The Project Gutenberg eBook of Skizzen einer Fußreise durch Oesterreich, Steiermark, Kärnthen, Salzburg, Berchtesgaden, Tirol und Baiern nach Wien,
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Title: Skizzen einer Fußreise durch Oesterreich, Steiermark, Kärnthen, Salzburg, Berchtesgaden, Tirol und Baiern nach Wien,
nebst einer romantisch pittoresken Darstellung mehrerer Ritterburgen und ihrer Volkssagen, Gebirgsgegenden und Eisglätscher auf dieser Wanderung, unternommen im Jahre 1825 von Joseph Kyselak. (1/2)
Author: Josef Kyselak
Release date: December 14, 2025 [eBook #77458]
Language: German
Original publication: Wien: Anton Pichler, 1829
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/77458
Credits: Raymond Papworth and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was produced from images made available by the HathiTrust Digital Library.)
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SKIZZEN EINER FUSSREISE DURCH OESTERREICH, STEIERMARK, KÄRNTHEN, SALZBURG, BERCHTESGADEN, TIROL UND BAIERN NACH WIEN, ***
[Illustration: VESTE KLAM BEY SCHOTTWIEN. E. Gurk del. et sc.]
Skizzen
einer
Fußreise durch Oesterreich, Steiermark, Kärnthen, Salzburg,
Berchtesgaden, Tirol und Baiern nach Wien,
nebst einer
romantisch pittoresken Darstellung mehrerer Ritterburgen und ihrer
Volkssagen, Gebirgsgegenden und Eisglätscher auf dieser Wanderung,
unternommen im Jahre 1825
von
JOSEPH KYSELAK.
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Erster Theil.
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Mit Kupfern.
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Wien 1829.
Gedruckt bei Anton Pichler.
Gott! es ist nur eine Welt!
Und wem diese nicht gefällt,
Dem soll wirklich hier auf Erden
Nichts als unser Mitleid werden.
Vorwort.
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Ein Funke ist’s, ein Trieb, der den Menschen in regeres Leben verwebt,
sein Blut auf eine oder die andere Art besonders anzieht, zu
verschiedenen, wenn auch insgesammt lohnenden Tempeln hinleitet.
Frauenliebe reißt den Jüngling oft hin, für seine Auserwählte sich zum
Helden, zum Dichter zu bilden; Liebe zur schönen Natur, zur ewig
bewunderten, ein nicht minder hohes Motiv, beseelte mich schon lange,
spornt zum Danke für sie, und heißt mich manches Gute schildern, dessen
ich von ihr begünstigt mich erfreute.
Getreu, wie ich die Ansichten aufgefaßt, übergebe ich sie der Welt,
diesen Erstlingen eine sichere Bahn zutrauend. Findet Jemand meine
Ansichten hie und da zu bildlich, zu poetisch, so bedenke er: daß man
von einem glücklichen Zufalle überrascht, gemeiniglich in
Lobeserhebungen schönerer Form ausbricht.
Ich reiste, von einem meiner treuen Wolfshunde begleitet, allein, und
nur mit dem nothwendigsten Gepäcke; denn einige Hemden, Tücheln,
Fußsäckel etc., ein Paar Schuhe zum Wechsel der Stiefeln, ein gutes
Fernrohr, blecherne Feldflasche, Steigeisen, Feuerzeuge, Windlichter und
Wachskerzen, Papier, Bleistift, auf Leinwand gespannte topographische
Karten zum Zusammenlegen in Bücherform, starke lange Schnur, Bürste
etc., wird doch Niemand leicht entbehren. Etwas überflüssig, aber für
mich sehr erfreulich, war mein Gewehr, das zu dem sechspfündigen
Gewichte auch einen kleinen Vorrath von Pulver und Blei erforderte; und
so betrug die ganze Bagage, welche ich aber selbst überall mitzutragen
mir vornahm, 15 Pfunde. Den lästigen Mantel, oder sonstige Hindernisse
einer Fußwanderung entbehrte ich, mit dem festen Willen, täglich
wenigstens sechs Meilen zurückzulegen, und nur in Provinzialstädten zu
verweilen; weil man sonst ohne ähnlichen bestimmten Vorsatz, von mancher
schönen Gegend zu viel eingenommen, oftmals gar nicht vom Flecke kommt,
und die karge Zeit mit Bewunderung von Kleinigkeiten verschwendet, ohne
dann Meisterstücken Stunden weihen zu können. Daß diese
Landschaftsänderungen den Reisenden immer in neue Genüsse verweben, und
solche, die Gesundheit keineswegs angreifenden Wanderungen die Geistes-
und Körperkraft vielfach verstärken, bedarf wohl erst keiner neuen
Versicherung!
Uebrigens war ich bei Schilderung einer Alpenfußreise nicht gesonnen,
mit theilweiser Beschreibung der Provinzialstädte die Naturfreunde
einigermassen zu ermüden; da sie ohnedieß mit den ausführlichsten und
sichersten Notaten von _Grätz_, _Salzburg_, _Passau_, _Linz_ etc. durch
die Schriften der Herren _Schultes_, _Satori_ etc. hinlänglich bekannt,
ihnen daher eine einseitige, in kurzer Zeit geschöpfte Betrachtung,
schwerlich verläßlicher, noch weniger aber neu seyn könnte: darum
beschrenkte ich mich vielmehr auf die entlegenen Stationen, Alpen und
Merkwürdigkeiten, welche noch nicht hinlänglich erläutert wurden, nebst
einigen Gebräuchen, Sitten und Abenteuern, welche Manchen zur
schätzbaren Unterhaltung dienen sollen, das Hauptaugenmerk zu richten.
Wenn ich zu diesen mir ein Recht zu nehmen wagen konnte, so war es die
Ueberzeugung: daß ich seit mehrjähriger Fußwanderung durch das ganze
österreichische Erbkaiserthum, in so vielerlei Gegenden gekommen bin,
die von einander so verschieden, so einladend oder abschreckend für den
Besucher sind. Da ich nun jenen Unterschied auf dieser Exkursion
ausschlüssig bemerkte, und dabei nachbenannte Gefilde wiederholt und in
den verschiedensten Richtungen durchstrich; so glaube ich, wird man mir
so viel Urtheilskraft zutrauen, keine falschen Ansichten oder
Uebertreibungen auftischen zu wollen.
Möchte es mir doch gelingen, Nachsicht und Wohlwollen meiner geehrten
Leser zu erringen, der ich mit ungekünstelter Feder Naturschönheiten zu
schildern wagte, bei deren mühsamster Kopie mancher meisterhafte Pinsel
nur getändelt zu haben scheinen würde! Doch das Vergnügen, mich über
empfundene Wonne herzlich zu ergießen und dieselbe nach Möglichkeit zu
schildern, erhob mich über das Gefühl meiner empfundenen Schwäche, und
die zagende Feder siegte im Willen; wohl ihr, wenn sie am Ende nicht
büßt, kühn unternommene That.
Wer also in diesen Blättern etwas Höheres, als Verkürzung etlicher
Winterabende erwartet, den ersuche ich, solche lieber anfänglich bei
Seite zu legen, damit er nicht in der Erwartung getäuscht, den Unwillen
dem Erzähler durch Rezensionen entgelten lasse. Uebrigens, was ich
geschrieben, habe ich selbst gesehen und erfahren, ohne geradezu einen
_Commentar_ für meine werthen Leser entwerfen, sondern nur Skizzen
schildern zu wollen, wie sie einem von romantischen Ideen begeisterten
Reisenden, theils geflissentlich aufgesucht, theils von Ungefähr sich
darbiethend, vorkommen. Auch strebte ich nicht, (Jahreszahlen und Daten
ausgenommen, welche aus den besten Urkunden und Topographien entlehnt
wurden,) mich früherer Quellen zu bedienen, mehrere Bände zu bezwecken,
und interessanter scheinen zu wollen; was mir minder merkwürdig deuchte,
habe ich gänzlich übergangen, und Anderem, vielleicht meinen schätzbaren
Lesern Unbedeutendem, meine ganze Aufmerksamkeit geweihet.
Wohl mir, wenn ich Empfindung und reine Gefühle verrathen, und dem edlen
Herzen nicht ganz unbedeutend geschienen habe.
Wien, am 30. Juli 1828.
KYSELAK.
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Abreise, Steinfeld, Bergfeste Klam, komischer Auftritt.
Es war ein herrlicher Abend am zwölften August; kein Wölkchen trübte den
Horizont, nur leiser Westwind belebte die glänzenden Blätter und lüftete
die verweilte Schwüle des Tages: als ich mit wonnetrunkenem Gemüthe
wegen endlich befriedigter Sehnsucht, dem Wienerberge zufuhr. Ich wählte
die anfängliche Wagenreise, weil Jeder der die langweilige Fläche bis
Neunkirchen auch nur einmal zu Fusse überschritt, sich gewiß diese
marternde Wanderung nicht zum zweitenmale wünscht. Meine Gesellschaft,
ein alter Herr nebst Frau und ein Jude, hatte zu wenig Interessantes für
mich, als daß ich dem freudig zu bringenden Lebewohl für Stadt und deren
liebe Bewohner hätte widerstehen können. Ich stieg daher bei der Säule
(Spinnerin am Kreuze) aus, und erblickte den ausgebreiteten Steinhaufen
von Tausend Laternen beleuchtet, im silbernen Glanze des eben
aufsteigenden Mondes. Freudig hoben meine Brust süß sich entbildende
Gefühle beim Bewußtseyn, nun dem dunstigen Getümmel Wiens für längere
Zeit entzogen zu seyn.
Bis ausser _Ginselsdorf_, wo wie gewöhnlich in heissen Sommerabenden
rechts in dem Sumpfgraben neben dem Posthause häufige Irrlichter ihr
äffendes Wesen trieben, war die Unterhaltung ziemlich einseitig; der
alte Herr schlief, die Frau bethete, der Jude zitterte, unser Kutscher
rauchte sein Pfeifchen, und ich schwebte in der Zukunft.
Bald passirten wir das dürre _Theresienfeld_[1], dessen langweiligen
Sandboden der späteren Einwohner Fleiß und Kunst endlich zum Nutzen
zwang.
[1] Dorf, wurde von der Kaiserin _Maria Theresia_ Anno 1763 auf eigene
Kosten angelegt, und Tiroler-Ackerleute dahin beschieden, die Steppen
urbar zu machen, welches jedoch deren Nachfolgern, pensionirten
Offizieren, ebensowenig gelang.
_Neustadt’s_ wild vorbeirauschende _Fischa_[2], manchen Feinden
brückenlos eine trotzige Gegnerin, und deren ehemalig strenge Thore
gestatteten nun gutmüthig den Durchzug; fürchterlich rasselte der Wagen
auf dem noch alten Pflaster; doch schliefen ruhig die Bürger, der Zeiten
ihrer Vorfahren entwöhnt, wo manches Lärmen zur Nacht Arme und Herzen
bewaffnet herbei rief. _Neustadt_, die in ihrem berühmten Leben so viel
hinlänglich bekannte Merkwürdigkeiten aufzuweisen hat, wird kein
Oesterreicher ungerührt verlassen. Der von hier nach Wien führende Kanal
ist der vielen Krümmungen wegen noch um einige Stunden länger, als die
Poststrasse. Vor dem Neunkirchnerthore und mitten am Steinfelde links an
der Poststrasse, stehen zwei gleich gewölbte Säulen als Meridian
Meßzeichen vom Jahre 1763, welche somit das Andenken des Jesuiten
_Liesganig_ erhalten.
[2] Von den Landleuten nur gemeinhin das Neustädter-Wasser genannt,
entspringt bei Grünbach und Emmerberg in Nieder-Österreich aus
mehreren Quellen.
Mit leichter Mühe verdoppeln rasche Pferde die Schnelle der Fahrt von
Neustadt bis Neunkirchen; kein Hügel, kein Graben zeigt sich auf dieser
weiten Fläche, das Steinfeld genannt. Magere Aecker mit Korn und Heide
dürftig besetzt, und Striche von Föhrenwäldern, die der betriebsame
Geist hier anlegte, um die hitzigen Sandfelder wenigstens etwas zu
benützen, sind nebst vielem Hochwilde die ganze Ausbeute dieser
österreichischen Wüste. Im höheren Föhrenwalde hinter dem einzigen
Wirthshause (Einschicht genannt), welches wie eine Eremitage an der
Strasse links trauert, sahen wir immer deutlicher Wachfeuer
hervorleuchten. Es war allerdings ein imposanter Anblick, mitten aus dem
schwarzen Haine die hellen Opferfeuer winken zu sehen: doch wußten wir,
daß es die Schweinhändler unterhielten, welche aus Ungarn über Aspang
ihre Transporte nach Wien bringend, in diesen Wäldern meistens
übernachten. Demohngeachtet war der Israelit einem Fieber nahe; Schreck
rüttelte seine marklosen Knochen, und er betheuerte unbefragt bei allen
Söhnen Abrahams, keine Baarschaft bei sich zu haben. Plötzlich schlug
mein Wolfshund, der schnellfüssig vor dem Wagen lief, auf etwas im
Graben gewaltig an; der Kutscher hielt, und fand dem Anzuge nach, einen
betrunkenen Viehhändler, welcher flehendlichst bat, ihn gegen gute
Bezahlung mit auf den Wagen zu nehmen. Mit unserer Erlaubniß hob er
denselben zu sich, welcher seiner Rolle vollkommen Genüge leistete,
endlich entschlief.
Ausser dem bedeutenden, vom wüthenden Schwarzaflusse[3] bespühlten
Markte Neunkirchen, endigt sich die lästige Fläche; die Berge rücken
zusamm, und gewähren bei Tage die interessantesten Prospekte. Belebte
Wälder mit dem dreigipfeligen Geisberg, und schwarzerdige Aecker zur
Linken, die pittoreske Heyssensteiner-Felsenwand mit den Gebirgen um
Stüchsenstein zur Rechten, schließt der majestätische Schneeberg und
seine graue Familie den Hintergrund. Groß und erhaben wie keiner,
beherrscht er die Umgebung, und fesselt des Wanderers Gemüth.
[3] Die Schwarza entspringt bei Rohr in Nieder-Österreich, durchfließt
dann immer neue Gießbäche aufnehmend das Höllenthal, wird daselbst
durch den Naßwalderbach, der fortwährend Holz triftet, mächtig
verstärkt, treibt bei Reichenau und Glocknitz eine Menge Mühlen und
Hammerwerke, und verbindet sich bei Katzelsdorf mit einem Theile des
Trasenbaches. Ausser Neustadt vereint sich endlich diese viel
wasserreichere Schwarza mit der minder mächtigen Leitha, und ungerecht
den Namen der letzteren annehmend, gränzet sie eine bedeutende Strecke
hindurch, Österreich und Ungarn, und ergießt sich sodann als
bedeutender Fluß bei Ungarisch-Altenburg in einen Arm der Donau.
Merkwürdig ist, daß dieser Fluß, Trotz seiner bedeutenden Strecke,
durchaus fischarm ist; die beständige Holzschwemme im Gebirge, bannet
die sonst häufigen Forellen, und in der Fläche soll der Boden
ungünstig und das Wasser verdorben seyn. Wäre dieser Fluß wegen seinen
ungeheueren Verheerungen zur Zeit eines Hochgewitters, wo von den
sonst trockenen Rissen des Schneeberges und dessen Umgebung Ströme
herabbrausen, leider nicht allzubekannt, so dürften davon die
verwüsteten Uferbeete, breiten Sandfelder und abgespühlten Ackergründe
hinlängliche Bürgen seyn.
Ein Wald von Obstgärten, die süße Last kaum ertragend, führt zum
thätigen Glocknitz und dessen Mühlen und Eisenhämmern; aber alles lag
noch im Schlummer, und nur die glühenden Gipsöfen hauchten Feuer und
Gluth; desto weniger von letzteren besitzen die rechts am Waldberge
drohenden Weingärten, die hier zur Schau, aber nicht des Nutzens wegen
zu frosten scheinen.
Herrlich durchblickte den lichten Morgenschleier rechts die schöne
Probstei _Glocknitz_, und links das alte und gegenwärtig noch bewohnte
Schloß _Wartenstein_ von seinem erhabenen Sitze die schlummernde
Heerstrasse. Weit reicht seine Uebersicht durch den Waldberg um
Traiskirchen hinaus, und dieß möge ihm eine sorgsame Erhaltung
versichern. Wilder und verworrener wurde bald das geengte Thal, man
unterschied schon in deutlichen Konturen das in Trümmern sich auflösende
verhängnißvolle _Klam_ auf einer senkrechten, wunderbar drohenden
Felsenwand, welcher Verwitterung und Alter weiß und braune Farben gaben.
Seit dem zwölften Jahrhunderte von mächtigen Geschlechtern bewohnt, die
Vormauer Oesterreichs und Steiermarks, und allen Angriffen habsüchtiger
Menschen und deren Zerstörungssucht muthig Trotz biethend, überwand es
der Zorn des Himmels im Jahre 1801 durch einen zermalmenden Feuerblitz,
und beugte das von Männern unbezwungene Schloß.
Wenn nur die Hälfte Begebenheiten jenes Schlosses sich bewähren, so
verdient es mehr als einen Blick, mehr als blosse Bewunderung jedes
biederen Herzens. Kühn ist sein Körper geformt, kühner der Bau seines
Scheitels; jenen errichtete Gott, diesen die Menschen; doch wer mehr
Bewunderung erzwingt, darüber verstummet mein Urtheil. Dahin ist nun
sein Stolz, verschwunden seine Macht; Gram und Unglück bleichte seine
Form, und sich mehrende Runzeln bezeugen das genahete Ende des Greisen.
Zu spenden gewohnt, wer sich ihm vertraut, beschützt er zwar nimmer
Heere von Kriegern, doch üppig nähren sich aus den Resten seines
Körpers, Stärke beweisende Fichten.
Wem Zeit und Gelegenheit erlaubt, versäume ja nicht das Monument
ehemaliger Baukunst zu bewundern. Ungeheuere Gewölber und Gemäuer, und
ein mächtiger runder Thurm, dürften noch längere Zeit erboßten Blitz und
Stürmen trotzen. Ich habe _Klam_ voriges Frühjahr untersucht, und kann
ihm füglich einen der ersten Plätze unter Deutschlands schönern Ruinen
einräumen. Schade, daß man sich denen in Felsen gehauenen unterirdischen
Gängen, welche von der Strasse zu sehen sind, nicht nahen kann.
Gegenüber befindet sich ein Wartthurm, der früher dem Grabe zueilt.
Ich erlaube mir einer vaterländischen Begebenheit neuerer Zeit hier zu
erwähnen. Oben, zwischen der Veste und der gegenwärtigen neuen Kirche
und Schulhause, befinden sich die Ruinen des Anno 1809 verbrannten und
zerstörten Pfarrhofes. Der damalige Seelsorger, ein von Patriotismus
entflammter Oesterreicher, hätte bald durch seine militärische
Vaterlandsliebe über die ganze Umgebung das verheerendste Unglück
gebracht. Früher schon mit dreien Jägern, einem fremden Beamten und
etlichen Bauern verabredet, wußte er sich mehrere Gewehre zu
verschaffen, und feuerte auf die vorbeiziehenden französischen Truppen
mit einigem Glücke. Doch die Feindeszahl wuchs, man erstieg und besetzte
den Felsen, verbarg sich in der alten Feste, und beschoß den Pfarrhof.
Der Pfarrer, welcher vielleicht Entsatz von zahlreichen Bauern hoffte,
vertheilte einige seiner Patrioten im Kirchthurme, er selbst mit den
andern aber verschanzte sich in Eile mit Tisch, Kästen etc. im
Pfarrhofe. Nun begann von allen Seiten ein wüthendes Schiessen, wobei
jedoch die Feinde öfter Allen, nur dem Pfarrer nicht, Pardon
zusicherten; doch die männlichen Seelen verachteten dieß, und hielten
Stand, bis der letzte Balken schon brannte. Wunderbar! gerade der
Pfarrer entkam durch Rauch und Flammen, in Bauernkleidern, während ein
Jäger und Bauer erschossen wurde, einer im Herabspringen den Fuß brach
und verbrannte, die übrigen aber bis auf einen Bauer gefangen wurden.
Weiber und Kinder retteten sich bei Zeiten in die Gebirge. Aus Gnade des
damals kommandirenden Obristen verschonte man Schottwien und Glocknitz
von dem schon beschlossenen Brande. Ich erkundigte mich voriges Frühjahr
vergebens, wo nun der Aufenthalt des damals glücklich entronnenen und
vielleicht noch lebenden energischen Geistlichen sey? -- Daß so etwas
sich verdunkeln kann!
Der Markt _Schottwien_ bildet eigentlich nur eine lange Bergstrasse von
einem Bache durchschnitten, ist aber wegen des nahen Semmerings, wo
jeder geladene Wagen Vorspann benöthiget, sehr einträglich. Die
Einwohner sind gutmüthig, und in ihrer Tracht und Handlungsweise schon
ganze Steierer! Ober dem Markte auf einer schönen Wiesenhöhe steht der
Gnadenort _Maria Schutz_.
Als wir ausser Schottwien mit Tagesanbruch uns befanden, erwachte
plötzlich der am Bocke taumelnde Schlauch, rieb sich die Augen, sah in
der Runde umher, und griff, kein Wörtchen sprechend, nach seiner um den
Leib geflochtenen Riempeitsche; maß unserem Kutscher etwelche herab,
ohne daß wir den Hergang enträthselten. Wart Spitzbube, stotterte er,
ich will dich lehren ehrliche Leute zum Narren haben; will ich doch
gerade nach Wien, und der Schurke führt mich nach Steiermark! Ich konnte
mich des lauten Lachens nicht enthalten, weil ich wie Jeder sicher
vermeinte, er wisse doch wenigstens die Strasse, und gehöre wirklich
dahin. Indeß hatte sich der Kutscher von seinem ersten Schrecken
erhohlt, packte den Händler mit Muth, und gab ihm jeden Streich mit
Zinsen zurück; der Takt währte fort bis ich und mehrere herbei gekommene
Leute Ruhe gebothen, und wir dann ohne weiteres Hinderniß, mit der durch
den Kutscher erbeuteten parforce Peitsche, dem Semmering zufuhren.
Übern Semmering nach Steiermark.
Langsam winden sich die Wägen zur Höhe; wer nicht allzubequem ist,
verläßt vor dem Mauthhause die Strasse, und geht vom Staube befreit,
rechts über duftende Wiesen einen zwar steilen aber näher zum
Bergbrunnen führenden Gangsteig. Hier erwartet man gewöhnlich den Wagen,
indeß die kristallene Quelle für die Bemühung Ersatz biethet. Ein
schwerer breiträdiger Güterwagen mit 160 Zentner Ladung, wälzte sich
herauf durch die gesammte Kraft von 16 Pferden[4], welche trotz ihrer
Anzahl jeden Augenblick der drückendsten Last nachgeben mußten; die
Kiessteine vom Rade berührt, zersplitterten zu Mehl. Ich verfolgte die
Höhe bis zum Gränzzeichen auf dem höchsten Punkte der Poststrasse. So
freundlich deuchte mir dießmal dieser herrliche Waldberg von
hochgestiegener Sonne vergoldet, im Vergleiche mit dessen vorigjähriger
Bereisung im April. Bunte, in die Höhe sich ziehende Wiesen, schieden
nun das hundertfache Grün der üppig sich umarmenden Buchen, Rusten und
Ahorn, und jenes der ernsthaften Tannen und Fichten; indeß dazumal nur
Schneefelder und schwarzgrüne hervorragende Föhrenspitzen, zur Trauer
und Melancholie stimmten. Der melodische Gesang zahlreicher Vögel, die
sich von ihrer schönen Wohnung durch die belebte Heerstrasse nicht
bannen liessen, und das herrliche Echo, welches ich durch einen Schuß
bewirkte, hätte bei mir das Bild eines glücklichen Wahnes vollendet:
wäre nicht eben ein Transport gefesselter Räuber und Deserteurs durch
zahlreiche Soldaten escortirt, herabgekommen; dieß erinnerte mich
wieder, daß ich doch nur in der für Viele verhängnißvollen Welt mich
befände. In einer finsteren Schlucht, wo die Strasse etwas eben
fortläuft, stürzt der Waldbach über Felsen und abgerissene Bäume
ungezügelt herab; tiefer Abgrund verschlingt den allzustürmischen, eine
kühne Bogenbrücke, als hätten deren Quadern die Römer gelegt, überspannt
dieses Hinderniß der Reisenden.
[4] Auf den Semmering wird bei guter Witterung eine gleiche Anzahl
Vorspannpferde genommen, als die gewöhnliche Bespannung ausmacht; das
Paar kostete Anno 1825 3 fl. 36 kr. W. W. bis zur Berghöhe. Die
Erlaubniß, mit breiten Rädern Lasten nach Wunsch zu laden, und dabei
die Hälfte Wegmauth zu bezahlen, verbessert zusehends die
Hauptstrassen.
Bald kommt man zum Monument Kaiser Karl des VI., welcher diese
Bergstrasse Anno 1728 zu seinem ewigen Ruhme anlegte; es ist zugleich
das Gränzzeichen, kollossal aus Stein ausgeführt, mit allen Innschriften
der damaligen hohen Baudirektoren etc. In einer hölzernen Hütte
gegenüber können Fuhrleute die dursterzeugende Bergstrapatze bei Bier
und Brandwein vergessen. Die Aussicht ist der vielen Berge wegen
beschränkt.
Nun eilt man mit zwei gesperrten Rädern zum freundlichen Dörfchen
_Spital_ am Fusse des Semmerings, welches seinen Namen und Entstehung
dem hier für die Wallfahrter nach Palästina von Ottokar den II.
errichteten Spitale (Gasthause) verdankt. Dampfende Meiler und schwerer
Hämmer schmetternde Töne wecken zum dürftigen Leben; schon herrscht
steierischer Häuserbau; aus kleinen Fenstern der ganz hölzernen Wände
betrachten neugierige Köpfe mit breitkrämpigen grünen Hüten geschmückt,
die vorbeieilenden Wägen. Mädchen in verunstaltenden kurzen
Leibestrachten, bringen schwere Lasten Futtergras auf dem Kopfe zur
Heimath.
Rasch gings nun nach _Mürzzuschlag_, wo wir die Bespannung wechselten.
Kirschen von schönster Gattung waren hier, wie bei Wien im Juny um
Kleinigkeiten feil. Das
Mirza Thal
welches nun bis Bruck in einer Länge von 6 Meilen sich ausdehnt, wollte
ich, wie selbes auch wirklich jeden Fremdling zum erstenmale anzieht,
prachtvoll ja bezaubernd nennen; es gleicht einem englischen Garten,
worin öfter wie zum Vergnügen, Hüttchen angebracht sind, die theils von
Hügeln, theils durch Gebüsche versteckt, den Wanderer mit ihren halben
Gestalten nur freundlich necken; jedoch ist diese gleichförmige lange
Neckerei am Ende ermüdend, und überhaupt die Abwechslung der Gegenstände
zu weich, zu wenig grotesk. Einige schärfere Krümmungen der Mirza, und
die drei alten Ritterburgen, geben zwar etwas ernsthaftere Parthien; man
vermißt aber die kahlen Felsen, welche sonst solchen Trümmern der
Vorzeit gehörige Bewunderung erwerben. Wenn auch sanfte Lüfte den Duft
der Wiesenkräuter wecken, und die mit bunten Gesträuche umflochtene
Mirza aus ihren silbernen Wellen Kühlung haucht: so freut man sich
dennoch zu Bruck, das heroische Murthal zu schauen. Uebrigens gedeiht
hier die veredelste Art Hornvieh, besonders Kühe, deren gleichen ich
später kaum in Tirol, und da nur im Zillerthale gefunden.
Die erste der vorbenannten drei Burgruinen ist
Hohenwang;
links auf einer erhabenen Berghöhe von einem jungen Walde umsäumt,
trauert das mürbe Skelet wegen der Strenge des letzten Jahrhunderts, das
ihm so rachsüchtig Vernichtung und Vergessenheit bereitet. Stolz entwand
es sich der grauen Vorzeit, wo man Gestalten wie Hohenwang zu schätzen
wußte. Die Ritter von _Gallenberg_, von _Schärfenberg_ und
_Auffensteiner_, Namen -- durch Geschichte und Thaten berühmt,
ruhmkrönten diesen Stammsitz, der ihnen dankbar Sicherheit both zu
heilen die Wunden! Lange ruhen diese Familien jeder Verstümmelung
enthoben, indessen du nun ihr treuer Beschützer in deinen Narben
zerfällst!
Vor zwei Jahren bestieg ich die Trümmer welche gutmüthig den letzten
Reichthum -- eine herrliche Uebersicht schenken. Der Thurm ist
zerfallen, die Gemäuer wüste, nur ein unterirdischer Gang mehrere
Klafter fortleitend, verspricht noch Schutz wider Regen und Schnee;
allein eine Kolonie eckelhafter Bewohner der Finsterniß darin, wären zu
abschreckend dem genügsamsten Menschen!
Ein Bauer welcher nächst der Ruine einen Baum fällte, zeigte mir eine
Vertiefung vor dem Schloßgraben; dieß sagte er sey das Türkenloch, wo im
Jahre 1683 die haidnischen Leichname hineingeworfen wurden, welche in
der neuntagigen vergeblichen Bestürmung der Veste ihren Tod gefunden
hätten. Es wäre ein tiefer Abgrund gewesen, der sich mit der Menge
Leiber ebnete, und erst später nach deren Verwesung wieder etwas höhlte.
Wenn auch die Anzahl der Todten übertrieben ist, so erregt doch so ein
alter Krüppel, welcher in seiner Mannheit einem ganzen Geschwader
wüthender Muselmänner widerstanden, doppelt wehmüthiges Mitleiden.
Bald darauf gelangt man beim Dorfe Wartberg zum Schlosse
Lichteneck;
kleiner an Umfang und minder erhalten als das vorige, verbirgt es seine
Wenigkeit rechts auf mässiger Höhe im dienstfertigen Walddunkel. Statt
der vertilgten Zugbrücke hat der rastlose Mensch, überall Nutzen
suchend, einen Bretersteg in den Schloßhof geleitet, um die brauchbaren
Bausteine vom Denkmale der einstigen Kraft und männlichen
Entschlossenheit zu engbeschrenkten gemeinen Häusern in demüthiger Ebene
zu benützen. -- Der Römer Geist lebte in römischen Gebäuden, sie blieben
groß selbst noch im Sinken, so lange sie muthbewußt an grosse Werke sich
wagten!
Die Gewölber sind verschüttet, die Stufen zum lockeren Thurme
weggeräumt, aber eine Altane erhielt sich noch auf der Hauptmauer im
Burghofe, einige Schwalben sahen dazumal recht naiv herab! An die
Ringmauer des Schlosses lehnt sich eine hölzerne Hütte; ein armer Mann
vom Tagewerk lebend, und seine treue Lebensgefährtin eine muntere Ziege,
waren ihre Bewohner und ganze Besatzung des Schlosses. Der Markt
Kindberg
den man bald darauf erreicht, ist groß und mit artigen Gebäuden besetzt,
eine Menge Wirthshäuser, Metzger und Bäcker locken den Hunger und Durst.
Ueberdieß gibt es noch durchaus an der Poststrasse von Spital bis Grätz
eine grosse Menge hölzerner Hütten (Kaischen genannt) Wirthshäuser
vorstellend, worin man aber selten etwas Besseres als sauren Wein, Bier,
Gurkensallat, Käs und Brandwein antrifft, welche wohlfeile Erquickung
aber von den zahlreichen Fuhrleuten nicht verschmäht wird.
Ausser Kindberg vergrössern sich die Scenen; die kleine forellenreiche
Mirza hat sich bereits zum reissenden Waldflusse entwickelt; häufiger
tönen schwarz umwölkte Eisenhämmer, Feuersäulen aushauchend; die früher
hundertfältigen Hügel hervor und wieder zurück tretender Wiesen, Aecker
und Wäldchen, deren buntes Grün dem Auge sanft schmeichelte, huldigen
nunmehr den stolzer sie überblickenden Waldbergen, die im inneren Kampfe
erhitzt mit Rauch und Flammen um sich speien. Leider betrüben solche
Waldbrände Jeden nur den Besitzer nicht, welcher sie fleißig unterhält,
um ein oder zwei Jahre etwas Korn zu ernten, und dann wenn Asche und
besseres Erdreich von Regengüssen abgespühlt wurde, die Berge auf immer
verwüstet zu lassen. Diese traurige Gewohnheit sich augenblicklichen
Nutzen zu verschaffen, ohne des sicheren Nachtheils der Nachkommen zu
gedenken, wird nicht gehoben werden, so lange man in holzreichen
Gegenden die Meinung behauptet: Wälder wären dem Eigenthümer nur zum
Schaden, da er ohne einigen Ertrag für sie noch Steuern bezahlen müsse.
Zufrieden, überall im Hochwalde die Klafter Stammholz um 20 kr. W. W. zu
bekommen, (wofür aber das Hacker- und Fuhrlohn bis Bruck auf 6 fl. W. W.
sich belaufen soll) brennt also Jeder seine Wälder nach Wunsche und
Gutbefinden. Wohl wenn nicht hier wie in mehreren Gebirgsgegenden bald
bitterer Holzmangel die Strafruthe schwingt.
Schnellen Laufes ereilten wir
Kapfenberg,
da aber zwangen mich doppelte Beweggründe der ferneren Wagenreise zu
entsagen, um so mehr, da ich von Bruck zu Wasser nach Grätz zu kommen
wußte. Erstlich hatten die riesenhaften Ruinen der alten noch nicht
durchsuchten Veste zu viel Reitz für mich, um deren Besichtigung abermal
aufzugeben, und zweitens konnte mein armer Hund, welcher im
ununterbrochenen Laufe dem Wagen folgte, vor Anstrengung in der
betäubenden Schwüle des erhitzten Thales seine Ermattung nicht mehr
besiegen. Ich schied daher von den Reisekonsorten ohne besonderen
Schmerz, nahm meine Reiserequisiten in einer Jagdtasche befindlich,
nebst dem doppelläufigen Gewehr auf den Rücken, und wanderte im
schwarzen Dunkel dicht gedrängter Föhren und Tannen den ziemlich
erhaltenen steilen Schloßpfad zur Ruine hinan.
Gleich beim Eingange über eine 22 Schuh hohe ehemalige Zug- jetzt
Pfostenbrücke über den breiten Burggraben, welcher nun zum Garten dient
und vom herrlichsten Winterobste strotzet, fiel mir der seltsame
Kontrast von Erhaltung und Verwesung, den ich an der Burg engverbunden
wahrnahm, besonders auf. Einige Fenster prangten noch mit vielfältig
gezierten Scheiben, indeß nebenan auch nichts mehr von Fenstersteinen
übrig war. Den Eingang verschloß ein mit Eisenblech beschlagenes Thor,
ohne daß man deßhalb verhindert würde, durch die Risse ausgebrochener
Quadersteine bequem in den Vorhof und in sämmtliche Gemächer zu
gelangen. Theile von Rittersätteln, Rüstungen, Pferdedecken und
Geschirren, lagen in einer Ecke rechts unterm Thorbogen aufgehäuft. Als
ich in den Schloßhof eintrat, staunte ich über die Grösse und ehemalige
Pracht der Behausung von den einst so berühmten, später durch ihr
Unwesen und Räubereien berüchtigten und im 11ten Jahrhunderte
ausgestorbenen Herrn von Kapfenberg; deren Stammschloß dann an die
Grafen von _Stubenberg_ überging, deren Familie es bis heut zu Tage im
Besitze erhielt.
Menschenhand, die Vertilgerin früh entwickelter Manneskraft, suchte hier
die nachsichtsvollere Natur zu überwiegen, und zerstörte, was grauer
Zeiten edle Sprossen erbauten. Die größtentheils erzwungene Ruine des
Schlosses folgte aus der vor sieben Jahren freiwillig vom Herrn Grafen
anbefohlenen Abdachung, und Verwendung der brauchbaren Materialien und
besseren Quadersteine zum Baue des Brucker-Theaters. -- Es ist doch
sonderbar, wie dazumal die nah gelegenen Steinbrüche so hartherzig
scheinen konnten, Materialien zu einem Musentempel zu versagen: daß die
Großmuth sich entschließen mußte, einen Wohnsitz und Schutzmauer
ruhmgekrönter Ahnen jenem _nothwendigen_ Baue zu opfern. Die Veste
welche noch lange, und mit geringen Kosten noch Jahrhunderte hätte
trotzen können, wurde um den beiläufigen Werth von 350 fl. W. W. an zu
benützenden Steinen etc. zertrümmert und vernichtet!
_Kapfenberg_ ist eine herrliche Ruine, doch wünschte ich, sie einst im
kräftigen Stande gesehen zu haben. Den ungeheueren Burghof, welcher noch
jetzt zu militärischen Uebungen geeignet seyn dürfte, umgibt eine Reihe
gothisch gestalteter Gänge im ersten und zweiten Stockwerke auf 4 Schuh
hoch festenden steinernen Säulen, von denen einige beschädigte in
neueren Zeiten durch eichene ersetzt, und grau angestrichen wurden. Ein
schöner nach unten zu erweiterter ganz von Quadern und oben mit einem
zierlich gemeisselten Kranze gemauerter Brunnen, an dem sich noch ein
ungeheueres eisernes Rad nebst gleicher Spindel zum Wasser heraufziehen
befindet, prangt in der Mitte des Hofes, und übertrifft alle ähnlichen
an Zierde und Brauchbarkeit. Die Stallungen, Küchen, Gewölber und
mehrere Zimmer schienen noch gut, und vor wenigen Jahren gebraucht.
Mehrere Wappen, Malereien an Wänden eines größeren Gemaches, bezeigten
den ehemaligen Prunksaal; das eichene Bodengetäfel lag mit Schütt und
Stroh in bester Harmonie durcheinander. Der ehemahlige Schloßgarten
(nicht Burgzwinger) welcher sich an südöstlicher Seite befindet, war
reichlich mit Erdäpfeln befruchtet; in einem Winkel desselben sah ich zu
meiner Verwunderung ein ziemlich großes Buchsbäumchen, welches nach
seinem Alter zu schliessen, noch ein Denkmal entwichener Vorwelt seyn
könnte, und dessen Ahnenzweige gewiß manchem holden Fräulein zum
bescheidenen Fensterschmuck mögen gedienet haben. Schade, daß diesem
alten Schloßbewohner nicht auch die Sprache gespendet ward, er könnte
der Neugier mehr und verläßlichere Aufklärung in Hinsicht der Veste
verschaffen, als das gesammte hierüber bestehende Archiv zu Bruck.
Von einem Burg- oder Wartthurme fand ich keine, von der Kapelle aber nur
kleine Spur. Am meisten lockte es mich, die höchste Ringmauer an
nördlicher Seite der schönen Aussicht wegen zu besteigen. Ich kletterte
42 Stufen theils über die gothischen Gänge, theils unter Trümmern des
entstürzten Daches, das bis auf einen kleinen Theil durchaus zerrüttet
war, zur erfreulichen Höhe. Hohes Gras und Gestripp bedeckte den länger
verödeten Fußboden; mit Mühe kroch ich auf einem vermoderten Balken zur
entlegenen Wand, als auf einmal mit fürchterlichem Gekrache sich ein von
mir überschrittener Theil in die gräßlichste Tiefe hinabsenkte. Schauder
ergriff mich bei dem Gedanken ähnlicher Fahrt, und ich setzte mit kühnem
Sprunge auf die mich besser erhaltende Wand. Das Steingerölle erweckte
die bereits der Ruhe befliessenen lüftigen Schloßbewohner, und mit
schrecklichem Zorngekreische des verscheuchten Schlafes wegen, zogen
einige dieser Unholden über mein staunendes Haupt, während andere in
tiefer Kluft ihr dumpfes Todtenlied anstimmten.
Froh, die Gefahr überstanden zu haben, überließ ich mich nun dem Genusse
des schwelgenden Auges, welchem jede Parthie, jeder Winkel des Thales
neue unerwartete Schönheiten für Blicke und Herz freigebig darboth.
Dieser Punkt ist vom Schlosse unbezweifelt der schönste, und wird nur
von der weiter oben sich befindenden Wallfahrtskapelle St. _Loretto_, wo
ich in der Folge sprechen werde, übertroffen; doch warne ich Jeden
meiner allenfälligen Nachfolger, seine Neugierde hier zu unterdrücken,
und diese Stelle zu vermeiden. Leicht dürfte Jemand ähnlichem Unglücke
nicht entrinnen, oder sich vom hohen Grase getäuscht, durch eigene
Unvorsichtigkeit in die Tiefe hinabstürzen. Ich bezeichnete diese
merkwürdige Wand, an der ich mich nun fest anklebte, groß mit schwarzer
Jahreszahl. Denselben Rückweg zu nehmen wagte ich selbst nimmer, sondern
wählte lieber eine dem Ansehen nach gefahrvollere, doch in jeder
Hinsicht verläßlichere Rückkehr; nemlich über den zwei Schuh breiten
festen Rücken der Mauer, welche ich mit Händ und Füssen drei Klafter
lang überkletterte, und mich endlich auf haltbaren Steinen nach der
obersten Gallerie herabließ. Wohl und gestärkt empfand ich mich
sogleich, da ich kaum nur den verläßlichen Boden betrat, und mit
fröhlichem Gemüthe untersuchte ich zuerst die oberen wüsten Gemächer des
zweiten, dann ein besser erhaltenes des ersten Stockwerkes. Die Thüre
war nur angelehnt, ich trat hinein; am Boden im Winkel bewies ein Haufe
dürrer Blätter mit etwas Stroh vermengt, und eine allzusehr gebrauchte
Kotzendecke das genügsame Nachtlager; mehrere hölzerne Schuhe,
wahrscheinlich eigene Fabrikation, ein alter Mantel, durchbrannter
eisener Ofen, eine Bank, etwas Holz und Küchengeschirr, jedoch ohne
Teller und Trinkglas, war der ganze Besitz dieses bedauerungswerthen
Ritterburgbewohners; überdieß war Gesimse und Zimmerdecke zersprungen,
ausgebrochen, und drohte jeden Augenblick den nothgedrungen hier Schutz
Suchenden auf immer der Armuth zu entheben. Das Unglück muß tiefe Wurzel
geschlagen haben, wenn man täglich seine theuerste Habe -- das Leben,
dem Tode sorglos unterzieht; entweder liegt hier Blödsinn zum Grunde,
oder der Wunsch, jenen letzten Freund baldigst zu umarmen. Vom größten
Elende dieses Erbarmungswürdigen überzeugt, wird gewiß jeder Fremdling
zum Mitleid hingerissen.
Zu ebener Erde nächst dem Schloßthore werden ebenfalls zwei, aber
gewölbte Zimmer bewohnt; die Thüre und Fenster waren verschlossen. Hier
möge mehr Sicherheit und weniger Verzweiflung herrschen; denn wenn auch
eine arme Tagwerker-Familie von fünf Personen daselbst ihr trauriges
Asyl aufschlagen mußte: so zeigten doch Spate, Beil und Tragkörbe noch
Willen und Kraft der Bewohner zur Arbeit, und ein lautes Schweinchen und
Ziege darin wenigstens einen kleinen Besitz, und natürliche Sorge fürs
Leben. In Reflexionen, wie Fleiß und Muth noch manches Gute erzwingt,
schritt ich vergnügt zur weiteren Schloßuntersuchung.
Eine gähnende Oeffnung gegen Süden lud mich zur Reise in die Unterwelt.
Ich band meinen weissen _Cerberus_ bei dem Eingange fest, zündete zwei
Windlichter an, und stieg 18 ausgebrochene Stufen hinab; nun ebnete sich
der Boden und bildete rechts ein weites Kellergewölbe, mit guten
Luftzuge; links leitete ein Gang zwei Fuß abwärts; eine feste Thüre aber
zur Hälfte mit Eisengitter überflochten, verboth alles weitere
Vordringen; ich ehrte das feste Schloß, und ging, unzufrieden über die
behuthsame Verwahrung vielleicht eines heimlichen Ganges oder ehemaligen
Kerkers, zum Burghof zurück. Die übrigen Gewölber waren meistens
unbedeutend, und mit Schutt und Baumblättern angefüllt. Ich wollte eine
menschliche Seele herbeilocken, um Aufklärung über das versperrte
Behältniß zu erlangen; ein paar Schüsse donnerten demnach durch die
zerrissenen Mauern, und brachten ein herrliches Echo aber keinen
Bewohner zurück. Ich verließ also die finsteren Hallen, um von der
Wallfahrtskapelle
St. Maria Loretto,
auch _Rehkogl_ genannt, die untergehende Sonne zu schauen. Eine kurze
aber steile Höhe muß man noch erklettern, um dieses romantisch gelegene
Kirchlein zu erreichen.
Bescheiden zwischen einer riesigen ungeheueren Linde und zwei ähnlichen
Wunder-Eichen, die wahrscheinlich einst den stolzen Marsch römischer
Krieger -- sicher aber die veraltete Veste Kapfenberg entstehen und
erwachsen sahen, und welche nun durch feindselige Blitze und
eingetretene Schwäche sammt den nachgekommenen Greisenschlosse dem Grabe
zueilen: verbirgt sich das nette Thürmchen mit seiner Kirche unter die
Arme der bemoosten kollossalischen Gestalten, um dadurch nimmer seiner
Schönheit und Zierde für jeden Fremdling zu entsagen.
Der Küster, welcher hier in einem anstossenden Häuschen wohnt, zeigte
mir gutmüthig alle Schätze und Merkwürdigkeiten der Kapelle, die ich
eben die entzückendste Aussicht vom Thurme genießend, schön fand.
Sämmtliche Gebirge, Dörfer, Flächen, Schlösser und Flüsse liegen wie in
einem Panorama vor dem Auge des staunenden Fremdlings. Die rauchenden
Sühnopfer des Wälder vertilgenden Brandes, ein im Nordost aufsteigendes
Hochgewitter, welches sich durch schwarz und gelbe Wolken und feuchteren
Wind mit Gewißheit anmeldete, das Schnalzen der Kutscher, und Rasseln
zahlreicher Wägen, welche die tief liegende Heerstraße auf manigfaltige
Weise belebten, das Brüllen der munteren Herden, die der verspätete
Hirte zur Heimkehr zwingt, und das Rauschen mächtiger Mühlen, deren
plätscherndes Getöse in reiner Höhe verhallet, bezaubern auf
hundertfache Art das göttlich sich fühlende Auge, und versteinern den
Fuß, um den Körper zur unbeweglich freudigen Büste zu machen.
Glückliche Menschen, die ihr dieses _Eden_ bewohnt! möge euch ein
bleibender Aufenthalt nicht jene Wonne verringern, die jeden ankommenden
Fremden hier ergötzet, fühlet das Süße irrdischer Seligkeit!
Gerne glaubte ich dem Küster, daß alljährig viele Andächtige herauf
reisen, und sich hier getröstet und gestärkt fühlen.
Unmuthig über den geschäftigen Abend, der sich mit besonderem Fleisse
heute zu beflügeln strebte, stieg ich dem drohenden Wetter zu entgehen,
dem Markte Kapfenberg zu. Ich fand ihn reichlich und groß, die
Wirthshäuser von zahlreichen Fuhrleuten mit Güterwägen und Fremden
belebt, die Einwohner selbst aber alle beschäftigt und arbeitsam.
Bruck.
Die kristallene Mirza welche im unerbittlichen Laufe alles zu
verschlingen droht, was ihre gedrängten Wogen bespühlen, wird hier durch
eine mächtige mit Ketten umschlungene Brücke bedeckt; eiligst
überschritt ich des rollenden Donners wegen dieselbe, um noch im
Trockenen nach Bruck zu gelangen. Doch es war vergebens; Blitze rötheten
die Wälder, Wirbelwinde hoben Staubwolken in die Luft, und große Tropfen
fielen, durchnäßten die Strasse, und endlich auch mich; so zwar daß ich
halb in Schweiß und Regen gebadet, nächst dem Vermählungspunkte der
Mirza und Mur, die ihr Fest durch tobendes Lärmen weit verkünden, zu
Bruck ankam.
Mein erster Gang war natürlich -- ins Wirthshaus, wo ich beim Adler gute
Bewirthung fand. Bruck ist eine kleine niedliche Stadt mit einigen schön
gebauten Häusern, Kirchen etc. demohngeachtet wenn man von Kapfenberg
kommt, so sieht man selbe nicht eher, als bis, so zu sagen, die Nase an
das Thor stößt. Selbst die Ringmauern der alten Veste _Landskron_,
welche sich eng der Stadt anreihen, werden kaum etwas früher bemerkt;
doch soll das Schloß, bevor es der Brand im Jahre 1809 sammt dem größten
Theile der Stadt in Asche legte, eine gebietherische Miene gezeigt
haben. Gegenwärtig füllen den weiten Schloßraum einige Gartenfleckchen
und lockeres Gemäuer, nicht der Besichtigung werth. Die Stadt ist
übrigens (das meistens _geschloßene_ Theater ausgenommen) immer lebhaft;
die drei hier zusammenstossenden Hauptpoststrassen ziehen die Reisenden
aus ganz Innerösterreich, Küstenland, Tirol etc. herbei; von Bruck
werden noch überdieß Gips, Holzwaren und Eisen nach Grätz, Ungarn und
der Türkei zu Wasser versendet, wodurch sich die Stadt gleichfalls in
finanzieller Hinsicht hebt.
Das Wetter verstummte, Wohlgerüche dampften aus dem verschwägerten
Mirza- und Murthale empor, und durchdufteten mein Gemach; der versöhnte
Mond kleidete sich in das silberne Gewand des Friedens, und half den
Millionen Sternen Diamantenglanz verbreiten. Ich betrat mit frohem
Gemüthe mein Lager, und wandte den dankbaren Blick dem freundlichen
Gesichte zu, das so milde seinen Zorn vergaß.
Kaum daß sich der junge Tag dem neidischen Nebel entwunden, der
vergebens in dem wässrigen Thale einen Sieg zu erringen bemüht war, ging
ich an den mir gewiesenen Platz, um mit Neptuns Einwilligung noch
Vormittags Grätz zu erreichen.
Murfahrt.
Zahlreiche Passagiers sah ich bereits in gleicher Absicht, ungeduldig
des trüberen Morgens, welcher die Wasserfahrt für heute vielleicht
verhindern könnte, die Ufer gemessenen Trittes überschreiten. Das Floß
(Fahrzeug aus zusammengefügten Baumstämmen) war mit Bretern und einigen
Gipsfässern geladen, und zum Abgange bereit; endlich verschwand auch der
letzte Nebel, und der Schiffmeister geboth Aufbruch. Wie zum fröhlichen
Tanze sprangen zwanzig Fremde auf den schaukelnden Boden; einige wie
ich, hatten noch nie die Mur befahren, und dachten sich ebenso sicher
als zu Lande; während die Schiffleute ihre Andacht mit ungekünstelter
Ehrfurcht begingen.
Der gestrige Regen hatte die sonst dunklen Wogen noch mehr getrübt, und
beflügelte den eilenden Lauf der ungezügelten Mur; dennoch waren wir
ohne besondere Fata geschwommen, und nur die interessanten Ufer
fesselten das immer geschäftige Auge.
Das von wohlthuender Nässe erfrischte Kolorit buntbeblumter Wiesen,
glänzte wie Sammet mit reichster Stickerei durchkünstelt; Dörfer sah
man, welche die willkommene Last aller Gattungen niedergebeugter
Obstwälder mit ihren Dächern stützten; Hügeln wo reiche Gaben der Ceres
in haushohen Garben sich reihten; und wieder Waldberge, die mit nakten
Felsenspitzen um den Hoheitsrang stritten, und von entkräfteten
Greisenschlössern dieser Eitelkeit wegen gewarnet wurden; endlich die
reine Himmelsdecke, deren sanftes Blau alle diese Lieben überspannte,
und zur sanftmüthigen Einigkeit bewog, während goldene Sonnenstrahlen
einen Schützling nach dem andern in dem geengten Thale belohnten. Dieß
schien den gewöhnlichen Schmuck der Natur zu überwiegen, und entweder
ein Traumbild oder wirklichen Himmel zu zeigen.
