Der Busch

By B. Traven

The Project Gutenberg eBook of Der Busch
    
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Title: Der Busch

Author: B. Traven


        
Release date: July 10, 2026 [eBook #79066]

Language: German

Original publication: Berlin: Büchergilde Gutenberg, 1930

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/79066

Credits: Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER BUSCH ***


                              BÜCHERGILDE
                               GUTENBERG
                              BERLIN 1930




                               DER BUSCH


                             von B. TRAVEN


Nachdruck verboten / Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung,
vorbehalten Copyright 1930 by B. Traven, Tamaulipas, Mexico /
Ausstattung und Einbandzeichnung von Georg Hempel / Druck der
Buchdruckwerkstätte GmbH., Berlin




                      PALS IN THE BUSH IN MEXICO.
                             AMERICAN SONG


   Down I came from Illinois
   Singing with two other boys
     In the bush in Mexico.

   Shorty Greg he was the first,
   He could not survive the thirst
     In the bush in Mexico.

   Buried him near a maguey plant
   With bare hands in boiling sand
     In the bush in Mexico.

   Then, a snake got Kid all right,
   Could not help him, so he died
     In the bush in Mexico.

   I was down with delirium
   While the vultures picked my chum
     In the bush in Mexico.

   Can’t return to Illinois
   Feel as if I’d slain the boys
     In the bush in Mexico.

   Have to stay forever here
   Where their voices I may hear
     In the bush in Mexico.




                          IM BUSCH IN MEXIKO.
                          AMERIKANISCHES LIED


   Von Illinois kamen wir herunter,
   Drei lustige Burschen, singend und munter
     In den Busch in Mexiko.

   Der kleine Greg ging am Durst zugrunde,
   Die Zunge hing ihm wie ’ne Faust im Munde
     Im Busch in Mexiko.

   An einem Maguey mit nackter Hand
   Gruben wir ihn in den heißen Sand
     Im Busch in Mexiko.

   Eine Schlange biß Kid in die Hände,
   Am Abend war’s schon mit ihm zu Ende
     Im Busch in Mexiko.

   Ich lag im Fieber-Delirium,
   Die Geier pickten an Kid herum
     Im Busch in Mexiko.

   Ihre Mütter würden mich weinend fragen,
   Fühl’ so, als hätt’ ich die Jungen erschlagen
     Im Busch in Mexiko.

   Kann nicht zurück in die Heimat mehr gehn,
   Ich muß bei den toten Kameraden stehn
     Im Busch in Mexiko.




                      DIE AUFERWECKUNG EINES TOTEN


„Wir müssen zwölf Mules von der Weide haben“, sagte der Farmer, Mr.
Hilbert, zu seinem Foreman Toribio. „Wir wollen morgen mit dem
Durchpflügen der Tomatenfelder anfangen. Reiten Sie rauf auf die Prärie
und fangen Sie die zwölf Mules ein.“

Das war sehr früh am Morgen.

Als Toribio auf dem Wege war, traf er den Indianerburschen Elfego.
Elfego war achtzehn Jahre alt und wohnte mit seinen Eltern im Dorfe. Er
hatte seine Kühe auf die Prärie getrieben und war jetzt auf dem
Heimwege. „Wo reitest du denn hin?“ fragte er Toribio.

„Ich soll für den Patron zwölf Mules einfangen und runterbringen, wir
brauchen sie zum Pflügen.“

„Das würde mir gerade Freude machen“, sagte Elfego darauf, „dir bei dem
Einfangen zu helfen. Ich habe jetzt doch weiter nichts zu tun.“

Er wendete sein Pferd und ritt nun mit Toribio hinauf auf die Weide des
Amerikaners. Die Weide lag über dem Tal, auf einer Hochebene, wo auch
ein angelegter Teich genügend Wasser hielt, um die Tiere auf der Weide
zu tränken. Mr. Hilbert hatte hier gutes Guinea-Gras angebaut, das
vorzügliches Futter für seine Viehherden und für seine Mules und Pferde
gab, die hier hinaufgetrieben wurden, wenn unten auf den Feldern keine
Arbeit für sie war. Die Weide war ringsum von dichtem Ur-Busch umgeben.
An der Nordseite war die Weide durch einen steilen Abhang begrenzt, der
aus sehr grobem felsigem Gestein bestand. Das Einfangen der Mules würde
Toribio schwergefallen sein, wenn er nicht Elfego zur Hilfe gehabt
hätte; denn die Mules waren lange nicht in Arbeit gewesen und waren
darum ziemlich verwildert. Endlich hatten sie zehn Mules beisammen.
Toribio hatte sie gekoppelt, und es fehlten nur noch zwei, die er
herauszufangen hatte.

Toribio trieb dem Elfego ein Mule entgegen. Elfego schwang den Lasso
weit aus, um es zu fangen. Aber das Mule brach durch eine rasche Wendung
unter dem Lasso aus. Nun versuchte Elfego das Mule zu umgehen und es
Toribio zuzutreiben, der den andern Halbkreis hielt, auf den das Mule
zujagen mußte.

Als Elfego in rasendem Ritt innerhalb seines Halbkreises das Mule
beinahe abgedrängt hatte und den Bogen noch um einige Längen zu
erweitern suchte, um das Tier überraschend von hinten zu packen, hielt,
mitten im rasendsten Lauf, sein Pferd mit einem Ruck an. Denn vor sich
hatte das Pferd plötzlich den felsigen Abhang entdeckt, auf den Elfego
sein Pferd zu dicht gejagt hatte, weil er infolge des hohen Grases die
Entfernung von dem Abhang unterschätzt hatte. Durch den plötzlichen Ruck
des Haltens wurde Elfego, dessen Körper sich im Zeitmaß des rasenden
Galopps befand, kopfüber aus dem Sattel geschleudert. Er sauste über dem
Kopf seines Pferdes über den Rand des Abhangs. Er fiel nicht tief.
Vielleicht nur drei Meter. Aber er traf mit dem Kopf zuerst auf und
blieb bewußtlos liegen.

Toribio hatte gesehen, wie Elfego hoch über den Hals des Pferdes ging.
Aber er glaubte, es sei nur ein gewöhnlicher Fall, wie er häufig beim
Reiten vorkommen kann, und er war überzeugt, daß Elfego nur in das Gras
gefallen sei, weil auch Toribio der Meinung war, daß dort der Abhang
noch nicht beginne; denn er hielt Elfego, der ja die Weide gut kannte,
nicht für so unvorsichtig, daß er so dicht an den Abhang reiten würde.
Freilich war Elfego im Eifer des Fangens, und er war auch schon darum
nicht zu tadeln, weil hier der Abhang eine Bucht in die Weide hineinbog,
die durch das hohe Gras nicht zu erkennen war.

Toribio richtete jetzt auch sein ganzes Augenmerk auf das umkreiste
Mule, das auf ihn zugejagt kam, weil es sich noch immer von Elfego
verfolgt dachte. Toribio schwang den Lasso, der Lasso fing, und er ritt
nun auf das keuchende Tier zu, das jetzt stillstand, um es zu den
übrigen zu bringen und dort zu koppeln, bis alle zum Abtreiben bereit
waren.

Ob Elfego inzwischen aufgestanden war oder nicht, konnte Toribio infolge
des hohen Grases, das an vielen Stellen den Kopf des Reiters überragte,
nicht sehen. Als er sich rückwärts wandte, bemerkte er ein weidendes
Mule in der Nähe eines großen schattigen Baumes. Er stieg vom Pferde,
nahm den Lasso mit und schlich sich vorsichtig durch das hohe Gras an
das weidende Tier, dem er sich unauffällig so weit nähern konnte, daß er
es vom Boden aus lassote. Er hatte jetzt alle zwölf Mules beisammen.

Nun pfiff er hinüber zu Elfego. Aber er bekam keine Antwort. Dann rief
er, aber auch jetzt hörte er nichts. Endlich stieg er aufs Pferd und
ritt hinüber zu der Stelle, wo er Elfego hatte fallen sehen. Das Pferd
Elfegos stand ruhig da und weidete.

Toribio kam zu der Bucht und sah dort Elfego unter sich. Er kletterte
hinab, hob Elfego auf und setzte ihn aufrecht auf den Stein. Er
schüttelte ihn, und nach einer Weile kam Elfego zu sich, verstört und
ungewiß, wie aus einem langen Schlafe erwachend.

Toribio untersuchte ihn, aber er fand keine Verwundung. Dann fragte er:
„Tut dir etwas weh, Elfego?“

„Nein“, sagte Elfego. „Es tut mir nichts weh. Der Kopf tut mir ein wenig
weh. Ich glaube, daß ich eine Beule habe.“

Toribio untersuchte den Kopf, aber er fand keine Beule.

„Kannst du heimreiten?“ fragte Toribio.

„Ja, natürlich kann ich heimreiten.“

Er stand nun auf und kletterte an dem Abhang hinauf, ohne daß er der
Unterstützung Toribios bedurfte. Toribio holte die Pferde heran. Elfego
stellte den Fuß in den Bügel, schwang sich hoch und wollte sich gerade
in den Sattel setzen, als er sagte: „Mir wird schlecht, auch schwindlig
im Kopf. Ich werde mich lieber dort noch eine Weile in den Schatten des
Baumes setzen und ein wenig ausruhen.“

„Gut“, sagte Toribio. „Ich setze mich mit dir dorthin. Wir haben Zeit.
Wenn ich erst am Nachmittag mit den Mules hinunterkomme, macht es auch
nichts.“

Sie gingen beide hinüber zu dem Baum.

Hier stand Elfego eine Weile, dann tastete er nach dem Baumstamm, weil
er fürchtete, nach vorn zu fallen, hierauf schüttelte er mit dem Kopfe,
als ob ihm der Kopf lose auf dem Halse sitze, dann erbrach er sich
heftig, hierauf sank er in die Knie, endlich fiel er mit dem Kopfe
vornüber, kollerte langsam rollend auf die Seite, streckte sich aus und
war tot.

Toribio schüttelte ihn heftig, klopfte ihm auf die Handflächen und auf
den Puls sowie auf den Nacken, aber er kam nicht mehr zu sich. Er atmete
nicht mehr, und sein Herzschlag war nicht mehr zu hören.

Toribio zog ihm sein Taschentuch aus der Tasche und deckte es über sein
Gesicht, dann lüftete er den Sattel an dem Pferde des Verunglückten, zog
die Säcke hervor, die als Satteldecken dienten, und deckte den Toten
damit zu, um die Geier fernzuhalten.

Dann setzte er sich auf sein eigenes Pferd. Und als er aufgesessen war,
dachte er eine Weile nach, ob er die Mules erst hinuntertreiben oder ob
er besser schnell ins Dorf reiten solle, um den Eltern Elfegos zu sagen,
was geschehen sei. Er kam nach kurzem Nachdenken zu dem Entschluß,
sofort im schnellsten Trab heimzureiten und die Mules später
abzutreiben, weil er ja doch mit dem Vater Elfegos wieder heraufreiten
würde, um ihm zu zeigen, wo der Junge läge.

Er fand den Vater nicht daheim. Der Vater war in der
Departementshauptstadt, wo er mit einem Holzhändler wegen Holzlieferung
verhandelte.

Nur die Mutter war daheim. Elfego war ihr einziges Kind. Sie schrie auf
in einem schrillen Kreischen.

Die Nachbarn kamen gleich herbei, und einige Männer und Burschen gingen
zu Mrs. Hilbert und baten sie um einen leichten Wagen, mit dem man bis
dicht an den Berg fahren könne, um den Leichnam heimzuholen. Nachmittags
um drei Uhr waren die Leute mit dem Wagen und mit dem Verunglückten im
Dorf. Am Eingang des Dorfes hielten sie an. Sie banden rasch ein Gestell
zusammen, legten Elfego darauf, deckten eine Decke über ihn und trugen
ihn so, in einem feierlichen Aufzuge, alle Träger und Begleiter
entblößten Hauptes, der Mutter ins Haus.

Als die Träger vor dem Stacheldrahtzaun, der das kleine Anwesen der
Eltern Elfegos einzäunte, erschienen, schrie die Mutter gellend auf, und
alle ihre Nachbarinnen und weiblichen Verwandten, die im Hause auf den
Verunglückten warteten, fielen in das gellende Schreien mit ein.

Die Mutter hatte sich einen Tisch ausgeliehen und den Tisch mit ihrem
eigenen zusammengestellt, ein weißes Laken darübergebreitet, Blumen
daraufgestreut, am Kopfende ein großes grellfarbiges Bild der Jungfrau
Maria aufgestellt und sechs Kerzen angezündet, die vor dem Bilde
standen.

Der Verunglückte wurde auf den Tisch gelegt, und die Mutter warf sich
über ihn hin.

Die schlichte Stube in dem dünnwandigen Holzhause war gedrängt voll
Menschen. Mrs. Hilbert war auch anwesend und bemühte sich zu helfen oder
die weinende Mutter zu beruhigen.

Es war wohl etwa während dieser Zeit, als ich am Hause des Mr. Hilbert
vorritt, vom Pferde stieg, ins Haus kam, um Mr. Hilbert um einige
Zeitschriften zu ersuchen und eine halbe Stunde mit ihm zu schwatzen.
Wir saßen schon eine gute Weile zusammen, da kam Toribio ins Haus und
erzählte die Geschichte. Bisher wußte Mr. Hilbert nichts davon, weil er
soeben erst von einem seiner fernen Außenfelder hereingeritten gekommen
war und seine Frau sich ja im Hause des Verunglückten befand. Er hatte
die Mädchen nicht gefragt, wo sie sei.

„Dann lassen Sie uns nur einmal hingehen und zusehen, was da vor sich
geht“, sagte Mr. Hilbert.

Wir kamen in das Haus und fanden das ganze Dorf versammelt. Die Leute,
die nicht im Hause Platz fanden, standen draußen herum. Alle
betrachteten sich den Toten und gingen dann wieder hinaus, um draußen
herumzustehen. Die Frauen beschäftigten sich unausgesetzt, meist mit
ganz überflüssigen Dingen, aber sie taten es, um der Mutter zu zeigen,
daß sie ihr hilfeleistend zur Seite stünden.

Mr. Hilbert und ich, wir traten nun ganz dicht heran an den Leichnam und
sahen ihn uns an.

„Wann ist er denn gestorben?“ fragte ich. „Welche Zeit?“

„Früh um neun ungefähr.“

Ich sah nach der Uhr.

„Und jetzt ist es fünf.“

Ich hob die Augendeckel des Toten auf, fühlte an seine Backen, fühlte
die Schädeldecke ab, tastete auf die Brust, nahm die Hände auf und
bewegte die Finger.

Mr. Hilbert stand hinter mir. Ich drehte mich zu ihm und sagte: „Der
Junge ist nicht tot, der lebt noch. Angeblich soll er seit neun Uhr tot
sein. Das sind acht Stunden bereits. Die Finger sind noch genau so
gelenkig, wie bei mir und wie bei Ihnen, die Augen sind starr, aber
nicht gebrochen. Fühlen Sie die Schädeldecke an. Na? Die ist doch ganz
heiß. Wenn der Bursche acht Stunden tot wäre, dann dürfte nichts mehr
heiß sein, und die Finger würden bereits erstarren. Wir haben gestern
schweren Regen gehabt. Es war heute ein ungemein heißer Tag. Der Bursche
müßte schon stinken. Aber er stinkt nicht. Nicht eine Spur.“

„Es scheint in der Tat, als ob Sie recht hätten“, sagte Mr. Hilbert.
„Wir wollen ihn einmal bearbeiten.“

Die Mutter, die interesselos in einer Ecke saß und nur gelegentlich
einmal gellend aufschrie, sah jetzt auf, als ich den Burschen so
eingehend untersuchte und dann mit Mr. Hilbert den Fall besprach.

„Geben Sie mir einen Spiegel“, sagte ich zu einer Frau. Der Spiegel
wurde gebracht, und ich hielt ihn gegen den Mund des Verunglückten. Ein
ganz leiser Hauch war auf dem Glase sichtbar, als ich den Spiegel
betrachtete.

Alle Anwesenden, auch die Mutter, hatten mich während dieses Vorganges
fortgesetzt beobachtet. Sie erweckten den Eindruck, als wagten sie nicht
zu atmen. Sie erwarteten zweifellos, daß ich jetzt den Burschen bei der
Hand nehmen und sagen würde: „Stehe auf und wandle!“, und er würde dann
wandeln. Aber das ließ ich doch besser bleiben.

Ich sah nun auf und sagte: „Der Junge lebt noch; ich vermute, er hört
jedes Wort, das wir hier sprechen. Er hat nur eine sehr schwere
Gehirnerschütterung.“

Die Mutter sprang auf. Sie wollte einen Freudenschrei ausstoßen, aber
sie besann sich noch rechtzeitig und preßte ihre Hand gegen den Mund.

„Freilich“, fügte ich nun hinzu, „ob der Junge wieder zu sich kommt,
oder ob er bewußtlos bleibt und doch noch stirbt, das läßt sich nicht
sagen. Er hängt genau in der Mitte.“

„Sagen Sie, was wir tun sollen“, wisperte die Mutter, „wir wollen alles
tun, was Sie für richtig halten.“

Die Mutter wurde geschäftig und vergaß all ihren Schmerz. Von diesem
Augenblick an betrachtete sie den Jungen nur noch wie einen
Fieberkranken, den man mit aller Sorgfalt pflegen müsse.

Ich ordnete an, daß man Steine heiß mache und gegen die Fußsohlen lege.
Dann ließ ich gleichzeitig heiße Umschläge auf den Leib machen. In der
Tienda wurde Eis geholt, und ich ließ Eis auf die Schädeldecke legen und
gegen den Hinterkopf. Ich sagte mir, der Kopf ist heiß, also muß im Kopf
ein starker Blutandrang sein, und den müssen wir zum Leibe und zu den
Füßen führen, damit das Blut wieder zirkuliert. Wir klopften den Puls,
klopften die Brust an der Stelle des Herzens, und wir klopften die Waden
und die Füße. Zuweilen machten wir noch künstliche Atembewegungen. Es
wurde Ammoniak besorgt, und ich hielt es unter die Nase des Burschen,
und dann flößte ich ihm einige Löffel voll starken Branntweins in den
Mund.

Ich sprach etwa zwei Stunden später mit Mr. Hilbert, der inzwischen
fortgegangen, aber jetzt wiedergekommen war, und ich machte den
Vorschlag, dem Burschen am Puls eine Ader zu öffnen.

Durch diese Aderöffnung würde vielleicht das Blut zu laufen beginnen,
und die Blutstockung im Hirn würde geringer werden. Eine Gefahr der
Verblutung lag nicht vor, weil wir ja zur Hand waren und den Oberarm
rechtzeitig abbinden konnten.

„Das erscheint mir sehr gut“, sagte Mr. Hilbert. „Aber ich rate Ihnen,
tun Sie es nicht. Wenn auch die Mutter gesagt hat, daß sie Ihnen den
Körper ihres Jungen bedingungslos überantwortet – geht es schief, können
die Leute Sie anzeigen, daß Sie hier operiert haben, und die Sache kann
so gedreht werden, daß behauptet wird, Sie haben den Jungen durch die
Aderöffnung getötet. Das kann eine unangenehme Sache werden. Solange wir
rein äußerlich hier arbeiten, mit heißen Steinen, Umschlägen und
Eisauflagen, das schadet nichts; aber wenn Sie schneiden, dann kann man
Ihnen etwas anhängen, was Sie nicht mehr loswerden.“

Das war ein guter Rat. Man ist ein Fremder, und man befindet sich unter
einer fremden Rasse, die anders denkt und anders urteilt.

So unterließ ich die Aderöffnung.

Nun war es elf Uhr nachts. Ein Teil der Leute war gegangen, dafür aber
waren andere erschienen, die aus entfernter liegenden Dörfern gekommen
waren, sei es auf der Durchreise, oder sei es aus Neugierde.

An dem Verunglückten hatte sich nichts geändert. Die Finger und Zehen,
wie alle Gelenke, waren weich und beweglich, die Augen waren nicht
gebrochen, die Schädeldecke war noch immer heiß, wenn auch nicht mehr so
heiß wie am Nachmittag, die Lippen waren bläulich mit einem rötlichen
Schimmer; und die Fingernägel waren kalkweiß, aber wenn man sie ganz
heftig preßte und dann losließ, nahmen sie einen ganz dünnen, rosigen
Hauch an. Ich hielt ein brennendes Zündholz auf den Unterarm. Die Haut
rötete sich leicht, zog aber keine Blase. Ich kühlte den Spiegel mit Eis
und hielt ihn gegen den leicht geöffneten Mund. Ein kaum sichtbarer
Schleier zeigte sich auf dem Spiegel. Die Augenlider waren dicht
geschlossen, und wenn man sie hob, schlossen sie sich nach einer Weile
langsam wieder. Der Bursche lebte noch immer. Da war kein Zweifel.

Das braune Gesicht hatte einen Ausdruck angenommen, der sich von dem
Ausdruck, den das Gesicht am frühen Nachmittag gezeigt hatte, völlig
unterschied. Am Nachmittag trug das Gesicht den starren Ausdruck eines
Toten. Jetzt dagegen hatte das Gesicht den Ausdruck eines Menschen, der
tief schläft wie in einem schwer narkotischen Rausch. Man gewann den
Eindruck, daß der Bursche jeden Augenblick die Augen aufschlagen müsse,
einen Eindruck, den man am Nachmittag nicht hatte.

Mit den Neuangekommenen war ein Spanier ins Haus getreten. Ich kannte
ihn. Er war ein Aufkäufer von Holzkohle.

Sobald er in den Raum getreten war, tat er sich sofort wichtig. Er warf
seinen Hut in die Ecke, drängte sich durch die Leute, kam auf den
Verunglückten zu, packte ihn brutal an, als ob er damit zeigen wolle,
daß er allein wisse, wie man einen solchen Fall zu behandeln habe. Er
tat sehr geräuschvoll. Weil bisher alles sehr ruhig hier zugegangen war,
alle Handlungen, das Auswechseln der Steine und Umschläge sowie die
immer wieder aufgenommenen Atembewegungen und Massierungen, wohl
energisch und sicher, aber doch schweigend oder nur flüsternd gehandhabt
wurden, wirkte das Gebaren des Spaniers ungemein lästig und
aufdringlich.

Er fühlte die Backen des Verunglückten an, hob die Augenlider auf und
sagte dann sehr laut und kommandierend: „Der ist nicht tot, wir werden
ihn gleich hoch haben. Das ist ja alles verkehrt, was hier gemacht wird.
Umgekehrt. Das Eis mal sofort auf die Füße und Eisumschläge auf den
Leib. Auf den Kopf und auf den Nacken müssen die heißen Steine.“

Die Mutter des Verunglückten, die bisher alles, wie ich es anordnete,
willig getan hatte und meinen Ratschlägen auf das Wort vertraute, blieb
mitten im Zimmer stehen. Sie trug gerade einen heißen Stein in einem
Stück Sackleinwand in der Hand, um ihn gegen den kaltgewordenen Stein an
den Füßen auszuwechseln. Sie wurde völlig verwirrt und sah mich mit
aufgerissenen Augen an, was ich dazu sage.

Ich zuckte mit den Schultern, trat zurück von dem Verunglückten und ging
in den Hintergrund, das Feld dem Spanier überlassend. Hier hatte allein
die Mutter zu entscheiden, welchen Anordnungen gefolgt werden sollte.

Ich sah, daß sie sprechen wollte, und ich fühlte, daß sie sagen würde,
der Spanier möge seiner Wege gehen. Aber der Spanier ließ ihr keine
Zeit, irgend etwas zu denken oder zu sagen. Er riß ihr den Stein beinahe
aus der Hand, packte mit harten Griffen das Eis unter dem Nacken und auf
dem Kopfe fort, legte es zu den Füßen und stopfte alle heißen Steine,
die er bekommen konnte, unter den Nacken und unter den Hinterkopf.

Die Mutter stand jetzt regungslos im Zimmer. Sie kümmerte sich um nichts
mehr. Sie tat nichts mehr. Sie erschlaffte völlig. Alle Aufregung, die
sie seit zwölf Stunden oder länger gehabt hatte, zeigte sich nun ganz
plötzlich in einer Ermüdung, der sie nicht mehr widerstehen konnte. Das
rasche brutale Gebaren des Spaniers wirkte auf sie wie ein harter
Schlag, der ihren Willen, ihr Hoffen und alle ihre Widerstandskraft
lähmte. Sie schleppte sich zu einem Stuhl in der Ecke des Zimmers, wo
sie niedersank und ganz in sich zusammenfiel.

Der Spanier arbeitete laut und lärmend, kommandierend und unausgesetzt
schwätzend um den Verunglückten herum. Alles war verkehrt, die Beine
müßten viel höher liegen als der Kopf, und wenn er nicht
glücklicherweise vorbeigekommen wäre, hätte man den armen Burschen gar
lebendig eingegraben. Mr. Hilbert und ich, wir hatten während dieser
Zeit im Hintergrunde gestanden. Als jetzt einige Leute das Zimmer
verließen, kamen wir wieder näher zu dem Tische, auf dem der
Verunglückte lag.

In der halben Stunde, in der wir den Körper nicht gesehen hatten, hatte
sich nun etwas Merkwürdiges ereignet. Der Ausdruck des Gesichts hatte
sich völlig verändert.

Der Mund hatte sich zu einem sonderbaren ironischen Grinsen verzogen,
das die volle ungeschminkte Antwort auf die Frage enthielt: „Wißt ihr,
was ihr alle mir mal könnt?“

Ich betrachtete den Burschen so eine Weile, dann stieß ich Mr. Hilbert
leicht an. Auch er sah es. Der Unterkiefer sank langsam herab, und die
kräftigen gesunden Zähne des Burschen traten scharf hervor.

Das war um halb eins in der Nacht. Und ich ging heim.

Am nächsten Morgen gegen acht Uhr ging ich wieder zu dem Hause. Das Haus
war leer, alle Türen standen offen. Ich ging in das Nachbarhaus. Ich
traf eine alte Indianerin, die da hockte und rauchte.

„Elfego?“ sagte die Frau. „Ja, wissen Sie das nicht? Die sind doch mit
ihm auf den Friedhof gegangen. Heute morgen um sechs stank er, und die
Finger waren hart, und da sind sie um sieben mit ihm losgegangen. Das
wissen Sie doch aber, Senjor, der Spanier hat den armen Jungen
ermordet.“

Das ist die Ursache, warum seitdem in jenem Dorfe behauptet wird, ich
könne Tote erwecken, obgleich ich noch nie einen Toten erweckt habe.

Aber der Beweis, daß ich Tote erwecken kann, ist zweifelfrei erbracht,
nach Meinung jener Leute. Denn selbst der einfachste und schlichteste
Indianer wird die Tatsache begreifen: Wenn ich in allen Dingen genau das
Gegenteil tue von dem, was einen Menschen tötet, so muß das Resultat
immer sein: Eine Auferweckung des Toten.




                       INDIANERTANZ IM DSCHUNGEL


Seit mehreren Monaten bewohnte ich eine primitive Hütte im Dschungel.
Bis zur nächsten Siedelung, wo eine weiße Familie wohnte, hatte ich etwa
drei Stunden zu reiten. Alle Menschen meiner Nachbarschaft waren
Indianer. Aber selbst der nächste von ihnen war eine halbe Stunde von
meinem Platze entfernt.

Es war an einem Spätnachmittag im November, gegen Ende des Monats und
sehr heiß. Ich saß halbnackt vor meiner Hütte und las. Da plötzlich
kommt ein Indianer, mein Nachbar, gemächlich angeritten, setzt sich zu
mir, und wir reden eine Weile über die viele Arbeit, die wir haben.
Vorgeblich haben, denn wir taten alle eigentlich nichts, weder die
Indianer noch ich.

Nach dieser Vorrede über die viele Arbeit und das wenige Geld, das es
dafür gebe, kam mein rothäutiger Nachbar zum Kernpunkt seines Besuches.

„Senjor“, sagte er lachend, „wir machen heute abend tanzen, wir haben
musica, muy bonita, auch ich werde schön spielen, guitarra, ich habe es
gelernt fünf Tage.“

Damit meinte er, daß er vor fünf Tagen angefangen habe es zu lernen.

„Wir machen viel Spaß“, redete er weiter, „Sie sind hier so allein und
so sehr traurig, Senjor.“

Ich war keineswegs traurig, ganz im Gegenteil, ich war überaus
glücklich, weder Straßenbahnen, noch Autos, noch Telephongeklingel zu
hören. Aber wenn man keine indianische Köchin in die Hütte nimmt, so ist
man, nach Ansicht der Indianer, unbedingt traurig. Ist man auch. Aber
ich konnte die acht Pesos Lohn nicht aufbringen, die eine Köchin
monatlich haben möchte.

„Darum möchte ich Sie einladen, Senjor, kommen Sie rüber zu unserm Tanz;
Sie können bei mir zu Nacht essen.“

„Kommen hübsche Mädchen hin?“ fragte ich.

„Senjor, verflucht noch mal, die allerhübschesten, die hier herum
wohnen.“

Gleich nach Sonnenuntergang machte ich mich auf den Weg. Wenn ich nicht
in rabenschwarzer Nacht durch den Busch zockeln wollte, mußte ich mich
beeilen; denn sobald die Sonne am Horizont verschwunden ist, hat man
gerade Zeit genug, sich mal umzudrehen, und die Nacht ist da, ohne daß
man sagen könnte, wo sie so schnell hergekommen ist.

Die Hütte meines Nachbars lag auf demselben Höhenzuge, auf dem meine
Bärenhöhle lag, aber er wohnte noch abgeschiedener im Dickicht als ich.
Warum er sich so tief verkrochen hatte, ist eine andere Geschichte, die
zu erzählen wäre.

Der Platz war idyllisch. Etwa ein Dutzend gigantische Ebenholzbäume
standen verstreut über der Buschlichtung, die eine Art Plateau bildete,
von dem aus man weit über das flache Dschungelland blicken konnte. Diese
herrlichen Bäume standen nicht da wie uninteressierte Säulen. Mit den
langen grauen Moosbärten, die von den Ästen hingen, erweckten sie den
Eindruck, als wären sie alte, jedoch sehr lustige Herren, die mit großem
Behagen darauf warteten, daß der Tanz beginne.

Zwei Indianer mit ihren Frauen waren bereits anwesend. Nachdem die sehr
höfliche Begrüßung vorüber war, wurde ich aufgefordert, in die Hütte zu
kommen und zu Abend zu essen. Es gab schwarze Bohnen, Tortillas und
Kaffee.

Inzwischen kamen weitere Gäste, nur Indianer; ich war der einzige Weiße
und war nur darum wohl eingeladen worden, weil ich ein Mitbewohner in
diesem wilden Dschungelbezirk war. Die Indianer kamen geritten, auf
Pferden, Maultieren oder Eseln. Viele hatten keine Sättel. Alle brachten
ihre Frauen und Kinder mit. Manchmal saßen Mann, Frau und zwei Kinder
auf demselben Pferd, während die Frau noch einen Säugling im Arme hielt.
In einem Basttäschchen hatten sie Tortillas, falls sie Hunger bekommen
sollten, denn getanzt wird bis Sonnenaufgang.

In einem Sack hatten die Frauen ihre flimsigen Musselinkleider und
lacklederne Halbschuhe. Bei der Ankunft waren sie entweder barfuß oder
trugen selbstgemachte schlichte Sandalen, und gekleidet waren sie in
ihre billigen Kattunkleider.

Sobald sie von den Reittieren abgesessen hatten, wobei ihnen ihre Männer
mit höflichem Anstand halfen, verkrochen sie sich in einen Winkel der
Schilfhütte oder hinter die Hütte und zogen sich um. Sie wuschen sich
noch einmal, wobei sie stark nach Patschuli und Moschus riechende Seife
benutzten. Dann lösten sie ihr langes rabenschwarzes Haar und kämmten es
sorgfältig.

Der Mond war aufgegangen, ein runder, glänzender, satter Vollmond. Und
er glitt in majestätischer Ruhe über den klingend klaren Nachthimmel.

Nach und nach kamen die Frauen schüchtern hervor, an ihren hauchdünnen
Gewändern die Falten herunterstreichend. Die Kleider waren kurz, nach
der Mode, hatten kurze Ärmel und ließen Hals und Nacken frei. In das
offen hängende Haar hatten die Frauen Blumen gesteckt. Manche der Frauen
waren kaum fünfzehn oder sechzehn Jahre alt, hatten aber schon ihre
Säuglinge mit; alle übrigen Frauen, die keine Säuglinge hatten, standen
in der Erwartung, bald welche zu bekommen.

Der Gastgeber hatte einige Bretter über ein paar morsche Kisten gelegt,
damit die Damen sitzen konnten. Die Männer standen schwatzend herum. Sie
hatten sich nicht umgekleidet, weil sie nichts zum Umkleiden hatten. Sie
trugen ihre üblichen gelben oder blauen Zwirnhosen, ein weißes oder
farbiges Baumwollhemd, Sandalen oder Schuhe und ihren großen spitzen
Strohhut. Jacke oder Weste hatten sie keine. An Stelle dessen hatten
manche braune, rote oder bunte Wolldecken mitgebracht, für den Fall, daß
es in der Nacht kühl werden sollte. Die Frauen hatten große schwarze
Baumwolltücher, die sie um die Schultern legten. Diese Tücher dienen als
Hut, als Schleier, als wärmendes Umschlagetuch, als Schal, häufig auch
als Taschentuch und zuweilen als Windel für die Säuglinge und, wenn
zusammengefaltet, als Kissen für den Scheitel, wenn die schweren
Wasserkrüge vom Flusse herauf geschleppt werden müssen.

Die Musiker hatten gleichfalls ihre schwarzen Bohnen und ihren Kaffee
bekommen. Darauf hatten sie sich eine Zigarette gedreht, und als sie
aufgeraucht war, begann die Musik. Eine Geige und eine Gitarre. Mein
Nachbar spielte noch nicht, er wollte erst tanzen.

Er hatte eine hübsche Frau, ungetrübtes indianisches Vollblut. Von allen
Frauen war sie am hübschesten angezogen, hatte die Blumen auf sehr
geschmackvolle Weise ins Haar gesteckt. Außerdem hatte sie sich
parfümiert. Sie war noch nicht ganz zwanzig Jahre alt; ihr ältester
Sohn, ungefähr fünf Jahre alt, zeigte sich im Laufe der Nacht als
ausgezeichneter Solotänzer und als Konsument von wenigstens zwanzig
Zigaretten. Seine Mutter war die einzige unter den anwesenden Frauen,
Männern, Mädchen und Kindern, die nicht rauchte. Alles, was sonst auf
menschlichen Beinen stand, die älter als drei Jahre waren, rauchte wie
besessen. Wenn alles das, was Nichtraucher und Mucker über die
Schädlichkeit des Rauchens erzählen, nur zu einem Fünftel wahr wäre,
würde die indianische Rasse längst ausgestorben, erblindet oder
geistesgestört sein; denn die Indianer rauchen Tabak schätzungsweise
elftausend Jahre länger als die übrigen Völker.

Als die Musik zu spielen begann, wurde sofort getanzt. Dieses Zögern,
das die erste Stunde einer Tanzfestlichkeit oft wie eine
Begräbnisfeierlichkeit erscheinen läßt, kennen die Leute nicht. Ihnen
ist Tanzen keine Verführung Beelzebubs, noch viel weniger etwas, das
sich mit der Würde des Menschen nicht verträgt. Es waren Frauen da mit
ihren Kindern und mit Enkelkindern, die auch bereits in Hoffnung waren,
während die werdende Urgroßmutter selbst noch einen Säugling an der
Brust liegen hatte. Und diese lebenstrotzende Urgroßmutter tanzte nicht
weniger oft und nicht weniger graziös als die fünfzehnjährigen Mädchen.

Die Frauen säugten ihre Kleinen, ohne irgendwelche Prüderei dabei zu
zeigen. Das geschah so natürlich, so unverhüllt, als ob dem Kindchen
eine Milchflasche gereicht würde. Hatten sich die Kleinen satt
getrunken, dann wurden sie in das schwarze Baumwolltuch gehüllt und
glatt auf die Erde gelegt, direkt unter die Bank, ein wenig nach hinten
geschoben, damit man sie nicht mit den Absätzen der Schuhe treffen
konnte. Die Kleinen schliefen dann lustig drauflos bis gegen
Mitternacht, wo sie sich meldeten und abermals ihre beiden Flaschen
gefüllt vorfanden, trotzdem die Mütter keinen Tanz versäumten.

Wenn man aus Erfahrung weiß, was auf dem Erdboden im tropischen Busch,
auch wenn er in der Größe eines Hofes gelichtet ist, herumkriecht,
besonders zur Nachtzeit, so überläuft es einen eiskalt, wenn man die
kleinen Würmchen auf die Erde gebettet sieht. Die größeren Kinder
tummelten eine Weile herum, dann wurden sie müde, legten sich auf die
blanke Erde neben die Säuglinge, zogen die Knie so hoch sie konnten und
schliefen wie kleine Ratten. Wenn der Vater eine Decke hatte, wurde sie
dem Kinde untergeschoben, und es wurde wie ein Baumstamm eingewickelt,
bis das nächstältere auch müde ankam und hinzugewickelt wurde.

Bis gegen neun Uhr kamen immer noch weitere Gäste angeritten. Auf mich
machte es einen unheimlichen Eindruck, wenn plötzlich eine Frau,
seltener ein Mann, mitten in der Musik oder im Tanzen anhielt, einige
Sekunden in die Nacht hinauslauschte und dann sagte: „Es kommt wieder
ein Paar. Wer mag es sein?“

Der Weg zog sich in langen, verwachsenen Windungen durch den Busch.
Selbst bei Tage konnte man niemand in größerer Entfernung sehen als
hundert Meter an den günstigsten Stellen. Infolge der Musik und des
Geplauders der Leute konnte man nichts hören, was in einiger Entfernung
vor sich gehen mochte. Wenn jemand gesagt hatte: „Es kommt ein Paar auf
einem Maultier“, so dauerte es gut zehn Minuten, wenn nicht oftmals
mehr, ehe die Angemeldeten sichtbar wurden. Diese Gabe der Fernmeldung
ist bei Stämmen, die mehr im Süden wohnen, viel höher ausgebildet und
wirkt wahrhaft gespenstisch.

Die Musik spielte alles nach Gehör. Ab und zu spielte der Geiger die
Gitarre und der Gitarrespieler die Geige. Wenn die Musiker selbst tanzen
wollten, ergriff einer der Indianer das Instrument und spielte,
vielleicht nicht ganz so gut wie die Musiker, die natürlich keine
Berufsmusiker waren, sondern wie alle übrigen Indianer Holzhauer und
Köhler. Auch mein Nachbar beeilte sich, zu zeigen, was er in den fünf
Tagen gelernt hatte. Ich wußte, daß er die Gitarre nicht länger im Hause
gehabt hatte, denn ich hatte ihn damit ankommen sehen, als er sie sich
ausgeliehen hatte. Jemand hatte ihm gezeigt, wie man das Instrument
anzupacken hat, ihm einige Griffe klargemacht, und das war alles. Was er
jetzt leistete, war in der Tat erstaunlich. Er hatte zwar nur die Geige
zu begleiten, aber auch das muß gekonnt sein. Ein paarmal vergriff er
sich wohl, fand aber immer von selbst die richtige Tonart wieder.

Der Geiger, ein kleines schmächtiges Bürschchen, tanzte seltener mit den
Mädchen. Er zog es vor, Solo-Grotesktänze zu veranstalten. Diese
Solotänze waren so urkomisch, daß nicht nur die Indianer zum Bersten
lachten, sondern daß auch ich so lachen mußte, daß mir der Leib weh tat.
Die Kunst des Tanzes läßt sich nicht schildern, noch viel weniger die
des Grotesktanzes.

Gespielt wurden amerikanische Onesteps und Foxtrotts, ferner Walzer, die
im altväterlichen Polkaschritt, nur viel langsamer, getanzt wurden,
ähnlich wie der sogenannte „Boston“. Der Rundwalzer oder Wiener Walzer
ist ganz unbekannt. Dann tanzte man eine Art Rheinländer. Diese Tänze
interessierten mich wenig.

Jedoch jeder vierte Tanz etwa war das, was ich sehen wollte: Ein
Originaltanz.

Ich habe denselben Tanz hier bei Vögeln gesehen in der Balzzeit. Dann
tanzen sie in der gleichen Weise voreinander, was ungemein drollig ist.

Während des Tanzes nähern sich die Paare und entfernen sich, berühren
sich aber nie, nicht einmal bei den Händen. In bestimmten Intervallen
setzt die Musik aus und die Musiker sowie diejenigen Männer, die keine
Tänzerinnen haben, ersetzen die Musik durch Singen. Dieses Singen
geschieht auf der höchsten Spitze der menschlichen Stimme und ist ein
sehr taktmäßiges, jedoch schrilles und kreischendes Modulieren von
Tönen, die kaum etwas Menschliches an sich haben. (Der Kriegsschrei der
Azteken war ein ganz hoher schriller Schrei, der die Spanier, als sie
ihn zum ersten Male hörten, mit Grauen erfüllte.) Ein Hauch von diesem
Grauen überkommt einen sogar dann, wenn dieser Gesang rein freudigen
Zwecken dient. Nur bei diesem Tanz, sonst nicht, fühlte ich, daß ich in
einer andern Welt lebte, daß Jahrhunderte mich von meiner Zeit, Tausende
von Meilen mich von meiner Rasse trennten, daß ich auf einem andern
Erdball lebte als dem, auf dem ich geboren worden war.

Der Mond stand jetzt steil über mir. Der tropische Nachthimmel war von
so glänzender Klarheit wie eine große schwarze Perle. Eine weiße
schimmernde Helle lag wie ein flutender dünner Seidenschleier auf dem
Plateau, und sie lag wie flimmernder Lichtnebel auf dem weiten
Dschungel. Es war die blendende Helle des Tages, gehüllt in eine dicke
weiße Wolke. Myriaden und Myriaden von Graspferdchen, Grillen, Käferchen
sangen den urewigen gleichförmigen Gesang der tropischen Nacht, während
in dem nahen Busch und dem Dschungel ein mitleidloses Kämpfen um Leben
und Liebe war. Ein leichter Wind wehte um die grauen Bärte der
Ebenholzbäume, und das war, als ob die alten Herren, die Hunderte von
Jahren zählten, einander zunickten und sich lustige Dinge erzählten. Die
angebundenen Pferde scharrten und schnüfften, während die Esel arme
dürre Strünke abknabberten, kauten und hin und wieder kläglich
trompeteten, um die Tiger, die durch den Busch schlichen, zu
erschrecken. Ab und zu lief ein Schwein den Tanzenden zwischen die
Beine, während ein anderes sich an einem Holzsattel, der auf der Erde
lag, den Rücken schabte und ein drittes sich behaglich grunzend in dem
Schlamme wälzte, der sich von den ausgeschütteten Kaffeeresten gebildet
hatte.

Ein Kindchen begann leise zu weinen, und die Mutter ließ ihren Tänzer
los, lief zu dem winzigen Bündelchen, das auf der Erde kollerte, hob es
auf, wickelte es aus, knöpfte sich das Kleid weit auf, setzte sich auf
die Bank, gab dem Kinde zu trinken und sah dabei belustigt den Tanzenden
zu.

Jeder Tanz wurde so lange gespielt, bis die Tänzer so ermattet waren,
daß sie ihre Damen zu der Bank führen mußten. Getrunken wurde nur
Wasser, und das in großen Mengen. Zwei Burschen hatten alle Augenblicke
mit einem Eimer zu einem Regenpfuhl zu laufen, der im Busch lag und zur
Nachtzeit allerlei gefährliche Gäste einlud, die vom Durst hingetrieben
wurden.

Und ich tanzte und tanzte. Die jüngeren Frauen und Mädchen waren anfangs
ein wenig scheu mir gegenüber; aber als sie sahen, daß ich nicht bissig
war und beim Tanzen die Beine genau so bewegte wie ihre Stammesgenossen,
auch nur Hose, Hemd und Hut hatte und meine Zigaretten verschenkte,
bekamen sie Zutrauen. Bald konnte ich den Indianertanz tanzen, worüber
die Leute sich nicht wenig wunderten. Singen freilich konnte ich ihn
nicht und werde es auch nie lernen, dazu ist eine Vorübung notwendig,
die bei den Meistern zehntausend Jahre gedauert hat.

Bald hatte ich die beste Tänzerin entdeckt, die ich für die zweite
Hälfte der Nacht mit nur wenigen Ausnahmen Tanz für Tanz heranholte, was
mir niemand übelzunehmen schien. Es war die Urgroßmutter. Ihr Gesicht
war zerknülltes und zerknittertes schwarzbraunes Leder, ihre Augen waren
schwarz, ihr geöltes, langes strähniges Haar noch schwärzer, und ihre
Haut strömte einen nicht angenehmen scharfen Geruch aus. Möglich, daß
man sie, wenn man sie in Mitteleuropa anträfe, für des Teufels
Großmutter ansehen würde. Aber sie tanzte wie eine Göttin, und ihre
Grazie und ihre Anmut beim Tanzen waren von großer Schönheit.

Mit Sonnenaufgang verblaßte der Mond, verblaßte die Musik. Unauffällig
zog sich eine Frau nach der andern hinter die Hütte zurück, kam nach
einer Weile wieder vor in ihren Lümpchen und mit einem Bündelchen.
Ebenso unauffällig, ohne Abschiedsszenen, setzten sie sich auf ihre
Pferde und Esel und verschwanden lautlos. Die aufgegangene Sonne fand
einen kahlen Platz, auf dem niemals getanzt, vielleicht von Tanzen
geträumt worden war.




                        DIE GEBURT EINES GOTTES


Bei vielen alten Völkern, und nicht immer nur bei den barbarischen,
wurden die Götter nach dem Ebenbilde des Menschen gemacht; man gab den
Göttern alle Charaktereigenschaften, alle Laster und Tugenden eines
Menschen. Die Fabrikanten der jüdischen und der christlichen Religion,
um eine Ausnahme zu machen, machten den Menschen nach dem Ebenbilde
Gottes. Das Endergebnis ist in beiden Fällen das gleiche, und der
erreichte Zweck entspricht dem, der beabsichtigt war: es sollte gezeigt
werden, daß der Mensch ein göttliches oder gottähnliches Wesen sei und
er darum das Recht habe, alles das und alle die zu beherrschen, die
keine gottähnlichen Wesen seien. Alle Götter, heidnische, jüdische und
christliche, sind Schöpfungen von Menschen. Nur in ganz seltenen Fällen
läßt sich die Geburt oder die Fabrikation eines Gottes auf den wahren,
schlichten und einfachen Vorgang des In-die-Welt-Kommens zurückführen,
weil diejenigen, die durch die Religion ihre Vorteile finden, den
Ursprung Gottes mit Mystizismus verräuchern. Ein Stern führt Könige aus
fernen Landen zum Geburtsplatz, und unmittelbar nach der Geburt klafft
der Himmel auseinander, und Trompetenbläser und ein gut eingedrillter
Opernchor geben ein Freikonzert für Schafhirten. In vielen christlichen
Ländern, besonders in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, wird
wegen Gotteslästerung bestraft, wer versucht, die wahre
Entstehungsgeschichte der jüdischen oder christlichen Religion
aufzudecken. Dagegen ist es keine Gotteslästerung, wenn man die
Entstehung sogenannter heidnischer Götter erforscht und die Ergebnisse
der Forschung bekanntgibt. Und weil man bei der Erforschung heidnischer
Religionen nicht behindert, sondern sogar noch oft reichlich unterstützt
wird, so kommt man hierbei den wahren Dingen leichter auf den Grund.
Wenn ich hier die Geschichte der Geburt eines indianischen Gottes
erzähle, so geschieht es mit der wohlbegründeten Überzeugung, daß es auf
Erden keine einzige Religion gibt, und nie gab, bei der nicht die Geburt
des Gottes oder der Götter, und damit die ganze Entstehung der Religion,
auf einen ähnlichen schlichten und natürlichen Vorgang zurückgeführt
werden kann.

Nachdem Hernan Cortes Mexiko erobert hatte, unternahm er eine Expedition
nach Honduras. Diese Expedition wurde unternommen, um einen Wasserweg
vom Atlantischen nach dem Pazifischen Ozean zu finden; denn zu jener
frühen Zeit glaubte man, daß der nordamerikanische und der
südamerikanische Kontinent nur zwei große Inseln seien, zwischen denen
ein gewaltiger Meeresarm hindurchführe.

Mit dieser Expedition kam Cortes an den Peten-See, einen sehr großen See
im heutigen Guatemala. Auf den Inseln dieses Sees sowie an seinen Ufern
fand Cortes Indianer, die den Spaniern eine rührende Gastfreundschaft
entgegenbrachten.

Infolge des langen Marsches über unwegsame Dschungelbezirke, über
Gebirge, über Sümpfe, durch Flüsse und durch wüstenhaftes Gelände war
die Armee des Cortes völlig heruntergekommen. Sie schleppte sich nur
noch darum weiter, weil sie ein Zurück durch das gleiche Gebiet nicht
überlebt haben würde. Hätte Cortes hier nicht diese gastfreundlichen
Indianer getroffen, die ihr Bestes taten, der verhungernden und
zusammenbrechenden Expeditionsarmee wieder auf die Beine zu helfen, so
wäre der ganze Trupp elend in den Dschungeln und Sümpfen zugrunde
gegangen. An sich hat jene Expedition sehr wenig Erfolg gehabt, und sie
zählt mit zu den größten katastrophalen Fehlschlägen der spanischen
Eroberer in Amerika.

Die Indianer des Peten-Sees fütterten die Spanier wieder hoch,
versorgten sie reichlich für den Weitermarsch und taten für sie, was
wirklich gastfreundliche Menschen nur immer tun können für die, die
einer Hilfe benötigen.

Um den Fremden noch mehr zu Gefallen zu sein und ihnen keinen Wunsch zu
versagen, willigten die Eingeborenen leichten Herzens ein, sich taufen
zu lassen und alle Christen zu werden. Innerhalb von zwei Tagen wurden
alle Indianer, die hier zu einem großen Feste zusammengekommen waren,
getauft, und in ihrer großen Güte und Friedensliebe gestatteten sie den
Weißen, ihre Götter und Tempel zu zerstören, und als sie bemerkten, daß
diese Zerstörung den Weißen so viel Freude machte, sahen sie dem
aufgeregten Treiben und Wüten der Spanier belustigt zu. Sie betrachteten
das als eine Art von Komödie.

Die Indianer jener Region, die ihr Leben schlicht fristeten von den
vielfachen Gaben, die ihnen der große See und die umgebenden Wälder
boten, besaßen weder Gold, noch Silber, noch Edelsteine, noch hatten sie
irgendwelche Kenntnis von Gold- oder Silberminen. Aus diesen Gründen
hatte Cortes nicht viel Interesse für sie übrig. Er betrachtete die
Zeit, die er bei ihnen zubrachte, im Grunde als verloren. Er beeilte
sich, so schnell als möglich die Gegend wieder zu verlassen, und trieb
die Mönche, die seine Armee begleiteten, an, sich mit ihrem Geschäft der
Heidenbekehrung zu beeilen, weil es hier nichts zu verdienen gäbe.

Um das glorreiche Fest der Massenbekehrung mit dem gehörigen Pomp zu
begleiten und gleichzeitig den erforderlichen Eindruck der Macht der
Weißen bei den Indianern zurückzulassen, ordnete Cortes an, daß an dem
Tage der Massentaufe die Kanonen abgefeuert werden und daß seine Reiter
einige militärische Übungen vorführen sollten.

Für die Indianer, die so etwas nie gesehen hatten, war das natürlich
eine große Sache. Das Donnern und Feuern der Kanonen, die Turniere der
Reiter und das ganze Getue der Mönche machte auch wirklich auf die
Neubekehrten den Eindruck, den die Mönche so sehr wünschten. Die
Indianer sollten davon überzeugt werden, daß die Leute, die alle diese
merkwürdigen Kunststücke ausführen konnten, einen Gott haben mußten, der
mehr konnte als ihr alter indianischer Gott, und der deshalb ihren alten
Göttern überlegen sein mußte.

Den tiefsten Eindruck auf die Indianer aber machten nicht die donnernden
und feuerspuckenden Kanonen, sondern die Reiter und die Pferde. Da es
auf dem amerikanischen Kontinent keine Pferde gab, so hatten die
Indianer niemals Pferde gesehen. Sie betrachteten den Reiter und das
Pferd als ein gemeinsames Wesen. Und es erschien ihnen als das
gräßlichste aller Ungetüme, das sich nur vorstellen läßt. Es hatte vier
Beine, konnte rascher laufen als der schnellste Läufer, es hatte zwei
Köpfe, einen Menschenkopf und einen seltsamen langen Kopf mit großen
runden Augen, es hatte einen langen Stachel, die Lanze des Reiters, und
ein kurzes Messer, das Schwert, mit dem es nach allen Seiten Hiebe
austeilen konnte.

Cortes ließ diese gastfreundlichen Indianer völlig ausgebeutet zurück,
ohne ihnen irgendeine andere Bezahlung für ihre gastfreundliche Hilfe zu
hinterlassen, als ihnen gezeigt zu haben, wie sie ihre Sünden abwaschen
könnten, von deren Vorhandensein sie bisher gar nichts gewußt hatten.

Jedoch am Tage seiner Abreise beschloß er, ihnen etwas zurückzulassen,
was sie als genügende Bezahlung anerkennen würden, ohne die Weißen als
gar zu große Knicker in Erinnerung zu behalten. Deshalb, um seine
Dankbarkeit zu beweisen, bot er den Eingeborenen bei seiner Abreise als
Zeichen der guten Freundschaft ein fußlahmes Pferd an, das für seine
Weiterreise nur ein Hindernis war.

Die Indianer nahmen diese Gabe in Empfang mit den aufgeregten Gesten und
Reden von Leuten, die eine so fürstliche Bezahlung für erwiesene Dienste
nie erwartet haben.

Dann verschwanden Cortes und seine Armee ebenso mysteriös, wie sie
gekommen waren. Allein nur das lahme Pferd, das die Eingeborenen jetzt
im Besitz hatten, bewies ihnen, daß alles das, was sie in den
vergangenen Tagen erlebt und gesehen hatten, kein Traum, sondern
Wirklichkeit gewesen war.

Nun wohl, Cortes hatte seinen freundlichen Wirten ein Pferd als Geschenk
hinterlassen. Was er ihnen aber nicht hinterlassen hatte, das war eine
genügende Kenntnis von der Nahrung und der Pflege eines Pferdes.
Tausende und aber Tausende von Indianern aus den benachbarten Regionen
waren inzwischen erschienen, um das Pferd zu sehen und zu bewundern. Da
das Pferd so intim verknüpft war mit diesen mysteriösen weißen bärtigen
Leuten, die Donner und Blitz erzeugen konnten, so fühlten die Indianer
die tiefste Ehrfurcht gegenüber diesem Tier. Sie boten ihm die schönsten
Blumen und Blüten als Opfergabe an.

Jedoch dieses göttliche Tier schnüffelte nur stolz an diesen Opfergaben
herum und wendete dann seinen Kopf verächtlich hinweg.

Darüber waren die unschuldigen Kinder dieses sonnigen Landes recht
betrübt. Sie beteten und sangen, tanzten und hielten feierliche
Prozessionen ab, um diese göttliche Kreatur wieder zu versöhnen.

Endlich sagte ein alter Medizinmann: „Seht ihr denn nicht, das göttliche
Wesen ist verwundet am Fuß. Behandelt es entsprechend.“

Die Indianer häuften nun vor dem Rößlein Riesenberge von gebratenen
wilden Truthühnern auf; denn gebratene Truthühner werden bei den
Indianern als die Nahrung für Verwundete angesehen.

Trotzdem die Truthühner auf schön geschliffenen Kupferplatten, mit
Blumen, Früchten und köstlichen Kräutern, vorgesetzt wurden, das
Pferdlein schüttelte nur seine Mähne und trampelte ungeduldig mit den
Füßen.

Dieses Trampeln mit den Füßen gab den Indianern eine andere Idee. Es
wurde eine schöne Jungfrau erwählt, die man nun dem Pferde anbot. Aber
das Roß war viel zu stolz, diese liebliche Gabe auch nur zu
beschnüffeln. Das war ja auch ganz verständlich. Das Mädchen war
bronzebraun, während das Pferdchen nur an weiße Jungfrauen gewöhnt war.

Obgleich hier ein lahmes Pferdchen die seltene Gelegenheit hatte, das
glücklichste Leben zu führen, das einem Pferd auf Erden und im Besitz
von Menschen je gegönnt war, obgleich dieses himmlische Geschöpf nur
wenige hundert Schritte entfernt war von den schönsten Weiden, bewachsen
mit saftigem und immergrünem Grase, trotzdem die Felder der Indianer
reich standen mit dem herrlichsten Mais, so mußte dieses unschuldige
Tier qualvoll verhungern. Es legte sich eines Tages hin und starb.

Voll von Schrecken und abergläubischer Furcht standen die Indianer um
den toten Körper des göttlichen Tieres. Und da sie seine Rache
fürchteten, weil sie es so schlecht behandelt hatten, daß es vorzog, zu
sterben, wurde ein geschickter Steinhauer unter ihnen beauftragt, eine
Skulptur des Pferdes anzufertigen, die im Haupttempel aufgestellt wurde.

Dreiundneunzig Jahre später, im Jahre 1618, kamen zwei
Franziskaner-Mönche an jenen See, um Heiden zu bekehren. Seit Cortes die
Gegend verlassen hatte, war nie wieder ein weißer Mann in jenem fernen
Winkel des Landes aufgetaucht.

Die beiden Mönche traten in den Tempel, und sie waren aufs höchste
erstaunt, als sie hier eine riesenhafte steinerne Skulptur eines Pferdes
vorfanden, in einer Gegend der Erde, wo Pferde völlig unbekannt waren.

Aber dann glaubten sie ihren Sinnen nicht mehr trauen zu dürfen, als sie
sahen, daß die Indianer diese steinerne Skulptur als höchsten Gott
anbeteten. Und die Mönche wurden völlig verwirrt, nachdem sie fanden,
daß hinter dem steinernen Pferde ein gewaltiges hölzernes Kreuz
aufgerichtet war. Es stellte sich heraus, daß jenes steinerne Pferd als
der allein wahre Gott des Donners und des Blitzes angebetet wurde.

Es ist erklärlich, daß der Bericht jener Mönche viel Aufregung unter den
Leuten, die sich mit der Erforschung des Landes und mit der Geschichte
der Indianer befaßten, hervorrief. Die wildesten Gerüchte und
Vermutungen tauchten auf, wie die Indianer in diesem fernen Gebiete des
Kontinents dazu gekommen seien, ein Pferd in Verbindung mit einem Kreuz
als Gott zu verehren. Diese Vermutungen und Spekulationen würden
vielleicht die Erforscher der indianischen Geschichte auf die
verwirrtesten Abwege geführt haben, wenn man nicht in einem der Briefe,
die Cortes an den Kaiser Karl V. schrieb, eine Notiz gefunden hätte, die
den Sachverhalt völlig aufklärte.




                         DER AUFGEFANGENE BLITZ


Der Pfarrer eines indianischen Dorfes hatte eine Reise nach der
Hauptstadt des Staates zu machen, wo der Bischof eine Konvention
angeordnet hatte. Eine Eisenbahn war nicht vorhanden, darum war der
Pfarrer genötigt, die Reise auf einem Mule zu machen. Da er sich nicht
sehr anstrengen wollte, ritt er jeden Tag gerade nur so weit, bis er zur
nächsten Hazienda kam. Er wurde überall gut bewirtet, und so betrachtete
er – wie es auch alle seine Brüder im Amt des Herrn taten – jene
Dienstreise gleichzeitig als Erholungsreise, die er infolge seiner
schweren Tätigkeit als Dorfpfarrer indianischer Bauern auch gewiß
redlich verdient hatte. Er wußte, daß die Reise vier bis sechs Wochen
dauern würde. Und nachdem er alle Schäfchen gut eingesegnet hatte, damit
während seiner Abwesenheit nicht etwa Satanas hier eine gute Ernte
halten könnte oder gar die alten indianischen Götter – mehr gefürchtet
als Satanas, dessen Schliche und Wege man ja kennt und wissenschaftlich
erforscht hat – sich hier wieder einnisten könnten, rief er seinen
Kirchendiener herbei, um dessen Wachsamkeit und Treue die Kirche mit
allem, was drin und drum war, feierlichst zu übergeben.

Cipriano, der Kirchendiener, war, wie alle Mitglieder der Gemeinde,
Indianer. Er war Holzfäller und Kohlenbrenner von Beruf, und als Mensch
war er weder besser noch schlechter als irgendein anderer Mann des
Dorfes. Aber er war sehr stolz auf sein Amt als Kirchendiener, und er
hatte mehrfach im Dorfe zu verstehen gegeben, daß es auf Erden nur zwei
wirklich wichtige Personen gebe: Pfarrer und Kirchendiener; der Pfarrer
könne ohne Kirchendiener kein Amt halten, und der Kirchendiener sei so
wichtig wie der Pfarrer. Vertraulich hatte Cipriano sogar seinen
Freunden gegenüber durchblicken lassen, daß er, Cipriano, vielleicht gar
noch wichtiger sei als – aber das wolle er nicht aussprechen, weil das
sicher eine Sünde sei, so etwas zu sagen.

Es muß nun freilich berichtet werden, daß der Pfarrer in seiner Gemeinde
wohl geachtet war in geziemender Weise; aber respektiert und gefürchtet
war nicht der Pfarrer, sondern Cipriano. Der Pfarrer war Mestize, mit
wenig indianischem Blut. Cipriano jedoch war Vollblut-Indianer. Er nahm
darum unter seinen Leuten den Rang eines Medizinmannes ein. Das war auch
zu verstehen. Er war den Göttern ebenso nahe wie der Pfarrer, er kannte
alle Geheimnisse der Religion so gut wie der Pfarrer, hatte ungehindert
Zutritt zu dem Allerheiligsten, und er konnte die gesamte Zeremonie der
Messe heruntersingen und herunterbeten, viel besser als der Pfarrer, der
zuweilen steckenblieb und von dem aufgeschlagenen Messebuch die
Litaneien ablesen mußte. Denn Cipriano war beinahe dreißig Jahre
Kirchendiener, hatte unter den drei Pfarrern gedient, die vor dem
jetzigen hier amtiert hatten. Er konnte alles auswendig von dem langen
andächtigen Zuhören, kannte jedes einzelne Glasperlchen an den
zahlreichen Heiligenfiguren der Kirche, kannte jedes Stückchen Stuck und
jede noch so kleine Holzschnitzerei der Kirche, wußte jeden Feiertag und
jeden Tag der Heiligen auswendig. Die indianischen Gemeindemitglieder,
insbesondere aber die Kinder und die Halberwachsenen, hielten in der Tat
Cipriano für viel wichtiger für die Religion und deren zahlreiche und
verzwickte Zeremonien als den Pfarrer.

So wie sich die Indianer immer erst an die Heiligen wenden, wenn sie
etwas von dem lieben Gott haben wollen, so wendeten sich hier die
Gemeindemitglieder immer erst an Cipriano, wenn sie etwas vom Pfarrer
wollten. Ob es eine Heirat war, oder eine Kindtaufe, oder ein Begräbnis,
zuerst wurde Cipriano um Rat gefragt. Sogar wenn die Burschen oder
Mädchen zur Beichte zu gehen hatten, wendeten sie sich erst an Cipriano,
um von ihm zu hören, ob dies oder das eine Todsünde sei, wenn man es
nicht beichte, oder wenn man es vergäße, und in welcher Form man das
oder jenes ausdrücken könnte, ohne direkt zu sagen, was es sei.

Cipriano wußte für alle Rat und hatte für alle Hilfe. Er war der
Vertraute aller Gemeindemitglieder in einem viel höheren Maße, als es
der beste Pfarrer je werden könnte. Aus diesem Grunde ging es Cipriano
verhältnismäßig gut. Er bekam hier ein Hühnchen, dort ein Hähnchen, hier
einen Tequila, dort einen Habanero; und wenn er Namenstag hatte, bekam
er so viel aufgehäuft, daß er davon einen vollen Monat in Freuden leben
konnte.

Als der Pfarrer nun reisefertig war, sagte er zu Cipriano: „Mit dem
Läuten weißt du ja gut Bescheid, da brauche ich dir nichts zu sagen.
Tags ist die Kirche offen, und nachts schließt du sie gut zu, wie wir
das immer machen. Und des Sonntags früh und Samstag abend und Mittwoch
abend, wenn die Gemeinde in der Kirche ist, dann singst du vor. Hier
sage ich dir die Lieder und die Aves, die gesungen werden. Die kennst du
ja alle. Und vergiß nicht, die Weihwasserbecken zu füllen, wenn sie leer
sind. Das weißt du ja auch. Und dann ist da etwas Wichtiges. Du gehst in
die Stadt und kaufst Farben und Goldbronzen. Dann reinigst du einmal
alle die Figuren von dem Staub und von dem vielen Dreck, den die Vögel
draufgemacht haben. Es ist eine Sünde, wie die Figuren aussehen, es ist
fürwahr eine Gotteslästerung. Wo die Farbe abgeblättert ist, da malst du
neue Farbe auf. Die Gnadenmutter über dem Altar aber bemalst du nicht.
Du wäschst sie nur gut, und dann lackierst du sie schön mit farblosem
Lack, den man dir in der Botica in der Stadt verkaufen wird. Nein, kaufe
das nicht. Ich werde das alles in der Stadt kaufen und bezahlen, und du
holst es ab. Kannst gleich mit mir kommen, und dann sage ich dir alle
Farben und wie du sie gebrauchst. Wenn ich dann zurückkomme, haben wir
eine schöne reine Kirche.“

Mit dieser Anordnung war Cipriano außerordentlich zufrieden. Es machte
ihm Freude, die Kirche schön herzurichten und die Figuren zu bemalen.
Und diese Freude wurde erhöht, als ihm der Pfarrer versprach, daß er
ihm, wenn alles gut und schön getan sei, acht Pesos geben wolle, so daß
er also nicht im Busch zu arbeiten brauche, sondern hier die ganze Zeit
hindurch sich in der Kirche beschäftigen könne.

Cipriano begleitete den Pfarrer am nächsten Tage in das kleine
Städtchen, wo er die Farben in Empfang nahm und die Gebrauchsanweisungen
für die Anwendung der Farben erhielt.

Nachdem er sich einen Kleinen eingehoben hatte, um den Tag festlich zu
beschließen, ritt er, zufrieden mit sich und zufrieden mit der Religion
und aller Welt, gemächlich auf seinem Esel heim.

Er kam gerade recht zum Abendläuten, das die Jungen schon begonnen
hatten, noch ehe er das erste Haus des Dorfes erreicht hatte.

Am nächsten Morgen begann er seine Arbeit der Kirchenverschönerung.

Wenngleich Cipriano keineswegs Maler war, so hatte er doch genügend
Klugheit – angeboren oder durch Erfahrung erworben, das weiß man nicht
–, mit dem Abwaschen von bemalten Heiligenfiguren vorsichtig zu sein. Er
war nicht allzu reich mit Farben versorgt worden, und darum mußte er mit
dem Abwaschen sorgsam umgehen, um nicht zuviel Farbe zu verlieren. Er
wollte auch erst wissen, wie die Farben annehmen; denn die Anweisungen
des Drogisten waren sehr allgemein gehalten gewesen. So nahm er sich
zuerst einmal den Judas Ischariot vor. Judas Ischariot war ja eigentlich
nur ein Halbheiliger, dessen wahres Verhältnis zu dem Herrn bis heute
nicht völlig aufgeklärt ist. Die einen sagen, er hat den Herrn verraten
und verkauft und darum ist er ein Schurke, der in der Hölle seit beinahe
zweitausend Jahren bereits schmort. Andere dagegen aber, die
wissenschaftlich in die Heilslehre eingedrungen sind, behaupten, Judas
Ischariot war von Gott dem Herrn bestimmt, den Heiland zu verraten; denn
hätte Judas Ischariot den Herrn nicht verraten, so wäre der Herr nicht
gefangengenommen worden, und hätte man ihn nicht gefangen, so hätte er
nicht gekreuzigt werden können, und der Heiland hätte nicht, mit den
Sünden aller Welt beladen, sterben können, um die armen Menschen zu
erlösen. Da also Judas Ischariot als das Werkzeug Gottes nötig war, um
das Heilswunder zu vollbringen, darum betrachtet ihn der Indianer als
einen Halbheiligen, wie er auch den bösen Schächer am Kreuz als
Halbheiligen betrachtet, der unter Umständen oben im Himmel ein gutes
Wort für den geplagten Indianer einlegen kann. Es ist überhaupt und
immer gut, sich mit niemand ernstlich zu verfeinden, dessen Name in den
biblischen Geschichten oder in den Legenden erwähnt wird. Denn man kann
nicht wissen, ob sie nicht Werkzeuge Gottes sind, auch wenn sie sich
scheinbar recht unchristlich hier auf Erden benommen haben.

Der Judas Ischariot steht gewöhnlich wie ein Schuljunge, der was
verbrochen hat, in einer dunklen Ecke in der Kirche, wo er von niemand
sonderlich beachtet wird. Da steht der Arme das ganze Jahr hindurch. In
der Semana Santa, in der Heiligen Woche, wird er dann aus seiner Ecke
herausgenommen, abgestaubt und aufgefrischt, und er wird dann an die
Abendmahlstafel gesetzt, die in der Kirche aufgebaut wird. An dieser
Tafel darf Judas Ischariot nicht fehlen, wenn auch vielleicht die Hälfte
der übrigen Jünger fehlen sollten oder einige doppelt oder dreifach
vorhanden sein sollten. Es kommt auch vor, daß, um die Zahl zwölf oder
dreizehn voll zu machen, irgendeine Figur mit an die Tafel gesetzt wird,
die ursprünglich nicht die Ehre hatte, bei der Abendmahlsfeier zugegen
zu sein, also vielleicht der Heilige Antonio oder der Heilige Jeronimo.
Man muß sich zu helfen wissen.

In diesem Falle, den Cipriano jetzt zu besorgen hat, ist kein einziger
Heiliger besser zu gebrauchen als Judas Ischariot. An ihm erprobt nun
Cipriano, wie weit er mit dem Waschen gehen darf, ohne zuviel Farbe
einzubüßen, an ihm kann er herummalen und herumlackieren nach
Herzensfreude, um zu sehen, wie die Farben annehmen und wie sie
herauskommen auf diesem alten wurmzerfressenen Holz. Denn wird am Judas
Ischariot etwas verdorben, so ist das nicht so wichtig und wird wohl
kaum auch als Sünde im Himmel gebucht werden. Judas Ischariot wird nach
der Wasch- und Anstrichprobe wieder in seine dunkle Ecke gestellt, und
bis zur Semana Santa ist mehr als ein halbes Jahr Zeit. Dann liegt
genügend frischer Staub drauf, so daß man die Künstlerversuche des
Cipriano nicht mehr so genau erforschen kann. Die Hauptsache ist, daß
der Bart und der Geldbeutel des Judas Ischariot erhalten bleiben, damit
man ihn erkennt und damit man weiß, mit wem man es zu tun hat; denn
sonst könnte es geschehen – und es muß gesagt werden, es ist geschehen
–, daß er verwechselt wird mit dem Heiligen Joseph, auf dem Joseph-Altar
aufgebaut und dort angebetet, angebettelt und mit Kerzen und Gaben
beschenkt wird.

Der Judas Ischariot, nachdem er von Cipriano mit Andacht und Sorgfalt
behandelt worden ist, nachdem er hier einen Tupfen Goldbronze, dort
einen Flapp Silberbronze, hier wieder einen Klecks grelles Rot, dort
wieder ein paar Striche Grün mit Braun aufgepinselt erhalten hat, sieht
bald so schön und königlich aus, daß sich Cipriano kaum noch von ihm
trennen kann. Er bedauert und lamentiert, daß der Judas Ischariot nur
ein Halbheiliger ist und daß er ihn darum wieder ins Eckchen stellen
muß, wo niemand die Kunst des Cipriano bewundern kann. Es ist fürwahr
traurig, so redet Cipriano im stillen in sich hinein, daß Judas
Ischariot sich bestechen ließ und den Heiland so schmählich verriet;
hätte er es doch besser nicht getan, dann könnte ihn Cipriano jetzt in
den Vordergrund stellen und dort leuchten lassen. Aber es läßt sich nun
nicht mehr ändern. Es steht schon alles in den biblischen Geschichten,
und Cipriano kann nicht die Sünde auf sich nehmen, jene Geschichten zu
fälschen, nur um Judas Ischariot dicht am Eingang der Kirche, gleich
nahe beim Weihwasserbecken aufzustellen, wo ihn alle Leute sehen müßten
und alle Leute natürlich die Kunst Ciprianos bewundern könnten. Dann
überlegt Cipriano eine Weile, ob er nicht den Bart des Judas Ischariot
beschneiden und ihm den Geldbeutel aus den Fingern winden könnte, dann
den Geldbeutel dem Heiligen Antonio oder dem Heiligen Joseph in die Hand
drücken und dessen Bart so zurechtstutzen könnte, daß er das Aussehen
des Judas Ischariot bekommen würde. Dann wäre Cipriano vielleicht in der
Lage, aus dem ursprünglichen Judas Ischariot einen Joseph zu machen, der
im Vordergrunde stehen darf, wo er von allen Leuten bewundert werden
kann. Aber er fürchtet doch, das könnte herauskommen; denn die grimmigen
Gesichtszüge des Judas Ischariot sind jedem einzelnen Mitgliede der
Gemeinde zu gut bekannt, und die Indianer haben ein zu gutes Auge für
solche Dinge, um nicht sofort den Tausch zu erkennen.

