache,
die russische nicht ausgenommen. Letzteres dürfte übrigens verzeihlich
sein. Eines schönen Tages aber beglückte das ruhende Gehirn des Herrn P.
der wundervolle Gedanke, daß man dem Idioten in der Schweiz ganz
sicherlich zu gesundem Verstande verhelfen könne -- ein Gedanke, der
unter diesen Verhältnissen von einwandfreier Logik war: wie sollte ein
Mensch seines Schlages nicht der Meinung sein, daß man für Geld selbst
Verstand auf dem Markte kaufen könne, und noch dazu in der Schweiz! Für
seinen Zögling folgten also fünf Jahre lang kalte Duschen in der Schweiz
unter Aufsicht eines berühmten Professors, wie es sich von selbst
versteht, und Geld ward für ihn ausgegeben zu Tausenden. Aus dem Idioten
wurde natürlich kein Philosoph; aber immerhin entwickelte sich in ihm
ein Quantum Verstand, das vorläufig genügte, um ihn wenigstens einen
Menschen nennen zu können, allerdings nur mit knapper Not. Da aber
stirbt Herr P. ganz unvorhergesehen. Ein Testament hinterläßt er
selbstverständlich nicht, und selbstverständlich herrscht in seinen
Vermögensverhältnissen die größte Unordnung; Erben aber gibt es mehr als
genug, Erben, denen um die Heilung erblicher Idioten in der Schweiz
nicht das allermindeste zu tun ist. Der Idiot war zwar ein Idiot, wußte
aber dennoch so klug zu sein, daß er seinen Professor geschickt betrog
und sich jahrelang umsonst von ihm behandeln ließ, indem er ihm den Tod
P.'s verschwieg. Doch auch der Professor war nicht auf den Kopf
gefallen: der völlige Geldmangel erschien ihm schließlich doch etwas
bedenklich, und da der zunehmende Appetit seines fünfundzwanzigjährigen
Zöglings die Sache für ihn noch bedenklicher machte, so entschloß er
sich, seinen Patienten abzuschütteln, schenkte ihm seine alten
Stiefeletten, desgleichen seinen alten Kapuzenmantel und expedierte ihn
nach Rußland, indem er auch noch die Reise dritter Klasse aus seiner
Tasche bezahlte. Nun sollte man meinen, Fortuna habe dem Jüngling fortan
nur noch ihre Rückseite gezeigt, doch nein, -- mitnichten! Sie, die
ganze Gouvernements Hungers sterben läßt, schüttet plötzlich das
Füllhorn ihrer Gaben über dem Haupte des aristokratischen Idioten aus,
gleich der >Wolke< in Kryloffs berühmter Fabel, die über das dürre Feld
zieht, ohne einen Tropfen Wassers zu spenden, und über dem Ozean einen
ganzen Gewitterregen niedergehen läßt. Also geschah es auch hier: fast
an demselben Tage, an dem der junge Mann in Petersburg eintrifft, stirbt
in Moskau ein Verwandter seiner Mutter (der natürlich nur ein Kaufmann
war), ein alter, kinderloser, griesgrämiger Altgläubiger mit einem
langen Bart, und hinterläßt ein Kapital von mehreren Millionen, und
dieses ganze unantastbare, bare Geld (wenn wir es doch hätten!) -- alles
das fällt unserem Idioten, der fürwahr mehr Glück als Verstand hat, ohne
die geringsten Scherereien in den Schoß! Da zog natürlich alle Welt
sogleich ganz andere Saiten auf: unser Baron in den alten Stiefeletten,
der sich sofort in eine berühmte Schönheit und ebenso berühmte Mätresse
verliebte, war in kürzester Frist von einer Schar von Freunden umgeben,
es fanden sich sogar Verwandte ein, und bald ward er von einem ganzen
Heer hochwohlgeborener junger Mädchen belagert, die nur noch eine
Sehnsucht kannten: von ihm zum Altar geführt zu werden; denn er ist doch
das Ideal eines Gatten: Aristokrat, Millionär und Idiot -- was will man
mehr? -- alle guten Eigenschaften in einer Person! Einen solchen Mann
kann man ja mit der Laterne suchen, ohne ihn zu finden, und selbst auf
Bestellung könnte einem keiner einen zweiten solchen liefern! ...«

»Das ... das ist aber doch empörend!« rief Iwan Fedorowitsch Jepantschin
in höchster Entrüstung aus.

»Hören Sie auf, Koljä!« rief ihm der Fürst beschwörend zu.

Von allen Seiten wurden Ausrufe laut.

»Lesen! Um jeden Preis weiterlesen!« befahl Lisaweta Prokofjewna kurz
und bündig. Man sah es ihr an, daß sie nur noch mit Mühe an sich hielt.
»Fürst!« wandte sie sich an diesen, »wenn du ihn nicht weiterlesen läßt
-- sind wir Feinde!«

Es war also nichts zu machen, und Koljä, der vor Scham errötet war, fuhr
mit erregter Stimme in der Lektüre fort.

»Doch während unser junger Millionär sozusagen im Überflusse schwelgt,
geschieht etwas ganz Nebensächliches. Eines schönen Morgens erscheint
bei ihm ein Herr mit einem ruhigen, strengen Gesicht, tadellos, doch
unauffällig gekleidet, mit höflicher, würdiger und rechtschaffener Rede
und mit augenscheinlich liberalen Ansichten. In zwei Worten erklärt er
ihm den Grund seines Erscheinens: er ist ein bekannter Advokat, der von
einem jungen Mann, in dessen Namen er erschienen ist, einen gewissen
Auftrag erhalten hat, und jener ist nichts mehr und nichts weniger als
der natürliche Sohn des verstorbenen Herrn P., wenn er auch einen
anderen Namen trägt. Der alte Lüstling P. hatte ein ehrsames, armes
Mädchen von seinem Gutsgesinde, das jedoch europäische Erziehung
genossen, mit Hilfe seiner Gutsherrnrechte verführt und dann, als sich
die Folgen seines Leichtsinns bemerkbar machten, schnell mit einem
anderen verheiratet, mit einem Kaufmann oder, wie man sagt, sogar
Beamten, der dieses Mädchen seit langem liebte. Zu Anfang der Ehe half
er hin und wieder den Neuvermählten; doch bald wurde seine Hilfe von dem
edelgesinnten Gatten der jungen Frau zurückgewiesen, und mit der Zeit
vergaß Herr P. nicht nur die beiden Eheleute, sondern auch den Sohn, den
sein ehemaliges Gutsmädchen bald nach ihrer Verheiratung ihrem -- Gatten
geboren hatte. Und dann kam, wie gesagt, ein Tag, an dem Herr P.
unvorhergesehen starb, ohne ein Testament gemacht zu haben. Inzwischen
war der Sohn, den der edeldenkende Gatte seiner Mutter wie seinen
leiblichen Sohn erzogen hatte, nachdem er auch diesen seinen
Pflegevater, dessen bürgerlichen Namen er trug, durch einen plötzlichen
Tod verloren, ganz allein auf sich und seine Kraft angewiesen und mußte
nicht nur für sich, sondern auch für seine alte, kranke, halbgelähmte
Mutter sorgen. So zog er denn allein nach Petersburg, um durch Erteilung
von Privatunterricht in Kaufmannsfamilien zuerst ein Gymnasium besuchen
und nachher für ihn nützliche Lektionen nehmen zu können, da er als
strebsamer, junger Mann höhere Ziele im Auge hatte. Doch wie weit kommt
man mit Privatunterricht zu fünfzig Kopeken die Stunde, wenn man außer
sich selbst auch noch eine kranke Mutter ernähren muß? Deshalb wäre auch
der Tod seiner im Sterben liegenden Mutter keine besondere Erleichterung
für ihn. Jetzt ist die Frage aufzuwerfen: Was hätte unser Adelssproß in
diesem Falle tun sollen? Sie, meine verehrten Herren Leser, werden
natürlich der Meinung sein, daß er folgendes bei sich gedacht habe: >Ich
habe mein ganzes Leben lang von P. alles Gute erfahren; für meine
Erziehung, meine Gouvernanten und meine Heilung von der Idiotie hat er
Zehntausende ausgegeben. Jetzt besitze ich Millionen, der natürliche
Sohn P.s jedoch muß bei seinem edlen Charakter durch Unterricht
kümmerlich sein Leben fristen und unschuldig für die Sünden seines
leichtsinnigen, vergeßlichen Vaters büßen. Alles, was er für mich
ausgegeben hat, hätte er von Rechts wegen für ihn, seinen Sohn, ausgeben
müssen. Diese riesigen, für mich ausgegebenen Summen hatte ich ja gar
nicht verdient, das war ein blinder Irrtum der blinden Fortuna oder
meines phantastischen Wohltäters. Wenn ich wirklich dankbar, zartfühlend
und gerecht sein will, so muß ich jetzt seinem Sohne die Hälfte meiner
gegenwärtigen Millionen geben. Da ich aber in allen Dingen ein
berechnender Mensch bin und nur zu gut begreife, daß er gesetzlich
nichts von mir verlangen kann, so werde ich ihm die Hälfte meiner
Millionen nicht geben; da aber _nichts_ geben doch gar zu gemein wäre,
so muß ich ihm jetzt zum mindesten doch jene Zehntausende zurückgeben,
die sein Vater für meine Heilung von der Idiotie ausgegeben hat. Damit
tue ich nach meinem Gewissen und der Gerechtigkeit nur meine Pflicht und
Schuldigkeit. Denn was wäre schließlich aus mir geworden, wenn sich P.
nicht meiner, sondern seines natürlichen Sohnes erbarmt hätte?<

Doch nein, meine verehrten Leser! Unsere Adelssprößlinge denken anders!
Wie beredt auch der Advokat, der einzig aus Freundschaft und fast gegen
den Willen des Jünglings die Sache übernommen hatte, dem gegenwärtigen
Millionär und ehemaligen Idioten diese Pflicht der Ehre und
Gerechtigkeit und sogar der logischen Berechnung vorhält, der in der
Schweiz geschulte Idiot bleibt unerbittlich -- und was tut er? Ja, was
er tut, das läßt sich nicht mehr mit interessanten Krankheiten
entschuldigen, das ist und bleibt unverzeihlich: dieser Millionär, der
kaum aus den Stiefeletten seines Professors heraus ist, begreift nicht
einmal, daß der edelgesinnte Sohn seines Wohltäters, der sich mit
Privatunterricht abquält, nicht um eine gnädige Unterstützung bittet,
sondern nur um das, was ihm von Rechts wegen zukommt, und nicht einmal
selbst bittet, sondern daß nur von seinen Freunden für ihn gebeten wird.
In aufgeblasenem Hochmut und berauscht von der Macht seiner Millionen,
die es ihm jetzt erlauben, ungestraft die Machtlosen unter die Füße zu
treten, zieht unser Adelssproß eine fünfzigrublige Banknote aus seinem
Portemonnaie und schickt sie frech als Almosen dem edlen jungen Manne
zu. Sie wollen es nicht glauben, meine verehrten Leser? Sie sind empört,
beleidigt, Sie finden keine Worte -- und dennoch: er hat es getan!
Selbstverständlich ist ihm das Geld sogleich zurückgesandt, sozusagen
ins Gesicht geworfen worden. Doch welch eine Lösung ist wohl jetzt, wie
die Verhältnisse liegen, zu erwarten? Juridisch ist ihm nicht
beizukommen, nach dem geschriebenen Gesetz kann man ihm nichts anhaben;
es bleibt also nichts anderes übrig, als die Sache der Öffentlichkeit zu
übergeben. So unterbreiten wir sie denn dem Urteil des Publikums, das
wir zum Schluß noch der Wahrheit jedes geschriebenen Wortes versichern.
Es heißt, daß einer unserer bekanntesten Humoristen, dem dieser Fall
gleichfalls zu Ohren gekommen ist, ein köstliches Epigramm darauf
verfaßt hat, das durchaus wert ist, selbst in Residenzblättern
veröffentlicht zu werden, weshalb wir es denn hier auch noch anführen
wollen:

   Seit fünf Jahren schon trug Ljowa[19]
   -- Also hieß der Adelssproß --
   Ein paar enge Stiefeletten
   Seines Schweizer Professors.
   Als er dann im fünften Jahre
   Noch Millionen erben tat,
   Wollt' er nimmer das berappen,
   Was man ihm gepumpt einst hat.«

Als Koljä zu Ende gelesen hatte, warf er das Blatt angeekelt auf den
Tisch und eilte, das Gesicht mit den Händen bedeckend, in den nächsten
Winkel, wo er die Stirn fest an die Wand preßte. Er schämte sich bis in
sein Innerstes hinein, und seine kindlich reine Seele, die sich an
solchen Schmutz noch nicht gewöhnt hatte, litt unsäglich. Es schien ihm,
daß etwas Entsetzliches geschehen war, etwas, das alles Schöne und Gute
zerstört hatte, und daß er selbst womöglich die Ursache dessen gewesen
war, allein schon dadurch, daß er dieses Schändliche laut vorgelesen
hatte.

Doch auch die anderen schienen fast alle Ähnliches zu empfinden.

Den jungen Mädchen war die Situation mehr als peinlich. Die Generalin
bezwang mit aller Gewalt ihren Zorn und bereute vielleicht bitter, daß
sie sich in diese Angelegenheit überhaupt hineingemischt hatte; jetzt
schwieg sie. Der Fürst aber schämte sich, wie das mit zartfühlenden
Menschen oft geschieht, dermaßen für die Verfasser dieses Artikels, daß
er seine Gäste gar nicht anzusehen wagte. Ptizyn, Warjä, Ganjä und sogar
Lebedeff schauten alle etwas verwirrt und betreten drein. Doch am
sonderbarsten war wohl, daß auch Hippolyt und Burdowskij, der »Sohn
Pawlischtscheffs«, erstaunt und gleichsam etwas erschrocken aussahen;
und selbst der Neffe Lebedeffs schien offenbar mit irgend etwas
unzufrieden zu sein. Nur der »Boxer« saß wichtig und ruhig auf seinem
Stuhl und drehte seinen Schnurrbart, den Blick ein wenig gesenkt --
jedoch nicht etwa aus Verlegenheit gesenkt, sondern gleichsam aus
Bescheidenheit infolge gar zu offenkundigen Triumphes. Jedenfalls war
aus allem zu ersehen, daß der Artikel ihm sehr gefallen hatte.

»Der Teufel mag wissen, was das sein soll!« brummte Iwan Fedorowitsch
halblaut, »das ist ja, wie wenn fünfzig Lakaien sich zusammengetan und
dann auch glücklich die größte Gemeinheit zustande gebracht hätten!«

»Erla--auben Sie, mein Herr, wie dürfen Sie uns mit solchen Vermutungen
beleidigen?« empörte sich, am ganzen Körper zitternd, Hippolyt.

»Das, das, das ist für einen Mann von Ehre ... das werden Sie doch
selbst zugeben, Exzellenz, daß für einen, einen Mann von Ehre so etwas
beleidigend sein muß!« brummte diesmal etwas lauter der Boxer, der sich
gleichfalls aus irgendeinem Grunde verletzt zu fühlen schien, und mit
gekränkter Miene fuhr er fort, seine Schnurrbartspitzen zu zwirbeln,
während er dazu bald mit dieser, bald mit jener Schulter zuckte.

»Ich bin für Sie nicht >mein Herr<, und im übrigen habe ich nicht die
Absicht, Ihnen irgendwelche Erklärungen zu geben!« antwortete mit
verhaltener Wut Iwan Fedorowitsch. Er erhob sich und ging ohne ein
weiteres Wort zu den Stufen der Terrasse, wo er auf der obersten Stufe,
den Rücken der Gesellschaft zugekehrt, stehen blieb. Er ärgerte sich
unbeschreiblich über Lisaweta Prokofjewna, die sich auch jetzt noch
nicht von ihrem Platz rührte.

»Meine Herren, ich bitte Sie, meine Herren, lassen Sie uns doch so
sprechen, daß wir einander verstehen!« kam der Fürst, in dessen Gesicht
sich seine ganze Qual und Erregung widerspiegelte, endlich zu Wort. »Der
Artikel -- nun, was ... vergessen wir ihn. Ich meine ja nur -- es ist
doch alles unwahr, was dort geschrieben steht, und das sage ich Ihnen
jetzt, weil Sie das doch selbst wissen. Es würde mich doch wirklich nur
wundern, wenn das jemand von Ihnen verfaßt haben sollte.«

»Ich habe von diesem ganzen Artikel bis jetzt nichts gewußt,« erklärte
Hippolyt. »Ich billige ihn nicht.«

»Ich habe zwar gewußt, daß er geschrieben war, aber ... von einer
Veröffentlichung hätte ich entschieden abgeraten; denn dazu ist es noch
zu früh,« sagte Wladimir Doktorenko, Lebedeffs Neffe.

»Ich habe gewußt, aber ich habe das Recht ... ich ...« stotterte der
»Sohn Pawlischtscheffs«.

»Was! Sie haben das selbst geschrieben?« fragte der Fürst fast
erschrocken, und erstaunt blickte er Burdowskij an. »Das kann doch nicht
sein!«

»Man könnte Ihnen übrigens das Recht zu solchen Fragen auch absprechen,«
trat Doktorenko für seinen Freund ein.

»Ich wunderte mich ja nur, daß es Herrn Burdowskij gelungen ist ... doch
... wenn Sie die Sache bereits an die Öffentlichkeit gebracht haben,
weshalb waren Sie dann vorhin so beleidigt, als ich in Gegenwart meiner
Freunde davon zu sprechen begann?«

»Endlich!« stieß Lisaweta Prokofjewna halblaut hervor, indem sie
gleichzeitig mit der Fußspitze aufschlug.

»Und dabei geruhen Sie noch, Fürst, mit Stillschweigen darüber
hinwegzugehen,« warf Lebedeff, der sich wie im Fieber hinter den Stühlen
der anderen herumwand, diensteifrig ein, »jawohl, darüber hinwegzugehen,
daß es einzig und allein Ihr guter und freier Wille und die
unvergleichliche Güte Ihres Herzens war, diese Herren zu empfangen und
anzuhören, und sie infolgedessen überhaupt kein Recht haben, von Ihnen
eine Unterredung zu verlangen, um so weniger, als Sie, durchlauchtigster
Fürst, bereits Gawrila Ardalionytsch mit der Führung dieser Sache
betraut haben. Deshalb, durchlauchtigster Fürst, wird es Ihro Gnaden
niemand verargen dürfen, wenn Ihro Gnaden jetzt den Wunsch aussprechen,
diese Herren die Stufen hinunterbefördert zu sehen, was ich in meiner
Eigenschaft als Hausbesitzer sogar mit ganz besonderem Vergnügen ...«

»Gewiß, das einzig Richtige!« dröhnte plötzlich aus dem Hintergrunde die
Stimme des alten Iwolgin.

»Genug, Lebedeff, hören Sie auf ...« wollte der Fürst beginnen, doch ein
ganzer Sturm von Ausrufen verschlang seine Worte.

»Nein, verzeihen Sie, Fürst, verzeihen Sie, jetzt ist's mit einem >hören
Sie auf< nicht abgetan!« überschrie Lebedeffs Neffe alle anderen. »Vor
allem tut jetzt not, daß man die Sache klar und deutlich hinstellt; denn
offenbar versteht sie hier keiner richtig. Wie ich sehe, will man uns
mit juristischen Winkelzügen einschüchtern, und man droht uns sogar, uns
hinauszuwerfen! Aber halten Sie uns denn, Fürst, wirklich für zu dumm,
um zu begreifen, daß wir, wenn wir juridisch gegen Sie vorgehen wollten,
keinen Rubel von Ihnen zu verlangen das Recht hätten! Doch andererseits
verstehen wir nur zu gut, daß es hier, wenn von juridischem Recht keine
Rede sein kann, ein um so größeres menschliches, natürliches Recht gibt,
das Recht der gesunden Vernunft und der Stimme unseres Gewissens, und
wenn dieses Recht auch nicht in alten vermoderten Kodexen steht, so ist
doch ein edler und ehrlicher Mensch, das heißt soviel wie ein Mensch mit
gesunder Vernunft, dennoch verpflichtet, auch in solchen Punkten, die in
keinem Kodex stehen, eben ein ehrlicher und edler Mensch zu sein und
dementsprechend zu handeln. Deshalb sind wir auch hergekommen, ohne zu
fürchten, daß man uns hinauswerfen wird -- wie Sie soeben gedroht haben
--, weil wir _nicht bitten_, sondern _fordern_ ... und weil unser Besuch
etwas spät ausgefallen ist -- was jedoch mehr Ihre als unsere Schuld
ist, denn Sie haben uns zwei Stunden lang in Ihrer Dienerstube warten
lassen. Deshalb, wie gesagt, sind wir ohne Furcht zu Ihnen gekommen,
weil wir Sie für einen Menschen mit gesunder Vernunft hielten, das heißt
soviel wie für einen Mann von Ehre und Gewissen. Es ist wahr, wir sind
nicht de- und wehmütig, nicht wie Bettler hier eingetreten, sondern
erhobenen Hauptes, als freie Menschen, die wir sind, und durchaus nicht
mit untertänigen Bitten, sondern mit einer freien und stolzen Forderung,
ja, Forderung und _nicht_ Bitte -- merken Sie sich das! Und jetzt
stellen wir ohne alle Winkelzüge frei und offen die Frage an Sie:
Glauben Sie in dieser Angelegenheit im Recht oder im Unrecht zu sein?
Geben Sie es zu oder geben Sie es _nicht_ zu, daß Pawlischtscheff Ihr
Wohltäter gewesen ist und Sie vielleicht vom Tode errettet hat? Wenn Sie
das zugeben -- und das tun Sie doch offenbar -- so fragen wir Sie, ob
Sie die Absicht haben, oder ob Sie es vor Ihrem Gewissen für gerecht
oder _un_gerecht halten, wenn wir von Ihnen, nachdem Sie Millionen
geerbt haben, einfach fordern, daß Sie dem natürlichen, doch darbenden
Sohne Ihres Wohltäters das zurückzahlen, was Sie von seinem Vater
ungerechterweise geschenkt erhalten haben? _Ja_ oder _nein_? Wenn _ja_,
das heißt mit anderen Worten: wenn Sie auch nur einen Funken von dem in
sich haben, was Sie in Ihrer Sprache Ehre und Gewissen nennen, und was
wir noch treffender mit gesunder Vernunft bezeichnen, so befriedigen Sie
uns -- und die Sache ist erledigt. Befriedigen Sie uns, ohne dabei auf
Bitten und Dankbarkeit unsererseits zu rechnen, erwarten Sie sie nicht;
denn Sie tun es ja doch nicht für uns, sondern für sich, weil die
Gerechtigkeit es von Ihnen verlangt. Wollen Sie uns jedoch _nicht_
befriedigen, das heißt: wenn Sie auf unsere Frage mit einem _Nein_
antworten, so werden wir uns sofort zurückziehen und die Sache ist
gleichfalls abgetan; doch werden Sie uns dann wohl gestatten, daß wir in
Gegenwart all Ihrer Freunde und Zeugen Ihnen ins Gesicht sagen, daß Sie
ein Mensch mit rohem Verstande sind und jedenfalls auf einer sehr
niedrigen Entwicklungsstufe stehen, und daß Sie hinfort nicht mehr das
Recht haben, sich einen Mann von Ehre und Gewissen zu nennen, da Sie
sich dieses Recht denn doch gar zu billig kaufen wollen. So, ich habe
geendet. Die Frage ist gestellt! Lassen Sie uns doch jetzt hinauswerfen,
wenn Sie es wagen. Sie haben ja die Macht dazu. Aber vergessen Sie
nicht, daß wir dennoch fordern und nicht bitten!«

»Ja, fordern, fordern, fordern, und nicht bitten! ...« stotterte
Burdowskij, der vor Aufregung so rot geworden war wie ein Krebs.

Nach dieser Rede, die Lebedeffs Neffe mit viel Temperament gehalten
hatte, ging eine allgemeine Bewegung durch die Gesellschaft: Ausrufe
wurden laut, hier und da wurde getuschelt, geflüstert, obschon es alle
außer Lebedeff sichtlich vermieden, sich in die Sache laut einzumischen.
Lebedeff dagegen war wie im Fieber, und seltsam: obschon er
bedingungslos zum Fürsten hielt, empfand er jetzt doch so etwas wie
Familienstolz nach der Rede Doktorenkos und blickte sich im Kreise um,
als wolle er sagen: »Und seht, das ist mein Neffe!«

»Meiner Ansicht nach,« begann der Fürst, ziemlich leise, »meiner Ansicht
nach haben Sie, Herr Doktorenko, in dem, was Sie soeben gesagt, zum Teil
recht, sogar zum weit größeren Teil, und ich wäre mit Ihnen vollkommen
einverstanden, wenn Sie in Ihrer Rede nicht etwas ganz aus dem Auge
gelassen hätten. Was es freilich ist, was Sie übersehen haben, vermag
ich nicht genau auszudrücken ... Doch kommen wir lieber zur Sache, meine
Herren. Weshalb haben Sie diesen Artikel veröffentlicht? Jedes Wort in
diesem Artikel ist doch eine Verleumdung. Ich finde, daß diese
Veröffentlichung Ihrerseits eine Schändlichkeit ist.«

»Erlauben Sie! ...«

»Mein Herr! ...«

»Das ... das ... das ...« hörte man gleichzeitig von den aufgeregten
Gästen.

»Was diesen Artikel betrifft,« griff Hippolyt mit seiner heiseren Stimme
auf, »was diesen Artikel betrifft, so habe ich Ihnen bereits gesagt, daß
sowohl ich wie auch die anderen ihn nicht billigen. Geschrieben aber hat
ihn dieser hier.« (Er wies auf den neben ihm sitzenden Boxer.) »Ich gebe
zu, daß er ihn unanständig und in einem Stil geschrieben hat, der allen
Verabschiedeten seines Schlages eigen ist. Er ist dumm und obendrein
noch käuflich, das gebe ich zu -- ich sage es ihm ja jeden Tag ins
Gesicht --, aber halbwegs ist er doch in seinem Recht: da ein jeder das
Recht zur Veröffentlichung hat, kann auch er davon Gebrauch machen.
Seinen Stil jedoch und seine Dummheit mag er selbst verantworten. Und
was das betrifft, daß ich vorhin im Namen aller gegen die Anwesenheit
Ihrer Freunde protestierte, so erkläre ich jetzt einfach, daß ich einzig
deshalb protestiert habe, um unser Recht zu behaupten, im Grunde aber
sind uns Zeugen sogar erwünscht, und darin sind wir bereits früher, noch
bevor wir hier eintraten, übereinkommen. Also gleichviel, wer die Zeugen
sind, und wenn wir Ihre Freunde vor uns haben -- um so besser; denn daß
sie einsehen werden, daß Burdowskij vollkommen in seinem Recht ist --
das liegt ja doch auf der Hand! das ist ja mathematisch klar! -- Nun,
und so wird eben der Sieg der Wahrheit ein um so größerer sein.«

»Das ist wahr, wir waren übereingekommen, daß ...« wollte Lebedeffs
Neffe Hippolyts Mitteilung bestätigen.

»Aber weshalb erhoben Sie denn vorhin ein solches Geschrei, wenn Ihnen
Zeugen sogar erwünscht waren?« wunderte sich der Fürst.

»In betreff des Artikels, Fürst,« bemerkte eilig der Boxer, der
furchtbar gern auch zu Wort kommen wollte und sich nun, als es ihm
endlich gelang, in angenehmer Selbstzufriedenheit immer mehr belebte (es
war unschwer zu erraten, daß die Anwesenheit von Damen einen starken
Einfluß auf ihn ausübte), »in betreff des Artikels muß ich allerdings
gestehen, daß ich der Verfasser bin, obschon mein kranker Freund, dem
ich um seiner Krankheit willen zu verzeihen geneigt bin, sich soeben
sehr absprechend über diesen meinen Artikel geäußert hat. Ich habe ihn
aber in dem Blatt meines anderen Freundes gewissermaßen nur als
eingesandten Brief veröffentlicht. Nur das Gedicht zum Schluß stammt
allerdings nicht von mir, sondern von einem Bekannten, und man kann
sogar sagen, berühmten Humoristen. Vorgelesen habe ich ihn nur meinem
Freunde Burdowskij, doch auch ihm nicht alles; ich erhielt aber von ihm
sogleich die Erlaubnis, meinen Artikel zu veröffentlichen, was ich
schließlich auch ohne seine Erlaubnis hätte tun können, das werden Sie
doch zugeben. Das Recht der Veröffentlichung ist ein allgemeines, ein
edles und nützliches. Ich hoffe, auch Sie, Fürst, sind so weit
fortgeschritten, daß Sie das nicht in Abrede stellen werden ...«

»Das nicht, aber Sie sehen doch wohl selbst ein, daß Ihr Artikel ...«

»Etwas scharf ist, wollen Sie vielleicht sagen? Aber hier handelt es
sich doch, das müssen Sie nicht vergessen, um den allgemeinen Nutzen,
und dann -- wie hätte man eine solche Gelegenheit unbenutzt vorübergehen
lassen können? Der Nutzen der Allgemeinheit geht stets voran. Und was
die einzelnen Ungenauigkeiten betrifft -- man kann sie eigentlich nur
Hyperbeln nennen -- so sind doch diese nicht von Belang, die Hauptsache
bleibt doch die Initiative, der Zweck und die Absicht sozusagen. Von
Wichtigkeit ist das Beispiel, die Privatfragen kommen erst später in
Betracht. Und dann ist's doch eine vortreffliche Gelegenheit, den Stil
zu entwickeln, es ist ja förmlich eine humoristische Aufgabe, und --
alle schreiben doch so! Ha--ha!«

»Aber das ist doch ein ganz falscher Weg! Ich versichere Sie, meine
Herren,« rief der Fürst, »Sie haben den Artikel in dem Glauben
geschrieben, daß ich unter keiner Bedingung einwilligen würde, Herrn
Burdowskijs Ansprüche zu befriedigen, und so haben Sie mich in dieser
Weise schrecken und sich an mir rächen wollen. Woher aber wissen Sie,
was ich zu tun beschlossen habe? Ich sage Ihnen jetzt offen in Gegenwart
aller, daß ich seine Ansprüche bedingungslos befriedigen werde ...«

»Ah, das ist doch endlich ein kluges und edles Wort eines klug- und
edeldenkenden Menschen!« rief der Boxer begeistert aus.

»Großer Gott!« stieß Lisaweta Prokofjewna hervor.

»Das ist ja unerträglich!« brummte der General empört.

»Erlauben Sie, meine Herren, erlauben Sie, daß ich Ihnen die Sache
auseinandersetze,« bat der Fürst. »Vor etwa fünf Wochen erschien bei mir
in S. Ihr Bevollmächtigter, Herr Burdowskij, ein gewisser Herr
Tschebaroff. Sie haben ihn aber doch etwas gar zu schmeichelhaft
geschildert, Herr Keller, das muß ich sagen!« wandte sich der Fürst
plötzlich an den Boxer. »Mir dagegen gefiel dieser Herr durchaus nicht.
Ich begriff sogleich, daß die ganze Geschichte nur von diesem
Tschebaroff ausging und er vielleicht sogar Sie, Herr Burdowskij, dazu
bewogen hat, diesen Anspruch zu erheben, indem er geschickt Ihre
Unwissenheit und Vertrauensseligkeit auszunutzen verstanden hat, wenn
ich offen sein soll.«

»Sie haben kein Recht dazu ... ich ... ich bin nicht unwissend ... das
...« stotterte Burdowskij sehr erregt.

»Sie haben durchaus kein Recht dazu, solche Vermutungen zu äußern,«
belehrte ihn Lebedeffs Neffe.

»Das ist im höchsten Grade beleidigend!« krähte Hippolyt mit seiner
heiseren Stimme. »Beleidigend, unwahr und gehört nicht zur Sache.«

»Verzeihung, Verzeihung, meine Herren,« beeilte sich der Fürst
einzuwenden, »verzeihen Sie mir, bitte. Ich sagte es ja nur, weil ich
glaubte, wir täten besser, vollkommen offen miteinander zu reden. Doch
wie Sie wollen. Ich sagte Herrn Tschebaroff, daß ich, da ich nicht
selbst nach Petersburg fahren konnte, meinen Freund sogleich mit der
Untersuchung der Angelegenheit betrauen und Sie, Herr Burdowskij,
unverzüglich davon in Kenntnis setzen würde. Ich sage Ihnen ganz offen,
meine Herren, daß mir dieses ganze Ansinnen als niederträchtige
Spitzbüberei erschien, und zwar gerade deshalb, weil Tschebaroff ... Oh,
um Gottes willen, seien Sie doch nicht wieder beleidigt! Ich bitte Sie,
meine Herren!« unterbrach sich der Fürst schnell, als er in Burdowskijs
Miene die Unruhe des Gekränkten und in denen der Freunde Protest und
Empörung bemerkte. »Das kann Sie doch unmöglich kränken, wenn ich sage,
daß ich die Sache für eine Spitzbüberei, für einen schändlichen Betrug
gehalten habe! Ich kannte doch damals noch keinen einzigen von Ihnen,
nicht einmal Ihre Namen waren mir bekannt! Ich konnte doch nur nach dem
Eindruck urteilen, den Tschebaroff auf mich gemacht hatte ... und ich
sage es ja nur so im allgemeinen; denn ... wenn Sie wüßten, wie ich
betrogen worden bin, seitdem ich die Erbschaft gemacht habe!«

»Sie sind unglaublich naiv, Fürst,« meinte Lebedeffs Neffe spöttisch.

»Und dabei -- Fürst und Millionär! Doch ungeachtet Ihres vielleicht
guten Herzens, können Sie sich immerhin nicht dem allgemeinen Gesetz
entziehen,« erklärte Hippolyt.

»Möglich, sehr möglich, meine Herren,« beeilte sich wieder der Fürst zu
erwidern, »das heißt wenn ich auch nicht verstehe, von welch einem
allgemeinen Gesetz Sie reden ... doch ich fahre fort. Nur bitte ich Sie,
sich nicht sogleich gekränkt zu fühlen; ich versichere Sie, mir liegt
nichts so fern als die Absicht, Ihnen irgendwie zu nahezutreten. Aber
was ist das, wirklich, meine Herren: man kann kaum zwei Worte offen zu
Ihnen reden, da fühlen Sie sich schon gekränkt! ... Vor allem
überraschte es mich ungeheuer, daß ein natürlicher Sohn von
Pawlischtscheff lebte und das noch dazu in solchen Verhältnissen, wie
sie Tschebaroff mir schilderte. Pawlischtscheff war mein Wohltäter und
der Freund meines Vaters. Ach, weshalb haben Sie so schändliche
Unwahrheiten über meinen Vater geschrieben, Herr Keller? Daß er die
Regimentskasse verspielt oder einen Soldaten geprügelt habe -- das ist
doch nicht wahr, davon bin ich ja fest überzeugt! Wie hat Ihre Hand nur
eine solche Verleumdung schreiben können? Doch das, was Sie über
Pawlischtscheff geschrieben haben, ist einfach unerträglich! Sie nennen
diesen durch und durch edelmütigen Menschen so dreist und überzeugt
einen alten Lüstling, als würden Sie damit die unantastbarste Wahrheit
sagen! Pawlischtscheff war sicherlich einer der sittenstrengsten Männer,
die es je gegeben hat! Er war sogar ein großer Gelehrter und hat in
seinem Leben viel Geld für die Wissenschaft ausgegeben. Was Sie aber
über sein gutes Herz und seine Güte gegen mich geschrieben haben, ist
vollkommen zutreffend. Ich war damals wirklich fast ein Idiot und konnte
nur wenig begreifen -- aber Russisch sprach ich doch fehlerfrei -- und
Sie können mir glauben, daß ich sehr wohl zu schätzen weiß, was und
wieviel er für mich getan hat ...«

»Erlauben Sie,« krächzte Hippolyt, »wird das nicht gar zu gefühlvoll
werden? Wir sind keine Kinder. Sie wollten doch zur Sache kommen, die
Uhr geht auf zehn, vergessen Sie das nicht.«

»Gewiß, gewiß, meine Herren,« willigte der Fürst sogleich ein. »Nach dem
ersten Mißtrauen sagte ich mir denn auch, daß ich mich täuschen und daß
Pawlischtscheff vielleicht wirklich einen natürlichen Sohn haben könne.
Mich wunderte nur sehr, daß dieser Sohn so leichtfertig, das heißt,
Verzeihung, ich will sagen: so öffentlich das Geheimnis seiner Herkunft
aufdeckt und vor allem seine Mutter nicht schont. Denn Tschebaroff
drohte mir schon damals mit der Veröffentlichung ...«

»Welch eine Dummheit!« rief Lebedeffs Neffe ärgerlich aus.

»Sie haben nicht das Recht ... haben nicht das Recht!« stotterte fast
schreiend Burdowskij.

»Der Sohn ist für die Handlungen seines Vaters nicht verantwortlich und
die Mutter ist in diesem Fall unschuldig,« erklärte Hippolyt.

»Um so mehr, denke ich, hätte er sie schonen sollen ...« bemerkte der
Fürst fast schüchtern.

»Sie sind nicht nur furchtbar naiv, Fürst, sondern sind noch etwas
mehr,« meinte Lebedeffs Neffe mit boshaftem Lachen.

»Und welches Recht hatten Sie? ...« krächzte wieder mit seiner
unnatürlichen Stimme Hippolyt.

»Überhaupt keines, überhaupt keines!« kam ihm der Fürst eilig zuvor.
»Darin haben Sie recht, das sehe ich vollkommen ein! Ich habe mir auch
schon in demselben Augenblick, als ich es aussprach, gesagt, daß meine
persönlichen Gefühle mit der Sache selbst nichts zu tun haben dürfen;
denn wenn ich es einmal als meine Pflicht ansehe, Herrn Burdowskijs
Forderung auf Grund meiner Pawlischtscheff schuldigen Dankbarkeit zu
befriedigen, so muß ich es in jedem Fall tun, also gleichviel, ob ich
Herrn Burdowskij achte oder nicht achte. Ich kam jetzt, meine Herren,
nur deshalb darauf zu sprechen, weil es mir doch gar zu unnatürlich
schien, daß der Sohn das Geheimnis seiner Mutter der Öffentlichkeit
preisgibt ... Mit einem Wort, gerade daraus glaubte ich zu ersehen, daß
Tschebaroff eine Kanaille sein müsse und er allein Herrn Burdowskij zu
einer solchen Niedertracht bewogen haben könne.«

»Aber das ist ja nicht mehr zum Aushalten!« ertönte es von den jungen
Leuten, von denen drei sogar von ihren Plätzen aufsprangen.

»Meine Herren! Nur deshalb kam ich zu der Überzeugung, daß der
unglückliche Herr Burdowskij ein treuherziger, schutzloser, einfacher
Mensch sein muß, der leicht das Opfer jedes geschickten Spitzbuben
werden kann! Folglich aber war es meine Pflicht, ihm als >Sohn
Pawlischtscheffs< zu helfen, und zwar, indem ich vor allem _gegen_ Herrn
Tschebaroff auftrat und ihm als treuer Freund mit Rat und Tat behilflich
sein wollte, und ihm ferner zehntausend Rubel auszuzahlen bestimmte,
also dieselbe Summe, die Pawlischtscheff nach meiner Berechnung für mich
ausgegeben hat ...«

»Was! Nur zehntausend!« kreischte Hippolyt.

»Nein, Fürst, Sie sind doch in der Arithmetik sehr schwach! ... oder
vielleicht sehr stark, wenn Sie sich auch als noch so harmlosen Menschen
hinstellen wollen!« rief der Neffe Lebedeffs höhnisch aus.

»Mit zehntausend bin ich nicht einverstanden!« erklärte Burdowskij, zum
erstenmal nicht stotternd.

»Antip, sei kein Esel!« flüsterte ihm schnell und deutlich vernehmbar
der Boxer zu, indem er sich über Hippolyts Stuhllehne zu Burdowskij
beugte. »Greif zu, später kann man ja dann immer noch sehen!«

»Hören Sie, Herr Myschkin,« ereiferte sich Hippolyt und seine Stimme
klang noch heiserer, »begreifen Sie doch endlich, daß Sie nicht dumme
Jungen vor sich haben, wie hier alle Ihre Gäste von uns zu glauben
scheinen, und namentlich diese Damen, die jetzt so empört über uns sind
und so spöttisch lächeln, und auch jener hochwohlgeborene Herr dort (er
wies auf Jewgenij Pawlowitsch), den zu kennen ich freilich nicht die
Ehre habe, doch von dem mir, wenn ich mich nicht täusche, schon manches
zu Ohren gekommen ist ...«

»Erlauben Sie, erlauben Sie, meine Herren, Sie haben mich ja wieder
nicht verstanden!« wandte sich der Fürst erregt an seine Gäste. »Sie,
Herr Keller, haben in Ihrem Artikel mein Vermögen sehr falsch taxiert:
ich habe ja gar keine Millionen geerbt, ich besitze vielleicht den
achten oder zehnten Teil von dem, was Sie glauben. Und dann:
Zehntausende sind für mich bestimmt nicht verausgabt worden. Professor
Schneider erhielt nicht mehr als sechshundert Rubel jährlich, und auch
die hat er nur in den ersten drei Jahren erhalten. Hübsche Gouvernanten
aber hat Pawlischtscheff niemals aus Paris mitgebracht, -- das ist
wiederum eine Verleumdung. Ich bin überzeugt, daß Pawlischtscheff alles
in allem bedeutend weniger als zehntausend Rubel für mich ausgegeben
hat, doch ich habe nun einmal die Summe nach oben abgerundet, und dabei
bleibt es. Mehr aber als das, was ich empfangen habe, kann ich doch
Herrn Burdowskij nicht anbieten, selbst wenn ich ihn auch noch so
liebgewonnen hätte, denn sonst würde ich doch sein Zartgefühl verletzen;
was von mir verlangt wird, ist: eine Schuld zu bezahlen, nicht ein
Almosen zu geben! Ich begreife nicht, meine Herren, wie Sie das nicht
einsehen! Ich aber wollte ihm dafür noch meine Freundschaft schenken,
ich wollte ihm in jeder Beziehung behilflich sein und ihm beistehen;
denn er wird doch offenbar von allen und jedem betrogen! Anders ist es
ja gar nicht möglich, denn wie hätte er sich sonst zu einer solchen ...
solchen Gemeinheit verstehen können, wie zum Beispiel der
Veröffentlichung jener Sätze in Herrn Kellers Artikel über seine Mutter
... Aber weshalb regen Sie sich denn wieder auf, meine Herren? Man kann
ja mit Ihnen keine zwei Worte reden! So werden wir uns ja bald überhaupt
nicht mehr verstehen! Und ich habe mich ja auch nicht getäuscht in
meinen Voraussetzungen, davon habe ich mich jetzt mit eigenen Augen
überzeugen können,« versicherte der Fürst, bemüht, die aufgeregten
Geister zu beruhigen, ohne dabei zu bemerken, daß er sie nur noch mehr
aufregte.

»Was? Wovon haben Sie sich überzeugt?« drangen sie geradezu zornig auf
ihn ein.

»Aber ich bitte Sie, meine Herren, erstens habe ich Herrn Burdowskij
sehr gut verstanden, ich sehe doch, was er ist ... Er ist ein
unschuldiger Mensch ... und deshalb muß ich ihn in Schutz nehmen. Und
zweitens hat Gawrila Ardalionytsch, -- von dem ich lange keine
Nachrichten über den Stand der Dinge erhalten, da ich fast die ganze
Zeit gereist und dann hier in Petersburg drei Tage krank gewesen bin --
hat mir Gawrila Ardalionytsch erst heute vor etwa einer Stunde
mitgeteilt, als wir uns zum erstenmal wiedersahen, daß er die Absichten
Tschebaroffs sehr wohl durchschaue, und daß Tschebaroff genau das sei,
für was ich ihn gehalten habe. Ich weiß es, meine Herren, daß mich viele
für einen Idioten halten, und auch Tschebaroff nur deshalb, weil ich
diesen Ruf habe, und in dem Glauben, daß man mit Leichtigkeit von mir
Geld erhalten könne, mich eben betrügen wollte, indem er schlau meine
Gefühle für Pawlischtscheff auszunutzen gedachte. Aber die Hauptsache,
-- so hören Sie doch, meine Herren, lassen Sie mich doch zu Ende
sprechen! --: wie sich jetzt herausstellt, ist ja Herr Burdowskij gar
nicht Pawlischtscheffs Sohn! Vor einer Stunde hat mir Gawrila
Ardalionytsch mitgeteilt, daß er unantastbare Beweise dafür habe! Nun,
in welch einem Licht erscheint Ihnen jetzt die Sache? Es ist ja doch
überhaupt nicht zu glauben, nach allem, was Sie bereits angestiftet
haben! Und Sie hören: unantastbare Beweise! Ich glaube es noch nicht,
ich glaube es selbst noch nicht, ich versichere Sie! Ich zweifle auch
jetzt noch, denn Gawrila Ardalionytsch hatte heute keine Zeit, mir alles
ausführlich zu erklären. Daß aber Tschebaroff eine Kanaille ist, daran
zweifle ich keinen Augenblick mehr! Er allein ist es, der den armen
Herrn Burdowskij und auch Sie alle, meine Herren, die Sie Ihrem Freunde
beistehen -- da er des Beistandes offenbar bedarf, das begreife ich
doch! -- ja, der Sie alle betrogen hat; denn diese ganzen Ansprüche sind
doch im Grunde nichts als Betrug und gemeine Spitzbüberei!«

»Wie! Was! Spitzbüberei! ... Nicht Pawlischtscheffs Sohn!? ... Wie ist
das möglich!?« ertönten empörte und erschrockene Ausrufe durcheinander.

Die ganze Kompagnie Burdowskijs war außer sich vor Entrüstung.

»Gewiß Spitzbüberei! Wie wollen Sie denn die Ansprüche Herrn Burdowskijs
anders nennen, wenn er mit Pawlischtscheff überhaupt nicht verwandt ist?
Das heißt: selbstverständlich hat er das nicht gewußt! Aber das ist es
ja, weshalb ich immer wieder sage, daß er das Opfer eines Betruges ist
-- ich will ihn doch rechtfertigen! Deshalb sage ich auch, daß man ihn
bemitleiden muß, daß er in seiner Treuherzigkeit unbedingt des
Beistandes bedarf, denn andernfalls würde er doch jetzt als Spitzbube
dastehen. Ich bin überzeugt, daß er nichts davon ahnt! Ich bin ja doch
selbst in einem solchen Zustande gewesen wie er, bevor ich in die
Schweiz fuhr, ich stammelte gleichfalls zusammenhanglose Worte, -- man
will alles, alles sagen und kann kein einziges Wort finden ... Ich weiß,
ich weiß, wie das ist, ich kann es ihm nachfühlen; denn ich selbst bin
ja fast ebenso, deshalb kann er es mir nicht übelnehmen, wenn ich es
sage. Aber ich werde dennoch -- ganz abgesehen davon, daß es einen >Sohn
Pawlischtscheffs< nicht mehr gibt, und das Ganze sich als Mystifikation
erweist -- ich werde dennoch meinen Entschluß nicht ändern, und ich bin
trotzdem bereit, Herrn Burdowskij zehntausend Rubel anzuweisen. Ich
hatte früher die Absicht, sie zu einer Schule zu verwenden, im Namen
Pawlischtscheffs, aber ich kann sie ja ebensogut Herrn Burdowskij
zusprechen; denn wenn er auch nicht tatsächlich Pawlischtscheffs Sohn
ist, so ... ist er doch so gut wie sein Sohn: er ist doch selbst so
schändlich betrogen worden. Er selbst ist doch überzeugt, daß er der
Sohn Pawlischtscheffs sei! Ich bitte Sie, meine Herren, Gawrila
Ardalionytsch anzuhören, damit dann die Sache endlich einmal abgetan
ist. Regen Sie sich nicht auf und seien Sie mir nicht böse. Bitte,
setzen Sie sich wieder. Gawrila Ardalionytsch wird Ihnen sogleich alles
erklären, und, offen gestanden, auch ich bin sehr gespannt darauf, alle
Einzelheiten zu erfahren. Er reiste sogar nach Pskow und hat mit Ihrer
Frau Mutter gesprochen, Herr Burdowskij. Nur hat er sie durchaus nicht
sterbend vorgefunden, wie es in jenem Artikel heißt ... Setzen Sie sich,
meine Herren, bitte, nehmen Sie Platz!«

Der Fürst setzte sich, und seinem Beispiel folgten auch die jungen
Leute. In den letzten zehn oder zwanzig Minuten hatte der Fürst laut,
ungeduldig und schnell gesprochen und in dem Bestreben, sich überhaupt
Gehör zu verschaffen und womöglich alle zu überzeugen, sich in immer
größeren Eifer hineingeredet, so daß er jetzt, kaum zur Ruhe gekommen,
manches Ausgesprochene bitter zu bereuen begann. Hätte er sich nicht so
ereifert, so würde er seine Mutmaßungen nicht ausgesprochen und alles
Überflüssige vermieden haben. Doch kaum hatte er sich wieder hingesetzt,
als ihn auch schon brennende Reue erfaßte und bis zur Pein quälte. Nicht
nur, daß er Burdowskij »beleidigt« hatte mit der Annahme, daß er mit
derselben Krankheit behaftet sei, von der er, der Fürst, in der Schweiz
geheilt worden war, er hatte ihn auch noch tief gekränkt; denn das
Angebot, die zehntausend Rubel ihm statt einer Schule zu geben, war
seiner Meinung nach in einer verletzenden Weise geschehen, da er es in
Gegenwart anderer, also gewissermaßen öffentlich getan hatte.

»Ich hätte damit warten sollen, ich hätte es ihm morgen unter vier Augen
anbieten sollen,« dachte der Fürst gequält, »und das läßt sich jetzt
nicht mehr gutmachen! Ja, ich bin ein Idiot, ich bin wirklich ein
Idiot!« sagte er sich in einem Anfall unerträglicher Scham und
Selbstbeschuldigung.

Gawrila Ardalionytsch, der bis dahin abseits gestanden und vorsätzlich
geschwiegen hatte, trat auf die Aufforderung des Fürsten hin neben
seinen Stuhl und schickte sich ruhig an, den Sachverhalt der
Angelegenheit, die zu untersuchen er vom Fürsten beauftragt worden war,
auseinanderzusetzen. Alles verstummte sogleich, und neugierig und in
erwartungsvollem Interesse richteten sich aller Augen auf ihn.


                                  IX.

»Sie werden es gewiß nicht in Abrede stellen wollen, Herr Burdowskij,«
begann Gawrila Ardalionytsch, sich direkt an den >Sohn Pawlischtscheffs<
wendend, der ihm mit auffallend glotzendem Blick und ebenso großer
Verwunderung wie Verwirrung zuhörte, »daß Sie genau zwei Jahre nach der
Verheiratung Ihrer achtbaren Mutter mit dem Herrn Kollegiensekretär
Burdowskij, Ihrem Vater, geboren sind. Der Tag Ihrer Geburt ist an der
Hand von Dokumenten gar zu leicht und genau nachzuweisen, und deshalb
wollen wir, um Sie und Ihre Mutter nicht zu verletzen, die Entstellung
der Tatsache in jenem Artikel mit einer Verwirrung der zweifellos
blühenden Phantasie Herrn Kellers erklären, der mit diesen ... Hyperbeln
Ihnen und Ihren Interessen offenbar zu dienen gemeint hat. Herr Keller
sagte, daß er Ihnen seinen Artikel nur zum Teil vorgelesen habe; daher
können wir annehmen, daß er es nur bis zu dieser Stelle getan ...«

»Allerdings nur bis dahin,« unterbrach ihn der Boxer, »aber die Fakta
waren mir von einer durchaus glaubwürdigen Person mitgeteilt, und ich
...«

»Erlauben Sie, Herr Keller, daß ich jetzt rede,« unterbrach ihn Gawrila
Ardalionytsch. »Sobald ich auf Ihren Artikel zu sprechen komme, können
Sie Ihre Erklärungen vorbringen; jetzt aber wollen wir zuerst sachgemäß
fortfahren. Zufällig gelangte ich durch die Freundin meiner Schwester,
einer gewissen Wjera Alexejewna Subkowa, einer Witwe und Gutsbesitzerin,
in den Besitz eines Briefes, den der verstorbene Nikolai Andrejewitsch
Pawlischtscheff vor vierundzwanzig Jahren aus dem Auslande an sie
geschrieben hat. Auf meine Bitte um nähere Auskunft erteilte mir Wjera
Alexejewna den Rat, mich an den Obersten a. D. Timofej Fedorowitsch
Wjäsowkin zu wenden, an einen entfernten Verwandten und einstmaligen
großen Freund des Herrn Pawlischtscheff. Von diesem erhielt ich dann
noch weitere zwei Briefe Pawlischtscheffs an ihn, die gleichfalls aus
dem Auslande geschrieben sind. Der Inhalt dieser drei Briefe schließt
jeden Zweifel daran, ob Herr Pawlischtscheff auch wirklich damals,
anderthalb Jahre vor Ihrer Geburt, ins Ausland gefahren ist, wo er dann
drei Jahre verblieb, von vornherein völlig aus. Ihre Mutter aber hat,
wie Sie wissen, Rußland nie verlassen. Ich will mir augenblicklich nicht
die Zeit nehmen, die drei Briefe vorzulesen; es ist heute etwas spät
geworden, deshalb begnüge ich mich mit der bloßen Mitteilung der
Tatsachen. Doch wenn Sie wünschen, Herr Burdowskij, können Sie morgen
vormittag, sagen wir, um zehn oder um elf -- wann es Ihnen genehm ist,
-- mit Ihren Zeugen und Experten zu mir kommen, um die Authentizität der
Briefe festzustellen; denn ich zweifle keinen Augenblick daran, daß Sie
sich von der Wahrheit überzeugen lassen werden, und wenn Sie sich
überzeugt haben, so dürfte die Sache damit abgetan sein, denke ich.«

Wieder folgte diesen Worten eine allgemeine Bewegung und Aufregung. Doch
plötzlich erhob sich Burdowskij.

»Wenn es so ist, dann bin ich betrogen worden, betrogen ... jedoch nicht
von Tschebaroff, sondern schon vor langer Zeit; ich will keine Experten
... ich will nichts feststellen, ich glaube es ... ich ... ich verzichte
... Die Zehntausend will ich nicht ... adieu ...«

Er nahm seine Mütze, schob den Stuhl zurück und wollte fortgehen.

»Verzeihung, Herr Burdowskij,« hielt ihn Gawrila Ardalionytsch mit
leiser, süßlich klingender Stimme zurück, »könnten Sie nicht noch fünf
Minuten verzögern? Es haben sich in dieser Angelegenheit noch einige
äußerst wichtige Tatsachen herausgestellt, namentlich für Sie wichtige,
für uns dagegen nur interessante. Meiner Meinung nach dürften Sie es
sich nicht entgehen lassen, mit ihnen bekannt zu werden, und es wird
Ihnen gewiß eine Erleichterung sein, wenn der ganze Sachverhalt ein für
allemal aufgeklärt und damit abgetan ist ...«

Antip Burdowskij setzte sich schweigend, den Kopf ein wenig gesenkt, wie
in Gedanken versunken. Seinem Beispiel folgte auch Lebedeffs Neffe, der
sich gleichfalls erhoben hatte, um mit ihm fortzugehen; dieser schien
zwar den Kopf und die Dreistigkeit noch nicht verloren zu haben, schaute
aber doch sehr befremdet drein. Hippolyt sah finster, traurig und sehr
erstaunt aus. In diesem Augenblick hatte er übrigens einen so starken
Hustenanfall, daß auf dem Taschentuch, das er vor den Mund preßte,
Blutflecken erschienen. Der Boxer war unglaublich erschrocken.

»Ach, Antip!« rief er plötzlich kummervoll aus, »hab' ich's dir damals
nicht gleich gesagt, vor drei Tagen schon, daß du vielleicht wirklich
gar nicht Pawlischtscheffs Sohn bist!«

Verhaltenes Lachen ertönte, zwei oder drei lachten lauter.

»Was Sie da soeben mitteilen, Herr Keller,« griff Gawrila Ardalionytsch
schnell auf, »ist als Faktum von unschätzbarer Bedeutung.
Nichtsdestoweniger kann ich auf Grund der sichersten Beweise behaupten,
daß Herr Burdowskij, dem die Zeit seiner Geburt sehr wohl bekannt war,
von jenem Aufenthalt Herrn Pawlischtscheffs im Auslande jedoch völlig
ununterrichtet gewesen ist. Bekanntlich hat Herr Pawlischtscheff den
größten Teil seines Lebens im Auslande verbracht und ist immer nur auf
kurze Zeit nach Rußland zurückgekehrt. Außerdem ist seine Abreise
anderthalb Jahre vor Ihrer Geburt, Herr Burdowskij, an sich so wenig
aufsehenerregend gewesen, daß es nur zu begreiflich ist, wenn sich ihrer
nach vierundzwanzig Jahren selbst seine Verwandten und Freunde nicht
mehr erinnern. Deshalb wären auch alle meine Nachforschungen ergebnislos
gewesen, wenn der Zufall mir nicht ganz unvermutet diese Briefe in die
Hände gespielt hätte. Und deshalb wären auch für Herrn Burdowskij und
sogar für Tschebaroff solche Nachforschungen fast unmöglich gewesen,
selbst wenn sie welche hätten vornehmen wollen ...«

»Erlauben Sie, Herr Iwolgin,« unterbrach ihn plötzlich Hippolyt gereizt,
»wozu halten Sie diese ganze Rede, wenn ich fragen darf? Die Hauptsache
ist doch erklärt, und wir haben eingewilligt, an die Richtigkeit zu
glauben; wozu also noch breittreten, was ohnehin schon schwer und
verletzend ist? Oder wollen Sie vielleicht Ihre Geschicklichkeit als
Nachforscher, als Detektiv zeigen? Oder beabsichtigen Sie gar, eine
Verteidigungsrede für Burdowskij zu halten, weil er das alles nur aus
Unwissenheit getan hat? Das wäre denn doch zu verletzend, mein Herr!
Burdowskij bedarf weder Ihrer Rechtfertigungen noch Entschuldigungen! Es
kränkt ihn nur, er ist ohnehin in einer peinlichen Situation, das hätten
Sie erraten, begreifen sollen ...«

»Pardon, Herr Terentjeff, erlauben Sie, daß ich fortfahre,« unterbrach
ihn Gawrila Ardalionytsch, »beruhigen Sie sich, Sie regen sich ganz
unnütz auf. Sie sind, glaube ich, sehr krank. Ich kann Ihnen durchaus
nachfühlen ... In dem Falle habe ich, wenn Sie wollen, alles gesagt oder
vielmehr bin ich gezwungen, nur noch in aller Kürze jene Fakta
mitzuteilen, die zu erfahren meiner Meinung nach nicht überflüssig sein
dürfte,« lenkte er ein, als er eine gewisse allgemeine Bewegung
bemerkte, die bereits Ungeduld zu verraten schien. »Ich habe Ihnen
mitzuteilen, Herr Burdowskij, daß Herr Pawlischtscheff nur deshalb Ihrer
Mutter gutgesinnt gewesen ist und ihr so oft geholfen hat, weil sie die
leibliche Schwester jenes Hofmädchens ist, in die sich Herr
Pawlischtscheff in seiner Jugend so verliebt hatte, daß er sie unfehlbar
geheiratet hätte, wenn sie nicht gestorben wäre. Ich habe Beweise, daß
dieser Jugendroman nur sehr wenigen bekannt gewesen und von diesen
alsbald sogar ganz vergessen worden ist. Ferner kann ich Ihnen
mitteilen, daß Herr Pawlischtscheff Ihre Mutter seit ihrem zehnten Jahre
hat erziehen lassen und ihr eine gute Mitgift gegeben hat, und gerade
diese seine Anteilnahme hat unter seinen Verwandten und Bekannten eine
gewisse Besorgnis erregt und zu verschiedenen Gerüchten Anlaß gegeben;
eine Zeitlang hat es sogar geheißen, daß er seinen Pflegling heiraten
würde. Doch es endete damit, daß sie im Alter von zwanzig Jahren aus
Liebe, wofür ich gleichfalls Beweise habe, den Feldmessungsbeamten
Burdowskij heiratete. Ferner habe ich die sichersten Beweise dafür, daß
Ihr Vater, Herr Burdowskij, nach Empfang der Mitgift Ihrer Mutter, die
sich auf fünfzehntausend Rubel belief, seinen Dienst aufgab, sich an
verschiedenen kommerziellen Spekulationen beteiligte, betrogen wurde,
das ganze Kapital verlor und vor Kummer zu trinken begann, worauf er
bald erkrankte und starb, im achten Jahr seiner Ehe mit Ihrer Mutter.
Ihre Mutter blieb hierauf, wie sie mir selbst erzählt hat, in der
größten Armut zurück und wäre elend zugrunde gegangen, wenn nicht Herr
Pawlischtscheff ihr großmütig immer wieder geholfen hätte. Er hat ihr
bis zu sechshundert Rubel im Jahr gegeben. Ferner gibt es unzählige
Beweise dafür, daß Pawlischtscheff Sie als Kind sehr liebgewonnen hatte.
Aus diesen Beweisen und nicht zum mindesten aus den Aussagen Ihrer
Mutter geht hervor, daß er Sie hauptsächlich deshalb so liebgewonnen,
weil Sie ein schwächliches, stotterndes, armseliges Kindchen gewesen
sind. Pawlischtscheff aber hat bekanntlich sein Leben lang eine ganz
besondere, fast zärtliche Liebe für alles Behaftete empfunden, für alles
>von der Natur Gekränkte<, wie das Volk sagt, namentlich aber für solche
Kinder. Diese Tatsache, für die ich gleichfalls mehrere Beweise habe,
ist für uns in diesem Falle von besonderer Wichtigkeit. Und schließlich
kann ich mich noch rühmen, auch das erklären zu können, wie diese
auffallende Liebe Pawlischtscheffs -- dank dessen Hilfe Sie das
Gymnasium besucht und unter besonderer Aufsicht gelernt haben -- mit der
Zeit unter seinen Verwandten den Glauben erweckt hat, daß Sie sein Sohn
seien. Doch dieser Glaube ist erst in den letzten Lebensjahren
Pawlischtscheffs, als man sich seines Testaments wegen Sorgen zu machen
begann, in seinen Verwandten zur Überzeugung geworden, also erst dann,
als die alten Fakta vergessen waren und Nachforschungen immer
unmöglicher wurden. Zweifellos ist dieses Gerücht auch Ihnen zu Ohren
gekommen und hat dann auch einen entsprechenden Eindruck auf Sie
gemacht. Ihre Mutter, die persönlich kennen zu lernen ich das Vergnügen
gehabt habe, hat zwar von diesen Gerüchten gehört, weiß aber bis jetzt
noch nicht -- auch ich verschwieg es natürlich --, daß auch Sie, ihr
Sohn, sich von ihnen haben beeinflussen lassen. Ihre Mutter fand ich in
Pskow krank und in großer Armut vor, da sie mit Pawlischtscheffs Tod
nicht nur den Freund und Gönner, sondern auch die Unterstützung verloren
hatte. Unter Tränen der Dankbarkeit teilte sie mir mit, daß sie nur noch
dank Ihrer Hilfe lebe; sie erwartet große Dinge von Ihnen und glaubt
felsenfest an Ihre zukünftigen, großen Erfolge ...«

»Das ist aber jetzt doch nicht mehr zu ertragen!« erklärte plötzlich
laut in größter Ungeduld Lebedeffs Neffe. »Was bezwecken Sie mit der
Wiedergabe dieses ganzen Romans?«

»Ekelhaft! Einfach unanständig!« stieß Hippolyt mit einer gereizten
Bewegung hervor.

Burdowskij jedoch bemerkte nichts und rührte sich nicht einmal.

»Was ich damit bezwecke?« wunderte sich Gawrila Ardalionytsch, sich mit
verschlagenem Lächeln zu seiner Schlußfolgerung vorbereitend. »Erstens
wird Herr Burdowskij jetzt überzeugt sein, daß Herr Pawlischtscheff ihn
nicht als leiblichen Sohn, sondern nur aus Mitleid geliebt hat. Das aber
dürfte für Herrn Burdowskij, der die Handlungsweise Herrn Kellers vorhin
nach der Vorlesung des Artikels guthieß, jedenfalls wissenswert sein.
Ich sage das nur deshalb, weil ich Sie für einen guten Menschen halte,
Herr Burdowskij. Ferner stellt es sich jetzt heraus, daß selbst von
seiten Tschebaroffs durchaus keine bewußte Spitzbüberei vorliegt, das
aber ist auch für mich von Wichtigkeit; denn der Fürst äußerte sich
vorhin im Eifer des Gesprächs ungefähr in dem Sinne, daß auch ich in
dieser Beziehung seiner Meinung sei. Im Gegenteil, hier handelte es sich
bei allem um eine feste Überzeugung, und wenn auch Tschebaroff
vielleicht in der Tat ein großer Spitzbube ist, so ist er wenigstens in
dieser Sache nur ein echter Winkeladvokat. Er hat offenbar gehofft, bei
der Gelegenheit viel Geld verdienen zu können, und seine Berechnung ist
durchaus nicht so dumm gewesen: er rechnete auf die Leichtigkeit, mit
der man vom Fürsten Geld erhalten kann, sowie auf dessen Gefühle für den
verstorbenen Pawlischtscheff; vor allem jedoch -- was am wichtigsten ist
-- auf gewisse ritterliche Ansichten des Fürsten bezüglich Ehren- und
Gewissenspflichten. Von Herrn Burdowskij aber kann man sagen, daß er,
der sich infolge einiger seiner Ansichten von Tschebaroff und seinem
Freundeskreise offenbar leicht beeinflussen läßt, seine Ansprüche
anfangs eigentlich gar nicht aus materiellem Interesse erhoben hat,
sondern fast nur infolge seiner Überzeugung, daß er damit der Wahrheit,
dem Fortschritt und der ganzen Menschheit diene. Jetzt, nachdem ich alle
Fakta mitgeteilt und die Beweggründe auseinandergesetzt habe, hoffe ich,
daß alle in Herrn Burdowskij einen ehrenwerten Menschen sehen werden und
der Fürst ihm jetzt leichteren Herzens seine Freundschaft und auch jene
Hilfe anbieten kann, deren er vorhin Erwähnung tat, als er von der in
Pawlischtscheffs Namen einer Schule zugedachten Summe sprach ...«

»Um Gottes willen, hören Sie auf, Gawrila Ardalionytsch, hören Sie auf!«
unterbrach ihn der Fürst wahrhaft entsetzt, doch es war schon zu spät.

»Ich habe gesagt, ich habe schon dreimal gesagt,« rief Burdowskij
gereizt, »ich will das Geld nicht! Ich werde es nicht annehmen ...
weshalb nicht ... ich will es nicht ... so! ...«

Und kaum hatte er das hervorgestoßen, als er sich schnell dem Ausgang
zuwandte und die Stufen hinunterlief. Doch Lebedeffs Neffe eilte ihm
nach, ergriff ihn am Arm und flüsterte ihm etwas zu, worauf Burdowskij
ebenso plötzlich zurückkehrte, aus der inneren Rocktasche ein offenes
Kuvert großen Formats hervorzog und auf den kleinen Tisch neben dem
Fürsten hinwarf.

»Da! das Geld! ... Sie durften nicht ... durften nicht ... durften
nicht! ... Das Geld! ...!« stieß er erregt hervor.

»Das sind die zweihundertundfünfzig Rubel, die Sie gewagt haben, ihm wie
ein Almosen durch Tschebaroff zu übersenden,« erklärte Doktorenko.

»Im Artikel ist gesagt, daß er ihm nur fünfzig Rubel zugesandt habe!«
rief Koljä dazwischen.

»Ich bitte Sie, mir zu verzeihen,« sagte der Fürst, auf Burdowskij
zutretend, »ich habe Ihnen ein großes Unrecht abzubitten, Herr
Burdowskij. Dieses Geld aber habe ich Ihnen nicht wie ein Almosen
zugesandt, das bitte ich Sie, mir zu glauben. Es ist ein anderes
Unrecht, das ich meine -- eines, das ich vorhin begangen habe.« (Der
Fürst sah sehr angegriffen, müde und schwach aus, und seine Worte waren
fast zusammenhanglos.) »Ich sprach von einer Spitzbüberei ... doch das
bezog sich nicht auf Sie, ich habe mich falsch ausgedrückt. Ich sagte,
daß Sie ... ebenso seien wie ich, ebenso krank. Doch Sie sind nicht
ebenso wie ich, Sie ... erteilen Unterricht, Sie ... ernähren Ihre
Mutter. Ich sagte, Sie hätten Ihre Mutter nicht geschont, doch Sie
lieben sie; sie sagt es selbst ... ich wußte das nicht ... Gawrila
Ardalionytsch hatte mir vorher nicht alles erzählt ... ich bitte Sie,
mir zu verzeihen. Ich habe es gewagt, Ihnen zehntausend Rubel
anzubieten, verzeihen Sie es mir, ich hätte sie nicht so anbieten
sollen, jetzt aber ... geht es nicht, denn Sie müssen mich verachten.«

»Das ist ja, um wahnsinnig zu werden! Oder _sind_ wir hier in einer
Irrenanstalt?« konnte sich Lisaweta Prokofjewna nicht mehr beherrschen.

»Wußten Sie das noch nicht, Mama?« fragte Aglaja schroff, denn auch ihr
riß die Geduld.

Doch ihre Worte hörte fast niemand in dem Lärm, der sich erhoben hatte.
Alle sprachen durcheinander, die einen stritten, andere redeten laut und
gescheit und erteilten guten Rat, einige lachten. Iwan Fedorowitsch
Jepantschin war im höchsten Grade empört und wartete mit der Miene
gekränkter Würde nur auf den Augenblick, in dem sich seine Gattin
endlich erheben würde.

»Ja, Fürst, das muß man Ihnen lassen,« ergriff Lebedeffs Neffe noch
einmal das Wort, »Sie verstehen es großartig, aus Ihrer ... nun, sagen
wir, um uns höflicher auszudrücken -- Krankheit Kapital zu schlagen. Sie
haben Ihre Freundschaft und das Geld in einer so geschickten Form
anzubieten gewußt, daß ein Mann von Ehre sie in keinem Fall annehmen
kann. Das war Ihrerseits entweder gar zu naiv oder vielleicht ungeheuer
geschickt ... Das werden Sie übrigens selbst am besten wissen.«

»Verzeihung, meine Herren,« rief plötzlich Gawrila Ardalionytsch, der
mittlerweile das Kuvert untersucht hatte, »hier sind im ganzen nur
hundert Rubel und nicht zweihundertfünfzig. Ich mache Sie jetzt nur
darauf aufmerksam, Fürst, damit es später nicht zu irgendwelchen
Mißverständnissen kommt.«

»Lassen Sie, lassen Sie!« winkte der Fürst schnell Gawrila Ardalionytsch
ab.

»Nein, >lassen Sie< es durchaus nicht!« griff sofort Doktorenko auf.
»Ihr >lassen Sie<, Fürst, ist für uns äußerst beleidigend. Wir wollen
nichts verheimlichen, wir gehen offen und ehrlich vor: ja, dieses Kuvert
enthält nur hundert und nicht zweihundertundfünfzig Rubel, aber ist denn
das nicht ganz gleich ...«

»N--nein, ich dächte nicht,« unterbrach ihn Gawrila Ardalionytsch mit
naiver Verwunderung.

»Unterbrechen Sie mich nicht; wir sind nicht so dumm, wie Sie glauben,
mein Herr Advokat,« bemerkte Doktorenko ärgerlich. »Selbstverständlich
sind hundert Rubel nicht zweihundertundfünfzig Rubel; ich will nur
sagen, daß es nicht auf die Vollzähligkeit der Summe ankommt, sondern
auf das Prinzip. Die Hauptsache ist hier die Initiative, der fehlende
Rest ist -- Privatsache! Wichtig ist, daß Burdowskij Ihr Almosen nicht
empfängt, Durchlaucht, daß er es Ihnen ins Gesicht wirft, und in diesem
Sinne ist es ganz gleich, ob es hundert oder zweihundertundfünfzig sind.
Burdowskij hat die Zehntausend nicht angenommen, das haben Sie gesehen;
und er würde auch die hundert Rubel nicht zurückgebracht haben, wenn er
das wäre, für was Sie ihn halten: ein Ehrloser! Die hier fehlenden
hundertfünfzig Rubel sind für Tschebaroffs Unkosten, seine Reise zu
Ihnen, usw. draufgegangen. Wenn Sie lachen wollen, dann lachen Sie über
unser Unvermögen, eine Sache richtig anzufassen, über unsere Unkenntnis
in solchen Dingen -- Sie haben sich ja so redlich drum bemüht, uns
lächerlich zu machen! -- aber wagen Sie es nicht, uns zu sagen, daß wir
keine Ehre hätten. Diese hundertfünfzig Rubel werden wir alle, mein
Herr, dem Fürsten zurückzahlen, und wenn wir die Summe auch nur
rubelweise zusammenbringen sollten -- wenn Sie wollen, auch noch mit
Prozenten. Burdowskij ist arm, er besitzt keine Millionen, Tschebaroff
aber präsentierte nach der Reise seine Rechnung. Wir hofften zu gewinnen
... Wer hätte an seiner Stelle anders gehandelt?«

»Wer??« mischte sich Fürst Sch. hinein.

»Ich werde hier wahnsinnig!« rief Lisaweta Prokofjewna aus.

»Das erinnert ja auffallend,« begann lachend Jewgenij Pawlowitsch, der
die ganze Zeit geschwiegen und sie alle beobachtet hatte, »ganz
auffallend an eine vor kurzer Zeit gehaltene berühmte Rede eines
Advokaten, der, nachdem er als Entschuldigungsgrund die Armut seines
Klienten hervorgehoben, -- sein Klient hatte sechs Menschen in einer
Nacht ermordet und beraubt -- plötzlich mit den Worten schloß:
>Selbstverständlich ist dem Angeklagten nur infolge seiner Armut der
Gedanke in den Kopf gekommen, diesen Mord an sechs Menschen zu begehen;
aber wem wäre denn an seiner Stelle dieser Gedanke nicht in den Kopf
gekommen?< -- Oder ungefähr mit diesen Worten. Jedenfalls war's etwas
überaus Seltsames.«

»Genug jetzt!« erklärte plötzlich bebend vor Zorn Lisaweta Prokofjewna.
»Es ist Zeit, daß man diesem Unsinn endlich ein Ende macht! ...« Sie
kochte innerlich vor Wut, doch äußerlich trat sie geradezu majestätisch
auf: fast drohend hatte sie den Kopf in den Nacken geworfen und mit
stolzer, hochmütiger Herausforderung ließ sie ihren Blick über die ganze
Gesellschaft schweifen, offenbar ohne im Augenblick die Freunde von den
Feinden zu unterscheiden. Sie war bei jenem Punkt angelangt, über den
hinaus ihr Zorn sich nicht mehr eindämmen ließ, sondern rücksichtslos
zum Ausbruch, zum offenen Kampfe drängte. Alle, die sie näher kannten,
fühlten sofort, daß diesmal ein ganz besonderer Ausbruch bevorstand. Am
nächsten Tage sagte Iwan Fedorowitsch zum Fürsten Sch.: »Ja, das kommt
bei ihr vor, aber mit einer solchen Wucht, wie gestern, doch nur sehr
selten, höchstens alle drei Jahr einmal. Wie gesagt, höchstens einmal in
drei Jahren, nicht öfter, nein, nicht öfter, höchstens einmal!« schärfte
er ihm noch nachdrücklich ein.

»Lassen Sie mich, Iwan Fedorowitsch!« herrschte Lisaweta Prokofjewna
ihren Mann an, der auf sie zutrat und ihr den Arm bot, um sie
fortzuführen. »Was soll ich jetzt noch mit Ihrem Arm! Wenn es Ihnen als
Mann und Familienvater nicht früher eingefallen ist, mich von hier
fortzuführen -- jetzt ist es zu spät. Am Ohr hätten Sie mich fortziehen
sollen, wenn ich nicht freiwillig gegangen wäre. Wenn Sie sich doch
wenigstens um Ihre Töchter bekümmern würden! Jetzt aber werden wir auch
ohne Sie den Weg finden ... die Schmach reicht für ein ganzes Jahr ...
Warten Sie noch einen Augenblick, ich will mich nur noch bei dem Fürsten
bedanken! ... Ich danke dir, Fürst, für die Vorstellung! ... Und ich
hatte mich hier hingesetzt, um unsere Jugend zu hören! ... Das ist ja
eine Niedertracht, eine Niederträchtigkeit! Das ist ja ein Chaos, so
etwas kann man sich ja nicht einmal träumen lassen! Gibt es denn
wirklich noch viele solche? ... Schweig, Aglaja! Sei still, Alexandra!
Ihr habt euch nicht hineinzumischen! ... So lassen Sie mich doch,
Jewgenij Pawlowitsch, ich habe Ihre Bücklinge wirklich satt! ... Also
du, mein Junge, bittest sie noch um Verzeihung,« wandte sie sich an den
Fürsten, »>verzeiht mir, daß ich euch ein Kapital anzubieten gewagt
habe!< -- ganz allerliebst! ... Was lachst du, du dummer Bengel!« fuhr
sie empört Lebedeffs Neffen an, der zu lächeln gewagt hatte, »also >wir
bitten nicht, wir fordern, wir werfen ihm das Geld ins Gesicht!<
Reizend! Wirklich reizend! Und dabei tut er noch, als wüßte er nicht,
daß dieser Idiot sich spätestens morgen zu ihnen hinschleppen wird, um
wieder seine Freundschaft und sein Geld anzubieten! Hab' ich nicht
recht? Du wirst doch gehen! Du wirst doch gehen? Wirst du gehen oder
nicht?«

»Ich werde gehen,« antwortete der Fürst leise und ruhig.

»Habt ihr's gehört! Und darauf rechnest du ja nur,« wandte sie sich
wieder an Doktorenko, »das Geld hast du ja jetzt schon so gut wie in der
Tasche, deshalb prahlst du ja auch so unverfroren, um uns noch vorher zu
imponieren ... Nein, mein Täubchen, da müßt ihr euch andere Dumme
suchen, denn ich durchschaue euch mehr, als ihr ahnt ... euer ganzes
Spiel durchschaue ich!«

»Lisaweta Prokofjewna!« rief der Fürst.

»Gehen wir, Lisaweta Prokofjewna, es ist Zeit, und den Fürsten fordern
wir auf, sich uns anzuschließen,« sagte möglichst ruhig und möglichst
harmlos lächelnd Fürst Sch.

Die jungen Mädchen standen fast erschrocken etwas abseits, der General
aber schien förmlich erstarrt zu sein. Übrigens waren alle zum mindesten
erstaunt. Einige, die etwas weiter ab standen, lächelten verstohlen oder
flüsterten sich ein paar Worte zu. Lebedeff war geradezu in Ekstase.

»Niederträchtigkeit und Chaos, gnädige Frau, findet man überall,« sagte
bedeutsam Lebedeffs Neffe, der übrigens gleichfalls etwas verblüfft war.

»Aber nicht solche! Nicht solche, Väterchen, wie jetzt bei euch, nicht
solche Niedertracht, das kannst du mir glauben!« fiel ihm Lisaweta
Prokofjewna mit schmerzlicher und zorniger Schadenfreude ins Wort. »Ach,
werdet ihr mich denn nicht endlich in Ruhe lassen!« fuhr sie die anderen
an, die sie beschwichtigen wollten. »Nein, wenn sogar die Verteidiger
vor Gericht es ganz natürlich finden, daß man sechs Menschen umbringt,
bloß weil man arm ist, so kann ja wahrhaftig das Ende der Welt nicht
mehr weit sein. So etwas habe ich denn doch noch nicht gehört! Jetzt ist
mir alles klar geworden! Würde denn dieser Stotterer, dieser dort« (sie
wies auf Burdowskij, der sie vor Verwunderung ganz sprachlos anstarrte),
»würde denn der nicht ermorden? Ich könnte wetten, daß er's
fertigbringt! Dein Geld, die zehntausend Rubel wird er vielleicht nicht
nehmen, das ist wahr, wird sie aus Gewissenhaftigkeit nicht nehmen; aber
in der Nacht hingehen und ermorden, um sie aus der Schatulle
herauszunehmen -- das wird er bestimmt tun und wird es noch dazu ruhig
auf sein Gewissen nehmen! -- _Das_ wird dann vor seinem Gewissen _nicht_
ehrlos sein! Das nennt man jetzt >Ausbruch edler Verzweiflung< oder
>Negation der alten Moral<, oder weiß der Himmel wie noch ... Pfui!
Alles ist jetzt verkehrt, alle stellen sich auf den Kopf und strampeln
mit den Beinen in der Luft! Wird da ein junges Mädchen von ehrsamen
Eltern im Hause erzogen -- plötzlich springt sie mitten auf der Straße
in einen Wagen und fährt davon: >Mamachen, ich habe mich vor ein paar
Tagen mit einem Karlytsch oder Iwanytsch verheiratet, adieu!< Und das
ist Ihrer Meinung nach sehr richtig, nicht wahr? Aller Achtung wert?
Durchaus natürlich? Frauenfrage? ... Sogar dieser Bengel hier« (sie wies
auf Koljä) »wollte noch vor kurzem mit mir streiten, behauptete, gerade
das sei ja der ganze Kern der >Frauenfrage<. Wenn auch die Mutter dumm
gewesen ist, so sei du doch immerhin wie ein Mensch zu ihr! ... Weshalb
hoben Sie die Nasen so hoch, als Sie hier eintraten? Es war ja, als
hätten Sie sagen wollen: >Platz da, wir kommen! Uns gebt alle Rechte,
ihr aber dürft euch kein einziges anmaßen! Uns müßt ihr alle Ehren
erweisen, sogar solche, die es überhaupt noch nicht gegeben hat, und zum
Dank dafür werden wir euch wie die letzten Kanaillen behandelnWir suchen die Wahrheit<
und >wir bestehen auf unserem Recht< -- was wißt ihr von Recht und
Wahrheit, wenn ihr in eurem Artikel wie die Straßenräuber über einen
Unschuldigen herfallt und Lügen über Lügen schreibt! >Wir bitten nicht,
wir fordern, und erwarten Sie von uns keine Dankbarkeit; denn Sie tun es
nur zur Beruhigung Ihres Gewissens!< Das ist mir mal eine Moral. Wenn du
im voraus sagst, daß du ihm nicht dankbar sein wirst, so kann dir doch
der Fürst gleichfalls sagen, daß auch er für Pawlischtscheff keine Spur
von Dankbarkeit empfindet, denn dieser habe das Gute auch nur zur
Beruhigung des eigenen Gewissens getan. Auf was aber hast du denn
gerechnet, wenn nicht auf die Dankbarkeit, die er für Pawlischtscheff
empfindet? _Du_ hast ihm doch nicht das Geld gegeben, er schuldet es
doch nicht _dir_, auf was hast du denn sonst gerechnet, wenn nicht auf
seine Dankbarkeit? Wie kannst du dich dann aber selbst von jeder
Dankbarkeit lossagen? Verrückt seid ihr! Ihr behauptet, die Gesellschaft
sei roh und unmenschlich, weil sie ein verführtes Mädchen ausstößt. Aber
wenn du deshalb die Gesellschaft für roh und unmenschlich erklärst, so
gibst du doch damit zu, daß diese Handlungsweise der Gesellschaft dem
Mädchen weh tut. Wenn du aber das zugibst, wie kannst du dann von ihr
verlangen, daß ihr das nicht weh tun soll? Verrückt seid ihr! Eure
Ruhmsucht hat euch alle verrückt gemacht! Ihr glaubt weder an Gott noch
an Christus. Ihr seid ja von eurer Ruhmsucht und eurem Stolz so
geschwollen, daß ihr euch zum Schluß noch gegenseitig auffressen werdet,
das prophezeie ich euch! Und das soll kein Chaos sein, das soll keine
Schändlichkeit sein? Und nach alledem geht dieser Schamlose noch hin und
bittet sie noch um Verzeihung! Sagt, gibt es viele solche wie ihr seid?
Was lacht ihr? Weil ich mich so erniedrige, daß ich überhaupt mit euch
rede? Jetzt ist es zu spät, was geschehen ist, ist geschehen, da ist
nichts zu machen ... Du aber hast hier nichts zu lachen, du ungezogener
Bengel!« fuhr sie plötzlich empört Hippolyt an. »Er selber kann kaum
noch atmen, verdirbt aber noch andere! Du hast mir diesen Bengel da«
(sie wies wieder auf Koljä) »den hast du mir auch verdorben, er
phantasiert ja überhaupt nur noch von dir, du hast ihn zum Atheismus
bekehrt, du glaubst nicht an Gott, hast aber selbst noch Prügel
verdient, ja wohl, denen bist du noch nicht entwachsen, mein Junge! ...
Also du wirst morgen zu ihnen gehen, Fürst Lew Nikolajewitsch?« fragte
sie plötzlich fast atemlos den Fürsten.

»Ich werde gehen.«

»Dann kenne ich dich von Stund' an nicht mehr!« -- Sie wandte sich
hastig zur Treppe, um fortzugehen, doch plötzlich kehrte sie wieder
zurück. »Und auch zu diesem Atheisten wirst du gehen?« fragte sie, auf
Hippolyt weisend, -- »aber was lachst du denn wieder über mich, du
unverschämter Bengel!« schrie sie plötzlich wie rasend und packte ihn an
der Hand -- sein beißendes Lächeln hatte sie um den letzten Rest von
Selbstbeherrschung gebracht.

»Lisaweta Prokofjewna! Lisaweta Prokofjewna! Lisaweta Prokofjewna!«
ertönte es von allen Seiten.

»_Maman_, das ist eine Schande!« rief Aglaja laut.

»Beunruhigen Sie sich nicht, Aglaja Iwanowna,« antwortete Hippolyt
ruhig, obgleich die Generalin immer noch krampfhaft seine Hand festhielt
und ihn mit ihrem glühenden Blick förmlich durchbohren zu wollen schien,
»beunruhigen Sie sich nicht, Ihre _maman_ wird einsehen, daß man sich an
einem Sterbenden nicht vergreifen darf ... Ich bin gern bereit zu
erklären, weshalb ich gelacht habe ... es wird mir eine Freude sein,
wenn man es mir erlaubt ...«

Ein plötzlicher Hustenanfall, der eine ganze Minute andauerte, erstickte
seine Worte.

Lisaweta Prokofjewna ließ erschrocken seine Hand fahren und sah mit
Entsetzen, wie er sich das Blut von den Lippen wischte.

»Mein Gott, er stirbt ja doch schon und will noch reden! Du darfst kein
Wort mehr sprechen, hörst du! Du mußt einfach gehen und dich hinlegen
...«

»Das werde ich auch tun,« sagte heiser, leise, fast flüsternd Hippolyt.
»Sobald ich heute zurückkehre, werde ich mich sogleich hinlegen ... nach
zwei Wochen bin ich tot ... Das hat mir schon in der vorigen Woche B--n
gesagt ... Wenn Sie erlauben, werde ich Ihnen noch zwei Worte zum
Abschied sagen.«

»Bist du von Sinnen? Unsinn! Kurieren mußt du dich, was willst du denn
jetzt reden? Geh, leg dich ins Bett! ...« Lisaweta Prokofjewna war
wirklich ganz erschrocken.

»Wenn ich mich hinlege, so werde ich ja doch nicht mehr aufstehen, bis
man mich aus dem Bett in den Sarg legt,« meinte Hippolyt lächelnd. »Ich
wollte mich eigentlich schon gestern so hinlegen ... um dann nie mehr
aufzustehen ... bis zum Tode ... aber dann beschloß ich, es bis morgen
aufzuschieben, solange ich mich noch auf den Füßen halten kann ... um
heute mit ihnen hierherzukommen ... Nur müde bin ich jetzt ...«

»Aber so setz dich doch, setz dich, was stehst du denn! Hier hast du
einen Stuhl!« und Lisaweta Prokofjewna schob ihm selbst schnell einen
Stuhl hin. Hippolyt setzte sich -- es war wie ein Zusammenbrechen.

»Ich danke Ihnen,« fuhr er leise fort, »aber Sie müssen sich mir
gegenübersetzen, und dann lassen Sie uns miteinander reden ... wir
werden unbedingt miteinander reden, Lisaweta Prokofjewna, jetzt bestehe
ich darauf ...« lächelte er ihr wieder zu. »Bedenken Sie doch nur, daß
ich heute zum letztenmal im Freien bin, in frischer Luft und unter
Menschen, nach zwei Wochen aber bin ich in der Erde. Das wird also jetzt
so etwas wie mein Abschied von den Menschen und von der Natur werden.
Ich bin zwar nicht besonders sentimental, aber stellen Sie sich vor, es
freut mich doch sehr, daß alles das hier draußen in Pawlowsk geschehen
ist: so habe ich doch wenigstens noch Bäume mit grünen Blättern gesehen
...«

»Was sprichst du da, sei still, du hast ja doch Fieber!« unterbrach ihn
Lisaweta Prokofjewna in wachsender Angst. »Vorhin schriest du und
sprachst du so viel, jetzt aber kannst du kaum noch Atem schöpfen!«

»Ich werde mich sogleich erholen. Weshalb wollen Sie mir nicht meine
letzte Bitte gewähren? ... Wissen Sie auch, daß ich schon lange davon
geträumt habe, wie ich einmal mit Ihnen zusammenkommen würde, Lisaweta
Prokofjewna? ... Ich habe viel von Ihnen gehört. -- Koljä hat mir von
Ihnen erzählt; er ist ja fast der einzige, der mich nicht verläßt ...
Sie sind eine originelle Frau, das habe ich jetzt selbst gesehen ...
wissen Sie auch, daß ich Sie sogar ein wenig geliebt habe? ...«

»Gott, und ich hätte ihn doch beinah geschlagen!«

»Aglaja Iwanowna hat Sie daran verhindert; ich irre mich doch nicht? Das
ist doch Ihre Tochter Aglaja Iwanowna? Sie ist so schön, daß ich vorhin
auf den ersten Blick erriet, sie müsse es sein, obgleich ich sie vorher
nie gesehen habe. Lassen Sie mich noch zum letztenmal im Leben eine
Schönheit sehen,« bat er mit einem seltsam schüchternen und doch
gleichsam sich verzerrenden Lächeln. »Auch der Fürst ist hier und Ihr
Mann und der ganze Bekanntenkreis. Weshalb wollen Sie meinen letzten
Wunsch nicht erfüllen?«

»Einen Stuhl!« rief Lisaweta Prokofjewna, ergriff jedoch schnell selbst
einen und setzte sich Hippolyt gegenüber. »Koljä,« rief sie diesem zu,
»du wirst mit ihm unverzüglich aufbrechen, begleit ihn nach Hause,
morgen aber werde ich unbedingt selbst ...«

»Wenn Sie erlauben, würde ich den Fürsten um ein Glas Tee bitten ... Ich
bin sehr müde ... Wissen Sie was, Lisaweta Prokofjewna, Sie wollten,
glaube ich, den Fürsten zu sich zum Tee mitnehmen: bleiben Sie hier,
verbringen wir die Zeit zusammen, und der Fürst wird bestimmt so
freundlich sein, uns mit Tee zu bewirten. Verzeihen Sie, daß ich so ...
ungefragt Anordnungen treffe ... Aber ich kenne Sie doch, Sie haben ein
gutes Herz, der Fürst auch ... wir sind ja alle bis zur Lächerlichkeit
herzensgute Menschen ...«

Der Fürst bestellte sogleich den Tee, Lebedeff stürzte hinaus, als
stünde sein Haus in Flammen, und ihm folgte auf dem Fuße Wjera.

»Nun gut,« entschied die Generalin, »sprich also, nur sprich leiser und
rege dich nicht auf. Du tust mir so leid, mein Junge ... Fürst! Du bist
es eigentlich nicht wert, daß ich bei dir Tee trinke, aber mag es denn
so sein, ich bleibe. Doch bitte ich, nicht etwa zu glauben, daß ich hier
jemanden um Verzeihung bitten werde! Unsinn! Übrigens -- wenn ich dich
gescholten habe, Fürst, so verzeihe es mir, -- das heißt: wenn du
willst. Ich will hier niemand zurückhalten,« wandte sie sich plötzlich
in geradezu hochmütigem Zorn an ihren Gemahl und ihre Töchter, als
hätten diese ihr -- und nicht sie ihnen -- ein furchtbares Unrecht
angetan. »Ich werde auch allein den Weg nach Hause finden ...«

Doch man ließ sie nicht zu Ende sprechen: sogleich traten alle
bereitwilligst näher und umringten sie und Hippolyt. Stühle wurden
herbeigerückt, man setzte sich. Der Fürst forderte alle zum Tee auf und
entschuldigte sich, daß er nicht früher selbst darauf verfallen war.
Sogar der General wurde liebenswürdig, brummte etwas Beruhigendes und
fragte ritterlich besorgt seine Gemahlin, ob es ihr nicht vielleicht
etwas zu kühl auf der Terrasse werde. Es fehlte nicht viel, und er hätte
Hippolyt gefragt: »Wie lange sind Sie schon auf der Universität?« --
unterließ es aber noch im letzten Augenblick. Jewgenij Pawlowitsch und
Fürst Sch. wurden plötzlich ungeheuer liebenswürdig und waren
ersichtlich sehr aufgeräumt; Alexandra und Adelaida sah man es trotz
ihrer noch immer andauernden Verwunderung an, daß sie gern blieben.
Kurz, alle waren erfreut, daß Lisaweta Prokofjewna sich besänftigt
hatte. Nur Aglaja setzte sich finster und schweigend etwas abseits
nieder. Auch Burdowskij und seine Freunde blieben, keiner wollte
fortgehen, auch der alte General Iwolgin blieb, doch Lebedeff flüsterte
ihm im Vorübergehen etwas zu -- augenscheinlich etwas nicht ganz
Angenehmes -- und da zog er sich mehr in den Hintergrund zurück.
Doktorenko entgegnete auf die Aufforderung des Fürsten, als dieser an
ihn und seine Freunde herantrat, daß sie auf Hippolyt warten würden, und
hierauf setzten sie sich in der entferntesten Ecke der Terrasse wieder
alle in einer Reihe hin. Der Ssamowar mußte bei Lebedeff schon
aufgestellt gewesen sein, denn er wurde im Augenblick hereingetragen.
Die Uhr schlug elf.


                                   X.

Hippolyt trank nur einen Schluck Tee aus dem Täßchen, das ihm Wjera
Lebedewa gereicht hatte, kaum aber hatte er die Lippen benetzt, da
stellte er auch schon die Tasse wieder auf den Tisch und blickte sich
verwirrt und beschämt im Kreise um.

»Sehen Sie doch diese Täßchen, Lisaweta Prokofjewna,« lenkte er schnell
ihre Aufmerksamkeit von sich ab, und überhaupt sprach er jetzt gleichsam
sich überhastend, »das sind ja Porzellantassen, und wie's scheint, ist
es sogar vorzügliches Porzellan ... die stehen ja bei ihm sonst immer im
Schmuckschränkchen unter Glas verriegelt und verschlossen, niemals gibt
er sie her ... sie gehören noch zur Aussteuer seiner Frau ... heute aber
hat er sie hergegeben, Ihnen zu Ehren, versteht sich, dermaßen hat ihn
Ihr Besuch erfreut ...«

Er wollte noch weitersprechen, fand aber in der Verwirrung keine Worte.

»Glücklich verlegen geworden, das dachte ich mir,« raunte plötzlich
Jewgenij Pawlowitsch unbemerkt dem Fürsten zu. »So etwas ist gefährlich,
nicht? Das sicherste Zeichen, daß er jetzt aus Ärger darüber irgend
etwas so Exzentrisches losschießen wird, daß Lisaweta Prokofjewna es
vielleicht wirklich nicht mehr verzeihen kann.«

Der Fürst sah ihn fragend an.

»Fürchten Sie das nicht?« fragte Jewgenij Pawlowitsch, etwas erstaunt
über den fragenden Blick des anderen. »Ich sehe es jedenfalls kommen,
und ich wünsche sogar, daß es so käme: mir ist dabei nur darum zu tun,
daß unsere liebe Lisaweta Prokofjewna bestraft wird, und zwar unbedingt
heute noch, sogleich, vorher werde ich nicht fortgehen. Aber Sie
scheinen ja ganz krank zu sein.«

»Später, stören Sie nicht. Ja, ich bin nicht ganz gesund,« antwortete
der Fürst zerstreut und sogar etwas ungeduldig.

Er hörte seinen Namen nennen, Hippolyt sprach von ihm.

»Sie glauben es mir nicht?« fragte Hippolyt hysterisch auflachend. »Das
dachte ich mir, der Fürst aber wird es sofort glauben und sich nicht im
geringsten wundern.«

»Hörst du, Fürst?« wandte sich Lisaweta Prokofjewna an ihn, »hast du
gehört?«

Die meisten lachten. Lebedeff trat geschäftig vor und drehte und wand
und verbeugte sich wiederholt vor der Generalin.

»Er sagt, daß dieser hier, dieser verkörperte Bückling, dein Hauswirt,
jenem Herrn dort den Artikel korrigiert habe, der vorhin hier laut
vorgelesen wurde.«

Der Fürst sah mit erstauntem Blick Lebedeff an.

»Was schweigst du denn, so sag' doch!« sagte Lisaweta Prokofjewna
ärgerlich und schlug wieder mit der Fußspitze auf den Boden.

»Was soll ich denn noch sagen,« murmelte der Fürst halblaut, ohne den
Blick von Lebedeff abzuwenden, »ich sehe doch schon, daß er ihn
korrigiert hat.«

»Ist es wahr?« wandte sich Lisaweta Prokofjewna hastig an Lebedeff.

»Unantastbar, Exzellenz!« bestätigte Lebedeff mit unerschütterlicher
Miene, indem er die Hand aufs Herz preßte.

»Und das sagst du noch, als wenn du stolz darauf wärst?« fuhr ihn
Lisaweta Prokofjewna, fast vom Stuhle aufspringend, an.

»Gemein, gemein bin ich!« erklärte Lebedeff in tiefer Selbsterkenntnis,
schlug sich vor die Brust und senkte das Haupt immer tiefer.

»Was hab' ich davon, daß du dich jetzt >gemein< nennst! Er glaubt, daß
er, wenn er sich selbst >gemein< nennt, damit alles wieder gutgemacht
habe! Und du schämst dich nicht, Fürst, dich mit solchen Leuten
abzugeben? Das werde ich dir niemals verzeihen!«

»Mir wird der Fürst verzeihen!« sagte Lebedeff überzeugt und gerührt
zugleich.

»Einzig aus Anständigkeit, Gnädigste,« fiel plötzlich mit lauter Stimme
der aufspringende Boxer ein, »einzig aus Anständigkeit und um meinen
Freund nicht zu kompromittieren, habe ich vorhin kein Wort über diese
Korrektur verlauten lassen, sogar ungeachtet dessen, daß er sich erboten
hatte, uns die Treppe hinunterzubefördern, wie Sie selbst gehört haben.
Doch um die Wahrheit nicht zu entstellen, muß ich gestehen, daß ich mich
allerdings an ihn gewandt und seine Hilfe für sechs Rubel in Anspruch
genommen habe, nur wohlgemerkt, nicht zur Verbesserung des Stils,
sondern einzig um die Fakta von ihm zu erfahren, die mir zum größten
Teil völlig unbekannt waren, also wie gesagt, weil mir seine Kompetenz
fehlte. Die Stiefeletten, der zunehmende Appetit beim Schweizer
Professor, die fünfzig Rubel anstatt der zweihundertfünfzig, mit einem
Wort, diese ganze Gruppierung des Materials stammt von ihm, für sechs
Rubel, wie gesagt, den Stil aber hat er nicht korrigiert.«

»Ich muß bemerken, daß ich nur die erste Hälfte des Artikels korrigiert
habe,« unterbrach ihn Lebedeff mit geradezu fieberhafter Ungeduld,
»jawohl, nur die erste Hälfte; denn da wir in der Mitte wegen eines
Gedankens in Streit gerieten, habe ich die zweite Hälfte nicht mehr
korrigiert, daher ist auch alles grammatisch Unzulässige in dieser
Hälfte -- und von Fehlern wimmelt es dort nur so! -- nicht mir
zuzuschreiben ...«

»Also das ist deine größte Sorge!« fuhr Lisaweta Prokofjewna empört auf.

»Gestatten Sie die Frage,« wandte sich Jewgenij Pawlowitsch an Keller,
»wann haben Sie den Artikel korrigiert?«

»Gestern morgen,« rapportierte Keller gehorsamst. »Wir hatten eine
Zusammenkunft verabredet und uns gegenseitig ehrenwörtlich verpflichtet,
das Geheimnis beiderseits zu wahren.«

»Also zur selben Zeit, als er vor dir seine Bücklinge gemacht und dich
seiner Ergebenheit versichert hat! >Er trägt dich ja seit drei Tagen auf
den Händen<, wie Koljä sagt! Das sind mir mal Menschen! Ich brauche
deinen Puschkin nicht und deine Tochter hat nichts bei mir zu suchen!«

Lisaweta Prokofjewna wollte sich bereits erheben, doch da bemerkte sie,
daß Hippolyt lachte, und gereizt wandte sie sich an ihn:

»Was, mein Lieber, wolltest du dich hier etwa über mich lustig machen?«

»Gott behüte!« versetzte Hippolyt mit verzerrtem Lächeln, »mich wundert
nur, daß Sie wirklich so exzentrisch sind, Lisaweta Prokofjewna. Ich
will's gestehen, daß ich mit Absicht diese Sache zur Sprache gebracht
habe: ich wußte, wie das auf Sie wirken würde, auf Sie allein; denn der
Fürst wird ihm bestimmt verzeihen, er hat ihm schon verziehen und sucht
bereits offenbar nach einer Entschuldigung für ihn. Nicht wahr, Fürst,
hab' ich nicht recht?«

Er atmete schnell und seine seltsame Aufregung wuchs mit jedem Wort.

»Nun!« ... sagte Lisaweta Prokofjewna kurz und ungehalten, denn der Ton,
den er jetzt anschlug, wunderte sie. »Nun?«

»Ich habe viel von Ihnen gehört ... vieles von dieser Art ... es hat
mich furchtbar gefreut ... und ich habe Sie achten gelernt ...« fuhr
Hippolyt fort.

Es war, als hätte er gar nicht das sagen wollen, was er sprach, sondern
etwas ganz anderes; etwas, das er mit keinem Wort andeutete. Er sprach
mit einem leisen Schimmer von Spott, regte sich aber dabei ganz
unbegreiflich auf, blickte sich mißtrauisch im Kreise um, schien sehr
verwirrt zu sein und verlor beständig den Faden, so daß er durch dieses
sonderbare Wesen, einen eigentümlich flackernden, an Wahnsinn
gemahnenden Blick in dem hageren Gesicht, auf dessen Wangen zwei rote
Flecke brannten, unwillkürlich die Aufmerksamkeit der Anwesenden
fesselte.

»Ich hätte mich eigentlich darüber wundern müssen, obgleich ich doch die
Welt und die Gesellschaft fast gar nicht kenne -- ich gebe das selbst zu
--, daß Sie nicht nur selbst in unserer, für Sie so unanständigen
Gesellschaft geblieben sind, sondern auch diesen ... jungen Mädchen
erlaubt haben, diese skandalöse Geschichte anzuhören, wenn den Damen
auch aus ... Romanen schon längst alles bekannt ist. Übrigens, ich ...
vielleicht ... ich weiß nicht ... ich habe es nicht so sagen wollen ...
doch jedenfalls -- wer wäre denn sonst geblieben ... auf die Bitte eines
Knaben ... nun, ja, Knaben -- ich geb' es wieder selbst zu -- mit ihm
einen Abend zu verbringen und ... Anteil zu nehmen ... an allem ... um
sich dann am nächsten Tage dessen zu schämen ... Ich gebe übrigens
selbst zu, daß ich mich nicht richtig ausdrücke. Ich kann das alles nur
loben ... und Hochachtung dafür empfinden ... obschon ich an der Miene
Seiner Exzellenz, Ihres Gatten, deutlich ersehe, wie wenig das
gesellschaftlich _comme il faut_{[24]} für ihn ist ... Hihi!« kicherte
er, da er in eine aussichtslose Sackgasse geraten war; doch plötzlich
bekam er einen heftigen Hustenanfall, daß er erst nach zwei Minuten
wieder sprechen konnte.

»Da hat man's!« meinte kühl und schroff Lisaweta Prokofjewna, indem sie
ihn mit strengem Blick musterte. »Nun, mein lieber Junge, genug, es ist
Zeit.«

»Gestatten Sie auch mir, mein Herr, die Bemerkung,« begann plötzlich
gereizt Iwan Fedorowitsch, der allmählich seine Geduld verloren hatte,
»daß meine Gemahlin sich hier beim Fürsten Lew Nikolajewitsch befindet,
unserem Freunde und Nachbarn, und daß es in jedem Fall nicht Ihnen,
junger Mann, zusteht, die Handlungen Lisaweta Prokofjewnas zu
kritisieren, ebensowenig mir ins Gesicht zu sagen, was mein Gesicht
ausdrückt. Und wenn meine Gemahlin hier geblieben ist,« fuhr er, mit
jedem Wort gereizter werdend, fort, »so hat sie es, mein Herr, nur aus
Verwunderung getan und aus der sehr verständlichen Neugier, einmal
Repräsentanten der heutigen Jugend kennen zu lernen. Auch ich bin hier
geblieben, wie man eben bisweilen auch wohl auf der Straße stehen
bleibt, wenn man eben etwas ... etwas ... etwas ...«

»Etwas Seltsames erblickt,« half Jewgenij Pawlowitsch.

»Ganz recht, sehr richtig und treffend, gerade etwas Seltsames,« fuhr
Seine Exzellenz erfreut fort, nachdem man ihm über den schwierigen
Vergleich hinweggeholfen hatte. »Doch ganz abgesehen davon, wundert es
mich sehr und betrübt mich sogar, daß Sie, junger Mann, nicht einmal
begriffen haben, daß meine Gemahlin nur deshalb bei Ihnen geblieben ist,
weil Sie krank sind, -- ich nehme an, daß Sie es auch wirklich sind --
das heißt also, daß sie nur aus Mitleid geblieben ist, weil Sie ihr
sozusagen leid tun, junger Mann, und vielleicht merken Sie es sich,
gefälligst, daß sowohl dem Namen, wie den Eigenschaften und der
Bedeutung meiner Gemahlin unter keinen Umständen sich etwas Schmutziges
anheften kann ... Lisaweta Prokofjewna!« wandte sich der im Eifer rot
gewordene General an seine Gattin, »wenn du jetzt aufbrechen willst, so
können wir uns von unserem lieben Fürsten verabschieden und ...«

»Ich danke Ihnen für die Lehre, General,« unterbrach ihn ganz unerwartet
mit ernstem Gesicht Hippolyt, und nachdenklich sah er ihn an.

»Gehen wir, _maman_, wie lange soll das denn noch dauern!« sagte Aglaja
ungeduldig und geärgert, und sie erhob sich von ihrem Platz.

»Nur noch einen Augenblick, lieber Iwan Fedorowitsch, wenn du erlaubst,«
wandte sich Lisaweta Prokofjewna an ihren Gemahl, im Tone, in der
Haltung und Miene durchaus _grande Dame_. »Ich glaube, er hat hohes
Fieber und phantasiert einfach; ich sehe es an seinen glänzenden Augen;
so darf man ihn nicht fortlassen. Lew Nikolajewitsch! Könnte er nicht
hier bei dir übernachten, damit man ihn heute nicht noch nach Petersburg
zurückzubringen braucht? _Cher prince_,{[25]} Sie langweilen sich doch
nicht?« wandte sie sich aus irgendeinem Grunde an den Fürsten Sch. »Komm
her, Alexandra, du mußt dir die Haare ein wenig ordnen, meine Liebe.«

Und sie ordnete ihr das Haar, an dem übrigens nichts zu ordnen war, und
gab ihr einen Kuß; nur deshalb hatte sie sie zu sich gerufen.

»Ich glaubte, Sie seien entwicklungsfähig ...« begann wieder Hippolyt,
aus seiner Versunkenheit auffahrend. »Ja! richtig, was ich sagen
wollte,« rief er erfreut aus, als wenn ihm plötzlich etwas eingefallen
wäre. »Da haben wir Burdowskij, der aufrichtig seine Mutter verteidigen
will, nicht wahr? Und dabei kommt es so heraus, daß gerade er sie
beleidigt und herabzieht. Da will nun der Fürst Burdowskij helfen,
bietet ihm ohne Arg und Falsch einfach aus Herzensgüte seine
Freundschaft und sein Geld an und ist vielleicht der einzige von uns
allen, der sich nicht von ihm angeekelt fühlt, und gerade sie stehen
sich beide als echte Feinde gegenüber ... Ha--ha--ha! Sie alle hassen
Burdowskij, weil er sich ihrer Meinung nach häßlich und unfein seiner
Mutter gegenüber benommen hat, das ist es doch? Nicht wahr? Nicht? Sie
lieben doch alle unbeschreiblich Schönheit und elegante Form, nur für
die allein leben Sie doch, hab' ich nicht recht? (Das habe ich ja schon
längst gemutmaßt, daß Sie alle nur dafür leben!) Nun, dann hören Sie
jetzt, daß vielleicht kein einziger von Ihnen seine Mutter so geliebt
hat, wie Burdowskij! Sie, Fürst, ich weiß, Sie haben durch Ganetschka
heimlich der Mutter Burdowskijs Geld zugesandt, und da könnt' ich nun
wetten -- hihihi!« lachte er hysterisch, »könnte wetten, daß gerade
dieser Burdowskij Ihnen jetzt Unzartheit und Mißachtung seiner Mutter
gegenüber vorwerfen wird, bei Gott, er wird's tun, hahaha!«

Wieder unterbrach ihn ein Hustenanfall.

»Nun, ist das jetzt alles? Hast du alles gesagt, was du sagen wolltest?
Nun, dann geh jetzt schlafen, du hast dich erkältet, du fieberst ja
doch,« unterbrach ihn ungeduldig Lisaweta Prokofjewna, die ihren
besorgten Blick nicht von ihm abwandte. »Ach, Gott! Da fängt er schon
wieder an!«

»Sie lachen, wie es scheint? Weshalb lachen Sie über mich? Ich habe es
gesehen, daß Sie die ganze Zeit über mich lachen!« wandte sich Hippolyt
plötzlich unruhig und gereizt an Jewgenij Pawlowitsch.

Dieser lächelte in der Tat.

»Ich wollte Sie nur fragen, Herr ... Hippolyt ... pardon, ich habe Ihren
werten Namen vergessen ...«

»Herr Terentjeff,« sagte der Fürst.

»Richtig, Terentjeff, ich danke Ihnen, Fürst; vorhin hörte ich ihn zwar,
doch momentan war er mir entfallen ... Ich wollte Sie fragen, Herr
Terentjeff, ob es wahr ist, was ich gehört habe: Sie sollen, sagte man
mir, der Meinung sein, daß Sie nur eine Viertelstunde lang aus dem
Fenster zum Volk zu sprechen brauchten und dasselbe würde sogleich in
allem Ihrer Ansicht sein und sogleich Ihnen folgen ...«

»Sehr möglich, daß ich das gesagt habe ...« antwortete Hippolyt, indem
er sich gleichsam dessen zu entsinnen suchte. »Bestimmt hab' ich's
gesagt!« bestätigte er dann plötzlich, wieder lebhafter werdend, und mit
festem Blick sah er Jewgenij Pawlowitsch an. »Nun, und?«

»Nichts weiter; ich fragte nur zur Kenntnisnahme, nur so, um das Bild zu
vervollständigen ...«

Jewgenij Pawlowitsch verstummte, doch Hippolyt sah ihn immer noch in
ungeduldiger Erwartung an.

»Nun, ist das alles, hast du alles gefragt?« wandte sich Lisaweta
Prokofjewna an Jewgenij Pawlowitsch. »Komm schneller zum Schluß,
Väterchen, er muß schlafen gehen. Oder verstehst du das nicht?«

Sie ärgerte sich entsetzlich.

»Oh, ich bin gern bereit, fortzufahren,« sagte Jewgenij Pawlowitsch
lächelnd. »Alles, was ich hier von Ihren Kameraden gehört habe,
Herr Terentjeff, und was Sie soeben selbst mit unstreitigem
Beobachtungstalent vorgebracht haben, ist meiner Meinung nach im
Resultat nichts anderes, als in erster Linie und ganz abgesehen von
allem anderen und sogar mit Ausschluß alles anderen die Theorie des
Triumphes dessen, was Sie >Recht< nennen, und das vielleicht sogar ohne
jede nähere Untersuchung, worin denn dieses Recht überhaupt besteht.
Oder irre ich mich vielleicht?«

»Natürlich irren Sie sich, ich verstehe Sie sogar nicht einmal ...
weiter?«

Im Hintergrund hörte man Lebedeffs Neffen halblaut irgend etwas
sprechen.

»Weiter? -- oh, so gut wie nichts,« fuhr Jewgenij Pawlowitsch fort, »ich
will nur bemerken, daß man von diesem Standpunkt sehr leicht auf den des
Rechtes der Kraft überhaupt überspringen kann, ich meine, auf das Recht
der einzelnen Faust und des jeweiligen willkürlichen Wunsches des
einzelnen, womit es ja übrigens auch stets in der Welt geendet hat. Ist
doch auch Proudhon zur Theorie des Rechtes der Kraft gelangt. Und zur
Zeit der Negerbefreiung in Amerika haben sich ja sogar viele der
angesehensten Liberalen für die Plantagenbesitzer erklärt, mit der
Begründung, daß die Neger eben Neger seien und niedriger als die
Menschen der weißen Rasse ständen, und folglich hätten die Weißen das
Recht, die Neger als Sklaven zu behandeln ...«

»Nun?«

»Sie haben also gegen das Recht der Kraft nichts einzuwenden, Sie haben
nichts dawider?«

»Weiter?«

»Sie sind mir mal konsequent! Ich wollte nur bemerken, daß es von dem
Recht der Kraft bis zum Recht der Tiger und Krokodile und sogar dem der
Gorsky und Daniloffs nicht weit ist.«

»Ich weiß nicht, weiter?«

Hippolyt hörte kaum darauf, was Jewgenij Pawlowitsch sprach, und auch
das »nun« und »weiter« schien er nicht aus Interesse für das Weitere zu
sagen, sondern einfach, weil es ihm zur Gewohnheit geworden war, einen
jeden, der ihm von der Welt draußen an seinem Krankenlager erzählte, mit
»nun« und »weiter« zum Weitererzählen zu drängen.

»Tja, weiter ist nichts ... das war alles.«

»Ich bin Ihnen übrigens nicht böse,« sagte Hippolyt plötzlich ganz
unvermittelt und streckte, vielleicht ohne sich selbst dessen bewußt zu
sein, Jewgenij Pawlowitsch die Hand entgegen und lächelte sogar dazu.

Jewgenij Pawlowitsch wunderte sich zuerst, berührte dann aber doch mit
dem ernstesten Gesicht die ihm entgegengestreckte Hand, als empfinge er
wirklich Hippolyts Verzeihung.

»Ich kann nicht umhin, Ihnen meinen Dank auszusprechen für die
Aufmerksamkeit, mit der Sie mich angehört haben,« sagte er in demselben
zweideutig-höflichen Tone, »denn nach meinen unzähligen Beobachtungen
ist unser Liberaler nie imstande, einem anderen Menschen eine andere
Überzeugung zu gestatten und seinem Opponenten nicht sogleich mit
Geschimpf zu antworten oder mit noch Schlimmerem ...«

»Das haben Sie sehr richtig bemerkt,« versetzte General Iwan
Fedorowitsch, worauf er, die Hände auf dem Rücken, mit der
gelangweiltesten Miene wieder an die Treppe der Terrasse trat, wo er vor
Ärger heimlich gähnte.

»Nun, jetzt haben wir aber genug von dir,« erklärte Lisaweta
Prokofjewna, zu Jewgenij Pawlowitsch gewandt. »Ihr werdet mir langweilig
...«

»Es ist Zeit!« erhob sich sofort Hippolyt besorgt und fast erschrocken
und blickte sich verwirrt im Kreise um. »Ich habe Sie aufgehalten ...
ich wollte Ihnen alles sagen ... ich glaubte, daß alle ... das war nur
eine phantastische Idee ...«

Man sah es ihm an, daß er sich nur vorübergehend belebte, daß er aus
seinen Fieberdelirien ganz plötzlich nur auf kurze Zeit zu sich kam und
mit vollem Bewußtsein dachte und sprach. Letzteres meistenteils nur in
abgerissenen Sätzen, die er vielleicht alle schon vorher gedacht -- in
den langen endlosen Stunden auf seinem Krankenlager, wenn er schlaflos
in seiner Einsamkeit lag.

»Nun, leben Sie wohl!« sagte er plötzlich schroff. »Sie glauben, daß es
mir leicht ist, Ihnen >Leben Sie wohl< zu sagen? Na -- ha!« lachte er
kurz auf, ärgerlich über seine ungeschickte Frage, und plötzlich,
gewissermaßen aus Ärger darüber, daß er nichts von dem gesagt hatte und
nichts aussprechen konnte, sagte er laut und gereizt: »Exzellenz! ich
habe die Ehre, Sie zu meiner Beerdigung aufzufordern, vorausgesetzt, daß
Sie mich dieser Ehre würdigen, ... und nach Seiner Exzellenz auch alle
anderen!«

Wieder lachte er auf; doch diesmal klang es wie das Lachen eines
Irrsinnigen. Lisaweta Prokofjewna näherte sich ihm erschrocken und
erfaßte seine Hand. Hippolyt sah sie, mit demselben Lachen im Gesicht,
forschend und unbeweglich an; doch er lachte nicht mehr hörbar, das
Lachen war nur als solches gleichsam in seinem Gesicht erstarrt.

»Wissen Sie auch, daß ich eigentlich nur deshalb hergekommen bin, um
Bäume zu sehen? Diese hier ...« (er wies auf die Bäume des Parks) »ist
das nicht lächerlich, was? Aber hierbei ist doch nichts Lächerliches?«
fragte er ernst Lisaweta Prokofjewna und versank plötzlich in Gedanken;
nach einem Augenblick hob er aber wieder den Kopf und begann neugierig
in der Schar der Anwesenden jemanden mit den Augen zu suchen. Er suchte
Jewgenij Pawlowitsch, der sich rechts von ihm ganz in seiner Nähe auf
demselben Platz wie vorhin befand, doch Hippolyt mußte schon vergessen
haben, wo er gestanden hatte. »Ah, da sind Sie, Sie sind nicht
fortgegangen!« rief er erfreut aus, als er ihn endlich entdeckte. »Sie
lachten darüber, daß ich nur eine Viertelstunde aus dem Fenster sprechen
wollte ... Aber wissen Sie auch, daß ich gar nicht achtzehn Jahr alt
bin? Ich habe so lange auf diesem Kopfkissen gelegen, ich habe so lange
durch dieses Fenster geschaut, ich habe so endlos nachgedacht ... über
alle ... so daß ... Ein Toter steht außerhalb jedes Alters, das wissen
Sie doch. Noch in der vorigen Woche dachte ich, als ich in der Nacht
erwachte ... Aber wissen Sie auch, was Sie am meisten fürchten? Unsere
Aufrichtigkeit fürchten Sie am meisten, wenn Sie uns auch verachten! Das
habe ich gleichfalls damals, in jener Nacht, auf meinem Kopfkissen
gedacht ... Sie glauben, daß ich mich vorhin über Sie lustig machen
wollte, Lisaweta Prokofjewna? Nein, ich habe mich nicht über Sie lustig
gemacht, ich wollte nur sagen, daß alles gut ist ... Koljä hat mir
gesagt, der Fürst habe Sie ein Kind genannt ... das ist gut ... Aber was
wollt' ich doch ... ich wollte doch noch etwas sagen ...« Er bedeckte
das Gesicht mit den Händen und dachte krampfhaft nach. »Richtig, das
war's! -- als Sie sich vorhin schon verabschieden wollten, dachte ich
plötzlich: hier sind jetzt Menschen, und nie mehr wirst du sie
wiedersehen, und nie mehr wird das alles so sein, niemals! Und auch die
Bäume nicht, -- nur die Backsteinmauer wird vor mir sein, die rote von
Meyers Mietkaserne ... die Brandmauer vor meinem Fenster ... nun, so
sag' ihnen doch jetzt alles das ... versuch' es doch, sage es; da« -- er
wies auf Aglaja -- »eine Schönheit! ... du bist so gut wie ein Toter,
stell' dich ihnen als Toter vor, sag' ihnen: >ein Toter kann alles
sagen< ... und daß die Fürstin Maria Alexejewna nicht schelten wird[20],
ha--ha! ... Sie lachen nicht über mich?« Er blickte sich mißtrauisch im
Kreise um. »Aber wissen Sie, auf diesem Kopfkissen sind mir viele
Gedanken gekommen ...: wissen Sie, ich habe eingesehen, daß die Natur
sehr spottlustig ist ... Sie sagten, ich sei ein Atheist, aber wissen
Sie auch, daß diese Natur ... Weshalb lachen Sie wieder? Sie sind
furchtbar grausam!« unterbrach er sich traurig und unwillig, indem er
sich wieder mißtrauisch umblickte. »Ich habe Koljä nicht verdorben,«
schloß er plötzlich in einem ganz anderen Tone, ernst und überzeugt, als
wäre ihm plötzlich wieder ein anderer Gedanke gekommen ...

»Niemand, niemand lacht hier über dich, beruhige dich!« bat ihn Lisaweta
Prokofjewna fast gequält. »Morgen wird dich ein anderer Arzt
untersuchen, deiner hat sich geirrt; aber so setz dich doch, was stehst
du denn, du kannst dich ja kaum auf den Füßen halten! Du fieberst und
phantasierst ... Ach, was soll man jetzt mit ihm anfangen!« sorgte sie
sich um ihn und bemühte sich ängstlich, ihn wieder zum Niedersitzen zu
bewegen, damit er nur ja nicht mehr stehe.

Eine Träne erglänzte auf ihrer Wange.

Hippolyt blieb ganz betroffen stehen, hob die Hand, die er ängstlich
vorstreckte, und berührte zaghaft diese Träne.

Er lächelte, es war ein eigentümliches, kindliches Lächeln.

»Ich ... ich ... habe Sie ...« begann er selig, »Sie wissen nicht, wie
ich Sie ... er hat mir immer mit einer solchen Begeisterung von Ihnen
erzählt, er da, Koljä ... ich liebe seine Begeisterung ... Ich habe ihn
nicht verdorben! Nur ihn allein lasse ich zurück ... ich wollte alle
zurücklassen, alle, -- aber es war niemand da, niemand war da ... Ich
wollte ein großer Tatmensch sein, ich hatte das Recht ... oh, wieviel
ich gewollt habe! Jetzt will ich nichts, ich will nichts mehr wollen,
ich habe mir das Wort gegeben, daß ich nichts mehr wollen werde; mögen
sie ohne mich die Wahrheit suchen, mögen sie doch! Ja, die Natur ist
spottlustig! Weshalb erschuf sie mich,« brach es in zitternder
Leidenschaft aus ihm hervor, »weshalb erschafft sie die besten
Geschöpfe, um dann später ihren Spott mit ihnen zu treiben? Hat sie es
doch auch zugelassen, daß das einzige Wesen, das auf Erden als
vollkommen anerkannt wurde ... hat sie es doch so gemacht, daß gerade
dieses Wesen _das_ aussprechen mußte, um dessenwillen so viel Blut
geflossen ist, daß die Menschen, wenn es auf einmal geflossen wäre, im
Blute hätten ertrinken müssen!

Oh, es ist gut, daß ich sterbe! Ich würde ja vielleicht auch irgendeine
furchtbare Lüge sagen, die Natur würde es schon so einrichten! ... Ich
habe niemanden verdorben ... Ich wollte zum Glücke aller Menschen leben,
um die Wahrheit zu ergründen und zu verkünden ... Ich sah durch mein
Fenster auf Meyers Backsteinmauer und glaubte, eine Viertelstunde würde
mir genügen, um alle, alle zu überzeugen, und da bin ich nun einmal im
Leben zusammen ... mit Ihnen, wenn auch nicht mit den Menschen! -- und
was ist nun herausgekommen? Nichts! Es ist das herausgekommen, daß Sie
mich verachten! Folglich bin ich ein Dummkopf, folglich bin ich
überhaupt nicht nötig, folglich ist es Zeit! Und nicht die geringste
Erinnerung habe ich zu hinterlassen verstanden! Keinen Laut, keine Spur,
nicht eine einzige Tat, keine einzige Überzeugung habe ich verbreitet!
Lachen Sie nicht über den Dummen! Vergessen Sie ihn! Vergessen Sie alles
... vergessen Sie, ich bitte Sie darum, seien Sie nicht so grausam!
Wissen Sie auch, daß ich, wenn nicht diese Schwindsucht gekommen wäre,
mich selbst umgebracht hätte ...«

Er wollte offenbar noch mehr sagen, sprach es aber nicht aus, sondern
fiel plötzlich auf seinen Sessel nieder, bedeckte das Gesicht mit den
Händen und schluchzte wie ein kleines Kind.

»Da! Er weint! Mein Gott, was soll man jetzt mit ihm tun!« rief Lisaweta
Prokofjewna aufs äußerste erschrocken aus; sie trat schnell an seinen
Sessel, nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und drückte ihn fest, fest
an ihre Brust. Er schluchzte wie im Krampf.

»Nu -- nu -- nu! Nu, wein' doch nicht, nu, genug, du bist ein guter
Junge, Gott wird dir alles verzeihen, wegen deiner Unwissenheit; nu,
genug, sei ein ganzer Mann ... Und du wirst dich ja doch später schämen
...«

»Ich habe dort,« begann Hippolyt stockend, und er bemühte sich, den Kopf
zu erheben, »ich habe einen Bruder und zwei Schwestern, Kinder, kleine
Kinder, arme, unschuldige ... _Sie_ wird sie verderben! Entreißen Sie
sie ihr ... Sie -- sind eine Heilige, Sie ... Sie sind selbst ein Kind,
-- retten Sie sie! Retten Sie sie vor dieser ... sie ... wird sie der
Schande ... Oh, helfen Sie ihnen, erbarmen Sie sich ihrer, Gott wird es
Ihnen hundertfach vergelten, um Christi willen! ...«

»So sagen Sie doch endlich, Iwan Fedorowitsch, was soll man jetzt tun!«
rief Lisaweta Prokofjewna gereizt ihren Mann um Rat an. »Haben Sie doch
die Güte und brechen Sie endlich Ihr erhabenes Schweigen! Wenn Sie sich
zu nichts entscheiden, werde ich selbst hier nächtigen, damit Sie's nur
wissen; Sie haben mich zur Genüge mit Ihrer Herrschsucht tyrannisiert!«

Lisaweta Prokofjewna war zu jedem Opfer bereit, was sie äußerlich in
ihrem Zorn verriet, und erwartete eine sofortige Antwort. Leider pflegen
in solchen Fällen die Anwesenden, selbst wenn ihrer viele sind, mit
Schweigen und passiver Neugier zu antworten, um nur ja nichts auf sich
zu nehmen. Ihre Gedanken aber äußern sie gewöhnlich erst lange nachher.
Hier nun gab es unter den Anwesenden sogar solche, die womöglich die
ganze Nacht bis zum nächsten Morgen gesessen hätten, ohne auch nur ein
Wort zu sagen -- zum Beispiel Warwara Ardalionowna Ptizyn, die die ganze
Zeit schweigend dagesessen und nur mit ungeheurem Interesse zugehört
hatte, -- vielleicht nicht ohne ihre besonderen Gründe zu diesem
Interesse zu haben.

»Meine Liebe,« versetzte der General, »meine Meinung wäre die, daß hier
jetzt eher eine Krankenpflegerin am Platze wäre als unsere Aufregung ...
oder für diese Nacht zum mindesten ein nüchterner, zuverlässiger Mensch.
Jedenfalls müssen wir aber den Fürsten bitten und ... diesem hier
unverzüglich Ruhe gönnen. Morgen kann man sich ja dann wieder nach ihm
erkundigen.«

»Es ist sogleich zwölf, wir fahren. Wird er mit uns kommen oder bleibt
er bei Ihnen?« wandte sich Doktorenko gereizt und geärgert an den
Fürsten.

»Wenn Sie wollen, so bleiben Sie doch auch hier bei ihm,« forderte ihn
der Fürst auf, »Platz habe ich genug.«

»Exzellenz,« wandte sich ganz unerwartet und förmlich begeistert Herr
Keller an den General, »wenn ein zuverlässiger Mensch für die Nacht
verlangt wird, so bin ich gern bereit, meinem Freunde das Opfer zu
bringen ... er ist ein seltener Mensch, wenn Sie wüßten, was für eine
Seele er hat! Ich halte ihn schon längst für ein Genie, Exzellenz! Ich
habe gewißlich, sowohl in meiner Bildung wie in meiner Karriere, Pech
gehabt und Exzellenz werden das verstehen ... aber wenn er kritisiert,
das kann auch ich beurteilen, dann streut er ja nur so Perlen aus dem
Ärmel, Perlen, sag' ich Ihnen! ...«

Mit Verzweiflung im Gesicht wandte ihm der General den Rücken.

»Es wird mich sehr freuen, wenn er hier bleibt; es würde ihm natürlich
sehr schwer fallen, jetzt noch zu fahren,« sagte der Fürst auf die
gereizte Frage Lisaweta Prokofjewnas.

»Ja, schläfst du denn? Wenn du nicht willst, Väterchen, werde ich ihn zu
mir bringen! Gott, du hältst dich ja selbst kaum auf den Füßen! Bist du
krank? Was fehlt dir?«

Als Lisaweta Prokofjewna den Fürsten nicht sterbend vorgefunden, hatte
sie ihn nach seinem Aussehen für viel gesunder gehalten, als er war. In
Wirklichkeit aber hatten der Anfall, die schweren Erinnerungen, die sich
an ihn knüpften, die physische Müdigkeit in den Gliedern und der
ermüdende Abendbesuch, ferner dieser ganze Vorfall mit dem »Sohn
Pawlischtscheffs« und nun auch noch der mit Hippolyt -- alles das hatte
auf die krankhafte Empfindsamkeit des Fürsten geradezu fieberhaft
eingewirkt. Außerdem verrieten jetzt seine Augen noch irgendeine
besondere Sorge oder sogar Angst: fast furchtsam blickte er auf
Hippolyt, ganz als befürchte er von diesem irgend etwas.

Da erhob sich plötzlich Hippolyt, unheimlich bleich, mit einem Ausdruck
unerträglicher, an Verzweiflung grenzender Scham in seinem verzerrten
Gesicht. Diese Scham drückte sich vor allem in seinem Blick aus, der
haßerfüllt und doch angstvoll über die Anwesenden huschte, und in dem
verlorenen, verzogenen und gleichsam sich windenden Spottlächeln auf
seinen zuckenden Lippen. Übrigens senkte er den Blick sogleich zu Boden
und wankte mit unsicheren Schritten, immer noch dasselbe Lächeln auf den
Lippen, zu Burdowskij und Doktorenko, die bereits an der Treppe standen:
er fuhr mit ihnen.

»Das ... das fürchtete ich ja!« rief der Fürst aus. »So mußte es ja
kommen!«

Hippolyt wandte sich brüsk nach ihm um, und rasende Wut sprach aus
seinem Gesicht, in dem jeder Nerv zu zittern und zu sprechen schien.

»Ah, also das haben Sie befürchtet! >So mußte es ja kommen< Ihrer
Meinung nach? So hören Sie denn, daß ich, wenn ich hier jemanden hasse
-- und ich hasse Sie hier alle!« -- schrie er heiser, kreischend, bei
jedem Satz spritzte der Speichel von seinen Lippen und an seinen
Mundwinkeln hatte sich Schaum gebildet, -- »daß ich Sie, Sie Jesuit, Sie
Idiot, Sie tugendreicher Millionär und Wohltäter, daß ich Sie mehr als
alles auf der Welt hasse! Ich habe Sie längst durchschaut und zu hassen
begonnen, schon damals, als ich Sie nur vom Hörensagen kannte, haßte ich
Sie mit dem ganzen Haß meiner Seele ... Das haben Sie jetzt so
herbeigeführt! Sie haben mich zu diesem Anfall gebracht! Sie haben mich,
den Sterbenden, dieser Schmach ausgesetzt, Sie, Sie, Sie allein sind
schuld an meiner erbärmlichen Verzagtheit! Ich würde Sie totschlagen,
wenn ich am Leben bliebe! Ich brauche Ihre Wohltaten nicht, ich nehme
von keinem welche an, hören Sie, von keinem, nichts! Ich fieberte ...
ich habe nur phantasiert, Sie dürfen es nicht wagen, zu triumphieren!
Ich verfluche Sie alle ein für allemal!«

Seine Stimme brach ab, er war atemlos.

»Schämt sich seiner Tränen!« flüsterte Lebedeff Lisaweta Prokofjewna zu.
»Da haben wir das >So mußte es kommen!< Ja, der Fürst! Hat ihm wieder
bis ins Innerste geschaut ...«

Doch Lisaweta Prokofjewna würdigte ihn nicht einmal eines Blickes. Sie
stand, stolz aufgerichtet, den Kopf in den Nacken geworfen, und
betrachtete mit verächtlichem Blick »diese Leutchen«. Als Hippolyt
atemlos verstummt war, hatte der General nur die Schultern mit
entsprechender Mundbewegung in die Höhe gezogen, woraufhin ihn seine
Gattin jetzt zornig vom Kopf bis zu den Füßen maß, als verlange sie
Rechenschaft über diese seine Bewegung; doch dann wandte sie sich, ohne
ein Wort zu sagen, an den Fürsten.

»Ich danke Ihnen, Fürst -- unserem exzentrischen Freunde, der Sie sind
-- für den angenehmen Abend, den Sie uns allen bereitet haben. Sie
können sich ja jetzt von Herzen freuen, daß es Ihnen doch gelungen ist,
auch uns in Ihre Dummheiten zu verwickeln ... Genug jetzt, lieber
Freund, ich danke Ihnen, daß Sie uns dabei wenigstens Gelegenheit
geboten haben, Sie einmal gut zu durchschauen! ...«

Und unwillig begann sie ihre Mantille zurechtzuziehen, da sie erst
abwarten wollte, bis »jene« sich fortbegeben hatten. Doktorenko hatte
bereits vor einer Viertelstunde Lebedeffs Sohn, den Gymnasiasten, nach
einer Droschke geschickt, mit der dieser nun gerade vorgefahren war. Dem
Beispiel seiner Gattin folgend, wandte sich auch der General an den
Fürsten.

»In der Tat, ich hätte es nicht erwartet ... nach allem ... nach allen
freundschaftlichen Beziehungen ... und schließlich -- Lisaweta
Prokofjewna ...«

»Nein, pfui, nein, wie kann man nur so!« rief Adelaida im Unwillen über
ihre Eltern aus, trat schnell auf den Fürsten zu und reichte ihm die
Hand.

Mit müdem, verlorenem Blick lächelte der Fürst sie an, vielleicht ohne
sie zu sehen. Plötzlich drang ein heißes, schnelles Geflüster an sein
Ohr.

»Wenn Sie diese erbärmlichen Menschen nicht sogleich hinauswerfen
lassen, werde ich mein ganzes Leben, mein ganzes Leben lang nur Sie
allein hassen!«

Es war Aglaja; sie war wie rasend, wie außer sich; doch noch bevor der
Fürst sie ansehen konnte, hatte sie sich schon von ihm abgewandt.
Übrigens gab es niemanden mehr hinauszuwerfen: Hippolyt war von seinen
Freunden inzwischen in den Wagen gehoben worden -- in diesem Augenblick
fuhren sie bereits davon.

»Nun, gedenken Sie sich noch lange hier aufzuhalten, Iwan Fedorowitsch?
Was meinen Sie?« fragte Lisaweta Prokofjewna.

»Tja, ich, mein Freund ... ich-ch ... bin selbstverständlich sofort
bereit ... Lieber Fürst ...«

Der General streckte doch noch seine Hand aus, um sich vom Fürsten zu
verabschieden, wartete aber nicht, bis der Fürst, der ihn nur zerstreut
ansah, ihm gleichfalls die Hand reichte, sondern eilte seiner Gemahlin
nach, die soeben zornig und rauschend die Treppe hinunterstieg.
Adelaida, deren Bräutigam und Alexandra verabschiedeten sich herzlich
vom Fürsten, desgleichen Jewgenij Pawlowitsch, der als einziger seine
heitere Stimmung bewahrt hatte.

»Sehn Sie, da habe ich doch recht gehabt! Schade nur, daß auch Sie
Ärmster jetzt darunter zu leiden haben!« sagte er halblaut mit dem
gewinnendsten Lächeln zum Fürsten gewandt -- vielleicht aber lag dennoch
ein wenig Spott in diesem Lächeln.

Aglaja ging fort, ohne sich zu verabschieden.

Doch die Überraschungen dieses Abends waren damit noch nicht zu Ende.

Lisaweta Prokofjewna war kaum von der Treppe auf den Fahrweg getreten,
der sich durch den Park schlängelte, als plötzlich ein entzückendes
Gespann, eine offene Kalesche, vor der zwei prächtige Schimmel elegant
ausgriffen, in schnellem Tempo an der Villa des Fürsten vorüberfuhr. Im
Fond des Wagens saßen zwei reich gekleidete Damen. Doch plötzlich, kaum
waren sie zehn Schritte an der Terrasse vorübergefahren, hielt der
Wagen; die eine der Damen wandte sich hastig zurück, als hätte sie einen
Bekannten erblickt, mit dem sie unbedingt ein paar Worte wechseln mußte.

»Jewgenij Pawlowitsch! Bist du's?« ertönte plötzlich eine helle,
wundervolle Stimme, die den Fürsten zusammenzucken machte, und
vielleicht nicht nur den Fürsten allein. »Nein, bin ich froh, daß ich
dich endlich gefunden habe! Ich habe doch einen Boten zu dir in die
Stadt geschickt; zwei! Den ganzen Tag wirst du gesucht!«

Jewgenij Pawlowitsch stand wie vom Schlage gerührt auf der Treppenstufe.
Auch Lisaweta Prokofjewna war stehen geblieben, doch nicht vor Schreck
und Verwunderung wie Jewgenij Pawlowitsch: sie blickte die geputzte Dame
mit derselben kalten Verachtung an, mit der sie vor fünf Minuten die
»Leutchen« betrachtet hatte.

»Freue dich!« fuhr die helle Stimme fort. »Rogoshin hat deine Wechsel
aufgekauft, von Kupfer, für dreißigtausend, ich habe ihn darum gebeten.
Jetzt kannst du noch drei Monate lang ruhig sein! Und mit Biskup und dem
ganzen anderen Wuchererpack werden wir es auch noch arrangieren, aus
alter Bekanntschaft! Na, wie du siehst, alles geht gut! Kannst dich
freuen! Auf Wiedersehen morgen!«

Die Pferde zogen an und griffen aus, der Wagen verschwand ebenso
schnell, wie er aufgetaucht war.

»Ist sie wahnsinnig!« stieß endlich Jewgenij Pawlowitsch hervor, bis
über die Stirn errötend vor Unwillen, und verständnislos blickte er sich
im Kreise um. »Ich habe keine Ahnung von dem, was sie da sprach! Was
sind das für Wechsel? Wer ist sie überhaupt?«

Doch Lisaweta Prokofjewna sah ihn immer noch unbeweglich an: zwei
Sekunden lang ruhten ihre Blicke ineinander; dann wandte sie sich
plötzlich stolz ab und begab sich zu ihrer Villa. Die anderen folgten
ihr.

Nach einer Minute kehrte Jewgenij Pawlowitsch in höchster Erregung zum
Fürsten auf die Terrasse zurück.

»Fürst, sagen Sie mir die Wahrheit, wissen Sie nicht, was das zu
bedeuten hat?«

»Ich habe keine Ahnung!« antwortete der Fürst, der sich gleichfalls in
krankhafter Spannung und Erregung befand.

»Wirklich nicht?«

»Sie können es mir glauben.«

»Tja, auch ich weiß es nicht,« lachte plötzlich Jewgenij Pawlowitsch.
»Bei Gott, ich habe keinen Schimmer von irgendwelchen Wechseln, Sie
können es mir wahrhaftig glauben, ich versichere Sie auf mein Ehrenwort!
... Aber was ist mit Ihnen, Sie werden doch nicht ohnmächtig?«

»Oh, nein, nein, gewiß nicht, nein ...«


                                  XI.

