Von Hollas Rocken : Märchen

By Eberhard König

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Title: Von Hollas Rocken
        Märchen

Author: Eberhard König

Illustrator: H. M. Bungter


        
Release date: May 3, 2026 [eBook #78594]

Language: German

Original publication: Leipzig: Erich Matthes, 1925

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/78594

Credits: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VON HOLLAS ROCKEN ***


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                     Anmerkungen zur Transkription.

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Die Schreibweise und Interpunktion
des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche
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Das Inhaltsverzeichnis ist zur besseren Übersicht an den Anfang des
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                            Eberhard König


                           Von Hollas Rocken


                              Märchen




                            [Illustration]




    E. Matthes, Verlagsbuchhandlung Leipzig und Hartenstein-Sachsen




                         Inhalt


      Vom Schneiderlein mit den drei Hunden          1

      Das Pferdeei                                  12

      Die Ausreißer                                 16

      Das Unglaubliche                              30

      Wie der starke Hans sein Glück fand           34

      Der Hasenhirt                                 58

      Das Märchen von der schönen Schwanenjungfer   79

      Der Geiger und seine drei Gesellen            95

      Mausfallenwenzel                             132




                           [Illustration]




                 Vom Schneiderlein mit den drei Hunden


Ein armes Schneiderlein hatte zu Hause nichts zu verlieren und ging
auf Reisen. Da lief ihm mitten im Walde ein großer Hund in den Weg,
bot ihm die Zeit und fragte es, ob's ihn nicht mitnehmen wolle. »Ei,
warum nicht, so du mir dienstbar und zu Willen sein willst; lauf du nur
in Gottes Namen hinter mir drein!« Über eine kurze Wegstrecke kam ein
zweiter Hund, trug ihm seine Dienste an und ward des ersten Kamerad,
und -- es mochte halt ein närrischer Tag sein, -- eh' noch der Abend
sank, waren's ihrer drei; ob sich gleich unser Schneiderlein den Kopf
kraute und die alte Mütze von einem Ohr aufs andere schob, wenn er's
bedachte, wie er wohl drei Hunde ernähren möchte, da er sich selber nur
mit Ach und Krach durch die leidige Welt schlug. Aber der Hund sah ihn
mit so guten Augen wie ein bittend Mägdlein an, und das Schneiderlein
hatt' ein zu gutes Herz und, das Beste, was ein armer Teufel haben
mag, auch ein leichtes, sorgloses Herz, und dachte sich: »Gott wird
uns vieren schon weiterhelfen; wer weiß, wofür es gut ist.« Nun, des
sollt' er gleich gewahr werden. Es war dunkel worden, Beine und Magen
des Schneiderleins waren ~einer~ Meinung: es sei Feierabendzeit
und recht die Stunde, einen guten Imbiß zu tun. Da war auch schon der
Wald zu Ende, ein fettes Dorf lag einladend vor ihnen, und gleich an
der Wegecke hinter der Brücke winkte ein stattlich Wirtshaus. Da ward
dem Schneider weh ums Herz; denn es gedachte seines mehr als mageren
Beutelchens und der gedeihlichen Sachen, die man da drin für gute
Batzen haben könnte. Kaum hatt' er's gedacht, sprach der erste Hund:
»Kopf hoch, Herrlein, wenn's weiter nichts ist! Geh du nur forsch
hinein, bestelle Abendbrot für vier Mann, das Bezahlen laß unsere Sorge
sein.« Des Schneiderleins leichtsinnig Herz war ein gläubig Herz; so
schwang er die Elle wie ein Streiter des Herrn ums Haupt, trat wie
ein großmögender, dickbäuchiger Holländer und Kaufherr mit großen
Prächten ein, schlug auf den Tisch: »Heda, Wirtschaft!« Der Wirt kam
mit untertänigem Krummbuckel herbeigeeilt, denn so herrisches Gebaren
roch nach Dukaten, zog aber den ganz ergebenen Rücken wieder grade,
da er Felleisen, Schere und Elle gewahrte; doch der Gast trug eine so
ohnegleichen zahlungsfähige Miene zur Schau, tat so verwöhnt: »Hat
er was Gescheites, Herr Wirt? Nun, wir wollen's versuchen. Man lernt
fürlieb nehmen unterwegs; aber beeil er sich; und einen guten Trunk,
vom Besten, verstanden?« So spricht nur ein gespickter Geldsack, dachte
der Wirt, und indes der Gast sich's im weichsten Lehnstuhl behaglich
machte und die Beine erschreckend lang unter den Tisch streckte,
trug der Wirt geschäftig auf, was das Haus vermochte: Gesottenes und
Gebratenes, Wein und schäumendes Bier. -- »Für vier Personen befehlen
der gnädige Herr?« fragte lächelnd der Gastwirt. »Ich sehe aber Euer
Gnaden allein ...« -- »Schwatz er kein Langes und Breites, und tu er,
wie ich befohlen!« herrschte ihn der Schneider an; denn schlimm läuft's
doch ab, dacht' er, da will ich mir vorher doch eine Güte tun und den
großen Herrn spielen. Große Herren aber, so viel wußte er doch schon
von der Welt, sind grob. Der Wirt gehorchte erschrocken, die Wirtin
aber stund dick und breit hinterm Schenktisch und wartete mit großen,
runden Augen, wie das Ding wohl laufen würde; denn der Schneider sah
nicht aus wie einer, der für viere aß. Kaum aber, daß aufgetragen war,
brachen die drei Hunde herein, sprangen jeder auf einen Stuhl und aßen
und tranken mit vielem Anstand, daß die Wirtin ob solchem verständigen
Getier mit »Jemine!« und »Was man doch alles erlebt!« kein Ende fand,
der Wirt aber sich scheu an dem Gaste vorbeidrückte, den er für einen
Hexenmeister hielt. Denn er war, muß man wissen, ein arger Schelm und
Betrüger, und darum lebte er in beständiger Angst, einen zu treffen,
der noch schlauer und durchtriebener wäre denn er und sein dickes
Weib. Die klugen Hunde kannten ihn wohl, und nach dem Essen sprach der
erste zu seinem Herrn: »Nimm du jetzt den Weg zwischen die Beine, laß
all dein Gepäck hier liegen, ich steh dafür ein; die Zeche bringen
wir indes in Ordnung«. -- »Ich bin euch verbunden, meine Freunde,«
sprach das Schneiderlein, »mir soll's recht sein« -- stund auf und
reckte sich, fing ein freundlich Geplauder mit der Wirtin an, immer
mit der Miene eines Gönners und Weltmanns: »Ein ansehnlich Dörflein,
Frau Wirtin«. -- »Ei ja, es muß angehn, gnädiger Herr.« -- Dann fragte
er nach den Erträgnissen des Bodens, ob kein Haus hier zu verkaufen;
die Gegend dünke ihn lieblich und die Luft gesund. So, so? Am andern
Ende, wo der Wald angrenze? Der Wald? Vortrefflich, das sei ganz so
sein Gusto! Schöne Buchen, gelt? -- Ja, aber das Grundstück werde kaum
groß genug sein, fürchte er; er wolle Pfirsiche ziehen und eine ganz
edle Kartoffel. -- »Ei der tausend!« staunte die Wirtin. -- »Ja, eine
Kartoffel, die hier im Lande ganz unbekannt, als Spalierobst, muß sie
verstehn.« -- »Nicht möglich!« -- Indes er könne ja zur Verdauung
mal das Dorf hinaufgehen und sich Haus und Hof beschauen, auch die
Nachbarschaft, denn er sei gar heikel. Daß sie ihm nur gut auf sein
Gepäck acht habe! »Versteht sich, gnädigster Herr!« -- »Also bis
nachher, Frau Wirtin!« -- »Wünsche, wohl gespeist zu haben, gnädiger
Herr.« Damit ging er. So wie die Stube einen Augenblick leer war, faßte
jeder der drei Hunde ein Stück von dem Gepäck, und weg waren sie. Der
Wirt und seine dicke Frau warten heute noch, daß der gnädige Herr von
seinem Verdauungsspaziergang zurückkehre, sind aber beide nicht in sich
gegangen, darum, daß ein anderer mal der Schlauere gewesen.

Die Hunde aber führten ihren Herrn noch am selben Abend zu einem Schloß
im Walde. Da schaute ihn der erste groß an und wedelte freundlich:
»Hast du Wagelust, Herrlein?« -- »Mehr denn Geld.« -- »So binde uns
an einen Strick und führ uns in das Schloß und verkauf uns den Riesen
da drinnen!« -- »Hm, Riesen, sagst du?« meinte das Schneiderlein und
kraute sich hinter den Ohren. »Mit derlei großen Herren soll unbequem
verkehren sein.« -- »Sei keine Bangbüchs, Herrlein; dies eine Mal halt
die Ohren steif, dann bist du ein gemachter Mann. Guck, hier hast du
was, was du bei keinem Krämer erhökern kannst. Hiemit getrau ich mich,
mitten durch die Hölle zu marschieren.« Damit gab ihm der eine Hund
ein Salbentöpfchen: »Bestreichst du damit einen Stuhl, so bleibt jeder
kleben, der sich darauf setzt.« Der zweite gab ihm ein Haselstöcklein:
»Wen du damit vor den Kopf triffst, der tut keinen Pieps mehr!«
Der dritte gab ihm ein Hörnlein: »Bist du in Not, so blase uns
herbei!« Die drei wunderlichen Kleinode hatten sie unter einem großen
Wachholderbusch aus dem Boden gescharrt. Es waren eben aus der Maßen
kluge Hunde. »Ja, wenn dem so ist, meine Herren,« sagte der Schneider
zu den Hunden, »so will ich's in Gottes Namen wagen.« Zur Probe setzte
er das Hörnlein an den Mund. Ach, sein bißchen Atem war so dünn wie
ein Zwirnsfaden, aber das klang, als bliese ein stämmiger Erzengel die
himmlische Posaune, daß der Schneider darob vor sich selber Hochachtung
bekam.

Mutig trat er, die Hunde am Seil, ins Riesenschloß, stieg eine breite
Marmortreppe hinan -- das heißt: er stieg nicht, er klomm und turnte
mit Händen und Füßen die gewaltigen Stufen, die für ganz andere
Beine berechnet waren, mühsam hinauf, kam keuchend und schwitzend
vor eine Saaltür, an der die Klinke so hoch saß, daß er sich wie ein
kleines Kind mit seinem ganzen Leibesgewicht daran hängen mußte;
womit nun freilich nicht viel gesagt ist, denn wenn er sich gleich
heut Abend plumpsatt gegessen hatte, es reichte doch nicht! Da hörte
er von drinnen eine Stimme, vor deren Dröhnen ihm das Haar zu Berge
stund: »Krabbelt da eine Ratte an der Saaltür?« Gleichzeitig flog
die Tür nach innen auf, und unser Freund, noch mit einem Arm an der
Klinke hangend, wurde in schönem Bogen in den Saal hineingeschwenkt.
Brüllendes Gelächter der Riesen, die an einer langen Tafel zechten,
begrüßte seinen seltsamen Eingang: »Ein lebendiger Hampelmann, Bravo!«
und sie klatschten, daß von der Lufterschütterung der Schneider Leibweh
bekam. Mit ihm waren die Hunde hineingeschlüpft. »Mut,« flüsterte
der eine, »es steht gut, sie sind betrunken und lachen«. Da zog der
Schneider, der seine Füße wieder gefunden hatte, gar zierlich den Hut,
machte einen possierlichen Kratzfuß, und ob die Herren Riesen nicht
drei schöne Hunde kaufen täten. Sie beschauten sie rechts und links.
»Gut, Freund,« sprach der Längste, der ein rechtes fuchsbartiges
Galgenvogelgesicht hatte, »wir wollen sie behalten. Wir sperren sie
gleich in den Zwinger unten. Warte du derweil hier, bis wir wieder
kommen und dir dein Geld bezahlen.« Dabei kniff er das linke Auge ein
und puffte seinen Nachbar in die Seite; der kniff auch das Auge ein und
gab den Puff an den dritten und so fort. Daß die wüsten Kerle nichts
Gutes mit ihrem Gaste im Sinne hatten, das zu merken, brauchte es
nicht der schweren Menge Witzes, die unser Schneider besaß. Wiehernd
polterten sie hinaus. »Pfeift der Wind aus dem Loche?« dachte der
Kleine. »Hoho, wir sind auch noch da!« kletterte mühsam auf alle Stühle
und schmierte sie säuberlich mit seiner Salbe ein. Alsbald tobten die
ungeschlachten Kumpane wieder herein und schnoben ihn an: »Du hast uns
betrogen, du spinnbeiniger Gauner! Dafür sollst du, so mager du bist,
gefressen werden!« »Wenn die Herren meinen,« sprach der Schneider,
und dabei bebte ihm nicht einmal die Stimme. »Warum nicht? Was liegt
an mir? Aber, meine Herren, Ordnung ist's halbe Leben: hübsch nach
Urteil und Recht, so gehört sich das. Wenn die werten Herren Platz
nehmen wollen. Ich stelle mich dort drüben auf und will versuchen,
mich kunstgerecht zu verteidigen.« Die Riesen lachten: »Macht ihr
Menschengeziefer das so? Gut, lassen wir uns den Spaß mal gefallen.«
Und sie nahmen erwartungsvoll und aufgeräumt Platz an der Tafel. Der
Schneider nahm einen Schemel, setzte sich ihnen gegenüber, stopfte sich
einen Pfeifenstummel und qualmte sie an. »So wird's gemacht, damit
ihr's lernt!« und er paffte und paffte. »Nun, wird's bald?« knurrten
die Riesen. »Ei, ich bin schon fertig, ihr Herren, und somit verurteile
ich euch allzumal zum Tode.« Da lachten die Unholde über den
spaßhaften kleinen Kerl, daß der Kalk von den Wänden fiel. Schließlich
dauerte ihnen die Sache zu lange, sie wollten aufstehen und das
Schneiderlein fassen. Ja, prost die Mahlzeit, da kleben sie alle fest
und verstrickten sich, wie sie dagegen ankämpften, wie in unsichtbaren
Netzen immer fester, bis keiner ein Glied mehr rühren konnte. Da schlug
der Schneider in guter Ruh, während er qualmend und schmauchend die
lange Reihe abwandelte, mit seiner Haselgerte einen nach dem andern vor
den Kopf. Da waren sie alle maustot. »So, nun wollen wir uns ein wenig
verschnaufen,« sagte Schneiderlein -- sollt ihm aber nicht vergunnt
sein: schwere Tritte tappten draußen, und herein trat ein Riese, gegen
den die anderen -- Schneiderleins waren. Das war der Riesenkönig, der
heimkam von der Jagd. Er riß die Augen auf und sperrte das Maul auf
wie ein Scheunentor, da er die Toten sah. »Wer tat das?« donnerte
er. »Ich, halten zu Gnaden,« piepte das Schneiderlein. Der Riese
schaute ihn lange sprachlos an. Endlich packte er ihn bei den Beinen:
»Zum Fressen bist du zu kümmerlich, will dich als Spatzenschreck im
Garten aufhängen.« Schon hatte er das Männlein, das sich in seinen
Eisenfingern wand, auf einen himmelhohen Ast gesetzt und drehte gerade
die Schlinge, da erwischte dies in Todesnöten das Hörnlein und blies,
blies, blies, als sollte es platzen. Da fielen die drei Hunde, ihrer
Ketten ledig, nunmehr zu riesenhaften Ungeheuern gereckt, über den
Riesenkönig her und zerrissen ihn. Vor freudigem Schreck plumpte der
Schneider vom Baume, fiel aber weich, da er ein windliches Figürchen
war; rappelte sich auf und fiel den Hunden einem nach dem andern um den
Hals. »Jetzt ist das Schloß,« sprach der erste, »von den tückischen,
zaubermächtigen Riesen befreit. Nun brauchst du uns dreien nur noch
die Köpfe abzuschlagen!« -- »Lieber sterbe ich!« schrie der Schneider.
»So zerreißen wir dich wie den Riesen, wenn du uns jetzt zu gutem Ende
nicht gehorsamen willst. Da liegt des Riesen Jagdmesser -- eins --
zwei« -- »Drei!« stöhnte der Schneider, mit abgewandtem Gesicht das
lange, schwere Messer mit beiden Ärmchen hebend, und schlug zu -- und
noch einmal -- und noch einmal. Dann war alles still.

Totenblaß, bebenden Herzens drehte er sich langsam wieder um und sah
-- nichts. Da hört' er mit herzinnigem Lachen seinen Namen hinter sich
rufen: potzblitz, stund da ein stattlicher König nebst zwo bildhübschen
Prinzessinnen! »Hab die Ehre,« stotterte unser Held und verneigte
sich. »Hab Dank, wackrer Gesell,« lachte der König und streckte ihm
die Hand hin -- »du hast uns erlöst, wir waren --« -- »Doch nicht die
drei Hunde? halten zu Gnaden: die Herren Hunde!« -- »So ist's, mein
Freund, und des zum Dank gebührt dir eine meiner Töchter als Gattin.«
-- »Wenn's denn nicht anders sein soll, so bin ich so frei,« sagte
der Schneider und ergriff die Hand der Älteren, und sie gingen zum
Schlosse. Drinnen aber, da der Riesenzauber gelöst war, wimmelte es von
edlen Herren und Damen, die alle den Schneider als Erlöser begrüßten.
Der Wald rings umher war eine prächtige Stadt geworden mit vielen
Giebeln, Zinnen, Türmen und Kirchen, alle Vögel und alles Waldgetier
fleißige, fröhliche Menschen. Am folgenden Tage gab's eine Hochzeit --
eine Hochzeit! Ja, wer da hätt' mittun dürfen!




                            [Illustration]




                             Das Pferdeei


Es war einmal ein Bauer, der hieß Bartel; der ging zu Markte in die
Stadt. Wie er so in der Stadt herumschlendert, sieht er da einen
Händler sitzen, der hatte ein pfiffiges Gesicht und guckte so schief
und schabernäckisch und hatte dazu seinen alten Filzdeckel so schief
auf dem rechten Ohr, daß Bartel wie gebannt stehen blieb und den
braunen Wetterkerl anstarrte. »Grüß dich Gott, Nachbar,« schnarrte der
Gesell und zeigte lachend die weißen Zähne unter dem pechschwarzen
Bärtchen: »eine Prise gefällig?« und streckte ihm mit der braunen Hand
eine Horndose hin. Bartel, der am liebsten weitergegangen wäre -- er
wußte nicht, warum --, langte zu -- er wußte wieder nicht, warum --,
nieste und schneuzte sich umständlich und grinste dann, um was zu
sagen: »Was hast du feil, guter Freund?« -- »Hier, sieh selbst,« sprach
der Händler und schlug von einem Korbe eine Decke zurück. Drin lagen
zwei goldgelbe Kürbisse. »Bruder, was sind das für Dinger?« -- »Was
wird's sein? Das siehst du ja, Pferdeeier halt!« -- »Pferde ... was?«
-- »Ei, nun ja, ich glaub, du hast noch keine Pferdeeier gesehn.« --
»Ei, nicht doch, Bruder, freilich doch, gewiß, natürlich! Pferdeeier,
was sonst?« Sie schwiegen. Der Braune guckte wie gelangweilt gen
Himmel. Der Bauer druckste: »Sag mal -- hm, Bruder, die sind wohl sehr
teuer, he, die Pferdeeier?« -- »Je nun,« sagte der Fremde gleichgültig,
»das Landesübliche. Freilich das größte da mit den grünen Streifen,
das kann ich bei den teuren Zeiten nicht unter zehn Talern lassen;
gibt aber einen prächtigen Fuchs.« -- »Hm, so, so, zehn Taler,« sagte
Hans. Denn ob's ihn gleich wenig bedeuchte für einen Fuchs, wollte er
doch den Gewitzten spielen und wog den Kopf leise hin und her. »Zehn
Taler unter Brüdern, keinen Heller darunter!« rief der andere. »Topp!«
rief Bartel, lieh sich das Geld und erstund das Pferdeei. Nun -- er
kraute sich hinter den Ohren -- wollte er freilich auch genau wissen,
wie so ein Ding ausgebrütet würde. Sagte ihm der andere, das müsse er
fein selber tun, und vier Wochen dauere es um und um; während der Zeit
dürfte er aber beileibe niemalen davon aufstehen, oder müsse er es ja
ab und an, so möge er's doch ja nur recht warm zudecken, daß es sich
nimmer abkühle. »Laß dich, guter Freund, die ganze Zeit von deiner Frau
füttern, hörst du, und gut und reichlich, damit du eine recht hitzige
Brut habest.«

Bartel, der sich sorglich jedes Wort eingeprägt hatte, kam in heller
Freude heim zu seiner Frau: »Denk dir, Alte, was ein Glück! und nur um
zehn lumpige Taler! Ich habe aber auch nicht schlecht gehandelt, glaub
du mir das; den Kerl hab ich tüchtig geprellt!« Und nun konnt er's gar
nicht erwarten, bis sein Nest hergerichtet war. Das Weib legte ihm ein
paar Bund Stroh in dem Stall zurecht; in die Mitte in eine Vertiefung
ward behutsam das kostbare Ei gesenkt; dann setzte sich Bartel drauf
und nistelte sich ein, und dann packte die Frau ihm noch eine Last
Stroh um den Leib, daß er kaum mit den Achseln heraussah, auf daß er
eine recht hitzige Brut hätte. Dann ward er von der Frau brav gefüttert
und gefreckst. Ob's ihm alleweil behaglich war, weiß ich nicht, doch
die Zeit ward tapfer ausgehalten; die vierte Woche ging zu Ende, da
sprang er auf, lahm im Kreuz und rostig in allen Gelenken, horchte an
dem Ei, klopfte dran, doch der Fuchs wollte sich nicht rühren. »Hü!«
sagte Bartel. Das Kutschpferd rührte sich nicht. Da konnte er seine
Ungeduld nicht länger zügeln, nahm das Ei, ging hinters Haus damit, wo
ein großer Stein lag, gegen den warf er's. Da der Kürbis innen schon
ganz verfault war, so flogen die Stücke weit umher, und eins fiel in
ein dichtes Brombeergesträuch, dahinter just ein Fuchs lag und schlief.
Hui! sprang Meister Reineke auf und fegte davon. Da glaubte Bartel, es
sei sein rotes Fohlen, und rief immer: »Hiß! hiß!« und meinte: »Wenn's
müde wird, wird's wohl zurückkommen.« Es kam aber nicht. O, wie hat die
Frau ihren Bartel ausgescholten, daß er so ein ungeduldiger, kindischer
Fant, und er werde halt nie gescheit, und wenn er hundert Jahre alt
würde. Da nahm sich Bartel vor, wenn er wieder ein Pferdeei bebrüte,
solle ihm das gewiß nicht widerfahren. Ob er's nochmal versucht, und ob
er mehr Glück dabei gehabt, weiß ich nicht zu sagen.




                            [Illustration]




                             Die Ausreißer


Achtzehn Soldaten, ein Feldwebel, ein Sergeant, ein Korporal, ein
Tambur und vierzehn Gemeine, waren mitsammen auf einer einsamen Wacht.
Es war eine mondhelle Nacht im Lenz, und die Welt lag so weit, so weit;
und alle Straßen, die sich im silbernen Dufte verloren, sahen aus wie
Straßen nach dem Glück; und da gab unter den Braven, die auf einer
Bank vor dem Wachthäuschen saßen und ihre Pfeifen in die laue Nacht
rauchten, ein Wort das andere, wie doch der Dienst so hart sei, das
Traktement so schlecht, der Obrist so grob, der General so stolz, die
Welt so schön, das Leben so kurz und die Nacht so lau, und auf einmal
beschloß die ganze Wachmannschaft: wir reißen aus! Nur der Feldwebel,
der ein alter Soldat war, zwei Feldzüge mitgemacht hatte und außerdem
auch den dicksten Knebelbart in der Kompanie besaß, der mocht' nicht
mittun, wollt' aber den anderen nicht im Wege sein. Auf seinen Wunsch
banden sie ihm Hände und Füße, auf daß er nicht in Verantwortung und
Strafe käme, legten ihn unter die Pritsche, und dann zogen alle,
singend: »Wer weiß, wo in der Ferne das Glück mir noch blüht!« mit Sack
und Pack in die liebliche Nacht hinaus. Sie waren kaum hundert Schritt
von hinnen, kam der Korporal, der seine schöne dicke Ulmer Pfeife auf
dem Tisch liegen lassen, spornstreichs zurückgetrabt; unterdessen hatte
sich aber unser Feldwebel unter der Pritsche das Ding noch einmal in
Ruhe überlegt; wie der Dienst so hart, das Traktement so schlecht, der
Obrist so grob, der General so stolz, die Welt so schön, das Leben
so kurz, die Nacht so warm, und wie er doch schließlich trotz seinem
dicken Knebelbart immer noch in den besten Jahren und jung genug, sein
Glück wie die andern Kumpane noch einmal in der Welt zu versuchen; und
wie der Korporal wieder hereintrat, sprach er: »Weißt du was, Kamerad,
bind mich los; unter der Pritsche ist's nicht kurzweilig zu liegen;
ich gehe mit,« schloß die Wachtstube ab, steckte den Schlüssel ein und
desertierte mit.