Warum Cipriano überhaupt auf solche Gedanken kommt, einen Vertausch
vorzunehmen, kann leicht begründet werden. Er weiß, wie das jeder echte
Künstler weiß, daß er ein zweites Kunstwerk gleicher Art nicht schaffen
kann. Hier, bei dem Judas Ischariot, hat Cipriano alle Farben
angewendet, um deren Brauchbarkeit zu erforschen. Das kann er nun bei
keiner anderen Figur mehr tun, weil er sonst mit den Farben nicht
auskommen würde. Die eine Figur braucht mehr Braun, die andere mehr
Gelb, wieder eine andere mehr Grün und die nächste mehr Rot, von der
Goldbronze und der Silberbronze gar nicht zu sprechen, denn etwas Gold
und Silber müssen alle bekommen. Bei den übrigen Figuren muß er sich
genau an die ursprünglichen Grundfarben halten, damit die Figuren auch
von den Gemeindemitgliedern wiedererkannt werden. Es könnte geschehen,
daß sich selbst der Pfarrer nicht mehr auskennen würde. Allein beim
Judas Ischariot, bei dem es nicht so genau darauf ankommt, ob er sich
sehr verändert oder nicht, konnte und durfte Cipriano alle seine Talente
spielen lassen. Bei den übrigen, nun ganz besonders beim Christus und
bei der Heiligen Jungfrau, darf er nicht das geringste an den Grundtönen
ändern.

Cipriano stellt endlich schweren Herzens den so herrlich geglückten
Judas Ischariot in dessen dunkles Brummeckchen. Aber während er sich nun
in den folgenden Tagen mit den übrigen Figuren redlich abgibt, kann er
seine Gedanken von jenem vortrefflichen Kunstwerk, das er schuf, nicht
mehr abwenden. Ob er nun die Heilige Anna bemalt, oder den Heiligen
Pablo, oder den Heiligen Francisco, seine Gedanken sind bei Judas
Ischariot.

Daß Cipriano derart hart in die Klauen und Fänge des Erzverräters aller
Erzverräter, die je auf Erden gelebt haben, fallen konnte, war, kein
Zweifel darüber, das Werk des Teufels, der es darauf abgesehen hatte,
die Abwesenheit des Pfarrers zu benützen, um die reine und treue Seele
des Kirchendieners Cipriano zu erhaschen. Denn alles, was nun geschah,
konnte in seinen Urgründen darauf zurückgeführt werden, daß Cipriano
seine höchsten Talente, die nur den wahren Heiligen dienen sollten, in
einem so verschwenderischen Maße auf den Erzschurken Judas Ischariot
ausgegeben hatte. Judas Ischariot ließ die Gedanken des armen Cipriano
nicht mehr los. Und darum beging Cipriano Fahrlässigkeiten, die böse
Folgen hatten.

Was nun geschah, beweist erneut, in welch geschickter Weise Satanas zu
arbeiten weiß, um das Reich des Antichrist auf Erden aufzubauen.

Cipriano war endlich zu der großen Aufgabe gekommen, die Heilige
Jungfrau, die über dem Altar thronte, zu reinigen und aufzufrischen. Er
wußte, daß diese Arbeit die heiligste war, die ihm auf Erden beschieden
werden konnte.

Mit den verschiedenen Christusfiguren, am Kreuz hängend, oder mit dem
Kreuz auf der blutigen Schulter, oder hingelagert in der Felsenhöhle
(aus gestärkter und zerknitterter Sackleinwand), war er genau so leicht
umgegangen wie mit den Heiligenfiguren. Das war ja sowieso kein großer
Unterschied.

Aber die Heilige Jungfrau war das Allerheiligste, war der Sinn und
Inhalt der ganzen Religion. Wichtiger als Gottvater selbst.

Ehe Cipriano die Heilige Jungfrau berührte, um sie von ihrem hohen Stand
herunterzuheben, kniete er nieder und betete ein halbes Hundert Aves. Er
machte alle Kreuze, die er kannte. Und endlich hatte er die hölzerne
Figur auf dem Kirchenboden. Er stellte sie aber nicht auf den nackten
Boden, sondern breitete seine Tilma unter den Füßen der Gottesmutter
aus.

Er begann die Figur sorgfältig zu waschen, zart, als wäre sie ein
neugeborenes Kind. Dann rieb und polierte er sie mit weichgezupften
Läppchen. Er nahm ihre Kleider ab, um sie auszustauben und auszuwaschen.
Sie hatte keinen eigentlichen nackten Körper unter ihren Gewändern.
Sondern der Körper war so geschnitzt, daß die inneren Gewänder ebenfalls
Holzschnitzwerk waren, so daß selbst die respektloseste Person nichts
hätte finden können, daß darüber die Heilige Gottesmutter hätte schamrot
werden müssen.

Auf dem Steinboden der Kirche hatte Cipriano ein kleines Feuer brennen.
Das Feuer diente dazu, das Wasser zum Abwaschen der Figuren ein wenig
anzuwärmen, es diente ferner dazu, Leim zu kochen und flüssig zu halten,
um Bruchstellen der Figuren auszuheilen.

An diesem Feuer hockte jetzt Cipriano und wärmte sich seinen Kaffee und
seine Tortillas, weil er keine Zeit damit verlieren wollte, zu seiner
Hütte zu gehen. Die Kleider der Gottesmutter hatte er draußen, im Garten
der Kirche, auf Sträucher gehängt, damit sie trocknen sollten.

Als er seinen Kaffee getrunken und seine Tortillas mit Chile gegessen
hatte, ging er hinaus in den Kirchengarten, um der Sonne zuzusehen, wie
sie die Kleider der Heiligen Jungfrau trockne.

Dieser Arbeit zusehend, drehte er sich eine Zigarette und rauchte.

Die Sonne trocknete nicht nur die Kleider der Heiligen Jungfrau, sondern
sie spielte gleichzeitig wechselnde Farben über den Kirchengarten hin.
Und das lenkte abermals die Gedanken Ciprianos auf sein großes
Kunstwerk, auf die so herrlich geglückte Verschönerung des Judas
Ischariot. Er begann darüber nachzudenken, daß er vielleicht, wenn alles
übrige in der Kirche getan sei und er noch Farben übrigbehalten haben
sollte, was ja sehr wahrscheinlich war, weil er sehr sparsam mit den
Farben umgegangen war, er noch mehr für Judas Ischariot tun könnte. Er
dachte darüber nach, daß es vielleicht gar möglich werden könnte, daß
selbst der Senjor Pfarrer Gefallen und Freude an jenem Kunstwerk finden
könnte, und daß vielleicht die Möglichkeit bestünde, Judas Ischariot zu
erlösen und ihm, wenn auch keinen Ehrenplatz, so doch einen besseren
Platz anzubieten, wo er schon leichter gesehen werden könnte. Immer mehr
in seinem Nachdenken kam Cipriano zu der Ansicht, daß eigentlich und
überhaupt dem Judas Ischariot ein großes Unrecht zugefügt worden sei,
ihn zweitausend lange Jahre dafür büßen zu lassen, daß er einmal dreißig
Silberlinge verdienen wollte, die er ganz sicher für irgend etwas sehr
Notwendiges gebraucht haben muß, vielleicht gar für die Medizin eines
kranken Kindes, jedenfalls für etwas, worüber uns nichts berichtet
worden ist, um seine Tat nur um so ruchloser erscheinen zu lassen.
Überhaupt sei dem Judas Ischariot auch darum ein großes Unrecht zugefügt
worden, daß man ihn dauernd und für ewig aus der Erlösung ausgeschlossen
habe, während doch sogar Pedro, der den Herrn ebenfalls verleugnete,
vergeben wurde, ihm auch noch die Schlüssel des Himmelstores anvertraut
wurden, und man ihn zum Heiligen machte.

In diesem angestrengten Nachdenken über das zweierlei Maß, mit dem
selbst im Himmel gemessen wird, und über die verwickelten Ansichten und
Fragen der Religion überhaupt und im allgemeinen, und im Nachdenken
darüber, daß die Beziehungen des Senjor Pfarrer mit Senjora Elodia und
mit Senjora Roberta recht gut, ohne fahrlässig zu sein, nach zwei
verschiedenen Seiten hin ausgelegt werden könnten, dröselte Cipriano so
nach und nach und so langsam ein. Zu tun hatte er augenblicklich nichts,
weil er der Sonne beim Trocknen ja doch nicht helfen konnte.

Er wachte darüber auf, daß ihm im Traume die Beziehungen zwischen Mann
und Frau deutlich wurden, ohne daß sie sich diesmal auf den Senjor
Pfarrer und auf Senjora Elodia ausdehnten, an die Cipriano in den
letzten Phasen seines Träumens gerade nicht gedacht hatte. Eigentlich
aber wachte er wohl darüber auf, daß sich drei Hunde prügelten, die sich
innerhalb der Kirche um einige Tortillas zankten, die Cipriano von
seinem Mahle übriggelassen hatte.

Cipriano hatte, weil er ja nur für einen kurzen Augenblick in den
Kirchgarten gehen wollte, um dort eine Zigarette zu rauchen, die hintere
Kirchentür offen gelassen. Und durch jene Tür waren die Hunde in die
Kirche eingedrungen.

Als Cipriano in die Kirche trat, noch ein wenig im Schlaf, wischten die
Hunde hinaus.

Nach einigen Sekunden hatte sich Cipriano von dem hellen Sonnenlicht an
die Dämmerung in der Kirche gewöhnt, und als er nun zu der Figur der
Gottesmutter kam, faßte ihn ein kalter Schrecken. Er mußte mehrere Male
genau hinsehen, ehe er wußte, daß er richtig gesehen hatte.

Die Hunde hatten bei ihrem Herumbalgen die Gottesmutter in das Feuer
gestoßen, wo die Figur genau so hilflos und unbeschützt war, wie auch
jedes andere gewöhnliche Stück Holz zu sein pflegt, das ins Feuer
geworfen wird.

Hunde wissen das ja nicht besser, und man soll sie dafür nicht anklagen.
Cipriano jedoch wußte sofort, daß die Hunde von Satanas geschickt worden
waren, um jenes Unheil anzustiften.

Er hob mit einem raschen Griff, diesmal ohne auch nur ein einziges Ave
zu beten, die Gottesmutter aus dem Fegefeuer.

Die Gottesmutter hatte die linke Hand auf das Herz gepreßt, von dem
goldbronzierte Strahlen nach allen Seiten ausgingen. Ihre rechte Hand
hatte sie segnend erhoben, etwa in der Höhe ihres Mundes. Die Handfläche
dieser Hand war flach nach unten gerichtet und nicht, wie das häufig bei
segnenden Händen geschieht, dem Betenden zugekehrt.

Diese Hand war völlig verkohlt, die Form jedoch war erhalten geblieben.
Auch die rechte Seite der Figur war angekohlt.

Cipriano löschte die noch kohlenden Stellen rasch mit dem Rest von
Kaffee, den er noch in seinem Tonkrügchen fand; und als das allein nicht
ganz half, vergaß er sich soweit, die übrigen kohlenden Stellen mit
seiner Spucke zu löschen. Daß hierin eine Respektlosigkeit gefunden
werden möchte, darüber dachte Cipriano auch nicht einen Augenblick lang
nach. Gegenüber harter Wirklichkeit wurde er trotz aller christlichen
Erziehung stets sofort wieder heidnischer Indianer. Nicht nur in einem
solchen Ding, wie das, was hier geschehen war.

Und er wurde erst recht heidnischer Indianer, als er damit begann, zu
überlegen, was nun zu tun sei.

Er vergaß völlig, daß er eine Gottesmutter in der Hand hatte, die
verehrt und angebetet wurde, als wäre sie die wirklich lebende
Gottesmutter in Person.

Zuerst einmal schloß er sofort die Kirchentür, so daß niemand
hereinkommen konnte, um Zeuge des Unheils zu sein, das hier geschehen
war. Er wußte, daß es für diese Fahrlässigkeit keine Entschuldigung gab.
Wenngleich er sich darauf berufen konnte, daß die Hunde Werkzeuge des
Bösen gewesen seien, so hatte er dennoch durch eine lange Reihe von
Unbedachtsamkeiten dem Bösen das Handwerk erleichtert.

Dieses Unheil würde die Ursache sein, daß er seinen Posten verlöre. Das
wäre zu verschmerzen gewesen, denn das Amt an sich brachte nicht viel
ein. Fünf oder zehn Centavos bei einer Taufe, fünfundzwanzig Centavos
bei einer guten Hochzeit, bei einer kleinen Hochzeit entweder nichts
oder fünf oder gar nur zwei Centavos. Auch das kam vor. Und von
Begräbnissen war besser nicht zu reden. Das Dorf hatte nicht einen
einzigen Wohlhabenden. Und daß der Senjor Pfarrer eine fette Pfründe
hier gehabt hätte, konnte man auch nicht sagen. Es war eine ziemliche
Last für diese arme Gemeinde, den Pfarrer überhaupt durchzubringen; und
hätten die Leute nicht die sichere Überzeugung gehabt, daß sie dereinst
im Himmel reich belohnt werden würden, und daß der Pfarrer nötig sei,
Regen und Sonnenschein herbeizubeten, die Fruchtbarkeit der Ziegen und
Schafe zu besegnen, so hätten sie ihn überhaupt nicht mit durchfüttern
können. Für gute Medizinangelegenheiten war er sowieso nicht zu
gebrauchen. In solchen Dingen hielt man sich sicherer an die eigenen
Medizinmänner und Medizinfrauen.

Es war also nicht das Amt, das Geld hätte einbringen können, um das
Cipriano besorgt war. Er war vielmehr und beinahe einzig darum besorgt,
daß er seine respektgebietende Stellung in der Gemeinde verlieren
könnte. Er konnte, wenn dieser Vorfall hier bekannt wurde, nicht länger
mehr der Mann sein, der dem Pfarrer am nächsten stand, er konnte nicht
länger mehr als einziger neben dem Pfarrer das Allerheiligste versorgen,
er konnte nicht länger mehr während der Abwesenheit des Pfarrers die
Aves und Litaneien in den Andachten vorsingen, er konnte nicht länger
mehr vor den Augen der ganzen Gemeinde die Kerzen anzünden, dem Pfarrer
Waschbecken und Handtuch reichen, das Messebuch vorhalten, ihm die
Meßgewänder anlegen oder abnehmen. Niemand würde mehr seinen Rat
verlangen, und an seinem Namenstage würden die Hühnchen und Hähnchen
ausfallen, und das ganze Jahr hindurch würden alle die kleinen
Aufmerksamkeiten fortfallen, hier ein Gläschen Tequila und dort ein in
wildem Honig gekochter Kürbis. Das Leben wäre nicht länger mehr wert
gewesen, gelebt zu werden. Er war in den dreißig Jahren so eins geworden
mit der Kirche und dem Dienst in der Kirche, daß kein Mitglied der
Gemeinde sich die Kirche ohne ihn denken konnte; denn die gegenwärtige
Generation war geboren worden und aufgewachsen in dem Glauben an die
Unersetzlichkeit seiner Person. Er hätte nun vielleicht wacker beten
können, und es wäre vielleicht das große Wunder geschehen, daß der
Gottesmutter die Hand wieder nachgewachsen wäre. Aber soweit ging der
Glaube des Cipriano denn doch nicht. Er war viel zu sehr Indianer, um
nicht zu wissen, daß totes Holz unter keinen Umständen nachwächst, auch
wenn man noch so viele Aves abbetet.

So kam er schließlich auf die einzige Idee, auf die ein Indianer in
einem so verzweifelten Falle kommen kann. Er nahm sich vor, den
verkohlten Handstumpf der Gottesmutter einfach abzusägen, eine neue Hand
zu schnitzen und sie an dem Armstumpf anzuleimen. Er würde das dann
alles schön dick bemalen, und wenn die Jungfrau endlich wieder hoch über
dem Altar aufgestellt ist, wird niemand den Schaden bemerken.

Nun würde freilich das Schnitzen der Hand einen Tag in Anspruch nehmen.
Während dieser Zeit mußte freilich die Gottesmutter an ihrem alten
Platze stehen, weil die Gemeindemitglieder, die zum Beten in die Kirche
kamen, die Gottesmutter sofort vermißt haben würden, und weil das Beten
ohne die Gottesmutter über dem Altar zwecklos und resultatlos gewesen
wäre. Die Indianer müssen das leibhaftig vor sich sehen können, was sie
anbeten sollen, andernfalls können sie sich auf ihre Gebete nicht
konzentrieren und denken statt dessen an ihren Mais und an ihre Ziegen
und Schafe. Dadurch wird nur das Heidentum gefördert.

Cipriano kleidete also die Gottesmutter wieder an. Als das vollendet
war, stellte er sie auf ihrem Platze über dem Altar wieder auf. Er
ordnete die Kerzen so an, daß man in der Dämmerung der Kirche die
verbrannte Hand nicht leicht sehen konnte, es wäre denn, daß man
ziemlich dicht vor dem Altar stünde. Außerdem drapierte er eine Falte
des Gewandes so, daß die Hand zum Teil bedeckt wurde; und weil das
Gewand dunkelblau war, so war in der Tat der Schaden nicht leicht zu
bemerken. Ehe der Pfarrer zurückkam, war die neue Hand angeleimt.
Obgleich Cipriano wohl wußte, daß er damit eine Sünde begehe, so nahm er
sich vor, seine sündhafte Fahrlässigkeit dem Pfarrer nicht zu beichten.
Er würde die Sache einfach vergessen, und das, woran man sich nicht
erinnert, braucht man ja nicht zu beichten. Weder hier noch anderswo.
Würde ein Indianer überhaupt alles beichten, was er getan hat, so könnte
ihm kein noch so gütiger Pfarrer die Absolution erteilen, und selbst
Gott der Herr würde es sich noch sehr überlegen, ob er einem solchen
Sünder derartige Untaten vergeben kann, und er, der Herr, wahrscheinlich
zu der Überzeugung kommen, daß hier jede Hoffnung aufgegeben werden muß
und es besser ist, die Indianer zu lassen, wie sie sind, und sich mit
dem zu begnügen, was man bekommen kann.

Die Gottesmutter stand auf ihrem Platze. Inzwischen war es Abend
geworden. Cipriano öffnete die Kirche, und es kamen einige Frauen, um in
Andacht zu schwelgen.

Als dann die Stunde gekommen war, schloß Cipriano die Kirche und ging
heim in seine Hütte, beruhigt in dem Bewußtsein, daß während der Nacht
bestimmt nichts herauskommen würde.

Er suchte sich ein passendes Stück Holz aus, und bei dem trüben Licht
eines rußenden Blechlämpchens begann er, das Holz in die rohe Form einer
Hand zurechtzuschnitzen. Die Feinheiten würde er dann bei hellem
Tageslicht machen. Er war sicher, daß er die Hand vielleicht gar schon
vor Mittag des nächsten Tages fertig haben würde. Die Figur brauchte ja
nur während der Frühandacht an ihrem Platze zu stehen. Und am Abend war
alles vielleicht schon angeleimt und sorgfältig bepinselt und bemalt. Es
ging viel schneller, als er das in seiner ersten Bestürzung ausgerechnet
hatte.

Als er nun beim Schnitzen hockte und es weiter in die Nacht ging, erhob
sich ein gewaltiges Unwetter. Der Donner rasselte von allen Seiten, und
es dröhnte, als ob alle Himmel einstürzen wollten. Die Blitze fegten
über das Firmament dahin und rissen die schwarze Nacht in gellende
Fetzen auseinander.

Ein frommerer Mann, als es Cipriano war, würde jenes Unwetter sofort in
Verbindung mit der geschändeten Gottesmutter gebracht haben. Und der
Pfarrer würde ganz sicher gesagt haben: „Na, da siehst du es ja,
Cipriano, was du angerichtet hast. Die Strafe des Himmels ist über dir.
Tue Buße und beuge dich unter der Allmacht des Höchsten.“

Cipriano war gewiß recht fromm. Aber so fromm war er doch nicht, daß er
auch nur für einen Augenblick lang geglaubt haben würde, daß jenes
Unwetter die Folge seiner Fahrlässigkeit sein könnte. Er war ein viel zu
guter Beobachter der Natur, als daß er sich zu einer so kindlichen
Frömmigkeit hätte emporschwingen können. Denn er hatte bereits am frühen
Nachmittag gesehen, daß sich schwere Gewitterwolken weit hinten am
Horizont bilden, und er hatte zu Mateo und zu Panfilo, als sie eine
Weile mit ihm im Kirchgarten schwatzten, gesagt: „Gebt gut acht,
Muchachos, heute nacht bekommen wir ein verdammt schweres Gewitter, wie
wir lange nicht gehabt haben; wer weiß, ob nicht ein paar Hütten brennen
werden.“

Und das hatte sich ein paar Stunden vorher zugetragen, ehe der
Gottesmutter die Hand verbrannt wurde.

Der Pfarrer freilich – Cipriano war lange genug im Dienst, um das zu
wissen – würde gesagt haben: „Das hat die Gottesmutter alles
vorausgewußt, was geschehen würde, darum hat sie das Gewitter
rechtzeitig vorbereitet.“

Darauf würde Cipriano, wie er das immer tat, geantwortet haben: „Si,
Senjor Cura, das ist so, das ist wahr.“ Denn mit dem Senjor Pfarrer darf
man nicht herumstreiten, das ist gegen die Religion; was der Senjor
Pfarrer sagt, ist die Wahrheit. Bei sich würde Cipriano aber gesagt
haben – und was man bei sich sagt, hört der Senjor Pfarrer ja nicht –,
ja, bei sich würde er gesagt haben: „Gut, wenn die Gottesmutter das
alles vorher gewußt hat, und sie hat es vorher gewußt, denn der Senjor
Pfarrer sagt es ja, dann hat sie doch auch gewußt, daß sie von einigen
schmutzigen Dorfhunden in das Feuer gestoßen werden wird. Sie wird doch
das nicht etwa getan haben mit der Absicht, mir Unannehmlichkeiten zu
bereiten. Man kann sich eben auf nichts mehr verlassen und man findet
gar nicht mehr heraus. Am besten, man läßt alles, wie es ist.“

Cipriano drehte sich eine Zigarette und rauchte. Er unterließ es, einige
Dutzend Aves zu beten, damit das Unwetter vorübergehe, ohne hier Schaden
anzustiften. Er wußte aus Erfahrung, daß das nicht viel hilft, und daß
man am besten tut, das Unwetter sich austoben zu lassen, dann hört es
von selbst auf. Er kennt einen Fall, es handelt sich um Lucina, die Frau
des Pancho Lazcano, die vom Blitz erschlagen wurde, während sie den
Rosenkranz betete. Also ist es besser, eine Zigarette zu rauchen und
sich, in der offenen Tür der Hütte stehend, die Herrlichkeit des
Unwetters anzusehen.

Und während er eine Stelle am Himmel beobachtet, wo es sich aufzuklären
beginnt und die Sterne bereits funkeln, kracht ein gewaltiger
Donnerschlag über ihm, der ihn so erschüttert, daß er sich fest gegen
einen Pfosten des Einganges halten muß, um nicht umzufallen.
Gleichzeitig sieht er einen dicken Blitzstrahl herunterfegen, und, wie
er genau sehen kann, direkt in das Kirchdach hinein. Er hört die
Dachziegeln deutlich prasseln, und er wartet, daß im nächsten Augenblick
die Kirche in hellem Feuer auflodern wird.

Aber nichts geschieht. Die Kirche steht wieder vergraben in der tiefen
Nacht. Der Donner ebbt ab. Die Blitze verzucken sich. Ein heftiger Regen
setzt ein. Nach einer kleinen halben Stunde läßt der Regen nach, das
Unwetter hat sich verzogen, und nur fern am Himmel schwebt hin und
wieder ein Leuchten durch die Nacht.

Cipriano steht noch in dem Eingang seiner Hütte. Da kommen einige Männer
auf sein Haus zu, und sie fangen gleich an zu reden: „Hast du das
gesehen, Cipriano, der Blitz hat in die Kirche eingeschlagen. Komm mit
den Schlüsseln und öffne die Kirche. Wir wollen sehen, ob es nicht etwa
drinnen irgendwo brennt. Jetzt ist noch Zeit, zu löschen.“

Als die Männer zur Kirche kommen, sind dort schon viele Leute
versammelt, und immer mehr kommen herbei, Männer, Frauen und Kinder. Sie
kommen mit brennenden Tannenspänen und mit verräucherten Laternen. Alle
Leute haben gesehen, wie der Blitz in die Kirche einschlug, und alle
möchten sehen, ob er Unheil angerichtet hat.

Cipriano schließt die Kirche auf, und die Männer suchen herum, ob sie
irgendwo Feuer entdecken können. Aber nichts wird gefunden. Der Blitz
ist offenbar kalt gewesen.

Bis gegen Mitternacht bleiben die Leute vor der Kirche. Und ehe Cipriano
die Kirche endgültig abschließt, suchen noch einmal alle Männer
sorgfältig in der Kirche herum, ob nicht doch vielleicht irgendwo ein
Feuer glimmt. Sie sind endlich überzeugt, daß keine Gefahr vorliegt. Und
alle gehen heim, um sich niederzulegen.

Am Morgen schließt Cipriano zu gewohnter Stunde die Kirche auf. Die
Jungen bemühen sich um das Frühläuten. Cipriano zündet die Kerzen an.
Frühe Beter kommen. Beinahe ohne Ausnahme Frauen und einige Kinder mit
ihnen.

Schnell wird es heller Tag.

Zwei Frauen kommen nahe zum Altar, um dort ein besonderes Gebet zur
Gottesmutter hinaufzusenden.

Cipriano steht nahe der Tür, um Wasser in die Weihwasserbecken
nachzufüllen.

Plötzlich schreien die beiden Frauen vor dem Altar gellend auf, während
sie sich gleichzeitig, wie rasend geworden, bekreuzigen.

Cipriano wendet sich um und bekommt einen ungeheuerlichen Schreck. Auch
er bekreuzigt sich jetzt und murmelt einige Ave-Marias schnell herunter.
Er weiß, daß nunmehr alles entdeckt ist und daß er nur noch auf die
Rückkehr des Pfarrers warten kann, um in allen Unehren seinen Abschied
zu erhalten.

Die Frauen vor dem Altar werden immer lauter, und alle übrigen Frauen,
die in der Kirche sind, laufen hinzu, um zu sehen, was geschehen ist.
Auch sie fallen sofort nieder und bekreuzigen sich.

Die Kirche ist ja nicht so sehr groß. Und so kann Cipriano am andern
Ende gut verstehen, was hier aufgeregt geredet wird. Um so leichter kann
er es verstehen, weil die Frauen beinahe schreien. Er will nicht
hinhören, weil er ja weiß, daß er nur seine Schande hören wird. Aber er
fängt doch die Worte auf, ohne sich die Mühe zu nehmen, sie
zusammenzureimen.

„Un milagro! Un gra-a-a-n mi-laaagro le paso! Por Santa Purisima!
Virgencita! Senjora Nuestra! O Heilige, Allerreinste! O Heiliges
Jungferchen! Ein Wunder ist geschehen! Ein großes Wunder!“

Alle Frauen wenden sich um zu Cipriano, der noch immer an der Tür steht
bei den Weihwasserbecken. Er weiß immer weniger, was er tun soll. Am
besten ist es, er geht nach Hause, legt sich auf seinen Petate und sagt,
er ist todkrank.

Aber die Frauen lassen ihm keine Zeit, irgend etwas zu beschließen. Sie
kommen auf ihn zugeeilt und zerren ihn zum Altar.

Ihm ist nun alles gleichgültig geworden.

Die Frauen packen ihn bei den Armen und schreien alle gleichzeitig auf
ihn ein: „Siehst du das nicht, Cipriano? Hast du keine Augen für das
große Wunder, das hier geschehen ist? Der Blitz hat in der vergangenen
Nacht eingeschlagen, hier in die Kirche. Siehst du dort oben die
durchgeschlagenen Dachziegel?“

Cipriano blickt nach oben und nickt und nickt.

„Ein Wunder! Ein großes Wunder ist uns aus Gnaden gegeben worden. Der
Blitz wurde aufgefangen von der Hand des Jüngferleins. Ihre Hand hat die
Heilige Jungfrau geopfert, um das Geheiligte Fleisch des Herrn in der
Monstranz zu schützen und die Kirche vor dem Feuer zu bewahren. Ein
Wunder! Un gran milagro!“

Es vergingen keine drei Tage, da war die Kirche von Tausenden umlagert,
von Indianern, von Mestizen, von Weißen.

Cipriano konnte nun nichts mehr an der Sache ändern. Er kam zu der
Überzeugung, daß vielleicht doch ein höherer Wille obwaltet, der die
Geschicke auf Erden bestimmt.

Die Kirche wurde eine fette Pfründe. Und eine fette Pfründe ist sie
heute noch.

Es ist menschlich durchaus zu verstehen, daß Cipriano niemals etwas
sagte. Denn wie durfte er, der einfache Indianer, der weder lesen noch
schreiben konnte, den Bischöfen und anderen großen Herren der Kirche,
die hierherkamen, um Messe zu lesen und zu firmen, in das Gesicht hinein
sagen, daß hier ein kleiner Irrtum unterlaufen sei. Die Bischöfe würden
ihn ausgelacht haben, und sie würden gesagt haben, er sei zu alt
geworden und darum schwach im Geist. Und als echter Vollblut-Indianer
wußte er wohl zu schweigen, wo es nicht notwendig schien zu reden und wo
gar kein Vorteil für irgend jemand darin lag, Dinge zu verwirren, die
große geistliche Herren, tausendmal klüger als er, als zu göttlichem
Recht bestehend betrachteten. Es war nicht seine Aufgabe, Religionen zu
reformieren. Nach guter Indianerlebensauffassung dachte er, daß man die
Dinge am besten läßt, wie sie sind, solange sie einem selbst keine
Unbequemlichkeiten bereiten. Und daß er Unbequemlichkeiten durch seine
Schweigsamkeit zu erdulden gehabt hätte, konnte nicht behauptet werden.
Denn der Kirchendiener einer fetten Pfründe kann ein beschaulicheres
Dasein führen als der einer armen indianischen Dorfgemeinde. Cipriano
brauchte kein Holz mehr zu fällen und keine Holzkohle mehr zu brennen;
und er brauchte sich nicht länger mehr mit den Aufkäufern der Holzkohle
herumzuzanken, die für ewig das Gewicht der Waage fälschen und für ewig
an den Preisen heruntergeizen. Und daß Hartholzfällen im Busch und
Kohlebrennen in tropischer Glut eine große Freude sei und ein angenehmes
Schicksal für einen Indianer, von dieser Lebensauffassung war Cipriano
frühzeitig in seinem Dasein geheilt worden, viele, viele Jahre vorher,
ehe er ein leises Mitleid für Judas Ischariot zu fühlen begann.

Daß nicht alle Wundergottesbilder in dieser oder ähnlicher Weise
entstanden sind, beweist nichts gegen die Wahrheit dieser Geschichte;
denn es ist ganz und gar zwecklos, sich mit einem Islamiten der
prophetischen Fähigkeiten Mohammeds wegen herumzustreiten.




                             SPIESSGESELLEN


In Jalisco, wo er mehrere Male mit der Polizei in Berührung gekommen
war, konnte sich Vicente Pliego nicht mehr halten, weil ein neuer
Polizeidirektor eingesetzt worden war, der schnell und gründlich mit den
kleinen Spitzbuben aufzuräumen begann. Mit den großen Spitzbuben war das
nicht so leicht, weil sie teils Mitglieder der eigenen Familie des
Polizeidirektors waren, und teils waren sie Diputados, die genügend
Einfluß hatten, dem Polizeidirektor zur Absetzung zu verhelfen. Und weil
Vicente Pliego mit den Großen nicht konkurrieren konnte, schob er sich
für eine Zeit aus dem Licht und ging nach Mexiko City, wo er noch
unbekannt war.

Vicente Pliego war Mestize. Sein ordentlicher Beruf war Spitzbube. Er
hatte nie einen andern Beruf gehabt und hoffte, nie genötigt zu werden,
einen andern Beruf ergreifen zu müssen.

In Mexiko hielt er sich eine Zeitlang mit Taschendiebstählen reichlich
über Wasser. Er war ein guter Katholik, und darum machte er seine besten
Geschäfte innerhalb der Kirchen. Er kniete sich andächtig, mit vielen
geschlagenen Kreuzen beladend, neben kniende und inbrünstig betende
Frauen und stahl ihnen die Handtaschen leer. Den knienden Männern zog er
die Börsen aus den hinteren Hosentaschen und erleichterte sie um ihre
Uhren. Die Opferstöcke zu berauben, hielt er für unkatholisch und
schamlos, weil es andere erfolgreich besorgten, die geschickter waren
als er und ihm mit Dolchstößen gedroht hatten, falls er versuchen
sollte, ihnen in das Geschäft, das sie als ihr Privileg betrachteten,
hineinzumanschen.

Vicente hatte ein Mädchen kennengelernt, und ihretwegen brauchte er eine
größere Summe; denn sie machte Ansprüche auf elegante Kleider, goldene
Ohrringe, Armbänder und was ein Mädchen sonst gern haben will.

Durch einen Chauffeur hörte er von einer sehr wohlhabenden Familie, die
in einer der eleganten Avenidas der Condesa wohnte; und er beschloß,
sich bei dieser Familie die Summe, die er benötigte, zu verschaffen. Er
besuchte seinen Freund, den Chauffeur, und hierbei sah er sich im Hause
um mit der klugen Vorsicht, das Betriebsfeld zu studieren.

                   *       *       *       *       *

Überall in Mexiko gibt es Kirchen, in denen sich bestimmte Heilige
befinden, die in langer Erfahrung sich den Ruf erworben haben,
Spitzbuben, Einbrechern, Straßenräubern und Raubmördern freundlich
gesinnt zu sein und ihnen ihren göttlichen Schutz nicht zu versagen,
vorausgesetzt natürlich, daß man sie genügend anbetet und ihnen Kerzen
und andere besonders gut klingende Opfergaben zu Füßen legt. Außerdem
erwarten jene Heiligen, daß ihr Ruhm der Welt verkündet wird. Da der
ungeweihte und der uneingeweihte Mensch keine Befugnis hat, solche
Lobreden auf Heilige öffentlich oder gar in der Kirche zu halten, so ist
der schlichte Gläubige genötigt, einen Brief zu schreiben und in dem
Briefe dem Heiligen seinen Dank für die gewährte Hilfe auszusprechen,
dabei zu erwähnen, welcher Art die Hilfe war, und dann diesen Brief
offen, für jeden anderen Gläubigen sichtbar, dem Heiligen mit einer
Stecknadel an die Kutte oder den Samtmantel anzupicken.

Vicente hatte in der Nähe des Marktes Merced eine Wahrsagerin
angetroffen, der er fünfzig Centavos bezahlte, um von ihr zu erfahren,
welcher Heilige ihm wohl für seine besonderen Geschäfte am günstigsten
gesinnt sei. Die Wahrsagerin kannte ihren Mann sofort – warum wäre sie
sonst Wahrsagerin? –, und sie gab ihm den Namen der Kirche und den Namen
des Heiligen, der für seine speziellen Bedürfnisse in Frage käme, sagte
ihm, in welcher Nische der Heilige zu finden sei, wie er aussehe und
wieviel er für seine Mitwirkung erwarte.

Die Kirche befand sich nahe dem Barrio de la Bolsa, jenem Stadtviertel
in Mexiko, das als das gefährlichste Räuber-, Mörder- und
Spitzbubenstadtviertel in der ganzen Welt berüchtigt und verrufen ist.
Es gilt als verwegener denn irgendein ähnliches Stadtviertel in New
York, Chikago, San Franzisko, London oder Paris. Fremde und Touristen,
die nach Mexiko kommen, werden stets dringend gewarnt, jenes
Stadtviertel weder bei Tage noch bei Nacht aufzusuchen, weil für ihr
Geld und ihre Kleidung, einschließlich Hemd, gar nicht und für ihr Leben
so gut wie nicht gebürgt werden kann. Hier pflegen die Mörder für
politische und private Angelegenheiten gemietet zu werden. Hier werden,
laut Polizeibericht, kleine Mädchen von sechs Jahren öffentlich in den
Pulquerias an den Meistbietenden versteigert und meist von ihren eigenen
Eltern oder ihren nächsten Anverwandten. Hier werden, ebenfalls laut
Polizeibericht, einjährige Kinder gebraten und ihr Fleisch verkauft und
gekauft als „Carne del Ninjo“, Kinderfleisch. Und alle die Menschen, die
hier leben, haben ihren Rosenkranz in der Tasche und ein von dem Pfaffen
geweihtes Amulett um den Hals hängen; und jeden Tag, ohne einen
auszulassen, gehen sie wenigstens einmal für zehn Minuten in eine der
zahlreichen Kirchen des Distrikts, um sich mit Weihwasser zu besprengen
und ihre Kniebeugen vor der Gottesmutter und ihre Pflichtbekreuzigungen
zu machen. Das Stadtviertel ist heute umgetauft, damit die Touristen es
nicht finden sollen; denn alle Reiseführer tragen noch die frühere
richtige Benennung. Ein Mann in Würden in Mexiko, der den mexikanischen
Proletariern und ihrem heldenhaften Kampf um ihre geistige und
wirtschaftliche Befreiung offenbar nicht freundlich gesinnt ist, hat der
Hauptstraße in jenem verrufenen Viertel jetzt offiziell den Namen
„Avenue der Arbeit“ verliehen, wie er dem schmutzigsten Stadtviertel, in
dem nicht eine Straße gepflastert ist, wo weder Kanalisation noch
Wasserspülung ist und wo infolgedessen der widerwärtigste Unrat offen in
den Straßen liegt und offen von bedürfnisgedrängten Männern und Frauen
und Kindern zu jeder Tageszeit hingelegt wird, weil jede andere
Ablagerungsgelegenheit fehlt, den Namen „Colony der Arbeiter“ gab. Durch
eine Veränderung des Namens allein kann man aber aus einem Mädchen
keinen Jungen machen. Und so, wenn heute neugierige Touristen in Mexiko
fragen: Wo ist denn das verrufenste Verbrecherviertel hier?, so wird
ihnen wahrheitsgemäß geantwortet: Das ist die Avenue der Arbeit. Und
fragen die Touristen: Wo ist hier das schmutzigste, das verwahrloseste
und das stinkigste Stadtviertel?, so heißt die wahrheitsgetreue Antwort:
Das ist die Colony der Arbeiter. Damit ist erreicht, was jener
Straßenumtaufer in seinem Haß und in seiner Verachtung gegen das
mexikanische Proletariat erreichen wollte; und er bewies dadurch, daß es
viele wirksame Methoden gibt, mit denen selbst unter einer ehrlich
arbeiterfreundlichen Regierung konservative Bürokraten erfolgreich
arbeiten können.

                   *       *       *       *       *

Vicente machte sich sofort auf, um sich mit seinem neugewonnenen
Heiligen anzufreunden. Er fand ihn offenbar willig und bereit, ihm
seinen himmlischen Beistand nicht zu versagen. Vicente kniete nieder,
sagte andächtig alle die Gebete herunter, die jenem Heiligen laut
Gebetbuch zustehen, und erklärte ihm, was er vorhabe und in welcher Form
er die Mithilfe erwarte. „Wenn alles gut geht, wenn ich mit allem gut
herauskomme und ich nicht erwischt werde, will ich dir zwanzig Kerzen
opfern und fünfundzwanzig Prozent des Geschäfts“, versprach Vicente, im
Gebete flüsternd, dem Heiligen. Dann fügte er noch eine Reihe Gebete
hinzu, stellte dem Heiligen vier neue Kerzen auf den Altar, bekreuzigte
sich und ging. Ging mit der Überzeugung, daß er jetzt den geplanten
Einbruch erfolgreich begehen könne, auch wenn zwei Polizisten vor dem
Hause stehen sollten.

Zwei Tage darauf erhielt er von seinem Freunde, dem Chauffeur, die
Mitteilung, daß er, der Chauffeur, seine Herrschaften zu einer
Geburtstagsfeier nach San Angel zu fahren habe und daß die Herrschaften
ganz bestimmt nicht vor zwei Uhr morgens zurück sein würden; das
Hauspersonal habe Urlaub für die Lichtspiele und komme nicht zurück vor
zwölf Uhr.

Vicente machte das alles allein, ohne jegliche Mithilfe.

Am Morgen darauf sah sich Vicente im Besitze von etwa
zweitausendvierhundert Pesos, zwei Uhren, einigen Ringen, einem goldenen
Zigarettenbehälter und noch so einigen Kleinigkeiten, wie sie bei einem
solchen Besuch gewöhnlich als Dreingabe mit abzufallen pflegen.

Es war alles gut gegangen. Ein Polizist hatte ihn herauskommen sehen,
aber nichts gesagt und gewiß auch nichts vermutet. Und weil alles so
vortrefflich und ruhig und ohne Revolverschießerei abgegangen war,
erinnerte sich Vicente des Versprechens, das er dem Heiligen gegeben
hatte.

Er ging zu einem Evangelisten in den Kolonaden der Plaza del Santo
Domingo und ließ sich den Danksagebrief an den Heiligen mit der
Schreibmaschine schreiben, und er bestand darauf, daß die wichtigen
Stellen des Briefes mit rotem Band getippt werden sollten. Der
Evangelist berechnete dafür, obgleich er keine besondere Arbeit hatte,
weil das Band zweiteilig war, einen Peso extra.

Aber Vicente konnte nicht sofort zu dem Heiligen gehen, weil er eine
Verabredung mit seinem Mädchen hatte, und diese Verabredung verzögerte
sich immer mehr und mehr, bis es endlich zu spät war, zu jener Kirche
hinauszugehen. Dagegen bezahlte er am selben Abend noch seinem Freunde,
dem Chauffeur, die ausgemachte Belohnung.

Als endlich, am nächsten Nachmittag, sich Vicente aufs neue seiner
Pflicht gegenüber dem Heiligen erinnerte, fand er, daß die Verabredungen
mit seinem Mädchen und den damit verknüpften Einkäufen so viel gekostet
hatten, daß er dem Heiligen auf keinen Fall die fünfundzwanzig Prozent
vom Reingewinn bezahlen konnte, also etwa sechshundert Pesos, die in den
Opferstock gelegt werden sollten. Er hatte zwar noch etwa siebenhundert
Pesos, aber wenn er davon dem Heiligen sechshundert abgab, dann war es
morgen schon aus mit weiteren Verabredungen mit seinem Mädchen. Er kam
zu der Überzeugung, daß der Heilige ja von großer Güte sei und von einem
großen Verständnis für die Schwächen der Menschen, und daß er sich gewiß
mit zweihundert Pesos, vielleicht mit hundertfünfzig Pesos durchaus
begnügen werde.

Vicente schob also am folgenden Vormittag hinaus zu der Kirche, kniete
nieder, verrichtete seine Gebete, hängte dem Heiligen den schönen rot
und blau geschriebenen Danksagebrief an und begann nun die Pesos, je ein
silbernes Ein-Peso-Stück nach dem andern, in den Schlitz des
Opferkastens zu stecken. Das dauerte eine gute Weile.

Er war nicht der einzige Mensch, der vor dem Heiligen kniete; denn es
gab ja mehr Spitzbuben in Mexiko als nur einen. Die Nicht-Spitzbuben
hatten wieder andere Heilige, je nach ihren Bedürfnissen. Oft wußten
freilich auch die Nicht-Spitzbuben nicht ganz genau, ob die Sache, für
die sie ihren Heiligen um Beistand anflehten, nicht eigentlich mehr in
das Spezialgebiet jenes anderen Heiligen, den sich Vicente erwählt
hatte, gehört hätte.

Weil nun Vicente nicht der einzige Betende war, so achtete er wenig
darauf, wer die andern waren, die vor demselben Heiligen knieten und
beteten. Er sah da einen Mann knien, der gleichfalls zum selben Handwerk
zu gehören schien. Der Mann stand auf und sah sich oberflächlich die
Briefe an, die dem Heiligen angeheftet waren. Er schien die Briefe alle
gut zu kennen, denn er sah sofort, daß ein neuer Brief angehängt war,
und er hatte auch gesehen, wer ihn angehängt hatte. Und er sah ferner,
daß Vicente dort einen Peso nach dem andern in den Kastenschlitz
steckte. Er war wieder niedergekniet und betete mit tiefer Inbrunst und
mit unzähligen Bekreuzigungen.

Vicente war inzwischen mit dem Bezahlen zu Ende gekommen. Er hatte noch
einige zwanzig Pesos von der Belohnung heruntergehandelt, weil es ihm
zuletzt dumm vorkam, die schönen Pesos dort nur immer so
hineinzuschieben.

Nun kniete er wieder nieder, um die Abschiedsgebete herunterzuflöten. Er
zischte sie mit großer Schnelligkeit von dannen, weil er sich erinnerte,
daß er mit seinem Mädchen eine frühere Verabredung getroffen hatte, was
ihm gerade in diesem Augenblick einfiel.

Jener Mann, der zum selben Handwerk gehörte und ebenso dringend seine
Angelegenheiten dem Heiligen ans Herz legte, wie Vicente es getan hatte,
kniete noch immer. Aber jetzt endlich schien er fertig zu sein. Er
machte noch eine Anzahl Kreuze über sich her, dann stand er auf und ging
hinaus. Draußen vor der Kirche winkte er einen Mann heran, der dort
gelangweilt herumstand, eine Zigarre rauchte und einen Spazierstock
trug, von dem er anscheinend nicht wußte, was er damit machen sollte,
denn er warf ihn von einem Arm in den andern, schleuderte ihn in der
Luft herum, hielt ihn wie ein Gewehr, dann wie einen Besen, dann kratzte
er damit auf den Steinen herum, dann schabte er sich mit ihm hinter den
Ohren, und was man sonst noch so alles mit einem Spazierstock machen
kann, wenn man nicht als Kind schon gelernt hat, daß ein Spazierstock
nur einen Zweck hat: ihn irgendwo stehenzulassen und schnell
auszurücken, daß er einem nicht etwa nachgebracht werden kann. Also so
war der Mann da draußen. Er hatte einen Spazierstock. Und er rauchte
eine Zigarre. Diese Art Leute sind auf der ganzen Welt völlig gleich.
Man erkennt sie auf zweihundert Schritt, und man erkennt sie leichter
als die uniformierten Polizisten, von denen man oft nicht weiß, ob sie
von einem Maskenball übriggeblieben sind oder ob sie als die neue
Schutz- und Ordnungstruppe nach dem oberen Kongo geschickt werden
sollen.

Aber, und das ist der Punkt, der Mann, der auch zum Handwerk gehörte,
auch vor dem Heiligen andächtig kniete und Kreuze machte, versteht alle
Danksagebriefe, die dem Heiligen an seinen Plüschmantel gepickt werden,
viel besser zu lesen, als der geschickteste Spitzbube mit Hilfe des
besten Evangelisten sie je wird schreiben können. Der Spitzbube muß doch
wenigstens, wenn auch noch so umschrieben und geheimnisvoll, andeuten,
was der Heilige für ihn getan hat, denn andernfalls weiß der Heilige ja
gar nicht, was los ist, und er verwechselt die Briefe, die Gelder und
die Namen und hilft aus reinem Versehen nicht dem, der am besten zahlt
und die schönsten Ruhmbriefe schreibt, sondern dem, der am schäbigsten
mit den Kerzen, mit den Lobesbriefen und mit den Geldern ist. Die
Polizei betet auch zu dem Heiligen, so gut wie die Spitzbuben. Und wenn
der Polizei gemeldet wird, vorgestern nacht wurde in einem bestimmten
Hause eingebrochen und das und jenes gestohlen, und der Spitzbube wurde
nicht erwischt, dann geht ein Polizist in Zivil auf den Volador, auf den
Diebsmarkt, wo die gestohlenen Sachen gehandelt werden. Ein zweiter
Polizist geht in bestimmte Kirchen, wo er seine Heiligen alle kennt.
Wurde der Spitzbube nicht erwischt, dann kommt er sich beim Heiligen
bedanken, wenn nicht heute, dann morgen oder übermorgen. Aber er kommt,
denn er ist ein guter Katholik, der an die Hilfsbereitschaft seiner
Heiligen glaubt und ihnen zu Dank verpflichtet ist.

Der Chauffeur war gestern schon in Haft genommen worden, weil die
Polizei ja sehr dumm sein mag, aber doch nicht so dumm, daß sie nicht
nach wenigen Stunden weiß, daß jemand, der zum Hause gehört, jemandem,
der nicht zum Hause gehört, etwas erzählt haben muß, wann das Haus
verlassen ist und wo das laufende Geld aufbewahrt wird.

Und Vicente, der treue Gläubige, schreibt in seinem Danksagebrief in
roter Schrift und vertrauensvoll und kameradschaftlich: – – und ich
küsse Dich, Santito mio, auf Dein Herz aus Dankbarkeit, daß Du mir einen
so guten Freund in den Weg sandtest wie meinen Freund, der Ch...r Pancho
L., und ich bitte Dich aus tiefstem Herzen, auch ihn zu schützen und mit
Deinen Gnaden zu überhäufen, und ich preise – –. Selbst wenn die Polizei
gar kein Interesse daran hat, ob die Spitzbuben gefangen werden oder
nicht, denn das Geld ist ja auf alle Fälle fort, so kann sie doch nicht,
wenn sie auch nur einen Funken von Berufsstolz hat, sich einen
derartigen Brief direkt vor die Nase kleben lassen und dann sagen: wir
bedauern, mit der Verhaftung des Chauffeurs einen groben Irrtum begangen
zu haben. Polizei und Richter begehen keine Irrtümer. Wenn jemand
hingerichtet wurde, und es stellt sich später heraus, daß er unschuldig
hingerichtet wurde, so war es seine eigene Schuld; warum hatte er sich
so nahe hingestellt, daß man glauben mußte, er sei schuldig. Wo ein
Verbrechen geschieht, geht man rechtzeitig fort, dann kann man nie
unschuldig verhaftet werden.

Alle diese so wunderbaren Untersuchungen und Erwägungen und tiefen
Gedanken aus dem Gebiete der Justizpflege waren weder Vicente bekannt
noch seinem treuen Freunde, dem Chauffeur. Sie beide werden beim
nächsten Male alles ganz genau wieder so machen, wieder Briefe an den
Heiligen schreiben und wieder vor dem Heiligen knien.

Es war ihnen bald klar, warum der Heilige versagt hatte.

Im Belen-Gefängnis trafen sich Vicente und der Chauffeur. Keiner hatte
den andern verraten. Sie waren bessere Freunde als vorher.

„Ich verstehe nicht“, sagte der Chauffeur, „wenn dich dein Santo so ganz
und gar im Stich gelassen hat.“

„Ich weiß es, warum“, sagte Vicente gedrückt. „Ich bin doch glänzend aus
dem Hause gekommen. Aber verflucht, dann habe ich eben die große
Dummheit gemacht. Ich hatte dem Santo fünfundzwanzig Prozent
versprochen. Weißt du, wieviel ich ihm gegeben habe, Chato? Achtzig
Pesos, und davon habe ich ihm auch noch zwanzig Pesos abgezogen, und die
zwanzig Kerzen habe ich ihm auch nicht gebracht.“

„Da freilich“, sagte der Chauffeur, „wundert’s mich nicht mehr, warum
wir hier sitzen. Für das Geld konnte er das mit dem allerbesten Willen
nicht machen. Das hättest du doch wirklich wissen können. Wenn ich es
dafür nicht gemacht habe, wie kannst du es denn dann von deinem Santo
erwarten? Einen solchen Dummkopf, wie du bist, habe ich lange nicht
gesehen.“




                       DIE GESCHICHTE EINER BOMBE


Der Indianer Eduardo Llaca hatte drei hübsche Töchter. Alle drei
heiratsfähig, die jüngste dreizehn, die älteste sechzehn Jahre alt.
Eines Tages kam zu ihm der Indianer Guido Salvatorres, der hier am Orte
mehrere Wochen im Busch gearbeitet und für etwa fünfzig Pesos Holzkohle
gebrannt hatte. Nachdem er sich ein neues Hemd, eine neue Hose und einen
neuen Hut gekauft sowie der alten Negerin, wo er in Kost gewesen war,
die Rechnung bezahlt hatte, blieb ihm nicht viel übrig.

Am Samstag war Tanz gewesen, der bis zum Morgen dauerte und bei dem
Salvatorres die drei hübschen Mädel kennengelernt hatte, aber sehr wenig
Gelegenheit bekam, mit ihnen zu tanzen, weil die andern Burschen immer
viel flinker waren als er.

Den Sonntag hatte er gebraucht, um einen Gedanken zu bekommen. Und
dieser Gedanke arbeitete an ihm Montag, Dienstag und Mittwoch. Am
Donnerstag war der Gedanke so reif geworden, daß er am Freitag klare
Gestalt annehmen konnte und seinen Erzeuger am Samstag zu jenem Vater
führte. – „Welche willst du denn haben?“ fragte Llaca.

„Diese da!“ sagte Salvatorres, wobei er auf Bianca zeigte, die gerade
vierzehn Jahre alt war und die das hübscheste Gesicht hatte.

„Das glaube ich dir, die würde dir wohl schmecken. Wie heißt du denn
übrigens?“

Nachdem Salvatorres seinen vollen Namen, den er wohl nennen, aber nicht
buchstabieren konnte, hergesagt hatte, fragte ihn der Vater, wieviel
Geld er habe.

„Achtzehn Pesos“, sagte er. Das war doppelt soviel, als er wirklich
besaß. „Da kannst du Bianca nicht haben, ich brauche eine neue Hose, und
die Alte hat keine Schuhe. Wenn du so hoch hinaus willst und es auf
Bianca abgesehen hast, können wir nicht in Lumpen herumlaufen. Eine Hose
für mich und ein Paar neue Schuhe für die Alte, oder wir können dich in
der Familie nicht gebrauchen. Gib mir mal Tabak.“

Nachdem die Zigaretten gerollt und angezündet waren, sagte Salvatorres:
„Ich kann auch die da nehmen!“ Diesmal zeigte er auf Elvira, die älteste
unter den dreien.

„Du bist nicht dumm, Salvatorres. Sage, hast du denn Arbeit?“

„Ich habe einen Esel.“

„Kein Pferd?“

Diese Fragen nach seinem Vermögen setzten Salvatorres ein wenig in
Verlegenheit. Er spuckte ein paarmal aus und sagte dann: „Ich habe einen
Onkel, der arbeitet in einer Mine bei Torreon. Da gehe ich rauf, wenn
ich eine Frau habe, und warte, bis auch ich in der Mine arbeiten kann.
Man kann dort leicht drei Pesos den Tag verdienen.“

„Drei Pesos ist hübsches Geld“, sagte der Alte. „Aber die achtzehn
Pesos, die du hast – damit können wir nicht einmal die Hochzeit machen.“

„Soviel kann doch die gewiß nicht kosten. Einen Pfarrer können wir nicht
nehmen, und die Lizenz für das Standesamt können wir auch nicht
bezahlen.“

„Freilich nicht“, sagte der Alte, „soviel Geld gibt es gar nicht. Aber
wir müssen doch wenigstens zwei Musikanten haben für den Tanz und zwei
Flaschen Tequila, sonst sagen die Leute uns nach, Elvira sei überhaupt
gar nicht verheiratet, sondern sei nur mit dir davongelaufen. Und so
etwas machen meine Töchter nicht. Warte nur ja darauf nicht, dann kannst
du alt werden.“

Es wurde dann hin und her gerechnet, daß Salvatorres noch drei Wochen
oder vier im Busch Kohle brennen solle, um das Geld zusammenzuhaben für
die Musikanten, den Tequila, ein Kilo Kaffee, drei Kilo Zucker, ein Paar
Schuhe für die Mutter und eine Hose für den Vater. Als er damit
einverstanden war, wurde ihm erlaubt, daß er hier in Kost gehen könne
bei den zukünftigen Schwiegereltern, wofür er ein Drittel weniger zu
bezahlen habe als bei der Negerin; man wolle ihn inzwischen schon als
Sohn anerkennen, er möge sich dort in der freien Ecke ein Schlafgestell
einrammen, und wenn er eine zweite Decke kaufen wolle für Elvira, so
könne sie schon bei ihm schlafen, damit nicht so viele Umstände gemacht
zu werden brauchen, denn verhindern ließe es sich ja doch nicht. Nachdem
Salvatorres auch diese Decke für Elvira zugestanden hatte, wurde Elvira
selbst, die wie alle Familienmitglieder der ganzen Verhandlung
beigewohnt hatte, gefragt, ob sie etwas einzuwenden habe. „Ich würde
ganz gern nach Torreon gehen“, war ihre Antwort, und damit war diese
wichtige Familienangelegenheit erledigt.

Auf alle Fälle fehlten Salvatorres jene neun Pesos, die er sich in die
Tasche gelogen hatte. In den vier Wochen, die er zu arbeiten hatte, ging
auch das Hemd in die Brüche, und für die Hochzeit mußte er unbedingt ein
neues haben. Diese beiden Tatsachen waren die Ursache, daß einem in der
Nähe wohnenden amerikanischen Farmer eines Tages zwei Kühe fehlten, die
nie wiederkamen.

Nachdem der Tanz gewesen war, der alte Llaca sich betrunken hatte, er
eine neue gelbe Zwirnhose und seine Senjora ein Paar neue Schuhe
besaßen, war Elvira die rechtmäßige Gattin des Salvatorres, die ihm
niemand entführen oder verführen durfte, ohne seine Ehre zu verletzen
und seinen Zorn hervorzurufen. Salvatorres packte seine beiden Decken,
einen Kaffeekessel, seinen Machete, seine Axt und seine Elvira auf den
Esel und wanderte in die Minengebiete von Torreon.

Nur eine Woche lungerte er herum, dann bekam er Arbeit in einer
Kupfergrube. Die Arbeit war schwer, aber er fürchtete sich nicht davor.
In der freien Zeit, die er hatte, baute er sich eine Hütte, in der er
mit seiner Elvira ein glückliches Leben führte. Sie kochte ihm das
Essen, wusch seine Wäsche, flickte ihm seine Hosen, prickte ihm die
Sandflöhe aus den Füßen und wärmte ihm in den kalten Nächten, die in
jener Berggegend so häufig sind, das Bett. Er fühlte sich wohl, betrank
sich nie, und sie hatte keinen Grund zu irgendwelcher Klage.

Vielleicht wäre das ein ganzes Menschenleben so geblieben, wenn nicht
eines Tages ein Bursche mehr in Elvira entdeckt hätte, als Salvatorres
je fähig war, in ihr auch nur zu ahnen. Als Salvatorres jenes Abends
heimkam, war Elvira ausgeflogen. Und da sie die schöne Decke, ihr
zweites Hemd, ihre beiden Kleider und den Kamm mitgenommen hatte, wußte
Salvatorres, daß es für immer war, daß sie nicht daran dachte, die
eheliche Gemeinschaft mit ihm fortzusetzen.

Die Hütten der eingeborenen Bevölkerung sind nicht imstande,
irgendwelche Geheimnisse zu verbergen. Nachdem Salvatorres etwa zwei
Dutzend Hütten abgesucht hatte, fand er die richtige. Er hörte seine
Elvira darin lachen und schwatzen. Er spähte durch die Wände und
erblickte Elvira schmeichelnd an der Seite ihres Neuerwählten sitzen.
Sie war in vortrefflicher Laune. Außer diesem Paar waren noch zwei
andere junge Paare in derselben Hütte. Alle waren lustig und guter
Dinge, und sie hatten sich zu einem gemütlichen Abendschwätzchen
zusammengefunden. Der Name Salvatorres wurde gar nicht erwähnt, sein
Träger war ausgelöscht aus dem Gedächtnis dieser lustigen Leutchen.

Die wahren Motive einer Handlung zu ergründen, die der Angehörige einer
Rasse begeht, die nicht die unserige ist, ist ein törichtes Beginnen.
Vielleicht finden wir das Motiv, oder wir mögen glauben, daß wir es
gefunden haben, aber wenn wir versuchen, es zu begreifen, es unserer
Welt- und Seeleneinstellung nahezubringen, stehen wir ebenso
hoffnungslos da – vorausgesetzt, wir sind ehrlich genug, es
einzugestehen –, genau so, als wenn wir in Stein eingegrabene
Schriftzeichen eines verschollenen Volkes entziffern sollen. Der
Angehörige der kaukasischen Rasse wird, wenn als Richter über die
Handlung des Angehörigen einer andern Rasse gesetzt, immer ungerecht
sein.

Was Salvatorres jetzt tat, kann lediglich in der Handlung und in der
Wirkung mitgeteilt werden. Eine Erklärung für seine Handlung zu geben,
würde eine Untersuchung nötig machen, die ein dickes Buch füllen würde.

Als er sich davon überzeugt hatte, daß seine Elvira sehr glücklich war,
offenbar viel glücklicher und viel verliebter, als er sie jemals gesehen
hatte, solange sie seine Frau war, daß also keine Hoffnung blieb, sie je
wieder als Ehegesponst zu haben, beschloß er, einen dicken Strich unter
diesen Abschnitt seines Lebens zu ziehen.

Mit der ganzen Geschicklichkeit und Intelligenz, die den mexikanischen
Indianern eigen ist, fabrizierte er in überraschend kurzer Zeit eine
ausgezeichnete Bombe aus den denkbar primitivsten Mitteln. Um ihre
Wirkung ganz sicher zu machen, arbeitete er sich mit großer Mühe in die
Werkzeugbude, verschaffte sich das Dynamit, das Hütchen und die
Zündschnur. Als alles fertig war, schlich er sich wieder zu jener Hütte,
wo die lustige Gesellschaft noch immer beisammen war und wahrscheinlich
im Sinne hatte, dort zu übernachten. Türen haben diese Hütten ja nicht,
und so war es eine einfache Sache, die Bombe, nachdem die Zündschnur gut
Feuer gepackt hatte, in die Hütte zu schleudern.

Nachdem das geschehen war, verließ Salvatorres die Nähe der Hütte und
ging ruhig nach Hause, um sich zu Bett zu legen. Was ein Mensch nur tun
konnte, um eine Bombe wirkungsvoll zu machen, das hatte er getan. Das
Resultat kümmerte ihn nicht. Ging die Bombe auf, war es recht, ging sie
nicht auf, war es auch recht. Nachdem die Bombe verfertigt und sachgemäß
an die richtige Stelle gebracht worden war, hatte die ganze
Ehegeschichte jegliches Interesse für ihn verloren. Morgen und für den
Rest ihres ganzen Lebens waren Elvira und ihr neuer Gatte und alle, die
bei diesem Drama bewußt oder unbewußt helfend mitgewirkt hatten, vor dem
Zorn Salvatorres so sicher, als ob er nicht existierte. Für ihn war der
Fall Elvira gänzlich abgetan.

Nicht aber so für die lachende Gesellschaft in der Hütte.

In den Bergwerksgegenden Mexikos weiß jeder Indianer und jede
Indianerin, was es zu bedeuten hat, wenn sie plötzlich eine alte
Konservenbüchse sehen, an der eine schmökende Zündschnur hängt. Die
Bombe sehen und raus aus der Hütte, ohne ein Wort zu sagen, ohne auch
nur einen Warnungsschrei auszustoßen, dauerte nur den Bruchteil einer
Sekunde. Dann erfolgte eine fürchterliche Explosion, die die Hütte
splitterweise einige hundert Meter weiter fortschleuderte.

Elvira und ihre neue Liebe waren mit dem Schrecken, der keine ernste
Folgen bei ihnen zurückließ, davongekommen. Auch die übrigen Leutchen
waren heil, bis auf eine der anderen beiden jungen Frauen, die in dem
Augenblick, als die Bombe auf der Bildfläche erschien, sich in einer
Ecke gerade mit den Kaffeetassen beschäftigte und deshalb weder die
Bombe noch den wortlosen Abschied ihrer Gäste bemerken konnte. Diese
bedauernswerte Tochter Mexikos machte die Reise der Hütte mit, und da
sie sich in der kurzen Zeit nicht so rasch entscheiden konnte, mit
welchem Teil der Hütte sie die Fahrt machen möchte, landete sie
stückweise an zwanzig verschiedenen Stellen der Umgegend.

Zwei Tage später erschien auf dem Arbeitsplatze des Salvatorres ein
Polizeibeamter. Das Verhör ging vor sich, ohne daß sich Salvatorres in
seiner Arbeit viel stören ließ. Nur dann gerade, wenn er sich sowieso
die Zeit nahm, um sich eine Zigarette zu rollen, gab er genügend
Auskunft.

„Sie haben da in die Hütte des Juan Guennel eine Bombe geworfen?“

„Das ist richtig. Das geht aber Sie gar nichts an. Das ist eine reine
Familienangelegenheit.“ Salvatorres ist in seinem guten Recht.

„Bei dieser Bombengeschichte ist aber eine Frau getötet worden.“

„Das weiß ich, das brauchen Sie mir nicht zu sagen. Das ist meine Frau,
und ich denke doch, daß ich mit meiner Frau machen kann, was ich will,
denn sie kriegt doch von mir das Essen und die Kleider, und die Musik
für die Hochzeit habe ich auch bezahlt.“ Salvatorres ist abermals in
seinem guten Recht.

„Es ist aber nicht Ihre Frau Elvira, die getötet wurde, sondern die Frau
des Juan Guennel.“

„Dann geht mich die ganze Geschichte überhaupt gar nichts an. Die Frau
des Juan kenne ich gar nicht, die hat mir gar nichts getan, und wenn die
dabei draufgegangen ist, dann war das nicht meine Absicht, das ist dann
ein Unglücksfall. Und für Unglücksfälle bin ich nicht verantwortlich.
Die Guennel Frau konnte ja besser achtgeben.“

Damit ist für Salvatorres die Angelegenheit erledigt. Seine Zigarette
ist aufgeraucht, er wirft den Stummel fort, nimmt eine Pickhacke und
wütet gegen den Berg.

Acht Tage darauf ist die Gerichtsverhandlung. Salvatorres hat sich wegen
Mord zu verantworten. Die Geschworenen sind indianische Arbeiter, wie er
einer ist. Irgend jemand hat ihm gesagt: „Im Gerichtssaal hältst du
einfach die ganze Zeit das Maul. Entweder du sagst kein einziges Wort
oder, wenn du schon was sagst, antwortest du immer nur ‚Das weiß ich
nicht‘.“ Daran hält sich Salvatorres. Im großen und ganzen ist ihm das
alles ganz egal. Wird er verurteilt, ist es ihm recht, wird er
freigesprochen, ist es ihm auch recht. Er rollt sich seine Zigaretten
und macht sich in dem Gerichtssaal einen faulen Tag. Auch die
Geschworenen rauchen frischweg; wenn man es ihnen verböte, würden sie
nach Hause gehen, und man hätte keine Geschworenen.

„Der Angeschuldigte hat den Mord eingestanden. Der hier als Zeuge
anwesende Beamte hat den Angeschuldigten an seinem Arbeitsplatze
vernommen, und die Tat ist ohne weiteres zugegeben worden.“

Der öffentliche Ankläger vertritt eine klare, sichere Sache; er hat so
gut wie gar keine Arbeit.

Ein Geschworener läßt Salvatorres durch den Vorsitzenden fragen, ob er
den Mord eingestanden habe.

„Das weiß ich nicht“, sagt Salvatorres. Darauf setzt er sich wieder und
raucht weiter.

Ein anderer Geschworener wünscht das Protokoll zu sehen, in dem
Salvatorres unterschrieben hat, daß er dem Beamten gegenüber die Tat
nicht geleugnet habe.

„Das Protokoll ist nur von dem Beamten unterzeichnet, da Salvatorres
weder lesen noch schreiben kann. Er hat aber gestanden, und dafür haben
wir das Wort und das Protokoll des Beamten, eines ehrenhaften Mannes.“

Der öffentliche Ankläger wird ein wenig nervös.

Ein dritter Geschworener will wissen, warum sie, die Geschworenen, dem
Beamten, der im Dienste und Lohn des Staates stehe, mehr Glauben und
Vertrauen schenken sollen als Salvatorres, der sich seinen
Lebensunterhalt verdiene, ohne von den Steuern der Leute zu leben.

Ein vierter Geschworener verlangt, daß Salvatorres hier in Gegenwart der
Geschworenen erklären soll, ob er den Mord begangen habe, da er nicht
sehe, auf Grund welcher Beweise er Salvatorres schuldig sprechen könne.

„Bekennen Sie sich schuldig?“

„Das weiß ich nicht.“ Salvatorres setzt sich wieder und beginnt an einer
neuen Zigarette zu rollen.

Der Vertreter der Anklage spielt seine letzte Karte aus. Er läßt die
Zeugen aufmarschieren: Elvira, ihren Geliebten und die anderen drei
Leutchen, die an jenem Abend in der Hütte waren. Sie alle wissen, was
der ganze Ort weiß und worüber gar kein Zweifel herrscht, da Salvatorres
viel zuviel auf seine Ehre hält, als daß er irgend jemand darüber im
unklaren ließe, wie er eine ungetreue Frau behandelt.

Die Zeugen erklären einmütig, daß sie nicht gesehen haben, wer die Bombe
geworfen habe. Und auf die Frage, ob sie glauben, daß Salvatorres es
gewesen sein könne, erklären sie wieder einmütig, es könne auch
ebensogut der frühere Liebhaber der Frau des Guennel gewesen sein; er
wohne zwar seit einem halben Jahr in Parral mit einer Frau, aber er sei
sehr eifersüchtig. Elvira fügt hinzu, sie kenne Salvatorres sehr gut, da
sie seine Frau gewesen sei, und eine Bombe würde er nie werfen, sicher
nicht gegen eine Frau, die er gar nicht kenne.

Dem öffentlichen Vertreter der Anklage ist sein wunderschöner Kuchen
zerkrümelt. Die Geschworenen ziehen sich zurück, und nach einer
Viertelstunde Anstandsberatung geben sie ihr Urteil ab: „Salvatorres ist
unschuldig mit allen Stimmen.“

Salvatorres wird sofort auf freien Fuß gesetzt. Er geht mit den Zeugen,
Elvira und ihren Neuerwählten eingeschlossen, in den nächsten Saloon, wo
sie eine Flasche Tequila leeren, wobei sie der Reihe nach die Flasche an
den Mund führen. Am Nachmittag desselben Tages ist Salvatorres bereits
wieder in der Grube.

Am Abend des nächsten Tages ist Tanz. Salvatorres ist auch da. Er findet
eine neue Frau, die sehr hübsch ist und noch in der Nacht in sein Haus
einzieht.

Nachmittags geht sie aus, um ihre Habseligkeiten, die sie in einem
Schilfkorbe aufbewahrt, von ihrer bisherigen Unterkunftsstelle zu holen
und in das neue Heim zu bringen.

Am Abend – Salvatorres ist schon längst von der Arbeit heimgekehrt –
sieht sie plötzlich, während sie die Frijoles auf den Tisch stellen
will, eine alte Konservenbüchse mit einer schmökenden Zündschnur daran,
mitten auf dem Fußboden liegen.

Sie konnte noch rechtzeitig entweichen. Aber von Salvatorres ist nicht
einmal mehr ein Hosenknopf übriggeblieben, den sie als trauernde Witwe
hätte beweinen können.




                          DIE DYNAMIT-PATRONE


Eine Anzahl indianischer Arbeiter, die in den Bergwerken von Chihuahua
gearbeitet hatten und sich jetzt in dem Vorort der Stadt herumtrieben,
stritten sich eines Tages über die Wirksamkeit der Dynamitpatronen, die
beim Sprengen der Gesteinsmassen verwendet werden. Die Mehrzahl stimmte
darin überein, daß die Wirkung auf den menschlichen Körper
unbeschreiblich vernichtend sei; einige wenige dagegen behaupteten, die
Wirkung komme nur Gesteinsmassen gegenüber zum vollen Ausdruck, während
sie gegenüber dem menschlichen Körper beinahe harmlos zu nennen sei.

Als eine Einigung hierüber nicht erzielt werden konnte, erbot sich der
Vertreter der „harmlosen Wirkung“, an seiner eigenen Person die
Richtigkeit seiner Meinung zu beweisen.

Es dauerte nicht lange, da war eine Patrone besorgt, das Hütchen wurde
aufgesteckt und die Zündschnur angehängt. Der mutige Kämpfer für seine
Überzeugung ließ sich aber doch von der Gegenpartei überreden, daß er
Vorsicht üben möge, denn es wäre ja immerhin möglich, daß die Majorität
recht habe, und es wäre doch jammerschade, wenn er sich nicht davon
überzeugen könne, daß er unrecht habe, um für sein ferneres Leben daraus
eine Lehre zu ziehen. Er sah das schließlich auch ein, und er begab sich
mit der Schar streitsüchtiger Genossen zu einem steinernen Eckhause.
Nachdem die „Wirkungsgläubigen“ sich in respektvolle Entfernung
zurückgezogen hatten, ging der Mann zu der Ecke, entzündete die
Zündschnur und hielt die Patrone mit seiner rechten Hand um die
Hausecke.