Froh, auf der staublosen Eilfahrt allen diesen Zauber einzusaugen,
bedauerte ich zugleich, nicht hineilen zu können auf die ehrwürdigen
Reste des Schlosses _Pernek_, welches wie aus dem Schlummer geweckt,
seine wenigen bemoosten Quadermauern von der riesigen Waldspitze links
herabzeigte und bald wieder unmuthig verbarg. Mehr noch reitzte mich das
Dorf _Mixnitz_ am linken Murufer, dessen groteske Felsenhöhle im
Drachentauern Dr. _Sartori_ so Neugier erregend beschrieb, und die
überthürmt von der mächtigen Thiernauer- und Theichalpe eine vielwerthe
Lage versichert!
Außer dem Dorfe Röthelstein war man beschäftiget die Straße zu
erweitern, die lästigen Gruben hie und da auszufüllen, und eichene
Schranken zu ziehen. -- Dank dem gnadenreichen[5] Besuche unseres
allgeliebten Monarchen, der alle Hände in Bewegung setzt Gutes zu
wirken! Der Weg war früher an einigen Orten so enge, daß zwei geladene
Frachtwägen einander nicht ausweichen konnten; anderwärts fanden scheu
gewordene Pferde kein Hinderniß, sich und die unglücklichen Passagiers
in den Abgrund der gefrässigen Mur zu begraben. Unbefürchtet kann sich
nun Jeder den Schönheiten des bewunderungswürdigen Thales hingeben!
[5] Auf der Rückreise Seiner Majestät von Mayland, Venedig etc. über
Grätz nach Wien den 21. August 1825
Die malerischen Schlösser Pfannberg, Rabenstein, Peckau, Gösting, alle
so herrlich! doch ich durchkletterte sie vor zwei Jahren, und erlaube
mir deren nähere Schilderung.
Unter dem Markte Frohnleiten, den am linken Ufer eine fränkische Allee
aus Lärchen- und Kastanienbäumen, erstere in Pyramiden, letztere in
Quadrate zugeschnitten, schmücken soll, windet sich ein enger Fußpfad
neben einigen Häusern des Ortes Weiher zur wüsten Waldhöhe der Ruine
Pfannberg
hinan; wildes Dorngestrippe rechts eine Wiese verwahrend, und ein
sumpfiger Wassergraben links den Bergen ablaufend, sind die Gegner des
ungeweihten Fremdlings. Diesen nach Möglichkeit Trotz biethend, lohnt
ein trockener Fußsteig die weitere Wanderung. Des Hornviehes weit
verhallend Gebrüll, und Springen munterer Geissen überraschen hier den
Pilger, der gerne in den entlegendsten Winkeln Leben entdeckt. Einer
Meierei lockeres Gemäuer, das vierfüssige Volk mehr bedrohend als
verwahrend, wanket auf der Grundfläche des Schloßzwingers, welches jeder
der Ruine entstürzende Stein noch mehr zu erschüttern strebt. Häufiger
Schutt rings herum schon grüne Hügeln bildend, läßt kaum die ehemalige
Ringmauer ahnden. Ungehindert durchwandert man sonach die hinfälligen
Schloßgemäuer, welche allzusehr zerrüttet nichts Deutliches mehr
darbiethen. Nur ein siebeneckiger Thurm hoch und mächtig wie ein Fels,
scheint sich für die Nachwelt erhalten zu haben, den Ruhm seiner
Urbewohner der Herrn _von Pfannberg_, welche im dreizehnten Jahrhunderte
als Steiermarks edle Sprossen sich zeugten, zu verkünden. Seinen Werth
würdigend hat der gegenwärtige Besitzer Fürst _von_ _Esterhazy_ 82
Pfosten-Stufen hinauf zimmern lassen. Die Aussicht in die Umgebungen des
Murthales lohnt hinlänglich die Ausgaben so wie jede Mühe des
Hinansteigens. Nebst diesem besteht noch ein zweiter viereckiger aber
größtentheils zertrümmerter Thurm. Merkwürdig ist jedoch in diesem das
Burgverließ, dessen Eingang zwar etwas verschüttet, aber tiefer unten
geräumig und ziemlich erhalten ist; ein unterirdischer Gang, der von
diesem zum siebeneckigen Thurme hinleitete, ist vor einigen Jahren mit
Gewalt zugestampft worden; übrigens sind die Unken und Eulen auch mit
dem übriggebliebenen Raume zufrieden, und freuen sich ihres Asyls. Einen
besseren Rückweg zu erfragen, ging ich in die für den Meier und seine
Genossen bestimmte Wohnung; kein Schloß versagte mir den Eingang in drei
dürftige Zimmer, alles schien ausgestorben! endlich sprangen zwei Hunde
herbei, und mühten sich, ihren kleinen Figürchen das gehörige Ansehen zu
verschaffen. Mindestens bezweckten sie doch das Erwachen der einzigen
anwesenden Bewohnerin, eines alten harthörigen Bauernweibes, welches
hinter einem Tische auf einer Bank schlafend von mir übersehen wurde.
Nachdem ich mich mühsam ihr verständlich machte, und Auskunft erhielt,
fragte ich um den Namen des Gutsherrn: »Fürst Hassi« antwortete sie, und
wunderte sich, daß ich ihn nicht ebenso gut kenne.
Der gewiesene Weg führte mich nun nördlich um den Berg zur Strasse
hinab, und ich war trotz der langweiligen Erklärung darüber, mit ihm
zufrieden.
Dieser Ruine gegenüber am rechten Murufer liegt auf einem schroffen
beflutheten Felsen das Schloß
Rabenstein;
halb Ruine, halb bewohnbar, verbindet das Schloß Gegenwart und
Vergangenheit in herrlicher Eintracht. Ein Jäger -- Bewohner von neun
zum Theile sehr grossen Zimmern, hat Muße genug, bei schlechter
Witterung in seiner Behausung Jagd auf unwillkommenes Wild anzustellen,
das ihm jedoch bald den Sieg streitig machen wird, wenn die lockeren
Fenster und mürbe mit Backsteinen geschwerte Bedachung nicht verbessert
werden. Malerei und Fußgetäfel der Zimmer zeigen von einstiger Pracht
und Vernachlässigung des Alters.
Einen schönen Anblick gewährt auch der senkrechte Fels rechts vor dem
Postorte Peckau, Jungfernsprung genannt; die Mur bricht sich an
demselben mit wüthender Gewalt und spielt mit dem in Schaum getauchten
Fahrzeuge gleich einem Ei; mit Stangen und Hacken müssen die gewandten
Schiffleute dem gähen Anprellen desselben zuvorkommem. Eng rücken die
Felsen zusamm, brausend erkämpft sich der Fluß seine weitere Bahn! Ein
zweispänniger Separat-Eilwagen jagte vor uns links auf der Strasse nach
Grätz; bald war er eingeholt und zurückgedrängt. Ich hätte eine solche
Schnelligkeit der Mur nie geahndet, und kaum der oberen Traun[6] die
noch reissender ist, zugetraut.
[6] Begreift die Strecke aus dem Hallstädter-See bis nach Stadl; von
Stadl bis zum Einflusse der Traun in die Donau bei Zizlau versiegt ihr
ungemeiner Schnelllauf; demohngeachtet machen die Untiefen und Inseln
auf der unteren Traun die Fahrt gefährlicher.
Doch nach Peckau zurück; östlich vom Markte in einer beflurten Thalbucht
ruht auf einem karg begrünten Steinhügel, die Schloßruine
Peckau;
ein Wald auf höheren Bergrücken im Norden und Osten scheint das dürre
Skelet vor den es bedrohenden Gewitterstürmen zu schützen, weil nun
ausser diesen ihm keine bewaffnete Faust noch feindlich das Banner
schwingt. Der Weg hinauf über angenehme Wiesen ist ganz unbeschwerlich
und unverfehlbar. Auf der Anhöhe vor dem Schlosse steht ein
Bauernhäuschen, deren fleissige Bewohner den alten Schloßgarten
verjüngen und künstlich benützen. Ober dem Thorbogen befindet sich noch
das gemalte Wappen der ehemaligen Besitzer Ritter von Pfannberg, so wie
im Burghofe eine grosse Sonnenuhr. Das Schloß selbst bildet ein
Labyrinth von Ruinen, dorischen Säulen (aus neuerer Zeit herstammend),
und Gewölbern, welche unter einander geworfen der Phantasie noch
bedeutenden Spielraum zu Betrachtungen liefern. Weniges ist mehr
deutlich zu entziffern, ausser das leider überall abschreckende
Burgverließ links beim Eingange in den Säulenhof; dann noch die Küche,
deren mit starken Eisenstangen durchzogene Wände noch 100 Jahren allen
Flammen Trotz biethen könnten. Die einstigen Bewohner müssen geradezu
wahre Schwelger gewesen seyn, denn so viele Keller und eine so grosse
Küche wären auch zur Verpflegung eines Regiments Soldaten hinlänglich!
-- Den Thurm kann man nicht mehr besteigen, die Stufen sind
ausgebrochen, und das verwitterte Mauerwerk stürzt bei der leisesten
Berührung herab.
Die Aussicht ist weniger befriedigend als zu Pfannberg. Peckau gegenüber
liegt der seiner silberhältigen Bleibergwerke wegen hinlänglich bekannte
Markt Feistritz.
Eine Höhle links an der Strasse Gratwein gegenüber, dürfte noch die
Aufmerksamkeit der Reisenden fesseln. Sie scheint obgleich bei 80 Fuß
lang, 70 breit und 65 hoch, doch größtentheils mit dem Meissel gegraben
worden zu seyn; eine Mühe deren Nutzen nicht einleuchtend ist. In dieser
einer Kirche ähnlichen Halle befindet sich ein halb zerfallener
Backofen, und neben diesem links ein massives, aus Baumstämmen
gezimmertes Geländer; Schwarzdorn- und Holunder-Gebüsche drängt sich an
die kalte Felsenwand beim Eingang, den einige Erlen bewachen. Still und
ernst wie das Grab schlummert die Höhle, dumpf verhallet der Tritt und
kein Lüftchen sanft lispelnd verweilt, die Töne des Lebens zu wecken.
Das Abenddunkel ruft dann dem Wanderer die Zeiten der Druiden zurück,
und zaubert ihm magische Bilder: So mögen die haidnischen Hallen
ausgesehen haben, wo die blutgierigen Priester ihre entehrenden
Menschenopfer begingen; dort in der Mitte drohte der Herd, dessen Rauch
die verblendete Menschheit entzückte; hier herum die Umzäunung, welche
nur geweihte Barbaren überschreiten durften, sich im Morden zu
unterstützen; alles dieses dem Auge des ewigen Forschers zu entziehen,
spannten greisige Stämme ihre weit reichenden Fittige aus.
Bald lag der Wallfahrtsort _Maria Straßengel_ mit seinem gothischen
Kirchthurme rechts im Hintergrund, und Göstings ernsthaftes Antlitz
prüfte uns Fremdlinge, als die Schiffleute ermahnten, achtsam zu seyn,
und nicht in Angst zu gerathen -- die gefürchtete Weinzettelbrücke mit
seinem Kreuze lag vor uns. Alle Männer entblößten das Haupt sich
kreuzigend; ich wußte noch nicht was da kommen würde, doch mußte ich auf
Ermahnen des Floßdirektors meine Jagdtasche um- und den Hund anhängen,
beide nicht zu verlieren. Einige Mädchen zitterten und schrieen
erbärmlich; umsonst, der Lauf war unerbittlich! und donnernd stürzten
wir ohngefähr fünf Schuh über eine Wehre herab; durch und über das Floß
drängten sich die Wogen fußhoch auf sämmtliche Passagiers. Es war
wirklich kein Spaß, nicht erholt von erster Taufe, gleich darauf der
zweiten ganz ähnlichen sich zu unterziehen. Diese zwei Abfälle sind
geflissentlich zur Ableitung zweier Mühlbäche nach Grätz ganz
widersinnig hier beisammen angebracht, um die ohnedieß gefährliche
Schifffahrt noch zu erschweren. Eine besondere Kenntniß und
Geistesgegenwart wird bei Schiffleuten daselbst erfordert, glücklich
durchzukommen; zwei Stangen sind die Gränzzeichen dieses Passes, der
aber leider schon Viele vernichtete.
Somit war auch die einzige Gefahr auf dieser sechsmeiligen Bahn
überstanden; pfeilschnell flohen wir nun durch eine liebliche Aue, die
nur der erhabene Schloßberg durchspähte, der versteckten Stadt zu. Nun
hob sich der Vorhang, Leben und Frohsinn spielten die Rollen, Grätz war
erreicht! -- Unter der gedeckten Brücke durch, am rechten Ufer (_Länd_)
betraten wir das Land. Die Mädchen, welche sich von ihrer Taufe noch
nicht getrocknet und im possierlichen Aufzuge sahen, schämten sich nicht
wenig bei dem Anblicke der in Anzahl herbeigekommenen wie überall
neugierigen Städter.
Grätz.
Ich wählte, von dieser fünfstündigen Fahrt mich zu restauriren, den
angerühmten wilden Mann in der Schmidtgasse. Wenn ein Gasthaus einer
Provinzialstadt den meisten in der Residenz als Muster belobt zu werden
verdient, so ists der wilde Mann zu Grätz. Lange Jahre glänzt dem braven
Gastgeber und Hausbesitzer dieses Lob, und es wird fortwähren, solange
diese Reinlichkeit, wohlzugerichtete Speisen, unverfälschte Getränke,
muntere Bedienung und herrliche Tischgesellschaft, Magen und Gemüth des
Gastes würzen; für welche auserwählte Erquickung noch überdies eine
billige Zeche abverlangt wird.
Grätz zu beschreiben wäre von mir Uebermuth, da ich in sechs Tagen gewiß
nicht dasjenige auffassen, noch weniger aber überbiethen kann, was vor
mir würdige Schilderer durch mehrjährigen Aufenthalt dahier entdeckt und
dargestellt haben. Nur was sich seit jenen wohlverfaßten Beschreibungen
in einem Zeitraume von sechzehn Jahren wesentlich hier verändert,
erlaube man mir anzuführen.
Grätz ist ebenfalls eine von den Damen die sich im Alter zu schmücken
anfangen, um noch neue Anbether zuzulocken. Ich beginne vom Fusse, weil
das Pflaster eine Hauptbeziehung auf den gehenden Beobachter hat, der
seine Beine auch noch für andere Exkursionen ganz behalten will. Dieses
ist nun nach Versicherung der Einwohner gegen frühere Jahre merklich
verbessert; und zum Theile zeigen auch die am Haupt- und
Jakomini-Platze, so wie in der Herrn-, Rauber- und einigen anderen
Gässen angebrachten Trottoire vor den Häusern, die Möglichkeit, wenn
auch nicht guten Willen der übrigen Hauseigenthümer, geeignete Steine
herbeizuschaffen. Man gewinnt bei dieser weisen Nachlässigkeit den
Vortheil, daß man von einer Wohnung weg die Stadt in allen Gäßchen
durchschreitend, sich ebenso ermüdet auf den Stuhl hinwirft, als nach
einer Wanderung vom entlegenen Scheckel[7]; wo Sturm und Regen den
Pilger leicht überfallen und seiner Gesundheit schaden können; was für
herrlicher Vortheil! -- Will man aber durchaus (besonders bei
Regenwetter) ohne sich die Füsse auszutreten Besuche machen, oder in
Geschäften herumgelangen: so sind zur Bequemlichkeit des Publikums
wohlbespannte Fiakreswägen bereit, dem Befehle zu willfahren. Es sind
deren 20, und wenn die Wege nicht so schlecht wären, so könnten sich
(nach der Fußkraft der Grätzer zu urtheilen) bei 38,000 Einwohnern kaum
diese erhalten.
[7] Berg, 4800 Fuß über der Meeresfläche erhaben, wird von Grätzern
häufig der schönen Aussicht wegen bestiegen.
Nun zum Körper: Die Stadt mit ihren schönen Kirchen, Rath- und
ehrwürdigen Landhause, Burg, herrschaftlichen Palais, Säulen auf den
Plätzen etc. ist noch, einige moderne Ziegeldächer ausgenommen, genau
wie sie Dr. _Sartori_ treffend beschrieb; nur _Taliens_ Tempel (in der
Hofgasse) hat sich verschönert dem vertilgenden Brande entwunden, er
prangt im angenehmen Style, das Herz durch die Form schon einladend. Der
Raum zur Zu- und Abfahrt ist ziemlich geengt, doch ist zu wünschen, daß
er nie breit genug scheinen möge. Gegenwärtig war das Dach noch nicht
vollendet; Seine Majestät beehrten aber dennoch den Musentempel mit
höchst Dero Besichtigung. Ein höherer, ja unvergeßlicher Genuß, wird
jedoch jedem gebildeten Reisenden die Prüfung und Durchwanderung des
weit berühmten _Johanneums_ seyn; welches Sonntags von 12 bis 3 Uhr für
Jedermann, in Wochentagen aber Naturkundigen auf Ansuchen geöffnet wird.
Groß ist die Erwartung, grösser wird sie bey Besichtigung des
prächtigen, alle heimischen Merkwürdigkeiten einschliessenden Pallastes,
(in der Raubergasse) doch übertroffen wird sie beim Eintritt. Ich fühlte
an meinem Pulse das zehnfache Entzücken, welches einen Kenner beim
Durchwandern dieser Heiligthümer ergreifen und fesseln muß, maß diese
Wonne mit jener der Stifter -- und meine Feder verstummt! Jedes Kunst-
und Naturprodukt, jedes aufbewahrte Kleinod, sind eben so viele Trophäen
zur Verewigung der Stände, und ihres würdigen Oberhauptes Erzherzogs
_Johann_. Tage, Wochen, ja Monate könnte man verweilen, und Bruchstücke
würde man nur vom Unermeßlichen bewundert haben. Mein zagender Fuß
stritt mit dem hundertfach gefesselten Auge; vielfach wollte sich der
Blick verschärfen, um Neues zu sehen, und doch nimmer das Gesehene
verlassen.
Vier Zimmer sind für das Thierreich; als: Fische, Vögel, vierfüssige
Thiere und Insekten bestimmt; dann andere vier Zimmer, worin die
seltsamsten Mineralien, Versteinerungen, Kristallisationen, dann alle
Holzgattungen in Bücherform, woran die Rinde den Ueberzug, das gehobelte
Holz die Schatulle, und die Blätter, Blüthe, Samen und Wurzeltheile das
Eingeweide ausmachen, aufbewahret werden. Das Herbarium, welches
sämmtlichen kostbaren Schätzen würdig sich anreiht, läßt nichts zu
wünschen übrig. Alle diese Naturerzeugnisse und eine ungeheuere Menge
von aus Wachs kunstreich nachgemachten Obstgattungen jeder Art, sind
innländischen Ursprungs. Das neunte Zimmer endlich oder vielmehr der
Saal, enthält physikalische Instrumente und Apparate, nebst
verschiedenen Modellen von Maschinen, u. d. gl.
Ich durchschritt zaudernd die herrlichen Gemächer, als ginge ich zum
gezwungenen Grabe, und kam doch zu neuen und bezaubernden Schönheiten!
Die Eisenblüthe, deren groteskeste Gebilde ich bewunderte, verdrängte
der Anblick eines prächtigen Königsadlers, diesen ein sonderbarer
Bergkristall aus dem Paltenthale, jenen ein ungeheuerer Bär u. s. w. man
sieht umher, wohl überzeugt, zuviel für den Augenblick, zu wenig für die
Zukunft gesehen zu haben; doch wird sich der Zoologe schwerlich eines
lauten Ausrufs des Erstaunens entziehen können. Das Antiken- und
Münzkabinet verdient nicht minder die Aufmerksamkeit des Besuchers, wenn
er auch jenes zu Wien schon gesehen hätte. Der Garten, welcher in
botanischer Hinsicht erst im Aufkeimen ist, läßt viel erwarten; die
Bildergallerie aber, welche sich in der Neugasse befindet, wird gewiß
Niemand unbefriediget verlassen. Neben dem _Johanneum_ wird gegenwärtig
ein neues großes Gebäude für die schöne Bibliothek eingerichtet.
Jeder wißbegierige Reisende wird sich überdieß durch die Gefälligkeit,
Unterweisung, Humanität und tiefgewurzelte Kenntniß der dortigen Herrn
_Custoden_ auf das Angenehmste überrascht finden. -- Wohl dem Schiffe,
das mit solchen Leitern und Rudern ausgerüstet ist! was mangelt ihm
noch, das Ziel zu erreichen? und es hat solches errungen, und zwar eher,
als selbes erreicht zu seyn schien! -- Doch wohin treibt mich meine
Phantasie? ich will eine Reise, und keine _psychologische_ Abhandlung
entwerfen.
Das Haupt von Grätz, ich meine den Schloßberg, hat durch die bitteren
Wunden des Jahres 1809 sein früheres Antlitz ganz verloren; doch gewinnt
die Stadt durch dessen gemilderte Miene an Freundlichkeit ungemein.
Wenn ich auch annehme, daß es jammerschade ist, den Zeugen der
Tapferkeit und Vaterlandsliebe treuer Unterthanen von übermüthigen
Feinden rachlustig zerstören zu lassen; so wird mir doch Jeder
beistimmen: daß es gewiß zur Seelenerheiterung dient, statt denen mit
Unglücksmenschen, welche Erziehung und Schicksal zu Verbrechen geleitet,
angefüllten Bastionen, nunmehr zierliche Gärten zu sehen, auf deren Höhe
Grätz ihr Gutes und Angenehmes dem Besucher so gerne enthüllt. Kein
Stöhnen und Kettengerassel der Arrestanten[8], bannet den sanfteren
Menschen; Musik und muntere Ansprache bei erquickendem Getränke ladet
auf der Höhe zum Frohsinn. Statt Palisaden reihen sich Obstbäume, statt
Bajonetten -- Blumenkohl. Schattige Rebengewölbe laden zur Kühle, wo
einstens Batterien erhitzten. Kanonen sind zwar noch vorhanden, von der
Bürgermilitz bewacht, zu besonderen Feierlichkeiten oder Anzeige eines
Feuerausbruchs in der Umgebung bestimmt; aber keine Kugeln drohen über
der friedliebenden Stadt, außer welche geübte Spieler mit kräftiger
Faust dem Kegelbahn-Ziele hinsenden. Die Festung der Grätzer ist also
dahin, aber die Einwohner haben sich jeder einzeln im Herzen eine
Schanze erbaut, die kein Feind der Welt zu besiegen vermag. Der runde
Glockenthurm, dessen Verschonung die Bürgerschaft denen Franzosen
abkaufen mußte, und nun wie der Wiener Stephansthurm zur Feuerwache
bestimmt ist, nebst einer geräumigen Zisterne, dem Häuschen für den
Schanzwachmeister, und dem tiefer unten befindlichen viereckigen
Uhrthurme, sind die einzigen Mauerwerke auf der breiten Berghöhe.
[8] Zucht- und Strafhaus befindet sich gegenwärtig in der Karlau,
südlich von Grätz.
Gerne verweilt der Fuß, um dem Auge seinen schönen Tribut hier zu
gönnen: Ringsherum an den Schloßberg Stadt und Vorstädte in holder
Eintracht gedrängt; das frischgrüne Glacis durch gesunde Kastanienalleen
in kleinere Felder zierlich getheilt, und westlich die dunkel
hinströmende Mur, sind die Punkte, auf denen der Blick, von den bunten
Ziegeldächern ermüdet, angenehm ausruht. Diesen nahen in paradiesischer
Runde gutmüthige Dörfchen, bewinzerte Hügel und Meiereien mit Küchen und
Obstgärten, dann schwere Kornfelder auf gedehnter Fläche bis zum Schloß
_Wildon_ im lachenden Süden, um ihren Reichthum der älter gebornen
Freundin anzubiethen. Ueber alle diese Braven spricht die erhabene
Wallfahrtskirche _Maria Trost_ den Segen aus freundlichem Osten. Diesen
zu sichern, Kraft und Würde zu verkünden, steht östlicher die
kampflustige Heldin, Veste _Riegersburg_[9]. Vom Fuß bis zum hohen
Scheitel wohl gepanzert, trägt sie die Waffen aus entwichenen
Jahrhunderten, um noch die Feinde der Nachwelt zu erschüttern! --
Weiterhin drängen sich bergige Wälder zusamm, frisch und mächtig,
unwillkommenen Besuchern die Wege zu hemmen. Alles in der Ferne schon zu
erspähen, erhebt nördlich sein Haupt zur Sonne der hochgeachtete
Scheckel. Die Ruine _Gösting_ hingegen, da Kraft und Jugend entschwand,
will nun nimmer um irdische Reitze sich kümmern; wild über den Undank
der Menschen, welche die alte Gränzhütherin nicht mehr benöthigen und zu
vergessen scheinen, erhebt sie die Reste ihres zerstümmelten Körpers
bleich aus waldigem Dunkel auf felsiger Spitze im Westen.
[9] Eine der festesten Bergschlösser des Alterthums und gewesene
Schutzfestung gegen Ungarn, zwischen Feldbach und Fürstenfeld
befindlich; wurde durch Katharina _Galler_ Wittwe, geborne _Wechsler_
und Freifrau zu Riegersburg 1597 im Baue angefangen, und in sechzehn
Jahren vollendet. Sieben Thore, deren jedes einzelne eine Festung
vorstellt, machte dieses Schloß in damaligen Zeiten unüberwindlich --
Milde denken die Frauen, doch in männlicher Entschlossenheit gebähren
sie Riesen!
Ich bin zu schwach, die Eindrücke alle zu entwerfen, welche auf dieser
unbedeutenden Höhe so hochbegeisternd sich entwickeln, und überlasse es
jedem Gefühlvollen, sich selbst eine Zaubergruppe davon auszuschmücken.
Nur dem Kapuzinerberge bei Salzburg, der noch einen besonderen Vortheil
besitzt, muß ich den Vorzug über diesen, und den ersten Platz unter
Oesterreichs preiswürdigsten Hügeln einräumen; doch davon später.
Besonders erfreute mich zu Grätz der in Hauptstädten jetzt beinahe ganz
vernachlässigte Unterschied der Trachten; wovon aber auch hier die
Phrynen, welche auf das Allgemeine ohnedieß keinen Bezug haben,
auszunehmen sind. Bescheiden hüllt sich das Bürgermädchen in die
lieblich sie formende einfache Korsette, weißen Rock mit schwarz
seidenem Vortuche, und eine sammtene Kappe oder gothische Haube deckt
das geflochtene üppig sich hervordrängende Haar, ohne bei dieser
einfachen Kleidung dem Anspruche auf den Rang einer Grazie gleich denen
schimmernden Damen zu entsagen. Lieblich schweben sie daher die munteren
frischwangigen blonden oder brünneten Mädchen, ohne von einer Städterin
eine andere Spur, als die ihrer Bildung zu zeigen. Die Männer sind bei
all ihrer Knochenstärke artig im Benehmen; bescheiden, Neuigkeiten zu
erfahren, quälen sie Niemanden mit Fragen zu Tode, sondern überlassen es
der Fremden Willkühr, zu sprechen, und dagegen -- zu erfahren. Die feine
und gebildete Welt mag sich wohl überall ziemlich gleich bleiben, nur
fand ich hier weniger lächerliche Modesucht, und einen seltsamen Wunsch
sich lästigen Höflichkeiten zu entziehen. Ein Beweis von letzteren mag
der Befehl seyn, welchen eine Tafel auf der ständischen Allee (Glacis
nächst dem eisernen Thore, von dem nun die Werke abgetragen und der
Stadtgraben zugeschüttet wird), enthält, alles Hutabnehmen daselbst zu
unterlassen. Ein anderer Promenadeort ist der Merscheingarten, ein
flacher Platz mit großen Lindenalleen durchflochten, der mir jedoch
keinen Beifall abgewinnen konnte. Besser gefiel mir der Rosenhain,
dessen zunehmendes Alter ihn nun schöner kleidet, als da er zwanzig
Jahre jünger gewesen, wo er von Reisebeschreibern sehr getadelt wurde.
Ungemein angenehm, besonders für Fremde, ist ein Spaziergang auf der
gedeckten Murbrücke[10], welche auf drei hölzernen und einem steinernen
Pfeiler (Joche) ruht. Bei Tage, und Abends mit guter Beleuchtung,
passieren hier immer Menschen; viele kaufen etwas von den in eng
angereihten Hüttchen hier feilgebothenen Waaren, andere gehen in
Geschäften nach Stadt oder Vorstadt. Ich glaube, man könnte hier in
einem Tage die Hälfte aller Einwohner von Grätz ersehen, was besonders
bei regnerischem Wetter, wo der Fremde bloß auf Kaffeh- oder
Wirthshäuser gebunden wäre, nicht unwillkommen ist. Mitten auf der
Brücke sind zwei Altanen zum Ueberblick der reissenden Mur, an deren
Ufern sich die thätigen Hände der Gärber, Färber und Schiffsleute,
welche ein- und auspacken, recht lebhaft darstellen. Weiter unten
befindet sich die ungedeckte oder sogenannte Neuebrücke, welche die
Jakomini-Vorstadt mit dem Gries verbindet. Die Murvorstadt ist zwar die
belebteste, aber gewiß nicht die solideste.
[10] Leider ist jene durch die im Frühjahre 1827 stattgehabte
furchtbare Wasserfluth sammt den aus festen Quadern sie stützenden
Ufersaume abgerissen, und nur einstweilen durch eine schlichte
Nothbrücke ersetzt worden. Noch ist ungewiß, ob und was für eine
andere Brücke für die Zukunft das Lob der vorigen erringen wird.
Nun wandere ich zum Kalvarienberg, westlich von Grätz auf einem
pyramidenförmig isolirten Fels knapp an der Mur befindlich. Der Weg
sowohl als der 125 Fuß hohe Berg sind herrlich, und geschaffen, das
Gemüth des Wanderers zu sanften Gesinnungen zu stimmen.
Einstens soll dieser Fels einen Wartthurm getragen haben, 1606 aber
errichtete Bernhard _Walter_, Oberststallmeister des Erzherzogs
_Maximilian_ _Ernest_, zuerst ein Kreuz darauf; 1764 warf es der Blitz
herab; darauf bekam das wiedererrichtete, gegenwärtiges
_Cronographicum_:
fVLMen DeIeCIt
CongregatIo reparaVIt.
Sonntags den 21. August war Feuerwerk im Pumperwaldel, (Prater, der aber
mit jenem zu Wien gar keine Aehnlichkeit hat, außer daß einige
Bierschenken und Kegelbahnen vorhanden sind); ich besah es, konnte mich
aber nicht wie Tags vorher im Grätzer-Aushülfstheater (in der
landständischen Reitschule) der aufgeopferten Zeit erfreuen.
Die Tage flohen wie herrliche Stunden; Freunde und Gefilde täuschten
mich herzlich; deren Wonnegaben verkostend hätte ich bald jeder ferneren
Reise entsagt: hätte nicht ein Blick auf die mitgenommene topographische
Karte meinen schlummernden Willen erweckt, und schnell mich zur Abreise
gerüstet. Ein herrlicher Morgen vergoldete mir die Hoffnung einer
lieblichen Wanderung; Grätz schlummerte noch, schlummerte wie das edle
unschuldige Mädchen -- schmucklos in höchster Pracht, ohne Arglist von
Feinden zu besorgen. Ausgebreitet lag es harmonisch auf herrlicher Flur,
von den spähenden Thürmen und grünenden Bergen begrüßt; kein neidischer
Nebel entzog etwas der reitzenden Gestalt, noch suchte schwelgerischer
Rauch zu verbergen, was es so liebenswürdig macht. Gesunde Luft spielte
sanft mit den Blättern der Bäume, als wären sie Locken der Schönen,
damit dieser anmuthige Wirbeltanz höheren Schmuck noch verleihe. Die
immer wachsame Mur durchlief die Stadt mit zunehmender Schnelligkeit,
als wollte sie Versäumtes ereilen, oder den Weg verkürzen. Geschäftige
Schwalben umzogen sie neugierig, um eigene Schönheit im wässrigen
Morgenspiegel zu schauen; erfreut ob schmeichelnder Empfindung, zollten
sie singend dem Schöpfer freudigen Dank. Es war ein Bild zum Entzücken,
welches nur die Erinnerung von wahrer Seligkeit trennte: daß nicht alles
Beglückende ewig dauere, und nur öfter so ein ähnlicher Augenblick
mondenlange Schwermuth versüße, um bald wieder neues Mißgeschick
erträglich zu machen. »Lebe wohl, geliebte Freistadt des Vergnügens und
der Anmuth! lebe wohl, du neueres _Eden_! lebet wohl, ihr selbes
bewohnenden Seelen!« sprach ich innigst gerührt dem stummen verlassenen
Städtchen, und zwang den unwilligen Fuß,
Gösting’s
Höh zu erreichen; denn es war mir unmöglich von Grätz zu scheiden, bevor
ich nicht abermal die liebgewonnene Ruine gesehen. Schon stärkte sich
hie und da in genügender Hütte der thätige Landmann zur erwartenden
Arbeit; der Hahn vom Morgenrufe ermüdet, suchte ein Frühstück am Felde,
der Karren polternd Getöse neckte den wachsamen Haushund; ein Tag war
wieder geboren! Minder unbekannt mit dem Bergpfade schien dießmal die
Höhe sich gemindert oder der Freundesbesuch die Mühe erleichtert zu
haben; der Thau träufelte sein erquickend Naß, Blumen und Kräuter
dufteten _Aroma_ -- frisch stand ich neben dem zerfallenen viereckigen
Thurme, dessen Näherung so Manchen einst Tod bringend war. Traurig
verbürgen die verstümmelten Gemäuer jedem Feinde zu unterliegen: doch
kein Wurfspieß fliegt nach der Stürmer Brust, kein Steinkorb zerknackt
die jugendlichen Glieder; aber ein Schuß rauschte durch die Mooswände,
ein zweiter donnerte nach. Lustig sprang der Jäger herbei, weil es ihm
gelungen, das Leben harmloser Thierchen, zweier Wildtauben! die kosend
sich ihr Glück mittheilten, mit einem Rucke zu rauben. Ich sah diese
liebegierigen Luftbewohner unten auf einer Fichte sich küssen, ohne
deren Mörder zu ahnden. So in Liebe und Lust sind auf dieser Veste
schwerlich Mehrere gestorben! Der Bursche kam mit seiner Beute zurück
und erzählte mit vieler Geschwätzigkeit, wie der Besitzer Graf von
_Attems_ und seine geladenen Gäste sich hier zu restauriren pflegen,
wenn sie rückkehren von der Jagd, die im Umkreise auf Federvieh und
Hochwild sehr ergiebig seyn soll. In der That möge hier ganz im Geiste
der Vorzeit, wenn der forstkluge Ritter heimkehrte von ermüdender Jagd,
eine Bouteille Marwein und ein Stück Rehkeule nicht übel behagen.
Erschöpft in der rüstigen Unterhaltung der Alten, geschützt vor Sonne
und Wind durch deren Schloßtrümmer, muß man nothwendig auch ihrer Manen
gedenken, und dann für die Edlen, welche nach 800 Jahren ihren
Nachkommen noch den Nutzen beharrlicher Baukunst bewiesen, ein volles
Gläschen anstossen. Leider konnte ich dem freudigen Wunsche nicht
willfahren, ebenso wenig den blutgierigen Jagdgesellen zu längeren
Waffenstillstand bewegen, der mit der Versicherung »seinem Gebiether
noch eine erfreuliche Ausbeute zu verschaffen« im dichteren Walde
verschwand. Ich war sonach allein und unterhielt mich mit den Besuchern,
deren einstiges Daseyn hie und da die glatteren Wände verkündeten. In
der That eine ganz artige Besatzung; Bekannte darunter, wovon einige
schon seit Jahren Europas Gränzen überschritten, standen hier nun als
Fremdlinge in der Heimath. Mein Gruß folgte denen Rastlosen, die in
entfernten Zonen oft vergebens zu erstreben suchen, was sanftmüthiger
der vaterländische Boden gewährt. Aber auch die berühmten Insassen
wurden nicht vergessen, welche von _Leuthard_ den ersten Ritter von
_Gösting_ im eilften, bis zu deren Aussterben mit _Wülfing_ im
vierzehnten Jahrhunderte, in ihren Familien so denkwürdige Männer
aufzuweisen hatten. Da hauste _Swiker_ von _Gösting_, welcher mit
_Ottokar_ den V. Steiermarks Waffenruhm hob; _Arnold_, dessen Blitze
schleuderndem Schwerte der Hunnen tollkühne Raubsucht entfloh; _Mogay_,
der das ritterliche Ansehen im wildesten Gaue zu höhen wußte; _Ranald_,
_Herwad_, _Erich_ und Andere die ihrer Ahnen würdig sich zeugten! --
Kein Winkel des Schlosses blieb unberührt von ihren Eisenfüssen, deren
fester Tritt mit der Festigkeit ihrer Gesinnungen sich einte. Kein
flehender Widerspruch konnte den Mann erweichen, der Scharen von Feinden
zu weichen verlernte. Dieses gleich stolze und heldige Gefühl hatte aber
auch dem letzten Göstinger sein einzig Kind getödtet: Zornentglüht, daß
die Tochter es wagte, einen Anderen, als den vom Vater ihr Bestimmten zu
wählen, erlegt _Wülfings_ schwerer Arm den unglücklich Geliebten im
Zweikampf; Anna, über des Vaters gräßlichen Sieg rasend, springt in die
Tiefe der Felsschlucht; dennoch war _Wülfing_ nicht hart genug, den Tod
der Tochter zu überleben -- beide sanken, Anna durch die Grausamkeit des
Vaters, dieser durch die Verzweiflung der Tochter ermordet, in die
Grube.
Diese Tragödie hatte ganz natürlich zu damaliger Zeit die wunderlichsten
Spuckgeschichten zur Folge, die sich noch bis zum vorigen Jahrhunderte
fortpflanzten, und eine Menge Geisterbeschwörer und Schatzgräber
herbeilockten, welche dann mit Fackeln Nachts die Ruinen durchwandernd,
von den nahen Dorfbewohnern jedesmal wieder für Unholde erkannt wurden.
Nun durchzieht die lockeren Hallen nur noch der zudringliche Wind,
dessen wunderliche Töne bald einen muthigen Schlachtmarsch, bald einen
düsteren Trauergesang anzustimmen scheinen: während einige Fichten und
Birkenstämme dazu das Zeugniß gebend, bereitwillig das Haupt neigen.
Der südliche Theil der Veste, welcher mehr erhalten als der nördliche
ist, besitzt noch einen unterirdischen Gang; verborgen in einem
Thürmchen zwischen zwei Bogenwänden, gähnt der dunkle Schlund, den
früher vermuthlich eine Fallthür bedeckte. Ich stieg hinab, mußte aber
um weiter zu kommen eine Menge Steine wegräumen; der Gang ist im Felsen
gehauen, und führt einige Klafter unter dem Schlosse hinweg, dann ist
jede Spur seiner ferneren Richtung verschüttet; doch soll er einst das
eine Stunde entlegene Schloß _Thal_ mit diesem verbunden haben. Von dem
wenigen Gemäuer des Schlosses läßt sich nichts sagen, weil es ohne alle
Vorzüge anderen verfallenen Burgen gleichet: desto mehr dürfte die
Aussicht eine Lobrede verdienen, wenn nicht der Grätzer-Schloßberg schon
den Preiß davon getragen hätte, und Wiederholungen wenig geänderter
Gegenstände ermüdeten. Etwas Besonderes gewährt jedoch der Hinabblick
auf den doppelten Abfall der Mur unter der Weinzettelbrücke, welcher die
Flösse unwiederbringlich zu verschlingen droht; ebenso die finstere
Bergschlucht mit der Ruine
Thal oder St. Jakob,
wie die Landleute sie zum Gegenstück des mit St. _Anna_ betitelten
Schlosses _Gösting_ gemeiniglich zu nennen pflegen.
Begierig diese versteckte Ruine auch zu besehen, wanderte ich den
Schloßberg waldeinwärts hinab. Die Thalfläche welche mich nun
fortleitete, trug so ganz den Stempel der Melancholie. Von hohen
Waldbergen eingeengt, zwischen denen nur ein elender Holzweg und
rieselndes Bächelchen sich öfters durchkreuzend ihre Bahn verfolgen,
kommt man endlich zu einer einschichtigen Mühle, deren düsterer Besitzer
den Bach dürftig benützt. Tiefer Morast das Gebäude umzäunend, erschwert
den Eingang in selbes, und bannt dem Müller noch vollends jeden
erfreulichen Gruß und Willkomm; er scheint dieses zu wünschen, und
verpestet darum sich Luft und Gesundheit. -- Endlich lichtet sich die
Schlucht, aber nur um das Wilde einer regen Phantasie zu erhöhen. Die
Berge treten etwas zurück, aber keine lachenden Fluren -- ein stinkender
Sumpf vom Schilfe strotzend, in dessen Eingeweide sich Kröten und Ottern
tumeln, breitet sich aus, ober ihm ein Teich, ersterem fast ähnlich,
aber doch wenigstens von Wasserhühnern und Wildänten etwas belebt;
einige Buchen umgürten seine Ufer, und rechts im Hintergrunde grinset
aus waldigem Dunkel wie ein Todtengerippe, die Ruine St. _Jakob_ oder
_Thalburg_. Ehe man seinem Hügel naht, muß man den Erddamm
überschreiten, der sich gleichfalls keines allzuguten Zustandes erfreut.
Endlich gelangt man zu dieser von Menschen und Zeit gleich zernagten
Veste; eine Ringmauer und wenige Steintrümmer, ohne Spuren von Gewölbern
oder unterirdischem Gange, sind die ganzen Dokumente eines ehemaligen
Rittersitzes, welchen überdieß noch zahlreiche Birken bald gänzlich
unter ihren Schatten zu begraben versprechen: und dennoch wird ein
einzelner halb verfallener runder Thurm an den noch eine eigennützige
Hand etliche Breter opferte, von einer armen Familie bewohnt. Ich
erstaunte über die Möglichkeit eines sicheren Obdaches; da wies mir das
bleiche Weib auf einen nahen Mauerklumpen: »Freilich ists hier nicht gut
wohnen, erst gestern während des Sturmes hat mir dieses herabgefallene
Stück meine einzige Ziege erschlagen, ich bin nur froh, daß Nan’l (auf
eines der fünf Kinder zeigend) nicht auch getödtet wurde, welche nahe
dabei schlief.« Rührende Mutterliebe! welche gerne die letzte Habe
verliert, wenn nur das Glück erübrigt, mit der ganzen Anzahl ihrer
Theuren darben zu können. Ob durch Unglück oder Schuld diese
Kummerfamilie hierher verbannt wurde, gleichviel! sie erregt Mitleid und
macht den Besuch edelmüthiger Grätzer hierher wünschenswerth.
Freundlicher ist nordwestlich die Aussicht in ein kleines Thal mit
mehreren Häusern und einer Kirche, welche zusammen die Gemeinde St.
_Jakob_ ausmachen; die überblickenden Schneegipfel der Stub-, Rack- und
Polsteralpen geben ihm etwas ungewöhnlich Erhabenes. Das schöne
Försterhaus ist gegenwärtig unbewohnt, und ich glaube, der Weidmann wird
sich im lieblichen Eggenberg dafür hinlänglich entschädigt fühlen.
Die ersten Erbauer dieses über ein Jahrtausend alten Schlosses sind
gleich ihren Thaten der Geschichte entschwunden; doch -- darf man
einigen Klosterurkunden von späterer Zeit trauen, so starben schon um
Karl des Grossen Zeiten einige Ritter von _Thal_ den Heldentod.
Ausdrücklich benannt werden im dreizehnten Jahrhunderte Friedrich Erich
und Otto von _Thal_, von denen Letzterer entweder durch besondere Krieg-
oder Jagdlust den Beinamen der Rauhe sich erwarb. Freundschaft und
Blutsverwandschaft verband fortwährend die Ritter von Thal mit denen von
Gösting. Im sechzehnten Jahrhunderte besaßen es die Ritter von
Windischgrätz, dann Freiherrn von Waldstein, im siebenzehnten die
Freiherrn von Eckenberg, und gegenwärtig Herr Graf von Herberstein.
Tapfer widerstand diese Veste 1602 Kaiser Ferdinand des II. muthigen
Kriegern, als die verwittwete Hipolita Freiin von Windischgrätz und
Waldstein den lutherisch reformirten Prediger Paulus _Odontius_ daselbst
nicht ausliefern wollte. Die Veste sank, aber einem solchen Sieger zu
unterliegen, hieß nicht unrühmlich kämpfen und fallen! -- Seine
Zerstörung soll es 1683 durch die Türken erlitten haben, die raublustig
vertilgten, was hochherzige Sieger verschonten.
Ich wanderte den mir erklärten Fußsteig nach
Eggenberg;
anfänglich ebenfalls neben einem Sumpfteiche, dann führte mich bald der
Pfad aufwärts in den jungen Wald. Fürchterliches Gekrache erschütterte
den festen Boden, schwarzer Dampf zog in dichten Wolkengestalten über
die Wipfel der Bäume -- ich nahte dem Steinbruche, welchem durch Pulver
die Grätzer-Pflastersteine abgezwungen werden; unwillkührlich dachte ich
an das Sprichwort »viel Geschrei um geringe Wolle.«
Zu Eggenberg durchschritt ich den oft beschriebenen Graf
Herbersteinischen Park; möge hier immerhin die Grätzer lebensfrohe Welt
an Sonn- und Feiertagen Erholung finden; desto weniger scheint ein
Wochentag dieselbe verschaffen zu können; Menschenmangel, und die
Ueberzahl von jämmerlich zugeschnittenen Bäumen, welche kaum sich,
vielweniger den Besucher vor drückender Sonnenhitze verwahren, bannen
den Einzelnen nur zu schnell von dannen. Zweckmäßiger ist jedoch das
Schloß gebaut und eingerichtet.
Eine schöne Kastanienallee führt nach Grätz zurück; doch nicht dieser
sanften Einladung folgend, sandte ich nur noch dankbare Rückblicke
dieser unvergeßlichen Stadt, und wanderte dann frohen Muthes auf ebener
Fläche nach _Straßgang_, wo ein kleiner Hügel zur Rechten die
Gnadenkirche St. _Florian_ trägt. Früher sieht jedoch von der höchsten
Waldspitze rechts die Wallfahrtskapelle St. _Peter_ und _Paul_ auf den
Wanderer majestätisch herab. Auf diese Art von den heiligen Hallen
sattsam besehen, darf man sich schon getrost in den dunklen Wald wagen,
durch welchen eine gute Fahrtstrasse den Pilger in einer Stunde nach
Doppelbad
leitet. Dieses aus neun Häusern bestehende Dörfchen, dem eine Badquelle
Ursprung und Namen erwarb, so unansehnlich und verborgen es in einem
Waldkessel liegt, soll doch eine besondere Einwirkung auf Kranke
besitzen; ich konnte aber nicht erfahren, ob diese in wunderbarer Hebung
des Krankheitsstoffes oder baldigem Tode bestehe? erstere möge
wenigstens dem Gebrechlichen so lange Trost seyn, bis Schwermuth als
natürliche Folge dieses quälenden Wohnortes, letzteren herbeizieht.
Indessen soll den Frauen, welche sich der Unfruchtbarkeit beklagen,
dieses Bad als Remedium dienen.
Eine Strecke noch dauert der Wald, dann treten ergibige Kornfelder
hervor; malerisch erhebt sich über deren grüner wie sanfte Meereswogen
schaukelnder Fläche, nach fünf Viertel Stunden das Dörfchen _Lanach_,
gleich einem im gesegneten Ocean schwimmenden Schiffchen. Der Baron
_Mandl_ hat in seinem schönen Schlosse daselbst genug Gelegenheit, den
Zauber seines Besitzes zu übersehen.
Die Gegend gewinnt an Wärme -- abwechselnde Hügel und Berge machen die
Wanderung noch heisser. Die Oertchen Heuholz, Teipl und Roßegg, aus
wenigen Hütten bestehend, würde ich kaum nennen, wenn nicht ihre Lage
sie zu Ehren brächte; Weinranken umwinden die Häuser, deren Most[11]
zwar nicht unter den guten zu rechnen ist, aber demohngeachtet den
ländlichen Schmuck vervielfacht.
[11] Sogenannter Schilcherwein, von blaß rother Farbe, läßt sich ein,
kaum zwei Jahre erhalten, und wächst in der Umgebung bis Kreuzegg; die
Maß kostete 1825 12 kr. W. W.
Beim Dörfchen Pichlin sah ich die ersten Maisfelder (Türkenwaiz), welche
mit Kürbissen begränzt, nun wenig unterbrochen bis Völkermarkt
fortwährend, und Menschen und Vieh die genügendste Nahrung sichern. Der
Markt
Stainz,
dessen gleichnamiger Bach einige Müller und Lederer beschäftigt, besitzt
rechts auf einer Anhöhe ein nun aufgehobenes ehemaliges
Augustiner-Chorherrnstift, dem ein infulirter Probst vorstand, und das
nun als Kaserne zum Theile benützt wird; _Leutold_ von _Wildon_ hat es
1229 gestiftet, Kaiser _Joseph_ 1785 aufgelöst. Mehrere wohlhabende
Fleischer sind hier zugleich Viehhändler und Gastwirthe; einer von ihnen
erzählte mir, während ich mich etwas restaurirte, wunderliche
Geniestreiche von den berüchtigten Gaunern (sogenannten Stratafiseln)
welche die friedlichen Gebirgsdörfer mit ihren Besuchen seit einiger
Zeit erschrecken, und obgleich schon mehrere von jenen eingefangen
wurden, noch immer diesem Bezirke gewogen bleiben[12]. Ich konnte dem
Erzähler etwas Glauben beimessen, weil ich vor einigen Tagen zu Grätz
zwei dieser Schurken durch den Strang hinrichten sah; allein, mir
deßhalb nach seinem Anrathen einen tüchtigen Führer mitzunehmen, schien,
wenn nicht lächerlich, doch ganz unnöthig.
[12] Den lobenswerthen polizeilichen Vorkehrungen der Regierung ist es
nunmehr gelungen, jene Unholde in der Wurzel auszurotten.
Ich verließ nun, ohne die gutmüthige Warnung ganz zu vergessen, die
Fahrtstrasse; ein schlechter Feldweg über eine Sumpfwiese führte mich in
drei Viertel Stunden zu einigen Häusern des weiten Bergthales,
_Graschuch_ genannt, und dann neben Mais- und Kürbisfeldern bald nach
Laßelsdorf,
einer aus 29 Häuschen bestehenden Gemeinde. Die Gegend war eben nicht
schön, aber milde zu nennen; frischgrüne Hügel trugen auf ihrem lockeren
Rücken Befriedigung der Sorgen vor quälenden Winter; ein Bach,
unschädlich den Ufern und strotzenden Saaten, schleicht unter Schilfrohr
und Weidenbäumen ruhig dahin; glänzend spielt hie und da bei Tage eine
breitere Fläche desselben, doch kein Murmeln verräth ihn, sobald sich
die Sonne ins Meer getaucht; einzelne Linden und Ahorn locken den
Wanderer in ihren wohlthuenden Schatten, ohne ihm dafür die Irrwege
eines Forstes zu bereiten; die Häuschen schon ganz aus Holz gebaut,
zeigen deutlich, wie geringer Besitz zum stillen Glücke hinreiche.