Eine Weile war's ganz vergnüglich, so frank und frei in den Lenz hinaus
zu wandern; aber es kam die Zeit, da tauchten vor ihren inneren Augen
die duftenden Fleischkessel der Kaserne auf; denn das bißchen Geld
war bald hin, zumal da sie die erste Zeit täglich ein paarmal ihre
Freiheit feiern mußten, und zu dergleichen gehört ein Schoppen vom
Besten, das versteht sich, denn die Freiheit ist ein hohes Gut. Nun
aber war Schmalhans Küchenmeister. So kamen sie mit enggeschnallten
Leibriemen vor eine einsame Waldschenke. Dreist und gottesfürchtig
marschierten sie hinein, der Feldwebel klapperte mit dem Schlüssel
und ein paar Gamaschenknöpfen im Hosensack, zupfte seinen Knebelbart,
rollte die Augen und sakramenterte wie einer, der's bezahlen kann. Da
fuhren dann willig Teller, Schüsseln und Kannen hurtiglich auf. Wie's
hernach ans Bezahlen ging, griff der Feldwebel mit großartiger Geberde
in den Hosensack als wie: Was kommt mir's auf etliche Kronentaler an!
Rief der Sergeant: »Herr Feldwebel, ich bitte gehorsamst! an mir ist
das Bezahlen!« und fuhr seinerseits in die Tasche. Stund der Feldwebel
mit höflicher Verbeugung auf und ging hinaus. »Herr Sergeant!« rief da
der Korporal, »das geht nicht an, auf Ehre, es geht nicht an! Wollt
ihr denn immer die Zeche bezahlen?« »Gut, wenn ihr meint, Korporal,«
sprach Sergeant und ging hinaus. »Nein, wo denkt ihr hin, Korporal,«
rief der Tambur laut, »soll ich mich immer füttern lassen?« Da schritt
der Korporal würdig hinaus. »An mir ist die Reihe!« schrie der erste
Gemeine dem Tambur zu, also daß der aufstund und ging; dann wollt'
sich aber der zweite vom ersten nicht lumpen lassen, der dritte vom
zweiten nicht, und so bis zum Letzten und Jüngsten, der ein krummer
Rekrut war. Der sprang hinaus, er müsse erst die andern noch mal
hereinrufen, damit man genau nachrechnen könne, was nun eigentlich
verzehrt sei -- fort war er und lief den Siebenzehn nach.

                            [Illustration]

Der Wirt wollt' bersten vor Ärger, sich so geprellt zu sehn, riß aber
schleunigst das Fenster auf und schrie hinterdrein: »Was lauft ihr so?
Hahaha! Ihr seid allerliebste Spaßvögel! Was hab' ich doch gelacht!
Kommt zurück, ihr Prachtkerlchen, darauf trinken wir noch eins, hahaha!
Ihr sollt auch jeder eine Zehrung mit auf den Weg haben!«

Als sie treuherzig wiederkamen, reichte er wirklich jedem einen halben
Gulden und wies sie gar menschenfreundlich ihres Weges: sie sollten nur
die Straße zur Rechten einschlagen, dann links das zweite Pfädchen,
wieder links den ersten schmalen Steig, so kämen sie an einen Berg
mit einer offenen Tür, da sollten sie nur ihren Einzug halten, und
ihr Glück wäre gemacht. Ob das den Soldaten einleuchtete! Mit tausend
Danksagungen zogen sie ab; der Wirt rieb sich die Hände: »Hehe! Euer
seh ich keinen wieder!«

Im Berge drinnen war's so taghell wie draußen, und eine ebene, glatte
Heerstraße führte behaglich weiter hinein bis vor eine aufgezogene
Zugbrücke, die klapp! herunterfiel, daß sie mit Sang und Klang
darüberschritten; ebenso eine zweite und eine dritte; da stunden sie
vor einem wunderherrlichen Schlosse. »Nun sollen die Herrschaften
hier aber sehen, mit wem sie's zu tun haben,« dachte der Feldwebel
und zwirbelte seinen Schnauzbart und Knebelbart auf. -- »Rangiert
euch!« kommandierte er, daß es von den Schloßmauern widerhallte. Da
traten sie alle in Reih und Glied, die Unteroffiziere auf die Flügel.
»Geschwindschritt -- marsch, marsch!« Der Tambur schlug, und trapp,
trapp stürmten sie zum Schloßtor hinein und hatten solchermaßen gar
tapfer und unerschrocken das Schloß erobert.

War freilich kein hart Stück Arbeit gewesen, denn ringsum war nichts
Lebendiges zu sehen und zu hören. Dafür fanden sie aber einen großen
Pfeilersaal, darin war für achtzehn Mann gedeckt und aufgetragen. Neben
dem Saal waren achtzehn der lieblichsten Schlafkämmerlein, ein seiden
Bett in jedem; all dies behagte ihnen nicht übel, und sie setzten sich
stracks zu Tische, auf daß nichts kalt werde, speisten und zechten wie
die Fürsten bis in die tiefe Nacht, krochen dann mit schweren Köpfen
in ihr seidenen Betten und schliefen wie die Grafen; war ihrer keiner,
den das seidene Bettzeug nur ein Viertelstündchen gestört hätte; ein
Soldat gewöhnt sich eben rasch an alles. Des anderen Morgens wachte
der Feldwebel zuerst auf und wollt' sich anziehn, den Tambur zu wecken,
daß er Reveille schlage; denn Ordnung muß sein. Doch wo hatte der
Teufel seine Montur? Die gleiche Schreckensfrage taten zur Stunde auch
die siebzehn anderen, und so trafen sie alle zusammen mit verdutzten
Gesichtern, barbeinig und jeglicher in sein Bett-Tuch gehüllt. Wie
groß war aber ihr freudiges Staunen, da sie im Saal zwei mächtige
Kisten fanden, in der einen achtzehn neue, blitzfeine Monturen in allen
Chargen, als kämen sie eben vom Schneider, und fehlte kein Knopf und
keine Tresse. Die andere Kiste barg Säbel, Gewehre, Patronentaschen
und eine funkelnagelneue Trommel. Das war ein Spaß für die achtzehn
Ausreißer! Aber nun, oho! da sie wieder das Ansehen von ordentlichen
Soldaten hatten, geziemte es sich auch, daß sie in Ordnung ihren Dienst
taten! Der Feldwebel setzte ein strenges Dienstgesicht auf, strich
seinen Bart grimmig und begann zu wettern und zu sakramentern wie in
der Garnison daheim, führte einen Teil der Mannschaft in die Wachtstube
am Schloßtor, teilte sie in Nummern ab, und nun gab's kein Federlesen;
sie mußten vorschriftsmäßig Schildwache stehen, sich ablösen, melden,
die Beine strecken, ganz, wie sichs unter braven Soldaten gehört. Ja,
für nichts und wieder nichts trägt man keine feine Montur!

So vergingen die Wochen in geregeltem Dienste. Da hielt mit prasselnden
Hufen und Hallo eines schönen Tages eine sechsspännige Kutsche vorm
Schloßtor, daß der Posten vor Schreck und Ehrfurcht: Raus! rief, und
während die Wachtmannschaft präsentierte, der Tambur den Wirbel schlug,
öffnete ein Diener in goldbeschlagenem Rock den Wagenschlag und half
einer wunderschlanken, feinen Dame heraus. Sie ließ sich den Feldwebel
rufen, der just die Posten besichtigte, und nahm seinen Arm. »Ich bin,
lieber Freund,« sprach sie mit einer Stimme wie ein Meislein, »eine
verwunschene Prinzessin ...« -- »Hab ich mir gleich gedacht, Hoheit,«
schnarrte der Feldwebel und zog den Schnauzbart lang und spitz. »Du
aber sollst mich erlösen und mein Bräutigam sein.« -- »Wie Hoheit
befehlen.« -- »Merk auf, Feldwebel! Von morgen an wird jeden Tag
eine andere Prinzessin kommen, die erste zum Sergeanten, die zweite
zum Korporal und so fort, bis jeder von euch die Seine gesehen und
gesprochen hat.« Und so geschah's auch. Die zweite Prinzeß kam andern
Tages, der Sergeant führte sie am Arme, täglich schrie der Posten:
Raus! präsentierte die Wache, und eine war immer hübscher als die
andere. Abends auf dem Saale gab's dann beim Trunk Zank und Streit,
wessen Prinzessin die schönste sei.

Der jüngste Rekrut aber, der überhaupt nicht gut tat und schon einmal
drei Tage Arrest bekommen hatte, weil er frecherweise gemeint hatte, es
sei doch närrisch, daß sie sich hier noch mit dem Dienst herumplagten,
und es danke ihnen kein Hund, spielte ihnen einen bösen Streich. Er
mocht' wohl übel zum Soldaten passen, denn -- er fürchtete sich vor
den Frauenzimmern. »Wenn mich nun ~auch~ eine beim Arme nimmt und
mit mir so umeinander schwänzelt und mich so anäugelt und mich gar zum
Bräutigam haben will! Kinder, was red ich dann? Was tu ich dann? Ich
häng mich auf, ich lauf davon!« Und am Tage, da die Reihe an ihm war,
war er wieder desertiert.

Bekam ihm diesmal übel genug: an der ersten Zugbrücke stund der Teufel
und fragte: »Wo hinaus?« -- »Aus dem Berg hinaus!« Da faßte ihn der
Teufel und drehte ihm das Genick ab. So fand ihn eine Patrouille, die
der Feldwebel hinter dem Vermißten hergesandt hatte, und siehe, er
hatte seine alte Montur wieder an.

Das stimmte gar manchen der frohen Kumpane recht nachdenklich. Was
aber das Ärgerlichste war: noch am selben Tage fuhr die Prinzessin
des Feldwebels vor, stöhnte und jammerte, nun sei alles verdorben,
sie seien ihrer achtzehn, die Soldaten nunmehr nur noch siebenzehn!
Damit sei's mit ihrer, der Prinzessinnen Erlösung vorbei, und jene, die
siebenzehn, seien allzumal des Todes. Sprach's und fuhr ab. Dem Tambur
blieb vor Schreck der Wirbel im Handgelenk stecken, der Feldwebel
starrte mit zwei ungleichen Bartspitzen hinter dem davonrollenden
Wagen her, er hatte vor Gram vergessen, die eine Seite aufzudrehn.
Sie stunden alle wie die betrübten Lohgerber da. Endlich sprach der
Korporal: »Kopf hoch, Kameraden! zum Sterben ist noch immer Zeit! Ich
zieh mit zwei Mann auf Werbung und schaff uns den fehlenden Achtzehnten
zur Stelle, oder ich will kein verfluchter Kerl sein.«

So geschah's. An der Brücke stund wieder der Teufel: »Wo hinaus?« --
»Auf Werbung!« -- »Passiert!« rief der Teufel. Ungehindert fanden sie
den Weg zurück bis zu jener Waldschenke, wo sie dereinst den Wirt
geprellt hatten. Sie saßen mit ihm zu Tisch, der in den sauberen,
blitzblanken Soldaten die zerlumpten Kerle, die er damals in Tod
und Verderben geschickt hatte, nicht wiedererkannte. Sie aber taten
gar nicht dergleichen, als seien sie alte Bekannte. Schob sich ein
Handwerksbursch bescheiden zur Tür herein, setzte sich still abseits,
ließ sich ein Stück trockenen Brots geben und einen Trunk Wassers dazu.
Die drei stießen sich an und riefen freundlich dem armen Schlucker
zu, ob er ihnen nicht die Ehre geben wolle und mithalten, was dem
hungrigen Kerlchen ein gefunden Fressen war. Er hielt sich wacker
an Braten und Wein, ward guter Dinge und packte allerhand Schnurren
aus; wie denn Schwänke und kurzweilige Gedanken nur auf sattem Boden
wachsten. Da schlug ihm der Korporal auf die Schulter: »Bursch, du
solltest fein unser Kamerad sein, hast Herz und Maul am rechten
Fleck! Schlag ein!« Das gefiel dem Burschen übel, und ihrer ledig
zu werden, sprach er im Spott: »Ja, warum nicht, so sie ihm hundert
Gulden Handgeld böten!« Das hatte er freilich nicht erwartet, daß der
Korporal, der sich aus der Schatzkammer des verwunschenen Schlosses den
ganzen Tornister mit Geld gefüllt hatte, ihm auf der Stelle zweihundert
Dukaten aufzählen würde! Da gab's kein Widerstehen, und Nummer achtzehn
war gewonnen! Der Teufel ließ die vier passieren, und im Schloß gab's
ein fröhlich Bechern bis in die späte Nacht.

Zum Wirt aber sprach die Wirtin: »Mann, du bleibst doch ein Esel bis
an dein selig End! Hast du den Korporal und die zwei Kerle nicht
wiedererkannt? Sie haben dich geprellt, daß du dich schämen mußt, in
die Sonne zu gucken, und zum Lohn hast du sie glücklich und reich
gemacht. -- Hast du das viele Geld nicht gesehen, mit dem sie um sich
warfen wie mit Kienäpfeln und Bucheneckern? Wo haben sie's denn her,
he? Daher, wo du sie hingeschickt hast, aus dem Teufelsberg! Jetzt habe
ich's aber satt, jetzt will ich auch mal eine Dame sein und seidne
Haubenbänder tragen und nicht mehr Gläser spülen und Kupferpfennige
zusammenkratzen! Hätte ich nur einen gescheiteren Mann, was könnte ich
alles vorstellen in der Welt! Aber das sag ich dir, auf der Stelle
packst du den Sack da auf und kommst mir nicht mehr heim, er sei denn
voll Dukaten und Silbertalern!«

Da gab's keine Widerrede, der Wirt trabte mit seinem Sacke ab und stieß
bald an der Brücke auf unsern alten Bekannten: »Wo hinaus mit deinem
Sack?« -- »Geld holen für mein Weib!« Schnapp hatte der ihn am Kittel
und drehte ihm das Genick ab. Er hatte lange auf ihn gelauert. Die
Wirtin aber, die schon ihr Sonntags- und Kirchenkleid angelegt hatte,
konnt's nicht aushalten vor Erwartung: »Er kann's wohl allein nicht
erschleppen; ich will ihm lieber entgegenlaufen und ihm helfen.« --
»Wo hinaus, liebe Frau?« sprach der Wächter an der Brücke. »Zu meinem
Manne, wenn's ihn was angeht!« -- »Da kann sie hinkommen!« sprach der
Böse, griff sie bei den Haaren, drehte ihr den Kragen um und warf sie
hinab zu ihrem Manne.

Unsern Achtzehn aber ging's besser. Da die Zahl nun voll war, begannen
die Besuche der Prinzessinnen wieder, und da der neue Rekrut nicht so
blöde war, kamen sie glücklich die Reihe durch. Jetzt erschienen alle
achtzehn Damen auf einmal, und die Älteste sprach: »Heute nacht müßt
ihr das Werk der Erlösung zu Ende führen. Bis es Reveille schlägt,
sitzt jeder mit der Seinen in seinem Kämmerlein und hält ihr Garn
zum Aufwickeln. Keiner darf sprechen, keiner zärtlich sein, kein
Faden sich verfitzen, kein Knäul herunterfallen, und vor allem darf
keiner einschlafen, bis es Reveille schlägt.« Gesagt, getan. Steif
saßen die achtzehn Soldaten und hielten Garnsträhne, bis sie ihre
Arme nicht mehr fühlten; sie gähnten, Soldaten wie Prinzessinnen,
zwar wie die Hofhunde, daß es zum Erbarmen war; doch immer wieder
ermunterte sie ein Blick aus schönen Augen. Die Prinzessinnen
wickelten tapfer, und die Knäule wurden dick wie Kürbisse, und
jedesmal, wenn eine Schöne um den Bart ihres Schatzes ein Zucken
sah, als wollt ihm ein: Himmeldonnerwetter! entwischen, dann machte
sie leise: Pscht! So kam der Morgen heran. Da hätt' zuguterletzt der
Tambur beinahe alles verdorben mit einem unwillkürlichen Angstfluch;
denn brühheiß fiel's ihm ein: »Wer soll denn in drei Teufels Namen
Reveille schlagen, wenn ich hier Garn halten muß!« Doch als er eben
losbrechen wollte: Himmelherrgottsakerment! da begann's auf einmal
draußen ohne ihn Reveille zu schlagen! Aber was für eine Reveille! Als
wenn hunderttausend Tamburs im Schloßhof stünden und schlügen! Die
Fensterscheiben platzten und der frische Morgenwind wehte herein. Da
war die Erlösung vollbracht. Der Feldwebel mit der Seinen bezog das
Schloß, die anderen fuhren jede mit ihrem Schatz in ihr Königreich. Die
Brücke hatte der Teufel jetzt freigegeben. Der hatte jetzt anderwärts
alle Hände voll zu tun und keine Zeit und Lust mehr, dort Schildwacht
zu stehen.




                            [Illustration]




                           Das Unglaubliche


Es war ein Edelmann, der behauptete bei jeder Gelegenheit, in grader
Linie von keiner geringeren Ältermutter denn der Jungfrau Maria
abzustammen: hatt' sich auch derowegen eine Schilderei malen lassen
und in seiner Ahnenhalle aufgehängt: drauf war seiner Vorfahren einer
abgemalt vor der heiligen Jungfrau kniend; der aber gingen auf einem
fein geschwungenen Spruchbändlein die Worte vom Munde: »Stehen Sie auf,
Herr Vetter!« Antwortet der Ritter, wie zu lesen stund: »Ich tue meine
Schuldigkeit, Frau Muhme.« Er war wohl ein ganzer Narr und wunderte
sich täglich, daß er noch vom Regen naß ward wie andere Menschen, und
daß jemalen der Wind es wagen durft', ihm sein Hütlein vom Haupt zu
entführen, als wär er nicht mehr denn Hinz und Kunz. Er fuhr mit vier
Gäulen, anders tat er's nicht, und saß dann bocksteif im Wagen, sah
über Dorf und Gärten und die Menschen hin, die ihn bescheidentlich
grüßten, als wär's seinen Augen Schaden oder Schande, so sie wen
streiften, der ehrlich von seiner Hände Arbeit lebte.

Das ärgerte einen Bauern, der seinen Hof neben dem Edelhof hatte. Es
war ein reicher Hof, und der Bauer trug einen dicken Bauch stattlich
vor sich her und um den Bauch eine wohlgespickte Geldkatze und wußte
die Unterlippe vorzuschieben wie Carolus Quintus. Im Stall hatte er
sechs glatte, rundleibige Rösser stehen. Und als es ihm zu dumm war
mit des Edelmanns Hoffart, spannte er seine Sechse an seinen größten
Heuwagen und fuhr prasselnd und ratternd hinter der Edelmannskarosse
drein, zwei Knechte vorn, vier hinten, er stattlich in der Mitte.
Das erstemal tat der Edelmann, als bemerke er den Unfug nicht; das
zweitemal ward er blaß vor Wut und schoß einen Blick wie einen
Wetterstrahl auf den übermütigen Nachbarn; das drittemal hielt er sich
nicht, sprang auf und schrie dem dickköpfigen Bauern eine Drohung zu,
die -- keiner verstund, denn sowie der edle Herr den Mund auftat,
knallten die sechs Knechte mit den langen Peitschen und brüllen und
jauchzten, daß die sechs Gäule wild wurden; der Heuwagen ratterte und
krachte; es war ein Höllenlärm, als käme die wilde Jagd. Der Edelmann
mußte sich daheim gleich zu Bett legen und den Arzt rufen, der ihm zur
Ader ließ. Am Tage drauf fuhr er zur Stadt vor den Richter, der Bauer
mit seinen sechs Gäulen lustig hinterdrein. Der Richter setzte seine
Brille auf, schlug siebenzehn Bücher der Rechtsgelehrtheit auf: der
Fall war außermaßen schwierig, seinesgleichen nirgend zu finden. Der
edle Herr tobte was von »dummer Bauernschädel« und gebarte sich auch
vor Gericht, als gehöre ihm die Welt und etliche Dörfer darüber. Da
kniff der Richter, der ein Spaßvogel war und wenig Freude fand an dem
hochadligen Narren, ein Auge ein und sprach: »Meine Herren, hier hilft
nur Salomo« -- und klappte alle seine Gelehrsamkeit zu: »Wer von euch
zweien eine Lüge erfindet, so groß, daß der andere sie nicht glauben
kann, der darf mit seinen Pferden ausfahren; der andere muß zu Hause
bleiben.«

Da rieb der Edle sich die weißen Hände: Wo kann wohl ein Bauernschädel
so pfiffig sein wie er? Seine Ahnen waren zumal feine Köpfe. Er zog aus
seiner Jagdtasche einen Rest Brotes und log solchergestalt: »Gestern
haben meine Tagelöhner bis neun Uhr abends gedroschen, das habe ich
säen lassen, um elf war's reif, um zwei gemahlen und hier ist das Brot
davon.« -- »Das glaube ich gern, edler Herr,« sprach der Bauer, »denn
seht, ich habe gestern abend Eicheln gesät, die hatten heute früh schon
gekeimt; da hab ich mir aus dem Eichenholz eine Leiter bauen lassen,
die legte ich an den Himmel und stieg fein hinauf. Der Erste, dem ich
da begegnete, denkt, gnädiger Herr, das waren Seine Gnaden, euer Herr
Großvater, der saß als Sauhirt hinter der Türe.« -- »Das lügt er in
seinen Hals!« schrie der Edelmann zornig. Der Richter aber sprach: »Der
Bauer darf mit seinen Sechsen fahren, wie er mag. Ihr aber bleibt zu
Haus.«




                            [Illustration]




                  Wie der starke Hans sein Glück fand


Jetzt erzähle ich euch eine Geschichte vom Hans -- ihr wißt: dem
furchtbar starken Hans mit der Mühlstein-Halskrause, der damals seine
starken Fäuste dem Meister Müller verdungen hat um drei Ohrfeigen, von
denen der Müller die dritte nie überlebt hätte; nun, seine wunderlichen
Abenteuer kennt ihr ja alle. Er tat also beim Müller nicht gut, tat
später beim Schäfer nicht gut, tat schließlich bei keiner Hantierung
gut; war wohl, der ungeschlachte Gesell, zu was ganz Absonderlichem
auf die Welt gekommen. »Gott sei gepriesen!« seufzte jeder seiner
Herren hinter ihm drein, wenn er an der letzten Weghecke noch einmal
zum Abschied über die Schulter schaute, sein Bündel schwenkte und
mit hellem Juhu! seinen alten Hut in die Lüfte warf: »Adjes auch,
Meisterchen! und -- auf Wiedersehn, Meisterchen!« -- »Gott bewahr uns
in Gnaden vorm Wiedersehn!« murmelte der und schlug ein Kreuz. Keiner
mochte ihn mehr haben, den Hans, er war gar zu sehr außer aller Art,
und daß er für zwanzig starke Kerle schaffte, mocht' noch angehn, wenn
er nur nicht für vierzig gegessen hätt'! -- »Nun, ist auch recht,«
lachte der Hans, »bin eh des Fronens müd! Heidi, ich fahr in die Welt!«
Er hatte was vom Glasberge läuten hören und dem Königreich hinter dem
Glasberge. Da wollt er hin, Abenteuer zu suchen und ein rechter Kerl zu
sein.

Da gab's nun für unsern starken Hans manche Meile zu traben, manchen
Berg zu erklimmen; und vom allerhöchsten, den er erstiegen, warf er
seine großen Stiefel, die er auf harten Wegen fein durchgewetzt hatte,
also daß er von unten auf den blanken Sohlen lief, durchs Oberleder
aber Sonne, Mond und Sterne schienen, in einem gewaltigen Bogen mit
freudigem Juchzer weit über die Spitzen der Tannen hinweg in das
brausende Gebirgswasser hinein, von dem ihm gesagt war: »Dem folg nur
nach, das rennt bis ins Land der Abenteuer.« So stieg er barfuß fürbaß.
Seine Füße waren stark und hart, und brannten ihm die Sohlen, so watete
er mal ins kalte Rauschewasser hinein, freute sich der herzhaften
Erfrischung am heißen Wandertage, lachte eins über die närrischen
Forellen, und rüstig ging's weiter.

Aber es wollt' kein Abenteuer verquer kommen, und der Glasberg? o
weh, wo mocht der gelegen sein? Düsterer wurden die Wälder um ihn
und totenstill, als hätt' sie noch nie eines Menschen Fuß betreten,
nur aus weiter, weiter Ferne hörte man den Specht hämmern. Wilder
und tobender ward neben ihm das Wasser und sank immer tiefer unter
seinen Blick, indes die Felsufer immer höher und schroffer wuchsen
und enger zusammenrückten. Da auf einmal jauchzte er auf: »Gib acht,
Hans, jetzt kommt's! Jetzo erleben wir was!« An der Stelle, wo sich
jetzt die Wildwasser in einem runden, tiefen Felskessel stauten, wo sie
unheimlich aus grausiger Tiefe heraufmurrten, kochten, wirbelten und
brodelten, da schwang sich ein keckes steinernes Brücklein von Ufer zu
Ufer. Munter schritt unser Wandersmann darüber, stund natürlich erst
droben ein Weilchen und schaute mit Behagen in den Abgrund unter sich,
das üppige Buschwerk, das aus dem zerrissenen Felsgewänd sproßte, und
ganz drunten in den brodelnden Kessel; dann pfiff er sich eins und ging
hurtig einen schmalen Fußsteig hinan, immer höher hinauf ins Gebirge.

Ein Segen, daß er vom letzten Brotherrn noch einen ganzen Schinken und
etliche Würste und Laibe Brots mit sich führte -- denn der schmale
Steig wollt' kein Ende nehmen, und arg schmorte die Mittagshitze den
Duft aus den Tannen. -- »Irgendwohin muß ich hier kommen,« tröstete
sich Hans und wischte sich die heiße Stirne, »denn wozu wär sonst der
Weg da?« Und da hatte er nicht so unrecht: plötzlich lichtete sich das
Tannicht, dicht vor ihm lag ein hochgetürmtes, altersgraues Schloß.

Hans schaute sich um -- keine Menschenseele weit und breit. Ein
steinerner Wappenlöwe war vom Portal heruntergestürzt und lag, blühende
Ginstersträucher zwischen den Pranken, im üppigen Grase. Auf ihm
saß regunglos ein zierlich Eidechslein und sonnte sich. Hans legte
die Hände an den Mund: »Juhu!« Meint ihr, auch nur ein Hund hätt'
angeschlagen?