Wenige Augenblicke später erzitterte die ganze Stadt. Die Bevölkerung,
ein Erdbeben oder eine Minenexplosion befürchtend, eilte auf die Straße.
Als sie sah, daß es sich nur um zwei Eckwände eines Hauses handelte, die
auf unerklärliche Weise eingestürzt waren, zog sich jeder wieder in
seine ruhige Häuslichkeit zurück.

Die Freunde des Opfers gingen tüchtig an die Arbeit. Sie räumten den
Schutt der beiden Wände fort, um festzustellen, welche Partei recht
habe, denn bis jetzt war das noch nicht entschieden. Die Wirkung auf
Gesteinsmassen war ja von keiner Seite bestritten worden. Und richtig,
nachdem sie eine Weile gebuddelt hatten, kroch der Ungläubige ganz ruhig
und mit der Miene eines Mannes, der das Recht auf seiner Seite hat,
hervor und schüttelte sich den Schutt aus den Kleidern.

Ganz vollständig war er allerdings nicht mehr. Das hatte er ja auch gar
nicht behauptet, daß dies der Fall sein würde. Jedenfalls war ihm die
rechte Hand bis zum halben Unterarm fortgerissen. Daraus machte er sich
aber nicht viel. Er bestand darauf, daß man nun die Hand auch noch
suche, damit man sehen könne, daß sie nicht allzusehr beschädigt sei.
Aber von der Hand war nichts zu finden.

„Und ich sage euch ganz bestimmt“, so begann sofort wieder der Streit,
„es war nicht die Patrone, die meine Hand abgerissen hat. Die Patronen
sind ganz und gar harmlos. Es war das Hütchen; denn was da die
nichtswürdigen Fabrikanten hineinstecken, das weiß man nie. Das sind
alles Schwindler und Betrüger.“

Der Indianer bedauerte später nie, daß er seine Hand hergegeben hatte.
An Stelle der Hand bekam er einen eisernen Haken, einen Arbeitshaken. Er
arbeitete aber nie damit, sondern wurde mit diesem Haken einer der
gefürchtetsten Raufbolde unter der Arbeiterschaft, die ihm mit an
Ehrfurcht grenzender Scheu begegnete und sich geschmeichelt fühlte,
seine Wünsche erfüllen zu dürfen.




                       DIE WOHLFAHRTS-EINRICHTUNG


Eine amerikanische Bergwerksgesellschaft in Sonora, Nordwest-Mexiko,
hatte für ihre Arbeiter und deren Frauen und Kinder ein kleines Hospital
eingerichtet, wo die Arbeiter in Unglücks- und Krankheitsfällen
ärztliche Hilfe fanden. Um die Arbeiter für dieses Hospital zu
interessieren und sie dadurch zur Beachtung hygienischer
Vorsichtsmaßregeln zu erziehen, wurde ihnen ein kleiner, kaum
nennenswerter Betrag vom Lohn abgezogen. Die Gesamtsumme dieses Betrages
machte aber so wenig aus, daß mit ihr lange nicht einmal das Gehalt für
die beiden Schwestern, die im Hospital tätig waren, bezahlt werden
konnte.

Die Arbeiter, die ausnahmslos Indianer waren, hielten jedoch den Betrag,
den sie beisteuerten, für so wesentlich, daß sie behaupteten, der Arzt
und die beiden Schwestern führten ein faules Leben auf Kosten der
Arbeiter, und die Company erziele aus dem Hospitalbeitrag einen
erheblichen Nebengewinn.

Jede Gelegenheit nun, die sich bot, den drei Hospitalangestellten das
Leben zu erschweren, wurde mit Freuden ergriffen. Die Erfindungsgabe der
Arbeiter war unausgesetzt tätig, neue Pläne auszuhecken, um das Hospital
nicht müßig gehen zu lassen. Wenn die Leute krank wurden, so ging keiner
von ihnen in das Hospital, sondern sie gingen, wie auch früher, zu ihren
„weisen“ Männern und Frauen, zu den Medizinmännern, die das Handwerk
besser verstanden als die Doktoren, deren Hände immer nach Gift stanken.
Um aber dem Hospital nichts zu schenken, wurden die Frauen und Kinder
hingeschickt, um die Beiträge „abzuarbeiten“. Und da sie mit wichtigen
Krankheiten nicht kamen, so kamen sie mit solchen Fällen, die von den
Arbeitern in ihren abendlichen Besprechungen ausgeheckt waren.

Eines Morgens erscheint eine hübsche Indianerin im Hospital und wünscht,
einen Zahn gezogen zu haben.

Der Arzt untersucht die Zähne und findet, daß die Frau Zähne hat, so
gesund, so kräftig und so schön wie die eines jungen Pferdes.

„Welcher Zahn tut Ihnen denn weh?“

„Mir tut kein Zahn weh. Mir hat noch nie ein Zahn weh getan.“

„Was wollen Sie denn da eigentlich hier?“

„Sie sollen mir einen Zahn ziehen.“

„Aber warum denn?“

„Weil ich keine andere Krankheit habe“, antwortete die junge Frau.

„Ich ziehe Ihnen keinen Zahn“, sagte nun der Arzt. „Ich bin doch nicht
verrückt. Danken Sie Gott, daß Sie solche Zähne haben; ich würde ein
Jahr meines Lebens geben, wenn ich solche Zähne hätte.“

„Wollen Sie mir jetzt den Zahn ziehen oder nicht? Ich kann mit meinen
Zähnen machen, was ich will. Das geht Sie gar nichts an. Oder denken Sie
vielleicht, mein Mann zahlt seine guten blanken Pesos (es waren in
Wahrheit nur kupferne Centavos) für das Hospital für überhaupt nichts?
Wir müssen auch arbeiten, da brauchen Sie nicht den ganzen Tag zum
Fenster hinauszusehen oder auf der Veranda zu sitzen und Bücher zu
lesen, und die Frauenzimmer könnten auch was Besseres tun, als sich von
unserm Gelde immerfort neue Kleider zu kaufen.“

Inzwischen hatte der Arzt begriffen, was los ist; denn er kennt ja seine
Leute, und er kennt die schwarzen Pläne, die gegen das Hospital
ausgeheckt werden. Er zieht also der Frau einen prachtvollen Molar,
wobei er sich die denkbar größte Mühe gibt, die Operation mit
„absolutester Nichtschmerzlosigkeit“ auszuführen. Aber die Frau verzieht
keine Miene und läßt nicht das leiseste Wimmern hören.

Als die Schwester ihr ein Glas Wasser gereicht und sie es ausgetrunken
hat, wirft sie sich in den Rücken, sieht den Arzt triumphierend an und
geht. Ihr Blick, dank der natürlichen Ausdrucksweise in den Gesten jener
Rasse, sagt schärfer als Worte: „Wenn ich komme, Herr Doktor, dann haben
Sie zu springen, verstehen Sie mich! Mein Mann bezahlt Sie.“

Drei Tage darauf kommt die Frau wieder. Und wieder will sie einen ihrer
prachtvollen Zähne gezogen haben. Und wieder bleibt dem Arzt aus
politischen Gründen nichts anderes übrig, als der Frau abermals einen
Zahn zu ziehen.

Wie beim ersten Male, so läßt sich auch diesmal die Frau den gezogenen
Zahn geben, um ihn mit nach Hause zu nehmen und ihn ihrem Manne zu
zeigen.

Nachdem die Zeit erfüllet war, waren der Frau sämtliche Zähne des
Oberkiefers ausgezogen. Während dem Arzt bald das Weinen ankam, als er
nun den leeren Oberkiefer noch einmal untersuchte, um irgendwelche
Infektion zu finden, war die Frau durchaus zufrieden mit dem Ergebnis.

Eine Woche, nachdem der letzte Zahn des Oberkiefers gezogen worden war,
erschien die Frau wieder im Hospital. Der Arzt, ohne zu fragen und ohne
mit ihr zu handeln, nahm die Zange zur Hand und begann, den ersten
Backzahn des Unterkiefers anzusetzen, als die Frau ihn heftig am Arm
packte und schrie: „Was wollen Sie denn da eigentlich mit mir machen?
Ich glaube gar, Sie wollen die andere Hälfte meines Mundes auch noch
schänden.“

Verblüfft fragte der Arzt: „Ja, sind Sie denn nicht hergekommen, um
wieder einen Zahn gezogen zu haben?“

„Aber ich denke ja nicht an so etwas. Habe ich Ihnen vielleicht den
Auftrag gegeben, mir einen Zahn zu ziehen? Ich bin hier, daß Sie mir den
Zahn, den Sie mir zuerst gezogen haben, wieder einsetzen. Denn ich kann
doch nicht mein ganzes Leben lang ohne Zähne herumlaufen.“

Und sie überreichte dem Arzt jenen Zahn, der ihr zuerst gezogen worden
war. Der Doktor machte ihr nun klar, daß Zähne wohl gezogen, aber nicht
wieder eingesetzt werden könnten, so weit habe es die medizinische
Wissenschaft noch nicht gebracht.

„Was?“ schrie die Frau nun in heller Empörung. „Sie können mir die Zähne
nicht wieder einsetzen? Also nicht einmal das können Sie? Und Sie nennen
sich Doktor? Und Sie sitzen hier den ganzen Tag faul auf der Veranda?
Und mein Mann muß das ganze Hospital bezahlen? Aber so seid ihr
verdammten Gringos (Spottname der Amerikaner in Latein-Amerika)! Pfui
Teufel noch mal, schämen Sie sich denn gar nicht, Sie Hurensohn, mir
meine wunderschönen Zähne auszuziehen und dann zu sagen, Sie könnten sie
nicht wieder einsetzen! Cabron! Grrrrringooooo!“

Nachdem durch eine saftstrotzende – und wie! – Schlußwendung des
Gesprächs der beabsichtigte Zweck dieses Besuches erreicht war, verließ
die Frau das Hospital stolz wie die frischgeadelte Frau von Flohknicker,
die soeben einen Kaiser gebackpfeift hat.

Obgleich das Hospital allen Anforderungen entspricht, die man an ein
modernes Krankenhaus stellt, so stand es dennoch bei den indianischen
Arbeitern jener Bergwerksgesellschaft nie in hoher Achtung. Durch die
Zahngeschichte verlor es auch noch den Rest von Würde, der ihm
verblieben war.

In den umliegenden Dörfern wurde die Frau als lebendes Beispiel der
Unfähigkeit des Arztes und der Schädlichkeit des Hospitals herumgezeigt.
Wohin sie kam, mußte sie ihre traurige Geschichte erzählen. Die Gringos
wurden verflucht nach allen Regeln, die im Gebrauch sind, seit der liebe
Gott Adam, Eva und die Schlange verfluchte. Und die Leute hatten ganz
recht. Denn es ist eine Ausräuberei sondergleichen, daß die Arbeiter von
ihrem kleinen Lohn ein Hospital unterhalten müssen, das sich nicht
scheut, arme und unwissende Indianerfrauen zu schänden und sie für den
Rest ihres Lebens zu schimpfieren, so daß der eigene Mann sie nicht mehr
ansehen mag. Der Doktor ist ein Irrsinniger; denn hätte sich die
unglückliche Frau nicht mutig zur Wehr gesetzt, so würde dieser Unhold
der Frau auch alle Zähne des Unterkiefers ausgezogen haben.

Das alles konnte nicht bestritten werden; denn in einem Stück alten
Hemdes eingewickelt, trug die Frau ja ihre Zähne, und ein Kind konnte
sehen, daß die Zähne alle kerngesund waren.

Eine Weile ging das so fort, und eines Tages war der Tumult da.

Die Arbeiter kamen in Haufen zu dem Bürogebäude und schrien und
gestikulierten und regten sich furchtbar auf. Was sie wollten, verstand
niemand, denn in Einzelunterhaltungen ließen sie sich nicht ein.

Man hörte nur immer Schreie aus dem Gewoge der Haufen: „Kein Hospital!
Kein Doktor! Alle Zähne! Arme Frauen geschändet! Bezahlen! Doktor
bezahlen! Schwestern schöne Kleider! Zeitung lesen! Alles bezahlen!“

Um Spanisch zu verstehen, genügt es nicht, es gelernt zu haben. Und um
das Spanisch zu verstehen, das die indianischen Arbeiter in den
Bergdistrikten sprechen, muß man schon eine Indianerin zur Mutter gehabt
haben.

Die Manager der Company, die nicht eingestehen dürfen, daß sie die
Sprache ihrer Arbeiter nicht verstehen, verstanden aber doch das
Wesentliche des Geschreies. Sie redeten sich wenigstens ein, daß sie
alles gut und richtig verstünden, und weil sie die Arbeitgeber waren
oder deren legitime Vertreter, so reimten sie sich die Schreie
entsprechend ihrer eigenen sozialen und wirtschaftlichen Stellung
zusammen. In ihrem Report an die Zentralverwaltung der Company kam es
später heraus, was sie sich zusammengereimt hatten. Nach jenem Report zu
lesen hatten die Arbeiter geschrien: „Wir verdienen nicht einmal so
viel, daß wir in ein Hospital gehen können. Nicht einmal so viel, daß
wir zu einem Doktor gehen können. Wir verdienen so wenig, daß wir nichts
zwischen die Zähne zu beißen kriegen. Wir haben so wenig Lohn, daß
unsere Frauen zur Schande herumlaufen, weil sie nichts zum Anziehen
haben. Und unsere Schwestern wollen Kleider haben!“

Als der Tumult vor dem Bürogebäude nicht nachließ und die Schreie und
Rufe der Leute immer heftiger wurden, ohne daß ein Wechsel des Inhalts
der Worte sich zeigte, trat endlich der Manager auf die Veranda und
hielt mit seinen paar Brocken Spanisch eine Ansprache, die darin
gipfelte: „Jawohl, jawohl, wir bewilligen. Jeder Mann erhält
fünfundzwanzig Centavos den Tag mehr von Montag dieser Woche an. Geht an
die Arbeit. Es ist alles gut. Muy bueno, amigos!“

Von der Frau und ihren Zähnen wurde nicht mehr gesprochen.




                            DER WACHTPOSTEN


In einem Bergwerk in der Nähe von Chihuahua meldete eines Morgens der
Vorarbeiter, ein Mestize, dem diensthabenden Ingenieur, daß in einem der
Hauptstollen „etwas im Gange sei“.

An der Decke des Stollens, so berichtete der Vorarbeiter, befände sich
ein gewaltiger Stein, dessen Gewicht schätzungsweise drei bis vier
Tonnen habe. Rund um diesen Stein beginne, so war die Meldung, seit
einigen Stunden Sand und Kleinkiesel herunterzuregnen, ein sicheres
Zeichen, daß der Stein am Lösen sei und bald kommen dürfte, was in einer
Stunde, vielleicht aber auch erst in sechs Tagen geschehen könnte, so
genau ließe sich der Zeitpunkt nicht bestimmen.

Zahlreiche Arbeiter hatten diesen Stollen zu begehen, und weil der
Ingenieur deren Leben nicht aufs Spiel setzen wollte, rief er einen
indianischen Bergarbeiter herbei und sagte zu ihm:

„Sehen Sie den Stein dort, Augustin?“

„Natürlich sehe ich ihn, ich bin doch nicht blind, Senjor.“

„Gut, dieser Stein ist los und wird bald herunterkommen.“

„Kein Wunder, wenn er los ist; man sieht ja bereits, wie es bröckelt.“

„Wenn der Stein runterkommt, und es ist gerade zufällig jemand darunter,
dann ist er breitgequetscht wie eine Tortilla.“

„Das ist doch mal bombensicher, Senjor. So schlau bin ich selbst.“

„Gut. Ich stelle Sie jetzt hier als Wachtposten auf. Sie haben nichts
weiter zu tun, als jeden Mann, der hier drunter hergehen will, auf die
Gefahr aufmerksam zu machen und ihn durch den Stollen 14 zu schicken,
ihm jedenfalls nicht zu erlauben, daß er diesen Stollen benutzt. Sie
sehen ein, wie gefährlich dieser Stollen ist.“

„Das sehe ich, man kann es ja schon riechen, Senjor.“

Eine Stunde später ging der Ingenieur die Stollen ab, und auf seinem
Wege kam er auch zu dem Gefahrstollen.

Der Wachtposten saß mitten unter dem losen Stein, rauchte gemütlich
seine Zigarette und war die Seligkeit selbst, daß er einen so angenehmen
Posten gefunden hatte, wo er nichts zu tun brauchte.

Pflichtgemäß berichtete er dem Ingenieur, daß er jedem untersage, hier
unter dem Stein durchzugehen, weil der Stein jeden Augenblick kommen
könne, und es sei auch noch keiner darunter hergegangen, seit er hier
hergesetzt worden sei, um aufzupassen, der Senjor Ingenieur könne sich
auf ihn durchaus verlassen.

„Ich würde mich an Ihrer Stelle aber nicht gerade mitten unter den losen
Stein setzen“, riet der Ingenieur, „der Platz ist keineswegs zu
empfehlen.“

„Warum, Senjor?“ sagte der Mann. „Lassen Sie das nur meine Sorge sein,
wo ich sitze. Dieser Platz ist sehr bequem für mich. Ich brauche mich
dann nicht so anzustrengen, brauche nicht so sehr zu schreien, habe es
nach jeder Seite hin gleich weit und kann so ohne große Mühe am besten
verhindern, daß nicht doch noch jemand hier drunter herzugehen versucht.
Denn es ist sehr gefährlich, Senjor, wenn da gerade jemand drunter wäre,
wenn der Stein kommt.“

Dabei drehte er sich seelenruhig eine neue Zigarette und zündete sie mit
großem Behagen an.

Vier Stunden später war der Mann zermalmt. Alles, was man seiner Frau
von seinen sterblichen Überresten bringen konnte, war die Sandale seines
linken Fußes, der unter dem Steinkoloß hervorlugte.




                       DER AUSGEWANDERTE ANTONIO


Der Minenarbeiter Silvestre, ein Indianer, hatte es in seinem Leben
endlich so weit gebracht, daß er sich eine Taschenuhr kaufen konnte. Die
Uhr war aus Nickel und kostete acht Pesos fünfzig Centavos. Sie war eine
gute und brauchbare Uhr, denn sie zeigte vierundzwanzig Stunden. In
Mexiko, wo im gesamten öffentlichen Verkehr, insbesondere bei der
Eisenbahn, bei der Post, beim Gericht und in allen sonstigen Ämtern wie
auch im Theaterleben die Vierundzwanzig-Stunden-Uhr gilt, ist es sehr
gut und sehr wertvoll, eine Taschenuhr zu haben, die Ziffern für
vierundzwanzig Stunden trägt. Silvestre war natürlich sehr stolz auf
seine Uhr; und weil er in seiner Arbeitskolonne wie auch in seinen
Nachbarkolonnen der einzige war, der eine Uhr besaß, die er mit in die
Mine brachte, so wurde er nicht nur von seinen Arbeitskameraden, sondern
zuweilen auch von seinem Kolonnenforeman wie von denen der
Nachbarkolonnen gelegentlich nach der Zeit gefragt. Das machte ihn zu
einer wichtigen Person. Und weil hier die Uhr es war, die ihn zu einer
wichtigen Person erhob, so hielt er die Uhr in großen Ehren. Er trug sie
in der Mine stets in Papier eingewickelt, damit sie nicht durch den
Staub der Erze leiden sollte.

Eines Tages entdeckte er, daß die Uhr verschwunden war. Er hatte sie
verloren, entweder bei der Arbeit oder beim Einfahren. Denn daß sie
gestohlen sein könnte, das hielt er für sehr unwahrscheinlich. Sie hätte
auch wohl kaum von dem, der sie gestohlen hatte, getragen oder verkauft
werden können, weil Silvestre, als er die Uhr in der nächsten Stadt
gekauft hatte, sich vom Uhrmacher seinen Namen dick hatte eingravieren
lassen. Dafür hatte er einen Peso extra bezahlen müssen; aber der
Uhrmacher – wie die Mehrzahl der Uhrmacher in Mexiko und in den Staaten
war er von Beruf Wagenschmied – hatte ihm die Gravierung dringend
angeraten und ihm den großen Schutzwert einer kräftigen Gravierung so
überzeugend geschildert, daß Silvestre einsah, daß eine Uhr ohne
Gravierung am selben Tage schon aus seiner Tasche gestohlen sein würde.

Silvestre hatte dann noch die Uhr in der Kirche segnen lassen, was auch
nicht umsonst getan wurde, und endlich hatte er sie noch persönlich mit
Weihwasser besprengt. Aber obgleich durch alle diese Schutzmittel die
Uhr beinahe auf den doppelten Preis gekommen war, so hatten jene Mittel
nicht genügt, daß die Uhr bis an sein Lebensende in seiner Tasche blieb.
Vielleicht hatte er etwas übersehen bei dem Einsegnenlassen, oder er
hatte sie neben die Uhrtasche seiner Hose gesteckt, oder sie war von
selbst herausgerutscht. Wie dem auch sei, die Uhr war jetzt fort.

Er suchte eine volle Schicht in der Mine herum, aber die Uhr kam nicht
wieder, und sie war nirgends zu sehen.

Es blieb Silvestre also nichts anderes übrig, als bis zum Sonntag zu
warten, um die Angelegenheit mit Hilfe der Kirche und ihrer Heiligen in
Ordnung zu bringen. Als guter Katholik wußte er, wie alle Indianer,
recht geschickt sich zu bekreuzigen und kannte auswendig alle die
Heiligen, die für irgendeine Sache mit Erfolg zu gebrauchen sind. Für
verlorengegangene Dinge, jedoch nicht für gestohlene, ist San Antonio
derjenige Heilige, der immer weiß, wo sich der verlorene Gegenstand
befindet.

So ging Silvestre am Sonntag in die Stadt zur Kirche, suchte hier die
hölzerne Figur des San Antonio auf, opferte ihm eine Kerze, bekreuzigte
sich unzählige Male und flehte San Antonio an, ihm die Uhr
wiederzubringen. Silvestre wußte aus reicher und kostspieliger
Erfahrung, daß in der Kirche nichts umsonst getan wird, und darum
versprach er dem San Antonio drei Fünf-Centavos-Kerzen und ein silbernes
Zehn-Centavos-Händchen, wenn er ihm die Uhr wieder verschaffen würde,
spätestens jedoch bis zum nächsten Sonntag, wenn er, Silvestre, wieder
zur Kirche kommen würde, um zu sehen, was San Antonio inzwischen für ihn
erwirkt hat.

Die Uhr fand sich im Laufe der Woche nicht ein. Und Silvestre, als er am
nächsten Sonntag zur Kirche kam, sah auch nicht, so sorgsam er auch
alles untersuchte, daß die Uhr zu Füßen des San Antonio lag, oder in
einer Falte der braunen Mönchskutte der Figur hing oder irgendwo unter
dem Gewande der Figur, das Silvestre respektlos aufhob, verborgen war.
Aber die Uhr war nicht da, und Silvestre erkannte, daß er seine Kerze,
seine Gebete und Bekreuzigungen umsonst verschwendet habe.

Er ging nun wieder eine Kerze kaufen. Er brauchte nicht weit zu laufen;
denn die Kerzen, Heiligenbildchen und silbernen Ärmchen und Beinchen
wurden auf zahlreichen Tischen innerhalb der Kirche verhandelt und
verschachtert, wo es lebhaft zuging wie auf einem Jahrmarkt, mit
Feilschen, Verschwören der hohen Preise wegen, Herunterhandeln vom
Preise und Umtauschen der gekauften Gegenstände. Am Altar wurde zu
gleicher Zeit, unbekümmert um die feilschende Welt entlang der inneren
Wände der Kirche, die Messe gelesen. Silvestre hatte diese Art
christlicher Religion nicht erfunden und war darum nicht verantwortlich
dafür; aber er glaubte, daß er ein unzerbrechliches Recht darauf habe,
von San Antonio seine Uhr zurückzuerhalten, wenn er ihm Kerzen,
Bekreuzigungen und Gebete opfere. Denn wozu brauchte man sich alle die
Mühen und Ausgaben zu machen, wenn es doch nichts nützt!

Silvestre, der in einer Welt lebte, wo jede Kreatur für das Essen oder
für den Lohn, den sie empfängt, arbeiten muß, auch wenn es ihr noch so
schwerfällt und sie vielleicht gar am Zusammenbrechen ist, hatte weder
Verständnis noch Mitleid mit einem Heiligen, der sich mit Kerzen und
Gebeten bezahlen läßt, ohne dafür zu arbeiten.

Als Silvestre seine Kerze aufgestellt hatte auf dem Altar des San
Antonio, kniete er nieder, bekreuzigte sich mehrere Male und begann zu
beten. Er hatte kein Gebetbuch, und wenn er eines gehabt hätte, so hätte
es ihm nichts genützt, weil er nicht lesen konnte. So war er genötigt,
aus dem Stegreif zu beten und so, wie es ihm sein Gott ins Herz legte.
Das Wort Gotteslästerung kannte er nicht, weil ihm der Begriff hierfür
fehlte, und in Mexiko gibt es keine Gotteslästerung, weil das Gesetz ein
solches Vergehen nicht kennt. In Mexiko hat das jeder mit seinem
Gewissen und mit seinem Gotte abzumachen; denn der mexikanische
Gesetzgeber und der mexikanische Richter fühlen sich nicht berufen, in
die unerforschlichen Wege und Gesetze Gottes mit ihrem menschlichen
Urteilsvermögen und ihren menschlichen Rechtsirrtümern hineinzupfuschen.
Wenn Gott im Himmel nicht mächtig genug ist oder nicht willens ist,
Beleidigungen und Lästerungen gegen seine Majestät zu bestrafen, warum
soll der kleine irdische Staatsanwalt dem lieben Gott vorschreiben,
wieviel Monate diese Gotteslästerung und wieviel Wochen jene wert ist?

Darum muß man Silvestre verstehen und vergeben. Er weiß es nicht besser.
Was er aber gut wußte, war, daß er seine Uhr so rasch wie möglich
wiederhaben wollte, und daß er nicht zu warten gedachte, bis sie ihm
nach seinem Tode im Paradiese ausgehändigt werden würde. Er brauchte die
Uhr hier auf Erden; denn zu welcher Stunde man im Paradiese in die
Erzminen einzufahren habe, wird ihm der Foreman dann schon sagen, wenn
es so weit ist.

Silvestre betete darum schlichtweg darauflos: „Oye, querido, San
Antonio, tenga buen cuidad, hombre! Jetzt hör einmal gut zu, geliebter
Antonio, und gib wohl acht, was ich dir jetzt erzählen werde, denn ich
bin jetzt ziemlich fertig mit dir. Ich habe eine Uhr verloren. Das habe
ich dir bereits vorigen Sonntag gesagt. Du kannst die Uhr gar nicht
verwechseln. Es ist ein S und ein G dick eingraviert. Ich kann hier auch
nicht jeden Sonntag herkommen. Die Kerzen kosten auch Geld. Und ich habe
dir doch wirklich genug versprochen. Du mußt nicht etwa denken, daß ich
das Geld auf dem Wege auflese, da liegt keins herum. Ich muß verflucht
kräftig dafür arbeiten und habe es nicht so gut wie du, hier faul
herumzustehen und dich an den Kerzen schön zu wärmen. Der Spaß hat auch
einmal ein Ende. Wir müssen alle arbeiten, da kannst du auch meine Uhr
suchen gehen. Und nun sage ich dir noch etwas, mein lieber San Antonio.
Ich warte noch eine Woche, und wenn die Uhr dann nicht da ist, stecke
ich dich, bei der Heiligen Jungfrau, in den Brunnen ins Wasser, und ich
lasse dich so lange da drin, bis du die Uhr wieder herbeigeschafft hast
oder mir im Traum gesagt hast, wo sie ist. Du weißt nun Bescheid, und
meine Geduld ist fertig.“

Silvestre bekreuzigte sich wieder, stand auf, verneigte sich vor dem
Altar und verließ die Kirche, überzeugt, daß sein inniges Gebet in
Erfüllung gehen werde, getreu dem Worte folgend: Bittet, so wird euch
gegeben, und vergeßt nicht die Armut des Heiligen Vaters in Rom.

Auch in dieser Woche kam die Uhr nicht zum Vorschein.

Es ist darum nicht zu verwundern, daß Silvestre die Geduld nun endgültig
verlor. Er wollte auch keine Zeit mehr mit Beten vergeuden, denn er
hatte eingesehen, daß es nutzlos war. Gegen San Antonio, der sich nicht
die Mühe zu machen schien, einem armen Indianer zu helfen, auch wenn er
noch so sehr angebetet wurde, halfen offenbar nur ganz kräftige Mittel,
um ihn an seine Pflichten zu erinnern. Und diese Mittel wandte er jetzt
an.

Er besaß keine große Erfindungsgabe, sich neue Zuchtmittel auszudenken.
Darum gebrauchte er eines von denen, die gegen ihn und seine Mit-Peones
angewandt wurden, als er noch auf der Hazienda arbeitete und noch nicht
den Mut aufgebracht hatte, in die Minendistrikte zu fliehen.

Am Samstagnachmittag verschaffte er sich einen alten Zuckersack und
trabte damit zur Stadt. Als er zur Kirche kam, war es bereits finster.
Seine Bekreuzigungen und Verbeugungen machte er jetzt nur, vom
Hintergrunde der Kirche aus, zu dem Altar, wo die Heilige Jungfrau
stand, die ihm bis jetzt ja noch nichts Übles zugefügt hatte. Dagegen
verweigerte er diesmal dem San Antonio jegliche Bekreuzigung und
jegliche Kniebeuge. Er gab gut acht; und als er bemerkte, daß er von
niemand aus den Reihen der andächtig betenden Leute beobachtet wurde,
warf er dem San Antonio den Sack über den Kopf, nahm die Figur rasch
herunter von ihrem Altar und schlich sich mit seiner Beute gewandt zur
nächsten Tür hinaus. Die Stadt war klein, und es dauerte keine zehn
Minuten, da war Silvestre im Freien und auf dem Wege zu dem
Minenarbeiterdorfe, wo er lebte.

Silvestre ging jedoch nicht in das Dorf mit seinem Heiligen, sondern
noch ehe er die ersten Hütten erreichte, bog er von der Straße ab und
wanderte auf den Busch los. Silvestre konnte seinen Weg nicht verfehlen,
denn erstens kannte er ihn gut, und zweitens war heller Mondschein.

Nur etwa einen halben Kilometer in den Busch hinein, da befand sich eine
Lichtung, die zwar schon völlig wieder ausgewachsen war, die aber doch
noch als eine ehemalige Lichtung erkannt werden konnte. Hier in dieser
Lichtung war ein alter ausgemauerter Brunnen, der noch aus der
Kolonialzeit herstammte und wohl von einem Spanier gegraben worden sein
mochte, der hier eine Farm hatte errichten wollen.

Dieser Brunnen wurde von niemand gebraucht, selbst die Kohlenbrenner im
Busch tranken kein Wasser daraus. Das Wasser, das in dem Brunnen stand,
war verschlammt und grün verfilzt von Pflanzen und Blättern und Wurzeln.
Der Brunnen war voll von Fröschen, Kaulquappen, Wasserkäfern, Moskitos,
Schlangen, Eidechsen und allem anderen Getier, das in einem verlassenen
Brunnen sich nur ansammeln kann. Seiner Lage, seines uralten Aussehens
und des phantastischen Getiers, das in ihm lebte, wegen war der Brunnen
der Sagenschreck aller Indianerkinder des Dorfes, die zu dem Brunnen
kamen, wenn sie sich einen gruseligen Tag machen wollten, und er war der
Mittelpunkt zahlreicher Geister- und Spukgeschichten der erwachsenen
Indianer der Gegend.

Silvestre ging nicht sehr leichten Herzens mit seinem eingesackten
Heiligen auf der Schulter zu jenem Brunnen. Jeden Augenblick glaubte er,
daß hinter einem Baume eine Spukgestalt hervorspringen würde, um ihm
etwas Übles und Grausiges anzutun. Und er erwartete auch, daß vielleicht
Gott seinen Donner rollen und seinen Blitz zucken lassen würde, um ihn
für solche Freveltat, die zu begehen er im Sinne hatte, zu bestrafen.
Aber es war Samstagabend, und Silvestre wußte recht gut, daß an einem
Samstagabend der liebe Gott keine Zeit hat, sich um einen indianischen
Minenarbeiter zu kümmern, der seine Uhr wiederhaben möchte. Samstag ist
großes Reinemachen, und am Abend Wochenabschluß und Vorbereitung für den
Sonntag. Nicht nur auf Erden. Darum hatte Silvestre ja auch gerade den
Samstagabend für seine ruchlose Tat gewählt. Man möge doch nie
vergessen, daß auch ein indianischer Arbeiter Intelligenz hat.

Vor den Spukgestalten des Brunnens hatte Silvestre nicht ganz so viel
Furcht wie alle übrigen Bewohner des Dorfes; denn da er nicht aus der
Gegend stammte, so waren ihm alle die grausigen Geschichten, die über
den Brunnen erzählt wurden, nicht so in Fleisch und Einbildung von
Jugend auf übergegangen wie den Leuten, die hier in diesem Distrikte
geboren und aufgewachsen waren. Wenn man nicht weiß, daß hinter der
nächsten hölzernen Wand ein gestorbener oder gar ermordeter Mann liegt,
schläft man genau so ruhig, friedlich und ungestört wie in dem Zimmer
eines Hotels, das noch zu neu ist, als daß sich in ihm schon ein
Selbstmord hätte ereignen können.

Auch wer vor Verliebtheit bebt, vor Eifersucht schäumt, vor Wut sich
zerfetzen möchte, vor Ärger grün wird, der sieht und hört nie
Spukgestalten. Und Silvestre war wütend und verärgert, wie nur ein
Mensch sein kann, der an die Nützlichkeit von Heiligen glaubt und so
bitter enttäuscht wird, wie es ihm geschah. Einem Indianer kann man
nicht mit der billigen Ausrede kommen, Gott und die Heiligen haben es in
ihrem hohen Ratschluß anders beschlossen. Ein Medizinmann, der nicht
hilft, wird abgesetzt. Faulenzer werden nicht unterhalten. Wenn von den
paar Pesos Lohn, die man sich mit schwerer Arbeit verdienen muß, dem
Heiligen Kerzen geopfert werden, damit er sich Hände und Nase daran
wärmen kann, dann muß er dafür auch etwas tun. Man bezahlt den Pfarrer
für das Lesen einer Messe, und er hat die Messe zu lesen; man bezahlt
den Pfarrer für die Taufe des Kindes, und er hat das Kind zu taufen, ob
ihm das Kind gefällt oder nicht. Warum soll man mit dem San Antonio eine
Ausnahme machen? Vielleicht weil er Heiliger ist? Dann braucht er auch
keine Kerzen, Bekreuzigungen, Kniebeugen und Gebete anzunehmen, wenn er
gar so heilig sein will. Aber wenn er das alles verlangt und annimmt wie
ein syrischer Kattunhändler in Puebla, dann hat er dafür auch zu zeigen,
was er kann. Silvestre kann sich in der Erzmine auch nicht damit
herausreden, daß er es heute einmal in seinem Ratschluß anders
beschlossen habe und daß er heute einmal nicht arbeiten werde, aber den
Lohn dennoch verlange und annehme. So etwas gibt es nicht. Und bei dem
Philosophieren über die Rechtmäßigkeit der Handlung, die er vorzunehmen
gewillt ist, denkt Silvestre sehr wenig an Spukgestalten, die in der
Nähe des Brunnens auf ihn warten könnten.

Silvestre vollzog die Folterung an seinem Heiligen nun nicht etwa so
unvermittelt, ohne dem Heiligen noch genügend Zeit zu geben, seine
Pflicht zu tun. Darum hielt er, als er beim Brunnen angelangt war, eine
Ansprache an San Antonio. Er zog die Figur aus dem Sack heraus, stellte
sie auf den gemauerten Brunnenrand, glättete die braune Mönchskutte, die
San Antonio trug, und sagte zu ihm: „Freundchen, ich habe dich jetzt
hier, wir sind ganz unter uns, und wir wollen nun einmal ein sehr
deutliches Wort miteinander sprechen. Du kannst jeden Gegenstand, der
verlorenging, wiederfinden. Das weiß ich. Der Cura, der Pfaffe, hat es
gesagt. Ich habe dich angebetet und habe dir Kerzen angezündet und dir
genügend versprochen. Aber du hältst es nur mit den reichen Leuten, die
dir dicke Pesokerzen opfern können. Das kann ich nicht. Dazu habe ich
nicht Geld genug. Du siehst ja den Brunnen hier, Freundchen. Es ist
nicht angenehm, darinnen zu liegen, da sind Schlangen drin – Lagarto!
Lagarto! –“, unterbrach er sich, „und da ist noch vieles andere drin,
schrecklich und grausig. Und wenn du mir nicht die Uhr wiederschaffst,
kommst du in den Brunnen und bleibst drin, bis du die Uhr
herbeigeschafft hast. Ich kann nicht jede Woche zur Stadt laufen. Ich
habe andere Dinge zu tun. Und Kerzen gibt es auch nicht mehr für dich.
Und ich werde dir gleich einmal zeigen, daß ich es ganz ernst mit dir
meine.“

Silvestre brachte einen starken Bindfaden aus der Tasche und band dem
San Antonio eine Schlinge um den Hals. Dann hob er die Figur über den
Brunnenrand und ließ sie hier eine Weile hängen und zappeln.

„Wo ist die Uhr, San Antonio?“ fragte Silvestre.

San Antonio war entweder zu heilig oder zu eigensinnig, den Mund zu
öffnen, vielleicht war er auch an Folterungen des ersten Grades zu sehr
gewöhnt, als daß er jetzt schon, aus Furcht, den Ort, wo sich die Uhr
befand, verraten haben würde.

Aber so wenig wie irgend jemand bisher Mitleid für Silvestre im Leben
gezeigt hatte, so wenig Mitleid zeigte er nun für San Antonio. Er ließ,
als San Antonio nicht antworten wollte, ihn an dem Bindfaden weiter
hinunter in den Brunnen, bis die nackten Füße des Heiligen das Wasser
berührten.

„Wo ist meine Uhr?“ fragte Silvestre wieder. Und wieder fühlte sich San
Antonio zu erhaben, zu antworten.

Da ließ ihn Silvestre nun völlig untertauchen, tauchte ihn einigemal auf
und nieder in dem Wasser, zog ihn hinauf und stellte ihn auf den
Brunnenrand.

„So“, sagte er, „nun weißt du, wie es unten im Brunnen aussieht. Ich
gebe dir jetzt Zeit bis morgen. Dann komme ich hier zurück. Und wenn du
dann die Uhr nicht hast und mir auch nicht sagst, wo sie ist, lasse ich
dich für eine volle Woche unten im Brunnen. Dann wirst du wohl endlich
deine Widerspenstigkeit aufgeben.“

Silvestre hatte es gut erfahren, wie ihm und seinen Mit-Peones auf den
Haziendas der Groß-Grundherren Widerspenstigkeit und angebliche Faulheit
ausgetrieben wurden; so durfte sich der Heilige nicht darüber beklagen,
daß an ihm nun verübt wurde, was weder er noch alle Pfaffen je verhütet
hatten, daß es an indianischen Landarbeitern regelmäßig getan wurde. Und
es darf als sicher angenommen werden, würde man an allen Göttern,
Heiligen und Pfaffen das gleiche tun, was man an Arbeitern tut, ganz
gleich ob es indianische oder europäische sind, so würde die Religion,
die derartige Dinge in zweitausend Jahren nicht zu verhüten vermochte,
wohl schnell abgeändert werden. In Mexiko hängt man unzufriedene
Landarbeiter vierundzwanzig Stunden in den Brunnen, und in Europa hängt
man unzufriedene Arbeiter auf die Verhungerungsliste oder hinter
Gefängnisgitter.

Silvestre gab seinem Heiligen Zeit, sich zu besinnen. Er nahm ihn
herunter vom Brunnenrand, steckte ihn wieder in den Zuckersack und
verbarg ihn unter einem dichten Dornenstrauch im Busch. Die Mönchskutte
des Heiligen war sehr naß geworden; aber Silvestre hatte jegliches
Mitleid mit seinem widerspenstigen San Antonio verloren und ließ ihn in
der nassen Kutte frieren.

Am nächsten Tag war Sonntag, und Silvestre hatte Zeit genug, die
Folterung seines Heiligen fortzusetzen.

Er machte sich frühzeitig auf den Weg, um zu sehen, ob San Antonio
inzwischen die Uhr herbeigeschafft habe. Die Uhr war natürlich nicht zur
Stelle. San Antonio hatte sie nicht auf sich und nicht unter sich
liegen, und in einer Falte seiner jetzt naß und modrig riechenden Kutte
war die Uhr auch nicht verborgen. Silvestre hatte die Uhr auch nicht in
seiner Hütte unter der Schilfmatte, auf der er schlief, gefunden, wie er
bestimmt gehofft hatte.

Silvestre nahm infolgedessen seinen Heiligen wieder vor.

„Immer noch widerspenstig, querido Santo?“ sagte er zu ihm. „Warte nur,
ich werde dich schon kriegen.“

Und ohne weitere Ansprachen oder gar Gebete zu vergeuden, ließ er den
Heiligen wieder hinunter in den Brunnen, so tief, bis er mit den Füßen
auf dem Grunde aufzustehen schien. Er knüpfte den Bindfaden an einem
Strauch, der in dem Mauerwerk des Brunnens Wurzel gefaßt hatte, fest, um
den Heiligen auch wieder aus dem Brunnen ziehen zu können, wenn er die
Uhr unter seiner Matte gefunden haben würde.

Diese Arbeit getan, überließ er es dem Heiligen, sich zu befreien, oder
wenn er sich nicht selbst befreien konnte, seine Befreiung dadurch zu
erwirken, daß die Uhr unter die Matte, auf der Silvestre schlief, gelegt
würde.

Silvestre hatte während der ganzen Woche keine Zeit, zum Brunnen zu
gehen; denn er hatte in der Kupfermine zu arbeiten. Und abends war er zu
müde, den weiten Weg in den Busch zu tun, um zu sehen, wie es dem
Heiligen ginge.

Am Freitag nachmittag, als sie ausfuhren aus der Mine, sagte sein
Arbeitskamerad Lozano zu ihm: „Oye, Silvestre, wieviel gibst du mir
Findervergütung für deine Uhr, die ich beim Aufkehren heute im Tunnel
gefunden habe?“

„Hombre, das ist gut von dir“, sagte Silvestre; „ich gebe dir ganz gern
einen Toston, fünfzig Centavos, als Vergütung.“

„Das ist mir recht, Silvestre, gib her den Toston und hier hast du deine
Uhr. Es ist nichts daran, sie geht wie neu. Nicht einmal das Glas ist
gebrochen; denn als ich es blinken sah im Kehricht, da war ich
vorsichtig, und darum ist gar nichts daran zerbrochen. Ich wußte gleich,
daß es deine Uhr ist. Ist ja doch dein Name drin, und du hast es ja auch
allen gesagt, daß du die Uhr verloren hast.“

Silvestre bezahlte die fünfzig Centavos – sein Arbeitskamerad tat es
billiger als der Heilige – und empfing seine Uhr.

Am Sonntag ging er zum Brunnen, den Heiligen zu erlösen, weil es nun
keinen Zweck mehr hatte, ihn zu foltern.

Aber von dem Hinundherscheuern des Strauches im Winde war der Bindfaden,
an dem San Antonio im Brunnen hing, am Mauerwerk abgeschliffen worden
und endlich gerissen. Silvestre konnte deshalb den Heiligen nicht mehr
heraufziehen, und die Mühe, seinetwegen in den Brunnen zu klettern, war
der Heilige nach Meinung des Silvestre nicht wert.

„Geschieht dir ganz recht, Santito“, rief Silvestre hinunter in den
Brunnen, „daß du da drin liegst. Wenn Lozano meine Uhr nicht gefunden
hätte, du hättest sie nie, in deinem ganzen Leben nicht, gefunden. Ich
brauchte Lozano nicht so viel zu bezahlen, als ich dir für deine Arbeit
versprochen habe. Du bist zu nichts zu gebrauchen. Und es ist gar nichts
an dir verloren, wenn du da unten liegenbleibst, wo du bist. Dein gut
verdientes Los.“

Gott läßt keinen Sperling verhungern, wenn es nicht in seiner, Gottes,
Absicht liegt. Noch viel weniger läßt er einen seiner Heiligen in einem
grausigen Brunnen vermodern. Darum sandte er zwei indianische
Kohlenbrenner zufällig einen Weg so durch den Busch, daß sie an dem
Brunnen nah vorübergehen mußten. Um sich auszuruhen, setzten sie sich
eine Weile auf den Brunnenrand und drehten sich eine Zigarette.

Und als sie rauchten und gelegentlich hinunter in den Brunnen blickten,
sagte der eine von ihnen: „Da ist ein Mann drin im Brunnen, ich sehe
seinen Kopf und das Haar, das er auf dem Kopfe hat.“

Erschreckt sagte der andere: „Wo? Ja, jetzt sehe ich ihn auch. Du,
Hombre, das ist ein Pfaffe, er hat eine Tonsur auf dem Schädel.“

Sie liefen ins Dorf und erzählten, daß im Busch ein Pfarrer in den
Brunnen gefallen sei. Die Einwohner machten sich gleich auf mit einer
Baumleiter und mit Lassos, um den verunglückten Cura aus dem Brunnen zu
ziehen.

Und als sie ihn hoch hatten, erkannten sie, daß es der San Antonio war,
der seit dem vorigen Samstag auf so geheimnisvolle Weise von seinem
Altar fort auf die Wanderung gegangen war.

Zu welchem Zweck und mit welchen heiligen Absichten San Antonio auf eine
so ferne Reise gezogen war, verriet der Senjor Cura nicht. Er tat sehr
geheimnisvoll und sprach von göttlicher Weisheit und göttlicher Fügung,
die zu erforschen der gewöhnliche Mensch kein Recht habe.

Der Pfarrer wollte Zeit gewinnen, um sich zu überlegen, welche Deutung
und welche Auslegung er dieser geheimnisvollen Wanderung des Heiligen
geben könne, um den verdammenswerten Unglauben, der sich besonders unter
den Arbeitern in den nahe gelegenen Kupferminen breit zu machen suchte,
von Grund auf und mit energischen Mitteln zu zerstören. Denn das war
seine Pflicht, und diese Pflicht zu erfüllen war er ausgesiebt worden
aus der Spreu der Verlorenen und Verdammten.




                              FAMILIENEHRE


Konsul Revelsen war der glänzend bezahlte Generalvertreter einer
europäischen Firma, die Weltruf hatte. Jedes Kind kannte ihn. Aus
hundert verschiedenen Gründen stand er bei der eingeborenen Bevölkerung
in derselben hohen Achtung wie der Gouverneur. Er war ein stattlicher
Mann und außerordentlich wohlbeleibt, was zu seinem Ansehen unter den
Indianern, die alle sehr mager sind, nicht wenig beitrug.

Seine Gattin hielt auf eine gute – ach, was sage ich da! – hielt auf
eine unvergleichliche Küche, die Konsul Revelsen, um seine Frau nicht zu
kränken, so sehr schätzte, daß seine Leibesfülle beängstigend wurde.

Die gute Küche verlangte gute Köchinnen, und Senjora Revelsen besaß die
seltene Gabe, unter ihren indianischen Mädchen die talentierteste
herauszufinden, die dann, wenn sie zur Oberpriesterin im Allerheiligsten
geweiht worden war, wie eine kostbare Kristallvase behandelt wurde.
Diese beneidete und von ihren Stammesangehörigen mit Ehrfurcht
betrachtete Stellung hatte jetzt Teofilia inne.

Teofilia hatte sich als Kind eines Tages elternlos gefunden. Ob die
Eltern gestorben oder abgewandert oder zwei neue Familien gegründet
hatten, ist nie bekannt geworden. Teofilia wurde in die Hütte ihres
kinderlosen Onkels aufgenommen. Trotzdem weder Onkel noch Tante in die
Arbeit sehr verliebt waren und infolgedessen in Verhältnissen lebten,
die selbst unter diesen Leuten als sehr bescheidene angesehen werden,
fand Teofilia hier eine wahre Heimat. Sie liebte Onkel und Tante und
deren Freundeskreis mehr, als sie je ihre Eltern geliebt hatte. Mit
dreizehn Jahren kam Teofilia zur Stadt und fand in einem europäischen
Hause Stellung. Sie arbeitete sich immer höher hinauf, bis sie es zur
höchsten Würde gebracht hatte, die einem Mädchen ihrer Herkunft nur
unter den allerglücklichsten Voraussetzungen offenstand: Köchin bei
Senjora Revelsen.

Onkel und Tante zogen in ein Dorf ganz nahe der Stadt, um sich am Glanze
ihrer Nichte zu sonnen, noch weniger zu arbeiten als bisher und die
Krümelchen, die von den zahlreichen Seitentischen des großen Mannes
fielen, als unzerstörbare Basis ihres Lebensunterhaltes zu betrachten.

Eines Vormittags kam Senjora Revelsen in die Küche, und sie fand
Teofilia auf einem Stuhl zusammengebrochen, in Tränen zerfließend.

Mit einem Aufschrei, in den die weiblichen Angehörigen dieses Volkes
eine Welt voll Seelenstimmung legen können, fiel Teofilia ihrer Herrin
zu Füßen.

„Oh, geliebte Senjora, oh, angebetete Herrin, warum stürzt nicht der
Himmel herunter! Oh, warum berstet nicht die Erde, mich in meinem
Unglück zu verschlucken! Warum haben die Heiligen, die ich anspeie – oh,
heilige Maria Mutter Gottes, vergib mir diese Todsünde –, oh, warum
haben diese mir das angetan!“

Dabei wandte sich Teofilia auf dem blanken Küchenboden herum, als ob sie
in der Tat sich zum Mittelpunkt der Erde hindurcharbeiten wolle, um von
ihrer Qual erlöst zu werden.

Um einen Fehltritt mit Folgen handelte es sich nicht. Senjora Revelsen
wußte aus reicher Erfahrung, das wird nicht tragisch genommen, sondern
wird abgemacht mit derselben Geste, mit der man eine unvorsichtig
beigebrachte Schnittwunde am Finger behandelt.

„Was ist es denn?“ fragte sie mütterlich. „Ist Mariano – hat er sich
eine andere genommen?“

„Zur Hölle mit dem eiterbeuligen Hund! Er war gestern wieder besoffen.
Ich hasse ihn und spucke ihn an, diesen aussätzigen Coyote.“

Also eine Liebesgeschichte war es auch nicht.

„Wollen Sie es mir nicht sagen, Teofilia, was ist es denn? Vielleicht
kann ich helfen.“

In dem Schluchzen und Stöhnen Teofilias entstand plötzlich eine
effektvolle Kunstpause, die wie eine beängstigende Stille etwas
Grausiges vorbereitet, das mit einem gewaltigen Donnerschlag beginnt.

Und in der Tat, es erfolgte ein Donnerschlag, wie ihn in solcher
Ursprünglichkeit Himmel und Erde nicht hervorbringen können. Teofilia
richtete sich halb vom Boden auf, als ob sie erst die Lungen ganz
vollpumpen müsse. Dann warf sie die Arme hoch in die Luft und den Kopf
in den Nacken und schrie: „Mein Onkel ist mu–errrrrr–tooooooooo!“

Instinktiv ging Senjora Revelsen einen Schritt zurück, lehnte sich fest
gegen den Türrahmen und hielt sich mit nach hinten geworfenen Händen an
den Türpfosten fest. Sie hatte das Empfinden, als ob das Haus in seinen
Grundfesten erschüttere, und mit einem verstörten Blick sah sie rasch
nach den Fensterscheiben. Es überkam sie ein so träumendes dumpfes
Gefühl, als müßten wenigstens die Fensterscheiben gesprungen sein. Denn
der Schrei Teofilias kam nicht von dieser Welt, in denen die Gefühle und
Empfindungen der kaukasischen Rasse wurzeln.

Man falle nicht in den Irrtum, anzunehmen, daß diese Gefühlserregung
Teofilias Komödie oder Verstellung war, um vielleicht das Mitleid ihrer
Herrin wachzurufen. Dieses Stadium der Zivilisation, wo man mit
vorgetäuschten Gefühlen Geschäfte macht, Geldgeschäfte oder
Gefühlsgeschäfte, haben die Indianer noch nicht erklommen. Ihre
Äußerungen des Schmerzes oder der Freude sind noch echt, wenn sie uns
auch manchmal gekünstelt oder übertrieben erscheinen, weil sie in andern
Instinkten wurzeln.

Teofilia erhielt sofort zwei Tage Urlaub, um ihren Onkel sicher und
angemessen unter die Erde zu bringen; denn die Verstorbenen werden des
Klimas wegen meist sofort am selben Tage oder am nächsten Morgen
beerdigt.

Teofilia erhielt ferner zehn Pesos Vorschuß. Trotz ihres hohen Lohnes
war sie immer in Geldnöten, weil sie all ihr Geld in seidenen Strümpfen,
modernen Halbschuhen, Ohrringen, Halskettchen, Stierkämpfen,
Lotterielosen und einer Unmasse kostspieliger Parfüme und Seifen
anlegte.

Wenn einem Familien- oder Stammesangehörigen von einem der vielen
Dienstboten des Konsuls Revelsen irgend etwas zustieß, was immer es auch
sein mochte, so wandte er sich, um das Unheil abzuwenden oder wenigstens
abzuschwächen, naturgemäß zuerst an die Heiligen, dann an die Heilige
Jungfrau, und wenn die nicht helfen konnten oder nicht mochten, dann an
Gottvater selbst. Wenn auch der in der Sache nichts tun konnte, dann
wendeten sie sich vertrauensvoll an den, der allmächtiger war als alles,
was im Himmel, auf Erden und unter der Erde ist. Und das war – kein
Zweifel darüber – Senjor Konsul Revelsen. Es gab nur einen Fall im
Erdendasein jener Indianer, die in naher oder ferner, oft in nebelhaft
ferner Beziehung zu seinem Hause standen, wo auch Senjor Revelsen nicht
mehr helfen konnte, und das war, wenn ein Indianer tot war, so tot war,
daß man es bereits zwei Straßen weit roch. Solange er noch nicht roch,
konnte Senjor Konsul immer noch erfolgreich eingreifen.

Teofilias Onkel roch noch nicht, denn er war erst vier Stunden tot. Aber
kein Gott und kein Senjor Revelsen konnte ihn mehr erwecken; denn er
hatte das Schilfdach seiner Hütte ausbessern wollen, war durch das Dach
gestürzt, mit dem Fuß in einer Sparre hängengeblieben, dann
runtergefallen und hatte sich dabei das Genick gebrochen.

Am nächsten Morgen, noch lange vor Frühstück, erschien Teofilia schon
wieder in der Küche. Als Senjora Revelsen sie fand, weinte das Mädchen
herzzerbrechend und war nicht zu beruhigen.

„Wie war das Begräbnis, Teofilia?“ erkundigte sie sich teilnehmend.

Und von Schluchzen und Tränenströmen unausgesetzt unterbrochen, erzählte
Teofilia: „Oh, geliebte Senjora, wir haben ihn nicht begraben können,
meinen armen guten Onkel. Seine Hose ist so alt und hat so viele
verschiedenfarbige Flicken, und er hat kein ganzes Hemd. Wir können ja
niemand von den Bekannten hereinlassen und ihn sehen lassen, wir müßten
uns ja zu Tode schämen. Wie könnte ich meinem lieben guten Onkel, der
immer so gut zu mir war, eine solche Schande antun? Das würde er mir in
der Ewigkeit nicht vergessen, daß ich ihm gegenüber eine solche
Undankbarkeit gezeigt habe. Und wenn wir ihn heimlich begraben, ohne daß
alle Bekannten ihn gesehen haben, würde er keine Ruhe finden in seinem
Grabe.“

Wie sich Teofilia den Ausgang der Angelegenheit dachte, war nicht
festzustellen. Irgendeinen Gedanken oder Plan hatte sie nicht. Aber in
ihrer Hilflosigkeit hatte sie, wie in einem Dämmerzustande, den Weg zu
jenem Hause gefunden, wo Hilfe und Rat aufgespeichert lagen, von deren
Art sie keine Vorstellung hatte. Es war wie ein rührendes Gottvertrauen,
das sie zu der Küche trieb.

Senjora Revelsen wußte sofort, was zu tun sei. Sie ließ die
verzweifelnde Teofilia für einen Augenblick allein und eilte zu ihrem
Gemahl, mit dessen Hilfe der Rat zur Tat wurde. Es dauerte keine zehn
Minuten, da war Senjora Revelsen wieder in der Küche; und nach weiteren
zehn Minuten verließ Teofilia so strahlend und so leicht beschwingt das
Haus, als hätte sie das sichere Mittel in der Hand, ihren Onkel in das
rauhe Leben zurückzurufen. Ob sie es in diesem Überschwang ihrer
Seligkeit getan hätte, ist freilich sehr in Frage zu stellen, denn die
Wiedererweckung des Onkels hätte eine grandiose Begebenheit unmöglich
gemacht. Unter ihrem Arm trug sie, sauber verschnürt, einen fast noch
neuen Frackanzug des Konsuls Revelsen, dem seine Anzüge immer sehr rasch
zu eng wurden. Teofilia hatte nicht nur den vollständigen Frackanzug,
sondern alles, was dazu gehörte: Lackschuhe, seidene Socken, ein
seidenes Frackhemd, einen blendendweißen Kragen, einen weißen seidenen
Schlips und weiße Handschuhe. Auf dem ganzen Wege hatte Teofilia nur
einen Gedanken: Wenn doch das nur der Onkel sehen könnte, wenn er nur
für zwei Minuten die Augen aufmachen könnte, um die unvergleichlich
schöne Leiche zu sehen, die er darstellt, und alles, was seine Teofilia
für ihn getan hat! Aber das Leben geht andere Wege, als wir armen
Menschen denken.

Am späten Nachmittag war Teofilia wieder in der Küche, verweinter und
verzweifelter als je. Senjora Revelsen setzte das auf Kosten der
Nachwehen des soeben stattgefundenen Begräbnisses, und sie sagte
mitleidig zu Teofilia: „Nun hat der gute arme Onkel seine verdiente
Ruhe, Gott wird ihm seinen Frieden geben!“

Jedoch ein aus tiefster Tiefe kommender Schrei des Schmerzes einer zur
Verzweiflung treibenden Menschenseele leitete eine Erzählung ein, die
man nur denen der antiken Tragödien als ebenbürtig an die Seite stellen
kann: „Oh, angebetete Senjora, wie reich haben Sie mich beschenkt! Wie
hoch haben Sie, holde Senjora, meinen guten Onkel geehrt mit jenem
wundervollen Anzug! Aber der Anzug paßt ihm nicht! Der Onkel ist ja so
sehr mager, und Ihr Senjor ist so sehr fett. Wir haben ihm den schönen
Anzug angezogen, haben dann aber den Onkel nicht mehr wiedergefunden.
Wir hätten die Tante und meinen andern Onkel noch dazupacken können und
immer noch Platz übrigbehalten. Ich habe für einen Peso
Sicherheitsnadeln gekauft, und wir haben den Anzug überall gesteckt,
aber als es fertig war, konnte niemand sehen, was für einen schönen
Anzug der Onkel hatte. Nun haben wir die Bekannten nicht hereinlassen
können, und wir wissen nicht, was wir mit dem Onkel machen sollen, weil
wir ihn nicht begraben können, ohne daß ihn die Leute gesehen haben.“

Senjora Revelsen fragte sofort bei bekannten Familien an. Es war jedoch
kein anderer Anzug aufzutreiben, der die Wünsche Teofilias befriedigt
hätte.

Vollständig gebrochen, den Todesstachel scheinbar tief im Herzen
sitzend, schleppte sich Teofilia in die heimatliche Hütte zurück. Da
auch der Allmächtigste der Allmächtigen hier keine Hilfe spenden konnte,
bestand für Teofilia kein Zweifel, daß das Ende der Welt noch vor morgen
früh erfolgen würde.

Die nächsten drei Tage hörte Senjora Revelsen nichts mehr von ihrer
Köchin. Sie setzte infolgedessen Teofilia auf die Verlustliste. Jedoch
als Senjora Revelsen am folgenden Morgen sehr frühzeitig in der Küche
erschien, fand sie Teofilia bereits anwesend und arbeitend, als wolle
sie in einer Stunde alles einholen, was sie in den verflossenen Tagen
versäumt hatte. Das Frühstück war beinahe fertig, und es hatte alle jene
kleinen Raffiniertheiten, die Senjor Revelsen so sehr liebte.

Teofilia strahlte und blühte. Die Seligkeit, die in ihr brannte, schien
sie zersprengen zu wollen: „Oh, angebetete, oh, allergnädigste und
huldreichste Senjora, das war ein Begräbnis! Das – war – ein –
Begräbnis! Alles spricht davon. Ich habe doch hier so geweint, weil der
herrliche Anzug nicht paßte. Da habe ich Ihnen doch recht große
Undankbarkeit gezeigt. Ich bin wert, daß Sie mich gleich auf der Stelle
verfluchen. Am nächsten Morgen, als wir so recht traurig waren und nicht
wußten, was wir machen sollten, sahen wir auf einmal, daß der Onkel
angefangen hatte, aufzuschwellen. Wir warteten, und am darauffolgenden
Tage war er noch viel mehr geschwollen, und endlich war er so dick, daß
ihm der Anzug paßte, als ob er für ihn gemacht worden sei. Da haben wir
alle Verwandten und Bekannten hereingerufen, und die haben nur immer
gestaunt und gestaunt über die wunderschöne Leiche, und sie haben
gesagt, so eine schöne Leiche habe noch nie jemand gesehen. Und alle,
die Onkel sahen, sagten, er sehe genau so aus wie Ihr Mann, Senjora, und
wenn man ihn so ruhig, so fett und so schön daliegen sehe, könne man
wahrhaftig meinen, es sei der Konsul Revelsen persönlich, der da
aufgebahrt liege.“




                           EIN HUNDEGESCHÄFT


Eines Tages kam der Indianer Ascension zu mir und fragte mich, ob er
denn nicht einen von meinen kleinen jungen Hunden haben könne. Ich hatte
fünf und wäre froh gewesen, wenn ich drei hätte loswerden können.

„Sie können ganz gewiß einen haben“, sagte ich. „Welchen möchten Sie
denn?“

Die kleinen Hunde spielten mit ihrer Mutter gerade vor uns im Sande.

„No le hace, das ist mir ganz gleich“, sagte Ascension. „Geben Sie mir
einen, welchen Sie wollen, Senjor.“

Ich nahm so einen kleinen Wicht beim Wickel und reichte ihn Ascension.
Er hätschelte ihn gleich und freundete sich mit ihm an. Ich hatte ja
nicht die Absicht, viel für den Hund zu verlangen. Aber mit dem
Wegschenken muß man sehr vorsichtig sein. Das wird immer falsch
verstanden. Hätte ich ihm den Hund geschenkt, dann wären eine halbe
Stunde darauf alle Männer und Jungen des Dorfes gekommen, um einen Hund
von mir geschenkt zu erhalten. Diejenigen nun, denen ich keinen hätte
geben können, weil ich ja nur drei hergeben wollte, würden mich gefragt
haben, warum ich denn den Hund gerade Juan gegeben habe und nicht Pedro,
warum Elicio und nicht Atanasio, was mir denn Elicio je Gutes getan
hätte, daß ich ihm den Hund gegeben hätte, während mir doch Nazario
gestern erst einen halben gekochten Kürbis gebracht habe. Und wenn ich
schon damit begann, einen kleinen Hund wegzuschenken, so kam morgen
vielleicht ein Mann und sagte mir, ich könnte ihm doch gut eine von den
kleinen Ziegen geben oder eins der kleinen Schweinchen. Es sind solche
Erfahrungen, die einen lehren, alle Handlungen und Geschäfte, die man
vorhat, klug zu überlegen.

„Das Hündchen kostet einen Peso“, sagte ich nun zu Ascension.

„Das ist viel zu teuer für so einen kleinen Hund“, sagte darauf der
Indianer. „Er kann ja noch gar nicht richtig bellen.“

„Wenn Ihnen der Perrito zu teuer ist, dann mögen Sie den dort haben“,
ich packte einen andern von den kleinen Burschen, „der kostet nur
achtzig Centavos, vier mal zwanzig Centavos.“

Der Hund war genau so gut wie der für einen Peso.

„Oder“, ich ergriff wieder einen andern, „Sie können auch den hier
haben, der kostet nur acht Reales.“ Acht Reales sind ein Peso.

„Nur acht Reales?“ fragte Ascension erstaunt. „Das ist aber einmal
billig. Wie können Sie nur so billig einen so schönen Hund hergeben?“

„Ich tu das auch nur für Sie, Ascension, ein anderer Mann müßte mir
wenigstens zwölf Reales dafür bezahlen.“

Nachdem er eine Weile nachgedacht hatte, sagte er: „Ich nehme aber doch
lieber den Hund für einen Peso. Das ist ja sehr teuer, mucho dinero,
aber er ist der beste Hund, der tapferste. Er macht einen guten Beller,
das sehe ich jetzt schon.“

Er nahm den Hund auf, nestelte ihn in seinen Arm, sagte „Adios, Senjor!“
und wollte gehen.

„Oiga, Ascension, hören Sie einmal, was ist denn mit dem Peso? Ich habe
Ihnen doch gesagt, der Hund kostet einen Peso.“

Ascension blieb ganz unschuldig stehen: „Einen Peso? Ja, das ist ganz
richtig, seguro, einen Peso. Sie haben das gesagt, einen Peso.“

„Und den Peso müssen Sie mir jetzt geben, Ascension, oder Sie können den
Hund nicht mitnehmen.“

„Was sind Sie denn nun eigentlich?“ fragte Ascension, ohne den Hund
niederzusetzen. „Sind Sie denn nun eigentlich ein Christ, oder sind Sie
ein böser Heide? Das glaube ich doch nicht von Ihnen. Sie sehen doch,
wie sehr der Hund mich liebt.“

Das war nicht ganz richtig. Das Hündchen strampelte und wehrte sich und
wollte wieder zurück zu seiner Mutter.

„Sehen Sie denn nicht, Senjor, daß der tapfere Hund immer an mein
Gesicht heran will, weil er mich liebt und nicht mehr von mir fort
will?“

Ich mußte das Gespräch wieder auf den Kernpunkt zurückführen, denn ich
erkannte seine Absicht, die Rechtslage zu verwirren und sie zu jenem
Punkt zu führen, wo er von mir einen Peso verlangen wird, daß er den
Hund überhaupt zu sich nach Hause trägt.

„Haben Sie einen Peso bei sich?“ fragte ich ihn nun.

„Nein, ich habe natürlich keinen Peso bei mir.“

„Dann müssen Sie den Hund wieder hergeben und erst einen Peso bringen“,
sagte ich und nahm ihm das Hündchen wieder ab.

Er war keineswegs gekränkt. Er blieb noch eine Weile stehen, sah den
spielenden Hunden zu, redete noch einige nebensächliche Dinge und
trottete dann seiner Wege.

Am nächsten Morgen, sehr frühzeitig, war Ascension wieder bei mir.

„Wer kocht Ihnen denn Ihre Frijoles?“ fragte er.

„Die koche ich mir selbst.“

„Wer macht Ihnen denn die Tortillas?“

„Die mache ich mir auch selbst.“

Er schüttelte den Kopf. Er stand einer ihm völlig fremden Welt
gegenüber. Für ihn war es unbegreiflich, daß ein Mann allein leben
konnte, daß ein Mann sich sein Essen selbst kochte, seine Wäsche selbst
wusch. Selbst die indianischen Soldaten der Armee haben alle ihre Frauen
in der Nähe, und bei Truppentransporten müssen die Frauen alle
mitgenommen werden.

Nun sah er mich eine Weile an und sagte dann: „Sie sehen gar nicht gut
aus, Senjor. Sie haben gar kein Fett an sich. Wie ein ganz mageres
Hähnchen. Ich glaube nicht, daß Ihnen das gut tut. Wissen Sie, Sie
können sehr leicht krank werden, wissen Sie das auch?“

„Krank? Ich? Warum?“

Er wartete und schien zu überlegen, was oder wie er das Was sagen
sollte.

Endlich war er mit der Form, in der er seinen Gedanken ausdrücken
wollte, einig: „Ja, krank, das meine ich. Man kann sehr leicht krank
werden, wenn man ganz allein wohnt wie Sie. Das geht nicht. Ich will
Ihnen auch sagen, was Ihnen fehlt. Es fehlt Ihnen jemand, der Ihnen die
Frijoles kocht und die Tortillas klatscht. Das fehlt Ihnen, amigo.“

„Ich werde ganz gut allein fertig“, sagte ich.

„Das werden Sie nicht, Senjor. Mir können Sie so etwas nicht erzählen.
Ich bin ein ausgewachsener Mann. Kennen Sie meine Tochter Feliciana?“

„Nein.“

„Meine Feliciana ist siebzehn Jahre, ein starkes und gesundes Mädchen,
meine Feliciana. Das ist sie. Und sie ist ein sehr hübsches Mädchen. Sie
badet sich zweimal in der Woche in der großen Tonne. Das tut sie. Sie
hat sehr schönes langes und dickes Haar. Das kämmt sie jeden Tag
zweimal, und sie nimmt sich sehr viel Zeit dazu.“

„Das ist Ihre Feliciana? Bueno, aber warum erzählen Sie –?“

Er ließ mich meine Frage nicht beenden: „Meine Feliciana kocht die
Frijoles und überhaupt alles viel besser als meine Frau. Sie kann viel
mehr kochen. Sie kann auch viel besser zählen als ich. Und Sie werden es
gewiß nicht glauben, aber es ist die reine Wahrheit, sie kann sogar
ihren Namen schreiben. Ja, das kann die Feliciana.“

Die Hunde spielten dicht vor unsern Füßen herum. Ascension bückte sich
nun und hob einen der kleinen auf, den er gestern schon in der Hand
gehabt hatte.

„Das ist der kleine Beller, den Sie mir für einen Peso verkaufen
wollen?“ fragte er nun.

„Ja, das ist er. Der kostet einen Peso und nicht einen einzigen
Centavito weniger. Der ist sehr tapfer und kann gut bellen.“

„Das glaube ich auch jetzt beinahe, er hat einen guten starken Mund, und
die Zähne sind schon tüchtig spitz und scharf. Ich glaube, daß er schon
bald einen Banditen beißen kann. Einen Peso, sagen Sie, Senjor, einen
Peso und nicht einen Centavito weniger? Das ist teuer, sehr teuer.“

„Sie dürfen den Hund ruhig hierlassen, ich will ihn gar nicht
verkaufen“, sagte ich.

„Was die Feliciana ist, meine Tochter“, begann er nun wieder, „die macht
eine sehr gute Köchin. Ich kann Ihnen das schwören bei Corpus Christi.
Sie verlangt nicht viel Lohn. Sechs Pesos den Monat. Und sie kocht gut,
und sie tut alle Arbeit. Sie läuft auch nicht fort. Freilich, drei Pesos
Lohn muß ich voraushaben, sonst kommt sie nicht. Ich habe eine Menge
Ausgaben für sie. Wenn Sie mir jetzt diese drei Pesos hier bezahlen,
dann schicke ich sie rauf. Sie kann tüchtig arbeiten.“

„Nein“, sagte ich, „die drei Pesos gebe ich Ihnen nicht. Ich kenne die
Feliciana gar nicht, weiß auch nicht, ob sie arbeiten will. Aber wenn
Sie denken, daß Sie eine gute Köchin ist, dann will ich sie für einen
Monat zur Probe nehmen. Aber ich zahle nicht voraus. Nach zehn Tagen
bekommt sie ihre zwei Pesos, und nach weiteren zehn Tagen wieder zwei
Pesos. Viel Arbeit hat sie ja gar nicht zu tun, ich bin ja auch den
ganzen Tag draußen auf meinem Acker.“

„Das weiß ich alles sehr gut“, sagte Ascension, „sonst könnte sie auch
nicht für sechs Pesos arbeiten, und sie müßte wenigstens sieben Pesos
haben. Also Sie wollen mir nicht die zwei Pesos vorausgeben, Senjor?“

„Nein.“

„Aber vielleicht einen Peso, Senjor. Ahora! Mire! Nun sehen Sie doch
einmal hier, ein Peso ist doch ganz wenig, gerade nur ein kleines
Stückchen Geld. Das können Sie mir doch leicht vorausgeben. Feliciana
kann auch tüchtig waschen. Sie versteht das gut, sie spart auch sehr mit
dem Fett, wenn sie kocht. Für ein paar Centavos kann sie ein gutes Essen
kochen. Die kann für einen Peso, nun warten Sie einmal, also sie kann
für einen Peso zwanzig Comidas, denken Sie nur, zwanzig Mittagessen
kochen. Wissen Sie, was Senjora Porragas in ihrer Fonda für ein einziges
Mittagessen verlangt? Das wissen Sie nicht. Aber ich weiß es ganz genau,
Jacinto hat es mir erzählt; sie verlangt für ein einziges Mittagessen
fünfunddreißig Centavos. Von solchem Gelde kann Feliciana mehr als zwölf
Mittagessen kochen.“

Während ich vorher nie an eine Köchin gedacht hatte, so war es mir
während der langen Unterredung doch so nach und nach in den Sinn
gekommen, daß ich unbedingt eine Köchin brauchte. Sie würde mir eine
ganze Menge Arbeit abnehmen, und ich könnte meine Gedanken auf andere
Dinge lenken als auf Hausarbeit, die mir viel Zeit wegnahm. So sagte ich
denn schließlich: „Gut, ich werde Feliciana als Köchin annehmen.“

„Das habe ich doch gewußt, daß Sie eine Köchin brauchen, Senjor“, sagte
nun Ascension mit großer und überlegener Sicherheit. „Denken Sie denn
nicht, daß es nun anständig wäre, mir wenigstens einen Peso zu geben als
Vorausbezahlung für den Lohn?“

Ascension hatte im Grunde recht, dachte ich. Es ist nur billig, daß man
bei Anstellung einer Arbeitskraft ein Handgeld gibt. Man tut es ja
sogar, wenn man einen Esel kauft oder eine Ziege, warum soll man es dann
nicht mit gleicher Berechtigung tun, wenn man einen Menschen zur Arbeit
annimmt? Durch den Platzwechsel hat ja der Mensch gewisse Ausgaben
nötig.

