Vögel auf der Reise

By Dr. Kurt Floericke

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Title: Vögel auf der Reise

Author: Dr. Kurt Floericke

Illustrator: Kurt Bessinger


        
Release date: July 26, 2026 [eBook #79185]

Language: German

Original publication: Stuttgart: Franckh'sche Verlagshandlung, 1928

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/79185

Credits: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VÖGEL AUF DER REISE ***

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                     Anmerkungen zur Transkription

  Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1928 so weit
  wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler
  wurden stillschweigend korrigiert.

  Alle Anmerkungen über die 'Kosmos'-Gesellschaft wurden der
  Übersichtlichkeit halber am Ende des Buches zusammengefasst.

  Der Originaltext wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere
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        unterstrichen: _Unterstriche_
        gesperrt:      +Pluszeichen+
        Antiqua:       ~Tilden~

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                           ~KOSMOS-BÄNDCHEN~


                         ~VÖGEL AUF DER REISE~




                          Vögel auf der Reise

                         Von Dr. Kurt Floericke

                  Mit einem farbigen Umschlagbild von
                   +Kurt Bessiger+ und 17 Abbildungen

                             [Illustration]

                               Stuttgart

                 Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde

             Geschäftsstelle: Franckh’sche Verlagshandlung




                           Nachdruck verboten

          Alle Rechte, auch das Übersetzungsrecht, vorbehalten


                            ~Copyright 1928
               by Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart
                          Printed in Germany~


                  Druck von Holzinger & Co., Stuttgart




Es ist doch etwas Wunderbares um den Vogelzug! Mit packender
Eindringlichkeit und fast greifbar deutlich rollt er sich in
großartiger Anschaulichkeit zweimal jährlich vor unseren Augen ab,
und doch ist er noch immer vom Zauber des Geheimnisvollen umwoben und
selbst für das Forscherauge mit schier undurchdringlichen Schleiern
umhüllt. Er tritt so unmittelbar an uns heran wie wenige andere
Vorgänge der Natur, gibt ganzen Jahreszeiten das sie kennzeichnende
Gepräge, belebt unsere Einbildungskraft, reizt unseren Verstand, und
doch können wir ihm trotz regster Forschungsarbeit nicht recht näher
kommen, und die Gelehrten vermochten nur hier und da den Schleier
ein wenig zu lüften. Die letzten und größten Rätsel liegen ja im
Zugvogel selbst, in seinem Triebleben und in seiner Psyche, und deshalb
erscheinen sie für den Menschen so unergründlich. Wer sich aber erst
einmal planmäßig und wissenschaftlich vertieft mit den vielgestaltigen
Fragen des Vogelzugs beschäftigt hat, den lassen sie einfach nicht
wieder los, der ist ihnen zeitlebens sozusagen mit Haut und Haar
verfallen. Glaubt man der einen Frage auf den Grund gekommen zu sein,
gleich türmt sich ein halbes Dutzend anderer hinter ihr auf. Es ist wie
der Kampf des Herkules gegen die lernäische Schlange, der aus jedem
abgehauenen Kopf zwei neue hervorwuchsen. Seit 40 Jahren beschäftige
ich mich nun mit dem Problem des Vogelzuges, bin den Zugvögeln auf
ihren Heeresstraßen nach milderen Ländern nachgereist, konnte eingehend
an so hervorragend günstigen Plätzen, wie Rossitten, Lenkoran, Tanger
u. a., beobachten, und doch, je mehr ich mich in die Sache vertiefe,
um so mehr komme ich zu der Überzeugung, daß all mein heißes und
jahrzehntelanges Bemühen mich der Wahrheit nur um einen winzigen
Schritt näher gebracht hat. Es ist unter solchen Umständen natürlich
ganz unmöglich, die mannigfach verschlungenen und verkapselten Rätsel
des Vogelzuges im knappen Rahmen eines Kosmosbändchens auch nur
einigermaßen erschöpfend zu behandeln. Ich kann vielmehr nur einige
jener Fragen, die sich dem Naturfreund erfahrungsgemäß besonders
aufdrängen, herausgreifen und kurz schildern, was wir nach dem
gegenwärtigen Standpunkte der Vogelforschung darüber wissen.

Auch der stumpfsinnigste Philister wird unwillkürlich aufgerüttelt,
wenn unter dem trüben Novemberhimmel plötzlich die lauten Schreie
ziehender „Schneegänse“ ertönen und er beim Aufblicken die großen
Vögel selbst erspäht, wie sie in schön geordneter Keilform mit
zielbewußten Schwingenschlägen ihrem fernen Ziele zustreben. Oder
wie greift es ans Gemüt, wenn die gellenden Trompetenrufe wandernder
Kranichgeschwader erschallen! Was trieb die Zugvögel zu pünktlichem
Aufbruch, was leitet sie auf ihrer weiten Reise, welche Abenteuer mögen
sie auf ihr erleben, welche Strecken täglich zurücklegen, wo befindet
sich ihr Endziel, und wer sagt ihnen im nächsten Frühjahr, daß es nun
Zeit sei zur Heimkehr nach den Brutplätzen? Fragen über Fragen! Wie
freut sich selbst der naturfremde Mensch unseres Maschinenzeitalters,
wenn im Frühjahr wieder die ersten Schwalben durch die Luft schießen
und die alten trauten Lehmnester fröhlich umzwitschern, oder wenn im
Walde der Kuckuck zum ersten Male wieder seinen klangvollen Namen
ruft! Wo ist er den Winter über geblieben, wer zeigte ihm, der doch
seine Erzeuger niemals kennen lernte, den richtigen Weg über ferne
Gebirge und Meere, durch Wüsten und Urwälder? Fragen über Fragen!
Und wie jubelt alt und jung, wenn eines schönen Tages Freund Adebar
wieder schnabelklappernd in seiner heimatlichen Reisigburg steht!
Aber welcher Mensch vermöchte mit der gleichen unfehlbaren Sicherheit
wie der rotstrumpfige Langbein ohne Zögern und Schwanken den endlosen
Weg von der südafrikanischen Steppe bis ins niederdeutsche Dörflein
zurückzufinden! Und doch beseelt ein Gefühl des Stolzes immer wieder
den Vogelkenner, der in den laternenhellen, kohlendampfigen Straßen
der Großstadt nächtlicherweile vom finsteren Himmel herab die vollen
Flötenpfiffe der Regenpfeifer und Schnepfenvögel vernimmt und der als
„vogelsprachekundig“ danach jeden einzelnen zu erkennen und deutlich
im Geiste vor sich zu sehen vermag und der zugleich weiß, daß sie
dem äußersten Norden entstammen, und daß nun die stählerne Kraft
ihrer Schwingen sie mit rasender Eile dahinträgt über weite Länder
und Meere bis ins innerste Afrika hinein oder selbst noch darüber
hinaus. Unten hämmert’s in Fabriken und erfindenden Menschengehirnen,
und hoch über ihnen zieht der scheidende Sommer mit spöttischem
Abschiedsgruß in ein glücklicheres Land. Freilich, die meisten
merken gar nichts davon. — So ist die Vogelzugsforschung nicht nur
unendlich schwierig, sondern auch unendlich reizvoll. Sie ist das
richtige Arbeitsfeld gerade für den echten Naturforscher, der seine
Tätigkeit nicht auf Hörsaal und Laboratorium beschränkt, sondern sich
auch draußen zurechtzufinden versteht, mit der Flinte umzugehen weiß
und etwas vom Wesen des Trappers an sich hat. Die rauhe Schale der
Vogelzugsforschung birgt einen unendlich süßen Kern, und auch nur ein
winziges Stückchen davon verkosten zu dürfen, bedeutet herrlichen
Hochgenuß, ist wohl ein arbeitsreiches Leben wert. Wer sich eingehend
mit der Vogelzugsforschung befaßt, bleibt Idealist, muß es bleiben und
ist gefeit gegen den öden Materialismus unserer Zeit.

Wenn die ungemein lebhafte Tätigkeit auf dem Gebiete der
Vogelzugsforschung im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts nicht
so reiche Früchte trug, als man eigentlich hätte erwarten dürfen, so
liegt die Schuld in der Hauptsache mit daran, daß man viel +zu sehr
verallgemeinerte+ und deshalb Fragen aufwarf, deren befriedigende
Beantwortung überhaupt unmöglich ist. Selbst heute noch haben sich
viele Vogelforscher von diesem Grundfehler nicht freimachen können. In
Wirklichkeit liegen die Dinge nämlich so, daß der Zuginstinkt, der die
Vögel im Herbst gen Süden jagt und im Frühjahr in die alte Brutheimat
zurückkehren läßt, bei den einzelnen Vogelarten in ganz verschieden
hohem Maße ausgeprägt ist. Dasselbe gilt auch von der Fähigkeit des
Sichzurechtfindens, von der Begabung, die vielen Gefahren beim Zuge und
die durch Wind und Wetter verursachten Schwierigkeiten zu überwinden.
Die beliebten, schon so oft und heiß umstrittenen Fragen „Ziehen die
Vögel mit dem Winde oder gegen den Wind?“, „Wandern die Vögel in
breiter Front oder auf schmalen Zugstraßen?“, „Werden Hochgebirge
überflogen oder umgangen?“, „Ziehen Junge und Alte gemeinsam oder
getrennt?“ usw. beruhen alle auf einer falschen Grundeinstellung und
sind deshalb in dieser Form überhaupt nicht zu lösen. Jede Vogelart —
selbst ganz nahe verwandte Formen verhalten sich in dieser Beziehung
oft völlig verschieden — erfordert also in ihren Zugsverhältnissen
eine gesonderte Betrachtung, eine eigene Untersuchung, und dadurch
wird das ohnehin schon so vielgestaltige Problem natürlich noch
viel verwickelter. Die Würgerarten z. B. sind recht weichliche
Zugvögel, aber der Raubwürger ist ein winterharter Standvogel;
die beiden Goldhähnchen sind sich so ähnlich und stimmen in ihren
Lebensgewohnheiten so vollkommen überein, daß ihre Artverschiedenheit
erst durch Chr. Ludwig Brehm entdeckt wurde, aber das eine ist
ein ausgesprochener Zug-, das andere ein Stand- oder höchstens
Strichvogel. Wir können also niemals sagen: „Die Vögel ziehen in
breiter Front“ oder „Die Vögel wandern auf engbegrenzten Zugstraßen“,
sondern wir können höchstens sagen und +beweisen+ „Die Rotkehlchen
wandern in breiter Front“ oder „Die Störche halten bestimmte Zugstraßen
ein“. Wir können auch niemals behaupten „Die Vögel überfliegen die
Hochgebirge“ oder „Die Vögel weichen den Hochgebirgen aus“, sondern
wir können nur behaupten und +beweisen+ „Drosseln und Finken ziehen
auch über Hochgebirge hinweg“, oder „Die Störche vermeiden auf ihrer
Wanderung die Hochgebirge durchaus“.

Auch zwischen +Wanderung+ und +Zug+ müßte schärfer unterschieden
werden, als dies bisher der Fall ist. Wenn nordische Schwimmvögel
auf dem Meere dem Vorrücken der Eisberge ausweichen und so ganz
allmählich immer weiter nach Süden gedrängt werden, wenn Hakengimpel
oder Seidenschwänze bei Mangel geeigneter Nahrung im Norden solche
allmählich immer weiter südlich suchen, so ist das nicht Zug, sondern
Wanderung. Als solche fasse ich es auch auf, wenn sonst durchaus
seßhafte Vögel wie schlankschnäblige Tannenhäher oder Steppenhühner
plötzlich durch irgend welche Ursachen zum Verlassen ihrer Brutheimat
genötigt werden und nun in gewaltigen Mengen, aber planlos sich
westwärts in Bewegung setzen. Es ist, als seien sie von einem Dämon
besessen, so drängt es sie immer weiter westwärts und läßt sie nirgends
zur Ruhe kommen, bis sie in gewöhnlich schon völlig aufgelösten
und zersprengten Verbänden das Meer erreichen und in dessen Fluten
schließlich ein sang- und klangloses Ende finden. Namentlich bei den
berühmten großen Steppenhuhneinfällen der Jahre 1863 und 1888 hat man
von einer Rückkehr der fremden Gäste so gut wie nichts wahrgenommen,
sondern die Teilnehmer der Heerfahrt sind offenbar ausnahmslos kläglich
zugrunde gegangen. Die Zugs- und Ortsinstinkte sind bei diesen Vögeln
nicht so entwickelt, daß sie sich mit Sicherheit zurückfinden könnten,
sondern sie wandern sich nach Art der Lemminge einfach zu Tode. —
Unter echtem Zug verstehe ich also nur das alljährliche regelmäßige
Vertauschen der Brutheimat mit einer ganz bestimmten Winterherberge
und umgekehrt. Die hierher gehörigen Vögel werden zur Zugzeit von
ihren Zuginstinkten vollkommen beherrscht, wie wir dies in schärfster
Ausprägung beim Turmsegler sehen können. Der gekäfigte Zugvogel, dem
doch Nahrung und Wärme reichlich zur Verfügung stehen, tobt zur
Zugzeit wie unsinnig gegen das Drahtgitter, obwohl er damit nichts
erreicht, als sich das Gefieder zu zerschlagen oder sich gar blutig
zu stoßen. Aber der Zugtrieb hat ihn derart in der Macht, daß er sich
des Törichten seiner Handlungsweise gar nicht bewußt werden kann,
sondern blindlings diesem gewaltigen Instinkte gehorchen muß. Bei
bloßen Wandervögeln dagegen ist von irgendwelcher Unruhe im Käfig im
Frühjahr und Herbst keine Rede, denn ihr Wandern ist ja nichts als ein
mehr gelegentliches, mehr oder minder ausgedehntes Ausweichen vor den
Unannehmlichkeiten einer gewissen Jahreszeit.

[Illustration: +Sibirischer Tannenhäher+

macht unregelmäßige, großartige Wanderungen westwärts nach Europa, die
gewöhnlich mit Sonnenfleckenperioden zusammenfallen (Photo F. Mielert
D.L.N.)]

Da zieht eine Schar Kraniche hoch über den Kirchtürmen, aber gut
sichtbar unter dem finsteren Herbstgewölk in der bekannten Keilform
übers Städtchen, und ihre gellenden Trompetenrufe lenken die
Aufmerksamkeit auch solcher Leute auf die großen Vögel, die sonst wenig
Sinn und Verständnis für die Vorgänge in der freien Natur haben.
Selbst dem oberflächlichsten Beobachter wird dabei die eigenartige
+Keilform+ der gefiederten Wanderschar auffallen, die wir auch bei
ziehenden Gänsen, Enten, Regenpfeifern u. a. finden, und er wird sich
fragen, welchen Zweck sie wohl haben mögen. Zweifellos den der besseren
Kraftverwertung! Eckardt, der die Keilform als ein „aeromechanisch
untrennbares Ganzes“ auffaßt, das wie ein geschlossenes Luftschiff
dahineilt, hat durch umständliche Berechnungen nachgewiesen, daß
hierdurch die Überwindung des Luftwiderstandes um nicht weniger
als zwei Drittel erleichtert wird. Das bedeutet natürlich für
schwerfälligere Vögel auf dem Zuge einen großen Vorteil. Sehen wir
näher hin, so bemerken wir auch, daß jeder fliegende Vogel seinen
Vordermann nach außen hin um ein gutes Stück überragt, wodurch er
freies Gesichtsfeld nach vorne behält und ein Aufprallen auf den
Vordermann vermieden wird, falls dieser mal einen Augenblick stockt.
Es ist klar, daß der an der Spitze des Keils fliegende Vogel die
schwerste Arbeit zu leisten hat, und es wird deshalb in der Regel
ein besonders kräftiges altes Männchen diesen Platz einnehmen. Viele
Vogelforscher sind der Ansicht, daß die Vögel während des Fluges mit
der Besetzung dieses Spitzenplatzes öfters abwechseln. Das klingt zwar
nicht unwahrscheinlich, gesehen habe ich es aber noch nie, so zahllose
ziehende Keilgeschwader ich in meinem Leben auch schon beobachtete.
Noch wahrscheinlicher erscheint es mir, daß beim Aufbruch am nächsten
Morgen ein anderes Männchen sich an die Spitze setzt, damit der Führer
des vorangegangenen Tages es nun etwas leichter hat.

Mit langsamen, aber wuchtigen und tief ausholenden Schwingenschlägen
ziehen die Kraniche ihre pfadlose Bahn durch das unendliche Luftmeer.
Unter ihnen entrollt sich das Erdenbild auf weite Strecken hin wie eine
Landkarte, und sie genießen denselben Anblick wie ein in bescheidener
Höhe und stets unter der Wolkendecke sich haltender Flieger. Aber
ihre Augen sind weit schärfer als die menschlichen, vermögen auch die
geringfügigsten Einzelheiten zu erspähen und reichen viel weiter. Zwar
ist die Erdoberfläche in Herbstdünste gehüllt und die Aussicht dadurch
stark getrübt, aber das macht den Vögeln nichts aus. Die roten und
gelbroten Ölkügelchen auf der Netzhaut ihrer Augen ermöglichen ihnen
bei Tage ein viel schärferes Sehen als anderen Geschöpfen, und klar
dringen ihre Blicke durch den Erdendunst hindurch. Gegen wirklichen
und dicken Nebel freilich sind auch die wie farbige Filter wirkenden
Ölkugeln ohnmächtig.

Aufmerksam spüren die Augen des führenden Kranichs die unter ihm
befindliche Erdoberfläche ab. Von früheren Reisen her altvertraute
Erinnerungsbilder werden in ihm wach und gestalten sich zu wertvollen
Richtmarken. Die jungen Kraniche aber, die die große Herbstreise zum
erstenmal machen, folgen blindlings der Leitung des alterfahrenen
Stammesoberhauptes. Aha, da ist ja die alte Burgruine auf dem steilen
Basaltkegel mitten in der Ebene! Und wenn man gerade über ihr schwebt,
muß man auch schon den großen Strom erblicken, den es zu überqueren
gilt, um die heutige Raststation zu erreichen. Fern am Horizont blitzt
schon der ersehnte Wasserspiegel auf. Man ist also auf dem richtigen
Wege. Kranichvater läßt einen befriedigten Schrei erschallen, und mit
leiserem Gurren und Piepen antworten ihm die Jungvögel. Jetzt aber
wird der Wind unangenehm. Er bläst steif von vorn und erschwert die
ermüdende Flugarbeit. Vielleicht, daß es in einer höheren Luftschicht
besser ist und es sich da leichter fliegt. Auf ein Zeichen des Führers
hin schrauben sich die Kraniche 200 bis 300 Meter höher, und in dieser
Luftschicht ist allerdings der lästige Gegenwind kaum noch zu spüren.
Dafür ist aber die Erde weiter entfernt, und man muß um so schärfer
auf die Kennzeichen des Weges aufpassen. Jetzt muß gleich der kahle
Hügel mit den Windmühlen kommen. Aber was ist das? Der Hügel ist wohl
da, aber die Windmühlen fehlen, die man doch seit vielen Jahren immer
wieder überflog. Höchst verdächtig! Sollte man irre geflogen sein?
Jedenfalls muß die Sache näher untersucht werden. Die Kranichschar geht
also bis auf 100 Meter herunter und kreist unter aufgeregtem Trompeten
mehrmals über dem verdächtigen Platz. Aber so sorgsam auch hundert
scharfe Kranichaugen herunterspähen, es ist nichts Gefahrdrohendes zu
entdecken, und beruhigt schlägt der alte Kranich wieder die frühere
Richtung ein. Bald tauchen auch wieder altvertraute Erinnerungsbilder
auf und geben die beglückende Gewißheit, daß man den richtigen Kurs
nicht verfehlt hat. Etwas später heißt es besonders gut achtzugeben,
weil das nun folgende Stück der Zugstraße erst seit wenigen Jahren
beflogen wird und sich deshalb noch nicht so tief dem Gedächtnis
eingeprägt hat, noch nicht so häufig dem Jungvolk überliefert worden
ist. Man muß einen großen Bogen schlagen, auf dessen Sehne man in
früherer Zeit flog. Aber da war ein furchtbares Getöse auf der Erde, wo
sich die Menschen gegenseitig totschlugen, und der arglose Kranichzug
geriet mitten in das Geschützfeuer der tobenden Schlacht. Kranichvater
war damals auch schon dabei, und mit Entsetzen erinnert er sich noch
des grausigen Anblicks, wie die Gefährten vor und hinter ihm mit
zerschmetterten Leibern in die flammendurchzuckte Tiefe stürzten.
Seitdem meiden die Kraniche diese unheimliche Gegend und haben sich
andere Pfade gesucht. Es schadet ja weiter nichts, wenn dadurch die
heutige Raststation etwas später erreicht und der Dauerflug etwas
länger wird. Die Sicherheit des Lebens muß allem anderen vorangehen.
Endlich taucht vor den suchenden Augen der Kraniche das weite
Sumpfgelände auf, in dem sie schon so manches liebe Mal behagliche
Rast gehalten haben, und wird mit freudigem Geschrei begrüßt. Auf
einer für Menschen unzugänglichen großen Schlammbank wollen die Vögel
einfallen, aber in ihrer Vorsicht tun sie dies nicht ohne weiteres,
sondern umkreisen erst in immer niedriger werdenden Spiralen den
auserwählten Platz, um sich zu vergewissern, daß hier nirgends eine
Gefahr droht, insbesondere kein menschlicher Jäger versteckt ist.
Haben sich die großen Vögel dann endlich niedergelassen, so begeben
sie sich nach kurzer Pause zu Fuß auf die Nahrungssuche, um die
hungrigen Mägen zu füllen, nicht aber ohne vorher auf erhöhten Punkten
aufmerksame Wachtposten aufgestellt zu haben, die unablässig die
ganze Gegend durchspähen und beim geringsten Anzeichen von Gefahr das
Warnungszeichen geben. Zeitig begibt sich dann die ganze Gesellschaft
zur Ruhe, um die nötigen Kräfte zur Flugleistung des nächsten Tages zu
sammeln.

[Illustration: Der Storchenzug

‧‧‧‧‧‧‧‧ Ungefähre nördliche Brutgrenze ―――――― Die beiden großen
Zugstraßen — — — Hauptwinterquartier

(Für den Kosmos gezeichnet von R. Öffinger)]

In der eben geschilderten Weise etwa verläuft ein normaler Zugtag
bei am Tage wandernden größeren Vogelarten. Daß sie sich in der Tat
nach der wie eine Landkarte unter ihnen ausgebreiteten Erdoberfläche
richten und sich hauptsächlich mit Hilfe ihrer Augen zurechtfinden, das
habe ich oft genug und besonders genau an der Meerenge von Gibraltar
beobachten können. Ich wohnte damals in einem kleinen Landhause auf
dem Höhenzug hinter der Stadt Tanger. Vom Garten aus konnte ich einen
großen Teil der gegenüberliegenden spanischen Küste überblicken, und
namentlich die Stadt Tarifa trat bei günstiger Beleuchtung so greifbar
scharf hervor, daß man an manchen Häusern die Fenster zählen konnte.
In den ersten Morgenstunden tauchten bei Tarifa öfters gewaltige
Storchenheere auf, die wahrscheinlich in den großen Sümpfen des
Guadalquivir genächtigt hatten und die ich mit Hilfe des Feldstechers
vom Augenblick ihres Erscheinens an vortrefflich verfolgen konnte.
Sobald die Störche auf ihrem Wege die äußerste Spitze Europas erreicht
hatten, gerieten sie offensichtlich in Unruhe und schwangen sich
kreisend immer höher empor. Erst nach etwa halbstündigem Kreisen
ordneten sie sich neu (die Störche ziehen nicht in Keilform, sondern
etwa schwadronsweise) und kamen nun schnurstracks über das schmale Meer
herüber, und zwar in der Richtung auf den Leuchtturm am Kap Spartel,
ließen also Tanger links liegen. Auf meinen vielen Ritten längs der
Westküste Marokkos habe ich dann solche wandernde Storchenheere
verfolgen können bis in die Gegend südlich Mogadar und zum Kap Ghir, wo
sie die Meeresküste zu verlassen und landeinwärts abzubiegen scheinen.
Natürlich konnten die Störche auch ohne Höhersteigen von Tarifa aus das
Kap Spartel sehr gut erblicken; sie wollten sich aber, ehe sie das Meer
überquerten und sich dem fremden Erdteil anvertrauten, offenbar erst
noch über den weiteren Verlauf der in ihrer Zugrichtung streichenden
afrikanischen Küste unterrichten, und zu diesem Zweck erhoben sie sich
in höhere Luftschichten, um ihren Gesichtskreis zu erweitern. Auf
derselben Zugstraße fand ich übrigens auch zahlreiche andere Vogelarten
aus englischen, westskandinavischen und norddeutschen Brutgebieten,
besonders zahlreich z. B. die norwegische Form des Blaukehlchens.