Er stieg die morschen, verwitterten Stufen hinan, aus deren Rissen und
Fugen Gras und blaue Glockenblumen wuchsen, schlug mit dem schweren
Klopfer ans Tor -- das schollerte, dröhnte dumpf und leer durch das
schlafende Schloß, verhallte wieder, und wieder war's still. Nur im
Vogelbeerstrauch am grauen Gemäuer wippte ein Blaumeislein und pfiff
sein feines, kurzes Verschen, als lache es den großen gefoppten Buben
aus. »Nun wird mir's zu dumm!« sprach Hans. Krach-bums, die Splitter
flogen! Da hatte er mit leisem Druck das Tor eingetreten und stund nun
staunend in einer langen, langen, kühlen, schattigen Halle. Da roch's
so modrig wie in Kellergewölben oft, und von seinen nackten Füßen her,
denen die brüchigen Steinfliesen nicht so wohl taten wie die Kühle des
Bergwassers, stieg's ihm frostig ans Herz.

Er wanderte ratlos durch die hochgewölbten Gänge, denen hie und da ein
hohes Fenster nur spärliches, gedämpftes Licht durch bunte Scheiben,
alte, seltsame, farbige Schildereien, verlieh. Siebenmal ging's um
die Ecke und immer dasselbe Bild: endlose gewölbte Gänge, zahllose
geschlossene Türen zur Rechten und zur Linken, die in Gott weiß welche
Gemächer führen mochten; er eilte an allen vorüber, als zög's ihn
vorwärts, einem unbekannten Ziele zu, denn er wußte es gewiß: Jetzt
kommt's! Schließlich packte ihn doch die Ungeduld: »Jetzt bin ich's
satt, die langweiligen, dunklen Gänge abzutraben!« Er rüttelte am
Schloß der nächsten Tür -- da stutzte er: »Hans!« rief es ganz deutlich
aus weiter Ferne! »Hallo! Ich bin hier erwartet! Wer da?« und er eilte
dem Rufe nach, einer großen Pforte zu, die den Hallengang, in dem er
sich just befand, abschloß.

Leicht flog sie auf; er stund auf einem lauschigen, schönen Schloßhof.
Rings stiegen in feierlicher Pracht die alten Mauern auf, halb mit
wildwucherndem Efeu zugedeckt, steinerne Ritter trugen zierliche
Erker und Balkone, wappentragende Löwen und Greife hüteten die Türen,
zahllose Fenster starrten wie mit leeren, toten Augenhöhlen auf den
gepflasterten Hof hernieder, in dessen Stille und Weltabgeschiedenheit
auch der heiße Mittagssonnenschein eingeschlafen zu sein schien. Und
inmitten plätscherte schläfrig ein Brünnlein. Hansen tat die warme
Sonne gar wohl nach den kühlen, dämmrigen Hallen; es schauerte ihn
leicht, da ihr Strahl sein Wams durchdrang; dann mußte er gähnen,
einmal, zweimal, dreimal, o, so tief, die Beine wurden ihm müde und
schlaff; es zog ihn zum Brunnen, dort von dem rieselnden Strahl zu
trinken und sich dann an dem grünbemoosten Steinrand niederzulassen,
dem verschlafenen Geriesel zu lauschen, bis ihm die Augen zufielen.

Wer weiß, wie ihm das bekommen wäre! Am Ende wäre er nie wieder
aufgewacht und wäre ein stummes, lebloses Stück dieser stummen,
leblosen Einsamkeit geworden. Ich weiß es nicht und will nichts
behaupten, was ich nicht weiß; aber mich dünkt, ein Glück war's
für ihn, daß es nicht dazu kam, denn es rief schon wieder: »Hans!«
Deutlich hatte er jetzt vernommen, wo der Ruf herkam. Er eilte durch
einen runden Torbogen, der von dichtem Efeugerank halb verhängt war.
Da sah er drüben ein langgestrecktes Gebäude, offenbar den Marstall
des Schlosses. Deutlich klang's herüber wie das Stampfen von Rossen
und das Klirren von Pferdeketten. »Gottlob! endlich lebendige
Gottesgeschöpfe!« dachte Hans -- »Hans!« klang's da deutlich aus dem
Stalle her! Er stieß die Tür auf. Zwitschernd schoß ihm eine Schwalbe
dicht übers Haar hin ins Freie.

In der Dämmerung des Stalles unterschied er stattliche Reihen
wohlgepflegter Rosse, wie er sie schöner noch nie geschaut.
Kettenrasselnd drehten sich die feinen Köpfe dem Gaste zu, und die
klugen, schönen Augen der edlen Tiere schauten ihn groß und freundlich
an. Hansen ward ganz wunderlich weich und warm; das Herz ging ihm auf
von einer Liebe und Zärtlichkeit, wie er sie noch nie gefühlt. Er trat
in den nächsten Stand, schlang seinen Arm um den feinen, glatten Hals
eines Zelters und lehnte seine Wange an die weichen Nüstern. Da ward
ihm gar weh und wunderlich, dem großen, starken Bengel, als sehnt' er
sich -- weiß Gott wonach, und trüg' eine Schmerzenslast von Liebe im
Herzen und müßt' daran sterben, könnt' er keinem davon abgeben. Was war
das nur?

Da rief's wieder und ganz nah diesmal! »Hans!« Drüben von jenem
Schimmel kam's her, dem mit den rosigen Nüstern. Er trat hinzu:
»Schimmel, sprachst du das? Seit wann ist mir das Mode?« Doch das
Scherzen wollt ihm nicht gelingen, so wundersam war ihm zu Sinn. --
»Was hättest du gern, lieb Rößlein?«

  »Hans, nun mußt du mich satteln und schirren,
  Laß dich nicht Liebes noch Leides beirren,
  Laß nicht Liebes noch Leides dich halten,
  Dein' Stunde schlug, dein Schicksal will walten.«

»Hm,« meinte Hans, »wenn ich nur nicht zu dumm bin für dergleichen!
Halten? Hoho! Halten soll mich keiner, und beirren am Ende auch nicht.
Nun, es kommt auf den Versuch an. Aber merkst du was, liebe Seele?
Jetzt kommt's! Wir erleben was, wie man's beim Meister Müller und beim
Schäfer nicht alle Tage erlebt! Hurra! --« Da hing ein Sattel, da hing
ein Zaumzeug, und hast du nicht gesehen! saß Hans, barfuß wie er war,
auf dem beredsamen Schimmel, und heidi, auf flog die Stalltür, fort
ging's! »Schimmel, wohin? Zwar mir ist alles recht: ~Woandershin~,
gelt Schimmelchen?« Hui, da flog ihm der alte Hut vom Kopfe. »Halt
Schimmel, mein Hut! --« »Dummrian!« schnob der Schimmel.

  »Hast recht, laß fliegen! Doch sag nun: wohin?« --
  »Sei standhaft! Gewinnst dir 'ne Königin!« --
  »Potztausend, das wär! doch ich reite
  Ohn Hut und Stiefel zur Freite!« --
  »Will Junker Hans auf dem Glasberg turnieren,
  Darf ihn nicht Liebes noch Leides beirren!«

                            [Illustration]

So so, auf dem Glasberg! Nun wußte ja Hans, wohin es ging. Das war
ja sein Herzenswunsch gewesen, nach dem Glasberg zu kommen! Hei, wie
lachte da sein Herz! Er nahm sich auch ernstiglich vor: nichts, aber
auch gar nichts sollt' ihn beirren, nicht Liebes noch Leides! Jetzt
fiel der Schimmel in langsamen Trab, und nun, da dem Reiter nicht mehr
die ganze Welt im Fluge vorbeisauste, ward er auch gewahr, wes Art der
Gaul sei, der ihn trug.

Ach, du lieber Herrgott, erbarm dich! Wo hatte er nur im Stall
vorhin seine Augen gehabt? Das war ja eine Schindmähre, ramsnasig,
mit schwerem, hangendem Kopfe, schnappenden Lippen, zwischen denen
eine halbe Elle lang ein Zipfel Zunge herausbaumelte, als wollte er
abfallen; und recht, als wollt' der Gaul ihn ärgern, trottete er jetzt
knickbeinig, ganz, ganz langsam durch ein belebtes Dorf.

Die Uhr an der Dorfkirche, die gerade schlug, blieb vor Schreck mit
einem Knacks stehen, da die ritterliche Gestalt mit dem zerschlissenen
Hemde, dem struppigen Schopf, den nackten Beinen auf der Jammermähre
auftauchte. Das gab auch ein Hallo bei jung und alt, Mensch und Vieh!
Vom Dorfweiher die Gänse kamen schnatternd und schimpfend auf ihn
zugerauscht; der Gänserich zischte ihn wütend an: die Hunde, große und
kleine, kläfften hinterdrein; die Dorfkinder rannten schreiend und
lachend dem Reitersmann nach, der Schmied trat mit seinen Gesellen
vor die Schmiede, den Hammer noch in der Hand, und sie bogen sich vor
Lachen, daß die steifen Schurzfelle krachten, und, was unseren Helden
am meisten wurmte: die hübschen jungen Dorfmädchen lachten ihn aus.
Wütend setzte er die nackten Fersen dem Gaul in die Flanken. Der aber
schüttelte gemütlich die Ohren und ließ den Zungenzipfel baumeln und
hatte es gar nicht eilig. Blaß und rot ward Hans vor Zorn -- da klang's
ihm im Herzen: »Laß dich nicht Liebes noch Leides beirren!« und hui!
waren Dorf und Weiher, Strohdächer, Gänse, Hunde, Schmiedegesellen
und Mädchen verschwunden! Das Roß brauste dahin, daß Hansen die Sinne
schwanden.

Auf einmal rief's: »Hans, hab acht!« Vor ihm lag in lichter Sonne ein
gleißender, schimmernder Berg, wie ein erstarrter Riesenwasserfall. --
»Der Glasberg!« jauchzte Hans. Da schüttelte sich das Rößlein unter
ihm und bäumte sich, und da war's wie eines Hünenfürsten edelstes und
stärkstes Schlachtroß. Hansen aber klirrte blauer Stahl um die Brust,
die sich in wonnigen Atemzügen dehnte, flogen grüne Samtschabracken
über die erzgeschienten Schenkel; kühl um die Schläfen schmiegte
sich ihm der Stahlrand eines gewaltigen Helmes, auf dem zwei hohe
Habichtschwingen rauschten, und ein breites Schwert hüpfte an seiner
Hüfte. Und nun führen Roß und Reiter wie in einem blaublitzenden
Ungewitter empor -- wohin? Tausend Männerstimmen jubelten ihm plötzlich
zu, und schnaubend und stampfend stund der gewappnete Schimmel mit ihm
oben auf dem Glasberge in den Schranken eines glänzenden Turniers.
Ringsum stattliche Reiter auf herrlichen Streitrossen, buntgestickte
Wappendecken, wehende Fähnlein, wappenbunte Schilde, blitzende
Drommeten und Klarinen. Drüben auf teppichbehängter Rampe unter einem
purpurnen Baldachin ein Gedränge fürstlicher Männer und schöner Frauen.

Und alles winkte, grüßte, rief, jauchzte und trompetete ihm zu, der
ganz benommen stund von all der Pracht und Herrlichkeit. Er war ja
ein schlimmer Hans Taps, der arme Müller- und Schäferknecht, und der
feinen höfischen Sitten gar unkund. Das mocht' wohl der kluge Schimmel
wissen, denn er beugte zierlich ein Knie vor dem Thronsitz und den
hohen Herrschaften droben, und einmal dann nach rechts und einmal nach
links, und da mußte der arme dumme Hans halt mittun, er mocht' wollen
oder nicht; und siehe da, jubelnder Beifall lohnte dem höflichen Gaste,
daß er sogleich stolz den Kopf hochwarf als wie: was bin ich doch für'n
Kerl! Ei ja, Hoffart lernt sich gar schnell.

Da klangen Fanfaren, Herolde führten sein Roß am Zügel in die Bahn,
eine Lanze ward ihm gereicht, und nun ging's an ein Rennen und Streiten
und Stechen. Hans paßte scharf auf, wie's die andern machten, denn er
war der Letzte an der Reihe. Da aber trat die ganze Ritterschaft dem
fremden Kämpen entgegen, und sie alle, alle sanken vor seiner Kraft
in den Staub. Da lachte Hans vor sich hin, und es klang ihm seines
Schäfers Wort im Ohr: »Hans, du Schlagetot, du taugst keinem Menschen
was! Häng dich auf! Aber es muß ein starker Ast sein, den du dir
aussuchst!« Das hätte der Schäfer nur sehen sollen, wie hier gewaltiger
Jubel um seinen unnützen Knecht erbrauste, der König sich freudig erhub
und alles mit ihm --. Das Roß aber stieg plötzlich hoch. »Schimmel,
bist du des Teufels? Die Prinzessin winkt mir! Sie ist so schön!
Schimmel, Satansvieh! Nur ein Wort, lieber, süßer Schimmel, nur einen
Blick!«

-- Durch dunkle Wälder, über rauschende Bäche, durch wogende Kornfelder
ging's dahin wie die wilde Jagd, und eh sich's Hans versah, stund er
daheim im Stalle, nahm mit zitterndem Herzen und zitternden Händen dem
Schimmel, der jetzt die Wundergabe der Sprache verloren zu haben schien
und nur ein gewöhnliches Pferd war, Sattel und Zaumzeug ab, warf sich
dann, nachdem er ein Weilchen kopfschüttelnd vor sich hingestarrt,
mit fiebernden Schläfen auf ein Strohlager nebenan in der Kammer
des Roßknechtes, wo ihn bald, ehe sich noch ein buntes Träumen von
blitzenden Rittergestalten, Kampf und Sieg und von der holdseligsten
der Frauen angesponnen, ein tiefer, tiefer Schlaf einhüllte.

Als er am nächsten Morgen spät erwachte, wußte er lange nicht, wo
er sei. Da leuchteten ihm die Augen aller der Rosse so traulich,
als sprächen sie: »Guten Morgen, Hans! Glück auf, Hans!« Da er aber
an seiner Leibeslänge hinabsah, erschrak er heftig des greulichen
Zerganges, so sein eh schon kümmerlich Gewand gestern erlitten: die
Hose ganz zerschlissen, zerwetzt und zerfranset, das linke Knie
leuchtete gar durch einen breiten Riß, sein Wams kurz und klein und
aus allen Nähten, also daß er's wütig vom Leibe riß. Doch eh er des
Wunderns ein Ende fand, huben die Seltsamkeiten von gestern wieder an.
Nur war's heute eine braune Stute, die ihn beim Namen rief und mit ihm
von hinnen brauste. Das Spießrutenlaufen in der Dorfstraße war heute
noch quälender denn gestern; die Gänseherde schien sich verdoppelt
zu haben, die Zahl der wütenden Köter gleichermaßen, das Lachen,
Schreien und Johlen der Männer, Frauen und Kinder auch; und was das
Tollste, das Dorf deuchte ihn heute noch eins so lang. Dann gings wie
gestern her: die Stute schüttelte sich kräftiglich, ward ein gewaltig
Schlachtroß mit noch köstlicherer Deckenzier, des Reiters Harnisch
und Wehrgeschmeid aber war eitel gleißend Silber. Wieder war er da
oben Sieger, der Jubel groß, die Prinzessin ohnmaßen lieblich. Doch
da der König sich erhub und sein minnig Kind mit ihm, tausend Hände
ihn grüßten, und alle Fähnlein sich unter hallenden Fanfaren vor ihm
neigten -- »Stute, bist du des Teufels?« Er mochte wollen oder nicht,
wieder ging's davon ohne Valet, und ehe er sich's versah, lag er mit
dröhnendem Schädel auf dem Roßknechtlager, wo sich schwerer Schlaf auf
ihn warf.

Am dritten Tag war's ein hochbeiniger Rapphengst, der ihn entführte.
Ach, heute war's gar ein halbnackter Strolch, der kaum noch dürftig
in Hemd und Hose hing und auf einem wahren Grauen- und Spukbild von
humpelnder Schindmähre durch das vergnügte Dorf sich schleppte. Hier
schien sich wirklich heut die ganze Bauernschaft der Gegend zu seinem
Empfang zusammengerottet zu haben; ja, er wurde mit Spannung erwartet.
Die Gänseherde war schier unabsehbar, das Schnattern und Zischen, dazu
das Heulen und Bellen der unheimlich angewachsenen Dorfkläffer gar zum
Verrücktwerden. Die ganze Welt schien ein Gelächter und Hohngeschrei;
die Bäume schüttelten sich vor Lachen, die Kühe aus den Ställen
brüllten Hohn, Hohn meckerten die Ziegen am Wegrain, und auf einem
Scheunendach schlug der Storch mit den Flügeln, nickte wie närrisch
und klapperte vor Vergnügen wie ein Toller. Und die Mädchen! Hansen
liefen vor Harm und Scham die Tränen über die Backen. -- Was war denn
das? Da trat ein Dorfmägdlein ganz dicht an ihn heran und patschte dem
lahmen Rappen lachend auf das magere Hinterteil: die war so schön!
Wär nicht das grobe Bauernhemd um ihre Brust gewesen und ihre Stirn
und drallen Arme von der Erntesonne so braun und die Grannen in ihrem
gelben Haar -- er hätte geschworen, es sei die Prinzessin droben vom
Glasberg! Doch nein, so ungezogen lachen konnte die wohl nicht, war's
gleich ein köstlich Ding, wie das Dirnlein im Lachen die leuchtenden
Zähne zeigte! Und die Dorfstraße nahm gar kein Ende heute, und der
Spott ward immer giftiger, schließlich flogen ihm gar Futterrüben und
Steine um die Ohren! Da hieß es wohl: festbleiben und sich kein Liebes
noch Leides beirren lassen! Aber schließlich überstund er's. Am Fuße
des schimmernden Glasberges schüttelte sich der Rapp, und ein Ritter in
goldener Rüstung stob in einer blitzenden Gewitterwolke über das blanke
Berggewände in die Schranken des Turniers.

Als aber heute die Drommeten seinen Sieg und des Rennens Ende kündeten,
da schlug das Eingangstor zum Turnierplatz -- so hatte es der König
angeordnet -- krachend zu. Der König selbst eilte dem Sieger vom
Tore her entgegen. Da nahm der Rappe einen Anlauf, und hast du nicht
gesehen, setzte er samt seinem goldschimmernden Reiter über das
Torgitter hinweg. Der König hatte im Zorn sein Schwert gezogen: »Warte,
Trotzkopf! wenigstens zeichnen will ich dich!« und schlug nach dem
Entweichenden. Er traf ihn ins Bein. Unser Hans aber hatte so festes
Fleisch, daß die Schwertspitze abbrach und haften blieb. »Ho, nun
bist du mir sicher!« lachte der König, da er sein stumpfes Schwert
betrachtete.

Des Königs Töchterlein aber saß im innersten ihrer Gemächer, mied
Speis und Trank, träumte und weinte. Da ließ der König vom gläsernen
Berge durch Boten, die er in alle vier Winde sandte, kund tun und zu
wissen: Der Ritter, in des Schenkel Seiner Majestät Schwertspitze
haftet, empfängt dero königliches Kind zur Hausfrau. Dem König hatte
nämlich ein Wahrtraum, von Gott gesandt, Wunder verheißen von dem
unwiderstehlichen Sieger, als werde von ihm alles Heil seinem Reiche
und seinem königlichen Hause kommen. Nun war aber jeder, der das Herz
am rechten Fleck hatte, über die Maßen verliebt in das holdselige
Königskind, das ebenso gütig und bescheidenen Gemütes war, wie es
nach Geburt, Rang, Reichtum und Schönheit das Haupt hätte hochtragen
dürfen, und viele brachen die Spitze von ihren Schwertern und trieben
sie sich ins Bein und ließen sich so zum Könige tragen. Doch alle
mußten mit Schanden heimfahren, keine der Schwertspitzen paßte an das
Königsschwert.

Was war inzwischen aus Hansen geworden? Erst hatt' er seiner Wunde
nicht acht, vermeint, es sei wohl ein Mückenstich oder Holzsplitterchen
oder Dorn, irgendwo beim Reiten mitgenommen. Doch bald eiterte
die Wunde, und Hansens Strohlager ward zum Siechbett. Das waren
freilich böse Tage, da durft' er fein stöhnen und sich all seine
Sünden bedenken, bis daß er sich seines Lebens gar verziehen und
ergeben gedachte: »Nun ist's aus! Schade, es fing so prächtig an!
und hundertmal schade um das süße Prinzeßlein! Säh sie mich nur
einmal noch vorm Sterben an!« Am traurigsten deucht ihn, daß er grad
Hungers sterben mußt. Denn war er gleich Herr im Schlosse, wo keine
Menschenseele atmete, und konnt' sich also auch wohl sein lassen an
all dem Guten in Küche und Keller, so war ihm doch am wohlsten in
seinem Stalle auf dem Strohlager, und er pfiff auf die Prunkgemächer
im Schloß und die schwellenden Polster in Seide und Brokat. Da lag er
denn, stündlich eines neuen Wunders gewärtig. Doch es geschah keins.
Auch keins der Rosse tat mehr den Mund auf und plauderte mit ihm. Er
blieb einsam mit seinem Schmerz, seinem bittern Ärger, daß ihm alles
Glück vor der Nase verschwunden, seinen sehnsüchtigen Gedanken an
das Königskind und -- seinem Hunger. Denn wie seine Wunde schlimmer
und qualvoller ward, konnt' er nicht mehr auf, konnt' er sich nicht
mehr zur Küche schleppen; er kaute Haferkörner vor Verzweiflung, fiel
täglich mehr vom Fleische und sah sein Ende nah.

Er wußte nicht, daß eben sein Weh und seine Not ihm der Anfang von
allem Erdenglück sein sollte. Er lag mit offenen Augen des Nachts im
Fieber und starrte durch das staub- und spinnwebtrübe enge Fensterchen
seiner Roßknechtkammer in den Mond und, wie er halb schon mit seiner
Seele außer dem Leibe war, erlebte er viel feine und zarte und fromme
Gedanken, wie sie dem derben Schlagetot niemals noch in Herz und Sinn
den Weg gefunden. Denn der Tod saß an seinem Bett und tat ihm manch
edles Wissen kund und erzählte ihm, wie die Welt so schön und des
Menschen Herz so arm und so reich, so eng und so weit, und sang ihm
eine Schlummerweise von der Liebe Gottes. Da war's, als ginge geheime
Zwiesprach durch die Stände der Rosse, von Krippe zu Krippe, die Ketten
klirrten, und wenn der arme Todkranke hätte aufstehen und hinausschauen
können, so konnt' er den Schimmel wie ein fliegendes Silberwölklein
durch die Mondnacht jagen und entschwinden sehen. Dann war's still im
warmen Stalle, kaum daß noch eine Kette rasselte und ein Huf dumpf
den Boden stampfte; nur die kurzen Atemstöße des Fiebernden waren
vernehmbar.

Des Königs Leibarzt hatte schweren Dienst jetzt. Der Prinzessin
wurden die Wangen bleich, und alle besten Ritter des Reichs hatten
wunde Beine, da gab's viel zu tun. Er hatte in einem gelehrten Buche
noch studiert bis gegen Mitternacht. Nun ergriff er die Lampe, um zu
Bett zu gehen? Da schlug's draußen gewaltig ans Tor. Er öffnete das
Fenster und schaute hinaus und rief: »Wer begehrt so spät noch mein?«
-- »Des Königs Eidam!« rief's draußen. War aber kein Mensch zu sehen,
ein schlanker Schimmel stund drunten, gesattelt und gezäumt, und warf
nickend den Kopf auf. Der Arzt setzte sich die Brille auf -- es blieb
ein Schimmel. »Alle guten Geister loben den Herrn« -- »Amen,« sprach
der Schimmel. Da erleuchtete Gott des Arztes Sinn, und er erkannte das
Roß, auf dem der fremde, stahlgewappnete Ritter zum erstenmal turniert
hatte. »Das ist ein wunderlich Ding,« sagte er und trat hinaus. Da
beugte das edle Tier ein Knie, und nun erkannte er es für gewiß und
verstund seine einladende Geberde. Er eilte zurück, versah sich mit
allem Gerät seiner Kunst, Verbandzeug und heilsamen Essenzen, warf
einen Mantel um und setzte sich in den Sattel. -- »Halt' dich fein
fest, hochgelehrter Herr --« und heidi! ging's davon, daß der arme
Doktor die Augen schloß und seine Seele Gott befahl.

Da tauchte ein Schloß auf, das der Arzt, der nun schon an fünfzig Jahre
dort wohnte, nie gesehen, noch auch nur nennen hören, und eh' er sich's
versah, stund er am Schmerzenslager eines zerlumpten, halbnackten
jungen Burschen, der fiebernd mit dem Tode rang. »Hier ist's hohe
Zeit!« sagte der Doktor, der die Züge des wunderstarken Ritters in dem
Antlitz des armen Teufels erkannt hatte. Da stund schon der Schimmel
da und trug in den Zähnen einen Eimer klaren, kühlen Wassers, eben
am Brunnen draußen geschöpft. »Ei Dank, mein freundlicher Famulus!
Schau, du verstehst's!« lachte der Meister, und nun ging's an ein
liebevoll Pflegen und Heilen. Au, das tat aber weh, wie der Arzt die
Schwertspitze aus dem entzündeten Bein herausholte, und als er sie
betrachtete, da war der letzte Zweifel geschwunden: Des Königs Krone
war darauf zu sehen!

Hm, dachte der Arzt, so wär der Kerl ohne Strümpfe und Schuhe des
Königs Tochtermann? und er ließ sich von Hans seines Lebens Mär
erzählen -- vom Müller, vom Schäfer, dem verschollenen, menschenleeren
Schlosse, den drei hilfreichen, wunderbaren Rossen, und dachte hin und
dachte her: Sagst du dem Bruder Habenichts, daß er nach des Königs
Wort und Wille sein Tochtermann? Sagst du's dem König, daß du ihn
hier aufgefunden? Und sein Sinn neigte sich allgemach dem treulosen
Vorsatz zu, dem Jüngling sein Geschick, dem König seine Entdeckung
zu verheimlichen, auf daß nicht Königskind und Reich einem unedlen
Fremdling anheimfielen. Immer fester ward sein Entschluß, alles für
sich zu behalten, und so gedacht' er, da er an dem Kranken seine
Pflicht getan, heimzureisen.