Erst am dritten Tage wurde dem Fürsten von Jepantschins verziehen. Zwar
sprach der Fürst, wie gewöhnlich, sich allein die ganze Schuld zu und
erwartete daher mit Gewißheit seine Strafe; trotzdem war er innerlich
von Anfang an überzeugt, daß Lisaweta Prokofjewna ihm nicht ernstlich
böse sein könne, sondern sich aller Wahrscheinlichkeit nach mehr über
sich selbst ärgere. Deshalb fühlte er sich denn auch am dritten Tage,
als ihm noch immer nicht Verzeihung gewährt worden war, moralisch ganz
niedergedrückt. Außerdem kamen noch andere Dinge hinzu, die ihn quälten,
namentlich etwas, das sich im Laufe der drei Tage dank dem zunehmenden
Mißtrauen des Fürsten progressiv vergrößerte und immer beängstigender
wurde. (Er machte sich seit einiger Zeit heftige Vorwürfe wegen seines
»sinnlosen, zudringlichen« Vertrauens und seines »finsteren, niedrigen«
Mißtrauens.) Kurz und gut -- bis zum Abend des dritten Tages hatte der
Zwischenfall mit der exzentrischen Dame, die aus dem Wagen zu Jewgenij
Pawlowitsch gesprochen, in seinen Gedanken bereits eine wahrhaft
rätselhafte Bedeutung von nahezu erschreckendem Umfang angenommen. Die
unheimlichste Frage war für ihn -- ganz abgesehen von allen anderen
unangenehmen Seiten des Vorfalls -- ob nun wiederum er allein an dieser
neuen »Ungeheuerlichkeit« schuld sei, oder nur ... Doch er sprach es
nicht aus, wen er meinte. Was jedoch die Umänderung der Buchstaben A. M.
D. in N. F. B. anlangte, so glaubte er jetzt nur einen harmlosen Scherz
darin erblicken zu dürfen, eine kindliche Unart, so daß ihm selbst
längeres Nachdenken darüber beschämend und in einer Beziehung sogar
unehrenhaft erschien.

Übrigens hatte der Fürst am nächsten Tage nach jenem »scheußlichen
Abend« das Vergnügen gehabt, den Fürsten Sch. und Adelaida bei sich zu
empfangen: sie waren »_hauptsächlich_ deshalb gekommen, um sich nach
seiner Gesundheit zu erkundigen«. Adelaida hatte im Park einen
»entzückenden alten Baum« entdeckt, eine Trauerbirke mit langen
hängenden Ästen in frischem jungen Grün; unterwegs -- sie waren beide
»nur so« spazieren gegangen -- hatte Adelaida beschlossen, »unbedingt,
unbedingt diesen Baum zu malen«. Und von diesem Baum war fast die ganze
Zeit gesprochen worden, mindestens eine halbe Stunde lang. Fürst Sch.
war so liebenswürdig und aufmerksam gewesen, wie er es immer war, hatte
den Fürsten nach diesem und jenem gefragt, hatte ihn an ihre erste
Begegnung in der kleinen Provinzstadt erinnert, so daß des
vorhergegangenen Abends mit keinem Wort Erwähnung getan wurde.
Schließlich hatte es Adelaida doch nicht ausgehalten: sie hatte zu
lachen begonnen und gestanden, daß sie beide gewissermaßen »inkognito«
zu ihm gekommen seien. Doch das war auch alles, was sie verriet, --
nicht viel, aber auch gewiß nicht wenig, denn aus diesem »inkognito«
konnte man mit Leichtigkeit die Stimmung ihrer Eltern erraten. Doch
weder über ihre Mutter, noch über Aglaja und nicht einmal über Iwan
Fedorowitsch ließ Adelaida ein Wort fallen, und als sie aufbrachen, um
ihren Spaziergang wieder fortzusetzen, forderten sie den Fürsten nicht
auf, sich ihnen anzuschließen, -- von »sie zu besuchen« war erst recht
keine Rede! Ja, in der Beziehung verriet ein kurzes Gespräch sogar noch
viel mehr: als Adelaida von ihrer letzten Aquarellmalerei erzählte,
wünschte sie plötzlich sehr, daß der Fürst sie kritisiere. »Aber wie
soll ich sie Ihnen zeigen?« stutzte sie auf einmal. »Warten Sie! Ich
werde Koljä bitten, wenn er heute zu uns kommt ... oder nein, ich werde
sie Ihnen morgen selbst bringen, wenn ich mit dem Fürsten wieder
spazieren gehe!« entschied sie schnell, sehr erfreut über die gefundene
Lösung des Problems.

Sie verabschiedeten sich bereits, als Fürst Sch. sich scheinbar erst
jetzt ganz plötzlich einer Sache zu entsinnen schien.

»Ach, _à propos_,« wandte er sich an den Fürsten, »wissen Sie nicht
wenigstens, bester Lew Nikolajewitsch, wer diese Dame war, die gestern
Jewgenij Pawlowitsch diese rätselhaften Worte zurief?«

»Das war Nastassja Filippowna,« sagte der Fürst. »Sollten Sie es noch
nicht erfahren haben, daß sie es war? ...«

»Doch, doch, ich weiß, ich hab's gehört!« unterbrach ihn Fürst Sch.
eilig. »Aber was bedeutete das, was sie ihm da zurief? Das ist, ich muß
gestehen, ein solches Rätsel ... für mich, wie auch für alle anderen
...«

Fürst Sch. sprach ersichtlich in größter Verwunderung.

»Sie sprach von irgendwelchen Wechseln Jewgenij Pawlowitschs,«
antwortete der Fürst sehr einfach, »die Rogoshin von einem Wucherer
gekauft hat, auf ihre Bitte hin, und daß Rogoshin auf die Einlösung
derselben noch warten werde.«

»Ich weiß, ich weiß, mein bester Fürst, aber das ist ja doch ein Ding
der Unmöglichkeit! Jewgenij Pawlowitsch hat überhaupt keine Wechsel
ausgestellt, wozu hätte er das nötigt -- bei seinem Vermögen! ... Es ist
ja wahr, er hat ja früher mitunter aus Leichtsinn welche ausgestellt,
und sogar ich habe ihn manchesmal aus der Patsche gezogen ... Aber bei
einem solchen Vermögen einem Wucherer Wechsel auszustellen und sich dann
ihretwillen noch Sorgen zu machen -- das ist doch ausgeschlossen, ganz
ausgeschlossen! Und ebenso kann er sich doch mit Nastassja Filippowna
unmöglich auf du und du stehen -- das ist mir noch das Rätselhafteste!
Er schwört, daß er kein Wort von der ganzen Sache verstehe, und ich
glaube es ihm gern. Die Sache ist nur die, bester Fürst, -- ich wollte
Sie fragen, ob _Sie_ nicht vielleicht irgend etwas wissen? Das heißt,
ich meine ja nur -- vielleicht ist Ihnen durch irgendeinen Zufall etwas
zu Ohren gekommen?«

»Nein, ich weiß nichts, und ich versichere Sie, daß ich daran nicht
beteiligt gewesen bin.«

»Aber lieber Fürst, wer denkt denn daran! Wie Sie wirklich sind! Ich
erkenne Sie heute kaum wieder. Hätte ich denn jemals so etwas auch nur
vermuten können? -- _Sie_, beteiligt an einer _solchen_ Intrige? ...
Doch Sie sind heute nervös.«

Er umarmte und küßte ihn herzlich.

»Das heißt -- an welch einer >_solchen_< Intrige beteiligt? Ich kann
hier keinerlei >_solche_< Intrige sehen.«

»Nun, zweifellos hat doch die betreffende Person Jewgenij Pawlowitsch an
irgend etwas verhindern wollen, indem sie ihm in den Augen der
Anwesenden Eigenschaften beilegte, die er nicht hat und auch gar nicht
haben kann,« antwortete Fürst Sch. ziemlich trocken.

Den Fürsten Lew Nikolajewitsch schien diese Antwort nicht wenig zu
verwirren, doch blickte er trotzdem unverwandt Fürst Sch. an; jener
verstummte aber plötzlich.

»Sollten es nicht doch einfach Wechsel sein? Ist es nicht buchstäblich
so, wie sie gestern sagte?« stieß der Fürst plötzlich in nervöser
Ungeduld hervor, man hörte jedoch heraus, daß er unsicher war.

»Aber so urteilen Sie doch selbst, was kann es denn Gemeinsames geben
zwischen Jewgenij Pawlowitsch und ... ihr und außerdem noch Rogoshin?
Glauben Sie mir, er besitzt tatsächlich ein großes Vermögen, ich weiß es
ganz positiv. Und ein zweites großes Vermögen wird ihm vielleicht bald
noch von seinem Oheim zufallen. Einfach, Nastassja Filippowna ...«

Wieder verstummte Fürst Sch. ganz plötzlich; offenbar wollte er dem
anderen gegenüber nicht mit seinen Gedanken über Nastassja Filippowna
herausrücken.

»Aber dann ist sie doch jedenfalls mit ihm bekannt?« fragte der Fürst
nach kurzem Schweigen.

»Das allerdings -- ja. Doch übrigens, wenn er auch mit ihr bekannt
gewesen ist, so ist das immerhin schon lange her, so ... sagen wir, --
zwei bis drei Jahre. Er war ja doch mit Tozkij gut bekannt. Jetzt aber
kann von einer näheren Bekanntschaft oder gar einer Freundschaft auf du
und du überhaupt nicht die Rede sein! So intim ist er mit ihr nie
gewesen, nie! Und Sie wissen doch selbst sehr gut, daß sie lange Zeit
gar nicht in Petersburg gelebt hat. Und die meisten wissen es überhaupt
noch nicht, daß sie wieder hier aufgetaucht ist. Diesen Wagen und die
Pferde habe ich erst vor etwa drei Tagen zum erstenmal hier gesehen.«

»Ein entzückendes Gespann!« bemerkte Adelaida.

»Ja, das Gespann ist allerdings tadellos.«

Übrigens verließen sie den Fürsten in der freundschaftlichsten Stimmung,
fast kann man sogar sagen, daß sie sich wie Geschwister von ihm
verabschiedeten.

Für den Fürsten Lew Nikolajewitsch war aber dieser Besuch von ganz
ungeheuerer Bedeutung. Nun ja, er hatte ja selbst vieles vermutet,
bereits seit der gestrigen Nacht (vielleicht aber auch schon früher);
doch hatte er bis zu ihrem Besuch immer noch nicht gewagt, seine
Befürchtungen vor sich selbst zu rechtfertigen. Jetzt aber war
wenigstens so viel klar, daß Fürst Sch., der natürlich das Ganze an sich
falsch auffaßte, immerhin der Wahrheit auf der Spur war, wenn er hier
eine _Intrige_ vermutete.

»Übrigens ...« dachte der Fürst bei sich, »vielleicht faßt er es im
geheimen ganz richtig auf, will es aber nur nicht anderen aufdecken und
legt die Sache deshalb absichtlich falsch aus.«

Jedenfalls stand jetzt eines fest: daß Adelaida und Fürst Sch.
(namentlich Fürst Sch.) in der Hoffnung zu ihm gekommen waren, von ihm
etwas Näheres erfahren zu können; war aber das der Fall, so mußte man
ihn doch unbedingt für beteiligt an der Intrige halten. Und außerdem:
wenn der ganze Vorfall wirklich von solch einer Wichtigkeit war, dann
mußte _sie_ doch irgend etwas Furchtbares im Sinne haben, -- was aber
konnte das sein? ... Wie diese Gedanken quälten!

»Und wie könnte man _sie_ von etwas abbringen, das sie sich einmal in
den Kopf gesetzt hat? Das ist ja doch ganz unmöglich, ganz
ausgeschlossen, wenn sie sich von der Notwendigkeit der Durchführung
ihrer Absicht überzeugt hat!« Das wußte der Fürst aus Erfahrung nur zu
gut. »Sie ist ja doch wahnsinnig! ... wahnsinnig! ...«

Doch der quälenden Probleme gab es für ihn an diesem Morgen gar zu
viele; alle tauchten sie jetzt auf einmal auf, und über alle mußte er
nachdenken, lange nachdenken, und alle wollten schnell gelöst sein. So
kam es, daß der Fürst sehr ernst und niedergedrückt war. Ein wenig
Zerstreuung brachte ihm Wjera Lebedewa, die mit ihrem kleinen
Schwesterchen Ljubotschka zu ihm kam und lachend irgend etwas erzählte.
Bald darauf erschien auch ihre andere Schwester, die, welche beim
Sprechen und beim Lachen den Mund immer so unheimlich weit auftat, und
dieser folgte Lebedeffs Sohn, der Gymnasiast, der sich dann gleichfalls
an der Zerstreuung des Fürsten beteiligte und lebhaft versicherte, daß
der Stern in der Apokalypse, der »auf die Quellen der Gewässer« fiel,
nach der Auslegung seines Vaters nichts anderes als das Eisenbahnnetz
bedeute, das sich jetzt über Europa auszubreiten beginne. Der Fürst
wollte es nicht glauben, daß Lebedeff den Stern so deute, worauf dann
beschlossen wurde, ihn selbst bei nächster Gelegenheit danach zu fragen.
Von Wjera Lebedewa erfuhr der Fürst ferner, daß Herr Keller sich bei
ihnen gestern heimisch niedergelassen hatte und aller Voraussicht nach
nicht sobald wieder fortziehen werde, zumal er in dem alten General
Iwolgin einen Kompagnon und guten Freund gefunden hätte; übrigens habe
er erklärt, daß er einzig »zur Komplettierung seiner Bildung« bei ihnen
bliebe. Überhaupt begannen die Kinder Lebedeffs, dem Fürsten mit jedem
Tage mehr zu gefallen.

Koljä erschien den ganzen Tag nicht: er war am Morgen nach Petersburg
gefahren (Lebedeff hatte sich bereits in aller Frühe dorthin begeben --
in Geschäften, wie es hieß), und so erwartete der Fürst mit Ungeduld den
Besuch Gawrila Ardalionytschs, den ihm dieser am Abend vorher beim
Abschied zugesagt hatte.

Um sieben Uhr abends erschien er denn auch richtig -- sogleich nach dem
Essen[21]. Beim ersten Blick auf ihn glaubte der Fürst zu erraten, daß
ihm alles, was an dem Abend passiert war, bis aufs Letzte bekannt sei.
Wie sollte es auch anders sein, wenn er solche Helfershelfer wie seine
Schwester Warjä und seinen Schwager Ptizyn hatte! Zwischen Ganjä und dem
Fürsten bestand ein etwas eigentümliches Verhältnis. Der Fürst hatte ihm
zum Beispiel die Führung der ganzen Angelegenheit mit Burdowskij
anvertraut und ihn noch ganz besonders gebeten, die Sache zu übernehmen;
doch ungeachtet dieses Vertrauens und noch so mancher anderen Bande, die
sie verknüpften, blieben gewisse Punkte zwischen ihnen bestehen, die von
ihnen gleichsam nach gemeinsamer Verabredung mit keinem Wort berührt
wurden. Dem Fürsten hatte allerdings geschienen, daß Ganjä ihm gegenüber
vielleicht vollkommen und freundschaftlich aufrichtig zu sein wünschte,
und so dachte er auch jetzt, daß Ganjä, als er eintrat, im höchsten
Grade überzeugt sei, daß nun der Augenblick gekommen wäre, in dem das
Eis an diesen gewissen Punkten von beiden Seiten gebrochen werden
könnte. Nur hatte Ganjä diesmal leider nicht viel Zeit: seine Schwester
wartete auf ihn bei Lebedeffs, und sie hatten beide noch etwas Eiliges
vor.

Doch wenn Ganjä vielleicht tatsächlich eine ganze Reihe ungeduldiger
Fragen, unwillkürlicher Äußerungen oder gar freundschaftlicher
Mitteilungen und Herzensergüsse erwartet hatte, so harrte seiner
allerdings eine große Enttäuschung. Während der ganzen Zeit seines
Besuches war der Fürst fast wie geistesabwesend, wenigstens sehr
wortkarg und sehr zerstreut.

Die ganze Reihe Fragen, oder vielmehr die eine Frage, die Ganjä erwartet
hatte, wurde vom Fürsten nicht an ihn gerichtet. Da beschloß auch Ganjä,
zurückhaltender zu sein. Nichtsdestoweniger erzählte er ohne Unterlaß
die ganze Zeit, lachte, scherzte, -- kurzum, unterhielt den Fürsten
während der zwanzig Minuten, die er bei ihm war, in der
liebenswürdigsten Weise, doch die Hauptsache berührte er mit keinem
Wort.

Unter anderem erzählte er, daß Nastassja Filippowna sich erst seit etwa
vier Tagen in Pawlowsk aufhalte und doch bereits die allgemeine
Aufmerksamkeit auf sich gelenkt habe. Sie wohne in einem kleinen,
unscheinbaren Hause bei Darja Alexejewna, irgendwo in einer
»Matrosenstraße«, wenn er sich nicht irre, ihre Equipage aber sei die
schönste in Pawlowsk. Es habe sich auch bereits eine ganze Schar von
alten und jungen Verehrern um sie versammelt, von denen sie auf ihren
Spazierfahrten mitunter hoch zu Roß begleitet werde. Zwar sei sie immer
noch sehr wählerisch in ihrem Verkehr mit Herren, doch stände ihr
trotzdem ein ganzes Korps zur Verfügung, falls sie irgendwie desselben
bedürfen sollte. Ein erklärter Bräutigam, einer der Pawlowsker
Datschenbesitzer, habe sich bereits ihretwegen mit seiner Braut entlobt,
und ein alter General habe ihretwegen seinen Sohn fast verflucht.
Gewöhnlich fahre sie mit einem sehr schönen jungen Mädchen, einer
Verwandten Darja Alexejewnas aus; dieses junge, etwa sechzehnjährige
Mädchen habe eine wundervolle Stimme und singe des Abends so schön, daß
das unansehnliche Haus Darja Alexejewnas die Aufmerksamkeit von ganz
Pawlowsk auf sich lenke. Übrigens führe sich Nastassja Filippowna
überall tadellos auf, kleide sich nicht auffallend, doch stets so
elegant, daß alle Damen sie wegen ihres Geschmacks, ihrer Schönheit und
ihrer prachtvollen Equipage beneideten.

»Ihr exzentrischer Ausfall von gestern abend,« verschnappte sich Ganjä
schließlich doch einmal, »ist natürlich auf eine besondere Absicht
zurückzuführen und zählt daher nicht mit. Um ihr etwas anhaben zu
können, müßte man es direkt darauf absehen oder sie einfach verleumden,
was übrigens das schnellste und sicherste Mittel wäre,« schloß er in der
Erwartung, daß der Fürst jetzt unbedingt fragen werde, weshalb er ihrem
Ausfall eine »besondere Absicht« zugrunde lege und weshalb er
»Verleumdung das schnellste und sicherste Mittel« nenne.

Doch der Fürst sagte nichts.

Da begann Ganjä auch von Jewgenij Pawlowitsch ohne besondere
Aufforderung des Fürsten zu sprechen, was um so seltsamer war, als er
ganz unvermittelt begann. Seiner Meinung nach war Jewgenij Pawlowitsch
früher nicht mit Nastassja Filippowna bekannt gewesen und kannte sie
auch jetzt kaum, da er ihr erst vor vier Tagen auf dem Spaziergang
vorgestellt worden sei; und daß er sie mit den anderen zusammen in ihrem
Hause besucht habe, sei wiederum aus gewissen Gründen nicht anzunehmen.
Was jedoch die Wechselgeschichte betreffe, so könne sehr wohl etwas
Wahres daran sein (das wurde von Ganjä mit auffallender Sicherheit
behauptet, -- offenbar hatte er etwas Näheres hierüber von Ptizyn
erfahren). Jewgenij Pawlowitschs Vermögen sei allerdings sehr groß,
»doch zum Teil sind seine Vermögensverhältnisse ziemlich im unklaren,«
fügte er kurz hinzu und damit brach er plötzlich ab. Auch über Nastassja
Filippowna sprach er weiter kein Wort. Endlich kam Warjä, um den Bruder
abzuholen, setzte sich aber doch noch auf einen Augenblick und erzählte
-- gleichfalls ungebeten --, daß Jewgenij Pawlowitsch »heute den ganzen
Tag und vielleicht auch noch morgen« in Petersburg bleiben werde, und
daß auch ihr Mann, Iwan Petrowitsch Ptizyn, in Petersburg sei. Ja, fast
kam es so heraus, als weile ihr Mann nur wegen einer Geldangelegenheit
Jewgenij Pawlowitschs in der Stadt. Bereits im Fortgehen begriffen,
sagte sie dann noch, daß Lisaweta Prokofjewna sich in entsetzlicher
Stimmung befinde, doch am meisten befremde es sie, Warjä, daß Aglaja
sich mit der ganzen Familie, nicht nur dem Vater und der Mutter, sondern
auch mit den beiden Schwestern ernstlich entzweit habe, -- »und sogar
wirklich im Ernst«. Und nachdem sie anscheinend ganz gleichmütig diese
Nachrichten -- die für den Fürsten von so großer Wichtigkeit waren! --
mitgeteilt hatte, entfernten sich Bruder und Schwester.

Der Fürst blieb allein zurück. Auch Burdowskijs hatte Ganjä mit keinem
Wort Erwähnung getan, vielleicht aus falschem Zartgefühl, um den Fürsten
nicht an Unangenehmes zu erinnern; doch der Fürst ließ es sich trotzdem
nicht entgehen, ihm für seine Mühe zu danken.

Es freute ihn sehr, daß er endlich allein war. Langsam stieg er die
Stufen der Terrasse hinunter und ging über den Fahrweg in den Park. Er
wollte sich einen entscheidenden Schritt, den er fast im Begriff war zu
tun, reiflich überlegen. Doch dieser »Schritt« war gerade einer von
denen, die man sich nicht überlegt, sondern zu denen man sich einfach
kurz entschließt; er wollte plötzlich unsäglich gern wieder dorthin
zurückkehren, woher er gekommen, nur irgendwohin, weit, weit fort, in
den Wald, in die einsamste Gegend, und alles hier so zurücklassen, wie
es war, nicht einmal sich von jemandem verabschieden! Eine fast drohende
Ahnung sagte ihm, daß er, wenn er auch nur noch wenige Tage hier blieb,
sich rettungslos in diese Welt würde hineinziehen lassen, und diese
Welt, die würde dann sein Schicksal sein! Doch er hatte noch keine zehn
Minuten den Plan dieser Flucht erwogen, als er auch schon entschied, daß
es »ganz unmöglich« für ihn sei, so zu flüchten, daß es von ihm
»kleinmütig« wäre, daß er jetzt vor großen Aufgaben stände, die er
unbedingt lösen müsse, oder wenn auch nicht das, so habe er jetzt doch
überhaupt nicht mehr das Recht, fortzufahren, sondern müsse zum
mindesten alle seine Kräfte anspannen zu ihrer Lösung. Mit diesem
Gedanken kehrte er zur Villa zurück, nachdem er kaum eine Viertelstunde
im Park gewesen war. Er fühlte sich entsetzlich unglücklich in diesem
Augenblick.

Lebedeff war noch immer nicht aus der Stadt zurückgekehrt, und so gelang
es am Abend dem verabschiedeten Leutnant Keller, ungehindert beim
Fürsten einzutreten. Er war nicht gerade betrunken, aber jedenfalls auch
nicht gerade nüchtern; denn seine Redseligkeit war auffallend und seine
geradezu verblüffende Offenherzigkeit mehr als verdächtig. Er begann
sogleich damit, daß er den Grund seines Erscheinens erklärte: er sei
gekommen, um dem Fürsten seine ganze Lebensgeschichte zu erzählen, und
nur zu dem Zweck sei er in Pawlowsk geblieben. Es war nicht die
geringste Hoffnung vorhanden, ihn loszuwerden; selbst wenn man ihm die
Tür gewiesen hätte, wäre er doch nicht gegangen. Er setzte sich fest und
schickte sich an, lange und ziemlich ungereimt zu reden; doch siehe da,
fast schon nach den ersten Worten sprang er ganz plötzlich auf den
Schluß über und erklärte, mit der Zeit sei ihm jeder Schimmer von
Sittlichkeit »abhanden gekommen« -- und das einzig infolge seines
Unglaubens an den Höchsten --, so daß er sogar gestohlen habe.

»Können Sie sich das vorstellen!«

»Hören Sie, Keller, ich würde an Ihrer Stelle doch nicht so
unnützerweise solche Dinge gestehen,« wandte der Fürst ein. »Doch --
vielleicht wollen Sie sich mit Absicht anschwärzen? Wozu sagen Sie das
alles?«

»Nur Ihnen auf Gottes ganzem Erdboden, einzig und allein Ihnen sage ich
es, und zwar nur deshalb, um damit meine Entwicklung zu fördern! Sonst
keinem eine Silbe! Keinem einzigen! Wenn ich sterbe, soll mein Geheimnis
mit mir in die Grube fahren und von dort dann meinetwegen aufwärts gen
Himmel! Aber, Fürst, wenn Sie nur wüßten, wenn Sie nur wüßten, wie
schwer es heutzutage ist, irgendwo Geld zu bekommen! Wo soll man es denn
hernehmen, wenn Sie mir das doch wenigstens gefälligst sagen könnten?
Die einzige Antwort ist: >Bring Gold und Brillanten, dann kriegst du
welches<, -- mit anderen Worten, also gerade das, was ich nicht habe. --
Können Sie sich das vorstellen? Ich -- wurde schließlich wütend, stand,
stand: -- >Aber für Smaragden<, fragte ich, >geben Sie dafür auch
welches?< -- >Gewiß, auch für Smaragden geben wir welches.< -- >Na,
bon,< sagte ich, nahm meinen Hut und ging. Der Teufel hol' sie samt und
sonders, 's ist 'ne Gaunerbande, bei Gott!«

»Hatten Sie denn Smaragden?«

»Wie sollt' ich wohl Smaragden haben? Oh, Fürst, wie ahnungslos und
unschuldig, wie rosig und, man kann wohl sagen -- schäferhaft Sie noch
auf das Leben blicken!«

Dem Fürsten tat er schließlich ... nicht gerade leid, aber der Fürst
glaubte plötzlich, sich schämen zu müssen. Ihm kam sogar der Gedanke:
»Könnte man nicht noch etwas aus diesem Menschen machen? -- wenn er
unter einen guten Einfluß käme?« Seinen eigenen Einfluß hielt er aus
gewissen Gründen für absolut untauglich dazu, und das nicht etwa aus
falscher Bescheidenheit oder falscher Beobachtung, sondern eigentlich
nur infolge seiner nunmehrigen Auffassung verschiedener Dinge und
Verhältnisse. Allmählich aber kamen sie beide so ins Sprechen hinein,
daß sie ans Aufhören gar nicht mehr dachten. Keller bekannte mit
ungewöhnlicher Bereitwilligkeit, sogar an solchen Dingen schuldig zu
sein, von denen auch nur zu sprechen man wohl nie und nimmer für möglich
halten würde. Vor Beginn jeder neuen Erzählung versicherte er
nachdrücklich, daß er es bereue und »inwendig voll Tränen« sei, worauf
er aber dann jedesmal so erzählte, als wenn er auf seine Tat noch ganz
besonders stolz gewesen wäre, und dabei wußte er noch alles so amüsant
wiederzugeben, daß schließlich beide, sowohl er selbst wie auch der
Fürst, sich die Seiten vor Lachen hielten.

»Die Hauptsache ist, daß Sie noch eine gewissermaßen kindliche
Zutraulichkeit und eine wirklich seltene Wahrheitsliebe besitzen,« sagte
schließlich der Fürst. »Wissen Sie auch, daß Sie schon allein damit sehr
vieles wieder gutmachen?«

»Edel bin ich, edel, ritterlich edel!« bestätigte Keller sofort gerührt.
»Aber wissen Sie, Fürst, das beschränkt sich alles leider immer nur auf
die Träume, auf die Gedankenwelt, und tritt sozusagen immer nur in
meiner Courage so etwas wie zutage, in der Wirklichkeit aber kommt's nie
eigentlich heraus! Und weshalb ist es so? Ich begreif's wahrhaftig
nicht!«

»Verzagen Sie deshalb nicht. Sie haben mir jetzt alles bis aufs Letzte
erzählt; wenigstens können Sie doch an Häßlichem und Schlechtem nichts
mehr hinzufügen, denke ich ...«

»Nichts mehr hinzufügen?!« rief Keller in einem geradezu mitleidigen
Tone aus. »Jesus, Fürst, bis zu welch einem Grade Sie die Menschen doch
immer noch sozusagen schweizerisch auffassen!«

»Gibt es denn wirklich noch etwas ...?« fragte mit zaghafter
Verwunderung der Fürst. »Aber was haben Sie denn von mir erwartet,
Keller, sagen Sie mir das doch, bitte, weshalb sind Sie denn mit Ihrer
Beichte zu mir gekommen?«

»Von Ihnen? Was ich von Ihnen erwartet habe? Erstens ist es so angenehm,
Ihre Herzenseinfalt zu sehen; es ist ein wahrhaft herzerquickendes
Gefühl, bei Ihnen zu sitzen und zu schwatzen; wenigstens weiß ich dann,
daß der tugendhafteste Mensch vor mir sitzt; und zweitens ... zweitens
... khm ...«

Er stockte, räusperte sich und wußte nicht recht, wie weiter.

»Sie wollten vielleicht Geld von mir leihen?« half ihm der Fürst
vollkommen ernst und sehr einfach, sogar ein wenig schüchtern.

Keller sprang fast vom Stuhl auf; er blickte dem Fürsten ganz starr vor
Verwunderung in die Augen ... und plötzlich schlug er mit der Faust auf
den Tisch.

»Das ist es ja, weiß der Teufel, womit Sie einen total aus dem Konzept
bringen! Erbarmen Sie sich, Fürst: bald sind Sie die leibhaftige
Verkörperung einer solchen Unschuld, einer solchen Herzenseinfalt, wie
sie selbst im goldenen Zeitalter unerhört gewesen sein muß, und bald
wiederum oder vielmehr gleichzeitig durchschauen Sie einen mit den
tiefsten psychologischen Beobachtungen, die einem wie Pfeile durch Mark
und Bein gehen! Erlauben Sie, Fürst, das verlangt noch Erklärungen, denn
ich ... ich bin einfach auf den Kopf getroffen! Selbstverständlich war
zu guter Letzt Zweck und Ziel meines Besuches -- von Ihnen Geld zu
leihen. Sie aber fragen mich das plötzlich von vornherein und noch dazu
in einem Tone, als würden Sie nicht den geringsten Anstoß daran nehmen,
als ob es gerade so sein müßte!«

»Ja ... von Ihnen mußte es auch so sein.«

»Und Sie sind nicht empört?«

»Weshalb denn?«

»Hören Sie, Fürst, ich muß Ihnen alles von Anfang an sagen: ich blieb
gestern abend in erster Linie aus besonderer Hochachtung für den
französischen Erzbischof Bourdaloue hier -- wir entkorkten bei Lebedeff
bis drei Uhr morgens Flaschen --, und in zweiter Linie und hauptsächlich
-- ich schlage mir alle Kreuze vor die Stirn, Sie können es mir also
aufs Wort glauben! -- hauptsächlich deshalb, weil ich die Absicht hatte,
Ihnen, Fürst, einmal mein ganzes Herz auszuschütten, um durch diese
sozusagen von Herzen kommende Ohrenbeichte meiner eigenen moralischen
Entwicklung etwas auf die Beine zu helfen; mit diesem Gedanken schlief
ich denn auch so gegen vier Uhr morgens unter fließenden Tränen ein. Und
jetzt glauben Sie mir: in demselben Augenblick, als ich im Begriff war,
einzuschlummern -- ich war schon halbwegs weg -- (und dabei war ich doch
so voll aufrichtiger innerer Tränen, daß sie sozusagen sogar
überflossen; denn zu guter Letzt weinte ich tatsächlich, dessen entsinne
ich mich noch ganz genau!) in demselben Augenblick kam mir plötzlich ein
teuflischer Gedanke: >Aber was,< dachte ich bei mir, >sollte man nicht
ganz zum Schluß, nach der Beichte, einen Pumpversuch bei ihm machen?<
Und so bereitete ich mich denn unter Tränen einerseits zu meiner Beichte
vor, die ich gleichfalls unter Tränen vortragen wollte, um andererseits
mit diesen Tränen den Weg zu finden oder Ihr Herz zu erweichen, damit
Sie dann zum Schluß, von Mitleid bewegt, mir hundertundfünfzig Rubel
einhändigten. Ist das nun nicht eine Gemeinheit, was meinen Sie?«

»Aber das ist doch bestimmt nicht so gewesen, das eine ist nur ganz
zufällig zum anderen gekommen, zwei Gedanken sind sich begegnet, wie das
sehr oft geschieht. Bei mir geschieht das fortwährend. Übrigens glaube
ich, daß das nicht gut ist, und offen gestanden, gerade wegen dieser
Doppelgedanken mache ich mir die größten Vorwürfe. Es ist mir fast, als
hätten Sie mir von mir selbst erzählt. Ich habe sogar mitunter gedacht,«
fuhr der Fürst sehr ernst und aufrichtig interessiert fort, »daß alle
Menschen so seien, so daß ich schließlich aufhörte, mich deshalb zu
quälen; denn es ist sehr schwer, gegen diese Doppelgedanken anzukämpfen;
ich weiß es ... Gott weiß, woher sie kommen, wie sie entstehen ... Da
kommen Sie aber jetzt und nennen es doch einfach eine Gemeinheit! Nun
fange auch ich wieder an, diese Gedanken zu fürchten. Jedenfalls kann
ich nicht Ihr Richter sein. Aber immerhin finde ich, daß man es doch
nicht so ohne weiteres eine Gemeinheit nennen kann, was meinen Sie? Sie
haben auf schlaue Weise durch Tränen Geld herauslocken wollen; aber Sie
schwören doch selbst, daß Ihre Beichte für Sie auch einen anderen Zweck
hatte, einen geistigen, edlen, und nicht nur materiellen. Und was das
Geld betrifft, so brauchen Sie es doch zum Verzechen, nicht wahr? Das
aber ist freilich nach solch einer Beichte zum mindesten kleinmütig.
Aber andererseits: wie soll man so plötzlich von seinen bisherigen
Gewohnheiten lassen? Das geht doch nicht. Also was tun? Am besten ist,
man überläßt das Ihrem eigenen Gewissen, was meinen Sie?«

Der Fürst blickte Keller mit ungeheurem Interesse an. Das Problem der
»Doppelgedanken« hatte ihn offenbar schon lange beschäftigt.

»Jetzt sagen Sie mir nur gefälligst, weshalb man Sie nach alledem noch
einen Idioten nennt! -- das verstehe ich nicht! -- da hört doch alles
auf!« rief Keller ganz begeistert aus.

Der Fürst errötete ein wenig.

»Selbst der gerechte Mann Gottes, Bourdaloue, hätte einen Menschen nicht
so geschont wie Sie! Und Sie haben mich noch menschlich mir selbst näher
gebracht! Nun gut, um mich zu bestrafen und zu beweisen, daß ich gerührt
bin, will ich jetzt nicht mehr hundertundfünfzig Rubel -- geben Sie mir
nur fünfundzwanzig, und damit basta! Das ist alles, was ich brauche,
wenigstens für zwei Wochen. Vor zwei Wochen werde ich bestimmt nicht
wiederkommen mit dieser Bitte. Ich wollte mal meine Agaschka etwas
verwöhnen, aber was! -- sie ist es ja doch nicht wert! O nein, gütigster
Fürst, ich danke Ihnen, Gott segne Sie dafür!«

Lebedeff, der soeben aus der Stadt zurückgekehrt war und gerade eintrat,
machte, als er Keller die Banknote von fünfundzwanzig Rubeln in Empfang
nehmen sah, ein finsteres Gesicht; doch Keller drückte sich schleunigst.
Da begann Lebedeff sofort über ihn herzuziehen.

»Sie sind ungerecht,« bemerkte schließlich der Fürst, »er hat
tatsächlich aufrichtig bereut.«

»Ja, aber was will das sagen! Das ist ja doch ebenso wie ich gestern:
>gemein, gemein bin ich< -- wunderschön, aber das sind doch alles nur
kurze Worte!«

»So waren es also nur Worte von Ihnen? Und ich dachte bereits ...«

»Na, ich will Ihnen, aber auch nur Ihnen allein, die Wahrheit sagen;
denn Sie durchschauen ja doch jeden Menschen: leere Worte und
Aufrichtigkeit, Lüge und Wahrheit -- alles zusammen war's, und jedes war
echt, war wirklich echt! >Wahrheit und Aufrichtigkeit< bestehen bei mir
in der aufrichtigen Reue -- glauben Sie es oder glauben Sie es nicht,
ich schwöre es jedenfalls -- >leere Worte und Lüge< bestehen in dem
teuflischen und immer gegenwärtigen Gedanken, wie ich auch hier den
Menschen übers Ohr hauen, wie ich auch hier aus den Tränen der Reue
Vorteil ziehen könnte! Bei Gott, so ist es! Einem anderen würde ich es
nicht sagen -- er würde mich auslachen; Sie aber Fürst, Sie denken
menschlich.«

»Nun, sehen Sie: genau dasselbe, fast mit denselben Worten, hat mir auch
Keller soeben gesagt, -- und beide scheinen Sie sich damit gleichsam
brüsten zu wollen! Sie setzen mich sogar damit wirklich in Erstaunen ...
nur hat er aufrichtiger gesprochen als Sie; denn bei Ihnen ist es schon
entschieden zu einer Art Handwerk geworden. Nun, genug, reden wir nicht
davon, und machen Sie schnell ein anderes Gesicht, Lebedeff, und pressen
Sie doch nicht immer so die Hand aufs Herz! Haben Sie mir nicht etwas zu
sagen? Sie pflegen doch nie grundlos zu mir zu kommen ...«

Lebedeff begann sich zu krümmen, zu wenden und zu drehen und hinterm Ohr
zu kratzen, sagte aber kein Wort.

»Ich habe Sie den ganzen Tag erwartet, um eine Frage an Sie stellen zu
können; antworten Sie mir jetzt und sagen Sie mir doch wenigstens einmal
im Leben sogleich die Wahrheit: Sind Sie an dem Vorfall mit dem Wagen
gestern abend beteiligt oder nicht?«

Lebedeff begann sich wieder zu winden, fuhr sich mit dem Finger in den
Kragen und zweimal unter der Gurgel hin und her, räusperte sich,
kicherte, räusperte sich wieder, rieb sich die Hände, nieste sogar; doch
zu sprechen entschloß er sich noch immer nicht.

»Ich sehe schon, daß Sie mitgewirkt haben.«

»Aber indirekt, einzig nur indirekt! Ich sage die reinste Wahrheit! Nur
insoweit mitgewirkt, als ich die gewisse Dame rechtzeitig benachrichtigt
habe, daß bei ... bei mir sich so eine Gesellschaft versammelt habe, und
daß auch gewisse Personen darunter seien.«

»Ich weiß, daß Sie Ihren Sohn _dorthin_ geschickt haben, er hat es mir
vorhin selbst gesagt; aber was soll denn diese Intrige wieder bedeuten!«
rief der Fürst ungeduldig aus.

»Das ist nicht meine Intrige, nicht meine Intrige, bei Gott nicht!«
wehrte Lebedeff mit beiden Händen ab. »Hier handelte es sich um andere,
ganz andere, und das Ganze ist mehr ein phantastischer Einfall, als eine
Intrige zu nennen.«

»Aber um _was_ handelt es sich denn, so erklären Sie mir doch wenigstens
_das_, um Christi willen! Begreifen Sie denn nicht, daß mich das diesmal
direkt angeht? Hier wird doch Jewgenij Pawlowitsch angeschwärzt!«

»Fürst! Durchlauchtigster Fürst!« begann Lebedeff wieder sich zu
verneigen und dabei die Hand aufs Herz zu pressen, »Sie erlauben mir
doch nicht, die ganze Wahrheit zu sagen! Ich habe doch schon oft davon
angefangen, nicht nur einmal, Sie aber haben mir immer sofort verboten,
weiterzusprechen ...«

Der Fürst schwieg eine Weile und dachte nach.

»Nun gut; sprechen Sie die Wahrheit,« sagte er endlich gepreßt,
augenscheinlich nach einem schweren Kampfe.

»Aglaja Iwanowna ...« begann Lebedeff sofort bereitwillig.

»Schweigen Sie, schweigen Sie!« schrie ihn der Fürst sogleich
beschwörend an, und er wurde rot vor Unwillen, -- vielleicht auch vor
Scham. »Das ist doch unmöglich, das kann doch nie und nimmer sein, das
ist doch Unsinn! Sie haben sich das alles selbst ausgedacht, oder ebenso
Wahnsinnige wie Sie! Und hören Sie: daß ich nie mehr auch nur ein Wort
davon aus Ihrem Munde vernehme!«

Spät am Abend, bereits gegen elf Uhr, erschien endlich Koljä mit einem
ganzen Sack voll Neuigkeiten. Zuerst erzählte er schnell in ein paar
Worten das Wichtigste aus der Stadt, das sich hauptsächlich auf Hippolyt
und den vorhergegangenen Abend bezog, und ging dann, um später wieder
darauf zurückzukommen, schnell zu den Pawlowsker Neuigkeiten über.

Vor etwa drei Stunden war er aus Petersburg zurückgekehrt und, ohne beim
Fürsten vorzusprechen, direkt zu Jepantschins gegangen. »Dort ist
einfach alles auf den Kopf gestellt! Natürlich steht in erster Linie und
obenan der Vorfall mit dem Wagen,« berichtete Koljä; doch müsse
unbedingt noch etwas geschehen sein, was ihm und dem Fürsten noch
unbekannt war.

»Ich wollte natürlich nicht spionieren oder ausforschen. Übrigens wurde
ich sehr gut empfangen, sogar so gut, wie ich es gar nicht erwartet
hatte; doch von Ihnen, Fürst, -- kein Wort!«

Die Hauptsache und das interessanteste jedoch sei, daß Aglaja sich mit
allen anderen Ganjäs wegen »verrissen« habe. »Wie und weshalb -- das
weiß ich nicht, nur ist es tatsächlich Ganjäs wegen geschehen -- können
Sie sich das denken? Und nicht etwa im Scherz, sondern vollkommen ernst,
also muß es doch etwas Wichtiges sein.« Der General sei erst spät aus
der Stadt ziemlich »brummig« heimgekehrt, zusammen mit Jewgenij
Pawlowitsch, der gleichfalls vorzüglich empfangen worden sei. Jewgenij
Pawlowitsch sei selbst erstaunlich guter Laune, heiter und liebenswürdig
gewesen. Die kapitalste Nachricht war aber die, daß die Generalin
Lisaweta Prokofjewna ohne viel Wesens und Aufsehen Warwara Ardalionowna,
Koljäs Schwester, die bei den jungen Mädchen gesessen, zu sich gerufen
und sie ein für allemal ersucht habe, ihr Haus fernerhin nicht mehr zu
betreten -- »übrigens in der höflichsten Weise -- Warjä selbst hat's mir
erzählt,« fügte Koljä hinzu. Als Warjä dann noch zu den jungen Mädchen
gegangen war, um sich von ihnen zu verabschieden, hatten diese ihr alle
ganz unbefangen die Hand gereicht und offenbar keine Ahnung davon
gehabt, daß die Mutter der Freundin die Tür gewiesen hatte und diese
sich nun zum letztenmal von ihnen verabschiedete.

»Aber Warwara Ardalionowna -- war noch um sieben Uhr bei mir,« bemerkte
der Fürst verwundert, »und ...«

»Und hinausgeworfen worden ist sie erst um acht oder kurz vor acht!
Warjä tut mir sehr leid und ebenso Ganjä ... Sie haben natürlich immer
etwas vor, ewig spinnen sie ihre Intrigen, ohne die können sie, wie's
scheint, nicht auskommen. Was sie aber eigentlich wollen, was sie im
Schilde führen, was sie beabsichtigen -- das habe ich nie begreifen
können ... und will's auch nicht. Aber ich versichere Ihnen, lieber,
guter Fürst, Ganjä hat wirklich Herz! Er ist in vielen Dingen natürlich
ein verlorener Mensch, aber in anderen Dingen hat er doch gewisse Züge,
die zu entdecken sich wirklich lohnt, und ich werde es mir nie
verzeihen, daß ich ihn früher nicht begriffen habe ... Ich weiß nicht,
soll ich dort noch weiter verkehren, nach der Geschichte mit Warjä? Ich
habe mich ja wohl von Anfang an ganz unabhängig gestellt, aber man muß
es sich doch noch überlegen.«

»Sie haben keine Ursache, Ihren Bruder zu bedauern,« bemerkte der Fürst.
»Wenn es schon dazu gekommen ist, daß Lisaweta Prokofjewna Ihrer
Schwester den Verkehr mit ihren Töchtern verboten hat, so muß Gawrila
Ardalionytsch in ihren Augen gefährlich geworden sein; folglich aber
müssen sich doch einzelne seiner Hoffnungen bestätigen.«

»Wie, was für Hoffnungen?« fragte Koljä erstaunt. »Oder glauben Sie
etwa, daß Aglaja Iwanowna ... das ist doch unmöglich!«

Der Fürst schwieg eine Weile.

»Sie sind ein furchtbarer Skeptiker, Fürst,« sagte Koljä endlich, nach
vielleicht ganzen zwei Minuten. »Es fällt mir auf, daß Sie seit einiger
Zeit immer skeptischer werden; Sie fangen an, an nichts mehr zu glauben
und alles zu vermuten ... Habe ich in diesem Fall das Wort >Skeptiker<
nicht richtig gebraucht?«

»Ich glaube, daß es richtig ist, doch übrigens -- weiß ich es selbst
nicht genau.«

»Nein, nein! -- ich sage mich selbst vom >Skeptiker< los; denn ich habe
eine andere Erklärung gefunden!« rief plötzlich Koljä laut auflachend,
»Sie sind nicht skeptisch, sondern einfach eifersüchtig! Sie sind wegen
eines gewissen stolzen Mädchens höllisch eifersüchtig auf Ganjä!«

Koljä sprang auf und lachte, lachte, -- lachte, wie er vielleicht noch
nie im Leben gelacht hatte. Und als er sah, daß der Fürst plötzlich ganz
rot geworden war, lachte er noch unbändiger. Ihm gefiel der Gedanke, daß
der Fürst Aglajas wegen auf Ganjä eifersüchtig sei »ganz furchtbar!«
Doch kaum bemerkte er, daß der Fürst aufrichtig darunter litt, als er
auch sofort zu lachen aufhörte. Dann sprachen sie noch eine oder
anderthalb Stunden sehr ernst und besorgt miteinander.

Am nächsten Tage mußte der Fürst in einer unaufschiebbaren Angelegenheit
nach Petersburg fahren, wo er den ganzen Vormittag verblieb. Als er
gegen fünf Uhr auf den Bahnhof kam, um nach Pawlowsk zurückzufahren,
stieß er dort mit General Jepantschin zusammen. Dieser erschrak zuerst,
ergriff dann schnell seine Hand, und nachdem er sich fast ängstlich
umgeblickt, zog er ihn schnell mit sich in ein Coupé erster Klasse, um
mit ihm zusammen zurückzufahren. Er brannte vor Verlangen, mit ihm über
alle die wichtigen Ereignisse zu reden.

»Vor allen Dingen, mein lieber Fürst, sei mir nicht böse, und wenn
meinerseits etwas nicht so war, wie es hätte sein sollen -- so vergiß
es. Ich wäre selbst gestern zu dir gekommen, ich war aber nicht sicher,
wie Lisaweta Prokofjewna es ... Bei mir zu Hause ist einfach ... die
Hölle los! Eine rätselhafte Sphinx hat sich dort niedergelassen, und ich
gehe umher und verstehe nichts. Was dich betrifft, so bist du meiner
Meinung nach von uns allen am wenigsten an der Sache schuld, wenn auch
nur durch dich allein fast alles gekommen ist. Sieh, mein lieber Fürst,
Philanthrop zu sein, ist angenehm, aber an sich sehr schwer. Wirst
vielleicht auch schon selbst in die Früchte gebissen haben. Ich,
versteht sich, ich liebe Güte und achte Lisaweta Prokofjewna, aber ...«

Der General sprach noch lange in dieser Art, doch seine Sätze waren
seltsam unzusammenhängend. Jedenfalls sah man es ihm an, daß er durch
etwas für ihn absolut Unbegreifliches vor den Kopf gestoßen und
verwirrt, wenn nicht erschüttert war.

»Ich zweifle keinen Augenblick daran, daß du an diesem ganzen
Zwischenfall nicht im geringsten beteiligt bist,« sprach er sich endlich
etwas deutlicher aus; »aber ich bitte dich als Freund von ganzem Herzen:
besuch' uns vorläufig nicht, warte ab, bis sich der Wind gedreht hat.
Und was Jewgenij Pawlowitsch betrifft,« fuhr er mit ungewöhnlichem Eifer
fort, »so war das die sinnloseste Verleumdung, die man sich nur denken
kann! Es liegt doch auf der Hand, daß einfach eine Intrige
dahintersteckt! Die Absicht, uns mit ihm zu entzweien, schaut doch nur
zu deutlich hervor! Sieh, Fürst, ich werde dir etwas ins Ohr sagen:
zwischen uns und Jewgenij Pawlowitsch ist noch kein Wort gefallen, du
weißt -- du verstehst doch? Wir sind noch durch nichts gebunden, -- aber
dieses Wort kann vielleicht bald gesprochen werden, vielleicht sogar
sehr bald! Also galt es, das zu verhindern! Weshalb aber das, wozu,
warum -- das mag ein anderer wissen! Sie ist ja doch ein
un--be--_rechen_--bares Frauenzimmer! Ich fürchte sie so, daß ich kaum
noch schlafen kann. Und was für Pferde sie hat, was für einen Wagen! Das
ist doch einfach schick, genau das, was der Franzose unter schick
versteht! Und wer hat ihr das geschenkt? Bei Gott, ich habe gesündigt,
noch vorgestern verdächtigte ich Jewgenij Pawlowitsch. Jetzt aber hat es
sich herausgestellt, daß das ganz ausgeschlossen ist ... Wenn es aber
ausgeschlossen ist, was will sie dann eigentlich, weshalb kommt sie uns
dann in den Weg, weshalb will sie dann die Sache aus dem Leim bringen?
_Das, das_ ist ja das Rätsel! Um Jewgenij Pawlowitsch zu behalten? Aber
ich versichere dir, und hier hast du ein Kreuz, daß er mit ihr überhaupt
nicht bekannt und die Wechselgeschichte nichts als ihre eigene Erfindung
ist! Und mit welch einer Frechheit sie ihn noch öffentlich mit >du<
anredet! Das ist ja eine reine Verschwörung! Es ist doch klar, daß man
das Ganze nur mit Verachtung zurückweisen kann und die Hochachtung für
Jewgenij Pawlowitsch verdoppeln muß. Das habe ich auch Lisaweta
Prokofjewna gesagt. Doch jetzt werde ich dir meinen intimsten Gedanken
mitteilen -- was ich so bei mir selbst denke: ich bin _fest überzeugt_,
daß sie das nur deshalb getan hat, um sich an mir persönlich zu rächen;
du weißt doch, für das Frühere, obgleich ich mir doch ihr gegenüber nie
etwas habe zuschulden kommen lassen! Ich erröte wirklich schon bei der
bloßen Erinnerung daran. Jetzt, sieh, ist sie wieder aufgetaucht, und
ich glaubte bereits, sie sei für immer verschwunden. Wo sitzt denn
dieser Rogoshin eigentlich, sag' mir das doch wenigstens! Ich glaubte,
sie sei schon längst Madame Rogoshina!«

Mit einem Wort, man sah es dem Manne an, daß er tatsächlich durch dieses
Ereignis wie vor den Kopf gestoßen war. Während der ganzen Fahrt sprach
fast nur er allein; er stellte Fragen, die er selbst beantwortete,
drückte dem Fürsten die Hand, und wenn er diesen von etwas schließlich
überzeugt hatte, so war es nur das, daß er, der General, in bezug auf
ihn, den Fürsten, nicht den geringsten Verdacht in irgendeiner,
gleichviel welch einer Beziehung, ja nicht einmal ein leises Ahnen von
einem möglichen Verdacht hegte. Das aber war für den Fürsten von
außerordentlicher Wichtigkeit. Zum Schluß erzählte er noch von einem
leiblichen Onkel Jewgenij Pawlowitschs, der in irgendeiner Kanzlei so
etwas wie ein Präsident war -- »jedenfalls ein großes Tier, stark in den
Siebzigern, _viveur_,{[26]} Gastronom, überhaupt, wie gesagt, ein
verlockender Greis ... haha! Wie ich weiß, hat er sich auch um Nastassja
Filippownas Gunst bemüht. Ich war heute zu ihm hingefahren; leider ist
er krank, empfängt nicht. Aber reich ist er, schwer reich, nicht ohne
Einfluß und ... gebe Gott ihm langes Leben, aber wenn er stirbt, fällt
sein ganzes Vermögen wiederum Jewgenij Pawlowitsch zu ... Ja, ja ...
aber ich habe doch Angst! Ich weiß selbst nicht, was ich fürchte, aber
ich fürchte mich ... Es muß etwas in der Luft sein, etwas Dunkles, wie
eine Fledermaus ... irgendein Unheil ist in der Luft ... Ich fürchte
mich, weiß Gott, ich fürchte mich wirklich! ...«

Und erst am dritten Tage, wie bereits oben erwähnt, erfolgte schließlich
die formelle Aussöhnung der ganzen Familie Jepantschin mit dem Fürsten
Lew Nikolajewitsch.


                                  XII.

Es war sieben Uhr nachmittags; der Fürst schickte sich an, in den Park
zu gehen. Plötzlich erschien Lisaweta Prokofjewna ganz allein bei ihm
auf der Terrasse.

»_Erstens_: Daß du mir nicht zu denken wagst,« begann sie, »ich sei
hergekommen, um dich um Verzeihung zu bitten. Unsinn! Du allein bist der
Schuldige.«

Der Fürst schwieg.

»Bist du der Schuldige oder nicht?«

»In demselben Maße wie auch Sie. Übrigens bin weder ich es, noch sind
Sie es. Wir sind beide in nichts bewußt die Schuldigen. Vor drei Tagen
hielt ich mich allerdings für schuldig, doch jetzt habe ich nachgedacht
und eingesehen, daß das nicht richtig ist.«

»Also _so_ bist du! Nun gut; jetzt höre und setz' dich, denn ich habe
nicht die Absicht, noch lange so zu stehen.«

Sie setzten sich.

»_Zweitens_: Kein Wort über die Bengel. Ich werde hier sitzen und zehn
Minuten mit dir sprechen; ich bin gekommen, um mich bei dir nach etwas
zu erkundigen (du dachtest wohl schon weiß Gott was?), aber wenn du auch
nur mit einer Silbe die frechen Bengel erwähnst, stehe ich auf und gehe,
und dann ist es ein für allemal aus zwischen uns, damit du's weißt.«

»Gut, ich werde sie nicht erwähnen,« sagte der Fürst.

»Jetzt erlaube die Frage: Hast du vor zwei oder zweieinhalb Monaten, so
um Ostern herum, an Aglaja einen Brief zu schreiben versucht?«

»J--j--ja.«

»Zu welchem Zweck? Was stand im Brief? Zeig' ihn mir!«

Lisaweta Prokofjewnas Augen glühten, sie zitterte beinahe vor Ungeduld.

»Ich habe den Brief nicht,« sagte der Fürst verwundert, und ihm ward
entsetzlich angst und bange zumute; »wenn er noch existiert und ganz
ist, so befindet er sich im Besitze Aglaja Iwanownas.«

»Mach' keine Flausen! Was hast du in diesem Brief geschrieben?«

»Ich mache durchaus keine Flausen und ich brauche mich vor nichts zu
fürchten. Nur kann ich durchaus keinen Grund sehen, weshalb ich nicht
hätte schreiben sollen ...«

»Schweig! Später kannst du reden. Was stand in dem Brief? Weshalb bist
du rot geworden?«

Der Fürst dachte eine Weile nach.

»Ich kenne Ihre Gedanken nicht, Lisaweta Prokofjewna. Ich sehe nur, daß
dieser Brief Ihnen sehr mißfällt. Sie werden aber doch einsehen, daß ich
mich sehr wohl weigern könnte, auf diese Frage zu antworten. Doch um
Ihnen zu beweisen, daß ich nichts fürchte und durchaus nicht bereue, den
Brief geschrieben zu haben, und auch keineswegs deshalb erröte,« -- der
Fürst wurde fast noch einmal so rot -- »werde ich Ihnen Wort für Wort
den ganzen Brief hersagen, -- ich glaube, daß ich den Inhalt behalten
habe.«

Und der Fürst sagte tatsächlich aus dem Gedächtnis den ganzen Wortlaut
des Briefes her.

»Solch ein Blödsinn! Was soll denn das alles bedeuten, deiner Meinung
nach?« fragte Lisaweta Prokofjewna schroff, nachdem sie ungeheuer
aufmerksam die Wiedergabe des Briefes angehört hatte.

»Das weiß ich selbst nicht genau; ich weiß nur, daß ich gerade das
empfand, was ich schrieb. Ich hatte dort bisweilen Augenblicke, in denen
ich so voll Leben und voll ungeheurer Hoffnungen war ...«

»Was waren denn das für Hoffnungen?«

»Das ist schwer zu erklären, jedenfalls aber nicht eine solche, wie Sie
jetzt vielleicht annehmen. Eine Hoffnung ... nun, mit einem Wort,
Hoffnung auf die Zukunft und Freude darüber, daß ich in Rußland
vielleicht kein Fremder bin, kein Ausländer. Es gefiel mir plötzlich
ganz unsäglich im Vaterland. Und an einem sonnigen Morgen setzte ich
mich hin und schrieb an sie diesen Brief; weshalb gerade an sie -- das
weiß ich nicht. Mitunter sehnt man sich doch nach einem Freunde ... so
werde ich mich damals wohl auch nach einem Freunde gesehnt haben ...«
fügte der Fürst nach kurzem Schweigen hinzu.

»Sag' mal: bist du etwa in sie verliebt?«

»N--nein. Ich ... ich habe an sie wie meine Schwester geschrieben; ich
unterschrieb mich ja auch >Ihr Bruder<.«

»Hmhm! absichtlich; ich verstehe.«

»Es fällt mir sehr schwer, Ihnen auf diese Fragen zu antworten, Lisaweta
Prokofjewna.«

»Ich weiß, daß es dir schwerfällt, aber was geht das mich an, ob es dir
schwerfällt. Höre, sag' mir die Wahrheit, antworte mir wie deinem Gott:
lügst du mir da was vor oder lügst du nicht?«

»Ich lüge nicht.«

»Ist es wirklich wahr, daß du nicht verliebt bist?«

»Ich ... ich glaube, daß es wahr ist.«

»Sieh mal an! -- >ich glaubearmen RitterNarren< und >Idioten< genannt.«

»Das hätten Sie mir auch nicht zu sagen brauchen,« bemerkte der Fürst
vorwurfsvoll, wenn auch sehr leise.

»Sei nicht bös. Sie ist ein eigenwilliges, verrücktes, verzogenes
Mädchen, -- liebt sie, so wird sie unbedingt vor den anderen über ihn
herziehen und ihn verspotten; ich war genau so. Nur, bitte, triumphier'
deshalb noch nicht, mein Täubchen, noch ist sie nicht dein! Niemals
werde ich das glauben! Ich sage es dir, damit du jetzt gleich deine
Maßregeln ergreifen kannst. Hör' mal, schwöre mir, daß du nicht mit
_jener_ verheiratet bist.«

»Lisaweta Prokofjewna! Was fällt Ihnen ein? Erbarmen Sie sich!« Der
Fürst sprang fast vom Stuhl auf.

»Aber fast hättest du sie doch geheiratet?«

»Fast hätte ich sie geheiratet,« murmelte der Fürst, zu Boden blickend,
und er senkte den Kopf tiefer.

»Was, bist du dann etwa in _sie_ verliebt, wenn es so ist? Bist du jetzt
_ihretwegen_ hergekommen? Wegen _jener_?«

»Ich bin nicht deshalb hergekommen, um zu heiraten,« antwortete der
Fürst.

»Gibt es für dich etwas in der Welt, was dir heilig ist?«

»Ja.«

»Schwöre mir, daß du nicht deshalb gekommen bist, um _jene_ zu
heiraten.«

»Ich schwöre es!«

»Ich glaube dir; komm, gib mir einen Kuß. So, endlich kann man freier
aufatmen. Doch wisse: Aglaja liebt dich nicht, richte dich danach, und
solange ich lebe, wird sie nicht die Deine werden! Hast du gehört?«

»Ich habe gehört.«

Der Fürst errötete dermaßen, daß er Lisaweta Prokofjewna überhaupt nicht
anzusehen wagte.

»Merk' dir's. Ich habe dich wie die Vorsehung selbst erwartet -- bist es
natürlich nicht wert gewesen! Ich habe mein Kissen in jeder Nacht mit
Tränen benetzt -- nicht deinetwegen, mein Täubchen, beunruhige dich
nicht, ich habe noch ein ganz anderes, mein eigenes Leid, ewig ein und
dasselbe. Nein, da gab es einen anderen Grund, weshalb ich dich mit
einer solchen Ungeduld erwartete: ich glaube immer noch, daß dich Gott
der Herr selbst zu mir gesandt hat, als Freund und leiblichen Bruder.
Ich habe doch keine Menschenseele außer der alten Bjelokonskaja, aber
auch die ist jetzt fortgeflogen, und außerdem ist sie vor Alter auch
noch dumm geworden. Jetzt antworte mir einfach _ja_ oder nein: Weißt du,
weshalb _sie_ an jenem Abend Jewgenij Pawlowitsch das zurief?«

»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich weder daran irgendwie beteiligt
bin, noch sonst etwas von ihren Beweggründen weiß.«

»Genug, ich glaube es dir. Jetzt denke ich auch anders darüber, aber
gestern noch, gestern morgen noch beschuldigte ich in allem Jewgenij
Pawlowitsch. Die ganzen ersten vierundzwanzig Stunden bis gestern
morgen, den Morgen noch mitgerechnet. Jetzt muß ich den anderen
natürlich beistimmen: es liegt ja doch auf der Hand, daß man ihn hier
aus irgendeinem Grunde und zu irgendeinem Zweck zum Narren gehabt hat.
Das allein ist schon verdächtig! -- und kann auch nichts Gutes
verheißen! Aber Aglaja bekommt er doch nicht, das sage ich dir! Mag er
hundertmal ein guter Mensch sein, aber dabei bleibt es. Früher war ich
noch unschlüssig, aber jetzt steht es fest: >Legt mich zuerst in den
Sarg und begrabt mich, dann könnt ihr sie verheiraten!< -- sieh, das
habe ich heute in kurzen Worten Iwan Fedorowitsch erklärt. Siehst du
jetzt, daß ich dir vertraue, siehst du es?«

»Ich sehe es und verstehe es.«

Lisaweta Prokofjewna blickte den Fürsten durchdringend an: vielleicht
wollte sie gar zu gern erfahren, welch einen Eindruck diese Mitteilung
betreffs Jewgenij Pawlowitsch auf ihn gemacht hatte.

»Von Gawrila Iwolgin weißt du nichts?«

»Doch ... ich weiß sehr vieles.«

»Weißt du oder weißt du es noch nicht, daß er mit Aglaja
korrespondiert?«

»Nein, davon wußte ich noch nichts!« Der Fürst war im ersten Augenblick
sogar ein wenig zusammengezuckt. »Wie, Sie sagen, Gawrila Ardalionytsch
korrespondiere mit Aglaja Iwanowna? Unmöglich!«

»Erst seit kurzem. Hier hat die Schwester ihm den ganzen Winter den Weg
gebahnt, wie eine Ratte hat sie gearbeitet und genagt.«

»Ich glaube es nicht,« sagte der Fürst überzeugt nach kurzem Nachdenken,
und seine Aufregung legte sich. »Wenn es wahr wäre, würde ich es
bestimmt gewußt haben.«

»Du glaubst wohl, daß er dann zu dir gekommen wäre, um an deiner Brust
unter Tränen sein Herz auszuschütten! Du bist mir mal eine heilige
Unschuld! Alle betrügen dich doch wie ... wie ... Und du schämst dich
gar nicht, ihm dein Vertrauen zu schenken? Siehst du denn wirklich
nicht, daß er dich wie einen dummen Jungen betrogen hat?«

»Ich weiß es, daß er mich bisweilen betrügt,« gab der Fürst wider Willen
halblaut zu, »und er weiß, daß ich es weiß ...« fügte er noch hinzu.

»Wissen, daß man betrogen wird, und dabei doch vertrauen! Das fehlte
gerade noch! Übrigens, von dir war auch nichts anderes zu erwarten.
Worüber wundere ich mich noch? Großer Gott! Hat man jemals solch einen
Menschen gesehen! Pfui! Aber weißt du auch, daß dieser Ganjka oder diese
Warjka sie mit Nastassja Filippowna in Beziehungen gebracht haben?«

»Wen?!« stieß der Fürst entsetzt hervor.

»Aglaja.«

»Das glaube ich nicht! Das kann nicht sein! Zu welchem Zweck denn
eigentlich?«

Er sprang vom Stuhle auf.

»Auch ich glaube nicht daran, obwohl es Beweise dafür gibt. Sie ist doch
ein eigenwilliges Mädchen, ein phantastisches Mädchen, ein verrücktes
Mädchen! Und böse, böse, böse ist sie! Tausend Jahre werde ich
behaupten, daß sie böse ist! Alle sind sie jetzt bei mir so, selbst
diese Alexandra, dieses begossene Huhn, -- doch die ist mir schon
entwachsen. Aber auch ich glaube noch nicht daran! Vielleicht weil ich
nicht glauben will,« fügte sie wie zu sich selbst hinzu. »Weshalb bist
du nicht gekommen?« wandte sie sich plötzlich wieder an den Fürsten.
»Weshalb bist du in diesen drei Tagen nicht zu uns gekommen?«
wiederholte sie in höchster Ungeduld ihre Frage.

Der Fürst begann seine Gründe aufzuzählen, doch sie unterbrach ihn
wieder.

»Alle halten sie dich für dumm und betrügen dich, daß man es nicht mit
ansehen kann! Du bist gestern in der Stadt gewesen, -- ich könnte
wetten, daß du diesen Spitzbuben auf den Knien gebeten hast, die
zehntausend Rubel anzunehmen!«

»Durchaus nicht, ich habe nicht einmal daran gedacht. Ich habe ihn
überhaupt nicht gesehen ... und außerdem ist er kein Spitzbube. Ich habe
von ihm einen Brief erhalten.«

»Zeig' ihn her!«

Der Fürst zog seine Brieftasche hervor, entnahm ihr den Brief und
reichte ihn ihr. Lisaweta Prokofjewna las folgendes:

   »Sehr geehrter Herr!

   Ich habe natürlich in den Augen der Leute nicht das geringste Recht,
   Eigenliebe zu besitzen. Nach ihrer Meinung bin ich viel zu gering
   dazu. Doch das ist die Meinung der Leute, nicht Ihre Meinung. Ich
   habe mich überzeugt, daß Sie, geehrter Herr, vielleicht besser sind
   als alle anderen. Ich bin nicht mehr mit Doktorenko einverstanden,
   in diesem Punkt sind unsere Ansichten jetzt ganz verschieden. Ich
   werde niemals auch nur eine Kopeke von Ihnen annehmen, doch Sie
   haben meiner Mutter geholfen, und so muß ich Ihnen dankbar sein,
   wenn auch nur aus Schwäche. Ich beurteile Sie jetzt anders und habe
   es für nötig befunden, Sie davon zu benachrichtigen. Ich nehme an,
   daß es zwischen uns nach dem Vorgefallenen keinerlei Beziehungen
   mehr geben kann.

                                                     Antip Burdowskij.

   P. S. Die an den zweihundertfünfzig Rubeln fehlende Summe wird Ihnen
   mit der Zeit sicher zurückgezahlt werden.«

»Solch ein Blödsinn!« sagte Lisaweta Prokofjewna verächtlich und warf
den Brief auf den Tisch. »Nicht der Mühe wert, daß man's liest. Was
lachst du?«

»Gestehen Sie es doch nur, daß es Ihnen sehr lieb war, diesen Brief zu
lesen.«

»Was! Diesen von Eitelkeit durchtränkten Blödsinn? Ja, siehst du denn
nicht, daß sie vor Stolz, Ehrgeiz und Ruhmsucht alle einfach den
Verstand verloren haben?«

»Ja, aber er hat doch gewissermaßen um Entschuldigung gebeten, und das
ist ihm um so schwerer gefallen, je größer sein Stolz und sein Ehrgeiz
sind. Oh, was für ein kleines Kind Sie sind, Lisaweta Prokofjewna!«

»Wa... du willst wohl eine Ohrfeige von mir haben?!«

»Nein, das will ich durchaus nicht. Ich sage es deshalb, weil Sie sich
über den Brief freuen und Ihre Freude doch nicht eingestehen wollen.
Weshalb schämen Sie sich Ihrer Gefühle? Und das ist doch bei Ihnen in
allem so.«

»Daß du deinen Fuß jetzt nicht mehr über meine Schwelle setzt!« Lisaweta
Prokofjewna fuhr, bleich vor Zorn, vom Stuhle auf. »Daß du mir nie im
Leben mehr unter die Augen kommst!«

»Aber nach drei Tagen werden Sie doch selbst kommen und mich zu sich
auffordern ... Nun, schämen Sie sich denn nicht? Das sind doch Ihre
besten Gefühle, weshalb verleugnen Sie sie? Damit quälen Sie sich doch
nur selbst.«

»Ich sterbe eher -- als daß ich zu dir komme! Auch deinen Namen werde
ich vergessen!! Hab' es schon!!!«

Und fast rasend vor Zorn wandte sie sich zur Treppe.

»Mir ist ja ohnehin verboten, Ihr Haus zu besuchen!« rief ihr der Fürst
nach.

»Wa--as? Wer hat's dir verboten?«

Wie mit der Nadel gestochen, fuhr sie zusammen und im Augenblick kehrte
sie sich zurück.

Der Fürst war etwas unschlüssig: er fühlte, daß er sich unbedacht
verraten hatte.

»Wer hat es dir verboten?« fuhr ihn Lisaweta Prokofjewna in höchster
Empörung an.

»Aglaja Iwanowna ...«

»Wann? So sprich doch!!!«

»Heute morgen schickte sie mir einen Zettel; ich dürfe es nicht mehr
wagen, bei Ihnen zu erscheinen.«

Lisaweta Prokofjewna stand wie erstarrt vor ihm, doch ihre Gedanken
arbeiteten.

»Was hat sie geschickt? Durch wen? Den Bengel? Mündlich?« fuhr sie
plötzlich wieder auf.

»Ich habe einen Zettel erhalten,« sagte der Fürst.

»Wie? Gib ihn her! Sofort!«

Der Fürst dachte einen Augenblick nach, zog aber dann doch aus seiner
Westentasche ein gewöhnliches Stück Papier hervor, auf dem geschrieben
stand:

   »Fürst Lew Nikolajewitsch!

   Wenn Sie nach allem, was geschehen ist, mich noch durch den Besuch
   unserer Villa in Erstaunen setzen sollten, so werden Sie mich,
   dessen können Sie sicher sein, nicht unter der Zahl der Erfreuten
   finden.

                                                 Aglaja Jepantschina.«

Lisaweta Prokofjewna überlegte eine Weile. Plötzlich faßte sie den
Fürsten bei der Hand und zog ihn mit sich fort.

»Sofort! Du kommst jetzt sofort! Unverzüglich!« befahl sie in
ungewöhnlicher Aufregung und Ungeduld.

»Aber Sie setzen mich doch den größten ...«

»Was? Wem setze ich dich aus? Du unschuldige Einfalt! Gott, das soll ein
Mann sein! Nun werde ich selbst alles sehen, mit eigenen Augen ...«

»Aber meinen Hut lassen Sie mich doch wenigstens nehmen ...«

»Hier hast du deinen elenden Hut, gehen wir! Nicht mal eine Fasson hast
du dir mit Geschmack aussuchen können! ... Das hat sie ... Das hat sie
nach jenem Auftritt ... das hat sie in der ersten Wut ...« murmelte
Lisaweta Prokofjewna, den Fürsten, dessen Hand sie keinen Augenblick
losließ, hinter sich herziehend. »Vorhin trat ich für dich ein, sagte
laut, daß du ein Esel seist, weil du nicht kämst ... sonst hätte sie
nicht diesen Zettel --! Wie sie als wohlerzogenes, kluges Mädchen
überhaupt so etwas fertiggebracht hat! ... Hm!« fuhr sie in ihrem
Gedankengang fort, »oder ... vielleicht ... vielleicht hat sie sich
selbst darüber geärgert, daß er nicht kam, nur hat sie vergessen, daß
man an einen Idioten so nicht schreiben darf; denn der nimmt es ja doch
wörtlich, wie er es nun auch getan hat. Was horchst du?« fuhr sie
plötzlich zusammen, als sie gewahr wurde, daß sie ihre Gedanken immerhin
hörbar ausgesprochen hatte. »Einen Narren braucht sie, gerade solch
einen wie du einer bist, hat dich lange nicht gesehen, deshalb schreibt
sie! Aber mich freut es, mich freut es, daß sie dich jetzt durch die
Hechel ziehen wird, das freut mich! Gerade das hast du verdient!
Geschieht dir recht. Und sie versteht es, oh, sie versteht es, das
kannst du mir glauben!«




                              Dritter Teil


                                   I.

Es wird bei uns so oft geklagt, daß wir keine praktischen Leute hätten;
Staatsmänner zum Beispiel gäbe es unzählige, Generäle nicht minder;
Beamte und alle möglichen Räte könne man sogleich in beliebiger Anzahl
zur Stelle schaffen -- aber praktische Leute gäbe es bei uns trotzdem
nicht. Wenigstens klagen alle, daß es sie nicht gäbe. Nicht einmal
ein anständiges Eisenbahnpersonal hätten wir auf manchen
Strecken aufzuweisen, und die Administration irgendeiner
Dampfschiffahrtsgesellschaft zustande zu bringen, sei, wenn man sich
eine auch nur einigermaßen erträgliche wünsche, bei uns in Rußland ganz
unmöglich. Dort, hört man, sind zwei Eisenbahnzüge zusammengestoßen,
oder auf einer neueröffneten Strecke ist eine ganze Brücke mitsamt
einigen Waggons eingestürzt; hier, heißt es, hat ein Zug auf offenem
Felde fast überwintert: die Fahrt sollte nur ein paar Stunden dauern,
man blieb aber ganze fünf Tage im Schnee stecken. Dort, wird erzählt,
faulen mehrere Tausend Pud Fracht in den Waggons auf ein und derselben
Station und warten drei Monate vergeblich auf Weiterbeförderung, und als
ein Kaufmann -- es klingt fast unglaublich! -- einem der
»Administratoren« oder Oberaufseher mit den Bitten um Zustellung der
Waren seines Lieferanten lästig geworden war, da hat ihm dieser statt
der lagernden Ware eine administrative Ohrfeige verabfolgt und seine
Handlungsweise nachher noch damit zu rechtfertigen gesucht, daß er es
»im Eifer« getan habe. Man sollte meinen, daß wir doch nachgerade
genügend Amts-, Rats-, Gerichts- und noch andere Personen im
Staatsdienst haben -- in Wirklichkeit kann einem geradezu angst und
bange werden vor ihrer unabsehbaren Anzahl! -- alle haben im
Staatsdienst gestanden, alle stehen darin, und alle haben die Absicht,
in Staatsdienste zu treten --, wie sollte man da aus einem solchen
Material nicht eine gute Administration zustande bringen, selbst wenn es
sich nur um eine Dampfschiffahrtsgesellschaft handelt?!

Auf diese Frage wird uns aber eine so einfache Antwort zuteil, eine so
einfache, daß man dieser Antwort überhaupt nicht glauben will.

Freilich, heißt es, freilich stehen bei uns alle im Staatsdienst, oder
wenn sie im Augenblick nicht darin stehen, dann haben sie darin
gestanden oder werden sie darin stehen, und das geht bei uns schon so
seit zweihundert Jahren nach dem schönsten deutschen Vorbild von den
Urgroßvätern bis zu den Ururenkeln, -- aber gerade die Staatsbeamten,
gerade die sind die unpraktischsten Leute der Welt, und es ist ja bei
uns sogar so weit gekommen, daß die »Abstraktheit«, wenn man sich so
ausdrücken darf, und die Mangelhaftigkeit des praktischen Wissens unter
den Staatsdienern selbst noch vor kurzem fast als größte Tugend und
beste Empfehlung betrachtet wurden. Übrigens sind wir da vom Thema etwas
abgekommen, wir wollten ja nur von den »praktischen« Leuten reden. Was
nun diese betrifft, so wird wohl niemand leugnen wollen, daß
Zaghaftigkeit und der absoluteste Mangel an eigener Initiative bei uns
stets für das sicherste und beste Anzeichen eines praktischen Menschen
gehalten worden sind, -- und sogar jetzt noch gehalten werden. Doch
weshalb immer nur sich selbst beschuldigen und sich Vorwürfe machen ...
das heißt, wenn diese Ansicht überhaupt einen Vorwurf in sich schließt?
Der Mangel an Originalität wird doch von jeher in der ganzen Welt für
die beste Eigenschaft und beste Empfehlung eines tüchtigen, brauchbaren
und praktischen Menschen gehalten, und wenigstens neunundneunzig Prozent
der ganzen Menschheit -- es ist das sogar noch sehr niedrig gegriffen --
sind immer dieser Ansicht gewesen, und höchstens einer vom Hundert hat
beständig anders geurteilt, und urteilt auch jetzt noch anders.

Die größten Erfinder und Genies sind fast immer zu Beginn ihrer Laufbahn
-- sehr oft aber auch noch zu Ende derselben -- von der Gesellschaft für
nichts weniger als ausgesprochene Dummköpfe gehalten worden: dazu bedarf
es keiner Beweise. Wenn nun im Laufe von mehreren Jahrzehnten alle Welt
ihr Geld auf die Bank schleppte und Milliarden dort zu vier Prozent
zusammensparte, so mußte, versteht sich, als es mit der Bank schließlich
einmal ein Ende nahm und die guten Leute sich wieder auf ihre eigene
Initiative angewiesen sahen, die Mehrzahl dieser Millionen im
Aktionärfieber oder in den Händen von Betrügern verloren gehen --, und
da hatte man denn, was Anstand und Sittlichkeit verlangen! Gerade die
Sittlichkeit: denn, wenn die »sittliche« Zaghaftigkeit und der
»anständige« Mangel an Originalität bei uns bis jetzt nach allgemeiner
Überzeugung die notwendigsten Eigenschaften eines tüchtigen und
brauchbaren Menschen sind, so wäre es doch gar zu unanständig und
unsittlich, seine Überzeugung plötzlich zu verändern! Welche zärtlich
liebende Mutter wird nicht erschrecken und vor Angst womöglich
erkranken, wenn ihr Sohn oder ihre Tochter auch nur ein wenig aus dem
Gleise gerät? »Nein, mag es lieber glücklich sein und ohne Originalität
in Zufriedenheit und Wohlstand leben,« denkt eine jede Mutter, wenn sie
ihr Kind wiegt. Und unsere Ammen singen doch mit Vorliebe Wiegenlieder,
in denen sie die Zukunft des Kindes so schön wie nur möglich ausmalen:
»Wirst noch goldene Kleider tragen, wirst einst ein großer General
sein!« Wenn aber unseren Kinderfrauen das General-sein als höchstes
russisches Glück erscheint, so muß das doch das populärste nationale
Ideal ruhiger, ungetrübter Seligkeit sein! Und in der Tat: wer konnte
bei uns, wenn er vorschriftsmäßig die Examina bestanden und
fünfunddreißig Jahre abgedient hatte, schließlich nicht General werden
und sich auf der Bank eine gewisse Summe zusammensparen? So hat sich
denn der Russe fast ohne jede Anstrengung seinerseits schließlich den
Ruf eines praktischen Menschen erworben. Genau genommen konnte ja bei
uns nur der originelle d. h. der unruhige Mensch nicht General werden
... Vielleicht hat sich hier ein kleines Mißverständnis eingeschlichen,
im allgemeinen jedoch scheint es mit der Wahrheit übereinzustimmen, und
somit kann man unserer Gesellschaft wegen ihres Ideals eines praktischen
Menschen keinen Vorwurf machen.

Nichtsdestoweniger haben wir hier viel Überflüssiges gesagt, denn im
Grunde sollten es nur ein paar erklärende Worte über die uns bekannte
Familie Jepantschin werden. Diese Familie, oder wenigstens die am
meisten denkenden Angehörigen derselben, litten beständig unter einem
ihnen fast allen mehr oder weniger eigenen Familienfehler, der ungefähr
das gerade Gegenteil jener Tugenden war, über die wir soeben
philosophiert haben. Ohne die Gründe davon vollkommen zu begreifen --
und das war auch nicht so leicht -- wurden sie von der Empfindung
gepeinigt, daß in ihrer Familie alles ganz anders sei, als bei anderen
Menschen und in deren Familien. Bei allen ging es glatt, nur bei ihnen
ging es holprig; alle anderen fuhren hübsch im Gleise, nur sie
entgleisten jeden Augenblick. Alle waren zaghaft, nur sie waren es
nicht. Freilich ängstigte sich Lisaweta Prokofjewna mitunter sogar sehr,
aber es war bei ihr doch nie jene sittsame Zaghaftigkeit, die
Jepantschins so wertvoll fanden. Übrigens war es eigentlich auch nur
Lisaweta Prokofjewna, die sich deshalb so beunruhigt fühlte: die Mädchen
waren noch zu jung dazu -- wenn auch gewiß nicht zu unintelligent. Der
General aber pflegte, wenn er auch manches begriff -- was übrigens nicht
immer ohne Mühe ging -- in allen schwierigen Fällen nur »Hm!« zu sagen
oder »Gewiß, gewiß, mein Freund!« worauf er dann doch das weitere seiner
Lisaweta Prokofjewna überließ. Damit lag dann auf ihr allein die ganze
Verantwortung. Und doch sprang diese Familie durchaus nicht etwa aus
bewußtem Hang zur Originalität aus dem Gleise, was allerdings höchst
unanständig gewesen wäre, o nein! Davon konnte überhaupt nicht die Rede
sein, ich meine, von einem mit Bewußtsein gesetzten Ziel! Aber wie dem
auch sein mochte, jedenfalls war das Resultat: daß die Familie
Jepantschin, wenn sie auch noch so achtbar erscheinen mußte, doch
irgendwie nicht so war, wie sonst alle ehrenwerten Familien zu sein
pflegen. In der letzten Zeit hatte nun Lisaweta Prokofjewna begonnen,
die Schuld daran nur sich allein oder vielmehr nur ihrem »unseligen«
Charakter zuzuschreiben, weshalb sich denn auch ihre Gewissensqualen um
ein Beträchtliches vergrößerten. Sie nannte sich selbst täglich dumm und
hypochondrisch, quälte sich mit ihrem Mißtrauen, fand oft in den
einfachsten Dingen keinen Ausweg und hielt jedes Unglück für größer als
es war.

Wie bereits früher erwähnt, waren Jepantschins eine überall sehr
geachtete Familie. Wenn der General auch nicht vornehmer Herkunft und
auch sicherlich nicht sehr geistreich war, so war er doch ein reicher
und »durch und durch anständiger« Mann, der als General »durchaus nicht
zu den Letzten« zählte. Übrigens scheint eine gewisse geistige
Stumpfheit fast ein unvermeidliches Attribut jedes Tatmenschen zu sein.
Die Hauptsache war, daß Iwan Fedorowitsch gute Protektion hatte. Im
übrigen war wenigstens Lisaweta Prokofjewna eine geborene Fürstin
Myschkin, und das war immerhin nicht zu verachten, obschon man bei uns
auf vornehme Herkunft nicht viel gibt, wenn die Herkunft nicht von
Protektion unterstützt wird. Lisaweta Prokofjewna aber war schließlich
von so hochstehenden Personen liebgewonnen worden, daß deren ganzer
Bekanntenkreis sie gleichfalls zu achten und hochzuschätzen begonnen
hatte. Selbstverständlich quälte sie sich ihres Mannes und ihrer Töchter
wegen ganz grundlos; die kleinsten Dinge konnte sie bis zur
Lächerlichkeit vergrößern. Doch das ist ja gewöhnlich so: hat man eine
Warze auf der Stirn oder auf der Nase, so scheint es einem
unwillkürlich, daß alle Menschen nichts weiter in der Welt zu tun haben,
als diese Warze anzusehen, über sie zu lachen und einen ihretwegen zu
verachten, selbst wenn man dabei Amerika entdeckt hätte. Zweifellos
wurde Lisaweta Prokofjewna auch in der Gesellschaft als etwas
wunderliche Dame betrachtet, doch, wie gesagt, nichtsdestoweniger sehr
geachtet. Das Unglück war nur, daß Lisaweta Prokofjewna schließlich an
diese Achtung nicht mehr glauben wollte. Und wenn sie ihre Töchter
ansah, quälte sie sich mit der Angst, daß sie deren Lebenslauf verderbe,
weil ihr Charakter »lächerlich, unanständig und unerträglich« sei, was
sie wiederum täglich diesen ihren Töchtern und ihrem treuen Gatten Iwan
Fedorowitsch zum Vorwurf machte, oder weshalb sie tagelang mit ihnen
stritt, während sie sie gleichzeitig doch bis zur völligen
Selbstverleugnung, wenn nicht bis zur Leidenschaft, liebte.

Am meisten quälte sie die Angst, daß ihre Töchter ebenso werden könnten,
wie sie, ihre Mutter, und daß es solche jungen Mädchen, wie ihre drei,
in der ganzen Welt nicht gäbe und auch gar nicht geben könne.
»Nihilistinnen sind sie, weiter nichts!« Dieser traurige Gedanke, der
sie schon ein ganzes Jahr gefoltert hatte, ließ ihr namentlich in der
letzten Zeit keine Ruhe mehr. »Erstens: weshalb heiraten sie nicht?«
fragte sie sich fortwährend. »Um ihre Mutter zu quälen, -- darin sehen
sie doch alle drei ihren Lebenszweck, und das kommt natürlich nur daher,
weil sie sich alle diese neuen Ideen in den Kopf gesetzt haben! Schuld
ist nichts anderes, als diese verwünschte Frauenfrage! Fiel es denn
Aglaja nicht vor einem halben Jahre ein, sich ihr wundervolles Haar
abzuschneiden? Großer Gott, selbst ich habe zu meiner Zeit nicht solches
Haar gehabt! -- Hatte sie doch die Schere schon in der Hand, mußte ich
sie doch auf den Knien anflehen, um sie davon abzubringen! ... Nun,
Aglaja tat es natürlich nur aus Bosheit, um ihre Mutter zu martern, denn
sie ist böse, eigensinnig, verwöhnt und vor allem böse, böse, böse! Aber
wollte denn diese Alexandra es ihr nicht schon nachmachen? Die aber
wollte es sicher nicht aus Bosheit; nicht aus Launenhaftigkeit, sondern
in aufrichtiger Einfalt, wie eine dumme Gans, die sich von Aglaja
einreden läßt, daß sie mit kurzem Haar besser werde schlafen können und
daß der Kopf ihr nicht mehr weh tun würde? Und wie oft, wie oft, wie
oft, -- nun schon seit fünf Jahren --, wie oft hätten sie heiraten
können! Und es waren doch alles wirklich tadellose Partien, und einzelne
doch wirklich reizende Menschen! Worauf warten sie denn, wenn sie nicht
heiraten? Was wollen sie eigentlich? Warum wollen sie nicht heiraten?
Nur um ihre Mutter zu ärgern -- einen anderen Grund haben sie doch
nicht! Das ist es! Nur das ist es!«

Endlich aber sollte auch ihr Mutterherz eine Freude erleben: Adelaida
verlobte sich. »Gott sei Dank, wenigstens eine vom Halse!« sagte
Lisaweta Prokofjewna, wenn sie sich laut über dieses Ereignis äußerte.
(Im Herzen drückte sie sich unvergleichlich zärtlicher aus.) Und wie
gut, wie tadellos sich das alles abgewickelt hatte! Auch in der
Gesellschaft war man des Lobes voll: eine bekannte Persönlichkeit, ein
Fürst, reich, ein guter Charakter, und außerdem war noch von beiden
Seiten Liebe vorhanden. Was wollte man mehr? Doch um Adelaida hatte sie
sich stets am wenigsten gesorgt, wenn auch deren künstlerische Neigungen
oft genug ihr stets Unheil fürchtendes Herz beunruhigt hatten. »Dafür
hat sie ein heiteres Gemüt und ist nicht so unvernünftig wie die
anderen, -- die wird nicht untergehen,« beruhigte sie sich schließlich.
Am meisten jedoch ängstigte sie sich um Aglaja. Was sie aber von der
ältesten, Alexandra, denken sollte, wußte sie selbst nicht: sollte sie
sich auch um diese ängstigen oder war das überflüssig? Mitunter schien
es ihr, daß sie »schon ganz verloren« sei, -- »fünfundzwanzig Jahre alt
-- natürlich bleibt sie unverheiratet! Und das bei ihrer Schönheit!«
Lisaweta Prokofjewna weinte sogar ihretwegen nachts, während Alexandra
Iwanowna in denselben Nächten den ruhigsten und sorglosesten Schlaf
schlief. »Was ist sie eigentlich -- Nihilistin, oder ist sie einfach
dumm?« Daß sie in Wirklichkeit _nicht_ dumm war, daran zweifelte
Lisaweta Prokofjewna selbst keinen Augenblick: sie schätzte selbst
Alexandras Urteil sehr und fragte sie gern um Rat. Doch ebensowenig
zweifelte sie daran, daß »diese Alexandra« einfach »jedes Temperamentes
entbehrte«. »Sie ist so ruhig, daß man sie überhaupt nicht in Bewegung
bringen kann! Ich weiß wirklich nicht, was ich mit ihnen allen anfangen
soll!« Lisaweta Prokofjewna empfand für ihre Älteste eine ganz
unerklärliche Sympathie, in der vielleicht das Mitleid keine so geringe
Rolle spielte, und fühlte sich zu ihr fast noch mehr hingezogen, als zu
Aglaja, ihrem Abgott. Doch alle ihre bissigen Bemerkungen -- in denen
sich ihre ganze mütterliche Sorge und Sympathie äußerte -- erheiterten
nur Alexandra; konnten doch mitunter die nichtigsten Dinge Lisaweta
Prokofjewna »einfach rasend machen«! So liebte es z. B. Alexandra
Iwanowna sehr, lange zu schlafen, und gewöhnlich hatte sie in der Nacht
viele Träume; diese Träume jedoch zeichneten sich alle durch ganz
besondere Sinnlosigkeit aus und waren von einer Unschuld und Naivität,
daß man sie für Träume eines siebenjährigen Kindes hätte halten können.
Diese Naivität der Träume ihrer Ältesten nun begann aber Lisaweta
Prokofjewna aus irgendeinem Grunde geradezu zu empören. Einmal hatte
Alexandra neun Hühner im Traume gesehen, und das Resultat war, daß die
Mutter sich mit ihr ernstlich entzweite, -- weshalb? -- das ließe sich
schwer erklären. Nur ein einziges Mal gelang es ihr, »etwas Originelles«
im Traum zu sehen, einen Mönch in einer dunklen Zelle, in die
einzutreten sie sich gefürchtet hatte. Der Traum ward sogleich von den
zwei jüngeren Schwestern lachend und triumphierend der Mutter erzählt,
doch diese ärgerte sich wieder und nannte sie alle beide dumm. »Hm!«
dachte sie dann später bei sich, »Temperament hat sie nicht, und in
Bewegung bringen kann man sie auch nicht, aber es ist doch eine Trauer
in ihr, weiß Gott, mitunter hat sie ganz traurige Augen! Was mag sie nur
haben, was?« Bald darauf stellte sie diese Frage auch an ihren Gatten
Iwan Fedorowitsch, was sie wie gewöhnlich schroff, ungeduldig und beinah
wie drohend tat, in offenkundiger Erwartung einer sofortigen
entscheidenden Antwort. Iwan Fedorowitsch sagte etliche Male »Hm!« und
legte die Stirn in nachdenkliche Falten, bis er dann schließlich die
Schultern in die Höhe zog, die Hände auseinanderspreizte und ein etwas
lakonisches Urteil sprach:

»Muß heiraten!«

»Nur gebe ihr Gott nicht einen solchen Mann, wie Sie sind, Iwan
Fedorowitsch!« platzte Lisaweta Prokofjewna zornig heraus; »nicht einen
so unfähigen Menschen, der nicht einmal ein Urteil zu fällen versteht,
nicht einen so rohen Grobian wie Sie, Iwan Fedorowitsch ...«

Iwan Fedorowitsch brachte sich schleunigst in Sicherheit, indem er mit
durch Übung erlangter Geschicklichkeit einen glänzenden Rückzug
ausführte, und Lisaweta Prokofjewna beruhigte sich nach dem Ausbruch
wieder sehr schnell. Selbstverständlich wurde sie noch bis zum Abend
desselben Tages äußerst aufmerksam, still, freundlich und liebenswürdig
zu Iwan Fedorowitsch, zu ihrem »rohen Grobian« Iwan Fedorowitsch, zu
ihrem guten und lieben, ihrem vergötterten Iwan Fedorowitsch, denn sie
liebte ihn nicht nur ihr ganzes Leben lang, sie war sogar direkt
verliebt in ihren Iwan Fedorowitsch, was Iwan Fedorowitsch selbst sehr
wohl wußte und wofür er seine Lisaweta Prokofjewna um keinen Deut
weniger liebte und weniger hoch hielt.

Doch die größten Sorgen bereitete ihr von jeher Aglaja.

»Ganz, ganz wie ich, mein Ebenbild in jeder Beziehung!« sagte sich
Lisaweta Prokofjewna, »ein eigensinniges, schlechtes, vom Teufel
besessenes Ding! Eine Nihilistin, sonderbar in allem, was sie tut --
ganz wie ich! -- und böse, böse, böse! O, Gott, wie unglücklich sie sein
wird!«

Da sollte sie die Freude erleben, daß Adelaida sich verlobte, und fast
einen ganzen Monat verbrachte sie ohne Sorgen. Nach der Verlobung
Adelaidas hatte man in der Gesellschaft auch mehr über Aglaja zu
sprechen begonnen, doch Aglaja hatte sich überall so vortrefflich
aufgeführt, so gleichmäßig und klug, so sicher und ... ein wenig stolz
vielleicht, aber das stand ihr doch so vorzüglich! Und zur Mutter war
sie den ganzen Monat über so nett und lieb gewesen! (»Nein, diesen
Jewgenij Pawlowitsch muß man sich doch noch genauer ansehn ... übrigens
scheint ihm Aglaja noch gar nicht so besonders gewogen zu sein.«)
Jedenfalls war sie eine ganz prächtige Tochter gewesen -- »und wie schön
sie dabei ist, Gott, wie schön sie ist, und mit jedem Tage wird sie noch
schöner! Und nun plötzlich ...«

Kaum war nämlich dieser Fürst, dieser »jammervolle Idiot« aufgetaucht,
als plötzlich wieder alles im Hause auf dem Kopf stand!

Aber was war denn geschehen?

Nach der Überzeugung aller Unbefangenen war sicher nichts geschehen.
Doch dadurch gerade zeichnete sich ja Lisaweta Prokofjewna aus, daß sie
infolge ihrer inneren Unruhe auch in den gewöhnlichsten Dingen ein Etwas
zu entdecken vermochte, das sie mit der argwöhnischsten, der
unerklärlichsten, und das heißt soviel wie furchtbarsten Angst erfüllte.
Wie mußte ihr aber nun zumute sein, als sie plötzlich in dem Wirrwarr
vollkommen unbegründeter Befürchtungen etwas erblickte, das tatsächlich
wichtig zu sein schien und tatsächlich ihrer Zweifel, ihres Mißtrauens
und der Beängstigungen wert war?

»Nein, wie hat man sich nur unterstehen können, diesen gemeinen anonymen
Brief an mich zu schreiben? -- daß jenes Geschöpf mit Aglaja in
Beziehung stehe!« dachte Lisaweta Prokofjewna ununterbrochen, während
sie den Fürsten an der Hand zu ihrer Villa zog und dort auf einen der
Stühle am runden Tisch, um den sich die ganze Familie versammelt hatte,
Platz zu nehmen nötigte. »Wie hat man daran überhaupt nur zu denken
gewagt? Ich müßte ja sterben vor Scham, wenn ich auch nur ein Wort
geglaubt und den Brief Aglaja gezeigt hätte! Und so etwas erlaubt man
sich uns gegenüber! An allem, allem ist doch nur Iwan Fedorowitsch
schuld! Ach, warum sind wir in diesem Sommer nicht nach Jelagin gezogen!
Ich wollte doch unbedingt dorthin und nicht hierher nach Pawlowsk!
Diesen Brief kann vielleicht die Warjka geschrieben haben, oder
vielleicht ... nein, an allem, an allem ist doch nur Iwan Fedorowitsch
schuld! Nur um ihn zum besten zu haben, hat uns dieses Geschöpf das
eingebrockt! -- zum Andenken an ihre frühere Bekanntschaft, als er ihr
noch Perlen schenkte ... Aber genau genommen sind wir doch alle
hineingezogen, mein bester Iwan Fedorowitsch, sowohl Sie wie Ihre Gattin
und Töchter, -- junge Damen der besten Gesellschaft, Bräute! -- und sie
standen keine zehn Schritt vom Wagen, alles haben sie gehört, und auch
jene schmutzige Geschichte haben sie mit angehört! Sie können sich jetzt
freuen, Iwan Fedorowitsch! Niemals, niemals werde ich das diesem elenden
Fürsten verzeihen, niemals! Weshalb ist Aglaja seit drei Tagen
hysterisch, weshalb hat sie sich mit beiden Schwestern verzankt, sogar
mit Alexandra, der sie doch sonst immer die Hand küßte -- so hat sie sie
geachtet! Weshalb gibt sie uns seit drei Tagen ein Rätsel nach dem
anderen auf? Was hat das mit Gawrila Iwolgin zu bedeuten? Weshalb hat
sie ihn gestern und heute so auffallend gelobt, um dann wiederum in
Tränen auszubrechen? Weshalb ist auch in dem anonymen Brief von diesem
verwünschten >armen Ritter< die Rede? Sie aber hat den Brief des Fürsten
nicht einmal ihren Schwestern gezeigt! Und weshalb ... mein Gott,
weshalb, weshalb bin ich jetzt zu ihm gelaufen, und weshalb habe ich ihn
jetzt wieder zu mir geschleppt? Mein Gott, was habe ich getan, bin ich
nicht von Sinnen? Mit einem jungen Herrn über die Geheimnisse der
eigenen Tochter zu reden, und noch dazu ... über solche Geheimnisse, die
womöglich ihn selbst angehen! Gott, ein Glück noch, daß er ein Idiot ist
und ... und ... ein Freund unseres Hauses! Nur ... sollte sich Aglaja
denn wirklich in diesen Kranken verliebt haben? Gott, was ist mit mir
heute! Pfui! Originale sind wir ... Unter Glas müßte man uns setzen,
mich als erste, auf einer Ausstellung, für zehn Kopeken Entree ... Nein,
das verzeihe ich Ihnen niemals, Iwan Fedorowitsch, niemals werde ich
Ihnen das verzeihen! Weshalb zieht sie ihn jetzt nicht durch die Hechel,
wie sie's versprochen? Was versprach sie's denn, wenn sie jetzt ihr Wort
nicht hält? -- Da! wie sie ihn ansieht! Weshalb geht sie denn nicht
fort, wenn sie ihm selbst verboten hat, herzukommen? Jetzt steht sie,
schweigt und sieht ihn an ... Und er ist auch ganz bleich geworden ...
O, dieser verwünschte Schwätzer Jewgenij Pawlowitsch -- hat sich des
ganzen Gesprächs bemächtigt! Er läßt einen ja überhaupt nicht zu Wort
kommen! Ich würde sofort alles erfahren, wenn ich nur endlich sprechen
könnte ...«

Der Fürst saß allerdings ganz bleich am Tisch, und wie es schien war er
in großer Erregung; doch gleichzeitig befand er sich wie in einem ihm
selbst unerklärlichen, fast atemraubenden Rausch des Entzückens. O, wie
fürchtete er sich, in jenen Winkel zu schauen, von wo aus ein Paar
bekannter dunkler Augen auf ihn gerichtet waren, deren aufmerksamen,
forschenden, prüfenden Blick er fast körperlich zu fühlen meinte. Und
wie selig war er doch darüber, daß er jetzt wieder hier unter ihnen
sitzen konnte, daß er wieder ihre Stimme hören würde, -- selbst nach
dem, was sie an ihn geschrieben. »Was wird sie nur jetzt sagen, was wird
sie sagen!« Er selbst hatte noch kein Wort gesprochen und bemühte sich
krampfhaft, den unaufhaltsam redenden Jewgenij Pawlowitsch zu verstehen,
der sich wohl nur selten in einer so zufriedenen und angeregten Stimmung
befunden haben mochte, wie an diesem Abend. Der Fürst hörte ihm lange
zu, ohne auch nur ein Wort zu begreifen. Außer dem Familienoberhaupt
Iwan Fedorowitsch, der noch in der Stadt weilte, waren alle versammelt.
Auch Fürst Sch. war zugegen. Wie es schien, hatte man die Absicht, nach
einer Weile zu einem Spaziergang aufzubrechen, da am Abend die
Militärkapelle spielen sollte. Das Gespräch, in dem man sich befand,
mußte bereits vor dem Erscheinen des Fürsten begonnen worden sein.
Plötzlich erschien auch noch Koljä auf der Veranda. »Nun, dann hat man
ihn hier wieder gut empfangen,« dachte der Fürst bei sich.

Die Villa Jepantschin war im Schweizerstil erbaut, machte einen
wohlhabenden Eindruck und war von einem wundervollen, zwar nicht sehr
großen, doch dafür um so schöneren Blumengarten umgeben. Man saß auf der
verandenartigen Terrasse, die ähnlich der Terrasse der Villa Lebedeffs
gebaut war, nur, versteht sich, größer und eleganter.

Das Thema des Gesprächs schien nicht allen sonderlich zuzusagen, doch
Jewgenij Pawlowitsch, den ein heftiger Disput mit Fürst Sch. auf dieses
Thema gebracht hatte, kümmerte sich nicht um die Wünsche der übrigen,
die wohl lieber von etwas anderem gesprochen hätten, sondern fuhr in
seinen Widerlegungen fort, wozu ihn das Erscheinen des Fürsten noch mehr
anzuregen schien. Lisaweta Prokofjewna ärgerte sich über ihn und seine
Reden, wenn sie auch kaum ein Wort von dem ganzen Gespräch verstand.
Aglaja, die sich etwas abseits hingesetzt hatte, in einen Winkel, blieb
dort, hörte zu und schwieg.

»... Erlauben Sie,« widersprach Jewgenij Pawlowitsch eifrig, »ich habe
gegen den Liberalismus nichts einzuwenden. Liberalismus ist keine Sünde,
sondern ein notwendiger Teil des Ganzen, das ohne ihn zerfallen oder
absterben würde; der Liberalismus hat dieselbe Existenzberechtigung wie
der wohlgesittetste Konservatismus; ich greife aber doch nur den
russischen Liberalismus an, und, ich wiederhole, greife ihn nur deshalb
an, weil der russische Liberale nicht ein _russischer_ Liberaler,
sondern eben ein _nichtrussischer_ Liberaler ist. Geben Sie mir einen
wirklich russischen Liberalen und ich werde ihm in Ihrer aller Gegenwart
sogleich einen Kuß geben.«

»Vorausgesetzt, daß er sich von Ihnen küssen läßt,« versetzte Alexandra
Iwanowna, die ungewöhnlich angeregt zu sein schien. Sogar ihre Wangen
hatten sich gerötet.

»Seht doch mal!« dachte Lisaweta Prokofjewna bei sich, »sonst versteht
sie nur zu schlafen und zu essen, und jetzt plötzlich tut sie auch zum
Sprechen den Mund auf!«

Der Fürst bemerkte flüchtig, daß Alexandra Iwanowna Jewgenij
Pawlowitschs Heiterkeit, mit der er über ein so ernstes Thema sprach,
sehr zu mißfallen schien, denn wenn sich dieser auch scheinbar
ereiferte, so konnte man andererseits doch fast glauben, daß er nur
scherze.

»Ich behauptete soeben -- kurz bevor Sie kamen, Fürst --« fuhr Jewgenij
Pawlowitsch fort, »daß wir bis jetzt nur Liberale aus zwei
Gesellschaftsklassen gehabt haben: aus dem Kreise der Intellektuellen,
aus dem Stande der ehemaligen Gutsbesitzer und der Klasse der
Seminaristen, Popensöhne, Lehrer. Da sich aber nun jeder dieser Stände
mit der Zeit zu einer richtigen Kaste ausgebildet hat, zu etwas von der
übrigen Nation ganz Abgesondertem, und dieser Zustand sich von
Generation zu Generation noch verschärft, so ist folglich auch alles
das, was sie getan haben oder noch tun, im höchsten Grade _nicht_
national ...«

»Was? Alles, was getan worden ist, alles das -- sei nicht russisch?«
unterbrach ihn Fürst Sch.

»Nicht national; wenn es auch russisch ist, so ist es doch nicht
national; die Liberalen sind bei uns nicht russisch und auch die
Konservativen sind bei uns nicht russisch. Und Sie können überzeugt
sein, daß die Nation nichts von dem anerkennt, was von den Gutsbesitzern
und Seminaristen getan worden ist, -- weder tut sie es jetzt, noch wird
sie es später tun ...«

»Das ist mal gut! Wie kannst du ein solches Paradox behaupten? wenn du
es im Ernst tust! Ich kann solche Angriffe auf den russischen
Gutsbesitzer nicht zulassen; du bist doch selbst ein russischer
Gutsbesitzer,« widersprach ihm Fürst Sch. eifrig.

»Aber ich rede ja doch nicht in dem Sinne vom russischen Gutsbesitzer,
wie du es auffaßt. Es ist ein überaus ehrenwerter Stand, und wenn auch
nur, sagen wir, deshalb, weil ich zu ihm gehöre; namentlich jetzt,
nachdem er aufgehört hat, Kaste zu sein ...«

»Sollte denn wirklich auch in der Literatur nichts Nationales geschaffen
worden sein?« unterbrach ihn Alexandra Iwanowna.

»Ich bin in der Literatur nicht sehr bewandert, aber meiner Meinung nach
ist auch unsere ganze Literatur nicht russisch, ausgenommen höchstens
Lomonossoff, Puschkin und Gogol.«

»Erstens war das nicht wenig, und zweitens war der eine aus dem Volk und
die zwei anderen waren -- Gutsbesitzer!« bemerkte Adelaida lachend.

»Ganz recht, doch triumphieren Sie nicht zu früh. Da es nur diesen
dreien von allen russischen Schriftstellern gelungen ist, etwas
tatsächlich _Eigenes_, ihr Eigenstes zu sagen, etwas, das sie von keinem
anderen entlehnt haben, so sind diese drei sogleich auch national
geworden; wer von uns Russen etwas Eigenes, etwas unanfechtbar Eigenes,
von keinem Entlehntes sagt, wird unfehlbar sogleich national, und wenn
er auch nur schlechtes Russisch spräche. Das ist für mich ein Axiom.
Doch wir wollten ja nicht von der Literatur sprechen, wir sprachen von
den Sozialisten. Und so behaupte ich denn nochmals, daß wir keinen
einzigen russischen Sozialisten haben; weder jetzt noch früher, denn
alle unsere sogenannten Sozialisten sind ausnahmslos aus den
Gutsbesitzern und Intellektuellen hervorgegangen. Selbst unsere
überzeugtesten, verschriensten Sozialisten, sowohl die hiesigen wie die
im Auslande lebenden, sind nichts anderes, als liberale Gutsbesitzer aus
der Zeit der Leibeigenschaft. Weshalb lachen Sie? Geben Sie mir ihre
Bücher, geben Sie mir ihre Theorien, geben Sie mir alle ihre Memoiren,
und ich werde, ohne Literaturkritiker zu sein, die überzeugendste
literarische Kritik schreiben, in der ich sonnenklar beweisen werde, daß
jede Seite ihrer Bücher, Broschüren und Memoiren in erster Linie von dem
ehemaligen russischen Gutsbesitzer geschrieben ist. Ihr Unwille, ihre
Wut, ihr Esprit -- alles ist gutsbesitzerhaft; ihr Entzücken, ihre
Ekstase, ihre Tränen, ihre vielleicht sogar aufrichtigen Tränen -- sind
gutsbesitzerhaft! Oder seminaristenhaft ... Sie lachen wieder, und auch
Sie lachen, Fürst? Sie sind gleichfalls nicht damit einverstanden?«

Da alle lachten, hatte auch der Fürst gelächelt.

»Das kann ich so direkt noch nicht sagen, ob ich einverstanden bin oder
nicht,« sagte der Fürst, indem er sogleich ernst wurde -- er war sogar
wie ein ertappter Schüler zusammengezuckt, als sich Jewgenij Pawlowitsch
plötzlich an ihn gewandt hatte -- »aber ich versichere, daß ich Ihnen
sehr gespannt zuhöre ...« brachte er fast atemlos hervor, und kalter
Schweiß trat ihm auf die Stirn. Es waren das die ersten Worte, die er
hier sprach, und instinktiv wollte er sich umschauen, doch wagte er es
nicht. Jewgenij Pawlowitsch erriet es und lächelte.

»Ich werde Ihnen, meine Damen und Herren, eine Tatsache mitteilen,« fuhr
er im selben Ton fort, so, als wäre er mit ungeheurem Eifer bei der
Sache und mache doch dabei gleichzeitig sich fast lustig, lache
womöglich über seine eigenen Worte, »eine Tatsache, deren Beobachtung
und sogar Entdeckung ich die Ehre habe, mir, und zwar mir ganz allein,
zuschreiben zu dürfen; wenigstens ist davon noch niemals gesprochen oder
geschrieben worden. In dieser Tatsache drückt sich das ganze Wesen jenes
Liberalismus, jener Art von Liberalismus aus, von der ich rede. Erstens:
was ist denn der Liberalismus anderes, im allgemeinen gesprochen, als
ein Herfallen -- ob ein vernünftiges oder unvernünftiges ist eine andere
Frage --, ein Herfallen über die bestehende Ordnung der Dinge? So ist es
doch? Nun, diese meine Beobachtung besteht aber darin, daß der russische
Liberalismus kein Herfallen über die bestehende Ordnung der Dinge ist,
sondern ein Herfallen über das Wesen unserer Dinge, über die Dinge
selbst -- nicht nur über deren Ordnung, nicht über die russischen
>Ordnungen<, wenn man sich so ausdrücken darf, sondern über Rußland.
Unser Liberaler ist schließlich so weit gekommen, daß er Rußland selbst
verneint, also seine eigene Mutter haßt und schlägt; jede mißglückte
russische Tat erweckt in ihm Gelächter, wenn nicht gar Entzücken. Er
haßt die Volksbräuche, die russische Geschichte, alles. Wenn es eine
Rechtfertigung für ihn gibt, so kann es höchstens die sein, daß er
selbst nicht weiß, was er tut, und seinen Haß für den fruchtbarsten
Liberalismus hält. O, Sie können bei uns oft einen Liberalen sehn, dem
die übrigen begeistert Beifall spenden, und der vielleicht im Grunde
genommen der unsinnigste, stumpfste und gefährlichste Konservative ist,
ohne es selbst auch nur zu ahnen! Dieser Haß auf Rußland wurde vor noch
nicht allzu langer Zeit von manchen unserer Liberalen fast für die
wirkliche Liebe zum Vaterlande gehalten, und sie taten noch groß damit,
daß sie besser sähen, als die anderen, worin diese Liebe bestehen müsse;
jetzt jedoch sind sie bereits aufrichtiger geworden, jetzt schämen sie
sich des Wortes >Vaterlandsliebe<, ja, sie wollen sogar den Begriff
desselben als schädlich und dumm ausrotten und aus der Welt schaffen;
diese Tatsache ist an sich vollkommen richtig, dafür komme ich auf und,
einmal wenigstens muß man doch die Wahrheit ganz aussprechen, einfach
und offen. Gleichzeitig ist aber diese Tatsache in keinem anderen
Jahrhundert und bei keinem anderen Volke zu finden, folglich ist sie
eine zufällige und vorübergehende, ich gebe es zu. Kann es doch in
keinem Lande einen Liberalen geben, der sein eigenes Vaterland haßt.
Womit nun läßt sich das bei uns erklären? Ich denke, nur damit, worauf
ich bereits vorhin hinwies: daß der russische Liberale vorläufig noch
gar kein russischer Liberaler ist. Und zwar ist das die einzige
Erklärung, meine ich.«

»Ich fasse alles, was du da gesagt hast, als Scherz auf, Jewgenij
Pawlowitsch,« bemerkte der Fürst Sch. sehr ernst.

»Ich habe nicht alle Liberalen gesehen und kann daher auch nicht
urteilen,« sagte Alexandra Iwanowna, »aber ich habe mit Unwillen Ihre
Auffassung angehört: Sie haben einen einzelnen Fall zur allgemeinen
Regel erhoben, folglich haben Sie verleumdet.«

»Einen einzelnen Fall? A--a! Weil das Wort jetzt ausgesprochen ist!«
griff sogleich Jewgenij Pawlowitsch auf. »Fürst, wie denken Sie darüber,
ist es ein einzelner Fall oder nicht?«

»Ich muß zwar gleichfalls sagen, daß ich wenig ... Liberale gesehen und
auch nur wenig mit solchen gesprochen habe,« sagte der Fürst, »doch will
es mir trotzdem scheinen, daß Sie vielleicht in gewissem Sinne recht
haben ... daß jener russische Liberalismus, von dem Sie sprechen,
allerdings geneigt ist, Rußland selbst zu hassen, und nicht nur etwa die
staatliche Ordnung der Dinge bei uns. Natürlich ist das nur zum Teil
wahr ... selbstverständlich kann man das nicht von allen sagen ...«

Er stockte und verstummte, ohne seinen Gedanken ganz auszusprechen. Man
sah es ihm jedoch an, daß das Gespräch sein Interesse in hohem Maße
erweckt hatte, ungeachtet seiner sonstigen inneren Erregung. Die
ungewöhnliche Naivität der Aufmerksamkeit, mit der der Fürst allem
zuhörte, was ihn auch nur einigermaßen interessierte, und mit der er
dann auch seine Antworten gab, wenn man sich an ihn wandte, machte
mitunter einen ganz eigentümlichen Eindruck. Diese Naivität, dieses
blinde Vertrauen, das von Spott und Scherz nichts zu ahnen schien,
drückte sich nicht nur in seinem Gesicht, sondern auch in seiner ganzen
Körperhaltung aus.

Jewgenij Pawlowitsch hatte sich noch nie anders als mit einem feinen,
ganz feinen Spottlächeln an ihn gewandt, doch jetzt, nachdem ihm diese
Antwort zuteil geworden, blickte er ihn zum erstenmal mit völlig ernstem
Gesicht an, ganz als hätte er nie und nimmer eine solche Antwort von ihm
erwartet.

»Also ... wie Sie das doch sonderbar ...« begann er verwundert, »... Und
Sie haben mir wirklich im Ernst geantwortet, Fürst?«

»Ja, haben Sie denn nicht auch im Ernst gefragt?« versetzte der Fürst
erstaunt.

Alle lachten.

»Glauben Sie das doch nicht,« Adelaida lachte, »Jewgenij Pawlowitsch
treibt mit allem und allen nur seinen Spott! Wenn Sie erst wüßten, von
was für Dingen er bisweilen wie von etwas durchaus Ernstzunehmendem
redet!«

»Ich finde, daß man mit so ernsten Dingen nicht scherzen sollte, lassen
wir daher dieses Gespräch,« versetzte Alexandra unwillig. »Wir wollten
doch spazieren gehen.«

»Gewiß, gehen wir, der Abend ist wundervoll!« rief Jewgenij Pawlowitsch
lebhaft aus. »Doch um Ihnen zu beweisen, daß ich diesmal im Ernst
gesprochen habe, um es vor allem Ihnen zu beweisen, Fürst -- Sie haben
mich in der Tat außerordentlich zu interessieren gewußt, Fürst, und ich
versichere Sie, daß ich denn doch noch nicht ein so leerer Mensch bin,
wie es den Anschein haben muß ... obschon ich in der Tat ein leerer
Mensch bin! -- und ... wenn Sie erlauben, meine Damen und Herren, werde
ich nur noch eine, meine letzte Frage an den Fürsten stellen, nur aus
besonderem Interesse, und damit wollen wir dann die Sache beenden. Diese
Frage ist mir erst vor etwa zwei Stunden in den Sinn gekommen -- wie Sie
sehen, Fürst, denke ich bisweilen auch über ernste Dinge nach; ich
selbst habe mir meine Frage bereits beantwortet, doch wollen wir sehen,
was nun der Fürst zu ihr sagen wird. Soeben ist hier von einem
>einzelnen Fall< gesprochen worden. Dieses Wort ist bei uns sehr
bedeutungsvoll, man hört es gar zu oft. Vor nicht langer Zeit wurde so
viel geschrieben und gesprochen von diesem entsetzlichen Morde der sechs
Menschen ... den ein ganz junger Mann begangen hatte, und von der
wunderlichen Rede des Verteidigers, in der dieser es _ganz natürlich_
fand, daß dem Angeklagten infolge seiner Armut der Gedanke gekommen war,
diese sechs Menschen zu ermorden. Er hat es zwar nicht so kurz und mit
diesen Worten gesagt, doch der Sinn seiner Rede war kein anderer. Meiner
persönlichen Ansicht nach ist der Verteidiger, als er diesen so
seltsamen Gedanken ausgesprochen, fest überzeugt gewesen, daß er das
Liberalste, Humanste und Fortgeschrittenste gesagt habe, das man in
unserer Zeit überhaupt sagen könnte. Nun, was aber meinen Sie, welches
wäre Ihre Meinung: ist diese Entstellung unserer bisherigen Begriffe und
Überzeugungen, die Möglichkeit einer so schiefen Auffassung der Sache
ein einzelner Fall oder ein allgemeiner Ausdruck?«

Wieder lachten alle.

»Ein einzelner, selbstverständlich ein einzelner!« sagten Alexandra und
Adelaida lachend.

»Erlaube mir, zu bemerken, Jewgenij Pawlowitsch,« wandte Fürst Sch. ein,
»daß dieser Prozeßscherz schon mehr als alt ist ...«

»Was meinen Sie, Fürst?« fragte Jewgenij Pawlowitsch, ohne den anderen
anzuhören, als er den neugierigen ernsten Blick des Fürsten Lew
Nikolajewitsch auffing, mit dem ihn dieser ansah. »Wie scheint es Ihnen:
ist es ein einzelner, sozusagen ein Privatfall, oder ein typischer? Ich
habe, offen gestanden, nur für Sie diese Frage ausgedacht.«

»Nein, kein einzelner Fall,« sagte leise, doch fest der Fürst.

»Aber ich bitte Sie, Lew Nikolajewitsch!« rief fast unwillig Fürst Sch.
aus, »sehen Sie denn nicht, daß er Ihnen nur Fallen stellt! Er treibt
doch nur Scherz und will Sie fangen.«

»Ich dachte, Jewgenij Pawlowitsch habe im Ernst gesprochen,«
entschuldigte sich der Fürst; das Blut stieg ihm heiß ins Gesicht, und
er senkte den Blick zu Boden.

»Mein lieber Fürst,« fuhr Fürst Sch. fort, »entsinnen Sie sich noch
dessen, was wir einmal vor drei Monaten sprachen? Wir sprachen gerade
über unser Rechtswesen und meinten, daß wir unter unseren Juristen eine
ganze Reihe von wirklich bemerkenswerten und talentvollen Verteidigern
hätten, und auf wie viele, wie viele im höchsten Grade bemerkenswerte
Urteile der Geschworenen könne man nicht bereits hinweisen! Und wie Sie
sich darüber freuten, und wie ich mich über Ihre Freude freute! ... Wir
sagten noch, daß wir stolz sein könnten ... Diese ungeschickte
Verteidigungsrede aber ist selbstverständlich ein Ausnahmefall, eine
Eins unter Tausenden ...«

Fürst Lew Nikolajewitsch dachte nach und antwortete dann offenbar fest
überzeugt, wenn er auch nur leise und fast schüchtern sprach:

»Ich wollte nur sagen, daß die Entstellung der Ideen und Begriffe, wie
sich Jewgenij Pawlowitsch ausdrückte, sehr oft vorkommt und weit mehr
ein typischer als ein einzelner Fall ist, leider. Und das sogar in dem
Maße, daß es vielleicht, wenn diese Entstellung nicht so allgemein wäre,
vielleicht auch weniger solche unmöglichen Verbrechen geben würde, wie
jetzt.«

»Unmögliche Verbrechen? Aber ich versichere Sie, daß es genau solche
Verbrechen und noch viel schrecklichere auch früher gegeben hat, und
nicht nur bei uns, sondern überall, und meiner Ansicht nach werden sie
sich auch noch sehr lange fortsetzen und wiederholen. Der Unterschied
besteht nur darin, daß sie früher weniger bekannt wurden, während jetzt
alle Zeitungen spaltenlange Berichte von jeder neuen Mordtat bringen,
und deshalb scheint es dann, daß diese Verbrechen erst jetzt aufgetaucht
sind. Sehen Sie, das ist Ihr ganzer Irrtum, lieber Fürst, ein sehr
naiver Irrtum, kann man sagen,« schloß mit etwas spöttischem Lächeln
Fürst Sch.

»Ich weiß es selbst, daß es auch früher sehr viele Verbrechen gegeben
hat,« entgegnete Lew Nikolajewitsch, »und zwar ebenso entsetzliche wie
jetzt. Ich bin noch vor kurzem in Gefängnissen gewesen und es ist mir
sogar gelungen, mit einzelnen Verbrechern und Angeklagten näher bekannt
zu werden. Es gibt sogar noch viel entsetzlichere Mörder als diese hier,
Verbrecher, die ganze zehn Menschen ermordet haben und ihre Tat nicht im
geringsten bereuen. Aber es ist mir bei der Gelegenheit doch eines
aufgefallen: daß selbst der eingefleischteste und kälteste Mörder, der
nicht die geringste Reue empfindet, dennoch weiß, daß er ein
_Verbrecher_ ist, vor seinem Gewissen weiß, daß er schlecht gehandelt
hat, wenn er dabei vielleicht auch keine Reue empfindet. Und so ist ein
jeder von ihnen. Diese aber, von denen Jewgenij Pawlowitsch spricht,
wollen sich nicht für Verbrecher halten und sind innerlich fest
überzeugt, daß sie das Recht dazu gehabt und sogar etwas sehr Gutes
getan haben oder doch fast etwas Gutes. Und darin besteht eben, meiner
Ansicht nach, der ganze furchtbare Unterschied. Und nicht zu vergessen,
daß diese Verbrecher noch alle sehr jung sind, sich gewöhnlich in einem
Alter befinden, in dem man am leichtesten und wehrlosesten den
Entstellungen gewisser Ideen gegenübersteht.«

Fürst Sch. hatte aufgehört zu lachen und hörte verwundert dem Fürsten
zu. Alexandra Iwanowna, die noch etwas hatte bemerken wollen, sagte
nichts mehr, als hätte sie ein besonderer Gedanke davon zurückgehalten.
Jewgenij Pawlowitsch sah aber den Fürsten ganz verblüfft an, und diesmal
war tatsächlich keine Spur von einem Lächeln in seinem Gesicht zu
bemerken.

»Nun, warum sind Sie denn so erstaunt, mein Herr?« trat ganz plötzlich
Lisaweta Prokofjewna für den Fürsten ein. »Meinten Sie, daß er zu dumm
sei, um ebenso wie Sie denken zu können?«

»N--nein, das nicht,« brachte Jewgenij Pawlowitsch etwas verwirrt
hervor, »nur ... wie haben Sie denn, Fürst -- verzeihen Sie meine Frage
-- wenn Sie das selbst sehen und bemerken, wie haben Sie dann,
Verzeihung, in dieser sonderbaren Angelegenheit ... die da vor ein paar
Tagen ... Burdowskij hieß der Mann, wenn ich nicht irre ... wie haben
Sie dann in dieser Affäre dieselbe Entstellung der Ideen und sittlichen
Überzeugungen nicht gesehen? Das war doch ganz genau dasselbe! Es schien
mir damals, daß Sie es überhaupt nicht bemerkt hätten.«

»Hören Sie mal, mein Lieber,« wandte sich Lisaweta Prokofjewna mit
geröteten Wangen an Jewgenij Pawlowitsch, »wir hier haben es alle
bemerkt und sitzen jetzt und tun groß vor ihm, er aber hat heute einen
Brief von dem Hauptanführer erhalten, von dem finnigen, entsinnst du
dich, Alexandra? In diesem Brief bittet er ihn um Verzeihung, wenn auch
auf seine Art, und teilt mit, daß er mit jenem Freunde gebrochen habe,
der ihn da aufhetzte, -- entsinnst du dich, Alexandra? Und daß er dem
Fürsten jetzt mehr Glauben schenkt als ihnen. Nun, wir aber haben einen
solchen Brief noch nicht erhalten, und da ist es vielleicht etwas wenig
am Platz, wenn wir hier vor ihm unsere Nasen hochheben.«

»Und Hippolyt ist soeben gleichfalls beim Fürsten eingetroffen!« rief
Koljä.

»Wie? Ist er schon hier?« fuhr der Fürst fast erschrocken auf.

»Ja, Sie waren gerade mit Lisaweta Prokofjewna fortgegangen; ich brachte
ihn.«

»Da haben wir's!« fuhr Lisaweta Prokofjewna sogleich empört auf, ohne
daran zu denken, daß sie soeben erst den Fürsten gelobt hatte. »Ich
wette, daß er gestern in seine Dachstube geklettert ist und ihn auf den
Knien um Verzeihung gebeten hat, damit diese giftige Fliege sich dazu
herabließe, hierherzukommen und bei ihm zu wohnen! Du bist doch gestern
bei ihm gewesen? Du hast es doch vorhin schon gestanden! Ja oder nein?
Hast du vor ihm auf den Knien gelegen, sprich!«

»Durchaus nicht!« rief Koljä ebenso empört wie Lisaweta Prokofjewna.
»Ganz im Gegenteil: Hippolyt hat seine Hand erfaßt und sie zweimal
geküßt, ich habe es selbst gesehen, und damit endete die ganze
Unterredung! Der Fürst hatte ihm nur gesagt, daß er es hier in Pawlowsk
leichter haben würde, und Hippolyt war sofort einverstanden,
herüberzufahren, sobald er sich nur etwas besser fühle ...«

»Das haben Sie ganz unnötigerweise gesagt, Koljä« ... murmelte der Fürst
betreten, indem er nach seinem Hut griff, »weshalb erzählen Sie das, ich
...«

»Wohin?« hielt ihn Lisaweta Prokofjewna auf.

»Lassen Sie sich nicht stören, Fürst,« fuhr Koljä fort, »gehen Sie jetzt
nicht zu ihm, es würde ihn nur aufregen, die Fahrt hat ihn sowieso schon
so angegriffen, daß er sogleich eingeschlafen ist. Er ist sehr froh. Und
wissen Sie, Fürst, ich glaube, es ist viel besser so, daß er Sie nicht
sogleich sieht, schieben Sie es noch bis morgen auf, sonst würde er sich
ja doch unbedingt wieder so tief vor Ihnen schämen. Heute morgen sagte
er, daß er sich lange nicht so gut und so leicht gefühlt habe, und er
hustete auch viel weniger.«

Der Fürst bemerkte, daß Aglaja sich plötzlich erhob und an den Tisch
trat. Er wagte nicht, hinzusehen, aber er fühlte mit jeder Fiber, daß
sie ihn ansah, vielleicht sogar zornig ansah, mit einem deutlichen
Unwillen in ihrem dunklen Blick, und mit gerötetem Gesicht.

»Mir will es aber scheinen, daß Sie ihn ganz unnütz hierhergebracht
haben, Nikolai Ardalionowitsch, wenn Sie nur von demselben
schwindsüchtigen Knaben sprechen, der damals auf der Terrasse zu weinen
begann und uns alle zu seiner Beerdigung einlud,« bemerkte Jewgenij
Pawlowitsch. »Er sprach damals so schön von der Brandmauer des
Nachbarhauses, daß er sich bald nach ihr zurücksehnen wird, dessen
können Sie sicher sein.«

»Natürlich! -- er wird launisch werden, wird mit dir streiten, ihr
werdet euch in die Haare geraten und dann fährt er fort und läßt dich
sitzen -- da hast du's dann!«

Und Lisaweta Prokofjewna zog würdevoll ihr Handarbeitstäschchen zu sich
heran, ohne daran zu denken, daß sich alle bereits zum Spaziergang
erhoben hatten.

»Soviel mir erinnerlich ist, prahlte er sogar sehr mit dieser Wand,«
bemerkte wieder Jewgenij Pawlowitsch. »Ohne diese Wand wird er nicht
>schön< sterben können, er aber will doch vor allen Dingen gerade
>schön< sterben.«

»Nun, was ist denn dabei?« murmelte der Fürst. »Wenn Sie ihm nicht
vergeben wollen, so wird er doch auch ohne Ihre Vergebung sterben ...
Jetzt ist er wegen der Bäume hergekommen.«

»O, was mich betrifft, so bin ich gern bereit, ihm alles zu vergeben,
dessen können Sie ihn versichern.«

»Nein, das ist nicht so zu verstehen,« sagte leise und gleichsam
widerstrebend der Fürst, indem er fortfuhr, unbeweglich auf einen Punkt
des Fußbodens zu sehen, ohne den Blick zu erheben, »sondern so, daß auch
Sie bereit waren, von ihm die Vergebung zu empfangen.«

»Ich? Wozu denn das? Was habe ich denn verbrochen?«

»Wenn Sie das nicht verstehen, so ... aber Sie verstehen es doch. Er
wollte damals ... Sie alle segnen und auch von Ihnen Segen empfangen,
und das war alles ...«

»Lieber Fürst,« unterbrach ihn Fürst Sch. etwas furchtsam, wie es
schien, als wolle er schnell vorbeugen, nachdem er mit jemand einen
Blick ausgetauscht hatte, »das Paradies ist auf Erden nicht so leicht zu
erwerben, Sie aber rechnen doch auch ein wenig auf ein irdisches Glück.
Nein, das Paradies ist eine schwere Sache, lieber Fürst, viel schwerer,
als es Ihrem prächtigen Herzen scheint. Doch brechen wir ab, sonst
geraten wir wieder in eine Debatte und dann ...«

»Gehen wir, wir wollten doch die Musik anhören,« sagte Lisaweta
Prokofjewna schroff und erhob sich ärgerlich.

Ihrem Beispiel folgten auch die anderen.


                                  II.

Plötzlich trat der Fürst auf Jewgenij Pawlowitsch zu.

»Jewgenij Pawlowitsch,« sagte er in seltsamer Erregung und er streckte
ihm die Hand entgegen, »seien Sie überzeugt, daß ich Sie für den
edelsten und besten Menschen halte, trotz allem; seien Sie davon
überzeugt ...«

Jewgenij Pawlowitsch trat sogar einen Schritt zurück vor Erstaunen.
Einen Augenblick lang mußte er sich Gewalt antun, um nicht hell
aufzulachen, doch nachdem er etwas aufmerksam den Fürsten angesehen,
bemerkte er, daß dieser sich in einem ganz eigentümlichen Zustande
befand: er war wie außer sich.

»Ich bin überzeugt,« rief er aus, »daß Sie, Fürst, gar nicht das sagen
wollten und vielleicht sogar auch gar nicht zu mir das sagen wollten ...
Aber was ist Ihnen? Ist Ihnen schlecht?«

»Vielleicht, ja, es ist sogar sehr möglich, daß ich gar nicht, das ...
Sie haben das sehr fein bemerkt, daß ich vielleicht gar nicht auf Sie
zutreten wollte!«

Und nachdem er das gesagt, lächelte er sehr sonderbar, lächelte er fast
lächerlich. Doch plötzlich ging ein Zusammenzucken über seine Gestalt,
er rief laut aus:

»Erinnern Sie mich nicht daran, was ich damals tat, vor drei Tagen! Ich
habe mich diese ganzen drei Tage unsäglich geschämt ... Ich weiß, daß
ich schuldig bin ...«

»Ja ... ja aber, was haben Sie denn so Furchtbares begangen?«

»Ich sehe, daß Sie sich vielleicht am meisten für mich schämen, Jewgenij
Pawlowitsch. Sie erröten, das ist das Zeichen eines guten Herzens. Ich
werde sogleich fortgehen, seien Sie überzeugt.«

»Aber was hat er nur!« wandte sich Lisaweta Prokofjewna ganz erschrocken
an Koljä. »Fangen etwa seine Anfälle so an?«

»Beunruhigen Sie sich nicht, Lisaweta Prokofjewna, ich habe keinen
Anfall, ich werde sogleich gehen. Ich weiß, daß ich ... von der Natur
zurückgesetzt bin. Ich war vierundzwanzig Jahre lang krank, jawohl, bis
zu meinem vierundzwanzigsten Lebensjahr. So ... müssen Sie mich auch
jetzt als Kranken beurteilen. Ich werde sogleich fortgehen, sogleich,
ich versichere Sie. Ich erröte nicht -- denn es wäre doch sonderbar,
deshalb zu erröten, nicht wahr? -- aber in der Gesellschaft bin ich
überflüssig ... Ich sage das nicht aus gekränkter Eigenliebe ... Ich
habe in diesen drei Tagen nachgedacht und bin zu der Einsicht gekommen,
daß ich, wenn ich mich jetzt ganz zurückziehe, Sie darüber bei der
ersten Gelegenheit aufklären muß. Es gibt Ideen, es gibt hohe Ideen, von
denen zu reden ich gar nicht anfangen darf, denn ich würde doch nur alle
erheitern; Fürst Sch. hat mich soeben daran erinnert ... Ich habe kein
Benehmen, ich kenne kein Maßhalten; meine Worte entsprechen nicht meinen
Gedanken -- das aber ist eine Erniedrigung dieser Gedanken. Und deshalb
habe ich kein Recht ... Zudem bin ich noch mißtrauisch, ich ... ich bin
überzeugt, daß mich in diesem Hause niemand kränken will und man mich
mehr liebt, als ich es wert bin, aber ich weiß, ich weiß ja doch ganz
genau, daß von einer vierundzwanzigjährigen Krankheit unbedingt etwas
nachgeblieben sein muß, so daß man bisweilen ... unwillkürlich über mich
lachen muß ... nicht wahr, so ist's doch?«

Er schien eine Antwort, eine Entscheidung zu erwarten, indem er sich
fragend im Kreise umsah. Doch alle standen noch ganz überrascht und
verwundert unter dem Eindruck dieses unerwarteten, krankhaften, und wie
man meinen sollte, in jedem Falle grundlosen Ausfalls, und niemand sagte
ein Wort.

»Weshalb sagen Sie das hier?« stieß plötzlich Aglaja zitternd hervor.
»Weshalb sagen Sie das ihnen? ihnen! ihnen!«

Sie schien außer sich zu sein. Ihre Augen glühten. Ihr Blick blitzte.
Der Fürst sah sie sprachlos an ... und plötzlich erbleichte er.

»Hier gibt es keinen einzigen, der dieser Worte wert wäre!« fuhr Aglaja
wie rasend fort. »Alle diese hier, alle, alle, sind nicht einmal Ihres
kleinen Fingers wert, geschweige denn Ihres Verstandes oder Herzens! Sie
sind ehrlicher als alle, Sie sind edler als alle, Sie sind besser, Sie
sind reiner, Sie sind klüger als alle! Kein einziger von ihnen ist wert,
dieses Taschentuch da, das Sie haben fallen lassen, aufzuheben ...
Weshalb erniedrigen Sie sich, weshalb stellen Sie sich niedriger als
alle anderen? Weshalb haben Sie das alles hier vorgebracht, weshalb
haben Sie so gar keinen Stolz?«

»Großer Gott, wer hätte das je ahnen können!« rief Lisaweta Prokofjewna,
die Hände zusammenschlagend, aus.

»Der arme Ritter! Hurra!« schrie Koljä begeistert.

»Schweigen Sie! ... Wie darf man es wagen, mich hier in Ihrem Hause zu
beleidigen!« brachte Aglaja zornbebend hervor und stürzte zur Mutter.
Sie befand sich bereits in jenem hysterischen Zustande, in dem man alle
Grenzen vergißt. »Alle, alle, alle quälen mich! Und weshalb? Fürst,
weshalb werde ich die ganze Zeit, ganze drei Tage schon, Ihretwegen
gequält? Unter keiner Bedingung werde ich Sie heiraten! Hören Sie? Unter
keiner Bedingung, nie, niemals! Damit Sie es nur wissen! Kann man denn
einen so lächerlichen Menschen wie Sie überhaupt lieben? So blicken Sie
doch nur einmal in den Spiegel, sehen Sie doch, wie Sie dastehen und wie
Sie jetzt aussehen! Weshalb, weshalb necken mich alle, weshalb ziehen
sie mich immer damit auf, daß ich Sie heiraten würde? Sie müssen es
wissen! Sie sind gleichfalls mit ihnen im Bunde, alle haben sie sich
gegen mich verschworen!«

»Niemand hat sie aufgezogen, was redet sie!« stotterte Adelaida
aufrichtig erschrocken.

»Es ist uns überhaupt nicht in den Sinn gekommen, auch nur ein Wort
davon zu sagen!« versicherte Alexandra Iwanowna sichtlich bestürzt.

»Wer hat sie aufgezogen? Wann denn? Wer hat ihr so etwas sagen können?
Phantasierst du, bist du krank?« brachte Lisaweta Prokofjewna zitternd
vor Empörung hervor.

»Alle, alle haben mich aufgezogen, diese ganzen drei Tage! Niemals,
niemals werde ich ihn heiraten!« raste Aglaja, und plötzlich brach sie
in bittere Tränen aus, preßte ihr Taschentuch vor das Gesicht und sank
auf einen Stuhl.

»Ja aber ... er hat dich ja noch gar nicht darum geb...«

»Ich habe Sie gar nicht darum gebeten, Aglaja Iwanowna,« entfuhr es
plötzlich ganz unwillkürlich dem Fürsten.

»Wa--as?« fragte erstaunt und fast entsetzt Lisaweta Prokofjewna.
»Wa--as war das?«

Sie traute ihren Ohren nicht.

»Ich wollte sagen ... ich wollte nur sagen,« stammelte der Fürst
zitternd, »ich wollte Aglaja Iwanowna nur erklären ... die Ehre haben,
ihr zu erklären, daß ich durchaus nicht die Absicht gehabt habe ... die
Ehre gehabt habe, um Ihre Hand anzuhalten ... Ich bin hier wirklich, bei
Gott, ganz unschuldig, Aglaja Iwanowna! Ich habe es niemals gewollt, es
ist mir nie in den Sinn gekommen, und ich werde es auch niemals wollen,
Sie werden sehen, Sie können vollkommen ruhig sein, ich versichere Sie!
Es muß mich hier ein mir übelwollender Mensch verleumdet haben! Sie
können wirklich ganz ruhig sein!«

Während er das sprach, hatte er sich Aglaja genähert. Plötzlich nahm sie
das Taschentuch vom Gesicht, blickte ihn schnell an, dachte einen
Augenblick nach und -- brach in helles Gelächter aus, in ein so
fröhliches, unbezwingbares, ansteckendes Lachen, daß Adelaida als erste
nicht widerstehen konnte, namentlich nach einem Blick auf den Fürsten,
schnell zur Schwester lief, sie umarmte und in ein ebenso unbezwingbares
Lachen ausbrach wie diese. Beim Anblick der beiden, wie die Schulrangen
lachenden Schwestern mußte plötzlich auch der Fürst lächeln, und
erleichtert, froh und glücklich sagte er:

»Gott sei Dank, nun, Gott sei Dank!«

Da hielt es auch Alexandra nicht aus und begann gleichfalls von ganzem
Herzen zu lachen. Das Gelächter der drei schien gar kein Ende mehr
nehmen zu wollen.

»Verrückt seid ihr!« brummte Lisaweta Prokofjewna. »Zuerst erschreckt
ihr einen -- ich weiß nicht wie, und dann ...«

Da lachte auch schon Fürst Sch., und lachten Jewgenij Pawlowitsch und
Koljä, und beim Anblick so vieler Lachenden mußte schließlich auch der
Fürst lachen.

»Gehen wir spazieren, gehen wir spazieren!« rief Adelaida. »Alle, alle,
auch der Fürst muß mitkommen! Nein, Sie dürfen jetzt nicht fortgehen,
Sie lieber Mensch, Sie! Nein, wie reizend er doch ist, Aglaja! Nicht
wahr, _maman_? Nein, ich muß ihm jetzt unbedingt, unbedingt einen Kuß
dafür geben, für ... für den Korb, den er Aglaja gegeben hat! _Maman_,
liebe, gute, Sie erlauben mir doch, ihn zu küssen? Aglaja, erlaubst du,
daß ich _deinen_ Fürsten küsse?« rief die Unartige in ihrem Übermut,
lief schnell zum Fürsten und küßte ihn auch tatsächlich auf die Stirn.

Fürst Lew Nikolajewitsch ergriff ihre beiden Hände, preßte sie so fest
zusammen, daß Adelaida fast aufschreien wollte, blickte sie mit
unendlicher Freude an, und plötzlich führte er schnell ihre Hand an
seine Lippen und küßte sie dreimal.

»Gehen wir!« rief Aglaja. »Fürst, Sie werden mit mir gehen. Darf ich,
_maman_? Er hat mir doch einen Korb gegeben! Sie haben sich doch auf
ewig von mir losgesagt, Fürst? Aber doch nicht so, doch nicht so reicht
man einer Dame den Arm! Wissen Sie denn noch nicht, wie man einer Dame
den Arm reicht? So, sehen Sie, so macht man das. Nun, gehen wir jetzt,
gehen wir! Und wir sind das erste Paar, wir wollen vorausgehen! Wollen
Sie so mit mir gehen -- _tête-à-tête?_«

Sie sprach ohne Unterlaß, und immer noch konnte sie ihr Lachen nicht
ganz bezwingen.