Mit Löns und Kurt Graeser bin ich der Ansicht, daß nicht der Standvogel
der ursprüngliche Vogeltyp war, wie die meisten Vogelforscher ohne
weiteres annehmen, noch weniger natürlich der Zugvogel, sondern
vielmehr der Strichvogel, und zwar in der Ausprägung, die wir heute
als „+Zigeunervogel+“ bezeichnen. Hierher gehören aus unseren Breiten
namentlich die Kreuzschnäbel und der Rosenstar, in abgeschwächtem Maße
aber auch die Sumpfohreule und der Wachtelkönig, sogar der Kernbeißer,
der zur Aufzucht seiner Jungen Maikäfer haben will. Es sind dies
also Vögel mit stark spezialisierter Ernährungsweise, die planlos im
Lande herumzigeunern und sich da längere Zeit aufhalten oder zur Brut
schreiten, wo ihr Tisch besonders reich gedeckt ist. ~Ubi bene ibi
patria~, lautet ihr Wahlspruch. Ähnlich mögen es auch zahlreiche andere
Vogelarten in Urzeiten getrieben haben, und wahrscheinlich waren sie
zu einem solchen Herumzigeunern geradezu gezwungen, weil die Nahrung
sich ihnen sicherlich nicht in solcher Fülle und Übersichtlichkeit
darbot wie heute unter unseren kultivierten Verhältnissen. Wie noch
heute die Kreuzschnäbel abhängig sind vom mehr oder minder reichen
Zapfenansatz der Nadelwälder, wie die Rosenstare fast mechanisch den
Zügen der Wanderheuschrecken folgen müssen, so mußten damals viele
Arten hin- und herstreichen, um ihre Lieblingsnahrung in genügender
Menge vorzufinden. Man wende nicht ein, daß die Mehrzahl der heutigen
Vogelgattungen aus eidechsenartigen Vorfahren heraus doch schon in
der Tertiärzeit mit unglaublicher Schnelligkeit sich entwickelt
habe, daß während dieser Epoche Europa sich eines sehr milden, fast
tropischen Klimas erfreuen durfte, und daß demnach für Geschöpfe aller
Art doch beständig Nahrung in Hülle und Fülle vorhanden gewesen sein
müsse. Werfen wir vielmehr einen Blick auf die heutigen tropischen
und subtropischen Länder, so sehen wir, daß die Nahrungsquellen für
bestimmte Tiere sich ihnen nicht in geschlossener Masse, sondern
meist in starker Verzettelung darbieten, und daß ihr Anwachsen oder
Schwinden in hohem Maße abhängig ist von Regenfällen und anderen
meteorologischen Ereignissen. Wir sehen, wie sogar die Kolibris der
brasilianischen Urwälder beständig streichen, um jederzeit diejenigen
Blüten zu finden, denen ihr Organismus besonders angepaßt ist; wir
sehen, wie kleine Sittiche und viele Prachtfinken beständig hin- und
herziehen, um solche Landstriche aufzusuchen, denen befruchtender Regen
üppigen Graswuchs entlockt hat, so daß es da mehlhaltige Samenkörner
in unerschöpflicher Menge gibt; wir wissen, daß durch die Verteilung,
das Versiegen und Wiedererscheinen guter Tränkstellen selbst Säuger zu
Zigeunertieren werden, wie z. B. die großen Antilopenherden Ostafrikas.
Nichts hindert also die Möglichkeit der Vorstellung, daß ursprünglich
auch die Mehrzahl der europäischen Vögel eine ähnliche Lebensweise
geführt hat. Vielleicht hat gerade zu diesem Zweck die Natur dem
Vogel das Flugvermögen verliehen oder wurde es gerade durch diese
Notwendigkeit herausgebildet. Übrigens kühlte sich das Klima schon im
Pliozän wieder wesentlich ab, und es wird in Europa beim Ausklingen der
Tertiärzeit kaum viel anders gewesen sein als heutzutage. Das Wandern
war also für alle jene Lebewesen, die ihren Unterhalt nicht durch
eigene Arbeit dem Erdboden abzuringen oder durch einen Winterschlaf
über die schlimmste Zeit hinwegzukommen wissen, der gegebene Zustand.
Die Vögel zogen ihrer Schnabelweide nach, wobei Bequemlichkeit und
Wanderfähigkeit die Reichweite ihres Schweifens bestimmten. Sie waren
nur dann seßhaft, wenn das Fortpflanzungsgeschäft sie notgedrungen an
einen bestimmten Platz bannte. Die wiedergewonnene Freiheit und das
Überstehen des Federwechsels aber wurden sofort zu neuer Ungebundenheit
ausgenutzt, um die reichlichsten und leckersten Nahrungsquellen zu
besuchen. Immerhin müssen wir festhalten, daß der Vogel nur da seine
wahre und eigentliche Heimat hat, wo er das Licht der Welt erblickt und
selbst für die Vermehrung seiner Art sorgt. Dies gilt auch für solche
Arten, die wie Pirol und Turmsegler längere Zeit auf der Wanderung und
im Winterquartier verbringen als am Brutplatze und die man deshalb
gar nicht übel als „Sommerfrischler“ bezeichnet hat. Andererseits
können wir uns aber die Entstehung des Vogelzugs gar nicht besser
vor Augen führen, als wenn wir uns vergegenwärtigen, wie auf der Erde
jederzeit Überfluß und Mangel, Fruchtbarkeit und Öde, Wärme und Kälte
wechseln, so daß Geschöpfe, die keine Vorsorgewirtschaft treiben,
notgedrungen dem Hunger entfliehen und gedeckte Tische aufsuchen, also
wandern müssen. Standvögel im allerstrengsten Sinne des Wortes gibt es
überhaupt kaum, denn selbst bei einem so ausgesprochen seßhaften Vogel,
wie es z. B. der Kolkrabe ist, zigeunern doch wenigstens die noch nicht
fortpflanzungsfähigen Jungvögel im Lande herum, und es ist immerhin
bemerkenswert, daß sie dabei stets Gegenden aufsuchen, die südlich von
den Brutplätzen liegen.

Dann brachen die verschiedenen Eiszeiten herein, die auf dem Höhepunkt
ihrer Entwicklung über ganz Nordeuropa eine Eiskappe zogen und
auch von den südlichen Hochgebirgen her gewaltige Gletschermassen
vorschoben, so daß der für Vögel bewohnbare Raum zu einem schmalen
Gürtel zusammenschmolz, in dem überdies recht strenge Winter an der
Tagesordnung gewesen sein müssen. Natürlich setzten diese umwälzenden
Veränderungen nicht plötzlich und katastrophal ein, sondern ganz
langsam und allmählich, unmerklich sich auf Jahrtausende verteilend,
öfters auch durch Rückschläge unterbrochen. Ganz von selbst erhielt
aber dadurch das Streichen der Vögel mehr und mehr eine bestimmte
Richtung, nämlich nach Süden oder Westen, und in wärmere Länder,
während es bisher nach allen Richtungen der Windrose hin erfolgt
war. Aus dem Streichen wurde so allmählich ein Ziehen mit ganz
bestimmten Zielen, und es ist aller Wahrscheinlichkeit nach bitterer
Nahrungsmangel, prosaischer Hunger gewesen, der den ersten Anstoß
zu dem wundervollen Phänomen des Vogelzuges gegeben hat. Da die
eisstarrenden Hochgebirge von vielen Arten sicherlich nicht überwunden
werden konnten, sondern mehr oder minder umständlich umgangen
werden mußten, mögen sich schon damals die ersten Vogelzugstraßen
herausgebildet haben. Ich denke mir die Sache so, daß die Wanderungen
anfangs sich nur über einen geringen Raum ausdehnten, daß sie aber
im Laufe der Zeit ein immer bestimmteres Gepräge erhielten und über
immer größere Zwischenräume sich erstreckten, je mehr die Vereisung
Europas zunahm. Sicherlich sind damals viel mehr Vogelarten gewandert
als heutzutage, sicherlich sind manche ganz zugrunde gegangen, weil
sie falsche Wege einschlugen oder sich sonstwie dem Wechsel der
Jahreszeiten nicht anzupassen vermochten. Allmählich bildete sich im
Anschluß an diese ein Herbst- und ein Frühlingszug heraus. Unzählige
Vogelgeschlechter machten so zweimal jährlich die große Reise. Das
Ziehen wurde zur Gewohnheit, die vererbte Gewohnheit zum Instinkt, der
immer schärfere Formen annahm.

Dieser alljährlich zweimal erwachende +Instinkt+ ist einer der
stärksten, den wir bei höheren Tieren kennen. Mit schier unheimlicher
Gewalt packt er den Vogel, der sich ihm fast hemmungslos überlassen
muß. Ist seine Zeit gekommen, so +muß+ er ziehen, mag er wollen oder
nicht. Manchmal gerät dabei der Zuginstinkt mit dem Fortpflanzungs-
und Elterninstinkt in Widerspruch, wie ich dies namentlich bei
Uferschwalben beobachten konnte. Der Sommer war naß, kühl, unfreundlich
und insektenarm gewesen, und es gab deshalb viel verspätete Bruten.
In den Nistlöchern einer großen Uferschwalbenkolonie, die sich in
einer alten Kiesgrube niedergelassen hatte, saßen noch zahlreiche
kleine Junge, als schon die Zugzeit gekommen war. Die alten Vögel
wurden von ersichtlicher Unruhe ergriffen und zeigten eine merkwürdige
Aufgeregtheit, Nervosität und Unsicherheit. Zunächst fütterten sie
noch, aber immer lässiger und in immer größeren Abständen. Es zog sie
zu den großen Versammlungsplätzen, zu den lustigen Flugübungen. Und
eines Tages waren sie nicht mehr da. Vergeblich schrien und gierten
die treulos verlassenen, dem Hungertode geweihten Jungen. Hier hatte
also mit der fortschreitenden Jahreszeit der Zuginstinkt die Überhand
gewonnen über Fortpflanzungsinstinkt und Fütterungstrieb. Doch ist
auch der umgekehrte Fall namentlich bei Rauchschwalben nicht selten.
Dann harren die Alten unter Umständen bis zur äußersten Grenze des
Möglichen bei ihren noch hilflosen Kindern aus und suchen sie trotz der
immer knapper werdenden Nahrungsmittel wenigstens bis zum Ausfliegen
und Selbstfressen zu bringen, um erst nach diesem Zeitpunkt an die
eigene Reise zu denken. Oft haben sie aber darüber den richtigen
Aufbruchstermin versäumt, geraten dadurch in Vorwinter und frühzeitige
Schneestürme und gehen massenhaft am Fuße der Alpen zugrunde, die zu
überfliegen sie nicht mehr die nötige Kraft haben, während die Jungen
überhaupt nur zu Schwächlingen sich entwickeln konnten, deshalb den
Anstrengungen der Reise von vornherein nicht gewachsen und so mit
Sicherheit einem frühzeitigen Tode verfallen sind. In einem solchen
Falle hat einmal die bekannte Vogelschützerin Frau Lina Hähnle am
Nordfuß der Alpen massenhaft die ermatteten Schwälbchen aufsammeln
lassen, sie mit Mehlwürmern und anderen Kraftfuttermitteln gestärkt,
in Körbe warm verpackt und dann durch einen Vertrauensmann mit dem
Schnellzuge durch den Gotthard-Tunnel nach dem sonnigen Italien
bringen lassen, wo man dann die Vögel schleunigst fliegen ließ.
Möchten sie ihr Reiseziel glücklich erreicht haben! Der Fall der
bis zur Selbstaufopferung bei ihrer Nachkommenschaft ausharrenden
Rauchschwalben berührt das menschliche Gefühl sympathisch, während
das geschilderte Verhalten der Uferschwalben uns grausam vorkommt.
Und doch ist im Interesse der Art das Letztere entschieden das
Richtigere, d. h. Vorteilhaftere, denn es rettet unter Aufopferung
der doch nur Schwächlinge liefernden Jungen wenigstens die Alten zum
Fortpflanzungsgeschäft des nächsten Jahres, während im zweiten Falle
nur zu oft die Alten mitsamt den Jungen dem Verderben geweiht sind,
wodurch dem Bestande der Art viel empfindlichere Lücken geschlagen
werden. Die Natur sorgt eben immer nur für die Erhaltung der Art,
während sie sich um das Wohl und Wehe des Einzelgeschöpfes in keiner
Weise kümmert. Selbst der Raub- und Ernährungsinstinkt wird zeitweise
vom Zuginstinkt überwunden, denn wir sehen an guten Zugtagen Raub-
und Singvögel friedlich die gleiche Bahn ziehen. Sie kümmern sich gar
nicht umeinander, sondern alle sind nur von dem einen Drange beseelt,
möglichst rasch vorwärts zu kommen.

[Illustration: +Der Vogelzug in der Dobrudscha+]

Wie völlig der Zuginstinkt zu gewissen Jahreszeiten den Vogel
beherrscht, das zeigt namentlich auch das Verhalten gekäfigter
Zugvögel, die dann, obwohl sonst völlig eingewöhnt, wie unsinnig gegen
das Gitter toben, nur getrieben von dem dunklen Drange, in weite
Fernen hinauszustürmen. Man kann aus der größeren oder geringeren
Stärke und aus dem längeren oder kürzeren Andauern dieses meist nachts
sich abspielenden Tobens allerlei wichtige Schlüsse ziehen. Je mehr
der Vogel rast, um so stärker wird sein Zuginstinkt ausgeprägt sein,
je länger das Toben anhält, um so länger wird auch im Freien seine
Wanderlust dauern, d. h. um so größere Strecken wird er zurücklegen,
um so weiter wird seine Winterherberge entfernt sein. Eine Art, die
schon in den Mittelmeerländern überwintert, wird nur kurze Zeit unruhig
sein, eine andere, deren Winterleben sich in Innerafrika abspielt,
viel länger. Und doch! So gewaltig und unwiderstehlich der Zuginstinkt
uns gegenwärtig auch noch erscheinen mag — ich kann mich des Gedankens
nicht erwehren, daß er in sichtlichem Abflauen begriffen ist. Beständig
mehren sich die Fälle, wo Vögel, die früher als ausgesprochene Wanderer
galten, den Winter über bei uns bleiben und getreulich in unmittelbarer
Nähe des alten Nestes ausharren, andere nur streichen, statt zu ziehen.
Selbst Schwarzplättchen, Rauchschwalben, Weidenlaubsänger und Störche
machen freiwillig Überwinterungsversuche. Bei Staren, Feldlerchen und
Turmfalken lassen sich heute kaum noch sichere Ankunftsdaten mitteilen,
weil man nie recht weiß, ob man wirklich die ersten Ankömmlinge
oder überwinternde Stücke vor sich hat. Die milden Rheingegenden
fangen für manche Arten nachgerade an, die frühere Rolle der
Mittelmeerländer zu spielen. Seit den vier Jahrzehnten, in denen ich
wissenschaftliche Vogelkunde betreibe, hat sich in dieser Beziehung
ein deutlicher Umschwung vollzogen, ohne daß man deshalb gleich an eine
„wiederkehrende Tertiärzeit“ zu denken braucht, von der manche Leute
faseln. Auch das Verhalten der Käfigvögel spricht dafür. Sie toben
nicht mehr so stark wie in meiner Knabenzeit, als ich mir die ersten
gefiederten Pfleglinge anschaffen durfte. Von meinen gegenwärtigen
Pfleglingen stößt sich eigentlich nur noch der Mornellregenpfeifer
im Herbst und Frühjahr die Stirnfedern ab oder schlägt sich gar ein
wenig blutig. Dagegen prangt meine Singdrossel stets im tadellosesten
Gefieder, jedes Federchen aalglatt angelegt, was bekanntlich bei dieser
Art sonst selten ist. Niemals hat sie irgendwelche Unruhe gezeigt.
Nun läßt allerdings der Umstand, daß sie von allem Anfang an sehr
zutraulich war, während alte Wildfänge dieser Art recht scheu sind,
darauf schließen, daß sie jung aus dem Neste genommen wurde, wofür
auch ihr zwar sehr fleißiger, aber qualitativ etwas minderwertiger
Gesang spricht. Ich besitze aber auch noch ein Schwarzplättchen, das
sicherlich ein alter Wildfang war, sich anfangs sehr scheu zeigte und
vorzüglich singt und das trotzdem noch niemals getobt hat, obwohl
gerade Schwarzplättchen in dieser Beziehung in einem üblen Rufe stehen.
Also auch das Verhalten der Käfigvögel läßt darauf schließen, daß der
Zuginstinkt im Abflauen begriffen ist, und nach Jahrtausenden wird aus
diesem Abflauen vielleicht ein völliges Verlöschen werden, und die
wunderbare Erscheinung des Vogelzuges wird dann vorübergerauscht sein,
wie so manches andere in der Natur. — Inwiefern die immer häufiger
werdende Überwinterung von Zugvögeln in unsern Breiten vielleicht
auch auf die in immer ausgedehnterem Maße zur Anwendung gelangende
Winterfütterung der Vögel zurückzuführen ist, mag hier dahingestellt
bleiben, aber denkbar ist es sehr wohl, daß gerade die ersten Anfänge
von Überwinterung damit zusammenhängen, indem bei zeitig beginnender
Fütterung mancher Vogel vielleicht veranlaßt wird, zu bleiben und den
Kampf mit den Unbilden der rauhen Jahreszeit aufzunehmen.

[Illustration: +Großer Brachvogel+

Die überaus wohlklingenden Rufe nächtlich ziehender Brachvögel hört man
oft über den erleuchteten Großstädten (Photo Hubert Schonger)]

Wie ungefähr die Tagwanderer ihren Weg finden und sich auf der Reise
orientieren, das haben wir oben an dem Beispiel der Kraniche gesehen,
und wir wissen auch bereits, daß es ein uralter, tief eingeprägter
Instinkt ist, der die Vögel zur Wanderung veranlaßt. Schwieriger
wird die Sache dadurch, daß viele Vögel nicht bei Tage, sondern bei
+Nacht+ wandern, oft sogar in recht finsteren Nächten, wo sie trotz
ihrer scharfen Augen unmöglich einen weiten Überblick über das sich
unter ihnen aufrollende Landschaftsbild haben können. Wie finden die
sich zurecht? Nun, sie fliegen gleichfalls verhältnismäßig niedrig,
im allgemeinen wohl noch niedriger als die Tagwanderer, so daß
der Gesichtssinn schwerlich ganz zur Ausschaltung gelangt. Zeugen
dafür sind die zahlreichen Nachtwanderer, die man tot unter dem
Telegraphendraht findet, sind auch die krächzenden Reiherschreie und
die schönen Regenpfeiferpfiffe, die man nachts so oft in überraschender
Bodennähe hört. Merkwürdig, welch zauberhafte Anziehungskraft dabei
grelle Lichtquellen auf die gefiederten Reisenden ausüben. Leuchttürme
werden von den durch das Blinkfeuer geblendeten Vögeln umflattert
wie die Lampe von den Motten, und nur allzu viele finden dabei
ein trauriges Ende. Aber auch das Lichtermeer der Großstadt wird
stundenlang unter aufgeregtem Rufen und Schreien umkreist, und es ist,
als vermöchten die Vögel gar nicht, sich von diesem märchenhaften
Anblick wieder loszureißen. Namentlich in Breslau konnte ich dies viele
Male bei durchziehenden Regenpfeifern und Brachvögeln beobachten, da ja
eine große Zugstraße das Odertal entlang läuft. Wo solche auffallende
Lichtquellen schon lange bestehen, ist es sehr gut möglich, daß sie im
Verlauf der Jahre zu Leitmarken für die Nachtwanderer geworden sind,
denn der Zug vollzieht sich ja nicht rein mechanisch und stumpfsinnig,
sondern der Vogel weiß dabei sehr wohl sich für ihn ergebende
Vorteile oder Nachteile zu merken und für die Zukunft auszunutzen
und zu verwerten. Gerade die +Nachtwanderer+ sind, wie z. B. Eulen,
Regenpfeifer und Dickfüße, durch den Besitz großer, fernsichtiger
Augen (in unmittelbarer Nähe sehen sie schlecht, wovon man sich bei
gekäfigten Stücken leicht überzeugen kann) ausgezeichnet, die ihnen
beim Fernsehen nachts auch sehr zugute kommen werden. Ein weiteres
Hilfsmittel beim nächtlichen Sichzurechtfinden dürfte das Gehör sein,
das ja bei den meisten Vögeln recht scharf ausgebildet ist. Wie wir
von unseren Fliegern wissen, werden Geräusche auf der Erde noch in
überraschender Höhe sehr deutlich wahrgenommen. Die Küstenwanderer
z. B. werden sicherlich das Rauschen der Brandung hören, können sich
also sehr gut danach richten. Weiter kommt noch hinzu, daß ein so
luftempfindliches Geschöpf wie der Vogel gewiß auch den Unterschied
merken wird, der zwischen dem Feuchtigkeitsgehalt der über großen
Wasserflächen und der über dem Binnenlande stehenden Luftsäulen
vorhanden ist. Der Vogel wird also immer wissen, ob er über den Wassern
oder über dem Lande oder über der Grenzscheide beider schwebt, und
selbst beim Überfliegen der Kontinente wird ihm das Vorhandensein von
Strömen und großen Flüssen, von Teichen und Seen, von Sümpfen und
Morästen zum Bewußtsein kommen.

Damit ist schon viel gewonnen, aber alle diese Eigenschaften reichen
zur restlosen Erklärung des Phänomens doch nicht aus, am wenigsten bei
solchen Arten, wo die Jungen streng getrennt von den Alten ziehen,
also deren Erfahrung und Führung entbehren müssen. Hier müssen noch
andere Dinge im Spiele sein, und wir kommen deshalb um die Annahme
eines besonderen, uns vorläufig noch völlig rätselhaften +Richtsinnes+
nicht herum, der seinen Sitz vielleicht in den Ampullen (blasenförmigen
Erweiterungen) des Gehörgangs hat. Dieser Richtsinn ermöglicht eine
allgemeine, aber sofortige und durchaus sichere Orientierung nach den
verschiedenen Himmelsrichtungen auch in finsterster Nacht und ohne
jede Unterstützung durch die anderen Sinne oder sonstige Fähigkeiten.
In abgeschwächtem Maße findet er sich auch bei anderen Tieren,
andeutungsweise selbst bei wilden Menschenrassen, während er beim
Kulturmenschen völlig verkümmert ist. Der Eisfuchs in der unendlichen,
gleichförmigen, aller hervorstechenden Merkmale entbehrenden Tundra
und der ihn verfolgende Samojedenjäger haben ihn auch. Man kann beide
bei Nacht und Nebel mitten in die Tundra weitab von ihrem Wohnsitze
hineinsetzen, und sie finden sich doch zurecht, ebenso die Katze,
die man meilenweit in einem Sack verschleppt hat und die doch ohne
Zögern den richtigen Weg nach ihrem Zuhause einschlägt. Der ganze
Brieftaubensport wäre ohne solchen Richtsinn ja gar nicht denkbar.
Um ihn aber voll zur Auswertung gelangen zu lassen, ist noch etwas
weiteres notwendig, nämlich eine ausgezeichnete +Orientierungsgabe+,
verbunden mit einem guten Gedächtnis. Beides ist ja den Vögeln
in hohem Maße eigen. Der Richtsinn allein genügt nicht, aber in
Verbindung mit der Orientierungsgabe wird er zum ausschlaggebenden
Faktor. Jener deutet nur allgemein die Himmelsrichtung an, die zu den
ersehnten warmen Überwinterungsplätzen führt, diese dagegen regelt
alle Einzelheiten und Umwege, bahnt die Zugstraßen und wählt die
Raststationen, alle solche Kenntnis auch den künftigen Geschlechtern
vermittelnd und schließlich vererbend. Nur sie ist Zwischenfällen
und Veränderungen gewachsen. Zwei Beispiele werden das noch klarer
machen. Man hat wiederholt größere und kleinere Versuche gemacht,
den netten Sonnenvogel, die sogenannte chinesische Nachtigall, bei
uns einzubürgern, sowohl seiner Farbenschönheit und seines munteren
Benehmens, als auch seiner zwar kurzen, aber sehr wohlklingenden
Gesangsstrophe halber. Die Sache ließ sich zunächst auch immer ganz
gut an. Die bunten Fremdlinge gewöhnten sich vortrefflich an unser
Klima, sangen und brüteten fleißig und zogen eine ganze Anzahl von
Jungen groß. Im Herbst trieben sie sich dann rudel- und schwarmweise
in der Gegend herum, und dann waren sie eines schönen Tages, als
der Zuginstinkt in ihnen erwachte, plötzlich verschwunden, und zwar
ausnahmslos auf Nimmerwiedersehen. Wohl wurden solche abgezogene Trupps
mehrfach in südlicheren Gegenden gesehen, aber dann verlor sich ihre
Spur. Der angeborene Richtsinn hatte sie ganz richtig die Richtung nach
Süden einschlagen lassen, aber als sie dann auf die große Quermauer
der Alpen stießen, reichte ihre Orientierungsgabe nicht aus, denn es
fehlte diesen Asiaten ja jede vererbte und überlieferte Erfahrung
der Vorfahren über die verwickelte Gestaltung Europas und seiner
Zugverhältnisse. So irrten sie umher und gingen dabei wahrscheinlich
zugrunde, denn man hat sie nie wiedergesehen. Daran sind alle so
hoffnungsvoll begonnenen Einbürgerungsversuche mit Sonnenvögeln
ausnahmslos gescheitert. Ferner hat man Jungstörche eingefangen und so
lange in Haft gehalten, bis die Zugzeit der Störche vorüber und die
Alten längst abgezogen waren. Endlich freigelassen, wurden auch diese
Jungstörche vom Richtsinn gen Süden geführt, aber die große, bekannte
Zugstraße der Störche vermochten sie nicht zu finden, sondern irrten
weit von ihr ab, wurden z. B. in Griechenland angetroffen, wo sonst
keine Störche durchziehen.