„Oiga, Ascension“, sagte ich nun, „gut, ich will Ihnen einen Peso
vorausgeben auf den Lohn der Feliciana. Aber Sie müssen die Feliciana
nun auch gleich sofort heraufschicken, damit sie schon das Mittagessen
für heute kochen kann.“

„Auf der Stelle schicke ich sie rauf, die Feliciana“, sagte Ascension
mit einer Gebärde, als ob ich etwa an seiner Ehrlichkeit gezweifelt
hätte; „aber gleich sofort sage ich ihr, daß sie zu Ihnen hinaufgehen
soll. Ich werde ihr helfen, ihre Kleider und Schuhe in den Sack zu
packen, damit sie auch ganz schnell kommen kann.“

Ich ging ins Haus und brachte einen Peso heraus. Ich gab den Peso
Ascension und sagte noch einmal: „Also schicken Sie die Feliciana rauf
und sagen Sie ihr, daß ich auf sie warte im Hause und nicht auf das Feld
vorher hinausgehe.“

Ascension nahm den Peso, sagte: „Muchas gracias, Senjor!“, schob den
Peso in seine Hosentasche, drehte sich um und ging einige Schritte weit.

Als er etwa zehn Schritte gegangen war, blieb er stehen, drehte sich
wieder um und kam zurück.

Er ging auf die spielenden Hunde zu, hob den kleinen Hund, den er sich
ausgesucht hatte, auf und sagte: „Das ist doch der kleine tapfere
Beller, nicht wahr, Senjor?“

„Ja“, sagte ich zustimmend, „das ist ein kleiner tapferer Bursche, der
sicher einmal den Banditen das Fell tüchtig zerfetzen wird.“

„So sieht er aus“, sagte Ascension und nestelte das Hündchen in seinen
Arm. „Was sagten Sie, Senjor, wieviel das kleine winzige Hündchen kosten
soll? Er wiegt doch noch nicht einmal ein Kilo.“

„Der kostet einen Peso; ich kann nichts herunterhandeln lassen.“

„Das ist viel Geld für einen so kleinen Hund. Ich weiß nicht, wie ich
das machen soll. So viel Geld für einen kleinen Hund. Gut denn, Senjor,
ich will Ihnen einen Peso für den Hund bezahlen. Ich glaube nicht, daß
er einen Peso wert ist.“

Er suchte jetzt umständlich in seiner Hosentasche herum und brachte
endlich meinen Peso hervor.

„Hier ist der Peso, Senjor, für das kleine Hündchen“, sagte er. „Den
Hund habe ich nun von Ihnen gekauft. Adios, Senjor!“

Und fort ging er, mit dem Hund im Arm.

Ich wartete auf Feliciana. Aber sie kam nicht. Es waren nur etwa
fünfzehn Minuten bis zu ihrem Hause, und jetzt wartete ich bereits drei
Stunden. Ich mochte nun auch nicht aufs Feld hinaustrotten, weil sie ja
inzwischen vielleicht kommen konnte und mich dann nicht im Hause
antreffen würde. Endlich ging ich hinunter ins Dorf.

Als ich zu der Hütte des Ascension kam, spielte er mit dem Hunde.

„Pase, Senjor!“ sagte er sorglos, als er mich in der Tür stehen sah. Ich
trat näher, aber er schien nicht zu wissen, was ich von ihm wollte.

„Hören Sie, Ascension“, sagte ich ohne weitere Einleitung, „Sie haben
mir doch versprochen, die Feliciana sofort hinaufzuschicken.“

„Freilich habe ich das versprochen“, gab er unbekümmert zu, „und was ich
verspreche, das halte ich stets. Ich habe Feliciana sofort
hinaufgeschickt zu Ihnen.“

„Sie ist aber nicht gekommen.“

„Dafür kann ich nicht, Senjor“, sagte er achselzuckend, „ich habe die
Feliciana sofort hinaufgeschickt. Aber sie ist nicht gegangen. Sie sagt
mir dreist: ‚Du hast mir gar nichts zu sagen!‘ Was will ich denn da
machen! Ich habe sie sofort hinaufgeschickt.“

„Also dann scheint es mir, daß Ihre Feliciana nicht als Köchin zu mir
kommen will“, sagte ich.

„Ich habe sie sofort hinaufgeschickt, wie ich versprochen habe, ich bin
ein grundehrlicher Mensch.“

Ascension blieb bei seiner Rede und brachte keinen Wechsel hinein.

„Das nützt mir nichts“, behauptete ich, „sie ist nicht gekommen.“

„Aber, Senjor, ich kann sie doch nicht zu Ihnen ins Haus schleppen wie
eine kleine Ziege. Sie ist doch eine erwachsene Frau. Ich habe sie
sofort hinaufgeschickt.“

„Gut, dann müssen Sie mir sofort den Hund wieder zurückgeben,
Ascension.“

„Den Hund, Senjor?“ Ascension machte ein erstauntes Gesicht. „Aber haben
Sie denn ganz vergessen, daß ich Ihnen den Hund für einen Peso abgekauft
habe? Das ist jetzt mein Hund, den habe ich für einen Peso von Ihnen
gekauft.“

„Dann müssen Sie mir den Peso wieder zurückgeben, den ich Ihnen
vorausbezahlte auf den Lohn der Feliciana“, sagte ich.

„Den Peso, den Sie mir für die Feliciana bezahlt haben?“

„Ja, den Peso meine ich.“

„Aber, Senjor“, lachte nun Ascension, „den Peso habe ich Ihnen doch
zurückgegeben, als ich den Hund von Ihnen kaufte. Wissen Sie denn das
nicht mehr?“

Der Mann hatte recht. Er hatte mir den Hund abgekauft, und er hatte mir
auch den Peso, den ich vorausbezahlt hatte auf den Lohn der Feliciana,
zurückgegeben.

Ich konnte das nicht gut bestreiten, denn ich hatte ja den Peso in
meiner Hosentasche.




                             DER ESELSKAUF


In dem Indianerdorfe, in dem ich lebte, lief alles Getier, Rinder,
Ziegen, Schweine, Hühner und unzählige Hunde, frei herum. Irgendeinem
Tier einen Stall zu bauen, hielt man für überflüssige Arbeit. Die Tiere
fühlen sich hier alle viel wohler ohne Stall. Jeder Indianer kennt zudem
sein Vieh ganz genau, auch wenn es keine Brandmarke trägt.

Unter diesem Getier befanden sich viele Esel; denn jede Indianerfamilie
hatte wenigstens zwei Esel. Der Esel ist in Zentralamerika wichtiger als
eine gute Kuh. Das sah ich bald selbst ein, und ich beschloß, mir einen
Esel anzuschaffen, auf dem ich zu meinem Felde reiten konnte, und der
mir half, Holz und Feldfrüchte heimzuschaffen.

Ich bemerkte unter den herumlaufenden Eseln einen, der sicher keinen
Besitzer hatte. Er wurde nie geritten, nie beladen, und wenn er sich in
der Nähe einer Hütte sehen ließ, trieben ihn die Jungen fort oder
hetzten die Hunde auf ihn.

Man konnte es leicht verstehen, warum niemand von den Indianern sein
Besitzer sein wollte. Denn er war sehr häßlich. Das rechte Ohr stand
waagerecht heraus, und das linke Ohr hing schlaff herunter, weil es,
offenbar in des Esels weit zurückliegender Jugend, bei irgendeiner
Gelegenheit gebrochen war. An dem einen Hinterbein hatte er eine dicke
verhärtete Geschwulst, die von dem Biß einer Giftschlange oder dem Stich
eines Skorpions herrühren mochte. Infolge der merkwürdigen Stellung der
Ohren sah der Kopf sehr ähnlich dem eines Pariser Kunststudierenden.

Seine Unabhängigkeit und sein Vagabundenleben machten den Esel, der
männlichen Geschlechts war, zum Herrscher über alle andern Esel im
Dorfe, und er verfügte über die weiblichen Esel wie ein Despot.
Natürlich immer zu seinen Gunsten und immer mit Erfolg. Rücksichtslos
kämpfte er jeden Nebenbuhler nieder, und bei diesen Kämpfen machte er
nicht nur von seinen Hufen, sondern auch von seinen Zähnen brutalen
Gebrauch.

Einmal wurde er von zwei Indianerburschen mit Holz beladen, das der Esel
der beiden Burschen abgeworfen hatte, weil er glaubte, die Last sei zu
schwer für ihn, und er sich deshalb nicht verpflichtet fühlte, sie zu
schleppen. Der häßliche Esel jedoch nahm die Last auf, als sei sie nur
gerade Spielerei für ihn. Als er bei der Hütte der Burschen abgeladen
war, wollte er nicht mehr fort von der Hütte. Seine Sehnsucht war, einen
Herrn zu haben und eine Hütte, wo er das Recht hatte, während der
Mittagsglut im Schatten zu stehen, ohne daß ihn jemand mit Steinen
forttrieb. Die Jungen aber trieben ihn hinweg, nachdem er seine
Gelegenheitsarbeit getan hatte, weil sie nicht Besitzer eines so
grundhäßlichen Esels sein wollten.

Ich hatte den ganzen Vorgang mit angesehen, und ich wußte auch, daß
niemand im Dorfe den Esel haben wollte und niemand sich als seinen
Besitzer erklärte. Nun ging ich in die Hütte und fand den Vater der
beiden Burschen auf dem Boden hocken, einen Mango mit den Zähnen
abschälend.

„He, Boleo“, fragte ich, „wem gehört denn eigentlich der Hängeohresel?“

„Der gehört niemand, Senjor. Niemand im ganzen Dorfe. Auch mir nicht.
Der ist hier einmal zugelaufen oder vielleicht auch von einer
durchziehenden Karawane zurückgelassen worden. Quien sabe! Was weiß ich.
Der gehört niemand. Auch mir nicht.“

„Dann könnte ich doch eigentlich den Esel haben. Ich brauche notwendig
einen, und niemand hat einen volljährigen Esel zu verkaufen“, sagte ich
nun.

„Natürlich können Sie ihn haben, como no“, antwortete Boleo, „wir sind
alle recht froh, wenn der Esel jemanden kriegt. Dann bricht er uns
wenigstens nicht mehr in die Felder. Aber er ist sehr häßlich, muy feo.
Ich möchte ihn nicht anfassen, so häßlich ist er.“

„Da mache ich mir nichts daraus. Er ist stark und läßt sich gut reiten“,
erwiderte ich.

Dann ging ich heim, holte einen Lasso, fing mir den Esel ein und brachte
ihn zu meiner Behausung. Darauf lief ich zur Tienda, kaufte fünf Kilo
Mais und gab meinem neuen Arbeitsgefährten ein paar Hände voll Mais zu
essen. Er nahm den Mais – wohl den ersten seit langer Zeit – freudig und
dankbar entgegen und fühlte sich von jenem Augenblick an bei mir zu
Hause.

Am nächsten Tage ritt ich stolz auf meinem Esel auf mein Feld hinaus,
und auf dem Heimwege belud ich ihn mit einer schönen Last Kürbisse für
meine Ziegen. Der gute Esel wurde mir durch seine willigen Dienste nach
wenigen Tagen schon unentbehrlich. Dadurch, daß ich auf das Feld
hinausreiten konnte, war ich in der Lage, mehr zu arbeiten, und weil mir
das starke Tier solche Lasten von Feldfrüchten heimschleppen konnte,
bekamen die Ziegen besseres Futter und gaben mehr Milch.

So ging eine Woche vorüber.

Es war an einem Sonntagnachmittag, als ein Indianer zu meiner Hütte kam,
mich begrüßte und um Feuer für seine Zigarette bat. Dann sagte er mir,
daß es sehr heiß sei, daß er schwer zu arbeiten habe, daß sein jüngstes
Kind an Husten litte und daß seine beiden Kühe recht wenig Milch gäben.
Um mir das alles zu erzählen, war er nicht gekommen. Nach einer Weile
deutete er zu meinem Esel hinüber, der an Maiskolben kaute, und sagte:
„Das wissen Sie doch wohl, Senjor, daß dies da mein Esel ist?“

„Ihr Esel?“ fragte ich erstaunt. „Das ist nicht Ihr Esel. Der Esel
gehört niemand.“

„Da sind Sie aber doch im Irrtum, Senjor. Das ist wirklich und
wahrhaftig mein Esel, beim heiligen San Antonio. Aber wenn Sie ihn gern
haben wollen, will ich Ihnen den Burro verkaufen. Billig, muy barato,
fünf Pesos nur, hier in die Hand.“

Das war allerdings billig. Unter zwölf Pesos bekommt man schwerlich
einen Esel; häufig kosten sie sogar fünfundzwanzig bis dreißig Pesos.
Ich dachte, das beste ist, ich bezahle die fünf Pesos, dann bin ich
rechtmäßiger Besitzer des Esels und habe mit niemand etwas zu tun. Ich
handelte noch einen Peso herunter, und dann zog der Mann ab mit dem
Gelde und mit den Versicherungen, daß ich sein Haus und alles, was er
habe, als mein betrachten dürfe.

Es vergingen anderthalb Wochen, und als ich eines Spätnachmittags mit
meinem schwerbeladenen Esel müde vom Felde heimwanderte, begegnete ich
dem Indianer Rocio auf dem Wege.

Er sagte: „Buenas tardes, Senjor, viel Arbeit, mucho trabajo, verdad?“

„Gewiß“, antwortete ich und wollte weitergehen. Aber Rocio hielt mich an
und sagte: „Morgen brauche ich den Esel. Ich habe Holzkohle draußen im
Busch und muß sie hereinschaffen.“

„Welchen Esel meinen Sie denn, Rocio?“

„Den da.“ Dabei deutete er auf meinen Esel.

„Den können Sie morgen nicht haben“, gab ich zur Antwort. „Den brauche
ich morgen selbst.“

Rocio sah mich ruhig und unverwirrt an und sagte: „Das ist mein Esel.
Und ich denke doch nicht von Ihnen, Senjor, daß Sie, ein so vornehmer
und kluger Mann, einem armen Indianer, der nicht lesen und schreiben
kann, den Esel stehlen wollen.“

„Das ist aber mein Esel, Rocio. Den habe ich von Felipe für vier Pesos
gekauft.“

„Von Felipe, Senjor? Da will ich Ihnen nur sagen, der Felipe ist ein
gemeiner Schurke, ein Hurensohn, ein Lügner, ein Schwindler, ein Bandit,
ein Mörder und ein großer Hausanzünder. Der hat Sie betrogen und
belogen. Der hat keinen Funken Scham und gar keine Ehre. Der hat Ihnen
den Esel verkauft, und er hat doch ganz genau gewußt, daß dies mein Esel
ist, den ich selbst aufgezogen habe. Aber ich will Ihnen etwas sagen,
Senjor, ich bin ein ehrlicher und ein anständiger Mann, die Heilige
Jungfrau soll mich auf der Stelle mit den Pocken schlagen, wenn es nicht
wahr ist. Und ich will Ihnen gern den Esel für sechs Pesos verkaufen. Er
ist ja mehr als zwanzig wert; aber weil ich nicht ein solcher
niederträchtiger Schurke bin wie der Felipe, so will ich Ihnen den Esel
billig verkaufen, für zehn Pesos.“

„Sie haben doch soeben gesagt, für sechs Pesos.“

„Habe ich gesagt sechs? Wenn ich sechs gesagt habe, dann sollen Sie den
Esel auch für sechs Pesos haben. Ich bin kein Betrüger.“

Nun dachte ich aber doch, daß es vielleicht besser sei, erst einmal
genau festzustellen, ob Rocio nun auch wirklich der Besitzer sei, damit
nicht vielleicht morgen ein anderer Besitzer auftauche. Dazu ließ mir
aber Rocio keine Zeit. Er wollte sofort wissen, ob ich den Esel kaufe
oder nicht. Wenn nicht, dann würde er ihn hier auf der Stelle sofort
abladen und mich auch noch bei der Ortsbehörde wegen Viehdiebstahls
anzeigen, und dann käme ich ganz bestimmt in die Carcel, in das
Gefängnis.

Während wir uns noch herumstritten, kam ein anderer Indianer vorbei, den
ich ebenfalls kannte.

Rocio fiel ihn sofort an und fragte: „Hombre, Mensch, das ist doch mein
Burro hier? Ist das nicht mein rechtmäßiger Esel?“

„Freilich ist das dein Esel“, sagte der Mann, „claro, seguro, das kann
ich gut beschwören.“

Also da waren Zeugen. Rocio war im Recht. Ich handelte. Und als es
anfing, dunkel zu werden, waren wir auf drei Pesos und fünfzig Centavos
herunter. Er begleitete mich zu meinem Wohnbereich, wo er das Geld in
Empfang nahm und dann mit seinem Zeugen abwanderte, immerwährend
beteuernd und lamentierend, daß ich ihn bei dem Kauf schmählich übers
Ohr gehauen hätte, der Esel sei zehnmal mehr wert, aber gegen die
schlauen Weißen könne sich so ein armer unwissender Indianer ja nicht
verteidigen.

Es vergingen wieder mehrere Tage.

Als ich an einem Sonntagnachmittag an dem Hause des Bürgermeisters
vorüberkam, saß der Alkalde, der Bürgermeister, ebenfalls ein Indianer,
vor der Tür. Er rief mich an und bat mich, einen Augenblick näher zu
treten.

Er bot mir einen wackligen Korbstuhl an und erzählte mir einige Sachen
aus seiner Familie. Dann, als ich endlich gehen wollte, sagte er: „Wie
ist das eigentlich mit dem Esel?“

„Mit welchem Esel?“ fragte ich.

„Mit dem Gemeindeesel, den Sie da in Ihrem Hofe haben, und den Sie
reiten und arbeiten lassen.“

„Das ist mein Esel. Den habe ich gekauft“, sagte ich protestierend.

Der Alkalde lachte und antwortete: „Den Esel kann Ihnen niemand
verkaufen. Das ist der Gemeindeesel. Wenn Ihnen jemand den Esel
verkaufen kann, so bin das nur ich allein und niemand sonst.“

Ich begann zu erstarren.

Aber der Bürgermeister machte sich nichts daraus. Er sagte: „Der Felipe
und der Rocio, das sind die größten und die gemeinsten Spitzbuben und
Banditen. Das sind doch Mörder und Cabrones. Ich warte jetzt nur, bis
die Soldaten von der Municipalidad demnächst wieder hier vorbeikommen.
Dann lasse ich die beiden aber gleich verhaften, und da werde ich schon
schnell dafür sorgen, daß sie sofort erschossen werden. Solch ein
Gesindel habe ich hier im Dorfe.“

„Aber Rocio brachte einen Zeugen, der beschwören konnte, daß der Esel
dem Rocio gehörte“, verteidigte ich meinen Besitz.

„Das war der Capillo“, sagte der Bürgermeister. „Der ist der
allergefährlichste Bandit. Der hat Stacheldraht gestohlen. Den lasse ich
auch erschießen. Gleich zuerst. Ich warte nur auf die Soldaten. Wie
können denn diese Mörder und Hausanzünder und Frauenräuber den
Gemeindeesel an Sie verkaufen! Ich habe doch gedacht, daß Sie als ein
weißer Mann etwas klüger sein könnten. Gemeindeesel dürfen gar nicht
verkauft werden. Aber ich will Ihnen etwas sagen, Senjor. Sie haben den
Esel gern, das weiß ich. Und wir haben keinen einzigen Centavito in der
Gemeindekasse. Und da darf ich Ihnen schon den Esel verkaufen, damit wir
etwas Geld in die Gemeindekasse bekommen. Ich will Ihnen den Esel, der
ganz gut und ganz sicher zweimal zwanzig Pesos wert ist, für zehn Pesos
verkaufen, weil Sie ja schon diesen Halunken so viel Geld gegeben
haben.“

Schließlich einigten wir uns auf vier Pesos. Ich bezahlte das Geld, und
nun war ich endlich rechtmäßiger Besitzer des Esels. Für das Geld, das
ich bereits ausgegeben hatte, würde ich auch einen guten und schönen
Esel irgendwo bekommen haben. Von den beiden Halunken war natürlich
nichts wiederzukriegen.

Dann kam Senjora Sanchez, eine ältere Frau, Halbblut, wieder heim ins
Dorf. Sie war mehrere Wochen in Saltillo zum Besuch ihrer verheirateten
Tochter gewesen. Im Dorfe besaß sie eine kleine Fonda, in der
vorbeiziehende Karawanentreiber und Reisende zu übernachten und zu essen
pflegten. Sie war keine zwei Stunden anwesend, da kam sie vor meine
Hütte gerast wie eine Wahnsinnige. Am Stacheldrahtzaun stand sie und
schrie: „Kommen Sie sofort einmal heraus, Senjor, ich habe ernsthaft mit
Ihnen zu sprechen.“

Nach kurzer Überlegung hielt ich es für gut, sofort zu erscheinen.

Ohne „Guten Tag“ zu sagen, schrie sie: „Wo ist mein Esel? Sofort meinen
Esel her, oder ich schicke gleich zur Municipalidad, damit die Soldaten
kommen und Sie erschossen werden. Sie haben mir meinen Esel gestohlen!“

„Das ist der Gemeindeesel, den hat mir der Alkalde verkauft.“

„Der Spitzbube, der infame, wie kann Ihnen denn der Kindermörder und
Holzräuber meinen Esel verkaufen! Sofort will ich meinen Esel.“

Was soll man gegen eine halb wahnsinnige Frau machen? Ich gab ihr den
Esel. Sie nahm ihn in Empfang, schrie noch einmal: „Eine solche
Unverschämtheit!“, und dann gab sie dem Esel einen Tritt und ließ ihn
seiner Wege ins Freie ziehen. Sie hatte keine Verwendung für den Esel,
und sie gebrauchte ihn nie.

Ich wollte wenigstens das retten, was ich schon gezahlt hatte, und ich
fragte zaghaft, ob sie mir nicht den Esel verkaufen wolle. Denn sie war
der rechtmäßige Besitzer. So konnte nur der auftreten, der zweifelsohne
im vollen Recht war.

„Einem solchen Viehräuber, wie Sie einer sind, verkaufe ich meinen Esel
nicht einmal für tausend Pesos. Spitzbubengesindel, Ihr!“ Und fort war
sie.

Ich trabte zum Bürgermeister. Er wußte schon, was los war. Das geht
schneller als mit Telephon.

„Das ist, glaube ich, richtig“, sagte der Mann. „Der Esel gehört der
Senjora Sanchez. Aber sie war ja nicht hier. Sie war verreist. Und dann
war das doch der Gemeindeesel, weil sie ja nicht hier war.“

„So genau kenne ich Ihre Spezialgesetze nicht“, erwiderte ich. „Aber ich
möchte doch meine vier Pesos wiederhaben, die in der Gemeindekasse
sind.“

„Die stehen Ihnen nun auch rechtmäßig zu“, sagte darauf der
Bürgermeister. „Aber die vier Pesos sind nicht mehr drin in der
Gemeindekasse. Ich habe sie ausgegeben. Für Gemeindezwecke.“

Gemeindezwecke? Ich hatte nichts davon gesehen, daß eine Straße geebnet
oder eine Brücke gebaut oder sonst etwas getan worden war, seit ich das
Geld in die Gemeindekasse gezahlt hatte.

Der Bürgermeister aber ersparte mir das Raten und sagte unschuldig: „Ich
brauchte ein neues Hemd, sehen Sie, Senjor, und ein Stück Leder für
meine Sandalen.“

Dagegen ließ sich nichts sagen. Da er der Bürgermeister war, so waren
das in der Tat Gemeindezwecke, für die er das Geld verausgabt hatte.
Denn ein Bürgermeister muß doch schließlich ein Hemd und ein Paar
Sandalen haben.

Ich hoffe zuversichtlich, daß diese Geschichte hier mich endlich
reinwäscht von der Beschuldigung, ich hätte irgendwo südlich des Rio
Grande einen Esel gestohlen. Jenes Gerücht geht von der Senjora Sanchez
aus, die mir nicht wohlgesinnt ist, weil ich nicht in ihrer Fonda
verkehre.




                               DIPLOMATEN


Während der Regentschaft des Diktators Porfirio Diaz gab es in Mexiko
weder Banditen, noch Rebellen, noch Eisenbahnüberfälle. Porfirio Diaz
hatte das Land von den Banditen auf eine sehr einfache und gut
diktatorische Weise befreit. Er hatte allen Zeitungen verboten, über
Banditenüberfälle auch nur ein Wort zu berichten, es wäre denn, daß der
Bericht von der Regierung selbst eingeschickt sei. Zuweilen hatte
Porfirio Diaz ein Interesse daran, daß über Banditen- und
Eisenbahnüberfälle berichtet wurde. Er wollte dann einem General, den er
für bestimmte politische Zwecke brauchte, um sich in der Herrschaft zu
erhalten, guten Verdienst zukommen lassen dadurch, daß er ihn mit seinen
Truppen in die Banditenregion schickte. Das brachte für den so
begünstigten General kleine Nebeneinnahmen von einigen zehntausend
Dollar. Wenn der General sein Geschäft abgeschlossen und das Geld in der
Tasche hatte – einkassiert bei allen Geschäftsleuten der Region, die den
Kampf gegen die Banditen zu bezahlen hatten auf Grund der Rechnungen
jenes Generals –, dann erschienen in aller Welt Berichte, daß der große
Staatsmann Porfirio Diaz abermals das Land von Banditen mit eiserner
Hand gesäubert habe, und daß fremdes Kapital in Mexiko so sicher sei,
als läge es in den Gewölben der Bank von England. Einige Dutzend
Banditen waren erschossen worden, darunter viele, die nicht Banditen
waren, sondern Landarbeiter, die sich zu rühren begannen, um das
grausame Joch der Latifundienbesitzer abzuschütteln. Ein halbes hundert
Namen anderer Banditen, die erschossen worden waren, wurden in den
Zeitungen veröffentlicht, um dem General das Einkassieren der Rechnungen
zu erleichtern. Jene Namen erschienen glaubhaft. Sie hatten nur den
Nachteil, daß sie keine Träger hatten, sondern daß sie der Sekretär des
Generals von Grabsteinen abgeschrieben oder sie sich einfach ausgedacht
hatte. Es wurden damals, mehr als heute, Zahlmeister, Manager und
Ingenieure der großen amerikanischen Kompanien in Mexiko in die Berge
verschleppt mit der Androhung, daß sie stückweise zu Tode gehackt
würden, falls nicht das Lösegeld für sie innerhalb von sechs Tagen zur
Stelle sei. Porfirio Diaz zahlte das Lösegeld an die Banditen, damit die
amerikanischen Zeitungen nichts erfahren sollten und so das fremde
Kapital abgeschreckt werden möchte. Dem befreiten Manne wurde noch ein
Sümmchen außerdem in die Hand gedrückt als Schmerzensgeld und
Schweigegeld. Aber Porfirio Diaz bezahlte das Lösegeld und das
Schweigegeld nicht aus eigener Tasche. Hätte er das getan, so hätte er
sich nicht den Ruhm verdienen können, daß er den Staatsschatz
außerordentlich ökonomisch verwalte. Darum kassierte er das verauslagte
Lösegeld und Schweigegeld von denselben amerikanischen Kompanien ein, zu
deren Gunsten – richtiger zugunsten des befreiten Angestellten jener
Kompanie – er es bezahlt hatte. Er verkaufte jenen Kompanien für teures
schweres Geld besondere Konzessionen und Kommuneland, das er den
Indianern wegnahm. Dadurch gewann er zwei neue Freunde, die an seiner
Diktatorschaft interessiert waren. Der eine neue Freund war die
begünstigte amerikanische Kompanie, der andere neue Freund war ein
mexikanischer Großgrundbesitzer, der dadurch, daß den Indianern das
Kommuneland weggenommen wurde, einen neuen Trupp von Heloten bekam, die
für drei Centavos arbeiteten – „del sol hasta sol“ – von Sonnenaufgang
bis Sonnenuntergang.

Was Zeitungen nicht berichten, existiert nicht. Besonders nicht für das
Ausland. So erhält ein Land immer seinen guten Ruf. Alle Diktatoren
arbeiten nach demselben Rezept.

Wie damals, so sind auch heute noch die Zeitungen in Mexiko – ohne
Ausnahme – in konservativen Händen, in den Händen der Angehörigen jener
Klasse, die die Diktatorschaft des Porfirio Diaz als das „Goldene
Zeitalter Mexikos“ preist. Und weil diese Klasse in Mexiko vor dem
Ansturm des indianischen und halbindianischen Proletariats zu wanken
beginnt, so sind heute die Zeitungen jener Klasse voll von Geschichten
über Banditen, Rebellen und Eisenbahnüberfällen; sie feiert jeden
schäbigen Meuchelmörder und jeden ehrlosen General, wenn es sich um
Individuen handelt, die der gegenwärtigen Regierung Schwierigkeiten
bereiten. Heute ist in Mexiko – nach der Aussage jener Zeitungen –
täglich die unbeschränkte Pressefreiheit in Gefahr. Unter der
Diktatorschaft des Porfirio Diaz wurde jedoch, trotz der strengen
Verbote, über Banditen zu berichten, von bedrohter Pressefreiheit nie
gesprochen. Denn damals gab es die wahre und allein richtige
Pressefreiheit, jene gepriesene Pressefreiheit, die im Interesse der
kapitalistischen Klasse wirkt und nur in deren Interesse Pressefreiheit
gestattet.

Trotzdem Porfirio Diaz alle Banditen nach seiner einfachen und wirksamen
Weise völlig ausgerottet hatte, kamen dennoch zuweilen Dinge vor, die
höchst peinlich wirkten und seinen schönen goldbronzierten Aufbau –
schöner und geschickter, als ein Potemkin es je vermocht hätte – in
Erschütterung zu bringen drohten.

                   *       *       *       *       *

Es sollte ein neuer Handelsvertrag zwischen Mexiko und den Vereinigten
Staaten abgeschlossen werden, oder der alte sollte erweitert werden. Bei
allen solchen Verträgen glaubte Porfirio Diaz stets, daß er der schlaue
Fuchs sei und der große Staatsmann; aber wenn es zum Ende kam und man
den Vertrag mit allen seinen Folgerungen genauer betrachtete, fand sich
immer, daß Mexiko gründlich geleimt worden war.

Die Regierung der Vereinigten Staaten sandte einen ihrer besten
Handelsdiplomaten; denn Mexiko ist von den Vereinigten Staaten immer als
eines der wichtigsten Länder in handelspolitischer Beziehung mit den
Vereinigten Staaten angesehen worden. Und Mexiko wird für ewig – in
Zukunft bei weitem mehr als in der Vergangenheit – das wichtigste Land
für die Vereinigten Staaten bleiben. Wichtiger als ganz Europa.

Porfirio Diaz, um den Diplomaten der nordamerikanischen Regierung gut
einzuseifen, um – wie er dachte – ihn nachher um so besser barbieren zu
können, und um ihm gleichzeitig zu zeigen, wie reich Mexiko sei und wie
reich seine Bevölkerung – die obere Klasse, weniger als ein halb Prozent
des Volkes – sei und wie kultiviert und zivilisiert, veranstaltete ein
luxuriöses Fest zu Ehren des nordamerikanischen Handelsdiplomaten.

Feste zu geben war etwas, was wohl selten ein Mann so gut verstanden hat
wie Porfirio Diaz. Das Fest, das er im Jahre 1910 der Welt gab, die
sogenannte Centenariofeier, die Hundertjahrfeier der Unabhängigkeit
Mexikos von Spanien, gehört zweifellos zu den größten öffentlichen
Festen, die bis heute auf dem amerikanischen Kontinent, um nicht zu
sagen auf Erden, gegeben worden sind. Das strotzte und strahlte nur
alles so in Gold, mit dem die Besucher aus fremden Ländern geblendet
wurden. Die Millionen an Dollars, die jenes Fest das mexikanische Volk
gekostet haben, sind nie gezählt worden. Die Besucher sahen nur jene
goldstrotzenden Fassaden. Es war in außerordentlich geschickter Weise
Vorsorge getroffen worden, daß kein fremder Besucher eine Möglichkeit
hatte, zu sehen, was eigentlich hinter den goldenen Fassaden war. Hinter
jenen Fassaden kauerten fünfundneunzig Prozent des mexikanischen Volkes
in Lumpen und Fetzen, hatten fünfundneunzig Prozent des Volkes keine
Schuhe oder Stiefel, lebten fünfundneunzig Prozent des Volkes nur von
Tortillas, Frijoles, Chile, Pulque und Tee aus Baumblättern, lebten mehr
als fünfundachtzig Prozent des Volkes, die nicht lesen, und mehr als
fünfundachtzig Prozent des Volkes, die nicht einmal ihren Namen
schreiben konnten. Wo in aller zivilisierten und unzivilisierten Welt
ist je ein solches Fest gefeiert worden! Und was für ein kleiner
mickriger Dorfmusikante war ein Fürst Potemkin gegenüber diesem großen
Fanfarenbläser Porfirio Diaz, dem anläßlich jenes Festes von allen
Königen und Kaisern die Brust so voll mit Orden und Kreuzen gehängt
wurde, daß sechzig vollbeladene Eisenbahnfrachtwagen nicht ausreichten,
jene Orden und Ehrenzeichen zu transportieren. So sieht ein goldenes
Zeitalter aus.

Man wird zugeben müssen, daß Porfirio Diaz Feste zu geben verstand. Und
das Fest, das er einige Jahre vorher jenem nordamerikanischen Diplomaten
gab, war eine angemessene Vorfeier jener gloriosen Fassadenbeleuchtung.

Das Fest zu Ehren des Diplomaten wurde gegeben im Schloß zu Chapultepec
in Mexiko City. Seit der Revolution ist jenes Schloß ziemlich verödet.
Feste werden dort nur sehr selten noch gegeben, weil das mexikanische
Volk heute wichtigere Dinge zu tun hat, als glänzende Feste zu feiern.
Das Schloß ist in der Hauptsache nur noch ein Museum für fremde
Touristen, die das Bett der Kaiserin Charlotte sehen wollen und es
abtasten, ob Charlotte auch weich genug darin geschlafen hat. Hier war
auch die Sommerresidenz des Kaisers der Azteken, dessen Bad noch zu
sehen ist und gut erhalten wurde. Obgleich das Schloß die offizielle
Wohnung des Präsidenten der mexikanischen Republik ist, so wohnen doch
die revolutionären Präsidenten selten dort. Präsident Calles hat nie im
Schloß gewohnt, sondern in einem schlichten Hause in der Nähe.

Aber unter Porfirio Diaz ging es lustig und herrlich im Schloß von
Chapultepec zu. Er mußte sich die kleine, aber sehr fette Aristokratie
des Landes warm und vergnügt halten, um an der Regierung bleiben zu
können, so wie andere Diktatoren sich den Papst warm halten, wenn die
Kapitalisten durch Geschäfte, die immer schlechter gehen, anfangen
einzusehen, daß eine Diktatur auch ihre Nachteile hat. Zu dem Feste, das
zu Ehren jenes Diplomaten gegeben wurde, war nur die Sahne der oberen
Gesellschaft Mexikos geladen worden, um den Eindruck auf den Diplomaten
zu vertiefen, wie elegant, wie zivilisiert, wie kultiviert und wie reich
die Mexikaner seien. Es strotzte von glänzenden Generalsuniformen. Und
Porfirio Diaz selbst, über und über mit Goldtressen und
Goldverschnürungen beklebt, beleimt und behangen, sah aus wie ein
Zirkusaffe, der die Hauptrolle in einer burlesken Operette spielt, deren
Geschehnisse sich in irgendeinem fabulösen Balkanlande abwickeln. Die
Damen waren mit Juwelen belastet wie das Hauptauslegebrett in dem
Schaufenster eines Juwelenhändlers in einer der elegantesten Straßen von
Paris zwischen zwei und sechs Uhr nachmittags. Alles in allem gesagt, es
war die erlesenste Gesellschaft, die Porfirio Diaz nur aufbringen
konnte.

Der nordamerikanische Diplomat war nicht zum ersten Male in seinem Leben
von seiner Regierung damit beauftragt worden, Handelsverträge mit
fremden Ländern durchzuberaten und abzuschließen. Nur wenige Zeit vorher
hatte er einen Handelsvertrag zwischen seinem Lande und England
geschickt zu Ende geführt. Bei diesem Vertrag hatte England, ohne daß er
oder die amerikanische Regierung das begriffen, den fetteren Bissen
erwischt, wie das England bei allen solchen oder ähnlichen Vorfällen
immer gelingt. Um den nordamerikanischen Diplomaten für diese gute
Arbeit auszuzeichnen und zu ehren und ihn so lange zu hypnotisieren, bis
der Handelsvertrag unterzeichnet und von den Parlamenten beider Länder
ratifiziert worden war, empfing ihn der König von England in
Privataudienz, und da er ihn nicht zum Ritter erheben konnte – ein guter
republikanischer Amerikaner läßt sich so etwas nicht gefallen –, verlieh
er ihm eine goldene Taschenuhr, reich mit Brillanten gespickt und
versehen mit schellenläutender und ehrenvoller Widmung und mit dem
eingravierten Namenszug Edward VII., König von England und Kaiser von
Indien.

Auf diese Uhr war der Diplomat natürlich sehr stolz, wie jeder gute
republikanische nordamerikanische Mann stolz darauf ist, wenn ihm ein
europäischer König oder Großherzog am Rockknopf gedreht hat. Denn es
kommt auf die erste Seite aller amerikanischen Zeitungen.

Es war ganz natürlich, daß der Diplomat auf jenem Feste diese Uhr Don
Porfirio zeigte. Don Porfirio fühlte sich außerordentlich geschmeichelt,
daß die nordamerikanische Regierung ihn für so wichtig hielt, einen so
bedeutenden Diplomaten, der vom König von England ausgezeichnet worden
war, nach Mexiko zu schicken, um mit ihm, mit Don Porfirio, einen neuen
Handelsvertrag zu beraten und zu beschließen. Dadurch fühlte sich
Porfirio Diaz hochgeehrt, denn er wurde ebenso wichtig betrachtet wie
der König von England. Solches Gleichstellen mit Königen und Kaisern
machte Porfirio Diaz für alles gefügig, eine Tatsache, die den
Regierungen aller fremden Länder und allen Diplomaten wohlbekannt war
und rücksichtslos, zum Unheil des mexikanischen Volkes, von allen
Regierungen und Diplomaten ausgenutzt wurde. Denn Porfirio Diaz war ja,
wie die Mehrzahl aller Diktatoren, nur ein Emporkömmling, der weder
durch seine Herkunft, noch durch seine Familie, noch durch seine
Erziehung, noch durch sein Geld, noch durch seine Begabungen ein
begründetes Recht hatte, von der Aristokratie des Landes zu den Ihrigen
gezählt zu werden. Die Eigenschaft, die am höchsten bei ihm entwickelt
war, hieß Eitelkeit.

Als er die Uhr betrachtete, überlegte er bereits, wie er das Geschenk
des Königs von England überbieten könne und in welcher Form, so daß alle
Länder der Erde davon hören und berichten konnten.

Die Uhr wurde natürlich auch von allen anwesenden Generalen betrachtet
und gebührend bewundert.

Nachdem die Begrüßungszeremonien und die Vorstellungsformalitäten
vorüber waren, begab man sich zu dem großen Bankett, wo viele gute Reden
über die vorzüglichen Beziehungen zwischen Mexiko und den Vereinigten
Staaten und zwischen Mexiko und allen anderen Ländern gehalten wurden
und wo jeder anwesende Diplomat sich seine Pflichtrede dadurch
erleichterte, daß er das goldene Zeitalter Mexikos pries, und besonders
den pries, der für das goldene Zeitalter Mexikos allein verantwortlich
war, und das war kein anderer als Don Porfirio.

Als nun auch das vorüber war, rüstete sich alles für den großen Ball,
der im Stil der Gesandtenempfänge in Paris heruntergetanzt wurde. Denn
Don Porfirio war ein Verächter alles dessen, was mexikanisch oder gar
indianisch war, und ein Bewunderer alles dessen, was französisch roch
oder dem Hofleben von Wien ähnlich sein konnte. Diese Bewunderung
reichte zuweilen hinan zu vollständiger Idiotie. Beweis: Das Opernhaus
in Mexiko.

Während einer Pause des Balls bemerkte der nordamerikanische Diplomat
plötzlich, daß seine wertvolle Ehrenuhr nicht mehr da war, wo sie
ursprünglich gewesen war. Bei längerem aufgeregtem Suchen fand er sie
auch in keiner anderen Tasche seines Frackanzuges. Und als er nachher
zusah, entdeckte er, daß die Uhr von der goldenen Kette, an der sie
gehangen hatte, sehr elegant abgeknipst worden war, und zwar, wie später
die Detektive feststellten, mit Hilfe einer Nagelschere.

Der amerikanische Diplomat hatte Takt genug, zu wissen, daß man so etwas
nicht erwähnt, wenn es sich um eine gewöhnliche goldene Uhr handelt, die
bei einem derart hochgeschraubten diplomatischen Fest verlorengeht. Man
gibt vielleicht dem Zeremonienmeister einen kleinen Wink. Wird die Uhr
gefunden, ist es recht; wird sie nicht gefunden, dann kommt sie auf die
Rechnung des Auswärtigen Amtes. Solche Vorfälle sind viel häufiger, als
der kleine Mann, der nie Zutritt zu Diplomatenbällen hat, glauben würde;
denn auch Diplomaten sind, mehr als man glaubt, häufig in
Geldschwierigkeiten, die sich oft nur in einer Weise beheben lassen, die
sich nicht ganz mit der guten Sitte, die man auf Gesandtschaftsbällen
erwartet, decken dürfte. Aber auch Diplomaten sind Menschen. Und wo der
ganze Beruf des Menschen darin besteht, einen anderen – meist ein ganzes
Volk – geschickt zu übervorteilen, schleicht sich leicht ein Manöver
ein, das rein persönlichen Zwecken dient. Es kommen auf diplomatischen
Empfängen genügend Perlenhalsbänder, Brillantenarmbänder und goldene
Uhren abhanden, daß die hohen Ausgaben für „besondere diskrete“ Budgets
der Auswärtigen Ämter gerechtfertigt erscheinen. Nicht jede Frau eines
Diplomaten hat Takt und besonders Geld und Laune genug, ihr
Perlenhalsband zu verschmerzen. Sie pfeift auf die Karriere ihres
Gatten, wenn das Halsband zehntausend Dollar gekostet hat, und sie droht
ernsthaft, Skandal zu machen und die Zeitungen zu unterrichten. Was
bleibt dem Auswärtigen Amt übrig? Das Halsband wird ersetzt.

Diese Uhr aber ließ sich nicht ersetzen. Daß ein Diplomat das
eigenhändige Geschenk des Königs von England so wenig schätzt, daß er
das Geschenk verliert, ist beinahe eine Beleidigung des Königs von
England. Es kann den Diplomaten Ruf und diplomatische Stellung kosten.
Nun darf man von einem amerikanischen Diplomaten ja auch nicht den Takt
erwarten, den ein französischer, englischer oder russischer Diplomat
besitzt. Der französische Diplomat würde eine geistreiche Ausrede dafür
finden, wie und auf welche Weise ihm die Uhr abhanden gekommen ist, eine
Ausrede, so fein und elegant, daß sie ihm in seiner diplomatischen
Karriere eher förderlich als hinderlich sein würde. Aber wir sind auf
diesem Gebiete noch Bauern und Schüler und machen darum Lärm. Der
Diplomat wünschte ja auch in seinen Klubs mit jener Uhr zu protzen. Und
wenn ihm die Uhr fehlte, so blieben ihm nicht viel andere Dinge, mit
denen er protzen konnte, und mit deren Hilfe er Gold auf Hand beweisen
konnte, daß er eine Privataudienz mit dem Könige von England gehabt
habe. Denn niemand gibt sich die Mühe, alte Zeitungen aufzuheben oder
durchzustöbern, um die Wahrheit jener Behauptung festzustellen.
Jedenfalls niemand im Klub. Und ein Zeitungsausschnitt kann von jedem
Druckerlehrling für zwei Dollar Entschädigung hergestellt werden.

Der amerikanische Diplomat, mit der unbekümmerten Robustheit in
Taktfragen, die seinem Volke eigen ist, ging sofort auf Don Porfirio zu
und bat ihn um eine kurze Unterredung mit Hilfe seines Sekretärs, der
Spanisch sprach.

„Entschuldigen Sie, Don Porfirio“, sagte der Diplomat, „es tut mir
aufrichtig leid, daß ich Sie belästigen muß, aber mir ist soeben meine
Uhr, die ich vom König von England geschenkt bekommen habe, hier im Saal
gestohlen worden.“

Porfirio Diaz verzog keine Miene. Er sagte nicht: „Das ist nicht
möglich!“ oder „Sollte das nicht ein Irrtum sein?“ Er kannte ja seine
Leute, und keiner wußte es besser als er, daß die Banditen nur in den
Zeitungsberichten ausgerottet seien, nicht aber im Lande; denn er hätte
ja zuerst einmal alle seine Generale und Gouverneure und Bürgermeister
und Steuerverwalter und Staatssekretäre erschießen müssen, wenn er alle
Banditen hätte ausrotten wollen. Und hätte er wirklich alle Banditen,
die es während seiner Regentschaft gab, erschossen, so wäre
wahrscheinlich kein einziger Mexikaner mehr übriggeblieben, den er hätte
regieren können. Die regierende Klasse raubte aus unersättlicher Habgier
und die nichtregierende Klasse aus bitterem Hunger.

So sagte Porfirio Diaz als Antwort zu jenem Diplomaten nur: „Seien Sie
nicht in Sorge, Exzellenz, es liegt hier offenbar nur ein kleiner Scherz
vor. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß Sie die Uhr innerhalb von
achtundvierzig Stunden wieder in Ihrem Besitz haben werden.“

Das Ehrenwort des Präsidenten. Porfirio Diaz konnte sein Ehrenwort
beruhigt geben. Denn wer Meister aller Banditen und Spitzbuben ist, wer
alle Banditen und Spitzbuben und deren Schliche und Wege so gut kannte
wie Porfirio Diaz, er selbst ein Meisterspitzbube in allen solchen
Dingen, wo es sich nicht gerade um gewöhnlichen Taschendiebstahl
handelte, der würde die Uhr schon entdecken.

Mit den höflichsten Worten verabschiedete endlich zu gegebener Stunde
Porfirio Diaz den nordamerikanischen Diplomaten, ohne daß hierbei auch
nur mit einem Wörtchen das kleine Mißgeschick erwähnt wurde.

Aber, wenngleich es nur seine nächsten Vertrauten bemerkten, Don
Porfirio raste, wie nur er zu rasen vermochte. Das Rasen eines
Diktators, dessen Schwindel vor der Entdeckung steht.

„Der Alte hat wieder einmal die Tollwut“, flüsterten sich die Diener
erschreckt zu und zitterten in Furcht vor dem, was geschehen würde, wenn
der Ball vorüber sein wird. Die Anfälle von Tollwut des Diktators waren
gefürchtet, mehr als Erdbeben. Denn er wurde dann bestialisch wie eine
alte verärgerte Wildkatze.

Was er einmal gleich zuerst und durchaus sicher wußte, das war, daß die
Uhr ein Mexikaner hatte, nur ein Mexikaner haben konnte. Und mit
mexikanischen Spitzbuben wußte er ja umzugehen.

Hatte die Uhr ein Mitglied der Dienerschaft genommen, so war es jetzt
bereits zu spät, den zahlreichen Detektiven den Auftrag zu geben, keinem
von der Dienerschaft zu gestatten, das Schloß zu verlassen. Denn war die
Uhr wirklich von einem der Bediensteten gestohlen worden, so waren die
Detektive augenblicklich nicht zu gebrauchen, weil die Uhr inzwischen
schon aus dem Schlosse hinausgeschmuggelt war. Freilich, ein Detektiv
konnte die Uhr auch haben. So sicher war das nicht, daß die Detektive
nicht nehmen würden, was sie auf leichte Weise kriegen konnten. Porfirio
Diaz hatte ja genügend Spitzbuben, Taschendiebe, Einbrecher und
Wegelagerer in die Polizei eingereiht, weil Spitzbuben häufig bessere
Spitzbubenjäger machen als anständige Menschen.

Daß die Diamanten aus der Uhr herausgebrochen werden könnten, daß das
Gehäuse der Uhr vielleicht zerhämmert werden möchte, um die Uhr
stückweise leichter und unverdächtiger verkaufen zu können, das würde
wohl kaum geschehen. Die Uhr würde zuviel an Wert verlieren. Eher war
schon anzunehmen, daß die Gravierung ausgeschliffen sein wird, ehe die
Uhr irgendwo zum Verkauf angeboten wieder zum Vorschein kommt. Ohne
Gravierung aber war die Uhr natürlich wertlos für den Diplomaten. Eine
goldene Uhr an sich, ganz gleich mit wie vielen Diamanten bespickt,
hätte Don Porfirio sofort beschafft, wenn damit dem Diplomaten hätte
gedient werden können. Aber wie die Dinge sich vorfanden, mußte es ganz
genau die gleiche Uhr sein, die herangeschafft werden mußte.

Nicht darum verfiel Porfirio Diaz in Raserei, weil er befürchtete, er
könnte vielleicht die Uhr nicht wieder herbeischaffen. Sie zu bekommen,
betrachtete er als eine Aufgabe, die zu lösen für ihn möglich war. Nein,
was ihn in jene schäumende Wut versetzte, war etwas anderes.

Durch das Stehlen der Uhr bei einer solchen Gelegenheit war von einer
seiner glänzenden Fassaden die Goldtünche abgeblättert worden. Der
gewöhnliche nackte und wahre Gipsverputz kam zum Vorschein.

Alle Welt war klein geschlagen worden mit der Mär, daß der große
mexikanische Staatsmann Porfirio Diaz mit eiserner Hand und mit
stählernem Besen das Land von Banditen und Spitzbuben so völlig und so
dauernd gesäubert habe, wie das nie vorher ein anderer Mann in
irgendeinem anderen Lande mit gleichem Erfolge zuwege gebracht habe. In
Mexiko konnte man damals, nach den Berichten, die Porfirio Diaz in der
Welt verbreitet hatte, mit einem Sack voll Goldstücke zur Rechten und
einem Sack voll Goldstücke zur Linken auf einem Pferde sitzend von einem
Ende der Republik zum andern reisen, und wenn man an dem andern Ende
ankam, so hatte man zur Rechten sowie zur Linken je einen Sack voll
Goldstücke mehr, als man hatte an dem Tage, an dem man auszog. In
gewissem Sinne war das richtig. Ein amerikanischer Kapitalist, der mit
fünfzigtausend Dollar in Schecks in El Paso nach Mexiko einreiste,
konnte sechs Wochen später über Nogales aus Mexiko wieder ausreisen mit
hunderttausend Dollar in Schecks, einem Überschuß, den er mit Hilfe des
Porfirio Diaz in jener kurzen Zeit aus dem mexikanischen Lande und Volke
herausprofitiert hatte. Aber im buchstäblichen Sinne genommen, war es
unter Porfirio Diaz bei weitem unsicherer, mit Geld oder anderen Werten
beladen ohne militärische Bedeckung durch das Land zu reisen, als heute.
Die militärische Bedeckung begann nicht selten auf dem Marsche
auszurechnen, daß es weiser sei, sich selbst mit dem Gelde zu bedecken,
das von ihnen bedeckt werden sollte. Dann erschien ein Bericht – falls
die Angelegenheit nicht von der Regierung auf privatem Wege zu aller
Zufriedenheit erledigt werden konnte –, daß der Transport in einen Sumpf
geraten oder von einem Erdrutsch verschüttet worden sei.

Aber daß einem so wichtigen nordamerikanischen Diplomaten auf einem
diplomatischen Fest innerhalb der Wände eines Saales im Schloß von
Chapultepec eine goldene Uhr aus der Tasche gestohlen werden konnte, daß
also selbst ein diplomatischer Würdenträger selbst auf einem
diplomatischen Fest in Mexiko seines Eigentums nicht sicher war, brachte
das ganze schöne Lügengewebe, in das sich der Diktator eingekuschelt
hatte, zum Zerreißen. Wenn die Banditen dem Throne des Diktators so nahe
waren, wie mußte es dann im Lande aussehen? Kam dieser Vorfall in die
amerikanischen Zeitungen, dann lernte die ganze Welt, daß die eiserne
Hand des großen Staatsmannes Porfirio Diaz nur aus Pappe war und daß die
fremden Großkapitalisten klug tun, Mexiko gegenüber vorsichtig zu sein
mit Kapitalsanlagen.

Der Diplomat hatte das Ehrenwort des Diktators mit der Erklärung, daß es
sich hier nur um einen kleinen Scherz handle. Und darum sagte der
Diplomat kein Wort von dem Vorfall zu den Zeitungsleuten, weil er ja nun
erst einmal die Pflicht hatte, abzuwarten, ob und in welcher Weise
Porfirio Diaz sein Ehrenwort einlösen werde. Porfirio Diaz wußte, daß
nach den Sitten in diplomatischen Kreisen der Amerikaner nichts der
Presse seines Landes mitteilen durfte, solange das Ehrenwort des
Diktators den Vorfall deckte.

Noch in derselben Nacht befahl Porfirio Diaz den Polizeichef zu sich, um
mit ihm zu besprechen, wie man die Uhr wiedererlangen könnte, ohne sich
der Zeitungsinserate zu bedienen.

Wie der Fall nun behandelt wurde, zeigt den Unterschied der Männer, die
während der Diktatorschaft des Porfirio Diaz wirtschafteten, und der
Männer, die nach der Revolution das mexikanische Schiff recht und
schlecht durch Stürme und Klippen ruderten.

Der spätere Präsident Calles würde dem Polizeichef sechs Stunden Zeit
gegeben haben, die Uhr heranzuschaffen. Oder – und das ist
wahrscheinlicher, denn er hat es in vielen Fällen mit Generalen getan –
er würde den Polizeichef wie einen Schuljungen heruntergerotzt und
vielleicht gar rechts und links gebackpfeift haben, hätte ihn dann aus
seinem Amte gefeuert und würde, wenn der Mann noch etwas wert gewesen
wäre, ihn in eine ferne Ecke der Republik strafversetzt haben, oder er
hätte ihm das Reisegeld für eine Erholungsreise nach Europa gegeben mit
der ernsten Warnung, sich nicht mehr in Mexiko sehen zu lassen.

Auch Porfirio Diaz feuerte zuweilen Generale und andere hohe
Würdenträger ohne Zeremonie; aber er tat es nur dann, wenn er genau
wußte, daß der Mann keinen Anhang hatte, daß er ihm also nicht schaden
konnte. Wie alle Diktatoren, so war auch Porfirio Diaz ein furchtsamer
Mann. Er bevorzugte es, weit von hinten aus an den Leinen zu ziehen, mit
Intrigen zu wirtschaften und andere vorzuschieben, auf die er abladen
konnte.

Calles würde nicht einen Augenblick darum besorgt gewesen sein, wenn der
Vorfall am nächsten Tage in den Zeitungen gestanden hätte. Er hätte
darüber genau so gelacht wie das ganze mexikanische und amerikanische
Volk. Er hätte in seiner trockenen Art gesagt: „Warum läßt sich denn der
Esel von einem Gringo seine Uhr aus der Tasche stehlen? Er ist doch in
Mexiko, wo er auf jeder Eisenbahnstation die Zettel angeklebt sieht:
‚Hütet euch vor Taschendieben!‘ Und wenn der Hammel Mexiko nicht besser
kennt, soll er raus bleiben, dann kann ich überhaupt keinen Vertrag mit
ihm abschließen.“ Und zu den Zeitungsleuten würde er gesagt haben: „Da
seht ihr, was für ein Spitzbubengesindel wir hier in Mexiko haben. Alles
aufgezüchtet von dem Gauner Porfirio. Ich werde nun doch mal wieder mit
einem himmelkreuzgottverfluchten Donnerwetter dazwischenfahren!“ Dann
hätte er alle Distriktspolizeigewaltigen, ein Dutzend Staatsanwälte und
zwei Dutzend Richter gefeuert, daß die Funken spritzten.

Diese rücksichtslose, unbekümmerte, offensiv-geladene, immer mit einem
grimmen Witz gepfefferte amerikanische Faustschlagmethode war dem
mickrigen Wesen des Porfirio Diaz ebenso fremd, wie einem
Presbyterianpfarrer alle die verschiedenen Marken von schottischem
Whisky so gut bekannt sind wie die vier Evangelien.

Am nächsten Morgen begann die Umpflügung des mexikanischen Landes nach
der gestohlenen Uhr des amerikanischen Diplomaten.

Der Polizeichef erschien in Belen. Belen ist das große
Untersuchungsgefängnis in Mexiko City, wo alle männlichen und weiblichen
Missetäter gehalten werden, bis ihr Urteil gesprochen wird.

Der Polizeichef ließ alle männlichen und weiblichen Gefangenen antreten,
und er hielt folgende Ansprache: „Gestern abend ist eine goldene Uhr
gestohlen worden. Die Uhr ist mit Brillanten besetzt. Auf der Innenseite
des Deckels ist eine Widmung in englischer Sprache eingraviert. Die
Widmung hat einen geschriebenen Namenszug Edward VII. Es ist jetzt
sieben Uhr morgens. Wenn die Uhr bis heute abend um sieben Uhr bei dem
Direktor des Gefängnisses abgeliefert wird, dann werdet ihr alle heute
abend auf freien Fuß gesetzt, und niemand wird verfolgt für die Tat,
derentwegen er sich heute hier in Belen befindet. Der Überbringer der
Uhr wird nicht um seinen Namen gefragt; er darf frei gehen, wie er
gekommen ist; er wird nicht gefragt, auf welche Weise er in den Besitz
der Uhr gelangt ist; und er wird weder der Uhr wegen noch wegen
irgendeiner andern Sache, die er vor heute morgen um sieben Uhr verübt
haben sollte, verfolgt werden oder in Haft behalten. Außerdem erhält er
vom Direktor eine Belohnung von zweihundert Pesos in Gold. Ihr alle
bekommt jetzt einen Briefbogen und einen Briefumschlag und Bleistifte.
Ihr dürft in jene Briefe schreiben, was ihr wollt. Die Briefe werden von
der Inspektion nicht gelesen. Und niemand von der Direktion darf die
Adressen lesen. Eine Stunde später kommen hier Briefträger, denen ihr
die Briefe persönlich übergebt. Die Briefträger werden die Briefe an
ihre Adressen befördern unter Amtsgeheimnis. Hier habe ich das
Zertifikat, unterzeichnet von Don Porfirio, von mir und dem Direktor des
Gefängnisses hier. Das Zertifikat hat Gesetzeskraft bis heute abend um
sieben Uhr dreißig.“

Die Ansprache des Polizeichefs und das Zertifikat, das die Ansprache
wörtlich niedergeschrieben enthielt, bewiesen, wie gut Don Porfirio
seine Spitzbuben und Banditen kannte. War die Uhr wirklich in den Händen
der gewöhnlichen Taschendiebe und Hehler, so wurde die Uhr um sieben Uhr
oder noch früher abgeliefert.

Wie in anderen Ländern so auch in Mexiko kennen sich alle Spitzbuben und
Hehler gegenseitig recht gut. Wenn einer allein auch nicht alle übrigen
kennt, so kennt er doch wenigstens etwa zwanzig, kennt deren
Schlupfwinkel, kennt die Kantinen und Pulquerias und Quartiere, wo jene
zwanzig verkehren, kennt ihre Liebchen und weiß, was jeder von ihnen auf
dem Kerbholz hat. Jeder einzelne von diesen zwanzig kennt wieder eine
Anzahl andere, die der erste nicht kennt. So ist – und hier verrechneten
sich weder Don Porfirio noch der Polizeichef – die Sicherheit gegeben,
daß der Inhalt jener Ansprache allen Spitzbuben in Mexiko City sowie
auch allen Hehlern in wenigen Stunden bekannt wird. Die Briefe, die von
den Gefangenen nun an die Spießgesellen draußen geschrieben werden, ohne
Aufsicht und ohne Inspektion, enthalten alles, was der Gefangene dem
draußen in Freiheit lebenden Spießgesellen schon lange einmal gründlich
sagen wollte. Die Briefe enthalten Zeilen etwa von dieser Art: „Höre
einmal, querido Pedro, wenn Du nicht zu dem Schuft von Hehler, dem
Gomez, gehst und ihn mit dem Revolver in der Hand fragst, wo die Uhr ist
und daß er sie herzubringen hat, dann sage ich hier dem Staatsanwalt,
daß Du bei dem Einbruch bei Senjor Balsa mit dabei gewesen bist und das
meiste davon eingesackt hast. Ich sehe nicht ein, warum ich das alles
allein ausfressen soll, wo ich doch nur den einen lausigen Anzug
abbekommen habe, mit dem sie mich auf dem Volador – dem sogenannten
Diebsmarkt – erwischt haben.“

Ein anderer Brief heißt so: „Liebste und allerliebste Josefina. Du
weißt, wie sehr ich mich nach Dir sehne. Ich habe doch dem Burschen da
in der Bucareli-Straße in der Nacht nur darum eins über den Schädel
gehämmert, weil ich sein Geld haben wollte und weil ich doch das Geld
haben wollte und weil ich doch das Geld haben mußte und weil ich Dir
doch von dem Geld das grüne Seidenkleid und die schönen Lackschuhe
gekauft habe, damit Du hübsch aussehen solltest, wenn wir in den
Mexiko-Saal bei der Maria Redonda zum Tanzen gehen. Ich hab’ eine solche
Sehnsucht nach Dir, liebe Josefina, das kannst Du Dir überhaupt gar
nicht denken und wenn die Uhr kommt, dann bin ich heute abend schon
raus. Geh nun gleich einmal hin zur Jeronima, sie ist eine ganz
gewöhnliche Hure die in der Peru-Straße auf die Fangleine geht aber das
macht jetzt nichts. Sie lebt mit dem Patrote da mit dem Emilio der weiß
bestimmt wo die Uhr ist und da kannst Du dem Emilio auch nur gleich
sagen wenn er die Uhr nicht um vier Uhr herangeschafft hat dann sage ich
hier daß ich es gesehen habe wie er dem Tecolote, dem Polizisten, zwei
in den Bauch gebrannt hat in der Moneda wo der Tecolote noch immer im
Hospital liegt und niemand weiß wer ihm die zwei gebrannt hat aber ich
sage es wenn er die Uhr nicht bis um vier Uhr hergebracht hat und er
kriegt zweihundert Pesos vom Direktor für die Uhr. Wenn Emilio die Uhr
nicht weiß dann gehe gleich einmal hin zu der Angelica die auch eine
kräftige Hure ist und die wird Dir schon gleich sagen wer die Uhr hat.“

Ein anderer Brief: „Querido Lorenzo Du weißt recht gut wer die Uhr hat
die dem glattgeleckten Urschfucker abgeknipst worden ist denn weil Du ja
auch in der Kegelbahn in Chapultepec Schloß die Kegel aufstellst und
Dein Vetter Carlos der im Billardsaal in Chapultepec Schloß bedient hat
ganz bestimmt die Uhr und wenn Du mir hier nicht raushilfst ist nichts
mit meiner Schwester Anita und ich schlage Dir so Deine fetten Knochen
ineinander, daß Du liegen bleibst wo Du bist denn Du weißt recht gut wo
die Uhr ist weil Du es ja gesehen hast und ich werde auch meiner
Schwester Anita sagen daß Du ein guter Junge bist und nicht hinter den
Mädchen hinterher bist was ich gut weiß.“

Alle Gefangenen ohne Ausnahme schrieben ihre Briefe, und alle Briefe
wurden, genau dem Versprechen gemäß, ungesehen von der Inspektion, von
den Briefträgern noch in derselben Stunde an ihre Adressen befördert.

Zum großen Leidwesen der Gefangenen und wohl noch zu einem größeren
Leidwesen des Porfirio Diaz war die Uhr zu gegebener Stunde nicht
abgeliefert. Das Mittel, dessen sich Porfirio Diaz in hoffnungslos
erscheinenden Fällen so oft mit Erfolg bedient hatte, versagte hier.

Es ist später in Mexiko erzählt worden, daß die Uhr wirklich auf diesem
Wege, mit Hilfe der Gefangenen, herbeigeschafft wurde, und daß alle
Gefangenen ihre Freiheit erhalten hätten, wie ihnen versprochen worden
war. Aber das ist nicht ganz richtig. Dieses Gerücht wurde nur
verbreitet, um die Wahrheit zu verschleiern.

Als die Uhr abends um sieben Uhr nicht abgeliefert worden war, wußte
Porfirio Diaz sicher, daß die Uhr nicht von den gewöhnlichen Spitzbuben
gestohlen worden war und daß sie auch noch nicht in den Händen der
Hehler war. Er schloß daraus, und durchaus richtig, daß die Uhr jemand
hatte, der zwar das Geld brauchte, aber doch nicht so dringend brauchte,
daß er sich mit dem Verkauf der Uhr hätte beeilen müssen. Es war jemand,
der den Wert der Uhr richtig einzuschätzen verstand und seine Zeit
abwartete, bis er die Uhr so günstig verkaufen konnte, wie das überhaupt
nur bei einer Uhr aus zweiter Hand möglich war.

Da die gewöhnlichen Spitzbuben ausgeschaltet waren, kannte nun Porfirio
Diaz sofort die nächste Schicht von Spitzbuben, die in Betracht kam. Es
war nicht die letzte Reihe, aber diejenige Reihe, die den gewöhnlichen
Spitzbuben und Wegelagerern am nächsten stand, in Moral und in ewigen
Geldnöten, sowie in Unverfrorenheit im Nehmen, wo sich eine Gelegenheit
bot.

Don Porfirio ließ also nun alle Generale, die bei dem diplomatischen
Feste zugegen gewesen waren, um es durch goldstrotzende Uniformen zu
beleben, am Abend zur Audienz laden. Er hatte eine Liste der Generale,
die im Schloß gewesen waren, und er sah zu, daß auch alle zur Audienz
kamen.

Es fand sich aber, daß einer der Generale fehlte, ein Divisions-General.
Der Divisionär hatte sich entschuldigen lassen. Eine Entschuldigung, die
Don Porfirio gelten ließ, weil es sich um einen dringenden Dienst
handelte, der nicht aufgeschoben werden konnte.

Porfirio Diaz hielt eine Ansprache an die versammelten Generale:
„Caballeros, Sie alle haben wohl gestern im Schloß die Uhr gesehen, die
der amerikanische Diplomat mir zeigte. Diese Uhr ist im Schloß abhanden
gekommen. Ich vermute, daß einer der wachhabenden Soldaten oder einer
der Burschen, die Sie begleiteten, die Uhr gefunden hat. Die Uhr muß bis
morgen früh um zehn Uhr in meinem Besitz sein. Ist die Uhr um die
angegebene Zeit in meinen Händen, dann erhalten Sie, Caballeros, jeder
eine Sondervergütung von eintausend Dollar für Ihre Bemühungen. Ich
werde auch sonst noch versuchen, mich Ihnen erkenntlich zu zeigen. Es
ist natürlich, daß Sie den Vorfall so unauffällig behandeln, wie das nur
in Ihren Kräften steht; denn ich wünsche nicht, daß auch nur ein leises
Fleckchen auf unsere ruhmreiche Armee fällt. Mit dem Missetäter wollen
Sie nach Ihrem eigenen Ermessen verfahren. Ich danke Ihnen, Caballeros!“

Jeder, der Mexiko kennt, weiß, daß ein mexikanischer Soldat der unteren
Grade alle möglichen Untugenden und Laster haben mag, daß er – besonders
in seinen Liebesangelegenheiten – unbekümmert seinen Nebenbuhler
ermordet. Der mexikanische Soldat stiehlt. Das ist wahr. Er stiehlt aber
nur das und nichts mehr, was seine Generale und seine zahlreichen
anderen Vorgesetzten ihm zum Stehlen übriglassen. In seiner Moral, in
seiner Tapferkeit, in seiner Ehre, in seiner Liebe zu seinem Lande, in
seiner Loyalität steht er bei weitem höher als seine Generale. Er wird
von den treulosen und ehrlosen Generalen gebraucht, seine Brüder, seine
Väter, seine Söhne, seine Mütter, seine Kameraden in andern Regimentern,
zu bekämpfen und zu ermorden. Er weiß nie, ob er in Wahrheit auf seiten
der Rebellengenerale ist oder auf seiten der treu gebliebenen Truppen.
Er kämpft, weil er seinem General die Treue hält, weil er eine Treue in
sich trägt, die sein General nicht kennt. Seine Generale verüben eine
Militärrevolte unter dem Ruf, das geplagte Land von den Tyrannen und von
den Bolsches zu befreien, während sie in der Praxis die Revolte nur
verüben, um die Banken und die wohlhabenden Geschäftsleute zu plündern,
und das geraubte Gut nach den Vereinigten Staaten in Sicherheit gebracht
haben, ehe die treu gebliebenen Truppen ihnen in den fernliegenden
Distrikten des weiten Landes auf den Fersen sein können. Unter solchen
Generalen ist der Mensch gezwungen, zu dienen und zu gehorchen, der als
der tapferste, der treueste und der bedürfnisloseste Soldat aller Armeen
der Erde angesehen werden darf.

Porfirio Diaz wußte gut, wie auch die versammelten Generale es wußten,
daß die beschuldigten gemeinen Soldaten alle möglichen Untugenden und
Laster haben mochten, aber daß sie eins ganz bestimmt nicht waren:
Taschendiebe.

Und darum wußte Porfirio Diaz ja auch recht gut, daß er den Sack wohl
prügelte, aber den Esel meinte. Es wird ja auch in verlorenen Kriegen
immer den gemeinen Soldaten die Schuld an dem Verlust des Krieges
gegeben, immer den gemeinen Soldaten, den Proletariern, die nicht länger
standhalten wollten, deren Moral gebrochen war, die Verführern und
Friedensaposteln ein williges Ohr schenkten, die keine Vaterlandsliebe
besaßen. Nie wird die Schuld den unfähigen Generalen zur Last gelegt,
nie den aderverkalkten Politikern, nie den rückenmarksschwachen und
entnervten Diplomaten, nie den habgierigen Profitjägern. Immer hat der
Soldat, der Prolet, die Schuld. Und wenn der Krieg gewonnen wird, dann
ist es nur den befähigten Generalen zu verdanken, den weisen
Staatsmännern, den geschickten Diplomaten. Die Generale, Staatsmänner
und Diplomaten bekommen alle Ehren aufgehäuft in Weltgeschichten und in
Schullesebüchern. Der gemeine Soldat bekommt als Belohnung einen
Parademarsch, den sich der verhungerte, verlauste und verkrüppelte
Munitionsarbeiter hinter einer dicht verrammelten Kette von Polizisten,
die ihre Knüttel schwingen, schafsgeduldig ansehen darf, damit die
Generale auch genügend Hurraschreier und Winker rotweißblauer
Sternen-Fähnchen zur Verfügung haben.

Es wußten auch die Generale hier recht gut, daß Porfirio Diaz nicht
einen Augenblick im Ernst meinte, daß einer der wachhabenden Soldaten
oder einer der Burschen der Generale die Uhr hätte gestohlen haben
können. Freilich wußten alle Generale, was Porfirio Diaz von ihnen in
Wahrheit dachte, wie auch Porfirio Diaz recht wohl wußte, was alle seine
Generale von ihm dachten. Meister und Spießgesellen, die ihre Füße,
Fäuste und Krallen auf dem armen reichen Lande wuchten ließen.

Am nächsten Morgen um zehn Uhr war die Uhr nicht abgeliefert.

Einen Augenblick, aber auch nur einen Augenblick lang, wurde Porfirio
Diaz verwirrt, weil es schien, als habe er sich verrechnet.

Dann aber dachte er an den Divisions-General, der sich gestern abend
hatte entschuldigen lassen, weil er in wichtiger dienstlicher
Angelegenheit außerhalb der Stadt, in Tlalpam, zu sein hatte.

Diesen Divisions-General befahl nun Porfirio Diaz eiligst zu sich.