Ja, aber wie? Er wußt' nicht, wo er war, ob seine Heimat nach Osten,
Westen, Süden oder Norden von hier aus gelegen. Das Schloß war ihm
unbekannt, rundum die Wälder so endlos wie stumm, und -- ~der
Schimmel wollte nicht~, im Guten und im Bösen nicht, er duldete
keinen Sattel, schlug um sich und biß! Der Arzt raufte sich die Haare
und den Bart, jammerte um seine Kranken daheim und hätt' sich schier
verschnappt: hatten doch alle die gleiche Wunde wie Hans; jammerte um
die Prinzessin und hätt' sich schier wieder verschnappt: bleichten ihre
Wangen doch um den fremden Rittersmann; jammerte über des Königs Zorn.
Hans legte beim Schimmel, beim Rappen, bei der braunen Stute ein Wort
für seinen Arzt und Retter ein -- umsonst.

Schließlich ward der Arzt gar kleinlaut und verzagt, verzweifelte ganz,
jemals die Heimat wieder zu sehen. Indes Hans mit dem Jagdgerät, das
er im Schlosse entdeckt, lustig zum Weidwerk zog, saß er trübsinnig
im Stall auf der Futterkiste, und nun war's an ihm, über seine Sünden
nachzudenken. Und das war sein Glück. Denn wie's ihm so recht klar
wurde, welche Treulosigkeit er plane, und wie er vermessen den Willen
Gottes, der sichtlich den guten Hans seine besonderen Wege führte,
hemmen und hindern wolle, und wie er dann aufsprang, mit der Faust auf
die Haferkiste schlug und bei sich sprach: »Nein! der Wahrheit die
Ehre!« da gab's ein Stampfen und Klirren im Stall, Schimmel, Rapp und
Braune eilten aus ihren Ständen, und freudig legte der Doktor, der
dankbar die Antwort Gottes auf seine gerechten Gedanken erkannte, dem
Schimmel den Sattel auf, und heidi! ging's davon, Rapp und Stute jagten
ledig hinterdrein.

Groß war Hansens Staunen, als er den Meister und die drei Rosse
vermißte. Er war inzwischen in Einsamkeit, in Leibes- und Herzensnot
ein still nachdenksamer, frommer Gesell geworden und dachte nicht
mehr: »Nur zu! mir ist schon alles recht!« sondern fein demütig: »Wie
Gott will.« Und so geschah's. Als tags darauf die Welt in weißem
Morgenlichte lag und Hans mit Bogen und Speer in den Wald trat, wie
ein Riese der Vorwelt anzuschauen, im selbstgefertigten Fellwams mit
bloßen Armen und nackten Füßen, aber schön und stark von Gliedern,
da trabten drei Rosse daher, hellwiehernd ein Schimmel voran, drauf
mit fliegenden Locken und glühenden Wangen das königliche Kind, der
König auf dem Rappen, der Meister Arzt auf der braunen Stute, und
sie staunten alle drei, wie urköniglich, ein Liebling Gottes, schön
und prächtig an Haupt und jungen Gliedern, der schlanke Weidmann
daherschritt, und der König rief: »Unser Ritter! Glückauf, junger Held!
Wer als König geboren ward, den kleidet der Kittel des Müllerknechtes,
der Rock des Schäfers und das Lumpengewand der Not königlich wie
Hermelin und Purpur!« Der Jüngling erglühte in tiefer Scham und sank
demütig in die Knie. Der König aber hub ihn an seine Brust -- küßte ihn
und sprach: »Du bist der Rechte; ich nehme dich aus Gottes Hand. Du
aber, mein Kind, nimm ihn aus meiner Vaterhand.« Und Hans legte bebend
seine Hand in des lieblichen Mädchens Rechte, zu küssen wagte er sie
nicht. Bald war die Hochzeit. Das Schloß mit all seinen Schätzen blieb
des jungen Paares eigen. Die Rosse aber waren spurlos verschwunden.
Es hieß, es seien keine rechten Rosse gewesen. Wer will das sagen?
Der Arzt wußte was zu fabeln aus einer alten Chronik, die er in einem
Turmgemach daheim gefunden, von blutigen Fehden, die einst zwischen
dem Schloß der Ahnen seines Königs und jenem entbrannt und alles
Leben in dem alten, grauen Schlosse vernichtet, uralter Schuld, die
erst zu sühnen wäre, wenn ein reiner Jüngling das alte Schloß wieder
aufgefunden und zu eigen genommen und ein reines Mägdlein aus dem
Schlosse des Glasbergkönigs gefreit hätte. -- Wer weiß, was an der
Geschichte wahr ist. Genug, Hans lebte mit seiner Gattin herrlich und
in Freuden, und als der alte König die Augen schloß, war er seinem
Lande nicht nur ein siegreicher und starker Schirmer, sondern auch ein
gerechter und frommer Herr.




                            [Illustration]




                             Der Hasenhirt


Der König von Portugal meinte, wenn seine schöne Tochter nicht bald
unter die Haube käme, so würde sie sauer und holzig, und möcht' sie
keiner mehr. -- »Desto besser!« rief stolz das hübsche Kind. »Kann denn
unsereins, wenn's nur leidlich grad gewachsen ist und kein garstig
Gesicht hat, nie leben, wie's ihm gefällt? Was frag ich nach den
Mannsleuten! Will mein eigen sein und bleiben! Wenn sie doch wüßten,
wie dumm ich all ihr Getu finde. Hat denn das unnütze Volk auf der
Gotteswelt weiter nichts zu tun, als vor unsereinem Männchen zu machen?
Ich kann bald kein Wesen mit Hosen an den Beinen und Haaren im Gesicht
mehr sehen.«

Das war freilich sehr kräftiglich gesprochen, und der gute König
hätt's endlich einsehen müssen: bei der ist nichts zu hoffen! Aber er
konnt' und konnte sich nun mal nicht darein finden, daß er nie und
nimmer ein Strampelchen von Enkelkind auf seinen Knien sollt' reiten
lassen; ach, und wer sollte gar dereinst sein Reich erben? »Das ist
meine geringste Sorge,« sprach die Prinzeß und rauschte hinaus. Der
König erseufzte und ließ den Kopf auf die Brust hangen, daß ihm schier
die Krone heruntergerutscht wär. Da kam sein stolzes Töchterlein, der
soeben ihre neunmalschlaue Amme spottweis einen Rat gegeben, wieder
herein und sprach lachend: »Ich will dir was sagen, Väterchen! Wer mir
einen goldenen Apfel bringt, den nehme ich, sonst keinen; heißt das,
er darf nicht beim Goldschmied gewachsen sein, vom Baume brechen muß
ihn der Glückliche!« Da seufzte der König noch tiefer auf, daß sie aus
einer ernsten Sache einen so schnöden Spaß mache. Der alte Kanzler aber
wiegte das Haupt und meinte, bei Gott sei kein Ding unmöglich, und noch
sei nicht aller Tage Abend.

Der Prinzessin mutwillig Wort war kund worden im Lande, und all die
lüsternen Freier ließen ebenso wie der König ihre Köpfe hangen. Du
lieber Gott, wo sollte in aller Weltweite ein Baum mit goldenen Äpfeln
wachsen? Nur ein General war da, ein schnurriger Kauz, von dem hieß
es, er sei fest und gefeit und könne mehr denn Brot essen; der hatte
neuerlich ein verdächtig Wesen mit einem Manne nicht eben feinen
Geschreis, den sie einen Magister der vermaledeiten Künste schalten,
und trug jetzt täglich ein immer fröhlicher Gesicht zur Schau,
gleichwie einer, der einen Schatz wo liegen weiß, sah auch täglich
jünger aus; und wenn er allein war, so rieb er sich die Hände, tanzte
auf einem Beine, warf sich in seinem Spiegel Kußhändchen zu und färbte
sich das schon grauende Haupt- und Barthaar pechrabenschwarz -- und
eines schönen Tages war er verschwunden, wußt' keine Seele, wohin.

                            [Illustration]

Wie er's gekonnt, weiß ich auch nicht zu sagen; jener schlimme Magister
wird's besser wissen, der die Nächte lang mit ihm bei verschlossenen
Türen saß und in alten Scharteken las -- genug, er kam nach kaum drei
Tagereisen durch Berge und Wälder auf eine weite, weltvergessene Heide,
in deren Mitte richtig hoch und herrlich der Wunderbaum stund, mit
hundert güldenen Äpfelein im Sonnenlichte funkelnd. Er trat freudig
hinzu; plumps, da fiel eine der schweren Früchte ins Gras, ihm just vor
die Füße. »Das fängt gut an,« schmunzelte der alte Geck, indem er die
Goldfrucht einsackte, und dacht' der Gelegenheit weidlich wahrzunehmen
und hub ein Schütteln und Rütteln an, daß alle Äste rauschten und
klirrten. Der Baum aber gab nichts mehr her; die Äste saßen auch gar zu
hoch, und am glatten Stamme hinaufzuklimmen, dazu waren des Generals
Beine schon zu steif. Er warf seinen Stock mit dem Elfenbeingriff
wuchtig hinauf ins Geäst. Der Baum behielt den Stock, aber seine Äpfel
auch. Da war kein Rat, er mußt' mit dem einen Goldapfel, den der
eigensinnige Baum gutwillig hergegeben hatte, fürlieb nehmen und seine
Straße heimwärts ziehn.

Er verwand den Ärger und versenkte sich in erbauliche Träume, tat ab
und zu einen Hopser, blieb stehn, legte die Hand aufs Herz, machte
vor einem Wacholderstrauch, der die Prinzessin vorstellen sollte, die
zierlichsten und possierlichsten Kratzfüße und erklärte dem Strauß in
wohlgesetzten, blumigen Worten seine Liebe, also daß die Hasen sich
kugelten, und die Häher lachend durch die Wipfel krächzten: »Der Geck!
Der Geck!«

Da begegnete ihm ein kleines, graues Männlein, das ihm mit der Nase
eben ans Knie reichte, schaute ihn pfiffig an und pochte ihm mit dem
gekrümmten Fingerlein an eine harte und gebauschte Stelle in seinem
Rockbürzel: »Was habt ihr da drin, Freund?« -- »Einen Dreck hab' ich,«
sprach der General unwirsch, ohne das Wichtlein eines Blickes zu
würdigen, und schritt fürbaß. »Ist's ein Dreck, soll's auch ein Dreck
bleiben,« lachte der Kleine, und weg war er, und die Häher lachten
heiser: »Der Geck! Der Geck!«

In der Hauptstadt gab's denn bald ein groß Geschrei: »Wißt ihr schon?
Der General! Er hat einen, er hat einen!« Der König gab ein Bankett,
und der General mußte neben seiner Angebeteten sitzen. Sie gönnte ihm
nicht Blick noch Wort, schaute nur ab und an verzweifelt gen Himmel,
so langweilte und quälte sie sein eitles Geschwätz. »Du wirst mir noch
einmal kirre!« dachte der Freier schmunzelnd, ließ sich eine goldene
Schüssel reichen, schlug an sein Glas, erhub sich und sprach ein Langes
und ein Breites von der Liebe, der kein Preis zu hoch, kein Weg zu
steil; und damit griff er, indem er den Trompetern und Zinkenisten oben
auf der Galerie zunickte, einen Tusch zu blasen, stolz und strahlend in
seine Rocktasche, indes alles gespannt die Hälse reckte und ein Page,
neben ihm kniend, die goldene Schale darreichte. --

Da tönte ein Schrei des Entsetzens. Die Prinzessin und alle Damen
mit ihr fuhren schnell mit den Spitzentüchlein zur Nase, einige
fielen in Ohnmacht, alle Stühle flogen polternd zurück, es gab einen
gewaltigen Lärm und Aufstand, Schimpfen und schadenfrohes Gelächter.
Die Prinzessin verließ mit ihrem Hofstaat den Bankettsaal. Damit war
das Zeichen gegeben, daß alles auseinanderstob. Nun stund unser General
ganz mutterseelenallein im weiten Saale, knickbeinig, mit schlotternden
Knien und bleich wie der Tod und wußt' immer noch nicht, wohin mit
seiner rechten Hand. Da traten Trabanten ein und nahmen ihn gefangen.
Nun saß er bei Wasser und Brot und durft' sich überlegen, wie das alles
so gekommen. Den gütigen König hatte noch niemand so zornig gesehen.
Das ging ihm denn doch über den Spaß!

Nun begab sich's, daß ein gemeiner Soldat, dem das Kommißbrotkauen und
Exerzieren für einen fremden Landesherrn zu dumm geworden, desertierte.
Im Walde setzte er sich behaglich ins Gras, freute sich, ein freier
Mann zu sein, zog Wurst und Brot herfür und ließ sich's schmecken. Trat
unser Grauwichtel zu ihm: »Darf ich mithalten?« -- »Nur zugelangt,
es reicht für zwei!« lachte der Soldat und teilte christlich. Als
das Männlein mit Dankesworten Abschied nahm, lachte er: »Bist du ein
närrisch Kerlchen, so viel Worte um ein Stückchen Wurst!« -- »Noch
mehr denn Worte, guter Gesell,« sprach der Kleine. »Hier hast du einen
goldenen Apfel; dafür kannst du dir eine lebendige Prinzessin kaufen,
und hier dies Pfeifchen ist auch zu was gut. Verwahr' beides wohl, und
Glückauf, lustiger Gesell!«

Verschwunden war das Männlein. »Närrisch!« kopfschüttelte der Soldat,
steckte aber beides in die Tasche, dachte sich, für den Apfel könnt'
er sich wenigstens manche Wurst kaufen, und das Pfeiflein möcht' für
Regentage gut zur Kurzweil sein. Wie spitzte er aber die Ohren, da in
der Hauptstadt die Spatzen von den Dächern die schnurrige Geschichte
vom General und seinem Goldapfel pfiffen! »Jetzt schlägt's Dreizehn,
also ist an der Sache doch was dran? und den Goldapfel hätt' also ich?
O, wenn das meine Mutter erlebt hätt'! Hurra, jetzt frei' ich die
Prinzessin! Was kann da sein!«

Ging frisch und frank ins Schloß, trat vor den König: »Herr König, mit
Verlaub, ich hab' den goldenen Apfel, wofür dero Tochter zu haben sein
soll.« -- »So,« sprach der König, »das hat schon mal einer gesagt!
Zeig' erst mal her, mein Sohn; wir haben da unsre Erfahrungen, hm ...«
und trat ängstlich einen Schritt zurück. »Weiß schon, Majestät! Und
hier ist er.« Der König wollt' ihn in seinem freudigen Staunen mit
Händen fassen, aber -- »Hand weg, Majestät!« sprach der Soldat und
schob ihn in die Tasche zu Wurst und Brot. »Den faßt mir keiner an als
meine Braut!« -- »Du hast's eilig, guter Freund,« sagte der König,
noch ganz benommen von dem Wunder und dem Glanze. Zugleich besah er
sich den abgerissenen Burschen mit seinem schmierigen Brotsack und
befand, er rieche arg nach Tabak, und dachte: »Wie wird das werden?« --
»Freilich hab' ich's eilig, Herr König! Jung gefreit hat nie gereut,
und bei dero Jungfer Tochter soll's auch an der Zeit sein. Also laßt
ein Mahl richten, ich bin zur Stelle, und das schwör' ich euch, es soll
kein stinkend Ende nehmen wie bei euerem sauberen General.«

Damit empfahl er sich und ließ den König in arger Verwirrung zurück.
Doch, was sollt' er tun? Ein Wort ist ein Wort; da half kein
Mundspitzen, es mußt' gepfiffen sein. Das Bankett ward gerichtet,
der Soldat saß neben der Prinzessin, alles rümpfte die Nase über den
schäbigen Freier; der aber merkte nichts von alledem und sah nur seine
Nachbarin an und dacht', wie schön sie sei. Er hatte ja gar nicht
gewußt, daß es dergleichen auf Gottes Erdboden gebe, und sein Herz
ward gar demütig und ernst. Dabei griff er aber immer nach seinem
Brotsack, den er sorglich umbehalten, ob auch das güldne Unterpfand
seines Glückes noch dasei. Dann trank er einmal über das andre Mal
seinen Becher aus; denn erstens hatte er so guten Tropfen noch nie
geschmeckt, und zweitens fühlte er, daß ihm das Herz in die Hosen sank:
eine Prinzessin und ein armer Haderlump wie er! Da sollt' ihm der Mut
wohl klein werden! Sie aber saß bleich wie ein Steinbild neben ihm, um
ihre feinen Brauen zuckte es wie Qual, wenn er zu ihr sprach; deuchte
sie gleich sein schlichtes Wort wahrer und menschlicher, als sie jemals
bei Hofe reden gehört -- er roch gar zu pöbelhaft nach Tabak! Aus
einer Tasche schaute ihm sein Stummelpfeifchen, aus dem Brotsack ein
Wurstzipfel! Sie mußt' sich ein übers andre Mal ihr Riechfläschchen
unter die Nase halten.

Gegen das Ende des Mahles brachte man die goldene Schüssel herbei.
Der Soldat sprang auf, hielt keine lange Rede, sondern rief nur:
»Da habt ihr ihn!« und ließ den blinkenden Apfel aufklingend in die
goldene Schüssel fallen. Da rief alles, des Bringers und seiner
Vagabundenhaftigkeit ganz vergessend: »Wie herrlich, wie köstlich!«
Selbst die Prinzessin klatschte in die Hände. Es war, als ginge ein
Licht, ein unirdisch Leuchten von dem goldenen Wunder aus, das aller
Herzen erhellte und höher stimmte. Da brach der Soldat den Bann des
Entzückens, indem er laut in den Saal rief mit dem Mute, den der
feurige Wein ihm gegeben: »Wohlan, Herr König, ich tat das Meine! Nun
marsch zur Hochzeit, Jungfer Prinzessin!«

Schlug da doch das Prinzeßlein die Hände vors blasse Antlitz und hub
ein Schluchzen an, als soll's ihr die zarte Brust zerbrechen. Alles
war betroffen und erschüttert; denn weinen hatte das stolze Geschöpf
bis heut' noch kein Auge gesehn, und dann schauten aller Blicke
unter gerunzelten Zornesbrauen auf den Soldaten, der in den Stuhl
gesunken war und dasaß, als sei er der ausbündigste Malefikant und die
schwärzeste Seele, die je zur Hölle reif war. Er war blaß, und seine
Lippen zitterten, und er lallte: »Nu -- nu ...« und seine harten Hände
zuckten, der Weinenden über das goldene Seidenhaar zu streichen, ganz
weich und lind, wie man's einem Kinde tut; aber er getraute sich nicht.

Der König fand zuerst das Wort wieder und sprach was von der magdlichen
Scheu seines edlen Kindes, die man ehren müsse, und -- von Zeit lassen,
sich drein zu finden, und einigen Tagen Aufschub.

»In Gottes Namen,« stotterte der Soldat, »in Gottes Namen, Herr König!
Wenn's nicht anders ist, so kann ich mir inzwischen einen neuen Kittel
schneidern lassen.« Da lachten einige Höflinge in ihr Mundtüchlein.
»Gott sei gedankt!« seufzte der König für sich. »Kommt Zeit, kommt
Rat. O dieses Kind, dieses seltsame Kind, was schafft es mir doch
für Not und Grämen!« und er fuhr sich wehmütig mit der Hand über den
königlichen Bauch und befand, er sei vom Fleische gefallen.

Das war dem guten König eine ausgemachte Sache: dieses Eidams mußt'
er los und ledig werden, es geh' wie's wolle. Aber wie? Da gedacht er
des Generals, der noch bei Brot und Wasser saß und sich grämte, daß er
so stinkend geworden; der war in tausend Listen und Ränken gewandt und
Rates nie verlegen; den befahl er der Haft zu entlassen und fragte ihn,
wie er mit gutem Anstande den tabakduftenden Tochtermann sich vom Halse
schaffe. »Das laßt mich nur machen,« sprach der General, der einen
schweren Zorn hatte auf seinen Nachfolger, und eröffnete dem Soldaten
feierlich im Auftrag des Königs und der Prinzessin, die erste Bedingung
sei ja nun erfüllt, somit sei er denn berechtigt, die zweite Aufgabe
zu versuchen; denn das lasse er sich als billig denkender junger Mann
doch nicht in den Sinn kommen, daß man so leichten Kaufs die Hand einer
Königstochter gewinne; er habe ja selbst gesehn, wie schön sie sei --
»oder nicht?« fuhr er den verdutzten Soldaten an. »Freilich ja, das
muß ihr der Neid lassen; nur will mich bedünken, das sei wider die
Abrede, das mit der zweiten Aufgabe; jedennoch -- erwogen, daß die
Prinzessin eben so ausbündig liebreizend und fein ist ...« -- »Genug,«
fiel ihm der General ins Wort, »Ihro Hoheit wünscht, daß du aus dem
Tiergarten hundert Hasen zusammentreibst, sie drei Tage hütest; wo
dir nur einer entwischt, kostet's deinen Kopf. Verstanden?« -- »Mit
Verlaub, gestrenger Herr!« -- wollt' der Soldat einwenden; da drehte
der sich auf dem Absatz herum und ließ ihn stehen, und der unglückliche
Freier gespürte nun, von wannen der Wind wehte. »Das hat man davon, so
man zu hoch hinaus will! Aber daß die Welt so schlecht sei und Treu und
Glauben so rar, hätt' ich doch nimmer geglaubt!«

Er ging traurig in den Wald, setzte sich an den Boden, stemmte das Kinn
auf beide Fäuste und dacht: »Mit dir ist's aus, alter Freund! Schnür'
dein Ränzel für die bessere Welt! Das Lied ist zu Ende, da ich's kaum
zu blasen begonnen!« -- Beim Blasen fiel ihm sein Pfeifel ein, Trübsal
ist ja so gut wie Regenwetter, und er dacht: »Du kommst mir zu paß, was
hilft das Kopfhängen!« und pfiff sich ein Stückel, wundert sich selber,
wie trefflich's ihm vom Schnabel ging.

Aber was war das? Ringsum stieg der Staub auf, trappelte es, rappelte
es, rauschte es, braune Rücken, lange Ohren -- Himmel und Hasen! »O
du herziges Graumännlein im Walde, so war das mit deinem Pfeiflein
gemeint? Hallo! nun kommandier ich ein Hasenregiment! Laß schaun,
was wir bei den Soldaten gelernt haben! In Kompaniekolonne antreten!
Marsch, marsch!« -- Heidi, wuselte und sprang das durcheinander, daß
die Ohren flogen, und im Handumdrehen stund alles in drei Zügen in Reih
und Glied. Da schritt der Soldat die Züge ab und teilte sie hübsch in
Sektionen ein; was aber über hundert zählte, stellte er zehn Schritt
rechts davon auf und kommandierte den Überzähligen: »Wegtreten!«
Husch! stob das davon wie eine braune Wolke. Mit den übrigen hundert
exerzierte er brav, daß ihm vor Lachen die Tränen über die Wangen
liefen. Dann ließ er mit Sektionen vom rechten Flügel abmarschieren,
setzte sich mit seinem Pfeiflein an die Spitze, blies: »Wer will unter
die Soldaten ...« und: »Ach, du lieber Augustin ...« und führte seine
Kompanie in die Stadt.

Der König und die Prinzessin, die staunend den Aufzug sahen, stunden
auf dem Balkon. Da kommandierte er: »Augen rechts!« Der König und
die Prinzessin mußten sich gegenseitig festhalten vor Lachen,
so pudelnärrisch war die Parade. Doch als der Hasenkommandant
vorbeigezogen war und das Pfeiflein verklungen, da trat an Stelle
des Gelächters bitterer Ärger: »Was nun, General, was nun? Dieser
Teufelskerl ist imstande und hält uns drei Tage lang sein Hasenvolk
wohlgezählt beieinander! Wer das eine kann, dem ist auch das andere
Kinderspiel!« -- »Wir sind auch noch da, Majestät,« beruhigte ihn der
General; »da gilt's durch List ihm einzelne Tiere abspenstig machen;
und erwischen wir nur eines von den hundert Häslein, so schlägt man
ihm den Kopf ab und heißt ihn seines Weges gehn wohin er mag.« Er
verkleidete sich als Jäger, fand sich bei dem Hasenmeister ein, und
fragte höflich an, ob ihm nicht eines seiner Tiere feil, die Art
gefalle ihm in die Maßen, er habe in der Stadt den Aufzug gesehn.
»Warum nicht?« sprach der Soldat, der den Schelm von General wohl
erkannt hatte, »nur fürchte ich, der Preis wird euch kaum genehm sein.«
»Oho,« sagte der General und klimperte mit den Dukaten im Hosensack.

»Um Geld ist mir's nicht zu tun, Herr Jäger, aber um fünfzig Prügel
könnt ihr eins meiner Tierchen haben.« -- »Verflucht!« knurrte der
General, doch er hatte es dem König und der Prinzessin, die er sich
noch immer zu gewinnen hoffte, versprochen: »In drei Teufels Namen, so
sei's!« und entblößte den Rücken. Der Soldat spuckte in die Hand, faßte
seinen Stock und -- zeigte, daß er ein handfester Bursche sei. Der
verprügelte General hinkte fluchend ab, wenigstens des sauer verdienten
Häsleins froh, das in einem Korbe, den er mitgenommen, krabbelte. Kaum
aber war er hundert Schritt von der Stätte seines Kaufs und seiner
Schande entfernt, ertönte hinter ihm das Pfeiflein; der Deckel des
Korbes sprang auf; hupp, war der Hase auf und davon. Der Soldat hatte
seine lustigen Hundert wieder beisammen, und der General -- ach, wer
kann sagen, wie dem zu Mute war! Er kroch sofort ins Bett, wollte
aber vom Arzt nichts wissen, weil er sich seines verprügelten Buckels
schämte.