»Gott sei Dank! Nun, Gott sei Dank!« atmete Lisaweta Prokofjewna wie
erlöst auf, ohne selbst so recht zu wissen, worüber sie sich eigentlich
freute und wofür sie dankte.

»Sonderbare Menschen!« dachte Fürst Sch., vielleicht zum hundertsten
Male schon, seit er sie kennen gelernt hatte ... sie gefielen ihm, diese
sonderbaren Menschen. Nur der Fürst gefiel ihm bedeutend weniger. Fürst
Sch. fühlte sich sehr beunruhigt, als sie alle zusammen den Spaziergang
antraten.

Jewgenij Pawlowitsch war scheinbar in der heitersten Laune. Auf dem
ganzen Wege bis zum Kurhaus scherzte er mit Alexandra und Adelaida, die
ihrerseits mit so auffallender Bereitwilligkeit auf seine Späße
eingingen, daß er den Verdacht schöpfte, sie könnten ihm überhaupt nicht
zuhören. Bei diesem Gedanken lachte er dann plötzlich, ohne einen Grund
anzugeben, laut auf, und zwar aufrichtig, von ganzem Herzen, -- das war
schon so sein Charakter! Die Schwestern befanden sich beide in gehobener
Stimmung, ununterbrochen beobachteten sie Aglaja und den Fürsten, die
ihnen vorangingen; augenscheinlich kam ihnen ihre jüngste Schwester sehr
rätselhaft vor. Fürst Sch. wiederum gab sich Mühe, Lisaweta Prokofjewna
mit nebensächlichen Dingen zu unterhalten, vielleicht um sie von
gewissen anderen Dingen abzulenken, und langweilte und ärgerte sie
schrecklich damit. Sie schien sehr niedergeschlagen zu sein, antwortete
zerstreut und manchmal überhaupt nicht. Doch das rätselhafte Benehmen
Aglaja Iwanownas sollte an diesem Abend noch nicht sein Ende finden. Als
man sich ungefähr hundert Schritt von der Datsche entfernt hatte,
flüsterte Aglaja halblaut ihrem schweigsamen Begleiter zu:

»Sehen Sie nach rechts.«

Der Fürst blickte hin.

»Sehen Sie diese Bank im Park, dort wo die drei großen Bäume stehen ...
die grüne Bank?«

Der Fürst bejahte.

»Gefällt Ihnen dieser Platz? Dorthin gehe ich bisweilen des Morgens
gegen sieben Uhr, allein, wenn die anderen noch schlafen.«

Der Fürst antwortete verwirrt, daß der Platz in der Tat sehr schön sei.

»Doch jetzt gehen Sie fort von mir, ich will nicht mehr mit Ihnen Arm in
Arm gehen. Oder bleiben Sie, doch sprechen Sie mit mir kein Wort. Ich
will mich mit meinen eigenen Gedanken beschäftigen ...«

Diese Aufforderung war jedenfalls sehr überflüssig; der Fürst hätte
sicher auch ohne diesen Befehl auf dem ganzen Wege zu ihr nicht ein
einziges Wort gesprochen. Sein Herz klopfte so heftig, als sie ihm die
Bank zeigte, doch beruhigte er sich bald darauf wieder und wies die
dummen Gedanken, die ihm kamen, mit Entrüstung von sich.

Bei den Pawlowsker Kurhauskonzerten[22] ist das Publikum bekanntlich an
Wochentagen ein besseres und gewählteres, als an den Sonn- und
Feiertagen, an denen alle Welt aus Petersburg dorthin kommt. Die
Toiletten sind nicht so auffallend, doch eleganter, und es gehört zum
guten Ton, dorthin zur Musik zu gehen. Das Orchester ist in der Tat das
beste von allen unseren Sommerorchestern und setzt immer die neuesten
Kompositionen auf das Programm. Der gesellschaftliche Ton ist
vorzüglich, der Besuch des Publikums trägt einen intimeren Charakter.
Die Datschenbewohner geben sich hier ihr Rendezvous. Viele finden sich
mit Vergnügen nur um des Rendezvous' willen hier ein; doch gibt es auch
andere, die wirklich der Musik wegen kommen. Skandalgeschichten ereignen
sich an diesen Tagen äußerst selten, doch pflegen auch sie manchmal
vorzukommen. Ganz ohne Skandal scheint es denn doch einmal in der Welt
nicht abzugehen.

Der Abend war diesmal wunderschön, und es hatte sich viel Publikum
versammelt. Um das Orchester herum waren alle Plätze besetzt. Unsere
Gesellschaft nahm auf einigen Stühlen am linken Ausgange des Saales
Platz. Das Wogen der Menge und die Musik belebte Lisaweta Prokofjewna
und erheiterte auch die jungen Damen; sie nickten freundlich Bekannten
zu, die sie erblickten, kritisierten die Toiletten und machten sich über
manche auffallende Einzelheiten an ihnen lustig. Auch Jewgenij
Pawlowitsch grüßte des öfteren. Aglaja und der Fürst, die immer noch
zusammen waren, lenkten die Aufmerksamkeit der Anwesenden ersichtlich
auf sich. Bald kamen bekannte junge Leute zu ihnen, meistenteils
Leutnants und Freunde Jewgenij Pawlowitschs, die bei der Mutter und den
jungen Damen ihre Aufwartung machten. Unter diesen befand sich auch ein
junger, sehr schöner, sehr lustiger und unterhaltender Offizier: er
bemühte sich, die Aufmerksamkeit Aglajas auf sich zu lenken und sie in
ein Gespräch zu ziehen. Aglaja war sehr liebenswürdig und heiter zu ihm.
Jewgenij Pawlowitsch stellte seinen Freund auch dem Fürsten vor.

Der Fürst begriff kaum, was um ihn vorging, er reichte fast unbewußt dem
Leutnant seine Hand. Der Freund Jewgenij Pawlowitschs richtete an ihn
eine Frage, doch der Fürst beantwortete sie nicht oder murmelte etwas
Unverständliches vor sich hin, so daß der Leutnant ihn befremdet
musterte, darauf Jewgenij Pawlowitsch ansah und sofort begriff, warum
der sie miteinander bekannt gemacht hatte. Lächelnd wandte er sich dann
wieder Aglaja zu. Nur Jewgenij Pawlowitsch war es aufgefallen, daß
Aglaja plötzlich darüber errötete.

Der Fürst bemerkte es nicht einmal, daß andere sich um die Gunst Aglajas
bewarben, ja, er vergaß sogar minutenlang, daß er neben ihr saß. Am
liebsten wäre er irgendwohin entflohen, an einen düsteren, öden Ort, nur
um mit seinen Gedanken allein sein zu können, und so, daß niemand wußte,
wo er sich befand. Oder, wäre er wenigstens bei sich allein zu Hause auf
der Terrasse gewesen, ohne Lebedeff, ohne die Kinder, könnte er
wenigstens allein in seinem Zimmer sich auf seinem Diwan ausstrecken,
sein Gesicht in die Kissen drücken und so liegen Tag und Nacht und noch
einen Tag! Für Augenblicke sehnte er sich nach den Bergen und dachte an
seinen Lieblingsplatz an der Trift: wohin er, als er dort lebte, immer
zu gehen pflegte, um von ihm aus hinunter ins Dorf sehen zu können, auf
den nebligen weißen Strich des Wasserfalls, auf die weißen Wolken und
die alte Schloßruine. Oh, wie gerne wäre er jetzt dort, um nur an das
eine zu denken, -- oh, sein ganzes Leben lang nur daran --, und auf
tausend Jahre hätte es gereicht! Und möge man, möge man ihn hier ganz
vergessen. Oh, es müßte sogar so sein, und es wäre besser, wenn sie ihn
überhaupt nicht gekannt hätten und wenn alles, was er hier erlebt, nur
ein Traum gewesen wäre. Aber ist es denn nicht einerlei, ob Traum, ob
Wirklichkeit! Plötzlich starrte er Aglaja an und wandte ganze fünf
Minuten lang seinen Blick von ihrem Gesicht nicht ab. Doch sonderbar war
dieser Blick von ihm: es schien, als sehe er auf sie wie einen
Gegenstand, der sich weit, weit von ihm befände, oder wie auf ihre
Photographie, und nicht auf sie selbst.

»Weshalb sehen Sie mich so an, Fürst?« fragte sie ihn plötzlich, das
Gespräch mit ihrer Umgebung abbrechend. »Ich fürchte mich vor Ihnen; mir
scheint es, als wollten Sie Ihre Hand ausstrecken, um mit einem Finger
mein Gesicht zu berühren. Genau so sieht er mich an, nicht wahr,
Jewgenij Pawlowitsch?«

Der Fürst hörte sie an und schien ganz verwundert, daß sie sich an ihn
gewandt hatte, auch verstand er sie gar nicht, denn er antwortete nichts
darauf. Als er aber sah, daß sie und alle lachten, da verzog auch er
seinen Mund zu einem Lächeln. Das Gelächter um ihn herum verstärkte
sich; der Leutnant, offenbar ein sehr lachlustiger Mensch, platzte vor
Lachen. Aglaja murmelte plötzlich wütend vor sich hin:

»Idiot!«

»Großer Gott, könnte sie denn wirklich solch einen ... hat sie wirklich
ganz ihren Verstand verloren!« murmelte knirschend vor Wut Lisaweta
Prokofjewna.

»Das ist nur Scherz, wie das mit dem armen Ritter,« flüsterte ihr
Alexandra ins Ohr, »und nichts mehr! Sie hat ihn wieder aufs Korn
genommen. Doch dieser Spaß geht wirklich zu weit, _maman_, man muß dem
ein Ende machen. Vorhin am Abend gebärdete sie sich ja wie eine
Schauspielerin, hat uns nur erschrecken wollen ...«

»Es ist doch gut, daß sie auf einen solchen Idioten gestoßen ist,«
antwortete ihr leise Lisaweta Prokofjewna.

Der Fürst hatte es gehört, daß man ihn einen Idioten nannte und zuckte
zusammen -- doch nicht eigentlich, weil man ihn so genannt hatte. Das
Wort »Idiot« vergaß er sofort. Aber im Gedränge, nicht weit davon
entfernt, wo er saß -- er hätte nicht sagen können, an welcher Stelle
--, tauchte plötzlich wieder ein Gesicht auf, ein bleiches Gesicht mit
dunklen lockigen Haaren, mit dem bekannten, nur zu bekannten Lächeln und
dem Blick, -- tauchte auf und verschwand. Vielleicht hatte ihm alles das
nur so geschienen. Von der ganzen Erscheinung blieben ihm nur die Augen,
das Lächeln und das hellgrüne Halstuch haften, das die vor ihm
auftauchende Erscheinung getragen. Verlor sich dieser Mensch in der
Menge? oder war er zum Saal hinausgegangen? Das konnte der Fürst nicht
sagen.

Eine Minute nachher sprang er plötzlich auf und blickte unruhig um sich;
wie wenn die erste Erscheinung der Vorläufer einer zweiten wäre? So
mußte es sicher kommen. Hatte er wirklich die Möglichkeit einer
Begegnung so ganz vergessen, daß er hierher gekommen war? Wirklich, als
er hierher gekommen war, hatte er überhaupt nicht gewußt, wohin er ging,
in einem solchen Zustande befand er sich. Wenn er nur etwas aufmerksamer
gewesen wäre, so hätte er noch vor einer Viertelstunde bemerken können,
mit welcher Unruhe und Erwartung Aglaja um sich geblickt hatte, als ob
sie jemanden suchte, erwartete. Jetzt, als sie seine Unruhe bemerkte,
wuchs auch ihre Aufregung, und als er sich umblickte, folgte auch sie
seinen Blicken. Die Katastrophe sollte nicht ausbleiben.

In demselben Eingange, in dessen Nähe Jepantschins sich niedergelassen
hatten, erschien plötzlich ein Schwarm von etwa zehn Menschen. Ihnen
voran gingen drei Damen, zwei von ihnen waren von ungewöhnlicher
Schönheit, so daß es weiter nicht wunderlich schien, wenn ihnen so viele
Verehrer folgten. Doch sie selbst wie ihr Gefolge waren etwas
außergewöhnlicher Art und in Haltung und Auftreten gar nicht dem sonst
anwesenden Publikum ähnlich. Alle bemerkten sie sofort, doch der größte
Teil des Publikums bemühte sich auch sogleich, sie nicht zu beachten,
und nur einige jüngere Herren schauten ihnen lächelnd nach oder sprachen
miteinander halblaut über sie. Die Neuangekommenen überhaupt nicht zu
bemerken, war eigentlich unmöglich, da sie sich laut benahmen und
lachten. Einige aus dieser sonderbaren Gesellschaft schienen schon recht
angeheitert zu sein, obgleich die meisten von ihnen elegant und
stutzerhaft gekleidet waren. Doch befanden sich unter ihnen auch Leute
von zweifelhaftem Aussehen und zweifelhafter Kleidung und mit
hochgeröteten Gesichtern. Auch etliche niedere Militärpersonen waren
dabei und Gentlemen in älteren Jahren, mit schwarzen, glänzenden
Perücken, mit prächtigen Backenbärten, goldenen Ringen und kostbaren
Busennadeln, eine Sorte von Menschen, deren Bekanntschaft Leute aus
guter Gesellschaft wie die Pest scheuen.

Um vom Kurhaus auf den freien Platz zu gelangen, wo die Musikhalle sich
befand, mußte man einige Stufen hinabsteigen. Bei diesen Stufen jedoch
blieb die Gesellschaft stehen; offenbar wagte man sich nicht recht vor,
nur eine von den Damen ging weiter, gefolgt von zwei Herren aus ihrer
Gesellschaft. Der eine von ihnen war ein Mann in mittleren Jahren, von
bescheidenem, anständigem Äußeren. Doch machte er den Eindruck eines
Menschen, der niemand kennt und von niemandem gekannt wird. Der andere
dagegen, der ihr folgte, machte in jedem Sinne einen gänzlich zerlumpten
Eindruck. Sonst folgte keiner der exzentrischen Dame, doch schien ihr
das vollständig gleichgültig zu sein, denn als sie die Treppe
hinabstieg, sah sie sich nicht einmal nach den anderen um. Sie lachte
und unterhielt sich mit lauter Stimme wie vorher; gekleidet war sie
kostbar und geschmackvoll, wenn auch etwas auffallender, als es sich
schickte. Sie ging die Estrade entlang auf die andere Seite hinüber, wo
vor dem Ausgang eine Equipage auf sie zu warten schien.

Der Fürst hatte _sie_ bereits drei Monate nicht mehr gesehen. Alle diese
Tage, seit seiner Ankunft in Petersburg, hatte er zu ihr gehen wollen,
doch ein geheimes Vorgefühl hielt ihn immer wieder davon zurück.
Wenigstens konnte er sich ein Wiedersehen mit ihr gar nicht vorstellen,
und vor dem Eindruck, den diese Begegnung auf ihn machen würde, hatte er
gezittert. Eines war ihm klar -- diese Begegnung, wenn sie stattfand,
würde eine verhängnisvolle sein. Wie oft dachte er in diesen sechs
Wochen an den ersten Eindruck, den das Gesicht dieser Frau auf ihn
gemacht hatte, damals, als er es auf der Photographie gesehen: es war
ein schwerer, ein quälender Eindruck gewesen. Und dieser Monat, den er
mit ihr in der Provinz verlebt, wo er sie jeden Tag gesehen hatte, war
für ihn eine so quälende Erinnerung, daß er an diese jüngste
Vergangenheit gar nicht zu denken wagte. Das Gesicht dieser Frau machte
ihn leiden. Er hatte diese Empfindung Rogoshin gegenüber Mitleid
genannt, endloses Mitleid, und so war es auch: schon das Gesicht auf der
Photographie hatte in seinem Herzen eine Qual von Mitleid entzündet, und
diese qualvolle Mitleidenschaft würde ihn nie mehr verlassen und verließ
ihn auch jetzt nicht, das wußte er. O, es hatte sogar noch zugenommen!
Doch jetzt, in diesem Augenblick, als sie so plötzlich erschien, begriff
er oder vielmehr fühlte er unbewußt, daß auch diese Erklärung seines
Gefühls Rogoshin gegenüber allein nicht ausreichte. Denn es fehlten ihm
die Worte, dieses Entsetzen, ja, dieses Entsetzen, diese Angst
auszudrücken! Jetzt, in dieser Minute fühlte er es wieder, ja, er war
überzeugt, vollständig überzeugt, aus seinen eigenen besonderen Gründen
überzeugt, daß diese Frau -- wahnsinnig sei! Er empfand dasselbe, wie
jemand, der eine Frau über alles in der Welt liebt oder die Möglichkeit
einer solchen Liebe versteht -- und plötzlich diese Frau angekettet
hinter Eisengittern und unter dem Stock des Aufsehers sieht.

»Was ist Ihnen?« flüsterte Aglaja erschrocken und berührte naiv seine
Hand.

Er wandte den Kopf nach ihr um, sah sie an, blickte in ihre schwarzen,
für ihn unverständlich blitzenden Augen und versuchte zu lächeln. Doch
in demselben Augenblick vergaß er sie schon wieder, und wieder
schweiften seine Augen nach rechts und suchten diese außergewöhnliche
Erscheinung. Nastassja Filippowna ging in diesem Augenblick gerade an
den Stühlen der jungen Damen vorüber, in deren Gesellschaft Jewgenij
Pawlowitsch lachte und scherzte. Der Fürst erinnerte sich noch, wie
Aglaja plötzlich halblaut ausrief: »Welche ...«

Sie sprach das Wort nicht aus, doch hatte es genügt. Nastassja
Filippowna, die tat, als ob sie bis dahin niemand bemerkt hätte, wandte
sich plötzlich nach ihnen um, und, als ob sie jetzt erst Jewgenij
Pawlowitsch sähe, rief sie aus:

»Bah, da ist er ja!« zugleich blieb sie stehen. »Sonst kann man ihn
vergeblich suchen, kein Bote erreicht ihn. Da sitzt er jetzt, wo man ihn
am wenigsten vermutet ... Ich dächte, du solltest dort sein bei ihm ...
bei deinem Onkel.«

Jewgenij Pawlowitsch fuhr jäh auf und blickte Nastassja Filippowna
wütend an, doch wandte er ihr sogleich wieder den Rücken zu.

»Wie? Weißt du es denn noch nicht? Stellt euch doch nur vor, er weiß es
noch nicht! Er hat sich ja erschossen! Heute morgen hat dein Onkel sich
erschossen! Heute um zwei Uhr habe ich es erfahren, die halbe Stadt weiß
es bereits -- dreihundertfünfzigtausend Rubel fehlen in der Kronskasse,
andere sagen: fünfhunderttausend. Und ich rechnete darauf, daß du noch
mal erben würdest, -- alles hat er durchgebracht. Der allerverkommenste
Lebemann war dein Alter ... Nun, leb wohl, _bonne chance_!{[27]} Willst
du denn wirklich nicht hinfahren? Hast also zur rechten Zeit deinen
Abschied genommen, du Schlaukopf! Doch Unsinn, er wußte es sicher schon
früher; vielleicht schon gestern ...«

Mit der falschen Vorspiegelung einer intimen Bekanntschaft, die gar
nicht existierte, schien Nastassja Filippowna sicher eine besondere
Absicht zu verfolgen, das wußte Jewgenij Pawlowitsch, und er hatte daher
zuerst versucht, sich so zu stellen, als ob er sie überhaupt nicht
bemerkte. Doch ihre Worte trafen ihn wie Keulenschläge; als er vom Tode
des Onkels hörte, wurde sein Gesicht so weiß wie ein Tuch, und er wandte
sich unwillkürlich zu der Sprechenden. In dem Augenblick erhob sich auch
Lisaweta Prokofjewna von ihrem Stuhl, forderte die anderen auf, ihr zu
folgen, und verließ so schnell als möglich den Saal. Nur der Fürst Lew
Nikolajewitsch blieb unentschlossen stehen, als besänne er sich noch
eine Sekunde, und auch Jewgenij Pawlowitsch stand noch immer wie
besinnungslos da. Doch hatten sich Jepantschins kaum auf zwanzig Schritt
entfernt, als es zu einem schrecklichen Skandal kam.

Der Leutnant und Freund Jewgenij Pawlowitschs, der sich mit Aglaja
unterhalten hatte, geriet plötzlich außer sich.

»Hier ist einfach eine Peitsche nötig, sonst wird man dieses Geschöpf
nicht los werden!« rief er laut. Wie es schien, mußte auch er schon
vorher ein Vertrauter Jewgenij Pawlowitschs gewesen sein.

Nastassja Filippowna wandte sich blitzschnell nach ihm um. Ihre Augen
flammten. Sie stürzte sich auf den ersten jungen ihr gänzlich
unbekannten Mann, der zwei Schritte von ihr entfernt stand und in der
Hand ein dünnes geflochtenes Rohrstöckchen hielt, riß es ihm aus der
Hand und schlug damit ihrem Beleidiger quer übers Gesicht. Das alles
geschah in einem Augenblick ... Der Leutnant, außer sich, stürzte sich
auf sie. Nastassja Filippowna stand ganz allein da, ihr Gefolge hatte
sie verlassen. Auch der anständige Herr in den mittleren Jahren war
nicht mehr zu sehen. In einer Minute freilich wäre die Polizei
erschienen, aber diese eine Minute würde Nastassja Filippowna gefährlich
geworden sein, wenn ihr nicht unerwartet Hilfe gekommen wäre. Der Fürst,
einige Schritte nur vom Leutnant entfernt, packte diesen hinterrücks an
beiden Armen. Der Leutnant riß sich jedoch sofort los und stieß den
Fürsten so heftig vor die Brust, daß er in einer Entfernung von drei
Schritt auf einen Stuhl fiel. Unterdessen hatte aber Nastassja
Filippowna andere Hilfe erhalten: vor dem Leutnant stand plötzlich der
Boxer und Autor des Zeitungsartikels, einstiger Genosse der früheren
Rogoshinschen Rotte.

»Mein Name ist Keller, Leutnant a. D.,« stellte sich dieser vor. »Wenn
Sie einen Faustkampf wünschen, Herr Hauptmann, so stehe ich, in
Vertretung der Dame, Ihnen zu Diensten. Verstehe mich vortrefflich auf
die englische Boxkunst. Beruhigen Sie sich, Herr Hauptmann! Ich bedaure
sehr, daß man Sie so beleidigt hat, doch kann ich es nicht erlauben, daß
Sie einer Dame gegenüber, noch dazu vor den Augen des Publikums, von
Ihrem Faustrecht Gebrauch machen wollen. Wenn Sie sonst auf andere,
anständigere Weise von mir Rechenschaft zu fordern wünschen, so werde
ich selbstverständlich, Herr Hauptmann ...«

Doch der Hauptmann-Leutnant war schon wieder zu sich gekommen und hörte
ihn gar nicht mehr an. In diesem Augenblick tauchte plötzlich Rogoshin
aus der Menge auf, reichte Nastassja Filippowna den Arm und führte sie
fort. Er war blaß vor Erregung und zitterte. Doch konnte er sich nicht
enthalten, im Vorübergehen dem Leutnant ins Gesicht zu lachen und
höhnisch-triumphierend zu rufen:

»Das hat gezogen! Das ganze Gesicht blutunterlaufen! Ha!«

Dem Leutnant kam zum Bewußtsein, mit wem er es zu tun hatte, er bedeckte
sein Gesicht mit dem Taschentuch und wandte sich höflich an den Fürsten:

»Fürst Myschkin, ich hatte die Ehre, mit Ihnen bekannt zu sein?«

»Sie ist wahnsinnig! wahnsinnig! Ich versichere es Ihnen,« antwortete
ihm der Fürst mit bebender Stimme und streckte ihm seine zitternden
Hände entgegen.

»Ich kann mir freilich mit solchen Kenntnissen nicht schmeicheln; Ihren
Namen jedoch muß ich wissen.«

Er verneigte sich leicht und ging davon. Die Polizei erschien genau fünf
Sekunden nachher, als die letzten Beteiligten des Skandals verschwunden
waren. Übrigens dauerte das Ganze nur fünf Minuten. Ein Teil des
Publikums hatte sich von seinen Stühlen erhoben und verließ das Konzert;
ein anderer wieder wechselte nur die Plätze; ein dritter freute sich
über den Skandal, und alle sprachen interessiert und lebhaft darüber.
Mit einem Wort, es endete wie gewöhnlich. Das Orchester spielte wieder.
Der Fürst war bereits Jepantschins gefolgt. Hätte er sich während des
Vorfalles umgesehen, so hätte er bemerkt, wie Aglaja, zwanzig Schritt
von ihm entfernt, der Szene zuschaute, ohne auf die Zurufe ihrer Mutter
und ihrer Schwestern zu achten, die weitergingen. Fürst Sch. kehrte zu
ihr zurück und bat sie, ihm zu folgen. Lisaweta Prokofjewna fiel es auf,
daß Aglaja, als sie in höchster Erregung zu ihnen zurückkehrte, ihre
Vorwürfe überhaupt nicht beachtete. Doch nach zwei Minuten, als die
Gesellschaft in den Park trat, sagte sie bereits mit der
allergleichgültigsten und launenhaftesten Stimme:

»Ich wollte nur sehen, wie die Komödie enden würde.«


                                  III.

Der Vorfall hatte der Generalin und ihren Töchtern einen furchtbaren
Schrecken verursacht. In der Erregung legte Lisaweta Prokofjewna den Weg
nach Hause fast laufend zurück. Nach ihren Begriffen hatte sich bei
diesem Vorfall so vieles entschleiert, daß in ihrem Kopfe, ungeachtet
ihrer Aufregung und ihres Schreckens, große Entschlüsse reiften. Doch
auch die anderen begriffen, daß etwas ganz Besonderes vorgefallen und
daß vielleicht zum Glück ein Geheimnis aufgedeckt worden war. Ungeachtet
der früheren Versicherungen und Erklärungen des Fürsten Sch. schien
Jewgenij Pawlowitsch jetzt in der Tat entlarvt und seiner Beziehungen zu
diesem Geschöpf überführt zu sein. So dachte Lisaweta Prokofjewna, und
so schien es auch den beiden älteren Töchtern. Das Ergebnis dieser
Annahme war, daß die Sache noch verwickelter, noch rätselhafter wurde.
Die Töchter, die im Grunde vielleicht über ihren Schrecken und die
Flucht ihrer Mutter ungehalten waren, wagten es doch nicht, sie mit
Fragen zu belästigen und zu beunruhigen. Außerdem schien es ihnen aus
irgendeinem Grunde, daß ihre Schwester, Aglaja Iwanowna, vielleicht mehr
von dieser Sache wußte, als sie alle drei, ihre Mutter einbezogen. Fürst
Sch. war finster wie die Nacht und schwieg. Lisaweta Prokofjewna sprach
zu ihm während des ganzen Weges kein Wort, er aber schien es nicht
einmal zu bemerken. Adelaida versuchte, ihn zu fragen: von welchem Onkel
da die Rede gewesen und was in Petersburg sich ereignet hatte? Doch er
murmelte ihr mit saurer Miene etwas ganz Unverständliches zur Antwort:
von Untersuchungen usw., und daß das alles Unsinn wäre. »Darüber besteht
kein Zweifel,« stimmte ihm Adelaida bei und verstummte. Aglaja war
ungewöhnlich ruhig und meinte nur, daß man zu schnell gehe. Einmal
wandte sie sich um und bemerkte den Fürsten, der ihnen nacheilte. Über
seine Bemühungen, sie einzuholen, lachte sie spöttisch, doch beachtete
sie ihn weiter nicht mehr.

Kurz vor der Datsche begegnete ihnen Iwan Fedorowitsch, der soeben aus
Petersburg zurückkehrte. Seine erste Frage war nach Jewgenij
Pawlowitsch. Doch seine Gemahlin ging mit drohender Miene an ihm
vorüber, ohne ihm zu antworten, ja, ohne ihn überhaupt anzusehen. An den
Gesichtern der Töchter und des Fürsten Sch. erriet er sofort, daß ein
Gewitter zum mindesten im Anzuge war. Auf seinem Gesicht lag sowieso
schon eine außergewöhnliche Erregtheit. Er ergriff den Fürsten Sch. am
Arm und hielt ihn am Eingang des Hauses zurück, um im Flüsterton einige
Erkundigungen von ihm einzuziehen. An ihren erregten Gesichtern, als sie
auf die Terrasse traten und Lisaweta Prokofjewna in die Zimmer folgten,
konnte man sehen, daß sie beide etwas Außergewöhnliches erfahren hatten.
Auch die anderen folgten Lisaweta Prokofjewna nach oben, und auf der
Terrasse blieb Fürst Myschkin ganz allein zurück. Er setzte sich in
einen Winkel, als erwartete er dort irgend jemanden, übrigens wußte er
selbst nicht, warum er das tat; ihm kam es gar nicht in den Sinn,
fortzugehen, obgleich ihn niemand bei der allgemeinen Aufregung vermißt
hätte. Er schien alles um sich herum vergessen zu haben und wäre bereit
gewesen, so in Gedanken versunken jahrelang dazusitzen. Von Zeit zu Zeit
hörte er von oben Stimmen von einer erregten Unterhaltung. Der Fürst
wußte nicht, wie lang er schon so gesessen hatte, es wurde spät und
begann zu dunkeln. Plötzlich trat Aglaja auf die Terrasse, dem Aussehen
nach war sie ruhig, nur ein wenig bleich. Als sie den Fürsten erblickte,
den sie augenscheinlich hier nicht erwartet hatte, lächelte sie
unwillig.

»Was machen Sie hier?« fragte sie und trat an ihn heran.

Der Fürst stand verwirrt vom Stuhle auf, doch Aglaja setzte sich sofort
neben ihn, und so setzte auch er sich wieder hin. Sie betrachtete ihn
plötzlich sehr aufmerksam und sah darauf zum Fenster hinaus, ganz
gedankenlos in die Ferne starrend, und dann sah sie wieder ihn an.
»Vielleicht will sie sich über mich lustig machen,« dachte der Fürst,
»doch würde sie mich dann wohl einfach auslachen.«

»Vielleicht wollen Sie Tee,« sagte sie plötzlich nach längerem
Schweigen.

»Nein. Ich wüßte nicht ...«

»Wie kann man das nicht wissen! Ach Sie, hören Sie: wenn jemand Sie zum
Duell forderte, was würden Sie dann machen? Ich wollte Sie schon neulich
fragen.«

»Ja ... wer denn ... wer würde mich denn zum Duell fordern?«

»Wenn man Sie aber forderte? Würden Sie sich dann sehr fürchten?«

»Ich glaube, daß ich mich ... sehr fürchten würde.«

»Wirklich? So sind Sie also ein Feigling?«

»N--ein; vielleicht auch nicht. Ein Feigling ist der, welcher sich
fürchtet und davonläuft; doch wer sich fürchtet und nicht davonläuft,
der ist kein Feigling,« sagte der Fürst und lächelte nachdenklich.

»Also, Sie würden nicht fortlaufen?«

»Vielleicht würde ich nicht fortlaufen,« lachte er endlich über ihre
Frage laut auf.

»Ich bin zwar nur eine Frau, aber ich würde um nichts in der Welt
fortlaufen,« bemerkte sie in fast beleidigendem Tone. »Übrigens, scheint
es, daß Sie wie gewöhnlich über mich lachen, um selbst überlegen zu
erscheinen. Sagen Sie doch, bitte, meist schießt man sich auf zwölf
Schritt, einige auf zehn -- folglich wird man dabei erschossen oder
verwundet?«

»Im Duell, scheint es, wird selten jemand erschossen.«

»Wieso, selten? Puschkin wurde doch getötet.«

»Das war vielleicht zufällig.«

»Durchaus nicht zufällig: es war eben ein Duell auf Leben und Tod.«

»Die Kugel traf ihn so niedrig, daß man annehmen muß, Dantès habe höher
gezielt, etwa nach der Brust oder nach dem Kopfe. Dahin, wo er getroffen
wurde, zielt kein Mensch, also war der Tod Puschkins doch mehr ein
Zufall. Das haben mir sachverständige Leute gesagt.«

»Und mir hat ein Soldat, mit dem ich einmal darüber gesprochen habe,
gesagt, sie hätten beim Militär ausdrücklich Befehl, wenn sie Übungen
machen, gerade in die Mitte des Menschen zu zielen, in die >untere
Hälfte des Menschen<, wie sie sich ausdrücken. Also in die Brust und
nicht in den Kopf, vielmehr gerade in die Mitte des Menschen ist ihnen
befohlen zu schießen. Ich fragte darauf einen Leutnant, und er
bestätigte es mir.«

»Das ist wahr, doch nur der großen Entfernung wegen.«

»Und Sie, können Sie schießen?«

»Ich habe noch niemals geschossen.«

»Können Sie wirklich nicht einmal eine Pistole laden?«

»Nein, ich kann es nicht. Das heißt, ich weiß, wie man es macht, doch
habe ich es noch niemals versucht.«

»Das heißt soviel, daß Sie es nicht können, denn dazu gehört Übung!
Hören Sie, lernen Sie es: zuerst kaufen Sie sich gutes Pulver, nicht
feuchtes etwa, sondern sehr trockenes ist nötig -- ganz feines Pulver,
sagen Sie nur Pistolenpulver, und nicht etwa solches, womit man Kanonen
lädt. Die Kugel, sagt man, gießt man sich selbst. Haben Sie denn
Pistolen?«

»Nein, ich brauche keine,« lachte der Fürst laut auf.

»Ach, was für ein Unsinn! Kaufen Sie sich sofort eine Pistole, eine gute
französische oder englische, das sollen die besten sein. Dann nehmen Sie
einen Fingerhut voll Pulver, vielleicht auch zwei, und schütten es
hinein. Besser, Sie nehmen etwas mehr. Dann stopfen Sie Filz hinein, man
sagt, daß durchaus Filz nötig sei, den können Sie ja irgendwoher, aus
einer Matratze oder aus einer Türpolsterung nehmen. Wenn der Filz drin
ist, dann stecken Sie die Kugel hinein, hören Sie: das Pulver zuerst und
die Kugel darauf, sonst geht's nicht los. Warum lachen Sie? Ich möchte,
daß Sie jetzt jeden Tag Schießübungen machten, und sogar mehrmals am
Tage, damit Sie gut ins Ziel schießen können. Werden Sie es tun?«

Der Fürst schüttelte sich vor Lachen; Aglaja war wütend und stampfte mit
dem Fuße zornig auf. Ihre ernste Miene, mit der sie diesen Gegenstand
erörterte, verwunderte den Fürsten zuletzt. Zum Teil fühlte er, daß er
hier über irgend etwas nicht unterrichtet war, wonach er hätte fragen
müssen -- und daß es sicher was Ernsteres war, als ein bloßes Gespräch.
All das ging ihm durch den Kopf, doch hatte er nur dafür Gefühl, daß sie
neben ihm saß, daß er sie ansah, während das, was sie sprach, ihm in
diesem Augenblick völlig gleichgültig war.

Auf die Terrasse trat plötzlich Iwan Fedorowitsch. Er schien einen
wichtigen Gang vor sich zu haben, in seiner besorgten Miene lag feste
Entschlossenheit.

»Ah, Lew Nikolajewitsch, du hier ... Wohin gehst du?« fragte er ihn,
obwohl Lew Nikolajewitsch auch nicht einmal daran gedacht hatte, sich
von seinem Platze zu erheben. »Komm her, ich habe dir ein Wörtchen zu
sagen.«

»Auf Wiedersehen,« sagte Aglaja und reichte ihm ihre Hand.

Auf der Terrasse war es schon ganz dunkel geworden, der Fürst konnte ihr
Gesicht in diesem Augenblick nicht deutlich erkennen. Nach einer Minute,
als er mit dem General die Datsche verlassen hatte, errötete er
plötzlich über und über und preßte seine rechte Hand fest zusammen und
an sich.

Offenbar hatten sie beide denselben Weg. Ungeachtet der späten Stunde
wollte Iwan Fedorowitsch wohl noch irgendwohin gehen, um sich mit irgend
jemand über den Vorfall auszusprechen. Er sprach unzusammenhängende
Worte zum Fürsten, erregt, schnell, und erwähnte des öfteren Lisaweta
Prokofjewna. Wenn der Fürst in diesem Augenblick etwas aufmerksam
gewesen wäre, so hätte er vielleicht bemerkt und erraten, daß Iwan
Fedorowitsch ihn unter anderem gern über etwas ausgefragt hätte, oder
besser gesagt, eine offene und gerade Frage an ihn gestellt hätte, aber
nicht wagte, an den betreffenden Punkt zu rühren, der dabei die
Hauptsache war. Der Fürst war aber so zerstreut, daß er anfangs
überhaupt nicht zugehört und gar nicht verstanden hatte, was der General
zu ihm gesprochen, und als dieser ihm schließlich eine Frage stellte,
mußte er zu seiner Schande gestehen, daß er diese Frage nicht
beantworten konnte, weil er sie nicht begriff.

Der General zuckte die Achseln.

»Sonderbare Menschen seid ihr doch alle, ich sage dir, daß ich die Ideen
und die Aufregung Lisaweta Prokofjewnas überhaupt nicht verstehen kann.
Sie ist außer sich, weint und behauptet, daß man uns beleidigt und
beschimpft habe. Wer? Wie? Womit? Wann und warum? Ich gebe zu, daß ich
an vielem schuld bin ... doch die Ausfälle ... dieses teuflischen
Weibes, das sich dazu noch unschicklich beträgt, gehen wirklich etwas zu
weit und müssen von der Polizei ... Ich habe die Absicht, mit einer
maßgebenden Persönlichkeit darüber Rücksprache zu nehmen. Man könnte
alles im Guten, ruhig und liebenswürdig ohne jeglichen Skandal abmachen.
Ich selbst bin auch durchaus der Meinung, daß die Zukunft noch viele
Ereignisse in ihrem Schoße birgt, und daß noch vieles unaufgeklärt ist.
Oh, da steckt noch eine Intrige dahinter, und wenn man hier _nichts_
davon versteht, so versteht man dort noch weniger. Niemand weiß etwas,
niemand hat was gehört; du hast nichts gehört, der hat nichts gehört,
der fünfte hat auch noch nichts gehört, ja, so bitte ich dich, wer hat
denn eigentlich was gehört? Wie soll man da nicht den Verstand
verlieren, zur Hälfte scheinen es Halluzinationen, etwas, was überhaupt
nicht vorhanden ist ...«

»Sie ist wahnsinnig,« murmelte der Fürst schmerzlich, sich der Vorgänge
erinnernd.

»Wenn du davon redest ... Diese Idee hatte ich auch zuerst und beruhigte
mich dabei. Doch jetzt sehe ich, daß die anderen recht haben und glaube
nicht an ihren Wahnsinn. Nehmen wir an, sie sei wirklich eine irre Frau,
so ist sie doch auch wieder sehr schlau und durchaus nicht wahnsinnig.
Die Geschichte mit Hauptmann Alexejewitsch beweist das. Ihrerseits
steckt da eine sehr jesuitische Absicht dahinter.«

»Was für ein Hauptmann Alexejewitsch?«

»Ach, mein Gott, Lew Nikolajewitsch, du hast wieder nichts gehört! Davon
habe ich dir doch gleich zu Anfang erzählt, von Hauptmann Alexejewitsch.
Deshalb bin ich doch heute so lange in der Stadt geblieben, zittere noch
jetzt an Händen und Füßen. Hauptmann a. D. Alexejewitsch Radomskij, der
Onkel von Jewgenij Pawlowitsch ...«

»Nun, was ist mit ihm?« rief der Fürst.

»Hat sich erschossen, heute morgen um sieben Uhr. Ein angesehener Mann
von fünfundsiebzig Jahren, Epikuräer, -- und ganz so, wie sie es gesagt
hat -- Kronsgelder sind verschwunden, eine bedeutende Summe!«

»Woher hat sie denn ...«

»Gewußt? Ha, ha! Sie hat ja einen ganzen Stab um sich, kaum daß sie sich
hier gezeigt hat. Du weißt, was für Leute sie besuchen und >die Ehre
ihrer Bekanntschaft< anstreben. So konnte sie doch sofort von dem
Unglück gehört haben, denn ganz Petersburg weiß es schon und hier halb
oder ganz Pawlowsk. Und was für eine feine Anspielung sie Jewgenij
Pawlowitsch wegen seiner Zivilkleidung gemacht haben soll, wie man mir
erzählte! Was für eine teuflische Bemerkung! Nein, das kann keine
Wahnsinnige tun. Ich bestreite es natürlich durchaus, daß Jewgenij
Pawlowitsch von der Katastrophe etwas gewußt hat, das heißt, daß er Zeit
und Stunde genau gewußt hat. Doch hat er es vielleicht kommen sehen,
vorausgefühlt. Wir aber, ich und auch Fürst Sch., rechneten darauf, daß
er ihn beerben würde! Schrecklich! Schrecklich! Verstehe mich recht,
natürlich beschuldige ich ja Jewgenij Pawlowitsch in keiner Weise und
beeile mich, dir das ausdrücklich zu erklären, doch immerhin ist es
verdächtig ... Fürst Sch. ist ganz außerordentlich betroffen. Alles das
hat ihn so erschüttert.«

»Im Betragen Jewgenij Pawlowitschs liegt doch nichts Verdächtiges?«

»Nichts, nein! Er hat sich sehr anständig verhalten. Ich habe auch auf
nichts anspielen wollen. Sein eigenes Vermögen ist, glaube ich,
unangerührt. Lisaweta Prokofjewna will nichts davon hören ... Aber die
Hauptsache -- alle diese Familienkatastrophen, oder besser gesagt --
Reibereien oder wie man's nennen soll ... dir kann man's ja sagen, du
bist ein Freund des Hauses, Lew Nikolajewitsch, stelle dir doch nur vor,
erst jetzt erweist es sich, -- wenn ich mir auch darüber noch gar nicht
klar bin --, daß Jewgenij Pawlowitsch schon vor einem Monat Aglaja einen
Antrag gemacht hat und von ihr eine formelle Absage erhalten haben
soll.«

»Das kann nicht sein!« rief der Fürst, ganz Feuer und Flamme.

»Ja, weißt du denn etwas davon? Siehst du, mein Teurer,« -- der General
blieb wie festgewurzelt an der Stelle stehen -- »ich habe es dir doch
nur gesagt, weil du ... weil du ... man kann wohl sagen, ein solcher
Mensch bist. Vielleicht weißt du was Näheres darüber?«

»Ich weiß nichts ... ich weiß durchaus nichts von Jewgenij Pawlowitsch,«
murmelte der Fürst.

»Und auch ich habe keine Ahnung! Mich, scheint es, will man wirklich
schon in die Erde stecken, und keiner will zugeben, daß es für mich
unerträglich ist, von alledem nichts zu erfahren. Soeben hatten wir eine
Szene, die schrecklich war! Ich erzähle sie dir nur, weil du wie mein
leiblicher Sohn bist. Hauptsächlich macht sich Aglaja über die Mutter
lustig. Von der Geschichte mit Jewgenij Pawlowitsch haben die Schwestern
erzählt. Sie ist ja doch ein so eigenwilliges und phantastisches
Geschöpf, daß man schon gar nicht weiß, was man mit ihr anfangen soll!
Sie hat großzügige und glänzende Eigenschaften, hat Herz und Verstand --
das ist wahr, doch launenhaft, spottlustig ist sie, mit einem Wort, ein
unbändiger Charakter, und dabei voll Phantasie. Sie lacht der Mutter ins
Gesicht; den Schwestern desgleichen; Fürst Sch. lacht sie aus; über mich
macht sie sich beständig lustig, davon lohnt es sich überhaupt gar nicht
zu sprechen. Doch ich, ich liebe sie, liebe sie fast, weil sie mich
auslacht -- und mir scheint es, daß sie mich darum auch besonders lieb
hat, mehr als die anderen, ja, so scheint es mir. Ich möchte wetten, daß
sie auch schon über dich gelacht hat. Soeben traf ich sie mit dir im
Gespräch an, sie saß da bei dir nach diesem Skandal, ganz, als ob nichts
geschehen wäre.«

Der Fürst errötete und preßte wieder seine rechte Hand an sich, doch
schwieg er.

»Mein lieber, guter Lew Nikolajewitsch! Ich ... und selbst Lisaweta
Prokofjewna -- die dich übrigens wieder achtet, und mit dir zusammen
auch mich, ich weiß nicht warum -- wir lieben dich wirklich, lieben dich
aufrichtig und achten dich trotz aller dieser Vorfälle. Ach, lieber
Freund, gib es doch zu, daß solche Rätsel unerträglich sind, die dieser
kleine kaltblütige Satan uns da aufgibt -- sie stand da vor der Mutter
mit dem Ausdruck größter Verachtung für alle unsere Fragen, und zwar
besonders für mich, weil ich, der Teufel hol's, so dumm war und ihr mit
Strenge zu imponieren versuchte, als Haupt der Familie, versteht sich, o
dumm, dumm war ich -- als dieser kaltblütige kleine Teufel uns plötzlich
erklärt, daß diese >Wahnsinnige< (so drückte sie sich aus, mit denselben
Worten wie du), >daß diese Wahnsinnige sich in den Kopf gesetzt habe,
sie mit Lew Nikolajewitsch zu verheiraten und Jewgenij Pawlowitsch
deshalb in unserem Hause unmöglich zu machen ...< Das war alles, auf
weitere Erklärungen ließ sie sich nicht ein, lachte nur, wir rissen die
Mäuler auf, und sie geht einfach hinaus und schlägt die Tür hinter sich
zu. Darauf erzählte man mir von dem Vorfall mit ihr ... ich meine --
deinem ... und ... und -- höre, lieber Fürst, du bist doch ein
vernünftiger Mensch und kein empfindlicher Mensch, ich würde dir gerne
etwas sagen ... doch ärgere dich nicht: bei Gott, sie hält auch dich zum
Narren. Wie ein Kind lacht sie über dich, sei du ihr deshalb nicht böse,
aber es ist so. Denke dir nichts dabei, sie spottet über dich und über
uns alle, aus purer Langeweile. Nun, leb wohl! Du kennst unsere Gefühle
für dich? Unsere aufrichtige Liebe zu dir? Wir bleiben dir
unveränderlich treu, doch ... jetzt muß ich fort, auf Wiedersehen!
Niemals habe ich so in der Klemme gesessen, wie gerade jetzt ... Ach,
diese Sommerfrischen!«

Er ließ den Fürsten allein an einer Straßenkreuzung. Der Fürst blickte
um sich und schritt dann rasch über die Straße, an das erleuchtete
Fenster einer Datsche, entfaltete einen kleinen Zettel, den er die ganze
Zeit während des Gespräches mit Iwan Fedorowitsch in der rechten Hand
gehalten hatte und las beim matten Schein des erleuchteten Fensters:

   »Morgen, sieben Uhr früh, werde ich auf der grünen Bank im Park auf
   Sie warten. Ich habe mich entschlossen, über eine sehr wichtige
   Angelegenheit, die Sie nahe angeht, mit Ihnen zu reden.«

   »P. S. Ich hoffe, Sie werden diesen Zettel niemandem zeigen. Obwohl
   ich mich schäme, Ihnen das ausdrücklich zu sagen, so halte ich es
   doch für nötig -- und ich erröte beim Gedanken an Ihren lächerlichen
   Charakter.«

   »P. S. Es ist dieselbe grüne Bank, die ich Ihnen vorhin gezeigt
   habe. Schämen Sie sich. Auch das muß ich noch hinzufügen.«

Das Zettelchen war in aller Eile geschrieben und irgendwie
zusammengefaltet worden, wahrscheinlich kurz bevor Aglaja auf die
Terrasse hinausgetreten war. Eine unbeschreibliche Erregung, eine an
Schrecken grenzende Erregung ergriff den Fürsten. Er preßte seinen
Zettel wieder in die Hand und sprang wie ein aufgescheuchter Dieb vom
Fenster hinweg. Dabei stieß er mit einem Menschen zusammen, der nicht
weit von ihm gestanden haben mußte.

»Ich suchte Sie, Fürst!« sagte der Herr.

»Was? Sie sind es, Keller?« rief Lew Nikolajewitsch erstaunt aus.

»Ich suchte Sie, Fürst, ich wartete auf Sie an der Datsche bei
Jepantschins und folgte Ihnen, als Sie mit dem General gingen. Ich stehe
zu Ihren Diensten, Fürst, verfügen Sie über Keller. Ich bin bereit, mich
für Sie zu opfern, und wenn es sein muß, zu sterben.«

»Aber ... weshalb denn?«

»Nun, es wird doch sicher eine Forderung zum Duell erfolgen. Ich kenne
diesen stolzen Leutnant -- nicht persönlich etwa ... --, er erträgt eine
Beleidigung nicht. Unsereinen, mich zum Beispiel und Rogoshin, hält er
für nichts, und vielleicht nicht mit Unrecht, darum kommen Sie allein
für ihn in Frage. Die Rechnung werden Sie bezahlen müssen, Fürst. Er hat
sich nach Ihnen erkundigt, ich hörte es, und sicher schickt er Ihnen
schon morgen seinen Sekundanten, oder, vielleicht wartet der schon jetzt
auf Sie. Wenn Sie mich der Ehre für würdig halten, so wählen Sie mich,
bitte, zu Ihrem Sekundanten, ich bin bereit, mit Ihnen bis aufs Schafott
zu gehen. Deshalb suchte ich Sie, Fürst.«

»Also auch Sie reden von einem Duell!« lachte plötzlich der Fürst laut
auf, zu Kellers größter Verwunderung, und hörte gar nicht auf zu lachen,
so daß Keller, der die ganze Zeit über wie auf Nadeln gestanden, sich
fast beleidigt fühlte, als er dieses herzliche Lachen des Fürsten hörte.

»Sie haben ihn doch, Fürst, vorhin an den Armen gepackt, öffentlich vor
allem Publikum. Ein Mann von Ehre wird sich das nicht gefallen lassen.«

»Und er hat mich vor die Brust gestoßen!« rief der Fürst lachend. »Warum
sollen wir uns denn schlagen? Ich werde ihn um Entschuldigung bitten,
das ist alles. Nun, und wenn wir uns schon schießen sollen, meinetwegen!
Möge er schießen, ich werde auch schießen. Ha, ha! Ich verstehe jetzt
einen Revolver zu laden! Wissen Sie, man hat es mir gesagt, wie man eine
Pistole lädt! Verstehen Sie, eine Pistole zu laden, Keller? Zuerst muß
man Pulver kaufen, Pistolenpulver, nicht zu feucht und nicht zu grob --
nicht etwa Pulver, womit man Kanonen lädt. Man muß zuerst das Pulver
hineinschütten, dann stopft man Filz von einer Türpolsterung in die
Mündung und dann steckt man die Kugel hinein -- nicht etwa die Kugel vor
dem Pulver, sonst geht's nicht los! Ha, ha! Ist das nicht eine prächtige
Regel, lieber Keller? Ach, Keller, wissen Sie, daß ich Sie sofort
umarmen und abküssen werde. Ha, ha, ha! Woher sind Sie eigentlich vorhin
so plötzlich aufgetaucht? Kommen Sie nächstens zu mir: Champagner
trinken! Wir wollen uns alle betrinken! Wissen Sie, daß ich zwölf
Flaschen Champagner besitze? Lebedeff hat sie im Keller, er verkaufte
sie mir >zufällig< vor drei Tagen. Ich will die ganze Gesellschaft dazu
einladen! Werden Sie heute nacht schlafen gehen?«

»Natürlich, wie immer, Fürst.«

»Nun, dann, träumen Sie süß! Ha, ha!«

Der Fürst ging über die Straße in den Park hinein. Keller blieb ganz
verdutzt und nachdenklich stehen. Er hatte den Fürsten noch nie in einer
so sonderbaren Stimmung angetroffen und hätte sie niemals bei ihm für
möglich gehalten.

»Er hat wohl Fieber, auf einen nervösen Menschen muß das alles auch sehr
stark einwirken, freilich! Angst scheint er nicht zu haben. Sieh mal an,
solche haben also keine Angst, bei Gott!« dachte Keller bei sich. »Hm!
Champagner! Eine bemerkenswerte Aufforderung, wirklich. Zwölf Flaschen,
ein ganzes Dutzend; eine anständige Batterie. Doch, ich möchte wetten,
daß Lebedeff diesen Champagner irgendwie unter der Hand gekauft hat. Hm!
... er ist eigentlich sehr nett, dieser Fürst; wirklich, ich liebe
solche ... doch da ist jetzt keine Zeit zu verlieren und ... wenn schon
Champagner, dann ...«

Daß der Fürst wie im Fieber war, darin hatte Keller recht.

Lange, traumverloren, irrte der Fürst im dunklen Park umher, bis er
plötzlich wahrnahm, daß er sich in einer Allee befand. Er konnte sich
nicht entsinnen, wenn er es auch gewollt hätte, was er diese ganze
Stunde im Park gedacht hatte. Doch ertappte er sich jetzt auf einem
Gedanken, über den er plötzlich laut auflachen mußte, obgleich
eigentlich gar kein Grund dazu vorhanden war. Es kam ihm in den Sinn,
daß der Gedanke an das Duell nicht nur im Kopfe Kellers entsprungen war,
sondern auch in ihrem Kopfe, und daß sie die ganze Pistolengeschichte
durchaus nicht zufällig erzählt hatte. »Bah!« Plötzlich kam ihm eine
andere Idee. »Vorhin, als sie auf die Terrasse trat und ich dort in der
Ecke saß, tat sie furchtbar verwundert, mich dort anzutreffen, und ...
lachte -- und sprach von Tee. In derselben Zeit hatte sie aber schon das
Zettelchen in der Hand gehabt: also wußte sie doch, daß ich auf der
Terrasse war! Warum war sie denn so verwundert darüber? Ha, ha, ha!«

Er zog das Zettelchen aus seiner Tasche und preßte es an seine Lippen,
doch verstummte er plötzlich und wurde nachdenklich.

»Wie ist das sonderbar! Wie ist das sonderbar!« sagte er voll tiefer
Traurigkeit vor sich hin. In Momenten freudiger Erregung überkam ihn
immer eine tiefe Traurigkeit, er wußte selbst nicht warum. Er schaute
sich aufmerksam um und wunderte sich, daß er sich hier befand. Er fühlte
sich plötzlich sehr müde, ging auf eine Bank zu und setzte sich hin.
Rings um ihn herrschte ungewöhnliche Stille. Die Musik am Kurhaus war
verstummt. Im Parke selbst befand sich vielleicht kein Mensch, es war ja
auch schon halb zwölf geworden. Die Nacht war still, warm und hell --
eine Petersburger Nacht im Anfang Juni, doch in dem dichten schattigen
Park und in der Allee war es vollständig dunkel.

Wenn ihm jemand in dieser Minute gesagt hätte, daß er verliebt,
leidenschaftlich verliebt sei, so würde er diese Bemerkung mit
Erstaunen, ja, vielleicht mit Unwillen aufgenommen haben. Wenn aber der
Betreffende noch hinzugefügt hätte, daß Aglajas Brief ein Liebesbrief,
eine Aufforderung zum Stelldichein sei, so wäre er vor Scham rot
geworden und hätte diesen Menschen vielleicht selbst zum Duell
gefordert. Es wäre das wirklich von ihm aufrichtig empfunden gewesen,
denn nie wäre es ihm in den Sinn gekommen, nie hätte er an die
Möglichkeit einer Liebe dieses Mädchenherzens zu ihm geglaubt, oder gar
einer Liebe seinerseits zu diesem Mädchen. Bei einem solchen Gedanken
hätte er sich geschämt: an die Möglichkeit einer Liebe zu ihm, zu »einem
solchen Menschen wie er« hätte er nie geglaubt oder er hätte sie für ein
Wunder gehalten. Wenn er an etwas dachte, so dachte er an nichts weiter
als an einen mutwilligen Streich ihrerseits. Doch diesem Streich
gegenüber verhielt er sich vollständig gleichgültig und fand ihn
durchaus in der Ordnung. Er selbst war mit etwas ganz anderem
beschäftigt. An die Richtigkeit der Bemerkung, die vorhin dem erregten
General entschlüpft war -- daß sie sich über alle nur lustig mache, über
ihn aber, den Fürsten, am meisten und noch ganz besonders --, glaubte er
bedingungslos. Und dabei fühlte er sich nicht im geringsten gekränkt,
seiner Meinung nach mußte es sogar gerade so sein. Alles konzentrierte
sich jetzt für ihn in dem einen Gedanken: daß er sie morgen wiedersehen,
morgen in aller Frühe neben ihr auf der grünen Bank sitzen, die
Erklärung des Pistolenladens anhören und sie ansehen würde! Das genügte
ihm vollkommen. Zwar tauchte ein- oder zweimal die Frage in ihm auf, was
sie ihm denn nur eigentlich zu sagen habe und was das wohl für eine so
wichtige Angelegenheit sein könne -- dazu noch eine, die unmittelbar ihn
angehen sollte! --, doch trotzdem empfand er nicht einmal das Verlangen,
nachzudenken oder zu erraten, was sie damit wohl gemeint haben könnte;
daß sie jedoch tatsächlich vorhanden war, diese wichtige Angelegenheit,
daran zweifelte er keinen Augenblick.

Das Knirschen leiser Schritte auf dem Kies der Allee ließ ihn
aufblicken. Ein Mensch, dessen Gesicht in der Dunkelheit nicht zu
erkennen war, näherte sich der Bank und setzte sich auf sie nieder. Der
Fürst rückte schnell näher, fast bis dicht an ihn heran, und erkannte
das bleiche Gesicht Rogoshins.

»Konnt mir ja denken, daß du hier irgendwo herumbummelst, hab dich auch
nicht lange zu suchen gebraucht,« brummte Rogoshin zwischen den Zähnen.

Sie sahen sich zum erstenmal nach jener Begegnung auf der Treppe des
Hotels. Es dauerte eine Weile, bis der Fürst nach dem ersten Schreck
über das plötzliche Auftauchen Rogoshins seine Gedanken gesammelt hatte.
Und schon fühlte er, daß ein bekanntes, quälendes Gefühl in seinem
Herzen wieder auferstanden war. Rogoshin begriff offenbar, welch eine
Empfindung er im Fürsten hervorgerufen hatte; und wenn er auch selbst zu
Anfang ein wenig verwirrt zu sein schien und mit einer gleichsam
gewollten Unbefangenheit sprach, so sah doch der Fürst bald ein, daß in
Rogoshins Wesen nichts bewußt Gewolltes und auch keinerlei besondere
Verwirrung lag. Wenn sich aber in seinen Gesten und seinem Gespräch
vielleicht dennoch eine gewisse Befangenheit bemerkbar machte, so war
das höchstens etwas Äußerliches. In der Seele konnte sich dieser Mensch
nie verändern.

»Wie ... wie hast du mich hier gefunden?« fragte der Fürst, um etwas zu
sagen.

»Keller sagte es mir -- ich war zu dir gegangen -- >ist in den Park
gegangen<, sagte er; da dachte ich, nun, dann ist ja alles richtig!«

»Wieso, was ist >richtigNicht bereutjetzt
quäle ich ihn, wie aber werde ich ihn dafür lieben, wie mit meiner Liebe
die Qual wieder gut machen ...<«

Rogoshin begann zu lachen, nachdem er bis dahin den Fürsten wortlos
angehört hatte.

»Was, Fürst, du bist jetzt wohl auch selbst einer solchen in die Finger
geraten? Ich hab so was gehört, wenn's wahr ist?«

»Was, wieso, was kannst du gehört haben?« fuhr der Fürst erschrocken auf
und stockte plötzlich wieder maßlos verwirrt.

Rogoshin fuhr fort zu lachen. Er hatte nicht ohne Neugier und vielleicht
auch nicht ohne Freude dem Fürsten zugehört; die freudige Beredsamkeit
desselben wunderte ihn und flößte ihm Mut ein.

»Nicht nur gehört, jetzt seh ich's ja selbst, daß es wahr ist,« sagte
er. »Wann hättest du wohl sonst so gesprochen wie jetzt? Solch ein
Gespräch ist doch wie gar nicht von dir. Hätt ich aber nicht so was von
dir gehört, so wär ich auch nicht hergekommen -- und noch dazu in den
Park um Mitternacht.«

»Ich verstehe dich nicht, Parfen Ssemjonytsch.«

»Sie hat mir schon lange von dir das gesagt, jetzt aber habe ich selbst
gesehen, wie du dort während der Musik mit jener saßest. Sie hat mir
geschworen, hat mir gestern und heute geschworen, daß du in Aglaja
Jepantschina wie ein Kater verliebt seiest. Mir ist das aber, Fürst, an
sich ganz gleich, und das ist auch nicht meine Sache: wenn du aufgehört
hast, sie zu lieben, so hat sie deswegen noch nicht aufgehört, dich zu
lieben. Du weißt doch, daß sie dich unbedingt mit jener verheiraten
will, hat es sich geschworen, hehe! >Anders heirate ich dich nicht,<
sagte sie zu mir, >erst wenn sie zum Altar gehen, gehen auch wir zum
Altar.< Was das von ihr aus bedeutet, kann ich nicht verstehen und hab's
auch noch nicht verstanden: entweder liebt sie dich bis zur
Sinnlosigkeit -- oder aber ... wenn sie dich liebt, warum will sie dich
dann mit einer anderen verheiraten? >Ich will ihn glücklich sehen<, sagt
sie, also liebt sie dich doch.«

»Ich habe dir gesagt und geschrieben, daß sie ... von Sinnen ist,«
brachte der Fürst, dem Rogoshins Worte schwere Qualen bereiteten,
stockend hervor.

»Weiß Gott! Du hast dich vielleicht auch getäuscht ... sie hat doch
heute schon den Tag bestimmt, jawohl heute, als ich sie nach der Musik
nach Hause brachte: nach drei Wochen, vielleicht aber auch noch früher,
sagte sie, lassen wir uns trauen; hat geschworen, nahm das Heiligenbild,
küßte es. Jetzt hängt also alles nur von dir ab, Fürst, hehe!«

»Das ... das ist doch Wahnsinn! Das, was du da sagst, kann doch nie und
nimmer geschehen! Morgen werde ich zu euch kommen ...«

»Weshalb soll sie denn wahnsinnig sein?« fragte Rogoshin. »Weshalb ist
sie denn für alle anderen nicht wahnsinnig? Wie kann sie denn Briefe
dorthin schreiben? Wenn sie wahnsinnig wäre, würde man es doch auch dort
aus den Briefen herausmerken.«

»Was für Briefe?« fragte der Fürst erschrocken.

»Sie schreibt doch dorthin, an _jene_, und jene liest die Briefe. Oder
weißt du das noch nicht? Nun, dann wirst du's noch erfahren. Sie wird
bestimmt sie dir schon selbst zeigen.«

»Das ... das kann ich nicht glauben!« rief der Fürst.

»E--e! Dann mußt du, Lew Nikolajewitsch, noch wenig auf solchen Wegen
gegangen sein, soviel ich sehe, dann fängst du ja erst an. Aber wart
noch ein bißchen: wirst auch noch deine eigene Polizei unterhalten,
selbst Tag und Nacht auf der Lauer liegen und jeden Schritt von dort
wissen, wenn du nur ...«

»Hör auf! und sprich nie wieder davon!« unterbrach ihn der Fürst. »Höre,
Parfen, vorhin ging ich hier herum, bevor du kamst, und plötzlich mußte
ich lachen, worüber -- das weiß ich selbst nicht, nur war mir gerade
eingefallen, daß morgen -- mein Geburtstag ist. Es wird bald zwölf sein.
Gehen wir, erwarten wir den Tag! Ich habe Wein zu Hause, trinken wir! Du
wünsch mir, was ich mir selbst jetzt nicht zu wünschen weiß, und gerade
_du_ sollst es mir wünschen, und ich werde dir dafür dein volles Glück
wünschen. Oder sonst gib das Kreuz zurück! Hast es mir doch nicht am
anderen Tage zurückgesandt! Du hast es doch auch jetzt auf der Brust? Du
trägst es doch?«

»Ich trage es,« sagte Rogoshin.

»Nun, dann gehen wir. Ich will nicht ohne dich mein neues Leben
beginnen, denn jetzt -- jetzt beginnt mein neues Leben! Weißt du's noch
nicht, Parfen, daß heute mein neues Leben begonnen hat?«

»Jetzt sehe und weiß ich's selbst, daß es begonnen hat; so werd ich's
auch _ihr_ sagen. Du bist nicht mehr der alte, Lew Nikolajewitsch!«


                                  IV.

Als der Fürst sich mit Rogoshin seiner Villa näherte, bemerkte er zu
seiner nicht geringen Verwunderung, daß sich auf der hellerleuchteten
Terrasse eine zahlreiche und geräuschvolle Gesellschaft versammelt
hatte. Lachen und lautes Stimmengewirr drang hinaus in den dunklen Park.
Jedenfalls sah man auf den ersten Blick, daß der Gesellschaft die Zeit
nicht lang wurde: man war in freudiger Stimmung und disputierte fast
schreiend laut. Freilich war das nur zu erklärlich: als der Fürst die
Stufen der Treppe hinanstieg, sah er, daß alle tranken, und zwar
Champagner tranken, und das offenbar schon seit einiger Zeit, denn viele
schienen bereits nicht mehr ganz nüchtern zu sein. Sämtliche Gäste waren
dem Fürsten bekannt, doch wunderte es ihn nichtsdestoweniger, daß sie
sich alle gleichzeitig versammelt hatten, als wären sie gerufen worden,
obschon der Fürst keinen einzigen aufgefordert und er sich selbst seines
Geburtstages erst soeben ganz zufällig erinnert hatte.

»Mußt wohl jemandem gesagt haben, daß du Champagner auffährst,« brummte
Rogoshin, als er hinter dem Fürsten zur Terrasse hinaufstieg.

»Das kennt man; da braucht man nur zu pfeifen ...« fügte er fast
haßerfüllt hinzu, natürlich in Gedanken an seine eigene jüngste
Vergangenheit.

Mit Freudengeschrei und Glückwünschen wurde der Fürst empfangen und
sogleich von allen umringt. Einzelne benahmen sich recht geräuschvoll,
andere wiederum viel ruhiger, doch alle beeilten sich, ihm Glück zu
wünschen, da sie von seinem Geburtstage gehört hätten. Ein jeder wartete
ungeduldig, bis er an die Reihe kam. Die Anwesenheit einiger überraschte
den Fürsten besonders; so hätte er z. B. Burdowskij sicherlich nicht
vorzufinden erwartet; doch am meisten setzte ihn in Erstaunen, inmitten
dieser Schar plötzlich Jewgenij Pawlowitsch Radomskij zu entdecken: er
wollte zuerst kaum seinen Augen trauen und erschrak fast, als er ihn
erblickte.

Inzwischen war Lebedeff mit seinen Erklärungen glücklich zu Wort
gekommen; er war rot und begeistert und in nicht geringem Maße das, was
man »fertig« nennt. Aus seinem Geschwätz ging hervor, daß sich alle ganz
zufällig eingefunden hatten. Ganz zuerst, noch vor Abend, war Hippolyt
gekommen, und da er sich so wohl gefühlt, habe er gewünscht, den Fürsten
auf der Terrasse zu erwarten. Er hatte sich also dort auf dem Diwan
niedergelassen. Darauf hatte sich Lebedeff zu ihm gesellt, und diesem
war seine ganze Familie gefolgt, d. h. seine Töchter und der alte
General Iwolgin. Burdowskij war mit Hippolyt und Koljä gekommen,
sozusagen als Begleiter des Kranken. Ganjä und Ptizyn waren erst vor
kurzer Zeit, beim Vorübergehen, eingetreten -- ihr Erscheinen fiel
zusammen mit dem Ereignis vor dem Kurhaus --; bald darauf war auch
Keller erschienen, hatte mitgeteilt, daß am nächsten Tage des Fürsten
Geburtstag sei, und mit dieser Begründung Champagner verlangt. Jewgenij
Pawlowitsch war erst vor knapp einer halben Stunde gekommen. Auf der
Bewirtung mit Champagner und der Feier des Geburtstages hatte namentlich
Koljä mit allem Nachdruck bestanden, worauf Lebedeff denn auch mit
Gläsern und dem nötigen Stoff bereitwillig herausgerückt war.

»Aber es ist mein eigener, mein eigener!« flüsterte er in lächelnder
Seligkeit dem Fürsten zu, »auf meine Kosten, um den Geburtstag zu feiern
und um zu gratulieren ... es wird auch einen Imbiß, einen Imbiß geben,
meine Tochter sorgt schon dafür ... Aber, Fürst, wenn Sie wüßten, was
für ein Thema sie jetzt vorhaben. Entsinnen Sie sich -- im >Hamlet<:
>Sein oder Nichtsein?< Ein aktuelles Thema, ein höchst aktuelles Thema.
Fragen und Antworten ... Und Herr Terentjeff will auf keinen Fall ... zu
Bett gehn! Vom Champagner aber hat er nur einen Schluck, nur 'n
Schlückchen geschlürft, das schad't nichts ... Treten Sie näher, Fürst,
und entscheiden Sie! Alle haben Sie erwartet, nur auf Ihren
scharfsinnigen Verstand gewartet ...«

Der Fürst bemerkte den lieben, freundlichen Blick Wjera Lebedeffs, die
sich gleichfalls bemühte, an ihn heranzukommen. Über alle hinweg reichte
er ihr zuerst die Hand; sie wurde ganz rot vor Freude und wünschte ihm
»_von diesem Tage_ an ein glückliches Leben«. Darauf lief sie eilig in
die Küche, um dort den Imbiß vorzubereiten, doch so oft sie nur auf eine
Minute Zeit fand, erschien sie wieder auf der Terrasse, um dem
leidenschaftlichen Gespräch über die abstraktesten und für sie
seltsamsten Dinge, das unter den Gästen niemals verstummte, zuzuhören.
So hatte sie es schon vor dem Erscheinen des Fürsten getan. Ihre jüngere
Schwester, die, welche immer so weit den Mund aufriß, war im
Nebenzimmer, auf einem Koffer sitzend, eingeschlafen. Ihr Bruder, der
Sohn Lebedeffs, stand dagegen zwischen Koljä und Hippolyt und allein der
Ausdruck seines lebhaften Gesichts verriet es, daß er bereit war, auf
demselben Platz stehend, noch ganze zehn Stunden zuzuhören.

»Ich habe Sie ganz besonders erwartet und bin sehr froh, daß Sie so
glücklich sind,« sagte Hippolyt zum Fürsten, als dieser gleich nach
Wjera ihm die Hand reichte.

»Woher wissen Sie, daß ich >so glücklich< bin?«

»Man sieht es Ihrem Gesicht an. Begrüßen Sie sich mit den Herren und
kommen Sie schnell und setzen Sie sich hierher zu mir. Ich habe sehr auf
Sie gewartet,« fügte er hinzu und betonte es besonders, daß er gewartet
habe. Auf die Bemerkung des Fürsten: ob ihm das späte Aufsein nicht
schade, antwortete er, daß er sich selbst wundere -- er, der noch vor
drei Tagen zu sterben glaubte -- wie wohl er sich an diesem Abend fühle.

Burdowskij sprang von seinem Platz auf und brummte, daß er »nur so«
gekommen ... daß er Hippolyt »begleitet« und daß auch er sehr froh sei
... Im Briefe habe er nur »Unsinn« geschrieben, jetzt aber sei er
»einfach froh ...« Er beendete seinen Satz nicht, drückte nur kräftig
dem Fürsten die Hand und setzte sich auf seinen Stuhl.

Ganz zuletzt ging der Fürst auf Jewgenij Pawlowitsch zu. Dieser nahm ihn
einfach unter den Arm.

»Ich habe Ihnen ein paar Worte zu sagen,« sagte er halblaut -- »und in
einer sehr wichtigen Angelegenheit; kommen Sie, auf eine Minute.«

»Ein paar Worte,« flüsterte eine andere Stimme dem Fürsten ins andere
Ohr und eine andere Hand packte den Fürsten an der anderen Seite am Arm.

Der Fürst bemerkte zu seiner Verwunderung ein vom Wein gerötetes,
lachendes Gesicht, das er sofort als das Ferdyschtschenkos erkannte.
Gott weiß, woher der sich eingefunden hatte.

»Erinnern Sie sich noch Ferdyschtschenkos?« fragte ihn dieser.

»Woher sind Sie denn gekommen?« rief der Fürst aus.

»Er hatte sich versteckt!« sagte hinzutretend Keller. »Er hatte sich
versteckt und wollte sich nicht zeigen, dort in der Ecke hatte er sich
versteckt, er bereut es, Fürst, er fühlt sich vor Ihnen schuldig.«

»Ja, worin denn, worin?«

»Ich begegnete ihm, Fürst, soeben begegnete ich ihm und habe ihn
hierhergebracht; er ist der beste meiner Freunde, -- doch bereut er sehr
...«

»Ich freue mich sehr, meine Herren, doch setzen Sie sich, bitte, dahin
zu den anderen, ich werde gleich wiederkommen.« Der Fürst machte sich
von ihnen los und beeilte sich, Jewgenij Pawlowitsch einzuholen.

»Hier bei Ihnen ist es sehr interessant,« bemerkte dieser, »ich habe mit
vielem Vergnügen eine halbe Stunde auf Sie gewartet. Wissen Sie, mein
bester Lew Nikolajewitsch, ich habe mit Kurmyschoff alles geordnet, ich
bin gekommen, um Sie zu beruhigen. Machen Sie sich keine Sorgen, er hat
die Sache sehr vernünftig aufgefaßt, um so mehr, da er meiner Meinung
nach selbst schuld daran war ...«

»Was für ein Kurmyschoff?«

»Dieser da, den Sie vorhin an den Armen packten. Er war so außer sich,
daß er Ihnen morgen seine Forderung schicken wollte.«

»Aber ich bitte Sie, welch ein Unsinn!«

»Versteht sich, Unsinn, und mit einem Unsinn hätte es auch geendet, doch
...«

»Sie sind, vielleicht, doch noch aus einem anderen Grunde gekommen,
Jewgenij Pawlowitsch?«

»Oh, versteht sich, noch aus einem anderen Grunde,« lachte dieser. »Ich,
lieber Fürst, fahre noch morgen, bevor es tagt, nach Petersburg, wegen
der unseligen Geschichte mit meinem Onkel. Stellen Sie sich vor, alles
ist wahr und alle wissen es, nur ich wußte es nicht. Mich hat das alles
so erschüttert, daß ich noch nicht dazu gekommen bin, _dahin_ zu gehen,
zu Jepantschins, meine ich. Morgen werde ich auch nicht hingehen, denn
ich werde ja in Petersburg sein, verstehen Sie mich? Vielleicht werde
ich zwei, drei Tage dort bleiben, mit einem Wort, meine Sache ist
verloren. Ich habe mich darum entschlossen, mich mit Ihnen offen
auszusprechen, ohne Zeit zu verlieren, noch vor meiner Abfahrt. Ich
werde hier sitzen und werde warten, bis die ganze Gesellschaft sich
verabschiedet, sonst weiß ich nicht, wo ich bleiben soll, ich bin so
aufgeregt und schlafen kann ich nicht. Freilich ist es gewissenlos,
einen Menschen so zu belästigen, doch ich werde Ihnen aufrichtig sagen:
ich bin gekommen, um mit Ihnen, mein lieber Fürst, Freundschaft zu
schließen. Sie sind ein unvergleichlicher Mensch, das heißt, Sie sind
aufrichtig, Sie lügen niemals, vielleicht überhaupt nicht und ich habe
in einer Sache einen Freund und Ratgeber nötig, denn ich gehöre jetzt zu
den Unglücklichen ... jawohl!«

Er lachte.

»Schade nur, daß Sie warten wollen, bis die da fortgehen,« meinte
nachdenklich der Fürst, »weiß Gott, wann das sein wird. Wäre es nicht
besser, wenn wir jetzt in den Park gingen? Die da können wirklich
warten. Ich werde mich entschuldigen.«

»Nein, nein, ich habe meine Gründe, jedem Verdacht ihrerseits
zuvorzukommen, denn unter ihnen gibt es Leute, die sich sehr für unsere
Beziehungen interessieren. Sie wissen das nicht, Fürst. Und es ist viel
besser, daß sie nichts Auffälliges in unseren Beziehungen bemerken --
verstehen Sie? Sie werden in zwei Stunden fortgehen, ich werde Sie dann
nur zwanzig Minuten, vielleicht eine halbe Stunde in Anspruch nehmen.«

»Wie Sie wünschen, bitte; ich werde sehr froh darüber sein, und für Ihre
guten Worte und für Ihre Freundschaftsversicherung danke ich Ihnen noch
besonders. Entschuldigen Sie, daß ich heute zerstreut bin, ich kann in
diesem Moment nicht so aufmerksam sein, wie --«

»Ich sehe, ich sehe es,« lächelte Jewgenij Pawlowitsch etwas ironisch.
Er war überhaupt recht lachlustig diesen Abend.

»Was sehen Sie?« beeilte sich der Fürst zu fragen.

»Und Sie ahnen gar nicht, lieber Fürst,« versetzte immer noch lachend
Jewgenij Pawlowitsch, ohne direkt auf die Frage des Fürsten zu
antworten, »Sie ahnen gar nicht, daß ich einfach gekommen bin, um Sie zu
betrügen und alles über Sie zu erfahren, ah?«

»Daß Sie gekommen sind, um mich auszuforschen, nun, darüber besteht kein
Zweifel,« scherzte jetzt auch der Fürst, »und vielleicht haben Sie sich
sogar vorgenommen, mich zum besten zu halten. Doch was tut's, ich
fürchte Sie nicht, überdies ist mir das jetzt ganz gleichgültig, glauben
Sie es mir? Und ... und ... und da ich vor allem überzeugt bin, daß Sie
doch ein außergewöhnlicher Mensch sind, so wird es damit enden, daß wir
uns sehr anfreunden werden. Sie haben mir sehr gefallen, Jewgenij
Pawlowitsch, Sie ... sind, meiner Meinung nach, ein sehr, sehr
anständiger Mensch!«

»Nun, mit Ihnen ist es wenigstens sehr angenehm, etwas zu tun zu haben,
was es auch sei,« schloß Jewgenij Pawlowitsch. »Kommen Sie, ich werde
auf Ihre Gesundheit ein Glas leeren, ich bin sehr zufrieden, daß ich zu
Ihnen gekommen bin. Ah!« brach er plötzlich ab. »Dieser Herr Hippolyt
wird jetzt bei Ihnen leben?«

»Ja.«

»Er wird nicht so bald sterben, denke ich?«

»Und, was weiter?«

»Weiter nichts; ich war hier mit ihm eine halbe Stunde zusammen ...«

Hippolyt wartete die ganze Zeit über auf den Fürsten und sah
ununterbrochen nach ihm und Jewgenij Pawlowitsch hin, als diese
miteinander sprachen. Er belebte sich fieberhaft, als sie an den Tisch
traten. Er war unruhig und aufgeregt, Schweiß trat auf seine Stirn. An
seinen blitzenden Augen bemerkte man eine große Unruhe und eine
unerklärliche Ungeduld; sein Blick schweifte ziellos von einem
Gegenstand zum andern, von einem Gesicht zum andern. Obgleich er am
allgemeinen, lebhaften Gespräch teilnahm, so war seine Lebhaftigkeit
doch nur eine kranke, unnatürliche. Dem Gespräche selbst folgte er nur
zerstreut, stritt sich ganz sinnlos mit den anderen herum, spottete über
alles und äußerte nur Paradoxes. Er sprach nicht zu Ende, was er soeben
mit großem Feuer begonnen. Der Fürst sollte mit Verwunderung und
Bedauern erfahren, daß man ihm heute zwei Glas Champagner zu trinken
erlaubt hatte, und daß das gefüllte Glas vor ihm schon das dritte war.
Doch das erfuhr er erst später, in diesem Augenblick war er zunächst
selbst unaufmerksam und zerstreut.

»Wissen Sie auch, daß ich sehr froh bin, daß gerade heute Ihr Geburtstag
ist!« rief Hippolyt aus.

»Warum?«

»Sie werden es sehen; setzen Sie sich nur schnell! Erstens schon darum,
weil hier so viel Menschen sind. Darauf hatte ich gerechnet, daß alle
hier sein würden. Zum erstenmal in meinem Leben stimmt meine Rechnung!
Schade, daß ich nichts von Ihrem Geburtstag wußte, sonst wäre ich mit
einem Geschenk gekommen ... Ha, ha! Ja, vielleicht wäre ich mit einem
Geschenk gekommen! Was kann nicht alles in der Welt passieren?«

»Es sind nur noch zwei Stunden bis Sonnenaufgang,« bemerkte Ptizyn und
sah nach der Uhr.

»Was will denn das jetzt sagen, wo es draußen so hell ist, daß man lesen
kann?« äußerte jemand.

»Ich möchte nur den Rand der Sonne sehen, man kann dann auf Ihre
Gesundheit trinken, was meinen Sie, Fürst?«

Hippolyt wandte sich damit an alle, er tat es ohne jegliche Zeremonie,
aber in einem Tone, als kommandiere er, doch ohne es selbst zu bemerken.

»Schön, trinken wir auf die Sonne, nur werden Sie ruhiger, Hippolyt.«

»Sie reden immer vom Schlafen, Sie sind meine Njänjä,[23] Fürst! Wenn
nur die Sonne erscheint und es >erklingt< am Himmel (wer hat es doch in
einem Gedicht gesagt: >am Himmel erklang die Sonne?< Sinnlos, aber
schön) -- so gehen wir schlafen. Lebedeff! Was bedeuten die Quellen des
Lebens in der Apokalypse? Haben Sie von dem Stern gehört, Fürst?«

»Ich habe gehört, daß Lebedeff unter dem >Stern< das Eisenbahnnetz
versteht, das sich über ganz Europa ausbreiten wird.«

»Nein, erlauben Sie, das geht nicht an!« schrie Lebedeff, sprang vom
Stuhl und fuchtelte und zappelte mit Händen und Füßen, als wollte er das
Gelächter aller verstummen machen. »Erlauben Sie doch! Mit diesen Herren
... alle diese Herren,« wandte er sich plötzlich an den Fürsten, »sind
in gewissen Punkten, ich weiß nicht was ...« und er schlug ganz
unzeremoniell mit den Fäusten auf den Tisch, so daß sich das allgemeine
Gelächter noch verstärkte.

Lebedeff war, wenn auch in seinem »gewöhnlichen«, »allabendlichen«
Zustande, diesmal doch ganz besonders aufgeregt und durch den langen
vorausgegangenen »wissenschaftlichen« Disput obendrein gereizt. Bei
solcher Gelegenheit hatte er für seine Opponenten nur eine unendliche,
im höchsten Grade offenherzige Verachtung übrig.

»Das geht nicht an! Wir haben, Fürst, vor einer halben Stunde
beschlossen, niemanden zu unterbrechen, nicht zu lachen, während einer
spricht, damit er alles frei heraussagen kann, was er sich denkt. Mögen
die Atheisten, wenn sie wollen, erwidern! Wir haben den General zum
Präsidenten erwählt, sehen Sie's. Denn sonst? Kann man jeden an seiner
hohen Idee, an seiner tiefen Idee, verhindern ...«

»Reden Sie nur, reden Sie nur, niemand wird Sie verhindern!« ließen sich
verschiedene Stimmen hören.

»Reden Sie doch, machen Sie keine Umstände.«

»Was ist das für ein >SternQuellen des Lebens< zu trüben.«

Gawrila Ardalionytsch war an diesem Abend ganz besonders guter Laune, in
einer ausgelassenen, fast triumphierenden Stimmung, wie es dem Fürsten
schien. Mit Lebedeff scherzte er natürlich, um ihn anzufeuern, geriet
aber selbst dabei in Feuer.

»Nein, nicht die Eisenbahn!« ereiferte sich wieder Lebedeff, außer sich
geratend und ganz berauscht von Entzücken. »Die Eisenbahnen allein
trüben nicht die Quellen des Lebens, aber alles das zusammen ist
verflucht, die ganze Richtung unserer letzten Jahrhunderte in
Wissenschaft und Praxis ist, wie mir scheint, verflucht.«

»Ob wirklich verflucht, oder nur für unser Empfinden: Das wäre in diesem
Falle sehr wichtig zu wissen,« bemerkte Jewgenij Pawlowitsch.

»Verflucht, verflucht, wirklich verflucht!« beteuerte Lebedeff
bombensicher.

»Überstürzen Sie sich nicht, Lebedeff, Sie sind am anderen Morgen immer
viel vorsichtiger,« bemerkte lächelnd Ptizyn.

»Dafür bin ich aber am Abend um so aufrichtiger! Am Abend bin ich
seelenvoller und aufrichtiger!« wandte sich Lebedeff feurig an ihn.
»Aufrichtiger und bestimmter, ehrenhafter und ehrenwerter, damit würde
ich Ihnen schon ein Bein stellen, doch ich spucke drauf: ich fordere
euch jetzt alle heraus, euch Atheisten alle: womit errettet ihr die Welt
und worin habt ihr dieser Welt einen Weg gewiesen, ihr Männer der
Wissenschaft und des Handels, der Verbände und der Nationalökonomie?
Womit? Mit dem Kredit etwa? Was ist das: Kredit? Wozu führt euch der
Kredit?«

»Sehen Sie doch, wie der neugierig ist!« bemerkte Jewgenij Pawlowitsch.

»Meiner Meinung nach ist einer, der sich nicht für diese Fragen
interessiert, nur ein Geck und Salonheld!« schrie Lebedeff.

»Kredit führt zur allgemeinen Solidarität und zur Statik der
Interessen,« bemerkte Ptizyn.

»Und nur das, nur das! Ohne jegliche sittliche Grundlage nur zur
Befriedigung des persönlichen Egoismus und der materiellen
Notwendigkeiten? Das ganze All, das allgemeine Glück nur -- materielle
Notwendigkeit? So ist's, wenn ich Sie zu fragen wage, wenn ich Sie
verstanden habe, mein werter Herr?«

»Nun ja, die allgemeine Notwendigkeit zu leben, zu trinken und zu essen
und die volle wissenschaftliche Überzeugung, daß man diese Notwendigkeit
ohne eine allgemeine Assoziation und die Solidarität der Interessen
nicht befriedigen kann, -- das, scheint mir, ist eine Idee, groß genug,
und Grundlage, fest genug für die kommenden Jahrhunderte, um der
Menschheit als >Quelle des Lebens< zu dienen,« bemerkte Ganjä diesmal in
vollem Ernst.

»Die Notwendigkeit zu trinken und zu essen, also nur das Gefühl der
Selbsterhaltung ...«

»Ja, ist denn das etwa zu wenig? Das Gefühl der Selbsterhaltung ist doch
das Grundgesetz der Menschheit ...«

»Wer hat Ihnen das gesagt?« rief plötzlich Jewgenij Pawlowitsch aus.
»Ein Gesetz -- das mag sein, aber nicht weniger ist es das Gesetz der
Zerstörung, und meinetwegen auch der Selbstzerstörung. Liegt denn in der
Selbsterhaltung wirklich das ganze Grundgesetz der Menschheit?«

»Aha!« rief Hippolyt, wandte sich schnell nach Jewgenij Pawlowitsch um
und betrachtete ihn mit wilder Neugier. Als er aber sah, daß dieser
lachte, da lachte er selbst auch, stieß den neben ihm stehenden Koljä an
und fragte ihn wieder, wieviel Uhr es sei, er zog sogar selbst Koljä die
silberne Uhr aus der Tasche und sah nach dem Zeiger. Darauf blickte er
ganz verloren um sich, streckte sich auf dem Diwan aus, legte die Hände
unter den Kopf und starrte zur Decke. Nach einer halben Minute setzte er
sich schon wieder an den Tisch, hielt sich stramm aufrecht und hörte dem
Gespräch Lebedeffs zu, der jetzt glücklich bis zum äußersten erregt war.

»Ein hinterlistiger, ein spitzfindiger Gedanke,« griff Lebedeff mit
wahrer Gier das Paradox Jewgenij Pawlowitschs auf. »Ein Gedanke, der nur
ausgesprochen wurde, um die Gegner aufeinander zu hetzen -- aber welch
ein wahrer Gedanke! Sie sind ein Spötter und Weltverächter, wenn auch
nicht ohne Fähigkeiten! Doch wissen Sie selbst nicht, bis zu welchem
Grade Ihr Gedanke tief und wahr ist. Ja--a. Das Gesetz der
Selbsterhaltung und das Gesetz der Selbstzerstörung, sie sind beide
gleich stark im Menschen! Der Teufel beherrscht noch immer die
Menschheit, und er wird sie beherrschen bis zu einer Zeit, die uns
unbekannt ist. Sie lachen? Sie glauben nicht an den Teufel? Der Unglaube
an den Teufel ist ein französischer Gedanke, ist ein leichtsinniger
Gedanke. Wissen Sie denn auch, wer der Teufel ist? Kennen Sie denn
seinen Namen? Und ohne seinen Namen zu kennen, lachen Sie über seine
Form, nach dem Beispiel Voltaires, über seinen Huf, seinen Schwanz und
seine Hörner, wie man ihn euch geschildert hat. Denn der unreine Geist
ist ein großer, ein furchtbarer Geist, aber Hörner und Hufe hat er
nicht. Doch nicht davon ist jetzt die Rede.«

»Woher wissen Sie, daß jetzt nicht davon die Rede ist?« lachte Hippolyt
laut auf wie in einem Krampfanfall.

»Eine sehr feine und geschickte Anspielung!« lobte ihn Lebedeff. »Und
doch ist die Rede nicht davon. Die Frage bei uns war vielmehr die, ob
die >Quellen des Lebens< nicht versiegen infolge ...«

»Der Eisenbahnen?!« rief Koljä.

»Nicht der Eisenbahnen, junger, aber kühner Mann, doch infolge der
ganzen Richtung, der auch die Eisenbahnen dienen, sozusagen als Bild,
als künstlerischer Ausdruck. Sie rasen, sie hämmern, sie dröhnen für das
Glück der Menschheit, wie man sagt. >Zu lärmend, zu tätig wird die
Menschheit, wenig geistige, seelische Ruhe hat sie<, beklagte sich
bereits ein einsamer Denker. >Möglich, doch das Dröhnen der Wagen, die
der hungernden Menschheit Brot bringen, ist vielleicht wertvoller als
die Ruhe des Geistes<, antwortete ihm ein anderer triumphierend, einer,
der überall herumfährt. Ich glaube es ihnen nicht, ich erbärmlicher Kerl
Lebedeff: die Wagen, die der Menschheit Brot bringen sollen! Denn die
Wagen, die ohne sittliche Grundlagen der Menschheit Brot bringen,
könnten ebensogut kaltblütig einen bedeutenden Teil der Menschheit von
dem Genuß des Brotes ausschließen, was ja auch schon vorgekommen ist
...«

»Diese Wagen können kaltblütig jemand ausschließen?« griff jemand auf.

»Was auch schon vorgekommen ist,« bestätigte Lebedeff, ohne weiter dem
Frager Beachtung zu schenken, »wir hatten schon einen Malthus, einen
Freund der Menschheit. Doch dieser Freund der Menschheit ist mit seinen
wankenden sittlichen Grundlagen in Wahrheit ein Menschenfresser der
Menschheit, ganz zu schweigen von seiner Eitelkeit. Denn beleidigen Sie
die Eitelkeit eines dieser zahllosen Freunde der Menschheit und er ist
sofort bereit, aus kleinlicher Rachsucht die Welt an ihren vier Enden
anzuzünden, -- übrigens genau so, wie es jeder von uns auch tun würde,
und, der Gerechtigkeit die Ehre, genau wie ich, der allererbärmlichste
von allen, der vielleicht als erster das Holz dazu herbeischleppen,
selbst aber davonlaufen würde. Doch nicht davon ist die Rede!«

»Ja, wovon denn eigentlich?«

»Wirklich langweilig!«

»Es handelt sich um eine Anekdote aus dem vergangenen Jahrhundert. In
unserer Zeit, in unserem Vaterlande, das Sie, meine Herren, hoffe ich,
ebenso lieben wie ich, denn ich bin meinerseits bereit, mein Blut für
das Vaterland zu vergießen ...«

»Weiter, weiter!«

»In unserem Vaterlande, wie in Europa, pflegen schreckliche, verheerende
Hungersnöte -- jetzt, in unserer Zeit -- die Menschheit nur einmal im
Vierteljahrhundert heimzusuchen, wenn ich mich nicht irre und so weit
ich mich entsinnen kann, mit anderen Worten, alle fünfundzwanzig Jahre.
Ich will mich ja nicht auf die genaue Zahl versteifen. Nur, meine ich,
ist es verhältnismäßig sehr selten --«

»Im Vergleich womit?«

»Im Vergleich zum zwölften Jahrhundert mit seinen Ausläufern nach vorne
und nach hinten. Denn damals herrschte, wie die Schriftsteller jener
Zeit behaupten, die Hungersnot einmal in zwei Jahren, jedenfalls einmal
in drei Jahren, so daß unter solchen Umständen die Menschen schon zur
Menschenfresserei ihre Zuflucht nahmen, wenn auch nur heimlich. Einer
dieser Menschenfresser, als er sich seinem Ende näherte, hat selbst und
ohne Zwang eingestanden, daß er im Laufe seines langen, mühevollen
Lebens im geheimen sechzig Mönche und einige weltliche Jünglinge selbst
getötet und sie aufgegessen habe. Im ganzen nur sechs weltliche
Jünglinge, das ist wenig im Vergleich mit der Anzahl Geistlicher, die er
verspeist hat. Erwachsene weltliche Leute hat er, wie es scheint, zu
diesem Zwecke überhaupt nicht verwendet.«

»Das ist einfach unmöglich!« rief hier der »Präsident« in fast
beleidigtem Tone. »Ich habe mich des öfteren, meine Herren, mit ihm
darüber gestritten, und immer über dieselben Dinge. Er redet solch
unglaubliches Zeug, daß einem die Ohren davon welk werden. Nicht für
einen Groschen Wahrheit!«

»General! Denken Sie an die Belagerung von Kars, und Sie, meine Herren,
Sie wissen, daß meine Anekdote die -- volle Wahrheit ist. Ich bemerke
nur von mir aus, daß die Wirklichkeit, die durchaus ihre unleugbaren
Gesetze hat, uns immer als unwahrscheinlich und unwahr erscheint, und je
wirklicher sie ist, um so unwahrscheinlicher erscheint sie uns.«

»Ja, kann man denn sechzig Mönche aufessen?« lachte alles ringsum.

»Daß er sie nicht auf einmal gegessen hat, das ist doch
selbstverständlich, aber in fünfzehn bis zwanzig Jahren ist es ganz
verständlich und natürlich ...«

»Und natürlich?«

»Und natürlich!« verteidigte sich Lebedeff eigensinnig. »Und außerdem
ist der katholische Mensch schon von Natur aus neugierig und zutraulich,
und man kann ihn nur zu leicht in den Wald locken oder an irgendeinen
verborgenen Ort und mit ihm in erwähnter Weise verfahren. Doch bestreite
ich durchaus nicht, daß die Anzahl der verspeisten Menschen
ungeheuerlich erscheint, bis zum ...«

»Vielleicht hat er recht, meine Herren,« bemerkte plötzlich der Fürst.

Er hatte bisher den Streitenden schweigend zugehört und sich nicht am
Gespräch beteiligt, nur oft von ganzem Herzen gelacht, sobald auch die
anderen lachten. Er war offenbar sehr froh darüber, daß alle so heiter,
so lärmend waren; sogar darüber, daß sie alle soviel tranken. Vielleicht
hätte er den ganzen Abend kein Wort gesprochen. Doch plötzlich fiel es
ihm ein, zu reden. Er sprach sogar mit außergewöhnlichem Ernst, so daß
sich alle mit Neugier ihm zuwandten.

»Ich, meine Herren, rede davon, daß damals die Hungersnöte wirklich sehr
häufig waren. Davon habe auch ich gehört, obgleich ich die Geschichte
wenig kenne. Doch scheint es mir, daß es wohl gar nicht anders hätte
sein können. Als ich in die Schweizer Berge kam, war ich sehr erstaunt
über die Ruinen alter Ritterburgen, die an den Abhängen der Berge erbaut
waren, auf steilen Felsen, oft von einer halben Werst Höhe, was dann auf
schmalen Fußpfaden etliche Werst ausmacht. Das Schloß selbst ist ja, wie
bekannt, ein ganzer Berg von Stein. Eine schreckliche, fast unmögliche
Arbeit! Und diese Arbeit wurde natürlich von den armen Leuten, den
Fronleuten der Ritter, verrichtet. Außerdem mußten sie Steuern zahlen
und die Geistlichkeit erhalten. Wie konnten sie sich da selbst ernähren
und ihre Erde bebauen! Die Bevölkerung war damals nicht zahlreich und
viele müssen vor Hunger gestorben sein, denn zu essen gab es vielleicht
wirklich buchstäblich nichts. Ich habe manchmal darüber nachgedacht, wie
es doch nur möglich war, daß das Volk nicht ganz zugrunde ging, und wie
es alledem Widerstand leisten konnte? Daß es Menschenfresser gegeben
hat, und sogar sehr häufig, darin hat Lebedeff zweifellos recht; nur
weiß ich nicht, warum er gerade die Mönche herbeigezogen hat, und was er
damit sagen will?«

»Wahrscheinlich ist er der Meinung, daß im zwölften Jahrhundert nur die
Mönche sich zum Verzehren eigneten, da nur sie fett waren,« bemerkte
Gawrila Ardalionytsch.

»Ein prächtiger Gedanke,« schrie Lebedeff voll Begeisterung. »Denn die
Weltlichen hat er ja überhaupt nicht angerührt. Nicht ein einziges
weltliches Exemplar, im Verhältnis zu sechzig Geistlichen. Es ist ein
welthistorischer Gedanke, ein statistischer Gedanke! Aus solchen Fakten
ergeben sich für den Fachmann die überraschendsten geschichtlichen
Schlüsse; denn mit zahlenmäßiger Genauigkeit ist dadurch nachgewiesen,
daß die Geistlichkeit damals wenigstens sechzigmal glücklicher und
freier lebte, als die ganze übrige Menschheit.«

»Übertreibung, Übertreibung, Lebedeff!« Man lachte ringsum.

»Ich bin damit einverstanden, daß es ein welthistorischer Gedanke ist,
doch was wollen Sie daraus schließen?« stellte der Fürst eine weitere
Frage an Lebedeff, über den alle lachten, und zwar tat er es mit solchem
Ernst, ohne jeglichen Spott, daß sein Ton bei der heiteren Stimmung der
ganzen Gesellschaft unwillkürlich gleichfalls komisch wirkte. Es fehlte
nicht viel, und man hätte auch über ihn gelacht. Doch bemerkte er das
gar nicht.

»Sehen Sie denn nicht, Fürst, daß der Mann verrückt ist?« Jewgenij
Pawlowitsch beugte sich vor und wandte sich an den Fürsten. »Man sagte
mir neulich, er habe sich in den Kopf gesetzt, Advokat zu werden, und
seine Reden seien ihm zu Kopf gestiegen. Er soll ein Examen machen
wollen. Nun, ich erwarte eine famose Parodie.«

»Ich werde einen grandiosen Schluß daraus ziehen,« rief Lebedeff
unterdessen mit Donnerstimme. »Doch analysieren wir zuerst den
psychologischen und den juridischen Zustand des Verbrechers. Wir sehen,
daß der Verbrecher, oder sozusagen mein Klient, ungeachtet dessen und
obschon es ihm unmöglich war, andere Nahrungsmittel aufzutreiben, des
öfteren während seiner interessanten Karriere den Wunsch empfand, sich
zu bessern und von der Geistlichkeit abzulassen. Wir ersehen es aus
verschiedenen Tatsachen: wir erinnern uns, daß er wenigstens fünf bis
sechs Jünglinge weltlichen Standes verzehrt hat, eine verhältnismäßig
geringe Anzahl, dafür aber bemerkenswert in anderer Beziehung. Offenbar
von schrecklichen Gewissensbissen gequält (denn mein Klient ist ein
religiöser und gewissenhafter Mensch, was ich Ihnen gleich beweisen
werde) und um nach Möglichkeit seine Schuld zu verringern, ersetzte er,
wenigstens zur Probe, sechsmal seine mönchische Nahrung durch eine
weltliche. Unzweifelhaft zur Probe, denn wenn er es nur um der
gastronomischen Abwechslung getan hätte, so würde die Zahl sechs viel zu
gering sein: warum denn nur sechsmal, warum nicht dreißigmal? (Ich nehme
nur die Hälfte, die Hälfte von der Hälfte.) Doch wenn es etwa nur zur
Probe geschehen wäre, und aus Verzweiflung und Angst vor dem Verbrechen
der Kirchenschändung, dann wird die Zahl sechs um so verständlicher;
denn sechs Proben genügen doch wohl zur Beruhigung der Gewissensbisse,
da die Proben ja nicht von Erfolg begleitet waren. Erstens waren meiner
Meinung nach die Knaben viel zu klein, d. h. nicht dick und groß genug,
so daß er der weltlichen Knaben wenigstens um das Doppelte, um das
Fünffache bedurft hätte, als der Geistlichen. Wenn die Sünde sich also
einerseits auch verringert hätte, so hätte sie sich andererseits nur
vergrößert, wenn nicht qualitativ, so doch quantitativ. Wenn ich die
Sache so beurteile, meine Herren, so versetze ich mich natürlich in die
Seele eines Verbrechers des zwölften Jahrhunderts. Was mich nun
betrifft, als Mensch des neunzehnten Jahrhunderts, so würde ich ganz
anders urteilen, was ich hier Ihnen gegenüber betone, damit Sie durchaus
nicht das Recht haben, meine Herren, mir die Zähne zu zeigen, wie es
denn von Ihnen, Herr General, direkt unanständig ist. Zweitens, meiner
persönlichen Ansicht nach, ist ein Knabe auch nicht genügend nahrhaft,
zu süß und widerlich im Geschmack, ohne die Bedürfnisse zu befriedigen,
verursacht er nur Gewissensbisse. Und jetzt der Schluß, das Finale,
meine Herren, das Finale, in dem die Antwort aller damaligen und
heutigen großen Fragen enthalten ist. Der Verbrecher endet damit, daß er
hingeht und sich selbst der Geistlichkeit und der Gerechtigkeit
ausliefert. Man stelle sich vor, welche Qualen ihn in jener Zeit
erwarteten, welche Folter, Räder und Scheiterhaufen? Wer hat ihn dazu
getrieben, sich selbst anzuzeigen? Warum nicht einfach bei der Zahl
sechzig verbleiben, das Geheimnis bewahren bis zum letzten Atemzuge?
Warum nicht einfach von den Mönchen ablassen und als Einsiedler der Reue
leben? Warum ist er denn schließlich nicht selbst Mönch geworden? Sehen
Sie, da steckt das Rätsel! Also muß da doch etwas gewesen sein, das
stärker war als Flammen und Scheiterhaufen, und selbst stärker als eine
zwanzigjährige Gewohnheit! Also gab es eine Idee, die stärker war als
alles Unglück wie Mißernten, Foltern, Pestilenzen, diese ganze Hölle,
die die Menschheit nicht hätte ertragen können, ohne eine das Herz
beherrschende und die Lebensquelle befruchtende Idee! Zeigen Sie mir,
bitte, doch irgend etwas, das eine derartige Kraft in unserem
Jahrhundert der Laster und Eisenbahnen besitzt ... das heißt, man müßte
sagen, in unserem Zeitalter der Dampfschiffe und Eisenbahnen, doch ich
sage: in unserem Zeitalter der Laster und Eisenbahnen -- wenn ich auch
betrunken bin, so bin ich doch gerecht! Zeigen Sie mir eine Idee, die
uns auch nur mit der Hälfte der Kraft beherrschte, wie die jener
Jahrhunderte. Und wagen Sie es noch zu behaupten, daß die >Quellen des
Lebens< unter diesem >Sterne<, unter diesem Netze, worin die Menschheit
sich verstrickt hat, nicht versiegt und getrübt worden sind! Und
widerlegen Sie mir das nicht durch Hinweise auf unseren Wohlstand,
unseren Reichtum, durch die Seltenheit der Hungersnöte und die
Geschwindigkeit unserer Verkehrsmittel! Der Reichtum ist größer, aber
die Kraft ist geringer, die einigende Idee fehlt uns; alles ist wie
Gummi; alles ist nüchtern, und die Menschen sind auch nüchtern geworden!
Alle, alle, alle sind wir nüchtern! ... Doch genug: Nicht davon ist die
Rede, sondern davon, ob wir jetzt nicht, ehrenwerter Fürst, unsere Gäste
zu einem kleinen Imbiß einladen wollen?«

Lebedeff, der einige seiner Zuhörer schon bis zur äußersten Ungeduld
gebracht hatte, versöhnte aber alle seine Gegner mit dem unerwarteten
Schluß seiner Rede. Er selbst nannte einen solchen Schluß »einen sehr
geschickten Advokatenkniff«, die Gäste belebten sich, fröhliches Lachen
ertönte wieder, alle erhoben sich, um ihre Glieder zu strecken und sich
auf der Terrasse zu ergehen. Nur Keller war mit Lebedeffs Rede sehr
unzufrieden und benahm sich ungewöhnlich erregt.

»Er ist gegen die Aufklärung, er predigt den Aberglauben des zwölften
Jahrhunderts, er will sich zeigen, von Unschuld des Herzens weiß er
nichts: womit hat er sich ein Haus erworben, wenn man fragen darf?« tief
er laut und hielt die Gäste zurück.

»Ich habe einen ganz anderen Interpreten der Apokalypse gekannt,« wandte
sich der General in der anderen Ecke an andere Zuhörer und insbesondere
zu Ptizyn, den er am Knopf festhielt --, »den verstorbenen Grigorij
Ssemjonowitsch Burmistroff, der verstand es, die Herzen zu entzünden.
Erstens, setzte er sich die Brille auf, schlug ein großes schwarzes Buch
in schwarzem Ledereinband auf, dabei hatte er einen weißen Bart und zwei
Rettungsmedaillen auf der Brust. Er legte sie streng und ernst aus. Vor
ihm beugten sich Generäle, Damen fielen in Ohnmacht, aber dieser da --
endet mit einer Einladung zum Imbiß! Das ist unerhört!«

Ptizyn hörte dem General lächelnd zu und griff nach seinem Hut, um
fortzugehen, doch schien er sich dann doch nicht dazu entschließen zu
können oder vergaß wenigstens immer wieder seine Absicht. Ganjä hatte
schon vorhin, als man sich vom Tisch erhob, seinen Pokal von sich
gestoßen: ein finsterer Ausdruck lag auf seinem Gesicht. Als man vom
Tische aufstand, ging er zu Rogoshin und setzte sich zu ihm. Man hätte
denken können, daß die beiden in den freundschaftlichsten Beziehungen
zueinander stünden. Auch Rogoshin, der sich zu Anfang ein paarmal
anschickte, leise fortzugehen, saß jetzt unbeweglich da wie in Gedanken
versunken, als hätte er ganz vergessen, wo er war. Den ganzen Abend über
hatte er keinen Tropfen Wein getrunken und war sehr nachdenklich. Hin
und wieder hob er seinen Blick und betrachtete alle und jeden. Es
schien, als ob er hier etwas erwartete, etwas für ihn außerordentlich
Wichtiges.

Der Fürst hatte im ganzen zwei oder drei Glas getrunken und war nur
einfach heiter. Als er sich vom Tisch erhob, begegnete er dem Blick
Jewgenij Pawlowitschs, erinnerte sich der ihnen beiden bevorstehenden
Aussprache und lächelte entgegenkommend. Jewgenij Pawlowitsch winkte ihm
zu und zeigte auf Hippolyt, den er soeben aufmerksam betrachtet hatte.
Hippolyt lag auf dem Diwan ausgestreckt und schlief.

»Weshalb hat dieses Bürschchen sich so an Sie gehängt, Fürst?« sagte er
plötzlich mit ersichtlichem Ärger, so daß der Fürst erstaunte. »Ich
wollte wetten, Fürst, er hat nichts Gutes im Sinne!«

»Ich habe bemerkt,« erwiderte der Fürst, »oder es scheint mir wenigstens
so, daß er Sie, Jewgenij Pawlowitsch, heute ganz besonders interessiert;
ist das wahr?«

»Denken Sie sich, ich wundere mich selbst darüber. Während ich Grund
genug hätte, über meine eigene Lage nachzudenken, beschäftige ich mich
den ganzen Abend mit ihm und kann meinen Blick von diesem widerwärtigen
Gesicht gar nicht losreißen.«

»Sein Gesicht ist doch hübsch ...«

»Da, da, sehen Sie nur!« rief Jewgenij Pawlowitsch und packte die Hand
des Fürsten. »Da ...!«

Der Fürst betrachtete Jewgenij Pawlowitsch nochmals mit Erstaunen.


                                   V.

Hippolyt, der gegen Ende des Lebedeffschen Vortrags auf dem Diwan
eingeschlafen war, erwachte plötzlich: ganz als ob ihn jemand in die
Seite gestoßen hätte, fuhr zusammen, erhob sich, sah sich um und
erbleichte. Mit einem Ausdruck des Schreckens ließ er seine Augen durchs
Zimmer schweifen und eine furchtbare Angst lag in seinen Gesichtszügen,
als er sich wieder zu besinnen schien.

»Wie, sie gehen fort? Ist alles aus? Alles schon zu Ende? Ist die Sonne
schon aufgegangen?« fragte er erregt, indem er die Hand des Fürsten
erfaßte. »Wieviel ist die Uhr, um Gottes willen, die Uhr? Ich habe mich
verschlafen. Habe ich lange geschlafen?« fügte er verzweifelt hinzu, als
hätte er etwas verschlafen, wovon sein ganzes Schicksal abhing.

»Sie haben im ganzen sieben oder acht Minuten geschlafen,« antwortete
Jewgenij Pawlowitsch.

Hippolyt sah ihn starr an und dachte einen Augenblick nach.

»Nur! Also habe ich nichts verloren ...«

Und er atmete auf, als ob eine unendlich schwere Last von ihm genommen
wäre. Er begriff endlich, daß »nichts verloren« war, daß die Sonne noch
nicht aufgegangen, daß die Gäste nur ihre Stühle verließen, um einen
Imbiß einzunehmen, und daß lediglich das Geschwätz Lebedeffs zu Ende
war. Er lächelte und ein schwindsüchtiges Rot in Gestalt zweier Flecke
erschien auf seinen Wangen.

»Sie haben also die Minuten gezählt, während ich schlief, Jewgenij
Pawlowitsch,« griff er spöttisch auf. »Sie haben sich den ganzen Abend
nicht von mir losreißen können, ich habe es gesehen ... Ah! Rogoshin!
Ich habe ihn soeben im Traume gesehen,« flüsterte er dem Fürsten zu und
sah stirnrunzelnd zu Rogoshin hinüber. »Ach, ja, wo ist denn der Redner
geblieben,« sprang er wieder auf etwas anderes über, »wo ist Lebedeff?
Lebedeff hat also seine Rede beendet? Wovon sprach er? Ist es wahr,
Fürst, daß Sie einmal gesagt haben, die Welt wird durch die Schönheit
erlöst werden? Meine Herren,« wandte er sich mit lauter Stimme an alle,
»der Fürst behauptet, daß Schönheit die Welt erlösen werde! Doch ich
behaupte, daß er nur deshalb so sonderbare Gedanken hat, weil er
verliebt ist. Meine Herren, der Fürst ist verliebt. Vorhin, als er
eintrat, habe ich mich davon überzeugt. Erröten Sie nicht, Fürst, sonst
muß ich Sie bedauern. Welche Schönheit wird die Welt erlösen? Mir hat es
Koljä gesagt ... Sie sind ein eifriger Christ? Koljä sagt, daß Sie sich
selbst einen Christen genannt haben.«

Der Fürst sah ihn durchdringend an und antwortete ihm nicht.

»Sie antworten mir nicht? Sie denken vielleicht, daß ich Sie sehr
liebe,« fügte plötzlich Hippolyt wie abgebrochen hinzu.

»Nein, das denke ich nicht. Ich weiß, daß Sie mich nicht lieben.«

»Wie, auch nicht nach dem gestrigen Vorfall? Gestern war ich doch
aufrichtig gegen Sie?«

»Ich wußte auch gestern, daß Sie mich nicht lieben.«

»Das heißt, weil ich Sie beneide, beneide? Sie dachten es schon immer
und denken es auch jetzt, doch ... doch warum sage ich Ihnen das? Ich
möchte noch Champagner trinken, schenken Sie mir ein, Keller.«

»Sie dürfen nicht mehr trinken, Hippolyt, ich gebe Ihnen keinen.«

Und der Fürst nahm ihm das Glas fort.

»Nun, meinetwegen ...« willigte Hippolyt sofort ein, wie in Gedanken
versunken. »Sie werden noch alle sagen ... doch, den Teufel auch! was
geht's mich an, was sie sagen werden! Nicht wahr, nicht wahr? Mögen sie
nachher sagen, was sie wollen, nicht, Fürst? Und was geht es uns alle
an, was _dann_ sein wird! ... Ich glaube, ich bin noch verschlafen. Was
für einen furchtbaren Traum ich hatte -- jetzt erst erinnere ich mich
... Ich wünsche Ihnen solche Träume nicht, Fürst, obgleich ich Sie
vielleicht wirklich nicht liebe. Übrigens, wenn man einen Menschen auch
nicht liebt, warum soll man ihm Schlechtes wünschen, nicht wahr? Doch
was frage ich Sie denn, immer frage ich Sie! Geben Sie mir Ihre Hand,
ich werde Sie Ihnen kräftig drücken, so ... Sie haben mir also gleich
Ihre Hand gegeben! Also müssen Sie wissen, daß ich sie aufrichtig
drücke? ... Übrigens, ich werde nicht mehr trinken. Wieviel ist die Uhr?
Nein, es ist nicht nötig, ich weiß, wieviel die Uhr ist. Es ist Zeit!
Die Stunde ist gekommen. Was, dort in der Ecke wird der Imbiß
eingenommen? Also wird dieser Tisch hier frei? Vorzüglich! Meine Herren,
ich ... doch alle diese Herren hören ja gar nicht ... ich bin bereit,
Ihnen etwas vorzulesen, Fürst; der Imbiß ist natürlich interessanter,
aber ...«

Und plötzlich zog er ganz unerwartet aus seiner Seitentasche ein großes
rotversiegeltes Paket hervor und legte es vor sich hin auf den Tisch.

Das Unerwartete der Sache brachte einen großen Effekt in der
Gesellschaft hervor. Auf so etwas war man gar nicht vorbereitet.
Jewgenij Pawlowitsch sprang sogar von seinem Stuhl auf. Ganjä kam
schnell an den Tisch heran. Rogoshin auch, doch mit geringschätziger,
ärgerlicher Miene, als ob er wüßte, um was es sich handelte. Lebedeff,
der in der Nähe beschäftigt war, kam auch herbei und betrachtete das
Paket mit neugierigen Augen, als wollte er erraten, wovon es handelte.

»Was haben Sie denn da?« fragte beunruhigt der Fürst.

»Sobald der äußerste Rand der Sonne am Horizont erscheint, werde ich zur
Ruhe gehen, Fürst, ich habe es gesagt; mein Ehrenwort: Sie werden es
sehen!« rief Hippolyt. »Doch ... doch ... glauben Sie wirklich, daß ich
nicht imstande sein werde, dieses Paket zu öffnen?« fügte er hinzu, als
forderte er sie alle heraus, und als wandte er sich ausnahmslos an alle.

Der Fürst bemerkte, daß er am ganzen Körper zitterte.

»Niemand von uns glaubt es,« antwortete der Fürst für alle, »und warum
glauben Sie, daß jemand von uns einen solchen Gedanken haben könne ...
aber was ... was für eine sonderbare Idee von Ihnen, uns vorlesen zu
wollen? Was ist Ihnen denn, Hippolyt?«

»Was fehlt ihm? Was ist wieder mit ihm passiert?« fragte man ringsum.

Alle kamen herbei, einige aßen noch, doch das Paket mit dem roten Siegel
zog alle wie ein Magnet an.

»Das habe ich gestern selbst geschrieben, gleich nachdem ich Ihnen das
Wort gegeben, daß ich zu Ihnen übersiedeln würde, Fürst. Ich habe
gestern den ganzen Tag daran geschrieben, die Nacht darauf, und beendet
habe ich es heute morgen -- in der Nacht gegen Morgen hatte ich einen
Traum ...«

»Würde es nicht besser sein, wenn Sie es morgen ...« unterbrach ihn
schüchtern der Fürst.

»Morgen >wird keine Zeit mehr seinkeine Zeit mehr sein wirdunter Menschen
und Bäumen leichter zu sterben wäre<, wie er sich ausdrückt. Doch heute
sagte er nicht _sterben_, sondern er sagte >leichter zu leben<, was für
mich und in meiner Lage ungefähr dasselbe ist. Ich fragte ihn, was er
denn mit seinen >Bäumen< eigentlich wolle und warum er immer von den
>Bäumen< erzähle, -- und da hörte ich denn zu meinem nicht geringen
Erstaunen, daß ich selbst an dem Abend in Pawlowsk geäußert hätte, ich
sei gekommen, um zum letzten Mal Bäume zu sehen. Als ich darauf die
Bemerkung machte, daß es doch ganz gleichgültig wäre, ob ich unter
Bäumen sterbe oder hier durch das Fenster auf meine Backsteinmauer sehe,
und daß es sich wegen dieser zwei Wochen nicht weiter lohne, gab er mir
das sofort zu. Doch würde das frische Grün und die reine Luft auf mich
physisch sehr gut wirken, meinte er, ich würde ruhiger werden und
schwere Träume würden mich nicht mehr quälen. Ich bemerkte ihm wieder
lachend, daß er ein Materialist sei. Da er niemals spottet, so mußten
seine Worte etwas bedeuten. Sein Lächeln war so gütig, ich betrachtete
ihn jetzt aufmerksamer. Ich weiß nicht, ob ich ihn liebe, doch darüber
nachzudenken, habe ich jetzt keine Zeit mehr. Mein fünfmonatlicher Haß
auf ihn, ich muß es gestehen, hatte sich im letzten Monat vollständig
beruhigt. Wer kann's wissen, vielleicht fuhr ich nur nach Pawlowsk, um
hauptsächlich ihn zu sehen. Doch ... warum hatte ich nur damals mein
Zimmer verlassen?! Ein zum Tode Verurteilter muß seinen Winkel nicht
verlassen; und wenn ich mich jetzt nicht endgültig zu etwas entschlossen
hätte, statt auf meine letzte Stunde zu warten, so hätte ich freilich
mein Zimmer niemals verlassen und wäre nicht hierher übergesiedelt, um
zu sterben. Ich muß mich beeilen, um mit dieser ganzen >Erklärung< bis
morgen fertig zu werden. Wahrscheinlich werde ich keine Zeit haben, sie
durchzulesen und zu korrigieren. Ich werde sie morgen dem Fürsten und
zwei bis drei Personen, die ich dort anzutreffen gedenke, vorlesen. Da
ich keine einzige Lüge schreiben werde, sondern nur die Wahrheit, die
letzte, feierliche Wahrheit, so bin ich neugierig, welchen Eindruck
dieses Schriftstück in der Stunde und Minute, da ich es vorlesen werde,
auf mich selbst machen wird? Übrigens habe ich unnütz die Worte >letzte
und feierliche Wahrheit< geschrieben. Wegen zweier Wochen lohnt es sich
sowieso nicht, zu lügen, weil es sich auch zwei Wochen zu leben nicht
lohnt; der Beweis dafür ist ja, daß ich nur die Wahrheit schreibe. (NB.
Vergesse ich nicht am Ende meine Gedanken? Bin ich nicht vielleicht
wahnsinnig in dieser Minute, d. h. minutenlang wahnsinnig? Man hat es
mir bestätigt, daß Schwindsüchtige im letzten Stadium ihrer Krankheit
zeitweise den Verstand verlieren. Ich werde mich morgen davon beim
Eindruck auf die Zuhörer überzeugen. Dieser Frage muß mit der größten
Genauigkeit nachgespürt werden, sonst kann man zu keiner Überzeugung
kommen.)

Mir scheint es, daß ich soeben eine furchtbare Dummheit geschrieben
habe, doch sie zu verbessern, habe ich keine Zeit, außerdem habe ich mir
das Wort gegeben, in diesem Handschreiben keine einzige Zeile zu
verbessern, selbst wenn ich bemerken sollte, daß ich mir auf jeder
fünften Zeile widerspreche. Ich möchte mich ja gerade morgen beim Lesen
von dem richtigen logischen Fluß meiner Gedanken überzeugen; und ob ich
meine Fehler bemerke und ob es möglich ist, daß alles, was ich in diesen
sechs Monaten in diesem Zimmer gedacht habe, nur Fieberphantasien sind?

Wenn ich vor zwei Monaten, wie jetzt, mein Zimmer hätte verlassen und
von der Meyerschen Wand mich verabschieden müssen, so, ich muß es
gestehen, so wäre es mir sehr schwer gefallen. Jetzt empfinde ich nichts
mehr, und verlasse doch dieses Zimmer und diese Wand auf ewig! Also muß
meine Überzeugung, daß es sich für zwei Wochen nicht mehr lohnt, diese
Gefühle aufkommen zu lassen, meine ganze Natur beherrschen. Verhält es
sich nun wirklich so? Ist meine Natur wirklich vollständig besiegt? Wenn
man mich jetzt auf die Folter spannte, so würde ich doch sicher
schreien, und würde nicht sagen, daß es sich nicht lohnte, zu schreien
oder Schmerz zu empfinden, nur weil zwei Wochen schon nichts mehr
bedeuten.

Sind es denn wirklich nur vierzehn Tage, die mir zum Leben verblieben
sind, und nicht mehr? Damals in Pawlowsk hatte ich gelogen: B--n hatte
mir nichts gesagt und hat mich überhaupt nicht gesehen. Doch vor acht
Tagen besuchte mich ein Student Kißlorodoff; nach seiner Überzeugung ist
er Materialist, Atheist und Nihilist, und das war es, warum ich ihn
rufen ließ. Ich hatte einen Menschen nötig, der mir endlich die nackte
Wahrheit sagen konnte, ohne alle Rücksichten und Umstände. Das tat er
denn auch, und nicht nur aus Gefälligkeit und ohne Umstände, sondern mit
sichtlichem Vergnügen (was ich meinerseits schon überflüssig fand). Er
sagte mir auch gerade ins Gesicht, daß ich noch ungefähr einen Monat
leben könnte; vielleicht auch etwas länger, wenn die Umstände günstig
seien, doch vielleicht auch noch nicht einmal so lange. Seiner Meinung
nach könnte ich auch ganz plötzlich sterben, zum Beispiel morgen; solche
Fälle habe es oft gegeben und erst vorgestern sei eine junge Frau in
Kolomna, deren Zustand dem meinen ganz gleich gewesen, gestorben. Sie
habe auf den Markt gehen wollen, plötzlich sich schlecht gefühlt, habe
sich auf den Diwan gelegt, einmal noch geatmet und -- sei gestorben.
Alle diese Mitteilungen machte mir Kißlorodoff mit einer gewissen
schneidigen Gefühlslosigkeit, als hätte er mir damit eine Ehre angetan
und als hielte er mich für ein ebenso höheres, alles verneinendes
Geschöpf, wie er es selbst zu sein glaubte, und den zu sterben
selbstverständlich nichts kostete. Ich hatte also jetzt wirklich die
Gewißheit: noch einen Monat und nicht länger zu leben! Daß er sich nicht
geirrt hat, davon bin ich fest überzeugt.

Sehr erstaunt war ich darüber, daß der Fürst vorhin bemerkte, daß mich
>schlechte Träume< quälen; er sagte buchstäblich, in Pawlowsk würden
>meine Erregung und meine Träume< nachlassen. Wie kommt er darauf? Ist
er Mediziner oder hat er wirklich einen außergewöhnlichen Verstand und
kann vieles erraten? (Daß er am Ende doch ein >Idiot< ist, darüber
besteht kein Zweifel.) Gerade vor seinem Erscheinen hatte ich einen
jener reizenden Träume, wie sie mich, übrigens, jetzt zu Tausenden
heimsuchen. Ich schlief ein -- ich denke, eine Stunde vor seiner
Ankunft, und befand mich in einem Zimmer, das größer und höher war, als
das meinige, besser möbliert und auch heller. In ihm stand ein Schrank,
eine Kommode, ein Diwan und mein Bett, nur größer und breiter und
bedeckt mit einer grünseidenen Steppdecke. Doch bemerkte ich in diesem
Zimmer ein schreckliches Tier, eine Art Skorpion und doch kein Skorpion,
sondern viel widerwärtiger und schrecklicher, unheimlicher. Es war,
glaube ich, um so ekelhafter, weil es solche Tiere in der Natur nicht
gibt und weil es _gerade_ zu _mir_ gekommen war, mit einer
geheimnisvollen Absicht, als enthielte es selbst ein furchtbares
Geheimnis. Ich habe es sehr genau betrachtet: es war ein braunes,
kriechendes, amphibienartiges Krustentier, etwa vier Zoll lang, am Kopfe
vielleicht zwei Finger breit, zum Schwanze hin verdünnte es sich immer
mehr, so daß die äußerste Spitze desselben nicht dicker als ein Zehntel
Zoll war. Einen Zoll tiefer unter dem Kopf, traten in einem Winkel von
etwa fünfundvierzig Grad zwei Pfoten aus dem Rumpfe hervor, jede
ungefähr zwei Zoll lang, so daß das Tier von oben gesehen die Form eines
Dreizackes hatte. Den Kopf konnte ich nicht sehen, doch sah ich zwei
Fühler, nicht sehr lang, wie zwei große Nadeln, von rotbrauner Farbe.
Solche zwei Fühler hatte es auch am Ende des Schwanzes und am Ende jeder
Pfote, im ganzen also acht Fühler. Das Tier lief wahnsinnig schnell über
das ganze Zimmer und stützte sich dabei auf Pfoten und Schwanz, und wenn
es lief, so dehnte sich der ganze Körper und der Schwanz in ringelnden
Bewegungen, wie bei einer Schlange, ungeachtet seiner Kruste, was ein
widerwärtiger Anblick war. Ich hatte furchtbare Angst, daß es mich
stechen würde, man hatte mir gesagt, es wäre giftig, doch quälte ich
mich am meisten darüber, was man mir damit antun wolle, warum man es mir
ins Zimmer gesetzt und worin sein Geheimnis bestand? Es kroch unter die
Kommode, unter den Schrank, in alle Ecken. Ich saß auf dem Stuhl und
hatte die Füße hochgezogen. Es lief schnell über das ganze Zimmer und
verschwand plötzlich unter meinem Stuhl. Angstvoll suchte ich es mit
meinen Augen, die Füße hatte ich, wie gesagt, hochgezogen und ich hoffte
im stillen, daß es nicht an dem Stuhl hinaufklettern würde. Plötzlich
hörte ich hinter mir fast an meinem Kopfe ein knisterndes Geräusch: ich
blicke mich um und sehe, daß das Reptil an der Wand emporkriecht in
gleicher Höhe mit meinem Kopfe. Mit seinem Schwanze, den es mit großer
Schnelligkeit wand und drehte, berührte es schon mein Haar. Ich sprang
vom Stuhl und -- auch das Tier verschwand. Ich fürchtete mich, mich aufs
Bett zu legen, da es vielleicht unter das Kissen gekrochen. Ins Zimmer
traten meine Mutter und irgendein Bekannter von ihr. Sie versuchten, das
Scheusal zu fangen, waren viel ruhiger als ich, und fürchteten sich
nicht einmal. Doch verstanden sie nichts davon. Plötzlich kroch das Tier
wieder hervor, diesmal sehr langsam, als hätte es eine besondere
Absicht, sich langsam über das Zimmer zur Tür hin dehnend, was noch
widerwärtiger war. Da öffnete meine Mutter die Tür und rief Norma,
unseren Hund, einen großen, schwarzen, zottigen Neufundländer -- er
starb vor fünf Jahren. Norma stürzte ins Zimmer und blieb wie
angewurzelt vor dem Reptil stehen, das gleichfalls im Laufe einhielt,
doch sich weiter wand und mit Schwanz und Pfoten auf den Boden schlug.
Tiere empfinden keinen mystischen Schrecken, wenn ich mich nicht irre;
in dieser Minute jedoch schien es mir, daß auch Norma diesen
außergewöhnlichen, diesen fast mystischen Schrecken empfand, ganz als ob
er, wie ich, geahnt hätte, daß in diesem Tier etwas Verhängnisvolles,
etwas Geheimnisvolles enthalten war. Norma zog sich langsam vor dem
Reptil zurück, das nun seinerseits vorsichtig auf ihn loskam. Plötzlich
wollte das Reptil sich auf ihn werfen und ihn beißen. Trotz seiner Angst
und trotzdem er an allen Gliedern zitterte, wich der Hund nicht zurück:
er fletschte seine großen weißen Zähne, öffnete seinen großen roten
Rachen, legte sich sprungbereit und entschloß sich dann mit einem Mal,
das Reptil mit seinen Zähnen zu packen. Das Reptil wand sich und
zappelte so heftig, daß es loskam, und Norma mußte es noch einmal im
Falle packen. Zweimal nacheinander tat er es und schnappte nach ihm. Die
Kruste knackte unter seinen Zähnen, Schwanz und Pfoten des Reptils
zappelten mit wahnsinniger Schnelligkeit. Plötzlich heulte Norma
kläglich auf. Das Scheusal hatte ihn doch in die Zunge gestochen. Der
Hund winselte und schrie vor Schmerz und ich sah, wie das zerbissene
Reptil ihm quer im Rachen lag und wie eine große Menge weißen Saftes,
ähnlich dem Safte einer zertretenen, großen Schabe, aus dem
zerquetschten Leib sich auf die Zunge des Hundes ergoß ... Da erwachte
ich und erblickte den Fürsten, der soeben eingetreten war.«

»Meine Herren,« unterbrach sich Hippolyt, als schäme er sich, »ich habe
das Geschriebene nicht durchgelesen, es ist da viel Unnützes ... Dieser
Traum ...«

»Stimmt,« beeilte sich Ganjä zu bemerken.

»Ich gebe es zu, es ist zu viel Persönliches ...«

Als Hippolyt das sagte, hatte er ein müdes, erschöpftes Aussehen. Er
wischte sich mit dem Taschentuch den Schweiß von der Stirn.

»Tja, Sie interessieren sich schon zu sehr für sich,« lispelte Lebedeff.

»Ich, meine Herren, zwinge niemanden, zuzuhören, wer da will, kann sich
entfernen.«

»Er jagt uns fort ... aus einem fremden Hause,« brummte, kaum hörbar,
Rogoshin.

»Wie? Sollen wir denn alle plötzlich aufstehen? und uns entfernen?«
bemerkte ganz unerwartet Ferdyschtschenko, der bis jetzt nicht laut zu
sprechen gewagt hatte.

Hippolyt senkte die Augen und griff nach seinem Schriftstück, doch in
demselben Augenblick erhob er wieder seinen Kopf und sagte mit
blitzenden Augen und roten Flecken auf beiden Wangen, Ferdyschtschenko
scharf ansehend:

»Sie lieben mich wohl gar nicht!«

Lachen erscholl. Übrigens -- die Mehrzahl lachte nicht. Hippolyt
errötete über und über.

»Hippolyt,« sagte der Fürst, »legen Sie die Blätter zusammen und geben
Sie sie mir. Sie selbst legen sich bitte schlafen, hier in meinem
Zimmer. Wir können ja noch morgen miteinander davon reden, doch unter
der Bedingung, daß wir diese Blätter da nicht mehr anrühren. Wollen
Sie?«

»Wie ist denn das möglich?« fragte ihn Hippolyt mit strenger
Verwunderung. »Meine Herren,« rief er aus, sich wieder fieberhaft
belebend, »das war nichts als eine dumme Episode, mit der ich nicht
recht fertigzuwerden gewußt habe. Jetzt aber werde ich mich im Lesen
nicht mehr unterbrechen. Wer hören will, der höre ...«

Er trank noch schnell einen Schluck Wasser, stützte sich auf den Tisch,
wie um sich vor den Blicken der Anwesenden zu verbergen und setzte sein
Lesen hartnäckig fort. Seine Verlegenheit verlor sich übrigens bald ...

Er las weiter: »Die Idee, daß es sich gar nicht lohnte, noch einige
Wochen zu leben, überkam mich ungefähr vor einem Monat, damals, als man
mir gesagt hatte, daß ich jetzt nur noch vier Wochen leben könne. Doch
beherrschte sie mich erst vollständig, als ich vor drei Tagen, an jenem
Abend, aus Pawlowsk zurückkehrte. Zum absoluten Bewußtsein dieses
Gedankens kam ich hier auf der Terrasse des Fürsten, in demselben
Augenblick, als ich die letzte Probe aufs Leben machte, als ich Menschen
und Bäume sehen wollte. Ich regte mich furchtbar auf, stand für das
Recht Burdowskijs, >meines Nächsten<, ein und träumte davon, wie alle
mir plötzlich die Hände reichen, mich umarmen und mich wegen irgend
etwas um Verzeihung bitten würden, und wie -- wir es gegenseitig tun
würden; mit einem Wort, ich dachte und träumte recht wie ein Narr. In
diesen Stunden kam ich dann zu dieser >letzten Überzeugung<. Jetzt
wundere ich mich, wie ich die letzten sechs Monate ohne diese
>Überzeugung< überhaupt habe leben können! Ich wußte doch zu genau, daß
ich die Schwindsucht hatte und unheilbar war; ich belog mich nicht und
hatte die Tatsache durchaus begriffen. Je mehr ich sie jedoch begriff,
desto krampfhafter wollte ich leben. Ich klammerte mich an das Leben und
wollte leben, was es auch koste! Ich hatte alle Ursache, an meinem
schrecklichen, grauenvollen Schicksal zu verzweifeln, das mich wie eine
Fliege zerdrücken wollte, ohne daß ich wußte, warum? Doch warum
verzweifelte ich nicht? Warum wollte ich erst anfangen, zu leben, als
ich wußte, daß ich nicht mehr anfangen konnte? Warum versuchte ich es,
als nichts mehr zu versuchen war? Ich konnte keine Bücher mehr lesen,
ich hörte auf zu lesen: wozu noch was wissen, erfahren, auf sechs
Monate? Dieser Gedanke zwang mich jedesmal, die Bücher wieder
fortzuwerfen.

Ja, diese Meyersche Backsteinwand könnte viel erzählen! Viel habe ich
ihr anvertraut. Es gibt keinen Flecken an dieser schmutzigen Wand, den
ich nicht kenne. Diese verfluchte Wand! Und doch ist sie mir teurer als
alle Bäume von Pawlowsk, das heißt, sie müßte mir teurer sein, wenn mir
jetzt nicht alles ganz gleichgültig wäre!

Ich erinnere mich jetzt, mit welch gierigem Interesse ich anfing, _ihr_
Leben zu verfolgen: niemals hatte ich vordem ein solches Interesse
empfunden. Mit Ungeduld und mit Geschimpfe auf Koljä erwartete ich ihn,
als ich so erkrankte, daß ich mein Zimmer nicht mehr verlassen konnte.
Ich drang bis in alle Kleinigkeiten, interessierte mich für alle
Gerüchte, bis ich selbst, glaube ich, zu einer Klatschbase wurde. Ich
verstand zum Beispiel nicht, wie diese Menschen, die noch so großen
Vorrat Leben vor sich hatten, es nicht verstanden, Millionäre zu werden
(übrigens begreife ich das auch jetzt nicht). Ich hörte von einem Armen,
der Hungers gestorben sei, und ich erinnere mich noch, daß ich ganz
außer mir war: wenn dieser Arme wieder lebendig geworden wäre, ich
glaube, ich hätte ihn hinrichten lassen. Mir ging es dann wieder
tagelang besser und ich konnte auf die Straße gehen. Doch das Treiben
auf der Straße erbitterte mich dermaßen, daß ich mich wieder tagelang
auf mein Zimmer zurückzog, obgleich ich wie die anderen hätte ausgehen
können. Ich konnte diese hastenden, ewig bekümmerten, finsteren,
aufgeregten Menschen nicht ertragen, die neben mir auf dem Trottoir
herumliefen. Woher ihre ewige Unruhe, ihre ewige Sorge, ihr
unaufhörlicher Ärger! Weil sie böse, böse, böse sind. Wer ist schuld
daran, daß sie unglücklich sind und nicht zu leben verstehen, obgleich
sie noch sechzig Jahre vor sich haben? Warum hat Sarnizyn es dazu kommen
lassen, daß er vor Hunger sterben mußte, während er noch sechzig Jahre
hätte leben können? Und jeder zeigt auf seine Lumpen, auf seine
abgearbeiteten Hände, ärgert sich und schreit: >Wir arbeiten wie Ochsen
und mühen uns und sind doch arm und hungrig wie die Wölfe! Andere
arbeiten nicht und mühen sich nicht und sind reich!< Das alte Klagelied!
Iwan Fomitsch Ssurikoff, der in unserem Hause über uns lebte und ewig
mit durchlöcherten Ellenbogen und abgerissenen Knöpfen umherläuft, der
immer für andere Leute unterwegs und beständig auf den Beinen ist, Tag
und Nacht: Fragen Sie ihn doch, was er damit erreicht? Er ist arm und
krank, seine Frau starb, weil er ihr keine Medizin kaufen konnte, im
Winter erfror ihm ein Kind ... die älteste Tochter muß mitverdienen ...
ewig jammert er und weint er! Niemals, oh, niemals habe ich Mitleid mit
diesem Mann empfunden, nicht jetzt und nicht früher -- mit Stolz sage
ich das! Warum ist er kein Rothschild geworden? Wer ist denn schuld
daran, daß er nicht Millionen besitzt wie Rothschild, daß er nicht Berge
von Imperialen und Napoleondors aufhäufen kann, solche Berge, wie man
sie bei uns in der Butterwoche[24] auf dem Kirmeß aufbaut. Er lebt und
kann leben, folglich ist alles in seiner Macht! Wer ist schuld daran,
daß er dies nicht begreift?

Oh, jetzt ist mit das alles ganz gleichgültig, jetzt habe ich keinen
Grund, mich zu ärgern; aber damals, damals, ich wiederhole es, habe ich
buchstäblich in mein Kissen gebissen und vor Wahnsinn meine Decke
zerrissen. Oh, wie sehnte ich mich danach, wie wünschte ich, daß man
mich Achtzehnjährigen, kaum angezogen, plötzlich auf die Straße jagte
und mich allein ließe, ohne Wohnung, ohne Arbeit, ohne ein Stück Brot,
ohne Eltern, allein in dieser Riesenstadt, ohne einen bekannten
Menschen, hungrig, zerlumpt, zerschlagen (um so besser!), doch gesund,
gesund ... dann würde ich zeigen.«

»Was zeigen?«

»O glauben Sie wirklich, daß ich es nicht weiß, wie ich mich schon
sowieso mit meiner Erklärung erniedrige! Wer wird mich nicht für einen
dummen Jungen halten, der mit seinen achtzehn Jahren das Leben noch
nicht kennt. Doch er vergißt, daß so leben, wie ich diese sechs Monate
gelebt habe, gleichbedeutend ist mit leben -- bis zum Greisenalter! Möge
man doch lachen, möge man sagen, daß es Märchen sind, denn es ist wahr,
ich habe mir selbst Märchen vorerzählt, ganze Tage und Nächte lang, und
ich erinnere mich jetzt ihrer aller.

Soll ich sie mir denn jetzt wieder erzählen, jetzt, wo es Zeit ist, auch
die Märchen zu lassen? Und wozu noch? Ich vertrieb mir die Zeit mit
ihnen, damals, als ich einsah, daß es mir sogar versagt war, die
griechische Grammatik zu lernen, da ich, wie ich mir sagen mußte, >kaum
bis zur Syntax kommen würde, bevor ich stürbe<. Ich warf das Buch unter
den Tisch -- dort liegt es jetzt noch. Matrjona wollte es aufheben, ich
habe es ihr verboten.