Außer Lasselsdorf beginnt der Wald, bejahrt und düster wie des Menschen
gewöhnliches Ende; ein tiefer Hohlweg macht den Anfang -- so tritt man
ungewiß ins Leben. Bald theilt sich der Pfad, ich wählte den
verläßlichsten links, benöthigte aber anderthalb Stunden, bis ich dem
Dunkel mich entwunden wieder das Freie erblickte. Schon sah ich einzelne
Hütten im Thale glänzen, und hörte das Rasseln eines bergab holpernden
Karrens; wohlgemuth wollte ich mir im Gebüsche ein Stündchen Ruhe
gönnen; doch kaum etwas eingeschlummert, als mich das Gebell meines
Hundes erweckte. Mit lästigen Gedanken schwanger, glaubte ich beim
Anblick dreier mit derben Knitteln bewaffneter Bauern nichts sicherer,
als einige der ungebethenen Gesellschafter zu erblicken; schnell
aufspringend fragte ich nach ihrem Begehren; sie aber schenkten mir kein
Gehör, traten zurück, und pfiffen, daß mir der Schall durch Mark und
Blut wirbelte. Ich wollte mich aus dem Staube machen, nun kamen aber
noch drei und verwehrten mir die Passage; diese Anzahl schien zwar für
gewöhnliche Schelmen zu viel, demohngeachtet konnte ich aber noch immer
nichts Gutes vermuthen, weil sie mir befehlend zuriefen, mich und die
Büchse zu übergeben, und dabei meinen treuen Hund, der indessen einen
tüchtig zu Boden warf, so in die Enge brachten, daß ich für sein Leben
fürchtete. Die aufgehobenen Stöcke, die nun auf mich blitzten, zwangen
mich zu der drohenden Betheuerung: daß ich denjenigen augenblicklich
niederschiessen würde, welcher sich eine Gewaltthat gegen mich erlaube;
dagegen wolle ich wissen, wer sie wären, und was sie mich so anzufallen
berechtige? Der ernste Ton, ein Holzstoß der mir den Rücken deckte, und
_Duna_ zum neuen Angriffe bereitwillig, brachte die Tölpel zur Sprache:
Sie seyen, antworteten sie, von der Gemeinde zur Aufbringung
verdächtiger Leute in der Umgebung beauftragt, und ich müsse ohne
Wiederrede meinen Paß ihnen vorweisen. Unter anderen Umständen hätte
mich, der ich erst heute von Grätz abging, und weder in Kleidung noch
Gewerbe einem gefährlichen Menschen ähnlich sah, solch ein Argwohn nicht
wenig erbittert; nun aber belächelte ich dieses Mißverständniß, und
froh, durch Willfahrung allen nachtheiligen Streit zu heben, übergab ich
das Verlangte. Zum Glücke erkannte einer dieser Knittelritter
Unterschrift und Siegel der Grätzer-Polizeibehörde, und erlaubte
deßhalb, nachdem er mich noch mit einigen langen und breiten Blicken
seiner Einsicht begnädigte, meine Reise ungehindert fortzusetzen. Die
Ermahnung »mir ja keinen fremden Menschen zum Begleiter anschließen zu
lassen« schien er als wohlthätiges Salz über das unzuverdauende
Frühstück, welches mir zugedacht war, gratis zu ertheilen.
Zufrieden, dieser lästigen _Sauvegarde_ enthoben zu seyn, wanderte ich
nach
Kleinstätten (oder St. Michael).
Bei diesem Dorfe hielt ich das neue Schloß mit seinen vier Thürmen nicht
der Besichtigung werth; ebenso wenig Reitz hatten die Gemeinden
Groschach, eine halbe Stunde davon Katzelsdorf, dann über einer Berghöhe
Wies; schlechter Feldbau, Waldverwüstung und unbeträchtliche Viehzucht
geben kein gutes Vorurtheil von den Besitzern. Die Gemeinden Pölsing,
Brunn, Jägernegg, im Marburger-Kreise liegend, gehören zur Herrschaft
Purgstall, und sind etwas mehr gepflegt.
Zu Altenmarkt, einer kleinen Gemeinde auf einem Waldhügel zerstreut,
überraschte mich der Schall mehrerer musikalischer Instrumente, deren
wohlklingende Töne mehr als gewöhnliche Dorfstümpler verriethen. Meine
Vermuthung ward realisirt, als ich bei einer hölzernen Weinkeusche neun
böhmische Musikanten erblickte, die auf ihrer Brotreise nach Triest um
mäßige Nahrung zu musiziren pflegen, und hier eben von einem Kornhändler
aufgefordert, desto williger Folge leisteten. Der nahende Abend, die
abgeschiedene Gegend, das sanft verhallende Echo in den sich kreuzenden
Thälern, endlich die wohlgewählten Musikstücke, erweckten einen so süßen
Zauber, den kaum der Genuß des saueren Weines und zähen Bockfleisches
etwas mässigte.
Zu Eiberswald, einem ansehnlichen Markte mit vielen Wirthshäusern,
beschloß ich meinen heutigen Marsch.
Von Eiberswald leitete mich folgenden Morgens ein schlechter Fahrtweg
zum
Radelberge.
Eine dreifache Bespannung konnte daselbst einen Weinwagen nicht zur Höhe
befördern; Geschrei und Hiebe der Kutscher bezweckten nichts bei den
armen Thieren. Ich verwünschte die Nachlässigkeit, welche auf
Nebenstrassen meistentheils die Gebirgswege ganz verwahrlosen läßt, die
doch um so mehr Pflege bedürfen, je mehr sie Gewitter und Radschuhe
zernagen. Ein egoistischer Fußgeher darf sich zwar weniger darüber
beklagen, da der untere Theil des Berges von schönen Buchen beschattet,
ebenso leicht zurückzulegen ist, als den oberen ein angenehmer Fußsteig
erträglicher macht. Auf dem Gipfel des Berges steht ein hölzernes
Bauernhaus, worin man sich, wem das Quellwasser an der Straße nicht
behagte, bei einem Glase Wein, Stück Schaffleisch und schwarzen aber
gesunden Brote erquicken kann. Eine Gallerie welche aus dem Stockwerke
herausführt und vom Dache zugleich bedeckt ist, gewährt die herrlichsten
Uebersichten. Wälder und Berge schmücken sich im jungen Roth des
heiteren Morgens; hie und da blicken Thürme und Häuschen hervor, wie
einzelne Schildposten ihrer Gemeinden; links prangt auf waldiger Spitze
nahe das Kirchlein St. _Johann_, ein Trost in den Stürmen des Winters,
die öfter zu feindlich hier wüthen; in blauer Ferne erkennt man den
Zauberkessel von Grätz, dessen Schloßberg kaum als Hügel erscheint. Ich
wendete mein Fernrohr nach allen Richtungen, und immer schöner pries ich
das neu gewonnene Bild; der biedere Aelpler freute sich mit, daß ich
seinen Wohnsitz so schön fand, und rief die Familie herbei, damit ich
derselben erlaube, durch das Zauberglas auch alles besser zu besehen;
ich überließ es den Kleinen, welche es verkehrt und von beiden Seiten
zugleich gebrauchten, nichts sahen, und sich höchlich freuten, daß alles
so prächtig erscheine. -- Was doch der Glaube für Wunder entbildet!
Mit dem frugalen Frühstück zufrieden, verließ ich den biederen Wirth,
der nie in Städten rechnen lernte, und wanderte nun Thal ab; der Wald
endet bald, Wiesen und Heidekornfelder reichen sonach bis
Mährenberg
hinab. Weit dehnt sich der Markt in die Länge; die Ruinen eines
Frauenklosters, dessen Thurm dem eines Ritterschlosses ähnelt, geben ihm
etwas Ernstes. Mährenberg besaß einst eine alte Veste, in der Hartneid
von _Mermperch_ 1199 lebte; sein Enkel _Seyfried_ stiftete 1221 das nun
hier in Ruinen liegende Nonnenkloster des Dominikanerordens; dieses war
1251 vollendet, und dauerte bis 1780, wo es abbrannte, und dann nach
zwei Jahren für immer aufgehoben wurde.
Drauthal.
Außer Mährenberg erblickt man die Drau, deren lichtblaue Wogen rasch wie
die Wünsche des Jünglings ihrem hohen Geburtsorte[13] enteilten, um als
ermüdeter Greis trübe und langsam bei Almasch in der gewaltigen Donau
den eigenen Lauf zu beschliessen. -- Alles verschlingt jene Mächtige, um
mit gehöriger Würde sich dem Meere zu vermählen.
[13] Tirol, bei Iniching im Pusterthale, aus zwei Seen und mehreren
Bergbächen.
Rechts neben der Poststrasse, die nun von Mährenberg nach Klagenfurt
führt, und durch an beiden Seiten fortwährende Heidekornfelder gewiß
Jedermann langweilt, verlasse man das ermüdende Einerlei, und wandere
beim Markte Hohenmauth in die Bergschlucht hinab. Ein Bach, mit der Last
abgestockter Waldberge beladen, trägt daselbst mit wilden Gekrache die
sich reibenden Baumstämme zu dem trotzenden Rechen. Hände und Karren
sind dort geschäftig, die Hölzer aufs Trockene zu fördern; seitwärts
dampfen Meiler, unergründbar durch schwärzesten Rauch, im Hintergrunde
wirbeln Hämmer, und Feuersäulen steigen umwölkt zur Höhe, als hätten
sich jüngstens Vulkane geöffnet!
Wer nicht schon in Vordernberg gewesen, müßte hier den Herrschersitz des
Plutus und der _Cyclopen_ ahnden. Man besieht daselbst die Hammerwerke
und Blahhäuser, wo in letzteren das geronnene Erz Wasser-ähnlich
fließet; der vernichtende Stahl, dessen Hauch itzt schon Tod zu bereiten
scheint, dem aber ausgedörrte Arbeiter Trotz biethen, und fortwährend
ihre langen mit Eisen beschlagenen Stangen zur Abstreifung der Schlacken
vom reineren Erze benützen, ist hinsichtlich seiner Qualität nicht von
dem anerkannten Werthe, als jener der Innerberger-Hauptgewerkschaft.
Nebst dem Halurgen findet auch Botaniker und Zoologe reiche Ausbeute für
sein Studium, in den Klüften der ungeheueren Wälder und Gebirge, welche
sich am Feising- und Wölikbach nordöstlich ausdehnen. Weniger bei der
zunehmenden Träufe dazu gestimmt, wanderte ich auf der Straße zu einem
dieselbe umspannenden Thorbogen (Klausen genannt).
Kärnthen.
Dieses aus rohen Steinen längst aufgeführte Mauerwerk, bildet die Gränze
Steiermarks und Kärnthens. Rechts und links erheben sich nun die
Vorläufer hoher Gebirge, zwischen denen nur für die enge Fahrtstrasse
und tosende Drau die Pfade hinlaufen.
Das erste Häuschen Kärnthens, nächst dem Thorbogen, macht gleich für den
Fremdling den widerlichsten Eindruck. Eine arme von Schmutz und Kröpfen
ganz entstellte Familie darin fleht die Vorbeireisenden um Mitleid, man
fürchtet, und erblickt dann wirklich bald darauf mehrere Aehnlichkeiten,
Kinder laufen herbei und suchen mit halsbrecherischen Bockssprüngen dem
Wanderer Vergnügen zu gewähren und Geld abzulocken.
Am jenseitigen rechten Ufer der Drau blickt das alte Schloß Puchenstein
abentheuerlich herüber. Nicht allzugroß an Umfang, konnte es doch leicht
in dieser Häuser-armen Gegend Glanz und Würde verbreiten. Weder Schiffer
noch Kahn konnten meinem Wunsche verhülflich seyn, das Schloß zu
besichtigen.
In halber Stunde erreichte ich
Unterdrauburg.
Ein Brand hatte kürzlich mehrere Häuser vernichtet, Manches lag noch
wild und wüste durcheinander und entstellte den ohnedieß unansehnlichen
nur eine lange Berggasse bildenden Markt. Rechts auf glatter Felsenhöhe
trauern die Trümmer der alten Veste. Ihr Umfang muß noch kleiner, als
jener von Puchenstein gewesen seyn. Von dem wenigen Gemäuer hat sich
noch ein viereckiger Thurm erhalten, der von Laubholz schön begrünt
dasteht. Die Seitenmauern, welche bei jedem Lüftchen den Einsturz
drohen, sind durch Schatzgräber so Verderben-drohend geworden, weil vor
20 Jahren ein armer Handwerksbursche, durch Geldmangel zu einem
Nachtquartier in denen damals noch einigermassen Schutz gewährenden
Hallen gezwungen, einen Fund von bedeutendem Werthe soll gemacht haben.
Ob, wenn ja ein Bursche plötzlich zu Gelde gekommen, diese Ausbeute eben
nicht List von dem vorgeblichen Finder gewesen sey, sich strenger
Untersuchung zu entziehen, kann ich nicht untersuchen; genug, den Mauern
ließ man es entgelten, daß sie einem Fremden so leichtfertig Schätze
überließen. Das Schloß Unterdrauburg sammt dem Markte hat einstens denen
berühmten Rittern von _Auffenstein_ gehört; als aber Friedrich, der
letzte dieses Stammes sich wider den Landesfürsten empörte, nahm das
Reich davon Besitz.
Leider mußte ich nun bei den schlüpfrigen Feldwegen, welche durch die
zunehmende Nässe sich noch verschlimmerten, die lästige Fahrtstrasse
fortwährend wählen. Es war auch eine der abgeschmaktesten Promenaden, im
Kothe Berg auf und ab, durch einzelne Wälder, die nichts Sonderliches
darbothen, immer fortzuwandern; auch kein Erholungspunkt an der links
sich hinwälzenden Drau, kein Kahn darauf, kein Vogel in dem
Nebel-umflorten Haine ließ reges Leben verspüren; selbst das heilige
Dreifaltigkeits-Kirchlein, so passend es rechts einen Felsen krönt,
konnte bei seinem düsteren Schweigen nichts weniger als Ermunterung
spenden. Endlich hatte ich
Lavamünd
erreicht; ich staunte, einen Markt zu sehen, welcher jedem Städter als
Exil Furcht einjagen müßte. Wenn ich ihn mit einem Dorfe um Wien
vergleichen wollte, so müßte ich mich, die österreichischen Dörfer so
herabsetzend für rügewürdig fühlen. So schlecht die Hülle, so die Fülle
würde ich sagen, wenn man in den Gasthäusern etwas mehr als sauren Wein
bekommen könnte; da man aber -- hier der Speisen vielleicht entwöhnt,
gar nichts zu essen bekömmt, so läßt sich auch nichts kritisiren.
Ich versprach also meinem Magen alles Gute, betrachtete das
preiswürdigste aller Thäler Kärnthens -- das angerühmte Lavantthal,
welches zur Rechten auf eine Strecke von sechs Stunden Länge und
zweistündiger Breite gegen Steiermark nördlich hinreicht, und wanderte
getrost nach Eis, einem Dörfchen aus fünf Häuschen bestehend, wo die
Posthalterin zugleich Gastwirthin ist. Hier schienen auch alle
Hausbewohner jüngst im Essen überladen, eine weise Diät zu halten; oder
die Millionen Fliegen bereits alles weggeschnappt zu haben. Ich sollte
einen Kampf mit diesen Wolken von Ungeziefern um den Sitzplatz beginnen,
wollte aber nicht einem Tirannen ähnlich Tausende meiner Bequemlichkeit
wegen ermorden, sondern ging abermal friedfertig von dannen. Ich mußte
also in Hoffnung eines Imbisses nun auch die dritte Post zurücklegen,
jedoch auf besserem Wege. Der Regen versiegte, der festere Sandboden
gewährte sicheren Tritt, und da die lästigen Hügel- und Thalwege sich
etwas minderten, so schien es, als hätte mich der Hunger zu grösserer
Eile gestärkt. Rechts in einer Thalschlucht birgt sich das Dorf
Ehrnegg;
ober ihm schlummert das ehemalig stolze Schloß gleiches Namens. Beide
einer schönen Lage sich freuend, schienen für meinen Magen dießmal zu
mager, und ich gelobte ihnen für die Zukunft mehr Zeit und
Aufmerksamkeit; die Herrn von _Haunstatt_ und später die Grafen von
_Dietrichstein_ sind als Besitzer dieses Gutes bekannt. Das Felsenschloß
_Griffen_ nördlicher von Ehrnegg sich thürmend, verdient gewiß noch mehr
Aufmerksamkeit. Ueber eine hölzerne Brücke gelangt man nunmehr nach
Völkermarkt.
Obgleich diese Stadt an Umfang und Zierde gegen ehedem soll verloren
haben, so ist sie doch sehr lebhaft, reinlich und befriedigend für
Lebensbedürfnisse. Ich war heute acht Meilen gewandert, es schien mir
daher willkommen, in einem wohlbespannten Wagen nach Klagenfurt zu
gelangen. Hätte ich Tage dahin zu verwenden gehabt, so wären mir die
zahlreichen Ritterburgen, welche die Berghöhen rings im Gebirge
behaupten, ein besonderer Gewinn gewesen. Ich wußte, daß einem
Sterblichen nicht alles zu genießen vergönnt sey, und ließ mich getrost
in dem schnell vorstrebenden Wagen auf der schlechten Strasse jämmerlich
hin und her schleudern. Bemerkenswerth schien mir hier die Art, auf dem
Felde Klee und Getreide zu dörren. Hohe dicke Löcher-durchstemmte Bäume
werden drei bis vier Klafter von einander entfernt, perpendikulär in der
Erde befestigt, und dann auf denen horizontal sie durchlaufenden dünnen
Bäumchen die Ernte aufgehangen. Man nennt diese Gerüste nicht unpassend
-- Harfen, und sie erreichen oft eine Höhe von sechs Klaftern, und
gleichen dann so mit der Frucht beschwert, ungeheueren Rohrwänden, die
der leiseste Wind umzulegen vermögend wäre. In tiefen, Ueberschwemmungen
unterliegenden Gegenden, wäre mir die Mühe, seine Ernte wohl zu
bewahren, einleuchtend, warum man aber diesen Gebrauch selbst in höheren
Bezirken beibehielt, und so dem Winde mehr Schaden zu üben vergönnt, ist
unbegreiflich.
Immer mehr treten die Berge zurück, eine weite aber nicht ganz ebene
Fläche, mit Dörfern hinlänglich besäet, läßt die zahlreiche Volksmenge
vermuthen, die sich in dieser Gegend nicht stiefmütterlich geneckt
fühlen muß. Auch sieht man es dem Boden an, daß er mit etwas Sorgfalt
mehr als dürren Hafer und Heidekorn bringe; jedoch dürften Pferd und
Rindvieh, das wirklich über allen Ausdruck schlecht ist, kaum die Nähe
Salzburgs und Tirols vermuthen lassen.
Im Süden jenseits der Drau, glänzten bereits die bleichen Zinken des
Zugthiere-Quälers _Loibel_ mit seinen rauhen Geschwistern im röthlichten
Dunkel des sinkenden Tages; Nacht lag über der tief sich hinwälzenden
Drau, stille flossen die Gurg und Glan ihrer Verschwisterung zu, die
früher so oft sich gesträubt, so oft andere Bahnen sich brechen wollten.
Nur einzelne Flammen, bedeutungsvoll dem Fremdling, stiegen vereinzelt
hie und da über ein Häuschen empor, und erleuchteten bisweilen die
Umgebung. Es waren die Feuerbrände zu Bereitung des
Steinbieres,
des elendesten Getränkes, welches je auf der Welt gekünstelt werden
kann. Nur Menschen, welche nie etwas besseres getrunken, und das in der
That äusserst schlechte Wasser[14] nicht immer geniessen wollen, können
es für etwas Besseres halten. Die Bereitung desselben geschieht
folgendermassen. Auf grosse angezündete Holzhaufen werden was immer für
Steine zum Glühen geworfen. In einer hölzernen Bodung darneben macht man
Wasseraufguß über Gerste, mitunter auch Weizen, etwas Wachholderbeere,
gewisse Kräuter und dgl., jedoch ohne Hopfen; wirft dann die glühenden
Steine hinein, nimmt sie erkaltet heraus, um sie wieder wie zuvor zu
gebrauchen, bis endlich das Wasser in Sud kommt, und Bier spottweise
heißt. Dieses wird dann am zweiten Tage darauf getrunken, ohne geklärt
zu seyn, noch je rein zu werden. Geruch von Rauch, Lehm oder sonstigen
Süssigkeiten, ist immer die Zugabe jenes ekelhaften Getränkes, welches
der Wirth selbst nie wagt seinen Gästen in einem Glase, sondern in
eigenen dazu bestimmten schwarzen Krügen aufzusetzen. Die Maß solch
edlen Getränkes, zum Essen und Trinken gleich ausgibig, das jeder Bauer
terminweise zu brauen berechtiget ist, kostet vier Kreuzer W. W. und
droht dem durstigen Wanderer auf eine Strecke von vier Meilen um
Klagenfurt. Zum Glücke bekommt man hie und da, besonders in der
Hauptstadt, auch Kesselbier, jedoch ist es entweder wegen Wasser oder
Unkenntniß im Brauen von keinem besonderen Belange. Noch muß ich
bemerken, daß ich zu Klagenfurt einige übrigens gebildete Männer traf,
welche das Steinbier eben wegen dessen Widerwärtigkeit gewissermassen
als Medizin seit Jahren tranken, und sich dabei wohl zu befinden
versicherten. Ich gönnte ihnen gerne diese freiwillige Abtödtung alles
guten Geschmackes, ohne je mir oder Anderen bei Krankheiten eine solche
Kurart zu wünschen. In
Klagenfurt
gibt es so viele und gute Wirthshäuser, daß man einer Erholung in jedem
derselben gewiß seyn kann.
[14] Es dürfte auffallen, wie im Gebirgslande, das sonst so hoch
gepriesene Kristallgetränk hier als matt und trübe getadelt werde. Es
ist aber dennoch so, die Gebirge sind zu weit, der Lauf der wenigen
Bäche zu träge, die Beete zu schlammig und der Sonne zu viel
ausgesetzt; nur die Stadt erfreut sich einiger ordentlicher
Wasserleitungen.
Da die Stadt durch breite Gässen eine große Ausdehnung, aber kaum 10,000
Einwohner hat, so ist die Menschenleere auffallend; die meistens zwei
Stock hohen Häuser mit ihren Schindeldächern biethen keine
Merkwürdigkeiten dar; eben so wenig erfreuen die 1809 von den Franzosen
gesprengten Stadtmauern, zwischen denen nur einzelne Kohlbeete grünen.
Klagenfurt war nie eine Festung; dennoch mußte sogar das durch kleine
Wohnungen itzt verunstaltete Thor des Fürstenplatzes, von dem verewigten
Naturfreunde und Erzbischofe Fürst _Salm_ um eine beträchtliche Summe
denen feindlichen Maulwürfen abgekauft werden. Nebst dem mit einem
marmornen Obeliske, der Residenz gegenüber, gezierten Fürstenplatz,
besteht noch der Florian-, Benediktiner-, alte und neue Platz; dieser
ist der größte von allen, besitzt in der Mitte ein Bassin mit einem
riesigen Lindwurme, der aber von Unkunst und Verwitterung entstellt,
eigentlich gar Niemanden ähnelt; nebenan ist die aufgestellte Büste der
Kaiserin Maria Theresia, von Blei, ebenfalls ohne besondere Vorzüge.
Da man keine guten Steine zur Pflasterung herbeischaffen konnte, so war
man klug genug, dieselben größtentheils ganz zu entbehren.
Der Charakter der Einwohner erweckt den Wunsch des Fremden, wenn auch
nicht der Stadt, doch der Bewohner sich länger zu freuen. Mitten durch
die Stadt fließt das Bächelchen Glan, es ist zu unbeträchtlich, um einen
anderen Nutzen, als den der Reinigung zu bezwecken.
Die Uebersicht ausgenommen, welche sich vom Stadtpfarrthurme darbiethet,
ist sonst Klagenfurt nichts weniger als interessant; in der Mitte einer
weiten Fläche braucht man Stunden, um sich im waldigen Grün, oder mit
klassischen Resten der Vorzeit, die verschwenderisch die Runde füllen,
zu ergetzen. Die einzigen nahen Spaziergänge sind an den Ufern des nicht
preiswürdigen Sees, der noch überdieß für Klagenfurt in
Sanitäts-Hinsicht schädlich ist, weil besonders im Herbste die über dem
grossen Gewässer sich sammelnden Dünste, öfter bis Mittag die Stadt
verfinstern und die Luft verderben; die zweite Promenade nach dem eine
halbe Stunde entlegenen Parke zu
Ebenthal
dürfte angenehmer, allein zu oft wiederholt noch dürftiger scheinen.
Hier ist der Sammelplatz der Honoratioren, die auf der prächtigen
Fahrtstrasse im Schatten hundertjähriger Lindenbäume auf Wägen
dahinrollen. Der großherzige Besitzer Graf von _Goes_ überläßt den Park
zum Genusse dem Publikum. Er besteht aus einem Obst-, Zier- und
Küchengarten, und mag wohl in der Umgebung der schönste seyn, allein
darum doch nicht lobenswerth. In Mitte sich kreuzender Alleen steht das
marmorne Monument, welches der dankbare Sohn seinem verblichenen Vater
1801 setzen ließ, es ist der bestgewählte Punct des Parks.
Die drei Viertel Stunden von hier, östlich auf einem steilen Felsen
durcheinander geworfenen Trümmer der uralten
Veste Gurnitz,
deren Fall die Türken 1473 bezweckten, sind kaum der Besichtigung werth.
-- Bald wird von dem stolzen Familienschlosse der ruhmvollen Ritter von
_Auffenstein_, deren letzter _Friedrich_, mit Ende des vierzehnten
Jahrhunderts, erniedrigend seinen Stamm, als Empörer im Kerker verblich,
alle Spur gewichen seyn, indeß ihre Thaten ewig der Nachwelt fortblühen!
Vom Schlosse sieht man die Glan und Glanfurt, nachdem sie gutmüthig die
Heimath bewässert, zum weiteren Laufe sich einen, bis sie die Gurk, und
diese die habsüchtige Drau verschlingt.
Von den Lobpreisungen der sechs Stunden von Klagenfurt entfernten
Veste Osterwitz
eingenommen, beschloß ich einer dahin fahrenden Gesellschaft mich
anzuschliessen. Auf einem herrlichen Wege des Zollfeldes, beiderseits
mit den schönsten Konturen begränzt, die zu schnell dem brausenden Wagen
entflohen, erholten wir eine große Menschenmasse, die nach der rechts
von malerischer Berghöhe winkenden Gnadenkirche _Maria Saal_
wallfahrteten. -- _St. Veith_, die alte Hauptstadt _Carniens_, blickte
düster uns entgegen; schwarz wie die Häuser, umschleiert die
Vergangenheit deren Schicksale. Burgen, Wartthürme und alte Denkmähler
-- des Faustrechts sattsame Zeugen, bereiten den Pilger vor, das Antlitz
der keuschen unbesiegten Jungfrau zu schauen. Rechts bog sich der Weg
von der Hauptstrasse, mannhafte Vesten erheben das Haupt, kommenden
_Säculen_ trotzend, sie überblickte mit höhnender Miene das erprobte
_Osterwitz_. Ueber bewaldeter Höhe gelangten wir zu Fuße nach _St.
Sebastian_, einem Dörfchen, dessen paradisische Lage sanfte Ruhe erhöht;
vor Jahren soll der hiesige Kirchenpatron der Pestverhüthung wegen viele
Wallfahrter zugezogen haben. Nicht achtet man des friedfertigen, sich
mit des Herrschers Namen freuenden Dörfchens Neuosterwitz, das demüthig
den Wanderer einen Blick der Huld durch sein reines Antlitz abzulocken
strebt. Jedoch kein Ausdruck kann schildern, welche Ueberraschung
_Hochosterwitz_ jedem Fremden abzwingt, auch bin ich zu weit entfernt,
die Vorzüge der allbekanntesten und bestens erhaltenen Veste, die zu oft
trefflich geschildert wurden, entweder nachzukauen, oder matter
darzustellen. Bekannt ist, daß der kegelförmige, theilweis überhangende
Schloßfelsen, welcher kahl nur am Fusse mit Nadelholz bewurzelt ist,
800′ mißt, daß man auf dem schneckenförmigen den Felsen umwindenden
Fahrtwege zum Schloß hinauf, 14 Wachthäuser und Thürme, die in der
Vorzeit eben so viele Schlösser bildeten, und drei Brücken über tiefe
Klüfte überschreiten muß; daß die Veste, obgleich ein halbes Jahrtausend
überlebend, noch immer rüstig der Zeiten Schläge erträgt, und nun der
meisten Waffen gegen Feinde entblößt, doch nimmer dem Feinde erlag. Von
den zwei oben Wasser sammelnden Zisternen ist eine zur Dunggrube
verwendet, doch erhält der 50 Klafter in Felsen gehauene Brunnen
rühmlichst seinen vorigen Werth. Die Kapelle, viele Wohn- und
Waffenzimmer, Prunksäle und sämmtliche Gemächer werden als
fideicommis-Gut von der gräflichen Familie _Khevenhüller-Metsch_
ziemlich gut erhalten.
Stunden kann man verwenden mit Untersuchung der Schwerter, Schilde,
Sturmhauben, Streitkolben etc., deren hinlängliche Anzahl sich wohl
geordnet präsentirt; wenn man diese schweren Waffen ihrer einst rüstigen
Führer schwingt, durchglüht stolzes Gefühl für die Vorzeit den Mann, der
damals kraftvoll auch wußte, daß er zu wirken vermöge, ohne durch einen
entnervten Weichling kaum des Blickes werth, Tod durch verrätherisches
Pulver zu besorgen.
Die unterirdischen Gänge, Keller und Kerker, die bis über die Hälfte des
Felsens hinabreichen, jedoch hie und da vermauert sind, wurden
mehrentheils in Felsen gehauen, und gewähren im Sommer eine besondere
Kühlung, mögen aber einstens manchen armen Gefangenen Schweißtropfen
erpreßt haben. So sind jedem Jahrhunderte traurige Stürme beschieden,
vor deren Spuren die Nachwelt erbleicht.
Von der Aussicht, welche stolz die Umgebung beherrscht, liessen sich
Bogen anfüllen, wenn Wortkram Werth hätte; doch vergißt man nicht
leicht, wie nördlich das gleichfalls erhaltene Schloß _Mannsberg_[15]
vom bewaldeten Berge stolzen Willkomm entbiethet; wie an den Ufern der
Gurk im Norden und Süden, und westlich gegen _St. Veit_ von höheren
Bergen umringt, Vesten den Feinden zu schwach, ihre mißhandelten Mauern
enthüllten; wie südlich über Gebirge, Klagenfurts spitziger Thurm
neckend die Hauptstadt verrathet; östlich küsset die Gurk für tapferen
Schutz stiller Dörfer, dankbar des Felsens Fuß. Die Bewohner des
Dörfchens _St. Martin_, an _Osterwitzens_ Glocke gewohnt, erkennen die
Töne genau, die ihnen Arbeit des Tages und Heimkehr zum Imbiß verkünden.
[15] War bis zum Jahre 1628 ebenfalls ein Eigenthum des Freiherrn von
Khevenhüller’schen Hauses, wurde aber damals von _Sigmund_ dem
Domkapitel zu Gurk verkauft, welches bis jetzt Mannsberg besitzet.
Hat man die Nähe durchirrt, und sucht dann der Ferne Ziel, so endigt es,
wie der schmeichelhafte Wunsch des Menschen, groß und ausgezeichnet.
Westlich erheben die Villacher-Alpen ihre 1000 Klafter hohen Häupter, im
Süden die 20 Meilen fortlaufenden _Caravancas_, welche mit ihren
befrosteten Himmelsspitzen Kärnthen und Illirien unabänderlich trennen;
im Norden über die mit heldigem Blute der Deutschen ruhmgekrönten
Felder[16] hinaus, blicken Steiermarks Alpen herüber, und gönnen kaum
etwas im Westen -- auf ebneren Wegen die Feinde des Landes schneller zu
bannen!
[16] Zoll- und Krapffeld, welche sich von Klagenfurt über _St_. _Veit_
gegen _Althofen_ ausbreiten, waren seit undenklichen Zeiten immer die
Schlachtbänke der kärnthnerischen Kriege. Gegenwärtig, wo jeder Fleiß
sich des Besitzes freuen kann, sind es wogende Aecker und Wiesen, die
um den Vorzug dort sich streiten. Am Zollfelde geschah auch die
Huldigung der alten Herzoge von Kärnthen. Auf einem noch vorfindigen
grossen Steine (Herzogsstuhl genannt) sitzend, wurden sie nach einigen
Ceremonien zu Herzogen ausgerufen, hier wurden dann vom neuen
Landesherrn Ritter geschlagen, und Lehen ausgetheilt.
Im Schlosse werden zum Theile sehr alte Denkbücher gezeigt; eine
ungeheuere Menge Namen und passende _Vota_ bestätigen den zahlreichen
Besuch. Man sieht, daß nebst hohen Herrschaften und durchlauchtigsten
Prinzen, auch unser geliebter Monarch diese Veste 1810 mit seinem
Besuche beehrte.
Ich wollte nun den Rückweg antreten, allein meine galanten Gefährten,
Kaufleute aus Klagenfurt, die mit dem Schloßinspector befreundet waren,
nöthigten mich, hier zu übernachten. Nichts Erwünschteres hätte man mir
anbiethen können; mir war die Veste zu lieb, längeres Verweilen schien
doppelt Gewinn.
Um einen runden Tisch im Prunkgemache sassen wir aufgeräumt durch
mässigen Genuß edlen Luttenbergers, betrachteten die in gleichzeitiger
Tracht mit und ohne Knebelbart stolzierenden Bildnisse der Ritter,
welche diese Burg besassen, oder im Lande sich Ruhm erwarben; Freunde
und Feinde zierten in holder Eintracht die Wände, wie im besseren
Jenseits, wo Neid und Kriege verstummen. Jeder von uns erzählte nun
etwas, und opferte ein Gläschen den Manen seiner Helden. Lächelnd oder
finster, je nachdem sie die Sage schilderte, schienen die Köpfe auf uns
nieder zu blicken. Da waren nebst den Ahnen der im Reiche immer
ausgezeichneten Fürst Khevenhüller’schen Familie, Conrad der II. von
Kraig, der 1395 Friedrichen von _Auffenstein_, Burkharden von
_Schärfenberg_, Ruprechten von _Gradenegg_, und Ulrich von _Weissenegg_,
am Krapffelde schlug und gefangen nahm; zwei Grafen von _Cilly_, die
Kärnthens Schrecken gewesen, _Dietrichsteine_ und _Welzer_, Ritter in
Kärnthen gleich rühmlich und zahlreich; Rudolph von _Habsburg_ und sein
gedemüthigter Rivale, der stolze _Ottokar_, beide für Kärnthen
unvergeßlich; dort das kriegerische Weib Margaretha _Maultasche_ im
ritterlichen Harnisch, wie sie 1334 nach ihrem verstorbenen Vater Herzog
_Heinrich_, Kärnthen gewaltsam in Besitz zu nehmen, mit einem
Tiroler-Heere Dörfer und Burgen verwüstete, bis am Felsen von
_Osterwitz_ derer Glück und Kräfte sich brachen; ihr tapferer und
fintenreicher Gegner Adalbert von _Schenk_ schien auch itzt als Herr der
Veste zu gebiethen; Leonhard _Lohner_ zu _Liebenfels_, läugnet im
dreihundertjährigen Harren nicht den Feuerblick, mit dem er 1529
zweihundert gepanzerte Reiter nach Wien gegen die gewaltigen Feinde der
Christenheit kampflustig leitete. Von denen, welche mit ihrem Leben das
Merkwürdigste verloren, kein Wort! diese Portraite entstellen die
nachbarlichen!
So von Kärnthens Helden, dessen klassischen Boden und wunderlichen
Mährchen noch manches erzählend, hatten wir uns in die Vorwelt dermassen
verstrickt, daß man uns wiederholt zur Ruhe mahnen mußte. Wir folgten
endlich dem klugen Rathe; dumpf tönten die Schritte durch den langen
Gang, worin Jedem ein Zimmer angewiesen wurde; ohne mich vorher viel
umzusehen, genoß ich der Ruhe.
Wie die lebhaftesten Eindrücke des Tages auf unsere Phantasie wirken, so
haben sie sonder Zweifel ihren Einfluß auf den Schlaf. Ein was immer für
lebhafter Traum hatte mich zu einem Schlage auf die Mauer erbittert. Ich
erwachte, mein Hund (vielleicht wegen des Schlages) winselte und murrte
unterm Bette; ich wollte ihn besänftigen, da rollte mit fürchterlichem
Getöse das Bett gegen die Mitte des Zimmers, mein _Duna_ stürzte hervor,
sein donnerndes Gebell und das Schmettern einer ganzen Scherbenfabrik
hätte selbst die Todten erschreckt, ich sprang auf! -- Vor mir einige
Schritte stand, vom matten Sternenlicht kaum beleuchtet, eine weisse
Gestalt; bedächtig hin und her schwebend, schien sie doch weder näher
noch weiter zu kommen. Ich dachte, es gelte einen Spaß, und geboth
unwillig, anderswo die lästigen Künste zu produziren; -- keine Antwort!
es war zu finster, um Stock oder Stiefel zu finden, die verdiente
Bezahlung zu leisten; da entbrannte mein Zorn, Herr und Hund eilten zu
der Gestalt, und ich packte -- einen Kleiderstock! Beschämt ließ ich ihn
verschont, und überließ dem Tage die Aufklärung. Diese kam auch bald und
natürlich; das Bett, welches nach alter Art mit Rädern in den Füssen
versehen war, wurde sowohl durch einen Ruck von mir, als auch von dem
deßhalb hervorspringenden starken Hunde in Bewegung gebracht, der dann
zum Unglück ein Tischchen umwarf, worauf nebst dem nöthigen Geschirr zum
Reinigen, auch einige Gläser und Flaschen mit Wasser standen. Die
Gestalt endlich war ein langes Handtuch, welches Jemand über den
Kleiderstock zum Gebrauche hing, und das durch den Luftzug der aus
Versehen offen gelassenen oberen Fenstertäfelchen fortwährend bewegt
wurde.
Meine Reisegefährten, die wie natürlich, dieser tumultuarische Kampf
erwecket hatte, frugen scherzend, ob mich die Geister von _Osterwitz_
geplagt, oder die wilden Jäger aus dem verzauberten Forste zum Balle
laden wollten? -- Ich konnte in der Verlegenheit nur die Wahrheit sagen,
und sie würzte bei Lachen das Frühstück.
Mit einem kleinen Umwege über _St. Georgen_ am Lengsee, wo das schöne
Schloß der Grafen von Egger im reinen Wasser sich spiegelt, und viel
lustiger die Gegend kleidet, als da es vorher noch ein herbes
Nonnenkloster war, kehrten wir nach _St. Danat_ zurück, von wo uns der
Wagen leider auf der nemlichen Strasse wieder nach Klagenfurt brachte;
ich wollte zwar das westlich eine Berghöhe beherrschende Schloß
Tanzenberg, den alten Besitz der _Keutschacher_, nun der Freiherrn von
_Schluga_, besichtigen; allein ich glaubte der Versicherung meiner
Gefährten, daß man eben von Osterwitz kommend, ohnmöglich den Weg hinauf
belohnt finden kann.
Ich verließ Klagenfurt und wanderte am Ufer des der Stadt sich
anschliessenden Kanals, welchem aus dem Werder- oder
Klagenfurter-See
leider nur bis hierher ein Beet zur Holzzufuhr gegraben wurde, welches
weiter fortgeleitet, in kommerzieller Hinsicht der Stadt so nutzbringend
hätte seyn können. In einer halben Stunde gelangt man zum See. Trotz
seiner zwei Meilen langen und größtentheils eine halbe Meile breiten
Ausdehnung, gewährt er nichts weniger, als anmuthig abwechselnde
Parthien. Der ungeheuere viereckige Schrotthurm, gleich zu Anfange des
Sees rechts an der Strasse, erregt Aufmerksamkeit; von oben herab
schließt sich an eine der Mauerwände, bis zu deren Fuß, ein ganz aus
Bretern zusammengefügter Verschlag. Wie das Blei oben geschmolzen und
durch siebähnliche grosse Trichter geworfen werde, deren Löcheln die
Grösse der Schröte bestimmen, wie das Herabrollen die gewöhnliche Runde
derselben bezwecke, endlich wie die Schröte sich schnell in dem unten
sie aufnehmenden Wasserbehältnisse brausend abkühlen, ihre Form zu
behalten, wird gewiß Jeden der diese Manipulation nicht schon irgendwo
früher gesehen, angenehm unterhalten.
Eine gleichförmige Fläche langweilet den Wanderer über die Gemeinden
_Gurling_ und _Krumpendorf_ hinaus. Schöner macht sich der Weg nach dem
Dorfe _Pötschach_; oben rechts auf der Berghöhe drängt sich einiges
Gemäuer aus dem Nadelholze hervor. Es sind die
Ruinen von Leostein,
ich wollte ihnen eine Stunde widmen, und folgte dem leitenden Hohlwege;
gleich Anfangs am Fusse des Felsens befindet sich links eine tiefe
Felsenhöhle, aus der Wasser entquillt; diese soll das Ende des nun
verschütteten heimlichen Ganges seyn, der ehemals durch den
Schloßbrunnen in die Familiengruft führte.
Von beiden ist nun die Spur gewichen, und bald wird auch von den wenigen
Mauerresten nichts mehr erübrigen. Eben mühte man sich mit Ausrottung
der schlüßlichen Habe des Schlosses. Ein dickstämmiger Wald -- Beweis
der letzten Zeugungskraft der Veste, lag getrennt durch die würgende Axt
von seinen Wurzeln, ein grünes Bollwerk bildend in den öden Räumen.
Gerne wünschte ich einigen sich kümmerlich auf dem Thurme und Ringmauern
ernährenden Birken längeres Leben; doch gewandt kletterten zwei rüstige
Burschen auf die gefährlichsten Stellen, und raubten denselben den
Schmuck. Das Schloß, welches einst beträchtlich seyn mochte, möge im
grauesten Alterthume erbaut worden seyn, denn ich bemerkte in dem aus
Schiefer und Kalksteinen bestehenden Gemäuer nicht ein Stückchen
gebrannter Ziegeln, welche jedoch im dreizehnten Jahrhunderte schon
häufig gebraucht wurden!
Mißmuthig verließ ich die Veste, welche meine Erwartung täuschte, und
mit Widerwillen gegen den Eigennutz der Menschen, denen nichts zu
versteckt, nichts zu mühsam ist, geringen Nutzen zu ziehen. -- Wie viele
Jahre, dachte ich, mußten hingehen, bis auf dem Mauerschutt des längst
zerstörten Schlosses sich Erdreich sammelte, und darin Samen keimte, der
diese hundertjährigen Stämme gezeugt? -- Der Zeiten -- seltsames Wirken,
der Jahre kräftige Zeugen, zerstört ein einzelner Mensch in einem
einzigen Tag!
Immer am Ufer fortschlendernd, gelangte ich über das Dörfchen
_Tuppitsch_ nach dem Postorte
Velten,
hier endigt der See. Nahrungsbedürfniß nöthigte mich bei einem
Fleischer, der zugleich Gastwirth ist, einzukehren. Ungern fühlte ich
bewährt, was einige Reisende von der schlechten und unbilligen
Bewirthung gewisser Gastgeber in Kärnthen zu erzählen wissen. Für
unreinliches schlechtes Essen und ungenießbaren Trunk mußte ich mehr
entrichten, als für das beste Mahl in Klagenfurt! Ich wünsche nicht, daß
Jemand sich davon selbst zu überzeugen so lüstern wäre; nebst dem Magen
könnten durch die Grobheiten des Wirths auch die Gliedmassen des Gastes
unangenehm gereitzt werden, welches dann zum bedeutenderen Nachtheil
sich endigen dürfte.
Von _Velten_ angefangen, gewinnt die Gegend an Schmuck; Wiesen und
Aecker paaren sich malerisch am Saume herrischer Wälder, bald empfängt
einer den Wanderer und kühlt ihm die Pfade nach _Villach_. _Lind_,
_Wernsberg_ und _Zauchen_, drei Dörfchen, ruhen vom Zauber der vielen
melodischen Singvögel eingewiegt, still harrend unter Bäumen, rasselnder
Wägen nicht achtend. Etliche Häuschen drängen sich an eine Brücke,
tobend braust unter derselben ein Waldbach hindurch, in der nun wieder
genahten Drau den Ungestüm abzukühlen, klappernde Mühlen tumelt sein
Lauf, man ist in Seebach. Rechts davon leitet ein Pfad zum gepriesenen
Landskron.
Dieses liebliche von Segen überfliessende Thal, mit friedlichen Häuschen
bepflanzt, die stummen geheimnißvollen _Tableau’s_, welche mit Anmuth
und Ruhe in der auffallendsten Wildheit und Grösse sich erhalten, das
Getöse des herbeieilenden Waldbachs, das Rauschen der sich bekriegenden
Baumäste durch stärkeren Lufthauch ermächtigt, die ausgebreitete, einen
schönen Waldberg schmückende Ruine der Veste _Landskron_ mit all ihren
Fenstern und Thürmen, müssen den Menschen bezaubern!
Es muß Jeden reuen, der nach Villach oder Klagenfurt reiset, wenn er
sich diesen kleinen Abstecher hierher nicht erlaubt. Im Dorfe
_Landskron_ besah ich die herrliche Raçe der vom Herrschaftsbesitzer,
Herrn Grafen von Dietrichstein, eingerichteten Stutterei; ingleichen
überzeugt sich der Oekonom, daß dieser geachtete _Chevalier_ der Schaf-
und Rindviehzucht nicht wenig opfere. Die wohleingerichteten Ställe,
Wirthschaftsgebäude etc. lassen auf ein thätiges und einsichtsvolles
Individuum schliessen, welches als Leiter das Vertrauen des hohen
Besitzers zu verdienen weiß.
Vom Dorfe weg windet sich der Pfad schlangenförmig zur hochprangenden
Schloßruine empor. Einige ungeheuere Nußbäume begrüssen als nächste und
älteste Verwandte der Veste den Ankömmling beim prächtigen, aus glatt
gehauenen Granit-Quadern gewölbten Einfahrtsthore; die ehemalige
Zugbrücke liegt unter Schutt und Erde begraben; man gelangt zum zweiten
vielleicht noch schönerem Portale, aus Marmor-Quadern zusammgefügt; hohe
gemauerte Bögen verbinden das Schloß unter einander. Ringmauern mit
wehrhaften Schußscharten sorglich ausgestattet, umzingeln den weiten
Vor- noch größeren Schloßhof und beträchtlichen Garten; fünf große und
16 kleinere Thürme verschafften der ohnedieß drei Schuh dicken Mauer
noch mehr Ansehen und beharrlichere Festigkeit. Man staunt über den
riesigen und stolzen Bau des Mittelalters, wodurch man sich das
Eigenthum und kurze Leben zu sichern strebte. Dieß Schloß mag
wahrscheinlich auf die Stelle eines älteren hier gestandenen im
fünfzehnten Jahrhundert erbaut worden seyn, welches sich aus dem Style
der damaligen Bauten und häufigen Ziegel-Verwendung leicht ersehen läßt.
Die zwei und drei Stockwerke der Veste, die Thürme und Gewölber, beirren
den Forscher, er weiß nicht, wo anzufangen und wo zu verweilen? Das
Schloß, welches vor 30 Jahren noch gut erhalten und der Sitz des
Landgerichtes war, wurde durch einen Blitz größtentheils eingeäschert,
die übrige Schiefer-Dachung aber gefliessentlich abgenommen; noch liegen
häufig die mit einem Loche zum Annageln versehenen Blättchen am Schutte
zerstreut umher. Sonne und Himmelsgestirn durchspähen nun ungehindert
die offenen Zimmer, in denen bereits hie und da schmarozerisch
Gesträuche sich lagert, darin durch Regen und Staub für lange sich
seßhaft zu machen. In der Kapelle stehen schon ernst gereiht schlanke
Eschen und Fichten, und muntere Rothkehlchen, hier ausser Gefahr sich
bewußt, stimmen im Chore vereint das melodische Abendlied an. Ein runder
Thurm gegen Osten steht noch unversehrt da; starke Fenstergitter und
seine eiserne Thür verwahren dem Fremden trotzig den Eintritt. Es sollen
darin einige _Antiquarien_ des Schlosses sich befinden, denen man einen
besseren Verwahrungsort hätte anweisen können.
Der nördliche Theil ist viel beschädigt, Thürme und Ringmauern lösen
sich in grossen Stücken und springen über den Schloßberg herab; die
Fenstersteine hängen drohend über des Kletternden Haupt; man ist froh,
wieder den geräumigen Schloßhof zu betreten, wo eine aus schönen Steinen
gebildete Einfassung den Aufgang in die etwas höher liegende ältere
Schloßabtheilung anzeigt. Hier befindet sich die Zisterne und kleine
Oeffnung eines tiefen unterirdischen Kerkers.
Im ersten Stocke konnte ich den Saal und mehrere Zimmer passiren, welche
theils weiß, theils unbedeutend bemalt waren, doch das zweite Stockwerk,
so wie der runde Hauptthurm, versagten mir ihre Zuneigung. Den südlichen
etwas kleineren konnte ich nur auf ausgebrochenen Steinen ersteigen; ich
thats der Uebersicht wegen, die zwar nicht allzuweitreichend, aber in
jeder Hinsicht lohnend ist. Dem grünenden Kesselthale, dessen ich beim
Eintritt erwähnt, gegenüber, kühlen sich die rothen Fluthen von Apollos
Feuerwagen in dem Spiegel des weiten Ossiacher-Sees. Leichtfertige Kähne
durchschneiden seinen Rücken, und geübte Hände sammeln köstliche Beute
auf selben. Weder Neid noch Bosheit scheinen hier ihre Fahnen zu
schwingen; jeder arbeitet der Erhaltung wegen, und kein Schadenfroh
überlistet des Anderen Erwerb.
Ich durchstieg nun das Labyrinth der unteren Gemächer, deren fünfzehn
noch mit Plafonds oder Gewölbern versehen dem Gewitter trotzen, und bei
etwas Säuberung vom Schutte, auf einige Zeit dürftige Wohnungen biethen
könnten. Hölzerne Schränke in den Mauern, Fensterläden, Fußböden,
zerbrochene Bänke und große Dippelbäume sind hie und da dem Moder
überlassen, und zeigen hinlänglich von dem nahen Holzüberflusse. Ein
schöner Stall, und Gewölber auf drei und vier Säulen ruhend, sind etwas
tiefer anzutreffen.