Nun wandern aber auch in freier Natur bei zahlreichen Vogelarten +Alte
und Junge streng getrennt+, so daß diese lediglich auf ihre eigene
Weisheit angewiesen sind. Wenigstens sagt man es. Namentlich Gätke hat
diese Behauptung sehr nachdrücklich verfochten und mancherlei Beweise
dafür erbracht, die seine zahlreichen Gegner nicht allzu stark zu
erschüttern vermochten. So erscheinen auf Helgoland von Ende Juni ab
und den ganzen Juli hindurch Unmassen von jungen Staren, darauf tritt
eine Pause von fast zwei Monaten ein, während welcher dort überhaupt
kein Star gesehen wird, bis dann endlich Ende September der Zug der
alten Stare einsetzt und den ganzen Oktober über anhält. Ähnliches
beobachtete er bei Steinschmätzern, Braunkehlchen, Rotschwänzchen,
Trauerfliegenfängern u. a., und ich konnte selbst auf der Kurischen
Nehrung diese Angaben nur durchaus bestätigen. Ebenso verhielt es sich
dort mit dem Strandläuferzug: erst kamen die Jungvögel, später die
Alten, und im Frühjahr war es dann gerade umgekehrt. Russische Forscher
berichten uns, daß man im Winter bei Petersburg nur alte Schneeammern
im schön schwarzweißen Kleide zu sehen bekomme, im Süden des weiten
Reiches aber ausschließlich Jungvögel im unansehnlichen Jugendkleide.
Es scheint sogar, daß bei manchen Arten Junge und Alte überhaupt ganz
verschiedene Straßen ziehen. So beobachtete ich allherbstlich bei
Rossitten zahlreiche Steppenweihen und Rotfußfalken, die ja sonst in
Deutschland als Seltenheit gelten, aber immer nur Jungvögel, und ich
kann mich nicht erinnern, dort jemals einen Altvogel dieser Arten
gesehen zu haben. Wenn überhaupt, so treten solche dort jedenfalls
nur ganz vereinzelt auf. Offenbar fliegen sie im allgemeinen ganz
andere Wege. Trotz alledem bin ich gegen die Lehre vom Getrenntziehen
nach Altersstufen und gegen die daraus gezogenen Folgerungen im Lauf
der Jahre immer mißtrauischer geworden. Sehr oft sind ja die Herbst-
und Reisekleider der Alten den Jugendkleidern so ähnlich, daß es
ganz unmöglich ist, beide selbst bei naher Entfernung voneinander zu
unterscheiden. Und wer will wirklich mit voller Sicherheit sagen,
daß unter den zuerst erscheinenden Strandläuferwolken oder den nach
Tausenden zählenden Starenschwärmen nicht doch auch einige Altvögel
zwischen der Unmasse der Jungen sich befinden? Ein einziger würde
ja schließlich als Führer genügen! Auch wollen wir nicht vergessen,
daß viele Vögel gern gemeinsam mit solchen anderer Art ziehen, daß
wir also z. B. bei Finken oder Strandvögeln häufig bunt gemischten
Schwärmen begegnen. Oft ist nur ein einzelner Fremdvogel dabei, der
dann in der Regel einer größeren, klügeren und vorsichtigeren Art
angehört. So sah ich nicht selten alte Kiebitzregenpfeifer oder
Kampfläufer als Führer eines Schwarms von Alpen- oder Bogenschnäbligen
Strandläufern, und es ist sehr wohl denkbar, daß diese Führerrolle
nicht auf Vermeidung von Gefahren sich beschränkt, sondern auch dem
Einhalten der richtigen Zugstraße zugute kommt. Die Macht des Beispiels
darf gerade im Vogelreiche nicht unterschätzt werden. Bricht z. B.
ein Zug Kraniche im Morgengrauen zur Fortsetzung seiner Reise auf, so
folgen ihm alsbald auch die in seiner Nähe auf den Fluren liegenden
Schwärme von Kleinvögeln. Dasselbe gilt von den Einzelwanderern. Hüpft
ein Rotkehlchen abends schnickernd am Waldesrande herum und schwingt
es sich endlich lockend in die Lüfte, so tun es ihm die in Hörweite
befindlichen Artgenossen alsbald nach. Dieser ganze Fragenkomplex
bedarf also dringend noch weiterer Erforschung und Aufhellung, ehe wir
ein einigermaßen sicheres Urteil fällen können. Wahrscheinlich ist aber
das völlige Alleinziehen der Jungvögel viel seltener als man bisher
glaubte. Eine Vogelart nun verursacht in dieser Beziehung besonders
viel Kopfzerbrechen. Es ist der Kuckuck, der als Brutschmarotzer seine
Erzeuger ja nie kennen lernt, also auch unmöglich von ihnen auf der
Reise geführt werden kann. Eckards Ansicht, daß der junge Kuckuck auch
auf dem Zuge noch von seinen Pflegeeltern betreut werde, ist zweifellos
irrtümlich und beruht unbedingt auf einem Beobachtungsfehler. Sicher
ist aber, daß die alten Kuckucke schon lange vor ihren Nachkommen
abziehen, um die sie sich ja überhaupt nie gekümmert haben. Auf der
Kurischen Nehrung war der Telegraphendraht zur Zugzeit oft weithin mit
breitspurig auf ihm thronenden Jungkuckucken geschmückt, die aber in
weiteren Abständen, jeder für sich, dasaßen und sich oft nur mühsam
gegen den starken Westwind behaupteten, übrigens auch ungewöhnlich
zutraulich waren, so daß man sie bequem und ungedeckt auf wirksamste
Schrotschußweite angehen konnte. Von der Anwesenheit ihrer Pflegeeltern
aber, die mir doch auf der kahlen und übersichtlichen Pallwe unmöglich
hätten entgehen können, war nichts zu merken. Nur einmal in meinem
Leben habe ich — gewiß ein sehr seltener Fall — in Württemberg einen
richtigen Kuckuckszug von etwa 30 Stück am hellen Tag beobachten
können, denn im allgemeinen ist der Gauch Nachtwanderer. Da die Vögel
ganz niedrig zogen und die Beleuchtung gut war, konnte ich deutlich
erkennen, daß es sich ausschließlich um Jungvögel handelte. Wie finden
die sich zurecht? Bei der Ungeselligkeit des Kuckucks ist es doch
wohl ausgeschlossen, daß er sich anderen Vogelarten anschließt. Der
Richtsinn weist ihm wohl die allgemeine Südwestrichtung, aber wer
unterrichtet ihn über die verwickelten Einzelheiten des langen Weges
bis ins innerste Afrika? Ich muß offen gestehen: ich weiß es nicht.

Außer nach Altersstufen findet beim Zuge nun aber häufig noch eine
+Trennung nach dem Geschlechte+ statt, indem Männchen und Weibchen
gesondert reisen, sogar oft zu verschiedenen Zeiten aufbrechen und
wieder zurückkehren. Die Männchen ziehen zuletzt fort und sind zuerst
wieder da. Bei den Nachtigallen und an den Storchnestern läßt sich dies
besonders leicht feststellen, und der Buchfink führt ja wegen dieser
zeitweisen Geschlechtertrennung den wissenschaftlichen Namen ~coelebs~
= Hagestolz. Bei Arten, wo die Geschlechter sehr verschieden gefärbt
sind, springt dieses Verhältnis natürlich besonders scharf in die
Augen. Wenn z. B. die großen nordischen Dompfaffen im Spätherbst bei
uns einrücken, sehen wir, daß manche Flüge fast nur aus den prachtvoll
roten Männchen bestehen und andere fast nur aus den unansehnlichen
grauen Weibchen. Auch im Winterquartier bleibt diese Trennung der
Geschlechter bestehen, und dabei stoßen wir auf die vielerörterte,
aber immer noch nicht geklärte Frage, ob unsere Vögel auch +im fremden
Lande singen+, oder ob sie den ganzen Winter über hartnäckig den
Schnabel halten und sich lediglich mit der Nahrungssuche beschäftigen.
Mehr poetisch schön als naturgeschichtlich richtig hat man behauptet,
daß sie aus Sehnsucht nach der fernen Heimat schweigen und erst nach
ihrer Rückkehr den Gesang wieder aufnehmen. Die ganze Frage erscheint
aber eigentlich ziemlich müßig, da doch jeder Liebhaber weiß, daß
gekäfigte Drossel- und Grasmückenarten schon bald nach der Mauser den
Gesang wieder aufnehmen, wenn auch leiser, und daß selbst gefangene
Nachtigallen schon um Weihnachten herum wieder ihre Strophen hören
lassen, vorausgesetzt, daß sie sorgsam und naturgemäß verpflegt werden.
Spötter, Rohrsänger und Würger fangen wieder zu singen an, sobald
sie die Wintermauser glücklich überstanden haben. Wenn also die Vögel
während der Wintermonate im Käfig singen, warum sollten sie es dann
nicht auch in freier Natur tun, wo es ihnen doch zum allermindesten
ebenso gut geht? Wir wissen doch, daß der Vogelgesang nicht nur
Minnelied und Kampfruf ist, sondern überhaupt Ausdruck allgemeinen
Wohlbefindens. Ich habe in Marokko im Winter Schwarzplättchen,
Rotkehlchen, Lerchen, Nachtigallen u. a. vielfach singen hören. Die
volle Kraft und Fülle des Nachtigallenliedes, das lauteste Jauchzen
der Schwarzplättchenstrophe entfaltet sich allerdings erst wieder beim
Werben um das Weibchen und beim Kampf mit dem Nebenbuhler. Während des
Zuges selbst singen die Vögel nicht, denn dann haben sie keine Zeit und
Ruhe dazu, und wenn die Wanderung sehr weit geht, etwa gar bis nach
Südafrika hinunter, und entsprechende Zeit in Anspruch nimmt, da wird
die winterliche Gesangsperiode ohnehin auf eine recht knappe Zeitspanne
eingeschränkt. Nun kommt noch bei vielen Arten eine meist im Januar
bis Februar sich vollziehende Wintermauser hinzu, und während des
Mausergeschäftes singt ja überhaupt kein Vogel.

Die Natur hat es weise eingerichtet mit der Geschlechtertrennung auf
dem Zuge und in der Winterherberge. Wenn im Frühjahr der Vogel infolge
der üppigen Winterkost im Vollbesitz seiner Kräfte ist, dann sieht sich
das Männchen nach einem Weibchen um, um dem allmächtigen Paarungsdrange
zu genügen. In unmittelbarer Nähe findet er keines. Dafür tauchen
halbverblaßte Erinnerungsbilder in ihm auf von den ehelichen Freuden,
die er im Vorjahre in der fernen nordischen Heimat genoß, zuerst nur in
verschwommenen Umrissen, dann immer schärfer und deutlicher. Dort oben,
wo im vorjährigen Nest die bunten Eierchen lagen und die hungrigen
Jungen kreischten, muß doch auch wohl das Weibchen wieder anzutreffen
sein! So macht er sich auf den Weg, an den vom Herbstzug her lebendig
in ihm haften gebliebenen Erinnerungsbildern und Landmarken sich
zurücktastend. Es ist also die Liebe oder — naturwissenschaftlicher
gesprochen — der Fortpflanzungstrieb, der ihn in die alte Brutheimat
zurückführt. Aber erstaunlich ist die Sicherheit, mit der er sich
sofort in dieser zurechtfindet und den alten Brutplatz wieder aufsucht.
Die Seevögel finden ihren alten Vogelberg wieder, obgleich Hunderte
ähnlicher Felsklippen in der Gegend vorhanden sind, die Schwalbe
kehrt zu demselben alten Lehmnest zurück, in welchem sie im Vorjahre
ihre Kinder großzog, der Storch bezieht seine alte Reisigburg,
und die Schneeammer landet in der endlosen gleichförmigen Tundra
genau auf demselben Steinblock, unter dem im vergangenen Sommer ihr
Nestchen stand. Aus mancherlei Merkmalen wissen wir schon längst,
daß es im allgemeinen stets dieselben Vögel sind, die zum alten Nest
zurückkehren, und der Beringungsversuch hat es neuerdings bestätigt.
Erst wenn die alten Inhaber den Weg alles Fleisches gegangen sind,
wird ein solcher Nistplatz für ihre Nachkommen oder für ihre
Vetternschaft frei. Im übrigen suchen sich die Jungvögel in der Nähe
anzusiedeln, und erst wenn hier schon alles übervölkert ist, schweifen
sie weiter in die Ferne, um sich etwas Passendes zu suchen, dadurch
unter Umständen zur Erweiterung der Verbreitungsgrenzen der Art
beitragend. Nun könnte man freilich fragen: Warum bleiben die Vögel
denn nicht einfach im Winterquartier und brüten daselbst? In der Tat
gibt es Vogelkenner, die z. B. die ersichtliche Verminderung unserer
Brutschwalben dadurch erklären möchten, daß unsere Schwalben mehr und
mehr in Nordafrika hängen bleiben und sich hier fortpflanzen, sich also
den gefährlichen Heimweg über das Mittelmeer schenken. Ich halte aber
diese Ansicht für durchaus verfehlt. Die bedauerliche Abnahme unserer
Brutschwalben hat ganz andere Ursachen, auf die aber hier nicht näher
eingegangen werden kann. Würden die europäischen Zugvögel in Afrika
auch brüten, so müßte dort sehr bald Raummangel, Übervölkerung und
Nahrungsknappheit eintreten, zumal dort die Schnabelweide namentlich
zur Trockenzeit durchaus nicht so bequem sich bietet, wie der Laie
gewöhnlich annimmt. Manche unserer Vögel sind auch hinsichtlich des
Aufzuchtfutters für ihre Jungen so stark spezialisiert, daß sie
vielleicht im Winterquartier gar nicht das Richtige finden würden. Vor
allem fällt aber der Umstand ins Gewicht, daß die tropischen Tage im
Sommer bedeutend kürzer sind als die nord- und mitteleuropäischen, daß
also nur eine viel kürzere Fütterungszeit zur Verfügung steht, etwa
12 Stunden, statt 16–18. Wir sehen ja, daß Spätbruten in vorgerückter
Jahreszeit, auch wenn es noch Kerbtiere genug gibt, bei uns immer nur
Schwächlinge liefern, die dem Kampfe ums Dasein nicht gewachsen sind.
Jungvögel solcher Arten brauchen eben naturnotwendig eine zeitlich
ausgedehnte Fütterung.

Wer und was sagt aber unsern Brutvögeln im Herbst, daß es nun Zeit
sei zum Aufbruch nach dem milderen Süden? Man denkt natürlich auch
hier zunächst an den allmählich sich geltend machenden Nahrungsmangel,
und in vielen Fällen trifft dies ja auch zu. Es gibt aber doch eine
ganze Reihe von Arten, die schon zu einer Zeit aufbrechen, wo es
noch Kerbtiere und andere Nahrung in Hülle und Fülle gibt, sie also
unmöglich Hunger leiden können. Eine andere Frage ist es freilich,
ob ihnen auch ihre +Lieblings+nahrung noch in genügender Menge und
erwünscht leichter Zugänglichkeit zur Verfügung steht. Über diesen
Punkt — viele Vögel sind recht leckerhafte und wählerische Geschöpfe
— wissen wir aber noch viel zu wenig, als daß wir hier ein sicheres
Urteil zu fällen vermöchten. Wenn die stürmischen Segler nach geradezu
hastig vollendetem Brutgeschäft schon anfangs August verschwinden,
so gibt es freilich noch Kerfe in Menge. Ob aber auch die winzigen
Vertreter der Insektenwelt, die sich in den höheren Luftschichten
tummeln und die Lieblingsnahrung des „Vogels Wupp“ bilden, wie der
unvergeßliche Hermann Löns die Turmschwalbe so treffend genannt
hat? Für den zeitigen Abzug der alten Kuckucke läßt sich schon eher
eine einleuchtende Erklärung finden, denn die behaarten Raupen, die
sie mit großer Vorliebe fressen und durch deren Vertilgung sie so
forstnützlich werden, verpuppen sich im Hochsommer, stehen also nicht
mehr zur Verfügung. Zum wirklichen oder scheinbaren Nahrungsmangel
kommen nun aber noch mancherlei Gründe hinzu. Da ist zunächst die
abnehmende Besonnung. Der Sonnentage werden immer weniger, und die
große Mehrzahl unserer Vögel gehört nun einmal zu den ausgesprochenen
Sonnenfreunden, die die wärmende und belebende Wirkung der Strahlen
des Tagesgestirns nicht entbehren können. Die Tage werden immer
kürzer, und damit vermindert sich die für die tägliche Nahrungssuche
zur Verfügung stehende Zeit in geradezu beängstigendem Maße. Die
Zärtlinge unter unseren gefiederten Freunden können nur wenige Stunden
hungern, ohne an Leib und Leben Schaden zu nehmen. Der erfahrene
Liebhaber beleuchtet abends künstlich die Käfige seiner Gelbspötter und
Sumpfrohrsänger, denn er weiß, daß diese Vögelchen sonst sehr rasch
von Kräften kommen und die gefährliche Wintermauser nicht überstehen
können, wenn sie nicht täglich etwa 12 Freßstunden haben, wie dies
ja auch in ihren tropischen Winterquartieren der Fall ist. Weiter
tritt auch hier die Abhängigkeit des Vogels von der Pflanzenwelt
klar in Erscheinung. Sobald die Pflanzen absterben, fehlen auch die
an ihnen lebenden Insekten, und sobald die Beeren- und Samenernte
aufgezehrt ist, muß auch der Körnerfresser wandern oder streichen,
um noch nicht ausgeplünderte Gegenden aufzusuchen. Das Gedeihen oder
Mißraten gewisser Sämereien beherrscht den ganzen Strich, wobei wir
nur an die auf Nadelholzzapfen angewiesenen Kreuzschnäbel zu denken
brauchen. Die dicke Herbstluft wird den meisten Vögeln auch nicht
gerade angenehm sein, und die ersten ernstlichen Frostnächte bewirken
einen geradezu fluchtartigen Abzug aller derer, die sich bei ihrem
gemütlichen Herbstbummel verspätet haben. Ich glaube weiter an einen
niederdrückenden Einfluß der im Herbst besonders zahlreich auftretenden
Nebel auf das Vogelgemüt. Es wird ihnen dann zu ungemütlich. Leiden
doch selbst wir Menschen, die wir doch viel weniger wetterempfindlich
beschaffen sind als die Vögel, ersichtlich unter dem verstimmenden
Einfluß der Herbstnebel, die das Licht abschließen und beklemmend auf
unser ganzes Nervensystem einwirken. Es ist die wehmütige Zeit des
Sterbens in der Natur, das freilich eigentlich gar kein Sterben ist,
sondern nur ein Ausruhen zum Aufspeichern neuer Kraft.

[Illustration: +Kreuzschnabel+

Typus des „Zigeunervogels“, aus dem der Zugvogel hervorging (Photo F.
Mielert D.L.N.)]

Wenn auch die Zugvögel auf ihren Wanderungen vom Zuginstinkt
vollständig beherrscht werden, neben dem der Fortpflanzungsinstinkt
völlig erloschen ist und selbst der Nahrungsinstinkt sehr zurücktritt,
so darf man deshalb doch nicht glauben, daß die Vögel ihre Wanderungen
sozusagen ganz blindlings vollziehen, und daß sie nicht imstande
wären, sich dabei veränderten Verhältnissen anzupassen. Der Zug
vollzieht sich also nicht rein schablonenmäßig, wie wir ja schon
aus dem Verhalten der Vögel bei verschiedener Witterung schließen
können. Aber auch die Tierseele selbst hat dabei mancherlei Wandlungen
durchzumachen. Wenn hochnordische Vögel zu uns kommen, die in ihrer
öden Heimat die Tücke des Menschen noch nicht kennen lernten, so
verblüffen sie uns förmlich, wenigstens in den ersten Tagen nach ihrer
Ankunft, durch ihre Zutraulichkeit. Ich habe in dieser Beziehung
die tollsten Sachen erlebt. Die prächtigen Hakengimpel, die ich in
einem meiner ostpreußischen Winter sehr zahlreich beobachten konnte,
kümmerten sich überhaupt nicht um den Menschen, und wenn sie auf
irgend einem Baume eingefallen waren, konnten die Dorfjungen ruhig am
Stamme heraufklettern, ihnen eine an einem Stock befestigte Schlinge
über den Kopf legen, sie so herunterziehen und dieses Spiel mehrmals
hintereinander wiederholen, ehe der Rest des Schwarms sich zum
Abstreichen entschloß. Einmal stand ich in Gesellschaft des jetzigen
Museumsdirektors Jacobi in Dresden an einem großen Wiesentümpel bei
Rossitten, als plötzlich zwei Wassertreter angeschwirrt kamen und
sich dicht vor uns niederließen. Wir konnten noch einige Schritte
näher herangehen, ohne daß sie fortflogen, und es war ein reizender
Anblick, wie die winzigen Federbällchen auf dem Wasser herumschwammen
und schließlich bis an unsere mit Tran eingeriebenen Stiefel gelangten
und nun eifrig an ihnen herumpickten. Wir wagten kaum zu atmen, um das
köstliche Bild nicht zu zerstören, sanken dabei aber immer tiefer in
den Sumpf ein, und erst als wir es nicht länger in unserer unbequemen
Stellung aushalten konnten und mit großem Geräusch unsere Stiefel
aus dem Schlamm herausziehen mußten, da strichen die lieblichen
Vögelchen mit klirrenden Rufen ab. Bekannt ist es ja auch, daß die
Seidenschwänze und die schlankschnäbeligen sibirischen Tannenhäher in
die plumpsten Fallen gehen und daß die Isländischen Strandläufer den
ungedeckten Schützen auf freiem Gelände auf jede beliebige Entfernung
herankommen lassen. Auch die Birkenzeisige sind überaus zutraulich,
und wenn die großen nordischen Gimpel bei uns eintreffen, kann man
sofort feststellen, daß sie lange nicht so ängstlich sind wie unsere
kleineren Brutgimpel. Aber das Bild ändert sich, sobald die Tiere
die Tücke des Menschen kennen gelernt haben, und es dauert gar nicht
lange, dann werden die anfangs so vertrauten Strandläufer, nordische
Enten usw. sogar recht scheu. Und wiederum ändert sich das Bild, sobald
die gefiederten Reisenden weiter südlich in mohammedanische Länder
kommen, da der Mohammedaner bekanntlich den Tieren nichts zuleide tut,
solange dies nicht für seine eigene Lebenserhaltung notwendig ist.
Die Raubvögel verlieren dort jede Scheu vor dem Menschen, und Reiher
und Störche laufen unbefangen im belebtesten Marktgewühl herum, um
Fleischabfälle zu ergattern.