Möge der, dem meine Erklärung in die Hände fällt, und der die Geduld
hat, sie durchzulesen, möge er mich für einen Wahnsinnigen oder, noch
schlimmer, für einen Gymnasiasten halten -- oder richtiger: für einen
zum Tode Verurteilten, dem es nur zu natürlich schien, daß alle
Menschen, nur er selbst ausgenommen, das Leben nicht zu schätzen wissen,
es leichtsinnig verschwenden, faul und gewissenlos sich seiner bedienen,
und daß alle, bis auf den letzten, es nicht verdienen! Doch ich erkläre,
daß der Leser sich irrt, wenn er glaubt, diese meine Überzeugung sei
abhängig von meinem Todesurteil. Fragen Sie, fragen Sie sie doch nur,
vom ersten bis zum letzten, worin ihrer Meinung nach das Glück besteht?
Oh, seien Sie überzeugt, daß Kolumbus nicht damals glücklich war, als er
Amerika entdeckt hatte, sondern als er es entdecken wollte; seien Sie
überzeugt, daß der Augenblick seines höchsten Glückes vielleicht damals
war, als drei Tage vor der Entdeckung der Neuen Welt seine Mannschaft
meuterte und in der Verzweiflung schon nach Europa zurückkehren wollte!
Nicht auf die Neue Welt kommt es hierbei an -- hol sie der Henker! Und
Kolumbus starb ja auch, fast ohne sie zu sehen, ja im Grunde genommen,
ohne zu wissen, was er entdeckt hatte. Sondern auf das Leben kommt es
an, einzig auf das Leben -- auf das Entdecken des Lebens, das
ununterbrochene und ewige Entdecken, und durchaus nicht auf das
Entdeckte selbst! Doch was rede ich! Ich fürchte, daß alles, was ich
soeben gesagt habe, allgemein bekannten Phrasen ähnlich ist, daß man
mich für einen Schüler der unteren Klassen halten wird, der seinen
Aufsatz über den >Sonnenaufgang< schreibt. Oder man wird sagen, daß ich
etwas habe sagen wollen, doch bei aller Anstrengung mich nicht habe ...
>auszudrücken< verstanden. Ich möchte indessen bemerken, daß von jeder
neuen und genialen menschlichen Idee, oder sogar von jedem ernsten
Gedanken, der in einem Menschenhirn entsteht, immer noch irgend so etwas
nachbleibt, was sich auf keine Weise andern Menschen mitteilen läßt,
selbst wenn man ganze Bände darüber schriebe und den Gedanken
fünfunddreißig Jahre lang auslegte. Dieses eine Unbestimmbare wird um
keinen Preis aus Ihrem Schädel hinausgehen wollen und wird ewig in Ihnen
verbleiben. Und damit sterben Sie zu guter Letzt und nehmen so
vielleicht gerade das Wichtigste von Ihrer ganzen Idee mit ins Grab. Und
wenn auch ich jetzt nicht alles das wiederzugeben verstanden habe, was
mich in diesen sechs Monaten gequält hat, so wird man jetzt doch
wenigstens einsehen, daß ich, indem ich diese meine >letzte Überzeugung<
erwarb, sie vielleicht zu teuer habe bezahlen müssen. Sehen Sie, das ist
es, was ich -- aus gewissen, nur mir bekannten Gründen -- in meiner
>Erklärung< sichtbar zu machen für notwendig hielt.

Ich fahre also fort.«


                                  VI.

»Ich will nicht lügen: In diesen sechs Monaten hat die Wirklichkeit auch
mich geködert und manches Mal dermaßen gepackt, daß ich mein Todesurteil
vollständig vergaß, oder besser gesagt, nicht daran denken wollte und
sogar eine Tat ausführte.

Als ich vor acht Monaten sehr schwer erkrankte, gab ich alle meine
Beziehungen zu meinen früheren Kameraden auf. Da ich ein verschlossener
Mensch bin, so vergaßen meine Kameraden mich bald: freilich hätten sie
mich auch sowieso vergessen. Mein Leben im Hause, das heißt >in der
Familie<, war ein vollständig einsames. Vor fünf Monaten schloß ich mich
ganz in mein Zimmer ein, niemand durfte hereinkommen, außer wenn das
Zimmer aufgeräumt wurde, oder wenn man mir das Essen brachte. Meine
Mutter zitterte vor mir und wagte nicht einmal zu weinen oder zu klagen,
wenn ich sie zu mir hereinließ. Die kleinen Geschwister wurden von ihr
geprügelt, wenn sie lärmten und mich störten, denn ich beklagte mich oft
über sie; ich kann mir denken, wie sehr sie mich dafür lieben! Den
>treuen Koljä<, wie ich ihn nannte, habe ich wohl auch sehr gequält. In
der letzten Zeit freilich hat aber auch er mich recht gepeinigt: das ist
ja ganz natürlich, die Menschen sind ja auch nur dazu geschaffen, um
sich gegenseitig zu quälen. Doch ich wußte, daß er meine Reizbarkeit
ertrug, wie ein Mensch, der sich das Versprechen gegeben hat, einen
Kranken zu schonen. Natürlich reizte mich das um so mehr: er schien dem
Fürsten >in christlicher Demut< nachzueifern, was auf mich jedoch nur
lächerlich wirkte. Dieser junge und feurige Knabe wird natürlich alles
nachahmen; doch scheint es mir manchmal, daß es für ihn allmählich Zeit
wäre, nach seinem eigenen Verstande zu leben. Ich liebe ihn sehr. Ich
habe auch Ssurikoff gequält, der über uns wohnte und im Auftrage anderer
Leute Tag und Nacht herumlief; ich bewies ihm jedesmal, daß er ganz
allein an seinem Elend schuld sei, so daß er zuletzt seine Besuche bei
mir einstellte. Er ist ein sehr demütiger Mensch, der Demütigste aller
Demütigen. (NB. Man sagt, daß Demut eine furchtbare Kraft sei: man muß
den Fürsten darüber befragen, denn das ist ein Ausspruch von ihm.) Doch
als ich im März zu ihm hinauf ging, um nach seinem, wie Sie sagten,
>erfrorenem< Kinde zu sehen und über der Leiche des Kindes zufällig zu
lachen begann, während ich dem Ssurikoff wiederum bewies, daß er selbst
daran >schuld< sei, da sah ich die Lippen des armen Wichtes plötzlich
erzittern. Er erhob sich, faßte mich mit der einen Hand an der Schulter,
mit der anderen wies er mir die Tür und leise, fast flüsternd sagte er
zu mir: >Gehen Sie!< Ich ging hinaus und die Szene gefiel mir furchtbar,
auch in dem Moment, als er mich hinauswarf. Aber in der Erinnerung
machten seine Worte einen schweren Eindruck auf mich; ich empfand für
ihn ein sonderbares, mit Verachtung gemischtes Mitleid, das ich dabei
durchaus nicht empfinden wollte. Selbst in dem Augenblick einer solchen
Beleidigung -- ich fühlte es ja, daß ich ihn beleidigt hatte, obgleich
es durchaus nicht meine Absicht gewesen war -- selbst in jenem
Augenblick konnte er nicht zornig werden. Seine Lippen zitterten
durchaus nicht aus Zorn, ich kann es schwören: er faßte mich am Arm und
sprach sein wunderbares >Gehen Sie<, ohne irgendwie erzürnt zu sein. Es
lag viel Würde darin, die ihm aber leider durchaus nicht stand, so daß
eigentlich viel Komik dabei war. Vielleicht verachtete er mich auch nur
ganz plötzlich. Seit der Zeit zog er, wenn er mir mal auf der Treppe
begegnete, den Hut vor mir, was er sonst nie getan hatte, blieb aber
nicht stehen wie früher, sondern lief ganz konfus an mir vorüber. Wenn
er mich auch verachtete, so tat er es doch auf seine Art: er verachtete
mich sozusagen >demütig<. Vielleicht zog er auch seinen Hut bloß aus
Furcht vor mir, weil ich der Sohn seiner Gläubigerin war, denn er
schuldete meiner Mutter beständig und war niemals imstande, aus seinen
Schulden herauszukommen. Und das ist sogar viel wahrscheinlicher. Ich
wollte mich mit ihm aussprechen und wußte, daß er mich wohl schon nach
zehn Minuten um Entschuldigung bitten würde; doch entschloß ich mich
zuletzt, mich nicht weiter mit ihm abzugeben und ihn zu lassen, wie er
war.

Um dieselbe Zeit, das heißt um die Zeit, in der Ssurikoff sein Kind
verlor, ungefähr Mitte März, fühlte ich mich plötzlich sehr wohl und das
dauerte ungefähr zwei Wochen lang. Ich ging öfters aus, besonders in der
Dämmerstunde. Ich liebe diese Dämmerstunden im März, wenn die Sonne
untergeht, es wieder zu frieren anfängt, und man das Gas auf den Straßen
anzündet; ich ging oft sehr weit. Eines Tages hätte mich auf der
Schestilawotschnaja in der Dunkelheit fast ein Herr überrannt. Ich
betrachtete ihn mir genauer und bemerkte, daß er einen kurzen
Sommerpaletot trug, der viel zu dünn für die Jahreszeit war. Unter dem
Arm hielt er ein in Papier eingewickeltes Paket. Als er an der nächsten
Straßenlaterne, ungefähr zehn Schritte vor mir, vorüberging, bemerkte
ich, daß ihm etwas aus der Tasche fiel.

Ich beeilte mich, es aufzuheben und -- es war die höchste Zeit, denn
außer mir stürzte sich noch ein Mensch im langen Kaftan auf das
Beutestück, und nur der Umstand, daß ich es schon in den Händen hielt,
ließ ihn auf den Fund verzichten: nach einem flüchtigen Blick auf den
Gegenstand schlüpfte er an mir vorüber. Der Gegenstand selbst war eine
große saffianlederne Brieftasche, die ganz mit Papieren angefüllt war;
auf den ersten Blick erkannte ich sonderbarerweise sofort, daß in ihr
alles, nur kein Geld enthalten war. Der Herr hatte sich währenddessen
schon auf vierzig Schritt von mir entfernt, und entschwand in der Menge
alsbald meinen Blicken. Ich lief ihm nach und fing an, ihn zu rufen,
doch da ich nichts anderes als >Hallo!< schreien konnte, so wandte er
sich auch nicht um. Plötzlich bog er nach links ab, in das Hoftor eines
Hauses. Als ich ihm aber in das Tor folgte, wo es sehr dunkel war,
konnte ich nichts mehr von ihm entdecken. Das Haus gehörte zu diesen
riesigen Mietskasernen, wie sie von unternehmenden Geschäftsleuten für
kleine Mieter gebaut werden. In einem solchen Hause befinden sich
manchmal hundert Wohnungen. Als ich gerade in den Torweg trat, schien es
mir, daß in der rechten, hinteren Ecke des großen Hofes ein Mensch ging,
obgleich ich ihn in der Dunkelheit nicht sehen konnte. Ich lief zur Ecke
und fand einen Treppeneingang; die Treppe selbst war schmal, schmutzig
und fast gar nicht erleuchtet, doch hörte ich, wie ein Mensch oben auf
der Treppe ging. Ich stürzte die Treppe hinauf, ihm nach -- glaubte ihn
schon zu erreichen, bevor man ihm die Tür öffnete.

Die Treppe war steil, die Stiegen waren schmal; als ich auf dem dritten
Treppenabsatz ankam, war ich außer Atem. Im fünften Stock wurde eine Tür
geöffnet und wieder geschlossen. Bis ich das Stockwerk erreicht und bis
ich die Klingel gefunden hatte, vergingen einige Minuten. Mir öffnete
endlich ein altes Mütterchen, das in der winzig kleinen Küche den
Ssamowar anmachte; sie hörte schweigend meine Frage an, die sie
natürlich überhaupt nicht begriff, schweigend öffnete sie mir die Tür
ins nächste Zimmer, einem ebenso kleinen und engen, schlecht möblierten
Raum, in dem sich auf einem großen, breiten Bett mit Vorhängen ein
scheinbar Betrunkener, den die Alte mit Terentjitsch anredete,
ausgestreckt hatte. Auf dem Tisch brannte in einem eisernen Leuchter ein
Lichtstumpf. Daneben stand eine fast geleerte Halbliterflasche
Branntwein. Terentjitsch brummte mir etwas zu und wies ohne sich
aufzurichten auf die nächste Tür.

Die Alte war fortgegangen, so daß mir nichts anderes übrigblieb, als
diese Tür zu öffnen. Das tat ich denn auch und trat ins nächste Zimmer.

Dieses Zimmer war noch kleiner und enger, so daß ich nicht wußte, wohin
ich treten sollte; das schmale, einschläfrige Bett in der Ecke nahm fast
den ganzen Raum ein, die übrige Einrichtung bestand aus drei einfachen
Stühlen, die mit allerlei Lumpen bepackt waren, und einem ganz einfachen
Küchentisch, der vor einem kleinen alten, wachstuchbezogenen Divan
stand. Zwischen Bett und Tisch gab es keinen Raum mehr zum Durchgehen.
Auf dem Tisch stand gleichfalls wie im anderen Zimmer ein eiserner
Leuchter, in dem ein Talglicht brannte. Im Bette schrie ein kleiner
Säugling, vielleicht drei Wochen alt, nach seinem Schreien zu urteilen.
Eine bleiche, kranke junge Frau, in tiefem Negligé, die wohl erst vor
kurzem das Wochenbett verlassen hatte, wechselte dem Kleinen die
Windeln. Das Kind schrie ohne aufzuhören nach der Mutterbrust. Auf dem
Divan schlief ein dreijähriges kleines Mädchen, das mit einem Rock
zugedeckt war. Am Tisch stand der Herr, in einem sehr abgetragenen
Anzug, den Paletot hatte er bereits abgelegt und aufs Bett geworfen --
er war eben im Begriff, ein Stück Brot und zwei kleine Würstchen aus
einem blauen Papier zu wickeln. Auf dem Tisch stand ferner eine Teekanne
mit Tee und außerdem lagen Schwarzbrotstückchen auf ihm herum. Unter dem
Bett sah ich einen offenen Reisekoffer und zwei Bündel mit allerlei
Kleidungsstücken und Lumpen. Mit einem Wort, es war eine schreckliche
Unordnung in dem kleinen Raum. Ich erkannte sofort, daß sie beide, der
Herr und die Frau, anständige Leute waren, die die Armut in diesen
erniedrigenden Zustand versetzt hatte, der jeden Versuch eines
Widerstandes aufhebt und die Leute dazu bringt, daß sie in der Unordnung
ein gewisses, bitteres Gefühl der Genugtuung empfinden.

Als ich eintrat, war der Herr beim Auspacken seiner Einkäufe in einem
lebhaften Gespräch mit seiner Frau begriffen; diese, noch mit dem
Wickeln beschäftigt, brach in Schluchzen aus; die Nachrichten, die er
ihr brachte, mußten schlecht gewesen sein. Das Gesicht ihres Mannes, das
mager und gebrannt war -- er trug einen schwarzen Backenbart mit
glattrasiertem Kinn --, schien mir sehr sympathisch; es war ernst, die
Augen blickten düster, mit einem gewissen krankhaften Ausdruck von
Stolz. Er mochte achtundzwanzig Jahre zählen. Als ich eintrat, spielte
sich eine eigentümliche Szene ab.

Es gibt Leute, denen es ein Genuß ist, sich ihrer reizbaren
Empfindlichkeit ganz hinzugeben, besonders wenn sie, was sehr leicht
geschieht, außer sich geraten können -- in einem solchen Augenblick ist
es ihnen sogar angenehm, beleidigt zu werden. Diese Reizbaren bereuen
ihre Heftigkeit nachher sehr, wenn sie klug sind, versteht sich, und
imstande, sich einzugestehen, daß der Grund zu ihrer Heftigkeit ein viel
zu geringer war. Der Herr sah mich zuerst ganz erstaunt an und die Frau
starrte mich geradezu wie ein Gespenst an, denn -- wie konnte jemand zu
ihnen kommen? Plötzlich stürzte er mir wie ein Wahnsinniger entgegen;
ich konnte kaum ein paar Worte stammeln. Offenbar fühlte er sich
gekränkt, als er sah, daß ich anständig angezogen war und daß ich es
wagte, so ohne weiteres bei ihm einzutreten, und daß ich nun die
Unordnung erblickte, deren er sich selbst so sehr schämte. Andererseits
freute es ihn, einen Anlaß gefunden zu haben, an mir die ganze Wut über
sein Mißgeschick auszulassen. Einen Augenblick dachte ich, daß er sich
wirklich auf mich stürzen würde: er erbleichte wie in einem hysterischen
Anfall und erschreckte seine Frau aufs äußerste.

>Wie wagen Sie es, so einzutreten? Hinaus!< schrie er, zitternd vor Wut
und kaum fähig, die Worte auszusprechen. Doch plötzlich bemerkte er
seine Brieftasche in meinen Händen.

>Ich glaube, Sie haben sie verloren,< sagte ich so ruhig und trocken wie
möglich.

Er stand wie vor Schreck gelähmt da, als könne er nichts begreifen;
darauf griff er nach seiner Seitentasche, riß den Mund weit auf und
schlug sich vor die Stirn.

>Mein Gott! Wo haben Sie sie gefunden? Auf welche Weise?<

Ich erzählte ihm alles mit ein paar kurzen Worten und nach Möglichkeit
sachlich und ruhig erklärend, wie ich das Ding aufgehoben, wie ich ihm
nachgelaufen und ihn angerufen ...

>Oh, mein Gott!< rief er aus und wandte sich an seine Frau, >das sind
alle unsere Dokumente, auch meine letzten Instrumente sind dabei ... oh,
geehrter Herr, wissen Sie auch, was Sie für mich getan haben? Ich wäre
sonst verloren! ...<

Ich griff nach der Türklinke, um mich zu entfernen; doch war ich selbst
außer Atem und es überfiel mich ein so starker Husten, daß ich mich kaum
auf den Füßen halten konnte. Ich sah, wie der Herr für mich nach einem
Stuhl suchte, wie er die Lappen, die auf dem Stuhl lagen, auf den
Fußboden warf, sich beeilte, ihn mir zu reichen und mich vorsichtig auf
den Stuhl zog. Doch mein Husten wollte nicht aufhören. Als ich endlich
zu mir kam, saß er auf einem anderen Stuhl vor mir und betrachtete mich
aufmerksam.

>Sie sind leidend ... wie es scheint?< sagte er in dem Tone eines Arztes
zu einem Kranken. >Ich bin selbst ... Mediziner< -- er sagte nicht
Doktor -- und er wies mit der Hand auf das Zimmer, als protestiere er
gegen seine jetzige Lage. >Ich sehe, daß Sie ...<

>Schwindsüchtig sind,< sagte ich so trocken wie möglich und stand auf.

Auch er sprang auf.

>Sie übertreiben vielleicht ... und wenn Mittel dagegen ...<

Er konnte immer noch nicht ganz zu sich kommen; seine Brieftasche hielt
er in der linken Hand.

>Oh, beunruhigen Sie sich nicht,< unterbrach ich ihn wieder und griff
nach der Türklinke, >mich hat in der vergangenen Woche B--n untersucht,
mein Schicksal ist entschieden. Entschuldigen Sie ... die Störung ...<

Ich wollte die Tür wieder öffnen und meinen verwirrten, dankbaren und
beschämten Doktor verlassen, doch packte mich der verfluchte Husten von
neuem. Der Doktor bestand darauf, daß ich mich nochmals hinsetzte und
ausruhte. Er wandte sich zu seiner Frau, und diese sagte mir, von ihrem
Platze aus, ein paar dankbare und freundliche Worte. Sie wurde dadurch
selbst sehr verwirrt und auf ihre bleichen, eingefallenen Wangen trat
eine helle Röte. Ich blieb, doch verhielt ich mich so, daß ich jeden
Augenblick bereit war zu gehen, weil ich sie nicht stören wollte. Die
Reue quälte den Doktor jetzt aufs höchste, wie ich bemerkte.

>Wenn ich ...< begann er verwirrt in abgerissenen Sätzen. >Ich bin Ihnen
so dankbar und so schuldig vor Ihnen ... ich ... Sie sehen ...< Er wies
wieder auf das Zimmer, >augenblicklich befinde ich mich in einer Lage
...<

>Oh,< sagte ich, >das ist keine Seltenheit! Sie haben wahrscheinlich
Ihre Stellung verloren und sind hierher gekommen, um den Sachverhalt
hier auseinanderzusetzen und eine neue zu erhalten?<

>Woher ... wissen Sie denn das?< fragte er mich mit Verwunderung.

>Das sieht man doch auf den ersten Blick,< antwortete ich, unwillkürlich
etwas spöttisch. >Es kommt so mancher aus der Provinz mit großen
Hoffnungen hierher, müht sich hier ab und lebt so wie Sie.<

Da fing er plötzlich zu reden an; leidenschaftlich, mit zitternden
Lippen erzählte er alles: wie es ihm ergangen war, und ich muß gestehen
-- es interessierte mich sehr. Ich blieb daher fast eine Stunde lang bei
ihm. Seine Geschichte war übrigens eine ganz gewöhnliche: er war Arzt in
der Provinz gewesen, hatte eine staatliche Anstellung gehabt. Man
intrigierte aber gegen ihn und sogar gegen seine Frau. Er war stolz,
hitzköpfig. Ein neuer Vorgesetzter kam ins Gouvernement und handelte
zugunsten seiner Feinde, die sich über ihn beklagt hatten. Er verlor die
Stellung und reiste mit seinen letzten Mitteln nach Petersburg, um sich
hier vor den Behörden zu rechtfertigen. In Petersburg, wie das ja
bekannt ist, wollte man ihn jedoch zuerst gar nicht hören, dann wies man
seinen Antrag ab, dann wurde er durch Versprechungen hingehalten, darauf
antwortete man ihm mit einem Verweis, darauf befahl man ihm, eine
Verteidigungsschrift einzureichen, darauf eine Bittschrift -- mit einem
Wort, er bemühte sich schon den fünften Monat vergebens, hatte alles
verbraucht, die letzten Sachen seiner Frau versetzt; schließlich wurde
auch noch das Kindchen geboren und ... und heute hatte er den
endgültigen abschlägigen Bescheid auf seine eingereichte Bittschrift
erhalten, und besaß nun kein Brot mehr, kein Geld, nichts mehr. Die Frau
in den Wochen er ... er ...

Er sprang vom Stuhl auf und wandte sich ab. In der Ecke weinte seine
Frau, das Kind fing an zu schreien. Ich zog mein Notizbuch heraus und
notierte mir etwas. Als ich damit fertig war und aufstand, stand er vor
mir und sah mich mit neugierigen, ängstlichen Blicken an.

>Ich habe mir Ihren Namen aufgeschrieben,< sagte ich zu ihm, >und alles
übrige: den Ort Ihrer Anstellung, den Namen des Gouverneurs, das Datum.
Ich habe einen Schulkameraden, Bachmutoff, der hat einen Onkel Pjotr
Matwejewitsch Bachmutoff, wirklicher Staatsrat und Direktor ...<

>Pjotr Matwejewitsch Bachmutoff!< rief mein Arzt fast zitternd aus. >Von
ihm hängt ja fast alles ab!<

Und in der Tat, die Geschichte meines Mediziners, in die ich so
unfreiwillig eingreifen sollte, wickelte sich von nun an günstig ab,
ganz als ob alles in ihr, wie in Romanen, im voraus darauf vorbereitet
gewesen wäre. Fürs erste jedoch sagte ich diesen armen Leuten, daß sie
auf mich keine Hoffnungen setzen möchten, daß ich selbst ein armer
Gymnasiast sei (ich übertrieb absichtlich, ich hatte schon längst das
Gymnasium beendet) und daß sie meinen Namen nicht zu wissen brauchten,
daß ich jedoch sofort zu meinem Kameraden Bachmutoff gehen wollte,
dessen Onkel wirklicher Staatsrat, Junggeselle und kinderlos sei und der
seinen Neffen daher leidenschaftlich lieb habe und in ihm den letzten
Sproß seiner Familie sähe. Vielleicht würde mein Kamerad etwas für sie
tun und für sie beim Onkel ...

>Wenn ich doch nur eine Audienz bei Seiner Exzellenz erhalten könnte!
Wenn man mir doch die Ehre verschaffen würde, mein Gesuch mündlich
aussprechen zu dürfen!< Er zitterte wie im Fieber und seine Augen
glänzten.

Ich wiederholte noch einmal, daß ich der Sache durchaus nicht sicher sei
und fügte noch hinzu, daß, wenn ich morgen früh nicht zu ihnen käme, die
Sache gescheitert wäre und sie nichts mehr zu erwarten hätten. Sie
begleiteten mich unter Danksagungen zur Tür hinaus. Sie waren einfach
außer sich; nie werde ich den Ausdruck dieser Gesichter vergessen. Ich
nahm eine Droschke und fuhr sofort nach dem Wassiljewskij Ostroff[25] zu
Bachmutoff.

Mit diesem Bachmutoff stand ich mich im Gymnasium während mehrerer Jahre
auf feindlichem Fuße. Bei uns wurde er als Aristokrat angesehen,
wenigstens habe ich ihn so genannt: er kleidete sich ausgezeichnet,
hatte seine eigenen Pferde, tat aber niemals wichtig, war ein
vorzüglicher Kamerad, immer außerordentlich lustig, zuweilen sogar
witzig, obgleich sein Verstand nicht von weitem her war, wenn er auch in
der Klasse als einer der Ersten galt, während ich niemals und in keinem
Fache Erster war. Alle Kameraden liebten ihn, ich war der einzige, der
ihn nicht liebte. Er kam mir des öfteren in diesen Jahren entgegen, doch
wandte ich mich jedesmal finster und gereizt von ihm ab. Jetzt hatte ich
ihn schon seit einem Jahr nicht mehr gesehen: er besuchte die
Universität. Als ich nun um neun Uhr abends zu ihm kam, feierlich und
umständlich angemeldet wurde, empfing er mich zuerst mit Verwunderung
und nicht gerade sehr entgegenkommend, doch alsbald wurde er heiter und
plötzlich lachte er laut auf.

>Wie ist das möglich, daß Sie mich aufgesucht haben, Terentjeff?< rief
er mit seiner liebenswürdigen Ungezwungenheit aus, die nie beleidigte
und um derentwillen ich ihn so haßte. >Aber was ist denn mit Ihnen,<
rief er plötzlich erschrocken, >sind Sie krank!<

Der Husten quälte mich wieder, ich fiel auf einen Stuhl und konnte kaum
atmen.

>Beunruhigen Sie sich nicht, ich habe nur die Schwindsucht,< sagte ich,
>ich bin mit einer Bitte zu Ihnen gekommen.<

Er setzte sich vor Verwunderung, und ich erzählte ihm sofort die ganze
Geschichte und bat ihn, da er doch einen so großen Einfluß auf seinen
Onkel hätte, vielleicht etwas für die Leute zu tun.

>Das werde ich, das werde ich unbedingt, ich werde morgen sofort zu
meinem Onkel gehen; ich bin sogar sehr froh, Ihnen gefällig sein zu
können, Sie haben so hübsch erzählt ... Doch wie sind Sie, Terentjeff,
darauf verfallen, sich gerade an mich zu wenden?<

>Von Ihrem Onkel hängt hier alles ab, und wir waren außerdem immer
Feinde. Da Sie, Bachmutoff, ein Gentleman sind, so dachte ich, daß Sie
einem Feinde niemals etwas abschlagen würden,< fügte ich etwas ironisch
hinzu.

>Ganz wie Napoleon sich an England wandte!< rief er laut lachend. >Ich
werde es tun, ich werde es tun! Ich gehe sofort, wenn es noch möglich
ist!< fügte er eifrig hinzu, als er sah, daß ich mit ernster Miene mich
vom Stuhl erhob.

Und wirklich nahm die Angelegenheit ganz unerwarteterweise einen sehr
günstigen Verlauf. Nach anderthalb Monaten erhielt unser Doktor wieder
eine Stelle in einem anderen Gouvernement, erhielt obendrein das
Reisegeld und eine Unterstützung. Ich vermute, daß Bachmutoff sie
besucht hat, während ich es unterließ, hinzugehn und den Doktor sehr
trocken bei mir empfing -- auch vermute ich, daß Bachmutoff dem Doktor
Geld vorgeschossen hat. Mit Bachmutoff traf ich im Laufe dieser sechs
Wochen zweimal zusammen, das drittemal sahen wir uns, als wir den
Abschied des Doktors feierten. Die Abschiedsfeier veranstaltete
Bachmutoff in seinem Hause, ein Diner mit Champagner, an dem auch die
Frau des Doktors teilnahm. Es war zu Anfang Mai, der Abend war hell, die
Sonne sank groß und rot ins Meer. Bachmutoff begleitete mich nach Haus.
Wir gingen über die Nikolaibrücke -- beide hatten wir etwas getrunken.
Bachmutoff sprach seine Freude darüber aus, daß diese Sache ein so gutes
Ende genommen hatte, dankte mir dafür, sagte mir, wie gut er sich nach
dieser Tat fühle, versicherte mir, daß nur mir alles Verdienst an ihr
zukomme, und meinte: >Es ist doch ganz unsinnig, was jetzt einige
Menschen bei uns predigen, daß eine einzelne gute Tat nichts zu bedeuten
habe!< Auch ich befand mich in einer redseligen Stimmung.

>Wer die persönliche >gute Tat< anzugreifen wagt, der greift die Natur
des Menschen an und verachtet den Wert der Persönlichkeit. Doch die
Frage der persönlichen Freiheit und die Frage der >organisierten
Unterstützung< sind zwei ganz verschiedene Fragen, wenn sie sich
gegenseitig auch nicht auszuschließen brauchen. Die einzelne gute Tat
wird immer bestehen bleiben, denn sie ist ein Bedürfnis der
Persönlichkeit, das lebendige Bedürfnis des unmittelbaren Einflusses des
einen Menschen auf den andern. In Moskau lebte früher ein alter General,
das heißt, er war ein wirklicher Staatsrat, mit deutschem Namen. Er ging
sein ganzes Leben lang in den Gefängnissen und unter den Verbrechern
umher. Jeder Verbrechertrupp, der nach Sibirien abging, wußte schon im
voraus, daß auf den >Sperlingsbergen<[26] >der alte General< sie
besuchen werde. Er erfüllte seine Pflicht mit Ernst und Andacht; er
erschien, ging die Reihen der Verschickten ab, blieb bei jedem von ihnen
stehen, fragte jeden nach seinen Bedürfnissen, machte niemandem einen
Vorwurf und redete sie alle mit >Täubchen< an. Er gab jedem von ihnen
Geld, schickte ihnen die notwendigsten Dinge, Tücher, Fußlappen usw.,
brachte zuweilen Andachtsbücher mit und gab sie denjenigen, die da lesen
konnten, und war fest davon überzeugt, daß sie dieselben unterwegs auch
wirklich lesen und den Kameraden, die nicht zu lesen verstanden,
vorlesen würden. Nach der Art des Verbrechens fragte er nie, er hörte
nur zu, wenn der Verbrecher selbst davon zu sprechen anfing. Alle
Verbrecher standen bei ihm auf der gleichen Stufe, einen Unterschied gab
es für ihn nicht. Er sprach mit ihnen wie mit seinen Brüdern, und sie
betrachteten ihn zuletzt als ihren Vater. Wenn er eine Verschickte sah,
die ein Kind auf den Armen trug, so ging er zu ihr, streichelte das Kind
und schnippte mit den Fingern, um es lächeln zu machen. Und das tat er
eine ganze Reihe von Jahren bis zu seinem Tode. Alle Verbrecher in ganz
Rußland und ganz Sibirien kannten ihn. Mir erzählte selbst ein
ehemaliger Verschickter aus Sibirien, daß er Zeuge gewesen, wie sich die
eingefleischtesten Verbrecher des >alten Generals< erinnerten, obgleich
der General nie mehr als zwanzig Kopeken pro Person geben konnte. Nicht,
daß sie seiner mit Dank und Rührung dachten! Irgendeiner der
>Unglücklichen<, der vielleicht zwölf Seelen auf dem Gewissen und sechs
Kinder nur so zu seinem Vergnügen getötet hatte -- man sagt, daß es
solche geben soll --, erinnerte sich seiner plötzlich, mir nichts dir
nichts, und vielleicht auch nur einmal in zwanzig Jahren, seufzte und
sagte: >Sollte der alte General am Ende noch immer leben?< Und dabei
lächelte er -- und das war alles. Doch, wer kann es wissen, welch ein
Samenkorn der >alte General<, den er in zwanzig Jahren nicht vergessen,
ihm auf ewig in die Seele gepflanzt hat? Was wissen Sie, Bachmutoff,
welch eine Bedeutung diese Aufnahme des einen Menschen in die Seele des
andern im Schicksal eines Menschen haben kann? ... Da ist ein ganzes
Leben mit seinen zahllosen uns verborgenen Verzweigungen. Der beste,
scharfsinnigste Schachspieler kann nur einige kleine Züge voraussehen;
von einem französischen Schachspieler, der zehn Schachzüge
vorausberechnen konnte, berichtete man wie von einem Weltwunder. Wieviel
Züge des Lebens aber sind uns bekannt? Indem Sie Ihr Samenkorn
ausstreuen, Ihre >Tat< vollbringen, geben Sie, in welcher Form es auch
sei, einen Teil Ihrer Persönlichkeit hin und nehmen den Teil der anderen
Persönlichkeit in sich auf; in dieser Wechselbeziehung stehen Sie beide
zueinander. Schenken Sie dieser Tatsache nur ein wenig Ihre
Aufmerksamkeit und Sie werden durch die unerwartetsten Entdeckungen
belohnt werden. Sie werden zuletzt auf dieses Tatsachenmaterial wie auf
eine Wissenschaft sehen; sie absorbiert Ihr ganzes Leben und kann
sogleich auch Ihr ganzes Leben ausfüllen. Andererseits können alle Ihre
Gedanken, alle die Samenkörner, die Sie ausgestreut haben und die von
Ihnen selbst vielleicht vergessen worden sind, in anderen wachsen und
Früchte tragen. Und woher können Sie wissen, welch einen Anteil Sie an
der zukünftigen Entscheidung der Geschicke des Menschengeschlechts haben
werden? Wenn diese Erkenntnis und ein ganzes Leben solcher Arbeit Sie
dazu befähigt, einen einzigen großen Gedanken der Menschheit zu
hinterlassen, so haben Sie -- Ihre Lebensaufgabe erfüllt ...< usw. ich
habe damals viel gesprochen.

>Und wenn man bedenkt, daß gerade Ihnen, Ihnen das Leben versagt ist!<
rief Bachmutoff, mit heißem Vorwurf an einen Unbekannten, plötzlich aus.

Wir standen gerade auf der Nikolaibrücke und blickten, die Arme
aufgestützt, auf die Newa.

>Wissen Sie, was mir durch den Kopf geht?< Dabei bog ich mich weit über
das Geländer.

>Doch nicht etwa, ins Wasser zu springen?< rief Bachmutoff fast
erschrocken aus. Vielleicht hatte er diesen Gedanken in meinem Gesicht
gelesen.

>Nein, vorläufig war es nur ein Gedanke. Angenommen, ich habe noch zwei
bis drei, vielleicht auch noch vier Monate zu leben, und ich hätte nun
den großen Wunsch, noch eine gute Tat zu vollführen, die viel Arbeit und
Mühe verlangt. So müßte ich in meinem Falle auf sie verzichten. Geben
Sie doch zu, daß es ein drolliger Gedanke ist!<

Der arme Bachmutoff quälte sich meinetwegen sehr; er begleitete mich
nach Haus und war so taktvoll, daß er die ganze Zeit über schwieg. Er
verabschiedete sich von mir, drückte mir herzlich die Hand und bat um
die Erlaubnis, mich besuchen zu dürfen. Ich antwortete ihm, daß er, wenn
er etwa als >Tröster< zu mir käme, mich jedesmal an den Tod erinnern
würde. Er zuckte mit den Achseln und gab mir recht; wir verabschiedeten
uns höflich voneinander, höflicher als ich es erwartet hatte.

An diesem Abend und in dieser Nacht wurde der erste Keim zu meiner
>letzten Überzeugung< gelegt. Ich klammerte mich an diese _neue_ Idee,
überlegte sie mir mit allen ihren Folgen -- ich schlief die ganze Nacht
nicht -- und je mehr ich mich in sie vertiefte, desto mehr erschrak ich
über sie. Zuletzt packte mich eine wahnsinnige Angst, die mich die
ganzen folgenden Tage nicht mehr verließ. Und wenn mir diese Angst zum
Bewußtsein kam, so erstarrte ich zu Eis; ich fühlte, daß diese >letzte
Überzeugung< von mir Besitz ergriffen hatte und mich nun sicher zu einem
Entschluß führen würde. Doch zum Entschluß fehlte mir noch die Kraft.
Nach drei Wochen war auch das überwunden, und die Kraft kam mir durch
einen sehr sonderbaren Umstand.

Ich verzeichne hier in meiner Erklärung alle diese Daten. Die können mir
freilich jetzt ganz gleichgültig sein, doch wünsche ich, daß diejenigen,
die mein Vorhaben beurteilen werden, klar sehen, aus welcher logischen
Kette von Schlüssen meine >letzte Überzeugung< entsprungen ist. Ich
schrieb soeben, daß die Kraft, die mir zur Ausführung meiner >letzten
Überzeugung< noch fehlte, mir durchaus nicht aus einer logischen
Folgerung kam, sondern durch einen sonderbaren Stoß von außen, also von
ganz äußerlichen Umständen her, die, vielleicht, mit dem Gang der Sache
in keinerlei Zusammenhang standen. Vor zehn Tagen erschien bei mir
Rogoshin in einer Angelegenheit, die ich hier zu erwähnen für unnütz
halte. Ich hatte Rogoshin niemals früher gesehen, doch viel von ihm
gehört. Ich gab ihm die verlangte Auskunft und er ging bald darauf fort,
und da zwischen uns überhaupt keine Beziehungen bestanden, so war die
Sache damit zu Ende. Doch fing er mich plötzlich sehr zu interessieren
an und den ganzen Tag über stand ich unter dem Einfluß der sonderbarsten
Ideen, so daß ich mich endlich entschloß, am nächsten Tage zu ihm
hinzugehen und seinen Besuch zu erwidern. Rogoshin war augenscheinlich
nicht sehr erfreut darüber und ließ sogar durchblicken, daß er nicht
geneigt sei, diese Bekanntschaft mit mir fortzusetzen; doch erlebten wir
-- denn ich glaube auch er -- eine sehr interessante Stunde zusammen.
Zwischen uns bestand ein solcher Gegensatz, daß er uns beiden ganz
unmöglich nicht auffallen konnte, besonders mir nicht: ich war ein
Mensch, dessen Tage gezählt waren, und er -- voll Leben, voll
unmittelbarem Leben, ohne jede Sorge um die >letzten< Schlüsse oder
Zahlen oder was es sonst wäre, wenn es sich nur nicht darum handelte,
was er ... worauf er ... nun, wovon er besessen war. Möge mir Herr
Rogoshin diesen Ausdruck verzeihen, wie etwa, sagen wir, einem
schlechten Schriftsteller, der seine Gedanken nicht auszudrücken vermag.
Ungeachtet seiner Unliebenswürdigkeit erschien er mir als ein Mensch von
großem Verstande, obgleich ihn kaum etwas für ihn Nebensächliches
interessierte. Ich sagte ihm nichts von meiner >letzten Überzeugung<,
doch schien es mir, als hätte er sie aus meinen Bemerkungen erraten. Er
schwieg, er war schrecklich schweigsam. Ich sagte zu ihm, als ich
fortging, daß ungeachtet aller Unterschiede zwischen uns und aller
Gegensätze -- _les extrêmes se touchent_{[29]} -- er von meiner letzten
Überzeugung vielleicht gar nicht so weit entfernt sei, wie es scheine.
Darauf antwortete er mir nur mit einer düster-bitteren Grimasse, stand
auf, suchte selbst meine Mütze, tat, als ob ich die Absicht geäußert
hätte, fortzugehen und führte mich einfach aus seinem dunklen, großen
Hause hinaus, dem Anscheine nach, als gebe er mir aus Höflichkeit das
Geleit. Sein Haus schien mir wie ein Totenhaus, doch lebte er offenbar
gern in ihm, und übrigens ist das verständlich: ein so volles
unmittelbares Leben, wie er es lebt, braucht keine andere Umgebung.

Dieser Besuch bei Rogoshin ermüdete mich sehr. Außerdem fühlte ich mich
schon seit dem Morgen nicht gut; gegen Abend war ich so schwach, daß ich
mich zu Bett legen mußte, ich hatte starkes Fieber und phantasierte
dabei über alles das, wovon er gesprochen und wovon wir uns unterhalten
hatten. Wenn meine Augen minutenlang zufielen, sah ich sofort Iwan
Fomitsch Ssurikoff, der anscheinend Millionen erhalten hatte. Er wußte
nicht, was er mit ihnen anfangen sollte, rang die Hände über seinem
Haupte, zitterte vor Furcht, daß sie ihm gestohlen werden könnten und
entschloß sich zuletzt, sie irgendwo zu vergraben. Ich riet ihm, aus
diesem Golde einen Sarg für sein >erfrorenes Kind< machen zu lassen und
darum das Kind so schnell wie möglich auszugraben. Diesen Spott hielt
Ssurikoff unter Tränen der Dankbarkeit für Ernst und schritt sofort zur
Ausführung seines Planes. Ich spuckte aus und kehrte ihm den Rücken.
Koljä versicherte mir, als ich zu mir kam, daß ich durchaus nicht
geschlafen, vielmehr die ganze Zeit mit ihm über Ssurikoff gesprochen
hätte. Von Zeit zu Zeit überkam mich schreckliche Verzweiflung, so daß
Koljä sehr beunruhigt darüber fortging. Als ich aufstand, um die Tür
hinter ihm zuzuschließen, erinnerte ich mich plötzlich des Bildes, das
ich bei Rogoshin in einem großen, düsteren Saal über der Tür gesehen
hatte. Rogoshin selbst wies im Vorübergehen darauf hin, ich glaube, ich
betrachtete es fünf Minuten lang. In ihm war nichts schön im
künstlerischen Sinne, doch erfüllte es mich mit Unruhe.

Das Bild war eine Kreuzabnahme Christi. Sonst stellen die Maler
gewöhnlich Christus am Kreuze oder nach der Kreuzabnahme immer noch in
der außergewöhnlichen Schönheit seiner verklärten Züge dar und diese
Schönheit versuchen sie ihm selbst bei den schrecklichsten Qualen
beizulegen. Auf dem Bilde bei Rogoshin konnte jedoch von Schönheit nicht
die Rede sein: das war der wirkliche Leichnam eines Menschen, der noch
vor der Kreuzigung die endlosesten Qualen erlitten hatte. Da sah man
Wunden von Geißelhieben und den Mißhandlungen durch das Volk, als Er das
Kreuz tragen mußte und unter dem Kreuze zusammenbrach, und, zum Schluß
noch die (nach meiner Berechnung) sechsstündigen Qualen am Kreuze.
Wahrhaftig, die Züge dieses Menschen, der soeben vom Kreuze genommen
worden ist, enthielten noch etwas Lebendiges, Warmes, sie waren noch
nicht erstarrt, ein Hauch von Leiden, ein Empfinden des Schmerzes schien
noch aus ihnen zu sprechen, und das war ganz wundervoll von dem Künstler
wiedergegeben. Nichts war beschönigt in diesem Gesicht, es war die reine
Natur und genau so muß der Leichnam eines Menschen aussehen, wer er auch
sei, nach solchen Qualen. Ich weiß, daß die christliche Kirche in den
ersten Jahrhunderten das Dogma aufgestellt hat, daß Christus nicht nur
bildlich gelitten, sondern wirklich und leibhaftig gelitten habe und daß
sein Leib am Kreuze vollständig den Gesetzen der Natur unterworfen
gewesen sei. Auf dem Bilde nun war das Gesicht von Stöcken zerschlagen,
angeschwollen, mit blauen, blutunterlaufenen Flecken, die Augen starrten
aus weit geöffneten Lidern. Und sonderbar, wenn man nun auf den Leichnam
dieses gequälten Menschen sah, so drängte sich einem die eigentümliche
Frage auf: wenn alle die Jünger, seine zukünftigen Apostel, die Frauen,
die ihm folgten und die am Kreuze standen, alle die an ihn und sein
Göttliches glaubten, diesen Leichnam gesehen haben -- und es muß doch
ein Leichnam gewesen sein -- wie konnten sie da, nachdem sie diesen
Leichnam gesehen hatten, noch glauben, daß er auferstehen würde?
Unwillkürlich mußte man sich sagen: wenn der Tod so schrecklich und die
Gesetze der Natur so stark sind, wie kann man sie dann überwinden? Wie
sie besiegen, wenn selbst _Er_ sie nicht überwand, _Er_, der die Natur
zu seinen Lebzeiten besiegte, und dem sie sich unterwarf, _Er_, der
ausrufen konnte: >stehe auf< -- und das Mädchen stand auf! -- und der
Lazarus dem Grabe entriß? Die Natur erschien auf diesem Bilde als
großes, unüberwindbares und stummes Tier, oder, besser gesagt, obgleich
es sonderbar klingt, -- wie eine ungeheure Maschine neuester
Konstruktion, die ganz sinnlos und gefühllos dieses große und herrliche
Wesen ergriff, es stumpfsinnig zerkaute und zermalmte --, dieses Wesen,
das mehr wert war, als die ganze Natur und ihre Gesetze, und zu dessen
Hervorbringung die ganze Natur vielleicht überhaupt nur geschaffen
worden war. Dieses Bild war gleichsam gemalt worden, nur um einem diese
dunkle, gemeine und sinnlose Kraft, der alles unterlegen ist, zum
Bewußtsein zu bringen. Die Menschen, die den Toten damals umgaben und
die man auf dem Bilde gar nicht sieht, mußten an diesem Abend einen
großen Schrecken und Kummer erlebt haben, da alle ihre Hoffnungen auf
einmal vernichtet waren. Sie mußten in schrecklicher Angst auseinander
gegangen sein, obgleich ein jeder von ihnen eine große Idee mit sich
trug, die ihm schon nicht mehr genommen werden konnte. Und wenn der
Meister selbst am Vorabend seiner Hinrichtung dieses Bild seines
Leichnams hätte sehen können, wer weiß, ob er sich hätte kreuzigen
lassen? Auch diese Frage beschäftigte einen unwillkürlich, wenn man auf
das Bild sah.

Alles das ging mir stückweise durch den Sinn, halb in Fieberphantasien,
zum Teil in Halbschlummer, ungefähr ganze anderthalb Stunden nachdem
Koljä mich verlassen hatte. Ich konnte in Bildern sehen, was sonst kein
Bildnis offenbart. Und mir schien von Zeit zu Zeit, daß ich diese
sonderbare und unmögliche Form, diese unendliche Kraft, dieses taube,
dunkle und stumme Wesen mit meinen leiblichen Augen erblicken könnte.
Ich weiß noch, es war mir, als führte mich jemand an der Hand, mit einem
Licht in der andern und der zeigte mir eine riesige, widerliche Tarantel
und versicherte mir, daß dieses Tier jenes dunkle taube und allmächtige
Wesen sei und er lachte über meinen Unwillen.

In meinem Zimmer brennt unter dem Heiligenbild in der Nacht die kleine
Lampe -- ein trübes flackerndes Lichtlein --, doch kann man alles im
Zimmer sehen und unter der Lampe sogar lesen. Ich glaube, es war schon
ein Uhr nachts; ich schlief nicht, ich lag mit offenen Augen, als
plötzlich die Türe meines Zimmers sich öffnete und Rogoshin eintrat.

Er trat ein, schloß dann die Tür, sah mich schweigend an, ging in die
Ecke und setzte sich auf den Stuhl, der immer unter dem Heiligenbilde
steht. Ich war sehr erstaunt und sah ihn erwartungsvoll an. Rogoshin
stützte sich mit seinen beiden Ellenbogen auf den Tisch und fing auch
seinerseits an, mich schweigend anzusehen. So vergingen zwei, drei
Minuten und sein Schweigen beleidigte und ärgerte mich. Warum spricht er
nicht? Daß er so spät zu mir gekommen war, das wunderte mich, weiß Gott,
gar nicht. Sogar im Gegenteil: Ich hatte am Morgen bei ihm meinen
Gedanken nicht voll ausgesprochen, doch hatte er ihn wohl verstanden; er
hätte also deswegen, um sich mit mir auszusprechen, sehr gut zu mir
kommen können, wenn es auch schon etwas spät war. Ich dachte denn auch
sofort daran, daß er deshalb gekommen sei. Am Morgen hatten wir uns fast
feindlich verabschiedet und ich hatte bemerkt, wie er mich zweimal sehr
spöttisch betrachtet. Und diesen Spott sah ich jetzt wieder in seinen
Augen -- das war es, was mich beleidigte. Daß ich tatsächlich Rogoshin
vor mir sah und nicht etwa eine Erscheinung, eine Fieberphantasie, daran
zweifelte ich keinen Augenblick. Mir kam nicht einmal der Gedanke an
diese Möglichkeit.

Inzwischen blieb Rogoshin ruhig sitzen und betrachtete mich spöttisch.
Ich stützte mich wütend gleichfalls mit beiden Ellenbogen auf mein
Kopfkissen und beschloß, wie er zu schweigen, selbst wenn wir die ganze
Zeit so verbringen sollten. Ich wollte durchaus, daß er als erster zu
sprechen anfinge. Ich glaube, wir schwiegen ungefähr zwanzig Minuten so.
Plötzlich kam mir der Gedanke: wenn das nun aber gar nicht Rogoshin ist,
sondern nur -- eine Erscheinung?

Weder während meiner Krankheit, noch sonst in meinem Leben habe ich
jemals eine Halluzination gehabt; doch schien es mir immer, als ich noch
ein Knabe war, und auch jetzt noch, obgleich ich nicht abergläubisch
bin, daß ich in einem solchen Falle sofort, auf der Stelle würde sterben
müssen. Aber als mir nun der Gedanke kam, daß es gar nicht Rogoshin,
sondern nur eine Halluzination sein könnte, da erschrak ich nicht im
geringsten, ja ich war nicht einmal zornig darüber. Sonderbar war es
auch, daß mich die Frage, ob es nun wirklich Rogoshin oder nicht
Rogoshin sei, gar nicht sehr aufregte. Es war, als gehöre es sich gerade
so! Ich erinnere mich, ich dachte damals in Wirklichkeit an etwas ganz
anderes. Zum Beispiel interessierte mich die Frage: warum Rogoshin, der
vordem in Schlafrock und Pantoffeln gewesen war, jetzt in Frack und
weißer Binde dasaß? Auch tauchte in mir der Gedanke auf: wenn es eine
Erscheinung ist und ich mich gar nicht vor ihr fürchte, warum sollte ich
da nicht aufstehen und mich davon überzeugen? Vielleicht fürchtete ich
mich doch davor? Denn als ich nur daran zu denken wagte, daß ich mich
fürchten könnte, da überlief in der Tat meinen ganzen Körper ein eisiger
Schauer und meine Knie fingen an zu zittern. Im selben Augenblick, als
ob Rogoshin es erraten hätte, daß ich ihn fürchtete, zog er seinen Arm,
auf den er sich gestützt hatte, fort und verzog, indem er mich starr
ansah, langsam seinen Mund zu einem Lachen. Heller Wahnsinn überkam mich
und ich wollte mich schon auf ihn stürzen, doch ich hatte mir
geschworen, ihn nicht als erster anzugreifen, und so blieb ich denn auf
dem Bett liegen, zumal ich mich außerdem noch gar nicht überzeugt hatte,
ob er es auch wirklich selbst war oder nicht?

Ich weiß nicht mehr genau, wie lange dieser Zustand andauerte, auch weiß
ich nicht, ob ich nicht von Zeit zu Zeit bewußtlos war. Zuletzt sah ich
nur noch, wie Rogoshin aufstand, mich ebenso aufmerksam und starr ansah
-- wie vorher, als er eintrat -- doch lächelte er jetzt nicht mehr, ging
dann leise auf den Fußspitzen zur Tür, öffnete sie, ging hinaus und
schloß sie wieder. Ich rührte mich nicht, mit offenen Augen lag ich auf
meinem Bett und dachte nach. Gott weiß, worüber ich nachdachte, und ich
erinnere mich nicht mehr, wann ich eingeschlafen bin. Am anderen Morgen
erwachte ich, als man um zehn Uhr an meine Tür klopfte. Ich hatte ein
für allemal befohlen, mir um zehn Uhr den Tee zu bringen, und so mußte
Matrjona an die Tür klopfen. Als ich ihr die Tür öffnete, beschäftigte
mich sofort der Gedanke: Wie konnte er ins Zimmer kommen, wenn die Tür
verschlossen war? Ich überzeugte mich davon, daß der wirkliche Rogoshin
gar nicht hätte hereinkommen können, da alle Türen unserer Wohnung die
Nacht über verschlossen und verriegelt gewesen waren.

Dieser sonderbare Zwischenfall, den ich soeben ausführlich beschrieben
habe, war der Grund zu meinem endgültigen >Entschluß<. Zu diesem
Entschluß brachte mich keine Logik, keine logische Überzeugung, sondern
Ekel. Man kann nicht ein Leben führen, das so sonderbare Formen annimmt,
Formen, die mich beleidigen.

Diese Vision erniedrigte mich! Ich bringe es nicht über mich, mich einer
dunklen Gewalt zu ergeben, die die Formen einer Tarantel annimmt! Und
erst dann, als ich gegen Abend den endgültigen unwiderruflichen
Entschluß gefaßt hatte, wurde mir leichter. Das war nur das erste
Moment; wegen des zweiten fuhr ich nach Pawlowsk; doch das ist schon zur
Genüge erklärt.«


                                  VII.

»Ich besitze eine kleine Taschenpistole; ich hatte sie mir noch als
Knabe angeschafft, in dem komischen Alter, da einem plötzlich
Räubergeschichten und Duelle zu gefallen anfangen und man es liebt, sich
vorzustellen, wie man selbst zum Duell gefordert wird und wie man sich
mutig vor die Pistole stellt. Vor einem Monat habe ich sie mir
angesehen, geputzt und wieder zurecht gemacht. In dem Kasten, in dem sie
lag, fand ich zwei Kugeln und Pulver für drei Schüsse. Die Pistole ist
natürlich nichts wert, die reine Kinderpistole, trifft auch kaum auf
fünfzehn Schritt; wenn man sie jedoch dicht an die Schläfe setzt, wird
sie schon noch einen Schädel zerschmettern können.

Ich beschloß, in Pawlowsk bei Sonnenaufgang zu sterben: und zwar
beschloß ich, in den Park zu gehen, damit niemand auf der Datsche
gestört werde. Meine >Erklärung< wird die Polizei genügend über alles
unterrichten. Liebhaber der Psychologie mögen daraus schließen was sie
wollen. Ich wünsche indessen nicht, daß meine Schrift veröffentlicht
wird. Ich bitte den Fürsten, das eine Exemplar an sich zu nehmen und das
andere Exemplar Aglaja Iwanowna Jepantschin zu geben. Dieses ist mein
Wille. Ich vermache meinen Leichnam der medizinischen Fakultät zu
wissenschaftlichen Zwecken.

Ich erkenne keinen Richter über mich an und weiß, daß ich außerhalb
jedes Rechtspruchs stehe. Vor kurzem belustigte mich die Vorstellung:
wie, wenn ich jetzt plötzlich auf den Einfall käme, irgendeinen Menschen
einfach totzuschlagen, vielleicht zehn Menschen auf einmal oder sonst
irgend etwas Schreckliches zu tun, irgend etwas, was diese Welt für das
schrecklichste hält -- in welch einer dummen Lage würde sich dann das
Gericht bei meiner zwei- bis dreiwöchentlichen Lebensfrist befinden? Ich
würde vielleicht sehr komfortabel in einem Hospital, unter der Aufsicht
eines guten Arztes, und vielleicht viel angenehmer, als bei mir zu
Hause, sterben. Ich verstehe nicht, daß Leuten in meiner Lage niemals
ein solcher Gedanke in den Kopf gekommen ist, wenn auch nur zum Spaß?!
Vielleicht verfällt doch einmal jemand darauf! Es gibt doch auch bei uns
in Rußland lustige Leute.

Aber -- wenn ich auch keinen Richter über mich anerkenne, so weiß ich
doch, daß man mich richten wird, wenn ich bereits auf ewig taub und
stumm sein werde. Ich möchte jedoch nicht fortgehen, ehe ich nicht ein
Wort zur Antwort hinterlassen habe -- ein freies, unerzwungenes Wort.
Nicht zur Verteidigung etwa -- o nein! Ich habe niemanden und wegen
nichts um Verzeihung zu bitten.

Da ist zunächst ein sonderbarer Gedanke: Wer wollte mir denn mein Recht
auf diese Frist von zwei bis drei Wochen bestreiten? Auf Grund welchen
Rechtes? Wem nützt es, daß ich als Verurteilter noch artig die Frist bis
zur Urteilsvollstreckung abwarte? Wem nützt es denn? Oder soll ich's um
der Sittlichkeit willen etwa? Ich verstehe noch, wenn ich bei blühender
Gesundheit und großen Kräften mein Leben selbst vernichten wollte,
dieses Leben, das >meinem Nächsten noch Nutzen bringen könnte<: da
könnte man mir vom sittlichen Standpunkt aus und nach altem Brauch
vorwerfen, daß ich ohne zu fragen über mein eigenes Leben verfüge --
oder was man sich da ausdenkt. Doch jetzt, wo über mich bereits das
Urteil gefällt ist? Welches Sittengesetz wird denn auch noch auf das
letzte Röcheln eines Sterbenden Anspruch erheben, mit dem er sein Leben
aushaucht? Was hilft mir der Trost des Fürsten, der in seiner
christlichen Auslegung den glücklichen Gedanken gehabt hat, daß es im
Grunde genommen für mich viel besser ist, zu sterben. (Solche Christen
wie er kommen immer zu diesem Schluß: das ist ihr geliebtes
Steckenpferd.) Und was wollen sie eigentlich mit ihren lächerlichen
>Pawlowsker Bäumenboshaften und verbitterten< Reden eine Hymne auf den Sieg der
sittlichen Selbstüberwindung anstimmte, wie Milvoye in den berühmten und
klassischen Strophen:

   >_O, puissent voir votre beauté sacrée_
   _Tant d'amis, sourds à mes adieux!_
   _Qu'ils meurent pleins de jours, que leur mort soit pleurée._
   _Qu'un ami leur ferme les yeux!_<{[30]}

Doch glaubt mir, glaubt mir, ihr gutmütigen Seelen, daß in dieser
wohlanständigen Strophe, in diesem akademischen Segensspruch der
Franzosen, so viel heimliche Galle, so viel unversöhnliche und mit
Rhythmen überzuckerte Wut ist, daß der Poet vielleicht sich selbst damit
belogen und seine Wut als tränenreichen Trost empfunden hat und in dem
Glauben auch gestorben ist: Friede seiner Asche! Wissen Sie auch, daß es
in der Erkenntnis der eigenen Schande, Richtigkeit und Schwachheit eine
Grenze gibt, über die der Mensch nicht mehr hinaus kann? An dieser
Stelle beginnt er dann eine große Wollust in seiner Demütigung zu
empfinden ... Nun, freilich, auch die Demut ist in gewissem Sinne eine
große Kraft, ich gebe es zu, wenn auch nicht in dem Sinne, wie die
Religion sie auffaßt.

Die Religion! Ein ewiges Leben erkenne ich an und habe es vielleicht
immer anerkannt. Mag der Wille einer höheren Gewalt das Feuer meines
Bewußtseins entzündet haben, mag es sich umgesehen haben im All und sich
gesagt: >Ich binIch bin<, so geht es mich doch noch nichts an, ob die Welt nun
fehlerhaft aufgebaut und ohne Vernichtung nicht bestehen kann. Wer also,
und wofür wird man mich danach verurteilen? Sagen Sie, was Sie wollen --
ich finde jedenfalls, daß es unmöglich und zugleich ungerecht wäre.

Trotzdem habe ich niemals, trotz meines größten Verlangens, mir
vorstellen können, daß es _kein_ zukünftiges Leben und _keine_ Vorsehung
gebe. Es ist viel wahrscheinlicher, daß wir das zukünftige Leben und
seine Gesetze nicht verstehen können. Doch wenn das so schwer und
überhaupt nicht zu begreifen ist, wie soll ich dann dafür verantwortlich
sein, daß ich nicht imstande bin, das Unfaßbare zu fassen? Natürlich
sagen da die Leute und natürlich auch der Fürst, daß Gehorsam nötig sei,
daß man gehorchen _muß_, auch ohne zu verstehen, und zwar aus
moralischen, sittlichen Gründen, und daß ich in der anderen Welt dafür
belohnt werde. Wir erniedrigen jedoch die Vorsehung, wenn wir ihr aus
Ärger darüber, daß wir sie nicht verstehen können, unsere Begriffe
unterschieben. Und wiederum, wenn man die Vorsehung nicht verstehen kann
-- wie kann denn der Mensch dafür verantwortlich sein, was er nicht
verstehen kann? Und ebenso, wer kann mich denn verurteilen, wenn ich den
Willen und die Gesetze der Vorsehung nicht verstanden habe? Nein, lassen
wir die Religion lieber!

Aber damit wäre es auch genug! Wenn ich beim Vorlesen bis zu diesen
Zeilen gekommen sein werde, wird die Sonne aufgehen und >am Himmel
erklingen< und ihre große Feuerkraft wird die Erde überfluten. Mag ich
sterben! Ich werde in diese Quelle des Lebens und der Kraft sehen, und
mein Leben, das ich nicht mehr ertragen will, von mir werfen! Wenn ich
die Macht gehabt hätte, nicht geboren zu werden, so hätte ich ein Leben
unter so spottenden Bedingungen gewiß nicht angenommen. Aber noch habe
ich die Macht, zu sterben, obgleich ich nur Tage hinwerfen kann, die
schon gezählt sind. Und doch ist es eine Macht und doch ein Protest ...

Meine letzte Erklärung: Ich sterbe durchaus nicht deshalb, weil ich
nicht imstande wäre, diese drei Wochen noch zu ertragen; oh, dazu hätte
ich wohl noch die Kraft, und wenn ich wollte, so wäre mir allein schon
die Erkenntnis der mir angetanen Schmach eine Genugtuung; doch ich bin
kein französischer Dichter und brauche solch einen Trost nicht. Und dann
die Versuchung: Die Natur hat meine Betätigungsmöglichkeit mit ihren
drei Wochen Frist dermaßen eingeengt, daß der Selbstmord die einzige Tat
ist, die ich noch vollführen kann, das heißt anfangen und beenden nach
meinem eigenen Willen. Nun und vielleicht will ich eben nur die letzte
Möglichkeit einer _Tat_ ausnutzen? Der Protest ist manchmal keine
geringe Tat ...«

Die »Erklärung« war damit zu Ende. Hippolyt verstummte ...

Ein nervöser Mensch, der gereizt und außer sich den äußersten Grad
zynischer Offenherzigkeit erreicht hat, ist gewöhnlich zu allem bereit,
selbst zum größten Skandal, und ist sogar froh über ihn: er stürzt sich
auf die Menschen und hat selbst dabei das unklare, aber feste Ziel, eine
Minute nachher sich von einem Turm hinabzustürzen und damit alle
Mißverständnisse, wenn solche vorliegen, auf einmal zu beseitigen. Die
Folge eines solchen Zustandes ist meistens Erschöpfung der physischen
Kräfte. Die ungewöhnliche, beinahe unnatürliche Anstrengung hatte
Hippolyt bisher aufrechterhalten. An sich erschien dieser
achtzehnjährige, von der Krankheit erschöpfte Jüngling so schwach, wie
ein vom Baum gerissenes, zitterndes Blatt. Kaum hatte er seine Augen
über die Zuhörer hingleiten lassen, zum erstenmal nach seiner Lektüre,
so drückte sich auch schon in ihnen, in seinem Lächeln, Hochmut,
Verachtung und Widerwillen aus. Es drängte ihn zu einer Herausforderung.
Doch auch die Zuhörer waren unwillig. Alle erhoben sich lärmend und
geärgert vom Tisch. Die Müdigkeit, der Wein, die Anstrengung erhöhten
noch das Peinliche des Eindrucks.

Plötzlich sprang Hippolyt vom Stuhl auf, als hätte ihn jemand vom Platze
gerissen.

»Die Sonne geht auf!« schrie er, als er die glänzenden Spitzen der Bäume
sah und zeigte sie dem Fürsten, wie man ein Wunder zeigt. »Sie ist
aufgegangen!«

»Und Sie glaubten wohl, daß sie nicht aufgehen werde, wie?« bemerkte
Ferdyschtschenko.

»Das gibt wieder eine Hitze den ganzen Tag über,« brummte nachlässig,
ärgerlich Ganjä, drehte seinen Hut in den Händen, gähnte und reckte
sich. »Den ganzen Monat schon diese Dürre! ... Gehen wir oder gehen wir
nicht, Ptizyn?«

Hippolyt starrte ihn ganz verwundert bis zur Versteinerung an,
erbleichte, und ein Zittern befiel seinen Körper.

»Sie zeigen Ihre Gleichgültigkeit, mit der Sie mich kränken wollen,
recht ungeschickt,« wandte er sich an Ganjä und sah ihm gerade ins
Gesicht. »Sie sind ein Lump!«

»Das übersteigt denn doch schon alles!« brüllte Ferdyschtschenko.

»Das ist doch eine phänomenale ...!«

»Einfach ein Dummkopf,« sagte Ganjä.

Hippolyt nahm sich wieder zusammen.

»Ich verstehe, meine Herren,« begann er wie vorher, zitternd und jedes
Wort wie abgerissen hervorstoßend, »daß ich mir vielleicht Ihren
persönlichen Haß zugezogen habe, ich ... bedaure es, daß ich Sie mit
diesen Phantasien gequält habe« -- er wies auf seine Schrift -- »oder
ich bedaure vielmehr, Sie nicht ganz totgequält zu haben;« er lächelte
dumm. »Ich habe Sie gelangweilt, Jewgenij Pawlowitsch?« wandte er sich
plötzlich mit einer Frage an diesen. »Habe ich Sie gelangweilt oder
nicht? Sagen Sie!«

»Etwas lang, doch im übrigen ...«

»Sagen Sie alles! Lügen Sie doch wenigstens einmal in Ihrem Leben
nicht!« befahl ihm zitternd Hippolyt.

»Oh, mir ist das ganz gleichgültig! Lassen Sie mich bitte gefälligst in
Ruh,« antwortete ihm Jewgenij Pawlowitsch, sich angewidert von ihm
abwendend.

»Gute Nacht, Fürst,« verabschiedete sich Ptizyn vom Fürsten.

»Er wird sich sofort erschießen, was tun Sie! Sehen Sie ihn doch an!«
rief Wjera, stürzte zu Hippolyt und packte ihn an beiden Händen. »Er
sagte doch, daß er sich bei Sonnenaufgang erschießen würde, was machen
Sie denn mit ihm!«

»Der wird sich nicht erschießen!« riefen höhnisch einige Stimmen, unter
denen auch die Ganjäs war.

»Meine Herren, nehmen Sie sich in acht!« rief Koljä und packte auch
Hippolyt am Arm. »Sehen Sie ihn doch nur an! Fürst! Fürst, was haben Sie
denn!«

Um Hippolyt bemühten sich Wjera, Koljä, Keller und Burdowskij.

»Er hat das Recht ... das Recht ...« brummte Burdowskij, übrigens ganz
gedankenverloren.

»Erlauben Sie, Fürst -- welche Anordnungen ... wollen Sie jetzt
tr...effen?« wandte sich Lebedeff, der halb betrunken war, an den
Fürsten.

»Was für Anordnungen?«

»Nein--n; erlauben--n Sie; ich bin hier der Wirt und will in meiner
Hochachtung ... N--nehmen wir an, daß Sie der Wirt sind, so will ich
d--doch nicht, daß in meinem Hause ... J--a--a.«

»Wird sich nicht erschießen; der Junge renommiert ja nur!« rief voll
Unwillen und ganz unerwartet General Iwolgin.

»Ah, der General!« griff Ferdyschtschenko auf.

»Ich w--eiß, daß er sich nicht erschießen wird, mein General, mein sehr
verehrter General ... doch immerhin ... i--ich bin der Wirt.«

»Hören Sie, Herr Terentjeff,« sagte plötzlich Ptizyn und reichte,
nachdem er sich vom Fürsten verabschiedet hatte, Hippolyt die Hand, »Sie
äußerten sich, glaube ich, vorhin darüber, daß Sie Ihren Leichnam der
Akademie vermachen wollten? Haben Sie da wirklich Ihren Leichnam
gemeint, oder vermachen Sie ihr nur Ihre Knochen?«

»Ja, meine Knochen ...«

»So, so. Man könnte sich da leicht irren: man sagt, es sei schon einmal
vorgekommen.«

»Warum reizen Sie ihn?« schrie plötzlich der Fürst.

»Sie haben ihn schon bis zu Tränen gebracht,« fügte Ferdyschtschenko
hinzu.

Doch Hippolyt weinte durchaus nicht. Er wollte sich von der Stelle
bewegen, aber alle, die um ihn herumstanden, ergriffen ihn sofort am
Arm. Allgemeines Gelächter.

»So weit hat er's gebracht, daß ihn alle jetzt festhalten werden; darum
hat er also aus dem Papier da vorgelesen,« bemerkte Rogoshin. »Lebe
wohl, Fürst! Eh, mir schmerzen die Knochen vom Sitzen.«

»Wenn Sie wirklich die Absicht hatten, sich zu erschießen, Terentjeff,«
sagte lachend Jewgenij Pawlowitsch, »so würde ich jetzt an Ihrer Stelle,
nach solchen Komplimenten, mich absichtlich nicht erschießen, um sie
alle zu ärgern.«

»Sie möchten es wohl furchtbar gerne sehen, wie ich mich erschieße!«
stieß Hippolyt hastig hervor.

»Sie ärgern sich alle, daß sie es nicht sehen werden.«

»So denken auch Sie, Jewgenij Pawlowitsch, daß sie es nicht sehen
werden?«

»Ich will Sie nicht aufhetzen; im Gegenteil, ich glaube, daß es sogar
sehr möglich ist. Hauptsächlich, ärgern Sie sich nicht ...« sagte
gönnerhaft Jewgenij Pawlowitsch.

»Ich sehe jetzt, was für einen Fehler ich damit begangen habe, daß ich
Ihnen dieses Schriftstück vorlas!« wandte sich Hippolyt so
vertrauensvoll an Jewgenij Pawlowitsch, als hätte er einen Freund um
seinen freundschaftlichen Rat gefragt.

»Die Lage ist ziemlich lächerlich, doch ... wirklich, ich weiß nicht,
was ich Ihnen raten soll,« antwortete ihm lächelnd Jewgenij Pawlowitsch.

Hippolyt sah ihn starr an, ohne seinen Blick von ihm abzuwenden, und
schwieg. Man hätte denken können, daß er geistesabwesend wäre.

»N--nein, erlauben Sie, das ist doch eine sonderbare Manier,« mischte
sich wieder Lebedeff ins Gespräch, »>werde mich erschießen, im Park, um
niemanden zu beunruhigen!< Er glaubt also, damit niemanden zu
beunruhigen, wenn er drei Schritt von der Treppe entfernt in den Park
geht.«

»Meine Herren ...« begann der Fürst.

»N--nein, erlauben Sie, sehr verehrter Fürst,« griff Lebedeff wieder mit
Eifer auf, »wie Sie es selbst gesehen haben, ist es kein Spaß,
wenigstens ist die Hälfte Ihrer Gäste auch der Meinung und überzeugt,
daß er sich jetzt, nach diesen hier ausgesprochenen Worten, und um seine
Ehre zu retten, erschießen muß, und da fordere ich Sie auf, als Wirt,
hier einzugreifen!«

»Was soll ich denn tun, Lebedeff? Ich bin sofort bereit, hier ...«

»Was Sie tun sollen: erstens, soll er sofort die Pistole herausgeben,
die er uns ja so ausführlich beschrieben hat. Wenn er sie herausgegeben
hat, so bin ich damit einverstanden, daß er diese Nacht hier im Hause
schläft, in Anbetracht seines Zustandes, doch unter meiner Aufsicht.
Aber morgen möge er sich fortbegeben, einerlei wohin; entschuldigen Sie,
Fürst! Wenn er die Pistole nicht sofort herausgibt, so nehme ich ihn an
der einen Hand, der General an der anderen, und bringe ihn dann sofort
auf die Polizei. Denn es ist dann schon Sache der Polizei und nicht mehr
meine Sache. Herr Ferdyschtschenko kann auch noch als guter Bekannter
mitkommen.«

Es erhob sich ein Lärm. Lebedeff geriet immer mehr außer sich.
Ferdyschtschenko machte sich schon bereit, mit auf die Polizeiwache zu
gehen. Ganjä bestand hartnäckig darauf, daß sich niemand erschießen
werde. Jewgenij Pawlowitsch schwieg.

»Fürst, sind Sie schon einmal vom Turm gestürzt?« fragte ihn flüsternd
plötzlich Hippolyt.

»Nein ...« antwortete naiv der Fürst.

»Glauben Sie wirklich, daß ich diesen ganzen Haß nicht vorausgesehen
habe!« flüsterte wieder Hippolyt mit glänzenden Augen und sah den
Fürsten an, als hätte er wirklich von ihm eine Antwort erwartet. »Gut!«
wandte er sich plötzlich an alle, »ich bin schuldig ... vor allen!
Lebedeff, hier ist der Schlüssel« -- er zog ein Portemonnaie aus der
Tasche und entnahm ihm einen Schlüsselring mit vier kleinen Schlüsseln.
»Dieser vorletzte ist es ... Koljä wird Ihnen zeigen ... Koljä! Wo ist
Koljä?« rief er und bemerkte Koljä nicht, obgleich er ihn starr ansah.
»Da ... er wird Ihnen zeigen, er hat mit mir zusammen den Koffer
gepackt. Führen Sie ihn ... Koljä ... dahin, beim Fürsten im Kabinett,
unter dem Tisch ... mein Koffer ... mit diesem Schlüssel ... unten ...
meine Pistole ... und das Horn mit dem Pulver. Herr Lebedeff, er wird
sie Ihnen zeigen; doch unter der Bedingung, daß Sie sie mir morgen früh,
wenn ich nach Petersburg fahre, zurückgeben. Hören Sie? Ich tue es nur
für den Fürsten, nicht Ihretwegen.«

»So ist's besser!« Lebedeff griff nach dem Schlüssel, und höhnisch
lächelnd lief er ins Nebenzimmer.

Koljä zögerte, wollte etwas sagen, wurde aber von Lebedeff mitgerissen.

Hippolyt blickte auf die lachenden Gäste, der Fürst bemerkte, wie seine
Zähne vor Wut klapperten.

»Was für Schufte das doch sind!« flüsterte er wieder wie in Verzweiflung
dem Fürsten zu.

Wenn er mit dem Fürsten sprach, so redete er jetzt immer nur im
Flüsterton.

»Lassen Sie sie doch: Sie sind sehr erschöpft ...«

»Sofort, sofort ... ich gehe sofort.«

Plötzlich umarmte er den Fürsten.

»Sie glauben vielleicht, daß ich nicht mehr bei Sinnen bin?« fragte er
ihn, und sah ihn sonderbar lächelnd an.

»Nein, aber Sie ...«

»Sofort, sofort, schweigen Sie; sprechen Sie nicht; stehen Sie still ...
ich möchte in Ihre Augen sehen. Still ... ich möchte Sie ansehen. Ich
werde mich vom >Menschen< verabschieden.«

Er stand und sah den Fürsten ungefähr zehn Sekunden schweigend an; er
war sehr blaß, an den Schläfen trat Schweiß hervor; er griff so
sonderbar nach der Hand des Fürsten, und es schien, als fürchte er, sie
loszulassen.

»Hippolyt, Hippolyt, was fehlt Ihnen?« schrie der Fürst auf.

»Sofort ... sofort ... genug, ich gehe. Ich trinke nur noch einen
Schluck auf das Wohl der Sonne ... Ich will, ich will, lassen Sie!«

Er griff schnell nach dem Champagnerglas auf dem Tisch und schritt mit
demselben zum Ausgang der Terrasse. Der Fürst wollte ihm nachlaufen,
doch trat in diesem Augenblick gerade Jewgenij Pawlowitsch auf ihn zu,
um sich von ihm zu verabschieden. Es verging eine Sekunde, und plötzlich
erhob sich ein allgemeines Geschrei auf der Terrasse, dem eine
allgemeine Bestürzung und Verwirrung folgte.

Es geschah folgendes:

Hippolyt ging bis zur obersten Stufe der Terrasse, mit der linken Hand
hielt er das Glas, mit der rechten griff er in seine rechte
Seitentasche. Keller behauptete nachher, daß Hippolyt schon vorher immer
seine Hand in dieser rechten Seitentasche gehalten habe, und daß es ihm
schon damals verdächtig vorgekommen sei. Wenigstens hatte ihn eine
innere Unruhe getrieben, Hippolyt zu folgen. Doch wäre auch er zu spät
gekommen. Er sah nur plötzlich, wie in der rechten Hand Hippolyts etwas
aufblitzte und wie in demselben Augenblick der Lauf einer kleinen
Pistole Hippolyts Schläfe berührte. Keller griff mit der Hand danach,
doch hatte Hippolyt bereits den Hahn abgedrückt. Man hörte das kurze
Knacken des Hahnes -- doch kein Schuß erfolgte. Hippolyt fiel rücklings
in Kellers Arme und schien wie leblos: vielleicht hielt er sich selbst
für erschossen. Keller bemächtigte sich der Pistole. Hippolyt schob man
einen Stuhl unter, und alles drängte sich zu ihm, alle schrien, sprachen
durcheinander. Alle hatten sie das Knacken des Hahnes gehört und sahen
den Menschen unverletzt und lebendig vor sich. Hippolyt schien immer
noch nicht zu begreifen, was mit ihm vorgegangen war, er sah alle
geistesabwesend an. In diesem Augenblicke stürzten Lebedeff und Koljä
auf die Terrasse.

»Hat sie versagt?« fragten die einen.

»Vielleicht war sie gar nicht geladen?« die anderen.

»Geladen ist sie!« bemerkte Keller, der die Pistole untersuchte »Aber
...«

»Also hat sie versagt?«

»Das Zündhütchen fehlt.«

Die Szene, die daraus folgte, ist schwer wiederzugeben. Der Schrecken
aller verwandelte sich schnell in ein schallendes Gelächter. Einige
darunter lachten aus vollem Halse voll boshafter Schadenfreude. Hippolyt
überfiel ein hysterischer Weinkrampf, er rang die Hände, stürzte sich
auf alle und jeden, sogar auf Ferdyschtschenko, packte ihn an beiden
Schultern und schwor ihm, daß er es vergessen, rein zufällig vergessen
habe, das Zündhütchen hineinzulegen, daß sie sich alle in seiner
Westentasche befänden, zehn an der Zahl. Er zeigte sie allen -- er habe
sie nämlich nicht früher hineinlegen wollen, damit seine Pistole in der
Tasche nicht von selbst losgehe: und nun habe er es ganz vergessen. Er
stürzte zum Fürsten, zu Jewgenij Pawlowitsch, flehte Keller an, ihm die
Pistole zurückzugeben, damit er »seine Ehre, seine Ehre, die er jetzt
auf ewig verloren«, wieder erhalten könne ...

Er fiel zuletzt bewußtlos hin. Man trug ihn in das Kabinett des Fürsten,
und Lebedeff schickte sofort zum Arzt, während er mit seiner Tochter,
dem General und Antip Burdowskij am Bett des Kranken blieb. Als man den
bewußtlosen Hippolyt hinausgetragen hatte, stellte sich Keller mitten
auf der Terrasse hin und verkündete allen Anwesenden mit lauter Stimme
und jedes Wort betonend, wie in höherer Begeisterung:

»Meine Herren, wenn es noch jemand von Ihnen wagen sollte, laut in
meiner Gegenwart zu behaupten, daß das Zündhütchen mit Absicht vergessen
worden war, und daß dieser unglückliche junge Mann nur eine Komödie
gespielt habe -- so wird derjenige es mit mir zu tun haben.«

Doch keiner antwortete ihm. Die Gäste beeilten sich, fortzukommen.
Ptizyn, Ganjä und Rogoshin verließen zusammen die Datsche.

Der Fürst war sehr erstaunt, daß Jewgenij Pawlowitsch seine Absicht,
sich mit ihm auszusprechen, aufgegeben hatte.

»Sie hatten mir doch noch etwas sagen wollen?« fragte er ihn.

»Allerdings,« sagte Jewgenij Pawlowitsch und setzte sich auf einen Stuhl
neben den Fürsten, »doch jetzt habe ich mein Vorhaben aufgeschoben. Ich
gestehe, daß ich vom Geschehenen noch zu aufgeregt bin, und Sie sind es
auch. Meine Gedanken sind ganz verwirrt, und da mein Vorhaben für Sie
wie für mich von zu großer Bedeutung ist, so möchte ich die Aussprache
noch aufschieben. Sehen Sie, Fürst, ich möchte einmal im Leben eine
wirklich aufrichtige Tat vollführen, eine Tat ohne alle Hintergedanken.
In diesem Augenblick, denke ich, bin ich zu dieser ehrlichen Tat nicht
fähig, und Sie ... sind es vielleicht ... auch ... nicht, wir wollen
nächstens davon sprechen. Die Sache wird vielleicht auch noch an
Klarheit gewinnen, für Sie wie für mich, wenn wir sie auf die drei Tage
aufschieben, die ich noch in Petersburg verbringen muß.«

Er erhob sich vom Stuhl. Dem Fürsten schien es, daß Jewgenij Pawlowitsch
sich gereizt und unzufrieden fühlte und ihn feindlich ansah: in seinem
Blick lag etwas, was er zuvor nicht bemerkt hatte.

»Sie müssen übrigens jetzt zum Kranken.«

»Ja ... ich fürchte.«

»Fürchten Sie nichts; er wird noch sechs Wochen leben und vielleicht
noch länger; hier wird es ihm sehr gefallen. Doch jagen Sie ihn besser
morgen hinaus.«

»Vielleicht hat es ihn gereizt, daß ich schwieg, vielleicht dachte er,
ich zweifelte an seinem Entschluß, sich zu erschießen? Was glauben Sie,
Jewgenij Pawlowitsch?«

»Nein, nein. -- Es ist viel zu viel Güte von Ihnen, daß Sie sich darüber
Sorgen machen. Ich habe davon gehört, doch hätte ich es in Wirklichkeit
nie für möglich gehalten, daß Menschen sich erschießen, damit man sie
lobt, oder aus Wut, weil man sie nicht lobt. Nein, das hätte ich nie für
möglich gehalten! Sie jagen ihn morgen hinaus, nicht?«

»Sie denken, er wird doch noch Selbstmord verüben?«

»Nein, das wird er nicht mehr tun. Doch hüten Sie sich vor dieser Sorte.
Ich wiederhole es: Das Verbrechen ist die einzige Zuflucht der
talentlosen, ungeduldigen und gierigen Unbedeutendheit. Sie werden
sehen, ob dieser Mensch nicht fähig sein wird, zehn Seelen umzubringen,
nur um eine >Tat< zu vollbringen, wie er das doch vorhin in seiner
Niederschrift bekannte. Diese Bemerkung von ihm wird mich jetzt nicht
mehr schlafen lassen.«

»Sie regen sich, glaube ich, darüber unnütz und viel zu sehr auf.«

»Sie sind sonderbar, Fürst; Sie glauben also nicht, daß er jetzt fähig
ist, zehn Seelen zu morden?«

»Ich kann Ihnen darauf keine Antwort geben, das ist alles so sonderbar;
doch ...«

»Nun, wie Sie wollen, wie Sie wollen!« brach Jewgenij Pawlowitsch erregt
das Gespräch ab. »Außerdem sind Sie ein tapferer Mensch, geraten Sie nur
selbst nicht unter die zehn Seelen.«

»Es ist viel eher anzunehmen, daß er niemanden tötet,« sagte der Fürst
und sah nachdenklich Jewgenij Pawlowitsch an.

Der lachte boshaft.

»Es ist Zeit, leben Sie wohl! Haben Sie bemerkt, daß er die Kopie seiner
Beichte Aglaja Iwanowna zugedacht hat?«

»Ja, ich habe es bemerkt und ... denke soeben daran.«

»Ja, ja, die zehn Seelen,« bemerkte Jewgenij Pawlowitsch wieder lachend
und ging von dannen.

Eine Stunde nachher, ungefähr um vier Uhr morgens, ging der Fürst in den
Park hinaus. Er hatte versucht zu schlafen, doch war es ihm seines
starken Herzklopfens wegen nicht möglich gewesen. Im Hause hatte sich
wieder alles beruhigt; der Kranke schlief, und der Arzt hatte
festgestellt, daß ihm keine besondere Gefahr drohe. Lebedeff, Koljä,
Burdowskij hatten sich im Zimmer des Kranken niedergelassen, um
abwechselnd zu wachen. Zu befürchten war für den Augenblick nichts.

Die Unruhe des Fürsten wuchs von Minute zu Minute. Er schweifte im Park
umher und blickte zerstreut um sich. Erstaunt nahm er wahr, daß er sich
plötzlich beim Kurhaus befand und auf der Estrade die leeren Bänke und
Notenpulte des Orchesters erblickte. Der Ort widerte ihn an; er kehrte
sofort um und kam auf dem Wege, den er auch gestern abend mit
Jepantschins gegangen, zur grünen Bank, die Aglaja zum Rendezvous
bestimmt hatte. Er ließ sich auf ihr nieder und brach plötzlich in ein
lautes Gelächter aus, gleich darauf aber wurde er von neuem düster.
Wieder lastete auf ihm etwas Schweres und bedrückte ihn so, daß er am
liebsten fortgelaufen wäre, ... doch wußte er nicht, wohin? Im Baume
über ihm sang ein Vögelchen, seine Augen suchten es in den grünen
Zweigen, und sofort fiel ihm »die Fliege« ein, von der Hippolyt gesagt
hatte, daß sie ihren Platz an der Sonne kenne und an dem allgemeinen
Chore teilnehme, von dem nur er, Hippolyt, allein ausgeschlossen sei.
Diese Phrase hatte einen so starken Eindruck auf ihn gemacht, daß er
auch jetzt wieder an sie denken mußte. Eine längst vergessene Erinnerung
stieg in ihm auf.

Er sah sich in der Schweiz, in den ersten Monaten seines Aufenthalts in
den Bergen. Damals war er noch vollständig Idiot, er konnte noch nicht
recht sprechen und verstand nicht gut alles, was man von ihm verlangte.
An einem hellen, sonnigen Tag ging er in die Berge und ging lange,
gequält von einem Gedanken, über den er sich nicht Rechenschaft geben
konnte. Über ihm wölbte sich ein endloser Himmel, unter ihm lag ein
blauer See, rings ein leuchtender Horizont, der kein Ende kannte. Lange
schaute er aus, er erhob seine Hände zu diesem flimmernden unendlichen
All und hätte weinen mögen. Es quälte ihn, daß er alledem fremd
gegenüberstand. Was war das für ein Fest, was für ein großer Feiertag,
der ihn schon seit seiner Kindheit lockte und den er nicht erfassen
konnte. Jeden Morgen ging diese glänzende Sonne auf, jeden Morgen stand
über dem Wasserfall der Regenbogen, und jeden Abend brannte der
schneebedeckte Berggipfel in der Ferne, am Rande des Himmels in
purpurner Flammenlohe. Jede kleinste Fliege, die im heißen Sonnenstrahl
ihn umsummt, nimmt teil an diesem Chor, kennt ihren Platz, liebt ihn und
ist glücklich; jeder Grashalm, der da wächst, ist glücklich. Jeder hat
seinen Weg, jeder kennt seinen Weg, mit einem Lied geht er, mit einem
Liede kommt er; nur er allein weiß nichts, versteht nichts, nicht die
Menschen, nicht die Töne, allem ist er fremd und für alle ein
Ausgestoßener. O, freilich, damals konnte er sich noch nicht in Worten
ausdrücken; er quälte sich nur, war taub und stumm. Aber jetzt schien es
ihm, daß er alles das damals in derselben Weise empfunden, in der
Hippolyt von der »kleinen Fliege« gesprochen, ganz als hätte Hippolyt
mit seinen eigenen Worten, mit seinen eigenen Tränen es gesagt. Er war
fest davon überzeugt, und bei dem Gedanken schlug ihm das Herz zum
Zerspringen ...

Er war auf der Bank eingeschlafen und seine ganze Erregung ging in Traum
über. Kurz vorher fiel ihm noch ein, daß Hippolyt zehn Menschen
umbringen wollte und er lächelte über diese Annahme. Rings um ihn
herrschte lichte, wonnige Stille, die sich durch das Geflüster der
Blätter noch erhöhte, noch lautloser wurde. Er sah viele wundervolle
Traumbilder, und vieles erregte ihn so, daß er hin und wieder
zusammenzuckte. Zuletzt kam eine Frau auf ihn zu; er erkannte sie und er
hätte ihren Namen genannt, hätte sie angerufen -- doch sonderbar -- sie
hatte nicht dasselbe Gesicht, das er sonst an ihr kannte, sondern das
Gesicht einer anderen, die er nicht nennen wollte. In diesem Gesicht lag
soviel Qual und Schrecken, wie auf dem Gesicht einer Verbrecherin, die
soeben eine große Greueltat vollführt hat. Eine Träne zitterte auf ihrer
bleichen Wange. Sie winkte mit der Hand und legte den Finger auf seine
Lippen, als wollte sie ihm befehlen, ihr nur leise zu folgen. Das Herz
erstarb ihm, er wollte sie doch für nichts, für nichts in der Welt, als
eine Verbrecherin ansehen, und er fühlte, daß sogleich etwas
Schreckliches, für sein ganzes Leben Schreckliches sich ereignen würde.
Sie wollte ihm scheinbar etwas zeigen, etwas nicht weit Entferntes, hier
im Park. Er erhob sich, um ihr zu folgen und plötzlich ertönte neben ihm
helles, frisches Lachen. Er fühlte eine Hand in der seinigen, preßte sie
fest zusammen und -- erwachte. Vor ihm stand Aglaja.


                                 VIII.

Sie lachte, aber zugleich war sie unwillig über ihn.

»Er schläft! Sie haben geschlafen!« rief sie mit fast verächtlichem
Erstaunen.

»Sie sind es!« murmelte der Fürst, noch nicht ganz zu sich gekommen, und
er blickte sie verwundert an. »Ach richtig! Unsere Verabredung ...« der
Fürst erhob sich schnell. »Ich habe hier geschlafen.«

»Das habe ich gesehen.«

»Hat mich niemand außer Ihnen geweckt? War niemand hier außer Ihnen? Ich
glaubte, hier sei eine ... andere gewesen.«

»Hier war eine andere ...?!«

Endlich besann sich der Fürst vollkommen.

»Das war nur ein Traum,« sagte er gedankenverloren. »Seltsam, in einem
solchen Augenblick solch ein Traum ... Setzen wir uns.«

Er erfaßte ihre Hand und nötigte sie zum Platznehmen, worauf er sich
neben sie hinsetzte. Aglaja zögerte, etwas zu sagen, und musterte
zunächst nur mißtrauisch ihren Nachbar. Dieser blickte sie gleichfalls
hin und wieder an, schien sie aber bisweilen überhaupt nicht
wahrzunehmen. Sie errötete.

»Ach so!« fuhr plötzlich der Fürst, zusammenzuckend, aus seinen Gedanken
auf. »Hippolyt hat sich erschossen!«

»Wann das? Bei Ihnen?« fragte sie, jedoch ohne besondere Verwunderung.
»Gestern abend lebte er doch noch, glaube ich? Aber wie konnten Sie dann
hier so schlafen, nachdem er sich das Leben genommen?!«

»Er ist ja nicht tot, die Pistole versagte.«

Auf Aglajas dringenden Wunsch mußte ihr der Fürst sogleich den ganzen
Vorgang erzählen, und zwar mit großer Ausführlichkeit. Sie trieb ihn
immer wieder an, unterbrach ihn jedoch selbst in jedem Augenblick mit
ungeduldigen Fragen, die sich zumeist auf ganz Nebensächliches bezogen.
Unter anderem hörte sie mit großem Interesse zu, als der Fürst Jewgenij
Pawlowitschs Aussprüche wiedergab, und auch hier unterbrach sie ihn mit
näheren Fragen.

»Nun genug davon, wir haben keine Zeit zu verlieren,« schloß sie
plötzlich, nachdem sie alles gehört hatte. »Wir können nur eine Stunde
hierbleiben, denn um acht muß ich unbedingt zu Hause sein, damit sie
nicht erfahren, daß ich hier gewesen bin. Ich muß Ihnen zuvor noch
vieles mitteilen. Nur haben Sie mich jetzt ganz aus dem Text gebracht.
Was diesen Hippolyt betrifft, nun -- ich glaube, daß das mit der Pistole
gerade so hat sein müssen! Daß die Pistole versagte, als er sich
erschießen wollte, das paßt vollständig zu ihm. Aber sind Sie auch
wirklich überzeugt, daß er sich im Ernst erschießen wollte, daß hier
kein Betrug vorliegt?«

»Nein, ein Betrug ist ausgeschlossen.«

»Das scheint mir auch so. Und er hat wirklich geschrieben, daß Sie seine
Beichte mir bringen sollen? Warum haben Sie sie dann nicht mitgebracht?«

»Aber er ist doch nicht gestorben. Ich werde sie mir von ihm ausbitten.«

»Bringen Sie sie mir unbedingt, zu bitten ist da nichts. Es wird ihm
sicherlich sehr angenehm sein, denn es ist doch möglich, daß er sich nur
deshalb hat erschießen wollen, damit ich dann seine Beichte lesen solle.
Ich bitte Sie, nicht über die Worte, die ich spreche, zu lachen, Lew
Nikolajewitsch, es ist wirklich sehr leicht möglich, daß es so gewesen
ist.«

»Ich lache nicht, ich bin vielmehr selbst überzeugt, daß es sich zum
Teil wirklich so verhalten haben kann.«

»Überzeugt? Sind Sie wirklich derselben Meinung wie ich?« wunderte sich
Aglaja.

Sie fragte schnell und sprach hastig, bisweilen jedoch verwirrte sie
sich und führte dann den schon begonnenen Satz nicht zu Ende. Sie schien
es sehr eilig zu haben -- obschon sie sich hundertmal selbst unterbrach
-- und schien ungewöhnlich erregt zu sein. Wenn sie auch mutig und fast
herausfordernd dreinschaute, so war ihr im Herzen doch sicherlich recht
bange. Sie trug ihr alltägliches, schlichtes Kleid, das ihr sehr gut
stand. Oft fuhr sie zusammen und errötete plötzlich. Auch saß sie nur
auf dem äußersten Rande der Bank. Die Bestätigung des Fürsten, daß der
Beweggrund Hippolyts zu diesem Selbstmordversuch teilweise tatsächlich
der Wunsch gewesen sein könne, daß sie seine Beichte lesen solle,
wunderte sie sehr.

»Natürlich wollte er,« erklärte der Fürst, »daß außer Ihnen auch wir ihn
loben sollten ...«

»Inwiefern loben?«

»Das heißt, daß ... wie soll man das sagen? Das ist sehr schwer zu
erklären. Zunächst hat er sicherlich gewollt, daß alle ihn umringen und
ihm sagen sollten, wie sehr sie ihn liebten und achteten. Ferner, daß
ihn alle bitten sollten, sich doch nicht zu erschießen, vielmehr am
Leben zu bleiben. Es ist sehr möglich, daß er dabei in erster Linie an
Sie gedacht hat ... ohne es vielleicht selbst zu wissen.«

»Das verstehe ich nicht: er soll gedacht und dabei nicht gewußt haben,
was er gedacht hat? Doch übrigens ... ich glaube, ich verstehe es doch
... Wissen Sie, daß ich selbst wohl schon dreißigmal daran gedacht habe,
mich zu vergiften -- noch als dreizehnjähriges Mädchen -- und in einem
Brief an meine Eltern ganz genau zu schildern, was mich in den Tod
getrieben hat. Und dann stellte ich es mir immer vor, wie ich im Sarge
liegen und die anderen um ihn herumstehen und weinen und sich anklagen
würden, daß sie so hart und streng zu mir gewesen waren ... Weshalb
lächeln Sie wieder,« wandte sie sich brüsk an den Fürsten, die Brauen
zusammenziehend, »ich möchte wohl wissen, was Sie sich alles gedacht
haben, wenn Sie allein gewesen sind und etwas zusammenträumten! Sie
sahen sich dann womöglich als großen Feldmarschall ... und vielleicht
als Besieger Napoleons!«

»Nun, werden Sie es mir glauben,« lachte der Fürst, »ich sehe mich, mein
Ehrenwort, oft als Feldherrn! Namentlich wenn ich abends im Begriff bin,
einzuschlafen. Nur besiege ich nicht Napoleon, sondern immer nur die
Österreicher.«

»Ich habe durchaus nicht die Absicht, mit Ihnen zu scherzen, Lew
Nikolajewitsch. Mit Hippolyt werde ich persönlich reden, und ich bitte
Sie, ihm das mitzuteilen. Von Ihnen aber finde ich es sehr häßlich, eine
Menschenseele so zu beurteilen, so zerlegend, wie Sie soeben Hippolyt
beurteilt haben. Sie haben kein Zartgefühl: was Sie sagen, das ist
nichts als Wahrheit, und schon deshalb ist es ungerecht.«

Der Fürst dachte nach.

»Ich glaube, _Sie_ sind ungerecht gegen _mich_,« sagte er. »Ich sehe
doch nichts Schlechtes darin, daß er so gedacht hat, denn alle sind doch
zu solchen Gedanken geneigt! Oh, und wie das! Zudem hat er es vielleicht
nicht einmal gedacht, sondern nur unbewußt so gewollt ... er wollte zum
letztenmal mit Menschen zusammenkommen, ihre Achtung und Liebe erwerben
-- das sind doch alles sehr gute Beweggründe, nur ist hier alles
gewissermaßen nicht so herausgekommen, wie er es sich gedacht hat. Es
ist eben die Krankheit ... und dann noch etwas. Bekanntlich kommt bei
den einen immer alles gut heraus, und bei den anderen immer alles
schlecht ...«

»Sie haben das wohl in bezug auf sich hinzugefügt?« fragte Aglaja.

»Ja, in bezug auf mich,« antwortete der Fürst, ohne auch nur im
geringsten ihren Spott aus der Frage herauszuhören.

»Nur wäre ich an Ihrer Stelle doch nicht eingeschlafen; wohin Sie nur
kommen -- überall schlafen Sie sogleich ein; das ist sehr wenig schön
von Ihnen.«

»Aber ich habe doch die ganze Nacht nicht geschlafen, und dann ging ich
hier umher, ging zur Musik ...«

»Zu was für einer Musik?«

»Ich ging dorthin, wo gestern die Musik spielte, und dann kam ich
hierher, setzte mich, begann nachzudenken, und dachte so lange nach, bis
ich einschlief.«

»Ah, also so war es! Das ändert die Sache ein wenig zu Ihrem Vorteil ...
Aber wozu gingen Sie zum Kurhaus?«

»Ich weiß es nicht, so ...«

»Gut, gut, davon später; Sie unterbrechen mich immer ... und was geht es
mich an, wo Sie gewesen sind! Von welch einer anderen hat Ihnen
geträumt?«

»Das ... das war ... Sie haben sie gesehen ...«

»Ich verstehe, verstehe sehr gut. Sie müssen sie sehr ... Wie erschien
sie Ihnen im Traum, in welcher Gestalt? Übrigens geht mich das nichts
an, ich will nichts davon wissen,« brach sie plötzlich ärgerlich ab.
»Unterbrechen Sie mich nicht ...«

Sie wartete eine Weile, wie um neuen Mut zu sammeln oder ihren Ärger
zuerst zu überwinden.

»Ich will Ihnen sagen, weshalb ich Sie hierhergerufen habe: ich will
Ihnen den Vorschlag machen, mein Freund zu werden. Was sehen Sie mich
plötzlich so an?« fragte sie fast zornig.

Der Fürst sah sie in diesem Augenblick allerdings sehr scharf und
forschend an, und es fiel ihm auf, daß sie wieder stark zu erröten
begann. In solchen Fällen, das heißt wenn sie errötete, ärgerte sie sich
unsäglich über sich selbst, was ihre Augen nur zu deutlich verrieten. In
der Regel begann sie aber dann schon im nächsten Augenblick ihren Zorn
auf denjenigen zu übertragen, mit dem sie sich gerade unterhielt,
gleichviel ob dieser nun schuldig oder unschuldig war, und brach dann
gewöhnlich einen Streit vom Zaun. Deshalb ließ sie sich auch
verhältnismäßig nur selten auf Gespräche ein, und war, da sie ihre
scheue Schamhaftigkeit kannte, bisweilen sogar allzu schweigsam. Mußte
sie jedoch in kitzlichen Fällen, wie es zum Beispiel dieser hier war,
notgedrungen sprechen, so verschanzte sie sich hinter anscheinend
unnahbarem Hochmut und begann das Gespräch geradezu mit alles
verachtender Herausforderung. Sie fühlte es stets im voraus, wann sie
erröten würde.

»Sie wollen das Anerbieten vielleicht ablehnen?« fragte sie ihn stolz
und fast von oben herab.

»O nein, gewiß nicht, nur ist das doch gar nicht nötig ... ich ... ich
habe gar nicht gedacht, daß man hier noch Anerbietungen machen muß,«
sagte der Fürst verwirrt.

»So, was haben Sie dann gedacht! Wozu hätte ich Sie denn sonst herrufen
sollen? Was haben Sie eigentlich im Sinn? Oder halten Sie mich auch für
ein kleines Gänschen, wie es zu Hause alle tun?«

»Ich habe nicht gewußt, daß man Sie für ein Gänschen hält, ich ... ich
halte Sie nicht dafür.«

»Nicht? Sehr klug von Ihnen. Und namentlich sehr klug ausgedrückt.«

»Ich finde, daß Sie manches Mal sogar sehr tief sind,« fuhr der Fürst
fort. »Sie sagten vorhin etwas, was mir sehr gefallen hat. Sie sagten:
>das hier ist nichts als Wahrheit, schon deshalb ist es ungerecht<. Das
werde ich behalten und darüber werde ich noch nachdenken.«

Aglaja wurde plötzlich rot vor Freude. Alle diese Veränderungen gingen
mit ungewöhnlicher Offenheit und Schnelligkeit vor sich. Der Fürst
freute sich gleichfalls und lächelte sogar vor Freude bei ihrem Anblick.

»So hören Sie denn,« begann sie wieder, »ich habe Sie lange erwartet, um
Ihnen das alles erzählen zu können, schon seit dem Tage, als ich Ihren
Brief erhielt, oder sogar noch früher ... Die Hälfte haben Sie bereits
gestern von mir gehört: ich halte Sie für den ehrlichsten und wahrsten
Menschen, der ehrlicher und wahrer ist als alle anderen, und wenn man
von Ihnen sagt, daß Ihr Verstand ... das heißt, daß Ihr Verstand, Ihr
Geist mitunter krank sei, so ist das nicht richtig; davon habe ich mich
auch überzeugt, und ich habe mit ihnen allen da gestritten, und wenn Sie
auch tatsächlich krank sind im ... im Geiste -- Sie werden mir das
natürlich nicht übelnehmen, denn ich meine doch nur im höheren Sinne --
so ist Ihr Hauptverstand, das ist es, was ich sagen will, doch größer
und besser als bei denen allen dort zusammengenommen -- die haben sich
solch einen überhaupt noch nicht träumen lassen. Denn es gibt doch in
jedem Menschen zwei Arten von Verstand: einen höheren und einen
niedrigeren. Nicht? Ist es nicht so?«

»Möglich, daß es so ist,« brachte der Fürst kaum vernehmbar hervor; sein
Herz bebte entsetzlich und schlug laut.

»Ich wußte ja, daß Sie es verstehen würden,« fuhr sie wichtig fort.
»Fürst Sch. und Jewgenij Pawlowitsch begreifen nichts von diesen zwei
Verstandesarten, Alexandra auch nicht, aber stellen Sie sich vor: Mama
begriff sofort.«

»Sie ähneln sehr Lisaweta Prokofjewna.«

»Wie das? Wirklich?« wunderte sich Aglaja.

»Jawohl, Sie können es mir glauben.«

»Ich danke Ihnen,« sagte sie nach einer Weile nachdenklich. »Es freut
mich sehr, daß ich Mama gleiche. Dann achten Sie sie wohl sehr?« fragte
sie plötzlich, ohne die Naivität der Frage selbst zu gewahren.

»Sehr, sehr, und es freut mich, daß Sie das so ohne weiteres verstanden
haben.«

»Und mich freut es, weil ich bemerkt habe, wie man bisweilen über sie
... lacht. Doch hören Sie nun die Hauptsache: ich habe es mir lange
überlegt -- und ich habe dann schließlich Sie erwählt. Ich will nicht,
daß man zu Hause über mich lacht; ich will nicht, daß man mich für ein
dummes Gänschen hält; ich will nicht, daß man mich aufzieht. Ich habe
das sogleich bemerkt und deshalb Jewgenij Pawlowitsch sofort kategorisch
abgewiesen, denn ich will auch nicht, daß man mich immer nur als
Heiratsobjekt betrachtet! Ich will ... ich will ... einfach -- ich will
entfliehen, und Sie habe ich erwählt, damit Sie mir dabei behilflich
sind.«

»Entfliehen!« rief der Fürst aufs höchste erschrocken aus.

»Ja, ja, ja, aus dem Hause meiner Eltern entfliehen!« wiederholte sie
zornig, sich an ihrer eigenen Phantasie berauschend. »Ich will nicht,
ich will nicht, daß man mich dort immer zwingt, zu erröten! Ich will vor
keinem Menschen erröten, weder vor Fürst Sch., noch vor Jewgenij
Pawlowitsch, noch vor sonst jemandem, und deshalb habe ich Sie erwählt.
Mit Ihnen will ich über alles, alles reden, sogar über das
Hauptsächlichste, sobald ich will. Das werde ich -- aber auch Sie dürfen
mir nichts verheimlichen. Ich will doch wenigstens mit einem Menschen
über alles reden dürfen wie mit mir selbst. Die da -- die begannen da
plötzlich alle zu sagen, daß ich Sie erwarte und Sie liebe. Das war noch
vor Ihrer Ankunft, und ich hatte ihnen Ihren Brief doch gar nicht
gezeigt ... jetzt aber pfeifen es schon alle Spatzen auf dem Dach. Ich
will dreist sein, dreist und mutig, und keinen Menschen fürchten. Ich
will nicht mehr ihre Bälle besuchen, ich will Nutzen bringen. Ich habe
schon längst entfliehen wollen. Zwanzig Jahre lang habe ich bei ihnen
hinter Schloß und Riegel gelebt, und ewig wird davon geredet, daß ich
heiraten soll. Schon mit vierzehn Jahren wollte ich fortlaufen, wenn ich
auch sonst noch dumm war. Jetzt aber habe ich mir alles reiflich
überlegt und nur auf Sie gewartet, um Sie über das Ausland auszufragen.
Ich habe noch keinen einzigen gotischen Dom gesehen, ich will Rom sehen,
ich will alle wissenschaftlichen Sammlungen besuchen, ich will in Paris
studieren. Ich habe mich das ganze letzte Jahr schon dazu vorbereitet
und gelernt, ich habe sehr viele Bücher gelesen, ich habe alle
verbotenen Bücher durchgelesen. Alexandra und Adelaida dürfen alle
Bücher lesen, ihnen ist es erlaubt, mir aber werden nicht alle gegeben,
ich muß mir auch darin noch Vormundschaft gefallen lassen. Mit den
Schwestern will ich deshalb nicht streiten, aber meiner Mutter und
meinem Vater habe ich schon längst erklärt, daß ich meine soziale
Stellung vollkommen verändern will. Ich habe beschlossen, mich mit
Kindererziehung zu beschäftigen, und ich habe dabei auf Ihren Beistand
gerechnet, denn Sie sagten doch, daß Sie Kinder lieben. Vielleicht
können wir uns gemeinsam damit befassen, wenn auch nicht jetzt -- aber
warum schließlich nicht später einmal? Dann könnten wir beide der Welt
Nutzen bringen. Ich will nicht mehr einzig und allein als
Generalstochter weiterleben. Sagen Sie, sind Sie ein sehr gelehrter
Mann?«

»Oh, durchaus nicht.«

»Das ist schade, ich aber dachte gerade ... nein, wie bin ich nur darauf
gekommen, das zu denken? Aber Sie werden mich trotzdem leiten, ich habe
Sie dazu erwählt.«

»Das ist doch alles ... sinnlos, Aglaja Iwanowna.«

»Ich will, ich will entfliehen!« rief sie heftig, und wieder erglühten
ihre Augen. »Wenn Sie nicht einwilligen, heirate ich Gawrila
Ardalionytsch. Ich will nicht, daß man mich zu Haus für ein gemeines
Frauenzimmer hält und mich Gott weiß wessen noch alles beschuldigt.«

»Sind Sie ... sind Sie von Sinnen!« Der Fürst sprang fast auf vor
Schreck. »Wessen beschuldigt man Sie, wer beschuldigt Sie?«

»Zu Hause tun's alle, Mama, Alexandra, Adelaida, Papa, Fürst Sch., sogar
Ihr dummer naseweiser Bengel Koljä! Wenn sie es auch nicht direkt sagen,
so denken sie es doch. Ich habe es ihnen aber allen ins Gesicht gesagt,
beiden, Mama sowohl wie Papa. Mama war den ganzen Tag krank; am nächsten
Tage aber sagten mir Alexandra und Papa, daß ich selbst nicht wüßte, was
ich da schwatzte und welche Worte ich gebrauchte. Ich sagte ihnen aber
direkt ins Gesicht, daß ich bereits alles begriffe, alle Worte, daß ich
kein Baby mehr sei, daß ich schon vor zwei Jahren absichtlich zwei
Romane von Paul de Kock gelesen habe, um endlich alles zu erfahren. Als
Mama das hörte, fiel sie sofort in Ohnmacht.«

Dem Fürsten kam plötzlich ein seltsamer Gedanke. Er blickte Aglaja
prüfend an ... und lächelte.

Er konnte es kaum glauben, daß er dasselbe unnahbare Mädchen vor sich
hatte, das ihm einst mit so hochmütigem Stolz Gawrila Ardalionytschs
Brief zurückgegeben hatte. Es schien ihm unerklärlich, wie sich in einer
so kühlen, abweisenden Schönheit ein solches Kind verbergen konnte, ein
Kind, das offenbar auch _jetzt_ noch nicht »alle Worte begriff«.

»Haben Sie immer zu Hause gelebt, Aglaja Iwanowna?« fragte er. »Ich
meine -- haben Sie nie eine öffentliche Schule besucht, sind Sie nie in
einem Institut gewesen?«

»Nein, niemals und nirgends; ich habe immer nur zu Haus gesessen, wie in
einer Flasche verkorkt, und aus der Flasche werde ich verheiratet.
Worüber lachen Sie wieder? Ich sehe, daß auch Sie, wie es scheint, sich
über mich lustig machen und zu den anderen halten,« sagte sie schroff
mit finster gerunzelter Stirn. »Ärgern Sie mich nicht, ich weiß ohnehin
nicht, was mit mir geschieht ... ich bin überzeugt, Sie sind
hierhergekommen in der Meinung, daß ich in Sie verliebt sei und Sie zu
einem Stelldichein gerufen habe,« versetzte sie gereizt.

»Gestern habe ich das in der Tat gefürchtet,« verriet der Fürst in
seiner treuherzigen Offenheit -- er war äußerst verwirrt --, »doch heute
bin ich überzeugt, daß Sie ...«

»Was!« rief Aglaja ganz entsetzt aus, und ihre Unterlippe begann zu
beben. »Sie haben gefürchtet, daß ich ... Sie haben zu denken gewagt,
daß ich ... Herr des Himmels! Sie haben dann am Ende gar vermutet, daß
ich Sie hergerufen habe, um Sie ins Netz zu locken und damit man uns
dann hier antrifft und Sie zwingt, mich zu heiraten ...«

»Aglaja Iwanowna! Schämen Sie sich denn nicht! Wie kann ein so
schmutziger Gedanke in Ihrem reinen, unschuldigen Herzen entstehen? Ich
bin überzeugt, daß Sie an kein einziges Ihrer Worte glauben und ...
selbst nicht wissen, was Sie sagen!«

Aglaja rührte sich nicht und blickte unverwandt zu Boden, als hätten
ihre Worte sie jetzt selbst erschreckt.

»Ich schäme mich nicht ein bißchen,« murmelte sie schließlich
eigensinnig. »Woher wissen Sie, daß mein Herz unschuldig ist? Wie haben
Sie mir damals einen Liebesbrief zu schreiben gewagt?«

»Einen Liebesbrief? Mein Brief soll ein -- Liebesbrief gewesen sein! Das
war der ehrerbietigste Brief, den ich je geschrieben habe; was ich Ihnen
schrieb, strömte aus meinem Herzen in der schwersten Stunde meines
Lebens! Ich entsann mich Ihrer, wie einer lichten Erscheinung ... ich
...«

»Nun gut, gut,« unterbrach sie ihn plötzlich, doch bereits nicht mehr im
alten Tone, sondern in aufrichtiger Reue und fast erschrocken, ja sie
beugte sich sogar etwas näher zu ihm, jedoch immer noch bemüht, ihn
nicht offen anzusehen, und sie schien ihn leise an der Schulter berühren
zu wollen, um ihn noch dringender zu bitten, sich doch nicht zu ärgern.
»Nun gut,« sagte sie unsäglich beschämt. »Ich fühle, daß ich einen sehr
dummen Ausdruck gebraucht habe. Das habe ich aber nur so ... nur, um Sie
zu prüfen. Vergessen Sie es, tun Sie, als wäre es überhaupt nicht
gesprochen. Und wenn ich Sie gekränkt habe, so verzeihen Sie mir. Sehen
Sie mich, bitte, nicht so an, blicken Sie dorthin, wenden Sie sich von
mir ab. Sie sagen, das sei ein schmutziger Gedanke: ich habe ihn aber
absichtlich ausgesprochen, um Sie zu reizen. Bisweilen habe ich selber
Angst vor dem, was ich sagen will, und dann plötzlich sage ich es doch.
Sie sagten soeben, daß Sie diesen Brief in der schwersten Stunde Ihres
Lebens geschrieben hätten ... Ich weiß, in welch einer Stunde das
gewesen ist,« fügte sie leise hinzu, den Blick wieder zu Boden gesenkt.

»O, wenn Sie alles wüßten!«

»Ich weiß alles!« rief sie plötzlich von neuem erregt aus. »Sie lebten
damals in ein und demselben Zimmer mit jenem gemeinen Weibe, mit dem Sie
entflohen waren ...«

Sie wurde nicht rot, sondern bleich, als sie das sagte, und plötzlich
erhob sie sich von der Bank, wie in Gedanken verloren, doch besann sie
sich sogleich wieder und setzte sich: ihre Unterlippe fuhr noch lange
fort, zu zucken. Das Schweigen dauerte wohl eine ganze Minute. Der Fürst
war unsäglich betroffen durch diesen plötzlichen Umschlag in ihrem Wesen
und wußte nicht, welch einer Ursache er ihn zuschreiben sollte.

»Ich liebe Sie ganz und gar nicht,« sagte sie plötzlich auffallend
unvermittelt und barsch -- wie gehackt klang der Satz.

Der Fürst entgegnete hierauf nichts. Wieder schwiegen sie.

»Ich liebe Gawrila Ardalionytsch ...« sagte sie dann hastig, jedoch kaum
hörbar, und sie senkte noch mehr den Kopf.

»Das ist nicht wahr,« sagte der Fürst, gleichfalls fast flüsternd.

»Sie wollen mich also Lügen strafen? Nein, es ist wahr: ich habe ihm vor
drei Tagen hier auf dieser Bank mein Jawort gegeben.«

Der Fürst erschrak und sann eine Weile nach.

»Nein, das ist nicht wahr,« sagte er entschieden, »Sie haben sich das
alles jetzt hier ausgedacht.«

»Sie sind wirklich ausnehmend höflich. So hören Sie denn: er hat sich
sehr gebessert und liebt mich mehr als sein Leben. Er hat vor meinen
Augen seine Hand verbrannt, nur um mir zu beweisen, daß er mich mehr als
sein Leben liebt.«

»Seine Hand verbrannt?«

»Ja, seine Hand. Glauben Sie's, oder glauben Sie's nicht, mir ist es
gleich.«

Der Fürst schwieg wieder. Es war nicht der geringste Scherzton aus
Aglajas Stimme herauszuhören.

»Wie, hat er denn eine Kerze mitgebracht, wenn es hier geschehen sein
soll? Anders kann ich es mir gar nicht vorstellen ...«

»Ja ... eine Kerze. Was ist denn dabei so unwahrscheinlich?«

»Eine ganze Kerze oder ... eine im Leuchter?«

»Nun ja ... nein ... eine halbe Kerze, einen Lichtstumpf ... eine
ganze Kerze, -- gleichviel, hören Sie auf! ... Und auch eine
Streichholzschachtel hat er, wenn Sie wollen, mitgebracht. Er hat hier
die Kerze angezündet und eine ganze halbe Stunde lang den Finger in die
Flamme gehalten. Klingt denn das so unmöglich?«

»Ich habe ihn gestern gesehen: er hat keinen verbrannten Finger.«

Aglaja platzte endlich laut heraus und lachte wie ein Kind.

»Wissen Sie, warum ich soeben gelogen habe?« wandte sie sich ebenso
plötzlich an den Fürsten -- mit der kindlichsten Zutraulichkeit und
einem Lachen, das schalkhaft um ihre Lippen zuckte. »Weil jedesmal, wenn
man beim Lügen geschickt etwas nicht ganz Gewöhnliches hineinflicht,
irgend etwas, nun wissen Sie, etwas, das ganz selten vorkommt, oder
sogar überhaupt nicht, dann die Lüge sogleich viel wahrscheinlicher
wird. Das habe ich oft bemerkt. Mir ist es diesmal nur leider nicht
gelungen, ich verstand nicht, es richtig zu machen ...«

Plötzlich wurde sie wieder ernst und runzelte die Stirn, wie wenn sie
sich besonnen hätte.

»Wenn ich Ihnen damals,« wandte sie sich an den Fürsten, indem sie ihn
ernst und beinahe traurig ansah, »wenn ich Ihnen damals auch die Ballade
vom >armen Ritter< vortrug, so wollte ich Sie damit ... wenn ich Sie
auch damit einesteils loben wollte -- doch andernteils für Ihr Benehmen
brandmarken und Ihnen zeigen, daß ich alles weiß ...«

»Sie sind sehr ungerecht zu mir ... und zu jener Unglücklichen, über die
Sie sich soeben so häßlich geäußert haben, Aglaja.«

»Weil ich eben alles weiß, alles, deshalb habe ich mich auch so
ausgedrückt. Ich weiß, daß Sie ihr vor einem halben Jahr in Gegenwart
aller Gäste einen Heiratsantrag gemacht haben. Unterbrechen Sie mich
nicht, Sie sehen, ich rede ohne Kommentar. Darauf entfloh sie mit
Rogoshin; dann lebten Sie mit ihr in irgendeinem Dorf oder kleinen
Städtchen, bis sie von Ihnen wieder fortging zu einem anderen.« Aglaja
errötete entsetzlich. »Dann kehrte sie wieder zu Rogoshin zurück, der
sie immer noch liebte, wie ... wie ein Irrsinniger. Darauf sind nun Sie,
gleichfalls ein sehr kluger Mann, hierher ihr nachgereist, sobald Sie
nur erfahren hatten, daß sie in Petersburg eingetroffen ist. Gestern
abend beeilten Sie sich, sie zu verteidigen, und soeben haben Sie sie
hier im Traum gesehen. -- Sehen Sie jetzt, daß ich alles weiß! Sie sind
doch ihretwegen, einzig ihretwegen hergekommen?«

»Ja, ihretwegen,« antwortete der Fürst leise, traurig und nachdenklich,
indem er den Kopf senkte, ohne auch nur zu ahnen, mit welch glühendem
Blick Aglaja an ihm hing. »Ihretwegen ... nur um zu erfahren ... Ich
glaube nicht an ihr Glück mit Rogoshin, wenn auch ... mit einem Wort,
ich weiß nicht, was ich hier für sie tun könnte, wie ihr helfen, aber
ich bin in der Tat um ihretwillen gekommen.«

Er zuckte zusammen und blickte Aglaja an, die ihm mit Verachtung
zuhörte.

»Wenn Sie gekommen sind, ohne selbst zu wissen weshalb, so müssen Sie
sie ja sehr lieben,« sagte sie schließlich.

»Nein,« antwortete der Fürst, »nein, ich liebe sie nicht. Oh, wenn Sie
wüßten, mit welch einem Entsetzen ich an jene Zeit, die ich mit ihr
zusammen verbracht habe, jetzt zurückdenke!«

Ein Zittern überlief bei diesen Worten seinen Körper.

»Erzählen Sie alles,« sagte Aglaja.

»Hier ist nichts, was ich Ihnen nicht erzählen dürfte. Weshalb ich
gerade Ihnen alles erzählen will, und zwar nur Ihnen allein -- das weiß
ich nicht; vielleicht, weil ich Sie in der Tat sehr liebe. Diese
unglückliche Frau ist unerschütterlich davon überzeugt, daß sie das in
der ganzen Welt am tiefsten gefallene, lasterhafteste Wesen sei. Oh,
schmähen Sie sie nicht, werfen Sie keinen Stein auf sie! Sie hat sich
selbst schon gar zu sehr mit dem Bewußtsein ihrer unverdienten Schande
gemartert! Und worin besteht ihre Schuld, mein Gott! Oh, sie schreit es
ja täglich wie außer sich: daß sie nicht die geringste Schuld sich
zuzuschreiben hat, daß sie ein Opfer der Menschen ist, das Opfer eines
Lüstlings und Buben; aber was sie Ihnen auch sagen mag, sie ist doch
selbst die erste, die ihren eigenen Worten nicht glaubt, sondern mit
ihrem ganzen Gewissen überzeugt ist, daß sie im Gegenteil ... selbst
schuld ist. Als ich diese unseligen, düsteren Gedanken aus ihrer Seele
verscheuchen wollte, da wurde ihre Qual, ihre Seelenpein so groß -- ich
sah doch, wie ihre Seele sich wand unter der Marter -- daß ... daß mein
Herz nie aufhören wird zu bluten, solange ich diese furchtbaren Stunden
nicht aus meinem Gedächtnis bannen kann. Es war mir damals, als würde
mein Herz für immer durchbohrt. Wissen Sie, weshalb sie von mir
fortlief? -- Nur um mir zu beweisen, daß sie tatsächlich ein --
gefallenes Weib sei. Doch das Furchtbarste war gerade das, daß sie
vielleicht selbst nicht einmal wußte, daß sie nur mir das hatte beweisen
wollen, und innerlich in dem Glauben befangen war, daß sie nur deshalb
geflohen sei, weil sie innerlich unbedingt das Bedürfnis nach einer
neuen schamlosen Tat gehabt habe, um sich dann immerfort sagen zu
können: >Sieh, was du jetzt getan hast, beweist doch mehr als deutlich,
daß du nichts anderes als eben nur ein niedriges, verworfenes,
schmutziges Geschöpf bist!< Oh, vielleicht werden Sie das alles gar
nicht verstehen, Aglaja! Wissen Sie auch, daß in diesem immerwährenden
Sich-ihrer-Schmach-bewußt-sein ein unheimlicher, unnatürlicher Genuß für
sie liegen kann, wie eine gewisse Rache an irgend jemandem ... Bisweilen
gelang es mir, sie so weit zu bringen, daß sie etwas Licht in der
Finsternis um sich zu sehen begann; aber sogleich empörte sie sich
wieder und ging dann so weit, daß sie mir, mir bitter vorwarf, ich
stelle mich hoch und hochmütig über sie -- während ich doch nicht einmal
im Traum daran gedacht hatte -- und schließlich sagte sie mir, als ich
um sie anhielt, daß sie von keinem weder anmaßendes Mitleid, noch Hilfe,
noch >Erhebung zu ihm empor< verlange. Sie haben sie gestern gesehen;
glauben Sie denn, daß sie in dieser Gesellschaft glücklich ist, daß
dieses Leben ihr zusagt? Sie wissen nicht, wie sie geistig entwickelt
ist, und was sie alles begreifen kann! Sie hat mich bisweilen geradezu
in Erstaunen gesetzt!«

»Haben Sie ihr dort auch solche ... Predigten gehalten?«

»O nein,« fuhr der Fürst gedankenverloren fort, ohne daß ihm der Ton der
Frage irgendwie aufgefallen wäre, »ich habe fast immer geschwiegen. Oft
genug habe ich reden wollen, aber, offen gestanden, ich habe dann nie
gewußt, was ich sagen sollte. Wissen Sie, in manchen Fällen ist es
besser, überhaupt nicht zu sprechen. Oh, ich habe sie geliebt; oh, sehr
geliebt ... dann aber ... dann ... dann erriet sie alles.«

»Was erriet sie?«

»Daß ich nur unendliches Mitleid mit ihr hatte, und daß ich sie ...
bereits nicht mehr liebte.«

»Woher wissen Sie, daß sie sich nicht tatsächlich in jenen ...
Gutsbesitzer verliebt hatte, mit dem sie losgezogen war?«

»Nein, ich weiß ... sie hat sich über ihn nur lustig gemacht.«

»Und über Sie hat sie sich niemals lustig gemacht?«

»N--ein. Sie hat vielleicht aus Bosheit über mich gelacht; oh, sie hat
mir auch entsetzliche Vorwürfe gemacht, im Zorn -- und litt doch selbst
mehr als ich darunter! Doch ... dann ... oh, erinnern Sie mich nicht,
erinnern Sie mich nicht daran!«

Er bedeckte das Gesicht mit den Händen.

»Aber wissen Sie auch, daß ich fast täglich einen Brief von ihr
erhalte?«

»So ist es also wahr!« rief der Fürst erregt. »Ich habe davon gehört,
aber ich konnte es nicht glauben.«

»Von wem haben Sie es gehört?« fuhr Aglaja erschrocken auf.

»Rogoshin sagte es mir gestern, nur sprach er es nicht ganz deutlich
aus.«

»Gestern? Gestern morgen? Wann gestern? Vor dem Konzert oder nachher?«

»Nachher; spät am Abend, kurz vor zwölf.«

»A--a, nun, wenn's Rogoshin ... Aber wissen Sie auch, was sie in diesen
Briefen schreibt?«

»Ich würde mich über nichts wundern, sie ist ja wahnsinnig.«

»Hier sind diese Briefe.« Aglaja zog aus ihrer Tasche drei Briefe in
drei Kuverts hervor und warf sie dem Fürsten hin. »Schon seit einer
ganzen Woche fleht sie mich an, beredet, beschwört sie mich, Sie zu
heiraten. Sie ist ... nun ja, sie ist klug, wenn sie auch wahnsinnig
ist, und Sie haben recht, wenn Sie sagen, daß sie viel klüger sei als
ich ... sie schreibt, daß sie in mich verliebt sei, daß sie jeden Tag
eine Gelegenheit suche, um mich, wenn auch nur von ferne, zu sehen. Sie
schreibt, daß Sie mich lieben, sie wisse es ganz genau, habe es schon
längst bemerkt, und Sie hätten dort mit ihr auch über mich gesprochen.
Sie will Sie glücklich sehen; sie ist überzeugt, daß nur ich Ihr Glück
ausmachen könne ... Sie schreibt so sonderbar ... so ungeheuerlich ...
Ich habe ihre Briefe keinem Menschen gezeigt, ich habe Sie erwartet;
wissen Sie, was das alles zu bedeuten hat? Erraten Sie nichts?«

»Das ist Wahnsinn, ein Beweis ihres Irrsinns,« sagte der Fürst mit
bebenden Lippen.

»Weinen Sie nicht gar?«

»Nein, Aglaja, nein, ich weine nicht.« Er blickte sie an.

»Was soll ich nun hier tun? Wozu würden Sie mir raten? Ich kann doch
nicht ewig diese Briefe empfangen!«

»O, lassen Sie sie, ich beschwöre Sie!« rief der Fürst. »Und was sollten
Sie auch in dieser Finsternis ... ich werde alles tun, damit sie keine
Briefe mehr an Sie schreibt.«

»Wenn Sie das tun, dann sind Sie ein herzloser Mensch!« rief Aglaja.
»Oder sehen Sie denn wirklich nicht, daß sie nicht in mich verliebt ist,
sondern in Sie, daß sie nur Sie allein liebt! Sollte Ihnen wirklich
gerade dieses entgangen sein, während Sie doch alles andere bemerkt
haben? Wissen Sie, was diese Briefe bedeuten? -- Eifersucht bedeuten
sie! Es ist sogar noch mehr als Eifersucht! Sie wird ... Glauben Sie,
daß sie Rogoshin wirklich heiraten wird, wie sie es hier in diesen
Briefen schreibt? Töten wird sie sich am nächsten Tage nach unserer
Hochzeit!«

Der Fürst fuhr zusammen. Sein Herz stand still. Doch verwundert sah er
Aglaja an und plötzlich begriff er, daß dieses Kind längst Weib war.

»Aglaja, um ihr die Ruhe wiederzugeben und sie glücklich zu machen,
würde ich mein Leben hingeben, aber ... jetzt kann ich sie nicht mehr
lieben und das weiß sie!«

»So opfern Sie sich doch, das würde Ihnen ja so gut stehen. Sie sind ja
ein so großer Wohltäter! Und, bitte, nennen Sie mich nicht >Aglaja< ...
Sie haben dreimal einfach >Aglaja< gesagt ... Sie meinen, es ist Ihre
Pflicht, sie wieder aufzurichten, Sie müssen wieder mit ihr reisen, um
ihr Herz zu beruhigen und zu versöhnen. Sie lieben doch keine andere als
gerade sie!«

»Ich habe mich nicht so opfern können, obschon ich es einmal wollte und
... vielleicht auch jetzt noch will. Ich weiß aber, ich _weiß_, daß sie
mit mir unglücklich werden würde, und deshalb verlasse ich sie. Ich
sollte sie heute um sieben Uhr sehen; jetzt werde ich vielleicht nicht
zu ihr gehen. In ihrem Stolz wird sie mir nie meine Liebe verzeihen --
und so würden wir beide zugrunde gehen. Das ist unnatürlich, aber ist
hier nicht alles unnatürlich? Sie sagen, daß sie mich liebt, aber ist
denn das Liebe? Kann denn hier wirklich noch von Liebe die Rede sein,
nach allem, was ich erduldet habe! Nein, hier ist es etwas ganz anderes,
nicht aber Liebe!«

»Wie bleich Sie sind!« sagte Aglaja plötzlich erschrocken.

»Ich habe wenig geschlafen, es ist nichts ... ich bin abgespannt, ich
... wir haben damals in der Tat von Ihnen gesprochen, Aglaja ...«

»So ist es wahr? Sie haben wirklich _mit ihr über mich sprechen können_
und ... und wie konnten Sie mich liebgewinnen, wenn Sie mich doch nur
erst einmal gesehen hatten?«

»Ich weiß nicht, wie ich es konnte. In jenem Dunkel, in dem ich mich
damals befand, träumte ich ... träumte ich vielleicht von einer
Morgenröte. Ich weiß nicht, wie es kam, daß ich an Sie dachte, an Sie
zuerst und vor allen anderen. Ich habe Ihnen damals die volle Wahrheit
geschrieben, ich wußte es wirklich nicht. Alles das war nur eine
Illusion ... die durch das damalige Entsetzen heraufbeschworen wurde ...
Dann begann ich zu lernen; ich wäre wohl vor drei Jahren nicht wieder
hergereist ...«

»Sie sind also _ihretwegen_ gekommen?«

Es war ein Beben in Aglajas Stimme.

»Ja, ihretwegen.«

Zwei Minuten lang herrschte düsteres Schweigen zwischen ihnen. Dann
erhob sich Aglaja von ihrem Platz.

»Wenn Sie sagen,« begann sie mit unsicherer Stimme, »wenn Sie selbst
glauben, daß dieses ... Ihr Frauenzimmer ... wahnsinnig ist, so ... habe
ich mit ihren wahnsinnigen Phantasien nichts zu schaffen ... Ich bitte
Sie, Lew Nikolajewitsch, diese drei Briefe an sich zu nehmen und sie ihr
vor die Füße zu werfen, in meinem Namen! Und wenn sie,« schrie plötzlich
Aglaja wie rasend, »wenn sie es noch einmal wagt, mir auch nur eine
Zeile zu schreiben, so -- sagen Sie ihr das -- werde ich mich bei meinem
Vater beklagen, und dann wird man sie ins Zuchthaus werfen ...«

Der Fürst sprang auf und blickte sie verständnislos an, ganz erschrocken
durch ihre plötzliche Heftigkeit. Und plötzlich fiel es auch ihm wie
Schuppen von den Augen ...

»Sie können nicht so fühlen ... das ist nicht wahr,« murmelte er.

»Doch! Es ist wahr, es ist wahr!« schrie Aglaja wie rasend, als hätte
sie jede Besinnung verloren.

»Was ist wahr? Was soll hier wahr sein?« ertönte plötzlich eine
angstvolle Stimme.

Vor ihnen stand Lisaweta Prokofjewna.

»Das ist wahr, daß ich Gawrila Ardalionytsch heiraten werde! Daß ich
Gawrila Ardalionytsch liebe und morgen noch mit ihm entfliehe!« wandte
sich Aglaja zornbebend an die Mutter. »Haben Sie es jetzt gehört? Ist
Ihre Neugier befriedigt? Sind Sie zufrieden damit?«

Und sie wandte sich schroff um und lief davon.

»Nein, mein Bester, so gehen Sie mir nicht fort,« hielt Lisaweta
Prokofjewna den Fürsten auf, »haben Sie die Güte, sich zu uns zu bemühen
und mir das ein wenig zu erklären ... Hat mich doch meine Ahnung die
ganze Nacht gequält und nicht schlafen lassen! ...«

Der Fürst folgte ihr.


                                  IX.

Als sie in der Villa angelangt waren, blieb Lisaweta Prokofjewna
sogleich im ersten Zimmer stehen: weiter konnte sie nicht mehr gehen und
völlig erschöpft ließ sie sich auf eine kleine Chaiselongue nieder, ohne
in der Zerstreutheit auch den Fürsten zum Platznehmen aufzufordern. Es
war das in einem ziemlich großen Saal, mit reichen Blumenarrangements
vor den Fenstern, einem schweren runden Tisch in der Mitte, einem Kamin
und einer großen Glastür in der anderen Wand, durch die man in den
Garten gelangte.

Kaum waren sie eingetreten, als auch Alexandra und Adelaida erschienen
und in fragender Verständnislosigkeit die Mutter und den Fürsten
anblickten.

Die jungen Mädchen pflegten in der Sommerfrische gewöhnlich gegen neun
Uhr aufzustehen; nur Aglaja hatte sich in den letzten zwei oder drei
Tagen etwas früher erhoben, um dann im Garten spazieren zu gehen, doch
immerhin war das noch nicht um sieben geschehen, sondern erst so um
acht, halb neun herum. Lisaweta Prokofjewna, deren unzählige Sorgen sie
während der Nacht in der Tat keinen Schlaf hatten finden lassen, hatte
sich schließlich kurz vor acht angekleidet, um Aglaja im Garten zu
treffen, doch siehe da: ihre Jüngste war weder im Schlafzimmer noch im
Garten zu finden. Von dem Stubenmädchen erfuhr sie, daß Aglaja Iwanowna
bereits um sieben in den Park gegangen sei. Die Schwestern hatten über
Aglajas neuen phantastischen Einfall zu lachen begonnen und gemeint,
Aglaja würde sich sicherlich sehr ärgern, wenn die Mutter sie im Park
aufsuchte. Sie hatten dabei geäußert, daß sie bestimmt mit einem Buch
auf jener grünen Bank sitze, um derentwillen sie sich noch vor drei
Tagen mit Fürst Sch. gezankt hatte, weil es diesem nicht gegeben war, in
der Lage dieser Bank etwas Besonderes zu erblicken. So begab sich denn
die Generalin zur grünen Bank und erschrak unsäglich über das
Stelldichein, dessen Zeuge sie wurde, und über die Worte, die sie noch
auffing. Als sie aber jetzt dem Fürsten gegenübersaß, wurde ihr bange
bei dem Gedanken daran, was sie angestiftet hatte. »Weshalb sollte denn
Aglaja nicht mit ihm zusammenkommen dürfen, selbst wenn es auch ein
verabredetes Rendezvous war?«

»Glauben Sie nicht, mein Lieber,« sagte sie schließlich, sich
zusammennehmend, »daß ich Sie hergebeten habe, um Sie auszuforschen ...
Ich hätte nach dem, mein Täubchen, was gestern geschah, vielleicht lange
nicht den Wunsch gehabt, dich wiederzusehen ...«

Sie stockte ein wenig.

»Doch immerhin würden Sie gern erfahren wollen, wie es kam, daß ich
heute mit Aglaja Iwanowna zusammengetroffen bin?« beendete der Fürst mit
der größten Ruhe ihren Satz.

»Nun ja, gewiß wollte ich das!« sagte Lisaweta Prokofjewna sogleich
ärgerlich und sie errötete plötzlich. »Ich fürchte mich nicht vor
offener Aussprache, denn ich trete keinem zu nah und habe auch nicht die
Absicht gehabt, jemanden zu beleidigen ...«

»Aber ich bitte Sie, da bedarf es doch gar keiner Entschuldigungen, es
ist doch nur natürlich, daß Sie es wissen wollen. Sie sind -- ihre
Mutter. Wir trafen uns heute, Aglaja Iwanowna und ich, um sieben Uhr,
bei der grünen Bank, weil sie mich dazu aufgefordert hatte. Sie teilte
mir gestern abend schriftlich mit, daß sie mich in einer wichtigen
Angelegenheit sprechen müsse. Wir trafen uns und sprachen eine ganze
Stunde von Dingen, die eigentlich nur Aglaja Iwanowna angehen -- und das
war alles.«

»Selbstverständlich war das alles, Väterchen, und sogar ohne jeden
Zweifel alles,« sagte die Generalin würdevoll.

»Vortrefflich, Fürst!« sagte Aglaja, die plötzlich in den Saal trat.
»Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, daß Sie auch mich für unfähig
gehalten haben, mich zur Lüge zu erniedrigen. Genügt Ihnen diese
Erklärung, Mama, oder beabsichtigen Sie, noch weiter zu fragen?«

»Du weißt, daß ich vor dir noch niemals zu erröten gebraucht habe, wenn
du es vielleicht auch gern sehen würdest,« antwortete Lisaweta
Prokofjewna zurechtweisend. »Leben Sie wohl, Fürst, und verzeihen Sie
mir, daß ich Sie beunruhigt habe. Ich hoffe, daß Sie von meiner
unveränderlichen Hochachtung für Sie überzeugt bleiben werden.«

Der Fürst verbeugte sich sogleich nach beiden Seiten und verließ
schweigend den Saal. Alexandra und Adelaida lächelten und flüsterten ein
paar Worte unter sich. Die Generalin maß sie beide mit strengem Blick.

»Wir lachen ja nur darüber, Mama,« sagte Adelaida auflachend, »daß der
Fürst sich so wundervoll verbeugt hat; mitunter tut er es wie ein Sack,
und nun auf einmal wie ... wie Jewgenij Pawlowitsch!«

»Zartgefühl und Würde lehrt das eigene Herz und nicht der Tanzmeister,«
bemerkte Lisaweta Prokofjewna und sie rauschte hinaus, ohne Aglaja auch
nur mit einem Blick zu streifen. Sie begab sich in ihr Zimmer, das im
oberen Stockwerk lag.

Als der Fürst nach Hause kam -- es war mittlerweile fast schon neun
geworden -, traf er auf der Terrasse Wjera Lukjanowna und die Stubenmagd
beim Aufräumen an, und das war nach der letzten Nacht auch dringend
nötig.

»Gott sei Dank, wir sind gerade fertig geworden!« sagte Wjera erfreut.

»Guten Morgen! Mein Kopf geht mir ein wenig in die Runde, ich habe
schlecht geschlafen und würde es jetzt gern nachholen.«

»Wollen Sie nicht wieder auf der Terrasse schlafen, so wie gestern? Gut,
ich werde allen sagen, daß man Sie nicht wecken soll. Papa ist
irgendwohin gegangen.«

Die Magd ging hinaus, Wjera wollte ihr folgen, doch plötzlich kehrte sie
zurück und näherte sich mit besorgter Miene dem Fürsten.

»Fürst, haben Sie Mitleid mit diesem ... Unglücklichen, jagen Sie ihn
heute nicht fort.«

»Ich denke nicht daran, er soll so lange bleiben wie er will.«

»Er wird jetzt nichts tun und ... seien Sie nicht streng gegen ihn.«

»O nein, weshalb sollte ich?«

»Und ... lachen Sie nicht über ihn, das ist das Wichtigste.«

»Oh, das fällt mir gar nicht ein!«

»Ach, ich bin dumm, daß ich das einem Menschen, wie Ihnen, auch noch
sage!« sagte Wjera errötend. »Übrigens wenn Sie auch noch müde sind,«
lachte sie, bereits halb abgewandt, um hinauszugehen, »so haben Sie
jetzt doch so prächtige Augen ... so glückliche Augen.«

»Ja? In der Tat glückliche?« fragte der Fürst lebhaft und lachte
gleichfalls erfreut.

Doch Wjera, die sonst wie ein Knabe harmlos und unbefangen war, geriet
plötzlich aus irgendeinem Grunde in Verwirrung, errötete noch mehr und
zog sich, immer noch lachend, schnell zurück.

»Was für ein ... liebes Ding ...« dachte der Fürst, vergaß sie aber
schon im nächsten Augenblick. Er setzte sich auf die Chaiselongue an der
Rückwand der Terrasse, bedeckte das Gesicht mit den Händen und verharrte
in dieser Stellung wohl zehn Minuten; plötzlich griff er schnell und
erregt in die Rocktasche und zog die drei Briefe hervor. In diesem
Augenblick öffnete sich die Tür und Koljä trat ein. Der Fürst schien
gleichsam erfreut darüber, daß er die Briefe in die Tasche
zurückschieben mußte und so der Augenblick des Lesens ein wenig
hinausgeschoben wurde.