Darüber war ein ganzer Tag verloren, und die Prinzessin sandte in ihrer
Angst ihre Kammerjungfer, daß sie dem Soldaten einen Hasen abschwatze.
Ei, was konnt' die schön tun und schmeicheln! Aber der Soldat ließ sich
auf keine Zärtlichkeiten ein und verlangte denselben Preis wie vordem
beim Jäger. Er hat wohl nicht so fest zugehauen, aber Schimpf und
Schande war's doch für das hübsche Kammerkätzchen. Doch dafür hatte sie
ja einen Hasen -- jawohl! da pfiff's; plumps lag sie auf dem Rücken,
und der sauer verdiente Hase fegte davon, daß ihm die Löffel flogen.
Sie hütete sich wohl, zu Hause was zu erzählen, wie's ihr ergangen,
genau so wie der General: »Der niederträchtige Kerl wollte nun einmal
nicht, ich konnt' ihm die besten Worte geben!«

»Ihr seid alle zu nichts zu gebrauchen!« schalt die Prinzessin, der
es jetzt anfing, himmelangst zu werden, und zerrupfte vor Aufregung
ihr Spitzentüchlein! »Ich muß mir selber helfen!« rief sie kurz
entschlossen, und auf den Rat ihrer schlauen Amme, die ihr ja schon
mit ihrem Goldapfeleinfall die ganze Suppe eingebrockt hatte, zog sie
sich als Wildprethändlerin an und ging zu dem Soldaten. Zehn Hirsche
und zwanzig Rehe bot sie ihm für eines seiner seltnen Häslein. »Ach
nein, gute Frau,« sprach der Soldat, »Tauschgeschäfte mach' ich nicht;
aber verdienen könnt' ihr euch eins.« -- »Wie denn?« fragte arglos die
Prinzessin: »Hm, wenn ihr mir ein Viertelstündchen gut sein wollt und
mir mindestens sieben Küsse gebt.« -- »O weh,« dachte die Prinzessin,
»das ist ein schlechtes Geschäft; aber er kennt mich nicht, kein Mensch
erfährt's, und so bin ich seiner auf einmal los. Übrigens ist er so
ein übler Gesell gar nicht bei Tage besehn.« Und sie verdiente sich
ihr Häslein und zog, nachdem sie sich siebenmal das Mäulchen gewischt,
ihres Kaufes froh mit ihrem Henkelkörbchen davon: Gottlob! einmal --
oder vielmehr siebenmal, und nie wieder! -- düdelüt! tat's da hinter
ihr und hupp! neben ihr, und sie kam weinend vor Scham und Verzweiflung
nach Hause zu ihrem Vater: »Der schlechte Mensch wollt' sich auf nichts
einlassen.«

Da tat der gute Vater einen starken Schwur, jetzt wollt' er doch
wahrlich selber mal nach dem Rechten sehn! Das müßt' ja doch mit dem
Teufel zugehn ... Kam verkleidet auf einem Maulesel beim Soldaten
angerückt: »Was kostet ein Hase!« -- »Nicht viel mehr denn nichts,
alter Freund,« lachte der Soldat, der seinen Kunden wohl erkannte;
»wollt' euch nur bequemen, euren Maulesel dreimal unterm Schwanz zu
küssen.« -- Potztausend, das war freilich ein Ansinnen an einen
König! Er ward blaß vor Wut, schimpfte und wetterte; der Soldat
zuckte die Achseln: »Ihr braucht ja nicht! was tobt ihr? Doch ich
kann für meine Hasen fordern, was ich will.« Der König zog sanfte
Saiten auf und versprach goldene Berge. Der Soldat lachte: »Schon
meine Mutter sagte immer, ich sei ein schrecklicher Dickkopf, und
die hat immer recht gehabt.« Sprang der König mit einem Satze vom
Tier: Kreuzmillionendonnerwetter! -- eins -- zwei -- drei! da war das
Unglaubliche geschehn. Gottlob, der freche Kerl kannt' ihn nicht, und
so wußt' außer Gott und dem König selber niemand, was der König getan.
Aber nun den Hasen her! Da hatte er schon einen feisten Burschen an
den Löffeln, stopfte den Zappelnden in den Sack, der dem Reittier am
Sattel hing, und spornstreichs ohne Gruß und Valet trabte er wütend
und fluchend davon. Wie fluchte er aber erst, als der Sack plötzlich
rebellisch ward, Meister Lampe mit Gewalt durchbrach und davonstob,
dahin, woher die lockenden Pfeifentöne drangen!

Nun war alles aus. Abends rückte der Soldat mit seinem vollzähligen
Hundert prahlend vors Schloß, exerzierte und paradierte, schrie »Augen
rechts!«, daß die Scheiben klirrten, und warf selber so übermütig
die Beine, als wollt' er seine Kommißstiefel zu dem König und seiner
Tochter auf den Balkon hinaufschleudern. Es war ein rechter Staat. Nun
war guter Rat teuer, und wieder mußte der pfiffige General herbei. Und
der wußte wahrhaftig wiederum einen Ausweg.

Am dritten Tage ließ der König den Hasenkommandeur entbieten, wies
ihm einen Sack, der war an hundert Ellen lang und breit: »Jetzt, mein
Sohn, kommt deine dritte und letzte Aufgabe. Gib acht, kannst du
auch die lösen, hast du die Braut gewonnen, wo nicht, ist dein Kopf
verwirkt.« -- »Herr König, mit Verlaub!« -- wollte der Soldat gegen
dies offensichtliche Unrecht sich verwahren. »Ruhe!« herrschte ihn
der König an, »es bleibt dabei! Diesen Sack hier sollst du mir mit
Wahrheiten füllen, das ist deine dritte Aufgabe.« -- »Hoho,« dachte der
Soldat, »kommt ihr mir so, komme ich euch so. Jetzt wollen wir sehn,
wer zuletzt lacht!«

»Mit Vergnügen, Herr König! Gebt acht! Ich sollt' euch hundert Hasen
hüten, daß mir nicht einer entspringe. Ist das wahr?« -- »Das ist
wahr,« sprach der König und der ganze Hof. »Marsch, in den Sack, ihr
Hasen!« rief der Soldat, und hupp, hupp, sprang die ganze Gesellschaft
in den Sack hinein, daß alles lachte.

»Hundert Wahrheiten wären drin! Nun hört weiter, die hundertunderste:
Da ich mit meinen Häslein auf der Weide war, kam ein Jägersmann und
wollt' mir eins abkaufen. Mit fünfzig Wohlgezählten auf den Buckel hat
er sich's verdient. Ist das wahr, Herr General?« -- »Gelogen ist'!«
schrie der General. »Knöpft ihm nur das Wams auf! Ihr könnt sie noch
alle fünfzig nachzählen, sie hatten alle ihr volles Gewicht.« -- »Man
tue, wie er gesagt,« sprach der König, da mußte der General wohl
oder übel seinen Rücken zeigen, der in allen Farben des Regenbogens
schimmerte, und wohl oder übel mußte er zu den Hasen in den Sack
hinein.

»Das wär Nummer hundertundeins!« rief der Soldat, dessen Mut jetzt
immer kecker wurde, also daß die Prinzessin erstaunt und gar nicht ohne
Wohlgefallen die schönen, ernsten Augen auf ihn heftete; stund er doch
da unter all den Höflingen wie ein rechter Mann unter lauter Puppen und
Laffen. »Nummer hundertundzwei!« schrie er. »Halt, Jungfer, wo will
sie hin?« Damit erwischte er die Kammerzofe der Prinzessin, die, über
und über rot, soeben aus der Tür schlüpfen wollte. »Nämlich alsbald
kam ein Jüngferlein zu mir auf die Hasenweide und wollt' mich mit
Schmeicheleien und zärtlichem Getu kirren, daß ich ihr eins von meinen
Tierlein verehrte. Sie aber zahlte mir den gleichen Preis wie der Herr
General, und wenn mich nicht alles trügt, so glich sie aufs Haar hier
der Kammerjungfer der Prinzessin. Ist das wahr?« -- »Ja, es ist wahr,«
schluchzte es aus dem Sack heraus.

»Hundertunddrei!« schrie der Soldat. »Eine Wildprethändlerin kam dann
des Weges« -- die Prinzessin war dunkelerglühend aufgestanden. Da hielt
der Soldat mit höflich einladender Geberde den Sack schon auf: »Ist's
gefällig?« und sie schlüpfte schleunigst hinein. »Ist's wahr?« fragte
er, indem er das Ohr tief zum Sack herniederneigte. Leise, ganz leise
antwortete es aus dem Sacke: »Ja, es ist wahr.«

»Hundertundvier!« rief der Unerbittliche und hustete ganz
niederträchtig hinterdrein. Der König aber rückte auf seinem Thron hin
und her, als säße er auf Nadeln. »Zuletzt kam einer,« fuhr der Soldat
fort, »saß auf einem Maulesel, der hat sich ein Häslein ganz kurios
verdienen müssen. Dem gab ich auf ...«

»'s ist gut, mein Sohn,« rief der König, »der Sack ist ganz voll! Mehr
denn hundertunddrei Wahrheiten gehn nicht hinein. Morgen hältst du
Hochzeit; das soll die hundertundfünfte sein.«

Da öffnete der Soldat den Sack und ließ alle Wahrheiten heraus, und am
folgenden Tage gab's Hochzeit. Die Prinzessin aber hat's nie bereut,
das dürft ihr mir glauben, und der König und sein Land auch nicht. Der
arme Teufel war doch ein ganzer Kerl, und das ist das Beste, was einer
sein kann.




                            [Illustration]




              Das Märchen von der schönen Schwanenjungfer


Es war einmal ein Rittersmann, der war der schönste und stattlichste im
Lande und aller feinen Frauen Traum und Sehnen. Er aber fragte ihnen
nicht nach und wollt' auch nicht zu Hofe gehn. Stund ihm wohl dort das
Leben nicht an, dieweil er ein stiller und gar besonderer Mann war,
allein der Einsamkeit, dem Walde und dem mannlichen Waidwerk ergeben.
Wann freilich die Lehnspflicht ihn rief, so war er mit seinen Mannen
treulich zur Stelle, und wo dann sein Helmbusch wehte, da war der Sieg,
wie er denn unmaßen stark von Leib und im Kampf gar kühn und grimmig
und zornigen Geblütes war. Doch wenn dann die Lehnsmannen des Königs in
der Pfalz beim Geläute der klaren Becher den Sieg feierten und unter
allen ehrenkündigen Namen der seine vor allen erklang, dann schritt
sein gutes Roß schon längst wieder den einsamen Pfad seinem heimischen
Bergwalde zu. Mocht er bei den Lehnsmannen allen ins Gelag kommen mit
seiner verwundersamen Art, mochten sie die Köpfe schütteln, ihm war es
gleich. Er saß abends allein am Fenster seines hohen Turmgemachs, das
weit über die Wälder ins Land schaute, sah über die dunklen Spitzen der
Tannen in den verglühenden Abend, bis ihm die Augen tränten, und trank
aus goldenem Becher in edelstem Weine einer hohen Frauen Minne -- und
das war seine liebe Mutter, die er angebetet hatte, und der er immerdar
gedachte wie einer Heiligen.

Oft hatt' er um diese Stunde, wenn das enge Turmgemach rosigen
Dämmerscheines voll war, an den Knien der hehren Frau gesessen, als
Bube, als wilder Jüngling und als Mann, und immer hatte ihm da ihre
Hand auf seinem Haar so lind getan, und wenn er dem Laut ihres Mundes
gelauscht, so war's ihm, als tränke sich seine Seele an den stillen
Klängen Nahrung und Gedeihen. Wenn er jetzt um die gleiche Stunde hier
oben saß, die Augen schloß und in sein Herz hineinlauschte, dazu das
abendliche Rauschen des Waldes vernahm und den lieblichen Sang der
Drossel, die im letzten Lichtschein hoch auf der Spitze einer Tanne
der Sonne ein innig »Lebewohl und auf Wiedersehn!« sang, dann ward ihm
auch die dunkle Stimme seiner Mutter wieder lebendig, ihr gütiges »Mein
liebes Kind« und alles, alles, was sie an Gutem je zu ihm gesprochen.
Immer war's feiner und seltener Art gewesen, schwer und voll jedes
Wort, gleich als ob's gar nicht wie andre Menschenworte verklingen
dürfte und könnte; und aller Menschen Reden, Trachten und Tun wollt'
ihm neben jenen Worten nichtig und Scheinwerk bedünken, gar keines
Aufmerkens wert. Was Wunder, daß er auch der Frauen und Mägdlein nicht
acht hatte; mußt' er doch jedes Weib seiner Mutter vergleichen, auf
jedes Mägdleins und jeder Fraue Stirn den Ernst suchen, die Stille
und Güte, die ihm von seiner Mutter Stirn geleuchtet. Er fand sie
nirgend. Sie schienen ihm all wie die Kinder; was sie sagten, leicht
wie ein Flaum, den der nächste Windstoß wieder mitnimmt, jedes Wort
ein tändelnd Ungefähr, was auch anders lauten könnte, und wär daran
nichts gewonnen, nichts verloren. Gott hatte unserm ernsten Ritter ein
treues Herz gegeben, doch kein fröhliches Herz, sonst hätt' er sich an
der schlanken Mägdlein lieblicher Art, ihrem Lachen und Singen wohl
freuen mögen wie am Spiel der lieben Sonnenstrahlen durch lichtes
Buchengezweig, dem Blitzen und Plaudern des Waldbachs und dem Gesang
der Waldvögelein. So war er reich in seinem Herzen und arm zugleich,
weise und töricht zumal, fromm und demütig und doch hoffärtigen Sinnes.

Einst streifte er spät durch den Tann, dahinter blinkte im Abendschein
ein Weiher, er brach durch Schilf und Weidicht. In den Wäldern dröhnte
der Schrei eines starken Hirschen: Uoh! ho ho! uooh! daß ihm das Herz
vor geheimer Not im Leibe erzitterte, er auf einen moosübersponnenen
gestürzten Stamm sich niederließ und in trübes Sinnen versank: »Was tu
ich, daß mein Leben ganz sei? Mich dünket, ihm gebricht's am Besten!«

                            [Illustration]

Da rauschte es im Weiher, er griff zur Armbrust und sprang auf,
dicht vor ihm fiel ein mächtiger weißer Schwan in das Wasser ein,
seinesgleichen hatte der Jäger noch nie gesehn. Er hub die Armbrust,
da rief es: »Schieß nicht, sonst kostet's dein Leben!« Zum andernmal
legte er an, wieder klang der Warnruf, da hub er trotzig die Waffe
zum dritten Male: Ich will doch sehen, wer mir wehren darf! Doch eh'
der Bolz von der Sehne flog, tauchte, wo soeben noch der Schwan die
gewaltigen Schwingen gebreitet, ein jungfräulich Weib halben Leibes
aus dem Wasser und sah ihn in stummem Leiden an. Ihr Leib war weiß
wie die Blütenblätter der Wassermummel, und ihr Antlitz kinderhold
und traurig schön -- und der Ritter mußt' seines Mütterleins denken
und wußt' selber nicht, warum. Sie schauten sich an, sie schwiegen
sich an, und es war doch, als begegneten sich ihre Seelen in geheimer
Zwiesprach, und jede erzählte der andern ihr Leid. Endlich hauchte der
Ritter beklommen: »Wer bist du?« -- »Willst du mich erlösen, Freund?«
sprach ihre weiche, dunkle Stimme, in der ein inniges Beben war wie in
der Stimme seiner verklärten Mutter.

»Sprich, was darf ich tun für dich?« rief er hingerissen und breitete
die Arme aus. »Bete ein Jahr lang jeden Sonntag ein Vaterunser für
mich und sprich nie und nirgend von meiner Schönheit.« Damit war sie
verschwunden.

Der Ritter schaute auf die spielenden und ineinanderlaufenden Kreise
auf der dunkler werdenden Wasserfläche lange Zeit, dann ging er
versonnen heim. Jeden Sonntag aber lag er in der alten Waldkapelle
auf seinen Knien und betete für die Schöne, Unselige aus innigsten
Herzenstiefen ein Vaterunser.

Schon waren wohl der Monde sechs ins Land gegangen, und großer Dinge
war die Welt gewärtig: ein Frühlingssturm des Glaubensmutes wehte schon
längst durch die Christenheit wie die selige Gewißheit: das Himmelreich
ist nahe herbeigekommen. Und nun geschah des Kaisers Aufgebot an alle
deutsche Ritterschaft, im fernen Morgenlande den Ungläubigen das Grab
des Heilandes abzukämpfen und sterbend oder siegend um den Himmel zu
werben. Auch unser Ritter, der ergriffenen Gemütes längst den Stimmen
des frommen Sturmes gelauscht und längst des Rufes gewärtig gewesen,
rüstete die Seinen und gelobte sich dabei im stillen, sein Lieben und
seine heilige Pflicht sollten ihn treulich in die Ferne, in Kampf und
Sturm geleiten.

Am Morgen des Aufbruchs war's, noch stund der Mond erblassend am
lichter werdenden Himmel, indes über den Wäldern im Osten der Tag rosig
aufblühte und tauduftige Kühle aus dem Tann wehte; unser junger Held
ließ sich wappnen, da eilte sein treuster Knappe herein, des Ritters
Helm in Händen: »Herr, so fand ich deinen Helm auf der Waffenkammer;
sieh, welch seltsames Schleiertuch in seiner Zimiere weht.« Der Ritter
griff süß erschreckend nach dem Helme: wie ein silberner Nebel, wie
ein zart Gewebe aus Tau und Mondlicht wallte es in lichten, flüssigen
Fältlein über den Nackenschirm, lebte und atmete und ruhte nicht wie
lebendiges Wasser. Fürwahr, ein seltsames, ein ohnegleichen holdes
Wunder war's. Der Saum des Schleiertuchs aber war feucht und strich
kühl über des Ritters Hand. Da hub sich des Helden Brust in getroster
Wonne, in beseligender Gewißheit, er schloß einen Augenblick die Augen
und sprach leise: »Sei mir gegrüßt!« Zu dem staunenden Edelknecht
aber sprach er, indem er ihm freundlich lächelnd über die gelben
Locken strich: »Schweig, Kind, und frage nicht.« Dann hub er den Helm
feierlich langsam über sein Haupt und setzte ihn andächtigen Auges
auf, wie ein König wohl vor Gottes Altar die Krone in sein Haar sinken
läßt. Wie verjüngt, hohen Hauptes, kühnen Blickes stund er nun, von
dem Silbergespinst umwogt, daß alle seiner edlen Mannheit staunten;
und freudig wie ein Bräutigam, der sein Lieb einzuholen eilt, stürmte
er auf den Burghof, schwang sich in den Sattel seines mächtigen
Friesenhengstes und ergriff Schild und Lanze. Seine Mannen jauchzten,
da sie ihn so herrlich und streitbar sahen, und erhuben singend die
Waffen in den jungen Tag. Und singend zu Gottes Ehr und Preis brachen
die Reisigen auf, die Zugbrücke donnerte unter den Hunderten von Hufen,
der Turmwart blies seinen Abschiedsgruß, dann nahm sie der taufrische
Bergwald auf.

Nun kam eine Zeit bunter Abenteuer zu Land und See, schwerer Kämpfe,
Tage der Not und des Darbens, Tage blutigen Werbens um hehre
Heldenehre, und mancher deutsche Mann verröchelte im syrischen
Wüstensande. Unseres Helden Ruhm aber stund wie ein Stern in täglich
wachsendem Glanze über dem Heere der Gottesstreiter.

Der Stille, Ungesellige war ein freudiger Genoß geworden und aller
Männer Lust, aller Verzagten Trost. Geheimnisvoll blieb er darum doch,
wie er's vordem gewesen durch sein einsames Treiben, so jetzt durch
seine hohe Freudigkeit, die wie eine Gnade des Himmels ihn umstrahlte.
Und ein Geheimnis war's um das Schleiertuch, das ihm vom Helme wehte,
das im Brande der Wüstensonne seine Wangen kühlte, das im Männerstreit
wie eine Silberfahne wehte, unverletzbar für der Ungläubigen Schwerter
und Lanzen. War es ein feiendes Gut, ging von ihm die Kraft aus, die
ihn so sichtlich hub und verklärte?

An Ehren reich kehrte er heim und mußte stets an der Seite seines
Kaisers reiten, der ein herzlich Wohlgefallen an dem schönen und kühnen
Manne fand und ihn gar nimmer missen konnte. Bei Festen und höfischen
Gelagen sah man ihn still und abseits, und wo er's nur vermochte,
seine eigenen Wege gehn; dazu war er frommen Herzens und jedermann ein
erbaulich Beispiel, in jeder Kapelle kniete er zur Andacht nieder und
an jedem Kreuz.

Sie zogen durch die Ostmark, und der Kaiser hatte ihn zu sich entbieten
lassen; sie trabten allein durch einen lichtgrünen Buchenwald. Es war
gegen Abend, da hub der Kaiser an: »Viellieber Ritter, seid ihr der
Minne so gar abhold?« -- »Ich warte meiner Stunde, hoher Herr,« wich
lächelnd der Ritter aus. »Und ich sage euch, Ritter, eure Stunde ist
kommen!« rief der Kaiser lustig. »Hört ein vertraulich Wort: Mein
Schwesterkind duldet herbes Minneleid um euch, lange schon. Laßt mich
ihr Freiwerber sein. Stolzere Minne ward noch keinem Ritter zuteil,
noch größere Ehre. Doch ich kenne euren Wert ...« -- »Genug, mein
Kaiser und Herr,« rief der Ritter und war totenblaß, »es darf nicht
sein! Fragt nicht, warum!« -- »Ritter, was ist das?« und die Zornader
schwoll auf der kaiserlichen Stirn. »Ihr wagt es? Ihr sprecht nein,
schnurschlecht nein! Ich hab mein Wort verpfändet --.« -- »So ist denn
euer Wort verloren, Herr, mich darf's nicht grämen! Bin ich ein Ding,
das man verschenken mag?« -- »Ritter, erwägt, was ihr sprecht, noch
meistr' ich den Zorn. Tragt ihr eine andre Minne im Herzen, -- nun,
sie, für die ich werbe, ist mein eigen Blut, und ihr wisset, sie ist
die schönste von allen Frauen am Hofe.« -- »Mag sein, hoher Herr, mag
sein ...« -- »Wißt ihr ein schöner Weib auf dieser Welt?« brauste der
Kaiser auf. »Ja!« rief der Ritter laut, und der Schleier wogte hoch
um sein glühend Antlitz, daß es ein Grauen war zu schauen. »Ja, und
dreimal ja, Kaiser! Es ist die, die ich meine! Sie ist so schön -- so
schön ..., was wißt ihr Armseligen!«

Da legte sich der Schleier eiskalt über seinen Mund, wie nasser Tang,
und sein Helm ward schwer, und mißfarben und düster hing ihm das
Gespinst schwer ums Angesicht; und sein Hirn ward irr, und ein Schrei
der Not quoll ihm aus der Brust; er wußt' nicht, was er tat, setzte dem
Roß die Sporen ein, und ohn' des Kaisers zu achten, sprengte er von
seiner Seite fort wie ein Rasender, wie ein Gehetzter, in die Wilde, in
die pfadlose Ferne, in den dunkler werdenden Wald.

Da stutzte sein Roß und stund hoch auf; hinter einem Baume löste sich
eine dunkle Gestalt los, sie trug ein leidsam Gewand, und ihr Angesicht
war schön wie die Mondnacht, war wie eines weinenden Engels und
leuchtete fahlen Scheines, und sie sprach in schluchzendem Harme, ihm
aber schrie das Herz, als hörte er die klagen, die ihn gebar, klagen
über ein Herzeleid, das ihr eigen Kind ihr angetan:

  Heut nacht, heut nacht, um Mitternacht
  War dein Erlösungswerk vollbracht.
  Weh dir, weh mir! Gott sei's geklagt,
  Daß meine Schönheit du gesagt!
  Mein Heil, dein Heil -- vertan, verfehlt!
  Nun mußt du mich suchen in der ~finsteren Welt~.

Da nahm der Wind, der durch die Zweige ging, ihrer Stimme leisen,
todtraurigen Klang mit, und ihr Bild erlosch, und der Wald war still
und frostig. Das Roß des Ritters zitterte noch wie Espenlaub, ihm aber
wollt' das Herz brechen: »Nun mußt du mich suchen in der finsteren
Welt« -- sprach er und erschauerte, hub dann die Rechte zum Schwur und
sprach: »So wahr mir Gott helfe in meiner letzten Not!« hängte dem Roß
die Zügel auf den Hals und sprach ihm ins Ohr: »Lauf zu, mein Rößlein,
und führ' mich den rechten Weg.« Da wandte sich das kluge Tier zur
Linken und schlug den Weg gen Niedergang ein.

                            [Illustration]

Und sie ritten die Nacht hindurch. Und sie ritten Tage und Nächte,
Nächte und Tage, und wollt' des Weges kein Ende werden, immer gen Abend
zu, und schliefen im Holze bei Regen und Wind oder bei einem frommen
Einsiedel, oder einem rußigen Köhler. Und als sie Wochen gereist waren,
da brach das treue Roß erschöpft zusammen, der Ritter zog trauernd sein
gutes Schwert und senkte es ihm in den Hals, ihm das Sterben zu kürzen,
und es schaute ihn mit liebendem Blicke an und verschied.

Er aber zog zu Fuß seines Weges weiter, und immer trauriger ward um
ihn die Welt; und da er's bedachte, ward er dessen gewahr, daß schon
lang der Wind dahinten geblieben und nicht mehr sein Weggenosse war.
Und eines Tages fiel's ihm aufs Herz, wie lang er keine Blume und kein
Gras mehr gesehn, keinen Vogellaut mehr gehört, und wie leidig lange er
keinen Sonnenstrahl mehr geschaut. Die Welt war grau und wüst und öde
worden und alles Leben dahinten geblieben. Nur ein Wasser gurgelte mit
dunkler Welle durch moorigen Grund ihm immer noch zur Seite. Er schritt
durch hohe Fichtensäulen, doch sie waren ganz mit Moos übersponnen, und
ihre Kronen dürr und erstorben und stunden starr und stumm und ohne
Leben. Und das riesengroße Schweigen sank immer erstickender auf seine
Brust, als neidete es ihm das Kommen und Gehen seines warmen Odems, und
wollte auch ihn fesseln und totdrücken, daß er daläge unter all den
grauen Steinungetümen, die wüst zwischen den Fichtensäulen ruhten, ein
leblos, regungslos Ding wie sie.