Der Einfluß der +Witterung+ auf den Vogelzug ist früher zweifellos
überschätzt worden, aber noch zweifelloser wird er gegenwärtig, wo
man sich in allzu einseitiger Weise in den Beringungsversuch verbohrt
hat, stark unterschätzt. Es gibt heute viele Vogelzugsforscher, die
überhaupt jeden Einfluß der Witterung auf den Vogelzug leugnen und
infolgedessen Wetternotizen bei ihren Aufzeichnungen kaum noch machen.
Das ist sicherlich verfehlt. Wir wissen doch, wie sehr die Tierwelt
einschließlich des Menschen in ihrem Wohlbefinden und in ihrer Stimmung
von der Witterung abhängig ist, und in besonders hohem Maße muß dies
bei Geschöpfen zutreffen, deren Körper Luftsäcke enthält und deren
Knochen teilweise mit Luft gefüllt sind, wie dies bei den Vögeln der
Fall ist. Wer den Vogelzug nicht aus Büchern, sondern in der freien
Natur studiert, der kommt bald zu der Überzeugung, daß die jeweilige
Witterung dabei eine recht bedeutende, oft sogar eine ausschlaggebende
Rolle spielt. Jeder Schnepfenjäger weiß ja, daß er bei lauem, feuchtem
Frühlingswetter mit leisem Südwestwind gute Aussichten auf dem
Schnepfenstrich hat, während es ihm gar nicht einfallen wird, bei
kaltem Frost oder Schneefall sich auf die Langschnäbler anzustellen,
auch wenn die richtige Jahreszeit schon längst da ist. Ebenso wissen
die italienischen Vogelfänger aus der Wetterlage ganz genau, wann es
sich lohnt, die kleine Hütte bei ihrem Roccolo zu beziehen oder wann
nicht. Dieselben praktischen, aus langjähriger Erfahrung gesammelten
Kenntnisse haben auch die Krähenfänger auf der Kurischen Nehrung,
die aus den Witterungsverhältnissen mit größter Sicherheit schließen
können, ob sie einen guten Fang zu erwarten haben oder nicht. Auf
der Insel Zante bezeichnet man nach den Mitteilungen des bekannten
Mittelmeerforschers Erzherzog Ludwig Salvator eine bestimmte Wetterlage
geradezu als „Turteltauben-Wetter“, weil nur bei dieser Witterung
die ersehnten Turteltauben sich massenhaft einstellen. Ähnliches
gilt von den Wachtelzügen an den nordafrikanischen, italienischen
und syrischen Küsten oder von den großen Lerchenzügen in der Gegend
von Palermo, wo das Volk gleichfalls eine bestimmte Wetterlage als
„Lerchenwetter“ bezeichnet und an solchen Tagen mit der Ankunft von
etwa einer Million Lerchen rechnet, ebenso wie man im Golf von Smyrna
von „Schnepfenwetter“ spricht.

[Illustration: +Seidenschwanz+

ist im hohen Norden heimisch; kommt als Wintergast in manchen Jahren
sehr zahlreich nach Mitteleuropa (Photo Hubert Schonger)]

Ich gehe soweit, den Vögeln sogar eine gewisse +Vorausahnung+ des für
sie günstigen oder ungünstigen Wetters zuzuschreiben, und behaupte,
daß sie sich nach diesen Ahnungen bei ihrem Zuge richten. Das ist
natürlich nicht so gemeint, als ob die Vögel auf Wochen oder gar
Monate das Wetter vorausahnen, wie manche Leute glauben, daß also etwa
ein frühes Erscheinen von Wintervögeln auf einen strengen und harten
Winter schließen lasse oder ein zeitiges Eintreffen der gefiederten
Lenzesboten auf einen frühen und schönen Sommer. Wohl aber ahnen die
Vögel nach meinen Erfahrungen das Wetter auf 6–24 Stunden voraus und
zeigen namentlich plötzliche Wetterumschläge oder Wetterkatastrophen
mit ziemlicher Sicherheit für diesen Zeitraum an. So heißt es z.
B. in meinem Rossittener Tagebuch vom 3. Oktober 1895: „Bis mittag
Südostwind und heiteres Wetter, großartiger Zug von Krähen, Turmfalken
und Buchfinken. Am Mittag bricht der Zug plötzlich ab, und eine Stunde
später schlägt der Wind in einen böigen West um und bezieht sich der
Himmel mit dicken Regenwolken. Vom 4. bis 8. tobt dann ein furchtbarer
Sturm aus Westen und Südwesten!“ Die Zugvögel haben also offenbar
den schroffen Wetterumschlag und den orkanartigen Sturm vorausgeahnt
und deshalb ihren Zug jählings unterbrochen. Auch das Umgekehrte
kommt vor. So berichtet der bekannte bayrische Vogelforscher Pfarrer
Jäckel, daß am 24. und 25. Februar noch ungeheure Schneemassen sein
Beobachtungsgebiet bedeckten, daß trotzdem aber bereits die ersten
Lerchen erschienen, und daß gleich darauf der Wind nach Süden umschlug,
Tauwetter eintrat und mit dem Regen und der milderen Luft nun plötzlich
ein starker Vogelzug einsetzte, namentlich von Lerchen, deren Lieder
bald die ganze Gegend erfüllten. Hier haben die Lerchen also offenbar
den Umschlag vom winterlichen zum milden Frühlingswetter vorausgeahnt
und daraufhin ihren Zug wieder aufgenommen.

[Illustration: +Vogelzug im Pontisch-Kaspischen Gebiet+]

Am meisten gestritten worden ist über die Frage, ob die Vögel mit dem
+Winde+ ziehen oder gegen ihn. Kein Geringerer als Alfr. Edm. Brehm
vertrat die Ansicht, daß die Vögel auf ihren Wanderungen gegen den
Wind fliegen, weil es ihnen im umgekehrten Falle unangenehm sei, wenn
der Wind ins Rückengefieder blase. In der Tat kann man ja an jedem
Käfigvogel leicht feststellen, wie zuwider es ihm ist, wenn man ihm
Luft aufs Rückengefieder bläst, aber beim Vogelzug kommt das kaum in
Betracht, da der Durchschnittszugvogel schneller fliegt als eine starke
Windböe. Es ist auch richtig, daß größere Wasservögel stets gegen den
Wind auffliegen, selbst wenn sie sich dabei dem Jäger noch etwas nähern
müssen. Wer sie aber weiter mit dem Auge verfolgt, wird bald bemerken,
daß sie umschwenken, sobald sie eine gewisse Höhe erreicht haben, und
nun mit dem Winde viel schneller davonziehen. Jedenfalls kann der
mit dem Winde ziehende Vogel eine erheblich größere Geschwindigkeit
entwickeln als der gegen den Wind anfliegende, denn bei ihm würde dann
die Zugsgeschwindigkeit gleich sein der Eigengeschwindigkeit zuzüglich
der Windgeschwindigkeit. Bei dem gegen den Wind ziehenden Vogel
dagegen wäre die Zugsgeschwindigkeit gleich der Eigengeschwindigkeit,
vermindert um die Windgeschwindigkeit, also bedeutend geringer als im
ersten Falle. Im allgemeinen werden demnach die Vögel mit dem Winde
ziehen, was auch mit der praktischen Beobachtung übereinstimmt, da
sie ja einen großen Vorteil davon haben. Nur darf man den Einfluß
des Windes nicht überschätzen. Um schwachen Wind kümmern sie sich
im allgemeinen wenig, haben es sogar ganz gern, wenn ein solcher
schräg von der Seite bläst oder lavieren gegen Gegenwind an, so daß
ich manchmal auf der Kurischen Nehrung förmliche Zickzackbänder von
ziehenden Vögeln sich durch die Luft wälzen sah. Erst stärkere Winde
üben einen Einfluß aus. Im allgemeinen sind es also im Herbst Nordost-
und im Frühling Südwestwinde, die dem Vogelzug in unseren Breiten
förderlich sind, und da jene Kälte, diese aber Wärme mit sich zu
bringen pflegen, kann man auch einen gewissen Zusammenhang zwischen
Vogelzug und Temperatur feststellen, der an sich aber gleichfalls
keinen allzu großen Einfluß ausübt. Immerhin hat das oft so scharf
beobachtende Volk recht, wenn es die im Spätherbst über unsere Fluren
ziehenden Wildgänse als „Schneegänse“ bezeichnet, obwohl diese Tiere
mit den echten Schneegänsen nichts zu tun haben, sondern in der Regel
nordische Saatgänse sind. Sie sind aber häufig genug Vorboten von Frost
oder Schnee. Noch in dem launischen Dezember 1927 konnte ich sehr
hübsche Beobachtungen dazu machen. In Württemberg hatten sowohl die
Wetterwarten als auch die Tageszeitungen mildes Regenwetter für die
nächsten Tage vorausgesagt — aber es flogen große Züge von Schneegänsen
über meinen damaligen Aufenthaltsort Murrhardt, und denen traute ich
mehr. Sie waren auch tatsächlich die zuverlässigeren Wetterkundigen,
denn in den nächsten Tagen trat starker Frost und schwacher Schneefall
ein, von Regenwetter keine Spur.

Windstärke und Windrichtung sind in den einzelnen höheren oder tieferen
Luftschichten oft ganz verschieden, und natürlich suchen sich die
Wandervögel dann diejenige Luftschicht aus, in der die ihnen am besten
zusagenden Windverhältnisse herrschen. Dadurch kann die Höhe des
Vogelzugs innerhalb weniger Stunden mehrfach wechseln. Kräftigere Vögel
und stärkere Flieger werden in dieser Beziehung weniger empfindlich
sein als kleinere und schwächlichere oder ausgesprochen schlechte
Flieger. So kann es kommen, daß der Vogelzug sich gewissermaßen in
mehreren Stockwerken vollzieht, indem etwa dicht über der Erde, wo an
diesem Tag der Wind am günstigsten bläst, Singvögel ziehen, über ihnen
Rabenvögel und über diesen vielleicht Kraniche oder Störche, so daß man
einen ähnlichen Eindruck bekommt, wie etwa in den belebtesten Teilen
Berlins, wo der Verkehr mit Untergrundbahn, Straßen- und Hochbahn ja
auch in mehreren Stockwerken sich abwickelt. Steigert sich der Wind
zum Sturm, so unterbricht er jeden regelrechten Vogelzug. Die Vögel,
die ja das Hereinbrechen des Sturmes vorausahnen, beschleunigen ihre
Reise in den letzten Stunden nach Möglichkeit, um noch vor Ausbruch
des Unwetters geschützte Örtlichkeiten zu erreichen. Landvögel werden
in Wäldern und Buschwerk ja immer geeignete Zufluchtstätten finden
und gehen dann einfach zum Erdboden herab, um den Sturm über sich
hinwegbrausen zu lassen. Etwas Nahrung bietet sich an solchen Stellen
auch immer. Schlimmer sind die Seevögel dran, denn selbst wenn sie
gute Schwimmer sind, können sie doch den Kampf mit den hochgehenden
Wogen der von einem Orkan aufgepeitschten See nicht aufnehmen, und
oft genug werden sie vom Sturmwind aufs feste Land geworfen. Hier
machen sie einen rührend unbehilflichen Eindruck. Manche dieser
Vogelarten sind derart an das Meer und seine Küste gewöhnt, daß sie
alle Besonnenheit verlieren, wenn sie aufs feste Binnenland kommen und
hier gar nicht auffliegen, obwohl sie es recht gut könnten. So kann man
verschlagene Sturmtaucher, Seetaucher und dergleichen, wenn sie auf
eine freie Landfläche geworfen werden, manchmal buchstäblich mit den
Händen ergreifen, ohne daß sie den Versuch machen, ihre Schwingen zu
lüften. Offenbar fällt ihnen auch an sich das Auffliegen vom Erdboden
schwer. Werden Landvögel bei einem Flug über das Meer vom Sturme
überrascht, so geht es ihnen oft traurig genug. Viele finden dann in
den Wellen ihren Tod, andere werden an die nächste Küste geworfen und
kommen dann hier in so völlig ermattetem Zustand an, daß sie jeder
Nachstellung schutzlos preisgegeben sind. So schrieb mir der Sammler
Rettich aus Malcoci-Tulcea einmal über einen verunglückten Vogelzug
folgendes: „In der Nacht vom 12. zum 13. September 1910 herrschte
starker ~ONO~-Sturm an der Küste des Schwarzen Meeres. Der Durchzug
der Wachteln, Schwalben und Wildtauben muß in dieser Nacht ein enorm
starker gewesen sein. Am Morgen des 13. September fand man in Sulina
die Straßen wie besät mit toten Wachteln und Schwalben, vereinzelt fand
man auch Wildtauben. Im Hafen und am Meeresstrande sah man unzählige
tote Wachteln und Schwalben auf dem Wasser treiben. Hunderte von
Wachteln, welche durch den Anprall an die Häuser oder Telegraphendrähte
wie betäubt oder geflügelt waren und teilweise stumpfsinnig dasaßen,
teilweise verzweifelt in den Straßen herumhuschten, wurden bei der im
Lauf des Morgens sich entwickelnden allgemeinen Wachteljagd zur Strecke
gebracht. Die Leuchtturmwächter sammelten an diesem Morgen neben
vielen anderen Vögeln vier große Säcke — etwa 400 Kilogramm! — toter
Wachteln auf.“ Man sieht, welch gewaltige Einbußen wandernde Vogelheere
durch solche Wetterkatastrophen erleiden können, und da die Vögel
stammweise ziehen, d. h. die Brutvögel derselben Gegend sich auf der
Wanderung zusammenhalten, so kann es leicht geschehen, daß z. B. der
Schwalbenbestand einer bestimmten Gegend dadurch nahezu vernichtet wird
und im folgenden Jahr nur sehr wenig Schwalben an die alten Brutplätze
zurückkehren. Die Leute wundern sich dann darüber und erschöpfen sich
in allerlei Mutmaßungen. Wie wir aber sahen, ist die richtige Erklärung
für solche Erscheinungen gar nicht schwer zu finden. Die Wanderung
mit ihren vielen Unbilden und Gefahren ist ja überhaupt ein strenger
Prüfstein dafür, ob eine Vogelart dem Kampfe ums Dasein gewachsen,
also des Fortbestandes wert ist, und die Natur zeigt sich dabei als
eine unerbittliche, manchmal geradezu grausame Zuchtmeisterin. Es kann
vorkommen, daß der Sturm ein wanderndes Vogelheer auf ein kleines,
kahles Felseneiland wirft, das aller geeigneten Nahrungsmittel bar ist,
und es hier mehrere Tage lang blockiert, so daß die armen Reisenden
elendiglich verhungern müssen, falls sie es nicht vorziehen, bei
verzweifelten Fluchtversuchen lieber zu ertrinken. So führt auch der
Vogelzug zur Vernichtung der Schwächlinge und zur Auslese der Stärksten
und Kräftigsten und besitzt auch nach dieser Richtung hin eine nicht zu
unterschätzende biologische Bedeutung.

Neben Sturmwind und Orkan wirkt noch ein anderer Faktor sehr ungünstig
auf den Vogelzug ein, und das ist dichter +Nebel+, der den wandernden
Vögeln trotz der Ölkügelchen in ihren Augen jede Fernsicht versperrt,
ihnen dadurch das Zurechtfinden erschwert und schließlich unmöglich
macht. Starker Nebel bringt nach meinen Erfahrungen jeden Vogelzug
sofort zum Stocken und oft in heillose Unordnung. Die Vögel irren dann
wie von Sinnen herum und wissen nicht, wohin sie sich wenden sollen,
werfen sich schließlich zum Ausruhen an die erste beste Örtlichkeit,
mag sie an sich noch so ungeeignet sein. Dann findet man Wasserhühner
in Tannendickichten und Teichhühnchen in Gartenlauben oder offenen
Scheunen. Wie schlecht selbst die scharfgesichtigen Raubvögel schon bei
nicht allzu starkem Nebel sehen, das konnte ich einmal auf der Insel
Gran Canaria beobachten. Dort gab es auf dem Gipfel des Pico Osonio
regelmäßig Gabelweihen, und ich hätte gern einige Stücke für meine
Sammlung gehabt. Aber lange Zeit blieben alle meine Nachstellungen
den scharfsinnigen und mißtrauischen Vögeln gegenüber vergeblich, bis
einmal, als ich gerade auf diesem Berge weilte, plötzlich dichter Nebel
einsetzte; da waren auch die Gabelweihen wie geblendet und umflogen
mich schreiend auf ganz kurze Entfernung, obwohl ich offen und ohne
jede Deckung auf dem kahlen Gipfel stand, so daß ich in kaum einer
halben Stunde mehrere Stücke erlegen und auf diese Weise meine Sammlung
kanarischer Vögel in der gewünschten Weise ergänzen konnte. Auf der
Kurischen Nehrung fingen sich unter ähnlichen Umständen regelmäßig
viele Vögel in den zum Trocknen ausgespannten Fischernetzen, die sie
offenbar nicht sehen konnten. Ganze Züge wurden von der gewohnten
Richtung längs der Nehrung abgeleitet und kamen aufs litauische Ufer
hinüber. Ich muß dabei unwillkürlich immer wieder an die Mißweisung
der Kompaßnadel bei recht starkem Nebel denken, die schon so viele
Schiffsunglücke verursacht hat. Irgendein innerer Zusammenhang
zwischen beiden Erscheinungen besteht nach meiner Überzeugung ganz
sicherlich, obwohl wir ihn vorläufig nicht ergründen können. Aber
vielleicht war doch der alte Middendorff auf dem richtigen Wege, als
er den Richtungssinn der Wandervögel mit erdmagnetischen Einflüssen in
Zusammenhang zu bringen suchte. Die Zunftgelehrten haben ihn freilich
dieserhalb verlacht, aber das ist noch lange kein Gegenbeweis.

Durch Sturm und Nebel können also wandernde Vogelscharen unter
Umständen nach allen Richtungen der Windrose hin zersprengt und
einzelne Stücke weit von der gewohnten Luftbahn abgetrieben werden,
so daß sie schließlich in Gegenden auftauchen, wo man sonst niemals
einen Vertreter ihrer Art zu sehen bekommt. Man spricht in solchen
Fällen von +Irrgästen+. Hierher gehört es z. B., wenn plötzlich am
Rhein ein Flug Flamingos erscheint oder eines schönen Tages auf einem
schlesischen Teiche ein mächtiger Pelikan herumschwimmt, wenn über dem
Hagenbeckschen Tierpark in Stellingen Geier kreisen, wenn auf einem
kahlen Felde bei Ludwigsburg ein Papageitaucher gefangen oder gar auf
dem Stuttgarter Güterbahnhof ein Wasserscherer (~Puffinus kuhli~)
ergriffen und in einer belebten Straße Breslaus eine Sturmschwalbe
(~Thalassidroma pelagica~) von einem Fuhrmann mit der Peitsche
erschlagen wurde. Immerhin sollte man mit der Bezeichnung „Irrgast“
sparsamer und vorsichtiger umgehen, als es gemeiniglich geschieht.
Namentlich bei großen Schwimm- und Stelzvögeln wird es sich oft
genug nicht um Irrgäste aus freier Natur, sondern um Flüchtlinge
aus den Tiergärten und Tierhandlungen handeln, wo solche Vögel ja
vielfach in halb freiem Zustande auf den Teichen und Vogelwiesen
gehalten werden. Sorgfältige Erkundigungen nach dieser Richtung hin
erscheinen deshalb bei solchen Vorkommnissen stets dringend geboten.
— Weiter ist zu bedenken, daß viele solcher „Irrgäste“ wahrscheinlich
überhaupt zur Zugzeit gar keine so großen Seltenheiten sind, wie man
anzunehmen pflegt. Aber wie viele Menschen gibt es denn bei uns, die
z. B. genau auf die schwierig zu beobachtenden östlichen Laubsänger-
und Rohrsängerarten achten, und sie von den einheimischen Formen zu
unterscheiden vermögen? Früher zur Zeit des Dohnenstiegs gelangten
sibirische Drosselarten gar nicht selten in unsere Museen. Das hat seit
dem an sich ja sehr gerechtfertigten Verbot des Krammetsvogelfanges
nahezu aufgehört, aber trotzdem wird niemand behaupten wollen, daß
solche Vögel nicht mehr durch Deutschland ziehen, wenn natürlich auch
immer in nur geringer Zahl. Es fehlt eben jetzt nur an der Gelegenheit,
solche Seltlinge auch zu erwischen. Für gewisse sibirische Drosseln
und Laubsänger bedeutet ein Auftreten auf deutschem Boden oder in
Helgoland nicht eigentlich ein Abweichen von dem gewohnten Weg oder
gar ein Verschlagenwerden, sondern nur ein Hinausschießen über das
Ziel auf der großen ostwestlichen Zugstraße. Ich möchte sie deshalb
nicht als eigentliche Irrgäste bezeichnen. Selbst amerikanische Arten
sind gelegentlich schon in Europa vorgekommen, namentlich in England
und auf Helgoland. Auf welchem Wege mögen sie wohl diese ungeheure
Entfernung bewältigt haben? Insofern es sich um Wasservögel handelt,
die wie etwa die Möwenarten bei nicht allzu bewegter See schwimmend auf
dem Meere auszuruhen vermögen, sind sie meines Erachtens sicherlich
über den Atlantik zu uns herübergekommen. Verstärkt wird diese Annahme
noch dadurch, daß ja umgekehrt auch zwei beringte deutsche Lachmöwen
auf der Insel Barbados und an der Südküste des Golfs von Mexiko
geschossen wurden, also gleichfalls den Atlantik überflogen und dabei
die gewaltige Entfernung von 14000 Kilometern zurückgelegt haben. In
England beringte Dreizehenmöwen sind gleichfalls schon jenseits des
Ozeans in Labrador und Neufundland festgestellt worden. Aber auch für
Landvögel wie für amerikanische Drosseln halte ich den Flug über das
„große Wasser“, das ihnen vielleicht doch mehr als der „Ententeich“
erscheint, für denkbar, namentlich von der Neuen Welt zur Alten,
was ja bei den vorherrschenden Luftströmungen nach den Erfahrungen
waghalsiger Flieger ungleich leichter ist als der umgekehrte Weg.
Abgesehen davon, daß die Bermudas, die Azoren und verschiedene
Felsklippen unterwegs Ausruhegelegenheiten bieten, weiß ja jeder, der
selbst einmal eine größere Seereise und insbesondere die Überfahrt
von Europa nach Amerika mitgemacht hat, wie häufig rastsuchende Vögel
das Schiff umschwärmen und sich schließlich auf ihm niederlassen. Sie
blieben dort nur so lange, bis sie wieder frische Kräfte gesammelt
und sich an den von gutmütigen Menschen gespendeten Nahrungsbrocken
gestärkt hatten, und flogen dann wieder ab, auch wenn noch gar kein
Land in Sicht war. Gerade diese meist befahrene Strecke der Welt hat
aber einen derartig regen Schiffsverkehr, daß der sie überfliegende
Vogel kaum jemals ernstlich wegen Ausruhegelegenheiten in Verlegenheit
kommt und bei einigermaßen günstigem Wetter einem frühen Wellengrab
entgehen wird. Natürlich sind und bleiben das immerhin nur seltene
Ausnahmefälle, und bei Sturmwetter sind die Vögel dem Untergang
verfallen. Da aber nicht nur die kräftigeren Drosseln, sondern auch
die zarten Waldsänger Nordamerikas (sogar der dortige Eisvogel und die
Rohrdommel) gelegentlich nach Europa kommen, so hat auch die zuerst von
Gätke vertretene und dann von der Mehrzahl der Vogelforscher geteilte
Ansicht gewiß ihre Berechtigung, daß solche Vögel auch auf dem Landwege
zu uns gelangen können, indem sie die schmale Beringstraße übersetzen
und dann in Sibirien ständig westwärts ziehen. Freilich kommen dabei
noch viel gewaltigere Strecken in Betracht, aber der Flug führt seiner
ganzen Ausdehnung nach über offenes und flaches, keinerlei Hindernisse
bietendes Gelände mit zahllosen guten Futterplätzen, und in solchem
Falle gibt es für einen Vogel überhaupt keine Entfernung, die er nicht
zu bewältigen vermöchte. Jedenfalls steht diese Auffassung in Einklang
mit dem unverkennbaren „Zug nach Westen“, der sich wie ein roter Faden
durch das ganze Tierreich einschließlich des Menschen hindurchzieht
und vielleicht mit der Erdrotation in Zusammenhang zu bringen ist.
Klarheit könnte in diese Sache erst kommen, wenn es einmal gelänge,
nordamerikanische Vögel genannter Arten in Sibirien nachzuweisen.
Aber wer achtet in den unendlichen Einöden Sibiriens auf kleine,
unscheinbare Vögelchen? Sicher ist es aber andererseits, daß auch
unter den Landvögeln wenigstens so ausgezeichnete Flieger, wie es die
Regenpfeifer sind, die überhaupt zu den gewaltigsten aller Wanderer
gehören, den Flug über weite Meeresstrecken keineswegs scheuen.
Allerdings besitzen auch sie die Fähigkeit, sich bei ruhiger See
schwimmend auf der Wasseroberfläche auszuruhen, und sie finden dabei
auch wohl etwas Nahrung. Es ist festgestellt, daß z. B. ~Charadrius
dominicus~, ein naher Verwandter unseres Goldregenpfeifers, von Alaska
nach den Hawai-Inseln zieht, wobei er von den Aleuten bis Honolulu
eine offene Meeresstrecke von 3000 Kilometer zu überwinden hat.
Nimmt man an, daß er als einer der schnellsten Flieger 90 Kilometer
Eigengeschwindigkeit in der Stunde entwickelt und mit einem Winde von
10 Sekundenmetern zieht, so würde er zur Bewältigung dieser Strecke
etwa 24 Stunden brauchen. Ich kann mir nicht gut denken, daß eine
solche Flugleistung ohne Ruhepause möglich ist, denn schließlich ist
auch der ausdauerndste Vogel kein Motor, sondern ein Geschöpf aus
Fleisch und Blut.