Von den Kellern sind die wenigsten weit zu verfolgen, Schutt, Staub und
zu enger Raum verbiethen das Unternehmen; dennoch konnte ich nicht
umhin, in der Gegend des Burgverliesses die Gewölber sorgsamer zu
untersuchen, besonders weil mich ein herrschaftlicher _Meierknecht_ im
Dorfe treuherzig von unterirdischen Gängen und Schätzen, die, weiß Gott
worin bestehen mögen, versicherte. Ich zündete doppelte Windlichter an,
suchte, warf den Schutt durch einander -- vergebens, ich konnte nichts
als einige verschimmelte Faßkanter entdecken. Ich ging unmuthig zurück,
und wollte schon alle weitere Untersuchung beschliessen, als ich mich
Außen auf einige Thürme erinnerte, die nicht zusammengestürzt, dennoch
wie gefliessentlich mit Schutt und Erde angeworfen waren. Ich wandte
mich an den ersten nach Norden; er war bloß ein Vertheidigungsthurm, der
zweite deßgleichen; der dritte hatte nebst Kalk und Steine ein Stück
Dach inwendig am Boden, es war zu schwer wegzuschaffen, ich ging und
hieb mit dem Stocke wie zur Strafe in die mich brennenden, ungemein hoch
rankenden Nesseln an der Aussenseite des Thurmes. Unverhofft hörte ich
ein von mir getroffenes Steinchen in gähe Tiefe hinabkollern; es mußte
ein Brunnen oder andere Schlucht in der Nähe seyn. Behuthsam hieb ich
sämmtliches Unkraut unbarmherzig nieder, und sieh! ich fand auf der
Grundfläche des Thurmes eine kleine fensterähnliche Oeffnung. Ein Stück
Eisengitter hing noch darin, ich berührte es, und vom Roste zernagt fiel
es in die Grube. Ich warf angezundenes Papier und dürres Reisig hinab --
es war wirklich ein heimlicher Gang! Nun ergriff ich ein Stück Holz, hob
inwendig das morsche Hüttendach, räumte Schutt und Kalk aus einander,
vergebens! der Eingang mußte versunken oder gar nicht vorhanden seyn!
Ich band einen Stein auf meine bei mir führende Schnur, und hörte ihn
deutlich in mässiger Tiefe von einer Stufe zur andern abwärts holpern.
Nun wars beschlossen, ich mußte hinab! Die Oeffnung wurde mit einer
Latte erweitert, in den Strick Hölzchen hineingeflochten, derselbe oben
an einem Baumstamm befestigt, und ich kroch, zwei Lichter im Munde
haltend, durch die Oeffnung in die Gruft. Kaum zwei Klafter tief, so
stand ich auf morschen Pfosten-Stufen, die einzeln sich beim festen
Tritt entlösten; ich überzeugte mich auch, daß es unmöglich gewesen
wäre, den gewesenen Eingang im Thurme zu erzwingen, der durch tief
herabreichenden Schutt gefliessentlich verstampft schien. Froh, ihn
durch das Luftloch gefunden zu haben, stieg ich nun 22 schlüpfrige
Stufen in dem theils durch herabwachsende Felsen, theils durch lockere
Ziegel den Niedersturz drohendem Gange, sehr behuthsam herab. Feuchte
Luft, die kaum den Lichtern zu brennen gönnte, der üble mephitische
Geruch des Mauerschimmels, den ich abwechselnd den engen Wänden mit
Haupt und Armen abstreifte, und das beständige Plätschern des
abtropfenden Felsenwassers, waren der unangenehme Willkomm meines
Besuchs. Nun ebnete sich der Boden, dumpf tönte es unter meinen Füssen,
ich sprang erschrocken zurück, eine morsche Fallthür vermuthend, durch
die ich sinkend Hals und Beine hätte brechen können. Ich beleuchtete die
Stelle, sah zwar nur die den Gang ehemals verwahrende nunmehr ihren
Angeln entfallene Thür am Boden verwesen, zu gleichem Entsetzen aber das
ekelhafteste Ungeziefer, insbesondere plumpe Kröten, den Boden
bestreichen, und zischende Fledermäuse, welche herumflatternd mir
unhöflich ein Licht auslöschten. Mein natürlicher Abscheu vor diesen
Unholden hätte mich beinahe aller weitern Untersuchung überhoben. Gerne
hätte ich mir einen menschlichen Gefährten gewünscht, als ich bald
darauf zu einer zweiten vielleicht 50 Jahre nicht geöffneten Thüre
gelangte. Sie war vom harten Holze und entweder verkeilt oder
zugesperrt; mit einem festen Tritt hinein lag Thür und Einfassung im
Schutte am Boden.
Ich mußte zurück eilen, mich vor Ersticken zu bewahren, und kletterte
zur Höhe, wo _Duna_ den Eingang und mein Eigenthum bewachend, sich
höchlich freute, von dannen zu kommen. Ich war es minder gesonnen,
sondern nahm eine tüchtige Portion Pulver und meinen Stock, und begab
mich wieder in den Tartarus, parthienweise selbes dort anzuzünden.
Dadurch die Luft einigermassen erträglich gemacht, verfolgte ich 17
Schritte den abwärts führenden Gang, der sich nun erweiterte, und ich
schaudernd vier grosse, zu Sitzen dienende bekrustete Steine mit
eisernen Ringen wahrnahm -- »Schrecklichster Ort für menschliche
Qualen!« rief ich unwillig über Erbauer und einstigen Besitzer dieses
Schlosses, »mehr als zehnfache Hölle konntet ihr erkünsteln, ohne in dem
gefolterten Menschen den armen Bruder zu erkennen!« Mit Wuth stieß ich
in den bewachsenen Stein, als könnte ich diesem entgelten lassen, was
sein Gebiether beschloß; doch erinnerte ich mich der Gegenwart, und fand
lindernden Trost. Kühner schritt ich nun voran, und kam zu einem
Saale-ähnlichen Gewölbe, auf drei Säulen ruhend. Zusammengestürzte
Bausteine liessen mich ein ehemaliges Monument oder Tribune muthmassen,
einige Nischen waren von glatt geschliffenen Steinen, der Boden weich
und geebnet, und von oben reichten eiserne Stangen mit Ringen bis auf
Manneshöhe herab, ich glaubte, hier möge der Begräbnißort der ältesten
Besitzer gewesen seyn. -- Herrliche Nachbarschaft! lebendige und
vollendete Leichen, welche waren wohl glücklicher zu nennen?
Rechts wollte ich den Gang verfolgen, doch er war eingestürzt und verbat
sich in dieser Welt ferneren Besuch; daher schlug ich den ganz in Stein
gehauenen links ein, welcher abwärts führte, und mich bald bei eisernen
Hacken auf die ehemalige Existenz einer dritten Thüre urtheilen ließ,
rechts in einer geräumigen, aber mit Schutt angefüllten Vertiefung waren
wieder zwei den vorigen ähnliche Martersteine; wie erstaunte ich, als
ich sie besehend Tageslicht von oben herab einbrechen sah. -- Hierher in
die ewige Nacht blickt nun, wie des Schöpfers Allmacht, der heitere Tag,
winkt die liebliche Sonne, und tröstet der freundliche Stern. Wie viele
Jahre mußten fliessen, bis ihr Gepriesenen diese Klüfte wieder
durchspähen konntet! wie viele Schuldige und Unschuldige hier qualvoll
verzweifeln, ohne das Licht des Trostes herab winken zu sehen! Möge
Ritterzeit und Faustrecht loben, der Lust hat, hierher stelle man ihn,
und erforsche nachher seine Meinung. Mich reute es, daß ich zuvor in die
am Schloßhofe gähnende Oeffnung, welche vormals sicher überbaut war,
kein Papier oder anderes Merkzeichen hinabwarf, ich hätte daraus
ersehen, ob sie in diesen schrecklichen Kerker hinableite oder nicht.
Einige Stufen, die wegen ihrer Verwesung nicht gezählt werden konnten,
führten mich dann abwärts in ein noch geräumigeres Gewölbe. Die Wände
waren ungeregelt gehackt, und daher kein heimlicher Ausgang verborgen;
ich schloß also bei dem gesammten sorgsamen Bau des Schlosses auf eine
untere Fallthür, und suchte mit zagendem Schritte dieselbe. Wirklich
fand ich meine Mühe in einer zugespitzten Höhlung des Bodens belohnt;
ein morsches mit Erde sparsam bedecktes Bret machte mich aufmerksam,
darneben ein Loch u. s. w. Das Schloß konnte ich nicht finden, wohl aber
hätten die drei morschen Breter mit meinem eisenbeschlagenen Reisestocke
zertrümmert werden können; ich begnügte mich aber mit angezundenem
Papier die Tiefe zu ergründen, um dann einen verläßlichen Mann und
nöthige Requisiten zur gefährlicheren Untersuchung aus dem Dorfe mit mir
zu nehmen. Wider alle Erwartung fand ich aber unter den zahlreichen
Meier- und Pferdeknechten der hiesigen Wirthschaftsgebäude, trotz
ziemlicher Belohnung, dazu keinen bereitwillig; »es sey ihnen von der
Herrschaft verbothen« sagten sie; und die Bauern fürchteten sich
verschüttet zu werden, gleich jenem Schatzgräber, der, wie sie sagten,
vor wenig Jahren dem bösen Geiste seinen Reichthum nehmen wollte, und
nicht mehr zurückfand. Ich mußte lachen, wünschte aber, daß mancher
Gutsbesitzer, dessen Vermögen eigennützige Menschen barbarisch plündern,
statt Kassen, solch einen ausgeschrienen Satan zum Schutz hätte, die
Hälse würden weniger oder die Blutsauger ehrlicher werden.
Uebrigens wagte ich nicht, die Untersuchung allein weiter fortzusetzen,
sondern beurlaubte mich von der schönsten und größten aller Ruinen des
österreichischen Erbkaiserthums, mit Wehmuth, indem vielleicht einige
Jahre die hier noch merkwürdigen Reste vollends zerknicken, und dann
alles fernere Forschen vergeblich machen.
Oefter zurückblickend, als sollte ich _Landskron_ anderswo wieder
erkennen, überschritt ich nach anderthalb Stunden auf hölzerner Brücke
die nun jüngere Drau; ich war in
Villach.
Hier hört die W. W. auf zu kursiren. So klein das Städtchen im
Vergleiche mit Klagenfurt ist, so machen seine 5,000 Einwohner,
anmuthige Lage, und grosser Handels-Verkehr die bergigen Strassen sehr
lebhaft. Die Häuser, denen man es ansieht, daß sie mehrere _Säcula_
zählen, sind reinlich und meistens drei Stock hoch. Auffallend war mir
hier der besondere Gebrauch des Bleies; ich sah allenthalben grosse den
Tabakbüchsen ähnliche Gefässe umhertragen, und frug, was sich darin
befände? Der Befragte wunderte sich und meinte, ich müsse aus einem
sonderbaren Lande kommen, daß Bier- und Weinflaschen mir unbekannt
wären! Abgerechnet den _sanitären_ Nutzen oder Schaden, kann ich mir
dennoch die freiwillige Busse, den nothwendigen Hausbedarf in so
schweren Gefässen herbeizuschaffen, nicht anders erklären, als
ungeschickte Hände zu verhindern, Gläser zu zerschlagen.
Wie ich zu Villach erfuhr, war in dem nahen höchst interessanten
Bleibergwerke zu Bleiberg eben Kehrwoche, zu welcher Zeit der
Bergbau-Betrieb für einige Tage aufgehoben wird.
Einöderthal und Mühlstädtersee.
Ein heiterer Sonntagsmorgen leitete mich aus dem versteckten Villach,
dessen Thürme mir noch bedeutend auf St. _Leonhards_ Anhöhe
nachschimmerten, dem Seebache entgegen, durch ein breites wohl
kultivirtes Thal in zwei Stunden nach Treffen. Hier überboth die
bescheidenen Häuschen stolz des Herrn Grafen von _Goes_ Lustschloß --
Neutreffen, vom Parke sanft umwunden. Schuß auf Schuß donnerte aus dem
Dörfchen ins Freie, ich glaubte eine belagerte Festung zu passiren. Es
war Uebung zum nahen Festschüssen, dessen mehrere in jedem Orte
alljährlich Statt finden, wobei man sich besonders müht, den Ruhm seines
Hauses mit einer Bestscheibe zu heben. Diese bemerkt man von hier aus
durch Salzburg und Tirol ununterbrochen die Häuser schmücken. Die
Scheiben, auf welchen Vater oder Urgroßältern das Beste errungen, hängen
auswendig an den Hauswänden, und kein Nachkomme wird es wagen, eine
dieser Zierden, wenn sie auch verwittert ist, herabzunehmen, sondern
läßt, wie ich öfter gesehen, vielmehr ein Dach darüber machen. Das
seltenste Quodlibet bilden solche mit Ebern, Bäumen, Gemsen, feindlichen
Soldaten, Stieren etc. bemalte Scheiben, an den ganz bedeckten Wänden.
Bald engt sich außer Winklern das Thal, kärglich durchblicken es kaum im
hohen Sommer der goldenen Königin glühende Strahlen; finster wird der
Tag um die Mittagszeit; der Welten-Baumeister hat zwei Felsenwände
aufgestellt, so steil, daß man zittert, an ihren Schatten-wahrenden Fuß
einige Häuschen mit dem passenden Namen _Einöd_, angeklebt zu sehen;
aber sie stürzen nicht die senkrecht gestellten Massen, ruhig stehen sie
in ihren Grundfesten, denn die Hand der Barmherzigkeit hat sie gemessen!
Der _Ariabach_, sein Daseyn zwei Seen verdankend, murmelt schnell
hindurch, eine lustigere Gegend zu erreichen.
Dieser Bezirk bis _Liseregg_ aufwärts, ist der unglückseligste an
Hervorbringung von Fexen (Drotteln oder _Cretins_); selten daß man
einige Häuser vorbei wandert, ohne diesen Stiefkindern der Natur zu
begegnen, die Herz und Augen zum Mitleid stimmen. Ich sah Kinder sich
neckend mit Kothe beschmieren, und Erwachsene, welche lachend große
Steine auf Vorübergehende warfen. Eine gleichfalls blöde Weibsperson
keuchte mir geraume Strecke mühsam nach, und als ich ihren Willen
erfragen wollte, stürzte sie auf den zum Glücke von mir besänftigten
Hund, und riß ihm einen Knäul seiner langen weissen Haare aus, sich
damit den Kopf zu bestreuen. Diese Unglücklichen, welche gemeiniglich
zwergartig, mit dicken Köpfen, kleinen Augen und großen herabhängenden
Kröpfen gebaut sind, besitzen nicht selten die froheste Laune und
Muthwillen.
In einer Stunde kommt man in das 34 Haus zählende Dorf _Afriß_;
gemildert, ohne eben freundlich zu seyn, winkt das Thal, bis man in
einer Stunde _Erlach_ und Feld, zwei Oertchen an zwei Seen gelagert,
erreicht; ein Thalkessel mit aufsteigenden Ackergründen zieht sich
ringsherum zur Höhe, auf ihnen schweben bis zu Hochgebirgen hölzerne
Bauernhäuschen, und unansehnliches Horn- und Rindvieh klettert
dazwischen von Busche zu Busche. Radentheim liegt ebenfalls in einem
breiten Thale mit steilen Bergabhängen. Viele Obstbäume, in der Umgebung
eine Seltenheit, beschatten allenthalben die Häuser. Hier durchaus muß
der Winter bei vielen Schnee gräßlich wüthen. Von Einöd angefangen, möge
mässiger Wind schon Lavinen über die Berge herabsenden, ein Sturm aber
Häuser und Bäume zudecken; der gedämmte Bergbach und die überfüllten
Seen ihre Ufer überschreitend, dann vollends vernichten, was Winde und
Schneelehne verschonten. Dasselbe gilt von den in noch wilderer Gegend
sich bergenden Dörfchen Döllach und Döbriach an dem rauschenden
Radenbache, welcher rechts vom Berge in die Thalschlucht einen schönen
Wasserfall bildet. Einzelne Bäume haben rechts auf den Höhen, wohlthätig
dem Wanderer, abstürzende Felsentrümmer mit ihren rüstigen Körpern
aufgehalten; gleich großmüthig zerstäuben sie zur Winterszeit die
andringenden Schneemassen, oder zwingen sie weniger zu schaden; man
sollte den Arm strafen, der einen dieser Stämme fällte.
Von Döbriach über Hochdöllach, eine Strecke von zwei Stunden, ist eine
der pittoreskesten Strecken. Rechts riesige Granitfelsen, theils
bewaldet, theils aus losen Trümmern bestehend, die erst vor Kurzem sich
einer Erdrevolution entschlagen zu haben scheinen, und aufs Neue nur
eines Lüftchens warten, um abermals weiter zu rollen. Links breiten sich
die mannigfaltigen Ufer des drei Stunden langen, und sehr tiefen
Mühlstädter-Sees aus. Schön umwaldet sind seine jenseitigen
Begränzungen; ohne Dorf, ohne Haus, sondert nur hie und da ein schmaler
Wiesenstreif das hochstämmige Grün der Berge, welche sich weit hinein in
den Seespiegel schattiren, ohne daß ein schaukelnder Kahn die Flächen zu
wirbeln oft pflegt. Ich erfuhr, daß dieser See schon bei mässigem Winde
wüthender tobe, als andere bei heftigem Sturme, daher nur selten und
bisweilen gar nicht befahren werde.
Nun kommt man zu einigen Hütten von Oberdöllach (oder auch Matzelsdorf),
ein Wasserfall, schön wie ihn nur die Natur bilden kann, stürzt über
thurmhohe Felsenwand stufenartig herab, bald darauf braust ein zweiter
nieder. Diesen in seinem ganzen Werthe zu sehen, muß man 200 Schritte
emporsteigen, und -- man dankt sich die Mühe! An diesem Bache besitzen
einige Bauern kleine Handmühlen, die ihrem Hausbedarf genügen und sie
empfindlicher Ausgaben überheben.
Markt _Mühlstadt_ entschädigt nicht in seinen schlechten Häusern für die
verlorne Pracht, die wie manches Glück nur einen Augenblick gedauert!
weniger aber vergißt man die dumme Art und Weise, fremder Reisenden
Geschäfte und Pässe hier zu erforschen. Ich hatte im Wirthshause die
tollen Fragen des mir gegenüber sitzenden Gerichtsdieners satt; er
darüber erboßt, frug pathetisch nach Herkunft, Namen, Lebensweise etc.,
welche ich, mich gar nicht dazu verpflichtet fühlend, nach Gutbefinden
scherzhaft beantwortete. Etwas gestärkt will ich nun meine Wanderung
fortsetzen; wie ich den näheren Weg durch das alte Verwalteramtsgebäude
hinab gehe, tritt der unvernünftige Mensch in Begleitung eines
wirklichen Herrn Amtsschreibers! hervor, und bringen mich durch ihre
grobe Neugierde um frohe Laune und Zeit, die ich leider auf unangenehme
Art zubrachte, bis Beide für die Zukunft eines Besseren belehrt wurden.
Eine Stunde schleuderte ich noch an dem fischreichen See durch die
elenden Dörfer _Gritschach_, und _Lerchendorf_ fort, bis er bei
_Wirlsdorf_ endete. Sumpfige Wiesen, die hölzernen Hütten der Schmutz
liebenden Einwohner kaum ertragend, sind der beständige Anblick des
abwechselnd auf Gangsteigen versinkenden Wanderers.
Es wurde Abend, Nebel senkte sich in schwarzen Wolken von Gebirgen
herab, und verbarg die Zeichen, die den Pilger sicherer zu leiten
pflegen; doch war die Wanderung darum nicht unangenehm, da der werthlose
Bezirk, sich nur bisweilen enthüllend, den Beobachter mit verborgenen
Reizen zu täuschen schien, gleich einem Frauenzimmergesichte, welches
die unangenehme Form durch einen Schleier interessanter zu machen sucht.
Ueber der sich früher verkündenden _Liser_, die ihre Geburt mehreren
Alpenseen verdankt, und Scheiter tragend den Uferbewohnern eben so
furchtbar als nützlich ist, erreicht man das mit Waldbäumen
durchflochtene
Liseregg.
Das Dörfchen ist ziemlich ausgebreitet, es war bereits Nacht, ich mußte
also in irgend einer Wohnung das Wirthshaus erfragen. Mühlen-Geklapper
lockte mich links über Felder hinüber, einige Hütten waren bereits
geschlossen, doch hörte ich nebenan Stimmen, -- die Thüre zu öffnen und
wieder zu schliessen war Eins; Rauch, Dampf und Brand qualmten im
Häuschen empor, ein Mann rief mir zu, ich nahm einen Rand und ging noch
einmal in diesen Höllenpfuhl. In Mitte der schwarzen Stube um einen mit
Geschirren bepflanzten Lehmherd, worauf das Feuer emporloderte, standen
sieben Personen, die Männer Taback schmauchend, die Weiber Reisig
nachschürend, und ein Schweinchen in der Ecke grunzte ihnen Beifall zu.
Der Rauch, welchem beim kleinen Dachloch sein Ausgang angewiesen war,
sich nicht damit begnügend, wirbelte etwa drei Fuß hoch vom Boden im
Gemache umher. Die zahlreichen Luftlöcher aber in der zerrissenen
Breterwand, und die nur schlecht mit Papier und Glasscherben verwahrten
Fensteröffnungen, dienten als eben so viele Rauchfänge, denen die um
einige Zoll gegen ihre Oeffnung zu kleine Thür, gehörigen Luftzug gab.
Auf dem holperig lehmigen Fußboden standen einige Verschläge mit Stroh,
die muthmaßlichen Bettstellen des Pallastes.
Solche Wohnungen, die der Bauer seinem Hausgesinde anweiset, oder ärmere
Familien gemeiniglich besitzen, sind in Kärnthen keine Seltenheit. Was
Wunder! wenn sie auf den phisischen Charakter der minderen Klassen oft
traurigen Einfluß haben! Diese Hütten, die für den Sommer nichts taugen,
was mögen sie im Winter seyn?
Mühsam konnte ich nun das über dem Flusse liegende einsame Wirthshaus
erfragen; wenn Jedermann seiner Anstrengung gemäß auch Lohn erwarten
wollte, so müßte er hier sich höchst bestraft fühlen. Allein ich war
schon allzu gewohnt, auf Nebenstrassen Hungerthürme von Wirthshäusern,
und Strohbindel statt Federbetten anzutreffen. Wenigstens läuft man nie
Gefahr, sich zu überessen, oder am weichen Nachtlager den Sonnenaufgang
zu verschlafen. Dießmal hätte man immerhin den halben Tag verschlummern
können, ohne sich deßhalb Vorwürfe zu machen.
Der lästige Regen, mir Nachts schon durch das alte Schindeldach seine
entzückende Ankunft mittheilend, tumelte sich Morgens mit dem
fürchterlichsten Sturmwinde; Wolken flohen in schrecklichen Gestalten
wie zu einer wilden Schlacht brausend herbei, und der entfesselte Orkan
lieferte den Donner des Geschützes; nur die Ueberzeugung, hier nichts zu
gewinnen, trieb mich fort. Durch die Dörfchen Karlsdorf, Rauten,
Feichtendorf, welche eng beisammen vom geringen Ertrage der Wiesen und
Heidekornfelder leben, und nebenbei um sich besser zu befinden, die
Wälder barbarisch vertilgen, gelangt man über _Feicht_ und _Lehndorf_
auf die Fahrstrasse. Alle diese, und noch mehrere folgende Oertchen,
sind auf _Lichtensterns_ topographischer Karte nicht angemerkt; Beweis
genug von der bisherigen Unkenntniß dieser Gegend, die aber zum Glücke
durch die nun allenthalben stattgehabte Landesvermessung hinlänglich
aufgeklärt werden wird.
Möllthal.
In einer halben Stunde erreicht man auf der Fahrstrasse _Möllbrucken_ --
nur einige Häuser, wo etwas unterhalb die _Möll_ in die _Drau_ sich
ergießt. Ueber die Brücke durch Altenmarkt, führt die Strasse nach
Tirol, dießseits am linken Ufer der brausenden _Möll_, nach _Salzburg_.
An der Brücke zeigen Denktafeln einige Unglücksfälle, welche diese
unbändige Nymphe im Zorne oft auszuüben pflegt. Da wurden Häuser
weggeschwemmt, Lastwägen sammt Kutscher in den Fluthen begraben etc.,
man soll wider Willen dieser gewaltigen Alpentochter Feind werden, und
doch ist man froh, in ihrer Beschauung derer immer pittoreskeres
Granitthal hinauf zu wandern. Das aus 39 Haus bestehende _Mühldorf_
könnte in der That die Wohnung _Neptuns_ und der _Tritonen_ vorstellen.
So viele Mühlen und Wasserfälle habe ich sobald nicht in einem Dorfe
beisammen gefunden; der Wind peitschte die abstürzenden Gewässer
vollends zu einem Gußregen über die Häuser.
Das Dörfchen Kollinz, überschattet von dem schwarzen Danielsberge mit
seiner Wallfahrtskapelle und römischen Denkmälern, kann dem Wanderer,
nachdem er von der mühsamen Bergersteigung zurückgekehrt ist, im
Wirthshause einige Erholung verschaffen.
Zu Napplach, einem Dorfe, findet man viele Hammerwerke, Hammerschmieden
und Köhlereien; einem schlechten Gangsteige folgend, erreicht man dann
abermal bei einer Brücke über die _Möll_, das Dörfchen _Beng_. Rechts
übersieht es von der Berghöhe ein alter viereckiger Thurm, der Rest des
ehemaligen Ritterschlosses, dessen Besitzer und Geschichte ebenfalls
Ruinen bilden. Dieses Dörfchen scheint einigen Wohlstand an Viehzucht zu
besitzen, wenigstens sah ich nirgends mehr Schweine als hier auf Höfen
und Gassen umherlaufen. Schon ausser Grätz wunderte ich mich, meistens
schwarzes Borstenvieh mit etwas längerer Schnauze und dünneren Beinen zu
erblicken, im Drau- und Möllthale war gar kein anderes mehr zu sehen.
Ich frug um die Ursache, und es hieß, die schwarzen Schweine seyen weit
leichter mit schlechterer Nahrung zu erhalten, als die weissen, und Wolf
und Bär müssen sich noch überdies vor ihnen fürchten. Ersteres möge
freilich nur Vorurtheil seyn, doch von ihrem Muthe überzeugten mich bald
die verläßlichsten Beweise. Einige Schweine hatten meinen Wolfshund im
Dorfe angeschnurrt; ich war kaum hinausgetreten, so folgte ihm ein
kleiner Trupp nach; mein Hund, der zum Fang dressirt und muthig ist,
wollte sie zurücktreiben; es gelang ihm Anfangs, doch nun kamen ungefähr
dreissig, groß und klein, mit Gebrumm und Lärm herbei, und stürzten
wüthend mit ihren Hauern auf _Duna_ los; er bekam eine Wunde, aber
wehrte sich dennoch tapfer; vergebens! sie würden ihn zerrissen haben,
hätte ich nicht mit Stock und Steinen darein schlagend, dem geängstigten
Thiere Luft gemacht, auf die steile Anhöhe zu entrinnen; mir riß einer
dieser mordsüchtigen Vierfüßler das Beinkleid entzwei, ich war froh, um
keinen höheren Preis meinem treuen Reisegefährten das Leben gerettet zu
wissen.
So sonderbar mir dieses Scharmützel vorkam, und so lästige Wiederholung
es vermuthen ließ, tröstete mich dennoch die Ueberzeugung: daß es
erfreulicher in dem Lande zu wandern sey, wo Thiere ihre Feinde und
Wegelauerer haben, als wo solche den friedfertigen Wanderer einer Börse
wegen überfallen.
Ober dem Dorfe Gratschach erhebt sich rechts auf waldiger Anhöhe die
Ruine Falkenstein.
Sein grosser Thurm gibt ihm von weiten die Miene eines Gebiethers,
welche sich aber nur allzubald in die eines Erbarmen flehenden Krüppels
auflöst. Früher noch, als die würgende Zeit, scheint die ober ihm
wankende Felsenwand, Schloß und Berg zu begraben, wenn die lockeren
Granitflötze heftiger durch den abstürzenden Zweenbergerbach erschüttert
werden.
Ich stieg hinauf, weniger, um die bunt durcheinander geworfenen
Steintrümmer, derer ehemalige Gebiether und Schicksale längst der Zeiten
Strom unlesbar gemacht, als das wohl angelegte Bienenhaus darin, das
erste, welches ich in Kärnthen sah, zu prüfen. Wer das Kirchlein mit dem
hölzernen Thurme dabei erbaute, konnte ich nicht erfahren, sicher aber
war es ein Mann, der Wunsch und Herz genug besaß, diesen Ort auch für
die Zukunft der Aufmerksamkeit anzuempfehlen.
Wenn Aussichten auf sanfte Empfindungen und süsse Schwärmereien meistens
Bezug haben, so erzeugt gerade diese, einen ernsten kriegerischen Humor;
Kraft und Trotz für ermüdende Anstrengung erwirbt sie dem Manne; Muth
wenn auch die Welt in Trümmern zerfallen sollte, haucht die Umgebung.
Einzelne an 1000 Klafter hohe Felsen hingelehnte Hütten, die um Schonung
zu den riesigen Beherrschern flehen; sparsam sich hin und wieder
hinaufziehende Streife von Wiesen, die eine Handvoll Gras für
Lebensgefahr verkaufen; schwarze, bemooste Tannen und Fichten, an denen
schon manche Blitze die Festigkeit erprobt, und deren Wurzeln sich zum
Hohn der Elemente über Felsen winden, um nur mit einer Erdrevolution
zugleich zu zerstäuben; zahlreiche Wasserfälle, die in bezaubernden
Catarakten von Klippe auf Klippe stürzend, einen ewigen Staubregen
gebären, und die abgelösten Granitsteinchen zur Erhöhung des Thales
versenden; Felsen, welche die Leitern des Himmels zu seyn scheinen,
während doch Niemand vermag, das riesige Haupt zu betreten; Toben des
erzürnten Möllflusses, der kühner es wagt, die geheiligte Stille zu
stören, und doch ohnmächtig sich müht, die beharrlichen Felsen aus
tiefer Schlucht zu verdrängen; dieß sind die getreuen Bilder des
ruhmwürdigen Möllthales. So mußte das Land aussehen, auf deren Bergen
der stolze Römer und deutsche Kampfheld sich gefielen, und zur
Verewigung darauf Tempel oder Heldenschlösser erbauten; so ist das Land,
welches nach Jahrhunderten noch den Wanderer ergreift, ihm Achtung für
die Vorwelt und Wünsche für die Zeitgenossen abzwingt, und so wird sein
Anblick auch künftiger _Generationen_ Blut und Adern durchwirbeln.
Nachdem man sich von dieser merkwürdigen Stelle beurlaubt, erreicht man
bald das minder wichtige Dorf _Stollhof_, welches nichts, als des
Wanderers Wunsch erzeugt, bald davon entfernt, das zuwinkende
Oberwellach
zu erreichen. Dieser 61 Häuser zählende Markt, obgleich gegen seinen
einstigen Werth bedeutend verringert, ist das Asyl der Reisenden und
Stolz der Umgebung. Hier trifft man nicht nur Häuser mit Stockwerken,
sondern auch Keller, die genußbaren Wein, und Wirthe, die
wohlzubereitete Speisen liefern. Die Einwohner sind gutmüthig, und was
in einem solchen Eiswinkel am meisten auffällt -- nicht neugierig! Ihr
mässiger Feldbau, Bearbeitung des dasigen Kuferbergwerkes, so wie die
Viehzucht, welche auf den zahlreichen Alpen den besten Gewinn biethet,
fesseln sie zu sehr, um nicht Anderer Thun und Lassen zu bekritteln.
Rechts, auf frischer Wiesenhöhe, steht ein alter Wartthurm, gleich dem
hinfälligen Greise auf geschmücktem Tanzboden -- der sich grell
unterscheidet, und belächelt wird.
Meinem Wunsche gemäß weckte mich der grauende Morgen zur Tauernreise.
Ich eilte von frostelnder Morgenluft gestählt, durch Dürenwellach, einer
etwas höher liegenden quasi Vorstadt, zum Kalvarienberge hinauf.
Einzelne Baumgruppen scheinen daselbst durch Kunst ihr Daseyn bekommen
zu haben. Der Rückblick von hier genießt zuletzt das wilde _Möllthal_.
Bald wird die Gegend verworrener; der abstürzende Malnitzerbach, noch
frei und unabhängig, will seine Kraft der ihn verstossenden Heimath
fühlbar machen; tief gräbt er seine Beete, reißt die Felsen auseinander,
und wirft zentnerschwere Steine wie Saaten der Zerstörung spielend um
sich. Ein hochstämmiger Nadelwald strebt milde, unter seinem Schatten
diese Bosheiten dem spähenden Tage zu verhüllen; einzelne Hüttchen und
Mühlen, furchtsam aufblickend, suchen von diesem Gewaltigen Nutzen zu
ziehen. Nachdem man so dritthalb Stunden geklettert, stürzt plötzlich
ein dünner Wasserstrahl -- der Stäudenbach, von mehr als 200 klafteriger
Höhe über schwarze Felsenwand, gegen die der weisse Schaum des Falles
wunderlich absticht, auf gerundete Klippen herab, sein Daseyn in
felsiger Kluft zu begraben. Kaum daß man sich dieser angenehmen
Ueberraschung entzieht, erwartet den Fremdling die zweite. Der Wald
hörte bereits auf, nun öffnet sich eine weite Ebene, von
schneeumschürzten Alpen schroff und steil, gleich Himmelsmauern
umschlossen; Roggen und Weizen reift auf den Aeckern; abgelöste
Felsenstücke wie mit den Saaten gebaut, heben sich hie und dort aus dem
Grünen; im Hintergrunde scheint ein Kirchlein und wenige Hütten aus der
ebenen Flur den Reigen zu tanzen -- man ist im
Dorfe Malnitz.
Klee hing zur Dörre auf Harfen geschlichtet, Roggen und Weizen war mit
Ende August noch unreif am Felde! Mais bildete kleine Einfassungen an
diesen; doch von Heidekorn, Bohnen oder Erdäpfeln hatte ich nichts
bemerkt. -- Wie viele Schicksale mußte der Mensch erleben, wie so
manches versuchen, bis ihn die Noth zwang, aus lachenden Fluren in die
riesigen Winkel der Alpen zu ziehen, und Samen, in Asiens Zonen nur
heimisch, zu seinem Unterhalt in _Sibirien’s_ Klima zu bauen! Hier ist
sieben Monate Winter, und die anderen fünf theilen sich in Thauwetter
und drückende Hitze. Man zeigte mir drei Klafter hoch am Kirchthurme
einen Strich, so hoch war vor einigen Jahren der Schnee; es mußte dann
nothwendigerweise das ganze Oertchen unsichtbar, und die Bewohner dem
Ersticken, Erfrieren oder Erhungern nahe seyn.
Die Kinder liefen, wie ich mich den Häuschen näherte, scharenweise vor
mir, andere krochen auf Händen und Füssen hinter Bindeln von Reisig, und
schrien erbärmlich, statt das dargebothene Geschenk anzunehmen. Diese
Anachoretenfamilie bildet unter sich eine Art Republik, abgesondert und
unbekümmert um die fröhlichere Welt, säen, ernten und verzehren sie
untereinander, was Boden oder Viehzucht spendet. Fremde Müller,
Fleischer und Handwerker entbehren sie leicht bei eigenem Besitze, nur
etwa Wein muß mühsam heraufgeschleppt werden; er dient zu ihrer
Aufheiterung in den Tagen des Schreckens, und zur Labung der Reisenden,
die über den Tauern wandernd hier gerne verweilen. Der Wirth, so wie die
anderen Bewohner, sind gutmüthig; Luxus, Heuchelei und Eigennutz, diese
Pestbeulen verderbter Menschen, sind noch nicht über die Berge hier
zugereiset; leider hat aber auch Erziehung, Gelehrigkeit und Bildung den
Weg hierher verfehlt.
Mehrere Stunden von jedem Dörfchen, und Tagreisen von kleineren Städten
geschieden, leben sie zwischen ihren bekannten Felsen und leuchtenden
Schneefeldern. Den Genossen entsprechend ist ihre Lebensweise hart, ihre
Habe dürftig wie der Alpenbach, ihr Vergnügen und Hoffnung -- bessere
Zukunft! Und so gräbt sich unverdrossen alljährlich der Bauer die Wege
zum Leben durch Schnee; bewohnt die Hütte, dessen schneebeschwertes Dach
die Mutter einstens erdrückte; stürzt mit dem Spaten den Acker, worauf
der Vater erfror; oder holet das Holz von der Klippe, wo lockere Steine
den Bruder erschlugen. »Warum nicht einen Freund in der Natur suchen?
warum sich mit feindlichen Elementen um Bissen Brot, um Handvoll Gras
herumbalgen?« könnte mancher Prasser im Prunkgemache sich wundern!
Der hierortige Pfarrer ist meines Erachtens am meisten zu bedauern. Er
hat Niemanden, von dem er erheitert werden könnte; an seinen Bezirk
gebunden, muß ihm nur Lektüre, die zu oft gesehene Wildniß versüssen;
unglücklich, wenn er auch diese entbehrt!
Im Wirthshause genoß ich etwas von dem Bocksfleische, das zwar nicht
wohlschmeckend, jedoch durch die Alpenkräuter besser, als in flachen
Ländern ist. Der Wanderer wird in Gebirgsgegenden zur Sommerszeit
durchgehends damit geplagt; weil man es später des stärkeren Geruches
wegen nicht gerne benützt, und Geisse und Böcke weit leichter auf Alpen
sich vermehren, als Schafe, die dann für den Winter aufbewahrt werden;
Rindfleisch ist übrigens eine höchst seltene Speise. Der Wein hätte in
diesem Dörfchen viel sauerer seyn können, ohne verschmäht zu werden.
Indeß ich mir auch meine Reiseflasche damit anfüllte, kamen einige
Bauern, mir gutmüthig ihre Dienste als Wegweiser anzubiethen. Um
angenehmer, und nicht im Sturmmarsche den Tauern zu überspringen,
glaubte ich keinen zu bedürfen, weil der Weg, wo auch bisweilen geübte
Saumrosse empor klettern, ohnedieß zu ersehen sei; und so hatten auch
ihre Schilderungen von mancherlei Gefahren keinen Erfolg.
Lederne, mit Stroh gefüllte Pölster, welche auf den Bänken herum lagen,
sollen nach meiner Anfrage zu Ruhebetten dienen, worauf die Bauern,
welche zu gewissen Zeiten über den Tauern nach Salzburg reisen, ihre
Gefährten erwarten, um mitsammen die Reise zu vollführen; gewöhnlich
nehmen sie dann kleine Bretchen mit, auf selben über die Schneefelder
streckenweis hinabzurutschen. Einige der Kühnsten wagten schon zur
Winterszeit diese lebensgefährliche Reise; Mehrere wurden dadurch ein
Opfer ihres unüberlegten Unternehmens, ein plötzlicher Wind, Nebel,
Schneegestöber, oder erschlaffende Kraft in den nassen Gliedern -- und
das hohe Grab umschloß sie mit frostigen Armen: dennoch schreckt andere
Wagehälse weder Beispiel noch Gefahr, sie spielen mit ihr, weil sie
nicht des möglichen Verlustes gedenken.
Malnitzer-Tauern.
»Glück zu übern Tauern!« riefen mir die ehrlichen Wirthsleute nach, als
ich das Dörfchen verließ; Sumpf umgab es hier, der eben so, wie bald
darauf die, aus lockeren Steinen gebildete Fläche, von dem oft gräßlich
wüthenden Malnitzer-Bache unterhalten wird. Ruhig spielte sich nun das
niederstrebende Schneegewässer mit den durcheinander geworfenen Zeugen
seiner Rache. Durch Gässen grosser Granitblöcke und entwurzelter
Lärchenstämme, muß man entweder springend oder durchwatend, den Bach
eine Strecke aufwärts verfolgen. Hie und da hatte sich zwischen diesen
Verschanzungen etwas Erdreich gesammelt, magere Pferde schnell diese
Plätzchen findend, verzehren den üppigen Graswuchs darauf.
Ueber Sandbänke von Gneis und Glimmerschiefer, durch die Sonne erglüht,
gelangt man sonach in hohen Wald, man muß aber desto steiler klettern,
und also erleichtert sich nichts. Rechts und links sind die Bäume, dem
Wanderer den Pfad zu zeigen, etwas angepicht, man steigt eine halbe
Stunde über ihre hohltönenden Wurzeln, dann werden die Stämme niedriger,
durch Moose bartiger, und hören plötzlich auf. Nun betritt man eine
grosse Alpenwiese (Mahde genannt), so steil und glatt wie Eisdach;
einige Burschen auf Steigeisen sind eben mit Abmähen des kurzen Grummets
beschäftiget, muntere Dirnen, Triller wirbelnd, welche nur die Natur sie
lehrte, sammeln die getrockneten Kräuter mit Rechen, und häufen sie zu
Ballen, gleich der ersten Heuernte, die ebenfalls zum Wintergebrauche,
mit Steinen und Holz vor Absturz gesichert, herumsteht.
Ein duftendes Aroma sind diese abgemähten Herbarien, man kann sich nicht
trennen von der Kraft hauchenden Ernte, die in einer Scheune den
Menschen leicht tödten könnte. Die gutmüthigen Aelpler wollten mir
rathen, mich von dem Heuschober, der auch zugleich Schatten both, zu
entfernen, widrigenfalls Kopfweh und Schwindel bevorstehe; zugleich
erzählten sie von der Gefahr, bei einem Winde zu mähen, und von der weit
grösseren, den Besitz im Winter nach Hause zu fördern. Da müssen die
rüstigen Nachbarn sich versammeln, Schneereife auf den Füssen, und lange
Stangen in der Hand, schleppen sie kleine Schlitten nach. Bis sie zu dem
Heuballe, der meistens verschneit ist, gelangen; bis sie einen Theil
davon mit Stricken fest auf den Schlitten gebunden, ist schon manche
Gefahr zu bestehen; nun erst müssen sie über Abgründe und Lavinen herab
die Last sichern. Oft stürzt der Schlitten, und rollt für ewige Zeit
begraben, in die Kluft, glücklich, wenn er nur Keinen mit sich riß; oft
versinken Last und Menschen in tiefen Schnee, die Rüstigsten retten
sich, die Uebrigen leider befreit das Frühjahr aus gräßlicher Behausung.
Hat aber kein Unglück einen Genossen getroffen, hat nicht tobender Sturm
den dürftigen Reichthum geplündert, oder eine Lavine die Habe und
Schlitten verschlungen: so drücken die Hände sich bieder, freudige
Tropfen füllen die Augen, und der Hüttler bedauert nur des Dankes zu
fühlbare Schwäche!
Ich verließ diese wohlschmeckende Gegend, die so vielerlei Unglück nach
sich zieht, und verglich sie mit der freundlichen Miene manch
schadenfrohen Städters, die weniger erkannt noch weit listiger täuscht,
ohne dabei etwas Gutes zu bringen!
Eine Stunde lang stieg ich empor, mehrere morsche Baumwurzeln, die über
den Boden hinliefen, bestätigten meine anfängliche Muthmassung, daß
diese üppigen Mahden einem ehemaligen Walde, der vielleicht vor 100
Jahren durch unbegreiflichen Vandalismus ganz ausgehauen wurde, den
guten Boden zu danken haben. So konnten die Vorfahren bei all ihrem
Holzüberflusse handeln, so Verwüstungen anrichten, ohne zu bedenken, daß
sie dadurch den Gießbächen, Schneelavinen etc. die vertilgenden Wege zu
ihren Wohnungen herab erleichterten.
Stangen im Boden befestigt, zeigten nun die fernere Bahn, welche über
lockeres Gestein und glatte Schieferplatten uncultivirt führte; bald
waren einige Felsen stufenartig steiler empor zu steigen, bald mußte man
sich wieder in eine Kluft hinab bequemen. Man entbehrt zwar leicht
Steigeisen, aber unglaublich scheint es, wie hier erbarmungswürdige
Pferde, zumal mit einiger Last hinauf, und noch sonderbarer abwärts
klettern. Es verunglücken zwar alljährig mehrere, brechen sich die
Füsse, oder stürzen in Abgründe, aber demohngeachtet glückt es meistens,
und das ist genug!
Sowohl durch Klettern als Abpflücken einiger Alpenblumen vertieft,
bemerkte ich die aufsteigenden Gebirgsnebel nicht eher, als bis ich
etwas Erholung suchend, mich auf einen Stein setzte. Dünne,
durchsichtige Flocken durchwehten den Himmel, der sie anfänglich wie zum
Scherz, kräuselndem Haare ähnlich, um die Sonne hing, diese der Welt
anschaulicher zu machen, doch _Phöbus_ seine Majestät entweihender
Neugier zu entziehen, sammelte bald dichtere Schleier um sich.
Es war mir unerfreulich, nunmehr, wenn ich auch den Weg finden sollte,
doch die Uebersicht verloren zu haben, die bisher wegen höheren
schneeumflorten Alpengebirgen ohnedieß von keinem Belange war.
Verdrießlich kletterte ich eine Stunde fort, vielleicht neben
fürchterlichen Abgründen, die ich nicht gesehen, auch nicht scheute;
todte Stille umgab mich ringsum; kein Vogel, keines Hornes schallender
Ton durchzog die Luft, welche durch dichte Nebel geschwängert, wie
Taffet über die Felsen rauschte, die Steinplatten schlüpfriger, und
meinen verschwitzten Anzug nässer machte. Vertrauend folgte ich meinem
klug mich leitenden Hunde, welcher die Spuren der letzten Wanderer auch
noch dann auffaßte, wenn ich selbe bereits verloren glaubte; die
etlichen Stangen waren ohnedieß auf zwei Schritte nicht zu sehen.
Endlich blieb _Duna_ stehen -- es war ein Schneefeld, ich befahl ihm zu
suchen; das rastlose Thier lief herum, zögerte lange, endlich kam es
traurig zurück. Nun ging ich selbst, mit meinem Stocke einen Streif in
den Schnee nachziehend, den Weg wieder zurück zu finden, auf dem
bleichen Felde umher; vergebens! entweder hatte ein gestriger Schnee die
Tritte verdeckt, oder die heutige Sonnenhitze dieselben unkenntlich
gemacht. Im Nebel auf Alpen, wo man keinen Schritt, oft seinen Fuß nicht
sieht, weiter zu gehen, wäre Unsinn, den dreistündigen Weg nach
_Malnitz_ wieder zurück zu wandern, konnte ich im schlimmsten Falle auch
noch bis Abend versparen, hier aber war es zu kalt und windig, um den
vielleicht baldigen Abzug des Nebels zu erwarten. Ich wanderte also
einen kleinen Felsenabhang zurück, legte mich zwischen schützende
Granitflötze auf elastisches Moos, um daselbst mein Mittagsmahl etwas
früher mit dem treuen Begleiter zu theilen.
Unterdessen vernahm ich in stiller Ruhe, Glockengeläute aus tiefem Thale
sich anmelden; froh, in meiner Umgebung lebendige Wesen zu wissen,
wollte ich meine Freude durch etliche Schüsse darthun. Die Berge
schienen darüber herzurollen im wilden Echo, oder mich in ihren Schlund
aufzunehmen; aus dem Thale tönte Jubel und kräftiger Peitschenknall. Nun
hatten sich aus Langweile, die oft Länder in Kriege stürzt, zwei
Menschen über weite Räume einander verständlich gemacht; jeder als Herr
einer Alpe sich täuschend, wollte dem Andern seine unerwartete
Anwesenheit mit so viel Lärm als möglich verkünden, die mit des Nebels
Verschwinden auch ihr Merkwürdiges verlor. Ich war wieder einer der
gewöhnlichen Tauernbereiser, jener nichts weniger als auffallender
Alpenhirt. Beide erkannten somit ihre Unwichtigkeit, und schienen über
den kurzen Traum der mit dem Nebel verflog, sich lächelnd Verweis zu
ertheilen.
Wünschend, daß jede Schwärmerei so unschädlich ende, hatte ich noch
überdies die Freude, die angenehmste Metamorphose des Firmaments zu
ersehen. Kräftigere Windstösse von Osten, welche die Finsterniß
brütenden Nebel zerrissen, brachen der Sonne die Bahn, ihre kochenden
Freudenfeuer auf den frostigen Zinnen der Alpen aufzuzünden. Wolkenrauch
stieg über die Altäre der Blitze, und zog in dichten Massen von den
Opfer-Tempeln auf tiefe Flächen hinab, den Boden kühlend zu tränken.
Inseln ähnlich entwanden sich nun auch die niedrigeren Gebirge dem
Nebelmeere, höher und höher entwuchsen sie der Finsterniß; wie die Wogen
des dunstigen Oceans wichen, besetzten unten rüstige Wälder die Plätze;
über 100 Wasserfälle entstürzten aus ewigem Schnee den Gürteln der
Riesen, die Flüsse des Landes zu schaffen -- des _Chaos_ einstiges Bild
hatte ich erneuert gesehen! Ich verfolgte nun meinen vorigen Weg zum
Schneefeld, und sieh -- ich hatte eine Viertelstunde zum Kreuze, der
höchsten Stelle des Tauernwegs, und Gränze von Salzburg und Kärnthen!
Mir wäre also beinahe gleiches Schicksal bestimmt gewesen, wie Manchen,
der auf der Laufbahn sein Glück oder Rettung zu erringen, die Endstufe
verfehlt, und seine Mühe bedauernd zurücksinkt.
Kreuz-Spitze.
Ich wollte nun aber mein heutiges Ziel gefliessentlich hinausdehnen, um
von dem höchsten Punkte des Malnitzer-Tauern, welcher sich rechts von
dem Pfade bei 100 Klafter emporhebt, und mit einem Haufen
zusammengelegter Steine, vermuthlich durch die Landesvermessung
angemerkt ist, auf kärnthnerischem Boden die Runde zu prüfen. Diese
pyramidenförmig aufstrebende Spitze bestand aus verwitterten
Thonschiefer, der bei jedem Tritte sich losmachte, und ein äusserst
beschwerliches Hinaufklettern verursachte. Oben war nicht lange zu
verweilen, die rings umher gebetteten Schneefelder hauchten zu frostige
Lüfte. Auch die Uebersicht entsprach nicht der Erwartung; zu groß waren
die angränzenden Riesen mit ihren vielfärbigen Wänden, um sich vor
diesem zu demüthigen. Selbst kein Dorf, kein Haus, stumme Sennhütten
ausgenommen, war zu sehen, die Gebirge hatten sie zu eng eingeschlossen,
zu weit verschoben; es war eine Gegend, wie ich sie nie sah, groß und
stolz erhaben, aber nur von Wasserfällen belebt!
Das Kreuz, zu dem ich sonach gelangte, war mit einer Menge
Heiligen-Bilder und Alpenblumen, welch letztere dem Botaniker einen
kleinen Index der heimischen Umgebung augenblicklich liefern könnten,
behangen.
Einige 100 Schritte unter dem Kreuze sah ich jene von gutmüthigen
Pilgern in Form eines Sarges zusammengelegten Steine, welche den
Unglücksplatz des letzthin hier erfrornen Menschen anzeigen. Man
erzählte mir die traurige Geschichte in Malnitz, die ich kurz mittheilen
will.
Ein junger Lederergeselle aus Obervellach schloß sich heuriges Frühjahr
(1825) an zwei über den Tauern reisende wendische Bauern an. Diese
rüstigeren Alpenkletterer sollen leider im Malnitzer-Tauernwirthshause
demselben noch Muth zugesprochen haben, und dann, als er auf der Höhe
ermattet niedersank, zu ihrer ewigen Schande, eigene Gefahr befürchtend,
allein weggegangen seyn, und den Armen, der bei fürchterlichster Kälte
in dürftiger Kleidung sich selbst überlassen war, mit baldiger Hülfe
getröstet haben. Wirklich benachrichtigten sie auch den nächsten
Tauernwirth auf salzburgischer Seite, von der Lebensgefahr jenes
unglücklichen Menschen. Der Wirth sendet augenblicklich drei Männer zur
Höhe; doch die Strecke ist zu weit. Mit Anstrengung haben sie die Hälfte
Weges in zwei Stunden zurückgelegt; nun hebt sich der Sturm, mit ihm
bäumen sich Lavinen, und Schneemassen donnern herab. Die Miethlinge
verzagen und eilen zurück zur Behausung, das muthlose Leben zu sichern!