Als der General vor ihm stand, sah ihn Porfirio Diaz eine Weile an und
sagte dann kurz und hart: „Divisionario, geben Sie mir die Uhr des
amerikanischen Diplomaten.“

Ohne eine Miene zu verziehen, ohne irgendwie verlegen zu werden, griff
der General unter seinen Uniformrock, nestelte ein wenig in einer Tasche
unter dem Uniformrock herum und brachte die Uhr hervor.

Er trat zwei Schritte näher auf den Diktator zu und überreichte ihm die
Uhr mit den Worten: „A sus apreciables ordenes, Don Porfirio, zu Ihren
hochgeschätzten Diensten.“

Porfirio Diaz nahm die Uhr und legte sie vor sich auf den Tisch.

Er fühlte, daß er etwas sagen müßte. Und darum sagte er: „Divisionario,
ich verstehe nicht – eh – warum?“

Darauf antwortete der Divisionario nüchtern: „Ich befürchtete, Porfirio,
daß du sie nehmen würdest, und da dachte ich, es ist vielleicht besser,
ich nehme sie; denn du kannst dir leichter eine kaufen als ich.“

Daß aber doch wieder Porfirio Diaz klüger war als viele derjenigen, die
ihn durch und durch verdammen, zugeben wollen, bewies er am besten
dadurch, daß er auf die Antwort des Divisionarios schwieg. Es ist ja
wohl auch schwerlich anzunehmen, daß sich Porfirio Diaz mit gewöhnlichem
Taschendiebstahl abgegeben haben würde. Auf keinen Fall wohl in den
letzten fünf Jahren seiner Regentschaft, wo er schon ein wenig klapprig
wurde.

Aber eines muß doch gesagt werden.

Porfirio Diaz mußte den Diplomaten freundlich stimmen und ihn in
freundlicher Laune erhalten, damit der Vorfall nicht bekannt würde. Denn
Porfirio Diaz war mehr besorgt um den guten Ruf seines Hofes als mancher
europäische Potentat. Und um den Diplomaten zu besänftigen und vergnügt
zu stimmen, war er gezwungen, ihm beim Abschluß des Handelsvertrages
Zugeständnisse zu machen, die zwar das mexikanische Volk zu bezahlen
hatte, die aber dem Diplomaten die Ehre einbrachten, als einer der
geschicktesten Diplomaten der Vereinigten Staaten bezeichnet zu werden.




                               BÄNDIGUNG


In einer kleinen Stadt im Staate Michoacan lebte ein junges
Mestizomädchen, von dem man mit gutem Recht sagen durfte, daß eine
gütige Natur ihr gegenüber wahrhaft verschwenderisch gewesen sei mit
allen den Gaben, die eine jede Frau immer nur glücklich machen kann.

Die Eltern jenes jungen Mädchens waren vor einigen Jahren kurz
nacheinander gestorben, und das Mädchen lebte in dem Hause ihrer
verstorbenen Eltern mit ihrer Großmutter und mit ihrer Tante. Ihr Vater
besaß ein gutgehendes Sattelzeuggeschäft, das ihn durch seine
Tüchtigkeit zu einem wohlhabenden Manne gemacht hatte. Luisa Bravo war
das einzige Kind ihrer Eltern gewesen. Sie war durch die Erbschaft von
ihren Eltern ein reiches Mädchen geworden, und sie hatte alle Aussicht,
nach dem Ableben ihrer Großmutter und ihrer Tante, die beide gleichfalls
ein kleines Vermögen besaßen, zu gegebener Zeit noch reicher zu werden.
Es war darum kein Wunder, daß Donja Luisa, sowohl ihrer auffallenden
Schönheit als erst recht ihrer Wohlhabenheit wegen, unter den jungen
Männern der Stadt, die sich zu verheiraten gedachten, eine begehrte
Partie war.

Die Freier flogen auf sie zu wie Bienen auf Honigbonbons. Aber keiner
der Freier, so sehr er auch in Geldnöten sein mochte oder so sehr er
auch das schöne, gutgebaute Mädchen als seine Bettgenossin wünschte,
hielt lange genug aus, um es mit ihr bis zu einer veröffentlichten
Verlobung zu bringen.

Es war ganz gewiß nicht die Schuld der Freier; denn wo so viel Geld,
verbunden mit so viel Schönheit, zu erwarten ist, nimmt ein jeder eine
große Menge von Unbequemlichkeiten sauersüß mit in Kauf;
Unbequemlichkeiten, von denen, bei weniger rosig erscheinenden Fällen,
zwei vollauf genügen können, um einen jungen Mann davon abzuschrecken,
ein Mädchen auch nur zu einem Tanze aufzufordern.

Donja Luisa hatte alle Unarten, die eine Frau nur haben kann. Und zwei
Dutzend mehr.

Sie hatte zuerst einmal von Natur aus ein zügelloses Temperament, das,
wenn es ausbrach, durch nichts, aber auch durch gar nichts zu
besänftigen war. Da sie das einzige Kind ihrer Eltern war und die Eltern
in ewiger Sorge und Furcht lebten, das Kind möchte ihnen fortsterben –
obgleich sie gesund und munter war wie ein Verpflegungsoffizier fünfzig
Meilen hinter der Front –, so war sie von Säuglingszeit an so verzogen
und so verhätschelt worden wie ein Kaiser, der soeben mündig geworden
ist, nach seiner Thronbesteigung von den Höflingen und Schranzen
verhätschelt und verpäppelt wird.

Jeder Wille wurde ihr getan, und jeder Wunsch wurde ihr erfüllt. Und
weil sie von Kindheit an sehr schön war, so wurde sie nicht allein von
ihren Eltern bewundert und verhimmelt, sondern von allen Leuten, die mit
ihr in Berührung kamen. Das Wort Gehorchen kannte sie nur von andern,
ihre Eltern, ihre Großmutter und ihre Tante eingeschlossen. Sie
gehorchte nie, und es drang auch nie jemand darauf, daß sie irgendwem zu
gehorchen habe.

Ein solcher Fall ist ja nun in Mexiko, wo das Kind bis zu seinem
Lebensende einen tiefen Respekt gegen seine Eltern und seine älteren
Verwandten hat und über Gehorsam gar nicht gesprochen wird, weil er
einfach vorhanden ist, sehr selten. Aber, wie Donja Luisa bewies, gibt
es auch hier Ausnahmefälle.

Sie war von ihren Eltern in ein mexikanisches und später in ein
amerikanisches Colegio zur Erziehung geschickt worden, wo sie sich zwar
zu einem beschränkten Gehorsam zwang, ohne jedoch dadurch ihren
Grundcharakter auch nur im geringsten beeinflussen zu lassen. Hier, im
Colegio, waren es ihr eitler Stolz und ihr berstender Ehrgeiz, allen
übrigen Schülern überlegen und voran zu sein, daß sie sich zum Gehorchen
herabließ. Kam sie jedoch während der Ferien nach Hause, so machte sie
alles doppelt gut, was sie inzwischen versäumt hatte, und sie war
widerspenstiger als zuvor.

Hinzu kam, um ihren Charakter noch ungefügiger und starrer zu gestalten,
ein unbändiger Jähzorn, der durch lächerlich geringfügige Anlässe zu
einem so verheerenden Ausbruch kam, daß die Indianermädchen, die im
Hause dienten, und die Indianerburschen, die in der Werkstatt ihres
Vaters arbeiteten, davonliefen und sich stundenlang nicht im Hause sehen
ließen. Bei solchen Anfällen ungehemmter Wut geschah es nicht selten,
daß sich sogar ihr Vater und ihre Mutter vor ihr versteckten und
einschlossen. Daß sie Töpfe, Tassen, Gläser und Pfannen den Bediensteten
an den Kopf warf, war noch das geringste; es waren auch Messer und
Beile, mit denen sie warf oder mit denen sie auf ein Mädchen losging.
Sie würde vielleicht der Möglichkeit sehr nahe gekommen sein, daß man
sie für verrückt erklärt und in ein Irrenhaus gesperrt hätte, wenn nicht
ihre Eltern eben sehr wohlhabend gewesen wären und zu den angesehensten
und einflußreichsten Familien des Städtchens gehört hätten. Die
Jähzornsanfälle blieben ja auch meist innerhalb des Hauses und trafen
nicht die Öffentlichkeit und deren Sicherheit. Wenn wirklich irgendein
Schaden angerichtet wurde, so heilten ihn die Eltern durch Geschenke und
durch verdoppelte Freundlichkeit gegenüber den Bediensteten. In Mexiko
gehören die Bediensteten ja auch viel mehr zur eigentlichen
Familiengemeinschaft als in den meisten anderen Ländern.

Donja Luisa hätte auch schon darum nicht als verrückt erklärt werden
können, weil sie sehr intelligent war. Außerdem konnte sie, wenn sie
wirklich wollte, von einem Liebreiz sein, der alle Leute bezwang, die in
ihrer Nähe waren. Das glich vieles wieder aus und trug dazu bei, daß die
Bediensteten, sowie andere Leute, die gelegentlich im Hause zu tun
hatten, wie Lieferanten, Händler, Maultiertreiber und Handwerker, nie
ernstlich daran dachten, sich dem Hause fernzuhalten oder dauernd in
einem Zustand der Beschwerde zu bleiben.

Denn neben den unzähligen Fehlern, die Donja Luisa hatte, besaß sie auch
wieder einige Vorzüge, die versöhnten. Darunter den Vorzug, daß sie sehr
generös, sehr freigebig sein konnte. Und einem freigebigen Menschen, der
niemand verhungern läßt, der hier mit einem Peso und dort mit einem
abgelegten Paar Schuhe oder einem noch sehr guten Kleid oder einem
aufgefärbten Unterrock oder einer Spieluhr, deren Melodien er endlich
müde geworden ist, anderen Menschen gelegentlich Freude macht oder ihnen
aus bitterer Not hilft, sieht man viele, beinahe alle Untugenden und
Laster nach.

Das Studium in den Colegios fügte aber einen Zug dem Charakter der
jungen Dame bei, der ihren Gesamtcharakter weiter verschlechterte. Sie
bestand alle Examen in den Colegios mit Auszeichnung. Dadurch aber wurde
sie noch stolzer und hochmütiger, als sie vorher schon gewesen war. Sie
wußte alles besser als andere Leute. Niemand konnte ihr etwas über ein
Buch, über eine Philosophie, über ein politisches System, über eine
Kunstanschauung, über ein astronomisches Problem sagen, ohne daß sie es
nicht besser gewußt hätte. Sie mußte allem und jedem widersprechen. Sie
war immer im Recht. Und wenn es jemand gelang, sie zweifelfrei zu
überzeugen, daß sie im Unrecht war oder im Irrtum, so bekam sie einen
ihrer gefürchteten Anfälle von Jähzorn. Sie spielte vorzüglich Schach,
aber sie durfte nicht verlieren. Dann konnte es nur zu leicht geschehen,
daß ihrem Gegenspieler alle Figuren und das Brett hinterher an den Kopf
flogen.

Aber es muß wiederholt werden, daß sie Tage hatte, wo sie nicht nur
durchaus zu ertragen war, sondern so bezaubernd sein konnte, daß man ihr
lachend alles vergab, was sie je getan hatte.

Alles in allem erwogen, wird man aber nun doch wohl verstehen, warum
jeder Freier früher oder später vom Kuchen abrückte, auch wenn er noch
so ernste Absichten ihr gegenüber hatte, wenn er auch noch so willig
war, sie zu erdulden und sich – Geld und Schönheit sind auch in Mexiko
sehr starke Anziehungskräfte – mit den zahlreichen Charakterfehlern des
jungen Mädchens abzufinden. Jeder Mann, auch wenn ihn das Wasser dicht
an den Nasenlöchern kitzeln sollte, vergißt doch nicht im letzten
Augenblick vor der endgültigen Entscheidung, daß er eben mit der
geheirateten Frau auf Gnade und Ungnade verbunden bleibt, bis „der Tod
sie von ihm scheidet“. Und in Mexiko, vor der Revolution, wo die
katholische Kirche unumschränkte Macht besaß, gab es keine andere
Ehescheidung als die, die vom Richter Sensenmann vorgenommen wurde. Wo
es keine Ehescheidung gibt, prüft man viele andere Dinge sorgfältiger
als das eine und einfältige Ding, ob sich das Herz zum Herzen findet.
Sich gefundene Herzen allein genügen nicht und nirgends auf Erden. So
leicht und elegant, wie sich zwei Herzen für die Ewigkeit finden, und so
oft, wie zwei Herzen vor Anbeginn der Welt schon füreinander bestimmt
waren, so leicht können sich die schönen Herzen auch wieder verlieren,
ob Ewigkeit oder nicht Ewigkeit. Wenn das Salz zur Suppe fehlt und ein
heiler Stiefel im Regenwetter, dann bedauern die Herzen merkwürdig
rasch, daß sie von Ewigkeit her füreinander bestimmt gewesen sind.

Nun fehlte ja hier kein Salz in der Suppe. Es war sogar genügend Pfeffer
und Öl als Zugabe noch vorhanden. Aber ein Mann, der vorher schon weiß,
daß ihm die Pfannen und Töpfe um die Ohren fliegen werden, muß doch nun
schon ganz und gar vertrottelt sein, wenn er sich freiwillig dazu
hergibt, in die Gefahrzone kommandiert zu werden.

Manch einer der jungen Männer, dem die Schönheit des Mädchens gefiel und
deren Geld erst recht gefiel, dachte ja bei sich, daß er Mann genug sei,
und wenn er es nicht sei, werden würde, um nach der geschlossenen Heirat
sich zum Herrn und Meister der jungen Frau aufzuschwingen. Das dachten
und hofften aber nur die, die Donja Luisa zum ersten oder zum zweiten
Male sahen. Wenn sie aber dreimal im Hause gewesen waren, wenn sie
glaubten, dem Mädchen etwas nähergekommen zu sein und ein wenig mehr
vertraut mit ihr geworden waren, dann gaben sie jene kühne Hoffnung auf.
Und hatten sie die Hoffnung erst einmal aufgegeben, so war es für immer.
Sie alle lernten sehr schnell, daß eine Zähmung der Widerspenstigen nur
versucht werden konnte mit dem sicheren und unausbleiblichen Tode des
Bändigers.

Es gab auch genügend Freier anderer Art im Städtchen, Witwer, die
Erfahrung hatten, Witwer, die Duldung und Unterwerfung gelernt hatten,
alte und alternde Junggesellen, die für einen ehrlichen und normalen
Kampf nicht mehr in Frage kamen, die, was immer es auch kosten möchte,
dennoch zufrieden gewesen wären, völlig zufrieden gewesen wären mit den
wenigen erfolgreichen Viertelstunden, die sie mit einem so schönen und
jungen Mädchen in einem gemeinsamen Bett hätten verbringen dürfen. Und
es gab genügend junge und alte Männer, die willig und widerstandslos
bereit waren, bedingungslos zu gehorchen und untertan zu sein und sich,
ohne zu zucken, hingestellt hätten, um mit ihrem Kopfe Messer, Beile,
Stühle und Revolverkugeln lächelnd und aufopferungsfreudig aufzufangen.
Das waren jene, denen das Wasser nicht nur an den Nasenlöchern kitzelte,
sondern denen es schon zehn Fuß über dem Scheitel stand, also Männer,
die nichts mehr zu verlieren hatten als ihre Schulden und ihre
Gläubiger. Und es waren auch Männer bereit, das Mädchen zu heiraten, die
nichts anderes waren als Faulenzer oder Spieler, und wieder andere
Männer, die ihrem ganzen Wesen nach der Gattung Patrote oder Zuhälter
angehören, auch wenn sie sich in Wahrheit nie mit einem Mädchen, das
geschickt ihr Handtäschchen zu schwingen versteht, einlassen oder
eingelassen haben.

Aber keiner von allen diesen Männern hatte auch nur die geringste
Aussicht, Donja Luisa zu heiraten. Denn gegen solche Männer war Donja
Luisa geschützt. Hier schützte sie ihre Intelligenz. Und sie war nicht
von der Art, daß sie Hals über Kopf sich hätte verlieben können; so sehr
und so unerwartet verlieben können, daß sie blind geworden wäre und den
Mann und seine Absichten nicht mehr hätte durchschauen können.

So weit ihre Heirat in Frage kam, wußte sie schon, was sie wollte. Sie
wollte einen richtigen und vollwertigen Mann. Er durfte ruhig seine
Jahre haben, wenn er sonst noch genügend Antlitz besaß, ihr das zu
verschaffen, was sie nötig zu haben glaubte. Sie war auch gar nicht so
wild darauf, sich zu verheiraten unter allen Umständen. Obgleich ein
älteres, unverheiratetes Mädchen in Mexiko keine sehr glückliche Figur
darstellt, so war sie sich doch genügend bewußt, daß sie aus
wirtschaftlichen Gründen jedenfalls keinen Mann brauchte. Und aus
anderen Gründen war sie auch noch nicht einmal so sehr davon überzeugt,
daß sie ohne Mann etwa nicht leben könnte. Wenn es wirklich unbedingt
nötig werden sollte, dann konnte sie – wenn auch nicht in Mexiko, so
doch in Paris oder in Madrid oder in Berlin – genügend Gelegenheit
finden, ohne die Verpflichtung zu haben, sich nun auch gleich deshalb zu
verheiraten. Sie hatte ja nicht ohne Erfolg im amerikanischen College
studiert, wo man außer Geographie und Englisch auch noch andere Dinge
lernt, die im Leben von Wert und Nutzen sind.

Dies alles waren gute Gründe, warum sie sich nicht ernstlich bemühte,
Freiern zu Gefallen zu leben und ihnen ein Gesicht zu zeigen, das bis zu
den letzten Akkorden des Hochzeitsmarsches ausreichte. Frauen besitzen
ja auf diesem Felde besondere Gaben und Fähigkeiten, die in der Hölle
ausgeheckt werden, lange ehe es einen Apfelbaum und ausgebrochene Rippen
gab. Aber Donja Luisa nahm es nicht tragisch, wenn wieder ein Freier,
der an sich sehr sympathisch erschien, abgesprungen war. Sie machte sich
keinen Schnipper daraus und weinte sicher keinem einen gesalzenen
Tropfen nach.

Die jungen Männer der Stadt, die als ernst zu nehmende Freier in
Betracht kamen, sowohl ihrer gesellschaftlichen Stellung wegen, als auch
ihrer sonstigen persönlichen Vorzüge wegen, strichen Donja Luisa nach
einigen Jahren endgültig von der Liste heiratsmöglicher Damen. Donja
Luisa wurde zwar zu allen Festlichkeiten, die von den verschiedenen
Klubs der Staats-Landsmannschaften wie von den zahlreichen anderen
gesellschaftlichen Sociedades und Centros veranstaltet wurden, stets
eingeladen; und sie erschien auch immer und benahm sich hier genau so
lustig wie andere junge Mädchen. Aber auf jedem Fest wurde jeder
Neuankommer, sobald er einmal mit Donja Luisa getanzt hatte und eine
Minute frei war, sofort von den eingeweihten jungen Herren in eine Ecke
gezogen und dringend vor den bevorstehenden Gefahren gewarnt. Manche
dieser frisch hinzugekommenen Herren glaubten natürlich, daß Eifersucht
vorläge oder ein geheimer Boykott. Und wenn sie hörten, daß neben der
Schönheit auch reichlich Geld vorhanden sei, so ließen sie sich durch
jene Warnung nicht einschüchtern und begaben sich auf das Schlachtfeld,
aus dem sie innerhalb von zwei Wochen flügellahm und zerschunden
zurückkehrten und unaufgefordert den Verteidigungstrupp der Warner
verstärkten.

Wie jedes andere Mädchen, so wurde auch Donja Luisa mit den Jahren immer
älter. Sie hatte jetzt vierundzwanzig Jahre zu verbuchen, ein Alter, das
für ein Mädchen in Mexiko als hoffnungslos betrachtet werden muß, soweit
eine Heirat in Frage kommt, bei der sie noch ein Wort mitsprechen
möchte. Bei diesem Alter nimmt in Mexiko eine Dame, was sie kriegen
kann, und sie fragt nicht länger mehr nach Titel, Würden, Geld und
Lendenkraft.

Nicht so Donja Luisa. Ob sie aus der Reihe der Heiratsmöglichkeiten
heraus war oder noch mitten drin, das berührte sie nicht. Sie kam immer
mehr zu der Überzeugung, daß es vielleicht überhaupt besser sei, sich
nicht zu verheiraten, weil sie dann viel weniger Schwierigkeiten haben
würde darin, niemand zu gehorchen, niemand zu Gefallen zu sein, niemals
Widerspruch zu finden und immer recht zu behalten, ohne sich deswegen
herumstreiten und aufregen zu müssen. Sie wurde sich immer mehr bewußt –
besonders wenn sie ihre verheirateten Freundinnen und Schulkolleginnen
ansah –, daß für eine Frau mit genügend Geld das Leben bequemer und
angenehmer ist, wenn sie sich nicht verheiratet.

                   *       *       *       *       *

Und es begab sich, daß da lebte im selben Staate Michoacan ein Mann,
nicht mit Namen Abraham, wohl aber mit dem guten, wenn auch schlichteren
Namen Juvencio Cosio.

Don Juvencio eignete eine kleine Hazienda nicht weit von der Stadt, in
der Donja Luisa lebte. Die Entfernung war nur eine Stunde Ritt. Don
Juvencio war nicht gerade reich, aber er war von genügendem Wohlstand,
denn er verstand seine Hazienda gut und vorteilhaft zu bewirtschaften.

Er war damals etwa fünfunddreißig Jahre alt, gleichmäßig und normal
gewachsen, nicht gerade schön und nicht gerade häßlich, na und gut, wie
Männer, die nicht besonders auffallen und keinen Weltrekord auf
irgendeinem Gebiete des Sports geschlagen haben, eben für gewöhnlich
auszusehen pflegen.

Ob er jemals vorher von Donja Luisa gehört hatte, ist nie klar geworden.
Er sagte hierzu weder ja noch nein, und wenn er, das geschah später
recht häufig, direkt gefragt wurde, so sagte er einfach nein. Es sei
hier gesagt, daß alle Wahrscheinlichkeit dafür spricht, daß er Donja
Luisa vorher nicht gekannt hat und daß er auf keinen Fall, von niemand,
gegen sie verwarnt worden war. Nicht gerade häufig, aber doch zuweilen
war auch er auf Festen der Centros erschienen, denn er hatte von seiner
Schulzeit her eine gute Anzahl von Freunden in der Stadt. In den letzten
Jahren war er freilich dem rasch aufrückenden Nachwuchs junger Männer,
die er nicht kannte, etwas fremd geworden; und er wurde gelegentlich
schon einmal bei Einladungen, die von den jungen Männern ausgegeben
wurden, übersehen. So kann es durchaus möglich sein, daß er
wahrscheinlich Donja Luisa nie auf einem jener Feste gesehen oder
getroffen hat, und als sicher darf angenommen werden, daß er nie mit ihr
getanzt hatte. Da er sich in den letzten Jahren auch immer mehr und mehr
mit seiner Hazienda zu schaffen machte, weil er mehr und mehr Freude an
ihr bekam, so ritt er immer seltener zur Stadt und nur dann, wenn er den
Auftrag nicht durch einen seiner Leute erledigen konnte.

Eines Tages nun dachte er, daß er sich endlich einmal einen neuen
schönen Reitsattel kaufen müßte, weil der alte schon recht schäbig
geworden war. Don Juvencio ritt zur Stadt. Beim Herumsuchen nach einem
Sattel kam er zur Talabarteria der Donja Luisa und fand, daß hier in der
Auslage die schönsten und bestgearbeiteten Sättel seien.

Donja Luisa hatte das Geschäft ihres Vaters nicht verkauft, weil sie
nicht den Preis dafür erhalten konnte, den das Geschäft wert war. So
hatte sie beschlossen, das Geschäft zu behalten und es mit Hilfe des
alten Meisters, der mehr als zwanzig Jahre schon mit ihrem Vater
gearbeitet hatte, und mit den beiden verheirateten Gehilfen, die
gleichfalls schon seit Jahren hier arbeiteten, weiter zu führen. Es ging
viel leichter, als sie gedacht hatte. Sie war im Laden tätig und hielt
die Bücher in Ordnung, während die Tante und die Großmutter das Haus
versorgten. Das Geschäft blühte, und weil die Arbeiten gleich gut
geblieben waren und die Kundschaft sich noch vermehrt hatte, waren die
Einnahmen aus dem Geschäft besser geworden, als sie zu Lebzeiten des
Vaters waren.

Luisa war im Laden, als Don Juvencio sich die Sättel besah, die im
Ladeneingang, im Fenster und an den Außenwänden des Hauses zur Schau
ausgelegt und aufgehängt waren.

Luisa trat in die Tür und beobachtete für eine Weile Don Juvencio, der
mit der Miene des Kenners und Gebrauchers die Sättel sorgfältig auf
ihren Wert, ihre Arbeit und ihre Haltbarkeit prüfte. Er sah plötzlich
auf, und sein Blick traf unerwartet das auf ihn gerichtete Gesicht der
Donja Luisa. Und Donja Luisa – sie hat sich später nie erklären können,
warum – lachte den Mann offen an. Aber sie sagte nichts, sie lud ihn
nicht ein, in den Laden zu kommen, um sich die Sättel anzusehen, die
drinnen auf Lager seien, sie drängte mit keinem Worte auf ihn ein, und
sie pries mit keiner Silbe die Ware an, wie es in Mexiko die Regel ist,
sobald man vor einem Schaufenster stehenbleibt.

Das freie offene Lachen fing Don Juvencio ein; und er wurde etwas
verlegen. Noch vor der Tür stehend, sagte er: „Buenos dias, Senjorita,
ich habe die Absicht, mir einen neuen Sattel zu kaufen.“

„So viel Sie wollen, Senjor“, antwortete darauf Donja Luisa, „Pase,
Usted, Senjor, und sehen Sie sich auch die Sättel an, die ich drinnen im
Laden habe, vielleicht gefällt Ihnen einer von denen noch besser, denn
die sehr guten lege ich nicht da aus, wo sie von der Sonne und dem Staub
verdorben werden können.“

„Con su permiso“, sagte Don Juvencio, und er folgte Donja Luisa in den
Laden.

Er sah sich alle Sättel an. Aber merkwürdigerweise hatte er nun die
Fähigkeit verloren, die Sättel nüchtern und vorurteilsfrei zu prüfen. Er
klopfte zwar an den Sattelstöcken herum, kratzte am Leder und zupfte die
Riemen knallend auseinander, aber seine Gedanken waren nur oberflächlich
bei den Sätteln. Er sagte wenig, und das wenige, was er sagte, bezog
sich nur auf die Sättel. Dann aber blickte er einmal rasch auf, als ob
er etwas fragen wollte. Obgleich Donja Luisa sofort wegsah, hatte er
dennoch so viel noch von ihrem Blick aufgefangen, daß er wohl wußte, daß
sie ihn während der ganzen Zeit aufmerksam angesehen hatte, ebenso
prüfend, wie er vorher die Sättel angesehen hatte.

Und als Donja Luisa fühlte, daß sie von ihm überrascht worden war,
während noch ihr Blick für einen kurzen Moment auf seinem Gesicht geruht
hatte, wurde diesmal sie verlegen. Ihr Gesicht rötete sich ein wenig.
Aber sie gewann sich gleich wieder zurück, lachte ihn an und
beantwortete sachlich und geschäftsmäßig den gefragten Preis für den
Sattel, den er gerade aufgenommen hatte und hin und her drehte.

Er fragte nach den Preisen einiger anderer Sättel, aber sie fühlte, daß
er jetzt nur fragte, um etwas zu sagen.

Dann fragte er nach einigen anderen Dingen, fragte, wo das Leder
herkomme, das hier verwendet sei, wie die Geschäfte gingen und noch so
einiges ohne Bedeutung.

Dann fragte sie, wo er herkomme und wie seine Geschäfte gingen. Er sagte
ihr seinen Namen, erzählte ihr, wie groß seine Hazienda sei, wieviel
Vieh er habe, wieviel Pferde und Maultiere, wieviel Mais er im letzten
Jahre verkauft habe und wieviel Schweine, und wie die Preise gewesen
seien.

Von einem Sattel wurde vorläufig nicht mehr gesprochen.

Als er dann nach einer halben Stunde, oder es war vielleicht eine ganze
Stunde – beide hatten die Zeit nicht beachtet – fühlte, daß er nun doch
wieder auf den Sattel zurückkommen müßte, um nicht aufdringlich zu
erscheinen, sagte er endlich: „Ich denke, daß ich diesen Sattel hier
nehme.“ Dabei wies er auf den schönsten und teuersten Sattel hin. „Aber
ich werde es mir doch noch ein wenig bedenken und mir noch andere in der
Stadt ansehen gehen. Ich möchte wohl, daß Sie mir diesen Sattel hier bis
morgen zurückhalten, Senjorita. Morgen werde ich dann kommen und
bestimmt sagen, ob ich ihn kaufe oder nicht. Dann, hasta manjana,
Senjorita.“

„Hasta manjana, Senjor“, sagte Donja Luisa, und er verließ den Laden.
Nun kauft man ja in Mexiko kein Ding überrasch, ganz gleich, ob es sich
um einen Esel, ein Pferd, ein Haus, einen Sattel, eine Hose oder ein
Taschenmesser handelt. Darum war die Tatsache, daß er sich nicht sofort
zum Kaufe entschloß, für sie in keiner Weise auffallend. Aber mit dem
guten Instinkt der Frau wußte sie, daß er seine Entscheidung
hinsichtlich des Sattels getroffen hatte und daß er den Kauf nur darum
aufschob, um morgen wiederkommen zu können. Sie hatte sich hierin nicht
getäuscht. Das war wirklich der Grund gewesen, warum er nicht gekauft
hatte.

Er sah sich natürlich keinen anderen Sattel in einem nächsten Geschäft
an, sondern er schlenderte zu dem Platze, wo sein Pferd an einen Pfosten
gebunden war, setzte sich auf und ritt langsam heim.

Auf dem Heimwege dachte er nur an das Mädchen und an ihr Lachen. Und als
er auf seiner Hazienda angelangt war, da war er verliebt bis zu völliger
Hilflosigkeit.

Er war drei- oder viermal vorher in seinem Leben verliebt gewesen; aber
es war nie etwas daraus geworden. Jetzt war er freilich vollkommen davon
überzeugt, daß er noch nie in seinem Leben verliebt gewesen sei und daß
alle früheren Liebschaften nichts weiter gewesen waren als zufällige
Bekanntschaften.

Am nächsten Morgen war er schon um neun Uhr wieder im Laden.

Diesmal war die Tante im Laden. Das enttäuschte ihn. Er wußte sich aber
zu helfen. Er sagte: „Perdoneme, Senjora, ich habe mir gestern hier
einige Sättel angesehen. Aber die junge Frau, die hier im Laden war,
wollte mir noch einige andere Sättel zeigen, die sie zurückgelegt habe.“

„Ja, das war meine Nichte Luisa. Hören Sie, Senjor, ich weiß nun nicht,
welche Sättel sie gemeint haben könnte. Luisa ist irgend etwas einkaufen
gegangen. Wenn Sie zehn Minuten warten können, dann ist sie zurück, und
sie kann Ihnen die Sättel gern zeigen.“

Juvencio brauchte aber keine volle zehn Minuten zu warten, und da kam
Luisa heim.

Sie lachten sich beide an wie alte Bekannte.

Als nun Luisa sofort die Tante mit einem Auftrag ins Haus schickte,
wußte Juvencio – ein Mann begreift ja schwer und sehr langsam in
gewissen Dingen, aber zuweilen hat ja auch er den richtigen Instinkt –,
ja, da wußte Juvencio, daß Luisa ihm nicht ganz abgeneigt war, denn sie
wollte mit ihm allein sein.

Um das Gespräch wieder in Gang zu bringen und ohne es durch einen Kauf
zu rasch abschließen zu müssen, begann er aufs neue, sich alle übrigen
Sättel anzusehen. Das Gespräch schweifte jedoch sehr bald, wohl dem
Wunsche beider folgend, von den Sätteln ab und wandte sich anderen
Dingen zu.

Er wurde ein wenig dreister und fragte geradeswegs, ob sie sich nicht
bald verheiraten werde.

„Ich wüßte nicht gegen wen“, sagte Donja Luisa, ihn anlachend, „ich habe
keinen Novio, ich habe keinen einzigen Liebhaber.“

„Ha“, sagte er nun, „ein so schönes Mädchen wie Sie sind, Senjorita, und
keinen Liebhaber, das glaube ich nicht.“

„Es ist aber doch so, Senjor.“ Sie brachte ihre Fingerspitzen hoch und
klopfte sich damit beteuernd und verschwörend gegen die Lippen und
sagte: „Bei der Heiligen Allerreinsten Jungfrau nicht, Senjor.“

„Ja, dann muß ich es wohl glauben“, sagte darauf Don Juvencio lachend.

Es verging wieder eine Stunde des Hinundherredens, und als er endlich
abermals einsah, daß er gehen müßte, entschied er sich nun, den Sattel
zu kaufen. Er zählte das Geld auf den Tisch einzeln auf, nachdem er es
aus seinem Ledergurt ausgeschüttet hatte.

Als sie das Geld genommen hatte und sein Geschäft eigentlich nun
abgeschlossen war, hielt er sich die Tür zur Rückkehr offen und sagte:
„Ich werde wohl noch verschiedene Dinge brauchen, Senjorita, und ich
werde in den nächsten Tagen wiederkommen müssen, mit Ihrer Erlaubnis.“

„Das ist Ihr Haus, Cabellero, kommen Sie wieder, so oft Sie wollen, Sie
sind immer gern gesehen.“

„Ist das so ernst gemeint, Senjorita?“ fragte er. „Oder sagen Sie das
nur zugunsten des Geschäfts?“

„Nein“, lachte Donja Luisa, „ich meine es im wahren Ernst. Und damit Sie
sehen, wie sehr ernst ich es meine – wollen Sie uns nicht die Ehre
erweisen, ins Haus zu kommen und mit uns zu frühstücken? Wir sind gerade
beim Frühstück, und wenn Sie nicht gekommen wären, dann wäre ich nun
schon damit fertig.“

Der Mexikaner trinkt frühmorgens, gleich nachdem er aufgestanden und
sich gewaschen hat, eine oder zwei Tassen Kaffee und ißt dazu nur einen
Bissen oder meist gar nichts. Das nennt er Desayuno. Dann zwischen acht
und zehn Uhr morgens setzt er sich zu einem Frühstück nieder, das den
doppelten Umfang eines Mittagessens in Schweden hat. Darum ist das
Frühstück, das Almuerzo heißt, eine Angelegenheit, die ohne besondere
Mühe sich über eine Stunde Zeit hinziehen kann, ehe man damit völlig
durch ist.

Als Donja Luisa und Don Juvencio in den Comidor, in das Eßzimmer, kamen,
schienen die Tante und die Großmutter soeben mit dem Frühstück fertig
geworden zu sein, weil sie so lange nicht hatten warten wollen und
übrigens daran gewöhnt waren, daß Luisa aß, wenn es ihr gefiel, und
nicht, wenn andere es wünschten oder gar kommandierten.

Aus Höflichkeit blieben aber die beiden älteren Frauen noch so lange
sitzen, bis der erste Gang vorüber war. Sie sagten ein paar freundliche
Worte zu ihrem Gast, standen dann auf vom Tische und verließen das
Zimmer.

Das Frühstück der beiden Leute dehnte sich bis gegen elf Uhr aus.

                   *       *       *       *       *

Nicht am nächsten Morgen, wohl aber am übernächsten, kam Don Juvencio
schon wieder, diesmal um Gurten zu kaufen.

Und von dem Tage an kam er jeden zweiten Tag, um etwas zu kaufen oder
etwas umzutauschen, oder um etwas zu bestellen nach besonderer
Anordnung. Daß er sich jedesmal, wenn er kam, zum Frühstück niedersetzen
mußte, wurde zur Regel. Dann kam es auch schon vor, daß er noch weitere
Dinge in der Stadt zu ordnen hatte, die sich bis über den Mittag
hinzogen; und so wurde er auch zum Mittagessen eingeladen. Und dann
geschah es einmal, daß er erst am Nachmittag zur Stadt kommen konnte. Es
begann zu regnen, als er im Hause der Donja Luisa war, und er blieb zum
Abendessen. Aber es regnete immer heftiger, und die Nacht war
undurchsichtig und der Regen wuchs an, anstatt nachzulassen. Was sollte
er in ein Hotel gehen, sagten die Frauen, und dort das Geld unnötig
ausgeben, er könne auch hier im Hause schlafen, man habe genügend freie
Zimmer, und wenn das Bett, das man ihm anbieten könnte, auch nicht
gerade sehr gut sei, so sei es doch auf keinen Fall schlechter, als die
Betten in dem Hotel seien. Und so verbrachte er einen langen Abend mit
Donja Luisa im Hause und nahm die Gastfreundschaft für die Nacht
bereitwillig an.

So vergingen zwei Wochen, und er lud die Frauen für den Sonntag auf
seine Hazienda ein. Donja Luisa und die Tante kamen hinausgeritten mit
Pferden, die er sehr frühzeitig zur Stadt geschickt hatte, und mit zwei
seiner Leute zur Begleitung. Die Großmutter war daheim geblieben, um das
Haus nicht allein zu lassen.

Nun geschah alles Weitere genau so, wie es immer geschieht, wenn ein
Mädchen und ein Mann glauben, daß sie sich mit einer Heirat abfinden
könnten, um dem ewigen Hinundherrennen, das nur ermüdet, ein Ende zu
machen.

So kamen die beiden endlich überein, sich die Ehe zu versprechen. Er
hatte bei der Großmutter und der Tante, höflich und den Sitten
gehorchend, angefragt; und die beiden hatten nichts gegen die Heirat
einzuwenden, denn Don Juvencio war ein anständiger Mensch, von
ehrenhafter Familie, hatte einen mäßigen Wohlstand, war nüchtern und
arbeitsam, und er hatte alle sonstigen Tugenden, um einen guten Ehemann
für Luisa zu machen.

Juvencio hatte natürlich auch Luisa selbst gefragt; und weil sie schon
zwei Wochen vorher gewußt hatte, welche Antwort sie geben würde, falls
er fragen sollte, so erfolgte von ihrer Seite aus die Zusage ohne lange
Ziererei und mit Bestimmtheit.

Bis zu dieser Phase einer Heiratsmöglichkeit war Donja Luisa auch mit
einigen anderen ihrer Freier gelangt. Mit zweien von denen sogar schon,
ehe vier Wochen vergangen waren. Damit soll hier gleich gesagt werden,
daß diese Vorverlobung innerhalb der engsten Familie für niemand
irgendeine Gewißheit bot, daß diese Heirat, die jetzt in Aussicht stand,
auch wirklich vollzogen werden würde. Die Großmutter und die Tante,
durch frühere Erfahrungen weise geworden, zweifelten sehr daran, daß es
diesmal Ernst werden würde, obgleich Don Juvencio mehr ein vollwertiger
Mann war als einer seiner Vorgänger. Don Juvencio war sehr ruhig, sehr
verträglich, nicht streitsüchtig und nicht rechthaberisch. Darum waren
bis jetzt keinerlei Zwistigkeiten zwischen den beiden vorgekommen.

Dennoch hielt es die Großmutter für wohl geraten, gelegentlich zur Tante
zu sagen: „Die sind noch lange nicht verheiratet, und ehe sie nicht
beide im selben Bett sind, glaube ich es auch nicht, daß etwas daraus
wird. Jedenfalls kümmere dich vorläufig weder um Kleider noch um sonst
etwas, und am besten ist es, du sagst zu keiner Seele in der ganzen
Stadt auch nur eine Silbe von der Sache.“

Die Tante folgte diesem guten Rate, denn sie war genau so voller
berechtigter Zweifel wie die Großmutter.

Die Vorfälle, die eine Heiratsaussicht endgültig zerstörten, hatten
sich, in allen früheren Fällen, stets immer erst in ihrer vernichtenden
Wirkung gezeigt, nachdem die Vorverlobung stattgefunden hatte; also in
jener Periode des Verlöbnisses, die nun folgte. Das war ja auch
erklärlich. Die beiden Leute verkehrten vertraulicher miteinander, und
dadurch geschah es ganz natürlich, daß sie gelegentlich ihre wahre Natur
gegeneinander entschleierten und sich nicht immer die unbequeme Mühe
machten, einen Ausbruch ihrer wirklichen Meinungen und Gefühle durch
Zurückhaltung und Selbstbeherrschung dauernd zu unterdrücken.

Und es geschah deshalb immer während dieser Periode, daß die Freier zur
Besinnung kamen und rechtzeitig absprangen. Es soll aber auch gesagt
werden, daß nicht immer nur die Freier absprangen, sondern daß ebenso
häufig auch Donja Luisa absprang und den Freier einfach aus dem Hause
warf, oder ihn so behandelte, daß er wußte, er könne nicht wiederkommen,
ohne daß ihm in rücksichtslosester Weise die Tür gewiesen werden würde.
Dieses Streiten und Rechthabenwollen begann schon eine Woche nach dem
Gelöbnis.

Don Juvencio stand eines Morgens im Laden, um mit Donja Luisa eine Weile
sprechen zu können. Sie kamen auf Sättel zu reden, und Don Juvencio
sagte ganz frei heraus: „Das will ich dir nur einmal sagen, Licha, von
Sätteln verstehst du gar nichts. Obgleich du eine Talabarteria hast,
weiß ich mehr über Sättel und Leder als du. Kannst du mir ruhig
glauben.“

Diese Äußerung hatte Donja Luisa hervorgerufen dadurch, daß sie über die
Güte und den Wert einer bestimmten Ledersorte durchaus recht haben
wollte; während Don Juvencio ihr einfach nicht recht geben konnte, weil
es gegen sein besseres Wissen ging. Als Ranchero hatte er genug mit
Leder, Sätteln und Geschirren praktisch zu tun, um aus Erfahrung zu
lernen, welches Leder sich für bestimmte Zwecke besser eigne und welches
sich weniger gut dauerhaft oder brauchbar erweise.

Donja Luisa fuhr wild auf und schrie aufs höchste erbost: „Ich bin seit
meiner Windelzeit hier in der Talabarteria zwischen Sätteln, Gurten,
Riemen und Geschirren, und du willst mir in das Gesicht hinein sagen,
daß ich nichts von Sätteln und Leder verstünde!“

„Ja, das will ich, weil das meine Meinung ist“, sagte Don Juvencio
ruhig.

„Glaub nur ja nicht, daß du mich kommandieren kannst, auch wenn wir
verheiratet sein sollten, was ich überhaupt noch gar nicht einmal so
sicher annehme. Ich lasse mich nicht kommandieren, auch von dir nicht.
Und damit du das nur gleich weißt, mach, daß du hier rauskommst, und laß
dich hier nicht mehr blicken, oder es fliegt dir etwas an den Kopf, daß
du lange genug daran denken und doktern kannst, um zu wissen, daß ich
der bin, der kommandiert.“

Er sagte: „Gut, ganz wie du denkst.“ Dann ging er, und sie warf wütend
die Tür hinter ihm zu.

Sie lief ins Haus und sagte zu ihrer Tante: „Den habe ich rausgefegt.
Der dachte, daß er kommandieren könnte. Ich brauche keinen Mann, und ich
will keinen.“

Weder die Tante noch die Großmutter sagten etwas dazu, denn es war ja
für sie keine Neuigkeit. Sie seufzten nicht einmal. Im Grunde war es
ihnen überhaupt gleichgültig, ob Luisa heiratete oder nicht; denn sie
wußten, daß Luisa auf alle Fälle doch tun würde, was ihr beliebte, ob es
den beiden Frauen gefiel oder nicht.

                   *       *       *       *       *

Nun war Don Juvencio wohl wirklich ernstlich verliebt in das Mädchen. Er
zog sich nicht zurück, wie es seine Vorgänger nach einigen
Unterhaltungen dieser Art gewöhnlich getan hatten. Nach drei oder vier
Tagen war er eines Morgens wieder im Laden. Darüber war Donja Luisa
nicht wenig erstaunt. Aber er war vielleicht noch mehr erstaunt darüber,
als er sich plötzlich ihr gegenüber im Laden wiederfand. Er hatte in der
Tat den Hinauswurf vergessen, und er war in den Laden gekommen aus
reiner Gewohnheit.

Es mochte wohl sein, daß Donja Luisa gleichfalls ihm gegenüber etwas
tiefer empfand, als sie je gegen einen ihrer früheren Freier empfunden
hatte. Sie war nicht gerade freundlich zu ihm, aber doch auch nicht
abweisend. So erschien es als nichts anderes als eine Form der
Höflichkeit, daß sie ihn zum Frühstück einlud.

Einige Tage ging es gut.

Dann aber kam ein Abend, wo sie behauptete, daß eine Kuh auch Milch
geben könne, ohne ein Kalb gehabt zu haben. Sie behauptete, diese
Tatsache in dem amerikanischen College gelernt zu haben.

Darauf sagte er: „Wenn du das in dem amerikanischen College gelernt
hast, Licha, dann sind die Lehrer und Professoren des College alte Esel,
und dann ist es nicht weit her mit der Bildung und dem Wissen, das du
dort erworben hast.“

„Du willst doch nicht etwa sagen, daß du klüger bist als die
Professoren, Bauer, der du bist!“ sagte sie.

„Klüger oder nicht klüger“, gab er zurück, „aber gerade als Bauer weiß
ich, daß eine Kuh, die kein Kalb gehabt hat, keine Milch geben kann, ob
du sie nun von hinten oder von vorne melkst. Wo keine Milch ist, da
kannst du keine rausmelken.“

„So, da willst du also sagen, daß ich nichts gelernt habe, daß ich eine
dumme Henne bin, daß ich kein Examen gemacht habe. Und ich will dir auch
gleich noch mehr sagen, ob du nun ein Bauer bist oder nicht: Hühner
können Eier legen, ohne daß sie einen Hahn dazu brauchen.“

„Richtig“, sagte er, „ganz richtig, und Hähne legen zuweilen auch Eier,
wenn die Hennen keine Zeit dazu haben, und Maultiere werfen
Maultierfüllen, und es ist auch ganz richtig, daß viele Kinder geboren
werden, die keinen Vater haben.“

„So, du willst mir widersprechen, mir, die ich studiert habe, während du
die Schweine gefüttert hast!“

„Wenn wir, das ist ich und meinesgleichen, die Schweine nicht füttern,
dann verhungern alle deine überklugen amerikanischen Professoren.“

Sie wurde von einer Wut gepackt, wie er bisher nicht geglaubt hatte, daß
ein Mensch einer solchen Wut fähig sein könnte.

Sie schrie: „Gibst du zu, daß ich recht habe, oder nicht?“

„Du hast recht. Aber eine Kuh, die kein Kalb gehabt hat, gibt keine
Milch. Und wenn es eine solche Kuh gibt, dann ist es ein Wunder. Und
Wunder sind Ausnahmen. In der Landwirtschaft aber kann man sich weder
auf Wunder noch auf Ausnahmen verlassen.“

„So, du verhöhnst mich und beschimpfst mich noch obendrein?“

„Ich beschimpfe dich nicht, aber Kühe, die kein Kalb gehabt haben, geben
keine Milch, und einen brauchbaren Sattelgurt aus Ziegenleder kann man
auch nicht machen.“

Die Ruhe, mit der er das sagte, brachte sie in größere Raserei, als das
ein aufgeregter Widerspruch von ihm getan haben könnte.

Auf dem Tisch stand ein steinerner Wasserkrug. Mit einem Ruck war sie
hoch, ergriff den Krug und pfefferte ihn ihrem Widersacher an den Kopf.
Die Kopfhaut platzte, und das Blut lief in einem dicken Strom dem Don
Juvencio über das Gesicht.

In einem Film oder in einem guten Roman würde jetzt das Mädchen ihre
rasche Tat bedauert haben, sie würde ihr Seidentüchelchen genommen
haben, hätte es auf die Wunde gepreßt, dann die Wunde mit zarten Händen
ausgewaschen, dann den armen Kopf in ihre Arme gepreßt und ihn mit
Küssen bedeckt, und am nächsten Morgen wären beide zur Kirche
marschiert, hätten sich verheiratet und hätten von nun an für den Rest
ihres Lebens in eitel Glück und Zufriedenheit gelebt. Da es sich aber
hier weder um einen Film noch um einen Roman handelte, so lachte Donja
Luisa nur höhnisch auf, als sie den blutenden Freier sah, und schrie:
„So, nun wirst du wohl endlich genug haben mit deiner Rechthaberei und
mit deinem ewigen Besserwissenwollen. Und wenn du wirklich noch im Sinne
haben solltest, mich zu heiraten, dann ist das jetzt ausgemacht einmal
für allemal: Ich habe recht, und ich kommandiere. Wenn du damit
einverstanden bist, gut. Wenn nicht, dann wird nichts daraus, und du
kannst meinetwegen zur Hölle gehen mit deinem Rechthaben und mit deinem
Herumkommandieren. Such dir ein dummes Indianermädchen zur Frau, mit der
kannst du solche Dinge machen. Nicht mit mir. Du kennst mich nun.“

Sie ging in ihr Zimmer, ohne ein weiteres Wort zu sagen.

Er ging zum Doktor.

                   *       *       *       *       *

Es war in den letzten Wochen in der Stadt schon ein wenig bekannt
geworden, daß Donja Luisa einen neuen Freier habe. Es war auch bekannt
geworden, wer der neue Freier war. Denn in einer kleinen Stadt, auch in
Mexiko, kann ein unverheirateter Mann nicht mehr als dreimal in ein Haus
gehen, wo ein heiratsfähiges Mädchen mit ihrer Familie lebt, ohne daß
jeder weiß, warum der Mann so häufig in jenes Haus auf Besuch geht.

Als Don Juvencio zwei Tage später mit verbundenem Kopf in der Stadt
gesehen wurde, wußte man, daß die beiden sehr nahe vor der Heirat
gestanden hatten, daß aber jetzt die Sache aus und vorbei sei.

Don Juvencio hatte auch gleich Freunde um sich herum.

„Aber, Hombre, Vencho, warum hast du denn nichts gesagt? Wir hätten dir
doch die Augen aufknöpfen können. Die ist doch bekannt, daß sie ein
Teufel ist. Schlimmer als ein Teufel. Die ist die Hölle und das
Fegefeuer schon vor der Heirat. Was sie nach der Heirat sein wird, dafür
gibt es kein Beispiel. Wie kannst du denn nur auf diese Tigerin so
reinfallen! Weißt du denn, wie viele Bewerber sie in derselben Weise
heimgeblasen hat wie dich? Ein halbes Dutzend langt nicht. Wer sie
kennt, läßt die Finger weit davon. Hier kriegt sie keinen. Hier ist sie
durch. Sie konnte nur noch einen erwischen wie dich, der von Welt und
Hund nichts weiß, der nicht reinkommt von seinem Windfang da draußen.
Danke deinem Schöpfer, daß du den Kopf noch zur rechten Zeit bekommen
hast, ehe es zu spät war. Dir wird ja jetzt das Hirn da oben wieder
zurechtgerückt worden sein. Wenn du heiraten mußt, heirate, was dir in
den Weg gelaufen kommt, ganz gleich woher sie kommt und wie sie kommt;
aber laß diese Dynamitpatrone allein. Wir sind uns bis heute noch nicht
ganz sicher darüber, ob sie nicht ihren Vater und ihre Mutter erschlagen
hat. Die sind beide merkwürdig rasch gestorben, und sie waren gar nicht
krank. Und der Doktor, der das Attest ausgeschrieben hat, na, da weiß
man ja auch nicht so recht, er war der Familiendoktor, und er muß ja
auch leben und will keinen Gestank haben und mit den Gerichten seine
Zeit verlieren. Die könnte zehn Millionen haben und noch zwanzigmal eine
hübschere Fratze vorgebunden haben, einer, der sie kennt, nimmt sie
nicht in einen Sack gebunden und umsonst.“

                   *       *       *       *       *

Zwei Monate später waren Don Juvencio und Donja Luisa verheiratet. Er
hatte wohl zugestanden, daß er nicht darauf bestehen würde, recht zu
haben, wenn sie anderer Meinung war, und er hatte wohl auch zugestanden,
daß sie in der Ehe die Zügel führen dürfe. Das muß als sicher angenommen
werden, weil ja sonst diese Heirat gewiß nicht möglich gewesen wäre.

Die Meinung der Männer in der Stadt war geteilt. Die einen sagten, Don
Juvencio müsse ein ungemein mutiger Mann sein, weil er sich zwischen die
Tatzen des Tigers gelegt habe. Andere glaubten, er sei in eine gewisse
sexuelle Abhängigkeit geraten, die ihn blind gemacht habe, und er würde
wahrscheinlich aufwachen, sobald er seine Wünsche nach der Verheiratung
gekühlt habe. Wieder andere meinten, daß er sich in einer unüberlegten
Fahrlässigkeit ihr gegenüber habe etwas zuschulden kommen lassen, das
ihn zwang, sich wider bessere Einsicht zu verheiraten. Abermals andere
sagten, er sei wohl doch im Grunde sehr geldgierig, daß er alles übrige
darüber vergessen konnte. Wieder andere meinten, er sei vielleicht ein
wenig anormal veranlagt und liebe es, unter dem Joch und der brutalen
Gewalt einer Frau zu stehen. Und endlich waren da genug, die sagten, daß
er wohl mehr auf eine hübsche Außenwand sehe als auf das, was dahinter
ist.

Aber was die Männer auch in ihren einzelnen Parteien gedacht haben
mögen, alle, ohne Ausnahme, sahen den kommenden Geschehnissen, die sich
aus dieser Ehe entwickeln würden, mit einer erregten Spannung entgegen
wie der Fortsetzung in einem guten Mörderfilm. Und die Wahrheit ist, daß
niemand, selbst nicht jene Freier, die gern das Vermögen der Donja Luisa
gehabt hätten, Don Juvencio beneideten oder es nachträglich bedauerten,
daß sie nicht doch das Mädchen unter allen Umständen genommen hatten,
als Gelegenheit dazu war. Jeder sagte zu sich und zu seinen Bekannten,
daß er nicht im Fell des Don Juvencio stecken möchte.

Es kann nicht angenommen werden, daß Don Juvencio jemals von einem Manne
gehört hatte, dessen Name Shakespeare war; noch viel weniger darf
angenommen werden, daß Don Juvencio je davon gehört hatte, wie man, nach
dem Bericht jenes Mr. Shakespeare, rabiate Tigerinnen in England zähmt.
Und hätte Don Juvencio wirklich jenen Bericht gelesen, so war er doch
Mexikaner genug, um zu wissen, daß in Mexiko die Zähmung nicht nach
englischen Rezepten vorgenommen werden kann, um Wirkung zu haben,
sondern nach Erfahrungen, die einen hier der Busch lehrt.

Bei der Hochzeitsfeierlichkeit hatte er ein Gesicht aufgesetzt, aus dem
niemand schließen konnte, ob er zufrieden mit sich und der Welt sei oder
nicht. Aber allen Gästen fiel es auf, daß er seiner jungen Frau immer
recht gab, ihr in allem, was sie sagte, zustimmte; und wenn im Laufe der
langen Sitzung wiederholt das Gespräch darauf kam, besonders von den
anwesenden Damen, wie die beiden Leute dieses oder jenes in ihrem Hause
und in ihrem künftigen Leben halten würden, da sagte er, das wird getan,
wie Donja Luisa das anordnet. Als in vorgerückten Stunden nicht nur die
Männer, sondern auch die Damen angeregter wurden durch die Getränke,
fielen mehr und mehr Anzüglichkeiten über die starke junge Frau und den
schwächlichen und nachgiebigen Mann, und daß nun eine neue Zeit auch in
Mexiko angebrochen sei, in der endlich die Frau das Kommando übernehme.
Zu allen solchen Neckereien, die zuweilen hart so dicht gingen, daß er
offen lächerlich gemacht wurde, blieb er gleichgültig wie eine
vertrocknete Speckkruste.

Einer seiner alten Freunde, sehr angetrunken, stand auf und rief über
den ganzen Tisch hin: „Vencho, wir besser schicken morgen früh die
Ambulance hinaus, um deine Knochenreste abzuholen.“

Es folgte ein brüllendes Gelächter.

Das war ein sehr gewagter Scherz. Bei viel schwächeren Scherzen wird in
Mexiko, sei es bei einem Begräbnis oder bei einer Kindtaufe oder bei
einer Hochzeit, nach solchen oder ähnlichen nackten Bemerkungen sofort
gezogen und geschossen. Selbst bei einer Festlichkeit in den vornehmeren
Kreisen. Hunderte von Hochzeiten enden mit drei oder vier Toten,
darunter häufig der junge Ehemann und nicht selten – wenn auch nur durch
fehlgegangene Schüsse – die Braut. Denn bei dem heißen Blute der
Mexikaner und bei der Zimperlichkeit, mit der sie das betrachten, was
sie Su Honor, ihre Ehre, nennen, weiß man nie, in welcher Weise eine
Neckerei aufgenommen werden wird.

Aber hier lief alles friedfertig ab.

Die Hochzeit dauerte bis weit in den folgenden Tag hinein. Sie war im
Hause der jungen Frau gehalten worden. Und als die Feier als beendet
angesehen wurde, waren alle hundemüde und alle genügend alkoholisiert,
daß niemand, das junge Ehepaar eingeschlossen, an irgend etwas anderes
dachte als daran, nun einmal recht tüchtig zu schlafen.

Es war ganz natürlich und niemand sah darin irgendeine Sache, die gegen
hergebrachte Regeln verstieß, daß Donja Luisa in ihr altes Zimmer ging,
um zu schlafen, und Don Juvencio sich in jenem Zimmer ins Bett legte, wo
er einige Male schon geschlafen hatte, wenn er zur Nachtzeit nicht
zurückreiten konnte zu seiner Hazienda. Es hatte auch in der Tat keiner
von den Gästen irgendein Interesse daran, sich darum zu kümmern, was die
beiden jungen Leute nun taten und wo und wie sie die folgenden Stunden
verbrachten. Denn der Übermüdung wegen und unter dem Eindruck voller
Mägen und betäubter Hirne hatte jeder einzelne so viel mit sich selbst
zu tun, daß er keinen Gedanken mehr übrighatte, den er auf das Tun und
Lassen seiner Mitmenschen verschwenden konnte.

Am nächsten Morgen frühstückten Don Juvencio, Donja Luisa, die Tante und
die Großmutter gemeinschaftlich. Es wurde dabei nicht viel geredet. Die
beiden älteren Frauen waren in einer gerührten Stimmung, weil Luisa nun
das Haus verließ; und das Ehepaar redete gleichgültige Worte über die
Art und Weise des Heimritts und was man in der Hazienda wohl zuerst tun
müßte, um sie für die neuen Verhältnisse einzurichten.

Dann kamen die Burschen von der Hazienda mit den Reitpferden und mit den
Maultieren. Es wurde den Maultieren nur gerade das Allerwichtigste
aufgepackt, das Donja Luisa am notwendigsten für die ersten Tage
brauchte. Alles übrige würde dann in den nächsten Tagen
nachtransportiert werden.

                   *       *       *       *       *

Auf der Hazienda angekommen, hatte Don Juvencio nicht viel Zeit, sich um
seine junge Frau zu kümmern; denn es hatte sich in den vergangenen Tagen
reichlich Arbeit angehäuft, die er zu besorgen hatte.

Donja Luisa ordnete mit der alten indianischen Haushälterin und den
Mädchen die Zimmer an.

Dann wurde es Abend, und Donja Luisa legte sich in das schöne weiche
neue und sehr breite Ehebett. Aber wer nicht kam, sich zu ihr zu legen,
das war Don Juvencio, ihr kürzlich erworbener Ehemann.

Ob sie erwartete, daß er kommen würde, um mit ihr zu schlafen, weiß man
nicht. Es hat sie nie jemand darum gefragt, was sie sich gedacht hat in
jener Nacht und was sie erwartet haben mag. Es ist aber wohl sicher, daß
sie geglaubt hat, daß diese Hochzeitsnacht nicht ganz vollständig sei;
denn sie war ja eine Frau, war fünfundzwanzig Jahre alt, hatte Romane
gelesen, war in höhere Schulen gegangen und hatte Freundinnen, die
längst verheiratet waren und Kinder besaßen.

Daß ihre Hochzeitsnacht vorüberging, wie jede Nacht in ihrem
unverheirateten Bett vorübergegangen war, machte sie verwirrt. Sie war
überzeugt gewesen, daß zwischen Verheiratetsein und Nichtverheiratetsein
auf jeden Fall ein Unterschied bestehen müsse, der, je nach den
Verhältnissen, die teils in der Psychologie, teils in der Physiologie
begründet liegen, angenehm, für die Gesundheit und das allgemeine
Wohlergehen nützlich, unangenehm, peinlich, schwierig, unbefriedigt,
unerfreulich, langweilig, widerwärtig, ermüdend, erfrischend oder
pflichtschuldig sein kann.

Aber Donja Luisa bekam keine Gelegenheit, persönlich zu prüfen, in
welcher Form und Weise der Unterschied zwischen Verheiratetsein und
Nichtverheiratetsein sich bei ihr geltend machen würde. Denn in der
folgenden Nacht blieb sie gleichfalls allein.

„Dios mio“, sagte sie zu sich, „mein Gott im Himmel, er wird doch nicht
etwa nicht mehr können, oder sollte er etwa gar so unschuldig sein, daß
er nicht weiß, wo es fehlt? Aber er ist doch Mexikaner. Er wäre der
erste Mexikaner, der je gelebt hat, der das nicht wüßte. Und das glaube
ich nicht. Er hat doch Kühe und Stiere und Hengste und Mähren und was
weiß ich. Unterricht genügend. Heilige Maria, Mutter Gottes,
allerreinstes Himmelsjüngferlein, ich werde doch nicht etwa aufklären
müssen! Himmel, was mache ich nur da? Ich kann ihm doch nicht die Tante
herschicken! Wenn er wenigstens ins Bett kommen wollte, dann würde sich
das ja alles von allein geben. Aber so –. Und wenn ich mir ihn ansehe,
er ist ein angenehmer und kräftiger Muchacho. Der Beste der ganzen
verfluchten Bande, die ich kenne. Ich will gar keinen andern haben.“

Das Einschlafen wurde ihr schwer. Sie wälzte sich hin und her in dem
weichen, schönen, neuen, breiten Ehebett.

Es war am folgenden Nachmittag.

Don Juvencio war seit dem frühen Morgen auf den Feldern gewesen. Er war
ziemlich ermüdet zum Essen heimgekommen. Er saß jetzt in einem
Schaukelstuhl im Portico des Hauses. Vor sich hatte er ein Tischchen
stehen, auf dem die Zeitung lag, in der er herumgeblättert hatte.

Im selben Portico, etwa zwölf Schritte entfernt von Don Juvencio, lag
Donja Luisa in einer Hängematte. Sie hatte ein Kissen unter ihrem Kopfe,
und sie las in einem Buche.

Sie war in den paar Tagen, seit sie auf der Hazienda war, durchaus nicht
müßig gewesen. Sie hatte ihren Teil zur Arbeit, zur Einrichtung,
Umänderung und Führung des Haushalts reichlich beigetragen. In einem
mexikanischen Hause ist ja auch eine Frau bei weitem nicht ein solches
Arbeitstier wie die Frau in Europa. Selbst in wenig bemittelten Kreisen
läßt ihr Mann es nicht zu, daß sie mehr tut, als den Haushalt zu leiten,
also die Einkäufe zu besorgen oder anzuordnen, und das Arbeitsprogramm
für die Köchin und für die Mädchen zu bestimmen. Da die Mexikaner sehr
gesellschaftlich sind, sich ständig gegenseitig besuchen, hat die Frau
genügend gesellschaftliche Aufgaben zu erfüllen, die in einem Hause
nicht vernachlässigt werden dürfen, wenn der Mann einen Beruf oder eine
Stellung hat, wo er darauf angewiesen ist, im Verkehr mit seinen
Mitbürgern und Geschäftsfreunden zu bleiben. Es lag also hierin nichts
besonders Auffallendes, daß Donja Luisa lässig in der Hängematte ruhte
und in einem Buche las. „Du könntest auch lieber etwas Nützlicheres
tun“, sagt ein Mexikaner zu seiner Frau wohl nur dann, wenn er einen
deutschen Großvater gehabt haben sollte.

                   *       *       *       *       *

Seit Donja Luisa auf der Hazienda eingezogen war, hatten die beiden
Eheleute sehr wenig miteinander geredet. Von dem albernen und zärtlich
gemeinten Geschwätz, das jungverheiratete Leute in den ersten zwei
Wochen zu führen pflegen, war hier nichts zu hören. Die Ursache war wohl
nur bei ihm zu suchen. Er hatte nicht die Absicht, ein tobendes
Ungewitter heraufzubeschwören, solange es vermieden werden konnte. Sie
aber hatte im Gefühl, daß sich etwas vorbereite; denn daß er nun drei
Nächte schon ihr aus dem Wege gegangen war, als wäre sie hier nur ein
gelegentlicher Gast, war denn doch zu merkwürdig, als daß sie sich keine
Gedanken darüber hätte machen sollen.

Gestern morgen hatte er, als er zum Frühstück in das Eßzimmer kam,
gefragt: „Wo ist der Kaffee?“ Darauf hatte sie gesagt: „Frage Anita, ich
bin nicht dein Dienstmädchen.“ Dann war er selbst in die Küche gegangen
und hatte den Kaffee selbst hereingebracht, ohne ein Wort darüber zu
verlieren. Sie hatte später freilich in der Küche gewaltig mit Anita
aufgedonnert dieses Vorfalls wegen; aber Anita hatte sich damit
entschuldigt, daß sie den Kaffee immer erst aufgetragen habe, nachdem
die Eier gegessen seien, und wenn der Patron das jetzt anders haben
wolle, so müsse er es ihr sagen.

Es war ein heißer tropischer Frühnachmittag. Der Portico lag zwar im
Schatten, aber es ruhte dennoch in ihm, wie auf dem grasbewachsenen
weiten Vorplatz, der von einer flirrenden Glut bedeckt war, eine
lastende unbewegte schwere Wärme, die sich nur ertragen ließ, wenn man
stillsaß oder sich in einem Schaukelstuhl oder in der Hängematte wiegte,
ohne mehr zu denken, als was unbedingt notwendig war, um sich noch von
einem Tier zu unterscheiden.

Auch die Tiere des Hauses, die in der Nähe waren, dröselten schläfrig
ihre Zeit dahin, und sie bewegten sich nur, wenn die summenden Fliegen
sie allzusehr belästigten.

Über dem Geländer des Portico, auf einer kleinen Schaukel, hockte der
Papagei. Er träumte dahin, wachte gelegentlich auf, krächzte oder
rasselte einige Worte und brütete dann wieder in sich hinein, wenn ihm
niemand eine Antwort gab.

Auf der obersten Stufe der kurzen Treppe, die in den Portico führte, lag
schlafend die Katze. Sie hatte gut gegessen, und sie lag nun, beinahe
völlig auf dem Rücken, mit dem Kopfe weit zurückgelehnt auf der heißen
Stufe, mit jener satten Unbekümmertheit, die nur denjenigen irdischen
Geschöpfen eigen wird, die um die Sicherheit ihres Lebens und um die
Pünktlichkeit reichlicher Mahlzeiten nie in Sorge zu sein brauchen.
Unter einem schattigen Baum in dem grünen Vorplatze des Hauses, im
Patio, stand das bevorzugte Reitpferd des Don Juvencio angebunden. Der
Sattel lag einige Schritte neben dem Pferde. Als Don Juvencio von den
Feldern heimgekehrt war, hatte er das Pferd nicht auf die nahe kleine
Weide führen lassen, sondern es war dem Tier hier auf dem Vorplatze sein
Sacate vorgeworfen worden, denn Juvencio wollte später noch einmal zu
seiner Trapiche, seiner Zuckermühle, hinunterreiten.

Auch das Pferd, ein prachtvolles Tier, dröselte in der Nachmittagshitze
seine Zeit dahin. Es ließ den Kopf sinken und sinken, bis die Nase
beinahe die übriggebliebenen, breit gestreuten Halme auf dem Erdboden
berührte. Und wenn der Kopf endlich so tief gesunken war, daß das Pferd
sich gegen die Nase stieß, dann warf es mit einem raschen Ruck den Kopf
hoch, riß die Augen weit auf, und wenn es sah, daß sich inzwischen
nichts von besonderer Bedeutung in der Welt ereignet hatte, schloß es
die Augen wieder langsam, und der Kopf begann abermals Zoll bei Zoll
herunterzusinken.

Don Juvencio hatte seinen Schaukelstuhl so stehen, daß er den Hof
übersehen konnte. Er hob jetzt seine Arme hoch, reckte sich ein wenig
aus, gähnte leicht und ergriff die Zeitung, die vor ihm auf dem
Tischchen lag. Er las einige Minuten, und dann legte er die Zeitung
wieder hin.

Nun sah er zu dem Papagei, der vor ihm in seiner Schaukel hockte.

„He, Loro“, rief nun Don Juvencio befehlend, „hole mir eine Kanne mit
Kaffee und eine Tasse aus der Küche, ich habe Durst.“

Der Papagei, durch die Worte aus seinem Dahindämmern aufgeweckt, kratzte
sich mit dem Fuß am Nacken, rutschte ein kleines Stück weiter auf seiner
Schaukel, krächzte ein paar Laute und bemühte sich, sein unterbrochenes
Dröseln wieder aufzunehmen.

Don Juvencio griff nach hinten, zog seinen Revolver aus dem Gurt, zielte
auf den Papagei und schoß. Der Papagei tat einen Krächzer, es flogen
Federn in der Luft herum, der Vogel schwankte, wollte sich festkrallen,
die Krallen ließen los, und der Papagei fiel auf den Boden des Portico,
schlug ein paarmal um sich und war tot.

Juvencio legte den Revolver vor sich auf den Tisch, nachdem er ihn
einige Male in der Hand geschwenkt hatte, als ob er sein Gewicht prüfen
wolle.

Nun blickte er hinüber zur Katze, die so fest schlief, daß sie nicht
einmal im Traume schnurrte.

„Gato“, rief jetzt Don Juvencio, „he, Kater, hole mir Kaffee aus der
Küche, ich habe Durst.“

Donja Luisa hatte sich umgewandt zu ihrem Manne, als er den Papagei
angerufen hatte. Sie hatte das, was er zu dem Papagei sagte, so
angenommen, als ob er mit dem Papagei schäkern wolle, und sie hatte
darum nicht weiter darauf geachtet. Als dann der Schuß krachte, drehte
sie sich völlig um in ihrer Hängematte und hob den Kopf leicht.

Sie sah den Papagei von seiner Schaukel fallen, und sie wußte, daß
Juvencio ihn erschossen hatte.

„Hay no“, sagte sie halblaut, „lächerlich.“

Jetzt, als Don Juvencio die Katze anrief, sagte Donja Luisa laut zu ihm
herüber: „Warum rufst du denn nicht Anita, daß sie dir den Kaffee
bringt?“

„Wenn ich will, daß mir Anita den Kaffee bringen soll, dann rufe ich
Anita, und wenn ich will, daß mir die Katze den Kaffee bringen soll,
dann rufe ich die Katze.“

„Meinetwegen“, sagte darauf Donja Luisa, und sie rekelte sich wieder in
ihre Hängematte ein.

„He, Gato, hast du nicht gehört, was ich dir befohlen habe?“ wiederholte
Don Juvencio seine Anordnung.

Die Katze schlief weiter, in dem sicheren Bewußtsein, daß sie, wie alle
Katzen, solange es Menschen gibt, ein verbrieftes Anrecht darauf habe,
ihren Lebensunterhalt vorgesetzt zu bekommen, ohne irgendeine
Verpflichtung zu haben, sich dafür durch Arbeit erkenntlich zu zeigen;
denn selbst wenn sie sich doch so weit herablassen sollte, gelegentlich
eine Maus zu erjagen, so tut sie es nicht, um dem Menschen eine
Gefälligkeit zu erweisen, sondern sie tut es, weil ja schließlich selbst
eine Katze ein Recht darauf hat, hin und wieder einmal ein Vergnügen zu
genießen, das im gewöhnlichen Wochenprogramm nicht vorgesehen ist.

Don Juvencio aber dachte anders über die Pflichten einer Katze, die auf
seiner Hazienda lebte. Als die Katze sich nicht regte, um dem Befehle
nachzukommen und den Kaffee aus der Küche zu holen, hob er wieder den
Revolver, zielte und schoß. Die Katze versuchte hochzuspringen, aber sie
brach zusammen, rollte sich einmal über und war tot.

„Belario“, rief Don Juvencio jetzt über den Hof.

„Si, Patron, estoy“, rief der Bursche aus einem Winkel des Hofes hervor.
„Hier bin ich, was ist zu tun?“

Als der Bursche auf der untersten Stufe der Treppe stand, mit dem Hute
in der Hand, sagte Don Juvencio zu ihm: „Binde das Pferd los und führe
es hierher, hier dicht an die Stufen.“

„Soll ich es auch gleich satteln?“ fragte der Bursche.

„Ich werde dich dann rufen“, antwortete Don Juvencio.

Der Bursche brachte das Pferd und entfernte sich.

Das Pferd stand eine Weile vor dem Portico. Don Juvencio sah das Tier
an, wie eben nur ein Mann ein Pferd anzusehen vermag, der auf gute
Reittiere angewiesen ist und sich darum mit einigen dieser Tiere so
verbunden fühlen kann wie mit einem guten Freunde.