»Nun, das war was!« sagte Koljä, ließ sich gleichfalls auf die
Chaiselongue nieder und ging wie alle seinesgleichen ohne Umschweife auf
die Hauptsache über. »Mit welchen Augen sehen Sie jetzt auf Hippolyt?
Ohne jede Achtung?«

»Wieso, weshalb das? ... Nur ... wissen Sie, Koljä, ich bin sehr müde
... Zudem wäre es auch gar zu traurig, wieder davon anzufangen ...
Übrigens, was macht er jetzt?«

»Er schläft und wird noch seine zwei Stunden schlafen. Ich begreife, Sie
haben die ganze Nacht nicht geschlafen, sind im Park gewesen ...
versteht sich, die Aufregung ... das fehlte noch!«

»Woher wissen Sie, daß ich im Park gewesen bin und nicht zu Hause
geschlafen habe?«

»Wjera sagte es mir. Sie wollte mich bereden, Sie nicht zu stören: ich
hielt's aber nicht aus -- nur auf einen Augenblick. Ich habe zwei
Stunden an seinem Bett gewacht. Jetzt habe ich Kostjä Lebedeff zur
Ablösung hingepflanzt. Burdowskij ist abgezogen. So legen Sie sich denn
hin, Fürst. Gute N--n ... nein, guten Tag! Nur, wissen Sie, ich bin
baff!«

»Natürlich ... alles das ...«

»Nein, Fürst, nein; ich bin baff über die >Beichtegigantischen Gedanken< reden zu
können.

»Doch die Hauptsache, die Hauptsache liegt nicht in dem einen Gedanken
allein, sondern in dem ganzen Aufbau der Sache! Wenn das ein Voltaire,
Rousseau oder Proudhon geschrieben hätte -- gut, ich würde es gelesen
und mir gemerkt haben, aber ich würde doch nicht in dem Maße baff sein.
Wenn jedoch ein Mensch, der genau weiß, daß ihm nur noch zehn Minuten
geblieben sind, so spricht -- das ist doch stolz! Das ist doch eine
höhere Unabhängigkeit des Selbstbewußtseins, das bedeutet doch einfach
direkte Herausforderung ... Nein, das ist eine wahrhaft gigantische
Geisteskraft! Und danach behaupten, er habe absichtlich das Zündhütchen
nicht hineingelegt -- das ist doch einfach niedrig, einfach abscheulich!
Aber wissen Sie, das war doch gar nicht wahr, das eine, was er da
gestern sagte: ich hatte ihm ja gar nicht beim Einpacken geholfen, das
war nur eine Finte von ihm, ich hatte seine Pistole nie gesehn; er
selbst hatte alles eingepackt, so daß ich im Augenblick ganz perplex
war. Wjera sagt, Sie würden ihn hierbehalten. Ich schwöre Ihnen, daß Sie
nichts zu befürchten brauchen, es liegt ja gar keine Gefahr vor, um so
weniger, als doch ständig jemand bei ihm ist.«

»Wer war heute nacht bei ihm?«

»Ich, Kostjä Lebedeff und Burdowskij. Keller blieb nur kurze Zeit bei
ihm, dann ging er zu Lebedeff schlafen, bei uns war kein Platz.
Ferdyschtschenko schlief gleichfalls bei Lebedeff, der ging um sieben.
Der General schläft ja stets bei Lebedeff, jetzt ist er auch schon
fortgegangen ... Lebedeff wird vielleicht bald zu Ihnen kommen, er
suchte Sie, fragte zweimal nach Ihnen, -- ich weiß nicht, was er vor
hat. Soll man ihn hereinlassen oder nicht, wenn Sie sich jetzt hinlegen?
Ich gehe gleichfalls schlafen. Ach, ja, das muß ich Ihnen doch noch
sagen: der General hat mich vorhin überaus in Erstaunen gesetzt.
Burdowskij weckte mich vor sieben, oder vielmehr fast schon um sechs;
ich ging auf einen Augenblick aus dem Zimmer -- da kommt mir der General
entgegen, und zwar noch so berauscht, daß er mich kaum erkannte, und
bleibt wie ein Pfosten vor mir stehen, bis er dann ganz plötzlich zu
sich kam. >Was macht der Kranke?< fragte er. >Ich wollte nach dem
Kranken sehn ...< Ich rapportierte, nun, soundso. >Das ist gut,< meinte
er, >aber ich kam hauptsächlich -- deshalb stand ich auch auf --, um
dich zu warnen: ich habe Grund, anzunehmen, daß man in Herrn
Ferdyschtschenkos Gegenwart nicht alles reden darf und ... die Taschen
zuknöpfen muß.< Begreifen Sie, Fürst, was das bedeuten soll?«

»Ist's möglich? Übrigens ... wir haben nichts auf dem Gewissen, uns kann
das gleichgültig sein.«

»Versteht sich, wir sind keine Verschwörer! Aber ich wunderte mich
wirklich, daß mein General deshalb in der Nacht aufsteht und mich
weckt.«

»Ferdyschtschenko ist fortgegangen, sagen Sie?«

»Ja, er ging schon um sieben, kam aber noch im Vorübergehen zu mir: ich
wachte bei Hippolyt. Er sagte nur, er gehe zu Wilkin, um weiter zu
schlafen, -- hier gibt's nämlich so einen gewissen Trunkenbold Wilkin.
Na, jetzt gehe ich. Ah! Da ist ja auch schon Lebedeff ... Der Fürst will
schlafen, Lukjan Timofeïtsch, also linksum kehrt!«

»Nur auf eine Sekunde, hochverehrter Fürst, in einer gewissen, meiner
Ansicht nach, höchst bedeutsamen Angelegenheit,« begann eintretend
Lebedeff in einem gezwungenen und von Ernst durchdrungenen Tone nicht
gerade laut, und verbeugte sich würdevoll.

Er war soeben erst zurückgekehrt und ohne in seine Wohnung zu gehen,
beim Fürsten eingetreten, weshalb er denn auch den Hut noch in der Hand
hielt. In seinem Gesicht drückte sich Besorgnis aus, sowie ein gewisser
Schimmer von Selbstbewußtsein. Der Fürst bat ihn, Platz zu nehmen.

»Sie haben zweimal nach mir gefragt? Beunruhigen Sie sich wegen des
gestrigen Vorfalls?«

»Wegen jenes Knaben, meinen Sie, Fürst? O nein. Gestern befanden sich
meine Gedanken in nicht ganz klarem Zustande ... heute jedoch
beabsichtige ich nicht, Ihnen, gleichviel worin es sei, zu
konterkarieren.«

»Zu konterka... wie sagten Sie?«

»Ich sagte: zu konterkarieren; ein französisches Wort, das, wie auch
unzählige andere seinesgleichen, in den Bestand der russischen Sprache
aufgenommen ist; doch ist mir, genau genommen, nicht viel an ihm
gelegen.«

»Was ist mit Ihnen heute, Lebedeff, Sie sind so würdevoll und gesetzt
und reden ja wie ein Buch,« fragte der Fürst, erheitert durch die Komik
des würdevollen Ernstes, der zu der ganzen Erscheinung Lebedeffs so
wenig paßte.

»Nikolai Ardalionytsch!« wandte sich Lebedeff in fast beschwörendem Tone
an Koljä, »da ich dem Fürsten etwas mitzuteilen habe, das eigentlich und
im besonderen nur ...«

»Ich versteh', ich versteh' schon, geht mich nichts an! Auf Wiedersehen,
Fürst!« Und Koljä entfernte sich sogleich.

»Ich schätze das Kind wegen seines Begriffsvermögens,« äußerte sich
Lebedeff, ihm nachblickend. »Ein feiner Knabe, wenn auch mitunter etwas
naseweis. Doch ein ungeheures Unglück ist mir widerfahren, hochverehrter
Fürst, gestern abend oder heut bei Tagesanbruch -- noch schwanke ich
selbst in der definitiven Zeitangabe.«

»Was ist denn geschehen?«

»Vierhundert Rubel sind aus meiner Rocktasche verduftet, hochverehrter
Fürst, da haben wir die Bescherung!« erklärte Lebedeff mit saurem
Lächeln.

»Sie haben vierhundert Rubel verloren? Das ist schade.«

»Und namentlich wenn's noch _nota bene_ einem armen, ehrlich von seiner
Arbeit lebenden Familienvater passiert.«

»Gewiß, gewiß, -- aber wie ist denn das zugegangen?«

»Dank dem Alkohol, der bekanntlich die Hauptsubstanz jedes Weines ist.
Ich, sehen Sie, hochverehrter Fürst, ich wende mich an Sie, wie an meine
leibhaftige Vorsehung. Die Summe von vierhundert Rubeln erhielt ich
gestern Punkt fünf Uhr nachmittags von einem Schuldner, worauf ich mit
dem nächsten Zuge hierher zurückkehrte. Die Brieftasche hatte ich in der
Brusttasche. Nachdem ich dann, zu Hause angelangt, meinen Uniformrock
mit einem Hausrock vertauscht hatte, steckte ich die Brieftasche mit dem
Gelde in die Rocktasche meines Hausrocks, da ich die Absicht hatte,
selbiges Geld noch am gleichen Abend meinem Bevollmächtigten ... zu
einem gewissen Zweck einzuhändigen.«

»Ist es wahr, Lukjan Timofeïtsch, daß Sie, wie Sie in den Zeitungen
bekanntgemacht haben sollen, auf Gold- und Silbersachen Geld leihen?«

»Durch einen Vermittler, jawohl. Mein eigener Name ist in der Annonce
nicht genannt. Zumal ich nur geringes Kapital besitze und in Anbetracht
dessen, daß meine Familie mit den Jahren heranwächst -- so ist ein
ehrlicher Prozentverdienst, das werden Sie doch zugeben ...«

»Nun ja, gewiß, ich fragte ja nur so ... verzeihen Sie, daß ich Sie
unterbrochen habe.«

»Doch mein Vermittler erschien nicht. Da wurde der Kranke gebracht; ich
befand mich bereits in einem etwas forcierten Zustande -- um sechs, nach
dem Mittagsmahl. Darauf kamen diese Gäste, tranken ... Tee, und ...
meine Stimmung hob sich, zu meinem Pech, versteht sich. Als aber dann --
das war schon ziemlich spät -- dieser Keller mit der Nachricht von Ihrem
Geburtstage erschien und als Champagner verlangt wurde, begab ich mich,
werter, hochverehrter Fürst, da ich ein Herz habe -- das werden Sie
wahrscheinlich schon bemerkt haben, denn ich verdiene es -- also ein
Herz habe, das ... ich will nicht gerade sagen, daß es gefühlvoll sei,
aber jedenfalls ist es ein dankbares Herz, wessen ich mich auch mit
Stolz rühme, -- also wie gesagt, da begab ich mich zur Erhöhung der
Feierlichkeit des bevorstehenden Empfanges und um mich auf eine
persönliche Aussprache meines Glückwunsches vorzubereiten, in mein
Schlafgemach, um meinen alten Hausrock wieder mit meinem Uniformrock zu
vertauschen, woran Sie offenbar nicht zweifeln werden, zumal Sie mich
während der ganzen Nacht im Uniformrock zu sehen geruht haben. Bei
dieser Prozedur vergaß ich jedoch die Brieftasche in der Tasche des
Hausrocks ... Kurz und gut, wenn Gott der Herr zu strafen beabsichtigt,
so beraubt er uns zuerst und vor allen Dingen der Vernunft. Und erst
heute morgen, so um halb acht herum, sprang ich plötzlich wie ein
Besessener aus dem Bett und griff nach meinem Hausrock -- die Rocktasche
war noch da, aber die Brieftasche war nicht mehr da! Die hatte nicht mal
'ne Spur von sich hinterlassen!«

»Ach, das ist aber unangenehm!«

»Sehr richtig, gerade >unangenehm<. Da haben Sie mit feinem Taktgefühl
sogleich den entsprechenden Ausdruck gefunden,« fügte er bei allem Humor
doch mit einem gewissen Ingrimm hinzu.

»Aber wie, einstweilen ...« sagte der Fürst nach kurzem Nachdenken, »das
ist doch etwas sehr Ernstes.«

»Sehr richtig, etwas sehr Ernstes -- da haben Sie eine zweite überaus
zutreffende Bezeichnung gefunden ...«

»Ach, lassen Sie doch das, Lukjan Timofeïtsch, was soll das jetzt? Hier
kommt es doch nicht auf Redewendungen und Worte an ... Glauben Sie, daß
Sie in betrunkenem Zustande die Brieftasche haben verlieren können?«

»Können kann man alles. Namentlich in betrunkenem Zustande, wie Sie sich
mit aller Aufrichtigkeit ausgedrückt haben, hochverehrter Fürst! Doch
bitte ich, eines zu bedenken: wenn die Brieftasche beim Umkleiden aus
der Rocktasche gefallen wäre, so müßte sie doch auf dem Fußboden liegen.
Wenn sie nun aber da nicht liegt?«

»Haben Sie sie nicht irgendwohin fortgelegt, in einen Kasten vielleicht,
oder in ein Schubfach?«

»Ich habe alles durchgesucht, überall nachgewühlt, um so mehr, als ich
genau wußte, daß ich keinen einzigen Kasten geöffnet und kein Schubfach
auch nur angerührt habe, dessen entsinne ich mich ganz genau.«

»Haben Sie auch im Schränkchen nachgesehen?«

»Versteht sich, dort ganz zuerst, und nicht nur einmal, sondern immer
wieder ... Aber wie hätt' ich's denn ins Schränkchen tun können, mein
aufrichtig hochverehrter Fürst?«

»Ich muß gestehen, Lebedeff, die Sache regt mich nicht wenig auf. Dann
hat es vielleicht jemand auf dem Fußboden gefunden?«

»Oder in der Rocktasche entdeckt! Wir sind allerdings vor eine solche
Alternative gestellt, wie Sie sehen!«

»Es regt mich tatsächlich auf, denn wer hätte es wohl sein können ...
Das ist die Frage!«

»Ganz ohne allen Zweifel ist das die Frage! Sie bekunden ja heute eine
wahrhaft erstaunliche Begabung im Finden treffender Worte und
bezeichnender Gedanken, und ebenso in der klaren Darlegung der Sachlage,
durchlauchtigster Fürst.«

»Ach, Lukjan Timofeïtsch, lassen Sie doch jetzt den Spott, hier ...«

»Spott!« Lebedeff hob wie in Entrüstung abwehrend die Hände empor.

»Nun, nun, nun, schon gut, ich ärgere mich ja nicht, hier handelt es
sich doch um etwas ganz anderes ... Ich fürchte nur für den Menschen,
der ... Wen verdächtigen Sie denn?«

»Das ist eben die schwierige und ... nicht minder komplizierte Frage!
Die Magd -- kann ich nicht verdächtigen, die hat in ihrer Küche
gesessen. Meine leiblichen Kinder -- das geht auch nicht gut ...«

»Das fehlte noch!«

»Also folglich -- jemand von den Gästen.«

»Aber ... ist denn das möglich?«

»Absolut und im höchsten Grade unmöglich, nur muß es nichtsdestoweniger
unbedingt der Fall sein. Indessen bin ich bereit, zuzugeben, oder ich
bin vielmehr überzeugt, daß, wenn es sich um einen Diebstahl handelt,
dieser dann nicht am Abend geschehen ist, als alle noch versammelt
waren, sondern in der Nacht oder sogar erst gegen Morgen, und zwar von
einem der Herren, die hier genächtigt haben.«

»Ach, mein Gott!«

»Burdowskij und Nikolai Ardalionytsch schließe ich selbstverständlich
aus; sie sind überhaupt nicht in meinem Zimmer gewesen.«

»Das fehlte noch! -- und selbst wenn sie in Ihrem Zimmer gewesen wären!
Wer hat denn sonst noch bei Ihnen geschlafen?«

»Mit mir zusammen waren's vier -- in zwei nebeneinander liegenden
Zimmern: ich, der General, Keller und Herr Ferdyschtschenko. Also einer
von uns vieren.«

»Das heißt einer von dreien; aber wer denn?«

»Der Ordnung und Gewissenhaftigkeit halber habe ich auch mich
mitgezählt, aber Sie werden doch zugeben, Fürst, daß ich mich nicht
selbst bestohlen haben werde, obschon auch solche Fälle in der Welt
vorgekommen sind ...«

»Ach, Lebedeff, wie langweilig Sie sind!« unterbrach ihn der Fürst
ungeduldig. »So bleiben Sie doch bei der Sache ...«

»Also; es bleiben drei. Erstens Herr Keller -- ein äußerst unbeständiger
Mensch, ein Mensch, dem das Wesen nüchterner Tage schon längst in
nebelhafte Ferne entrückt ist, und ein Mensch, der in gewissen Dingen
höchst liberale Ansichten hat, wollte sagen in Taschendingen, im übrigen
jedoch ein Mensch mit sozusagen mehr alt-ritterlichen Neigungen als mit
liberalen. Zuerst schlief er im Zimmer des Kranken und krabbelte erst
nachher zu uns herüber, und zwar mit der Motivierung, daß auf dem
Fußboden zu schlafen nichts weniger als weich, respektive angenehm sei.«

»Und Sie haben ihn im Verdacht?«

»Gehabt. Als ich um acht erwachte und wie'n Besessener aufgesprungen
war, griff ich mit der Hand an die Stirn und weckte sogleich den
General, der noch den Schlaf des Gerechten schlief. Nachdem wir dann das
seltsame Verschwinden Herrn Ferdyschtschenkos wohl erwogen hatten, was
wiederum manchen Argwohn in uns erweckt hatte, beschlossen wir sogleich,
Herrn Keller näher zu untersuchen, da dieser noch nicht verschwunden
war, sondern wie ... wie festgenagelt dalag. Wir verrichteten unsere
Sache mit aller Gründlichkeit: in seinen Taschen fand sich aber auch
keine einzige Kopeke. Dafür entdeckten wir ein Schnupftuch, ein
blaukariertes, baumwollenes, in einem Zustande, über den man besser
Schweigen wahrt. Ferner beförderten wir einen Liebesbrief zutage, von
einem Stubenmädchen, das Geld verlangt und mit Verschiedenem droht; und
schließlich noch Fetzen des bekannten Feuilletons. Der General
entschied, daß er unschuldig sei. Zur Vergewisserung der Richtigkeit des
Urteiles weckten wir ihn auf, was durchaus nicht so einfach war und uns
erst nach längeren Bemühungen gelang: er begriff aber kaum, um was es
sich handelte, tat nur den Mund auf, stierte vor sich hin, mit einem
Gesichtsausdruck: blödsinnig und unschuldig, sogar dumm, kann man sagen,
-- nein, der war es nicht!«

»Nun, das freut mich!« atmete der Fürst erfreut auf. »Ich fürchtete
wirklich für ihn!«

»Sie fürchteten? ... Dann hatten Sie also Ursache dazu?« forschte
Lebedeff blinzelnd.

»O nein, das nicht, ich meinte nur ...« Der Fürst stockte. »Ich habe
mich da sehr dumm ausgedrückt und unüberlegt ... Seien Sie so gut,
Lebedeff, und erzählen Sie es keinem ...«

»Fürst! Fürst! Ihre Worte ruhen in meinem Herzen ... in der tiefsten
Tiefe meines Herzens! Und dort ist ein Grab! ...« beteuerte Lebedeff
halb wie in Verzückung, indem er den Hut in der Herzgegend an sich
drückte.

»Gut, gut ... Also dann Ferdyschtschenko? Das heißt, ich meine nur, dann
verdächtigen Sie wohl Herrn Ferdyschtschenko?«

»Wen denn sonst?« fragte Lebedeff leise mit aufmerksamem Blick auf den
Fürsten.

»Nun ja, versteht sich ... wen könnte man denn sonst ... das heißt,
haben Sie denn Beweise?«

»Die habe ich. Erstens: sein Verschwinden um sieben Uhr oder noch
früher.«

»Ich weiß, Koljä erzählte mir, daß er zu ihm gekommen sei und gesagt
habe, daß er lieber zu ... ich habe den Namen vergessen -- zu seinem
Freunde schlafen gehen wolle.«

»Zu Wilkin. Dann weiß es Nikolai Ardalionytsch schon?«

»Von dem Diebstahl hat er nichts gesagt.«

»Kann er auch gar nicht, denn er weiß ja doch noch nichts davon. Ich
behandle die Sache vorläufig als größtes Geheimnis. Also: er geht zu
Wilkin. Nun sollte man meinen, nicht wahr, daß es doch nichts auf sich
haben könne, wenn ein betrunkener Mensch zu einem ebenso betrunkenen
geht, selbst wenn er es ohne jeden triftigen Grund und womöglich schon
bei Tagesanbruch tut? Aber sehen Sie, gerade hier beginnt die Spur
deutlich zu werden: beim Fortgehen hinterläßt er noch die Adresse ...
Passen Sie jetzt auf, Fürst, jetzt fragt es sich: weshalb sagte er,
wohin er geht? ... Weshalb geht er absichtlich zu Nikolai Ardalionytsch,
obgleich das einen Umweg bedeutet, um ihm zu sagen, daß er zu Wilkin
geht? Und wen kann's denn schließlich interessieren, daß er fortgeht,
selbst wenn er zu Wilkin geht? Weshalb meldet er das vorher? Nein, sehen
Sie, das ist Raffiniertheit, diebische Geriebenheit! Das bedeutet soviel
wie: >Seht, ich verheimliche meine Schritte absichtlich nicht, wie kann
ich also ein Dieb sein? Würde denn ein Dieb sagen, wohin er geht?< Das
aber ist doch nichts als ein Ausdruck des Verlangens, den Verdacht von
sich abzulenken und seine Spuren sozusagen im Sande zu verwischen ...
Haben Sie meinen Gedanken begriffen, hochverehrter Fürst?«

»Ja, sogar sehr gut begriffen, aber das allein ist doch zu wenig!«

»Warten Sie 'n bißchen, jetzt folgt sogleich der zweite Beweis: die Spur
ist falsch und die gegebene Adresse ungenau. Nach einer Stunde, schon um
acht, klopfte ich bei Wilkin -- der wohnt hier nicht sehr weit, in einer
der nächsten Straßen ... ich bin sogar bekannt mit ihm. Von meinem
Ferdyschtschenko war jedoch dort nichts vorhanden, noch zu entdecken.
Von der Dienstmagd erfuhr ich dann mit Müh und Not -- es ist ein dummes
Weibsbild --, daß vor etwa einer Stunde allerdings jemand Einlaß begehrt
habe, und zwar ziemlich nachdrücklich, da der Betreffende den Klingelzug
abgerissen habe. Doch die Dienstmagd hatte ihm die Tür nicht aufgemacht,
um, wie sie vorgab, den Herrn nicht zu wecken, vielleicht aber auch, um
sich selbst nicht zu wecken. So etwas pflegt mitunter vorzukommen.«

»Sind das alle Ihre Beweise? Es ist wenig.«

»Fürst, wen soll man denn sonst verdächtigen, bedenken Sie doch nur
das!« bat Lebedeff nicht ohne Galgenhumor -- doch lag in seinem
Augenzwinkern und Lächeln eine gewisse Listigkeit.

»Suchen Sie doch noch einmal im Zimmer und in den Schubfächern!« rief
der Fürst nachdenklich und mit besorgter Miene.

»Fürst, das habe ich schon bedeutend mehr als einmal getan,« seufzte
Lebedeff in komischer Ergebenheit.

»Hm! ... aber weshalb, wozu hatten Sie es nötig, sich umzukleiden?«
ärgerte sich der Fürst, und er schlug mit der Faust auf den Tisch --
allerdings nicht allzu stark.

»Die Frage stammt aus einer alten Komödie. Aber, edelster, bester Fürst,
Sie nehmen sich mein Unglück nachgerade doch gar zu sehr zu Herzen! Das
bin ich ja gar nicht wert. Das heißt, ich allein bin es nicht wert, aber
Sie leiden ja auch für den Verbrecher ... für den nichtsnutzigen Herrn
Ferdyschtschenko!«

»Nun ja, ich bin in der Tat besorgt,« sagte der Fürst zerstreut. »Aber
was beabsichtigen Sie nun zu tun ... wenn Sie so überzeugt sind, daß es
Ferdyschtschenko gewesen ist?«

»Fürst, hochverehrter Fürst, wer soll's denn sonst gewesen sein?«
entschuldigte sich mit wachsender Rührung Lebedeff. »Ist doch schon der
Mangel an einer anderen Verdachtsmöglichkeit, ich meine, der Mangel an
jeder Möglichkeit, einen anderen als Ferdyschtschenko zu verdächtigen,
ein neuer Beweis gegen Ferdyschtschenko, der dritte Beweis! Denn, ich
frage Sie nochmals, wer hätte sie sonst nehmen können? Ich kann doch
nicht Herrn Burdowskij verdächtigen, he--he--he!«

»Ach, reden Sie nicht solch einen Blödsinn!«

»Und schließlich doch auch nicht den General, he--he--he?«

»Welch ein Unsinn!« sagte der Fürst ärgerlich und bewegte sich
ungeduldig auf seinem Platz.

»Selbstverständlich ist das Unsinn! He--he--he! Aber hat mich der Mensch
doch erheitert heute, weiß Gott! -- ich rede vom General. Wir gehen
beide flugs auf frischer Spur zu Wilkin ... aber ich muß Ihnen doch noch
sagen, daß der General zu Anfang fast noch mehr erschrocken war als ich!
Ganz zuerst als ich ihn im ersten Schrecken sogleich aufweckte, erschrak
er so, daß er sich sogar im Gesicht vollkommen veränderte: wurde bleich,
wurde rot, und geriet dann plötzlich in solche Wut, war so aufrichtig
entrüstet und empört, daß ich mich wirklich nur wunderte, zumal ich's
von ihm gar nicht erwartet hätte. Ein edler Mensch, wie man sieht! Er
lügt zwar ununterbrochen, aber er birgt die höchsten Gefühle in seiner
Brust, zudem ist er nicht gerade sehr gedankenreich und flößt einem
durch seine Unschuld das größte Zutrauen ein. Ich habe Ihnen bereits
einmal gesagt, hochverehrter Fürst, daß ich für ihn nicht nur eine
Schwäche, sondern geradezu Liebe empfinde. Plötzlich bleibt er mitten
auf der Straße stehen, reißt seinen Rock auf, entblößt die Brust.
>Durchsuche mich<, sagt er, >du hast Keller durchsucht, weshalb
durchsuchst du nicht auch mich? Du mußt es tun, das verlangt die
Gerechtigkeit!< Seine Hände und Füße aber zittern nur so, er erbleicht
sogar und steht fast drohend vor mir. Ich lachte. >Hör' mal, General,<
sagte ich, >wenn jemand anderes dich dessen verdächtigen wollte, so
würde ich mit meinen eignen Händen meinen Kopf abnehmen, auf eine große
Schale setzen und ihn persönlich allen Zweiflern anbieten.< >Seht ihr
diesen Kopf?< würde ich sie fragen, >nun dann seht: mit diesem meinen
eigenen Kopf stehe ich für ihn ein, und nicht nur mit dem Kopf, sondern
auch mit dem ganzen Körper, wenn's beliebt, und das nicht nur in der
Luft, sondern sogar im Feuer!< >Siehst du jetzt,< fragte ich, >wie groß
mein Vertrauen in dich ist!< Da stürzte er mir in die Arme -- alles
mitten auf der Straße, nicht zu vergessen -- brach in Tränen aus,
zitterte nur so und preßte mich so fest an seine Brust, daß ich kaum
noch atmen konnte. >Du bist mein einziger Freund,< sagte er, >der
einzige, der mir in meinem Unglück treugeblieben ist!< Tja, ein
gefühlvoller Mensch ist er, das muß man ihm lassen! Nun und dann,
versteht sich, erzählte er sogleich eine Geschichte: wie er in seiner
Jugend einmal gleichfalls eines Diebstahls verdächtigt worden sei, und
zwar hatte es sich damals um fünfhunderttausend Rubel gehandelt. Doch am
nächsten Tage hatte er sich in ein brennendes Haus gestürzt und aus den
Flammen den ihn verdächtigenden Grafen samt Nina Alexandrowna
hervorgezogen, die damals noch nicht mit ihm verheiratet war. Der Graf
hatte ihn umarmt, und das Ereignis hatte seine Verlobung mit Nina
Alexandrowna zur Folge gehabt, am nächsten Tage aber hatte man unter den
Trümmern des Hauses die Schatulle mit dem vermißten Gelde gefunden. Sie
war in England gefertigt, von ganz besonderer Bauart aus Stahl und
Eisen, mit doppeltem Verschluß und noch etlichen Geheimschlössern, und
war vorher auf irgendeine Weise unter den Fußboden geraten, so daß
niemand sie hatte finden können: nun und durch diesen Brandschaden war
sie wieder zutage befördert worden. Kurzum -- alles wüste Lüge und
blühende Phantasie. Als er aber auf Nina Alexandrowna zu sprechen kam,
schluchzte er. Eine edle Dame, diese Nina Alexandrowna, obschon sie auf
mich böse ist.«

»Sie kennen sie?«

»Beinahe. Das heißt, beinahe nicht, aber ich wünschte es von Herzen,
wenn auch nur, um mich vor ihr rechtfertigen zu können. Sie behauptet
nämlich von mir, daß ich ihren Gatten hier zum Trinken verführe, während
ich doch in Wirklichkeit eher das Gegenteil tue, indem ich ihn vor einer
noch verderblicheren Gesellschaft bewahre. Zudem ist er mein Freund, und
ich garantiere Ihnen, daß ich ihn hinfort nicht mehr verlassen werde,
und das sogar so buchstäblich, daß überall, wo er ist und steht, auch
ich bin und stehe -- denn ihn kann man doch wirklich nur mit Gemüt
behandeln. Jetzt hat er seine Visiten bei der Kapitanscha ganz
eingestellt, obschon es ihn innerlich noch sehr zu ihr drängt, was er
mitunter durch Seufzer verrät, was wiederum namentlich jeden Morgen
geschieht, wenn er sich erhebt und stöhnend seine Stiefel anzieht --
weshalb jedoch gerade zu dieser Zeit, vermag ich Ihnen nicht zu sagen.
Geld hat er nicht, das ist das ganze Unglück, ohne Geld aber darf er ihr
nicht unter die Augen kommen. Hat er Sie noch nicht um Geld gebeten,
hochverehrter Fürst?«

»Nein, er hat mich nicht darum gebeten.«

»Schämt sich. Aber er wollte es tun, gestand mir sogar, daß er Sie zu
beunruhigen beabsichtige, doch schäme er sich, da Sie ihn ja vor kurzem
noch ausgekauft hätten, und, überdies ist er der Meinung, daß Sie ihm
nichts geben würden. Er hat mir als seinem Freunde sein ganzes Herz
ausgeschüttet.«

»Und Sie, Sie geben ihm kein Geld?«

»Fürst! Durchlauchtigster Fürst! Diesem Menschen würde ich nicht nur
Geld, sondern sozusagen sogar mein Leben ... übrigens, nein, ich will
nicht übertreiben, -- mein Leben nicht, aber sozusagen 'ne kleine
Influenza, irgend so'n Geschwür oder selbst einen Husten -- das, bei
Gott, das bin ich bereit für ihn zu erdulden, wenn es nun gerade
wirklich sehr nötig sein sollte ... denn ich halte ihn für einen großen,
wenn auch verdorbenen Menschen! Jawohl! Sehen Sie, nicht nur Geld!«

»So geben Sie ihm also welches?«

»N--n--nein, Geld habe ich ihm noch nicht gegeben und er weiß es selbst,
daß ich es ihm nicht geben werde, aber das geschieht doch nur im
Hinblick auf seine Mäßigung und Besserung. Heute begab er sich mit mir
nach Petersburg -- ich fuhr doch sogleich hin, um Herrn Ferdyschtschenko
auf frischer Spur zu verfolgen, denn ich wußte genau, daß er nach
Petersburg gefahren war. Mein General kochte nur so. Mir ahnte so was,
daß er in Petersburg von meiner Seite verschwinden würde, um seine
Kapitanscha aufzusuchen. Ich, ich muß gestehen, ich ließ ihn beinahe mit
Absicht von mir fort. Wir waren überein gekommen, uns bei der Ankunft
sogleich zu trennen, da es uns auf diese Weise leichter sein würde, den
Schuldigen zu ertappen. Also wir trennten uns -- und jetzt will ich ihn
bei der Kapitanscha aufsuchen ... wenn auch eigentlich nur deshalb, um
ihn als Familienvater und als Menschen überhaupt zu beschämen.«

»Nur machen Sie keinen unnützen Lärm, Lebedeff, sagen Sie um
Gotteswillen keinem ein Wort davon,« bat der Fürst halblaut in großer
Unruhe.

»O nein, ich will ja im Grunde nur deshalb hingehen, um ihn zu
beschämen, und dann auch, um zu sehen, was für eine Physiognomie er
machen wird, -- denn aus der Physiognomie kann man auf vieles schließen,
hochverehrter Fürst, und besonders noch bei solch einem Menschen! Ach,
Fürst! Wie groß aber auch mein eigenes Unglück im gegenwärtigen
Augenblick ist, so kann ich doch nicht umhin, auch an die Hebung seiner
Sittlichkeit zu denken. Deshalb habe ich an Sie eine große Bitte,
durchlauchtigster Fürst, die genau genommen auch der Grund meines
Kommens ist: Sie sind mit seiner Familie bekannt, haben sogar dort
gewohnt -- wenn Sie nun also, edelster Fürst, sich dazu entschließen
könnten, mir ein wenig behilflich zu sein, einzig zum Glücke des
Generals ...«

Lebedeff faltete die Hände in inständiger Bitte.

»Aber, wie soll ich Ihnen denn behilflich sein? Ich verstehe Sie nicht,
Lebedeff.«

»... Einzig in dieser meiner Überzeugung bin ich zu Ihnen gekommen! Zum
Beispiel könnte man doch durch Nina Alexandrowna auf ihn einwirken,
indem man sozusagen im Schoße der eigenen Familie liebevoll ein
achtsames Auge auf ihn hat. Ich selbst bin zum Unglück nicht mit ihr
bekannt ... ferner könnte auch Nikolai Ardalionytsch, der Ihnen doch mit
allen Fasern seines jungen Herzens ergeben ist, gleichfalls behilflich
sein ...«

»Nein, Nina Alexandrowna darf von dieser ganzen Sache nichts erfahren,
und Koljä ebensowenig ... Ich verstehe Sie aber noch nicht ganz,
Lebedeff.«

»Aber hier ist doch nichts zu verstehen!« rief Lebedeff und sprang vom
Stuhl auf. »Nichts, nichts als Zärtlichkeit und Gefühl sind hier nötig
-- das ist das einzige Mittel für unseren Kranken. Sie, Fürst, werden
mir doch erlauben, ihn als Kranken zu betrachten?«

»Das zeugt nur von Ihrem Zartgefühl und Ihrer Einsicht.«

»Ich will es Ihnen durch ein Beispiel erklären, das ich um der größeren
Klarheit willen aus der Praxis nehme. Sehen Sie, was das für ein Mensch
ist: da hat er nun diese seine Schwäche für die Kapitanscha, der er sich
aber ohne Geldmittel nicht zeigen darf, und bei der ich ihn heute zu
ertappen gedenke, zu seinem eigenen Glück, versteht sich. Doch gesetzt
den Fall, daß er ein richtiges Verbrechen begangen, nun, ... irgendeine
ehrlose Handlung -- wenn er dazu auch absolut unfähig ist -- so würde
man doch dann, sage ich, einzig mit so einer gewissen Sensibilität alles
bei ihm erreichen, denn er ist ein selten feinfühliger Mensch! Glauben
Sie mir, keine fünf Tage würde er es aushalten! -- Würde sich selbst
verraten, in Tränen ausbrechen, alles gestehen, -- und namentlich,
namentlich wenn man noch geschickt vorgeht und edelmütig -- und durch
das Auge der liebenden Familie oder durch Ihr Auge alle seine Schritte
sorgsam verfolgt ... Oh, edelster Fürst!« Lebedeff wollte fast
aufspringen vor Begeisterung. »Ich behaupte ja nicht, daß er es
unfehlbar sei ... Ich bin ja sozusagen sogar bereit, mein ganzes Blut
für ihn sogleich hinzugeben, aber ein solches Leben, dazu die
Trunkenheit und die Kapitanscha -- das alles kann einen doch noch zu
ganz anderen Dingen verleiten!«

»Wenn es sich so verhält, dann werde ich Ihnen gern behilflich sein,«
sagte der Fürst, sich gleichfalls erhebend, »nur will ich Ihnen
gestehen, Lebedeff, daß mich die Sache ernstlich beunruhigt. Sagen Sie,
Sie ... Sie sagten doch selbst, daß Sie Herrn Ferdyschtschenko
verdächtigten?«

»Ja, aber wen denn sonst? Ich bitte Sie, wen denn sonst, mein gütigster
Fürst?« Lebedeff legte mit rührendem Lächeln wieder wie betend die Hände
zusammen.

»Sehen Sie, Lukjan Timofeïtsch, hier kann es sich um ein großes Versehen
handeln. Dieser Ferdyschtschenko ... ich meine nur, daß man doch
schließlich nicht wissen kann, ob nicht er ... Das heißt, ich will nur
sagen, daß er vielleicht tatsächlich eher dazu fähig ist, als ... als
der andere ...«

Lebedeff spitzte Ohren und Augen.

»Sehen Sie,« verwirrte und ärgerte sich der Fürst immer mehr, indem er
auf und ab zu gehen begann und sich bemühte, Lebedeff nicht anzusehen,
»man hat mir mitgeteilt ... man hat mir von diesem Herrn
Ferdyschtschenko gesagt, daß er ... außerdem solch ein Mensch sei ...
daß man besser tut, in seiner Gegenwart nichts ... Überflüssiges zu
reden -- Sie verstehen? Ich meine ja nur, daß er vielleicht wirklich
eher fähig dazu wäre, als der andere ... Ich teile es Ihnen bloß mit, um
einen vielleicht grausamen Irrtum zu verhüten, Sie verstehen mich doch?«

»Wer hat Ihnen das von Herrn Ferdyschtschenko mitgeteilt?« fragte
Lebedeff fast zitternd vor Spannung.

»So ... man hat es mir so zu verstehen gegeben. Übrigens glaube ich
selbst noch nicht daran ... es ist mir sehr unangenehm, daß ich es habe
weitererzählen müssen, aber ich versichere Ihnen nochmals, daß ich
selbst nicht daran glaube ... das ist bestimmt nur leeres Geschwätz ...
Pfui, wie dumm ich gehandelt habe!«

»Sehen Sie, Fürst,« begann Lebedeff, immer noch am ganzen Körper
zitternd, »das ist sehr wichtig, was Sie da von Herrn Ferdyschtschenko
sagen, und namentlich, namentlich ist's die Frage, wie Ihnen das zu
Ohren gekommen ist.« Und Lebedeff lief, während er sprach, in größter
Aufregung hinter dem Fürsten her, von einer Ecke zur anderen und wieder
zurück, bemüht, mit ihm gleichen Schritt zu halten. »Sehen Sie, Fürst,
jetzt werde auch ich Ihnen etwas mitteilen: als wir vorhin beide zu
Wilkin eilten, begann der General, nach der Erzählung des Brandes, und
natürlich in edler Entrüstung, ähnliche Anspielungen auf Herrn
Ferdyschtschenko zu machen, doch kamen sie mir so ungereimt vor, daß ich
einige Fragen an ihn stellte. Auf diese Weise überzeugte ich mich
vollkommen, daß diese ganze Verdächtigung Ferdyschtschenkos einzig,
sagen wir, auf das Betätigungsbedürfnis der Phantasie des Generals
zurückzuführen war ... Oder eigentlich, sozusagen, auf seine
Seelengröße. Denn er lügt ja doch nur deshalb, weil er seinen
Überschwang nicht meistern kann. Nun beachten Sie folgendes: wenn er nun
gelogen hat, wovon ich überzeugt bin, und die ganze Geschichte folglich
von ihm frei erfunden ist, wie ist es dann zugegangen, daß auch Sie
dasselbe haben hören können? Das ist sehr wichtig ... das ist von
ungeheurer Wichtigkeit ...«

»Mir hat es vorhin Koljä mitgeteilt und dem hatte es der Vater, der
General, gesagt, als er ihm um sechs oder nach sechs im Flur begegnet
war.«

Und der Fürst erzählte ausführlicher, was Koljä ihm gesagt hatte.

»Das ... das ... da haben wir jetzt genau das, was man eine richtige
Fährte nennt!« lachte händereibend Lebedeff leise vor sich hin. »So
dacht' ich's mir! Das bedeutet, daß der General absichtlich seinen
unschuldigen Schlaf um sechs Uhr morgens unterbrochen hat, um sein
Söhnchen zu wecken und ihm mitzuteilen, daß es gefährlich sei,
Ferdyschtschenko zum Nachbar zu haben! Wie kann nun Herr
Ferdyschtschenko noch gefährlich sein, ich bitte Sie! -- und wie gefällt
Ihnen die väterliche Besorgnis seiner Exzellenz, he--he--he! ...«

»Hören Sie, Lebedeff,« -- der Fürst war äußerst betreten -- »hören Sie,
daß Sie aber keinen Lärm machen! Handeln Sie im stillen! Ich bitte Sie
darum, Lebedeff, ich bitte Sie inständig! ... Nur in dem Falle werde ich
Ihnen behilflich sein, wenn niemand etwas davon erfährt, es darf niemand
auch nur ein Wort erfahren!«

»Seien Sie versichert, bester, edelster, durchlauchtigster Fürst,« rief
Lebedeff in Ekstase, »seien Sie versichert, daß das Ganze einzig in
meinem gleichfalls edelmütigen Herzen wie in einem Grabe ruhen wird! Und
mit leisen Schritten gehen wir gemeinsam vor, mit leisen Schritten! Ich
würde sogar mein ganzes Blut ... Durchlauchtigster Fürst, ich bin sowohl
geistig wie seelisch ein niedriger Mensch, aber fragen Sie wen Sie
wollen, sogar einen richtigen Schuft, nicht nur einen bloß niedrigen
Menschen: mit wem er lieber zu tun hat, mit einem Schuft, wie er selbst
einer ist, oder mit dem edelsten Menschen, wie Sie einer sind,
hochverehrter Fürst? Sie können sicher sein, daß er die Frage zugunsten
des letzteren beantworten wird und eben darin liegt der Triumph der
Tugend! ... Auf Wiedersehen, hochverehrter Fürst! Also mit leisen
Schritten ... Ganz sacht! ... Und vorsichtig ...«


                                   X.

Als der Fürst am Abend dieses Tages wieder im Park umherstrich, begriff
er endlich, weshalb ihn jedesmal ein Kältegefühl durchrieselte, sobald
er die drei Briefe in seiner Tasche berührte, und weshalb er das Lesen
derselben bis jetzt noch immer hinausgeschoben hatte. Er hatte sich am
Morgen, bevor er sich hingelegt, nicht entschließen können, auch nur
einen der drei Briefe hervorzuziehen, und später hatte ihn der Schlaf
übermannt -- und wieder hatte er einen schweren Traum gehabt. Wieder war
_sie_ zu ihm gekommen, jene »Verbrecherin«. Wieder hatte sie ihn
angesehen mit glänzenden Tränen an den langen Wimpern. Wieder hatte sie
ihn zu sich gerufen, und wieder mußte er, ganz wie am Morgen, mit Qual
an ihr Gesicht denken. Er hatte sich erheben und sogleich zu ihr gehen
wollen, hatte es jedoch nicht vermocht. Und dann hatte er endlich fast
verzweifelt die Briefe hervorgezogen und zu lesen begonnen ...

Diese Briefe glichen gleichfalls einem Traum. Wie oft hat man nicht ganz
unmögliche und widernatürliche Träume. Beim Erwachen entsinnt man sich
ihrer noch genau und wundert sich über die seltsamen Tatsachen. Zuerst
entsinnt man sich, daß die Vernunft einen während der ganzen Dauer des
Traumes keinen Augenblick verlassen hat, man entsinnt sich sogar, daß
man während der ganzen langen, langen Zeit, in der man von Räubern und
Mördern umgeben war, tatsächlich sehr schlau und logisch gehandelt hat.
Man entsinnt sich, wie sie mit einem scherzten und dabei doch klug ihre
Absicht verbargen und sich freundschaftlich benahmen, wenn sie auch alle
ihre Waffen schon in Bereitschaft hatten und nur noch auf einen Wink
warteten. Man entsinnt sich, wie schlau man sie schließlich betrogen und
sich vor ihnen versteckt hat, und wie man dann erraten, daß sie den
ganzen Betrug schon längst durchschauten und es nur nicht merken lassen
wollten, daß sie ganz genau wußten, wo man sich versteckt hielt -- dann
aber wurde man selbst noch schlauer und betrog sie erst recht. Wie aber
geht es zu, daß die Vernunft zu derselben Zeit so augenscheinlichen
Blödsinn und so auf der Hand liegende Unmöglichkeiten -- aus denen der
ganze Traum fast ausschließlich bestanden --, hat zulassen können? Einer
der Mörder verwandelt sich zum Beispiel in eine Frau und die Frau in
einen kleinen, schlauen, abscheulichen Zwerg, die Vernunft aber sträubt
sich nicht im geringsten dagegen -- sie akzeptiert die Metamorphose
vollkommen, eben als vollendete Tatsache. Und das geschieht ohne die
geringste Verwunderung, während doch die Vernunft gleichzeitig
ungewöhnlich scharf arbeitet und eine geradezu seltene Schlauheit und
Logik beweist. Weshalb hat man dann, wenn man aus dem Traum bereits
erwacht und wieder ganz in der Wirklichkeit ist, jedesmal das Gefühl --
bisweilen ist der Eindruck sogar von ungeheurer Stärke --, daß einen
zusammen mit dem Traum etwas für uns ganz Unerratbares, Unwißbares
verlassen habe? Man lächelt über die Absurdität des Traumes und fühlt
doch gleichzeitig, daß in der Verflechtung dieser Absurditäten irgendein
Sinn enthalten ist, und zwar ein wirklicher Sinn, der bereits zu unserem
wirklichen Leben gehört, ein Etwas, das in unserem Herzen vorhanden und
sogar immer vorhanden gewesen ist; der Traum scheint uns etwas Neues,
Prophetisches, von uns Erwartetes gesagt zu haben; der Eindruck ist
stark, gleichviel ob freudiger oder quälender Art, doch worin er
bestanden, was er enthält, und was einem gesagt worden ist -- das können
wir weder begreifen, noch uns dessen entsinnen.

Fast dasselbe empfand der Fürst auch nach dem Lesen dieser Briefe. Doch
noch bevor er den ersten dem Kuvert entnommen hatte, empfand der Fürst
die Tatsache der Existenz dieser Briefe, die bloße Möglichkeit, daß sie
überhaupt geschrieben werden konnten, als etwas traumhaft Unmögliches,
das auch jetzt in wachem Zustande wie ein Alp auf ihm lag. »Wie hat
_sie_ sich entschließen können, an _Aglaja_ zu schreiben?« fragte er
sich gequält immer wieder, als er -- es war inzwischen Abend geworden --
umherging, ohne selbst zu wissen, wo er sich befand. »Wie konnte sie
_davon_ schreiben, wie konnte nur ein so wahnsinniger Gedanke in ihrem
Gehirn entstehen?« Doch der Gedanke war bereits Wirklichkeit geworden,
und am meisten wunderte ihn jetzt nur noch das, daß er schon während des
Lesens an die Möglichkeit dieses Gedankens zu glauben und ihn fast sogar
zu rechtfertigen begonnen hatte. Natürlich war das alles nur Traum,
Alpdruck und Wahnsinn, doch war hier außerdem noch irgend etwas, etwas
quälend Wirkliches und märtyrerhaft Gerechtes, das alles zusammen, den
Traum und den Alpdruck und den Wahnsinn rechtfertigte. Nachdem er die
Briefe gelesen, befand er sich mehrere Stunden wie in einem
Traumzustand, in dem einzelne Sätze und Worte phantastisch durch seine
Gedanken zogen, bis ihn dann irgendein Ausdruck stutzig machte und er
grübelnd über ihn nachzudenken begann. Bisweilen wollte er sich sogar
sagen, daß er alles das schon vorausgeahnt habe, ja es schien ihm sogar,
daß er alles das schon früher, irgend einmal vor langer, langer Zeit
gelesen habe, und daß alles, was ihn seit der Zeit gequält und
geängstigt hatte -- daß alles das in diesen schon vor langer Zeit von
ihm gelesenen Briefen enthalten war.

»Wenn Sie diesen Brief entfaltet haben,« begann das erste Schreiben, »so
blicken Sie zuerst nach der Unterschrift. Die Unterschrift wird Ihnen
alles sagen und alles erklären, so daß ich mich weiter nicht zu
rechtfertigen und Ihnen auch nichts mehr zu erklären brauche. Wenn ich
auch nur einigermaßen als Ihnen gleichstehend gelten könnte, würde diese
Dreistigkeit meinerseits Sie vielleicht beleidigen, aber wer bin ich und
wer sind Sie? Wir sind zwei solche Gegensätze und ich stehe so außerhalb
Ihres Lebenskreises, daß ich Sie überhaupt nicht beleidigen könnte,
selbst wenn ich es wollte.«

An einer anderen Stelle schrieb sie weiter:

»Halten Sie meine Worte nicht für krankhafte Begeisterung eines kranken
Geistes, wenn ich Ihnen sage, daß Sie in meinen Augen die --
Vollkommenheit selbst sind! Ich habe Sie gesehen, ich sehe Sie jeden
Tag. Ich kritisiere Sie dabei nicht, ich habe nicht etwa mit meiner
Vernunft eingesehen, daß Sie vollkommen sind -- es ist einfach mein
Glaube und dieser Glaube macht mich selig. Aber ich muß Ihnen auch meine
große Schuld gestehn: ich liebe Sie. Eine Vollkommenheit kann man aber
doch nicht lieben! die kann man doch nur als Vollkommenheit betrachten,
nicht wahr? Und doch bin ich verliebt in Sie. Nur beunruhigen Sie sich
deshalb nicht, denn wenn auch Liebe die Menschen gleich macht, so habe
ich dabei doch nicht an irgendeine Gleichheit zwischen uns gedacht,
nicht einmal in meinen heimlichsten Gedanken, glauben Sie es mir. Da
habe ich geschrieben: >beunruhigen Sie sich nicht<, -- können Sie sich
denn überhaupt deshalb beunruhigen? ... Wenn es möglich wäre, würde ich
die Spuren Ihrer Füße küssen. Oh, ich will mich nicht mit Ihnen
gleichstellen ... Blicken Sie nach der Unterschrift, blicken Sie schnell
nach der Unterschrift!«

»Ich bemerke soeben,« schrieb sie im zweiten Brief, »daß ich Sie mit ihm
vereinigen will, ohne überhaupt gefragt zu haben, ob auch Sie ihn
lieben. Er hat Sie liebgewonnen, nachdem er Sie nur einmal gesehen hat.
In seiner Erinnerung waren Sie ihm etwas >Lichtes< -- das ist sein
eigener Ausdruck, ich habe ihn von ihm selbst gehört. Doch ich habe auch
ohne Worte begriffen, daß Sie für ihn >Licht< sind. Ich habe einen
ganzen Monat neben ihm gelebt und da habe ich es gefühlt, daß auch Sie
ihn lieben. Sie und er sind für mich eines.«

»Gestern ging ich an Ihnen vorüber,« schrieb sie weiter, »und ich
glaubte zu bemerken, daß Sie erröteten. Aber das kann doch nicht sein,
ich muß mich getäuscht haben. Selbst wenn man Sie in die schmutzigste
Höhle führen und Ihnen das nackte Laster zeigen würde, dürften Sie nicht
erröten; es ist ganz ausgeschlossen, daß eine Beleidigung Sie kränken
könnte. Sie können wohl alle Gemeinen und Niedrigen hassen, aber nicht
... von sich aus, sondern für andere, für jene, die von ihnen gekränkt
werden. Sie dagegen wird niemand beleidigen können. Wissen Sie, ich
glaube, daß Sie mich sogar lieben müssen. Für mich sind Sie dasselbe,
was Sie für ihn sind: ein lichter Geist. Ein Engel kann nicht hassen, er
kann nur lieben. Kann man aber alle lieben, alle Menschen, alle seine
Nächsten? (Ich habe oft diese Frage an mich gestellt.) Gewiß nicht, und
das ist sogar ganz natürlich. (In der abstrakten Liebe zur Menschheit
liebt man fast immer nur sich selbst.) Uns ist jene Liebe unmöglich, Sie
aber sind etwas ganz anderes: wie wäre es Ihnen möglich, _nicht_
jemanden zu lieben, da Sie sich doch mit keinem vergleichen können und
über jeder Beleidigung stehen, sogar über jedem persönlichen Unwillen.
Sie allein können ohne Egoismus lieben, Sie allein können es nicht für
sich selbst, sondern für jenen tun, den Sie lieben. Oh, wie bitter wäre
es für mich, zu erfahren, daß Sie bei dem Gedanken an mich Scham oder
Zorn empfänden! Das wäre ja dann _Ihr Sturz_: Sie würden sofort bis zu
mir herabsinken, mit mir auf einer Stufe stehen ...« »Als ich gestern
nach der Begegnung mit Ihnen nach Hause kam, sah ich im Geiste ein Bild
vor mir, das noch nie gemalt worden ist. Christus wird von den Malern
immer nach irgendeiner Schilderung des Evangeliums dargestellt, und nie
als völlig Abseitsstehender, als einsamer Mensch. Ich würde ihn gern
einmal mit einem kleinen Kinde dargestellt sehen, dessen Kindererzählung
er vielleicht soeben noch angehört, dessen blondes Kinderköpfchen er
vielleicht soeben noch gestreichelt hat. Vielleicht ist auch seine Hand
noch auf dem Kinderkopf ruhen geblieben, während er schon
gedankenversunken in die Ferne blickt und in seinem Blick ein Gedanke so
groß wie die Welt ruht. Dieser schweigende Mensch in der Abendstimmung,
vor dem fernen Horizont -- das wäre ein Bild, das ich gern einmal sehen
möchte ... Sie sind unschuldig, und in Ihrer Unschuld liegt Ihre ganze
Vollkommenheit. Oh, vergessen Sie das nie! Was geht Sie meine
Leidenschaft für Sie an? Jetzt sind Sie bereits mein, und ich werde mein
ganzes Leben lang bei Ihnen sein ... Ich werde bald sterben.«

Schließlich, im letzten Brief schrieb sie:

»Um Gottes willen, denken Sie nichts von mir. Denken Sie auch nicht, daß
ich mich erniedrige, wenn ich so an Sie schreibe, oder daß ich zu jenen
Geschöpfen gehöre, denen Selbsterniedrigung ein Genuß ist, und wenn sie
es auch nur aus Stolz tun. Nein, ich habe meinen besonderen Trost, doch
fiele es mir schwer, Ihnen das zu erklären. Es würde mir sogar schwer
fallen, mir selbst das klar zu machen, wenn ich mich auch selbst gerade
damit quäle. Doch ich weiß, daß ich mich auch nicht einmal in einem
Anfall von Stolz erniedrigen könnte. Und zu einer Selbsterniedrigung aus
Herzensreinheit bin ich unfähig. Folglich aber erniedrige ich mich auch
jetzt nicht.«

»Weshalb ich Sie beide vereinigen will -- um Ihretwillen oder um
meinetwillen? Selbstverständlich um meinetwillen, die ganze
Willenshandlung geht hier von mir aus; ich habe gehört, daß Ihre
Schwester Adelaida beim Betrachten meines Bildes gesagt haben soll, mit
einer solchen Schönheit könne man die ganze Welt umdrehen. Ich habe aber
auf die Welt verzichtet. Es wird Ihnen vielleicht lächerlich erscheinen,
gerade von mir das zu hören, nachdem Sie mich in Spitzen und Brillanten
in Gesellschaft von Lebemännern und Nichtswürdigen gesehen haben.
Beachten Sie das nicht, fast leb ich ja gar nicht mehr, und das weiß ich
auch; was aber statt meines Ichs in mir lebt, mag Gott allein wissen.
Ich lese das Tag für Tag in zwei grauenvollen Augen, die mich
ununterbrochen ansehen, selbst dann, wenn sie nicht vor mir sind. Diese
Augen _schweigen_ jetzt (sie schweigen immer), doch ich kenne ihr
Geheimnis. Ich bin überzeugt, daß er in irgendeinem Kasten ein
Rasiermesser liegen hat, dessen Gelenk ebenso mit einem Seidenfaden
umwickelt ist, wie das Messer jenes Moskauer Mörders; jener lebte
gleichfalls mit seiner Mutter in einem Hause und hatte auch sein
Wassermesser bereit, um eine Kehle zu durchschneiden. Die ganze Zeit,
während der ich in seinem Hause war, schien es mir immer, daß dort
irgendwo eine Leiche versteckt sein müsse; vielleicht noch von seinem
Vater her, und ebenso mit einem Wachstuch bedeckt, wie jene Moskauer
Leiche, und umstellt von kleinen Gläsern mit irgendeiner scharfen
Flüssigkeit. Ich könnte Ihnen sogar den Winkel zeigen, wo sie liegen
muß. Er schweigt ununterbrochen; aber ich weiß ja doch, daß er mich viel
zu sehr liebt, um mich nicht zu hassen -- er kann ja gar nicht anders,
als mich hassen! Sobald Ihre Hochzeit ist, wird auch meine Hochzeit
sein, an ein und demselben Tage: so haben er und ich es beschlossen. Ich
habe kein Geheimnis vor ihm. Ich würde ihn töten vor Angst ... Doch er
wird mich früher töten ... Er lacht soeben und sagt, ich deliriere. Er
weiß, was ich an Sie schreibe.«

Und noch vieles andere von der Art schrieb sie in diesen Briefen. Der
zweite Brief war der längste: zwei Briefbogen großen Formats eng
beschrieben ...

Endlich verließ der Fürst den dunkleren Teil des Parks, wo er lange
ziellos umhergeschweift war. Die helle, klare Sommernacht erschien ihm
heller als sonst. »Sollte es noch so früh sein?« fragte er sich
verwundert. Seine Taschenuhr hatte er nicht bei sich. Aus der Ferne
glaubte er einmal Musik zu vernehmen, »die spielt wohl vor dem Kurhaus,«
dachte er bei sich. »Natürlich werden sie heute nicht hingegangen sein.«
Und als er das dachte, bemerkte er plötzlich, daß er dicht vor ihrer
Villa stand. Es war ihm, als hätte er es geahnt, daß er zu guter Letzt
unfehlbar hier anlangen würde. Mit klopfendem Herzen trat er auf die
Veranda. Es war niemand dort. Er wartete eine Weile und öffnete dann die
Glastür zum Saal. »Diese Tür wird bei ihnen nie zugeschlossen,« dachte
er bei sich. Doch auch im Saal war kein Mensch. Es war ganz dunkel um
ihn. Verwundert blieb er stehen. Da öffnete sich plötzlich eine Tür und
Alexandra Iwanowna trat mit einer Kerze in der Hand ein. Als sie den
Fürsten erblickte, erschrak sie und blieb wie fragend vor ihm stehen.
Offenbar hatte sie nur hindurchgehen wollen, von einer Tür zur anderen.

»Wie sind Sie hierher gekommen?« fragte sie schließlich.

»Ich ... ich bin gekommen ...«

»Mama ist nicht ganz gesund und auch Aglaja fühlt sich nicht wohl.
Adelaida ist soeben schlafen gegangen und ich wollte jetzt auch gehen.
Wir sind heute den ganzen Abend allein gewesen ... Papa und der Fürst
sind in Petersburg.«

»Ich kam ... ich kam zu Ihnen ... jetzt ...«

»Wissen Sie auch, wieviel die Uhr ist?«

»N--nein ...«

»Halb eins. Wir gehen gewöhnlich um eins schlafen.«

»Ach, und ich dachte, es wäre erst ... halb zehn.«

»Na, tut nichts,« lachte Alexandra. »Aber warum sind Sie heute abend
nicht zu uns gekommen? Vielleicht wurden Sie erwartet.«

»Ich ... dachte ...« murmelte der Fürst, im Begriff fortzugehen.

»Auf Wiedersehen!« lachte Alexandra. »Morgen will ich aber auch die
anderen zum Lachen bringen mit der Erzählung unserer nächtlichen
Begegnung.«

Er kehrte auf dem Fahrwege, der sich durch den Park schlängelte, zu
seiner Villa zurück. Sein Herz klopfte laut, seine Gedanken waren
verwirrt und alles um ihn her war im Helldunkel der Sommernacht wie ein
Traum. Und plötzlich, ganz wie an diesem Tage schon zweimal im Traume,
sah er wieder jene Erscheinung vor sich. Dieselbe Frauengestalt trat
plötzlich aus dem Park, als hätte sie hier auf ihn gewartet, und blieb
vor ihm stehen. Er zuckte zusammen; sie ergriff seine Hand und
umklammerte sie krampfhaft. »Nein, das ist kein Traumbild!«

Da stand sie ihm nun endlich zum erstenmal nach ihrer Trennung -- von
Angesicht zu Angesicht gegenüber. Sie sprach auch irgendetwas zu ihm,
doch er starrte sie nur wortlos an: sein Herz war zum Zerspringen voll
und zitterte vor Schmerz. Oh, so oft er an diese Begegnung später noch
zurückdachte, jedesmal empfand er denselben unerträglichen Schmerz. Sie
sank vor ihm auf die Knie nieder, mitten auf dem Fahrweg, wie eine
Wahnsinnige. Erschrocken trat er einen Schritt zurück, doch sie ergriff
seine Hände, um sie mit Küssen zu bedecken, und ganz wie er es im Traum
gesehen, glänzten Tränen an ihren langen Wimpern.

»Steh auf, steh auf!« flüsterte er erschrocken, indem er sie mit Gewalt
zu erheben suchte. »Steh schnell auf!«

»Bist du glücklich? Glücklich?« fragte sie. »Sag mir nur ein Wort, sag
mir nur, ob du jetzt glücklich bist? Heute, jetzt? Du warst bei ihr? Was
hat sie gesagt?«

Sie erhob sich nicht, sie achtete nicht auf sein Flehen; sie fragte so
schnell, als würde sie gehetzt, als wären Verfolger hinter ihr her.

»Ich reise morgen ab, wie du befohlen hast. Ich werde nicht ... Zum
letztenmal sehe ich dich jetzt, zum letztenmal! Jetzt ist es endgültig
das letztemal!«

»Beruhige dich, steh auf!« bat er verzweifelt.

Gierig hing sie mit ihren Blicken an seinem Antlitz, und krampfhaft
hielt sie seine Hände umklammert.

»Leb wohl!« sagte sie dann endlich, erhob sich schnell und verließ ihn
eilig -- fast lief sie von ihm fort. Der Fürst sah nur noch, wie
plötzlich Rogoshin neben ihr auftauchte, sie mit einem Griff unter den
Arm faßte und schnell fortführte.

»Wart, Fürst,« rief ihm Rogoshin über die Schulter zu, »nach fünf
Minuten kehr ich zu dir zurück!«

Und so war es auch: nach fünf Minuten kam er -- der Fürst hatte ihn
erwartet und sich noch nicht von der Stelle gerührt.

»Hab sie in den Wagen gebracht,« sagte Rogoshin kurz. »Dort hinter der
Wegbiegung hat er seit zehn Uhr abends gewartet. Sie wußte es, daß du
den ganzen Abend bei den anderen verbringen würdest. Was du an mich
geschrieben hast, habe ich genau so wiedergegeben. Sie wird jetzt nicht
mehr an jene schreiben, und von hier wird sie auf deinen Wunsch morgen
noch fortreisen. Sie wollte dich nur noch zum letztenmal sehen, wenn du
es ihr auch verboten hattest. Dort haben wir dich erwartet, um dich auf
dem Heimwege abzufangen, dort auf jener Bank haben wir gesessen.«

»Sie hat dich freiwillig mitgenommen?«

»Warum nicht?« meinte Rogoshin mit einem Lächeln, das seine Zähne
zeigte. »Hab gesehen, was ich schon längst wußte. Die Briefe hast du
wohl schon gelesen?«

»Hat sie dieselben wirklich auch dir zu lesen gegeben?« fragte der
Fürst, der nicht wußte, was er davon denken sollte.

»Natürlich doch! Jeden Brief hat sie mir gezeigt. Hast du vergessen, was
sie da vom Rasiermesser schreibt, he--he!«

»Sie ist ja doch wahnsinnig!« rief der Fürst fassungslos in seiner
Verzweiflung.

»Wer kann das wissen, vielleicht ist sie's auch nicht,« sprach Rogoshin
vor sich hin -- gewissermaßen wie zu sich selbst.

Der Fürst entgegnete nichts.

»Nun, leb wohl,« sagte plötzlich Rogoshin, »auch ich reise ja doch
morgen ab. Gedenke meiner nicht im schlechten. Aber was, Bruder,« fragte
er, sich plötzlich nach ihm umblickend, »weshalb hast du ihr denn auf
ihre Frage nichts geantwortet? Bist du nun glücklich oder nicht?«

»Nein, nein, nein!« rief der Fürst in grenzenloser Verzweiflung.

»Das hätte auch noch gefehlt, daß du >ja< gesagt hättest!« meinte
Rogoshin mit boshaftem Auflachen und entfernte sich schnell, ohne sich
nach dem Fürsten auch nur einmal umzublicken.




                              Vierter Teil


                                   I.

Es gibt Menschen, von denen sich nur schwer etwas sagen läßt, was sie
einem in ihrer typischen, charakteristischsten Art sogleich
handgreiflich-deutlich vor Augen führte. Es sind das jene Leute, die man
gewöhnlich »Dutzendmenschen« oder kurzweg »die Mehrzahl« nennt, und die
auch in Wirklichkeit die ungeheure Mehrzahl in einer jeden Gesellschaft
ausmachen. In der Regel schildern die Schriftsteller in ihren Romanen
und Novellen nur solche Typen der Gesellschaft, die es in Wirklichkeit
nur äußerst selten in so vollkommenen Exemplaren gibt, wie die Künstler
sie darstellen, die aber als Typen nichtsdestoweniger fast noch
wirklicher als die Wirklichkeit selbst sind. Podkoljossin[27] ist in
seiner typischen Gestalt vielleicht ein wenig übertrieben, doch deshalb
nichts weniger als frei erdichtet und erfunden. Finden nicht alle
Menschenkenner, die Gogols Lustspiel sehen oder lesen, daß eine Menge
ihrer alten Freunde und Bekannten zu dieser Figur Modell gestanden haben
könnten? Sie haben wohl auch schon früher gewußt, daß dieser oder jener
Bekannte wie Podkoljossin war, bloß war ihnen der Name für diesen Typ
noch nicht gegeben worden. In Wirklichkeit springen zwar nur sehr wenige
kurz vor der Trauung aus dem Fenster, denn eine solche Handlungsweise
ist schließlich doch, ganz abgesehen von allem übrigen, ziemlich
unbequem; aber wieviel Heiratskandidaten sind nicht kurz vor der Trauung
bereit gewesen, sich trotz ihrer mitunter wirklich vorhandenen Würde und
Klugheit im tiefsten Inneren dennoch für Seitenstücke Podkoljossins zu
halten! Auch nicht alle Männer werden auf Schritt und Tritt sagen: »_Tu
l'as voulu, George Dandin!_«{[31]} Aber, o Gott, wieviel millionen- und
billionenmal ist dieser Herzensschrei von den Männern der ganzen Welt
nach Ablauf ihres Honigmonds oder -- wer kann es wissen? -- vielleicht
schon am Tage nach der Hochzeit ausgestoßen worden!

Indes wollen wir hier nur sagen, ohne uns auf weitere ernste Erklärungen
einzulassen, daß in der Wirklichkeit die Typik der einzelnen Personen
gewissermaßen wie mit Wasser verdünnt ist, und wenn es George Dandins
und Podkoljossins auch in Wirklichkeit gibt und sie einem sogar täglich
in den Weg laufen, so sind sie doch gleichsam noch in verdünntem
Zustande. Zum Schluß sei nur noch bemerkt, daß man nichtsdestoweniger
auch einen George Dandin, wie ihn Molière geschaffen hat, unter lebenden
Menschen antreffen kann, allerdings nicht auf Schritt und Tritt, und
damit wollen wir unsere Betrachtung schließen, die sonst gar zu lebhaft
an ein Feuilleton erinnern könnte. Doch wie dem auch sei, jedenfalls
bleibt eine recht schwierige Frage bestehen, und die ist: was soll ein
Romanschriftsteller mit den Durchschnittserscheinungen, mit den absolut
»gewöhnlichen Menschen« beginnen, wie soll er sie darstellen, um sie
seinem Leser wenigstens einigermaßen interessant erscheinen zu lassen?
Ganz übergehen kann man sie in keinem Roman, denn gerade die
gewöhnlichen Menschen sind die unentbehrlichen Bindeglieder in der Kette
der Ereignisse des großen Lebens; wollte man sie dennoch umgehen, so
würde man nicht wirklichkeitsgetreu schreiben. Ein Roman, der nur
»Typen« enthält, nur Sonderlinge und Ausnahmemenschen, würde nicht
Wiedergabe der Wirklichkeit und vielleicht sogar nicht einmal
interessant sein. Meiner Meinung nach muß der Schriftsteller sich
bemühen, selbst in den gewöhnlichen Menschen interessante Züge zu
entdecken und lehrreich hervorzuheben. Wenn z. B. das Wesen gewisser
»Dutzendmenschen« gerade in ihrer unveränderlichen »Gewöhnlichkeit«
liegt, oder wenn diese Leute ungeachtet all ihrer Anstrengungen, um
jeden Preis aus dem Geleise der Gewöhnlichkeit und Gewohnheit
herauszukommen, dennoch unveränderlich bei der Gewöhnlichkeit bleiben,
so werden auch sie zu einem gewissen Typ -- in ihrer Art, versteht sich
-- zum Typ der Gewöhnlichkeit eben, die um keinen Preis das bleiben
will, was sie ist, sondern um jeden Preis originell und selbständig
erscheinen möchte, ohne auch nur im geringsten die nötigen Gaben zur
Selbständigkeit zu besitzen.

In diese Kategorie gewöhnlicher Menschen gehören auch einzelne Personen
dieser Erzählung, und zwar: Warwara Ardalionowna Ptizyn, deren Gatte
Iwan Petrowitsch und dessen Schwager Gawrila Ardalionytsch Iwolgin.

In der Tat, es gibt nichts Ärgerlicheres, als z. B. reich, aus
anständiger Familie, von gutem Äußeren, nicht ungebildet, nicht dumm,
sogar ein sogenannter guter Mensch zu sein und dabei gleichzeitig doch
kein einziges Talent zu besitzen, keine einzige besondere Eigenschaft,
nicht einmal besondere Schrullen und auch keine einzige eigene Idee zu
haben, kurzum -- »genau so wie alle« zu sein. Man besitzt ein gewisses
Kapital, jedoch kein Rothschildsches; die Familie ist durchaus
ehrenwert, hat sich aber niemals auch nur im geringsten ausgezeichnet;
das Äußere ist anständig, drückt aber sehr wenig aus; die Bildung ist
nicht gering, doch was man mit ihr beginnen soll, weiß man nicht;
Verstand ist gleichfalls vorhanden, nur leider ohne daß die geringsten
eigenen Ideen mit ihm verbunden wären; sogar Herz ist da, nur fehlt ihm
wiederum Großmut, und so ist es auch in jeder anderen Beziehung. Solcher
Leute gibt es in der Welt eine ungeheure Menge, sogar viel mehr als es
den Anschein hat. Unter ihnen kann man zwei Arten unterscheiden: die
einen sind ausgesprochen beschränkt, die anderen »viel gescheiter«. Die
ersteren sind natürlich die glücklicheren. Einem beschränkten
»gewöhnlichen« Menschen fällt z. B. nichts leichter, als sich für einen
ungewöhnlichen, originellen Menschen zu halten und sich durch diesen
Glauben das Leben ruhigen Gewissens zu versüßen. Genügte es doch gar
mancher Dame, sich das Haar abzuschneiden, eine blaue Brille auf die
Nase zu setzen und sich »Nihilistin« zu nennen, um sogleich davon
überzeugt sein zu können, daß sie nun auch eigene »Überzeugungen« habe.
Es braucht so manch einer nur ein etwas menschenfreundlicheres Gefühl in
seinem Herzen zu hegen, und er wäre ohne weiteres überzeugt, daß er der
fortgeschrittenste und feinfühligste Mensch sei. Und wie vielen genügte
es, in irgendeiner Broschüre einen beliebigen Abschnitt mitten heraus zu
lesen, um sich einzubilden, die gelesenen Gedanken seien im eigenen
Gehirn entstanden. Die Frechheit der Naivität, wenn man sich so
ausdrücken kann, ist in solchen Fällen oft geradezu wunderbar, und
sollte sie auch noch so unwahrscheinlich sein, sie ist und bleibt
Tatsache. Diese bodenlose Unverschämtheit der Naivität, diese sozusagen
unerschütterliche Überzeugung eines dummdreisten Menschen, daß er ein
großes Talent sei, ist von Gogol meisterhaft in dem Typ der Leutnants
Pirogoff[28] dargestellt. Pirogoff zweifelt keinen Augenblick daran, daß
er ein Genie sei oder sogar noch mehr als das. Ja, er ist sogar so
überzeugt davon, daß er einen Zweifel daran überhaupt nicht für möglich
halten würde. Gogol war sogar gezwungen, ihn zur Beruhigung des
verletzten Sittlichkeitsgefühls seines Lesers durchprügeln zu lassen,
doch als er dann sah, daß der große Mann sich nach der Strafe nur einmal
wie ein Pudel nach dem Bade schüttelte, und zur Stärkung eine Pastete
verzehrte, blieb ihm schließlich nichts anderes übrig, als mit der
Achsel zu zucken und den Leser vor dem Berge sitzen zu lassen. Es hat
mir nur von jeher sehr leid getan, daß Gogol diesem großen Pirogoff
einen so geringen Titel beigelegt hat. Ist er doch von sich selbst so
eingenommen, daß ihm nichts leichter fallen würde, als sich proportional
mit seiner Rangerhöhung für einen immer größeren Feldherrn zu halten,
oder nicht einmal bloß zu halten, sondern einfach _überzeugt_ zu sein,
daß er der größte Feldherr sei. Und wie viele von solchen machen dann
auf dem Schlachtfelde in so erbärmlicher Weise Fiasko! Und wie viele
Pirogoffs hat es doch unter unseren Literaten, Gelehrten und
Propagandisten gegeben! Ich sage »hat gegeben«, aber selbstverständlich
kann man auch »gibt« sagen ...

Von den Personen unseres Romans gehörte Gawrila Ardalionowitsch Iwolgin
zur zweiten Kategorie der »gewöhnlichen Menschen«, zu den »bedeutend
gescheiteren«, und war demgemäß vom Kopf bis zu den Füßen nur von dem
einen Wunsch nach Originalität erfüllt. Leider sind die Menschen dieser
Kategorie sehr viel schlimmer daran als die der ersten. Das ist es ja,
daß der »gescheite« gewöhnliche Mensch, selbst wenn er sich
vorübergehend -- oder meinetwegen auch sein ganzes Leben lang -- für den
genialsten und originellsten Menschen hält, nichtsdestoweniger in seinem
Herzen einen Wurm des Zweifels sitzen hat, der ihn mitunter zur größten
Verzweiflung bringt. Doch übrigens haben wir hier ein wenig übertrieben,
denn gewöhnlich sind diese »gescheiteren« Leute längst nicht so tragisch
zu nehmen, sie werden zum Schluß höchstens leberleidend -- mehr oder
weniger, je nachdem -- und das ist alles. Doch immerhin sind sie von
einer ungeheuren Zähigkeit im Festhalten an ihren Illusionen: oft
beginnen sie damit schon in der grünsten Jugend und lassen selbst im
höchsten Alter nicht um Haaresbreite von ihren Illusionen ab, so stark
ist ihr Verlangen, originell zu sein. Ja, es gibt sogar recht
eigentümliche Fälle: manch ein grundehrlicher Mensch ist aus
Originalitätssucht sogar zu einer gemeinen Handlungsweise bereit, und
wie oft kommt es vor, daß manch einer dieser Unglücklichen, der nicht
nur ehrlich, sondern auch herzensgut und die Vorsehung seiner Familie
ist, einer, der nicht nur die Seinigen, sondern auch noch Fremde ernährt
und ... ja, und der doch sein ganzes Leben lang nicht zu einer
wirklichen Ruhe mit sich und über sich selbst kommen kann! Der Gedanke,
daß er so gut seine Pflichten erfüllt, tröstet ihn nicht im geringsten,
im Gegenteil, er regt ihn nur auf und ärgert ihn: »Da seht ihr, wofür
ich mein Leben hingeben muß, was mich an Händen und Füßen fesselt, was
mich gehindert hat, das Pulver zu erfinden! Wäre das nicht gewesen, so
hätte ich unbedingt etwas Ungeheures entdeckt, ob gerade das Pulver oder
ob Amerika, das weiß ich selbst noch nicht genau, nur wäre es unbedingt
etwas Großes gewesen!« Das Charakteristischste dieser Menschen ist das,
daß sie tatsächlich bis zum Grabe nicht wissen, was sie nun eigentlich
entdeckt hätten, »wenn« -- oder was zu entdecken sie ihr Leben lang
bereit waren. Doch ihre Seelenqualen und ihre Sehnsucht nach dem zu
Entdeckenden reichten selbst für einen Kolumbus oder Galilei aus.

Gawrila Ardalionytsch begann gerade in dieser Art, nur war
er, wie gesagt, noch ein Anfänger. Das immerwährende
Sich-seiner-Talentlosigkeit-bewußt-sein und gleichzeitig das
unbezwingbare Verlangen, sich überzeugungsvoll einzureden, daß er der
selbständigste Mensch sei, hatten sein Herz tief verwundet, und zwar
schon im frühesten Jünglingsalter. Er war ein Mensch mit neidischen und
heftigen Wünschen, und seine Reizbarkeit schien ihm bereits angeboren zu
sein. Die Heftigkeit seiner Wünsche hielt er für Willenskraft. Bei
seinem leidenschaftlichen Wunsch, sich auszuzeichnen, war er bisweilen
sogar zu einem sehr unüberlegten Sprung bereit, nur führte er ihn im
letzten Augenblick nicht aus, da er sich dann als doch zu vernünftig
dazu erwies -- und gerade dies marterte ihn. Vielleicht hätte er sich
gegebenenfalls sogar zu einer äußerst niedrigen Tat entschlossen, nur um
endlich das Erwünschte zu erlangen, aber sobald es dann zur Ausführung
kam, war er doch wieder zu anständig dazu. Übrigens: zu kleinen
Gemeinheiten hätte man ihn immer bereit gefunden. Mit Haß und Ekel
dachte er an die Armut und die »Heruntergekommenheit« seiner Familie.
Selbst seine Mutter behandelte er nichtachtend, obschon er selbst sehr
wohl begriff, daß gerade der Ruf und Charakter seiner Mutter bisher der
wichtigste Stützpunkt seiner Karriere gewesen waren. Als er die Stellung
bei Jepantschin angenommen, hatte er sich gesagt: »Hat man sich einmal
erniedrigt, dann bleibt man auch bis zum Schluß konsequent bei den
Gemeinheiten, wenn man nur das Gewünschte auf diese Weise erreicht,« und
dabei hatte er doch noch keine einzige Gemeinheit wirklich begangen! Wie
er überhaupt nur darauf gekommen war, daß Gemeinheiten notwendig wären?
Aglaja hatte ihm damals allerdings einen Schrecken eingejagt, doch hatte
er sie deshalb noch nicht aufgegeben, wenn er auch genau genommen
niemals glauben konnte, daß eine Aglaja zu ihm herabsteigen würde. Als
er dann Nastassja Filippowna heiraten sollte, hatte er sich eingeredet,
daß die Quintessenz alles Erstrebenswerten Geld und nichts als Geld sei.
»Wenn schon, denn schon,« hatte er sich täglich mit großer
Selbstzufriedenheit, jedoch auch nicht ohne eine gewisse Angst, gesagt,
»wenn ich mich einmal auf Schändlichkeiten verlege, dann aber auch ohne
Wenn und Aber, dann soll es kein Zurück mehr geben!« Doch nachdem er
dann auch noch Nastassja Filippowna verloren hatte, war ihm aller Mut
abhanden gekommen, und er hatte die hunderttausend Rubel tatsächlich dem
Fürsten eingehändigt, was er später wohl tausendmal bereute, obschon er
unermüdlich vor sich selbst damit prahlte. Allerdings hatte er ganze
drei Tage, so lange der Fürst noch in Petersburg war, geweint, doch
gleichzeitig hatte er den Fürsten auch zu hassen begonnen, weil dieser
ihn gar zu mitleidig betrachtet hatte, während »sich doch nicht ein
jeder zu einer solchen Tat entschließen könnte!« Am meisten aber quälte
ihn ein Eingeständnis, das er sich selbst wohl oder übel machen mußte:
daß sein ganzer Kummer nichts anderes als ewig unbefriedigter Ehrgeiz
war. (Erst lange nachher sah er ein, welch eine ernste Wendung seine
Beziehungen zu Aglaja hätten nehmen können, und dann ergriff ihn
quälende Reue.) Er gab sogar seine Stellung auf und versenkte sich ganz
und gar in trübe Betrachtungen. Wie bereits erwähnt, lebte er mit seiner
Mutter und seinem Vater bei Ptizyn, den er ohne Heuchelei verachtete,
wenn er auch seine Ratschläge befolgte und vernünftig genug war, ihn um
seinen Rat zu bitten. Unter anderem ärgerte er sich auch deshalb über
Ptizyn, weil dieser nicht den Ehrgeiz hatte, ein zweiter Rothschild
werden zu wollen. »Wenn du ein Wucherer bist, so sei es doch ganz,
presse den Leuten den letzten Saft aus, präge Geld aus ihrem Schweiß,
sei doch ein großes Geldgenie, werde >König der Judenoffiziellen Bräutigam< präsentieren. Nur fürchten sie, er
könne irgend etwas umstoßen, zerschlagen, wenn er ins Zimmer tritt, oder
gar selbst hinfallen -- all dessen muß man ja bei ihm gewärtig sein.«

Ganjä hörte seiner Schwester sehr aufmerksam zu, doch machten diese
Nachrichten zu Warjäs nicht geringer Verwunderung durchaus keinen so
erschütternden Eindruck auf ihn, wie sie eigentlich erwartet hatte.

»Das war ja schließlich vorauszusehen,« meinte er nach einer Weile
ziemlich ruhig. »Also aus!« fügte er dann noch mit einem eigentümlichen
Lächeln hinzu, und listig blickte er seiner Schwester in die Augen;
worauf er seinen Spaziergang durchs Zimmer fortsetzte, wenn auch bereits
viel ruhiger.

»Gut wenigstens, daß du die Sache als Philosoph aufnimmst. Das hatte ich
kaum erwartet,« sagte Warjä.

»Ach was, jetzt ist man die Geschichte los, du wenigstens.«

»Ich glaube, dir aufrichtig gedient zu haben, unablässig und ohne meinen
eigenen Vorteil zu verfolgen. Ich habe dich nicht gefragt, welches Glück
du bei Aglaja suchtest.«

»Ja, habe ich denn ... Glück bei ihr gesucht?«

»Ach, bitte, laß jetzt das Philosophieren! Selbstverständlich hast du's
gesucht. Jetzt können wir mit einer langen Nase abziehen und damit ist
es aus. Wenn ich offen sein soll, so kann ich dir nur sagen, daß ich nie
ernstlich an einen Erfolg gedacht habe. Ich nahm es nur auf alle Fälle
in die Hand, indem ich auf ihren lächerlichen Charakter rechnete, doch
in erster Linie wollte ich eigentlich nur dich etwas zerstreuen.
Natürlich hatten wir mindestens neunzig Chancen von hundert, daß die
Sache ins Wasser fällt. Ich begreife bis jetzt noch nicht, was du
eigentlich sonst erreichen wolltest.«

»Jetzt werdet ihr mich beide wieder bereden, eine Stelle anzunehmen, mir
wieder Lektionen über Ausdauer und Willenskraft halten, und den weisen
Rat erteilen, daß man auch Weniges nicht mißachten soll, und so weiter,
und so weiter, ich kann's ja schon auswendig,« sagte Ganjä lachend.

»Er muß etwas Neues im Sinn haben,« dachte Warjä bei sich.

»Nun und -- wie ist man dort? Freuen sie sich?« fragte plötzlich Ganjä.

»N--ein, nicht besonders, wie es scheint. Kannst es dir ja selbst
denken. Der General ist zufrieden, die Mutter fürchtet sich. Sie hat ihn
ja auch früher nur mit Widerwillen als Freier betrachtet, das weiß man
doch schon.«

»Ich rede nicht davon. Als Freier ist er ja ganz unmöglich, einfach
undenkbar, das ist doch klar. Ich frage nur, wie es jetzt dort ist? Hat
sie ihm offiziell ihr Jawort gegeben?«

»Sie hat bis jetzt nicht >nein< gesagt und das ist alles, aber mehr ist
ja von ihr auch nicht zu erwarten. Du weißt doch, bis zu welch einer
Blödsinnigkeit sie früher schüchtern und verschämt war: Kroch sie doch
als kleines Mädchen, wenn Besuch bei ihnen war, immer in irgendeinen
Schrank und saß dort stundenlang, nur um nicht zu den Gästen gehen und
einen Knix machen zu müssen, und ebenso albern ist sie auch heute noch.
Weißt du, ich glaube eigentlich, daß es jetzt wirklich ernst ist, sogar
ihrerseits. Über den Fürsten, sagten die Schwestern, mache sie sich den
ganzen Tag lustig, vom Morgen bis zum Abend, damit man nur ja nicht
glauben solle, daß sie ihn liebe; nur wird sie es schon so einzurichten
wissen, daß sie ihm täglich unter vier Augen etwas sagen kann, denn er
scheint ja förmlich in den Himmel entrückt zu sein, strahlt einfach ...
Soll dabei entsetzlich komisch sein. Das sagten sie selbst. Auch schien
es mir, daß sie sich über mich ein wenig lustig machten, wenigstens
lachten sie mir ins Gesicht, die beiden älteren.«

Ganjä wurde schließlich doch ärgerlich und runzelte die Stirn. Warjä
hatte vielleicht nicht unbeabsichtigt die letzte Bemerkung gemacht. Sie
wollte seine geheimen Gedanken ausforschen.

Da begann plötzlich der Lärm und das Geschrei im oberen Stockwerk von
neuem.

»Nein! Ich jage ihn hinaus!« schrie Ganjä wütend, doch gleichsam erfreut
darüber, daß er seinem Ärger freien Lauf lassen konnte und ein anderes
Objekt gefunden hatte.

»Damit wäre nichts gewonnen, im Gegenteil, er würde dann noch zu Gott
weiß wem gehen, um über uns zu klatschen, wie er es gestern schon getan
hat.«

»Wie -- was gestern? Was heißt das, was hat er gestern getan? Ist er
etwa ...« fragte Ganjä plötzlich sehr erschrocken.

»Ach, mein Gott, weißt du es denn noch nicht?« unterbrach ihn Warjä.

»Wie ... was ... ist es denn wirklich möglich, daß er dort war?« rief
Ganjä außer sich vor Scham und Unwillen. »Gott, du kommst ja von dort
her! Was hast du denn erfahren? Ist der Alte dort gewesen? War er? oder
war er nicht?«

Ganjä stürzte zur Tür. Warjä lief ihm nach und packte ihn am Arm.

»Was tust du? Wohin gehst du? Wenn du ihn jetzt hinauswerfen willst, um
so schlimmer, er wird überall herumgehen, allen wird es bekannt werden!
...«

»Was hat er dort angerichtet? Was hat er gesprochen?«

»Ja, das wußten sie selbst nicht zu sagen, haben ihn offenbar gar nicht
verstanden; er hat sie nur alle erschreckt. Gekommen war er zu Iwan
Fedorowitsch, -- traf ihn nicht zu Hause; verlangte nach Lisaweta
Prokofjewna. Bat sie zuerst um Protektion: er suche einen Dienst, sagte
er, sie möge ihm eine Stelle verschaffen; darauf hat er sich über uns
beklagt, über mich, über meinen Mann, besonders aber über dich ... Wer
weiß, worüber er noch alles gesprochen hat.«

»Und das konntest du nicht mehr erfahren?« schrie Ganjä hysterisch, fast
kreischend auf.

»Wie sollt' ich denn! Er wird wohl selbst kaum gewußt haben, wovon er
sprach -- oder vielleicht hat man mir nicht alles wiedererzählt.«

Ganjä faßte mit beiden Händen nach seinem Kopf und lief ans Fenster.
Warjä saß am anderen Fenster.

»Diese sonderbare Aglaja,« bemerkte sie plötzlich, »als ich fortging,
hielt sie mich noch zurück und sagte mir: >Drücken Sie Ihren Eltern
meine persönliche Hochachtung für sie aus, ich hoffe bestimmt, in diesen
Tagen Ihren Vater wiederzusehen.< Und das sagte sie so ernst. Wirklich
sonderbar ...«

»Machte sie sich nicht etwa lustig?«

»Nein, das ist ja das Sonderbare.«

»Weiß sie das vom Alten, oder weiß sie es nicht, was glaubst du?«

»Daß man im Hause nichts weiß, davon bin ich fest überzeugt; doch du
hast mich auf einen Gedanken gebracht. Aglaja wird es vielleicht wissen.
Ja: Sie allein weiß es, denn auch die Schwestern waren sehr erstaunt,
als sie mir so ernst einen Gruß an Papa auftrug. Und warum gerade an
ihn? Wenn sie es aber weiß, so hat der Fürst es ihr gesagt!«

»Interessant zu wissen, wer ihr das gesagt haben mag? Das fehlte noch!
Ein Dieb in unserer Familie, >das Haupt der FamilieGeneral<
seiner Mutter dreihundert Rubel versprochen habe, und das einfach --
nun, eben so, ohne alle Umstände. Ich begriff sofort. Dabei sah er mir
mit sichtlichem Vergnügen in die Augen; auch Mama wird er es erzählt
haben, nur, um ihr das Herz schwer zu machen. Und warum stirbt er nicht
endlich, sage mir das doch, bitte? Er verpflichtete sich, in drei Wochen
zu sterben, und jetzt hat er sich hier wieder erholt, hat zugenommen,
hustet weniger. Gestern abend sagte er, daß er schon den zweiten Tag
kein Blut mehr speit.«

»Wirf ihn doch hinaus.«

»Ich kann ihn nicht leiden, ich verachte ihn. Ja, ja, ich verachte ihn!«
schrie Ganjä außer sich vor Wut. »Und das werde ich ihm ins Gesicht
sagen, und wenn er auch im gleichen Augenblick in seinen Kissen sterben
sollte! Wenn du nur seine Beichte gelesen hättest ... Gott, welch eine
Naivität der Gemeinheit! Oh, mit was für einem Vergnügen hätte ich ihn
damals durchgeprügelt, nur, um ihn gründlich in Erstaunen zu setzen.
Jetzt möchte er sich an allen rächen, dafür, daß es ihm nicht gelingen
konnte, uns ... Doch, was ist das für ein Lärm! Was soll das bedeuten?
Ich werde es nicht mehr dulden ... Ptizyn!« rief er dem ins Zimmer
tretenden Ptizyn entgegen. »Was ist denn das? Soweit ist es also bei uns
schon gekommen? Das ist ... das ist ...«

Der Lärm kam näher und näher, die Tür öffnete sich plötzlich und -- der
alte Iwolgin stürzte sich wütend, gereizt, außer sich auf Ptizyn. Dem
General folgten Nina Alexandrowna, Koljä und ganz zuletzt Hippolyt.


                                  II.

Hippolyt wohnte bereits seit fünf Tagen im Hause Ptizyns. Das hatte sich
so ganz von selbst gemacht, ohne besondere Erklärungen zwischen Hippolyt
und dem Fürsten. Beide schieden als Freunde voneinander. Gawrila
Ardalionytsch, der sich an dem Abend so feindselig gegen Hippolyt
verhalten hatte, kam schon am dritten Tage zu Hippolyt, um ihn zu
Ptizyns überzuführen, wahrscheinlich mit einer besonderen Absicht. Auch
Rogoshin besuchte den Kranken. Dem Fürsten schien es, daß es für den
»armen Knaben« am besten wäre, dieses Haus zu verlassen. Hippolyt teilte
ihm mit, daß er zu Ptizyns wolle, da Ptizyn so gut sei und ihm einen
Winkel gebe, doch vermied er zu sagen, daß er zu Ganjä ginge, denn Ganjä
war es eigentlich gewesen, der darauf bestanden hatte, daß man ihn ins
Haus nahm. Ganjä hatte das wohl bemerkt und fühlte sich darob sehr
gekränkt.

Er hatte recht, als er zu seiner Schwester die Bemerkung machte, der
Kranke habe sich erholt. In der Tat, Hippolyt sah besser aus, was man
auf den ersten Blick bemerkte. Er folgte den anderen, ohne sich zu
beeilen, ins Zimmer, auf seinen Lippen lag ein spöttisches, böses
Lächeln. Nina Alexandrowna schien ganz erschrocken zu sein. Sie hatte
sich in diesem halben Jahr sehr verändert. Seit sie ihre Tochter
verheiratet hatte und bei ihr lebte, mischte sie sich überhaupt nicht
mehr in die Angelegenheiten ihrer Kinder. Koljä war besorgt und offenbar
sehr unwillig über irgend etwas, doch schien er »die Grillen des
Generals«, wie er sich ausdrückte, nicht zu begreifen, denn er wußte ja
nicht den Hauptgrund der Unruhe im Hause ... Es war ihm klar, daß der
Vater sich in jeder Hinsicht so verändert hatte, als wäre er nicht mehr
derselbe Mensch. Es beunruhigte ihn geradezu, daß der Alte bereits seit
drei Tagen nichts mehr getrunken. Er wußte, daß der Vater sich sogar mit
Lebedeff und dem Fürsten überworfen hatte. Koljä selbst war soeben mit
einem Liter Schnaps zurückgekehrt, den er für sein eigenes Taschengeld
gekauft.

»Lassen Sie ihn trinken, Mama,« hatte er schon oben seiner Mutter
zugeredet, »wirklich, lassen Sie ihn lieber trinken. Seit drei Tagen
schon hat er nichts getrunken. Er muß einen Kummer haben. Darum wäre es
besser, er trinkt etwas; ich habe ihm auch dorthin ...«

Der General stieß die Tür weit auf und stand auf der Schwelle, zitternd
vor Erregung und Unwillen.

»Mein werter Herr!« donnerte er Ptizyn entgegen. »Wenn Sie wirklich
beschlossen haben, diesem Milchbart und Atheisten einen ehrwürdigen
Greis, Ihren Vater, oder wenigstens den Vater Ihrer Frau, und einen
Mann, der seinem Herrscher treu gedient hat, zu opfern, so wird mein Fuß
dieses Haus nicht mehr betreten. Wählen Sie, mein Herr, wählen Sie
sofort, ihn oder mich ... diesen dort, diesen Bohrer! Ja, Bohrer! Ich
habe es nur so ausgesprochen, doch es stimmt, diesen -- Bohrer! Denn er
bohrt in meiner Seele, und ohne jede Achtung ... wie mit einer
Schraube!«

»Warum nicht wie mit einem Korkzieher?« fragte ihn spöttisch Hippolyt.

»Nein, nicht Korkzieher, denn ich bin ein General und keine Flasche. Ich
besitze Auszeichnungen, Orden ... was besitzt denn du? Er oder ich.
Entscheiden Sie sich, mein Herr, aber sofort, sofort!« schrie er wieder
Ptizyn an.

Koljä reichte ihm einen Stuhl, auf dem er sich ganz erschöpft
niederließ.

»Wirklich, es wäre besser, Sie legten sich ein wenig hin,« murmelte
Ptizyn ganz betreten.

»Er droht uns sogar!« bemerkte Ganjä halblaut zur Schwester.

»Mich hinlegen!« schrie der General. »Ich bin nicht betrunken, mein
werter Herr, Sie beleidigen mich. Ich sehe,« und er erhob sich wieder
vom Stuhl, »daß hier alle gegen mich sind, alle und alles. Genug! Ich
gehe ... Doch wissen Sie, werter Herr, wissen Sie ...«

Man ließ ihn nicht weiter reden, man setzte ihn hin, man versuchte ihn
zu beruhigen. Ganjä ging wutschnaubend in die äußerste Ecke des Zimmers.
Nina Alexandrowna zitterte und weinte.

»Was habe ich ihm getan? Worüber beklagt er sich eigentlich!« rief
Hippolyt wieder spöttisch zu der Gruppe hinüber.

»Wie, Sie hätten ihm nichts getan?« erwiderte ihm plötzlich Nina
Alexandrowna. »Sie sollten sich schämen, einen alten Mann so
unmenschlich zu quälen ... und dazu noch an Ihrer Stelle.«

»Was heißt das, an Ihrer Stelle, gnädige Frau! Ich achte Sie sehr,
gerade Sie persönlich, doch ...«

»Das ist ein Bohrer!« schrie wieder der General. »Er bohrt mir die
Seele, das Herz durch! Er will mich zum Atheismus bekehren! Weißt du
auch, du Milchbart, als du noch nicht geboren warst, da hatte man mich
schon mit Ehren überhäuft; du aber bist nur ein neidischer Wurm, der in
zwei Hälften gebrochen wird, vom Husten ... und der vor Bosheit und
Unglauben stirbt ... Warum hat Gawrila dich hierher gebracht? Alle sind
sie gegen mich, alle, und selbst der eigene Sohn!«

»Genug, spielen Sie hier keine Tragödie vor!« rief Ganjä. »Es wäre
besser, wenn Sie uns nicht vor der ganzen Stadt Schande bereiten
wollten!«

»Was, ich mache dir Schande, du Gelbschnabel! Ich -- dir? Ich kann dir
nur Ehre machen, doch nicht Schande.«

Er war schon völlig außer sich und konnte sich nicht mehr beherrschen,
doch auch Gawrila Ardalionytsch schien die Geduld zu reißen.

»Was reden Sie von Ehre!« rief er boshaft.

»Was hast du gesagt?« donnerte der General erbleichend und einen Schritt
auf ihn zugehend.

»Ich brauchte nur den Mund zu öffnen, um ...« brüllte Ganjä, doch brach
er plötzlich ab.

Beide standen sich in höchster Erregung gegenüber.

»Ganjä, was tust du!« rief Nina Alexandrowna und warf sich ihrem Sohn
entgegen.

»Was für Torheiten!« unterbrach sie Warjä unwillig. »Lassen Sie ihn
doch, Mama!«

»Nur der Mutter wegen schon ich dich,« rief Ganjä pathetisch aus.

»Sprich!« brüllte der General in maßloser Wut, »sprich, oder fürchte
meinen väterlichen Fluch! Sprich!«

»Als ob ich Ihren Fluch fürchtete, haha! Wer ist denn daran schuld, daß
Sie seit acht Tagen ganz wie wahnsinnig sind? Den achten Tag, Sie sehen,
ich weiß sogar das Datum ... Sehen Sie zu, daß Sie mich nicht zum
Äußersten bringen, sonst sage ich alles ... Warum sind Sie gestern zu
Jepantschin gegangen? Das nennt sich ein ehrenwerter Greis mit weißen
Haaren, Familienvater! Wundervoll!«

»Schweige, Ganjka!« schrie Koljä, »schweige, Dummkopf!«

»Und ich, und ich, womit habe ich ihn denn beleidigt?« mischte sich
Hippolyt wieder in spöttischem Tone ein. »Warum nennt er mich einen
Bohrer, fragen Sie ihn doch? Er hat sich mir selbst aufgedrängt, kam und
erzählte mir von einem Kapitän Jeropjegoff. Ich habe, wie Sie wissen,
immer Ihre Gesellschaft gemieden, General, das sollten Sie wenigstens
wissen. Was geht mich der Kapitän Jeropjegoff an? Sagen Sie sich das
doch selbst. Ich bin doch nicht dieses Kapitäns wegen hierher gekommen?
Ich habe ihm nur meine Meinung gesagt, daß dieser Kapitän Jeropjegoff
vielleicht überhaupt nicht existiert hat. Er erhob natürlich sofort ein
großes Geschrei.«

»Selbstverständlich hat er nicht existiert,« schnitt ihm Ganjä das Wort
ab.

Der General stand wie vom Schlage gerührt da und blickte sinnlos im
Kreise herum. Die Worte des Sohnes hatten ihn durch ihre kaltblütige
Offenheit vollständig niedergeschmettert. Im ersten Augenblick konnte er
keine Worte finden. Nur zuletzt, als Hippolyt lachend auf die Antwort
Ganjäs ausrief: »Nun haben Sie's gehört, Ihr eigener Sohn hat es doch
gesagt, daß es einen Kapitän Jeropjegoff gar nicht gegeben hat!« -- da
murmelte er schließlich ganz leise vor sich hin:

»Kapiton Jeropjegoff, nicht Kapitän, Kapiton[29] ... Oberst a. D.
Jeropjegoff ... Kapiton ...«

»Auch einen Kapiton hat es nicht gegeben!« rief Ganjä ärgerlich.

»Warum ... hat es keinen gegeben?« murmelte der General und eine Röte
stieg ihm ins Gesicht.

»Lassen Sie doch!« lenkten Ptizyn und Warjä ein.

»Schweig, Ganjka!« rief wieder Koljä dazwischen.

Der General jedoch schien es nicht begreifen zu wollen.

»Wie, gab es denn keinen? Warum hat es denn keinen gegeben?« schrie er
drohend Ganjä an.

»Weil es eben keinen gegeben hat. Und damit basta. Er kann überhaupt
nicht existiert haben! Verstehen Sie jetzt? Bitte, lassen Sie mich nun
in Ruh, sage ich Ihnen.«

»Und das soll mein Sohn sein ... mein leiblicher Sohn, den ich ... o,
mein Gott! Jeropjegoff, Jeroschka Jeropjegoff soll nicht existiert
haben!«

»Da, sehen Sie mal, einmal heißt er Jeroschka, das andere Mal
Kapitoschka!« bemerkte Hippolyt.

»Kapitoschka, mein Herr, Kapitoschka und nicht Jeroschka! Kapiton,
Kapiton Alexejewitsch, so ist's, Kapiton ... Oberstleutnant ... außer
Diensten ... verheiratet mit Marja ... mit Marja ... Petrowna ... Ssu...
Ssu... mein Freund und Kriegskamerad ... Ssutugowa, seit meiner
Fähnrichszeit her. Ich habe für ihn vergossen ... ich habe ihn ... ich
bin vernichtet! Einen Kapitoschka Jeropjegoff soll es nicht gegeben
haben! Nicht gegeben!«

Der General rief Hölle und Himmel an, doch hätte man denken können, daß
sein Geschrei ganz anderen Dingen galt. Zu anderer Zeit freilich hätte
ihn eine viel beleidigendere Vermutung, als es die der absoluten
Nichtexistenz Kapiton Jeropjegoffs war, überhaupt nicht weiter
aufgeregt. Vielleicht hätte er auch geschrien, eine lange Geschichte
erfunden, wäre vielleicht sogar außer sich geraten, zu guter Letzt aber
würde er ruhig nach oben in sein Zimmer schlafen gegangen sein. Dieses
Mal jedoch, infolge der bekannten Unberechenbarkeit des menschlichen
Herzens, geschah es, daß dieser Zweifel an der Existenz Jeropjegoffs den
Krug zum Überlaufen brachte. Der General, totenblaß, wie er war, schlug
seine Hände über dem Kopf zusammen und schrie:

»Genug, mein Fluch komme über dieses Haus! Nikolai, hole meinen
Reisesack, ich gehe ... fort, hinaus!«

Er stürzte hinaus, Nina Alexandrowna, Koljä, Ptizyn bemühten sich, ihn
zurückzuhalten.

»Was hast du jetzt angerichtet!« wandte sich Warjä an den Bruder. »Er
wird sich womöglich wieder dahin schleppen. Diese Schande! Diese
Schande!«

»Dann soll er nicht stehlen!« schrie Ganjä immer noch wutschnaubend.
Plötzlich begegneten seine Augen denen Hippolyts. Ganjä zuckte zusammen.
»Und Sie, mein werter Herr,« schrie er ihn an, »Sie sollten nicht
vergessen, daß Sie in einem fremden Hause ... Gastfreundschaft genießen.
Sie hätten den Alten, der offenbar von Sinnen ist, nicht reizen sollen
...«

Hippolyt fuhr gleichfalls zusammen, doch faßte er sich sofort wieder.

»Ich bin nicht Ihrer Meinung, daß Ihr Vater von Sinnen ist,« antwortete
er ihm ruhig. »Mir scheint im Gegenteil, daß sein Verstand sich in
letzter Zeit verschärft hat, bei Gott: Sie glauben es nicht? So
vorsichtig und mißtrauisch ist er geworden, jedes Wort wägt er
ordentlich ... Nicht ohne Absicht hat er mir von diesem Kapitoschka
erzählt; stellen Sie sich doch nur vor, er wollte mir einreden ...«

»Zum Teufel, was geht es mich an, was er Ihnen einreden wollte! Ich
bitte Sie, mich nicht zu reizen und hier nicht zu intrigieren, mein
Herr! Wenn Sie den wahren Grund wissen, warum der Alte in einer solchen
Stimmung ist -- Sie haben ja hier bei uns fünf Tage lang herumspioniert,
so daß Sie ihn wohl wissen -- so hätten Sie ihn nicht reizen sollen ...
diesen Unglücklichen -- und meine Mutter mit diesen Dingen nicht quälen
sollen, da es sich ja doch nur um einen dummen Streich handelt, um einen
Streich in der Betrunkenheit. Und er ist nicht einmal erwiesen ... es
lohnt sich nicht einmal, davon zu sprechen ... Aber Sie, Sie natürlich
müssen überall spionieren und herumschnüffeln, denn Sie sind ja ...«

»Ein Bohrer.« Hippolyt lächelte hämisch.

»Weil Sie ein Nichtsnutz sind! Eine halbe Stunde lang quälen Sie
Menschen und glauben sie zu erschrecken -- mit Ihrer ungeladenen
Pistole, und dem verfehlten Selbstmord. Ich habe Ihnen meine
Gastfreundschaft angeboten, Sie sind hier dick geworden, haben aufgehört
zu husten und Sie bezahlen mir das ...«

»Erlauben Sie, nur ein Wort; ich bin bei Warwara Ardalionowna und nicht
bei Ihnen; Sie haben mir überhaupt keine Gastfreundschaft anzubieten,
ich glaube, Sie genießen selbst Gastfreundschaft bei Herrn Ptizyn. Vor
vier Tagen habe ich meine Mutter gebeten, mir hier in Pawlowsk eine
Wohnung zu mieten, und sie ferner gebeten, selbst auch hierher zu
ziehen, denn ich fühle mich tatsächlich hier besser, wenn ich auch
durchaus nicht zugenommen habe, noch aufgehört habe, zu husten. Gestern
abend teilte mir meine Mutter mit, daß die Wohnung fertig sei, und ich
beeile mich meinerseits, Ihnen mitzuteilen, daß ich mich bei Ihrer Frau
Mutter und Ihrer Frau Schwester für die mir erwiesene Gastfreundschaft
bedanken werde, und heute abend ihr Haus verlasse. Entschuldigen Sie,
ich hatte Sie unterbrochen; es schien mir, daß Sie noch etwas sagen
wollten.«

»Oh, wenn das so ist ...«

»Ja, wenn das so ist, so erlauben Sie, bitte, daß ich mich setze,« fügte
Hippolyt hinzu und setzte sich ruhig auf den Stuhl, auf dem der General
gesessen hatte, »ich bin immerhin krank; doch bin ich jetzt bereit, Sie
anzuhören, um so mehr, da es unser letztes Gespräch, ja, unsere letzte
Begegnung sein dürfte.«

Ganjä empfand plötzlich Gewissensbisse. »Glauben Sie denn, daß ich mich
dazu hergeben werde, mit Ihnen abzurechnen, und wenn Sie ...«

»Sie tun vergeblich so von oben herab,« unterbrach ihn Hippolyt. »Schon
am ersten Tage meines Aufenthaltes hier, gab ich mir das Wort, Ihnen bei
meinem Abschied aufrichtig die Wahrheit zu sagen. Ich habe die Absicht,
es jetzt zu tun -- nachdem Sie sich ausgesprochen haben, versteht sich.«

»Und ich bitte Sie, dieses Zimmer zu verlassen.«

»Sprechen Sie sich lieber aus, sonst werden Sie bedauern, es nicht getan
zu haben.«

»Hören Sie auf, Hippolyt, das ist alles so unwürdig ... Tun Sie mir den
Gefallen und hören Sie auf!« sagte Warjä.

»Soll ich es der Dame wegen tun?« Hippolyt erhob sich lächelnd vom
Stuhl. »Erlauben Sie, Warwara Ardalionowna, für Sie bin ich bereit, das
Gespräch sofort abzukürzen, doch nur abzukürzen, denn einige
Auseinandersetzungen mit Ihrem Bruder und mir sind unerläßlich, und ich
kann mich nicht entschließen, fortzugehen, ohne das Mißverständnis
beseitigt zu haben.«

»Weil Sie einfach ein Klatschmaul sind,« schrie Ganjä, »ohne Klatsch
können Sie sich nicht entschließen, fortzugehen!«

»Sehen Sie,« bemerkte kaltblütig Hippolyt, »da können Sie sich wieder
nicht beherrschen. Wirklich, Sie werden es bedauern, nicht alles gesagt
zu haben. Ich gebe Ihnen noch einmal das Wort. Ich werde warten.«

Gawrila Ardalionytsch schwieg und betrachtete ihn verächtlich.

»Sie wollen nicht. Sie haben also die Absicht, Charakter zu zeigen --
Ihr Wille geschehe. Was mich betrifft, so werde ich es nach Möglichkeit
kurz machen. Zwei- oder dreimal hörte ich von Ihnen den Vorwurf, ich
hätte Ihre Gastfreundschaft mißbraucht; das ist ungerecht. Sie wollten
mich mit Ihrer Aufforderung in ein Netz fangen, Sie rechneten darauf,
daß ich mich am Fürsten rächen wollte. Außerdem hörten Sie, daß Aglaja
Iwanowna für mich Teilnahme bekundete und meine Beichte gelesen hatte.
Sie rechneten aus irgendeinem Grunde darauf, daß ich Ihren Interessen
ergeben sein würde, und hofften, in mir einen Helfer zu finden. Ich
werde mich darüber nicht ausführlicher erklären! Ich verlange auch
Ihrerseits durchaus kein Bekenntnis oder eine Bejahung. Es genügt, daß
wir uns jetzt gegenseitig vollständig verstehen.«

»Sie machen ja aus der allergewöhnlichsten Sache Gott weiß was!« rief
Warjä ärgerlich aus.

»Ich habe es dir gesagt: ein Klatschmaul und Gelbschnabel ist er,«
murmelte Ganjä.

»Erlauben Sie, Warwara Ardalionowna, daß ich fortfahre. Den Fürsten kann
ich freilich weder lieben, noch achten; doch ist er ein wirklich guter
Mensch, wenn auch ein wenig ... lächerlich. Aber warum ich ihn hassen
sollte, das sehe ich wirklich nicht ein? Ihr Bruder, der mit einem
solchen Haß meinerseits rechnete, hat sich mir vollständig anvertraut.
Wenn ich jetzt bereit bin, ihn zu schonen, so tue ich es nur Ihretwegen,
Warwara Ardalionowna. Ich wollte Ihnen damit sagen, daß man mich nicht
allzu leicht fangen kann. Ihren Herrn Bruder aber, den wollte ich vor
sich selbst als Dummkopf hinstellen. Und das habe ich allerdings aus Haß
getan, ich gestehe es offen ein. Auf meinem Sterbebett -- ich werde ja
doch bald sterben, obgleich Sie behaupten, daß ich dicker geworden sei
-- fühlte ich, daß ich unvergleichlich ruhiger in das Paradies eingehen
würde, wenn es mir vorher noch gelänge, einem Vertreter dieser zahllosen
Sorte von Menschen einen Streich zu spielen, die mich in meinem ganzen
Leben so geärgert haben und die ich mein ganzes Leben hindurch gehaßt
habe, und deren vollendetster Typ und Vertreter Ihr Herr Bruder ist. Ich
hasse Sie, Gawrila Ardalionytsch, einzig und allein darum -- das mag
Ihnen sehr sonderbar vorkommen --, weil Sie der Typ und die Verkörperung
dieser gemeinen, selbstzufriedenen Gewöhnlichkeit sind. Dieser
Gewöhnlichkeit, die an nichts mehr zweifelt, die von olympischer Ruhe
und Vollendung ist. In Ihrem Verstande, in Ihrem Herzen haben Sie noch
nie auch nur die allerkleinste Idee geboren. Und neidisch sind Sie,
grenzenlos neidisch; Sie sind fest davon überzeugt, daß Sie das größte
Genie seien, nur hin und wieder in schwachen Stunden steigt ein Zweifel
in Ihnen auf, und dann werden Sie böse und neidisch, unendlich neidisch!
Oh, einige schwarze Wölkchen haben Sie noch an Ihrem Horizonte, doch
auch die werden verschwinden, wenn Sie schließlich ganz verdummt sein
werden, was nicht mehr lange dauern kann. Immerhin steht Ihnen ein
langer und abwechslungsvoller Weg bevor -- kein froher Weg, und das
freut mich. Doch eines sage ich Ihnen: Eine gewisse Person werden Sie
doch nicht bekommen ...«

»Das ist ja unerträglich!« schrie Warjä. »Hören Sie doch endlich auf,
Sie giftige Kröte.«

Ganjä war erbleicht, zitterte und schwieg. Hippolyt verstummte und
betrachtete ihn mit ersichtlicher Schadenfreude, darauf sah er Warjä an,
lächelte, verbeugte sich vor ihr und ging hinaus, ohne auch nur ein Wort
hinzuzufügen.

Gawrila Ardalionytsch konnte sich wirklich über sein Schicksal und seine
Mißerfolge beklagen. Warjä schwieg eine Zeitlang und wagte ihn weder
anzusehen noch anzusprechen, während er mit großen Schritten vor ihr auf
und ab ging. Zuletzt ging er ans Fenster und kehrte ihr den Rücken zu.
Warjä dachte an das russische Sprichwort: »Jedes Unangenehme hat auch
sein Gutes.« Im oberen Stock hörte man wieder lärmen.

»Du gehst?« wandte sich Ganjä plötzlich an seine Schwester, als er
hörte, daß sie aufstand. »Warte ein wenig: Du kannst das lesen.«

Er reichte ihr ein kleines zusammengefaltetes Zettelchen hin.

»Mein Gott!« rief Warjä und schlug die Hände zusammen.

Das Zettelchen enthielt sieben Zeilen.

»Gawrila Ardalionytsch! Da ich mich davon überzeugt habe, daß Sie mir
wohlwollen, so habe ich mich entschlossen, Sie in einer für mich sehr
ernsten Angelegenheit um Rat zu bitten. Ich möchte Sie morgen früh um
sieben Uhr auf der grünen Bank treffen, die nicht weit entfernt von
unserer Datsche steht. Warwara Ardalionowna, die Sie unbedingt begleiten
muß, kennt diesen Platz sehr gut. A. J.«

»Da soll man nach alledem noch aus ihr klug werden!« sagte Warwara
Ardalionowna, die Hände ringend.

Wie gerne Ganjä in dieser Minute auch triumphiert hätte, so mußte er
sich doch wegen des Vorhergegangenen zusammennehmen. Immerhin glänzte
ein selbstzufriedenes Lächeln auf seinem Gesicht und Warjä selbst war
freudig erregt.

»Und das am selben Tage, an dem sie ihre Verlobung feiern soll! Da soll
noch einer aus ihr klug werden!«

»Was glaubst du, was wird sie mir morgen zu sagen haben?« fragte Ganjä.

»Das ist doch gleichgültig, die Hauptsache ist doch, daß sie dich nach
sechs Monaten zum erstenmal wieder sprechen will. Höre mich an, Ganjä:
was es auch sei, vergiß nicht, daß diese Zusammenkunft von großer
Wichtigkeit ist! Prahle nicht wieder, mache keine Dummheiten, aber sei
auch kein Feigling, sieh zu! Sie muß doch wissen, warum ich mich ein
halbes Jahr lang täglich zu ihnen schleppte? Und denke dir nur: nicht
ein Wort hat sie mir heute davon gesagt, nicht eine Silbe! Ich habe es
heute doch wieder riskiert, hinzugehen -- die Alte wußte nicht, daß ich
da war, sonst hätte sie mich vielleicht hinausgeworfen. Nur deinetwegen
habe ich es getan, um zu erfahren ...«

Im oberen Stock wurde der Lärm noch lauter; Schritte kamen die Treppe
herunter.

»Um alles in der Welt darf jetzt nichts geschehen!« rief Warjä
erschrocken. »Damit kein Schatten eines Skandals ... Geh', bitt' ihn um
Verzeihung!«

Der Vater der Familie befand sich schon auf der Straße. Koljä trug ihm
den Reisesack nach. Nina Alexandrowna stand auf der Treppe und weinte;
sie wollte ihm nachlaufen, doch Ptizyn hielt sie zurück.

»Sie werden ihn damit nur noch mehr aufregen,« sagte er zu ihr. »Wohin
soll er denn gehen, in einer halben Stunde kommt er wieder; ich habe
schon mit Koljä gesprochen; lassen Sie ihn sich austoben.«

»Was tun Sie denn da, wohin gehen Sie denn!« rief ihm Ganjä aus dem
Fenster nach.

»Kommen Sie zurück, Papa. Die Nachbarn werden es erfahren.«

Der General blieb stehen, erhob seine Hand und rief:

»Verflucht sei mein ganzes Haus!«

»Immer wieder theatralisch!« murmelte Ganjä und schlug das Fenster zu.

Die »Nachbarn« hatten die Szene natürlich beobachtet. Warjä lief aus dem
Zimmer.

Als Ganjä allein war, nahm er das Zettelchen vom Tisch und küßte es.
Dann schnalzte er mit der Zunge und machte ein paar Tanzschritte.


                                  III.

Die Empörung des Generals wäre zu jeder anderen Zeit ohne Folgen
geblieben. Es waren auch schon früher Fälle solcher plötzlichen
Anwandlungen vorgekommen, wenn auch sehr selten, denn der General war im
Grunde genommen ein friedlicher und gütiger Mensch. Er hatte in den
letzten Jahren vielleicht schon hundertmal gegen die ihn beherrschende
Unordnung anzukämpfen versucht. Er erinnerte sich dann plötzlich, daß er
Vater einer Familie war, versöhnte sich mit seiner Frau und weinte
aufrichtige Tränen der Reue. Er verehrte Nina Alexandrowna bis zur
Vergötterung, weil sie ihm schweigend alles verzieh und ihn selbst jetzt
in seiner lächerlichen und erniedrigten Gestalt liebte. Doch dieser
heldenmütige Kampf gegen sein unordentliches, lasterhaftes Leben dauerte
gewöhnlich nicht lange an. Der General war zu gleicher Zeit ein sehr
heftiger Mensch, freilich ein in seiner Art heftiger Mensch: Er konnte
dieses gefesselte und tatenlose Leben in seiner Familie nicht ertragen
und empörte sich immer wieder gegen dasselbe; er wurde wieder
abenteuerlich, unstet, und wenn er sich auch selbst deshalb Vorwürfe
machte, so konnte er sich doch nicht beherrschen; er stritt mit allen,
redete schön und pathetisch, verlangte grenzenlose und unmögliche
Hochachtung seiner Person gegenüber -- verschwand dann wieder aus dem
Hause, oft sogar auf lange Zeit. Die letzten zwei Jahre kümmerte er sich
um die Familienangelegenheiten überhaupt nicht mehr oder wußte nur etwas
vom Hörensagen von ihnen: auf sie näher einzugehen, dazu fehlte ihm
jegliche Neigung.

Diesmal jedoch lag der Empörung des Generals etwas ganz besonderes
zugrunde; alle schienen irgend etwas zu wissen und alle fürchteten sich,
irgend etwas zu sagen. Der General war »formell« in der Familie oder bei
Nina Alexandrowna vor etwa drei Tagen erschienen, doch nicht etwa reuig
und friedlich, wie es sonst der Fall gewesen, sondern im Gegenteil, sehr
gereizt. Auch war er gesprächig und unruhig, stürzte sich mit Feuer in
jede Unterhaltung, sprach von verschiedenen und ganz unerwarteten
Dingen, so daß niemand eigentlich verstehen konnte, weswegen er sich im
Grunde genommen beunruhigte. Er war bald heiter, bald nachdenklich, bald
gesprächig, er erzählte von Jepantschins, vom Fürsten, von Lebedeff,
plötzlich brach er ab und hörte ganz auf zu sprechen, auf alle weiteren
Fragen antwortete er nur mit einem blöden Lächeln, ja, er bemerkte nicht
einmal, ob man ihn fragte, sondern lächelte nur. Die letzte Nacht
verbrachte er stöhnend und seufzend, störte Nina Alexandrowna, die ihm
die ganze Nacht über kalte Kompressen machte: gegen Morgen schlief er
ein, schlief ungefähr vier Stunden und erwachte in sehr schlechter,
hypochondrischer Stimmung, weshalb es denn auch zu dem Streit mit
Hippolyt und zur Verfluchung »seines ganzen Hauses« kam. Man hatte auch
bemerkt, daß in diesen drei Tagen ein ganz ungewöhnliches Ehrgefühl und
infolgedessen eine ungewöhnliche Empfindlichkeit sich bei ihm gezeigt
hatte. Koljä bestand darauf und versicherte der Mutter, daß der Kummer
des Alten eine Folge der Nüchternheit sei oder der Sehnsucht nach
Lebedeff, mit dem sich der General in der letzten Zeit so angefreundet
hatte. Doch vor drei Tagen hatte er sich plötzlich auch mit
Lebedeff verzankt und beide waren in großer Wut und Feindschaft
auseinandergegangen -- auch mit dem Fürsten hatte er eine
Auseinandersetzung gehabt! Koljä hatte den Fürsten um eine Erklärung
über das, was sich zwischen ihnen zugetragen, gebeten und dabei bemerkt,
daß der Fürst ihm etwas verheimlichte. Falls nun wirklich eine
Aussprache zwischen Hippolyt und Nina Alexandrowna stattgefunden haben
sollte, wie Ganjä mit solcher Bestimmtheit annahm, so war es doch
sonderbar, daß dieser bösartige und klatschhafte Junge, wie Ganjä
Hippolyt benannte, durchaus kein Vergnügen darin fand, auch Koljä über
die Sache aufzuklären. Also wäre es doch möglich, daß dieser »boshafte«
Junge von einer anderen Art Bosheit war, und es ist auch nicht
anzunehmen, daß er Nina Alexandrowna seine Beobachtungen mitgeteilt
hatte, nur, um »ihr Herz zu zerreißen«. Vergessen wir nicht, daß die
Gründe aller menschlichen Handlungen gewöhnlich zahllos, sehr verwickelt
und so verschiedenartig sind, daß der Autor viel besser tut, wenn er
sich nur mit der einfachen Wiedergabe der Tatsachen begnügt. So werden
wir wenigstens bei der weiteren Entwicklung der Katastrophe mit dem
General verfahren, denn wir müssen den Personen zweiten Ranges in
unserer Erzählung hier ohnehin schon mehr Aufmerksamkeit und Platz
schenken, als wir es bis jetzt vorgesehen hatten.

Diese Ereignisse folgten, eines dem anderen, in folgender Ordnung:

Als Lebedeff mit dem General von seinen Nachforschungen nach
Ferdyschtschenko am selben Tage aus Petersburg zurückgekehrt war, hatte
er dem Fürsten von dem Ergebnis nichts mitgeteilt. Wenn der Fürst zu
dieser Zeit nicht gerade mit ganz anderen Dingen und für ihn viel
wichtigeren Eindrücken beschäftigt gewesen wäre, so hätte er es wohl
bemerken müssen, wie Lebedeff in diesen zwei Tagen geradezu eine
Begegnung mit ihm zu vermeiden schien, geschweige denn ihm eine
Erklärung darüber abzugeben wünschte. Als dies dem Fürsten endlich
auffiel, so wunderte es ihn, daß er bei jeder zufälligen Begegnung mit
Lebedeff diesen in der allerbesten und heitersten Laune und fast immer
mit dem General zusammen getroffen hatte. Die beiden Freunde schienen
einfach unzertrennlich zu sein. Oft hörte der Fürst über sich im zweiten
Stock ihre lauten und lebhaften Gespräche, ihre fröhlichen Lachsalven.
Einmal, am späten Abend, vernahm er aus Lebedeffs Zimmer Töne eines
bacchantischen Kriegsliedes und erkannte sofort den heiseren Baß des
Generals. Doch brach das Lied plötzlich ab. Darauf hörte er noch eine
Stunde lang ein begeistertes Gespräch, das offenbar im Rausch geführt
wurde. Die beiden Freunde schienen sich zu küssen und zu umarmen und
einen von ihnen hörte man plötzlich weinen. Darauf folgte ein heftiger
Streit, der wieder abbrach. Koljä war die ganze Zeit in sorgenvoller,
gespannter Stimmung. Den Fürsten traf er meistens nicht zu Hause an,
denn dieser kehrte abends immer sehr spät heim, doch hatte man ihm
jedesmal gemeldet, daß Koljä ihn gesucht und nach ihm gefragt hätte. Als
Koljä ihn dann einmal antraf, wußte er ihm jedoch nichts besonderes zu
sagen, außer daß er sehr »unzufrieden« mit dem General und seiner
jetzigen Aufführung sei. »Er treibt sich hier mit Lebedeff in der
Trinkstube herum, sie umarmen sich und schimpfen sich auf der Straße und
können nicht voneinander lassen.« Als der Fürst daraufhin bemerkte, daß
es früher ebenso gewesen wäre, wußte Koljä wirklich nicht, was er darauf
antworten und wie er erklären sollte, worin seine jetzige Unruhe
bestand.

Als der Fürst am nächsten Morgen nach dem bacchantischen Liede und dem
darauffolgenden Streit aus dem Hause gehen wollte, erschien vor ihm
plötzlich, außerordentlich aufgeregt und fast erschüttert, der General.

»Ich habe schon lange die Ehre und die Gelegenheit gesucht, Ihnen zu
begegnen, hochverehrter Lew Nikolajewitsch, schon lange, lange,« sagte
er, und drückte heftig, bis zur Schmerzhaftigkeit, die Hand des Fürsten.
»Schon sehr, sehr lange.«

Der Fürst forderte ihn auf, sich zu setzen.

»Nein, ich nehme nicht Platz, zudem würde ich Sie aufhalten, ich --
werde ein anderes Mal kommen. Ich glaube, ich kann Ihnen gratulieren ...
zur Erfüllung Ihres Herzenswunsches ...«

»Welch eines Herzenswunsches?« Der Fürst stutzte und eine gewisse
Verwirrung kam über ihn. Er hatte, wie viele andere in seiner Lage,
gedacht, daß niemand etwas bemerkt, erraten oder verstanden habe ...

»Seien Sie unbesorgt, seien Sie unbesorgt! Ich werde Ihre zarten Gefühle
nicht verletzen. Ich habe es selbst empfunden, und ich weiß, wie es ist,
wenn ein Fremder ... sozusagen, seine Nase ... wie nach dem Sprichwort
... in Dinge steckt ... wo er nichts zu suchen hat. Ich habe das jetzt
selbst jeden Morgen zu empfinden gehabt. Doch, ich komme in einer
anderen Angelegenheit, in einer wichtigen ... einer sehr wichtigen
Angelegenheit, Fürst.«

Der Fürst bat ihn noch einmal, sich zu setzen und nahm selbst Platz.

»Doch nur auf eine Sekunde ... ich kam, um Sie um einen Rat zu bitten
... ich habe freilich bis jetzt ohne praktische Ziele gelebt, doch ich
achte jede ... Tätigkeit, die gerade der russische Mensch so oft
versäumt ... nun aber ... ich möchte mir, meiner Frau und meinen Kindern
eine Stellung schaffen ... mit einem Wort, Fürst, ich suche einen Rat.«

Der Fürst lobte mit Eifer seine Absicht.

»Doch alles das würde nichts bedeuten,« unterbrach ihn schnell der
General, »die Hauptsache ist nicht dies, sondern etwas anderes, viel
Wichtigeres. Ich habe mich entschlossen, mich Ihnen zu erklären, als
einem Menschen, dessen Aufrichtigkeit und Ehrenhaftigkeit ich kenne, und
an die ich glaube bis ... bis ... Sie wundern sich doch nicht über meine
Worte, Fürst?«

Der Fürst hörte seinem Gast, wenn auch nicht besonders erstaunt, so doch
mit großer Aufrichtigkeit und Neugier zu. Der General war bleich, seine
Lippen zitterten leicht und seine Hände schienen keinen ruhigen Platz
finden zu können. Er saß kaum einen Augenblick und schon erhob er sich
wieder, um sich dann abermals hinzusetzen. Augenscheinlich schenkte er
seiner Haltung überhaupt keine Beachtung. Auf dem Tisch lagen Bücher: er
nahm ein Buch, schlug es auf, schlug es wieder zu, legte es auf den
Tisch zurück und griff nach einem andern Buch, das er nicht aufschlug,
aber in die rechte Hand nahm und damit in der Luft herumfuchtelte.

»Genug!« rief er plötzlich. »Ich sehe, daß ich Sie nur belästige.«

»Aber durchaus nicht, ich bitte Sie, ich höre Ihnen im Gegenteil gerne
zu und bemühe mich zu erraten ...«

»Fürst! ich wünsche geachtet zu werden ... vor mir selbst und meinen ...
Rechten Achtung zu haben.«

»Ein Mensch, der solche Wünsche hat, ist schon der Achtung wert.«

Der Fürst sagte diese Worte, überzeugt, daß sie eine gute Wirkung
ausüben würden. Er hatte instinktiv erraten, daß eine vielleicht leere,
doch angenehme Phrase, zur rechten Zeit gesagt, die Seele eines solchen
Menschen, eines Menschen in der Lage des Generals, beruhigen und
erleichtern müsse. Vor allen Dingen sah er ein, daß er diesem Gast das
Herz erleichtern müsse. Das war die Aufgabe.

Die Phrase schmeichelte, rührte und gefiel denn auch sehr: der General
veränderte sofort seinen Ton, wurde überschwenglich und verfiel in
feierlich lange Erläuterungen. Doch wie der Fürst sich auch anstrengen
mochte, wie aufmerksam er ihm auch zuhörte, er konnte buchstäblich nicht
verstehen, um was es sich handelte. Der General sprach zehn Minuten lang
begeistert, schnell, kaum daß er die auf ihn einstürmende Menge der
Gedanken aussprechen konnte -- in seinen Augen glänzten sogar Tränen --
und doch waren es nur Phrasen ohne Anfang und Ende, ganz unerwartete
Worte, überraschende Gedanken, alles mögliche durcheinander und
übereinander geworfen.

»Genug! Sie haben mich verstanden, und ich bin beruhigt,« schloß er
plötzlich, sich von neuem erhebend. »Ein Herz wie das Ihre kann nicht
umhin, einen Leidenden zu verstehen. Fürst, Sie sind so edel wie ein
Ideal! Was sind die anderen im Vergleich zu Ihnen? Doch Sie sind noch
jung, und deshalb segne ich Sie. Aber der Endzweck meines Kommens war,
-- Sie zu bitten, mir Tag, Ort und Stunde anzugeben, wann und wo ich mit
Ihnen eine wichtige Angelegenheit besprechen könnte. Ich suche nichts
als Freundschaft und Herz, Fürst.«

»Aber weshalb nicht jetzt gleich? Ich bin gern bereit ...«

»Nein, Fürst, nein!« unterbrach ihn der General lebhaft. »Nicht jetzt!
Das ist gar zu wichtig, das ist von gar zu großer Wichtigkeit! Diese
eine Stunde unserer Unterhaltung wird für mich von schicksalsschwerer
Bedeutung sein. Das soll _meine_ Stunde sein, und ich würde nicht
wünschen, daß man uns in so heiligen Minuten stört, was schließlich
jeder erste beste tun kann, jeder Unverschämte, der plötzlich eintritt,
und vielleicht sogar,« fuhr er in fast ängstlichem Flüsterton fort, sich
näher zum Fürsten beugend, »ein ... ein Frechling, der nicht einmal
Ihren Stiefelabsatz wert ist ... nicht einmal den Absatz Ihres Stiefels,
vielgeliebter Fürst! oh, ich sage nicht: meines Stiefels! Vergessen Sie
nicht, daß ich nicht meines Stiefels gesagt habe! Ich achte mich viel zu
sehr, um Ausflüchte zu machen ... nur Sie allein sind fähig, zu
begreifen, daß ich, indem ich in diesem Falle meinen Absatz sozusagen
zurücksetze -- daß ich hierbei einen ungeheuren Stolz im Bewußtsein
meiner Würde beweise. Außer Ihnen wird mich niemand begreifen, _er_ aber
ist an der Spitze der anderen! Er begreift überhaupt nichts, Fürst, er
ist vollkommen, vollkommen unfähig zu begreifen! Um begreifen zu können,
muß man Herz haben!«

Schließlich durchfuhr den Fürsten denn doch ein gelinder Schreck, und er
sagte dem General nach diesen krausen Reden bereitwillig, daß er ihn am
nächsten Tage um dieselbe Zeit erwarten würde, worauf ihn dieser denn
getröstet und beruhigt und fast sogar ermuntert verließ. Am Abend, gegen
sieben Uhr, ließ der Fürst Lebedeff auf einen Augenblick zu sich bitten.

Lebedeff erschien unverzüglich, »es sich zur Ehre anrechnend«, wie er
schon in der Tür zu versichern begann. Nichts, aber auch nichts verriet,
daß er drei Tage lang sich gleichsam vor dem Fürsten versteckt oder doch
wenigstens ein Zusammentreffen mit ihm vermieden hatte. Er setzte sich
auf den Rand des Stuhles, auf den der Fürst gewiesen hatte, lächelte und
blinzelte und schnitt unbewußt Grimassen, während seine lachenden Augen
flink beobachteten, und er sich händereibend in der naivsten Weise
irgend etwas zu vernehmen vorbereitete, eine gewisse kapitale Nachricht,
deren Sinn wohl schon längst von allen erraten war. Der Fürst stutzte
wieder: er begriff plötzlich, daß alle jetzt etwas von ihm erwarteten;
sahen ihn doch seit einiger Zeit alle so seltsam lächelnd an, und
schienen doch alle das offenkundige Verlangen zu haben, ihn zu
beglückwünschen, was sie ihm in Andeutungen auch genug zu verstehen
gaben. Keller war bereits dreimal »nur auf einen Moment« erschienen, mit
dem sichtlichen Wunsch, zu gratulieren: er hatte jedesmal begeistert,
doch nichtsdestoweniger unverständlich zu sprechen begonnen, jedoch
keinen Satz beendet, sondern sich festgerannt -- und dann war er wieder
schleunigst verduftet. In den letzten Tagen schwelgte er tüchtig in
Alkohol und lärmte in irgendeiner Billardstube. Selbst Koljä hatte trotz
seiner Niedergeschlagenheit zweimal ziemlich unklar zu reden angefangen.

Der Fürst wurde etwas nervös und fragte Lebedeff gereizt nach seiner
Meinung über den gegenwärtigen Zustand des Generals: ob er den Grund
wisse, weshalb jener so unruhig sei? Und er erzählte ihm zum Schluß in
kurzen Worten das letzte Gespräch, das er mit dem General gehabt hatte.

»Heutzutage hat jedermann seine Unruhe, Fürst, und ... das ist nun mal
so in unserem unruhigen Jahrhundert. Tja!« antwortete Lebedeff
auffallend trocken und verstummte gekränkt, mit der Miene eines
Menschen, der in seinen Erwartungen grausam enttäuscht worden ist.

»Sie sind ja Philosoph!« meinte der Fürst mit einem Lächeln.

»Ohne das geht's nicht. Philosophie tut heutzutage allerorten not -- ich
rede vornehmlich von der praktisch angewandten --, nur wird sie nicht
genügend beachtet; das ist's. Was jedoch mich betrifft, hochgeehrter
Fürst, so haben Sie mich zwar in einem Ihnen wohlbekannten Punkte durch
Ihr Vertrauen auszuzeichnen geruht, jedoch nur bis zu einer gewissen
Grenze, und darüber hinaus keinen Schritt weiter, also wie gesagt, nur
insofern, als es sich auf diesen einen Punkt bezog ... Das begreife und
fühle ich, doch will ich deshalb nicht klagen.«

»Kommen Sie nur mit der Wahrheit heraus, Lebedeff, Sie scheinen sich
über irgend etwas zu ärgern?«

»Keineswegs, mitnichten, hochverehrter, durchlauchtigster Fürst, nicht
im allermindesten!« versicherte Lebedeff, im Augenblick belebt, und
preßte die Hand wieder ans Herz. »Ich habe vielmehr sogleich begriffen,
daß ich weder durch meine gesellschaftliche Stellung, noch durch meine
Herzens- und Geistesentwicklung, noch durch Erwerb von Reichtümern, noch
durch meine frühere Aufführung, zumal auch meine Kenntnisse an die
Ihrigen nicht hinanreichen --, daß ich dieserhalb durch nichts Ihr
ehrendes, hoch erhaben über all meinen Hoffnungen stehendes Vertrauen
verdient habe, und ich, falls Sie sich meiner zu bedienen belieben,
Ihnen nur als Sklave und Mietling zu dienen vermag, nicht anders ... ich
ärgere mich also nicht, wohl aber bin ich tief betrübt.«

»Lukjan Timofejewitsch, Gott, was reden Sie da!«

»Jawohl: nicht anders! Und so ist es auch jetzt im vorliegenden Fall!
Indem ich Ihnen mit meinem Herzen und meinen Gedanken überallhin folgte,
sprach ich also zu mir selbst: freundschaftlichen Verhaltens seinerseits
bin ich zwar nicht wert, doch in meiner Eigenschaft als Besitzer des
Hauses, in dem er wohnt, könnte ich vielleicht zur rechten Zeit
sozusagen Verhaltungsvorschriften für die zu ergreifenden Maßregeln
empfangen, im Hinblick auf etwaige bevorstehende oder zu erwartende
Veränderungen ... wie gesagt ...«

Lebedeffs listige Äuglein blickten unverwandt den Fürsten an, der ihn
verständnislos und vom Kopf bis zu den Füßen betrachtete. Offenbar
wollte Lebedeff die Hoffnung, daß seine Neugier endlich befriedigt
werden würde, nicht so leichten Kaufes aufgeben.

»Ich verstehe kein Wort,« sagte schließlich der Fürst ungehalten. »Sie
... Sie sind ein grauenvoller Intrigant!« schloß er plötzlich herzlich
auflachend.

Im Augenblick begann auch Lebedeff zu lachen, während sein
aufleuchtender Blick sofort verriet, daß seine Hoffnung sich verdoppelt
hatte.

»Wissen Sie, was ich Ihnen sagen werde, Lukjan Timofejewitsch? Seien Sie
mir nur nicht böse ... Ich kann mich wirklich bloß wundern über Ihre
Naivität, und nicht nur über die Ihre allein! Sie erwarten mit einer so
erstaunlichen Naivität etwas von mir -- gerade jetzt, gerade in diesem
Augenblick --, daß ich mich vor Ihnen geradezu schäme und mich fast
sogar irgendwie schuldig fühle, weil ich nichts habe, womit ich Sie
befriedigen könnte, wirklich, ich schwöre es Ihnen,« beteuerte der Fürst
lachend.

Lebedeff setzte eine wichtige Miene auf. Bisweilen konnte er allerdings
etwas gar zu naiv und zudringlich werden mit seiner Neugier, doch war er
sonst ein selten schlauer Kopf und verstand es vorzüglich, sich glatt
wie ein Aal jeder Hand, die nach ihm griff, zu entwinden, wenn er sich
nicht selbst greifen lassen wollte; in gewissen Fällen aber war er, der
sonst viel zu viel redete, geradezu hinterlistig schweigsam, wenn ihm
Schweigen ratsamer schien als Reden. Ohne zu wollen, machte der Fürst
ihn fast zu seinem Feinde, indem er ihn mit seiner Neugier immer wieder
zurückwies; nur tat er es nicht etwa deshalb, weil er ihn verachtete,
sondern weil der Gegenstand seiner Neugier für den Fürsten ein gar zu
peinliches Thema war. Betrachtete der Fürst doch noch vor ein paar Tagen
gewisse »Traumgedanken«, in denen er sich mitunter unbewußt verlor,
direkt als Verbrechen. Lebedeff jedoch faßte diese Abweisungen des
Fürsten als Ausdruck persönlicher Antipathie und großen Mißtrauens auf
und war in diesem Punkte nicht nur auf Koljä und Keller, sondern auch
auf seine leibliche Tochter Wjera Lukjanowna eifersüchtig. In diesem
Augenblick zum Beispiel hätte er dem Fürsten etwas mitteilen können, das
diesen sehr interessiert haben würde, doch er verstummte gekränkt und
teilte nichts mit, obwohl er es selbst ganz gern getan hätte.

»Womit also kann ich Ihnen denn jetzt dienen, hochverehrter Fürst, da
Sie mich doch immerhin ... herbestellt haben?« fragte er schließlich
nach längerem Schweigen.