Nun aber wagt der edle Wirth selbst, mit noch fünf herzhaften Männern,
zu retten, was noch nicht verblichen. Mit Stangen und Schaufeln Wege
erkämpfend, die boshaft sich gleich wieder schliessen, erringen sie nach
drei schrecklichen Stunden die Höhe, suchen umher, und finden darauf --
eine Leiche. Der Unglückliche war trotz angewandter Mühe nicht mehr ins
Leben zu bringen, man schenkte ihm im friedlichen Thale das
sorgenbefreiende Grab.
Solcher Unglücksfälle an einzelnen Reisenden, ereignen sich alljährig
viele in Alpengegenden, indem übrigens zur Ehre der Menschheit es höchst
selten der Fall ist, daß ein Wanderer den andern in der Stunde der Noth
hülflos zurück läßt, -- dieß hätten auch nimmermehr biedere Deutsche
vermocht!
Vom Kreuze angefangen ins Salzburgische hinüber, heißt der bisherige
Malnitzer- nun
Naßfelder-Tauern.
Er scheint diesen Namen seiner Eigenschaft wegen zu verdienen; denn
Anfangs decket ihn mehr Schnee als jenseits seinen südlichen Rücken, und
später sind Sumpf und Moräste die deutlichsten Beweise der Nässe. Die
Stangen hören auf, der Pfad ist aber dennoch leichter zu finden; in
schlangenförmigen Krümmungen führt er sehr gäh hinab.
Nach einer Stunde, die man wider Willen mehr durch Springen und Laufen
als mit behutsamen Klettern zubrachte, kommt man in ein enges aber lang
fortlaufendes Wiesenthal; fünf Alpenhütten und eine Herde munterer Kühe
verkünden im Sommer hier Leben; aus den kühlen Schneeriesen umher hat
sich schon ein Bach gesammelt, und eilt über die Wiese hinweg, begierig,
bald grösser zu werden. Ich suchte den besten Weg, um zu einer der
Sennhütten zu kommen, und fiel doch etliche Mal bis zum Knie in Morast,
der weislich! jede Hütte vor schnellen Anlauf sichert; ein Graben oder
Steine könnten doch wenigstens das Versinken verhüten!
Fürchterliches Lärmen brachte alle menschlichen Gestalten aus den
Hütten; ich glaubte Schlachtgeschrei zu hören, und erstaunte -- wirklich
Melker und Dirnen mit Knitteln herbeieilen zu sehen! »Ein Wolf, ein
Wolf, nieder mit ihm!« schrieen die Geängstigten, und stürzten auf den
vorschreitenden Duna los, ihn diese unverdiente Ehre theuer büssen zu
lassen! Ich hatte Mühe, mich ihnen bemerkbar zu machen, und den Irrthum
zu benehmen. Gutmüthig gab man mir sodann die verlangte Butter, Milch
und Käse zur Erquickung in einer der Hütten, und sammelte sich mit
ländlicher Neugierde um dieselbe, den fürchterlichen Stiefsohn des
Erzfeindes aller Alpen in der Nähe zu betrachten. Mich erlustigten ihre
Bemerkungen, besonders aber ihr freiwilliger Anboth, als ich sie
versicherte, daß solche Hunde vielmehr die Gegner und Bezwinger der
Wölfe seien: mir für Ueberlassung dieses Thieres, eine prächtige Summe
pr. 5 fl. mittels einer Sammlung von den Dorfgemeinden zu verschaffen.
Beneidenswerthe Menschen! die ohne geringstes Vermögen doch von keinen
Geldsorgen gequält werden, und glücklich sind, weil sie bei
Zufriedenheit nie Entbehrung fühlen. Ihrer Angabe nach mußten sie bald
von dieser Alpe abziehen, weil die Kühe schon zu wenig Futter, sie
selbst aber kein Holz zu hinlänglichem Feuer hätten, und der 8 September
ohnedieß die Hochalpenweide verbiethe. Eine Gegend, die vor 50 Jahren
noch von Wäldern strotzte, nun des Holzmangels wegen zu verlassen, möge
manchen Gutsbesitzer und Forstmann Behutsamkeit lehren.
Je tiefer ich hinabkam, je nässer wurde das geengte Thal; mehrere
Sennhütten standen leer auf duftendem Grün, um bald die herabkommenden
Gäste aufzunehmen, und einige Wochen zu beherbergen, bis der Spätherbst
ihnen die Dörfer zum Wohnorte öffnet. Die Nachzügler der Forste standen
hie und da, wo sie die Axt nicht leicht erreichte, kümmerlich herum.
Stolzer wölbte sich die
Gasteiner Ache,
durch angeworbene Schwestern ermächtigt, im ganz geengten Felsenthale
nieder; kein Ufer war ihr zu hoch, keine Klippe zu hart, ihre Kraft sie
fühlen zu lassen. Bald gönnte sie dem friedlicheren Wanderer keinen Weg
mehr im überhängenden Steinthale; den ganzen Raum raubten die geitzigen
Fluthen. Der erfinderische Mensch konnte ihnen keine gleiche Gewalt
entgegen biethen, aber List hieß ihn die Felsen zu seinem Zwecke
verwenden; eingestemmte Fugen in dieselben, eiserne Klammern, Baumstämme
dazwischen und hie und dort Spreitzen in die lärmende Ache, und der an
der Felswand schwebende Bretelweg war vollendet! -- Bald besehen diese
Erfindung höhere Nymphen, der Bandel- und Schleierbach, welche sich vom
linken Ufer über die 190 Fuß hohe Felsenwand in die Ache ergiessen, ihr
den Sieg der Menschen zu melden.
Wenn man nicht schon so viele _Cascaden_ auf dieser Wanderung bewundert
hätte, so müßte man von hier bis Gastein mehrere Tage bloß denenselben
widmen. Der Bandel- und Schleierbach verdient übrigens den Namen, indem
ersterer in mehreren neben einander fortlaufenden Wasserfäden, letzterer
aber in einem einzigen durchsichtigen Wasserbogen herabstürzt. Durch den
bunten Schmuck der farbigen Iris an diesen _Cascaden_ findet sich das
Auge eben so geschmeichelt, als bald darauf die _Cataracten_ der Ache
den Wanderer zittern machen, besonders dort, wo sich der kriegerische
Alpenbach in dem Granitfelsen unter den Füssen des Pilgers eine weite
Höhle gegraben; immer tiefer meisseln die schäumenden Wogen das schwer
zu polierende Gestein, welches zwar noch tapfer ringt, aber durch
heftiges Zittern sein baldig Erliegen verbürgt; dann dürfte hier
ebenfalls eintreffen, was weiter unten die Reisenden in Erstaunen setzt;
wo nemlich die wasserreiche Ache ganz im Beete versiegt, 28 Klafter
ungesehen im Felsenbauche fortströmt, und dann wieder zu Tage kommt. Ein
Wolkenbruch, abstürzende Schneelavinen, wenigere Sorgsamkeit auf die
Reinigung des Achen-Beetes: so wäre hier der Geburtsort ausgehender
Gräul und Verwüstungen über ganz Salzburg.
Besser wurde der Weg, als ich dem goldschwangeren Rathhausberge mich
nahte, dessen schwarz bewaldeter Rücken so angenehm mit den bleichen
Gestalten seiner ärmeren Gefährten kontrastirt. Bald darauf erreichte
ich
Pöckstein,
ein Dörfchen von 17 Häusern, dem man es gewiß nicht ansieht, daß es
einst, als noch die Ausbeute des nahen Goldbergwerkes ergiebig war, eine
der wichtigsten Rollen in Salzburg spielte. Demohngeachtet verdienen
auch itzt seine wohleingerichteten Waschherde volle Aufmerksamkeit, wenn
auch nur mehr die Prozente der ehemaligen Ausbeute darauf gewonnen
werden. Das Geklapper der Wasserwerke, Rauschen einiger _Cascaden_ und
freundliche Antlitz des einen Hügel einnehmenden im italienischen Style
erbauten Kirchleins, machen das Dörfchen munter und lebhaft, so wie der
fette Weizen und Roggen des erweiterten Thales nahrhaften Boden
bekräftigt.
Einzelne Hütten und Scheunen mit dem Segen des Jahres gefüllt, mehrere
Wasserfälle den Bergen enteilend, und die nimmer ruhende Ache,
begleitete den Wanderer ein Stündchen zum
Wildbade Gastein
hinab. Wie Maler, Tonkünstler und Dichter den höchsten Effekt zu
bezwecken, oft von einem Extrem zum andern übersetzen: so meisterte sich
hier selbst die Schöpfung in der Zeugungskraft!
Ich will nicht Gastein beschreiben, das künstlichere Federn bereits
versuchten, aber ewig bleibt mir der Eindruck merkwürdig, den der
Uebergang aus lachendem Tage, in finstere Nacht, aus beglückendem
Frieden, in kriegerische Elemente bezwecket.
Es war Abend als ich ankam, noch schaukelten sich der Sonne goldene
Wogen auf Pöcksteins willkommener Runde; ich betrat die Brücke, welche
sondert das gepriesene Thal von Gasteins wässriger Kluft; Felsen, hoch
und schwarz -- die Bothen der Finsterniß, umfaßten mich eng, den Schall
der unter mir niederstrebenden Ache zurückbringend. Siedend, brüllend,
mit zerreissenden Donner überspringt die rasende Ache dreimal zwanzig
klaftrige Stufen, wäscht sich im harten Gestein die Kessel zum
Höllenpfuhl, und wälzt dann, Vulkane im Toben verhöhnend, abwärts die
ermüdeten Wogen. Das Zittern der zackigen Klippen, das Schlagen der
erhitzten Wellen, die den Schaum in dichte Regentropfen formen, und
naturwidrig aus der Tiefe über die Hütten hinweg zu den Wolken senden;
die Finsterniß der sonnentwöhnten Schlucht, welche die aufsteigenden
Dünste des siedenden Badwassers vollends umschleiern; endlich die wie
Mühlen schwankenden Häuschen, welche auf einzelnen Felsen wie durch
Balanze sich halten, ohne für kommenden Tag des Standpunkts versichert
zu seyn: alles dieß kann wohl den neugierigen Fremdling entzücken,
schwerlich aber dem Ruhe und Linderung suchenden Kranken willkommen oder
trostbringend seyn.
Ich glaube die bekannten Merkwürdigkeiten dieses Badeortes übergehen,
und nur einige erfreuliche Aenderungen neuester Zeit anführen zu müssen.
Unter diese gehören vorzüglich, daß _Straubinger_, der erste und
wesentlichste Wirth und Badinhaber, nebst seiner hölzernen von Wind und
Wogen erbebenden Barake, nun ein sehr bequemes ganz aus Stein erbautes
Haus für seine Gäste besitze, das er mit einem Kostenaufwand von 20,000
fl. Konv. Münze, eben so heldensinnig auf den dem Felsen abgewonnenen
Raum hinzauberte: als das weiter oben befindliche neue Stall- und
Wagenremise-Gebäude dem Wunsche und Bedürfnisse der Zureisenden
entspricht. Sollte aber zum Glück oder respect. Unglücke die Anzahl der
Kurgäste so zunehmen, daß sie in dieser zweckmässigen Wohnung nicht
Unterkommen fänden, so müßte man freilich die traurige Zuflucht auch zum
Mitter- und Grabenwirth nehmen, die sich, wie ihre Bäder, seit 30 Jahren
gleich blieben.
Für alle Gäste gleich angenehm wären unbezweifelt die neu angelegten
Spaziergänge zum Dianentempel am rechten, und zur Einsiedelei am linken
Ufer der Ache. Die Pfade sind gut, mit Geländern und Stufen versehen,
einem Gesunden überaus willkommen; ob aber diese ermüdenden Hügel den
Kraftlosen hinauflocken und entschädigen können, möchte ich bezweifeln.
Man war so klug, bei dem dritten untersten Wasserfalle am rechten Ufer
eine hohe Breterwand zum Schutz wider den sich hinüber ziehenden
beständigen Staubregen zu errichten, wodurch zwar einigermassen der
kleine Steg und die engen Strassen vor heftigerer Nässe gesichert
werden, nichts desto weniger aber die Luft trockner wird; deßhalb auch
immer gefährliche Kranke vor 10 und nach 4 Uhr das Zimmer zu verlassen
gewarnet werden. Also sechs Mittagsstunden sollen dem leidenden Menschen
zu geniessen vergönnt seyn, in einer Gebirgsgegend, wo jede Minute neues
Leben haucht. Ich bedauere jene unglücklichen Patienten doppelt, die vor
dem sicheren Hinscheiden noch früher das Grab erforschen; wünsche aber,
daß der Antrag, die Badquellen eine viertel Stunde weit nach Badbrucken
hinabzuleiten, wo mehr Raum und freiere Plätze sich befinden, baldigst
realisirt werde.
Des andern Tags wies man mir bei Besichtigung der Badplätze, wie sich
bereits verwelkte Blumen im Dunstkreise des heissen Wassers bald
erfrischen und neu beleben; selbst meine _Gentianer_, die ich gestern am
Malnitzer-Tauern pflügte, bekamen den vorigen Glanz. Dem profanen
Kranken mögen immer diese Zeichen tröstende Vorbedeutung zur Genesung
seyn, ich möchte den Grausamen nicht loben, der prahlerisch ihm die
Ursache enthüllte.
Welche Krankheiten hier meistens glückliche Kuren erwarten dürfen, ist
zu bekannt, demohngeachtet wird sich Niemand wundern, wenn er die
Zauberkraft dieses Wassers wider alle Uebel von Aerzten und Chirurgen zu
Gastein anrühmen hört.
Ich hatte mich satt gesehen und gehört, an dem stürmischen Heilorte, und
wanderte mit dem frommen Wunsche, daß allen Anwesenden so rüstig
fortzuschreiten vergönnt wäre, nach
Badbrucken
hinab. Dieses Dörfchen mit seinen Mühlen und Bäckereien biethet wenig
Reitz; desto mehr Nahrung spendet die Umgebung. Fette Wiesen,
Ackergründe, forellenreiche Bäche durchziehen das weite Thal bis zu dem
anderthalb Stunde entlegenen Hofgastein. Pferde, wie ich sie nur beim
Schiffzuge sah, zogen hier mit der Kraft von Elephanten den kreischenden
Pflug; das Hornvieh glänzte vor Pflege und Wohlstand; nur die Menschen
schienen den glücklichen Wechsel minder zu fühlen; stille und in sich
gekehrt verrichteten sie die Feldarbeit, und wollten für sich und Andere
keine Aufmerksamkeit erregen.
Die kleinen Oertchen Remsach, Gadaumern, dann Heilfing und Felding,
welche die Strasse besäumen, fand ich auf keiner Karte, sie dürften also
neuesten Ursprungs seyn. Endlich erreicht man
Hofgastein.
Dieser finstere Markt, der nebst sehr alten Häusern auch einen grossen
Kirchhof besitzt, dessen zahlreiche Trophäen zum Theile im neuesten
Style glänzen, könnte füglich als Ursache der Traurigkeit der Umbewohner
gelten, so wie die Zuflucht der Kranken nach Gastein weniger erfreulich
machen. Ich erfuhr auch wirklich vom Grabwärter, daß mehrere der schönen
Monumente ihre Existenz den hier Genesung suchenden Fremden zu danken
hätten. Natürlich können unter vielen Kranken nicht alle gesunden!
Bis hierher soll vor Zeiten das Badwasser geleitet worden, und dieß zu
erneuern, nun abermals der Antrag seyn; die Häuser und Menschen würden
dadurch bald ein lustigeres Ansehen gewinnen.
Die prächtige Fahrstrasse währet fort über die Dörfchen Laderdig,
Haarbach und Dorf. Hier beginnen die ganz hölzernen Häuser, deren
höhere, mit breternen zierlich ausgeschnittenen Gängen beim ersten und
zweiten Geschoß umfangen werden. Bisweilen bilden diese Gallerien die
Vorrathskammern für Mais, Klee, Flachs, Holz u. d. gl. man sieht dadurch
gar kein Fenster, und fürchtet, die Häuschen müßten umstürzen vor dieser
überhängenden Last, die man hier am bequemsten aufzubewahren glaubt. Das
beinahe flache Dach besteht aus neben einander gelegten mit schweren
Steinen belegten Bretchen; man erspart dadurch kostspieliges Eisen, und
sichert, daß der Wind weniger die Dachung enthebe. Freilich durchdrückt
oft solch ein schwerer Stein das mürbe Dach, oder rollt hinab auf
Menschen und Vieh, und erregt grösseres Unheil, als hätte der Sturm das
ganze Dach geraubt; allein das Unglück findet überall seine Wege, und
wer es am meisten fürchtet, ist zuerst sein Gefangener. Im Wildbade
Gastein mögen jedoch einige dieser Dächer die Hipochondristen nicht
wenig ängstigen, ich finde sie daher dort mehr, als im ganzen
Salzburgischen und Theilen von Tirol anstössig.
Ausser Dorf rücken schon die wilden Kalkfelsen der finsteren
Clam
entgegen, man blickt zurück, um Abschied zu nehmen von dem freundlichen
Thale, das eine so abschreckende Pforte besitzt; kaum bemerkt man das
Oertchen Mayerhof, welches schon im Felsenkessel gelagert, von der Ache,
Klippen und Schneelavinen nur geduldet zu werden scheint. Die _Clam_ ist
bekannt, sie war bis vor drei Monaten die schrecklichste Passage, welche
Deutschland aufzuweisen hatte; die Kluft ist noch fürchterlich, wird
ewig merkwürdig bleiben: so lange die 300 Klafter hohen Felsenwände sich
hinbiegen über den Wanderer; so lange die Ache donnernd und brausend
herauf schäumt aus dem tiefen Beet auf die Strasse, den Staub ihr
abzuspühlen; so lange die Sonne stiefmütterlich das Thal übersetzt, es
fortwährend der Dämmerung zu überlassen. Keine Macht kann hier Aenderung
treffen, in den wilden Formen dieses sonderbaren Felsenlabyrinths, nur
Rütteln des Erdballs kann die Wände wieder schließen, die über ihr
voriges Nichts -- das Chaos zusammenstürzen, die Welt mit ihren Trümmern
zu begraben. Die Reste des alten Schlosses _Clamstein_ -- der Thurm und
Wohnort des ehemaligen Wachpostens, alles, alles wurde durch die Fluthen
verschlungen und Schneelavinen begraben, kaum beweist eine einzelne
Thorsäule beim Eingange in die _Clam_, deren ehemalig unnütze Existenz!
-- Aber schönere Werke sind hier seit Wochen ins Leben getreten; eine
Strasse, werth daß sie ein gütiger Kaiser begnehmigte, wurde den Felsen
und der Ache abgezwungen! Statt den über Abgründe schaukelnden
Bretelwegen, die vormals den Reisenden mehr, als die lockeren Bäume und
Felsen, welche über seinem Haupte balanzirten, erschütterten: wölben
sich nun mächtige Quaderbögen aus der Ache empor, Geländer darauf von
Stein oder festem Holze, sichern die größtentheils für zwei Wägen breite
Strasse; wo der Fluß nichts hergeben konnte, mußte sich der Felsen zum
Weichen bequemen; den Gießbächen und Wasserfällen, welche den Höhen
entstürzen, und sonst den elenden Weg stückweis verschlangen, wurden nun
unter der Strasse gemauerte Kanäle zur Ache hinab angewiesen; die
niedrigeren überhängenden Klippen, die täglich hundertmal den Tod
drohen, sind durch Meissel und Pulver von ihrem Punkte verbannt. Auf
alles wurde gedacht, die Festigkeit des Willens, und Sicherheit der
Strasse zu bekräftigen; nur läßt sich nicht wiederbringen, was die
Vorfahren unsinnig verdarben: Die Bäume, deren Wurzeln noch an den
Steinwänden ihre ehemalige Kraft und Anzahl versichern, wurden aus
Unverstand und blöder Gewinnsucht gefällt, sie waren Schutz im Winter
gegen andringende Lavinen, wenn nicht ganz, doch gegen gefährlichere
Explosionen. Nun vergeht kein Winter, wo nicht diese zerstörenden Gäste
die Bahn einige Zeit hemmen, Steine entlösen und Menschen zu Grunde
richten.
In Reflexionen, wie jeder Stein von diesen ewigen Schanzen, die für
Gemsen unersteiglich scheinen, Tod und Verderben dem Wanderer bereite,
wurde ich durch Glocken-Geläute gestört; ich glaubte meinen Augen nicht
trauen zu dürfen! Jenseits der Ache, hoch auf den zackigen Vorsprüngen,
sah ich Senner hinter Hornvieh niederschweben; klein, wie Kaninchen,
schienen die Kühe mit Fittigen herabzugleiten, immer grösser wurden sie
und die Gefahr ihrer Wanderung. Ich frug einen Wegmacher, wer diese
Thiere dort hingezaubert hatte? Mit Lachen erwiederte er: es wäre ein
Steigel von einer Alm, auf dem die, welche hinauf kletterten, nun wieder
hinab müßten; es sey freilich unham (unsicher) zu gehen, aber für
gewöhnte Füsse nicht tödtlich. Ich wollte hier kein wahrscheinliches
Unglück abwarten, sondern zog eiligst davon, Jedem herzlich wünschend,
der Welt verhängnißvolle Pfade glücklich zu überschreiten. Minder
furchtbar schienen mir nun die donnernden _Cataracten_, die sich tief
unter meinen Füssen in finsterer Kluft tumelten und nicht verstummten,
bis sich die _Clam_ nach einer Stunde im anmuthigen Salzathale endigt.
Den letzten Versuch wagt hier noch die niederstürzende Ache, die
Unabhängigkeit zu erringen, wie der Feind, welcher alles zu gewinnen
oder zu verlieren bereit ist; er überbiethet seine Kraft, erschöpft
sich, und erliegt in plötzlicher Unkraft!
Salzathal.
Dort wo die mächtigere Salza die wildere Ache besiegt, in dem ewigen
Staubregen preiswürdiger _Cascaden_, zwischen Felsen, gleich den Grotten
Neptuns, möge jeder Wanderer sich hinstellen, und ein halbes Stündchen
widmen. Krieg und Frieden zeigen hier so treffend ihre Bilder, daß man
sich geschmeichelt fühlt, die Gränzen von beiden so genau angeben, so
vortheilhaft einsehen zu können. Den Gräuel der Verwüstung um sich und
im Rücken, lagert sich vorwärts das sanfte Thal mit dem Postörtchen
_Lind_, an beiden Seiten der hölzernen Brücke über den mächtigsten Fluß
des Salzburgerlandes. Heiter winket im Westen das niedliche Schlößchen
des Amtes. Mühlen, Hammerwerke, Kohlenmeiler und rege Hände am Flusse
und im Grünen, verkünden Fleiß und Thätigkeit, welche die
Salzathalbewohner allbekannt zieren. Kein Gaul zeigt hier müssig seinen
riesigen Bau, oder verschrumpft bei kärglicher Nahrung auf elenden
Wiesen. Die Berge, so hart sie das Dörfchen bedrängen, entschädigen mit
reichlichem Holze und üppigen Klee; wärmer kräuselt der Osthauch die
Blätter im offenen Thale. Weniger passen sonach die trägen Gemäuer des
aufgehobenen Benediktiner-Klosters _Schwarzach_, in das lebendige
Tableau.
Die Strasse, welche ich nun an der Salza nach _St. Johann_ fortwanderte,
ist ebenfalls neu angelegt, und für Wägen eingerichtet, kein
engbrüstiger Reisender darf ferner sein baldiges Ende in der Salza
vermuthen. Geländer und glänzende Erlen wahren vor Unglück und verhüllen
die Tiefe. Hie und da gibt es zwar steilere Plätzchen, die aber durch
ihr Pitoreskes den Fußreisenden für seine Mühe nur einigermassen
entschädigen.
_St. Johann_ ist ein schöner Markt, die 200 meistentheils hölzernen
Häuser, haben Thürmchen am Dache, in dessen jedem eine Glocke (natürlich
von verschiedener Grösse und Erzbestandtheilen) sich befindet. Diese
Ohren-quälenden und disharmonischen Glocken, welche ein uralter
Hausbedarf im Salzburgischen sind, werden Morgens und Abends zu gewissen
Stunden geläutet, dann aber von jedem Hausbesitzer zur Eß- und
Gebethzeit etc. noch einige Male unter Tags einzeln angestimmt. Da die
Wohnungen weniger beisammen, sondern zerstreut im Gebirge herumstehen,
so ereignet es sich bisweilen, daß man einen ganzen Tag fortwandert, und
diese unwillkommenen Töne beständig anhören muß.
In drei Viertel Stunden erreicht man das, aus 50 größtentheils
gemauerten Häuschen bestehende Dörfchen Bischofshofen, welches sich auf
mässiger Steinhöhe von weiten als etwas Besonderes darbiethet; hier wird
das Thal gegen Werfen hinab breiter, aber nicht langweiliger.
Schießscheiben sind wieder zunehmend grössere Zierde der Häuser, die
Männer müssen entweder Jagdfreiheit geniessen, oder sich hier herum mehr
als anderswo erlauben; dieß bewiesen mir mehrere Burschen, welche stolz
mit ihrem Rohre dem Forste zueilten.
Die Stunde, welche ich von hier nach Werfen benöthigte, schien mir kaum
halb so lang. Von der hohen Strasse sieht man hinab auf die kristallene
Fläche der gekrümmten Salza. Hunderte von grünenden Inseln steigen aus
ihr, wie Felder eines Schachbrets hervor, auf denen die Laune und Anmuth
im Wettkampfe spielen; weiter dehnen sich an den Ufern frische Wiesen,
zwischen denen der knarrende Pflug schwarze Streife zur Saat fürs
kommende Jahr in die geachteten Aecker zieht; dort stehen Hütten am
Saume der Bergabhänge, wo die wollige Herde und haarigen Ziegen den
lästigen Winter vertrauern, reichliche Nahrung häufen dazu lustig die
alles betrillernden Melker. Nördlich erheben sich höher und höher die
eisigen Alpen des würzigen Landes, stolzer als irgendwo droht das hohe
Tänengebirge auf das gesegnete Thal; Nebelwolken sammeln sich auf ihren
ewigen Schneefeldern und bringen dem Tage die Nacht, dumpfer
Glockenschlag scheint dieß zu bestätigen. Ich biege um eine Ecke -- da
entbreitet sich das ansehnliche
Werfen
mit seinem Bergschlosse, welches der Erzbischof _Gebhard_ 1076 erbaute.
Markt und Festung, in Jahrhunderten ergraut, fesseln das Herz.
Wohlgefällig betrachtet man die Häuser, welche so manche biedere Familie
beherbergt zu haben verbürgen. Rastlos bemühte sich der Vater, seines
Fleisses errungene Habe seinen wackeren Söhnen zu überlassen. Andere
Schatten gaukeln dagegen um der Festung finsteres Haupt. Es sind die
Geister der daselbst Gemißhandelten, Verschmachteten! --
Der Felsenberg des Schlosses, meistens vom Salzaflusse umwunden, schien
ausgeschlossen zu seyn von den anderen Genossen, allein sollte er sich
behaupten, wenn nicht durch Grösse, (80 Klafter über dem Markte) doch
durch Merkwürdigkeiten seiner Existenz. Er entsprach diesem Ansinnen
durch Jahrhunderte. Die Zeit hat nun seine Schloßmauern gemürbet, seine
Kerker unbrauchbar gemacht; es naht die Zeit, wo sein Skelet zerfallen
würde, wie alle einstige Herrlichkeit -- in unbedeutendes Nichts; man
ist daher bedacht -- Dank der besseren Empfindung! das Schloß als
merkwürdiges Alterthum noch für einige Jahre zu erhalten. Alles soll und
kann nicht renovirt werden, es bleibt daher immer mangelhaft gegen sein
früheres Aussehen, besonders als Festung, die es bei itziger Taktik
ohnehin nur spottweise vorstellen könnte.
Zwei Invaliden und ein Schliesser empfingen mich freundlich beim
wohlverschlossenen Thorzwinger; letzterer both sich mir sogleich zum
Führer; sein ungeheuerer Bund Schlüsseln rasselte mit allen Schreck der
Vergangenheit durch meine Adern; die Menge eisener Thüren zu ebener Erde
und in den Geschossen möge ebenfalls einst keine Besucher der Neugierde
erlebt haben. Einige Zimmer des ersten Stockwerkes werden gegenwärtig zu
Magazinen verwendet; die erzbischöflichen Gemächer, denen sogar das
Fußgetäfel fehlt, sollen wieder schön und zum Bewohnen eingerichtet
werden, welche Ehre sie hauptsächlich der schönen Aussicht wegen
verdienen. Hat man die langen Gänge hin und her durchgewandert, die
Kapelle und düsteren Zimmer betrachtet, welche mehr durch die Phantasie,
als durch Ansehen interessiren, so steigt man endlich zu dem höheren der
zwei Thürme über breite Leitern, auf das Verdeck der runden
Schindel-Kuppel. Nur bei Windstille darf es der Besucher wagen, hierher
zu treten, wo man über die drei Stockwerke hinein sieht, in jeden Winkel
des Schlosses, und hinaus über die dunklen Waldbäume des Berges, in die
freundliche Umgebung.
Ich äusserte, daß dieser schöne Platz doch ein Geländer verdiene, um
minder Schwindellosen erfreulich zu seyn, und frug ob noch nie Unglück
hier zutraf? »Meines Wissens keines« antwortete der Mann, »vor zwei
Jahren aber fiel einem Herrn, der die Umgebung mit dem Fernrohr
betrachtete, sein Stock herab; flux springt sein Pudel nach in den
Abgrund, kein Bein möge ganz geblieben seyn!«
Unwillkührlich drang sich mir der Gedanke auf, daß im Mittelalter so
mancher Gemißhandelte, seiner Marterkammer los zu werden, den treuen
Pudel um seine schreckliche Befreiung beneidet haben würde.
Eine der vier Glocken wiegt 75 Zentner, und soll vor Zeiten zum
Allarmgeläute gebraucht worden seyn; o wäre sie doch lieber verstummt!
Die unterirdischen Gewölber wollte ich nicht besehen, weil die wegen
ihres schrecklichen Aussehens vorzüglich merkwürdigen, als für die
Menschheit unpassende Kerker, 1790 verschüttet, oder zugemauert wurden.
Auch hier ist gebräuchlich, daß jeder Fremde, bevor er das Schloß
verläßt, seinen Namen und Charakter in ein dazu bestimmtes Buch
eigenhändig einschreibt, und dadurch die Anzahl der Besucher, oder
allenfällig Bekannte, welche durch Länder geschieden werden, auf _einem_
Blatt Papier sich darstellen.
Ich schritt vom bewaldeten Schloßberge dem Passe
Lueg
zu. Auf der breiten Fahrstrasse sollen viele Unglückstafeln, welche mehr
das Unglück des Malers als des zu entwerfenden Ereignisses bezeigen, den
Wanderer warnen.
Bald verlor sich das herrliche Werfenthal aus meinem Gesichtskreise;
enger rückten die Felsenwände des Göllinger- und Tänengebirges zusammen,
himmelhoch, kahl und schroff; ich sah die _Clam_, welche mich jüngstens
so ergriff, erneuert, hörte das donnernde Getöse des zehnfach vermehrten
Gewässers, und maß den engen Raum des blauen Streifes, der von Oben
durch die finstere Kluft herabblickte. Auch hier an der wildesten Stelle
stand ehedem ein Blockhaus für einen Wachposten, welches aber die Salza
und abstürzenden Felsentrümmer nicht länger dulden wollten, und vor
einigen Jahren bis auf die kleinste Spur wegspühlten. Eine Marmortafel
im Felsen, verkündet, daß Erzbischof Hanns Jakob _Kuen_ 1560 diesen Paß
fahrbar machte. Wenn man sich so ziemlich der Schlucht herausgewunden
hat, ersteigt man eine kleine Anhöhe, und wendet sich zur Linken, neben
einem Felsenstück. Eine Säule mit hölzerner Hand, worauf die Worte
stehen: »Zu den Oefen der Salza,« ziehet den Reisenden von der
Fahrstrasse, und heisset ihn dem angewiesenen Gangpfade folgen. Geländer
und hie und da Treppen (welche Ernest Fürst von _Schwarzenberg_
hochherzig anlegen ließ,) leiten ihn Anfangs zur Höhe und dann wieder
abwärts in eine Felsenschlucht, die noch alles bisher Gesehene
überwiegt. Man hört Donnern und Brausen unter seinen Füssen, fühlt das
Beben der Felsen, und getraut sich nicht zu errathen, was Wirklichkeit
ist; links gähnt eine enge Felsenkluft, man übersetzt sie, und sprang --
über den mächtigen Salzafluß, welcher sich ober- und unterhalb
viertelstundenweit ausbreitet! Wer sich diesen gefahrlosen Schwung nicht
erlauben will, der kann etwas weiter rechts auf einem Brügelweg, mit
zwei Schritten die Salza übergehen, welche im tiefen Abgrunde sich
zwischen Felsen durchdrängt, und hie und da durch beständiges Andringen,
Höhlen (Oefen) im Kalkfelsen ausgegraben hat. In solche Abgründe haben
sich vor Zeiten fromme Gläubige mit Lebensgefahr auf Stricken
herabgelassen, um daselbst Kruzifixe oder Opfer für die Mutter Gottes
und andere Heilige aufzuhängen. Dieser sonderbare Gebrauch, den
Hochwasser, Holzschwemme oder lockere Steine feindselig verfolgten, hat
sich seit Jahren aufgelöst, und beschränkt sich nur mehr auf die armen
Holzknechte, welche, wenn sich die Bäume in der engen Kluft unten
häufen, mit Hacken hinablassen müssen, den Lauf des Schwemmholzes nach
Hallein zu lüften. Eben war man beschäftigt mit Abstockung des gegenüber
stehenden Föhrenwaldes; die Stämme wurden zum leichteren Fortgleiten der
Rinde entlöset, welche dann gesammelt und zum Gebrauch der Gärber in
Mühlen gepulvert wird. Wenn so einige Stämme hinab holperten gegen die
Steine mit fürchterlicher Gewalt, so brausten die Wände wie vom
Kanonendonner; die Knechte aber Eisen an den Füssen, kletterten umher,
mit einer Kaltblütigkeit, welche sie alle Gefahr verhöhnen hieß.
Einer von ihnen führte mich in Wald hinauf zu einer Felsengrotte, in der
man jeden Schlag der Bäume, und das schäumende Anprellen der tief
hinwogenden Salza, wie in der Höhle kämpfend, vernimmt. Er versicherte
mich auch, daß die Salza sich durch die einzige besehbare Kluft nicht
durchzwängen könne, sondern Seitenadern durch die Felsen entlang habe,
welche das Wasser weiter unten dem Hauptarme wieder zuführen. Ich mußte
ihm dieses glauben, weil er, und nicht ich, die unteren Labyrinthe
dieses _Chaos_ bereits gesehen.
Man verläßt ungern diesen ewig merkwürdigen Punkt; besonders, da bald
ein weites Thal, für Ackerbau und Viehzucht sehr ergibig, den Wanderer
umfängt, aber im Salzburgischen ist nichts langweilig!
Die Lammer, ein Gebirgsflüßchen, welches nach etwas Regen auch Flösse
trägt, und sein Gewässer unter _Lueg_ der Salza zuführt, ist sehr
fischreich. Ferne winkt der angenehme Markt
Gölling;
sein Schloß hat sich den schönsten Platz -- die Mitte gewählt, wie der
Familienvater unter seinen Enkeln. Der viele Marmor, welcher dazu
verwendet wurde, möge weniger von Prachtliebe der ersten unbekannten
Erbauer, als Nothwendigkeit zeigen, diese Gattung edlerer Bausteine vor
anderen, in der Umgebung seltener vorkommenden, zu benützen.
Die ohngefähr 90 Häuser zeigen von Wohlstand und Nettigkeit. Das muntere
Wesen der Einwohner, die Artigkeit, und das lobenswerthe Gefühl von
ihrem schönen Lande, mit dem sie Fremden mehrere seiner Herrlichkeiten
aufzählen, sind von Reisenden schon angerühmt worden. Ich beeilte mich,
den lang gepriesenen
Gulinger-Fall
zu besehen. Auf einem sehr langen Stege überschreitet man das breite
Beet der Salza. Duftende Wiesen, auf welchen einige Häuschen, von
Obstbäumen umrankt, geräuschlos ruhen, hölzerne Scheunen, und die einen
Felsen mit der Miene eines Schlosses beherrschende Kirche, präsentiren
sich mannigfaltig dem Fremden als Gemeinde Hofer.
Man verfolgt den Bach aufwärts, passirt zwei halb verfallene Mühlen, die
unter Bäumen sich gerne dem prüfenden Auge entziehen, und kommt endlich
in ein Gewirre von losen Steinen, Gebüsch und verwundeten Bäumen. Ein
schmaler Pfad führt zu dem heftiger sich anmeldenden Wassersturz. Ein
Obelisk, von dem Naturfreunde Ernest Fürst von _Schwarzenberg_
errichtet, lobt die edle Begierde zureisender Fremden, der Schöpfung
Meisterstücke zu erspähen. Mehr als jener Denkstein preisen diesen
großherzigen Chevalier die Pfade, welche er anlegen ließ, die _Cascaden_
in allen reitzenden Situationen zu studieren.
Man kommt zuerst in eine Felsenschlucht, in welche sich der _Gulinger-_
oder _Schwarzabach_ zum letzten Male über grosse Felsentrümmer, die der
Zahn der Zeit glatt geschliffen, und mit grünen Schlamme oder Moose ganz
überzogen hat, herabstürzt. Kühle Luft und Staubregen kräuselt dem
Bewunderer das Haar, welcher der Nässe nicht achtend, staunend verharrt.
Bäume und Felsen haben ein Bollwerk errichtet, welches weiter zu dringen
verbiethet. Man muß zurück, und eine steile bewaldete Höhe, mit
Geländern versehen, erklimmen, bald biegt sich der Pfad zur Rechten,
eine Brücke überspannt die gräßliche Felsschlucht, auf ihr erblickt man
die zweite höhere _Cascade_, einem breiten Schleier ähnlich, wie er
zwischen den Felsen in gerader Richtung und durchsichtig, donnernd
herabschießt. Geweidet an diesem herrlichen Naturschauspiel strebt man
nun abermal höher zu kommen. Einige Bänke und Tische biethen Erholung
unter Fichtenstämmen und prächtige Uebersichtspunkte, endlich gelangt
man zu der Wohnung Neptuns; es ist die dritte und höchste _Cascade_. Aus
einer Felsenhöhle, wie mit einem Thorbogen überwölbt, stürzt sich die
Fluth hinab über holperig Gestein, ohne sonderlich Brausen, nur mit
dumpfen Getön. Eisig streichet die Luft heraus, frostig wirbeln die
Wellen darin; man kann einige Klafter weit hinein klettern, über
vorragende Steine und seichtere Wasserplätzchen; doch sorge man, sich
vorher wohl abzukühlen, Mancher möchte sonst nicht ganz glücklich nur
mit einem Husten davon kommen! Zur Rechten hin, dehnt sich die Höhle,
immer niedriger wird der Raum, bis es unmöglich ist, weiter zu dringen.
An dem Kalkgestein sieht man das öftere Steigen und Fallen des Wassers,
die Felsen sind glatter gegen unten zu. Man hat viel gegen und für den
Ursprung dieses Gewässers behauptet, bis vor wenig Jahren erst einige
verdienstvolle Naturforscher die wahre Quelle des Falles ausmittelten.
Nach heftigen Winden und Sonnenhitze wird die Wassermasse stets
zunehmender, dagegen bei Schnee oder Regenwetter merklich kleiner, es
mußte also diese _Cascade_ von einem hohen See ihr Daseyn entlehnen, dem
die Winde einen schnelleren Abfluß oder die Sonne mehr geschmolzene
Schneemassen von Alpenhöhen brachten. Nach mehreren Versuchen ward man
auf eine Wasserhöhle links in der Felsenwand des Königssees, dem
Schlößchen St. _Bartholomä_ gegenüber, aufmerksam. Gestein und Lage
entsprach dem Vermuthen, einige Säcke Sägespäne, welche man dort
hineinließ, kamen als bewährte Dokumente der gelungenen
Wassererforschung, nach Stunden mit den _Gulinger-Cascaden_ zu Tage. Man
mußte sich mit dieser Gewißheit begnügen, und die frühere Idee von einem
grossen unterirdischen See im Göllengebirge aufgeben. Ob eine
Erdrevolution, oder der Drang des Wassers, seit Jahrtausenden sich diese
Kanäle gegraben, mag der entscheiden, welcher es wagt, vom einstigen
_Chaos_ bestimmte Nachrichten zu schildern.
Ich verließ diese herrlichen _Cataracten_, ungewiß, ob ich diesen, oder
den zuvor bewunderten Oefen der Salza den Preis der Merkwürdigkeit
zusprechen sollte?
Angenehme Wiesenpfade, neben denen sich einige Leinwandbleichen
befinden, leiten nun gegen Hallein hinab. Ausser dem Markte Kuchel
empfängt noch ein Wäldchen den Wanderer in seinem kühlenden Dunkel;
muntere Pferde und Hornvieh tumeln darin die gesunden Glieder, und
freuen den Oekonomen, obgleich sie der obersalzburgischen Race an Grösse
und Kraft nachstehen.
Hallein.
Nun verkündet sich des schwarzen Halleins Existenz; das Pfleghaus und
die Rotunde scheinen die 350 Häuser des Städtchens aus der Tiefe erheben
zu wollen, nach welcher Ehrenbezeugung aber die 5000 Einwohner nicht
stolz zu streben suchen; wenigstens zeigt der Schmutz ihrer Häuser und
Strassen (wovon nur wenige auszunehmen sind), keine sonderliche
Glanzsucht.
Einige Tausend Klafter Holzes drückten eben den ungeheueren Rechen
Halleins, hunderte derselben waren bereits auf dem weiten Anger zur
Abfuhr geschlichtet. Hände und Karren mühten sich, ihr nöthiges Daseyn
zu beweisen. In Dampf und Gluth lösen sich über den Dächern der
Pfannhäuser die abgestockten Wälder. Westlich überblickt diese schwarzen
Opfersäulen mit wohlgefälliger Miene der zerklüftete Dürenberg, gern
gegen diesen Tribut seinen Reichthum ausspendend.
Auch das alte Hallein wollte man hie und da einigermassen verjüngen; ein
unglückliches Unternehmen, wie wenn Jemand durch neuen Hut und Stiefel,
die übrige hundertjährige Kleidung modernisiren wollte. An dem Gasthause
zum Freischützen mag immerhin der gutgemalte Schild das Einladendste
seyn.
Uebrigens hat man Hallein in einem halben Tage genug, und begreift nur
nicht, wie die Einwohner so geduldig ihre Lebenszeit den holperigen
Strassen, und engen, übel riechenden Gäßchen widmen mögen.
Wer kein Schwelger ist, wozu die vielen Wirthshäuser Gelegenheit genug
biethen, wird sich mühen, nach erhaltener Erlaubniß den Dürenberg sobald
als möglich zu befahren.
Man steiget links neben der Rotunde den Bergpfad empor; weniger
beschwerlich als langwährend wäre die Höhe des Dörfchens
Dürenberg
zu gewinnen, entschädigten nicht die prächtigen Prospekte auf das
Salzathal und dessen Umgebungen, besonders aber die Strassen und Höfe
Halleins, in die man, ihre Geheimnisse erspähend, wie von einem Thurme
hinabblickt. Einzelne Baumgruppen ernähret hier und da ein Fleckchen
Erdreich auf dem mageren Kalk- und Marmorgrund des Dürenberges, desto
schöner wuchern dagegen _Subalpinen_ für den Botaniker. Dem Kothbache,
welcher durch die Kluft dem Wanderer in kleinen Fällen entgegen eilt,
aufwärts folgend, erreicht man endlich nach drei Viertel Stunden die
steilste Höhe, wo auf grünender Fläche das 1060′ über Hallein messende
Dörfchen Dürenberg mit seiner aus rothen Marmor gebauten Kirche sanft
ruhet. Die Bewohner der 32 Häuschen werden zum Salzbergbau verwendet,
sie sind gutmüthig und besonders gegen Fremde zuvorkommend.
In das Gasthaus brachte mir ein Bergknappe den gewöhnlichen weissen
Oberrock, eine Kappe, Rutschleder, Handschuhe und weichen viereckig
gehobelten Stab, eine halbe Berglachter lang, worauf die Stürfe und
Punkte eingebrannt waren.
Nachdem ich mich mit diesen Insignien eines Bergmannes weidlich
ausgestattet hatte, kletterten wir, weil im
Freudenberger-Hauptstollen[17] eben wesentliche Verbesserungen in der
Auszimmerung[18] Statt fanden, dem höher liegenden
Leonhartsberger-Stollen zu.
[17] Haben meistentheils gleichen Raum, nemlich 6′ Höhe, am Boden 4′
Breite, 2′ an der Mitte, und 1½′ am Himmel; die Zimmerung macht
natürlich den Stollen verschiedentlich kleiner.
[18] Ist von dreierlei Art, denn je lockerer die Lehm- oder Erdmasse
ist, desto stärker muß die Auszimmerung seyn. Die erste Gattung
derselben, wo nur wenig Senkung von festerer Gebirgsart oder
Einwirkung der Tagesluft (Wetter) zu besorgen ist, besteht aus neben
einander gereihten Thürstock-ähnlichen Schwartlingen von 3¼″ Dicke; wo
diese einfache Zimmerung nicht zureicht, wird die zweite Gattung --
fünfzollige Baumstämme, oder die einfache Zimmerung mit sie
unterstützenden Pfosten, am Firste und denen Seitenwänden als stärkste
Schützerin angewendet. Sind diese Pfosten nach Monaten oder Jahren
gebrochen, so werden sie durch neue ersetzt, nachdem vom vorstrebenden
Berge so viel abgegraben wurde, daß das Ebenmaß wieder hergestellt
worden ist.
Solche Reparaturen gehen periodisch vor sich, weil man sonst Gefahr
läuft, daß entweder das Werk ausgetränkt werde, oder die weichere
Erdmasse sich senke, und so der Stollen zusammenwachse.
Mit einem Grubenlichte in der Hand, dem ebenfalls leuchtenden Knappen
folgend, muß man dennoch sehr behuthsam seyn, wegen Ungeschicklichkeit
nicht ausgelacht zu werden; denn sich an den Ulmen (so heissen die
Seitenwände), und am Firste (Himmel oder Decke, kaum 5½′ hoch),
anstossen, oder die drei an der Sohle (Boden) neben einander liegenden
Gestänge (Pfosten), zum Gehen und Fahrkleise für die zweirädrigen
Truhen, (oder Hunde wie man diese Karren hier nennt), verfehlen, und
darneben hinab in das sich sammelnde süsse Wasser oder in die sumpfige
Lehmerde treten u. d. gl., werden als Hauptfehler angesehen und
bescherzt; eben so unpassend ist es, eine der Sulzströhne (Röhren) zu
berühren, worin die Salzsohle aus den Wehren in die Sulzstuben, und von
da aus die entlegenen Pfannhäuser geleitet wird, so wie die, welche das
in den Bergwerken sich sammelnde und entweder als überflüssig, oder für
die Sinkwerke nicht anwendbare süsse Wasser aus dem Stollen schaffen.
Ich hatte das Unglück, mich immer tief bücken zu müssen, und willigte
daher gerne in den Vorschlag, im Karren die Wanderung zu versuchen. Ein
Knappe leuchtend, schritt vor, ein Anderer schob nach, und so ging die
Fahrt durch den engen Stollen im Galoppe von Statten. Kommen Andere mit
ähnlichen Karren, worin der Schlamm oder Unberg herausbefördert und in
den Kothbach zum Fortschlemmen geworfen wird, entgegen gefahren, so sind
abwechselnd entweder in der Thonerde ausgegrabene und vertäfelte, oder
nachdem der Bergstoff ist[19], in Marmor gemeisselte Vertiefungen wie
Nischen, in die der Eine mit seiner Equipage sich bequemen muß, bis die
Anderen vorbei passirten. Einige hundert Klafter mag man so beinahe
horizontal hinein gedrungen seyn, als es nun aussteigen und dem
Huthmanne folgen heißt. Nunmehr werden die Schachte[20],
Schüttpütten[21], Probieröfen[22], Ankehrschürfe[23], Wehrkästen und
Sinkwerke erklärt und gewiesen, welche Priester und Laien der Bergkunde
höchst interessiren.
[19] Die wesentlichsten Stein- und Erdarten des Salzberges bestehen in
Marmor, gelb und graulich-weissen Kalkstein, Gips, grau und
lettenartigen -- bisweilen Schieferthon u. d. gl.
[20] Schachte sind kleinere ausgezimmerte Stollen im salzreichen
Berge, worin man von einem Sinkwerke zum anderen gelangt.
[21] Schüttpütten sind den vorigen an Grösse und Zimmerung gleich,
jedoch mit einer perpendikulären Richtung, befinden sich im tauben
Gebirge, und gehören nur zur Beseitigung des im Berge vorfindigen
Lettens, welcher im Stollen nicht füglich hinausgeschafft werden kann.
[22] Probieröfen sind eingetriebene schachtförmige Erweiterungen im
Berge, Salzlagen zu erforschen, aus deren salzreicheren in der Folge
Sinkwerke entstehen.
[23] Sind die künstlichen Vorrichtungen, womit die Probieröfen und
Sinkwerke mit Letten und Zimmerung verschlagen, die Salzsohle
gesichert und sodann abgelassen wird.
Die Anlassung der Sinkwerke, entweder durch Selbstwasser (welches sich
im Berge sammelt), oder durch äussere Bächelchen (Tagwässer) mittels
Tagschürfen, (schiefe Stollen, welche ausgedielt mit Bretern bewändet,
an der Sohle zu beiden Seiten Röhren, um Wasser zuzuführen, und Leitern
zum Auf- und Abklettern der Knappen besitzen), hat man weniger
Gelegenheit selbst zu sehen, sondern muß sich mit gründlicher Erklärung
begnügen; desto sicherer wird man von dem seltsamen Eindrucke
überwiesen, den solch ein aufgelassenes Sinkwerk bei gehöriger
Beleuchtung auf den Fremdling macht. Sollte eine 50° lange, 30° breite
und kaum 6′ hohe Höhle, welche mit den herabhängenden und am Boden
liegenden schon niedergestürzten Bergklumpen, wie der zahnreiche Rachen
eines wunderbaren Ungeheuers mit feurigem Hauche den Fremdling umfaßt
und zu zermalmen droht, der dumpfe Ton der ferne befliessenen Häuer,
welcher den Berg zu werfen scheint, die verhallenden Worte der Sprecher,
wie hohle Stimmen erstandener Geister, endlich die schlechte, jeden
Ungeweihten ängstigende Luft, nicht auf den Fremden ausserordentlich
wirken? Diese Sinkwerke sind die unmittelbaren Fundgruben der
Salzausbeute, wenn sie mit süssem Wasser angefüllt, nach 30 oder 40
Tagen (nachdem der Salzstoff reicher und leichter zum Auflösen ist),
eine 25½ Grad wiegende Sohle abgeben; 325 Eimer Sohle liefern dann bei
gutem Sude 100 Zentner Kochsalz. Daß diese Sinkwerke eine ungleiche
Quantität Sulz erzeugen, versteht sich von selbst; die kleinsten welche
14,000 bis 60,000 Eimer fassen, können jährlich zwei bis dreimal
angelassen werden; die größten von 208,000 bis 500,000 Eimer, höchstens
alle drei Jahre einmal.
Nach jedesmaligem Ablassen der Sohle erweitert sich das Sinkwerk, theils
durch das aufgelöste Salz, theils durch den sich mitauswaschenden Lehm
oder Unberg, der als Schlamm den Boden bedeckend, mit den Truhen
(Hunden) zu Tage befördert werden muß. Sind die Sinkwerke endlich zu
groß, daß entweder die Ausräumung (Säuberung) zu viel kostet, oder der
Salzstock hie und da zu erschöpft ist, so wird es aufgelassen (nimmer
betrieben), und anderswo Probieröfen und Sinkwerke angelegt.