Das Pferd scharrte ein wenig, und dann, als es fühlte, daß man nichts
von ihm wollte, begann es, mit kleinen Schrittchen lässig fortzutorkeln,
wieder den Schatten des Baumes aufsuchend.

„Caballo, olla“, rief nun Don Juvencio das Pferd an, das inzwischen die
Mitte des Hofes erreicht hatte, „trabe einmal rasch in die Küche und
bringe mir eine Kanne mit Kaffee und eine Tasse, ich habe Durst.“

Bei dem Anruf „Caballo“ hatte das Pferd den Kopf gewandt, weil es die
Stimme seines Herrn wohl kannte und auf diesen Zuruf zu hören pflegte.
Als es aber sah, daß der Herr nicht aufstand und nicht in den Hof trat,
wußte es, daß es sein Herr weder streicheln noch satteln wollte. Es
machte Geste, auf seinem Wege zu jenem Baum weiter fortzutrotten.

„Ja, du bist wohl verrückt geworden, loco enteramente“, sagte da Donja
Luisa von ihrer Hängematte her, mit einer Stimme, die halb erstaunt und
halb erbost klang.

„Verrückt? Ich?“ erwiderte Don Juvencio. „Ich weiß nicht, warum ich
verrückt sein sollte. Das ist mein Pferd, und das Pferd ist auf meiner
Hazienda, und ich darf meinem Pferde auf meiner Hazienda befehlen, was
ich will, genau so gut, wie du deinen Mädchen befehlen darfst, was du
willst.“

„Meinetwegen“, sagte Donja Luisa, während sie wieder in ihrem Buche
weiterzulesen begann.

„Caballo“, rief nun Don Juvencio wieder über den Hof. „Wo ist der
Kaffee? Bist du noch nicht fort?“

Das Pferd hatte wieder für einen Augenblick den Kopf gewendet und auf
den Ruf gehört; und als es wieder seinen Herrn nicht näher kommen sah,
wendete es sich ab und nahm seinen Weg zum Baum abermals auf. Don
Juvencio nahm den Revolver auf, stützte den Ellbogen auf den Tisch, um
einen ruhigeren Arm zu haben, zielte und schoß.

Das Pferd ruckte zusammen, stand dann wohl eine ganze Minute still auf
einem Fleck, begann hierauf heftig zu zittern und brach plötzlich
zusammen wie gefällt.

„Wahnsinn! So ein Prachttier!“ schrie jetzt Donja Luisa auf. Ihre
Erbostheit war zum vollen Ausbruch gekommen. Es war mit untrüglicher
Sicherheit vorauszusehen, daß nunmehr das erste schwere Gefecht, das man
Don Juvencio von allen Seiten mit allen seinen Schrecken vorausgekündigt
hatte, geliefert werden würde und daß jetzt, wäre einer der Freunde des
Don Juvencio anwesend gewesen, er raschest zur Stadt geritten wäre, um
die Ambulance zu bestellen und ein Bett im Hospital zu mieten.

Donja Luisa warf das Buch, das sie gelesen hatte, mit einer solchen
Heftigkeit auf den Boden, daß es in allen seinen Blättern
auseinanderflog. Sie begann sich innerlich einzuheizen, um überkochen zu
können.

Don Juvencio sagte nichts. Ohne aufzustehen, drehte er sich mit seinem
Schaukelstuhl so um, daß er nun mit dem Gesicht zur Hängematte gerichtet
saß.

Er legte den Revolver nicht aus der Hand, sondern schwenkte ihn einige
Male auf und nieder. Dann prüfte er die Trommel, und hierauf hauchte er
auf den polierten Schaft und putzte ihn mit dem Hemdärmel sauber.

Und gerade im selben Augenblick, als Donja Luisa aus der Hängematte
springen wollte, um sich in die Tigerin zu verwandeln, sagte Don
Juvencio mit sterbensruhiger Stimme, aber laut und hart: „Luisa, hole
mir eine Kanne Kaffee aus der Küche und eine Tasse, ich habe Durst.“

Als er das sagte, hielt er die Augen gesenkt. Jetzt aber sah er auf und
blickte seine Frau kalt und gerade an. Er nahm den Revolver ein wenig
höher und schwenkte ihn einmal auf und nieder.

Donja Luisa fing den Blick auf, als sie aus der Hängematte hatte
springen wollen. Sie sprang aber nicht, sondern sie begann ganz langsam
aus der Hängematte wie von selbst herauszurutschen.

Juvencio hob den Revolver mit genau der gleichen Ruhe und
Selbstverständlichkeit, wie er ihn erhoben hatte, als er auf seine Tiere
geschossen hatte.

Donja Luisa wurde totenbleich, riß die Augen weit auf und sagte mit
einem Schluck in ihrer Stimme: „Orito, Juvencio, sofort!“

Als kaum eine Viertelminute später Donja Luisa den Kaffee vor ihm auf
den Tisch stellte, nahm er das hin und saß da in der Haltung eines
Mannes, der jeden Tag in seinem Restaurant seinen Kaffee hingesetzt
bekommt von einer Kellnerin, die ihm ebenso gleichgültig ist wie der
Preis der Druckerschwärze, mit der die Zeitung gedruckt wird, die er
liest. Er sagte kurz: „Gracias, danke!“, trank schluckweise den Kaffee
und begann die Zeitung da weiter zu lesen, wo er aufgehört hatte, als er
zum erstenmal Durst fühlte und den Papagei in die Küche schickte.

„Belario“, rief er dann über den Hof, „sattle mir den Prieto, ich will
zur Trapiche hinunterreiten, sehen was die Muchachos tun.“

Als das Pferd gesattelt vor der Treppe stand, schob Don Juvencio den
Revolver in den Gurt, richtete sich auf, ging zu dem Pferde und klopfte
es auf den Hals.

Donja Luisa hatte sich, nachdem sie den Kaffee gebracht hatte, nicht
mehr in die Hängematte gelegt, sie hatte sich auch nicht einmal auf
einen Stuhl gesetzt. Sie stand da wie in einem Zustand der Lähmung. Es
schien, daß sie Stunden oder gar Tage brauche, um in sich klar zu
werden, was geschehen war. Daß ihr Charakter sich in den wenigen Minuten
so vollständig geändert hatte, daß sie das Bewußtsein ihres eigenen
Selbst verlor und empfand, daß sie mit ihrem eigenen früheren Menschen
keine Verwandtschaft mehr hatte, das ist ihr erst viele Monate später
klar geworden. Jetzt jedenfalls stand sie nur da wie eine, die auf
Befehle wartet und die auf dem Sprunge steht, die erhaltenen Befehle mit
blitzgleicher Schnelligkeit auszuführen.

Ehe sich Don Juvencio aufs Pferd setzte, drehte er sich noch einmal um.
Er sah das in Blättern zerfallene Buch auf dem Boden liegen. Und er
sagte, mit einem leichten Ton von Freundlichkeit: „Licha, heb das Buch
da auf, ich nehme es übermorgen mit zur Stadt, zum Neueinbinden.“

Während er davonritt, bückte sie sich nieder; und auf ihren Knien
rutschend, suchte sie die Blätter zusammen.

                   *       *       *       *       *

Den Kosenamen Licha für Luisa hatte er nicht mehr gebraucht seit jenem
Abend, als ihm der Kopf aufgeschlagen wurde. Und dieser kritische
Augenblick, der bewies, daß Don Juvencio von praktisch angewandter
Psychologie mehr wußte als Donja Luisa je in ihren Colegios gelernt
hatte, sie mit Licha anredete und den Befehl zum Aufsammeln der Blätter
in einem Tonfall gab, der zwischen den Lauten ein „Bitte!“ einschwingen
ließ, war der Anlaß, daß in dem Charakter der jungen Frau noch eine
andere entscheidende Wandlung vor sich ging. Und es war diese zweite
Wandlung, die Donja Luisa plötzlich, wie mit einem Ruck unerwarteten
Aufwachens, eine bestimmte Empfindung gab, die sie nie vorher gefühlt
hatte. Sie bekam eine brennende Sehnsucht, daß Juvencio bald
zurückkommen möchte, weil sie wünschte in seiner Nähe zu sein.

Beim Abendessen sprachen sie nicht viel.

Als sich Donja Luisa dann niedergelegt hatte, klopfte ein wenig später
Don Juvencio an ihre Tür.

„Adelante!“ sagte Donja Luisa aufgeregt.

Don Juvencio kam herein. Er setzte sich auf den Rand des schönen weichen
breiten Bettes und streichelte ihr Haar.

Dann stand er wieder auf und fragte: „Licha, wer befiehlt in diesem
Hause?“

„Du, Vencho“, sagte Donja Luisa lachend und sich in die Kissen
kuschelnd. „Du!“

„Und wenn ich nicht daheim bin, du, Licha!“

Dieser Tag schien für Donja Luisa nicht enden zu wollen mit neuen
Erfahrungen. Denn zwei Stunden später war sie zu jener neuen Erfahrung –
für sie neu – gelangt, daß, wenn auch oft in einem Hause oder in einer
Ehe es nicht ganz zweifelfrei feststeht, wer kommandiert, dann aber doch
in einem Bett, in dem ein Mann und eine Frau nebeneinander liegen, die
Frage, wer kommandiert und wer zu gehorchen hat, nicht erörtert wird,
weil sie nicht besteht, solange die Gesetze der Natur nicht durch höhere
Verfügung abgeändert werden. Denn an diesem Ort kann ein
zufriedenstellendes Resultat nur dann erreicht werden, wenn der Mann
befiehlt und sich die Frau dem Befehle willig und erwartungsvoll
unterwirft. Und man darf ganz sicher gehen, wenn in irgendeiner Ehe die
Frau kommandiert, so ist es nur darum, weil dem Manne die Fähigkeit
fehlt, im Bett mit so starker Stimme zu befehlen, daß der Frau nichts
anderes übrigbleibt als zu gehorchen und zuzugeben, daß sie die
Untergebene und Unterliegende ist.

Trotz dieser, mit viel Freude und wohltuender Zufriedenheit reich
gesättigten neuen Erfahrung, die sich Donja Luisa in jener Nacht erwarb,
vermochte sie doch nicht so rasch einzuschlafen, als sie das wünschte.
Denn sie wurde von einer Frage gequält, die sie erst beantwortet haben
mußte, um Ruhe in ihrem Kopf zu finden. Und weil Frauen selten etwas auf
sich beruhen lassen können, das an sich unwichtig für das Leben im
allgemeinen ist, so entschloß sich endlich auch Donja Luisa, zu fragen,
um in einer bestimmten Sache für dauernd von allem Zweifel erlöst zu
sein.

Sie sagte: „Venchito, hättest du mich wirklich erschossen, wenn ich dir
den Kaffee nicht gebracht hätte? Hättest du das wirklich mit deiner
Licha, die dich so sehr liebt, tun können?“

Don Juvencio, weniger von derartigen Zweifeln belästigt, war schon
dreiviertel Stück im Schlaf gewesen, als er mit dieser Frage wieder
aufgescheucht wurde.

Aber er vergaß dennoch nicht, daß er auch in Zukunft der Mann hier zu
bleiben gedachte. Er sagte ruhig: „Ich hätte dich mit viel größerer
Bestimmtheit und Sicherheit erschossen als mein Pferd, por Santa
Purisima. Denn deinetwegen wäre ich nur zum Tode verurteilt und
erschossen worden; aber ich werde lange und weit und breit suchen
müssen, ehe ich ein zweites Pferd finde, wie das, mein bestes Pferd,
gewesen ist, das ich erschießen mußte, um dir zu zeigen, wie sehr ich im
Ernst war. Buenas noches, hasta manjana! Gute Nacht!“

Jeder Mensch, der ein gutes Pferd schätzen und aufrichtig lieben kann,
wie es ein Mexikaner tut, der wird ohne viel Worte verstehen, daß dies
das innigste Liebesgeständnis war, das ein Mann einer Frau nur machen
kann.




                         DER GROSS-INDUSTRIELLE


In ein kleines indianisches Dorf im Staate Oaxaca kam ein Amerikaner,
der das Land sehen wollte. Er kam zur Hütte eines Indianers, der sich
seinen Lebensunterhalt dadurch verbesserte, daß er in der freien Zeit,
die ihm von seiner Tätigkeit auf seinem Maisfeld blieb, kleine Körbchen
flocht.

Diese Körbchen wurden aus Bast geflochten, der in verschiedenen Farben,
die der Indianer aus Pflanzen und Hölzern zog, gefärbt war. Der Mann
verstand diese vielfarbigen Baststrähnen so künstlerisch zu verflechten,
daß, wenn das Körbchen fertig war, es aussah, als wäre es mit Figuren,
Ornamenten, Blumen und Tieren bedeckt. Daß diese Ornamente nicht auf das
Körbchen etwa aufgemalt waren, sondern als Ganzes sehr geschickt
hineingewebt waren, konnte auch einer, der nichts davon verstand, sofort
erkennen, wenn er das Körbchen innen betrachtete. Denn innen kamen alle
die Ornamente an der gleichen Stelle wie außen zur Ansicht. Die Körbchen
mochten verwandt werden als Nähkörbchen oder als Schmuckkörbchen.

Wenn der Indianer etwa zwanzig Stück dieser kleinen Kunstwerke
geschaffen hatte, und er war in der Lage, sein Feld für einen Tag allein
zu lassen, dann machte er sich frühmorgens um zwei Uhr auf den Weg zur
Stadt Oaxaca, wo er die Körbchen auf dem Markte feilbot. Die Marktgebühr
kostete ihn zehn Centavos.

Obgleich er an jedem einzelnen Körbchen beinahe einen Tag arbeitete, so
verlangte er für ein Körbchen nie mehr als fünfzig Centavos. Wenn der
Käufer jedoch erklärte, das sei viel zu teuer, und er begann zu handeln,
dann ging der Indianer auf fünfunddreißig, auf dreißig und selbst auf
fünfundzwanzig Centavos herunter, ohne je zu wissen, daß dies das Los
vieler, vielleicht der meisten Künstler ist.

Es kam oft genug vor, daß der Indianer nicht alle seine Körbchen, die er
auf den Markt gebracht hatte, verkaufen konnte; denn viele Mexikaner,
die betonen zu müssen glauben, daß sie gebildet sind, kaufen bei weitem
lieber einen Gegenstand, der in einer Massenindustrie von zwanzigtausend
Stück täglich hergestellt wird, aber den Stempel Paris oder Wien oder
Dresdner Kunstwerkstatt trägt, als daß sie die Arbeit eines Indianers
ihres eigenen Landes, der nicht zwei Stücke ganz genau gleich anfertigt,
in ihrem Einzigkeitswert zu schätzen verstünden.

So, wenn der Indianer seine Körbchen nicht alle verkaufen konnte, dann
ging er mit dem Rest von Ladentür zu Ladentür hausieren, wo er, je
nachdem, mit barscher, mit gleichgültiger, mit wegwerfender, mit
gelangweilter Geste behandelt wurde, wie Hausierer, Buch- und
Einrahmungsagenten behandelt zu werden pflegen.

Der Indianer nahm diese Behandlung hin wie alle Künstler, die den
wirklichen Wert ihrer Arbeit allein zu schätzen wissen, derartige
Behandlung hinnehmen. Er war nicht traurig, nicht verärgert und nicht
mißgestimmt darüber.

Bei diesem Forthausieren des Restes wurden ihm oft nur zwanzig, ja sogar
fünfzehn und zehn Centavos für das Körbchen geboten. Und wenn er es
selbst für diese Nichtigkeit verkaufte, so sah er häufig genug, daß die
Frau das Körbchen nahm, kaum richtig ansah, und dann, noch in seiner
Gegenwart, das Körbchen auf den nächsten Tisch warf, als wollte sie
damit sagen: „Das Geld ist ja völlig unnütz ausgegeben, aber ich will
doch den armen Indianer etwas verdienen lassen, er hat ja einen so
weiten Weg gehabt. Wo bist du denn her? – So, von Tlacotepec. Weißt du,
kannst du mir nicht ein paar Truthühner bringen? Müssen aber sehr billig
sein, sonst nehme ich sie nicht.“

Die Amerikaner sind ja nun mit solchen kleinen Wunderwerken nicht so
verwöhnt wie die Mexikaner, die nicht wissen und nicht schätzen, was sie
in ihrem Lande an Gütern haben. Und wenn nun auch der allgemeine
Amerikaner den wirklichen Wert an unvergleichlicher Schönheit dieser
Arbeiten nicht abzuschätzen versteht, so sieht er doch in den meisten
Fällen sofort, daß hier eine Volkskunst vorliegt, die er würdigt und um
so rascher erkennt und schätzt, als sie in seinem Lande völlig fehlt.

Der Indianer hockte vor seiner Hütte auf dem Erdboden und flocht die
Körbchen.

Sagte der Amerikaner: „Was kostet so ein Körbchen, Freund?“

„Fünfzig Centavos, Senjor“, antwortete der Indianer.

„Gut, ich kaufe eines, ich weiß schon, wem ich damit eine Freude machen
kann.“ Er hatte erwartet, daß das Körbchen zwei Pesos kosten würde.

Als ihm das klar zum Bewußtsein kam, dachte er sofort an Geschäfte.

Er fragte: „Wenn ich Ihnen nun zehn dieser Körbchen abkaufe, was kostet
dann das Stück?“

Der Indianer dachte eine Weile und sagte: „Dann kostet das Stück
fünfundvierzig Centavos.“

„All right, muy bien, und wenn ich hundert kaufe, wieviel kostet dann
das Stück?“

Der Indianer rechnete wieder eine Weile: „Dann kostet das Stück vierzig
Centavos.“

Der Amerikaner kaufte vierzehn Körbchen. Das war alles, was der Indianer
auf Vorrat hatte.

Als der Amerikaner nun glaubte, Mexiko gesehen zu haben und gut zu
kennen, reiste er zurück nach New York. Und als er wieder mitten drin
war in seinen Geschäften, dachte er an die Körbchen.

Er ging zu einem Großschokoladenhändler und sagte zu ihm: „Ich kann
Ihnen hier ein Körbchen anbieten, das sich als sehr originelle
Geschenkpackung für feine Schokoladen verwenden läßt.“

Der Schokoladenhändler besah sich das Körbchen mit großer Sachkenntnis.
Er rief seinen Teilhaber herbei und endlich auch noch seinen Manager.
Sie besprachen sich, und dann sagte der Händler: „Ich werde Ihnen morgen
den Preis sagen, den ich zu zahlen gewillt bin. Oder wieviel verlangen
Sie?“

„Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß ich mich nur nach Ihrem Angebot
richten kann, ob Sie die Körbchen erhalten. Ich verkaufe diese Körbchen
nur an das Haus, das am meisten dafür bietet.“

Nächsten Tag kam der Mexikokenner wieder zu jenem Händler.

Sagte der Händler: „Ich kann für das Körbchen vier, vielleicht gar fünf
Dollar bekommen. Es ist die originellste und schönste Packung, die wir
dem Markte anbieten können. Ich zahle zwei und einen halben Dollar das
Stück, Hafen New York, Zoll und Fracht auf meine Lasten, Verpackung zu
Ihren Lasten.“

Der Mexikoreisende rechnete nach. Der Indianer hatte ihm bei einer
Abnahme von hundert das Stück für vierzig Centavos angeboten, das waren
zwanzig Cents. Er verkaufte das Stück für zwei und einen halben Dollar.
Dadurch verdiente er am Stück zwei Dollar dreißig Cent oder ungefähr
zwölfhundert Prozent.

„Ich denke, ich kann es für diesen Preis tun“, sagte er.

Worauf der Händler antwortete:

„Aber unter einer wichtigen Bedingung. Sie müssen mir fünftausend Stück
dieser Körbchen liefern können. Weniger hat für mich gar keinen Wert,
weil sich sonst die Reklame nicht bezahlt, die ich für diese Neuheit
machen muß. Und ohne Reklame kann ich den Preis nicht herausholen.“

„Abgeschlossen“, sagte der Mexikokenner. Er hatte rund etwa zwölftausend
Dollar verdient, von welchem Betrage nur die Reise abging und der
Transport bis zur nächsten Bahnstation.

Er reiste sofort zurück nach Mexiko und suchte den Indianer auf.

„Ich habe ein großes Geschäft für Sie“, sagte der Amerikaner. „Können
Sie fünftausend dieser Körbchen anfertigen?“

„Ja, das kann ich gut. Soviel wie Sie haben wollen. Es dauert eine Zeit.
Der Bast muß vorsichtig behandelt werden, das kostet Zeit. Aber ich kann
so viele Körbchen machen, wie Sie wollen.“

Der Amerikaner hatte erwartet, daß der Indianer, als er von dem großen
Geschäft hörte, halbtoll werden würde, etwa wie ein amerikanischer
Automobilhändler, der auf einen Schlag fünfzig Dodge Brothers verkauft
hat. Aber der Indianer regte sich nicht auf. Er stand nicht einmal hoch
von seiner Arbeit. Er flocht ruhig weiter an seinem Körbchen, das er
gerade in den Händen hatte.

Es waren vielleicht noch fünfhundert Dollar extra zu verdienen, womit
die Reisekosten hätten gedeckt werden können, dachte der Amerikaner;
denn bei einem so großen Auftrag konnte der Preis für das einzelne
Körbchen sicher noch ein wenig herabgedrückt werden.

„Sie haben mir gesagt, daß Sie mir die Körbchen das Stück für vierzig
Centavos verkaufen können, wenn ich hundert Stück bestelle“, sagte der
Amerikaner nun.

„Ja, das habe ich gesagt“, bestätigte der Indianer. „Was ich gesagt
habe, dabei bleibt es.“

„Gut dann“, redete der Amerikaner weiter, „aber Sie haben mir nicht
gesagt, wieviel ein Körbchen kostet, wenn ich tausend Stück bestelle.“

„Sie haben mich nicht darum befragt, Senjor.“

„Das ist richtig. Aber ich möchte Sie jetzt um den Preis für das Stück
fragen, wenn ich tausend Stück bestelle und wenn ich fünftausend Stück
bestelle.“

Der Indianer unterbrach jetzt seine Arbeit, um nachrechnen zu können.
Nach einer Weile sagte er: „Das ist zu viel, das kann ich so schnell
nicht ausrechnen. Das muß ich mir erst gut überlegen. Ich werde darüber
schlafen und es Ihnen morgen sagen.“

Der Amerikaner kam am nächsten Morgen zum Indianer, um über den neuen
Preis zu hören.

Er fragte: „Haben Sie den Preis für tausend und für fünftausend Stück
ausgerechnet?“

„Ja, das habe ich, Senjor. Und ich habe mir viel Mühe und Sorge gemacht,
das gut und genau auszurechnen, um nicht zu betrügen. Der Preis ist ganz
genau ausgerechnet. Also wenn ich tausend Stück machen soll, dann kostet
das Stück zwei Pesos, und wenn ich fünftausend Stück machen soll, dann
kostet das Stück vier Pesos.“

Der Amerikaner war sicher, nicht richtig verstanden zu haben. Vielleicht
war sein schlechtes Spanisch daran schuld.

Um den Irrtum richtigzustellen, fragte er: „Zwei Pesos für das Stück bei
tausend und vier Pesos das Stück bei fünftausend? Aber Sie haben mir
doch gesagt, daß bei hundert das Stück vierzig Centavos kostet.“

„Das ist auch die Wahrheit. Ich verkaufe Ihnen hundert das Stück für
vierzig Centavos.“ Der Indianer blieb sehr ruhig, denn er hatte sich
alles ausgerechnet, und es lag kein Grund vor, zu streiten. „Senjor, Sie
müssen das doch selbst einsehen, daß ich bei tausend Stück viel mehr
Arbeit habe als mit hundert, und mit fünftausend habe ich noch viel mehr
Arbeit als mit tausend. Das ist gewiß jedem vernünftigen Menschen klar.
Ich brauche für tausend viel mehr Bast, habe viel länger nach den Farben
zu suchen und sie auszukochen. Der Bast liegt nicht gleich so fertig da.
Der muß gut und sorgfältig getrocknet werden. Und wenn ich so viele
tausend Körbchen machen soll, was wird denn dann aus meinem Maisfeld und
aus meinem Vieh? Und dann müssen mir meine Söhne, meine Brüder und meine
Neffen und Onkel helfen beim Flechten. Was wird denn da aus deren
Maisfeldern und aus deren Vieh? Das wird dann alles sehr teuer. Ich habe
gewiß gedacht, Ihnen sehr gefällig zu sein und so billig wie möglich.
Aber das ist mein letztes Wort, Senjor, verdad, ultima palabra, zwei
Pesos das Stück bei tausend und vier Pesos das Stück bei fünftausend.“

Der Amerikaner redete und handelte mit dem Indianer den halben Tag, um
ihm klarzumachen, daß hier Rechenfehler vorliegen. Er gebrauchte ein
neues Notizbuch voll von Blättern, um an Ziffern zu beweisen, wie der
Indianer für sich ein Vermögen verdienen könne, bei einem Preis von
vierzig Centavos für das Stück, und wie man Unkosten und Materialkosten
und Löhne verrechnet.

Der Indianer sah sich die Ziffern verständnisvoll an, und er bewunderte
die Schnelligkeit, mit der der Amerikaner die Ziffern niederschreiben
und aufsummieren, zerdividieren und durchmultiplizieren konnte. Aber im
Grunde machte es wenig Eindruck auf ihn, weil er Ziffern und Buchstaben
nicht zu lesen vermochte und aus der klugen, volkswirtschaftlich sehr
bedeutenden Vorlesung des Amerikaners keinen anderen Nutzen zog als den,
daß er lernte, daß ein Amerikaner stundenlang reden kann, ohne etwas zu
sagen.

Als der Amerikaner dann endlich erkannte, daß er den Indianer von seinen
Rechenfehlern überzeugt hatte, klopfte er ihm auf die Schulter und
fragte: „Also, mein guter Freund, wie steht nun der Preis?“

„Zwei Pesos das Stück für tausend, und vier Pesos das Stück für
fünftausend.“ Der Indianer hockte sich nieder und fügte hinzu: „Ich muß
jetzt aber doch wieder an meine Arbeit gehen, entschuldigen Sie mich,
Senjor.“

Der Amerikaner reiste in Wut zurück nach New York, und alles, was er zu
dem Schokoladenhändler sagen konnte, um seinen Vertrag lösen zu können,
war: „Mit den Mexikanern kann man kein Geschäft machen, für diese Leute
ist keine Hoffnung.“

So wurde New York davor bewahrt, von Tausenden dieser köstlichen kleinen
Kunstwerke überschwemmt zu werden. Und so wurde es möglich, zu verhüten,
daß diese Ausdrücke der Seele eines mexikanischen Indianers in den
Kehrichttonnen von Fifth Avenue gefunden wurden, weil sie keinen Wert
mehr hatten, nachdem die Schokoladen herausgeknabbert waren.

Ich habe sowohl den Amerikaner getroffen als auch den Indianer. Der
Amerikaner ließ mich nicht zu Worte kommen, um zu hören, was ich darüber
dachte; er hatte zuviel zu erzählen, um mir klarzumachen, daß Mexiko ein
hoffnungsloses Land ist.

Der Indianer dahingegen ließ mir Zeit, ihn zu fragen: „Warum haben Sie
denn das Geschäft nicht getan, es war gewiß gut daran zu verdienen?“

Sagte der Indianer: „Da war gut daran zu verdienen; und ich hätte mir
die Jerseykuh kaufen können, die ich im Sinne habe. Aber sehen Sie,
Senjor, tausend Körbchen kann ich nicht so schön machen wie zwanzig. Die
hätten alle ausgesehen eines wie das andere. Das hätte mir nicht
gefallen. Aber ich konnte dem Senjor ja nicht sagen, daß ich so viele
Körbchen nicht machen wolle. Er hätte geglaubt, ich wolle ihn
beleidigen, und ich wollte ihn gewiß nicht beleidigen. Und darum habe
ich gesagt zwei Pesos und vier Pesos, weil ich wußte, daß er für diesen
Preis nicht so viele bestellen wird. Ich habe auch genug Arbeit zu tun
und wünsche gar nicht, noch mehr zu haben.“




                              DIE MEDIZIN


Es war in einem Indianerdorfe. In seinem Bezirke hatte ich eine kleine
Farm gepachtet, auf der ich Baumwolle pflanzte. Das Haus auf jener Farm
war bei der letzten Revolution eingeäschert worden. Ich wohnte deshalb
in einer schlichten Hütte im Dorf. Da ich in der ganzen weiten Gegend
der einzige Weiße war, so kannten mich alle Indianer auf dreißig Meilen
im Umkreise.

Die Indianer dort können weder lesen noch schreiben, und alles, was über
zwanzig ist – alle Finger und alle Zehen – das ist „Mil“ oder Tausend.
Aber was Tausend ist, wieviel es ist und wie es sich in die Welt der
Begriffe einordnet, dafür fehlt dem Indianer jedes Verständnis.

Jedoch ich konnte eine Zeitung lesen, hatte ein paar alte Schmöker,
einige amerikanische Zeitschriften mit Bildern und Ansichten aus einer
andern Welt, ich konnte Briefe schreiben und lesen, und ich bekam sogar
Briefe aus einem Lande, das sicher auf der andern Seite des Mondes
liegen mußte, weil nie jemand von einem solchen Lande je gehört hatte.

Kein Wunder, daß ich als ein gelehrter Mann angesehen wurde, dem kein
Geheimnis der Welt verborgen ist. Manchmal hat das seine guten Seiten.
Ebenso häufig aber hat es auch seine Nachteile, die keineswegs angenehm
sind.

Ich kam eines Nachmittags auf meinem treuen Esel, die gute Bala war es,
heimgeritten, als ich vor dem Stacheldrahtzaun, der den Platz um meine
Hütte einfriedigte, einen Indianer hocken sah.

Ich kannte ihn nicht, weil er aus einem andern Dorfe war.

Wie die Mehrzahl der Indianer war er bitterarm und völlig zerlumpt.

Er begrüßte mich sehr höflich und wartete, bis ich abgestiegen war. Dann
begann er sofort zu erzählen. In einem wirren Durcheinander redete er
auf mich ein. Je weiter er in seiner Geschichte kam, je mehr ging sie
ihm selbst zu Herzen, bis er endlich zu weinen anfing und seine
Erzählung vor lauter Schluchzen abgebrochen werden mußte.

Im Verlaufe seiner Rede hatte er das, was er mir sagen wollte, etwa
zwanzigmal wiederholt. Immer mit den gleichen Worten, die ihm zur
Verfügung standen, und immer in den gleichen einfachen Sätzen. Lediglich
seine innere Bewegung änderte sich. Er begann gleichgültig, als ob es
die Geschichte eines andern wäre, und er endete mit einem schreienden
Weinkrampf.

„Das ist so, Senjor, verdad, wahrhaftig. Ich komme in mein Haus. Ich
habe Holz gefällt. Im Busch. Ich komme in mein Haus. In meinen Jacalito.
Ich habe Hunger. Keine Tortillas stehen da und keine Frijoles. Ich rufe
mein Weib. Meine Mujer. Keine Antwort. Sie ist nicht in meinem Hause.
Ihr Sack mit ihrem Kleide und den Strümpfen und den Schuhen hängt nicht
am Sprossen. Die Decke ist auch fort. Meine Mujer ist mir fortgelaufen.
Kommt nicht wieder. Ich habe keine Tortillas, und ich habe keine
Frijoles. Und ich habe Hunger. Sie ist fort. Mit dem Sohn einer Hure.
Mit einem stinkenden Coyote, dessen verfluchte Mutter eine Hure ist. Die
Rattenpest und die Blattern auf den verfluchten Hurensohn der Hölle!“

Nachdem ich dieselbe Geschichte nun wohl zwanzigmal mit angehört hatte,
sagte ich: „Oiga, Hombre, hören Sie, lieber Mann, bei mir ist Ihre Mujer
nicht.“

„Das weiß ich“, sagte er, „so ein kluger Mann wie Sie, Senjor, würde
diese dreckige alte Hexe nicht ins Bett nehmen.“

Nun begann er genau dieselbe Geschichte von neuem zu erzählen. Aber da
es anfing, langweilig zu werden, immer dasselbe zu hören, und tiefere
Ausbrüche seiner inneren Erregung nicht zu erwarten waren, sagte ich:
„Warum erzählen Sie mir das alles? Gehen Sie zum Alkalden, dem
Ortsschulzen, und lassen Sie Ihre Frau einfangen.“

„Der Alkalde ist ein Dummkopf. Aber Sie wissen alles, Senjor. Sie wissen
auch, wo meine Mujer ist. Das sollen Sie mir jetzt sagen. Sie muß mir
Tortillas machen und Frijoles kochen. Ich habe Hunger.“

„Hören Sie zu, lieber Nachbar. Ich habe Ihre Frau nicht fortgehen sehen.
Und wenn ich nicht habe sehen können, in welche Richtung sie ging, so
kann ich auch nicht wissen, wo sie jetzt ist.“

Er sah mich erstaunt an. Sein Glaube an die Unfehlbarkeit und an die
Vollkommenheit der weißen Rasse erlitt die erste Erschütterung. Zugleich
aber kam die Erinnerung an etwas anderes, das mit der weißen Rasse innig
verknüpft ist.

„Ich bin nicht reich, Senjor“, sagte er. „Ich kann Ihnen nicht viel
bezahlen. Ich habe nur zwei Pesos und fünfzig Centavos. Das ist mein
ganzes Vermögen. Und das gebe ich Ihnen für Ihre Arbeit.“

„Ihr Geld will ich nicht haben. Aber wenn Sie mir auch ‚Mil‘ Goldpesos
geben würden, ich kann Ihnen nicht helfen. Ich weiß nicht, wo Ihre
Esposa ist.“

Wieder sah er mich mißtrauisch an, ob es die geringe Summe sei, die er
besitze, oder ob es wirklich wahr sei, daß ich, der weiße Medizinmann,
nicht wisse, wo seine entlaufene Frau in diesem Augenblick sich
aufhalte. Voller Zweifel ging er fort, nachdem ich ihm gesagt hatte, daß
ich mir Kaffee kochen wolle, und zu diesem Zweck dann in meine Hütte
ging.

Er lief nun in die Hütten der Dorfbewohner, wo er offenbar seine
Geschichte auftischte und gleichzeitig berichtete, daß der weiße
Medizinmann ein armer Tropf sei, der weniger wisse als ein Indianer. Die
Dorfbewohner fühlten sich dadurch persönlich beleidigt; denn ich war der
Stolz und der Ruhm des Dorfes. Was in den Hütten alles über mich
geprahlt wurde und was dem Manne alles angeraten wurde, was er tun
solle, um meine geheimen Kräfte zu seinen Gunsten wirken zu machen, weiß
ich nicht. Aber ich könnte es wortgetreu berichten, und es würde aufs
Wort stimmen.

Jedenfalls kam der Mann vor Sonnenuntergang wieder, blieb am Zaun
geduldig stehen, bis ich gelegentlich aus der Hütte trat, um dem Esel
Mais zu geben.

Sofort rief mich der Indianer an: „Un momento, Senjor, por favor!“

Ich kam zum Zaun. Ich sah, daß der Mann jetzt ein Machete, ein langes,
schwertartiges, scharfes Buschmesser in der Hand trug.

„Sie wissen nicht, wo meine Mujer ist?“ fragte er.

„Nein.“

„Aber Sie können sie finden. Ich kann Ihnen keine ‚Mil‘ Goldpesos geben.
Die habe ich nicht. Aber wenn Sie mir nicht sagen, wo meine Mujer ist,
schlage ich Ihnen den Kopf ab.“

Er hob die furchtbare Waffe hoch.

Nun saß ich fest. Die Drohung mit dem Kopfabschlagen ist ernst. Was
schiert sich der Indianer darum, wenn er mich umbringt! Er verkriecht
sich in den Dschungel. Wird er gefangen und ohne Gerichtsverhandlung von
den Soldaten erschossen, so nimmt er das mit Gleichmut hin. Dann hat er
eben Pech gehabt. Augenblicklich ist er verzweifelt und macht sich keine
Gedanken über die Folgen.

Ich versuche dieselbe Ausrede wie vorher: „Ich habe nicht gesehen, in
welche Richtung Ihre Frau gegangen ist.“

Auf diese meine Entschuldigung hat er inzwischen von den andern
Eingeborenen eine gute Antwort gelernt: „Wenn ich die Richtung gesehen
hätte, finde ich meine Mujer allein. Da brauche ich keinen Medizinmann.
Die Männer haben mir alle gesagt, Sie sind ein Weitseher. Sie haben zwei
zusammengenähte Rohre. Wenn Sie da hindurchsehen, dann können Sie da
weit hinten auf dem Berge einen Mann gehen sehen. Sie haben gesagt, daß
auf den Sternen am Himmel Leute leben. Sie können das sehen mit Ihren
Rohren. Sie sehen oft in der Nacht mit den Rohren zu den Sternen und
sehen sich die Leute an. Sie haben auch gesagt, daß die weißen Männer
mit Rohren alles sehen können, was inwendig von einem Menschen ist, ohne
ihn aufzuschneiden. Sie haben auch gesagt, daß die weißen Männer mit
Leuten sprechen können, die ‚Mil‘ Kilometros weit fort sind. Ich will
jetzt, daß Sie mit meiner Mujer sprechen und ihr sagen, daß ich keine
Tortillas habe und keine Frijoles, und daß sie sofort in mein Haus
kommen soll mit dem Luftwagen, den die weißen Männer haben.“

Er schwang sein Machete deutlich genug, um zu zeigen, daß er wisse, wie
er seinen Willen durchzusetzen habe.

Ich kann hier nicht breit klarlegen, warum ich gegen eine solche
ernsthafte Drohung machtlos war. Erschießen konnte ich ihn nicht. Dann
wären mir alle Indianer und auch die Soldaten auf den Hals gekommen. Was
soll man vor Gericht sagen? Wie soll man es beweisen, daß man in Notwehr
war? Fliehen? Wohin? Der Indianer kennt die Wege besser als ich. Ich
konnte mich also nur durch Medizin retten.

Ich holte mein bescheidenes Feldglas und guckte lange nach allen
Richtungen. Endlich tat ich einen Aufschrei: „Ich sehe sie. Ich sehe
sie. Der Hurensohn hat einen schwarzen Bart und schlägt sie. Sie
schreit: Mein Mann, mein lieber Mann, hilf mir, hole mich!“

In höchster Aufregung hatte der Indianer meine Handlungen verfolgt. Nun
rief er: „Caramba, das habe ich mir doch gleich gedacht, daß es der
Hundesohn Gonzales sein muß. Der hat einen schwarzen Bart. Nun will ich
aber laufen und sie holen. Dem werde ich aber ganz gewiß tüchtig eins
über den Kopf geben. Wo ist sie? Fragen Sie sie gleich, Senjor.“

„Sie ist ‚Mil‘ Kilometros weit. Der Mann mit dem schwarzen Bart hat sie
mit einem Luftwagen fortgeschleppt. Sie ist jetzt in dem Dorfe Chicolco.
Das liegt bei Iguala in Guerrero. ‚Mil‘ Kilometros weit.“

„Da will ich aber gleich gehen und sie holen“, sagte er nun aufgeregt.

„Gehen Sie sofort. Es sind ‚Mil‘ Tage zu laufen. Halten Sie sich auf dem
Wege nicht auf, sonst schleppt der Indio mit dem schwarzen Barte sie
noch viel weiter.“

„Ich gehe noch jetzt“, sagte er, im heftigsten Reisefieber zitternd.
„Und vielen, vielen Dank, mil gracias, Senjor. Sie sind ein Weiser,
verdad, wahrhaftig. Sie haben sie so schnell gefunden. Aber die zwei
Pesos und fünfzig Centavos kann ich Ihnen jetzt nicht geben. Die brauche
ich für die Reise. Adios, Senjor, leben Sie wohl!“

Und fort ging er, ohne mir die Medizin zu bezahlen. Ich brauche nicht
sehr besorgt zu sein, daß er mir so rasch wieder auf den Hals rückt. Es
sind sechshundert Meilen, die er zu machen hat. Und da ihm das Reisegeld
fehlt, muß er zu Fuß gehen.

Aber die Medizin, die ich ihm gab, ist wirklich gut. Er ist ein starker
und gesunder Bursche. Er wird keine fünfzig Meilen gehen und dann
irgendeine Arbeit finden. Oder er stiehlt einem Farmer eine Kuh.
Inzwischen hat er Tortillas gegessen und Frijoles. Und wenn er Arbeit
hat, hängt ihm am nächsten Tage eine neue Mujer ihren Sack mit dem
Sonntagskleide, den Strümpfen und den Schuhen in seine Hütte.




                          DER BANDITEN-DOKTOR


Eines Nachts wurde an die dünne Bretterwand des Bungalows geklopft, in
dem ich wohnte. Eine Uhr besaß ich nicht, aber nach der Stellung des
Mondes schätzte ich, daß es kurz nach zwölf Uhr sein müsse. Es war in
einem indianischen Dorfe, und der Ort stand im ganzen Distrikt in dem
Rufe, ein Nest von Banditen zu sein.

Auf dem Lande in Mexiko ist man nirgends sicherer, als wenn man mitten
drin zwischen Banditen wohnt, weder Indianer noch Mestizo ist und sich
um nichts kümmert, was die Leute um einen herum tun und auf welche Weise
sie ihr Leben fristen. Und außerdem habe ich erfahren, daß man in
solcher Umgebung friedlich und zufrieden lebt, wenn jedem Bewohner des
Dorfes bekannt ist, daß man nur ein paar durchlöcherte Stiefel, einige
abgetragene Hemden und eine Hose besitzt, die nicht einmal mehr gut
genug dazu ist, eine andere Hose damit auszuflicken. Man darf auch ruhig
noch obendrein einige Pesos haben, einige Bücher und eine klickernde und
aus allen Nähten fallende Schreibmaschine mit amerikanischen Typen.

Die Leute, die in jenem Dorfe wohnten, Banditen oder Nichtbanditen,
ließen mich nicht verhungern. Als ich mit meiner Baumwollfarm elend
zusammengesunken war, weil mir meine schöne Baumwolle der Boll-Weevil
geholt hatte, der neun Monate Arbeit und Hoffnung in weniger als
vierundzwanzig Stunden vernichtet hatte, stand ich da, zerknittert und
zerknüllt ins Blaue blickend. Aber kaum hatte ich für mich die Fragen
aufgeworfen: „Was werden wir essen?“, „Was werden wir trinken?“, „Wohin
werden wir uns nun wenden?“, da erschienen in meinem Bungalow zwei
Männer des Dorfes mit dem Wunsche, daß sie Englisch gelehrt haben
möchten. Und sie wollten wissen, wieviel ich dafür berechne. Ich sagte,
zwanzig Centavos für jeden und für jede Stunde. Sie zahlten mir jeder
zehn Stunden im voraus, und so konnte ich Saat für Mais kaufen, um in
dem Baumwollfelde, das zugrunde gerichtet war, Mais anzupflanzen, für
den die Zeit günstig war, weil die erste Periode der Regenzeit dicht
bevorstand.

Durch jene zwei Schüler bekam ich in kurzer Zeit zehn weitere Schüler;
denn aus irgendeinem Grunde, mir damals nicht klar, wollten alle Männer
des Ortes mit einem Male Englisch lernen. Die Männer kamen beinahe
regelmäßig, aber sie bezahlten ihre Stunden durchaus regelmäßig. Und wir
alle waren miteinander höchst zufrieden. Also was werde ich mich darum
bekümmern, ob Banditen oder Nichtbanditen! Sie ließen mich leben und ich
sie.

Wird auf dem Lande in Mexiko des Nachts an die Tür geklopft, so gebieten
einem Erfahrung und gute Lehren, sich ruhig zu verhalten, nicht zu
antworten und soviel wie möglich zu versuchen, den Atem zu unterdrücken.
Es kommt vor, daß man nach dem Anklopfen die Tür öffnet, um nachzusehen,
wer es ist, und ob es vielleicht der Telegraphenbote sein könnte, der
einem hundert Dollar bringen möchte. Sobald man die Tür öffnet, kracht
dann ein Schuß oder es krachen ein halbes Dutzend, und man zieht sich
wieder zurück, entweder allein oder von einem halben Dutzend Männer
gefolgt, entweder gesund und unbeschädigt oder mit einigen Bleikernen
beschwert.

Tapferkeit mag ja vielleicht eine große Tugend sein, auf dem
Schlachtfelde, wo die befleckten Ehrenschilder der Nationen wieder
reinpoliert werden sollen; aber Tapferkeit an gewissen Orten und zu
gewissen Zeiten und in Mexiko ist meist ein Zeichen von unheilbarer und
angeborener Dummheit. Es ist hier niemand verpflichtet, Jongleur zu sein
und herumflitzende Revolverkugeln mit den Zähnen aufzufangen. Dafür ist
ja der Zirkus da.

Und da es nun schon mehrere Jahre her war, daß ich mit Wanderzirkussen
herumgezogen war, so hatte ich die Gelenkigkeit verloren, und ich hielt
mich, als ich das Anklopfen hörte, so still wie eine vergrabene
Geldtruhe. Es klopfte wieder und diesmal stärker und nachhaltiger. Ob
ich nun zu zittern begann und mir der kalte Schweiß ausbrach, weiß ich
jetzt nicht mehr; aber ich glaube, daß es nicht geschah. Denn wenn es
schon so weit ist, daß nachts heftig an die Tür geklopft wird und das
Klopfen sich verstärkt, nützt es gar nichts mehr, vor Angst zu
schwitzen; denn dann ist das, was geschehen wird, auf alle Fälle schon
entschieden, ganz gleich, was es ist. Man kann sich dann also ruhig
Schweiß, Angst und Hoffnungsbrühe sparen und diese Dinger für die Würmer
aufbewahren, damit man nicht nachträglich von denen noch beleidigt wird,
daß man ihnen nicht genug Fett und Muskelfleisch hinterlassen hat.

Nachdem nun abermals heftig geklopft worden war, hörte ich halblaut
draußen reden. Es waren, wie ich aus den verschiedenen Stimmen hören
konnte, wenigstens drei Männer. Die Stimmen hatten einen kräftigen und
mitleidlosen Tonfall. Die Männer wußten, was sie wollten.

Dann hörte ich, wie die Männer zur Tür schuffelten. Ich hörte die
schweren Tritte auf der sandigen Erde. Zwei schienen Halbstiefel
anzuhaben und einer Sandalen. Auf alle Fälle wurde mein Leben um die
Zahl der Schritte verlängert, die bis zur Tür waren. Ich überlegte, ob
ich fliehen könnte.

Der Bungalow hatte, wie alle solche Holzhäuser in Mexiko und im Süden
der Staaten, an jeder Seite eine Tür. Aber die Türen hatte ich mit
Vorlegebalken verrammelt. Das Abwuchten des Balkens konnte nicht ohne
Geräusch getan werden, und beim leisesten Geräusch wären die Männer an
der Tür gewesen, wo ich ausbrechen wollte. Ich dachte natürlich auch
sofort an Medizin, durch die ich mich vielleicht retten könnte. Aber in
diesem kurzen Augenblicke – ich war aus tiefem Schlaf geklopft worden –
fiel mir keine Medizin ein, die brauchbar hätte sein mögen. Ich mußte
wohl auch erst einmal zusehen, wie die Männer, denen ich eine mich
heilende Medizin zu verabreichen gedachte, aussahen und was sie wollten.
Einen Revolver oder eine sonstige schießende Spritze hatte ich auch
nicht. Hilft auch nicht viel, wenn man so etwas hat. Es kann glücken,
daß man alle drei erschießt. Das ist das geringste. Viel wichtiger und
viel schwieriger ist, aus dem Dorfe fortzukommen, nachdem man drei
seiner Bürger erschossen hat, aus einem Dorfe heil fortzukommen, von dem
man weiß, daß es eine Burg voll von Banditen ist. Ich habe überhaupt oft
gefunden, daß es eine der größten Sicherheiten ist, wenn man keinen
Revolver hat. Dann hat man keine Verpflichtung, tapfer zu sein.
Tapferkeit wird immer und überall schlecht belohnt. Es sind immer die
Leisegänger, die den Krieg überleben; die wahrhaft Tapferen bleiben
draußen für den Ruhm derer, die unter Triumphbogen heimmarschieren.

Die Männer waren nun zur Tür gekommen. Der Bungalow war auf Pfosten
gebaut, der schweren tropischen Regengüsse wegen. Infolgedessen führten
hier einige Stufen hinauf zur Tür.

Ich hörte die Leute die Stufen hinauftrampeln. Da die Treppe nicht sehr
breit war, schien nur einer an der Tür zu sein, während die beiden
andern auf den unteren Stufen standen.

Der Mann an der Tür klopfte nun heftiger an, und er gebrauchte wohl,
nach dem harten Ton zu schätzen, den Knauf seines Revolvers oder seines
Gewehrs.

Als das Klopfen nichts fruchtete, begann er zu rufen: „Oiga, Hombre,
machen Sie auf, stehen Sie auf. Wir wollen mit Ihnen reden.“

Das gab mir nun den Beweis, daß sie genau wußten, daß ich im Hause sei,
denn andernfalls würden sie nicht rufen.

Sie waren hartnäckig sowohl mit dem Klopfen als auch mit dem Rufen. Aber
ich rührte mich nicht, mit keiner Wimper.

Nun redeten sie wieder untereinander. Dann hörte ich, wie sie die Stufen
hinabpolterten und über den Sand dahinschlurften. Ich glaubte, daß sie
endlich eingesehen hätten, ich sei nicht zu Hause. Aber ich hatte mich
verrechnet, wie es immer geht, wenn man etwas glaubt.

Sie gingen einige Schritte weiter und blieben dann stehen, genau an der
Wand, die meinem Brettergestell, auf dem ich schlief, am nächsten war.
Und nun begannen sie hier gegen diese Wand mit aller Kraft zu klopfen
und zu rufen. Jetzt wußte ich aber auch, daß unter den Männern einer
sein mußte, der mein Haus genau kannte; denn sonst wäre es für jene
Leute nicht möglich gewesen, zu wissen, in welchem Teil des Bungalows
ich schlief.

Es blieb mir nun nichts weiter übrig, als zuzugeben, daß ich im Hause
sei. Und ich machte mich auf, dem Tode gefaßt und ohne mit einem Härchen
zu wackeln, in das kalte Auge zu sehen. Ruhmvoll war ein solcher Tod
nicht, denn niemand würde Notiz davon nehmen, wie kaltlächelnd und
höhnisch ich den Tod hinnahm; denn erstens war es finster, und zweitens
war weder ein Zeitungsreporter noch ein Geschichtsschreiber zugegen, der
der Nachwelt hätte verkünden können, wie edel meine Haltung in der
letzten Stunde meines Lebens war. Banditen scheren sich nicht viel
darum, ob man eine edle Haltung einnimmt, oder ob man vor kalter Angst
mit den Kinnbacken bibbelt. Auch Henker kümmern sich nicht darum. Es ist
Geschäft, nüchtern und sachlich wie jedes Geschäft, und darum
uninteressiert für jede Phrase, die nichts mit dem Geschäft unmittelbar
zu tun hat.

So schnell stand ich ja nun nicht auf von meiner Bretterlage, wie
vielleicht erwartet worden war. Denn jede Minute, die ich gewann, war
dem Tode abgerungen. So sagte ich schläfrig: „He, ihr da draußen, was
ist denn los? Caray, zum gottverfluchten Maultierschwengel, kann man
denn in diesem Nest, bebrütet von Teufelsfratzen und Geierfedern, nicht
eine einzige Nacht in Ruhe schlafen? Was ist denn das für ein besoffenes
Gesindel, das sich vor meiner Hütte herumbalgt? Ich habe keinen Tequila
hier im Hause. Zur Hölle mit euch verschwefelter Brut, ich will
schlafen.“

Ich war immer lauter geworden, mich absichtlich in Wut und Ärger
hineinredend; denn wenn es schon meine letzten Worte auf dieser Erde
sein sollten, so wollte ich doch, daß sie mit Inbrunst, Kraft und Saft
mein letztes Gebet verschönern möchten, damit die Ewigkeit weniger
langweilig sei.

Einem schlaftrunkenen Menschen nimmt man nichts übel, wenn man sein
rasches Aufstehen dringend benötigt. Und diese Männer hier schienen mein
Wachwerden wirklich sehr zu wünschen. Denn als sie hörten, daß ich
antwortete, wurde ihr harter Ton ein wenig milder. Vielleicht hatten sie
geglaubt, ich sei in der Tat nicht daheim, und daß sie deshalb
unverrichtetersache hätten abziehen müssen.

Einer nahm nun das Wort allein: „Hören Sie, Senjor, kommen Sie doch für
einen Augenblick zur Tür, ich muß dringend mit Ihnen sprechen, es ist
eine ernste Sache.“ Es lag viel Bitten in dem Klang seiner Worte.

Indianer und Halbindianer haben keinen Begriff für Zeit. Wenn sie etwas
auf dem Herzen haben, kommen sie zu jeder beliebigen Zeit des Tages oder
des Nachts.

Mich an die Tür zu locken, konnte nun aber doch vielleicht nur ein Trick
sein, um das, was sie mit mir vorhatten, leichter und bequemer
auszuführen. Aber was immer es auch sein mochte, was die Männer zu tun
gedachten, ich mußte nun doch endlich die Tür öffnen. Sie hätten die Tür
ja sowieso einschlagen können, wenn sie gewollt hätten.

„Hallo, Senjores“, sagte ich nun, mich dabei schläfrig gegen den
Türpfosten lehnend, „womit kann ich Ihnen helfen?“

Es war Mondschein, und ich konnte die Männer, die da vor den Stufen
standen, deutlich sehen, wenngleich ich ihre Gesichter nicht erkennen
konnte, weil sie von großen Hüten beschattet waren. Die Männer waren
sehr robuste Gestalten, ohne Jacken, nur Hosen an und Baumwollhemden,
die am Hals offenstanden. Einer trug Ledergamaschen und gelbe Stiefel
mit hohen Absätzen, die aber völlig schiefgelaufen waren. Ein anderer
trug ledergraue Stiefel, die an mehreren Stellen aufgeplatzt waren. Der
dritte trug, wie ich schon früher aus seinem leichten Tritt geschlossen
hatte, Sandalen an nackten Füßen.

Zwei der Männer, die mit Stiefeln bekleidet, hatten jeder ein Gewehr,
das sie in der Hand trugen. Der eine von diesen beiden hatte außerdem
noch einen Revolver hinten im Ledergurt stecken. Beide hatten ihre
Gürtel voll mit Patronen gespickt. Der Mann mit den Sandalen trug nur
einen Machete in der Hand.

Es war dieser Mann mit dem Machete, der mich zu kennen schien. Ich
glaubte auch, daß ich ihn schon verschiedene Male im Dorfe gesehen
hatte, während mir die andern beiden durchaus fremd waren.

Man hat zuweilen etwas im Instinkt. Und nirgends entwickelt sich der
Instinkt besser als bei einem Leben, wo man auf guten Instinkt
fortwährend angewiesen ist, und wo der Instinkt oft nur das einzige
Schutzmittel ist, das man zur Verfügung hat. Dieser Instinkt gab mir
merkwürdig rasch die Gewißheit, daß der Mann mit dem Machete mir
gegenüber friedliche Absichten hat, und daß die beiden anderen Männer
nicht mein Leben und meine Reichtümer verlangten, sondern irgendeine
Hilfeleistung.

Es war dann vielleicht doch nicht mein Instinkt, der mir die Absicht der
Männer verriet, sondern es war wohl nur, daß ich die Gedanken des
Mannes, der mit dem Machete, auffing in demselben Augenblicke, als er
sich bemühte, seine Gedanken in Worte umzusetzen. Er sagte: „Senjor,
tenga la bondad, por favor, möchten Sie nicht die große Freundlichkeit
haben, mit uns zu meinem Hause zu kommen. Ich habe da meinen Neffen
liegen. Ich weiß nicht, was er hat. Man hat mir ihn krank ins Haus
gebracht. Er will nicht aufwachen. Und wir möchten Sie doch recht sehr
bitten, mit uns zu gehen und zu sehen, ob Sie ihm nicht helfen können.“

„Was fehlt ihm denn?“ fragte ich.

„Das wissen wir eben nicht, und darum möchten wir Sie ja so sehr bitten,
nachzusehen, was mit ihm ist.“

Der nächste Doktor wohnte etwa vierzig Meilen weit. Er würde für den
Besuch, der nur zu Pferde zu machen war und drei Tage Zeit aufbrauchte,
sicher wenigstens hundert Pesos verlangen, eine Summe, die auf den Tisch
gelegt werden mußte, ehe sich der Doktor auf das Pferd setzte. Und wer
von diesen Leuten kann hundert Pesos bezahlen? Umsonst kommt der Doktor
nicht, weder dieser noch ein anderer. In erster Linie ist er
Geschäftsmann und in zweiter Linie noch lange nicht nur Doktor; denn es
stundet ihm niemand die Miete, und wenn er seine Rechnung beim Bäcker
und beim Gemüsehändler nicht pünktlich bezahlt, dann wird ihm im zweiten
Monat nicht einmal mehr ein Kilogramm Kartoffeln geborgt. Wer nicht
zahlen kann, hat kein Recht zum Leben, er muß entweder sterben oder
versuchen, ohne Doktor am Leben zu bleiben. Darum bleiben die meisten
Mexikaner so lange am Leben, bis sie mehr als neunzig Jahre alt sind und
kein Kirchenbuch sich mehr darauf besinnen kann, wann sie geboren
wurden, vorausgesetzt natürlich, daß ihnen nicht in einer Schießerei der
Atem fortgeblasen wurde und gleich so weit, daß sie ihn nicht mehr
einfangen können.

Ich besaß eine wacklige Pappschachtel, in der einmal, in längst
vergessenen Zeiten, Schuhe eingepackt gewesen sein mögen, die sicher
nicht meine Schuhe waren, denn meine Schuhe waren viel älter. Diese
Pappschachtel, was immer ihr einstiger und erster Zweck gewesen sein
mochte, diente mir als Medizinkasten. Man darf sich natürlich meinen
Medizinkasten nicht so vorstellen wie einen First-Aid-Kasten der
Henry-Ford-Automobil-Fabrik, Dearborn. Er war nicht ganz so vollkommen.
Meine Medizin-Pappschachtel enthielt auch einige Medizin. Aber außer
dieser Medizin war noch darin: Nähzeug, Hosenknöpfe, ein morsches
Farbband, einige abgebrauchte Sicherheits-Rasierklingen, eine
ausgepreßte Zahnkremtube, ein großer Angelhaken, zwei kleine Angelhaken,
fünf Zeitungsausschnitte, ein Taschenmesser mit zerbrochener
Hauptklinge, die andere kleine Klinge war zwar sehr verrostet, war aber
sonst noch gut erhalten, Bindfaden in verschiedenen Stärken, vier
verschiedene Schrauben, einige Nägel, ein Bleistiftstümmelchen, ein
undichter Füllfederhalter, der ausgebrochene Zahn eines Eselfüllens, die
Rattel einer Klapperschlange und noch einige andere Sachen, auf deren
Art und Gebrauchswert ich mich nicht genau erinnere.

In meiner Jungenzeit hatte ich stets all mein irdisches Hab und Gut in
meinen Hosentaschen und Jackentaschen, weil ich immer fahrtbereit und
reisefertig sein mußte, wo immer ich auch war. Da ich inzwischen
wohlhabender geworden war, trug ich nunmehr alle meine irdischen
Reichtümer in jener wackligen Pappschachtel, die im Augenblick
zugeschnürt sein konnte. Denn meine Lebensweise hatte sich seit meiner
Jungenzeit wohl vorübergehend, aber nicht dauernd geändert. Auch jetzt
noch mußte ich immer, zu jeder Tageszeit und Nachtstunde, reisefertig
sein.

Auch wenn mir jene Herren mit schußbereiten Gewehren nicht gesagt haben
würden, daß meine medizinischen Kenntnisse augenblicklich sehr dringend
gewünscht seien, so hätte ich dennoch meinen Medizinkasten mit mir
genommen. Das geschah instinktiv und aus Erfahrung. Denn es war
vorgekommen, in Mexiko wie auch erst recht anderswo, daß ich glaubte,
mich nur für eine Stunde von meinem gegenwärtigen Aufenthaltsorte zu
entfernen; und wenn ich zur Besinnung kam, war ich auf einem anderen
Kontinent gelandet, zuweilen gestrandet. Durch solche Erfahrungen wird
man vorsichtig, und Zahnbürste, Rasierzeug und ein kleiner Taschenkompaß
waren Tag und Nacht gut eingeknöpft in meiner linken hinteren
Hosentasche als ständiges Notgepäck.

Was wußte ich, wo ich landen würde, wenn ich jetzt mit diesen drei
Nachtvögeln davonflog.

„Ist das Ihr Doktorkasten?“ fragte mich nun einer der Männer, während er
dabei sein Gewehr so über die Schulter warf, daß er den Lauf vorn in der
Hand behielt und der Kolben hinten über dem Rücken war.

„Ja, das ist mein Medizinkasten“, bestätigte ich, und die Männer
murmelten etwas, das wie Zufriedenheit klang.

„Dann wollen wir uns nun aufmachen“, sagte ein zweiter.

Ich schob den hölzernen Riegel vor die Tür. Und dann zockelten wir los.

Ich hatte auch nicht die leiseste Idee, wohin wir gehen würden. Denn
darüber war nichts gesagt worden. Es hatte keinen Zweck für mich, zu
fragen, wohin wir gehen würden; denn ob wir nach Honduras marschierten
oder nach Alberta in Kanada, das hatte ja nicht ich zu entscheiden,
sondern das wurde, ob es mir nun gefiel oder nicht, von denen
diktatorisch entschieden, die Gewehre hatten. Immer wer das Gewehr hat,
der hat das Recht zu kommandieren, und immer der, der das Gewehr nicht
hat, hat die Pflicht zu gehorchen. Das ist nun schon so seit dem
flammenden Schwert des Erzengels an der quietschenden Gartentür des
Paradieses. Weltgeschichtliche Leistung, zwei nackte Menschen aus dem
Gemüsegarten hinauszujagen, wenn der Feldhüter ein flammendes Schwert
schwingt und die beiden durch Schuld geknickten Leutchen nichts weiter
als Waffe in den Händen halten als ihre Scham, ein abgetrenntes Blatt
von ihrer flimsigen Kleidung und die abgeknabberte Rinde ihres
Apfelstrudels, der an allem Unheil schuld war. Was blieb ihnen übrig,
sie mußten gehorchen, und es half ihnen gar nichts, daß sie zwei
Mustermodelle aus den Privatkunstwerkstätten für künstlerische
Lehmarbeiten waren. Hätten sie ebenfalls ein Schwert oder ein
Maschinengewehr gehabt, wäre alles anders gekommen, und unsere Ansichten
über Befehlen und Gehorchen hätten eine andere Richtung eingenommen.
Darum wird man wohl verstehen, warum ich mit den drei Männern durch die
Nacht wanderte, ohne mit einer Silbe mich zu beschweren oder gar zu
fragen, wohin wir gehen würden. Wo man nichts dreinzureden hat, läßt man
alles gehen, wie es will.

Wir trotteten nicht mitten durch das Dorf, sondern hielten uns nahe der
Hütten, die mehr am Rande lagen. Die Hunde bellten entsetzlich von allen
Seiten. Und jene Hunde, die uns nicht sahen und uns nicht hörten,
bellten sich heiser, um den übrigen Hunden nicht alles Vergnügen allein
zu lassen. Es war ein Höllenlärm im Dorfe. Denn von dem anhaltenden
Bellen der Hunde wachten auch die Hähne auf und krähten, und die Esel
fielen mit ein. Aber von den Bewohnern kam niemand vor seine Hütte, um
zu sehen, was los sei. Denn Indianerhunde, wenn erst einmal einer damit
anfängt, bellen die halbe Nacht, ob da ein Trupp von Banditen die Häuser
umschleicht, oder ob ein Esel schläfrig durch das Dorf wandert, oder
eine Katze hinter einer Maus her ist, oder ob der Mond scheint oder ob
gar nichts geschieht.

Nachdem wir die letzten Häuser hinter uns hatten, marschierten wir eine
gute lange Strecke durch niedriges Dschungelgestrüpp, dann durch ein
Stück Busch und erreichten endlich ein Bretterhaus.

Das Haus hatte vorn einen eingezäunten Blumengarten und an beiden Seiten
gutgepflegte Gemüsegärten, wie ich leicht und sicher in dem hellen
Mondlicht erkennen konnte. Das Haus sah nicht von alten Brettern
zerflickt aus und war nicht mit Lumpen, alten Schilfmatten und Fellen
behängt und benagelt, wie die meisten Häuser des Dorfes auszusehen
pflegten. Es machte von außen schon einen sehr reinlichen Eindruck. Auf
der Porch, der Veranda, standen zahlreiche Blumen eingepflanzt in
Töpfen, und da waren kleine Palmen und tropische Blättergewächse in
Kasten und ausgebrauchten Eimern und Petroleumbüchsen. Der gute
Eindruck, den ich von außen empfing, wurde um ein Vielfaches verstärkt,
als ich in den Wohnraum kam. Nicht nur in dem Dorfe selbst, sondern im
ganzen Bezirk hatte ich ein ähnlich sauberes und gut möbliertes Haus nie
vorher gesehen. Das Haus eines gutsituierten amerikanischen Farmers, der
Reinlichkeit und Behäbigkeit liebt, konnte weder in Texas, noch in
Arizona, noch in Coahuila oder Sonora besser und freundlicher aussehen
als dieses Haus. Ich hatte nicht gewußt, und ich hätte es auch nicht
geglaubt, daß hier in dieser Gegend eine so wohldeftige Familie lebte,
die fähig war, ein Haus so in Ordnung und Wohnlichkeit zu halten, wie
ich es hier sah.

Die Leute hatten eiserne weißlackierte Bettstellen; sie hatten richtige
Stühle, einige Schaukelstühle, eine gute Decke auf dem Tisch, große
eingerahmte Bilder an der Wand: Lohengrin mit seiner Elsa auf dem
Bettrand sitzend; Othello, seine großen Bombastreden von fernen Ländern
und wilden Ungeheuern haltend; Porfirio Diaz in glänzender
Generalsuniform; der Ausmarsch des mexikanischen Freiheitshelden Hidalgo
aus dem Dorfe Dolores; die Heilige Jungfrau von Guadeloupe; und eine
Anzahl von kleinen und vergrößerten Photographien von Onkeln, Tanten,
Großvätern, Ehepaaren, Kindern und Kommunionskerzenträgern, die wohl
alle zur Familie gehörten.

Man vermochte sich nichts zu denken, das friedlicher hätte sein können,
wohlanständiger und ehrenwerter als das Haus und die Familie, die es
bewohnte. Wer in einem solchen Hause wohnte und ein Haus so in Ordnung
und Sauberkeit halten konnte, waren Bürger, die einen Staat wohl in
seinen Fundamenten stützen und erhalten konnten.

Aber ein erfahrungsreiches Leben lehrt einen in harter, wenn auch in
erfolgreicher Schulung, Dinge nicht blindlings so zu nehmen, wie sie
aussehen. Es gibt wunderschöne Pflanzen im mexikanischen Busch, die
einen verführen, sie näher anzusehen, aber wenn man sie anfaßt oder auch
nur unvorsichtig mit dem nackten Arm streift, bekommt man einen
Hautausschlag, an dem man zwölf Monate doktern und salben kann und man
selbst dann noch nicht einmal sicher ist, wann man ihn los sein wird.

Trotz des wohlanständigen und ehrenwerten Hauses vergaß ich doch nicht
einen Augenblick lang, daß mich drei Männer hierhergelockt hatten, die
auch dann noch genügend verdächtig hätten sein müssen, wenn sie nicht
mit schußbereiten Gewehren und gespickten Patronengürteln beladen
gewesen wären.

Mit keinem Wort und mit keiner Geste ließ ich erkennen, daß mir der
Zwischenreim für das wohlanständige Haus und die drei Burschen bereits
klargeworden war. Ich sah das alles so an, als ob es gar nicht anders
sein könnte. Ich betrachtete mir die Bilder an den Wänden, als ob sie
große Meisterwerke einer Galerie seien, und um die Leute glauben zu
machen, daß ich die Bilder bewundere, sagte ich: „Sehr schöne Bilder,
von berühmten Meistern gemalt.“ Aber während ich das sagte, sah ich mir
doch alles, was es in dem Raum zu sehen gab, sehr sorgfältig an. Ich
betrachtete mir die Fenster genau, dadurch, daß ich die Augen senkte,
während ich den Kopf hoch hielt, als betrachte ich die Bilder. Aber die
Fenster waren gut verrammelt, kein Lichtstrahl drang hinaus in die
Nacht, und es war wenig Hoffnung, aus einem der Fenster zu entspringen,
wenn es hätte nötig werden sollen. Es führten zwei Türen aus dem Raume,
aber beide führten nur in zwei andere Räume.

Die beiden Männer mit den Gewehren setzten sich auf Stühle so an die
Tür, daß an jedem Pfosten einer saß. Sie stellten ihre Gewehre zwischen
die Knie und drehten sich Zigaretten.

„Setzen Sie sich doch, Senjor“, sagte jetzt einer der Männer, während er
mit dem Fuße auf einen leeren Stuhl deutete und dabei das Maisblatt, in
das er den Tabak eindrehte, mit der Zunge beleckte.

Ich setzte mich und sah mich nun weiter in dem Raume um, aber in einer
Weise, als ob ich mich eben nur umsehe, weil sonst nichts weiter zu tun
oder zu sehen war.

Der Fußboden war mit dicken Petates reich belegt. Die Matten waren gelb
und frisch. An den Stellen, wo die Matten nicht ganz zusammentrafen,
konnte ich sehen, daß der Fußboden knochenbleich gescheuert war und rein
wie frischgewaschenes Linnen. In einer Ecke war ein kleiner Altar, auf
dem ein Muttergottesbild stand, mit einem brennenden dünnen Lichtchen,
in einem Wasserglase mit Öl schwimmend. Über den Ecken des
Muttergottesbildes hingen drei billige Rosenkränze. Zu beiden Seiten des
Muttergottesbildes standen ein halbes Dutzend von Heiligenbildchen in
sehr billigen und geschmacklosen Rähmchen.

Auf dem Tische, auf dem eine reine buntfarbige Baumwolldecke gebreitet
lag, stand eine richtige Petroleumlampe. Eine richtige Petroleumlampe
hatte ich wohl seit vierzehn Monaten nicht zu Gesicht bekommen; denn im
ganzen Dorfe hatte niemand eine und ich am wenigsten. Und es war wohl
diese Petroleumlampe, die mir, gleich bei meinem Eintritt in das Zimmer,
am stärksten den Eindruck übermittelt hatte, daß ich mich im Hause von
wohlhabenden Leuten befinde. Auf dem Tische stand noch eine Fruchtschale
aus rötlichem Glase, deren Rand blumenartig verbogen war, mit einem
verschnörkelten Fuße aus einem blechernen Metall. Eine Schale, wie man
sie gelegentlich in einem Zelt gewinnen kann, in dem man für zehn Cents
mit fünf Bällen auf einen Knopf werfen kann, bis ein lebendiger Neger
hinten in ein mit Wasser gefülltes Faß fällt, oder in einem anderen
Zelt, wo man für zehn Cents zwei rohe Eier einem lebendigen Neger ins
Gesicht werfen darf.

Der Mann mit dem Machete war gleich bei unserem Eintritt in eines der
Nachbarzimmer gegangen, und er hatte die Tür hinter sich fest zugemacht.
Zuweilen hörte ich – das ganze Haus war ja nur, wie alle Häuser hier,
aus dünnen Brettern gebaut –, daß im Nebenraum halblaut gesprochen
wurde.

Endlich kam jener Mann wieder zurück in das große Zimmer, wo wir saßen.
Er hatte eine Flasche und ein Gläschen.

„Wollen wir erst einmal einen nehmen“, sagte er und goß das Gläschen
voll. Er bot es mir an; ich sagte „Salud!“ und schwenkte den Tequila
hinunter. Er rann mir warm und mollig durch die Kehle, und ich dachte,
wo man so guten Tequila hat und anbietet, da kann nicht pure Mörderei
und Feindschaft auf dich warten, denn einen so guten Anjejo verschwendet
man nicht auf jemand, den man aus der Welt zaubern will.

Das Gläschen wurde nachgefüllt und machte seine Runde.

„Noch einen ganz, ganz Kleinen, damit die Ohren nicht wackeln?“ fragte
der Mann gutmütig.

„Como no“, sagte ich, und er schenkte mir noch einen gesunden Tropfen
ein. Aber ich war der einzige, der zweimal nippen durfte. Weder bekamen
die beiden Türwächter noch einen nachgeschlürft, noch zog der gute Mann
selbst sich einen kleinen Ohrenberuhiger hinterher.

„He, ja“, sagte der Mann nun, während er die Flasche zukorkte, den
Korken mit Andacht fest eindrehte und Flasche und Gläschen auf den Tisch
stellte, „ja, nun wollen wir doch einmal an das Geschäft gehen.“ Er
stand auf, öffnete leise die Tür, durch die er gekommen war, und winkte
mir, zu folgen.