»Ja, ich wollte mich eigentlich nur nach dem General erkundigen,« sagte
der Fürst, aus seiner Gedankenversunkenheit auffahrend, »und ... wie
steht es nun mit diesem Diebstahl, von dem Sie mir Mitteilung machten
...«

»Von dem ich -- was?«

»Ach, als ob Sie mich nicht verstehen! Weiß Gott, Lukjan Timofejewitsch,
Sie müssen sich aber auch ewig verstellen! Das Geld, das Geld, die
vierhundert Rubel, die Sie damals verloren haben, mit der ganzen
Brieftasche, Sie wissen doch, und von denen Sie mir dann hier erzählten,
am Morgen, bevor Sie nach Petersburg fuhren -- haben Sie endlich
begriffen?«

»Ach so, Sie reden von jenen Vierhundert!« sagte Lebedeff enttäuscht und
als entsänne er sich jetzt erst. »Ich danke Ihnen, Fürst, für Ihre
aufrichtige Teilnahme, ich fühle mich sehr geehrt durch sie, nur ... ich
habe sie bereits gefunden, und zwar schon vor langer Zeit.«

»Gefunden? Ach, Gott sei Dank!«

»Dieser Ausruf bekundet Ihre edle Denkweise, Fürst, denn vierhundert
Rubel zu verlieren -- das ist kein Kinderspiel für einen armen
Familienvater, der seine verwaisten Kinder durch schwere Arbeit ernähren
muß ...«

»Nein, so war es eigentlich nicht gemeint, ich meinte nicht das ...
Natürlich freut es mich, daß Sie sie gefunden haben,« verbesserte sich
der Fürst, »aber ... wie haben Sie sie denn gefunden?«

»Äußerst einfach: unter dem Stuhl, über dessen Lehne ich meinen Hausrock
geworfen hatte, so daß die Brieftasche offenbar aus der Rocktasche
herausgefallen sein muß.«

»Wie -- unter dem Stuhl? Das ist doch nicht möglich ... Sie sagten mir
doch selbst, daß Sie überall gesucht hätten -- wie konnten Sie dann die
wichtigste Stelle übersehen?«

»Das ist es ja eben, daß ich überall gesucht habe! Das weiß ich selbst
nur zu gut, nur zu gut! Ich bin auf den Knien im Zimmer umhergekrochen,
habe jedes Brett des Fußbodens mit der Hand befühlt, da ich meinen
eigenen Augen nicht genügend traute. Und obschon ich sah, daß da nichts
war, fuhr ich doch fort, mit der Hand alles zu befühlen. Dieser Kleinmut
ist jedem Menschen eigen, wenn es sich ums Suchen verlorener Gegenstände
handelt ... oder um ähnliches Verschwinden seines Eigentums. So etwas
ist sehr betrübend: er sieht doch, daß dort nichts ist, und dennoch wird
er mindestens fünfzehnmal nach jeder leeren Stelle hinblicken: ich sehe
doch mit meinen eigenen Augen, daß dort nichts auf dem Fußboden liegt,
die Stelle ist glatt wie hier meine Handfläche, und dennoch fahre ich
fort, sie zu betasten.«

»Nun ja ... aber wie ist denn das? ... Ich verstehe Sie noch immer
nicht,« sagte der Fürst, dessen Gedanken im Augenblick halb betäubt
waren. »Sie sagten doch früher, daß Sie trotz allen Suchens nichts
gefunden hätten, und nun plötzlich ...«

»Und nun plötzlich habe ich gefunden.«

Der Fürst blickte Lebedeff eigentümlich an.

»Und der General?« fragte er nach einer Weile.

»Der General? Was ist mit dem?« begriff Lebedeff wieder nicht.

»Ach, Gott! Ich frage, was der General dazu sagte, als Sie die
Brieftasche unter dem Stuhl fanden? Sie haben doch mit ihm zusammen
gesucht.«

»Anfangs allerdings mit ihm zusammen. Doch ich zog es vor, ihm bisher
nichts davon zu sagen, daß ich die Brieftasche selbst und allein
gefunden hatte.«

»Aber ... weshalb das? Das Geld ist doch vollzählig?«

»Ich öffnete die Brieftasche, sah nach: alles bis auf den letzten Rubel,
nichts hat er angerührt.«

»Hätten Sie mir das doch gleich gesagt!« sagte der Fürst mit leisem
Vorwurf und versank in Gedanken.

»Ich fürchtete, Sie zu beunruhigen, Fürst, bei Ihren persönlich in
dieser Zeit empfangenen tiefgehenden Eindrücken. Und außerdem gab ich
mir auch selbst den Anschein, als hätte ich nichts gefunden. Die
Brieftasche öffnete ich, sah hinein, zählte nach, schloß sie wieder und
legte sie zurück auf dieselbe Stelle unter dem Stuhl.«

»Aber weshalb denn das?«

»S--so--o, aus Neugier; um zu sehen, was weiter geschehen würde. Hehe,«
meinte Lebedeff, mit seligem Lächeln sich die Hände reibend.

»Und so liegt sie auch jetzt noch dort, seit drei Tagen?«

»Oh, nein; bloß vierundzwanzig Stunden lag sie so dort. Ich, sehen Sie
mal, ich wollte zum Teil, daß der General sie selbst fände. Denn wenn
ich sie gefunden habe, weshalb soll dann schließlich nicht auch der
General sie finden können, da sie doch dort, auf dem Boden liegend,
einem jeden sozusagen in die Augen springt -- denn der Stuhl verdeckt
sie doch nicht! Und ich habe noch mehrmals diesen Stuhl umgestellt, so,
wissen Sie, ganz harmlos im Vorübergehen, so daß die Brieftasche wie auf
dem Präsentierteller lag, doch der General bemerkte sie kein einziges
Mal! Und das dauerte so ganze zwölf Stunden. Er muß doch, wie man sieht,
recht zerstreut sein, man kann gar nicht mehr aus ihm klug werden. Er
spricht, spricht, erzählt, lacht -- und plötzlich ärgert er sich über
mich ohne jede Veranlassung, ich begreif' ihn wahrhaftig nicht!
Schließlich verließen wir das Zimmer, ich aber ließ die Tür absichtlich
offen stehen; er -- ich sah es wohl -- er zögerte ein wenig und wollte
schon etwas sagen, fürchtete wahrscheinlich für die Brieftasche, die mit
so viel Geld dort liegen blieb, doch plötzlich ärgerte er sich
entsetzlich und sagte nichts; keine zwei Schritt gingen wir auf der
Straße zusammen, da verließ er mich, ohne ein Wort zu sagen, und ging in
der entgegengesetzten Richtung davon. Erst am Abend trafen wir uns
wieder im Restaurant.«

»Aber schließlich haben Sie die Brieftasche doch aufgehoben?«

»N--nein, in derselben Nacht verschwand sie von dort.«

»Aber, wo ist sie denn jetzt?«

»Hi--ier,« sagte plötzlich Lebedeff lachend, erhob sich halbwegs vom
Stuhl, tippte auf den vorderen Zipfel seines linken Rockschoßes und
blickte den Fürsten mit unschuldig gutmütigen Augen an. »Plötzlich
befand sie sich hier in meinem eigenen Rockschoß. Hier, bitte, sich zu
überzeugen, fühlen Sie mal.«

In der Tat bildete sich vorn in der Rockschoßecke, gerade auf der
sichtbarsten Stelle eine kleine Erhöhung, die, wie man auf den ersten
Blick erkannte, von einem viereckigen, zwischen dem Oberzeug und dem
Rockfutter befindlichen Gegenstande, einem größeren Portemonnaie oder
einer Brieftasche, herrühren konnte.

»Ich nahm sie heraus, sah nach: nichts fehlte, alles da. Dann steckte
ich sie wieder hinein, und jetzt spaziere ich so schon seit gestern
morgen mit ihr herum und lasse sie hier ruhig baumeln.«

»Und tun, als bemerkten Sie nichts?«

»Und tue, als bemerkte ich nichts, hehehe! Aber stellen Sie sich doch
bloß mal vor, hochverehrter Fürst -- wenn auch der Gegenstand an sich
keiner so besonderen Beachtung Ihrerseits wert ist --, noch nie hat eine
meiner Rocktaschen ein Loch gehabt, und nun plötzlich ist in einer
einzigen Nacht ein so riesengroßes entstanden! Das bewog mich denn auch,
etwas schärfer hinzusehen, und da schien es mir, als habe jemand mit
einem stumpfen Federmesserchen das Taschenfutter aufgeschnitten -- fast
nicht zu glauben, nicht wahr?«

»Und ... der General?«

»Ärgert sich, sowohl gestern wie heute, und ist äußerst unzufrieden mit
sich und der ganzen Welt, wie's scheint: bald ist er freudig erregt bis
zu bacchantischer Ausgelassenheit, bald wiederum ist er zu Tränen
gerührt, um dann wiederum ganz plötzlich in wahre Berserkerwut zu
geraten, so daß, bei Gott, selbst ich Angst bekam. Ich bin doch immerhin
kein Soldat, wie er! Gestern saßen wir beide im Restaurant, mein
Rockschoßzipfel steht aber zufällig wie ein Berg: er guckt, guckt, sagt
aber kein Wort, ärgert sich bloß. Offen mir in die Augen zu sehen, wagt
er längst nicht mehr, höchstens wenn er schon ganz beseelt ist oder ganz
gerührt. Aber gestern sah er mich zweimal so an, daß es mir einfach kalt
über den Rücken lief. Übrigens beabsichtige ich, die Brieftasche morgen
zu finden, den Abend aber will ich heute noch mal gemeinsam mit ihm
verbringen.«

»Weshalb quälen Sie ihn so?!« rief der Fürst vorwurfsvoll.

»Ich quäl' ihn nicht, Fürst, ich quäl' ihn nicht im geringsten,
bewahre!« versetzte Lebedeff mit Eifer. »Ich liebe ihn aufrichtig und
... achte ihn sogar; aber jetzt -- glauben Sie es mir oder glauben Sie
es mir nicht -- jetzt ist er mir noch teurer geworden, jetzt schätze ich
ihn noch viel mehr!«

Lebedeff sagte das alles so ernst und aufrichtig, daß es den Fürsten
einfach empörte.

»Wenn Sie ihn lieben, wie können Sie ihn dann so quälen! Ich bitte Sie,
er hat doch allein schon damit, daß er das Vermißte so offen hingelegt,
zuerst unter den Stuhl und dann in den Rock, allein schon damit hat er
Ihnen bewiesen, daß er sich nicht vor Ihnen versteckt, daß er keine
Kniffe anwenden will, daß er Sie ehrlich um Verzeihung bittet! Hören
Sie: um Verzeihung bittet! Er vertraut auf ihr Zartgefühl, er glaubt an
Ihre Freundschaft! Und diesen ... diesen ehrlichsten Menschen können Sie
so weit erniedrigen!«

»Stimmt! -- er ist der ehrlichste Mensch, Fürst, der ehrlichste von
allen!« griff Lebedeff sogleich lebhaft auf. »Nur Sie allein, edelster
Fürst, sind fähig, eine so richtige und gerechte Bemerkung zu machen!
Dafür aber bin ich Ihnen bis zur Vergötterung zugetan, wenn ich auch
selbst verkommen und verdorben bin in all meinen Lastern! Also
abgemacht! Ich finde die Brieftasche hier sogleich, soeben, und nicht
erst morgen. Hier, ich nehme sie hier vor Ihren Augen heraus, hier ...
hier ist sie, und hier ... ist das Geld bis auf den letzten Rubel. Hier
-- nehmen Sie es, Fürst, verwahren Sie es bis morgen. Morgen oder
übermorgen werde ich Sie darum bitten. Aber wissen Sie, Fürst, jetzt
ist's doch klar, daß sie in der ersten Nacht irgendwo in meinem Garten
unter einem Stein gelegen hat, oder nicht? -- was meinen Sie?«

»Hören Sie, sagen Sie ihm das nur nicht so offen ins Gesicht, daß Sie
die Brieftasche gefunden haben. Mag er einfach sehen, daß sie nicht mehr
im Rockschoß ist, dann wird er schon begreifen.«

»Ja--a? Wäre es nicht doch besser, zu sagen, daß ich sie gefunden habe
und sich dabei so zu stellen, als hätte ich nichts erraten?«

»N--nein,« sagte der Fürst nachdenklich, »n--nein, jetzt ist es schon zu
spät dazu, es wäre zu gefährlich. Nein, wirklich, sagen Sie lieber
nichts. Seien Sie nur freundlich zu ihm, doch ... lassen Sie ihn nichts
merken, und ... und ... wissen Sie ...«

»Ich weiß, Fürst, ich weiß! -- das heißt, ich weiß, daß ich es
wahrscheinlich nicht erfüllen werde, denn dazu müßte man ein Herz haben,
wie nur Sie allein eines besitzen. Zudem bin auch ich ein reizbarer
Mensch. -- Er hat mich bisweilen doch gar zu sehr von oben herab
behandelt, namentlich in der letzten Zeit: bald weint er und umarmt
mich, bald wiederum behandelt er mich mit ausgesprochener Verachtung --
nein, das konnte ich ihm nicht schenken, da stellte ich den
Rockschoßzipfel so, daß die dicke Stelle einem jeden auffallen mußte!
hehehe! Auf Wiedersehen, Fürst, denn ich störe wohl, wie ich sehe, und
hindere Sie, sich ganz in die interessantesten Gefühle zu vertiefen ...«

»Lassen Sie nur um Gottes willen kein Wort verlauten, hüten Sie das
Geheimnis, hören Sie!«

»Jawohl, gewiß, gewiß, gehe mit sachten Schritten und als wäre nichts
geschehen!«

Der Fürst blieb, obschon die Sache so gut wie abgetan war, doch in
Sorgen um den General zurück, ja fast hatten sich diese Sorgen jetzt
noch vergrößert. Unruhig sah er der bevorstehenden Unterredung mit dem
General entgegen.


                                  IV.

Der General erschien, wie verabredet, Punkt zwölf, so daß der Fürst, der
ein wenig später nach Hause zurückkehrte, ihn bereits wartend bei sich
antraf. Es fiel ihm sogleich auf, daß der General ungehalten zu sein
schien, und zwar offenbar deshalb, weil er hatte warten müssen. Der
Fürst machte seine Entschuldigung, und beeilte sich, ihm gegenüber Platz
zu nehmen, tat es jedoch eigentümlich ängstlich, als wäre sein Gast eine
zarte Porzellanfigur, die er durch eine unvorsichtige Bewegung zu
zerschlagen fürchtete. Diese Furcht war um so seltsamer, als er bisher
noch nie etwas Ähnliches im Verkehr gerade mit dem General empfunden
hatte. Bald jedoch gewahrte der Fürst, daß sein Gast heute ein ganz
anderer Mensch war, als tags zuvor: Die frühere Verwirrung und
Zerstreutheit war gänzlich verschwunden, und statt ihrer bemerkte man
nur eine ungewöhnliche Zurückhaltung, aus der man nur folgern konnte,
daß dieser Mensch sich zu etwas Großem entschlossen hatte. Die Ruhe war
übrigens eine mehr äußerliche; jedenfalls schien der Gast bei aller
zurückhaltenden Würde immer noch recht aufgeräumt zu sein! ja zu Anfang
sprach er sogar mit einer gewissen Herablassung zum Fürsten -- gerade
so, wie mitunter stolze Leute, die mit Unrecht verletzt oder
zurückgesetzt worden sind, leutselig, herablassend und dementsprechend
liebenswürdig zu sein pflegen. Der General sprach freundlich, wenn auch
im Ton seiner Stimme eine gewisse Betrübnis durchklang.

»Hier ist Ihr Buch, das Sie mir vor ein paar Tagen gegeben haben,«
machte er den Fürsten mit einer hinweisenden Kopfbewegung auf das Buch
aufmerksam, das er auf den Tisch gelegt hatte. »Besten Dank.«

»Ach ja! Sie haben den Artikel gelesen? Wie hat er Ihnen gefallen? Doch
sehr interessant?« fragte der Fürst, erfreut über die Möglichkeit, ein
nebensächliches Gespräch anfangen zu können.

»In--ter--essant? -- ja, das allerdings, aber alles in allem doch recht
unbehauen und natürlich auch albern. Vielleicht ist überhaupt kein
wahres Wort daran.«

Der General sprach mit erstaunlicher Sicherheit -- dem Fürsten
wenigstens war dieser Ton an ihm ganz neu -- und zog dabei mit einer
gewissen überlegenen Nachlässigkeit die Worte in die Länge.

»Ach, aber das ist doch eine so harmlose Erzählung, eine so echte
Schilderung eines alten Soldaten, der selbst Augenzeuge der Plünderung
Moskaus gewesen ist. Einzelne Stellen sind, finde ich, einfach
wundervoll. Zudem sind doch alle Aufzeichnungen von Augenzeugen schon
als solche ungeheuer wertvoll, gleichviel wer der Augenzeuge ist, nicht
wahr?«

»Ich hätte an Stelle des Autors diese Aufzeichnungen nicht gedruckt, und
was solche Aufzeichnungen von Augenzeugen im allgemeinen anlangt, so--o
... kann man sagen, daß die Menschen eher einem groben Lügner glauben,
als einem alten, ehrwürdigen und verdienstvollen Manne. Ich kenne
Aufzeichnungen aus dem Jahre achtzehnhundertzwölf, die ... Ich habe mich
entschlossen, Fürst, dieses Haus hier zu verlassen -- das Haus Herrn
Lebedeffs.«

Der General blickte den Fürsten bedeutsam an.

»Sie haben ja wohl auch Ihre eigene Wohnung in Pawlowsk, bei ... bei
Ihrer Frau Tochter ...« sagte der Fürst, nur um etwas zu sagen.

Er erinnerte sich, daß der General ja doch gekommen war, um zu einer
»schicksalsschweren Entscheidung« seinen Rat einzuholen.

»Bei meiner Frau,« korrigierte der General, »mit anderen Worten, bei
mir, und im Hause meiner Tochter.«

»Verzeihen Sie, ich ...«

»Ich verlasse das Haus Herrn Lebedeffs deshalb, lieber Fürst, weil ich
mit diesem Manne gebrochen habe; ich habe es gestern abend getan,
bedauernd, daß es von mir aus nicht schon früher geschehen ist. Ich
fordere Achtung für meine Person von jedermann, Fürst, selbst von jenen
Leuten, denen ich, wie man sagt, mein Herz schenke. Fürst, ich
verschenke oft mein Herz und werde fast immer betrogen. Dieser Mensch
hat sich als meines Geschenkes unwürdig erwiesen.«

»Es ist viel Unordnung in ihm,« bemerkte der Fürst zurückhaltend, »und
gewisse Züge ... aber er hat trotzdem Herz und einen schlauen Kopf, der
bisweilen sogar recht spaßige Gedanken hervorbringt.«

Die psychologische Richtigkeit des Urteils und der ernste Ton des
Fürsten schmeichelten augenscheinlich dem General, obschon er sein
Gegenüber ab und zu doch noch mit einem mißtrauischen Blick von der
Seite ansah. Der Ton des Fürsten war aber so natürlich und arglos
aufrichtig, daß sein Mißtrauen von selbst schwand.

»Daß er auch gute Eigenschaften hat,« fiel der General ein, »das dürfte
ich wohl als erster bemerkt haben -- da ich doch diesem Individuum fast
meine Freundschaft geschenkt habe. Er soll nur nicht glauben, daß ich
seiner Gastfreundschaft bedarf -- ich habe mein eigenes Heim. Ich will
meine Fehler nicht beschönigen. Ich verstehe eben nicht, mich zu
mäßigen. Ich habe mit ihm zusammen gekneipt, was ich jetzt lebhaft
bereue. Aber ich habe doch nicht nur um des Kneipens willen -- verzeihen
Sie, Fürst, einem gereizten Manne das rohe offene Wort --, doch nicht
nur um des Kneipens willen habe ich mich mit ihm abgegeben! Gerade seine
Eigenschaften, wie Sie sagen, haben mich zu ihm hingezogen. Freilich,
alles nur bis zu einer gewissen Grenze! Und was sind selbst seine
Eigenschaften! Wenn er plötzlich die Frechheit hat, mich überzeugen zu
wollen, daß er im Jahre achtzehnhundertundzwölf, also noch als Kind,
sein linkes Bein verloren und auf dem Waganjkoffskischen Friedhof in
Moskau begraben habe, so übersteigt das doch alle Grenzen, und ist eben
eine ... eine Mißachtung meiner Person, eben eine ... eine Frechheit
sondergleichen! ...«

»Vielleicht war es nur ein Scherz, zur Erheiterung ...«

»Ich verstehe. Eine unschuldige Lüge, die nur Gelächter hervorrufen
soll, wird, selbst wenn sie roh ist, kein Menschenherz beleidigen. Lügt
doch so manch einer, wenn Sie wollen, nur aus Freundschaft, um seinem
Gesellschafter ein Vergnügen zu bereiten. Sobald aber Mißachtung der
Person des anderen durchblickt, oder wenn man zum Beispiel durch solche
Mißachtung dem anderen zu verstehen geben will, daß seine Bekanntschaft
einem lästig ist, so bleibt einem Ehrenmann nichts anderes übrig, als
sich abzuwenden, für weitere freundschaftliche Beziehungen zu danken,
und damit den Beleidiger auf den ihm zukommenden Platz zu verweisen.«

Der General wurde rot vor Empörung.

»Aber Lebedeff hätte ja überhaupt nicht achtzehnhundertundzwölf in
Moskau sein können! Natürlich ist das nur ein Scherz. Er ist doch viel
zu jung dazu.«

»Erstens das; doch nehmen wir an, er wäre damals schon geboren gewesen.
Aber wie kann er mir ins Gesicht behaupten, daß ein französischer
Chasseur eine Kanone auf ihn gerichtet und ihm das linke Bein einzig zum
Zeitvertreib abgeschossen habe; daß er dann selbst dieses sein
abgeschossenes Bein aufgehoben und nach Hause gebracht und später auf
dem Friedhof begraben habe, und ferner, daß er über dem Grabe des Beines
ein Denkmal errichtet, das auf der einen Seite die Inschrift trage:
>Hier ruht in Frieden das Bein des Kollegien-Sekretärs Lebedeff<, und
auf der anderen: >Ruhe sanft, geliebter Staub, bis zum fröhlichen
Wiedersehen<, und schließlich, daß er alljährlich für dieses Bein eine
Seelenmesse lesen lasse -- was doch einfach Blasphemie wäre -- und daß
er zu dem Zweck in jedem Jahr nach Moskau reise. Zur Bekräftigung
fordert er mich noch auf, mit ihm nach Moskau zu fahren, um mir von ihm
das Grab seines Beines zeigen zu lassen und im Kreml sogar jene
französische Kanone, die mit anderen zusammen erbeutet worden und nun
dort aufgestellt sei -- die elfte vom Tore soll es sein --, ein
Falkonettgeschütz alter französischer Bauart.«

»Und dabei sind doch seine beiden Beine vollkommen ganz und gesund,
wenigstens soviel man sehen kann!« meinte der Fürst lachend. »Ich
versichere Sie, es ist nur ein unschuldiger Scherz von ihm gewesen,
seien Sie ihm deshalb nicht böse.«

»Erlauben Sie, daß auch ich meine Meinung äußere. Was die Beine und
das Bemerken anlangt, so wäre das schließlich noch nicht
so unwahrscheinlich, denn wie er behauptet, habe er ein
Tschernosswitoffsches falsches Bein ...«

»Ach ja, mit einem solchen Bein soll man ja sogar tanzen können, sagt
man.«

»Das weiß ich; Tschernosswitoff kam, als er sein Bein erfunden hatte,
ganz zuerst zu mir geeilt, um es mir zu zeigen. Aber er hat seine
Erfindung viel später gemacht ... Und überdies behauptet er, daß selbst
seine verstorbene Frau während der ganzen Zeit ihrer Ehe nicht gewußt
habe, daß er, ihr Mann, ein Holzbein hatte. >Wenn du,< sagte er zu mir,
als ich ihn auf diese Unmöglichkeiten aufmerksam machte, >wenn du
achtzehnhundertundzwölf Napoleons Leibpage gewesen bist, dann gestatte
auch mir, eines meiner Beine auf dem Waganjkoffskischen Friedhof
begraben zu haben<.«

»Ja, aber sind Sie denn ...« begann der Fürst, brach jedoch verwirrt ab.

Der General schien gleichfalls etwas verlegen zu werden, doch schon nach
einem Augenblick sah er den Fürsten von oben herab an, und um seine
Lippen spielte ein spöttisches Lächeln.

»Sprechen Sie es nur aus, Fürst,« sagte er mit geradezu erhabener Ruhe,
»sprechen Sie es nur aus. Ich bin nachsichtig, sagen Sie ruhig alles,
was Sie denken: gestehen Sie nur, daß Ihnen der Gedanke kaum glaublich
erscheint, der Gedanke, einen Menschen vor sich zu sehen, der jetzt
erniedrigt und ... überflüssig ist, und gleichzeitig vernehmen zu
müssen, daß dieser Mensch ein Augenzeuge ... großer Ereignisse gewesen
ist. Hat _er_ Ihnen noch nicht ... vorgeschwatzt?«

»Nein, Lebedeff hat mir nichts davon gesagt -- wenn Sie Lebedeff meinen
...«

»Hm! ... und ich dachte im Gegenteil ... Das war eigentlich unser ganzes
Gespräch gestern abend ... wir kamen zufällig auf diese ... seltsame
Geschichtsperiode zu sprechen. Ich bemerkte sogleich die Ungereimtheit,
und da ich selbst Zeuge war ... Sie lächeln, Fürst, Sie blicken mich
fragend an?«

»N--ein, ich ...«

»Ich sehe allerdings jünger aus, als ich bin,« fuhr der General langsam
fort, »doch bin ich eben älter als man allgemein glaubt. Im Jahre
achtzehnhundertzwölf war ich ungefähr zehn oder elf Jahre alt -- genau
entsinne ich mich dessen nicht mehr. In meinen Papieren ist natürlich
mein Geburtsjahr genau angegeben, doch im Leben, wie gesagt, hatte ich
die Schwäche, mich stets für jünger auszugeben als ich war.«

»Ich versichere Sie, General, ich halte es durchaus nicht für unmöglich,
daß Sie damals in Moskau gewesen sind, und ... selbstverständlich können
Sie jetzt auch manches mitteilen ... wie alle, die es miterlebt haben.
Beginnt doch einer unserer Schriftsteller seine Autobiographie damit,
wie ihn Anno achtzehnhundertundzwölf, als er noch ein Säugling war,
französische Soldaten in Moskau mit Brot gepäppelt hätten.«

»Nun sehen Sie,« begutachtete der General herablassend diesen Fall.
»Mein Fall geht noch ein wenig mehr über die Grenzen des Gewöhnlichen
hinaus, doch liegt in ihm schließlich nichts Unmögliches. Die Wahrheit
erscheint uns oft unmöglicher als irgendeine Lüge. Leibpage! Es muß
demjenigen seltsam genug klingen, der es zum ersten Male hört. Doch
dieses Erlebnis eines zehnjährigen Kindes läßt sich gerade durch sein
Alter erklären. Einem Fünfzehnjährigen wäre das nicht mehr passiert,
denn als Fünfzehnjähriger wäre ich nicht so leichtsinnig aus unserem
Hause an der Staraja Basmannaja am Tage des Einzugs Napoleons in Moskau
auf die Straße gelaufen. Meine Mutter hatte es in ihrer Angst immer noch
aufgeschoben, die Stadt zu verlassen, bis -- bis es eben zu spät war.
Mit fünfzehn Jahren hätte ich es nicht so ohne weiteres gewagt, aber so
als Zehnjähriger fürchtete ich mich vor nichts und drängte mich
unbekümmert durch die Menge bis dicht an den Eingang des Palais, als
Napoleon gerade vom Pferde stieg ...«

»Das haben Sie sehr richtig bemerkt, daß Sie nur als zehnjähriges Kind
so furchtlos sein konnten ...« versetzte der Fürst, gepeinigt von dem
Gedanken, daß er sogleich erröten würde.

»Nicht wahr? -- und alles geschah so einfach und natürlich, wie es eben
nur in der Wirklichkeit geschehen kann -- wollte ein Schriftsteller so
etwas schildern, so würde er nur ungereimtes, unmögliches Zeug
zusammenschreiben.«

»Ganz recht!« rief der Fürst. »Diesen Gedanken habe auch ich gehabt,
noch vor kurzem. Ich hörte von einem Mord wegen einer Taschenuhr --
jetzt ist die Geschichte schon in allen Zeitungen. Hätte das ein Dichter
geschrieben: die sogenannten Kenner des russischen Volkes und die
Literaturkritiker würden doch sogleich geschrien haben, daß es
unwahrscheinlich, unmöglich sei; liest man es aber in der Zeitung als
Tatsache, so fühlt man doch unwillkürlich, daß man gerade aus solchen
Tatsachen die russische Wirklichkeit kennen lernt. Das haben Sie ganz
vorzüglich bemerkt, General,« schloß der Fürst, froh darüber, daß er dem
Erröten hatte entgehen können.

»Nicht wahr? Nicht wahr?« rief der General ungeheuer geschmeichelt, und
seine Augen blitzten vor Vergnügen. »Ein Knabe, ein Kind, das die Gefahr
überhaupt nicht ahnt, drängt sich durch die Menge, um den Pomp, die
glänzenden Uniformen, die ganze Suite zu sehen, und schließlich doch
auch den großen Kaiser, von dem man ihm schon so unendlich viel erzählt
hat. In der ganzen Welt hatte seit Jahren nur dieser eine Name: Napoleon
gehallt, und ich hatte ihn, wie man zu sagen pflegt, schon mit der
Muttermilch eingesogen. Als Napoleon so dicht an mir vorüberging, fiel
ihm plötzlich mein Blick auf -- ich war außerdem vornehm gekleidet,
meine Mutter gab stets sehr viel darauf. Und ich allein so gekleidet in
dieser Volksmenge, nicht wahr ...«

»Zweifellos mußte ihm das auffallen, denn das bewies doch, daß nicht
alle Edelleute oder vornehmeren Familien die Stadt verlassen hatten.«

»Eben, eben! Er wollte ja gerade den Adel für sich gewinnen! Als sein
Adlerblick mich nun streifte, mußten wohl meine Augen aufgeleuchtet
haben. >_Voilà un garçon bien éveillé!_< bemerkte er plötzlich zu seiner
Suite. >_Qui est ton père?_<{[32]} Ich antwortete ihm sofort, allerdings
fast atemlos vor Aufregung: >Ein General, der auf dem Schlachtfelde fürs
Vaterland gefallen ist.< -- >_Ah_,< sagte er, >_le fils d'un boyard et
d'un brave par-dessus le marché! J'aime les boyards. M'aimes-tu,
petit?_<{[33]} Auf diese schnelle Frage antwortete ich ebenso schnell:
>Das Herz eines Russen ist fähig, selbst im Feinde seines Vaterlandes
den großen Mann anzuerkennen!< Das heißt, ich weiß eigentlich nicht mehr
genau, ob ich mich auch buchstäblich so ausdrückte ... ich war noch ein
Kind aber der Sinn war jedenfalls derselbe. Napoleon war zuerst ganz
überrascht, sann einen Augenblick nach und wandte sich dann zu seiner
Suite. >Mir gefällt der Stolz dieses Kindes!< sagte er, >doch wenn alle
Russen so denken wie dieser Knabe, dann ...< Er sprach den Satz nicht zu
Ende und trat ins Palais. Ich mischte mich sogleich unter seine Suite
und folgte ihm ins Palais. Man machte mir überall Platz und betrachtete
mich bereits als Favorit. Aber das war ja alles nur Nebensache, ich
bemerkte es kaum ... Ich entsinne mich nur noch, wie der Kaiser, gerade
als ich in den ersten Saal eintrat, plötzlich vor dem Bildnis Katharinas
der Zweiten stehenblieb, es nachdenklich lange betrachtete und
schließlich sagte: >Das war eine große Frau!< und dann weiterging. Nach
zwei Tagen kannte mich ein jeder im Palais und im ganzen Kreml, und man
nannte mich nur noch >_le petit boyard_<.{[34]} Zu Hause, wo alles auf
dem Kopf stand, fand ich mich erst abends ein, um frühmorgens wieder
aufzubrechen und in den Kreml zurückzukehren. Da starb ganz unverhofft,
am zweiten Tage nach dem Einzug in Moskau der Leibpage Napoleons, Baron
de Bazancourt, der die Strapazen des Feldzuges nicht ausgehalten hatte.
Napoleon erinnerte sich meiner: man suchte mich, brachte mich ins
Palais, ohne mir ein Wort zu sagen, zog mir die Kleider des Verstorbenen
an, eines Knaben von etwa zwölf Jahren, und erst als ich in der
Leibpagenuniform dem Kaiser vorgestellt worden war und er mit dem Kopf
genickt hatte, erklärte man mir den Sachverhalt und wozu man mich
ausersehen hatte. Ich freute mich, denn ich empfand, und zwar schon seit
langer Zeit, eine glühende Sympathie für ihn ... nun, und außerdem die
glänzende Uniform, das bedeutet doch sehr viel für ein Kind, nicht wahr
... Ich trug einen dunkelgrünen Frack mit langen, schmalen Schößen,
goldenen Knöpfen, roten, goldgestickten Ärmelaufschlägen, einem hohen,
offenstehenden Kragen, gleichfalls mit Goldstickerei auf rot, und auf
den Frackschößen ebenfalls Goldstickerei; dazu trug ich weiße
sämischlederne Beinkleider, eine weißseidene Weste, seidene Strümpfe und
Schnallenschuhe ... wenn aber der Kaiser ausritt und ich ihn mit der
Suite begleitete, trug ich hohe Kanonenstiefel. War auch die Situation
keine glänzende, und sah man auch noch viel größeres Unglück kommen, so
wurde doch die Etikette nach Möglichkeit eingehalten, und zwar um so
peinlicher, je mehr man das Unglück vorausfühlte.«

»Ja, natürlich ...« murmelte der Fürst geradezu hilflos, »Ihre Memoiren
würden sehr ... interessant sein.«

Der General, der natürlich ganz dasselbe wiedergab, was er am Abend
vorher Lebedeff erzählt hatte, erzählte fließend. Doch diese Bemerkung
des Fürsten erweckte wieder sein Mißtrauen und -- prüfend sah er ihn an.

»Meine Memoiren,« sagte er mit Stolz, »Sie meinen, ich soll meine
Memoiren schreiben? Nein, das verlockt mich nicht, Fürst! Wenn Sie
wollen ... so sind meine Memoiren bereits niedergeschrieben, nur ... sie
liegen in meinem Pult. Mögen sie dann, wenn man mich begraben hat,
erscheinen. Sie werden zweifellos in alle Sprachen übersetzt werden,
nicht wegen ihrer literarischen Form, sondern wegen der Bedeutung dieser
allerkolossalsten Tatsachen, die ich als Augenzeuge erlebt habe, wenn
ich auch noch ein Kind war. Doch das ist schließlich noch ein Vorzug:
als Kind bin ich, wie man sagt, in die intimste Kammer des großen Mannes
eingedrungen, und das nicht etwa nur bildlich: ich habe in den Nächten
das Gestöhn dieses vom Unglück erfaßten Riesen gehört! Vor mir, dem
Kinde, tat er sich keinen Zwang an, obschon ich sehr wohl begriff, daß
die Ursache seines Leidens -- das Schweigen Kaiser Alexanders war.«

»Ja, richtig, er hat ja doch an Alexander Briefe geschrieben ... mit
Friedensvorschlägen ...« bemerkte der Fürst schüchtern.

»Genau wissen wir es nicht, welche Vorschläge er ihm gemacht hat, nur
hat er tatsächlich an ihn täglich, fast stündlich einen Brief
geschrieben, einen Brief nach dem anderen ... Er regte sich dabei
natürlich über alle Maßen auf. Einmal in der Nacht -- wir waren beide
ganz allein -- stürzte ich weinend zu ihm -- oh, ich liebte ihn! -- und
ich flehte ihn an: >Bitten Sie, bitten Sie den Kaiser Alexander um
Verzeihung!< Das heißt, ich hätte sagen sollen: >Schließen Sie mit ihm
Frieden<, doch als kleines Kind drückte ich meine Gedanken eben ganz
naiv aus. Er nahm es mir aber nicht übel. >Mein Kind!< sagte er -- er
promenierte auf und ab im Zimmer --, >oh, mein Kind!< -- er schien es
damals gar nicht zu bemerken, daß ich erst zehn Jahre alt war, und er
liebte es sogar, sich mit mir zu unterhalten. >Oh, mein Kind,< sagte er,
>ich bin bereit, Kaiser Alexander die Füße zu küssen, doch dem König von
Preußen und dem Kaiser von Österreich, oh, denen schwöre ich ewigen Haß
und ... schließlich ... was verstehst du von Politik!< Es war, als hätte
er plötzlich bemerkt, mit wem er sprach, und er verstummte, doch seine
Augen sprühten noch Funken. Wollte ich nun all diese Tatsachen
niederschreiben -- und ich war Zeuge von noch weit wichtigeren
Ereignissen --, wollte ich jetzt meine Memoiren herausgeben, so müßte
ich all diese Kritiken über mich ergehen lassen, diese Reden des
literarischen Ehrgeizes, diesen ganzen Neid und Parteigeist und ...
nein, ich danke dafür!«

»Was Sie da vom Parteigeist sagen, ist sehr richtig,« sagte der Fürst
nach kurzem Schweigen. »Da habe ich vor nicht langer Zeit ein Buch von
Charras, >_Campagne de 1815_<,{[35]} gelesen. Es ist augenscheinlich ein
ernstes Buch, und, wie Fachmänner sich äußern, mit ungeheurer Kenntnis
der Sache geschrieben. Nur spricht, finde ich, aus jeder Seite des
Buches eine so große Freude über die Besiegung und Erniedrigung
Napoleons, daß Charras sicherlich sehr froh sein würde, wenn man
Napoleon auch auf Grund der anderen Kriege jedes Talent absprechen
könnte. Das ist natürlich nicht gut in einem sonst so ernsten Buch, denn
es ist doch nichts als, nun, eben Parteigeist. Waren Sie sehr in
Anspruch genommen durch Ihren Dienst beim ... Kaiser?«

Der General war begeistert. Die ernste, treuherzige Frage des Fürsten
zerstreute sein letztes Mißtrauen.

»Charras! Oh, auch ich war darüber entrüstet! Ich schrieb auch sogleich
an ihn, nur ... ich entsinne mich im Augenblick nicht ganz ... Sie
fragen, ob ich sehr in Anspruch genommen war? Oh, nein! Man nannte mich
zwar Leibpage, aber ich faßte es ja doch selbst damals nicht als Ernst
auf. Hinzukam, daß Napoleon bald jede Hoffnung verlor, den Russen
näherzutreten, und so hätte er wohl auch mich vergessen, nachdem er mich
aus Politik herangezogen, wenn ... wenn er mich nicht persönlich
liebgewonnen hätte, was ich jetzt ruhigen Gewissens behaupten kann. Mich
aber zog mein Herz zu ihm. Ein besonderer Dienst wurde von mir durchaus
nicht verlangt: ich mußte ab und zu im Palais erscheinen und ... den
Kaiser auf seinen Spazierritten zu Pferde begleiten, und das war alles.
Ich ritt damals schon ganz gut. Er ritt gewöhnlich vor dem Diner aus,
und seine Suite bestand dann meist aus Davoust, mir, dem Mameluken
Rustan ...«

»Constant,« entfuhr es plötzlich fast unbewußt dem Fürsten.

»N--ein, Constant war damals nicht in Moskau, er war unterwegs mit einem
Schreiben an ... die Kaiserin Josephine; doch statt seiner waren
gewöhnlich noch zwei Ordonnanzen da, einige polnische Ulanen ... nun,
und das war seine ganze Suite, außer den Generalen, versteht sich, und
Marschällen, von denen Napoleon sich stets begleiten ließ, um sich mit
ihnen beraten zu können, das Terrain zu studieren, die Positionen der
einzelnen Truppenteile, und so weiter ... Am häufigsten war Davoust bei
ihm. Ich sehe ihn noch wie leibhaftig vor mir, diesen großen, stark
gebauten, kaltblütigen Mann mit dem seltsamen Blick hinter den
Brillengläsern. Mit ihm beriet sich der Kaiser am häufigsten. Er
schätzte seine Meinung sehr hoch. Ich weiß noch genau: einmal hatten sie
sich schon mehrere Tage lang beraten. Davoust war morgens und abends
gekommen, sie hatten oft gestritten, endlich schien Napoleon
nachzugeben. Sie befanden sich beide im Kabinett, er, Davoust und, fast
unbemerkt von ihnen, ich als Dritter. Da fiel plötzlich ganz zufällig
Napoleons Blick auf mich, und ein seltsamer Gedanke blitzte in seinen
Augen auf. >Kind!< wandte er sich an mich, >was meinst du: wenn ich zur
rechtgläubigen Kirche übertreten sollte und eure Leibeigenen befreite,
würden mir die Russen dann folgen?< -- >Niemals!< rief ich mit Unwillen.
Napoleon war ganz betroffen. >In den Augen dieses Kindes, aus denen der
Patriotismus glüht,< sagte er, >habe ich die Gesinnung des ganzen
russischen Volkes gelesen. Genug, Davoust! Das war nur ein
phantastischer Einfall. Legen Sie Ihr zweites Projekt vor.<«

»Ja, aber auch dieses Projekt war ... ein großer Gedanke,« sagte der
Fürst, sichtlich interessiert. »Und Sie schreiben es Davoust zu?«

»Wenigstens beriet sich Napoleon mit ihm. Der Gedanke selbst stammte
natürlich von Napoleon, dieser Adlergedanke, aber auch das andere
Projekt war ... Das war jener >_conseil du lion_<,{[36]} wie Napoleon
selbst diesen ihm von Davoust erteilten Rat nannte. Dieser Rat bestand
darin, sich mit dem ganzen Heer im Kreml zu verschanzen, Baracken zu
bauen, Befestigungen zu errichten, die Kanonen aufzustellen, möglichst
viel Pferde zu schlachten und einzusalzen, möglichst viel Getreide
aufzutreiben und so zu überwintern, um dann im Frühling sich durch die
Russen durchzuschlagen. Dieses Projekt gefiel Napoleon sehr. Wir ritten
hierauf täglich um die Kremlmauern, er ordnete selbst alles an, zeigte,
wo Schanzen, wo Verhaue, wo Blockhäuser, Schutzwälle errichtet werden
sollten -- ein Blick, ein Wort und -- die Sache war gemacht. Schließlich
war man so weit, daß Davoust zur letzten, endgültigen Entscheidung
drängte. Wieder waren sie beide ganz allein im Kabinett, nur ich war als
Dritter zugegen. Wieder ging Napoleon mit verschränkten Armen auf und
ab. Ich ließ ihn nicht aus den Augen, mein Herz klopfte stark. >Ich
gehe<, sagte Davoust. >Wohin?< fragte Napoleon. >Pferde einsalzen zu
lassen<, sagte Davoust. Napoleon zuckte zusammen, jetzt kam der
Augenblick der Entscheidung. >Kind,< wandte er sich plötzlich an mich,
>was meinst du zu unserem Vorhaben?< Natürlich fragte er mich nur, wie
bisweilen der klügste Mensch in einer wichtigen Frage lieber das Los
entscheiden läßt, als daß er's selbst tut ... wie man eine Münze
hinwirft und Adler oder Schrift entscheiden läßt. Doch statt an ihn
wandte ich mich an Davoust und sagte, fast auf höhere Eingebung: >Sehen
Sie lieber zu, General, daß Sie noch mit heiler Haut davonkommen!< Damit
war das Projekt verworfen. Davoust zuckte nur mit der Achsel und brummte
beim Hinausgehen: >_Bah! Il devient superstitieux!_<{[37]} Am nächsten
Tage wurde der Befehl zum Rückzug gegeben.«

»Das ist natürlich alles sehr interessant,« murmelte der Fürst kaum
hörbar, »wenn es nur auch wirklich so ... das heißt, ich will nur sagen
...« beeilte er sich, sich zu verbessern.

»Oh, Fürst!« rief der General, der selbst von seiner Erzählung so
begeistert war, daß er sich nicht einmal mehr vor der größten
Unvorsichtigkeit zurückzuhalten vermocht hätte. »Sie sagen: >wenn es nur
auch wirklich so war!< Aber es war ja noch viel mehr, ich versichere
Sie, es war ja noch viel mehr als das! Das waren ja nur erst kleine
Nebensachen, politische Dinge. Aber ich versichere Sie, ich bin sogar
Zeuge seiner nächtlichen Tränen gewesen, ich habe das Stöhnen dieses
großen Mannes gehört, dessen aber kann sich außer mir keiner rühmen! Zum
Schluß allerdings, da weinte er nicht mehr, er stöhnte nur noch, und
sein Gesicht wurde immer finsterer. Es war, als hätte die Ewigkeit ihn
bereits mit ihren dunklen Fittichen beschattet. In manch einer Nacht
verbrachten wir beide ganze Stunden allein, schweigend -- der Mameluk
Rustan schnarchte im Nebenzimmer. Einen entsetzlich festen Schlaf hatte
dieser Mensch. >Dafür ist er mir und meiner Dynastie treu ergeben<,
sagte Napoleon von ihm. Einmal tat er mir unsäglich leid, und plötzlich
bemerkte er eine Träne in meinem Auge: gerührt blickte er mich an. >Du
bemitleidest mich!< rief er aus, >nur du, Kind, tust es, und vielleicht
wird es noch ein anderes Kind tun, mein Sohn, _le roi de Rome_!{[38]}
Die anderen alle hassen mich nur, und meine Brüder werden die ersten
sein, die mich im Unglück verlassen!< Ich schluchzte laut auf und eilte
zu ihm -- da hielt auch er es nicht mehr aus, und Tränen stürzten ihm
aus den Augen. >Oh, schreiben Sie, schreiben Sie an die Kaiserin
Josephine!< bat ich ihn schluchzend. Napoleon zuckte zusammen, dachte
nach und sagte dann zu mir: >Du hast mich an ein drittes Herz erinnert,
das mich liebt. Ich danke dir, Freund!< Und er setzte sich sogleich an
den Schreibtisch und schrieb an Josephine jenen Brief, mit dem dann am
nächsten Tage Constant nach Paris geschickt wurde.«

»Das war sehr gut von Ihnen,« sagte der Fürst, »mitten in seinen
düsteren Gedanken riefen Sie ein lichtes Gefühl in ihm hervor.«

»Eben, Fürst, und wie gut Sie das zu erklären verstehen, das entspricht
auch Ihrem eigenen Herzen!« stimmte der General begeistert bei, und
seltsam: Tränen, wirkliche Tränen glänzten in seinen Augen. »Ja, Fürst,
ja, das war ein großer Anblick! Und wissen Sie, fast wäre ich mit ihm
nach Paris gefahren, und dann hätte ich ihn, versteht sich, auch nach
St. Helena begleitet, doch leider trennte uns das Schicksal! Er kam auf
jene wüste Insel, wo er vielleicht in einer trüben Stunde an die Tränen
jenes armen Knaben, der ihn einst umarmt und geküßt, gedacht hat. Ich
aber -- kam damals in die Kadettenschule, wo ich nichts als Strenge fand
und die Roheit der Mitschüler und ... Und dann war alles aus! >Ich will
dich deiner Mutter nicht entreißen, deshalb nehme ich dich nicht mit,<
sagte er zu mir an dem Tage, als er Moskau verließ, >ich würde aber gern
etwas für dich tun.< Er war schon im Begriff, in den Sattel zu steigen.
>Schreiben Sie mir zum Andenken etwas ins Album meiner Schwester,< bat
ich schüchtern, denn er war sehr zerstreut und düster. Er wandte sich
wirklich zurück, verlangte eine Feder, nahm das Album. >Wie alt ist
deine Schwester?< fragte er, die Feder bereits in der Hand. >Drei
Jahre<, antwortete ich. >_Petite fille alors._<{[39]} Und er schrieb ins
Album:

                         >_Ne mentez jamais._<
                 >_Napoléon, votre ami sincère._<{[40]}

Ein solcher Rat in einem solchen Augenblick, Sie werden doch zugeben,
Fürst, was!«

»Ja, das ist sehr bezeichnend.«

»Dieses Albumblatt hing unter Glas in einem goldenen Rahmen bis zum Tode
meiner Schwester in ihrem Empfangszimmer, auf der sichtbarsten Stelle
der Wand -- sie starb im Wochenbett --, wo es jetzt ist, weiß ich nicht
... aber ... ach, mein Gott! Schon zwei Uhr! Wie ich Sie aufgehalten
habe, Fürst! Das ist ja unverzeihlich!«

Der General erhob sich.

»Oh, im Gegenteil!« murmelte der Fürst. »Sie haben mich so gut
unterhalten und ... schließlich ... es war so interessant, ich bin Ihnen
sehr dankbar dafür!«

»Fürst!« sagte der General, indem er ihn mit blitzenden Augen unverwandt
ansah und seine Hand fast schmerzhaft in der seinen drückte -- er schien
plötzlich wieder zur Besinnung gekommen und jetzt von irgendeinem klaren
Gedanken ganz betroffen zu sein, doch das dauerte nur einen Augenblick.
»Fürst!« rief er aus, »Sie sind dermaßen gut und dermaßen harmlos, daß
Sie mir bisweilen leid tun und ich Sie nur mit Rührung betrachten kann.
Oh, möge Gott der Herr Sie segnen! Möge Ihr Leben jetzt gut beginnen und
erblühen ... in der Liebe! Meines ist zu Ende! Oh, verzeihen Sie mir,
verzeihen Sie!«

Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen und verließ schnell das Zimmer.
Wenigstens an der Echtheit seiner Aufregung konnte der Fürst nicht
zweifeln, wenn er auch begriff, daß der Alte ihn nur vor Freude über
seinen Erfolg ganz begeistert verlassen hatte. Er fühlte es, daß dieser
Mensch zu jener Kategorie von Lügnern gehörte, die, wenn sie auch bis
zur Leidenschaft, bis zur völligen Selbstvergessenheit lügen, selbst im
Augenblick ihrer höchsten Ekstase im Herzen doch argwöhnen, daß man
ihnen nicht glaube, und ja auch gar nicht glauben könne. In seiner
gegenwärtigen Verfassung konnte der General, wenn er zur Besinnung
gekommen war, sich unerträglich schämen, den Fürsten verdächtigen, daß
er ihm nur aus übergroßem Mitleid zugehört habe, und sich dann selbst
tief gekränkt fühlen.

»Wäre es nicht besser gewesen, ich hätte ihn nicht bis zu dieser
Begeisterung gebracht?« fragte sich der Fürst beunruhigt, doch plötzlich
mußte er lachen. Zwar wollte er sich auch schon sogleich wieder Vorwürfe
wegen dieses Lachens machen, sagte sich aber, daß er sich gar nichts
vorzuwerfen habe, da der General ihm doch unendlich leid tat.

Seine Ahnung betrog ihn nicht: noch am Abend desselben Tages erhielt er
einen sehr seltsamen, kurzen, aber entschlossenen Brief, in dem der
General ihm mitteilte, daß er von ihm auf ewig Abschied nehme, daß er
ihn zwar achte und ihm dankbar sei: doch werde er »jeden Ausdruck des
Mitleids, der die Würde eines ohnehin schon erniedrigten Menschen noch
mehr erniedrige, stets zurückweisen«. Dieser Brief beunruhigte den
Fürsten nicht wenig, als er dann aber hörte, daß der Alte sich bei Nina
Alexandrowna eingeschlossen hatte, sorgte er sich nicht weiter. Wie wir
bereits erzählt haben, war der General inzwischen zu Jepantschins
gegangen und hatte -- um die Unterredung kurz wiederzugeben -- Lisaweta
Prokofjewna durch bittere Bemerkungen über seinen Sohn Ganjä empört,
worauf er in beschämender Weise »verabschiedet« worden war. Deshalb
hatte er denn auch eine so schlechte Nacht verbracht und am Morgen die
Szenen im Hause seines Schwiegersohnes aufgeführt, um dann, als er
schließlich ganz den Kopf verloren, halb irrsinnig auf die Straße
hinauszulaufen.

Koljä, der den Sachverhalt immer noch nicht ganz begriff, glaubte
zuerst, ihn mit Strenge am ehesten zur Vernunft bringen zu können.

»Na, wohin soll's denn jetzt gehen, General, was meinen Sie?« fragte er.
»Zum Fürsten wollen Sie nicht, mit Lebedeff haben Sie sich verzankt,
Geld haben Sie nicht, und ich pflege niemals welches zu haben: da sitzen
wir jetzt auf der Straße!«

»Mein Sohn, sitzen ist immer noch besser als stehen,« antwortete der
General belehrend. »Mit diesem ... Witz habe ich ... homerisches
Gelächter hervorgerufen im ... Offizierskreise ... Das war im Jahre
vierundvierzig ... Tausend ... achthundert und vierundvierzig, ja! Ich
entsinne mich ... Oh, erinnere mich nicht, erinnere mich nicht daran.
>Wo ist meine Jugend, wo blieb mein Lenz!< wie ... wie ... wer ...
welcher Poet hat das doch ausgerufen, Koljä?«

»Gogol, Papa, in seinen >Toten Seelen<«, sagte Koljä mit einem etwas
ängstlichen Seitenblick auf den Vater.

»>Die toten SeelenHier ruht eine tote Seele!<

>Schmach und Schande verfolgen mich!< Wer hat das gesagt, Koljä?«

»Ich weiß nicht, Papa.«

»Nicht Jeropjegoff? ... Jeroschka Jeropjegoff!« schrie er plötzlich laut
wie außer sich und blieb auf der Straße stehen. »Und das soll mein Sohn,
mein leiblicher Sohn sein! Jeropjegoff ist elf Monate lang wie ein
Bruder zu mir gewesen, für ihn habe ich ein Duell ... Fürst Wygorezkij,
unser Hauptmann, fragte ihn bei einer Flasche Wein: >Du, Grischa, wo
hast du denn eigentlich deinen Annenorden verdient, wenn du mir das
sagen könntest!< -- >Auf den Schlachtfeldern meines Vaterlandes, wenn
du's wissen sollst!< -- Ich schreie: >Bravo, Grischa!< Nun und da kam's
denn zum Duell, später aber heiratete er ... Marja Petrowna Ssu...
Ssutugowa und ward erschossen in der Schlacht bei ... Die Kugel sprang
von meinem Orden ab und traf gerade seine Stirn. >Ich werde dich nie
vergessen!< rief er und fiel tot hin. Ich ... ich habe ehrlich dem
Vaterlande gedient, Koljä, ich bin immer anständig gewesen, aber ...
>Schmach und Schande verfolgen mich!< Du und Nina, nur ihr zwei werdet
mein Grab besuchen ... >Arme Nina!< so pflegte ich sie früher stets zu
nennen, Koljä, in der ersten Zeit ... das ist jetzt schon lange her ...
sie hatte das so gern ... Nina, Nina! Was habe ich mit deinem Leben
gemacht! Wofür kannst du mich lieben, du geduldige Seele! Deine Mutter
ist ein Engel, Koljä, hörst du, ein Engel!«

»Ich weiß es, Papa. Papa, Täubchen, gehen wir zurück nach Haus zu Mama!
Sie lief uns doch nach! Nun, was stehen Sie? Begreifen Sie denn nicht
... Nun, weshalb weinen Sie denn jetzt?«

Koljä weinte dabei selbst und küßte dem Vater die Hand.

»Du küßt mir die Hand, mir!«

»Ja, ja doch, Ihnen, Ihnen! Was ist denn dabei Wunderliches? Aber was
weinen Sie denn hier mitten auf der Straße, und das noch dazu als
General, als alter Soldat! Nun, gehen wir!«

»Gott segne dich dafür, mein kleiner Junge, daß du zu mir Schmählichem
so ehrerbietig bist ... Ja, zum schmachbedeckten, elenden Greise, deinem
Vater ... Mögest auch du einst einen solchen Sohn haben ... _le roi de
Rome_ ... Oh, >Fluch, Fluch diesem HauseAmme, sag', wo ist dein Grab!<

Wer hat das gesagt, Koljä?«

»Ich weiß nicht, ich weiß nicht, wer es gesagt hat! Gehen wir jetzt nach
Haus, aber ohne Umwege, sofort! Ich werde schon den Ganjä durchhauen,
wenn's nötig ist ... aber wohin wollen Sie denn jetzt wieder?«

Der General zog ihn zur Treppe eines Hauses, von dem sie nicht weit
entfernt waren.

»Wohin wollen Sie? Das ist doch ein fremdes Haus!«

Doch der General ließ sich nicht aufhalten, setzte sich auf eine Stufe
der Treppe und zog Koljä immer noch näher zu sich heran.

»Beug' dich zu mir!« murmelte er. »Ich werde dir alles sagen ... die
Schmach ... beug' dich ... dein Ohr ... ich will dir ins Ohr sagen ...«

»Aber was denn!« rief Koljä unsäglich erschrocken, hielt aber doch sein
Ohr hin.

»_Le roi de Rome_ ...« flüsterte der General, der am ganzen Körper zu
zittern schien.

»Was? ... Was wollen Sie mit dem _roi de Rome_ ... Was?«

»Ich ... ich ...« flüsterte wieder der General, immer schwerer sich auf
die Schulter seines lieben Knaben stützend, »ich ... will ... ich werde
dir ... alles, Marja, Marja ... Petrowna Ssu-ssu-ssu ...«

Koljä fuhr zurück, ergriff den Vater an den Schultern und starrte ihm
bleich vor Schreck ins Gesicht, das plötzlich purpurrot wurde, während
die Lippen sich blau färbten. Ein krampfhaftes, zitterndes Zucken lief
über seine Züge. Plötzlich senkte sich der Oberkörper und sank immer
schwerer auf Koljäs stützende Arme.

»Schlag!« schrie plötzlich Koljä laut über die ganze Straße, nachdem er
endlich erraten, was geschehen war.


                                   V.

Warwara Ardalionowna hatte im Gespräch mit ihrem Bruder alles, was sie
bei Jepantschins über die »Verlobung« des Fürsten mit Aglaja in
Erfahrung gebracht, genau genommen, ziemlich übertrieben. Allerdings war
es möglich, daß sie mit dem Instinkt der echten Frau aus den erhaltenen
Mitteilungen das Bevorstehende um so sicherer erraten hatte. Vielleicht
aber hatte sie sich nach der eigenen Enttäuschung bloß die Genugtuung
nicht versagen können, auch dem Bruder, den sie sonst aufrichtig liebte,
eine ebenso große, wenn nicht noch viel größere Enttäuschung zu
bereiten. Jedenfalls ist es nicht anzunehmen, daß ihre Freundinnen sie
so genau unterrichtet hatten: es werden wohl nur Andeutungen oder mit
Schweigen übergangene Fragen gewesen sein, aus denen dann Warjä selbst
das Weitere gefolgert hatte. Vielleicht hatten auch Aglajas Schwestern
mit Absicht manches verlauten lassen, um auf diese Weise selbst von
Warjä etwas zu erfahren. Endlich aber konnte es sich noch so verhalten,
daß auch sie ihre ehemalige Gespielin ein wenig ärgern wollten, denn daß
sie in dieser langen Zeit überhaupt nichts von Warjäs Plänen erraten
haben sollten, ist wohl nicht anzunehmen.

Andererseits kann man auch vom Fürsten sagen, daß er sich in einem
kleinen Irrtum befand, als er Lebedeff versicherte, daß er ihm nichts
besonderes mitzuteilen habe, da mit ihm nichts besonderes geschehen sei.
Das war gerade das Eigentümliche an der Sache: es war allerdings nichts
geschehen, dabei war aber doch sehr viel geschehen, und gerade das hatte
Warwara Ardalionowna mit ihrem sicheren weiblichen Instinkt sogleich
erraten.

Wie es nun eigentlich gekommen war, daß bei Jepantschins plötzlich alle
in dem Gedanken, Aglaja stehe vor einem entscheidenden Schritt und es
sei etwas Besonderes mit ihr vorgefallen, übereinstimmten, dürfte nicht
leicht zu erklären sein. Doch kaum war dieser Gedanke aufgetaucht --
seltsamerweise kam er allen fast zu gleicher Zeit --, als auch alle
sogleich überzeugt waren, daß sie es »schon längst« bemerkt und »klar
vorausgesehen« hätten, und zwar habe es bereits mit dem »Armen Ritter«
begonnen, oder noch früher, nur habe man an etwas so Widersinniges
anfangs überhaupt nicht glauben wollen. So wenigstens behaupteten die
Schwestern. Natürlich hatte Lisaweta Prokofjewna alles noch viel früher
»vorausgesehen«, und »lange schon« hatte ihr das Herz »deshalb weh
getan«; doch ob nun lange oder nicht lange, jedenfalls war ihr der
Gedanke an den Fürsten quälend, und das hauptsächlich deshalb, weil sie
so gar nicht wußte, was sie nun eigentlich denken sollte. Vorläufig war
ihr nur eines klar: daß es sich hier um eine Frage handelte, über die
sie unverzüglich mit sich selbst ins reine kommen mußte; nur konnte sich
die arme Lisaweta Prokofjewna nicht einmal die Frage, d. h. worin diese
Frage nun eigentlich bestand, klar und deutlich vorlegen, von einem
»Ins-Reine-Kommen« ganz zu schweigen. Die Sache war in der Tat nicht
einfach: War nun der Fürst überhaupt annehmbar? oder war er es nicht?
War das alles gut? oder war es nicht gut? Wenn es nicht gut war -- und
das war es zweifellos -- worin bestand dann das Schlechte? Wenn es aber
vielleicht gut war -- das war ja schließlich auch nicht so
ganz unmöglich -- worin bestand dann wiederum das Gute? Das
Familienoberhaupt, der General Iwan Fedorowitsch, war ganz zuerst nur
einfach erstaunt und völlig baff, dann aber vernahm seine Gattin
wirklich das Geständnis von ihm, daß doch, »bei Gott, auch ihm die ganze
Zeit so etwas Ähnliches geschienen habe, zwar nicht ohne weiteres und
nicht immer, aber mitunter doch so wie in etwa ...« Er verstummte aber
schnell unter dem Blick seiner Gemahlin. Das war am Morgen -- am Abend
jedoch, als er mit ihr allein war und sich wiederum zu einer
Meinungsäußerung gezwungen sah, sprach er ebenso plötzlich, doch
auffallend gut gelaunt ein paar äußerst unerwartete Gedanken aus: »Aber
schließlich -- was ist denn dabei so schlimm? ...« meinte er. Die
Antwort der Generalin war Schweigen. »Natürlich ist das alles immerhin
sehr seltsam, vorausgesetzt, daß überhaupt etwas daran ist, doch im
übrigen ...« Schweigen. »Andererseits aber, wenn man die Dinge positiv
betrachtet, das heißt, so wie sie sind, so ist doch der Fürst, bei Gott,
ein prächtiger Junge und ... und ... nun und schließlich ist doch auch
der Name etwas wert, der Name eines alten Geschlechts, und so etwas
nimmt sich doch gar nicht übel aus, ist sozusagen eine Aufrechterhaltung
des alten Stammes, und somit in den Augen der Gesellschaft ... das
heißt, ich meine nur ... Gesellschaft bleibt Gesellschaft ... Und dann:
der Fürst ist ja auch gerade kein Armer, wenn er auch gerade kein
Millionär ist, und ... und ... hm! ...« Das Schweigen dauerte an, und
Iwan Fedorowitsch verstummte endgültig.

Als Lisaweta Prokofjewna ihren Mann angehört hatte, war sie über alle
Maßen empört.

Ihrer Meinung nach war alles nur ein »unverzeihlicher und sogar im
höchsten Grade unschicklicher Unsinn, irgendein dummer phantastischer
Einfall und weiter nichts!« Und zwar allein schon deshalb, weil »dieser
elende Fürst ein kranker Idiot, erstens, und zweitens ein Dummkopf ist,
der weder die Welt kennt noch eine Stellung in der Welt einnimmt. Wem
zeigst du ihn, wo kannst du ihn unterbringen? Ein Mensch mit ganz
unmöglichen demokratischen Ideen, und nicht einmal im Staatsdienst steht
er, und ... und was wird die Bjelokonskaja sagen? Haben wir denn einen
solchen, einen solchen Mann für Aglaja erwartet?« Das letzte Argument
war selbstverständlich das wichtigste. Ihr Mutterherz erzitterte bei
diesem Gedanken und »weinte blutige Tränen«, wenn sich auch gleichzeitig
in diesem Herzen etwas regte, das ihr plötzlich ganz gegen ihren Willen
die Frage aufzwang: »Aber weshalb ist denn der Fürst nicht der Richtige
für Aglaja?« Diese Widerlegungen des eigenen Herzens waren es gerade,
die der armen Lisaweta Prokofjewna am meisten zu schaffen machten.

Aglajas Schwestern jedoch erschien der Gedanke, den Fürsten zum Schwager
zu bekommen, durchaus nicht so unmöglich und sogar nicht einmal
sonderbar; im Gegenteil, sie waren sogar sehr für ihn, nur schienen sie
beide stillschweigend beschlossen zu haben, vorläufig noch zu schweigen.
Sie wußten aus alter Erfahrung, daß die Mutter, wenn sie sich am
hartnäckigsten einer Sache widersetzte, sich dann im Herzen bereits
halbwegs mit ihr ausgesöhnt hatte. Übrigens konnte Alexandra Iwanowna
doch nicht lange bei ihrem Schweigen bleiben: da es der Mutter nun
einmal zur Angewohnheit geworden war, ihre Älteste in allen schwierigen
Dingen um Rat zu fragen, so rief sie sie auch jetzt fast stündlich zu
sich, um ihre Meinung zu hören oder -- und das vor allen Dingen -- um
sie immer wieder zu fragen, wie das nur alles gekommen wäre, warum es
niemand früher bemerkt, weshalb man nicht früher davon gesprochen habe?
Und was hatte dieser verwünschte »Arme Ritter« zu bedeuten gehabt? Warum
war sie, Lisaweta Prokofjewna, allein dazu verurteilt, sich um alle zu
sorgen, alles zu bemerken und zu erraten, während die anderen einfach
schliefen? Alexandra Iwanowna war anfangs etwas vorsichtig und bemerkte
nur, daß ihr die Auffassung des Vaters, die Gesellschaft würde die
Verbindung einer Jepantschin mit dem Fürsten Myschkin nur gutheißen,
sehr richtig erschiene. Doch allmählich geriet sie in Eifer und erklärte
unumwunden, daß der Fürst durchaus kein »Dummkopf« sei, und was seine
Bedeutung in der Gesellschaft anlange, so könne man doch gar nicht
wissen, wonach in ein paar Jahren das Ansehen eines Menschen in Rußland
beurteilt werden würde: ob immer noch nach dem alten Maßstabe, den
pflichtschuldigen Erfolgen im Staatsdienst, oder nach etwas ganz
anderem. Auf alle diese Äußerungen hatte die Generalin nur die eine
Antwort, daß Alexandra eine Freidenkerin und daß alle ihre Ansichten auf
»diese unselige Frauenfrage« zurückzuführen seien. Eine halbe Stunde
später fuhr Lisaweta Prokofjewna nach Petersburg, wo sie sich nach dem
Kamennyj Ostrow[30] begab, um die alte Fürstin Bjelokonskaja, die nur
auf kurze Zeit nach Petersburg gekommen war, zu besuchen. Die Fürstin
war Aglajas Taufmutter.

Die alte Bjelokonskaja vernahm alle fieberhaften und verzweifelten
Geständnisse Lisaweta Prokofjewnas mit ungewöhnlicher Ruhe und ließ sich
auch von ihren Tränen nicht rühren, ja fast blickte sie spöttisch auf
sie herab. Sie war eine große Despotin, die auch jetzt noch, nach
fünfunddreißigjähriger Freundschaft, ihre Lisaweta Prokofjewna
gewissermaßen als ihren Schützling betrachtete. Deshalb war ihr jede
Selbständigkeit an der Generalin zum mindesten nicht nach Wunsch. In
ihrer Antwort bemerkte sie unter anderem, daß »man bei euch, meine
Liebe, nach alter Gewohnheit wieder aus einer Mücke einen Elefanten
gemacht hat. Oder wäre es nicht besser, man wartete noch ein wenig ab!?«
Übrigens halte sie den Fürsten für einen sehr anständigen jungen Mann,
allerdings sei er krank, ein Sonderling und von etwas gar zu geringer
Bedeutung. Das Schlimmste sei jedoch, daß er ganz offiziell eine
Geliebte unterhalte. Lisaweta Prokofjewna begriff natürlich, daß die
Bjelokonskaja sich noch immer ein wenig über den Mißerfolg Jewgenij
Pawlowitschs ärgerte, da sie ihn ganz besonders empfohlen hatte. Im
übrigen kehrte sie noch gereizter nach Pawlowsk zurück, als sie
fortgefahren war. Zu Hause angelangt, erhielten alle Familienmitglieder
sogleich einen Verweis, hauptsächlich deshalb, weil sie »sämtlich
verrückt geworden« seien und es entschieden in keinem anderen Hause so
zugehe wie bei ihnen. »Was ist denn eigentlich geschehen? Weshalb dieses
Geschrei? Ich wenigstens vermag nichts zu entdecken, nichts, das von so
außerordentlicher Wichtigkeit wäre! Wartet doch, bis erst etwas
geschieht! Vieles, was Iwan Fedorowitsch >so vorkommt< -- was ist's in
Wirklichkeit? Man kann doch nicht immer aus einer Mücke einen Elefanten
machen!« usw. usw.

Somit ergab sich also, daß man sich beruhigen, kaltblütiger werden und
warten mußte. Aber ach, das war leichter gesagt als getan: die Ruhe
dauerte keine zehn Minuten. Den ersten erschütternden Stoß erhielt
Lisaweta Prokofjewnas »Kaltblütigkeit« durch die Mitteilung dessen, was
sich während ihrer Abwesenheit zugetragen hatte. (Es war das am Tage
nach jenem nächtlichen Besuch des Fürsten, als er, im Glauben, es sei
erst zehn Uhr, um ein Uhr nachts bei ihnen erschienen war.) Die
Schwestern erzählten auf die immer ungeduldiger werdenden Fragen der
Generalin, daß eigentlich »so gut wie nichts« in ihrer Abwesenheit
geschehen sei, der Fürst sei nur gekommen, Aglaja habe sich jedoch lange
nicht gezeigt, erst nach etwa einer halben Stunde wäre sie dann
erschienen und habe dem Fürsten sogleich den Vorschlag gemacht, eine
Partie Schach zu spielen. Da nun der Fürst ein sehr schlechter
Schachspieler sei, habe ihn Aglaja mit Leichtigkeit geschlagen, sich
sehr darüber gefreut, ihn wegen seines Nichtkönnens gehörig aufgezogen
und so über ihn gelacht, daß der Fürst ihnen geradezu leid getan habe.
Darauf habe sie ihm eine Partie »Duraki«[31] vorgeschlagen, doch hier
sei es umgekehrt gekommen: der Fürst habe sich als ein vorzüglicher
Durakispieler erwiesen, er habe »wirklich meisterhaft gespielt, wie ...
wie ein Professor«. Aglaja habe zwar auf alle Arten zu gewinnen
versucht, habe betrogen, die Karten falsch ausgegeben und vor seinen
Augen seine Stiche gestohlen, doch trotzdem habe der Fürst sie jedesmal
zum »Durak« gemacht, von fünf Partien habe sie keine einzige gewonnen.
Das habe Aglaja über alle Maßen geärgert, sogar so sehr, daß sie sich
völlig vergessen und dem Fürsten solche Anzüglichkeiten und
Ungezogenheiten ins Gesicht gesagt habe, daß der Fürst nicht nur zu
lachen aufgehört habe, sondern sogar ganz bleich geworden sei, bis sie
schließlich ausgerufen, daß sie dieses Zimmer nicht mehr betreten werde,
solange er hier säße, und daß es von ihm geradezu gewissenlos sei, sie
weiterhin zu besuchen, und noch dazu um ein Uhr nachts ins Haus zukommen
--: »_nach allem, was geschehen sei_!« Und damit sei sie hinausgegangen
und habe zornig die Tür hinter sich zugeschlagen. Der Fürst sei hierauf
aufgestanden und ungeachtet all ihrer Beruhigungen und Trostversuche so
traurig wie von einer Beerdigung heimgegangen.

Doch siehe da, kaum eine Viertelstunde nach dem Fortgehen des Fürsten
sei Aglaja ganz plötzlich aus ihrem Zimmer, das im oberen Stock lag, die
Treppe heruntergerast und auf die Terrasse gelaufen -- alles das in
einer solchen Eile, daß sie ihre verweinten Augen nicht einmal zu
verbergen gesucht habe, und zwar deshalb, weil -- Koljä mit einem Igel
erschienen war. Alle hatten sich alsbald um den Igel versammelt und ihn
interessiert betrachtet. Auf ihre Fragen habe Koljä erklärt, daß der
Igel nicht ihm gehöre; er, Koljä, sei mit seinem Freunde, dem
Gymnasiasten Kostjä Lebedeff, der unten auf der Straße auf ihn warte
(dieser hatte sich geniert, einzutreten, da er ein Beil trug), sei also
mit diesem Kostjä Lebedeff gegangen, und unterwegs hätten sie von einem
Bauern, der ihnen begegnet, den Igel für fünfzig Kopeken gekauft, und
dann hätten sie ihn noch beredet, ihnen auch das Beil zu verkaufen, denn
es wäre doch eine gute Gelegenheit und ein sehr gutes Beil gewesen. Da
habe Aglaja plötzlich den Koljä flehentlich zu bitten begonnen, ihr den
Igel zu verkaufen, ja, sie habe sogar »lieber, lieber Koljä« zu ihm
gesagt, doch Koljä habe lange nicht eingewilligt, endlich aber habe er
sich erweichen lassen und Kostjä Lebedeff gerufen, der dann auch mit
seinem Beil erschienen und sehr verlegen gewesen sei. Da aber hatte es
sich dann plötzlich herausgestellt, daß der Igel gar nicht ihnen,
sondern einem dritten Jungen gehörte, einem gewissen Petroff, der ihnen
Geld gegeben hatte, damit sie ihm Schlossers »Weltgeschichte« von
irgendeinem vierten Jungen, der das Werk infolge Geldmangels billig
abgab, kaufen sollten; sie aber hatten nun, statt Schlossers
»Weltgeschichte«, unterwegs diesen Igel gekauft, da sie beide der
Versuchung nicht hatten widerstehen können: folglich aber gehörten der
Igel und das Beil jenem dritten Jungen, dem sie sie nun an Stelle der
Weltgeschichte zu überbringen im Begriff gewesen waren! Doch Aglaja habe
nicht nachgelassen und immer dringender gebeten, bis die Jungen sich zum
Verkauf des Igels entschlossen hätten. Hierauf habe Aglaja den Igel
sogleich mit Koljäs Hilfe in ein Körbchen eingepackt und mit einer
Serviette hübsch zugedeckt. Und dann habe sie Koljä gebeten, »sogleich,
unverzüglich, ohne sich irgendwo aufzuhalten«, dieses Körbchen dem
Fürsten zu bringen, mit der Bitte, es in ihrem Namen als »Beweis ihrer
größten Hochachtung empfangen zu wollen«. Koljä habe mit Freuden
eingewilligt, habe aber sogleich, naseweis wie er war, zu fragen
begonnen, was denn dieser Igel und ein solches Geschenk überhaupt für
eine Bedeutung habe. Aglajas Antwort sei gewesen, daß das nicht seine
Sache sei und ihn somit nichts angehe. Hierauf habe Koljä geäußert, daß
seiner Überzeugung nach der Igel unbedingt ein Symbol sein müsse.
Darüber habe sich Aglaja geärgert und ihm gesagt, er sei ein »dummer
Bengel und weiter nichts«. Doch Koljä, der auch nicht auf den Mund
gefallen sei, habe sofort entgegnet, daß er, wenn er in ihr nicht das
Weib und überdies seine Überzeugungen achtete, ihr unverzüglich beweisen
würde, daß er auf eine solche Beleidigung zu entgegnen wisse. Geendet
habe der Streit aber doch damit, daß Koljä strahlend mit dem Igel
abgezogen sei, gefolgt von dem gleichfalls strahlenden Kostjä Lebedeff.
Als jedoch Aglaja, die ihnen nachgeschaut, bemerkt hatte, daß Koljä den
Korb schaukelte, habe sie ihm von der Terrasse fast ängstlich
nachgerufen: »Koljä, Täubchen, bitte, werfen Sie den Igel nicht heraus!«
ganz als hätte sie sich durchaus nicht soeben noch mit ihm gezankt. Und
da sei denn Koljä stehengeblieben und habe ebenso freundlich, d. h.
gleichfalls so, als wäre nichts Böses vorgefallen, und mit der größten
Bereitwilligkeit, zurückgerufen: »Nein, ich werde ihn nicht
herauswerfen, Aglaja Iwanowna. Sie können ganz ruhig sein!« worauf er
seinen Weg eilig und freudig fortgesetzt hatte. Aglaja aber habe
entsetzlich zu lachen begonnen und sei äußerst zufrieden in ihr Zimmer
zurückgekehrt und überhaupt den ganzen Tag überaus lustig gewesen.

Lisaweta Prokofjewna war wie betäubt. Doch im Grunde genommen: was war
denn schließlich so Ungeheuerliches geschehen? Nichtsdestoweniger
erreichte ihre Unruhe die äußerste Grenze. Die Hauptsache war -- der
Igel! Was bedeutet ein Igel? Was sollte dieses Geschenk? Was sollte das,
was hieß das, was war darunter zu verstehen?! Zum Unglück mußte Iwan
Fedorowitsch, der gerade zugegen war, durch seine Antwort die Sache noch
beängstigend verschlimmern. Seiner Meinung nach war hier »gar nichts
darunter zu verstehen, ein Igel ist ein Igel und weiter nichts --
höchstens, daß er noch Freundschaft bedeutet, vergessene Kränkung,
Versöhnung und so weiter, kurz und gut, das Ganze ist doch nur ein
Scherz, jedenfalls aber ein unschuldiger und verzeihlicher.«

Nebenbei bemerkt -- er hatte alles vollkommen richtig erraten. Der Fürst
war, nachdem er von Aglaja verspottet und beschimpft und fast
hinausgeworfen worden, nach Hause zurückgekehrt, und hatte wohl über
eine halbe Stunde in einer düsteren, fast verzweifelten Stimmung
verbracht -- als plötzlich Koljä mit dem Igel im Körbchen erschien. Da
klärte sich der Himmel im Augenblick auf: der Fürst schien förmlich von
den Toten aufzuerstehen, überschüttete Koljä mit Fragen, hing an seinen
Lippen, fragte wieder und nochmals, so daß Koljä dem Inhalte nach wohl
zehnmal ein und dasselbe erzählte. Der Fürst war selig wie ein Kind und
blickte mit sonnigen Augen die Knaben an, die auch ihn mit lachenden
Blicken betrachteten und die seinen Händedruck -- er dankte unzählige
Male -- ebenso froh und von Herzen erwiderten. Aglaja hatte ihm also
verziehen! und nun konnte er wieder zu ihr gehen! konnte noch an diesem
Abend hingehen! das aber war doch die Hauptsache -- mehr verlangte er ja
gar nicht!

»Was für Kinder wir doch noch sind, Koljä! und ... und ... wie gut das
doch ist, daß wir solche Kinder sind!« rief er zu guter Letzt ganz
begeistert aus.

»Ach, ganz einfach, sie ist in Sie verliebt, Fürst, und das ist alles!«
versetzte Koljä überzeugt.

Der Fürst wurde feuerrot, sagte aber diesmal kein Wort, während Koljä
schallend auflachte und vor Freude in die Hände klatschte. Nach einer
Weile lachte auch der Fürst, dann aber blickte er alle fünf Minuten nach
der Uhr, um zu sehen, ob noch viel Zeit bis zum Abend sei und ob er
nicht schon hingehen könne.

Bei Jepantschins aber war es zu Ende mit der Kaltblütigkeit: Lisaweta
Prokofjewna war mehr als nervös, war geradezu hysterisch erregt und
ließ, ungeachtet der Einwendungen ihres Gatten und der beiden älteren
Schwestern, Aglaja sogleich zu sich rufen, um von ihr eine »endgültige,
klare Antwort zu erhalten, damit das endlich einmal aufhört und man die
Geschichte ein für allemal vom Halse hat, denn sonst -- bin ich noch vor
dem Abend tot, einfach tot!«

Wie groß aber war ihre Verwunderung, von Aglaja nichts anderes zu hören,
als -- nach scheinbarem Erstaunen -- Ausdrücke des Unwillens, sowie
spöttische Bemerkungen und Gelächter über den Fürsten und über »dieses
ganze Verhör«. Lisaweta Prokofjewna legte sich halb krank zu Bett und
stand erst zum Tee wieder auf, da sie den Fürsten erwartete. Als dieser
dann auch endlich erschien, konnte sie sich kaum noch beherrschen vor
innerer Unruhe.

Schüchtern, fast ganz verzagt, trat der Fürst ein, mit einem seltsamen
Lächeln im Gesicht und einem noch seltsameren Blick, mit dem er jedem in
die Augen sah, und der fragen zu wollen schien, weshalb denn -- Aglaja
nicht im Zimmer war. Das hatte ihn sogleich erschreckt. Es war an diesem
Abend niemand außer der Familie anwesend. Fürst Sch. weilte in
Petersburg, da ihm und Jewgenij Pawlowitsch der Skandal, den der Tod von
dessen Onkel hervorgerufen, immer noch viel zu schaffen machte. »Wenn
doch Fürst Sch. jetzt hier wäre, der könnte wenigstens ein Gespräch
anknüpfen!« dachte Lisaweta Prokofjewna ganz verzweifelt. Iwan
Fedorowitsch saß mit einer äußerst besorgten Miene da und wußte offenbar
nichts zu reden; zum Unglück schwiegen auch die Schwestern und machten
ernste Gesichter. »Mein Gott, wovon soll man sprechen!« dachte Lisaweta
Prokofjewna, ohne einen rettenden Gedanken zu finden. Schließlich nahm
sie sich energisch zusammen, erzählte kurz, daß sie in Petersburg
gewesen sei, und sprach dann sehr abfällig über die Eisenbahn, worauf
sie mit entschiedener Herausforderung den Fürsten anblickte.

Doch wehe, Aglaja kam noch immer nicht, und der Fürst verlor seinen
letzten Mut. Kaum verständlich, fast stotternd äußerte er »auch seine
Meinung«, daß eine Verbesserung der Bahn sicherlich sehr nützlich wäre,
doch plötzlich hielt es Adelaida nicht aus und lachte hell auf. Da war
der Fürst wieder wie vernichtet. In diesem Augenblick erschien Aglaja.
Ruhig und vornehm und etwas zeremoniell erwiderte sie den Gruß des
Fürsten, nahm feierlich den sichtbarsten Platz am runden Tisch ein und
blickte fragend den Fürsten an. Alle begriffen, daß jetzt der Augenblick
der Entscheidung gekommen war.

»Haben Sie meinen Igel erhalten?« fragte sie mit fester Stimme, fast
böse.

»Ja, ich habe ihn erhalten,« antwortete der Fürst, indem er errötete und
kaum zu atmen wagte.

»Haben Sie dann die Güte, mir sofort zu erklären, was Sie darüber
denken. Das ist zur Beruhigung meiner Mutter und der ganzen Familie
unbedingt erforderlich.«

»Hör' mal, Aglaja ...« stotterte der General beunruhigt.

»Das, das geht ja über alle Grenzen!« rief Lisaweta Prokofjewna
erschrocken.

»Hier handelt es sich nicht um Grenzen, Mama,« versetzte das Töchterchen
sogleich in strengem Tone. »Ich habe -- und das ist alles -- heute dem
Fürsten einen Igel gesandt und will nun die Ansicht des Fürsten hören.
Also bitte, Fürst, reden Sie jetzt.«

»Das heißt, was für eine Ansicht, Aglaja Iwanowna?«

»Über den Igel.«

»Das heißt, ich denke, Aglaja Iwanowna, Sie wollen erfahren wie ich ...
den Igel empfangen ... oder ... ich wollte sagen, wie ich diese
Zusendung ... des Igels ... aufgefaßt habe ... In dem Fall muß ich
gestehen, daß ich ... mit einem Wort, daß ich ...«

Er verwirrte sich rettungslos und verstummte.

»Nun, viel haben Sie nicht gesagt,« meinte Aglaja, nachdem sie noch eine
Weile gewartet hatte. »Aber gut, ich gebe mich damit zufrieden, lassen
wir den Igel. Es freut mich sehr, daß ich endlich Gelegenheit habe, alle
diese Mißverständnisse, die sich hier aufgehäuft haben, beseitigen zu
können. Gestatten Sie also, endlich von Ihnen persönlich zu erfahren:
bewerben Sie sich um meine Hand oder nicht?«

»Großer Gott!« entfuhr es der Generalin.

Der Fürst zuckte zurück, wie von einem Schlage getroffen; Iwan
Fedorowitsch erstarrte; die Schwestern zogen mißbilligend die Brauen
zusammen.

»Lügen Sie nicht, Fürst, sagen Sie die volle Wahrheit. Ich muß mir
Ihretwegen die seltsamsten Verhöre gefallen lassen. Haben diese Verhöre
nun irgendeine Berechtigung: das ist es, was ich wissen will. Nun!«

»Ich habe nicht um Ihre Hand geworben, Aglaja Iwanowna,« sagte der
Fürst, plötzlich wieder zu sich kommend. »Aber ... Sie wissen, wie ich
Sie liebe und an Sie glaube ... sogar jetzt ...«

»Ich frage Sie: werben Sie um mich oder nicht?«

»Ich ... werbe um Sie,« sagte der Fürst leise.

Es folgte eine allgemeine Bewegung.

»Aber, mein Freund, das geht doch nicht so!« stammelte Iwan
Fedorowitsch, nicht wenig erregt. »Das ... das ist fast unmöglich, wenn
es so ist, Aglaja ... Verzeihen Sie, Fürst, verzeihen Sie, mein Lieber!
... Lisaweta Prokofjewna!« wandte er sich hilfesuchend an seine Gattin,
»hier müßte man doch vor allen Dingen versuchen, dachte ich, den
Sachverhalt zu ... begreifen ...«

»Ich weigere, ich weigere mich, zu begreifen!« rief Lisaweta
Prokofjewna, mit beiden Händen abwehrend.

»Erlauben Sie, _maman_, daß auch ich zu Wort komme. Habe ich doch in
dieser Angelegenheit wohl auch etwas zu bedeuten! Der entscheidende
Augenblick meines Schicksals naht heran« (Aglaja drückte sich
buchstäblich so aus) »und daher will ich alles vorher genau feststellen.
Es freut mich, daß es in Gegenwart aller geschieht ... Gestatten Sie
also, Fürst, die Frage: wenn Sie solche Absichten hegen, womit gedenken
Sie dann mein Glück zu begründen?«

»Ich weiß nicht, wirklich ... ich weiß nicht, Aglaja Iwanowna, was ich
Ihnen sagen soll; hier ... hier ... Was soll man denn darauf antworten?
Ja und ... ist es denn überhaupt nötig?«

»Sie scheinen verwirrt, befangen, außer Atem zu sein, erholen Sie sich
ein wenig, und sammeln Sie Ihre Kräfte; trinken Sie ein Glas Wasser;
übrigens wird man Ihnen sogleich Tee reichen.«

»Ich liebe Sie, Aglaja Iwanowna, ich liebe Sie sehr, ich liebe nur Sie
allein und ... scherzen Sie, bitte, nicht, ich habe Sie sehr, sehr
lieb.«

»Aber, einstweilen, -- es ist das doch eine wichtige Sache, wir sind
keine Kinder, und man muß ernstlich ... nun, ich meine: einstweilen
haben Sie die Güte, sich jetzt die Mühe zu nehmen, mir Ihre
Vermögensverhältnisse zu erklären.«

»Aber ... aber, Aglaja! Was fällt dir ein! Das geht doch nicht so, das
geht doch nicht ...« stotterte Iwan Fedorowitsch geradezu angstvoll.

»Diese Schmach!« stieß Lisaweta Prokofjewna hervor.

»Sie ist verrückt!« sagte Alexandra Iwanowna laut.

»Vermögen ... das heißt Geld, wieviel Geld ich besitze?« fragte der
Fürst verwundert.

»Genau das.«

»Ich ... ich habe ... ich besitze noch hundertfünfunddreißigtausend
Rubel,« sagte der Fürst leise, indem er errötete.

»Nu--ur?« wunderte sich Aglaja ganz offen, ohne ihrerseits auch nur im
geringsten zu erröten. »Übrigens, tut nichts; wenn man ökonomisch lebt
... Beabsichtigen Sie, in den Staatsdienst zu treten?«

»Ich hatte die Absicht, ein Examen als Lehrer abzulegen ...«

»Sehr vernünftig; das würde unsere Mittel natürlich um ein Bedeutendes
vermehren. Sie beabsichtigen also nicht, Kammerjunker zu werden?«

»Kammerjunker? Das habe ich mir noch nie vorgestellt, aber ... aber ...«

Doch hier konnten sich die Schwestern nicht mehr bezwingen und brachen
in schallendes Gelächter aus. Adelaida hatte am Zucken der Mundwinkel
Aglajas erraten, daß sie selbst kaum noch ernst zu bleiben vermochte.

Aglaja blickte die Lachenden im ersten Augenblick drohend an, doch schon
nach einer Sekunde brach sie selbst in das unbändigste, in ein krankhaft
unbezwingbares Lachen aus, sprang dann plötzlich auf und lief aus dem
Zimmer.

»Ich wußte ja, daß es von ihr nichts als Scherz war!« rief Adelaida
immer noch lachend, »schon vom Igel an!«

»Nein, das ist aber doch empörend, nein, das dulde ich nicht, das dulde
ich auf keinen Fall!« fuhr Lisaweta Prokofjewna zornig auf und ging
eilig ihrer Tochter nach.

Ihr folgten sogleich auch die Schwestern. Im Zimmer blieben nur der
Fürst und Iwan Fedorowitsch zurück.

»Das, das ... hättest du dir so etwas denken können, Lew
Nikolajewitsch?« rief der General, offenbar ohne selbst zu wissen, was
er sagen wollte. »Nein, im Ernst, sag' vollkommen im Ernst?«

»Ich sehe, daß Aglaja Iwanowna sich über mich lustig gemacht hat,« sagte
der Fürst tief niedergeschlagen.

»Wart, mein Freund, ich werde sogleich hingehen, du aber, bleib hier ...
denn ... -- So erklär' doch du mir wenigstens, Lew Nikolajewitsch: wie
ist denn das alles gekommen und was hat das alles zu bedeuten? Du siehst
doch ein, mein Bester, ich bin doch -- der Vater. Und als Vater muß ich
doch auch etwas wissen, daher erkläre du mir doch wenigstens -- denn,
nicht wahr, das geht doch nicht so!«

»Ich liebe Aglaja Iwanowna. Ich weiß es und ... ich glaube, sie weiß es
schon lange.«

Der General zog die Schultern in die Höhe.

»Sonderbar, höchst sonderbar! ... Und du liebst sie sehr?«

»Ich liebe sie ... sehr.«

»Hm, sonderbar ... tja, aber was ist da zu machen? Ich gestehe, das ist
mir eine solche Überraschung, solch ein Schlag geradezu, daß ... Sieh
mal, mein Lieber, ich rede nicht vom Vermögen, -- obschon ich, wenn ich
ehrlich sein soll, gedacht hätte, daß dir mehr übriggeblieben sei --
aber ... es handelt sich für mich hier nur um das Glück meiner Tochter
... und deshalb ... bist du nun auch fähig, sozusagen, dieses Glück ...
zu begründen -- das möcht' ich nur wissen? Und ... und ... was ist das
schließlich: Scherz oder Ernst? Das heißt, nicht deinerseits, sondern,
versteht sich, nur ihrerseits?«

Aus dem Nebenzimmer ertönte Alexandras Stimme: sie rief den Papa.

»Wart', mein Freund, wart'! Bleib hier und überleg' dir die Sache, ich
werde im Augenblick ...« sagte er in aller Eile, indem er fast
erschrocken dem Ruf Alexandras folgte.

Doch was er im Nebenzimmer vorfand, hatte er eigentlich nicht erwartet:
seine Frau und seine Tochter Aglaja saßen eng umschlungen und vergossen
beide Tränen. Es waren Tränen der Freude, der Rührung und der
Versöhnung. Aglaja küßte der Mutter die Hände, die Wangen, die Lippen,
und beide preßten sie sich eng, eng aneinander.

»Nun sieh, da hast du sie, Iwan Fedorowitsch, so ist sie jetzt!« sagte
Lisaweta Prokofjewna.

Aglaja wandte ihr glückliches, ganz verweintes Gesichtchen, das sie an
der Brust der Mutter verborgen hatte, dem Papa zu, schaute ihn an und
lachte laut auf. Im nächsten Augenblick war sie schon aufgesprungen, lag
an seiner Brust, umarmte ihn krampfhaft und küßte ihn mehrmals. Und im
allernächsten Augenblick saß sie wieder auf dem Schoß der Mutter, und
verbarg an deren Brust ihr Gesicht, damit niemand sie sähe, und wieder
weinte sie herzbrechend. Lisaweta Prokofjewna streichelte sie zärtlich
und bedeckte sie mit dem einen Ende ihres Schals.

»Nun, was, was tust du jetzt mit uns, du grausames Mädchen, das du nach
alldem bist, pfui!« sagte sie mit mütterlichem Vorwurf, doch klang es
bereits wie aus innerer Freude gesprochen, als sei ihr eine wahre Last
vom Herzen gefallen und als könne sie leichter atmen.

»Grausam! Ja! Grausam!« griff plötzlich Aglaja heftig das Wort auf.
»Einfach ein Scheusal! Verzogen! Eigensinnig! Sagen Sie das Papa. Ach,
er ist ja hier. Papa, sind Sie noch hier? Hören Sie?« lachte sie wieder
unter Tränen.

»Mein kleiner Liebling, mein Herzenskind!« Der General strahlte vor
Glück und küßte ihre Hand, die Aglaja, nebenbei bemerkt, nicht fortzog.
»Dann liebst du also diesen jungen Mann? ...«

»O pfui, gar nicht! Ich kann ihn nicht ausstehen ... euren jungen Mann,
ich hasse ihn einfach!« brauste Aglaja plötzlich wild auf, und sie erhob
wieder den Kopf. »Und wenn Sie, Papa, noch einmal wagen ... Ich sage es
im Ernst, hören Sie: im Ernst!«

Und sie sprach es auch wirklich vollkommen im Ernst: sie wurde ganz rot
dabei, und ihre Augen blitzten auf. Der Papa schwieg erschrocken, doch
Lisaweta Prokofjewna gab ihm über Aglajas Köpfchen hinweg einen Wink,
den er als »Nicht ausfragen!« ganz richtig verstand.

»Wenn es so ist, mein Engel, dann natürlich -- wie du willst ... das
hängt nur von dir ab. Aber er wartet jetzt dort allein -- sollte man ihm
nicht andeutungsweise zu verstehen geben, daß er sich verabschieden
könnte?«

Der General gab nun wiederum seinerseits Lisaweta Prokofjewna einen
Wink.

»Nein, nein, das ist gar nicht nötig, und erst recht nicht so ...
andeutungsweise. Geht nur zu ihm hinein, alle, alle, ich komme dann
nach, gleich nach euch. Ich will diesen ... jungen Mann um Verzeihung
bitten, ich habe ihn gekränkt.«

»Und unverzeihlich gekränkt!« bekräftigte Iwan Fedorowitsch sehr ernst.

»Nun dann ... bleibt lieber alle hier, und ich werde zuerst allein zu
ihm gehen, ihr aber müßt dann sogleich nachkommen, in derselben Sekunde
noch, so wird es besser sein.«

Sie ging zur Tür, hatte den Griff bereits in der Hand, doch plötzlich
wandte sie sich wie hilflos wieder zurück.

»Ich werde lachen! Ich werde sterben vor Lachen!« klagte sie traurig.

Doch im selben Augenblick klinkte sie auch schon plötzlich die Tür auf
und lief hinein -- zum Fürsten.

»Nun, was hat das zu bedeuten? Was meinst du?« flüsterte Iwan
Fedorowitsch hastig seiner Gattin zu.

»Ich fürchte, es auch nur auszusprechen,« antwortete Lisaweta
Prokofjewna ebenso, »aber meiner Ansicht nach ist es doch klar ...«

»Auch meiner Ansicht nach ist es klar. Klar wie der Tag. Sie liebt.«

»Sie liebt nicht nur, sie ist sogar verliebt!« äußerte sich Alexandra
Iwanowna. »Nur in wen, fragt es sich?«

»Gott segne sie, wenn das ihr Schicksal sein sollte!« sagte Lisaweta
Prokofjewna und bekreuzte sich andächtig.

»Dann ist nichts mehr zu wollen,« meinte der General, »seinem Schicksal
entgeht keiner.«

Und alle begaben sich ins Empfangszimmer, um den Fürsten und Aglaja
nicht allein zu lassen. Doch siehe, dort harrte ihrer eine neue
Überraschung.

Aglaja hatte nicht etwa zu lachen begonnen, als sie sich dem Fürsten
genähert, sondern hatte ihm fast schüchtern die Hand gereicht und
gesagt:

»Verzeihen Sie dem dummen, schlechten, verzogenen Mädchen, und seien Sie
überzeugt, daß wir Sie alle unendlich achten. Und wenn ich gewagt habe,
Ihre prächtige ... gute Treuherzigkeit zu verspotten, so verzeihen Sie
es mir, wie man einem Kinde eine Unart verzeiht. Verzeihen Sie, daß ich
auf einer Unmöglichkeit bestand, die natürlich nicht die geringsten
Folgen haben kann ...«

Die letzten Worte sprach Aglaja dabei mit besonderem Nachdruck.

Der Vater, die Mutter und die Schwestern waren noch rechtzeitig
eingetreten, um diese letzten Worte zu hören, und sowohl deren Bedeutung
wie die ernste Miene Aglajas kamen ihnen so unerwartet, daß sie sich
erstaunt und fragend ansahen. Nur der Fürst schien den Sinn der Worte
nicht begriffen zu haben.

»Weshalb reden Sie so,« stammelte er überglücklich, »weshalb ... bitten
Sie um Verzeihung ...«

Er wollte noch sagen, daß er gar nicht wert sei, um Verzeihung gebeten
zu werden. Doch -- wer kann es wissen -- vielleicht hatte er den Sinn
der letzten Worte sehr wohl begriffen, als sonderbarer Mensch aber sich
vielleicht sogar auch über diesen Sinn gefreut? Zweifellos war es für
ihn schon der Gipfel der Glückseligkeit, daß er jetzt unbehindert Aglaja
würde besuchen können, daß man ihm erlauben würde, mit ihr zu reden, bei
ihr zu sitzen, mit ihr spazieren zu gehen, und vielleicht hätte ihm das
auch sein Leben lang genügt! (Diese Genügsamkeit war es aber gerade, die
Lisaweta Prokofjewna im stillen fürchtete: sie war die einzige, die ihn
erkannte. Oh, vieles fürchtete sie im geheimen, was sie vielleicht
selbst kaum auszusprechen verstanden hätte!)

Es ist schwer, sich vorzustellen, in welch einem Maße sich der Fürst an
diesem Abend belebte. Er sprühte förmlich und war von einem Feuer
erfüllt, daß man, ob man wollte oder nicht, sich gleichfalls begeistert
fühlte -- wie später Aglajas Schwestern erzählten. Er kam zum erstenmal
nach jenem Vormittag, den er vor sechs Monaten bei Jepantschins
verbracht hatte, wieder ins Reden, denn seit seiner Rückkehr nach
Petersburg war er ersichtlich schweigsam und zurückhaltend gewesen. Zu
Fürst Sch. hatte er einst gesagt -- es war an jenem Abend, an dem sie
nachher zum Konzert gegangen waren --, daß er sich bezwingen und
schweigen müsse, weil er nicht das Recht habe, seine Gedanken zu
erniedrigen, indem er dieselben ungeschickt ausspräche. Heute aber war
er es allein, der den ganzen Abend über sprach; er erzählte viel, und
wenn hin und wieder Fragen an ihn gestellt wurden, dann antwortete er
klar und ausführlich und mit sichtlicher Freude. Doch von Liebe war mit
keinem Wort mehr die Rede, wie auch sonst nichts an ihm Verliebtheit
verriet. Es waren alles so ernste Dinge, von denen er sprach, mitunter
äußerte er sogar so tiefe Gedanken, und legte einige seiner
Anschauungen, seiner eigenen geheimen Beobachtungen dar, daß das Ganze
vielleicht lächerlich gewirkt hätte, wenn es von ihm aus nicht so
»vorzüglich klar gemacht« worden wäre, wie sich später seine Zuhörer
äußerten. Der General hatte zwar sonst ernste Unterhaltungen sehr gern,
doch diesmal fand im geheimsten Innern auch er, ganz wie die Generalin,
daß es denn doch etwas »zu viel des Ernstes und der Philosophie« war, so
daß sie zum Schluß beide ganz traurig und nachdenklich wurden. Übrigens
war der Fürst zu guter Letzt so animiert, daß er noch ein paar köstliche
Anekdoten zum besten gab, über die er selbst so ausgelassen lachen
konnte, daß die anderen schon bei seinem Anblick mitlachen mußten.
Aglaja dagegen sprach fast den ganzen Abend über kein Wort, dafür aber
hing sie förmlich an den Lippen des Fürsten, keine Silbe entging ihr,
die er sprach, und keinen Blick wandte sie von ihm ab.

»Und wie sie ihn ansah! Sie verschlang ihn ja förmlich mit den Augen,
als ob ihr kein Buchstabe entgehen dürfte,« sagte Lisaweta Prokofjewna
später zu ihrem Gatten. »Sagst du ihr aber, daß sie liebt, dann trage
nur schnell alle Heiligen hinaus!«

»Tja, da läßt sich nichts ändern -- Schicksal!« meinte der General
achselzuckend. Und das war nicht das letztemal, daß er dieses Wort
gebrauchte. Es muß hier bemerkt werden, daß ihm als General und
Geschäftsmann sehr vieles an dem vorläufigen Stand der Dinge mißfiel, so
vor allem die Unklarheit. Doch beschloß er trotzdem, »bis dahin« noch zu
schweigen und ... lieber seiner Lisaweta Prokofjewna in die Augen zu
schauen.

Leider hielt die frohe Stimmung der Familie nicht lange an. Schon am
nächsten Tage verfeindete sich Aglaja mit dem Fürsten, versöhnte sich
dann zwar wieder mit ihm, doch -- auf wie lange? Am anderen Tage begann
sie von neuem zu streiten. Oft machte sie sich stundenlang über ihn
lustig und stellte ihn fast als Narren hin, oft aber saßen sie wiederum
stundenlang in der Laube des Blumengartens ihrer Villa, doch konnten die
anderen dann immer nur sehen, daß der Fürst ihr fast die ganze Zeit aus
irgendeinem Buch oder einer Zeitung vorlas.

»Wissen Sie,« unterbrach ihn Aglaja einmal beim Zeitunglesen, »es ist
mir aufgefallen, daß Sie entsetzlich ungebildet sind: nichts wissen Sie
genau, wenn man Sie etwas fragt, weder wer es gerade war, noch genau in
welchem Jahre, noch nach welchem Vertrag oder Friedensschluß. Sie sind
ein sehr kläglicher Mensch.«

»Ich habe Ihnen gesagt, daß ich nicht gelehrt bin,« antwortete der Fürst
einfach.

»Was ist denn eigentlich an Ihnen? Wie kann ich Sie dann noch achten?
Lesen Sie weiter. Doch nein, nicht nötig, hören Sie auf!«

Am Abend dieses Tages geschah ihrerseits wiederum etwas sehr
Sonderbares, daß allen ein Rätsel aufgab. Fürst Sch. war aus Petersburg
gekommen und Aglaja war sehr freundlich zu ihm, sie fragte ihn sogar
nach Jewgenij Pawlowitsch. (Fürst Lew Nikolajewitsch war noch nicht
erschienen.) Da machte Fürst Sch. ganz harmlos die Bemerkung, daß »im
Hinblick auf das Bevorstehende« Adelaidas Hochzeit wohl wieder
hinausgeschoben werden müsse, damit beide Trauungen an einem Tage
stattfänden. Kaum aber hatte er es ausgesprochen, als plötzlich Aglaja
purpurrot wurde und sich heftig »alle diese dummen Vermutungen« verbat,
sie habe durchaus nicht die Absicht, irgendwelche Mätressen durch ihre
Person zu ersetzen.

Diese Bemerkung stieß natürlich alle Anwesenden furchtbar vor den Kopf.
Lisaweta Prokofjewna war zuerst sprachlos, bestand aber dann später, als
sie sich mit ihrem Mann unter vier Augen befand, bedingungslos auf einer
ernsten Aussprache mit dem Fürsten betreffs Nastassja Filippowna, was
Iwan Fedorowitsch als Vater einfach für seine Pflicht ansehen müsse.

Iwan Fedorowitsch schwor bei allem, was ihm heilig war, daß es wohl nur
ein »unbegründeter Ausfall Aglajas gewesen und einzig auf ihre
Verlegenheit zurückzuführen« sei; daß sie, wenn Fürst Sch. nicht diese
Anspielung gemacht hätte, nie und nimmer so etwas gesagt haben würde,
denn sie wisse es selbst nur zu gut, daß dieses ganze Gerücht nichts als
eine Verleumdung von seiten ihnen übelwollender Leute sei und daß
Nastassja Filippowna Rogoshin heiraten werde; daß der Fürst in der
Beziehung nichts mit ihr zu schaffen habe -- derlei könne man ihm weder
jetzt nachsagen, noch habe man es früher jemals sagen können: »von
diesen Dingen liegt nichts, aber auch nichts zwischen ihnen vor, wenn du
nun schon einmal die ganze Wahrheit wissen willst.«

Fürst Lew Nikolajewitsch selbst ließ sich durch nichts verwirren und
fuhr fort, ungetrübt selig zu sein. Oh, auch er bemerkte mitunter etwas
gleichsam Düsteres und Ungeduldiges in Aglajas Augen, doch nachdem er
einmal an sie zu glauben begonnen, konnte diesen Glauben nichts mehr
erschüttern. Vielleicht aber war er dennoch etwas gar zu ruhig;
wenigstens äußerte sich auch Hippolyt in dem Sinne, als er ihm einmal
zufällig im Park begegnete.

»Na, hab' ich damals nicht recht gehabt, als ich Ihnen sagte, daß Sie
verliebt seien?« begann er ohne weiteres, indem er auf den Fürsten
zutrat und ihn aufhielt.

Der Fürst reichte ihm die Hand und gratulierte zum »guten Aussehen«.
Hippolyt sah in der Tat viel wohler aus, was ja bei Schwindsüchtigen
bekanntlich oft vorkommt.

Er war eigentlich nur in der Absicht an den Fürsten herangetreten, um
ihm wegen seiner glücklichen Stimmung etwas Gehässiges zu sagen, doch
wie gewöhnlich begann er schon nach den ersten Worten, von sich selbst
zu sprechen. Er hatte über vieles zu klagen, was er denn auch ziemlich
lange und ziemlich unzusammenhängend tat.

»Sie glauben nicht,« fuhr er fort, »bis zu welch einem Grade sie dort
alle reizbar, kleinlich, egoistisch, ehrgeizig und ordinär sind! Werden
Sie es zum Beispiel für möglich halten, daß sie mich nur unter der
Voraussetzung genommen haben, daß ich bald sterbe? Und da sind sie jetzt
alle wütend darüber, daß ich noch immer nicht sterbe und mich im
Gegenteil besser fühle. Die reine Komödie! Ich könnte wetten, daß Sie
mir das nicht glauben!«

Der Fürst wollte nicht widersprechen.

»Übrigens denke ich mitunter daran, wieder zu Ihnen zurückzukehren,«
fügte Hippolyt nachlässig hinzu. »So halten Sie sie also nicht für fähig
dazu, einen Menschen unter der Bedingung aufzunehmen, daß er möglichst
bald stirbt?«

»Ich dachte, daß sie Sie aus gewissen anderen Gründen zu sich
aufgefordert hätten.«

»He--e! Sie scheinen ja durchaus nicht so einfach zu sein, wie man von
Ihnen annimmt! Es ist jetzt nicht die Zeit dazu, sonst könnte ich Ihnen
etwas Interessantes über Ganetschka und seine Hoffnungen mitteilen. Man
will nämlich Ihr Glück untergraben, Fürst, erbarmungslos untergraben,
und ... da tun Sie einem fast leid, weil Sie so ruhig sind. Doch -- Sie
können ja gar nicht anders!«

»Um was Sie sich Sorgen machen!« lachte der Fürst. »Wie, wäre ich denn
Ihrer Meinung nach glücklicher, wenn ich unruhiger wäre?«

»Lieber unglücklich sein und wissen, als glücklich sein und ... betrogen
werden. Sie scheinen es ja überhaupt nicht für möglich zu halten, daß
mit Ihnen rivalisiert wird und ... noch dazu von der Seite?«

»Ihre Worte sind ein wenig zynisch, Hippolyt; es tut mir leid, daß ich
nicht das Recht habe, Ihnen hierauf zu antworten. Was jedoch Gawrila
Ardalionytsch betrifft, so werden Sie wohl selbst zugeben, daß es etwas
viel verlangt wäre, wollte man von ihm nach allem, was er verloren hat,
noch völlige Ruhe fordern. Ich nehme an, daß Sie wenigstens zum Teil
darüber unterrichtet sind, was er durchgemacht hat? Jedenfalls scheint
es mir besser, das Verhältnis von diesem Standpunkte aus zu betrachten.
Er wird sich noch ändern, ihm steht noch ein langes Leben bevor, und das
Leben ist reich ... doch übrigens ... übrigens ... was das Untergraben
betrifft ... ich verstehe nicht einmal, wovon Sie reden ... Brechen wir
lieber dieses Gespräch ab, Hippolyt.«

»Schön, vorläufig. Zudem können Sie es auch nicht gut mit Ihrem Edelmut
vereinigen. Sie, Fürst, Sie müssen alles immer selbst mit den Fingern
befühlt haben, bevor Sie etwas glauben, ha--ha! Verachten Sie mich jetzt
sehr?«

»Weshalb das? Weil Sie mehr als wir gelitten haben und leiden?«

»Nein, deshalb, weil ich dieses Leidens unwürdig bin.«

»Wer mehr gelitten hat, der ist es auch würdig gewesen, mehr zu leiden.
Als Aglaja Iwanowna Ihre Beichte gelesen hatte, wollte sie Sie sehen,
aber ...«

»Sie schob es auf ... sie darf nicht, ich verstehe, verstehe ...«
unterbrach ihn Hippolyt, als wolle er schnell von diesem Thema ablenken.
»Ach, apropos, man sagt, Sie hätten ihr diese ganze Litanei vorgelesen
... Ach was, das Ganze ist doch nur im Fieber geschrieben und ...
ausgedacht. Ich begreife wirklich nicht, bis zu welch einem Grade man --
ich will nicht sagen grausam (das wäre erniedrigend für mich), wohl aber
kindisch eitel und rachsüchtig sein muß, um mir diese Beichte
gewissermaßen zum Vorwurf machen zu können und sie gegen mich, den
Verfasser, als Waffe zu benutzen! Beunruhigen Sie sich nicht, das war
nicht auf Sie gemünzt ...«

»Es tut mir leid, daß Sie sich von dieser Beichte lossagen, Hippolyt,
sie ist aufrichtig geschrieben, und wissen Sie, selbst die
lächerlichsten Stellen -- und deren gibt es viele --« (Hippolyt runzelte
wütend die Stirn) »sind mit Schmerzen bezahlt ... denn dieses Gestehen
ist auch schmerzhaft gewesen und ... vielleicht hat dazu eine große
Mannhaftigkeit gehört. Der Gedanke, der Sie dazu bewogen hat, hat
zweifellos einen edlen Ursprung gehabt, gleichviel was andere da sagen.
Je weiter alles zurücktritt, um so deutlicher sehe ich es jetzt, glauben
Sie mir. Ich will Sie nicht richten, ich sage es nur, um mich
auszusprechen, und weil ich es bedauere, daß ich damals schwieg ...«

Hippolyt wurde rot. Im Augenblick kam ihm zwar der Gedanke, daß der
Fürst sich vielleicht verstelle, um ihn zu fangen, doch ein Blick auf
ihn genügte, um jeden Zweifel an seiner Aufrichtigkeit zu verscheuchen.
Da erhellte sich Hippolyts Gesicht.

»Was hilft das alles, sterben muß ich jetzt doch!« sagte er, und fast
hätte er noch hinzugefügt: »solch ein Mensch wie ich!« -- »Können Sie
sich vorstellen, was Ganetschka mir jetzt zumutet: er hat sich
gewissermaßen als Entgegnung ausgedacht, daß von jenen, die damals meine
>Beichte< hörten, drei oder vier wohl noch früher sterben würden als
ich! Wie finden Sie das! Und er glaubt wirklich, daß das ein Trost sei,
ha--ha! Erstens sind diese Leute bis jetzt noch nicht gestorben, und
zweitens, selbst wenn sie's wären, was hätte ich denn davon? Er urteilt
natürlich nach sich selbst. Übrigens geht er jetzt noch weiter, er
schimpft einfach und sagt, daß ein anständiger Mensch in einem solchen
Falle schweigend sterben würde, und daß das alles von mir nichts als
Egoismus gewesen sei! Wie finden Sie das! Oder nein, wie finden Sie hier
den Egoismus seinerseits! Wie finden Sie die Raffiniertheit, oder noch
besser, die viehische Roheit der Selbstliebe dieser Leute, die sie
natürlich niemals an sich selbst bemerken! ... Haben Sie gelesen, Fürst,
vom Tode Stepan Gleboffs im achtzehnten Jahrhundert? Ich las zufällig
gestern ...«

»Von was für einem Stepan Gleboff?«

»Der unter Peter an den Pfahl gebunden wurde!«

»Ach, mein Gott, gewiß! Er stand fünfzehn Stunden am Pfahl in der großen
Kälte und starb heldenhaft; gewiß habe ich es gelesen -- nun und?«

»Gibt doch Gott bisweilen solch einen Tod den Menschen -- weshalb aber
nicht auch mir? Sie glauben vielleicht, daß ich nicht fähig wäre, so zu
sterben wie Gleboff?«

»Oh, durchaus nicht,« sagte der Fürst verwirrt, »oder vielmehr, ich
wollte nur sagen, daß Sie ... das heißt, nicht, daß Sie dem Gleboff
unähnlich wären, sondern ... daß Sie ... daß Sie dann eher ...«

»Ich errate: daß ich dann eher Ostermann gewesen wäre? und nicht Gleboff
-- wollen Sie das damit sagen?«

»Was für ein Ostermann?« wunderte sich der Fürst.

»Na, Ostermann, der große Diplomat Ostermann, Peters Ostermann,«
murmelte Hippolyt, plötzlich etwas verwirrt.

Es folgte eine kleine Pause, in der beide das Mißverständnis fühlten.

»Oh, n--n--nein! Ich wollte nicht das sagen,« fuhr der Fürst langsam
fort. »Sie würden, glaube ich ... niemals ein Ostermann gewesen sein.«

Hippolyt ärgerte sich und runzelte wieder die Stirn.

»Übrigens, ich sage das ja doch nur deshalb,« verbesserte sich der Fürst
schnell, »nur deshalb, weil die Menschen von damals -- wirklich, es hat
mich immer frappiert -- sozusagen gar nicht dieselben Menschen waren,
die jetzt leben. Es ist, als wären wir damals ein ganz anderes Volk
gewesen, nein, wirklich, als handelte es sich um zwei ganz verschiedene
Rassen ... Damals waren die Menschen gewissermaßen Menschen mit nur
einer Idee, jetzt aber sind sie viel problematischer, komplizierter,
sensitiver, sind Menschen mit zwei, drei Ideen zu gleicher Zeit ... Der
jetzige Mensch ist ... geistig breiter -- und ich schwöre Ihnen, gerade
das hindert ihn, ein so einheitlicher Mensch zu sein, wie es die
Menschen in jenen Jahrhunderten waren ... Ich ... ich habe das nur in
dem Sinne gesagt, nicht daß ich ...«

»Ich verstehe schon. Weil Sie so naiv offen nicht mit mir einverstanden
waren, wollen Sie mich jetzt trösten, ha--ha! Sie sind ein vollkommenes
Kind, Fürst. Indes ... ich bemerke, daß Sie mich alle wie ... wie eine
Porzellantasse behandeln. Tut nichts, tut nichts, ich ärgere mich nicht.
Jedenfalls haben wir ein sehr lächerliches Gespräch geführt. Sie sind
mitunter wirklich ein ganzes Kind. Wissen Sie, daß ich vielleicht auch
etwas besseres sein wollte, als ein Ostermann ... für einen Ostermann
lohnt es sich nicht, von den Toten aufzuerstehen. Ich sehe, daß ich
möglichst bald sterben muß, denn sonst würde ich selbst ... Lassen Sie
mich! Auf Wiedersehen! Doch gut, sagen Sie mir selbst, welches wäre für
mich die beste Art, zu sterben, was meinen Sie? ... Damit es möglichst
... nun, sagen wir -- heldenhaft geschähe? Nun, was meinen Sie!«

»Gehen Sie an uns vorüber und verzeihen Sie uns unser Glück!« sagte der
Fürst leise.

»Ha--ha--ha! Das dachte ich mir! Gerade etwas von der Art erwartete ich!
Einstweilen, Sie ... Sie ... Nun ja! Weiß Gott! Schöne Phrasen! Auf
Wiedersehen, auf Wiedersehen!«


                                  VI.

Warwara Ardalionownas Mitteilung, daß man in der Villa Jepantschin zum
Abend Gäste erwartete, entsprach zwar an sich vollkommen der Wahrheit,
nur hatte sie sich wieder so ausgedrückt, daß Ganjä dieser
Abendgesellschaft unwillkürlich eine weit größere Bedeutung zuschreiben
mußte, als ihr von Rechts wegen zukam. Gewiß sah die Familie Jepantschin
mit ganz unnötiger Erregung diesem Abend entgegen, nur geschah das
vornehmlich deshalb, weil in dieser Familie nun einmal »alles anders als
bei anderen Leuten« geschah. Die vielleicht etwas unverständliche Hast,
mit der man die Angelegenheit betrieb, fand jedoch ihre Erklärung in der
Stimmung Lisaweta Prokofjewnas, die die Ungewißheit nicht länger
ertragen wollte. Ihr Mutterherz zitterte für das Glück ihres Lieblings
und auch der General war sehr besorgt. Hinzu kam, daß die Bjelokonskaja
Petersburg bald wieder verlassen sollte, und da ihre Protektion, die sie
voraussichtlich auch dem Fürsten Lew Nikolajewitsch gnädig gewähren
würde, in der »hohen« Gesellschaft viel zu bedeuten hatte, so würde,
meinten die Eltern, diese Gesellschaft den etwas seltsamen Bräutigam
Aglajas, falls er auch ihr seltsam erscheinen sollte, weit
liebenswürdiger und nachsichtiger aufnehmen, wenn er unter dem Schutze
der allmächtigen alten Fürstin stand, als wenn er diese unter seinen
Gegnern hatte. Insofern war die Berechnung der Eltern sehr richtig, um
so mehr, als sie selbst auf keine Weise zu entscheiden vermochten, ob
nun an dieser Verlobung etwas Sonderbares war oder nicht. Daher war
ihnen in diesen Tagen, in denen sich infolge von Aglajas Verhalten noch
immer nichts entschieden hatte, die Meinungsäußerung maßgebender
Persönlichkeiten sehr erwünscht. Und schließlich mußte der Fürst doch
einmal in diese Gesellschaft, von der er sich bis jetzt überhaupt noch
keinen Begriff machte, eingeführt werden. Kurzum, man hatte beschlossen,
ihn vorläufig zu »zeigen«, und zu dem Zweck lud man denn zum Abend
einige »Freunde des Hauses« ein. Außer der Bjelokonskaja und einigen
alten oder älteren Herren erwartete man an Damen nur noch die Gattin
eines höchst einflußreichen Würdenträgers, und von jungen Leuten außer
dem Fürsten -- Jewgenij Pawlowitsch, den die alte Bjelokonskaja
voraussichtlich mitbringen würde.

Von dem bevorstehenden Besuch der Bjelokonskaja hatte der Fürst schon
drei Tage vorher gehört; daß man jedoch eine ganze Gesellschaft geben
wolle, erfuhr er erst am Abend vor dem festgesetzten Tage. Natürlich war
es ihm nicht entgangen, daß die Familienmitglieder ein wenig besorgt
dreinschauten und daß hin und wieder kritisierende Blicke auf ihm
ruhten, aus denen er sofort erriet, daß man für den Eindruck fürchtete,
den er auf die Gesellschaft machen würde. Seltsamerweise war man aber
bei Jepantschins ohne weiteres überzeugt, daß er in seiner Einfalt nie
und nimmer erraten würde, was man für ihn fürchtete, und deshalb dachte
auch niemand weder daran, diese Empfindung zu verbergen, noch ward sich
jemand dessen bewußt, daß diese Empfindung überhaupt irgendwie zutage
trat. Übrigens schrieb er selbst dem bevorstehenden Ereignis kaum eine
Bedeutung zu; er war zu sehr mit anderem beschäftigt: Aglaja wurde von
Stunde zu Stunde launischer und düstrer -- das bedrückte ihn. Als er
erfuhr, daß auch Jewgenij Pawlowitsch kommen würde, freute er sich sehr
darüber und sagte, daß er ihn schon längst habe wiedersehen wollen.
Diese Bemerkung mißfiel aus irgendeinem Grunde allen Anwesenden. Aglaja
verließ sogar sichtlich geärgert das Zimmer, und erst spät am Abend, als
er gegen zwölf aufbrach, wußte sie es so einzurichten, daß sie ihn ein
paar Schritte begleitete und ihm bei der Gelegenheit einige Worte unter
vier Augen sagen konnte.

»Ich würde wünschen, daß Sie morgen den ganzen Tag nicht zu uns kämen;
erst am Abend, wenn diese -- Gäste ... erscheinen, dann können Sie
kommen. Sie wissen doch, daß Gäste kommen werden?«

Sie sprach sehr nervös und mit übertriebener Strenge; zum erstenmal
hatte sie den Abend erwähnt. Der Gedanke daran war für sie unerträglich.
Alle hatten es bemerkt. Sie hätte sich gern mit ihren Eltern darüber
ausgesprochen, ihn zu verhindern gesucht, doch Stolz und Scham ließen es
nicht zu. Der Fürst begriff sofort, daß sie für ihn fürchtete und selbst
nicht zugeben wollte, daß sie sich fürchtete -- und er erschrak sehr
darüber.

»Ja, ich bin auch eingeladen,« bemerkte er.

»Kann man denn mit Ihnen überhaupt über irgend etwas ernsthaft sprechen?
Auch nur einmal im Leben?« fuhr sie plötzlich gereizt auf, ohne zu
wissen, warum, und nicht mehr fähig, länger an sich zu halten.

»Gewiß kann man das, und ich bin gern bereit, Sie anzuhören; es freut
mich sehr ...« Der Fürst verstummte.

Aglaja schwieg wieder eine Weile und begann dann mit ersichtlichem
Widerwillen:

»Ich will mich mit Ihnen da nicht herumstreiten, es gibt Fälle, in denen
Sie keine Vernunft annehmen. Widerwärtig sind mir die Regeln, die Mama
beobachtet. Von Papa lohnt es sich überhaupt nicht zu reden, ihn fragt
man gar nicht danach. Mama ist natürlich eine ehrenwerte Frau, doch vor
diesem ... >Nichts< beugt sie sich! Ich spreche nicht von der
Bjelokonskaja: sie ist eine alte Frau mit schlechtem Charakter, doch
klug -- sie versteht es vorzüglich, alle Menschen zu lenken, wie sie
will, nun, und das ist wenigstens etwas. Oh, welche Niedrigkeit! Und wie
lächerlich: wir sind immer Leute mittleren Standes gewesen, des
allermittelmäßigsten, den es nur gibt; wozu kriechen wir da in diese
>höheren SphärenblamierenThema<
sprechen werden, über ein ernstes, erhabenes, großes Thema? Was meinen
Sie ... würde das angehen?«

»Ich glaube, daß es dumm wäre, wenn es nicht angebracht erschiene ...«

»Hören Sie ein für allemal,« fuhr Aglaja schließlich ungeduldig heraus.
»Wenn Sie morgen von der Todesstrafe, oder von dem ökonomischen Zustande
Rußlands, oder von >der Erlösung der Welt durch die Schönheit< zu reden
anfangen, so werde ich mich natürlich sehr darüber freuen und über Sie
lachen, doch ... das sage ich Ihnen im voraus: treten Sie mir dann nicht
mehr vor die Augen! Hören Sie: ich sage es Ihnen im Ernst! Dieses Mal
verstehe ich keinen Spaß!«

Sie sprach wirklich im Ernst ihre Drohung aus, etwas Sonderbares klang
aus ihren Worten und in ihren Augen blitzte etwas auf, das der Fürst
früher nie an ihr bemerkt hatte.

»Nun, jetzt haben Sie es so weit gebracht, daß ich sicher davon >reden<
... und sicher ... auch die Vase zerschlagen werde. Ich habe mich vor
nichts gefürchtet, jetzt fange auch ich an, mich zu fürchten. Jetzt
werde ich mich sicher blamieren.«

»So schweigen Sie. Sitzen Sie und schweigen Sie.«

»Das wird mir unmöglich sein. Ich werde vor Angst sprechen und auch vor
Angst die Vase zerschlagen. Vielleicht werde ich auf dem Parkett
ausgleiten oder es geschieht sonst etwas ... von der Art, wie es mir
schon einmal passiert ist; mir wird die ganze Nacht davon träumen; warum
haben Sie es gesagt!«

Aglaja sah ihn finster an.

»Wissen Sie: ich werde morgen überhaupt nicht erscheinen, ich werde mich
krank melden, und somit wäre die Geschichte abgemacht!« entschloß er
sich zu guter Letzt.

Aglaja stampfte mit dem Fuße auf und erbleichte vor Ärger.

»Mein Gott! Hat man einen solchen Menschen schon erlebt! Er will nicht
kommen, während man gerade für ihn den Abend ... Mein Gott! Das ist ein
Vergnügen, mit einem solchen Menschen etwas zu tun zu haben ... mit
einem so einfältigen Menschen, wie Sie es sind!«

»Nun, ich komme schon, ich komme!« unterbrach sie so schnell wie möglich
der Fürst. »Und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich den ganzen Abend
still dasitzen werde, ohne ein Wort zu sprechen. Ich werde es schon so
einrichten.«

»Nun, Sie werden sehr gut daran tun. Sie sagten soeben: Sie werden sich
>krank melden<. Wieder gebrauchen Sie eine sonderbare Form. Macht Ihnen
das Vergnügen, sich mir gegenüber so auszudrücken? Wollen Sie sich über
mich lustig machen, wie?«

»Entschuldigen Sie; das war wieder ein Schulausdruck; ich werde es nicht
mehr tun. Ich verstehe sehr wohl, daß Sie ... für mich fürchten ... (so
ärgern Sie sich doch wenigstens nicht!) und ich freue mich darüber. Sie
glauben mir nicht, wie sehr ich mich jetzt fürchte und -- wie ich mich
über Ihre Worte freue. Doch diese ganze Angst, ich schwöre es Ihnen, ist
mir etwas Kleinliches und Nebensächliches. Aber die Freude, die bleibt,
Aglaja! Ich habe es so gern, daß Sie noch ein solches Kind sind, so ein
gutes, liebes Kind! Ach, wie können Sie reizend sein, Aglaja!«

Auch darüber wollte sich Aglaja schon ärgern, doch überkam ihre Seele im
selben Augenblick ein so sonderbares Gefühl.

»Sie werden mir also meine schlechten, rohen Worte nicht nachtragen ...
irgendeinmal ... nachher?« fragte sie ihn plötzlich.

»Was sagen Sie, was sagen Sie! Und was haben Sie? Warum sehen Sie so
düster drein! Sie sehen jetzt manchmal so düster aus, Aglaja, wie das
früher nie der Fall war. Ich weiß, warum Sie ...«

»Schweigen Sie, schweigen Sie!«

»Nein, es ist besser, ich sage es Ihnen. Ich wollte es Ihnen schon lange
sagen, doch ... Sie hätten es mir vielleicht nicht geglaubt. Zwischen
uns steht noch ein Wesen ...«

»Schweigen Sie, schweigen Sie, schweigen Sie!« unterbrach ihn Aglaja und
preßte ihm schmerzhaft die Hand, ihn mit Entsetzen anstarrend.

In diesem Augenblick rief man sie -- augenscheinlich erfreut darüber,
lief sie davon.

Der Fürst lag die ganze Nacht hindurch im Fieber. Sonderbarerweise
befand er sich schon seit mehreren Nächten in diesem Zustande. Plötzlich
kam ihm im Halbschlummer der Gedanke: wie, wenn er morgen in Gegenwart
aller einen Anfall bekäme? Er erstarrte bei diesem Gedanken. Die ganze
Nacht über befand er sich in einer der wunderbarsten Umgebungen, in
Gesellschaft sonderbarer, eigenartiger Menschen. Das für ihn
Verhängnisvolle war, daß er »redete« und doch wußte er, daß er nicht
reden sollte. Doch er sprach die ganze Zeit und versuchte die Zuhörer
von irgend etwas zu überzeugen. Jewgenij Pawlowitsch und Hippolyt waren
auch in der Zahl der Gäste und schienen sehr befreundet miteinander.

Er erwachte um neun Uhr morgens mit Kopfschmerzen, wirren Gedanken und
sonderbaren Empfindungen. Er hätte gar zu gern Rogoshin gesehen und
gesprochen -- warum eigentlich und worüber er mit ihm sprechen wollte,
das wußte er selbst nicht. Darauf entschloß er sich, zu Hippolyt zu
gehen. Etwas Schweres lag ihm auf dem Herzen und bedrückte ihn so sehr,
daß alle darauffolgenden Ereignisse des Tages wenn auch einen großen, so
doch unklaren, verschwommenen Eindruck auf ihn machten. Eines dieser
Ereignisse war der Besuch Lebedeffs.

Lebedeff erschien schon am Morgen früh, gleich nach neun Uhr, und zwar
angetrunken. Obwohl der Fürst in letzter Zeit seiner Umgebung gar keine
Aufmerksamkeit schenkte, so fiel es ihm jetzt doch auf, daß bei Lebedeff
eine Veränderung zum Schlechten vor sich gegangen war, besonders, seit
der General nicht mehr wiederkam. Er war schmutzig und unordentlich
angezogen, sein Schlips war schlecht gebunden, der Kragen saß schief,
der Rockkragen war nicht gebürstet. Bei sich zu Hause schrie und lärmte
er, daß man es bis über den Hof hören konnte; Wjera lief mit verweinten
Augen umher. Als er jetzt beim Fürsten erschien, sprach er allerhand
sonderbares Zeug, schlug sich vor die Brust, sagte, daß er schuldig sei
...

»Habe ... erhalten habe erhalten die Belohnung für meinen Verrat, für
meine Niedertracht ... Habe eine Ohrfeige erhalten!« schloß er plötzlich
in tragischem Ton.

»Eine Ohrfeige! Von wem? ... Und so früh am Tage?«

»So früh am Tage?« Lebedeff lächelte sarkastisch. »Die Zeit hat da
nichts zu bedeuten ... selbst für eine physische Ohrfeige hat sie nichts
zu bedeuten ... ich aber habe eine moralische ... eine moralische
Ohrfeige erhalten, und nicht eine physische!«

Er setzte sich plötzlich, ohne Umstände zu machen, und begann zu
erzählen. Seine Erzählung war ganz zusammenhanglos; der Fürst runzelte
die Stirn und gab es schon auf, ihm zuzuhören, als ihn plötzlich einige
Worte aus dem Gespräch stutzig machten. Er erstarrte vor Verwunderung
... Sonderbare Sachen erzählte Herr Lebedeff.

Aller Wahrscheinlichkeit nach war zuerst die Rede von einem Briefe, den
Aglaja geschrieben haben sollte. Plötzlich beschuldigte Lebedeff voll
Bitterkeit den Fürsten: der Fürst hätte ihn, Lebedeff, zuerst seines
Vertrauens für würdig gehalten in Sachen einer gewissen »Person«
(Nastassja Filippowna); darauf hätte er alle Beziehungen zu ihm
(Lebedeff) abgebrochen, ihn mit Schimpf und Schande davongejagt -- und
noch dazu in einer so beleidigenden Art und Weise! Mit Tränen in den
Augen fuhr Lebedeff fort und klagte, daß er es nicht mehr habe ertragen
können, um so weniger, als er alles wüßte und sehr vieles erfahren habe
... Durch Rogoshin, durch Nastassja Filippowna, und durch die Freundin
Nastassja Filippownas. Er wußte alles von Warwara Ardalionowna ... von
ihr ... und von ... Aglaja Iwanowna durch Wjera, durch seine geliebte
Tochter Wjera, sein eingeborenes Kind ... ja--a--a, oder nicht
eigentlich sein eingeborenes, denn er habe ja deren vier. Und er habe
durch Briefe Lisaweta Prokofjewna von allen Geheimnissen unterrichtet,
he, he! Wer habe sie in alle Beziehungen eingeweiht und ... ihr über
Nastassja Filippowna he, he, he! alles mitgeteilt -- wer sei dieser
Anonyme, wenn der Fürst ihm zu fragen gestattete?

»Etwa Sie?« rief der Fürst erstaunt aus.

»Wer denn sonst,« antwortete ihm Lebedeff voll Würde, »und heute noch,
um halb neun Uhr, im ganzen vor einer halben Stunde ... nein, vor einer
dreiviertel Stunde, habe ich die ehrenwerteste Mutter benachrichtigt,
daß ich ihr etwas mitzuteilen habe ... etwas sehr Wichtiges. Durch einen
Brief teilte ich es ihr mit, schickte das Mädchen durch die Hintertreppe
zu ihr hinauf ... und sie nahm ihn an, empfing mich ...«

»Sie haben soeben Lisaweta Prokofjewna gesehen?« fragte der Fürst und
schien kaum seinen Ohren zu trauen.

»Habe sie soeben gesehen und eine Ohrfeige von ihr bekommen ... eine
moralische. Sie warf mir den Brief uneröffnet ins Gesicht ... und jagte
mich hinaus ... übrigens, auch hier nur moralisch, wie gesagt, nicht
physisch ... das heißt, fast auch physisch, es fehlte nicht viel!«

»Was für einen Brief warf sie Ihnen uneröffnet ins Gesicht?«

»Wie ... he, he, he! Habe ich es Ihnen denn noch nicht gesagt! Und ich
dachte, ich hätte es Ihnen schon gesagt ... Ich habe so ein Briefchen
bekommen, zur Übergabe ...«

»An wen? Von wem?«

Die Erklärungen Lebedeffs, die jetzt folgten, waren überhaupt nicht zu
verstehen. Der Fürst konnte nur so viel daraus entnehmen, daß der Brief
früh am Morgen durch eine Magd Wjera Lebedeff eingehändigt worden war,
an eine bestimmte Adresse ... »wie auch schon früher ... ganz wie
früher«, an eine bekannte »Person« und von einer »Dame« ... (denn die
eine von ihnen nenne er »Dame«, die andere nur »Person«, zur
Unterscheidung der Rangstufen, weil nämlich ein großer Unterschied
zwischen einer unschuldigen, wohlgeborenen Generalstochter und ... einer
Kameliendame bestehe) ... »Und so war denn der Brief von der >Dame<,
deren Name mit dem Buchstaben A beginnt ...«

»Wie ist das möglich? An Nastassja Filippowna? Unsinn!« rief der Fürst
aus.

»Na, wenn nicht an sie, so an Rogoshin, das ist ganz gleich. An
Rogoshin, auch an Herrn Terentjeff hat es Briefe zur Übergabe gegeben,
auch von der Dame mit dem Buchstaben A,« blinzelte und lächelte
Lebedeff.

Da er oft von einer Sache auf die andere übersprang und dabei vergaß,
wovon er eigentlich zu sprechen angefangen hatte, so schwieg der Fürst,
um ihn nicht noch mehr zu verwirren: unklar war vor allem, ob die Briefe
ihm oder Wjera anvertraut wurden? Es war wohl eher anzunehmen, daß Wjera
sie beförderte, und daß Lebedeff ihr diesen entwendet hatte! So mochte
er auch diesen Brief von ihr heimlich gestohlen haben, um ihn der
Generalin mit einer besonderen Absicht zu überreichen. In dieser Weise
dachte es sich der Fürst.

»Sie haben den Verstand verloren, Lebedeff!« rief er in
außerordentlicher Erregung.

»Jedoch nicht ganz, Euer Hochwohlgeboren,« antwortete ihm Lebedeff nicht
ohne Bosheit. »Zuerst wollte ich das Briefchen in Ihre eigenen Hände
legen, um Ihnen zu dienen ... doch entschloß ich mich lieber, dort einen
Dienst zu leisten, und vor allem, der Hochwohlgeborenen Frau Mutter ...
Denn auch früher schon einmal hatte ich sie durch einen geheimen Brief
benachrichtigt; und als ich sie jetzt in einem Briefchen um acht Uhr
zwanzig Minuten um eine Unterredung bat, da unterschrieb ich mich: >Ihr
geheimer Korrespondent<. Man empfing mich sofort, sogar in großer Eile,
über die Hintertreppe ... bei der gnädigen Frau.«

»Nun, und? ...«

»Und dort kam ich, wie gesagt, sehr schlecht an, beinah wurde ich
verprügelt, es fehlte nicht viel ... jawohl, verprügelt ... Den Brief
warf sie mir ins Gesicht ... Sie hätte ihn gerne behalten, ich bemerkte
es wohl, doch bezwang sie sich und warf ihn mir ins Gesicht: >wenn man
ihn dir anvertraut hat, ihn zu übergeben, so tue es auch ...< Sie war
außer sich. Wenn sie sich doch schon vor mir nicht beherrschen konnte
... Oh, ein heftiger Charakter!«

»Wo ist denn der Brief jetzt?«

»Ich habe ihn doch: hier ist er.«

Und er reichte dem Fürsten das Briefchen Aglajas an Gawrila
Ardalionytsch, dasselbe, das dieser an demselben Morgen, zwei Stunden
nachher, triumphierend seiner Schwester zeigte.

»Dieser Brief kann nicht bei Ihnen bleiben.«

»Ich gebe den Brief Ihnen, Ihnen! Ihnen bringe ich ihn,« betonte
Lebedeff eifrig und voll Feuer. »Ich bin jetzt wieder ganz der Ihre, der
Ihre, vom Kopf bis zum Herzen, Ihr treuer Diener -- nach diesem
einmaligen und letzten, übrigens nur minutenlangen Verrat! Richten Sie
über mein Herz, aber schonen Sie mir meinen Bart, wie jener Thomas Morus
... in England und in Großbritannien sagte. _Mea culpa, mea culpa_, wie
die römische Päpstin sagte ... das heißt der römische Papst, ich aber
nenne ihn: >römische Päpstin<.«

»Dieser Brief muß sofort überbracht werden!« sagte der Fürst in
bestimmtem Tone. »Ich werde es tun.«

»Würde es nicht besser sein, besser sein, wohlerzogenster Fürst, besser
sein, wenn ...«

Lebedeff schnitt eine sonderbare, sauersüße Grimasse; er sprang hin und
her, als hätte man ihn mit einer Nadel gestochen, zwinkerte mit den
Augen, zappelte mit den Händen.

»Was soll das bedeuten?« fragte ihn mit strenger Miene der Fürst.

»Man könnte ihn vorsichtig öffnen!« flüsterte der andere ihm in
vertraulichem Tone zu.

Der Fürst sprang so wütend auf, daß Lebedeff schnell zur Tür lief; dort
blieb er stehen, um das Weitere abzuwarten.

»Ach, Lebedeff! Wie kann man nur so tief sinken?« rief der Fürst bitter
aus.

Das Gesicht Lebedeffs erhellte sich.

»Jawohl, ich bin gemein, gemein!« er näherte sich sogleich wieder dem
Fürsten und schlug sich, mit Tränen in den Augen, vor die Brust.

»Das ist doch mehr als eine Gemeinheit!«

»Mehr als eine Gemeinheit. Das ist es!«

»Und was treibt Sie denn, so zu handeln? Sie sind ja doch einfach ...
ein Spion! Warum haben Sie denn diese anonymen Briefe geschrieben und
diese gute und edle Frau beunruhigt? Warum sollte Aglaja Iwanowna nicht
das Recht haben, jedem zu schreiben, wie es ihr gefällt? Wie kamen Sie
denn darauf, das ihrer Mutter zu hinterbringen? Sie wollten sich wohl
über sie beklagen? Und was hofften Sie damit zu erreichen? Was hat Sie
denn dazu getrieben?«

»Nur aus einem gewissen Interesse und ... um der ehrenwerten Mutter
gefällig zu sein, ja--a --! Doch jetzt bin ich wieder ganz der Ihre,
wenn Sie wollen, hängen Sie mich auf!«

»Und in solchem Zustande erschienen Sie vor Lisaweta Prokofjewna?«
fragte der Fürst voll Widerwillen und zugleich Neugier.

»Nein--n ... frischer und sogar anständiger; erst nach der erlittenen
Niederlage ... mache ich so einen Eindruck.«

»Nun wohl, verlassen Sie mich jetzt.«

Diese Bitte mußte der Fürst übrigens einigemal an seinen Gast richten,
ehe der sich entschließen konnte, wirklich fortzugehen. Als er schon
hinter der Tür verschwunden war, kehrte er nochmals zurück, kam auf den
Fußspitzen wieder herangeschlichen, bis in die Mitte des Zimmers, und
machte mit den Händen von neuem seine Zeichen, den Brief doch zu öffnen.
Seinen Rat in Worten auszudrücken, durfte er nicht mehr wagen. Darauf
ging er dann hinaus, mit süßem Lächeln auf den Lippen.