Vom Sinkwerke wieder umzukehren, oder weiter die Wanderung in des
_Plutus_ labyrinthisches Reich fortzusetzen, überläßt man dem Gaste, der
gerne letzteres wählt. Nun heißt es Klettern oder Rutschen, wozu die
Rollen (ausgezimmerte 3′ breite Schächte, mit einer ungefähr 40 gradigen
Neigung) Gelegenheit biethen. Strebt man abwärts, so muß man sich
bequemen, darin auf zwei, schuhweit neben einander hinablaufenden
glatten Bäumen, rechts mit einem Stricke versehen, der mit Hand und Fuß
zu umfassen ist, nieder zu rutschen, aufwärts aber, die zwischen diesen
Bäumen fortlaufenden steilen Stufen, mühsam zu ersteigen. Beides scheint
den Fremdling beim ersten Anblick ängstigend und gefahrvoll, die Probe
erst zernichtet den Wahn. Mich ergetzte diese Flugfahrt wie jedes
Besondere, zündete das verloschene Grubenlicht immer geduldig wieder an,
besah noch mehrere Wehren, Sinkwerke, Probieröfen etc., und kam so mit
Vogels Schnelle in den untersten Wolf-Dietrich-Stollen, welcher gegen
den zuerst besuchten Leonhartsberger-Stollen, eine Senkung von 1000′
haben mag. Hier wird man aufmerksam gemacht auf die ungemeine Dauer der
Stollenauszimmerung im salzreichen Berge, die vor zehn Jahren
verfertigt, besser erhalten ist, als jene, welche im tauben Gebirge kaum
so viel Monate zählt. Am vortheilhaftesten rentirt sich der Stollenbau,
wenn er durch festes Gebirge, wie öfter im Dürenberge, auf weite
Strecken durch Marmor leitet; denn obgleich die erste Ausgabe des
Durchbruches ungemein mehr beträgt, so währt sie dagegen, ohne Zimmerung
und Reparaturen, für die Ewigkeit.
Ein Karren nahm mich sodann wieder auf, und rollte, durch die
Behendigkeit zweier Knappen beflügelt, dem Mundloche (Eingangsstollen)
zu. Das Tageslicht blitzte entgegen, grösser und weiter wurde die Lücke,
reinere Luft wirbelte die Locken der Eilenden, ich tauschte den Tag um
die Nacht!
Meine wohlbenützte Maske abgelegt, betrachtete ich noch einmal mit
Ehrfurcht den Salzberg, der so viel Grosses, Wohlthätiges in seinem
Innern verschließt, und in dem die sinnenden Männer so manche
Preisdenkmähler ihrer Wissenschaft und Geschicklichkeit sich bauten, und
wanderte befriedigt hinab.
Ein Wettreiten
seltener Art hielt mich ab, vom schnelleren Besuche Berchtesgadens. Ich
hatte zwar mehreren in Ungarn und Oesterreich schon beigewohnt, wo mit
entsprechenden leichtfüssigen Rennern dieses Spiel ausgeführt wurde;
hier aber war vorzüglich eine Schwere der riesigen Gaule von wenigstens
neun Zentnern erforderlich, um zum Wettkampfe zugelassen zu werden; auf
das Alter der Pferde und deren Lenker nahm man weniger Rücksicht. Die
Rennbahn war unter Hallein eine Fläche gegen Salzburg; weder Schranken
noch Wache gab dem Spiele grösseres Ansehen, man bedurfte ihrer nicht,
weil kein Andrang der Volksmenge Beirrungen entspann.
Drei seidene Tüchel, mit ungleicher Anzahl Thalern beschwert, waren der
Preis für eben so viele Bestrenner. Diese Elephantengaule, keineswegs
zum Schnelllaufen, vortrefflich aber zum schweren oder Schiffzuge
dienlich, standen ohne Sattel und Zaum, nur mit strickenen Halftern
versehen, in Reihe aufgestellt. Muthig massen auf diesen Kolossen die
winzig scheinenden Reiter ihrer Gefährten sprechendes Antlitz.
Der Knall einer Halderpeitsche gab das Signal zum Aufbruch; mit langen
Gerten ergeisselten die rocklosen Lenker die Schnelle der schwerfüssigen
Thiere; einige sich immer umdrehend, gingen gar nicht vom Fleck, andere
sprangen und bäumten sich, und warfen entweder des Reiters Hut oder ihn
selbst mit zu Boden; schallendes Gelächter der Menge frohlockte dann
über des Unbehülflichen Mißgeschick. Nur Wenige sprengten im schweren
Galoppe von dannen, daß der Boden erbebte, und die Staubwolken wie durch
Besen gewirbelt, sich hoben. Reiter und Pferde verschwanden, bis
Stillstand beim Ziele sie wieder erschuf.
Von den ersteren Dreien waren Zwei zugleich angekommen, diese mußten
noch einmal rennen; nun hatten sich aber die Gaule auf der kaum
viertelmeiligen Bahn bereits müde gelaufen, sie wollten also von neuer
Schnelle durchaus nichts wissen. Schritt für Schritt, mit etwas Trapp,
den ungewöhnliche Ruthenstreiche erzwangen, wurde nun zum wiederholten
Male das -- Wettrennen ausgeführt! Kaum war der eine Reiter beim Ziele
angekommen, als der Andere hinter ihm abstieg, und sein Pferd bei der
Halfterschnur nachzog, um schneller den dritten Preis zu erhalten. Daß
dieses zweite Rennen, dessen Schneckeneile mancher Zuseher vorging,
Vielen etwas Neues, Allen aber gewiß Stoff zum lautesten Lachen wurde,
unterliegt keinem Zweifel.
Einige Tage früher soll noch ein interessanterer
Wettlauf
von ledigen Dirnen aus der Umgebung Statt gefunden haben; den Preis
machten unverarbeitete Kleidungsstoffe.
Eben so wurde für kommende Woche ein Wettgehen junger Burschen, welche
bis an den Hals im Sacke eingemacht werden, bekannt gegeben. Diese
Wanderung wird nur mittelst kleiner Sprünge bezweckt, welche öfteres
Umfallen nach sich ziehen, wovon sich dann der Sackläufer nicht sobald
ohne Mitwirkung der Hände erholen kann, sondern sich am Boden
herumwälzend die lächerlichsten Situationen liefert.
Diese und noch andere Wettkämpfe, wozu die Streitfahrten der Fischer auf
Seen von Oberösterreich, Salzburg und Berchtesgaden gehören, werden
alljährig mitunter in anderen Bezirken begangen, und bleiben von der
neugierigen Nachbarschaft ja nie unbesucht. Der anwesende Fremde gewinnt
dabei ein doppeltes Interesse, am Feste sowohl, als auch an Kenntniß der
Umbewohner, deren Wuchs, Wohlstand und Kleiderschnitt sich vorzüglich
darstellen.
Von Hallein führt ein steiler Bergpfad nächst dem Kalvarienberge durch
eine Schlucht nach dem Gränzposten
Schöpfruh,
der vor Zeiten als Mauth, so oft Gelegenheit zu Zwist und Rachsucht den
Berchtesgadnern und Salzburgern unter einander gab.
In einem Häuschen, unter dessen Zwinger-ähnlichem Thorbogen die Strasse
fortführt, befindet sich das österr. Zoll- und Aufsichtspersonale, und
etwas tiefer unten zu
Zill,
jenes der königl. bair. Regierung. Waaren und rohe Stoffe müssen hier
verzollt werden, Reisende aber, die von Salzburg nur einen Abstecher
nach Berchtesgaden des herrlichen Königssees wegen machen wollen, können
es immerhin wagen, ohne Besorgnisse um königl. bair. Paß.
Die krumme Fahrstrasse führt nun Anfangs neben duftenden Wiesen, von
lebendigen Zäunen begränzt, welche man öfter anzutreffen wünscht, statt
den holzfressenden Breteinfriedungen, welche undauerhaft überdieß noch
in waldarmen Ländern häufiger bestehen.
Der herrliche Waldweg, welcher nun bisweilen neben der entgegen
brausenden Ache, die nur durch ihr Geräusche dem Wanderer sich verräth,
fortleitet, wurde durch die väterliche Sorgfalt des verstorbenen Königs
_Maximilian Joseph_ zum Wohle seiner dankbaren Unterthanen hergestellt.
Lustig pilgert der Fremdling in das Ländchen, dessen Pforte schon so
schöne Spuren von Kultur und Anmuth trägt. Bald grüssen ihn freiere
Bilder der sinnreichen Natur in
Berchtesgaden’s
Hügelthale, das besäet mit Hütten und Häusern, durchflochten von
Wäldchen und Wiesen, beschimmert durch der abstürzenden Bäche murmelnden
Streif, und umwunden von den Stachelgürteln der Alpen mit ihren
beschneiten Spitzen, ein zauberisches Blendwerk magischer Kunst schiene:
wären nicht Gegenbeweis, rüstige Arme, die allenthalben ihr thätiges
Daseyn verkünden. So eilen über der Fluren gemähtes Grün die munteren
Dirnen zur Heimath, nicht fühlend die wiegende Last der duftenden
Kräuter, nur des Lobes gewärtig der emsigen Herrin. Dort über die
steinige Höhe schleppen wohlgenährte Rinder die astlosen Lindenstämme zu
mancherlei Arbeit bestimmt, in die entlegene Scheune; die Brust kracht
im krummen Joche, ihre Gewalt erstickt, Meister und Gesellen müssen sich
mühen, mit schwächerer Kraft die gedämpfte Stärke zu unterstützen, die
Axen knarren empört, doch menschlicher Wille vollbringt.
Von des schwarzen Domes zugespitzten Marmorthurme schallet vielglockiger
Ton echovermehret herüber, er scheinet ein Fest zu verkünden, ob Trauer,
ob Lust zur Sprache ihn rief? -- es sammeln sich Bewohner des Marktes!
Friedlich umschliessen desselben 142 zerstreute Wohnhäuser, die nach den
Vermögensumständen der 1000 Einwohner, theils von Holz, theils von Stein
aufgeführt sind, ihre drei längst erbauten Kirchen; was den ärmlichen
Wohnungen und krummen holperigen Gässen an Anmuth fehlt, das ist den
meisten Gesichtern der freundlichen Bewohner aufgeprägt, die gerne den
Fremden unterweisen, in die Werkstätten der Künstler und Professionisten
ihn führen, und den Dank seiner Willkühr überlassen.
Ferne über des Marktes Bereiche wirbeln sich schwarze Dünste in Wolken
zusammen; höher breitet sich unter ihnen die Finsterniß, von jenem
Winkel scheint die Nacht ihre Bothen zu senden; ein Windstoß -- und
zerrissen ist der täuschende Schleier; das schöne Pfannhaus zu Fronreit
zeigt sich dem Fremden mit all dem Glanz und Grossen, wie sich der Stolz
dem geringeren Anblicke nur zeitweis zur Bewunderung überläßt.
Ich wanderte durchs Unthal, die Gasse des Vormarktes; Lärmen und Jubel
beim Wirthe _Springler_ um die zehnte Vormittagsstunde, schien etwas
mehr als gewöhnliches Sonntagsfest zu verkünden, auf meine Frage bekam
ich mehrstimmiges Hozet
(Hochzeit)
zur Antwort. Unglaublich! kaum zwei Stunden vom Salzburgischen entfernt,
und einen Rasttag! ohne früher den preiswürdigen Königssee zu bewundern?
Dieß hätte ich nimmer gedacht; aber auch eben so wenig, Zeuge einer
Hochzeitfeier zu seyn, wo mitten im Gebirgslande die kräftigsten
Burschen und hübschesten Dirnen bei Tanz und Jubel sich ergetzen; dieser
Seltenheit kann man wohl einen halben Tag widmen.
Bei meinem Eintritt überzeugte ich mich alsobald, daß des Bachus siegend
Panier auch in die entfernteste Gebirgsschlucht gedrungen; denn schon
hatte die Freude oder der Wirth manchen der männlichen Gäste zu
freigebig mit Wein überladen; die Macht des Geistes, oder die Schwäche
der Füsse warf dann den zu stark Durstigen röchelnd in einen Winkel des
Zimmers, während die Anderen diesem bald zu folgen, mit vollen Gläsern
ein Spottlied über den Gesunkenen anstimmten. Nun kommt der Bräutigam am
Arme seiner Auserwählten. Ein ausgelassenes Zurufen tönte aus allen
Kehlen dem Brautpaare entgegen, wofür sich beide durch zwei geleerte
volle Gläser bedankten. Alle die nicht zur Hochzeit geladen waren,
mußten nun den Saal räumen, jedoch gönnte man mir als Fremden freundlich
mein einsames Plätzchen, was mich einigermassen die Trunkenheit dieser
Leute wieder vergessen machte.
Nach dem Mahle, wo wirklich Ueberfluß herrschte, und ich so ziemlich die
ungezwungenen Naturmenschen zu erkennen Gelegenheit hatte, gab Jeder
seiner Dirne, welche während des Essens schon hinlänglich abgeküßt
wurde, seinen Arm, und man tanzte, daß der Boden durchzusinken schien;
mir wurde des Klatschens und Singens wegen für mein Gehör bange, und
schwerlich hätte man einen Büchsenschuß wahrgenommen; ich fand aber an
der Behendigkeit einiger nicht mißgestalteter Dirnen, sich um den Finger
ihres Tänzers etliche zehnmal zu drehen, Behagen, und duldete dieses
Allarmgeschrei ein paar Stunden; nun wurden mir aber diese Zeremonien
lästig, und ich eilte von dannen.
Was den unmässigen, ja ausserordentlichen Hang zur Schwelgerei im Essen
und Trinken bei ähnlichen Feierlichkeiten anbelangt, muß ich freilich
nur die Vergebung des nüchternen Beurtheilers ansprechen, und zwar um so
mehr, als diese ohnedieß sehr dürftigen Bewohner nicht selten einige
ihrer Möbeln oder Werkzeuge veräussern, um einen Tag (wie sie sagen,)
recht aufhauen zu können. Doch auch hier wage ich, zwar nicht um sie
ganz zu entschuldigen, anzuführen: daß gerade darin der Grund ihrer
sonstigen Nüchternheit und steten Fleisses beruht.
Als minder gebildete Menschen kennen sie die Wohlthat der Enthaltsamkeit
nicht; würden sie aber täglich, wie anderwärts wohlhabendere Männer, nur
etwas schwelgen, so wäre ihr Verdienst und Arbeitslust verschwunden, und
Berchtesgaden hätte eben so viele Bettler, als es Bewohner zählt; so
aber fand ich nicht Einen! Man zecht einmal, denkt jahrelang an das Gute
und Nachtheilige dieses seltenen Tages, arbeitet, um das Verschwendete
hereinzubringen, und sich vor ähnlichen Ausschweifungen möglichst zu
hüthen. Wer wenig hat, und sich auf Weniges beschränkt, spart meines
Erachtens mehr, als der viel hat, und sich im Mehreren beschränkt.
Nachmittags benutzte ich die erhaltene Erlaubniß, sowohl den
Salzberg zu Bischofswiesen,
als auch das zu selben gehörige Pfannhaus in Fronreit zu besehen.
Wenn man einen Salzberg bereits befahren, und _ein_ Pfannhaus gesehen,
so wird man, ohne Halurge zu seyn, im Allgemeinen wenig Unterschied
finden; es müßte denn nur, wie hier der ungemein reichere Salzstock,
welcher sogar in grossen Stücken mit Pulver entsprengt wird, und das
neue schön gebaut und eingerichtete Pfannhaus, dessen Aussenseite gegen
jene zu Hallein schon so empfehlend sich darstellt, etwas mehr Interesse
erregen.
Der Abend kleidete sich trübe und wolkicht, schwühl hauchte die Luft,
welche zeitweis ein Windstoß, aus den nahen Eisgebirgen entsprossen,
etwas kühlte; es war auf angenehmes Weiterwandern nicht zu denken; ich
begnügte mich demnach, auf etwas längerem Wege um den romantischen
Markt, obigem Gasthause wieder zuzuschreiten. Da führt mich der Zufall
zum
Friedhofe Berchtesgaden’s.
Ich gestehe, weder unter die empfindsame Klasse der Melancholiker, noch
unter jene der gewöhnlichen Besucher von Kirchhöfen zu gehören, welche
allsogleich bei jeder Grabstätte zu Betrachtungen hingerissen werden;
doch über diesem Ruheorte scheint ein besonderer Genius zu schweben.
Schönere, kostbarere Monumente mag man wohl auf tausend Gottesäckern
finden, schwerlich aber einfach zierlichere, und ein schöneres
Plätzchen! Wie im Blumengarten ruhen die Sorge-befreiten Hüllen, gleich
im Leben und Tode mit einander verwandt; keine Gruftmauer, kein
Alabaster mit Golde sich paarend, will da Ausnahmen machen, bewundernde
Blicke des Fremdlings sich zuziehen; man sieht hier, wie nach dem Tode
die Körper sich gleichen, wie Haß und Stolz zerstäuben, und die Luft der
Ewigkeit sie verzehrt. Kreuze schmücken die Hügel, zwar nur von Holz,
aber zierlich gearbeitet und bemalt sind sie alle; man sieht hier nicht,
wie Verwandte, aus Freude wegen der übergrossen Erbschaft, dem
Verblichenen ein prächtiges Denkmal setzen, und so wie der Nachlaß bei
den schwelgerisch Traurenden sich schmälert, auch das Andenken an den
großmüthigen Sparer und sein Monument schwindet; bis endlich der Spender
ganz vergessen, dem beschädigten, überflüssig gewordenen Denksteine aber
vom Grabwärter ein Plätzchen zur Ausfüllung einer Lücke in der
Kirchhofmauer angewiesen wird. Hier sucht Jeder, Andenken und
Dankbarkeit an seinem lieben Verblichenen so neu als möglich zu
erhalten, bis einst das Plätzchen einen Anderen aufnehmend, die Reste
des Vorigen zurückgibt, oder ihr Achter selbst entschwunden, und die
gleiche Liebe von seinen Nachkommen erwartet.
Hie und da hat natürliches Talent seinen gesicherten Theuren eine
Grabschrift gespendet; kein Schwulst verübter Großthaten,
ausgezeichneter Geisteskraft -- hier unbekannt! ruhmkrönen des
Verblichenen Leben. Einfach, dem Wirken gleich, lautet ihr Lob. Hier
folgen zwei der Epitaphien, welche ich wegen ihrer Nationalität der
Notirung werth fand, zur Beurtheilung:
Ruhe lieber Vater, ruhe sanft,
Du hast im Leben dich viel
geplagt;
Dafür danken bei dir knieend,
deine dir
schuldenden Kinder.
──────────────
Ein treues Weib, so wie sie war,
Gibt mir die Welt nun nimmerdar,
Ich wart, bis mir der liebe Gott
Sie wieder bringt nach meinem Tod.
──────────────
Er schläft;
höherer Beruf rief ihn zu sich von der
launigen Welt,
er findet dort die Blume der Ewigkeit,
die hier nur Minuten uns blüht,
und für die
er sein junges Leben gebüßt.
──────────────
Diese letzte Aufschrift hatte mich besonders ergriffen, sie war höher
gegeben, und ließ auf ungewöhnliches Ende des Ruhenden folgern. Ich
fragte den Schliesser, welcher eben aus der Kirche trat, und erhielt mit
der Antwort Befriedigung: Diese Grabstätte verwahre einen jungen
Pharmaceuten aus Salzburg, der des Botanisirens wegen schon mehrere
Alpen bestiegen, und ohnlängst sich am Königsberge erfallen habe; dessen
Freunde hätten sonach diese Zeilen seiner Erinnerung geweiht.
Blumen und gute Nachrede! was kann man Schöneres über dem Grabhügel des
braven Mannes säen?
In Reflexionen über das gewürfelte Loos, dem der Mensch von der Wiege an
schon zueilt, umstieg ich noch mehrere Grabhügel; es wurde finsterer,
tief neigten sich im Friedhofe die Aeste der Trauerweiden, indeß die
frische Birke und kräftige Linde mehr Männlichkeit vor dem hochtrabenden
Winde behaupteten. »Wieder ein Bild des menschlichen Lebens,« dachte
ich; und es sprach der Luft klagender Ton so sonderbar durch die
Gewölber der Kirche herauf, und durch die Risse der Mauer und dichte
Verzweigung der Bäume pfiff sein wildes Gespotte herüber.
Schwärzer kleideten sich die Gürtel der Alpen, nebelschwangere Wolken
umtanzten deren rothgeschmückte Schneegipfel, und entzogen der Gestirne
wohlthuenden Schimmer -- das Willkommene der Nacht. So schließt sich die
Sanduhr, so Titan’s willkommenes Reich wohl Manchen noch heute, der
Schimmer des Lebens sinkt unter der Krankheit erschöpfenden Qual; itzt
schlug neun Uhr der nahen Glocke dumpfer Ton, unwillkührlich zitterte
durch mein Inneres der Gedanke -- »bis auch dich die Stunde ruft zum
Abzuge. Möge sie immerhin nur von Wolken des Firmaments beschattet
werden, welche der kommende Morgen wieder zerstreut!«
Zunehmender Regen jagte mich schneller als gewöhnlich ins Wirthshaus;
die noch immer lustige Gesellschaft darin, schien dessen nicht zu
achten; ich ließ sie toben, und wünschte lieber einen schönen kommenden
Tag, verzehrte den wohlschmeckenden Imbiß, und pflog im entlegenen
Stübchen der Ruhe.
Kein grösseres Mißgeschick foltert den Reisenden, das mag die Erfahrung
versichern, als in einer schönen Gegend, im Kreise noch zu
durchwandelnder Paradiese, durch Ungewitter an das Wirthshaus gefesselt
zu werden, wie hier durch zwei Tage! Ich ging mitunter in die
Werkstätten der Tischler, Drechsler etc., kaufte einige Kleinigkeiten,
konnte aber die lange Weile nicht verscheuchen. Endlich am Morgen des
dritten Tages schien das Gewitter versöhnt, doch nur oben versiegte die
Fluth; der Gebirge Klüfte öffneten ihre Schleussen, und es stürzten
allenthalben Bäche und Ströme hervor; die Fluren waren überschwemmt, die
Ache schwoll zum riesigen Fluß, und ihre Wellen schlugen an die zagenden
Füsse des Wanderers; von jedem Baume fielen schwere Tropfen, wie aus
Becken herab, die Luftbewohner drängten sich ängstlich in ihr Nest, und
der hungernde Adler krächzte vergebens in der neblichten Höhe, durch
Raub seine Gierde zu stillen.
Wie lieblich möge der romantische Pfad durch Schönau und Hofreit an
schönen Sommertagen zurückzulegen seyn! wie beglückt die gutmüthigen
Bewohner in ihren an Felsen und Waldbergen gelehnten Hüttchen scheinen!
So aber zittert man für die zu viel Wagenden, wenn der Winter seine
Schrecken vermehrt, Lavinen oder Gießbäche herabsendet von den
Himmelszinnen, und vertilgt, ehe man noch Vernichtung geahndet. Den Bach
aufwärts verfolgend, kommt man bald zum steinernen Holzrechen, und somit
auch zum Hafen des
St. Bartholomäus oder Königssees.
Viele niedliche Kähne ruhten unter hölzernen, auf Pfählen in See
hineingebauten Scheunen; freundliche Fischerhütten lagerten sich in
frischgrüner Fläche, und ausgespannte Netze zeigten von der Thätigkeit
der hiesigen Bewohner; einige grasende Kühe und muntere Geissen, welche
die bewaldeten Wiesenstreife hinauf wanderten, dann der wellenlose
Spiegel des finsteren Sees, worin sich die bunten Konturen der
Gebirgsmassen malten, vollendeten das seltsame Landschaftsbild der
einzigen Schweiz.
Durch die Gewalt von drei Rudern flog der kleine Kahn aus der Bucht;
zuerst steuerten wir der nahgelegenen Insel _St. Johannes_, der
Berchtesgadner Bürgerschaft gehörig, vorbei, welche mit allem Schmucke
des Schönen nur zu klein ist, um einen zauberischen Wohnort zu biethen.
Tiefer und grüner wird der See, sobald man dem gebüschreichen Inselchen
entschwunden. Jetzt erst sieht man des riesigen Watzmanns drohendes
Antlitz enthüllt, nun lassen sich des Königsberges-Felsenwände prüfen,
und man glaubt in die Geheimnisse des Mittelpunktes der Erde zu dringen.
Aufgethürmte Felsen bis über den Gesichtskreis, umgürten in
perpentikulärer Linie den tief eindringenden See; kein handbreites Ufer
gönnt dem Fusse ein Plätzchen, weder vermag eine Insel vor Stürmen und
Gefahren zu retten. Dennoch, so glatt die Wände sich zeigen, besitzen
sie hoch oben einen kleinen Gangsteig, auf welchem das Horn- und
Klauenvieh im Frühjahre auf die Alpenweide, und im Herbste von da zurück
nach Berchtesgaden getrieben wird; Gewohnheit mag diesen
halsbrecherischen Weg mildern, und ihn der Wasserüberfahrt vorziehen, um
so mehr, als man vom mühsam zu überfahrenden See aus, mit den Herden
nicht viel besser bepfadete Bergwände zu ersteigen hat.
Die beiden Schiffer ersuchten mich, nun nicht zu rudern, und ein paar
Schüsse zu versuchen. Ich habe an verschiedenen Oertern und vielmal das
Echo schon erprobt, konnte mich dessen grösserer oder minderer Wirkung
überzeugen, aber ich versichere: daß Jeder, der diesen See ohne ein paar
Probeschüsse überfährt, den seltensten und interessantesten Genuß
versäumt. Es ist hier kein gewöhnlicher, öfter sich wiederholender
Nachhall, sondern ein Rollen des Donners, Knarren, ja ein harmonisches
Kanonen- und Musketen-Konzert, die Felsenwände drohen sich zu lösen, und
der See aus den Ufern zu steigen!
Bald dehnt, bald engt sich die Breite des zwei Stunden langen Sees;
dahin gleitet der leichtfertige Kahn über täuschende Ruinen der Welt,
welche aus dem See heraufsteigen, eigentlich aber nur der Abdruck der
sich darin spiegelnden Alpenwände sind. Oben, unten, ringsherum Felsen
und Klüfte! zwischen diesen und dem geengten Streife der herabblickenden
Himmelsdecke und der hundert klaftrigen Seetiefe, schwebet der
gebrechliche Mensch sorglos dahin, auf einige Breter sein Leben und
Vergnügen bauend! Nicht weiß Jeder, daß einstens 40 Personen vergebens
diesen Bürgen getraut, und bei den Wänden des Falkensteins ihr nasses
Grab gefunden, als sie durch fromme Wallfahrt Glück und langes Leben zu
erbitten hofften. Immerhin! dunkel sind die Pfade durchs Leben, welche
nur der Bildner zu ergründen und lenken vermag; Ihm unterliegen Ströme
und Blitze, und die Menge der Wellen!
Nun glaubt man, die Felsenwände stürzen über einander zusammen, -- es
rauschet, welch herrlicher Anblick! Zur Linken fliegt der mächtige
Königsbach eine Höhe von dritthalbtausend Schuh über schroffe Felsen in
die Spiegelfläche herab; weit hinaus macht sich der Tiefgefallene die
Bahn, tumelt die Wellen im See und rastet nicht, bis ihn der Mächtigere
verschlinget! Hier wird bisweilen Holz getriftet, diesen Genuß kann
jedoch nur der Zufall dem Fremden spenden.
Gegenwärtig wurde oben Stammholz aufgeschlichtet, welches beim
Vorüberfahren Wailand Sr. Majestät des seligen Königs _Max Joseph_ zur
Gemsenjagd nach St. Bartholomä, hinabgelassen werden sollte, das
Imposante solch einer seltenen Holzschwemme dem hohen Gaste
darzustellen. Ueberdieß häufte man rings umher auf den Alpen und
Felsspitzen, Scheiter, dürres Laub und Nadeläste, zu mächtigen
Freudenfeuern während der Anwesenheit der höchsten Herrschaften im
Schlößchen der vorbenannten Halbinsel.
Unvergeßlich möge der Anblick dieser pitoresken Nachtillumination
wirken: wo die zahlreichen Brandfunken, sich im hundertfältigen
Wiederschein auf der Seefläche und den Felswänden reflecktiren, Echo der
heiteren Jagdmusik, mehrend den Jubel des Alpenlandes, von der hohen
Gäste Wohnung auf St. Bartholomä herüber tönt, und das Lob verkündet von
Diana’s Verehrern in dieser Göttin stattlich Revier.
Noch mehrere Wasserfälle an beiden Seiten fesseln die Aufmerksamkeit,
doch hat man den schönsten zuerst gesehen, und würdiget selbe nur
minder.
Auch für ein Gärtchen hat sich hier der erfinderische Geist ein
Plätzchen gefunden. Links auf einem kleinen Ufersaume zwischen grotesken
Felsentrümmern, bewillkommt diese niedliche mit einem Lusthäuschen
versehene Anlage den Zufahrenden, um allenfalls auch vor Ungewitter zu
schützen. Weder groß noch reich ausgestattet, wäre hier eine zeitweilige
Wohnung doch der herrlichste Lohn kühnster Wünsche. Ein unermeßliches
Bauwerk von Felsenmassen auf Felsen, wie sie nur die schwärmerische
Phantasie bilden kann, stehet realisirt im gedrängten Kreise;
_Cascaden_, denen man auf Bretelwegen nahen kann, brausen gegenüber und
stürzen zur Seite im Gärtchen herab; sie geben das Bild der Jugend,
welche nichts achtet, von nichts sich aufhalten läßt, und mit Gewalt die
klippenvolle Bahn durchbricht, schneller das Ziel zu erreichen. Zürnt
der Himmel, so sieht man ihn hier in seiner furchtbarsten Macht und
Wirkung, und kann eigenen Muth und Standhaftigkeit erproben; ist das
Firmament rein, rein wie die durchsichtigen Gletscher des Watzmann, o so
ist man auch alles Trüben entledigt, fühlt die Seligkeit des reinen
Naturgenusses, durchschneidet die Wellen, weidet sich an der wundervoll
geschaffenen Welt, und lebet den Musen und stillem Glücke, welches wenig
bedarf, und das Wenige sich redlich zu verschaffen weiß! Heil dem
glücklichen _Wallner_, der im zauberischen Berchtesgaden noch diesem
Plätzchen gehuldigt!
In der Entfernung blickt rechts unter Ruinen-ähnlichen Felsen, das St.
Bartholomä-Schlößchen zwischen Bäumen hervor, dem Geräusche der Welt und
der Begierde zu glänzen ewig sich lossagend; und doch beherrscht es
diese Tiefe mit einer Anmuth und Hoheit, welche der Ruhe und Einsamkeit
suchende Stifter schwerlich bezwecken wollte. Freilich darf die
Bescheidenheit anführen, daß, wenn dieses Gebäude in Salzburg stände, es
kaum bemerkt würde, doch in einer Wüste wird auch die Hütte ein Pallast!
Eh wir noch diesem lockenden Asyle zufuhren, zeigten mir meine
gesprächigen Berchtesgadner-Matrosen links den neu entdeckten
Abflußkanal zum jüngst gesehenen Gulinger-Wasserfall. Ich beschloß,
diese Kluft genauer zu würdigen, und fuhr nahe an die kalksteinige
Felsenwand, in der eine Grotte sich zeigt, worin Lärmen, Schäumen und
Wasserwirbel ihr tobendes Spiel treiben. Wenn man den Nachen seiner
Willkühr überläßt, so fühlt man das Nahen desselben zur Höhle. Ein Stück
weggeworfenes Holz, welches durch Zufall im Schiffe lag, wurde
augenblicklich von der Strömung hinabgezogen.
An der paradisischen, mit Wiesen und Ahornbäumen üppigst geschmückten
Halbinsel, erwarteten uns schon freundlich einige Fischer und ihre
Weiber; mein Schiessen möge sie herbeigerufen haben; das zweimal
überthürmte Wallfahrtskirchlein, die Schloßzimmer in einem langen Gange
beiderseits auslaufend, von denen mehrere bereits zum Empfange für die
höchsten Jagdgäste eingerichtet waren, der kleine Garten und sonstige
Seltenheiten wurden besehen, welche, obgleich unbedeutend, doch bei dem
Glücke hier zu wohnen, für einen Sultan allzu hinreichend wären. Der
Fischer selbst, gezwungen durch seinen Erwerb an diesen Ort, versicherte
zu meiner innigsten Freude, daß er sich nirgends anderswo zu leben
wünsche; ein seltenes Beispiel mit dem ganz zufrieden zu seyn, was das
Schicksal beschert; doch würde ich selbst als Gefangener mich hier noch
nicht unglücklich klagen!
Gleichsam zum Dank für dieses Gefühl, klärte sich itzt gänzlich der
Himmel, die Sonnenstrahlen glühten an den frostigen Alpenspitzen, der
Vorhang melancholischer Trauer fiel, und lächelnd enthüllte sich der
Güte willkommenes Bild. Die Schneemassen, einsaugend das sie erweichende
Feuer, wechselten hie und da mit anmuthigen Grün, und sandten
wohlriechende Zephire von den unbesuchten Höhen.
Leider durfte ich aber die schädlichen Spuren der vergangenen Tage nicht
vermissen, denn die merkwürdigste Naturschönheit vielleicht in der
ganzen Welt -- die Eiskapelle, konnte nicht betreten werden. Wo man
sonst über einzelne vorragende Steine im kaum rieselnden Bache mit
Fackeln hinschreiten konnte, unter der über dem Haupte schwebenden
Eisdecke, welche sich einst aus einer, vermuthlich dem Watzmann
ablösenden ungeheueren Lavine bildete, und bei dem ewigen Nachstürzen
von Schnee, in dieser sonnlosen Kluft nie oben, nur unten durch das
niederziehende Flüßchen sich auflöset: zogen nun die aufgeschwollenen
stromgleichen Fluthen, Felsenstücke mitführend, herbei, den Raum
ausfüllend der Eiswölbung, und verbothen dem Forscher sogar die
Näherung.
Von diesen Gefahren der menschlichen Neugierde schienen die
leichtfüssigen Gemsen wohl unterrichtet zu seyn, weil sie ringsherum an
der Eisdecke und den Felsenabsätzen ihre behenden Sprünge übten. Ich
freute mich, diese seltenen Gäste so tief unter ihrem gewöhnlichen
Bereiche den menschlichen Wohnungen genähert zu sehen, erfuhr aber: die
Ursache liege in dem ihnen an diesem Orte gestreuten Salze, welches zu
lecken sie in grosser Anzahl herbeilocke, bis die baldige Jagd ihre
Näscherei und Besuche beende. Einen wehmüthigen Blick sandte ich diesen
munteren Luftspringern, deren gefahrvolles Leben um ein Bischen Salz,
welches die Schöpfung zur Würze aller Geschöpfe diesem Ländchen so
reichhaltig gespendet, erwuchert wird. Die übergrosse Anzahl von 100
Stück Gemsen, welche wie alljährig, auch dießmal abgeschossen werden
sollte, liefert bei all dem, daß sie die frostigen Wohnspitzen der
Umgebung mit der Zeit aller ihrer Bewohner entvölkern würde, dennoch
nichts weniger als eine schöne, Kraft erfordernde Alpenjagd. Denn die
Gemsen, welche früher von Jägern in Schluchten gejagt, und daselbst
bewacht werden, treibt man abwärts gegen St. Bartholomä, wo die
Schußstände für die höchsten Herrschaften bestehen, bei welchen sie
vorbeistreifend gleich Schöpsen oder Schweinen niedergeschossen werden.
Ein eben so unrühmliches Ende nehmen einige Hirsche, welche von der
Halbinsel-Fläche in den weiten See gejagt, und da, beraubt ihrer
beflügelten Schnelle, meistens von Damen erlegt werden.
Mehrere Fremde und eine Anzahl der königl. baier. Hofjäger, warteten
bereits im Schlößchen auf die Ankunft Sr. Majestät, wo sodann die Jagd
beginnen sollte, welche ich nimmer zu sehen wünschte.
Nach der mässigen Stärkung verfolgte ich meine Fahrt über die kleinere
Hälfte des Königssees, an dessen flacherem Ufersaume hier einige leere
Sennhütten herumstehen, um die von Ungewitter und Schnee im Herbste von
Hochalpen verjagten Flüchtlinge, auf einige Zeit noch zu beherbergen, so
lange die kargen Wiesenstreife zur Sättigung der Kräuter-suchenden Herde
hinreichen.
Durch grosse Krümmungen abgestürzter Felsen und Bäume, muß man sich von
da nächst dem, zwei Seen verbindenden Flüßchen, eine halbe Stunde lang
durchwinden, dann erreicht man die Bucht des nicht minder interessanten,
aber fünfmal kleineren
Obersee’s.
Ein schöner Wasserfall, der Schreibach, sich hoch über die Felsen herab
die Bahn wählend, und noch ein anderer südlich, der Retten- oder
Fischlbach, beleben hier ebenfalls die todte Stille; ein Paar unbewohnte
Hütten scheinen sich dessen nicht zu kümmern, und harren mit zweien
halbvermoderten Kähnen der baldigen Auflösung. Felsumgürtet, aber
bewaldeter wie beim Königssee, sind hier die Begränzungen; schauerlich
spricht das Echo aus den Klüften und vom Himmel herab, kalte Melancholie
zeigt ihren heimischen Wohnort, und die Klumpen geborstener Alpen im
schwarzgrünen See, und an die Ufer geschleudert, grinsen verworren, als
Bilder für die sorglose Zukunft. Fürchterlich wild ist diese Ansicht,
und doch so schön, daß man sich kaum zu trennen vermag. Ich mußte wieder
zurück, zu den vorbenannten Sennhütten des Königssees, um meine
Wanderung auf ungewöhnlichen Gangsteigen über die romantischen
Schneehöhen des Alpenlandes, die ich so ganz und genau zu prüfen
gesonnen war, nach Salzburg und Tirol auszuführen. Auf den meisten
Karten, so wie in Berchtesgaden, erfährt man nichts weniger als eine
Weg-Angabe, um neben Fundersee nach Saalfelden zu kommen: ȟbern
Hirschbühl« heißt es »nach Reichenhall auf der Fahrstrasse,« wer um
einige Tagreisen und minder pitoreske Gegend nichts frägt. Die Karte des
General-Quartier-Meister-Stabs, Holzknechte und Gemsenjäger wissen
bessere Auskunft. Steil führt Anfangs der vom häufigen Viehtrieb
ausgetretene Pfad zwischen dicht verwachsenem Laubholze empor; Schweiß
und Athem können nur in voller Wirkung dem holperigen Feinde etwas
abgewinnen; aber zusehends wächst der Gewinn für seiner Füsse Bemühung.
Schon übersieht das forschende Auge die Wasserfälle des Königs- und
Obersees, die es jüngst aus der Tiefe bewunderte, mehr und mehr
entkleiden sich die finsteren Winkel der sonderbaren Runde, und die
Nachen im sich verkleinernden See, scheinen nur Bretchen nunmehr. Jetzt
umfängt eine Bergschlucht den Kletterer und raubt ihm die vorigen
Bilder. Eine Alpenhütte erwartet hier mit allen Nöthigen zur Bewohnung,
und Geschirren zur Butter- und Käse-Erzeugung reichlich versehen, die
baldigen Ankömmlinge.
Seltener wird schon das Laubholz, Lärchen und Föhren treten an seine
Stelle; Bäche, im Frühjahre vielleicht zur Holzschwemme dienlich,
zwängen sich links und rechts aus den Klüften hervor; ihr schäumender
Lauf tränkt fortwährend der Ufer begraseten Saum, welcher höher und
üppiger der anderen Pflanzenwelt spottet. Oft sind Bretelwege, den
schlüpfrigen Tritt zu sichern, neben der Berglehne angebracht, bisweilen
Bäume gelegt, die abgespühlten Erd- und Sandtheilchen zu dämmen; mürbe
und alt drohen sie gewisseren Bruch mit schädlichen Folgen, je grösseren
Widerstand sie biethen. Nun, nachdem anderthalb stündiges Klettern
bereits das Felsenlabyrinth, welches mir in Berchtesgaden angerühmt
wurde, errang, suchte ich den Eingang zu der neu entdeckten
Windhöhle.
Ich fand zwar die ungeheuere überhängende Kalkwand, unter welcher fromme
Alpler das Bild des Heilands aus Holz geschnitzt aufhingen, sah die
Bollwerke von Zuckerhüten, Predigtstühlen und Bethenden, die sich rege
Phantasie aus den durch einander geworfenen Steinen leicht formen kann:
aber sonst auch nichts, was mich auf die Spur der unterirdischen
Merkwürdigkeit leiten konnte. Die mich vorher begleitenden zwei
Militärjäger, waren als Wächter wider Raubschützen, welche sich derlei
Hofjagden zu ihrem Vortheile immer zu Nutzen machen wollen, in der
letzten Sennhütte zurückgeblieben. Umzukehren und sie um Rath zu fragen,
wäre unnütz gewesen, weil sie schwerlich in der Umgebung bewandert
schienen; ich wartete also auf die Alpler, welche Butter und Käse von
den Sennhütten heute herabbringen sollten, wie mir zu _St. Bartholomä_
versichert wurde.
Eher als diese behenden Schmalzträger, kamen fünf Burschen mit
ungeheuren Ballen Pippenholzes, welches sie in einem Leinentuch
eingewickelt am Kopfe trugen[24], während sie mit langer
eisenbeschlagener Stange ihre Schritte sicherten.
[24] Man müßte staunen, in dem waldreichsten Lande Holz zu gemeinen
Arbeiten mit äusserster Anstrengung von solchen Höhen herabschleppen
zu sehen; wüßte man nicht, daß die Pippen nur vom Zirben-Holze (Pinus
cembra), welches auf den höchsten Punkten der Nadelholz-_Vegetation_
nächst den ewigen Schneeregionen gedeiht, brauchbar seyn können. Zu
dem Ende wird das gefällte Holz in Grössen der zu drechselnden Pippen
zugehackt, ausgetrocknet, und dann erst nach Hause befördert. Ehemals,
als noch häufiger diese edlere Baumgattung bestand, verwendete man
dieß unzerstörbare Holz zu Bauten, wie bei den alten Ritterschlössern
die Dippelbäume und Dachstühle beweisen; nunmehr aber hat sie der
Eigennutz ausgerottet, und man muß höhere Plätze erklimmen, um noch
einzelne Sprößlinge jener gewaltigen Vorältern, seiner Gewinnsucht zu
fällen. Ihre Frucht, die Zirbelnuß, besteht in einem genau den
Fichtenzapfen ähnlichem Kerngewächs, welches in heisser Asche
gebraten, ein besonderer Leckerbissen der Alpler wird.
Auf meine Frage, ob ihnen der Weg zur Windhöhle bekannt sei? erboth sich
der Letztere mich dahin zu führen; er habe, sagte er, vor zwei Jahren
einige Stämme daselbst gefällt, und sein Gefährte, ein Schafhirte, hätte
ihm dieselbe gewiesen. Die Last den Kameraden zur Theilung unter
einander überlassend, nahm er nun seinen Stock, und schwang sich mit
einer Schnelligkeit von einem Felsenstück zum andern, daß ich kaum zu
folgen vermochte. Die Wanderung ging rechts von dem vorbenannten
Kreuzsteine über pfadlose Klippen hinüber; endlich nach einer halben
Stunde, betraten wir eine Felsenrinne, auf deren Kalksteingerölle das
ermüdende Springen aufhörte; seitwärts zur Rechten hörte man einen
Schneebach hinabbrausen, ohne ihn zu sehen. Felsen trugen hier wieder
erfreuliche Spuren des wechselnden Grüns; Lärchenbäume, ja selbst Buchen
und Ahorn, die als Zwerge auf diesen dürren Höhen sich gefielen, wollten
als Seltlinge Bewunderung erzielen. Itzt hieß es steil hinan und zwar
mit Händ und Füssen sich anstrengen, um nicht wieder hinabzurollen in
die spitzigen Felsenzacken, welche wie Zähne heraufgrinsten.
Mein Führer bog sich nun zwischen zwei Felsen und verschwand in einem
Loche; ich wollte nach, er rief mir aber zu, Licht und Gewehr
mitzunehmen. Dieß befolgend gingen wir nun mit brennenden Wachskerzen
tiefer in die sich erweiternde Höhle, welche bei den 40 Schritten Länge,
einen Fall von sechs Fuß haben mag. Haltet euren Hund an! rief er sich
besinnend, und ich erschrack zu gleicher Zeit über ein ungemeines
Zischen und Brausen der Höhle. Jedes Wort tönte dumpf aus allen Winkeln
zurück, und die Luft war so beängstigend und übelriechend, daß ich zu
ersticken glaubte. »Schießt los!« sprach er; ich unterließ es. »Schießt
los, ich bitte euch, es ist nichts zu fürchten!« --
Es knallte, und ich taumelte an die nasse Felsenwand. Dieser Schuß hatte
mir den kalten Schweiß über Stirne und Rücken gejagt; die Lichter
verloschen, alle Elemente glaubte ich, müßten insgesammt zugleich
niederstürzen. Ich vernahm kaum das Winseln meines sich losreissenden
Hundes, der pfeilschnell hinausjagte, sah nur die ganze Weite wie durch
Blitze durchzucket, in Flammen, fühlte mehr als Kanonengekrach der
gerüttelten Felsen, und dann mein verschlagenes Gehör!
Meinem gefaßten Führer mochte selbst nicht wohl geschehen seyn, denn der
muthlose Ausdruck -- »das war zu stark!« bewieß mir eben nicht sein
gestilltes Vergnügen; später gestand er auch, nur von der herrlichen
Wirkung eines Schusses hier gehört zu haben, ohne sich je wieder eine
ähnliche Explosion zu wünschen.
Wir ermunterten uns allmählich, aber welche Vorsicht! ich hatte zwei
Lichter mitgenommen, und -- kein Feuerzeug! Finsternis umspannte uns so
schwarz, so dicht, daß jeder Schritt ein Wagestück war, zumal die
Felsenkluft, welche zum Ausgang der Höhle führt, eine mondförmige
Krümmung macht, und dadurch vollends das sonst einbrechende Tageslicht
entzieht. Endlich entschlossen wir uns, einander mit den entlösten und
zusammengeknüpften Hals- und Sacktücheln zu leiten. Mein Führer, um
nicht mit Kopf und Nase Unfälle zu erleben, warf sich auf den holperigen
Felsengrund, und suchte am Bauche fortkriechend den Ausgang. Um den
einen Fuß hatte er ein Tuch gebunden, dessen angeknüpft letzteres, ich
fest in der Hand hielt, ihn bei Absturz fest zu erhalten, oder ihm zum
Ausgange zu folgen. Abgerechnet, das er zuerst unbedeutend ins Wasser
gerieth, kamen wir glücklich zu Tage. Nun wurden Feuerzeug und Strick
aus der Jagdtasche genommen, die Wachskerzen zum fackelartigen Gebrauch
mit Werg (Hanf-Gespunst) umwunden, und die Höhle noch einmal bei
ausgibiger Erleuchtung besehen. Sie ist (die ungleich niedrigere und
kaum zwei Schuh breite Eingangskluft ausgenommen) sieben bis zwölf Schuh
hoch, und im Durchmesser wohl zehnmal weiter. Diese Ausdehnung läßt sich
um so weniger mit Bestimmtheit angeben, als die größere Hälfte der
Höhle, deren Grundfläche gegen ihre jenseitige Felsenwand, bei vierzig
gradiger Senkung, mit Wasser geebnet ist, weder ganz übersehen, noch
durchwatet werden kann. Auf die zunehmende Wassertiefe konnte ich aber
dadurch schliessen, weil der hineingeworfene Endtheil meiner mit einem
Steine beschwerten sechs Klafter langen Schnur, bis auf zwanzig Fuß Nähe
bodenlos zurückkam.
Uebrigens ist das Wasser sehr rein, so, daß man ohne es zu bemerken, in
selbes tritt. Beständiges Geplätscher deutet zwar auf Zu- und Abfluß,
der sich vielleicht durch den Fundersee oder geschmolzene Schneefelder,
mittelst Felsenrissen im Gange erhält; woher aber das
Klagetönen-ähnliche Sumsen sich herschreibe, welches bisweilen mit
wirklichen Windstössen die Höhle durchstreift, ohne daß sie darum an
frischer Luft gewinnt, ist mir unbegreiflich. Die Steinart, so viel ich
sie prüfen konnte, schien Kalk; die noch rings herum zerklüfteten Wände
waren mit Mergeltuff bekrustet, der angekratzt wie Mehl zu Boden
stäubte.
Diese Höhle soll erst 1818 von einem Bauer entdeckt worden seyn, der auf
den Gedanken gerieth, hier Gold zu suchen, statt dessen (unbegreiflich
wie) einen Fisch fing, und von mondenlanger Gelbsucht genas.
Zufrieden verließ ich diesen Höllenschlund, der an passenderen Oertern
eben so gut ein sicherer Räuberschlupfwinkel seyn könnte, als er hier in
Verborgenheit vielleicht wieder entschlummert. Denselben mit weniger
erfahrenen Führern leichter zu erkennen, glaubte ich allenfällig
Nachkommenden damit einen Dienst zu erweisen, daß ich sowohl die zwei,
den Eingang der Höhle umfassenden Felsensteine, als, auch im Zurückwege
einen besonders kegelförmig vorragenden Steinklumpen, mit grossen
schwarzen Pfeilen markirte, deren Spitze die Richtung der Höhle
andeutet.
Steingerölle drohet Gefahr.
Wir beschleunigten nun, so viel man auf diesem barbarischen Unpfade sich
beeilen kann, unsere Rückkehr. Mein Führer wanderte ohne Bürde zur
Tiefe; ich aber stieg von dem vorbenannten Kreuzsteine, durch eine
ungeheuere, vom Erdbeben entstandene Felsenscharte, (weil die
überhängenden Steinklumpen genau in die eingebogene Wand gegenüber zu
passen schienen,) den ungemein steilen Weg empor. Bei jedem Tritte
rollten unter meinen Füssen die lockeren Kalksteine hinab, welche wieder
mehrere auf ihrem Fluge mitnahmen, und somit einen beständigen
Steinregen-Accord zu meiner Wanderung lieferten. Oben ist diese
Felsenkluft mit grossen Steinen und Holzwerk zwei Klafter hoch
verschlagen, so, daß nur ein kleines Pförtchen den Durchgang erlaubt.
Diese Verwahrung ist gegen Entrinnen des beim Fundersee weidenden
Alpenviehes, und wider die ungalanten Besuche der in den Wäldern umher
ansässigen Raubthiere errichtet worden. Wie man sich dieser drohenden
Scharte entwunden, grüssen zwei Sennhütten -- die Beherrscher des mit
Alpenkräutern hochumflorten Grün, in mässiger Hügelfläche den Fremdling.
Buntfärbige Kühe, denen die trillernde Dirne den reichlichen Segen des
Hochlandes abnimmt, während die lustige Gefährtin Käse und Butter
bereitet, und mit froher Miene den hungrigen Gast zum Mitessen einladet,
locken den Wanderer zum Dableiben. Aber ein Blick auf die ringsum
gigantischen Mauern, welche als der Schöpfung älteste Gränzsteine, drei
Länder[25] ewig trennen, spornt ihn aufwärts, hin auf ihr Eishaupt, dort
zu ruhen! An der Möglichkeit zweifelnd, mit gebrechlicher Kraft dieß zu
bezwecken, weilet der Schritt; doch das Auge hatte sie schon erstiegen,
hatte schon den Lohn der himmlischen Mühe empfunden, und straft den
schwächeren Fuß, der dieß zu bezwecken verzagt. Feierlich und rein wie
der Gott, der sie schuf, stehen diese Himmelspiramiden in vielfach sie
schmückenden Formen, als Muster erhabener Bilder, ohne nach Würde zu
geitzen. Ihrer Größe bewußt, verschmähen sie den Einfluß auf kleinliche
Welt, heben das Haupt zu den Sternen, den Willen des Schöpfers zu lesen,
und glorreich den jüngeren Brüdern zu spenden.