Um nochmals auf den Begriff der Irrgäste zurückzukommen, sei hier noch
bemerkt, daß auch Erdkatastrophen, wie Erdbeben und Vulkanausbrüche,
eine plötzliche Auswanderung der Vogelbevölkerung der betroffenen
Gegend bewirken, und daß dann solche Vögel plötzlich als unvermutete
Irrgäste in weit entfernten Ländern auftauchen können. Offenbar
flüchten die Vögel vor Schreck und Angst halb besinnungslos in
kopfloser Verwirrung so rasch und so weit, wie ihre Schwingen sie
nur tragen können, und machen nicht eher halt, als bis sie sich
einigermaßen wieder beruhigt haben. So erschienen nach dem furchtbaren
bucharischen Erdbeben des Jahres 1907 zahlreiche Trupps ermatteter
Flamingos in den verschiedensten Teilen Rußlands.

Bei plötzlichem Witterungswechsel wird der Beobachter fast immer auf
einen starken Vogelzug in der einen oder anderen Form rechnen dürfen,
aber andererseits gibt es auch Zeitabschnitte, namentlich solche mit
anhaltend gutem Wetter, wo man von Wandervögeln fast nichts zu sehen
bekommt. Eines schönen Tages sind unsere gefiederten Freunde eben
wieder an ihren Brutplätzen eingetroffen, aber vom Zuge selbst hat man
so gut wie nichts gemerkt. Er hat sich sozusagen +insgeheim+ vollzogen.
Es muß immer wieder betont werden, daß wir — von wenigen besonders
günstigen Beobachtungspunkten abgesehen — vom Vogelzuge hauptsächlich
nur die Unregelmäßigkeiten und Abweichungen zu sehen bekommen und
diese nicht mit dem regelrechten Zugverlauf verwechseln dürfen. Ob
wohl die Mondphasen vielleicht auch einen bestimmten Einfluß auf den
Vogelzug haben, insbesondere auf die Aufbruchzeiten? Spielen vielleicht
gar Nordlichter irgendwie eine Rolle? Oder sonstige Einwirkungen
kosmischer Art, namentlich Sonnenfleckenperioden? Über alle diese Dinge
ist noch so auffallend wenig gearbeitet und beobachtet worden, daß
sich derartige Fragen mit Bestimmtheit weder verneinen noch bejahen
lassen und von einem Eindringen in Einzelheiten vorläufig gar keine
Rede sein kann. Hier müßten Laboratoriumsversuche einsetzen, um die
Empfindlichkeit lebender Zugvögel gegen Einflüsse verschiedenster Art
genau festzustellen und ihr Verhalten dabei sorgsam zu beobachten. Daß
aber die Vögel im allgemeinen lieber in mondhellen Nächten ziehen
werden als in ganz finsteren, erscheint aus naheliegenden Gründen sehr
wahrscheinlich.

Weit näher als diese Dinge liegt es freilich für den Vogelzugsforscher,
an eine Beeinflussung des Zugsverlaufs durch den +Luftdruck+,
insbesondere durch den Verlauf der barometrischen Depressionen zu
denken, die ja so bestimmend auf die Wetterbildung einwirken. Muß
doch der Vogel als ausgesprochenes Lufttier gegen Schwankungen und
Veränderung des Luftdrucks ganz besonders empfindlich sein. Indessen
ist die Lösung auch dieser Frage kaum erst in Angriff genommen und
überhaupt keineswegs so einfach, wie es zunächst den Anschein haben
könnte. Die Ansichten selbst der Fachmeteorologen stehen sich hier
vorläufig noch recht schroff gegenüber, und es sind weitere und
ausgedehntere Untersuchungen deshalb dringend nötig. Marek glaubt, daß
der Beginn des Herbstzuges verursacht werde durch die Vorstöße der
barometrischen Maxima von Norden gegen Mittel- und Südeuropa, während
umgekehrt Vorstöße des subtropischen Barometermaximums gegen Norden
den Beginn des Frühlingszuges auslösen. Der Herbstzug gliedere sich in
mehrere Abschnitte, was von den Vorstößen der barometrischen Maxima
abhängt. Im Frühling wandern die Zugvögel auf der Äquatorialseite
der barometrischen Depressionen. Unregelmäßigkeiten im Vogelzuge
finden hauptsächlich bei veränderlichem Wetter statt, wie es durch
eine mannigfache und wechselnde Luftdruckverteilung hervorgerufen
wird. Zu ganz ähnlichen Anschauungen ist auch Hübner auf Grund seiner
planvollen Beobachtungen des Rotkehlchenzuges in Pommern gelangt.
Gallenkamp, der sich hauptsächlich auf die eingehende Beobachtung des
Rauchschwalbenzuges in Bayern stützt, fügt noch ergänzend hinzu, daß
weniger die absolute Höhe, als vielmehr die größere oder geringere
Gleichmäßigkeit des Luftdrucks maßgebend ist. Auch der Ungar Hegyfoky,
dem die gewaltige Datenfülle der „Ungarischen Ornithologischen
Zentrale“ zur Verfügung stand, nimmt eine starke Beeinflussung des
Vogelzuges durch die Witterung und namentlich durch den Luftdruck an,
ist aber in den Einzelheiten vielfach zu abweichenden Ergebnissen
gelangt. Gutes Wetter und steigende Temperatur beschleunigen seiner
Auffassung nach im Frühjahr den Vogelzug, während fallende Temperatur
und schlechtes Wetter ihn verlangsamen, was ja mit den praktischen
Erfahrungen der Jäger und Vogelfänger durchaus im Einklang steht.
Längere Zeit anhaltender hoher Luftdruck, der der Sonnenbestrahlung
genügend Zeit zur Erwärmung der Erdoberfläche läßt, hat frühzeitige
oder doch wenigstens normale Ankunftsdaten im Gefolge. Auch
Depressionen im nordwestlichen Teile Europas mit gleichzeitigem
Hochdruck im Südosten sind von ähnlicher Wirkung, während Depressionen
im Südosten mit gleichzeitigem Hochdruck im Nordwesten Verzögerungen
des Frühlingszuges hervorrufen. Im ganzen ist Hegyfoky sehr geneigt,
die +Wärme+ als den eigentlichen entscheidenden Witterungsfaktor beim
Vogelzug anzusehen, und hier begegnet er sich wieder mit den schon
1855 ausgesprochenen Anschauungen des großen russischen Forschers v.
Middendorff.


Dieser hatte seine Vogelzugsstudien im europäischen und asiatischen
Rußland angestellt und auf Grund derselben den Begriff der
+Isepiptesen+ in die ornithologische Wissenschaft eingeführt. Es
sind das Linien, welche die Orte gleicher Ankunftsdaten derselben
Vogelart miteinander verbinden, ähnlich wie wir aus der Erdkunde schon
längst den Begriff der Isothermen kannten, also Verbindungslinien von
Orten mit gleicher Durchschnittswärme. Daß beide in einem gewissen
Zusammenhang miteinander stehen, läßt sich schon daraus entnehmen,
daß sie vielfach parallel zueinander verlaufen. In der Tat sind die
Isepiptesen, die man sehr mit Unrecht in den letzten Jahrzehnten
ganz vernachlässigt hat, eines der ausgezeichnetsten Mittel zur
Erforschung des Vogelzugs. Klarer als irgendein anderes lassen sie
dessen Abhängigkeit von der Witterung und namentlich vom Fortschreiten
der Wärme sowie vom Erwachen der Pflanzen- und Kerbtierwelt im
Frühjahr erkennen, deutlicher als irgendein anderes die tägliche
Flugleistung der Zugvögel verfolgen, unverkennbar das Vordrängen der
westlichen Front und das Zurückbleiben des Ostflügels feststellen.
Dies gilt ganz besonders von solchen Vogelarten, die nicht auf mehr
oder minder schmalen Zugstraßen, sondern in breiter Front ziehen und
deren Weg über große, ebene, von Gebirgen, Wüsten, Meeren und andern
schwer zu überwindenden Querriegeln freie Landmassen hinwegführt,
wie dies ja in Rußland und Sibirien der Fall ist. Wo freilich das
Gelände sehr wechselvoll sich gestaltet und insbesondere von höheren
Gebirgszügen durchsetzt wird, die von den Vögeln erfahrungsgemäß erst
erheblich später besiedelt werden als die umliegenden Ebenen und
Hügellandschaften, da verwirren sich die Isepiptesen zu sehr, als daß
man noch ein klares Bild aus ihnen gewinnen könnte.

Fassen wir alles zusammen, was wir nach dem heutigen Standpunkte der
Zugsforschung über das gegenseitige Verhältnis zwischen Vogelzug
und Witterung wissen, so können wir etwa sagen: die einzelnen
Witterungsfaktoren (z. B. Wind) üben an sich keinen sehr starken
Einfluß auf den Vogelzug aus, wohl aber ist ihre +Gesamtheit+, also
das, was wir gewöhnlich „Wetter“ nennen, für dessen Verlauf vielfach
maßgebend, oft sogar entscheidend.

[Illustration: +Die Isepiptesen Rußlands+

(Linien, welche Orte gleicher Ankunftsdaten derselben Vogelart
miteinander verbinden)]

Nicht selten kommt es vor, daß im Frühjahr schon eingetroffene
Zugvögel oder die gerade durchziehenden Arten von einem Wettersturz
überrascht und womöglich noch in alle Unbilden eines Nachwinters
verwickelt werden. Was tun sie dann, um dieser Not zu entgehen? Auch
diese Frage läßt sich so im allgemeinen nicht beantworten, und sichere
Beobachtungen liegen überhaupt nur wenige vor. Der Laie wird sich ohne
weiteres sagen: nun, die Vögel können ja gut fliegen, sie werden sich
also einfach, wenn die Sache zu ungemütlich wird, wieder der Kraft
ihrer Schwingen anvertrauen und wieder ein Stück südwärts ziehen, wo
sie bessere Verhältnisse vorfinden, um hier abzuwarten, bis sich auch
in ihrer Brutheimat die Wetterlage wieder günstiger gestaltet hat. Das
ist nun aber keineswegs der Fall; im Gegenteil sind solche +Rückzüge+
verhältnismäßig selten. Am häufigsten werden sie noch bei Schwalben
beobachtet, namentlich bei den zuerst eintreffenden Rauchschwalben, die
bei einem Wettersturz oft plötzlich wieder verschwunden sind, um erst
nach Wochen wiederzukehren, so daß kaum etwas anderes übrig bleibt,
als anzunehmen, daß sie sich vor dem schlechten Wetter wieder nach
Süden geflüchtet haben. Einen großartigen Rückzug in allen Einzelheiten
konnte ich Ende März 1922 im Welzheimer Wald (Württemberg) beobachten,
und diese Beobachtung vermittelte so nachhaltige Eindrücke, daß ich
hier etwas näher darauf eingehen möchte. Mitte März gab es dort bis
zum 18. einige schöne und sonnige, wenn auch kalte Tage. Aber dann
setzte ein wahrer Hexensabbat ein. Mehrere Tage hindurch tobte ein
abscheuliches Schlackwetter, das am 23. in dichten Schneefall überging.
Dem Auge bot sich eine vollständige Winterlandschaft, ebenso am 24.,
wodurch die schon eingetroffenen Vögel in die größte Not gerieten.
Diese steigerte sich zur Katastrophe, als am 25. früh zu allem Ungemach
auch noch starkes Glatteis einsetzte. Es war ein großes Glück, daß
die nächste Nacht wieder Tauwetter brachte, denn sonst wäre von den
Beständen gewisser Vogelarten wohl nur wenig übrig geblieben. Übel
mitgespielt wurden namentlich denjenigen Arten, die ihre Nahrung auf
dem Boden zu suchen gewohnt sind, also Finken, Lerchen, Piepern,
Bachstelzen, Rotkehlchen, Drosseln usw., während diejenigen, die, wie
Meisen, ihre Nahrung in den Baumwipfeln suchen, viel besser daran
waren, ebenso die Gimpel, die an den schwellenden Obstknospen genügend
Nahrung fanden. Wie bös das Unwetter in der Vogelwelt gehaust hat,
möge der Umstand beweisen, daß ich allein auf der kaum drei Gehminuten
langen Strecke vom Bahnhof bis zum Wirtshaus im nahen Schlechtbach
am 25. bei einer einzigen Begehung und ohne sonderlich zu suchen,
tot aufgefunden habe: 7 Buchfinken, 2 Bergfinken, 7 Rotkehlchen, 1
Zilpzalp, 1 Feldlerche, 1 Heidelerche, 5 Bachstelzen, 1 Baumpieper
und 8 Singdrosseln. Meine Sekretärin hatte in diesen Tagen alle Hände
voll zu tun mit dem Abbalgen der aufgesammelten Vögel, obgleich nur
die allerschönsten zum Präparieren bestimmt wurden. Ein wahrhaft
herzzerreißender Anblick bot sich mir, als ich am Nachmittag des 24.
März von Rudersberg nach dem nur 10 Minuten entfernten Oberndorf ging.
Zu seiten der Fahrstraße ziehen sich hier kleine Abzugsgräben hin, und
in diesen wimmelte es buchstäblich von halbverhungerten Vögeln. Auf
Schritt und Tritt scheuchte man sie auf, wobei die noch kräftigeren auf
den nächsten Baum flatterten, die schwächeren aber gleichgültig sitzen
blieben und sich fast mit Händen greifen ließen. Hauptsächlich handelte
es sich um Stare, Drosseln, Rotkehlchen, Goldammern und Bergfinken,
aber auch einige Heckenbraunellen waren dazwischen. Es war ein wahrer
Jammer! Natürlich hatten die Hauskatzen und die zahlreichen Fixköter
gute Zeit und schwelgten in Mordlust und Vogelbraten, und auch die
Krähen fanden einen gedeckten Tisch. Bedenkt man, daß doch nur ein
ganz geringer Prozentsatz der umgekommenen Vögel auch aufgefunden und
von diesen wiederum nur ein geringer Teil mir eingeliefert wurde, so
müssen die Verheerungen, die dieser verhängnisvolle Wettersturz dem
Bestand bestimmter Arten zugefügt hat, als ganz entsetzlich bezeichnet
werden, was namentlich von den lieblichen Rotkehlchen und Bachstelzen
gilt. Sehr arg mitgenommen wurden die Buchfinken: stellenweise lag ein
Dutzend Leichen beisammen, und alle hatten Kropf und Magen völlig leer
bei stark abgemagertem Körper. Seltsam aber muß es erscheinen, daß
ebenso stark auch die Bergfinken litten, die man als ausgesprochene
Nordländer eigentlich für härter hätte halten sollen. Den ganzen
Winter über war diese Vogelart nur in mäßiger Zahl vertreten gewesen,
aber zur Zeit der Wetterkatastrophe war sie plötzlich in Unmassen
da. Allem Anschein nach ist ein riesiges Bergfinkenheer durch das
westliche Deutschland auf der Rückkehr nach seiner nordischen Heimat
begriffen gewesen, als es von dem Unwetter überrascht wurde und sich
unter dessen grausamem Druck in eine Anzahl kleinerer, aber noch immer
sehr vielköpfiger Abteilungen zersplitterte. Hiermit stimmen auch die
mir zugegangenen Meldungen aus anderen Teilen des Landes gut überein.
Als Tauwetter eintrat, zogen die Trümmer des Bergfinkenheeres sofort
weiter, nur Versprengte und Nachzügler blieben zurück. Noch weit über
unser Neckarland hinaus hat sich die gleiche Erscheinung geltend
gemacht, wie mir z. B. aus Westfalen berichtet wurde. — Ähnlich wie
bei den Finken verhielt es sich bei den Drosseln, indem auch hier eine
nordische Art, nämlich die Weindrossel, eine fast ebenso umfangreiche
Verlustliste aufzuweisen hatte wie die Singdrossel. Diese Vögel
bekunden merkwürdigerweise wenig Widerstandsfähigkeit. Seltener wurden
Feld- und Heidelerchen aufgefunden, und Rauchschwalben, Wendehälse und
Hausrotschwänzchen sowie Laubsänger waren während des Wettersturzes
plötzlich verschwunden, haben also offenbar einen Rückzug angetreten.
Schon am 22. März sah ich große Vogelscharen, anscheinend hauptsächlich
Feldlerchen, das Wieslauftal abwärts nach Süden ziehen, um bei
Schorndorf das Remstal zu erreichen und durch dieses dann den Anschluß
an das Neckartal zu gewinnen. Es war, als hätten diese flüchtenden
Vögel eine Vorahnung von dem am nächsten Tage einsetzenden Schneesturm.
Vom Neckartal strebten sie nach dem Bodenseegebiet, und wunderbar paßt
hierzu ein Bericht meines damaligen Assistenten, Herrn Bernhoft-Osa,
den ich zu gleicher Zeit in Langenargen am Bodensee stationiert hatte.
Während die Zugverhältnisse dort im allgemeinen enttäuschten, zog doch
am 22. März ein ununterbrochener Schwarm von Kleinvögeln längs der
Küste, und mitten im Dorf suchten sich nicht nur solche Singvögel,
sondern auch Bekassinen, Kiebitze und Rotschenkel ihre Nahrung. Am 24.
war dieser flüchtende Rückzug beendigt, und man fand viele matte und
umgekommene Vögel. Die Zugrichtung war nach Westen, ging also nach dem
Rheinknie bei Basel, von wo dann längs des Jura die bekannte große
Zugstraße nach dem Rhonetal führt. In großartiger Weise werden diese
Mitteilungen weiter ergänzt durch einen Bericht aus Basel, wo am 24.
März ein Massenrückzug beobachtet wurde, der sich gleichfalls Hals
über Kopf und ausgesprochen fluchtartig vollzog. Die Vogelmengen waren
so groß, wie sie selbst an dem Vogelzugsknotenpunkt Basel bisher nie
beobachtet wurden. Sogar ausgesprochene Nichtwanderer, wie Amseln,
hatten sich der allgemeinen Flucht angeschlossen, woraus wieder einmal
hervorgeht, wie fortreißend das Beispiel in der Vogelwelt wirkt, die
ja sehr auf Nachahmung eingestellt ist. Die sonst gewahrte Zugsordnung
wurde bei der Hast dieser Flucht völlig außer acht gelassen, und
alle eilten stumm dahin, ohne daß die sonst üblichen Lockrufe hörbar
wurden. In langen, oft viele hundert Meter messenden Ketten und in
umfangreichen Wolken, die von einer Unmenge regellos flüchtender
Einzelreisender durchflogen und begleitet waren, enteilten die sonst
so daseinsfrohen Sänger der dem Winter zurückgegebenen Heimat. Ein Zug
folgte ununterbrochen dem andern, und so weit der Blick in die Ferne
reichte, war überall dieses außergewöhnliche und großartige Schauspiel
festzustellen. Unzählige Flüchtlinge werden unterwegs zugrunde
gegangen sein, da sie mit leerem Magen die Reise antreten mußten.
Die Zusammenstellung Welzheimer Wald-Bodensee-Basel deckt nicht nur
in interessanter Weise den Verlauf einer wichtigen südwestdeutschen
Zugstraße auf, sondern sie beweist vor allem schlagend, daß es in der
Tat im Frühjahr unter besonderen Verhältnissen zu großen Rückzügen der
schon eingetroffenen Zugvögel kommen kann, eine Tatsache, die bisher
von manchen Vogelforschern lebhaft bestritten wurde. Zugleich sehen
wir, daß solche Rückzüge einen wesentlich anderen Charakter tragen als
die regelrechten Wanderungen.

[Illustration: +Massen-Vogelzug+ — eine seltene photographische
Aufnahme]

Warum vertrauten sich nun aber nicht auch die Buchfinken, die Mehrzahl
der Rotkehlchen usw. der Kraft ihrer Schwingen an, sondern harrten
lieber aus, um teilweise elend zu verhungern? Diese Frage ist schwer zu
beantworten, aber vielleicht kommt man der Lösung des Rätsels näher,
wenn man sich vergegenwärtigt, daß es sich bei den ausharrenden Arten
um solche handelt, die zu den frühesten Ankömmlingen zählen und deren
Zugzeit schon beendigt, deren Zuginstinkt also bereits im Erlöschen
begriffen war, bei den zurückziehenden dagegen um solche, die eben erst
eingetroffen waren oder noch weiter ziehen wollten, die also noch von
lebhaftem Zugtrieb besessen waren und bei denen die Wetterkatastrophe
mitten in die gewohnte Zugzeit hineinfiel. Daß Bergfinken und
Weindrosseln zwar nicht weiter nach Norden zogen, aber auch nicht nach
Süden, sondern bei der Raststation dem Winter trotzen wollten, ist
wohl auf ihren besonders lebhaften Drang nach Norden zu den noch weit
entfernten heimischen Brutgefilden zurückzuführen.

Nicht nur die Launen des Wetters und die Grausamkeit der Natur bedrohen
den Vogel auf seiner weiten Reise mit unzähligen +Gefahren+, sondern
vor allem auch der Erzfeind alles Tierlebens, der unersättliche
Mensch. Auf Schritt und Tritt umlauert die gefiederten Reisenden der
Tod, auf jeder Haltestelle erwartet sie dräuendes Verderben. Schon in
Mitteleuropa locken stellenweise noch immer die verführerischen roten
Ebereschenbeeren neben den tückischen Roßhaarschlingen, kracht die
Schrotspritze des Jägers an der von Ebereschen eingerahmten Landstraße,
denen man absichtlich ihren Beerenschmuck noch beließ, sind die Disteln
auf den kahl gewordenen Feldflächen mit Leimruten besteckt, geraten
die Tauchenten an der Küste und auf Seen in die unter dem Wasser
errichteten Netze der Fischer, macht der Auchjäger rücksichtslos Dampf
auf alles, was groß oder auffallend oder schön oder ungewöhnlich oder
auch nur überhaupt ihm fremd ist. Jenseits der Alpenkette sitzt an den
beflogensten Paßstraßen der mordgierige Italiener neben seinem übel
berüchtigten Vogelherd, dessen Netze gleich Dutzende von Vögeln auf
einmal decken, werden die fröhlichen Sänger korbweise in gerupftem
Zustand zu Markt gebracht. In allen Mittelmeerländern, die ja so arm
sind an Wald und Wild, ist die Vogeljagd der beliebteste Sport, und
an allen Ecken und Enden, wo überhaupt nur ein armseliges Vögelchen
sich blicken läßt, knattern die Flinten. An den Küsten von Neapel,
Sizilien, Dalmatien, Südfrankreich, Spanien, Nordafrika und Syrien
steigert sich dies Gewehrfeuer namentlich beim Eintreffen der großen
Wachtel-, Schnepfen-, Lerchen- und Turteltaubenzüge derart, daß man
glaubt, einem lebhaften Gefecht beizuwohnen, und sogar weit ins Meer
hinaus fahren zahllose Boote, angefüllt mit schießlustigen Jägern,
den armen Wanderern entgegen. Am Strande selbst sind auf viele Meilen
lange Strecken hin große Doppelnetze ausgespannt, in denen sich die
ermüdeten Vögel verfangen, und was auch hier noch durchkam, wird von
der hoffnungsvollen Jugend mit sicher gezielten Steinwürfen und rohen
Knüppelhieben zur Strecke gebracht. Die afrikanischen Winterquartiere
selbst bergen neue Gefahren in Gestalt unbekannter Raubtiere und
Schlangen, und der Pfeil des Buschmanns oder Negers bringt manchem
größeren Vogel den Tod. Wohl locken Massen von hüpfenden Heuschrecken
zu leckerem Schmause, aber diese Mahlzeit ist oft zugleich die letzte,
denn sie birgt qualvollen Tod, wenn die Heuschreckenschwärme vom
Menschen mit Arsenik vergiftet wurden, wie es jetzt zur wirksamen
Bekämpfung der Heuschreckenplagen fast überall geschieht. In den
Kulturländern verunglücken unzählige Wandervögel an den die ganze
Landschaft überspinnenden Telegraphendrähten oder rennen sich an den
Scheiben der verwirrend durch die finstere Nacht blitzenden Leuchttürme
den Schädel ein. Wahrlich, vergegenwärtigt man sich das alles, so kann
man sich eigentlich nur darüber wundern, daß überhaupt noch so viele
Vögel im Frühjahr in die alte Brutheimat zurückkehren.