Er fühlte wohl, daß er mitten im Tode schreite, und legte die Rechte
auf sein Herz, aber siehe, das schlug noch stark und kräftig, rang
es gleich schmerzhaft und gewaltsam in der beklommenen Brust. Und er
gedachte der Mutter und der Geliebten und wußt' ihrer beiden Stimme
und Antlitz schon nimmer zu scheiden und betete brünstig zum Herrn des
Lebens und schritt weiter in die Welt des Todes hinein, die immer
dunkler und dunkler wurde, immer kälter und schweigender, also, daß er
des Lautes seiner Tritte schon erschrak, als könnte der verwegene Klang
die ungeheure Stille aufwecken, und dann? Dann könnte etwas geschehn,
was seine Sinne nicht ertrügen, davon er wahnsinnig werden müsse.

Da erkannte er im dichter werdenden Dunkel die Umrisse eines Hauses an
dem Wasserlauf, dessen gurgelnder Ton auch verstummt war, sowie einen
Steg, und als er näher herzutrat, sah er ein Rad, das sich träge und
langsam drehte, und vor der Tür saß jemand, den er nicht mehr erkennen
mochte. Das Rad aber gab im Drehen keinen Laut, und das bißchen Wasser,
das über die Schaufeln in dünnen Rieselfäden glitt, fiel klanglos
herunter.

Der Ritter faßte den Kreuzgriff seines Schwertes und fragte, vor dem
Laut seiner Stimme erschreckend: »Wer bist du?« Die dunkle Gestalt
aber schwieg und rührte sich nicht. Da wußt' er im Herzen die Antwort:
»Es ist der Müller von der finsteren Welt, und das Mühlenrad zählt die
Minuten der Ewigkeit.« -- »Ich danke euch,« sprach der Ritter zu der
Schattengestalt, gleich als hätte die ihm Bescheid getan -- »und nun
sagt mir auch, wie gelang ich hinein in die finstere Welt?«

Der Dunkle schwieg, der Ritter aber vernahm im Herzen die Antwort:
»Geh über den Steg und bete zu Gott.« Und da ward seine Seele licht
und stark, denn er wußte: Gott ist auch hier, und er sprach wieder:
»Ich dank euch, Freund,« und schritt beherzt über den Brückensteg, der
unter seinen starken Tritten keinen Laut gab. Und alsobald fiel immer
dichteres Dunkel über ihn, und er betete und rang und fühlte, wie Gott
ihn erhöre, denn ob er gleich durch rabenschwarze Finsternis schritt,
so war's ihm, als mahne ihn eine Stimme: »Schreite nur rastlos zu!«
und sein Fuß stieß nirgend an, so wenig er seine Eile hemmte; es war,
als ginge er hinein ins schwarze Nichts; das einzige Etwas, dessen er
noch gewiß war, das war der Boden, darauf er trat, der aber den Ton
seiner Tritte nicht wiedergab. Da wußte er nicht mehr: Schlaf ich oder
wach ich noch? Leb ich, oder bin ich längst gestorben? Ist das noch die
Welt? bin ich das noch? Und er ward mit Entsetzen irre an sich selbst;
er biß sich in die Hand, daß es ihm weh tun sollte, -- er fühlte
nichts mehr! Da packte ihn das Grauen der Vernichtung, und er stund
stille in der ungeheuren Nacht und rief: »Vater unser, der du bist im
Himmel, geheiligt werde dein Name ...« Da war's, als lockerte sich leis
erdämmernd die dichte Finsternis um ihn her; es war ihm, als streiche
eine Hand über sein Haar, und eine wohlvertraute, gütige Stimme sprach
leise: »Mein liebes Kind!« und die gleiche Stimme: »Mein Treuer, mein
Geliebter!« Da stürzten ihm die heißen Tränen aus den Augen, die Sinne
schwanden ihm, und er sank, sank -- wohin? Es bellte ein Hund, er rieb
sich die Augen -- so bellte ja sein Bracke daheim! Um ihn war Schilf
und Weidicht wie damals -- der Himmel erhellte sich. Das Wasser vor ihm
rauschte auf, und mit seligem Singen fuhr Sie daraus empor, als fliege
sie zum Lichte, und war so schön, so schön wie der silberne Morgen. Er
stund, und die Brust wollt' ihm das jubelnde Herz zerhämmern! »Bist
du's denn?« -- »Ich bin's und dein!« -- Da lag sie an seiner Brust,
und er schlug seinen Mantel um ihren weißen Leib. Sie schauerte und
fror, denn das Wasser war ihr fremd geworden. Da trug er sie jauchzend
hinauf, und droben hüllte er ihre feinen Glieder in die köstlichsten
Gewande, die sein Mütterlein getragen, und dann trabten reisige Boten
zu Tal und luden jeden, der es gut meinte, zur Hochzeit auf die Burg.

Oft saßen sie abends im rosig dämmernden Turmgemach und schauten
über die Tannen in den verglühenden Tag. Beider Herzen waren stille
und Glückes satt, sie saßen Hand in Hand. Wie die Holdselige aber
verzaubert worden und aus der sonnigen Welt verbannt um fremde Schuld,
das erzähl ich euch ein andermal.




                            [Illustration]




                  Der Geiger und seine drei Gesellen


Ein edler Graf hatte in seinem Schlosse einen jungen gar kunstreichen
Geiger; den hielt er hoch und wert, und oft sprach er zu ihm: »Konrad,
deine Fiedel ist mir doch wahrlich, was manchem borstigen Gesellen
sein sanftes Weib; sie gibt mir gute Gedanken, glättet mir die Stirn,
sänftigt mein zornig Blut, zupft mich am Ohr, kurz, ich weiß nicht,
wie ich ohn' sie leben sollt'; ich mag gar nicht dran denken. Das soll
dir ewig vergolten sein, mein treuer Bursch.« -- Das war freilich
leichter gesagt denn getan, das mit dem »Ewigvergoltensein«. Der
gute Graf hätt' seiner hohen Jahre denken sollen; denn einer schönen
Maiennacht, da der Graf auf seinem Bette lag, da zog von draußen ein
starker, langgezogener Geigenton zum Fenster herein, also sonderlich
und herzbeweglich, daß der Graf lauschend im Bette aufsaß -- ein
einziger zitternder Ton, erst leise wie Windhauch im Fliederbusch,
dann schwellend und schwellend, feierlich und gewaltig, daß die ganze
Nacht erbebte, alle Nachtigallen verstummten, draußen die weißen Blüten
von den Apfelbäumen herniederschneiten, und dem lauschenden Greise
im Kämmerlein das Herz im Leibe erzitterte, es ihm die alten Hände
ineinanderzwang, daß es von seinen Lippen rann: »Vater unser, der du
bist im Himmel!« -- Dann schwoll er ab, der eine, der namenlose Ton,
der aus der ewigen Nacht zu klingen schien, ward lind und linder,
ward gar lieblich und fein, also, daß des alten Grafen Haupt lächelnd
zurücksank ins Kissen, er wohlig und tief atmete, und draußen die
Nachtigall in den verwehenden Klang leise einstimmte, bis sein letztes
leises Tönen und Nachtönen wonniglich eins ward mit dem Weben der
segenvollen Frühlingsnacht.

Der Graf lag mit geschlossenen Augen. Plötzlich fuhr er wie erschrocken
auf und rief: »Konrad! warst du das? Konrad!« -- Eilte der Geiger, der
neben des Grafen Schlafgemach sein Lager hatte, herein: »Rieft ihr,
Herr?« -- »Konrad, bei allem, was dir heilig ist, warst du das eben?«
-- »Was denn, Herr? Ich schlief, da weckte mich euer Ruf.« Da erseufzte
der Graf und sank ins Kissen zurück. »Nichts, guter Konrad. Geh nur
wieder zur Ruh; ich hab wohl geträumt. Doch erst gib mir noch einmal
deine Hand und sei bedankt für alle Treue.« -- »Herr, Herr, wie sprecht
ihr nur?« -- »Geh zu Bett, mein Konrad.«

Der Graf wußte, wer ihm gegeigt, und daß er dieser Fiedel folgen müsse.
Am nächsten Morgen fand ihn der treue Geiger friedsam entschlummert.

Des Grafen Erben aber, die dem einsamen Hagestolz bei seinen Lebzeiten
wenig nachgefragt und seiner Schrullen oft gelacht, waren wilde Herren,
Jäger, Raufer und Zecher, die verwiesen den Geiger des Schlosses.
Da war er brotlos und unbehaust und ergeigte sich vor den Türen und
auf den Kirchweihn und unter den Dorflinden zum Tanz der jungen
Burschen und Bauerndirnen sein bißchen Notdurft, und stund ihm gar oft
das Weinen näher denn das Lachen. Doch dieweil er bescheidenen und
zufriedenen Herzens war, so sprach er zu sich selber: »Alter Freund,
du hast dein gutes Teil vom Leben dahin und hast's reichlicher und
vergnüglicher gehabt denn tausend andre. Des sollst du dankbar sein,
und nicht murren, wenn jetzt die saure Wegstrecke kommt; ist's schon
dumm und ungeschickt, daß die Reihenfolge nicht umgekehrt war.«

Einst war's zur Nacht auf einer Bauernhochzeit. Schwer lagerte der
Dunst des Saales, der übervoll war an erhitzten, lustigen, verliebten,
von Tanz und Wein trunkenen Burschen und Weibern, unter den hangenden
Lampen, die schon ganz trübe blinzelten. Dem armen Geiger war der
Kopf schwer und müde von dem wilden Lärm und der eigenen Fiedel
Didel dumdei, dem Dröhnen und Krachen der gestampften Dielen, dem
Klappern und Klirren der Gläser, dem Jauchzen, Lachen und Schreien der
unermüdlich lustigen Menschen. Er hatte es wieder einmal gründlich
satt. In einer Pause hockte er im Winkel an einem Tische nieder,
stützte den Kopf in die Hand und bedeckte sich die brennenden,
überwachten Augen.

Stieß ihn da wer derb wider den Ellbogen. Er sah auf. Saß ein
schnurriger alter Kerl mit grallen, wasserklaren Vogelaugen neben
ihm und schob ihm ein Glas roten Weines zu: »Trink, Konrad, und sei
vernünftig! Ist alles nicht so arg.« Der Alte war ihm fremd, auch
hatte er ihn unter den Festgästen noch gar nicht bemerkt, und als ein
paar von diesen an ihrem Tische Platz nahmen, nickten sie wohl ihm,
dem Geiger, zu und rückten ihm ihr Glas hin, daß er Bescheid tue, des
alten, lächerlichen Burschen mit der Pelzmütze auf dem linken Ohre und
den wunderlichen, hellen Augen mit den weißen Wimpern schien keiner
wahrzunehmen. Da ward ihm bange, und er rückte unwillkürlich ein wenig
von dem seltsamen Gaste ab. Der bemerkte das und packte seinen Arm,
daß ihm war, als läg er an einen Fels geschmiedet. »Bist ein alter
Esel!« raunte der Wicht -- »Ich sag dir, nimm deine Fiedel untern Rock
und pack dich. 's ist heut eine gar besondere Nacht; da kannst du,
wenn du Glück hast und ein Kerl bist, von ungefähr einen Weg unter
die Füße bekommen, den du sonst all deine Lebtage nimmer findest. Geh
nur frischweg auf gut Glück in den Wald hinein, der vorm Dorfe liegt,
mitten hinein, ohne Weg und Steg, da, wo er am dicksten und finstersten
ist; wirst schon nicht stolpern und anrennen. Ist heut 'ne besondere
Nacht, sag ich dir! Renn du nur stracks drauf zu, bis daß du die Uhr an
der Dorfkirche nicht mehr schlagen hörst und keinen Hund mehr bellen.
Kommst schon wohin, wo dir's frommen wird. Rühr aber beileibe nichts
an, was dir auch in die Augen stechen mag, bis auf einen Korb mit
dreien Ferkelchen, den nimm fein mit. Zu was Ende und wie weiter, das
geb ich deiner Schläue anheim, Geigerlein; wenn du ein Stoffel bist,
ist dir nicht zu helfen.« -- »Aber sagt doch um Himmels willen -- wer
seid ihr, alter Herr?«

»He, Geiger! mit wem schwätzest du denn da? Schläfst wohl schon?« rief
ihn ein junger Bauernbursch an, und alles lachte um ihn. »Der Geiger
ist närrisch worden, er red't mit der leeren Luft!« In Wirklichkeit,
der Stuhl, drauf noch soeben der Alte gehockt, war leer. Ihm war wirr
im Kopfe, als sei er trunken. »Verzeiht, Nachbarn, ich bin wahrlich
schon halb im Schlaf. Will doch mal vor die Tür gehn und einige
Atemzüge reiner Nachtluft tun und mir den kühlen Wind um die Stirn
wehen lassen.« Damit stund er auf und nahm die Fiedel mit. »Das tu du
ja, Geigerlein. Wir haben noch viel zu tanzen heint, und der Teufel
tanzt, wenn der Geiger schläft!«

Da war er schon draußen im Finstern und atmete tief auf; alle Müdigkeit
war wie weggeblasen. Ob das der Wein getan, den der seltsame Kauz ihm
kredenzt? Mochte das tanzwütige Volk sich eins pfeifen, er kam nicht
zurück und freute sich der tiefen, samtenen, sternlosen Finsternis, in
die er wohlig hineinlief wie ein sonnenmüder Mensch am heißen Tage ins
kühle Wasser. War ihm auch gar nicht bange, wie ihn der feuchte Atem
des dichten Waldes umwehte und das Käuzchen lachte und weinte. In die
Finsternis hinein zauberte sein kreisendes Blut, das er an den Schläfen
hämmern fühlte, purpurne und goldige Wunder von Glück und bunten,
beglückenden Abenteuern. Sein Herz war wach und lüstern wie damals,
als er zuerst, ein schlanker, kecker Jüngling, in die Weite gezogen,
die Fiedel auf dem Rücken, und gejauchzt hatte: »Was kostet die Welt!«
An dem Worte des alten Kobolds zu zweifeln, kam ihm nicht ein; ihm
war das Abenteuer just so nach seinem Sinn, dergleichen hatte er sich
längst einmal gewünscht. Da hörte er, schon ganz gedämpft, leise und
fern die Dorfuhr Zwei schlagen. Er sprach: »Noch nicht fern genug,« und
drang weiter in die gestaltlose Finsternis vor, bis es ihn etwa eine
Stunde deuchte; da war kein Laut mehr um ihn, er hatte weder Halb noch
Drei schlagen hören, und das letzte Hundegebell war längst dahinten
geblieben.

»Nun wird's aber bald Zeit, daß was kommt,« brummte er ungeduldig,
»sonst ist die Nacht hin,« und wunderte sich, daß noch keine
Morgendämmerung die Dunkelheit lichte. Da stieß er mit dem Stocke
gegen etwas an! Er tastete, es war eine Tür. Er suchte nach Schloß und
Klinke, sie war offen. Er trat ein.

Erstaunt hemmte er den Fuß, drinnen war geheimnisvolles Morgengrauen:
Ein weiter Schloßhof, ein großer Weiher inmitten, von regungslosem
Schilf umkränzt, auf der fahl schimmernden Flut kreisten drei schwarze
Schwäne und ließen die Köpfe hangen, als ob sie gar traurig wären.
Seine Schritte hallten von den Schloßmauern wider; er erschrak und
ging auf den Zehen weiter durch das herrliche, reich verzierte Portal,
dessen Tür sich gleichfalls lautlos seinem schüchternen Drucke öffnete.

Drinnen waren Säle an Säle gereiht, Zimmer an Zimmer, da stunden
Schätze und Kostbarkeiten, daß ihm wirblig im Kopfe ward; aber alle
Wände waren mit schwarzem Samt ausgeschlagen. Er gedachte aber zum
Glück der Warnung des Alten mit der Pelzkappe und schritt leise auf den
Zehen weiter. Im letzten Zimmer endlich schien etwas Lebendiges sich
zu regen. Er spähte vorsichtig und bänglich um die Tür. Stund da doch
wahrhaftig am Boden ein Körbchen, darinnen drei allerliebste, rosige
Ferkelchen sich drängten und quiekten. Das nahm er auf, stieß die
gegenüberliegende Tür mit dem Fuße auf. -- »Hm, das hätt' ich bequemer
haben können!« rief er erstaunt. Er stund außerhalb des Schlosses im
Walde, und der Wald war morgenhell und duftete reine Taufrische, die
Buchfinken schmetterten, die Meislein schlüpften durchs Gezweig und
lockten und pfiffen, der Meister Specht war schon an seiner Arbeit. Da
ging unsern Konrad das Herz auf in solcher Fröhlichkeit, daß er seinen
Ferkelkorb ins Moos setzte, seine treue Fiedel hernahm und in den
lauten Jubel der Waldvögelein mit einer lustig klaren Weise einstimmte.

Da geschah ein drollig Wunder: die drei Ferkelchen sprangen aus ihrem
Korb, stellten sich auf die Hinterbeine und huben ein Tanzen an,
quieksten auch artig darein, daß Konrad vor lauter Lachen falsche Töne
griff und das Fiedeln aufgeben mußte, um sich erst einmal Bauch und
Seiten zu halten. »Euch laß ich für Geld sehn, ihr rosiges Gesindel.
Wenn ihr unterm lichten Galgen tanzt, da lachen ja die armen Sünder
noch, die droben hangen. Wir bleiben zusammen, wir vier, gelt? Juchhe!
jetzt kann mir's nimmer fehlen! Wer der Welt zu lachen gibt, der hat
die Wurst!«

                            [Illustration]

Und er zog freudigen und getrosten Mutes der Hauptstadt des Königreichs
zu. Ein paarmal probierte er's noch in einem Dorfe hier oder da mit
seinem Ferkeltanz, überall lachten die Menschen Tränen und sprangen ihm
die Batzen in den Hut; aber er dachte: »Nur zur Probe, ob's vorhält;
ich muß mich rar machen, bis ich vor die rechte Schmiede komme; so ein
König will immer was Apartes haben, da darf das Volk nicht das Beste
davon weglachen; und hört er gar von dem vergnüglichen Wunder schon, eh
denn er's geschaut, so ist's ganz gefehlt.« Behielt also, je näher er
der Hauptstadt kam, seine Kunst fein für sich und machte dafür lange
Beine; denn zahlten die Bauern mit Kupfer, so mußte doch von Anstands
wegen der König mit Gold zahlen!

Endlich war er durch das Stadttor eingezogen und stellte sich vors
Schloß mit seiner Geige und seinem verschlossenen Korbe. Da trat ein
dickleibiger Herr mit roten Backen und einer Weinnase zu ihm, der
sichtlich aus dem Ratskeller kam, daher, wo er am tiefsten ist, schlug
ihm auf die Schulter und lachte, daß ihm der Bauch hotzelte. »Guck,
wieder ein Narr! Willst du's auch versuchen, Geigerle? Gib's auf, sag
ich dir, du schaffst es auch nicht!« -- »Was denn, werter Herr?« sprach
unser Freund und lüpfte sittsam das Käppchen. »Stell dich an!« knurrte
der Dicke und wollt' weiter schreiten. »Bei Gott, würdiger Herr,«
sprach der Geiger, »ich weiß nicht, was ihr meint, bin des Ortes unkund
und komm soeben von ungefähr daher« ... -- »Von ungefähr, so so? Und
da haben dir's vom Stadttor bis zum Schloßtor die Hunderle auf den
Gassen noch nicht erzählt? Nun, das nimmt mich Wunder, Freund. Na, so
kann ich dir's ja anmelden, vielleicht jückt dich dann der Fürwitz,
die Prinzessin zu frein, und ich leg mich dann heut nacht ins Bette
mit dem lustigen Gedanken, einen Narren mehr gemacht zu haben. Unsere
Prinzeß nämlich, ansonsten eine kreuzbrave Person und hübsch wie der
Daus -- da ist nix darwider zu reden -- die leidet dir an der dümmsten
Krankheit, die die Ärzte erfunden haben: Sie kann nicht lachen!« --
Und dabei lachte er selbst, des zum Zeichen, daß er dieser Krankheit
frei sei, daß ihm der Bauch hupfte. »Zwanzig Jahre ist das saubere
Frauenzimmer alt und hat all die Zeit ein Gesicht geschnitten wie'n
verregnet Heiligenbild. Wenn das so weiter geht, so verholzt sie bei
lebendigem Leibe und wir können sie als hölzerne Dolorosa in ein
Tabernakelchen setzen. Da hat denn der König verkünden lassen, dem
vor ihrem ernsthaften Geschau wohl sein täglich Gläschen Weins sauer
wird: Wer das Mädel zum Lachen bringt, der soll sie haben. Denn die
Ärzte haben's ihm vordemonstriert, daß nur ein tüchtiger Lachanfall sie
heilen könnt', durch den die üble Materie der Trübsal von ihr ginge,
gleichsam durch ein Platzen von irgend einer Wehmutbeule, die sich dem
armen Ding am Herzen wo zusammengezogen habe. Nun, die Doktors können
einem viel weismachen; soviel ist gewiß: das Wort des Königs gilt,
und somit hast du nun alles, was du brauchst, mein Freund, um binnen
einer Stunde ein würdig Glied der Narrengilde zu sein, die an diesem
Königswort kleben blieben ist; nun gehab dich wohl und -- guten
Erfolg.«

Damit ging er lachend und schütternd davon. Konrad aber fühlte sich gar
nicht als Narr, wenn er die tolle Hoffnung sofort mit beiden Fäusten
erpackte: Er könne der sein, der hier not wäre! Jetzt lag's ihm ja
taghelle vor Augen, wo der Pelzkappenkobold in der Dorfschenke mit ihm
hinauswollte und zu was Ende er ihn geheißen, fein die drei lustigen
Schweinchen mitzunehmen! »Hoho! das Ding kriegen wir,« lachte der
Fiedler und hub die Geige ans Kinn. »Wirst der Ärmsten zuerst ein recht
traurig Stückel spielen, das lockt sie heraus, dann wollen wir schon
weiter sehn.«

Und er gedachte der Tage, da ihm selber die Trübsal bis zum Halse
gestanden, nach seines lieben Grafen Tode, wie er sich so verraten
und verkauft gefühlt in der weiten Welt, und schaute nicht rechts und
nicht links und versank ganz in das grenzenlose Weh jener unseligen
Tage. Da stund die Prinzessin auf dem Söller und weinte herzbrechend,
hinter ihr der König, und sah zornig auf den Geiger herab, der mit
seinen langgezogenen Strichen, dem Klagen und Schluchzen und Seufzen
seiner Fiedel, alles Weh aus dem Herzen seines Kindes gleichsam
heraushaspelte. Rings umher sammelten sich die Menschen und sahen
drein, als stünden sie um ein offenes Grab, die Frauen zogen ihre
Tüchel und war ein Schluchzen und Naseschneuzen zum Gotterbarmen. Von
alledem sah und hörte unser Geiger nichts, er war ganz allein mit sich,
vergaß, was ihn hierhergeführt und trank die selbstgeschaffene Trauer,
die aus seinem Bogen floß. Da quiekte ganz leise eins der Ferkelchen,
und der Spieler erwachte, sah auf und erblickte droben die Prinzessin,
die eben wehüberwältigt an ihres Vaters Brust sank. Da blieb ihm der
Mund offen stehen, so schön war sie in ihrem Leide. Der König aber rief
zornig hinab: »Man nehme den Kerl in Haft!«

Hui, fegte da in die verhallenden Klagetöne ein Hopser drein, daß all
die wehmütig herabhangenden Nasen emporschnellten; der Korbdeckel
flog auf und die drei Schweinchen traten zum zierlichen Tanze an.
Nein, war das närrisch, sie übertrafen sich heut aber auch selber,
als wüßten sie, vor wem sie tanzten! Sie waren lächerlich vom
Ringelschwänzchen und den feisten Hinterbäckchen bis zum schnuffelnden
Schnäuzchen, den zwinkernden Äuglein, den schlappenden Ohren, den
rudernden Vorderpfoten. Dazu sah's, weiß der Himmel, aus, als ob
sie richtig lachten, dabei quiekten sie wie betrunkene Studenten.
Der König verlor die Krone vom Kopfe, so gewaltig mußte er lachen,
die Prinzessin lag in seinem Arme, die Hand auf dem Herzen und rang
nach Luft. Auf dem Schloßplatz die Menschen wogten und schrieen und
brüllten durcheinander, schlugen mit den Köpfen zusammen, purzelten
und kugelten übereinander. Der dicke Herr von vordem, der, durch den
Tumult angelockt, zurückgekehrt war, stund inmitten der Menge, blau
anzusehn, um ihn waren drei Mann bemüht, seinen springenden Bauch zu
halten. »Kinder,« keuchte er, »haltet mir bloß den Bauch fest! Ich
überleb's nicht, er fliegt mir weg! Habt ihr ihn? Habt ihr ihn? So
ein verfluchter Kerl! Tritt denn keiner die Ferkel tot? Pu! zu Hilfe!
Ich sterbe!« Über die Saiten aber hüpfte und sprang der Fiedelbogen,
und die Schweinchen drehten sich unermüdlich im Tanze und quiekten.
»Aufhören!« schrie da der König vom Söller herunter, er sah ganz
zerzaust und zerstrobelt aus; die Prinzessin aber war von unten
garnicht mehr zu sehn, sie lag auf einem Ruhebett, eine Kammerfrau
öffnete ihr das Mieder, da dehnte sich ihre junge Brust in tiefem,
tiefem Aufatmen; der Leibarzt aber legte den Finger an die dicke Nase
und sprach langsam und würdevoll in tiefstem Baß: »Sie ist geplatzt.«
--