Die beiden Männer, mit den Gewehren zwischen ihren Knien, blieben bei
der Tür sitzen. Merkwürdig war es, daß ich jetzt wie plötzlich das
Gefühl bekam, daß die beiden Männer nicht mich bewachten oder mich
verhindern wollten zu entspringen, sondern daß sie dort dicht an der Tür
bewaffnet saßen, um diejenigen, die im Hause waren, zu schützen gegen
jemand, der von draußen kommen könnte. Davon wurde ich um so mehr
überzeugt, als sich die beiden etwas zuflüsterten und der eine aufstand,
hinausging und sich draußen auf eine Stufe setzte, während der andere,
der im Raume blieb, sich so setzte, daß er von jemand, der hereinkam,
nicht sofort gesehen werden konnte, während er selbst den
Hereinkommenden völlig unter der Gewalt seines Gewehres hatte.

Ich folgte nun jenem Manne, der die Tür zu dem zweiten Raum geöffnet
hatte.

In dem Raume brannte ein kleineres Lämpchen, das wenig Licht
verbreitete. Der Mann ging zurück in den ersten Raum, nahm die Lampe vom
Tisch und leuchtete mir nun in jenes Zimmer hinein.

Zwei Frauen saßen auf Schaukelstühlen. Beide hatten den Rebozo um Kopf
und Hals gelegt, weil es nun kühl in der Nacht wurde. Beide Frauen waren
Indianerinnen, sauber gekleidet und in Sprache und Benehmen – wie ich
bald lernte – durchaus gleich den Frauen eines mexikanischen
Ranchobesitzers von mittlerem Wohlstand.

Die eine der Frauen war verhältnismäßig jung. Sie war, wie ich gleich
hörte, die Frau des Mannes mit dem Machete. Die andere Frau war älter;
sie konnte wohl gut die Mutter der Frau oder des Mannes sein. Das Zimmer
war das Schlafzimmer des Ehepaares. Da in dem ersten Raum gleichfalls
zwei Betten waren, schien es, daß hier mehrere Personen wohnten,
vorausgesetzt daß jene Betten im Gebrauch waren, was ich ja nicht
erraten konnte.

Beide Frauen standen auf aus ihren Stühlen und sagten freundlich und
höflich: „Guten Abend, Senjor!“ Sie gaben mir die Hand und setzten sich
wieder.

Ich sah mich im Raume um, und ich bemerkte zur Seite auf einer
Schilfmatte einen jungen Mann liegen, der bis zum Kinn mit einer
halbwollenen Decke zugedeckt war. Sein Gesicht war bleich; bleich wie
das Gesicht eines Indianers eben werden kann. Aber das Gesicht war voll,
und daraus schloß ich, daß der Mann nicht lange krank sein konnte, daß
er wohl nur schwer verwundet sei. Er rührte sich nicht und lag da wie
tot.

„Das ist der Junge, von dem ich Ihnen gesagt habe“, sagte der Mann und
stellte die Lampe auf einen Stuhl, den er dicht an das Lager des Kranken
rückte.

„Sie können dem Jungen gewiß helfen, Senjor“, sagte nun die jüngere
Frau. „Er ist mein Neffe, und wir würden recht traurig sein, wenn er uns
fortstürbe. Seit unser eigener und einziger Sohn in einer dummen
Schießerei sein Leben verlor, haben wir diesen hier wie unseren Sohn
angesehen. Wir würden Ihnen wirklich von ganzem Herzen danken, wenn Sie
etwas tun könnten, daß er uns erhalten bleibt. Es ist der letzte, der
uns bleibt von allen Jungen aus unserer Familie. Alle übrigen sind
erschossen oder erstochen worden bei den Wahlen, und keiner hat doch je
ein Amt für sich haben wollen. Es war nur immer der anderen wegen, daß
sie sich in die politischen Händeleien hineinmischten.“

Die Frau weinte nicht, aber sie hatte eine echte Rührung in ihren
Worten. Die ältere Frau seufzte einige Male auf.

In den letzten Monaten hatte hier im Distrikt keine einzige Wahl
stattgefunden. Die Wahlhändel wurden auch nicht hier im Dorfe
ausgefochten, sondern in der Distriktsstadt, wo alle die Burschen und
Männer der umliegenden Dörfer natürlich hinritten, um ihre Schießerei,
ihr Vivatschreien in den Straßen und das Händeschütteln der Kandidaten,
die sie auf ihren Schultern durch die Straßen schleppten, genießen zu
können. Es kamen niemals alle die lebend wieder heim, die zu den
Wahlreden ritten. Jedesmal blieben zwei, drei oder ein Dutzend auf dem
Felde der Wahlkämpfe.

Da aber lange keine Wahl gewesen war – denn die gegenwärtigen Behörden
des Distrikts waren von der Federalregierung provisionell eingesetzt
worden, um die ewigen Wahlmördereien zu verhindern –, so konnte der
Bursche hier nicht gut bei einer Wahl etwas abbekommen haben.

Ich kniete mich nieder an die Seite des jungen Mannes und begann ihn zu
untersuchen. Die Augen waren geschlossen. Als ich die Augendeckel hob,
sah ich, daß die Augen wohl schläfrig waren, aber nicht trüb, und die
Pupillen reagierten auf das Licht. Das Herz schlug regelmäßig, aber sehr
leicht, nur wie ein Tippen. Der Atem war sehr leise; aber auch er ging
ziemlich gleichmäßig.

„Was fehlt ihm denn?“ fragte ich aufblickend.

Die Frau antwortete mir und sagte: „Das wissen wir eben nicht. Sie haben
uns den Jungen so ins Haus gebracht, und er ist noch nicht einmal
aufgewacht. Denken Sie, daß er uns wegsterben kann, Senjor?“

„Das kann ich nicht sagen. Vorläufig stirbt er nicht. Hat er nicht etwas
gesagt zu den anderen, was ihm fehlt oder wo es ihm weh tut?“ fragte
ich.

Niemand antwortete mir, und ich sah auf, um zu sehen, warum ich keine
Antwort bekam. Ich bemerkte, daß der Mann die Frau rasch ansah, den
Finger auf den Mund drückte und mit dem Kopf schüttelte. Sofort sah ich
wieder weg und wandte mich dem Kranken zu. Dann dehnte ich ein langes
„Ja“ von mir, schluckte vernehmlich und richtete mich halb auf. Die
Leute hatten genügend Zeit gehabt, ihre Geheimsprache zu vollenden, und
sie sahen mich an und zuckten die Schultern.

„Hat er denn etwas gegessen, das ihm nicht bekam?“ fragte ich nun.

„Ich glaube nicht“, antwortete der Mann.

Ich setzte mich auf den Stuhl, machte tiefe Gedanken und tat alles genau
so, wie es auch andere große Doktoren und berühmte Ärzte tun. Das will
sagen, ich wußte nichts, solange mir nicht der Kranke selbst sagen
konnte, was ihm weh tat und wo es ihm fehlte. Ich war ja kein
Viehdoktor.

Dann sagte ich das, was alle Ärzte sagen: „Es ist sehr ernst. Aber ich
werde mein Bestes tun, vielleicht bringen wir ihn durch.“

In dem Augenblick kamen die beiden Männer mit den Gewehren herein. Sie
waren neugierig geworden und wollten sehen, wie tüchtig ich war. „Wo ist
mein Medizinkasten?“ fragte ich.

Sofort sprang einer der Männer in den Nebenraum und brachte meine
Pappschachtel. Was ich damit tun wollte, wußte ich im Augenblick
natürlich nicht. Aber ich war gewiß, daß mir schon etwas einfallen
würde. Tun mußte ich auf alle Fälle etwas, ganz gleich was es war; denn
ich war hierhergeschafft worden als Doktor, man erwartete von mir, mich
als Doktor zu benehmen und zu betragen, und so blieb mir nichts anderes
übrig, als den Leuten gefällig zu sein.

Welche Folgen es haben würde, wenn ich als Doktor versagte, darüber
bestanden keine Zweifel. Die Tatsache, daß beide Männer mit den Gewehren
jetzt im Raume waren, bewies mir, daß meine Vermutung, sie möchten
jemand von draußen verhindern, in das Haus einzubrechen, unrichtig war.
Sie waren jetzt hier hereingekommen, um zu sehen, was ich leisten
könnte. Und da sie die Gewehre selbst hier in diesem Raume, wo ein
Sterbender lag, nicht aus der Hand stellten, das gab mir die Gewißheit,
daß sie sehr bald die Gewehre auf mich richten würden und sagen: „Du
rettest jetzt den Burschen da, und zwar sofort; und wenn er nicht in
wenigen Minuten auf und gesund ist wie ein junger Hahn, dann knallen
diese Gewehre, und du kannst dich danebenlegen in dieselbe Grube.“

So etwas geschieht Ärzten in der Tat, und wenn ich schon hier als Arzt
tätig bin, warum soll man mit mir eine Ausnahme machen?

Aber als geschickter Arzt, der seine Medizin gut studiert hat, kann man
das Sterben eines Sterbenden recht gut in die Länge ziehen. Dann kann
man sich noch immer damit entschuldigen, daß Gott das eben anders
bestimmt habe. Und das wird einem geglaubt. Vielleicht wird man es auch
mir glauben. Die Leute sind ja Christen, gute Christen, mit Rosenkränzen
und allen notwendigen Heiligenbildern gut versorgt.

So beginne ich meine verantwortungsvolle Tätigkeit.

„Haben Sie Cafion im Hause?“ frage ich die Frau.

„Ja, wir haben eine ganze Glastube voll.“

„Geben Sie mir drei Pastillen und ein Glas mit Wasser.“

Ich löse die Pastillen in dem Wasser auf, und mit Hilfe des Onkels und
des einen Mannes öffne ich dem Kranken den Mund, hebe den Kopf hoch und
lasse ihn die Lösung schlucken. Er schluckt auch, und es kommt nichts in
die Luftröhre.

Ich wartete zehn Minuten, rauchte eine Zigarette, erbat mir einen neuen
guten Schluck von dem alten Tequila, und als ich nun den Kranken wieder
untersuchte, fand ich, daß die Medizin, die ich ihm gegeben hatte,
vorzüglich wirkte. Das Herz hatte begonnen, kräftiger zu arbeiten. Die
Medizin konnte zwar das Herz so heftig anregen, daß es übersetzte und
aufhörte zu schlagen. Aber ich hatte wieder einmal Glück, was jeder
Doktor haben muß, wenn er Erfolg sucht. Ich weiß gut, daß ein richtig
abgestempelter Doktor das alles ganz anders machen würde. Aus diesem
Grunde ist er ja abgestempelt und stiller Teilhaber der
Beerdigungsinstitute. Aber ich muß mich mit den Kenntnissen und
Medizinen behelfen, die ich zur Verfügung habe. Ich kann keine
Kampferinjektion in das Herz machen, weil mir die Maschinerie dazu
fehlt.

Das Herz schlug nun kräftig und zufrieden, aber der Bursche wollte nicht
aufwachen. Am Kopfe konnte ich nichts finden. Ich schlug ihm die Backen,
die Handflächen und die Handgelenke. Ohne irgendwelchen sichtbaren
Erfolg.

Ich schnürte nun meine Medizinschachtel auf. Die Leute sahen natürlich
den Inhalt. Ob sie über die merkwürdigen Medizinen, die ich in der
Pappschachtel hatte, erstaunt waren oder nicht, konnte ich nicht
feststellen, denn sie ließen kein Wort verlauten. Sie mochten wohl
überzeugt sein, daß die Angelhaken dazu dienten, irgend jemand etwas aus
dem Magen zu fischen, das er unvorsichtigerweise verschluckt hatte, und
das abgebrochene halbverrostete Taschenmesser diente nach ihrer Meinung
gewiß als chirurgisches Instrument zur Amputation von Füßen und Armen
oder zum Herausnehmen des Blinddarms. Auf jeden Fall wurde angesichts
des Inhalts meiner Medizinschachtel die Achtung vor mir und das Zutrauen
zu meinen Fähigkeiten nicht geringer, sondern, wie ich wohl sehen und
fühlen konnte, erheblich verstärkt.

Ich nahm eine halbaufgebrauchte Tube Mentholatum heraus und schmierte
eine dünne Schicht der Salbe dem Burschen an die inneren Nasenwände, um
ihm das Atmen zu erleichtern durch Erweichen des Schleims. Dann fragte
ich die Leute, ob sie Ammoniak im Hause hätten. Sie hatten ein
Fläschchen zur Hand, und nach einigen heftigen Dosen nieste sich der
Junge munter. Ich fächelte ihm kräftig Luft zu, und er begann bald
tüchtig und tief zu atmen. Aber als er nun zum Bewußtsein kam, begann er
aus vollem Herzen zu stöhnen.

Jetzt wußte ich, was los war und was mir nicht verraten werden sollte.
Ich überlegte eine gute Weile, was ich tun sollte. Denn mir war nun
alles völlig klargeworden. Sagte ich offen heraus, was ich jetzt wußte,
so konnte das eintreten, was ich erwartet hatte, seit ich das erste
Anklopfen an meinen Bungalow hörte. Die Kenntnis, die ich jetzt auf
einem Umwege erlangt hatte, machte mich zu einem sehr unbequemen Zeugen.
Und das konnte die Männer leicht verpflichten, mich aus der Welt zu
schaffen.

Aber dann sah ich die jüngere Frau, die Tante des Burschen, an. Die
Tränen standen ihr dick in den Augen, und ich wußte, daß sie im tiefen
Ernst sei, dem Jungen gegenüber wie eine leibliche Mutter zu fühlen. Der
Junge konnte sich vielleicht auch ohne meine Hilfe wieder hochbringen,
aber nicht vor zwei Tagen. Und inzwischen kamen die Soldaten; und er,
der sich nicht in Sicherheit bringen konnte, wurde draußen am
Gartenzaun, nach einer Vernehmung von fünf Minuten, erschossen. Daß er
erschossen wurde, war sicher; daß ich hier von den Männern meiner
unbequemen Mitwisserschaft wegen erschossen wurde, mochte zweifelhaft
sein.

Wieder sah ich die Frau an, und wieder sah ich ihren wehen Blick auf
mich gerichtet. Ich will nicht sagen, daß ich nun aus übergroßer
Menschenliebe mich entschied. Das wäre ungenau. Ich möchte auch nicht
besser und edler erscheinen, als ich wirklich bin. Denn um die volle
Wahrheit einzugestehen, ich bin wie jeder andere gewöhnliche Mensch,
mit Bosheiten, Niederträchtigkeiten, Hilfsbereitschaft,
Menschenfreundlichkeit und Liebe zu meinen Mitmenschen in so gleichem
Maße in mir verteilt, daß nicht immer mein Wille, sondern oft, wenn
nicht meist, eine reine Nebensächlichkeit entscheidet, ob ich in einem
bestimmten Falle eine niederträchtige Handlung begehe oder eine Tat
ausübe, die alle Menschen glauben macht, ich sei der edelmütigste und
selbstloseste Mensch. Daß man so wird, das macht der Busch, und das
macht das Herumschlagen mit allen Sorten von Menschen, und das macht die
Aufgabe, fertig werden zu müssen mit Umständen, die einem selten Zeit
lassen, lange darüber nachdenken zu können, ob das, was man tun muß,
edelmütig oder nichtswürdig ist.

Hier, in diesem Falle, entschied, wie so häufig vorher, die Neugierde,
zu erfahren, was wohl mit mir geschehen würde, falls ich das tue, was
nach meinem Urteil als das Dümmste und Unvorsichtigste angesehen werden
muß. Wissentlich tat ich das, was man mir nicht als große Klugheit
anrechnen mag. Wenn ich mich aber dennoch durch den bittenden und wehen
Blick in den Augen jener Frau vielleicht endgültig entschied, so will
ich es nicht auf meine Rechnung gesetzt haben als einen Posten, der
zugunsten eines edelmütigen Charakters verbucht werden kann. Denn das
wäre eine Unwahrheit.

Ich blickte den Onkel des Burschen, also jenen Mann, der mit dem Machete
gekommen war, an, hielt meinen Blick eine Weile auf ihn gerichtet und
sagte dann kurz und laut: „Wo hat er denn das Loch? Wie kann ich ihn
denn hochbringen, wenn Sie mir nicht sagen, was er abgekriegt hat.“

Alle Anwesenden, selbst die ältere Frau, fuhren erschreckt zusammen,
stießen kurze Ausrufe aus, wurden bleich, und ihre Blicke flogen von
einem zum anderen, bis sie alle auf meinem Gesicht haftenblieben.

Der Onkel bekam seine Ruhe am ersten zurück. Er sagte in einem Ton, als
ob er bereit sei, alles aufzugeben, dabei die beiden Männer mit den
Gewehren ansehend: „Ich habe es euch ja vorher gesagt, ihr wolltet es ja
nicht glauben, dem Gringo können wir nichts vormachen, der ist Doktor
durch und durch.“

Ich wartete nun auf nichts mehr. Ich zog die Decke herunter, sah rasch
hin über die Brust und den Leib, und dann sah ich bereits den weiten
Blutfleck auf dem Petate. Ich schob die Decke bis zu den Füßen und fand
zwei kräftige Schußwunden, eine am Oberschenkel, die andere an der Wade.
Die Wunde an der Wade war nicht schwer. Hier hatte eine Kugel nur
tüchtig gestreift. Dagegen war die Wunde am Oberschenkel eine sehr
heftige Fleischwunde. Die Kugel war heraus, denn ich fand Einschuß und
Auslauf. Das Kaliber war heftig, sicher nicht weniger als 4,5; außerdem
war die Kugel offenbar oben abgefeilt und eingekerbt gewesen, wie das
hier mit Vorliebe getan wird. Wäre sie auf den Knochen gestoßen, dann
wäre das Bein zu kleinen Splittern zersprengt worden. Aber der Knochen
war nicht verletzt, wie ich aus dem Verlauf des Schußkanals sehen
konnte. Dagegen hatte die Kugel wohl eine oder gar mehrere Adern
aufgerissen, was einen großen Blutverlust zur Folge gehabt haben mußte
und zweifellos die alleinige Ursache war, daß der Bursche so weit
herunterkommen konnte.

Die Adern schienen sich aber bereits ausgeblutet zu haben, oder sie
waren von dem trocknenden Blute schon gut verklebt; denn um die
Wundränder hatten sich schwache Krusten gebildet. Es waren auf die
Wunden sehr schmutzige Hemdenlappen gewickelt. Die einzige Gefahr, die
für den Burschen bestand, war die einer Infektion und damit die
Möglichkeit, daß er den Brand bekam. Nun ist ja das Blut der Indianer im
allgemeinen so gesund, daß nur dann eine wirklich schwere Infektion
ihrer Wunden eintritt, wenn alle Vorsichtsmaßregeln außer acht gelassen
werden.

Ich ließ rasch alte Leinenfetzen auskochen. Die Leute hatten eine
reichliche Packung reiner Baumwolle im Hause, und ich hatte einige
sterilisierte unberührte Gazebinden.

Ich wusch die Wunden mit heißem Wasser und Seife gut aus. Aus meinem
Medizinkasten brachte ich eine Flasche Zonite hervor, ein sehr starkes
Desinfektionsmittel, das wir während des Krieges mit viel Erfolg
verwendeten. Die Flasche war mir übriggeblieben von einem Ölkamp, wo ich
gearbeitet hatte. Ich goß das Zeug gleich so rein in die Wunden. Der
arme Junge sauste halb in die Höhe; denn er mußte sicher ein Gefühl
haben, als bohre man ihm einen weißglühenden Eisenstab durch die
Schußkanäle. Aber er durfte sicher sein, daß es ihn rettete. Ich ließ
ein wenig nachtrocknen, streute eine dicke Schicht von Bismut-Jodoform
auf die Wunden, legte Gaze darauf und verband. Der Junge seufzte tief
auf, aber jetzt mit einem gewissen Wohlgefühl. Gleich darauf fiel er in
einen tiefen, ruhigen Schlaf, nachdem ich ihm einen heftigen Tequila
eingeschwenkt hatte. Der Tequila wird ja vielleicht seinen Narben nicht
sehr dienlich sein; aber Schönheitsfehler an den Oberschenkeln spielen
ja nur eine Rolle, wenn er beim Mädchen liegt, und bei solcher
Gelegenheit helfen sie ihm beim Prahlen und vertiefen die Liebe seines
Mädchens, das ja, wie jedes Mädchen, lieber mit einem Helden schläft als
mit einem Nußknacker.

Die Frage, die jetzt kommen mußte, kannte ich. Darum sagte ich gleich,
ohne zu warten: „Wenn Sie ihn morgen aufs Pferd heben, um
weiterzureiten, werden Sie gut tun, ihm einen kräftigen Verband aus
einem alten Gummischlauch oder Gummigürtel oder elastischen Hosenträgern
über der Wunde am Oberschenkel anzulegen, damit er nicht aufs neue
ausblutet und vielleicht gar fortblutet.“

Ich zeigte den Männern, wie sie das machen sollten, sagte ihnen, daß sie
jeden neuen Verband, den sie auf die Wunde brächten, erst auskochen
müßten, gab ihnen den Rest meines Zonite und meines Bismutpulvers, erbat
mir einen weiteren kräftigen Tequila, sagte: „Gute Nacht!“ zu allen, gab
dabei allen die Hand – die Tante des Jungen beugte sich nieder und küßte
meine Hand –, und dann ging ich auf die Tür los.

Scheinbar tat ich das alles so, als ob das, was ich hier gesehen und
getan hatte, etwas gewesen wäre, das ich jeden Tag zwölfmal in genau
derselben geschäftsmäßigen Weise sähe und täte. In Wahrheit aber tat ich
das alles sehr bedacht, jeden Augenblick darauf wartend, daß einer der
Männer sagen würde: „Sie können nicht so ohne weiteres fortgehen,
Senjor, wir wollen erst noch ein Wort miteinander sprechen; wir wollen
das draußen hinter dem Hause bei den Gemüsebeeten erledigen.“

Aber daß ich kein Wort darüber verlor, wie der Junge zu den Wunden
gekommen war, daß ich nicht einmal andeutete, daß ich wußte, es sind
Schußwunden, daß ich mich benahm, als gehöre ich zu der Bande und als
wäre ich ein uralter Freund des Hauses, der nichts sagt aus Freundschaft
und noch weniger etwas sagt aus Geschäftsklugheit, daß ich klar sehen
ließ, es sei mir vollkommen gleichgültig, was meine Mitmenschen tun,
solange sie mich ungeschoren und mich friedlich meiner Wege gehen
lassen, brachte sie aus allen Plänen hinaus. Und um das alles noch zu
verstärken, sagte ich, als ich bei der Tür war: „Wenn es schlimmer
werden sollte, rufen Sie mich ruhig; ich komme ganz gern, auch in der
Nacht. Überhaupt immer können Sie mich rufen, wenn ich Ihnen helfen
kann, ich tue es gern und mit Freude.“

Die letzten Worte gaben wohl den entscheidenden Ausschlag. Man wird doch
nicht den einzigen Doktor erschlagen, den man hat, und den einzigen,
der, wenn herumgefragt wird, keine berufliche Verpflichtung hat,
Behörden Auskunft zu geben über Schußwunden, die er behandelt hat und
die ihm verdächtig erschienen sind.

Aber so leicht kam ich nicht davon. Als ich an der Tür stand, kam der
Onkel auf mich zu und sagte: „Entschuldigen Sie, Senjor, wir können Sie
nicht allein zu Ihrem Hause gehen lassen; es könnte Ihnen etwas zustoßen
auf dem Wege. Ich glaube auch nicht, daß Sie den Weg allein heimfinden.
Sie verlaufen sich sicher im Busch. Und zur Nachtzeit allein im Busch
sein und ohne den Weg zu kennen, möchte ich Ihnen nicht raten. Der Weg
hierher ist nicht gut bekannt. Wir haben Sie hierhergebracht, und es
wäre unhöflich, wenn wir Sie nicht wieder zu Ihrem Hause brächten.“

Ja, da war ich wieder. Eine Stunde Weg durch Busch und Dschungelgestrüpp
mit den drei Männern, zwei mit Gewehren, der eine außerdem einen
Revolver und der dritte einen Machete, scharf gefeilt wie ein
Schlachtmesser. Mit drei Männern, die trotz aller guten Meinung, die sie
von dem Doktor und seiner Hilfsbereitschaft haben mögen, sich doch bei
weitem sicherer fühlen, wenn einer, der etwas wissen könnte, weniger auf
der Welt ist. Und von den dreien braucht ja nur einer auf dem Wege einen
dummen Gedanken zu bekommen. Ehe die beiden andern es verhindern können,
ist es schon geschehen. Ob sie sich nachher darum streiten, ob es
richtig und ob es dankbar war, ändert nichts an der alleinigen Sache,
die mich betrifft.

Ich sehe wieder auf die Tante. Sie steht noch da im Zimmer. Aus
Höflichkeit mir gegenüber hat sie sich nicht wieder in ihren
Schaukelstuhl gesetzt. Sie wartet, bis ich das Haus verlassen habe. Sie
sieht mich an, mit aufrichtiger Dankbarkeit in den Augen. Sie kommt, von
einem inneren Gefühl plötzlich getrieben, auf mich zu, ergreift meine
Hand und küßt sie nochmals. Dann lächelt sie und nickt, dreht sich um,
geht zu einem Schränkchen, nimmt eine Flasche mit Honig heraus und gibt
mir den Honig. „Ist sehr gut für die Mehlkuchen, die Sie sich backen,
sind dann nicht gar so sehr trocken. Morgen schicke ich Ihnen zwei
Dutzend Eier hinunter und ein paar Kilo Ochsenfleisch. Und nochmals
vielen Dank, daß Sie gekommen sind.“

„Nicht des Redens wert“, sage ich. „Geben Sie dem Jungen, wenn er
aufwacht, mehrere Tassen gute Fleischbrühe mit tüchtig Eier darinnen
eingerührt. Wird ihm rasch hochhelfen. Gute Nacht, Senjora.“

Die Frau wußte recht gut, was mir auf dem Wege geschehen könnte und
sicher geschehen würde, wenn die Männer zur Überzeugung kamen, es sei
für ihre eigene Sicherheit besser, ein Maul, das wacklig werden kann,
rechtzeitig und gut zu stopfen. Aber ich hatte die Sympathie und die
Dankbarkeit der Frau gewonnen. Die Frau war nicht so nebensächlich in
dem Geschäft der Männer, wie es vielleicht erschien. Sie war durch die
Verwundung ihres Neffen heftig aus ihrer Fassung gebracht worden. Das
ist wohl richtig. Und oberflächlich gesehen, mochte es den Eindruck
erwecken, daß sie eben nur eine Frau war wie andere. Aber wenn ich ein
Haus sehe, wie dieses war, dann weiß ich, wer der Kommandant ist. Und
weil die Frau mehr Intelligenz besaß als einer der drei Männer, ihr
eigener Mann eingeschlossen, so wußte ich auch, wer das Hirn
des Unternehmens war. Nur die mickrigen Spitzbuben und die
Centavos-Wegelagerer sind verdreckt, verlaust und mit Lumpen behangen.
Zwischen einer intelligent geführten Räuberbande und einer gewissen
Sorte von Bankgeschäften, wo der Präsident im eleganten Automobil fährt,
ist der Unterschied nicht so groß, wie man meint. Innerhalb der modernen
Zivilisation ist das beste Schutzmittel für alle Handlungen und Dinge
ein wohlanständiges Äußere und ein gutbürgerliches Gesicht. Ehrlichkeit
und Ehrbarkeit müssen nach allen Seiten ausstrahlen, dann kann man im
Schatten tun, was man will, ohne je Verdacht auf sich zu laden. Und wenn
die Frau mir in Gegenwart der Männer sagte: „Morgen schicke ich Ihnen
Eier und Fleisch hinunter!“ so sagte sie damit: „Wehe den Knechten hier,
wenn du morgen nicht in voller Gesundheit in deinem Hause bist, um dich
an dem zu laben, was ich dir schicken werde.“

Die Männer hatten das Kommando verstanden. Der Doktor mußte dem Geschäft
erhalten bleiben. Wir kamen friedlich zu meinem Bungalow. Als wir uns
„Buenas noches!“ sagten, fühlte ich, daß mir der Onkel drei Pesos in die
Hand drückte. „Nehmen Sie“, sagte er, „eine kleine Vergütung.“

„Entschuldigen Sie“, erwiderte ich, „von meinen Freunden nehme ich kein
Geld für eine Hilfeleistung, die ich aus rein menschlichen Gründen getan
habe und immer zu tun bereit bin, wenn ich dazu Gelegenheit habe.“

Er hielt das Geld noch eine Weile hin, als ob er glaubte, es sei nur
eine Höflichkeit von mir, so zu sprechen, und ich würde das Geld dann
doch schon nehmen. Denn er, wie jeder im Dorfe, wußte recht gut, wie
nötig ich drei Pesos hätte brauchen können. Aber ich lehnte noch einmal
ganz entschieden ab und sagte: „Sie werden mich doch nicht etwa
beleidigen wollen, Senjor!“

„Ganz gewiß nicht“, sagte er und schob das Geld wieder in seine Tasche
zurück. Dann fügte er hinzu: „Ich werde sehen, ich kann Ihnen gewiß
morgen zwei Burschen schicken, die Englisch lernen wollen.“

„Das ist schon besser“, meinte ich darauf. „Ich werde morgen früh zu
Ihnen kommen, um zu sehen, wie es dem Jungen geht.“

Er druckste, als ob er sagen wollte, das sei nicht nötig, und auch die
beiden anderen Männer taten, als ob sie etwas dagegen einwenden wollten.
Aber es mochte ihm wohl gleichzeitig einfallen, daß es vielleicht nötig
sein könnte, noch mal nach dem Jungen zu sehen.

„Gut, gut“, sagte er dann nach einer Sekunde. „Und nochmals ‚Gute
Nacht!‘ und vielen, vielen Dank.“

Am nächsten Morgen um neun Uhr machte ich mich auf, den Jungen noch
einmal zu besuchen. Das ist ja so etwa die richtige Besuchszeit für
tüchtige Doktoren.

Ich hatte kaum das letzte Haus des Dorfes hinter mir gelassen, da traf
ich auf den Onkel. Gleich hatte ich das bestimmte Gefühl, daß der Mann
auf mich am Wege gewartet hatte, weil er vermeiden wollte, daß ich zu
ihm ins Haus käme bei Tage. Ich war nicht einmal sicher, ob ich das Haus
überhaupt wiedergefunden hätte. In der Tat, um es gleich jetzt zu sagen,
als ich eine Woche später versuchte, das Haus zu finden, aus purer
Neugierde, erlebte ich, daß ich mich so völlig im Busch verlief, daß ich
erst nach Stunden und erst nach Einbruch der Dunkelheit meinen Weg ins
Dorf zurückfand und auch nur dadurch, daß ich zu meinem Glück einen
Kohlenbrenner antraf, der auf dem Heimwege war. Die Männer hatten mich
in jener Nacht sehr geschickt so im Gestrüpp und im Busch herumgeführt,
daß ich geglaubt hatte, die Richtung genau zu wissen, während sie
durchaus falsch war.

Der Onkel sagte mir: „Der Junge ist auf. Er ist heute mit den übrigen
schon sehr früh fortgeritten. Es ging recht gut. Wir haben ihm den
Verband so angelegt, wie Sie uns gesagt haben. Die Wunde war schon gut
am Heilen. Und hier sind auch die Eier und das Ochsenfleisch, das Ihnen
die Senjora gestern nacht versprochen hat. Es ist auch nicht gerade
nötig, daß Sie im Dorf viel darüber reden. Die Leute denken dann gleich,
daß da eine Schlägerei gewesen sein könnte, und das bringt den Jungen
nur in einen schlechten Ruf. Verstehen Sie, Senjor?“

„Ich verstehe, und ich habe auch gar keinen Grund, darüber zu sprechen.
Jeder kann in eine solche Lage kommen.“ Dann brachte ich einen Zettel
hervor: „Ich möchte Sie aber bitten, wenn Sie zur Stadt kommen sollten,
mir die Medizinen zu kaufen, die ich hier aufgeschrieben habe und die
ich in der Nacht alle aufbrauchen mußte.“

„Natürlich, Senjor“, sagte der Mann und nahm den Zettel. Dann gingen wir
unserer Wege.

Als ich zu meinem Bungalow kam, saßen auf den Stufen die beiden neuen
Burschen, die Englisch lernen wollten und es auch gleich versuchten. Sie
bezahlten mir jeder zehn Stunden im voraus.

Zwei Tage später, sehr früh am Morgen, fand ich, daß das Dorf von
Soldaten umzingelt war. Keiner konnte hinaus aus dem Dorfe, aber wer
draußen war, durfte hinein. Ein paar Häuser wurden oberflächlich
durchsucht. Und eine große Anzahl von Einwohnern, Männer, Frauen und
Kinder, wurden zusammengetrieben und auf dem Dorfplatze von Offizieren
und einigen Beamten der Distriktpolizei vernommen.

Ich hörte bald, was los sei. Einige Nächte vorher waren drei Haziendas
von Banditen überfallen worden. Die Besitzer waren gebunden worden, und
es war alles Geld, das gefunden oder erpreßt werden konnte, gestohlen
worden. Dreißigtausend Pesos waren geraubt worden. Jedes Kind wußte, daß
dies eine Lüge sei, denn kein Haziendabesitzer hält so viel Geld im
Hause, und wenn er es vergraben hat, so sagt er es nicht und gesteht es
auch nicht. Aber zweitausend Pesos alles in allem mochte richtig sein.

Die Soldaten waren den Banditen gut auf der Spur. Die Spur führte hier
in das Dorf. Und weil das Dorf als Banditennest berüchtigt war im ganzen
Staate, so wären die Soldaten auch ohne Spur hierher gekommen.

Ich schlenderte ruhig meiner Wege und wollte zum Dorfplatz gehen, um mir
das Schauspiel anzusehen. Da kam mir einer der Bewohner entgegen.

„Es ist nicht viel los, die Soldaten werden wohl am Nachmittag wieder
abziehen müssen, ohne die Banditen hier gefangen zu haben. Sie suchen
auch hier nur nach einem Burschen, der einem verwundeten Banditen
fortgeholfen und ihn zur Flucht unterstützt hat. Wenn die Soldaten den
Mann kriegen, dann wird er sofort vernommen und gleich auf dem Platze
erschossen. Die Offiziere sagen, daß diese Art Leute schlimmer und
gefährlicher seien als die Banditen selbst.“

„Was hat denn der Mann getan? Wie kann er denn den Banditen zur Flucht
verhelfen?“ fragte ich. „Die Banditen sind doch groß genug und schlau
genug, sich allein fortzuhelfen. Die brauchen keine Hilfe.“

„Hier liegt der Fall anders“, sagte nun wieder der Mann. Wir waren
stehengeblieben. Er schien sehr froh zu sein, mich gefunden zu haben, um
mir recht heiß alles das zu erzählen, was von den Offizieren und von den
Soldaten erzählt worden war, was die Leute unter sich im Dorfe
tuschelten, welche wilden Gerüchte herumschwirrten, und was er sich
selbst dachte. Wäre alles das, was die Offiziere errieten, was die Leute
im Dorf sich erzählten, was der eine vermutete und was hier mein
Berichterstatter sich ausdachte, wäre das alles schön vereint und gut
geordnet den Offizieren bekannt gewesen, so hätten sie damit einen
Erfolg vielleicht erzielen können. Aber alle diese Zeugenansichten waren
verstreut und darum wertlos.

„Ja, hier liegt der Fall anders“, sagte der Nachbar. „Das ist so, sehen
Sie, Senjor. Auf der letzten Hazienda, wo die Banditen waren, hat einer
der Burschen, ein ganz junger noch, einen mächtigen Schuß ins Bein
abgekriegt, vielleicht gar zwei Schüsse. Der Bursche hat tüchtig
geblutet. Seine Freunde haben ihn aber doch fortgekriegt. Und sie sind
bis hierher in dieses Dorf gekommen. Man hat sie hier gesehen, wie sie
den Jungen auf dem Pferde weiterschleppten. Wo sie ihn hingetragen
haben, weiß man nicht. Aber sie haben einen Doktor geholt. Keinen
richtigen Doktor, sehen Sie, Senjor, aber einen, der das auch gut kann.
Das hat man auch gesehen. Und gestern morgen war der Junge wieder
gesund, und darum konnte er fortgeschleppt werden. Die Banditen sind
gesehen worden von Männern, die im Busch arbeiten. Ohne den Mann, der
kuriert hat, hätten die Banditen den Jungen nicht weiterschleppen
können. Der Junge wäre gefunden worden von den Soldaten, die Soldaten
hätten so erfahren können, wer er ist und zu welcher Familie er gehört.
Dann hätten sie bald die ganze Bande gehabt.“

„Und nun“, fragte ich, „ist keine Hoffnung mehr, die Banditen zu
fangen?“

„Wenig“, sagte der Mann. „Die Offiziere, seit sie wissen, daß der
geschossene Bursche entflohen ist, suchen jetzt nur noch nach dem Manne,
der kuriert hat und so den Banditen fortgeholfen hat. Die Offiziere
sagen, sie wissen genau, daß er hier im Dorfe ist. Sie haben das ganze
Dorf umstellt, er kann nicht fort. Sie suchen die Häuser ab, und wenn
sie die Medizin finden, wissen sie gleich, wer es ist. Der Mann wird
dann sofort hier abgeurteilt und auch gleich darauf erschossen wegen
Banditenbeteiligung.“

„Geschieht ihm ganz recht“, sagte ich. „Ein anständiger Mensch hilft
keinem Banditen fort.“

„Sie haben doch auch Medizin im Hause, nicht wahr?“ fragte mich nun mein
Nachbar.

„Ja, etwas, für den Notbehelf.“

„Das ist nicht genug, was Sie haben“, sagte er darauf.

In diesem Augenblick kam aus dem gegenüberliegenden Hause ein Offizier
heraus mit einem Sergeanten und drei Soldaten, die in jenem Hause nach
Medizin oder nach sonstigen Spuren gesucht hatten.

Ich hatte in jener Minute auch nicht die geringste Neigung, mir Soldaten
anzusehen, und ich wollte weiterschlendern. Aber mein Nachbar hielt mich
am Arm und sagte: „Bleiben Sie ruhig stehen, Senjor, die tun uns
nichts.“

Ich hielt es auch für besser, stehenzubleiben, denn jetzt kam der
Offizier auf mich zu, gefolgt von seinen Leuten.

Da ich völlig unschuldig war, niemals verwundete Banditen kuriert hatte,
niemals fliehende Banditen unterstützt hatte, so hatte ich keinen Grund,
verlegen zu werden.

„Welches ist Ihr Haus, Senjor?“ fragte der Offizier.

„Da hinten, der Bungalow“, antwortete ich.

„Haben Sie Medizin im Hause?“ fragte der Offizier sehr gleichgültig.

„Ja, etwas.“

„Was für welche?“

„Eine halb aufgebrauchte Tube Mentholatum, Senjor“, sagte ich.

„Können Sie Schußwunden kurieren?“ fragte er mich.

„Ist jemand von Ihren Leuten geschossen worden?“ Ich fragte sehr
erschreckt und mitleidig zugleich.

„Ja“, sagte der Offizier.

„Das tut mir so aufrichtig leid“, sagte ich traurig werdend. „Aber ich,
ich kann kein Blut sehen, dann wird mir sofort schlecht, daß ich
umfalle.“

„So sehen Sie auch aus, Senjor“, sagte der Offizier laut auflachend.
„Das ist mit euch Amerikanern allen so. Habt nicht die gesunden Nerven,
die wir Mexikaner haben. Wir können Blut sehen, und wie! Natürlich keine
Beleidigung gemeint, Senjor. Adios, und entschuldigen Sie mich, wenn ich
Sie belästigen mußte. Wir sind hier im Dienst. Adios.“ Er schüttelte mir
die Hand und ging.

Mein Nachbar trottete hinter dem Offizier her, der ein weiteres Haus
absuchen ging.

Als ich jetzt allein stand und gerade überlegte, ob ich in mein Haus
gehen sollte oder weiter im Dorfe herumstreifen, kam ein Junge auf mich
zu, schon rufend, als er noch einige Schritte entfernt war: „Oiga,
Senjor, ich bringe die Medizinen aus der Stadt; der Senjor sagt, es ist
alles richtig bezahlt.“ Ich nahm ihm das Paket ab und schob es in meine
Tasche.

                   *       *       *       *       *

Sobald mein Mais eingebracht und verkauft war, hielt ich es für besser,
die Gegend zu verlassen, ohne Weiteres abzuwarten.

Es war einige Monate später, und ich saß im Eisenbahnzuge nach Mexiko
City. Die Fahrt brachte, wie das oft vorkommt, Bekanntschaften zusammen,
die eigentlich nicht zueinander gehören. Es war zwischen den Stationen
Silao und Celaya, als zwei Herren, beide Mexikaner, die schon eine
beträchtliche Strecke mit mir im selben Wagen fuhren, sich in meine
Abteilung setzten und mich höflich fragten, ob ich nicht mit Ihnen
einige Partien Domino spielen möchte. Ich sagte zu. Wir spielten um
Bier, das wir im Zuge kauften, und das schon immer viel früher
ausgetrunken war, ehe das Spiel entschieden hatte, wer das Bier zu
bezahlen hatte. Die Bezahlung ging ziemlich gleichwertig herum, und wir
regten uns nicht sonderlich auf.

Der Zug bekam Verspätung, und wir wurden des Spiels überdrüssig. Die
beiden Herren blieben in meiner Abteilung sitzen, und wir begannen zu
schwätzen. Was man so in einem Eisenbahnzuge schwätzt.

Es war ganz natürlich, daß wir auch auf die Amerikaner in Mexiko zu
sprechen kamen. Immer, wenn irgendeine Bemerkung fiel, die wie eine
Beleidigung gegenüber Amerikanern aufgefaßt werden mochte, setzten die
Herren sofort höflich hinzu: „Sie verstehen, Senjor, das meine ich nur
so im allgemeinen; ich habe keineswegs die Absicht, Sie oder irgend
jemand von Ihren Freunden zu verletzen. Es ist ja auch nur der
Unterhaltung wegen.“ Darauf lachten sie, und wenn ich vorsichtig etwas
gegen die Mexikaner sagte, dann fügte ich auch hinzu, daß es nur der
Unterhaltung wegen sei, und daß mir die Mexikaner ebenso lieb seien wie
meine eigenen Landsleute, die auch nicht alle von Engeln ausgebrütet
worden seien, und daß wir alle miteinander unsere tiefen Schattenseiten
haben, ganz gleich welcher Nation wir angehören.

„Das ist ganz richtig“, sagte der eine der Herren, „da haben Sie aber
durchaus recht. Wir haben hier eine gute Anzahl von Amerikanern im
Lande, die nichts als Unheil stiften.“

„Weiß ich, Senjor“, fiel ich ein, „da sind die großen Ölmagnaten und die
Minenkompanien und die Chiclekompanien und die großen Bankiers, die
einen mexikanischen Staat nach dem andern annektieren wollen.“

„Ja, die auch“, sagte der Herr, „aber an die habe ich gerade im
Augenblick nicht gedacht. Ich meine eine andere Sorte von Amerikanern.
Es kommt mir sehr oft so vor, als ob alles Gesindel von den Staaten, dem
es dort oben zu heiß unter den Füßen wird, hier nach Mexiko kommt, um
allen möglichen Unfug zu verrichten.“

„Solche Leute gibt es“, bestätigte ich. „Wir haben wirklich viel
Gesindel. Das ist wahr. Und Mexiko ist das nächste fremde Land, wo diese
Burschen glauben, sicher zu sein.“

„Aber nicht mit mir, Caballero, nicht mit mir“, ereiferte sich der
kleine, etwas fette Herr. „Mit mir können diese Ihre Landsleute –
entschuldigen Sie, daß ich sage paisanos, Landsleute, aber ich meine Sie
ja nicht –, ja, also mit mir können diese Sträflinge nichts ausrichten.
Ich bin ihnen heiß dahinter, si, Senjor. In meinem Distrikt können diese
Burschen sich nicht halten, oder ich habe sie gleich am Kragen; und wenn
sie hier etwas ausgenascht haben, dann sacke ich sie gehörig ein. Aber
gehörig und dick. Und dann werden sie ausgeliefert, um daheim den Rest
abzumachen, den sie sich dort aufgeknallt haben.“

„Dann sind Sie wohl Staatsanwalt, Senjor?“ fragte ich.

„Noch nicht, aber vielleicht eines Tages. Wer weiß. Probablemente. Nein,
ich bin Polizeichef in dem Distrikt Conitaclapam. Kennen Sie den
Distrikt, Senjor? Waren Sie da schon einmal oben?“

„Nie in meinem Leben“, sagte ich, der Wahrheit gemäß. Einem Polizeichef
gegenüber muß man immer die Wahrheit sagen, wie einem Richter, wie einem
Staatsanwalt. Nur dann kommt man ungeschoren und fröhlich durchs Leben.
Conitaclapam war jener Distrikt, wo ich meine abgefressene Baumwollfarm
gehabt hatte, wo das Dorf, in dem ich wohnte, mit Banditen so
vollgepfropft war, daß ich der einzige Bewohner war, auf den ich
schwören konnte, daß er bestimmt kein Bandit war. Ich glaube, ich lasse
das lieber sein, mit dem Schwören, und begnüge mich damit, zu sagen, daß
jenes Dorf eine gute Anzahl von Banditen beherbergte, die alle
miteinander so unschuldig aussahen wie Sir Austen Chamberlain auf einer
Abrüstungskonferenz.

Der Polizeichef wußte sofort, daß ich jene Gegend nicht kannte und nie
gesehen hatte. Darum konnte er frischweg und freiheraus reden: „Ich habe
da in meinem Distrikt eine gute Anzahl von Amerikanern leben, Farmer,
Viehzüchter, Baumwollpflanzer, Ladeninhaber. Durchweg sehr anständige,
ordnungsliebende Leute, die das Gesetz achten, pünktlich ihre Steuern
und Abgaben entrichten und mir nie auch nur die geringste Sorge oder
Schererei machen. Leute mit Bildung, fleißig, arbeitsam, sparsam,
fortschrittlich. Ja, wie ich gestehen möchte, Leute, auf die Sie,
Senjor, stolz sein dürfen. Landsleute von Ihnen, gegen die ich einen
tiefen Respekt fühle, die mir jeden Tag willkommen sein würden als
mexikanische Bürger.“

„Ja, ich treffe hier in Mexiko genug solche tüchtigen Leute von uns.
Wackere Pioniere, um die es schade ist, daß sie nicht daheim bleiben“,
sagte ich mit aufrichtiger Überzeugung.

Der Polizeichef schien sich nicht viel aus meiner Meinung zu machen. Er
war im Fluß und wollte reden. Was konnte ich dagegen tun? Ich ließ ihn
weiterreden. Die größte Freude, die man Menschen machen kann, ist die,
sie reden zu lassen, solange sie wollen, bis ihnen das Maul ausfranst.
Man wird viel mehr geachtet, wenn man andere reden läßt, als wenn man
selbst redet; denn kein Mensch hat auch nur das geringste Interesse
daran, die Meinung eines andern zu hören.

So redete der Polizeichef immer darauflos: „Aber außer solchen achtbaren
Amerikanern, die in meinem Distrikt zu haben ich mich glücklich schätze,
habe ich auch einiges Gesindel darunter. Und auch gleich das
gefährlichste, das Ihr Land auszuspeien vermag. Entschuldigen Sie,
Senjor, das ist natürlich nicht persönlich gemeint, in keiner Weise. Ich
habe da in meinem Distrikt eine gute Zeit lang einen Burschen gehabt,
der Ihrem Lande sicher keine Ehre macht, ein Bursche, von dem ich
zehnmal schwören will, daß er in zwanzig Städten Ihres Landes gesucht
wird wegen Raubmords, Postdiebstahls, Bankeinbruchs, Geldfälschung,
Bigamie, Scheckradierung, Mädchenraubs, Gefängnissprengung,
Opiumschmuggels und mehr solcher Dinge. Was er eigentlich in meinem
Distrikt gemacht hat, oder wie er dahin gekommen ist, habe ich nie
richtig erfahren können. Er hat da so getan, als ob er Baumwolle farmen
wollte oder Öl bohren oder Kupferminen entdecken. Aber die Wahrheit ist,
er ist nichts weiter gewesen als ein Landstreicher und Vagabund. Keinen
ganzen Fetzen auf dem Leibe, wie mir die Leute sagen. Er hat weder die
Pacht für das Land bezahlt noch die Miete für das Haus, in dem er
wohnte.“

„Vielleicht hatte der arme Bursche kein Geld“, wandte ich ein, meinen
vom Unglück gejagten Landsmann verteidigend.

„Mag sein“, sagte der Polizeichef. „Das will ich ihm ja auch nicht
anrechnen. Dios mio, es kann ja jedem Menschen einmal eine Zeitlang das
Feuer verregnen. Wenn er sonst anständig ist, habe ich gar nichts
dagegen einzuwenden, wie er sich durchklammert durchs Leben. Aber was
hat dieser Bursche dort getan, und das in meinem Distrikt –“

„Was denn, Senjor?“ fragte ich, gespannt seiner Rede folgend.

„Er hat gedoktert. Das würde ich ihm ja auch gar nicht so übelnehmen.
Solange er die Leute nicht im Bauche herumoperiert, geht es mich gar
nichts an, und ich frage kein Wort nach der Lizenz. Aber er hat alle
Banditen, die wir anschossen, und die uns sicher in die Hände gefallen
wären, wenn er nicht gewesen wäre, gesund kuriert, so daß sie uns alle
entwischten und wir nie einen einzigen kriegen konnten. Er hat sie alle
beschützt. Er hat jedes Haus gewußt, wo die Banditen sich versteckten,
wenn wir hinter ihnen her waren. Er hat sie nicht nur kuriert, das wäre
auch nicht das Schlimmste, aber er war so gerissen, so durch und durch
getränkt mit allen Kniffen und Schlichen, daß er ihnen Zaubermittel gab,
wodurch den Banditen da jeder Überfall glückte. Er hat mit
Radioapparaten gearbeitet und mit Lichtsignalen, so daß jede Ankunft von
Soldaten den Banditen lange vorher verraten war, ehe wir noch fünf
Meilen vom Dorfe entfernt waren. Und was hat der Mann verdient! Die
Banditen haben ihm die Tausende von Pesos nur immer so hingeschleppt ins
Haus, ein Tausend Pesos nach dem andern. Der Mann hat mehr verdient als
ich in meiner Stellung als Polizeichef. Dann hat dieser Vagabund alle
Banditen englisch sprechen gelehrt, so daß sie bald darauf auch die
amerikanischen Farmer überfallen konnten und den Farmern auf englisch
das Geld auspressen konnten. Was bin ich hinter diesem Mann hinterher
gewesen. Viermal war ich mit einer Kompanie Soldaten da, ihn zu fangen.
Hat unserer Regierung sehr schwer Geld gekostet. Können Sie sich denken,
Senjor. Denn wir können das nicht umsonst machen. Es ist alles sehr
teuer. Und auch ein Polizeichef muß leben, er kann nicht alles nur aus
reiner Liebe zu seinem Berufe tun. Man hat mir von der Regierung schwere
Vorwürfe gemacht wegen der Banditen und mir dreimal mit Absetzung
gedroht, wenn ich da nicht Ordnung schaffe. Aber ich habe das alles an
die Regierung berichtet. Ein Bericht von sechzig Maschinenschriftseiten.
Es wird jetzt bei der Regierung auch eingesehen, daß ich alles tat, was
nur in der Macht eines sterblichen Menschen liegt, und man hat
eingesehen, daß dieser Amerikaner die alleinige Schuld trägt, daß wir
die Banditen nicht fangen können.“

„Haben Sie ihn denn nicht einfangen können?“ fragte ich.

„Nie“, sagte der Herr empört. „Nie zu fangen gewesen. Ist viel zu
schlau. Gut gedrillt in den Strafgefängnissen seines Landes. Und dann
hatte er doch auch alle die Banditen da im Bunde. Wie war denn da etwas
zu erreichen? Ich kann gegen Menschen alles ausrichten, aber gegen
Teufel bin ich machtlos. Das hat man bei der Regierung auch eingesehen.
Wir werden ihn ja auch noch kriegen. Wir haben alle seine Personalien.
Sind eingetragen in allen Ämtern der Republik.“

„Wieviel kann er denn abbekommen, wenn er gekriegt wird?“

„Entweder erschossen oder zwanzig Jahre nach den Maria-Inseln.“

„Ist er denn nicht mehr in deinem Distrikt?“ fragte jetzt der andere der
Herren, der halb zugehört, halb geschlafen hatte.

„Nein, er hat sich fortgestaubt. Richtig ist, wir haben ihm den Distrikt
so eingeheizt, daß er eines Nachts auf und davon gegangen ist. Und was
soll ich Ihnen sagen, Senjor“, wandte er sich wieder an mich, „seitdem
der Bursche hinaus ist aus meinem Distrikt, herrscht dort tiefe Ruhe,
keine Banditenüberfälle. Die Zivilisation ist wieder eingekehrt in den
an sich so friedlichen Distrikt. Sie dürfen mir aufs Wort glauben,
Senjor, unsere Leute in jenem Distrikt sind alle friedliche und
anständige Bürger, die in Ordnung ihrer Arbeit nachgehen. Freilich, wenn
so ein Erzvagabund diese Leute unter seine unheilvolle Macht bekommt,
dann – unsere Bürger sind ja auch nichts weiter als gewöhnliche Menschen
–, was dann geschehen kann und geschieht, haben wir ja gesehen.“

Wir waren inzwischen nach Juan del Rio gekommen, wo wir alle ausstiegen,
um im Restaurant zu Mittag zu essen. Hier traf der Polizeichef zwei
Diputados, zwei Abgeordnete, die er kannte, und die den gleichen Zug
benutzten, um gleichfalls nach Mexiko City zu fahren. Als der Zug
weiterfuhr, betrachteten die beiden Herren, die mit mir Domino gespielt
hatten, es als angenehmer, sich für den Rest der Reise mit den Diputados
zu unterhalten. Dadurch gelang es mir, mich unauffällig in einen andern
Wagen zu schieben, so daß der Polizeichef mich nicht mehr sah und mich
ebenso leicht und schnell vergaß, wie er mich kennengelernt hatte.

Aber da mir alle Schliche und Kniffe wohl vertraut waren, wie mir
amtlich bestätigt worden war, hielt ich es für gesünder, in der ersten
Vorstadt von Mexiko City, wo der Zug hielt, auszusteigen und von dort
mit der Straßenbahn nach der City zu fahren. Denn wenngleich ich
unschuldig war wie ein frischgebadeter Cherubim, ist man erst einmal in
den Schlingen des Gesetzes, dann ist es meist immer zu spät, seine
Unschuld zu beweisen. Auf alle Fälle hat man einige Monate abzusitzen,
und entschädigt wird man weder für das schlechte Essen, noch für das
harte Bett, noch für die Läuse, die man bekommt.

                   *       *       *       *       *

Hier kann ich ja nun in aller Ruhe erzählen, daß da einmal ein
Polizeichef war, der sich so unfähig erwies, daß er selbst dann noch
keinen Banditen erwischt haben würde, wenn er mit ihm Karten am selben
Tisch gespielt hätte, und daß da ein Polizeichef war, der wohl wußte,
daß er zu Unrecht Gehalt von der Nation bezog, der aber, um jenes Gehalt
nicht zu verlieren, und um die Aussicht behalten zu können, weiter in
den Ämtern hinaufzurücken, seine Unfähigkeit und seine Stupidität
dadurch zu verdecken suchte, daß er einen Amerikaner in seinen Berichten
anschuldigte, der Anführer von Banditen zu sein. Die Erde an den
Stiefelsohlen jenes Amerikaners mag ja nicht ganz so unverdächtig sein,
wie das hier dargestellt wird – denn jeder Mensch wünscht von sich nur
Gutes zu berichten –, aber ganz so schlimm, wie es in den Berichten an
die Regierung geschildert wurde, in sechzig Seiten Maschinenschrift, ist
es doch nicht gewesen. Das soll keine Verteidigung sein, sondern nur die
bleiche unbemalte Wahrheit.

Außerdem ist es Wahrheit, daß die Banditenüberfälle in jenem Distrikt,
von dem hier die Rede war, in letzter Zeit erheblich zugenommen haben.
Das berichten die Zeitungen. Und die Regierung berichtet, daß sie drei
Kompanien Soldaten in den Distrikt schicken wird, um Ordnung zu
schaffen.

Aber was auch alle berichten und sagen mögen, Zeitungen, Regierung und
der Polizeichef, kümmert mich wenig. Was ich berichtet und gesagt habe,
das ist die Wahrheit. Ich muß es wissen; denn ich war dabei. Alle
übrigen, die berichten, waren nicht dabei. Und insbesondere die Tausende
von Pesos, die mir in die Tasche berichtet wurden, habe ich nie gesehen
und noch viel weniger gehabt. Mein ganzer Verdienst an jenen Geschäften
war: sechzehn Eier, es können auch zwanzig gewesen sein, ich will um die
Zahl nicht streiten; zwei Kilogramm gutes Ochsenfleisch, ich habe es
nicht nachgewogen, weil man einer geschenkten Katze die Flöhe nicht
berechnet, aber das Fleisch war gut; und ferner habe ich meine Medizinen
ersetzt bekommen, die mir einen heißen Schrecken bereiteten, als sie mir
laut entgegengeschrien wurden; und endlich bekam ich zwei Schüler in
Englisch. Aber die kann ich als Lohn nicht zählen, denn ich mußte hart
mit ihnen arbeiten, sie haben nichts bei mir gelernt, verließen mich
nach zwei Tagen und wurden auf der Farm eines Amerikaners erwischt, als
sie sechs Kühe in Englisch davon überzeugen wollten, ihnen lieber
freiwillig zu folgen, als gezwungen, und mexikanisch mit ihnen zu
ziehen. Aber auch daran war ich völlig unschuldig. Denn wenn jemand
Englisch lernen will, ist es unhöflich, ihn zu fragen, ob er vielleicht
die Absicht habe, amerikanischen Farmern in Mexiko in englischer Sprache
Geld auszupressen. Wenn das Geld den Farmern erst einmal mit Erfolg
ausgepreßt wurde, ist es ihnen ganz gleich, ob es ihnen in Englisch, in
Spanisch oder in Chinesisch abgepreßt wurde. Es kommt auf keinen Fall
wieder, selbst dann nicht, wenn ein geschickter Polizeichef es
erfolgreich zurückerobern sollte. Was fort ist, das ist fort. In Mexiko
so gut wie in den Staaten.




                           INDIANER-BEKEHRUNG


Ein indianischer Häuptling kam eines Tages zu dem spanischen Mönch
Balverde, der in Mexiko als Missionar tätig war, um den Indianern die
wahre Lehre des Heils zu verkünden.

Der Häuptling kam mit zwei Männern seines Stammes, die zu dem Rate
gehörten, also Älteste oder Edle waren.

Pater Balverde empfing den Häuptling höflich und ohne jegliche
Überhebung. Es sei hier gesagt, daß die spanischen Mönche und Priester
während der ersten drei Jahrhunderte spanischer Herrschaft in Mexiko die
einzigen wahren und aufrichtigen Freunde der Indianer waren. Die Mönche
und Priester haben in Wahrheit, von Ausnahmen abgesehen, die Indianer
gegen die Brutalität der spanischen Ausbeuter und Goldjäger in einer
Weise beschützt, die der katholischen Kirche hoch zu ihren Gunsten
angerechnet werden muß. Meist freilich waren die Mönche und Missionare
gezwungen, sich gegen ihre eigenen Bischöfe aufzulehnen, die, wenn es
galt, die Indianer zu berauben, auszubeuten und zu versklaven, sich auf
Seite der Krone und der Großgrundbesitzer stellten. Bischöfe waren und
sind ja immer der Krone und dem Großkapital näher als die Mönche und
Kapläne. Der große Zwiespalt zwischen katholischer Kirche und dem
Indianer in Mexiko kam erst, seit Mexiko unabhängig wurde und als große
indianische Schichten des mexikanischen Volkes, die intelligentesten
indianischen Schichten, zu einem entschiedenen Fortschritt in Bildung
und allgemeiner Zivilisation drängten, während die katholische Kirche in
ihrer mittelalterlichen Macht über Geist und Erziehung gewaltsam
beharrte, nicht ein Stück ihrer Macht und ihres Einflusses preisgeben
wollte und sich im Zeitalter hochentwickelter Technik der notwendigen
Bildung des Indianers widersetzte.

Aber das, was hier erzählt wird, trug sich zu, als die katholischen
Missionare noch unter den Indianern in Mexiko wirkten nicht mit dem
Gedanken an eine Stärkung der irdischen und politischen Macht der
Kirche, sondern mit dem aufrichtigen und durchaus ehrlichen Wunsche, den
Indianer zu erlösen und ihm in brüderlicher Weise in das Paradies zu
helfen. Die Mönche arbeiteten unter den Indianern so selbstlos und so
interesselos zu jener Zeit, wie wohl selten irgendwo Missionare gewirkt
haben. Sie brachten den Indianern nicht nur die Lehre des Heils, sondern
sie brachten ihnen viel mehr Dinge, die dem Indianer schon hier auf
Erden sehr nützlich waren und vielen von ihnen eine gewisse ökonomische
Befreiung verliehen. Sie lehrten ihnen Hunderte von nützlichen
Handwerken und Künsten; das Züchten von Seidenraupen, das Sticken feiner
Handarbeiten, das Glasieren von Töpferwaren, um einiges zu nennen.

So erscheint es durchaus natürlich, daß Indianer ganz freiwillig zu den
Mönchen zuweilen kamen, um von der neuen Religion zu hören.

Und das war es, was jenen Häuptling mit seinen beiden Begleitern zu dem
Mönch Balverde führte.

Der Häuptling sagte zu dem Mönch: „Mit unseren Göttern, besonders mit
den großen, sind wir ganz zufrieden. Nur mit unseren Nebengöttern haben
wir oft viel Sorge. Wenn wir Regen gebrauchen, dann schickt uns der
Regengott keinen Tropfen, und wenn wir Trockenheit haben müssen, dann
können wir tun, was wir wollen, und der Gott der trocknenden Winde ist
nicht daheim für uns. So ist es mit manchen unserer kleinen Götter. Nun
haben die Ältesten meines Stammes beraten und beschlossen, daß ich zu
dir komme, Verkünder einer neuen Religion, zu hören, ob du uns bessere
Götter anbieten kannst. Wenn wir lernen, daß deine Götter besser sind
als unsere, dann sind wir willens, deine Götter anzunehmen und die
unsrigen zu vergessen. Erzähle uns, mir und meinen beiden Beratern, von
deiner Religion. Wir wollen dir gut zuhören und alles, was du uns von
deinen Göttern sagst, wollen wir getreulich unserem Volke daheim
berichten und dir dann zu gelegener Zeit unseren Entschluß mitteilen.“.

Der Pater Balverde, ohne viel unnötigen Pomp zu machen, erzählte in
schlichter Weise die Grundgeschichten des Evangeliums auf, in klaren
unverbrämten Sätzen, so wie man die Geschichte einem Kinde erzählen
würde. Alles das, was verwirren könnte, ließ er vorläufig aus. Darin tat
er recht, und er bewies damit, daß er es wohl verstand, mit den
einfachen Menschen, wie seine Besucher waren, gut umzugehen.

Der Häuptling hörte stundenlang zu, ohne den Mönch auch nur ein einziges
Mal zu unterbrechen.

Als der Mönch geendet hatte, sagte der Häuptling: „Mein guter Freund,
ich habe vernommen, was du mir und meinen Beratern erzählt hast. Ich
könnte dir gleich jetzt darauf antworten. Aber du hast so ehrlich
erzählt, daß es meinem Herzen weh tun würde, dir sofort zu antworten,
denn ich könnte voreilig reden und damit dir und deinen Göttern Schmerz
zufügen. Das ist ganz gewiß nicht mein Wille. Ich werde nun zur Nacht
schlafen gehen, hier in diesem Ort, und ich werde im Schlafe wohl
überdenken, was du mir gesagt hast. Und morgen früh will ich kommen und
dir sagen, was ich denke und was ich in mir beschlossen habe. Dann ist
es nicht länger mehr voreilig, sondern wohl bedacht, und es sind dann
meine wahren Worte. So kann es dann weder dich noch deine Götter
schmerzen, weil es meines ruhigen Denkens klare Frucht ist. Und wenn man
wohlüberdacht und ehrlich seine Wahrheit sagt, so kann kein Gott zürnen,
denn es ist Gott selbst, der diese Wahrheit in mein Herz legt. Bist du
dessen zufrieden, mein Freund?“

„Gewiß, mein Bruder“, sagte der Pater, „ich bin dessen durchaus
zufrieden. Gott und die Heilige Jungfrau werden deine Gedanken lenken
und dich und die Deinen zu dem alleinigen Heil führen. Gehe mit Gott!“

Am nächsten Morgen, als der Pater die Messe in der Kapelle des Ortes
gelesen hatte und sich gerade zum Frühstück hinsetzte, kam der Häuptling
mit seinen beiden Beratern, um seine Antwort zu bringen.

Der Mönch wollte sofort mit dem Häuptling sprechen. Aber der Häuptling
sagte: „Ich sehe, daß du bereit bist, zu essen. Es ist für dich besser,
du ißt ruhig dein Mahl, denn du bist gewiß hungrig. Das würde dich
eilfertig machen. Und Religion ist nichts in Eile, nicht meine und gewiß
auch nicht die deine. Iß, und wenn du gut gegessen hast, werden wir
sprechen.“

Als der Mönch nun gegessen hatte, kam er hinaus; und er, der Häuptling
und dessen beide Berater, setzten sich unter einen Baum, der dicht bei
der Kapelle stand.

Der Mönch fragte nicht und drängte nicht. Er wartete ruhig, bis der
Häuptling zu reden begann.

Sagte der Häuptling: „Ich habe wohl überlegt in meinem Herzen alle
Worte, die du mir gesagt hast. – Dein Gott ließ sich auspeitschen. Ist
das so?“

„Ja, um die Sünden der Welt auf sich zu laden“, sagte der Pater.

„Er ließ sich bespucken, beschimpfen, mit Schmutz bewerfen, ließ sich
verhöhnen als ein närrischer König, ließ sich in Verhöhnung einen Hut
aus Dornen aufsetzen. Ist das so?“

„Ja, um die Sünden der Menschen auf sich zu laden“, sagte der Pater
wieder.

„Er ließ sich an einen Balken nageln und starb dort schmählich wie ein
kranker Hund. Ist das so?“

„Ja, um die Menschen von allen Sünden zu erlösen“, sagte der Pater.

Darauf sagte der Häuptling sehr ruhig: „Das ist es, was mir Gott ins
Herz gab in der Nacht: Jemand, der nicht durch seine Person den Menschen
genügend Respekt einflößen kann, daß sie nicht wagen, ihn zu bespucken,
zu beschimpfen, zu verhöhnen und mit Kot zu bewerfen, kann kein Gott für
einen Indianer sein. Eine Person, die sich nicht wehren kann und nicht
wehren mag, hat kein rotes Blut und keinen Mut. Eine solche Person kann
kein Gott für einen Indianer sein. Eine Person, die sich nicht befreien
kann und nicht befreien will von dem Balken, auf den sie genagelt ist,
kann keine Menschen erlösen und kann darum kein Gott für einen Indianer
sein. Eine Person, die auf einen Balken genagelt, jammert und winselt
wie ein altes Weib, kann kein Gott für einen Indianer sein.“

Der Häuptling wollte fortfahren in seiner Rede; aber eine solche tiefe
Ruhe, wie der Häuptling gestern während der Rede des Mönches gezeigt
hatte, konnte der Mönch nicht bewahren.

Er fiel dem Indianer in die beginnende neue Rede: „Das alles tat mein
Gott mit Absicht, um die Menschen zu erlösen; er wollte leiden, um für
alle Menschen zu leiden.“

Darauf sagte der Häuptling: „Du sagst, er ist ein allmächtiger Gott,
dein Gott, und ein Gott unendlicher Liebe. Ist das so?“

„Ja, das ist wahr.“

„Ist er wahrhaft allmächtig, dein Gott, warum nimmt er nicht alle Sünden
und Missetaten von den Menschen, ohne zu leiden, ohne sich verhöhnen zu
lassen, ohne jämmerlich winselnd zu sterben? Und wenn er wahrhaft ein
Gott unendlicher Liebe ist, warum läßt er die Menschen in ihren Sünden
leiden, und warum läßt er sie Sünden überhaupt begehen? Nur um dieses
große, so jämmerlich vorübergehende Schauspiel aufführen zu können? Ein
Gaukler kann kein Gott für einen Indianer sein.“

„Aber“, unterbrach der Mönch wieder, „das tat Gott, damit die Menschen
durch eigenes Verdienst und durch Glauben sich das ewige Leben verdienen
sollen.“

Sagte der Indianer ruhig: „Warum der Umweg, mein Freund? Warum verdienen
müssen, was ein Gott unendlicher Liebe und unendlicher Allmacht den
Menschen umsonst geben kann, wie meine Mutter mir alles und alles
umsonst gibt aus Liebe, und nicht darum fragt, ob ich es verdiene, ob
ich an sie glaube, ob ich sie anbete. Sie würde mir alles in Liebe
geben, ohne zu rechten und ohne zu handeln, selbst dann, wenn ich sie –
mein Gott möge mich davor behüten –, selbst dann, wenn ich sie
beschimpfen, verspotten oder gar schlagen würde. Meine Mutter ist größer
als dein Gott; denn sie hat mehr unendliche Liebe, mehr unendliche
Vergebung und weniger Verlangen für Glauben und Gebete als dein Gott.“

Der Pater wich aus und führte das Gespräch hinweg nach einer anderen
Lehre, von der er aus Erfahrung wußte, daß sie einen großen Eindruck auf
die Indianer, die er bisher getroffen hatte, zu machen pflegte.

Er sagte: „Aber mein Gott ist nicht gestorben, wie du meinst und wie du
gewiß gestern überhört hast. Mein Gott ist nach drei Tagen von den Toten
auferstanden und in großer Pracht hinauf zum Himmel gefahren.“

„Wie oft?“ fragte der Häuptling kurz und trocken.

Ein wenig erstaunt antwortete der Pater: „Aber – natürlich nur einmal.“

„Und ist er, ich meine dein Gott, seitdem schon einmal wieder
zurückgekommen?“ Auch das fragte der Häuptling ebenso kurz und trocken
wie vorher.

„Nein“, sagte der Mönch, „er ist nicht wiedergekommen seitdem, aber er
hat verheißen, er wird dereinst wiederkommen, zu richten und zu –“

Diesmal fiel der Häuptling ihm in das Wort: „– und zu verdammen.“

„Ja“, sagte der Mönch, nun ein wenig erregt werdend, „ja, um zu
verdammen alle und alle, die nicht an ihn glauben und die an seinen
Worten herumkratzen und die Lehre des wahren Heils nicht erkennen
wollen, wenn sie ihnen mit offenen Händen dargebracht wird und für
nichts zu haben ist.“

Der Häuptling ließ sich von der Erregung des Mönches nicht mit
fortreißen. Als der Pater geendet hatte, sagte der Indianer ruhig: „Und
das ist es, was Gott mir als letztes Wort ins Herz gelegt hat: Mein Gott
stirbt jeden Abend für uns, seine indianischen Kinder, um ihnen Kühle zu
bringen, Ruhe und Frieden. Er stirbt in tiefer, goldener Schönheit,
nicht verhöhnt, nicht angespeit, nicht mit Kot beworfen. Er stirbt schön
wie ein wahrhaft großer Gott. Aber am Morgen steht er wieder auf von den
Toten, zuerst von den Schleiern des Todes noch umhüllt, dann aber
glitzern seine goldenen Speere über das blaue Firmament, und endlich
steht er da groß, golden und mächtig, Licht, Wärme, Schönheit und
Fruchtbarkeit spendend, den Blumen Duft und Farben gebend, den Vögeln
süße Lieder lehrend, dem Mais Kraft und Gesundheit in die Kolben
flößend, den Früchten Süßigkeit und heilende Säfte einhauchend, mit den
Wolken spielend jagen im Meer der blauen Lüfte. Und gleich meiner
geliebten Mutter ist mein Gott, gebend und gebend und gebend, keine
Gebete verlangend, keine Gebete erwartend, keinen Glauben gebietend und
niemals verdammend. Und wenn der Abend kommt, stirbt er wieder dahin in
rot-goldener Pracht, nicht verhöhnt, nicht winselnd, sondern in einem
ruhigen, tiefen Frieden verheißenden Lächeln; mit dem letzten Zucken
seiner müde werdenden Augen seine indianischen Kinder segnend. Und am
Morgen ist er wieder da am Firmament, der ewig junge, ewig strahlende,
ewig schenkende, ewig sich neugebärende, ewig wiederkehrende, große,
goldene Gott der Indianer. Und so sagte mir Gott als letztes Wort in
mein Herz: Tausche deinen Gott nicht, mein guter Sohn, denn es ist kein
größerer Gott als dein Gott, der lachende Gott, der in seinen Strahlen
jauchzt und singt, kein schönerer und kein edlerer Gott ist in der
weiten Welt, als der im flutenden Golde badende Gott, als der herrliche
strahlende Gott des Indianers.“

Und als der Häuptling das gesagt hatte, dankte er dem Pater Balverde für
die Freundlichkeit, die er ihm erzeigt hatte. Dann rollte er seine
Decke, auf die er gesessen hatte, zusammen, warf sie sich über die
Schulter, und er ging, gefolgt von seinen Begleitern, zurück zu seinem
Volke.