Über +Höhe+ und Schnelligkeit +des Vogelzuges+ hat man sich früher
sehr übertriebenen Vorstellungen hingegeben. Astronomen wollen bei
Fernrohrbeobachtungen vor der Sonnenscheibe oder vor dem Monde ziehende
Vögel gesehen haben, die sich mindestens in einer Entfernung von
einer geographischen Meile von der Erdoberfläche befanden. Ich halte
alle solche Beobachtungen aus den gleich zu entwickelnden Gründen für
optische oder sonstige Selbsttäuschungen. Namentlich hat Gätke mit
großem Nachdruck die Meinung verfochten, daß der eigentliche Vogelzug
sich in unermeßlichen Lufthöhen vollziehe, so daß wir Menschen fast
nichts von ihm gewahr werden. Hier ist die Einbildungskraft des
Künstlers (Gätke war von Beruf Maler) offenbar mit der nüchternen
Beobachtungsgabe des Naturforschers durchgegangen. Seine Schilderungen
von dem in Höhen von 10–12000 Meter sich mit rasender Geschwindigkeit
vollziehenden Vogelzug lesen sich in ihrer dichterischen Verklärung
wunderschön, aber der Wahrheit entsprechen sie nicht. Wenn wir uns
vergegenwärtigen, welch dünne Luft und welch eisige Kälte in solchen
Höhen herrschen, dann werden wir von vornherein sehr daran zweifeln,
daß selbst die fluggewandtesten Vögel unter solchen Umständen die
gewaltige Arbeit des Wanderfluges leisten können. Als Paradestück
wird ja immer der Kondor angeführt, den Alexander v. Humboldt hoch
über dem Gipfel des Chimborasso kreisen sah, aber dabei vergißt man
eben, daß der Kondor ein ausgesprochener Hochgebirgsvogel und den
Verhältnissen in den höheren Luftschichten besonders angepaßt ist.
In neuerer Zeit hat das Experiment ziemliche Klarheit in diese Frage
gebracht. So hat der französische Physiologe Paul Bert Vögel unter die
Luftpumpe gesetzt, um zu sehen, inwieweit sie sich der Verminderung
des Luftdruckes, wie sie in großer Höhe zutage tritt, anzupassen
verstehen bzw. ihr gewachsen sind. Es stellte sich heraus, daß z. B.
Sperlinge bei einem Luftdruck von 388 Millimeter, der einer Höhe von
5000 Meter entspricht, bereits Erbrechen bekamen. Bei 7500 Meter waren
sie sehr matt und bei 9800 Meter, d. i. 203 Millimeter Luftdruck,
lagen sie im Sterben. Bei Lachmöwen setzte das Erbrechen ein bei 348
Millimeter Luftdruck = 5800 Meter. Bei 6450 Meter wurden die Möwen
bereits taumelig, bei 9800 Meter schlossen sie erschöpft die Augen,
und bei 10400 Meter waren sie dem Tode nahe. Sogar ein Turmfalke, also
einer der gewandtesten Flieger, erbrach bei einem Luftdruck, der einer
Höhe von 7500 Meter entsprach, war bei 9800 Meter völlig erschöpft und
wäre bei 10800 Meter verendet, wenn nicht die Luftpumpe im letzten
Augenblick wieder geöffnet worden wäre. Der Versuch zeigt auch, daß das
Verhalten verschiedener Vogelarten gegenüber vermindertem Luftdruck
nicht allzu abweichend ist, und daß eine Höhe von mehr als 10000 Meter
von keinem Vogel erreicht werden kann. Schon eine Höhe von 5–7000 Meter
ruft Störungen im Befinden der Vögel hervor. — Nun kommt aber zu der
Luftverdünnung in großer Höhe noch eine sehr rasche Temperaturabnahme
hinzu, und auch diese wurde von Bert in ihrer Einwirkung auf den Vogel
durch Versuche nachgeprüft. Es zeigte sich, daß die Temperaturabnahme
die Widerstandsfähigkeit des Vogels gegen verminderten Luftdruck
stark herabsetzt. Das ließ sich schon bei einem Temperaturunterschied
von plus 6,5 und minus 4 Grad Celsius nachweisen, und wenn wir nun
bedenken, daß über Europa in 3000 Meter Höhe eine Mitteltemperatur
von minus 7 Grad herrscht, bei 4000 Meter eine solche von minus 13
Grad und bei 5000 Meter gar von minus 18 Grad, so kann man sich leicht
vorstellen, wie ungemütlich dem Vogel in solcher Höhe zumute sein
muß. Dazu kommt als weiteres erschwerendes Moment die Arbeitsleistung
des Vogels während des Fluges. Von Fliegern und Ballonfahrern wissen
wir, daß jede körperliche Anstrengung unter geringem Luftdruck
unmöglich wird: bei 10000 Meter gelingt es kaum noch, die Hand zum
Ventil zu erheben, und die allergrößte Tatkraft ist nötig, um auch
nur die einfachste Bewegung auszuführen. Wie soll nun da ein Vogel
in solchen Höhen seine großen Brustmuskeln beim Fluge in ständiger
anstrengender Tätigkeit erhalten können? Die Vögel sind also keineswegs
die unbeschränkten freien Segler der Lüfte und Beherrscher des freien
Raumes, wie sie sich unsere Einbildungskraft gerne vorstellt. Ein
Vogelzug in so hohen Lagen, wie Gätke sie angab, ist schon aus rein
physischen Gründen unmöglich.

Gätke hat aber auch bei seinen Entfernungsschätzungen fliegender Vögel
aus mangelnder Schulung sehr stark geirrt, wenn er z. B. einen noch als
winziges Staubkörnchen über Helgoland sichtbaren Sperber in 3000 Meter
Höhe fliegen läßt oder einen als Punkt im Wolkenmeer verschwimmenden
Mäusebussard auf 3600 Meter, Kraniche unter gleicher Bedingung gar
auf 4500–6000 Meter. Hier hat F. v. Lucanus, der als Offizier selbst
viele Ballonfahrten mitgemacht hat, gleichfalls durch unanfechtbare
Versuche die Unhaltbarkeit der Gätkeschen Ansicht bewiesen. Lucanus
verfuhr so, daß er in fliegender Stellung ausgestopfte Vögel von
einem Ballon mit hochnehmen ließ, wobei die Vögel an einer 10 Meter
langen Schnur unter dem Ballon aufgehängt wurden. Auf dem Erdboden
stand ein scharfsichtiger Beobachter und gab an, wenn die Flugbilder
der einzelnen Vögel gerade noch als solche sichtbar waren, wenn sie
nur noch als Punkt erschienen und wenn sie dem Auge vollständig
entschwanden. Der Ballon war mit Einrichtungen versehen, um in diesen
Augenblicken die Höhe genau feststellen zu können. Das Flugbild des
Sperbers war auf diese Weise bei 250 Meter noch deutlich sichtbar,
bei 650 Meter erschien es als Punkt und schon bei 850 Meter war die
Sichtbarkeitsgrenze erreicht, während Gätke beim sichtbaren Sperber
3000 Meter Höhe annahm. Ähnlich verhielt es sich bei der Saatkrähe
(Sichtbarkeitsgrenze 1000 Meter, als Punkt erkennbar 800 Meter, als
Flugbild erkennbar 300 Meter) und bei allen anderen geprüften Vögeln.
Ferner wissen wir aus den Angaben von Ballonfahrern und Fliegern, daß
sie in großer Höhe, insbesondere über der Wolkendecke, so gut wie
niemals Vögel angetroffen haben, sondern stets nur in sehr mäßiger Höhe
unter der Wolkendecke. Auch diese Erscheinung hat Lucanus nachgeprüft,
indem er Vögel von Ballonfahrern möglichst hoch, jedenfalls über die
Wolkendecke, mitnehmen ließ. Dort ließ man sie fliegen, und es zeigte
sich, daß sie zunächst planlos herumirrten und den Ballon aufgeregt
und verschüchtert umflogen. Wenn dann aber ein Loch in die Wolkendecke
gerissen wurde, so daß unter ihr die Erdoberfläche zum Vorschein kam,
dann stürzten sich die Vögel sofort durch dieses Wolkenloch erdabwärts,
wo sie die Umgebung sehen konnten. Da die Vögel oder wenigstens die
Tagwanderer auf ihrem Zug hauptsächlich vom Gesicht geleitet werden,
so liegt es ja auf der Hand, daß sie die Erdoberfläche möglichst gut
überschauen wollen, daß es also für sie nicht den geringsten Vorteil
hätte, sondern nur von großem Nachteil wäre, wenn sie die Wolkendecke
übersteigen und sich dadurch jeder Aussicht nach unten berauben würden.

Im großen und ganzen wird man sagen dürfen, daß ziehende Vögel eine
Höhe von 1000 Meter nur selten überschreiten, und daß die Höchstgrenze
schon bei 2000 Meter liegt. Gewöhnlich vollzieht sich der Zug in einer
Höhe von nur wenigen hundert Metern, und ganz besonders niedrig, sogar
unter 100 Meter und selbst auf Schrotschußentfernung geht er bei
trübem, verschleiertem und diesigem Wetter herab, weil dieses das Sehen
auf größere Entfernung behindert und der Vogel das Landschaftsbild
unbedingt überblicken will und muß. Die über die Kurische Nehrung
ziehenden Vögel fliegen dann das Dünen- und Kupsengelände mit all
seinen Hebungen und Senkungen ganz gewissenhaft aus. Senken sich die
Wolken tiefer, so geht auch der Vogelzug sofort weiter zur Erde herab,
wie ich dies unzähligemal beobachten konnte. Am höchsten fliegen die
Vögel jedenfalls bei wolkenlosem und klarem Wetter, namentlich wenn
dabei in den höheren Luftschichten eine für sie günstige Windrichtung
herrscht. Treffend sagt Lucanus: „Nicht in unermeßlichen Höhen, wo
Sauerstoffmangel, niedriger Luftdruck, gewaltige Windstärke und eisige
Kälte jedem Lebewesen den Aufenthalt unmöglich machen, liegen die
Zugwege der Vögel, sondern unweit der Erde, an welche die Vögel trotz
ihres Flugvermögens ebenso gefesselt sind, wie alle anderen Lebewesen.“

Ebenso arg wie bei der Zughöhe hat Gätke in seinem schönen Buch „Die
Vogelwarte Helgoland“ bei der +Zugschnelligkeit+ daneben geschossen. Er
stützte sich dabei vor allem auf seine Erfahrungen mit dem Rotsternigen
Blaukehlchen, das an gewissen Frühlingsmorgen plötzlich zu Hunderten
in Helgoland herumzuwimmeln pflegt. Da nun in Ägypten viele Vögel
dieser Art überwintern, sie aber auf dem Durchzug auf dem europäischen
Festlande nur wenig beobachtet werden, nahm Gätke etwas willkürlich an,
daß diese kleinen Vögelchen, die durchaus nicht zu den hervorragenden
Fliegern gehören, in einer einzigen neunstündigen Frühlingsnacht die
ganze ungeheure Strecke von Ägypten bis Helgoland zurücklegen, da die
rote Felsinsel offenbar ihre erste regelmäßige Raststation sei; das
wären also fast 3000 Kilometer Luftlinie innerhalb 9 Stunden, wozu
eine Fluggeschwindigkeit von 91,5 Sekundenmetern erforderlich wäre,
etwa viermal soviel wie bei einem Schnellzug. Das klang allerdings
ganz unglaublich und märchenhaft und mußte Zweifel an der Richtigkeit
der Gätkeschen Berechnung hervorrufen, zumal man wußte, daß bei
einem großen Wettflug von Berlin nach Köln die schnellste Brieftaube
immerhin 5 Stunden und 27 Minuten zur Bewältigung der 474 Kilometer
langen Flugstrecke nötig hatte, also in der Minute nur 1445 Meter
zurücklegte. Aber ein Gegenbeweis fehlte zunächst. Ich konnte ihn
auf meiner Marokkoreise erbringen, indem ich feststellte, daß auch
an der Westküste Marokkos massenhaft Blaukehlchen durchziehen, und
daß diese mit den Helgoländern identisch sind, nicht aber die am Nil
überwinternden. Dieser Beweis ließ sich lückenlos gestalten, weil
wir in Skandinavien zwei verschiedene und gut zu unterscheidende
Blaukehlchenrassen haben, nämlich eine östlich-schwedische (~Erithacus
svecicus svecicus~) und eine westlich-norwegische (~Erithacus
svecicus gaetkei~). Nur jene finden wir im Winter am Nil, während
die Norweger über Helgoland, Holland, Frankreich und Spanien nach
Nordwestafrika ziehen. Da also die Ägypter unmöglich mit den
Helgoländern identisch sein können, bricht Gätkes kühne Hypothese von
der wunderbaren Flugleistung der Blaukehlchen vollständig in sich
zusammen. Seine Auffassung von der fabelhaften Fluggeschwindigkeit
der Zugvögel ist dann aber später auch durch genaue Beobachtungen
und Messungen widerlegt worden. So ermittelte J. Thienemann, der
auf der kahlen Kurischen Nehrung die beste Gelegenheit dazu hatte,
die Zeiträume, die die beobachteten Zugvögel nötig hatten, um eine
gut zu überblickende Nehrungsstrecke von 500 Meter zu überfliegen,
und stellte daraufhin für einige Vogelarten weitere Berechnungen an.
Es ergab sich dabei für Nebelkrähen, die ja ziemlich schwerfällige
Flieger sind, eine durchschnittliche Eigengeschwindigkeit von 13,9
Sekundenmetern, was also für die Minute 834 Meter und für die Stunde
50,04 Kilometer ausmachen würde. Bei Dohlen stellten sich diese Zahlen
mit 17,1 Sekundenmeter, 1062–1236 Meter, sowie 61,56–74,16 Kilometer
schon erheblich höher. Stare brachten es gar auf 74,16 Kilometer
und selbst Kreuzschnäbel auf 59,76 Kilometer in der Stunde, während
für den Wanderfalken auch nur 59,22 Kilometer angegeben werden, für
den Sperber sogar nur 41,4 Kilometer, wobei ich aber fast an einen
Beobachtungsfehler glauben möchte. Die Thienemannschen Tabellen
kranken allerdings für ihre Auswertung daran, daß sie gerade für
die besten Flieger wie Segler, Schwalben und Regenpfeifer keinerlei
Daten enthalten. Man würde zwar bei solchen Vogelarten aller
Wahrscheinlichkeit nach auf erheblich höhere Zahlen kommen, aber so
viel steht doch heute schon fest, daß die Stundengeschwindigkeit der
Zugvögel über 90 oder höchstens 100 Kilometer kaum jemals hinausgeht,
also im Durchschnitt bestenfalls die eines guten Schnellzugs nur
ausnahmsweise überschreitet, sehr häufig aber stark hinter ihr
zurückbleibt. Man kann sich davon oft vom Fenster des Eisenbahnwagens
aus überzeugen, wenn z. B. ziehende Krähen parallel zum dahinbrausenden
Schnellzug fliegen: sie werden bald überholt. Auch vom Kraftwagen aus,
dessen Geschwindigkeit man ja jederzeit ablesen kann, lassen sich
mitunter sehr lehrreiche Beobachtungen über die Schnelligkeit, fast
hätte ich gesagt Langsamkeit des Vogelzuges machen. Bei alledem ist
freilich fest im Auge zu behalten, daß es sich nur um Flugleistungen
eben beim regelrechten Zug handelt, der stundenlang ununterbrochen
andauert, denn in Einzelfällen und für kürzere Zeit können die Vögel
auch sehr viel höhere Geschwindigkeiten entwickeln, so etwa beim
blitzschnellen Stoßen eines Wanderfalken nach seiner Beute.

[Illustration: +Flugleistungen einiger Zugvögel I+

Der amerikanische Goldregenpfeifer zieht von Alaska über die Aleuten
nach Honolulu; muß also eine ungeheure Strecke über das offene Meer
fliegen. Dieselbe Vogelart zieht von Labrador über den Atlantik bis
in die Pampas von Argentinien und kehrt dann im Frühjahr durch das
Mississippital zurück]

[Illustration: +Flugleistungen einiger Zugvögel II+

Manche skandinavische Vögel dehnen ihre Wanderung bis ins
südafrikanische Steppengebiet aus. Ebendort endet auch die westliche
Zugstraße des Storches, nachdem sie einen großen Umweg beschrieben hat]

Wir dürfen uns den Vogelzug und namentlich den Herbstzug keineswegs
so vorstellen, als ob die Vögel mit Aufgebot aller Kräfte jählings
durch die Lüfte stürmten, um ihr Endziel so rasch wie möglich zu
erreichen. Er gleicht vielmehr einem ganz gemütlichen Bummeln, bei dem
man sich weder überanstrengt, noch übereilt. Weder wird der Flug bis
zur Grenze des Möglichen beschleunigt, noch wird er bis zur Erschöpfung
ausgedehnt. Es ist ja für gewöhnlich auch gar kein besonderer Grund
zur Eile vorhanden, denn der Aufbruch erfolgte so frühzeitig, daß auf
den zahlreichen Raststationen überall noch Futter in Hülle und Fülle
vorhanden ist, das gefiederte Völkchen also durch die Ernährungsfrage
kaum in Schwierigkeiten geraten kann. Sagt ihm eine Raststation aus
irgendwelchen Gründen besonders zu und bietet sie einen recht reichlich
und gut gedeckten Tisch, so bleibt es tage- und wochenlang dort, freut
sich ungestört seines lustigen Wanderlebens und läßt sich’s gut sein,
bis endlich die ersten ernstlichen Nachtfröste zur Weiterreise mahnen
und ein etwas beschleunigteres Tempo erzwingen. Widrige Winde, Stürme
und Nebel verursachen auch unfreiwillige Anstauungen und Ruhepausen,
die dann besonders im Frühjahr durch größere Eile einigermaßen wieder
ausgeglichen werden müssen. Die Tagwanderer brechen in der Regel gleich
nach Sonnenaufgang auf und fliegen bis gegen Mittag, worauf sie an
einem geeigneten Platze haltmachen, um den Nachmittag zur Nahrungssuche
und die Nacht zum Ausruhen und Schlafen zu verwenden. Die Nachtwanderer
beginnen ihre Reise in der Abenddämmerung und beenden sie beim ersten
Morgengrauen, fressen und rasten also umgekehrt am Tage. Zu jenen
gehören z. B. Kraniche, Störche, Gänse, Raubvögel, Finken, Segler,
Schwalben und Wachteln, zu diesen Reiher, Eulen, Schnepfen, Erdsänger,
Rotschwänzchen, Grasmücken, Drosseln, Rohrsänger, Rallen und Taucher,
und im allgemeinen kann man sagen, daß die Tagwanderer geselliger
ziehen als die nächtlichen Reisenden. Jeder aufmerksame Jäger weiß ja,
daß der Schnepfenzug erst nach dem Aufgang des Abendsterns einsetzt,
und daß die Drosseln bei Tagesanbruch hungrig im Dohnenstieg einfallen.
Es wird nur sehr wenige Vogelarten geben, die bei der Wanderung länger
als 6–8 Stunden in der Luft bleiben, aber viele, die sich die Sache
noch bequemer machen und sich, wenigstens im Herbst, mit etwa 4 Stunden
täglicher Flugleistung begnügen. So beschränkt sich der Storch, dessen
Zugverhältnisse ja besonders gut erforscht sind, auf eine tägliche
Durchschnittsleistung von etwa 200 Kilometer, wozu er, wenn wir seine
Fluggeschwindigkeit mit nur 50 Kilometer in der Stunde annehmen,
höchstens 4 Stunden gebrauchen würde. Zu seinem ganzen Bummel von
Norddeutschland bis Südafrika benötigt er rund 80 Tage. Zweifellos
könnte Freund Adebar auch viel schneller reisen, wenn er nur wollte,
aber er verspürt gar keine Lust dazu, denn er ist ein bequemer Herr
und durchaus kein Freund überflüssiger Anstrengungen, und schließlich
schmecken die fetten Frösche am Nil ebenso gut wie die dürren
Heuschrecken im Burenlande. Der Frühlingszug spielt sich allerdings
bedeutend rascher und hastiger ab als der Herbstzug, denn dann werden
die Vögel von der süßen Peitsche des Paarungstriebes unablässig und
unwiderstehlich vorwärts getrieben. Der Storch macht dann seinen
Rückweg in nur 25 Tagen, muß also täglich mindestens 400–500 Kilometer
bewältigen, das Doppelte wie im Herbst.

[Illustration: +Flugleistungen einiger Zugvögel III+

Der ostsibirische Regenpfeifer ist wohl der allergrößte Wanderer, denn
er zieht über Japan, die Südsee, Australien, z. T. bis Neuseeland!]

Schlechte Flieger müssen sich freilich auch schon bei geringen
Entfernungen gewaltig anstrengen und kommen deshalb in oft stark
erschöpftem Zustande an den jeweiligen Rastplätzen an. An der
marokkanischen Küste konnte ich mehrfach die Ankunft großer Wachtelzüge
beobachten. Man merkte den Vögeln, die ganz niedrig und mit hastigen
Schlägen der kurzen Flügel über das ruhige Meer strichen, die
Übermüdung schon von weitem an. Am Strande angelangt, fielen sie wie
Steine aus der Luft herunter und blieben eine ganze Weile unbeweglich
liegen, eine leichte Beute für die sich bald ansammelnden Araberjungen.
Stücke, die ich abbalgte, hatten eine von der Überanstrengung ganz
entzündete Brustmuskulatur. Wer dächte da nicht an den biblischen
Wachtelregen im Lager der Kinder Israels? Als sich die Vögel endlich
von ihrer Betäubung etwas erholt hatten, suchten sie bessere
Deckung weiter landeinwärts, aber nur laufend, nicht fliegend. Auch
bei ziehenden Wasserhühnern und Tauchern versagen manchmal die
überanstrengten Brustmuskeln den Dienst, und die Vögel suchen dann in
den sonderbarsten Schlupfwinkeln eine augenblickliche Zuflucht.

Dies bringt uns auf die Frage, ob nicht vielleicht schwache Flieger,
die aber hervorragende Läufer oder gute Schwimmer sind, wenigstens
einen Teil ihres Reiseweges +laufend oder schwimmend+ zurücklegen.
Für hochnordische Entenarten und andere Schwimmvögel, die nur langsam
und zögernd vor dem andrängenden Eise gen Süden weichen, ist das
Schwimmen wohl ohne weiteres zu bejahen. Erst wenn sie durch allzu
ungute Verhältnisse gezwungen werden, die noch offenen Binnengewässer
aufzusuchen, nehmen sie in größerem Maßstab zum Flugvermögen ihre
Zuflucht und verstreichen dann vielleicht in einem Tag von der
deutschen Küste bis zum Boden- oder Züricher See. Ich habe aber
zur Zugzeit auf den schlesischen Teichplatten auch Sumpfhühnchen
beobachtet, die schnurstracks von einem Teich zum andern liefen und
dann über die Wasserblänken in der Zugrichtung eilig davonschwammen,
obwohl sie sich doch sonst tagsüber möglichst verborgen halten und
eigentlich zu den Nachtwanderern gehören. Es erscheint mir deshalb
durchaus nicht ausgeschlossen, daß solche Vögel, namentlich wenn sie
es eilig haben und vom Fluge schon etwas übermüdet sind, gelegentlich
auch ihre flinken Beine und ihr Schwimmvermögen zu Hilfe nehmen. So
ausgezeichnete Beobachter wie die beiden Brehms haben diese Ansicht
sehr nachdrücklich vertreten. Natürlich kann es sich dabei immer nur um
räumlich geringe Teilstrecken des großen Gesamtweges handeln.