Es war dem Fürsten nicht leicht gefallen, diese Mitteilungen Lebedeffs
anzuhören. Aus ihnen konnte er zunächst nur die eine Tatsache entnehmen,
daß Aglaja sich in großer Unruhe und Unentschlossenheit befand und sich
sehr quälen mußte (vielleicht aus »Eifersucht«, dachte der Fürst bei
sich). Ferner schien es ihm, daß böse Menschen sie beeinflußten, und
sonderbar war es, daß sie ihnen zu glauben schien. In diesem
eigenwilligen, heißen, doch stolzen Köpfchen schienen Pläne zu reifen,
die sie vielleicht ins Verderben stürzen konnten -- ganz unmögliche
Pläne! Der Fürst war sehr beunruhigt und wußte nicht, wozu er sich
entschließen sollte. Hier mußte irgendwie vorgebeugt werden, das fühlte
er. Er blickte noch einmal nach der Adresse des Briefes; was ihn
beunruhigte, war, daß er wohl Aglaja, nicht aber Gawrila Ardalionytsch
vertrauen konnte! Und doch befand er sich schon auf dem Wege, um ihm
persönlich den Brief zu übergeben. Fast am Hause Ptizyns angelangt, traf
er jedoch zufällig Koljä. Er übergab den Brief also diesem mit dem
Auftrage, ihn so zu übergeben, als ob er ihn von Aglaja selbst erhalten
hätte. Koljä tat es auch, ohne weiter den Fürsten auszuforschen;
infolgedessen hatte Ganjä dann keine Ahnung davon, durch wessen Hände
der Brief gegangen war. Als der Fürst zu Hause ankam, rief er Wjera
Lukjanowna zu sich und erzählte ihr alles und beruhigte sie, denn sie
hatte die ganze Zeit über geweint und den Brief gesucht. Sie erschrak
furchtbar, als sie erfuhr, daß der Vater den Brief Lisaweta Prokofjewna
hinterbracht hatte. (Später erfuhr der Fürst noch von ihr, daß sie
niemals eine geheime Korrespondenz zwischen Rogoshin und Aglaja
vermittelt hatte; auch wäre es ihr nie eingefallen, daß sie damit zum
Schaden des Fürsten gehandelt hätte.)

Als zwei Stunden nachher der Fürst von der plötzlichen Erkrankung des
Generals Iwolgin benachrichtigt wurde, war er so zerstreut, daß er
anfangs diese Nachricht gar nicht verstand. Doch ließ ihn das Ereignis,
als er es endlich begriffen hatte, wieder zu sich kommen. Er ging
sogleich zu Nina Alexandrowna, zu der man den Kranken natürlich sofort
gebracht hatte, und blieb bis zum Abend bei ihr. Er konnte ihr freilich
von keinem Nutzen sein, aber es gibt Menschen, die man gern in einer
schweren Minute bei sich sieht. Koljä weinte, ganz aufgelöst vor
Schmerz, dabei lief er die ganze Zeit umher, war bei drei Doktoren, in
der Apotheke usw. Man brachte den General wieder zu sich, doch kam er
nicht mehr zu vollem Bewußtsein. Die Ärzte meinten, daß »der Patient in
Lebensgefahr schwebe«. Warjä und Nina Alexandrowna verließen den Kranken
nicht; Ganjä war erschüttert und betroffen, doch fürchtete er sich, den
Kranken zu sehen, er kam nicht nach oben und rang nur in stummer
Verzweiflung seine Hände. Von seinen zusammenhangslosen Klagen behielt
der Fürst nur die Worte: »Welch ein Unglück, und das gerade in diesem
Augenblick!« Der Fürst glaubte ihn zu verstehen und wußte, von welchem
Augenblick die Rede war. Hippolyt traf der Fürst schon nicht mehr im
Hause Ptizyns an. Gegen Abend kam Lebedeff angelaufen. Er hatte seit
seiner »morgendlichen Erklärung« geschlafen. Jetzt war er nüchtern und
weinte am Bette des Kranken heiße Tränen, als ob er sein leiblicher
Bruder gewesen wäre. Ohne nähere Erklärungen zu geben, schrieb er sich
die Schuld am Unglück zu und wich nicht von Nina Alexandrowna, ihr immer
und immer wieder versichernd, daß er, er allein der Grund zu allem
gewesen sei, nur er allein und seine Neugier ... und daß der »Selige«
(er nannte den General so, obgleich dieser noch lebte) ein genialer
Mensch gewesen sei! Er bestand besonders auf dessen Genialität, als ob
das in diesem Augenblick von großem Nutzen hätte sein können. Als Nina
Alexandrowna sein aufrichtiges Leid bemerkte, machte sie ihm keinen
einzigen Vorwurf und versuchte sogar, ihn zu trösten: »Nun, weinen Sie
doch nicht, Gott wird Ihnen verzeihen!« Lebedeff war durch diese Worte
und vor allem durch den Ton dieser Worte so gerührt, daß er sich den
ganzen Abend nicht mehr von Nina Alexandrowna trennte und während der
ganzen drei Tage bis zum Tode des Generals Tag und Nacht im Hause
verblieb. Im Laufe des Tages kam von Lisaweta Prokofjewna ein Bote zu
Nina Alexandrowna, um sich nach dem Zustande des Kranken zu erkundigen.
Als der Fürst am Abend um neun Uhr im Salon bei Jepantschins erschien,
der schon ganz mit Gästen angefüllt war, erkundigte sich Lisaweta
Prokofjewna sofort bei ihm teilnehmend und ausführlich nach dem Kranken,
und beantwortete die Fragen der Bjelokonskaja, »wer der Kranke und wer
Nina Alexandrowna sei«, mit großer Teilnahme und Achtung für die Familie
Iwolgin. Dem Fürsten gefiel das sehr. Er selbst führte sich im Gespräch
mit Lisaweta Prokofjewna »vorzüglich« auf, wie sich später die
Schwestern Aglajas äußerten; »bescheiden, einfach, ohne Gesten,
würdevoll; trat gut auf, war vorzüglich angezogen« und »glitt durchaus
nicht auf dem Parkett aus«, sondern machte auf alle Anwesenden einen
sehr angenehmen Eindruck.

Der Fürst bemerkte seinerseits, als er Platz genommen hatte, daß die
Gesellschaft durchaus nicht den Gespenstern glich, mit denen Aglaja ihn
geschreckt, noch den Alpdrücken, die er in der Nacht ihretwegen gehabt
hatte. Zum erstenmal im Leben sah er etwas davon, was man unter dem
schrecklichen Namen »die große Welt« versteht. Schon lange hatte er den
geheimen, auf bestimmten Absichten beruhenden Wunsch gehabt, in diesen
Zauberkreis von Menschen einzudringen, und war daher sehr gespannt auf
den ersten Eindruck, den er von ihr empfangen würde. Dieser erste
Eindruck nun entzückte ihn über alle Maßen. Es schien ihm sofort, daß
alle diese Menschen geboren waren, um zusammen zu sein, daß hier bei
Jepantschins durchaus keine »Abendgesellschaft« stattfand und die
Menschen keine »geladenen Gäste« waren, sondern alles »Hausgenossen«,
daß er selbst ein ihnen ergebener Freund und Gesinnungsgenosse, und daß
er nach langer Trennung jetzt wieder zu ihnen zurückgekehrt sei. Die
eleganten Manieren, das ungezwungene, fast herzliche Benehmen wirkten
einfach bezaubernd auf ihn. Ihm kam auch nicht im entferntesten der
Gedanke, daß diese Offenherzigkeit und Vornehmheit, dieser Scharfsinn
und das hohe Selbstbewußtsein eine angenommene und völlig künstliche
Form waren. Die Mehrzahl der Gäste waren ungeachtet ihres einnehmenden
Äußeren leere Menschen und hohle Köpfe, die in ihrer Selbstgefälligkeit
nicht einmal wußten, daß ihre ganze Vortrefflichkeit ein Kunstprodukt
war, zu dem sie selbst nichts beigetragen hatten, sondern das ihnen als
Erbschaft unbewußt zugefallen war. Daran wollte der Fürst bei dem ersten
glänzenden Eindruck, unter dem er stand, überhaupt nicht denken. Er sah
nur, wie zum Beispiel dieser Greis, dieser vornehme Würdenträger, der
den Jahren nach sein Großvater hätte sein können, sein Gespräch mit dem
Nachbar unterbrach, um ihm zuzuhören, ihm, einem so jungen und
unerfahrenen Menschen; und nicht nur, daß er ihm zuhörte, sondern daß er
auch seine Meinung zu schätzen schien, und sich zu ihm so aufrichtig und
offenherzig verhielt, als wären sie einander gar nicht fremd. Auf die
Empfänglichkeit des Fürsten wirkte wohl am meisten gerade die Feinheit
dieser Höflichkeit. Außerdem war er vielleicht selbst in besonders
glücklicher Stimmung und geneigt, alles im besten Lichte zu sehen.

Diese Menschen waren indessen, wenn auch »Freunde des Hauses« und
untereinander bekannt, doch durchaus nicht so befreundet, wie es dem
Fürsten zuerst erschien. Dort gab es Leute, die es niemals zugelassen
hätten, Jepantschins zu ihresgleichen zu zählen. Dort gab es Leute, die
sich gegenseitig nicht ertragen konnten. Die alte Bjelokonskaja
»verachtete« ihr ganzes Leben lang die Frau des »alten Würdenträgers«
und diese liebte wiederum Lisaweta Prokofjewna durchaus nicht. Ihr Mann,
»der Würdenträger« selbst, der aus irgendeinem Grunde von jeher als
Protektor der Jepantschins galt, war wiederum in den Augen Iwan
Fedorowitschs ein so erhabenes Wesen, daß dieser aus Ehrfurcht und Angst
in seiner Gegenwart nichts zu äußern wagte und sich selbst aufrichtig
verachtet hätte, wenn es ihm eingefallen wäre, sich mit diesem
Olympischen Zeus gleichzustellen. Auch gab es dort Leute, die sich seit
einigen Jahren nicht mehr gesehen hatten und füreinander nichts
empfanden als Gleichgültigkeit, wenn nicht Widerwillen, und die sich
doch jetzt so freundschaftlich begrüßten, als wären sie noch gestern in
angenehmster Gesellschaft zusammen gewesen. -- Im übrigen war die
»Gesellschaft« gar nicht so zahlreich vertreten. Außer der Bjelokonskaja
und dem »alten Würdenträger« nebst Gemahlin gab es nur noch eine
wichtige Persönlichkeit: einen sehr soliden aktiven General, Baron oder
Graf, mit deutschem Namen. Es war das ein außergewöhnlich schweigsamer
Mensch mit dem Ruf außerordentlicher Gelehrsamkeit, und ein
bewundernswerter Kenner seines Ressorts -- einer dieser Halbgötter von
Administratoren, die alles kennen »außer Rußland selbst«, einer dieser
hochgestellten Beamten, die gewöhnlich nach langem Dienst (bis zur
Verwunderung lang) im höchsten Rang und mit großem Vermögen sterben,
ohne irgendeinen Fortschritt herbeigeführt zu haben, ja, die sogar jedem
Fortschritt im Prinzip feindlich gegenüber gestanden haben. Dieser
General war der unmittelbare Vorgesetzte Iwan Fedorowitschs, der ihn
gleichfalls aus Dankbarkeit seines Herzens für seinen Wohltäter hielt,
während dieser seinerseits sich durchaus nicht für einen Wohltäter Iwan
Fedorowitschs hielt, sich vielmehr ruhig und kaltblütig zu ihm stellte.
Obgleich er die verschiedenen Gefälligkeitsdienste Iwan Fedorowitschs
gerne entgegennahm, hätte er doch an dessen Stelle sofort einen anderen
Beamten eingesetzt, wenn es irgendwelche höhere Vorteile verlangten.
Auch befand sich dort ein vornehmer Kavalier, ein älterer Lebemann, der
für einen Verwandten von Lisaweta Prokofjewna angesehen wurde, was er
aber durchaus nicht war. Ein Mann von hohem Rang, ein reicher
Aristokrat, von erprobter Gesundheit, ein großer Schwätzer, der im Rufe
eines unbefriedigten Menschen stand (unbefriedigt natürlich im höheren
und erlaubten Sinne des Wortes). Ein Durchgänger (was an ihm sogar noch
das Sympathischste war), der die Gewohnheiten eines englischen
Aristokraten hatte, englischen Appetit und Geschmack (besonders was die
blutigen Roastbeefs anbelangte), sowie englische Pferde, Lakaien usw.
hielt. Er war ein großer Freund des »Würdenträgers«, zerstreute und
beschäftigte denselben und -- außerdem auch Lisaweta Prokofjewna, die
den sonderbaren Gedanken gefaßt hatte, daß dieser schon etwas ältliche
Lebemann, außerdem ein leichtsinniger Mensch und Liebhaber des
weiblichen Geschlechts, ihre Alexandra mit einem Antrag beehren würde.
Dieser höheren und solideren Schicht der Gesellschaft folgte eine
Schicht jüngerer Leute: auch sie durchaus glänzend mit eleganten,
blendenden Eigenschaften. Außer dem Fürsten Sch. und Jewgenij
Pawlowitsch gehörte zu ihr der bekannte und bezaubernde Fürst N., ein
Besieger aller Frauenherzen in ganz Europa, ein Mann von jetzt schon
fünfundvierzig Jahren, doch immer noch eine bestechende Erscheinung mit
glänzender Rednergabe, ein Mann von Vermögen, wenn auch etwas
zerrütteten Geldverhältnissen, der meist im Auslande lebte. Es gab aber
dort schließlich auch noch Leute, die schon eine dritte Schicht
bildeten, die genau genommen nicht zu diesem »höheren Kreise« gehörten,
doch die man, ganz wie Jepantschins selbst, in diesem »höheren Kreise«
antreffen konnte. Aus einem gewissen Taktgefühl hatten Jepantschins es
sich ein für allemal zur Regel gemacht, in den seltenen Fällen, in denen
bei ihnen großer Besuch stattfand, in ihre höhere Gesellschaft auch
Leute mittleren Standes einzuladen. Man lobte Jepantschins sehr, daß sie
es verstanden, ihren Platz einzunehmen, und so viel Takt bewiesen,
worauf Jepantschins ihrerseits wiederum sehr stolz waren. Einer dieser
Vertreter mittleren Standes war ein Techniker, ein guter Freund des
Fürsten Sch., der von ihm bei Jepantschins eingeführt worden war. Er war
in Gesellschaft ungewöhnlich schweigsam und trug am Zeigefinger der
rechten Hand einen großen Siegelring, der ihm wohl höheren Ortes
verliehen worden war. Es war außerdem ein Literat erschienen, von
deutscher Herkunft, doch dichtete er russisch: eine durchaus anständige
Erscheinung, die man ohne Gefahr in die Gesellschaft einführen konnte.
Er hatte ein gefälliges Äußere, stand in den Dreißigern, war tadellos
gekleidet und gehörte einer deutschen Familie an, die im höchsten Grade
bürgerlich, doch auch im höchsten Grade anständig und von gutem Rufe
war; auch verstand er es, jede günstige Gelegenheit auszunutzen und die
Protektion einflußreicher Leute zu erwerben. Er hatte eine berühmte
deutsche Dichtung in Versen ins Russische übersetzt und sie einer
hochgestellten Persönlichkeit gewidmet; er konnte sich der Freundschaft
eines großen verstorbenen russischen Dichters rühmen (es gibt eine ganze
Schicht Schriftsteller, die vom Ruhm der Freundschaft eines großen, doch
verstorbenen Dichters leben) und war unlängst durch die Frau des
»Würdenträgers« bei Jepantschins eingeführt worden. Diese Frau war als
Gönnerin von Schriftstellern und Gelehrten bekannt, und sie hatte auch
wirklich durch höhere Protektion, die sie genoß, zwei Schriftstellern
eine Pension verschaffen können. Eine Bedeutung geistiger Art besaß sie
dabei durchaus nicht. Sie war eine Dame von fünfundvierzig Jahren (also
eine junge Frau im Vergleich zu ihrem Gemahl), eine gewesene Schönheit,
die sich auch jetzt noch, wie es mancher Dame in diesem Alter eigen ist,
sehr auffallend zu kleiden liebte. Ihr Verstand war nicht sehr umfassend
und ihre literarischen Kenntnisse waren es nicht minder. Man widmete ihr
Aufsätze und Übersetzungen: zwei oder drei Schriftsteller hatten mit
ihrer Erlaubnis einen Briefwechsel über sehr wichtige Dinge, den sie mit
ihr gehabt, veröffentlicht ...

Diese ganze Gesellschaft nun nahm der Fürst für bare Münze, für reines,
unlegiertes Gold. Im übrigen schienen die Leute an diesem Abend in
besonders guter Stimmung und sehr mit sich selbst zufrieden zu sein.
Alle wußten sie, bis auf den letzten, daß sie Jepantschins mit ihrem
Erscheinen eine große Ehre erwiesen. Doch -- o weh! Der Fürst ahnte
nichts von den Feinheiten, die es da gab. Er ahnte zum Beispiel nichts
davon, daß Jepantschins bei einem so wichtigen Schritt, wie die
Entscheidung des Schicksals ihrer Tochter, es gar nicht gewagt hätten,
ihn, den Fürsten Lew Nikolajewitsch, dem »Würdenträger« und Beschützer
ihrer Familie _nicht_ vorzustellen. Der Würdenträger, der seinerseits
ruhig die Nachricht von einem großen Unglück, das Jepantschins
betroffen, hingenommen hätte, wäre tief beleidigt gewesen, wenn
Jepantschins ihre Tochter ohne seinen Rat, das heißt, ohne seine
Erlaubnis, verlobt hätten. Der Fürst N. wiederum, dieser liebenswürdige
und fraglos geistreiche, großzügige Mensch, war fest davon überzeugt,
daß er wie eine Art Sonne den Salon der Jepantschins erhellte. Er
betrachtete die letzteren als tief unter sich stehend, und dieser
treuherzige und edle Gedanke erzeugte in ihm dann seine Leutseligkeit
und Zuvorkommenheit Jepantschins gegenüber. Er wußte sehr gut, daß er
noch an diesem Abend eine Probe seines Erzählertalents geben würde, um
die Gesellschaft zu entzücken, und bereitete sich fast mit Begeisterung
auf den großen Augenblick vor. Als Fürst Lew Nikolajewitsch die
Erzählung gehört hatte, glaubte er, noch niemals einen so glänzenden
Humor und eine so wunderbare Naivität erlebt zu haben, die einen fast
rühren mußte von den Lippen eines solchen Don Juans, wie Fürst N. einer
war. Wenn er dabei bloß geahnt hätte, wie alt und abgetragen diese
Erzählung war, wie auswendig gelernt und wie bekannt in allen Salons!
Nur bei den unschuldigen Jepantschins tauchte sie wieder als Neuheit
auf, als improvisierte, echte und glänzende Gabe eines Gastes,
dargebracht von einem so eleganten und schönen Menschen! Sogar der
deutsche Dichterling, der sich bescheiden und außerordentlich
liebenswürdig zeigte, glaubte mit seinem Besuch diesem Hause eine Ehre
anzutun. Doch der Fürst sah von alledem nichts. Selbst Aglaja hatte das
nicht vorausgesehen. Sie war wunderschön an diesem Abend. Alle drei
Schwestern waren, wenn auch nicht auffallend, so doch sehr geschmackvoll
gekleidet; dazu trugen sie eine Haartracht, die ganz besonders war.
Aglaja saß neben Jewgenij Pawlowitsch und unterhielt sich sehr
freundschaftlich mit ihm, scherzte und lachte. Jewgenij Pawlowitsch
benahm sich etwas gemessener, als er es sonst getan hatte, wohl aus
Hochachtung vor den Würdenträgern. Ihn kannte man übrigens schon lange
in dieser Welt, zu der er so recht gehörte. Jetzt trug er einen
Trauerflor am Arm, und die Bjelokonskaja hatte ihn deswegen bereits sehr
gelobt. Auch Lisaweta Prokofjewna war damit zufrieden, doch schien sie
an diesem Abend recht zerstreut und zerfahren. Der Fürst bemerkte es,
wie Aglaja ihn zweimal aufmerksam ansah, und es schien ihm, daß sie mit
ihm zufrieden war. Seine Stimmung wurde immer gehobener und glücklicher.
Alle seine früheren »phantastischen« Gedanken und Befürchtungen
erschienen ihm jetzt plötzlich, bei näherer Betrachtung, als ein
wesenloses, und lächerliches Hirngespinst! (Und sein erster, wenn auch
unbewußter Wunsch war schon den ganzen Tag über, alles zu tun, um nicht
mehr an diesen Traum zu denken!) Er sprach wenig und beantwortete nur
die Fragen, die man an ihn richtete, und verstummte zuletzt ganz, doch
hörte und sah er alles wie in großer Verzückung. Und langsam bereitete
sich in seinem Innern eine mächtige Begeisterung vor, die bereit war,
sich Luft zu machen ... Und ganz zufällig begann er denn auch, zu
sprechen, ... zufällig, als er wieder eine Frage beantwortete ... von
ungefähr, ohne jede Absicht, es zu tun ...


                                  VII.

Während der Fürst keinen Blick von Aglaja abwendete, die sich mit Fürst
N. und Jewgenij Pawlowitsch unterhielt, nannte plötzlich der ältliche
Anglomane, der nicht weit vom Fürsten dem »Würdenträger« irgend etwas
offenbar recht Interessantes erzählte, den Namen Nikolai Andrejewitsch
Pawlischtscheff. Der Fürst zuckte zusammen und wandte sich rasch nach
den beiden um.

Es war die Rede von irgendwelchen Zuständen auf irgendwelchen Gütern im
--schen Gouvernement. Die Erzählung des Anglomanen schien nicht ohne
Witz zu sein, denn der alte Würdenträger begann stillvergnügt zu lächeln
und schließlich zu lachen, während der andere gleichmäßig fließend
weitererzählte -- er sprach geradezu geckenhaft langsam und formte fast
zärtlich jeden Vokal --, erzählte, wie er einzig dank der bestehenden
Gesetze gezwungen gewesen wäre, sein schönstes Gut im --schen
Gouvernement für den halben Preis zu verkaufen, ohne eigentlich in
Geldverlegenheit zu sein, und gleichzeitig ein verschuldetes Gut, um das
er noch einen Prozeß führen mußte und das ihm nichts einbrachte, ja für
das er sogar noch zuzuzahlen hatte, zu behalten.

»... Und um dann nicht noch wegen der Hinterlassenschaft
Pawlischtscheffs Prozesse zu führen, machte ich mich einfach auf und
lief ihnen davon. Ich bitte Sie, noch einige solcher Erbschaften und ich
bin bankerott! Übrigens waren mir da dreitausend Deßjätinen[32]
vorzügliches Land zugefallen.«

»Weißt du nicht ... Iwan Petrowitsch ist doch ein Verwandter des
verstorbenen Nikolai Andrejewitsch Pawlischtscheff ... Du hast doch,
glaube ich, nach seinen Verwandten geforscht,« sagte halblaut General
Jepantschin, der die außergewöhnliche Aufmerksamkeit des Fürsten bemerkt
hatte.

Der General hatte sich bis dahin mit seinem Vorgesetzten unterhalten,
doch plötzlich war ihm die Einsamkeit des Fürsten beunruhigend
aufgefallen, worauf er sich diesem sogleich genähert hatte. Nun machte
er den Versuch, ihn in das allgemeine Gespräch hineinzuziehen.

»Lew Nikolajewitsch ist ja doch ein Pflegesohn Nikolai Andrejewitschs,«
bemerkte er erklärend, als er sah, daß Iwan Petrowitschs Blick fragend
auf ihm ruhte.

»Se--ehr angenehm,« sagte dieser, »ich erinnere mich Ihrer sogar noch
ganz deutlich. Vorhin, als Iwan Fedorowitsch uns bekannt machte,
erkannte ich Sie sogleich, allein schon am Gesicht. Sie haben sich
wirklich im Aussehen se--ehr wenig verändert, finde ich, obschon ich Sie
nur als Kind gesehen habe, als zehn- oder elfjährigen Knaben. Es ist so
ein gewisses Etwas in den Zügen, ich weiß selbst nicht ...«

»Sie haben mich als Kind gesehen?« fragte der Fürst nicht wenig erregt.

»Oh, es ist jetzt nur schon se--ehr lange her,« fuhr Iwan Petrowitsch
ruhig fort. »Es war in Slatowerchowo, wo Sie damals bei meinen Cousinen
untergebracht waren. Ich kam früher ziemlich oft nach Slatowerchowo --
Sie entsinnen sich meiner nicht mehr? Das ist se--ehr möglich ... Sie
waren damals ... Sie hatten irgendeine Krankheit, glaube ich, so daß ich
mich einmal sogar se--ehr über Sie wunderte ...«

»Nein, ich weiß nichts mehr aus dieser Zeit!« sagte der Fürst eifrig.

Es folgten einige Erklärungen, die von seiten des Anglomanen Iwan
Petrowitsch unendlich ruhig, von seiten des Fürsten in ungewöhnlicher
Erregung gegeben wurden. Es erwies sich, daß die beiden alten Fräulein,
die die Erziehung des kleinen Fürsten übernommen und damals, als
Verwandte Pawlischtscheffs, auf dessen Gut Slatowerchowo gelebt hatten,
die leiblichen Cousinen des Anglomanen waren. Doch leider vermochte auch
Iwan Petrowitsch keine Auskunft darüber zu geben, weshalb
Pawlischtscheff den kleinen Fürsten so liebgewonnen hatte. »Ja und ich
vergaß es auch, offen gestanden, mich dafür zu interessieren.« Doch
abgesehen davon hatte er ein gutes Gedächtnis: so entsann er sich noch
genau, wie streng seine ältere Cousine, Marfa Nikititschna, ihren
kleinen Zögling behandelt hatte, »so daß ich damals noch mit ihr wegen
ihrer Erziehungsmethode in Streit geriet, denn ewig Ruten und Ruten für
ein krankes Kind -- das ist doch ... nicht wahr, das geht doch nicht
...« und er fügte hinzu, wie zärtlich dagegen seine jüngere Cousine,
Natalja Nikititschna, zum Knaben gewesen sei. »Beide leben jetzt im
--schen Gouvernement,« berichtete er weiter, »-- nur weiß ich im
Augenblick nicht, ob sie überhaupt noch leben -- sie haben dort ein
äußerst, äußerst annehmbares Gut von Pawlischtscheff geerbt. Marfa
Nikititschna wollte, glaube ich, in ein Kloster gehen; übrigens, ich
will es nicht positiv behaupten -- vielleicht war es auch eine andere,
von der ich es hörte ... ganz recht, das erzählte man mir vor nicht
langer Zeit von unserer Frau Doktor ...«

Der Fürst vernahm alle diese Mitteilungen mit glänzenden Augen, aus
denen deutlich seine Freude und Rührung sprach. Mit überschwenglichem
Gefühl erklärte er seinerseits, daß er es sich niemals werde verzeihen
können, während dieser ganzen sechs Monate, die er nun schon in Rußland
war, seine ehemaligen Erzieherinnen nicht aufgesucht zu haben. Täglich
habe er sich vorgenommen, sobald wie möglich hinzureisen, doch sei immer
wieder etwas dazwischen gekommen, das ihn verhindert habe, die Reise
anzutreten ... jetzt aber gebe er sich das Wort ... unbedingt ... und
wenn auch bis ins --sche Gouvernement ... »So kennen Sie also Natalja
Nikititschna? Was für eine prächtige, reizende, gütige Seele sie war!
Aber auch Marfa Nikititschna ... verzeihen Sie, aber es will mir
scheinen, daß Sie sie etwas ungerecht beurteilen. Allerdings war sie
sehr streng, aber ... wer würde denn nicht die Geduld verlieren ... mit
solch einem Idioten, wie ich damals einer war ... Ich war doch damals
ein vollständiger Idiot, Sie glauben es nicht ... Übrigens ... Sie haben
mich damals gesehen und ... Aber wie sonderbar, sagen Sie doch, bitte,
daß ich mich Ihrer gar nicht mehr entsinne? So sind Sie ... ach, mein
Gott, so sind Sie also wirklich ein Verwandter von Andrei Petrowitsch?«

»Wie ge--sagt!« antwortete Iwan Petrowitsch und er lächelte, indem er
den Fürsten betrachtete.

»Oh, so war es nicht gemeint, ich fragte nicht, weil ich etwa gezweifelt
hätte ... und ... kann man denn überhaupt daran zweifeln ... auch nur
einen Augenblick? ... Nein, wirklich, auch nur einen Augenblick? ... Ich
... dachte nur gerade daran, daß der verstorbene Nikolai Andrejewitsch
Pawlischtscheff ein so prächtiger Mensch war, der hochherzigste Mensch,
wirklich, ich versichere Sie!«

Der Fürst »ertrank förmlich in der Freude seines guten Herzens«, wie
sich Adelaida am nächsten Tage im Gespräch mit ihrem Bräutigam, dem
Fürsten Sch., ausdrückte.

»_Mais, mon Dieu!_«{[41]} lachte Iwan Petrowitsch, »weshalb sollte ich
denn nicht auch mit einem hoch--her--zigen Menschen verwandt sein
können?«

»Ach, mein Gott!« rief der Fürst ganz verwirrt und seine Erregung wuchs
mit jedem Wort. »Ich ... da habe ich wieder eine Dummheit gesagt, aber
... so mußte es ja auch unfehlbar kommen, denn ich ... ich ... ich,
übrigens, das gehört wieder nicht zur Sache! Und was ist jetzt
eigentlich mit mir, sagen Sie doch, bitte, bei so interessanten ... so
ungeheuer interessanten Mitteilungen! Und im Vergleich mit einem so
hochherzigen Menschen! -- Denn er war doch, bei Gott, der hochherzigste
Mensch, den es je gegeben hat, nicht? Nicht wahr?«

Der Fürst bebte geradezu am ganzen Körper. Weshalb er sich aber
plötzlich so aufregte, so ohne alle Veranlassung, ist schwer zu sagen.
Es war nun einmal seine Stimmung, wie es schien, und fast empfand er in
diesem Augenblick für irgend etwas und irgendwen die glühendste
Dankbarkeit -- vielleicht galt diese Dankbarkeit sogar Iwan Petrowitsch
oder gar allen Anwesenden zusammen! Er war aber doch etwas gar zu
»glückselig«. Iwan Petrowitsch begann ihn schließlich aufmerksamer zu
betrachten und dasselbe tat auch der »Würdenträger«. Die Bjelokonskaja
sah ihn unverwandt mit zornigem Blick an und preßte die Lippen zusammen.
Fürst N., Jewgenij Pawlowitsch, Fürst Sch. und die jungen Mädchen
unterbrachen ihr Gespräch und hörten zu. Aglaja schien nur erschrocken
zu sein, Lisaweta Prokofjewna aber wurde einfach bange. Es waren doch
seltsame Menschen, diese Mutter und diese Töchter: sie hatten selbst
gewünscht, daß der Fürst den ganzen Abend schweigend verbringen sollte,
als sie ihn dann aber nach Wunsch schweigend, doch mit seinem Los
vollkommen zufrieden, einsam etwas abseits sitzen sahen, da war es ihnen
auch nicht recht gewesen. Alexandra hatte bereits den Entschluß gefaßt,
zu ihm zu gehen und ihn zur Gruppe des Fürsten N. zu führen, damit er
sich an der Unterhaltung beteiligen könne. Und nun -- kaum hatte er zu
sprechen begonnen, da erschraken sie plötzlich alle und sahen dem
Kommenden angstvoll entgegen.

»Daß er ein vortrefflicher Mensch war, darin haben Sie vollkommen
recht,« sagte Iwan Petrowitsch, doch lächelte er diesmal nicht mehr,
»ja, ja ... das war ein vortrefflicher Mensch! Vortrefflich und
ehrenwert,« fügte er langsam nach einer kurzen Pause hinzu. »Ehrenwert
und man kann sogar sagen aller Achtung wert,« fuhr er nach einer dritten
Pause fort, »und ... es ist se--ehr angenehm zu sehen, daß Sie
Ihrerseits ...«

»War es nicht derselbe Pawlischtscheff,« unterbrach ihn der
»Würdenträger«, »von dem man sich einmal etwas ... Seltsames erzählte,
irgendeine Geschichte mit einem Abbé ... Abbé ... der Name fällt mir im
Augenblick nicht ein, nur war einmal von ihm die Rede, von ihm und einem
Abbé ...« Der »Würdenträger« runzelte nachdenkend die Stirn.

»Abbé Gourot, den Jesuiten meinen Sie?« half ihm Iwan Petrowitsch, und
fuhr dann langsam fort:

»Tja! Das ist nun die Kehrseite unserer ehren- und aller Achtung werten
Landsleute! Denn Pawlischtscheff war doch immerhin ein geborener
A--ris--tokrat, wohlhabend, Kammerherr, und wenn er ... im Dienst
geblieben wäre ... Aber da muß er plötzlich austreten und alles an den
Nagel hängen, um zum Katholizismus überzutreten und Jesuit zu werden,
und das noch so gut wie offiziell! In einem Anfall von Begeisterung,
wie's scheint. Nein, er starb doch sehr zur rechten Zeit ... ja, damals,
da wurde viel davon gesprochen ...«

Fürst Myschkin war außer sich.

»Pawlischtscheff ... Pawlischtscheff soll zum Katholizismus übergetreten
sein! Das ist nicht möglich!« rief er geradezu entsetzt.

»>Nicht mö--glichnicht mehr im Boden wurzeln<. Dort aber, in
Europa sind es schon die Volksmassen, die zu glauben aufhören -- zu
Anfang taten sie es noch infolge der Finsternis, in der sie befangen
waren, und der Lüge, jetzt aber tun sie es schon aus Fanatismus und aus
Haß gegen die Kirche und das Christentum.«

Der Fürst hielt inne, um Atem zu schöpfen. Er hatte sehr schnell
gesprochen und war bleich und atemlos. Die Gäste tauschten untereinander
Blicke aus und der Alte begann schließlich ganz unverhohlen zu lachen.
Fürst N. zog eine Lorgnette hervor, um den Fürsten unverwandt zu
betrachten. Und der deutsche Dichter verließ seinen Winkel und näherte
sich dem Tisch, mit einem beißend ironischen Lächeln.

»Sie über--trei--ben die Sache se--ehr,« bemerkte Iwan Petrowitsch
langsam mit einer gewissermaßen gelangweilten Miene, und es war, als
hätte er dabei ein peinliches Gefühl. »Die römisch-katholische Kirche
hat auch Repräsentanten aufzuweisen, die durchaus Achtung verdienen und
sogar sehr tugendhaft sind ...«

»Ich habe durchaus nicht von einzelnen Repräsentanten der Kirche
gesprochen. Ich habe nur vom Wesen, vom Geist des römischen
Katholizismus gesprochen. Ich rede von Rom. Wird denn die Kirche
überhaupt jemals ganz verschwinden? Nein, das habe ich nie gesagt!«

»Einverstanden, aber alles das ist doch schon bekannt und sogar --
übermäßig breitgetreten und ... gehört der Theologie an.«

»O nein, o, das gehört durchaus nicht nur der Theologie an, ich
versichere Sie! Das geht uns alle weit mehr an, als Sie glauben! Darin
besteht eben unser ganzer Fehler, daß wir nicht zu erkennen vermögen,
daß es sich hier durchaus nicht nur um eine Frage der Theologie handelt.
Ist doch auch der Sozialismus nichts anderes, als eine Ausgeburt des
Katholizismus und der katholischen Wirklichkeit! Auch er ist, ganz wie
sein Bruder, der Atheismus, aus der Verzweiflung hervorgegangen, als
Gegensatz zum Katholizismus im sittlichen Sinne, um durch sich die
verlorene seelische Macht der Religion zu ersetzen und somit den
geistigen Durst der lechzenden Menschheit zu stillen und sie zu retten,
jedoch nicht mit dem Worte Christi, sondern gleichfalls mit geistiger
Vergewaltigung, ganz wie der Katholizismus es wollte! Das wäre nur eine
Freiheit durch Gewalt, und eine Vereinigung durch das Schwert! >Du
sollst nicht glauben an Gott, du sollst kein Eigentum besitzen, du
sollst keine Individualität sein -- _fraternité ou la mort!_{[42]} --
koste es auch zwei Millionen Köpfe!< An ihren Taten, an ihren Früchten
sollt ihr sie erkennen, so steht es geschrieben. Und glauben Sie nur
nicht, daß das alles so unwichtig und gefahrlos für uns sei! Oh, wir
brauchen eine Gegenwehr, und so schnell wie möglich! Und diese Gegenwehr
des Ostens gegen den Westen soll unser Christus sein, den wir in seiner
wahren Gestalt in uns bewahrt und den sie dort überhaupt nicht gekannt
haben! Nicht indem wir uns sklavisch von den Jesuiten fangen lassen,
sondern indem wir ihnen unsere russische Auffassung entgegensetzen,
müssen wir jetzt vor sie hintreten, und deshalb sollte man bei uns
lieber nicht sagen, daß ihre Predigt >elegant< sei, wie es hier soeben
jemand getan hat ...«

»Aber erlau--ben Sie, erlau--ben Sie,« unterbrach ihn höchst beunruhigt
Iwan Petrowitsch und blickte sich fast ängstlich im Kreise um, »Ihre
Gedanken sind ja alle se--ehr lobenswert und patriotisch, aber im ganzen
großen ist es doch recht übertrieben und ... es wäre wirklich besser,
wir ließen dieses Thema fallen ...«

»Nein, es ist nicht übertrieben, eher ist es noch verkleinert, -- ja --,
gerade verkleinert ... ich bin unfähig, mich auszudrücken, doch ...«

»Er--lauben Sie!«

Der Fürst schwieg. Er saß in aufrechter Haltung im Sessel und sah
unbeweglich mit flammendem Blick Iwan Petrowitsch an.

»Es will mir scheinen, daß Ihnen die Mitteilung über Ihren Wohltäter gar
zu nahe gegangen ist,« meinte freundlich und ohne sich aus seiner Ruhe
bringen zu lassen, der alte »Würdenträger«. »Sie sind ... vielleicht
durch Ihre Einsamkeit etwas zu idealistisch geworden. Wenn Sie mehr
unter Menschen gelebt hätten, in der Gesellschaft, die Sie, wie ich
hoffe, als bemerkenswerten jungen Mann mit Vergnügen aufnehmen wird, so
werden Sie ganz von selbst Ihren Feuereifer dämpfen lernen, denn Sie
werden einsehen, daß alles das viel einfacher ist ... und zudem kommen
solche Ausnahmefälle, wie dieser, meiner Ansicht nach zum Teil von
unserer Übersättigung und zum Teil von unserer ... Langeweile ...«

»Seht richtig, gerade daher!« rief der Fürst. »Das haben Sie vorzüglich
ausgedrückt! Gerade von der Langeweile, von unserer Langeweile, nicht
von der Übersättigung, sondern im Gegenteil, vom lechzenden Durst ...
oh, nein, nicht von der Übersättigung, darin haben Sie sich getäuscht!
Und nicht nur dürstende Begierde ist es, sondern geradezu fieberhaftes,
glühendes Verlangen! Und ... glauben Sie nicht, daß es in einem so
geringen Maße der Fall sei, daß man darüber nur lachen könnte! Verzeihen
Sie, aber man muß vorauszufühlen verstehen! Sobald wir Russen ans Ufer
gelangt sind und auch wirklich den Glauben gewonnen haben, daß es das
Ufer ist, dann freuen wir uns so darüber, daß wir sogleich bis zur
letzten Grenze gehen. Woher kommt das? Da wundern Sie sich nun über
Pawlischtscheff und schreiben seine Handlungsweise seinem Wahnsinn oder
seiner Herzensgüte zu, das ist aber falsch! Nicht nur wir allein -- ganz
Europa wundert sich in solchen Fällen über unseren plötzlich so
leidenschaftlichen Eifer: wenn von uns jemand zum Katholizismus
übertritt, so wird er doch gleich nichts weniger als Jesuit, und noch
dazu der allerschwärzeste von allen; wird er Atheist, so wird er
sogleich verlangen, daß der Glaube an Gott, falls nötig, mit Gewalt
ausgerottet werden solle! wie kommt das, woher dieser jähe Fanatismus?
Wissen Sie es wirklich nicht? Das kommt daher, weil er dann ein
Vaterland gefunden, das er hier in seiner Blindheit nicht zu erblicken
vermocht hat, deshalb freut er sich so: er hat ein Ufer, er hat Land
gefunden -- und da wirft er sich denn hin und küßt es in Ekstase. Es ist
doch nicht nur Ehrgeiz, nicht nur schlechtes Gefühl, das die russischen
Atheisten und russischen Jesuiten hervorbringt, sondern es ist ihre
Seelenpein, ist die Sehnsucht ihres Geistes, ihre Sehnsucht nach einer
höheren Betätigung, nach einem festen Ufer, kurz, nach einer Heimat. An
ihre eigene Heimat glauben sie nicht mehr, denn sie haben sie nie recht
gekannt. Atheist zu werden, ist für einen Russen so leicht, leichter,
als für jeden anderen in der ganzen Welt! Und die Russen werden auch
nicht gewöhnliche Atheisten, nein, der Atheismus wird für sie einfach zu
einem neuen Glauben, sie _glauben_ an ihn, ohne dabei auch nur zu
bemerken, daß sie an eine Null glauben. So groß ist unser Bedürfnis nach
einem Glauben! >Wer keinen Erdboden unter sich hat, der hat auch keinen
Gott.< Dieser Ausspruch stammt nicht von mir, sondern von einem
Kaufmann, einem Altgläubigen, den ich auf der Reise kennen lernte -- wir
saßen in einem Coupé. Er drückte sich nicht buchstäblich so aus, er
sagte: >Wer sich von seinem Heimatland lossagt, der sagt sich auch von
seinem Gott los.< Bedenken Sie doch nur, daß bei uns gebildete Leute zur
Sekte der Geißler[33] übergetreten sind ... Doch übrigens -- ist denn
das Geißlertum in dem Fall schlechter, als der Nihilismus, Jesuitismus,
Atheismus? Vielleicht ist es sogar tiefer! Aber Sie sehen, wie groß die
Sehnsucht gewesen sein muß, wenn sie zu so etwas führen konnte! ...
zeigen Sie der sehnsüchtigen Schiffsmannschaft des Kolumbus das Land der
>Neuen Welt<, zeigen Sie dem Russen die russische >Welt<, lassen Sie ihn
dieses Gold finden, diesen Schatz, der vor ihm noch verborgen liegt in
der Erde! Zeigen Sie ihm in der Zukunft die Erneuerung und Auferstehung
der ganzen Menschheit vielleicht einzig durch den russischen Gedanken,
den russischen Gott und Christus, und Sie werden sehen, welch ein
mächtiger und treuer, weiser und frommer Riese vor der verwunderten Welt
emporwachsen wird, vor den verwunderten und erschrockenen Völkern
Europas, denn was sie von uns erwarten, ist doch nur das Schwert und die
Gewalt, weil sie sich uns, da sie uns nach sich selbst beurteilen, gar
nicht ohne Barbarei vorstellen können. Und das tun sie bis jetzt noch,
und je länger, desto mehr! Und ...«

Doch hier geschah plötzlich etwas, das den Fürsten in der unerwartetsten
Weise unterbrach.

Diese ganze wilde Rede, dieser ganze Schwall seltsamer, unruhiger Worte
und wirrer, begeisterter Gedanken, die wie in ziellosem Durcheinander
aus ihm hervordrängten, der eine den anderen gleichsam überspringend --
alles das deutete auf etwas Gefährliches, auf einen besonderen Vorgang
in dem anscheinend so tief und so plötzlich sich erregenden jungen Mann.
Von den Anwesenden, die den Fürsten kannten, waren die meisten sehr
beängstigt -- einzelne aber auch beschämt -- durch diesen seltsamen
Ausbruch, der so wenig mit der sonst fast sogar schüchternen
Zurückhaltung des Fürsten übereinstimmte, mit seinem erlesenen
Taktgefühl in manchen Fällen, und einem feinen Instinkt für alles, was
sich schickt. Man stand förmlich vor einem Rätsel. Die Mitteilung über
Pawlischtscheff konnte das doch nicht verursacht haben? Die Damen
betrachteten ihn fast als Wahnsinnigen und die Bjelokonskaja gestand
später: »Noch eine Minute und ich hätte daran gedacht, mich in
Sicherheit zu bringen« Die alten Herren verloren in der ersten
Verwunderung gleichfalls den Kopf. Der alte General schaute sehr
unzufrieden und streng drein. Fürst N. saß vollkommen bewegungslos da.
Der deutsche Dichter war sogar erbleicht, lächelte aber immer noch sein
falsches Lächeln, während er dabei die anderen anblickte, um zu erraten,
wie sie sich darüber äußern würden. Konnte doch der ganze »Skandal«
schon im nächsten Augenblick die einfachste Lösung finden. Iwan
Fedorowitsch, dessen Versuche, den Fürsten zu unterbrechen, erfolglos
geblieben waren, hatte bei sich schon beschlossen, energisch
einzugreifen, nur war er sich über die Mittel noch nicht ganz klar.
Vielleicht hätte er sich sogar dafür entschieden, den Fürsten unter dem
Vorwande seiner unberechenbaren Krankheit freundschaftlich
hinauszuführen, welches Verfahren Iwan Fedorowitsch im geheimen für sehr
vernünftig hielt. Doch es sollte anders kommen.

Als der Fürst eingetreten war, hatte er sich absichtlich möglichst weit
von der chinesischen Vase hingesetzt, da Aglaja ihm wirklich Angst
eingeflößt hatte. Wie seltsam es auch klingen mag -- es war Tatsache,
daß Aglajas kurze Bemerkung eine unausrottbare Überzeugung in ihm
hervorgerufen hatte, die ganz unmögliche Vorahnung, daß er an diesem
Abend unfehlbar diese Vase zerschlagen würde, wie weit entfernt er sich
auch von ihr aufhalten und wie vorsätzlich er auch ihr und dem Unglück
aus dem Wege gehen wollte. Das war nun einmal so! Im Laufe des Abends
kamen aber neue mächtige Eindrücke, die ihn ganz erfüllten, und da
vergaß er seine Vorahnung. Als er dann den Namen Pawlischtscheff
vernommen und der Hausherr ihn mit ein paar erklärenden Worten zu Iwan
Petrowitsch geführt, hatte er sich, ohne sich etwas dabei zu denken,
näher an den Tisch gesetzt -- gerade in jenen Sessel, neben dem auf
einem Postament die wundervolle Vase stand.

Bei den letzten Worten war er plötzlich aufgesprungen, hatte eine
energische Handbewegung gemacht, und -- ein allgemeiner Schrei ertönte!
Die Vase geriet ins Schwanken, zunächst gewissermaßen selbst
unentschlossen, auf welche Seite sie fallen sollte --: dem alten
Würdenträger auf den Kopf, oder auf die Seite des deutschen
Dichterlings, der entsetzt zurücksprang --, um dann, noch eh' man sich's
gedacht, zu Boden zu schlagen. Das Geklirr, der Schrei, der sich allen
entrang, die kostbaren Scherben, die über den Teppich flogen, der
Schreck, die Verwunderung -- was mit dem Fürsten geschah, ist schwer,
sich vorzustellen. Doch dürfen wir hier nicht verschweigen, daß nicht
der Schreck, die Peinlichkeit der Situation, der laute gemeinsame
Aufschrei den größten Eindruck auf ihn machten, sondern die in Erfüllung
gegangene Vorahnung. Was es gerade war, das ihn bei diesem Gedanken so
erschütterte, vermochte er sich selbst nicht zu erklären. Er fühlte nur,
daß es ihn gleichsam ins Herz getroffen hatte -- und er stand regungslos
in einem fast mystischen Schreck da. Einen Augenblick war es ihm, als
öffne sich alles vor ihm, an Stelle des Entsetzens trat Licht, Freude,
Begeisterung, und dann war es ihm, als griffe eine Hand nach seiner
Kehle, um sie langsam zusammenzudrücken und ... doch der Augenblick ging
vorüber. Gott sei Dank, es war nicht das! Er atmete auf und blickte sich
im Kreise um.

Es dauerte eine geraume Weile, bis er begriff, was geschehen war und was
um ihn vorging, d. h. er sah und begriff alles ganz genau, er stand aber
wie ein besonderes Wesen unter den anderen, wie der unsichtbare
Hausgeist in unseren Märchen, der sich ins Zimmer geschlichen und nie
gesehene fremde Menschen, die sein Interesse erwecken, beobachtet. Er
sah, wie die Scherben fortgeschafft wurden, hörte das lebhafte
Durcheinandersprechen, sah Aglaja, die bleich dasaß und ihn seltsam
anblickte -- sehr, sehr seltsam: in ihren Augen lag keine Spur von Haß
oder Zorn, sie sah ihn nur tief erschrocken, doch dafür so sympathisch
an, während sie die anderen mit herausfordernden, blitzenden Blicken maß
... Da begann sein Herz leise zu klopfen und ein süßes Gefühl überkam
ihn. Endlich gewahrte er auch mit eigentümlicher Verwunderung, daß alle
wieder saßen und sogar lachten, als wäre nichts Unangenehmes geschehen!
Da begann man noch mehr zu lachen: man lachte über ihn, über seinen
starren Schreck, lachte aber freundschaftlich, heiter; einige sprachen
sogar zu ihm, sprachen sehr freundlich, namentlich Lisaweta Prokofjewna:
sie beruhigte ihn lachend und sagte etwas sehr, sehr Herzliches.
Plötzlich fühlte er, daß ihm jemand kameradschaftlich auf die Schulter
klopfte: es war der Hausherr. Der Anglomane Iwan Petrowitsch lachte
gleichfalls. Doch am liebenswürdigsten war der Alte: er erfaßte die Hand
des Fürsten, drückte sie leicht in der seinen, klopfte beruhigend mit
der Rechten auf die Handfläche, beredete ihn, doch wieder zu sich zu
kommen -- ganz, als hätte er einen kleinen erschrockenen Knaben vor sich
gehabt, was dem Fürsten ungemein gefiel --, und schließlich zog er ihn
auf den Platz neben sich zum Sitzen nieder. Der Fürst blickte ihm ganz
entzückt ins Gesicht, immer noch unfähig, zu sprechen, die Kehle war ihm
wie zugeschnürt. Das Gesicht des Alten gefiel ihm unsäglich.

»Wie?« murmelte er schließlich, »Sie verzeihen mir in der Tat? Und ...
auch Sie, Lisaweta Prokofjewna?«

Da wurde die Heiterkeit noch größer. Dem Fürsten traten Tränen in die
Augen vor Glück: er traute seinen Sinnen nicht und war wie entrückt.

»Allerdings: die Vase war wundervoll. Ich entsinne mich, sie schon
jahrelang bei Ihnen gesehen zu haben; es werden wohl schon so an
fünfzehn Jahre her sein, ja ... fünfzehn ...« bemerkte Iwan Petrowitsch.

»Nun, kein großes Malheur! Auch der Mensch muß einmal sterben, und hier
ist nur eine Vase zerschlagen!« sagte Lisaweta Prokofjewna laut.

»Hat es dich wirklich so erschreckt, Lew Nikolajewitsch?« fragte sie ihn
besorgt. »Laß gut sein, Täubchen, das hat doch nichts auf sich;
wirklich, du ängstigst mich mit deinem Schreck.«

»Und Sie verzeihen mir _alles_? Alles, nicht nur die Vase?« fragte der
Fürst, sich plötzlich wieder erhebend, doch der Alte zog ihn sogleich
wieder zurück.

Er wollte seine Hand nicht loslassen.

»_C'est très curieux et c'est très sérieux!_«{[43]} raunte er über den
Tisch Iwan Petrowitsch zu -- ziemlich laut übrigens.

»So habe ich keinen von Ihnen verletzt? Sie glauben nicht, wie glücklich
mich dieser Gedanke macht! Aber wie könnte es auch anders sein? Wie
hätte ich hier jemanden kränken können? Es ist geradezu eine Kränkung,
wenn ich das nur voraussetze.«

»Beruhigen Sie sich, mein Freund, Sie übertreiben die Sache. Und es
liegt gar kein Grund vor, so zu danken; das ist ja an sich ein sehr
lobenswertes Gefühl, aber es ist doch übertrieben.«

»Ich danke ja gar nicht, ich ... freue mich nur über Sie, ich bin
glücklich, indem ich Sie ansehe. Ich spreche vielleicht sehr dumm, aber
ich muß -- sprechen, ich muß erklären ... und wenn auch nur aus Achtung
vor mir selbst.«

Alles das brachte er wirr, unverständlich und fast fieberhaft hervor;
möglich, daß die Worte, die er aussprach, gar nicht diejenigen waren,
die er sprechen wollte. Und sein Blick, mit dem er alle ansah, schien zu
fragen: darf ich sprechen? Die alte Bjelokonskaja betrachtete ihn -- und
da trafen sich ihre Blicke.

»Nur zu, Väterchen, fahr ruhig fort, erzähl', soviel du willst, sieh nur
zu, daß dir der Atem nicht ausgeht,« sagte sie. »Du kamst schon vorhin
mit der Luft zu kurz, aber zu sprechen fürcht' dich nicht: wir haben
noch ganz andere Sonderlinge gesehen, du wirst uns nicht in Erstaunen
setzen, bist nicht weiß Gott wie klug, nur die Vase, die hast du richtig
zerschlagen und uns alle erschreckt.«

Der Fürst hörte ihr lächelnd zu.

»Sie sind es doch,« wandte er sich plötzlich an den Alten, »der vor drei
Monaten den Studenten Podkusnoff und den Beamten Schwabrin vor der
Verbannung bewahrt hat?«

Der Alte errötete ein wenig und brummte nur, daß er sich beruhigen
müsse.

»Und das ist doch wahr, was ich von Ihnen gehört habe, Iwan
Petrowitsch,« wandte er sich an den Anglomanen, »daß Sie Ihren
abgebrannten Bauern, die jedoch nicht mehr zu Ihrem Gut im --schen
Gouvernement gehörten und Ihnen sogar Unannehmlichkeiten bereitet
hatten, Wald zum Abholzen für die Neubauten geschenkt haben?«

»Nun, das ist wiederum über--trie--ben,« antwortete Iwan Petrowitsch,
nichtsdestoweniger angenehm berührt. Unwillkürlich nahm er eine
würdevollere Haltung an.

Diesmal hatte er vollkommen recht, wenn er von einer »Übertreibung«
sprach: es handelte sich um ein falsches Gerücht, das dem Fürsten zu
Ohren gekommen war.

»Und Sie, Fürstin,« wandte sich Fürst Lew Nikolajewitsch mit einem
Lächeln an die Bjelokonskaja, »haben Sie mich nicht vor einem halben
Jahre in Moskau wie Ihren eigenen Sohn bei sich aufgenommen, nur auf den
Brief Lisaweta Prokofjewnas hin, und haben Sie mir nicht wie Ihrem Sohne
einen Rat gegeben, den ich nie vergessen werde? Erinnern Sie sich noch?«

»Wozu kriechst du wieder auf die Wände?« sagte die Bjelokonskaja
ärgerlich. »Ein guter Mensch bist du, das weiß ich, machst dich aber
immer lächerlich: schenkt man dir drei Kopeken, so dankst du schon, als
hätte man dir das Leben gerettet. Du glaubst, daß das löblich ist? Ich
finde es einfach widerlich.«

Sie war bereits im Begriff, ernstlich böse zu werden, doch plötzlich
begann sie zu lachen, und zwar ganz gutmütig. Lisaweta Prokofjewna
atmete innerlich wie erlöst auf und aus ihrem wie ihres Gatten Gesicht
verschwand die Besorgnis.

»Ich habe ja immer gesagt, daß Lew Nikolajewitsch ein Mensch ist, der
... der ... mit einem Wort, wenn er nur nicht mit dem Atem zu kurz käme,
wie die Fürstin sehr richtig bemerkt hat,« sagte der General erfreut.

Nur Aglaja schien traurig zu sein; ihr Gesicht glühte immer noch --
vielleicht vor Unwillen.

»Er ist wirklich ein netter Mensch,« brummte der Alte, halb zu Iwan
Petrowitsch gewandt.

»Als ich hier eintrat, war mir das Herz schwer,« fuhr plötzlich der
Fürst in wachsender Verwirrung fort, und seine Rede wurde mit jedem Wort
seltsamer und begeisterter. »Ich fürchtete Sie und ich fürchtete mich
vor mir selbst. Am meisten vor mir selbst. Als ich nach Petersburg
zurückkehrte, gab ich mir das Wort, unsere Besten, unseren eingesessenen
Adel kennen zu lernen, da auch ich zu ihm gehöre und mein Name einer der
ersten unter ihnen ist. Und jetzt sitze ich hier unter ebensolchen
Fürsten, wie ich einer bin, nicht wahr? Ich wollte Sie kennen lernen,
das tat not. Oh, erst jetzt kann ich es ganz ermessen, wie notwendig,
wie notwendig das war! ... Ich habe immer so viel Schlechtes von Ihnen
gehört, gar zu viel Schlechtes, viel mehr als Gutes, von Ihrer
Kleinlichkeit, vom Egoismus Ihrer Interessen, und wie weit Sie
zurückgeblieben sein sollen, und ich hörte von Ihrer geringen Bildung
und von lächerlichen Angewohnheiten -- oh, es wird doch so viel über Sie
geschrieben und gesprochen! Neugierig kam ich heute her, neugierig und
verwirrt: ich mußte doch einmal selbst sehen, mich selbst überzeugen, ob
denn wirklich die ganze obere Schicht des russischen Volkes zu nichts
mehr taugt, ob sie wirklich ihre Zeit schon überlebt hat, ob ihr
Lebensquell versiegt und sie nur noch zu sterben fähig ist, dabei immer
noch in kleinlichem, neidischem Kampf begriffen mit den ... zukünftigen
Menschen, denen unsere Oberen den Weg versperren, ohne zu wissen, daß
sie selbst schon sterben? Ich habe an die Richtigkeit dieser Auffassung
auch früher nicht ganz geglaubt, denn genau genommen hat es bei uns doch
nie eine höhere Klasse gegeben, abgesehen vielleicht von den Höflingen,
die es durch den Beamtenrock oder ... den Zufall geworden waren, jetzt
aber schon ganz verschwunden sind -- ist es nicht so?«

»Nun, nein, durchaus nicht so,« sagte Iwan Petrowitsch verletzt und er
lachte verächtlich.

»Daß er doch wieder reden muß!« ärgerte sich die Bjelokonskaja.

»_Laissez le dire_,{[44]} er zittert ja am ganzen Körper,« riet der Alte
halblaut.

Der Fürst hatte entschieden seine Selbstbeherrschung verloren.

»Und was sehe ich nun? Ich sehe vornehme, gute, verständige Menschen;
ich sehe einen Greis, der einen Knaben, wie mich, liebevoll anhört und
von unendlicher Güte zu mir ist. Ich sehe Menschen, die fähig sind, zu
verstehen und zu verzeihen, russische, gute Menschen, die fast ebenso
gut und herzlich sind, wie die russischen Bauern, die ich auf dem Lande
kennen gelernt habe, nein, wirklich, fast sind Sie ebenso gut, wie jene.
Urteilen Sie jetzt selbst, wie freudig ich überrascht sein mußte! Oh,
erlauben Sie, daß ich mich ausspreche! Ich habe oft gehört und auch
selbst geglaubt, daß in der Gesellschaft alles nur anerzogenes Benehmen
und hinfällige Form, der lebendige Lebensquell aber versiegt sei. Aber
jetzt sehe ich doch selbst, daß es nicht der Fall, daß bei uns so etwas
ganz ausgeschlossen ist. Das kann vielleicht anderswo so sein, aber
nicht bei uns. Sollten Sie denn jetzt alle wirklich Jesuiten und
Betrüger sein? Ich hörte, wie vorhin Fürst N. erzählte: war das nicht
echter, köstlicher Humor, sprach nicht aus der ganzen Erzählung
unschuldige Gutmütigkeit? Wie könnte wohl ein innerlich Toter, dessen
Herz und Geistesgaben vertrocknet sind, solche Worte hervorbringen?
Könnten denn Tote so lieb zu mir sein, wie Sie es gewesen sind? Ist das
nicht ein Menschenmaterial, das zu den schönsten Hoffnungen für die
Zukunft berechtigt? Können denn solche Menschen etwas nicht begreifen
und in ihren Anschauungen zurückbleiben?«

»Ich bitte Sie nochmals, mein Lieber, beruhigen Sie sich, wir können ein
anderes Mal davon reden und ich werde Ihnen mit Vergnügen zuhören ...«
sagte der Alte mit beruhigendem Lächeln.

Iwan Petrowitsch, der Anglomane, räusperte sich und setzte sich in
seinem Sessel bequemer zurecht. Iwan Fedorowitsch stand da, während sein
hoher Vorgesetzter sich an die Gattin des »Würdenträgers« wandte und mit
ihr zu plaudern begann, ohne den Fürsten weiter zu beachten. Doch hörte
ihm die Dame nur mit halbem Ohr zu, da sie der Fürst mehr interessierte.

»Nein, wissen Sie, es ist besser, ich rede jetzt!« fuhr der Fürst wie im
Fieber fort, indem er sich seltsam zutraulich wieder an den Alten
wandte. »Aglaja Iwanowna hat mir gestern verboten, hier zu reden und sie
hat sogar die Themata angegeben, über die ich nicht reden darf: sie
weiß, daß ich mich dann lächerlich mache. Ich bin siebenundzwanzig Jahre
alt, aber ich weiß ja doch selbst, daß ich noch wie ein Kind bin. Ich
habe nicht das Recht, meine Gedanken auszudrücken, das habe ich immer
gesagt. Nur mit Rogoshin habe ich in Moskau offen gesprochen ... Wir
lasen Puschkin zusammen, lasen alle seine Werke. Er kannte noch nichts
von ihm, nicht einmal seinen Namen ... Ich fürchte immer, durch meine
Lächerlichkeit meine große Idee herabzuziehen. Ich verstehe mich nicht
zu bewegen. Meine Gesten entsprechen nie meinen Worten, und so rufen sie
nur Gelächter hervor und erniedrigen die Idee. Auch verstehe ich nie,
Maß zu halten, das aber ist sehr wichtig, ist das Wichtigste ... Ich
weiß, daß ich besser tue, wenn ich stillsitze und schweige. Wenn ich
mich verschließe und verstumme, so sehe ich sogar sehr vernünftig aus,
und überdies kann ich dann ungestört nachdenken. Jetzt aber ist es
besser, ich rede. Ich habe nur deshalb wieder angefangen, weil Sie mich
so freundlich ansehen; Sie haben ein wundervolles Gesicht! Ich habe
Aglaja Iwanowna gestern mein Wort gegeben, daß ich heute den ganzen
Abend schweigen würde.«

»_Vraiment?_«{[45]} fragte der Alte lächelnd.

»Ich denke jedoch bisweilen, daß es falsch von mir ist, so zu denken:
die Hauptsache ist doch nicht die Geste, sondern die Aufrichtigkeit,
nicht? ... Nicht?«

»Hm! Mitunter.«

»Ich will jetzt alles erklären, alles, alles, alles! Sie glauben, ich
sei ein Utopist? Ein Schwärmer? O, nein, ich habe, bei Gott, nur ganz
einfache Gedanken ... Sie glauben mir nicht? Sie lächeln? Wissen Sie,
ich bin bisweilen ein recht niedriger Mensch -- ich verliere den
Glauben. Als ich vorhin herkam, dacht' ich: >Wie soll ich denn mit ihnen
reden? Mit welch einem Wort soll ich beginnen, damit sie mich nur ein
wenig begreifen?< Und wie ich mich fürchtete -- doch für Sie fürchtete
ich am meisten, oh, ganz entsetzlich, entsetzlich! Und doch -- wie
durfte ich das, war es nicht eine Sünde? Was liegt daran, daß auf
_einen_ Aufgeklärten, _einen_ Pionier eine solche Unmenge von den
übrigen kommt? Das ist ja doch meine Freude, daß ich jetzt davon
überzeugt bin, daß es durchaus nicht eine solche Unmenge Überflüssiger,
sondern daß es ein großes lebendiges Material gibt! Und weshalb sollten
wir uns durch unsere Lächerlichkeit verwirren lassen, nicht wahr? Das
ist doch nun mal tatsächlich so, wir sind lächerlich, leichtsinnig,
haben schlechte Angewohnheiten, wir langweilen uns, verstehen nicht zu
schauen, verstehen nicht zu begreifen, und so sind wir doch alle, alle,
Sie und ich und alle übrigen! Sie fühlen sich doch deshalb nicht
gekränkt, weil ich es Ihnen ganz offen sage, daß Sie lächerlich sind?
Wenn es aber so ist, wie sollten Sie dann kein gutes Material sein?
Wissen Sie, es will mir scheinen, daß es mitunter sogar gut ist,
lächerlich zu sein, es ist wirklich besser: man kann sich gegenseitig
schneller verzeihen, sich schneller aussöhnen. Man kann doch nicht
sofort alles begreifen, man kann doch nicht so ohne weiteres mit der
Vollkommenheit beginnen! Um die Vollkommenheit zu erreichen, muß man
zuerst vieles nicht verstehen! Begreifen wir aber gar zu schnell, so
begreifen wir es gewöhnlich nicht so gut. Ich sage das Ihnen, Ihnen, die
Sie schon so vieles zu begreifen verstanden haben und -- nicht nur zu
begreifen. Jetzt fürchte ich nicht mehr für Sie ... Sie ärgern sich doch
nicht darüber, daß ein solcher Knabe wie ich so zu Ihnen spricht?
Natürlich nicht! Oh, Sie werden es verstehen, werden denen verzeihen,
die Sie gekränkt haben, und auch denen, die Sie nicht gekränkt haben --
das ist ja doch noch viel schwerer, gerade weil sie Sie nicht gekränkt
haben und Ihr Gefühl folglich unbegründet ist. Das ist es, was ich Ihnen
allen sagen wollte, als ich herkam, nur wußte ich nicht, wie ich mich
ausdrücken sollte ... Sie lachen, Iwan Petrowitsch? Sie denken
vielleicht, ich sei ein Demokrat, der allgemeine Gleichheit predigt?«
fragte er selbst auflachend. »Nein, ich fürchte für Sie, für Sie alle,
und für alle zusammen. Bin ich doch selbst ein uralter autochthoner
Fürst und sitze hier unter Fürsten. Ich rede ja nur, um Sie alle zu
retten, damit unser Stand nicht umsonst in unterschiedloser Dunkelheit
verkommt und verschwindet und alles verspielt, ohne auch nur das
Geringste zu schaffen! Weshalb sollen wir verschwinden und anderen den
Platz abtreten, wenn wir die Ersten und Ältesten bleiben können? Lassen
Sie uns die Ersten sein, dann werden wir auch die Väter des Volkes sein.
Lassen Sie uns die Diener des Volkes werden, um seine Väter zu sein!«

Er hatte mehrmals versucht, sich von seinem Platz zu erheben, doch der
Alte, der ihn mit wachsender Unruhe beobachtete, hatte ihn immer wieder
zurückgezogen.

»Hören Sie! Ich weiß, daß es nicht gut ist, zu reden: besser ist einfach
ein Beispiel, einfach mit der Tat zu beginnen ... ich habe schon
begonnen ... und -- und wie kann man überhaupt unglücklich sein? Oh, was
ist mein kleines Leid, wenn ich doch fähig bin, glücklich zu sein?
Wissen Sie, ich begreife nicht, wie man an einem Baum vorübergehen kann,
ohne glücklich zu sein darüber, daß man ihn liebt! Oh, ich verstehe es
nur nicht auszudrücken ... aber wie viele wundervolle Dinge gibt es, auf
jedem Schritt und Tritt, Dinge, die selbst der verworfenste Mensch als
wundervoll empfindet? Betrachten Sie ein Kind, sehen Sie die Morgenröte,
sehen Sie das Gras, oder schauen Sie in die Augen, die Sie ansehen und
-- Sie lieben ...«

Jäh hatte er sich bei den letzten Worten von dem Alten losgerissen und
sprach nun aufrechtstehend. Lisaweta Prokofjewna war die erste, die
erriet, was vor sich ging: »Ach, mein Gott!« stieß sie erschrocken
hervor. Da stand aber schon Aglaja neben dem Wankenden, um ihn mit ihren
Armen zu stützen, zu halten, und mit entsetztem, schmerzverzerrtem
Gesicht vernahm sie den wilden, grauenvollen Schrei des »würgenden
Dämons«, der plötzlich aus der Brust des Unglücklichen drang. Der Kranke
lag auf dem Teppich. Irgend jemand schob ihm ein Kissen unter den Kopf.

Diese Wendung hatte niemand erwartet. Nach einer Viertelstunde gaben
sich Fürst N., Jewgenij Pawlowitsch und der Alte die größte Mühe, den
Abend von neuem zu beleben, doch leider vergeblich: schon nach einer
halben Stunde brachen alle auf. Es wurden noch viele mitfühlende und
nachempfindende Worte gesprochen, man vernahm auch noch ein paar
allgemeine Betrachtungen und sogar einige ernsthafte Meinungen. Iwan
Petrowitsch äußerte sich unter anderem dahin, daß der »junge Mann allem
Anscheine nach ein se--ehr eifriger Sla--wo--phile sein müsse, oder
etwas Ähnliches, nur sei das weiter nicht gefährlich.« Der Alte sagte
nichts.

Am nächsten und übernächsten Tage ärgerten sich freilich alle ein wenig.
Iwan Petrowitsch fühlte sich als Anglomane sogar gekränkt, jedoch nicht
allzusehr. Der hohe Vorgesetzte war eine Zeitlang etwas kühl gegen Iwan
Fedorowitsch, dem auch der alte »Protektor« der Familie irgend etwas
Lehrreiches sagte, wobei er dann noch schmeichelhaft hinzufügte, daß er
sich für Aglajas Zukunft überaus interessiere. Er war in der Tat ein
ziemlich guter Mensch, doch interessierte er sich für den Fürsten
vornehmlich wegen seiner »Geschichte« mit Nastassja Filippowna, von der
er so manches gehört hatte, und er hätte sogar Iwan Fedorowitsch gern
noch ein wenig ausgeforscht, um Näheres zu erfahren.

Die Bjelokonskaja hatte noch am Abend beim Abschied Lisaweta Prokofjewna
gesagt, wie sie den Fall beurteilte:

»Nun was -- ja und nein. Aber wenn du meine ganze Meinung wissen willst,
dann doch eher nein. Du siehst doch selbst, was für einer er ist: ein
kranker Mensch!«

Lisaweta Prokofjewna entschied hierauf bei sich endgültig, daß er als
Bräutigam »undenkbar« sei, und schwor sich im Laufe der Nacht hoch und
heilig, daß der Fürst, solange sie lebe, ihre Aglaja nicht bekommen
werde. Und mit diesem Entschluß wachte sie auch am nächsten Morgen auf
-- doch siehe da, als sie um ein Uhr beim Frühstück saß, geriet sie
plötzlich in seltsamen Widerspruch mit sich selbst.

Auf eine vorsichtige Frage der Schwestern antwortete Aglaja plötzlich
kalt und hochmütig:

»Ich habe ihm meines Wissens noch nie ein Versprechen gegeben und ihn
auch nie als meinen Bräutigam betrachtet. Er ist mir ebenso fremd und
gleichgültig wie jeder andere.«

Da wurde die Generalin plötzlich rot.

»Das hätte ich nicht von dir erwartet,« sagte sie verletzt, »als Freier
ist er unmöglich, das weiß ich, und ich danke Gott, daß alles so
gekommen ist; aber dir hätte ich doch nie solche Worte zugetraut. Ich
glaubte, daß von dir etwas ganz anderes zu erwarten sei. Ich hätte alle
jene anderen fortgejagt und nur ihn allein zurückbehalten, sieh, solch
ein Mensch ist er! ...«

Sie verstummte plötzlich, erschrocken über ihre eigenen Worte.

Wenn sie gewußt hätte, wie sehr sie ihrer Tochter in diesem Augenblick
unrecht tat!

Aglaja hatte ihren Entschluß bereits gefaßt und wartete nur noch ihre
Stunde ab, die alles entscheiden mußte. Jede Anspielung aber, jede
Berührung der tiefen Wunde zerrissen ihr das Herz.


                                 VIII.

Auch der Fürst verbrachte diesen Morgen in düsterer Stimmung: schwere
Vorahnungen lasteten auf ihm. Am meisten quälte ihn, daß seine Trauer --
er wußte eigentlich selbst nicht, wie er diese Empfindung nennen sollte
-- in ihrer Art so unbestimmt war. Vor ihm standen die Tatsachen grell,
schwer und unverrückbar, doch seine Trauer ging über alles hinaus, was
er dachte oder sich vorstellte, und er fühlte, daß er sich allein nicht
würde beruhigen können. Da erhob sich in ihm allmählich eine Erwartung,
die immer größer und schließlich zu der Überzeugung wurde, daß heute
noch etwas Besonderes und Entscheidendes mit ihm geschehen würde. Der
Anfall, den er am Abend vorher gehabt hatte, war ein leichter gewesen:
abgesehen von der traurigen, müden Stimmung, einer gewissen Schwere im
Kopf und in den Gliedern, fühlte er sich weiter nicht krank. Seine
Gedanken waren verhältnismäßig klar und bewußt. Als er am Morgen
aufgewacht, war es schon ziemlich spät gewesen, und er hatte sich
sogleich des Abends bei Jepantschins erinnert. Der Einzelheiten freilich
entsann er sich nicht so genau, aber er wußte doch, daß er etwa eine
halbe Stunde nach seinem Anfall nach Hause geschafft worden war. Er
erfuhr alsbald, daß Jepantschins sich schon am Morgen nach seinem
Befinden hatten erkundigen lassen, und um halb zwölf erschien der Diener
zum zweitenmal. Diese Teilnahme erweckte in ihm ein angenehmes Gefühl.
Wjera Lebedewa war der erste Mensch, den er an diesem Morgen zu Gesicht
bekam. Als sie eintrat und ihn erblickte, brach sie plötzlich in Tränen
aus, doch als der Fürst sie dann beruhigte, lachte sie bald wieder. Das
große Mitleid dieses jungen Mädchens machte einen fast erschütternden
Eindruck auf ihn, und plötzlich ergriff er ihre Hand und küßte sie.
Wjera erschrak und wurde rot.

»Ach, nicht doch, was tun Sie!« rief sie schnell und verlegen und zog
rasch die Hand fort.

Sie verließ ihn in seltsamer Verwirrung.

Um zwölf Uhr erschien Lebedeff, der sich bereits in aller Frühe eilig
zum »Seligen« -- so nannte er den General, obgleich dieser immer noch
lebte -- begeben hatte, um zu erfahren, ob er nicht seinen Geist schon
im Laufe der Nacht aufgegeben, was jedoch noch nicht geschehen war. Beim
Fürsten trat er »nur auf einen Moment« ein, »einzig um sich nach seiner
werten Gesundheit zu erkundigen« usw., und begab sich dann wieder in
sein Schlafgemach, um nochmals sein »Schränkchen« zu inspizieren -- nur
zu diesem Zweck war er nach Hause gekommen. Beim Fürsten hatte er bloß
Ach und Weh gejammert und ein paar Versuche gemacht, Näheres über den
Abend bei Jepantschins und den »Anfall« zu erfahren, obschon er, wie der
Fürst sogleich erriet, von allem bereits ganz genau unterrichtet war.
Kaum war Lebedeff gegangen, da erschien Koljä, gleichfalls »nur auf
einen Augenblick«: dieser aber hatte es in der Tat sehr eilig und war
äußerst aufgeregt. Er begann sogleich damit, daß er den Fürsten
inständig bat, ihm doch alles zu sagen, was man vor ihm verheimlichte,
das meiste habe er ja doch schon erraten. Der Fürst erzählte ihm denn
auch möglichst schonend, wie Lebedeff sein Geld plötzlich vermißt und
dann wieder gefunden hatte, doch der arme Knabe war trotzdem tief
erschüttert. Er vermochte kein Wort hervorzubringen und plötzlich rannen
ihm helle Tränen über die Wangen. Der Fürst fühlte, daß diese Mitteilung
für den Knaben einer jener Eindrücke war, die ewig unvergeßlich bleiben
und im Leben des Jünglings einen Bruch bedeuten, von dem ab er mit
anderen Augen in die Welt zu schauen beginnt. Daher beeilte sich der
Fürst, ihm seine persönliche Auffassung der Angelegenheit zu erklären,
und er fügte noch hinzu, daß der Schlaganfall des alten Mannes seiner
Meinung nach nur eine Folge des eigenen Entsetzens über diesen Fehltritt
sei, der wohl nicht einem jeden so nahe gegangen wäre. Koljäs Augen
blitzten auf, als der Fürst zu Ende gesprochen hatte.

»Dieser Schuft Ganjka, und Warjä und Ptizyn gleichfalls! Ich will mich
mit ihnen nicht weiter herumstreiten, aber von Stund an sind unsere Wege
getrennt! Ach, Fürst, wenn Sie wüßten, wieviel Neues ich seit gestern
empfunden habe! Das war meine Lehre! Ich muß jetzt für meine Mutter
sorgen. Sie ist ja wohl bei Warjä gut aufgehoben, aber das ist doch
nicht das ...«

Plötzlich fiel es ihm ein, daß man ihn zu Hause erwarte, und eilig
sprang er auf, erkundigte sich nur noch schnell nach dem Befinden des
Fürsten, und als dieser geantwortet, fragte er plötzlich:

»Und sonst gibt's nichts? ... Ich hörte gestern ... übrigens habe ich
nicht danach zu fragen ... aber wenn Sie einmal eines treuen Dieners
bedürfen, so vergessen Sie nicht, daß ... er jetzt vor Ihnen steht. Ich
glaube, wir sind beide nicht glücklich, nicht? Doch ... ich will Sie
nicht ausforschen, schon gut, schon gut ...«

Er ging, und der Fürst blieb noch nachdenklicher zurück: alle sprachen
von Unglück, alle sahen sie ihn an, als wüßten sie etwas, was er noch
nicht wußte. Lebedeff wollte ihn ausforschen, Koljä machte Anspielungen
und Wjera weinte -- was hatte das alles zu bedeuten? »Ach, das ist doch
nur mein verwünschter krankhafter Argwohn!« dachte er schließlich halb
ärgerlich. Wie erhellte sich aber sein Gesicht, als nach zwei Uhr
plötzlich Jepantschins bei ihm erschienen. Die waren jedoch wirklich
»nur auf einen Augenblick« gekommen. Lisaweta Prokofjewna hatte, nachdem
sie von der Frühstückstafel aufgestanden, erklärt, daß sie sogleich alle
spazieren gehen würden. Diese Benachrichtigung war von ihr sehr kurz,
trocken und in durchaus befehlender Form geschehen. Und so gingen sie
alle, d. h. die Mama und die Töchter und Fürst Sch. Doch als sie in den
Park hinaustraten, schlug die Generalin nicht den Weg ein, auf dem sie
täglich spazieren gingen, sondern begab sich in die entgegengesetzte
Richtung. Da wußten alle, wohin es ging, doch schwiegen sie, um die
Mutter nicht zu reizen, denn diese ging bereits, gleichsam um sich
vorwurfsvollen Blicken oder Einwendungen zu entziehen, allen voraus und
sah sich auch kein einziges Mal nach ihnen um. Endlich bemerkte
Adelaida, daß man auf einem Spaziergang doch nicht so schnell zu gehen
brauche, man könne ja der Mama kaum folgen.

»Hört jetzt,« wandte sich da plötzlich Lisaweta Prokofjewna zurück, »wir
sind sogleich bei seiner Villa angelangt. Gleichviel wie Aglaja über ihn
denkt oder was da sonst geschehen ist, jedenfalls ist er für uns kein
Fremder und außerdem jetzt noch krank und unglücklich. Ich wenigstens
werde bei ihm eintreten: wer mir folgen will, mag kommen, wer nicht, der
gehe weiter; der Weg ist nicht gesperrt.«

Natürlich folgten ihr alle.

Der Fürst beeilte sich, wie es sich gehörte, nochmals seine
Entschuldigung zu machen, wegen der Vase und des ... »Skandals«.

»Nun, das hat nichts auf sich,« antwortete die Generalin. »Nicht die
Vase tut mir leid, sondern du tust mir leid. So siehst du jetzt selbst
ein, daß du einen Skandal verursacht hast -- am Morgen ist man
gewöhnlich klüger. Aber was soll man da ... jetzt hat doch ein jeder
gesehen, daß mit dir nichts zu wollen ist ... Nun, auf Wiedersehen, wir
wollen dich nicht aufhalten. Wenn du kannst, so mach' jetzt einen
Spaziergang und dann leg' dich wieder hin -- das wäre mein Rat. Und wenn
du Lust hast, komm wieder zu uns, nach alter Art. Jedenfalls sei ein für
allemal überzeugt, daß du, was auch geschehen sein mag oder was auch
noch geschehen sollte, der Freund unseres Hauses bleibst. Wenigstens
mein Freund. Für mich selbst kann ich einstehen, dessen sei du
versichert.«

Auf diese Herausforderung beeilten sich natürlich alle, den Fürsten
derselben Gefühle für ihn zu versichern. Darauf verabschiedeten sie
sich. Aber in dieser Eile, ihm etwas Freundliches und Ermunterndes zu
sagen, lag doch eine große Grausamkeit, was Lisaweta Prokofjewna wohl
ganz entgangen war. Aus der Aufforderung, sie »nach alter Art« zu
besuchen und der Bemerkung »wenigstens mein Freund«, glaubte der Fürst
manches erraten zu können. Als er wieder allein war, suchte er sich
Aglajas Gesicht während dieses Besuches zu vergegenwärtigen: sie hatte
ihn mit ganz eigentümlichem Lächeln beim Kommen wie beim Gehen
angesehen, doch hatte sie kein Wort gesprochen, selbst dann nicht, als
die anderen ihn ihrer Freundschaft versichert hatten, obschon ihr Blick
zweimal durchdringend auf ihm geruht hatte. Ihr Gesicht war bleicher
gewesen als sonst, als hätte sie in der Nacht schlecht geschlafen. Da
beschloß denn der Fürst, am Abend »nach alter Art« zu ihnen zu gehen,
und immer wieder sah er in fieberhafter Ungeduld nach der Uhr.

Plötzlich erschien Wjera bei ihm. Es war noch nicht lange nachdem
Jepantschins fortgegangen waren.

»Lew Nikolajewitsch,« sagte sie, »mir hat Aglaja Iwanowna soeben eine
Botschaft an Sie aufgetragen.«

Der Fürst zuckte zusammen und stand fast zitternd vor ihr.

»Einen Brief?«

»Nein, mündlich, und auch das so schnell, daß ich sie kaum verstehen
konnte. Sie läßt Sie bitten, heute den ganzen Tag zu Hause zu bleiben
bis sieben oder bis neun Uhr abends, genau hörte ich es nicht.«

»Ja ... aber weshalb denn das? Was hat das zu bedeuten?«

»Das weiß ich nicht, nur sollte ich es Ihnen unbedingt sagen.«

»Hat sie das selbst so gesagt, >unbedingtunbedingt< war. Das Herz
stand mir fast still vor Schreck, so sah sie mich an ...«

Der Fürst stellte noch einige Fragen, doch konnte er nichts Näheres
erfahren, und das regte ihn noch mehr auf. Als Wjera hinausgegangen war,
legte er sich auf den Diwan und begann nachzudenken. »Vielleicht wird
dort wieder jemand bei ihnen sein, bis neun Uhr abends, und da fürchtet
sie, ich könnte wieder etwas Ungeheuerliches verüben,« meinte er
schließlich und wieder blickte er ungeduldig nach der Uhr und sehnte den
Abend herbei. Doch das Rätsel fand seine Lösung viel früher als er
gedacht, eine Lösung, die wieder ein neues, quälendes Rätsel war: etwa
eine halbe Stunde nach dem Besuch der Jepantschins kam Hippolyt zu ihm.
Er war so erschöpft, daß er, als er schwankend eintrat, nicht einmal
grüßte und fast besinnungslos auf einen Sessel niederfiel. Er bekam
einen entsetzlichen Hustenanfall und spie Blut. Seine Augen glänzten
fieberhaft und auf seinen Wangen erschienen rote Flecke. Der Fürst sagte
etwas zu ihm, bot ihm Wasser an, doch Hippolyt antwortete nicht und
winkte nur mit der Hand ab, man solle ihn vorläufig in Ruhe lassen.
Endlich legte sich der Husten und er kam wieder zu sich.

»Ich gehe!« sagte er schließlich mühsam mit heiserer Stimme.

»Wollen Sie, ich werde Sie begleiten?« fragte der Fürst, sich vom Diwan
erhebend; doch plötzlich fiel ihm Aglajas Verbot ein und er zögerte
unschlüssig.

Hippolyt lachte auf.

»Nicht von Ihnen gehe ich fort,« sagte er, heiser hüstelnd und röchelnd
und nach jedem längeren Satz rang er nach Atem. »Im Gegenteil, ich habe
es für nötig befunden, zu Ihnen zu kommen, und zwar wegen einer
wichtigen Angelegenheit ... sonst würde ich Sie nicht beunruhigen. Ich
gehe ins -- Jenseits, und diesmal, scheint es, wird es Ernst. Aus! Ich
... rede nicht, um Ihr Mitleid zu erwecken, wahrhaftig nicht ... Ich
hatte mich heut' schon hingelegt, um ganz im Bett zu bleiben, bis ... na
ja. Aber dann überlegte ich mir die Sache noch mal und stand doch wieder
auf, um zu Ihnen zu kommen ... folglich muß es doch notwendig gewesen
sein.«

»Es tut weh, Sie so zu sehen. Hätten Sie mich doch rufen lassen, anstatt
sich selbst herzubemühen.«

»Na genug, besten Dank. Sie haben mich bedauert und nun basta, der
gesellschaftlichen Höflichkeit ist Genüge getan ... Ach, ganz vergessen:
wie steht es denn mit Ihrer Gesundheit?«

»Ich bin gesund. Gestern war ich ... nicht ganz ...«

»Hab' gehört, hab' gehört. Die chinesische Vase hat daran glauben
müssen; schade, daß ich nicht zugegen war! Doch zur Sache. Erstens habe
ich heut' das Vergnügen gehabt, Gawrila Ardalionytsch und Aglaja
Iwanowna bei einem Rendezvous an der grünen Bank zu sehen. Ich habe mich
nur gewundert, bis zu welch einem Grade ein Mensch dumm aussehen kann.
Das sagte ich auch zu Aglaja Iwanowna, als Gawrila Ardalionytsch
fortgegangen war ... Sie, scheint es, pflegen sich über nichts mehr zu
wundern, Fürst?« unterbrach er sich, mißtrauisch das ruhige Gesicht des
Fürsten betrachtend. »Sich über nichts wundern soll ein Beweis großer
Klugheit sein, sagt man; mir jedoch will es scheinen, als könnte es auch
ebenso große Dummheit beweisen ... Das war übrigens nicht auf Sie
gemünzt, verzeihen Sie ... Ich bin heut' sehr ungeschickt in meinen
Ausdrücken.«

»Ich wußte es schon gestern, daß Gawrila Ardalionytsch ...« Sichtlich
verwirrt brach der Fürst ab, obschon sich Hippolyt über ihn ärgerte,
weil er kein eigentliches Erstaunen an ihm zu bemerken vermocht hatte.

»Sie wußten! Das ist mal nett! Das wußte ich nicht! Doch übrigens --
meinetwegen brauchen Sie's auch nicht zu erzählen. Aber Zeuge des
Stelldicheins sind Sie nicht gewesen?«

»Sie haben doch gesehen, daß ich nicht Zeuge gewesen bin ... wenn Sie
selbst dort waren.«

»Na, man kann ja nicht wissen, vielleicht haben Sie irgendwo hinter
einem Baum gesessen. Übrigens freut mich das, für Sie, versteht sich,
denn ich dachte wirklich schon, daß Gawrila Ardalionytsch -- bevorzugt
und tatsächlich gekapert werde.«

»Ich bitte Sie, über diese Angelegenheit nicht mit mir zu sprechen,
Hippolyt, und nicht solche Ausdrücke zu gebrauchen.«

»Um so mehr, als Sie bereits alles wissen.«

»Sie irren sich. Ich weiß so gut wie nichts, und das weiß Aglaja
Iwanowna. Und selbst von diesem Stelldichein habe ich so gut wie nichts
gewußt ... Sie sagen, sie hätten sich getroffen? Nun gut, dann haben sie
sich getroffen, doch reden wir nicht davon ...«

»Ja, aber wie ist denn das: bald haben Sie gewußt, bald haben Sie nicht
gewußt? Sie sagen: nun gut und Schwamm drüber, und ... Nein, wissen Sie,
seien Sie lieber nicht so vertrauensvoll! Besonders nicht, wenn Sie
nichts wissen. Doch Sie vertrauen ja auch nur deshalb, weil Sie nichts
wissen. Aber wissen Sie denn nicht, was für Berechnungen diese beiden
haben, das Brüderlein und 's Schwesterlein? Mutmaßen Sie gar nichts? ...
Gut, gut, ich rede nicht mehr davon ...« unterbrach er sich, als er die
ungeduldige Bewegung des Fürsten sah. »Doch ich bin ja in meiner eigenen
Angelegenheit gekommen und will das nun ... erklären. Hol's der Teufel,
daß man doch auf keine Weise ohne Erklärungen sterben kann! Grauenvoll,
wieviel ich ewig erkläre. Wollen Sie mich anhören?«

»Reden Sie, ich höre.«

»In ... indes, ... ich werde doch lieber meine Absicht ändern und
dennoch mit Ganetschka beginnen. Stellen Sie sich vor, auch ich war
heute zu einem Rendezvous bestellt, und zwar gleichfalls zur grünen
Bank. Übrigens, ich will nicht lügen: ich hatte selbst auf dem
Rendezvous bestanden, mich fast aufgedrängt, ein Geheimnis mitzuteilen
versprochen. Ich weiß nicht, war ich nun zu früh gekommen -- ich glaube,
ich kam tatsächlich zu früh -- jedenfalls hatte ich mich kaum neben
Aglaja Iwanowna auf die Bank gesetzt, da -- plötzlich -- was sehe ich!
-- erscheinen Arm in Arm Gawrila Ardalionytsch und Warwara Ardalionowna,
als gingen sie ganz harmlos ... bloß so ... spazieren! Sie schienen ganz
perplex zu sein, als sie mich dort antrafen -- das hatten sie sicherlich
beide nicht erwartet, wurden ordentlich verlegen. Aglaja Iwanowna wurde
rot und, glauben Sie es oder glauben Sie es nicht, verlor sogar ein
wenig den Kopf; ob nun deshalb, weil ich zugegen war, oder einfach beim
Anblick Gawrila Ardalionytschs, das laß ich ungesagt. Er ist doch ein
gar zu schöner Mann! Jedenfalls wurde sie rot, sammelte sich aber sehr
schnell und erledigte die Geschichte im Augenblick, entsetzlich komisch,
natürlich: sie erhob sich von der Bank, erwiderte den Gruß Gawrila
Ardalionytschs -- Warwara Ardalionowna hatte zuckersüß gelächelt -- und
plötzlich sagte sie wie aus der Pistole: >Ich wollte Ihnen nur
persönlich meinen Dank aussprechen für Ihre aufrichtigen und
freundschaftlichen Gefühle, und wenn ich jemals Ihrer bedürfen sollte,
so seien Sie versichert ...< Hier machte sie eine Verbeugung und die
beiden zogen ab -- ob mit einer langen oder einer erhobenen Nase, lasse
ich gleichfalls ungesagt. Ganjä jedenfalls mit einer langen, denke ich.
Er schien aber nichts kapiert zu haben und wurde nur rot wie ein Krebs
-- wirklich frappant, was für einen Ausdruck sein Gesicht mitunter haben
kann! -- Die Warjä aber hatte wenigstens soviel begriffen, daß ein
schleuniger Abschied geboten war und sie von Aglaja Iwanowna nichts mehr
erwarten durften, und da zog sie den Bruder denn mit sich fort. Sie ist
klüger als er und wird jetzt natürlich triumphieren ... Ich aber war
gekommen, um mit Aglaja Iwanowna über ihre Zusammenkunft mit Nastassja
Filippowna zu sprechen.«

»Mit Nastassja Filippowna!« rief der Fürst entsetzt.

»Aha! Sie, scheint es, beginnen jetzt doch, Ihre Kaltblütigkeit zu
verlieren und sich zu wundern? Freut mich, daß auch Sie in etwas an
einen Menschen erinnern wollen. Dafür werde ich Ihnen auch was Nettes
erzählen. Ja, sehen Sie, es ist nicht so ohne, >hochherzigen< jungen
Mädchen Dienste zu erweisen: ich habe heut' eine Ohrfeige von ihr
erhalten!«

»Eine ... mo--moralische?« fragte der Fürst unwillkürlich.

»Ja, keine physische. Ich glaube, es würde sich keine Hand mehr erheben,
um einen solchen, wie ich bin, zu schlagen; nicht einmal eine Frau würde
es fertig kriegen; nicht einmal Ganetschka! ... Obschon ich einen
Augenblick wirklich dachte, er würde sich auf mich stürzen ... Ich
könnte wetten, daß ich weiß, was Sie soeben denken! Sie denken: >Nun ja,
zu schlagen braucht man ihn nicht, dafür aber kann man ihn mit einem
Kissen ersticken oder mit einem nassen Lappen im Schlaf -- das müßte man
sogar ...< Es steht auf Ihrem Gesicht geschrieben, daß Sie das denken,
gerade in diesem Augenblick.«

»Niemals habe ich das gedacht!« sagte der Fürst angewidert.

»Ich weiß nicht, heut' nacht träumte mir, daß mich ... nun, jemand mit
einem nassen Lappen ersticken wollte ... ein Mensch ... na, ich werde
Ihnen sagen, wer: stellen Sie sich vor -- Rogoshin! Was meinen Sie, kann
man einen Menschen mit einem nassen Lappen ersticken?«

»Ich weiß es nicht.«

»Ich habe gehört, daß man's kann. Gut, lassen wir das. Nun, aber
inwiefern bin ich denn eine Klatschbase? Weshalb hat sie mich heute eine
Klatschbase genannt? Und wohlgemerkt: nachdem sie schon alles, auch das
Letzte, angehört und mich obendrein noch ausgeforscht und sich einiges
sogar zweimal hatte erzählen lassen ... Aber so sind ja die Weiber! Um
ihr einen Dienst zu erweisen, hab' ich mich mit Rogoshin in Verbindung
gesetzt, mit diesem interessanten Mann; in ihrem Interesse habe ich die
Zusammenkunft mit Nastassja Filippowna arrangiert ... Oder war's, weil
ich ihre Eitelkeit verletzt hatte mit der Bemerkung, daß sie die
>Nachbleibsel<, das heißt, Nastassja Filippownas Speisereste mit Freuden
nehme? Aber ich habe ihr das doch nur in ihrem Interesse die ganze Zeit
zu erklären versucht, ich gestehe sogar, daß ich zwei Briefe in diesem
Sinne an sie geschrieben habe, und dort auf der Bank sagte ich es ihr
dann noch zum drittenmal mündlich ... Ich begann sogleich damit, daß ich
ihr auseinandersetzte, wie erniedrigend das für sie wäre ... Überdies
stammt das Wort >Nachbleibsel< gar nicht von mir: bei Ptizyns gebrauchen
es alle, Ganetschka an der Spitze, und sie selbst hat's ja noch
bestätigt! Weshalb also nennt sie mich dann eine Klatschbase? Ich sehe,
Sie finden mich furchtbar lächerlich ... ich könnte wetten, daß Sie
soeben bei meinem Anblick an jenes dumme Gedicht gedacht haben --

   >Vielleicht wird einst noch meinen Lebensabend
   Die Lieb' mit einem Sonnenblick erhellen
   Und lächelnd einen Abschiedsgruß gewähren.<

Hahaha!« brach er in hysterisches Lachen aus, das in einem Hustenanfall
endete. »Und das Beste ...« wollte er heiser fortfahren, doch wieder
unterbrach ihn der Husten, »das Beste: Ganetschka spricht von
>Nachbleibsel<, was aber ist es denn, was er jetzt selbst ausnutzen
will!«

Der Fürst schwieg lange Zeit; er war entsetzt, tief im Innersten
aufgewühlt.

»Sie sprachen von einer Zusammenkunft mit Nastassja Filippowna?« fragte
er schließlich unsicher.

»Eh, wissen Sie denn tatsächlich nicht, daß Aglaja Iwanowna und
Nastassja Filippowna heute zusammenkommen werden? -- daß Nastassja
Filippowna einzig zu dem Zweck aus Petersburg herkommen wird, wozu sie
von Aglaja Iwanowna durch meine und Rogoshins Vermittlung aufgefordert
ist? Aber sie und Rogoshin befinden sich ja doch schon hier -- gar nicht
so weit von Ihnen -- in demselben Hause, wo sie früher lebte, bei
derselben Dame, bei Darja Alexejewna ... einer sehr zweideutigen Person
-- sie ist ja wohl ihre Freundin -- nun, und dorthin in dieses
zweideutige Haus wird sich heute Aglaja Iwanowna begeben, um sich
freundschaftlich mit Nastassja Filippowna zu unterhalten und nebenbei
noch einige Aufgaben zu lösen. Sie wollen sich, scheint's, beide mit
Arithmetik beschäftigen. Und das haben Sie nicht gewußt? Ihr Ehrenwort?«

»Das ist nicht möglich!«

»Nun gut, dann nicht; woher sollten Sie's auch wissen? Obschon hier nur
eine Fliege vorüberzufliegen braucht und ganz Pawlowsk weiß es --
kolossal akustischer Ort, fürwahr! So, jetzt habe ich Sie vorbereitet
und Sie können mir dankbar sein. Nun, auf Wiedersehen -- in jener Welt
voraussichtlich. Nur noch eines: ich habe zwar nicht immer ganz offen
und ehrlich an Ihnen gehandelt, denn ... doch wozu sollte ich
schließlich meinen Vorteil aus dem Auge lassen, wenn Sie mir das
gefälligst erst erklären wollten? Etwa um Ihren Vorteil zu wahren? Ich
habe doch meine >Beichte< ihr gewidmet -- wußten Sie das nicht? Und wie
sie das hinnahm! He--he! Aber ihr gegenüber habe ich mich nur anständig
benommen, sie aber hat mich eine Klatschbase genannt und überführt ...
Doch übrigens, auch vor Ihnen habe ich nichts ... na, auf dem Gewissen,
wenn Sie wollen, denn wenn ich auch was von >Nachbleibsel< gesprochen
habe, und alles das in besagtem Sinne -- dafür habe ich Ihnen jetzt den
Tag, die Stunde und den Ort der Zusammenkunft mitgeteilt ... aus Ärger,
versteht sich, nicht aus Großmut. Nun, leben Sie wohl, ich bin
schwatzhaft, wie eben ein Schwindsüchtiger. Im übrigen treffen Sie Ihre
Vorkehrungen, und zwar so bald als möglich, wenn Sie überhaupt des
Menschennamens wert sein sollen. Die Zusammenkunft findet heut' abend
statt.«

Hippolyt begab sich zur Tür.

»Dann wird also Ihrer Meinung nach Aglaja Iwanowna heute selbst zu
Nastassja Filippowna gehen?« fragte plötzlich der Fürst. Auf seinen
Wangen und seiner Stirn traten rote Flecke hervor.

Hippolyt blieb stehen.

»Genau weiß ich es nicht, aber wahrscheinlich doch,« meinte er halb
zurückgewandt. »Ja, anders ist es auch gar nicht möglich. Nastassja
Filippowna kann doch nicht zu ihr gehen? Und doch nicht etwa bei
Ganetschka -- dort ist eine halbe Leiche im Hause. Sie wissen doch,
wie's mit dem General steht? ...«

»Schon allein deshalb ist es nicht möglich!« fiel ihm der Fürst erregt
ins Wort, »wie sollte sie denn hingehn, selbst wenn sie es wollte? Sie
kennen die ... Bräuche in diesem Hause nicht: sie kann nicht allein zu
Nastassja Filippowna gehen, das ist ganz ausgeschlossen!«

»Sehen Sie, Fürst: im gewöhnlichen Leben pflegt man nicht aus dem
Fenster zu springen, steht aber das Haus in Flammen, so wird selbst der
größte Gentleman und die größte Grande-dame nicht Bedenken tragen, durch
das Fenster zu flüchten. Wenn es nicht anders geht, dann ist nichts zu
machen: dann wird sich auch Fräulein Jepantschin zu Nastassja Filippowna
begeben. Dürfen sie denn nie allein ausgehen, die drei?«

»Nein, ich meinte nicht das ...«

»Na, wenn nicht das, dann braucht sie nur die paar Stufen in den Park
hinabzusteigen, um geradeaus zu gehen, und später, wenn sie will,
überhaupt nicht mehr zurückzukehren. Es gibt Fälle, in denen man sogar
Schiffe hinter sich verbrennen und nicht nur nicht nach Hause
zurückkehren kann. Das Leben besteht auch nicht nur aus Dejeuners,
Diners und Fürsten Sch. ... Ich glaube, Sie halten Aglaja Iwanowna immer
noch für ein Pensionsdämlein. Das habe ich ihr heut' auch auf der Bank
gesagt, und sie schien mir recht zu geben. Aber warten Sie: um sieben
oder so um acht herum ... Ich würde an Ihrer Stelle einen Spion dorthin
schicken, um genau zu erfahren, wann sie die Villa verläßt. Na, schicken
Sie meinetwegen den Koljä; der wird sogar mit Vergnügen spionieren, für
Sie, das heißt ... denn alles das ist doch nur relativ ... Ha--ha!«

Hippolyt verließ das Zimmer. Der Fürst hatte es nicht nötig, jemanden
zum Spionieren hinzuschicken, ganz abgesehen davon, daß er dazu
überhaupt nicht fähig gewesen wäre. Er wußte jetzt, was Aglajas »Befehl«
zu bedeuten hatte: sie wollte zu ihm kommen, um dann mit ihm zusammen zu
jener zu gehen. Freilich ... es ließ sich auch eine andere Erklärung
finden: vielleicht wollte sie, daß er zu Hause bliebe, um ihm nicht auf
ihrem Wege dorthin zu begegnen oder ihn gar dort anzutreffen. Dem
Fürsten schwindelte bei diesem Gedanken. Das ganze Zimmer schien sich im
Kreise zu drehen. Er legte sich auf den Diwan und schloß erschöpft die
Augen, dachte jedoch weiter nach.

Wie es sich nun auch verhalten mochte, über eines war er sich vollkommen
klar: daß eine Entscheidung bevorstand. Nein, er hielt Aglaja nicht für
ein Pensionsdämlein; er fühlte jetzt, daß er schon lange etwas von ihr
gefürchtet hatte, und zwar gerade etwas Ähnliches. »Aber wozu will sie
sie denn sehen, was will sie mit ihr reden?« sagte er sich, und ein
Frostschauer lief ihm über den ganzen Körper. Er fieberte.

Nein, er hielt sie gewiß nicht für ein Kind! In der letzten Zeit hatten
ihn einzelne ihrer Blicke und Worte oft geradezu entsetzt. Bisweilen
hatte es ihm geschienen, als bezwinge sie sich aus aller Kraft,
vielleicht sogar über ihre Kraft, und gerade das war es -- dessen
entsann er sich genau --, was ihn am meisten entsetzt hatte. In all
diesen Tagen hatte er sich bemüht, nicht daran zu denken und die
schweren Gedanken zu verscheuchen, doch quälte ihn trotzdem unausgesetzt
die Frage, was in dieser Mädchenseele vorging, obschon er
unerschütterlich an den Sieg des Guten in ihr glaubte. Und nun sollten
alle diese Probleme noch vor dem Abend ihre Lösung finden!! Der Gedanke
war nicht zu ertragen! Und dann wieder -- »jene andere«! Weshalb hatte
es ihm immer geschienen, daß diese »andere« gerade im letzten Augenblick
kommen und sein ganzes Leben wie einen feingesponnenen Faden zerreißen
würde? -- Daß es ihm aber »immer schon so geschienen«, darauf hätte er
jetzt jeden Schwur geleistet, ungeachtet dessen, daß er sich seines halb
unzurechnungsfähigen Zustandes bewußt war. Wenn er sich in der letzten
Zeit bemüht hatte, sie zu vergessen, so hatte er es doch nur getan, weil
er sie fürchtete. Er fragte sich jetzt nicht mehr wie früher, ob er sie
liebte oder haßte, denn er wußte jetzt, wen er liebte ... Doch nicht die
Zusammenkunft dieser beiden Frauen, nicht die Beweggründe dieser
Zusammenkunft, nicht die bevorstehende Entscheidung flößten ihm diese
unerklärliche Furcht ein, nein, sondern -- Nastassja Filippowna. Er
entsann sich später, nach einigen Tagen, daß er in diesen Fieberstunden
fast die ganze Zeit ihre Augen vor sich gesehen, und ihren Blick, daß er
ihre Stimme gehört und Worte vernommen, von denen er sich jedoch keines
einzigen mehr zu entsinnen vermochte. Kaum war ihm erinnerlich, wie
Wjera ihm um sechs das Essen gebracht und wie er gegessen, und
ebensowenig wußte er, ob er nachher geschlafen oder nicht geschlafen
hatte. Er wußte nur, daß er erst von dem Augenblick an wieder klar und
bewußt zu sehen und zu denken begonnen, als plötzlich Aglaja auf der
Terrasse erschienen, und er vom Diwan aufgesprungen und ihr bis zur
Mitte des Raumes entgegengetreten war. Die Uhr hatte kurz vorher sieben
geschlagen. Aglaja war ganz allein gekommen. Sie trug ein schlichtes
Kleid und hatte sich, wohl in der Eile, um schnell und unauffällig aus
dem Hause zu kommen, nur einen leichten Umwurf über die Schultern
geworfen. Ihr Gesicht war ebenso bleich wie am Vormittag, doch ihre
Augen hatten einen seltsam hellen, trockenen Glanz, den er noch nie an
ihnen gesehen hatte. Sie musterte ihn aufmerksam vom Kopf bis zu den
Füßen.

»Sie sind zum Ausgehen bereit,« bemerkte sie leise und scheinbar ganz
ruhig, »und haben sogar schon den Hut in der Hand; man hat Sie also
vorbereitet und ich weiß, wer es getan hat: Hippolyt.«

»Ja, er hat mir gesagt ...« stammelte der Fürst, fast halb tot vor
Aufregung.

»Dann lassen Sie uns gehen. Sie wissen, daß Sie mich auf jeden Fall
begleiten müssen. Sie sind doch soweit bei Kräften, denke ich, daß Sie
gehen können?«

»Ich bin bei Kräften, aber ... ist es denn möglich!?«

Er verstummte plötzlich und sagte dann nichts mehr. Und das war sein
einziger Versuch, sie von diesem wahnsinnigen Schritt abzuhalten. Darauf
folgte er ihr, unfrei, wie ein Gefangener. Er wußte, daß sie auch ohne
ihn dorthin gehen würde, und daß er folglich gezwungen war, ihr zu
folgen. Und er erriet, wie fest ihr Entschluß war -- er aber war nicht
der Mann, der diesen wilden Ausbruch hätte aufhalten können. Schweigend
setzten sie ihren Weg fort, fast kein Wort wurde während der ganzen Zeit
gewechselt. Dem Fürsten fiel es auf, daß sie den Weg ganz genau zu
kennen schien. Als er ihr den Vorschlag machte, einen etwas längeren,
doch dafür stilleren Seitenweg zu wählen, zog sie die Brauen zusammen
und schien ihn mit angestrengter Aufmerksamkeit anzuhören, sagte jedoch
schroff:

»Gleichviel!« und ging unbekümmert weiter.

Als sie sich dem Hause Darja Alexejewnas näherten -- es war ein altes,
großes, hölzernes Gebäude --, traten aus der Tür eine ältere Dame und
ein junges Mädchen, beide auffallend elegant gekleidet, und nahmen in
Nastassja Filippownas prächtigem Gefährt, das vor der Treppe hielt,
lachend und laut plaudernd Platz. Aglaja und den Fürsten hatten sie mit
keinem Blick gestreift, als hätten sie sie überhaupt nicht bemerkt. Kaum
waren sie davongefahren, als sich die Tür wieder öffnete und Rogoshin
Aglaja und den Fürsten eintreten ließ, worauf er die Tür hinter ihnen
verriegelte.

»Im ganzen Hause ist jetzt niemand außer uns vieren,« sagte er und
blickte den Fürsten eigentümlich an.

Gleich im ersten Zimmer wartete Nastassja Filippowna, die gleichfalls
sehr schlicht, ganz in Schwarz, gekleidet war. Sie erhob sich, als die
anderen eintraten, lächelte jedoch nicht und reichte auch dem Fürsten
nicht die Hand.

Ihr forschender, beunruhigter Blick heftete sich in ungeduldiger Frage
auf Aglaja. Sie setzten sich ziemlich weit voneinander hin -- Aglaja auf
das Sofa in der einen Ecke des Zimmers, Nastassja Filippowna ans
Fenster. Der Fürst und Rogoshin setzten sich nicht, sie wurden übrigens
dazu auch nicht aufgefordert. Nur einmal blickte der Fürst
verständnislos und gleichsam schmerzvoll Rogoshin an, doch dieser
lächelte nur sein altes Lächeln. Das Schweigen dauerte eine Weile an.

Da ging plötzlich in Nastassja Filippownas Gesicht eine Veränderung vor
sich: es war, als breite sich der Schatten eines kommenden Unheils über
ihre Züge: ihr Blick wurde starr, hart und fast haßerfüllt und wandte
sich auf keinen Augenblick von ihrem Gast ab. Aglaja war sichtlich
verwirrt, doch ließ sie ihren Mut nicht sinken. Als sie eingetreten war,
hatte sie ihre Feindin einmal angesehen, doch nun saß sie die ganze
Zeit, ohne den Blick vom Boden zu erheben, als dächte sie nach. Nur ein-
oder zweimal überflog sie, gewissermaßen wie aus Versehen, mit
gedankenlosem Blick die Einrichtung des Zimmers, und auf ihrem Gesicht
drückte sich Ekel aus, als hätte sie gefürchtet, sich hier zu
beschmutzen. Ganz mechanisch ordnete sie ihr Kleid und unruhig wechselte
sie einmal sogar den Platz, indem sie mehr in die eine Ecke des Sofas
rückte. Es ist kaum anzunehmen, daß sie sich all dieser Bewegungen
bewußt war, doch gerade die Unbewußtheit verstärkte noch das
Beleidigende derselben. Endlich erhob sie den Blick und sah fest und
offen Nastassja Filippowna in die Augen: und da las sie denn deutlich
alles, was in dem haßerfüllten Blick ihrer Feindin glühte. Das Weib
hatte das Weib verstanden. Aglaja zuckte zusammen.

»Sie ... wissen natürlich, weshalb ich Sie ... aufgefordert habe ...«
brachte sie schließlich hervor, jedoch sehr leise, und sie stockte dabei
zweimal.

»Nein, ich weiß nichts,« sagte Nastassja Filippowna kurz und trocken.

Aglaja errötete. Vielleicht kam es ihr plötzlich sehr seltsam und
unglaublich vor, daß sie mit »dieser Person« unter einem Dach saß und
noch dazu ihrer Antwort bedurfte. Beim ersten Ton dieser Stimme war es
wie ein Beben durch ihren Körper gegangen. Und alles das bemerkte
natürlich sehr wohl »diese Person«.

»Sie wissen es sehr gut ... Sie tun aber absichtlich, als begriffen Sie
nichts,« sprach Aglaja kaum hörbar vor sich hin, während ihr Blick
finster am Boden haftete.

»Weshalb sollte ich das?« fragte Nastassja Filippowna, kaum, kaum
lächelnd.

»Sie wollen meine Lage ... daß ich hier in Ihrem Hause bin ... ausnutzen
...« fuhr Aglaja ungeschickt und lächerlich fort.

»An dieser Lage sind Sie schuld, nicht ich!« sagte Nastassja Filippowna,
der plötzlich das Blut ins Gesicht stieg. »Nicht ich habe Sie dazu
aufgefordert, sondern Sie mich, und ich weiß bis jetzt noch nicht,
weshalb.«

Aglaja erhob hochmütig den Kopf.

»Nehmen Sie sich mit Ihrer Zunge in acht! Ich bin nicht gekommen, um mit
dieser Ihrer Waffe zu kämpfen ...«

»Ah! Dann sind Sie also doch gekommen, um zu >kämpfenweder ihm noch mir< gesagt?« rief Aglaja. »Aber
Ihre Briefe? Wer hat Sie gebeten, uns zu verkuppeln, mich zu bereden,
ihn doch anzunehmen? Ist denn das kein Geständnis Ihrerseits? Weshalb
drängen Sie sich uns denn auf? Zuerst dachte ich, Sie wollten, im
Gegenteil, Abneigung für ihn in mir hervorrufen, indem Sie sich zwischen
uns drängten, damit ich mich von ihm abwendete. Später erst erriet ich,
um was es sich handelte: Sie glaubten einfach, eine große Heldentat zu
vollführen mit all diesen Verstellungen ... Wie, wie hätten Sie ihn denn
lieben können, wenn Sie doch nur Ihren Hochmut lieben? Warum fuhren Sie
nicht einfach von hier fort, anstatt mir diese lächerlichen Briefe zu
schreiben? Warum heiraten Sie jetzt nicht diesen anständigen Menschen,
der Sie so maßlos liebt und Ihnen die Ehre erweisen will, Sie zu
heiraten? Das ist ja jetzt nur zu klar, warum Sie ihn nicht heiraten
wollen: wenn Sie Rogoshin heiraten, wo bliebe dann Ihre Entehrung? Es
wäre sogar viel zu viel Ehre für Sie! Jewgenij Pawlowitsch sagt von
Ihnen, Sie hätten zu viel Romane gelesen und seien >viel zu gebildet für
Ihre ... Stellung<; Sie seien ein Büchermensch und eine Nichtstuerin;
fügen Sie jetzt noch Ihren Hochmut hinzu, dann haben Sie alle Ihre
Gründe ...«

»Und Sie sind keine Nichtstuerin?«

Allzu schnell, allzu offen war es zu dieser unerwarteten Wendung
gekommen -- unerwartet, denn Nastassja Filippowna hatte, als sie sich
diesmal nach Pawlowsk begeben, noch von anderem geträumt, obschon sie
selbstverständlich eher Schlechtes als Gutes geahnt. Aglaja aber hatte
sich entschieden in einem einzigen Augenblick hinreißen lassen, und dann
-- dann war es für sie zu spät, ihrem entsetzlichen Rachebedürfnis zu
widerstehen. Nastassja Filippowna kam es sogar ganz seltsam vor, Aglaja
so zu sehen: sie sah sie an, als traue sie ihren Augen nicht, und im
ersten Augenblick konnte sie sich gar nicht zurechtfinden, sie wußte
nicht, was sie denken sollte. War sie nun eine Frau, die zu viel Romane
gelesen hatte, wie Jewgenij Pawlowitsch von ihr annahm, oder war sie nur
einfach wahnsinnig, wie es der Fürst glaubte -- jedenfalls war dieses
selbe Weib, das sich mitunter so zynisch und frech geben konnte, in
Wirklichkeit doch viel schamhafter, zärtlicher und vertrauensvoller, als
man es von ihr glauben mochte. Freilich hatte sie viel gelesen, es war
viel Verträumtes, Sinnendes, in sich selbst Zurückgezogenes und
Phantastisches in ihr, doch dafür war es stark und tief ... Das aber
begriff der Fürst und sein Gesicht verriet seine Qual. Als Aglaja ihn
ansah, las sie deutlich diese seine Empfindung und sie erzitterte vor
Haß.

»Wie wagen Sie es, so zu mir zu sprechen?« sagte sie mit
unbeschreiblichem Hochmut als Antwort auf Nastassja Filippownas Frage.

»Sie haben sich wohl verhört,« meinte Nastassja Filippowna verwundert.
»Wie habe ich denn zu Ihnen gesprochen?«

»Wenn Sie nicht -- _so eine_ sein wollten, weshalb verließen Sie dann
nicht einfach Ihren Verführer Tozkij ... ohne Theatervorstellungen?«
fragte plötzlich Aglaja ganz unvermittelt.

»Was wissen Sie von mir, daß Sie mich zu richten wagen?« fragte
Nastassja Filippowna zusammenzuckend und totenbleich.

»Ich weiß nur, daß Sie nicht hingegangen sind, um zu arbeiten, sondern
es vorgezogen haben, mit dem Millionär Rogoshin fortzufahren und einen
gefallenen Engel vorzustellen. Es wundert mich nicht, daß Tozkij sich
fast hat erschießen wollen, um sich von diesem gefallenen Engel zu
befreien!«

»Hören Sie auf!« sagte Nastassja Filippowna angeekelt, und es war, als
kämpfe sie einen Schmerz nieder: »Sie haben mich ebenso verstanden, wie
... Darja Alexejewnas Kammerzofe, die ihren Bräutigam in diesen Tagen
beim Friedensrichter verklagt hat. Und auch die würde mich besser
verstanden haben, als Sie ...«

»Wahrscheinlich ist sie ein ehrbares Mädchen, das von seiner Hände
Arbeit lebt. Weshalb verhalten Sie sich denn mit solcher Verachtung zur
Arbeit?«

»Nicht zur Arbeit verhalte ich mich mit Verachtung, sondern zu Ihnen,
wenn Sie von Arbeit reden.«

»Wenn Sie ehrbar sein wollten, warum wurden Sie dann nicht Wäscherin?«

Beide erhoben sich, Aglaja hochrot, die andere totenbleich, und sahen
sich gegenseitig unverwandt an.

»Aglaja, besinnen Sie sich! Das ist doch so ungerecht!« rief der Fürst
wie betäubt.

Rogoshin hatte aufgehört zu lächeln; er stand mit über der Brust
verschränkten Armen und zusammengepreßten Lippen und hörte nur zu.

»Da, sehen Sie sie,« begann Nastassja Filippowna plötzlich, zitternd vor
Empörung, »sehen Sie dieses kleine Fräulein! Ich habe sie für einen
Engel gehalten! Sie sind ohne Gouvernante zu mir gekommen, Aglaja
Iwanowna? ... Aber wollen Sie ... wollen Sie, ich werde Ihnen sogleich
ganz offen, ohne Beschönigungen sagen, warum Sie zu mir gekommen sind?
Weil Sie Angst bekommen haben, deshalb sind Sie gekommen.«

»Angst? Vor Ihnen?« rief Aglaja außer sich vor naiver, empörter
Verwunderung darüber, daß jene so zu ihr zu sprechen wagte.

»Natürlich vor mir! Gefürchtet haben Sie mich, wenn Sie sich
entschließen konnten, zu mir zu kommen. Wen man aber fürchtet, den
verachtet man nicht. Wenn ich denke, daß ich Sie geachtet habe, sogar
bis zu diesem Augenblick! Aber wissen Sie auch, weshalb Sie mich
fürchten und was für Sie der Hauptzweck Ihres Besuches war? Sie wollten
sich persönlich überzeugen, ob er mich mehr als Sie liebe, oder nicht,
denn Sie sind entsetzlich eifersüchtig ...«

»Er hat mir schon gesagt; daß er Sie haßt ...« brachte Aglaja kaum
hörbar hervor.

»Das kann gewiß so sein; es ist möglich, daß ich seiner nicht wert bin,
nur ... nur haben Sie gelogen, denke ich! Er kann mich nicht hassen, und
er kann das nicht so gesagt haben! Doch ich bin bereit, Ihnen zu
verzeihen ... im Hinblick auf Ihre Lage ... nur habe ich doch höher von
Ihnen gedacht; ich hielt Sie auch für klüger und sogar für edler, bei
Gott! ... Nun, so nehmen Sie denn Ihren Schatz ... da ist er, sehen Sie
doch, wie er Sie ansieht, er kann ja kaum zur Besinnung kommen! So
nehmen Sie ihn denn für sich, aber unter der einen Bedingung: gehen Sie
unverzüglich hinaus! Im Augenblick! ...«

Sie fiel in ihren Sessel zurück und brach in Tränen aus. Doch plötzlich
blitzte etwas Neues in ihren Augen auf: unverwandt und aufmerksam sah
sie Aglaja an und erhob sich wieder von ihrem Platz.

»Oder willst du, ich werde ihm sofort ... be--feh--len, hörst du? ihm
nur be--feh--len, und er wird dich sofort verlassen und bei mir bleiben,
ewig, und mich heiraten, du aber wirst allein nach Hause laufen? Willst
du, willst du?« schrie sie plötzlich laut wie eine Wahnsinnige,
vielleicht ohne es selbst zu glauben, daß sie solche Worte hatte
aussprechen können.

Aglaja war im ersten Schreck zur Tür gestürzt, doch plötzlich blieb sie
wie gebannt stehen und hörte weiter zu:

»Willst du, ich jage Rogoshin davon? Du dachtest wohl, ich hätte mich
mit Rogoshin nur zu deinem Vergnügen trauen lassen? Sieh, ich werde ihm
sofort in deiner Gegenwart befehlen: >Geh' fort, Rogoshin!< und dem
Fürsten sage ich: >Weißt du noch, was du mir versprochen hast?< Gott!
Wozu habe ich mich so vor ihnen erniedrigt? Warst du es nicht, Fürst,
der mir beteuerte, daß du mir überall hin folgen würdest, was auch mit
mir geschehen sollte, und daß du mich niemals verlassen würdest; daß du
mich liebst und du mir alles verzeihst und mich acht... acht... Ja, auch
das hast du gesagt! Und da bin ich, nur um dich zu befreien, von dir
weggelaufen, jetzt aber will ich nicht! Weshalb hat sie mich wie eine
Dirne behandelt? Frag' Rogoshin, ob ich eine Dirne bin, er wird es dir
sagen! Jetzt, nachdem sie mich beschimpft hat, und das noch dazu in
deiner Gegenwart, wirst auch du dich von mir abwenden und ihr den Arm
reichen, um sie von hier fortzuführen? So sei denn verflucht dafür, daß
ich an dich allein geglaubt habe. Geh' fort, Rogoshin, ich brauche dich
nicht!« schrie sie fast besinnungslos mit entstelltem Gesicht und
trockenen Lippen, während sie jedes Wort nur mit Mühe aus der keuchenden
Brust hervorstieß, offenbar, ohne selbst auch nur einen Augenblick an
ihre Worte zu glauben, doch gleichzeitig von dem verzehrenden Verlangen
beseelt, den Augenblick, wenn auch nur noch um eine Sekunde, zu
verlängern und sich selbst zu betrügen. Dieser Ausbruch ihrer
Leidenschaft war so stark, daß der Fürst bereits fürchtete, sie könnte
auf der Stelle sterben. »Da ist er, sieh!« schrie sie endlich Aglaja zu,
mit der Hand auf den Fürsten weisend. »Wenn er jetzt nicht sofort zu mir
kommt, nicht mich nimmt und dich verläßt, dann nimm ihn nur, ich trete
ihn dir ab, ich brauch' ihn nicht ...«

Sowohl sie wie Aglaja standen regungslos in starrer Erwartung und sahen
beide wie Irrsinnige den Fürsten an. Er aber begriff vielleicht gar
nicht die ganze Tragweite der Worte Nastassja Filippownas, begriff sie
sogar bestimmt nicht. Er sah nur dieses verzweifelte, wahnsinnige
Gesicht vor sich, das, wie er einmal zu Aglaja gesagt, sein Herz >auf
ewig durchbohrt< hatte. Er konnte den Schmerz nicht mehr aushalten und
wandte sich beschwörend und vorwurfsvoll an Aglaja, auf Nastassja
Filippowna weisend:

»Ist denn das möglich! Sie ist doch ... so maßlos unglücklich!«

Doch kaum hatte er das ausgesprochen, da verstummte er vor Aglajas
entsetzlichem Blick. Aus diesem Blick sprach ein solcher Schmerz und
gleichzeitig so unendlicher Haß, daß er mit einem Schrei die Hände erhob
und zu ihr stürzte, doch schon war es zu spät. Sie hatte sein Schwanken
nicht einen Augenblick ertragen, hatte nur »O, mein Gott!«
hervorgestoßen, mit den Händen das Gesicht bedeckt und war aus dem
Zimmer gestürzt. Rogoshin war ihr sogleich gefolgt und hatte den Riegel
der Eingangstür zurückgezogen.

Auch der Fürst eilte ihr nach, doch auf der Schwelle umklammerten ihn
plötzlich zwei Arme. Das entstellte, rasende Gesicht Nastassja
Filippownas sah ihn starr an und ihre bläulichen Lippen fragten, kaum
sich bewegend:

»Ihr nach? Ihr nach? ...«

Ohnmächtig fiel sie zu Boden. Er hob sie auf und trug sie zurück zu
ihrem Sessel und blieb in stumpfer Erwartung vor ihr stehen. Auf einem
kleinen Tisch stand ein Glas mit Wasser; Rogoshin, der aus dem Vorzimmer
zurückkam, ergriff es schnell und besprengte ihr Gesicht. Sie schlug die
Augen auf, doch schien ihr Blick noch nichts zu sehen; plötzlich bewegte
sich der Blick, sie sah sich um, zuckte zusammen und aufspringend
stürzte sie mit einem Schrei zum Fürsten.

»Mein! Mein!« rief sie. »Ist sie fort, das stolze Fräulein? Ha--ha--ha!«
lachte sie hysterisch auf. »Ha--ha--ha! Und ich trat ihn diesem
Fräuleinchen ab! Aber weshalb? Wozu? Ich Wahnsinnige! Ich Wahnsinnige!
... Geh fort, Rogoshin, hahaha!«

Rogoshin blickte sie beide eine Weile unverwandt an, sagte kein Wort,
nahm seinen Hut und ging. Eine Viertelstunde später saß der Fürst neben
Nastassja Filippowna, wandte keinen Blick von ihrem Gesicht und
streichelte, wie man ein kleines Kind streichelt, mit beiden Händen ihre
Wangen und ihr weiches Haar. Er lachte, wenn sie lachte, und war bereit,
zu weinen, wenn sie weinte. Er sprach nichts -- er lauschte nur
aufmerksam auf ihr wirres, begeistertes Stammeln, von dem er wohl kaum
etwas begriff, und sobald es ihm nur schien, daß sie sich wieder zu
quälen beginne, sich Vorwürfe machen oder weinen wollte, dann beeilte er
sich sogleich wieder, zärtlich mit seinen Händen ihren Kopf und ihre
Wangen zu streicheln, tröstend und beruhigend, ganz wie man ein kleines
Kind beruhigt.


                                  IX.

Es vergingen zwei Wochen nach dem im vorhergehenden Kapitel erzählten
Ereignis, und in dieser Zeit hatte sich im Leben der Personen unserer
Erzählung so vieles verändert, daß wir nicht ohne vorhergehende
Erklärungen in der Wiedergabe der folgenden Ereignisse fortfahren
können. Leider müssen sich diese Erklärungen nur auf diese Tatsachen
beschränken, und das aus einem sehr einfachen Grunde: weil wir in vielen
Fällen das Geschehene selbst kaum zu erklären verstünden. Das ist nun
zwar ein sehr sonderbares Geständnis, doch hoffen wir, daß der Leser aus
dem Folgenden selbst erraten wird, was es ist, das zu erklären wir nicht
auf uns zu nehmen vermögen.

Im Laufe dieser zwei Wochen war der Liebesroman unseres Helden und
namentlich seine letzte Wendung, von der man zuerst nur bei Lebedeffs,
Ptizyns, Darja Alexejewna und Jepantschins erfahren hatte, allmählich in
ganz Pawlowsk und sogar darüber hinaus bekannt geworden. Alle Welt
erzählte sich ein und dieselbe Geschichte, natürlich in tausend
Variationen, erzählte sich, daß ein gewisser Fürst, der in einem
bekannten, angesehenen Hause einen Skandal hervorgerufen und sich bei
der Gelegenheit mit einer der Töchter des Hauses, als deren Bräutigam er
bereits der Gesellschaft vorgestellt worden war, entlobt habe, um sich
darauf von einer bekannten Demimondaine so weit bestricken zu lassen,
daß er alle seine früheren Beziehungen abgebrochen und nun trotz aller
Drohungen und des allgemeinen Unwillens sich hier in Pawlowsk öffentlich
am »hellichten Tage«, erhobenen Hauptes und allen offen in die Augen
blickend, mit besagter Demimondaine wolle trauen lassen. Da nun ein
jeder der Erzähler das Gerücht noch nach Kräften ausschmückte und ihm
die phantastischsten und rätselhaftesten Farben verlieh, viele sogar
bekannte, hochangesehene Personen mit dem Vorfall in Verbindung
brachten, und andererseits unantastbare Tatsachen das Wesentliche
vollkommen bestätigten, war schließlich die allgemeine Neugier sehr
erklärlich und wohl auch verzeihlich. Die raffinierteste und
gleichzeitig glaubwürdigste Wiedergabe und Auslegung des Tatbestandes
erfuhr diese interessante »Affäre« von einzelnen jener »ernsten«
Klatschbasen männlichen Geschlechts, die man in jeder Gesellschaft
antreffen kann und die sich stets beeilen, ihren Mitmenschen das neueste
Ereignis verständlich zu machen -- eine Beschäftigung, die sie geradezu
als ihre Lebensaufgabe betrachten, die sie nach bestem Können erfüllen
und die ihnen gewöhnlich zu einer Art Trost im eigenen Unglück wird.
Nach ihrer Wiedergabe war der betreffende junge Mann ein Fürst alter
Abstammung, ziemlich reich, ziemlich dumm, doch dafür ein Demokrat, dem
der zeitgenössische Nihilismus zu Kopf gestiegen war und der sich,
obgleich er kaum Russisch zu sprechen verstand, im Hause des Generals
Jepantschin einzuführen gewußt und mit einer Tochter desselben verlobt
hätte. Ferner hieß es, daß der Fall des Fürsten ganz ähnlich dem eines
französischen Seminaristen sei, von dem in jüngster Zeit viel geredet
und geschrieben worden war -- der Betreffende hatte sich absichtlich zum
Priester salben lassen, hatte bei der Gelegenheit alle Vorschriften der
Zeremonie genau befolgt, den Schwur geleistet usw., um dann am nächsten
Tage seinem Bischof in einem offenen Schreiben mitzuteilen, daß er, da
er an Gott nicht glaube, nicht gegen sein Gewissen handeln und das Volk
betrügen wolle, um sich dafür von ihm ernähren zu lassen, und deshalb
seine tags zuvor empfangene Würde niederlege. Ähnlich diesem Atheisten,
wie gesagt, solle auch der Fürst gehandelt haben. Er habe nämlich,
meinte man, nur auf die feierliche Soiree bei den Eltern seiner Braut
gewartet, um dann, nachdem er mehreren hochangesehenen Würdenträgern
vorgestellt worden war, sich plötzlich zu erheben, seine
demokratisch-nihilistischen Anschauungen auseinanderzusetzen, hierauf
die ehrwürdigen Gäste zu beschimpfen und sich öffentlich in höchst
beleidigender Weise von seiner Braut loszusagen. Zu guter Letzt, als man
ihn von den Dienstboten hatte hinausbefördern lassen, sei er noch
tätlich geworden und habe beim Sichwidersetzen und im Handgemenge eine
kostbare chinesische Vase zerschlagen. Hinzugefügt wurde außerdem noch,
gewissermaßen als charakteristischer Ausdruck des Zeitgeistes, daß der
junge Mann seine Braut, die Tochter des Generals, wirklich geliebt und
sich einzig aus nihilistischer Überzeugung und um des Skandals willen
von ihr losgesagt habe, damit er sich dann vor der ganzen Welt das
Vergnügen leisten könne, statt ihrer ein gefallenes Frauenzimmer zu
heiraten und damit zu beweisen, daß es für ihn weder lasterhafte noch
tugendsame Frauen gebe, sondern einzig das Ideal einer freien Frau --
ja, in der Beziehung stehe eine gefallene Frau seiner Ansicht nach sogar
höher als eine nicht gefallene usw. usw.

Diese Erklärungen erschienen vielen sehr glaubwürdig, so namentlich den
in Pawlowsk wohnenden Villenbesitzern, da sie sie fast täglich durch
neue Tatsachen bestätigt fanden. Freilich blieben trotzdem noch sehr
viele Einzelheiten unaufgeklärt: so wußte man zum Beispiel zu erzählen,
daß das arme junge Mädchen ihren Bräutigam -- einige sagten »Verführer«
-- so leidenschaftlich geliebt habe, daß sie am nächsten Tage, nachdem
er sie verlassen, zu ihm gelaufen sei, und daß sie dann seine Geliebte
bei ihm angetroffen habe; andere wiederum beteuerten, er selbst habe sie
zu seiner Geliebten gelockt, und zwar »einzig aus Nihilismus« -- um sie
zu beleidigen. Doch wie dem auch sein mochte, jedenfalls wuchs das
Interesse der Sommerfrischler mit jedem Tage, um so mehr, als es bald
nicht dem geringsten Zweifel mehr unterlag, daß die skandalöse Hochzeit
wirklich zustande kommen würde.

Wenn man nun aber eine Erklärung verlangen wollte -- nicht was die
nihilistischen Nuancen des Ereignisses betrifft, o nein! -- sondern
einfach nur über diesen einen bedeutsamen und mehr persönlichen Punkt:
inwieweit denn die bevorstehende Hochzeit den wirklichen Wünschen des
Fürsten entsprach oder wie nun eigentlich die Stimmung unseres Helden in
dieser Zeit zu bezeichnen wäre, und vielleicht auch noch über manches
andere Wissenswerte der Art, dann würden wir kaum in der Lage sein,
etwas Bestimmtes zu antworten. Wir könnten nur bestätigen, daß die
Hochzeit auf den Anfang des Monats Juli festgesetzt war, und daß der
Fürst seinen Hauswirt Lebedeff, den ehemaligen Leutnant Keller und einen
Bekannten Lebedeffs, den ihm dieser als Autorität in solchen Dingen
vorgestellt, mit den Vorbereitungen zur Hochzeit betraut hatte -- mit
der Bemerkung, daß sie auf die Kosten nicht zu achten brauchten. Keller
wurde auf seine eigene glühende Bitte hin zum Hochzeitsmarschall
ernannt, desgleichen Burdowskij, den diese Ehre in helle Begeisterung
versetzte. Doch ganz abgesehen von diesen Tatsachen, will es uns
scheinen, daß der Fürst, nachdem er Lebedeff und die anderen mit den
Vorbereitungen betraut hatte, selbst schon nach ein paar Stunden wieder
vergaß, daß es so etwas wie Hochzeiten, Marschälle usw. überhaupt in der
Welt gab, und daß er, wenn er diese Anordnungen so schnell getroffen und
die unumgänglichen Scherereien auf andere abgewälzt hatte, dieses wohl
nur deshalb getan, um selbst nicht mehr daran denken zu müssen,
vielleicht sogar, um »das alles« so schnell als möglich und »ganz und
gar« vergessen zu können. Aber an was dachte er denn sonst, an was
_wollte_ er denken ... Andererseits steht es vollkommen fest, daß er zu
dieser Heirat durchaus nicht gezwungen worden war -- etwa von Nastassja
Filippowna --, daß zwar Nastassja Filippowna als erste von der Heirat zu
sprechen begonnen und die Hochzeit bald zu feiern gewünscht hatte, und
nicht etwa der Fürst: daß aber der Fürst freiwillig eingewilligt, ja es
sogar gewissermaßen zerstreut getan hatte, fast als hätte man ihn um
eine ziemlich gewöhnliche Sache gebeten. Und solcher Merkwürdigkeiten,
die die Sache anstatt zu erklären, nur noch rätselhafter erscheinen
ließen, gab es sogar eine ganze Menge. Führen wir nur ein Beispiel an.

Im Laufe dieser zwei Wochen verbrachte der Fürst ganze Tage bis in die
Nacht hinein bei Nastassja Filippowna: er ging mit ihr spazieren,
besuchte mit ihr die Konzerte, fuhr fast täglich mit ihr aus, und hatte
er sie nur eine Stunde lang nicht gesehen, so begann er schon, sich um
sie zu beunruhigen -- folglich mußte er sie doch wohl aufrichtig lieben!
Wenn sie sprach -- gleichviel was es war --, hörte er ihr mit einem
stillen, freundlichen Lächeln zu, oft sogar stundenlang, ohne dabei
selbst auch nur ein Wort zu sprechen. Andererseits aber wissen wir ganz
genau, daß er sich in diesen Tagen mehrmals ganz plötzlich zu
Jepantschins begab, was er vor Nastassja Filippowna auch durchaus nicht
verheimlichte und worüber sie jedesmal in Verzweiflung geriet. Bei
Jepantschins jedoch wurde er, solange sie noch in Pawlowsk blieben,
nicht empfangen, desgleichen verweigerte man ihm hartnäckig die
Erfüllung seines Wunsches, mit Aglaja Iwanowna sprechen zu dürfen. Er
entfernte sich dann jedesmal ohne ein Wort zu sagen, doch am folgenden
Tage erschien er wieder, als hätte er ganz vergessen, daß man ihn schon
abgewiesen hatte, und wurde natürlich wieder nicht empfangen. Wir wissen
ferner, daß etwa eine Stunde nachdem Aglaja Iwanowna von Nastassja
Filippowna fortgelaufen, vielleicht aber auch noch früher, der Fürst
plötzlich bei Jepantschins erschienen war, in der festen Überzeugung,
daß er Aglaja dort vorfinden würde. Doch hatte sein Erscheinen bei allen
Anwesenden nur Bestürzung und Angst hervorgerufen, denn erst von ihm
erfuhr man, daß Aglaja das Haus verlassen und mit ihm zu Nastassja
Filippowna gegangen war. Wie man heute hört, sollen Lisaweta
Prokofjewna, die Schwestern und Fürst Sch. über den Fürsten Lew
Nikolajewitsch ganz empört gewesen, ihre Gefühle keineswegs verschwiegen
und ihm die Freundschaft und Bekanntschaft ein für allemal gekündigt
haben. Da war aber plötzlich Warwara Ardalionowna erschienen, mit der
Nachricht, daß Aglaja Iwanowna bereits seit einer Stunde in ihrem Hause
sei, sich in einem beängstigenden Zustande befinde und nach Hause
offenbar nicht zurückkehren wolle. Diese letzte Mitteilung erschütterte
Lisaweta Prokofjewna am meisten, und sie entsprach auch vollkommen der
Wahrheit: als Aglaja aus dem Hause Darja Alexejewnas hinausgelaufen war,
hätte sie eher sterben mögen, als sich den Ihrigen zeigen, und da war
sie denn zu Nina Alexandrowna geeilt. Warwara Ardalionowna aber hatte es
sogleich für nötig befunden, Jepantschins davon zu benachrichtigen. Die
Mutter und die Schwestern brachen unverzüglich auf, um sich eilig zu
Ptizyns zu begeben, desgleichen der General, der gerade nach Hause
gekommen war. Doch da war das Unglaubliche geschehen: Fürst Lew
Nikolajewitsch war ihnen gefolgt und hatte sich gleichfalls zu Ptizyns
begeben, trotz der harten Worte, die er vorher zu hören bekommen hatte,
und des schroff ausgedrückten Verzichtes auf seine weitere
Bekanntschaft. Nur hatte Warwara Ardalionowna sogleich ihre Vorkehrungen
getroffen und so war er auch in ihrem Hause nicht bis zu Aglaja Iwanowna
gelangt. Als Aglaja die Mutter und die Schwestern in Tränen aufgelöst
erblickt hatte, ohne dabei auch nur den geringsten Vorwurf zu vernehmen,
war sie ihnen sogleich an den Hals geflogen und widerspruchslos nach
Hause zurückgekehrt. Übrigens hatte sich während Warwara Ardalionownas
Abwesenheit noch ein kleiner Zwischenfall zugetragen, der für Gawrila
Ardalionytsch neues Pech bedeutete: in dem Glauben, daß dieser
Augenblick seines Alleinseins mit Aglaja eine günstige Gelegenheit sei,
hatte er plötzlich von seiner Liebe zu ihr zu reden begonnen, und da
hatte Aglaja ungeachtet ihrer Verzweiflung und Tränen mit einem Mal zu
lachen angefangen und ohne ein Wort der Erklärung die seltsame Frage an
ihn gestellt, ob er zum Beweise seiner Liebe bereit wäre, hier sogleich
seinen Finger an einer Kerze zu verbrennen. Gawrila Ardalionytsch, hieß
es, sei von dieser Frage wie betäubt gewesen und habe ein so unendlich
verwundertes Gesicht gemacht, daß Aglaja in hysterisches Gelächter über
ihn ausgebrochen und die Treppe hinauf zu Nina Alexandrowna gelaufen
sei, wo die Eltern sie dann auch angetroffen hatten.

Von diesem Zwischenfall hatte der Fürst am nächsten Tage durch Hippolyt
erfahren, nur zu diesem Zweck hatte ihn der Kranke, der das Bett nicht
mehr verließ, zu sich rufen lassen. Wie oder durch wen er aber Hippolyt
bekannt geworden war, das wissen wir nicht. Doch erzählte man sich, daß
der Fürst, als Hippolyt von dem Licht und dem Finger erzählt hatte,
plötzlich in schallendes Gelächter ausgebrochen sei, so daß Hippolyt ihn
ganz sprachlos angesehen habe; und dann habe der Fürst plötzlich heftig
zu zittern angefangen und sei in Tränen ausgebrochen ... Überhaupt
befand sich der Fürst seit jenem Abend in einer unbestimmten, doch um so
quälenderen Unruhe, und den meisten fiel es auf, daß er seltsam verwirrt
war. Hippolyt behauptete sogar, daß er ihn einfach für irrsinnig halte,
doch war das natürlich übertrieben.