[25] Salzburg, Berchtesgaden und Baiern.
Die schönsten _Subalpinen_ schmückten mir nun allenthalben jede neue
Höhe, über die ich in nördlicher Richtung dem Fundertauern zusteigen
mußte. Schon bargen sich die jüngst erreichten Kasern (wie man sie
gemeiniglich hier statt Sennhütten nennt) abermal ins tiefe Thal, als
mir die heute Morgens vorher verkündigten Käseträger begegneten. Grosse
Steine, welche sich oben unter ihren belasteten Füssen lösten, polterten
als Vorläufer auf mich herab. Ich suchte diesem gefährlichen Steinregen
auszuweichen, und trat voreilig auf eine seitwärts begraste Felsenkante,
welche allzuglatt, mich einige Klafter zurückschleuderte. Bei diesem
Fall entlud sich mein Gewehr, pfeiffend flogen die Kugeln übers Haupt;
Geschrei der niederkletternden Alpler ließ mich mehr für ihr Unglück,
als für die fühlbaren Contusionen meines Rücken- und Gehwerks
befürchten. Doch wollte die Vorsehung hieher keine blutigen Trauerspuren
ziehen, mitleidsvoll eilten die Burschen, wäre mir allenfalls
bedeutenderer Unfall begegnet, beizustehen.
Sie erzählten, wie es unter ihnen auf so Steingeröll-Pfaden üblich sey,
einander zuzurufen, und bedauerten, es dießmal unterlassen zu haben,
weil sie wegen vorragenden Felsensteinen keinen Ankömmling vermutheten.
Es geschehe nicht selten, bemerkten sie weiter, daß beim Auf- oder
Abtriebe, wenn das Vieh nicht eng bei einander bleibe, ein tiefer unten
schreitendes Stück, von den abkollernden Steinen entweder erschreckt
oder beschädigt, fortspringe, und sich erfalle; die armen Dienstleute,
Knecht oder Sennerin, müßten dann ihrer Unvorsichtigkeit wegen den
großen Schaden büssen.
Ich erkundigte mich, ob sie den zu solchem fühlbaren Ersatze einen
grossen Lohn bezögen? »Der Lohn 8 fl. oder 10 fl. R. W. wäre eben nicht
hinreichend, aber der Entgang desselben für jährliche Bemühung immer
allzufühlbar, vorausgesetzt, daß man nicht selbst einiges Vieh
eigenthümlich besitze, von selben das verlorene Fremde zu ersetzen.«
Die Butter und Käse, welche auf diesen halsbrecherischen Wegen den
einzelnen Rücken drückten, sollten 120 Pfunde betragen; ich erstaunte
über den dazu erforderlichen Kraftaufwand, welchen sie ohne Steigeisen,
nur mit einer 10 Schuh langen, unten mit breitem eisernen Ring und
Spitze beschlagenen Stange stützen, mehr aber noch über den
unbedeutenden Werth dieser vortrefflichen Ausbeute, welche sie auf
ohngefähr 10 fl. R. W. angaben. Beim Hinaufsteigen alle 14 oder 20 Tage,
müssen sie immer vom Bauern (ihrem Herrn) Brot, schwarzes Mehl und
Aepfel (zu dem beliebten Rahm-Aepfelkoch) für die Hirtenbuben und
Sennerinnen mitnehmen, wenn anders nicht Regen oder Wind ihnen das
Emporklettern verbiethet, wo dann die Alpler bloß auf ihre Erzeugnisse
in der Nahrung sich unterdessen beschrenken müssen.
Fröhlich zogen sie hinab, und fühlten vermuthlich den Lohn eines
besseren Abendmahles, nach der heutigen Anstrengung; ihr Reichthum und
froher Muth war mit ihnen, Hoffnung beseelte sie, was braucht man noch
mehr, um auch auf Eisbergen zu jubeln?
Ich raffte ebenfalls meine zerschundene Wenigkeit zusammen, und kroch,
so beschwerlich mir es auch vorkam, über die letzte steile Höhe zum
Fundersee.
Schön und erhaben kleidet sich hier ein Thalkessel zwischen höchsten
Gebirgen, die zum ersten Male ihre beschneiten Felsenwände als die
nächsten Gränzpuncte herumstellen. Aromatische Teppiche breiten daselbst
zwischen bleichen Gestein ihr vielfaches Grün auf dem sparsamen
Erdfleckchen zur Schau; ein Kranz von seltenen Blumen flechtet sich
darüber zum Danke für die allgütige Schöpfung, die keinen Winkel der
Welt ohne besondere Zierde gebaut. Dort und da hat noch die strenge Axt
einen stolzen Zirbelnußbaum verschont, er schmückt, dieser verfolgte
Seltling, mit seinen breiten Nadelästen, eine nackte Felseninsel, die
aus dem frostigen Schnee oder durchweideten Gras höher herausstrebt,
indeß um seine Früchte, welche menschliche Begierde übersah, der
näschige Schildhahn und dessen verwandtes Alpengeflügel sich streiten.
Ruhig das Gute zu preisen, was in dieser ätherischen Höhe zum Nutzen der
Dürftigen sich entwickelt, und geduldig der Elemente Geiselhiebe hier
muthvoller zu ertragen, biethen da sechs Kasern dem abgeschiedenen
Alpenvolke hinlängliche Gelegenheit. Schlechte, von rohen Steinen bloß
zusammengesetzte Hütten, wodurch Wind und Regen überall seine Kanäle
findet, mürbe steinbeschwerte Dächer, in welchen die breiten Fugen
Fensterstelle vertreten, und eine um den Vorsprung des Daches errichtete
Umzäunung aus dünnen Bäumchen, sind die erfreuliche Residenz dieser
Alpenbeherrscher, und der Zufluchtsort ihrer vierfüssigen Unterthanen in
den Tagen der Noth.
Herab stürzt ein silberner Gießbach von den Kalkwänden des Fundertauern,
und nährt fortwährend die Wasserhöhe des blauen Fundersees, der eben
groß genug ist, zwischen den Kasern bemerkt[26] zu werden; übrigens möge
er, obgleich man vom flachen Ufer auf einige Klafter weit hineinwaten
kann, gegen die Mitte zu sehr tief seyn, was ohne Kahn, zu erproben
unmöglich ist; eben so konnte ich nicht beurtheilen, ob Fischerei dem
Fleisse entspreche, da man ihn noch nie anzuwenden schien. Da dieser See
keinen sichtbaren Abfluß hat, so möge er seinen durch geschmolzenen
Schnee u. dgl. bisweilen reichlicheren Wasservorrath, mittelst
unterirdischen Kanälen absetzen. Das merkwürdigste deuchte mir jedoch,
an ihm einen der höchst gelegenen Seen in Europa zu betrachten, wenn
auch sein Wasser sogar als ungesund, für das Vieh verschmäht, und selbes
aus dem Funderbache getränkt wird.
[26] Desto größer, oder bisweilen gar nicht angegeben ist er auf den
Landkarten.
Alpenwirthschaft.
Wohlgenährt, von des Stieres kräftigen Gebrülle begleitet, durchziehen
die Kühe das Thal, kein Platz ist ihnen unbekannt, der bessere
Leckerbissen bringt, hie und da wagt eine zuviel; schnell siehts der
sorgsame Hirte, und sein warnender Ruf bringt die Kühne zurück.
Vier Kasern waren bereits unbewohnt, die Nachtfroste, nicht Mangel an
Futter hieß auch die übrigen zwei, morgen (den 16. Sept.) verlassen. Ich
war froh, für heute wenigstens noch Unterkunft und Nahrung zu finden, da
mich der nahe Abend und die erlittenen Quetschungen zur Ruhe zwangen.
Man war eben mit Zusammenpacken beschäftigt, als ich zu jenem Endzwecke
eine der Kasern betrat. Ohne Umstände bekam ich einige Schalen Milch,
Butter, Käse und steinhartes Brot. Zum Nachtessen versprach die
Brentlerin (Sennerin) etwas Uebergutes zu bereiten; jedoch müßten Alle
(ich mitgerechnet) brav zusammenhelfen, die Kasern und hier bleibenden
Geräthe für zukünftigen Sommer wohl zu versorgen. Nun wurden Troge und
Becken, Brennholz und Bänke in die leeren Hütten geschleppt, die
trockenen, im Sommer hindurch gesammelten Futterkräuter, zur Hälfte
unterm Dache für kommenden Frühling verwahrt, zur Hälfte in kleine
Bündel zum Mitnehmen fest zusammengebunden; endlich nachdem die Thüren
und Fensterchen geschlossen, wurden sie überdies noch mit Holzwerk und
Steinen umlegt. Dieß sey nöthig, sagte der Hirt, um die Kasern von den
fürchterlichsten Winterstürmen und abstürzenden Schneelavinen nicht
wegrücken zu lassen. Nachdem auf diese Weise gesammter Wille diese
Aufgabe beendigt hatte, traten wir zum Pallaste unserer Regentin, die
während dessen ihre anvertrauten Kühe in die Einfriedung um die Hütte
versammelte, und eine Rede zu halten schien, eigentlich aber sie einzeln
untersuchend, ihnen Danksprüche über das gute Aussehen ertheilte. Darauf
bekam jede der Belobten eine Handvoll Kleefutter und wurde gemolken.
Mich wunderte die geringe Ausbeute solch schöner vielversprechender
Kühe: »Ja sonst,« erhielt ich zur Antwort »lieferte freilich eine acht
bis zehn Maß guter Milch, nun aber muß man froh seyn, drei bis vier Maß
täglich zu bekommen, die Kälte raubt ihnen die Milchsäfte!«
Nun lagerten wir uns in die Hütte, die, wenn sie auch hier Kasern
genannt wird, doch mit allen Sennhütten, Schwaigen etc. in Form und
Einrichtung genau übereinstimmt, nur daß sie anderswo meistens aus Holz,
statt, wie die hiesigen, zur Hälfte aus Steinen bestehen. Vielleicht
interessirt deren nachfolgende Beschreibung.
Man denke sich eine vier Klafter lange, 2° breite 1° hohe, durch
Breterwand in zwei Hälften getheilte Barake, wovon jene mit der
Eingangsthür, ohne Fenster und Dachboden, nur mit Sitzbänken und einem
kleinen, im Winkel errichteten sechs Zoll hohen Feuerherd versehen ist,
über dem auf fester Kette oder Baumaste der höchst wichtige Eisenkessel
hängt; ein lückenähnliches Pförtchen führt durch vorbenannte Breterwand
in die andere Hälfte, welche ebenfalls den Fußboden von gestampften
Tigel oder Erde, zwei Fensterchen hat, zum besseren Luftzuge für die
daselbst auf Breter-Gestellen herumgereihten Käse, angefüllten
Milchbecken und irdenen Geschirre mit Butter; nebstdem ist hier die
Vorrathskammer für etwas Mehl, Brot, Obst und sonstigen Besitz der
Sennerin und ihrer Gehülfinnen. Dieses Proviantmagazin ist durch eine
Breterdecke vom Dache geschieden, auf welcher das sparsam gewonnene
Futter bereits getrocknet aufbewahret wird, und nebst einigen Kotzen die
Lagerstätte für die Dirnen ausmacht. Die Hirten schlafen entweder in
einer besondern Hütte, oder in der ersten Abtheilung auf einer Bank.
Innerhalb der Umzäunung, rings um die Hütte, wird das Vieh nur gegen die
Abtriebszeit bei Nacht eingeschlossen, weil es auf solche Art
zusammengedrängt, und einigermassen vom Dache beschützt, die schon
kälteren Nächte leichter erträgt; zu anderer Zeit können die Kühe ruhen
oder nächtlich herumwandeln, wie es ihnen beliebt.
Die Sennerin, welcher als Haupt der Kasern, Hirte und mindere Dirnen
untergeordnet sind, hat (für den Sommerlohn pr. 5 fl. R. W. und einige
Kleidungsstücke) nebst der Obliegenheit für das Vieh, Butter- und
Käse-Bereitung, auch noch die Kochkunst auszuüben. Obgleich nun diese
sehr einfach ist, so weiß doch Eine vor den Uebrigen bisweilen ihren
Lieblingsspeisen besondere Würze zu geben.
Ich, zwei Dirnen und ein Hirtenjunge saßen, manches besprechend, auf
Bänken um den Herd, letztere lösten einander zeitweis ab beim
Butterrühren, während die thätige Sennerin zuerst in den grossen Kessel
Stücke Butter warf, darauf Mehl, und dieses röstend, immer etwas Milch
nachgoß, bis das Ganze eine braune brockenartige Masse bildete; nun
wurden geschälte Aepfel stückweise hineingeschnitten, etwas zerrührt,
dann dieses Quodlibet in eine hölzerne Schüssel entleert, mit tüchtiger
Portion Rahm übergossen und insgesammt verzehrt; einige Maß Milch
vertraten dabei den Tafelwein, und das dürre Brot konnte somit leichter
hinunter gewürgt werden.
Das lästigste bei diesem -- schwelgerischen Preismahle! war der unselige
Rauch, welcher die Hütte dermassen anfüllte, daß ich kein Auge öffnen
konnte. Den einzigen Ausgang gewährten ihm die Lücken zwischen den
Steinen und Dachbretern, weil die niedrige Thür, der zunehmenden Kälte
wegen, geschlossen wurde, und die Alpler sich lieber mit gewohnten
Rauch, als mit frostelnder Nachtluft herumbalgen.
Nachdem wir gesättiget, wurden die vierfüssigen Zöglinge betreut; der 20
Maß fassende Kessel, mit abgegossener Käsemilch etliche Male angefüllt,
gab den Kühen, besonders aber den Kalbinen einen warmen Abendtrank. Nun
wurde abermal Holz aufgeschürt, Wasser im Kessel erhitzt, und damit alle
Eisen- und Holzgefässe, das Butterfaß mitbegriffen, auf das blankeste
gesäubert. Manch großthuende Gasthausköchin in Städten müßte vor solcher
Reinlichkeitsliebe auf Alpen, in ihrer Küche erröthen; wenn nur damit
derer Besserung bezweckt würde!
Die Nacht schien mir ewig zu dauern. Auf der ebenen Bank hingestreckt,
nur meine Jagdtasche unterm Kopf und zerrissene Kotzendecke über den
Anzug, lag ich Anfangs durch Rauch und Flamme beinahe geselcht, und
doppelt schmerzlich wegen der jüngst erhaltenen Contusionen. Später als
die Flamme erlosch, tumelte sich Schneekälte in der Hütte herum. Das
Schnarchen des neben mir liegenden Hirten, und beständige Geläute der um
die Hütte herum eingeschlossenen Herde, war in beständiger Bewegung!
Endlich brachte mir die Ermattung doch den willkommenen Schlummer.
Der erste Lichtstrahl mußte Wecker zum Aufbruche seyn; denn noch
herrschte Dunkel in der Hütte, als schon die Sennerinnen auf kleiner
Leiter herabstiegen vom Dachboden, die Kienspähne statt den Kerzen
wieder anzündeten, Feuer machten, Kühe melkten, und die gewöhnlichen
Arbeiten verrichteten, welche ich nimmer wieder anzusehen begierig war.
Wunsch und Bestimmung trieb mich weiter, obgleich die gutmüthigen
Anachoreten mir durchaus erst ein Frühstück von warmer Milch und
geröstetem Brot machen wollten.
Der Hirtenbursche begleitete mich eine geraume Strecke, und zeigte mir
dann einige Merkstellen, über welche der halsbrecherische Gangsteig zum
Fundertauern
empor führt. Durch den heftigen Morgenfrost wurde das mühsame Klettern
erträglicher, obgleich ich öfter die kalte Lehmerde oder Kalksteine mit
Händen anfassen mußte, um nicht herabzusinken auf den glatten
Stiefelsohlen, die ich zuvor überflüssig mit Eisen erst zu beriemen
gedacht hatte. Auf diesem Wege könnte schwerlich Hornvieh hinauf, noch
weniger herab gelangen, wenn auch oben gute Weideplätze wären.
Ueberdieß finde ich an dieser Alpe vorzüglich bemerkenswerth, daß hier
nicht, wie anderwärts, auf solcher Höhe die Holzvegetation sich mit dem
gewöhnlichen Krummholze schließe. Nicht nur, daß von diesen Mißgeburten
des Nadelholzes ringsherum gar keine Spur ist, sondern die letzten
Holzspuren sind acht riesige, mit Moos und Flechten umkleidete
Zirbelnußbäume: so endet sich des Waldes Daseyn, wie der endliche Wunsch
des Stolzen -- mit den größten Zeugen seines Ruhmes! -- Freudigste
Ueberraschung brachte mir auf dem nun erklommenen Wellenmeere
beschneiter Felsklumpen, der Gruß eines schlanken Mannes; nicht
widerlich wird der Mensch durch die Kleidung, wo er so willkommen
erscheint; ich fürchtete vorher für meine Unkunde des Weges: Ein Mann
konnte mich darüber beruhigen, mit breiten Krempenhute, woraus sich das
lange struppige Haar mit dem des Messers mondenlang entwöhnten Barte
ungeregelt verflocht, über die dürftige Kleidung eine abgenützte
Kotzendecke geworfen, die Stiefel mit Filz umwunden, die Hand mit langer
eisenbeschlagener Knotenstange bewaffnet -- und so kam er entgegen, ohne
von mir etwas anderes, als biederen Handschlag zu erwarten. Zufrieden,
das Herz dieses Mannes nicht wie seine Aussenseite verwildert zu sehen,
folgte ich ihm über einige Schneewölbungen, welche das vorgestrige
Gewitter hierher gebettet, zu seiner höchst dürftigen Alpenhütte. Zwei
Ziegen und mehrere Duzend Schafe flohen von diesem Asyl bei Anblick
meines Hundes mit gemsengleicher Schnelle über die schroffen
Felsenspitzen, zwischen denen man nur selten ein Grashälmchen hie und da
zittern sah. »Den[27] verdammten Wolf von voriger Woche können die
Schafe noch nicht vergessen, er hat mir zwei schöne Stücke erwürgt!«
sprach er, und pfiff ihnen nach um Stillstand. Ich wunderte mich, auf
dieser Höhe Schafe halten zu sehen, wo nebst solchen Gefahren, auch noch
der Hungertod ihnen drohe.
[27] Ich will der Deutlichkeit wegen seine unkorrecte Mundart nicht
nachschreiben.
»Itzt -- mögt ihr Recht haben,« erwiederte er, »aber bis Anfangs
September gibt es zwischen den Felsklüften Nahrung genug für die Schafe;
wenn auch bisweilen gäher Schnee dieselbe für einen Tag raubt, so bringt
doch die Sonne im nächsten weit reichlicheres Grün zum Vorschein; den
größten Schaden aber machen, da, Luchsen ausgenommen, nur selten
Raubthiere vorkommen, die Steinklüfte, in welche die Schafe, ihre Beute
herauszulangen, häufig stürzen, und ein Raub der sie unten einzwängenden
Falle sind. Bisweilen geschieht es freilich, daß ich zufällig einige
durch Herausziehen errette; öfters find ich sie aber erst dann, wenn sie
bereits verhungert, mir die traurige Gelegenheit biethen, für deren
fühlbaren Ersatz ein Stück Fleisch zu geniessen; oft aber verzehren sie
von mir unentdeckt, die Steinadler und Geier, die sich um ihre Verwesung
nicht kümmern. Mit 8. Sept. kommen die Bauern aus Saalfelden herauf, um
mir beim Abtriebe ihrer Herden beizustehen. Allein da treffen nicht alle
Schafe zusammen, die in den weiten Gebirgsklüften sich zerstreuten,
deßhalb muß ich hier verweilen, sie einzeln sammeln, und an meine Hütte
gewöhnen, bis in etlichen Tagen wieder Bauern heraufkommen, und sie
hinabfördern. Dieß geschieht so lange, bis ich nichts mehr finde, und
die Paar, die alljährig fehlen, in den entlegendsten Schluchten sich
verirrten und daselbst endlich erfrieren, oder erhungern. Die zwei
Ziegen sind mein Eigenthum, von deren Milch ich mich größtentheils
nähre, da mir nur einige Male im Sommer etwas Brot heraufgebracht wird,
welches nebst 12 fl. R. W. den ganzen Lohn für die fünfthalbmonatliche
Schafobsorge beträgt.«
Ich fragte ihn um Namen, Geburtsort, Alter und Gegenmittel sich hier in
dieser ewigen Schneewüste vor Verzweiflung zu bewahren? Nachlässig, ohne
das Bedauern in meinem Antlitze zu lesen, gab er darüber Aufklärung.
»Ich heisse Ignaz Romoser, bin vor 26 Jahren zu Saalfelden geboren, war
lange Zeit Knecht daselbst, nun aber seit einigen Jahren
Sommer-Schafhirte am Fundertauern; langweilig wäre es freilich, wenn ich
nicht alle Tage den Schafen nachklettern müßte, sie vor Unglück zu
wahren. Einer meiner Vorgänger starb vorlängst in dieser Hütte, kein
Mensch kam herauf, kein Mensch wußte davon, bis endlich die Bauern ihr
Vieh abzuholen hier eintrafen, und den noch kennbaren Leichnam begruben,
er war alt und schwach, mir möchte solch Unglück wohl so bald nicht
zutreffen!« -- Armer Mann, der du dich mit dem Troste des Verzweifelten
begnügst, ohne zu erwägen, daß dir so gleiche Ansprüche auf milderes
Geschick gleich Hunderttausenden zustehen? Armuth zwingt dich vom
geselligen Leben hinweg in eine Wildniß zu bannen, worin man Missethäter
allzuhart bestraft dächte, und doch wiesest du, abgesehen von Kunst und
Wissenschaften, an Edelsinn und Herzensgüte vorzüglichen Rang unter
günstig Erzogenen.
Romoser machte Feuer, und wollte gutmüthig den Vorrath seiner dürftigen
Nahrung -- eine Maß Ziegenmilch wärmen, selbe mit mir zu theilen; ich
hätte keinen Tropfen hinunter gebracht, wünschte aber in meinem Leben
nie sehnlicher ein wohlschmeckendes Mahl, um seine werthvolle
Aufopferung zu lohnen. Leider entstiegen die Gnomen nicht ihren Höhlen,
und selbst die blecherne Liqueurflasche sprang bei meinem gestrigen
Falle. Später bat er mich um etwas Tabak, aber auch diesen mußt ich ihm,
da nie diese Pflanze mir Werth hatte, äusserst ungern versagen. Die
Kasern bestand ganz aus Holz; statt der gewöhnlichen Vorrathskammer war
ein kleiner Schafstall für das junge Vieh, ober dem Romoser seine
Lagerstätte hatte. Zwei etwas abwärts gelegene Hütten, die noch mehr
verödet und zerfallen aussahen, waren ebenfalls zur Unterbringung
zarterer Wollträger bestimmt. »Wenn einmal« meinte er, »diese Wohnungen
ganz zusammengestürzt wären,« so hätte sich wohl dadurch die fernere
Schafhalde hier geendet, indem die acht Zirbelnußbäume zur Feuerung
bestimmt, nimmermehr zu Erbauung einer neuen Kasern hinreichen würden,
noch weniger aber Holz zu solcher Bauung heraufgebracht werden könnte.
Man mußte fürchterlich wirthschaften, bis man, wie die Wurzelstöcke
zeigen, diese weite Alpengegend ihrer ungeheuren Baumstämme berauben
konnte; doch die Holzvertilgungskriege dieses Ländchens sind zu
geschichtlich bekannt, um als neu betrauert zu werden. Itzt wäre es
vergebens, selbst mit größter Anstrengung hier wieder Wälder bezwecken
zu wollen, weil der herabdringende Schnee und Windsturm jedes Fleckchen
Erdreich zum Samenempfang längst wegspühlte.
Etwas ausgeruht, dachte ich nun den Weg nach Saalfelden anzutreten, aber
es war mir unmöglich! Der Morgennebel hatte sich hinausgeschwungen von
den zackigen Alpenschanzen, um tiefer sein Blendwerk zu treiben. Aus dem
Schneekessel der höchsten Alpen schweift die Phantasie ins Unendliche,
und will den Raum der Zeit und Möglichkeit ergründen. Groß deucht
südlich die Stuhl- oder Tauernwand mit der Weisbachalpe, und der wie ein
Obelisk über’n Fundersee emporstrebende Schoppmoll. Die Gamskarlhöhe und
der Viehkogel weichen nicht minder den Gefährten. Aber nördlich
überhöhen sie des hohen Hundskopftods dreifache Spitzen, so wie des
Watzmanns zweipyramidiges Haupt. Der Schindelkopf, die hohe Schneiter-
und Hechelwand erheben zum Sieg unnütz die schneeigen Körper. Höher
noch, als alle diese Riesen, will sich das stolze Verlangen
hinaufzaubern, selbst diese Massen zu gering achtend, den kühnen Geist
demüthigen zu können.
Beseelt von Empfindungen, die sich nicht beschreiben, noch von Jenen,
welche in solcher Lage nie gewesen, jemals fühlen lassen, frug ich
Romosern, ob er wohl mit diesen Höhen bewandert und mich auf eine
derselben zu leiten bereitwillig sey?
Bejahend war seine Antwort, doch müsse er vorerst auf einige Plätze um
die Hütte etwas Salz ausstreuen, sowohl die Schafe herbeizulocken als
auch sie in der Nähe zu erhalten. Ich wollte mir unterdessen die Eisen
anlegen, er widerrieth’s, indem man hier am sichersten mit langer Stange
durch Sprünge von Stein zu Stein gelange, wobei die Eisen unbehülflich
und schwer den Kletterer eher ermüden; eben so sollte ich mein Gepäcke
verstecken, da für dessen Verlust nichts zu besorgen wäre.
Seine Geschwindigkeit bald abzulernen, sah ich ihm nach, wie er, ein
Virtuose im Klettern, von Stein zu Stein, gleich einer Gemse, mittels
der zehnschuhigen Stange sich fortschwang; obgleich nur mit einem Auge
beglückt, machte er doch nie Fehlsprünge, und rief aus der Entfernung
die Zöglinge, welche ich nur mit dem Sehrohr erkannte. Nach seiner
Zurückkunft gab er mir ebenfalls ein ähnliches Zepter, stärkte sich mit
hinlänglicher Portion Schneewasser, welchem Beispiele ich folgte, und
dann ging die komische Passage an.
Itzt erst konnte ich begreifen, wie die Schafe in den Klüften des
sogenannten
steinernen Meeres
umkommen. Die ganze ungeheuere Ausdehnung, besonders im flächeren
Grunde, besteht aus einzelnen wie Meereswellen aufsteigenden Kalkfelsen,
die von einander an ihrer Oberfläche schuh- oder klafterweit geschieden,
unten in einen scharfen oft aber spitzigen Winkel zusammenlaufen.
Obgleich nun diese kaum Klafter hohen, meistens noch seichteren Klüfte
die hinabrutschenden Schafe keineswegs zerschmettern, so zwängen sie
doch deren Füsse so zusammen, daß sie nicht mehr heraus können, sondern
erhungern müssen. Hie und da hat Schnee die Klüfte mit den Steinen
geebnet, man betritt ihn sorglos, aber es ist eine Fallbrücke, welche
einstürzend selbst dem einzelnen Menschen Tod bringen könnte. Wir
passirten das Felsenthal Schönbüchl um den
hohen Hundskopftod[28]
zu ersteigen; so unästhetisch dessen Name, so wild droht er herab auf
das verödete Thal, als hätte sein Blick es verwüstet. Botaniker und
Mineraloge würden hier vergebens Ruhepunkte für ihre Wißbegierde suchen;
nur ein behender Nimrod hätte vollauf zu thun, von den Fährten der
Luchsen, Dachsen und Murmelthiere Nutzen zu ziehen, die Gemsen
vorzüglich gerechnet, welche ihre kleinen Gestalten durch grössere
Anzahl auf den Hochspitzen bemerkbar machen.
[28] Namensberüchtigt, weil daselbst kein Hund zum Jagen soll
verwendet werden können.
Mein Führer machte mich besonders auf wiederholten, dem gewöhnlichen
Halder-Fingerpfiffe ähnlichen Ton aufmerksam: »Es melden sich Gefahr
witternd die ausgestellten Wachen der häufig hier vorfindigen Mankl, sie
nähren sich wohl, diese katzenähnlichen Thierchen, und lassen sich
selten überraschen, daß man sonach mit ihrem Fett Wunderkuren machen
könnte.«
_Buffon_ bezeichnet keine Thiere mit dieser Benennung, sie möge ein
provinzieller Ausdruck, nach den Eigenheiten und Schneefährten zu
schließen, den Murmelthieren gelten.
Wir hatten nun die zerklüftete Fläche ohne anderen Unfall zurückgelegt,
als daß ich dem durch Hunger und Strapatzen ermatteten _Duna_ zweimal
heraushelfen mußte.
Sicherer ging sonach die Wanderung auf die schroffe Alpe hinan, welche
mit ihren vorragenden Felszacken beinahe Stufen zum Hinanklettern
bildet. Wer vom Schwindel -- diesem eingebildeten Uebel, nichts weiß,
der wird den hohen Hundskopftod gefahrlos besteigbar nennen; am
leichtesten erklimmt man selben in schiefer Richtung von Osten nach
Westen.
In einer Stunde war, von der Hirtenhütte gerechnet, die mittere höchste
Spitze dieser Alpe erklommen; mißvergnügt sieht man erst itzt, daß der
gegenüber trotzende Watzmann weit höher seinen Scheitel erhebe, was
vorhero kaum geglaubt wurde[29]. Leicht überzeugt man sich, daß es
thöricht wäre, auf dieser Alpe, wo die drei Spitzen kaum eben so viele
□ Klafter Fläche biethen, und bloß durch gedehnte Felsrücken mit
einander zusammenhängen, Hunde den gewandten Gemsen, deren vier bei
unserer Ankunft ihre geübten Sätze hinabproduzirten, nachzujagen.
[29] Die Aussicht, obgleich hier von einem höheren Punkte, wird doch
von der auf der hohen Tauerwand folgenden Tags übertroffen. Ich
verspare deren Schilderung demnach bis dahin.
Noch war ich erstaunt über jener Alpenwächter beflügelten Fuß, als mein
Führer mit lautem: »Ich habs, ich habs!« mir freudig die Hand drückte,
und bat zu gedulden, bis er wieder zurück komme. Ich glaubte er sey
plötzlich verrückt, und wolle eine Gemse erhaschen; denn wirklich eilte
er die nemlichen Pfade ins Watzmannthal mit halsbrecherischer Schnelle
herab. Ich strebte so viel wie möglich ihm nach; vergebens, er hatte zu
viele Vortheile! Unwillig über den komischen Menschen, und mich, der so
planlos eine mit Schweiß errungene Höhe verließ, stand ich zögernd und
sah in die tiefe Schlucht, worin Romoser sich bereits verlor. Da
gewahrte ich etwas schwarz und weißes undeutlich, das Leben verrieth;
mein Fernrohr ließ mich fünf Schafe zählen, denen bereits der arme Hirte
auf Händ und Füssen zukletterte, und sie langsam auf besseren Weg
brachte.
Gerne verzieh ich nun dem Guten seine Treue für das ihm anvertraute
Vieh, war aber eben so wenig entschlossen, wieder umzukehren auf die
Hundskopf-Spitze, als mich vielmehr der Entschluß beseelte, den Watzmann
zu ersteigen.
Dieses strebte ich Romosern zu eröffnen, damit er mich durch Anweisungen
dazu erfreue. Mein Wille scheiterte, eine Schlucht entzog mir ihn, oder
er mußte anderweitigen Pfad eingeschlagen haben; ich tröstete mich
darüber, und wollte seine mir versprochene Rückkehr auf einem Steine
ruhend erwarten: da vergingen mir plötzlich die Augen; der Watzmann
schien seine Schneedecke über mich zu breiten -- ich war einer Ohnmacht
nahe. An Kraft erstorben, fiel ich der Länge nach auf den frostelnden
Stein; mein letztes Stündchen drohte zu nahen. Die Nerven waren
überspannt, das beinahe zweitagige Fasten, die schädlichen Folgen des
gestrigen Falles und der schlaflosen Nacht, das viele Wassertrinken, und
endlich beständiges Waten im Schnee, welches meine Füsse bis über die
Knie in fortwährender Kaltnässe erhielt, mußte schädliche Folgen
herbeiführen. Alles dieses hätte ich eher bedenken sollen, bevor sich
mein Wunsch auf den Watzmann hinpflanzte. Ich bekenne diese
Unvorsichtigkeit, um allenfällig Fußreisenden eine Warnung zu liefern,
ihren Körpern nicht allzuviel aufzubürden, besonders wenn man nicht
Gelegenheit hat, mit guter hinlänglicher Nahrung den Entgang der Kräfte
zu ersetzen. Ich erholte mich endlich aus der Betäubung, die mehr Kolik
war, und bemerkte, wie mein vierfüssiger Freund ängstlich und zugleich
liebvoll mir Wangen und schneeige Hände küßte. Nichts hatte ich dem
Treuen zu erwidern, und doch umsprang mich _Duna_ freudig, als er nur
mein Aufstehen sah. Ich fühlte die Mattigkeit zu sehr, um noch auf
mögliche Ersteigung des Watzmanns zu denken, betrachtete mit wahrer
Wehmuth das von der kleinen Spitze niederblickende Kreuz, und wünschte
zum erstenmale meines Lebens, recht tief von den Eisfelsen entfernt zu
seyn.
Glücklich fand ich die Spuren des Herwanderns, sie waren höchst
nothwendig! da sich nach meinem öfteren Rasten bereits Abendnebel um die
Alpengipfel schlugen, und tiefer und dichter sich lagerten auf das
zerklüftete Bett. Itzt sollte ich den Bergrücken erklimmen, welcher
sondert vom grossen den kleineren Hundskopftod. Ich mußte, obgleich es
schon dunkel zu werden begann, abermal ruhen: da hör ich poltern und
Steine rollen; _Duna_ wird von mir zurückgehalten. Sechs Gemsen, ein
alter Bock an ihrer Spitze, wollen vermuthlich im Abendwechsel ihrer
Lagerstätte zueilen, sie muß irgendwo auf dieser Spitze bestehen. Klug
wittert der Bock die Gefahr, ein Pfiff von ihm, dem eines Menschen
ähnlich, warnet die Nachfolgenden, welche stillstehend ihren Weiser
allein vorschreiten lassen. Hoch streckt er den Hals und späht, bis er
mich ersieht, wornach dann ein zweiter stärkerer Pfiff seine Gefährten
augenblicklich in Sicherheit jagt, er aber ebenfalls doch langsamer
ihnen folgt.
Wer möge diesen Thierchen, in den Regionen zu Hause, wo nie des
Frühlings-Blüthenzeit wärmt, wo kein Sommer die Hände mit Ernten füllt,
wo ewig der Winter und frostelnde Herbst die stürmischen Wohnsitze
bestreichen, diese Behutsamkeit vor Feinden, dieses
Selbsterhaltungsgefühl eingeimpft haben? Menschen? O die lehren nicht
immer das Gute! Aber du herrliche Natur, du bist es! welche die
Gesammtzahl des lebenden Quodlibets mit gleich milden Blicke bewachst,
jedem deiner natürlichen Unterthanen Kraft oder List genug schenkest,
sich der Feinde zu erwehren und dankbar deiner zu freun!
»Wer so hold für Alle gesorgt, wird auch mich nicht sobald umkommen
lassen.« Muth und Kraft durchfloß nach diesem Schlusse, meine Adern;
rüstig sprang ich auf, als bekäm ich abermal Lust den Watzmann zu
besiegen! Nicht achtete ich der Gedärme, die zu verschrumpfen oder aus
dem Leibe zu fallen drohten; mich selbst tröstend versprach ich ihnen
alle mögliche Pflege für die Zukunft und kletterte fort. Schon sah ich
von der Höhe Romosers Hütte im Thale, es ward mir freudiger ums Herz;
aber ich mochte noch eine Stunde hinbrauchen, und zwar über die fatalen
Steinklüfte! Den widerlichen Tanz verwünschend, hörte ich plötzlich
hinter mir rufen und schrein. »Etwa gar verzauberte Gemsen mit
Menschenstimmen?« krittelte ich, und sah auf der Höhe den wackeren
Romoser, der voll Freuden mich gefunden zu haben, mit »Gottlob endlich!«
seine Worte begann. Werther noch als heute Morgens war mir dessen
Erscheinen; ich bat ihn seine Lunge zu sparen, und lieber soviel möglich
den besten Weg zur Hütte einzuschlagen. Das nützte aber nichts! Mit
gutmüthiger Geschwätzigkeit versicherte er, mich auch dann noch
aufgefunden zu haben, wenn ich in den Mittelpunkt der Erde gefallen
wäre. Ich dankte für das nicht erwünschte Glück und lobte sein Talent;
aber er war unermüdet im freudigen Geschwätz! Die gefundenen Schafe oder
meine Wenigkeit mußten seinen ernsten Humor so lustig umstimmen; kurz er
sang und trillerte, und brachte es am Ende so weit, daß ich selbst meine
Plagen vergaß und wie betrunken einstimmte.
Nun erzählte er im konfusen Gemisch, wie er bald zwei Monate jene fünf
Schafe vermißt, wie er meine Fußtritte erkannt, auf die Spuren von noch
einigen Flüchtlingen, welche er morgen zu finden hoffe, gerathen,
endlich wie gefährlich es für mich Abends auf den Gemsenwechseln hätte
werden können, sowohl der unsicheren Tritte daselbst, als auch der um
diese Zeit sich einfindenden Raubschützen wegen, welche
verzweiflungsvoll jede Gelegenheit ergreifen, unerkannt zu bleiben oder
Rache zu üben.
Wir hatten unterdeß die Hütte erreicht, ich mußte vorher, ihm Freude zu
machen, zu den wohl verwahrten fünf _Deserteurs_ mich begeben, wo er mir
ihre konservirten Körper mit zufriedenen Lächeln anfühlen ließ. Darauf
trugen wir Jeder einige Stücke der morschen Schafstallhütten zur
Feuerung in unsere Behausung. Das Mahl war und blieb auch dießmal
äusserst frugal: schwarzes durch Kleie und Schimmel beinahe
ungenießbares Brot in einer Maß Ziegenmilch aufgesotten. So weh es mir
that, von seinem kleinen Besitz noch zu rauben, so konnte ich doch
unmöglich widerstehen. Ich hatte durch die Strapatzen etwas an Appetit
verloren, er schien aus Gutherzigkeit dasselbe mir vorzulügen, um --
auch meinem Hunde etwas abzugeben; erst bis er sich überzeugte, daß
diese Wolfsrace trotz mehrtagigen Hungern nichts von _Vegetabilien_
annehme, glaubte er mir: daß _Duna_ bei sonstig roher Fleischnahrung,
auch mitunter, gleich den wilden Thieren, vier Tage fasten könne, und
verzehrte dann wohlgemuth den Rest seiner Milchsuppe.
Alpengewitter.
Manche Eigenschaft, Romosers Schafe betreffend, mußte ich noch anhören,
um sie in nächster Minute zu vergessen, bis wir uns zur Ruhe begaben;
doch nein, es war keine Ruhe! Fürchterlicher Nordost rollte aus des
_Aeolus_ geöffneten Schlünden; die Brandfunken flohen in der Hütte um
den Herd, und suchten vergebens sich ruhigere Plätze. Mächtig wehrte
sich die kleine Thüre gegen den ungeheuern sie bestürmenden Feind;
Knarren und Tönen machte ihre Noth uns kund; Romoser, der unterm Dache
mit mir sein Kotzenlager theilte, stand auf, sie fester zu binden. »O
weh, ein gewaltiger Schnee! werde heuer nicht glücklich mit der Herde
hinüber nach Saalfelden kommen,« prophezeihete er, und kroch zurück,
unter der Decke sich Wärme zu suchen. Ich war ganz kleinlaut; »schläft
ihr?« begann er weiter. Ich verneinte es. »Nun, so müßt ihr wohl auch
das Winseln vom Hundskopftod hören?« Schauder, mehr wegen der morgigen
Wanderung, als des wirklich tollen Gebrülles, überlief mir den Rücken;
ich hatte noch nie solch Wetter erlebt! Gewaltiger rüttelten die paar
Zermbäume ihre riesigen Gestalten, sie kreischten und tobten! Jetzt
mußte einer gesunken seyn dieser alten Streiter, denn das Echo dröhnte
wundersam klagend nach dem gesunkenen Helden. Mehrere Steine warf der
Sturm rasselnd vom beschwerten Hüttendache, sie erbebte, daß ich in ihr
mich davon getragen wähnte; _Duna_ bellte, die Geissen unter uns mekten,
und donnernd überlärmten sie Felsenstücke, welche sich ablösend, die
Bahn brachen über zackige Wände herab, und durch ihre Schwere den
gräßlichen Musikton der Alpen erzwangen. Selbst der abgehärtete Nomade
konnte nicht schlafen, er frug mich immer um etwas, und ich war froh,
daß er fragte, weil somit die Idee vom jüngsten Tage, der alle Menschen
ihrer Bestimmung zuführt, noch nicht realisirt schien. Endlich begann er
mich mit seinem Wissen zu quälen. Er erzählte nemlich, wie alljährig
übern Winter die Hütte ganz verschneit werde, so zwar, daß man bisweilen
im Frühlinge noch den Schnee ringsherum wegschaufeln müsse, und dieses
sich auch schon einige Male während ihrer Bewohnung im Herbste
ereignete; jedoch kämen die Bauern nach einigen Tagen um so gewisser auf
Schneereifen zu Hülfe, als sie die zunehmende Gefahr ahnden. Ich
versicherte geradezu, dieß könne gegenwärtig durchaus nicht eintreffen;
er glaubte mir und schien beruhigt. Hundertmal hätte ich ihn noch
angesprochen, aber ich fürchtete wieder sein Todten-Lamento; und so
vermied ich jeden Laut und stellte mich schlafend. Endlich aber hatte
ich genug; der Schnee drang, vom Winde gejagt, durch die zahlreichen
Fugen der Dachbreter auf Decken und Haupt. Dieß zu ertragen, schien mir
bei dieser elenden Lagerstätte nicht nothwendig; ich stieg herab und
machte wieder Feuer.
Mich halb bratend an demselben, brachte ich bei Kerzen und Kienspähnen,
die Ereignisse der letzteren Tage zu Papier, bis der Morgen erschien. Es
war weniger Schnee als ich fürchtete, aber immer noch der gräßliche
Sturm, welcher bald hier bald dort aus selben Schanzen baute, und sie
abbrechend wieder auf andere Bergwände hinpflanzte.
Interessant müßte hier, bei gehöriger Nahrung und sicherem Obdache, das
Studium über Entstehung und Wachsen der Lavinen seyn; wenn ja solche
Momente Kaltblütigkeit genug zu faßlichen Bemerkungen biethen.
Der größte Zermbaum und nächste an der Hütte, hatte sich wirklich in
dieser Nacht zur ewigen Ruhe begeben, bleiern lag der herrliche Stamm,
während in seine abgesprungenen Aeste die Winde sich theilten; es fiel
der Hohe, nicht durch Schwäche, sondern durch die Zeugen seiner Macht,
welche ihn zu Boden drückten und dann werthlos entflohen. Mehrere
Stunden hatte ich keine Hoffnung, meinen Fortmarsch zu beginnen; endlich
legte sich der Sturm, und Romoser, mich eine Strecke begleitend, wies
mir mitten im Felsenthale den schwarz markirten, zwischen Kalkgerölle
eingesenkten Gränzstein, der kaum einen Schuh vorragend, doch so
wesentliche Rolle spielt. Ich war nun auf salzburgischen Boden. Der
gutmüthige Hirte bat mich, ihm zur Beruhigung, daß ich glücklich die
hohe Weisbach oder Tauernwand
erstiegen, oben einige Schüsse als Signal zu opfern; geschähe dieses
innerhalb längeren Zeitraumes von ohngefähr zwei Stunden nicht: so würde
er, für mich Unglück befürchtend, soviel es die kritischen Umstände
erlauben, bald nachzukommen trachten, wenn auch darüber seine Schafe
Schaden litten! Wer sollte diesem Menschen, wenn er wie er hier
aussieht, einer Stadt sich nahete, so viel inneren Werth, so viel
Seelengrösse zutrauen? Mit Rührung nahm ich Abschied von Romoser, wie
von einem Freunde, den mich jahrelanger Umgang schätzen lehrte.
Nicht ausser Acht ließ ich die aufgerichteten Steinhäufchen, neben denen
man leichter zur Höhe gelangt; obgleich mich öfteres Einsinken in Schnee
bis an die Brust, auf Gedanken von Irrwegen brachte. Das Kreuz über der
hohen Wand, und die darneben wie ein Männchen errichtete Steinfigur,
waren meine Aufmunterer, wenn ich halb verzagt und unwillig, mich in
Schnee nicht niedersetzen zu können, diese romantische Plage
verwünschte. Dieß ging noch hin; als ich aber zwischen dem trugvollen
Schneeweg der steilen Wand, von der Linken zur Rechten, mehrere Gruben
fand, in denen hinabrutschend mir die lockeren Pflaumen kein
Anhaltspunkt wurden, sondern mich beinahe erstickt hätten, wollte ich
einige Male die Last, welche meine Brust preßte, und vorzügliches
Hinderniß des schlechten Fortkommens schien, wegwerfen; aber das Gewehr
ausgenommen, (welches überdieß ein werthvolles Angedenken war,) konnte
ich ohne der andern Pagage meine Reise nimmer fortsetzen; alles mußte
erhalten werden, um alles zu gewinnen. Dem _Duna_ ging es noch
schlechter, obgleich von der größten Gattung, sah ich ihn doch nie,
ausser herabpurzeln in Schnee, um wieder die Höh zu erklettern. Ich
begreife nicht, wie Schafe, bei ähnlichen Hindernissen über diese
Tauerwand gelangen können! Das beständige Durcharbeiten im Schnee, die
ängstliche Sorge, in demselben abglitschend zu erfallen oder auf immer
begraben zu werden, brachte mich dermassen in Schweiß, daß ich bei
geringstem Stillstande todt umzusinken fürchtete. Aber der beste Wille
fruchtet nichts, wo die Kraft mangelt; ich mußte mich zeitweis erholen!
Da sah ich, wie mit wildem Gekrächze von des Teufelshorns düsterem
Felsenthale, ein Rabenschwarm sich hinschwang über die mageren
Winterspitzen, wo nichts mehr für ihren Scharfblick zu finden, in die
Gegend meiner Wünsche, weit von der Tauernwand, dort die Tafel zu
finden! Neidvoll um ihre Schnelle, die sie überall in Sicherheit bringt,
blickte ich ihnen nach, bis sich deren fittige Zahl mit einem schwarzen
Streife entzog. Zum ersten Male hatte ich mir eines Thieres Gabe
gewünscht; aber der Augenblick und die Veranlassung dazu, werden mir
ewig merkwürdig bleiben. Unterdeß war ich doch der schroffen Wandspitze
genahet. Sonderbar grinset zur Rechten eine kleine Felsenhöhle mit zwei
holzbemalten Bildern; Eiszapfen kristallisiren deren zerklüftetes
Gestein, und hartgedrückter Schnee könnte dem Wanderer einen Sitz
biethen, wenn er hier Muse zur Ruhe fände. Das ältere Bild zeigt, wie
vier Männer auf dieser Alpe vom Schnee verschüttet, und zwei derselben
in die Ewigkeit befördert wurden. Das andere jünger und besser gemalte,
beweiset die Rachelust eines Gemsenjägers, wodurch er seinen Rivalen
(der Abbildung gemäß, wahrscheinlich auf dem Schoppmol,) durch einen
Meuchelmörderschuß auf immer des Jagens enthob, und sich zum Herrscher
dieser Höhen frevelte. Nirgends mögen dergleichen Scenen in
unpassenderen Oertern verewiget werden, als wo die Umgebung schon so
sehr dem Unglücke zuspricht. Einige Klafter höher endet die lästige
Tauernwand mit scharfer Schneide, so zwar, daß sie dachartig, aber
steiler, allsogleich wieder hinabführt nach Saalfelden. Die
Ueberraschung, welche sich hier aus dem grellen Unterschiede der
Landschaftskleidung entwickelt, könnte man Zauberwerk nennen; wenigstens
weiß ich ihr keinen andern Ausdruck zu geben. Sommer und Winter, enge
sich paarend, und geschieden bloß durch diese Felsenkante, locken und
drohen dem staunenden Wanderer in gleichem Grade. Zwar besitzt auch der
obere Theil der Salzburger-Tauern-Höhe in seinen Rissen oder
Vertiefungen hinlängliche Schnee-Vorrathskammern, zur Speisung
kristallener Flüsse; aber etwas tiefer und ringsherum, entsteiget der
besser gewordenen Erde Versöhnungsopfer. Nächst dem balsamischen
Kräutergrün und Alpengebüschen, ringen höher und stolzer um den Preis,
pyramidige Lärchen und Tannen; manche Sennerei, manch freundliches
Hüttendach hat sich dazwischen auf blumigtem Streif ein Plätzchen
gewählt; sanft sprichts den Willkommsgruß dem Fremden. Sprudelnd eilen
die Wässerchen, in Minuten zu Bächen gereift, die kürzesten Wege hinab,
den ferne glänzenden Zellersee mit kalten Wellen zu erfrischen; die
Lüfte ziehen wärmer, Schatten schmücket die Pfade, vielfach theilt sich
das Grün der wonnigen Flur, über welche hier eine Herde Ziegen ihre
Sprünge versucht, dort wohlgenährte Kühe im Scherzkampf mit einander
sich tumeln. Sanft wiegen sich schon wieder auf elastischen Laubzweigen
die munteren Sänger des Forstes, dessen heiliges Dunkel sie schützt vor
des Raubgefieders tödtendem Blick. Saalfelden tief im Thale versenkt,
von silbernen Bächen und ähnlichen Weiden geziert, glänzt von Azur und
goldigem Schmuck, den die Natur so zu mischen nur weiß! Noch kleiner,
Punkt ähnlich werden die Häuschen der ferneren Ortschaften; kaum
hinreichend scheinen sie das Glück braver Familien zu umschliessen --
wenn dasselbe nur immer groß und stolzirend aussehen müßte!
Flächer lagern sich die Wolken auf die verbrämten Alpengipfel; sie
entziehen dem Blicke nicht das Freie, sondern begünstigen die
Uebersicht, weil die glühenden Sonnenstrahlen auf den Gletscherspitzen
sich reflecktirend, durch jenen Schleier das Auge weniger blenden.
Somit prüft man im halben Abenddunkel die Spitzen und Tauern, Kogeln und
Hörner und alle jene Riesen, welche in Kolonnen aufgestellt von Anbeginn
der Welt bei allen Revolutionen und Feindseligkeiten der Erde ihren Rang
und ihre Würde behaupteten. Froh weihet der Pilger diesen Helden die
erzwungene Ehrfurcht, indem er so glücklich war, über sie die Musterung
zu passiren!
Nun wendet er das Antlitz, um seiner Eigenliebe mit der Menge von Hügeln
und Bergen zu schmeicheln, welche seine Kraft bei der Herreise besiegte.