»Um Gotteswillen, wer?« schrie der König. »Die Wehmutbeule an Dero
Tochter Herzen, Majestät. Majestät wollen sich erinnern, wie ich
dermalen sehr richtig voraussagte, daß es solcher lächerlichen
Erschütterung bedürfe, will sagen: Zwerchfellerschütterung durch einen
starken Lachanfall -- sehr richtig ....« Dies »sehr richtig« sprach der
Leibarzt selber, er hatte die reizende Angewöhnung, gleichsam als sein
eigener Zuhörer, seinen eigenen Worten stets durch bewunderndes »Sehr
richtig« -- »optime!« -- »Vortrefflich!« Beifall zu spenden -- »daß es
also sotaner Erschütterung bedürfe, damit die üble morose Materie frei
und abgeführt werde. Sehr richtig.«

Der König griff in die Seitentasche seines Schlafrocks und reichte dem
Doktor einen blitzenden Orden dar, den dieser sich verneigend neben
die vielen anderen Sterne an seinen betreßten Rock steckte. Dann fuhr
er fort, indem er der Prinzessin schlanke Hand faßte und den Puls
zählte: »Nachdem nun anjetzo diese von mir sehr richtig vorausgesagte
glückhafte Wendung eingetreten, werden sich Eure Hoheit zu Bette
begeben haben, Kamillentee trinken und durch eine kräftige Schwitzkur
der Natur zu Hilfe kommen -- Natur zu Hilfe kommen, sehr richtig.«

Da geschah etwas Schreckliches: die Prinzessin hatte kaum in das
rote Gesicht des Arztes, der sich bedeutsam seine dicke Nase rieb
und knetete, einen Blick getan -- einen Blick, als säh sie ihn
jetzt zum erstenmal, als sie von neuem in ein schallendes Lachen
ausbrach, daß der gelehrte Herr die Augenbrauen so hoch zog, daß sie
unter der großen Perücke verschwanden. »Doktor! um Gotteswillen,«
schluchzte sie, »gehn Sie weg, sie sehen zu lächerlich aus!« Der
Doktor wurde nicht eigentlich blaß, denn das vermocht' er mit seinem
blühenden Antlitz nicht, aber er verfärbte sich, so gut's eben ging,
ins Grünlich-Graulich-Gelbliche und sprach: »Sehr bedenklich!« --
»Aber Kind!« tadelte der königliche Vater -- »Du auch!« schrie die
lachende Prinzessin! »Du auch! Ihr bringt mich um! Nein, Papa, bist
du lächerlich, du glaubst es gar nicht!« Unter uns gesagt, sie hatte
eigentlich recht, weder der König noch sein hochgelehrter Leibarzt
sahen sonderlich geistreich und würdig aus. Der König prallte betroffen
zurück, schob seine schiefgelachte Krone grade, knöpfte den Schlafrock
zu, stellte das eine Bein mit dem perlengestickten Pantoffel am Fuß mit
königlichem Anstand vor und schüttelte sehr ernst verweisend das Haupt:
»Kind, weißt du auch, was du da Furchtbares gesprochen?« Da lachte das
schöne Mädchen noch toller und stürzte, die Kammerfrau hinter ihr her,
in die inneren Gemächer ab mit dem lachenden Schrei: »Ihr bringt mich
um!«

Da stunden König und Leibarzt und schauten sich verdutzt an, und wenn
sie Witz gehabt hätten, so hätten sie einer über den anderen gelacht,
statt dessen zogen sie beide ihre Dosen und schöpften sich jeder
eine Prise, die sie gedankenvoll und gewichtig in ihre dicken Nasen
stopften. »Was sagt ihr, Leibarzt?« sprach dann der König. »Majestät,
diese Erscheinung dünkt mich freilich nicht unbedenklich. Wir werden
zur Ader lassen müssen, auch eine gelinde Purganz reichen. Jedennoch,
wohl erwogen, daß Dero Fräulein Tochter zwanzig Jahre um und um
jeglichen Lachens sich enthalten, scheint es mir räsonnabel, so Dero
Natura anjetzo das Versäumte allsogleich nachzuholen sich beeilet,
wo dann freilich weder der Anblick der gekrönten Majestät noch die
Würde der Wissenschaft davor sicher sind, zum untauglichen Objekto
solcher krampfhaften und annoch krankhaften Lachlust entwürdigt zu
werden -- Lachlust entwürdigt zu werden. Sehr richtig. Ich bin der
wissenschaftlichen Überzeugung, daß wir in den nächsten Tagen, ehbevor
Ihre Hoheit wiederum gänzlich normal geworden, das betrübende Spektakul
erleben werden, daß Hochderselben jegliche Persona, von Eurer Majestät
herab bis zum Hofjuden und Henker, als eine überaus lächerliche
Verzerrung von Gottes Ebenbilde erscheinen wird -- Ebenbilde erscheinen
wird, sehr richtig, optime! Ich darf nur bitten, der Prinzessin als
einer Patientin solche Anfälle nicht übel vermerken zu wollen,
denn ...«

Der Hofarzt hätte noch weiter gesalbadert, wenn nicht ein Kammerdiener
jetzt den Geiger gemeldet hätt'. Und da stund er auch schon, die Geige
unterm Arme, das Käppel in der braunen Faust -- den Ferkelkorb hatte er
wohl beim Pförtner unten eingestellt -- verneigte sich nicht allzutief
und fragte frischweg: »Nun also, Herr König?« -- »Wieso also?« fragte
der König. -- »Nun begehre ich die Prinzessin zur Frau, da ich sie
lachen gemacht habe.« -- »Ja so, hm, freilich, selbstverständlich,
mein Lieber, ich hab's ja versprochen.« -- »Das will ich meinen, Herr
König.« -- »Junger Freund,« sprach der Arzt gewichtig, »Ihre Hoheit ist
infolge des Lachanfalls, den ihr der Patientin, den Vorwurf darf ich
euch nicht ersparen, in allzu heftiger Dosis appliziert habt, leider
wiederum krank geworden und zur Zeit jedlicher Schonung bedürftig.«
-- »So ist's,« fiel der König ein, »drum sprecht bei gelegener Zeit
wieder vor. Wir bleiben euch in Gnaden gewogen.« Damit griff er in die
Schlafrocktasche und reichte dem verdutzten Musikanten den hohen Orden
des Königlichen Hauses. Den drehte der verlegen in den Händen und schob
ihn dann in die Hosentasche. »Herr König, ich will aber doch hoffen
...« -- »Gewiß sollt ihr hoffen, Teuerster, da habt ihr noch einen,«
und holte aus dem Schlafrock den Orden für Kunst und Wissenschaft,
den der Fiedler vorn auf sein Käppel steckte. Damit war er huldvoll
entlassen, und hatte auf der Marmortreppe draußen so seine besonderen
Gedanken. Im Schlosse war nun wirklich, die »wissenschaftliche
Überzeugung« des Arztes hatte da einmal das Richtige getroffen, eine
heillose Wirtschaft eingerissen. Die Prinzessin sah plötzlich ihre
Umgebung mit neuen Augen und fand tatsächlich jeden Menschen am
Hofe, der sich ihr nahte, in die Maßen närrisch und lächerlich, die
würdigsten Hof- und Standespersonen mit den gewichtigsten Perücken,
ernstesten Mienen, Verbeugungen und den funkelnden Ordensbrüsten am
allerlächerlichsten. Das war eine Not! Da gab's viele tief beleidigte
Gesichter, Abschiedsgesuche, Zank und Mißverständnisse und Erklärungen,
Schadenfreude und Hohn und Herausforderungen, da half kein Aderlaß und
keine Purganz -- sie lachte, lachte über alle!

Was das Schrecklichste war: über ihren königlichen Papa am
allermeisten! Der Leibarzt war ratlos, war verzweifelt und kam nur
selten noch dazu, anerkennend seine Nase zu streicheln und zu husten
und sich selbst ein bewunderndes: »Sehr richtig!« und »Vortrefflich«
zu gönnen. Da verfiel der Kanzler, über dessen lange Nase und dünne
Beine die Patientin auch gar unehrerbietig gelacht hatte, auf den
guten Gedanken, der ihm sogleich einen neuen Orden eintrug: Man möge
den Geiger, der zuerst Ihre Hoheit so sehr zu Tränen gerührt, zu Hofe
laden, daß er der Leidenden eine recht ~traurige~ Weise spiele.

So geschah's. Konrad trat ans Bett der Prinzessin, die schon wieder auf
eine neue närrische Erscheinung gefaßt war, und -- faltete ergriffen
die Hände, da er sie in ihrer jungen Schönheit, das goldig schimmernde
Seidenhaar auf das Kissen gebreitet, vor sich liegen sah, er war nicht
imstand, nur ein »Grüß Gott« zu sagen. Das schöne Mädchen aber sah
ihn mit ihren übermütigen Blauaugen an, errötete dann betroffen und
-- lachte zum ersten Male nicht! »Aha!« sprach der Kanzler leise, der
hinter einem Vorhang mit dem König das Ding beobachtete. Die Prinzessin
zog die seidene Decke über ihren Busen und fragte beklommen: »Was
wollt ihr?« -- »Spielen soll ich, allerschönste Prinzessin,« stammelte
der Musikant. »So spielt, aber stellt euch dort am Fußende des Bettes
hin. Warum ich im Bett liegen soll, weiß ich nicht, ich bin gesund wie
der Fisch im Wasser. Aber der Leibarzt ...« Da mußte sie wieder laut
auflachen, wie sie des würdeschweren Herrn mit dem Finger an der dicken
Nase gedachte. »Spielt zu,« rief sie, »und schaut mich nicht immer so
an.«

                            [Illustration]

Und Konrad, der Prinzessin zu Füßen, spielte. Er spielte alles, des
sein ehrlich Herz voll war, seiner Liebe und Sehnsucht klagende Not:
»Wie darf ich armer heimatloser Gesell, ich zerlumpter Fiedelstreicher
mein Auge zu dir erheben, die du so schön, so fein, so edel, so
ohnegleichen unter den Frauen!« und er spielte ihr die Liebe ins Herz,
daß sie erseufzte, ihre Brust sich hub und linde Tränen ihr Kissen
netzten. Und er sah's, und seine Geige ward inniger und süßer, und
sang von allen Wundern der schönen Welt, und der Liebe, der Wunder
größtem; und seine Sehnsucht ward weich wie die flaumigen Schwingen
des Traumes, und vor ihren Augen, die sie geschlossen hatte, leuchteten
bei seinem Spiel goldige Abendhimmel über schimmernden Weihern, und
die glühenden Abendwolken dehnten und zogen sich breiter und weiter,
wurden loser und duftiger, und der Blick ins Licht ward tiefer, ward
unendlich, und nahm ihre Seele hindann. Da war sie entschlummert,
leise, leise verklang die Geige. Der Musikant sah sie ruhen,
engelschön, sah ihr Unschuldgesicht und das Rot der Gesundheit auf
ihren Wangen und das friedsame Atmen der jungen Brust; eine Träne rann
über seine wetterbraune Wange in den Bart und leise, leise schlich er
hinaus.

Draußen stunden der König, der Kanzler und der Leibarzt. Der König
heftete ihm einen großen, funkelnden Orden an sein fleckig Wams und
sprach: »Brav, brav, mein Sohn!« -- »Wie steht's mit der Abrede?«
fragte der Geiger barsch, den der Anblick der drei Würdenträger
schnell der Erde wiedergegeben hatte, und der sich sagte, hier gilt's
dein gutes Recht behaupten! Der König, dem zu Ohren gekommen, daß das
Volk murre und schelte, weil er dem schlichten Geiger, der sich durch
sein Spiel und sein männlich-würdiges Gebaren aller Herzen gewonnen
hatte, sein Recht vorenthalten wolle, schob sich die Krone aufs eine
Ohr, nahm eine Prise und sprach: »Wollen sehn, was sich machen läßt.
Es kommt auf die Prinzessin an, Verehrtester! Im übrigen bleib ich
euch in Gnaden gewogen.« Damit war er entlassen und schlug sich auf
dem Schloßplatz drunten verdrossen durch die Menge des Volkes, das
ihn umdrängte mit Fragen der Ungeduld: »Nun, wird's enden? Ist die
Prinzessin gesund?« Er ging in das Haus des dicken Ratsherrn, der
nicht dulden wollte, daß er im Gasthof wohne, und ihn zu sich geladen
hatte, damit er ihm täglich die Ferkel tanzen lasse, setzte sich an den
Tisch, stemmte beide Fäuste unter das Kinn und weinte herbe Tränen der
Sehnsucht und des Zornes.

Derweile lag das Prinzeßlein in süßem Genesungsschlummer und träumte
von dem stillen, schimmernden See und von dem rosigen Abendhimmel, in
den sie in einem selig gleitenden Schifflein selbander gradhinein fuhr.
Der andre war ein adliger Ritter in schimmernder Rüstung, der saß am
Steuer, zu Handen eine Harfe, und sang eine Weise, die sie überirdisch
schön deuchte, und er trug die ernsten Züge des armen Geigers. Da
wachte sie auf, rief nach ihrer Kammerfrau: »Ich steh jetzt auf, es ist
mir zu dumm, ich bin gesund wie nie.« Und sie ließ sich ankleiden und
ging aus ihrem Gemach herfür schöner und klarer denn je, war freundlich
und gütig gegen jedermann, dazwischen oft verträumt, aber jedermanns
Freude und Wonne.

Am folgenden Tage stund Meister Spielmann wieder hoch und schlank und
mannlich, mit trotzig gespreizten Beinen vor dem König und seinem
ganzen Hofe und forderte seinen wohlverdienten Lohn. Drunten vorm
Schlosse stund das Volk geschart und rief: »Gerechtigkeit! Wort
halten!« Der König wandte sich verlegen an die Prinzessin und sprach:
»Ei nun ja, ist alles ganz recht, doch wie dünket dich der Freier, mein
Kind?«

Die Schöne sah hocherglühend den trotzigen Burschen in seinem Wams von
Wegstaub grau, hörte das Murren der Menge, die sie zwingen wollte, und
warf stolz das Haupt zurück: sie war doch schließlich eines Königs
Tochter, und der da --! Je mehr sie fühlte, daß sie sich innerlich
sein erwehren mußte, so abscheulicher schien ihr der Fiedelmann: »Was
fragst du mich, Vater? Soll ich eines Landstreichers Gemahl sein?«
stund auf und ging, ganz Hoffart und Prinzessin, zürnend hinaus. »Da
haben wir's,« stöhnte der König. »Gottlob!« seufzte der Leibarzt.
»Lächerlich!« nasrümpfte die Oberhofmeisterin. »Gerechtigkeit!« rief
draußen das Volk. Doch nichts -- sagte der Spielmann. Er hatte nur
wieder tief erkannt, wie herrlich sie sei, und seufzte: »Was hab ich
denn für sie getan? -- Gebt mir ein Werk zu tun, König!« rief er laut
-- »ein Werk, das keiner wagt, auf daß ich erweise, ob ich ihrer
würdig sei. Nicht nur in Rittern und Edelgeborenen lebt hoher Mut, sich
ritterlicher Tat zu erkühnen!« -- »Tut das, Majestät!« flüsterte der
Kanzler, »dann kommt ihr des Narren los! Schickt ihn wohin, woher es
keine Wiederkehr gibt.« -- »Wohlan, wir wollen's erwägen,« sprach der
König, und der Hof zog sich zurück. Die Prinzessin ward zur Beratung
gezogen: »Tut, was euch gefällt!« sprach sie. »Ich will dankbar sein,
so ihr mir den Schmutzkittel vom Halse schafft.«

Drei Aufgaben wurden dem Freier gestellt. Zum ersten sollte er drei
Nächte in dem verwünschten Waldschlosse zubringen. »Ho,« lachte er im
Herzen, »da sind wir ja schon zuhause!« verneigte sich und sprach: »Es
sei.«

Am folgenden Tage machte er sich auf nach dem Walde, doch wie den Weg
wiederfinden? Da hatte er den guten Einfall, sein Körbchen mit den drei
Ferkeln mitzunehmen; die sprangen lustig heraus und trabten nun hurtig
voran, und ehe er sich's versah, da er noch meinte, am Anfang seiner
Wanderung zu sein, stund er schon vor dem Schlosse. Die drei schwarzen
Schwäne auf dem Weiher huben die Köpfe und schlugen rauschend mit den
Fittichen, gleich als freuten sie sich seiner Wiederkehr. Er schritt
durch alle schwarzen Gemächer, hatte -- solange hielt zum Glück die
Warnung des Pelzkappenkobolds aus der Dorfschenke vor -- hatte all
der aufgespeicherten Schätze und Kleinodien weniger acht, als wenn's
Kienäpfel wären, und fand im letzten Zimmer einen wohlbesetzten Tisch
und ein bereitetes Ruhelager. Beides ließ er sich wohl behagen und
legte sich, an Speis und Trank gesättigt, früh zu Bett; denn wer weiß,
dachte er, was dir die Nacht Närrisches vorkommt; für alle Fälle hast
du schon ein paar Stunden gesunden Schlafes weg.

Er ward denn auch um Mitternacht unsanft genug aufgeweckt. Die Tür
sprang auf, und er sah im Mondschein, der weiß auf den Dielen lag, eine
große Schlange ihre Ringe auf sein Lager zuwälzen; all sogleich lag sie
neben ihm, und er fühlte schaudernd ihren kalten Kopf an seiner rechten
Wange. Und gleich darauf ringelte sich ein zweites Ungetüm herein und
schmiegte sich gleichermaßen von der Linken dicht an ihn. Eine dritte
legte sich ihm mit der Last ihrer kalten Ringe über Brust und Hals, daß
sie ihn wie ein Mühlstein drückte. Vor Grauen und Todesangst lag er
starr und steif, bis nach einer Stunde Verlauf die drei Ungeheuer von
ihm ließen und blitzschnell verschwanden. Da ward sein Herz froh, und
er dachte: »Nun soll mir nichts mehr bange machen!« drehte sich aufs
Ohr und schlief ganz prächtig, bis die Sonne ihn weckte.

Als er am Morgen, von seinem Tischleindeckdich wieder brav gespeist, in
den Schloßhof kam, flogen die Schwäne sogleich auf ihn zu und taten
gar freundlich mit ihm, und siehe da, sie waren nicht mehr am ganzen
Leibe schwarz: Köpfe und Hälse leuchteten silberweiß. Er streichelte
ihr weich Gefieder, und sie schauten ihn gar menschlich an, daß ihm
ganz eigen ums Herz ward.

In der zweiten Nacht mußt' er nun freilich das gleiche Schrecknis
wieder überstehen und tat's, obschon die Schlangen heut' noch
atembenehmender auf ihm lasteten, schon mit getrosterem Herzen,
wofür ihn dann am folgenden Morgen die Schwäne, die bis auf ein paar
schwarze Schwanzfedern nun ganz weiß schimmerten, mit noch freudigerer
Zärtlichkeit koseten. In der dritten Nacht vermeinte er zwar, jetzt
drücke ihm die Last die Brust ein; doch eben da ein Schrei sich ihm
entwinden wollte, tat es einen furchtbaren Ruck, als stürze der ganze
Bau in Trümmer. Dann ward's still. Ihn aber übermannte eine tiefe
Ohnmacht nach der Todesnot, die er gelitten, und die Sinne schwanden
ihm.

Neugestärkt erwachte er, die Sonne lachte goldig auf sein Lager, er
hörte mit Staunen draußen den Lärm eilender Füße und stürzte hinaus: da
wimmelte es von Männern und Frauen, einem stattlichen Schloßgesinde,
alle gar herrlich angetan, die stellten sich ehrerbietig auf und
ließen durch ihre Reihen drei fürstliche, überaus schöne Jungfrauen
schreiten. Die traten zu ihm, reichten ihm jede ihre Wange zum Kusse
dar, die sammetweich und duftigkühl wie ein Rosenblatt war, und
sprachen: »Dank dir, mannlicher Held! Du hast uns erlöst; wir waren
die Schwäne und die Schlangen. Nun kehren wir heim zum Vater; das
Schloß aber mit allen Schätzen drin ist dein.« Dann küßten sie ihn alle
drei auf den Mund, setzten sich in einen herrlichen Wagen und fuhren
holdseligen Grußes von dannen.

                            [Illustration]

Unser glücklicher Konrad mußte wohl zu einem hohen Herrn geschaffen
sein. Er fand sich merkwürdig leicht in die Würde des Schloßherrn
und Gebietigers über ein stattlich Gefolge, versah sich mit
fürstlichen Gewändern, ließ anspannen und fuhr bei seinem hartnäckigen
Schwiegervater in allen Prächten vor. Dem leuchtete jetzt der Freier
schon besser ein, und er drängte die Prinzessin: »Er hat sein Leben
eingesetzt für dich, recht wie ein ritterlicher Held, kehrt nun wieder
wie ein Prinz, hat ein Schloß und unermeßliche Schätze; was verlangst
du mehr?«

Sie aber hatte nun ihr Herz in starrem Trotz verhärtet, da sie sah,
wie ihm alles zum besten gedieh, und er nun so herrisch einhertrat.
»Was Schätze!« rief sie heftig! »Er soll erst vom Kaiser von Marokko
das Geld holen, das der uns seit zehn Jahren schuldet. Kann er das, so
geb ich mich drein, anders nicht!« Damit eilte sie in ihre Kemenate,
verschloß sich drinnen und weinte, weinte, daß ihr die Brust weh tat --
warum, wußt' sie wohl selber kaum.

Der Freier aber hub stolz das Haupt, neigte sich und ging schweigend
davon. Er fuhr zu seinem Schlosse zurück, versah sich reichlich mit
Reisegeld und zog dem Meere zu. Seine Geige aber vergaß er nicht. Er
hatte gelernt an sein Glück glauben, und dachte: »Du entgehst mir
nicht, du Böse, du Trotzige, du Liebe, du Einzige!« und es war ihm
verwunderlich, daß, wie einem von der Sonne Geblendeten die purpurnen
Flecken über Gras und Hecken schweben und hüpfen, ihm immerfort das
verschmitzte Antlitz des Pelzkappenkobolds aus der Bauernschenke vor
den Augen tanzte, ihn mit den wasserhellen Augen anstierte und mit den
großen weißen Zähnen recht spitzbübisch angrinste; auch lag ihm des
Wichtes Lachen und Raunen unablässig im Ohr, so daß er unwillig den
Kopf schüttelte wie ein Ackerpferd, das sich des schwärmenden Geziefers
um seine spielenden Ohren nicht mehr erwehren kann.

Es hatte wohl auch allerlei zu bedeuten! Denn in einem Walde, den
Konrad durchzog, entsetzte ihn ein Krachen und Rumoren, als wenn
Bäume übereinanderstürzten, und alsbald traf er einen Kerl, der, die
Tabakpfeife im linken Maulwinkel, gemächlich Bäume ausriß wie unsereins
Rüben; die packte er zuhauf, drehte eine junge Eiche und band sie
damit zusammen. So was sieht man denn doch nicht alle Tage, und unser
Geiger erbat sich höflich Name und Stand dieses Burschen. »Wer werd
ich denn sein?« lachte der und spuckte einmal aus. »Der Hans bin ich
halt.« »Ach so, der Hans!« lachte der Geiger. »Guter Freund, es gibt
der Hänse mehr auf der Welt! Welcher Hans?« -- »Nun der,« lachte der
Bursch und wuchtete seinen Riesenpacken auf die Schultern, »der sieben
Jahre an seiner Mutter Brust gelegen und dann sieben Jahr Löwenmilch
getrunken.« -- »Aha! Darum auch! Nun sag mal, Hans, kommst du wohl
mit mir in die weite Welt? Ich geb dir Kost und guten Lohn. So einen
Kerl wie dich such ich grade.« -- »Warum nicht!« sprach Hans. »Muß nur
schnell meiner Mutter das Reisigbündel heimbringen; sie hat Wäsche!
Bin gleich wieder da!« Und er hielt Wort. Da grinste dem Spielmann vor
den Augen wieder wie ein hüpfender Nebelfleck das Spitzbubengesicht des
Pelzkappenmännleins; doch wenn er genau zusah, war nichts da.

Selbander zog er fürbaß und sah plötzlich von einer luftigen Höhe
herab siebenundsiebzig Windmühlen hurtig die Flügel drehn. »Hans, was
sagst du zu dem schnurrigen Ding? Spürst du einen Wind, der die Mühlen
triebe?« -- »Keinen Hauch, Herr, die Mücken tanzen.« Da trafen sie
auf der andern Seite der Höhe einen närrischen Kumpan, der hielt sich
ein Nasloch zu und blies mit dem andern, was hast du, was kannst du.
»Was treibst denn du da?« fragten die beiden. »Die Windmühlen, wie
ihr seht.« -- »Warum nimmst du denn nicht beide Naslöcher?« fragte
Hans. »Da tät nicht viel von den Mühlen übrig bleiben.« »Auch eine
Profession,« dachte Konrad; »aber der Blasius könnt' mir frommen!« und
ward kurzerhand mit ihm handelseins -- und wieder spukte das närrische
Nebelbild!

Selbdritt wanderte er fröhlichen Mutes weiter und atmete schon erquickt
den Salzhauch der nahen See. Da sprang auf einer Waldwiese ein Rudel
Rehe und Hasen übereinander und dazwischen ein langbeiniger Kerl, der
sichtlich eins fangen wollte, aber stets über die Tiere hinwegsprang,
so rasch, daß man seine Gestalt nur wie einen Schatten huschen sah.
»Rackerzeug!« schimpfte er, »kann doch keins erwischen, kriechen ja
wie die Schnecken!« -- »Du bist mein Mann,« dachte Konrad, »was meinst
du, Kobold?« und er sah das Gesicht lachen und nicken. Der Läufer aber
ging mit Freuden zur See hinab, wo sie sogleich ein Schiff antrafen,
das nach dem Kaiserreich Marokko fuhr. Bald lag ein starker Wind in
den Segeln, und unser Freund, der nun dreien ganz ausbündigen Gesellen
gebot, rieb sich die Hände und schmunzelte: »Mir kann's nicht fehlen!«
und spielte jeden Abend gar fröhliche und minnige Weisen.