Die „Stationen“ des Vogelzuges wurden schon kurz erwähnt, und es
ist nötig, auch diesen Begriff einer etwas näheren Betrachtung zu
unterziehen. Wir müssen verschiedene Arten von Stationen unterscheiden,
nämlich +Sammel+-, Rast- oder Futter- und Paarungsstationen. Die
ersten kennt jeder Spaziergänger, denn wer hätte nicht schon im
Hochsommer ganze Perlenschnüre von Schwalben auf dem Telegraphendrahte
sitzen sehen oder Massen von ihnen auf den Kirchendächern, von wo
aus sie dann Übungsflüge unternehmen, um aber immer wieder zu ihren
Sammelplätzen zurückzukehren, bis dann endlich eines schönen Tages
die ganze Schar plötzlich verschwunden ist? Ebenso auffallend sind
förmliche Wolken von Staren, die sich im Herbst über die Fluren wälzen
und dann zum Übernachten im Schilf und Röhricht eines großen Teiches
einfallen, auch wenn sie weit danach fliegen müssen. Unendliches
Stimmengewirr und Geschwätz ertönt dann an einem solchen Platze, wo ein
Starenschwarm nach dem andern aus weiter Umgegend anlangt, erst einige
elegante Schwenkungen vollführt, die wie Schwadronsschwenkungen eines
wohlgeübten Reiterregiments aussehen, um dann endlich einzufallen, von
den schon vorhandenen Kameraden mit lautem Geschrei empfangen. Und
noch bis zum völligen Eintritt der Dunkelheit setzt sich dieser Lärm
fort, hier und da auch in Zank um die besten Schlafplätze ausartend.
Bachstelzen und Rauchschwalben finden sich oft an den gleichen
Örtlichkeiten ein, gleichfalls zu großen Massen sich zusammenballend,
aber mit den Staren im allgemeinen gute Freundschaft haltend. Oft
wachsen die Vogelmassen derart an, daß die Rohrstengel unter der Last
umknicken. Die Krähen dagegen sammeln sich an bevorzugten Schlafplätzen
auf den Wipfeln hoher Bäume in den stillsten Waldesteilen, und kommen
hier gleichfalls truppweise aus der ganzen Umgegend zusammen. — Bekannt
sind auch die großen Storchenansammlungen auf feuchten Wiesen, die
mit fleißigen Flugübungen verbunden sind und die Anlaß gegeben haben
zu dem noch immer von vielen Menschen geglaubten Märchen, daß die
Störche bei dieser Gelegenheit auch eine Art Gerichtssitzung abhalten,
wobei Schwächlinge, die den strengen Anforderungen des Zuges nicht
gewachsen erscheinen, zum Tode verurteilt und von ihren Kameraden durch
Schnabelhiebe ins Jenseits befördert werden, damit sie nicht unterwegs
dem Ganzen durch Verzögerungen schaden.

Wie wir schon gesehen haben, fliegen die Vögel auf dem Zuge nur wenige
Stunden und verwenden die andere Hälfte ihrer Zeit zur Nahrungssuche
und zum Ausruhen. Dies geschieht an den sogenannten +Raststationen+,
die mit großer Zähigkeit festgehalten und alljährlich immer
wieder aufgesucht werden, falls sie nicht etwa durch Abholzungen,
Trockenlegungen und dergleichen tiefgreifende Änderungen erlitten und
dadurch an Anziehungskraft für die Vögel verloren haben. Das ist ja
gerade das Wunderbare beim Vogelzug, daß er trotz seiner Vielseitigkeit
und Mannigfaltigkeit durch so große Einfachheit und ständige
Wiederholung bis in die kleinsten Einzelheiten hinein sich auszeichnet.
Das geht so weit, daß selbst der Einzelwanderer immer wieder dieselben
Rastplätze aufsucht und ebenso seine Nachkommen, ohne daß wir sagen
könnten, woher diesen solche Kenntnis kommt. Ich ergriff einmal in
einer verlassenen und zerfallenen Fischerhütte in der Dobrudscha zur
Zeit des Frühlingszuges eine dort am Tage ausruhende Nachtschwalbe, und
die Fischer erzählten mir daraufhin freiwillig, daß in jedem Jahr um
die gleiche Zeit dort immer eine Nachtschwalbe anzutreffen sei. Selbst
Seltlinge habe ich wiederholt vom gleichen Baume heruntergeschossen,
wo es sich also im zweiten und dritten Falle doch nicht mehr um
den gleichen Vogel handeln konnte. — Die Raststationen werden sich
naturgemäß an solchen Örtlichkeiten befinden, die zugleich dem Vogel
recht bequeme und reichliche Nahrung bieten, damit er in seinem
erschöpften Zustand nicht lange herumzusuchen braucht. Solche Plätze
werden meistens an Flußufern, Teichen oder ähnlichen Örtlichkeiten
liegen, weil sich hier eben die Nahrung besonders reichlich vorfindet.
Und hier erscheint für den Beobachter große Vorsicht geboten, denn wenn
er große Vogelscharen immer wieder an Flußläufen rastend findet, so
kann er leicht zu der Meinung verleitet werden, daß die Vögel überhaupt
an den Flüssen entlang ziehen, also sogenannte fluviatile Wanderer sind
und das dazwischenliegende trockene Land nicht gern überfliegen. Manche
der sogenannten Zugstraßen ist sicherlich auf dieser falschen Auslegung
aufgebaut. Gerade bei uns in Mitteleuropa treffen ja die nordöstlichen
Wanderer auf ihrem Zug gen Südwesten fortwährend auf Stromsysteme,
die ihnen sehr willkommene und nahrungsreiche Rastgelegenheiten
bieten. Aber es wäre falsch, daraus schließen zu wollen, daß sie an
dem Strome entlang ziehen. Freilich gibt es auch das und gar nicht
selten, aber es muß erst durch weitere Umstände erhärtet werden. Nicht
immer können die Vögel sich wirklich geeignete und gute Rastplätze
aussuchen, sondern es gibt auf ihrem Wege auch Strecken, auf denen
es an solchen völlig mangelt, und dann sind die Reisenden gezwungen,
auch an den unbequemsten und widernatürlichsten Örtlichkeiten
vorübergehende Zuflucht zu suchen, um sich nur wenigstens auszuruhen,
wenn auch Schmalhans dabei Küchenmeister ist. So wurden bei meinem
Frühlingsaufenthalt in der ungarischen Tiefebene Feldlerchen tagelang
zu förmlichen Sumpfvögeln, Zaun- und Dorngrasmücken zu Wipfelbewohnern
in den höchsten Pappeln und Eichen, Dompfaffen sogar zu Rohrvögeln. Am
Kaspischen Meer traf ich kleine Grasmücken in der völlig kahlen, von
Sturmwinden durchblasenen Mugansteppe, wo weit und breit kein Strauch
zu sehen war, und in den Steppen Südmarokkos, die teilweise schon
Wüstencharakter zeigen, wimmelte es eines Morgens in meinem Zeltlager
von Schilf- und Binsenrohrsängern, die ganz vertraut in unsere Zelte
schlüpften und von den Brosamen meines Frühstücks naschten.

Den Begriff der „+Paarungsstation+“ habe ich schon 1899 in die
Wissenschaft einzuführen versucht, aber mein Vorschlag ist damals
wenig beachtet worden, und doch gibt es zweifellos ganz ausgesprochene
Paarungsstationen, und ich bin heute von der Sonderart dieser
Stationen noch mehr überzeugt als früher, namentlich seitdem ich
auch in der Dobrudscha diesbezügliche Beobachtungen anstellen
konnte. Wer mit offenen Augen durch die Natur geht, der wird oft die
Erfahrung machen, daß nordische Wandervögel auf ihrer Durchreise
im Frühjahr längere Zeit, manchmal monatelang, an ihnen zusagenden
Plätzen verweilen und sich daselbst ganz häuslich einzurichten
beginnen. Sie sondern sich in Paare, führen ihre Liebesspiele auf und
erkämpfen sich Reviere — kurz, sie gebärden sich ganz so, als ob
sie brüten wollten, so daß auch der Forscher leicht zu der Annahme
verleitet werden kann, sie seien in der betreffenden Gegend völlig
heimisch. Aber plötzlich, zu schon sehr vorgerückter Jahreszeit,
verschwinden sie doch und ziehen nun so schnell wie möglich ihren
wahren Brutplätzen im Norden zu, wo sie dann sofort zum Nestbau und
Eierlegen schreiten. Die von ihnen so lange belebte Gegend, in der
sie alle Vorbereitungen zum Fortpflanzungsgeschäft trafen, war eben
nichts als eine Paarungsstation. Diese werden hauptsächlich von
solchen Arten gemacht, an deren nordischen Brutplätzen der Sommer
so kurz ist, daß er ihnen nicht recht Zeit läßt für langwierige
Balzspiele, für der Minne schmachtendes Hangen und Bangen. Jedenfalls
darf die bisher arg vernachlässigte Wichtigkeit solcher Stationen,
deren Vorhandensein kein aufmerksamer Beobachter leugnen wird, nicht
unterschätzt werden. Aus individuellen Ursachen bleiben an solchen
Paarungsstationen auch wohl vereinzelte Pärchen ausnahmsweise zurück
und schreiten dann tatsächlich zur Fortpflanzung, weshalb die genaue
Kenntnis der Paarungsstationen namentlich für den Faunisten von nicht
geringem Wert sein dürfte. Hierher gehört z. B. das vereinzelte Brüten
von Weindrosseln, Leinzeisigen, Bergfinken und Rauhfußbussarden
in Norddeutschland. Da solche Beispiele Nachahmung finden können,
so vermögen die Paarungsstationen wesentlich zur Erweiterung der
Verbreitungsgrenzen einer Art beizutragen. Ich erinnere in dieser
Beziehung an das regelmäßige Brutvorkommen des hochnordischen
Zwergsägers in der Dobrudscha und der Sammetente auf transkaukasischen
Seen. In beiden Fällen fehlen verbindende Zwischenbrutplätze völlig.
Nach meinen Erfahrungen ist z. B. die Kurische Nehrung Paarungsstation
für Regenbrachvogel, Eisente und Leinzeisig, die Dobrudscha für den
Dünnschnäbeligen Brachvogel und den Rotkehlpieper, das Alföld für den
Krammetsvogel. Wie leicht man durch solche Paarungsstationen getäuscht
werden kann, geht daraus hervor, daß frühere Forscher übereinstimmend
glaubten, Rotkehlpieper und Dünnschnäbeliger Brachvogel zählten zu den
Brutvögeln der Dobrudscha, während dies in Wirklichkeit keineswegs der
Fall ist.

[Illustration: +Wichtigste europäische Vogelzugstraßen+]

„Hie +Zugstraßen+!“ — „Hie Zug in breiter Front!“ — so erschallt schon
seit Jahrzehnten das Kampfgeschrei auf dem bereits arg zerstampften
ornithologischen Turnierplatz. Beide Parteien haben recht, denn
die einzelnen Vogelarten verhalten sich auch in dieser Beziehung
ganz verschieden. Bezeichnend ist es, daß solche Forscher, die ihren
Wohnsitz und Beobachtungsplatz in weiten Ebenen haben, zumeist Anhänger
der Frontwanderung sind, die in Gebirgsgegenden heimischen dagegen fast
alle an das Vorhandensein bestimmter Zugstraßen glauben. Das gibt uns
gleich den richtigen Wink. Nur darf man bei dem Begriff „Zugstraßen“
nicht etwa an menschliche Fahrstraßen denken, sondern sie sind in der
Regel Dutzende von Kilometern breit, ließen sich also eher mit den
Anmarschstraßen oder Angriffsfronten großer Heeressäulen vergleichen,
wie wir sie im Weltkriege gewohnt waren. Allerdings gibt es Fälle, wo
die Zugstraßen sich stark verengern, z. B. auf der zu beiden Seiten
von großen Wasserflächen begrenzten und stellenweise nur einen halben
Kilometer breiten Kurischen Nehrung. Die gefiederten Wanderer folgen
hier streng dem Verlauf der langgestreckten Halbinsel, wodurch auch
ihre scharf ausgeprägte Zugstraße entsprechende schmal wird. Ähnliches
gilt für die Alpenpässe. Es gibt auch Vögel, die den größten Teil
der Reise in breiter Front zurücklegen und erst bei der Überwindung
oder Umgehung von Hochgebirgszügen, Wüsten und Meeren aus praktischen
Gründen zu besonderen Zugstraßen sich bequemen. Gerade unseren
europäischen Zugvögeln legt sich ja in Gestalt von Pyrenäen, Alpen,
Balkan und Kaukasus ein mächtiger und nicht leicht zu bezwingender
Querriegel zur Zugrichtung vor, der sich weiterhin durch das Mittelmeer
und durch den afrikanischen Wüstengürtel in anderer Form wiederholt.
Für solche Arten, die derartige Hindernisse nicht zu überfliegen wagen,
sondern sie vorsichtig auf Umwegen umgehen, wird dadurch die Front
gespalten, und der Zugschatten der Alpen z. B. macht sich dann noch
weithin geltend, bis nach Afrika hinein, und dasselbe gilt von der
Sahara. Um einen richtigen Begriff vom Überfliegen des Mittelmeeres
zu bekommen, muß man sich vergegenwärtigen, daß die Vögel im Pliozän
und Diluvium keineswegs über ein offenes Meer zu ziehen brauchten,
sondern ständig über festem Land bleiben konnten, da ja damals das
Mittelmeer noch kein zusammenhängendes, mit den übrigen Ozeanen
in Verbindung stehendes Wasserbecken bildete, sondern zwei große
getrennte Binnenseen. Als dann die heutigen Verhältnisse eintraten,
war die Kenntnis dieses bequemen Weges schon so fest vererbt, daß die
Vögel zähe daran festhielten, woraus sich die heutigen Zugstraßen
ergaben. Aber der Zugschatten der Alpen bewirkt es, daß der Übergang
Sizilien-Malta-Tripolis oder Sardinien-Tunis ungleich weniger beflogen
wird, als die Meerenge von Gibraltar oder das Nildelta, zumal hinter
Tunis und Tripolis gleich die große Sandwüste sich breit macht.
In Tunis erscheinen eigentlich nur Singdrosseln, Turteltauben und
Wachteln in großer Menge, und diese bleiben wohl größtenteils schon in
Nordafrika. Dagegen wimmelt Ägypten im Herbst und Winter von Gästen
oder Durchzüglern aus der Vogelwelt, da ja der Nil den bequemsten
Zugang nach Innerafrika bildet. Doch bemerken wir bald, daß nur Vögel
aus der östlichen Hälfte Europas im Pharaonenlande sich einstellen,
z. B. nur Sprosser und keine Nachtigallen, nur die Rotsternigen
Blaukehlchen aus Schweden, aber nicht die aus Norwegen, nur die
östlichen Arten und Rassen der Rohrsänger, nicht die westlichen.
Ebenso zieht der große Rauhfußbussard aus dem Ural im Winter nach der
Dobrudscha und nicht etwa durch Mitteleuropa gen Südwesten. Umgekehrt
treffen wir in Marokko ausschließlich westeuropäische Arten und Rassen,
also echte Nachtigallen, norwegische Blaukehlchen, Binsenrohrsänger,
englische und französische Formen. Die Rassenkunde hat uns hier
ein unschätzbares und sicheres Hilfsmittel für die Erforschung des
Vogelzuges und besonders der Zugstraßen an die Hand gegeben. Die
Grenzscheide zwischen den nach Südwesten und den nach Südosten
ausweichenden Zugvögeln verläuft bei vielen Arten etwa im Stromtal der
Elbe oder der Weser, bei anderen in dem der Oder oder erst in dem der
Weichsel, geht also mitten durch Deutschland hindurch.

[Illustration: +Zugstraßen+ nach Palmén

~A~, ~Aa~ Glacial-litorale Straßen, ziehen von Ost nach West entlang
der Polareis-Barriere. ~B~, ~G~ Marino-litorale Straßen, folgen den
Küsten der großen und kleinen Meere.]

[Illustration: ~C~, ~Ca~ Rhein-Rhone-Straße. ~D~, ~Da~ Ural-Kaspische
Straße. ~E~ Submarino-litorale Straßen, streben von Meer zu Meer, auch
wenn es nur ein großer Binnensee ist wie das Kaspische Meer. So führt
eine große Zugstraße vom Tajmyrland (Sibirien) entlang dem Ob und der
Wolga zum Don, Schwarzen Meer, Bosporus, Mittelmeer und nach Ägypten]

Besonders klar konnten diese Verhältnisse beim Hausstorch aufgedeckt
werden, denn schon Wüstneis prächtige Beobachtungen haben deutlich
und zweifellos nachgewiesen, daß die westdeutschen Störche auf der
Rhein- und Rhonestraße an der spanischen Küste nach der Meerenge von
Gibraltar ziehen, also eine ausgesprochene südwestliche Richtung
einschlagen, die ostdeutschen dagegen eine südöstliche oder noch
weiter ostwärts eine fast rein südliche. In vollster Übereinstimmung
hiermit sah ich große Storchenzüge im schlesischen Odertale, in der
March-Beczwa-Oder-Furche, in der Ungarischen Tiefebene, im östlichen
Rumänien und Bulgarien und wahre Unmassen von Adebars in Kleinasien,
besonders in Zilizien und in Syrien. Daß der rotbestrumpfte Langbein
in den Nilländern ein sehr häufiger Gast ist, davon singen und sagen
ja schon unsere alten Kinderlieder, und daß das Hauptwinterquartier
erst im südafrikanischen Steppengebiete sich befindet, wußten wir
durch die dortigen Forscher auch schon längst. Der Beringungsversuch
hat dann diese große Zugstraße bestätigt und einige noch vorhandene
Lücken ausgefüllt, namentlich diejenige zwischen dem Nilquellengebiet
und Südafrika. Viel weniger gut sind wir über den weiteren Verlauf
der südwestlichen Zugstraße über Gibraltar hinaus unterrichtet. Ich
konnte sie zwar durch eigene Beobachtungen längs der Westküste Marokkos
bis etwa zum 30. Breitengrade verlängern, aber dann klafft eine große
Lücke bis zum Tschadsee, und wie diese überwunden wird, insbesondere
die dazwischenliegenden Wüstenstrecken, darüber könnte man höchstens
vage Vermutungen aussprechen, die vorläufig noch jeder tatsächlichen
Grundlage entbehren.

[Illustration: +Frühlingszug durch die schweizerischen Alpen+

nach G. v. Burg, aus „Mitteilungen über die Vogelwelt“, Jahrgang
1923/25]

Mit solcher Sicherheit und Bestimmtheit wie beim Storch kann man
heute wohl noch bei keiner anderen Vogelart eine Zugskarte entwerfen,
obwohl es vielfach geschieht. Man hat z. B. auch Krähen und Lachmöwen
massenhaft beringt, aber beide sind eigentlich mehr Strich- als echte
Zugvögel, und schon deshalb kann hier der Versuch nicht so klare
und weitreichende Ergebnisse zeitigen. Immerhin ergab sich bei den
Lachmöwen die interessante Tatsache, daß sie möglichst den Anschluß
an eine Hauptstraße zu gewinnen suchen und dabei auch Umwege in
scheinbar ganz verkehrter Richtung nicht scheuen. So ziehen manche
binnendeutsche Möwen, deren Zug überhaupt stark auseinander strahlt,
im Herbst zunächst den Rhein abwärts, also gen Norden, um erst einmal
in Holland die Hauptstraße zu erreichen. Ähnlich war es bei meiner
Heimatstadt Zeitz, wo die an Zugstraßen sich haltenden Arten im Herbst
zunächst die Elster abwärts zogen, also nach Norden, um erst einmal
Anschluß an das Elbetal zu erreichen, und im Frühjahr von dort aus
kamen, also das letzte Stück ihres Weges südwärts flogen: gerade
umgekehrt, als man erwarten sollte. Die in breiter Front ziehenden
Arten dagegen flogen einfach südwestwärts. Auch in Württemberg suchen
viele Arten zunächst einmal das Neckartal zu gewinnen, um dadurch den
Schwarzwald, der von ihnen nicht gern überflogen wird, nördlich zu
umgehen und in die große Zugstraße der Rheinebene zu gelangen. Ich habe
den Versuch gemacht, diejenigen europäischen Zugstraßen, die wir nach
dem heutigen Standpunkte der Vogelkunde einigermaßen sicher kennen,
auf einem Kärtchen einzutragen, muß aber immer wieder ausdrücklich
betonen, daß es sich bei allen Vogelzugskarten vorläufig immer nur
eben um Versuche handeln kann, daß sie also stets ~cum grano salis~ zu
nehmen sind und durch zukünftige Forschung wahrscheinlich mancherlei
Richtigstellungen erleiden werden. Begründer der Zugstraßen-Theorie ist
der berühmte finnische Forscher J. A. Palmén, der sich hauptsächlich
auf das Vorkommen seltener nordischer Schwimmvögel zur Zugzeit stützte
und bereits verschiedene Arten von Zugstraßen als marine, litorale,
fluviatile usw. unterschied. Obgleich seine Begründung mancherlei
Mängel aufwies und namentlich E. F. v. Homeyer heftig Sturm gegen ihn
lief, hat sich der geistreiche Finnländer doch siegreich durchgesetzt,
und heute leugnet wohl niemand mehr das Bestehen bestimmter Zugstraßen,
die aber — wohlgemerkt! — nur für einen Teil unserer Vogelwelt Geltung
haben. Besonders deutlich treten sie natürlich in Gebirgsgegenden
hervor, wo sich die Vögel an die tiefer eingeschnittenen Pässe
halten müssen, wie wir Menschen ja auch, und wo ihr Erscheinen oder
Nichterscheinen das wirtschaftliche Wohlergehen ganzer Volksstämme
in hohem Maße beeinflußt. Nicht umsonst errichten die italienischen
Vogelmassenmörder ihre größten und erfolgreichsten Roccoli am
Ausgang der Alpenpässe. Das hier beigegebene Kärtchen des im Vorjahr
verstorbenen Schweizers Gustav v. Burg, der in der Erforschung der
Zugverhältnisse in den Alpen seine Lebensaufgabe erblickte, ist auf
Grund jahrzehntelanger unmittelbarer Beobachtung entworfen und gibt
einen ganz anschaulichen Begriff, mag es auch in den Einzelheiten
hier und da anfechtbar sein. Selbst wenn man wie v. Burgs Landsmann
und wissenschaftlicher Gegner Bretscher nach der Datenmethode
arbeitet, kristallisieren sich doch beim Eintragen möglichst
langjähriger Durchschnittsdaten der Ankunft im Frühling auf die Karte
deutlich gewisse Zugstraßen heraus. Wir sehen auf dem Kärtchen von
Südwestdeutschland, wie die ersten Bachstelzen im Rheintal auftauchen,
also offenbar aus Westen oder Südwesten ankommen, und wie dann erst von
hier aus etwas später die Hardt und die Vogesen besiedelt werden, wie
die Vögel deutlich im Rhein-, Main- und Neckartal und etwas später im
Donautal entlang ziehen und zuletzt im Fichtelgebirge, Bayrischen Wald
und in den Voralpen wahrgenommen werden. Beigefügt sind weiter Versuche
zu Zugskärtchen aus der Dobrudscha, die ich nach eigenen Beobachtungen
entwerfen konnte, und vom Kaspi, wo ich die grundlegenden Forschungen
des Altmeisters Gustav Radde bestätigt fand. Die westsibirischen Vögel
halten zumeist eine streng nord-südliche Richtung inne, z. B. die
dortigen Wachteln, während die Ostsibirier mehr nach Südosten abbiegen,
um im südlichen China zu überwintern und zum Teil sogar über Japan
nach der Inselwelt des Stillen Ozeans gelangen. Das tibetanische „Dach
der Welt“, die gewaltigen Höhen der asiatischen Zentralmassive und die
furchtbare Wüste Gobi werden nicht überflogen, sondern umgangen. In
Nordamerika weist östlich der Felsengebirge die allgemeine Zugrichtung
nach ~SO~ oder ~SSO~, und die Wanderer gelangen schließlich über die
Randländer des Golfes von Mexiko oder über die westindischen Inseln
zur Nordküste Südamerikas, ziehen aber zum Teil bis in die gemäßigten
La-Plata-Staaten hinunter. Westlich der großen Gebirgsscheiden finden
wir hauptsächlich Küstenwanderer, also die litoralen Zugstraßen Palméns.