Indem wir nun alle diese Tatsachen anführen, eine Erklärung derselben
jedoch verweigern, wollen wir unseren Helden nicht etwa zu rechtfertigen
versuchen -- oh, durchaus nicht! Im Gegenteil, wir sind sogar bereit,
den Unwillen zu teilen, den er selbst bei seinen Freunden hervorgerufen
hatte. Sogar Wjera Lebedewa war eine Zeitlang ungehalten über ihn, sogar
Koljä und Keller waren es -- dieser allerdings nur bis zu seiner
Ernennung zum Hochzeitsmarschall --, von Lebedeff schon ganz zu
schweigen: der begann einfach gegen den Fürsten zu intrigieren, denn
sein Unwille war wirklich aufrichtig und im Herzen empfunden. Doch
darauf werden wir noch später zurückkommen. Jedenfalls müssen wir aber
einigen in ihrer Psychologie sogar sehr tiefen Worten Jewgenij
Pawlowitschs beipflichten, die dieser am sechsten oder siebenten Tage
nach dem Geschehnis in freundschaftlichem Gespräch ganz offen und ohne
alle Zeremonien dem Fürsten selbst sagte. Es sei hier noch bemerkt, daß
nicht nur die Familie Jepantschin, sondern auch alle, die mehr oder
weniger zu ihr in Beziehung standen, es für nötig hielten, den Fürsten
hinfort nicht mehr zu kennen. Fürst Sch. zum Beispiel wandte sich bei
einer Begegnung im Park von ihm ab und ließ seinen Gruß unerwidert. Nur
Jewgenij Pawlowitsch Radomskij fürchtete sich nicht, sich durch einen
Besuch beim Fürsten zu kompromittieren, ungeachtet dessen, daß er
Jepantschins wieder täglich besuchte und daselbst mit sichtlich
zunehmender Freundlichkeit empfangen wurde. Er kam am Tage nach der
Abreise Jepantschins aus Pawlowsk zum Fürsten und war natürlich schon
gut unterrichtet über alles, was man sich in Pawlowsk erzählte --
vielleicht hatte er sogar selbst manches verlauten lassen. Der Fürst
freute sich unbeschreiblich über seinen Besuch und begann sogleich von
Jepantschins zu sprechen. Diese Treuherzigkeit und offene Sprache
ermöglichte es auch Jewgenij Pawlowitsch, ohne Umschweife und
rückhaltlos mit der Hauptsache zu beginnen.

Der Fürst wußte es noch nicht, daß Jepantschins Pawlowsk verlassen
hatten; als er es erfuhr, war er so bestürzt, daß er erbleichte. Doch
schon nach einer kleinen Weile schüttelte er den Kopf wie in wirrem
Nachdenken und gestand, daß es »so hätte kommen müssen«. Dann erkundigte
er sich hastig, wohin sie denn gefahren seien?

Jewgenij Pawlowitsch beobachtete ihn inzwischen aufmerksam: diese
schnellen Fragen und ihre kindliche Geradheit, sowie die Verwirrung und
gleichzeitig Offenherzigkeit, die Unruhe und das angespannte, grübelnde
Denken des Fürsten -- alles das wunderte ihn nicht wenig. Seine Fragen
beantwortete er liebenswürdig und ausführlich und der Fürst hörte ihm
begierig zu, denn Jewgenij Pawlowitsch war der erste, der ihm von
Jepantschins berichten konnte. So erfuhr er denn, daß Aglaja Iwanowna in
der Tat krank gewesen war, ganze drei Nächte nicht geschlafen und heftig
gefiebert hatte. Zwar gehe es ihr jetzt besser, erzählte Jewgenij
Pawlowitsch, doch befinde sie sich immer noch in einem sehr nervösen,
hysterischen Zustande ... »Zum Glück herrscht im ganzen Hause
vollkommener Friede! Von dem Vorgefallenen sprechen sie nicht einmal
unter sich, geschweige denn in Aglajas Gegenwart. Die Eltern haben sich
besprochen und die Reise ins Ausland ist auf den Herbst festgesetzt,
sogleich nach Adelaidas Hochzeit. Aglaja hat schweigend die ersten
Gespräche darüber angehört.« Er, Jewgenij Pawlowitsch, werde vielleicht
gleichfalls ins Ausland reisen. Auch Fürst Sch. wolle, falls es ihm
seine Zeit erlaube, auf etwa zwei Monate die anderen mit Adelaida
begleiten. Der General würde natürlich in Petersburg bleiben.
Augenblicklich befänden sie sich auf ihrem Gut Kolmino, das etwa zwanzig
Werst von Petersburg gelegen war und ein geräumiges Herrenhaus hatte.
Die Fürstin Bjelokonskaja sei noch nicht nach Moskau zurückgekehrt; wie
es scheine, bliebe sie absichtlich, um zu sehen, wie »das Ganze«
ablaufen würde. Lisaweta Prokofjewna war die erste gewesen, die auf der
Übersiedelung nach Kolmino bestanden hatte; ein weiterer Aufenthalt in
Pawlowsk wäre nach dem Vorgefallenen unmöglich gewesen; auch ihre
Datsche auf der Jelagin-Insel sei nicht einsam genug gelegen.

»Nun, und Sie müssen doch selbst zugeben,« meinte Jewgenij Pawlowitsch,
»war es für sie denn noch möglich, zu bleiben? ... besonders da man
genau wußte, was hier bei Ihnen in Ihrem Hause geschah? ... und nachdem
Sie täglich ungeachtet aller Absagen hinkamen? ...«

»Ja, Sie haben recht ... ich wollte nur Aglaja Iwanowna sehen,« sagte
der Fürst, wieder mit dem Kopf nickend.

»Ach, lieber Fürst,« rief Jewgenij Pawlowitsch vorwurfsvoll und
aufrichtig betrübt, »wie konnten Sie damals nur zulassen ... daß es
geschah? Gewiß, ich weiß ja, es kam für Sie so unerwartet ... Ich
verstehe, daß Sie sich ganz verlieren mußten und ... Sie konnten dieses
sinnlose Mädchen natürlich nicht aufhalten, das wäre von Ihnen zu viel
verlangt gewesen. Aber Sie hätten doch wenigstens begreifen müssen, wie
ernst und stark dieses Mädchen -- Sie ... sich zu Ihnen verhielt: sie
wollte sich nicht mit einer anderen in Ihre Liebe teilen und Sie ... Sie
konnten einen so kostbaren Schatz verlassen, konnten es zulassen, daß er
in Trümmer ging!«

»Ja, ja, Sie haben recht! Ja, es war meine Schuld,« sagte der Fürst
niedergedrückt, »doch wissen Sie: nur sie allein, nur Aglaja sah mit
solchen Augen auf Nastassja Filippowna ... Außer ihr sah niemand so auf
sie.«

»Das ist aber doch gerade das Empörende an all dem, daß hier wirklich
nichts Ernstes vorlag!« rief Jewgenij Pawlowitsch, der sich von seinem
Unwillen entschieden hinreißen ließ. »Verzeihen Sie, Fürst, aber ... ich
... habe darüber nachgedacht, Fürst, und lange nachgedacht. Ich weiß
alles, was damals vor einem halben Jahre gewesen ist, alles, alles, und
-- alles das war nichts Ernstes! Es war nichts als eine gedankliche
Ekstase, ein Bild, eine Phantasie, war Rausch, wenn Sie wollen, und nur
die erschrockene, angstvolle Eifersucht eines vollkommen unerfahrenen
Mädchens konnte es für etwas Ernsthaftes halten!«

Jewgenij Pawlowitsch tat seinem Unwillen keinen Zwang mehr an und
drückte seine Gedanken offen und mit ganzer Schonungslosigkeit aus.
Verständig und klar und sogar mit auffallendem psychologischem
Scharfblick erklärte er dem Fürsten dessen Beziehungen zu Nastassja
Filippowna, so wie er sie auffaßte. Jewgenij Pawlowitsch hatte sich von
jeher der Gabe des Wortes erfreut, und wenn er Reden hielt, konnte er
mitunter sogar überzeugend reden.

»Es begann bei Ihnen mit einer Lüge, und was mit einer Lüge beginnt, das
muß auch mit einer Lüge enden: das ist ein Naturgesetz. Wenn man Sie --
verzeihen Sie, Fürst -- einen Idioten nennt, so kann ich diesen ...
Leuten -- gleichviel wer es tut -- nicht beistimmen ... ich ärgere mich
vielmehr aufrichtig darüber. Sie sind viel zu klug für diese
Bezeichnung; aber Sie sind doch so weit ... sagen wir, absonderlich, daß
Sie von den anderen Menschen abstechen -- das werden Sie mir doch selbst
zugeben? Ich finde, daß gewissermaßen das Fundament zu all diesen
weiteren Erlebnissen sich aus folgendem zusammengesetzt hat: erstens aus
Ihrer angeborenen Unerfahrenheit -- merken Sie sich das Wort
>angeboren<, Fürst --, zweitens aus Ihrer ungewöhnlichen Güte, ferner
aus dem phänomenalen Mangel an Maßgefühl, was Sie ja auch selbst einmal
von sich gesagt haben, und schließlich aus der unendlichen Menge
theoretischer Überzeugungen, die Sie in Ihrer ganzen unglaublichen
Ehrlichkeit immer noch für wahre, natürliche und unmittelbare
Überzeugungen halten. Sie müssen doch zugeben, Fürst, daß in Ihre
Beziehungen zu Nastassja Filippowna von Anfang an etwas, sagen wir der
Kürze halber -- _bedingt Demokratisches_ sich hineingemischt hat, oder
sagen wir, es war der Zauber der >Frauenfrage<, um es noch kürzer
auszudrücken. Ich bin über jene Skandalszene, die sich bei Nastassja
Filippowna damals, vor einem halben Jahre, zugetragen hat, als Rogoshin
ihr das Geld brachte, gut unterrichtet. Wenn Sie wollen, werde ich Ihnen
Ihre Stimmung und Ihr Verhalten an jenem Abend ganz genau erklären. Sie
waren als Jüngling in die Schweiz gekommen -- Sie sind ja auch jetzt
noch ein Jüngling -- und da begannen Sie sich nach der Heimat
zurückzusehnen, nach dem Ihnen fast unbekannten, doch um so
schwärmerischer von Ihnen geliebten Vaterlande. Sie lasen dort viele
Bücher über Rußland, Bücher, die sonst ganz vorzüglich sein mögen, für
Sie aber sicherlich schädlich waren. Und so kamen Sie denn in die Heimat
im ersten Rausch des Betätigungsdranges, Sie lechzten förmlich nach
Betätigung! Und da -- an demselben Tage, an dem Sie hier eintrafen,
erzählte man Ihnen die traurige, empörende Lebensgeschichte eines
beleidigten Weibes -- Ihnen, dem Ritter, dem jungfräulichen Ritter --
eines Weibes! Und noch am Abend dieses ersten Tages sahen Sie dieses
Weib: Sie waren bezaubert von ihrer Erscheinung, ihrer phantastischen,
dämonischen Schönheit -- ich gebe es ja zu, daß sie eine Schönheit ist.
Nehmen Sie jetzt noch dazu Ihre Krankheit, Ihre Nerven, unser
Petersburger, auf die Nerven wirkendes Tauwetter; denken Sie an diesen
ganzen ersten Tag in der Ihnen unbekannten, fast phantastischen Stadt,
den Tag der neuen Bekanntschaften, der unerwarteten Szenen und der
unerwarteten Wirklichkeit, den Tag, an dem Sie Jepantschins, deren drei
schöne Töchter, und darunter eine Aglaja, kennen lernten; fügen Sie
jetzt noch Ihre Müdigkeit, Ihr Kopfweh nach der Eisenbahnfahrt hinzu,
dann Nastassja Filippownas Salon und den Ton in diesem Salon ... was
konnten Sie nach alledem noch von sich erwarten, was meinen Sie?«

»Ja, ja; ja, ja,« der Fürst nickte wieder mit dem Kopf, und er begann zu
erröten, »fast war es ja auch so; und wissen Sie, ich hatte die Nacht
vorher im Waggon wirklich nicht geschlafen, und ich war sehr abgespannt
...«

»Aber das ist es ja, worauf ich meine Behauptung aufgebaut habe!« fuhr
Jewgenij Pawlowitsch eifrig fort. »Es liegt doch auf der Hand, daß Sie
im Rausch der Begeisterung die erste Gelegenheit ergriffen, mit
Begeisterung ergriffen, um öffentlich Ihre großmütige Auffassung zu
bezeugen, daß Sie, ein Fürst aus altem Geschlecht und ein reiner Mensch,
dieses Weib, das nicht durch eigene Schuld gefallen, sondern das ein
widerlicher Roué geschändet hatte, nicht für ehrlos hielten. O Gott,
aber das ist doch so verständlich! Doch nicht darum handelt es sich
jetzt, lieber Fürst, sondern es handelt sich um eine ganz andere Frage,
und die ist: lag Ihrem Gefühl Wahrheit zugrunde, war es Natur, oder war
es nichts als gedankliche Begeisterung, Berauschung? Im Tempel ward
einst jenem Weibe verziehen, aber ihr Tun ward doch nicht gutgeheißen,
es ward ihr doch nicht gesagt, daß sie aller Ehren und Achtung wert sei,
was meinen Sie? Hat Ihnen denn nicht Ihr eigener gesunder Verstand nach
drei Monaten gesagt, um was es sich hier handelte? Mag sie jetzt auch
unschuldig sein -- ich will da weiter nicht richten --, aber können denn
alle ihre Abenteuer einen so unerträglichen, teuflischen Stolz, einen so
unverhohlenen, gierigen Egoismus rechtfertigen? Verzeihen Sie, Fürst,
ich lasse mich hinreißen, aber ...«

»Ja, das kann ja alles so sein, vielleicht haben Sie auch recht ...«
murmelte der Fürst. »Sie ist wirklich sehr nervös und reizbar und Sie
haben recht, natürlich, aber ...«

»Aber sie hat Mitleid verdient? Ist es nicht das, was Sie sagen wollen?
Doch wie durften Sie dann um dieses Mitleids willen, was Sie mit
_dieser_ empfanden, einem anderen, reinen, hochstehenden Mädchen diese
Schmach antun, und das noch vor den Augen der ihr so Verhaßten -- jener
Hochmütigen? Auch das Mitleid muß doch eine Grenze haben! Das ist doch
eine unglaubliche Übertreibung! Und wie ist es denn möglich, daß man ein
Mädchen, welches man liebt, vor ihrer Rivalin so erniedrigen kann, daß
man sie um der anderen willen verläßt, und das noch vor den Augen dieser
anderen, nachdem man sie in Ehren um ihre Hand gebeten hat ... Und Sie
haben doch in Gegenwart ihrer Eltern und Schwestern um sie angehalten!
Sind Sie nun Ihrer Meinung nach noch ein Ehrenmann, Fürst, erlauben Sie,
daß ich Sie danach frage? Und ... und haben Sie dann dieses herrliche
Mädchen nicht betrogen, indem Sie es Ihrer Liebe versicherten?«

»Ja, ja, Sie haben recht, ach, ich fühle es, daß ich an allem schuld
bin!« sagte der Fürst in unsäglichem Schmerz.

»Aber was hilft das jetzt!« rief Jewgenij Pawlowitsch unwillig. »Genügt
denn das, nur auszurufen: >Ach, ich bin an allem schuld!christliches< Herz? Sie sahen doch ihr Gesicht in dem Augenblick: wie,
litt sie etwa weniger als _jene_, jene andere? Wie konnten Sie es denn
sehen und doch zulassen? Wie?«

»Ja, aber ... ich ließ es ja auch gar nicht zu,« murmelte der Fürst.

»Wie das, wieso ließen Sie es nicht zu?«

»Ich, bei Gott, ich habe nichts zugelassen. Ich begreife bis jetzt noch
nicht, wie das alles gekommen ist ... ich ... ich eilte damals Aglaja
Iwanowna nach, aber da fiel Nastassja Filippowna in Ohnmacht. Und dann
hat man mich bis jetzt noch nicht zu Aglaja Iwanowna gelassen.«

»Gleichviel! Sie hätten Aglaja nacheilen sollen, und wenn die andere
auch hundertmal in Ohnmacht fiel!«

»Ja ... ja, ich hätte ... aber sie wäre dann doch gestorben! Sie hätte
sich umgebracht, Sie kennen sie nicht, und ... ich hätte ja doch später
Aglaja Iwanowna sowieso alles erklärt und ... sehen Sie, Jewgenij
Pawlowitsch, ich sehe, daß Sie, wie es scheint, doch nicht alles wissen.
Sagen Sie, weshalb läßt man mich nicht zu Aglaja Iwanowna? Ich würde ihr
alles erklären. Sehen Sie: beide sprachen sie damals von etwas anderem,
nicht davon, sondern von etwas ganz anderem, ganz anderem. Deshalb kam
es auch dazu ... Ich kann Ihnen das wirklich nicht erklären ... aber
ich, vielleicht könnte ich es ihr erklären, Aglaja ... O, mein Gott,
mein Gott! Sie sprechen von ihrem Gesicht in jenem Augenblick als sie
hinauslief ... o, mein Gott, ich entsinne mich noch so genau! ... Gehen
wir, gehen wir!« rief er plötzlich, Jewgenij Pawlowitsch am Ärmel
ziehend, nachdem er aufgesprungen war.

»Wohin?«

»Gehen wir zu Aglaja Iwanowna, sofort, kommen Sie doch! ...«

»Aber sie ist ja gar nicht mehr in Pawlowsk, das habe ich Ihnen doch
schon gesagt. Und was wollen Sie dort?«

»Sie wird es verstehen, sie wird es verstehen!« beteuerte der Fürst
flehend, und wie beschwörend faltete er die Hände. »Sie wird es
verstehen, daß alles das nicht _das_ ist, sondern etwas ganz, ganz
anderes!«

»Inwiefern etwas ganz anderes? Sie werden doch heiraten? Folglich
bleiben Sie dabei. Werden Sie heiraten oder werden Sie nicht heiraten?«

»Nun, ja ... ich werde; ja ich werde heiraten!«

»Also wie soll es dann nicht _das_ sein?«

»O, nein, es ist nicht das, es ist nicht das! Das, das ist ganz
gleichgültig, daß ich heirate, das hat doch nichts zu sagen!«

»Wie das: nichts zu sagen? Es ist doch kein Kinderspiel! Sie heiraten
das geliebte Weib, um es glücklich zu machen, und Aglaja Iwanowna sieht
das und weiß das -- wie können Sie also sagen, daß es nichts zu sagen
habe?«

»Glücklich zu machen? O nein! Ich heirate sie einfach; sie will es; und
was ist denn dabei, daß ich heirate? Ich ... Nun, ja ... das ist doch
ganz gleichgültig! Nur wäre sie bestimmt gestorben. Ich sehe jetzt ein,
daß ihre Heirat mit Rogoshin einfach Wahnsinn gewesen wäre! Ich habe
jetzt alles begriffen, was ich früher nicht zu begreifen vermochte, und
sehen Sie: als sie sich damals beide gegenüberstanden, da konnte ich
Nastassja Filippownas Gesicht nicht ertragen ... Sie erklärten vorhin
ganz richtig jenen Abend vor einem halben Jahr bei Nastassja Filippowna;
nur war da noch etwas, das Sie ausgelassen haben, weil Sie es nicht
wissen: ich sah in _ihr Gesicht_! Schon am Morgen, bei Jepantschins,
konnte ich es nicht ertragen. Die Wjera ... Wjera Lebedewa, die hat ganz
andere Augen ... Ich ... ich fürchte ihr Gesicht!« fügte er mit
unheimlichem Grauen hinzu.

»Sie fürchten? ...«

»Ja; sie ist wahnsinnig!« flüsterte der Fürst erbleichend.

»Wissen Sie das genau?« fragte Jewgenij Pawlowitsch mit ungeheurem
Interesse.

»Ja, ganz genau, jetzt weiß ich es, gerade jetzt, in diesen Tagen habe
ich es mit völliger Sicherheit feststellen können!«

»Was wollen Sie dann mit sich beginnen?« rief Jewgenij Pawlowitsch
erschrocken. »Dann heiraten Sie sie also nur aus Angst? Da werde einer
daraus klug! ... Vielleicht sogar, ohne sie zu lieben?«

»O nein, ich liebe sie mit ganzer Seele! Sie ist doch ... ein Kind!
Jetzt ist sie ja ein vollständiges Kind! Oh, Sie wissen ja noch nichts!«

»Und zu gleicher Zeit haben Sie Aglaja Iwanowna Ihrer Liebe versichert?«

»O ja, ja!«

»Aber hören Sie, Fürst, um Gotteswillen, was reden Sie, besinnen Sie
sich!«

»Ich kann ohne Aglaja ... ich muß sie unbedingt sehen, ich muß sie
sprechen! Ich ... ich werde bald sterben ... im Schlaf, ich glaubte
schon, daß ich in dieser Nacht im Schlaf sterben würde. Oh, wenn Aglaja
wüßte, wenn sie alles wüßte ... aber unbedingt alles! Denn hier muß man
unbedingt alles wissen, das ist die erste Bedingung! Weshalb können wir
nie _alles_ vom anderen erfahren, wenn es doch so nötig ist -- und wenn
noch der andere schuld ist! Ich ... übrigens weiß ich selbst nicht, was
ich rede, ich bin ganz wirr ... Sie haben mich so erschüttert ... Sollte
sie jetzt wirklich noch solch ein Gesicht haben, wie damals, als sie
hinauslief? O ja, ich bin schuld! Am wahrscheinlichsten ist, daß ich
allein an allem schuld bin. Ich weiß zwar noch nicht genau, worin meine
Schuld besteht ... Hier ist etwas, das ich Ihnen nicht erklären kann,
Jewgenij Pawlowitsch, ich habe keine Worte und verstehe nicht zu
sprechen, aber ... Aglaja Iwanowna wird alles verstehen! Oh, ich habe
immer daran geglaubt, daß sie alles verstehen wird!«

»Nein, Fürst, sie wird Sie nicht verstehen. Aglaja Iwanowna liebte Sie,
wie ein Weib, wie ein Mensch liebt, und nicht wie ein ... abstrakter
Geist. Wissen Sie was, mein armer Fürst: am wahrscheinlichsten ist, daß
Sie weder die eine noch die andere jemals geliebt haben.«

»Ich weiß nicht ... vielleicht ... vielleicht haben Sie in vielem recht,
Jewgenij Pawlowitsch. Sie sind ein sehr kluger Mensch, Jewgenij
Pawlowitsch. Oh, mein Kopf fängt wieder an zu schmerzen! Gehen wir zu
ihr! Um Gotteswillen, um Gotteswillen!«

»Aber ich habe Ihnen doch gesagt, daß sie nicht in Pawlowsk ist, sie ist
in Kolmino!«

»Fahren wir dann nach Kolmino, fahren wir sofort!«

»Das ist un--möglich!« sagte Jewgenij Pawlowitsch langsam, und er erhob
sich von seinem Platz.

»Hören Sie, ich werde ihr einen Brief schreiben, bringen Sie ihn hin!«

»Nein, Fürst, nein! Verschonen Sie mich mit solchen Aufträgen, ich kann
nicht!«

Sie schieden: Jewgenij Pawlowitsch verließ ihn mit einer festen
Überzeugung: seiner Ansicht nach war der Fürst nicht bei vollem
Verstande.

»Und was hat dieses _Gesicht_ zu bedeuten, das er so fürchtet und
gleichzeitig so liebt?« fragte er sich verwundert. »Und dabei wird er
vielleicht doch noch sterben ohne Aglaja, so daß sie vielleicht nie
erfahren wird, wie sehr er sie liebt! Haha! Und wie kann er nur zwei auf
einmal lieben? Mit irgendwelchen zwei verschiedenen Arten von Liebe
etwa? Das ist interessant ... Armer Idiot! Was aus ihm jetzt wohl noch
werden wird?«


                                   X.

Indessen starb der Fürst weder im Traum noch in der Wirklichkeit. Es ist
möglich, daß er in dieser Zeit schlecht schlief und schlechte Träume
hatte. Doch am Tage und unter Menschen war er immer freundlich und
schien sogar zufrieden zu sein. Nur bisweilen war er ganz in Gedanken
versunken, doch geschah das gewöhnlich nur dann, wenn er allein in
seinem Zimmer saß. Die Vorbereitungen zur Hochzeit, die etwa eine Woche
nach dem Besuch Jewgenij Pawlowitschs stattfinden sollte, wurden eifrig
und eilig betrieben. Angesichts dieser Eile aber mußten wohl selbst die
besten Freunde des Fürsten, falls es solche überhaupt noch gab, ihre
Bemühungen, den unglücklichen Sonderling zu »retten«, aufgeben. Es ging
das Gerücht, daß Jewgenij Pawlowitsch zum Teil auch vom General Iwan
Fedorowitsch und dessen Gattin Lisaweta Prokofjewna zu diesem Besuch
beim Fürsten veranlaßt worden war. Aber selbst wenn diese beiden in
ihrer großen Herzensgüte den »armen Jungen« von jenem Abgrunde hätten
zurückhalten wollen, in den er sich hinabzustürzen im Begriff war, so
mußten sie sich doch mit diesem einen schwachen Versuch begnügen: die
Rücksicht auf ihre Stellung würde ihnen schwerlich ernstliche Bemühungen
erlaubt haben, auch wenn ihr verwundetes Elternherz die Kränkung ganz
hätte vergessen können, was wohl ausgeschlossen war. Wie bereits
erwähnt, hatte sich sogar Wjera Lebedewa von dem Fürsten abgewandt, wenn
auch nicht so sehr aus Ärger, als aus Kummer über ihn, was sich freilich
nur darin ausdrückte, daß sie, wenn sie allein war, still über ihn
weinte und seltener in seiner Wohnung erschien. Koljä verlor in dieser
Zeit seinen Vater: der alte General starb an einem zweiten Schlaganfall,
acht Tage nach dem ersten. Der Fürst nahm großen Anteil an dem Leide,
das Nina Alexandrowna betroffen hatte. In den ersten Tagen verbrachte er
mehrere Stunden bei ihr und wohnte sowohl dem Begräbnis wie der
Totenmesse bei. Es fiel allgemein auf, daß das Publikum in der Kirche
beim Eintritt des Fürsten unwillig flüsterte, und ebenso, als er die
Kirche verließ. Dasselbe geschah jetzt auch auf der Straße, im Park, und
wo er sich nur zeigte: wenn er vorüberging oder -fuhr, steckte man
sofort die Köpfe zusammen, um zu tuscheln und mit dem Finger nach ihm zu
weisen. Man nannte dann seinen Namen, sowie den Nastassja Filippownas.
In der Kirche suchte man sie übrigens in seiner Nähe, doch war sie nicht
erschienen. Desgleichen schaute man vergeblich nach der Kapitanscha aus,
der Freundin des Verstorbenen, doch Lebedeff hatte sie noch rechtzeitig
zurückdrängen und ihr einen »anderen Standpunkt« klarmachen können. Die
Totenmesse machte auf den Fürsten einen ergreifenden, aber krankhaften
Eindruck. Auf Lebedeffs leise geflüsterte Frage antwortete er ebenso
leise, daß er zum erstenmal einer russischen Totenmesse beiwohne; in der
Kindheit sei er wohl einmal bei der Feier zugegen gewesen, und zwar in
einer Dorfkirche, doch entsinne er sich ihrer kaum noch.

»Ja, das ist schon so ... und wenn man bedenkt, daß das da im Sarge
derselbe Mensch ist, den wir noch vor kurzem unter uns gehabt haben --
wissen Sie noch, damals an Ihrem Geburtstage?« flüsterte Lebedeff dem
Fürsten weiter zu. »Doch -- wen suchen Sie?«

»N--ein, nichts, es schien mir nur so ...«

»Rogoshin vielleicht?«

»Ist er hier?«

»Jawohl, in der Kirche.«

»Deshalb ... es war mir, als hätte ich seine Augen gesehen,« murmelte
der Fürst verwirrt. »Aber wie ... wie kommt er hierher? Hat man ihn
eingeladen?«

»Nicht gedacht daran! Er ist doch kein Bekannter der Familie. Hier sind
aber alle möglichen Leute, eben Publikum. Weshalb wundert Sie das? Ich
begegne ihm jetzt sehr oft: in der letzten Woche habe ich ihn etwa
viermal hier in Pawlowsk gesehen.«

»Ich habe ihn noch kein einziges Mal gesehen ... seit jenem Tage,«
murmelte der Fürst.

Auch Nastassja Filippowna hatte ihm noch kein einziges Mal gesagt, daß
sie Rogoshin nach »jenem Tage« gesehen hätte. Der Fürst schloß daraus,
daß Rogoshin sich ihnen absichtlich nicht zeigen wollte. Von dem Tag und
Augenblick an, da er Rogoshin gesehen, war der Fürst in Gedanken
versunken. Nastassja Filippowna war dagegen von diesem Tage und Abend an
ausnehmend lustig. --

Koljä, der sich mit dem Fürsten schon vor dem Tode seines Vaters wieder
ausgesöhnt hatte, war es gewesen, der diesem -- zumal die Sache so eilig
war -- Keller und Burdowskij als Trauzeugen vorgeschlagen hatte. Er
bürgte für Keller, daß dieser sich »anständig aufführen« würde:
eventuell »käme er sogar zustatten«. Burdowskij aber sei ein stiller,
bescheidener Mensch, der seine Aufgabe auch gut erledigen würde. Nina
Alexandrowna und Lebedeff machten zwar den Fürsten darauf aufmerksam --
da nun die Hochzeit einmal beschlossen und auch der Tag bereits
festgesetzt war --, daß es schließlich nicht notwendig sei, sich gerade
in Pawlowsk und noch mitten im Sommer und so öffentlich trauen zu
lassen. Und sie warfen die Frage auf, ob da nicht Petersburg vorzuziehen
sei -- und vielleicht sogar eine Trauung im Hause? Der Fürst erriet
natürlich ihre Befürchtungen, antwortete jedoch nur kurz und einfach,
daß es der ausdrückliche Wunsch Nastassja Filippownas sei, in Pawlowsk
und öffentlich getraut zu werden.

Am Tage darauf erschien Keller beim Fürsten. Er war bereits davon
benachrichtigt, daß der Fürst ihn zum Trauzeugen gewählt hatte. Bevor er
jedoch eintrat, blieb er stramm auf der Türschwelle stehen. Als er dann
den Fürsten erblickte, erhob er die rechte Hand, drei Finger aufrecht,
wie zum Schwur, und sagte, als leiste er einen Eid:

»Keinen Tropfen!«

Darauf trat er militärisch auf den Fürsten zu, drückte und schüttelte
ihm kraftvoll beide Hände und erklärte, daß er zuerst, als er von dieser
Heirat erfahren, ihr natürlich feindlich gegenübergestanden, was er auch
beim Billardspiel offen erklärt habe, beides aber aus keinem anderen
Grund als dem einen, daß er als aufrichtiger Freund den Fürsten täglich
mit keiner anderen verlobt zu sehen gewünscht habe, als mit einer
Prinzessin; jetzt aber sehe er ein, daß der Fürst zum allermindesten
zwölfmal edler denke, als er und die übrigen »allesamt«! Denn er, der
Fürst, bedürfe nicht des Glanzes und Reichtums und nicht einmal der
Ehren, sondern einzig -- der Wahrheit! Die Gründe der Sympathien
Hochgestellter seien nur zu bekannt, der Fürst aber stehe allein schon
infolge seiner Bildung höher als alle Hochgestellten, im allgemeinen
gesprochen. »Doch der Pöbel urteilt anders!« fuhr er fort. In ganz
Pawlowsk sei von nichts anderem die Rede, als von dieser bevorstehenden
Hochzeit. Ja, man wolle sogar in der ersten Nacht eine Katzenmusik unter
seinen Fenstern machen usw. usw. Und wenn der Fürst der Pistole eines
Verteidigers bedürfe, so sei er, Keller, sofort bereit, ein halbes
Dutzend Kugeln in die Menge zu feuern, oder ebenso vielen seine Brust zu
bieten. Ferner habe er Lebedeff den Rat erteilt, auf dem Hofe seiner
Datsche eine Feuerspritze in Bereitschaft zu halten, um bei der Rückkehr
aus der Kirche die Volksmenge in Respekt zu halten, doch Lebedeff habe
sich dem widersetzt. »Gott soll mich davor bewahren,« habe er gesagt,
»dann bliebe von meinem ganzen Hause kein Splitter mehr übrig.«

»Aber dieser Lebedeff intrigiert gegen Sie, bei Gott, Fürst!« beteuerte
Keller. »Er will Sie unter Vormundschaft stellen -- können Sie sich das
vorstellen? -- und nicht nur Sie allein, sondern auch Ihren freien
Willen und Ihr Geld -- also Sie mitsamt den zwei wichtigsten Dingen, die
einen jeden von uns von den Vierfüßlern unterscheiden! Ich weiß es ganz
genau! Wahrhaftig! Es ist so!«

Der Fürst entsann sich, auch selbst schon etwas Ähnliches gehört zu
haben, doch hatte er es natürlich nicht weiter beachtet. Auch über
Kellers Mitteilung lachte er nur und vergaß sie sogleich wieder.
Lebedeff hatte sich eine Zeitlang tatsächlich mit diesem Gedanken
getragen. Die Pläne dieses Menschen entstanden immer irgendwie auf
höhere Eingebung -- »aus reinster Begeisterung«, wie er selbst
behauptete --, doch sein Übereifer verkomplizierte sie sogleich, worauf
sie sich dann immer mehr verzweigten und von dem Ausgangspunkt in alle
nur möglichen Richtungen sich entfernten. Deshalb gelang ihm auch selten
etwas Größeres im Leben. Als er dann später, am Tage vor der Hochzeit,
zum Fürsten kam -- er hatte die Angewohnheit, stets zu denjenigen
gleichsam zur Beichte zu gehen, gegen die er intrigiert hatte,
namentlich wenn ihm die Intrige mißlungen war --, erklärte er ihm, daß
er zweifellos zu einem Talleyrand geboren sei, selbst sich aber nicht zu
erklären vermöge, warum er bloß ein Lebedeff geblieben sei. Darauf
deckte er ihm seine ganze Intrige auf, die den Fürsten natürlich sehr
interessierte. Nach seinen Worten hatte er damit begonnen, daß er sich
die Protektion hochgestellter Personen zu sichern gesucht, auf die er
sich im Notfall hätte stützen können. So war er zuerst zum General
Jepantschin gegangen. Dieser sei sehr verwundert gewesen, habe dem
»jungen Manne« alles Gute gewünscht, jedoch kategorisch erklärt, daß er,
»so sehr er ihn auch zu retten wünschte«, sich ein Einmischen in die
Angelegenheiten des Fürsten »aus wohl recht begreiflichen Gründen« nicht
erlauben könne. Lisaweta Prokofjewna aber habe ihn weder anhören noch
sehen wollen, und Jewgenij Pawlowitsch wie auch Fürst Sch. hätten nur
mit den Händen abgewinkt. Dessenungeachtet habe er, Lebedeff, den Mut
jedoch nicht sinken lassen und sich zu einem Juristen _comme il faut_
und ehrenwerten Greise -- seinem großen Freunde und fast sogar Wohltäter
-- begeben, um sich mit diesem zu beraten. Dieser habe die Sache »für
durchaus durchführbar« erklärt, wofern er kompetente Zeugen für die
geistige Unzurechnungsfähigkeit des Fürsten oder dessen Wahnsinn
aufstellen könne -- doch die Hauptsache bliebe nichtsdestoweniger die
höhere Protektion. Lebedeff hatte hierauf einen Arzt -- einen bejahrten
Herrn mit dem Annenorden auf der Brust, der gleichfalls in Pawlowsk
seine Datsche besaß -- »einzig zu dem Zweck, um vorläufig, ganz harmlos
und freundschaftlich, einmal zu sondieren«, zum Fürsten gebracht, mit
der Bitte, ihm nachher unter vier Augen sein ärztliches Urteil zu sagen.
Der Fürst entsann sich noch sehr gut dieses Besuchs: Lebedeff hatte ihm
am Abend vorher hoch und heilig versichert, daß er krank sei und eine
Arznei einnehmen müsse, doch der Fürst war dazu nicht zu bewegen
gewesen. Da war Lebedeff am nächsten Morgen mit besagtem Arzt beim
Fürsten erschienen, unter dem Vorwande, daß der Herr Doktor, mit dem er
soeben bei Hippolyt Terentjeff gewesen, dem Fürsten über den Zustand des
Kranken einiges mitteilen wolle. Der Fürst hatte Lebedeff seinen Dank
ausgesprochen und den Arzt sehr freundlich empfangen. Der Arzt hatte ihn
gebeten, ihm jenen Selbstmordversuch Hippolyts ausführlicher zu
schildern, und der Fürst hatte ihn durch seine Wiedergabe ungemein zu
interessieren gewußt. Darauf war das Gespräch auf das Petersburger Klima
übergegangen, dann hatten sie von der Krankheit des Fürsten gesprochen,
über die Schweiz und den Professor Schneider. Der Fürst hatte ihm
Schneiders Heilmethode erklärt und das Interesse des Arztes in solchem
Maße gefesselt, daß dieser ganze zwei Stunden bei ihm geblieben war. Bei
der Gelegenheit hatte er die wundervollen Zigarren geraucht, die ihm der
Fürst angeboten, und den vorzüglichen Likör getrunken, den Wjera
Lebedewa gebracht hatte, wofür er ihr, obgleich er ein älterer
verheirateter Mann und Familienvater war, ganz besondere Komplimente
gesagt, so daß Wjera tief empört hinausgegangen war. Vom Fürsten hatte
er sich in der freundschaftlichsten Weise verabschiedet, um darauf
Lebedeff unter vier Augen zu fragen, wen man denn zu Vormündern wählen
sollte, wenn man solche Leute, wie den Fürsten, unter Vormundschaft
stellen wollte. Auf Lebedeffs geradezu tragische Darstellung des
Bevorstehenden, hatte der Arzt nur lächelnd gemeint, daß noch ganz
andere Damen geheiratet würden, daß Nastassja Filippowna, wenigstens
soviel er gehört habe, eine berückende Schönheit sei, was allein schon
als Erklärung genügen würde: außerdem besitze sie aber auch noch Geld
von Tozkij und Rogoshin, besitze Perlen und Brillanten, kostbare Möbel
und Teppiche und Kunstwerke ... deshalb beweise diese Wahl des Fürsten
nicht etwa Dummheit oder Wahnsinn, sondern sogar einen sehr praktischen
Sinn und offenen Kopf, weshalb er, der Arzt, das gewünschte Attest nicht
ausstellen könne ... Und damit war er weggegangen. Lebedeff aber war
ganz verdutzt zurückgeblieben, bis er sich dann gesammelt und mit dem
Finger vor die Stirn getippt hatte -- »denn das war ein Gedanke,«
erzählte er dem Fürsten, »jetzt aber,« fuhr er fort, »jetzt aber werden
Sie außer innigster Ergebenheit und aufrichtigster Bereitwilligkeit zu
jedem Opfer nichts anderes von mir erfahren, dessen versichere ich Sie
-- sintemal es der Zweck meines Besuchs war, Sie dessen zu versichern.«

Auch Hippolyt hatte den Fürsten in diesen letzten Tagen durch seine
häufigen Aufforderungen, ihn zu besuchen, vom einsamen Grübeln
abgelenkt. Die Kapitanscha hatte mit ihren übrigen drei Kindern
gleichfalls Petersburg verlassen und in Pawlowsk ein kleines Häuschen
gemietet, wo sie nun wieder alle zusammen lebten. Hippolyts kleine
Geschwister flüchteten vor dem tyrannischen Bruder in den Garten, und so
konnte er ihnen nichts anhaben; dafür aber war die arme Kapitanscha ihm
vollkommen preisgegeben und wurde natürlich sehr durch seine Launen
gequält. Der Fürst mußte ewig den Friedensrichter spielen, wofür ihn
Hippolyt seine »Kinderfrau« nannte, was ein Ausdruck seiner dankbaren
Anerkennung sein sollte; doch gleichzeitig schien er es vor sich selbst
nicht zu wagen, ihn wegen dieser Rolle des Friedensstifters -- nun,
sagen wir, nicht zu verachten. Über Koljä war er einfach empört, weil
dieser sich fast gar nicht bei ihm zeigte. Auf die Einwendungen des
Fürsten, daß es doch nur natürlich sei, wenn er bei seinem sterbenden
Vater, und nach dessen Tode bei seiner verwitweten Mutter bliebe,
entgegnete Hippolyt nichts, doch sah man es ihm an, daß er diese
Erklärungen nicht gelten lassen wollte. Endlich wählte der Kranke zur
Zielscheibe seines Spottes die bevorstehende Hochzeit des Fürsten und
verletzte und beleidigte ihn so lange, bis dieser schließlich seine
Geduld verlor und bei sich beschloß, ihn nicht mehr zu besuchen. Doch
schon am zweiten Tage erschien die Kapitanscha in Tränen aufgelöst beim
Fürsten und bat ihn flehentlich, doch wieder hinzukommen, da ihr Sohn
sie sonst noch umbringen würde. Sie fügte hinzu, daß er ihm ein großes
Geheimnis mitzuteilen habe. Der Fürst ging. Hippolyt wünschte, sich mit
ihm zu versöhnen und vergoß Tränen, nach den Tränen aber ärgerte er sich
sogleich wieder über den Fürsten, nur wagte er diesmal nicht, seinen
Ärger offen zu zeigen. Sein Zustand war sehr schlecht: alle Symptome
deuteten darauf hin, daß er jetzt bald sterben würde. Ein »großes
Geheimnis« hatte er nicht mitzuteilen: alles, was er zu sagen hatte,
waren vor Aufregung -- einer vielleicht künstlich vorgetäuschten
Aufregung -- geradezu atemlose, stürmische, drängende Bitten, sich »vor
Rogoshin in acht zu nehmen«.

»Dieser Mensch ist nicht so einer, der sich das Seinige nehmen läßt! Der
ist nicht von unserer Sorte, Fürst! Wenn der etwas will, dann wird er
vor nichts mehr zurückschrecken!« usw. usw.

Der Fürst bat ihn um nähere Erklärungen, bat um Beweise, Anhaltspunkte,
doch Hippolyt konnte ihm hierauf nichts anderes sagen, als daß es seine
persönlichen Empfindungen und Eindrücke wären. Zu seiner großen
Genugtuung gelang es ihm zum Schluß, den Fürsten unsäglich zu
erschrecken. Zuerst hatte der Fürst auf einzelne seiner Fragen nicht
antworten wollen und über den Rat, so schnell wie möglich ins Ausland zu
fliehen und sich dort irgendwo von einem russischen Geistlichen trauen
zu lassen, nur gelächelt. Darüber hatte sich Hippolyt dann geärgert.

»Ich fürchte ja doch nur für Aglaja Iwanowna!« hatte er gesagt.
»Rogoshin weiß ganz genau, wie sehr Sie sie lieben. Also Liebe gegen
Liebe: Sie haben ihm Nastassja Filippowna genommen -- dafür wird er
Aglaja Iwanowna ermorden, denn wenn sie jetzt auch nicht Ihnen gehört,
so wäre es für Sie doch ein schwerer Schlag, nicht wahr?«

Und damit hatte er endlich sein Ziel erreicht: der Fürst war wie halb
wahnsinnig von ihm fortgegangen.

Das war am Abend vor der Hochzeit gewesen. Der Fürst begab sich zu
Nastassja Filippowna, doch auch sie war nicht imstande, ihn zu beruhigen
-- im Gegenteil: in der letzten Zeit hatte sie seine innere Unruhe nur
vergrößert. Früher, d. h. zu Anfang ihrer Brautschaft und noch vor ein
paar Tagen, hatte sie, wenn er bei ihr war, sich geradezu krampfhaft
angestrengt, ihn mit allem möglichen zu erheitern, da die Traurigkeit in
seinen Augen sie entsetzlich quälte. Sie hatte sogar versucht, ihm
Lieder vorzusingen, um ihn zu zerstreuen -- doch am häufigsten erzählte
sie ihm heitere Geschichten und alles, was ihr nur Spaßiges einfiel. Der
Fürst tat dann immer, als lache er aufrichtig, bisweilen aber mußte er
auch wirklich lachen über ihre amüsante Art zu erzählen, wenn sie sich
hinreißen ließ -- und sie ließ sich oft hinreißen. -- Dann freute er
sich über ihre Beobachtungsgabe und ihren guten und geistreichen Humor.
Wenn sie ihn dann lachen sah und merkte, daß ihre Erzählung ihm gefallen
hatte, war sie immer ganz begeistert und ganz stolz. Doch je näher dann
der Hochzeitstag heranrückte, um so nachdenklicher und düsterer wurde
ihr Gesicht, das dem Fürsten fast mit jeder Stunde trauriger erschien.
Wenn er nicht seine bestimmte Meinung über sie gehabt hätte, wäre ihm
jetzt wohl alles an ihr rätselhaft und unheimlich erschienen, doch so
glaubte er unerschütterlich daran, daß sie noch »auferstehen« könne. Er
hatte Jewgenij Pawlowitsch die Wahrheit gesagt: daß er sie aufrichtig
liebe. Doch seine Liebe zu ihr war wie die Liebe zu einem armen kranken
Kinde, das man unmöglich ganz verlassen kann. Er erklärte niemandem die
Gefühle, die er für sie empfand, auch ihr nicht. Überhaupt sprachen sie
beide nie von »Gefühlen«, ganz als hätten sie sich gegenseitig
geschworen, über diesen Punkt zu schweigen. An ihrer gewöhnlichen
Unterhaltung, die heiter und lebhaft war, konnte ein jeder teilnehmen.
Wie Darja Alexejewna später erzählte, hatte sie ihre wahre Freude an
ihnen gehabt und sich nicht sattsehen können an ihnen.

Die Auffassung, die der Fürst von Nastassja Filippownas seelischem und
geistigem Zustande hatte, bewahrte ihn zum Teil auch vor vielen sonst
sehr leicht möglichen Mißverständnissen. Er sah jetzt ein ganz anderes
Weib vor sich, als jenes, das er vor drei Monaten gekannt hatte. Deshalb
dachte er jetzt auch nicht mehr darüber nach, weshalb sie damals kurz
vor der Trauung mit ihm, nach Tränen, Verwünschungen und Vorwürfen,
davongelaufen war. »Also fürchtet sie jetzt nicht mehr, daß ich durch
diese Heirat unglücklich werden könnte,« dachte der Fürst. Ein so
plötzlicher Glaube an sich konnte aber seiner Meinung nach nicht
natürlich bei ihr sein. Und einzig auf ihren Haß gegen Aglaja konnte er
diesen Glauben doch auch nicht zurückführen: Nastassja Filippownas
Gefühle waren tiefer, das wußte er. Und auch nicht auf die Angst vor
Rogoshin? Nein! Unmöglich! Alle diese Gründe konnten möglicherweise
einiges dazu beitragen, doch war es ihm vollkommen klar, daß hier gerade
das vor sich ging, was er schon lange geahnt und was ihre arme kranke
Seele nicht ertragen hatte. Diese Erkenntnis aber konnte ihm, wenn sie
ihn auch vor Mißverständnissen bewahrte, keine Ruhe gewähren ... nicht
einmal aufatmen konnte er. Oft schien er sich zu bemühen, an nichts zu
denken. Die Ehe betrachtete er offenbar nur als irgendeine unwichtige
Formalität; sein eigenes Schicksal aber schätzte er gar zu gering, um
darüber nachzudenken. Was jedoch seine Antworten auf direkte Fragen, zum
Beispiel sein Gespräch mit Jewgenij Pawlowitsch betraf, so fühlte er
sich in diesen Fragen vollkommen unkompetent, und deshalb vermied er
auch alle ähnlichen Gespräche.

Er hatte übrigens bemerkt, daß Nastassja Filippowna sehr gut begriff,
was Aglaja für ihn war. Sie sprach nur nicht davon, aber er erriet es
aus ihrem Blick, wenn sie sah, daß er aufbrach, um wieder zu
Jepantschins zu gehen. Als diese dann Pawlowsk verließen, atmete sie
geradezu wie erlöst auf. Wie harmlos der Fürst aber auch sonst sein
mochte, in diesem Fall hatte ihn doch der Gedanke beunruhigt, Nastassja
Filippowna könnte sich zu irgendeinem Skandal entschließen, um Aglaja
einen weiteren Aufenthalt in Pawlowsk unmöglich zu machen. Wurde doch
das Gerede über die bevorstehende Hochzeit zum Teil von Nastassja
Filippowna mit Absicht geschürt, um ihre Rivalin zu reizen und zu
kränken. Da nun Jepantschins nach dem Ereignis weder im Park noch
sonstwo anzutreffen waren, hatte Nastassja Filippowna beschlossen,
einmal, wenn sie mit dem Fürsten spazierenfuhr, an der Villa Jepantschin
vorüberzufahren. Der Fürst bemerkte es, wie gewöhnlich, erst dann, als
es nicht mehr zu ändern war und der Wagen die Villa bereits erreicht
hatte. Er erschrak und erbleichte: er sagte kein Wort, war aber dann
zwei Tage krank. Seitdem wiederholte Nastassja Filippowna so etwas nicht
mehr. In den letzten Tagen vor der Hochzeit fiel es ihm auf, daß sie oft
wie in Gedanken versunken dasaß, wenn sie sich auch immer wieder
zusammennahm, die Trübsal verscheuchte und wieder heiter wurde; aber
diese Heiterkeit war dann doch stiller, gedämpfter, sie war nicht so
glückselig heiter, wie früher -- vor noch so kurzer Zeit. Da verdoppelte
der Fürst seine Aufmerksamkeit. Es wunderte ihn, daß sie niemals von
Rogoshin sprach. Nur ein einziges Mal, etwa fünf Tage vor der Hochzeit,
war plötzlich von Darja Alexejewna ein Bote bei ihm erschienen, mit der
Bitte, sogleich hinzukommen, da es mit Nastassja Filippowna sehr
schlecht stünde. Der Fürst fand sie auch wirklich in einem so
beängstigenden Zustande vor, daß er schon glaubte, sie sei jetzt
wirklich und vollkommen wahnsinnig geworden: sie schrie, zitterte und
beteuerte, Rogoshin sei im Garten oder habe sich im Hause versteckt --
und er werde sie in der Nacht umbringen ... ermorden! Den ganzen Tag
konnte sie sich nicht beruhigen. Doch zum Glück erfuhr der Fürst am
Abend, als er auf einen Augenblick bei Hippolyt versprach, von der
Kapitanscha, die gerade aus Petersburg zurückgekommen war, daß Rogoshin
bei ihr in ihrer Stadtwohnung gewesen sei und sich nach den Ereignissen
in Pawlowsk erkundigt habe. Auf die Frage des Fürsten, wann sie mit ihm
gesprochen, nannte die Kapitanscha fast dieselbe Stunde, in der
Nastassja Filippowna ihn im Garten zu sehen gemeint hatte. Es war also
nur eine Halluzination gewesen. Nastassja Filippowna ging sogleich,
nachdem sie das erfahren hatte, selbst zur Kapitanscha, um sich von ihr
noch alles Nähere mitteilen zu lassen, und war dann ganz beruhigt.

Am Abend vor der Hochzeit verließ der Fürst sie in bester Stimmung: aus
Petersburg waren von der Modistin die Toiletten angelangt, das
Brautkleid, der Kopfschmuck usw. usw. Der Fürst hatte es eigentlich
nicht erwartet, daß die Toiletten sie in einem solchen Maße
interessieren würden. Er selbst lobte alles, was sie ihm zeigte, und
sein Lob machte sie noch glücklicher. Da verriet sie ihm plötzlich, daß
sie über die Empörung der Pawlowsker vollkommen unterrichtet war, ja sie
wußte sogar -- sagte sie -- daß einzelne Galgenstricke eine Katzenmusik,
Spottlieder und was nicht noch alles vorbereiteten und die übrige
Gesellschaft es fast guthieß. Nun, und da wollte sie denn jetzt den Kopf
noch höher erheben, wollte sie alle blenden durch die Schönheit ihres
Gewandes, ihren Geschmack und ihr Auftreten -- »mögen sie dann doch
schreien und pfeifen, wenn sie es noch wagen!« Und ihre Augen blitzten
bei diesen Worten. Im geheimen dachte sie aber noch an etwas anderes:
sie dachte, Aglaja würde vielleicht irgend jemand hinschicken, um,
ungesehen von ihr, sie beobachten zu lassen, und Nastassja Filippowna
bereitete sich für den Fall vor. Noch ganz mit diesen Gedanken
beschäftigt, trennte sie sich gegen elf Uhr vom Fürsten, den sie am
nächsten Tage nach altem russischen Brauch nicht früher als in der
Kirche wiedersehen sollte. Doch noch hatte es nicht Mitternacht
geschlagen, als wieder jemand von Darja Alexejewna zu ihm gelaufen kam:
er solle schnell hinkommen, es stehe sehr schlecht. Er fand seine Braut
im Schlafzimmer, in Tränen aufgelöst, verzweifelt, rasend. Es verging
eine ganze Weile, bis sie überhaupt vernahm, was man hinter der
verschlossenen Tür zu ihr sprach; doch dann kam sie zur Tür, ließ nur
den Fürsten zu sich ins Zimmer, verschloß sogleich wieder die Tür und
warf sich ihm zu Füßen. Wenigstens erzählte so Darja Alexejewna, die
einiges gesehen und gehört hatte.

»Was tue ich! Was tue ich! Was bin ich im Begriff, mit dir zu tun!«
stieß sie verzweifelt hervor, indem sie krampfhaft seine Füße
umklammerte.

Der Fürst verbrachte eine ganze Stunde bei ihr; was sie sprachen, wissen
wir nicht. Darja Alexejewna wußte nur zu sagen, daß sie sich nach einer
Stunde versöhnt und glücklich getrennt hatten. Der Fürst schickte in
dieser Nacht noch einmal zu Darja Alexejewna, um sich nach Nastassja
Filippownas Befinden zu erkundigen, und erhielt die Nachricht, daß sie
beruhigt eingeschlafen sei. Am Morgen, noch bevor sie aufgewacht war,
erschienen wieder zwei Abgesandte vom Fürsten, doch erst der dritte
konnte ihm mitteilen, daß sie von einem ganzen Schwarm Menschen umgeben
sei: da seien Schneiderinnen, Zofen und Friseure, von der gestrigen
Stimmung aber wäre keine Spur mehr vorhanden, die Toilette nehme sie
ganz in Anspruch, wie es bei einer solchen Schönheit anders ja auch gar
nicht möglich und zu erwarten sei, und augenblicklich fände gerade eine
große Beratung statt wegen des Schmucks, welche Brillanten oder Perlen
sie wählen sollte. Da war der Fürst denn vollkommen beruhigt.

Die Trauung sollte um acht Uhr abends stattfinden. Nastassja Filippowna
war bereits um sieben mit ihrer Brauttoilette fertig. Schon um sechs Uhr
begannen sich allmählich Neugierige vor der Villa Lebedeffs und vor dem
Hause Darja Alexejewnas anzusammeln und nach sieben begann sich auch die
Kirche zu füllen. Wjera Lebedewa und Koljä war um den Fürsten
entsetzlich bange, sie hatten aber wenig Zeit, daran zu denken, denn es
gab für sie im Hause viel zu tun: in der Villa des Fürsten sollte
nämlich nach der Trauung das Diner eingenommen werden. Teilnehmer
sollten daran außer den Trauzeugen nur noch Ptizyns, Ganjä, der Arzt mit
dem Annenorden und Darja Alexejewna sein. Als der Fürst Lebedeff
verwundert fragte, weshalb er denn den Arzt eingeladen hatte, antwortete
dieser selbstzufrieden:

»'n Orden! 'n ehrenwerter alter Mann! So 'was macht einen guten
Eindruck!« Da mußte der Fürst lächeln.

Keller und Burdowskij sahen in Frack und weißen Handschuhen sehr
anständig aus. Nur flößte Keller dem Fürsten wie den anderen doch einige
Besorgnis ein durch seine offenkundige Neigung zum Faustkampf, denn die
Blicke, die er auf diese »elenden Maulaffen« warf, verrieten nichts
weniger als friedliche Gesinnung. Um halb acht begab sich der Fürst in
einer geschlossenen Equipage zur Kirche. Es sei hier erwähnt, daß es
sein ausdrücklicher Wunsch gewesen war, daß alle üblichen Formalitäten
genau beobachtet werden sollten: alles sollte öffentlich, nach altem
Brauch »wie es sich gehört«, geschehen. In der Kirche empfing ihn die
Menge mit lebhaftem Geflüster und Gemurmel, das sich wie ein Lauffeuer
von Mund zu Mund fortsetzte. Unter Kellers Führung, der nach links und
rechts wieder drohende Blicke warf und ihm am Portal nur mit Mühe einen
Weg hatte bahnen können, begab sich der Fürst zum Altarraum, der ihn den
Blicken der Neugierigen entzog. Keller fuhr hierauf zu Darja Alexejewna,
um die Braut abzuholen. Dort fand er vor dem Hause eine noch weit
lebhaftere Menge. Als er die Treppe emporstieg, vernahm er solche
Ausrufe und Bemerkungen, daß er sich bereits zornig ans Publikum wandte,
um eine entsprechende Rede zu halten, doch zum Glück gelang es noch
Burdowskij und Darja Alexejewna, ihn ins Haus hineinzuziehen. Keller war
maßlos gereizt und drängte zur Eile. Nastassja Filippowna erhob sich,
warf noch einen Blick in den Spiegel, bemerkte mit »verzogenem« Lächeln,
wie Keller sich später ausdrückte, daß sie »bleich wie eine Leiche« sei,
verbeugte sich dann ehrfurchtsvoll vor dem Heiligenbilde und trat
hinaus.

Lautes Stimmengewirr begrüßte ihr Erscheinen auf der Treppe. Im ersten
Augenblick hörte man Gelächter. Einer klatschte in die Hände. Es wurde
sogar gezischt und gepfiffen. Doch dann erschollen auch schon andere
Stimmen:

»Satan, ist sie schön!« rief jemand in der Menge.

»Schön wohl, aber ...«

»Der Brautkranz deckt alles zu, Esel!«

»Da such' mir einer noch eine zweite solche! Teufel noch eins! Hurra!«

»Göttin! für eine solche Fürstin würd' ich meine Seele auch verkaufen!«
schrie ein begeisterter Kanzlist. »>Preis meines Lebens -- die Liebe
dein!< ...«

Nastassja Filippowna trat allerdings bleich wie eine Leiche auf die
Treppe; doch in ihren großen schwarzen Augen glühte ein unheimliches
Feuer, und diesem Blick hielt die Menge nicht stand: in einer Sekunde
schlug der Hohn in Begeisterung um. Keller riß den Wagenschlag auf und
wandte sich bereits zu ihr, um ihr die Hand zu reichen und beim
Einsteigen behilflich zu sein, doch da -- schrie sie plötzlich auf und
stürzte sich hinein in die gaffende Volksmenge. Keller erstarrte vor
Schreck, das Volk wich fast entsetzt zurück vor ihr ... plötzlich, keine
sechs Schritt von der Treppe, stand Rogoshin. Nastassja Filippowna hatte
seinen Blick gefühlt und gefunden und wie eine Wahnsinnige war sie auf
ihn zugestürzt und hatte seine Hände umklammert.

»Rette mich! Bring' mich fort! Wohin du willst, nur schnell!«

Rogoshin griff sie auf, fast trug er sie, und ehe man sich's versah,
hatte er sie in die Equipage gehoben. Und schon im nächsten Augenblick
hielt er dem Kutscher eine Hundertrubelnote hin.

»Zum Bahnhof, erreichst du den nächsten Zug nach Petersburg, dann noch
hundert!«

Und schon saß er in der Equipage und zog den Wagenschlag zu. Der
Kutscher zögerte keinen Augenblick: er hieb einmal mit der Peitsche und
die Pferde bäumten sich und rasten davon. Keller schob später alle
Schuld auf die »Plötzlichkeit«, die »vollkommene Überraschung«: »Noch
eine Sekunde -- und ich hätte mich besonnen, hätte es nicht zugelassen!«
versicherte er jedesmal, wenn er das Ereignis schilderte. Er und
Burdowskij sprangen zwar sogleich in die nächste Equipage, die vor dem
Hause hielt, und jagten ihnen nach, doch noch unterwegs bedachte sich
Keller eines anderen und meinte: »Wir kommen trotzdem zu spät! Und mit
Gewalt können wir sie doch nicht zurückbringen!«

»Und der Fürst wird es auch nicht wollen!« hatte der ganz erschütterte
Burdowskij dazu gemeint.

Rogoshin und Nastassja Filippowna waren in der Tat rechtzeitig auf dem
Bahnhof angelangt. Hier hatte Rogoshin beim Verlassen der Equipage
gerade noch Zeit gehabt, ein vorübergehendes Mädchen in einem alten
dunklen Mantel und einem Seidentüchelchen um den Kopf aufzuhalten.

»Da! fünfzig Rubel für Ihren Mantel!« und damit hatte er ihr das Geld
gereicht.

Bevor das Mädchen noch recht begriff, hatte ihr Rogoshin die
Fünfzigrubelnote schon in die Hand gedrückt, den Mantel und das Tuch
abgenommen und Nastassja Filippowna um die Schultern und über den Kopf
geworfen. Ihre kostbare Brauttoilette hätte sonst allgemeines Aufsehen
erregt. Das Mädchen aber sollte erst viel später begreifen, weshalb man
den wertlosen alten Mantel von ihm gekauft und so viel für ihn bezahlt
hatte.

Die Kunde von dem Geschehenen hatte mit unglaublicher Schnelligkeit die
Kirche erreicht. Als Keller sich zum Fürsten in den Altarraum begab,
wurde er von vielen ihm ganz Unbekannten aufgehalten und mit Fragen
bestürmt. Man sprach laut durcheinander, schüttelte die Köpfe, ja man
lachte sogar. Niemand wollte aber die Kirche verlassen, bevor man
gesehen hatte, wie der Bräutigam die Nachricht aufnahm. Der Fürst
erbleichte nur, als er sie vernahm, und sagte leise: »Ich fürchtete ...
aber ich hätte doch nicht gedacht, daß es so kommen würde ...« um dann
nach kurzem Schweigen hinzuzufügen: »Übrigens ... in ihrem Zustande ...
war es ja gar nicht anders zu erwarten.« Ein solches Verhalten setzte
Keller aufrichtig in Erstaunen; er nannte es: »beispiellos
philosophisch!« Der Fürst verließ die Kirche anscheinend ganz ruhig und
gefaßt. Wenigstens wurde es von vielen Augenzeugen später so erzählt. Er
schien nur so schnell wie möglich nach Hause kommen und allein bleiben
zu wollen, doch ward ihm das nicht so bald vergönnt. Ptizyn, Gawrila
Ardalionytsch und der Arzt blieben bei ihm. Außerdem war die Villa
buchstäblich belagert von einem Heer müßiger Menschen. Aus dem Zimmer
vernahm der Fürst, daß Lebedeff und Keller mit einigen völlig
unbekannten Leuten -- dem Aussehen nach waren es Subalternbeamte, die um
jeden Preis auf die Terrasse kommen wollten -- in heftigen Streit
geraten waren. Da begab sich der Fürst zu ihnen, erkundigte sich nach
der Ursache des Streites, schob Lebedeff und Keller, die den Eingang
versperrten, mit einer Entschuldigung zur Seite und trat selbst hinaus,
um einen bereits bejahrten, grauhaarigen, untersetzten Herrn, der auf
den Stufen an der Spitze der anderen stand, höflich zum Nähertreten
aufzufordern. Der Herr wurde sehr verlegen, schien fast mehr Lust zum
Rückzuge zu haben, doch dann besann er sich eines anderen und trat ein.
Ihm folgte ein zweiter, ein dritter -- alles in allem sieben oder acht
Mann, die sich sehr bemühten, möglichst sicher aufzutreten. Weitere
Gäste fanden sich nicht ein, und auch diese acht wurden von der Menge
alsbald und sogar ziemlich streng getadelt. Die Eingetretenen wurden vom
Fürsten aufgefordert, Platz zu nehmen, man knüpfte ein Gespräch an,
reichte ihnen Tee -- und alles das zu ihrer nicht geringen Verwunderung
mit ausgesuchter Höflichkeit und Freundlichkeit. Es wurden von den
Gästen allerdings ein paar Versuche gemacht, dem Gespräch eine
amüsantere Wendung zu geben, es wurden einige vorwitzige Fragen gestellt
und einige zweideutige Bemerkungen gemacht. Doch der Fürst antwortete
allen so einfach und freundlich, ohne sich dabei auch nur das geringste
zu vergeben, gab sich vielmehr mit so natürlicher Würde und zeigte
gleichzeitig ein solches Vertrauen auf die Anständigkeit seiner Gäste,
daß die unbescheidenen Fragen ganz von selbst aufhörten. Allmählich kam
es sogar zu einer ernsten Unterhaltung über ein nationalökonomisches
Thema, und einer der Herren schwor in höchstem Unwillen, daß er nie im
Leben sein Gut verkaufen würde, daß er, im Gegenteil, zu warten und
auszuhalten gedenke: »Unternehmungen sind besser als Geld -- sehen Sie,
das ist meine Überzeugung!« -- schloß er mit aufrichtigem Stolz und
nicht geringem Temperament. Da er sich mit seiner Erklärung an den
Fürsten gewandt hatte, hieß dieser seine Ansichten sehr vernünftig,
obgleich Lebedeff ihm kurz vorher zugeflüstert hatte, daß dieser Herr
weder einen Hof noch einen Halm besaß, geschweige denn ein Gut. So
verging eine Stunde, der Tee war getrunken und den Gästen schlug nach
dem Tee doch ein wenig das Gewissen. Der Arzt und der untersetzte
Graukopf erhoben sich und verabschiedeten sich in der herzlichsten Weise
vom Fürsten, und ihrem Beispiel folgten auch die anderen, die ihm alle
kräftig die Hand schüttelten. Bei der Gelegenheit wurden dann noch
gewisse Wünsche ausgesprochen, Ratschläge erteilt wie etwa: sich über
geschehene Dinge nicht zu grämen, man könne nie wissen, wozu ein Unglück
gut sei, vielleicht wäre es so noch viel besser, usw. usw. Als alle
gegangen waren, beugte sich Keller zu Lebedeff und sagte halblaut:

»Sieh, wir beide hätten geschimpft, gerauft, die Polizei uns auf den
Hals gezogen; er aber, sieh, hat sich nur neue Freunde gemacht, und noch
dazu was für welche! Ich kenne sie!«

Hierauf antwortete Lebedeff, der schon wieder ziemlich »fertig« war, mit
einem frommen Seufzer:

»Ich habe es ja von jeher gesagt: >Den Weisen hat es der Herr verborgen,
um es den Kindlein zu offenbaren.< Das habe ich schon früher von ihm
gesagt, jetzt aber füge ich noch hinzu, daß Gott der Herr auch das
Kindlein selbst bewahrt und vom Rande des Abgrundes zurückgezogen hat
... Gott der Herr selber und alle seine Heiligen -- jawohl ja! ...«

Endlich, gegen halb elf, ließ man den Fürsten allein. Sein Kopf tat ihm
weh. Als letzter verließ ihn Koljä, der ihm noch behilflich war, die
Kleider zu wechseln. Sie nahmen herzlich Abschied voneinander -- Koljä
war geradezu rührend. Über das Geschehene hatte er kein Wort gesprochen,
und beim Abschied nur gesagt, daß er am nächsten Morgen in aller Früh'
wiederkommen würde. Wie er später aussagte, hatte ihm der Fürst an
diesem Abend nichts über seine weiteren Absichten mitgeteilt. Bald war
auf der Datsche alles still: Burdowskij war zu Hippolyt gegangen,
Lebedeff und Keller hatten sich gleichfalls irgendwohin fortbegeben. Nur
Wjera Lebedewa blieb noch in den Zimmern des Fürsten, um einiges
flüchtig in Ordnung zu bringen und ihnen wieder ihr gewöhnliches
Aussehen zu verleihen. Bevor sie fortging, warf sie noch einen Blick in
das Zimmer, in dem sich der Fürst befand. Er saß am Tisch, hatte die
Ellenbogen aufgestützt und den Kopf in die Hände vergraben. Da trat
Wjera an ihn heran und berührte ihn an der Schulter: der Fürst blickte
auf und sah sie eine Weile ganz verständnislos an; doch als er dann
endlich alles begriff und erriet, erfaßte ihn plötzlich eine große
Unruhe. Es endete übrigens damit, daß er Wjera dringend bat, ihn am
nächsten Morgen zeitig zu wecken, damit er noch den ersten Zug nach
Petersburg erreiche. Wjera versprach es. Da bat der Fürst sie inständig,
keinem Menschen etwas davon zu sagen, was ihm Wjera gleichfalls
versprach. Als sie dann fortgehen wollte und bereits die Tür öffnete,
hielt er sie noch einmal auf, ergriff ihre Hände, küßte sie beide, küßte
sie dann auch auf die Stirn und sagte mit einem »an ihm ganz
ungewohnten« Gesichtsausdruck: »Auf morgen!« So wenigstens erzählte
später Wjera. Sie verließ das Zimmer in großer Angst um ihn. Am Morgen
jedoch beruhigte sie sich etwas, als der Fürst ihr, nachdem sie ihn um
acht Uhr durch Klopfen an seine Tür geweckt hatte, wie es ihr schien,
ganz munter und sogar lächelnd entgegentrat. Er hatte sich in der Nacht
kaum entkleidet, doch hatte er trotzdem geschlafen. Auf ihre Frage, wie
lange er fortbleiben würde, meinte er, daß er vielleicht noch an
demselben Tage zurückkommen werde. So hatte er denn nur ihr allein
gesagt, daß er sich in die Stadt begab.


                                  XI.

Eine Stunde später war der Fürst bereits in Petersburg, und um zehn Uhr
läutete er bei Rogoshin. Er war von der Straße durch den Haupteingang
des Hauses eingetreten und die breite Treppe hinaufgestiegen -- doch in
der Wohnung Rogoshins blieb alles still. Endlich öffnete sich die
gegenüberliegende Tür, die zur Wohnung der Mutter Rogoshins führte, und
eine alte peinlich saubere Dienerin blickte in den Treppenflur.

»Parfen Ssemjonytsch ist nicht zu Hause,« meldete sie. »Wen wünschen Sie
zu sprechen?«

»Parfen Ssemjonytsch.«

»Der ist nicht zu Hause.«

Die Dienerin betrachtete den Fürsten neugierig und mit prüfendem
Mißtrauen.

»Sagen Sie mir dann wenigstens, ob er hier übernachtet hat? Und ... kam
er gestern allein nach Hause?«

Die Dienerin fuhr fort, ihn zu betrachten, und antwortete nichts.

»War nicht gestern ... gestern abend ... Nastassja Filippowna mit ihm
hier?«

»Erlauben Sie, zu fragen, wer geruhen Sie denn selbst zu sein?«

»Fürst Lew Nikolajewitsch Myschkin, wir sind gut bekannt miteinander.«

»Er ist nicht zu Hause.«

Die Dienerin senkte den Blick.

»Aber Nastassja Filippowna?«

»Ich weiß nichts von ihr.«

»Warten Sie, warten Sie doch! Wann wird er denn zurückkommen?«

»Auch das weiß ich nicht.«

Und damit schloß sich die Tür.

Der Fürst nahm sich vor, nach einer Stunde wiederzukommen. Auf der
Straße erblickte er im Vorübergehen am Hoftor den Hausknecht.

»Ist Parfen Ssemjonytsch zu Hause?« fragte er ihn.

»Jawohl, Euer Gnaden.«

»Wie hat man mir denn soeben sagen können, daß er nicht zu Hause sei?«

»Hat man das bei ihm oben gesagt?«

»Nein, die Dienerin seiner Mutter sagte es. Aber ich habe bei Parfen
Ssemjonytsch vergeblich geläutet, es hat mir niemand aufgemacht.«

»Kann auch sein, daß er ausgegangen ist,« meinte der Hausknecht nach
kurzem Nachdenken, »man kann ja nie wissen, er sagt nicht immer, wann er
kommt und geht. Manchmal nimmt er auch den Schlüssel mit und drei Tage
lang steht seine Wohnung verschlossen.«

»Weißt du genau, daß er gestern zu Hause war?«

»Gestern war er. Aber manchmal kommt er durch die Paradetür herein, da
sieht man ihn dann nicht.«

»Aber weißt du nicht, ob Nastassja Filippowna gestern bei ihm war?«

»Das weiß ich nicht. Die geruht nicht oft zu kommen. Ich denke aber,
wenn sie gekommen wäre, hätt' ich's wohl gesehen.«

Der Fürst trat aus dem Hoftor wieder auf die Straße und ging eine Weile
in Gedanken versunken auf dem Trottoir. Die Fenster waren alle
geschlossen, während die Fenster der Wohnung seiner Mutter fast alle
weit offen standen. Es war ein heller, heißer Tag. Der Fürst ging über
die Straße auf das andere Trottoir und blieb dort gegenüber dem Hause
stehen, um noch einmal zu Rogoshins Fenstern hinaufzuschauen: sie waren
nicht nur alle geschlossen, auch die weißen Stores waren überall
heruntergelassen.

Der Fürst stand eine Weile unbeweglich und sah hinauf, und -- seltsam!
plötzlich schien es ihm, daß ein Vorhang ein wenig zur Seite geschoben
wurde und Rogoshins Gesicht durch den schmalen Spalt auf die Straße sah
... doch im selben Augenblick auch schon wieder verschwand. Er wartete
noch ein wenig und beschloß bereits, noch einmal hinzugehen und zu
läuten, besann sich dann aber eines anderen und schob es auf: nach einer
Stunde wollte er wiederkommen. »Und wer weiß,« dachte er, »vielleicht
hat es mir auch nur so geschienen« ...

Seine erste Sorge war jetzt, schnell nach dem Ismailowskij Polk zu
gelangen, in den Stadtteil, wo Nastassja Filippowna zuletzt gewohnt
hatte. Er wußte, daß sie, als sie vor etwa drei Wochen auf seinen Wunsch
oder seine Bitte hin Pawlowsk verlassen und nach Petersburg
zurückgekehrt war, im Ismailowskij Polk bei ihrer ehemaligen guten
Bekannten, einer Lehrerswitwe -- es war das eine anständige Dame mit
zahlreicher Familie, die fast nur vom Zimmervermieten lebte -- gewohnt
hatte. Er nahm an, daß Nastassja Filippowna nach ihrer Rückkehr nach
Pawlowsk die gemieteten Zimmer nicht aufgegeben, und deshalb schien es
ihm sehr möglich, daß Rogoshin sie gestern abend dorthin gebracht und
daß sie daselbst übernachtet hatte. Um schneller hinzugelangen, nahm er
eine Droschke. Unterwegs kam ihm der Gedanke, daß er ganz zuerst dorthin
hätte gehen sollen, denn es war doch ganz ausgeschlossen, daß sie in der
Nacht sofort zu Rogoshin gegangen wäre. Zugleich fielen ihm auch die
Worte des Hausknechts ein, daß Nastassja Filippowna nicht oft
hinzukommen »geruht« habe -- weshalb sollte sie dann gerade jetzt bei
Rogoshin abgestiegen sein?

Zu seiner größten Bestürzung hatte man aber bei der Lehrerswitwe seit
zwei Tagen nichts von Nastassja Filippowna gehört. Er selbst wurde wie
ein Wunder angestaunt. Die ganze zahlreiche Familie der Lehrerswitwe --
lauter Mädchen, alle Jahrgänge, von fünfzehn bis auf sieben --
versammelte sich um die Mutter und starrte ihn mit offenen Mündern an.
Ihnen folgte noch eine hagere Tante mit einem gelben Gesicht, die ein
schwarzes Tuch um den Kopf gebunden hatte, und nach dieser erschien auch
noch die Großmutter der Familie, eine kleine Greisin mit einer riesigen
Brille. Die Lehrerswitwe bat den Fürsten untertänig, doch näherzutreten
und Platz zu nehmen, was der Fürst denn auch tat. Er erriet, daß sie
bereits wußten, wer er war, und sich nicht wenig darüber wunderten, von
ihm nach derjenigen gefragt zu werden, die doch seit gestern seine Frau
sein mußte. Freilich wagten sie nicht, mit einer direkten Frage
herauszurücken. Er erzählte in kurzen Worten, daß die Trauung nicht
zustande gekommen war. Da ward dann die Verwunderung noch größer, und
der Fürst sah sich genötigt, noch einige Erklärungen hinzuzufügen. Und
dann kamen die Ratschläge der aufgeregten Damen: zunächst sollte er
unbedingt Rogoshin aufsuchen -- falls er zu Hause war, so lange schellen
und klopfen, bis er die Tür aufmachte -- und von ihm sich alles ganz
genau erzählen lassen. War er jedoch nicht zu Hause -- was zunächst mit
Sicherheit festgestellt werden mußte --, oder falls er nichts mitteilen
wollte: so sollte der Fürst sich nach dem Stadtteil Ssemjonowskij Polk
zu einer deutschen Dame begeben, einer Bekannten Nastassja Filippownas,
die bei ihrer Mutter lebte: vielleicht hatte sich Nastassja Filippowna
in ihrer Aufregung, und um nicht sogleich vom Fürsten gefunden zu
werden, zu dieser begeben und dort die Nacht verbracht. Der Fürst erhob
sich fast ohnmächtig; wie die Familie später erzählte, sei er
»entsetzlich bleich« gewesen. Und in der Tat -- die Füße trugen ihn kaum
noch, das Stimmengewirr erschien ihm noch einmal so laut, als es war, er
verstand fast kein Wort. Endlich begriff er, daß man ihm behilflich sein
wollte und ihn fragte, wo er denn in der Stadt abgestiegen sei, damit
sie ihm, falls sie etwas erfahren sollten, Nachricht zukommen lassen
konnten. Er wußte ihnen aber keine Adresse anzugeben. Da rieten sie ihm,
ein Hotel zu bestimmen. Der Fürst dachte nach und gab dann die Adresse
jenes Gasthofes an, wo er vor etwa fünf Wochen abgestiegen war und wo er
den schweren Anfall gehabt hatte. Darauf begab er sich wieder zu
Rogoshin. Diesmal wurde ihm nicht nur bei Rogoshin nicht aufgemacht,
auch in der Wohnung der Mutter blieb alles still. Da ging der Fürst zum
Hausknecht, den er erst nach langem Suchen auf dem Hof fand. Dieser war
mit irgend etwas beschäftigt und antwortete kaum auf die Fragen, ja, er
sah den Fürsten nicht einmal an, erklärte aber doch in bestimmtem Tone,
daß Parfen Ssemjonytsch früh am Morgen ausgegangen und nach Pawlowsk
gefahren sei und heute nicht mehr nach Hause zurückkehren werde.

»Ich werde warten,« sagte der Fürst. »Vielleicht kommt er doch noch am
Abend zurück?«

»Kann sein, daß er auch 'ne ganze Woche nicht kommt, wer kann's wissen.«

»Dann ist er aber doch in dieser Nacht zu Hause gewesen?«

»Gewesen ... was kann er nicht alles gewesen sein ...«

Diese Antwort und das ganze Gebaren des Hausknechts erschienen dem
Fürsten sehr verdächtig: der Mann schien in der Zwischenzeit besondere
Instruktionen erhalten zu haben: am Morgen war er harmlos-mitteilsam
gewesen und jetzt plötzlich wollte er ihn kaum anhören. Doch der Fürst
beschloß, nach etwa zwei Stunden wiederzukommen und dann, wenn es nötig
sein sollte, vor dem Hause zu warten. Jetzt aber blieb ihm noch die eine
Hoffnung, Nastassja Filippowna bei der deutschen Dame anzutreffen, und
so fuhr er nach dem Ssemjonowskij Polk.

Doch bei der Deutschen begriff man überhaupt nicht, wie er dazu kam,
sich bei ihnen nach Nastassja Filippowna zu erkundigen. Die schöne junge
Dame hatte sich, wie aus einzelnen Bemerkungen hervorging, bereits vor
zwei Wochen mit ihr vollkommen entzweit und besaß nicht das geringste
Interesse mehr für sie -- »und wenn sie auch alle Fürsten der Welt
heiraten sollte!« Der Fürst beeilte sich, aus dem Hause fortzukommen.
Unter anderem kam ihm auch der Gedanke, daß sie vielleicht wie damals
nach Moskau gefahren war und Rogoshin natürlich ihr nach, oder sogar
zusammen mit ihr. »Wenn man doch nur auf ihre Spur kommen könnte!«
dachte er gequält. Da entsann er sich der Verabredung mit der
Lehrerswitwe, die ihm in den Gasthof an der Liteinaja Nachricht hatte
senden wollen, und er beeilte sich sogleich, hinzugehen, um dort ein
Zimmer zu belegen. Der Kellner fragte ihn, ob er auch zu frühstücken
wünsche, und in der Zerstreutheit bejahte der Fürst die Frage. Doch kaum
hatte sich der Kellner entfernt, da kam er plötzlich zur Besinnung und
ärgerte sich unsäglich über sich selbst, weil ihn das Frühstück
wenigstens eine halbe Stunde aufhalten würde, und erst nach einer Weile
verfiel er darauf, daß ihn ja doch niemand festhielt und er das
bestellte Frühstück ja gar nicht zu essen brauchte, wenn er nicht
wollte. Ein seltsames Gefühl überkam ihn in diesem dunklen, dumpfen
Korridor, ein Gefühl, das quälend danach strebte, sich in irgend einen
festen Gedanken zu verwirklichen, aber er konnte nicht erraten, worin
nun dieser neue, sich aufdrängende Gedanke bestand. Da verließ er
endlich den Gasthof und trat hinaus auf die Straße. Ihn schwindelte ...
wohin sollte er fahren? Er fuhr also wieder zu Rogoshin.

Rogoshin war noch immer nicht zurückgekehrt; er läutete, doch es wurde
ihm nicht aufgemacht. Da läutete er auch an der anderen Tür; die alte
Dienerin erschien wieder und sagte, daß Parfen Ssemjonytsch nicht zu
Hause sei und vielleicht nicht vor drei Tagen kommen werde. Es wunderte
den Fürsten nur, daß sie ihn wieder mit so unverhohlener Neugier
betrachtete. Den Hausknecht fand er diesmal überhaupt nicht. Da ging er,
wie am Morgen, auf das gegenüberliegende Trottoir, blickte zu den
Fenstern hinauf und ging wohl eine halbe Stunde in der quälenden
Sonnenglut auf und ab, vielleicht auch noch länger, doch diesmal rührte
sich nichts, die Fenster blieben geschlossen, und die Stores waren
unbeweglich. Da setzte sich in ihm die Überzeugung fest, daß es ihm auch
am Morgen nur so geschienen habe, denn auch die Fensterscheiben waren
trübe und wohl seit langem nicht geputzt, so daß die kaum merkliche
Bewegung des Vorhanges nur ein Flimmern des trüben Glases im
Sonnenschein gewesen sein konnte. Erfreut über diese Erklärung fuhr er
wieder zur Lehrerswitwe.

Dort hatte man ihn erwartet. Die Lehrerswitwe hatte sich inzwischen an
drei oder vier Stellen erkundigt, ja, sie war sogar bei Rogoshin
gewesen, doch hatte sie nichts erfahren können. Der Fürst hörte ihren
Bericht schweigend an, trat dann ins Zimmer, setzte sich auf das Sofa
und begann sie alle anzusehen -- ganz als verstände er kein Wort von
dem, was man zu ihm sprach. Und seltsam: bald bemerkte er alles, bald
aber war er so zerstreut, daß er nichts sah noch hörte. Die ganze
Familie erklärte später, daß er ein »erstaunlich wunderlicher« Mensch
gewesen sei an jenem Tage, so daß vielleicht damals schon »alles
begonnen habe«. Endlich erhob er sich und bat, man möge ihm die von
Nastassja Filippowna bewohnten Zimmer zeigen. Es waren das zwei große,
hohe, helle Räume, sehr anständig eingerichtet und offenbar nicht
billig. Die ganze Familie erzählte später, der Fürst habe jeden
Gegenstand im Zimmer betrachtet. Auf einem kleinen Tisch habe er ein
aufgeschlagenes Buch erblickt -- es war ein französischer Roman, »Madame
Bovary« --, habe eine Ecke der aufgeschlagenen Seite eingebogen und um
die Erlaubnis gebeten, das Buch mitnehmen zu dürfen, worauf er es, ohne
auf die Einwendung, daß es ein Buch aus der Leihbibliothek sei, zu
achten, in die Tasche gesteckt habe. Dann sei er ans offene Fenster
getreten, habe sich dort hingesetzt, und da sei ihm ein mit Kreide
beschriebener Spieltisch aufgefallen, und er habe gefragt, wer an ihm
gespielt hätte. Hierauf hatten sie ihm erzählt, daß Nastassja Filippowna
jeden Abend mit Rogoshin Karten gespielt habe, Duraki, Preference,
Whist, Sechsundsechzig -- kurzum, alle Spiele, die sie nur kannten, und
zwar Abend für Abend, damals, als sie vor drei Wochen aus Pawlowsk nach
Petersburg zurückgekehrt war und sich bei ihnen eingemietet hatte.
Zuerst habe sich Nastassja Filippowna beklagt, daß es langweilig sei,
denn Rogoshin habe ganze Abende gesessen und geschwiegen und kein Wort
gesagt, und eines Abends sei sie in Tränen ausgebrochen. Da habe
Rogoshin am nächsten Abend plötzlich ein Spiel Karten aus der Tasche
hervorgezogen: Nastassja Filippowna hätte zu lachen begonnen, und dann
sei an jedem Abend gespielt worden. Hierauf habe der Fürst gefragt, wo
die Karten wären, mit denen sie gespielt hatten. Die Karten waren aber
von Rogoshin jedesmal mitgebracht worden, an jedem Abend ein neues
Spiel, und er hatte sie dann immer wieder mitgenommen.

Die Lehrerswitwe, deren Schwester und Mutter rieten ihm, noch einmal zu
Rogoshin zu fahren, jedoch nicht sogleich, sondern erst gegen Abend, und
dann möglichst stark die Klingel zu ziehen und an die Tür zu pochen,
vielleicht würde er sich dann doch noch zeigen. Und die Lehrerswitwe
erbot sich, inzwischen nach Pawlowsk zu Darja Alexejewna zu fahren,
vielleicht wußte diese etwas näheres. Der Fürst aber sollte auf jeden
Fall am Abend gegen zehn Uhr wiederkommen, damit sie sich für den
nächsten Tag verabreden könnten. Der Fürst verließ sie ungeachtet aller
Beruhigungen und Hoffnungsäußerungen innerlich ganz verzweifelt. Von
unerklärlicher Sehnsucht gemartert, begab er sich nach seinem Gasthof.
Der staubige, drückende Sommernachmittag Petersburgs umfing ihn
herzbeklemmend, er fühlte sich förmlich wie in einen Schraubstock
eingeklammert; müde drängte er sich durch das rohe, betrunkene
Volksgetümmel auf den Straßen, blickte unbewußt in fremde Gesichter und
machte vielleicht einen großen Umweg. Es war fast schon Abend, als er in
sein Zimmer trat. Er wollte sich ein wenig erholen und dann wieder zu
Rogoshin gehen, wie man ihm geraten hatte, und so setzte er sich denn
aufs Sofa, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und versank in Gedanken.

Gott weiß, wie lange, und nur Gott mag wissen, an was er dachte. Vieles
fürchtete er, und er fühlte, fühlte unter Schmerz und Qual, daß seine
Angst ihm selbst unheimlich wurde. Da dachte er plötzlich an Wjera
Lebedewa, und es kam ihm in den Sinn, daß Lebedeff vielleicht etwas
wissen konnte, vielleicht sogar von Rogoshin unterrichtet war, oder wenn
nicht, dann doch leichter und schneller von ihm etwas erfahren könnte,
als er, der Fürst, es vermochte. Plötzlich dachte er an Hippolyt und
auch daran, daß Rogoshin zu Hippolyt gefahren war. Und plötzlich fiel
ihm Rogoshin ein: Rogoshin in der Kirche bei der Totenmesse, dann
Rogoshin im Park, und dann -- plötzlich hier in der Treppennische, als
er sich damals in der Dunkelheit verborgen und mit dem Messer auf ihn
gewartet hatte. Er zuckte zusammen: der sich ihm aufdrängende Gedanke,
den er vorhin nicht hatte fassen können, stand plötzlich vor ihm.

Dieser Gedanke bestand zum Teil darin, daß Rogoshin, wenn er sich in
Petersburg befand und sich womöglich zeitweilig verbarg, schließlich
doch unbedingt zu ihm, dem Fürsten, kommen würde, gleichviel ob in einer
guten oder schlechten Absicht, und wär's auch in derselben wie damals.
Und wenn Rogoshin aus irgendeinem Grunde zu ihm kommen mußte, wohin
sollte er dann gehen -- da er doch keine Adresse wußte --, wenn nicht
wieder in diesen selben Gasthof, wieder in diesen selben Treppenflur? Er
konnte ja gar nichts anderes annehmen, als daß der Fürst in diesem
Gasthof abgestiegen war. Wenigstens würde er hier nach ihm fragen ...
wenn er seiner wirklich bedurfte. Und man konnte es ja nicht wissen,
vielleicht bedurfte er seiner wirklich?

So dachte der Fürst und dieser Gedanke erschien ihm aus irgendeinem
Grunde sehr möglich. Doch um keinen Preis würde er sich Rechenschaft
darüber gegeben haben, wenn er sich in seinen Gedanken vertieft hätte:
weshalb zum Beispiel Rogoshin seiner plötzlich so bedürfen könnte, und
weshalb es ganz »ausgeschlossen« war, daß sie sich zu guter Letzt nicht
doch noch »treffen« würden? Doch dieser Gedanke war nicht leicht. »Wenn
er glücklich ist, dann wird er nicht kommen,« fuhr der Fürst fort, zu
denken, »er wird kommen, wenn er nicht glücklich ist -- und er ist doch
bestimmt nicht glücklich ...«

Wenn er aber davon überzeugt war, so hätte er Rogoshin im Gasthof, in
seinem Zimmer, erwarten müssen. Doch es war, als könne er seinen neuen
Gedanken nicht ertragen: plötzlich sprang er auf, ergriff seinen Hut und
eilte hinaus. Im Korridor war es fast schon ganz dunkel. -- »Wie, wenn
er jetzt wieder aus jener Nische hervortritt und mich auf der Treppe
anfällt?« durchzuckte es ihn blitzartig, als er sich jener Stelle
näherte. Doch es trat niemand hervor. Er stieg hinunter, trat hinaus
aufs Trottoir, wunderte sich über die dichte Menschenmenge, die sich auf
der Straße durcheinanderschob -- wie in Petersburg gewöhnlich an den
Hundstagen, sobald die Sonne sinkt --, und schlug unwillkürlich wieder
die Richtung zur Gorochowaja, zum Hause Rogoshins ein. Etwa fünfzig
Schritte vom Gasthof, in dem Gedränge an der dritten Straßenkreuzung,
berührte ihn plötzlich jemand am Ellenbogen und sagte halblaut dicht an
seinem Ohr:

»Lew Nikolajewitsch, komm mir nach, es ist nötig, Bruder.«

Es war Rogoshin.

Seltsam: der Fürst begann plötzlich, vor lauter Freude fast stotternd,
fast nach Worten ringend, ihm zu erzählen, wie er ihn soeben im Gasthof,
in seinem Zimmer und im Korridor erwartet hatte.

»Ich war dort,« sagte Rogoshin ruhig, »gehen wir.«

Der Fürst wunderte sich über seine Antwort, wunderte sich aber erst nach
etwa zwei Minuten, als er sie begriffen hatte. Als er aber dann über sie
nachdachte, erschrak er und sah Rogoshin an. Dieser ging neben ihm fast
einen halben Schritt voraus, sah starr vor sich hin, sah in keines der
ihm begegnenden Gesichter und wich mit mechanischer Vorsicht allen aus.

»Weshalb hast du nicht nach mir gefragt ... wenn du im Gasthof warst?«
fragte plötzlich der Fürst.

Rogoshin blieb stehen, sah ihn an, dachte nach und sagte, als hätte er
die Frage gar nicht verstanden:

»Höre, Lew Nikolajewitsch, du geh jetzt hier geradeaus, bis zum Hause,
du weißt? Ich aber werde dort auf jener Seite gehen. Nur sieh zu, daß
wir nicht auseinander kommen ...«

Nachdem er das gesagt, ging er über die Straße, trat auf das
gegenüberliegende Trottoir, blickte sich um, ob auch der Fürst ging, und
als er sah, daß dieser stand und ihm mit weit offenen Augen unbeweglich
nachschaute, winkte er ihm mit der Hand nach der Gorochowaja und ging
selbst weiter, während er sich immer wieder umblickte, um nach dem
Fürsten zu sehen und ihn zum Weitergehen aufzufordern. Er war sichtlich
ermuntert, als er dann sah, daß der Fürst ihn begriffen hatte und ihm
auf seinem Trottoir zur Gorochowaja folgte. Der Fürst dachte, daß
Rogoshin irgend jemanden unterwegs suchen wollte und deshalb aufs andere
Trottoir gegangen war, damit die Entgegenkommenden zwischen ihnen beiden
durchgehen sollten und der Betreffende dann leichter zu finden sei. »Nur
-- warum hat er mir dann nicht gesagt, wer es ist, den er sucht?« So
gingen sie an fünfhundert Schritt, und plötzlich begann der Fürst aus
irgendeinem Grunde zu zittern; Rogoshin fuhr immer noch fort, wenn auch
seltener, sich nach ihm umzublicken. Doch der Fürst hielt es nicht mehr
aus und winkte ihn mit der Hand zu sich herüber. Ohne zu zögern, kam
Rogoshin sofort über die Straße zu ihm.

»Ist Nastassja Filippowna bei dir?«

»Bei mir.«

»Warst du es, der vorhin hinter dem Vorhang nach mir sah?«

»Ja, ich ...«

»Aber weshalb hast du denn ...«

Der Fürst wußte nicht, was er sagen, wie er die Frage beenden sollte --
zudem pochte sein Herz so stark, daß ihm das Sprechen schwer wurde.
Rogoshin schwieg gleichfalls und sah ihn an wie vorhin, wie in Gedanken
versunken.

»Nun, ich gehe,« sagte er plötzlich, und er schickte sich an, wieder
über die Straße zurückzugehen, »du aber geh hier weiter. Laß uns auf der
Straße getrennt gehen ... so ist's besser ... auf verschiedenen Seiten
... wirst sehen.«

Als sie endlich auf verschiedenen Trottoiren in die Gorochowaja einbogen
und sich dem Hause Rogoshins näherten, wurden die Beine des Fürsten
wieder so schwach, daß sie ihm fast den Dienst versagten und es ihm
schon schwer wurde, zu gehen. Es war gegen zehn Uhr abends. Die Fenster
auf der Hälfte, wo die alte Mutter wohnte, standen immer noch weit
offen, die Fenster der Wohnung Rogoshins dagegen waren geschlossen, und
in dem dämmrigen Abendlicht war's, als würden die herabgelassenen weißen
Vorhänge noch bemerkbarer. Der Fürst näherte sich dem Hause auf dem
entgegengesetzten Trottoir, Rogoshin auf der Seite des Hauses, und als
er bei der Tür anlangte, winkte er mit der Hand. Der Fürst ging über die
Straße zu ihm. Sie traten auf die Treppe.

»Auch der Hausknecht weiß jetzt nicht, daß ich zurückkomme. Ich sagte
vorhin, daß ich nach Pawlowsk fahre, auch bei der Mutter sagte ich es,«
flüsterte er mit einem listigen und fast zufriedenen Lächeln. »Wir gehen
jetzt so leise hinein, daß uns niemand hört.«

Den Schlüssel hatte er bereits in der Hand. Als sie die massive
Steintreppe hinaufstiegen, wandte er sich zum Fürsten zurück und erhob
den Finger, zum Zeichen, daß der Fürst nur ja leise gehen solle. Leise
schloß er die Tür zu seiner Wohnung auf, ließ den Fürsten eintreten,
folgte ihm leise, schloß die Tür leise wieder hinter sich zu und steckte
den Schlüssel in die Tasche.

»Gehen wir,« sagte er flüsternd.

Schon auf der Straße, auf der Liteinaja, hatte er begonnen, leise zu
sprechen. Trotz seiner äußeren Ruhe befand sich sein Inneres in einer
seltsamen tiefen Aufregung. Als sie in den Saal vor dem Arbeitskabinett
traten, ging er leise an eines der Fenster und winkte geheimnisvoll den
Fürsten zu sich heran.

»Als du vorhin dort bei mir läutetest, erriet ich hier sogleich, daß du
es warst. Ich schlich mich zur Tür und da hörte ich, wie du mit der
Pafnutjewna sprachst; ich aber hatte ihr schon in aller Frühe gesagt und
anbefohlen, daß sie dann, wenn du oder von dir jemand oder gleichviel
wer kommt und an meiner Tür zu klopfen anfängt -- daß sie dann nichts
sagen solle, unter keiner Bedingung, und besonders nicht, wenn du selbst
kämest und nach mir fragen würdest. Ich nannte ihr deinen Namen. Dann
aber, als du fortgingst, dachte ich: wenn er jetzt unten steht und nach
oben sieht, oder auf der Straße wartet und aufpaßt? Da trat ich an
dieses selbe Fenster, schob die Gardine etwas weg, sieh, da standest du
und sahst gerade auf mich ... So war es.«

»Wo ist denn ... Nastassja Filippowna?« fragte der Fürst stockend.

»Sie ... ist hier,« antwortete Rogoshin langsam, als hätte er einen
Augenblick mit der Antwort gezögert.

»Wo denn?«

Rogoshin erhob seinen Blick zum Fürsten und blickte ihn unverwandt an.

»Gehen wir ...«

Er sprach immer noch flüsternd und ohne sich zu beeilen, sprach langsam,
und schon die ganze Zeit über eigentümlich nachdenklich.

Sie traten in das hohe Zimmer, das dem Vater als Arbeitszimmer gedient
hatte. In diesem hatte sich, seit der Fürst es gesehen, einiges
verändert: durch das ganze Zimmer zog sich ein Vorhang aus grünem
Seidendamast, der zu beiden Seiten geteilt war, so daß man hindurchgehen
konnte. Der Raum hinter dem Vorhang diente Rogoshin als Schlafzimmer,
dort stand sein Bett. Der schwere Vorhang war heruntergelassen und die
Eingänge waren zugezogen. Im Zimmer war es ziemlich dunkel; die »hellen«
Petersburger Nächte hatten nach der Sonnenwende schon ein wenig von
ihrer Helligkeit eingebüßt, und wenn es nicht Vollmond gewesen wäre,
hätte man in den dunklen Zimmern Rogoshins, deren Fenster noch dazu weiß
verhängt waren, kaum etwas unterscheiden können. So aber konnte man
wenigstens die Gesichtszüge erkennen. Das Gesicht Rogoshins war bleich,
wie gewöhnlich; der Blick seiner Augen, die einen starken Glanz hatten,
lag seltsam unbeweglich auf dem Fürsten.

»Wirst du nicht eine Kerze anzünden?« fragte der Fürst.

»Nein, nicht nötig,« sagte Rogoshin, und den Fürsten bei der Hand
fassend, nötigte er ihn, auf einem Stuhl Platz zu nehmen; er selbst
setzte sich ihm gegenüber und zog seinen Stuhl so dicht heran, daß ihre
Knie sich fast berührten. Zwischen ihnen, etwas seitwärts, stand ein
kleiner, runder Tisch. »Setz' dich, sitzen wir ein wenig!« sagte
Rogoshin, als wolle er ihn zum Sitzen bereden. Eine Weile schwieg er.
»Ich wußte, daß du in diesem Gasthause absteigen würdest,« begann er
dann wieder zu sprechen, wie man es zuweilen tut, wenn man nicht
sogleich von der Hauptsache reden will und zuerst mit nebensächlichen
Einzelheiten beginnt, die kaum eine unmittelbare Beziehung zur Sache
haben. »Als ich in den Korridor trat, dachte ich bei mir: wer weiß,
vielleicht sitzt er dort und erwartet mich jetzt ebenso wie ich ihn
erwarte? Warst du bei der Lehrerin?«

»Ja,« brachte der Fürst vor Herzklopfen kaum hervor.

»Auch daran dachte ich. Wird noch ein Gerede entstehen, dachte ich ...
und dann dachte ich: ihn aber bringe ich zur Nacht her, damit wir diese
Nacht noch zusammen sind ...«

»Rogoshin! Wo ist Nastassja Filippowna?« flüsterte plötzlich der Fürst,
und er erhob sich, an allen Gliedern zitternd.

Da erhob sich auch Rogoshin.

»Dort,« sagte er leise, mit dem Kopf nach dem Vorhang weisend.

»Schläft sie?« flüsterte der Fürst.

Wieder sah ihn Rogoshin unbeweglich an.

»Nun denn, meinetwegen! ... Nur, wirst du auch ... nun, gehen wir!«

Er trat zum Vorhang, schob ihn zur Seite, blieb stehen und wandte sich
zum Fürsten zurück.

»Komm!« sagte er und forderte ihn mit einer Kopfbewegung auf,
einzutreten, während er den Vorhang zur Seite hielt.

Der Fürst trat in den Schlafraum.

»Hier ist es dunkel,« sagte er.

»Man kann sehen!« murmelte Rogoshin.

»Ich sehe kaum ... ein Bett.«

»Geh doch näher,« forderte Rogoshin leise auf.

Der Fürst trat einen Schritt näher, dann noch einen Schritt, und blieb
stehen. Er stand und schaute unbeweglich eine lange Zeit. Beide sprachen
sie die lange Zeit über, die sie am Bett standen, kein Wort. Das Herz
des Fürsten schlug so laut, daß es, wie es schien, im Zimmer zu hören
war, bei dem toten Schweigen, das hier herrschte. Doch sein Auge
gewöhnte sich langsam an das Licht, so daß er bereits das ganze Bett
deutlich unterscheiden konnte; es schlief jemand auf dem Bett, in
vollkommen reglosem Schlaf; nicht das geringste Geräusch, nicht das
geringste Atmen war zu hören. Der Schlafende war vom Kopf bis zu den
Füßen mit einem weißen Laken bedeckt, doch die Glieder zeichneten sich
seltsam undeutlich ab, man sah nur an den Umrissen und den Erhöhungen,
daß es ein Mensch war, der auf dem Rücken ausgestreckt lag. Ringsum, auf
dem Bett, auf dem Sessel am Fußende des Bettes, sogar auf dem Fußboden
neben dem Sessel lagen weiße Kleidungsstücke unordentlich hingeworfen,
ein weißes kostbares Seidenkleid, Blumen, Bänder. Auf dem kleinen Tisch
am oberen Ende des Bettes lag verstreut blitzendes Geschmeide. Am
unteren Ende des Bettes waren irgendwelche Spitzen zusammengeschoben,
und von dem weißen Gekräusel hob sich, unter dem Laken hervorschimmernd
die Spitze eines nackten Fußes ab: sie war wie aus Marmor gemeißelt und
erschien unheimlich regungslos. Der Fürst sah und fühlte -- je länger er
sah, um so toter und lautloser wurde es im Zimmer. Plötzlich begann eine
erwachte Fliege zu summen, flog über das Bett und verstummte am oberen
Ende. Der Fürst fuhr zusammen.

»Gehen wir,« sagte Rogoshin, indem er ihn leise am Arm berührte.

Sie traten hinaus aus dem Schlafraum, setzten sich auf dieselben Stühle
und saßen schweigend wieder einander gegenüber. Der Fürst zitterte,
immer heftiger wurde sein Zittern. Er wandte seinen fragenden Blick
nicht einmal auf eine Sekunde von Rogoshins Antlitz ab.

»Du, ich sehe, du zitterst, Lew Nikolajewitsch,« sagte endlich Rogoshin,
»fast ganz so, wie wenn du ... deinen Anfall bekommst, weißt du noch, in
Moskau einmal? Oder wie es vor dem Anfall war. Ich kann mir gar nicht
denken, was ich mit dir jetzt anfangen soll ...«

Der Fürst hörte mit krampfhafter Anspannung, was Rogoshin zu ihm sprach,
um den Sinn der Worte zu erfassen, und immer noch fragte sein Blick.

»Das hast du ...?« brachte er schließlich flüsternd hervor, mit dem Kopf
nach dem Vorhang weisend.

»Das ... hab' ich ...« sagte Rogoshin ebenso leise und senkte den Blick
zu Boden.

Sie schwiegen lange.

»Denn wenn du jetzt krank wirst,« fuhr plötzlich Rogoshin fort, als wäre
er gar nicht unterbrochen worden, »den Anfall bekommst, und dann der
Schrei kommt, so kann man es auf der Straße oder auch auf dem Hof hören
und erraten, daß hier in der Wohnung Menschen sind, nun, und dann werden
sie kommen und klopfen und herein wollen ... denn die glauben doch alle,
daß ich nicht zu Hause bin. Ich habe auch kein Licht gemacht -- damit
man von der Straße oder vom Hof nichts sieht. Denn wenn ich fortgehe,
nehme ich die Schlüssel mit, und dann kommt oft drei, vier Tage kein
Mensch hier herein und die Wohnung bleibt so wie sie ist, unaufgeräumt.
So habe ich es eingeführt. Damit man also nicht erfährt, daß wir hier
sind ...«

»Wart',« unterbrach ihn der Fürst, »ich habe aber doch vorhin die Alte
und auch den Hausknecht gefragt, ob Nastassja Filippowna nicht hier
gewesen ist. Die wissen es dann doch schon.«

»Ich weiß, daß du gefragt hast. Ich habe aber der Pafnutjewna gesagt,
daß Nastassja Filippowna gestern hier gewesen und gestern auch nach
Pawlowsk wieder zurückgekehrt, hier bei mir aber nur fünf Minuten
gewesen sei. Sie wissen nicht, daß sie zur Nacht hier blieb -- niemand
weiß es. Gestern, als wir kamen, gingen wir die Treppe ebenso leise
hinauf, wie ich heute mit dir. Ich dachte noch unterwegs, sie würde
nicht so heimlich eintreten wollen -- aber nein! Flüsterte nur, auf den
Zehen schlich sie, das Kleid raffte sie zusammen, damit es nicht
rauschte, trug die Schleppe, drohte mir beim Hinaufsteigen noch mit dem
Finger, damit ich leiser ginge -- alles nur aus Furcht vor dir. Im Coupé
war sie zuerst ganz wie eine Wahnsinnige, alles vor Angst, und sie
selbst wünschte, hierher zu mir zu kommen, um hier zu übernachten. Ich
dachte zuerst, sie zur Lehrerin, zu jener Witwe, zu bringen, aber sie
selbst wollte nicht. >Nein, nein,< sagte sie, >dort wird er mich
sogleich aufsuchen, du aber versteck' mich bei dir, und morgen, ganz
früh, fahren wir nach Moskau<, und von dort wollte sie nach Orel oder
irgendwo dahin. Auch als sie sich hinlegte, sprach sie immer noch, daß
wir nach Orel fahren würden ...«

»Wart' ... aber was willst du tun, Parfen, was willst du jetzt tun?«

»Ja, sieh, ich habe nur Bedenken, weil du immer noch zitterst. Die Nacht
verbringen wir hier beide zusammen. Ein Bett, außer jenem, gibt es hier
nicht, aber ich habe mir gedacht, daß man von diesem Diwan und von jenem
dort die Kissen nimmt und dann hier, hier gleich beim Vorhang, ein Lager
macht, für dich und für mich, nebeneinander, so daß wir zusammen sind.
Denn wenn man dann kommt, und zu fragen anfängt oder zu suchen, dann
wird man sie sogleich finden und hinaustragen. Mich aber wird man
fragen, und ich werde sagen, daß ich es gewesen bin, und man wird mich
fortführen. So laß sie denn jetzt noch hier liegen, neben uns, neben mir
und dir ...«

»Ja, ja!« stimmte der Fürst eifrig bei.

»Also jetzt noch nicht gestehen und nicht forttragen lassen.«

»Nei--nein, auf keinen Fall!« entschied der Fürst. »Nicht -- nicht!«

»So hatte auch ich beschlossen ... auf keinen Fall. Die Nacht verbringen
wir ganz still. Ich war heute nur auf eine Stunde ausgegangen, am
Morgen, sonst war ich die ganze Zeit bei ihr. Und dann gegen Abend, als
ich dich suchen ging. Nur fürchte ich, daß es hier zu drückend ist und
der Leichengeruch sich bald bemerkbar machen wird. Riechst du schon
etwas oder noch nicht?«

»Vielleicht rieche ich etwas, ich weiß es nicht. Am Morgen wird man es
bestimmt riechen ...«

»Ich habe sie mit Wachstuch zugedeckt, mit gutem, amerikanischem, und
über dem Wachstuch dann noch mit dem Laken, und vier Fläschchen mit
desinfizierender Flüssigkeit habe ich aufgestellt, sie stehen auch jetzt
dort offen.«

»So wie dort ... in Moskau?«

»Denn sonst, Bruder, riecht es. Sie aber liegt doch so ... Am Morgen,
wenn es hell wird, sieh sie dir an. Was ist dir, kannst du nicht
aufstehen?« fragte er, mit ängstlicher Verwunderung, als er sah, daß der
Fürst so zitterte, daß er sich nicht vom Stuhle zu erheben vermochte.

»Die Füße versagen ...« murmelte der Fürst. »Das ist nur von der Angst,
ich kenne das ... Wenn die Angst vergangen ist, werde ich auch aufstehen
können ...«

»Dann bleib nur sitzen, ich werde inzwischen das Lager zurecht machen,
dann kannst du dich gleich hinlegen ... und ich neben dir ... und dann
können wir sehen ... Denn ich, Bruder, ich weiß noch nicht ... ich ...
sieh, Bruder, ich weiß jetzt noch nicht alles, und so sage ich es auch
dir im voraus, damit du das alles beizeiten erfährst ...«

Undeutlich diese rätselhaften Worte murmelnd, machte sich Rogoshin
daran, das Lager herzurichten. Offenbar hatte er schon früher,
vielleicht schon am Morgen, darüber nachgedacht, wie er das machen
würde. Der Diwan war für zwei Personen zu schmal, er aber wollte nun
einmal unbedingt Seite an Seite mit dem Fürsten liegen, und da schleppte
er denn mit großer Mühe die schweren Polsterkissen durch das ganze
Zimmer, dicht an den Eingang zum Schlafzimmer, schleppte noch andere
Kissen herbei, Kissen von verschiedener Größe. Als das Lager fertig war,
trat er an den Fürsten heran, faßte ihn mit rührender Zartheit unter den
Arm und führte ihn stolz und froh zu seinem Lager. Übrigens konnte der
Fürst schon allein gehen. »Die Angst war also vergangen.« Doch fuhr er
fort, zu zittern.

»Denn sieh, Bruder,« begann plötzlich wieder Rogoshin, nachdem er den
Fürsten zur Linken auf die besseren Kissen gebettet und sich selbst zur
Rechten hingestreckt hatte, indem er beide Hände unter den Kopf schob,
»bei der Hitze, weißt du, geht das schneller ... Die Fenster
aufzumachen, fürchte ich mich. Aber, weißt du, bei meiner Mutter sind
viele Blumen, sie blühen jetzt gerade und haben solch einen wundervollen
Duft, ich dachte schon daran, sie herzubringen, aber die Pafnutjewna
hätte Verdacht geschöpft, sie ist sehr neugierig.«

»Ja, sie ist sehr neugierig,« wiederholte der Fürst.

»Oder soll ich viele, viele Buketts kaufen, und sie ganz mit Blumen
umstellen? Ich denke aber, es wird traurig sein, so in Blumen!«

»Hör' ...« begann der Fürst, als suche er nach einem Gedanken, als wisse
er nicht, was er eigentlich fragen wollte, oder als vergesse er immer
wieder, was es war. »Hör' ... ja sag' mir: womit hast du sie denn ...?
Mit einem Messer? Mit demselben?«

»Mit demselben ...«

»Wart'! Ich will dich noch fragen, Parfen ... ich werde dich noch vieles
fragen, ich will alles wissen ... aber du sag' mir zuerst, ganz zuerst,
damit ich es weiß: wolltest du sie vor meiner Hochzeit, vor der Trauung,
in der Kirche ermorden, mit dem Messer erstechen? Wolltest du es, oder
wolltest du es nicht?«

»Ich weiß nicht, ob ich es wollte ...« antwortete Rogoshin trocken, als
hätte er sich über die Frage ein wenig gewundert und sie nicht ganz
begriffen.

»Hast du das Messer niemals nach Pawlowsk mitgenommen?«

»Nein, niemals. Von diesem Messer kann ich dir nur das sagen, Lew
Nikolajewitsch,« fuhr er nach kurzem Schweigen fort: »Ich habe es aus
einem verschlossenen Schubfach heute morgen herausgenommen, denn das
Ganze geschah am Morgen zwischen drei und vier. Es lag bei mir in dem
Buch ... Und ... und ... und sieh, was mich wundert: das Messer ging auf
anderthalb ... oder sogar auf zwei Zoll hinein ... gerade unter der
linken Brust ... Blut aber floß im ganzen nur so ein halber Eßlöffel
aufs Hemd, nicht mehr.«

»Das, das, das,« begann plötzlich der Fürst, indem er sich in
furchtbarer Erregung aufzurichten begann, »das, das, ich weiß, das, ich
habe davon gelesen ... innere Verblutung wird das genannt ... Es kommt
sogar vor, daß kein einziger Tropfen Blut herausfließt. Das ist dann,
wenn der Stoß gerade ins Herz geht ...«

»Scht! -- Hörst du?« unterbrach ihn Rogoshin hastig, indem et sich
erschrocken aufrichtete. »Hörst du?«

»Nein!« sagte ebenso schnell und erschrocken der Fürst und sah Rogoshin
an.

»Jemand geht! Hörst du? Im Saal ...«

Beide begannen zu lauschen.

»Ich höre,« flüsterte der Fürst überzeugt.

»Man geht?«

»Ja, man geht!«

»Soll ich die Tür verschließen?«

»Ja, verschließ' ...«

Rogoshin verschloß die Tür und wieder legten sie sich beide hin. Lange
Zeit schwiegen sie.

»Ach, ja!« begann der Fürst, sich plötzlich aufrichtend, in demselben
aufgeregten, schnellen Geflüster, als habe er endlich einen Gedanken
erfaßt und fürchte nun, ihn wieder zu vergessen. »Ja ... ich wollte doch
... diese Karten! die Karten ... Du sollst doch mit ihr Karten gespielt
haben?«

»Ja,« sagte Rogoshin nach einigem Schweigen.

»Wo sind denn ... die Karten?«

»Hier ...« sagte Rogoshin nach noch längerem Schweigen, zog aus der
Tasche ein gebrauchtes, in Papier gewickeltes Spiel Karten hervor und
reichte es dem Fürsten. »Da ...«

Der Fürst nahm es zögernd, als begriffe er nicht, weshalb man es ihm
reichte. Ein neues, trauriges, trostloses Gefühl schnürte ihm das Herz
zusammen; doch plötzlich begriff er, daß er schon lange gar nicht davon
sprach, wovon er sprechen wollte, und immer nicht das tat, was er tun
müßte, und daß diese Karten, die er jetzt in der Hand hielt, und über
die er sich so gefreut hatte, jetzt nichts, nichts mehr ändern konnten.
Er stand auf und rang die Hände. Rogoshin blieb unbeweglich liegen und
schien den Fürsten weder zu sehen noch zu hören; seine Augen aber
glänzten hell im Dunkel und waren ganz offen und unbeweglich. Der Fürst
setzte sich auf einen Stuhl und sah ihn angstvoll an. Wohl eine halbe
Stunde verging so. Plötzlich lachte Rogoshin laut auf, es war ein fast
schreiendes, abgerissenes Lachen -- als hätte er ganz vergessen, daß er
nur flüsternd sprechen durfte:

»Den Offizier, den Offizier ... weißt du noch, wie sie den Offizier mit
der Peitsche schlug, beim Konzert, weißt du noch, ha ha ha! Und der
Kadett ... Kadett ... Kadett sprang noch hinzu.«

Der Fürst schnellte erschrocken vom Stuhle empor. Als Rogoshin verstummt
war -- ebenso plötzlich, wie er aufgelacht hatte --, beugte sich der
Fürst leise über ihn, setzte sich neben ihm nieder und begann mit stark
klopfendem Herzen, schwer atmend, sein Gesicht zu betrachten. Rogoshin
wandte den Kopf nicht zu ihm und schien ihn sogar völlig vergessen zu
haben. Der Fürst sah ihn an und wartete. Die Zeit verging. Die Nacht
wurde heller. Rogoshin begann von Zeit zu Zeit irgendwelche Worte zu
murmeln, leise, laut, schroff hervorstoßend, zusammenhanglos, begann
schließlich laut aufzuschreien und zu lachen. Dann streckte der Fürst
jedesmal seine zitternde Hand aus und berührte leise seinen Kopf, seine
Haare, streichelte sie und streichelte seine Wangen ... das war alles,
was er tun konnte! Er selbst begann wieder zu zittern und plötzlich
empfand er auch wieder das Schwächegefühl in den Beinen. Irgendein ganz
neues Gefühl quälte sein Herz mit unendlicher Sehnsucht. Der Morgen
brach an; da beugte er sich endlich in völliger Erschöpfung und
Verzweiflung auf das Kissen nieder und schmiegte sich mit seinem Gesicht
an das bleiche, unbewegliche Antlitz Rogoshins. Tränen flossen aus
seinen Augen auf Rogoshins Wangen -- doch wird er wohl kaum seine Tränen
gefühlt haben und vielleicht wußte er von nichts mehr ...

Wenigstens fand man, als nach mehreren Stunden die Tür gewaltsam
geöffnet wurde und Leute eindrangen, den Mörder bewußtlos und im Fieber.
Der Fürst aber saß unbeweglich neben ihm. Und jedesmal, wenn der Kranke
einen Schrei ausstieß oder zu phantasieren begann, beeilte er sich,
wieder mit zitternder Hand sein Haar und seine Wangen zu streicheln, wie
um ihn zu beruhigen und zu liebkosen. Doch er begriff nichts mehr,
begriff nicht, was man ihn fragte, und von den Eingetretenen, die ihn
umgaben, erkannte er keinen einzigen. Wenn Professor Schneider jetzt
selbst aus der Schweiz gekommen wäre, um seinen einstigen Schüler und
Patienten zu sehen, so würde er, der ihn einmal vor der Heilung in den
Stunden nach einem Anfall gesehen hatte, wieder nur mit der Achsel
gezuckt und wie damals gesagt haben: »Ein Idiot!«


                                  XII.
                                Schluß.

Die Lehrerswitwe war, der Verabredung gemäß, nach Pawlowsk gefahren und
hatte sogleich Darja Alexejewna, die sich von der Aufregung noch ganz
krank fühlte, in ihrem Hause aufgesucht und durch die Mitteilung alles
dessen, was sie wußte, in große Angst versetzt. Beide Damen hatten sich
dann nach kurzer Beratung zu Lebedeff begeben, der sich als ergebener
Freund und Hauswirt des Fürsten gleichfalls beunruhigt fühlte. Nachdem
dann noch Wjera alles erzählt hatte, was sie über die Abfahrt des
Fürsten erzählen konnte, waren die beiden Damen und Lebedeff nach
Petersburg gefahren, auf Lebedeffs Rat, um »eventuell noch zu verhüten,
was sehr leicht geschehen könnte«. So kam es, daß am nächsten Morgen
schon um elf Uhr die Tür zur Wohnung Rogoshins auf Veranlassung der
Polizei in Anwesenheit Lebedeffs, der beiden Damen und des älteren
Bruders von Rogoshin, Ssemjon Ssemjonytsch Rogoshin, der den
Seitenflügel des Hauses bewohnte, aufgebrochen wurde. Das polizeiliche
Vorgehen wurde wesentlich beschleunigt durch die Aussage des
Hausknechts, der am Abend vorher gesehen hatte, wie Parfen Ssemjonytsch
mit einem Gast ins Haus eingetreten, und ganz leise die Treppe
hinaufgegangen war. Nach dieser Aussage hatte man nicht länger gezögert
die Tür mit Gewalt aufzubrechen.

Rogoshin lag zwei Monate an einer Gehirnentzündung danieder. Als er
gesund geworden war, kam sein Prozeß zur Verhandlung. Seine Aussagen
waren klar, genau, unzweideutig und genügten vollkommen, so daß der
Fürst auf Grund derselben ohne weiteres von der Untersuchung
ausgeschlossen wurde. Bei der Gerichtsverhandlung war Rogoshin im
übrigen schweigsam. Er widersprach zwar nicht seinem Verteidiger, der
geschickt, klar, logisch und beredt zu beweisen suchte, daß der Mord von
ihm in bereits unzurechnungsfähigem Krankheitszustande verübt worden sei
und daß man ihn eigentlich nur als Folge der Gehirnentzündung, die
bereits früher begonnen habe, betrachten müsse; doch fügte Rogoshin von
sich aus nichts hinzu, was die Richtigkeit dieser Annahme bestätigen
konnte, und auf die an ihn gestellten Fragen antwortete er wieder klar,
bestimmt, und durchaus bemüht, sich aller Einzelheiten des Geschehenen
zu entsinnen. Er wurde unter Annahme mildernder Umstände zu fünfzehn
Jahren Zwangsarbeit nach Sibirien verbannt. Wortlos, mit fast strenger
Miene, vernahm er sein Urteil, »wie in Gedanken versunken«, erzählte
man. Sein ganzes, großes Vermögen, von dem er, im Verhältnis gesprochen,
nur einen kleinen Teil verschwendet hatte, ging auf seinen Bruder
Ssemjon Ssemjonytsch über, zur nicht geringen Zufriedenheit dieses
letzteren. Die Mutter Rogoshins lebte nach wie vor in ihrer stillen
Wohnung, und mitunter scheint es, als gedenke sie ihres geliebten Sohnes
Parfen, doch sind ihre Gedanken wohl nur unklar: Gott hat ihren Geist
und ihr Herz davor bewahrt, das Entsetzen, das ihr trauervolles Haus
heimgesucht, in seiner ganzen Größe zu erfassen.

Lebedeff, Keller, Ganjä und Ptizyn und noch viele andere Personen, die
wir kennen gelernt haben, leben gleichfalls in alter Weise weiter, haben
sich wenig verändert -- daher läßt sich auch nichts Besonderes über sie
berichten. Hippolyt starb etwas früher, als er erwartet hatte, etwa zwei
Wochen nach dem Tode Nastassja Filippownas. Er soll vorher entsetzlich
aufgeregt gewesen sein. Koljä war durch die Ereignisse tief erschüttert.
In der Folge traten er und seine Mutter sich bedeutend näher, ja er
schloß sich sogar ganz an sie an. Nina Alexandrowna ist recht besorgt um
ihn: sie findet ihn zu nachdenklich für seine Jahre. Vielleicht aber
wird aus ihm doch noch einmal ein tätiger und tüchtiger Mensch. Zum Teil
ist es auch auf seine Bemühungen zurückzuführen, daß für das weitere
Schicksal des Fürsten gesorgt wurde. Unter all seinen neuen Bekannten
hatte ihm am meisten Jewgenij Pawlowitsch Radomskij gefallen; zu diesem
hatte er sich denn auch sogleich aufgemacht und ihm das Ereignis
mitgeteilt, sowie alles Nähere, was er selbst über den Zustand des
Fürsten wußte. Seine Erwartung täuschte ihn nicht: Jewgenij Pawlowitsch
nahm den lebhaftesten Anteil am traurigen Schicksal des armen »Idioten«,
und dank seiner Bemühungen kam der Fürst wieder in die Schweiz zu
Professor Schneider, der ihn von neuem in seine Heilanstalt aufnahm.
Jewgenij Pawlowitsch begab sich ins Ausland. Er hatte sogar die Absicht,
recht lange in »Europa« zu bleiben, da er sich selbst ganz offen einen
»in Rußland vollkommen überflüssigen Menschen« nannte. Seinen kranken
Freund besucht er ziemlich oft, wenigstens ein paarmal im Jahre.
Professor Schneider macht aber, wenn er nach der Genesungsmöglichkeit
seines Patienten gefragt wird, eine immer bedenklichere Miene, schüttelt
den Kopf und deutet an, daß es diesmal wohl eine vollständige Zerrüttung
der Verstandeskräfte sei; zwar redet er nicht von Unheilbarkeit, äußert
aber doch die traurigsten Mutmaßungen. Jewgenij Pawlowitsch nimmt sich
das sehr zu Herzen -- und _er hat_ ein Herz, was allein schon durch den
einen Umstand bewiesen wird, daß er von Koljä Briefe erhält, und diese
Briefe hin und wieder sogar beantwortet. Außerdem aber haben wir noch
etwas sehr Seltsames über ihn erfahren, und da dieses Seltsame ein guter
Charakterzug ist, so sei es hier mitgeteilt: Jewgenij Pawlowitsch
schreibt nämlich nach seinen Besuchen in der Heilanstalt des Professor
Schneider außer an Koljä regelmäßig noch einen Brief nach Petersburg,
der den ausführlichsten Bericht über den Zustand des Fürsten enthält.
Doch außer diesen Berichten und der höflichsten Versicherung seiner
Hochachtung, finden sich in diesen Briefen mitunter -- und zwar immer
häufiger -- auch einige Darlegungen seiner Anschauungen, Begriffe,
Gefühle, und diese werden mit jedem Brief sogar immer länger. Mit einem
Wort, es beginnt in ihnen etwas durchzublicken, das an freundschaftliche
oder noch innigere Gefühle gemahnt. Die Person aber, an die Jewgenij
Pawlowitsch diese Briefe schreibt -- natürlich tut er es immerhin noch
ziemlich selten -- und die seine Aufmerksamkeit und Achtung in so hohem
Maße gefesselt und erworben hat, ist Wjera Lebedewa. Leider ist es uns
nicht möglich gewesen, Näheres darüber zu erfahren, wie sich diese
Beziehungen haben anknüpfen können, doch nehmen wir an, daß es wohl
infolge des Unglücks gewesen sein wird, das den Fürsten betroffen hatte.
Wjera war durch das Geschehnis zunächst so erschüttert, daß auch sie
erkrankte. Doch wie gesagt -- bei welcher Gelegenheit sie sich näher
getreten sind, wissen wir nicht. Im übrigen haben wir dieser Briefe auch
deshalb Erwähnung getan, weil einzelne von ihnen Mitteilungen über
Jepantschins und namentlich über Aglaja Iwanowna enthalten. In einem
ziemlich krausen Brief aus Paris teilte er mit, daß diese zu einem
polnischen Grafen und Emigranten eine große Neigung gefaßt und ihn bald
darauf geheiratet habe, sehr gegen den Wunsch ihrer Eltern, die, wenn
sie auch schließlich ihre Einwilligung gegeben, es nur deshalb getan
hätten, weil es sonst zu einem vielleicht aufsehenerregenden Skandal
gekommen wäre. Im nächsten Brief, den Wjera nach etwa einem halben Jahre
erhielt, schrieb Jewgenij Pawlowitsch -- es war wieder ein langer,
ausführlicher Brief -- daß er während seines letzten Aufenthaltes in der
Schweiz bei Professor Schneider mit Jepantschins und dem Fürsten Sch.
zusammengetroffen sei. Das Wiedersehen mußte, so wie er es schilderte,
ein sehr seltsames gewesen sein: alle hatten ihn fast begeistert
empfangen, Alexandra und Adelaida hatten sich ihm sogar zu heißem Dank
verpflichtet gefühlt für alles Gute, das er dem Fürsten erwies, und für
seine »rührende Sorge um ihn«. Lisaweta Prokofjewna hatte beim Anblick
des armen Fürsten in seinem kranken, erniedrigenden Zustande bitterlich
zu weinen begonnen. Offenbar hatte sie ihm längst alles verziehen. Fürst
Sch. hatte bei der Gelegenheit ein paar gute Gedanken ausgesprochen. Wie
es Jewgenij Pawlowitsch geschienen, hätte sich das junge Ehepaar noch
nicht so ganz harmonisch verbunden gefühlt, doch wäre es vorauszusehen,
daß Adelaidas lebhaftes, mitunter recht feuriges Temperament sich mit
der Zeit freiwillig und von Herzen der geistigen Überlegenheit und
Erfahrenheit des Fürsten anpassen und unterordnen würde. Hinzu kam noch,
daß die Lehren, die die Familie in letzter Zeit erhalten hatte, für sie
unvergeßlich waren, so vor allem das letzte Erlebnis Aglajas mit dem
polnischen Grafen. Alles, was man befürchtet, als man die Einwilligung
zur Heirat Aglajas mit diesem Grafen verweigert hatte, war schon nach
wenigen Monaten, nach kaum einem halben Jahre, in Erfüllung gegangen,
und dazu noch mit solchen Überraschungen, daß man an die leidigen
Tatsachen fast immer noch nicht glauben wollte. Es hatte sich nämlich
herausgestellt, daß der emigrierte Graf zwar ein Emigrant, deshalb aber
noch längst kein Graf war, seine Vergangenheit vielmehr etwas sehr
Dunkles und Zweideutiges hatte. Aglaja hatte er durch die »seltene
Vornehmheit seiner von Heimweh nach dem Vaterlande sich verzehrenden
Seele« gefesselt und bezaubert, und das in solchem Maße, daß sie bereits
vor der Heirat Mitglied irgendeines Emigrantenkomitees geworden war, das
sich die Wiederherstellung des Königreichs Polen zum Ziel gesetzt hatte.
Überdies war sie noch in den Beichtstuhl irgendeines berühmten
Jesuitenpaters geraten, der ihren Geist bis zum Wahnsinn zu beeinflussen
wußte. Das riesige Vermögen des Grafen, von dem er Lisaweta Prokofjewna
und dem Fürsten Sch. erzählt und für das er ihnen fast unantastbare
Beweise geliefert hatte, war nichts als Schwindel gewesen. Außerdem war
es ihm mit Hilfe seines Freundes, des Jesuitenpaters, in dieser kurzen
Zeit gelungen, Aglaja vollständig mit ihrer Familie zu entzweien, so daß
die Mutter und Geschwister sie schon seit mehreren Monaten nicht gesehen
hatten ... Kurzum, erzählen ließe sich noch manches, doch hatten
Lisaweta Prokofjewna, ihre Töchter und Fürst Sch. schon so viel unter
diesem »Schrecken« gelitten, daß sie im Gespräch mit Jewgenij
Pawlowitsch fast angstvoll gewisse Dinge zu umgehen gesucht hatten,
zumal sie wußten, daß er ohnehin über die letzten Verirrungen Aglaja
Iwanownas gut unterrichtet war. Die arme Lisaweta Prokofjewna wäre gern
sogleich nach Rußland zurückgekehrt: nach dem Bericht Jewgenij
Pawlowitschs habe sie sehr parteiisch, fast sogar erbittert alles
Ausländische kritisiert. »Nicht einmal Brot verstehen sie zu backen, den
Winter über frieren sie wie die Mäuse im Keller!« habe sie ganz erbost
gesagt. »Hier habe ich mich doch wenigstens über diesen Armen auf gut
Russisch ausweinen können,« habe sie hinzugefügt, erregt auf den Fürsten
weisend, der keinen von ihnen erkannt hatte. »Aber jetzt hat man sich
genug hinreißen lassen, es ist Zeit, endlich wieder vernünftig zu
werden! Und all das hier, euer ganzes Europa, alles das ist nur
Phantasie, und wir Russen, wir alle hier im Auslande, sind nichts als
Phantasie ... behaltet meine Worte, ihr werdet es selbst sehen!« habe
sie sich beim Abschied von Jewgenij Pawlowitsch fast zornig geäußert.




                                Fußnoten


[1] Diminutiv von Ssemjon. E. K. R.

[2] Alexander. E. K. R.

[3] Abkürzung von Gawrila (Gabriel). E. K. R.

[4] Abkürzung von Nastassja. E. K. R.

[5] Lust. E. K. R.

[6] Chanat Kiptschak, dessen tatarische Fürsten in der Stadt Ssarai an
der Achtuba (unteren Wolga) lebten und sich von den russischen
Teilfürsten nach deren Unterwerfung Tribut zahlen ließen. E. K. R.

[7] Abkürzung von Warwara. E. K. R.

[8] Berühmter Chirurg. E. K. R.

[9] In Rußland übliche Benennung des Portiers, der in reicheren Häusern
beständig an der Tür sitzt und den Eintretenden öffnen muß. E. K. R.

[10] Hauptmannsfrau. E. K. R.

[11] Landsitz, Sommervilla mit dazugehörigem Garten. E. K. R.

[12] Vornehmer Villenort in der Nähe von Petersburg. E. K. R.

[13] Mit zwei Fingern bekreuzen sich nur die Altgläubigen. E. K. R.

[14] Brüderschaft schließen. E. K. R.

[15] Öffentlicher Garten in Petersburg. E. K. R.

[16] Ein Stadtteil in Petersburg jenseits der Newa. E. K. R.

[17] Verbrecher, auf deren Mordtaten Lebedeff seine Behauptungen stützt,
und deren Prozesse damals allgemeines Aufsehen erregten. E. K. R.

[18] Zitat aus der Komödie »Unglück durch Verstand« von Gribojedoff. E.
K. R.

[19] Diminutivform von Lew. E. K. R.

[20] In Gribojedoffs Komödie »Unglück durch Verstand« drückt eine der
Hauptpersonen (der alte Famussoff), nachdem das »Unglück« geschehen ist,
seine größte Sorge in dem Stoßseufzer aus:

   »Mein Gott, was wird jetzt sagen
   Die Fürstin Maria Alexejewna!«

E. K. R.

[21] Die Hauptmahlzeit wird in Rußland gewöhnlich um sechs Uhr
eingenommen. E. K. R.

[22] Sommerkonzerte bei Petersburg. E. K. R.

[23] Njänjä = Kinderfrau. E. K. R.

[24] Entspricht dem westeuropäischen Fasching. E. K. R.

[25] Stadtteil auf einer Insel in Petersburg. E. K. R.

[26] Berge bei Moskau. E. K. R.

[27] Hauptfigur in Gogols Lustspiel »Die Heirat«, ein ältlicher
Junggeselle, der sich schließlich dank tatkräftiger Unterstützung seiner
Freunde und Bekannten verlobt, dann aber, kurz vor der Trauung, durch
das Fenster entflieht und die Braut im Stich läßt. E. K. R.

[28] Typ in Gogols »Newskij Prospekt«. E. K. R.

[29] Kapiton (familiär Kapitoschka) -- russischer Vorname. E. K. R.

[30] Stadtteil von Petersburg. E. K. R.

[31] Kartenspiel, ähnlich dem deutschen Schafskopf. E. K. R.

[32] Eine Deßjätine entspricht ungefähr einem Hektar. E. K. R.

[33] Die Anhänger dieser Sekte verwerfen die Sakramente, die
Geistlichkeit und die Kirche, beobachten jedoch äußerlich den Ritus der
griechischen Kirche. In ihren geheimen Versammlungen geißeln sie sich
drehend und singend, bis sie halb bewußtlos werden und in diesem
Zustande zu wahrsagen beginnen. Eine der ältesten Sekten Rußlands. E. K.
R.




                 Übersetzung französischer Textstellen


{[1]} Handelsreisender

{[2]} wie das Lumpengesindel

{[3]} Vorab bemerkt.

{[4]} Mein Mann irrt sich

{[5]} sich irren

{[6]} das ist falsch

{[7]} Das ist neu!

{[8]} zum Zeitvertreib

{[9]} kleines Spiel

{[10]} Scham des Reichtums

{[11]} so viel Geist

{[12]} Die Kameliendame

{[13]} in Mode

{[14]} der jüngere

{[15]} Meisterwerk

{[16]} von echter Abstammung

{[17]} den Hof machen

{[18]} Kamelienherr

{[19]} meine Cousine

{[20]} Zeremonieller Mogenempfang, wörtlich: Aufstehen des Königs.

{[21]} Elend

{[22]} Augenblick

{[23]} zur rechten Zeit

{[24]} wie es sich gehört

{[25]} Lieber Prinz

{[26]} Lebemann

{[27]} viel Glück!

{[28]} Nach mir die Sintflut.

{[29]} die Extreme berühren sich

{[30]} Oh, wird deine heilige Schönheit erkannt / So viele Freunde hören
meinen Abschied nicht! / Mögen sie tagelang sterben, ihr Tod betrauert
werden. / Möge ein Freund ihre Augen schließen!

{[31]} Du hast es gewollt, George Dandin!

{[32]} Was für ein aufgeweckter Junge! Wer ist dein Vater?

{[33]} Ah, der Sohn eines Bojaren und tapfer dazu! Ich liebe die
Bojaren. Magst du mich, Kleiner?

{[34]} der kleine Bojar

{[35]} Feldzug von 1815

{[36]} Rat des Löwen

{[37]} Bah! Er wird abergläubisch!

{[38]} der König von Rom

{[39]} Also ein kleines Mädchen.

{[40]} Lüge niemals! Napoleon, dein aufrichtiger Freund.

{[41]} Aber, mein Gott!

{[42]} Brüderlichkeit oder Tod!

{[43]} Das ist sehr seltsam und sehr ernst!

{[44]} Lass ihn reden

{[45]} Wirklich?


                     Anmerkungen zur Transkription

Die »Sämtlichen Werke« erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen
Fassung der Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren Auflagen und
Ausgaben 1906--1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde transkribiert
nach:

                  F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke.
                     Erste Abteilung: Dritter Band.
                     Erste Abteilung: Vierter Band.
                               Der Idiot
                 R. Piper & Co. Verlag, München, 1918.
                       Sechste bis achte Auflage

Für diese ebook-Ausgabe wurden der dritte und der vierte Band vereinigt.
Band 4 beginnt mit »Dritter Teil«. Zwischen Band 3 und Band 4 (zwischen
den Seiten 628 und 653) gibt es eine Lücke in der Seitennumerierung.
Dabei handelt es sich lediglich um einen Fehler in den gedruckten
Seitennummern, es fehlen keine Seiten.

Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der »Sämtlichen
Werke« vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den
ursprünglichen Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr,
Copyright, Auflage usw. sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt
nach der Titelseite eingefügt.

Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.

Die Bearbeiter haben diesem Text Übersetzungen der französischen
Textstellen in Form von Fußnoten hinzugefügt und der _public domain_ zur
Verfügung gestellt.

Diese zusätzlichen Fußnoten sind mit { } markiert.

Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen
(»«) eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von
Gesprächen wurde in einfache Anführungszeichen (><) eingeschlossen.

Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: Der
Buchstabe »ä« (oder auch "jä") steht für den kyrillischen Buchstaben
»ja«. Die Schreibweise häufig vorkommender russischer Namen wurde
vereinheitlicht (nicht verwendete Varianten in Klammern):

   Burdowskij (Burdowski)
   Ismailowskij (Ismailowsky)
   Jeropjegoff (Jeropjekoff)
   Parfen (Parfenn)
   Pjotr (Pjoter)
   Ptizyn (Ptizin)
   Ssemjonowitsch (Semjonowitsch)
   Timofej (Timofei)
   Tozkij (Totzkij)

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert. Weitere
Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen oder des
russischen Originaltextes, sind hier aufgeführt (vorher/nachher):

   [S. 23]:
   ... zur Heiligen Verklärungskirche. Außer diesen äußerst ...
   ... zur Heiligen Verklärungskirche. Außer diesem äußerst ...

   [S. 144]:
   ... einsamen Berge aufsuchte, um allein zu sein, begegneten ...
   ... einsamen Berge aufsuchte, um allein zu sein, begegnete ...

   [S. 235]:
   ... Familie empfindet ... nun, und, versteht sich auf für ...
   ... Familie empfindet ... nun, und, versteht sich auch für ...

   [S. 240]:
   ... sein kein origineller Mensch. Merken Sie sich, lieber ...
   ... sei kein origineller Mensch. Merken Sie sich, lieber ...

   [S. 267]:
   ... rief seine Andeutung doch gewisses Erstaunen und ...
   ... rief seine Anmeldung doch gewisses Erstaunen und ...

   [S. 301]:
   ... »Nastassja Filippowna!« sagte im beschwörendem, ...
   ... »Nastassja Filippowna!« sagte in beschwörendem, ...

   [S. 603]:
   ... »Das ist es ja, weiß der Teufel, womit Sie einem ...
   ... »Das ist es ja, weiß der Teufel, womit Sie einen ...

   [S. 698]:
   ... schien, wenn ihnen so viel Verehrer folgten. ...
   ... schien, wenn ihnen so viele Verehrer folgten. ...

   [S. 753]:
   ... mich nun betrifft, als Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts, ...
   ... mich nun betrifft, als Mensch des neunzehnten Jahrhunderts, ...

   [S. 771]:
   ... und dem zu sterben selbstverständlich nichts kostete. Ich ...
   ... und den zu sterben selbstverständlich nichts kostete. Ich ...

   [S. 1193]:
   ... Stuhl und sah in angstvoll an. Wohl eine halbe ...
   ... Stuhl und sah ihn angstvoll an. Wohl eine halbe ...

   [S. 1198]:
   ... armen »Idioten«, und dank seine Bemühungen kam ...
   ... armen »Idioten«, und dank seiner Bemühungen kam ...






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Fjodor Michailowitsch Dostojewski

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or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    [email protected]

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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