Aber fort! -- denn hier kann sich die Phantasie nimmer gefallen! Nichts
als ein Thal, wüst und schneeig, der Hundskopftod, Watzmann, Königsberg
und alle die Bekannten von gestern sind darum aufgethürmt, für Ewigkeit
den Sommer einen Durchgang zu versagen; pfadlos grinsen die Felsen,
dichter die Lavinen, breiter und unruhiger die Glätscherbäche, man
widerspricht sich, darüber je hergewandert zu seyn! Aber unten fleht aus
schneeigem Beet Romosers Hüttchen um Erinnerung; dann erkenne ich den
ehrlichen Hirten, wie er der Tauernwand genaht das Losungszeichen
erwartet, und nach meinem ersten Schusse ein blaues Tuch auf seinem
Stabe schwingt; später erst bringt mir die säuselnde Luft einige Töne
seines Freudenrufes herauf. Rechts auf den Wänden der Weisbachalpe, wo
gleichfalls die grüne Farbe ein Fremdling, überraschen mich die
Uebungsspiele der Gemsen. Meine Schüsse mögen sie aus der Nähe
verscheucht haben, zufällig sah ich mit dem Fernrohre, wie sie auf einer
Felsenspitze sich sammelten, von da über die Schneewand auf den
Hintertheilen pfeilschnell hinabruschten, und die Höhe abermal
erklimmend, dieselbe Fahrt wiederholten. Deutlich konnte ich
unterscheiden, wie einige dieser Gymnastiker, entweder zu jung oder
ungeschickt, sich überwarfen, Zwei aber oben herumspringend, sich gar
nicht hinabwagten. Wäre ich mit den Eigenschaften und Naturkünsten
dieser Thiere nicht schon etwas bewandert, so hätte ich seltsam zu
träumen vermuthet! Nun riefen mich Tantalus Qualen von dannen; aber die
Hoffnung, sie die herrliche Göttin! sprach Trost im nährenden Thale! Ich
konnte so kalt von der Stelle nicht scheiden, wie der Schnee, welcher
unter meinen Füssen schwand. Am Malnitzer-, Heiligenbluter-,
Radstädter-, und auf den übrigen Tauern können Pferde dem Wanderer
nützen, hier vermag er nur sich selbst zu helfen, wenn ihm die Kraft
nicht erstirbt, oder der Muth ihn nicht verläßt. Ach wie Viele (beschloß
ich mein Selbstgespräch) gingen von hier dem schnellen Tode entgegen,
und du bist geborgen, und gewarnt zugleich! Schnell nahm ich mehrere
lose Kalksteintrümmer, erhöhte damit die kleine Signalsäule, welche mich
leitete vom schneeigem Thale herauf, legte mit aller Anstrengung eine
breite schieferähnliche Platte dazwischen, und schrieb auf deren Fläche
mit schwarzer Oehlfarbe:
„Frisch o Pilger! unverzagt
Sey der Weg zum Ziel gewagt!
Leicht errungen ist der Preis,
Wenn man ihn zu schätzen weiß.“
Dieser Zeiger, nun bei sechs Schuhe hoch, dachte ich könne eher dem
Wanderer in der Ferne sich kennbar machen, als das kleine aus Lattenholz
aufgestellte Kreuz daneben, welches etwas mehr Schnee ohnedieß ganz
zudeckt. Die Worte, wenn sie ein Vorbeikommender zu lesen vermag, sollen
seinen Geist ermuthigen, ganz Profane mögen in diesen Hieroglyphen
Bibelsprüche vermuthen, und sich bekreuzigend ebenfalls Beruhigung
fühlen.
Langsam konnte ich nur abwärts gelangen, denn wie ich einen Schritt
machte, gleitete ich mehrere nach, so glatt oder so steingeröllig ist
der schroffe Pfad. In der Ueberzeugung, Niemanden mit dem Fernrohr
gesehen zu haben, der heraufzuklettern strebte, machte ich mir das
seltene Vergnügen, ein Paar grosse Steine geflissentlich von ihren
lockeren Plätzen zu rücken. Knirschend, prasselnd donnerten sie herab,
auf ihrem fürchterlichen Fluge Hunderte von schwereren Steinklumpen
entlösend, die kleineren gar nicht zu zählen, welche wie ein
Schlachtgeheul ihr Gepolter trieben, während die größten mit
Kanonenstimme das Gewehrfeuer übertönten, und die Alpenmassen rüttelten.
In weiten Zügen folgte ihnen der aufgerissene Schnee aus den Klüften,
und das Erdreich, wo sie es fanden, wirbelte zu Staub sich in die Luft,
bis eine tiefe Grube oder feste Wand sie bezähmte; minutenlang rollte
sonach das Echo in den Gebirgsthälern umher, wie das drohende Murren der
Völker zum Aufruhr.
Nun hatte ich die gefährlichste Passage zurückgelegt, ich befand mich
bei einer Sennhütte auf kleiner Wiesenfläche; schon hatten sich deren
Bewohner in die wärmere Tiefe geflüchtet; sie both nun nichts als Schutz
wider Regen, und dessen bedurfte ich nicht. Bald darauf ergetzte mich
klares Trinkwasser -- ein geringer Fund, aber von grossem Werthe, wenn
man es sucht!
Die übernassen Stiefel wechselte ich mit Schuhen, um wieder ein
trockenes Fleckchen an mir zu fühlen, und leichter den besseren Weg
fortzuschreiten. Dieser bog sich nun in finsteres Nadelholz, das zum
Theile durch die Axt viel Unfug erlitt. Wohlwissend, daß, wenn ich
dieser ungeheueren Baumschule der Natur mich endlich entwunden, auch die
bekannten Gränznachbarn meiner Alpe sich längst von mir getrennt haben
würden, suchte ich sie mit wehmüthigen Blicken mir erinnerlich zu
erhalten, für die tiefe Fremde, wohin sie stolzer niederspötteln würden.
Eben schmückte sie des Mittags feuriges Roth, der Abglanz ihres
Scheitels wirkte auf deren hohe Figur, sie schienen nicht was sie waren.
-- Wo Rosen und Lilien der holden Braut so schön am Antlitze wechseln,
und heiter der Blick zum Erkohrnen spricht; da suchet wohl Niemand den
häßlichen Fleck, wo mancher Gattin Mißlaune einst wurzelt!
Wärme schienen sie zu lügen die frostigen Alpen, leicht erspringbar ihre
Gipfel -- es war die falsche Lock, mehrere der Ueberwundenen zu ihren
Füssen oder Gürteln zu zählen!
Die Schatten der Wolken zogen itzt dichter über die Erde und ihre
Geheimnisse, und kümmerten sich nicht um deren Gräben und Klippen; ich
aber belächelte meine Resultate, die sich aus milzsüchtigen
Vergleichungen, Nebel ähnlich entspannen, und dennoch geraume Strecke in
Wald mich begleiteten. So wie ich tiefer gerieth, wurde kleiner die
Welt, traurig sah ich mir von einen Hügel um den anderen die Alpen
schneller entziehen, bis der frechste mir des Tages goldene Scheibe
höhnend verbarg. Diese Zwergberge hatte ich von der Tauernwand sicher
nicht beachtet, sie schienen darüber erboßt, gleich dem gemeinen Pöbel,
der unerkannt von schöneren Stellen, seine Wenigkeit in der Nähe desto
fühlbarer macht.
Zwei thätige Holzhacker waren die ersten, welchen ich bald Stoff zu
lächerlichen Bemerkungen gab. Sie bestätigten die Richtigkeit des Weges,
meinten aber es wäre vergebens gewesen, sich auf so gefährliche Art zu
ranzioniren, indem die Ueberreiter (Gränzaufseher) zu wachsam, mich
sicher finden und ausliefern würden. Ein herrliches Kompliment! Ich
fragte nicht für wen sie mich hielten, und ging, meine etwas invalid
gewordene Kleidung betrachtend, unwillig weiter. Endlich übersah ich
einen grossen Wiesenabhang; rechts brüllte aus demselben prächtiges
Hornvieh seinen Baß, in den sich der Tenor einiger 100 Schafe ober mir
mischte; links auf einem isolirten Wasenhügel ruht das
Schloß Lichtenberg
mit zwei Thürmen. Von seinem einstigen Wohlstande, worin sich die Ritter
von Lichtenberg gefielen, ist es dermassen herabgekommen, daß kaum
einige schlechte Zimmer zur Wohnung für den Jäger und seine Angehörigen
erübrigen. Die weisse Uebertünchung, die man ihm statt nothwendigerer
Reparaturen schenkte, entstellte es vollends zum armseligen Zwitter; das
geachtete Alterthum schwand dadurch, ohne von der neueren Bauart das
Zierliche zu haben. Ober diesem Schlosse, hoch aus belaubter Felsenkluft
blickt eine wohleingerichtete Einsiedelei auf das Thal.
Vorwärts, an der forellenreichen Ache, dehnen sich die reinlichen
Häuschen
Saalfelden’s;
in das Klappern der Mühlen und Bretersägen stimmet der muthigen Rosse
Gewieher, aus Garten und Ställen. Angenehmer als der gesammte Tumult des
ansehnlichen Marktes, war mir der stille Rauch, welcher sich in ernsten
Formen über die Schornsteine wölbte. Der größte schien mir als
werthvollster, das Wirthshaus zu verrathen; doch mußte ich vorher den
sich krumm gelaufenen _Duna_ versorgen.
Schon meine Nachfrage um einen Metzger (Schlächter), sammelte viele
Neugierige; als sie aber dort einige Pfunde rohes Fleisch von dem
verhungerten Hunde verzehren sahen, und ich auffallend unbarbirt, um die
mögliche schnelle Beischaffung eines neuen Beinkleides, wenn auch zu
höherem Preise mich erkundigte: folgte mir der immer stärker werdende
Trupp bis zum Gasthause. Neugierde ward mir auf Wanderungen nicht fremd
geworden, ich überging sie daher als etwas Gewöhnliches. Als mich aber
im Zimmer die Bauern mit beständigen Fragen zunehmend heftiger quälten,
und ich mehr für sie als meine Restaurirung da seyn sollte, antwortete
ich gar nicht, oder was mir beliebte. Die gebietherische Aufforderung
eines Marktschreibers, oder wer er sonst seyn mochte, mich vom Imbiß weg
augenblicklich sammt Sack und Pack zum Amte zu verfügen, glaubte ich
kaltblütig überhören zu müssen, und allenfalls meinen Paß durch einen
Diener des Wirths hinzusenden. Aber dieß genügte dem ruhmrednerischen
Schreihalse nicht; ich both ihm gleiche Münze für seine Grobheiten, und
somit entspannen sich unangenehme Auftritte und komische Verfügungen.
Jeder Fußreisende ist übrigens solchen Lästigkeiten immer mehr
ausgesetzt, als der Fahrende, und am häufigsten in wenig besuchten
Gegenden, obgleich man dort die Insassen gutmüthiger denken sollte.
Ich verließ folgenden Tags Saalfelden, das mich freundlicher gegrüßt,
als aufgenommen hatte. Ueber der Ache betrat ich eine lange Wiese, die
zu naß ist, als daß sie je etwas Gutes hervorbringen könnte. Wie mag im
Winter bei diesem saueren Heue das Vieh den Verlust des wohlschmeckenden
Kräuterfutters der Alpenweide fühlen! Vielleicht daß die Bauern
sinnreich den gleichen Grundsatz einiger Doktoren »nach Schwelgen seye
die Fasten sehr zuträglich« auf ihre wohlgenährten Herden in Anwendung
zu bringen suchen, und darum diesen schwarzen Fruchtboden als Medizin
betrachten, und der Auswässerung überlassen.
Um eine Krümmung zur Rechten, bog sich nun der Pfad zum
Zellersee.
Gerne hätte ich von meiner lieben Weisbachalpe schlüßlich Abschied
genommen; allein sie war zu stolz dieß zu gestatten! Wolken und Nebel
machten ihr den Hof, sie wollte erst später dem Volke sich zeigen. Aus
Unkenntniß des Weges ließ ich den See rechts, und umging so die
Fahrstrasse und den Markt Zell. Ich hatte dabei wenig verloren; denn der
schönere Gangsteig und die höhere Uebersicht der malerischen Ufer,
entschädigte mich vollgütig für Zells alte Häuser und sonderbar
gothischen Kirchthurm, welche im Wasserspiegel sich schattirend, dem
Markte ein grösseres Ansehen geben.
Lästiger war der Umstand, daß ich von Schütt (einem kleinen Dörfchen am
See) überfahren mußte, um nicht in pfadloser Schlucht (oder Einöde, wie
man es nannte) nach kurzer Zeit eingeschlossen zu werden: aber Niemanden
fand, der weder durch Geld, noch Bitten mein Fährmann seyn konnte. Die
Fischer, deren Ansiedelung hier viele Kähne beweisen, waren abwesend;
die Bauern aber beim Frühstücke thätig, wollten sich durch Strapatzen
den reichlichen Imbiß ja nicht verbittern; und so blieb mir, da die
Schiffe angeschlossen waren, kein Machtspruch übrig, als -- Geduld!
Endlich erbarmte sich ein armer Greis meiner heiser geschrieenen Kehle.
Der abgelöste Kahn, aus einem einzigen Lärchenbaume gezimmert, schien
älter und gebrechlicher noch als sein Fährmann. Die Länge des
unbehülflichen Schiffchens, verglichen mit seiner ungemeinen Schmäle,
gibt den Fahrenden nicht die geringste Sicherheit auch nur bei mässigem
Winde. Sein Hauch ruhte dießmal, und dennoch mußte ich mit meinem Körper
balanziren, damit der Kahn nicht umstürze: anstatt daß ich dem schwachen
Greise, den jeder Ruderstoß um eine Stunde seiner Auflösung näher zu
bringen drohte, nach meinem Wunsche helfen konnte. Wie ganz anders fährt
man über den _St. Bartholomäus_-See, wo die Kraft des Armes auf die
Sicherheit des Kahnes (wenigstens bei Windstille) pochen kann.
In 25 Minuten hatten wir die Seebreite, dessen Länge zwei Mal soviel
Ausdehnung haben mag, zurückgelegt. Die größte Tiefe desselben beträgt
42 Klafter; gegen die ringsherum flachen Ufer ist der See feucht, und
endigt mit Schilf- und Moorgrunde. Ich sah noch keinen See von so viel
Fischen belebt wie diesen; doch sollen sie in edler Sorte und
Vortrefflichkeit denen der anderen Gebirgsseen nachstehen. Eben so möge
die Luft bis Mittersill hinauf durch die Sümpfe, welche links an der
Strasse vom Zellerbache und der Salza reichlich genährt, ihre Dünste im
Thale giftig verbreiten, nicht sonderlich gesund seyn. Auf den
Sumpfwiesen wird allenthalben der Heuvorrath in kleinen Stadeln
(Kaischen) aufbewahrt, welche von weiten das Bild eines immer
fortreichenden Chinesischen Dorfes biethen.
Ausser Zell, beim Dörfchen _Limberg_, befindet sich ein Kupferbergwerk.
Gar nichts Merkwürdiges ausser ihren Namen, haben die Oertchen _Fürth_
und _Pisendorf_; man müßte nur die Kaltblütigkeit der Bewohner als etwas
Wesentliches anführen, womit sie bei dem Mangel an Feldern, einige 100
Joche Wiesengründe von Sümpfen ersticken lassen, ohne durch vernünftige
Ableitungen sich daraus fette Fruchtäcker erzielen zu wollen.
Früher schon blickten aus Süden in die idyllische Landschaft, die
mächtigsten
Heroen des Salzburger Alpenlandes,
das Wisbachhorn, die hohe Kammer, und von einer Wiesenhöhe zur Linken
erkennt man den Greisenvater Glockner, die Gränze mit dem Himmel und
Ländern[30] bildend. Vom Haupte bis unter ihren Gürtel ganz in Schnee
gehüllt, entstellt kein vorragender Stein, kein Flecken die glatte Form
ihres schlanken Wuchses. »Wie oft,« dachte ich, »muß _Phöbus_ auf seiner
Eilfahrt diesen Kindbetterinnen der Flüsse schmeicheln, bis deren
Eisgeburten zu Wasser geschmolzen, hinabsinken in die flachen Beete der
guten Erde; um zu _Boreas_ Triumphe dort wieder Brücken zu bauen in der
Ströme würgenden Wogen, und dem tiefen Meere sonach die Geschenke der
Alpen zu bringen.« -- Gibt dieses alljährig sich erneuernde
Elemententheater nicht ein Bild des Lebens? Der Mensch, flüchtig wie
Schnee, spielt auf der holperigen Lebensbahn mit Wünschen und
Erfahrungen, gleich den Sonnenstrahlen mit der Eisdecke, unterliegt dem
Zufall, wie sie der Wärme, wird oft wieder, was er war -- ein Kind,
sinkt in das Grab, wenn er glaubt etwas errungen zu haben, und läßt, vom
ewigen Jenseits verschlungen, nichts übrig, als den Nachruf seines
einstigen Daseyns! -- Die Nachkömmlinge spielen über ihm die vorige
Rolle.
[30] Kärnthen, Salzburg und Tirol; er mißt nach Schultes 12,000′ über
dem mittelländischen Meere.
Diese ungeheueren Körper stünden, angestaunt von der lebenden Welt, todt
und nutzlos da; hätte noch nie ein kühner Sterblicher sich auf ihre
Zinnen gewagt, und erkannt, wie der Schöpfer seines Reichthums höchsten
Schmuck dort ergründbar umbreite, während deren kleinere Brüder mit
ihren Schätzen bunte Bewohner nähren, und hochstämmige Trophäen tragen,
welche in die Ferne versendet, noch der Erzeuger Kraft verkünden. --
Gunstbezeugungen sind dem Grossen ein Tribut, den er nicht achtet; indeß
der Kleine sie kärglich sammelt, und als Flitter triumphirend zur Schau
trägt.
Beim Dorfe
Walchen
kommt man wieder zur Salza. Im Widerspruche mit der Sanduhr des Lebens,
ist sie jünger geworden seit dem letzten Abschiede; der schnellere Lauf
und die Sprünge dieser kleinen Nymphe, lassen zu sehr auf den Muth der
stärkeren Jungfrau schliessen, mit dem sie als solche bei _Lueg_ die
Felsen sich brach, und dann die Ufer majestätisch ausdehnte. Ich gab
diesen Wellen Grüsse mit nach Hallein, und -- allen Lieben zu Wien!
Häufige Vogelbeerbäume sind hier, so wie bei Niedersill, das links
bleibt, und um die Ortschaft _Lengdorf_ gepflanzt. Sie sollen für das
Vieh sehr zuträglich seyn, und vor Ueberschreiung desselben bewahren!
Einige Saatfelder und Kleeäcker erschienen mir bei _Uttendorf_ als
besondere Seltenheit; desto bekannter dunsteten wieder die Sümpfe zu
Dorf _Uggl_ und _Dobersbach_. Schöne Waldberge umsäumen fortwährend auch
die Dörfer _Uettendorf_ und _Stuhlfelden_. Im Markte
Mittersill,
wo rechts auf der Anhöhe im ehemaligen Schlosse das Pflegamt sich
befindet, genoß ich vollkommene Mittags-Erholung. Die bereits heute
zurückgelegten fünf Meilen hatten mir das mässige Mahl herrlich gewürzt,
und den minder guten Wein erträglich gemacht. Die Dienstfertigkeit des
braven Wirthes verschaffte mir für nicht übertriebene Kosten das zu
Saalfelden vergebens zum Kaufe gesuchte neue Beinkleid. Es erheiterte
mich ungemein, jenes mit einigen Blessuren der Alpenreise behaftete,
weggeben zu können, weil ich mit dergleichen Anzuge mich zu behelfen
noch nie das Mißgeschick hatte. Von Mittersill führt der gewöhnliche Weg
nach Tirol über den grossen Kettenstein und Trattenberg nach Kützbüchl,
und dann ins Innthal nördlich nach Kufstein, südwestlich über Rattenberg
nach Innsbruck. Das Innthal sollte mir zum Rückwege dienen; daher wählte
ich itzt _den_ über die wilde Gerloshöhe in das durch sein Hornvieh
berühmte Zillerthal.
Bauern-Oekonomie.
Ich schritt also abermal der Salza aufwärts, sie links lassend auf der
Strasse, welche eigentlich ein Fahrweg, alljährig hundert Verwüstungen
Preis gegeben, alle Unbilden einer viae malae dem Wanderer empfinden
läßt. Die häufigen Gießbäche, welche allenthalben der Salza zueilen, und
ihre Geburt in de Gebirgen entlehnen, wandern nicht selten auf der
Fahrstrasse umher, und nehmen mit, was ihnen gefällt, und lassen zurück,
was sie nicht brauchen. Diese Rudera eines Wagen- und Wasserpfades
ermüdeten schon weit unter Mittersill, und dauern mit zeitweiliger
Verbesserung bis zum Dorfe _Wald_. Mit den hölzernen Häuschen des Dorfes
Hollersbach geben schöne Waldberge und Saatfelder ein reitzendes Tableau
an der Salza; desto widerwärtiger erbittern den Oekonomen die
allenthalben Holzvertilgung drohenden Umzäunungen, welche das Vieh vor
Eindringen zu bewahren, hie und da doppelt eine elende Wiese oder
versandeten Brachacker umstricken. Wenn man annimmt, daß diese aus
dünnen Tannen und Föhrenbäumchen bestehenden Einfriedungen den jungen
Nachwuchs der Wälder ausmachen, und bei solcher Verwendung nach etlichen
Jahren verfault, nicht einmal zur Feuerung benützt werden, sondern der
Verwesung überlassen, frische Stämme an ihre Stelle treten: so wird man
nicht einstimmen in die Behauptung der albernen Bauern, welche ihre
Wälder für zu groß, und im Vergleiche mit der geringen Nutzziehung
daraus, in gar keinem Vergleiche halten. Müßten sie nur wenige Jahre um
geringen Preis Holz kaufen, die Lücken im Forste würden weniger, die
Aecker aber fleissiger mit Steinen und lebendigen Zäunen verwahrt
werden.
Beim Dorfe _Mühlbach_ kann der Reisende, wenn er Zeit und Lust hat, das
schöne Kupferbergwerk besehen. Eine halbe Stunde bringt ihn dann nach
Dorf
Braunberg,
bei dem sich auf gleiche Entfernung, rechts in der Bergschlucht, eine
der schönsten _Cascaden_ tumelt. Ich habe über hundert Wasserfälle
betrachtet, und glaube so ziemlich ihren Werth aus deren Wassermenge,
Steinformen, Sturzhöhen u. dgl. abnehmen zu können; demnach wage ich
diesen in beiden ersten Eigenschaften vorzüglich, und in letzteren
bedeutend auszuzeichnen. Am Bache fortwandernd, wachsen bald höher und
enger die Thalwände; im Sturmmarsche dringen die Wogen heraus, und
wälzen sich Steine im Felsenbeete zum Vertilgungskampfe mit der Salza;
kühler athmet die Luft beim hitzigen Krieg der Tritonen, den man lange
schon mit Erstaunen vernahm, und endlich übertäubet ersieht. Hoch vom
chaostischen Felsengebäude entstürzt der schneeige Fluß, bald in ganzer
Masse, bald in Arme getheilt, die Kluft stärker zu rütteln. Bäume, die
er der Heimath entriß, ihnen die Fremde zeigen, hat sein zu rasches
Toben in die Risse der Felsentreppe verschlagen, aus der sie ewig zum
Spiel seiner Laune, doch nimmer entfliehn! Moos hat sich hie und da um
die zitternden Stämme geschlungen, es sind die grünen Flecken, welche
herrlich die silbernen Wasserbögen durchsticken und zeitweilig vom
Sonnengott einen Huldblick zu erflehen scheinen. Aber sprühend
überziehet die Fluth ihren Fall; kein Auge, kein Blick vom Himmel soll
spotten über die tief Gesunkene; Staubregen von oben herab sie
begleitend, und von unten empor sich wirbelnd, decket den donnernden
Kampf und nässet reichlich die Runde, um selbst in der Ferne die Neugier
zu bannen. Jedoch entzückt durch der Natur zauberische Seltenheit,
weichet der Mensch nicht bei Gefahren, und Traufe sollte ihm diesen
Neptunstempel schließen?
Auf einem Felsenstücke gelagert, dem zartes Moos und duftende Blumen
holdern Schmuck bringen, als dem goldverbrämten Ruhebeete seine
elastischen Stahlfedern, schöpft man hier aus der Brunnenquelle der ewig
schönen Natur frische Labung! Mit der Städte lästig Geräusch vergleicht
man dieses Anmuthige der Natur, mit der Dekoration prunkvoller Säle,
diese des Orkus -- Seelengefühl schildert den Preis! Ein Windstoß zerriß
itzt die Wasserkunstdünste und wehte den Himmel blau, unter dem sich die
Schnellsegler der Erde -- einzelne Wolken hinzogen, als Plänkler zum
beginnenden Treffen, der Sonnendiamant aber blitzte zwischen dem
beweglichen Triumphbogen der Najaden, und sah mit abgehärteten Alpen
eine Zeitlang als Sieger in die erboßte Kluft, bis sie neue Kraft
gesammelt, die vorige Uebermacht errang. Von Gefühlen bestrickt, sinnet
der Mensch und staunet der Geist, wie die Wunder sich häufen, wo man
Zauber nicht wähnte! --
Taub vom Gebrülle der Wogen verläßt man das felsige Beet, die Schlacht
ist vorbei, es lachet der Friede in Salza’s grünerem Thale. Höher rücken
darin beiderseits hölzerne Häuschen auf die mit Wäldern besäumten Berge;
man fürchtet, daß sie heruntergleiten müßten im Winter, wenn zunehmender
Schnee sich neben ihnen die Bahn ins Thal wälzt. Ueber dem Dörfchen
Weiherhof
ragt der schwarze Kirchthurm mit seinem spitzigen Schindeldache wie ein
Zahnstocher für Giganten. Er ist in die Ruinen eines alten Schlosses
gebaut, von dem nur noch ein mit Birken bewachsener Thurm erübrigt.
Weniger konnte ich den einstigen Namen, (_Weiher_, _Wieher_, oder
_Wildschloß_ wie man es verschiedentlich angab,) als eine Volkssage
darüber erfahren: Einst sollte hier ein gar arger Raubritter hausen, dem
nebst Wildjagd, Menschenpein seine angenehmste Erlustigung gewesen. Die
Bauern, welche dazumal im Walde zerstreut ihre Hütten besassen, konnten
ihm nie genug arbeiten, und dennoch war er niemals zufrieden; er schwur
endlich, sie statt der bereits ziemlich ausgerotteten Bären und Wölfe
hetzlustig zu erlegen. Zu diesem himmelschreienden Vorhaben lud er
einige seiner Zechbrüder und Lastergenossen.
Es fügte sich vorher, daß, wie er eines frommen Burschen Braut verführen
wollte, dieser und ihr Bruder ihm zu hart auf den Leib gingen, und den
Ritter zur Flucht zwangen, deßhalb befahl er nun das Mädchen und die
beiden Bursche in den Burgzwinger zu bringen, selbe in Häute von Bären
zu nähen, und dazu zwei wirkliche Bären, welche im Forste einst jung
gefunden, und zur Kurzweil des Ritters auf dem Schlosse ernährt wurden,
einige Tage abgehungert, dann gegen die Unglücklichen auszulassen.
Das Schreckensfest begann mit der Ankunft der gräßlichen Zuseher.
Wüthend fielen die zwei großgezogenen Schloßbären über die drei
Fremdlinge her; der Kampf blieb eine Zeitlang zum Erstaunen der
Anwesenden unentschieden. Endlich stürzte einer, und dann der zweite der
genährten Raubzöglinge mit fürchterlichem Gebrülle an die Einfriedung
des Burgzwingers, daß ihre Rippen brachen und Mauerschutt die todten
Riesenkämpfer überdeckte. Rachentflammt über das unglaubliche Glück und
Kraftzeichen der vermeinten drei Delinquenten, eilte der wohlbewaffnete
Satansritter, unerhörte Flüche wider sein Daseyn und den Schöpfer
ausstossend, wenn er nicht diese Masken erlege, mit zweien seiner
verdorbensten Spießgesellen in den Kampfplatz. Wuth und Blutgier schwang
höher ihren blitzenden Stahl, jeder Streich hätte eine Eiche überwunden,
und doch drang er nicht durch bei den blutenden Vierfüßlern; sie rangen
und schwiegen, wenn auch schon die Stimme der Ritter erstarb! Jetzt aber
hoben sie sich, fürchterlich brüllend wie der Nordsturm, wenn er die
Bäume ihren Wurzeln entreißt, und die Felsen sammt deren Lavinen
hinabschleudert, in die tiefen Gräber der Alpen, um über die Menschheit
Gräber zu bauen!
Mit Zettergeschrei flohen die barbarischen Zuseher von ihren gefälligen
Plätzen. Die Ritter wollten auch das Weite suchen; Todesangst hatte
ihnen bereits das Mark zerronnen und die Haare steif empor gestreift:
jedoch näher drangen die zottigen Ungeheuer auf die um Hülfe rufenden
Schlachtbolden. Einer um den Andern wurde besiegt; man sah die Panzer
zersprungen, das Eingeweide aus dem Leibe gerissen, den Kopf vom Genick
gedreht, und die Gliedmassen einzeln auf dem Kampfplatz zerstreut.
Hierauf erbrachen sich die Waldheroen den Ausgang, und blutige Spuren
bewiesen noch mondenlang ihr jüngst schreckliches Daseyn. Aus der
vernachlässigten Schloßkapelle aber traten bleichen Antlitzes, Hand in
Hand die zwei Freunde mit dem ehrbaren Mädchen; unbewußt des Herganges,
benützten sie den Augenblick als das Pförtchen sich aufthat, zu ihrer
Rettung. Nun erkannten sie die gräßlichen Spuren des Mordes, sahen die
zwei Bären erlegt, gegen die sie hätten kämpfen sollen, und vor welch
sicherem Verderben sie eine verschleierte Jungfrau entzog. Das Mädchen
aber wiederholte knieend ihr früheres Gelobniß: »wenn sie von diesem
schrecklichen Untergange die heil. Jungfrau bewahre, in einem Kloster
ihre Tage zuzubringen.« Traurig, aber ehrend diesen Entschluß, knieten
die Jünglinge neben ihr, und versprachen, im gelobten Lande in den
Reihen der Knappen, für die Ehre des Heilandes zu bluten.
So geschah es; das Schloß blieb geschieen von menschlicher Welt, nur der
willkommne Sammlungsort wilder Raubvögel, Eulen und Nattern, die sich
hier im bunten Vereine Feste gaben. Wagte auch bisweilen ein kühnerer
Wanderer, durch Ungewitter oder Hoffnung zum Gewinn geleitet, in den
öden Hallen eine Nacht zuzubringen; so wurde er bei fürchterlichem Lärm,
mit Gold und Silbergefässen, herrlichen Speisen u. d. gl. schadenfroh
gefoppt, und wenn er von etwas Gebrauch machen wollte, mit tüchtigen
Schlägen zum Schlosse hinausgejagt. Nach vielen Jahren kam der einstige
Bräutigam zurück; der Nonne Bruder hatte den Heldentod unter den Säbeln
der Sarazenen empfangen. Dem Ankömmling war der gleiche Wunsch nicht
vergönnt; er stürzte sich in der Schlachten blutigste Reihen, eroberte
Trophäen, rettete seine mit Gefahren umdrohten Anführer, ward nie
gefangen und that Wunder der Tapferkeit! Auf dem Schlachtfelde wurde er
von dem fürstlichen Heeresführer zum Ritter geschlagen, besiegelte diese
Auszeichnung durch spätere Kampfwunder, und kehrte endlich zurück, um im
heimischen Pinzgau die asiatischen Wunden zu heilen. Doch auch hier
bluteten sie, und zwar im Herzen -- durch Erinnerung! Die Veste, welche
ihm von Kaiser und Reich zugesprochen wurde, gab ihm keinen Ersatz für
sein verlorenes Glück, er bezog sie nicht, schenkte aber die Umgebung
armen Ansiedlern, mit dem Wunsche: wenn sie oder ihre Nachkommen einst
zu Vermögen kommen sollten, in die Nähe des Schlosses eine Kirche zu
bauen; er selbst zog sich in die Wildniß und lebte als Einsiedler, von
Jedermann verehrt. Kurze Zeit nach seinem Tode stürzte die Veste, welche
wie vor und eh unbewohnt, aber noch im ziemlich guten Zustande sich
befand, in einer Gewitternacht zusammen. Weniges Gemäuer und der Thurm
erübrigten; in den Schutt theilten sich die Umbewohner, und sieh -- es
fand sich ein Kästchen mit Gold- und Silbermünzen, zum herrlichsten Baue
einer Kirche hinreichend. Man baute und baute, aber das Werk wollte
nicht von der Stelle gehen; endlich strebte er, wölbte sich und stand da
voll Ansehen und Pracht der Gott geweihte Tempel, von dem Volke
angestaunt! Auf Maria Geburt sollte darin das erste Hochamt gefeiert
werden; schon war alles vorbereitet! aber Tags vorher, den 7. September
lag die Kirche durch unergründliche Macht -- im Schutt. »Der Herr läßt
nicht durch Sündengeld sich Tempel bauen,« sprach ein frommer Greis,
»erworbene Baarschaft durch unserer Hände wackern Fleiß, sollen Ihm die
Kirche gründen!« und mit der Jahre späten Frist stand durch der Kreuzer
karg erworbne Zahl, das Kirchlein zu Weiherhof.
Häufiger dringen sich bei
Neunkirchen
dem Wanderer die lästigen Spuren der vertilgenden Gießbäche auf. In
diesem Dörfchen befindet sich ein Zoll- und Aufsichtsamt, als beinahiger
Schlußwächter des salzburgischen Pinzgaues nach Tirol; ich mußte also
meinen Paß daselbst _vidimiren_ lassen. Das Merkwürdigste nebst jener
Kleinigkeit schien mir die grelle Malerei der Kirche, welche nur hier,
aber schwerlich anderwärts, vor Lächeln wahrt. Würde das treffliche
Trinkwasser, welches am Platze einem hölzernen Springbrunnen entquillt,
in Wien rieseln, so hätte man es längst mit Granit überbaut, und um
hohen Preis zur Abnahme gebracht.
Ausser Neunkirchen gewinnt die Gegend an romantischen Ansehen. Ein
junger Laub- und Nadelwald nimmt den Fremdling auf von der erschöpfenden
Tageshitze in freundlichen Abendschatten, wie den müden Lebenspilger die
endliche Ruhe. Man hört erfreut wieder den melodischen Fink und zarteren
Hänfling ihr vielstimmiges Dankliedchen wiederholen; sieht, wie das
besorgte Rothkelchen sein leichtsinniges Weibchen zur Ruhe treibt, und
die näschige Meise noch für den Nachtimbiß besorgt, von einem Zweige zum
andern die Fliegen sich sammelt. Ich glaubte die lieben Luftbewohner zu
erkennen, welche vor wenig Tagen noch vielleicht das Gärtchen meiner
lieben Eltern belebten, die mir Willkomme brachten von ihnen und von
meinen Freunden, welche im Geiste so gerne mit mir gewandert wären!
Ja gewiß, man mag Empfindler seyn oder nicht, ein schöner Abend nach
stark durchschwitztem Tage leitet doch so natürlich zur sanften
Schwärmerei!
Mitten im Bereiche der Najaden und Hamadriaden befindet sich die kleine
Gemeinde
Rosenthal,
sie mag den schönen Namen als Trost führen, weil sie an dessen
Realisirung so Mangel leidet. Rechts dabei auf der felsigen Waldanhöhe
stehen die Ruinen des alten Schlosses
Hierburg.
Ich beschloß, ein halbes Stündchen zu dessen Besichtigung zu verwenden.
Mit Befremden sah ich oben die öden Ringmauern von Kadavern
aufgehangener Fledermäuse, Nachteulen und Falken besudelt. Auf einem der
häufig herumwuchernden Bäume war ein todter Marder angebunden; übrigens
fand ich ausser sehr häufiger Mauerraute (ruta murrana) an den
Schloßwänden, nichts, was meine Aufmerksamkeit hätte anziehen oder
fesseln können.
Enger und finsterer wird nun das Thal, kühner arbeiten darin die
Bergbäche; die hohen Schneealpen blicken wohlgefällig auf diese -- ihre
munteren Kinder herab, und sichern deren fortwährende Thätigkeit. Das
winzig kleine
Trattenbach
mit seiner Branntweinbrennerei, könnte als herrliche Staffage zu einer
amerikanischen Wildniß-Ansiedelung dienen. Nahe dabei erscheint eben so
schön, als jenes abschreckend war, das aus 16 Häuschen bestehende
Dörfchen
Wald.
Sein Kirchlein, welches den Trost spendet über die sich von hier
theilenden Alpenpfade ins Ziller- und Pusterthal, rief eben zum
Abendgebeth. Rein und silbern, wie das Alpenland, verklang die Glocke im
Thale; und inner den Thüren der hölzernen Häuschen, neben der bemoosten
Ringmauer der Kirche, tönte der fromme Spruch, welchen die dankbaren
Eltern den Kindern gelehrt, um ihn auch auf die Nachwelt zu bringen.
Glücklich, wem sich sein Leben so schließt, wie der Abend den heutigen
Tag! sein Wirkungskreis muß heiter gewesen seyn, und in den trüben Tagen
des Schicksals muß nie Ungewitter Platz gegriffen, und den Nutzen der
frohen Periode zerschmettert haben. -- Im unansehnlichen Wirthshause
wollte ich meine heutige achtmeilige Wanderung beschliessen; allein
trotz dem guten Willen, mußte weiter gewandert werden. Wirth, Weib und
Dienstleute waren vor einigen Stunden zu den morgigen gebirgsberühmten
Zeller-Kirchweihfeste (im Ziller-Thale) abmarschirt. Sie machten sich
schon heute auf den Weg, um dort zu übernachten, und ja nichts von
diesem Feste zu versäumen. Drei kleine Kinder und eine alte Wärterin
übten dagegen zu Hause ihr Mordio, daß die Ohren gellten, und ich nach
einem Schlucke sauren Weins lieber fortwanderte, als auf dem Bund Stroh
bei solchem Konzerte die Nacht zu verwünschen. »Zu Ranach,« kreischte
die Hekuba, bekäme ich gute Unterkunft und Nachtessen; auf der Karte
fand ich diesen Namen als Dorf angeführt, und so konnte auch die
Prophezeiung erfüllt werden. Die herrliche Lage von _Wald_ will den
Wanderer nicht von sich lassen; begrüßt sie mit allem Zauber den
Ankömmling, so ist’s magnetische Kraft, die den Abreisenden zurückhält.
Ich stand geraume Zeit auf dem Endpunkte einer Bergwiese ober dem
Dörfchen, und zählte die Hütten, und maß die Wälder und Felsen, welche
hoch sie umgeben, und beneidete die Salza, welche herumhüpfend zwischen
grünen Voralpen von ewigem Schnee überglänzt, den schönsten Gebirgstheil
ihren Geburtsort nennt. Und des Himmels Sternenaugen erwachten itzt
häufiger und schneller zur Sorge für die schlummernde Welt; sie
überblitzten das schwindende Roth der spätesten Abendgluth auf den
Gipfeln der Schneealpen, und bis an die Flüsse hinab reichte ihr
forschender Blick, und schwamm darauf wie der Nachen der Hoffnung als
diamantener Schimmer. Nun brach sich der Mond zwischen Wäldern die Bahn,
höher schwang er sich als König der Nacht über seine Huldiger zu dem
grossen Erzeuger. Die Erde schmückt also wieder festlicher Glanz; neue
Gefühle entstehen, das Silberhaupt muntert zum Frohsinn. Muthvoller
eilet der Pilger zum Ziel, lieblicher wird dem Müden die Rast, sanfter
schlägt das Herz in der spröden Schönen, beseligender finden die
Geliebten ihre zarte Umarmung.
Mich umfaßte bald die Waldhöhe; links ins Thal stürzte sich
der Salza Urquelle
im weiten Bogen von schroffer Felsenwand, rechts aus finsterer Schlucht
eilte eine andere _Cascade_ der ersteren nach; sie waren die einzigen,
welche fortwährend die heilige Stille zu stören wagten. Eine verfallene
Sägemühle, welche vom Unglücke oder Nachlässigkeit des Eigenthümers
sprach, kämpfte zu meinen Füssen mit der gewaltig sie bekriegenden
Fluth. Das durch die Zweige ungewiß eindringende Mondlicht, das
schäumende Getöse, welches jeden Ruf übertönte, die zerfallene Mühle mit
100 Winkeln und Fallen, endlich der nahe Forst und die zerklüftete
Umgebung, dürften so ein treues Bild eines Räuberschlupfwinkels liefern.
Des Nadelwaldes harzige Wurzeln, welche schlangenförmig über dem Boden
fortzogen, erschwerten mir die Wanderung, je dichter die Stämme sich
reihten.
Ich hatte den Trost auf diesem Wege nicht fehlen zu können, und
stolperte also geduldig fort, bis der Pfad sich theilte; da wählte ich
aber natürlich den bequemeren rechts. Jedoch was besser scheint, ist
nicht immer das wahre, _probatum_; ich kam statt nach _Ranach_, auf eine
Bergwiese, die mit vogelhausähnlicher Heuschupfe ausgestattet war.
Verdrießlich über meinen Irrthum hielt ich es nicht der Mühe werth,
denselben durch Rückweg zu verbessern, und fühlte mich überhaupt zu
ermüdet, weitere Pläne zu ergrübeln. Oft schon hatte ich auf diese Art
eine Nacht herrlich verschlafen; »der Morgen wird schon zeigen, wo
hinaus,« dachte ich und kletterte zum Luftthürchen hinein; _Duna_ folgte
nach paarmaligem Fehlsprunge. Das Bergsteigen hatte mich erhitzet; ich
wollte mir diese Wärme erhalten, und kroch so tief als möglich ins
duftende Heu. Aber nach geraumer Zeit fühlte ich zu sehr eindringende
Nässe durch meine Kleidung. Das Gras mußte entweder nicht gehörig
ausgetrocknet erst hier zur Auslüftung aufbewahrt werden, oder der
vorgestrige Regen hatte durch das schlechte Dach zu viel Einfluß auf
meine Lagerstätte; kurz, ich fand das Heu nur auf der Oberfläche seinem
Namen entsprechend, und in dem nassen Grase konnte kein Mensch bei der
nächtlichen Gebirgskälte übernachten. Demohngeachtet entsprang ich
diesem unfreundlichen Asyle erst, bis mich Fieberfrost mahnte; ich wußte
nicht wohin, oder was zu beginnen? Vergebens suchte ich in der Nähe ein
ähnliches Hüttchen, vielleicht mit gehaltvollerem Vorrath; Wald und
Wiesen zeigte der karge Mond, und mit diesen mußte ich mich begnügen.
Den Rückweg und eigentlichen Pfad fand ich leicht, und bald auch das auf
der Karte großthuende
Ranach,
welches aber zu meinem Erstaunen, nichts mehr, als eine elende
Holzkneipe mit zwei halbzerfallenen Scheunen enthielt. Dieß also die
Trostherberge, welche den Gebirgskundigen nach wenigstens zweistündiger
Anstrengung von _Wald_ lächelt? Mein Vorgefühl von Labung ward ganz
kleinlaut, besonders, da mir die Uhr die eilfte Stunde zeigte, welche
nicht die gewöhnliche für hierortige Besuche seyn mag; jedoch wollte ich
ja nichts als ein Strohlager, und dieß dürfte immer bereit seyn.
Zwei wilde Bestien von Hunden sprangen auf mich Nahenden; kaum daß ich
ihrer mich erwehren konnte, kam ein schwerer Bullenbeisser der
Avantgarde zum Succurs. _Duna_, welcher meine Gefahr ersah, befreite
mich durch seinen muthigen Anfall auf den geübten Fänger; doch er konnte
diesem nichts abgewinnen. Beide balgten sich jämmerlich, indeß ich den
Kampf mit denen vom frischen Muthe begünstigten Bastard-Pudeln aufs Neue
beginnen mußte. Mein Rufen half nichts; das Lärmen der Hunde hatte die
Berge zum Leben erweckt; dennoch schien das Echo zu schwach für die
tauben Ohren der hiesigen Bewohner. Die Geduld riß endlich, als mich
einer der bissigen Stänkerer seine Zähne im Waden fühlen ließ; ich
erstach ihn mit meinem Stockdegen ungern aber nothgedrungen. Nun war
Ruhe, aber nur von den Hunden, welche mit fürchterlichem Gebelle
forteilten, indeß der Bauer ein Fenster öffnend, diesen Moment
abzuwarten schien, um sein Sprachrohr ertönen zu lassen: »Hanschl,
Dommel (Thomas), Kosper etc. gebts d’ Büchs, daß i zomschois den sacker
Sch--« noch einige Titeln folgten; ich wußte, daß es hier nunmehr Obdach
zu erhalten unmöglich wäre, und wenn ja diese genannten Namen verkörpert
sich dort befänden, für gegenwärtigen Augenblick nichts anders als
Mißhandlung zu besorgen wäre. Ich wanderte fort, und konnte nur nicht
begreifen, warum der Wirth, welcher, wie es gewiß schien, lange den
Lärmen vernommen, nicht früher ins Mittel trat, und dadurch sich meinen
Dank erwarb, und seine Hauswache vollzählig erhielt? In Gerlos eröffnete
man mir deßhalb, daß dieser Alpler, bei dem nichts als Branntwein und
Brot zu bekommen wäre, trotz seines sonst leutseligen und guten Gemüths,
wegen mässigen Besitzes, bei Nacht äusserst mißtrauisch sey, und um
solche Zeit am wenigsten Fremde bewillkomme.
Ende des ersten Theiles.
Inhalt.
──────────────
Seite.
Vorbericht III
Abreise, Steinfeld, Bergfeste Klam, komischer Auftritt 1
Uebern Semmering nach Steiermark 8
Mirza-Thal 11
Burgruine Hohenwang 12
Burgruine Lichteneck 13
Markt Kindberg 14
Markt und Veste Kapfenberg 15
St. Maria Loretto (Rehkogel) 21
Bruck an der Mur 23
Murfahrt 24
Schloßruine Pfannberg 27
Schloß Rabenstein 29
Schloßruine Peckau 30
Grätz 33
Schloßruine Gösting 44
Schloßruine Thal oder St. Jakob 48
Eggenberg 51
Doppelbad 52
Stainz 53
Lasselsdorf 54
Kleinstätten (St. Michael) 56
Radelberg 57
Mährenberg 59
Drauthal 59
Kärnthen 60
Unterdrauburg 61
Lavamünd 63
Ernegg 64
Völkermarkt 64
Steinbier 66
Klagenfurt 67
Ebenthal 69
Veste Gurnitz 69
Veste Osterwitz 70
Wörder- oder Klagenfurter-See 77
Ruinen von Leostein 78
Velten 79
Landskron, merkwürdigste Ruine 80
Villach 89
Einöderthal und Mühlstädter-See 90
Liseregg 95
Möllthal 97
Ruine Falkenstein 99
Obervellach 101
Dorf Malnitz 102
Malnitzer-Tauern 105
Kreuz-Spitze 111
Naßfelder-Tauern 113
Gasteiner-Ache 115
Pöckstein 117
Wildbad Gastein 117
Badbrucken 121
Hofgastein 121
Clam 123
Salzathal 125
Werfen Markt und Veste 128
Lueg 130
Gölling 133
Gulinger-Fall 134
Hallein 137
Dürenberg 138
Ein Wettreiten 144
Wettlauf 146
Schöpfruh 146
Zill 147
Berchtesgaden 147
Hochzeit 149
Salzberg zu Bischofswiesen 151
Friedhof zu Berchtesgaden 152
St. Bartholomäus oder Königssee 156
Obersee 164
Windhöhle 166
Steingerölle drohet Gefahr 171
Fundersee 174
Alpenwirthschaft 176
Fundertauern 181
Steinernes Meer 187
Hoher Hundskopftod 187
Alpengewitter 194
Hohe Weisbach- oder Tauernwand 196
Schloß Lichtenberg 205
Saalfelden 205
Zellersee 207
Heroen des Salzburger Alpenlandes 209
Walchen 211
Mittersill 211
Bauern-Oekonomie 212
Braunberger Wasserfall 213
Weiherhof und seine Volkssage 215
Neunkirchen 219
Rosenthal 221
Hierburg 221
Trattenbach 221
Wald 222
Der Salza Urquelle 224
Ranach 225
──────────────
Druckfehler.
──────────────
Seite 7 Zeile 6 v. o. _statt_ Feste, _lese man_, Veste
── 30 ── 11 ── ── deren ── dessen
── 30 ── 6 v. u. ── Jahren ── Jahre
── 53 ── 6 v. o. ── fortwährend ── fortwähren
── 94 ── 9 ── ── schleuderte ── schlenderte
── 173 ── 10 v. u. ── den ── denn
── 212 ── 13 ── ── de ── den
──────────────
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Die Druckfehler, die in einer Liste am Ende des Textes erscheinen, sind
nicht korrigiert worden.
Die folgenden Fehler wurden wie hier aufgeführt korrigiert
(vorher/nachher):
[Seite 012]:
... eine herrliche Uibersicht schenken. ...
... eine herrliche Uebersicht schenken. ...
[Seite 014]:
... Uiberdieß gibt es noch durchaus ...
... Ueberdieß gibt es noch durchaus ...
[Seite 049]:
... opferte, von eine armen Familie bewohnt. ...
... opferte, von einer armen Familie bewohnt. ...
[Seite 081]:
... daß dieser geachte _Chevalier_ ...
... daß dieser geachtete _Chevalier_ ...
[Seite 089]:
... Abgerechnet den _sanitäten_ Nutzen oder Schaden, ...
... Abgerechnet den _sanitären_ Nutzen oder Schaden, ...
[Seite 104]:
... dem Bocksfleische, daß zwar nicht wohlschmeckend, ...
... dem Bocksfleische, das zwar nicht wohlschmeckend, ...
[Seite 124]:
... Meissel und Pulper von ihrem Punkte verbannt. ...
... Meissel und Pulver von ihrem Punkte verbannt. ...
[Seite 139]:
... denn je lockerer die Lehm oder Erdmasse ist, ...
... denn je lockerer die Lehm- oder Erdmasse ist, ...
[Seite 141]:
... grau und lettenartigen - bisweilen Schieferthon ...
... grau und lettenartigen -- bisweilen Schieferthon ...
[Seite 147]:
... Besorgnisse um köngl. bair. Paß. ...
... Besorgnisse um königl. bair. Paß. ...
[Seite 183]:
... Schafobsorge beträgt. ...
... Schafobsorge beträgt.« ...
[Seite 186]:
... Aber nördlich überhöhnen sie des hohen Hundskopftods ...
... Aber nördlich überhöhen sie des hohen Hundskopftods ...
[Seite 187]:
... ihrer Oberfläche schuh oder klafterweit geschieden, ...
... ihrer Oberfläche schuh- oder klafterweit geschieden, ...
[Seite 191]:
... den Eisfelsen ertfernt zu seyn. ...
... den Eisfelsen entfernt zu seyn. ...
[Seite 194]:
... nach Saalfelden komen,« prophezeihete er, ...
... nach Saalfelden kommen,« prophezeihete er, ...
[Seite 196]:
... er fiel der Hohe, ...
... es fiel der Hohe, ...
[Seite 208]:
... schien älter uud gebrechlicher noch als ...
... schien älter und gebrechlicher noch als ...
[Seite 229]:
... Padbrucken ...
... Badbrucken ...
*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SKIZZEN EINER FUSSREISE DURCH OESTERREICH, STEIERMARK, KÄRNTHEN, SALZBURG, BERCHTESGADEN, TIROL UND BAIERN NACH WIEN, ***
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Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
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and official page at www.gutenberg.org/contact
Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
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