[Illustration: +Ankunftsdaten der Bachstelze im südwestlichen
Deutschland+

nach Bretscher, „Mitteilungen über die Vogelwelt“, Jahrg. 1925/26]

Außer der orohydrographischen Gestaltung der zu durchmessenden
Länderstrecken kommen aber noch mancherlei andere Faktoren bei der
Herausbildung von Zugstraßen in Betracht. Manche Arten, denen die
bisherigen Verbreitungsgrenzen zu eng werden oder die verloren
gegangene Gebiete wieder erobern möchten, stoßen in der Hitze des
Frühlingszuges über die seitherigen Brutbezirke hinaus und versuchen
sich weiter nördlich seßhaft zu machen. Hierher gehört es z. B.,
wenn unversehens einmal Bienenfresser in Hessen brüten, wenn ich zu
meinem Erstaunen einmal bei Rossitten den Mittelmeersteinschmätzer
erblickte, wenn ebenda einmal ein Steinrötel sich dreist auf den Zaun
der Vogelwarte setzte und herabgeschossen wurde, wenn fast alljährlich
Nachtreiher am Bodensee sich einstellen und wenn vor wenigen Jahren
wieder einmal ein ganzer Schwarm Edelreiher in der Bartschniederung
auftauchte und alle Anstalten zum Fortpflanzungsgeschäft traf. Leider
werden alle solche Ansiedlungsversuche, soweit es sich um größere
oder farbenschöne oder angeblich schädliche Vögel handelt, regelmäßig
vereitelt durch gewisse „Jäger“, die nichts Lebendes sehen können und
es verlernt haben, sich an den köstlichen Gaben der Natur zu erfreuen,
ohne gleich die Schrotspritze sprechen zu lassen. Nur kleinen oder
unansehnlichen Vogelarten gelingt eine solche Erweiterung ihres
Verbreitungsgebietes, und so haben z. B. in den letzten Jahrzehnten
Girlitz, Hausrotschwanz, Bergstelze und Halsbandfliegenfänger ihre
Grenzen bedeutend nach Norden vorgeschoben. Soweit sie Zugvögel sind,
gehen sie dann aller Wahrscheinlichkeit nach im Herbst genau auf der
Einwanderungslinie wieder rückwärts, womit ihnen also ihre Zugstraße
vorgeschrieben ist. Nicht immer decken sich die Frühjahrszugstraßen mit
denen des Herbstes, sondern öfters werden andere Wege eingeschlagen,
wobei das Streben nach möglichster Abkürzung der Gesamtreisestrecke
unverkennbar ist. Wo der Zug im Herbst erst von Ost nach West führt und
dann fast rechtwinklig nach Süden umbiegt, wird im Lenz dieses Dreieck
nicht ausgeflogen, sondern die Vögel ziehen auf seiner Hypotenuse. Dies
gilt z. B. für die sibirischen Laubsänger, die im Herbst nach Helgoland
kommen, sich aber im Frühjahr dort nicht wieder blicken lassen, weil
sie dann quer durch Deutschland ziehen, wo sie natürlich nur durch
einen besonders günstigen Zufall festgestellt werden können. Aber im
allgemeinen wird doch nicht nur die Zeit, sondern auch der Raum beim
Vogelzug mit erstaunlicher Regelmäßigkeit eingehalten. Es ist, als ob
richtige, für die Vögel sichtbare Wege durch das wesenlose Luftmeer
führten. Jeder erfahrene Jäger weiß ja, an welchen Stellen seines
Reviers er auf Schnepfenstreich rechnen kann und wird sich deshalb
immer wieder an denselben erfolgversprechenden Plätzen anstellen;
jeder aufmerksame Spaziergänger wird bald dahinter kommen, daß die
überwinternden Krähen bei ihren täglichen, oft ziemlich ausgedehnten
Flügen von den Nahrungs- zu den Schlafplätzen und umgekehrt immer
genau dieselben Luftstraßen einschlagen, und jeder Vogelschützer macht
die Wahrnehmung, daß die Meisenschwärme im Spätherbst jeden Tag die
gleiche Runde machen und mit Sicherheit zu einer bestimmten Stunde
an einem ganz bestimmten Orte anzutreffen sind. Oft bleiben bei der
gleichen Vogelart die weiter südlich wohnenden Stämme den Winter
über in der Brutheimat zurück und werden von ihrer weiter nördlich
siedelnden Sippschaft überflogen, nicht aber machen jene diesen Platz
und räumen ihnen ihre Sitze ein, wie man vielfach fälschlich behauptet
hat. Das Eintreffen im Frühjahr erfolgt keineswegs für alle Individuen
derselben Art in einer Gegend gleichzeitig, sondern verteilt sich
sprungförmig auf einen gewissen Zeitraum, der um so ausgedehnter ist,
je frühzeitiger die durchschnittlichen Ankunftsdaten für solche Vögel
liegen. Erst kommen die Vorposten, sogenannte „Spione“, die oft wieder
verschwinden, nachdem sie sich kurz umgesehen haben, dann folgt die
Hauptmasse, auch diese oft in mehreren Abteilungen, und endlich die
Nachzügler. „Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer“, sagt sehr richtig
das Sprichwort.

        —     —     —     —     —     —     —     —     —     —

Herr Rechnungsrat Meyer befindet sich seit dem 1. April im Ruhestande
und macht nun täglich, ehe er sich zu seinem Dämmerschoppen
am Stammtisch im „Roten Löwen“ begibt, seinen behaglichen
Nachmittagsbummel durch die hübschen Anlagen des Städtchens nach
dem nahen Buchenwäldchen, wobei er mit Vorliebe auf die Stimmen
der gefiederten Sänger lauscht, denn er ist ein alter „Vogelnarr“,
nebenbei gesagt eine der sympathischsten Klassen des im allgemeinen
ziemlich ekligen Menschengeschlechts. Heute am 24. April ist es
besonders schön draußen. Den Äckern entsteigt der kräftige Geruch
der umgepflügten Erdscholle, die Wiesen prangen in frischem Grün
und sind von unzähligen bunten Blümlein durchstickt, die Obstbäume
haben ihre schneeige Blütenpracht entfaltet, die weißleuchtenden
Birkenstämme ihren zartgrünen Spitzenschleier übergeworfen, die bis zum
Platzen angeschwollenen Buchenknospen warten nur darauf, vom nächsten
Sonnenstrahl wachgeküßt zu werden zu neuem Leben, das Buschwerk in Wald
und Flur hat seine jungen Blätter entrollt, und von allen Zweigen,
aus allen Hecken tönen die jauchzenden Frühlingshymnen der täglich
um neu eintreffende Arten sich vergrößernden Vogelschar. Das Herz
voll sonniger Lenzesstimmung ist Herr Meyer schon auf dem Heimwege
begriffen. Leise senkt sich die Dämmerung hernieder. Der Weg führt
an dem alten Wallgraben der ehemals freien Reichsstadt entlang, der
jetzt von Gärten und Anlagen ausgefüllt ist. Plötzlich bleibt der alte
Rechnungsrat wie verzückt stehen und hält lauschend die Hand an das
schon etwas schwerhörig gewordene Ohr. Unendlich süße Töne schallen zu
ihm herauf aus dem jungen Grün eines alten Fliederbusches, kunstvolle
Läufe, jauchzende Triller, prachtvolle Kadenzen. Die Nachtigall
ist wieder da! An diesem Tage ist der Herr Rechnungsrat erst mit
erheblicher Verspätung an seinem Stammtisch erschienen. Die Freunde
maulten, denn sie vermochten es nicht zu begreifen, daß man eines
Vogelliedes wegen den geliebten Männerskat oder die Bierbankpolitik
versäumen könne. Die Nachtigall aber sang unentwegt weiter, fast die
ganze laue, vollmondüberflutete Frühlingsnacht hindurch. Auch die
nächste und übernächste. Mit der Macht ihrer melodienreichen Kehle
will sie sich durchaus das ersehnte Weibchen herbeizaubern. Wie
das jauchzt und klagt, wie das trillert und flötet, wie das fleht
und wirbt, bald in den zartesten Molltönen ersterbend, bald mit
schmetternder Kraft schier gellend ausgestoßen! Es ist das Hohelied der
Liebe! Und endlich — in der vierten Nacht —, da fliegt ein unscheinbar
graues Vögelchen schon stundenlang einsam über Berg und Tal, über Feld
und Wald dem Lichtschimmer des Städtchens zu. Als die sehnsüchtigen
und wehmütigen Triller aus dem Fliederbusch an sein Ohr schlagen, da
stutzt es, schwenkt um, läßt sich tiefer herab und fällt endlich im
Nachbarbusch ein, bewillkommt von einer prachtvollen Jubelfanfare des
harrenden Männchens. Sie haben sich wiedergefunden an der vorjährigen
Stätte ihres Glückes nach der langen, gefahrvollen, getrennt
vollführten Reise. Innig schmiegen sich die beiden Vögelchen auf ihrem
Zweige aneinander. Brust an Brust verfallen sie nach durchwanderten
oder durchsungenen Nächten in den tiefen, wohltuenden Schlaf völliger
Ermattung. Sie träumen von Minne und Liebe, von Nestbau, Brüten
und Kinderfüttern. Wonniges Glücksgefühl durchzittert die kleinen
leidenschaftlichen Vogelherzen. Sind sie doch nach so viel Fährnissen
endlich wieder vereint in der Heimat!




Sachweiser


  Alpen, Frühlingszug durch die 69

  Aufbruchszeit 28


  Bachstelze, Ankunftsdaten der 71

  Bergfinkenheer 47

  Brachvogel 21


  Depressionen, Einfluß der 43


  Eiszeiten 16

  Entstehung des Vogelzugs 15

  Europäische Vogelzugstraßen 65


  Flugleistungen einiger Zugvögel 57, 58, 59

  Fortpflanzungsinstinkt 17


  Gefahren beim Zuge 50

  Geheimer Vogelzug 42


  Hausstorch 68

  Herbstzug 56

  Höhe des Vogelzugs 51


  Instinkt 17

  Irrgäste 39

  Isepiptesen 44, 45


  Keilform 10

  Kranichzug 9

  Kreuzschnabel 31

  Kuckuck 25


  Laufende Zugvögel 60

  Luftdruck und Vogelzug 43

  Luftstraßen 73


  Nachtwanderer 22, 58

  Nächtliches Wandern 20

  Nebel und Vogelzug 38

  Normaler Zugtag 12


  Orientierungsgabe 23


  Paarungsstationen 63

  Palméns Zugstraßen 66, 67

  Psychisches Verhalten 30


  Raststationen 62

  Richtsinn 22

  Rückkehr zum alten Nest 28

  Rückzüge 45


  Sammelstationen 61

  Schnelligkeit d. Vogelzugs 55

  Schwimmende Zugvögel 60

  Seidenschwanz 31, 33

  Sibirischer Tannenhäher 9

  Singen die Vögel in der Winterherberge? 26

  Storchenzug 13

  Südwestdeutsche Zugstraße 48


  Tagwanderer 58

  Trennung nach dem Alter 24

  Trennung n. d. Geschlecht 26

  Toben der Käfigvögel 18


  Verbreitungsgrenzen 72

  Vogelzug in der Dobrudscha 19

  Vogelzug im Pontisch-Kaspischen Gebiet 35

  Vogelzugsforschung 7

  Vorausahnen des Wetters 33


  Wärme und Vogelzug 44

  Wanderung 8

  Wassertreter 31

  Wettersturz 47

  Wind und Vogelzug 34

  Witterung, Einfluß der 32


  Zigeunervögel 14

  Zug 8

  Zugsinstinkt 17

  Zugstraßen 64

  Zurechtfinden 12




⁘ ~KOSMOS~ ⁘

Gesellschaft der Naturfreunde in Stuttgart

Die Gesellschaft Kosmos bezweckt, die Kenntnis der Naturwissenschaften
und damit die Freude an der Natur und das Verständnis ihrer
Erscheinungen in den weitesten Kreisen unseres Volkes zu verbreiten.
— Dieses Ziel sucht die Gesellschaft durch Verbreitung guter
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Handweiser für Naturfreunde

Jährlich 12 Hefte mit 4 Buchbeilagen

Diese Buchbeilagen sind, von ersten Verfassern geschrieben, im guten
Sinne gemeinverständliche Werke naturwissenschaftlichen Inhalts. In dem
Vereinsjahr 1928 gelangen zur Ausgabe:

Dr. Kurt Floericke, Vögel auf der Reise R. H. Francé, Urwald Wilhelm
Bölsche, Drachen H. Günther, Eroberung der Tiefe

⁘

Jedes Bändchen reich illustriert

Diese Veröffentlichungen sind durch alle Buchhandlungen zu beziehen, wo
auch Beitrittserklärungen entgegengenommen werden. Auch die +früher+
erschienenen Jahrgänge sind noch erhältlich

Geschäftsstelle des Kosmos: Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart




Freude am Leben

und sichere Grundlagen für eine moderne

Weltanschauung

findet jeder in der

Natur

⁘

Zum Beitritt in den

~KOSMOS~

Gesellschaft der Naturfreunde

laden wir

alle Naturfreunde

jedes Standes, sowie alle Schulen, Volksbüchereien, Vereine usw. ein

⁘

Die Mitglieder erhalten laut § 5 der Satzung als Gegenleistung +für
ihren Jahresbeitrag im Jahre 1928 kostenlos+:

  I.   Die Monatsschrift Kosmos, Handweiser für Naturfreunde. Reich,
       z. T. mehrfarbig bebildert. 12 Hefte im Jahr

  II.  Die ordentlichen Veröffentlichungen. 4 Buchbeilagen. 1928 sind
       vorgesehen: Dr. Kurt Floericke, Vögel auf der Reise :: R. H.
       Francé, Urwald :: W. Bölsche, Drachen :: H. Günther, Die
       Eroberung der Tiefe

  III. Vergünstigungen beim Bezuge von hervorragenden
       naturwissenschaftlichen Werken

Jedermann kann jederzeit Mitglied werden.

Bereits Erschienenes wird nachgeliefert


Anmeldungen bei jeder Buchhandlung oder durch die Geschäftsstelle des
+Kosmos+, Stuttgart, Pfizerstraße 5




Satzung


  § 1. Die Gesellschaft Kosmos (eine freie Vereinigung der Naturfreunde
  auf geschäftlicher Grundlage) will in erster Linie die Kenntnis
  der Naturwissenschaften und damit die Freude an der Natur und das
  Verständnis ihrer Erscheinungen in den weitesten Kreisen unseres
  Volkes verbreiten.

  § 2. Dieses Ziel sucht die Gesellschaft zu erreichen: durch die
  Herausgabe eines den Mitgliedern kostenlos zur Verfügung gestellten
  naturwissenschaftlichen Handweisers (§ 5), durch die Herausgabe
  neuer, von hervorragenden Autoren verfaßter im guten Sinne
  gemeinverständlicher Werke naturwissenschaftlichen Inhalts, die sie
  ihren Mitgliedern unentgeltlich oder zu einem besonders niedrigen
  Preise zugänglich macht, usw.

  § 3. Die Gründer der Gesellschaft bilden den geschäftsführenden
  Ausschuß, den Vorstand usw.

  § 4. Mitglied kann jeder werden, der sich zur Bezahlung des
  jeweiligen, mäßig gehaltenen Beitrags verpflichtet. Andere
  Verpflichtungen und Rechte, als in dieser Satzung angegeben sind,
  erwachsen den Mitgliedern nicht. Der Eintritt kann jederzeit
  erfolgen; bereits Erschienenes wird nachgeliefert. Der Austritt ist
  gegebenenfalls bis 1. Oktober des Jahres anzuzeigen, womit alle
  weiteren Ansprüche an die Gesellschaft erlöschen.

  § 5. Siehe vorige Seite.

  § 6. Die Geschäftsstelle befindet sich bei der +Franckh’schen
  Verlagshandlung, Stuttgart, Pfizerstraße 5+. Alle Zuschriften,
  Sendungen und Zahlungen (vgl. § 5) sind, soweit sie nicht durch eine
  Buchhandlung Erledigung finden konnten, dahin zurichten.


~KOSMOS~

Handweiser für Naturfreunde

Erscheint jährlich zwölfmal und enthält:

Aufsätze in klarer, fesselnder Sprache vom Leben und Wirken der
Naturkräfte.

Bilder und farbige Kunstdrucktafeln, die das geschriebene Wort noch
anschaulicher und lebendiger machen.

Regelmäßig unterrichtende Nachrichten von Forschung und Fortschritt auf
allen Gebieten der Naturwissenschaft.

Auskunftsstelle. Wertvolle kleine Mitteilungen.

Mitteilungen über Naturbeobachtungen, Vorschläge und Anfragen der
Mitglieder. Experimentierecke.


  Zu beziehen durch jede Buchhandlung oder
  durch die Geschäftsstelle des +Kosmos+, Stuttgart, Pfizerstraße 5




Kosmos-Buchbeilagen 1928:


[Illustration: Dr. Kurt Floericke

Vögel auf der Reise]

Alljährlich wandern die Zugvögel im Herbst nach Süden und kehren im
Frühjahr zurück. Über diese rätselhaften Reisen, über ihre Wege und
Ziele, über den geheimnisvollen Trieb, der die Vögel dazu veranlaßt,
berichtet dieses Bändchen aus der Feder des bekannten Vogelkenners.


[Illustration: R. H. Francé

Urwald]

Das Bändchen ist der Niederschlag einer längeren Studienreise, die
der bekannte Naturforscher zu den Urwäldern in Ceylon, Australien,
Polynesien und Südamerika unternommen hat. Dieses persönliche Erlebnis
gibt dem Buch seinen besonderen Reiz und Wert.


[Illustration: Wilhelm Bölsche

Drachen]

Alte Sagen berichten von furchtbaren Drachen, die einst die Menschen
bedrohten. Aus Versteinerungen wissen wir, daß vor Jahrmillionen
riesige Echsen gelebt haben, deren Aussehen stark an die sagenhaften
Schilderungen der Drachen erinnern. Ist wohl der Mensch noch solchen
riesigen Sauriern begegnet?


[Illustration: Hanns Günther

Die Eroberung der Tiefe]

Seit den ältesten Zeiten versucht der Mensch in die Tiefen des Meeres
vorzudringen, vor allem um die Schätze der untergegangenen Schiffe zu
heben. Das Bändchen schildert diese Versuche von den allereinfachsten
Anfängen an bis zur modernen Tauchtechnik in der Hanns Günther eigenen
anschaulichen Art.


Für Mitglieder kostenlos




Folgende seit Bestehen des Kosmos erschienene Buchbeilagen erhalten
Mitglieder, solange vorrätig, zu Ausnahmepreisen:


[Sidenote: 1904]

Bölsche, W., Abstammung des Menschen. — Meyer, Dr. M. W.,
Weltuntergang. — Zell, Ist das Tier unvernünftig? (Dopp.-Bd.). — Meyer,
Dr. M. W., Weltschöpfung.

[Sidenote: 1905]

Bölsche, Stammbaum d. Tiere. — Francé, Sinnesleben d. Pflanzen. — Zell,
Tierfabeln. — Teichmann, Dr. E., Leben u. Tod. — Meyer, Dr. M. W.,
Sonne u. Sterne.

[Sidenote: 1906]

Francé, Liebesleben d. Pflanzen. — Meyer, Rätsel d. Erdpole. — Zell,
Streifzüge d. d. Tierwelt. — Bölsche, Im Steinkohlenwald. — Ament,
Seele d. Kindes.

[Sidenote: 1907]

Francé, Streifzüge im Wassertropfen. — Zell, Dr. Th., Straußenpolitik.
— Meyer, Dr. M. W., Kometen und Meteore. — Teichmann, Fortpflanzung und
Zeugung. — Floericke, Dr. K., Die Vögel des deutschen Waldes.

[Sidenote: 1908]

Meyer, Dr. M. W., Erdbeben und Vulkane. — Teichmann, Dr. E., Die
Vererbung. — Sajó, Krieg und Frieden im Ameisenstaat. — Dekker,
Naturgeschichte des Kindes. — Floericke, Dr. K., Säugetiere des
deutschen Waldes.

[Sidenote: 1909]

Francé, Bilder aus dem Leben des Waldes. — Meyer, Dr. M. W., Der Mond.
— Sajó, Prof. K., Die Honigbiene. — Floericke, Kriechtiere und Lurche
Deutschlands. — Bölsche, W., Der Mensch in der Tertiärzeit.

[Sidenote: 1910]

Koelsch, Pflanzen zw. Dorf u. Trift. — Dekker, Fühlen u. Hören. —
Meyer, Welt d. Planeten. — Floericke, Säugetiere fremd. Länder. —
Weule, Kultur d. Kulturlosen.

[Sidenote: 1911]

Koelsch, Durch Heide und Moor. — Dekker, Sehen, Riechen und Schmecken.
— — Bölsche, Der Mensch der Pfahlbauzeit. — Floericke, Vögel fremder
Länder. — Weule, Kulturelemente der Menschheit.

[Sidenote: 1912]

Gibson-Günther, Was ist Elektrizität? — Dannemann, Wie unser Weltbild
entstand. — Floericke, Fremde Kriechtiere und Lurche. — Weule,
Die Urgesellschaft und ihre Lebensfürsorge. — Koelsch, Würger im
Pflanzenreich.

[Sidenote: 1913]

Bölsche, Festländer u. Meere. — Floericke, Einheimische Fische. —
Koelsch, Der blühende See. — Zart, Bausteine des Weltalls. — Dekker,
Vom siegh. Zellenstaat.

[Sidenote: 1914]

Bölsche, W., Tierwanderungen in der Urwelt. — Floericke, Dr. Kurt,
Meeresfische. — Lipschütz, Dr. A., Warum wir sterben. — Kahn, Dr.
Fritz, Die Milchstraße. — Nagel, Dr. Osk., Romantik der Chemie.

[Sidenote: 1915]

Bölsche, W., Der Mensch der Zukunft. — Floericke, Dr. K., Gepanzerte
Ritter. — Weule, Prof. Dr. K., Vom Kerbstock zum Alphabet. — Müller, A.
L., Gedächtnis und seine Pflege. — Besser, H., Raubwild und Dickhäuter.

[Sidenote: 1916]

Bölsche, Stammbaum der Insekten. — Sieberg, Wetterbüchlein. — Zell,
Pferd als Steppentier. — Weule, Krieg in den Tiefen der Menschheit
(Dopp.-Bd.).

[Sidenote: 1917]

Besser, Natur- u. Jagdstud. i. Deutsch-Ostafrika. — Floericke, Dr.,
Plagegeister. Hasterlik, Dr., Speise u. Trank. — Bölsche, Schutz- u.
Trutzbündnisse i. d. Natur.

[Sidenote: 1918]

Bölsche, Sieg des Lebens. — Fischer-Defoy, Schlafen und Träumen.
— Kurth, Zwischen Keller u. Dach. — Hasterlik, Dr., Von Reiz- u.
Rauschmitteln.

[Sidenote: 1919]

Bölsche, Eiszeit und Klimawechsel. — Floericke, Spinnen und
Spinnenleben. — Zell, Neue Tierbeobachtungen. — Kahn, Die Zelle.

[Sidenote: 1920]

Fischer-Defoy, Lebensgefahr in Haus u. Hof. — Francé, Die Pflanze als
Erfinder. — Floericke, Schnecken und Muscheln. — Lämmel, Wege zur
Relativitätstheorie.

[Sidenote: 1921]

Weule, Naturbeherrschung I. — Floericke, Gewürm. — Günther,
Radiotechnik. — Sanders, Hypnose und Suggestion.

[Sidenote: 1922]

Weule, Naturbeherrschung II. — Francé, Leben im Ackerboden. —
Floericke, Heuschrecken und Libellen. — Lotze, Jahreszahlen der
Erdgeschichte.

[Sidenote: 1923]

Flaig, Kampf um Tschomo-lungma. — Floericke, Falterleben. — Francé,
Entdeckung der Heimat. — Behm, Kleidung und Gewebe.

[Sidenote: 1924]

Floericke, Käfervolk. — Henseling, Astrologie. — Bölsche, Tierseele und
Menschenseele. — Behm, Von der Faser zum Gewand.

[Sidenote: 1925]

Lämmel, Sozialphysik. — Floericke, Wundertiere des Meeres. — Henseling,
Mars. — Behm, Kolloidchemie.

[Sidenote: 1926]

Francé, Die Harmonie in der Natur. — Floericke, Zwischen Pol und
Äquator. — Bölsche, Abstammung d. Kunst. — Dekker, Planeten und
Menschen.

[Sidenote: 1927]

Floericke, Aussterbende Tiere. — Bölsche, Im Bernsteinwald. — Günther,
Was ist Magnetismus. — Lang, Gletschereis.


Preise:

  Einzeln bezogen kostet jeder Band brosch. RM 1.—, gebd. RM 1.70
  Für Nichtmitglieder des Kosmos            RM 1.25, gebd. RM 2.—

Besondere Preise bei Gruppenbezug

  10 Bände geb. nur RM 14.50, brosch. nur RM 9.—
  20 Bände geb. nur RM 27.—, brosch. nur RM 16.50
  50 Bände geb. nur RM 62.—, brosch. nur RM 37.50


Auf Wunsch können größere Beträge nach vorhergehender Vereinbarung auch
in +_Teilzahlungen_+ entrichtet werden




*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VÖGEL AUF DER REISE ***


    

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without further opportunities to fix the problem.

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in paragraph 1.F.3, this work is provided to you ‘AS-IS’, WITH NO
OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
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additions or deletions to any Project Gutenberg work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg

Project Gutenberg is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg’s
goals and ensuring that the Project Gutenberg collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.

Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state’s laws.

The Foundation’s business office is located at 41 Watchung Plaza #516,
Montclair NJ 07042, USA, +1 (862) 621-9288. Email contact links and up
to date contact information can be found at the Foundation’s website
and official page at www.gutenberg.org/contact

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread
public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
visit www.gutenberg.org/donate.

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate.

Section 5. General Information About Project Gutenberg electronic works

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg eBooks with only a loose network of
volunteer support.

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editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

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facility: www.gutenberg.org.

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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