Der Kaiser von Marokko saß just bei der Tafel, da der Fiedler ihm sein
Gewerbe vortrug, und war wohl etwas betrunken. Er lachte greulich
albern, als hätte der Sendling einen riesenhaften Witz gemacht, strich
sich dann den rabenschwarzen Bart, kniff das linke Auge ein und zog
die schwarze rechte Braue erschrecklich hoch, wodurch das ganze braune
Gesicht in die Kreuz und Quer verschoben ward und pudelnärrisch aussah,
und grinste: »Sitzt wohl arg in der Klemme, dein dicker König, he?
daß er's so nötig hat, der arme Schlucker? Nun, meinetwegen, man muß
der Armut auch was gönnen; laß dir vom Schatzmeister meine Kammern
aufschließen und sack dir in drei Teufels Namen soviel auf, als ein
Mann schleppen kann!« Da lachte der ganze Hofstaat über den witzigen
Kaiser. Der Geiger aber dachte: »Wart, du Großmaul, du sollst dich
umschaun: Der eine Mann soll nun Hänschen sein!« Ließ eine Kiste
zimmern, so groß wie ein Haus, und Hans packte einen ganzen Tag vom
Morgen zum Abend daran. Der marokkanische Schatzmeister aber hielt sich
den Bauch vor Lachen über den verrückten Kerl, der die endlosen Kasten
von Gold, Silber und edlem Gestein aus einem Haus ins andre verlud.
Das Lachen verging ihm aber, da Hans das zweite, das hölzerne Haus
mit leichtem Wupdich auf die Schultern schwang und damit lostrabte.
Der Läufer war mit einem Satze schon zum Hafen vorausgeeilt, das
Schiff bemannt und klar die Anker. Da watete Hänschen, der soeben das
Stadttor, durch das er mit seinem Hause nicht durchgekommen war, fein
säuberlich zusammengetreten hatte, mit seiner Riesenkiste durchs Wasser
und stellte sie quer über Deck, daß das ganze Schiff erschreckend tief
sank und im Sande festsaß. Gab ihm der Hans einen Tritt, daß es flott
ward, und heidi, saß er mit oben, die Anker rasselten hoch, der Wind
wehte vom Lande her kräftig in die Segel und das Schiff gewann die hohe
See.

Jetzt hatte man sich aber am Hofe des Kaisers von der ersten
Verblüffung erholt, und nur kurze Zeit stund's an, da sah der Geiger
eine mächtige marokkanische Flotte hinter ihnen dreinjagen. »Jetzt
sei Gott uns gnädig,« sprach er, »sonst geht's zuguterletzt doch noch
schief und uns allen an den Kragen.« »Lächerlich!« sprach Blasius,
kletterte aufs Heck, auf die Riesenkiste, dort setzte er sich gemütlich
auf den hinteren Rand, ließ die Beine baumeln und trommelte in heiterer
Erwartung mit den Fersen gegen die Holzwand. Da kam die Flotte näher,
man hörte das wilde Geschrei, sah die braunen Gesichter unter den
weißen Turbanen und sah die krummen Klingen, die Lanzen und Schilde
blitzen. »Achtung!« sprach Blasius und, hast du nicht gesehn, schnob
er aus beiden Naslöchern zugleich der feindlichen Flotte einen solchen
Sturm entgegen, daß alles auseinanderflog, die Schiffe umschlugen und
Mann und Maus ersaufen mußten.

Zehn Tage danach war's, da fuhren mit knarrenden Achsen zwanzig
Lastwagen vors Schloß des Königs; die Prinzessin stund am Fenster
und erschrak. Sie kam sich vor wie's Mäuslein in der Falle und wußt'
garnicht, daß sie sich heimlich, ganz heimlich sehnte, von dem
Schwerenots-Geiger, der alles durchsetzte, eingefangen zu werden. Der
König, der reichen Schätze froh, verstund nun keinen Spaß mehr: »Morgen
ist Hochzeit, Punktum! Streusand!« rief er und warf die Tür zu.

Noch eine letzte Ausflucht ersann die Prinzessin: »Ich will zufrieden
sein, so er mir zum Hochzeitsbraten drei Rehe schafft, die nicht
geschossen, nicht geschlagen, noch von Hunden gebissen sind.« Das
hatte der Leibarzt geraten, der dem Geiger gar nicht grün war. Der
König wütete: »Eigensinn und kein Ende! Da wird nichts draus!« Doch
der Geiger neigte sich dem Königskind und sprach spöttisch: »Ist
auch recht!« Im Geheimen dacht er: Das ist ein Stücklein für meinen
Springfuß! Der zog mit dem Bläser zu Holze, dieser mußte das Wild zu
Tausenden aus dem Walde pusten, der Läufer sprang den Rehen nach und
fing sie einzeln, Hans steckte sie dann alle in einen riesigen Sack.
Am Abend ließ dann der König auf des Geigers Geheiß die Straßen vorm
Schlosse absperren, Hans tat seinen Sack auf, da liefen an achthundert
Rehe über den Schloßplatz, und der Geiger rief zur Prinzessin hinauf:
»Wählt euch drei zum Hochzeitsbraten.« Da gab sie sich drein.

                            [Illustration]

Am Abend noch ward das Verlöbnis begangen, und als der Geiger von
seiner Braut durch die mondhelle Stadt des Nachts nach seinem Losament
zog, da hörte er einen Dudelsack. Trieb da ein kurioser alter Kerl,
eine Pelzkappe auf dem einen Ohr, drei tanzende und quiekende
Schweinchen vor sich her -- der Musikant traute seinen Augen nicht. Da
schwenkte er die Mütze und warf die Beine hoch: »Fahrwohl, Geigerlein,
ich wandre heim! findest wohl jetzt allein deines Weges weiter!«
Der wollte ihm nacheilen und ihm von ganzem Herzen danken, da war
der Kobold verschwunden, als hätt' ihn samt seinen drei Ferkeln der
Mond eingeschluckt. Aus weiter Ferne noch klang's wie ein Dudelsack.
Tags darauf war Hochzeit. Wie erschrak aber die Prinzessin, als ihr
Bräutigam, der, seit er Schloßherr worden, stets in fürstlichen
Gewändern stolzierte, ihr den Arm bot, sie in den Dom zu führen: Er
trug sein schäbiges Spielmannswams, die Geige auf dem Rücken, das
fleckige, zerdrückte Käppel mit dem Orden für Kunst und Wissenschaft
auf dem Kopfe! So hatte der stolze Hochzeiter sich's ausgedacht, ihre
Hoffart und ihren Trotz zu beugen. Da er sie aber fest aus seinen Augen
anblickte, legte sie getrost ihren Arm in den seinen, der König aber
lachte vor sich hin und brummte: »Geschieht ihr schon recht.« Da wurden
sie Mann und Frau, und der Geiger ward nach kurzer Frist, da der König
bald keinen Orden mehr für ihn hatte, zum Vizekönig ernannt, und alle
waren zufrieden, der Hof, und das Volk; am meisten aber die schöne Frau
Vizekönigin.




                            [Illustration]


                           Mausfallenwenzel

Amtmanns Fritz, wie hatte der's doch gut, viel besser als der kleine
Walter, des Schullehrers Bube! Aber rote Backen hatten sie beide, wenn
auch Walters schmaler waren und zarter; und blanke Augen hatten sie
auch, ob auch die des Schulmeisterkindes verträumt und traurig zugleich
ins Leere starrten; und guter Dinge waren sie zumeist, der arme wie der
reiche Junge, und hatten einander obenein von Herzen lieb, recht, als
ob sie Brüder wären.

Frohe Tage waren das hüben und drüben: hüben im vornehmen
Amtmannshause, wo weiche Teppiche dem schmalen Fuße des Lehrerkindes
so linde taten, wo schwere goldene Kronen mit einer Fülle weißer
Kerzen so feierlich von dem dunklen Deckengebälk herniederschwebten,
wo in der schönen Vorhalle mit den bunten Scheiben, unter den leise
wiegenden Fächern einer hohen edlen Palme ein grauer Papagei im
blitzenden Bauer sich schaukelte, der wie ein Mensch sprechen konnte
-- sogar was Französisches, meinte Fritz -- und furchtbar vornehm und
apart tat, wozu er nach Walters ehrfurchtvoller Ansicht auch ein gutes
Recht hatte. Aber eben so schön war's drüben im Schulmeisterhäuschen,
dem efeuübersponnenen, wo freilich auf blank gescheuerten Dielen nur
weißer Sand knisterte, wo's aber so geheimnisvoll dumpfig nach den
vielen, vielen alten Büchern roch, deren Bilderpracht den Kindern von
allen Wundern der Welt erzählte, fremden, fernen Ländern und ihren
schnurrigen Menschen und Tieren; im Schulmeisterhäuschen, wo's so viel
zu sehen gab: den ausbündig klugen Laubfrosch, der in seinem Glase ein
Leiterlein auf- und niederstieg, die Gläser all mit den buntfleckigen
Pflanzen und Molchen in Spiritus, ausgestopftes Getier aller Art und
herrliche Muscheln; in den ganz großen hörte man, wenn man sie ans Ohr
drückte, das Meer brausen und singen. Freilich, das eine hatte das
Amtmannshaus vor dem des Schulmeisters voraus: Eine Mutter gab's nur
dort; Walters Mutter war gestorben, als ihr Kind eben zu leben begann,
so hatte früher einmal der Vater erzählt und schwer, ach so schwer
geseufzt dabei, und Walter hatte sich an ihn schmiegen und bitterlich
weinen müssen; er vergaß die Stunde nie. Aber er sagte zu Fritzens
Mutter auch »Mama«, die gütige Frau mit den lichten, lachenden Augen
wollte es so haben; und so lebten die beiden kleinen Freunde frohe
Tage hüben und drüben. Am schönsten aber waren die freien, die reichen
Stunden, da sie beide in Wald und Feld streiften. O, sie wagten sich
schon weit hinaus, ganz allein, bis zur Försterei, wo die Förstersfrau
die köstliche Milch bereit hielt; sie fürchteten sich nicht, auch
wenn der Wald dichter und dämmeriger um sie ward, und längst ihr
lieber Tyras mit seinem Gebell daheim nicht mehr in ihre schweigende
Waldeinsamkeit hinreichte, noch der stolze Hahn vom Amtshofe mit seinem
hellen Kikeriki. Walter zumal, so scheu und zart er sonst war, konnte
nicht genug haben der heimlichen, bangen Lust, ins blaue Ungewisse, in
immer tiefere Waldesgründe zu tauchen; dann glühten seine Wangen in
seltsamer Erregung, und seine Augen wurden weit und groß, als sollte
hinter jedem Buchenstamm ein Märchenwesen und Abenteuer hervortreten.
Das war gruselig-schön; doch so ein rechtes Fürchten kannten sie wohl
beide noch nicht, es gab für sie noch nichts Unholdes in der Welt.

Doch halt, daß ich's nicht vergesse: ein Wesen war da, das mochten
sie beide nicht leiden, vor dem war ihnen bang, dem hätten sie doch
um Himmels willen nimmer im Walde begegnen mögen -- das war der
~Mausfallenwenzel~! Was war das für ein Wesen?

Fritzchens Mutter hatte ihre liebe Not, den Kindern klar zu machen,
er sei ein Mensch wie sie alle, nur ein armer Tropf, mit dem man von
Herzen Mitleid haben müsse, und er tue keiner Fliege ein Leides.
Umsonst. Sie wußten's im geheimen besser.

Ein kleines schmutzstarrendes Krüppelchen war der Wenzel, ein bucklig
Geschöpf mit schwarzem Haar, das ihm struppig in die niedrige braune
Stirn hineinhing, unter stachligen Brauen die schwarzen Augen funkelten
bald wie Rattenaugen, bald blickten sie wehleidig in kriechender
Demut, wie die Augen eines verprügelten Hundes. Wenn er mit seinem
rasselnden Pack von rostigen Mausefallen und schlechtem Küchenplunder
auf dem Buckel, den Knotenstock wie einen Tamburstab schwingend, sich
schief zum Hoftor hereinschob, dann nahmen unsere zwei Buben schreiend
Reißaus. Das war aber auch ein Bild: Die eine Schulter immer voran,
schlurfte er daher und plärrte: »Der Wenzel ist da, der Wenzel ist da!«
Die Zehen lugten ihm aus den zerschlissenen, breitgetretenen Schuhen,
sein speckig Hütel schob er vom rechten Ohr aufs linke, das war sein
Gruß, dazu grinste er breit und frech mit den weißen Zähnen, als freue
er sich hämisch, daß er frohe Menschen durch seinen Anblick erschrecke
und den Kindern ihre gute Laune trübe. Dann aber hättet ihr Tyras,
Amtmanns Wachthund, sehen sollen, Fritzchens besonderen Freund und
auch hierin mit ihm ganz eines Sinnes! Wie rasend fuhr er gesträubten
Nackenhaares aus seiner Hütte, riß und tobte bellend an der Kette. Den
Kopf vorangestreckt, seinen Knotenstock quer zwischen die weißen Zähne
genommen, schlurfte dann der Wenzel langsam dem wütenden Tiere entgegen
und schaute es scharf an. Dann kroch Tyras mit eingeklemmtem Schwanz
und krummem Buckel zum Ärger Fritzchens winselnd in seine Hütte zurück.
Wenzel aber hockte breitgrinsend auf der Steintreppe des Hauses nieder,
nachdem er sein rasselndes Bündel neben sich geschleudert hatte. Oben
auf der Schwelle erschien die Frau Amtmann, hinter ihr Trine, die Magd.
Dann ging's an ein Atzen des müden Krüppels: Alles, was an Abhub in der
Speisekammer nur zusammenzukratzen war, das schlang der Wenzel, der
die Kunst verstand, auf Vorrat zu essen, mit häßlichem Schmatzen zum
Staunen und Grausen von Frau und Magd hinein. Waren dann die Teller
rein abgeputzt, dann hub der Unhold an, für Amtmanns Küche zerbrochenes
irdenes Geschirr mit Draht zu flechten, und während die schwarzen,
knochigen Hände mit den höckrigen Gelenken den harten Draht flochten,
zogen und spannten, erzählte er der gütigen Frau des Hauses, die an
dem tollen Wicht ihren Spaß hatte, in einer närrischen Mundart von
seinen Reisen von Dorf zu Dorf. Trat dann der gestrenge Herr Amtmann
in die Tür, so sprang er auf und wurde ganz nur Buckel vor hündischer
Demut und Unterwürfigkeit. »Schon gut, Wenzel,« sagte dann der Amtmann,
»nun troll dich wieder,« und Herr und Frau Amtmann hatten dann,
wenn das kleine Untier unter tausend Kratzfüßen und »Vergelts Gott«
abgeschoben war, noch lange Meinungsverschiedenheiten auszugleichen,
wovon die Kinder nichts verstanden. Diese hatten die ganze Zeit in
Grauen und doch Neugier fern abseits gestanden; ihnen war's gewesen,
als sei mit dem Auftauchen »Mausefallskis«, wie die Dorfkinder hinter
dem Kobold herschrieen, die Sonne bleicher, der Tag trüber, die Welt
freudloser und häßlicher worden. Sie hatten nur den verschüchterten
Tyras wieder aus seinem Häuschen hervorgeschmeichelt, ihm den glatten
Kopf gekraut und ihn getröstet: er solle nur nicht bange sein, der
kleine Tückebold dürfe ihm nichts tun; und sie möchten ihn ja auch
nicht leiden und -- »noch den einen Topf da muß er Mutter flicken, dann
muß er sich aber packen!« Tyras verstand sie gar wohl und war wieder
einmal ganz ihrer Ansicht.

Der Mausfallenwenzel machte den Kindern gar viel zu schaffen in ihrem
Sinne. Oft sprachen sie von ihm, zumal wenn sie abends dicht zusammen
rückten und die Lust sie ankam, sich selber bang zu machen: Es war doch
ein Geheimnis um ihn! Wer war er, von wannen kam er, was wollt er, was
konnt er? Sicher mehr denn Brot essen, das stand fest. Ein Zauberer
war er zum mindesten, man hatte es ja an Tyras gesehen, den er mit
einem Blicke bannte. Es gab ja auch gute Zauberer; der aber war gewiß
keiner; nein, alles Unheimliche, Spukhafte, Böse, was sie nur erträumen
mochten, trug für sie Wenzels Züge. Er spukte in vielen Märchen, die
der Schulmeister und Fritzchens Mutter ihnen erzählt; die ahnten nichts
davon, woran die Kinder dabei dachten, doch diese sahen einander nur an
und verstanden sich.

Ein erschütterndes, beinahe verhängnisvolles Erlebnis sollten die
beiden Kinder dem Popanz ihrer Jugend verdanken. Einst hatten sie
sich weiter als je im Walde verloren, Walters abenteuernder Sinn war
schuld daran; doch diesmal war's wirklich bedenklich, über den Kronen
des Waldes hing ein schweres Gewitter. Mutter wird schön in Sorge
sein, dachte Fritz, aber er sagte es nicht; Walter dachte von seinem
Vater nicht dergleichen, denn er dachte überhaupt nichts, er schaute
und lebte nur das bange Leben des wetterharrenden Waldes mit, das
Todesschweigen der wehrlosen Erwartung, die regunglose Stille der
Buchenfächer, das Versinken in Grau und Grauen ringsum -- das nahm ihn
ganz dahin. Es war, als stünde Entsetzliches zu erwarten; und wär's
sein eigener Untergang gewesen, er mußte das mit anschauen! Er schrak
zusammen, mit schrillem Pfeifen, einem Angstschrei gleich, schoß
ein Vogel, den er nicht kannte, über ihn hin, und aus dichtem Laub
antwortete erschreckt und kleinlaut der zarte Ruf eines Meisleins. Dann
wieder bange Todesstille: »Die Mutter wird schön in Sorge sein,« sagte
Fritz jetzt doch laut vor sich hin, und die Kinder faßten sich an den
Händen, ihre Füße waren ihnen schwer wie Blei, und ihre kleinen Herzen
pochten. Er war so schwül, zudem keuchten sie jetzt berghinan; weit und
breit deckte den hügeligen Waldgrund die braungoldene, weiche Decke
gefallenen Buchenlaubes. Die müden Füße stolperten immer häufiger,
weinen hätten sie mögen. Nur ein rechter Junge weint nicht gleich,
dachte Fritz -- Walter dachte gar nichts, er träumte und schaute nur,
und seine schmalen Wangen glühten. Da rollte fern ein erster langer
Donner, ein leises, feines Trommeln begann rings im Buchenwald, ein
schwüler Atem wie aus schwer beklommner Brust ging dem beginnenden
Regen voran. Den Kindern stand der Schweiß auf der Stirn, Fritz machte
den Versuch zu pfeifen.

                            [Illustration]

Da riß ihn Walter mit einem leisen Schrei zurück; vor ihnen am
Boden, am braunen Waldboden, da regte sich was, kroch, humpelte,
krabbelte, flatterte -- ein schnurrig Klümpchen Federn, ein wunderlich
Häufchen Lebens. Da starrten zwei große, dunkelblaue Augen schrecklich
menschlich zu den Kindern empor. Sie standen von Schrecken gelähmt. Was
war's? Ein junger Waldkauz, der, aus dem Nest gefallen, hilflos die
halbgespreizten Flügel am Boden schleifte, mit den Augen blinzelte und
mit dem krummen Eulenschnabel gnappte.

Die Knaben liebten die Tiere wie Kameraden, besonders Walter war
von seinem Vater stets dazu angehalten worden, in ihnen leidende,
brüderliche Geschöpfe zu ehren. Dies Ding da zu ihren Füßen war ihnen
fremd, unheimlich; diese ängstlichen, großen Augen in dem runden Kopfe,
diese zuckenden Krallen, und an dem ganzen Häuflein Federn kein rechtes
Oben und Unten. Und das zu dieser Stunde, in dieser Einsamkeit -- und
aus allen Schattenwinkeln der Bäume ringsum raunten Märchen, unholde
Märchen von verwunschenen Menschenwesen, von foppenden Spukgebilden
und Zauberblendwerk darein. -- Fritz hatte unwillkürlich im ersten
Abscheu mit dem Fuße nach dem Dinge gestoßen -- es kollerte, purzelte,
statterte ein Stückchen weiter, gnappte und schaute noch ängstlicher
aus den runden Augen. Fritz, der sich seiner Roheit schämte, haßte das
Geschöpf darum; ja es hatte was Hämisches, Feiges, Niederträchtiges;
Walter aber sah noch mehr: wie's den dicken Kopf so eingezogen
hatte, sah's so bucklig und knüpplig aus, und die menschlichen Augen
so demütig, so scheußlich demütig flehend -- die Augen kannte er
doch -- das war ja, das war ja ... er packte Fritz am Ärmel, und --
»Mausefallenwenzel« -- flüsterten beide Kinder zumal.

Sie haben das Ding totgemacht, mit fiebernden Sinnen, fliegenden
Händen, Angst und Entsetzen und tiefem, tiefem, blutigem Erbarmen. Sie
haben's getan, sie wußten selbst nicht, wie; alles, was zwischen Haß
und Mitleid, Wut und Jammer, Trotz und bebender Angst liegt, haben
sie dabei empfunden und dann eine Welt voll Scham und Zerknirschung
und Todestrauer, die nichts von Trost weiß, heimgetragen, eine
ganze Kainsseele in jeder Kinderbrust; so sind sie in strömendem
Gewitterregen heulend und mit klappernden Zähnen daheim angekommen, sie
wußten selbst nicht, wie. Der Schulmeister und die Frau Amtmann waren
in Angst und Sorge gewesen, die Jungen haben sich jeder schluchzend
an sie geklammert -- »Rein aus dem Häuschen!« meinte kopfschüttelnd
Fritzchens Mutter: »Das bißchen Gewitter, du lieber Gott!« Sie hätte
den beiden doch mehr Strammheit zugetraut.

Walter sollte diese Nacht, wie schon manchmal, bei Amtmanns
schlafen. Fritz mochte ihn nicht von sich lassen. So waren sie denn
hinaufgebracht worden in die Kinder- und Schlafstube, unten aber
saßen der Amtmann und seine Frau und der Lehrer noch beim Glase Wein
im Gespräch und bedachten, was den Kindern wohl geschehen sei; denn
sie fieberten beide und waren, besonders der kleine Walter, in einer
fremdartigen, ganz krankhaften Erregung. Sollte man nicht doch nach
dem Arzte schicken? Der Amtmann nahm die Sache nicht so ängstlich.
Sie haben sich eben verlaufen, Furcht ausgestanden vor dem Gewitter,
der Einsamkeit, vielleicht auch vor Strafe; pudelnaß sind sie ja auch
geworden; morgen wird bis auf einen tüchtigen Schnupfen alles vergessen
sein. Jedenfalls war's ein heilsamer Denkzettel für ähnliche Ausflüge.
-- Seine Frau und der Lehrer schüttelten den Kopf: Nein, nein! das
sitzt tiefer. Da ist etwas Besondres geschehen, womit die jungen
Gemüter nicht fertig werden; da hilft nur Vertrauen, Aussprache; eher
finden die kleinen Herzen keine Ruhe. --

Sie wurden also in ihren Nachtkitteln heruntergeholt und traten
bleich und zitternd in den Lichtkreis der Lampe. Eben soll das Verhör
beginnen, da klopft es -- »Herein!« Hartmann ist's, der Feldjäger. Er
meldet dem Herrn Amtmann: »Droben im Walde ist der Mausefallenwenzel
tot aufgefunden worden.« Keiner bemerkt, wie eisiges Entsetzen beide
Kinderaugen starren macht. Der Beamte meldet weiter: allem Anscheine
nach sei er erschlagen; zwar sei es nicht auszudenken: um der paar
Lumpendreier willen, die der Strolch in der Hosentasche geführt! --
Der Amtmann ist ernst aufgestanden: »Lieber Hartmann, ich hab meine
besondern Gedanken: der Wenzel war selber ein Spitzbube, da hat ihm
wohl ein ungetreuer Kumpan einen Raub abjagen wollen. Er war euch nur
zu schlau, mein Freund, aber ich hab's meiner Frau immer gesagt ...!«
Er bricht ab. -- Walter liegt wie leblos auf dem Teppich, Fritz
klammert sich schreiend an den Hals der Mutter.

Bange Tage gab's im Schullehrerhause. Das Kind lag lange zwischen Leben
und Sterben, und der Lehrer gedachte seines Weibes und sprach: »Aber
nicht wie ich will, sondern wie du willst. Nimm mir auch den vom Herzen
...!« Dann kam der Tag, da der von Nachtwachen erblichene Mann dem Arzt
die Hand zusammenpreßte, daß der hätte aufschreien mögen, dem Arzt, der
ihm das eine Wort gesprochen: Gerettet.

Dem Knaben aber, der den Wahn seines seltsamen Abenteuers später
begreifen lernte, blieb ein tiefer reicher Segen davon. Was viele nie
verstehen, und ob's ihnen mit Menschen- und Engelszungen gepredigt
werde, das hatte er in tiefster, furchtbarster Erschütterung an sich
selbst ~erlebt~: die Einheit und Gleichheit alles Lebendigen; und
ihm ward davon die Segensfrucht verstehender Liebe und weltumfassenden
Erbarmens mit allen, was da lebt, es sei schön oder häßlich, gut oder
böse.

                            [Illustration]


 Dritte Auflage. Die Zeichnungen sind von Hans Schroedter, Karlsruhe.
      Die Buchaustattung besorgte H. M. Bungter, Leipzig-Mölkau.
                        Druck Orbis A. G. Prag.
              Copyright by Erich Matthes, Leipzig, 1925.



*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VON HOLLAS ROCKEN ***


    

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