Der Stamm wohnt in der nördlichen Hälfte der Sierra Madre. Er ist bis
zum heutigen Tage ohne die Lehre des wahren Heils geblieben. Bei dem
raschen Zerfall der katholischen Kirche in Mexiko ist nunmehr jegliche
Hoffnung für uns geschwunden, jenen Stamm und einige zwanzig andere
Indianerstämme in Mexiko dereinst im Paradiese als geflügelte
Harfenschläger und Posaunenbläser begrüßen zu können. Wir werden es als
gute Christen in tiefer Demut und völliger Unterwerfung unter dem Willen
anderer geziemend zu ertragen wissen. Halleluja!




                        DER NACHTBESUCH IM BUSCH


                               Der Doktor

Undurchdringlicher Dschungel bedeckt die weiten Ebenen der Flußgebiete
des Panuco und des Tamesi. Zwei Bahnlinien nur durchziehen diesen
neunzigtausend Quadratkilometer großen Teil der Tierra Caliente. Wo sich
Ansiedelungen befinden, haben sie sich dicht und ängstlich an die
wenigen Eisenbahnstationen gedrängt. Europäer wohnen hier nur ganz
vereinzelt und wie verloren. Die ermüdende Gleichförmigkeit des
Dschungels wird von einigen sich langhinstreckenden Höhenzügen
unterbrochen, die mit tropischem Urbusch bewachsen sind, der ebenso
undurchdringlich ist wie der Dschungel, und in dessen Tiefen, wo immer
Dämmerung herrscht, alle Mysterien und Grauen der Welt zu lauern
scheinen. An einigen günstigen Stellen, wo Wasser ist, sind kleine
Indianerdörfer über die Höhen verstreut; Wohnplätze, die schon dort
waren, ehe der erste Weiße das Land betrat. Sie liegen fernab der
Eisenbahn. Auf Eselskarawanen werden die Waren, die hier gebraucht
werden, hauptsächlich Salz, Tabak, billige Baumwollhemden, Zwirnhosen,
Musselinkleider, spitze Strohhüte für die Männer und schwarze
Baumwolltücher für die Frauen herbeigebracht. Als Tausch werden Hühner,
Eier, Eselsfüllen, Ziegen, Papageien und wilde Truthähne gegeben.

Dort wohnte ich, tief im tropischen Busch, allein, in einer primitiven
Hütte, die ich mir selbst gebaut hatte, nach Indianerart, ohne einen
Nagel zu gebrauchen.

Vierzig Minuten Ritt brachte mich zu meinem nächsten weißen Nachbar,
einem Arzt aus Arkansas, namens Wilshed. Alle übrigen Menschen meiner
Nachbarschaft, von denen keiner näher wohnte als dreißig Minuten, waren
Vollblutindianer. Das nächste Dorf war elf Meilen entfernt, die nächste
Eisenbahnstation, wo zwei weiße Familien wohnten, siebzig Meilen.

Doktor Wilshed wohnte in einem Bungalow, einem einfachen Bretterhaus,
das zwei Räume hatte. Er lebte dort mutterseelenallein, betrieb ein
wenig Landwirtschaft, hatte drei Kühe, hundert Hühner, zwanzig
Bienenstöcke, zwei Pferde und drei Maultiere. Zwei Indianerfamilien, die
etwa eine Meile entfernt wohnten, auf dem Abhange des Höhenzuges, waren
seine nächsten Nachbarn. Die Männer jener beiden Familien waren bei ihm
als Farmarbeiter beschäftigt. Den größten Teil seiner Zeit verbrachte
der Doktor mit Lesen. Wenn er nicht las, dann saß er auf der Veranda
seines Bungalows und sah unverwandt hinunter auf die unermeßlich weite
Ebene, die sich vom Fuße des Höhenzuges an bis fern hinter den Horizont
hinzog. Dschungel, Dschungel, nichts als Dschungel. Zuweilen fiel mir
die Einsamkeit des Busches heftig auf die Nerven; denn es kam vor, daß
ich zwei volle Wochen kein menschliches Antlitz sah. Wenn es gar zu
unerträglich wurde, wanderte ich hinauf zum Doktor, nur um einen
Menschen zu sehen, eine menschliche Stimme zu hören und zu fühlen, daß
ich nicht allein sei auf der großen Welt. Aber der Doktor war
schweigsam. Der tropische Busch macht schweigsam und denkend, und der
Doktor lebte hier ein Menschenalter, hatte sich hierher verkrochen,
wahrscheinlich weil er die Menschen nicht ertragen konnte, oder weil er
eine Enttäuschung erlebt hatte, aus der seine Seele zu retten eine
Flucht in den tropischen Busch die einzige Lösung gewesen war.

Wir konnten oftmals Stunden nebeneinander auf der Holzbank seiner
Veranda sitzen, ohne daß wir ein Wort sprachen. Über uns selbst hatten
wir nichts zu reden, über andere wollten wir nicht reden; und da auch
keiner von uns so närrisch war, dem andern seine Ansichten über Welt und
Geschehen aufzudrängen, wußten wir in der Tat nicht, was und worüber wir
hätten reden sollen. Aber die Schweigsamkeit des Doktors war doch
oftmals beängstigend. Es kam vor, daß er einen Satz begann, in dem er
ein Erlebnis, das er hier in den Tropen gehabt hatte, zu erzählen
gedachte. Aber wenn der Satz zur Hälfte gesprochen war, zündete er sich
seine Pfeife an und vergaß, den Satz zu beenden. Entweder es reute ihn
plötzlich, irgendeines seiner zahlreichen Abenteuer mitzuteilen und es
dadurch aus seinem Privatbesitz fortzugeben, oder aber er hatte seinen
Satz im stillen zu Ende gedacht, während er glaubte, er habe ihn
gesprochen. Er konnte häufig nicht entscheiden, ob er etwas gesagt oder
nur gedacht hatte.

„Haben Sie jemals ein Buch geschrieben?“ fragte ich ihn eines Tages.

„Ein Buch?“ gab er zur Antwort. „Ein Buch? Viele.“

„Worüber, Doktor?“

„Über – was ich hier gesehen habe, was ich hier in den Jahren gedacht
habe, was Tiere taten, was Tiere mögen gedacht und gesagt haben, was der
Busch mir erzählte und die Musik, die ich hier gehört habe.“

„Veröffentlicht?“

„Niemals. Jedesmal, wenn ich ein Buch vollendet hatte, las ich es, fand
es gut und zerriß es. Warum sollte ich denn meine Bücher
veröffentlichen? Ich hatte meine Freude und meinen Genuß, wenn ich sie
schrieb. Für die Leute? Ich möchte wissen, warum? Die haben so viele
gute Bücher, die sie nicht lesen. Warum sollte ich ihnen noch mehr
geben? Zudem würden die Leute meine Bücher gar nicht glauben. Sie würden
mich für unsinnig erklären, und ich müßte mich vielleicht gar noch mit
ihnen herumstreiten, um sie zu überzeugen, daß ich recht habe und daß
ich die Wahrheit sprach. Immerhin, es ist mir ganz gleichgültig. Ich bin
auch der Meinung, daß die besten Bücher, die jemals geschrieben wurden,
entweder auf Papier oder im Geist, diejenigen sind, die niemals
veröffentlicht wurden. Hinter jedem veröffentlichten Buche liegt etwas
auf der Lauer, das nicht zugunsten des Werkes spricht und das den
Menschen hindert, das Beste zu schaffen, dessen er fähig ist.“

Ich hatte zuweilen das Empfinden, daß der Doktor vor langer Zeit schon
gestorben sei, daß er es selbst nicht wisse, daß er tot sei, und daß er
darum hier noch sitze, weil niemand da sei, der sehen könne, daß er tot
sei, und niemand komme, ihn zu begraben. Wenn man sorgfältig um sich
blickt, wird man leicht finden, daß eigentlich nur die Menschen sterben
und begraben werden, die Erben haben oder für die jemand zu sorgen hat.

Wenn der Doktor mir erzählt hätte, er säße hier bereits vierhundert
Jahre und sei mit den ersten Weißen hier angekommen, ich würde es ihm
ohne weiteres geglaubt haben.


                         Des Doktors Bibliothek

Eines Morgens kam ich zum Doktor, und er empfing mich so: „Hören Sie
einmal, Gale! Sie wissen, ich habe für die States nicht viel übrig. Das
Land hat aufgehört, jenes freie Land der Vorkriegszeit zu sein. Der
Krieg für die Freiheit anderer Völker hat es völlig verdorben. Da ist
zuviel Regieren, zuviel Kommandieren, zuviel Verbieten, zuviel Gesetze,
und es wimmelt von Beamten. Es ist eine große Kinderbewahranstalt
geworden. Ein Grund mehr unter vielen, warum ich nie zurückkehre. Aber
jetzt habe ich eine wichtige Reise dorthin zu unternehmen, ich habe
etwas zu kaufen, ein paar Bücher, hinter denen ich seit Jahren herjage.
Seien Sie doch so gut und ziehen Sie während meiner Abwesenheit in meine
Höhle. Wenn ich die Bude unbewohnt lasse, finde ich weder ein Dach noch
eine Kaffeetasse wieder, wenn ich heimkomme. Die guten Leute können
keinen Nagel sehen, ohne ihn rauszuziehen und mitzunehmen, wenn sie
Gelegenheit dazu haben.“

„Gar keine Frage, Doktor, natürlich ziehe ich rüber“, sagte ich.

„Das ist recht. Nehmen Sie mein Pferd und holen Sie Ihr winziges Gelumpe
her. Bei Ihnen bricht man nicht ein, da ist nicht viel zu holen.“ Er
lächelte. Mein Haus hatte er zwar nie gesehen, aber ein Indianer hatte
ihm offenbar erzählt, daß es nur eine Grashütte war.

Nachdem ich meine Krümel herübergebracht hatte, setzte er sich aufs
Pferd und trabte zur Station, wo er das Pferd bei einem Farmer
unterstellen konnte. Als er etwa fünfzig Schritte geritten war, drehte
er sich um und rief: „Vergessen Sie nicht, die Eier aus den Nistkörben
zu nehmen, und melken Sie die Kühe. Sie können nicht verhungern. Sie
finden alles, was Sie benötigen, in den Kisten.“

Ein paar Stunden lungerte ich um das Haus herum, um mich zurechtzufinden
für alle Fälle. Im Laufe des Spätnachmittags kam ich an seine
Bibliothek, die sich in einem roh gearbeiteten Schranke befand.

Die Mehrzahl der Bücher handelte von den alten mexikanischen Völkern,
deren Geschichte, Zivilisation und Religion. Viele der Bücher waren mit
Bildern und Karten ausgestattet. Da waren Bücher und unveröffentlichte
Handschriften, die bis zum sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert
zurückreichten. Diese Bibliothek war ein Vermögen wert, und der Doktor
ließ sie in meiner Obhut, ohne sie auch nur zu erwähnen, als ob es sich
um Werke handele, die man in jedem Laden kaufen könne.

Ich lebte nun in diesem Wunderlande seit vielen Jahren. Ich hatte mit
Indianern gelebt, die nicht wußten, was eine Geldmünze bedeutet, die mir
zwei große schwarze Diamanten anboten für meinen Jagdrevolver, den ich
aber nicht entbehren konnte und ihnen statt dessen zweihundert Pesos in
blankem Golde bot. Das lehnten sie ab und erklärten das Geld für
wertlos. Viel hatte ich in jenen Jahren gelernt über das Land, seine
Reichtümer, seine weißen und kupferfarbenen Bewohner, deren
Zukunftsaussichten und Entwicklungsmöglichkeiten.

Doch von der Vergangenheit des Landes und seiner Bewohner wußte ich
nichts.


                       Eine neue Welt steigt auf

Ich stürzte über jene Bücher her, wie man es nur kann, wenn man Monate
und Monate kein Buch gesehen hat und man plötzlich Bücher zur
unbeschränkten Verfügung hat, die zu lesen man seit Jahren ersehnte.

In kürzerer Zeit, als ich gedacht hatte, lag ich in den festen Banden
jener Bücher. Sie hielten mich so gefesselt, daß ich vergaß, mir mein
Essen zu kochen. Ich trank die Milch, wie ich sie molk, und schluckte
die Eier roh, um nur keine Zeit für meine Bücher zu verlieren. Den
ganzen Tag, während die Sonne herunterglühte, man sich wie in einem
Backofen fühlte, und mehr als die halbe Nacht saß ich über den Bänden,
von der Furcht gejagt, der Doktor könnte zurückkommen, ehe ich die
Bücher zu Ende gelesen hätte.

War es möglich, daß Menschen und Völker dieser Art hier auf dieser Erde,
wo ich jetzt stand, gelebt, geliebt und gelitten hatten? Konnte es
wirklich wahr sein, daß auf diesem Kontinent Menschen und Völker von
hoher Kultur gelebt hatten sechstausend Jahre vor jener dunklen
Fabelzeit, die wir als den Anfang der menschlichen Geschichte
bezeichnen?

Von nun an betrachtete ich das Land mit anderen Augen als zuvor. Wenn
ein Indianer zufällig vorüberkam oder vor dem Hause um einen Trunk
Wasser bat, dann forschte ich sorgfältig in seinem Antlitz nach einer
Ähnlichkeit mit jenen alten Königen, Fürsten und Häuptlingen, deren
Bilder ich in jenen Büchern gesehen hatte. Und in der Tat, ich fand
überraschende Ähnlichkeiten. Jedoch nicht zufrieden damit, ihre
Gesichter, ihre Gesten, die Art ihres Ganges, den Tonfall ihrer Stimme
zu studieren, ich begann, die Leute gelegentlich auszufragen. Ich war
nicht wenig erstaunt, als ich vernahm, daß diese Leute die Vergangenheit
ihres Volkes gut kannten, daß sie die Geschichte ihres Volkes, ihre
Balladen, die Taten ihrer großen Männer, ihre Religionslegenden durch
mündliche Überlieferung von Generation zu Generation erhalten hatten.
Viele jener Indianer beteten noch ihre alten Götter an, während alle
übrigen die Hunderte von Heiligen, die ihnen ganz unbegreiflich
erscheinende unbefleckte Empfängnis sowie die ihnen ebenso
unverständliche Dreieinigkeit derart mit ihrer alten Religion verwirrt
hatten, daß sie in ihren Herzen und ihren Vorstellungen die alten Götter
hatten, während sie auf den Lippen die Namen der unzähligen Heiligen
trugen.


                         Die Begegnung im Busch

Um mich ein wenig wieder in dieser Welt zurechtzufinden, mein Hirn ein
wenig zu entlasten und meine Beine nicht steif werden zu lassen, machte
ich mich eines Morgens auf den Weg, um eine lange Wanderung durch den
Busch zu unternehmen.

In weiter Tiefe des Busches, in einer Umgebung, die wegen der Entfernung
von jeglicher menschlichen Behausung und wegen der Abgelegenheit selbst
von den primitiven Buschpfaden beklemmend unheimlich wirkte, traf ich
einen Indianer an, der dort Holzkohle brannte. Ich würde nie an jene
Stelle gekommen sein, wenn ich nicht Rauch hätte aufsteigen sehen,
dessen Ursache ich finden wollte.

Es war gewiß ein hartes Leben, das dieser Mann führte. Wochenlang in der
Tiefe des Busches lebend, ganz allein, unzähligen Gefahren, an denen der
tropische Busch so reich ist, ausgesetzt, um einige Ladungen Holzkohle
abliefern zu können, die er auf seinem Esel zu den weitverstreuten
Siedelungen schleppte, um einen lächerlich kleinen Geldbetrag dafür zu
erhalten.

Der Indianer saß vor dem rauchenden Erdhügel und starrte bewegungslos
den ruhig aufsteigenden Rauchfähnchen nach. Er war ein schmächtiger
Mann, dem man aber achtunggebietende Kräfte zugestehen durfte; denn die
Ebenholzbäume zu fällen und sie für den Verkohlungshügel zuzuhacken,
verlangt alles an Kraft, was ein Mensch hergeben kann, und diese harte
Arbeit in tropischer Sonnenglut zu verrichten, setzt eine Zähigkeit des
Körpers voraus, die eine schwächliche oder untergehende Rasse nicht
aufbringen kann. Was mir an diesem Manne eigentümlicherweise sofort
auffiel, waren der merkwürdig traurige Ausdruck seiner Augen und die
feine Gliederung seiner schönen schmalen Hände, deren rassiger Bau so
ehern unverwüstlich war, daß die harte Arbeit des Holzfällens ihre edle
Form nicht beeinflussen konnte. Er trug einen dünnen Schnurrbart und am
Kinn dünne Flusen, die er wahrscheinlich für einen Vollbart hielt. Ich
setzte mich zu ihm nieder, gab ihm Tabak, und wir kamen nach und nach
ins Erzählen.

„Sie haben richtig geraten, Senjor, meine Vorfahren sind einst stolze
Fürsten unter den Panukesen gewesen, angesehen weit über die Grenzen der
benachbarten Stämme hinaus. Der letzte jener Tapferen wurde von den
Spaniern gehenkt wegen Rebellion gegen die Fremdherrschaft. Wäre es
seiner Frau und seinen Kindern nicht rechtzeitig geglückt, in die Berge
zu flüchten, wohin zu folgen die Spanier sich fürchteten, säße ich nicht
hier. Das war in jener Woche, in der die Spanier ein Blutbad unter
meinem Volke mit dem Hängen von fünfhundert Häuptlingen, unter denen
mein Vorfahr sich befand, würdig feierten.“

„Glauben Sie, daß dieses Land jemals wieder zu solcher Macht gelangen
wird wie damals, ehe die Spanier kamen?“

„Das Gehen unseres Volkes ist langsam. Wir haben Zeit. Die weißen Männer
haben keine Zeit. Aber können Sie nicht hören, Senjor, wie alle
nichtweißen Völker der Erde ihre Glieder regen und strecken, daß man das
Knacken der Gelenke über die ganze Welt vernehmen kann?“

Etwas unsicher sagte ich: „Dagegen werden wir uns zu wehren wissen.“

„Womit?“ fragte er ruhig und ohne jede Ironie. „Womit? Mit Ihrer
Zivilisation? Die ist nicht stark genug, Senjor. Sie hat ja keine
tragende Idee. Ihre Zivilisation wird nur von einem einzigen Gedanken
geleitet, und der heißt: Geld. Mit Geld kann man Geschäfte machen, aber
keine Seelen erwärmen.“

Ich jagte heim und stürzte wieder über die Bücher her. Neue Fragen
hatten sich mir aufgedrängt, und ich suchte nach Lösungen, suchte nach
einer Andeutung dessen, was uns bevorstand. Wenn irgendwo, dann war in
diesen Büchern der Schlüssel zu finden zu jenem großen Tor, dessen
Öffnung mich die Zukunft unserer Rasse sehen ließ.

Wie im Fieber las ich und las, fiel nach Mitternacht wie mit Blei
ausgefüllt in mein Bett und stand auf bei den ersten Strahlen der Sonne
mit dumpfen Gliedern. Doch als meine Schläfen zu hämmern begannen, mein
Blut durch die Adern raste, als wolle es jeden Augenblick überkochen,
zwang ich mich gewaltsam zur Ruhe und zu mehr gleichmäßigem Studium. Auf
diese Weise zog ich einen erheblich größeren Gewinn aus meinem Lesen.
Ich fing an, ernsthaft zu studieren anstatt nur zu lesen.

Nichtsdestoweniger aber lebte ich in einem andern Zeitalter. Keine
Gelegenheit, zu einem Menschen zu sprechen oder eine menschliche Stimme
zu hören, vergaß ich Zeit und Ort und meine eigene Person. Ich konnte
sprechen wie jene Personen, die in den Büchern erschienen, oder glaubte
wenigstens, es zu können; ich konnte deren Gedanken denken, ich konnte
in meiner Vorstellung deren Ideen über Welt und Leben wachrufen, ohne
daß mir der Vorgang selbst zum Bewußtsein kam.

Diese Gefühle waren besonders stark am Abend und in den frühen
Nachtstunden, wenn alle Türen des Bungalows weit offen standen und der
ewig-singende Busch mir im Ohr summte.


                            Der Nachtbesuch

Es war eines Abends zwischen zehn und elf etwa, als ich meine Augen
erhob von einem Buche über die Zivilisation der Tezkuken. Nein, um genau
zu sein, ich war gezwungen, meine Augen zu erheben; denn ich hatte das
Empfinden, daß jemand im selben Zimmer sei mit mir, und daß ich seit
einiger Zeit aufmerksam beobachtet würde.

Wie ich zu diesem Empfinden kam, ist seltsam genug. Mein aktiver, mein
handelnder Sinn war voll beschäftigt mit dem Buche, das ich las. Dagegen
hatte mein inaktiver Sinn, der unbewußte, die Vorgänge, die sich während
meines Lesens abspielten, sorgfältig aufgenommen und festgehalten.
Dieser unbewußte Sinn, hier als Schutzinstinkt wirkend, wurde stärker
mit jeder Sekunde und zeigte einen unzweifelhaften Drang, meine
Aufmerksamkeit von dem Buche abzulenken und mich auf irgend etwas
aufmerksam zu machen, das für mich eine Gefahr bedeuten könne. Immerhin
lag eine unmittelbare Gefahr nicht vor, was ich auffallend klar im
Unterbewußtsein fühlte und was mich auch veranlaßt hatte, das Rufen des
inaktiven Sinnes für ein Anklopfen überarbeiteter Hirnzellen, die sich
nach Ruhe sehnten, zu halten. Aber der inaktive Sinn zeigte sich endlich
doch als der stärkere, und mit einem letzten heftigen Anprall zerbrach
er meine Konzentration, und mein aktiver Sinn gehorchte dem zähen Ruf.

Ich wendete den Kopf. In der Mitte des Raumes stand ein Indianer. Kein
Zweifel, er stand dort seit einer geraumen Weile. Sein Blick ruhte auf
meinem Gesicht, und taktvoll und geduldig wartete er darauf, daß ich ihn
anreden möchte.

In diesem Augenblick war ich fähig, genau die Zeile, ja das Wort zu
zeigen, das ich in dem Augenblicke las, als der Mann das Zimmer betreten
hatte.

Augenscheinlich war der Mann die Holztreppe, die zur Veranda führte,
heraufgekommen und geräuschlos eingetreten.

Es ist hier nicht Sitte, irgendein Haus, und sei es noch so primitiv, zu
betreten, ehe man sich nicht durch einen Gruß oder ein Rufen bemerkbar
gemacht und der Inwohner gesagt hat: „Pase!“ Die Mehrzahl der Häuser,
die der Indianer alle, haben keine Türen, und wenn sie welche haben,
werden sie mit Bast oder einem Bindfaden geschlossen. Ginge man auch nur
bis vor die offene Tür, ohne daß man sich durch ein Geräusch ankündigte,
würde man die Hausbewohner oftmals in die allerpeinlichste Verlegenheit
bringen, weil die Hütten meist ja nur einen Raum haben. Dieser Mann
hatte sicherlich verschiedene Male gerufen, um meine Aufmerksamkeit auf
sich zu lenken. Da ich so versunken in meinem Studium war, hatte ich es
nicht gehört, und er, mich am offenen Fenster lesen sehend, war dann
zögernd ins Haus gekommen, weil er mich aus irgendeinem Grunde sprechen
mußte und er keine andere Möglichkeit sah, sich bemerkbar zu machen.

Da stand er, bewegungslos wie eine Säule. Als ich ihn ansah, beugte er
ein Knie, berührte mit der flachen Hand den Fußboden, erhob dann die
Hand bis zu seinem Scheitel, das Innere der Hand mir zugekehrt, und mit
dieser Geste stand er gleichzeitig auf.

Eine seltsame Form der Begrüßung, dachte ich, eine Art des Grußes, wie
ich sie bisher von einem Eingeborenen nicht gesehen hatte.

„Guten Abend!“ sagte ich zu ihm in Spanisch.

„Nacht ist kalt und lang“, begann er zu reden. „Schweine stören mich.
Entsetzlich ist es, o Herr, sich nicht verteidigen zu können. Gebaut mit
heiliger Sorgfalt, sicher zu sein für die Ewigkeit. Doch es zerfällt und
bricht. Lang ist die Nacht, dunkel und kalt. Denken Sie, o Herr, die
Schweine. Schweine sind das Grauen.“

Er erhob seinen Arm und deutete nach einer bestimmten Richtung.

Nicht wissend, was für eine Antwort ich ihm geben sollte, da ich nicht
verstand, wovon er überhaupt redete, beugte ich mich über mein Buch, um
einen Augenblick Zeit zu gewinnen, meine Gedanken, die offenbar in
Verwirrung geraten waren, zu ordnen. Es war in der Tat für mich nicht
ganz klar, ob mein Geist sich in einem Zustand fieberischer Erregung
befand als eine Folge des unaufhörlichen Lesens, oder ob ich wirkliches
Geschehen erlebte. Die Gedanken fingen an, in meinem Hirn so
durcheinanderzuwirbeln, daß ich nicht in der Lage war, zu entscheiden,
wo die Wirklichkeit aufhörte und die Einbildung begann.

Nur um etwas zu reden, sagte ich: „Was meinen Sie eigentlich? Um die
Wahrheit zu sagen, ich weiß überhaupt nicht, wovon Sie sprechen. Reden
Sie im Zusammenhang, lieber Mann.“

Er aber war bereits gegangen, ebenso geräuschlos, wie er gekommen war.
Mit einem Satze war ich an der Tür. Ich wollte gewiß sein, ob meine
Sinne bereits so weit herunter waren, daß sie mir Erscheinungen
vorgaukeln konnten, oder ob ich wirklich soeben einen Menschen gesehen
und gesprochen hatte.

Dank den Göttern, ich war gesund, mein Geist war klar: Dort, im bleichen
Licht des zunehmenden Mondes, sah ich ihn dahinschreiten,
schattengleich. Groß war er nicht, mehr von knabenhafter Gestalt,
schlank gebaut, reines unvermischtes Indianerblut.

Ich kehrte zurück zu meinem Tisch und versuchte, mich seiner Worte zu
erinnern. Seltsam genug, ich konnte seine Worte nicht wiederfinden. Und
es kam mir zu Sinn, daß er nicht Spanisch gesprochen hatte, daß er keine
Sprache gebraucht hatte, die ich kannte; aber dennoch hatte ich ihn
vollkommen verstanden, der Inhalt seiner Sätze war mir deutlich, nur der
Zusammenhang fehlte mir.

War sein Gruß nicht der gleiche gewesen, wie er bei den alten
indianischen Völkern im Gebrauch war? Aber das war ja offenkundiger
Unsinn. Meine Bücher hatten meine Gedanken verwirrt.

Dagegen wenn ich nun seine Erscheinung in mein Gedächtnis zurückrief: Er
war in Lumpen gekleidet. Das wieder war nichts Auffallendes, denn die
Mehrzahl der Indianer laufen in zerfetzten Hosen und Hemden herum.
Hosen? Hemden? Nein, er hatte weder eine richtige Hose noch ein
richtiges Hemd angehabt. Die Lumpen, mit denen er behangen war, hatten
ausgesehen wie die verrotteten Überreste eines sehr kostbaren uralten
Stoffes; ein merkwürdiges phantastisches Gewebe, wie ich mich kaum
erinnerte, irgendwo gesehen zu haben, es wäre denn in einem Museum.

Jedoch kein Zweifel bestand darüber, daß seine Oberarme sowie die Enkel
seiner Füße mit Goldreifen geschmückt gewesen waren, daß er eine
Halskette trug, die ein Goldschmied verfertigt hatte, der ein großer
Künstler war.

Und dennoch, je deutlicher alle die Einzelheiten in mein Gedächtnis
zurückkehrten, je klarer wurde mir, daß ich nichts von alledem gesehen
hatte, was ich glaubte, bemerkt zu haben. Ich hatte den armen Indianer
lediglich mit all jenen Äußerlichkeiten ausgestattet, die ein Merkmal
jener Völker waren, über die ich gerade las. Die höchste Zeit, sagte ich
zu mir selbst, mit diesen Dingen nun ernsthaft Schluß zu machen und den
Weg zu meinem Jahrhundert und zur nüchternen Wirklichkeit, in der die
Postsäcke ratternd einige tausend Meilen weit durch die Lüfte geworfen
werden, zurückzukehren.

Ich klappte mein Buch zu und ging zu Bett.


                           Die drei Schweine

Am nächsten Morgen bemerkte ich drei Schweine, zwei schwarze und ein
gelbes, die sich um das Haus herumtrieben. Ich hatte sie bereits bei
zwei, drei anderen Gelegenheiten gesehen. Jetzt aber betrachtete ich sie
mit Interesse, denn sie erinnerten mich an meinen Besucher in der
vergangenen Nacht, der von Schweinen gesprochen hatte. Was diese
Schweine jedoch mit ihm zu tun hatten, konnte ich nicht herausfinden.

Sicher waren sie das Eigentum einer der Indianerfamilien, die weiter
unten am Abhang des Höhenzuges wohnten. Die Schweine werden hier kaum
gefüttert, haben auch keinen Stall, deshalb müssen sie herumlaufen und
sich ihr Futter selbst suchen. Ihren Besitzer erkennen sie nur daran,
daß er ihnen Wasser gibt, sie ab und zu an einen Baum bindet und sie
endlich, nachdem er ihnen zwei Wochen lang täglich einen Sack voll
Maiskolben vorgeworfen hat, dem Zweck ihrer Bestimmung zuführt. Aber es
kommt nicht vor, daß Schweine sich so weit von ihrem Besitzer entfernt
herumtreiben, weil in seiner Nähe schon immer einmal ein Löffel voll
gekochter Bohnen vor die Tür fallen könnte, die ein Schwein nicht gern
missen möchte.

Jedenfalls konnte ich keinen Zusammenhang mit diesen sehr natürlich
aussehenden Schweinen und meinem Besucher sehen. Wenn es seine Schweine
waren und er nicht wünschte, daß sie sich hier oben herumtrieben, so war
es sein Geschäft und nicht meines, sich um sein Viehzeug zu kümmern.
Überdies, wenn ich es recht bedachte, war es höchst eigentümlich, daß
mich der Mann mitten in der Nacht seiner Schweine wegen belästigte.

Etwas konnte ich immerhin für den Mann tun. Ich warf mehrere Steine nach
den Schweinen, und sie verließen den Vorplatz vor dem Bungalow. Sie
liefen aber nicht den Pfad hinunter, der zu ihren Eigentümern führen
mußte, sondern sie bogen nach einer Weile von dem Pfade ab und trotteten
auf einen Hügel zu, der sich in etwa dreihundert Schritt Entfernung vom
Hause befand und der völlig mit dichtem Buschwerk bewachsen war.

Es schien, daß sie dort in der Nähe reichlich Futter fanden, denn ich
bemerkte, daß sie durch das Gebüsch hin und her krochen für eine Weile,
bis ich jegliches Interesse an ihnen verlor und die Hühnernester
absuchen ging, weil ich Hunger bekam.


                           Der zweite Besuch

Drei Tage später, wie gewöhnlich über meinen Büchern sitzend, gegen elf
Uhr nachts, hatte ich plötzlich dasselbe seltsame Gefühl, das mich in
jener Nacht aufgescheucht hatte, als der Indianer in mein Haus gekommen
war.

Ein Frösteln lief mir über den Rücken, als ich, zur Seite blickend,
meinen indianischen Besucher im Zimmer stehend fand, mich schweigend,
aber unverwandt beobachtend.

Doch dieses Gefühl des Unbehagens verflog sofort, weil mich die Wut
packte, die zu verbergen ich mich keineswegs bemühte, als ich den Mann
fragte: „Wie sind Sie denn hier hereingekommen? Was denken Sie sich denn
eigentlich, daß Sie sich solche Freiheiten erlauben? Das ist doch hier
kein öffentliches Gebäude. Das ist ein Privathaus, verstehen Sie? Und
ich wünsche, daß Sie es als ein Privathaus respektieren. Was, zum
Teufel, wollen Sie denn eigentlich? Wenn Sie einen Schweinehirten
suchen, dann sehen Sie sich anderswo um. Ich mag Schweine nicht.“

Ich polterte die Sätze heraus, mehr um mein Sicherheitsgefühl
wiederzugewinnen und jenes Frösteln loszuwerden, als um dem Manne wehe
zu tun.

Er starrte mich an mit weit geöffneten Augen und mit einem Ausdruck des
Gesichts, als müsse er vorsichtig den Sinn meiner Sätze erst ergründen,
ehe er darauf antworten könne.

Dann sagte er: „Auch ich fürchte Schweine. Sie sind so grauenhaft! Oh,
so sehr grauenhaft!“

Kurz angebunden erklärte ich: „Das geht mich nichts an. Schlagen Sie die
Biester tot und kochen Sie das Fett aus, wenn sie Ihnen unbequem sind.
Aber lassen Sie mich nun endlich damit in Ruhe.“

Ich sah ihm ins Angesicht. Seine Augen blickten so traurig, daß ich
plötzlich heißes Mitleid mit ihm empfand.

„Sehen Sie hier, o Herr!“ Er deutete auf seine Wade. Gräßlich! Einige
Zoll über dem Knöchel befand sich eine furchtbar aussehende Wunde.

„Das haben die Schweine getan.“ Durch seine Stimme klang jetzt ein Ton,
der es mir schwer machte, nicht anzufangen zu weinen. Mein übermüdetes
Hirn begann sich zu rächen.

„O grauenhaft! O grauenhaft! Und gleichzeitig zu wissen, daß man ganz
hilflos ist, daß man sich nicht einmal gegen solch wüstes Getier
schützen kann. Flehen Sie alle Schicksalsmächte an, daß Ihnen nicht ein
gleiches Los beschieden werde. Es wird nicht lange währen und diese
entsetzlichen Tiere werden an meinem Herzen nagen, und sie werden mir
die Augen ausfressen, bis jener Tag des Grausens kommen wird, wo sie
mein Hirn schlürfen werden. Oh, Herr und Freund, bei allem, was Ihnen
heilig ist, helfen Sie mir, erretten Sie mich aus meiner namenlosen
Pein. Ich leide mehr, als ein Mensch ertragen kann. Was mehr noch kann
ich sagen, um Sie von meinen Qualen zu überzeugen!“

Nun endlich wußte ich, was der Zweck seines Besuches war. Der Mann
glaubte, ich sei der Doktor. Es war allgemein bekannt, daß der Doktor
nicht praktizierte; da aber der nächste Arzt etwa fünfundachtzig Meilen
entfernt wohnte, leistete Doktor Wilshed auf Verlangen in sehr
dringenden Fällen erste Hilfe. Augenscheinlich litt der Mann
entsetzliche Schmerzen.

Nach langem Suchen fand ich in einer Kiste die Medikamente. Ich nahm
eine Binde heraus, Baumwolle und Salbe.

Als ich mich nun dem Manne näherte, ihm die Binde anzulegen, trat er
zwei Schritte zurück und sagte: „Das ist nutzlos. Es sind die Schweine,
die ich fürchte und die mir Qualen bereiten, nicht die Wunde, die ich
kaum beachte. Diese Wunde ist für mich nur das Zeichen dessen, was noch
folgen wird.“

Auf seine Weigerung nicht achtend, langte ich energisch nach seinem
Bein. Aber ich tappte in die leere Luft. Etwas verwirrt sah ich auf, und
ich nahm wahr, daß der Mann noch einen Schritt weiter zurückgegangen
war. Lächerlich, wie leicht man sich täuschen läßt, ich konnte schwören,
daß meine zupackende Hand an derselben Stelle gewesen war, wo sein Bein
stand.

Ich gab meinen ärztlichen Beistand auf und ging zum Tisch, wo ich
stehenblieb und ihn beobachtete.

„Das sind ganz wundervolle Schmucksachen, die Sie da tragen“, sagte ich.
„Wo haben Sie die erhalten?“

„Mein Neffe hing sie über mich, als ich ihn verlassen mußte.“

„Scheinen sehr alt zu sein. Antike Arbeit.“

„Sind sehr alt“, bestätigte er. „Sie gehören zum Schatze meiner
königlichen Familie.“

Ich konnte es nicht vermeiden, zu lächeln, was er aber nicht zu bemerken
schien, oder er war zu höflich, es zu sehen. Spaßhafte Leutchen, diese
Indianer. In Lumpen gekleidet, wohnend in elenden Grashütten, selten im
Besitz der paar notwendigen Münzen, um sich rohes Leder für Sandalen zu
kaufen, tragen sie dennoch Diamantringe an den Fingern.

Wieder begann ich nüchterne Wirklichkeit und den Inhalt der Bücher, die
mich in Atem hielten, miteinander zu verwirren. „Mein Neffe gab sie
mir.“ Aber das war ja ein Brauch bei den Azteken, bei den Panukesen, bei
vielen anderen indianischen Völkern, wo nie der Sohn, sondern der Bruder
oder der Neffe Thronerbe war. So ging das nicht weiter. Ich mußte unter
Menschen gehen; die Einsamkeit des tropischen Busches bekam mir nicht,
ganz besonders nicht, wenn ich nichts tat, als derartige Bücher zu
lesen.

„Nun muß ich gehen!“ Er unterbrach meine wandernden Gedanken. „Vergessen
Sie nicht, daß es die Schweine sind, mein Herr. Einige große schwere
Steine werden genügen. Es ist so hart, um Hilfe bitten zu müssen, aber
ich kann mich nicht verteidigen. Ich bin ja so sehr hilflos.“

Aus seinen traurigen Augen rollten Tränen langsam an seinem Gesicht
herunter, obgleich er sich bemühte, ihnen Einhalt zu gebieten.

Dann erhob er seine Hand, führte sie an seine Lippen, hob sie hoch über
sein Haupt und hielt die innere Handfläche eine kleine Weile gegen mich
gekehrt. Und ich erkannte, daß seine Hand von einer edlen Form war, die
ich irgendwo gesehen hatte. Wo aber, konnte ich mich nicht erinnern.
Auch bemerkte ich zum ersten Male, daß er einen Bart trug, der zwar Kinn
und Backen hinreichend umrahmte, aber doch sehr dünn erschien. Und
obgleich einen solchen Bart gesehen zu haben ich mich nicht erinnerte,
rief er doch etwas, das mit merkwürdig gesprochenen Sätzen verknüpft
war, in mir wach, über das ich nachzugrübeln begann, ohne es finden zu
können.

Ich riß mich von dieser verwirrenden Gedankenkette los, um den Mann nach
seiner Wohnung zu fragen, was zu wissen mir plötzlich und ganz ohne
Grund ungemein wichtig erschien.

Aber er war bereits gegangen.

Ich sprang zur Tür.

„Wahrlich! Er schreitet wie ein König!“ sagte ich zu mir selbst, als ich
ihn den Pfad dahingehen sah.

Wie wunderschön war die Nacht! Sie war gekleidet in den magischen
Silberschimmer des Vollmondes, der steil über meinem Scheitel stand. Die
zauberhafte Sonne der Tropennacht. Die Dinge standen in diesem Lichte da
in einer so unheimlichen Schärfe, als müsse sich in jeder Minute etwas
Unerhörtes ereignen. Es lag ein Warten in diesem Lichte, als würden
diese grellbeleuchteten, schreckhaft lebendig erscheinenden Dinge mit
dem nächsten Atemzuge einen gellenden Schrei ausstoßen, um den Schatten
aufzujagen, der schwer und schwarz und wuchtig auf ihren Füßen lastete.
Und der in der Luft hängende Schrei fiel auf mein Herz und machte es
stocken, als der Indianer stehenblieb, sich umwandte und mir sein
Gesicht zukehrte, in dem ich jede Linie, ja selbst jede Pore deutlich
sehen konnte, obgleich er dreihundert Schritte beinahe entfernt war. Nun
erhob er den Arm und deutete nach jenem Hügel, wohin sich die drei
Schweine verzogen hatten, nachdem ich sie mit Steinen fortgejagt hatte.

Dann verließ er den Pfad und ging auf den Hügel zu. Das Gebüsch reichte
ihm zur Schulter. Langsam stieg er den Hügel hinauf, bis er die Höhe
erreicht hatte, wo das dichte Gebüsch so hoch stand, daß es ihm weit
über den Kopf reichte und es auf mich den Eindruck machte, als habe ihn
das Gestrüpp verschluckt; denn ich sah ihn nicht mehr.


                            Eine Entdeckung

Sobald die Sonne am nächsten Morgen aufgegangen war, nahm ich mein
Buschmesser und schlug mir einen Pfad durch zu jenem Hügel. So
sorgfältig ich auch das Gebüsch untersuchte, ich konnte den Weg nicht
finden, den der Indianer in der verflossenen Nacht gegangen war. Nichts
war niedergetreten, kein Zweig abgebrochen. Es war eine harte Aufgabe,
ihm auf seinem Wege zu folgen. Ich hatte mir vorgenommen, ihn in seiner
Hütte aufzusuchen. Vielleicht konnte ich eines seiner einzigartigen
Schmuckstücke gegen ein Paar Stiefel oder ein Hemd oder Sattelzeug
eintauschen.

Als ich endlich den Hügel erreichte, machte ich eine merkwürdige
Entdeckung: Der Hügel war nicht ein natürlicher Haufen Erde oder ein
Felsblock, wie ich geglaubt hatte, sondern er war künstlich aus
gehauenen Steinen und Mörtel aufgebaut. Dem Anschein nach zu urteilen
war er einige hundert Jahre alt. Das dornige dichte Gebüsch hatte ihn
völlig bedeckt und sich in das Mauerwerk festgewurzelt und eingefressen.
Diese unerwartete Entdeckung ließ mich ganz vergessen, dem Indianer
nachzulaufen.

Ich hieb das Gebüsch nieder und machte eine weitere Entdeckung:
Steinstufen führten in östlicher Richtung auf die Oberfläche des Hügels.
Der Hügel selbst war etwas mehr als drei Meter hoch. Oben hatte er eine
viereckige ebene Fläche, die wohl drei Meter im Geviert war.

Eine Seite des Hügels war durchwühlt, und da hier das Buschwerk
niedergetrampelt war, schien diese Wühlerei ganz kürzlich getan worden
zu sein. Kein Zweifel, die Schweine hatten das neulich verübt, als sie
hier herumlungerten. Als ich dieser Wühlerei nachging, fand ich, daß die
Schweine sich durch das Mauerwerk gearbeitet hatten, das an dieser
Stelle zu zerfallen begann und bloßlag.

Wenn irgendwo, dann lag hier das Geheimnis verborgen, das mich
beschäftigte. Hier war die Erklärung zu suchen für alles, was in den
letzten Tagen geschehen war.

Ich eilte zurück zum Hause und holte mir Pickhacke und Schaufel. Stein
um Stein, Brocken um Brocken brach ich heraus, bis das Loch groß genug
war, um meinen Oberkörper hindurchzuzwängen. Ich zündete ein Streichholz
an.

Doch kaum flammte es auf, als ich es mit einem unartikulierten Schrei
fallen ließ und mich so rasch hinausquetschte, daß sich Schultern, Brust
und Rücken mit blutenden Schrammen bedeckten. Dann, im hellen
Sonnenlichte vor dem Loche sitzend und meinen Atem wiederfindend, dachte
ich, daß Augen doch recht unzuverlässig sein können.

Ursprünglich hatte ich die Absicht gehabt, den Hügel unberührt in jener
Form zu lassen, in der ich ihn gefunden hatte. Doch nun blieb mir keine
andere Wahl. Ich hatte den Kopf des Hügels aufzubrechen, um das
blendende Tageslicht hineinfluten zu lassen und dem Innern der Höhle die
unerträgliche Geisterhaftigkeit zu rauben.

Harmlosere Dinge als das, verborgen in dieser Höhle, können einem im
Dschungel oder im tropischen Busch ein tieferes Grauen einjagen. Eine
zwanzig Zentimeter große behaarte Spinne, die einem über das Gesicht
läuft, oder ein fünfunddreißig Zentimeter großer schwarzer Skorpion, der
sich ins Zelt oder in die Hütte geschlichen hat, erfüllen einen häufig
genug mit größerem Entsetzen als das Begegnen mit einem Tiger, wenn man
nichts weiter in der Hand hat als einen Stock.

Ich beschloß, sofort an die Arbeit zu gehen. Das Unbestimmte mochte sich
in meiner Einsamkeit, besonders zur Nachtzeit, vielleicht schwerer auf
die Nerven legen als das klare festumgrenzte Wissen, wenn es auch noch
so Grauenhaftes aufweisen sollte.


                          Der Panukese ist tot

Gegen Mittag war ich, trotz der Gluthitze, so weit mit meinem Ausgraben
gekommen, daß der Inhalt der Höhle offen im hellen Licht des Tages lag.

Es ist ganz gewißlich wahr, ich war weder geistesgestört noch träumte
ich. Wäre ich im Zweifel gewesen, die Blasen an meinen Händen und die
Müdigkeit meines Körpers hätten mich eines Besseren belehrt.

Da, in jener Höhle, deren Mauerwerk so fest gefügt war, als wäre es
beste Betonarbeit, befand sich mein Besucher, jener Indianer, der mich
zweimal des Nachts in meinem Hause gesprochen hatte. Er saß auf dem
Boden der Höhle in hockender Stellung. Die Ellbogen ruhten auf den
Knien. Sein niedergebeugtes Antlitz war verborgen in seinen Händen.

Er war tot. Tot seit vier-, fünfhundert Jahren, vielleicht viel länger,
und er war begraben worden mit unnennbarer Sorgfalt, aus der Liebe
sprach und Ehrfurcht zugleich. Die Höhle war durchaus luftdicht
abgeschlossen gewesen bis vor wenigen Tagen, wo die Schweine angefangen
hatten, dort herumzuwühlen. Sein Aussehen war nicht das einer
ägyptischen Mumie. Vielmehr sah er ganz so aus, als wäre er vor drei
Tagen erst gestorben.

Die Lumpen, in die er gekleidet war, erschienen im hellen Tageslicht
noch bei weitem kostbarer und reicher in ihrer ursprünglichen Herkunft
als in der Nacht. Die Schmucksachen, die er trug, waren Meisterstücke
hochentwickelter Goldschmiedekunst, und ich hatte nie zuvor irgendwo
Arbeiten von solcher Vollendung gesehen.

Plötzlich bemerkte ich, daß seine Wade angefressen war, und gerade an
jener Stelle, die er mir in der vergangenen Nacht gezeigt hatte. Kein
Blut war zu sehen, trotzdem die Schweine bereits bis auf den Knochen
gekommen waren. Das Fleisch seiner Brust, seines Gesichts und das seiner
Waden war hart und fühlte sich an wie Holz. Ich konnte mir nicht
erklären, welche Anziehungskraft dieses holzartige Fleisch, das
augenscheinlich auch nicht den allergeringsten Nährwert enthielt, auf
Schweine ausüben konnte. Aber es war ja immerhin möglich, daß Schweine
hinsichtlich dessen, was gut schmeckt, eine andere Meinung haben, als
wir gemeinhin annehmen. Warum sich der Körper so frisch erhalten hatte,
war leicht zu erklären: Die Höhle war luftdicht abgeschlossen, und die
Erde rundherum enthielt chemische Substanzen, die auf den Körper
konservierend einwirkten, nachdem sie in feinen Partikelchen das
Mauerwerk durchsetzt hatten. Wahrscheinlich war auch das
Konservierungsmittel, das beim Einbalsamieren des Körpers gebraucht
worden war, von anderer Beschaffenheit und Wirkung als jenes, das die
Ägypter verwandten.

Immer wieder und wieder betrachtete ich meinen Fund. So lebensfrisch
hockte er da, daß ich jeden Augenblick erwartete, er würde den Kopf
erheben, aufstehen und mit mir zu sprechen anfangen.


                        Von Erde bist du gemacht

Mitleidlos schleuderte die Sonne ihre feurigen Wogen hinunter, und es
kam mir der Gedanke, daß diese Gluthitze meinem kostbaren Funde von
Nachteil sein könne, wenn er zu lange dem grellen Sonnenlichte
ausgesetzt sei.

Ich holte aus dem Hause eine große Kiste, um den Körper hineinzulegen
und ihn dann in Sicherheit zu bringen. Ehrlich gesagt, es war mir nicht
ganz klar, warum ich das alles tat, weshalb ich nicht den Körper da
lassen wollte, wo er seit vielen hundert Jahren geruht hatte. Aber diese
Krankheit, die schon soviel Unheil angerichtet hat, soviel
Seelenlosigkeit in unsre Kultur gebracht hat, die Museumswut packte
mich. Ich sah meinen Namen in wissenschaftlichen Zeitschriften gedruckt,
sah mich am Rednertisch stehen, zur Seite eine weiße Leinenwand, sah die
Briefe von Redaktionen großer Zeitungen auf mich einregnen, die mich um
Aufsätze anflehten und mir die Freiheit ließen, das Honorar zu
bestimmen, sah die Museumsdirektoren mit fabulösen Summen um meinen Fund
kämpfen und sah Dollarmillionäre bescheiden vor meiner Tür stehen und
mir Blankoschecks anbieten, um ihre Privatsammlungen auf den ersten
Seiten der New-Yorker Blätter erwähnt zu sehen.

Und doch wieder ließen mich diese materiellen Aussichten ganz kühl, und
sie verflogen so rasch aus meinem Geiste, wie sie, kaum eine Spur
zurücklassend, gekommen waren. Noch jetzt weiß ich ganz genau, daß mein
Handeln, ohne einen bestimmten Gedanken über das Warum zu haben, sich so
mechanisch abwickelte, als hätte es gar nicht anders sein können.
Dennoch wußte ich, daß ich unter keiner Suggestion, von welcher Art und
Herkunft sie auch immer sein mochte, handelte.

Mit Sorgfalt ging ich ans Werk. Da die Höhle nicht weit genug war, um
die Kiste neben den Körper in die Vertiefung zu setzen, sprang ich
hinunter, um den Körper auf den Rand der Höhle zu heben.

Doch kaum hatte ich zugepackt, als meine Hände auch schon
zusammenklatschten, als hätten sie Luft umarmen wollen, denn zwischen
meinen Händen fiel der Körper zusammen, und übrigblieb nichts weiter von
ihm als ein kleines, ganz kleines Häuflein Staub, das, wenn ich es
zusammenscharrte, nicht größer war als eine Faust.

Es waren nicht mehr als zwanzig Minuten vergangen, seit ich den Körper
abgetastet und gefunden hatte, daß er hart war und sich anfühlte wie
Holz. Alles, selbst die kostbaren Gewebe, das schwarze Haar des Kopfes
und des Bartes, die Fingernägel hatten sich so überraschend in zarte
Flugasche verwandelt, als habe ein gewaltiges Feuer mit der Raschheit
und der Konzentriertheit des Blitzes einen Strohhalm aufgebrannt.

Ich starrte auf das winzige Häuflein Asche, das noch während meines
Hinsehens der Erde, die beim Ausgraben auf den Boden der Höhle gefallen
war, immer ähnlicher wurde, und ich hätte schon nicht mehr mit Gewißheit
sagen können, was Sand und was jene Asche war.

Es war zwecklos, noch länger da in der Mittagssonne zu stehen. Ein Traum
äffte mich; ich begann aufzuwachen und bemühte mich, klar und ruhig auf
ein Mittel zu denken, das mich von diesen Wahnbildern, die mich
herumjagten, befreien könnte. Ich fühlte deutlich, daß ich anfing, krank
zu werden. Der Busch stand unheimlich drohend um mich herum, ebenso
drohend stand über mir die glühende Sonne, einer erbarmungslosen Feindin
gleich, sich in mein Hirn bohrend, fressend und nagend. Die Menschen
hatten seit hundert Jahren die Erde verlassen, mich hatten sie vergessen
zu rufen und mitzunehmen, weil ich zu tief im Busch war, weil sie mich
tot geglaubt hatten.


                                Aber ...

Oh, Sonne, Mond und alle Sterne, erlöst mich von meinen Qualen! Was, um
aller Lebenden und Toten willen, ist Wahrheit? Dort, vor meinen Füßen
funkelt und glitzert es so lustig im Sonnenlicht, so verheißungsvoll und
so beruhigend: Die Schmuckstücke des Indianers. Sie zerfielen nicht zu
Asche, und wenn sie da sind – und sie sind wirklich und wahrhaftig da,
denn ich fühle sie in meinen Händen –, dann ist auch der Indianer
dagewesen, und ich bin durchaus gesund und weiß, was ich tue. Ich eile
zum Hause. Mit der Freude im Herzen über das neugeschenkte Leben
betrachtete und studierte ich die kleinen Kunstwerke. Dieses Studium
erfüllte mich mit Andacht und mit Ehrfurcht gegenüber den Künstlern, die
so Wundervolles schaffen konnten, und die ihre Namen nicht zurückließen.

Endlich wickelte ich die Sachen in Papier, machte ein kleines Paketchen,
das ich verschnürte, und legte es in eine leere Blechbüchse, die ich
oben auf das Bücherbrett stellte.

Noch vor Sonnenuntergang ging ich abermals zur Höhle und füllte sie mit
Erde und Steinen zu. Ich tat es, um zu verhindern, daß sich
herumtreibende Pferde und Maultiere hineinstürzen, die Glieder brechen
und dann hilflos darin liegenbleiben sollten.

Den ganzen Abend verbrachte ich damit, mir alle Geschehnisse der letzten
Tage, und besonders des heutigen, ins Gedächtnis zurückzurufen und sie
zu ordnen, damit es ihnen nicht gelänge, mich zu verwirren. Denn da ich
niemand hatte, mit dem ich hätte sprechen, auf den ich einen Teil meiner
Erregung hätte abladen können, war ich genötigt, alle Widersprüche,
Einwendungen, Erklärungen und Vermutungen gegen mich allein zu führen,
um eine Unterhaltung in Fluß zu bringen.

Mitternacht war längst vorüber, als ich zu Bett ging, erregt wie ein
Kind am Weihnachtsabend. Erschöpft und übermüdet, als eine Folge der
harten Tagesarbeit und der seelischen Aufregungen der letzten zwanzig
Stunden, fiel ich sofort in Schlaf.


                                 Träume

Mein Schlaf war alles andere, nur nicht sanft und ruhig. Aus einem
schweren und wüsten Traum wurde ich in einen andern gejagt. Keiner
meiner Träume war süß, ja nicht einmal indifferent oder alltäglich. Aber
jeder hatte seinen Höhepunkt, und wenn dieser Höhepunkt erreicht war,
schoß ich auf, nur um sofort wieder in Schlaf zu fallen mit keinem
andern Sinn, als sogleich einen neuen Traum herunterzuhetzen. Es war
ganz natürlich, daß jeder Traum mit den Dingen, die mich in den letzten
Tagen so außerordentlich beschäftigt hatten, in naher Verbindung stand.

                   *       *       *       *       *

Ich sah mich über die lebhaften Märkte der alten indianischen Städte
wandern, aber es war mir nicht möglich, das zu finden, was ich so bitter
notwendig haben mußte. Und immer, wenn ich glaubte, es nun gefunden zu
haben, machte ich die Entdeckung, daß ich vergessen hatte, was es war.
Nun begann mein Geist angestrengt zu arbeiten, um das, was ich brauchte,
in mein Gedächtnis zurückzurufen. Dann ging ich an einen Verkaufsstand
und kaufte etwas. Wenn ich es aber in der Hand hatte, kam mir zum
Bewußtsein, daß ich ganz etwas anderes hatte kaufen wollen. Ich steckte
den Gegenstand, den ich plötzlich gar nicht kannte, in die Tasche, aber
ich fand, daß ich keine Tasche an meinen Kleidern besaß. Nun sollte ich
bezahlen, und so sehr ich auch suchte, ich konnte die Kakaobohnen nicht
finden, die das Geld waren, mit dem ich zu zahlen hatte. Denn was immer
ich in die Hand nahm, waren Pfefferkörner oder Ameisen oder Fingernägel.
Und dann wurde ich von halbnackten Marktpolizisten gejagt und als
Marktbetrüger verfolgt. Ich raste durch den Busch, wo mich die
Schlingpflanzen und Kaktusstauden festzuhalten suchten, meine Haut mir
in Fetzen vom Leibe gerissen wurde durch die Dornen und Stacheln, die
sich mir überall in den Weg drängten. Und wohin ich trat waren
Schlangen, Riesenspinnen, gigantische Skorpione, große Eidechsen, deren
Maul halb so weit offen war wie ihr Körper lang war, während hinter mir
die nackten Polizisten wie Wölfe heulten und brüllten und Polizeitiger
auf meine Fährte setzten. Nun hatte ich einen hohen Felsen zu erklimmen,
und als ich oben war und eine Meute von Berglöwen und Geiern mich gerade
packen wollte, fiel ich in eine tiefe Schlucht hinunter. Der Fall
dauerte viele Stunden, und während des Falles sah ich, wie die
Polizisten, die in Papageienfedern gekleidet waren, die Possums, die
ihnen als Polizeihunde gedient hatten, herbeipfiffen, dann mit Musik
heimmarschierten, den Kaufmann, dem ich drei und eine halbe Kakaobohne
schuldete, verhafteten und am Nebenstand als Sklaven verkauften.
Inzwischen kam ich unten in der Schlucht an. Ich schlug so heftig auf,
daß ich aufwachte und die Schlucht hell erleuchtet fand. Es war aber der
Mond, der in meinem Zimmer war. Und darüber beruhigt, schlief ich sofort
wieder ein.

                   *       *       *       *       *

Nun kämpfte ich auf seiten der spanischen Eroberer, und die Azteken
nahmen mich gefangen. Ich wurde in den Tempel gebracht, um geopfert zu
werden. Priester legten mich auf den Opferstein und hielten mich fest.
Der Hohepriester kam heran, um mir das Herz aus der Brust zu reißen und
es dem fürchterlich aussehenden Gotte vor die goldenen Füße zu werfen.
Ich sah, wie der Gott mich angrinste und mit den Augen blinkte, obgleich
er von Stein war. Dann streifte der Hohepriester den Ärmel seines Rockes
zurück, packte mich mit der linken Hand brutal am Kinn und riß mir den
Kopf zurück, während er mit der rechten Hand das Messer aus Obsidian in
meine Brust schlug, wobei ich aufwachte.

                   *       *       *       *       *

Aber gleich fiel ich wieder in Schlaf und kämpfte nun auf seiten der
Tabascaner. Ich fiel in Gefangenschaft der Spanier, kam vor ihr
Kriegsgericht und wurde zum Verlust beider Hände verurteilt, die mit
einem stumpfen Taschenmesser abgeschnitten wurden. Die Arme fühlten sich
darauf ganz dumpf an, ich erwachte, und meine Hände, die seitlich aus
dem Bett hingen, waren eingeschlafen.

                   *       *       *       *       *

Nun besaß ich ein Atelier für Kunstgewerbe in Tenochtitlan, und ich
hatte den Befehl bekommen, den Krönungsmantel für den neugewählten
Monarchen aus den schönsten Federn tropischer Vögel anzufertigen. Aber
die Federn flogen mir alle fort, und ich hatte hinter jeder einzelnen
herzujagen, während nur eine knappe Viertelstunde noch fehlte, bis die
Krönung beginnen sollte. Alle Fürsten und die Gesandten fremder
Herrscher waren schon versammelt; die Volksmenge summte vor dem
Krönungspalaste und in den Straßen, die zum Tempel führten. Ganze
Scharen von Dienern und hohen Beamten kamen angejagt, um den Mantel zu
holen; aber wenn ich eine Feder angenäht hatte und die nächste
danebenheftete, flog die vorher angenähte schon wieder fort. Ich hörte
die Trompeten schmettern und die großen Pauken dröhnen, die gigantischen
Bronzeplatten von den Tempeln klingen und die Priester ihre schrillen
Gesänge anstimmen, während mein Haus von Tausenden von wütenden Dienern
und Hofmarschällen umstellt war, die schrien: „Den Krönungsmantel! Den
Federmantel! Wir müssen alle sterben! Zum Tode verurteilt! Zum Tode
geflogen!“ In meiner Hast, den Mantel doch noch fertigzustellen,
schlüpfte er mir aus den Fingern, und alle Federn, die ich in
wochenlanger mühseliger Arbeit angenäht hatte, flogen zwitschernd zum
Fenster hinaus. Ich erwachte und hörte die Millionen Grillen und
Graspferdchen im Busch zirpen.

                   *       *       *       *       *

Und wieder schlief ich gleich darauf ein mit dem sicheren und
beruhigenden Bewußtsein, daß ich im Bett liege und mir die Krönung des
Kaisers von Anahuac ganz gleichgültig sei, noch gleichgültiger sein
Mantel. Da öffnete sich die Tür zu meinem Zimmer. Ich wunderte mich
darüber, wie das geschehen könne; denn ich wußte genau, daß ich vor dem
Zubettgehen, wie es meine Gewohnheit war, den schweren Vorlegebalken
sorgfältig in die Hintschen geschoben hatte. Aber die Tür öffnete sich
trotzdem, und herein kam mein indianischer Besucher, derselbe, den ich,
wie ich genau wußte, am Tage vorher hatte zu Staub zerfallen sehen. Das
Zimmer war durch ein merkwürdig bleiches und flutendes Licht erhellt,
dessen Quelle ich nicht ergründen konnte. Es war weder Sonne noch Mond,
es war vielmehr ein weißer, in sich leuchtender Nebel, der aber nicht
dicht genug war, daß er irgend etwas verbergen oder auch nur
verschleiern konnte.

Der Indianer kam nahe zu meinem Bett. Dort stand er ruhig und sah mich
lange an. Ich hatte meine Augen weit geöffnet, konnte mich aber nicht
bewegen. Besser gesagt, es kam mir von nirgendwoher der Wille, mich zu
bewegen, und ich fühlte, daß ich mich nicht bewegen könne, wenn ich
nicht irgendwo den Willen fände, der mir fortgelaufen war. Doch ich
fühlte keinerlei Furcht, dagegen war in mir ein wohltuendes Empfinden
brüderlicher Liebe oder Freundschaft. Mein Besucher hob mit ruhigen
Bewegungen den Moskitoschleier auf und schlug die Seite, an der er
stand, oben über die Bandleiste. Dann grüßte er mich in seiner
feierlichen Weise. Wieder betrachtete er mich eine Weile mit tiefem
Ernst, und dann begann er zu reden. Er sprach sehr langsam, jedem
einzelnen Worte das volle Gewicht der auszudrückenden Meinung gebend:

„Ich frage Sie, mein Freund, wie Sie fühlen würden, wenn man Sie in
einem Zustande völliger Hilflosigkeit jener kleinen Gaben beraubte, die
Ihnen mitgegeben wurden als Begleiter auf jene lange Reise durch das
Land der Schatten? Wer gab sie mir, jene kleinen Geschenke? Sie wurden
mir gegeben von jenen, die mich liebten und die ich liebte, von jenen,
die heiße Tränen weinten, als ich sie verließ. Nichts sonst als diese
geringfügigen Gaben sind es, die meinen Weg erleuchten durch die Nacht.
Für Liebe allein ist es, daß Menschen geboren wurden, und nur der Liebe
wegen ist es, daß sie leben. Was man auch immer an Würden, Ehren,
Verdiensten, Ruhm und Reichtümern erworben haben mag, verglichen mit der
Liebe zählen sie nichts. Vor dem großen Tor, durch das wir alle zu gehen
haben, werden selbst die innigsten Gebete, die zum Himmel hinaufgesandt
wurden, nur als Bestechungsgelder angesehen, nicht mehr wert als eine
kleine Kupfermünze. Im Angesicht der Ewigkeit zählt nur die Liebe, die
wir gaben, die Liebe, die wir empfingen, und vergolten wird uns nur in
dem Maße, als wir liebten. Darum, Freund, geben Sie mir zurück, was Sie
mir nahmen, so daß, wenn am Ende meiner langen Wanderung vor dem Tore
stehend ich gefragt werde: ‚Wo sind deine Beglaubigungen?‘, ich sagen
kann: ‚Siehe, o mein Schöpfer, hier in meinen Händen halte ich meine
Beglaubigungen. Klein sind die Gaben nur und unscheinbar, aber daß ich
sie tragen durfte auf meiner Wanderung ist das Zeichen, daß auch ich
einst geliebt wurde, und also bin ich nicht ganz ohne Wert.‘“

Die Stimme des Indianers verhauchte in ein Schweigen.

Es war nicht seine wogende Beredsamkeit, es war vielmehr sein Schweigen,
in eherner Urgewalt den Raum anfüllend, Dingen, Worten und Taten wortlos
befehlend, das mein Handeln bestimmte. Ich stand auf, kleidete mich
notdürftig an, zog die Stiefel über die Füße und eilte zum Bücherbrett.
Ich öffnete das Paketchen, hing dem Indianer die goldene Kette über den
Hals, schob den schweren Ring an seinen Finger und kniete endlich vor
ihm nieder, um ihm die Reifen um die Knöchel der Beine zu legen. Als ich
mich von den Knien erhob, hatte er den Raum verlassen. Die Tür war
verschlossen und der Balken vorgeschoben. Ich kehrte zu meinem Bett
zurück und fiel sofort in einen Schlaf, der so tief, so gesund, so
traumlos war, wie ich seit Wochen keinen gehabt hatte. Er war wie der
erste erfrischende, wohltätige Schlaf nach einer schweren Krankheit.


                              Das Erwachen

Spät am folgenden Morgen wachte ich auf, wundervoll ausgeruht und mich
so kräftig fühlend wie seit langer Zeit nicht mehr.

Auf dem Bettrand sitzend und mich lässig ankleidend, fiel mir der letzte
Traum ein, und ich mußte gestehen, daß ich mich keines Traumes erinnern
konnte, der so klar und so logisch sich abgewickelt hatte wie dieser.
Ich langte nach meinen Stiefeln, und ich fand es höchst merkwürdig, daß
sie nicht auf dem Stuhle standen und nicht mit Papier ausgestopft waren.
Durch Erfahrung gewitzigt, hatte ich mir angewöhnt, wenn ich im Busch
oder im Dschungel lebte und die Stiefel des Abends ausziehen konnte, sie
auszustopfen und hoch zu stellen, um zu verhindern, daß Skorpione darin
versteckt waren, wenn ich mich des Morgens eilig anzukleiden hatte.

Aber die Stiefel standen nicht auf dem Stuhle, sondern unter dem Bett,
und als ich das bemerkte, fiel mir ein, daß ich sie dorthin hatte fallen
lassen, als ich wieder ins Bett zurückkehrte, nachdem der Indianer
gegangen war und ich mich so müde fühlte, daß ich nicht die Kraft mehr
aufbringen konnte, die Stiefel auszustopfen, während ich, halb schon
wieder schlafend, ins Bett rollte.

Nun sprang ich sofort zum Bücherbrett. Die Blechbüchse stand nicht mehr
dort. Ich sah mich um und fand, daß sie auf dem Tische stand. Leer. Das
Papier, in das die Schmuckstücke gewickelt waren, lag zerrissen auf dem
Fußboden. Kein Anzeichen war zu entdecken, wo die Sachen sein mochten
und auf welche Weise sie verschwunden sein konnten. Die Tür war noch
immer sorgfältig verschlossen, von innen, mit dem schweren Querbalken
davor, genau so, wie ich die Tür gestern abend und alle Abende vorher
gesichert hatte.

Ich stürmte hinüber zum Hügel. In fieberhafter Eile räumte ich die
zugeschüttete Höhle aus, fand es aber völlig aussichtslos, zwischen den
Steinen, der Erde und dem Gebüsch, womit ich gestern nachmittag die
Höhle aufgefüllt hatte, irgend etwas zu entdecken, das mich auf die Spur
meiner verlorenen Schätze bringen möchte.

Wo, um aller törichten Träume willen, hatte ich nur in meiner
Schlaftrunkenheit dieses Zeug hingeschleppt?

Vergeblich marterte ich mein Hirn und hämmerte in meinem Gedächtnis
herum. Nicht eine einzige Idee kam mir, der nachzugehen sich hätte
lohnen können. Vielleicht die Schweine? Es war zwar lächerlich, das in
Erwägung zu ziehen, aber versuchen konnte ich es ja, ich brauchte ja
niemand etwas von diesem Aberglauben erzählen.

Jedoch die Schweine sah ich niemals wieder.


                        Der Doktor kehrt zurück

Zehn Tage später kam der Doktor zurück.

Meine erste Frage war: „Sagen Sie, Doktor, haben Sie jemals drei Hogs
(Schweine) hier in der Nähe des Bungalows oder in der Nachbarschaft
gesehen? Zwei schwarze und ein gelbes?“

„Hogs?“ fragte er, mich dabei scharf beobachtend. „Hogs?“ wiederholte er
nach einer Weile noch einmal, und ich hatte das Empfinden, als ob er in
seine Stimme und in seinen mich festhaltenden Blick eine Färbung legte,
die ganz gut eine unauffällige Prüfung meines Geisteszustandes sein
konnte. „Hogs? Nein! Sie meinen ganz bestimmt Dogs (Hunde). Sie
verwechseln nur die Worte. Ich habe hier allerdings verschiedene Male
drei Hunde herumlaufen sehen, zwei schwarze und ein gelber, die sich
etwas sonderbar benahmen. Ich habe herumgefragt, aber niemand kannte die
Hunde. Schließlich, was habe ich mich um herumtreibende Indianerhunde zu
kümmern?“

Nun erzählte ich ihm meine Geschichte. Ich glaubte, er würde in Ekstase
geraten.

„Einen toten Indianer, sagen Sie? Einer, der Sie besuchte, in zwei
Nächten?“ Er löste meine lange ausführliche und begeistert vorgetragene
Erzählung in so trockene Worte auf, preßte meine Ausrufe des Entzückens
in so winzige und klapperdürre Fragezeichen zusammen, daß es mir leid
tat, zu diesem zynischen Skeptiker überhaupt von meinem Erlebnis
gesprochen zu haben.

Wie mit einer Sonde in einer Wunde, so bohrte er mit seinen Augen in
meinem Gesicht herum und sagte: „Schmucksachen? Antike aztekische
Arbeit? In der Hand gehabt? Verschwunden? Wissen nicht wo und wie?“
Seine Ironie empörte mich, und ich sagte lauter und rascher, als nötig
war: „Wenn Sie es nicht glauben, ich kann Ihnen den Hügel zeigen mit den
Steinstufen und auch die Höhle, die ich gegraben habe.“

Immer noch die Augen auf mich geheftet, als ob er einem
Krankheitsbericht zuhöre, dann die Stirne hochziehend, nahm er endlich
ruhig seine Pfeife aus der Tasche, griente mich unverschämt an und sagte
knochentrocken: „Ich kann Ihnen auch eine Höhle zeigen, die ich gegraben
habe im Busch, vor – achtundzwanzig Jahren. Passiert mir heute nicht
mehr. Ich lasse die toten Indianer und ihre Könige ruhig schlafen in
ihren Gräbern.“

Er reichte mir ein großes Paket Tabak über den Tisch: „Habe ich Ihnen
von der Reise mitgebracht.“

Dann tat er zwei Züge aus seiner kleinen Pfeife.

Er blies den Rauch mit einem langen Atem und spitzen Munde aus. Er tat
es sehr philosophisch und nachdenklich.

Als der Rauch sich verflogen hatte, betrachtete er seine Tabakspfeife
von allen Seiten, und während er wieder einen Zug nahm, heftete er seine
Augen auf mich und ließ mein Gesicht nicht mehr los.

Er neigte den Kopf ein wenig zur Seite, sah mich von unten herauf an,
griente ganz niederträchtig, pfiff abermals den Rauch in einem langen
Stoß aus und sagte nun, das unverschämte Grienen beibehaltend und die
Augen halb zugekniffen: „Ja, was ich Ihnen raten möchte: Nehmen Sie sich
ein nettes, nicht zu dreckiges Indianermädel in Ihre Strohbude. Als
Köchin. Dann erscheinen Ihnen keine toten Indianer mehr.“




                   Die Auferweckung eines Toten    7
                   Indianertanz im Dschungel      16
                   Die Geburt eines Gottes        23
                   Der aufgefangene Blitz         28
                   Spießgesellen                  44
                   Die Geschichte einer Bombe     52
                   Die Dynamitpatrone             59
                   Die Wohlfahrtseinrichtung      61
                   Der Wachtposten                66
                   Der ausgewanderte Antonio      68
                   Familienehre                   78
                   Ein Hundegeschäft              84
                   Der Eselskauf                  91
                   Diplomaten                     98
                   Bändigung                     116
                   Der Großindustrielle          146
                   Die Medizin                   152
                   Der Banditendoktor            157
                   Indianerbekehrung             189
                   Der Nachtbesuch im Busch      195




                     Anmerkungen zur Transkription


Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
Änderungen, zum Teil basiert auf anderen Ausgaben, sind hier aufgeführt
(vorher/nachher):

   [S. 21]:
   ... Plateau, und sie lag wie flimmender Lichtnebel auf dem weiten ...
   ... Plateau, und sie lag wie flimmernder Lichtnebel auf dem
       weiten ...

   [S. 204]:
   ... Hemden? Hemden? Nein, er hatte weder eine richtige Hose noch
       ein ...
   ... Hosen? Hemden? Nein, er hatte weder eine richtige Hose noch
       ein ...




*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER BUSCH ***


    

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